Gustav Freytag Bilder aus der deutschen Vergangenheit Inhalt Aus dem Klosterleben. Im zehnten Jahrhundert Aus dem Volke. Um 1100 Aus den Kreuzzügen. Aus der Hohenstaufenzeit. Das Rittertum. Im dreizehnten Jahrhundert Aus deutschen Dörfern. 1200–1500 Auf den Straßen einer Stadt. Nach 1300 Besiedlung des Ostens. Vom Bord der Hansen Krieg und Fehde. Im 14. und 15. Jahrhundert In den Turnierschranken Um 1480 Die frommen Landsknechte. 1492 Die fahrenden Leute. Ein fahrender Schüler. 1509 und folgende Jahre Eine Bürgerfamilie. 1488–1542 Aus einem Patrizierhause. 1526–1598 Deutscher Landadel im 16. Jahrhundert. Der Dreißigjährige Krieg. Das Heer Der Dreißigjährige Krieg. Soldatenleben und Sitten Der Dreißigjährige Krieg. Die Dörfer und ihre Geistlichen Der Dreißigjährige Krieg. Die Kipper und Wipper und die öffentliche Meinung Der Dreißigjährige Krieg. Die Städte Der Dreißigjährige Krieg. Der Friede Aus dem Leben des niedern Adels. Aus deutschen Bürgerhäusern. 1675–1681–1683 Der deutsche Bauer seit dem Dreißigjährigen Kriege. Gauner und Abenteurer. Die Stillen im Lande. Es wird Licht. Aus der Garnison. Der erste Luftballon zu Nürnberg. 1787 Aus den Lehrjahren des deutschen Bürgers. 1790 I Aus dem Klosterleben Im zehnten Jahrhundert Das älteste Mönchstum. – Hilarion. – Irische Mönche. – Die Benediktiner und der Einfluß der Angelsachsen. – Gründung eines Klosters, seine Reliquien und seine irdischen Gönner. Bau der alten Klöster. – Tätigkeit der Benediktiner. – Landbau, Schule, Handschriften. – Aristokratismus der alten Klöster. – Einwirkung der lateinischen Bildung auf die Laien. – Das Leben im Kloster; Kampf mit den Gelübden. – Die Frauenklöster. – Hroswitha. – Kurze Probe aus ihrem Drama Paphnutius. – Das Liebeskonzil im Kloster. – Verfall und Bedeutung der Benediktiner. – St. Gallen. – Bericht Ekkehards IV. aus den Schicksalen von St. Gallen: der Ungarneinfall, Graf Udalrich und Wendilgard und ihr Sohn Abt Purchard; Ekkehard der Hofmann und die Herzogin Hadawig. – Geschichtsschreibung in den Klöstern Von Klöstern und Bischofsitzen verbreitete sich eine Bildung, die in ihrer Literatur noch fast ganz lateinisch, in ihren praktischen Forderungen fast ganz deutsch war. Mit neuer Kraft betätigte der Christenglaube seine Macht als Kulturträger. Allerdings auf eine Weise, welche uns fremdartig erscheint; denn es war Fügung, daß gerade die Richtung, welche unserer Bildung am wenigsten heimisch ist, die weltverachtende Aszese, den Völkern des Mittelalters weltliche Kultur und irdisches Heil begründen sollte. Christus und die Apostel hatten nicht in der Einsamkeit härenes Gewand getragen, sondern ihr Leben darangesetzt, Lehrer der Völker zu werden. Aber aszetischer Eifer, in dem jüdischen Glauben wie in den heidnischen Kulten des Orients seit alter Zeit geschäftig, drang auch in die milde Christenlehre. Aus den sittenlosen Städten Ägyptens, wo uralte Superstition sich mit griechischen und orientalischen Kulten widerwärtig gemischt hatte, wo raffinierte Sinnlichkeit auch die Christgläubigen verdarb, zogen sich die frommen Büßer hinweg in die Wüsten längs dem Niltal. Dort am Saum der bewohnbaren Welt errichteten sie ihre Zellen, um darin betend zu kauern, oder einen Säulenschaft, um zu Gottes Ehre darauf zu stehen. Wer jetzt das Leben eines dieser Heiligen, wie es von seinen Verehrern aufgezeichnet ist, überschaut, wird widerwillig die große Hingabe an die Gottesidee anerkennen, aber auch einen Schauder nicht überwinden vor der furchtbaren Einseitigkeit solcher Devotion. Als Knabe wurde Hilarion von heidnischen Eltern nach Alexandrien in die Lehre eines Grammatikers gegeben, aber den Knaben trieb der Ruf des heiligen Antonius zu diesem in die Wüste. Er blieb einige Monate bei ihm als bewundernder Schüler; doch der Zudrang der Menschen und die Wut der Besessenen, welche um den großen Exorzisten brüllten, wurde dem Knaben zuviel, er kehrte nach Palästina zurück, verteilte die Habe seiner gestorbenen Eltern unter die Armen und ging, fünfzehn Jahre alt (um 310), in eine Einöde unweit dem Strande, die durch Räuber unsicher gemacht wurde. Er war ein zartes Kind, anfällig gegen Witterung, seinen Leib hüllte er in einen Sack, außerdem hatte er einen Überwurf von Fellen und einen Bauernmantel; so hauste er zwischen Meer und Sumpf, seine Tageskost waren fünfzehn Datteln, die er nach Sonnenuntergang aß, keine Nacht schlief er der Räuber wegen an derselben Stelle. Er sah Gesichte, Gestalten in Kriegswagen, welche über ihn wegfahren wollten und vor ihm in die Erde verschwanden, hörte Geschrei und Gebrüll von Geistern und dämonischen Tieren. Da dem Unschuldigen doch lüsterne Bilder kamen, so entzog er sich noch von der dürftigen Kost, arbeitete mit dem Grabscheit und flocht Binsenkörbchen. Gegen Sonne und Regen baute er sich eine Zelle, so klein, daß gerade nur sein Leib hineinging, einem Sarge ähnlicher als einer Wohnung. Das Haar schor er einmal im Jahre, am Ostertag; sein Lebtag schlief er auf einem Binsenlager; den Sack, den er einmal umgetan hatte, wusch er nie, weil Sauberkeit im Büßerhemd überflüssig sei; auch das obere Kleid wechselte er nie, bis es ganz zerrissen war. Er betete, sang Psalmen und sprach sich die Worte der Heiligen Schrift vor. Mit seiner Kost wechselte er nach den Jahren: durch drei Jahre aß er ein kleines Maß Linsen, die er in kaltem Wasser gequollen hatte, wieder drei Jahre trockenes Brot und Salz, wieder drei Jahre nur wilde Kräuter und Wurzeln; als er später fühlte, daß sein Augenlicht abnahm und die Haut an seinem ganzen Körper schuppig wie Bimsstein wurde, setzte er etwas Öl zu seiner Gemüsekost. Einst kamen Räuber, die von ihm gehört hatten; ihnen sagte er: »Ich bin nackt«; als sie antworteten: »Du kannst doch getötet werden«, versetzte er ruhig: »Ich kann, ja ich kann, ich bin bereit zu sterben«. Der Ruf seiner Frömmigkeit drang durch das Land, die Leute zogen zu ihm und flehten in der Not um sein Gebet, denn sein Gebet wirkte Wunder, heilte Kranke und vertrieb den Teufel, sogar aus einem ungeheuren baktrischen Kamel, das viele Menschen umgebracht hatte und von mehr als dreißig Männern an dicken Stricken zu ihm geführt wurde, er ließ es losbinden, und das Kamel stürzte kraftlos zu seinen Füßen nieder. Auch andere Einsiedler gesellten sich zu ihm, es wurde eine fromme Genossenschaft in der Wüste; aus weiter Ferne suchten Besessene seine Wunderkraft, unter diesen auch ein vornehmer Deutscher aus Byzanz. Ihm aber wurde der Zudrang der Menschen lästig, er fiel in Schwermut, weinte und sehnte sich nach seiner früheren Einsamkeit, die Gesellschaft der Büßer erschien ihm wie ein Kerker. Durch flehentliches Bitten suchte ihn die ganze Gegend zurückzuhalten; endlich zog ein großer Haufe mit ihm aus, er aber wählte vierzig Mönche, welche den Tag über wandern konnten, ohne zu essen, und entließ das übrige Volk. Er besuchte die Heiligen in den Städten Asiens und die Einsiedler in der Wüste und auf den Bergen; überall entfernte er sich wieder, durch den Zulauf der Menschen erschreckt. Endlich setzte er sich zu Schiff, kam nur mit einem Knaben nach Sizilien und bezahlte die Reise mit seinem Evangelienbuch; auch dort ging er, bereits ein alter Mann, an eine wüste Stätte, sammelte alltäglich Holz und schaffte es auf dem Rücken des Knaben nach der nächsten Stadt, um dafür Speise zu erhalten. Unterdes suchte einer der treuesten Schüler den großen Heiligen durch alle Länder, endlich erfuhr er in Sizilien, daß ein alter Jude in der Einöde Holz sammle. Er eilte zu ihm, warf sich ihm zu Füßen und wurde endlich von ihm aufgenommen. Allein sogleich litt es den Alten nicht mehr in der Gegend; er fuhr nach Dalmatien, wo er fremd war; auch dort verriet ihn seine Wunderkraft. Denn wo er hinkam, schrien die Teufel ängstlich, daß Hilarion da sei, überall strömten die Menschen zu, und immer wieder dachte er auf Flucht. Endlich zog er nach Ägypten in eine grausige Einöde, zu einem Berge, den man kaum auf Händen und Füßen kriechend ersteigen konnte. Dort fand er Bäume und Wasserquellen und die Trümmer eines Heidentempels, um welche Tag und Nacht ein Heer böser Geister brüllte. Da freute er sich sehr, daß er seine Gegner in der Nähe hübsch beisammen hatte, und blieb dort fünf Jahre in hohem Greisenalter. Jetzt war er wieder allein, nur zuweilen kroch sein treuer Schüler zu ihm hinauf. Endlich störten ihn auch dort wundersuchende Fromme; die letzten fanden ihn sterbend. Er hatte einen Brief geschrieben an seinen Freund Hesychius und diesem seine Schätze vermacht, nämlich sein Evangelium, den Sack, den er auf dem Leibe trug, und die Mönchskutte. Seine letzten Worte waren: »Geh hinaus, meine Seele, was fürchtest du dich? was zauderst du?« Es lag im Wesen der Zeit, genau die heiligen Muster nachzuahmen. Das Leben des heiligen Antonius, des heiligen Hilarion wurde für Hunderte ein Vorbild, und die Gestalten dieser großen Büßer die Ahnen aller Mönchsgenossenschaften im Morgen- und Abendland. Denn um die Zellen leidenschaftlicher Büßer erheben sich zahlreiche Hütten Frommer, welche gleich ihnen die arge Welt verlassen hatten, um in Entsagung dem Herrn zu dienen. Durch kluge Führer wurden diese zu einer sozialistischen Genossenschaft vereinigt, welche in der Einsamkeit zuerst den notdürftigen Lebensunterhalt aus dem Boden zog, bald neben den Andachtsübungen andere, Gott wohlgefällige Arbeit übte, zuströmende Arme und Kranke pflegte und die Kenntnis der Heiligen Schrift durch ihre Schreibekunst vermehrte. Ein strenges Gesetz regelte das Zusammenleben der Frommen; [...] und sie hielten ihr kleines Reich durch Zaun und Klausur von der Welt geschieden. In Europa erlangten diese frommen Gesellschaften zuerst eine merkwürdige Bedeutung auf der entlegensten Weltinsel, in Irland. Sehr früh mußte das Mönchstum aus Ägypten dorthin gedrungen sein. In dem keltischen Volk von feurigem Sinn und leicht erregter Phantasie bildeten sich auf den Gebieten kleiner Landesherren tätige Genossenschaften von entsagenden Frommen, welche im Gottesfrieden das Land bauten, Gewerbe trieben und heilige Bücher kopierten. Uns ist überliefert, daß um das Jahr 600 das Kloster Bancor an der Grenze von Cornwallis sieben Abteilungen Mönche, jede von 300 Mann unter einem Vorsteher, gehabt habe. Sie lebten nach alter Regel und erkannten die Autorität des römischen Bischofs nicht an. Einst war die Mehrzahl von ihnen bei einem Kampf mit dem halb heidnischen, halb katholischen Angelsachsen in geschlossener Schar ausgezogen, um während der Schlacht gegen die Fremden zu beten. Der König Edilfried sah sie auf einem Hügel stehen und rief: »Wenn sie gegen uns zu ihrem Gott schreien, so schaden sie uns durch ihre Bitten, sie sind auch ohne Waffen unsere Feinde.« Und er ließ 1200 derselben niederhauen, nur fünfzig retteten sich durch die Flucht. Aus Bancor zog um 590 Columban nach dem Süden, den weltlich gesinnten Franken die Lehre der Entsagung zu verkünden, und wie er Haufen seiner Landsleute. Vom sechsten bis zwölften Jahrhundert bewahrten die irischen Mönche einen Wandertrieb wie sonst nur Germanen, sie pilgerten durch das ganze Abendland, gründeten überall Einsiedeleien und kleine Mönchsgenossenschaften und setzten sich fast in allen Klöstern fest. Es waren Männer von altertümlicher Strenge und Einfalt, oft heftige und gewaltsame Naturen; sie lehrten in den Klöstern Frankreichs und Deutschlands, was sie von heimischer Kunst mitbrachten. Denn sie waren eifrige Musiker, zumal auf der Harfe, und große Künstler im Schreiben und Bilderzeichnen, die seltsamen Formen ihrer Arabesken und Initialen in erhaltenen Manuskripten verraten noch die alte Verbindung mit den Eremiten des Orients. Sie waren auch praktische Leute als Ackerbauer und Baumeister und verstanden viele geheime Künste des Fischfanges, welche die süddeutschen Mönche von ihnen lernten und noch Jahrhunderte später mit besonderer Freude anwandten. Selten reisten sie anders als truppweise. Sie führten lange Stöcke, lederne Quersäcke und Flaschen, trugen wallende Haare und waren häufig nach nordkeltischer Sitte an einzelnen Teilen des Leibes, zumal an den Augenlidern tätowiert. Als sie ihre Wanderfahrten begannen, waren sie noch nicht römisch-katholisch, aber sie wurden in den Germanenklöstern des Kontinents als geehrte Gäste freundlich empfangen, in der Folge, selbst als sie die Benediktinerregel angenommen hatten, nicht immer gut behandelt. Ihre Bedeutung für die Kultur des Mittelalters ist nicht gering anzuschlagen, denn fast überall fachten sie die ersten Funken christlicher Bildung in den Klöstern an. Aber in Wesen und Bräuchen blieb ihnen etwas Fremdländisches. Von ihnen stammen die Schottenmönche, welche in den Kreuzzügen noch einmal Bedeutung gewannen. Unterdes war von Italien aus das Klosterleben in anderer Weise reformiert worden. Benedikt von Nursia gab den Mönchen auf Monte Cassino um 529 eine Regel, welche Vorbild für das gesamte Abendland wurde. Es war die germanische Idee der Gefolgeschaft, welche er in seiner Gesellschaft ausbildete; unter einem Häuptling, dem Abt, standen im Dienst des großen Himmelsherrn oder seines Heiligen die frommen Mannen in drei Abstufungen, wie Germanenbrauch war, als Priester, Diakonen und Knappen ( pueri ). Durch die drei Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Ehelosigkeit waren sie an den Herrn gebunden; sie hatten außer dem geistlichen Dienst auch die Bundespflicht, Schüler zu unterrichten und mit der Hand zu arbeiten. In dieser Regel erblühte das Mönchsleben zuerst bei den neu bekehrten Angelsachsen. Während Kenntnis der Schrift und Literatur unter den letzten Merowingern gering wurden, war in den Klöstern der Angeln die größte Gelehrsamkeit jener Zeit, eine reine begeisterte Hingabe an die heilige Wissenschaft und emsiges Abschreiben aller wertvollen Bücher. Von Pippin Heristal bis auf Karl den Großen bewahrten Angelsachsen fast das gesamte Wissen, durch welches spätere Jahrhunderte gebildet wurden. Und wie 200 Jahre früher die Iren, so zogen seit dem achten Jahrhundert die angelsächsischen Mönche von ihrer Insel nach dem Süden als die großen Lehrer und Kulturträger des Abendlandes, mit Bonifazius und Alkuin andere in ungezählter Menge; sie gründeten überall Klöster, tauften die Heiden, besetzten Bischofstühle, wurden Ratgeber und Erzieher der Fürsten und der Völker. Wollte ein deutscher Landesherr ein Kloster gründen, so verständigte er sich mit den Mönchen eines bestehenden Mutterklosters. Dann wurde der Platz sorgfältig überlegt, vielleicht war es ein alter Tummelplatz heidnischer Dämonen in tiefem Wald, wie bei Gandersheim, oder eine günstige Kulturstelle wie bei der zweiten Anlage (822) von Corvey, der Tochter des französischen Klosters Corbie. – Ackerscholle, Quell und Teich, das Gestein und Sonnenlicht auf Wald und Hügel, die Straße, der Ausblick in das Land und die Nachbarschaft wurden sorglich erwogen, Brüder wurden als Späher ausgesandt, bei den Frommen der Umgegend ward Kunde eingeholt, dann erst wurde eine Gesellschaft der Brüder abgesandt zur Gründung des Klosters. Die Gesandten begingen Flur und Tal, darauf knieten sie nieder, beteten und sangen die Psalmen, welche zu diesem Offizium gehörten, warfen die Richtschnur, steckten die Pflöcke und maßen den Grund der Kirche, dazu die Wohnungen der Brüder. Schnell wurden vorläufige Hütten gebaut, und der Bischof ward geladen, die Stätte zu weihen; an die Stelle, wo der Altar sich erheben sollte, wurde die heilige Kreuzfahne gesteckt, von dort die geweihte Umfriedung mit einem Namen begabt. An demselben Tage begann der Bau, die Mönche arbeiteten mit den Landleuten um die Wette an Balken und Steinen. Waren die nötigsten Gebäude aufgerichtet, dann siedelten die Brüder aus dem Mutterkloster über mit allem Hausrat, Männer, Greise und Knaben, sie begingen unter dem Notdach die erste Messe. Stand die Kirche vollendet, dann führte der Abt des neuen Klosters eine größere Anzahl der Brüder herzu. Ihm und den weltlichen Stiftern lag ob, die unentbehrliche Grundlage für das Gedeihen der neuen Stiftung, die Reliquien, zu finden. Bescherte das Glück die Reliquien eines freundlichen Heiligen, welcher starke Neigung erwies, Wunder zu tun, so wurde die Übersiedelung seiner Gebeine der große Festtag des Klosters. Mit Weihrauch, Kerzen und Reliquien zog psalmensingend die Brüderschaft des Klosters ihm entgegen. Die Vornehmen und das Volk der Umgegend sammelten sich, zahllose Kranke wurden herzugetragen, Zelte erhoben sich rings um den Klosterzaun, und während das Gefäß mit den heiligen Überresten in der Kirche aufgestellt wurde, sangen die Männer und Frauen draußen in getrennten Chören das Kyrieeleison. Gesang und Gebet wechselten die ganze Nacht, die Aufregung wurde groß, zwischen die Lärmenden und Knienden auf der Wiese stürzte zuweilen ein Mönch oder ein Landmann mit der Verkündung eines neuen Wunders, das der Heilige soeben an einem der eindringenden Kranken getan. Jede solche Botschaft steigerte die Begeisterung und Opferlust der Menge. Unterdes war im Hause des Abtes festliche Bewirtung der Vornehmen und viel Heben der Becher, und der Bruder Küchenmeister geriet in Eifer und rief seinen Knaben zu: »Rasch, sputet euch, denn unser Heiliger wird gleich wieder ein Wunder tun.« – Aber schon um das Jahr 1000 gab es viele Zweifler, welche an die verkündeten Wunder nicht glauben wollten, und in der Tat lief für jene Zeit sichtbarer Betrug mit unter. Ein gewissenhafter Geistlicher hatte Wundertaten nicht zu suchen, sondern abzuwehren, denn Männer und Weiber machten ein Gewerbe daraus, an Kirchenfesten geheilt zu werden als Blinde, Lahme usw.; wer sich mit solchen Landläufern einließ, die bereits hundertmal geheilt waren und als Wunder berichteten, was sie gaukelten, hatte den Schaden. Und dergleichen Volk trieb sich überall umher. Auch die heiligen Gebeine liebten es, als Spezialitäten ihre Wunderkraft zu äußern, d. h. vorzugsweise in gewissen Leiden nützlich zu sein; das eine heilte mit größerer Kraft Lähmungen und verbogene Glieder, ein anderes Kröpfe, das dritte fallende Sucht, ein anderes war mächtig gegen Feuerschaden, Donner und Blitz. Und solche Vorliebe des Heiligen für einzelne Interessen der leidenden Menschheit war auch dem Kloster nützlich. Gab der heilige Patron dem Kloster Ansehen, so war der Schutz der irdischen Gönner nicht weniger förderlich. Bedeutung und Wohlstand eines Klosters hingen davon ab, daß eine große Herrenfamilie ihre Interessen mit denen des geistlichen Stiftes vereinigten. Die weltlichen Gründer und Schützer: das Königsgeschlecht, ein Herzog oder Graf, betrachteten das Kloster als einen wertvollen Helfer für ihr irdisches und ewiges Heil. Durch die Mönche ordneten sie ihre Rechnung mit dem Himmel, der Klosterheilige war auch ihr Patron, ihm wurden Gelübde abgelegt, ihm bei beschwertem Gewissen Geschenke gemacht, ihm die Söhne und Töchter geweiht, welche nicht der weltlichen Lust und Versuchung teilhaftig sein sollten, an seinem Altar suchte man Frieden und Erhebung, bei seinen Reliquien die letzte Ruhestätte. Fast jedes der großen Klöster Deutschlands, welche vom achten bis elften Jahrhundert Bedeutung gewannen, war in solchem Sinne Besitz eines mächtigen Hauses und Vertreter seiner Interessen. Und es wurde in der Regel ein Verhältnis von großer Innigkeit. In der Einsamkeit des Klosters fand der wilde Krieger, der ränkevolle Politiker eine heilige Ruhe, welche ihm sein Leben nicht gönnte, in den Mönchen die treuesten Anhänger, die ihn als den großen Spender und Freund betrachteten, in den Weisen des Klosters stille Ratgeber, Verfertiger von Schriftstücken – zuweilen auch von unechten – und Verfasser der Annalen seines Hauses. Die Äbte wurden häufig aus seinem Geschlecht gewählt, unter den Brüdern oder Schwestern waren Kinder seiner Anhänger, er und die Seinen hatten im Kloster eine geweihte Heimat, und wenn ihr Glück auf Erden gescheitert war, die letzte Zuflucht. Durch Spenden der Gönner mehrte sich allmählich das Eigentum des Klosters, seine Ackerstücke und Hufen lagen vielleicht über einen großen Teil Deutschlands verstreut, die Kultur der nahe liegenden Besitzungen wurde vom Kloster aus geleitet und die Klöster deshalb auch Wirtschaften im großen Stil. Das Kloster selbst war eine kleine Stadt. Mittelpunkt die Kirche des Heiligen, an diese lehnten sich durch besondere Umfriedung eingehegt die Gebäude der Klausur: Schlaf- und Vorratsräume der Brüder, ihre Bibliothek, ihr Arbeitshaus, die innere Schule, der ansehnliche Speise- und Beratungsraum mit Kreuzgang. Außerhalb der verbotenen Räume aber lag eine ganze Welt von verschiedenartiger Tätigkeit eng zusammengeschachtelt in niedrigen Gebäuden, welche oft nach antiker Weise kleine Hofräume umschlossen. Dort war die stattliche Abtswohnung als Palast mit eigener Wirtschaft und Küche, dann die Außenschule, Gasthäuser für reisende Brüder, für Vornehme und für gewöhnliche Leute, die letztern mit gutem Grund ohne Ofen und Feuerstätte – ferner Krankenhäuser, dabei die Wohnung und Apotheke des Bruders Arzt. Dann die Werkstätten der Handwerker und Künstler, der Goldschmiede, Schwertfeger [baut Schwerter und Seitengewehre zusammen und poliert sie; allg. Waffenschmied] , Sattler usw., sämtlich kleine Arbeitsräume mit Schlafzellen daneben. Endlich die Gebäude einer großen Landwirtschaft: Viehställe, Knechtwohnungen, Scheuern, Brauerei, Vorratsräume, Hühner- und Geflügelhöfe und Gärten für Blumen und Arzneikräuter und für Gemüse, als die gewöhnliche Kost der Mönche, zuletzt der Kirchhof als Obstgarten. Die Gebäude und einzelnen Anlagen waren durch kleine Gassen und Stege, durch Hecken oder Mauern geschieden; dieser ganze Wabenbau der geistlichen Bienen nach außen eine viereckige abgeschlossene Anlage, mit Pfahlwerk und Graben, später auch mit Mauern und Türmen kastellartig umschanzt. In dieser Klosterstadt waren die Mönche nur kleine Minderzahl, aber auch Dienstleute, Arbeiter, Schüler, Knechte und Gäste mußten sich der strengen Ordnung fügen, welche außerhalb der Klausur galt. In der Nähe endlich lag das Dorf mit pflichtigen Landleuten und darin andere Handwerker und Diener des Klosters und unweit die Burg eines reisigen Dienstmannes, welchem der nächste kriegerische Dienst und Schutz seiner Patrone oblag. Er war vornehmen Brüdern verwandt und ohne Zweifel einer der wohlhäbigsten Landgenossen. Nächst den Meiereien des Königs waren die Klostergüter damals am sorgfältigsten bewirtschaftet; in den Gärten der Mönche hat die deutsche Sonne zuerst den Pfirsichen und Aprikosen rote Bäckchen gemalt, die weiße Lilie und die volle Rose der Römer wurden hier zuerst bewundert und in den lateinischen Versen zum Schmuck himmlischer Schönheit verwandt. Trotz der strengen Regel verstanden die Brüder auch für die seltenen Tage eines Konviviums und für den Tisch ihres Abtes gute Dinge zu bereiten, Kochkunst und Pflege des Weines wurden mit derselben pedantischen Sorgfalt geübt, welche alle Tätigkeit der alten Klöster bezeichnet. Aber auch höherem Künstlertalent bot die heilige Genossenschaft den sichersten Schutz, Maler und Baukünstler erlangten am leichtesten als Mönche Ruf, sie wurden zur Ausübung ihrer Kunst auch aus dem Kloster versendet und arbeiteten bei Bischöfen und in Fürstenhäusern zu Ehren ihres Heiligen. Die segensreichste Tätigkeit der Benediktiner aber war die Einrichtung von Klosterschulen, überall waren die Angelsachsen als Lehrer tätig gewesen. Die Schule war stets eine zwiefache, eine innere und äußere. In der äußeren, der kanonischen, wurden die Söhne der Edlen und Freien aus der Umgegend in einer Pension unter strengster Zucht gehalten, die Schüler der innern trugen die dunkle Mönchskutte und lebten in der Klausur und unter dem Zwang der Klosterregel. Der weltliche Unterricht war Lesen, Schreiben und Rechnen, vor allem Latein; ein tüchtiger Lehrer hielt darauf, daß nicht nur in den Lehrstunden, sondern auch sonst von den älteren Schülern nur Latein gesprochen wurde. Das scheidende Altertum hatte seine zusammengeschrumpfte Schulweisheit in Lehrbüchern überliefert, welche das Material derselben in sieben »freien Künsten« zusammenschlossen: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, dann Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie. Dieser römische Lehrkursus dauerte durch das ganze Mittelalter, nur die Musik erhielt neue Gesetze in nationaler Entfaltung. Außerdem wurde noch manches andere gelehrt, das aus unseren Schulen geschwunden ist. Die Schüler lernten durch schnelles Zusammenlegen und Beugen der Finger Buchstaben, Worte und Zahlen in Zeichen ausdrücken. Als Verstandesübungen waren Rechenaufgaben und Rätselfragen beliebt, welche noch heute unser Volk unterhalten. Streng war die Schulzucht, viele Streiche wurden ausgeteilt, bisweilen die Fehler aufsummiert und zusammen an schwerem Streichtage auf die Rücken gemessen. In St. Gallen zündete im Jahre 937 an solchem Straftag ein Schüler, um den Schlägen zu entgehen, die Schule an, die Flamme verbreitete sich und verzehrte einen Teil der Klostergebäude. Viele Mühe ward auf lateinische Verse verwandt; sie leicht und schön, wie der Zeitgeschmack war, zu verfertigen, galt für die rühmlichste weltliche Leistung des Gelehrten. Wie die letzten römischen Dichter unter Franken und Goten lateinische Lobgedichte auf ihre Gönner gemacht hatten, feierten jetzt auch fromme Mönche die Beschützer ihres Klosters durch Gedichte in Hexametern oder Distichen. Die Verse waren ein feines Mittel, sich Vornehmen zu empfehlen, von diesen Geschenke und unter den Brüdern Ansehen zu erwerben. Zu den Pflichten der Benediktiner gehörte das Abschreiben alter Handschriften und wir haben Ursache, mit innigem Dank auf diese emsige Tätigkeit zu blicken, denn ihr verdanken wir fast unsere gesamte Kunde des Altertums. In seiner Klosterzelle saß der Schönschreiber der Abtei, glättete und liniierte sein Pergament, schrieb unermüdlich die Worte nach, die er nicht immer verstand, malte die Anfangsbuchstaben sauber aus mit Rot, Blau, Grün und Gold, zog mit Genuß seine Arabesken und schrieb vergnügt einen frommen Wunsch oder einen kleinen Klosterscherz an das Ende der Abschrift. Wer schön zu schreiben und die Anfangsbuchstaben zu malen vermochte, wurde sehr bewundert. Noch als neunzigjähriger Mann mit zitternder Hand und halb blind schrieb der Bayer Wikterb, Abt von Tours, an seiner letzten Handschrift, und solcher Fleiß war nicht selten. Die Pflicht zu schreiben schuf dem Kloster eine Bibliothek, außerdem halfen dazu Käufe und Geschenke wohlhabender Brüder und vornehmer Gönner. Die Klöster waren stolz auf ihre Handschriften, zumal auf die schön geschriebenen, sie wurden als viel begehrter Schatz sorgfältig gehütet und ungern verliehen. In derselben Weise wurden Nonnenklöster gegründet. Noch enger war ihr Anschluß an das Geschlecht des Stifters, das Kloster erzog Töchter des Hauses bis zu ihrer Vermählung oder bis sie Nonnen und Äbtissinnen der Anstalt wurden. Mehr als ein bräutliches Kind erlauchter Familien verschmähte den angebotenen Gemahl und wählte das himmlische Rosenlager des Bräutigams Christus. Denn die geweihte Jungfrau faßte ihr Verhältnis zum Himmelskönig in weiblicher Weise als ein Verlöbnis an den geliebten Gott auf, und die Phantasie war schon im zehnten Jahrhundert tätig, die Himmelsfreuden dieses Bundes: Lager, Kuß und Umarmung, auszumalen, zuweilen mit einem Detail, das uns höchlich befremdet. Mönchs- und Nonnenkloster aber waren damals aristokratische Stiftungen, und sie behielten diesen Charakter bis zu den Kreuzzügen und der Herrschaft der Bettelorden. Wohl bewahrte die Kirche der Germanen die hehre Lehre des Christentums, daß vor Gott alle Menschen gleich sind; sie weihte dem Unfreien wie dem Fürsten seinen Eingang in das Leben und den Ausgang; auch wer in Knechtschaft geboren war, konnte Geistlicher werden, und die Weihen befreiten ihn von dem Makel der Knechtschaft. Aber so weit entfernte sich die alte Kirche doch nicht von der volksmäßigen Anschauung, daß sie diese Vorschrift ihres demokratischen Glaubens konsequent durchgeführt hätte. Niedrige Geburt verurteilte auch zu niedrigem Dienst in der Kirche, dem größten Talent war sie ein Hemmnis, ungern duldeten die reichen Klöster einen unfrei Geborenen in ihrer Brüderschaft, auch unter den Mönchen hatte Geltung, wer von edlem Geschlecht war, obgleich er bei Übertretungen der Regel die Geißel des strafenden Bruders zu fühlen hatte wie jeder andere. Eine Stütze des Adels aber wurden die Klöster deshalb, weil sie in ihren Schulen die vornehme Jugend der Landschaft bildeten. Dem talentvollen Sohn eines Landmanns war die Schule nicht verschlossen, aber streng hielt die Zucht darauf, daß der Sohn den Beruf des Vaters übte, und die Mutter eines armen Bauernknaben wurde sicher nicht von der Kirche ermutigt, ihr Kind auf den Altar des Heiligen zu legen, damit es im Kloster erzogen würde. Wie einst die Hofschule Karls des Großen, so kamen auch die Klosterschulen der Ottonenzeit fast nur dem Fürstensohn, dem reichen Landbesitzer oder ansehnlichen Dienstmann zugut. Und dieser Umstand machte die Männer und noch mehr die Frauen erlauchter Familien ihren Zeigenossen wahrhaft überlegen. Nicht ganz selten waren in der Mitte des zehnten Jahrhunderts vornehme Laien, welche den Virgil lasen, lateinische Verse machten und von dem Trojanischen Krieg und der Dido zu erzählen wußten. Zwar nicht Kaiser Otto I., welcher der Schrift unkundig blieb, wohl aber sein Sohn Otto und dessen Mutter Adelheid, welche ihrem »Löwen«, wie sie den Kaiser nannten, die eingehenden lateinischen Briefe vorlasen. Daß einzelne Vornehme eine weit andere und höhere Bildung hatten als das Volk, gab ihnen zunächst ein Übergewicht, welches der hohe Adel seit dem dreizehnten Jahrhundert nie wieder in diesem Maße gewonnen hat; dieselbe antikisierende Bildung knüpfte sie aber auch an die undeutsche Fremde, an französisches und welsches Wesen, förderte die Abhängigkeit von Italien und bereitete damals in Europa eine Gemeinsamkeit in Interessen, Sitte und Verkehr der vornehmen Gesellschaft, wie sie etwa in neuerer Zeit die französische Literatur hervorgebracht hat. Dies Exotische der vornehmen Bildung erschwert uns das Verständnis der Charaktere jener Zeit. Denn die stärksten Gegensätze stehen dicht beieinander. Während dem Vater ein Traum, der Flug eines Raben oder das Geschrei des Kuckucks den wichtigsten Entschluß zu kreuzen vermag, ist der Sohn frei von diesem Aberglauben, aber er steht dafür unter der Herrschaft einer römischen Hetäre, deren modisches Saitenspiel und elegantes Geplauder über ritterliche Liebespflicht ihm den Willen beugt. Kaiser Otto I. ist der große sächsische Häuptling, eine wuchtige massive Reitergestalt mit gesundem Menschenverstand und praktischer Schlauheit, aber volksmäßig in seinem Empfinden, seine Politik wird durch persönliche Neigungen beherrscht, er zwingt seine Mutter Mathilde durch Gewalt, den Schatz seines Vaters herauszugeben, und wird vielleicht mehr durch den Schatz und Ruf der schönen Adelheid gelockt, sich ihr anzutragen als durch die Politik; und nach ihm sein gelehrter Sohn Otto, der an lateinischen Disputationen mit Sachkenntnis teilnimmt, und wieder sein Enkel Otto, der bereits ganz italienisch gebildet ist. Derselbe Gegensatz wiederholt sich bei den Hohenstaufen. Die Mönche waren ein friedliches Völkchen und wurden von Kriegsleuten mit einer Stimmung betrachtet, in welcher sich nicht geringe Scheu, gute Laune und zuweilen geheime Verachtung mischten. Aber auch die Brüder waren Söhne einer kriegerischen Zeit, und wenigstens die, welche aus der wilden Welt in das Kloster gekommen waren, vergaßen nicht ganz, wie sich die Faust über der Waffe ballte. Sie gingen gern für den Herrn Abt auf die Jagd, wußten Spieß und Keule gegen einen Räuber erfolgreich zu gebrauchen und krampten die Ärmel ihrer Kutte gegen die Dienstleute des Klosters so entschieden auf, daß sie sich und ihrer Abtei Gehorsam erzwangen. Stark war der Korpsgeist im Kloster. Den Heiligen, dessen Mannen sie waren, und den Ruhm ihres Hauses verfochten die Mönche mit Leidenschaft. Vor der Welt hielten sie fest zusammen; die vornehmsten Brüder wurden gezwungen, die Kutte zu tragen, wenn sie in die Klausur traten. Der junge Salomon, später Bischof von Konstanz, damals Kaplan des Königs und Abt mehrerer Klöster, ein mächtiger glänzender Mann, war Schüler in St. Gallen gewesen und hatte durch große Schenkungen durchgesetzt, der Brüderschaft zugeschrieben zu werden. Demungeachtet wollten die Brüder von St. Gallen nicht leiden, daß er in dem weißen Linnenkleid eines Weltgeistlichen, das er als königlicher Kaplan trug, in die Klausur drang. Es gab heftige Stöße und unwilliges Gemurmel. Als er einst einem würdigen Mönch ein Geschenk machte, versetzte dieser: »Ich will dir das beste Gegengeschenk geben, ich habe zwei Kutten vom Abt bekommen, eine davon sollst du haben.« Und als Salomon antwortete: »Betritt doch Grimoald, euer Abt, auch in weißer Leinwand das Kloster«, da sagte der andere: »Wenn die Mönche des Klosters, in dem du Abt bist, sich das gefallen lassen, so magst du's dort tun; hat's auch nicht Schick, sie zwingt dein Glück; bei uns aber bist du Bruder, und du sollst dich in unsere Ordnung fügen.« Aber im Innern der Brüderschaft wurde doch der Friede oft gestört. Die strenge Regel, welche durch einen Teil des Tages das Sprechen verbot, reichte nicht aus, den Ausbruch heftiger innerer Parteikämpfe zu verhindern. Auch den Guten gab das abgeschlossene Leben übergroße Reizbarkeit. Kleinigkeiten wurden sehr wichtig genommen, die Schwächeren waren neugierig und klatschsüchtig, und festere Naturen verhärteten sich in Bußübungen und dem Formelkram der Regel. Dennoch sind zur Sachsenzeit in den Klöstern lautere, pflichtvolle Menschen nicht selten, denen das Leben in Arbeit, Lehre und inniger Andacht verrinnt, und die Klöster enthielten damals nicht nur die gelehrtesten Deutschen, sondern auch nicht wenige der besten, freilich Männer von zarter Reinheit des Gemüts, welches nicht durch die Versuchungen eines bewegten Lebens geprüft war. Denn manche Brüder kannten von der Welt nur den Umkreis ihrer Mauern und die Stellen, an welche der Abt sie geschickt hatte. Sie waren vielleicht von ihren Eltern dem Heiligen geweiht, in der inneren Klosterschule aufgezogen, hatten nie einen anderen Rock getragen als die Kutte; schon als Knaben hatten sie sich auf die Erde gelegt und die Hände in Kreuzesform ausgestreckt und sich früh durch Bußübungen gequält, so daß die Lehrer ihnen steuern mußten. Schalt doch selbst Alkuin seinen Schüler Raganard, weil dieser trotz dem Befehl zu schlafen und Wein zu trinken, heimlich die Nacht im Gebet wachte und so lange vorgab, er habe seinen Wein getrunken, bis den geschwächten Körper ein Fieber befiel. Die Ordnungsregel legte den Mönchen das Gelübde der Armut auf. Das wurde aber keineswegs so verstanden, daß der Mönch eigene Habe nicht besitzen und auf jeden Erwerb verzichten müsse. Was er hinterließ, blieb dem Kloster, aber jeder hatte in der Zelle einen Schrein, in dem er Eigentum bewahrte. Darunter Geld, von dem er Armen spendete und das er für Material zu seinen Arbeiten und, wie es scheint, auch für bescheidenen Genuß verwandte. Das war allerdings nicht der strengen Regel gemäß, aber es war auch in den besten Klöstern nicht zu verhindern. Als St. Gallen im Jahre 966 durch eine geistliche Kommission visitiert wird, werden die Mönche veranlaßt, aus ihrem Privatbesitz die Summe von 55 Pfund durch freiwillige Beiträge zum Nutzen des Klosters zusammenzuschießen, und die Weise, wie die Kommission diese Habe der einzelnen betrachtet, zeigt, daß der Brauch allgemein war. Wer vollends durch Talent und Kunstfertigkeit größeren Ruf erhielt, gewann auch Geld; der bedungene Lohn seiner Arbeit fiel, wie es scheint, dem Kloster zu, die Geschenke ihm selbst. Ja, es kam vor, daß Mönche, ohne Ärgernis zu geben, einen Schatz sammelten, wenn ihr Klosteramt dafür günstig war. So bestimmte um das Jahr 1000 Ekkehard der Rote, Vorsteher der Klosterschule zu Magdeburg, »sein Geld, das er seit langer Zeit angehäuft hatte«, in der letzten Krankheit nicht für sein Kloster des hl. Moritz, sondern zum Verteilen. Einem guten Sänger aus St. Gallen, der vor König Konrad seine Kunst übte und dem König zugeführt nach damaligem Mönchsbrauch auf die Knie fiel, wurden Goldunzen zum Geschenk auf die Füße des Königs gelegt, und er mußte sie von dort aufheben; als er dasselbe bei der Königin tun sollte, sträubte sich der Schüchterne, und er wurde unter dem Gelächter der anderen mit Gewalt vor die Füße der Herrin gezogen; auch die Schwester des Königs streckte ihm einen Ring an den Finger. Ebenso suchte, wer sich durch lateinische Lobgedichte bei Vornehmen empfahl, nicht nur Gunst, auch Spende. Auch die beiden anderen Gelübde verursachten schwere Kämpfe. Gehorsam und demütig war der Mönch, gewaltig die Macht des Abtes, und ein kräftiger Abt, der selbst treu nach der Ordensregel lebte, vermochte mit den Brüdern zu schalten wie kein weltlicher Herr mit seinen Dienstleuten, durch Strafversetzung zu entlegenen Filialen des Klosters, durch Geißelhiebe und lebenslängliches Einsperren in eine Strafzelle. Aber der Abt wohnte außerhalb der Klausur und stand nicht ganz in der Klosterzucht. Ihm war schöne Wohnung, größere Bequemlichkeit des Lebens gestattet; er war als erster Repräsentant des Klosters zu häufigem Verkehr mit vornehmen Laien genötigt, und er war als Abt auch Vasall des Reiches oder seines Bischofs. Sehr locker wurde sein Verhältnis zum Kloster, wenn er von fürstlichem Geschlecht war und im Besitz mehrerer Abteien stand, oder wenn er gar ein Laie war, dem der König die Abtei wegen ihrer Renten zugeteilt hatte. Dann war die Klosterzucht schwer zu erhalten. Ein gewalttätiger Abt brachte sein Kloster zu offenem Aufruhr, und die meisten Klöster hatten unruhige Jahre, wo die Mönche sich gegen den Abt empörten, wohl gar in Masse auszogen. Das Gelübde der Ehelosigkeit wurde – wie bekannt – damals nur von den Klosterbrüdern, nicht von den oft verheirateten Geistlichen der Kirche abgelegt. Die Mönche hielten mit diesem Gelübde haus, wie gerade Klosterzucht und Zeitgeschmack war; wer im Kloster außerhalb der Klausur schaffte, entbehrte wenigstens nicht ganz den Verkehr mit weiblicher Anmut. Der Maler Tuotilo aus St. Gallen kam um das Jahr 900 während der Weinlese nach Mainz in das Kloster St. Alban, er stieg in der Gastwohnung des Klosters ab und ertappte dort einen Mönch, welcher der Klosterwirtin hübsch tat. Da riß er ihm die Peitsche aus der Hand, hieb ihn damit auf den Rücken und rief: »Dies sendet dir St. Gallus, der Bruder St. Albans.« – Lehrreich ist es, nach dieser Richtung die Nonnenklöster zu mustern. Diese zartesten Blüten frommer Askese zeigen mit großer Empfindlichkeit jeden Wechsel der Zeitströmungen, in ihnen waren Erhebung und Rückfall größer. In den Frauenklöstern der Merowinger schwankte die Nonnenschar unablässig zwischen strenger Askese und wüster Unordnung. Zuweilen hob ein starker Frauencharakter, eine verwitwete Königin oder eine begeisterte Jungfrau die ganze Genossenschaft eines Stiftes zu strenger Frömmigkeit, öfter verdarb der Einfluß des Hofes, Haß wie Gunst der Könige. Die Königstöchter, welche durch Politik in das Kloster gebannt waren, wollten sich der Ordnung nicht fügen und erregten ärgerliche Händel. So unterhielten im Kloster von Poitiers um 590 Chrodielde, Tochter des Königs Charibert, und ihre Muhme Basina eine Schar von Mördern, Giftmischern und Landläufern, denen sie befahlen, die Äbtissin, mit der sie in Händel lebten, gewaltsam fortzuschleppen. Die Räuber stürmten in das Kloster, rissen die Äbtissin heraus, führten sie in ein Gefängnis und plünderten das Kloster. Es gab einen großen Aufstand und Menschen wurden ermordet, bis endlich das Volk von Poitiers selbst die Sache in die Hand nahm und summarische Justiz gegen den Anhang der Chrodielde übte durch Geißeln, Abschneiden der Hände, Ohren und Nasen. Ein Gericht der Bischöfe mußte über den ärgerlichen Fall entscheiden; die Äbtissin wurde von dem Verdacht, mit unzüchtigen Männern Gemeinschaft gehalten zu haben, losgesprochen; auch daß sie ihrer Nichte im Kloster eine Hochzeit ausgerichtet, eine Altardecke zu einem Kleide verschnitten, aus den Goldplättchen einen Kopfputz gemacht hätte, wurde gänzlich zurückgewiesen und die Königstochter [...] aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen. Glänzend ist der Gegensatz frommer Frauenklöster in der Ottonenzeit. In Gandersheim z. B., einer Stiftung des sächsischen Königsgeschlechtes, unterrichtet die junge Nichte des Kaisers Otto I., die Äbtissin Gerberga, ihre Nonnen im Verständnis lateinischer Autoren. Ein Dichtertalent ihres Klosters, Hroswitha, schreibt als junges Mädchen schüchtern Legenden der Heiligen in lateinischen Hexametern, sie wagt sich später an historische Gedichte; ja sie hat den Terenz gelesen und schreibt in ihrer Zelle lateinische Dramen in gereimter Prosa, weil sie den jambischen Fall der römischen Verse nicht nachbilden kann. In allen Gedichten wird jungfräuliche Entsagung und Verzicht auf irdische Liebe zugunsten der himmlischen gefeiert. Es ist ein reines Herz und wahre Frömmigkeit, welche in hüpfenden Daktylen tönt, und man erkennt mit menschlichem Anteil, wie wohl die Nonne sich in der frommen Luft ihres Stiftes fühlt. Wenn aber die Nonne als Triumph ihres Glaubens feiert, daß eine Fürstentochter die Vermählung mit ihrem irdischen Bräutigam verweigerte und trotz dem Drängen des Verlobten und ihrer Familie die Entsagung des Klosters wählte, so dürfen wir selbst während der gläubigen Zeit der Sachsenkaiser diese Stimmung in den Frauenklöstern nicht für die allgemeine halten. Denn allzu häufig werden vornehme Nonnen erwähnt, welche ihre Gelübde brechen, dem Kloster entfliehen und sich verheiraten. Wer mächtig war, durfte hoffen, solchem Bunde nachträglich die Genehmigung des Kaisers und der Kirche durchzusetzen. Sogar Hadburg, die erste Gemahlin König Heinrichs, war eine Nonne, um die er als Herzog förmlich warb, die er sich nach alter Weise im Ringe der Seinen vermählte, als Herrin seines Hofes feiern ließ und gegen die Angriffe der Kirche behauptete. Herzog Miseco von Polen, durch seine erste Gemahlin bekehrt, erwies sein junges Christentum nach deren Tode dadurch, daß er um 977 eine deutsche Nonne aus ihrem Kloster entführte und heiratete, und Oda lebte geehrt an seiner Seite und sühnte als Wohltäterin der Kirche ihr Unrecht. Wenn uns von Nonnen aus niederem Stande Ähnliches nur gelegentlich berichtet wird, so wissen wir doch, daß entlaufene Nonnen zur Hohenstaufenzeit sogar in Dörfern hausten und sich unter den Bauern erhielten. Und es ist Mißtrauen erlaubt gegen die Berichte späterer Klosterschriftsteller, welche von Demut und Gehorsam vornehmer Nonnen ausführlich berichten, und die niedrigsten Dienste, zu denen sie sich drängten, wie nach feststehender Schablone herzählen – auch ist es wohl eine geheime Bosheit der heidnischen Göttin Poesie, daß die spärlichen Stellen in Hroswithas Dramen, bei denen die Darstellung lebhafter und bewegter wird, gerade nicht aus dem Kreise klösterlicher Situationen gewählt sind. Sehr streng urteilte die fromme Hroswitha über die Liebe zwischen Mann und Weib, und die Stücke des Terenz waren ihr gerade recht, weil die leichtsinnige Verbindung römischer Jünglinge mit Hetären ein warnendes Exempel gegen weltliche Lust deuchte. Aber nicht lange war den Nonnen vergönnt, von stolzer Höhe die irdische Liebe zu betrachten. Als im zwölften Jahrhundert die gesamte Bildung verweltlichte, drang weltliche Poesie und höfischer Ritterdienst siegreich in die Nonnenklöster. Es kam vor, daß auch in den Klöstern das Spiel ritterlicher Liebeshöfe nachgeahmt wurde. Uns ist in lateinischem Gedicht die Schilderung eines solchen Hofes bewahrt, welcher in einem Kloster der Diözese von Toul an heiterem Maifest gehalten wurde. Es ist – wohlgemerkt – nicht die zornige Schilderung durch einen Frommen, sondern wohlwollende Darstellung durch jemand, der dabei war und der den Vorfall ganz in der Ordnung erachtet. Die Türen werden verschlossen, die alten Nonnen abgesperrt, nur einige verschwiegene Priester zugelassen. Statt des Evangeliums wird von einer Nonne Ovids Kunst zu lieben vorgelesen, zwei Nonnen singen Königslieder. Darauf tritt die Domina in die Mitte, als Mai gekleidet, in einem Gewande, das ganz mit Frühlingsblumen besetzt ist, und sagt, Amor, der Gott aller Liebenden, habe sie gesandt, um das Leben der Schwestern zu prüfen. Vor die Richterin treten einzelne Nonnen und rühmen die Liebe zu geistlichen Herren, welche Geheimnis zu bewahren verstehen; andere loben die Ritterliebe, aber ihre Auffassung wird von der Maigöttin höchlich gemißbilligt, weil die Laien nicht verschwiegen und allzu veränderlich sind. Zuletzt werden die Rebellinnen, welche Ritterliebe nicht meiden wollen, feierlich im Namen der Venus exkommuniziert, unter allgemeinem Beifall, und alle sprechen Amen. Daß die freie Hingabe an modische Spielereien nicht eine vereinzelte Erscheinung war, lehren die Klagen ehrbarer Geistlichen und Laien, welche seit Ende des zwölften Jahrhunderts zahlreich werden. Ein Geistlicher z. B. klagt nach 1200 bitterlich über die greuliche Entartung der Nonnen, sie wollten sich von ihrem geistlichen Beirat nichts sagen lassen, sind rachsüchtig, keifen und schelten; will man ihrer Liederlichkeit wehren, so wagt man sein Leben; die Nonnen wollen alles Ritterspiel so frei sehen, wie weltliche Frauen; und eßlustig sind sie, es gibt ihrer, die zehn Rebhühner oder ein jähriges Ferkel vertragen, überall ist in den Klöstern Zorn, Haß und Neid. Erregt schließt der Warner: »Ihr gebt so leicht Tränen bei euren Liebesgeschichten aus, seid nicht sparsam damit, mit den Tränen, die ihr aus bußfertigem Herzen weint, löscht ihr das Höllenfeuer.« Noch einmal trat in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts eine fromme Reaktion gegen die frivole Verweltlichung ein, in den Frauenklöstern der Bettelorden wurde wieder strenge Askese geübt, mit härenem Hemd und der Geißel, mit Nachtwachen und auf Strohlager suchten die geängstigten Herzen wieder Versöhnung mit dem gekreuzigten Christus, diesmal in einer neuen Art der Devotion, mystischer, träumerischer und der Welt gegenüber härter und feindlich gespannt. Auch dieses Aufflackern strenger Zucht hatte keine Dauer. In dem weltlichen vierzehnten Jahrhundert verfielen die reich gewordenen Klöster der Bettelorden dem Geschick der Benediktiner, sie kamen allmählich in Mißachtung; als die Reformation sie aufhob, war ihre Bedeutung längst dahin. Keiner aber der späteren Orden, welche sich so zahlreich und zudringlich unter das Volk setzten, reicht durch seine Ordenstätigkeit nur entfernt an die Bedeutung, welche die alten Benediktiner für Kultur und Erziehung des Volkes haben. Deshalb hat auch das Geschick mild über ihnen gewaltet. Sie wurden reich und bequem und vegetierten als vornehme Herren ruhig fort, während andere Kuttenträger den Kriegsdienst für die spätere Kirche übernahmen. Auch war hier und da immer noch ein Benediktinerkloster der alten Größe eingedenk und bot durch seine reichen Mittel gelehrten Brüdern behagliches Dasein und Förderung dankenswerter Arbeit. Bis in die Neuzeit haben sie in ihren großen Bibliotheken der Wissenschaft wertvolle Hilfsmittel aufbewahrt, und wer jetzt am Ufer der Donau oder in der Schweiz an dem Gebäude einer alten Abtei St. Benedikts vorübergeht und vielleicht die dunkle Gestalt eines frommen Bruders in der sonnigen Landschaft schaut, welche vor tausend Jahren durch die Vorgänger des Bruders mit Fruchtbäumen und Rebengeländen geschmückt wurde, der darf den Mauern und dem Mönch einen fröhlichen Gruß zuwinken. Wir bauen anders, und wir träumen anders als die alten Ordensbrüder und ihre Nachkommen, aber wir sind ihnen recht von Herzen dankbar für großes Gut, das sie dem deutschen Leben gewonnen haben. Unter den stattlichen Klöstern, welche durch Jahrhunderte Mittelpunkte der Landeskultur gewesen sind, ist St. Gallen eines der ruhmreichsten. Gegründet von dem heiligen Gallus, dem Schüler des Columbanus, wurde es bei dem Tode Karls des Großen durch seine gute Schule, die Klosterzucht und eine große Anzahl talentvoller Männer eine hochberühmte Anstalt, in dem Jahrhundert der Sachsenkaiser wohl das beste der deutschen Klöster, welches seine Schüler den Rhein hinab bis tief in das deutsche Land sandte. Vieles von dem, was die fleißigen Mönche abschrieben, dichteten, zur Lehre verfaßten, ist uns erhalten. Zu den wertvollsten Überlieferungen gehört die Chronik des Klosters, welche durch verschiedene Verfasser bis in das dreizehnte Jahrhundert geführt, einen Schatz von Nachrichten über Lehre und Leben in der Klausur enthält. Unter diesen Verfassern der Klosterchronik ist einer, Ekkehard IV. (etwa von 980-1060), von einzigem Wert, nicht als wenn er zu den gelehrtesten seiner Zeit gehörte, auch nicht wegen besonderer Zuverlässigkeit seiner historischen Mitteilungen, sondern weil er mehr als irgendein anderer Zeitgenosse, von dem uns Kunde geblieben ist, wirkliches Darstellungstalent und die Gabe besitzt, Gehörtes und Erlebtes ausführlich, lebendig und mit wirksamem Detail zu berichten. Die Charaktere der Brüder, Sitten der Zeit, Schicksale einer geistlichen Brüderschaft treten in seiner behaglichen und frischen Erzählung lebendig hervor. Unsere Altertumswissenschaft meinte ihm noch anderen Dank schuldig zu sein, denn er galt lange für den Überarbeitet des Heldengedichts von Walthari und Hiltgund, dessen lateinischer Text (zuerst verfaßt von Ekkehard I., †973) uns für den Verlust einer deutschen Dichtung aus dem Kreis unserer Heldensage entschädigen muß. Ist dieses wertvollste lateinische Gedicht des deutschen Mittelalters aber auch nicht durch ihn selbst, so ist es doch durch seine Verwandten und Brüder in St. Gallen für uns bewahrt. Aus der Fülle des Stoffes, den er in seiner Chronik überliefert, ist die Auswahl schwer; was hier gegeben wird, soll einiges von den Schicksalen eines alten Klosters und der Stellung der Mönche zu den vornehmen Laien schildern. Ekkehard erzählt in dem Latein des zehnten Jahrhunderts, dem man sehr wohl die gute Klosterschule anmerkt, wie folgt: Unser Abt Engilbert hatte vom König Heinrich die Abtei erhalten und ihm Treue geschworen, und kehrte in Ehren entlassen zu uns zurück, als ein großes Unglück über uns kam. Denn die Ungarn hatten von der Not des Reiches vernommen, fielen wütend in Bayern ein und verwüsteten es (im Jahre 924); sie lagen lange vor Augsburg, wurden dort durch das Gebet des Bischofs Udalrich, des allerfrömmsten Mannes seiner Zeit, verscheucht und drangen in Haufen nach Alemannien, ohne daß sie jemand hinderte. Da zeigte der tätige Abt Engilbert, wie gut er sich gegen Unglück zu wehren wußte. Denn als das Verderben herankam, mahnte er jeden einzelnen seiner Vasallen, befahl den stärkeren Brüdern, sich zu bewaffnen und ermutigte die Hörigen. Er selbst tat wie ein Riese des Herrn das Stahlhemd an, zog die Kutte und Stola darüber und befahl den Brüdern, ebenso zu tun. »Bitten wir Gott, meine Brüder«, sagte er, »daß wir mit der Faust gegen den Teufel ebenso stark werden, wie wir es bis jetzt im Gottvertrauen mit dem Geiste gewesen sind.« Es wurden Speere gefertigt und Brustpanzer aus dicker Leinwand, Schleudern wurden geschnitzt, feste Bretter und Weidengeflecht zu Schilden gemacht, Sparren und Stangen gespitzt und am Feuer gehärtet. Aber im Anfang glaubten mehrere Brüder und Dienstleute dem Gerücht nicht und wollten nicht fliehen. Es wurde aber doch ein Platz ausgesucht, der wie von Gott dazu bereitet war, um einen Burgwall auszuführen am Flusse Sint-tria-unum , den einst der heilige Gallus so genannt haben soll um der heiligen Dreieinigkeit willen, weil drei Bäche zu einem zusammenfließen. Der Platz wurde auf schmalem Berghals durch abgehauene Pfähle und Baumstämme umschanzt, und es entstand eine sehr feste Burg, die der heiligen Dreieinigkeit würdig war. Eilig wurde der notwendige Bedarf dorthin gebracht und schnell eine Kapelle als Oratorium gebaut, in diese wurden die Kreuze und die Verzeichnisse der Spender in den Kapseln geschafft und dazu fast der ganze Schatz der Kirche außer den Büchern, welche auf den Gestellen standen. Diese hatte der Abt nach Reichenau gesendet, doch waren sie dort nicht ganz sicher. Denn als sie zurückgebracht wurden, stimmte zwar, wie man sagte, die Zahl, aber es waren nicht ganz dieselben. Die Alten mit den Knaben gab er unter Aufsicht des Thieto nach Wasserburg, das dieser mit den Dienstleuten, welche über dem See waren, sorglich befestigte. Er befahl diesen auch, Lebensmittel mit sich zu nehmen, damit sie längere Zeit auf den Schiffen bleiben konnten. Die Späher strichen bei Tag und Nacht auf wohlbekannten Pfaden und verkündeten die Ankunft der Feinde, damit man in die Verschanzung fliehe (im Jahre 925); aber die Brüder hielten zu sehr für unmöglich, daß der heilige Gallus jemals von den Barbaren überfallen werden könnte. Engilbert selbst war dieser Meinung und trug fast zu spät die wertvollsten Sachen des heiligen Gallus in die Burg. Deshalb wurde auch das Ziborium des heiligen Otmar den Feinden zurückgelassen. Denn die Feinde zogen nicht gesammelt, sondern brachen in Schwärmen über Städte und Dörfer, weil niemand widerstand, raubten und brannten aus und sprangen unerwartet gegen Sorglose, wo sie gerade wollten. Auch in den Wäldern lagen ihrer zuweilen hundert und weniger, um hervorzubrechen; nur der Rauch und der rote Feuerschein am Himmel verrieten, wo gerade die Haufen waren. Es war aber damals unter den Unsern ein recht einfältiger und närrischer Bruder, dessen Rede und Tun oft belacht wurde, mit Namen Heribald. Ihn mahnten erschrocken die Brüder, als sie nach der Burg flohen, daß er auch fliehe. Er aber sprach: »Meinetwegen fliehe, wer will, mir aber hat der Kämmerer in diesem Jahre kein Leder zu meinen Schuhen gegeben, ich werde niemals fliehen.« Da ihn aber die Brüder in der letzten Not mit Gewalt zwingen wollten, mit ihnen zu weichen, so sträubte er sich sehr und schwor, niemals den Weg zu machen, wenn ihm nicht sein jährliches Leder in die Hand gegeben würde. Und so erwartete er furchtlos die eintreffenden Ungarn. Endlich flohen fast zu spät die Brüder mit anderen Zweiflern, durch den Schreckensruf gescheucht: die Feinde dringen heran. Er selbst aber blieb unverzagt bei seiner Meinung und spazierte müßig auf und ab. Die köchertragenden Ungarn brachen ein, mit Wurfspeer und Lanze drohend. Eifrig suchten sie überall, kein Geschlecht oder Alter hatte auf Erbarmen zu hoffen. Da fanden sie den Bruder allein, der furchtlos in ihrer Mitte stand. Sie wunderten sich, was er hier wollte und warum er nicht geflohen war. Die Führer befahlen den Mördern, seiner noch mit dem Eisen zu schonen, und fragten ihn durch Dolmetscher, und als sie merkten, daß er ein großer Narr war, schonten sie lachend seiner. – Den steinernen Altar des heiligen Gallus hüteten sie sich zu zerwerfen, weil sie sich früher häufig durch ähnliche Versuche aufgehalten und nichts als Knochen und Asche darin gefunden hatten. Endlich fragten sie den Narren, wo der Schatz des Klosters liege; er aber führte sie rüstig zu dem verborgenen Türchen des Schatzhauses, sie erbrachen es und fanden dann nur Leuchten und vergoldete Kronleuchter, welche die Eiligen bei der Flucht zurückgelassen hatten, und gaben ihm Ohrfeigen, weil er sie getäuscht hätte. Zwei von ihnen bestiegen den Glockenturm, denn sie hielten den Hahn auf der Spitze für golden, weil der Gott eines Hauses, das nach ihm genannt sei, nur aus edlem Metall gegossen sein könnte. Und als sich einer heftig vorbeugte, um ihn mit der Lanze abzustoßen, fiel er von der Höhe in den Vorhof und kam um. Der andere stieg unterdes zur Schmach des Gotteshauses auf den Gipfel der östlichen Zinne und schickte sich an, den Leib zu entleeren, da fiel er rückwärts und wurde ganz zerschmettert. Diese beiden verbrannten sie, wie Heribald später erzählte, zwischen den Türpfosten, und obgleich der flammende Scheiterhaufen den Türbalken und die Decke heftig ergriff und mehrere von ihnen um die Wette mit Stangen den Brand schürten, vermochten sie doch nicht, die Kirche des Gallus, auch nicht die des Magnus anzuzünden. Es lagen aber in dem gemeinen Keller der Brüder zwei Weinfässer, noch voll bis zum Spund, die man so zurückgelassen hatte, weil in der Not niemand die Ochsen anzuschirren und zu treiben wagte. Diese Fässer öffnete keiner der Feinde, ich weiß nicht, aus welchem Zufall, vielleicht weil sie auf ihren Beutewagen Überfluß daran hatten. Denn als einer von ihnen den Eschenspeer schwang und einen Reifen durchschlug, da rief Heribald, der schon vertraulich mit ihnen verkehrte: »Laß das sein, guter Mann. Was denkst du denn, daß wir trinken sollen, wenn ihr weggegangen seid.« Als der Ungar dies durch den Dolmetsch vernahm, lachte er und bat seine Genossen, die Fässer seines Narren nicht zu berühren. Die Ungarn schickten Kundschafter, welche die Wälder und Verstecke sorglich durchsuchen sollten, und warteten, ob diese neue Kunde bringen würden. Endlich breiteten sie sich über den Vorhof und die Wiese aus, um ihr Mahl zu halten. Ihre Führer setzten sich auf den Klosterplatz und schmausten reichlich. Auch Heribald wurde bei ihnen, wie er selbst später sagte, besser gesättigt als jemals in seinem Leben. Und als sie nach ihrer Sitte auf dem grünen Gras ohne Sessel sich zur Mahlzeit lagerten, trug er für sich und einen andern Geistlichen, der als Beutestück gefangen war, Stühlchen herzu. Die Ungarn aber zerrissen die Schulterstücke und die übrigen Teile der geschlachteten Tiere noch halb roh ohne Messer mit den Zähnen und verschlangen sie, die abgenagten Knochen warfen sie im Scherz einer auf den andern. Auch der Wein wurde in vollen Bottichen in die Mitte gesetzt, und jeder trank ohne Unterschied wie viel ihm beliebte. Als sie durch den Wein warm wurden, riefen alle greulich ihre Götter an und zwangen den Geistlichen und ihren Narren, dasselbe zu tun. Der Geistliche aber verstand ihre Sprache wohl, und sie hatten auch deshalb sein Leben geschont. Er schrie laut mit ihnen, und als er in ihrer Sprache zur Genüge Unsinn geschrien hatte, stimmte er die Antiphona vom heiligen Kreuz an, weil am nächsten Tage Kreuzerfindung war, und sang unter Tränen Sanctifica nos . Dies sang auch Heribald, obgleich er eine rauhe Stimme hatte, eifrig mit ihm ab. Alle, die da waren, versammelten sich bei dem ungewöhnlichen Gesang der Gefangenen, sie tanzten in überströmender Freude vor ihren Häuptlingen und rangen, andere kämpften auch mit den Waffen, um zu zeigen, wie gut sie das Kriegswerk verstünden. Bei dieser Lustigkeit hielt jener Geistliche die Zeit für günstig, um seine Befreiung zu bitten; der Unglückliche flehte die Hilfe des heiligen Kreuzes an und warf sich weinend den Häuptlingen zu Füßen. Diese aber in wildem Sinn gaben ihrem Gefolge durch Pfeifen und greuliches Grunzen einen Befehl. Die Krieger sprangen wütend herzu, packten den Menschen im Umsehen und zogen ihre Messer, um an seinem geschorenen Haupt den Mutwillen zu üben, welchen die Deutschen das Picken nennen, bevor sie ihn umbrächten. Während sie sich dazu rüsteten, kamen die Späher aus dem Walde, der auf die Burg zu liegt, plötzlich heran und gaben Zeichen durch Horn und Ruf. Sie meldeten, daß eine Burg mit bewaffneten Scharen besetzt ganz in der Nähe sei. Da sprangen die Ungarn jeder für sich schnell aus dem Tor, ließen den Geistlichen und Heribald allein im Kloster zurück und ordneten sich nach ihrer Gewohnheit schneller, als jemand glauben sollte, zum Treffen. Als sie aber die Beschaffenheit der Burg erfuhren, daß sie nicht zu belagern sei, daß eine lange und schmale Höhe den Angreifenden nur mit dem größten Verlust und sicherer Gefahr zugänglich werde, und daß die Verteidiger, wenn sie Männer seien, niemals vor ihrer Menge weichen würden, solange sie Lebensmittel hätten, da standen sie endlich von dem Kloster ab, weil sein Gott Gallus Macht über das Feuer habe. Sie zündeten einige Häuser des Dorfes an, die sie noch sehen konnten (denn die Nacht brach herein), geboten durch Horn und Ruf Stillschweigen und zogen auf dem Wege nach Konstanz ab. Die Burgleute aber meinten, daß das Kloster brenne und verfolgten sie, als sie den Abzug erfuhren, auf Seitenwegen; sie bekamen ihre Späher, die dem Haufen weit vorauszogen, zu Gesicht, töteten einige und führten einen Verwundeten gefangen mit sich. Die übrigen retteten sich mit Mühe durch die Flucht und gaben dem Haufen durch das Horn ein Zeichen, man sollte sich wahren. Die Ungarn aber besetzten so schnell als möglich das Feld und die Ebene, rüsteten frisch zum Treffen, stellten Karren und den übrigen Troß im Kreise umher, teilten die Nacht in Wachen, lagerten sich im Grase und überließen sich schweigend dem Wein und Schlaf. Am ersten Morgen brachen sie in die nächsten Dörfer, suchten und raubten, was etwa die Flüchtlinge zurückgelassen hatten, und brannten alle Häuser aus, bei denen sie vorbeikamen. Aber Engilbert, der die ausfallende Schar anführte, sandte die Mehrzahl der Seinen nach der Burg zurück, er selbst zog mit wenigen gleich beherzten vorsichtig zum Kloster zu spähen, ob Feinde im Hinterhalt zurückgeblieben waren. Ihn dauerte der närrische Bruder Heribald, der doch von guter Geburt war, und sie suchten eifrig nach seinem Leichnam, ihn zu bestatten. Doch sie fanden ihn nirgend, denn mit Mühe vom Geistlichen überredet, hatte er mit diesem den Gipfel des nächsten Berges erstiegen und lag dort in Wald und Busch verborgen. Da beklagte Engilbert, daß die Feinde den Einfältigen als Sklaven weggeführt hatten, er wunderte sich auch, daß die Weinfässer von den trunksüchtigen Feinden gemieden waren und dankte Gott. Darauf machten sie eilig den Morgengesang zum Lob des heiligen Kreuzes ab, so leise als sie konnten, staunten über die Türpfosten und die durchgebrannte Decke, wichen schnell von der Stätte und suchten schweigend die Klause der Wiborada auf, ob sie noch lebe, und als sie sahen, daß sie für den Glauben getötet war, wagten sie nicht zu zögern, überstiegen den nächsten Berg und kamen endlich durch gekannte Wildnis eilig in der Burg an, bereit, entweder tapfer zu sterben oder die Burg mannhaft durch ihre Hand zu verteidigen. Aber der Geistliche nahm den Heribald mit sich, denn sie sahen die Burg von ihrem Berg; und sie kamen in der Morgenstunde an. Da die Wächter sie von fern noch in der Finsternis erblickten, hielten sie die beiden für Späher und riefen die Gefährten. Und sie brachen rüstig aus, erkannten den Heribald, waren aber zuerst wegen des Geistlichen bedenklich, doch sie nahmen ihn in die Mauer auf, und als sie seine ganze Tragödie gehört hatten, pflegten sie ihn gastfrei um Christi und ihres Gefangenen willen, dessen Sprache er verstand. Allmählich erfuhren sie durch diese beiden das ganze Verhalten der frevelhaften Feinde. Der Ungar wurde getauft, nahm ein Weib und zeugte Söhne. Weil man aus Erfahrung wußte, daß die Ungarn zuweilen zurückkehrten, fällten die in der Burg die Bäume des Waldes auf dem Zugang zum Kastell, warfen einen tiefen Graben auf und gruben an einer Stelle, wo Binsen wuchsen und Wasser anzeigten, einen sehr tiefen Brunnen und fanden sehr reines Wasser. Auch den Wein, welchen die Ungarn dem Heribald zugeteilt hatten, trugen sie in Krügen und allerlei Gefäßen heimlich bei Tage und Nacht in schnellem Lauf herzu. So hausten sie und riefen den Herrn unablässig an. Aber unser Engilbert sah den Himmel in der Runde bei Tag und Nacht von Feuer gerötet, er wagte nicht mehr, Späher auszuschicken, hielt sich aber in seiner Burg mit den Seinen fest, nur zuweilen schickte er die Beherzten in das Kloster, dort Messe zu lesen, und bewahrte mit Mühe seine Ruhe, bis sie zurückkehrten. Zwischen Furcht und Hoffnung ermutigte die Brüder sehr der eifrige Bericht des Heribald und des Geistlichen über die Feinde. Die klügeren Brüder freuten sich, daß der gute Gott so gnädig gegen die Einfalt gewesen war, und daß er auch die Toren und Schwachen mitten unter Schwert und Spieß der Feinde zu schützen nicht unterließ. Wenn sie in der Ruhezeit den Heribald fragten, wie ihm so zahlreiche Gäste des heiligen Gallus gefallen hätten, antwortete er: »Ei, sehr gut; glaubt mir, ich habe nie in unserem Kloster lustigere Leute gesehen, denn sie sind ausnehmend freigebige Spender von Speise und Trank. – Was ich bei unserem zähen Kellermeister kaum durch Bitten erlangen konnte, daß er mir auch nur einmal einen Trunk reichte, wenn ich durstete, das gaben sie mir, wenn ich bat, im Überfluß.« Und der Geistliche versetzte: »Und wenn du nicht trinken wolltest, zwangen sie dich durch Ohrfeigen dazu.« – »Das ist wahr«, bestätigte er, »dies einzige mißfiel mir sehr, daß sie so eine grobe Art hatten. Ich sage euch fürwahr, nie habe ich in dem Kloster des heiligen Gallus so grobe Leute gesehen, nicht nur in der Kirche und im Kloster, sondern auch draußen auf der Wiese trieben sie es wild. Denn als ich ihnen einmal mit der Hand ein Zeichen gab, sie möchten an Gott denken und in der Kirche schweigsamer wirtschaften, versetzten sie mir schwere Nackenschläge; aber sogleich machten sie gut, was sie gegen mich versehen hatten, denn sie boten mir Wein, was niemals einer von euch getan hat.« So unterhielten sich die Unsern furchtlos von ihrem Unglück, sooft sie Muße hatten, und riefen unablässig Gott an. Da aber das Gerücht, wie es zu geschehen pflegt, heranflog, die Feinde wären zurückgekehrt und schalteten wieder im Kloster, da bat der Narr flehentlich, man möchte ihn herauslassen, daß er zu seinen lieben Leuten käme. Die Burgleute und die von Wasserburg, welche viel auf den Schiffen waren, weil die Feinde keine hatten, harrten einige Tage auf das Ende des feindlichen Unwetters. Endlich hörten sie, daß die Vorstadt von Konstanz niedergebrannt war, die Stadt selbst durch Waffen verteidigt wurde, daß auch Reichenau die Schiffe entfernt hatte und ringsum von Scharen Bewaffneter glänzte, und daß die wilden Feinde auf beiden Ufern des Rheins alles durch Feuer und Mord verwüstet hatten und über den Strom gesetzt waren. Da wagten sie endlich, sicher in das Kloster zurückzukehren. Sie säuberten die Oratorien, untersuchten die Werkstätten, luden den Bischof, baten ihn, alles mit geweihtem Wasser zu besprengen, und entfernten so alle Gewalt des Teufels. [...] Vor jenem Ungareinfall hatte ein Graf Udalrich vom Stamme Karls zur Gemahlin die Wendilgard, ein Tochterkind des Königs Heinrich. Als Udalrich auf seinem Sitz Buchhorn Kunde erhielt, daß die Ungarn in Bayern, wo er Güter hatte, eingefallen waren, so griff er mit andern die Feinde an, wurde besiegt, gefangen und nach Ungarn geführt. (Wer aber die Ungarn für Awaren hält, irrt sehr.) Wendilgard nun wurde, da das Gerücht meldete, ihr Mann sei gefallen, als Witwe umfreit, wollte sich aber auf göttliche Eingebung nicht vermählen, sondern bat den Bischof Salomo um Erlaubnis, zum heiligen Gallus zu ziehen. Dort baute sie sich eine Kemenate neben der Wiborada, lebte von dem ihrigen und spendete den Brüdern und den Armen viel für die Seele ihres verstorbenen Gemahls. Da sie aber lüstern nach Leckereien war und immer nach Veränderung begierig, weil sie zärtlich erzogen und daran gewöhnt war, so wurde sie von der Wiborada gescholten, es sei einer Frau kein Zeichen von Zucht, mannigfaltige Speise zu begehren. Als sie nun an einem Tage vor der Klause der Jungfrau in Unterhaltung saß, bat sie diese um Äpfel, wenn sie süße hätte. »Ich habe sehr gute, wie die armen Leute essen«, sagte die andere, brachte ganz saure Holzäpfel heraus und gab sie der Begehrlichen, welche ihr die Äpfel aus der Hand riß. Die Witwe des Grafen aber hatte kaum einen halben hinuntergeschluckt, da verzog sie Gesicht und Augen, warf das übrige weg und sagte: »Du bist herb, und herb sind deine Äpfel«, und da sie gut unterrichtet war, setzte sie lateinisch hinzu: »Hätte der Schöpfer alle Äpfel so gemacht, sie hätten die Eva nie ins Unglück gebracht.« – »Richtig«, sagte die andere, »hast du die Eva genannt, sie war ebenso lüstern wie du nach guter Kost, und wie du hat sie beim Genuß eines Apfels gesündigt.« Die edle Frau ging davon, beschämt durch die niedrige Magd. Seitdem legte sie sich Zwang auf, enthielt sich der Leckerbissen, die ihr vorkamen, und wuchs bei dieser großen Mahnerin in kurzer Zeit so in der Gnade, daß sie den erwähnten Bischof bat, ihr mit Bewilligung der Synode den heiligen Schleier anzulegen, den sie vorher nicht gewollt hatte. Danach entäußerte sie sich so sehr ihres weltlichen Sinnes, daß sie selbst nach dem Tode der Rachildis, welche in der Büßerzelle auf die Wiborada folgte, eingeschlossen werden wollte. Unterdes kam der vierte bittere Jahrestag, seit Wendilgard ihren Gemahl verloren, sie ging an diesem Tage nach Buchhorn, spendete und gab den Armen. Da, siehe, war Udalrich durch einen Zufall der Gefangenschaft entronnen; er barg sich mit heimlicher List unter den übrigen Zerlumpten und rief sie um ein Gewand an. Sie aber schalt ihn, daß er zuchtlos und zu keck bettle, und gab ihm doch unwillig ein Kleid. Er aber ergriff die Hand der Spendenden mit dem Kleid, zog sie an sich, umarmte und küßte sie, sie mochte wollen oder nicht. Und als ihm die andern mit Backenstreichen drohten, warf er die langen Haare über seinem Antlitz auf den Hals zurück und rief: »Laßt eure Backenstreiche, ich habe genug erhalten, und erkennt euren Herrn Udalrich.« Die Dienstmannen hörten erstaunt die Stimme des Herrn; sie erkannten das wohlbekannte Antlitz hinter den Haaren und begrüßten ihn mit lautem Ruf, die Dienerschaft schrie: »Heil!« Wendilgard aber sah starr zur Seite, sie meinte von einem Fremden Schmach erlitten zu haben. »Jetzt erst fühle ich«, rief sie, »daß mein Udalrich tot ist, da ich solche Gewalttat von einem Fremden erdulden muß.« Jener aber reichte ihr seine Hand, die durch eine sehr deutliche Narbe kenntlich war, zum Berühren; da wachte sie wie aus dem Traume auf und rief: »Mein Herr, du liebster unter allen Menschen! Sei gegrüßt, mein Herr, sei gegrüßt, du holder in Ewigkeit.« Und sie küßte und umarmte ihn und sprach: »Hüllt euren Herrn in ein Gewand und eilt, ihm zur Stunde ein Bad zu rüsten.« Als er aber gekleidet war, sagte er: »Komm zur Kirche!« und auf dem Wege: »Ich bitte dich, wer hat deinem Haupt diesen Schleier aufgesetzt?« Und da er hörte, daß dies der Bischof in der Synode getan hatte, sagte er leise zu ihr: »Ich darf dich nicht mehr umarmen, außer mit seiner Erlaubnis.« Unterdes wurden von den Geistlichen, welche zahlreich an diesem Gedenktag zusammengekommen waren, Lobgesänge angestimmt, von dem Volk der Schluß gesungen. In Freude feierten sie die Messe für den Lebenden, nicht für den Toten. Er aber ging in das Bad, die Kunde flog umher und führte, wie zu geschehen pflegt, viele herzu. Ein Gastmahl wurde angestellt, viele Tage dauerte die Freude. Demnächst trat die Synode zusammen; Udalrich forderte seine Gemahlin, die er Gott entzogen hatte, von dem Bischof zurück, der Schleier wurde ihr durch die Hand des Bischofs abgenommen und nach Bestimmung der Synode im Kirchenschrein verwahrt, damit sie ihn als Witwe wieder anlege, wenn ihr Gatte vor ihr stürbe. Darauf wurde von neuem die Vermählung gefeiert. Die Frau wurde guter Hoffnung; in Begleitung ihres Gatten ging sie ihren Gallus und die heiligen eingeschlossenen Büßerinnen an und gelobte, wenn sie einen Sohn gebären sollte, ihn dem heiligen Gallus als Mönch zu weihen. Aber als die Zeit kam, wo sie sich der Geburt näherte, hatte sie ein Unglück und starb vierzehn Tage vor der rechtzeitigen Entbindung. Das Kind wurde gerettet und in den Speck eines frisch geschlachteten Schweines gewickelt, wo es seine Haut erhalten sollte; und da sich in kurzem zeigte, daß es von gutem Verstand war, so wurde es getauft und Purchard genannt. Als das Kind von der Brust der Amme entwöhnt war, legte es der Vater auf den Altar des heiligen Gallus, wie er mit der Mutter gelobt hatte, und weihte es diesem zugleich mit der Flur von Hosten (Höchst) und dem Zehnten und beweinte sehr die Mutter. Der Knabe wurde in dem Kloster aufgezogen, ein zärtliches Kind, sehr schön von Antlitz. Die Brüder aber pflegten ihn Ungeboren zu nennen; und weil er vor der Zeit zur Welt gekommen war, so konnte ihn keine Fliege stechen, ohne daß Blut herauskam; deshalb verschonte ihn auch später der Lehrer mit Rutenstreichen. Auch als er heranwuchs, blieb er treu der angeborenen Tugend, obgleich er von Fleisch schwach war, die Reife seines Geistes war dem unreifen Leib voraus. Und als er die Tugenden durch lange Übung sich zur Natur gemacht hatte, so übertrug der Stellvertreter des Abts, Ekkehard, auf diesen Pater von so guter und edler Art die Würde, welche ihm selbst angeboten war, mit allgemeiner Beistimmung (im Jahre 958). Und Purchard wurde darauf mit erwählten Brüdern zu dem großen Otto nach Mainz gesandt, als dieser nach Besiegung des Königs Knud aus Schleswig zurückkehrte. Da der König den Purchard, den er wohl kannte, von weitem erblickte, rief er: »Komm heran, mein Kleiner, und küsse mich.« Denn er war klein und schön von Antlitz. Er streichelte ihn unter dem Mantel und liebkoste ihn. Als er aber den Abtstab sah, sprach er: »Ist euer Abt gestorben, der seine Mönche blendete?« Und sie antworteten: »Geschieden ist unser Abt, o Herr, jetzt steht bei Gott allein, was er gewesen.« Darauf küßte der König die einzelnen Mönche und sagte: »Ich sehe, was ihr wollt, aber ich weiß nicht, wen ihr wollt.« Darauf sprachen sie: »Ihn selbst, den du umarmt hast, unsern Herrn Purchard.« Bei diesen Worten fielen sie auf die Knie. Er befahl ihnen aufzustehen. Sie sagten: »Auch unser Vater Ekkehard, der Stellvertreter, sendet Euch Gebet und Heilwunsch, und wünscht, daß Ihr in diesem Fall Euch früherer Versprechen erinnert.« – »Ich fürchte«, versetzte der König, »ihr seid der strengen Zucht müde, welche eure Väter vor allen andern gepflegt haben, und habt euch auf diesen Kleinen vereinigt, der euch sanft und nachsichtig sein soll; weshalb habt ihr den hochsinnigen Mann nicht gewählt, dessen Gruß ihr mir bringt?« Darauf trugen sie den ganzen Verlauf der Wahl nach der Ordnung vor und sprachen: »Außerdem war dieser hier bis jetzt auch gar nicht so nachsichtig in der Zucht, daß man meinen könnte, er werde sie irgendeinmal vernachlässigen.« Als der König dies hörte, wurde er ruhig, wandte sich zu Purchard, hielt das Kinn desselben in der Hand und sagte mit zärtlichen Worten: »Willst du mein kleiner Abt sein? Wenn es Gottes Wille ist, mag es meinetwegen geschehen.« Darauf nahm er ihn mit sich in die Kirche zu der Königin und sprach:«Hier empfehle ich deiner Gunst meinen Neffen, der jetzt mit deiner Hilfe Abt werden soll.« Und sogleich wurde das Gebet gesprochen, der König nahm den Stab und gab ihn dem Purchard unter den Worten, womit eine Abtei erteilt wird. Er selbst hob das Te deum laudamus an und mahnte alle Anwesenden, in den Gesang einzustimmen. Darauf wurde Purchard fröhlich vom Kaiser entlassen und kehrte nach Hause zurück. Wie schön er sich aber nach den Ratschlägen Ekkehards verhielt, das wissen die Armen und ein Teil der Brüder und Dienstleute, die noch am Leben sind, zuweilen unter Tränen zu bezeugen. Purchard erfreute sich gar sehr daran, Almosen zu geben, wie er von seiner Kindheit gewöhnt war, weil er jetzt mehr Mittel hatte, und er gab nicht nur den Dürftigen und Fremden, sondern er verteilte und schenkte auch öffentlich und heimlich den armen Brüdern und Dienstleuten. Da er dies emsig Tag und Nacht tat und zuweilen halb nackt und barbeinig nach Hause kam, so tadelte sein Kämmerer, ein gewisser Richere, der Sohn seines Bruders, häufig im geheimen, daß seine Kammer die Verschwendung nicht aushalten könnte, denn kaum hätte er etwas weggenommen, so forderte er immer anderes. Er aber schalt seinen Neffen, er möge ihm nicht lästig werden und sagte: »Wenn du mir nicht geben willst, was ich verlange, so weiß ich einen andern, der mir helfen wird, soviel er helfen kann.« Damit meinte er den Dekan Ekkehard. »Denn er trägt mir häufiger zu als du, was ich den Armen geben kann, Röcke und Hemden, Stiefel und Schuhe und alles übrige bis auf den Gürtel, und er steckt es mir auch unter die Bettdecke, damit ich es dort finde.« Ekkehard nämlich war auch für sein Teil sehr eifrig mit Almosen, und ich will etwas Lustiges von ihm erzählen. Er hatte einen von den Dienstleuten dazu bestimmt, die Armen oder Fremden, die er ihm angab, heimlich in dem dafür bestimmten Hause zu waschen, zu scheren, zu kleiden und zu erquicken, und bei Nacht mit dem Gebot, daß sie gegen niemand davon reden sollten, hinauszulassen. Da traf es sich einst, daß er ihm einen Kontrakten, der von Haus ein Welscher war und auf einer Karre herangefahren wurde, nach Gewohnheit überwies. Der Mensch war dick und wohlgenährt, und als der Diener nach Befehl hinter sich und ihm die Tür verschlossen hatte, vermochte er ihn kaum mit aller Anstrengung seiner Kraft in die Badewanne zu wälzen. Da schimpfte er, denn er war von heftiger Art, und sagte: »Jetzt weiß ich wirklich keinen einfältigeren Menschen als meinen Herrn, er vermag nicht zu unterscheiden, wer Guttaten verdient, daß er mir einen so fetten Schlingel auf den Rücken geladen hat.« Aber dem Kontrakten erschien das Badewasser zu heiß, und er rief in Romanisch: » cald, cald est! « Weil das in der deutschen Sprache »es ist kalt« zu bedeuten scheint, sagte der Diener: »Nun, ich will dir's warm machen.« Er schöpfte Wasser aus dem kochenden Kessel und goß es in das Bad. Der andere schrie mit schrecklicher Stimme: » Ei mi, cald est. « – »So?« sagte der Diener, »wenn es noch kalt ist, so will ich dir's jetzt, so wahr ich lebe, warm machen«, und er schöpfte noch mehr heißes und goß es zu. Aber der andere konnte die Hitze des brodelnden Wassers nicht vertragen, er vergaß seine Kontraktheit, erhob sich schnell, sprang aus dem Bade, lief hurtig zur verschlossenen Tür, um zu fliehen, und arbeitete eine Weile an dem Riegel. Als nun der Diener sah, daß der Mensch ein Betrüger war, riß er im Umsehen ein glimmendes Scheit vom Feuer und maß dem Nackten ungezählte Streiche auf. Als Ekkehard den Lärm und die Stimmen in dem Oberhaus hörte, fuhr er heftig deutsch und romanisch auf beide los, welche schnell herabkamen, und schalt den einen, warum er ihn betrogen hätte, und den andern, warum er die Strafe des Menschen nicht ihm überlassen hätte. »Ei ja«, versetzte der Diener, »mein gestrenger Herr, du würdest ihm schön die Tarnhaut gerben und diesem Betrüger mehr als ich aufzählen. Sicher würdest du's ganz anders treiben; du hättest diesen Bösewicht bekleidet und beköstigt und bei Nacht mit einem Kuß entlassen, und, wie ich dich kenne, hättest du es trotz alledem auch jetzt so gemacht.« Und Ekkehard sagte: »O du Schelm, darf ich nicht tun, was ich will?« Darauf strafte er den Menschen mit Worten, zwang ihn zu schwören, daß er nie wieder solchen schlechten Streich begehen würde, und entließ ihn. Dies halte ich für den rechten Ort, um von seinem Schwestersohn Ekkehard zu reden, unserem Mönch, den er und Gerald eifrig unterrichtet hatten. Ich beginne damit ein schweres Werk, denn ich fürchte, man wird mir nicht glauben, weil es jetzt gar keine solchen Männer gibt, oder doch nur sehr wenige. Er war so schön von Angesicht, daß die Leute, welche ihn ansahen, um seinetwillen stehenblieben, wie auch König Otto der Rote von Sachsen über ihn sagte: »Niemals hat einem die Kutte des heiligen Benedikt vornehmer gesessen.« Er war von hoher Gestalt, einem Kriegsmann ähnlich, von gleichmäßigem Wuchs und funkelnden Augen, die so waren, wie jemand zum Augustus sagte: »Ich kann den Glanz deiner Augen nicht vertragen.« Weisheit und Beredsamkeit, vor allem aber klugen Rat hatte er wie der Beste seiner Zeit. In blühender Jugend freute ihn mehr der Ruhm als die Demut, wie bei so geartetem Manne natürlich war, aber später war das nicht so, denn die Zucht, welche keinen Stolz leidet, wurde an ihm sehenswert. Er war ein guter und strenger Lehrer; denn als er bei dem heiligen Gallus beiden Schulen vorstand, wagte niemand, außer den kleinen Putzen, mit den Gespielen ein anderes Wort zu sprechen als nur Latein, und die er zu ungeschickt für das Studium fand, beschäftigte er mit Abschreiben und Buchstabenzeichnen. In beidem war er selbst sehr geschickt, bsonders in großen Anfangsbuchstaben und in der Vergoldung. In der Wissenschaft aber unterrichtete er gleich sorgfältig die aus dem Mittelstande und die Vornehmen. Groß war die Zahl, welche er beim heiligen Gallus und anderswo in die Höhe brachte, mehrere von ihnen sah er selbst noch als Bischöfe wie einst zu Mainz im Konsilium, wo sechs Schüler, die damals Bischöfe waren, bei seinem Eintritt aufstanden und ihn als Lehrer grüßten. Und der Erzbischof Wilegis winkte ihm und küßte ihn und sprach: »Mein würdiger Sohn, auch du wirst einst mit ihnen auf den Thron gesetzt werden«, und als Ekkehard ihm zu Füßen sank, hob er ihn achtungsvoll mit der Hand auf. Und da wir das spätere Schicksal des Mannes vorweggenommen haben, wollen wir jetzt zu seinen früheren Taten kommen. Auf Duellium (Hohentwiel) wohnte Hadawig, Tochter des Herzogs Heinrich, nach dem Tode ihres Gemahls Purchard verwitwete Herzogin der Schwaben; sie war eine sehr schöne Frau, aber gegen ihre Leute gar zu hart, und deshalb weit und breit dem Lande ein Schrecken. Als kleines Kind war sie dem Griechenkönig Konstantin verlobt, und wurde in griechischer Wissenschaft gar sehr unterrichtet durch seine Eunuchen, welche deshalb geschickt waren. Aber als ein Eunuch, der Maler war, sie genau ansah, um das Bild der Jungfrau ganz ähnlich abzumalen und seinem Herrn zu schicken, da war ihr die Vermählung so verhaßt, daß sie den Mund und die Augen verzerrte. Sie verschmähte den Griechen hartnäckig; dann lernte sie lateinische Wissenschaft, und Herzog Purchard heiratete sie mit ihrem reichen Schatz, er war aber schon alt und untüchtig, starb bald darauf, und hinterließ sie – wie bekannt – als Mädchen mit Schatz und Herzogtum. Als diese Witwe einst den heiligen Gallus aufsuchte, um zu beten, nahm sie unser Abt Purchard als seine Nichte festlich auf und wollte ihr Geschenke machen; sie aber sagte, sie wollte kein anderes Geschenk haben, als daß er den Ekkehard ihr auf einige Zeit als Lehrer nach Hohentwiel überließe. Denn da Ekkehard Pförtner war, hatte sie sich schon vorher insgeheim über seinen guten Willen mit ihm verständigt. Dies gab der Abt ungern zu, auch der Onkel, der Dekan Ekkehard, riet ab, er aber setzte doch durch, worum er gebeten war. Er kam am verabredeten Tage nach Hohentwiel, ungeduldig erwartet, sie nahm ihn höher auf, als er selbst wollte, und führte ihren Lehrer, wie sie sagte, an der Hand in das Gemach, welches zunächst an dem ihrigen war. Dort trat sie bei Nacht und Tag mit einer vertrauten Dienerin ein, um zu lesen; doch standen immer die Türen offen, damit niemand Grund zum Argwohn hätte, wenn er sich solcher Gedanken unterfangen wollte. Oft fanden dort Dienstmannen und Ritter, auch die Vornehmen des Landes beide zusammen über den Büchern oder in gelehrtem Rat. Durch ihre harte und wilde Art aber empörte sie den Mann oft, und vielmals wäre ihm wohler zu Hause gewesen, als bei ihr zu wohnen. So hatte er selbst aus Demut geboten, das Rückentuch und den Vorhang seines Bettes wegzunehmen, sie aber befahl, den zu züchtigen, der dies weggenommen hatte, und wurde kaum durch große Bitten ihres Lehrers abgehalten, diesem Menschen Haut und Haare vom Kopf ziehen zu lassen. Wenn Ekkehard an einem Fest oder sonst einmal zum Besuch nach Hause kam, da war lustig, welche schöne Geschenke sie dem Mann zu Schiff nach Steinach vorausschickte. Immer dachte sie angelegentlich darauf, ihm etwas zurechtzumachen, was er selbst gebrauchen oder dem Gallus darbringen konnte. Unter diesen Geschenken, seidenen Oberkleidern, Priestermänteln und Stolen, ist auch die Alba, in welcher die Hochzeit der Philologie mit Gold eingestickt ist, außerdem die Dalmatika und ein Diakonengewand fast ganz von Gold; dies Gewand aber nahm sie später mit ihrer trügerischen List zurück, weil der Abt Immo ihr ein Gesangbuch (Antiphonarium), das sie forderte, versagte. In dieser Zeit war der Mund der Neider, wie immer, gegen die Mönche geschäftig, als wenn sie in Ausgelassenheit lebten. Ich übergehe einiges und erwähne nur unser Geschick. Die Mönche von Reichenau hatten sich den Ruodmann zum Abt gesetzt, der die Seinen tyrannisch leitete, und das Fell zerriß, das er nicht zu rupfen verstand. Dieser führte auch boshafte Reden gegen die Mönche von St. Gallen, wo er konnte, als wenn sie nicht nach der Regel lebten. Es waren damals beim heiligen Gallus außer dem Ekkehard, von dem wir gesprochen haben, und vielen jüngeren, welche die Väter aufgezogen hatten, noch der Dekan Ekkehard I. in tüchtiger Kraft, Gerald, Notker, Chunibert, der später Abt von Altnach wurde, und Walto II.; diese gingen auf Befehl des Abtes den Ruodmann durch den Sprecher Ekkehard an und baten ihn brüderlich, er möge seine Zunge im Zaum halten. Der Ruodmann gab zwar nichts darauf, nahm aber den Boten um dessen selbst willen und aus Furcht vor der strengen Herzogin, zu welcher Ekkehard gerade ging, geziemend auf. Ekkehard aber fand den Menschen auf alles Widerwärtige bedacht und versuchte vergebens, ihn bei langer Unterhandlung durch seine Beredsamkeit zu überzeugen; jener stieß die heftigsten Drohungen aus, und Ekkehard kehrte deshalb heimlich ins Kloster zurück und sandte einen Boten auf den nahen Berg, der seiner Herzogin melden sollte, was seine Ankunft verhinderte. Von dem Ruodmann aber entfernte er sich, indem er die Botschaft desselben mit Unwillen abwies. Ruodmann aber meinte, er sei zur Herzogin gegangen, bestieg ein Pferd, kam bei Nacht zum heiligen Gallus und betrat heimlich das Kloster, um verstohlen zu spähen, ob er etwas, was einem Unrecht ähnlich wäre, finden könnte. Das Kloster war ihm wohlbekannt, er schlich umher und spionierte überall, fand aber nicht, was erwünschte; endlich stieg er von der Kirche in das Schlafhaus, begab sich tappend in das heimliche Gemach der Brüder und setzte sich dort verborgen hin. Ekkehard, der in allem umsichtig war, hörte den Fußtritt, stand vom Lager auf und fand ihn. Er wußte nicht, wer es war, er sah nur einen Menschen und wunderte sich, wer von den Brüdern so verstohlen an diesen Ort ging (den wir in der Nacht nicht zu betreten pflegen); denn Ruodmann saß versteckt, weil das Licht des Raumes dunkel brannte. Eine Weile war Ekkehard unsicher, wer der Mensch sei, bis er an dem Schnauben, welches dem Ruodmann beim Atemholen eigen war, diesen erkannte. Sogleich ermahnte er einen Bruder heimlich, die Laterne des Abtes zu bringen, er zündete sie an, setzte sie vor den Ruodmann hin, legte ihm Wische zurecht und stellte sich, wie sein Kaplan, abseits. Und als die Brüder dazu kamen, so bedeutete er ihnen wie gewöhnlich durch Winke, das Schweigen nicht zu brechen; sie aber wunderten sich, für wen die Laterne dastand, denn der Abt, welcher allein eine Laterne zu tragen pflegte, war abwesend. Er wartete lange, endlich wußte Ruodmann nicht, was er tun sollte, und stand auf; nahm Ekkehard die Laterne, ging ihm auf demselben Wege voran, auf dem er sein Kommen bemerkt hatte, und als sie zu der Vorhalle der Kirche gekommen waren, wo das Sprechzimmer ist, mahnte er ihn stillschweigend, dort niederzusitzen, bis er ihn seinem Oheim, dem Dekan, und den Brüdern gemeldet hätte, damit sie eines so vornehmen Gastes nicht unkundig wären. Also ein Teil der Brüder, besonders der jüngeren, kam, durch den unerhörten Vorfall aufgeregt, heran, und einer von ihnen, der eine Geißel in der Zelle ergriffen hatte, stürzte schreiend auf den Bösewicht ein, und hätte ihm Streiche aufgezählt, wenn ihm nicht die klügeren in den aufgehobenen Arm gefallen wären. Da Ruodmann nun merkte, daß er in der Not war, sprach er: »Wenn ich Gelegenheit zur Flucht hätte, meine besten Jünglinge, so würde ich gewiß fliehen. Da ich aber in euren Händen bin, ich mag wollen oder nicht, so ziemt euch sanfter mit mir zu verfahren, und überdies euren Dekan und die übrigen Väter zu erwarten.« Endlich kam der Dekan, der in Kürze mit den Vätern über ihn Rat gehalten hatte. Aber Notker, der Arzt, mit Beinamen Pfefferkorn, sprach zornig zu ihm: »Du hinterlistigster aller Menschen, du Löwe, der sucht, wen er verschlinge, zu deinem Unglück bist du in die Hände der Brüder gefallen, die du als zweiter Satan anklagst.« Jener aber wurde erschreckt durch die Worte des gewichtigen Mannes und sagte zum Dekan, dessen mitleidiges Herz er kannte: »Ich bin durch die List deines Namensvetters umstellt, siehe zu, fürsichtiger Vater, daß du mich nicht beschimpfen läßt, es könnte dich später zu ungerechter Zeit gereuen.« Endlich stürzte er auf die Knie: »Wohlan«, rief er, »ich bitte alle um Verzeihung, ich will mich mit euch versöhnen und fortan solcher Dinge enthalten.« Den Klügeren bewegte der plötzliche Wechsel der Dinge bei einem so mächtigen Mann die Seele. Aber die anderen murmelten Feindliches, wie zu geschehen pflegt. Endlich ließen sich die Väter auf den Rat des Ekkehard besänftigen, durch sie wurde er mit allen versöhnt. Und von Ekkehard geleitet, ging er hinaus zu der Stelle, wo die Seinen ihn erwarteten, und entfernte sich, indem er vor den Seinen heitere Worte sprach, und unter anderem den Ekkehard angelegentlich bat, er sollte ihm ja nicht vorbeigehen, wenn er das nächstemal nach Hohentwiel zöge. Den Brüdern aber versprach er zwei Fässer Wein und schickte sie mit dem nächsten Schiff nach Steinach. Abt Purchard aber hörte in der Ferne von dem Lärm; er bedauerte bei seiner Ankunft sehr, daß der andere so sicher und frei entkommen war, und übergab dem Bischof eine Klage über den unerhörten Vorfall. Ekkehard aber zog nach Hohentwiel, begleitet von seinen Verwandten: Ekkehard III., dem gleichnamigen Diakonus, der später Dekan wurde, und von dem Knaben Purchard, der später Abt wurde. Dabei sprach er in Reichenau bei Ruodmann vor, wie sie verabredet hatten. In dem Gespräch versuchte jener Schlaue umsonst seine Künste, er fand einen Gegner, der ihm gewachsen war. Denn da Ekkehard eilte, um nicht zu spät bei der gestrengen Frau anzukommen, beschenkte ihn Ruodmann mit einem schönen Pferd. Dies schickte Ekkehard mit einem Teil seiner Begleiter voraus, und säumte mit Absicht ein wenig bei freundlichem Wort und vertraulichen Scherzreden; endlich wurde er mit Umarmung und Kuß entlassen, und dabei sagte jener Hinterlistige seinem Gastfreunde ins Ohr: »Du Glücklicher, der du eine so schöne Schülerin Grammatik lehren kannst.« Darauf antwortete Ekkehard, wie in freundlicher Beistimmung lächelnd, dem Gegner folgendes ins Ohr: »So hast auch du, Heiliger des Herrn, die schöne Nonne Rotelind, deine liebe Schülerin, Dialektik gelehrt.« Als er dies gesagt hatte, wendete er sich schnell von dem andern ab, der ich weiß nicht was herauszischen wollte, bestieg das Pferd und entfernte sich unwillig. Aber Otker, der Bruder und Dienstmann des Abtes, hatte seine Erregung gemerkt und sagte: »Mir scheint, mein Herr, das Pferd da hast du ganz umsonst verloren.« Die beiden Brüder aber, von denen wir gesprochen haben, Ekkehard III. und der junge Purchard, standen noch vorgebeugt, um ihre Entlassung zu erbitten, da vernahmen sie, wie ich selbst von ihnen gehört habe, daß Ruodmann abgewandt zu seinem Bruder sagte: »Schicke ihm doch Reiter nach, die mir mein gutes Pferd zurückbringen.« Aber dieser antwortete: »Nein, er zieht jetzt mit den Seinen zu der Frau dort, und ich wage nicht, einem meiner Leute aufzutragen, daß sie seine Habe anrühren.« So bestiegen also jene beiden ihre Pferde und zogen bescheiden ihrem Lehrer nach. Als sie den Berg hinaufstiegen, kamen sie der Herzogin zu Gesicht, da sie zur Vesper ging. Aber sie hatte schon von dem Lärm mit Ruodmann gehört und sagte beim Empfang: »Nun, ich höre, mein Lehrer, du bist gerade kein bequemer Laternenträger gewesen für jenen Wolf, der in fremden Hürden drang«; und als Ekkehard lächelte, sagte sie: »Beim Leben der Hadawig« – denn so pflegte sie zu schwören –, »wenn einer unter den Hitzköpfen des Klosters jenem Einbrecher Streiche aufgezählt hätte, mich würde es nicht kümmern.« Als man am Tage darauf mit der Dämmerung, wie man dort pflegte, das Schweigen der Regel nach Gebühr beendet hatte – denn sie selbst hielt eifrig darauf und hatte schon angefangen, ein Kloster auf dem Berge zu bauen –, da kam sie zum Lehrer in die Lesestunde. Als sie sich gesetzt hatte und den stehenden Knaben Purchard sah, fragte sie im Gespräch: »Wozu ist der Knabe dort mitgekommen?« – »Um des Griechischen willen, meine Herrin«, versetzte Ekkehard, »habe ich Euch das kluge Kind mitgebracht, damit er etwas von Euren Lippen auffange.« Der Knabe selbst aber war von holdseligem Aussehen und sehr gewandt im lateinischen Vers und begann sogleich: »Griechisch stünde mir feiner, Doch bin ich kaum ein Lateiner.« Wie sie denn nach Neuem begehrlich war, freute sie sich darüber so sehr, daß sie den Knaben an sich zog, küßte und auf einen Fußschemel nahe zu sich setzte, und neugierig von ihm forderte, daß er ihr noch mehr Verse aus dem Stegreif machen sollte. Der Knabe aber war solchen Kuß ungewohnt, sah auf seine beiden Lehrer und begann: »Ach ich vermag mitnichten Geschickt meine Verse zu dichten, Weil ich erschrecken muß Über der Herzogin Kuß.« Sie aber brach wider ihre gewöhnliche Strenge in Lachen aus, stellte den Knaben sich gegenüber und lehrte ihn die Antiphona: » Maria et flumina « singen, die sie selbst ins Griechische übersetzt hatte: » Thalasse ke potami « usw. – und häufig rief sie ihn später, wenn sie Muße hatte, zu sich, forderte von ihm Stegreifverse, unterrichtete ihn im Griechischen und tat ausnehmend hübsch mit ihm. Als er endlich abging, beschenkte sie ihn mit einem Horaz und mit einigen anderen Büchern, welche jetzt in unserer Bibliothek sind. Denn jener jüngere Ekkehard III., der auch seine gute Bildung hatte, ging, wie er pflegte, mit dem Knaben, um einige andere Kapläne der Herzogin zu unterrichten, weil die Herzogin durchaus nicht leiden wollte, daß diese an ihrem Hofe müßig wären. Es blieben also Hadawig und Ekkehard wie sonst allein zum Lesen. Virgil lag in ihrer Hand und die Stelle: Timeo Danaos et dona ferentes (ich fürchte die Danaer, zumal wenn sie Geschenke bringen). Da sagte Ekkehard: »Gestern hatte ich Grund, meine Herrin, an diese Stelle zu denken.« Darauf erzählte er, wie ihn der Abt nach Reichenau eingeladen, mit einem ansehnlichen Pferd beschenkt und sich doch bei dem Geschenk gewundener Worte nicht enthalten hätte; was sie dabei aber einander in das Ohr geraunt hatten, sagte er ihr nicht. Da sprach sie: »Ich will von Anfang an die ganze Tragödie hören, die neulich unter euch gespielt hat, weil ich nicht weiß, ob ich sie recht vernommen. Auch wundere ich mich, daß zwei Klöster meines Herzogtums so Unholdes gegeneinander gebraut haben, ohne sich um mich, den Stellvertreter des Königs, zu kümmern; und fürwahr, wenn mir nicht meine Räte entgegen sind, werde ich Strafe verhängen, wo ich den Schuldigen finde.« Und er sagte: »Nächst meinem Oheim habe gerade ich die Versöhnung betrieben. Es wäre treulos, meine holde Herrin, wenn ich nach dem Friedenskuß jemand von mir beschuldigen wollte, wie ich doch müßte. Denn obgleich er mich gestern immer wieder heimlich gereizt hat, auch nachdem er die Geschenke gegeben hatte – du selbst kennst ja den Menschen –, so ziemte es mir doch gar nicht, den Frieden zu brechen, der unter so wichtigen Männern geschlossen wurde. Auch will ich darum nicht aufhören, mit ihm für den Frieden, den er selbst begehrt, zu stimmen.« Der Frau gefiel der Verstand und gerade Sinn ihres Lehrers. Doch setzte sie später in diesem und vielen andern Regierungsgeschäften eine öffentliche Verhandlung am Orte Walewis (Walwies am Hegau) an, und gebot auch dem Bischof und den Äbten dorthin zu kommen. Ruodmann aber argwöhnte, Ekkehard könnte jene Worte, die er ihm ins Ohr gesagt, der Herzogin mitgeteilt haben; ihm wurde Angst, und er sandte ihm einen Brief auf den Berg durch einen gewandten Fremden. Dieser Brief lautete nach einer Bitte um Herstellung des freundlichen Verhältnisses folgendermaßen: »Denn ich würde mich sehr wundern, wenn mein Freund, der in allen Dingen so scharfsinnig ist, jenes neuliche Wispern der Frau Herzogin zu Ohren gebracht hätte. Solltest du es doch getan haben, so widerrufe es, ich bitte.« Ekkehard aber schrieb ihm durch denselben Boten nach einigem anderen folgendes: »Nie war ich vor meiner Allerschönsten unverschämt, und nie habe ich in das Ohr der strengen Frau dergleichen zu flüstern gewagt.« [...] Endlich nach längeren Verhandlungen wählte die Herzogin Berater, unter diesen auch den Ekkehard, und es wurde mit Mühe verhandelt, daß Ruodmann wegen jenem Einbruch, der unter Mönchen ganz unerhört war, zuerst in Gegenwart seiner Abgeordneten mit unserm Abt versöhnt wurde durch ein Strafgeld um Friedensbruch, daß dann Ruodmann ferner an gesetztem Tag vor den Toren von Hohentwiel, wie Brauch ist, hundert Pfund vorwies und dadurch die Gnade der Herzogin zurückerhielt. Und am gesetzten Tage erließ sie fünfzig davon dem Abt, um des Bischofs willen, der für ihn gebeten hatte, das übrige behielt sie zurück. Und die Herzogin schenkte nach diesen Tagen unserm Abt Purchard, ihrem Lieben und Verwandten, einen sehr schmucken und munteren Zelter, um auch ihrerseits sein gekränktes Gemüt zu besänftigen. Denn sie erfuhr, daß er an edlen Rossen große Freude hätte, aber daß er auch betete, sie möchte seinetwegen keinen Verdruß haben. Man fand ihn zu Reichenau, das Pferd wurde ihm vorgeführt, er trug sich stolz, und der Abt befahl, aus Liebe zu der hohen Geberin, sofort den Sattel aufzulegen, und bestieg es, um abzureiten. Aber das Pferd bäumte unter ihm und warf den zarten Mann, der doch angeborenes Feuer und Mut hatte, gegen den Pfosten des Hoftors, beschädigte ihm die Hüfte und renkte sie aus dem Gelenk. Dieser Schlag wurde ihm durch Notker nach Möglichkeit geheilt, aber er konnte später doch nicht ohne zwei Krücken gehen. Lange duldete er dies Leiden. Endlich übertrug er unter Beistimmung aller Brüder dem schon erwähnten Richere, welcher Kämmerer seines Hofes und ein Mann von unvergleichlicher Tugend war, die Leitung der Abtei, die er nach dem Rat des bereits alternden Dekan Ekkehard führen sollte. – Damals blühten wenig andere Klöster so wie das des heiligen Gallus. Unterdes wurde auf Betrieb der Hadawig Ekkehard an den Hof der Ottonen, des Vaters und Sohnes, gezogen, als kaiserlicher Kaplan, als Lehrer des jungen Königs und als Helfer bei den wichtigsten Geschäften. Dort zeigte er sich in kurzem so tüchtig, daß alle sagten, er habe eines der höchsten Bischofsämter zu erwarten. Denn auch die Königin Adalheid, die jetzt heiliggesprochen ist, liebte ihn ausnehmend. Soweit der Bericht des Mönches Ekkehard IV. Ekkehard II., Palatinus, der Hofmann, genannt, blieb längere Zeit am Kaiserhof, wie die Mönche von St. Gallen erzählten, als vertrauter Ratgeber seines Schülers Otto II. und der Kaiserin, zugleich Protektor und Liebling seiner Brüder, der dem Kloster bei Hofe zu nützen verstand. [...] II Aus dem Volke Um 1100 Sinnigkeit des deutschen Gemütes. Liebe zu den Tieren. – Höflichkeit. – Traditionelle Ordnung und Mangel an geschriebenem Gesetz. – Der Deutsche im Staate. – Aussehen der Landschaft um 1100. – Alte und neue Städte. – Die Stadtbürger. – Schnelles Wachstum der Städte. – Bericht des Marquard, Abt des Klosters Fulda von 1150 bis 1165, über seine Bauten und seinen Kampf mit habgierigen Laien Es erfreut, die bunten Striche zu betrachten, durch welche der fleißige Mönch in der Sachsen- und Frankenzeit die Anfangsbuchstaben seiner Kapitel umrankt. Denn man sieht, wie groß sein Behagen war, als er die Linien schwang und die Zwischenräume mit bunter Farbe und sauberen kleinen Mustern ausfüllte. Dasselbe Behagen erwies der Deutsche bei jeder rühmlichen Arbeit, wenn er grüßte und sprach, wenn er festsetzte, was Recht sein sollte, wenn er träumte und dichtete. Für schwere Kämpfe, die das Volk um sein Leben zu bestehen hatte, und für große Wandlungen, die unter bitteren Schmerzen ihm zuteil wurden, war ihm von der Macht, die seines Schicksals waltete, überreich eine Gabe zugeteilt worden, was ihn umgab, beschäftigte, bewegte, nach dem Bedürfnis seines Herzens einzubilden und umzuformen. Bei allem, was der Deutsche wahrnahm, fragte er, was es bedeute, hinter jeder Erscheinung fand er ein geistiges Leben, alles, was sich lebend regte, suchte er sich vertraulich zu machen, indem er ihm etwas von dem eigenen Gemüt andichtete. Es ist wahr, jedes junge Volk übt diese Poesie, durch welche es sich die reale Wirklichkeit verständlich macht und die ungeheure Arbeit der Naturgewalten in das menschlich Erträgliche umformt; es ist wahr, kein Volk kann das Leben ertragen, wenn es diese Kunst nicht zu üben versteht, denn Glaube und Sitte, alles Selbstgefühl des Wissens und Könnens beruhen im letzten Grunde nur darauf. Aber kein Geschlecht der Menschen, von dem uns Kenntnis geblieben ist, hat diese Poesie des Deutens und Umbildens so warmherzig, so emsig und dabei so kindlich geübt als die Deutschen. Wenn die Sonne warm schien, war sie unseren Ahnen froh, das Brot hieß das liebe Brot, und es tat ihnen weh, wenn ein Stückchen davon in den Schmutz fiel; sogar beim Apfelbrechen ließen sie einen Apfel am Baum zurück, damit der Baum die Ernte nicht übelnehme. Wenn der Landmann die Blumen betrachtete, welche durch die Mönche auch in seinen Garten gesetzt waren, so empfand er in ihnen ein geheimnisvolles Leben, welches er mit dem des Weibes verglich, und er begrüßte sie bewundernd »Frau Rose« und »Frau Lilie«. Vollends wo ihm leicht wurde, ein menschenähnliches Leben anzunehmen, behandelt er dies fremde Dasein achtungsvoll; auch der Ameise weigerte er nicht den Ehrentitel Frau, und wenn er von einem Wettlauf zwischen zwei Tieren erzählte, so nannten die Fremden einander »Herr Krebs« und »Herr Fuchs«. Er hatte die Tiere herzlich lieb, schon in der Heidenzeit gab man den gestorbenen Helden auf den Scheiterhaufen mit, was ihnen auf Erden am vertrautesten gewesen war, Roß, Hund, Habicht; wenn in der Römerzeit ein Rheinländer, der gute Rosse zog, sein Besitztum unter die Kinder teilte, vermachte er seine Zuchtpferde nicht den Hauserben, sondern dem kriegstüchtigsten Sohn. Als der Angle Caedmon seinem Volke die Geschichten der Bibel poetisch bearbeitete, ließ er von der Sündflut den Herrn sagen, Noah solle seine Tiere in der Arche hübsch reichlich füttern, bis er, der Herr, wieder selbst für sie sorgen könne. Vor anderen wert waren dem Volk die Vögel, zur Winterzeit wurden ihnen Halme aufs Feld gelegt oder bei der Ernte eine Garbe für sie zurückgelassen. Als die verwitwete Königin Mathilde, die Mutter Kaiser Ottos I., auf ihrem Witwensitz durch gute Werke die Gunst des Himmels für ihren toten Gemahl suchte und die Armen speiste und kleidete, da ließ sie dem Gatten zu Ehren auch die Vögel im Felde füttern. Den höchsten Beifall hatte aber damals von heimischen Vögeln keineswegs die Nachtigall oder unser Bauernliebling, der Fink, sondern der Star, weil er so klug war, daß er Menschenworte sprechen lernte. Er war Günstling in den Häusern, und wenn er gut sprach, eine wertvolle Gabe, die auch ein König aus dargebotenem Kriegsgut wählte, um sie seiner Tochter zu schenken. Andere Vögel, der Storch, der Kuckuck, der Specht hatten großes Ansehen, weil sie im alten Glauben den Göttern heilig gewesen waren; die Taube wurde als christlicher Vogel von Klöstern und später von Stadtgemeinden uneigennützig erhalten, und dem Raben vermochte selbst die Abneigung des Christentums sein Ansehen nicht zu rauben, obgleich er einst der Bote Wodans gewesen war. Wenn einem kleinen armen Spielmann jener Zeit in seinen Versen kein anderer Ausdruck warmer Empfindung gelingt, weiß er wenigstens die Neigung zu einem vertrauten Tier treuherzig darzustellen. Der Held sendet in märchenhafter Legende einen Raben als Boten an die Geliebte, er vergoldet ihm den Schnabel, setzt ihm ein goldenes Krönchen auf, streichelt ihm sein Gefieder und drückt ihn an sein Herz. Ja, der Vogel wird dem Dichter unter der Hand die Hauptperson, er nimmt ganz das Wesen eines treuen Spielmanns an, der um gute Behandlung dient. Er hat seinem Herrn die Liebe einer heidnischen Prinzessin gewonnen, der Held setzt sich mit seinen Mannen zu Schiff, sie abzuholen und vergißt seinen Raben. Nach dem Aufbruch rief er: »Hat keiner von euch den Raben, ihr Herren?« – »Nein«, sprachen alle. Da sagte er: »Säumt euch nicht, zieht euer vier oder achte zurück und bringt ihn mir eilig her.« Die Herren fuhren zurück, da fanden sie den Raben einhergehen wie einen armen Mann, der schnöde behandelt worden. Sie sagten zu ihm: »Du sollst mit uns ins ferne Land.« Der Rabe antwortete gekränkt: »Ich will daheim bleiben. Mein Herr hat mich vergessen; mit den Säuen mußte ich essen, sie haben mir mein Gefieder zerstoßen, ich bin nackt und ruppig. Will mich mein Herr haben, so soll er selber nach mir kommen.« Und es half nichts, der Held mußte selbst seinen Vogel erbitten. Diese achtungsvolle Laune, mit welcher der Deutsche das Tierleben betrachtete, machte ihm auch wilde Tiere wert, zumal wenn sie ein wenig gezähmt waren; der Tanzbär erfreute im Mittelalter große Könige und Würdenträger der Kirche. Auf die Abrichtung wurde viel Mühe gewandt. Meister Braun hatte die Kunst gelernt, mit Spielweibern zusammen zu tanzen, und es steht zu besorgen, daß diese Tänze den Forderungen geistlicher Kritik nicht entsprachen, denn die Kirche zürnte ihnen und verbot ihren Angehörigen das Zusehen. Auch den wilden Tieren des deutschen Landes erfand das Volk Charakter und Schicksal, auch von ihnen wußte der Sänger zu erzählen. Wahrscheinlich hatte der Germane schon von seiner ältesten Wanderung aus Asien Tiersagen mitgebracht, während aber bei den Griechen die Anekdoten, in welchen Tiere mit menschlicher Sprache reden und ihrer Natur gemäß handeln, nur benutzt wurden, um eine gute Lehre daran zu knüpfen, stellte der Deutsche das Waldleben seiner geheimnisvollen Nachbarn durch behagliche Geschichten dar, in denen Bär, Wolf, Fuchs, Kater und andere wohlbekannte Charaktere gesellt werden, diese Sagen waren den Mönchen so reizvoll, daß sie dieselben in größere lateinische Gedichte umformten, deren Inhalt seit dem zwölften Jahrhundert zu umfangreichen deutschen Dichtungen erweitert wurde. Mit derselben Herzlichkeit betrachtete der Deutsche sein Verhältnis zu anderen Menschen. Er war von je in ruhigem Zustande ein höflicher Mann gewesen und sehr empfindlich gegen Kränkung seines Selbstgefühls. Sich würdig darzustellen, jedem seine Ehre zu erweisen, das Gebührende zu geben und zu empfangen, war ihm eine wichtige Sache. Ein hübsches Beispiel dafür, wie leicht auch geistliche Herren gekränkt wurden, ist uns überliefert. Als um 885 Petrus, Bischof von Verona (?), bei der Heimkehr vom Königsschloß unvermutet in das Kloster St. Gallen kam, nahmen ihn die Brüder gastfrei auf und gaben ihm als Gastgeschenk, was sie Gutes hatten, nämlich ein Evangelienbuch. Er aber hielt sich für verachtet, weil der Ruf des Klosters sehr groß war, und grollte, weil das Buch nicht schön genug gemalt und gebunden sei. Als er die Messe feierte, wurde ihm ein silberner Kelch aufgestellt, der für ein gutes Stück des Kirchenschatzes galt. Er beging die Messe und ärgerte sich auch über den Kelch. Man rüstete ihm ein reiches Mahl, und als er vom Tisch der Brüder aufstand, verlangte er, sie anzureden. Sie wurden versammelt – der Abt war abwesend –, und er sprach: »Gut habt ihr mich in Abwesenheit eures Abtes, meines Herrn, aufgenommen, aber daß ihr mir in dem Evangelium und Kelch so Gewöhnliches dargeboten habt, kränkt mich etwas. Denn obgleich ich selbst gering und unwert bin, so bin ich doch Bischof an einem gar nicht geringen Orte.« Erst als die Mönche ihm angelegentlich vorstellten, daß der heilige Gallus bessere Stücke nicht besitze, legte sich der Eifer des Mannes. In dem Bedürfnis, sich zu seiner Umgebung vertraulich zu stellen, hob der Deutsche gern auch entfernte verwandtschaftliche Beziehungen hervor, der ältere Edle nannte den jüngern Neffen, wie später die Rittersleute einander Schwager, und Nachbar, guter Freund; Vater, Mutter waren unter Bekannten und Fremden gewöhnliche Anreden; vornehme Geistliche nannten jüngere Kleriker und Laien, auch wenn diese von königlichem Stamm waren, Söhne und Töchter. Bis zur Gegenwart ist die deutsche Rede reich geblieben an vertraulichen Benennungen bei der Ansprache. Schön und verbindlich sind die Grüße bei Ankunft und Abschied; dem Deutschen war nicht genug, einmal zu grüßen, er tat das tausendmal, wie im Jahre 1020 Froumund, Mönch von Tegernsee, Verfasser des lateinischen Epos Ruotlieb, einem Freunde schreibt: »Tausend Grüße sende ich dir, soviel Blümlein auf der Erde sprießen«, oder wie im Jahre 797 ein Dichter Karls des Großen scherzend dem andern – Theodulf dem Angilbert –: »Soviel Grüße, als ich graue Haare auf meinem Schädel habe.« Für die angenommene Gabe wurde schon damals dem Geber des Himmels Segen erfleht und Berücksichtigung im Gebet versprochen. Auch wenn man Gaben ausschlägt, ziemt es, sie achtungsvoll zu segnen und zu preisen; einer Königstochter werden im epischen Gedicht Mäntel und Ringe angeboten, sie lehnt die Gabe ab, indem sie sagt: »Gott lasse euch eure Mäntel und Ringe selig sein.« Eine Bäuerin überrascht nach einer Sage ihren Mann bei einer wilden Frau mit langen Haaren. Selbst in diesem Augenblick vergißt sie die Sitte nicht und ruft die Fremde an: »O behüte Gott deine schönen Haare, was tut ihr da miteinander?« Und dies artige Mahnen rührt die Fremde. Wer mit einer Leistung vor andere trat, und wer von andern erhoben werden sollte, dem ziemte, wie auch seine Ansprüche waren, die größte Bescheidenheit in Wort und Gebärde. Da der Sachsenherzog Lothar als Kandidat für die deutsche Königswürde aufgestellt wird, fällt er vor der Fürstenversammlung weinend auf die Knie; daß der Hohenstaufe Friedrich nicht ähnliche Bescheidenheit zeigt, wird ihm höchlich verdacht. Dem Autor, welcher eine Schrift beginnt, ziemt, in der Einleitung seine Unwürdigkeit für so großes Unternehmen kräftig hervorzuheben; diese demütigen Versicherungen bilden die stehende Einleitung fast jeder Mönchsarbeit, ja die christliche Demut veranlaßt den plauderhaften Bischof Thietmar von Merseburg in der Mitte seines Werkes zu schweren Selbstanklagen, und er unterbricht seine Erzählung durch die befremdliche Versicherung, daß er selbst nicht nur ein kleines Männchen sei, durch eine Fistel entstellt an der linken Wange, lächerlich durch einen gebrochenen Nasenknorpel, sondern auch ein ganz erbärmlicher Gesell, jähzornig, neidisch, ein Schlemmer, Heuchler und Geizhals, kurz schlechter als sich sagen lasse. Durch diese Versicherungen wollte der vornehme Mann aber nur seinen Herrenstolz vor dem Leser christlich demütigen [...]. Dieselbe Demut wurde von dem Unglücklichen und dem besiegten Feinde erwartet. Der Bettler mußte rühren durch klägliches Aussehen und traurige Gebärde; von dem besiegten Feinde wurde gefordert, daß er im Büßergewand und barbeinig sich zu den Füßen des königlichen Siegers niedersenkte. Zuweilen war dies der Preis, um welchen dem aufsässigen Vasallen Verzeihung gewährt wurde. [...] Ebenso waren die gesprochenen Worte ein wesentlicher Teil jeder rechtlichen Handlung, alles geselligen Verkehrs. Noch immer vernahm der Deutsche die wohlgefügte Rede mit einer Ehrfurcht, in welcher alter Aberglaube war, denn noch hatte feierlich gesetztes Wort und guter Wunsch geheimnisvolle Kraft. Wenn der Spieler eine Schachpartie begann, bei welcher er hohen Einsatz gewagt hatte, so versprach er heimlich den Umstehenden, ihnen einen Teil des Gewinns für schöne Kleider abzugeben, wenn sie ihm allein Heil wünschen wollten, und diese kluge Bitte hatte Erfolg. Auch gute Lehren, Weisheiten wurden noch als persönlicher Erwerb betrachtet, den man kaufen konnte. Ein fahrender Händler verkaufte einem Herrscher drei kluge Lehren, jede um dreihundert Gulden. Der Herr fragte: »Wie? Frommt mir deine Weisheit nicht, so verliere ich mein Geld«, und der Kaufmann antwortete: »Herr, ich bleibe in Eurem Reich; nützt Euch meine Weisheit nicht, so gebt sie mir zurück, und ich erstatte Euch Euer Geld.« Und der Herr kaufte die guten Lehren, die erste: Was du tust, das tue weislich und bedenke das Ende; die andere: Weiche nie von offener Straße um eines heimlichen Pfades willen; die dritte: Nimm nie späte Herberge, wo der Wirt alt ist und die Hausfrau jung; und die Befolgung dieser Geheimlehren rettete den Käufer aus drei großen Gefahren. [...] In der einzelnen Erscheinung ahnt der Deutsche das Lebensgesetz, aber nur im individuellen Leben vermag er das Gemeingültige zu fassen. Was dem Römer in sehr früher Zeit gegeben war, kurz, scharf, bestimmt den allgemeinen Rechtsgrundsatz hinzustellen, mit unbeugsamer Logik und Willenskraft alle Konsequenzen desselben zu ziehen, das war dem Deutschen ganz unheimisch, ja unmöglich. Es gab in dieser ganzen Zeit des Mittelalters keine Verfassung des Reiches, d. h. keine schriftliche Aufzeichnung über Rechte des Königs, der Fürsten, der Dienstmannen, der Freien und Unfreien, über Pflichten und Rechte des Herrschers und der Untertanen, und es gab solche Regeln nicht, weil im wirklichen Leben das Gemeingültige gar nicht in seiner Berechtigung empfunden und überall durch persönliche Verhältnisse überwuchert wurde. Auch das Verhältnis zum Staat faßte der Deutsche ganz individuell. Allerdings gab es Erlasse der Könige und Synoden, bei bestimmten Gelegenheiten gegeben, welche für kürzere oder längere Zeit befahlen und verboten, und aus solchen Bestimmungen und aus altem Herkommen hatte sich überall ein Gewohnheitsrecht gebildet, das von erfahrenen Männern im Gedächtnis bewahrt und auf den einzelnen Fall angewandt wurde. Aber diese lokalen Rechte waren sehr verschieden, sie waren in beständiger stiller Umbildung, die Ausnahme konnte in der nächsten Generation zur Regel werden, längst veralteter Brauch wieder hervorgesucht. Unendlich ist z. B. die Mannigfaltigkeit der Rechte und Pflichten der Unfreien, der ritterlichen Dienstmannen, der Bürger in den einzelnen Städten, überall wird eingerichtet nach dem Bedürfnis des Augenblicks und daher an Gleichmäßigkeit selten gedacht. So flüssig und schwankend sind die politischen Verhältnisse, daß unsere Wissenschaft vor den wichtigsten Fragen des alten Staatsrechts unsicher steht. War Deutschland bis nach den Hohenstaufen in Wahrheit ein Wahlreich oder nicht? Ohne Zweifel war es ein Wahlreich nach alter Volkserinnerung, und zuweilen wird die Königswahl höchst feierlich wie nach feststehender Methode vollzogen. Aber wieder durch Jahrhunderte folgt der Sohn auf den Vater, der Verwandte auf das Familienhaupt, ohne daß die Wahlhandlung etwas anderes ist als leere Form. Stand der reisige Dienstmann eines Grafen um das Jahr 1100 über oder unter dem freien Bauern? Unzweifelhaft war sein Recht schlechter, er diente nach strengem Hofrecht und konnte von seinem Herrn als unfrei danach gestraft werden, über den freien Bauern durften nur seinesgleichen nach Volksrecht den Spruch finden; aber tatsächlich war derselbe Ministeriale der mächtige Mann des Dorfes, der auf einem Ritterpferd zu Felde zog, der mit seinen Knechten den Bauer beim Tanz und Trinkkrug hochmütig behandelte, und um dessen Gunst oder Frieden das Landvolk zu sorgen hatte, weil er bei jedem Streithandel gewalttätig in die Dorfherden fiel, ja einen verhaßten Gegner packte, in sein steinernes Haus schleppte und quälte. Ähnliche Gegensätze füllen das gesamte deutsche Leben; sie machen es sehr schwer, die sozialen Verhältnisse dieser unsystematischen und gesetzarmen Zeit zu verstehen, in welcher die grünende Volkskraft sich überall eigene Formen, Rechte, Freiheiten suchte. [...] Noch war der Reichsordnung nicht gelungen, die alte Neigung der Deutschen zur Selbsthilfe auszurotten, im Gegenteil, je mehr sich die Interessen schieden und je mannigfaltiger die Kreise wurden, in denen der Mann stand, durch Schwur gebunden an seine Kirche, an den König, an seinen Lehnsherrn, an den Vasallen eines Vasallen, desto mehr verengte sich dem einzelnen der Bezirk, in welchem nach volksmäßiger Empfindung für ihn Friede und Recht zu finden war. In der ältesten Ordnung der Gemeinden und Gaue war waglustigem Manne, der sich mit Genossen verband, Raub und Gewalttat jenseit der Volksgrenzen gestattet gewesen; jetzt hatte die Trennung der kleinen Völker aufgehört, aber in jeder Landschaft hatten sich geschiedene Genossenschaften gebildet, Klosterleute, Stadtleute, Burgleute, welche argwöhnisch nebeneinander saßen; in demselben Dorf mochten die feindlichen Parteien wohnen. Und es war ebenso volkstümliche Anschauung, daß jeder Geschädigte, wenn er gegen seinen Feind nicht Spruch fand, der ihm genügte, sein Recht durch Selbsthilfe holen konnte, entweder allein oder in Verbindung mit seinen Schwurgenossen. So empfanden die Großen, so jeder im Volk. Deshalb erhob sich in Zeiten, wo nicht gerade die eherne Hand eines starken Fürsten den trotzigen Anspruch der einzelnen niederzuhalten wußte, vollends wenn der Frieden des Reiches gestört, die ohnedies schwache Handhabung des Rechtes gehemmt war, überall Faust gegen Faust. Auch in verhältnismäß ruhigen Jahren waren Gewalttat und Totschlag so häufig, daß einem Menschen unserer Zeit die Unsicherheit des Lebens und Eigentums unerträglich sein müßte. Es scheint, daß um das Jahr 1100 jedermann, die Geistlichkeit in der Regel ausgenommen, Waffen trug; auch die Unfreien, wenigstens die mit besserem Recht, sogar bei der Feldarbeit. In den Dörfern war der Brauch trotz allem Zorn der ritterlichen Insassen nicht abzuschaffen, er dauerte bis nach dem Bauernkrieg des sechzehnten Jahrhunderts; in den Städten mögen die Verbote gegenüber den Unfreien wirksamer gewesen sein, aber seit dort die Luft frei machte, wurde dies unvertilgbare Recht der Freien immer wieder Mode, wenigstens trug man an der Seite ein Kurzgewehr oder ein großes Messer. Da war natürlich, daß zufälliger Zwist auf der Straße und beim Trinkkruge häufig mit Blutvergießen endete. Man darf deshalb vor den geistlichen Klagen über Totschlag, Räuberei und Gewalttat, zwar die Zeit wild, die Menschen aber nicht roh nennen. War die relative Sicherheit des Lebens geringer und die Gewöhnung, um kleine Veranlassung das Leben zu wagen, größer, so formten solche Verhältnisse im Charakter der Deutschen auch manche Tugenden. Es war ein kühnes, waglustiges Geschlecht, welches unbedenklich für alles eintrat, was ihm groß und begehrenswert erschien; auch der kleine Mann bewahrte ein Gefühl der Kraft, und wenn er sich zum Schutz des eigenen Lebens mit Genossen verband, so war er erfinderisch, sich eine Ordnung zu setzen, und hielt mit feierlicher Würde darauf, daß er in seinem Kreise ziemlich und billig, ehrlich und höflich tat und empfing, was ihm zukam. Der wackere Landmann, welcher um das Jahr 1100 von einer Höhe seiner Dorfflur ausschaute, sah im Morgenlicht eine andere Landschaft als seine Ahnen gekannt hatten. Noch war der Rand des Horizontes von dunklem Waldessaum umzogen, es war damals viel Wald auch in der Ebene, überall Laubgehölz, Weiher und Wasserspiegel auf niedrigen Stellen zwischen dem Ackerboden; aber das Land war in den Ebenen reich bevölkert, die Zahl der Dörfer und der Einzelhöfe wahrscheinlich nicht viel geringer als jetzt, die meisten nicht so menschenreich. In gerodetem Wald waren neue Hufen ausgemessen und mit Ansiedlern besetzt, in der eigenen Dorfflur war altes Weideland in Ackerboden verwandelt; zwischen Saat und Holz stand am Waldessaum oder auf einem Bergesvorsprung die Kapelle eines Heiligen, in den Dörfern ragten die hölzernen Glockentürme hoch über die Häuser und Ställe, und am Sonntagmorgen läuteten die Glocken über das ganze Land, aus einer Flur über die andere, und zu dem hohen Klang der kleinen Dorfglocken gab in der Ferne das mächtige Summen einer großen Glocke den Grundton. Denn unten in der Flußniederung ragten Kuppeln und Türme eines Domes inmitten vieler Häuser, die mit starker Mauer umgeben waren. Eine Stadt war gebaut, wo einst der Reiher über das Wiesenland geflogen oder der Hirsch auf dem Wildpfad zur Tränke gelaufen war. Und wieder auf der andern Seite stand gegen das Dorf auf steilem Berggipfel ein gemauerter Turm und ein hohes Haus mit kleinen Fenstern, Eigentum des Grafen und Wohnsitz eines reisigen Dienstmannes, der mit seinen Genossen dort oben wirtschaftete nicht zur Freude des Bauern. Umschanzte Städte und befestigte Häuser der Reisigen erhoben sich jetzt überall auf deutschem Boden, nicht nur an Rhein und Donau, in Schwaben, Franken und Bayern, auch im alten Sachsenland und in den Ostmarken gegen Slawen und Ungarn. Und die Städte waren in den letzten Jahrhunderten wie über Nacht entstanden, daß man bei vielen nicht zu sagen wußte, wann sie begonnen hatten; der größte Kulturfortschritt vollzog sich leise, im Zwang der Stunde, und die Zeitgenossen, welche daran arbeiteten, wußten wenig, wie unermeßlich der Segen war, den sie dadurch ihren Enkeln bereiteten. Und wer von der Erscheinung zurückblickt auf ihren Grund, der vermag gerade hier die geheimnisvolle Arbeit schöpferischer Kraft wie in einer Werkstätte zu belauschen und ehrfürchtig zu erkennen, wie dem Menschengeschlecht Unglück in Glück und Verderb in den edelsten Fortschritt umgewandelt wird. Es war ein Unglück für die Deutschen, daß die Zahl der freien Landleute sich seit der Völkerwanderung mit reißender Schnelligkeit verringerte, die Zahl der Dienstpflichtigen und Unfreien sich unaufhörlich vermehrte; es war traurig, daß alle Gewalten, welche das Leben der Deutschen regierten, um die Wette dazu beitrugen: die Könige und ihre Beamten, welche zu vornehmen Gebietern des Volkes geworden waren, die christliche Kirche und ihre Bildung, welche den Vornehmen stärker vom Volk schied, nicht weniger endlich das geprägte Silber und Gold, welches Reiche erhob und Arme niederdrückte. Aber durch dieselben Gewalten wurde auch der Fortschritt gewonnen, auf einem Umweg, doch darum nicht minder glorreich. Zuerst half eine alte Vorschrift der Kirche, aus romanischen Ländern nach Deutschland gebracht, daß Bistümer nur in den Städten angelegt werden sollten. Wo der Dom eines Bistums sich auf deutschem Grunde erhob, da mußte die Umgebung mit Menschen gefüllt und gegen die Landschaft abgeschlossen werden. Der Bischof oder Reichsabt zog an seinen Herrensitz seine große Familie von kunstfertigen Unfreien; der Heilige, dessen Gebeine in der Kirche Wunder taten, sammelte an seinen Festtagen große Mengen Volkes in dem Stadtraum; auf den freien Plätzen erhoben sich die Buden der Kaufleute; sehr früh erwarben die geistlichen Herren für die Waren, die zu der großen Messe geführt wurden, auf der Straße des Königs Schutz- und Zollfreiheit. Die Landschaft gewöhnte sich, nach des Bischofs oder Abtes Stadt zu pilgern, in regem Marktgewühl zu handeln. Zumal wo Deutsche gegen Slawen, Awaren und Ungarn kämpften, auf dem eroberten Grenzgebiet an der Elbe und Donau, erwiesen sich die Kirche des Heiligen und die Stadtmauer als das einzige Mittel, die Umgegend dauernd zu behaupten. So wurden Bremen, Hamburg, Lübeck, Naumburg, Zeitz, Quedlinburg, Halberstadt, Hildesheim, Fulda, Bamberg, Salzburg und viele andere Städte heraufgebracht. Dasselbe geschah, wo ein König oder großer Landesherr auf seinem Wirtschaftshof einen Palast, »die Pfalz«, oder auf gefährdetem Boden eine größere Burg gebaut hatte; auch solche Orte erhielten schnell weiten Umfang, denn dorthin forderte der Gebieter sein Heer und die Gewaltigen seines Reichs. Herren und Mannschaften kamen mit großem Troß und suchten außer dem Obdach auch die Genüsse, welche die Zeit bot, sie kauften Waren, sahen Neuigkeiten, welche ausgestellt wurden, und lachten über die Possen des wandernden Spielmanns, der mit seiner Harfe und seiner Bande herzugeeilt war. An solchen Plätzen entstanden Aachen, Frankfurt, Ulm, Nürnberg, Goslar, Braunschweig, Magdeburg, Merseburg, Meißen. Seitdem im neunten und zehnten Jahrhundert die Normannen von der See, die Ungarn im Süden räuberisch das offene Land durchzogen, vergaßen die Deutschen in der Not der Stunde überall die alte Abneigung gegen ummauerte Wohnsitze. Herrenhöfe und Häuser der Dienstmannen, Abteien und größere Dörfer wurden befestigt, in vielen erwuchs das städtische Leben. Was von neuen Städten um 1100 zwischen Rhein und Elbe, zwischen Nordsee und Donau lag, war freilich einer modernen Hauptstadt sehr unähnlich. Noch schloß der umfriedete Raum Ackerbeete und Gärten ein, die Mehrzahl der Einwohner waren Landbauern, welche ihre Gespanne aus der Stadt auf die Außenäcker führten, das Ganze zunächst eine große Dorfanlage um Kirche, Bischofshaus oder Palast. Wie auf dem Dorf galt dort das Hofrecht des Bischofs oder Königs, denn die Bürger waren Dienstpflichtige und Unfreie, unfrei vor andern fast alle Handwerker. Dazwischen saßen aber auch Freie einzeln oder in größerer Zahl, Kaufleute, Landbesitzer der Umgegend oder fromme Anhänger der Kirche, außerdem reisige Dienstmannen ihres Herrn. Aber Freie und Unfreie waren von fremder Gewalttat gesichert, sie standen im Schutze eines mächtigen Herrn, der mild über ihnen waltete und unter den eng Zusammenlebenden bessere Ordnung zu halten vermochte. Und sie hatten Gelegenheit zu Verdienst, wie ihnen das offene Land nicht bot. Tagesverkehr und gemeinsamer Vorteil milderte sehr bald den Gegensatz zwischen Freien und Unfreien. Denn der freie Kaufmann entnahm von dem hörigen Handwerker die Waren, Metallarbeit und wollene Gewebe und vertrieb sie mit seinen bewaffneten Knappen im Lande. Handwerk, Handel und Geldverkehr traten in enge Verbindung und gewannen dadurch einen plötzlichen Aufschwung. Der Segen der Arbeit und ihre lebenschaffende Kraft wurden dem Volke deutlich. Wer um 1100 von Köln nach Hamburg, von Augsburg nach Nürnberg reiste, der kümmerte sich gar nicht darum, daß die eine Stadt um ein Jahrtausend älter war als die andere, daß in Köln die Gemahlin des Germanicus am Tor geharrt und die Legionen begrüßt hatte, den Knaben Caligula an der Hand, und daß in Augsburg ein Sohn des Augustus, von Liktoren umgeben, auf dem Marktplatz gesessen hatte, während über dem Grund von Hamburg und Nürnberg noch das Baumlaub rauschte und die gefallene Eichel einen Sproß trieb, welcher als alter Urbaum bei der Stadtgründung gefällt werden sollte. Aber man merkte damals doch einen Unterschied in Aussehen, Kraft und Wohlstand zwischen den alten Römerstädten auf deutschem Boden und den neu gewordenen. Utrecht, Mainz, Köln, Trier, Regensburg, Worms, Speyer und Augsburg waren die altberühmten Städte des Reichs, Sitze großer Bischöfe und alter Kaiserpfalzen; zwischen den großen Kirchen und geschwärzten Römertürmen und neben den Dienstleuten der Bischöfe hatte sich dort eine größere Anzahl Freier angesiedelt; Köln war um 1100 bereits eine große Handelsstadt, Utrecht ein Mittelpunkt der flamländischen Wollenindustrie; die Zahl der steinernen Gebäude war größer, die Stadtmauer wahrscheinlich höher und besser mit Türmen und Außenwerken geschützt, das Selbstgefühl der Bürger kecker, auch ihre Freiheiten besser und ihre Vornehmen stolz. Aber obgleich sie noch im Vordergrund deutschen Städtelebens standen, zu groß darf man sich den Abstand der alten und neuen Städte nicht denken, gerade bei mehreren neuen ging die Entwicklung wunderbar schnell und kräftig vonstatten. Denn groß wurde der Zudrang vom Lande nach der Stadt. Der alte Wandertrieb regte sich wieder kräftig. Dieselben Zustände der Dorfflur, welche in der Urzeit die Auswandererscharen nach dem Süden getrieben hatten, dauerten fort, jene alte beengende Einfügung des einzelnen in das Wirtschaftssystem seines Dorfes. Und dazu war neues größeres Leiden gekommen, die Dienstbarkeit unter einem Herrn. Kaum waren die Sachsenkriege beendet und die wüste Unordnung der letzten Karolingerzeit überstanden, so wurde in den Dörfern wieder die Überfüllung fühlbar. Neue Rodungen und Verminderung des Weidegrundes halfen nur auf kurze Zeit. Wer nicht aussichtslos fortleben wollte in der alten Hütte und nicht einen Teil seiner Erträge an andere abgeben, der blickte jetzt sehnsüchtig nach den Baumstämmen oder den Steinen, welche die nächste Stadt einschlossen. Im zehnten und elften Jahrhundert begann durch ganz Deutschland eine neue Kolonisation im Inlande, mächtig und unwiderstehlich, das Landvolk zog in die Städte. Mit märchenhafter Schnelligkeit füllten sich die neugegründeten Orte, bei manchen mußte wenige Jahre nach der Anlage die Stadtmauer erweitert werden, an viele schloß sich von außen Neustadt und Vorstadt. Der Grundherr hatte dabei den größten Vorteil: sein Ackerland wurde in Baustellen verwertet, wenn er die Häuser baute, und wenn er die Plätze gegen Zins den Einwanderern überließ, wurde seine Bodenrente hochgesteigert. Und der Arbeiter fand für jede Art von Tätigkeit, zu der er geschickt war, höheren Lohn, besseres Leben und größere Freiheit. Auch der unfreie Landmann, der anderem Herrn gehörte, suchte Gelegenheit, sich loszukaufen oder dem Bischof verkauft zu werden, oder er entfloh in die Mauern, wo er gebraucht und gern aufgenommen wurde. Je teurer der Stadtgrund wurde, desto enger schlossen sich die Häuser in der Mauer zusammen; groß war unter den Einwohnern der Eifer für den Vorteil ihrer Stadt; die Mauern zu verteidigen gegen den drohenden Feind, oder für den Vorteil des Stadtherrn ins Feld zu ziehen, wurde auch dem Unfreien Pflicht und Ehre, ein männlicher kriegerischer Geist und schönes Freiheitsgefühl lebten in der neuen Gemeinde auf. Nicht lange, und den Bürgern wurde das Herrenrecht ihres Bischofs oder Herzogs lästig und der Vogt feindselig, den der Grundherr ihnen gesetzt. Als unter Kaiser Heinrich IV. die Mehrzahl der Bischöfe und des hohen Adels gegen die kaiserliche Gewalt in Waffen trat, da fuhr es wie ein Wetterschlag durch die deutschen Städte, überall erhoben sich die Bürger gegen ihren Grundherrn und stellten sich auf die Seite ihres Kaisers und des Reiches. Bereits zweihundert, ja hundert Jahre nachdem die Städte des innern Deutschlands gegründet waren, rührten sie sich als starke politische Macht, sie bildeten ein neues Fußvolk, welches gegen die Vasallenreiterei der Edeln kämpfte. Und die Frankenkaiser wußten wohl den Wert dieses neuen Bundesgenossen zu schätzen, sie minderten den Druck der Grundherrschaft, gaben den Unfreien in einzelnen Städten das Recht, ihr Einkommen auf die Kinder zu vererben, sie wehrten dem Grundherrn, dem sein Höriger in die Stadt entwichen war, die schonungslose Rückforderung. Endlich im zwölften Jahrhundert wurde Stadtrecht, daß kein Unfreier, der Jahr und Tag ohne Forderung des Herrn in der Stadt gelebt habe, zurückgeboten werden dürfe, und in das deutsche Leben kam der große Satz, daß die Luft der Stadt frei mache. So vollzog sich die gewaltige Wandlung. Aus dem lockern Zusammenhang freier Landgemeinden war das deutsche Königtum aufgestiegen: Der Heerkönig hatte eine Aristokratie seiner Beamten, der Herzöge, Grafen und der Bischöfe geschaffen, durch die weltlichen Würden waren die äußern Feinde abgewehrt, durch die geistlichen Würden war Christentum und neue Lehre dem Volk verkündet. Beide, Bischöfe und weltliche Beamte, waren zu großen Vasallen geworden und hatten den Stamm der Freien herabgedrückt, die Volkskraft vermindert. Als nun die geistlichen Herren ihre weltliche Macht im Dienste des römischen Bischofs gegen den gemeinen Nutzen verwandten, und als die herrschlustigen Fürsten ihr Hausinteresse über das des Reiches stellten, als so die Bildungen der ersten Königszeit, die einst das Reich gegründet hatten, dasselbe in Gefahr setzten, zu zerfallen: da brachte ein neuer Teil der Volkskraft, der in dieser Zeit herauf gewachsen war, dem Reich Hilfe und Rettung, die Städte und ihre Bürger. Und die Männer, denen die Wiedergeburt deutschen Lebens zu danken ist, waren in der großen Mehrzahl gerade die Unfreien, die Gedrückten und Gequälten der alten Königszeit. Die Freiheit, welche sie auf der Ackerscholle zur Zeit der Merowinger und Karls des Großen verloren hatten, gewannen sie unter den Frankenkaisern und Hohenstaufen in den Städten wieder, eine bessere Freiheit, sie selbst als die Vorkämpfer einer neuen Kultur. Zur Erläuterung des Gesagten wird im folgenden ein kleines Schriftstück mitgeteilt, welchem zwar der Reiz fesselnder Schilderung entgeht, das aber mit wenigen Worten in die gesellschaftlichen Zustände jener Periode einführt. Der Kampf der Geistlichen gegen die Übergriffe des raublustigen Adels, Bau von Burgen, Befestigungen von Städten, die Anstrengungen eines entschlossenen Mannes zur Rettung seines Eigentums werden daraus deutlich. Es ist ein Bericht, welchen Marquard, Abt des Klosters Fulda (von 1150–1165), hinterlassen hat. Er war ein tatkräftiger Mann von tüchtigem Selbstgefühl, dem nicht beschieden war, bis an das Lebensende seinem fürstlichen Stift vorzustehen, denn er dankte ab, weil er in dem Kirchenstreit den Papst der Kaiserpartei nicht anerkennen wollte und starb 1168 im Michaeliskloster zu Bamberg. Seine Schrift fällt zwar in die Zeit der ersten Hohenstaufen, aber die Zustände, welche er schildert, waren damals nicht neu, es sind genau dieselben Kämpfe und Leiden, welche schon unter den fränkischen Kaisern beklagt werden. Er beginnt in seinem Latein folgendermaßen: Im Namen der Heiligen Dreieinigkeit, ich Marquard, durch Gottes Gnaden demütiger Diener der heiligen Kirche von Fulda, wünsche allen, welche Christo und mir getreu sind, Gnade und ewiges Heil in Christo. Ich weiß, daß es nicht meine Sache ist, die eigene Person zu empfehlen, da geschrieben steht: »Dich lobe fremder Mund, nicht der deine.« Aber weil ich nach Gottes Befehl und Willen mit reinem Gewissen rede, möge man anhören, was ich vorbringe, mir nicht nur zur Empfehlung, sondern auch zur Verteidigung, damit nicht etwa die Neider meiner Werke nachteilig auslegen, was ich in guter Absicht getan habe, und damit sie mir nicht als Vergeudung zur Last legen, was ich aus ehrlichem Herzen zur Verteidigung der mir anvertrauten Kirche ausgeführt. Also seit ich durch Gottes Gnade auf Befehl des Königs Konrad und durch mahnende Wahl der Brüder und dieser ganzen Gemeinde zuerst in mein Amt trat, fing ich an zu überlegen, wie ich mit Gottes Hilfe wohl diese verödete und fast auf nichts heruntergebrachte Kirche von der Plünderung und Beraubung durch gewisse Leute erlösen könnte. Denn es war wirklich traurig zu sehen, wie eine so edle Stätte, allen Frommen lieb und ersehnt, zu solcher Vernachlässigung heruntergekommen war, daß in den ganzen Vorräten der Brüder oder des Abtes nichts war, wovon man den Brüdern einer so ehrwürdigen Genossenschaft täglichen Lebensunterhalt geben konnte. Und das war nicht wunderbar, denn die Laien hatten alle Güter dieses Klosters hinter sich, und was sie wollten, gaben sie, und was sie wollten, behielten sie für sich. Zum ersten ist dadurch dem Kloster großer Schaden geschehen; denn wer von den Laien einige Zeit ein Gut dieser Abtei in seiner Hand hatte, nahm sich die besten Hufen heraus und vererbte diese nach Benefizialrecht auf seine Söhne, so daß manches Gut mehr Hufen verlor als es übrigbehielt, und ein Gut, welches dem Kloster vierzehn Tage arbeiten mußte, arbeitete kaum sieben, und was sieben Tage hatte, arbeitete den Brüdern kaum drei oder gar nicht. Und wieder war ein anderes Leiden noch viel unerträglicher. Die Fürsten verschiedener Landschaften nahmen sich von den naheliegenden Kirchengütern, soviel ihnen gut schien und behielten dies, als wäre es ihr Benefizium, ohne daß ihnen jemand steuerte oder dagegen sprach. Die Kleineren aber machten sich Rodungen und Dörfer in den Wäldern und Gehegen des heiligen Bonifazius. Gar nicht zu reden von den Hörigen der Kirche, welche überall dem Raub preisgegeben waren, da sie jeder an sich riß und sagte: »Mein bist du, mein bist du, ich habe dich als Benefizium erworben.« Diese und ähnliche und viel größere und schwerere Übel zwangen unsere Vorgänger, Gefäße und Geräte des Gotteshauses zu verkaufen und zu verzetteln, und die Schmucksachen der Kirche zu zerreißen und zu zerstreuen, wenn sie der königlichen und der römischen Kurie dienen mußten, weil die Einnahmen der ganzen Abtei in die Hände der Laien gekommen waren. Und wenn ein Abt ihnen widersprechen wollte und in richterlicher Entscheidung Recht gegen sie suchte, so schlüpften sie durch listige und kluge Gründe ihres Rechtes, welches sie Lehnrecht nannten, wie eine Schlange aus seinen Händen und entkamen durch gewundene Rede ohne Schaden. Diese ganze Gefahr und Verwüstung der anvertrauten Kirche hatte ich vor Hand und Auge und begann bei mir zu überlegen, was zu tun sei, zumal da mir viele Widerwärtigkeiten und Widersprüche erwuchsen, wenn ich einen von diesen Leuten anders stellen oder verhindern wollte. Zuerst also suchte ich Hilfe bei Gott und übergab mich ganz ihm, der in Gefahr zu helfen pflegt, und ich hielt einen Rat mit Autorität des Herrn Papst Eugenius und auf Befehl meines Herrn Königs Konrad, und habe keinem meiner Leute oder Dienstmannen irgend etwas als Benefizium gewährt als was sein war; wenn er sonst etwas von den Gütern der Kirche in der Hand hatte durch Aneignung oder Raub, hab' ich es ihm verboten. Meine Güter habe ich den Laien untersagt und habe dieselben sogleich mit meinen Brüdern und mit Landleuten, wie es mir recht und genehm schien, besetzt. Deshalb habe ich sofort, weil der erste Zusammenstoß der schärfste ist, von der Feindseligkeit einiger Gegner großen Widerspruch erfahren, auch Totschlag der Meinigen, Augenausstechen und Blutvergießen. Aber um kurz zu sein, der allmächtige Gott, dem ich mich und all mein Eigen vertraute, hat den Meinen einen wunderbaren und unglaublichen Sieg über Gegner und Feinde der Kirche geschenkt, und vielen erschien es als etwas Großes, daß ein Mensch ohne Hilfe seines Geschlechts, ein Ankömmling und Fremder in diesem Lande soviel durchsetzen konnte. Aber das ist nicht wunderbar. Denn wir Geistlichen und Mönche würden die unersättliche Habsucht, welche Verwandte haben, nicht sättigen können, wenn wir auch außer der Abtei das größte Bistum hätten, und doch würden sie uns vielleicht nur lau helfen und nur zum eigenen Vorteil. Doch genug davon. Ich, Marquard, begann den Bau der Burg Bieberstein. Allerdings ziemt den Mönchen, nur im Kloster zu wohnen und geistliche Kämpfe zu fechten, aber die Welt liegt im Argen und enthält sich des Schlechten nicht, wenn ihr nicht mit Gewalt widerstanden wird. Denn ich dachte in meinem Gemüt: Hier ist eine Stelle für eine Burg. Wenn sie von einem Feind der Kirche besetzt würde, könnte dieser uns alles Leid antun und nur mit großer Einbuße an Habe und Gefahr der Menschen herausgeworfen werden. Darauf begann ich, die Burg zu bewohnen und zum Nutzen der Kirche zu verwenden und mit treuen Kriegern zu besetzen, welche die Ehre des Klosters vertraten. Diese beschworen mit einem Eide, sich niemalen zu ergeben, selbst bei Todesgefahr nicht, außer zur Ehre des Klosters und Abtes. Darauf habe ich die daranliegende Burg, Haselstein genannt, mit großer eigener Gefahr und Aufwand der Kirche eingenommen, weil sie ein Schlupfwinkel von Dieben und Räubern war, welche sich daselbst mit ihrem Herrn Gerlach in sicherem Versteck befanden, und habe sie zur Verteidigung des Kirchengutes mit treuen Männern besetzt und habe rund herum Befestigungen errichtet und ein Dorf und einen Markt unter der Burg angelegt. Ferner habe ich an dem königlichen Schloß Baumenburg Mauern errichtet und starke Befestigungen erbaut, und auf diesen Bau zur Ehre und Verteidigung unserer Kirche viel Mühe verwandt in der Absicht, um mit dem Kaiser und mit den Dienstmannen des Reiches engere Genossenschaft zu haben, und damit wir zu ihnen fliehen könnten, wenn ein Krieg hereinbräche. Und damit nicht in der Umgegend unseres Ortes, nämlich der Stadt Fulda, von nichtswürdigen Männern ein Tumult aufgeregt würde, wie oft von solchen geschieht, welche darum in die Burgen fliehen und sich gesellen, um Beute aus der Gegend zu holen, so habe ich mannhafte und tapfere Männer angenommen und habe sie als Besatzung in die Burg gelegt. Und um dem Ort und unserem Volk sicheres Wohnen in aller Kriegsgefahr zu schaffen, habe ich den ganzen Ort Fulda mit sehr starken Mauern umgeben, mit Pfahlwerk und Damm befestigt, habe Wighäuser erbaut, Tore mit Eisenbeschlag und Riegel eingehängt und das Volk selbst durch Bau und Bewaffnung wehrhaft gemacht und der ungerechten Unterdrückung durch die Vögte enthoben. Aber ich habe nicht nur auf die Außengebäude Sorge gewandt und mir damit um Gottes Willen zur Ehre des Ortes und zur Verteidigung der Seelen und Leiber nach Kräften Mühe gegeben, ich habe auch im Innern, nämlich zur Wiederherstellung des Klosters, viel Arbeit aufgewandt, wie jedem, der es sieht, wohl bekannt sein wird. Das Dach des Klosters war früher von Blei, aber vor Alter zusammengefallen, ich habe es wiederhergestellt und verbessert und habe einen Glockenturm aus den besten Werkstücken errichtet. Ich sah auch, daß der Quell der Wasserleitung wegen Alter und Verfall versagte, er gab unsern Brüdern zum Waschen der Hände langsam und wenig Wasser, ja manchmal gar keines; da habe ich ordentliche Kanäle eingerichtet und durch bleierne Röhren den Wasserlauf ganz dauerhaft wiederherstellen lassen, auf daß von jetzt ab niemals rinnendes Wasser fehle, welches von selbst auf die Hände der einzelnen Brüder läuft. Aus dieser Wasserleitung habe ich auch eine Ader des Quelles auf den Markt geleitet und einen großen Stein mit vieler Mühe durch die Stadtmauer hereingebracht und mit Wasser angefüllt. Soviel über die Bauten und Befestigungen. Aber ich kehre zu dem ersten Gegenstand meiner Vorsorge zurück. Seit ich nach Gottes Willen der Kirche von Fulda vorstand, habe ich immer gedacht und gesorgt, wie ich die Güter unserer Kirche von denen, die sie geraubt hatten, zurückfordern könnte. Und mit Gottes Willen habe ich darin durchgesetzt, was ich konnte, denn ich ging durch alle Dörfer und forschte angelegentlich und fand endlich nach Angabe getreuer Männer, wieviel überall weggenommen war. Dann ging ich allmählich die einzelnen in dieser Sache an und forderte wenig von vielen zurück. Denn alle Entwendungen konnte ich gar nicht zurückverlangen, weil alle Ministerialen der Kirche ihren Vorteil, nicht den des Herrn suchten und einander beistanden. Jedoch erhielt ich in jedem Dorfe etwas, in einigen aber mehr, in andern weniger; doch so, daß wenige Dörfer sind, in denen ich nicht einen Hof oder zwei oder drei oder mehr für die Kirche behauptete. Darauf aber trat ich in Beratung mit dem ältesten Volk von den treuesten Hörigen der Kirche, umging und betrachtete die Grenzmarken der Wälder und Äcker, der Wiesen und Triften. So habe ich ermittelt und zurückgefordert durch den Umgang der Gemeinden, welcher Landleite genannt wird, viele Hufen, Äcker und Wiesen, Waldmarken, Triften und Grenzzeichen, die in alter Zeit widerrechtlich genommen waren; auch die Mühlen und Mühlstellen, die widerrechtlich vorenthalten wurden, auch Fischteiche und Gewässer und den Wasserlauf, der widerrechtlich von dem alten Bett abgeleitet war, habe ich zurückgefordert. Als ich das alles zurückgefordert und der Kirche von Fulda mit vieler Mühe und Gefahr erlangt hatte, begann ich lange bei mir sorglich zu bedenken, wie ich aus diesen erworbenen Gütern dem Herrn und St. Bonifazius den besten Dienst und meinen Brüdern nützlichen und notwendigen Trost verschaffen könnte. Nun sandte mir Gott in meinen Sinn, daß ich an das Leiden der Brüder dachte, nämlich wie unsere Brüder das ganze Jahr an ihrer Mahlzeit Mangel leiden, und ich sagte meinem Herzen: Weil ich mit Gottes Hilfe einiges von vielem Besitz, der dem Kloster entzogen war, zurückerworben habe, so will ich dies mit Gott zum Bedarf der Brüder anwenden; vielleicht wird durch Gottes Fügung dafür mehr und Größeres in meine Hände kommen. – Und damit kein Leser meine, dies sei zur Verkleinerung oder zum Ärgernis geschrieben, möge er bedenken, daß ich die Wahrheit sage. Haben nicht der Landgraf und der Sohn des Königs Konrad die Lehen sehr vieler Fürsten an sich gezogen und dürsten noch danach? In ähnlicher Weise züngeln auch viele andere krank vor Begehrlichkeit immer, ihre Gierigkeit zu befriedigen. Und doch werden sie bei ihrem Tode alles hier zurücklassen, sie mögen wollen oder nicht. [...] III Aus den Kreuzzügen Verbindungen mit dem Morgenlande. – Die Pilgerfahrten. – Beweglichkeit der Völker. – Verbreitung der Neuigkeiten. – Wirkung der Rede. – Die Gerüchte vom ersten Kreuzzug. – Wachsende Aufregung im Volke. – Volksmäßige Auffassung der Kreuzfahrten. – Vorzeichen und Wunder. – Heidnische Erinnerungen. – Der Sturm im Volke, die Judenhetzen. – Das erste Kreuzheer. Leiden, Begeisterung, Demokratie in den Heeren. – Rückwirkung auf Deutschland. – Deutsche Bedenken gegen die Kreuzfahrten. – Zunahme freier Kritik und weltlichen Sinnes. – Gerhoh von Reichersberg. – Schilderung des Kreuzzuges von 1147 nach den Würzburger Annalen von Gerhoh. – Neue Demokratie der Geistlichen und ritterlichen Laien. – Einfluß derselben auf die Kirche des Mittelalters Dem westlichen Europa war das Morgenland seit der Völkerwanderung nicht fremd geworden. Noch immer waren Byzanz, die Inseln und Kleinasien die ersten Stationen des Welthandels, den teuersten Schmuck, die kostbarsten Genüsse holte dort der Pisaner und Genuese; die heiligsten Reliquien stammten aus Palästina oder sollten dort verborgen sein, alljährlich knieten Pilgerscharen aus dem Abendland auf dem Ölberg und Golgatha, viele Legenden und weltliche Sagen, märchenhafte Berichte von Pracht und Reichtum Konstantinopels und der asiatischen Küstenländer wurden durch den fahrenden Spielmann umhergetragen. Das griechische Kaiserreich war dem Abendlande verhältnismäßig weit enger verbunden als jetzt das türkische Reich den Völkern des westlichen Europas; noch immer kämpften die Ansprüche Ostroms in Italien gegen deutsche Kaiser und Heere, und griechische Prinzessinnen hatten in den deutschen Kaiserfamilien mehr als einmal verhängnisvolle Bedeutung gewonnen. War das Kaisertum von Byzanz auch in seiner Herrschaft unablässig eingeengt worden durch Ungarn, Bulgaren, Slawen, Araber und durch asiatische Völker des Altaistammes, die Achtung vor der alten Größe war dem Abendländer doch geblieben. Wer von seinem Sitz im deutschen Dorfe oder aus den Holzhäusern einer ummauerten Stadt nach Konstantinopel kam, der staunte vor riesigen Gewölbbogen und steinernen Palästen, vor den ungeheuren Märkten und der Menge von Waren und Gold, wie vor der Zahl des Volkes in der Rennbahn; er sah die orientalischen Gewänder, den bunten Schmuck der Beamten, er fügte sich vielleicht ehrfurchtsvoll dem Zeremoniell des vornehmen Hofes und fand unter den germanischen Söldnerscharen der »gebannten Wölfe«, der Waräger, vielleicht deutsche Bekannte, welche dort das Glück eines Landsknechts gefunden hatten, eine schwere Goldkette, heißen Wein, Rauferei mit vielen Völkern und gefällige Frauen. Denn noch immer seit der Wanderzeit stützten sich die Kaiser von Byzanz zumeist auf geworbene Söldner aus deutschem Stamm. Die den Namen Waräger führten, waren ursprünglich Normannen und Dänen gewesen, sie hatten sich aber aus zugelaufenen Söldnern der verschiedensten Germanenvölker ergänzt. Neben ihnen dienten Franken, Angelsachsen, italienische Normannen in der Regel unter eigenen Häuptlingen, wie zur Zeit des Theodosius und Justinian; und wie damals wurden fremde Heerhaufen aus allerlei Volk des Orients neben die Germanen gestellt und jeder Abteilung ihre Kampfweise und Nationalität sorglich geschont, um die eine durch die andere zu bändigen. Neben dem fahrenden Kriegsmann zog nach dem Osten, wer irdische Weisheit und seine Kunst suchte. Noch lag das Abendrot hellenischer Bildung auf Griechenland, den Ländern zwischen Mittelmeer und Euphrat und am Delta des Nil. In den Werkstätten der Goldschmiede und Erzarbeiter von Antiochien lernten auch Abendländer zierliche Arbeit verfertigen, Baukünstler aus Alexandrien wurden nach Italien verschrieben, und die gelehrten Schulen von Athen galten bis in das dreizehnte Jahrhundert für Bewahrer vieles geheimen Wissens, welches den Lateinern unbekannt war, und wurden von lernbegierigen Franken, Angelsachsen und Normannen besucht. Nicht nur aus den römischen Städten Italiens und Frankreichs, auch aus alten Kolonien der Hellenen kam in die neuen Werkstuben der deutschen Stadtbürger Erfindung des Handwerks, der bildenden Kunst und Wissenschaft. Doch den lebhaftesten Verkehr mit dem Morgenland vermittelte der Glaube. Die Landschaft, wo der himmlische König der Christen gelehrt und gelitten hatte, hieß den Abendländern das »Heilige Land«, wer dorthin fuhr mit seinen Sünden in bitterer Herzensangst, der hatte sichere Hoffnung, Vergebung zu finden und ein begünstigter Mann im Reich des himmlischen Königs zu werden. Seit der Völkerwanderung sammelten sich die Pilger alljährlich an den italienischen Küsten, nachdem sie zu Rom die Gräber der Apostel besucht hatten, und fuhren auf den Galeeren von Pisa und Genua nach Konstantinopel, von da zu dem Lande der Verheißung. Dort suchten sie die großen Erinnerungen und wurden von den Christen, Juden und Mohammedanern des Landes geradeso ausgebeutet wie noch jetzt die Wallfahrer. Sie beteten an dem Stein, auf welchem Christus gesessen, und tranken aus der Quelle, deren Wasser einst seine Lippe berührte, ihr höchstes Glück war während der Osterzeit in Jerusalem zu knien, auf den Bergen seines Leidens und an der Stätte, wo sein Leib bestattet worden war. Hatten sie betend und büßend sich ihrer Gelübde entledigt, dann tauchten sie, der Vergebung ihrer Sünden froh, den Leib in die Wasser des Jordans und pflückten Palmenzweige aus dem Garten Abrahams bei Jericho. Diese Pilgerfahrten des Abendlandes wurden allerdings zuweilen gestört. Längst war Jerusalem in den Händen der Ungläubigen, und Raubflotten mohammedanischer Fürsten machten das Mittelmeer unsicher. Aber es scheint, daß die Pilgerzüge von dem Reiche der ägyptischen Kalifen im ganzen begünstigt wurden wie von den Griechen. Nur zufällig wird von den Zeitgenossen berichtet, daß ein vornehmer Geistlicher oder Laie nach dem Heiligen Lande gefahren sei. Aber es ist ersichtlich, daß seit den Sachsenkaisern fast jeder, der von gesteigerter Frömmigkeit war oder der ungewöhnlichen Druck seiner Sünden fühlte, mit diesem Entschlusse rang. Und die jährliche Zahl der Pilger muß sehr bedeutend gewesen sein, auch der Nutzen, welchen sie brachten, sehr groß. Denn auch die wilden Seldschuken hielten seit ihrem Einbruch in Palästina das Land und die Grabkirche in Jerusalem »des Gewinnes wegen« dem Abendlande geöffnet. Es ist wahr, die Fahrt nach dem Heiligen Land war trotz aller Schonung, welche dem Pilger zuteil wurde, kein gefahrloses Unternehmen. Aber der Pilger unterzog sich der Gefahr für einen Zweck, welcher seinem Gott am wohlgefälligsten war; traf ihn dabei ein Unglück für dieses Leben, so wurde es ihm reichlich vergolten im Jenseits, seine Rechnung blieb gut, sein Vorteil sicher. [...] Die Kunde aus fremdem Lande verbreitete sich um 1096 in Deutschland schneller als man meint. Es ist wahr, der Mann stand festumgrenzt in seinem Kreise: der Dorfflur, der Stadtmauer, dem Kloster; aber zwischen den Angesessenen zog damals viel abenteuerndes Volk durch die Lande, verachtet, gefürchtet und oft begehrt. Außer Räubern und Bettlern, wandernden Händlern und Gaunern, welche ein Gewerbe daraus machten, von den Heiligen großer Kirchen geheilt zu werden, auch das rechtlose Geschlecht der fahrenden Leute. Die weltklugen Sänger, welche einst in der Methalle des Häuptlings ihre Lieder gesungen hatten, waren in die Ungnade der Kirche gefallen, zumeist deshalb, weil ihre Gesänge so voll Heidentum waren, daß die Kirche allerdings Ursache hatte, in Synodalbeschlüssen dagegen zu eifern. Trotzdem klang noch der alte Gesang kräftig im Volk. Auch an die Klostermauer lehnte der wandernde Sänger das Saitenspiel und bat, den Hut in der Hand, um Einlaß, und fröhlich verzog sich das Antlitz der frommen Brüder, wenn der bunte Vogel, den vielleicht ein Weiblein begleitete, an der heiligen Pforte in die Saiten griff. Die Einwirkung dieser Fahrenden auf das Volk war nicht gering; jedes neue Ereignis verkündeten sie in Liedern, alle Neuigkeit, nach dem Geschmack der Hörer aufgefaßt und umgewandelt, trugen sie durch die Länder. In einer Zeit, wo keine regelmäßige Verbindung durch Boten und Schrift zwischen Stadt und Land lief, regte jede große Nachricht, die aus der Fremde kam, die Menschen unverhältnismäßig auf. Zog in unruhiger Zeit ein Reiter, ein fremder Wanderer die Straße, so eilten die Leute von der Burg oder aus dem Felde herzu, hielten das Pferd an und forschten, was er Neues bringe; in den Städten sammelten sich die Bürger um ihn, und er mußte wohl gar der Obrigkeit berichten, was er Neues wußte. [...] Als Papst Urban im Jahre 1095 die Christenheit zur Befreiung des heiligen Grabes aufrief, ersann er nichts Neues; schon hundert Jahre vorher hatte Papst Sylvester II. einen Kriegszug gegen die Heiden im Heiligen Land empfohlen, schon Gregor VII. wollte sein irdisches Papstreich über den Orient ausdehnen, er hatte Truppen gesammelt und gedachte sie nach Griechenland und Kleinasien zu entsenden, als seine Händel mit Heinrich IV. den Plan hinderten. Jetzt aber hatte sich Kaiser Alexius in Konstantinopel, von den Seldschuken hart bedrängt, an den Papst gewandt und die Hilfe des Abendlandes erfleht; auch an edle Laien hatte er geschrieben, die er von ihren Pilgerfahrten kannte; in einem Brief an Graf Robert von Flandern hatte er die Scheußlichkeit der heidnischen Wirtschaft in Palästina lebhaft geschildert, wie die Heiden arge Frevel gegen christliche Töchter üben, wozu die Mütter singen müssen, und wieder gegen die Mütter, wobei den Töchtern schnöde Lieder zugemutet werden; er hatte auch nicht verschmäht zu erinnern, daß von den Heiden großer Goldschatz zu holen sei, und daß die Weiber des Orients unvergleichlich schöner wären als die des Abendlandes. In den deutschen Klöstern und den Sälen der edlen Herren wußte man damals sehr wohl, daß die Christenheit in dem Lande Schmach erlitt, wo ihre Entehrung dem frommem Gemüt das meiste Leid bereiten mußte. Jerusalem war unter der Herrschaft »machumetischen« Volkes, die prächtige Christkirche zu Jerusalem, das schönste Bauwerk der Christenheit, war zu einer Moschee gemacht, kein Christ durfte über die Schwelle, ja die »Heiden« selbst zogen die Schuhe aus und wuschen die Füße, ehe sie den heiligen Raum betraten. Nur in der Grabkirche des Herrn durften die Pilger beten, aber auch dort wurde der Gottesdienst durch die Ungläubigen geschändet, großes Geld wurde den Wallfahrern und ihren christlichen Gastwirten im Heiligen Lande ausgepreßt. Seit wenig Jahren (1078), seit die türkischen Seldschuken sich in Vorderasien ausgebreitet hatten, waren die Bedrückungen der Christen unleidlich geworden; wer nach Jerusalem pilgerte, der fand überall zerstörte Mauern der Kirchen und Kapellen, und er sah die heiligen Bilder des Heilands an Nase und Ohr, an Arm und Bein verstümmelt, als stumme Kläger standen sie in den Ruinen. – Aber die Deutschen waren damals untereinander verfeindet, die kaiserliche Partei in verbittertem Kampf gegen die päpstliche, und die Meinung vieler Laien war von Rom abgewandt, zumal in den Städten. Deshalb waren es wohl nur wenige deutsche Geistliche und edle Laien, welche im November des Jahres 1059 zu Clermont die Rede des Papstes an die versammelten Vertreter der Christenheit hörten und nach der Heimkehr von dem großen Tag erzählen konnten, wo alles Volk bei den Worten des Papstes in Schluchzen ausbrach und das Himmelsgewölbe vom Klageruf der Menge erdröhnte. Sie hatten gehört, wie der Papst Erlaß aller Sünden jedem Christen versprach, welcher den Gütern der Heimat entsagen und das Kreuz Christi auf sich nehmen würde, und sie selbst hatten das heilige Feuer gefühlt, welches bei dem Versprechen in unzähligen Herzen aufflammte. Hunderttausend aus allen Völkern Frankreichs, aus Angelsachsen, Schotten und Iren wurden auf der Stelle zum Dienst des Herrn gezeichnet. Ein Kreuz heftete die Schar als Zeichen auf die Kleider, die Zeit des Aufbruches wurde festgesetzt und die Reise von allen beschworen. Im Winter durchflog die wundergleiche Kunde alle Welt bis zu den fernsten Gestaden des Ozeans. Und im Frühjahr verkündeten die deutschen Küstenbewohner, daß in allen Nordmeeren große Bewegung sei. Weit entlegene Völker rüsteten und kamen über das Meer angezogen, deren Tracht, Sitte und Sprache kein Strandbewohner und kein Seefahrer kannte. Man hörte von fremden Scharen, die nichts zu genießen pflegten als Wasser und Brot, und von andern, die kein Eisen kannten und deren ganzer Hausrat von Silber war. Die ganze Christenheit, sagte man, sei erschüttert und umgewandelt, am meisten die Westfranken, ohnedies aufgeregt durch Zwietracht, Hungersnot und Seuchen in ihrem Land. Aber auch diese Nachrichten zogen durch das Volk des deutschen Binnenlandes nur wie ein dunkles Gerücht, sie waren noch nicht im Lied der Fahrenden lebendig geworden. Unter Ostfranken, Thüringern, Bayern und Alemannen wußten die Leute in den Städten und auf dem Land in den ersten Monaten des Jahres 1096 wenig von der großen Bewegung, viele erfuhren erst davon, als sie die Fremden an ihren Grenzen sahen: Scharen von Reitern, Haufen von Fußvolk, Schwärme von Bauern mit Weib und Kind, und die Deutschen nannten einfältige Toren, die das Eigene verließen, um Fremdes zu begehren. Aber allmählich wurden sie von den Durchziehenden belehrt, und die Aufregung kam auch in ihre Seelen. Sie waren ein kriegerisches und ein frommes Volk. Was ihnen in dieser Welt Trost gab und gute Hoffnung, das war der Glaube an ihren himmlischen Oberherrn, der gütig war und voll Erbarmen, und der seinen Treuen in jenem Leben alles vergalt, was Schlechtigkeit und Unglück dieser Welt dem Menschen schädigte und raubte. Oft litt der kleine Mann durch die Gewalttat der reisigen Dienstmannen seines irdischen Gebieters. Geschwunden war von der Erde das edle Recht des freien Landbauers, viele große Herren saßen über ihm, einer dem andern verfeindet, die Kirche verfeindet dem Kaiser, der Bischof dem Grafen, der Herzog im Aufruhr gegen seinen König, jeder riß seine Hintersassen und die Freien seiner Landschaft in seinen Kampf. Aber sie alle, die stolzen Könige und Herzöge, ja auch die Großen der Kirche, sie waren doch auch nichts höheres als Dienstmannen des himmlischen Königs, geradeso wie der geringe Mann, der nichts hatte als sein Ochsengespann und das schartige Messer an seiner Seite. Auch die Kirche war hochmütig geworden, und ihre Äbte und Weltgeistlichen prunkten in kostbarem Gewand, tranken aus goldenem Becher und trugen den Falken auf dem Fausthandschuh. Aber diese irdische Pracht half ihnen wenig, vornehm zu sein im Kriegsheer des himmlischen Heerführers; jeder Einsiedler, der in seiner Waldklause Wurzeln aß, sich geißelte und die Herrlichkeit dieser Welt verachtete, war ein besserer Fürsprecher bei Christus, wenn er für den armen Bauer betete, und hatte selbst besseres Heil im Himmelreich zu hoffen. Ja, auch der Bettler und der fahrende Sünder konnte das Ohr des großen Herrn gewinnen und ihm demütig sein Leid klagen, wenn er zu Heiligtümern zog, wo der Herr am liebsten hörte; dort fand er Gnade ohne die vornehmen Geistlichen der Kirche. Der alte demokratische Bauernstolz der Germanen, welcher den Mann nur ehren und lohnen wollte nach seiner Tüchtigkeit im Kampf und keinem ein besseres Los gönnen an Land und Beute aus dem andern, war in dem Staat des Mittelalters sehr verringert, aber er lebte fort im Glauben trotz dem aristokratischen Bau der katholischen Kirche; Christus und die Großen des Himmels, seine Heiligen, wurden im Volksglauben die edleren Gegenbilder einer schlechten Geistlichkeit, die Zustände des Gottesreiches ein ideales Gegenbild gegen das Kirchenregiment dieser Welt. Und ebenso lebendig war die alte Vorstellung, daß jeder Christ im kriegerischen Gefolge des Herrn Christus stehe, auch der hörige Bauer und sein Knecht, welcher hier auf Erden nicht Schwert und Reiterspieß führen sollte. In der Urzeit war dem Gefolgemann eines Chattenhäuptlings höchste Pflicht und Ehre gewesen, sein Leben für den Herrn hinzugeben und ihm auf dem Todespfad zu folgen, und der Hagestalde, der sich durch Schwur und Eisenring den Kriegsgott zu seinem Häuptling gewählt hatte, verzichtete schon damals auf irdisches Gut, auf Weib und Kind, froh der Zukunft im Jenseits, wo er als auserwählter Krieger in der Methalle des Himmels sitzen und im Gefolge des Schlachtengottes durch die Lüfte fahren werde. Die alten Volksherren sanken dahin, und der alte Glaube verdämmerte, in neuen Königreichen trat der Christengott an die Stelle des wilden Sturmfahrers Wodan. Aber das alte Bedürfnis der Germanen, sich einem Herrn in Opfermut, Treue und Selbstentäußerung hinzugeben, war Grundlage des Verhältnisses geblieben, in welchem der Christ zu seinem Gott stand. Christi Reich aber umfaßte alle, die den Christeneid abgelegt hatte, und seine Feinde waren alle, die einem anderen Glauben anhingen, die geldleihenden Juden und die fremden Völker im Kriegsdienst des Machumet. Allerdings, die alte Idee der Diensttreue war vergeistigter, in ihrer gemütlichen Wirkung hoch gesteigert. Es war sehr schwer, den Forderungen des neuen Herrn zu genügen, aber er tat auch unendlich mehr für den getreuen Mann als einst der Häuptling oder der Heidengott. Die guten Werke, welche er von den Gläubigen forderte, Entsagung und Opferung irdischen Genusses erfüllten das ganze Leben, auch der Starke mußte unsicher sein, ob er in jeder Stunde ein treuer Mann gewesen war, wenige wußten genau, daß der Fürst des Heils ihnen freundlich zulächelte. Jetzt aber rief der Gott selbst zum Krieg, er begehrte für sich dieselbe Arbeit, die dem Deutschen immer noch die preiswürdigste war: irdisches Heldentum, Krieg und Schlachtenmut, und allen Völkern aus Germanenblut schwoll das Herz in Entzücken, in Begeisterung und Erhebung. Denn was hatte der Landmann am Herdfeuer, der Handwerker in seiner Werkstatt am liebsten gehört? Wie Siegfried den giftigen Drachen tötete, Herr Dietrich die Riesen schlug, wie Hagene den heidnischen Hunnen auf die Füße trat. Was war hinter der Mauer eines Herrenhofes das liebste Gespräch der Knechte? Wie man Goldschatz erwerben könnte und samtenes Gewand durch verwegene Kriegstat. Das höchste Manneswerk auf Erden war Waffentat, welche der Sänger im Land umhertrug. Auch für den kleinen Mann, der nimmer zu Roß saß und ausgeschlossen war von dem Spiel der Speere bei reisigen Festen, war das Zuschauen und Hören ein teurer Genuß. Jetzt forderte sein Gott statt Buße und Spenden von ihm kräftige Hiebe, der große König des Himmels ließ selbst ihn laden zum Streit, wenn er seine Gnade erwerben wolle. Das war Hunderttausenden ein unwiderstehlicher Ruf. Alle Poesie und Sehnsucht dieser Welt und alle Poesie und Sehnsucht des Glaubens heischten genau dasselbe. Jetzt wurde Erfüllung, was lange verheißen war, jetzt erst wurde das Volk seines Glaubens froh, jetzt erst war das Christentum völlig germanisiert. Der Christengott war ein Schlachtengott geworden wie einst der deutsche Heidengott, er fuhr vor den wandernden Scharen daher, er blendet mit seinem Lichtglanz die Augen der Feinde und führte durch seine Engel die gefallenen Krieger hinauf in seine strahlende Himmelsburg. Die Deutschen sahen und hörten in der Natur, was sie im Herzen empfanden. Sie schauten den Kometen am Himmel, feurige Wolken stiegen von Abend und Morgen auf und kämpften miteinander, Feuerschein erglühte gegen Norden, und brennende Fackeln flogen durch die Nacht. Sie erblickten Reiter in der Luft, welche gegeneinander stritten, ein ungeheures Schwert erhob sich von der Erde zum Himmel unter krachendem Donner, die Roßhirten kamen vom Feld gelaufen und verkündeten, daß sie das Bild einer Stadt in der Luft gesehen hätten und viele Scharen zu Fuß und Roß, die von verschiedenen Seiten auf die Stadt zueilten. Auch ungeheuerliche Geburten fehlten nicht, Lämmer mit zwei Köpfen, Kinder mit doppelten Gliedern und zwei Köpfen, Füllen mit den Zähnen dreijähriger Rosse. In die Haufen, die auf dem Marktplatz und unter der Dorflinde berieten, drängten sich die Leute, welche auf ein Kreuzzeichen wiesen, das ihnen in die Stirn oder den Leib oder in das Gewand durch ein Wunder eingedrückt sei, und sie riefen, daß dies Zeichen sie an den Dienst des Herrn binde. Im Schlaf hatten die Menschen Träume und heilige Gesichte; der Einsiedler stieg aus seiner Bergklause herab, der fahrende Mönch sprang auf die Steine des Kirchhofs, sie verkündeten, daß ihnen ihr Heiliger erschienen war und zur Kreuzfahrt gemahnt hatte, sie hoben die nackten Arme zum Himmel und riefen über die Menge: »Fahret in Gottes Namen«. Und die Hörer wiederholten den Kriegsruf der Fahrenden »Gott will es«, sie liefen scharenweise zu den Kirchen, und die Priester verteilten und weihten Schwerter, Pilgerstab und Tasche. Bauern und Bürger verkauften Gut und Habe, wie einst in der Völkerwanderung spannten sie das Jochvieh vor ihre Karren, setzten Weib und Kind darauf und sammelten sich in bewaffneten Haufen, um mit ihrer Wagenburg gen Osten zu ziehen. Und mit dem alten Wandertrieb, der plötzlich in dem Volk lebendig wurde, erwachten auch alte verdämmerte Bilder aus der Heidenzeit. Der alte König, der im Berge saß und dort harrte, bis der dürre Baum grünen werde, war aufgewacht aus dem langen Schlaf, und sein Kriegszug ging durch die Lüfte; die Leute sagten, es sei Karl der Große, aber sie nannten auch einen andern Namen, von dem ein guter Christ nichts wissen wollte. Und es gab Haufen, die zu der Fahrt in das unbekannte Morgenland sich nach heidnischer Sitte weisende Tiere vorsetzten, den Ganser und die Geiß: den heiligen Vogel, der in der Heidenzeit vor der großen Erdenmutter Berchta hergeflogen war, die Geiß vielleicht deshalb, weil sie einst den Wagen des Donnergottes gezogen hatte. Aber nicht der Glaube allein lud in die dämmrige Ferne, auch die alte Sehnsucht nach Abenteuer und Goldschatz wurde übermächtig wie einst in der Wanderzeit. Die Edelsteine und Goldketten, welche der Kaufmann von Osten brachte, alte Sagen von Pracht und Üppigkeit des südlichen Lebens, von märchenhaften Völkern, von Zauberei und geheimer Kunst lockten gen Morgen; jetzt konnte unendlichen Reichtum erwerben, wer in Christi Namen dahinfuhr; dem armen Dienstmann bot sich dort Land und Volk, er hoffte Herrschaft zu erlangen über Griechen und Ungläubige und selbst ein edler Herr zu werden, der Scharen von Bewaffneten unterhielt und reiche Spenden und die Güter der Fremden unter seine Getreuen verteilte. Dieselbe Beutelust brachte alles Gesindel in Aufregung. Falsche Propheten, die ein Gewerbe daraus machten, Gesichte zu haben, sammelten gläubige Haufen um sich, die Räuber kamen aus ihren Waldnestern, die Spielleute und Gaukler drängten sich begehrlich in die Menge, fahrende Krämer boten ihre Waren, Heilmittel, schützende Reliquien; auch die hübschen Frauen, welche singend durch das Land zogen oder an der Stadtmauer hausten, liefen scharenweise unter die wilden »Fremden«. Ohne Plan und ohne kundige Führer wälzte sich die aufgewühlte Masse vorwärts. Viele ohne Reisegeld und ohne Karren mit Vorrat, weil sie entweder der Hilfe des Herrn vertrauten oder der Beute, die sie auf dem Wege greifen würden. Unzählbar nennt ein Berichterstatter die Menge der Waffenlosen, der Kinder und Frauen, welche mit den Haufen in die Weite fuhren. Aber auch im Abendland saß unter den Christen ein »ungläubiges« Volk. Die Juden hatten den Herrn gekreuzigt, und sie waren es, welche jetzt den frommen Kreuzfahrer drückten, wenn er ihnen seine Habe verkaufen mußte, und welche »reich werden durch den Schaden fahrender Gotteskinder«. So richtete sich die Wut der Volkshaufen zuerst gegen die Juden. Mit Mord und Plünderung begann in den Städten des Rheins und der Donau das Gesindel die heilige Fahrt. Zu Mainz hatten die Juden dem Erzbischof Rothardt ihren Schatz und ihre Leiber anvertraut, er hatte sie schützend im Oberstock seines festen Hauses geborgen. Aber ein übelberüchtigter Graf Emicho aus dem Rheingau warf sich mit einem Schwarm der zusammengelaufenen Kreuzfahrer gegen das feste Haus, mit Pfeil und Speer schossen die Fahrenden zu den Juden hinauf, brachen Riegel und Tür und schlachteten im Hause des Bischofs siebenhundert Männer, Weiber und Kinder. Als die Juden keine Rettung vor den Mördern fanden, eilten sie ihnen zuvorzukommen, die Frauen töteten in Verzweiflung selbst ihre Kinder, die Männer ihre Weiber und sich. Ähnlich ging es in andern Städten, und die Judenverfolgungen, allerdings nicht die ersten, welche den Deutschen zur Last fallen, wiederholten sich von da ab mit einer fürchterlichen Regelmäßigkeit fast jedesmal, wenn die Volksmenge durch geistlichen Eifer oder ein plötzliches Landesunglück aufgewühlt wurde. Durch Jahrhunderte waren diese Hetzen eine Schmach für unsere Nation, erst der Protestantismus bändigte sie; noch heute regt sich der Drang danach, wo Zustände des Mittelalters in die Gegenwart dauern. Auf verschiedenen Straßen, in vier großen Heerhaufen fuhren die verlorenen Kinder des Kreuzes durch deutsches Land nach Ungarn, geführt von einem Einsiedler oder einem alten Kriegsmann oder einem verdorbenen Edlen. Die ersten Haufen plünderten in Ungarn und übten arge Missetat – leider werden Bayern und Schwaben als die rohesten Frevler genannt –; sie wurden von dem tüchtigen König der Ungarn, Kaloman, geschlagen und aufgerieben. Aber auch die, welche bessere Zucht hielten, bis Konstantinopel drangen und über den St.-Georgs-Kanal setzten, unterlagen in Kleinasien den Türken beim ersten Zusammenstoß. Ihnen folgte das große Kreuzheer der edlen Herren, die Hauptmasse Normannen, Lothringer, Provenzalen, denen sich Deutsche und andere Scharen aus allen Ländern der Christenheit anschlossen. Die Herren ritten unter wehenden Bannern und kostbarer Rüstung, mit großem Gefolge und schönen Frauen, hinter ihnen wohl das größte Kriegsheer des Mittelalters, nach niedrigster Angabe dreihunderttausend Bewaffnete, dazu ein großer Troß von Geistlichen und Spielleuten, Weibern und Buben. Sie zogen fast alle zu Lande auf verschiedenen Straßen nach Konstantinopel. Nach ärgerlichen Händeln mit dem Griechenkaiser wurden sie über die Meerenge gesetzt und eröffneten in Kleinasien den großen Krieg gegen die Völker des Islam, welcher durch zwei Jahrhunderte das Abendland in fieberhafter Bewegung erhalten sollte. Drei Jahre währte der Kampf, bevor sie sich über Nizäa und Antiochien bis in die heiligen Mauern von Jerusalem hineinkämpften. Der Bericht von ihren unerhörten Taten und Leiden und von den Wundern, welche der Herr an ihnen getan, füllte alle Länder; ihre Heldentaten sang der fahrende Spielmann, und der heimkehrende Krieger berichtete, wenn er ein ehrlicher Erzähler war, getreulich, was er selbst erlebt, alles übrige sagenhaft, wie es beim Lagerfeuer zugerichtet wurde. Wohl aber war es ein wundergleicher Kampf. Ein ungeheures Heer von wildbegeisterten und zuchtlosen Kriegern, ohne einheitliche Führung, unter Fürsten und Bannerherren von hochfahrendem Sinn, die in der Mehrzahl Gold und eigene Herrschaft nicht weniger begehrten als die Gnade ihres obersten Heerführers Christus; so locker der militärische Zusammenhang, daß sich bei jeder Gelegenheit Scharen ablösten und Krieg auf eigene Hand trieben oder des Streites überdrüssig, zur Heimat kehrten; auch die einzelnen Fahrer, nach germanischer Weise höchst selbstwillig, kaum durch ein Band der Landsmannschaft unter dem Banner ihrer Häuptlinge festgehalten: – und dennoch trotz unaufhörlicher Reibungen und blutigem Hader ein unablässiges Wirken der treibenden Kraft. Jahrelang wurde die Selbstsucht der Führer, gegenseitiger Haß der Landsmannschaften durch die frommen Zwecke des Krieges, das ritterliche Gefühl der gemeinsamen Verpflichtung und den Enthusiasmus der Menge überwunden. Der hochgesteigerte Tatendrang trieb die Fahrenden von Stadt zu Stadt, von einem Sieg zum andern. Wenn sie unter heißer Sonne, in öder Landschaft, bei schlecht geordneter Verpflegung, durch den Kampf gegen leichtbewaffnete Feinde in arge Bedrängnis kamen, dann lief das Kriegsvolk unter den Pfeilen der anstürmenden Türken haufenweise zu den Heiligtümern des Heeres, es beichtete und büßte, sang Kyrie eleison, weinte und rang die Hände gen Himmel und warf sich dann wieder auf den siegreichen Feind, mit unwiderstehlicher Gewalt vorwärtsstürmend. Auf dem Zuge sanken die Menschen, durch Hunger und Krankheit aufgerieben, längs der Straße dahin, die Kriegsrosse und Troßpferde fielen, und ansehnliche Krieger banden ihre Bündel auf Widder, Ziegen, Schweine, Hunde und setzten sich mit ihrer Rüstung auf Rinder; aber in solcher Not hielt einer treulich zum andern, auch fremde Landsleute, die sich nicht durch Worte verständigen konnten, halfen einander mit Speise und Trank aus und bewahrten die gefundene Habe, bis der Eigentümer sich meldete. Es war ein erbarmungsloser Krieg. Dem milden Christengott zu Ehren wurden die Köpfe der erschlagenen Türken in Haufen geschichtet, in den eroberten Städten wurde unmenschlich gewütet, nicht Alter, nicht Geschlecht geschont, Leichen und Blut der Erschlagenen reichten bis an die Steigbügel der stampfenden Rosse; es wurde habgierig geplündert, und wenige der Fürsten widerstanden der Versuchung, Geldsummen vom Feind zu nehmen, auch wenn es zum Schaden des Heeres war, und dann dem Ungläubigen vielleicht die gekaufte Treue zu brechen; viele Kreuzfahrer stürzten sich in arge Ausschweifungen und erschöpften ihren Leib durch die Laster des Orients; aber die unwiderstehliche Tapferkeit blieb dem Heer, ein Heldenmut, der das kühnste wagte und in gefährlichen Lagen eine fast übermenschliche Dauer bewährte. Wenn die Fürsten uneinig wurden und nicht Rat fanden, zog die Begeisterung der Menge sie fort. Sooft das Heer in Not war, standen Propheten auf, welche durch Erscheinungen erweckt wurden, sie trieben zum Kampf und verkündeten Sieg; gemeine Krieger, Mönche, Einsiedler drängten sich in den Rat der Fürsten, flehten und drohten, meldeten die Gesichte, mit denen sie begnadigt waren, und erboten sich zum Zeugnis für die Wahrheit ihrer Botschaft jede Todesprobe zu bestehen; ihr Geschrei und der Aufruhr der Menge hinter ihnen bändigten die Herrschergelüste und die ausbrechende Feindschaft der Großen. Gegen die aristokratische Führung rang siegreich die wilde Demokratie des Heeres, die Führer mußten sie benutzen und sich ihr fügen. Auf Grund eines Gesichtes fanden Provenzalen zu Antiochien tief in der Erde die Heilige Lanze, mit welcher die Seite des Herrn durchstochen war; die Lanze wurde dem Heer vorausgetragen, gerade wie den deutschen Bauerhaufen die Gans, und sie führte zum Sieg, obgleich die Normannen das Wunder höhnten und einen Betrug nannten. Nach drei Jahren wurde Jerusalem erobert, auf den Trümmern der türkischen Herrschaft wurden christliche Staaten gegründet. Freilich vermochten die gelichteten Haufen der Christen das weite Land, welches sie eroberten, nicht allein zu behaupten, immer wieder klang der Notruf durch das christliche Abendland: »Wo nur zwei Männer in einem Hause sind, komme einer zum heiligen Grabe.« Seitdem strömte durch zweihundert Jahre bewaffnete Kraft aus dem Abendland nach dem Morgen. Jede der großen Heerfahrten, welche von Fürsten und Herren unternommen wurden, hatte einen besonderen Charakter und ihr eigenes Schicksal. Die Deutschen nahmen in reisigem Kriegszug noch dreimal teil an Kreuzfahrten ihrer Könige. Der letzte Kreuzzug freilich, den Kaiser Friedrich II. im Jahre 1227 unternahm, war bereits das politische Wagnis eines sehr unkirchlichen Eroberers, der im Trotz gegen den Papst sich selbst die Herrschaft über das Mittelmeer sichern wollte und durch eine Landeshoheit im Heiligen Land die Herrschaft über die Herzen der Christenheit. Aber außer diesen großen Zügen gingen, selten unterbrochen, die Fahrten einzelner und kleiner Gesellschaften, und die Verbindung mit dem Orient wurde durch Jahrhunderte den Abendländern so innig wie jetzt die zwischen Europa und Amerika. Und in dieser Zeit fuhr während jeder Generation einmal die Begeisterung wie ein zündender Blitzstrahl durch die Seelen der Menge. Dieselben Himmelserscheinungen, dieselben Gesichte und Wunder, derselbe wilde Taumel, Massenaufbruch und Judenhetze. Der Wandermut erfaßte sogar die Kinder. Aus dem Kölnischen zog z. B. im Jahre 1212 ein Knabe Nikolaus mit einem großen Schwarm Knaben in die Weite, er behauptete, ihm sei Macht gegeben, mit trockenem Fuß durch das Meer zu gehen und seinen Genossen unterwegs Kost zu schaffen. Die Kunde davon flog durch Stadt und Land, Knaben und Mädchen verließen ihre Eltern und hefteten sich das Kreuzzeichen an, um durch die wilde Woge zu pilgern. Den Rhein hinauf und durch Frankreich zog der unendliche Schwarm von Kindern, Lehrjungen und Mägden dem Mittelmeer zu; an der Rhone wurde ein Teil auf Schiffe gesetzt und von Seeräubern an die Sarazenen verkauft, viele verhungerten auf dem Rückweg; die Mädchen, welche den Rückzug fanden, kamen in jämmerlichem Zustand zur Heimat. Da wurde den Leuten klar, daß der böse Feind zu dem Zuge verleitet hatte. Aber trotz dem unablässigen Zufluß neuer Volkskraft aus dem Abendland siechten die christlichen Staaten im dem fremden Land dahin. Die Eroberer wollten herrschen und handeln, nicht in der heißen Sonne das Land bauen, Sitte und Familienleben gediehen nicht zwischen griechischer Verderbnis und den Lehren des Korans, die Uneinigkeit der christlichen Parteien tat das letzte. Kräftige Häuptlinge der Kurden vereinigten die Streitkräfte des Islams, das Heer Mohammeds, durch die Kriege eines ganzen Jahrhunderts zurückgedrängt, überzog wieder Palästina und Kleinasien, stürzte die Staaten der Abendländer in Asien und Griechenland, zuletzt die große Stadt Konstantins. Die Türken besetzten die Hauptstadt Osteuropas 39 Jahre bevor auf der pyrenäischen Halbinsel die Alhambra in die Hände der Christen fiel. Die Deutschen wurden ein wenig später als andere Völker des Abendlandes von dem Kreuzeseifer ergriffen; an dem ersten Feldzug hatten außer den verlorenen Haufen, welche kopflos voranstürmten, auch eine Anzahl Edler teilgenommen, keiner von den großen Fürsten deutscher Zunge. Und bei den Deutschen verging die Begeisterung am frühesten. Das fiel schon den Zeitgenossen auf, wir erkennen deutlich die Ursache. Es ist wahr, was die Kreuzzüge möglich machte, war ein uralter Grundzug des germanischen Wesens. Aber gegen das Wilde und Abenteuerliche der Kreuzfahrten erhob sich eine andere Richtung des deutschen Gemüts. Das Treuegefühl des Deutschen wurde durch feste Sitte und ruhige Bedächtigkeit gerichtet, seine Hingabe war von einer milden, dauerhaften Wärme. Ihn riß wohl einmal das heftig wallende Blut fort, aber er war gar nicht gemacht, sich widerstandslos auf die Länge großen Eindrücken hinzugeben. [...] Es ist darum charakteristisch, wie die deutschen Zeitgenossen, welche von den Kreuzfahrten melden, darüber urteilen. Sie sind erfüllt von der Größe der Idee, aber sie sind in der Mehrzahl unbefangene Beurteiler der mangelhaften Ausführung und der widerwärtigen Erscheinungen, welche dabei zutage kamen. Ja sie sind mißtrauisch gegen die Motive der Kreuzfahrer und untersuchen mit verständiger Kritik die Sünden der Geistlichen und Laien, welche den Erfolg der großen Anstrengungen immer wieder verdarben. Diese Schreibenden aber sind bis zum letzten Drittel des zwölften Jahrhunderts noch sämtlich Geistliche, und es ist aus ihrem Bericht zu erkennen, daß ein großer Teil der Laien die Kriegszüge in das Morgenland noch kälter ansah. Das tat nicht nur die kaiserliche Partei, wenn diese unter Franken und Hohenstaufen dem Papst gerade verfeindet war. Es gab schon um das Jahr 1096 viele konservative Leute, die über die neue wilde Wirtschaft den Kopf schüttelten. Der Landmann, welcher seine Hufe baute, ehrbar unter den drei Eichen oder Linden zu Gericht saß und pünktlich sein Zinshuhn auf dem Fronhof ablieferte, sah unwillig zu, wenn sein Nachbar Haus, Hof und Habe verschleuderte und mit dem wüsten Haufen nach unsicherer Beute auszog. Alle Ehre, die der Landmann hatte, und aller würdige Brauch hing an seiner Stellung in der Heimat; der Bau, Bauernarbeit, sagte er, ist reine Arbeit, welche alle Welt erhält, wer in Gottesfurcht fest dabei bleibt, böse Leute flieht, gegen Arme barmherzig ist, dem wird der Himmel auch in der Heimat nicht fehlen. Unser Tagewerk hier ist uns wohlbekannt, wir halten den Pflug in der Faust, wir ziehen Zäune, wir ackern und säen, schneiden und dreschen nach der Väter Art, und sie waren gute Männer. Der Rat: bleibe im Lande und nähre dich redlich, muß damals aufgekommen sein. Daß ähnliche Gesinnung unter den Stadtbürgern häufig war, beweist schon die zornige Beurteilung der Judenverfolger, welche den Frieden der Stadt störten. Gerade die Städte waren in der Mehrzahl am eifrigsten kaiserlich gesinnt, sie waren sich ihrer jungen Kraft bewußt, in ihnen hatte höhere Entwicklung eines friedlichen Verkehrs begonnen, sie waren die Orte, wo die überschießende Volkskraft sich lohnend verwertete, ihre Bürger trugen die Waffen mit Selbstgefühl, aber zur Sicherheit der Stadt oder einmal im Dienst des Kaisers, ungern für weite Kriegszüge. Aber auch der alte Reitersmann, der als Vasall seines Edelherrn im Stegreif ritt und auf der Bank seines Hoftores den Hochmut der Kaufleute in der Stadt, die Habsucht der Pfaffen und das vornehme Treiben an dem Hof seines Herzogs begutachtete, sah mißtrauisch auf die neue Reiterfahrt und die Gesellschaft fremder Reisigen, zu denen sich unruhige Genossen aus seiner Freundschaft schlugen. Denn die Fremden, welche durch das Land zogen, und seine Landsleute, welche aus der Fremde zurückkehrten, brachten neuen Brauch in Reiterwerk und Trinkhalle. Sie führten Schnabelschuhe mit langen Spitzen und bunte zerschnittene Narrenkleider. Er hatte Stahlkappe und Eisenhut rund und glatt getragen, wie sie gegen Hieb und Waldesdickicht nütze waren, jetzt begann das junge Geschlecht hohe Hörner und wunderliche Tierbilder auf den Helm zu setzen; er pflegte seinen Jungen ein »tumbes« Knäblein zu nennen, jetzt sollte er ihn als beas garzun behandeln; seine Rede sollte er mit welschen Wörtern verbrämen, statt der guten alten Tanzlieder fremde Weisen singen, wenn er zum Edelhofe ritt, fand er Bewaffnung, Kampfspiele, Zeremoniell geändert. Das störte ihm sein Behagen und dünkte ihm gegen die gute alte Zucht. [...] Dazu kam ferner, daß der redliche Sinn des Deutschen durch das Gebaren der Kreuzfahrer immer wieder gekränkt wurde. Es war zum Teil ein wüstes Volk ohne Gottseligkeit, zuchtlos und frevelhaft gegen die Mitchristen, und Raubmörder gegen die Juden. Das konnte doch nicht Gottes Wille sein, was solche Gesellen trieben! Und wenn man vollends vernahm, daß die Kreuzfahrt erfolglos gewesen sei, und die Heimkehrenden ansah, arme zerschlagene Leute, gealtert in kurzer Zeit, vielleicht verdorben an Leib und Seele, dann wurde in vielen der Zweifel also laut: »Wenn unserm Herrn Christus so großes Leidwesen wäre, daß die Sarazenen an seiner Grabstätte herrschen, so hätte er ja allein die Macht, das heidnische Volk zu demütigen, und er bedürfte nicht unserer Hände.« Aber nicht nur die Zurückgebliebenen bedachten prüfend den Wert der Kreuzfahrt, auch viele Kreuzfahrer, welche heimkehrten, brachten ernüchtert ein anderes Urteil über den Papst und das Drängen der Kirche mit. Als der Papst im Vollgefühl seiner Macht bewaffnete Laienscharen nach dem Morgenland sandte, lockerte er zugleich die Bande, an denen seine Kirche die Seelen der Laien festhielt. Denn jetzt waren nicht mehr der Kirchenfürst und nicht mehr der einsame Büßer die bevorzugten Vertrauten des Himmels, der bewaffnete Laie war der begünstigte Diener des Herrn geworden. Wer die Heiden erschlug, wer selbst an dem Grabe Christi kniete, das er mit seinen Genossen erobert hatte, der fragte wenig nach dem römischen Ablaß, er wußte den Herrn allein zu finden, er war an der Stätte, wo das Gebet am wirksamsten war, und er selbst durfte sich rühmen, Wunder zu erleben. Nicht die Fürsten und nicht die Legaten und Bischöfe begnadigte der Herr auf dem Heerzug durch Offenbarungen und Gesichte, der kleine Mann, das gläubigste Herz empfing diese Ehre. Ganz nichtig erschien die Größe der Edeln, ja selbst der Wille des Papstes gegen den Willen des Himmelsfürsten. Seit die Provenzalen im Besitz der Heiligen Lanze waren, wurde ihr Gehorsam gegen ihren Führer, den Grafen Raimund von Toulouse, unsicher. Sie trugen den Speer Gottes in ihrer Mitte, er verhieß ihnen Sieg, was kümmerte sie noch ihr eigennütziger Gebieter. Anders wirkte das massenhafte Eindringen der Offenbarungen auf die Gescheiten. Sie wurden ungläubiger gegen Wundererscheinungen. Niemand hätte die Möglichkeit der Wunder, die Himmelskraft der Reliquien bezweifelt, aber vor dem einzelnen Fall war man geneigt, Betrug und weltliche Motive anzunehmen. Die Franken fanden zu Jerusalem einen Kopf Johannes des Täufers, und die Mönche zu Angers rühmten sich, denselben Kopf zu haben. Und die Franken fragten: »Der Apostel hatte doch nicht zwei Köpfe?« Und sie zogen sich die Lehre daraus: »Das kommt daher, wenn man die Gebeine der Heiligen nicht in Ruhe läßt; es nützt wenig, sie in Silber und Gold zu fassen, wenn man sie durch die Länder schleppt und den Leuten vorzeigt, um sich Geld mit ihnen zu machen.« Zu keiner Zeit hatte der Deutsche sich des Urteils über die Kirche ganz begeben. Die Verschwendung und Unwissenheit der Bischöfe, der weltliche Sinn der Äbte und die schlechte Zucht der Klostergeistlichen waren seit dem sechsten Jahrhundert unablässig Gegenstand frommer Kritik gewesen. Dem Papst war es zuweilen nicht besser gegangen. Aber solches Urteil war mit vorsichtigen Worten in Klosterannalen eingebunden worden; jetzt tönte es laut auf allen Straßen, denn die Schäden der Kirche, die Geldgier und Herrschsucht der Päpste, Versprechen, die sie nicht hielten, Summen, die sie erhoben und dem Kreuzheer nicht zugehen ließen. Gehässigkeit, die sie gegen kreuzfahrende Fürsten übten, wurden in der gefährdeten Fremde, wo jeder genötigt war, sich um das Wohl des ganzen zu kümmern, viel und bitter besprochen. Aber der Kreuzfahrer, der zur Heimat kehrte, brachte auch eine freiere Ansicht über Menschenwert zurück. Im ersten Kreuzzug schnitten Christen und Türken einander um die Wette die Köpfe ab, in den späteren Fahrten hatte die Achtung, die der Krieger seinem tapferen Feind nicht versagen kann, zwischen Christen und Heiden mildern Kriegsgebrauch und ritterlichen Verkehr geschaffen. Beide Teile hatten Gelegenheit gehabt, einander zuweilen großen Sinn und Edelmut zu beweisen. Sie lernten sich in einer Sprache, die aus romanischen und arabischen Wörtern gemischt war, verständigen, sie stritten in Stunden der Waffenruhe miteinander über Glaubenslehren; und sie fanden, daß ihnen manches gemeinsam war. Freilich vor der Jungfrau Maria und der wunderbaren Empfängnis des Herrn kam der unsühnbare Gegensatz auffällig zutage. Denn was dem Abendländer gerade dies Dogma so vertraulich machte, war im Grunde die altheimische Scheu vor jungfräulicher Ehre, und dafür hatte der Orientale kein Verständnis. Doch wenn der fromme Christ sich bei solchem Streit auch überzeugte, daß der ungläubige Kamerad dem Höllenfeuer verfallen sei, die schlechten Aussichten des Tapferen mußten ihm leid tun. War nun gar einmal der Heidenkrieger sein Verbündeter gegen Ungläubige oder eine Fraktion der Christen, so konnte ihm die üble Zukunft des Kampfgesellen sogar zweifelhaft werden. In vielen war die Folge solchen Zusammenlebens mit Ungläubigen eine Toleranz, die gar nicht nach dem Geschmack der alten Kirche war, zuletzt Gleichgültigkeit gegen manche Dogmen der Kirche. Und zwar am meisten in den geistlichen Ritterorden. In dieser Weise entstand bei den Zurückbleibenden und Fahrenden eine größere Selbständigkeit des Urteils über die Fürsten und Diener der Kirche. Sie wird unter den vielen unermeßlichen Fortschritten, welche durch die Kreuzzüge den Deutschen gewonnen wurden, am frühesten bemerkbar. Es ist lehrreich, diese Frucht blutiger Kämpfe aus den Ansichten einzelner Zeitgenossen zu erkennen. Gerhoh, Propst des Klosters Reichersberg im Bistum Salzburg (geb. zu Polling in Oberbayern 1093, gest. 1169), ist die sehr charakteristische Gestalt eines deutschen Gelehrten aus der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts. Sein äußeres Leben formte sich wie Tausenden vor ihm und nach ihm. Dem Jüngling wurden durch ein Körperleiden, das ihm als göttliche Heimsuchung erschien, die Freuden dieser Welt vergällt, er suchte Genesung, indem er seinen Frieden mit dem Herrn machte und Entsagung gelobte. Als junger Kleriker lernte er in den lateinischen Schulen zu Freising, Moosburg, Hildesheim, wurde dann selbst Lehrer an der Domschule und Kanonikus zu Augsburg. Er war in dieser Zeit ein eifriger Anhänger der kaiserlichen Partei und lebte, wie die meisten Weltgeistlichen seiner Zeit, frisch darauf los, ohne Tonsur und Priestergewand sonderlich zu beachten. Er scheint damals durch die Händel der kaiserlichen Partei mit Rom – auch sein Bischof war vom Papst gebannt – in unsichere Stellung gekommen zu sein, die ihm, wie deutsche Art ist, Gewissensangst erregte. Das weichliche Leben, welches ihn umgab, wurde ihm wieder verleidet, er zweifelte, ob dem Weltgeistlichen, der nicht auf irdische Schätze verzichtet habe, die Seligkeit vorbehalten sei, und er, der Gelehrte, fragte endlich einen einsamen Büßer um Rat. Das harte Urteil des Eremiten empörte zuerst seinen Stolz, aber es trieb ihn doch zum Entschluß und in ein Kloster. In der Mönchskutte fand er innere Ruhe, von da wurde er ein eifriger und berühmter Lehrer der Jugend, Vertrauter und Ratgeber frommer Männer. Er war ein herber und strenger Geist. Zwar sein Wissen kann im Vergleich zu guter französischer Bildung jener Jahre nicht umfangreich genannt werden. Aber er suchte ehrlich die Wahrheit und grübelte schwermütig über die großen Probleme des Erdenlebens. Als Greis von 72 Jahren schrieb er ein Werk in mehreren Büchern: »Aufspürung des Antichrists«, in welchem er die Nähe des großen Versuchers, welcher vor dem Jüngsten Gericht Unheil verbreiten sollte, aus der Zeitlage scharfsinnig bewies. Die orientalische Vorstellung, daß dem letzten Siege des guten Prinzips am Ende irdischer Dinge ein Reich des Bösen vorausgehen sollte, war sehr früh in die christliche Kirche gedrungen und hatte unter den christlichen Germanen eine reichliche mythische Ausbildung erhalten, weil sie sich mit einer festgewurzelten Vorstellung des deutschen Heidenglaubens verband. Denn nach heimischer Annahme sollten die Menschengötter und die Geister der gefallenen Helden am Ende der Tage einen Todeskampf mit den finstern Dämonen der Zerstörung bestehen, dann sollte die Menschenerde, Sonne und Mond verderben, endlich – wenn die nordische Überlieferung als gemeingültig für alle Germanen anzunehmen ist – sollte auf den Untergang die glückliche Herrschaft eines neuen Lichtreichs und Wiederbelebung der guten Götter folgen. Auch der Volksglaube deutscher Christen nahm an: vor dem Weltbrand wird ein böses Gegenbild von Christus als mächtiger Herrscher auf der Menschenerde erstehen und auf Sünde und Unrecht sein Reich gründen; endlich wird er im Kampf gegen Christus und seine Heiligen erliegen, dann wird Erde und Menschenleben vergehen, der Herr Jüngstes Gericht halten und das Reich der Seligen beginnen. In diesem Glauben prüften seit dem achten Jahrhundert fromme Gläubige, geängstet durch das große Rätsel des Lebens, während jeder schweren Zeit die Zustände ihres Volkes. So Gerhoh. Sein Herz wurde bedrückt von der unleugbaren Tatsache, daß das Heiligste auf Erden, die Kirche Christi, verdorben werde durch untüchtige Päpste, frevelhafte Bischöfe, durch Stellenkauf, Geldreiz, Wucher und Gier nach irdischer Herrschaft, daß die Kreuzfahrten, in so heiliger Absicht begonnen, zum Verderb für zahllose Christen ausschlugen. Er grübelte über den Träumen und Gesichten der Zeitgenossen und bemühte sich, die Fälschungen des Antichrists in ihnen zu beweisen. Bedenklich erschienen ihm die Kometen und Himmelszeichen; er sah das Wirken des Feindes in dem weltlichen Sinn vieler Zeitgenossen und den herrschenden Lastern, vor anderem dünkte ihm bedeutungsvoll, daß man sogar im Chor der Kirchen den Antichrist leibhaftig im dramatischen und geistlichen Spiel vorzustellen wagte. In dem Werk des Gerhoh ist aber neben vieler Deutelei und großer mönchischer Härte überall, wo er über Zeitgenossen und Zustände seiner Gegenwart urteilt, eine merkwürdige Selbständigkeit und die Redlichkeit eines warmherzigen Deutschen zu achten. Diese Sicherheit eigener Überzeugung galt damals mit Recht für etwas Großes und Ehrenwertes, auch wir bewahren ihr ein Andenken, weil Gerhoh als einer der ersten, von denen Kunde überliefert ist, mit deutschem Gewissen gegen die Schäden seiner Kirche Zeugnis abgelegt. Aus dem erwähnten Werk Gerhohs werden hier einige Kapitel in wortgetreuer Übersetzung mitgeteilt. Sie enthalten einen kurzen Bericht über den Kreuzzug König Konrads III. vom Jahre 1147. Zur Ergänzung desselben wird eine gleichzeitige Stelle aus den Würzburger Annalen vorangesetzt, weil ihre Auffassung des Kreuzzuges so genau zu der des Propstes Gerhoh stimmt, daß ein Zusammenhang zwischen diesem und dem Schreiber des annalistischen Berichts wahrscheinlich wird. Die Annalen von Würzburg und Gerhoh erzählen folgendes: Im Jahre des Herrn 1147 ließ Gott die Kirche des Abendlandes ihrer Sünden wegen Leid erfahren. Denn es kamen in das Land falsche Propheten, Söhne Belials, Eideshelfer des Antichrist, welche durch nichtige Worte die Christen verführten und durch eitle Predigt alles Volk der Menschen antrieben, zur Befreiung Jerusalems gegen die Sarazenen zu ziehen. Ihre Predigt hatte so seltsame Wirkung, daß fast alle Bewohner der Landschaft mit einmütigem Gelöbnis sich freiwillig zum gemeinsamen Verderben darboten. Und nicht nur gemeine Leute, sondern auch Könige, Herzöge, Markgrafen und die übrigen Würden dieser Welt waren in dem Wahn, daß sie dadurch Gott dem Herrn Folge leisteten; in demselben Irrtum gesellten sich Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und die übrigen Diener und Prälaten der Kirche, alle begierig, sich in unermeßliche Gefahr der Seelen und Leiber zu stürzen. Und das war nicht zu verwundern. Denn aus irgendeinem geheimen Beweggrunde und angetrieben durch Bernhard, Abt von Clairvaux, hatte Herr Eugenius, der römische Papst, dem frommen römischen Kaiser Chunrad und dem ganzen Reich, auch dem König von Frankreich, dem König von England, endlich allen Königen, allen Großen und Untertanen der Könige, welche Christenglauben und Religion haben, einen Brief geschrieben und durch den Brief ermahnt, daß sie sich zu dieser Fahrt rüsten sollten. Und kraft des Apostelamtes, das ihm Gott übertragen, hatte er allen insgemein, die sich freiwillig dieser Arbeit unterziehen würden, Vergebung der Sünden gewährt und verheißen. Zeugnis für diese päpstliche Ermahnung sind die Briefe, welche hier und da durch das Gebiet verschiedener Landschaften und Provinzen geschickt und an sehr vielen Kirchen zur Erinnerung an den genannten Zug sorgfältig aufbewahrt wurden. Es lief also untereinander Volk von beiderlei Geschlecht, Männer und Weiber, Arme und Reiche, Fürsten und Große der Krone mit ihren Königen, Weltgeistliche und Mönche mit ihren Bischöfen und Äbten. Der eine hatte dies, der andere das Begehren. Denn manche waren gierig nach Neuem und zogen, um das neue Land zu beschauen, andere zwang die Armut und dürftiges Hauswesen, diese waren bereit, nicht nur gegen die Feinde des Kreuzes Christi zu kämpfen, sondern auch gegen jeden guten Freund des Christentums, wenn es sich tun ließ, um ihrer Armut abzuhelfen. Andere wieder wurden durch Schulden bedrängt, oder gedachten die Dienste zu verlassen, die sie ihrem Herrn zu leisten hatten, oder sie erwarteten die verdiente Strafe für ihre Missetaten; diese alle heuchelten Gotteseifer, aber sie waren nur eifrig, die Last ihrer großen Bedrängnis abzuwerfen. Kaum daß man wenige fand, die ihre Knie nicht vor Baal beugten, die durch fromme und heilbringende Absicht geleitet wurden, und durch die Liebe der Majestät Gottes so weit entzündet, daß sie für das Allerheiligste ihr Blut vergießen wollten. Aber nähere Erörterung dieser Sache überlassen wir dem Herrn, der die Herzen durchschaut, nur die Bemerkung fügen wir hinzu: Gott kennt die Seinen am besten. Was soll ich sagen, der ganze Schwarm eilt der Stätte zu, wo die Füße Jesu Christi gestanden haben; mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnen sie ihre Röcke gar nicht schlecht, sondern sehr auffällig, und wo sie durchziehen und Juden finden, zwingen sie diese zur Taufe, die Widerstrebenden bringen sie ohne Zaudern um. So kam es, daß manche Juden in der Not durch den Quell der Taufe abgewaschen wurden; einige von diesen blieben bei dem angenommenen Glauben, andere kehrten, als es Friede wurde, ebenso zu ihrer argen alten Gewohnheit zurück, wie Hündlein zu ihrem Gespei. Nur ein Beispiel will ich aus vielen Berichten anführen, den Judenmord, der zu Würzburg geschah, damit ich durch die genaue Angabe eines Falles den übrigen besseren Glauben verschaffe. Als im Monat Februar die Fremden, wie erwähnt wurde, in der Stadt zusammenströmten, fand man durch wunderlichen Zufall am 24. Februar den Leib eines Menschen auf, der in viele Stücke zerschnitten war, zwei größere Stücke im Mainfluß, eines zwischen den Mühlen bei der Vorstadt Bleicha, andere bei dem Dorfe Thunegersheim; die übrigen Stücke fanden sich außer der Mauer auf dem Wall gegenüber dem Turm, welcher insgemein Katzenwighaus genannt wird. Und als man alle Teile des zerstreuten Leibes gesammelt hatte, wurde der Leib zu dem Hospital getragen, das unterhalb der Stadt ist, und dort auf dem Kirchhof begraben. Darauf wurden sowohl Bürger als Fremde von plötzlicher Wut ergriffen, als wenn sie aus diesem Vorfall eine gerechte Veranlassung gegen die Juden erhalten hätten, sie brachen in die Häuser der Juden ein, stürmten auf sie und töteten Greise und Jünglinge, Frauen und Kinder ohne Unterschied, ohne Zaudern, ohne Erbarmen. Wenige retteten sich durch die Flucht, noch wenigere ließen sich Rettung hoffend taufen, die wenigsten aber beharrten, als später der Friede wiederkam beim Glauben. Auch geschahen, wie man behauptete, bei der Bestattung des obenerwähnten Leibes Wunderzeichen. Stumme sollten gesprochen haben, Blinde gesehen, Lahme gelaufen und andere Zeichen dieser Art. Deshalb verehrten die Fremden jenen Menschen, als ob er ein Märtyrer wäre, trugen Reliquien des Körpers einher, nannten ihn Theoderich und verlangten, daß man ihn heiligspreche. Und da Sifried, der fromme Bischof der Stadt, mit der Geistlichkeit ihrem Toben und ihrem Irrtum widerstand, so erregten sie gegen den Bischof und die Geistlichkeit eine solche Verfolgung, daß sie den Bischof steinigen wollten und in die schützenden Mauern der Türme drängten, die Kanoniker aber wagten in der allerheiligsten Nacht des Abendmahls aus Furcht vor den Verfolgern weder zum Chor hinaufzugehen noch die Mette zu singen. – Als nun die Woche der Auferstehung des Herrn kam, machten sich die Fremden auf die beschlossene Fahrt; da wurde endlich die Aufregung in der Stadt unterdrückt, und alles kam zur Ruhe. Dies ereignete sich, wie gesagt, in Würzburg. Was aber die Haufen in anderen Städten getan haben, wird, ohne daß wir davon reden, aus diesem angeführten Beispiel erkannt werden.« [...] »Die Könige – Chunrad und Ludwig – nahmen mit einem zahllosen Heer, das aus allen Christenländern zu ihnen strömte, den Landweg, die ausgenommen, welche zu Schiff durch das Meer ihren Pfad suchten. Es gab keine Stadt, die nicht zahlreiche Fahrer, kein Dorf und keine Ansiedlung, die nicht wenigstens einige entsendeten. Bischöfe mit der Herde ihres Sprengels, auch Herzöge, Grafen und andere Große und Herren zogen jeder mit seiner Schar; sie führten Schilde, Schwerter, Harnische und anderes Kriegsgerät mit sich und reichlichen Vorrat von Gepäck und Zelten, die sie auf Wagen und zahllosen Pferden fortschafften. Kaum faßte die Landstraße und die angrenzende Flur die Heerscharen, kaum das Bett der Donau die Menge der Schiffe. So unermeßlich war das Heer, daß nach meiner Meinung noch nie, seit es überhaupt Völker gibt, solche Menschenmenge, Reiter und Fußvolk, zusammengekommen ist. Kein Markt war groß genug für ihren Bedarf an Waren, kaum ein Feld weit genug für ihre Lager. Deshalb fing zahlloses Volk, das keine Wagen und Rosse zum Fortschaffen der Lebensmittel hatte, nach kurzem zu hungern an. Denn eine Menge von Landleuten und Hörigen verließ Pflugschar und Dienst ihrer Herren, zum Teil ohne Wissen und Wollen derselben, und begann unüberlegt mit wenig oder gar keinem Golde oder Silber den weiten Zug, weil sie hofften, daß ihnen bei so heiligem Werk wie einst dem alten Volk der Israeliten, entweder etwas vom Himmel herabregnen oder durch himmlische und göttliche Fügung irgendwoher Nahrung werden müßte. Aber es kam weit anders als sie hofften. Denn die größte Widerwärtigkeit betraf das Heer auf einer Fahrt, die nach ihrer Meinung heilig war. Und das erste erwähnenswerte Unglück desselben Heeres war folgendes. Als sie in Griechenland längs dem Meere zogen, schlugen sie eines Tages ihr Lager am Ufer eines mäßigen Flusses auf, der sich ins Meer ergoß. Siehe, da schwoll plötzlich dieser Fluß gewaltig an, ohne daß ein sichtbarer Regen vorausging, entweder von einem Wolkenbruch oberwärts oder von einem Wasserschwall, den menschliche List ihnen zu Verderben und Hinterhalt durch eine Wehr gestaut hatte. Der Strom stürzte jählings über das Lager dahin, mächtig, weit und heftig und riß einen großen Teil des Heeres, zugleich Zelte und Wagen mit sich in das Meer, so daß manche sich an Wagen und Gerät hingen und lebendig in die Tiefe sanken. Darauf kam die große Menge mühsam genug nach Konstantinopel. Dort wurde der römische König von den Griechen listig umsponnen und mehrere Fürsten durch Gold und Silber verlockt, so daß der König den Weg gegen Iconium durch eine Wüste nahm; er war in der Meinung, Gottes Willen zu tun, wenn er gewisse Völkerschaften, die den Christen feind waren, dem Herrn unterjochen oder demütigen und schwächen könnte. Aber er handelte nur auf Betrieb der Griechen, welche ihre Feinde unterwerfen, aber nicht den christlichen Glauben ausbreiten wollten. Der römische König teilte also die Scharen in zwei Heere und nahm mit seinem Heer unter griechischen Führern die Richtung nach Iconium durch eine Wüste. Der König von Frankreich aber behielt mit seinem Heer die Richtung auf Antiochien und Jerusalem, die er eingeschlagen hatte, und zog teils zu Wasser, teils zu Lande. Es ist unmöglich, alle Leiden aufzuzählen, welche die beiden Heere erduldeten, nur das wichtigste wollen wir kurz anführen, das Heer, welches auf Iconium marschierte, wurde durch Anstrengung, Hunger und Durst in der Wüste erschöpft, außerdem durch sehr heftigen und fast allgemeinen Durchfall geplagt, denn diesem Leiden ist körperliche Anstrengung gar sehr schädlich. Da wurde der große Haufe durch Schwäche, Mühsal des Weges und zugleich durch Mangel gepeinigt, und es begann ein solches Sterben, daß täglich große Haufen, durch Hunger, Krankheit und Mühsal aufgerieben, hinstürzten. Endlich war die todbringende und mühselige Wüste durchschritten, und man kam in das Land der Feinde. Diese traten den Kreuzfahrern in Überfällen und Angriffen entgegen, doch nicht so, daß sie ihnen Gelegenheit zum Nahkampf gaben, denn sie beschossen das Heer bei Tag und Nacht mit Pfeilen und flohen beim Angriff und ermatteten das Heer so, daß weder Gelegenheit zum Kampf noch zum Siege war und doch kein Augenblick frei von feindlichem Anlauf. Denn wenn unsere Reiter gegen die Feinde ansprengen wollten, konnten die Unsern die Fliehenden nicht erreichen, weil die Pferde der Unsern durch Mühe und Hunger ermattet, die Pferde der Feinde aber wohlgenährt und ausgeruht waren. Bei unserm Heer waren aber nur wenig Bogenschützen, und die ganze Masse der Gegner war mit Bogen bewaffnet und kämpfte nur auf diese Art. Daher faßte unser König endlich den Entschluß, das Heer von ihnen wegzuführen und denselben Weg durch die Wüste zurückzugehen, den er gekommen war, nicht weil die Unsern den Kampf und Sieg aufgaben, sondern weil Kampf und Sieg vor ihnen flohen. Denn wenn sie kämpfen wollten und die Schar zum Treffen gerüstet hatten, geschah von den Feinden kein Anfall; wenn sie sich aber in das Lager zurückgezogen hatten, so wurde ihnen keine Ruhe gewährt, weil die Bogenschützen sie ringsherum bei Tag und Nacht belästigten. Deshalb wiesen ihnen die Unsern den gepanzerten Rücken, wie man zu sagen pflegt, und zogen durch dieselbe Wüste, weil es keinen andern Weg zur Rückkehr gab. Aber auch auf dem Abzug durch Wald und Sumpf und dann durch spärliches Gebüsch folgten von hier und da die Feinde und beunruhigten die lange Reihe der Abziehenden von rechts und links durch ihre Pfeile. Wurden sie von den Unsern verjagt; so flohen sie behend und flogen ebenso wieder herzu. Es traf sich aber einmal, daß ein großer Teil der Unsern sich zur Nacht auf einen Felsen gezogen hatte, in der Meinung, hier vor den Pfeilen der Feinde sicher zu sein. Aber die Feinde umringten und stürmten diesen Felsen, und der ganze Haufe wurde entweder mit dem Schwert getötet oder gefangen fortgeführt. Unser König aber wußte gar nichts von diesem Verlauf, denn er selbst war ein Stück vorwärtsgezogen und hatte mit dem Kern des Heeres an der bezeichneten Stelle sein Lager aufgeschlagen. Als man die Wüste hinter sich ließ, war der ganze Weg mit toten Menschen und Tieren bestreut. Der König kam mit den Überresten des Heeres nach Konstantinopel, dort schlug er mit einigen Fürsten und andern Großen, denen Mut und Geld nicht ausgegangen war, den Seeweg nach Jerusalem ein. Aber auch das Heer des Königs von Frankreich und viele Deutsche, welche auf dem Landwege gen Jerusalem zogen, wurden durch unendliches und zahlloses Unglück ergriffen. Denn als sie in die Gebirgsengen kamen, hatten die Türken daselbst ihre Scharen verteilt, griffen einen Teil des Heeres in offenem Kampf an, drängten zugleich von vorn, von hinten und von der Felshöhe und töteten eine sehr große Zahl. Dort erlag auch Bernhard, Herzog von Kärnten. In der Bedrängnis des Engpasses und bewaffneter Scharen, ohne die Möglichkeit zu fechten, verließen viele ihre ganze Habe, dachten nur darauf, das Leben zu retten, und suchten die Flucht über die hohen und steilen Berge. Unter ihnen war auch Otto, Bischof von Freising, Bruder des römischen Königs, er kam mit zerrissenen Stiefeln und Füßen, von Hunger und Kälte erschöpft, an einen Ort der Küste, dort wurde er durch das Mitleid der Bürger erquickt und mit einem Darlehn versehen und fuhr zur See nach Jerusalem. Auch der König von Frankreich erlebte ein ähnliches großes Unglück; denn als er nach Antiochien gekommen war und dort unter Landsleuten kein Übles argwohnte, wurde er durch List und Gewalt vom Fürsten der Stadt seiner eigenen Frau, die er mit sich führte, beraubt. Diese wurde später in Freiheit gesetzt und wollte zu ihm zurückkehren, wie in dem Bewußtsein, daß sie ihre Frauentreue bewahrt habe; aber sie wurde nicht zugelassen, und zwischen beiden dauert bis heute die Trennung, diese ist auch von der Kirche bestätigt, aber aus andern Gründen. Denn er heiratete eine andere Frau und lebte mit ihr in Ehe, und sie ist dem König von England vermählt. Endlich aber kamen beide Könige mit geringen Resten ihrer Heere nach Jerusalem. Denn das Heer des römischen Königs, welches der Mühsal und den Feindesgeschossen jener Wüste entgangen war, hatte sich zum größten Teil nach der Heimat zurückbegeben; aber auch das andere Heer, welches dem König von Frankreich folgte, war zum Teil in jenem Gebirge umgekommen. Doch, wie gesagt, endlich kam man nach Jerusalem. Und man fand die Stadt ganz frei von Feindesgefahr, wie der römische König mit eigenem Munde gezeugt hat, so daß sie niemals einen bessern Frieden sich gewärtigen konnte; nur solche Ausfälle und Beutezüge fanden statt, welche überall an der Grenzmark verschiedener Völker verübt werden und wie sie an jeder Grenze stattfinden. Und solche Belästigung haben sie stets gehabt und werden sie stets haben, und ebenso ist die Umgegend vor den Streifzügen, welche sie machten, nicht sicher und wird es nicht werden. Sie hatten die ganze Welt in Bewegung gesetzt, indem sie Furcht vor Feinden logen, welche die heilige Stätte erobern wollten, und sie lebten doch in dem herkömmlichen und fast sichern Frieden. Endlich unternahm man einen Zug und eine Belagerung gegen Damaskus, damit die große Bewegung nicht ganz umsonst gemacht wäre. Zu dieser Belagerung warb der römische König Chunrad ein neues Heer durch große Summen Geldes, die von allen Seiten nach Jerusalem gekommen waren. So schritt man zur Belagerung, und zwar die Könige von Rom und Frankreich und ihre Heere und dazu der König von Jerusalem und alle Reisigen aus dieser Stadt. Und unser König war in dem Glauben, daß alles ehrlich und redlich zugehe, er brach in die Gärten der Stadt ein und schlug das Lager außerhalb der Mauer, denn er war ein tüchtiger Mann und wollte das Werk durchführen. Die andern aber errichteten ihr Lager anderswo an Stellen, die bequemer und weiter entfernt waren. Bei dieser Belagerung wurde endlich offenbar, in welcher Absicht die von Jerusalem die ganze Welt zu dem Zuge aufgeregt hatten, und daß sie in der ganzen kummervollen Bewegung der ganzen Welt, in so vielem Christentod durch Schwert und Pfeil der Heiden, durch Hunger und Kälte, durch Krankheiten, durch Überschwemmung der Flüsse und Meeressturm nicht Frieden für sich gesucht hatten, den sie ohnedies zur Genüge hatten, sondern Mehrung ihrer Schätze von Gold und Silber. Denn sobald die Stadt durch die Belagerer eingeschlossen war, fingen die Bürger innerhalb der Mauern an, mit denen von Jerusalem über Frieden und Ende der Belagerung zu unterhandeln. Bald boten sie diesen auch viel Geld und erreichten ihren Willen. Die von Jerusalem schlossen also heimlichen Vertrag, nahmen große Geldsummen und traten von der Belagerung zurück, überredeten auch den König von Frankreich dazu. So ließen sie den römischen König mit den Seinen allein bei der Belagerung. Als dieser sah, daß mit ihm betrügerisch gespielt worden sei, gab er auch die Belagerung auf, weil ihm nichts anderes übrigblieb. – Und das ist kläglich und zugleich wunderlich und erbärmlich, daß von einem Heere, welches auf 700 000 geschätzt wurde, kaum wenige Reste zurückkehrten und durch so große Anstrengung kein Sieg erreicht wurde. Das also war das Ende, die Frucht, die Folge so großer Anstrengungen. – Aber wie Gott zuweilen auch hier gerecht richtet, so hatten die von Jerusalem nicht Ursache, sich über die unrechtmäßige Annahme so großer Summen zu freuen; denn die viele getäuscht hatten, wurden selbst bei diesem Gelde getäuscht, statt des Goldes empfingen sie zum größten Teil vergoldetes Kupfer, und zu spät reute sie, daß sie so vieles Christenblut um so schnöden Preis verkauft hatten. Jerusalem, Jerusalem, einst hast du die Propheten gesteinigt, welche zu dir gesandt waren, was fiel dir ein, daß du neuen Mord der Christen zu dem alten häuftest! Wolltest du das Maß, das deine Väter zur Hälfte gefüllt haben, durch Christenblut voll machen! Dies waren die Früchte, die aus der verruchten Wurzel der Habsucht von Jerusalem sproßten. Dies war das vergossene Blut, dessen die Habsucht, das schnöde Tier, schuldig ward. Aber auch ein anderes Ungetüm, der Hochmut des Hauses der Hospitaliter, brachte vielen Seelen Verderben wie der Geiz den Leibern. Mit diesem Ungetüm trat die römische Kirche, die hierin und in ähnlichen Dingen mehr eine Markthalle als eine Kirche ist, durch Geben und Nehmen in Gemeinschaft, sie nahm Gold und Silber von diesem Ungetüm und gab ihm bei seiner Empörung gegen Gott Beistimmung und Bestätigung. Aber wenn wir die Habsucht der Leute von Jerusalem anklagen, können wir auch die Unsern nicht ganz rechtfertigen. Denn oft und vielmal hatten sie die evangelische Lehre vernommen, welche ihnen befahl, mäßig, gerecht und treu zu leben; sie aber hatten den Weg der Wahrheit, die ihnen Heil bringen konnte, nicht begriffen, deshalb sandte ihnen Gott Werke des Irrtums, auf daß alle ihre Lüge glaubten und verurteilt würden, weil sie nicht der Wahrheit geglaubt, sondern der Ungerechtigkeit beigestimmt hatten. Denn auch lügenhafte Zeichen und Vorbedeutungen fehlten in dieser Zeit nicht, ja sie wurden durch einige Männer jener Notzeit auch durch einige Genossen jener ganz verlornen Fahrt in solcher Menge gemacht, daß diese Wundermänner vor den Haufen, welche auf sie einstürmten und Zeichen oder Genesung heischten, kaum Zeit behielten, ihr Brot zu essen. Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen. Wem ich aber die Erdichtung der Wunder zuschreiben soll, weiß ich nicht. Ich bin nämlich nicht sicher, ob sie denen zur Last fällt, welche, wie man vorgab, die Wunder verrichteten, oder denen, welche dieselben für sich begehrten. Der Betrug aber ist sicher und an vielen erwiesen. Denn es wurden Blinde oder Halbblinde und Lahme herzugeführt, und von gewissen Leuten wurden die Hände auf sie gelegt und über ihnen gebetet. Wenn nun die Kranken während der Worte des Segnenden von den heftigen Drängern nach Wundertat ausgeforscht wurden, ob sie sich etwas besser befänden, und die Kranken in der Begierde, gesund zu werden, unsicher etwas antworteten, so wurden sie gleich mit Geschrei hoch in die Höhe gehoben und, als wenn sie geheilt wären, durch die Hände der Fahrenden fortgetragen. Wenn sie jedoch sich selbst überlassen waren, konnten sie nicht lange ihre Genesung vorgeben, sondern sie faßten wieder nach den alten Stützen ihres Siechtums, nämlich die Lahmen nach den Krücken und die Blinden nach ihren Führern. Ich habe auch von einigen gehört, daß nach wirklicher Heilung zwei oder drei Tage darauf das frühere Siechtum sie wieder ergriffen habe. [...] Dies kritische Urteil übt der fromme Mann auch an andern Stellen seines Werkes als ein Sittenrichter, der zürnend das Ideal seiner Kirche, wie sie sein sollte, gegen schlechtere Wirklichkeit hält. In dieser Auffassung aber steht Gerhoh nicht allein. Dieselbe Verurteilung der Kirchenschäden, nur entschlossener und kriegerischer, klingt aus der edlen Poesie Walthers von der Vogelweide und eifert immer wieder aus Bußpredigten und moralischen Gedichten ehrlicher Mönche. Seit es im dreizehnten Jahrhundert gewöhnlich wird, die Stände und Berufsklassen tadelnd zu mustern, steht das freie Urteil über den Papst und vornehme Geistliche obenan. Endlos klingt aus lateinischen und deutschen Gedichten Klage, Spott und Zorn. – So z. B. bei einem deutschen Predigermönch, der um 1277 den Papst anredet: »Du hast eine böse Sitte, Vater Johann, daß dir der Pfennig mehr gilt als Zucht und Adel, den Reichen nimmst du in dein Haus, den Armen stößt du vor die Tür. Achte auf dein Gewissen! Ihr Kardinäle seid weltlich, habgierig, hochmütig, unkeusch; ihr Bischöfe brennt, raubt, entehrt Weiber und Jungfrauen, fechtet mit eigener Hand, kauft und verkauft Ämter; ihr Prälaten seid hart gegen die niedere Geistlichkeit und kümmert euch mehr um weltliche Dinge und großer Herren Rat als um den Glauben, nichts kann geschehen, wo ihr euch nicht einmischet.« Und es blieb nicht bei der Klage, die Unzufriedenheit führte zum Abfall; hier und da lösten sich stille Gemeinden von der Kirche, die Albigenser in der Provence, die Katharer am Rhein, die Stedinger an der Weser, die Waldenser in den Alpen und in Böhmen, und es bedurfte blutiger Feldzüge und ebenso blutiger Ketzergerichte, um die gefährlichen Beispiele aus der Christenheit zu tilgen. Als die Päpste alles Volk der Christenheit zum Kriegsdienst für die Kirche aufriefen, machten sie auch alles Volk zu Beurteilern ihrer Lehre und ihrer Taten. Und sie selbst wandelten dadurch allmählich Urteil, Geschmack und Neigungen der Nationen. Das Papsttum hatte sich zuerst auf die weltlichen Großen gestützt, dann dieselben benutzt und unterworfen. Jetzt zog die Kirche eine Demokratie der Geistlichen und Laien auf, und unermeßlich waren die Folgen. Neben den reichen und aristokratischen Benediktinern wurden die geistlichen Bettelorden gestiftet. Sie breiteten sich mit wunderbarer Schnelle über die Länder und wurden sogleich höchst populäre Orden des kleinen Mannes, leidenschaftliche Kämpf er für die Kirche, oft gefügige Werkzeuge des Papstes. Durch sie erhielt die Kirche unendlich größeren Einfluß, das Christentum ein neues volkstümliches Gepräge. In Stadt und Land drängte sich Kloster an Kloster, die Mönche traten in jede Hütte und banden durch unzählige Fäden die Seelen der Kleinen an die Altäre ihrer Heiligen. Der Gott aber, dem zu Ehren sie barhäuptig mit ungewaschenem Fuß einherliefen, war der Gott der armen Leute. Ihr Christus hatte nicht mehr die Hoheit jenes großen Gefolgeherrn aus der alten Zeit, er war der arme gedrückte Kreuzträger, das demütige Vorbild der bedrängten Menschheit. Wie er selbst und seine Heiligen, werden auch die Menschen hier in der Vorhölle gebunden, gegeißelt und gemartert, damit sie im Jenseits die Fülle der Freuden genießen. Und wie der kleine Mann auf Erden gar nicht bis zu seinem König durchdrang, wenn er in Nöten war, sondern froh sein mußte, wenn er bei dem nächsten Vornehmen Schutz fand, so wurde auch der Himmelsherr allmählich fast vergessen über den Heiligen der einzelnen Klöster, deren jedes seinen Patron als den mächtigsten empfahl. Sinnlicher und vielgestaltiger wurde der Heiligendienst, massenhafter der Aberglaube, welcher sich daran legte, roher das Werben um die Gunst der Himmlischen und plumper die Werkheiligkeit. Die Mönche waren zum großen Teil einfältige, ungelehrte Gesellen von zynischem Wesen, schwer in Regel und Zucht des Klosters zu erhalten. Schon im dreizehnten Jahrhundert waren die fahrenden Mönche übelberüchtigt als böse Zungen und üppige Droher, Verleumder und Bauchfüller, und man verwünschte sie: »Der Teufel soll ihr Roß sein, damit sie darauf zur Hölle fahren.« Auch ihre Frömmigkeit war wilder und fanatischer, ihre Verfolgungssucht zügelloser, sie wurden grausame Ketzerrichter und unwissende Kämpfer für den Buchstaben des Dogmas. Kein Wunder, daß sie den Unwillen der Besseren und Freieren wachriefen und daß ihre Schwächen der Kirche zur Last geschrieben wurden. Aber die Bettelklöster vertraten nicht nur die Beschränktheit des Volkes, auch seine Sehnsucht und sein Gewissen. Es ist deshalb nicht genau, wenn man sie die treuesten Stützen des Papsttums genannt hat, weil sie die demütigen Getreuen der Kirche waren. Denn zu keiner Zeit fehlten unter ihnen warme und ehrliche Herzen; schon unter den Hohenstaufen verfochten ihre Volksprediger und Schriftsteller die treuherzige Empfindung des Volkes gegen die Vornehmen der Kirche. In den Bettelklöstern wurden die dogmatischen Streitigkeiten mit der größten Erbitterung durchgefochten, dort regte sich am unruhigsten der reformatorische Geist. Gerade sie haben die Macht der alten Kirche gebrochen, denn in ihnen rang das Gewissen Taulers und Luthers nach Erleuchtung. Durch die geistliche Demokratie, welche in den Kreuzzügen heraufkam, wurde der stolze romanische Kirchenbau Gregors VI. und Gregors VII. solange mit schnörkelhaftem Ausputz und neuer Zutat überdeckt, bis das Herzensbedürfnis des Volkes zuletzt das alte Kirchendach sprengte. Aber auch auf jedem andern Gebiet des deutschen Lebens erweckte die Teilnahme des Volkes an den heiligen Kriegen ein neues Leben, überall erhoben sich die unteren Klassen zu höherer Bedeutung und eigener Kultur; die Kaufleute, die Handwerker, am schnellsten die reisigen Dienstmannen der Edeln. In den Städten Italiens, bald auch Deutschlands, entwickelte der gesteigerte Verkehr mit dem Osten und das einströmende Geld der Fahrenden Blüte des Handels, Kraft des Bürgertums und eine höhere Geldwirtschaft, welche mit den Kanonischen Gesetzen gegen Zins und Kapitalsnutzung gänzlich unvereinbar blieb. Im engen Lagerverkehr der abendländischen Krieger drang Sitte, Brauch, kluge Erfindung aus einer Nation in die andere, der Gesichtskreis wurde größer, auch Griechen und Araber gaben von ihrer fremdartigen Kunst den Franzosen und Deutschen ab. Seit der ritterliche Dienstmann durch die Kirche zum bevorzugten Kämpfer Christi geweiht war, erhob fast plötzlich die Demokratie der edlen Knechte und Ministerialen eine neue weltliche Zucht und höfische Bildung, welche nicht mehr in der gelehrten Kirchensprache Ausdruck suchen konnte. Die Geistlichen hörten auf, ausschließliche Bewahrer der geistigen Habe des Volkes zu sein, die Landessprachen wurden zu Schriftsprachen und erhielten eine Laienliteratur. Die Fahrten in das Morgenland bereiteten neue nationale Grundlagen für die Bildung des Abendlandes. [...] IV Aus der Hohenstaufenzeit Heraufkommen der ritterlichen Dienstmannen und schnelles Erblühen einer Laienbildung. – Weltliches und Unkirchliches darin. – Die deutsche Poesie der Laien. – Minnedienst: Zwiegeteiltes Leben des Ritters. – Die vornehme Frau und ihre Stellung zu dem Geliebten. – Beispiel gelehrter Frauenbildung: Briefwechsel zwischen der Frau und dem Geliebten um 1170 aus der Sammlung Wernhers von Tegernsee. – Elegische Empfindung in Minneliedern: Poetische Gedanken Albrechts von Johansdorf um 1190. Die Kehrseite der ritterlichen Bewerbung: Bericht aus dem »Frauendienst« Ulrichs von Liechtenstein, in der Zeit von 1220–1230 Als Friedrich I. Barbarossa Römischer König wurde, hatten die Kreuzfahrten seit fünfzig Jahren gearbeitet, die realen Verhältnisse Deutschlands umzuformen und den Seelen einen neuen Inhalt zu geben. Hunderttausende waren ausgezogen und nicht wiedergekehrt, darunter viel Gesindel und loses Volk; in den geschlossenen Dorffluren war das Gefühl der Übervölkerung nicht mehr vorhanden, der dienstpflichtige Bauer, welcher arbeitsam auf der Scholle saß, fühlte seine Bedeutung, seine Arbeit war dem Herrn wertvoller geworden; auch er hatte allerlei fremde Mode und Reiterbrauch in sein Leben aufgenommen. Der Wechsel des Besitzes war groß gewesen, neue Leute waren heraufgekommen. Schneller rollte das Geld aus einer Hand in die andere und brachte die Empfindung größeren Wohlstandes. Jede bewaffnete Pilgerfahrt brachte dem Bürger reichen Verdienst, die Heere begleitete ein ungeheurer Kramverkehr, und der Großhandel dehnte sich auf allen Straßen, wo die Heere gezogen waren. Die Bekanntschaft mit der Fremde hatte nicht nur größere Kunstfertigkeit, auch unvergleichlich höhern Luxus in dem Land verbreitet. Fürsten und Edle freuten sich glänzender Feste und Spiele, und die Verschwendung des ritterlichen Lebens entwickelte alle Handwerke, welche reisige Arbeit verfertigten, durch massenhafte Produktion, die Weber, Gewandschneider, Kaufleute sammelten leicht Vermögen, die Anhäufung des Geldes in den Städten wurde bemerklich. Aber die größte Wandlung war mit den Reisigen vorgegangen, welche als Lehnsleute und Hofgenossen der Edlen überall im Land saßen. Sie waren durch Jahrhunderte die Drohnen im Bienenstock gewesen, Friedensstörer ihrer Landschaft, die am liebsten in den Burgen lungerten und im Wald auf den reichen Bürger paßten, bei Städtern und Geistlichen übel beleumdet; aber rüstige Waffenträger, Kern der schweren Landesreiterei, beste Hilfe für die Macht der edlen Grundherren, die Stärke des Zuges, welchen der König in fremdes Land führte. Längst waren diese gepanzerten Reiter nach germanischer Weise in fester Ordnung untereinander verbunden, durch Stolz und eigenes Zeremoniell vom Fußvolk der Bürger und Bauern geschieden. Vor den Kreuzzügen hatten sie sich wenig um Schriftlehre und Kunst bekümmert, in den Klöstern der Edlen hatten auch sie geistlichen Trost und ein Asyl für Töchter und kränkliche Söhne gefunden, zwischen den Herrenhöfen und den Bauern des Dorfes hatten sie dahingelebt, bei allem Selbstgefühl in der Hauptsache dörfische Gesellen. – Im Morgenland aber lagen sie in ungeheurem Heer neben Fürsten und Edlen, allen Völkern des Abendlandes gesellt, als bevorzugte Krieger des Himmels; der Waffentüchtigste erhielt Ruhm unter Hunderttausenden, jeder seinen Teil an der Lebensklugheit und Sitte, welche der großartige Verkehr ausbildete. Die feinere Hofbildung der Provenzalen und Normannen, ihre Reiterspiele und Kampfgebräuche gingen schnell zu den Deutschen über; aus Kampf und Lagersitte des Morgenlandes erwuchs ein europäisches Rittertum. Durch gleichen Kriegsdienst und die Ehre des Schildamtes wurden die Ritter mit der europäischen Aristokratie zu einer großen Körperschaft verbunden mit gleichen Waffen, Privilegien und Pflichten. In ihr fühlten sich alle bewaffneten Reiter des Abendlandes, welche die richtige Lehrzeit bestanden und die Ehren ausgelernter Reiter erhalten hatten, als Bundesbrüder. Den Römerfahrten Kaiser Friedrichs wurde der Ritterstand die beste Hilfe. An den ehernen Haufen brach sich der Zorn der lombardischen Städter, sie wurden den normannischen Rittern ebenbürtige Gegner. Zwanzig Jahre führte der Kaiser diese mutigen Kampfgesellen nach Italien, auch den Jüngern ward Sprache, Sitte, Bildung des Südens vertraut. Durch diese ungewöhnlichen Verhältnisse wurde ein neuer Teil der deutschen Volkskraft hoch heraufgehoben, und der alten lateinischen, kirchlichen, gelehrten Bildung, welche bis dahin der Geistliche vertreten hatte, trat eine neue weltliche, ritterliche, höfische des Laien gegenüber. Die neue Bildung war aber nicht nur weltlich, sie war in manchem nicht einmal christlich. Im Abschluß einer großen Periode zeigte die waltende Kraft unseres Volkes eine Reihe von Empfindungen und Gedanken, durch welche sie Sinn und Herz der Deutschen in der Urzeit gerichtet hatte, noch einmal in heiterem Spiel und phantastischer Umbildung. Schon der Grundton aller Lebensweisheit, welche jetzt verkündet wurde, war dem asketischen Ernst der Kirche fremd. Der Mensch soll froh sein und hochgemut, stolzer Mut, d. h. rechter Frohsinn, ist sittig. »In Züchten froh« wurde bestes Lob, die Fülle der Lebenskraft, welche aus Antlitz und Worten leuchtete, galt für edlen Vorzug bei Mann und Weib. Das Auge hing leidenschaftlich an schönen Zügen und innigem Ausdruck; ebenso an stattlicher Erscheinung, an guten Gewändern und kunstvollem Schmuck, an zierlichen Bewegungen und Tanz, an bunten und prächtigen Aufzügen. Nicht nur das materielle Behagen, auch Grazie und Schönheit der Empfindung wurde gesucht und sorgfältig vermieden, was für gemein galt, für tölpelhaft oder lächerlich. Die Zucht des Menschen, d. h. die Fähigkeit, sich schicklich und wohltuend darzustellen, wurde sehr wichtig und durch Vorschriften und Beispiel in die jungen Seelen geprägt. Keine Zeit des deutschen Lebens zeigt so viel heitere Sinnlichkeit, so eifrigen Kultus der gesellschaftlichen Vorzüge und so unbefangene Hingabe an die Eindrücke, welche irdische Schönheit erregte; und darum ist die gesamte Bildung jener Zeit antiker Bildung so verwandt; Walther ist zuweilen einem hellenischen Lyriker zum Verwechseln ähnlich, und der ausgelassene Nithart an Grazie dem Theokrit ebenbürtig, an frischer Heiterkeit ihm weit überlegen. Und erstaunt fragen wir: wie war dergleichen naive schöne Heidensinnlichkeit bei guten Christen möglich? Aber diese Freude an schmuckvollem und lachendem Dasein wurde in altgermanischer Weise als abhängig empfunden von dem Leben der Natur. Wenn der Mai den Baum mit Blättern schmückte und die Heide mit Blumen, wenn die kleinen Vögel sangen und das Wasser befreit von Eis und Schnee durch die Auen floß, hatte einst das Gemüt der Deutschen den Sieg der Menschengötter über die feindlichen Riesengewalten gefeiert. Die alten Feste bestanden im zwölften Jahrhundert überall, aus den Städten ritt der Maigraf mit seiner reisigen Schar zum Speerkampf gegen den Winter und führte als Sieger den Reigen mit der blumengeschmückten Maigräfin; in jedem Dorf kämpfte der laubumwundene Sommer mit dem vermummten Dämon des Winters; die Kinder und Erwachsenen zogen jubelnd aus, die ersten Veilchen zu suchen, sie warfen festlich geschmückt den Ball und sprangen auf der Wiese den Reigen. Auch dem höfischen Mann begann im Mai die sonnige Freudenzeit. Dann setzte er sein Waffengerät instand, dachte an Schmuck und schöne Kleider und zog aus zum Liebeswerben, zu Gastereien, zu Hochzeit und Turnier oder auch einmal zu ernsterem Kampf, um Ehre zu erlangen oder seiner erwählten Frau zu dienen oder Gut zu gewinnen. Wenn aber der Winter nahte, die kleinen Vögel wegzogen, die Wiese fahl wurde, die Blätter von den Bäumen sanken und der Reif die Äste umzog, dann endete das fröhliche Treiben in der Landschaft, der Deutsche zog sich in das Innere des Hauses zurück, lebte ehrbar mit Weib und Kind und träumte goldene Träume in der Hoffnung auf das nächste Erwachen des Lebens. Die Auffassung von einer Zweiteiligkeit des Menschenlebens, einer heiteren Sonnenseite und kalter Dämmerungszeit, durchzieht die gesamte ritterliche Poesie; alles Empfinden der Stunde, jede lyrische Stimmung wird am liebsten dem Grundton angepaßt, welchen die Landschaft im Sommer- und Winterkleid der Menschenseele gibt. Es ist wahr, das Christentum hatte das gesamte Leben des Deutschen so sehr mit Lehre und heiligen Gestalten erfüllt und war so eifrig bemüht, jede große Funktion seiner Tage durch Weihen an sich zu fesseln, daß sich der Laie vom Morgen bis Abend als treuer Christ fühlen mußte. Aber trotz der Legion der Heiligen, trotz allen guten Werken und den asketischen Übungen, denen sich auch der weltliche Mann nicht entzog, wenn ihn gerade seine Sünden drückten, war doch die fromme Ehrfurcht vor dem Heiligsten sehr vermindert. Zwar der Jungfrau Maria werden kunstvolle Leiche gedichtet, auch zur Befreiung des Heiligen Grabes wird noch in Kreuzliedern aufgefordert; aber in dieser Poesie ist oft mehr Kunst als Empfindung, es sind würdige Themata, welche der Schaffende ähnlich behandelt wie die italienischen Maler im sechzehnten Jahrhundert die heilige Geschichte. Denn häufiger als die Gestalten des christlichen Glaubens werden in den Poesien der Minnesänger andere Gewalten angerufen von befremdlichen Namen: » Frau Sälde «, »Frau Zucht«, »Frau Ehre«, »Frau Minne«, nicht mehr wie in der Heidenzeit als wirkliche Göttinnen des Volkes, aber noch in lebendiger Erinnerung an das Walten geheimer Mächte, welche das Gemüt der Menschen regieren. Die Beschäftigung mit diesen Gestalten ist allerdings ein Spiel geworden, aber der Unterschied zwischen realer Wirklichkeit und poetischer Erfindung ist den Schaffenden keineswegs so deutlich wie unserer Zeit. Der Kirchenglaube aber stand dem Kreis idealer Empfindungen, welche jetzt die Menschen erhoben: dem stolzen Mannesmut, der Kriegerehre, dem Liebesglück, dem wagefrohen Werben um Gunst und Gut, innerlich fremd und zur Zeit hilflos gegenüber. Sogar in die geistlichen Handlungen wagen sich unchristliche Gestalten. Der steinsche Ritter Ulrich von Liechtenstein besucht im Jahre 1227 als Königin Venus, den unteren Teil des Hauptes nach damaliger Sitte mit einem Schleier umhüllt, unterwegs die Messe, geht als Venus trippelnd zum Opfer, die Kirchendiener bringen ihm »das Pace«, das Kreuzesbild, welches bei der Messe der vornehmsten Frau zum Küssen angeboten wurde und von dieser mit einem Kuß der Nachbarin zu übergeben war; Frau Venus will das Kruzifix zuerst mit der Binde vor dem Mund küssen, um Heiterkeit zu erregen, dann gibt sie es einer fremden Gräfin, welche neben ihr sitzt, nimmt die Binde ab, und der Mann wird unter herzlichem Gelächter von der eleganten Dame geküßt. Dies seltsame Eintragen profaner Mummerei in das Heiligste des Gottesdienstes gilt für einen anmutigen Scherz. Aber auch die sittlichen Forderungen, welche in der Urzeit dem Deutschen sein Schicksal geformt hatten, werden in der Bildung des zwölften Jahrhunderts noch einmal in neuen Verhältnissen maßgebend. Die Idee der Gleichheit aller Krieger drückte sich in dem neuen Rittertum aus: eine große Genossenschaft, welche viele Hunderttausende umfaßt, macht jedem, der daran teil hat, Ehre und Recht der Waffen gleich. Der Bauernsohn, welcher Ritter geworden ist, kann – in dieser Zeit – auch dem Fürsten und Gebieter deutschen Landes bei Tjost und Turnier, im Einzelkampf und im Haufenspiel gegenübertreten: der Dienstmann und sein Landesgebieter haben gleiches Recht, um die Liebe einer edlen Frau zu werben, und die Strafen für nicht rittermäßige Haltung sollen gegen beide dieselben sein. Und wieder die frei gewählte Hingabe an andere Menschen, das altheimische Bedürfnis des treuen Dienstes gewinnt noch einmal hohe Bedeutung in dem Dienst, den der Ritter seiner erwählten edlen Frau widmet. Es ist in neuen, wunderlichen Formen und bei auffallender Verrenkung des Gefühls im Grunde genau der alte Drang der Selbstentäußerung. Allerdings nur noch ein Traum der Phantasie und Laune. Denn poetisch gehoben war das Empfinden jener Zeit, und eine reiche Poesie in deutscher Sprache legte Zeugnis dafür ab. Emsig suchen wir bei jedem großen Fortschritt unserer Nation die Wege, auf denen er angebahnt wurde, hier und da vermögen wir die geheimen Quellen bloßzulegen, deren befruchtende Kraft ödes Heideland in blühende Auen verwandelt. Aber die Erklärerkunst vermag doch nie das Geheimnis neuen Lebens ganz zu enthüllen. Auch das Aufblühen einer originalen deutschen Poesie am Ende des zwölften Jahrhunderts erscheint uns einem Wunder gleich. Denn fast plötzlich wird etwa seit dem Jahre 1170 das deutsche Land mit einer ritterlichen Dichtkunst und Literatur gefüllt, von welcher wir in den Jahrzehnten zuvor aus überlieferter Schrift kaum die ersten Spuren entdecken. Schnell ist die deutsche Sprache eine andere geworden, der schwäbische Dialekt, der dem Hofe des großen Hohenstaufen heimisch war, gestaltet sich zur gebildeten Schriftsprache; die neue Dichtung, welche aus tausend Seelen ihre Lieder durch das Land sendet, formt mit graziösem Geschmack und sehr feiner Sprachempfindung die Weisen des alten Volksliedes zu vornehmer Kunst aus und weiß die Töne und Maße der Südfranzosen prachtvoll ins Deutsche umzuarbeiten. Noch im Anfang des zwölften Jahrhunderts ist die deutsche Sprache ungeschickt, die Arbeit des denkenden Geistes und seine Empfindung schriftmäßig auszudrücken. Sie hängt noch ganz in Dialekten, die schweren Vokale der silbenreichen Flexionsendungen sind nur zum Teil verdünnt und abgeschliffen, immer noch schwerfällig; der logische Zusammenschluß der einzelnen Satzteile durch Partikeln ist noch wenig entwickelt, die Perioden suchen gegen den Geist der Sprache lateinische Satzbildungen nachzuahmen. Das wird fast plötzlich anders. Ein Gefühl für sprachlichen Wohllaut, wie es die Neuzeit gar nicht kennt, lebt in hundert Schaffenden, der Ausdruck der Gedanken ist höchst graziös, oft energisch und von epigrammatischer Kürze und Energie. Offenbar hat das aufblühende Rittertum diese große Veränderung nur deshalb zutage gebracht, weil sie im Volk längst vorgebildet war. Wir wissen, daß der deutsche Versbau in seinen Grundgesetzen uralt ist, wir erkennen wohl, daß die Mönche, welche in der Karolinger- und Sachsenzeit einmal deutsch dichteten, dieselbe Klangempfindung hatten; aber von den Volksliedern der Staufenzeit, die in den Dorfreigen der Wiese und bei den Wintertänzen im Saal gesungen wurden, ist uns nichts erhalten und sehr wenig von den Liedern der fahrenden Leute, welche jedes Ereignis dem Volk episch zurichteten. Und selbst wenn wir von solchen Texten und Melodien Kenntnis hätten, würde uns nicht geringeres Wunder sein, daß sich in dem Kreise weltgebildeter Laien der alte Volksgesang so schnell verfeinerte und in so einziger Weise Klang- und Sprachgefühl ausbildete während der letzten zwanzig Jahre Friedrich Barbarossas. Freilich hat die neue Poesie der Edlen und Dienstmannen auch alle Schwächen einer Kunstpoesie, die sich des Gegensatzes zu der volksmäßigen Habe freut. Nicht nur in der Form wird die Kunst zur Künstelei, auch im Inhalt ist die Einseitigkeit auffällig, welche allem anhängt, was in rittermäßiger Weise geschaffen wird. Aber während die höfische Bildung den Volksgesang in ihre Bahnen zog und ihm einiges von ihrem Wesen verlieh, half sie auch durch die Schrift fixieren, was das Volk geschaffen, und belehrte das Sprachgefühl des kleinen wandernden Sängers. Kurze Zeit nachdem die Gedichte der Ritter aufgeschrieben wurden, begann auch die Literatur volksmäßiger Dichtkunst. Den Kreisen, welche jetzt in den Vordergrund des deutschen Lebens traten, lagen Abenteuer und ritterliche Tat vor allem am Herzen. Schmuck und Pracht des Orients, Freude am Unerhörten, gewagte Verhältnisse zu schönen Frauen, Märchenhaftes und Ungeheures lockte die Phantasie. Die nüchterne Auffassung der Tatsachen, welche in früheren Jahrhunderten die lateinische Geschichtschreibung gelehrter Mönche oft zuverlässig gemacht hatte, ging dieser Zeit fast verloren. Die persönlichen Erlebnisse und was schnell umbildendes Gerücht von den Taten anderer meldete, wurde sorglos zugerichtet und niedergeschrieben. Wie den Ritter sein Herz trieb, rastlos in Einzelkämpfen seine Kraft zu erweisen, in fremde Länder zu fahren und vor allem Gefahren zu bestehen, die er um des Ruhmes willen suchte: so schuf er auch da, wo er Gedichtetes erzählte, oft zwecklose Abenteuer und eine Willkür für Ritterfahrten ohne innere Notwendigkeit. Der preiswürdige Inhalt seiner Dichtungen war immer ein Spiel mit dem Leben, ein verwegenes, launisches, zuweilen tiefsinniges, oft wunderliches und unnützes Spiel, dem die ethischen Motive aller großen volkstümlichen Gedichte unwiderstehlicher Zwang der Verhältnisse, dämonische Größe der Leidenschaften fast immer fehlten. Auch die Liebe des Ritters war nicht eine große Leidenschaft, sondern ein phantastisches Spiel, welches ihn wohl in poetische Träumerei hob, selten sein wirkliches Leben mit ernstem Inhalt füllte. Es war charakteristisch für die gesamte Zeit, daß er diesen Kreis von idealen Empfindungen nicht bei der verlobten Braut und seiner Hausfrau suchte, sondern bei fremden Frauen. Als Gregor VII. auch der niederen Weltgeistlichkeit die Ehe verbot, da tat er nur, was durch die asketische Richtung seiner Zeit gefordert wurde, und der Widerstand der Geistlichen ward hier und da durch den kirchlichen Eifer ihrer eigenen Gemeinden gebrochen. Dennoch hat die alte Kirche durch nichts dem deutschen Volkstum so wehe getan, als durch die Aufnötigung dieser hierarchischen Maßregel. Der Schaden, welchen sie der gesunden Entwicklung unserer Volkskraft bereitete, wurde für einen Teil Deutschlands erst mehrere Jahrhunderte später gut gemacht, als Luther sich dem Tadel wohlmeinender Zeitgenossen aussetzte, weil er Käte Bora zur Frau nahm. Noch heute leiden Zucht und Schule der katholischen Landschaften unter dem Nachteil, daß der Priester nicht als Hausherr, Gatte und Vater im Volk steht. Seit im elften Jahrhundert die Kirche diese neuen dunklen Schatten auf die schönste Leidenschaft und das geweihte Verhältnis zwischen Mann und Frau warf, zog das untilgbare Bedürfnis des Herzens die Menschen auf abenteuerliche Bahnen. In den Nonnenklöstern war Christus längst zum himmlischen Bräutigam geworden, der die entsagende Büßerin im Jenseits zu seinem Lager erhob; jetzt wurde frommen Geistlichen und Laien ebenso die jungfräuliche Gottesmutter zu einem verklärten Abbild edler Weiblichkeit, und die Herrlichkeit der reinen Magd ward in kunstvollen lateinischen und deutschen Versen gefeiert. Ihre gehobene Stellung im Christenglauben galt den Pilgern im Morgenland für das charakteristische Wahrzeichen des Christen gegenüber dem Mohammedaner, und die süße, milde, liebevolle Frau wurde Patronin der wilden Kreuzheere. Aber während ihre helle Gestalt den Kriegern helfen mußte, die Ungläubigen zu erschlagen, vermochte sie nicht der verheirateten Frau, die in der deutschen Heimat zurückgeblieben war, die Würde ihrer Stellung zu behüten. Der ganze Stand der Geistlichen, die Gelehrten und Gebildeten, die Ratgeber und Vertrauten der Laienschaft wandelten begehrlich im Volk, die Zahl der Ehelosen war durch die Bettelorden ins Ungeheure vermehrt, sie saßen überall im Dorf und Stadt und hatten Zutritt in Schloß und Hütte. – Nicht weniger schadete den Ehen die Bekanntschaft mit romanischer Gewohnheit. Überall wo altrömisches Volksleben sich mit germanischem Wesen versetzt hatte, in Italien, Frankreich, Spanien, scheint durch alle Jahrhunderte die Innigkeit der Ehe geringer und die Hingabe der Frauen an erwählte Geliebte häufiger gewesen zu sein. Seit Ende des elften Jahrhunderts kamen die eleganten Damen der Provenzalen und Normannen mit ihren vertrauten Sängern nach dem Morgenland, ihre Liebesabenteuer waren dort ein großes Interesse der Heere, und romantische Verbindungen aus freier Wahl bei Geistlichen und Laien an der Tagesordnung. Arg war die Sittenlosigkeit und noch ärger das Geklatsch unter den Kreuzfahrern und in den neuen Christenstaaten des Orients; jahrelang tat eine »Patriarchin« von Jerusalem, eine frühere Gastwirtin, die der höchste geistliche Herr der heiligen Stadt sich angeeignet hatte, den Edelfrauen schweren Tort durch schöne Kleider und anmaßenden Hofstaat. Dort lernten die Deutschen, daß es dem Ritter zieme, sich eine edle Dame zur Herrin zu wählen, in ihrem Dienst Gefahren zu bestehen durch Rittertat und Liebeslied um ihre Gunst zu werben, um Ring, Band oder Schleier, den man an die Rüstung heftete, um Liebesblick und Erhörung. Verschwiegen sollte der Ritter sein, den Namen seiner Herrin niemand bekennen, für sie Gut und Leben dahingeben. Dagegen ziemte der Frau, den Mann, der sich in ihrem Dienst treu bewährte und den Ruhm seiner namenlosen Dame im Land verbreitete, nicht ohne Erhörung zu lassen. Wie das hochmutige und sinnlich-frohe Geschlecht diese Erhörung verstand, hätte in unserer Zeit nie für zweifelhaft gelten sollen, auch die edelsten der ritterlichen Sänger sprechen mit großer Unbefangenheit von dem Ziel ihres Wunsches. Zu jeder Zeit war die Entäußerung des eigenen Lebens für den erwählten Menschen oder Gott nicht ohne sehr praktischen Hintergrund gewesen, Leistung und Gegenleistung, um Dienst Gemach, das hieß in den verschiedenen Jahrhunderten: Freuden auf der Metbank, in der Himmelsburg, zuletzt in den Armen der Herrin. Aber es war mißlich, daß der Ritterdienst des Mannes bei so willkürlich gesetztem Verhältnis selten Gelegenheit fand, sich in ernster Männerarbeit zu betätigen. Das Lied des ritterlichen Sängers war doch nur ein heiteres Spiel der Phantasie. Freilich galt es strengen Charakteren, wie Wolfram von Eschenbach, nicht für das beste Werben. Aber worin bestand das Ritterwerk, welches mehr gelten sollte? Nur selten konnte es Wunsch der Frauen sein, ihrem erwählten Ritter einen Kriegszug zu befehlen; dergleichen Expeditionen geschahen unter dem Zwang sehr realer Verhältnisse, welche mit dem Minnedienst nur wenig zu tun hatten. Auch auf die Kreuzfahrt konnte die Frau ihren Dienstmann nur dann senden, wenn sie geneigt war, ihn zu entbehren oder aus ihrem Dienst zu entlassen. Selbst phantastische Wagnisse und Abenteuer waren auf der deutschen Heerstraße nicht alltäglich, denn die Fehden und Zänkereien der Edlen tobten um Burg und Stadt, nicht weil Liebe, sondern Haß und Eigennutz aufstachelte. Da blieb wenig anderes als die Gefahren, welche die Laune der Herrin selbst erdachte – und die deutschen Frauen pflegten ihre Ritter wenigstens nicht in die Löwenzwinger hinabzusenden, wie jene spanische Schönheit – oder die gewöhnlichen Kampfspiele der Ritter. Aber wenn auch der kräftige Mann in solchem Speerkampf mit unübertrefflicher Ausdauer Roß und gesunde Glieder auf das Spiel setzte und sich täglich Gefahren unterzog, welche etwa denen unserer gewöhnlichen Studentenduelle vergleichbar sind, es war doch nicht die heilsamste Arbeit, mit einem Ringlein am Finger oder einer Bandschleife am Helm allwöchentlich Volte zu reiten und in einem Monat dreihundert Speere an den Rüstungen guter Kameraden zu verstoßen. Und darauf lief es in der Regel hinaus. Wohin war der Deutsche gekommen seit jener Urzeit, wo die Tränen und Beschwörungen der Siguruna den getöteten Gemahl aus der Götterhalle an ihr Herz herabgezogen hatten, wo die dämonische Gewalt weiblicher Leidenschaft den geliebten Gemahl vom Himmel forderte, oder wo sich das Weib, um seinen Tod zu rächen, selbst zur Teufelin machte! Dürftig sind dagegen die zierlichen Leiden des ritterlichen Geschlechts, abgeschmackt sein Werben und kindisch seine Sentimentalität. Es war eine arge Verbildung, das soll man nicht beschönigen. Aber die unverwüstliche Tüchtigkeit deutscher Natur ließ sich nicht lange beirren. Wenn bei den Romanen die Liebe des Ritters zu seiner erwählten Frau in einzelnen überlieferten Anekdoten eine Gewalt und Stärke zeigt, welche beiden das Leben verbrannte: von deutschen Werbern um ritterliche Frauengunst ist uns nichts dergleichen überliefert. Hier wurde durch die größte Innigkeit des Gefühls das ruhige, abwägende Urteil nicht ganz vernichtet. Das nahm der Poesie einige tragische Stoffe, in der Wirklichkeit forderte es die Befreiung. Und es stimmt heiter, Spuren dieser untilgbaren deutschen Bedächtigkeit auch da zu finden, wo man sie am wenigsten erwarten sollte. Wenn Ulrich von Liechtenstein die konventionellen Wächterlieder tadelt, weil es in Wirklichkeit nicht vorkomme, daß Ritter und Frau einen einfältigen und unsicheren Turmwächter zum Vertrauten geheimer Besuche machen, dafür sei eine zuverlässige Dienerin weit besser, und wenn er selbst in seinem Lied eine Dienerin den nahenden Morgen verkünden läßt, so ist dieses realistische Eintragen der Wirklichkeit kein Vorteil für die Poesie, aber sehr wohl Zeugnis für eine Gemütsrichtung, welcher untilgbares Bedürfnis ist, das wirkliche Leben zu idealisieren. In der Tat wird zuletzt selbst diesem Ritter, welcher nach Zeitgeschmack der treueste aller Frauendiener war, die Hohlheit seiner liebevollen Hingabe bemerklich, weil die Erhörung gar zu lange ausbleibt. Aber durch fast sechzig Jahre liefen die Herzensneigungen eines deutschen Ritters zeitweilig nebeneinander, in Sommerzeit und Winterzeit. Er sehnte sich nach Landbesitz und Lehn, wenn ihm das fehlte, und er dankte erfreut in artigem Lied seinem Herrn, welcher ihm spät zum Lohn für Dienst und Lobgesang solche Wohltat gönnte. Hatte er eigenen Haushalt, dann war er wahrscheinlich verheiratet mit der Tochter eines benachbarten Vasallen oder auch eines wohlhabenden Landmannes. Seine Hausfrau erzog die Kinder und leitete sparsam die Wirtschaft; im Sommer, wenn der Mann auf poetischen Fahrten umherzog, mußte sie Hausstand und Dienstleute fest zusammenhalten, auch wohl einmal mit harter Hand den Bolzen auf die Armbrust legen, wenn ein feindseliger Nachbar ihr Haus bedräute; sie war ihrem Wirt Beschließerin, Arzt und zuverlässiger Freund. Aber diese Ehe des Ritters, sein Hauswesen, seine Kinder, seine Familiengefühle, alles holde Behagen der Heimat stand ganz außerhalb der idealen Welt, in welcher er am liebsten lebte. Unter tausenden erhaltener Lieder des höfischen Sanges ist kaum eins, welches die Freuden einer glücklichen Ehe, das Glück des Hauses feiert; endlos schweift Wunsch, Sehnen, Klage, Freude aus der Natur zu den Höfen der Edlen, bei den stärkeren Männern um die politischen und kirchlichen Wirren des Landes. Man würde dem höfischen Sänger sehr Unrecht tun, wenn man ihm Empfindung für die beste Habe eines Menschenherzens abspräche; nicht das Gefühl fehlt, aber die Fähigkeit des kunstmäßigen Ausdrucks. Der Burgherr war nicht gerade ein treuer, aber doch wahrscheinlich ein warmherziger Gatte und liebevoller Vater. Das war die Prosa seines Lebens. Und sie galt ihm für gemein und kunstlos. Die vornehme Frau dagegen, welche höfisch gebildet war, fühlte sich damals leicht dem Mann überlegen. Sie konnte lesen und schreiben, was der edle und reisige Dienstmann selten vermochte, sogar viele Sänger nicht; der Ritter mußte wohl ihr Brieflein wochenlang ungelesen bei sich tragen, wenn er gerade seinen vertrauten Kaplan nicht in der Nähe hatte. Sie verstand häufig Latein und hielt nicht nur ihr Gebetbüchlein, auch den Virgil und vielleicht den Ovid in Händen. Sie war auch strenge Richterin über Hofbrauch und entschied, ob das Stück schwere Arbeit gediehen war, welches der Mann aufgewandt hatte, um sich Sitte und höfische Zucht anzueignen. Bei den Romanen war schon vor den Kreuzfahrten das Tagesleben der Edelfrau unter Aufsicht gestellt, sie lebte umgeben von weiblichem Gefolge und Hütern, welche der Vater oder Gemahl gesetzt hatte; ihr war unpassend, mit einem fremden Mann allein zu sprechen. Nach 1100 wurde diese orientalische Hut auch in Deutschland strenger. Edle Frauen verhüllten sogar auf Reisen und wenn sie unter dem Volk erschienen, mit einem Kinntuch das Antlitz. Natürlich hatte alles dies keine andere Folge, als den geheimnisvollen Reiz eines Liebesabenteuers zu vermehren und die Erfindungskraft der Bewerber zu schärfen. Denn dieselbe Sitte, welche das adlige Weib solchem Zwang unterwarf, machte ihr ruhmvoll, viele Bewerber zu haben, vor andern solche, die in süßen Versen ihr Lob im Lande zu verkünden wußten. War auch der Ritter verschwiegen, man ahnte und raunte doch, wem sein Lied galt, und je größer die Zahl der Nebenbuhler, desto eifriger war ihr Dienst, desto größer der Ruhm des Siegers. Der deutsche Ritter forderte von seiner Frau vor allem Zucht und Sitte, das heißt: die Haltung guter Gesellschaft in jeder Lage des Lebens. Seine Verehrung gab ihr gern das Prädikat »rein«, ebenso wie der Jungfrau Maria; der wohlerzogene Mann feierte, wie dringend auch sein eigenes Werben war, ihre Keuschheit und würdige Haltung gegen fremde Männer. Denn begehrlich umherspähende Augen, zuvorkommendes Lachen für jeden ziemten der deutschen Herrin nicht. Ehrbar in Haltung und Gebärde sollte sie erscheinen, von bescheidener und gehaltener Freundlichkeit, ihr holdes Lächeln war eine Belohnung des Treuen. Aber auch der Worte sollte sie mächtig sein, sinnvoll dem Anredenden Bescheid geben, den Dreisten fest zurückweisen, dem Freunde in kurzer Rede bedeutsamen Gruß spenden. Ihre äußere Erscheinung mußte fesseln, und sehr viel galt elegante und nach Stunden passend gewählte Kleidung. [...] Deshalb war die tägliche Arbeit einer Frau, sich sorgfältig zu hüten, sooft sie unter Männer kam; sie war von Werbenden, von Aufsehern und der größeren Menge der gleichgültigen und verleumdungssüchtigen »Merker« argwöhnisch beobachtet in Miene, Gebärde und Wort, wie sie einherschritt, wie sie grüßte, wem sie lächelte. Dies alles höfisch zu machen, sich nie eine Blöße zu geben, immer anzulocken und zu versagen, war die Aufgabe derer, welche sich als gefeierte Schönheiten in sicherer Stellung erhalten wollten. Daher die endlosen Klagen der ritterlichen Sänger über die Fruchtlosigkeit ihres Dienstes, die helle Freude, wenn die Herrin ihnen einmal freundlichen Blick, Gruß und teilnehmende Rede gönnte. Bei der vornehmen Koketterie, welche diese Stellung der Frauen ausbildete, waren zuverlässig die Charaktere am besten dran, denen ein kaltes Herz und stete Gefallsucht das Spiel um ein Nichts zur Lieblingsbeschäftigung machten. Es scheint damals in Deutschland an solchen Damen kein Mangel gewesen zu sein. Größeren Anteil beansprucht die hochsinnige Frau von reichem Gemüt und starker Leidenschaft, ihr brachte das Ritterspiel ernste Gefahr. Sie stand in einem Kreise, in welchem die Regel der Sitte zu unheimlicher Feinheit ausgebildet, die Sittlichkeit sehr gering war. Die große Mehrzahl der Männer gehörte einem Beruf an, der fast ausschließlich Körperkraft und Reiterkunststücke übte, trotz allen Lehren des Anstandes und guter Haltung war die Unwissenheit groß, die Zudringlichkeit schwer zu bändigen. Traf das Weib unter den Wilden einmal auf wirkliche Leidenschaft, auf einen Geist, der größer war als die Mehrzahl der andern, eigener kluger Gedanken mächtig und süßer Weisen kundig, und hörte sie das Lob ihrer Tugenden von seinen Lippen, empfand sie den Ruhm, den sie durch seine Lieder gewann, oder sah sie, daß der werte Mann um ihretwillen sich Demütigungen und Gefahren aussetzte, dann entstand wohl zwischen ihr und ihm ein Verhältnis, dessen heimliche Innigkeit und Zartheit ihr als das höchste Glück ihres Lebens erscheinen mußte. Ihr blieb der innere Kampf zwischen Ehre und Liebe nicht erspart; denn wie frei die deutsche Sitte um 1200 auch den Mann stellte, so weit ging die höfische Verbildung nicht, der hingebenden Frau das Gefühl zu nehmen, daß sie für den Geliebten andere Pflichten verletzte. Immer stellt in den ritterlichen Liedern die Geliebte dem Drängen des Bewerbers die Rücksicht auf ihre Ehre gegenüber. Und doch ist uns von diesen inneren Kämpfen der Frau verhältnismäßig wenig überliefert, nur ahnen können wir, daß sie zuweilen tief und leidvoll waren. Dann wird auch das Urteil mild, wenn aus einem erhaltenen Liede einmal die selige Freude des erhörten Geliebten hervorbricht. Für diese innigen Beziehungen zwischen Mann und Weib werden hier aus dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert einige charakteristische Belege zusammengestellt. – Da bis in das letzte Drittel des zwölften Jahrhunderts alle Lehre, welche der Frau zuteil wurde, und fast alles, was sie las und schrieb, lateinisch war, so mußte damals auch der Herzensfreund, welcher diese idealen Interessen unterhielt, der fremden Sprachen kundig sein. In der Kirche hatten sich die ersten Anfänge einer Philosophie geregt, welche die Dogmen der Heiligen Schrift vorsichtig prüfte und durch logische Schlußreihen zu begründen suchte. Die Frau las also damals mit dem geliebten Mann nicht nur Bücher des Cicero und Verse der römischen Dichter; auch Betrachtungen über Sein und Nichtsein, Wollen und Können wurden angestellt, und durch Definition der Tugenden und Laster tieferes Verständnis des Lebens gesucht. Aus dieser Zeit, wo die geistliche Bildung in die Laienbildung überging, sind uns, etwa vom Jahre 1170, einige vertrauliche Briefe eines Weibes an den Geliebten erhalten, wohl wert, daß unser Blick mit Anteil darauf ruhe. Wir wissen leider nicht, wer die Schreiberin und wer der Mann war. Sie sind erhalten in einer Briefsammlung des Mönches Wernher von Tegernsee und werden in Übersetzung mitgeteilt. Das Weib an den Geliebten. Ihrem (Hartmuot) der schönsten Blume, strahlend in der Sitten Ruhme, Der Tugenden Abbilde, der Tugenden Urbilde, Wünscht (Imtrut) die Honigträgerin, die Turtel mit sanftem Sinn: Alles was fröhlich ist, alles was selig ist In der Erde Gewimmel und was lieblich ist im Himmel, Und was dem Pyramus Thisbe begehrt. Und zuletzt sei ihm gewährt Sie selbst, noch einmal sie, und was ihm lieber ist als sie. Du Liebster unter allen Lieben! Wäre ich erfüllt vom Geist des Maro und strömte aus mir die Redekunst des Cicero oder eines anderen großen Redners, oder etwa eines rühmlichen Reimers, ich müßte mich doch zu schwach bekennen, deiner schön gefeilten Rede ebenso zu antworten. Lache mich darum nicht aus, wenn ich für mein Teil etwas vorbringe, weniger zierlich als ich möchte. Du fühlst doch innig mit mir, was ich in meinem Gemüt trage. Es ist guten Sinnen eigen, Vertraulichkeit mit Gleichgesinnten zu begehren, und mir liegt am Herzen, deinen Vorschriften bei allem Wollen zu gehorchen, und darum wollte ich durch gegenwärtiges Schreiben deinem süßen Brief doch mit einer Antwort entgegnen, wenn sie ihm auch ungleich ist. Immer war Anfang, Mitte und Ende unserer Unterredung die Freundschaft. Da ist es in der Ordnung, daß ich von der wahren Freundschaft, dem besten, fröhlichsten und lieblichsten aller Dinge spreche. Wahre Freundschaft ist nach dem Zeugnis des Tullius Cicero Einklang in allem Göttlichen und Menschlichen mit Herzlichkeit und zugeneigtem Sinn. Sie ist auch, wie ich von dir gelernt habe, das Trefflichste aller Dinge auf Erden und besser als alle anderen Tugenden; denn sie gesellt, was getrennt war, sie bewahrt, was sie gesellt, und was sie bewahrt, hebt sie höher und höher. Nichts ist wahrer als diese Beschreibung oder Erklärung, wer sich danach richtet, der hat einen Grund von fester Bewährung. Für sie wollen wir leben, denn durch sie wird fester unser Streben, Sie ist ein mächtig Ding, tröstet vornehm und gering; Sie richtet auf die Wankenden und erquickt die Krankenden, Sie läßt nicht Unrecht üben, und fordert frei zu lieben. Und kurz zu werden, sie ordnet jedes ohn' Beschwerden. Sie waltet mächtig und regieret prächtig. Doch um davon abzukommen, ohne davon zu lassen, an dich richte ich meine Zeilen, an dich, den ich in meiner Herzenskammer eingeschlossen trage, der jedes menschenmöglichen Loses würdig ist. Denn von dem Tage, wo ich dich zuerst sah, fing ich an dich zu lieben. Du bist kühn in die Tiefen meines Herzens eingedrungen, dort hast du dir, wunderbar zu sagen, durch den Reiz deines lieblichen Gespräches einen Sitz bereitet, und daß er nicht bei einem Anstoß umgeworfen werde, hast du durch die Rede deiner Briefe dir deinen Schemel, ja einen Thron fest gegründet. So ist es gekommen, daß dich aus meinem Gedächtnis kein Vergessen tilgen kann, keine Dämmerung verhüllen und kein starkes Stürmen von Wind und Wetter aufstören. Doch wie kann man von Beständigkeit reden, wo immer neue Dinge aufeinander folgen? Ich würde es wohl für ein wahres Sein halten, wenn ich immer in deiner Nähe sein könnte; aber da mir solches Sein versagt ist, wird alles Sein, das mich umgibt, von mir für unwahr erachtet. Mache du also, daß ich mein Sein für wahr zu halten vermag, und das ist nicht anders möglich, als wenn etwas von dir mit mir ist. Auch der Glaube wird die Königin aller Tugenden genannt, und das bezeugt nicht nur die Heilige Schrift, auch die unverwerfliche Lehre weltlicher Lehrer. Diesen Glauben willst du, und ich will ihn, du suchst ihn bei mir, ich wieder bei dir, ihn hefte ich durch Wort und Tat eifrig in dein Herz; scheidest du dich von ihm, so sinkst du zum Abgrund; lösest du dich von ihm, so fährst du niederwärts vom Pfade der Tugend. Vermählst du dich ihm, so leuchtest du wie ein Sonnenstrahl; dienst du ihm, so eroberst du die Burg der Tugenden; folgst du ihm, erwirbst du ein seliges Leben; hältst du ihn fest, so fassest du den Anker deiner Hoffnung. Warum? Er bindet in Hoffnung, er verneint in Liebe; durch seine Fesseln sind wir zusammengestellt; daß wir ihn fühlen, darum wünschen wir uns Glück. Was soll ich mehr sagen? Alles Gute gewinnt, wer durch Gott in Treue brinnt. Du allein bist mir aus Tausenden erlesen, du allein bist in das Heiligtum meines Geistes aufgenommen, du allein bist mir Genüge statt allem, wenn du dich nämlich von meiner Liebe, wie ich hoffe, nimmer abwendest. Wie du getan hast, habe ich auch getan, aller Lust habe ich aus Liebe zu dir entsagt, an dir allein hange ich, auf dich habe ich alle meine Hoffnung und mein Vertrauen gesetzt. Ferner wenn du mir rätst, ich soll mich vor den Rittern wie vor gewissen Ungetümen hüten, so hast du recht. Auch ich weiß, wie ich mich wahre, damit ich nicht sinke auf die Bahre. Aber ohne die Treue gegen dich zu verletzen, verschmähe ich sie nicht ganz, wenn ich nur nicht dem Fehler unterliege, den du ihnen schuld gibst. Denn sie sind es doch, durch welche die Vorschriften höfischer Sitte geübt werden, sie sind Quelle und Ursprung aller Ehre. Soviel über die Herren, bleiben sie nur unserer Minne fern. Meines Gelöbnisses eingedenk, habe ich dich immer und überall in Gedanken, denn dadurch wird die Glorie meines Hauptes völlig und mein Ruhm erneut. Beständigkeit des Geistes und der Treue bewahre ich dir allein, weil ich dadurch Gold und Silber der Seele, das ist Anmut, mir erwerbe, die ich höher zu schätzen habe als Gold und Silber. Was dir am wertesten sein mag, Daran hange ich, und das für alle Zeit verlange ich, Dabei zu beharren in Stetigkeit, befiehlt mir mein Sinn in Wahrhaftigkeit. Ich bin sicher dir, niemand folgt in mir Jetzt und jemals dir von allen, du allein sollst mir gefallen. Ich hätte mehr gesendet, doch tut's nicht not, drum sei geendet. Du bist mein, ich bin dein, Des sollst du gewiß sein. Du bist beschlossen In meinem Herzen, Verloren ist das Schlüsselein, Du mußt immer drinnen sein. Der Mann an die Geliebte Sehr eifrig habe ich dein vertrauliches Schreiben durchlesen, habe mich an deinem vielfältigen Lob der Treue und Freundschaft ergötzt und wie die Aue, wenn der Winter vergangen ist, durch die Blüten deiner Lieblichkeit verjüngt. Wenn alle Glieder meines Leibes in Zungen verwandelt würden, vermöchte ich so großem Lob nicht zu antworten, und wenn ich ganz wie ein löcheriger Schwamm würde, könnte ich soviel Herrlichkeit nicht in mich aufsaugen. Aber du hast, nach dem Bilde des Horaz, an das Menschenhaupt einen Pferdehals gefügt, und der schöne Frauenleib läuft unten in einen häßlichen Fisch aus. Denn du hast eine sehr seltsame Chimäre mir vor Augen gestellt und hast aus einem Quell zugleich süßes und bitteres Wasser gegossen. Meines Herzens Aue durch dich getränkt, fing an, Blumen und Früchte der Treue und Freundschaft zu gewinnen, da strömte plötzlich die salzige Flut herüber und dörrte ihr alle holde Anmut. Denn du hast die Zweige deiner Worte, die zierlich mit Blättern geschmückten, nach mir ausgestreckt und mein Herz angezogen; aber du hast mich wieder zurückgestoßen, da ich keine Frucht deines Baumes zum Kosten pflücken kann. Fürwahr, das ist jene Feige im Evangelium ohne Frucht, und das ist poetische Sorgfalt ohne Ernst. Was liegt dir im Sinn? Glauben ohne Werke ist tot, und erst die Leistung des Werkes ist Erfüllung der Liebe. Du aber hast dich sehr im Widerspruch mit dir selbst gezeigt, denn du hast guten Grundsätzen und den süßen Lobreden, die du vorausgeschickt, nicht den entsprechenden Schluß gemacht oder angedeutet, sondern gegen das Gesetz der Freundschaft meinem Wollen dein Nichtwollen gegenübergestellt. Denn der erste Teil deines Briefes forderte, daß du jenen rauhen Nachsatz, der gegen die Freundschaft ist, gänzlich ableugnest, und daß du durch freundschaftliche Taten bewährst, was du in Worten so herrlich ausgeführt hast. Wenn du nicht änderst, was du zuletzt schreibst, stimmen die vorgesetzten Worte nicht. Wen willst du kränken? – Das äußerste Übel hast du mit sanften Worten ausgesprochen. – Es gesellen sich alle M. – Warum nicht a. w. – Natürlich ist Hym. – Was entgegnest du? – gesellt sich zu den Bösen. – Dem Br. . . . ich nicht vertr. – Wenn du mir la., werde ich kommen . . . Antwort der Geliebten Ihm sie, dem Ihren die seine. – Zwar sagt jemand unter dem Namen Ovids von der Liebe: ›Hoffend meint' ich geborgen mich selbst vor künftigen Sorgen‹ – aber dieser Verszeile möchte ich eine andere Wendung zuteilen: Hoffend meint' ich mich geborgen vor künftiger Schreiberei. Da tönt der Ruf: zu den Waffen, und ich ›Muß jetzt singen ein Lied, zu dem mich nimmer das Herz zieht, – Doch wer zwänge zurück die einmal begonnene Weise!‹ – Ich will aber nicht, daß du mir zürnst, wenn ich den Eifer stille, der deine Seele ergriffen hat. Ich habe dir, die Wahrheit zu gestehen, so vertraulich geschrieben, wie es vor dir kein Mann jemals von mir zu erreichen vermochte. Aber ihr listigen oder, besser gesagt, erfahrenen Männer pflegt uns einfältige Mädchen mit Worten zu fangen. Weil wir insgemein in Einfalt des Herzens mit euch auf das Schlachtfeld der Worte vorgehen, trefft ihr uns mit den Speeren eurer, wie ihr meint, richtigen Schlüsse. So ist es gekommen, daß du den Brief, der neulich von mir an dich gerichtet war, mit ungetümen Tieren verglichen hast, die zwar nicht irdisch, aber doch sinnvoll sind. Und darauf hast du dasselbe getan, dessen du ohne Scheu deine Freundin beschuldigt hast. Denn zu schamlos und dreist hast du das Maß überschritten und die Zügel der laufenden Rede unvorsichtig gelockert, weil du Worte, welche nach meiner Meinung gut und ehrlich waren und aus gutem Gewissen und wahrhaftiger Treue kamen, mit einer Chimäre und Sirene verglichen hast. Das kommt nirgends anders her, wie ich fest glaube, als weil bei euch das Sprichwort gilt: ›was der Bock –‹, und weil ihr glaubt, daß ihr nach jedem freundlichen Wort von uns tätlich werden dürft. So ist es nicht, und so soll es nicht sein. Ich würde dir schlecht gefallen, wenn ich mich allen hingeben wollte, denen ich gütlich zuspreche. Weil du mir meine Worte verkehrt hast, bist du mir tadelnswert geworden. Das sollst du tun nimmermehre, Freund, folge meiner Lehre, die wird dir schaden nicht. Denn wärest du mir nicht lieb, so ließe ich dich in den Abgrund der Unwissenheit und Blindheit rennen. Du bist aber eines bessern wert, denn in dir sind sichtbar die Früchte der Ehre und Zucht. Ich hätte dir wohl mehr in dem Briefe gesandt, aber du bist sowohl gewandt, daß du vieles aus wenigem zu nehmen weißt. Beständig und glücklich sollst du immer sein. Soweit die erhaltenen Briefe. Der stille Kampf zwischen den Liebenden läßt sich erraten. Und der Mann, an welchen ein liebenswertes Weib schreibt, war vermutlich ein Geistlicher. Aber seit dem Jahre 1170 siegten die deutschen Verse der ritterlichen Bewerber in den Frauenherzen über die schönen lateinischen Perioden, worin der gelehrte Geistliche die Seelenfreundin beschwor. Überall an den Höfen der deutschen Edlen tönte der Minnegesang, und die Frauen sammelten die Lieder ihrer Sänger und hefteten die kleinen Pergamentstreifen, welche ihnen zugesteckt wurden, sorglich zusammen. Aus diesen fliegenden Blättern wurden die ersten Gedichtbüchlein in deutscher Sprache, sie wurden umhergetragen, mit neuen Liedern vermehrt, endlich zu Sammlungen vereinigt, welche uns noch erhalten sind. Was uns diese Minnelieder von dem Verhältnis des Sängers zu seiner Herrin künden, sind immer dieselben Stimmungen: Lob der Schönheit und Tugend, Klage über Dienst ohne Erhörung, Freude über den stattlichen Aufzug und einen Gruß der Geliebten, zuweilen ein verstohlenes und sinnvolles Wechselgespräch, endlich die Klage der Frau, wenn der Geliebte am Morgen von ihr scheidet. Aber nicht häufig bieten sie individuelle Züge, welche uns die Liebenden menschlich nahestellen. Und die Variation stehender Gedanken, Prädikate und Situationen ermüdet. Wir geben auch bei Walther manches Minnelied, welches vornehme Frauen feiert, für das reizende Lied, worin seine Jugendgeliebte, ein Dorfmädchen, den Ort ausplaudert, wo sie mit ihm in den Blumen geruht habe: »Wenn einer wandert da vorbei, an den Rosen er wohl mag, tandaradei, merken, wo das Haupt mir lag«. Nicht immer sind es die berühmtesten Sänger ihrer Zeit, z. B. nicht Reinmar der Alte, welche uns lieb werden; zuweilen erfreut bei kleinen Talenten oder in Liedern, deren Verfasser ungewiß sind, eine herzliche Innigkeit und interessante Beziehung zwischen Mann und Frau. In diesem Sinne wird hier in kurzer Prosa, ohne jeden poetischen Schmuck, der Inhalt einiger Lieder angegeben, welche der Ritter Albrecht von Johansdorf etwa um 1190 gedichtet hat. Noch klingen mehrere in der einfachen Weise des Volksliedes, auch in den kunstvolleren hat die Zierlichkeit des höfischen Ausdrucks nicht der Energie des Gefühls Eintrag getan [...]: Meine erste Liebe soll auch meine letzte sein. Das bringt oft Schaden meiner Lust, jedoch mein Herz rät mir so. Sollte ich mehr als eine lieben, wie mancher tut, dann liebte ich keine. Ich habe um Gott das Kreuz an mich genommen und fahre dahin wegen meiner Missetat. Gott helfe mir, wenn ich zur Heimat kehre, daß ich sie in ihrer Ehre wiederfinde, das Weib, das durch mich großen Kummer hat. Dann ist mein bester Wunsch erfüllt. Wenn aber sie ihr Leben verkehrt, dann gebe Gott, daß ich auf der Fahrt vergehe. Der Tod kann mich von ihrer Liebe scheiden, sonst niemand. Das habe ich gelobt; der ist mein Freund nicht, der sie mir verleiden will, denn ich habe sie mir zur einzigen Freude erkoren. Wenn ich durch meine Schuld ihren Zorn verdiene, so bin ich vor Gott verflucht wie ein Heide. Sie ist gut und schön; heiliger Gott, sei gnädig uns beiden! – Als sie an meinem Kleid das Kreuz sah, sprach die Gute, da ich ging: ›Wie willst du jetzt zwei Pflichten erfüllen, fahren übers Meer und doch hier sein? Wie kannst du dich in der Fremde halten gegen mich und wie bewahren deine Eide?‹ Oft fühlte ich Weh, doch nie so großes Leid. – Ach, meine Herzensfrau, traure nicht so schmerzlich. Das werde ich immer als Trostspruch festhalten; wir sollen gern fahren um des reichen Gottes willen zu Hilfe dem Heiligen Grabe; wer dabei strauchelt, kann ohne Schaden wanken. Denn dort kann niemand zu Schaden fallen, ihm wird doch die Seele froh, wenn sie mit Freudensang sich zum Himmel wendet. Ich und ein Weib, wir haben lange Zeit gestritten. Ich habe viel Zorn von ihr erfahren, noch droht sie mit dem Streit. Sie wähnt, weil ich mit dem Kreuz fahre, daß ich mein Gelübde gegen sie löse. Gott bewahre mich nicht vor der Hölle, wenn das mein Wille ist! Wie sehr das Meer und die starken Wellen toben, ich will keinen Tag meinen Schwur gegen sie vergessen. Und viele Donnerschläge werden nötig sein, bevor auch sie mich aufgibt. Was also habe ich vor ihr voraus? – Ob ich sie jemals wiedersehe, das weiß ich nicht. Doch was ich ihr gelobe, es kommt mir vom Herzen. Sooft ich erwache, ist mein erster Segen, daß Gott um ihre Ehre sorge und ihr Leben löblich erhalte. Danach gib ihr, Herr, ewige Freude in deinem Reich. Was ihr geschieht, das soll auch mir zuteil werden. Die von hinnen fahren, die sagen um Gott, daß der reinen Stadt Jerusalem und dem Lande noch nie Hilfe nötiger war. Die Klage wird Spott der Toren, sie sprechen alle: wäre es unserm Herrn ein Ärger, er könnte es rächen ohne irgendeine Kreuzfahrt. Oh, möchten sie bedenken, daß auch er den grimmigen Tod litt, auch er hatte die große Marter nicht nötig, aber ihn erbarmte unser Sündenfall. Wen jetzt sein Kreuz und sein Grab nicht erbarmen will, der wird arm werden an seiner Seligkeit. – Auf diese Gedanken hat mich trüber Sinn gebracht, gern will ich meine Mutlosigkeit bannen; davon war mein Herz bisher nicht frei. Ich denke manche Nacht: wenn ich hier bleibe, was kann ich tun, Gott zu gewinnen, daß er mir gnädig sei? Ich weiß nicht gerade große Schuld, die ich habe als eine, davon werde ich nimmer frei; alle Sünden ließe ich wohl, nur die eine nicht: ich liebe ein Weib über alle Welt in meinem Sinn; Gott, Herr, das halte mir zugute! Weiße und rote Rosen, blaue Blumen und grünes Gras, braun, gelb und wieder rot, dazu Kleeblätter, das stand in wundervollen Farben unter einer Linde, worauf Vögel sangen. Es war ein schöner Ort, dichtgedrängt beieinander wuchs es da. Ich aber harre, ob dies es mir lohne, der ich lange gedient habe. – Es ist eine gute Weile her, daß ich nicht von Freude sang, ich weiß auch wahrlich nicht, worüber ich mich freuen sollte. Es dünkt mich lange, seit ich die Gute nicht sah, doch fürchte ich, ihr machte der Gedanke an mich noch nie einen langen Tag. Ich werde wenig lachen, bis ich ihre Gnade erkenne. Wie ich's dort befinde, danach will ich alsdann lachen. Wie die Liebe anfängt, das weiß ich wohl, wie sie endet, das weiß ich nicht. Sollte ich inne werden, wie dem Herzen Gegenliebe wird, dann bewahre mich, o Gott, vor dem Scheiden, denn der Gedanke daran ist bitter. – Fände ich jemand, der sagt, er sei von ihr gekommen, und wäre es mein Feind, ich wollte ihn grüßen; hätte er mir alles genommen, er würde das durch seine Botschaft sühnen. Wer sie vor mir nennt, der hat mich zum Freund ein ganzes Jahr, und hätte er mir mein Haus niedergebrannt. O Königin Sälde (Glück, Seligkeit), du hast mich gekrönt in meiner süßen Liebe, darum will ich dich immer ehren. Wenn ich die Schöne besitze, dann kann mir's nimmer übel gehen, sie ist ein Juwel von Güte. Bestätigt hat ihr roter Mund, daß ich allezeit glücklich sein kann, wohin ich auch ziehe. So hat sie gelohnet mir, vereint hat mich mit ihrer Frau Zucht durch süße Lehre. Laß mich, Minne, frei, du sollst mich eine Weile ohne Freude lassen. Du hast mir ganz den Sinn benommen. Kommst du wieder zu mir, wenn ich die reine Gottesfahrt vollendet habe, so sei mir wiederum willkommen. Willst du aber aus meinem Herzen nicht scheiden, und mir scheint sehr, du wirst dich nicht hinausbegeben, so führ' ich dich mit mir in Gottes Land und bitte ihn, den halben Lohn meiner Fahrt der Guten hier zu gönnen. – O weh, sprach ein Weib, viel Leid ist mir durch Liebe beschert! Freudloses Leben, wie wirst du dich gebaren, wenn er von hinnen zieht, der mir die Kraft des Lebens gab? Wie soll ich der Welt und meiner Klage leben? Dazu bedarf ich Rat, wie kann ich mich jetzt vor beiden bewahren? Nie war mir darum so angst wie jetzt, es naht die Zeit, er fährt von hinnen. Selig seist du, Weib, deren Frauengüte gemacht hast, daß man ihr Bild mit sich führt übers Meer. Ihr aber in der Heimat kommt das Weh, wenn sie stille denkt an seine Not, und sie spricht: Lebt mein Herzlieb oder ist er tot? Oh, möge der um ihn sorgen, für den sein süßes Leben dieser Welt entsagt hat. Wir wissen sonst wenig von dem Dienstmann des Bischofs von Passau, der um 1190 so empfand, und gar nichts von seiner Geliebten, aber seine Klage tönt über sieben Jahrhunderte hinweg vertraulich in unser Herz. In heiterem Gegensatz zu diesem elegischen Verhältnis eines Ritters und seiner edlen Frau steht anderer Minnedienst, bei welchem die vornehme Herrin ihren getreuen Dienstmann abweisend und mit mutwilliger Laune behandelt. Wer sich den Gegenstand seiner Verehrung zu hoch wählte, wer nicht gefiel oder in seinen Huldigungen das Zartgefühl der Frau verletzte, der mochte noch Ärgeres erfahren als Nichtachtung. Aus der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts hat uns der steirische Reiter Ulrich von Liechtenstein geschwätzig in langgesponnenen Strophen die ergötzlichen Schicksale seiner höfischen Neigung überliefert. Er hat allerdings einige Ähnlichkeit mit Don Quichote; ehrbar und ernsthaft mit größter Selbstentäußerung gibt sich sein pedantischer und ziemlich hausbackener Geist dem phantastischen Spiel hin, keine Enttäuschung macht ihn wankend, keine Verhöhnung irre, jahrelang bringt er vergebens seine Huldigungen dar, und seine letzte Freude ist, die Niederlagen zu erzählen. Nur darf man nicht meinen, daß die Weise seines ritterlichen Dienstes und das Vertrödeln seines Vermögens und seines Lebens in gefahrvollem Spiel eine Ausnahme gewesen sei, welche seinen Zeitgenossen auffiel. Er tat nur, was danach höfischer Brauch des Rittertums war. Wenn er im Frauenkleid als Venus von Venedig bis über Wien hinausgezogen kam und unterwegs bei jedem Nachtquartier in seiner Verkleidung Speere brach und zum Ritterspiel aufforderte, oder wenn er später ebenso als König Artus die österreichischen Ritter herausforderte und mit den Namen der Tafelrunde schmückte, so entsprachen diese poetischen Fahrten genau der Mode, und Männer und Frauen spielten bei der Maskerade lustig mit, zuweilen in ähnlicher Verkleidung. Anderes freilich, was er für seine Herrin tat, war auffälliger. Er selbst soll davon erzählen; doch müssen aus seinem bekannten und vielbesprochenen Gedicht » Frauendienst « die betreffenden Stellen in einem Auszug mit tunlicher Benutzung seiner Worte wiedergegeben werden. Ulrich von Liechtenstein berichtet folgendes: Als ich ein kleines Kindel war, hörte ich oft lesen und sagen, niemand könne Ansehen erwerben, als wer guten Frauen treu diene. Als ich zwölf Jahre alt war, schlich ich jedem schmeichelnd nach, der Frauen pries und fragte überall umher nach ihren Sitten und Tugenden. Dann kam ich in Dienst als Knabe zu einer hochgebornen, schönen und guten Frau, die in ihren Tugenden ganz vollkommen war, und beschloß in meinem Herzen, ihr meinen Dienst zu weihen. Wenn ich im Sommer schöne Blumen brach, trug ich sie zu ihr hin; hielt sie den Strauß in ihrer weißen Hand, so war ich freudenvoll und dachte: wo du sie anfassest, hielt ich auch meine Hand. Wenn ihr das Wasser über die weißen Händchen gegossen wurde, trug ich das Wasser heimlich davon und trank es aus. Das war mein kindischer Dienst. Darauf kam ich zu Markgraf Heinrich von Istrien, der mir Zucht und Ritterdienst beibrachte; er lehrte mich, wie man mit Frauen sprechen soll und süße Worte für Briefe dichten. Nach vier Jahren starb mein Vater, da mußte ich heim in das Steierland, dort übte ich mich mit edlen Knechten im Reiten und Lanzenbrechen. Im Jahre 1222 wurde ich vom Fürsten Leopold von Österreich zum Ritter gemacht, bei einer Hochzeit, als er seine Tochter einem Fürsten von Sachsen gab. Dort sah ich meine reine süße Frau, ich konnte sie nicht sprechen; aber mir wurde berichtet, daß sie zu einem meiner Freunde sagte: ›Ich freue mich, daß Herr Ulrich hier Ritter geworden ist; er war als Kind mein Knecht.‹ Darüber war mein Herz erfreut, ich dachte, ob sie mich zum Ritter annehmen möchte. Ich zog seitdem den Sommer zu allen Turnieren und ließ es um meiner Frau willen nirgend an mir fehlen. Im Winter kam ich mit meiner heimlichen Trauer und Sehnsucht auf die Burg eines Verwandten, dessen Frau mein Niftel war. Diese nahm mich beiseite, fragte, wie es mir gehe und erzählte mir, die edle Frau, in deren Dienst sie stand, hätte mich gelobt, weil die Rede gehe, daß ich mich einer Herrin zum Dienst gewidmet habe. Und mein Niftel wollte wissen, wer meine Herrin sei. Ich antwortete ihr: ›Sie bleibt von mir ungesagt, wenn du mir nicht einen Eid schwörst, daß du den Namen verschweigst.‹ Da schwor mein Niftel, und ich sagte ihr: ›Dieselbe Frau ist's, bei der du neulich warst. Willst du mich vor dem Tode bewahren, so mußt du ihr in meinem Namen schwören, daß sie meinem Herzen die liebste ist.‹ Und als mich mein Niftel nicht bereden konnte, von dem Dienst abzulassen, verhieß sie mir endlich, meiner Frau alles zu offenbaren, und ich sagte ihr: ›Ein gutes, neues Lied habe ich von ihr gesungen, das mußt du ihr zu Ohren bringen und mir wiedersagen, ob es ihr gefällt.‹ Das Lied sandte ich und fuhr wieder zu meinem Niftel. Sie empfing mich freundlich und sprach: ›Ich habe ihr alles gesagt und dein neues Lied vorgelesen; da aber entgegnete sie: Das Lied ist gut, doch ich nehme es nicht an, sein Dienst will mir nicht geziemen, sprich mir nicht mehr von ihm; ich gönne deinem Neffen, daß er ein biederer Mann wird, denn er war einst mein Knabe, aber was er in solcher Torheit fordert, wird ihm nie gewährt. Es ginge mir an die Ehre und wäre für ihn der Ehre zuviel. Wäre er aber auch vollkommen, was ich von ihm noch nicht gehört habe, er ist einem Weibe doch verleidet, denn sein Mund steht ihm ungefüge im Angesicht; der Mund sieht, mit Erlaub zu sagen, häßlich aus, das weißt du wohl.‹ Ich antwortete: ›Mein Mund soll ihr besser oder noch schlechter gefallen; ich behalte nicht, was mir daran übel steht, sondern lasse mir's abschneiden. Und du rede mir nicht drein, es ist beschlossen.‹ Darauf ritt ich zu dem besten Meister in Graz und tat ihm meinen Willen kund, und er versetzte: ›Ich schneide Euch nicht vor dem Mai, dann kommt her; ich mache Euren Mund, daß Ihr Euch freuen sollt.‹ Als ich die Vöglein singen hörte, dachte ich: jetzt wird dazu Zeit sein. Auf dem Wege nach Graz fand ich einen Knecht meiner Frau, dem vertraute ich meine Absicht: ich habe drei Lefzen und will mir um meiner Frau willen eine abschneiden lassen. Er schalt mich unsinnig, aber begleitete mich, um die Sache mit anzusehen. Der Meister wollte mich binden, ich aber litt es nicht, ich saß vor ihm auf einer Bank, und er griff mit seinem Messer meisterlich an. Ich lag sechsthalb Wochen als ein wunder Mann und litt großes Ungemach. Der Meister rieb mir den Mund mit kleegrüner Salbe ein, sie roch so häßlich, daß ich nichts essen und trinken konnte. Endlich ritt ich geheilt von dannen zu meinem Niftel, die mir sagte: ›Deinen Mund soll dir jetzt niemand mehr vorwerfen, er steht dir gut; davon schreibe ich deiner Frau, sie soll alles wissen.‹ Und ich bat sie, ein Lied beizulegen – es war eine Tanzweise, die ich während meiner Krankheit zu Graz gedichtet hatte. Darauf erhielt mein Niftel diesen Brief von der Frau: ›Meine Huld und meinen Dienst entbiete ich dir willig und tue dir kund, daß ich am nächsten Montag von dem Haus, wo ich verweile, aufbreche und nach dem Hause reise, das du kennst. Über Nacht bin ich in dem Marktflecken, der dabei liegt. Ich bitte dich also, daß du nicht unterlassest, zu mir zu kommen, ich will dir auf alles antworten, was du mir entboten hast. Will auch dein Neffe dorthin kommen, den sehe ich gern wegen seinem Mund, wie der ihm steht, und aus keinem andern Grund.‹ Als mir der Brief vorgelesen war, machte ich mich freudig auf und ritt dorthin, wo ich die Gute treffen sollte. Da war sie leider so behütet, daß ich sie vor Abend nicht sah. In der Nacht schlief ich nicht, am Morgen, da die Sonne aufging, eilte ich zu ihrem Gesinde und grüßte Ritter und Knecht. Als der Kaplan eine Messe sang, wurde mir die Freude, daß ich meine Frau erblickte. Mit großer Furcht ging ich hin, wo mich die Tugendreiche empfing, sie neigte sich mir, aber grüßte mich nicht mit Worten. Die Messe war mir zu kurz, was man las oder sang, vernahm ich alles nicht, ich sah nur sie an. Nach der Messe hieß man uns Männer hinausgehen, die Frau brach auf, ich aber ging zu meinem Niftel, die mich freundlich anlachte: ›Du bist ein seliger Mann, meine Frau hat erlaubt, daß du sie heute auf dem Wege anreden darfst, wenn es sich fügen mag; sie denkt gut von dir, rede mit ihr, was du willst, mache es jedoch nicht zu lang.‹ So ritt ich kühnlich zu ihr hin. Als sie mich in ihrer Nähe gewahr wurde, wandte sie sich ab. Davon wurde mein Sinn so zaghaft, daß mir zur Stunde Mund und Zunge verstummte und das Haupt niedersank. Ein anderer Ritter sprengte neben sie, da war ich ganz verzagt und ritt in Furcht hinten nach, und mein Herz schalt mich: ›Feiger Mann, was fürchtest du ein so gutes Weib? Sie hat dir, weiß Gott, nichts getan, weh über dich, daß du nicht zu reden vermagst!‹ So ermannte ich mich und ritt wieder zu ihr, und die Reine, Süße sah mich an. Darüber erschrak ich wieder, die Kraft der Liebe band mir meinen Mund zusammen. Ihr könnt mir fürwahr glauben, ich wußte nicht, wo ich saß. Meine Angst wurde größer, das Herz sprang und stieß an meine Brust und mahnte: ›Sprich! Sprich! es stört dich niemand.‹ Durch fünf Stunden tat ich den Mund auf, um zu reden, aber die Zunge lag mir fest und konnte kein Wort finden. Ich will davon nichts mehr sagen. Da die Tagereise ein Ende nahm, war ich so weit als im Anfang. Da man zur Nachtrast die Frauen von den Rossen hob, bat ich, mir das Hebeeisen zu geben und hub die Frauen ab. Noch hielt sie dort auf ihrem Pferde, bei ihr standen viele Ritter und Knappen, mit denen sie scherzte. Ich trug das Hebeeisen zu ihr, da sprach sie: ›Ihr seid nicht stark genug und könnt mich nicht abheben.‹ Darüber wurde gelacht; sie trat auf das Eisen, und als sie aus dem Sattel glitt, griff sie mir verhohlen in das Haar, ohne daß es jemand sah, und riß mir eine Locke aus: ›Dies nehmt zur Strafe, weil Ihr so verzagt seid; man hat mir über Euch nicht wahr berichtet.‹ So ging die Gute zu ihren Frauen, und ich stand in tiefer Trauer da und dachte: ›Wie schlecht habe ich mich gegen sie gehalten; sie wird mir nimmer hold, ich hab's bei ihr verscherzt.‹ Ich ritt zur Herberge in die Stadt und bat Gott fleißig, er möchte mir das Leben nehmen. Ich verbarg mich in einer Kammer und schwor den Leuten, ich wäre siech, und das war auch die Wahrheit. Der ganze Leib schmerzte mich, mein Herz tat mir weh, ich meinte, verrückt zu werden und rief: ›O weh, o weh, o weh, daß ich geboren wurde!‹ Bald lag ich, bald saß ich, bald stand ich auf, wandte mich hin und her und rang oft meine Hände die ganze Nacht. Am Morgen kam einer meiner Magen zu mir und wollte mir einen Arzt holen. Ich aber forderte ein Pferd und einen Knecht, saß auf und sprengte wie ein tobender Mann dahin, wo ich die Gute den Tag vorher gelassen hatte. Da traf ich, ihr könnt mir's glauben, meine Frau auf dem Pferd sitzend, wie sie auf der Straße mir entgegenkam, in eine Reisekappe gehüllt. Als sie mich sah, neigte sie sich, und ich schwieg jetzt auch nicht mehr. Ich sprach: ›Gnade, meine Herrin, seid mir um Gott gnädig und um Eurer Tugend willen; Ihr seid es, an der mein Leben hängt, glaubt mir, ich habe Euch gedient seit der süßen Stunde, wo ich Euch zuerst sah; in Treue bin ich Euch untertan, lauter und beständig ist mein Dienst. Laßt mich Euern Ritter sein und gestattet mir, Euch zu dienen. Nichts Lieberes kann ich nimmermehr gewinnen als Euch, reine, süße, selige Frau. Gern will ich Leib und Leben in ritterlicher Arbeit wagen, in allem Ritterdienst will ich für Euch beharren bis an das Ende meines Lebens.‹ ›Schweigt‹, sprach sie, ›Ihr seid zu sehr Kind und unwissend in so großen Dingen. Wenn Euch meine Huld lieb ist, enthaltet Euch solcher Rede und entfernt Euch von meiner Seite. Euer Sinn ist töricht.‹ ›Liebe Frau, nur darin bin ich töricht, daß ich mit Euch nicht reden kann, wie ich möchte. In ritterlichem Dienst bin ich so weise wie einer der besten; um als treuer Mann zu dienen, bin ich nicht zu schwach.‹ ›Ich rate Euch, weicht von mir, wenn Ihr irgend bei Sinnen seid, und laßt Euer Raunen sein. Ihr wißt wohl, man hütet mich; hat jemand Eure Rede mit mir vernommen, das bringt Schaden. Ihr sollt mich in Ruhe lassen, fürwahr, Ihr seid ein lästiger Mann.‹ – Die Gute sah sich um und sprach zu einem Ritter: ›Reitet auch an meiner Seite, es steht euch allen übel an, wenn mich nur einer begleitet.‹ Ich rief: ›Sie hat recht, es ist fürwahr eine Unschicklichkeit.‹ Da kamen mehr als sechs herzugeritten, und mein Gespräch mußte ein Ende haben. Ich nahm Urlaub und ritt von dannen, frohen Mut im Herzen; mir deuchte, es war mir gut gelungen, ich hatte zu ihr von meinem Willen gesprochen. – Ich fuhr also den Sommer umher in Ritterschaft; als der Winter ein Ende machte, setzte ich mich hin, dichtete ihr ein Lied und Büchlein und sandte es ihr durch mein Niftel. So berichtet Ulrich von Liechtenstein den Beginn seines Werbens. Er fuhr weiter in den Sommern zu Turnieren und reisigem Spiel und dichtete im Winter Lieder zu Ehren seiner Herrin, welche die Base, die als verheiratete Frau das Verhältnis ganz in der Ordnung fand, eine Zeitlang besorgte. Als er seiner Herrin einst die Nachricht zukommen ließ, daß er in ihrem Dienst einen Finger verloren habe, und diese dem Boten zur Antwort gab, das sei nicht wahr, und sie wisse wohl, daß er den Finger noch habe, da ließ er sich den beschädigten Finger durch einen Freund abschlagen und sandte ihr das Zeugnis. Endlich machte er ihr zu Ehren die große Ritterfahrt von Venedig bis an die böhmische Grenze; als Liebesgöttin gekleidet, brach er gegen die Ritter, welche sich ihm auf dem Wege zum Kampfspiel stellten, über dreihundert Speere, und wir erfahren bei Schilderung dieses Zuges gelegentlich, daß auch er verheiratet war und während der vergnügten Fahrt seine Burg und Hausfrau auf einige Tage besuchte. Diese Ehe hätte ihm sein Verhältnis zu der Herrin nicht gestört; wohl aber kam er gerade während dieser glänzenden Ritterfahrt in Verdacht, auch anderen Frauen Minnedienst geboten zu haben, die Herrin sandte ihm eine sehr unfreundliche Botschaft und forderte den Ring zurück, den sie ihm einmal gegönnt hatte. Wie Ulrich diese Trauerkunde aufnahm, ist sehr bezeichnend für die Sentimentalität jener höfischen Zucht. [...] Ich klagte: was soll mir jetzt Gut und Leben? Ich will zu Fuß wie ein armer Mann mich aus dem Lande schleichen, daß niemand wisse, wer ich sei. Ich saß und weinte wie ein Kind, rang die Hände, und die Glieder krachten mir vor Schmerzen. Da kam der Domvogt durch die Tür – ein Freiherr von Lengenbach, tüchtiger Ritter und Speerbrecher, der während dieser Fahrt sich erboten hatte, als Marschall der Frau Venus mitzuspielen; er sprach: ›Wie nun? Was soll das sein?‹ Er schloß die Tür und trat zu mir: ›Sagt an, wer hat Euch etwas getan, daß ich Euch in solcher Klage finde? Ich will es rächen.‹ Da er mir so freundlich zusprach, brach der Jammer von neuem meine Kraft, und ich weinte wieder und sagte ihm: ›Mein Leid ist so, daß ich es niemand klagen kann.‹ Als der treue Mann mein Elend sah, wurde auch er bewegt und beweinte mit mir meinen Jammer so herzlich, als wäre ihm sein Vater gestorben. Und das war seltsam, denn er wußte nicht, warum er weinte. Als ich nun gar seine Tränen sah, fing ich in meinem Schmerz laut an zu schreien. Während wir beide so jämmerlich saßen, trat Herr Heinrich von Wasserberg, mein Schwager, herein und rief zornig: ›Seht hier, was soll das sein? Fürwahr, das ist ein schwächliches Ritterklagen, ihr weint ja wie arme Waisenkinder und schwache Weiber: schämt euch beide.‹ Da sagte der Domvogt: ›Herr Heinrich, hier klagt Herr Ulrich so jämmerlich, wie ich in meinem Leben nicht gehört habe, und er will mir nicht sagen, was es ist.‹ Von Wasserberg, der biderbe Mann, versetzte: ›Herr Domvogt, mein Rat ist, Ihr geht hinaus; er soll mir fürwahr gestehen, was er auf dem Herzen hat.‹ Der Domvogt ging, und Herr Heinrich sperrte die Tür und trat zornig vor mich hin: ›Wie nun, schwacher Mann? Pfui, Herr, pfui, wie gebärdet Ihr Euch! Wir alle sollten froh sein über den Ruhm, den Ihr gewonnen habt. Erfahren so etwas die Frauen von Euch, sie werden Euch stets wegen Eurer Schwäche hassen. Seht zu, daß Ihr dies nicht wieder tut.‹ Ich sah ihn an und sprach: ›Ich werde nimmer froh, und sollte ich tausend Jahre leben. Was mir aber fehlt, das sage ich nicht.‹ Er versetzte: ›Wenn Ihr mir Eure Herzensklage auch nicht gesteht, ich weiß doch, was Euch freudenarm macht. Wollt Ihr mir's sagen, wenn ich's errate?‹ Ich schwieg; da fuhr er fort: ›Merkt, was ich Euch sage. Die Frau, der Ihr in Minne gedient habt, hat Euch ihre Huld aufgekündigt, daher die Seufzer und das Leid; nicht wahr, ich hab's erraten?‹ Da er so sprach, brach mir das Blut aus Mund und Nase, und ich stand mit Blut beschüttet. Als er mich so bluten sah, rief der höfische Mann: ›Süßer Gott, ich preise dich, daß du mich noch vor meinem Tod den Mann sehen ließest, der ein Weib so ohne Wandel liebt.‹ Er kniete nieder und hob seine Hände in die Höhe: ›Wohl mir, daß ich diese Herzensfreude erlebte!‹ Darauf stand er auf und umarmte mich: ›Sei ruhig, ich will dein reines Herz trösten; bei meiner Treue, in wenig Tagen schließt dich deine Frau in ihre Arme; ich kenne die Art der Frauen besser als du, lieber Freund; sie will damit nur deine Beständigkeit versuchen. Hüte dich, daß du kein Wanken zeigst, und alles wird gut. Sei stolz und froh; wer den Lohn von Frauen begehrt, der muß frischen Mut zeigen, dann rührt er ihr Herz, weiches Trauern halten sie nicht für guten Dienst. Ich rate dir, waffne dich. Es ist dir große Unehre, daß so mancher wackere Mann, der deinetwegen hergekommen ist, auf dich warten soll. Schon harren sie vor der Herberge, waffne dich.‹ Mich aber erschütterte wieder das Weinen, und ich sprach kläglich: ›Ich will nicht turnieren, ich habe keinen frischen Mut, Ritterwerk in Trauer gedeiht nicht.‹ Er aber lachte: ›Ich habe meinen Willen darauf gesetzt, du mußt den Harnisch anlegen, es sei dir lieb oder leid. Du sollst in deinen Waffenrock.‹ Da rüstete mich der wackere Mann, ich aber wußte ihm keinen Dank. So erzählt Ulrich von Liechtenstein, und wir Modernen staunen über eine Sentimentalität in der Staufenzeit, die fast genau so aussieht, als hätte sie einer schönen Seele des 18. Jahrhunderts die Stimmung getrübt. Aber auch diese träumerische Beschaulichkeit, welche über dem eigenen Leiden genußvoll verweilt, war ein altnationaler Zug, etwas davon hatte schon der Vandalenkönig Gelimer gezeigt. Sie ist jetzt unwahrer und kindischer geworden. Denn man beachte wohl, der Liechtensteiner hat die Frau seines Herzens seit seinen Knabenjahren nur selten auf Augenblicke gesehen, nur wenige Worte mit ihr gewechselt; er ist verheiratet und ein Lebemann, der unruhig umhertreibt. Die phantastische Neigung hat denn auch ein Ende, welches ganz der innern Unwahrheit des Verhältnisses entspricht. Als aussätziger Bettler verkleidet, muß Ulrich vor das Schloß seiner Herrin kommen, dort leidet er tagelang Not und Schmach; endlich wird er in der Nacht mit Tüchern an der Mauer heraufgezogen. Die Herrin empfängt ihn im Fürstenschmuck, auf ihrem Lager sitzend, von vielen Frauen umgeben, beim Glanz von hundert Lichtern, und sagt: daß sie ihn in solcher Art heimlich sehe, sei die höchste Gnade, die sie ihm erweisen könne; andere Gunst dürfe er von ihr nicht fordern. Sein Stolz wird dadurch tödlich gekränkt, vergebens verhandelt er in der Nacht mit seiner anwesenden Base, um sein Ritterrecht an der Herrin geltend zu machen, und sehr fremdartig für unser Empfinden ist der Inhalt dieser Verhandlungen. Da er sich weigert, das Schloß zu verlassen, wird er endlich durch eine List der Frauen wieder aus der Burg entfernt und fühlt die Schmach, die ihm dadurch widerfahren, so tief, daß er Lust hat, sich ins Wasser zu stürzen. Man erkennt deutlich, daß seitdem das Verhältnis seinen Zauber verliert, obgleich die Eitelkeit des Ritters sich nicht versagen kann, einige schwache Andeutungen zu machen, daß er doch noch bei seiner Herrin Gnade gefunden habe. Denn gleich darauf singt er Klagelieder gegen sie [...], und aus der ungesunden Neigung wird ein dauerhafter Haß. [...] Der höfische Frauendienst verlor seine Bedeutung in der eisernen Zeit, welche etwa seit 1220 über Deutschland kam. Doch ganz verschwand er nicht aus den deutschen Burgen; noch im 15. Jahrhundert, kurz bevor Götz von Berlichingen im Wald auf die Nürnberger lauerte, werden wir ähnlichen abenteuerlichen Huldigungen begegnen. Bald auch hörten die Dienstmannen und Ritter auf, Träger der nationalen Poesie zu sein, aber der deutsche Gesang, welcher bei ihnen begonnen, klang fort in den Stuben der Bürger, am Studiertisch der Mönche, auf den Kreuzwegen, wo fahrende Leute hielten. Der unermeßliche Segen blieb der Nation, den Versen folgte die deutsche Prosa; Urkunden, Rechtsbücher, Chroniken wurden jetzt deutsch geschrieben, zwei Jahrhunderte nach dem Tode Kaiser Friedrichs II. wurde das erste Buch gedruckt. Die Trumme gesplitterter Speere lagen in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts auf allen Spielplätzen großer Edelhöfe, die Minnelieder Walthers sang der Bote, der auf der Straße ritt, und leiser die Edelfrau in ihrem Zimmer und die Nonne in ihrer Zelle. Mit Speerkrachen und zierlichem Versklang endete die erste Periode deutscher Geschichte. [...] V Das Rittertum Im dreizehnten Jahrhundert Das Rittertum als persönliche Ehre der gepanzerten Reiter; Edle, Dienstmannen. Die Ritter als Dienende. Das Kind und seine höfische Zucht. Ritterschlag und Recht ihn zu erteilen. Vorrechte des Ritters. – Seine Rüstung. Turnierwaffen. – Die Waffenübungen: die Tjost, das Forestieren, Tafelrunde und Artushöfe, der Buhurt, der Turney und Schilderung, Zahl der Kämpfer, Bedeutung der Spiele. – Die Trägen, das unpraktische der Ritterspiele. Verwilderung der Ritter. – Die Gefangennahme Ulrichs von Liechtenstein durch seinen eigenen Lehnsmann, nach dem »Frauendienst«. – Änderungen in der Bewaffnung und Verfall im nächsten Jahrhundert. – Die Rittermäßigen. – Das Rittertum nach dem »Ritterspiegel»des Johannes Rothe um 1400 Die Ritterwürde war seit den Kreuzzügen Ehre des Reiters geworden, welcher zur Kriegsfolge verpflichtet war, weil ihn sein Herr mit einem Lehngut begabt hatte, oder weil er auf dem Herrenhof in Dienst stand. Es war eine persönliche Ehre, welche jedem einzelnen erteilt werden mußte; sie gab ihm das Recht, in der Schlacht neben seinem Herrn in gleicher Rüstung zu kämpfen, und sie machte ihn für Lager, Waffenspiel und Hofgeselligkeit zum gleichberechtigten Kameraden aller Edlen, nicht nur seines Volkes, sondern der gesamten Christenheit. Der deutsche Adel bestand von den Sachsenkaisern bis nach 1400 – abgesehen von den geistlichen Reichsfürsten – nur aus den Familien der Fürsten, Grafen und Freien, welche Reichslehen besessen hatten. Er war in einer Anzahl Familien erblich geworden, und oft wird das vornehme Geschlecht der Fürsten, Grafen und Freien den übrigen Ständen gegenübergestellt. Nur sie sind nach Recht die Edlen und werden als hochgeboren gerühmt, sie sind die Hofbesitzer, in deren Saal und Stall Hofbrauch gelernt wird. Aber auch sie gewinnen die Ritterwürde. Ihnen gegenüber stehen von 1200–1400 die Ritter und ihre Familien als nichtadlige, auch sie mit sehr verschiedenen politischen Rechten und Ansprüchen. Denn sie sind nicht einmal sämtlich freie Leute. Zwar der größere Teil derselben stammt entweder aus freiem Bauerngeschlecht oder doch von Freigelassenen. Aber die Dienstmannen oder Ministerialen, welche Haus- und Hofdiener eines Edlen sind, entweder neu ausgewählt oder von ihren Vätern her, sind Hörige; sie können von ihrem Herrn mit dem Grund und Boden, den sie besitzen, verkauft, vertauscht, verschenkt werden, zuweilen sogar sie allein ohne den Grund; sie dürfen außerhalb der Dienstgenossenschaft ihres Herrn nur mit seiner Erlaubnis heiraten, dürfen nicht im Gericht Urteil finden gegen freigeborene Leute usw. Doch solche Überreste alter Unfreiheit verhindern nicht, daß sie in allem Rittertum den freien Rittern, ja den Edlen gleichstehen. Und merkwürdig, gerade diese Dienstmannen, welche durch Hofgunst in der Hörigkeit heraufgekommen sind, bilden bereits um 1200 eine bevorzugte und anspruchsvolle Klasse der Ritter. [...] Es war natürlich, daß diese emporstrebende Klasse höriger Ritter viel beneidet wurde, man klagte über ihren Hochmut und wußte wohl, daß mancher von ihnen mit dem Hirten das Vieh gehütet hatte. Aber sie gingen im Range überall der Masse gewöhnlicher Ritter vor, und die Reihenfolge der Ehren ist stets: Fürsten, Markgrafen, Grafen, Freie, Dienstmannen, Ritter, edle Knechte. Die Ritter aber bildeten die ungeheure Mehrzahl des Standes, sie ritten in dem Gefolge der Edlen und Dienstmannen und spielten im 13. Jahrhundert als Chor mit. Ein tüchtiger Mann unter ihnen konnte in seiner Landschaft ebenfalls Ansehen gewinnen als geschickter Speerbrecher, dauerhafter Kriegsmann oder Landplacker. Im ganzen war noch lange nach 1200 ihre Teilnahme an den ritterlichen Spielen zwar eifrig, aber bescheiden. Bei dem zahlreichen Rittersport, welchen der Liechtensteiner veranlaßt, sind die Edlen und Dienstmannen seiner Landschaft im Einzelkampf immer die Haupthelden; denn Turnierschmuck, Rosse und Waffen kosteten vieles Geld, Einkünfte und Glücksgüter waren den Rittern oft karg zugemessen, sie waren begünstigt, wenn sie ein festes Haus zu Lehen hatten, oft saßen mehrere derselben in demselben Bau, oder sie dienten im Haushalt eines Reicheren; gern nahmen die Ritter von ihrem Herrn Schwert und Gewand, bildeten im Turnier seine Schar und hatten wohl auch die Turnierbeute mit ihm zu teilen. Auch solche fehlten nicht, welche besitzlos und abenteuernd durch das Land zogen und einen Herrn suchten, dem sie um Kost und Gewand dienen wollten; oder sie bettelten gar als »elende (fremde), arme, nothafte Ritterschaft« bei Vornehmen um eine Beisteuer. Dennoch waren die Ritter um 1200 bereits in Wahrheit die Tyrannen der Landschaft, stolz und mißgünstig blickten sie auf die reichen Bauernhöfe, sie waren die Kriegs- und Spielkameraden aller Herren des Landes, unentbehrliche Helfer bei jeder Fehde, oft wirklich durch Bildung und Lebensklugheit über die Masse des Volkes gehoben. Sie hatten das Recht, der Fürstin des Landes ihren Ritterdienst zu weihen, im Turnier Könige vom Roß zu stechen und ihnen Pferd und Rüstung zu pfänden. Sie saßen in allen Landschaften, einzelne Gegenden des altsächsischen Bodens ausgenommen, so zahlreich und trotz aller Fehden so eng miteinander verbunden, daß ihr Gebaren sehr oft das Geschick der Landschaft bestimmte. Auf ihre Menge und das Zahlenverhältnis zu den Edlen kann man aus eigenen Angaben schließen. Als Kaiser Friedrich Rotbart im Jahre 1184 zu Mainz seinen Sohn Heinrich mit dem Ritterschwert begabte, waren 70 große Fürsten und an 70 000 Edle, Ritter und rittermäßige Knechte versammelt. Im Jahre 1222 waren bei der Hochzeit, welche Leopold von Österreich seiner Tochter ausrichtete, 5000 Ritter im Gefolge der Edlen und Dienstmannen zusammengeströmt. Zwei Jahre darauf ritten bei einem Sühneversuch zu Freisach in Österreich außer Fürsten und Markgrafen noch 6 Grafen, 8 Freie, 24 Dienstmannen mit ihrer Sippe und 600 Ritter herzu. Die Adligen und Dienstmannen werden von dem Berichterstatter sämtlich mit Namen aufgezählt, von den Rittern nur die Ziffern genannt. Für die gute Kameradschaft lohnte die Demokratie der Ritter dem Adel dadurch, daß sie sich eifrig nach seinem Bild formte. Bei den Frauen ihrer Herren um Minne zu werben, sich beim Becher höfisch zu verhalten, war ihr Stolz, gern legten sie ihrem Schildamt das Prädikat edel bei. Sie waren im Grunde Dienende. Auch wer nicht ein Höriger war und nicht in seiner Familie durch das Hofrecht des Herrn beengt wurde, blieb abhängig von Gunst und Milde des Lehnsherrn. Der Lehnsmann mochte sich einmal trotzig gegen seine Herrn auflehnen, im ganzen gedieh ihm nicht Unabhängigkeit des Sinnes und nicht das Behagen in seinem Hause. Der Hof des Edlen oder Fürsten wurde der Ort, von dem er die meisten guten Erfolge erwartete, dort drängten und stießen sich rücksichtslos die Schildtragenden um einen gnädigen Blick und eine huldvolle Gabe. Der so hochfahrend war nach unten, wurde unter einem mächtigen Gebieter leicht ein schwacher Höfling; das wird bald eine Klage der Sittenprediger. Sogar bei den Ritterspielen ist die ideale Gleichberechtigung in Wirklichkeit nicht immer vorhanden, und es geschah wohl nicht erst im 16. Jahrhundert, daß sich der Hofmeister eines Fürsten freiwillig vom Pferde warf, wenn er seinen gnädigen Herrn abgestochen hatte. Dieses Ringen nach der Höhe und Werben um Hofgunst wurde charakteristisch für diese ganze Periode deutscher Geschichte, ja darüber hinaus. Wie der Bauer zum Ritter werden wollte, so der Ritter zum Adligen; Unzufriedenheit mit der einhegenden Schranke, ein rastloses Drängen in höher berechtigte Genossenschaft wurde seit der Hohenstaufenzeit dem ganzen Abendland eigentümlich. Wohl lag etwas Großes in der achtungsvollen Gemeinschaft, welche den Herrn mit seinem Mann, den Edlen mit dem reisigen Lehnsträger verband. Vielen wurde der Ritterstolz, durch solche Bundesbrüderschaft genährt, ein Quell sittlicher Empfindungen, der ihnen das wilde und räuberische Leben vor völliger Verwüstung bewahrte; mit besonderer Freude heben die ritterlichen Sänger diese Poesie ihres Standes hervor. Auch für die Befreiung der Menschenkraft aus der Stagnation ererbter Zustände wurde das Aufstreben der Ritter eine wichtige Hilfe. Es war unzweifelhaft ein Kulturfortschritt, aber er wurde teuer erkauft durch die Nichtachtung, welcher die ländliche Produktion verfiel, und durch kunstvolle Ausbildung der Standesprivilegien und Vorurteile. Wer von seinen Eltern für Ritterschaft bestimmt war, der wurde gern als Knabe auf den Hof eines Edlen gebracht, um die Zucht zu lernen, welche den höfischen Mann von dem bäurischen unterschied. Hier tat er als Kind Pagendienst, bildete einen Teil des Gefolges, wartete dem Herrn oder der Frau auf bei Tisch und in der Kammer, und stand an großen Höfen mit seinen Altersgenossen unter einem Hüter, dem er bei der Annahme wohl ein Geschenk gab. Uralter Brauch war den deutschen wie anderen indogermanischen Völkern, daß sich nach freier Wahl zwei Kinder oder Gesellen aneinander banden, sie besiegelten die Bundesbrüderschaft durch Gelöbnis und geweihten Trank. Solch innige Verbindung zweier Männer begegnet einige Male in der deutschen Heldensage, Spuren davon haben sich im Volk bis zur Neuzeit erhalten. Es mag mit dieser Sitte zusammenhängen, daß im Hofhalt häufig je zwei der Dienenden gesellt wurden, sie aßen aus einer Schüssel, erhielten zusammen ihren Trunk und schliefen oft auf demselben Bett. Die Zucht, welche der Knabe erlernte, war zunächst gesittetes Verhalten in Rede und Haltung, vor allem bei Essen und Trinken. Zahlreiche Lehren, welche zum größten Teil aus frühem Mittelalter stammen, wurden in Verse gefügt und auswendig gelernt. Die »Tischzuchten« z. B. befahlen: man soll hübsch die Nägel beschneiden – was auch deshalb wünschenswert war, weil man vor dem 15. Jahrhundert keine Gabeln gebrauchte und den Fingern bei Tisch dreiste Eingriffe nicht wehren konnte; – man soll vor dem Essen sagen: »Segne es Jesus Christ«, soll am Tisch nicht den Gürtel vom Bauch schnallen, nicht das Brot beim Schneiden an die Brust stemmen, nicht mit dem Finger in Senf, Salz und in die Schüssel stoßen, sondern die Speisen, die man aus der Schüssel holt, mit einem Löffel oder einer Brotkruste anfassen, die man vorher mit der Hand und nicht mit dem Munde zugespitzt hat; wer die Speisen mit Brot angreift, soll die Krumen behüten, wenn er mit einem anderen ißt, daß sie nicht in die Schüssel fallen. Niemand soll aus der Schüssel trinken, nicht abbeißen und wieder in die Schüssel legen, nicht zwei sollen einen Löffel gebrauchen, beim Schneiden soll man nicht die Finger auf die Klinge legen, man soll nicht trinken und sprechen, bevor man die Speisen hinabgeschluckt hat, nicht schmatzen und rülpsen, sich nicht in das Tischtuch schneuzen, nicht über den Tisch legen, nicht krumm sitzen und sich nicht auf die Ellbogen stützen. Andere Dinge als Speisen soll man während des Essens nicht mit der bloßen Hand anfassen, sondern dafür das Gewand über die Hand decken. Vor dem Trinken soll man den Mund wischen, nicht in den Trunk blasen, während dem Trunk nicht über den Becher sehen. Man soll nur zwischen den Trachten trinken, man soll nicht essen, während der Geselle trinkt, man soll beim Essen gegen seinen »Gemäßen« billig sein und ihm nicht seinen Anteil wegessen, endlich die Zähne nicht mit dem Messer stochern. War das Kind im Edeldienst herangewachsen, so wurde es Knecht eines ritterlichen Herrn; nicht immer an demselben Hofe, wo der Glanz und Müßiggang vornehmen Dienstes verweichlichte, sondern bei einem festen und erprobten Lehrmeister. Jetzt ward der Knappe im Reiterhandwerk unterwiesen; dazu gehörte außer den alten Turnübungen: Steinstoß, Wurf, Sprung, vor allem Gebrauch der Waffen, dann die vornehme Jagd mit Falken und mit Winden, höfischer Tanz und ritterlicher Dienst bei Frauen durch Liederdichtung und Gesang. Der junge Knecht nahm teil an den Fahrten seines Herrn und wartete ihm auf bei Spiel, Fehde und Krieg. Es scheint, daß der Jüngling als Knecht einen Beinamen erhielt, mit dem er von seinen Gesellen gerufen wurde; wenigstens sind in den höfischen Kreisen charakterisierende Beinamen sehr häufig, welche aus Laune, Spott, Haß beigelegt werden, zuweilen als Pseudonyme den wirklichen Namen ihres Besitzers verstecken. Der junge Knecht turnierte eifrig mit seinen Gefährten, die Ritterschaft zu lernen, um besondere Knechtspreise. [...] Hatte sich der Knecht in Ritterschaft wacker geübt, stammte er von einem Vater, welcher selbst den Ritterschlag erhalten hatte, oder war er seinem Herrn besonders wert geworden, so erhielt er feierlich die Ritterwürde. Von dem Brauch, der sich allmählich dabei ausbildete, war der älteste das Umgürten mit dem Ritterschwert durch den Herrn, seit den Kreuzzügen unter kirchlicher Weihe der Waffen und Ablegung eines Gelübdes, wodurch der Ritter sich verpflichtete, treu gegen das Reich zu sein, Frauen zu ehren, Gotteshäuser, Witwen und Waisen zu schirmen. Diese Zeremonie der Schwertleite war bei Vornehmen, den geistlichen Orden und in späterer Zeit feierlicher. Um 1200 durfte das Ritterschwert erteilen, wer selbst Ritter war und das Recht hatte, Lehnsgüter zu verleihen, also wer ein adliger Herr war. Da aber die Ritter das reisige Gefolge jedes ansehnlichen Gutsbesitzers bildeten, so nahm sich auch der Dienstmann die Freiheit, den Ritterschild an sein Gefolge auszuteilen. Es wurde damit in wilder Zeit überhaupt nicht genau genommen, die Würde ward schon im 13. Jahrhundert an Bauernsöhne um Geld gegeben, oder weil der Herr sich einmal mit großem Gefolge am Fürstenhofe zeigen wollte. Für ehrenvoll galt es, von dem höchsten Fürsten des Landes das Ritterschwert zu erhalten, auch ihm war rühmlich, an großem Hoffest vielen höfischen Knechten die Ehre zu erteilen. Bei jener österreichischen Vermählung im Jahre 1222 erhielten 225 Knappen die Würde. Noch rühmlicher war die Erteilung vor einer Schlacht, die neuen Ritter kämpften dann in der ersten Schlachtreihe. So wird berichtet, daß Rudolf von Habsburg vor der Schlacht auf dem Marchfeld 1273 unter andern auch hundert Züricher Bürgersöhnen das Ritterschwert gab und die Züricher für seine besten Kämpfer erklärte. Schon um 1200 bestand der Stolz auf ritterliche Herkunft. Das nächste Recht zum Schildamt sollte haben, wer aus dem »Geschlecht der Tjoste« stammte, und der Satz, welcher überall galt, daß der Sohn dem Beruf des Vaters zu folgen habe, wurde von Ritterbürtigen mit Eifer geltend gemacht. Aber trotz allem Klagen und Zürnen wollte es nicht gelingen, das Eindringen neuer Leute abzuhalten. Damals wurde allerdings nur der aufstrebende Bauer angefeindet. Denn der Stadtbürger des 13. Jahrhunderts, der von seinen Eltern her als freier Mann bekannt war oder dessen Vorfahren als Burgmannen unter dem Stadtherrn gesessen hatten, sorgte selbst dafür, daß er vom Ritterschild nicht ausgeschlossen wurde. Auch er stand in einem Gegensatz zum Lehnsmann im Dorf, aber er war in vielen Landschaften der Reichere, bald auch der Gebildetere; er vertrat als Mitregierer seiner Stadt große politische Interessen, beeinflußte die Waffenmacht seiner Bürgerschaft und konnte den Fürsten sehr gefährlich und sehr nützlich sein. Er war stolz auf sein Ritterschild und seine Armstärke beim Speerbrechen wie der Dorfritter. Aber wenn er sich auch für den besseren Mann hielt, schon unter den Hohenstaufen war für seine Geltung unbequem, daß er oft Kaufmannschaft trieb und sein Geld in bürgerlicher Nahrung mehrte. Denn der alte Kriegerstolz der Germanen bestand unverändert fort, daß dem waffentüchtigen Mann Kriegstat mehr zieme als friedliche Arbeit. Und wo unter den Hohenstaufen die Würden der Männer aufgezählt sind, steht der reiche Kaufmann stets hinter dem Ritter. Wer in den Ritterorden aufgenommen ist, wird Herr und Ihr genannt, der Knecht aber Gesell und du. Er hat das Recht, ein Wappen auf dem Holzschild zu tragen und sich von dem Knecht aufwarten zu lassen. Es war nicht unnatürlich, daß um diese äußeren Vorrechte des Ritterstandes gerade solche tödlichen Streit erregten, welche sich davon erhielten, dem Bauer die Rinder zu stehlen; schon um 1290 ist es gefährlich, solchen Raufbold du zu nennen oder ein Schildzeichen zu führen, welches dem seinen gleich ist. Das Vorrecht, Schmuck und kostbares Gewand des Adligen zu tragen, zumal Gold an Schild, Spange und Sporen, scheint der Ritter später gewonnen zu haben als wertvolleres. Denn noch um 1400 war heraldische Überlieferung, daß Gold im Schild edler sei als Silber. Jedenfalls wurde der Goldschmuck bald sogar von den ritterbürtigen Knappen beansprucht. Zwar dem jungen Knecht gezieme wie dem Kaufmann Silber, aber dem Knecht von dreißig Jahren solle man vergoldeten Schmuck nicht wehren. Und es ist bezeichnend für die allmähliche Umwandlung des Rittertums in einen erblichen Stand, daß bereits die ritterbürtigen Knechte als ein eigener Stand hinter den Rittern aufgezählt und durch den Namen »edle Knechte« von anderen Aufwartenden unterschieden werden. Und bereits nach 1200 ist für ritterlichen Grundbesitz und Geltung in der höfischen Genossenschaft die Ritterwürde nicht unbedingt notwendig. Die Rüstung des schwerbewaffneten Reisigen sucht seit Friedrich Rotbart den Leib besser zu schützen und dem Ritter den Durchbruch der feindlichen Haufen zu erleichtern. Die fünf Systeme der Schutzrüstung: Lederkoller mit Metallplatten, aufgenähte Eisenschuppen, Kettenpanzer, bewegliche Eisenringe und gerundete Schienen, sind sämtlich bereits in der letzten Römerzeit vorhanden, sie haben sich nebeneinander erhalten und werden bis in das 17. Jahrhundert hinab der Reihe nach von Mode und Bedürfnis aufgenommen. Nach langen Zwischenräumen kommen einmal wieder uralte Formen in neuer Umbildung auf. Um 1200 war die Schutzrüstung noch verhältnismäßig einfach. Der Harnisch, d. h. die Rüstung des Leibes, bestand aus dem Halsberg (Leibdecker), einem Kettenpanzerrock mit Ärmeln, Handschuhen und einer Kapuze, welche zurückgeschlagen werden konnte und, übergezogen, nur das Gesicht freiließ. Über dies Kettenhemd, das bis an die Knie reichte und abwärts von den Hüften durch Geren, keilförmige Einsätze, erweitert war, wurde bei ernstem Kampf zuweilen die Brünne, der ältere Brustpanzer, gelegt. Aber im 13. Jahrhundert kam die Brünne außer Gebrauch, nicht immer legte man eine Eisenplatte über den Halsberg, erst im 14. schnallte man den Schienenharnisch regelmäßig über das Kettenhemd. Die Füße waren durch anliegende Panzerstrümpfe, die Eisenhosen, geschützt, welche bis über die Schenkel hinaufreichten. – Der Helm war im 10. Jahrhundert häufig eine runde Stahlkappe gewesen, hatte im 11. durch einen vorragenden Eisenstreif die Nase gedeckt und im 12. oft konische Form gehabt. Gerade in der Zeit des höfischen Minnedienstes ward er in Deutschland häßlicher als je zuvor und hernach plump, dick, am Scheitel häufig abgeplattet, einem umgestürzten Topf ähnlich. Er deckte auf den Schultern sitzend das ganze Haupt, ließ nur kleine Sehöffnungen, die Fenster, und wurde über der Panzerkappe mit seidenen Schnüren festgebunden. Neben ihm dauerte der Eisenhut, eine Stahlkappe mit breiter Krempe. – Der Ritterschild, im 10. Jahrhundert oft rund, im 12. dreieckig, sehr lang und zur Aufnahme des Körpers eingebuchtet, wird kleiner, bleibt aber dreieckig und von Holz. Das zweischneidige Ritterschwert ist länger geworden, der lange Speer hat einen Schaft von Eschenholz, in den Gedichten auch von spanischem Rohr, mit kurzer Eisenspitze, am Griffende gewöhnlich mit einer Scheibe. Über die Rüstung wirft der Ritter seinen langen Waffenrock von leichtem Zeug, darüber noch das Kursit als Staatskleid; die Sporen werden angeschnallt, sie sind dem Ritter noch nicht von Gold, nur an Adligen werden einigemal goldene Sporen erwähnt. Das Roß ist noch gar nicht mit Eisenplatten bedeckt. Der Sattel hat einen tiefen Bock, der dem Rücken des Reiters sichern Widerhalt gibt, auf der rechten Seite des Sattels ist eine eiserne Gabel zum Auflegen des Speers angebracht, der Reiter steckt den Speer noch nicht in das starke Gerüst mit Kerbeisen, welches in späterer Zeit hinter seiner Hüfte ragt. Der Zaum ist eine einfache Trense. Es war ein zweifelhafter Fortschritt, daß die Turnierwaffen größeren Schmuck und allmählich andere Form erhielten als die des Krieges. Bald nach 1200 beginnt man das Zimier, den Helmschmuck, auf den Scheitel des Helms zu setzen; er besteht zunächst als Schmuck der Vornehmen aus einem Kranz von Federn, Blumen, Goldblättern, einem hohen Busch Pfauenfedern, einem ausgebreiteten Fächer, bunt gemalt, mit Pfauenfedern und Tuchstreifen geschmückt. Allmählich werden phantastische Formen aufgesetzt, Figuren von Menschen und Tieren, Hörner, Wappenzeichen, zuweilen seltsame Inventionen, in ansehnlicher Höhe von Holz und Stoff verfertigt, bunt übermalt. Zum Schutz gegen die Sonne hatte man zur Sachsenzeit einen Strohhut über die Eisenkappe gesetzt, in den Kreuzzügen ein Tuch herabhängen lassen, erst am Ende des 13. Jahrhunderts wird dies Tuch, bunt verziert und ausgezackt, als Helmdecke ein Teil des Wappenschmucks. Die Außenseite des hölzernen Schildes, nicht selten mit Pelzwerk überzogen, zeigt das Wappen des Besitzers, das auf Leinwand gemalt ist. Eigene Wappenzeichen scheinen ursprünglich ein Vorrecht der edlen Lehnsherren gewesen zu sein, und die Lehnsleute, und vollends die Dienstmannen, nur das Zeichen ihrer Herren geführt zu haben, zuweilen mit einem unterscheidenden Merkmal; um 1200 tragen auch manche einfache Ritter ihr besonderes Wappenbild, aber die Bilder und Farben werden frei behandelt, und die Nachkommen ändern sorglos daran. Grün ist in dieser Zeit noch als Schildfarbe gebräuchlich, auch im folgenden Jahrhundert werden zwei Metalle übereinandergesetzt. – Das Roß wird mit einer langen Decke geschmückt, welche vom Hals bis über den Schweif fast bis zum Boden reicht. Waffenrock und Pferdedecke haben häufig dieselbe Farbe, der bunte und kostbare Stoff ist durch eingesetzte Bilder und Embleme verziert. Die Turnierlanze muß an der kurzen Spitze ein Quereisen gehabt haben, wodurch das tiefe Eindringen verhindert wurde, noch nicht die spätere Krone; denn es wird von dem Eindringen des Stichs durch die Helmfenster und das Panzerhemd berichtet, aber die Augen des Kämpfers sind geschützt und die Wunden können nicht tief gewesen sein. Der Speer wird farbig bemalt, wohl auch mit Blumen und Flitterschmuck dicht umwunden, mit einem Wimpel verziert. Der geschlossene Helm, der bemalte Schild, das Ritterschwert, der Gürtel, der Waffenrock sind die unterscheidenden Zeichen des Ritters, der Knappe reitet in offener Helmkappe ohne Schild und Waffenrock. – Größte Bedeutung erhielten dem Ritter seit Ende des 12. Jahrhunderts die Waffenübungen, welche ein Vorrecht seines Standes geworden waren. Sie wurden in der Hauptsache zuverlässig schon während der Wanderzeit eingerichtet, seit den Kreuzzügen mit den Spielgesetzen, welche die Romanen allmählich erdacht hatten, zu einem System von Regeln verbunden, an deren Beobachtung der höfische, d. h. gebildete Mann erkannt ward, deren Verletzung für unehrenhaft galt. Von diesen Übungen war die häufigste, Grundlage der übrigen, die Tjost, der Speerstich zweier gerüsteter Ritter gegeneinander. Zweck dieses Kampfes war, den Gegner im scharfen Anritt mit dem Speer so zu treffen, daß entweder der Gegner vom Pferde geworfen wurde oder der Speer in die Rüstung des Ritters drang und von dem Stoß zersplitterte. Zu solchem Kampf wurde ein Raum abgegrenzt, wenn die Örtlichkeit das erlaubte; beide Gegner nahmen eine Anlauf, den »Puneiß«, wobei das Roß mit gesteigerter Schnelligkeit so zu leiten war, daß es die größte Kraft im Moment des Stoßes gab. Man ritt dabei nicht »Stapfes oder Drabs« – im Schritt oder Trab –, es gehörte Kunst dazu, zu rechter Zeit aus Galopp in Karriere oder, wie man damals sagte, aus dem »Walap in die Rabbine« zu treiben. Der Anlauf war »kurz« oder »lang«, der lange erforderte größere Sicherheit in Führung des Rosses und Speers, aber er war natürlich wirksamer; es ist charakteristisch, daß der lange Anlauf um 1200 für trefflicher galt, nach 1400 wegen der schweren Rüstung für unbequem. Es war Spielregel, bei diesem Rennen den »Hurt«, das Zusammenprallen der Reiter und der Rosse, zu vermeiden, und der Reiter mußte verstehen, nach dem Stich mit einer Volte rechts abzubiegen, wenn er nicht die bösliche Absicht hatte, den Gegner zu überrennen; was am leichtesten geschah, wenn er schräg auf ihn hielt. Die »rechte Tjost« aber war, daß man in gerader Linie Front gegen Front aufeinanderstieß, in diesem Fall traf der Speer die Schildseite des anderen; war der Anlauf von beiden Seiten gleich kräftig und der Stich ohne Fehlen, so kamen trotz der Volte die Kämpfer einander häufig so nah, daß Schild an Schild stieß und die Knie geklemmt wurden. Der Stoß wurde wirksamer, aber schwieriger, je höher er gerichtet war; den oberen Rand des Schildes treffen, wo er sich mit dem Helm berührte oder den Helm selbst, galt für den besten Stoß; das ungepanzerte Roß zu treffen, war große Ungeschicklichkeit. Wer dem Gegner besondere Artigkeit erweisen wollte, hob beim Rennen seinen Speer aus der Auflage und schlug ihn unter den Arm. Solchen Stich ohne Auflage begegnete der andere dadurch, daß er das gleiche tat oder mit größerem Selbstgefühl, wenn er seinen Speer auf dem Schenkel hoch hielt und gar nicht gegenstach. Es scheint, daß im Anfang des 13. Jahrhunderts die Länge und Schwere des Speers nicht vorgeschrieben war, denn es werden unmäßig große Speere erwähnt. Wer zum Spielkampf sich bereit erklärte, band den Helm auf dem Haupte fest und senkte den Speer, wer den Helm abband, schied aus dem Spiel. Dieser Einzelkampf war die häufigste Ritterfreude, zu ihm wurde durch Boten und Briefe von Kampflustigen aufgefordert, er fehlte bei keinem Hoffest. Als im Jahre 1224 Leopold von Österreich hadernde Parteien zu jenem Sühnetag nach Freisach eingeladen hatte, benutzten zwei junge Liechtensteiner die Gelegenheit, zu Ehren edler Frauen Ritterschaft zu prüfen und forderten zur Tjost in der Nähe der Stadt heraus. Da ritt alles auf das Feld, um zu stechen und vergaß tagelang die Verhandlungen, bis die Bischöfe sich bitter beklagten und der Herzog zuletzt nicht anders zu helfen wußte, als daß er selbst ein großes Turnier ansagte, wo die Versammelten einander in Masse zerstechen konnten. Die höfischen Dichter erklären gern, daß die leidenschaftliche Freude an der Tjost durch Ehrgefühl und Frauendienst aufgeregt sei; in Wahrheit spielen aber auch hier die Preise und Wetten eine große Rolle. Ulrich von Liechtenstein lockt 1227 dadurch, daß er jedem Gegner, der seiner nicht fehlen werde, einen goldenen Fingerring verheißt, dem aber, der ihn aus dem Sattel heben könne, alle Rosse, die er mit sich führt. Und ebenso setzt in der merkwürdigen – erdachten – Schilderung eines Turniers zu Nantes, in welchem Richard Löwenherz als Vorkämpfer der Ritter von germanischem Blut die Franzosen gründlich besiegt, ein Edler zu einer Tjost ein Roß und hundert Mark Silber aus und verliert diesen Preis. Das Speerstechen war in den altheimischen Volksspielen geübt worden, wenn bei Beginn des Frühjahrs Sommer und Winter verkleidet miteinander kämpften, der Maigraf aus der Waldlichtung mit seinem reisigen Gefolge in das Dorf einritt. Über das 13. Jahrhundert hinaus blieb der Mai und Pfingsten die lustige Festzeit der ritterlichen Kämpfer; auch der Brauch erhielt sich, daß die herausfordernde Partei in der Lichtung eines Gehölzes, durch das Laub verborgen, sich rüstete und plötzlich in buntem Schmuck aus dem grünen Vorhang in die Ebene hinausritt. Das junge Waldesgrün wurde als poetisches Lager und Versteck des Auftauchenden respektiert. Auch wer Abenteuer, Verkleidung, Überraschung beabsichtigte, als Fremder in einen Rennverein einreiten wollte, wählte das Laubversteck; er sandte einen Knappen heraus, welcher ihn artig mit den Worten anmeldete: »mein Herr begehret Ritterschaft an euch«; kam die Antwort: »sie wird ihm gewährt, wie er sie auch begehrt«, so tauchte der Ritter selbst, in seinem schönsten Waffenkleid, mit gebundenem Helm hervor, nach gefälliger Annahme sämtlicher Beteiligten durchaus unkenntlich; er zerstach seine Speere und deutete durch Rückzug in das Gehölz an, daß er wieder verschwinde. Deshalb nannte man in der Rittersprache von dem romanisierten Worte »Forest«, Hain, alles Verkleiden oder Veranstalten eines ritterlichen Abenteuers beim Rennspiel »forestieren«, auch wenn es nicht mehr vom Waldesdickicht ausging. Es lag nahe, in diesen Verkleidungen Heldengestalten der Sage und der Rittergedichte nachzubilden. Zumal wenn sich ganze Gesellschaften für ritterliches Spiel zusammentaten, erschienen die Helden Karls des Großen, die Mannen Siegfrieds und Dietrichs von Bern und die Gralritter in phantastischem Schmuck. Von vielen Maskenscherzen und Erfindungen der Rennbahn, durch welche man der Tjost höhern Reiz zu geben suchte, hat einer in unseren Ostseestädten Erinnerungen hinterlassen, welche bis zur Gegenwart dauern, die Tafelrunde des Königs Artus. Ein Zelt, Pavillon, Turm wurden inmitten des Stechplatzes aufgerichtet, die Helden des Artushofes kämpften gegen geladene Gäste oder nahmen bewährte Ritter in ihre Gesellschaft auf, zuletzt schmausten die Genossen an rundem Tisch, froh der Verkleidung und des poetischen Schimmers, in dem sie einander sahen. In Österreich richtete Ulrich von Liechtenstein 1240 dies Spiel ein, in der Mitte des Kampfplatzes das Zelt der Tafelrunde, von vier Bannern umsteckt, im weiten Ring herum eine schöne seidene Schnur gelb und blau geflochten, durch zweihundert Speerfähnlein gehalten. Der Ring hatte zwei Tore, durch welche die Angreifer einzogen, gegen sie wurde das Zelt von den Artusrittern verteidigt. Und im Jahre 1285 führten die Magdeburger diese Invention noch schöner aus. Dort standen damals den Pfingstspielen die Söhne der reichen Bürger vor, welche die Genossenschaft der Konstabler bildeten. Sie hatten mehrere ritterliche Spielweisen, darunter den »Roland«, den »Schildeichenbaum« und die »Tafelrunde«; in jenem Jahr baten sie einen gelehrten Genossen, Bruno von Sconenbecke, er möge ihnen ein freudiges Spiel bedenken, da machte er das Gralspiel und dichtete höfische Briefe dazu. Diese wurden nach Goslar, Hildesheim, Braunschweig, Quedlinburg, Halberstadt und anderen Städten gesandt, und die Kaufleute, welche Ritterschaft üben wollten, wurden nach Magdeburg geladen, man habe eine schöne Frau, mit Namen Frau Fee, die werde der Preis sein für den Sieger. Alle Jünglinge der Städte rührten sich; die von Goslar kamen mit verdeckten Rossen, die von Braunschweig alle in grünen Röcken und grünen Wappendecken, jede Stadt hatte ihre besonderen Wappen und Farben. Die Anziehenden wollten nicht eintreten, wenn man sie nicht mit einer Tjost empfange. So wurden sie von zwei Konstablern bestanden. Auf der Marsch aber war der Gral bereitet, viele Zelte und Pavillons aufgeschlagen und ein Baum aufgepflanzt, daran hingen die Schilde der Konstabler, die in dem Gral waren. Am andern Tag hörten die Gäste Messe und aßen, dann zogen sie aus, den Gral zu beschauen, und es war gesetzt, wenn einer von ihnen einen Schild rührte, so trat der Besitzer desselben heraus und bestand den Rührenden. Zuletzt verdiente ein alter Kaufmann von Goslar die Frau Fee; er nahm sie mit sich, verheiratete sie und gab ihr so viel als Ausstattung, daß sie ihrem wilden Leben entsagen konnte. Dieselbe Idee wurde in preußische Städte und nach Stralsund verpflanzt, dort entstanden unter den rittermäßigen Familien im 14. Jahrhundert Artusbrüderschaften und Artushöfe, stehende Genossenschaften mit eigenen Klubhäusern. Die englischen und französischen Kreuzfahrer fanden dort Erinnerungen an heimischen Ritterbrauch und gastliche Aufnahme. Ein Haufenspiel zu Roß war der Buhurt, wahrscheinlich die älteste der ritterlichen Übungen. Die Reitenden teilten sich in Parteien und zogen sich in schnellem Lauf durcheinander. Hier war die Reitkunst und im Vorbeifliegen der Zusammenstoß der Schilde und das geräuschvolle Brechen leichter Speere an entgegengehaltenen Schilden die Hauptsache; er wurde deshalb wohl auch mit Stäben geritten. Das behende Wenden im engen Raum und das laute Dröhnen von Schild und Speer war ihm charakteristisch, dabei klang gewaltig der Ruf: Hurta, hurta (drauf)! Der Buhurt war Ausdruck kriegerischer Freude, Begrüßung eines geehrten Gastes auch in den Stadtgassen und im geschlossenen Hof, er erhielt sich aber nicht über die erste Hälfte des Jahrhunderts, später werden beim Empfang ritterlicher Gäste nur einige Tjoste geritten. Das größte Ritterfest war der Turney, ein Massenkampf in abgestecktem Raum, die Teilnehmer immer in zwei Parteien geteilt, diese wieder in verschiedene Haufen, welche einander unterstützten. Aufgabe der Haufen war, die Schar der Gegner zu durchreiten und die einzelnen daraus zu entwaffnen und gefangenzunehmen. Die Turniere wurden um 1200 nicht nur bei großen Hoffesten angestellt, auch von den Rittern einer Landschaft, es waren Spielkämpfe, welche das Rittertum in seinem höchsten Glanz zeigten. In der Stadt, welche dem Turnierplatz nahe lag – und man hatte Ursache, volkreiche Städte mit kunstfertigem Handwerk zu wählen –, war in den Wochen vor dem Turnier geräuschvolles Treiben, Schmiede, Lederarbeiter, Gewandschneider, Goldschläger, Maler, Federschmücker waren in angestrengter Tätigkeit, die Herbergen füllten sich, auch Privathäuser nahmen Einquartierung. Wer der Einladung zum Turnier folgte, zog stattlich ein und wandte leicht mehr Geld und Kredit auf sich und sein Gefolge, als ihm nützlich war; denn die Edlen und Dienstmannen kamen mit großem Gefolge von Rittern, Knechten und Rossen, zuweilen auch mit Frauen. In den letzten Tagen vor dem Fest wogte es auf den Straßen und um die Herbergen, die Ritter, welche des Abends einander besuchten, ließen sich große Wachslichter vortragen, dann war die Stadt, deren Dunkel durch keine Straßenlaternen unterbrochen wurde, hell erleuchtet. Unterdes hatte, wer das Turnier ausgeschrieben, die Aufgabe, die Parteiführer zu bestimmen; wurde er Führer einer Partei, so trug wenigstens die Schar, mit welcher er einritt, seinen Schild, und war er nicht der Landesherr selbst, so hatte er vornehme und erprobte Ritter um diese Gunst zu bitten. Es galt für eine Ehre, viele vornehme Herren unter seinem Schild in das Turnier zu führen. Draußen aber auf der staublosen Grasebene wurden weite Schranken abgesteckt, Zelte und Buden errichtet, und um diese Gerüste sammelten sich wie Zugvögel Schwärme des fahrenden Volkes: Spielleute, Narren, Gaukler, die rechtlosen Kinder der Landstraße mit ihren Weibern, sie, die unentbehrlichen Lustigmacher bei jedem Feste des Mittelalters. Am Morgen des großen Tages hörten die Kämpfenden zuerst die Messe, dann wurde die Anmeldung der Namen und Wappen bewirkt und die Teilung in Scharen. Diese Vorbereitung war in späterer Zeit ein ernstes Geschäft, die Wappenschau wurde zu einer Prüfung der ritterlichen Turnierrechte, wem das Turnierrecht beanstandet wurde, der kam nicht in die Teilung; um 1200 scheint eine Prüfung des Ritterrechts nicht stattgefunden zu haben, die Prüfung der Wappen besteht aber bereits unter Rudolf von Habsburg. – Die Groier oder Krier (Turnierrufer) schrien durch die Straßen: »Wappnet euch, gute Ritter, wappnet euch, tragt stolzen Mut und ziehet freudig aufs Feld, erweiset eure Ritterkraft und dienet schönen Frauen.« Die Haufen sammelten sich und zogen unter den Bannern ihrer Führer aus, die Posauner bliesen eine Reisenote, in froher Erwartung erhoben sich Rosse und Männer. Vor den Zugängen der Schranken ordneten sich die Scharen, unter lauter Kriegsmusik ritten sie ein. Bevor der Turney anhob, ritten die Führer zuweilen erst allein in einer Tjost gegeneinander, in diesem Fall war es Kurtoisie, dem Vorbeireitenden nur im Einzelkampf entgegenzutreten und ihn nicht zu drängen oder abzuschneiden. Das Turnier begann, indem die angreifende Schar einer Partei in starkem Anritt (Puneiß) mit Lanzenstich auf die gegenüberstehende traf, welche den Chok durch Gegenstoß zu parieren hatte. Taten die Angreifer ihre Pflicht, so drängten sie, nachdem ihre erste Reihe die Speere gebrochen, im Ansturm geschlossen durch die Schar der Gegner. Nach dem Durchritt aber mußten sie vor den Schranken schwenken und, die Gegner umreitend, ihre erste Position wiedergewinnen. Und diese Schwenkung war der gefährliche Augenblick, wo die getroffene Schar der Gegner, wenn sie durch den Ansturm nicht völlig in Unordnung gebracht war, Gelegenheit erhielt, einen Teil der Angreifer abzuschneiden und gefangenzunehmen. Hatten die Angreifer den Umritt vollendet, so wurden sie ihrerseits von dem zweiten Haufen der Gegner angerannt, womöglich durchbrochen, und ihnen blieb überlassen, einzelne von dieser Schar der Gegner bei deren Tournee abzufassen. Darauf trat wieder als Ablösung und Hilfe die nächste Schar ihrer Partei in das Spiel und so fort, bis alle Scharen in den Kampf geritten waren. Den weiteren gesetzlichen Verlauf dieser Quadrillen vermögen wir nicht mehr zu erkennen. Die Scharen wogen auf der weiten Ebene hin und her, bald sind Tjoste einzelner, also freier Raum und Anlauf möglich, Einspringen der Knappen und Herauszerren der Gefangenen, bald drängen sich die Genossen zum Durchbruch oder zur Verteidigung eng aneinander. – In diesem ersten Teil des Turniers führten die Kämpfer nur den Speer, kein Schwert und keinerlei andere Waffe, der einzelne war, sobald er den Speer verstochen hatte, wehrlos und der Gefangennahme ausgesetzt, er mußte sich schleunig in den Haufen der Freunde zurückziehen, wenn ihm der Knappe nicht einen neuen Speer durch das Getümmel in die Hand legen konnte; es war also Aufgabe der Freunde, den Schutzlosen vor der Gefangennahme zu bewahren. Offenbar war das Endziel des Turniers, die Scharen der Gegner durch Abfangen einzelner so zu schwächen, daß sie den Widerstand aufgeben mußten; es scheint aber, daß der Kampf nicht bis zu völliger Erschöpfung und Gefangennahme der schwächeren Partei durchgeführt wurde. Der Speerkampf des Turniers forderte von Roß und Kämpfer noch einige andere Eigenschaften als die regelrechte Tjost. Denn Auslage des Speers, Deckung des Reiters und Führung des Rosses – oder, wie man damals sagte, die Stiche – waren verschieden, je nachdem man in angreifender Schar einen Chok mit langem Anrennen machte (Stich zem puneiz ), oder ob man den Gegner von der Seite anfiel (Stich ze triviers, à travers ), ob man stillhaltend oder mit kurzem Vorritt den Gegenstoß gegen die Angreifer tat (Stich z'entmouten , von antmouti Gegenstoß; muoti ist das altdeutsche Wort für das spätere tjost ), oder ob beide Teile mit Anlauf, Front gegen Front, aufeinander kamen (der gute Stich ze rehter tjost ), endlich ob man einen Gegner verfolgte (Stich zer volge ). Dem einzelnen wurde während dieses Kampfes, der viele Stunden dauerte, die Möglichkeit gegeben, sich aus den Schranken zurückzuziehen, das Pferd zu wechseln und sich zu erfrischen. Dafür hatte jeder ansehnliche Mann seinen besonderen Platz außerhalb der Schranken, am liebsten unter einem schattigen und aus der Ferne sichtbaren Baum. Durch Tamburieren, Flötieren und Pfeifen wurde der zweite Teil des Turniers, der Schwertkampf, eingeleitet. Er galt mit gutem Grund für weniger vornehm und wurde bei eleganten Turnieren der Frauenritter wohl ganz weggelassen. Aber es war belustigend für starke Fäuste und den Beutesuchenden die beste Zeit, ihr Glück zu machen. Denn jetzt galt es, nur Gefangene zu gewinnen. Die Scharen ordneten sich dazu aufs neue, die Knappen legten ihren Rittern das Turnierschwert ohne Spitze in die Hand, und wieder begann das Durchreiten. Aber der Schwertkampf Gepanzerter vom Roß im Getümmel war nicht geeignet, besondere Kunst zu zeigen; man suchte den Helmschmuck des Gegners und seinen Holzschild in Späne zu zerhauen, den Kopf desselben durch Schwertschläge zu betäuben, ihm durch Ringen vom Roß das Schwert aus der Hand zu winden, den Helm vom Haupte zu würgen, endlich den Zaum zu entreißen. Es war auch nicht Kampf des einen gegen einen, man suchte in Masse zu umdrängen und die Opfer abzuschneiden. Der Waffenlose wurde, während er mit Armen und Beinen um sich schlug, von dem Sieger am Zaum fortgezogen. Wer so »gezäumt« war und gezerrt wurde, der durfte, wie vornehm er sein mochte, von dem Sieger und dem Knappen desselben starke Schläge erhalten. Die Knappen führten in den Schranken keine Waffen, wohl aber schon um 1250 einen Knüttel, und es war ihr besonderes Recht, den Gezäumten mit seinem Roß durch Hiebe aus den Schranken und zu dem Stand ihres Herrn zu treiben. Die Freunde des Gezäumten durften ihn innerhalb der Schranken, wahrscheinlich nur solange er den Helm trug, wieder befreien, wo also nicht schneller Zwang entführte, erhob sich um den Sieger ein neues Getümmel. Und dieser Kampf um die Gefangenen ballte große Haufen zusammen und schuf das wildeste Drängen, Geschrei und Kampfwut. War das Ende des Turniers verkündet und durch die Spielleute ausgeblasen, so mußte der Streit sofort aufhören. Dann wurde der Dank an die verteilt, welche sich nach Meinung von Preisrichtern am besten gehalten; der Ruhm wurde gemessen nach der Zahl der Durchritte, der verstochenen Speere und der geworfenen und gefangenen Ritter. Wer aber gefangen war, schlich traurig zu den Juden, denn Roß und Rüstung waren seinem Gegner verfallen, und er mußte dem Pfandleiher Schmuck versetzen und Bürgen stellen, um die behandelte Auslösungssumme zu erhalten. Zuweilen löste der Veranstalter des Turniers alle Gefangenen beider Parteien. Dem Vornehmen geziemte, seine Gefangenen niedrig zu schätzen, er entließ den armen Landfahrer, der sich durch seinen Schild ernährte, wohl ganz ohne Lösegeld oder schenkte gar alles Lösegeld den armen Groiern. Das tat die fürstliche Milde des Richard Löwenherz, und die Großmut erhob den Ruhm dieses seligen Helden über alle Edlen. Achtzehn Rosse und Rüstungen schlug er aus einem Turnier heraus, und alles überließ er den Rufern und Wappenschauern an den Schranken. Da wurde mancher glücklich. Leider war dieser ritterliche Sinn nicht immer vorhanden, ja es ist ersichtlich, daß die Turniere auch deshalb so massenhafte Teilnahme fanden, weil sie von Habgierigen als Spekulation behandelt wurden. Und man sah im Turnierkampf sehr wohl, wohin das Trachten des einzelnen ging, und unterschied solche, die um Ehre und Lob kämpften, und andere, die als Dienstmannen einer erwählten Herrin, als »Frauenritter«, sich erweisen wollten; diese trugen gern ein Zeichen geheimer Huld an Helm oder Rüstung: Schleier, Band, Fessel, sie waren zumeist Speerkämpfer und zählten die gebrochenen Lanzen und die Unfälle ihrer Gegner. Aber neben ihnen stachen und schlugen harte Gesellen, welche ihrer Faust und der Stärke ihrer Pferde vertrauend in das Turnier nur wegen der Beute zogen; und solchen war die eiserne Strenge heilsam, mit welcher der Turnierbrauch aufrechterhalten wurde. Die Zahl der Turnierkämpfer muß zuweilen sehr groß gewesen sein. Bei dem Turnier zu Neuenburg, welches am 31. Mai 1227 von Ulrich von Liechtenstein veranlaßt wurde, waren 250 Ritter nur in vier Scharen aufgeteilt, das aber war ein kleines Turnier; in der erdachten Beschreibung des Turniers von Nantes kämpfen 4000 Ritter, im Engelhard des Konrad von Würzburg 2000 Ritter, und diese Anzahl scheint im 13. Jahrhundert auch in Wirklichkeit nicht selten gewesen zu sein. Noch zum Jahr 1360 zählt die Limburger Chronik bei dem Turnier von Nürnberg 1000 Anwesende in verbundenen und gekrönten Helmen, d. h. wirkliche ritterliche Kämpfer auf usw. Zuweilen turnierte im 12. Jahrhundert der höchste Adel allein an besonderem Tage, so 1184 bei dem erwähnten Fest Friedrich Rotbarts zu Mainz, überhaupt dem größten Fest, welches in Deutschland jemals gefeiert wurde. Dies vornehme Turnier hatte nur 20 Teilnehmer und war nur Speerkampf. Ein solcher Massenkampf phantastisch geschmückter Kämpfer, von denen jeder für den Speerstich doch Raum zum Anlauf bedurfte, muß ein weites Feld gefordert haben und schwer übersehbar gewesen sein. Er versammelte eine ungeheure Menschenmenge und regte den leidenschaftlichen Anteil der Zeitgenossen auf, wie kein anderes Ereignis, mehr als eine Schlacht. Immer wurden der Frühlingsglanz des Mai, das frische Grün des Grundes, die Blüten am Baum und auf der Wiese als zugehörig mitempfunden. Darüber entzückte die Spannkraft von Mann und Roß, die heftigen Bewegungen, der unaufhörliche Wechsel leidenschaftlich bewegter Gruppen, Speerkrach und Schwertklang, das Wiehern und Schnauben der Rosse, welche die Aufregung der Reiter teilten, die Rufe der Ritter und Knappen und der Beamten des Turniers – sperâ, sper, wîchâ, wich, hurtâ hurt, slahâ slach, stich und stich, jarâ! urrà burrà, wurrawei! (Speer her, weiche, drauf, schlag, stich, hurra!) – Dazu unaufhörliche Erfolge und Unglücksfälle, die Gestalten und Rüstungen erlauchter Herren, bekannte und berüchtigte Reiter der Landschaft, die Tribüne mit geschmückten Frauen, die bunten Farben und Stoffe, Malerei und neue Erfindungen an Waffenkleidern und Pferdedecken, zuletzt die Menge zusammengelaufenen Volks – [...] sinnbetörende Bilder für Kämpfende und Zuschauer. [...] Sämtliche Ritterspiele forderten große Kraft und Übung. Die Ausdauer, welche Virtuosen dabei entwickelten, war außerordentlich. Der Liechtensteiner verstach einmal an einem Tage in der Tjost fünfzig Speere und ritt ein andermal zwölf Stunden im Turnier. Am meisten litten Hände und Arme, sie waren am Abend von den Stößen und der Erschütterung durch Brechen der Speere und Ruck der Schilde geschwollen, blau und mit Blut unterlaufen, ebenso die Knie übel zerstoßen. Bei alledem fällt auf, daß die Kämpfer bei der Tjost nicht häufiger verwundet und vom Roß gesetzt werden. Durch etwa 300 Speere, welche der Liechtensteiner in vier Wochen versticht, werden sechs Gegner vom Pferd geworfen, einige leicht verwundet, er selbst erhält nur zweimal leichte Verletzungen. Unsere Herrenreiten mit Hindernissen geben fast mehr Unfälle. – Die Turniere waren allerdings viel wilder und gefährlicher, im Gewühl vom Roß zu stürzen, brachte manchem wackeren Mann den Tod oder langes Siechtum, und kaum ein Turnier mag ohne mehrere schwere Unfälle vergangen sein. Aber daraus wurde wenig gemacht, wenn der Verunglückte nicht eben ein großer Fürst war. Diese Spiele blieben seit den Kreuzzügen die elegante Leidenschaft des Standes. Wer irgend auf höfische Sitte Anspruch machte, hatte Kenntnis davon, auch wer den Turnierring nicht betreten durfte, gebrauchte wenigstens mit Behagen die fremden Ausdrücke des Sports, vor anderen der wandernde Spielmann, der darin so gut Bescheid wissen mußte wie der Knappe eines Edlen. Nun gab es allerdings auch unter den rittermäßigen Leuten »Träge«, welche sich verlagen und ein ruhmloses Leben in Ruhe allem Tjostieren vorzogen. Selten aus frommer Beschaulichkeit. Zu den wenigen guten Lehren, welche dem deutschen Ritter von den Romanen gekommen waren, gehörte Mäßigkeit in Speise und Trank. Die höfische Zucht weigerte der Völlerei, dem alten Laster der Deutschen, wenigstens für einige Zeit die Verklärung durch Vers und Spruch, die Dichter der guten Minnesängerzeit sangen überhaupt keine Trinklieder. Dennoch war auch in ihren Tagen das Land nicht arm an starkem Schwelgen und Schlunden, die sich gegen die Vorwürfe höfischer Genossen behaglich entschuldigten. »Ich streite nicht um eure Zucht, ihr tut ganz recht, sie ist stattlich und ehrenvoll; aber mein Leben ist auch gut, es verkürzt mir die Zeit. Ich habe nicht Jagdhunde, nicht Windspiele und Falken, ich habe auch nicht so viel Rosse, daß ich zum Turnier und Ritterstreit reiten könnte, ich weiß keine Frauen, die mich gern sehen wollten, ich habe auch kein so schönes Ritterkleid, daß ich damit durchs Land prangen möchte. Soll ich nackend zu Tanze gehen ? Es ist wahr, mein Leben ist arm an Ehre, aber ich gebe es nicht um das eure. Daß ich mir oft einen Rausch trinke, macht mir die allergrößte Freude.« Diese Art von Käuzen hat keiner Periode unserer Vergangenheit gefehlt, sie saßen als tatenlose Zänker unter den Bauern und Bürgern und schnallten die rostige Rüstung nur an, um einmal der zornigen Hauswirtin ein Rind oder ein Stück Tuch in das Haus zu schaffen. Ihre ausgebildete Trinklust galt in der guten Zeit des Rittertums für eine veraltete Unart. Aber sie erlebten die Freude, daß bald anspruchsvolle Standesgenossen in wüstem Becherturnier eine Ehre suchten, welche das Knie weniger scheuerte als die Ehren des Turnierplatzes. Doch auch auf die höfischen Turniergenossen legte sich ein Fluch, welcher jeden trifft, der friedliche Arbeit verachtet. Und es war eine besondere Strafe, daß dieser Fluch sie zuerst gerade da schlug, wo sie am stolzesten waren, in ihrer Waffentüchtigkeit. Seit die Ausbildung des reisigen Mannes für Sport und Turf der Stechbahn Hauptsache wird, ist seine Brauchbarkeit im Kriege auffällig verringert. Dieselbe Zeit, welche den gepanzerten Reiter mit einer Ehre und Poesie umgibt, die ihn hoch über seinen Ahnherrn, den Bauer, ja über seinen Nachbar, den Bürger, erheben will, bereitet ihm in den Schlachten eine Niederlage nach der andern. Die Horden der Mongolen, die leichten Reiter der Ungarn erdrücken seine Haufen, bald schwingt der nackte Bauer und Bürger bei Morgarten, Laufen, Sempach siegreich seine Hellebarde gegen ihn, endlich auch der böhmische Landmann seine Holzkeule. Wir sehen wohl, wie das kam. Die Bewaffnung des Ritters wurde durch die Turnierspiele unpraktischer. Erst unmittelbar vor der Schlacht konnte er seine schwere Rüstung anlegen, auch seine Rosse mußten bis zu der Aktion geschont werden, der Beginn jedes Treffens forderte große Vorbereitung, der Verfolgung fehlte die Behendigkeit. Ein Ritterheer mochte günstige Entscheidung herbeiführen, wenn es einmal mit gleich geschulter höfischer Schar zusammenstieß. Es war unbehilflich gegenüber einem Kriegsvolk, welches behendere Bewaffnung hatte und nicht besondere Ehre darin fand, in rechter Tjost à travers einzubrechen. Dazu kam, daß die Übungen mit dem Speer und Turnierschwert an einen Kampf mit gewissen Rücksichten gewöhnten, sie machten freien Raum für den Anlauf nötig oder ein langes Schlagen auf die eiserne Rüstung und ein Ringen mit dem Feinde, sie waren durchweg Zweikämpfe oder willkürliches Aussuchen eines Gegners. Der Ritter wendete den Brauch und Ehrgeiz der Tjost und des Turniers immer auf die Schlacht an; Speere an den Feinden zu verstechen, ihren Haufen in übermütiger Hurt zu durchreiten, oder den Feind beim Zaum zu fassen und Roß und Rüstung sorglich aus der Schlacht in Sicherheit zu bringen, das wurde ihm Hauptsache. Friedrich von Österreich wurde im Jahr 1246 von den Ungarn hinterrücks überfallen, weil er sie wie eine feindliche Turnierschar ansah, die erst auf ein gegebenes Zeichen losbrechen werde, und unterdes vor der Front seinen Haufen sorglos ermahnte. Jeder einzelne erprobte Ritter war vielleicht mehreren Kriegern zu Fuß überlegen, aber seine ganze kriegerische Ausbildung war auf die Virtuositäten des Einzelkampfes berechnet, je stärker die Massenwirkung des Krieges, desto geringer wurde seine eigene Leistung. Nicht die Erfindung der gegossenen Büchse und des Handrohrs hat die reisige Kavallerie des Mittelalters überwunden, sie ist gerade durch ihre eigentümliche rittermäßige Ausbildung verdorben worden, weder bei Schweizern noch bei Dithmarschen war es das Pulver, welches die stolze Schar der Gepanzerten fällte. Auch die ritterliche Gesinnung, welche in den Kämpfern leben sollte, vermochte sich in einer rauhen Wirklichkeit nicht lange zu behaupten, und schon in der Zeit Wolframs von Eschenbach machte ein Teil der Edlen und eine Mehrheit ihrer Ritter die Mode des artigen Stechens zwar mit, zumal wenn ein Gewinn zu hoffen war, aber ihr Tagesleben verlief in ganz anderen Interessen. Selbsthilfe und Gewalttat waren allgemein, und Raub auf der Landstraße, das alte Laster der reisigen Dienstleute, wucherte in der Zeit ritterlicher Virtuositäten so arg wie nur je. Seit den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts werden die gemeinschädlichen Laster der Ritter als ein unerträgliches Leiden des Landes beklagt. Und die Vornehmsten galten nur zu oft für die Beschützer dieses Unwesens. Wer eine Fehde ansagte und seine Forderung durch Krieg durchsetzte, den er mit erwähltem Gegner auf eigene Hand führte, übte noch ehrlichen Ritterbrauch; aber jede Art von Untreue, Wortbruch, tückischem Überfall wurde allgemein, und derselbe Ritter, der geladen von seinem Herrn stattlich zum Turnier zog und am Hof desselben höfisch zu tanzen und zu essen wußte, lebte oft auf seiner Burg mit harten Speergesellen als Räuber und ritt als Schacher in der Dämmerung zum Waldesdickicht, dort auf arme Reisende zu lauern, ja er brach ohne jeden Vorwand bei hellem Tag in die benachbarten Dörfer, zündete Gehöfte an, trieb die Herden weg, tötete und verstümmelte die Bewohner. Dies war die Kehrseite der stolzen Hingabe an Waffenwerk und eine Kriegerehre, welche ihre Befriedigung nur im Kampf und in den Erfolgen des Turnierrings suchte. Mancher hochgesinnte Minnesänger fühlte vor seinem Ende die Schwere des Fluches, der sich auf das Leben seines Standes gelegt hatte, und er sah noch, wie der üble Teufel viele in das Höllenfeuer riß, welche er selbst für die Lieblinge der hohen Frau Ehre erklärt hatte. Kaum einer hatte sich so behaglich die wirkliche Welt zu einem ritterlichen Rosengarten umgeträumt, der mit seidener Schnur und bunten Speeren abgegrenzt war, als Ulrich von Liechtenstein. Er hatte sein Sommerleben verstochen und versungen; auch nachdem er seine vornehme Herrin wegen schnöder Behandlung, die sie ihm zugeteilt, verließ, hatte er eine andere gefunden, die gefälliger war, und er besang ihren Mund und weißen Leib als Sachverständiger, während er bei seiner Hausfrau saß und seine Kinder in Zucht unterrichtete. Doch auch er sollte gewalttätig an den deutschen Winter gemahnt werden, und da sein Leben in die Jahre fällt, wo sich alte und neue Zeit feindlich scheiden, so darf hier aus demselben Buch, aus welchem früher seine ritterliche Huldigung mitgeteilt wurde, auch eine kurze Anekdote nicht verschwiegen werden, welche weit andere Zustände seiner späteren Lebensjahre erkennen läßt. Leider ist sein Bericht gerade für das, was wir darin suchen, ziemlich dürftig. Ulrich erzählt in seinem Frauendienst (nach Lachmann S. 537) folgendes: In dieser Zeit – es war am 26. August 1248 – widerfuhr mir ein unbilliges Ungemach von zweien, die ich hier nennen will; der eine hieß Herr Pilgerin von Kars, der war mein Erbsasse, der hatte mir oft gedient, auch ich war ihm hold und oft in meinem Hause in seiner Gesellschaft froh gewesen. Der andere hieß Weinold, er war mir auch aufrichtig lieb, ein übergroßer Mann, mit dem ich viel Scherz trieb, sein Leib war ungestalt, sein Mund voran mit schlauen Reden, aber sein Herz barg weiß Gott geheime Untreue. Es war am dritten Tage nach St. Bartholomäus um Mittag, ich lag nach dem Bad in meiner Kammer, da kamen diese zwei nach Frauenburg an mein Tor. Mein Gesinde hieß sie Gott willkommen; sie dankten artig mit freundlicher Gebärde, und Herr Pilgerin sprach: ›Sagt an, was schafft mein Herr?‹ Die Meinen versetzten: ›Der Herr hat sich schlafen gelegt.‹ Er sprach: ›Das ist eine große Trägheit, geht zu ihm, bittet ihn aufzustehen, ich wünsche ihn bald zu sprechen.‹ Mein Kämmerer kam zu mir und sagte mir das, ich stand willig auf, ging zu ihnen und empfing sie herzlich, hatte mir Hosen, leinenes Unterkleid, Kürse (Pelzweste) und Mantel angezogen. Ich umfing beide und sprach: ›Vielliebe Freunde, seid mir Gott willkommen‹, nahm sie bei der Hand und führte sie auf eine schöne Bank unter einem Söller. Mich freundlich zu erweisen, ließ ich zu trinken hinbringen und fragte: ›Wollt ihr etwas essen?‹ – ›Wer fragt, der will nichts geben‹, versetzte Herr Pilgerin. Man brachte uns Speise, Met und Wein, wir aßen und waren froh. Da begann Herr Pilgerin: ›Herr, wollt Ihr nicht heut zur Nacht etwas mit dem Falken beizen?‹ – ›Nein, ich will es diesmal wegen des Bades lassen.‹ Da sprach der ungetreue Mann: ›Nehmt den Falken um meinetwillen, ich werde Euch dafür verbunden sein. Wir haben zwei Sperber mit uns gebracht und dachten hier zu beizen.‹ Da sprach ich: ›Freund, geschieht euch mit dem Falken ein Gefallen, so reite ich sogleich mit euch.‹ Ich ließ also meinen Leuten kundtun, daß sie Vogelhunde und Federspiele auf das Feld führten. So sandte ich die Meinen von mir und wenige blieben bei mir zurück. Auch diese trieb Herr Pilgerin fast alle fort, sandte den einen dahin, den andern dorthin. Als ich allein bei ihnen saß, da winkte er seinen Knappen, von denen zwei bereitstanden und zu meinem Turm traten. Weinold aber und Herr Pilgerin fuhren auf, zückten Messer, fielen beide auf mich und stachen mir mit den Messern drei Wunden. Die Kürse und den Mantel wand mir Herr Pilgerin um den Hals und zog mich zu meinem Turm. Ich rief kläglich laut: ›O weh, o weh, was hab' ich Euch getan? Um Gott, laßt mich am Leben!‹ Es hatten diese zwei Männer ihre Knechte beim Tor gelassen, jetzt unterstanden sie sich, in das Haus zu dringen, und was man von meinen Leuten darin fand, herauszutreiben. Mein Weib lief zu mir und schrie: ›O weh, was soll das sein?‹ Die zwei ungetreuen Männer sprachen: ›Wollt Ihr Eure Ehre behalten, Frau, so geht sogleich vor das Tor, dort findet Ihr Eure Leute, und macht Euch fort von uns. Wir wollen ihn und all sein Gut haben, oder es muß sein letzter Tag sein.‹ Die Gute sah mich mit Tränen an; ich sprach: ›Geht schnell hinaus, wenn Euch Eure Ehre lieb ist, und bleibt nicht länger bei mir.‹ Da ging sie mit meinen Kindern auf das Tor zu. ›Frau, laßt uns Euren Sohn hier‹, sprach zu ihr Herr Pilgerin, nahm ihr das Kind von der Hand, und was er bei den Frauen von Kleidern und Kleinoden sah, das nahm er ihnen alles gegen Rittersitte, und trieb sie so vor das Tor; mein Sohn blieb bei mir zurück. Mein Weib und mein Gesinde schieden gezwungen, sie fuhren im Jammer dahin den geraden Weg nach Liechtenstein. Schnell wurde die Märe überall in der Gegend bekannt, von meinen Freunden waren in kurzem wohl drittehalb hundert oder mehr bereit. Meine Freunde von Judenburg waren schnell auf und kamen nach Frauenburg. Ich sah es ungern, denn es schaffte mir fast den Tod. Da sie an die Burg herankamen, nahm mich Herr Pilgerin, führte mich zu einem Söller und sprach: ›Wollt Ihr das Leben behalten, so heißt diese von hinnen fahren.‹ Er band mir ein Seil um den Hals und rief: ›Ich hänge Euch sogleich über dem Söller ihnen gegenüber auf, damit sie die Lust zu stürmen verlieren. Ich fürchte sie alle nicht mehr als ein Ei.‹ Kläglich laut schrie ich den Bekannten zu: ›Was wollt ihr? Ihr seid töricht, wollt ihr mich töten? Ihr könnt mich auf die Art nicht erlösen von diesem großen Unglück. Kommt ihr näher, so bin ich tot, und ihm könnt ihr doch nichts schaden.‹ So drohte ich, so bat ich, bis sie von dannen fuhren und mich gefangen zurückließen. In der Tat litt ich große Not, man drohte mir oft, ich müßte sterben, sobald es Tag würde. Als der nächste Tag anbrach, bereitete ich mich zum Tode; ich suchte nach, ob in dem Turm, wo ich gefangen lag, etwas von Brot zu finden wäre; ich fand ein Brosamen, das hob ich weinend auf, kniete nieder und klagte dem, der in alle Herzen sieht und dem man nichts verhehlen kann, meine Sünde, nahm dann weinend das Brot als seinen Leib, wie Brauch ist, und empfahl ihm meine Seele. Da trat Herr Pilgerin zu mir ein, er war gerüstet, mich zu töten. ›Und wollt Ihr länger atmen, so sagt, was Ihr uns geben wollt.‹ Ich sprach: ›Ich gebe Euch alles, was ich habe und was ich je gewinnen mag.‹ – Wie feindselig mir der Treulose war, die Lösung half, daß ich gerettet wurde; er dachte: ich nehme sein Gut und tue dann doch noch meinen Willen an ihm. Er befahl, mich an eine unmäßig große Kette zu schmieden, und fürwahr, darin ward mir mancher Tag lang. In dieser Not riet mir mein Herz, meiner Frau ein Lied zu singen. Manchem dünkte wunderlich, daß ich Neues sang, während ich in solchen Nöten lag, ich aber wollte die nicht vergessen, die ich zur Herrin meines Lebens gemacht hatte. Ich lag gefangen ein ganzes Jahr und drei Wochen. Ich litt viel Ungemach, oft war mir der Tod nahe; oft hätte er mich beinahe erschlagen, mit Messer und Schwert drang der heftige Mann oft auf mich ein. Endlich ward Graf Meinhard von Görz uns vom Kaiser als Herr in das Steierland gesandt. Als dem ehrliebenden Mann meine Gefangenschaft berichtet wurde, war es ihm von Herzen leid; der Wackere kam mit vielen Herren nach Frauenburg geritten, er machte mich ledig, ich mußte als Pfand des Vertrages dort lassen meine zwei Söhne und zwei Kinder (die Töchter). Später löste ich meine Burg wieder ein, mit welchen Kosten, das will ich verschweigen und lieber von Fröhlichem sprechen. Als ich der Gefahr entledigt war, wurde ich wieder, wie ich früher gewesen, ich hatte viel Gut verloren; was mehr, ich gewann meinen Frohsinn zurück. Ich sang neue Lieder, aber die rechte Freude war krank in Steier und auch in Österreich, alle lebten traurig, die Reichen waren schlechtgesinnt, sie taten einander Leides und dachten nur an Raub, der Frauendienst lag darnieder, auch die Jungen verschwendeten lästerlich ihr Gut, Rauben war ihre stete Gewohnheit, ihr Leben verlief übel. Soweit der Bericht des Liechtensteiners. Er sagt leider nicht, was seinen untreuen Mann zu der Missetat gestachelt hat. Erwägt man, wie ein alter Gönner Ulrichs, der Graf Görz, die Sache mit einem Vergleich endet und dem Übeltäter eine starke Abfindungssumme gewährt, so möchte man meinen, daß die Gefangenschaft Ulrichs noch einen anderen Grund hatte als die Raubsucht seines treulosen Vasallen und einiger Spießgesellen. Aber die Erzähler des Mittelalters verstehen ausbündig die Kunst, das zu verschweigen, was ihnen ungemütlich ist. Dafür gönnt uns Ulrich das Lied, das er im Kerker seines eigenen Turmes, in Eisen geschmiedet, an seine vertraute Herrin dichtet, während sein Sohn in den Händen des Todfeindes ist und sein Weib mit den übrigen Kindern bei seiner Sippe das Flüchtlingsbrot verzehren muß. Er blieb der höfische Frauenritter bis zu seinem Ende. Der tieferen Natur Walthers von der Vogelweide wurde der Schmerz nicht erspart, daß ihm sein früheres Leben schal und inhaltslos erschien. Unter den ersten Habsburgern, unter Ludwig dem Bayer und den Luxemburgern ging den Rittern in harten Jahrzehnten vieles von der höfischen Bildung verloren, Sprache und Sitte wurden bäurischer und roher, in kleinen Fehden und Wegelagereien vertat sich ihr kriegerischer Mut. Öfter muß im folgenden die Rede sein von der Einwirkung, welche die Ritter auf alte und neue Landschaften der Deutschen ausübten. In Rüstung und Reiterbrauch kam Neues auf. Die Rüstung wurde massiger, einzeln erscheinen die Schienen. Schon Ulrich von Liechtenstein hatte in späteren Jahren eine Brustplatte über sein Eisenhemd gelegt, gegen Mitte des Jahrhunderts fing man an, auch das Ritterroß mit Eisen zu bedecken. Aber die Schienen kamen wieder einmal aus der Mode, um 1350 wurden plötzlich die alten Schuppenpanzer und Eisenhauben modisch, und 1389 warfen die Ritter gar auf kurze Zeit ihren Schild beiseite. – Bei Tjost und Turnier häuften sich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Unglücksfälle, vergeblich mühte sich die Kirche, die Turniere zu verbieten; damals scheint der Gebrauch einer Speerspitze ohne Widerhalt – das Scharfrennen – aufgekommen zu sein. Diese Unsitte blieb deutsche Eigentümlichkeit, auch der furiose Anlauf in gestrecktem Galopp galt bis ans Ende des 15. Jahrhunderts als deutscher Brauch. Die Ritterwürde selbst verlor schnell an Bedeutung. Sie wurde reichlich ausgeteilt, von König Rudolf und Ludwig dem Bayer gern an Städter; auch Bischöfe schlugen zu Rittern, z. B. 1298 der Bischof von Straßburg, und sein Ritterschlag erschien besonders ansprechend, denn er trug den neuen Rittern dreifaches Gewand von kostbarem Stoff ein. Sogar ein Zwerg im Gefolge König Rudolfs und des Bischofs von Basel wurde mit dem Schwertgurt geschmückt und stolzierte als Ritter Konrad im Gesinde. Der Hohenstaufe Friedrich II. hatte zuerst einmal durch Brief den Rittergurt erteilt, unter den Luxemburgern geschah dies häufig bereits um Geld. Wichtiger war eine andere Veränderung. Die Privilegien der Ritterschaft waren in den Kreuzzügen und den Römerfahrten des 12. Jahrhunderts eine persönliche Ehre des schwergepanzerten Reiters, welche Freigeborenen wie Unfreien erteilt wurde, wenn letztere durch die Gunst ihres Herrn instand gesetzt waren, mit Reiterschild zu dienen. Damals war es eine aristokratische Bestimmung in dem Ordensstatut der Templer und hundert Jahre später der Marianer, daß nur Freigeborene in ihre geistlichen Orden treten durften. Denn dadurch waren – dem Statut nach – nicht die freien Stadtbewohner, wohl aber die meisten Dienstmannen und ihre Söhne ausgeschlossen. Die herkömmliche Ausstattung des Reiters für den Kriegsdienst aber war ein Lehngut oder Hofgut, das ihn in den Stand setzte, Roß und Knecht zu halten. Diese Lehngüter wurden allmählich erblicher Besitz der begabten Familien. Da geschah es, daß Ritterwürde und Lehnbesitz sich nicht decken wollten. Einmal wurde der Zudrang zum Rittertum im 12. Jahrhundert groß, bei jeder Heerfahrt hatten König und Edle das Interesse, die Zahl der Ritter zu steigern, es entstand ein Ritterproletariat, welches den Kaisern, die selbst Ehre der Ritterschaft hochhielten, ebenso lästig war als den friedlichen Arbeitern des Landes. Und wieder auf den erblichen Lehngütern saßen auch Träge und Rohe, welche Rittersitte nicht übten, und wenn ein Lehngut erledigt war, kamen die Herren in Versuchung, dasselbe an nützliche Leute zu geben, die bis dahin dem Ritterorden nicht zugehört hatten. Daher bemühten sich die Hohenstaufen, zuerst Pfaffen- und Bauernsöhne von Ritterschaften auszuschließen (1187), dann unter Friedrich II. die Erteilung eines freien Lehnguts von rittermäßiger Geburt durch Vater und Großvater abhängig zu machen. Diese Bestimmungen des Lehnrechts wurden nicht mehr beobachtet als andere Reichsgesetze. Aber sie drückten eine Tendenz aus, welche im Rittertum bereits vorhanden war, und sie beförderten deshalb etwas anderes, als die Gesetzgeber wahrscheinlich beabsichtigt hatten. Nicht die Ritterwürde und die gepanzerten Heergesellen wurden dadurch gehoben, sondern die Familie mit rittermäßigen Vorfahren. Als das Rittertum verfiel, der Zudrang zu den Turnierplätzen aufhörte, der Schwertgurt von unritterlichen Kaisern achtlos verliehen wurde, da suchten viele, welche durch ihren Lehnbesitz zum gepanzerten Felddienst verpflichtet waren, nicht mehr die Ritterwürde, aber sie führten den Ritterschild mit dem Wappen der Vorfahren und beanspruchten die wesentlichen Ehrenrechte des Rittertums als erblichen Vorzug. So hörten allmählich im 14. Jahrhundert diese Rechte: Wappenschild, Rüstung und Turnierteilung auf, ein persönlicher Vorzug zu sein, welcher nur durch Verleihung des Rittergurtes erworben wurde, sie wurden ein erbliches Recht der Familien, nicht nur der Nachkommen, welche im Lehnbesitz waren, auch ihrer besitzlosen Verwandten. Die Wappen der Vorfahren gewinnen deshalb höhere Bedeutung, rittermäßige Abkunft wird wertvoller als die Ritterwürde selbst, obgleich diese einzelnen Ritterbürtigen noch erteilt wird und außerdem immer neue Familien mit den Vorrechten des Ritterstandes versieht, den älteren Besitzern der Vorrechte nicht zur Freude. Ein neuer erblicher Stand bildete sich und war bemüht, sich in Ehe und Geselligkeit vom Bauer und Bürger zu scheiden. Aber er hatte keinen Namen. Die meisten der Männer, welche ihm angehörten, waren nicht mehr Ritter, jeder Kundige wußte, daß sie nicht vom Adel waren; das alte Wort Degen, welches einst die reisigen Lehnsleute bezeichnet hatte, war in der höfischen Ritterzeit außer Gebrauch gekommen. Durch das ganze vierzehnte Jahrhundert schwankte die Sprache wie verlegen. Endlich entschied die enge Verbindung der Ritterbürtigen mit den Familien der Freien und Edlen, und der Umstand, daß dem Volk die Achtung vor adligem Blut überhaupt vermindert wurde. Unter den Hohenstaufen hatte man die Söhne aus rittermäßigen Familien, welche neben edlen Knaben Ritterdienst lernten, wie diese »edle Knechte« genannt, um sie von anderen Reisigen zu unterscheiden; am Ende des 14. Jahrhunderts gewöhnte sich das Volk, die rittermäßigen Familien als Adel dem Bürger und Bauern gegenüberzusetzen. Und merkwürdig ist, wie zäh und treu die Familien der reisigen Lehnsleute die Traditionen des Rittertums, die ihnen aus der Zeit Friedrich Rotbarts überliefert waren, bewahrten, die Turnierbräuche, in Jahrzehnten roher Fehde fast vergessen, wurden doch immer wieder an den Fürstenhöfen in Übung gebracht; wenn in Deutschland ritterliches Spiel daniederlag, wurde es durch die abenteuerlichen Kreuzfahrten, welche normannische und flandrische Herren nach dem neuen Ordensland Preußen unternahmen, aufgefrischt. In dieser Zeit des absterbenden Rittertums schrieb etwa um 1400 ein wackerer Thüringer, der Chronist Johannes Rothe aus Creutzburg, in poetischer Form ein Büchlein, »Ritterspiegel«, worin er Brauch und Recht des Rittertums darstellt und einer schlechten Gegenwart die Auffassung gegenüberstellt, wie sie in den Besseren seiner Zeit lebte. Sein Gedicht ist für Kenntnis dieser Verhältnisse sehr wertvoll und nicht zur Genüge gewürdigt. Aus ihm wird hier im Auszug mitgeteilt, was damals unter Ritterschaft verstanden wurde, [...] Niemand hat Adel, als wer nach Lehnrecht rittermäßige Leute zu Mannen haben darf. Ritter und Knechte sind im Dienst der Edlen, man gibt ihnen nicht den Beinamen edel, sondern gestrenge. Wer von seinen Eltern wacker und ehelich geboren ist und selbst nicht unehrlich geworden, der kann durch Erwerb eines Lehngutes, das ihm ein Edler oder Fürst gibt, zum Ritterschild kommen, wenn ihm sein Herr oder Fürst den verleihen will. Jetzt aber hatte der Ritterorden keine große Geltung, Räuber und Diebe haben ihm Ehre und Wert genommen, auch sind viele nicht auf richtigem Wege in den Orden gekommen. In früheren Zeiten wurde man Ritter durch den Schlag eines Herrn, darauf ging der Knappe in die Kirche und wurde unter der Messe in den Orden aufgenommen von einem Priester, der ihm sein Schwert, seinen Ritterschmuck und Sporen segnete, dabei schwor er einen Eid, daß er ein Verfechter der heiligen Christenheit sein wolle, das Reich nach geschriebenem Kaiserrecht vor Schaden behüten, Witwen und Waisen beschirmen, Ketzern und ungläubigen Heiden schädlich sein. Darum legte ihm der Priester an seine Hand den goldenen Fingerring und mahnte ihn dabei zur Treue gegen Gott. Dann war ihm als Ritterrecht gesetzt, daß er auf der Straße nicht ohne Diener oder Knecht gehen durfte. Niemand sollte nach Recht zum Ritter schlagen, als wer selbst ein Edler ist, von dem man Lehn empfangen darf, und selbst ein frommer Ritter. In unserer Zeit aber werden viele zu Rittern auf einem Wege, der ihnen keine Ehre gibt; diese trauen sich nicht in ein Turnier zu reiten. Denn jetzt gibt es dreierlei Ritter, erstens solche, die weder Ehre noch Gut haben, sie sind Wegelagerer und ehrlos. Die zweiten haben zwar Lehngut von den Edlen, aber obwohl ihre Güter frei sind, so nähren sie sich doch nur von Raub und anderen unehrlichen Sachen, sind Kuhritter und entehren Klosternonnen. Kommen sie zu einem Turnier gezogen, so werden sie vielleicht sehr geschlagen von frommen Rittern und Knechten, die von ihren Klostertaten gehört haben. Sie tragen Gold und schöne Kleider, aber sie mögen sich ihrer schämen, denn sie halten Diebe und Mörder, mit denen sie den Raub teilen. Auch wenn sie jemand eine Fehde vorher ansagen, so rennen sie schon in das Feld, während der Brief noch unterwegs ist, und bevor der andere den Fehdebrief gelesen hat, haben sie schon die Kuh gegessen. Nur die sind wahre Ritter, die für ihre Fürsten um gerechte Sache und zu gemeinem Nutzen gegen des Landes Feinde streiten oder die zum Heiligen Grab ziehen und sich dort zu Rittern weihen lassen. Nicht mit dem Sack dient der Ritter wie Bürger und Bauer, sondern mit seines Leibes Stärke folgt er dem Herrn in saurer Arbeit. Zur Ritterschaft gehören sieben besondere Ehren. Zuerst das Schwert, welches durch Ritterschlag zugeteilt wird; zweitens ein goldener Fingerring mit einem Edelstein, der an den Goldfinger gesteckt wird; drittens ein frommer Knecht, der dem Ritter beständig aufwartet und ihm sein Schwert nachträgt, denn dem Ritter ziemt nicht, das Schwert selbst zu tragen wie ein Büttel. Viertens ist sein Recht, Gold an seinem Leib und eine goldene Spange an seinem Gewand zu tragen, fünftens ein buntes Kleid von mehrerlei Farben. Sechstens führt er den Ehrennamen Herr, den er nicht seiner Herkunft verdankt (nicht von sîme geslechte ), sondern der eigenen Tüchtigkeit, und endlich hat er das Vorrecht, daß man nach Tisch Wasser über seine Hand gieße und ihm ein reines Handtuch reiche. Ein richtiges Wappenschild muß Silber oder Gold im Feld oder Bild weisen; fehlt eines der beiden, so ist es kein Wappen. Goldenes Metall gilt mehr als silbernes. Zwei gute Farben gehören zum Feld und Bild; je mehr ein Schild Farben hat, desto minder wird das Wappen geachtet, je weniger Bilder darin stehen, desto adliger ist es usw. Ein Ritter soll sich begnügen an den Einnahmen, die ihm sein Erbe bringt, und was ihm Gott beschert im Dienst oder an Sold und Gold, Silber und Geschenken. Wird ihm das zu wenig, so darf er freilich kein Handwerk treiben; es kann auch nicht jeder zu Hofe kommen oder ein Fürstenamt erhalten. Da ist ihm erlaubt, sich mit einem andern zu gesellen, der Handlung treibt und aus fremdem Land Güter bringt; in diesen Gütern soll er seinen Anteil am Geschäft nehmen, soweit er sie im Hause gebraucht. Ferner darf er Pferdehandel und -zucht treiben. Er darf Handarbeit nicht üben, aber wohl seine Pferde beschlagen und die kranken mit Arznei heilen. Bei seiner Ernte darf er in der Scheune das Getreide einbansen helfen, bei der Feldarbeit darf er auf seinem Roß eggen; Pfeile, Bolzen, Köcher darf er verfertigen, sein Geschütz zurechtmachen und Büchsen gießen. Auch um seine Viehzucht darf er sorgen, um Rinder, Schafe und Schweine. Will ein Ritter seinem Feind Schaden tun, so soll er offen zu Werke gehen und seine Ehre dadurch behüten, daß er ihm drei ganze Tage vorher die Fehde anzeigt. Hat er seines Feindes Erbe in Besitz genommen und ihn gefangen, so soll er ihn nicht in Grund verderben, sondern er soll ihn so schätzen, daß das Erbe die Schätzung ertragen kann; ist er ehrbar, so entlasse er den Gefangenen gegen Gelöbnis. Niemand soll man so schätzen, daß er zum Bettler wird. Wer das tut, wird ehrlos und einem Räuber gleich geachtet. Einem guten Ritter steht es wohl an, wenn er lesen und schreiben kann; ist er gelehrt und kunstvoll, so wird es sein Glück. Ein vollkommener Mann soll siebenerlei Behendigkeit haben. Er soll verstehen reiten, schnell auf- und absitzen, traben und rennen, umwenden und im Reiten etwas von der Erde aufheben. Zum zweiten soll er schwimmen und tauchen, zum dritten schießen mit Armbrust, Büchse und Bogen, zum vierten klettern an Leitern, Stange und Seil, zum fünften gut turnieren, stechen und tjostieren, zum sechsten ringen, parieren und fechten mit der linken Hand wie mit der rechten und weit springen, zum siebenten wohl aufwarten bei Tisch, tanzen und hofieren und das Brettspiel verstehen. Jedermann wird der Meinung sein, daß der Bauer sich besser dazu eignet, ein Wappen zu tragen, als ein anderer Handwerksmann, auch wenn dieser größer, stärker und reicher ist. Denn der Bauer ist von Jugend auf gewöhnt an harte Arbeit, an Sonnenhitze und die Kost von Wasser und Brot, wenig schlafen und viel wachen, im Harnisch Tag und Nacht, mit Mühe heben und tragen. Denn Adel wird dem ersten Ahnherrn nicht angeboren, er steigt auf und fällt. Der eigene Mann kann durch die Hand des Herrn freigegeben werden und dann, selbst wenn er nicht ein Freigut erwirbt, als frommer Zinsbauer leben. Seine Kinder ziehen in die Stadt, mehren das Gut im Schutz der Stadtfreiheit, und wieder ihre Kinder reiten in einem Herrenhof und treten in den Dienst eines Edlen, und sind sie brauchbar bei Fechten und Streiten, so belehnt sie ihr Herr mit einem Freigut, das ihm durch den Tod der Besitzer zufällt. So werden sie Mannen eines edlen Herrn. Und halten sich wieder ihre Kinder tüchtig, so werden diese zu Rittern geschlagen. Erlangt der Ritter aber Schlösser, und wird er ein wohlhabender und fester Mann, so wird er mit allen seinen Kindern edel gemacht. Jetzt kann er Mannlehen verleihen und selbst rittermäßige Leute halten; entziehen diese sich nicht ihrem Dienst und helfen sie ihm in seinen Kriegen, so wird wieder sein Sohn ein Graf des Reiches. Gewinnt dieser das Ansehen eines großen Herrn, erwirbt er das Land eines Fürsten oder belehnt ihn der König damit, so wird er gefürstet, und stirbt der König oder Kaiser, so kann ihm Gott die Ehre bescheren, daß er an seiner Statt geküret wird. Manneswert und Kraft gewinnt, sorgloses Vergeuden wirft nieder. So frei und groß war noch um das Jahr 1400 die Ansicht über die Bewegung deutscher Volkskraft im Staat! VI Aus deutschen Dörfern 1200–1500 Ritter und Bauer. Zustände des Landvolks, Schilderung des Dorflebens zur Zeit des Neidhart von Reuental. Streben des Landmanns nach dem Ritterschild. – »Meier Helmbrecht« von Wernher dem Gartenäre und Erzählung vom Bauer, der ein Ritter werden wollte. – Ehen zwischen Rittern und Bauern. Die freien Bauern. – Der Landmann im 15. Jahrhundert Groß war in den Jahren des reisigen Minnegesanges die Abneigung zwischen Hof und Dorf, zwischen höfisch und bäurisch; die Ritter sahen aus ihrer Trinklaube hochmütig auf die Dorflinden und den grünen Anger hinab, die Bauern feindselig auf die gepanzerte Schar am Waldesrand. Viele Jahrhunderte hatten gearbeitet, den Stolz des Landmanns zu verringern; nicht nur, wer den Ritterschild trug, auch der Handwerker in der Stadt fühlte sich in besserem Recht und höherer Kunst als der Bauer. Uns ist möglich, Einblick in das Gemüt des Landvolkes und in viele Einzelheiten seines Lebens zu erhalten. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts haben die Handschriften manchen unschätzbaren Zug aus dem Leben des Bauern überliefert. Mit Erstaunen erkennen wir aus solchen Quellen, daß der Landmann damals in ganz anderer Weise ein Teil der Volkskraft war als viele Jahrhunderte später. Der Leibeigene zwar stand nicht nur unter hartem Druck, er war auch gering geachtet, durch schlechte Tracht, durch kurzes Haar mußte er sich äußerlich von dem Freien unterscheiden. Der freie Bauer aber und wer als Höriger mit besserem Recht unter einem Herrn saß, fühlte sich mit Recht als Bewahrer der heimischen Sitte, das Schwert an der Seite schritt er zur Versammlung unter dem Baum oder am Gerichtsstein des Dorfes. Und stammte er von vier freien Ahnen und saß er auf drei freien Hufen, so war nach altem Sachsenrecht sein Rang höher als der eines Ritters, in dem unfreies Blut war, und wer ihn schädigte, der hatte es zu büßen wie einem von Fürstengeblüt. Gerade nach 1200 fing der Bauer an, seinen Acker sorgfältiger zu bestellen, es scheint um diese Zeit aufgekommen zu sein, dem Sommerfeld vor der Saat die zweite Furche zu geben. In der Nähe der reichen Klöster gedieh auch feinere Gartenkultur, schon wurden die Weinberge eifrig gepflegt, und in den Niederungen des Rheins, bei Holländern und Flämingen blühte eine Ackerwirtschaft des Moor- und Sumpfbodens, welche durch zahlreiche Kolonisten dieser Stämme in die Elblandschaften und bis tief in den Osten getragen wurde. Wohlhäbig steht der größere Bauer in seinem Hof, fröhlich, vergnügungslustig tummelt sich das junge Volk in den Dorfgassen und auf dem Anger. Zwar ist der Titel Herr nach höfischem Brauch die Ehre des Ritters, aber in freundlichem Verkehr wird auch der Bauer Herr genannt, nicht nur von seinen Knechten, ebenso von den Hofleuten, »stolz« ist ehrendes Beiwort der Burggenossen, aber auch das Bauernmädchen wird als »stolze Magd« von dem Ritter gerühmt. Unvermindert ist die alte Freude des Landvolkes an dem Erwachen der Natur, ungeduldig erwarten die Mädchen das Ausbrechen der ersten Kätzchen an Weide und Hasel, sie sehen nach dem Laub, das aus der Knospe dringt, und suchen im Grunde nach den ersten Blumen. Das früheste Spiel des Sommers ist der Ball in der Dorfstraße oder dem sprießenden Anger, er wird von jung und alt, von Männern und Frauen geschwungen. Wer den bunten Federball zu werfen hat, sendet ihn mit einem Gruß nach einem, den er lieb hat. Die behenden Bewegungen, der kräftige Wurf, die kurzen Zurufe an Freunde und Gegner sind die Freude der Zuschauer und der Spielenden. Und kommt der sonnige Mai, dann holen die Mädchen den Festschmuck aus der Lade und winden Kränze in ihr Haar und das ihres Freundes. So ziehen sie bekränzt und mit Bändern geschmückt, den Handspiegel als Zierat an der Seite, mit ihren Gespielen auf den Anger, wohl hundert Mädchen und Frauen sind dort zum Reihen versammelt. Dorthin eilen auch die Männer, zierlich ist ihre Tracht, das Wams mit bunten Knöpfen besetzt, vielleicht sogar mit Schellen, welche eine Zeitlang der anspruchsvolle Schmuck der Vornehmen sind; die Seide fehlt nicht wie im Winter nicht die Pelzverbrämung. Der Gürtel ist wohlbeschlagen mit glänzendem Metall, ein Eisenhemd ist in das Kleid gesteppt, die Spitze des Schwertes klingt im Gehen an die Ferse. Die stolzen Knaben sind voll Freude am Kampf, herausfordernd, jeder eifersüchtig auf seine Geltung. Mit Leidenschaft werden die großen Reihen getanzt, kühn sind die Sprünge, voll Jubel die Freude, überall die Poesie einer fröhlichen Sinnlichkeit. Laut singt der Chor der Umstehenden den Text des Reihens, leise singt das Mädchen die Weise mit. Und noch größer wird unser Befremden, wenn wir den Rhythmus und Text dieser alten Volkstänze näher betrachten, es ist eine Grazie nicht nur in der Sprache, auch in den menschlichen Verhältnissen, die vielmehr an die antike Welt erinnert als an die Empfindung unserer Landleute. Auf einleitende Strophen, welche in zahllosen Variationen das Aufgehen des Frühjahres rühmen, folgen andere, zum Teil in lockerem Zusammenhang wie improvisiert, den Schnadahüpfeln ähnlich, welche sich in Oberdeutschland bei Volkstänzen bis jetzt erhalten haben. Oft ist der Inhalt ein Streit zwischen Mutter und Tochter, die Tochter schmückt sich zum Fest, die Mutter will vom Tanz zurückhalten, oder ein Lob schöner Mädchen oder drollige Aufzählung der tanzenden Paare, oft enthält der Text Angriffe auf eine Gegenpartei unter den Tänzern, welche geschildert und verhöhnt werden. Denn leicht bilden sich beim Tanz Parteien, durch spitze Verse wird der Gegner herausgefordert; der Ruhm des jungen Burschen ist, sich nichts bieten zu lassen, der kräftigste Tänzer, der gewandteste Sänger, der kühnste Schläger zu sein. Auf den Reihen folgen die Trinkgelage mit lauter und übermütiger Fröhlichkeit. Der Winter bringt neue Freuden, die Männer spielen Würfel, im Schlitten wird auf dem Eis gefahren, in einer großen Stube sammelt sich das Volk zum Tanz. Dann werden die Schemel und Tische herausgetragen, zwei Geiger machen Musik, der Vorsänger beginnt die Weise, ein Vortänzer führt an. Verschieden ist der Charakter der Reihen und Tänze, altertümlicher und volksmäßiger läuft Weise und Text der Reihen in dem altheimischen Parallelismus von je zwei Sätzen; die Tänze des Winters sind kunstvoller und modischer. Denn in den erhaltenen Tanzliedern, welche wir als verschönerte Abbilder der alten Rhythmen und Texte betrachten dürfen, ist überall das höfische Gesetz der Dreiheit in den Strophen durchgeführt, man erkennt die Nachahmung des ritterlichen romanischen Brauches. Unter den verschiedenen Arten der Tänze wird auch der slawische Reidawak genannt. – Bei diesen Vergnügungen des Dorfes trinkt und tanzt der Ritter mit dem Bauer, schon mit dem Stolz feinerer Sitte; aber wie sehr er geneigt ist, über seine Umgebung zu spotten, er fürchtet sie auch, nicht nur ihre Fäuste und Waffen, auch die Schläge ihrer Zunge. Der langlockige Bauer bietet dem Ritter den Becher und zieht ihn schnell von dem Greifenden zurück, setzt ihn dann nach Hofgebrauch vor dem Trank auf das eigene Haupt und schleift auf den Zehen durch die Stube, dann freut sich der Ritter, wenn der Becher dem Dorftölpel vom Haupt fällt und ihn begießt; aber der Ritter findet auch kein Bedenken darin, sich auf schnöde Flucht zu begeben, wenn ihn zornige Dorfknaben suchen, weil er etwa ihren Frauen und Mädchen zu große Aufmerksamkeit geschenkt hat. So sieht das Dorfleben in den Liedern Neidharts von Reuental aus, des geistvollsten und launigsten aller ritterlichen Sänger im 13. Jahrhundert. Seine ganze Poesie ruht auf den Liedern und Freuden der Bauern, wie der größte Teil seines Lebens unter ihnen verlief. Er hat das volle Selbstgefühl eines feingebildeten Mannes, aber er ist trotzdem den Landleuten gegenüber nicht immer im Vorteil. Ein Bauernbursch, Engelmar, hat ihm das größte Leid seines Lebens bereitet, es scheint, daß er ihm seine Geliebte Friderun, auch ein Dorfkind, abspenstig gemacht hat, der Stachel blieb dem Ritter in der Seele, solange er lebte; aber auch bei späteren Huldigungen, welche er Mädchen des Dorfes widmet, hat der Ritter die Bewerbungen der jungen Bauern sehr zu fürchten, und nicht selten quält ihn bittere Eifersucht. Und dies Verhältnis des Ritters Neidhart zu den Landleuten war im Anfang des 13. Jahrhunderts noch keine Ausnahme. Allerdings verhärtete sich der Stolz des Ritters gegenüber dem Bauer schnell zu einem ausschließenden Standesbewußtsein. Unerträglich dünkte ihn die Anmaßung des Bauern, der es ihm in Kleidern und Waffen gleichtun wollte und seinen Einbrüchen in die Gemeindeherde den gepanzerten Fausthandschuh entgegenhielt. Im Jahre 1244 verbot Herzog Otto von Bayern in seinem Landfrieden den Bauern, Brünne, Eisenhut oder Halsberge, lateinische Messer oder andere Stahlwaffen in ihrem Dorf zu tragen; nur den Reutel, den Stab, der zum Säubern des Pflugbrettes dient, sollten sie führen. Ein ähnliches Verbot erging in Österreich. Aber es wurde nicht beachtet. Kurz darauf wird wieder geklagt, daß die Bauern in allen Ritterkleidern prangen, seidene Stoffe, Kettenpanzer führen und mit dem Schwert klirren. Und das war natürlich. Dem Landmann trat in wilder Zeit die Versuchung nahe, selbst Rechte und Privilegien des Ritterstandes zu gewinnen. Wie unvollkommen ihm höfische Sitte kund wurde, sie übte doch ihren modischen Zauber aus. Das Schönste, was ihm der Spielmann sang, das Glanzvollste, was seine Augen erblickten, war Werben um kriegerischen Preis im Kampf und Turnier. Wer ungenügsam sich in seiner Kraft fühlte, der strebte aus dem Bann des Zaunes und der heimischen Feldmark, um lieber andere zu schlagen, als selbst geschlagen zu sein. Auch der Sohn des Bauern zog als reisiger Knecht in die Burg und dachte, darauf den Rittergurt umzuschnallen. Dies Aufstreben in den Ritterstand erregte wieder Zorn und Spottlust der Edlen und ihrer Vasallen, es verdarb das Selbstgefühl des Landmanns, es stand ohne Zweifel den Begehrlichen sehr oft übel an und machte viele ruchlos und schlecht. Es fand unter den Bauern selbst, welche friedlich über ihre Scholle schritten, herbe Beurteilung, nicht mildere bei ernsthaften Dichtern und Volkspredigern: es war doch ein nicht aufzuhaltender Prozeß. Eine der merkwürdigsten Überlieferungen aus dem dreizehnten Jahrhundert wirft ein scharfes Licht auf diese Verhältnisse. Es ist eine wahre Geschichte, welche sich auf altbayrischem Grund, in dem jetzigen Innviertel Österreichs, da, wo die Salzach mit dem Inn zusammenfließt, ereignet hat. Wer bei Burghausen die Salzach überschreitet und auf der alten Harterstraße eine halbe Stunde durch einen Wald gegangen ist, welcher unter dem Namen Weilhart große Strecken des Innviertels bedeckt, der sieht, kurz nachdem er den Wald verlassen, auf der linken Seite der Straße zwei Bauernhöfe, von denen der erstere jetzt Lenzengut heißt, früher Helmbrechtshof genannt wurde. Er ist alten Leuten noch unter diesem Namen bekannt. Der Hof war einst größer, einer der ansehnlichsten Meierhöfe der Landschaft. Dieser Hof ist Mittelpunkt der Geschichte, welche hier erzählt werden soll. Sie ist uns in poetischer Form überliefert, in einem Gedicht, das als Zeitgemälde von höchstem Wert ist, auch als Dichtung von großer Schönheit. Der diese Dorfgeschichte zwischen den Jahren 1234 und 1250 niederschrieb, nennt sich selbst Wernher der Gartenäre. Sein Gedicht »Helmbrecht« wurde von Moriz Haupt nach den beiden erhaltenen Handschriften herausgegeben in Band IV der Zeitschrift für deutsches Altertum; später hat Friedrich Keinz in einer guten Monographie: »Meier Helmbrecht und seine Heimat« aus den Ortsangaben des Gedichtes die Lokalität nachgewiesen und die Erinnerungen daran, welche noch in der Gegend leben, gesammelt. Leider kann der Inhalt des Gedichtes hier nur kurz zusammengefaßt werden; auch aus dieser unvollkommenen Form wird man den Wert, welchen die Erzählung für uns hat, würdigen können. So berichtet Wernher der Gärtner: Der alte Meier Helmbrecht hatte einen Sohn. Dem jungen Helmbrecht hingen die blonden Locken bis auf die Achsel, er steckte sie in eine schöne seidene Haube, welche mit Tauben und Papageien und vielen Figuren gestickt war. Diese Haube hatte eine Nonne gestickt, die aus ihrer Zelle wegen einer Liebschaft entronnen war, wie das so mancher geht. Bei ihr lernte Helmbrechts Schwester Gotelind Sticken und Nähen; das Mädchen und ihre Mutter verdienten es wohl an der Nonne, sie gaben ihr zum Lohn ein Rind, viele Käse und Eier. Schwester und Mutter schmückten den Knaben noch mit feinem Linnengewand, einem Kettenwams und Schwert, mit Tasche und Gewand und einem schönen Überrock von blauem Tuch mit goldenen, silbernen und kristallenen Knöpfen verziert, sie leuchteten hell, wenn er zum Tanz ging, die Nähte waren mit Schellen besetzt, sooft er im Reihen sprang, klang es den Frauen durch die Ohren. Als der stolze Knabe so geschmückt war, sprach er zu seinem Vater: ›Jetzt will ich zu Hofe gehen, gib auch du, lieber Vater mein, mir etwas zur Hilfe.‹ Der Vater erwiderte: ›Wohl könnte ich dir einen schnellen Hengst kaufen, der über Zaun und Graben springt; aber, lieber Sohn, laß ab von der Fahrt nach Hofe, Hofbrauch ist hart für den, der ihn nicht von Jugend gewöhnt ist. Nimm den Pflug und baue mit mir die Hufe, so lebst und stirbst du in Ehren. Sieh, wie ich lebe, treu, ehrbar, redlich; ich gebe alljährlich meinen Zehnten und habe nicht Haß, nicht Neid mein ganzes Leben durch erfahren. Meier Ruprecht will dir sein Kind geben, dazu viel Schafe, Schweine und zehn Rinder. Bei Hofe leidest du Hunger, mußt hart liegen und alle Liebe entbehren, dort wirst du der Spott der rechten Hofleute, vergebens suchst du, es ihnen gleichzutun, und wieder gerade dich trifft der größte Haß des Bauern, am liebsten wird er an dir rächen, was ihm die andern vornehmen Räuber genommen haben.‹ Der Sohn aber sprach: ›Schweig, lieber Vater, nimmer sollen mir deine Säcke den Kragen reiben, nimmer lade ich Mist auf deinen Wagen, meinen langen krausen Locken, meinem schönen Rock und meiner gestickten Haube stände das übel an, nicht will ich durch ein Weib tatlos werden. Soll ich drei Jahre über einem Füllen ziehen oder einem Rind, da ich doch alle Tage einen Raub haben kann? Ich treibe fremde Rinder über die Ecke und führe die Bauern bei ihrem Haar durch die Zäune. Eile, Vater, ich bleibe nicht länger bei dir.‹ Da kaufte der Vater den Hengst und sprach: ›O weh, verlorenes Gut!‹ Der Knabe aber schüttelte das Haupt, sah sich auf seine beiden Achselbeine und rief: ›Ich bisse wohl durch einen Stein, so wild ist mein Mut, ich wollte Eisen fressen. Über Feld will ich traben, ohne Sorge um mein Leben, aller Welt zum Trotz.‹ Und beim Scheiden sprach der Vater: ›Ich kann dich nicht halten, ich lasse dich, aber noch einmal will ich dich warnen, du schöner Jüngling, hüte deine Haube mit den seidenen Vöglein und wahre dein langes Lockenhaar, du gehst unter solche, denen man flucht, die vom Schaden der Leute leben. Mir träumte, ich sah dich gehen an einem Stock mit ausgestochenen Augen, und wieder träumte mir, du standest auf einem Baum, wohl anderthalb Klafter waren von deinen Füßen bis auf das Gras, über deinem Haupt auf einem Zweig saßen ein Rabe und eine Krähe, verworren war dein krauses Haar, zur Rechten strählte dir's der Rabe, zur Linken scheitelte dir's die Krähe. Mich reut's, daß ich dich erzogen habe.‹ Der Sohn aber rief: ›Ich lasse nicht von meinem Willen bis zu meinem Tod. Gott behüte dich, Vater, die Mutter und eure Kinder.‹ So trabte er durch das Gatter und ritt auf eine Burg, deren Herr vom Kampf lebte und gern die behielt, welche Reiterdienste taten. Dort ging der Knappe unter das Gesinde und wurde bald der behendeste Reiter. Kein Raub war ihm zu klein und keiner zu groß, er nahm das Roß, er nahm das Rind, er nahm Mantel und Rock, auch was ein anderer liegen ließ, stopfte er alles in seinen Sack. Es ging ihm das erste Jahr nach Wunsch, mit günstigen Segelwinden floß sein Schifflein. Da begann er nach Haus zu denken, nahm Urlaub vom Hof und ritt auf seines Vaters Haus. Alles lief zusammen, der Knecht und die Magd riefen nicht: ›Sei willkommen, Helmbrecht!‹ das war ihnen widerraten, sie sprachen: ›Mein junger Herr, seid Gott willkommen!‹ Er antwortete: ›Kindeken, ik wünsch üch ein gud Leven.‹ Die Schwester lief ihm entgegen und umfing ihn mit den Armen, da sprach er zur Schwester: › Gratîa vestra! ‹ Die Alten zogen hintennach und umarmten ihn vielmals, da rief er dem Vater zu: › Dieu vous salue! ‹ und zur Mutter sprach er böhmisch: › Dobra ytra! ‹ Vater und Mutter sahen einander an; die Mutter sprach zu ihrem Mann: ›Herr Wirt, uns sind die Sinne verstört, es ist nicht unser beider Kind, es ist ein Böhme oder Wende.‹ Der Vater rief: ›Es ist ein Welscher; mein Sohn, den ich Gott befahl, er ist es nicht, so ähnlich er ihm sieht‹, und seine Schwester Gotelind sprach: ›Es ist nicht euer Sohn, zu mir redete er lateinisch, es muß wohl ein Pfaffe sein‹, und der Knecht meinte: ›Was ich von ihm vernommen habe, danach ist er in Sachsen oder Brabant zu Hause, er sprach ik und Kindeken, es wird sicher ein Sachse sein.‹ Da rief der Wirt mit schlichter Rede: ›Bist du's, mein Sohn Helmbrecht. Ehre deine Mutter und mich, sprich ein Wort Deutsch, und ich selbst will dir deinen Hengst abwischen, ich und nicht mein Knecht.‹ – ›Ei wat segget ihr Gebureken, min Parit, minen klaren Lif sall kein Burenmann nimmer angripen.‹ Da erschrak der Wirt gar sehr und sprach wieder: ›Bist du Helmbrecht, mein Sohn. Noch heut nacht will ich dir ein Huhn sieden und eins braten. Seid Ihr aber ein Fremder, ein Böhme oder ein Wende, so fahrt hin zu den Winden. Seid Ihr ein Sachse oder ein Brabanter, so müßt Ihr Euer Mahl mit Euch führen, von mir erhaltet Ihr nichts, und währte die Nacht ein ganzes Jahr. Für Euch, Junker, habe ich keinen Met noch Wein, den müßt Ihr bei den Herren suchen!‹ Nun war es spät geworden und kein Wirt in der Nähe, der den Knaben behalten hätte; so überlegte er und sprach: ›Freilich bin ich der, ich bin Helmbrecht, einst war ich Euer Sohn und Knecht.‹ Der Vater sprach: ›Ihr seid es nicht.‹ – ›Ich bin es doch.‹ – ›So nennt mir erst die vier Namen meiner Ochsen.‹ Da nannte der Sohn die vier Namen: ›Auer, Räme, Erke, Sonne, ich habe oft meine Gerte über sie geschwungen, es sind die besten Ochsen der Welt, wollt Ihr mich jetzt erkennen. Heißt mir das Tor aufschließen.‹ Der Vater rief: ›Tür und Tor, Gemach und Schrein, jetzt soll dir alles offen sein.‹ So ward der Sohn wohl empfangen, von Schwester und Mutter weich gebettet, die Mutter rief der Tochter zu: ›Lauf, hole ein Polster und ein weiches Kissen.‹ Das ward ihm unter den Arm auf den warmen Ofen gelegt, und behaglich wartete er, bis das Essen bereitet war. Es war ein Herrenessen, kleingeschnittenes Kraut mit gutem Fleisch, eine fette Gans am Spieß gebraten, groß wie eine Trappe, gebratenes und gesottenes Huhn. Und der Vater sprach: ›Hätte ich Wein, heute müßt' er getrunken werden; so aber trink, lieber Sohn, von dem besten Quell, der je aus der Erde floß.‹ Und der junge Helmbrecht packte seine Geschenke aus, dem Vater einen Wetzstein, Sense und Beil, die besten Bauernkleinode der Welt, der Mutter einen Fuchspelz, den er einem Pfaffen abgezogen hatte, seiner Schwester Gotelind eine seidene Binde und eine beschlagene Borte, die besser für eine Edelfrau gepaßt hätte, er hatte sie einem Krämer genommen. Und er sprach: ›Ich muß schlafen, ich bin viel geritten, mir ist heute nacht Ruhe not.‹ Da schlief er bis hoch in den anderen Tag in dem Bett, über welches seine Schwester Gotelind ein neugewaschenes Hemd ausgebreitet hatte, denn ein Leilach war dort unbekannt. So weilte der Sohn bei dem Vater sieben Tage. Darauf fragte der Vater den Sohn, wie der Hofbrauch da sei, wo er bis jetzt gelebt habe. ›Auch ich‹, sprach er, ›ging einst, als ich ein Knabe war, mit Käse und Eiern zu Hofe; damals waren die Ritter von anderer Art, höflich und von guten Sitten, sie übten ritterliches Waffenspiel, dann tanzten sie mit den Frauen und sangen dazu, dann kam der Spielmann mit seiner Geige, und wenn er anfing, standen die Frauen auf, die Ritter gingen auf sie zu, nahmen sie zierlich bei der Hand und tanzten artig, und wenn das vorbei war, kam wieder einer und las aus einem Buch vor von einem, der Ernst hieß. Alles war damals in fröhlicher Geselligkeit. Die einen schossen mit dem Bogen nach dem Ziel, andere gingen jagen und pürschen, der schlechteste von damals wäre jetzt wohl der allerbeste. Denn jetzt wird wert gehalten, wer horchen und lügen kann, Treue und Ehre sind in Falschheit verkehrt, jetzt sind die Turniere nach alter Art nicht mehr Brauch, dafür sind andere im Schwange. Sonst hörte man im Ritterspiel so rufen: Heia, Ritter, sei froh! Jetzt schallt es durch die Lüfte: Jage, Ritter, jage, jage; stich, schlage, verstümmle den, schlag' mir dem den Fuß ab, hau' diesem die Hände ab, den sollst du mir hängen, diesen reichen Mann fangen, der zahlt uns wohl hundert Pfund. So war es, denke ich, früher besser als jetzt. Erzähle du, mein Sohn, mehr von der neuen Sitte.‹ ›Das will ich tun. Jetzt ist der Hofbrauch: Trink, Herr, trinke, trink; trink du dies, so trink ich das. Man sitzt nicht mehr bei den Frauen, nur bei dem Wein. Das Leben der Alten, glaubt mir, die da leben, wie Ihr, das ist jetzt bei Frau und Mann so verhaßt wie der Henker. Bann und Acht ist jetzt ein Spott.‹ ›Sohn‹, sprach der Vater, ›laß den Hofbrauch fahren, er ist bitter und sauer. Viel lieber bin ich ein Bauer als ein armer Hofmann, der jederzeit um sein Leben reiten muß und darum sorgen, daß ihn seine Feinde fangen, verstümmeln und hängen.‹ ›Vater‹, sprach der Junge, ›ich danke dir, aber es ist länger als eine Woche, daß ich keinen Wein getrunken, seitdem habe ich den Gürtel um drei Löcher zurückgeschnallt. Ich muß Rinder erbeuten, eh' der Ring wieder an der Stelle steht, wo er früher war. Mir hat ein Reicher schweres Leid getan: über die Saat meines Paten, des Ritters, sah ich ihn einst reiten, er bezahlt mir's teuer, seine Rinder, seine Schafe und Schweine sollen traben, weil er einem lieben Paten von mir so den Acker zertrat. Ich weiß noch einen reichen Mann, der tat mir auch schweres Leid: er aß Brot zu Kräpfeln, bei meinem Leben, das will ich rächen. Noch einen anderen Reichen weiß ich, der hat mir mehr Schmerz zugefügt als irgendein anderer; ich wollte es ihm nicht schenken, und wenn ein Bischof für ihn betete, denn als er einst bei Tisch saß, hat er recht unanständig seinen Gürtel niedergelassen. Wenn ich erwische, was sein heißt, soll es mir zu einem Weihnachtskleid helfen. Und da ist noch ein anderer einfältiger Narr, der blies in einen Becher so unschicklich den Schaum vom Bier. Räche ich das nicht, so will ich nimmer ein Schwert um meine Seite gürten und einer Frau wert sein. Man hört in kurzem Kunde von Helmbrecht.‹ Der Vater sprach: ›Ei! nenne mir doch die Knaben, deine Gesellen, die dich gelehrt haben, einen reichen Mann zu berauben, wenn er Krapfen und Brot zusammen ißt!‹ Da nannte der Sohn seine Gesellen: ›Lämmerschling und Schluckdenwidder, Höllensack und Rüttelschrein, Kühfraß, Knickekelch und Wolfsgaumen, Wolfsrüssel und Wolfsdarm – diesem gab seinen Hofnamen die edle Herzogin von Nonarra Narreia –, das sind meine Schulmeister.‹ Der Vater sprach: ›Und wie nennen sie dich?‹ ›Ich bin genannt Schlingdengau, bin nicht die Freude der Bauern, ihre Kinder müssen Wasserbrei essen, was die Bauern haben, das ist mein, dem einen drücke ich das Auge aus, dem anderen haue ich in den Rücken, den binde ich in den Ameisenhaufen, den hänge ich bei seinen Beinen an die Weide.‹ Da brach der Vater los: ›Sohn, die du da nennst und rühmst, wie hitzig sie auch sind, doch hoffe ich, wenn ein gerechter Gott lebt, es kommt der Tag, wo der Scherge sie faßt und von seiner Leiter hinabstößt.‹ ›Vater, Gänse und Hühner, Rinder und Futter habe ich dir oft vor meinen Gesellen bewahrt, jetzt tue ich's nimmermehr. Ihr sprecht zu sehr gegen die Ehre frommer Gesellen. Eure Tochter Gotelind wollte ich meinem Gesellen Lämmerschling zur Frau geben, bei ihm hätte sie das beste Leben gehabt. Das ist jetzt vorbei, Ihr habt zu gröblich gegen uns gesprochen.‹ Und seine Schwester Gotelind nahm er beiseite und sagte ihr heimlich: ›Als mein Geselle Lämmerschling mich zuerst um dich bat, da sprach ich zu ihm: Du wirst gut mit ihr fahren; nimmst du sie, so sei ohne Sorge, daß du lange am Baum hängst, sie wird dich mit ihrer Hand abnehmen und zum Grab auf die Wegscheide ziehen, mit Weihrauch und Myrrhen umschreitet sie räuchernd dein Gebein ein ganzes Jahr. Und hast du das Glück, nur geblendet zu werden, sie führt dich an ihrer Hand auf Wegen und Stegen durch alle Länder; wird dir der Fuß abgeschlagen, sie trägt dir die Stelzen alle Morgen zum Bett, und nimmt man dir auch noch die Hand, sie schneidet dir Fleisch und Brot bis an dein Ende. Da sprach Lämmerschling zu mir: Ich habe drei volle Säcke schwerer als Blei mit feiner Leinwand, mit Röcken, Hemden und kostbaren Kleidern, mit Scharlach und Zobel, ich habe sie in einer nahen Schlucht versteckt, die will ich ihr zur Morgengabe geben. Um das alles, Gotelind, bist du durch deines Vaters Schuld gekommen; jetzt nimmt dich ein Bauer, bei dem du Rüben graben mußt, und in der Nacht liegst du an dem Herzen eines Unedlen. Wehe über deinen Vater! Denn mein Vater ist er nicht. Ich bin sicher, daß ein Hofmann zu meiner Mutter geschlichen ist, von ihm habe ich den hohen Mut.‹ Und die törichte Schwester sagte: ›Lieber Bruder Schlingdengau, mache, daß mich dein Geselle heiratet, ich verlasse Vater, Mutter und Verwandte.‹ Die Eltern vernahmen nicht die Rede; der Bruder beriet heimlich mit der Schwester. ›Ich will dir meinen Boten senden, dem du folgen sollst, halte dich bereit. Gott behüte dich, ich ziehe dahin, der Hauswirt hier gilt mir so wenig als ich ihm. Mutter, Gott segne dich.‹ So fuhr er seinen alten Strich und sagte seinem Gesellen den Willen der Schwester. Der küßte sich vor Freuden die Hand und verbeugte sich vor dem Winde, der von Gotelind her wehte. Manche Witwe und Waise ward ihres Gutes beraubt, da der Held Lämmerschling und sein Gemahl Gotelind auf dem Brautstuhl saßen. Die Knappen fuhren und trieben auf Wagen und auf Rossen emsig gestohlenen Trank und Speise in Lämmerschlings Vaterhaus. Als Gotelind aber kam, ging der Bräutigam ihr entgegen und empfing sie: ›Willkommen, Dame Gotelind.‹ – ›Gott lohne Euch, Herr Lämmerschling.‹ So begrüßten sie einander freundlich, und ein alter Mann, weise in Worten, stand auf und stellte beide in einen Ring, und fragte dreimal den Mann und die Magd: ›Wollt ihr euch zur Ehe nehmen, so sprechet Ja.‹ So gab er sie zusammen. Alle sangen das Brautlied, der Bräutigam trat der Braut auf den Fuß. Darauf wurde das Hochzeitsmahl bereitet. Aber seltsam war es, vor den Knaben schwand die Speise, als wenn sie ein Wind vom Tisch wehte, sie aßen unendlich, was ihnen der Truchseß von der Küche auftrug, und es blieb nicht so viel daran, daß der Hund die Knochen abnagen konnte. Man sagt, jedem Menschen, der so unmäßig ißt, dem naht sein Ende. Der Braut Gotelind begann zu grausen und sie klagte: ›Wehe! uns naht ein Unheil, mir ist das Herz so schwer! Wehe mir, daß ich Vater und Mutter verlassen habe; wer zuviel will, dem wird wenig, diese Gierigkeit führt in den Abgrund der Hölle.‹ Noch eine Weile saßen sie nach dem Essen, schon hatten die Spielleute von Braut und Bräutigam ihre Gabe empfangen: da sah man den Richter mit fünf Männern kommen. Es war ein kurzer Kampf, mit den fünfen siegte der Richter über zehn, denn ein rechter Dieb, wie kühn er auch sei, und schlüge er auch ein ganzes Heer, ist wehrlos gegen die Schergen. Die Räuber schlüpften in den Ofen und unter die Bank; wer sonst nicht vor vieren floh, den zog jetzt der Knecht des Schergen allein bei seinem Haar hervor. Gotelind verlor ihr Brautgewand, an einem Zaun fand man sie, erschreckt, entblößt, verachtet. Den Dieben aber wurden die Häute der Rinder, die sie geraubt, an den Hals gebunden als der Gewinn für den Richter. Der Bräutigam trug seinem Tag zu Ehren nur zwei, die anderen aber mehr. Der Scherge hing neun, den zehnten ließ er am Leben nach Henkersrecht, und dieser zehnte war Schlingdengau Helmbrecht. Der Scherge rächte den Vater an ihm, er stach ihm die Augen aus, er rächte die Mutter und schlug ihm eine Hand und einen Fuß ab. So führte den blinden Helmbrecht ein Knecht am Stabe heim vor seines Vaters Haus. Hört, wie ihn der Vater grüßte: › Dieu salue , Herr Blinder. Geht von dannen, Herr Blindeken; wenn Ihr Euch säumt, so lasse ich Euch durch meinen Knecht fortschlagen, hebt Euch weg von der Tür.‹ ›Herr, ich bin's, Euer Kind.‹ ›Ist der Knabe blind geworden, der sich nannte Schlingdengau? Jetzt fürchtet Ihr nicht des Schergen Drohen, nicht alle Richter der Welt! Hei, wie Ihr Eisen aßet, als Ihr auf dem Hengst rittet, um den ich meine Rinder gab. Weicht und kehret nimmermehr wieder.‹ Und wieder sprach der Blinde: ›Wollt Ihr mich nicht als Kind erkennen, so laßt mich als einen elenden Mann in Eurem Hause kriechen, wie Ihr mit armen Kranken tut. Die Landleute sind mir gram, ich kann mich nicht erretten, wenn Ihr mir ungnädig seid.‹ Dem Wirt bebte sein Herz, denn der blind vor ihm stand, war doch sein Blut und sein Sohn, und doch rief er hohnlachend: ›Ihr fuhrt so trotzig in die Welt, manches Herz seufzte um Euch, mancher Bauer ist durch Euch seiner Habe beraubt worden. Gedenkt an meinen Traum. Knecht, sperr ab und stoß den Riegel vor, ich will heut nacht Ruhe haben. Eher behielte ich bis an meinen Tod einen Fremden, den sonst nie mein Auge sah, ehe ich Euch ein halbes Brot gäbe.‹ Und er schlug den Knecht des Blinden. ›Zieh von mir ihn, den die Sonne haßt; ich täte so deinem Meister, nur daß ich mich schäme, einen Blinden zu schlagen.‹ So rief der Vater, und die Mutter gab ihm doch ein Brot in die Hand wie einem Kind. So ging der blinde Dieb dahin, die Bauern riefen ihm nach und höhnten. Ein Jahr litt er Not. Einst an einem Morgen früh ging er durch den Wald, um Brot zu betteln, da sahen ihn Bauern, welche Holz lasen; einem von ihnen hatte er eine Kuh genommen, die siebenmal gekalbt hatte, der rief jetzt die andern, sie sollten ihm helfen. Alle hatte er gekränkt, dem einen hatte er die Hütte aufgebrochen und ganz ausgeraubt, einem anderen die Tochter entehrt; der vierte zitterte vor Begier wie Laub und sprach: ›Ich töte ihn wie ein Huhn, er stieß mein schlafendes Kind bei Nacht in einen Sack, und als es erwachte und schrie, schüttete er es aus in den Schnee, daß es gestorben wäre, wenn ich ihm nicht zu Hilfe kam.‹ Alle wandten sich gegen Helmbrecht: ›Jetzt hüte deine Haube.‹ Die Stickerei, welche einst der Henker unberührt gelassen hatte, wurde zerrissen und auf den Weg gestreut mit seinem Haar. Seine Beichte ließen sie den Elenden sprechen, der eine brach einen Brocken von der Erde und gab diesen dem ehrenwerten Mann in die Hand als Torgeld für das Höllenfeuer. So hingen sie ihn an einen Baum. – Wo noch ritterlustige Kinder bei Vater oder Mutter sind, die seien gewarnt durch Helmbrechts Geschick. So endet die Geschichte vom jungen Helmbrecht, der ein Ritter werden wollte. Noch heute wissen die alten Leute der Umgegend von einem Bauernsohn zu erzählen, der unter die Räuber ging, und im Walde, eine halbe Stunde vom Helmbrechtshof, steht eine Kapelle, dort, sagen die Leute, sei ein Soldat gehenkt worden, der seinen Eltern entlaufen war. Man würde irren, wenn man dieses Bild, welches mit erschütternder Wahrheit ein wirkliches Ereignis schildert, für Überlieferung eines Ausnahmefalles halten wollte. Zahlreiche Berichte der Zeitgenossen lehren, daß im 13. Jahrhundert ähnlicher Übergang in den Ritterstand sehr häufig war. Er gelang in anderen Fällen besser und vollzog sich ohne auffälligen Verderb des Bauern. Ein Edler z. B. oder ein großer Dienstmann brauchte Geld, der Bauernsohn, welcher als reisiger Knecht bei ihm diente, half ihm mit dem Gut seines Vaters aus der Not; oder der Herr sollte zum Fürstenhof reiten, und sein Stolz machte ihm wünschenswert, mit zahlreichem Gefolge von Rittern einzuziehen; oder ein ritterliches Lehen war erledigt und die ritterbürtigen Familien seiner Lehnsherrschaft schienen dem Herrn nicht ergeben und nicht zuverlässig: in diesen und ähnlichen Lagen gab er Ritterschwert und Lehngut dem rüstigen Landmann. Auch die Ehe half diesen Übergang fördern. Hatte der Ritter eine arme Verwandte zu heiraten, dann erinnerte er sich wohl einer reichen Bauernfamilie im Dorf, die ihm selbst verschwägert war. Wir vermögen ganz genau Worte und Gebaren anzugeben; mit denen er um 1300 einen Bauer in seiner Verwandtschaft suchte. Er ritt vor das Bauernhaus: »Gott grüße dich, Muhme, wie gehabst du dich?« – »Gut, lieber Herr.« – »Kennst du mich noch?« – »Nein, lieber Herr.« – »Ich bin es ja, dein Oheim; sage mir, lebt noch deine Schwester, meine Muhme Hedwig?« – »Ja, Herr, erst gestern sah ich sie.« – »Nun, wie geht's deinem Sohn Ruprecht?« – »Ei, Herr, das ist ein tüchtiger Gesell, er ist heuer älter als er vordem war, trägt sein erstes Schwert, hohen Hut und zwei Eisenhandschuh, er ist den Mädchen Vorsänger beim Reihen und Liebling der Nachbarn.« – »Nun, Muhme, ich weiß eine junge Maid, eine Tochter meines Bruders, sie war ihrem Vater und mir sehr lieb und oft hat man uns um sie gebeten, sie ist von Gott Euch aufbewahrt. Die sollten wir deinem Sohn zum Weibe geben.« – »Gott helfe mir, Herr; wenn ich das erleben könnte, ich wollte ja meinen Sohn um so reicher ausstatten.« – »Gut, liebe Muhme, ich muß fortreiten, gib meinem Pferd ein Futter und mir ein Huhn, und du komm nächstens zu mir, dann laß uns das mit der Maid besprechen.« Darauf füttert er, reitet von dannen in sein leeres Haus und die Ehe wird geschlossen. Auch der Ritter verschmähte nicht, seine Truhen damit zu füllen, daß er mit einer reichen Bauerstochter in den Ring der Zeugen trat und sie zu rechter Ehe empfing. – Die Kinder aus allen solchen Verbindungen wurden von höfischen Dichtern gern mit der Elster verglichen, deren Gefieder aus Weiß und Schwarz bunt gemengt ist. Wenn sie Söhne von Bauern waren, wurden sie Ritter »mit einem Schild«, und diesen Neuen ward gern Arges nachgesagt, auch daß gerade sie die ärgsten Landplacker wären. – Lange hat sich in einzelnen Landschaften solcher Übergang der Familien erhalten. In Rügen z. B. taten es noch zu Luthers Zeit die wohlhabenden Bauern dem Adel gleich. Sie lebten, wie ein Edelmann jener Zeit berichtet, übermütig und streitlustig, und die beklagenswerten Ehen waren nicht selten. Aber sogar der Bauer, welcher kein Ritterlehn nahm und nicht bei Hofe unter Schild ging, wurde Rival der rittermäßigen Familien, wenn er freier Eigentümer seines Grundes war oder mit gutem Dienstrecht auf dem Erbgut saß. Er verglich sein altes Recht mit dem der Dienstmannen und der freien Vasallen des Adels, und er fand, daß er das bessere Recht hatte. Diese freien Bauern saßen nach 1200 ungleich verteilt auf deutschem Boden, sie fehlten aber in keiner Landschaft, sie stellten in einigen den Kern der Landbevölkerung dar. In dem fränkischen Gebiet freilich, welches unter den Merowingerkönigen den Thüringern, Schwaben, Burgundern und Alemannen abgenommen war, lagerten die reisigen Franken als Edle und Reichsritterschaft dichtgedrängt über der unterworfenen Bevölkerung; in diesem Teil Deutschlands, der die größte Zersplitterung in kleine Territorien erfuhr, wurde auch das gute Recht fränkischer Landsiedler niedergedrückt, und die Lage der Bauern war unter den kleinen Tyrannen nicht günstig. Auch in Thüringen und einem Teil des Sachsengebietes war viel Land durch Okkupationen und Landanweisungen mit fremden Ansiedlern besetzt. In sehr früher Zeit hatte dort ein erobernder Stamm einzelnen seiner Krieger die Dorffluren in Besitz gegeben, welche seitdem die Endung -leben führen. Dazwischen hatten fränkische Lehnsleute ihre Höfe mit -heim und -hausen erbaut, dort waren viele Unfreie, arme Leute der Ritter, darunter auch Slawen, dazwischen kräftige Bauerndörfer der Kirche und des Landgrafen mit geringer Dienstpflicht. Auch in Schwaben wurde die Lage der Landleute durch Teilung des Herzogtums unter kleine Gebieter mit Rudolf von Habsburg schlechter. Aber in der Schweiz, im südlichen Alemannien, in Oberschwaben, vor anderen in Bayern, in dem altfränkischen Gebiet am Niederrhein und wieder in weiten Landstrichen der Sachsen, bei Friesen und den Nordalbingen der Westsee war der freie Bauer wohlhabend und mächtig, ja neben der Kirche hie und da der einzige Herr des Bodens. In besonderer Lage waren Österreich, Salzburg, Steier, Kärnten. Dort in der Ostmark waren die Awaren unter den Karolingern getilgt, die Ungarn unter den Sachsenkaisern erschlagen, das Land durch bayerische Kolonisten besiedelt worden, auch die friedlichen Slowenen waren unter günstigen Bedingungen dem Reich angeschlossen, der Bauer in Österreich wußte wohl, daß er ein freier Mann war. Dasselbe Selbstgefühl erhob von 1200–1400 die deutschen Ansiedler in Schlesien und Böhmen. Dagegen war in den eroberten Landschaften der unteren Oder, in der Mark Brandenburg, in Mecklenburg und Pommern die Germanisierung nicht durch friedliche Bauernsiedlung, sondern entweder durch kriegerische Bewältigung der Slawen oder durch Belehnung deutscher Ritterfamilien erfolgt. Dort saßen die räuberischen Lehnsleute trotzig über den Bauern. Längs der Alpen und am Nordmeer dachte der Bauer wohl daran, daß er der ältere Herr des Bodens war. Auch seine Vorfahren waren vielleicht zu Roß in den Kreuzzug geritten – wenigstens werden von den Geschichtsschreibern dieser Fahrten außer Rittern und ihren Knechten noch andere Reitermassen erwähnt –, er hatte am Giebel seines Hauses ähnliche Geschlechterzeichen, wie sie alte Ritterfamilien in ihrem Schild trugen, ja auch aufgemalte Schildfarben von den Vätern her. Diese alten Freisassen wurden überall dem Lehnswesen unbequem. Sie schienen weder Bauern noch Ritter, saßen stolz zu Roß und setzten ihre Hausmarken oder ein Tierbild auf ein dreieckig Brettlein oder gar an ein Fahnentuch. Auch sie nahmen zuweilen die herrschenden Laster des Ritterstandes an und wurden Räuber und Brenner ohne Ritterrecht. Noch in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, wo die Ritterbürtigen zwar vom Adel unterschieden, aber im Tagesverkehr hie und da bereits Edelleute genannt wurden, dauerten die reisigen Ansprüche der freien Landleute fort. Und man sagte manchen der Fürsten nach, daß sie zu ihrem Schaden lieber mit den Bauern Ritterwerk trieben als mit ihren alten Vasallen, diesen Schildbauern aber, daß sie unzuverlässig im Kampf wären und nur die Privilegien, nicht die Lasten des Ritterstandes tragen wollten. Und man wußte über sie ein bedenkliches Gleichnis zu erzählen. Die Vögel hatten einst Krieg, luden dazu und sandten auch zu der Fledermaus. Diese sprach, man möge ihr den Zug freundlich erlassen, denn sie sei eine Maus. Da mutete man ihr den Streit nicht zu. Darauf kamen die Mäuse in Zwist. Auch dazu wurde die Fledermaus geladen. Wieder sprach sie: »Was geht's mich an? Seht ihr nicht, daß ich Flügel habe? Ich stehe in Pflicht bei den Vögeln.« So treiben es die Bauernritter. Wenn der Fürst in Landesnot alle aufbietet, die in reisigem Dienst stehen, so gehen sie an die Arbeit, denn sie haben kein Ritterlehn. Der Fürst läßt sie also zu Hause, und er legt auf das Land eine große Steuer. Und wieder sagen sie: »Wir sind zu gut, um mit den Bauern zu zinsen, wir müssen mit Schild und Speer zu Felde dienen, wir edlen Leute; wir wagen unsere Haut, darum sind wir steuerfrei.« Da war auch ein Bauer, der hieß lange ein ritterlicher Mann; dem sagte der Richter bei einer Buße, als Edelmann müßte er 10 Mark geben, wäre er aber Bauer, so käme er mit 60 Pfennigen davon. Ehe der Gesell die 10 Mark gab, erklärte er, er sei keines von beiden, sondern er sei ein Edelknecht. Für den fleißigen Landmann kam seit Kaiser Friedrich II. eine harte Zeit. Die wilden Gewalttaten und der Druck des räuberischen Adels treiben viele Hilfesuchende in die Städte, die Unternehmenden in die Fremde. Noch immer ist Gelegenheit, unter dem Kreuzeszeichen gegen Slawen, Wenden und Polen zu kämpfen, und im Osten der Elbe öffnen sich weite Länder für die Waffen und den Pflug des deutschen Landmanns. Auch in den Geistern arbeitet eine Aufregung. Der neue Despotismus der römischen Päpste und der fanatischen Bettelorden drängt am Rhein die Katharer, in Niedersachsen die Stedinger bis zum Abfall von der Kirche. Wo die freien Bauern dicht zusammensitzen und durch die Natur ihres Landes begünstigt werden, erheben sie sich in Waffen gegen den Druck der feudalen Herren. In den Tälern der Schweiz, in den Marschländern der Nordsee erkämpfen die Landgenossen Sieg über die gepanzerten Reiter, welche noch jetzt zu den glorreichen Erinnerungen des Volkes gehören. Aber im Innern Deutschlands wird der Bauer unter steigendem Druck, welchen der Adel und eine entartete Kirche auf ihn ausüben, schwächer, untüchtiger, roher; immer mächtiger erheben sich über ihn die Burgherren, selbst der altangesessene Freibauer der Niedersachsen wird tief herabgedrängt von der Ehrenstelle, die er einst über den ritterlichen Dienstmann behauptet hat. Auch der Städter gewöhnt sich im Gefühl einer höheren Bildung und kunstvolleren Sitte, den Landmann zu verhöhnen, seine ungeschlachte Eßlust, plumpe Einfalt und betrügerische Pfiffigkeit werden mit endlosem Spott übergossen, in Liedern, Erzählungen, Schwänken, Fastnachtspielen. Und doch war dem Landmann noch im 15. Jahrhundert viel von gutem alten Recht und einiges von der alten Kraft geblieben. Noch stellt er in seinen Liedern den eigenen Beruf hoch und ist geneigt, mit Laune das unstete Treiben der andern zu betrachten. Von drei Schwestern heiratet in bekanntem Volkslied die eine den Edelmann, die andere den Spielmann, die dritte den Bauern; die beiden Schwäger kommen mit ihren Frauen zum Besuch auf den Bauernhof, »da spielte der lustige Spielmann, da tanzte der hungrige Edelmann, da saß der Bauer und lachte«. Und am Ende des 15. Jahrhunderts schildert das Gedicht eines Städters eine Tanzszene im Dorf, ähnlichen Brauch wie in den Zeiten Neidharts, nur wilder und roher. Die stolzen Knechte kommen von verschiedenen Dörfern bewaffnet mit Hellebarden und Spießen unter die Linde zum Tanz, die Parteien sind durch Abzeichen geschieden, Weiden und Birkenreiser und Hopfenblätter an der Schulter und auf der Mütze, aus dem einen Dorf sind alle vierundzwanzig Knechte in rotes lundisches Tuch gekleidet, mit gelbem Wams und Hosen. Eine schmucke Dirne, beliebte Tänzerin, will nur mit der einen Partei tanzen: so kommt es zu Stachelreden, die Waffen werden gezogen, der Schreiber aus der Stadt mit so nachdrücklicher Drohung verfolgt, daß er sich den wilden Gesellen durch schnöde Flucht entzieht. Und ist nun Tanz und Zank zu Ende, dann setzen sich die Männer nieder, die Frauen aber bleiben stehen. Hat man ausgeruht, dann tritt die Gesellschaft zum Ringelreihen an. Alle fassen einander bei den Händen, singen im Wechsel und gesellen die Paare, welche den Reihen springen. Der Spielmann, welcher mit seiner Geige in das Dorf kam oder sich unter den Bauern niedergelassen hatte, brachte ihnen neue Lieder und Melodien; und der unendliche Vorrat heimischen Liederstoffes: die letzten Trümmer der alten Heldensage, was der wandernde Landsknecht über eine neue Fehde oder Schlacht zu singen wußte, dann solche Lieder, welche die Stimmungen des eigenen Lebens ausdrückten, klangen unter der Dorflinde und beim Rocken in der Spinnstube. Die alte Freude an dem Leben der Natur war unvermindert, der Gesang der Stubenvögel, die Zucht seiner Tiere waren dem Bauern regelmäßige Hausfreude; noch zu Luthers Zeit, wenige Jahre vor dem großen Bauernkrieg, begegnete einem treuherzigen Bauern, daß er in der Freude sein schmuckes Füllen auf den Hals küßte; ein lauernder Mönch hatte es gesehen, der Bauer wurde vor das geistliche Gericht zitiert und mit einer harten Geldstrafe belegt, weil dergleichen unschicklich sei. Karsthans ballte deshalb die Faust gegen die Pfaffen. Der Bauer fühlte sich damals als bewaffneter Mann. Zwar war er auf freiem Felde schutzlos dem Überfall Gepanzerter preisgegeben, aber in der Schar der Dorfgenossen wußte er seine Wehr wohl zu brauchen, und in dem größten Teil Deutschlands, wo die Häuser des Dorfes in Gassen aneinander lagen, war sein Dorf nicht nur durch Zaun, oft durch Mauer, Graben und Tor geschützt, und vor den Toren standen zuweilen auch Blockhäuser, in denen er einen andringenden Haufen abzuwehren versuchte. Inmitten des Dorfes war die hohe Kirchhofmauer wieder zur Verteidigung eingerichtet, zuweilen mit Türmen besetzt, und wenn das Dorf angesengt war, rettete er Weib und Kind, Vieh und Habe in die Nähe des Heiligen und stand in Krebs und Eisenkappe hinter der Mauer, sein Liebstes zu verteidigen, während die Sturmglocke den Überfall auf Feldern und in benachbarten Gemeinden verkündete. [...] VII Auf den Straßen einer Stadt Nach 1300 Eigentümliches des 14. und 15. Jahrhunderts. Das Leben in der Genossenschaft, Wachstum der Städte, Ritterbürtige und Kaufleute. – Handwerker und Innungen. – Das Aussehen einer größeren Stadt um 1300. Umgebung. Das Stadtvieh. Das Pflaster, Wasser, die Straßen, Kirchen, Schulen und Rathaus, Glocken und Uhren. – Ein Markttag. Die Arbeit der Handwerker. Frachtwagen. Gäste und Gastspenden. Die Bäder. Die Ritterbürtigen vom Lande. – Das Leben im Hause, Kleidung, Speise und Trank. – Der Abend auf den Gassen. Neues und Merkwürdiges. – Die Wirtshäuser. Die Nacht. Größe der Städte. Tüchtigkeit des Handwerkers, Gebräuche des Handwerks. Die »Vorsage« der Schmiedegesellen. Der wandernde Handwerker als Kolonist Im 14. und 15. Jahrhundert, also im sogenannten Späten Mittelalter, sind die Städte Bewahrer der besten treibenden und bildenden Kraft, alle große Erfindung, fast jeder Fortschritt wird durch sie geschaffen oder doch gefestigt. Unter den Sachsen- und Frankenkaisern hatte der König seine Reichsstadt, der Bischof oder Herzog seine Landstadt unter den Schutz einer Burg gestellt, sein Graf oder Dienstmann führte die Stadtreisigen, erhob Torzölle und Abgaben vom Grund und von Verkaufsbänken, sein Schultheiß oder Vogt saß den Schöppen der Stadt vor, welche das Recht fanden über Bürger und in Händeln des Marktes. In der Stadt standen obenan die reisigen Burgmannen und freien Kaufleute, sie zumeist bildeten den Reitertrupp der Gemeinde und waren Beisitzer des Schöppengerichts, neben ihnen siedelte die Masse der Angezogenen: Handwerker, Knechte, Tagearbeiter, ursprünglich selten Freie, sondern Hörige und Unfreie. Die Handwerker aber hatten um 1300 sämtlich die Rechte freier Leute. Und die Städte waren geschäftig, ihren geldbedürftigen Herren Besitz der Burg, Zollrecht, Steuern, Gericht durch Kauf, zuweilen in offener Aufhebung durch Blut und Waffen abzuringen. Das Regiment der Stadt ging auf die reisigen Dienstmannen und Kaufleute über, welche sich zu einer regierenden Aristokratie verbunden hatten. Die reisigen Burgmannen, welche gewöhnlich in der Stadt oder in der Markung ein festes Haus zu Lehn besaßen, suchten wie ihre Genossen auf dem Land den Ritterschild. Sie waren die Vornehmen in jeder ansehnlichen Stadt, außer wo sie durch Bürgerzwist ausgetrieben waren, wie eine Zeitlang in Köln, oder wo sie sich gar nicht einbürgern durften, wie in Hamburg, und noch bestand in vielen Städten ein verfassungsmäßiger Unterschied zwischen ihnen und den Kaufleuten. Wer Handelschaft trieb, durfte nach Lübischem Recht nicht Mitglied des Rates werden, und Spuren ähnlicher Zurücksetzung des Kaufmanns finden sich in anderen alten Stadtrechten. Dafür gab es nach Auffassung jener Zeit einen unwiderleglichen Grund. Der Kaufmann konnte seinem Beruf nur in des Königs Frieden nachgehen, er bedurfte den Schutz anderer und konnte nicht Schutz gewähren wie ein Ritter. Wenn er mit seinen Wagen und Knechten auf der Reichsstraße dahinfuhr, sollte er sein Schwert nicht an der Seite tragen, sondern am Sattel, damit er es etwa gegen Räuber ziehen konnte. Bot er an fremdem Markt seine Waren feil, so fand er nur Sicherheit durch den Königsfrieden, er war nach alter Anschauung durch sich selbst in fremdem Land rechtlos, er konnte kein Lehn erwerben und wurde neben dem Juden und dem fahrenden Mann genannt; in der Fremde war er Händler, dessen Heimwesen man nicht kannte, der große Kaufmann wie der heimatlose Krämer hatten nur das Marktrecht. Das verschlechterte sein Ansehen. Aber der reisende Kaufmann war auch in seiner Heimat nicht wohl geeignet, im Rat zu sitzen, denn er war einen großen Teil des Jahres auswärts, vielleicht in Italien, in Polen, unter den Nordleuten. Es erschien nicht seßhaft und bürgerlich, daß er umherschweifte und in der Fremde seine Barschaft mehrte, und man behauptete, daß ihm bei der häufigen Abwesenheit nicht immer die Ordnung seines Hauses gedieh; kam er von weiter Fahrt zurück, so fand er wohl unerwartet einen neuen Inlieger in der Wiege seines Hauses oder die gestorben, für deren Zukunft er Gut erworben. Aber derselbe Mann war an Weltklugheit leicht den Fürsten und Bischöfen überlegen, er kannte Sprache, Recht, Sitten der fremden Völker, war an ein hartes Leben in Gefahren und unsicherem Rechtsschutz gewöhnt, zäh, gewandt, unerschrocken. Er wußte in der Fremde mit jedermann zu verkehren, mit dem König und dem wilden Reiter in einsamer Herberge; überlegen wußte er seinen Vorteil zu verfolgen mit spähem Auge und unablässiger Selbstbeherrschung. Und er brachte heim, was einen Zauber ausübte, wie ihn unsere geldreichere Zeit gar nicht begreift. Die Kostbarkeiten, die er mit sich führte, waren Sehnsucht und Poesie von jedermann, durch ihn kam alles Seltene und ganz Unerhörtes in die Landschaft; er besaß das Geld, womit man die Höchsten der Erde gewinnen konnte, den Papst, daß er Nonnen verheiratete, den Kaiser, daß er ganze Haufen Unedler zu Rittern machte und Pate stand bei den Kindern eines Bürgers. Geld erwarb, wie man klagte, die Liebesgunst edler Frauen und alle denkbare Herrlichkeit der Welt. Der Kaufmann verlieh und verschenkte, er gewann guten Willen, wo er ihn nur brauchte, [...] und machte einen großen Teil der Bürger abhängig von seinem Wohlstand und seinem Geschäft. Seine Erfahrung und seine Geldmittel waren der Stadt in gefährlicher Zeit unentbehrlich, und er wußte wieder zu machen, daß die Stadt ihre ganze Kraft daransetzte, seine Geschäfte zu fördern. Es war also natürlich, daß er mit dem übrigen aristokratischen Teil der Stadtbevölkerung eng verwuchs. Auch die Familien alter Lehnsleute und Burgmannen in der Stadt trieben Kaufmannschaft. Der eine Sohn trug den Schild und besaß Lehngüter, der andere ritt mit den Frachtwagen auf der Straße; wer nicht selbst reisen wollte, legte einen Teil seines Vermögens in Genossenschaft zum Handel an oder er ließ seine Söhne, Vettern, Diener reisen und saß als großer Herr im Rat. In wenigen Städten überdauerte der alte Unterschied zwischen den Familien der großen Geschlechter das vierzehnte Jahrhundert. Ritterbürtige der Stadt und Kaufleute sind eng verschwägert, ihre Blutsfreunde sind in anderen Städten mächtig, sie regieren die Städte im Frieden, führen häufig die bürgerlichen Heerhaufen im Kriege, sind einflußreiche Diplomaten am Kaiserhof. Auch gesellig schließen sie sich gegen die übrige Bürgerschaft ab. Die Kaufleute haben ihre besondere Innung und ein Heiligtum – schon um das Jahr 1000 ist in Magdeburg eine Kirche der Kaufleute –, ihre Söhne behaupten Stellen in den geistlichen Stiften der Stadt, sie leben stolz, reichlich, gastfrei in ihren Trinkstuben und Höfen. Durch sie werden die großen Bündnisse der fränkischen, schwäbischen, rheinischen Städte, der Hansa möglich, sie bilden seit 1300 die Geldmacht Deutschlands. Neben den Geschlechtern stand die regierte Bürgerschaft, gegliedert in Innungen, in diesen die Männer des besitzenden Mittelstandes als die Herren. Die Innungen waren Genossenschaften derer, welche ähnliche Erwerbsinteressen hatten in Handwerk und Kramhandel, auch sie hatten gemeinsamen heiligen Altar oder Kapelle, um das Wohl ihrer Mitglieder im Jenseits zu fördern und eine Kasse zur Unterstützung für Kranke und Hilflose und zu ehrlichem Begräbnis. Wer Handwerk gewinnen wollte, der mußte wenigstens drei Jahre als Kind lernen, bevor er Knecht wurde. Als Knecht arbeitete er dann nach Handwerksordnung bei einem andern, der das Handwerk selbständig betrieb. Schnell wurde das Wandern der jungen Gesellen Brauch und Gesetz. Es war sicher uralt, wir finden es aber erst seit dem 13. Jahrhundert erwähnt. Einst hatten die Handwerker im Hof oder unter der Burg eines Herrn gesessen, da waren denen von gleichem Gewerb ein oder mehrere Meister gesetzt worden; seit die Handwerker persönliche Freiheit und selbständige Ordnung ihres Handwerks gewannen, wurde bei den meisten Handwerken Meister allmählich ein Ehrentitel nicht nur der Innungsvorsteher, sondern jedes, der das Handwerk mit Bürgerrecht in selbständigem Haushalt betrieb. Nur in der großen Genossenschaft der Bauhandwerker, welche in ihrer Bauhütte gern Maurer, Tüncher, Zimmerleute, Steinmetzen vereinigte, blieb der Name Meister länger ehrende Bezeichnung des obersten Vorstehers, der um 1300 wohl einer aus den Geschlechtern war. Nicht jeder Handwerker der Stadt brauchte um 1300 zu der Innung seines Handwerks zu gehören, nicht jedes Handwerk war als Innung geeinigt, und nicht jede Innung bestand aus Männern desselben Handwerks, oft waren mehrere zu einer Brüderschaft verbunden. Und noch machte die Stadtgemeinde den Anzug fremder Arbeiter leicht. Da bemühten sich die Innungen zuerst, durchzusetzen, daß jeder, der ihr Handwerk trieb, Mitglied ihrer Brüderschaft werden mußte, demnächst, daß die Aufnahme in der Brüderschaft abhängig wurde von den Vorschriften, welche sie für Lehre und Ausübung des Handwerks gesetzt hatten. Dieselben Genossenschaften hatten seit früher Zeit auch eine militärische Bedeutung, denn der Bürger war verpflichtet, unter dem Banner seiner Innung Kriegsdienst zu leisten, die Knechte, wie es scheint, in leichterer Rüstung. Die Bürger auch darin im Gegensatz zu den Geschlechtern, daß sie in der Regel zu Fuß kämpften. Endlich, jede dieser Innungen war nach deutscher Weise eine Schwurgenossenschaft, deren Mitglieder gelobt hatten, »Liebe und Leid« miteinander zu tragen, sie umfaßten mit ihren Knechten und abhängigen Leuten die große Mehrzahl der Städter; jedem einzelnen Meister waren die Genossen seiner Werkstatt und seines Hofes wieder durch Gelöbnis verbunden. Eine Bürgerschaft, so fest gegliedert, in dem Selbstgefühl des Wohlstandes und physischer Überlegenheit, konnte auf die Länge nicht ertragen, von der Regierung der Stadt ausgeschlossen zu sein. Die Geschlechter aber gaben Veranlassung zu gerechten Beschwerden, ihr Regiment wurde als hart und parteisüchtig verklagt und ihre Verwendung der Stadtgelder als höchst gewissenlos. Sie wählten aus ihrem kleinen Kreise den Rat, oder der Rat, dessen Mitglieder jährlich wenigstens teilweise wechselten, bestimmte selbst die Nachfolger. Gegen diese alten Schäden, welche überall der Herrschaft regierender Familien anhängen, vereinigten sich die Innungen sämtlich oder in der Mehrzahl zu Klagen, endlich zu offenem Aufstand. Kaum eine Stadt auf deutschem Boden, in welcher nicht Bürgerkrieg die Straßen blutig färbte und die Ratsstühle umwarf; in den meisten Stadtmauern wechselten wilde Aufstände und erzwungene Teilnahme der Handwerksmeister am Rat, gänzlicher Ausschluß der Geschlechter von der Regierung und kurze Zeiten einer patrizischen Reaktion. Aus diesen inneren Kämpfen erwuchs eine gemischte Verfassung, welche den Innungsgenossen eine Teilnahme am Schöppengericht und der Verwaltung sicherte, den Geschlechtern doch den Hauptteil der Geschäfte überließ, aber mit dem Gefühl größerer Verantwortlichkeit. Freilich war es in den Städten noch weniger möglich als auf dem Lande, den Übergang aus einem Beruf und Stand in den andern zu hindern. Wer heute Handwerker und Zunftgenosse war, wurde morgen Kaufmann und konnte in wenigen Jahren Reichtum und Bedeutung gewinnen, welche ihn zum Eidam alter Geschlechter machten; und wieder einzelne Geschlechtsgenossen versanken in Dürftigkeit oder traten in das Handwerk ein. Zumal in den Ehen war Ebenbürtigkeit gar nicht zu erhalten; dieser Umstand verdarb dem Geschlecht in der Folge das Turnierrecht, aber er sicherte ihm auf Jahrhunderte die Verbindung mit neu angesammeltem Kapital und führte unablässig frisches Blut in seine Häuser. Wer das Leben der vornehmen Stadtfamilien in diesem und den nächsten Jahrhunderten mustert, der bemerkt mit Verwunderung, wie schnell – verhältnismäßig – die Namen der Familien in einer Stadt sich ändern, sie sterben aus oder ziehen weg, und neue Namen treten an ihre Stelle. Und dieser Wechsel wird auffälliger, da die Ehen der Geschlechter, früh geschlossen, bei verhältnismäßig größter Sicherheit des Lebens häufig einen erstaunlichen Kinderreichtum zeigen. Es war wohl ein seltener Fall, daß Konrad, der Ahnherr der Stromer in Nürnberg, von drei Frauen 33 Kinder hatte, sein Sohn 15 Kinder, und wieder dessen Sohn 18 Kinder, welche den Vater überlebten. Aber auch in anderen Familien war die Vermehrung oft ungewöhnlich stark; und es sieht aus, als ob die Jugendkraft der Nation damals, wo der einzelne weniger galt und mehr gefährdet war als jetzt, leichter einen Überfluß an Menschen hervorbrachte, welche zu vielen Tausenden über die Elbe und Oder und talab der Donau ziehen konnten und die ungeheuren Verluste einer Pest in den Jahren 1349 und 1350 ergänzten. Auf einer fast unabsehbaren Verschiedenheit der lokalen Verhältnisse regt sich die gestaltende Kraft in den Städten, jede Stadt hat ihre eigene Geschichte, in keiner ist Recht, Entwicklung, Schicksal den Nachbarstädten völlig gleich. Jede der größeren bildet einen kleinen Staat, hat eigentümlichen Anteil an der großen Entfaltung der Produktion in den nächsten Jahrhunderten und zeigt dem Beschauer einen originellen Charakter. Zuweilen gliedert sich das Leben einer Landschaft durch zwei Hauptstädte, in Schwaben sind Ulm und Augsburg, in Franken Nürnberg und Frankfurt, welche als Reichsstädte das ältere Bamberg überwachsen, in Bayern das herzogliche München und das freie Regensburg, welches um 1300 nebst Erfurt wohl die größte Stadt Deutschlands war, die Mittelpunkte der Landschaften. Dann die beiden Endpunkte des Elsaß, Basel und Straßburg, in der Schweiz Zürich und Bern, am Mittelrhein Mainz und Köln, daneben die alte Kaiserstadt Aachen, unter allen Reichsstädten am meisten durch kaiserliche Privilegien begnadigt. In Thüringen Erfurt und an der Elbgrenze Magdeburg, im Gebiet der Saale Halle und Leipzig, an der Nordsee Hamburg und Bremen, an der Ostsee aber die jüngste der Hansaschwestern, welche alle an Macht und Ruhm überwuchs, die Furcht der Könige, Lübeck. Endlich in dem östlichen Deutschland, das fremdem Volkstum abgerungen war oder jetzt kolonisiert wurde, an der Donau der große Markt Wien, an der Moldau das vieltürmige Prag, welches durch ein halbes Jahrhundert für die Hauptstadt Deutschlands gelten konnte, und noch weiter im Osten der neue Markt Breslau, erst vor kurzem nach deutschem Stadtrecht geordnet, aber bereits ein wichtiger Vorposten deutscher Kultur. Bei großen Verschiedenheiten ist es aber doch sehr auffallend, wieviel Gemeinsames diese Städte in Aussehen und Wandlungen haben. Nicht nur in den Ordnungen, welche eine Stadt von der andern entlehnt, auch in den inneren Kämpfen, den Fehden mit äußeren Feinden und in der Veränderung, welche ihre Verfassung und Produktion erfährt, steht das Gleichartige für uns obenan. Deshalb wird hier der Versuch gemacht, das Tagesleben einer ansehnlichen Stadt im Anfang des 14. Jahrhunderts in kurzem Bild zu schildern. Wie wenig ein Tag, der ruhig verläuft, in dem Leben einer Stadt bedeutet: uns, den späten Nachkommen, gewährt er doch manchen lehrreichen Eindruck, welcher vielleicht dazu hilft, das Fremdartige jener Zeit zu verstehen. Noch liegt die Stadt um 1300 zwischen Wald und Wasser, von Holz, Teich, Bruch und Heide umgeben. Aus der Heide führt die Straße durch die Landwehr, einen Wall mit Graben, der die Flur und ihre Gemarkung in weitem Kreise umzieht, der Wall ist mit Dornengebüsch und Knicken besetzt, die Feinde abzuhalten. Über die Baumgipfel des Waldes und auf den benachbarten Höhen ragen einzelne Warttürme, schmucklose Steinbauten, zuweilen mit hochgelegener Tür, die nur durch eine Leiter zugänglich wird, oben mit Umgang oder Plattform. Hinter der Landwehr zeigt sich die Stadt, die Morgensonne glänzt von hoher Kuppel der Stadtkirchen, von dem riesigen Holzgerüst des neuen Doms, an welchem gerade gebaut wird, und von vielen großen und kleinen Türmen der Stadt. Sie stehen, aus der Ferne betrachtet, dicht gedrängt, nicht nur an Kirchen und Rathaus, auch zwischen den Häusern, als Überrest alter Befestigung, oder an einer Binnenmauer, welche die alte Stadt von einem neueren Teil scheidet; dann hat die innere Mauer auch Tore, die bei Nacht zu großer Belästigung der Bürger noch geschlossen werden. Sehr groß ist die Zahl der Mauertürme, und die Menge wird noch vermehrt – München hatte damals gegen 100, Frankfurt zwischen 60 und 70, kaum eine menschenreiche Stadt weniger. – Diese Türme, quadratisch oder rund gebaut, von ungleicher Höhe und Dicke, sind bei einer reichen Stadt mit Schiefer oder Ziegeln gedeckt, vielleicht mit metallenen Knäufen versehen, welche im Sonnenlicht wie Silber glänzen, kleine Fahnen darauf und hie und da ein vergoldetes Kreuz. Auch Erker springen aus der Mauer vor nach dem Stadtgraben, sie sind zum Teil heizbar, zierlich gedeckt und mit metallenen Kugeln geschmückt. So wird die alte Stadt gewaltig dem Anblick, und der Buschreiter, welcher von seinem Klepper auf den ungeheuren Steinkasten schaut, denkt begehrlich bei blinkenden Kreuzen und Knöpfen an die tausend herrlichen Dinge, welche die Stadtmauer seinem Wunsch vorenthält. Aber zwischen ihm und der Stadt steht auf einer Anhöhe der Rabenstein, und schwarze Vögel fliegen dort um formlose Bündel an dem hohen Stadtgalgen. Beim Hochgericht vorbei führt der Weg durch Äcker, Weiden und Gemüsegärten. Noch außerhalb der Mauern sind Menschenwohnungen, hier ein Ackerhof mit Steinhaus, Stall und Scheuer, wahrscheinlich Landbesitz eines Geschlechts, auch er mit Mauer, Graben und Zugbrücke umgeben. Auf luftigen Stellen drehen nahe der Mauer Windmühlen ihre Flügel; wo ein Bach durch Wiesen läuft, klappern die Räder der Wassermühlen. Liegt die Stadt an größerem Fluß, dann sind Schiffsmühlen mit gewaltigen Radschaufeln gebaut, im Schutz der Mauern und Türme, damit die Stadt in einer Notzeit nicht des Brotes entbehre. Und führt außerhalb der Mauer eine Brücke über den Fluß, so hat sie unten schwache Eisböcke zum Schutz und bildet oben einen gedeckten Gang, mit Türmen an beiden Ufern; in der Mitte der Spannung steht wohl das Bild des Schutzheiligen, mit Kruzifix und einem Opferstock, in welchen der Bürger, stolz auf seine stattliche Brücke, freiwillig einlegt, damit der Stadt die Erhaltung der Brücke leichter werde. Doppelt sind alle größeren Tore, um das Außentor steht ein festes Werk, ein dicker Turm oder ein Wighaus, dahinter liegt die Brücke über dem breiten Stadtgraben, in welchem der Rat Fische hält, trotz dem Schlamm. Wer am Morgen die Stadt betritt, der begegnet sicher zuerst dem Stadtvieh. Denn auch in den großen Reichsstädten treibt der Bürger Landbau auf Wiesen, Weiden, Äckern, Weinbergen der Stadtflur, die meisten Häuser, auch vornehme, haben in engem Hofraum Viehställe und Schuppen. Der Schlag des Dreschflegels wird um 1350 in Nürnberg, Augsburg, Ulm nahe an dem Rathaus gehört, unweit der Stadtmauer stehen Scheuern und Stadel, jedes Haus hat seinen Getreideboden und häufig einen Kelterraum. Denn der Weinbau wird damals, wie bekannt, in fast ganz Deutschland versucht, nicht nur in Thüringen, auch in der Mark und Pommern, ja sogar in dem neuen Ordensland Preußen. Begeht die Stadt frohe Weinlese, dann rücken Bewaffnete in das Feld, damit die schwärmenden Städter vor einem Überfall sicher sind. Von außen sieht die Stadt aus wie der prächtige Steinpalast eines Riesenkönigs, von dem kleinen Platz am Binnentor wie ein großes Dorf, trotz der höheren Häuser. In den Gassen der Stadt traben die Kühe, ein Schäfer führt mit seinem Hund die Schafherde auf die nahen Höhen; auch im Stadtwald weidet das Vieh, aber das wird gerade in diesem Jahrhundert als schädlich für das Holz erkannt und hier und da verboten, ja kluge Städter säen sogar Wald an, z. B. Nürnberg im Jahre 1368 mehrere hundert Morgen. Große Flüge von Tauben heben sich aus den Gassen, sie sind Lieblinge der Bürger, seltene Arten werden gesucht, einer sucht sie dem andern abzufangen, und der Rat hat zu schlichten. Noch mehr Mühe machen dem Rat die Borstentiere und ihr Schmutz, denn die Schweine fahren durch die Haustüren in die Häuser und suchen auf dem Weg ihre unsaubere Nahrung, der Rat verbietet zuweilen Schweineställe an der Straße zu bauen – so 1421 in Frankfurt –, auch im reichen Ulm laufen die Schweine übelriechend auf den Straßen umher bis 1410, wo ihnen dies Recht auf die Mittagsstunde von 11–12 beschränkt wird. In den Flußarmen, welche durch die Stadt führen, hat das Vieh seine Schwemmen, dort brüllt und grunzt es und verengt den Weg für Menschen und Karren. Da fehlt auch der Mist nicht, auf abgelegenen Plätzen lagern große Haufen, und wenn die Stadt sich einmal zu einem Kaiserbesuch oder einer großen Messe schmückt, dann läßt sie, um säuberlich auszusehen, nicht nur die Gehängten vom Galgen abnehmen, sondern auch den Dünger von Straßen und Plätzen der Stadt schaffen. Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß das Anstandsgefühl unserer Vorfahren auch kleine Gemächer in den Straßen errichtete; diese »Profeien« wurden ebenfalls bei besonderer Gelegenheit gereinigt. Die Hauptstraßen der Stadt sind hier und da gepflastert, längs der Häuser besondere Steinwege, und vornehme Städte, wie Aachen, Nürnberg, Ulm, halten städtische Pflasterer und lassen sich die Straßenbesserung etwas kosten. Aber nicht überall war man soweit, in Frankfurt wurden die Hauptstraßen bis 1399 nur durch Holzwellen, Sand und kleine Steine gebessert; doch muß der Weg oft schwierig gewesen sein, es gab für die Domherren eine gesetzliche Entschuldigung, beim Konvent zu fehlen, wenn der Straßenschmutz arg war. Wurde auf einem Platz der Stadt ein Fest gefeiert, ein Stechen oder Schauspiel, dann wurde der Platz mit Stroh belegt; dasselbe durfte jeder Bürger vor seinem Haus tun. Wer bei schlechtem Weg ausging, fuhr in schwere Holzschuhe; von den Ratsherren wurde gefordert, daß sie diese vor der Sitzung auszogen. Auf den Straßen sind die Brunnen häufig, es sind einfache Ziehbrunnen mit Rolle, Kette und Doppeleimer, wird der eine heraufgewunden, so fährt der andere zur Tiefe; wo gutes Wasser fehlt, sind die Städte seit ältester Zeit bemüht gewesen, reine Quellen und Bäche in die Stadt zu leiten. Dafür sind sogar Hebemaschinen errichtet – seit 1292 in Straßburg, der Meister, welcher sie erbaute, verunglückte bei dem kunstvollen Werk –. Oft haben die Bürger darum große Anstrengungen gemacht. Sogar das kleine Gotha hat sich mit Hilfe eines kunstreichen Mönches durch Visierrute und unendliche Arbeit eine Wasserader wohl zwei Stunden weit über Täler und zwischen Höhen herzugeführt. Denn an reichlichem Wasser hing das Gedeihen der Stadt. Für das Vieh und gegen Brandunglück, zum Schutz gegen außen, vor allem aber für städtische Gewerbe war es unentbehrlicher als jetzt. Ohne Stadtmühlen war nicht auszukommen, die Gerber, Weber, Färber, Wollspinner siedelten am Wasser. Deshalb wurden der Fluß oder die nahen Bäche bei Anlage und bei jeder Vergrößerung einer Stadt in vielen Armen zwischen den Straßen und um die Mauer geleitet, und gern die hintere Seite der Höfe an das Wasser geführt. Auf den Plätzen der Stadt standen bei laufenden Brunnen Schöpftröge von Stein und Metall, und an gelegenen Stellen gefüllte Wasserbottiche für den Fall einer Feuersgefahr. Sehr unähnlich moderner Bauweise sind die Straßen der Stadt, sie ziehen sich in der Mehrzahl enge gewunden dahin; die Häuser sind oft klein, von Fachwerk gebaut, mit Stroh gedeckt – im Jahr 1362 ließ der Rat in Frankfurt bei seinen Bauten selbst noch mit Stroh decken, 1351 wurden in Erfurt Bretter- und Strohdächer verboten –, die Häuser stehen mit dem Giebel auf die Straße, in der Regel nicht dicht aneinander, denn zwischen ihnen sind Schlupfe, in denen das Regenwasser herabgeleitet wird, die Eingänge sind häufig mit einer Halbtür versehen, über der Tür hängt an einem Schild das gemalte Zeichen des Hauses, oft wird der Besitzer nach seinem Hausbild genannt. Die Häuserlinie läuft nicht glatt und senkrecht, ein Oberstock oder zwei – die Gadem – springen über das untere Stockwerk vor, der zweite wieder über den ersten, und darin sind wieder Erker und Söller. Diese Überhänge, Ausschüsse und Erker brechen die Fluchtlinie bei jedem Haus anders, verengen das Licht und nähern die oberen Stockwerke den gegenüberliegenden Häusern. Die Söller werden bei Neubauten bald verboten, bald erlaubt, und die erlaubte Breite bestimmt. An dem Erdgeschoß der Häuser aber sind auf der Straße Schuppen, Vorkräme, Buden angebaut, auch die Hauskeller öffnen sich auf die Straße und die Kellerhälse ragen bis an den Fahrweg. Das ärgert in dieser Zeit den Rat, und er befiehlt vielleicht, sie sämtlich auf einmal abzubrechen. Zwischen den kleineren Häusern stehen einzelne größere Steinbauten im Besitz der Stadt oder wohlhabender Bürger, sie sind aber, auch in den größeren Reichsstädten, selten, ihre feuerfesten Gewölbe und der Steinzierat ihrer Front sind Stolz der Besitzer. In den Städten der Niedersachsen, der Thüringer und Franken ist alter Brauch, daß die Straßenwand der vorgerückten oberen Stockwerke durch Pfeiler gestützt wird; dann entsteht zwischen dem eingerückten Unterstock und den Pfeilern ein gedeckter Gang, die Loben, Lauben, welche an Hauptstraßen und am Markt geschützten Durchgang gestatten. Ist eine Stadt durch große Feuersbrünste verwüstet worden, dann beschließt sie wohl, daß alle neuen Häuser aus Ziegeln erbaut werden – so Breslau schon im Jahr 1271 nach dem großen Brand; aber das ist eine Ausnahme und nicht auf die Länge durchzusetzen, auch in den stolzen Reichsstädten stehen auf den Hauptstraßen sehr schlechte und verfallene Häuser neben größeren Neubauten. Wie reich sich in dieser Zeit das Leben der Stadt entfaltet, das Privatleben und Behagen des einzelnen tritt auch im Häuserbau auffallend zurück vor den Arbeiten der Gemeinde. Denn zwischen Herden und Strohdächern erheben sich großartige Kirchen, riesige kunstvolle Bauten, in denen die Bürgerschaft mit Stolz zeigt, was Geld und Arbeit in ihr vermag. Unter den alten Kaisern der Sachsen, Franken, Hohenstaufen sind die großen Paläste der Stadtheiligen mit edlen Kuppeln, starken Säulenreihen und hohem Mittelschiff aufgerichtet worden, jetzt aber baut nach verändertem Geschmack die Stadt ihren Dom mit Strebepfeilern und ungeheuren Fenstern, die durch Glasgemälde geschlossen werden, mit hohen Spitztürmen, deren kunstvolle Gliederung und durchbrochene Steinmetzarbeit über alle anderen Türme gegen die Wolken ragen soll. Es ist ein riesiges Werk, berechnet auf die frommen Beiträge vieler Geschlechter. Der Meister, welcher den Plan gezeichnet, lebt nicht mehr, aber die Bauhütte, mit der er gearbeitet, pocht und meißelt unermüdlich; wer weiß, ob die Enkel die Vollendung des Gebäudes schauen werden, denn das Leben wird teurer, die Genüsse mannigfaltiger, die Frömmigkeit geringer. Zahlreich sind die Gotteshäuser, außer den Stadtkirchen kleinere Kirchen und Kapellen, auch solche, welche von Gesellschaften und Privatleuten unterhalten werden, mehrere vornehme Stifte und mehrere Klöster der Bettelorden, die Klöster und ihre Kirchen womöglich durch eine Mauer abgeschlossen, der Bürger ist gewohnt, Mönche und Nonnen von verschiedener Tracht zu sehen. Bis zu ihrem Unglück hatten die Templer ein Haus in der Stadt, jetzt noch die Johanniter und der deutsche Orden, auch den Benediktinern gehört ein Freihaus. Laienbrüder und Schwestern, welche in Klosterordnung leben, aber mit dem Recht, in die Welt zurückzukehren, die Begarden und Beginen, sind in Häusern angesiedelt. Sie üben Frömmigkeit nach neuer Regel, aber sie stehen nicht in gutem Ruf, selbst nicht die Beginen. Neben frommen Frauen, welche Wolle spinnen und fasten, und wenig ärgere Sünde zu beichten haben als ihre Träume, treiben sich andere auf den Gassen umher, laufen in die Mönchsklöster und halten verstohlene Zusammenkünfte mit Schülern. Denn die Stadt hat nicht nur einige Stadtschulen, welche von den Pfarrgeistlichen beaufsichtigt werden, auch eine höhere lateinische Schule mit einem lateinischen Lehrer, einem angesehenen Mann, der nicht mehr wie bei den alten Domschulen von der Kirche unterhalten wird, sondern vom Rat. Er lehrt seine Schüler Lateinisch aus der Grammatik des Donat, und nach alter Mönchsweise die vier Wissenschaften des Quadriviums. Er hat großen Zulauf von armen Schülern aus der Fremde, welche bei den Bürgern betteln und durch fromme Almosen erhalten werden, darunter sind alte Knaben; viele verbringen ihr Leben, indem sie von einer Stadt zur andern ziehen, Söhne der Bürger unterrichten oder Schreiberdienste tun, sie sind weit umher gekommen, in Frankreich und Italien, unter Polen und Ungarn, sie verfertigen Gedichte für ihre Gönner, erzählen Lügen und reden Übles nach, sie sind mit allen Geheimnissen der Stadt und den Schlupfwinkeln, mit den Schenken und dem Frauenhaus wohlbekannt und in jedem Schelmenstreich wohl erfahren, aber sie sind nicht nur frech und verschlagen, auch lustig und als witzige Possenreißer oft die gelehrteste Unterhaltung der geistlichen Herren. Denn die Wahrheit zu sagen, in diesem Jahrhundert steht die gesamte Geistlichkeit, die Orden und was irgend Kleriker heißt, in sehr schlechtem Ruf als profan und frech und mit allen ungeistlichen Neigungen übermäßig behaftet, und je vornehmer, um so ärger. Der Stadtrat hat bittere Beschwerden über Unzucht, nächtlichen Straßenlärm gegen sie gesammelt. Die wenigen Gottseligen unter ihnen aber werden von den Laien sehr geachtet und haben großen Zulauf von bedrängten Seelen. Auch für ihr eigenes Regiment baut die Stadt gerade jetzt ein schönes Rathaus, zierlich und schmuckvoll, darin einen Saal für die großen Feste der Stadt und ansehnlicher Bürger. Aber zwischen Dom und Rathaus verhält sich eine kunstlose Wasserpfütze mit schwimmenden Enten, und daneben steht der deutsche Dorfbaum, die alte Linde; sie ist dem Bürger Erinnerung an eine Zeit, wo seine Stadt noch nicht war und wo die Waldvögel in den Zweigen sangen, auf denen jetzt nur die Sperlinge sitzen und im Winter die Krähen. Ländlich sind auch die Umfriedigungen der Stadt, sogar bei Kirchhöfen oft Holzzäune. In dem neuen Stadtteil liegen zwischen den Häusern Gärten für Gemüse, Obst und die Lieblingsblumen der Frauen: Nelke, Lack, Rose und Lilie, dort stehen auch Sommerhäuser. Der Morgen wird den Bürgern durch Geläut verkündet, und die Glocken der zahlreichen Gotteshäuser tönen fast den ganzen Tag hindurch, bald mahnt die eine, bald die andere zum Gebet und Kirchgang. Ihr Ton ist dem Bürger herzlich lieb, er umklingt ihm das ganze Leben, wie er seinen Vorfahren getan; unten ändert sich unablässig der Menschen Treiben, von der Höhe ruft immer dieselbe Stimme, eifrig mahnend in hohem Klang, oder in tiefen, langsamen Schwingungen das Ohr erschütternd. Wenn der Heimkehrende den Glockenklang seiner geliebten Stadt auf dem Felde hört, dann hält er still und betet. Darum ehrt der Deutsche seine Glocken wie lebende Wesen, er gab ihnen Frauennamen, den großen am liebsten die Namen Anna, Susanna, und er war geneigt, ihnen ein geheimnisvolles Leben anzudichten, denn sie läuten noch in versunkener Stadt unter der Erde oder im Wasser, ja sie steigen zuweilen aus der Tiefe herauf bis an das Sonnenlicht. Aber während der Bürger gedankenvoll dem hergebrachten Läuten seiner Glocken lauscht, wird ein neuer Gruß derselben, den sie gerade in diesem Jahrhundert lernen, der bedeutsamste von allen, so schnell alltäglich, daß nur selten ein Chronist seiner erwähnt. Die Turmuhren werden allmählich eingeführt. Bis zu ihnen hat nur das Geläut die neun Tageszeiten der Kirche gemeldet und daneben das Horn oder die Trompete der Türmer. Die Sonnenuhr und vielleicht eine große Sanduhr am Rathaus haben den Verlauf der Stunden von 1–24 gewiesen, in die nach römischem Brauch Tag und Nacht geteilt war. Im vierzehnten Jahrhundert war die Kunst der Turmuhren bereits erfunden, sie scheint in Deutschland sich nur langsam verbreitet zu haben, wir erfahren in dieser Zeit kaum, wann sie zuerst in einer Stadt geschlagen. Aber seit dies Zifferblatt weist, zählen die Bürger nach 12 Stunden wie wir und gewöhnen sich, bei Berichten über Erlebtes die Tageszeiten in Stunden anzugeben. Die Stadt hat ihren Markttag, am Rathaus ist die rote Fahne ausgesteckt, solange sie hängt, haben die fremden Verkäufer das Marktrecht. Zu allen Toren ziehen die Landleute der Umgegend herein, auch die Landbäcker und Metzger, welche heute an besonderen Plätzen feilhalten dürfen. Auf Ständen, Tischen, in Krambuden und den Stadtbänken sind die Waren ausgelegt, das kleine Handwerk der Stadt zeigt heute im Gewühl der Fremden und Einheimischen, was der Fleiß des Bürgers in der Woche geschaffen. – Jeder ältere Handwerksmann wußte damals, daß sein Handwerk seit Menschengedenken große Veränderungen erfahren hatte. Überall größere Kunst und Reichlichkeit des Lebens, neue Handwerke waren entstanden, unaufhörlich änderte die Mode. Aus dem Handwerk der Eisenschmiede waren wohl zwölf jüngere gekommen, vom Sarwürker, der die Kettenpanzer verfertigte, bis zum Nestel- (Heftel-)macher. Die Riemer, Sattler und Beutler hatten sich getrennt, und die Beutler verfertigten Handschuhe und zierliche Ledertaschen für die Frauen und parfümierten sie mit Ambra; die Glaser, sonst geringe Werkleute, waren hoch heraufgekommen, sie verstanden durchsichtiges Glas in den schönsten Farben zu verfertigen, sie setzten diese Farben kunstvoll in Blei zu Bildern zusammen, malten Gesichter und Haare, schattierten die Gewänder mit dunkler Farbe und schliffen helle Stellen aus. Die Schneider, eine sehr wichtige und ansehnliche Innung, waren zumeist durch die Mode geplagt; schon damals war Klage, daß ein Meister, der im vorigen Jahr noch zur Zufriedenheit gearbeitet hatte, jetzt gar nichts mehr galt, weil er die Kunst der neumodischen gerissenen und geschlitzten Kleider nicht verstand. Sogar die Schuster waren sehr kunstreich geworden, ihr Handwerk war schwierig, sie hatten Schnabelschuhe zu nähen von buntem Leder, deren Spitzen sich zuerst etwas in die Höhe erhoben und dann wie der Kamm eines Truthahns hinabhingen. Es war Rittertracht, der Rat wollte für die Bürger nur geringe Länge der Schnäbel zulassen, aber das war vergeblich, die Zierlichkeit war nicht aufzuhalten. Auch die Schuster hatten sich geteilt, wer moderne Schuharbeit von buntem Leder verfertigte, nannte sich, nicht überall, aber z. B. in Bremen, Korduaner, die anderen hießen schwarze Schuhmacher; sie hatten wieder die Altbüßer von sich ausgeschlossen, diese saßen als kleine Leute in besonderen Ständen bei ihrer Bastelarbeit. Auch das Publikum hatte ein Gefühl, daß es mit der Kunst und Erfindung rasch vorwärtsging, und wenn der Predigermönch Denkwürdigkeiten in die Jahrbücher seines Klosters eintrug, bemerkte er neben den politischen Ereignissen des Jahres nicht nur, daß er selbst einen großen Atlas auf zwölf Pergamentblätter gezeichnet und daß die Schreiberin eines benachbarten Nonnenklosters ein ganzes Buch mit einer einzigen Feder geschrieben hatte, sondern auch, daß der Töpfer gestorben war, der im Land zuerst tönernes Geschirr mit Glas umkleidete, und daß ein Meister einen kostbaren Käfig um dreißig Pfund Silber für den Vogel des Königs verkauft habe. Und er sah mit Erstaunen auf die Arbeit der Bergleute aus Goslar, welche in das Land gerufen waren, um den Stein zu sprengen, auf dem eine feste Raubburg stand, und er vernahm von den Fremden, daß der Böhmenkönig steinreich werden müsse, denn er hatte 60 000 deutsche Bergleute, die ihm in Körben Gold und Silber aus den Schächten trugen. Daß die Handwerker sich stolz in ihrer Kunst fühlten, sah man schon auf der Straße an den Häusern, wo ihre Innungsstuben waren. Denn sie hatten, wie die Geschlechter, ein schönes Wappen darangemalt. Das hatten sie sich selbst gesetzt nach alter Überlieferung, vor anderen die Schmiede, welche Hammer und Zange in einem Schilde führten, nach dem Sagenhelden ihres Handwerks, dem Witege, dem Sohn Wielands des Schmiedes, oder es war ihnen neulich gar von einem Deutschen König verliehen worden, weil sie ihm tapfer beigestanden; so sahen die Weißbäcker freudig auf ihre gekrönte Brezel, denn sie wurde von zwei schreitenden Löwen gehalten, welche in den anderen Pranken ein Schwert hielten, und war ihnen von Kaiser Karl IV. wegen ihres Löwenmutes zugeteilt worden. Hundert Geräte und Erfindungen, die wir noch heute gebrauchen, waren auf dem Stadtmarkt des vierzehnten Jahrhunderts feil, und hundert andere Formen des Schmucks, der Kleidung und des Hausrats, die uns fremd geworden sind und die wir erst deuten müssen. Und wer damals vom Lande kam, der staunte über die Pracht und Fülle begehrenswerter Dinge und fühlte tief den Zauber des Geldes. Aber das Wertvollste war auch damals in dunklen Stuben und Gewölben der großen Kaufherren, in eisernen Truhen und hinter festem Verschluß aufbewahrt. Und wer den Reichtum und Wert der Stadt für den friedlichen Verkehr der Nationen ermessen wollte, der mußte die Waren da suchen, wo sie unscheinbar in Hülle und Kasten lagen, denn Schaufenster gab es nicht; nur der Goldschmied stellte vielleicht kleine Becherlein und Ketten hinter die grünen Fensterrauten der Werkstatt, vorsichtig und unter Aufsicht, damit nicht ein fremder Strolch hineinschlage und mit der Beute entlaufe. An dem Stadttor ist Aufenthalt und Gedränge, denn jeder Wagen, der den engen Durchgang passieren soll, wird von den Torhütern sorglich beschaut wegen der Waren und daß keine Arglist eingefahren werde. Der Fuhrmann zahlt einen Torzoll und eine Abgabe von den Waren, die Lebensmittel aber, welche die Stadt nicht entbehren kann, werden – zum Teil – frei eingeführt, auch einzelne Rohstoffe, welche eine begünstigte Innung für ihre Arbeit bedarf. Den Karren der Landleute folgen große Frachtwagen, ihr Inhalt ist unter einer Leinwanddecke verborgen, es ist wertvolles Kaufmannsgut, eine schwere Ladung, denn viele Pferde waren nötig, um die Wagen auf den schlechten Wegen fortzuschaffen; bewaffnete Reiter des nächsten Landesherrn haben der Karawane das Geleit bis an die Stadtmark gegeben. Sorgenvoll hat der Eigentümer die Ankunft erwartet, er ist mit seinen Knechten hinausgeritten an die Landwehr, dort hat er das Geleit empfangen und zieht jetzt freudig bei den Wagen ein mit Trabanten der Stadt und seinen Knechten. Der Zug windet sich mühsam durch die Straßen bis zu der Ratswaage, wo die Waren gewogen werden und ihre Steuer entrichtet. Es ist gute Teilnahme in der Bürgerschaft und am Rathause bemerkbar, und der Kaufmann wird viel beglückwünscht. Denn obgleich dieser Kaufherr seine Feinde hat und der Handwerker wenig Untugenden christlicher Menschen so sehr haßt als den Hochmut seiner Geschlechter, so ist glückliches Einbringen einer wertvollen Ladung in die Stadttore ein ebenso freudiges Ereignis als die Heimkehr eines Schiffes aus dem Nordmeer. Der Rat hatte mehrmals Boten abgefertigt und Briefe darum geschrieben, und die Bürgerschaft dachte, daß gesichertes Gut der ganzen Stadt zur Ehre gereichte, verlorenes Gut aber mit Gefahr jedes einzelnen gerochen werden mußte. Es gab deshalb in der Nähe der Ratswaage manchen Freudentrunk. Durch die Marktleute und Buden reitet ein edler Herr aus der Umgegend mit seinem Gefolge ein, auch Frauen zu Pferde darunter, er hat einen Reiter vorausgeschickt, dem Rat seine Ankunft zu melden; jetzt steigt er vor ansehnlicher Herberge ab, in welcher die Fremden vom Adel und Ritterstand einzukehren pflegen – sie gilt der Stadt nicht für die beste und der Wirt, ein reicher Mann, keineswegs für sicher, die Aufnahme in den Rat ist ihm versagt. Kurz darauf schreiten zwei Beamte des Rats würdig die Ratstreppe herab durch die Menge, von Dienern gefolgt, welche den Willkommen tragen, die Weinspende, womit die Stadt den Fremden begrüßt. Ja, diese Gastspenden! Sie sind von der Urväterzeit schönes Zeichen eines freundlichen Herzens und achtungsvoller Gesinnung, aber der Stadt wird das Herz zuweilen schwer bei dem Betrag dieser endlosen Geschenke. Denn jedem vornehmen und ehrbaren Fremden wird geschenkt, jedem, der irgendwie zum Vorteil der Stadt ihre Mauern betritt, und der Vornehmste wie der kleine Bote der Nachbarschaft rechnen sehr genau, ob sich die Stadt mit Schenken auch ehrlich gegen sie gehalten. Ist der Fremde ein kleiner Mann, so erhält er das einfache Trinken, d. i. ein Maß oder zwei Seidel Wein, aber der Ritter, Gelehrte, Prälat, auch die fremde Priorin und Ordensschwester den gewöhnlichen Satz von zwei Trinken, ein Graf in der Regel vier. Kommt aber gar ein geistlicher oder weltlicher Fürst zu mehrtägigem Aufenthalt, dann ist es nicht mit dem Wein abgetan, ihm gebührt auch Hafer für seine Rosse, eine Spende an Fischen und Küchenspeise, Gewürz und vielleicht eine Handwerksarbeit, um welche die Stadt berühmt ist. Erwies gar der Kaiser der Stadt die Ehre, oder hatte sie die Gunst eines großen Herrn zu suchen, dann wurden die Geschenke massenhaft. Der Kaiser erhielt ein Prachtstück der Goldschmiedekunst, einen Becher oder eine Schüssel, gefüllt mit Goldstücken, die Kaiserin ein kleineres Geldgeschenk, außerdem Stücke kostbaren Zeuges, beide viele große irdene Krüge mit Wein; die Königskinder ebenfalls Becher und Stücke Zeug, ihre Amme, die Kammerfrauen, die Hoffrauen, das ganze Gefolge je nach ihren Würden große oder kleine Becher oder Stoffe und immer Wein. Auch wenn angesehene Nachbarn in ihren Höfen irgendein Familienfest feierten, wenn ein junger Edler zum Ritter geschlagen wurde oder ein Grafenkind heiratete, wurde dies der Stadt angezeigt in Erwartung eines Geschenkes, und der Rat sandte eine Summe Geld oder silbernes Gerät, um seine Achtung zu erweisen. In der Form von Geschenken wurden auch viele Dienste bezahlt, die der Stadt geleistet waren von Fremden und Einheimischen. Wer eine gute Neuigkeit brachte, erhielt sein Botenbrot in Geld und Wein, sogar wer auf häufigen Reisen in der Umgegend Neues zu erfahren pflegte, dem wurde gelohnt, wenn er vor dem Rat seinen Sack auftat, er empfing ein Trinken oder Badegeld zur Erfrischung. Diese Geschenke waren der Stadtkasse die größte Last, sie ruinierten mehr als einmal die Finanzen, und gerade sie wurden von den Geschlechtern zu ihrem eigenen Vorteil unmäßig verwandt und machten die Bürgerschaft aufsässig. Wer vom Lande in die Stadt kam, der fand unter den fleißigen Bürgern auch allerlei Lust. In manchen Herbergen war Essen und Trinken rühmlich. Dann waren leider die Frauenhäuser, unter strenger Aufsicht des Rates, welche zuweilen zu einer gemütlichen Vorsorge wurde und fast wie Wohlwollen aussah. Dann waren zahlreiche Badestuben, den Bürgern weit wichtiger als jetzt, mit einfacher Einrichtung, sonst ähnlich den modernen irischen Bädern. Aber sie standen nicht immer in gutem Ruf. Es gab ohne Zweifel ehrbare, wo nur die entkleideten Badergesellen den Dienst versahen, aber es werden auch andere gerühmt, wo hübsche Jungfräulein den Ankommenden badeten und strichen. Trat er aus dem Bade, so kam ein freundlicher Barbier und rasierte, dann legte sich der Gast auf ein Ruhebett, und wieder trat ein hübsches Fräulein ein und kämmte und kräuselte ihm die Haare. Auf der Straße aber zogen sich durch das Gedränge der Bürger und Landleute auch fremde Gesellen, welche mit Kaufmannsgut nicht nach Stadtbrauch, sondern nach Waldesrecht handelten. Ein Ritter aus der Nähe, gefolgt von seinem Knecht, sah spöttisch auf die Bürger, deren Gesichter sich bei seinem Anblick finster zusammenzogen. Er war ein berüchtigter Fehder, mehr als einmal hatte er der Stadt abgesagt, hatte Bürger gefangen und in seinen Turm gelegt, Bauern der Stadt erschlagen und verstümmelt, er war mit einzelnen Geschlechtern der Stadt tödlich verfeindet. Die letzte Fehde jedoch war vertragen, er genoß jetzt den Frieden der Stadt, aber er wußte, daß er hier wenig guten Willen fand, und die Bürger argwöhnten, daß er nur eine Gelegenheit erwartete, um aufs neue nach Stadtgut zu jagen, und sie achteten wohl auf den schnellen Blick, den er mit seinem Knecht austauschte, als er bei den Arbeitern an der Stadtwaage vorüberkam und als er vor dem Turm stand, in dem er früher einmal verstrickt gewesen war. Wohl noch sorgenvoller als der Bürger sah dem hageren Gesellen ein wohlhäbiger Zisterzienser nach, der auf seinem Saumtier aus seinem Ordensstift eine Meile Wegs nach der Stadt geritten war, vielleicht um ein geistliches Geschäft für den Keller des Klosters zu besorgen. Zwischen seinem Kloster und dem Hause des weißen Dominikaners, der neben ihm stand, war keine Freundschaft, aber die Mönche grüßten einander doch höflich und klagten, leise sprechend mit geneigtem Haupt, wie Mönchsbrauch war. Auch die Dominikaner der Stadt hatten sich Wein zu Schiff aus der Fremde kommen lassen, und wie der weiße Mönch versicherte, mit schweren Unkosten. Aber sie konnten doch in dem Vertrauen leben, daß sie ihn selbst austrinken würden, der graue Mönch vom Lande hatte dies Vertrauen nicht. Und er gestand dem Bruder arge Bedrängnisse seines Klosters durch die Genossen des erwähnten Landbeschädigers. Denn sie kamen unaufhörlich in Freundschaft zu Gaste. Der eine kam, sich einige Mark Silber zu leihen, ein anderer, um Getreide oder hundert Schafe zu nehmen; einer forderte Bauholz als nachbarliche Beisteuer nach altem Herkommen, wenn das Kloster fischte, schickte der andere leere Tonnen mit ernstem Verlangen, ein dritter begehrte Tuch zum Wamse, das seine Familie aus alter Zeit alle Jahre bekäme, und dabei höhnten diese Schildträger noch die Mönche mit übermütigen Worten. Auch die großen Landgrafen waren Räuber geworden wie ihre Ritter, sie kamen bei Nacht mit Haufen von Jägern und Jagdhunden, die Hunde fraßen so viel Brot, als zwei Knechte tragen konnten, dem Gesinde der Herren aber war das Brot des Klosters zu schwarz, der Wein zu sauer, dann lagen sie die Nacht an der heiligen Stätte, sangen und brüllten gottlose Lieder, und beim Aufbruch entführte der Graf noch den Zelter des Abtes mitsamt dem Sattel. Auch der Räuber kam, der mit seinem Bogen im Walde lag, er forderte den Räubersold und drohte, mit hundert Genossen in der Nacht über die Mauer zu springen. Auch die Frauen kamen, Gräfinnen und Ritterfrauen in Karren und Wagen mit schönen Kränzen auf dem Haupt und in reichem Gewände, sooft irgendein Kirchenfest einfiel oder eine vornehme Leiche. War der Gottesdienst vorbei, der Tote begraben, so verlangten sie, daß ihnen vor der Klausur ein Mahl aufgestellt werde; nüchtern haben sie geweint und voll und lachend ziehen sie ab. Und während die geistlichen Brüder einander so klagen, versäumen sie wahrscheinlich nicht, von der Seite auf die Stadtfrauen zu blicken, welche wohlgeziert und wohlgebunden die Ledertasche an der Seite, von einer Magd mit gefülltem Korbe begleitet, den Einkauf heimtragen und vor den Brüdern fromm und zutraulich ihr Haupt neigen. So knarren die Wagen und handeln die Menschen, bis die Marktfahne am Rathause abgenommen wird oder ein Glöcklein den Markt ausläutet. Da ziehen auf allen Straßen die Karren und Menschen zu den Toren hinaus. Stadt und Land haben ihren Bedarf ausgetauscht, die Sonne hat freundlich geschienen, der Handwerksmann hat manches Geldstück in seinen Kasten hinter das kupferne Zahlbrett geschoben, auch der Rat ist zufrieden, es ist nur einer tödlich verwundet worden, dagegen einige Marktdiebe gefangen, schlechtes Volk, das hier und da daheim ist, der Nachrichter wird keine große Arbeit haben. In der Stadt aber dauert die Bewegung; wie die Sonne sinkt, treibt heitere Aufregung die Bürger wieder in die Straßen, jetzt freuen sie sich geschäftslos des milden Abends, und jetzt erst beginnt ihnen der Genuß des Tages. Nicht im Hause und nicht bei Weib und Kind, sondern auf der Straße unter den Genossen. Auch das ist charakteristisch. Dem Leben des deutschen Hauses fehlte damals sicher nicht feste Neigung, große Leidenschaft des Mannes und nicht anmutige Wärme und Innigkeit der Frau, aber wir sehen sie nicht in den alten Berichten. Ein Witwer rühmt seine verlorene Frau als gut und liebevoll. Ein Kaufmannsdiener hat ein armes Mädchen geheiratet gegen den Willen seines und ihres Brotherrn, er verliert darum den Dienst; da beweist das junge Weib den Mut einer wackeren Hausfrau, sie tröstet den Gatten, sie werde ihm wohl durch Wollspinnen zu Hilfe kommen. Er findet einen gelehrten Pfarrer, der ihm ein Buch zum Abschreiben gibt und einen Gulden, um Papier zu kaufen. »Also kam ich heim zu meiner Hausfrau und sagte ihr, was ich erreicht hatte, da war sie froh. Und ich hub an zu schreiben und schrieb in derselben Woche vier Sextern des großen Papiers Karta regal und brachte sie dem Herrn. Das gefiel ihm wohl. Und mein Weib und ich saßen zusammen, und ich schrieb, und sie spann, und wir gewannen oft drei Pfund Pfennige (2 Tlr. 10 Sgr.) in einer Woche, doch sind wir oft die ganze Nacht zusammen gesessen.« Solche treue Genossenschaft in dem Ernst des Lebens war die Gattenliebe gewiß vielen Millionen, aber die Überlieferungen des 14. Jahrhunderts melden wenig davon. – Die Einrichtung der Wohnung, Gerät und Ausstattung sind im Anfang des Jahrhunderts selbst bei Wohlhabenden dürftig, die Räume schmucklos, wenig Gerät darin, eng das Zusammenleben. Erst während dieses Zeitraumes beginnt in den Häusern der Kaufleute, zumal derer, die mit dem milden Süden verkehren, bessere Ausstattung. Der Stubenofen, kein häufiges Gerät des alten Bürgerhauses, in älterer Zeit von Ziegeln oder schwärzlich glasierten Kacheln in schmuckloser Kuppelform, der verkleinerte Backofen, wird in wohlhabenden Häusern größer, buntfarbig, mit ehrenvollen Sitzen an der Seite. Er und bunte Glasrauten der Fenster in Blei gefaßt, die zuerst die Muster eines Teppichs nachbilden, dann Wappenbilder in schöner Ausführung zeigen, sind der größte Schmuck eines stattlichen Hauses. Die Stuben werden am Ende des Jahrhunderts wohl schon mit Kalkfarben gemalt, die Möbel sind einfach, Tisch, Holzstühle, Bänke, die Schränke seltener als Truhen und Kästen, das Geschirr ist von zierlich gemaltem und glasiertem Ton oder von Zinn. Im Erdgeschoß ist die Werkstatt oder Arbeitsstube, außerdem eine Schlafkammer und eine Hinterstube für die Frauen und zur Gesellschaft, das ist auch in wohlhabendem Haushalt das Wohngelaß; viel Raum des Hauses wird durch Warenlager und Vorräte gefüllt. Weit wichtiger aber als in der Gegenwart ist dem Menschen jener Zeit die geschmückte Kleidung, Männer und Frauen sind um die Wette bemüht, sich, wo sie vor andern erscheinen, kostbar zu halten. Der Verbrauch an bunten und teuern Stoffen ist verhältnismäßig sehr groß. Dieser Drang, sich vor andern bemerklich zu machen und über die Kräfte stattlich zu erweisen, steht im Widerspruch zu der Neigung des Mittelalters, jeden Mann auch durch bezeichnende Tracht nach Beruf und Geltung kenntlich zu machen. Wie der Leibeigene, der Jude, der Geistliche durch besondere Tracht erkennbar sein soll, so will auch der Fürst, der Ritter, der Kaufmann für sich und seine Frau in Stoff und Schmuck ein Vorrecht haben, und unablässig suchen andere Kreise dieselbe Auszeichnung für sich zu gewinnen. Damals begannen die Kleiderordnungen der Städte und Landesherren, die erst mit der Französischen Revolution aufhörten. Ebenso wichtig war vornehme Speise und Trank. Der gute Bissen beglückte solche, welche ihn in der Regel entbehrten, wie die Kinder. Den kleinen Dichtern, die von Helden und Vornehmen reimen, ist die Aufzählung der guten Dinge, welche von ihren Helden verzehrt werden, zuweilen das wichtigste. Aber auch die Freude des Gaumens gönnte sich der Deutsche fast nur im Verein mit andern, sie war die Grundlage aller Geselligkeit; Verschwendung und Völlerei, welche dabei geübt wurden, veranlaßten wieder beschränkende Verordnungen des sorgsamen Rats, welche von den Gesetzgebern selbst nicht beachtet wurden. Die Kochkunst jener Zeit gedieh am besten in den großen Städten, die Geschlechter hatten zu den heimischen Gerichten fremde eingeführt; Reis in griechischer Weise, französisches Blancmanger , orientalisches Konfekt in Rosenöl parfümiert. Aber ihre gute Küche wäre uns unerträglich, denn die Vorliebe für starkes Gewürz war übergroß, außer den heimischen Küchenkräutern und dem milden Safran wurden die indischen Baumgewürze in unglaublichen Massen verbraucht, und zu den Geschenken der Stadt an vornehme Gönner gehörten deshalb auch Pfeffer, Zimt, Nägelein, Muskatnuß. Ob uns die Getränke besser munden würden? Im Norden des Thüringer Waldes herrschte das Bier, fast jede Stadt braute mit besonderen Vorteilen und war auf ihre bessere Sorte stolz. Erst aus dem Ende des nächsten Jahrhunderts sind uns zahlreiche Scherznamen überliefert, mit denen die berühmten Biere bezeichnet wurden, aber die Erfurter wußten wohl, daß ihr öliges schwarzes Bier den greisen König Rudolf bei seinem Besuch im deutschen Norden begeistert hatte. Im Norden hatte auch der alte Met sein Ansehen bewahrt, der Heidehonig dazu wurde durch eine Genossenschaft mit merkwürdigen Bräuchen, die Zeidler, gesammelt, er ward von geistlichen Herren mit wohlverdienter Achtung getrunken, obgleich ihm sehr ungeistliche Tugenden zugeschrieben wurden. Und die Stadt Aachen, welche dem Met besondere Pflege angedeihen ließ, spendete ihn jährlich als Delikatesse an Kurfürsten, Bischöfe und einige andere Vornehme. Der schlechte inländische Wein wurde oft mit Kräutern, Gewürz und Honig versetzt, er hieß dann Lautertrank, eine Erinnerung daran dauert in unserem Maitrank; fremder Würzwein, kunstvoll aus französischem Rotwein verfertigt, wurde als Claret und Hippokras eingeführt; über Maulbeeren abgezogener Wein hieß Moraß; außerdem wurden viele andere Arten von aromatischen Tränken verfertigt, auch mit gekochtem Wein, zum Teil nach Rezepten, die aus dem römischen Altertum stammten; sie galten für medizinisch hilfreich, waren auch von Frauen begehrt, mehr als jetzt die Liköre. Im Süden des Thüringer Waldes machte dem Landwein der Birnmost und Äpfelwein Konkurrenz, er war z. B. der herrschende Trank in Bayern, wo erst später das Bierbrauen überhand nahm, der Bock aus der Stadt Einbeck erlernt wurde. Von ungemischten Weinen war außer dem deutschen vom Rhein und der Mosel, vom Neckar und dem Würzburger vom Main noch der von Rivoglio (Reifall genannt) und von Bozen, die französischen Muskatell und Malvasin und der Osterwein aus Ungarn wohlbekannt, außerdem viele italienische Sorten, von Ancona, von Tarent usw., endlich griechische Weine, darunter der berühmte Zyperer. Ulm war der große Weinmarkt, von dort gingen die Fässer bis hinauf in das Ordensland Preußen und in die feinsten Handelsstationen der Ostsee. Auf der Straße und in der Trinkstube wurde das Leben genossen. Darum füllten sich Marktplätze und Straßen der Stadt am Abend, der Handwerksgesell und der junge Schreiber gassierten und zeigten sich den Mädchen, die an Fenster und Tür standen und die Grüße und Scherzreden empfingen. Bei solchem Durcheinander der Männer wurden die Neuigkeiten ausgetauscht, was ein Reisender aus der Ferne zugetragen hatte, daß auf einem Dorf in der Nähe ein unförmliches Kind geboren war, daß in Bern ein Weib mit einem Mann im Gottesgericht gekämpft, der Mann nach altem Recht mit dem halben Leib in einer Grube, das Weib mit ihrem Schlüsselbund bewaffnet, der Mann sei erschlagen. Und wieder, daß die reitenden Boten des Rates, der Christian und der Gottschalk, ausgeritten waren nach großen Nachbarstädten, um dort Kunde einzuziehen, ob man etwas Neues aus Frankreich wisse oder von dem Anzuge abenteuerlicher Schwärme von singenden Büßern. War ein Fehdebrief am Stadttor abgegeben, dann war die Aufregung groß, wer einen Verwandten auf der Landstraße hatte, der wurde Mittelpunkt eines Kreises von Teilnehmenden und Neugierigen, ob der Reisende durch den Rat gewarnt sei, ob er gutes Geleit zu erhalten hoffe. Diese große Börse für Neuigkeiten verbreitete auch kleinen Familienklatsch, der in der abgeschlossenen Stadt die größte Bedeutung hatte, daß der alte Ratsherr Muffel von neuem heiraten werde, daß die Stromer und die Nützel sich wegen ihres gleichen Wappens auf der Gesellenstube heftig gezankt hätten. Auch das Regiment der Stadt war in diesen Stunden Gegenstand einer Beurteilung, die nicht immer wohlgeneigt blieb, und in unzufriedener Zeit wurde in den Haufen Empörung gemurmelt, die in den Schenken und Zunftstuben ausbrach und langgetragenem Leid und verstecktem Haß blutige Sühne verschaffte. War einmal etwas Merkwürdiges zu beschauen, dann kam die Stadt in helle Bewegung. Fremde und kunstfertige Tiere wurden gern bewundert. Man lief in den Garten der Predigermönche, wo ein Schwein mit Stacheln gezeigt wurde, damit man an ihm Gottes wunderbare Schöpfung schauen könnte. Ein fahrender Klerikus wies an der Marktecke einen Kasten mit Schlangen, die er angeblich in der Nähe gefangen hatte, sie gehorchten seinem Befehl, tanzten und hüpften. Und wieder war ein Mann zum Markt gekommen, dem der Rat erlaubt hatte, kleine Vögel zu zeigen, welche lachen konnten. Wenn ihr Herr sprach: »Komm, Heinrich, und lache!«, so trat eins dieser Vöglein vor, neigte den Kopf zur Erde, erhob ihn wieder und lachte herzlich. Sprach dann der Meister: »Lache doch weiter!«, so sprach das Vöglein: »Ich tu's nicht!« Vor solchem Wunder vergaßen der reisige Stadtfeind, der Bürger und der Mönch ihren Groll und sahen vergnügt und erstaunt einer den andern an. – Auch ungeheure Tiere aus fremden Ländern waren nicht unerhört. Die Großeltern erzählten, daß sie in ihrer Jugend den Hohenstaufen-Kaiser Friedrich II. gesehen hatten, wie er – es war im Jahre 1235 – mit einer Menge von Kamelen in die Stadt einzog. Der Herr hatte diese Tiere der Morgenländer – in Italien sogar einen Elefanten – als königlichen Schmuck gepflegt; ach, er selbst war den Enkeln bereits zum Märchenbild geworden, zu einem abenteuerlichen König aus dem Morgenland! Und Rudolf von Habsburg hatte als König dieses Beispiel seines vornehmen Gönners nicht vergessen, auch ihm mußte ein Kamel Gepäck durch sein Heimatland tragen, es war erst dreijährig, aber ungeheuer groß; denn seit ältester Zeit galten die Kamele für einen Hofschmuck vornehmer Herren, die Merowinger hatten ihren Hausschatz an die Höcker gehängt, Karl der Große hatte sie Steine tragen lassen, da er Dom und Königspalast zu Aachen baute, und als der junge Otto III. die Huldigungen des Polenherzogs Miesco empfing, brachte dieser seinem kleinen Kaiser zu herzerfreuendem Geschenk wieder ein Kamel dar. Die Pisaner waren die Vermittler für den Import aus Afrika. Auch Menschen aus heißem Lande waren in den Städten nicht unerhört, ein vornehmer Bischof unterhielt sogar einen Mohren, der bei Hoffesten in weißen Kleidern ging. Dergleichen Heidenvolk war seit den Fahrten nach Palästina eine Unterhaltung der Großen. – Bis die Sonne sank, spielten die Kinder vor den Straßentüren und auf den Kirchhöfen, auch die Erwachsenen vergaßen die Würde des Friedhofs, wenn ein Spielmann mit Geige oder Sackpfeife an den Zaun lehnte oder ein lustiger Geselle die Weise pfiff. Dann tanzte alt und jung neben den Gräbern, jauchzte heidnisch um das Gotteshaus und sprang den Reihen. Dagegen half kein Verbot. War die Sonne gesunken, dann wurde es finster und leer in den Straßen der Stadt, denn Beleuchtung gab es noch nicht; nur wenn eine Menge vornehmer Gäste oder fremdes Kriegsvolk am Ort lag, und in Nächten, wo Feindesgefahr drohte, befahl der Rat, daß jeder eine Laterne vor sein Haus hänge, eine Fackel oder Blech mit brennendem Kienholz. Wer am Abend Geld im Beutel hatte, ging in die Trinkstuben. Sie waren zahlreich und für jede Art von Ansprüchen. Die Vornehmen schritten in ihre Geschlechterstuben, dort war geschlossene Gesellschaft, seltene Speise und teurer Wein. Der Handwerker suchte die Zechstube seiner Innung. Wer in eine öffentliche Schenke trat, fand laute Geselligkeit und allerlei Gäste. Dort saß die Wirtin des Dorfgeistlichen und vielleicht neben ihr ein Schüler der lateinischen Schule; am andern Tisch rittermäßige Leute und ihre Knechte, wildes Volk, wenn man sich neben sie setzen wollte, mußte man sein Messer an der Seite haben. Und wieder gesondert Bürger und Bauern mit ihren Frauen. Dazwischen zweideutige Gesellen, von denen der Verständige wegrückte, fahrende Strolche und wüste Gesichter. Es war arger Lärm in dem gefüllten Raum um die dicken Holztische, ein unablässiges Kommen und Gehen. Der eine sang, der andere tanzte, ein dritter aß; dort erzählte einer Lügengeschichten vom Weigger, dem Vorgänger des Münchhausen, wie der einst im Winter bei großem Schnee durch einen Wald ritt. Und als er so ritt, stieg er einmal ab und band das Pferd an einen Baumast, der durch die Schneelast herabgedrückt war. Während Weigger beiseite ging, rückte das Pferd am Ast, der Schnee fiel herab, der Ast erhielt seine Spannkraft wieder, fuhr in die Höhe und schleuderte das Pferd in den Baumgipfel. Der Weigger sah sich erstaunt nach seinem Pferd um, konnte es nirgends entdecken und mußte zu Fuß nach Hause gehn. Im nächsten Sommer kam er an dieselbe Stelle, da erblickte er im Baumgipfel etwas Fremdes, stieg hinauf und fand die Haut seines Pferdes, die ein Bienenschwarm mit Honig gefüllt hatte. Er schnitt vergnügt den Honig aus, lud ihn auf seinen Karren und schaffte ihn nach Hause. Dabei hatte er sich die Kleider mit Honig beleimt, und plötzlich kam ein großer Bär und begann, an den Kleidern zu lecken. Weigger fuhr ruhig fort und strich sich nur immer etwas Honig an das Gewand. Da folgte ihm der Bär bis zu seinem Haus Landsberg. Dort rief der Weigger seiner Frau: »öffne die Tür und bring ein Beil«, schloß hinter sich zu und schlug den Bär tot. So hatte er durch Honig und Bär seinen Schaden wieder gutgemacht. – Während die Umsitzenden lauschten, entstand am nächsten Tisch heftiger Streit, weil einer dem Zutrinkenden Bescheid versagte und erklärte, daß er mit niemand anderem trinke als mit seiner eigenen Frau. Sie warfen die Krüge einander ins Gesicht, stießen Tische und Bänke um, die Weiber kreischten und fielen den Gegnern in die Haare; da sprang der starke Wirt dazwischen und stiftete Frieden. Die Gäste gehorchten und verlangten einen Becher Johannesminne zur Versöhnung, dann gingen sie nach der Prügelei voll nach Hause. Der Wirt aber kommt nicht zu Schaden, denn es ist Gesetz der Schenke, daß kein Fremder, und sei er noch so gut bekleidet, einen Trunk bekommt, wenn er nicht das Geld hinlegt, eine Zechschuld aber muß den nächsten Tag eingefordert werden. Das lustige Leben der Schenke hört auf, sobald die Ratsglocke zum ersten Male läutet, dann müssen alle Häuser geschlossen werden, und kein Wirt darf im Hause schenken, nur über die Straße. Nach dem letzten Läuten soll niemand auf der Straße sein, er wird angehalten und auf die Wache geführt, nur der Rat ist frei. Auch war es nicht ganz ratsam, bei Nacht in der Stadt zu wandeln. Es gab unsichere Leute, die kein Nachtquartier bezahlen konnten und in den Schrannen oder in dunklen Ecken Unterschlupf suchten. Aber es war doch nicht leicht, die Nachtschwärmer zu bändigen, denn trunkene Gesellen zogen trotz allem Verbot umher und fielen an, wen sie trafen; am ärgsten trieben das, wie der Bürger klagte, die Geistlichen mit Messern in der Hand und wildem Toben. Das Hämmern in der Werkstatt und der Lärm auf den Gassen war vorüber, nur die Stadtwache schritt durch die menschenleeren Gassen und der Nachtwächter, dessen Amt zu den ältesten der deutschen Städte gehörte; der reiche Patrizier breitete die seidene Decke von Arras über sein Lager, der Handwerker lag mit seiner Frau in der Kammer unter dem deutschen Federbett, sein Knecht auf dem Hausboden. Dann bellten die zahlreichen Hofhunde einander zu, vom Fluß her drang die kühle Nachtluft in die leeren Gassen, und auf dem Turm hielt der Wächter seinen Umgang und spähte in die dunkle Landschaft, bis sein Hornruf und das Frühgeläut der kleinen Glocken das Anbrechen eines neuen Arbeitstages verkündeten. Es ist eine mächtige Stadt nach den Begriffen jener Zeit, in der das kleine Leben sich in solcher Weise regt. Uns freilich würde ihr Mauerkreis eng dünken. Schwerlich zählte die größte Stadt Deutschlands im 14. Jahrhundert mehr als 40 000–50 000 Einwohner. Nürnberg hatte im Jahre 1450, fast auf dem Höhepunkt seiner Macht, nicht viel mehr als 20 000 Menschen, Knechte und Dienstboten eingerechnet. Denn die deutschen Städte waren nicht, wie die großen Märkte des Ostens, schnell entstandene Wohnsitze zugelaufener Menschenschwärme, es waren feste, kunstvoll gegliederte Vereinigungen privilegierter Genossen, von denen fast jeder das Gefühl einer ansehnlichen Bedeutung in sich herumtrug. Sie machten den Zugang zu sich leicht, dem ehrlich Geborenen und Friedlichen standen die Tore gastfrei geöffnet, aber gedeihen konnte in ihnen nur, wer den Ordnungssinn und die Bescheidenheit jener Zeit hatte, d. h. wer sich als Arbeiter in das große Räderwerk einzufügen wußte. Wir aber sehen mit Teilnahme auf diese bescheidene Arbeit des kleinen Mannes zurück. Nicht in der Poesie und nicht in der Wissenschaft, ja vielleicht nicht in Geselligkeit und Familienleben jener Jahre gewannen die liebenswerte Innigkeit des deutschen Gemütes und die opfervolle Hingabe an frei erwählte Pflicht ihren höchsten Ausdruck. Sie gewannen ihn aber in der Werkstatt, wo der Deutsche meißelte, schnitzte, in Formen goß und mit Zirkel und Hammer bildete. Seine Freude am Schaffen und die Achtung vor dem Geschaffenen, in das er eigentümliches Leben sinnig hineinbildete, das war auch eine echte Poesie. Und wenn es nur ein neues Hufeisen oder ein Radbeschlag war, die ein anderer verfertigt hatte, es ziemte ihm nicht, achtlos darauf zu treten. An einfache Waren und schmuckloses Gerät gaben Millionen Arbeiter ihre beste Kraft hin, aber sie taten es mit dem Gefühl, eine Kunst zu besitzen, die sie vor den meisten voraus hatten, sie saßen als Bewahrer seiner Geheimnisse, vieler kluger Vorschriften und Handgriffe, die kein anderer kannte als ihre Brüderschaft und die der übrigen Welt so unentbehrlich waren. Sie waren stolz darauf, unter ihren Genossen die tüchtigsten zu sein, und sie wußten, daß ihre Kunst, redlich geübt nach Handwerksbrauch, ihnen ein mannhaftes Leben sichere, Achtung guter Leute, eigenen Haushalt und eine ehrliche Stellung in ihrer Stadt. Und wenn ihnen Gelegenheit wurde, die erworbenen Geheimnisse ihrer Kunst an einem besonderen Stück zu erweisen, da schufen sie, gehorsam den alten Gesetzen und doch mit einziger sinnvoller Erfindung, ein Werk, in dem wir noch heute die Sorgfalt und Liebe der Arbeit und eine sichere Zweckmäßigkeit bewundern, welche zuweilen zur Schönheit wird. Der Türbeschlag eines bedächtigen Schlossers, der Löffel eines Nürnberger Goldschmieds, der Tonkrug, den ein alter Töpfer mit Figuren versehen und bunt glasiert hat, zeigen diese Poesie des alten Handwerks. Denn während die gewöhnlichen Erzeugnisse jeder einzelnen Handwerkerindustrie nach Stoff, Form und Preis aufs genaueste bestimmt und die schöpferische Kraft des einzelnen völlig in die Überlieferungen seiner Stadt und Innung gebannt war, kam eine eigentümliche Originalität bei allem zur Erscheinung, was einer sorgfältigeren Behandlung wert schien. Und daneben eine erstaunliche Vielseitigkeit der technischen Kenntnisse. Noch rieb der Maler seine Farben selbst, kochte den Firnis, aber er schnitt auch in Holz und gravierte Kupferplatten; Albrecht Dürer verkaufte in der Marktbude Bilderbogen mit Holzschnitten, zu denen er vielleicht selbst den Text gemacht hatte. Der Goldschmied war auch Zeichner und Modelleur, es war seine Freude, aus jedem wertvolleren Stück ein kleines Kunstwerk zu bilden, in welches er einen Teil seiner Seele hineinlegte. Wenn die Einrichtung der Häuser, der Kirchen in allen Grundformen bis auf das Verhältnis der Maße feststand, zeigte sich um die Arabesken der Steinarbeit in zahllosem, oft überreichem Detail das Behagen, mit welchem die Seele des Erbauers, wo ihr freies Schaffen erlaubt war, dem Drang folgte, eigentümliches Wesen auszudrücken. Gerade in dieser Verbindung von beengender Tradition und von freier Erfindung wurde die Handarbeit den Städten zum Segen, überall höheren Wohlstand, Gesittung, Bildung entwickelnd. Und die Städte standen durch das ganze Land als zahllose Knotenpunkte eines Netzes freier Genossenschaften, zwischen denen das flache Land, in seiner Entwicklung zurückgeblieben, fast feindlich lag. Nur selten haben wir Gelegenheit, an solcher Arbeit eines einzelnen Handwerkers aus dem 14. Jahrhundert die Tüchtigkeit der Kleinen zu schauen und uns zu erinnern, daß unsere gesamte Produktion, die nicht nach jeder Richtung jener Zeit überlegen ist, auf den Werkstätten beruht, in welchen das deutsche Handwerk zuerst stolzes Selbstgefühl gewann. Wir wissen auch wenig von dem Treiben in der Werkstatt und von der allmählichen Ausbildung der Handwerksordnung. Wie der Arbeiter lebte bei seinem Gerät, unter seinen Genossen, möchten wir gern aus den spärlichen Trümmern alter Handwerkersitte erraten, welche uns überliefert sind. Was uns davon wie durch einen Zufall bewahrt wurde, ist freilich nicht in jener alten Zeit niedergeschrieben. Erst um das Jahr 1700 kam ein Konrektor in Altenburg auf den Einfall, einiges Zeremoniell des Handwerks, das zu seiner Zeit noch vorhanden war, aufzuzeichnen. Das wenige, was er drucken ließ, weist alten Brauch in verkommenem Zustand, durch spätere Zusätze entstellt, aber an einigen Stellen vermag man leicht den guten Kern auszusondern. Und darum soll hier ein Stück der mittelalterlichen Handwerksgewohnheit nach dem Buch des Frisius: Der vornehmsten Künstler und Handwerker Zeremonial-Politika, Leipzig 1708, mitgeteilt werden. Es ist die Ansprache, welche einer der alten Handwerksknechte dem Jungen hält, der in die Brüderschaft der Schmiedeknechte aufgenommen wird. Das Zeremoniell beim Freisprechen wurde früh possenhaft und roh, die Gebräuche der Deposition auf den lateinischen Schulen waren ganz nach dem Geschmack der Zeit und drangen auch in das Handwerk; hier durften wenige Stellen, welche durch ihren anderen Ton als spätere Zusätze kenntlich sind, weggelassen werden. Wenn die Meister und Knechte versammelt waren, den jungen Gesellen freizusprechen, so ging der Altknecht, nachdem er mit Gunst und Erlaubnis gebeten hatte, in die Schmiede und setzte den Blasebalg in Bewegung; denn allen Schmieden, welche an der Esse arbeiteten, ziemte die Herdflamme bei ihrer Vorsorge, aber den Kessel- oder Kaltschmieden nicht. Sobald die Kohlen auf dem Herd glühten, wurde »der junge Gesell in die Versammlung eingeführt, und der Altknecht begann mit diesen Worten seine Vorsage«: Glück herein! Gott ehr' ein ehrbar Handwerk. Mit Gunst! Meister und Gesellen, stillet euch ein wenig. Jung Gesell, ich will dir Handwerksgewohnheit sagen, wann gut wandern ist; zwischen Ostern und Pfingsten, wenn es fein warm ist und die Bäume Schatten geben, da ist wandern gut. So nimm einen ehrlichen Abschied von deinem Meister, Sonntag zu Mittage nach dem Essen, denn es ist nicht Handwerksgebrauch, daß einer in der Woch' aufsteht. Und sprich, wenn er dein Lehrmeister ist: ›Lehrmeister, ich sag' Euch Dank, daß Ihr mir zu einem ehrlichen Handwerk geholfen habt, es stehet heute oder morgen gegen Euch und die Eurigen wieder zu verschulden.‹ Und zur Meisterin sprich: ›Lehrmeisterin, ich sage Dank, daß Ihr mich in der Wäsche freigehalten, so ich heute oder morgen möchte wieder kommen, stehet es um Euch wieder zu verschulden.‹ Willtu dein Bündel nicht auf die Herberge tragen, so sprich den Meister an und sage: ›Meister, ich will Euch angesprochen haben, ob Ihr mein Bündel eine Nacht wollt beherbergen.‹ Danach gehe zu deinen Freunden und zur Brüderschaft, bedanke dich bei ihnen und sprich: ›Gott behüte euch, saget mir nichts Böses nach.‹ Wenn du dann Geld hast, trinke Valet mit ihnen und frisch an und wandere zum Tor hinaus. Wenn du aus dem Tor kommst, so nimm drei Federn in die Hand und blase sie auf die Höhe, die eine wird fliegen über die Stadtmauer zurück, die andere über das Wasser, die dritte gerade hinaus; stoße nicht mit dem Kopf durch die Mauer, und eh' du über das Wasser fährst, wirf einen Stein hinein, trägt's den Stein, dann trägt's auch dich. Frisch an und ziehe gerade hinaus. Und wenn du deine Straße gehst, wirst du kommen an einen dürren Baum, darauf sitzen drei schwarze Raben und schreien: ›Er zieht dahin, er zieht dahin.‹ Du sollst deinen Weg fortgehen und gedenken: ›Ihr schwarzen Raben, ihr sollt mir keine Botschaft sagen.‹ – Dann wirst du kommen an ein Dorf, an des End' steht eine Mühle, die wird immer gehen und sagen: ›Kehr um, kehr, kehr, kehr um.‹ Du aber sollst fortziehen und sagen: ›Mühle, geh' du deinen Klang, ich will gehen meinen Gang.‹ Und wenn du weiter kommst, da werden drei alte Frauen sitzen und sagen: Jung Gesell, weich von dem Wald, die Winde wehen sauer und kalt'; du aber wirst weitergehen und sagen: ›Im grünen Wald, da singen die Vögelein jung und alt, ich will mich mit ihnen lustig erweisen.‹ Und wenn du in den dicken Wald kommst, da wird ein Reiter geritten kommen in rotem Samtmantel und sprechen: ›Wie, so lustig, Landsmann?‹ Darauf wirst du sagen: ›Soll ich nicht lustig sein, ich habe all Gut meines Vaters bei mir.‹ So wird er dir einen Tausch anbieten, tu es aber nicht flugs zum erstenmal, das andremal auch nicht, bietet er dir aber das drittemal Tausch an, so bist kein Tor und gib ihm deinen Rock zuerst, sondern laß dir seinen Mantel zuerst geben. Wenn du nun von ihm erlöst bist, so geh' immerfort und sieh nicht um, denn er möchte dir nachreiten, könnte dich auch wohl um dein Leben bringen. Wenn du nun weiterläufst, wird der Wald finster und ungeheuer werden und kein Weg daraus, und dir wird zu gehen sehr grauen. Die Vögelein werden singen jung und alt, der Wind wird wehen gar sauer und kalt, die Bäume gehen die Winke die Wanke, die Klinke die Klanke, mit Brasseln und Brausen. Da wird es sein, als wollte alles über den Haufen fallen, und du wirst gedenken: ›Ach wär' ich daheim bei der Mutter geblieben.‹ Du sollst aber doch nicht umkehren, sondern deinen Weg fortgehen. Schmied, schlag hierher! Bist du aus dem Wald hinaus, dann kommst du auf eine schöne Wiese, darauf wird ein Birnbaum stehen mit schönen gelben Birnen. Da krieche nicht hinauf, schüttle den Baum ein wenig und lies nicht alle Birnen auf, die herabfallen, denn es könnte nach dir ein andrer guter Gesell unter den Baum kommen, der nicht so stark wäre, so würde es ihm ein guter Dienst sein, wenn er etwas Vorrat findet. Danach wirst du kommen vor einen großen Berg, da wirst du denken: ›Lieber Gott, wie werd' ich mein Bündel hinaufbringen auf den hohen Berg.‹ Hänge es aber nicht irgend an ein Schnürlein und schleppe es hinter dir her, sondern behalte es fein auf dem Rücken und trage es hinauf, so nimmt dir's niemand. Wenn du nun fortgehst, so wirst du kommen vor einen Brunnen, da wird dich sehr dürsten; wenn du nun trinkest, so lege dein Bündel ab und behalte es nicht auf dem Rücken, denn wenn du trinkest, möchte das Bündel den Schwang nehmen und dich hinabreißen. Jedoch lege es nicht zu weit von dir, sonst möchte einer kommen und dir's wegnehmen, so kämest du um dein Bündel. Und wenn du trinkst, so halte dich sauber dabei und den Brunnen rein, denn es möchte nach dir ein andrer guter Gesell kommen und gerne trinken wollen. Schmied, schlag hierher! Fasse dein Bündel auf und gehe immerfort, so wirst du sehen einen Galgen. Du sollst dich nicht darum freuen noch traurig sein, daß dort einer hanget, sondern du sollst dich darum freuen, daß du auf eine Stadt oder Dorf kommst. Wenn du nahe hinzu bist, setze dich eine Weile nieder, lege ein gut Paar Schuh an und geh in die Stadt hinein. Da wird dich der Torwart anrufen: ›Woher, jung Gesell?‹ So nenne dich nicht von weit her, sondern sprich immer daher: ›vom nächsten Dorf‹, so kommst du am besten aus. Nun ist an manchen Orten der Brauch, daß der Torwart einen nicht zum Tor hineinläßt, man lege denn sein Bündel ab und hole ein Zeichen. Darum frage du und sprich: ›Mein gut Freund, berichtet mich doch, bei welchem Meister ist wohl die Herberge?‹ Danach lege das Bündel ab und gehe auf die Herberge und hole ein Zeichen bei dem Herrn Vater. Wenn du auf die Herberge kommst, so sprich: ›Guten Tag. Glück herein. Gott ehre das Handwerk, Meister und Gesellen. Herr Vater, ich bitt', Ihr wollet mir doch ein Gesellenzeichen geben, daß ich mein Bündel kann zum Tor hereinbringen.‹ Alsdann wird dir der Herr Vater ein Hufeisen oder einen Rinken als Zeichen geben. Wirstu das Zeichen aufweisen, so werden sie dir das Bündel folgen lassen. Danach mußtu wieder auf die Herberge gehen und sprechen: ›Ich bedanke mich ganz freundlich, daß Ihr mir das Zeichen geliehen habt. Auch wollte ich Euch angesprochen haben um das Handwerk, ob Ihr mich heute wollt beherbergen, mich auf die Bank und mein Bündel unter die Bank; ich bitte, der Herr Vater setze mir nicht den Stuhl vor die Tür, ich will mich halten nach Handwerksbrauch, wie ehrlichen Gesellen zukömmt.‹ Dann wird der Herr Vater sagen: ›Wenn du willst ein frommer Sohn sein nach Handwerksbrauch, so geh hinein in die Stube und lege dein Bündel ab in Gottes Namen.‹ Wenn du nun in die Stube kommst und die Frau Mutter ist drinnen, so sprich: ›Guten Abend, Frau Mutter‹, hänge dein Bündel aber nicht an die Stubenwand, sondern lege es fein unter die Hammerbank; verliert der Herr Vater seine Hämmer nicht, so wirst du dein Bündel auch nicht verlieren. Wenn du es nun abgelegt hast und der Bruder arbeitet, so schlage ein- oder zweimal mit und frage dann, ob hier der Brauch ist, daß man aufs Geschenk geht. Wenn du auf das Geschenk gehst um Gabe und Trunk, so gehe nicht zuerst in die nächste Werkstatt, sondern gehe fein in die weiteste Werkstatt, damit du der Herberge immer näher und näher kommst. Wenn du auf dem Geschenk in eine Werkstatt kommst und ein Stück Schmiedearbeit im Hause liegt, so hüte dich, mit Füßen darauf zu treten oder zu spucken, sonst möchten die Schmiede sprechen: ›Ei, wer weiß, ob er's selber so gut machen kann als das ist.‹ Wenn du nun ein- oder zweimal getrunken hast, so sprich, wenn der Meister in der Werkstatt ist: ›Meister, ich sage Dank Eures Geschenkes, Eures guten Willens, es stehet heute oder morgen gegen Euch und die Eurigen wieder zu verschulden.‹ Danach bedanke dich bei den Knechten auch und sprich: ›Schmied, ich sage dir Dank deines Geschenkes, deines guten Willens, wenn du heute oder morgen zu mir kommst und ich in Arbeit stehe, will ich dir wieder ausschenken eine Kanne Bier oder Wein, was in meinem Vermögen soll sein.‹ Wenn du nun wieder auf die Herberge kommst, so wird der Bruder sprechen: ›Wie ist's, Bruder, haben dir die Knechte auch geschenkt?‹ Sprich immer ›ja‹, wenn du gleich keinen Trunk gesehen hast. Wenn sie nun des Abends zu Tisch gehen, so setze dich an die Stubentür. Spricht der Herr Vater: ›Schmied, komm her und iß mit‹, so lauf' nicht flugs hinzu, sondern kannst sagen: ›Herr Vater, ich sag' Euch Dank davor‹; spricht er's aber zum andernmal, so geh' immer hin und iß mit. Wenn du nun satt bist, so stecke dein Messer nicht ein, ehe die andern satt sein, sonst möchten sie sprechen: ›Das ist ein kleiner Esseschmied, er will gewiß einen ausstechen, weil er so wenig ißt.‹ Wenn dir's hernach der Herr Vater zutrinkt, so kannst du wohl trinken; hastu aber Geld, so kannst du austrinken und sprechen, ob man einen Boten kann haben, du wolltest auch eine Kanne Bier geben. Wenn es nun auf den Abend kömmt, so wird dir der Herr Vater lassen das Bett weisen. Wenn dir nun die Schwester auf den Boden leuchtet und du das Bett gewahr wirst, so wünsche ihr eine gute Nacht und sprich: sie soll in Gottes Namen hinabgehen, du willst dich schon ins Bett finden. Am Morgen steh' zur Zeit auf, und wenn du in die Stube kömmst, so wünsche allen guten Morgen, da werden sie dich vielleicht fragen, wie du geschlafen hast; so sage ihnen auch, was dir geträumet hat. Wenn du nun wieder fortläufst, so sprich: ›Herr Vater, ich sag' Euch Dank, daß Ihr mich und mein Bündel habt geherbergt, es steht heute oder morgen gegen Euch und die Eurigen wieder zu verschulden.‹ Lauf also fort. Wenn du nun in das Tor kommst, so werden sie dich fragen ›wo zu?‹ Sprich nur, du weißt es selbst nicht. Und lauf immer zu. – Alles mit Gunst. Ich wünsche dir Glück zu Wege, zu Stege, zu Wasser und Land, wo dich der liebe Gott hinsendet. Und wo du heute oder morgen möchtest hinkommen, da Handwerksgewohnheit nicht ist, so hilf sie aufrichten. Hilf Handwerksgewohnheit stärken und nicht schwächen. Hilf eher zehn ehrlich machen als einen unehrlich, wo es kann sein; wo es aber nicht kann sein, so nimm dein Bündel und lauf davon. Soweit die Vorsage der Schmiedegesellen. Durch ähnliche Vorsage der Zucht ist das ganze Leben des Handwerkers in seiner Innung gefestigt. Nach erlerntem Wortlaut wird jede Zusammenkunft der Meister und Knechte geleitet, Gruß und Einführung des Zuwandernden, Aufnahme des neuen Meisters. Wenn die Lade geöffnet ist und Handwerksgebrauch geübt wird, steht Strafe darauf, daß keiner Ungebührliches rede oder tue. Auch der Tagesverkehr des Meisters und seiner Knechte, alle Leistung, ja alle Gunst und Gefälligkeit ist in herkömmlicher Weise geordnet, durch Spruchwort und Wechselrede bestätigt. Diese Ordnung bildet ein eisenfestes Band, welches die harten Gesellen aneinander fesselt. Dieselben Formeln sind dem kleinen Mann aber auch Zauberworte, welche ihm sein Herrengefühl in der Welt geben; der sonst in der Fremde rechtlos und schutzlos wäre, er findet damit, soweit die deutsche Zunge reicht, überall solche, welche wie Brüder und Väter um ihn zu sorgen verpflichtet sind. Und er wandert mit Handwerksgruß und Erkennungszeichen, mit leichter Habe und leerem Beutel Hunderte von Meilen, bis er eine Werkstatt findet, in die er als Genosse der Familie eintritt oder bis ihm sein Glück ein eigenes Geschäft vergönnt. Es war natürlich, daß der Handwerksbrauch, der solche Vorteile bot, immer künstlicher wurde. Ebenso wie die Arbeit der Innungen unter dem Zunftzwang erstarrte, wurde auch mit den Ansprachen und Bräuchen des Handwerks ein kleinliches Spiel getrieben, der Formelkram zuletzt den Gescheiten lästig. Es kam die Zeit, wo die Arbeit der Privilegierten nicht mehr dem Bedürfnis der Nation genügte, wo neue Staaten mit größerer Sicherheit des Verkehrs, besserer Schule und freierer Intelligenz auch die höhere Idee der freieren Konkurrenz und Arbeit vertreten konnten. Jene alten Formeln und Bräuche des deutschen Handwerks sind dem Geschlecht der Gegenwart veraltet. Wir aber denken daran, daß sie dem deutschen Handwerksgesellen einst die Kraft gegeben haben, mit dem Bündel über Berg und Tal, durch den ungeheuren Wald zu fremden Völkern zu ziehen und dort auf fremder Erde in der Gemeinschaft mit seinen Brüdern so lange zu hämmern, zu messen und zu nähen, bis große Stücke Land, auf denen jetzt das Leben unserer Nation reichlich und kräftig erblüht, dem deutschen Volk zugemessen, angehämmert und eingenäht waren. [...] VIII Besiedlung des Ostens Vom Bord der Hansen Die Arbeit des Kaufmanns. Handel der Oberdeutschen und Niederdeutschen. Verschiedenheit der Geldwährung. – Die Hansa. Lockerer Zusammenhang der Städte. Die Osterlinge. Der Fischfang und der Hering. Der Hanse in der Heimat. Seine Schiffe. Flotten und Seeraub. Seerecht. – Verkehr in der Baye. Niederlassungen und Höfe des Hansen Schoonen, der Stahlhof in London, Nowgorod, Bergen. Anlage neuer Städte: Riga, Reval, Dorpat, Danzig. Fahrten der Hansen nach niederdeutschen Chroniken. Die Seeschlacht bei Warnemünde 1234. – Schiffe von Wismar im Eise 1394. Die Schlacht im Norsund 1427. – In der Baye 1433. – Paul Beneke von Danzig 1473. – Verfall der Hansa Auf keinem Gebiet irdischer Interessen wird der Unterschied zwischen Oberdeutschen und Niederdeutschen so bemerkbar als in der Tätigkeit, welche nationale Schranken mehr als jede andere durchbricht. Mittelmeer und Nordmeer, Landhandel und Seehandel, Fabrikant und Kaufmann, Goldwährung und Silberwährung stehen im Verkehr der Ober- und Niederdeutschen gegeneinander. Die großen Binnenmärkte Ulm, Augsburg, Nürnberg, Basel, Straßburg, Mainz, Regensburg, Frankfurt kaufen zumeist von Gegenden, in welchen der Himmel milder, der Verkehr reicher entwickelt, die Kultur älter ist, bei ihnen gewinnt der Handel zuerst fast moderne Formen in fester Verbindung mit großen fremdländischen Geschäften; dort zieht mit Waren und zierlicher Arbeit des Südens auch Kunstgeschmack, einige Wissenschaft und verfeinerter Lebensgenuß in das Land, der süddeutsche Kaufmann läßt einen Sohn oder Verwandten in Italien oder Frankreich Recht und Medizin studieren, und der gelehrte Jurist, der Arzt und Apotheker werden zu den Patriziern der Stadt gerechnet; der Kaufmann ist oft selbst Weber, und auf der Fabrikation der verschiedenen Stoffe, welche die Innungen seiner Stadt in besonderer Güte verfertigen, beruht die Größe seines Geschäfts. Ein Nürnberger Geschlechter richtet 1390 die erste Papierfabrik in Deutschland ein, ein anderer zu Mainz erfindet fünfzig Jahre später die Kunst, dies Papier zu bedrucken. Durch viele geschäftliche Verbindungen sind die hochdeutschen Kaufleute mit großen Fürsten oder dem Königshofe vertraut und erhalten ein persönliches und Parteiinteresse bei den inneren Händeln des Reiches. Die französischen Moden, welche schon damals den feinen Mann beherrschen, werden zuerst von den Geschlechtern aufgenommen, und ebenso wie das Rittertum in Süddeutschland sich höfischer entwickelt hat, so zeigen auch die reichen Stadtbürger ein modisches und zuweilen fremdländisches Wesen. Jede Stadt im Süden hat ferner so eigentümliche Handelsinteressen, daß sie denen ihrer Nachbarn fast immer abgeneigt oder gefährlich sind; die Städte vereinigen sich einmal zu Bünden, weil die Unsicherheit der Landstraßen als gemeinsames Leiden gefühlt wird; aber es sind Verteidigungsbündnisse gegen Fürsten und Vasallen, nicht Verträge zu gemeinsamem Handel, und sie haben geringe Dauer, jede Stadt erstarkt für sich allein, in bewußtem Gegensatz zu den anderen. Weit anders da, wo die niederdeutsche Sprache altheimisch oder durch sächsische Kolonisten eingebürgert ist. Dort bleibt bis tief in das Land in der Altmark, in Westfalen, in dem großen Köln das Interesse vorzugsweise nach den Nordmeeren gerichtet, der lohnendste Handel wird zu Schiffe geführt, auch die Kaufleute kleinerer Landstädte beteiligen sich als Reeder und Befrachtende an der Seefahrt. Der Kaufmann und seine Diener sind lange Zeit selbst die Reisenden, sie sind vorzugsweise die Städtegründer, bewaffnete Kämpfer vom Schiffsbord, oft wagelustige Abenteurer, welche Haus und Heimat leicht mit der Fremde vertauschen. Viel altertümliche und rauhe Sitte erhält sich im Verkehr mit Nordmannen und Heiden. Auch der niederdeutsche Kaufmann ist Fabrikant, zumal am Unterrhein wurzelt das früheste Gedeihen des Seehandels auf dem Export heimischer Arbeiten; aber in den größten Städten der Sachsen ist die Fabrikation weit weniger wichtig als die Lebensmittel, Rohstoffe und Waren der Fremde. Und der Gewinn dieser Waren ist mit Wagnis und Gefahr verbunden, welche die stärkste Manneskraft in Anspruch nehmen und einen trotzigen, herrischen und ehernen Willen aufziehen. Die große Verbindung der Hansa reicht fast genau soweit als die niederdeutsche Sprache, sie ist eine Verbindung vieler Städte zu gemeinsamem Handel in der Fremde, nicht zur Verteidigung, sondern zur Eroberung. Ein Unterschied war auch in der Geldwährung. Wer damals Kaufmannschaft trieb, mußte geübt sein, den Wert des Geldes zu berechnen. Der Zerfall des Reiches wurde jedem bemerkbar, der bei einer Reise das Silbergeld der verschiedenen Landschaften und Städte betrachtete. Die Kaiser hatten ihr altes Münzrecht den Reichsstädten und Landesherren verkauft, die Landesherren wieder ihren größeren Landstädten, es kam vor, daß eine größere Stadt die Münze in einer kleineren erworben hatte. Das Münzamt war an vielen Orten in erblichen Besitz reicher Familien gekommen, die zahllosen Münzstätten, die Verschiedenheiten der Metallgewichte, welche zugrunde lagen, die Mannigfaltigkeit der alten Namen und Werte an stadtüblichen Verkehrsmünzen hätten hingereicht, die größte Ungleichheit hervorzubringen, der Eigennutz tat das übrige. Da schlechter ausgebrachte Münze immer die bessere einer Landschaft verdrängte, so wurden auch gewissenhafte Stadtgemeinden gezwungen, allmählich schlechter an Schrot und Korn zu prägen; war die Verwirrung zu groß geworden, dann wurde wohl einmal ein untreuer Münzmeister beim Kopf genommen, oder wenn der vornehme Mann verstand, die Schande auf einen seiner Knechte abzuleiten, ein Münzknecht verbrannt. Oder es wurden neue Bestimmungen getroffen und ein neuer Münzfuß eingeführt, der sich ebensowenig behauptete. Es war der beste Vorteil des Großhandels, daß er nach verhältnismäßig fester Goldwährung rechnete. Grundlage war für Mitteleuropa die kölnische Mark gewesen, nach ihr hatten zuerst die Florentiner ihr Guldein geschlagen, darauf die Venetianer ihren Dukaten, dann Ungarn, Böhmen, die rheinischen Kirchenfürsten ihren Gulden. Auch bei diesen Goldstücken stand Schrot und Korn nicht ganz fest, doch waren sie im Durchschnitt bis nach 1400 dem Goldwert unseres Dukaten fast gleich. Aber das Silber hatte damals im Verhältnis zum Gold etwa ein Dritteil höheren Wert als jetzt (1 Pfund Gold damals gleich etwa 11 Pfund Silber). Mit dieser Goldwährung handelte der hochdeutsche Kaufmann fast über die ganze bekannte Erde: die Fische des Asowschen Meeres bezog er über Lemberg, seine Rüstungen und kostbare Seidenstoffe aus Konstantinopel, Perlen, zyprische Weine, Gold- und Silberwaren über Venedig und Genua, die zahllosen Produkte der Mittelmeerländer, Öl, Mandeln und Reis, Feigen und Rosinen, nicht nur über Italien, auch aus Barcelona über Avignon. Und er tauschte die Waren des Südens und die Arbeiten der heimischen Schmiede und Goldarbeiter zu Brügge und Maastricht mit seinen Wollstoffen aus Flandern. Auch dem Kaufmann der Hansa diente die Goldwährung, wenn er seine Schiffe nach Portugal oder an die französische Westküste sandte, und wenn er sich mit seinen Handelsfreunden am Rhein und in Süddeutschland berechnete. Aber der größte Teil seiner Geschäfte wurde mit Silber gemacht; das Pfund und die Mark, ursprünglich ein halbes Pfund Silber, waren zu Rechnungsmünzen geworden, deren Wert fast in jeder Stadt und jedem Jahrzehnt ein anderer wurde. Dem Hansen machte die unablässige Verschlechterung des Geldes viel zu schaffen, sie brachte in seinen Handel den größten, fast unberechenbaren Gewinn und Verlust, denn in jeder Stadt war der Kurs fremden Silbergeldes ein anderer, häufig wechselnder; aber er konnte die kleinen Silberstücke bei seinem Verkehr mit armen Völkern nicht entbehren, und er kaufte in seinem Kontor zu Nowgorod Pelzwerk, Wachs, Häute des Ostens, in Gotland die Fische und Felle des Nordens und verkaufte in seinem Stahlhof in London Getreide, weiße Falken, Hermelin, Heringe und Seehundspeck aus der Ostsee gegen Pfund, Mark und Schillinge. So allmählich entstand der Bund der Hansastädte, daß wir seinen Anfang gar nicht wissen; auch der Name erscheint gelegentlich, er bezeichnet ursprünglich ebenso wie das Wort Innung die Steuer, welche sich die Genossen auflegten. Zuerst verbanden sich einzelne Städte am Niederrhein und wieder an der West- und Ostsee zu gemeinsamer Verfolgung ihres Vorteils in England, auf Gotland, am Ilmensee, andere schlossen sich allmählich an, lange banden sich kleinere Gruppen durch Verträge, bis die Bünde im Westen und Osten zusammenflossen. Doch nicht jede größere Stadt schloß jeden wichtigen Vertrag; in den ältesten Freibriefen, welche Könige den Hansen zuteilten, fehlt bald Hamburg, bald Bremen. Auch innerhalb des Hansabundes bestanden dauernde Gegensätze, außer den landschaftlichen die größeren zwischen dem Handel des Niederrheins, welcher vorzugsweise auf den Fabrikaten der Landschaft beruhte, und zwischen den Interessen der wendischen und preußischen Städte, welche vorzugsweise Kaufmannschaft durch Einfuhr und Ausfuhr fremder Waren trieben. Von Köln und seinen Nachbarn begann die Hansa, aber die wendischen Seeplätze erhielten das Übergewicht, das junge Lübeck wurde Haupt, und die Kölner verharrten im Bunde in einer stolzen Opposition und erregten die Unzufriedenheit der anderen durch eigenmächtigen und herrischen Abschluß von Verträgen, in denen sie Begünstigungen vor den Bundesgenossen suchten. So hatten seit zwei Jahrhunderten Verbindungen der Hansen in vielen Fällen bestanden, bis 1367 zu Köln die Städte einen großen Bund gegen König Waldemar von Dänemark schlossen und drei Jahre ihren glorreichen Krieg führten. Seitdem gaben sie sich eine Ordnung und teilten den Bund in Quartiere. Aber auch von da wechselte die Zahl der Mitglieder unablässig, kleinere Städte schieden aus, neue, die heraufkamen, traten ein, zuweilen geriet eine Stadt oder eine ganze Gruppe derselben wegen Unfügsamkeit und weil sie in eigenem Interesse gegen den Bund gearbeitet hatten, mit den anderen in Zwist, einzelne wurden wohl gar auf eine Zeit ausgeschlossen, z. B. Bremen; ein andermal verweigerte eine ganze Gruppe die Teilnahme an den wichtigsten Maßregeln, Kriegen und Verträgen, dann sandten nur die eifrigen ihre Flotte in See oder erwarben Privilegien für sich. Daß der Bund nicht festen Zusammenhalt hatte, war natürlich, die Städte lagen von Osten nach Westen auf einem Terrain zerstreut, welches von Reval bis über die Schelde reichte; ihre Lebensinteressen waren in der Tat oft in unsühnbarem Widerspruch, was dem Kaufmann in Riga oder Danzig, in Wisby oder Bergen wohltat, das war für Köln oder das deutsche Kontor zu Brügge von größtem Schaden. Nicht die inneren Zwistigkeiten sind auffallend, sondern daß trotzdem Stadtgemeinden und Kontore durch mehr als drei Jahrhunderte immer wieder zusammenhielten und nicht selten ihren Vorteil der Allgemeinheit zum Opfer brachten. Und sie waren schlimm daran, denn ihre Gegner betrachteten sie als einigen Bund und suchten Rache für den Nachteil, den ihnen einzelne Städte zugefügt hatten, an dem Handel aller Bundesglieder; wenn ein Seeräuber in Wismar französische Waren verkauft hatte, wurden von den Franzosen zur Vergeltung Bremer oder Kölner Warenballen konfisziert. Jeder Hanse wurde gefährdet durch jede Ungebühr, welche einer beging, und doch war es schwer, von den Bundesstädten Hilfe und Genugtuung für den erlittenen Schaden zu erhalten. Wir sehen jetzt aus einem weit anders geformten Staatsleben mit Befremden auf solche Inkonsequenzen in einer alten Genossenschaft, aber alle politischen Verbindungen des Mittelalters zeigen genau dieselben Widersprüche: Städte, welche gegen ihren Landesherrn vorsichtig die Tore schließen, Landesherren, welche sich um König und Reichstag gar nicht kümmern, Vasallen und Stadtbürger, welche durch Schwur ihrem Herrn oder ihrer Stadt und gleichzeitig deren Feinden verpflichtet sind, ein deutsches Kaisertum, welches nie die Hansa anerkannt, noch weniger das Verhältnis derselben zu anderen Reichsgewalten geregelt hat. Zu einem Bunde, welcher Wohlstand und Kultur Deutschlands durch zwei Jahrhunderte mehr gefördert hat als irgendeine andere Macht des Reiches, hatten die obersten Gebieter desselben Reiches gar kein Verhältnis, ja ihre Politik war in der Regel den Hansen feindlich, und der Kaiser oft in Freundschaft und Bündnis mit den Königen, welche mit Flotte und Heer gegen die Städte des Reiches ausgezogen waren. Noch Karl V. hatte durch seine Dekrete eifrig den Handel seiner burgundischen und niederländischen Städte gegen die Städte seines deutschen Reiches vertreten. Es ist überall ein unfertiges Staatsleben, und das letzte Resultat dieser Zeit ist das allmähliche Heraufkommen des fürstlichen Staates, der die Städte mit harter Hand seinem Willen unterwirft und sie zwingt, seinem eigenen Vorteil zu dienen, aus dem allmählich nach Siechtum und Schwächen der gemeinsame Vorteil des gesamten Volkes wird. Die Größe und Macht der Hansa ruhte meist auf dem Handel ihrer Osterlinge, der Ostseehändler. Denn damals war die Ostsee der große Fischbehälter Europas; der Dorsch und seine Verwandten wälzten sich haufenweis in die ausgeworfenen Netze, der Hering kam alljährlich in ungeheuren Wanderzügen durch den Nordsund, an den Flußmündungen wimmelten der Lachs und der Aal unter den Booten der Slawendörfer. Auch der Wal, der Schrecken der Schiffer, warf häufig seine Wasserstrahlen, und reihenweise lagen die runden Leiber der Robben am Strande. Den Heiden war eine menschenfreundliche Göttin Beschützerin des stummen Seevolks gewesen, für die Christen übernahm die Jungfrau Maria dieses Amt. Lange vor Ankunft des Deutschen Ordens in Preußen nahm man an, daß sie Gebieterin dieser Strandlandschaften sei wie ihr Sohn Oberlehnsherr des gelobten Landes: Papst Innozenz III. versprach 1213 dem Bischof von Riga, für das Land der Mutter nicht weniger zu sorgen als für das des Sohnes. Und es wird zweifelhaft bleiben, ob die Heilige die Germanisierung der Ostseeküsten vollendet habe als Patronin der wilden Kreuzheere und der reisigen Ordensbrüder oder in friedlicherer Tätigkeit als Regentin der deutschen Fischerei und der Wanderfahrten des Herings. Denn die politische Geschichte der Ostsee ist unleugbar zum großen Teil durch die geselligen Neigungen des Herings gerichtet worden. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts fuhr der Fisch längs der Küste von Pommern in so dichten Massen, daß man im Sommer nur den Korb in das Meer zu tauchen hatte, um ihn angefüllt herauszuziehen. Damals wuchsen die wendischen Seestädte, vor anderen Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald mit märchenhafter Schnelligkeit zu hohem Wohlstand herauf. Im 13. Jahrhundert verlegte der Fisch seine Seewege und strich längs der flachen Küste von Schonen und dem norwegischen Ufer. Sogleich eilten alle seetüchtigen Völker in sein Fahrwasser, und die deutschen Hansen kämpften um seinetwillen blutige und siegreiche Kriege mit den Dänen, den Herren des Nordstrandes, mit Engländern, Schotten und Holländern, sie brachen den dänischen Königen ihre festen Schlösser, besetzten ihre Inseln, vertrieben und erschlugen die Seefahrer anderer Nationen an fremdem Strand und behaupteten durch Jahrhunderte die Herrschaft auf Gotland, Schonen und Bergen. Das wurde die große Zeit der deutschen Hansa. Nach 1400 aber, in derselben Zeit, wo die Gnade der himmlischen Helferin sich von dem deutschen Ordensheer in der Schlacht bei Tannenberg abwandte, wurden die Familiengefühle des Herings von der Ostsee ab an die holländische Küste geleitet. Seitdem wurden die holländischen Städte reich und den erstarkten Hansen verminderte sich der Erwerb, dem sie ihren ersten Wohlstand verdankten. Auf dem Lande wußte der Kaufmann der Hansa sich seit dem 13. Jahrhundert ritterlich zu halten, er verstand im Spiel des Schildbaums oder der Tafelrunde seinen Speer regelrecht zu verstechen. Gern zeigte er seinen Wohlstand durch stattliche Kleidung, kostbaren Pelzrock und bunte Farben, die ihm der Schildbürtige nicht gönnen wollte. Er trug das Schwert oder lange Messer an der Seite und seinen Kaufmannsgurt, diesen von anderer Form als der Ritter, aber reich verziert, daran die schöngeformte Geldtasche und seinen Siegelring, worein das wichtige Zeichen seines Geschäftes, die Hausmarke, gegraben war. Denn auch er war des Schreibens nicht immer mächtig und bestätigte durch dieselbe Marke, die von den Fässern und Ballen her in Florenz und Lissabon, in London und Nowgorod wohl bekannt war, die Urkunden, welche er durch den Schreiber ausstellen ließ, seine Geldanweisungen und die Bürgschaft, die er bei den Anweisungen anderer übernommen hatte. Aber derselbe Mann trug auch die Friesjacke des Schiffers und das Kettenhemd eines Wappners zur See. Denn er fuhr als Reeder seines guten Schiffes, oder auch als Schiffer einer städtischen Kogge durch alle bekannten Meere. Nicht nur in den Kreuzzügen segelten die Schiffe des Hansen bis in die letzten Buchten des Mittelmeeres, auch um Handelschaft unternahm er Reisen an die Küsten von Sizilien und wieder bis hinauf nach Island, und wegen eines Gelübdes die Pilgerfahrt nach Compostella. Die Kogge, in welcher er fuhr, war nach anderem Prinzip gebaut als die antiken Schiffe des Mittelmeeres; während dort die Formen der Galeere in langen schmalen Fahrzeugen mit niedrigem Bord dauerten, war das häufigste Schiff der Nordmeere die vergrößerte Slupe, ein rundbauchiges Fahrzeug mit starkem Kiel, mächtigen Steven und hohem Bord, der nach beiden Enden stark aufsprang, mit eingehaktem Steuer, das durch eine Pinne bewegt wurde, mit hochgewölbtem rundlichem Bug und steilem Bugspriet und mit einem starken hohen Mast in der Mitte. Wurde ein großes Schiff zu Krieg gerüstet, dann wurde im 13. Jahrhundert auf Back und Schanze, über Bugspriet und Steuer ein Gerüst gezimmert, darauf eine Plattform mit hölzernen Zinnen für die Schützen und für eine Standarmbrust oder Wurfmaschine. Auch der Mastkorb hatte steuerwärts einen Ausbau mit Zinnen. Und die Fahrzeuge müssen nicht klein gewesen sein; das Dänenschiff, welches im Jahre 1234 von den Lübeckern erstiegen wurde, soll 400 Gewappnete enthalten haben. Allmählich nahm das Kriegsgerüst auf Back und Schanze die Form kleiner Türme an, endlich wurde im 15. Jahrhundert auf beiden Enden der Schiffsbord erhöht um ein oder zwei Halbdecke, das Vor- und Hinterkastell. Aus dieser Zeit sind viele Namen der verschiedenen Seeschiffe überliefert, die Erfindungen aller Völker wurden in den Nordmeeren heimisch. Jedes schwere Schiff hieß damals »Holk«, eine bestimmte Form desselben war das »Kravel« (Karavelle); es scheint Briggtakelage gehabt zu haben und etwa den Tonnengehalt einer kleinen Fregatte unserer Zeit. Da die Schiffslänge im Verhältnis zur Breite etwas geringer war als jetzt, blieb der Hauptmast während des ganzen Mittelalters der wesentliche Teil der Takelage. Der Facke, Fockmast, und der – spätere – Besanmast standen näher am Hauptmast als jetzt, beide schräg von ihm abgeneigt, weit schwächer und niedriger, sie sehen auf den allerdings späten Abbildungen aus wie eingesetzte Stengen. Die Konvoischiffe, welche die Handelsflotten geleiteten, Orlogschiffe oder Friedenskoggen (Geleitschiffe) genannt, führten Büchsen und Bliden (Standschleudern) und außer der seemännischen Bemannung noch Wappner, in Danzig um 1400 gewöhnlich vierzig bis siebzig Mann. Die technische Leitung des Fahrzeuges hatte der Schiffer, unter ihm standen Steuermanne, Zimmermanne, Schiffsmanne, Bootsmanne, Putken, zusammen die Schiffskinder genannt, und gegen Löhnung, »Heuer«, angenommen. Außerdem wurden zu Kriegsreisen freie Söldner, »die Ruter«, geworben, diese gern auf einen Beuteanteil. Sie waren die Landsknechte der See, verwegene, aber aufsässige Gesellen, mit denen schwer auszukommen war. Selten wagte sich das Schiff zu weiter Fahrt allein in die See. Da die Zeit der Ausfahrt für viele Reisen geboten war, sammelten sich die Schiffe einer Stadt oder Landschaft, große und kleine, leicht zu einer Flotte. Nie war man sicher, ob fremde Herrscher gerade mit einer entfernten Stadt der Hansen in Zwist gekommen waren und erlittenes Unrecht rächen wollten. Dann gab es überall »Auslieger«, Kaperschiffe der Deutschen und fremder Völker, deren Bemannung aus harten Seevögeln bestand und keine besondere Achtung vor Verträgen und Seerecht erwies. Zumal die Besitzer von Strandburgen waren geneigt, ihre Gewohnheiten von der Landstraße auf die See überzutragen; konnte doch noch 1491 Herzog Friedrich von Holstein sich nicht versagen, ein Kravel auszurüsten und auf einer Fahrt durch den Sund in die Westsee alles zu kapern, was ihm vorkam. Endlich bleiben die Seeräuber vom Handwerk eine untilgbare Plage. Hinten in der Ostsee wirtschafteten finnische und slawische Seediebe. Seit 1390 war die Genossenschaft der deutschen Vitalienbrüder zuerst der Schrecken der Dänen, bald alle Kauffahrer. Den Städten Rostock und Wismar wurde nachgesagt, daß sie durch ihre Kaperbriefe das Unwesen großgezogen hätten. Verwegene Gesellen der deutschen Küste, auch Herren vom Adel, hatten sich zu gleicher Teilung der Beute zusammengeschworen, sie hatten die Insel Gotland erobert, auf der schwedischen und norwegischen Küste Land und Burgen besetzt, sie fanden Unterschlupf bei Landesherren, ja sie wagten ihre geraubten Waren sogar in Hansestädten zu verkaufen – ihre wilde Verwegenheit, einzelne Züge von ritterlichem Stolz und blutige Taten erhielten durch fünfzig Jahre die ganze Seeküste von Reval bis zur biskayischen Bucht in Aufregung. Es kostete den Hansen, dem Orden und den Dänen viel Mühe, diese Freibeuter zu dämpfen, und lange sangen die Leute an der See von Stortebeker und Godeke Michael, wie sie an Bord ihrer Schiffe geraubten Wein tranken, als die Schiffe der Hamburger in Sicht kamen, wie die »Bunte Kuh von Flandern«, das Hauptschiff der Hamburger, den Räubern das Vorkastell entzweilief, wie die gefangenen Räuber sich beim Rat ausbaten, in ihrem besten Gewand den Trauerberg hinaufzugehen und von Pfeifern und Trommlern geleitet wurden, und wie der scharfe Richter in seinen geschnürten Schuhen bis an die Enkel im Blut stand. Wie die Deutschen bei jeder gefährlichen Unternehmung taten, banden sich auch die Seefahrer durch Eidschwur zu einer Genossenschaft für treues Ausharren, gegenseitige Hilfe, Gehorsam gegen das Seerecht und zuweilen für gleichen Anteil am Gewinn. Durch solchen Eid band sich um das Jahr 1040 jene Gesellschaft von Friesen, welche waglustig von der Weser gegen den Nordpol ausfuhr, um zu erkunden, ob es wahr sei, daß dorthinaus gar kein Land liege, und welche im Norden Islands die Schrecken des Polarmeers erlebte. Und nach demselben Brauch versammelte noch 500 Jahre später der norddeutsche Schiffer Kriegsleute, Kinder und Reisende, sobald das Schiff einen halben Seeweg gefahren war, und sprach: »Wir sind Gott und Wind und Wellen übergeben, darum soll jetzt einer dem andern gleich sein. Und da wir von schnellen Sturmwinden, ungeheuren Wogen, Seeraub und anderer Gefahr umringt sind, kann unsere Reise ohne steife Ordnung nicht vollbracht werden. Deshalb beginnen wir mit Gebet und Gesang um guten Wind und glückliche Ausfahrt und besetzen nach Seerecht die Schöffenstellen, damit ehrliches Gericht sei.« Darauf ernannte er mit Beistimmung des Volkes einen Vogt, vier Schöffen, einen Wachtmeister und Schreiber, einen Meistermann, der die Strafurteile vollzog, und einen Rackersmann mit zwei Knechten, der das Schiff rein hielt. Endlich wurde das Seerecht mit seinen Strafen verkündet: Niemand soll fluchen bei Gottes Namen, niemand den Teufel nennen, nicht das Gebet verschlafen, nicht mit Lichtern umgehen, nicht die Viktualien verwüsten, nicht dem Zapfer in sein Amt greifen, nicht nach Sonnenuntergang mit Würfel oder Karte spielen, nicht den Koch vexieren und nicht die Schiffsleute hindern, bei Geldstrafe. Wer auf der Wache schläft, wer binnen dem Schiffsbord Rumor anrichtet, der soll unter dem Kiel durchgezogen werden; wer an Bord seine Wehr entblößt, sie sei lang oder kurz, dem wird die Wehr durch die Hand an den Mastbaum geschlagen, daß er sich selbst die Wehr durch die Hand ziehen soll, wenn er loszukommen begehrt. Wer einen andern mit Unrecht verklagt, soll die doppelte Strafe der Schuld bezahlen; niemand soll sich am Meistermann rächen. Bei stiller See wurde das Seerecht verkündet, danach Gericht gehalten und gestraft. Nahte das Schiff am Ende seiner Fahrt dem Hafen auf einen halben Seeweg, so machte zuerst der Kielherr oder Schiffer seine Rechnung mit Passagieren, Rutern und Kindern, dann traten Vogt und Schöffen zusammen, und der Vogt dankte ab und sprach: »Was sich auf diesem Schiff zugetragen, das soll einer dem andern verzeihen, tot und ab sein lassen. Was wir geurteilt, das ist geschehen um Gericht und Gerechtigkeit. Darum bitte ich jeden im Namen ehrlichen Gerichts, daß er die Feindschaft ablege, die er auf den andern geschöpft, und bei Salz und Brot einen Eid schwöre, der Sache im argen nicht wieder zu gedenken. Wer sich aber beschwert erachtet, der soll nach altem Brauch den Strandvogt anrufen und vor Sonnenuntergang das Urteil begehren.« Darauf aß jeder Brot und Salz, einer verzieh dem anderen, was geschehen war. Und landete man in dem Hafen, dann wurde eine Büchse abgebrannt und der Stock mit den Strafgeldern dem Strandvogt übergeben, damit er sie den Armen reiche. Fuhr der Kaufmann in fremden Hafen ein, wo er mit Schiffen anderer Völker zusammentraf und doch nicht in dem Gesetz einer befreundeten Macht Schutz fand, so war er gar nicht sicher, ob die Fremden Freund oder Feind sein würden. Auch wenn Friede war zwischen seiner Stadt und dem Land des Fremden, konnte Erinnerung an frühere Gewalttat, an ein gewonnenes Schiff, das in der Flotte des Hansen wiedererkannt wurde, an gekaperte Warenballen und ähnlicher Zufall einen Angriff durch die Fremden verursachen, und das Recht des Strandes erwies sich nach verübter Gewalttat wahrscheinlich säumig und wirkungslos. Die Flotten der Hansen hatten alljährlich Veranlassung, an den Küsten westwärts diese Vorsicht zu üben. Am häufigsten in der Baye, einem Hafen der südlichen Bretagne, in der Bucht bei Bourgneuf, einer berühmten Station für die Flotten aller Nordseevölker, welche dort ihre Faktoreien hatten und das berühmte grobkörnige Bayensalz, das für die beste Würze der Fische galt, gegen die Waren ihrer Stadt eintauschten. Dahin kamen auch die Südländer aus dem Mittelmeer und Spanien mit Wein, Südfrüchten und Seidenstoffen, es war großer Verkehr in den Sommermonaten, argwöhnisch hielt jede Nation ihren Teil des Strandes fest; entstand ein Zwist, dann suchte jede Partei sich zum Herrn des Marktes zu machen, indem sie die Schießhäuser daselbst besetzte; wollten die Streitenden sich vergleichen, so trafen sie, wie überall Brauch war, im Frieden des Klosters zusammen. Für alle Hansen der Ostsee war ein freudiges Ereignis, wenn ihre heimkehrende Bayenflotte glücklich den Sund passiert hatte. Kam der Kaufmann mit dem guten Schiff häufig an ein fremdes Ufer, wo er keine Ansiedlung oder einen Ort unter fremdem Gesetz fand, so war sein erstes Bestreben, sich von dem Herrn des Grundes eine Stätte zu gewinnen, wo er mit seinen Genossen nach Recht, Sitte und Glauben der Heimat leben durfte. Diesen Raum am Strand oder bei den Hütten eines Dorfes umgartete er mit einer Schranke, dort lud er seine Waren aus und band das Strandseil seiner Schiffe fest, dort galt für seine Genossen das Heimatrecht und die Ordnung, die er sich setzte. Diese Gehege für sein Recht und seine Freiheit zimmerte der Hanse überall. Sogar wo er mit seinen Fischern nur auf Wochen landete. Am berühmtesten war sein Garten auf der Halbinsel Schonen, den er durch Blut und schwere Gewalttat erwarb und gegen alle Völker trotzig behauptete. Dort am Strand, zwischen den Schlössern Skankör und Falsterbo, hatten die Deutschen den Raum, wo ihr Recht galt und das Banner ihrer Städte wehte, durch eine Landwehr, Wassergräben und Pfahlwerk von dem dänischen Gebiet geschieden. Jede Stadt oder jeder Verband hatte auf dem kostbaren Grund eine nach Ruten gemessene Stelle, »die Vitte«, jede war wieder durch hölzerne Pfähle mit dem Wappenzeichen begrenzt. Auf jeder Vitte standen die steinernen Häuser zum Räuchern und Salzen des Herings, die hölzernen Tavernen und Buden für Fischer und Handwerker, auf jeder galt das Recht ihrer Stadt, welches durch einen angesehenen Bürger, der auf Jahre hingesandt wurde, verwaltet ward; die Oberaufsicht führte der Vogt von Lübeck, nur der Blutbann blieb dem Vogt des Königs von Dänemark. Alles war genau bestimmt, die Größe der Tonnen, die Länge der Fische, durch Merker wurde die Güte der Ware beaufsichtigt. Zwischen den Vitten lag eine deutsche Kirche, ein Franziskanerkloster, in welchem gestrandetes Gut unter dem Schutz der Gottesmutter geborgen wurde, und ein gemeinsamer Kirchhof. Verlassen lag der Strand den größten Teil des Jahres, nur die bewaffneten Wächter mit ihren Hunden wohnten daselbst. Aber zur Fangzeit zwischen Jakobi und Martini kamen, gleich endlosem Zug von Schwänen, die Flotten der Ost- und Westseehansen, dann füllte den Raum das Gewühl arbeitender Menschen, Tausende von Fischerschuten lagen mit ihren Netzen Tag und Nacht in der See, zum Nachtfang brannten Fackeln längs der ganzen Küste. Am Strand aber arbeiteten der Reepschläger (Seiler) und der Böttcher um die Fässer, und der Kaufmann legte seine Waren in der Holzbude auf. Und zwischen Bergen von Fischen, unter Salz und Rauch wurden die kostbaren Waren des Festlandes, seidene Stoffe und Weine des Südens, niederländisches Tuch und Gewürze des Orients wie auf großer Messe verkauft. Dreimal fuhren die eilig befrachteten Schiffe zur Heimat und wieder zum Strand zurück, mit dem Oktober endete plötzlich das bunte Leben an der norwegischen Küste. Suchte aber der Hanse eine neue Küste, um unter fremdem Volk mit den Waren seiner Kogge Tauschhandel zu versuchen, so wählte er nicht den Meeresstrand, sondern er fuhr wohl eine Tagefahrt durch die Mündung großer Flüsse stromauf, wo er ruhiges Wasser fand, dichtere Bevölkerung und besseren Schutz vor den Räubern, die von der See nach dem Strand spähten. War der Ort gastlich zu längerem Aufenthalt und lockte er zur Wiederkehr, so umschanzte er wieder die Stätte seines Rechts mit Graben, Pfahlwerk, Brücke, Tor und wehrte jedem Fremden den freien Zugang. Lag der verstattete Grund zwischen den Häusern und dem Ortsrecht eines fremden Volkes, und war ihm der Ankauf beschränkt, so baute er in der Umgartung nach der Weise seiner Heimat einen Hof und an diesen einen zweiten und dritten. Denn der Hof war den Deutschen seit uralter Zeit die Stätte, wo Rechte gegeben und verwaltet wurden für die Umwohner. In dem deutschen Herrenhof hatten die Wohnhäuser und die Versammlungsräume, der Saal und Palast mit Scheunen und Stuben, einen freien Raum, umschlossen für die Geschäfte des Landbaus, für die Spielkämpfe der Hofmannen und für das Hofgericht; immer war das Leben des Hofes nach innen gekehrt, auf den freien Binnenraum öffneten sich die Gebäude, von der Landschaft trennte Mauer und Zaun. Auch in alten Städten waren solche Höfe erbaut, zuerst vielleicht von den Stadtherren und ihren Vögten, dann von reichen Bürgern. Und bei großem Meßverkehr waren diese Höfe Sammelorte für die Bürger derselben Stadt, die nach ihrer Ortsgewohnheit hausen wollten, oder Lagerplätze für gleichartige Waren, die einerlei Marktbrauch forderten; nach dem Hofraum mündeten auch hier die Warenlager und Keller, darüber waren die Zellen der Kaufleute, außerdem wohl ein Saal zu geselligem Verkehr. Gegen außen aber war der Stadthof durch Mauer und Tor abgesperrt. Nach demselben Muster legte der Kaufmann in fremdem Land seine Höfe an als ummauerte Asyle seiner Waren und seines heimischen Brauches. Zu den ältesten Höfen in der Fremde gehört die Gildhalle des deutschen Kaufmanns in London, der berühmte Stalhof an der Themse, (vor 1157) von den Kölnern gegründet, dann anderen Städten des Reiches zu Mitbesitz eingeräumt. Wenig jünger war das Kontor des deutschen Kaufmanns zu Brügge, dem großen Zentralpunkt des kontinentalen Verkehrs. Noch älter die deutsche Ansiedlung auf der Insel Gotland, wo sich schwedische Goten und Deutsche in die Hauptstadt Wisby und den Besitz der Insel teilten. »Der deutsche Kaufmann von Gotland« rüstete Flotten, führte Kriege, schloß Verträge mit fremden Königen und vertrat herrisch das Interesse seines Platzes auch gegen die großen deutschen Handelsstädte. Gotländer und Deutsche gründete im fernen Osten, wo der Wolchow aus dem Ilmensee strömt, in der Warägerstadt Nowgorod die hochummauerten Höfe St. Olafs und St. Peters. Kaufleute von Soest, Dortmund und Osnabrück waren unter den ersten Teilhabern dieser entfernten Handelskolonie; die Deutschen verdrängten dort wie in Gotland selbst die Nordmannen und wurden Alleinherrscher des Handels. Überall aber, wo der deutsche Kaufmann seine Kolonien, die Kontore, organisierte, erhielten diese ein selbständiges Leben, um so geregelter, je mehr deutsche Städte an dem Geschäft ein Interesse hatten. In diesen Höfen und Kontoren zu Schutz und Zucht galt eherne Ordnung der Landsleute. Genau war der Raum verteilt. In Nowgorod lagen die Warenballen und Fässer sogar in der Kirche aufgestaut, und mit Mühe ward der Altar freigehalten. Die Anwesenden waren in Familien oder Tischgesellschaften gegliedert, ihrer Würde nach in Meister, Gesellen und Kinder. Eine gemeinsame Trinkstube vereinte zu der Geselligkeit des Abends, dort hatte jeder seinen Platz an bestimmtem Tisch, wurde das Zeichen zur Nachtruhe gegeben, mußte jeder die enge Lagerstätte suchen. Auch der Verkehr mit den Fremdländischen außerhalb des Hofes war durch hartes Gesetz beschränkt, niemand durfte am Abend eine fremde Schenke besuchen, kein Fremder in den verschlossenen Raum dringen, sobald die wilden Hunde des Hofes von der Kette gelöst waren. Sogar die Zeit war fest bestimmt, die jeder im Hof verweilen durfte. In Nowgorod war das Jahr zwischen die Sommerfahrer und Winterfahrer, die beide zur See kamen, geteilt, und die Landfahrer aus Preußen und Livland, die mit ihren Schlitten heranfuhren, mußten lange den Winterfahrern nachstehen und die Plätze räumen, welche diese begehrten. In Bergen besaß der deutsche Kaufmann 21 Höfe, jeder war von dem anderen durch Mauer und Zaun geschieden, jeder hatte seinen Namen und Schildzeichen und nach dem Strand eine Brücke, an welcher die Schiffe ihre Waren löschten, sie bildeten zusammen zwei Kirchspiele; einige daran liegende Gassen der Stadt waren von deutschen Handwerkern bewohnt, welche die Schuster hießen und mit dem Kaufmann eng verbunden waren. Die Höfe und die Schuster übten harte Tyrannei gegen die norwegischen Städter aus; als ein Vogt des Königs in ihre Rechte eingreifen wollte, erschlugen sie ihn und den Bischof im Kloster und steckten das Kloster an und büßten die Untat dadurch, daß sie sich eine neue Kirche bauten. Dort mußte jeder, der in das Kontor trat, zehn Jahre Aufenthalt geloben; er durfte während dieser Zeit nicht heiraten und kein Weib in den Hof führen. War aber das Geschäft in der Landschaft gewinnbringend und an leerer Stelle geschütztes Land zu erhalten, dann brachte der Kaufmann mit seiner Flotte auch Handwerker der Heimatstadt zu neuer Ansiedlung. Dann erwuchs an dem wilden Wasser des Stromes, neben Birkenhain und Rohrsumpf, auf Insel oder Landzunge eine neue Stadt mit Marktplatz, Kirche und dem Recht der Heimat. Zu derselben Zeit, in welcher die Bremer auf ihren Schiffen in die Häfen des alten Phöniziens einfuhren, drangen sie auch in die Mündung der Düna. Damals erschien ihnen die Küste des Nebellandes, wie sie von den Nordmannen seit Urzeit genannt wurde, als neuentdecktes Gebiet, sie zogen gegen die Steinwürfe der Liven ihren Zaun und bauten darüber die Burg Üxhüll. Bei einer späteren Fahrt brachten sie christliche Bekehrer, halfen dem Missionswerk und wußten sich zu bewahren, wenn die Christenpriester von den Heiden erschlagen wurden. Sie führten endlich einen Propst ihres Doms heran und besetzten die ersten Bürgerhäuser der Stadt Riga, welche der neue Bischof um 1200 baute, sie halfen ihm und dem Schwertorden die Burgen zimmern und behaupten, durch welche die Landschaft unterworfen wurde. Schon im Jahr 1220 lag das Land gebunden unter dreizehn Festen. Die Bürger der deutschen Tochterstadt Riga aber wurden schnell mächtig durch großen Landbesitz von Dörfern und Burgen. Zweiunddreißig Jahre nach der Gründung wurde die Stadt vom Papst mit dem dritten Teil von Kurland belehnt. Und als im Jahr 1219 Waldemar der Sieger noch weiter ostwärts auf der Stätte einer alten Burg der Esten, Reval genannt, ein Dänenschloß anlegte, da waren es wieder deutsche Kaufleute und Innungsgenossen, welche die Mauern der Stadt füllten und später der Vereinigung mit den deutschen Kolonien in Livland froh waren. Und wieder hansische Händler besetzten im Jahr 1224 den Marktplatz am Embach unter der zerstörten Räuberburg Dorpat, welche vorher von zusammengelaufenem Volk, Russen und Heiden, für ihre Beutezüge benutzt worden war. Während am livischen Strand die Bremer und Magdeburger ihre Märkte und Höfe umzäunten, fuhren die Lübecker in die Weichselmündung an die große Burg der slawischen Herzöge von Pomerellen. Neben den Schenken und Hütten der Fischer, welche Bernstein sammelten und Heringe räucherten, bauten sie einen Hof mit Palast um ihre Niederlagen, und erwarben 1273 das Stapelrecht für ihre Stadt Danzig. Sie sank bei der Besetzung Pomerellens durch den Orden in Trümmer, wurde aber sofort als Rechtstadt Danzig wieder gebaut. Unter der Ordensherrschaft lag sie neben einem slawischen Fischerdorf, dem Flecken Altstadt und der Neustadt des Ordens, bis sie im 15. Jahrhundert die Nachbarorte mit sich zu einer großen Gemeinde verband. Nicht jeder Hof und nicht jede Stadt, die der deutsche Kaufmann gebaut, dauert bis zur Gegenwart als Kontor unseres Volkstums unter den Fremden, aber viele hundert Quadratmeilen sind durch seine helfende Arbeit mit unserer Kultur und Sprache und mit unserer Eigenart erfüllt, zum großen Teil völlig deutsches Land geworden. Alle Städte der Hansa haben dafür gefochten, gehandelt, ihre Koggen in die wilde Ferne gesendet, aber der größte Ruhm bleibt für jene Zeit den Mutterstädten Lübeck und Bremen, nach ihnen der guten Stadt Magdeburg. Hier aber soll in kurzen Berichten der Zeitgenossen einiges von den Kämpfen und Fahrten der Hansen erzählt werden. Selten ist der Kaufmann wortreich, wo er berichtet; die Erzählung ihrer Chronisten wird erst am Ende des Mittelalters ausführlicher, darum nicht genauer, vollends nicht, seit die Schreiber den Livius gelesen haben und mit dem Behagen der Renaissancebildung Vergangenes künden, wie Reimar Kock und seine Zeitgenossen. Aber obgleich die kleinen Bilder spärliches Detail bieten, ein wenig fördern sie doch das Urteil über Zustände, die uns sehr fremdartig geworden sind. Die Chroniken erzählen wie folgt: 1234. Die Seeschlacht bei Warnemünde Zur Zeit, da Graf Alf befreundet war mit dem König von Dänemark und über das Land zu Holstein Gewalt hatte, da vergaß er treuen Dienst, den ihm die von Lübeck bewiesen hatten, als sie ihm wieder in das Land halfen, und wollte die Lübecker aus ihrer Freiheit drängen. Des war der Dänenkönig froh, sie schworen sich, zusammen die Stadt zu verderben. Der König sandte da ein großes Heer zu Schiff in die Trave und kam mit des Grafen Hilfe auch dahin über Land mit einem anderen großen Heer und baute über der Trave zwei starke Burgen; er ließ Koggen versenken vor dem Hafen und starke Ketten über die Trave schlagen. Als er da nicht mehr schaden konnte und wieder ins Land fuhr, da retteten sich die Bürger schnell, sie segelten kühn mit einer starken Kogge die Ketten entzwei und gruben lange die Wische aus gegenüber der Burg, die ward so tief, daß große Schiffe dahin fuhren ohne Hindernis. Da der grimmige König sah, daß die kostbare Heerfahrt ihm wenig fromme, wurde sein Mut bitter. Er ließ sonderlich große Schiffe rüsten und gebot eine Heerfahrt dahin zu Wasser und zu Lande, noch viel größer, als er vorher gemacht hatte. Die Schiffe alle kamen nach Fehmarn, darunter waren acht Schiffe, größer als je auf der See gesehen waren, damit wollte er den Hafen damals stopfen. Die Bürger zu Lübeck vernahmen das bald. Ihr Tief hatten sie zum Teil aufgeräumt, sie legten nicht mehr als sechs große Schiffe mit gutem Zeuge wohlbemannt vor ihr Tief, die das bewahren sollten, daß des Königs Heer nicht hereinkam, wie es leider vorher hereingekommen war. Da der König vernahm, daß die von Lübeck ihren Hafen und ihr Tief wehren wollten, fuhr er mit seinem Schiff vor die Warne, vielleicht weil er wähnte, daß sie mehr Helfer hätten, oder vielleicht um Sicherheit zu haben vor den wendischen Herren, die er oft bedroht hatte. Als die von Lübeck den König in der See wußten, überlegten sie sogleich, daß sie mit den Dänen in der See leichteren Streit hätten als in ihrem Hafen oder auf dem Lande, wo die Feinde mit Hilfe der Holsten stärker werden konnten. Sie nahmen zu Hilf den allmächtigen Gott und ihr Recht und zogen ihm mit kühnem Mut nach. Vor der Warne stritten sie mit ihm von der Prime bis zur Vesperzeit. Von den größten Schiffen gewannen sie vier, die verbrannten sie auf der Stelle, von den anderen Schiffen fuhren sie viele mit den Leuten auf den Grund des Meeres. Das allergrößte Schiff, worin mehr als 400 Mann mit vollen Waffen waren, das gewannen sie zuletzt mit großer Mühe, darin schlugen und fingen sie alles was da war. Der König entfloh mit Not, das größte Schiff mit den Gefangenen brachten sie freudig in die Trave. Der König kriegte da von kleinem Volk Scham und Schande, größere als ihm vorher oder nachher auf der Ostsee geschah, auch suchte er seitdem die von Lübeck nicht mehr heim. So gab ihnen Gott den Segen, daß sie geblieben sind bei ihrer Freiheit. 1394. Schiffe von Wismar im Eise Im Winter, als die Gesandtschaft an den König von Dänemark vergeblich geschehen war, kam die Zeitung an den Fürsten von Mecklenburg, daß der Stockholm hart von den Dänen belagert würde und die Bürger allda großen Hunger litten, und wenn sie nicht mit dem ersten entsetzt würden, müßten sie aus Not die Stadt übergeben. Dem zuvorzukommen wurden in dem Tief von Wismar acht große Schiffe ausgerüstet, diese wurden mit Korn, Mehl und anderen Lebensmitteln beladen und mit kühnen Männern besetzt, den Holm zu befreien. Es war aber mitten in dem Winter, da diese Schiffe abliefen; sie hatten einen Hauptmann mit Namen Meister Hugo. Die Dänen hatten auch einen Haufen Schiffe in See wegen der Vitalienbrüder und anderer, die den Dänenreichen Schaden tun wollten. Da begab es sich, daß hastig ein starker Frost ankam, daß die Schiffe in der See einfroren und konnten nirgend hinkommen. Als nun der Hauptmann von Wismar sah, daß der Frost so heftig überhand nahm, da sprach er zu den Schiffern und anderen Kriegsleuten also: ›Liebe Gesellen, ihr sehet, daß wir hier befroren liegen und dürfen uns nicht vermuten, daß so bald ein anderes Wetter einfallen wird, und ihr wißt, daß der Dänen Schiffe auch in See sind. Darum weiß ich gewiß, wenn dieser Frost bleibt, sie werden uns anfallen und sich mit uns versuchen; so haben sie einen großen Vorteil, daß sie aus ihrem Lande sich soviel verstärken können als sie wollen; deshalb ist besser, wir sehen vor ihrer Ankunft zu. Wollt ihr nun meinen Rat hören, so wollen wir unsere Schiffe so verwahren, daß wir sie vor den Dänen wohl behalten, wiewohl es Arbeit kosten will; dennoch dieweil es so kalt ist, so ist es besser, daß wir was zu tun haben, als daß wir sonst zu Tod frieren. Sehet da‹, sprach er, ›an dem Lande steht viel Holz, da wollen wir welche hinsenden, die sollen lange und große Bäume und Holz hauen und auf dem Eise mit geringer Arbeit an die Schiffe schaffen; die wollen wir auf beiden Seiten der Schiffe hinlegen und mit Wasser begießen, welches bald zufrieren wird, und unsern Schiffen einen Wall und Bollwerk geben.‹ [...] Dieser Rat gefiel den andern allen wohl, sie holten die Bäume und zogen sie zu den Schiffen und begossen sie mit Wasser, und es ward so ein gläserner Wall. Diese Arbeit war kaum vollbracht, so kamen die Dänen mit Haufen übers Eis und vermeinten die Schiffe zu erobern; aber wiewohl der Dänen wohl vier waren auf einen Wismarschen, so mußten sie doch mit großem Schaden davonziehen und die Schiffe bleiben lassen. Das verdroß die Dänen über die Maßen sehr, und dieweil sie gesehen hatten, daß sie vor dem Bollwerk an die Schiffe nicht schießen konnten, wollten sie eine Kriegsmaschine zurichten, welche man nennt eine Katze, und liefen in das Holz, wo die Wismarschen die Bäume gehauen hatten. Der Hauptmann von Wismar, Meister Hugo, erkannte bald ihre Anschläge und ließ in der Nacht um die Schiffe große Wunen hauen, und die Eisschollen ließ er unterdrücken. Nicht lange darauf kamen die Dänen mit ihrem Volk und bedachten nicht, daß die Wismarschen geeist hatten, denn es war oben wieder zugefroren, und kamen mit großem Ungestüm und Hast und meinten, jetzt die Schiffe zu gewinnen, denn es verdroß sie, daß sie vormals mit Schande zurückweichen mußten. Aber es ist ein alt Sprichwort: Große Eile gibt selten gute Weile. So ging es den Dänen diesmal auch, denn sie fielen zu Haufen in das Wasser, und der eine drängte dem andern nach, so daß mehrere den Tag ertranken. Zu diesem Schaden mußten sie noch Spott dazu haben, denn die auf den Wismarschen Schiffen waren, riefen: Kaiz, Kaiz, Kaiz! So pflegt man zu rufen, wenn man die Katzen jagt. So erhielten die Wismarschen ihre acht Schiffe durch List und Gewalt, bis Gott ein ander Wetter gab, daß das Eis verging, da liefen sie nach dem Holm und entsetzten die Stadt. 1427. Die Schlacht im Norsund Die sechs Seestädte Lübeck, Hamburg, Stralsund, Rostock, Wismar und Lüneburg wollten sich versuchen gegen den König von Dänemark und sammelten in großen Hauptschiffen und anderen kleinen Schiffen, Snikken und Barsen über 8000 Mann, wohl versehen mit Waffen, Geschoß und allem Rüstzeug, was zum Streit gehört. Als die Schiffe allzumal wohl viktualiert waren, da schickte jede Stadt ihre Hauptleute auf ihre Schiffe, die das Volk regieren sollten, aber über alle Hauptleute ward mit Vollmacht der Städte gesetzt ein Oberhauptmann, der war genannt Herr Tidemann Steen, Ratmann zu Lübeck und damit er desto treulicher der Flotte vorstände, machte der Rat von Lübeck denselben zu einem Bürgermeister. Und befahl ihm ernstlich im Namen aller Städte, daß er in den Sund segelte und aus keiner Ursache eher daraus scheide, als bis die Bayenflotte durchgekommen wäre. Als dies zumal wohl bestellt war, segelten die Schiffe alle in den Norsund vor einem guten Wind. Gott vom Himmel gab der Flotte Gnade und stillte ihr Wetter und Wind und gab ihr ihre Feinde in ihre Hand, so daß nicht einer davongekommen wäre, wenn sie gewollt hätte. Da die sechs Städte in den Sund gekommen waren, schauten sie vor Kopenhagen ihre Feinde vor sich in stolzen Schiffen. Der Städte Schiffe aber waren hochbordig und wohl für das Gefecht gebaut, und sahen zu den Schiffen der Dänen aus wie Kirche gegen Klause. Beide Flotten schienen auch in der Sonne wie zwei Berge von klarem Silber. Als die Dänen die Städte kommen sahen, hatten sie im Herzen des Streites Begehr, sie hißten ihre Segel zur Höhe und drehten auf ihre Feinde zu. Da das der Bürgermeister von Hamburg, Herr Heine Hoyer, sah, strich er schnell an die von Lübeck und sprach: ›Die Feinde kommen uns unter Augen, was ratet ihr, daß wir beginnen?‹ Da sagte der oberste Hauptmann, Herr Tidemann Steen: ›Wir wollen daran, in Gottes Namen.‹ Der Worte freute sich Herr Hoyer sehr. Da schickte sich jeglicher zur Wehr, und jeder sprach den Seinen zu in seinem Schiff. Die von Hamburg hatten den Vorstreit. Zur Hand fuhren die Dänen an die Schiffe der Städte, so daß etliche an die von Hamburg legten, und etliche legten an die von Lübeck, und man focht mannlich auf beiden Seiten. In diesem Gefecht flossen die Schiffe der Hamburger aus der Tiefe, wo es flott war, so daß sie auf den Grund zu sitzen kamen. Da wurden sie von den Dänen umringt und fochten mit ihnen lange, und als keine Hilfe kam, wurden sie gewonnen und die Mannschaft gefangen und nach Kopenhagen gebracht. Den Hauptmann von Lübeck segelte eine große Barse an, darin waren Fürsten, Ritter und viele gute Leute, die dem Kriege den Hals gebrochen hätten, wenn sie in Gefangenschaft gekommen wären. Aber da sie beide zusammentreffen sollten, da fürchtete sich das große Schiff des Hauptmanns vor dem kleinen und wich über Seite und ließ die Barse vorüberschießen. Es wich vielleicht aus Zucht, wie die Knechte dem Herrn weichen. Da dies Weichen die Hauptleute der anderen Schiffe sahen, die nur tun sollten, was sie den lübischen Hauptmann tun sahen, so wichen sie auch aus Höflichkeit und ließen die Barse in Frieden. Aber all solche Zucht und Schonung deuchte nicht ehrlich dem Schiffer eines andern lübischen Schiffes, welcher Goswin Grul hieß, darin war der Ratmann Herr Johann Bere mit den Seinen. Der brachte sein Schiff unter die Feinde und sagte seinen Leuten, sie sollten sich wehren, wenn sie wollten. Die stellten sich da als stolze Degen und fochten mit den Dänen mannlich lange Weile und schlugen ihrer viele tot ohne großen eigenen Schaden. Sie wurden ihrer zuletzt mächtig, gewannen ihnen ihr Schiff ab und fingen sie alle. Desgleichen tat ein anderer Schiffer, Walter Bischop genannt, mit den Seinen und legte an ein großes Schiff der Schweden. Dieser Feinde wurden die Lübischen auch mächtig, gewannen das Schiff mit harten Schlägen und ergriffen alle, die darin waren, außer denen, die tot blieben oder sich selbst ertränkten. Von den anderen Hauptleuten waren wenige, die an die Feinde wollten, sondern sie ließen sich dünken, fernab wäre ein guter Harnisch. Als dieser schmähliche Streit mit so großer Versäumnis geschehen war, nicht lange darauf räumte der lübische Hauptmann Tidemann den Sund ohne jegliche Not oder Gefahr, gegen das Gebot seines Rates und der anderen Städte, bevor die Bayenflotte in den Sund kam. Aber als er des morgens aus dem Sund gesegelt war, kam die Bayenflotte an demselben Tag in den Sund und meinte im Geleit der Städte aus der See durch den Sund zu fahren, wie ihnen geschrieben war. Da der König von den Schiffen vernahm, sandte er seine Stärke ihnen unter die Augen, zu fechten und sie womöglich zu gewinnen. Da ward ein harter Streit gefochten, viele Dänen wurden erschlagen und ertränkt, aber die Dänen behielten den Sieg und kaperten den größten Teil der Flotte. Der König nahm da an 46 Schiffe, beladen mit großem Gut; das war der Kaufmann übel zufrieden. Da dies dem lübischen Hauptmann Tidemann Steen und den andern Hauptleuten kund ward, wurden sie sehr betrübt, wanden ihre Segel auf und fuhren wieder zu deutschem Land. Danach wurden die sechs Seestädte, welche ihr Volk im Sund gehabt hatten, nach Lübeck entboten. Da begannen die von Hamburg schwer zu klagen über den Bürgermeister Herrn Tidemann Steen, weil er gestattet hatte, daß ihre Hauptleute, Bürger und Söldner von den Dänen geschlagen und gefangen wären, und er könnte sie wohl gerettet haben mit den Seinen, wie er doch wohl verpflichtet war, und hätte das nicht getan, hätte ihnen auch keine Hilfe gesandt von den andern Städten, wenn er selbst nicht zur Rettung kommen konnte. Da die Klage von den Hamburgern getan war, verfolgten dieselbe Klage sofort die Bürger (Kaufleute) von Lübeck und sprach zu ihrem Rat so: ›Liebe Herren von Lübeck, wir fragen euch, ist Herr Tidemann Steen aus dem Sund gesegelt, bevor die Bayenflotte in den Sund kam, nach eurem Geheiß und Erlaubnis, oder nicht?‹ Auf der Bürger Frage antwortete Herrn Hinrik Rapesulver von Rats wegen und sprach: ›Das ist geschehen von ihm ohne unsere Vollmacht und Erlaubnis, wir hatten ihm das ernstlich verboten.‹ Da sprachen die Bürger zu Herrn Tidemann Steen und sagten: ›Herr Tidemann, hat jemand von uns, die mit Euch in dem Sund waren, anders getan, als Ihr ihm geheißen?‹ Da antwortete Herr Steen und sagte: ›Was da geschehen ist, daß ihr aus dem Sund gesegelt seid vor der Bayenflotte, das ist geschehen nach meinem Geheiß, das tat ich selbst um des Besten Willen und mit Vollmacht der anderen Hauptleute.‹ Da sprachen die Bürger wieder zu ihrem Rat und sagten: ›Hierauf bitten wir Recht über Herrn Tidemann, darum, weil er wider euer Gebot getan hat, und uns dadurch in unverwindlichen Schaden gebracht hat, und auch unsere Freunde leiblos und gutlos gemacht hat. Und das Recht begehren wir zur Stunde von euch, daß ihr und wir uns scheiden.‹ Da der Rat den Ernst der Bürger hörte, fürchtete er sich vor einem Auflauf und fragte die Bürger, ob der Mann Bürgen stellen dürfe. Da dies nicht sein konnte, so mußte Herr Tidemann in des Kaisers Schloß gehen, darin saß er fest über drei Jahre. 1443. In der Baye In der Fasten kamen in die Baye einige Schiffe von Preußen und Livland in Flotte, darauf waren Admiral Kersten Truper und Jakob Winstein und fanden vor sich in der Baye die Jorcze (George?) von London mit mehreren Schiffen von England und von Irland. Etliche kurze Zeit vor Ostern wurden die aus Preußen und Livland, während sie in der Baye lagen, gewarnt, daß eine mächtige Flotte aus Holland, Seeland und Friesland hinkäme, welche Flotte alles, was aus Preußen und Livland wäre, nehmen wollte. Darum legten die Preußen ihre Schiffe zusammen und rüsteten diese so, daß sie sich verteidigen konnten. Am Montag zu Ostern kam die holländische Flotte vor die Baye, ihre kleinen Schiffe segelten binnen, die großen aber saßen draußen. Da sie sahen, daß sich die preußische Flotte zur Wehr bereitet hatte, legten sie auch binnen und ankerten ihre Schiffe. Und an demselben Abend kam ein Teil von ihnen ans Land, und wie sie so in der Taverne saßen, sagten sie, sie wollten den Englischen die Schwänze vor den Hintern abhauen mit mehreren unziemlichen Worten. Dies hörte ein Englischer von der Jorcze, vermerkte es übel, nahm einem Holländer sein Messer, trat es in Stücke und ging mit seinem Volk dort zu Schiff. Da dies die englischen Admirale hörten, gingen sie zu den Admiralen von Holland und baten, daß sie ihrem Volk steuerten, auf daß keine Rauferei unter ihnen geschähe. Die Holländer sprachen, sie könnten ihr Volk nicht beraten; da sprachen die Englischen, da würden sie selbst zusehen müssen, daß sie ihnen steuerten. Als am Dienstag zu Ostern kamen die holländischen Admirale, als Dyrik Willamsoen und Johann van der Nele ins Kloster zu den vorgenannten Admiralen aus Preußen und sagten, daß da ein Balneyer (Walfischfänger) läge, das Schiff hieße Meister Hanneke, das gehörte dem Regenten aus Holland und wäre ihm von den Englischen genommen, das wollten sie wieder nehmen und bäten die preußische Gesellschaft, daß sie sich nicht daran kehren sollte. Darauf ward ihnen geantwortet: hätten sie etwas mit den Englischen zu tun, das läge den Preußen nicht auf dem Wege; doch baten die Preußen die aus Holland, daß sie erst mit den Englischen sprächen, damit sie sich nicht untereinander schlügen. An demselben Vormittag kamen die Engländer und fuhren ans Land, wohl mit 400 oder 500 Mann gewappneten Volk, dort gingen sie zwei Mann hoch; als sie auf den Markt kamen, teilten sie sich, stellten vor jedes Schießhaus eine Riege und gingen ins Kloster und luden die Holländer zu sich ins Kloster, um sich dort zu vertragen. Und sie schieden dort in Eintracht ohne Zweiung voneinander, und jedermann ging, wohin es ihm beliebte. Am Nachmittag kamen die Admirale von Holland zu den preußischen Admiralen und brachten einen jungen Mann von Amsterdam mit und sprachen, diesem wären wohl dreißig Nobel und anderes Geld genommen und baten die preußischen Admirale, daß sie ihm sein Geld wieder schicken und ferner gegen solche Räuber und Übeltäter helfen wollten, wie Recht wäre. Darauf antworteten die Preußen, daß sie von solchen Sachen nichts wüßten, aber sie wollten sich gern danach umhören, und auch sie selbst sollten sich mit erkundigen; könnte man etwas erfahren, wer es getan hätte, so wollten sie ihnen gegen diesen Mann helfen, wie Recht wäre. In der Zeit, wo sich dies zutrug, waren die Admirale der beiden Flotten mit vielen anderen Schiffen von beiden Seiten in einer Taverne zu Gesellschaft. Da ward ein Auflauf und Schlägerei und großes Raufen auf der Straße, daß man die Holländer schmeißen sollte, und wo die Holländer in der Taverne saßen, da wurde nach den Fenstern zu ihrem Tisch geschossen. Bei diesem Ereignis wollten die Admirale von Holland mitsamt den anderen Schiffen, die bei den preußischen Admiralen in der Taverne waren, alle heraus, um ihre Leute zu retten. Das wollten ihnen jedoch die Admirale aus Preußen nicht gestatten, behielten sie binnen und gingen selbst mitten in den Auflauf und unterwiesen und steuerten dem Volk, so daß jedermann zufrieden ward, wobei einer von ihren Mitgesellen, Großohm genannt, schwer verwundet wurde. Darauf machten dieselben Preußen zwischen den vorgenannten Englischen und Iren als einem Teil und den Holländern als anderm Teil solch eine Verabredung, daß die Holländer und Seeländer zu Schiff gehen und ans Land fahren sollten bei Bunde (Bonge) und dort zur Kirche gehen, und die Englischen und Iren sollten ans Land fahren bei Borneff und dort zur Kirche gehen, und die Preußen versprachen den Engländern, was sie bedürften von Rudern, Balken und Bohlen und was sonst zu ihrer Ladung dienen möchte, das wollten sie ihnen gern nach Borneff senden. Das taten die Preußen den Holländern zugut, damit diese sich mit den Englischen und Iren nicht mengen sollten. Dieser selbige Auflauf, Lärm und Schlägerei ist durch die preußischen Admirale und ihre Mitgesellen gestillt und beigelegt, und wäre er von ihnen nicht beigelegt, so war zu befürchten, daß niemand von Holland und Seeland am Leben geblieben wäre, sie wären alle von den Englischen und Iren geschmissen worden. Diese Freundschaft und Vermittlung lassen aber die vielgenannten Holländer die vielgedachten Preußen und Livländer doch nicht genießen, sondern sie haben an einem von unseren Mitgesellen, Johann von Rostock genannt, ihren verbosten Willen und Untreue bewiesen, als dieser zu Schiff und Segel gehen wollte. Denn sie haben ihm sein Boot abgejagt, daß seine Kinder (Matrosen) daraus entlaufen mußten, und behielten das, bis der Holk lange in See war, da wurde ihm das Boot durch zwei seiner Kinder, die aus Holland waren, nachgebracht. 1473. Paul Beneke von Danzig Gott weiß, daß mich in der Geschichte nichts Höher erfreut, als wenn ich lese, daß eine deutsche männliche Tat getan und ein kühnes unverzagtes Herz erwiesen ist, wie von unseren Vorfahren, den alten Deutschen, bei allen Chronikenschreibern gepriesen wird. Derenthalben will ich einem deutschen Helden die Ehre antun und seine Historia mit aller Umständlichkeit treulich beschreiben, wie ich sie in vielen Chroniken geschrieben finde, wiewohl ich billig dieselbe hätte mit anderem übergehen können. Davon ist viel gesagt und geschrieben, daß die Englischen großen Mutwillen trieben gegen alle Osterstädte, Lübeck, Hamburg, Wismar, Danzig, und wiewohl viele Tageleistungen derselben geschehen sind, konnte doch ein Vertrag der Sache nicht geraten. Deshalb wurden die Osterstädte genötigt, Schiffe in der See mit Volk und Geschütz zu halten, welche die Kauffahrt von den Englischen bewachen mußten. Dazu war der Hader so heftig, daß [...] das eine Part dem andern so weh tat, als es konnte. Da begab es sich, daß die Englischen ein großes Schiff in der See hatten, welches ›Johannes‹ heißen mußte, und sie ließen sich hören, sie wollten damit die ganze See überwachen und die Osterlinge zwingen. An dies große Schiff der Englischen kam ein Schiffer von Danzig, mit Namen Paul Beneke, welcher auch ein Orlogschiff führte, und kam mit den Englischen in Kampf und gewann das große Schiff und brachte es seinen Herren nach Danzig. Ein Rat von Danzig bemannte in der Eile das Schiff und setzte einen Ratmann darauf als Hauptmann. Aber da die Englischen das Schiff verloren und hörten, daß die Danziger damit in der See spazierten, trauten sie dem Schiff in der See nicht, in Sicht zu kommen. Also waren die von Danzig mit diesem großen Schiff den ganzen Sommer in der See, konnten aber keinen Profit schaffen, deshalb liefen sie nach der Elbe, Getränke und Proviant zu holen. Alldort verließ der Ratmann das Schiff und setzte Paul Beneke zum Hauptmann, damit er das Schiff um den Schagen segelte und vor die Weichsel bringe. Darauf reiste der Ratmann über Land und nach Hause. Aber Paul Beneke, dieweil der Wind günstig war, lief unter die Küste von Flandern, in Hoffnung einer guten Beute, wie ihm auch widerfuhr. Denn als er unter Flandern kam, ward er zu wissen, daß zu Brügge etliche Florentiner, welche damals Finanzer und jetzt Fugger genannt werden, von den Englischen großes Geld genommen hätten, damit sie unter ihrem Namen englisches Gut nach England verschiffen möchten, und daß sie dafür zu Sluis eine große Galleye geheuert hätten, die sie mit Geschütz und Volk mächtig gerüstet und dazu mit Wappen und Banner des Herzogs Karl von Burgund geziert hätten, und damit dies unvermerkt bleibe, hätten sie Welsche und Florentiner daraufgesetzt. Als dies Paul Beneke hörte, hatte er Verlangen, die Galleye zu besehen. Nicht lange darauf kamen die Florentiner mit der Galleye zur See, nicht anders, als wenn da eine Burg oder Schloß hergeflossen käme. Paul Beneke näherte sich der Galleye, bot ihnen seinen Gruß und fragte, woher sie kämen und wohin sie den Willen hätten. Aber der Hauptmann auf der Galleye, ein Lombarde, welcher der Padrone genannt wurde, gab ihm eine spöttische Antwort: Was er danach zu fragen hätte, ob er nicht die Wappen sowohl in den Bannern als auf der Galleye kenne, wo er denn zu Haus wäre, ob er denn wohl sonst schon Leute gesehen hätte. Denn der hoffärtige Lombarde ließ sich bedünken, der Deutsche mit seinem Schiff müßte dem Welschen wohl weichen. Aber er fand einen rechtschaffenen deutschen Mann vor sich. Deshalb sprach Paul zu dem Lombarden, er solle Flagge streichen und die Güter von sich geben, die nach England zu Haus gehörten, und wenn er nicht in gutem wollte, so sollte er dennoch streichen und damit Schiff und Gut verloren haben. Diese Worte achtete der Welsche für große Torheit, daß der Deutsche aus seinem Schiff dem Welschen in so großer unangreifbarer Galleye dürfte so trotzige Worte geben. Deshalb achtete der Welsche den Deutschen nicht wert, daß er ihm antworten wollte. Alsbald war Paul Beneke und sein Volk fertig und drückten zu der Galleye heran und hielten mit dem Welschen eine Zeitlang Schußgefecht. Aber dieweil das Volk in dem Schiff sah, daß die Welschen in der Galleye an Geschütz und Zahl des Volkes überlegen waren, wurden sie zaghaft und wichen mit dem Schiff zurück. Da dies die Welschen sahen, riefen und schrien sie ihnen mit allen Kräften nach. Da hub Paul Beneke in gar zornigem und traurigem Mut zu seinen Preußen an und sprach: ›Och, Gesellen, wat do wi nu? Wat will hiruth werden? Wo willen unde können wi dat verantworden? Nun wollte ich doch, daß ich diesen Tag nicht erlebt hätte, wo ich mit meinen Augen ansehen muß, daß so mancher ehrliche deutsche Kriegsmann und Schiffmann vor den Welschen verzagt und die Flucht nimmt. Was haben wir doch für Ursache, was macht uns so verzagt? Wäre uns nicht ehrlicher, daß wir alle vor unseren Feinden für unseres Vaterlandes Freiheit gestorben und zur Stelle geblieben wären, als daß wir die Schande unser Leben lang tragen sollen, daß die Kinder mit Fingern auf uns weisen und nachschreien: das sind die, die sich von den Welschen haben verjagen lassen. Gedenkt doch, welch einen Mut unsere Feinde, die Englischen, erhalten werden, daß die allezeit gewinnen und wir verlieren. Wie manchen frommen deutschen Seemann werden wir um Leib und Gut bringen; ach hätten wir das Spiel nicht angefangen. Es wäre besser, wir hätten vorher gutes Maß gehalten, daß uns die Welschen ihr Leben lang nicht vor Augen gekriegt hätten. Habe ich nicht vorher zu euch gesagt: Brüder, da wäre wohl eine gute Beute vorhanden, aber sie will Arbeit kosten, wolltet ihr wie ich Ernst anwenden, sie sollte uns nicht entgehen, aber unerschrockene Herzen und Fäuste wollen dazu gehören. Die Galleye ist groß, dazu als ein unförmlich Biest anzusehen, das ihr nicht gewohnt seid, viel größer als unser Schiff, dazu mit vielem Volk und Geschütz ausgerüstet; aber es sind Welsche und keine Deutschen. So wir aber unseren Vorvätern nach mit Herz und Faust wollen Deutsche sein, so sollte uns die Beute nicht entgehen und unser Lebtag uns gut tun. Da riefet ihr alle, man sollte an euch nichts anderes finden, als was deutschen Männern wohl ansteht; ach großer Gott, jetzt muß ich mit meinen Ohren anhören, daß Welsche uns nachrufen: so soll man die deutschen Hunde jagen. Sollte nicht ein ehrlicher Deutscher eher sterben, als so etwas hören.‹ Mit dergleichen Worten machte Paul Beneke seinem Volk das Blut wieder warm, daß sie sprachen: ›Lieber Herr Hauptmann, hier ist noch nicht viel versehen; daß wir eine Wendung getan, kann uns viel und unsern Feinden nichts nützen. Laßt uns also unsere Sache fleißig beschicken, wie uns das am profitierlichsten ist, wir sind doch Deutsche und wollen uns auch als Deutsche finden lassen. Man führe uns abermals vor die Feinde, die Welschen, sie sollen Hunde vor sich finden, die nicht laufen, sondern weidlich beißen können, sie sollen diesen Tag mit Gottes Hilfe unser sein, und wären der Welschen auch noch so viel, oder wir wollen alle sterben.‹ Als Paul Beneke merkte, daß der Kriegs- und Schiffleute Blut wieder warm und hitzig geworden war, wollte er sie auch nicht weiter verbittern, sondern er gab dem Schiffer gute Worte, daß er das Schiff an die Galleye steuern ließ. Da entfiel den Welschen der Mut, und da begannen sich die Preußen als Deutsche zu beweisen, unverzagt wie die Löwen zu den Welschen hinzudrängen und zu schlagen, und ehe die Welschen sich des versahen, waren die Deutschen bei ihnen in der Galleye und begannen zu würgen, was ihnen vor die Hand kam. Da hätte man mögen sein Wunder sehen, wie der große Padrone von der Galleye, der zuvor alle Deutschen fressen wollte, und der andere große Fugger auf die Erde fielen, sich vor die Brust schlugen und die Deutschen wie Götter anbeteten. Da ließ sich Paul Beneke abermals als ein Deutscher hören und sehen; denn wiewohl die Welschen nichts Gutes mit ihren spöttischen Worten von den Deutschen verdient, so konnte es doch das edle deutsche Blut nicht lassen, sondern mußte Barmherzigkeit beweisen gegen die, so jetzt überwunden sich demütigten und Gnade begehrten. Als nun die Galleye gewonnen war, entstand dem Paul Beneke eine neue Mühe, denn das Kriegsvolk und Schiffvolk wollte gar nicht gestatten, daß die Galleye nach Danzig gebracht werden sollte. Weil des Gutes so viel darin war, viele tausend Gulden an Wert, fürchtete das Volk, die Beute möchte ihnen nicht ganz zuteil werden, denn sie wußten, daß ein Rat von Danzig als Reeder des Schiffes die Hälfte für sich nehmen würde; außerdem befürchtete das Volk, es würden so viele Briefe und Schriften hinterherkommen, daß sie wohl nichts von der Beute kriegen würden. Diese und andere Ursachen mehr stellten sie dem Hauptmann vor, daß sie ganz und gar nicht nach Danzig wollten, und wiewohl Paul Beneke allen möglichen Fleiß anwandte, wie einem ehrlichen Deutschen ansteht, seinem Herrn stets Treue zu beweisen, so konnte er doch das Volk nicht überreden, sondern sie blieben bei ihrem Vorsatz und liefen mit der Galleye und dem Schiff auf die Elbe und begehrten von dem Bischof von Bremen Geleit, damit sie die Beute teilen könnten. Das Geleit wurde ihnen gegeben, deshalb legten sie vor Anker und nahmen Geleit von dem Rat von Stade, denn ein Rat von Hamburg wollte sie nicht geleiten. So boten sie die Beute zu Kauf, aber sobald es zu Lübeck und zu Hamburg ruchbar wurde, ließen die Herren in beiden Städten bei Leib und Gut verbieten, daß niemand von den genommenen Gütern kaufen sollte; aber weil sie guten Kauf gaben, kriegten sie dennoch Käufer, wiewohl es hoch verboten war. Es begab sich, daß in derselben Zeit zwischen den Osterstädten und den Englischen ein Tag zu Utrecht gehalten wurde. Da also die Lombarden die Zeitung erhielten, daß Paul Beneke die Galleye genommen hatte, reisten sie alsbald nach Utrecht und klagten kläglich, daß die Osterleute sie gekapert hätten, da sie doch nicht der Osterlinge Feinde wären, sie hingen auch große Drohworte daran; aber daß sie von den Englischen Geld genommen und gelobt, mit solcher Finanzerei das Gut derselben hinüberzubringen, davon schwiegen sie still. Die Herren der Städte gaben zur Antwort, sie wären nicht dazu da, um zu richten, sie könnten nichts als Fleiß anwenden, daß man die Sache zwischen den Englischen und den Osterstädten zu einem guten Vertrag brächte. Wäre ihnen etwas genommen, so möchten sie ihr Recht bei denen suchen, die es getan hätten; könnten ihnen die Städte in späterer Zeit helfen, so wollten sie es gern tun. Als die Lombarden bei den Herren von Lübeck, Köln und Bremen, die zu Utrecht waren, keinen besseren Bescheid erhielten, bewirkten sie bei Herzog Karl von Burgund, den damals alle Welschen, Spanier und Franzosen fürchteten, daß er an Paul Beneke auf die Elbe seinen Sendboten schickte, welcher im Namen des Herzogs von Burgund Schiff und Ware zurückforderte, die in seinem Fahrwasser und dazu unter seinem Wappen genommen wären. Aber dieser Legat kriegte von Paul Beneke und den Seinen eine solche Antwort, daß er ledig wieder nach Hause ziehen mußte, und Paul Beneke und sein Volk teilten die Beute, also daß Paul Beneke die Hälfte der Beute von wegen des Rates zu Danzig empfing, die andere Hälfte teilten die Leute und wurden alle reich. Also brachte Paul Beneke die Hälfte der Beute dem Rat nach Danzig. Nicht lange danach bewirkten die Lombarden bei dem Herzog von Burgund, daß er einen Brief sandte an den Rat von Danzig, dieses Inhalts: er wollte von den in Danzig all dies Gut bezahlt haben oder so jemand von Danzig in sein Land käme, denselben wollte er mit Leib und Gut anhalten. Aber die von Danzig kehrten sich nicht groß an das Schreiben. Diese Historia habe ich gern so fleißig geschrieben dem deutschen Helden zu Ehren, und wollte Gott, daß diese guten Städte viele solcher Hauptleute hätten, die sie in der Not gebrauchen könnten. – Aus dieser männlichen Tat des Paul Beneke entstand so viel, daß die Englischen den deutschen Kaufmann zu Brügge bearbeiteten, man möchte an die Herren der Städte schreiben und noch einmal einen Tag zu Utrecht ansetzen, sie wollten sich in allen Dingen billig finden lassen und nach dem Frieden trachten. Der Kaufmann schrieb an die Herren von Lübeck, Hamburg, Danzig, der Tag wurde gehalten, die Sache vertragen. Und so ward der Fehde ein Ende, die so manches Jahr gewährt, und die Englischen mußten den deutschen Kaufleuten für ihren Schaden 10 000 Pfd. Sterling geben, d. i. 60 000 rhein. Gulden, den Gulden zu 24 Schilling. Soweit der Chronist. – Zur Zeit des Paul Beneke sandte seine Stadt einmal in einem Jahr 1100 Schiffe mit Getreide nach England, häufig 600–700 Schiffe. Und das Getreidegeschäft war damals nicht die größte Erwerbsquelle der Danziger, und Danzig war nicht die größte unter den 70 bis 80 Städten der Hansa [...]. Diese Blüte des norddeutschen Handels war aus dem freien Bund einzelner Städte erwachsen und aus Privilegien, welche der Schwäche anderer Mächte durch Gewalt und Geld abgerungen waren. Sie verging, sobald das Interesse der Staaten mächtiger wurde als das der Städte, und seit die Kriegsflotten der Holländer, Engländer, Nordmannen und zuletzt sogar der Russen stärker waren als die Orlogschiffe von Hamburg, Bremen, Lübeck und Danzig. Ganz allmählich sank im 16. Jahrhundert eine Stadt nach der andern aus dem Hansabund, herrisch wurde ein Hof und Kontor nach dem andern von den Fremden geschlossen. [...] IX Krieg und Fehde Im 14. und 15. Jahrhundert Volkstümliche Auffassung des Fehderechts. Fehdebrauch. Eine Fehde zwischen Dorf und Stadt. – Fehde der Stadt mit den Schildbürtigen. Vorsichtsmaßregeln, Rüstungen. Außenhäuser. Polizei. Absage. Beutezüge. Verteilung der Beute. Gefangene. Belagerung. Pulver und Geschütze. Batterien. Städtebünde und ungünstige Stellung der Städte beim Vergleich. – Die Rittermäßigen als Fehder. Raubgeschäfte. Haß gegen die Städter. Die Gesellen des Fehders. Die Reisen. Harte Behandlung der Gefangenen. Gericht der Städter und Rache. Das Volk wußte, daß sein Recht bei Krieg und Fehde nicht in Büchern zu lesen war. Eine Stadt machte zuweilen in Notzeit eine Ordnung für ihre Bürger, worin sie verständig alten Brauch nach dem Bedürfnis der Stunde ergänzte. Aber das Recht, nach welchem die Kriegsknechte einen Genossen richteten, die Grundsätze, nach denen Vertrauensmänner die Beute verteilten, vor allem die Begriffe von Recht und Unrecht, von Ehre und Schande, nach denen der Krieger sich gegen den Feind hielt oder der Hauptmann die Streitigkeiten schlichtete, waren nirgend verzeichnet. Nach volksmäßiger Auffassung hatte das Recht der Fehde jedermann, der überhaupt sich selbst Recht fordern durfte, für den Unfreien der Herr. Zwar wenn Bäcker, Köche und Küchenjungen edler Herren den Städten oder einmal einem andern Edlen absagten, so war das nur ein im 15. Jahrhundert beliebter Hohn ihrer Herren; und ein Knabenstreich war es, wenn ein einzelner Bürger dem Kaiser Fehde ankündigte oder ein Junker den Bürgern Frankfurts, weil seinem Verwandten von einer Frankfurterin ein Abendtanz abgeschlagen war, oder die Schuhknechte in Leipzig einigen Professoren derselben Stadt. Aber auch der Fuhrmann, der fahrende Händler, der heimatlose Lungerer, ja Frauen und Mädchen sendeten Fehdebriefe an Herren und Städte, und solche Kriegserklärung kleiner Leute wurden vielleicht lästig, wenn die Fehder Wegelagerer und Junker fanden, welche ihnen halfen. Freilich das Fehderecht durfte nur unter gewissen Beschränkungen geübt werden, in denen sich das deutsche Gewissen geltend machte. Der Bürger gegen seine Stadt, der Vasall gegen seinen Edelherrn mußten vorher aus ihrem Abhängigkeitsverhältnis ausscheiden, der Bürger, indem er seinen Abschied aus der Stadt nahm, der Lehnbesitzer, indem er sein Lehn in die Hand des Herrn zurückgab. Beide wußten diese Pflicht zu umgehen, der Bürger entfernte sich, ohne vorher die gebotene Abzugsteuer zu entrichten, und kündigte aus sicherem Aufenthalt das Verhältnis, der Belehnte rückte mit seiner Habe aus der Burg und zeigte dies dem Herrn an, um die Burg gleich darauf wieder als Feindesgut zu besetzen. Ferner mußte die Fehde dem Gegner drei Tage vor Beginn der Feindseligkeiten angekündigt werden, und zwar von jedem der Schwurgenossen, welche sich dazu vereinigt hatten; in der Absage mußte erklärt sein, wem der Unfriede gelte. Und er galt nicht nur dem Leib und Gut des Gegners, auch den Genossen seines Hauses und allen, die als Lehnsleute, Verpflichtete, Hörige und Unfreie an ihn gebunden waren, deshalb in der Regel auch seinen Blutsverwandten – wohl immer, wenn vergossenes Blut zu rächen war – sowie der ganzen Gemeinde, die sein Leben schützend umgab. War der Feind eine Stadt, dann allen Bürgern, Bauern und den Rittermäßigen, welche auf Häusern der Stadt saßen oder in ihrem Dienst standen. War der Feind ein Landesherr, dann allen Städten, Lehnsleuten und Untertanen, und vergebens protestierten die Städte, in solcher Art unter Gewaltakten und unbezahlten Schulden ihrer Landesherren leiden zu müssen. Durch dasselbe Gewohnheitsrecht waren zahllose Einzelheiten in Fehde und Krieg bestimmt, an deren Beobachtung man den »ehrlichen« Mann erkannte. Viele dieser Regeln, welche um 1300 und 1400 das Tun der Besseren und Hochsinnigen leiteten, sind unserer Empfindung unschmackhaft, z. B. geliehener Harnisch und Pferd, welche im Streit verlorengehen, werden nicht wiedergegeben, falls das nicht besonders ausgemacht ist; den Gefangenen mag man töten, wenn man in Wahrheit sein Leben für gefährlich hält und seinem Versprechen nicht glaubt, außer wenn man ihm im Streit das Leben versichert hat; aber seine Habe verliert er, wenn ihm die nicht zugeschworen ist. Des Kaisers Recht ist, daß alle seine Gefangenen eigene Knechte werden, wenn er selber ficht. Wer gefangen liegt und sich ausbittet, heimzufahren in sein Haus und dabei versprechen will, sich an einem Tag zu stellen, der muß sein Gelöbnis halten, außer wenn er weiß, daß er sterben oder an einem Glied verderben muß; dann mag er ausbleiben. Was zu Land und Leuten des Feindes gehört, verfällt dem Sieger, auch der Unbewaffnete und sein Privatbesitz. Die Ernte des Feldes wird verwüstet, die Dörfer niedergebrannt, die Herden weggetrieben, Bauern und Bürger getötet oder in die Gefangenschaft geführt. Aber christliche Frauen und Kinder sollen kampffrei sein, sie werden nicht gefangen und nicht geschätzt. Es war auch Kriegsbrauch, den Frauen ihre Kleider zu lassen, wenigstens von den Städten wurden die bösen Buben, welche Frauen ihrer Kleider beraubt hatten, streng bestraft, und auf den Burgen galt die Courtoisie, daß die Frau aus rittermäßigem Geschlecht ihren ganzen Schmuck behielt. Wer die Fehden dieser anarchischen Zeit mustert, der findet uralte Volkssitte unter jüngerer Erfindung, die durch Rittertum und städtisches Gemeindeleben zugebracht wurde. Aber in der Hauptsache sind Formen und Methode der Fehden merkwürdig gleich, ob sie groß oder klein sind, zwischen Fürsten oder Bauern entbrennen. Auch ihr Verlauf zeigt in endloser Wiederholung dieselben schweren Taten und Leiden. Deshalb soll hier statt einer einzelnen Fehde der Gang, den sie insgemein zu nehmen pflegte, geschildert werden. Zuerst, wie etwa der Streit zwischen zwei kleineren Gemeinden verlief. In Bayern z. B. sind ein ansehnliches Dorf und eine kleine Stadt in Fehde geraten, die Veranlassung ist eine Schlägerei und Verwundungen bei einem Dorffeste. Die aus dem Dorf halten unter Vorsitz des Meiers Rat; zwar warnen einige Alte vor allzugroßer Schärfe, aber der wilde Haufe der jungen Männer überschreit sie. Man beschließt, die Fehde zu erklären. Ein Bote wird gesandt in einem rosafarbenen Tuch mit einem Schwert und Handschuhen, die mit rotem Blut besprengt sind, als Zeichen, daß man mit den Bürgern fechten will. Der Bote kommt vor den Rat der Stadt und beginnt: »Mein Herr, der Meier, und der Rat meines Dorfes haben mich zu euch gesandt, daß ich euch einen Gruß sage, wie ihr ihn verdient. Ich widersage eurem Leib und eurer Habe von meinen Herren allen, nehmt den Handschuh in eure Hand und auch das blutige Eisen, damit ihr euch wehrt; auf dem Feld bei der großen Linde werden meine Herren sich nach drei Tagen am Morgen früh finden lassen.« Ihm antwortet der Bürgermeister der Stadt: »Trage Schwert und Handschuh deinen Herren zurück und sage ihnen auch unsern Fluch. Mit unsern eigenen Schwertern wollen wir sie treffen, wenn sie an die Stätte kommen, zu der sie uns geladen. Du aber nimm hier das Roß, es sei dein; als Botenbrot von meinen Bürgern und mir gebe ich dir's, denn deine Märe macht uns wohlgemut.« So beschenkt kehrt der Bote zurück, beide Parteien senden nach Städten und Dörfern in der Runde Briefe und Bitte um Hilfe. Überall in der Umgegend versammelt sich der Rat und überlegt. Die einen sagen: »Es ist eher möglich, zwischen zwei Feinden zu wählen als zwischen zwei Freunden, leiste ich einem von zwei Feinden Hilfe, so gewinne ich ihn zum Freunde. Diese aber sind beide unsere Freunde, stellen wir uns auf eine Seite, so verlieren wir einen Freund. Wir wollen also gemach tun und keinem von beiden Friede noch Sühne brechen.« Und andere Städte sagen: »Die Edelleute sind uns so heiß auf Leib und Gut, daß wir nicht zu der Geschichte fahren können, darum bitten wir beide um ihre Huld, wenn wir uns entschuldigen.« In einer Stadt aber entscheiden die Bürger: »Rat soll man jedermann geben, der sein begehrt, unsere Gewalt aber geben wir dem, der unserem Rat folgt und der schwächere ist. Sind aber beide übermütig, so lassen wir sie streiten, bis sie selbst müde werden.« Die so sprechen, schicken ihre Boten zu den Entzweiten und reden zum Frieden; ihnen aber wird die Antwort: »Wir haben euch um Hilfe gebeten und nicht um Rat, ihr handelt nicht ehrlich an uns.« So schlägt die Vermittlung fehl, und beide Teile senden wieder zu den guten Nachbarn, die ihnen hilfreich sein werden, weil sie gegen die anderen einen Groll haben. Am Tag vor dem Kampf rücken die Männer des Anzuges an beiden Orten ein, etliche zu Fuß, andere zu Roß, jeder Trupp mit einem Fähnlein, vor jedem Haufen fahrende Leute mit Pfeifen und Saitenspiel; auch Fremde laufen herzu, wandernde Kriegsleute, Schützen und Schildknechte. Fröhlich wird der Anzug empfangen, in der Stadt steigt der Bürgermeister auf ein Hausdach am Markt, um von allen gehört zu werden, und redet die Bewaffneten an: »Zuerst essen wir fröhlich Brot und Fleisch und trinken dazu roten Wein, dann ziehen wir gegen die Nacht hinaus auf das Feld, dort richten wir Hütten und Zelte auf, halten gute Wache und Lagerfeuer bis zum lichten Tag. Danach lege jeder seinen Harnisch an und befehle seine Seele Gott, und jeder führe einen Segen bei sich, und sind unter dem Feinde Unchristen, die mit dem Teufel fechten, denen schneidet die Beine ab.« Darauf ernennt der Bürgermeister einen Fähnrich und sagt zu ihm: »Du, unser Bannermeister, hast um nichts zu sorgen als um die Sturmfahne im Gefecht. Trag' sie festlich hoch empor und trachte, daß du nicht wiederkehrst, wenn man sie niederdrückt.« Und von unten rufen sie: »Wer aber soll den Vorstreit haben?« Der Bürgermeister spricht: »Sind Schwaben unter uns, so haben die den Vorstreit, das ist ihr altes Recht. Von euren Haufen stellt sich jeder den Feinden gegenüber, auf die er seinen größten Haß hat; die aus dem Feindesdorf sollen uns zuteil werden, sie sind uns um kein Geld feil.« So zieht die Schar aus zur Walstatt bei der Linde. Beide Teile schlagen Lager, eines nahe dem andern, sie halten Wache und beichten ihrem Pfaffen. Beim ersten Morgenlicht tönt das Heerhorn, die Haufen ordnen sich, voran die mit der Armbrust, dann die Reiter mit Langspeer zum Einbruch und die mit den Schlachtschwertern, womit sie die Helme zerhauen; bei ihnen sind leichte Fußknechte, damit sie den geworfenen Reitern wieder aufhelfen, die Pferde der Feinde stechen, die gefallenen Feinde schlagen und würgen, und wenn der Sieg entschieden ist, den Rest gefangennehmen. Sind die Scharen geordnet, dann sprechen die Hauptleute zu ihrem Haufen, und der Hauptmann befiehlt dem Bannermeister: »Du schlag' fröhlich daran, Roß und Mann«, dann schreit die Schar: »Über sie, Herr, und über sie, Herr«, und der Kampf beginnt. Es wird ein großes Gedränge, aber die Bürger behalten das Feld, die vom Dorf fliehen und lassen die Erschlagenen zurück. Beute und Gefangene werden gesammelt; dann wird die Beute geteilt, die zugezogenen Genossen verabschieden sich und fahren heim. Die Städter selbst ziehen gegen das feindliche Dorf, Verrat öffnet ihnen eine Pforte, sie dringen vor, indem sie die Dorfgassen vermeiden und durch die Wände aus einem Hof in den andern brechen. Aber ein festes Steinhaus, wohin sich der Rest der Einwohner mit der Habe geflüchtet hat, widersteht ihrem Angriff, vergeblich mühen sie sich, die Mauer zu untergraben oder einzurennen. Endlich ziehen sie mit Beute beladen ab, das Vieh vor sich hertreibend. Die vom Dorf aber besenden jetzt traurig die Nachbarn, deren guten Rat und Vermittlung sie vorher zurückgewiesen. Die Nachbarn stellen sich vorsichtig ein und mahnen die Sieger, Maß zu halten. Endlich wird nach vielen Tagleistungen Sühne und Vergleich besprochen, die Fehde zu vertragen. Ist eine große Reichsstadt der befehdete Teil, so nimmt der Kampf leicht größere Verhältnisse an, die Nachbarstädte, die ganze Landschaft, ein großer Teil des Reiches wird hineingezogen. Die Fehde dauert vielleicht Jahre, Kaiser und Reich machen einige schwache Anstrengungen zu vermitteln. Zuletzt hilft die Ermüdung beider Teile besser zur Sühne als die Vermittler. Es ist wahr, in jede größere Fehde spielten die politischen Interessen der Nation hinein. Kaiser oder Fürsten, Fürstenmacht oder Ritterschaft, Landherren oder Städtekraft, das war die letzte Frage bei unzähligen Kämpfen, die um Burgen und Stadtmauern tobten. Häufig war der Kaiser stiller, aber schwacher Bundesgenosse der Städte, und die Fürsten tätige Parteigenossen der Ritterschaft gegen die lästigen Bürger. Doch diese stille Tendenz in den Kämpfen mehrerer Jahrhunderte wurde immer wieder durch Zufälle und persönliche Händel gekreuzt, häufig standen die Banner einzelner Fürsten und Reichsstädte gegen die Burgen unbotmäßiger Vasallen, und wieder einmal Städte und Junker vereint gegen die Übergriffe eines Landesherrn. Und wie groß die Landstrecken waren, in denen die Kriegsfeuer aufstiegen, es ward fast nie ein großer Brand, die vernichtende Flamme leckte einen Wald, ein Dorf, eine Burg vom Erdboden, sie brach wie eine Seuche hier und da an weit entfernten Orten aus, sie schwächte und verzehrte allmählich die Kraft der streitenden Parteien. Ja selbst Kriege mit Feinden des Reiches, mit den Böhmen, den Ungarn, den Franzosen und Burgundern, hatten den Charakter von Fehden, es waren vielleicht beträchtliche Heerhaufen, die sich zusammenballten, aber sie fuhren nach wenigen Wochen auseinander, kaum jemals überdauerten sie ein verlorenes Treffen. Nicht nur das Geld fehlte, auch die Kriegsleute, welche aushielten. Selten war dem Kaiser möglich, mehrere mächtige Reichsfürsten zur Heeresfolge zu veranlassen, und ebenso schwer wurde den Fürsten, ihre Vasallen zu längerem Felddienst in der Fremde aufzubieten. Dem Feinde in Streifzügen Abbruch tun an Mannschaft und Gut war die größte Kunst des Krieges. Durch zusammengreifende Operationen, eine Schlacht, eine Eroberung größerer Städte, den Krieg zu enden, gelang selten. Auch waren wohlverwahrte Städte, wenn sie nicht durch Verrat oder innere Zwietracht geöffnet wurden, in Wahrheit für die Angriffsmittel jener Zeit zu stark befestigt. Im Jahre 1376 lag Kaiser Karl IV. mit vielen Fürsten und einem Reichsheer vor der Stadt Ulm, er mußte sich begnügen, zu sengen und zu rauben und unverrichteter Sache abziehen. Im Jahre 1447 führten die Nürnberger, damals eine Stadt von wenig mehr als 20 000 Einwohnern, einen Krieg gegen die Mehrzahl der deutschen Fürsten und fast die gesamte Reichsritterschaft; drei Jahre währte der Kampf, in der ganzen Zeit dachten die Feinde nicht einmal daran, die Stadt zu belagern. Seit dem 14. Jahrhundert merkte man, daß ein schneidiges, festes Fußvolk unentbehrlich sei; der Mangel daran verursachte, daß die zweihundert Jahre von Rudolf von Habsburg bis zu den Landsknechten, eine Zeit, in welcher mehr Blech zu Helmen und Harnischen geschlagen wurde als vorher und nachher, und in welcher die Zeitgenossen fast nichts zu erzählen hatten als Zänkereien und Fehden, gerade die Zeit einer kläglichen, militärischen Schwäche, ja völliger Ratlosigkeit vor großer Kriegsgefahr waren. Befürchtete eine Stadt große Fehde, so mahnte der Rat die Bürger, sich mit Wehren und Lebensmitteln zu versorgen; er warnte seine Bauern und gab ihnen anheim, nach der Stadt oder den Schlössern derselben zu fliehen; dort mußten sie schwören, in Burg oder Stadt auszudauern und den Hauptleuten gehorsam zu sein; dafür erhielten sie aus dem Stadtwald Holz, um sich auf Friedhöfen und wo man sie sonst dulden wollte, kleine Hütten zu bauen. Trat die Gefahr näher, dann ritten die Boten auf allen Straßen, die auswärtigen Bürger zu mahnen. Der Rat gebot den Bürgern, Reisige und Pferde zu stellen je nach ihrem Vermögen, zu jedem Pferd einen Knecht, wenn der Gebotene nicht selbst reiten wollte. Jeder Bürger war zu bestimmtem Kriegsdienst verpflichtet mit seinen Gesellen und Arbeitern, die der Stadt für diese Zeit schwören oder weichen mußten. Wem nicht Roßdienst auferlegt war, der gehörte zum Fußvolk oder zur Geschützmannschaft und zum Fuhrwesen. Auch das Fußvolk bestand aus Wappnern in schwerer Rüstung mit Spieß und Hellebarde und aus Leichtgerüsteten mit Schußwaffen, der Armbrust und später dem Handrohr. Nicht überall dauerte die alte Heerteilung nach Innungen, die Bürgerschaft war meist in Quartiere geteilt und stand unter Viertelsmeistern. Frei vom Waffendienst war nur, wer unter sechzehn und über sechzig Jahre zählte, und hier und da, wer fünf lebende Knaben hatte. Auch Frauen waren kampffrei, wenn sie nicht mit Steinen auf der Mauer helfen wollten, das stand bei ihnen. Von einem Reisezug aber aus den Mauern konnte der Bürger sich – zu hohem Preis – loskaufen, und es darf nicht verschwiegen werden, daß dieses Recht von den Wohlhabenden sehr in Anspruch genommen wurde. Die Bürgerschaft zog aus »mit ganzer, halber, Viertelsstadt«, je nach der Größe des Zuges. Aus Rat und Gemeinde wurde ein Ausschuß gebildet, die Kriegsherren, zur Leitung des Krieges. Er warb auch Söldner, Spießer, Armbruster und Büchsenschützen, in der Nähe der Schweiz suchte er Schweizer zu erhalten, auch die böhmischen Städte gaben nach den Hussitenkriegen gegen Sold Mannschaft ab. Unter den Reisigen dienten gewöhnlich Rittermäßige der Landschaft, deshalb wurde gern ein Edler oder Ritter zum obersten Hauptmann der Reisigen gesetzt. Alle Geworbenen erhielten Sold, die Verpflegung besorgten sie entweder selbst oder sie wurde von der Stadt durch große Stadtküchen bestritten. Auf dem Rathaus war außer der Stube der Kriegsherren auch die Hauptwache, welche durch Trabanten mit Büchse oder Armbrust, sichere Leute im ständigen Dienst der Stadt, gebildet wurden, dabei hielt man »Aufbieter« als Ordonnanzen. Sorglich und immer wieder wurden die bewaffneten Bürger und Söldner gemustert. Jeder Abteilung des Stadtheeres waren Sammelplätze in den Mauern bestimmt auf Märkten, und wenn das Notzeichen gegeben wurde, an den Toren. Auf den hohen Türmen der Stadt wachten die Türmer, in jeden wurde zur Unterstützung derselben ein Posten gelegt; schaute der Türmer in der Ferne Feinde oder ein Feuer, so blies er Feind oder Brand und steckte in der Richtung des Unheils am Turm ein Zeichen aus, Tonne oder Sieb an einer Stange. Auf sein Zeichen zogen die Trompeter als Signalisten der Reisigen und die Sackpfeifer und Pauker (Trommler) als Signalisten des Fußvolkes durch die Straßen. Dann rannten die Reisigen und lief das Fußvolk zu den Sammelplätzen. Für die Nacht wurde eine Losung ausgegeben, in der Regel der Name eines Heiligen; wer auf der Straße betroffen sie nicht wußte, wurde zur Hauptwache geleitet. Man wandte große Sorge auf gute Kundschaft vom Feind, außer den Wartleuten bezahlte die Stadt Kundschafter, häufig Bauern und Frauen vom Lande. Hatte man Briefe durch die Feinde zu befördern, so wurden sie in ausgehöhlten Stäben, in Holzschüsseln und Flaschen mit doppeltem Boden fortgeschafft, alle Briefe, welche in die Stadt kamen, wurden in der Kriegsstube aufgebrochen und gelesen. Nicht nur, was innerhalb der Mauern und Tore lag, wurde verwahrt, auch außerhalb hatte die Stadt feste Häuser, welche ihren Bürgern gehörten, und gemietete Burgen. Denn die Stadt vertrug sich mit rittermäßigen Besitzern in der Nähe, daß sie ihr die Burg für Jahre oder ohne Zeitbestimmung »zum offenen Hause« machten, und sie zahlte dafür gutes Geld. Diese festen Häuser auf dem Lande wurden mit Proviant, Geschütz, im Notfall mit Mannschaft versehen, sie bildeten die gefährdeten Außenwerke, und in der Regel wurde der Kampf um sie geführt, sie ergaben sich den Feinden oder wurden erstürmt und ausgebrannt, entsetzt oder wiedergewonnen. Auch die Landwehr, Wall und Graben um die Stadtmark, wurde durch Schranken aus Bohlen verstärkt, und wo sich eine Landstraße durchzog, mit Schlagbäumen besetzt; diese konnten aus einer Bohlenhütte geöffnet werden, in welcher ein Schützenposten lag. War noch Wald längs der Grenze, so wurde nach altem Brauch in ihm ein Verhau geschlagen; man war aber im 14. Jahrhundert der Meinung, daß dies unpraktisch sei; denn gerade hier pflegten die Feinde Öffnungen zu räumen, durch welche sie heranschlichen, und da ihnen die Stellen bekannt waren, in denen das Verhau für Ausfälle unterbrochen war, suchten sie heimkehrende Streifzüge gerade dort durch Hinterhalt abzufangen. Längs dieser Flurbefestigung wurde ebenfalls zu Roß und Fuß patrouilliert. Die stärksten Wachen aber waren um die Tore; dort standen außerhalb des Grabens an Stelle der alten dicken Steingebäude, welche Vorwerke oder Wighäuser hießen, seit dem 15. Jahrhundert die Bollwerke, aus Bohlen und Erdwerk aufgeführte Befestigungen, sie waren mit Geschützen versehen, zuweilen mit Bohlen gedacht. Demnächst vertraute die Stadt ihren starken Mauertürmen, die größeren galten für Kastelle, die in alter Zeit bei einem Feuer oder einem Aufstand oder wenn die Stadt vom Feind eingenommen war, den Bürgern und ihrer Habe die letzte Zuflucht gewährt hatten. Auch auf ihnen standen leichtere Geschütze; Wache und Geschützbedienung waren zuverlässigen Männern der Bürgerschaft als besondere Pflicht übergeben. Auf der inneren Seite der Mauer war häufig ein freier Umgang, in München z. B. war durch König Ludwig 1315 jeder Anbau verboten, eiserne Kaiserstangen von 24 Schuh Länge ragten in die Stadt und bezeichneten die Breite des verbotenen Raumes. In Österreich und Böhmen hatten viele Städte wohl noch aus der Awaren- und Ungarnzeit als besondere Befestigung einen umschanzten Ring, den Tabor, neben der Stadt, in welchen beim Überfall die Einwohner Habe und Vieh retteten. Wer von Fremden zu den Stadttoren hereinpassierte und unverdächtig war, der mußte vorher geloben, der Stadt unschädlich zu sein, dann wurde er zu einem Biedermann geleitet, der für ihn Bürgschaft tat. Wer passierte, erhielt ein Zeichen, das ihm um 1388 und 1449 zu Nürnberg mit einem messingenen vergoldeten Stempel auf den Daumen gedrückt wurde und daher Pollicke hieß. Eine der größten Sorgen wurde bei dauernder Fehde die Verpflegung der Stadt, weil die wirksamste Vexation war, Zufuhren aufzuhalten; darum wurde aller Privatbesitz von Getreide und Lebensmitteln aufgezeichnet und die Bürger gezwungen, einen Teil zum Taxpreis der Stadt abzugeben. Wir erstaunen vor der Energie und Größe der kommunalen Forderungen. Denn auch die schwersten Geldsteuern wurden auferlegt und niemand geschont. Das Regiment, sonst so vorsichtig und oft persönlich in Gunst und Haß, war in solcher Zeit rücksichtslos despotisch, es griff tief in die Geldtruhen der Bürger und befahl ihren Leib in die Gefahr, ohne vorher zu fragen. Der Tag, an welchem eine gefährliche Fehde angesagt wurde, war der Schreibstube des Rates eine Zeit großer Arbeit. Die Absage geschah in der Regel nicht durch die alten Symbole der Feindschaft, das blutige Schwert und den Handschuh, sondern durch Briefe. Reitende Boten, und wenn der Absagende ein vornehmer Herr war, wohlgekleidete Knappen ritten an das Tor, den Fehdebrief in einem Sperrholz, der »Kluppe«, an der Spitze ihres Speeres befestigt. Oft wurde Einlaß nicht begehrt oder versagt, dann gaben sie den Brief am Tor in die Hand des Stadtbeamten. Bei großer Fehde, wie jene Nürnberger von 1449 war, wo mehrere tausend Fehdebriefe in wenig Tagen abgegeben wurden, machte Mühe zu wissen, wer alles der Stadt Feind geworden war; deshalb wurden Tafeln mit den Namen der Absagenden öffentlich aufgehängt und eilig Verzeichnisse derselben an die Bundesgenossen und in die festen Häuser der Stadt gesandt, damit sich jeder vorsehe. Denn unberechenbar war Feindschaft oder Neutralität bei vielen der Nachbarschaft, und oft war es zufällig, wohin Pflicht, Eigennutz, Neigung die Burgsassen zog. Waren drei Tage schwüler Stille vergangen, dann entbrannte die Fehde. Und ihre erste Andeutung war sicher Feuerschein, welcher über ausgeraubten Dörfern aufstieg. Auch die Bürger begannen ihre Kriegsreisen, d. h. Beutezüge auf das feindliche Gebiet. Nicht nur die Stadt unternahm sie, auch einzelne aus Spekulation nach Anmeldung bei den Kriegsherren. Ein unternehmender Mann, der auswärts gute Kundschaft zu halten wußte und tüchtige Gesellen fand, die mit ihm zogen, konnte bei solchem Raub etwas gewinnen. Bei größeren Reisen wurde ein Teil der Bürgerschaft nach Stadtvierteln ausgelost, und es war durchaus bezeichnend für die Situation der Städte und die Stimmung der Bürger, daß diejenigen auszogen, welche beim Losen »verloren«. Dem rittermäßigen Mann dagegen war die Reise ein Fest, vor dem man sich in Hoffnung eines reichen Fanges »letzte«. Freilich fanden die Städter auch schlechtere Beute als die Ritter. Für beide Teile war der gewöhnliche empörende Gewinn die gefangenen Männer, von denen Lösegeld gehofft wurde, und was man den Bauern raubte, Getreide und Vieh, Butter und Bettzeug. Es galt den Kriegern der Deutschen für unehrenhaft, Hühner und Gänse heimzubringen, das war später bei den Landsknechten die besondere Freiheit der Weiber und Buben. Die Ritter hatten freilich Aussicht auf reicheren Fang: einen Warentransport, ein beladenes Schiff, einen Stadtherrn. Solch elende Beutezüge wurden fast täglich unternommen von der einen oder andern Partei, dabei wurden in der Regel Dörfer und kleine Landstädte verbrannt, bis die Umgegend verwüstet war; dann griff man entferntere Angehörige des Feindes an. Kehrte man glücklich von einem Beutezug heim mit Raub und Gefangenen, so wurden noch auf dem Feld Beutemeister gewählt aus Rittermäßigen, Bürgern, den verschiedenen Söldnerscharen. Diese mußten zuerst schwören, treu und gerecht die Beute – in Süddeutschland »die Nahme« – zu verteilen. Unter dem Tor hoben sie jedem, der durchschritt, seinen Raub ab. Die Vorräte wurden gesondert und verschlossen und auf dem Stadtmarkt an den Meistbietenden verkauft. Das erbeutete Vieh gehörte zum größten Teil den Befehlshabern und Chargierten, ein anderer Teil der Stadt, nur der Rest dem ausgezogenen Haufen; es wurde vor der Verteilung in den Stadtgraben getrieben, dort durften die Kühe von jeder Frau, welche ihnen eine Bürde Gras brachte, gemolken werden. Der Stadt stand frei, das gesamte Vieh zum gemeinen Nutzen von den Beutemeistern gegen mäßige Summen zu kaufen. Außerdem mußte jeder, der am Zuge teilgehabt, noch einmal schwören, daß er keine Beute hinter sich habe und keine bei anderen wisse, und durch solchen Eid kam noch viel Unterschleif zum Vorschein. Endlich wurde der ganze Erlös verteilt auf Pferde und Mann, so daß der Fußknecht einen Teil, der Reisige zwei, jeder Wagenbesitzer soviel Teile bekam, als sein Wagen Pferde hatte. Die rittermäßigen Gefangenen wurden ausgezeichnet, gegen ihr Wort zu Wirten in die Herberge gelegt, und von den Städten in der Regel nicht geschätzt. Die übrigen wurden in die Türme gesperrt, aus der Stadtküche gespeist, wofür sie, wenn sie es irgend vermochten, Kostgeld zahlen mußten, im Notfall auf Stadtkosten gefüttert. Für den armen Gefangenen erhielt, wer ihn einbrachte, einen Fanggulden; der Gefangene, welcher etwas hatte, wurde geschätzt, es gab dafür besondere Abschätzer, die in der Gegend bekannt waren; wußte man um das Vermögen nicht Bescheid, so wurde wohl einer der Gefangenen unentgeltlich erledigt, unter der Bedingung, daß er seine gefangenen Parteigenossen taxiere. Das Lösegeld beanspruchten in manchen Fällen die Hauptleute, in andern die Stadt. War aber ein solcher Beutezug Privatanschlag einzelner, so kam diesen das Lösegeld zu, dann hatte sich der Hauptmann des Zuges mit dem Fangenden zu berechnen. Wer im Kriege aus der Gefangenschaft entlassen wurde, der mußte einen Eid schwören, daß er nichts zum Schaden der Stadt den Feinden verraten wolle, wer erst beim Friedensschluß erledigt wurde, daß er der Stadt und ihren Helfern nicht Haß und Rache nachtragen werde. Die Behandlung der Feinde war in den Städten ein wenig humaner als der Regel nach auf den Burgen. Ein größerer Anschlag war es, wenn man ein befestigtes Haus oder eine Stadt des Feindes berennen wollte; hier hatte man stärkeren Widerstand zu erwarten und suchte deshalb mit Übermacht anzukommen. Bei solcher Veranlassung wurden auch blutige Treffen geliefert, wenn eine Macht des Gegners zum Entsatz heranzog. Der Auszug wurde sehr heimlich gehalten, denn wahrscheinlich hatten die Feinde trotz aller Vorsicht ihre Späher in der Stadt, aber es kostete doch große Vorbereitungen, wenn die Wagenburg, d. h. der reisige Zug, den Scharen folgen sollte. Die Belagerungsmaschinen wurden bis zur Verwendung des Pulvers ganz nach antiker Überlieferung gebaut. Sie waren entweder Stoßmaschinen, »Katzen« und »Tümmler«, große Balken mit Schwungkraft, welche zuweilen unter einem Schirmdach gegen die Mauern getrieben wurden, oder Wurfgeschosse, große Bogen und Armbrust, welche durch Hebelkraft gespannt wurden. Die Haare und Pferdeschwänze für die Stränge wurden von den Städtern sorglich aufgekauft und durch erfahrene Leute zugerichtet. Abweichende Einrichtung hatten die Pleiten oder Bliden, sehr große Schleudern für Bogenwurf, gebraucht und gefürchtet noch um das Jahr 1500, weil man die Geschosse für Bogenwurf der Mörser lange nicht geschickt zu verfertigen wußte. Es ist merkwürdig, daß das Pulver seine Bedeutung im Kriege sehr allmählich gewann. Die fremde Erfindung kam von Byzanz nach 1320 zu den Völkern des Mittelmeeres; für Deutschland wissen wir gar nicht das Jahr anzugeben, in welchem zuerst Feuer und Knall das Getöse der Schlacht vermehrte. In Aachen war im Jahre 1346 »eine eiserne Büchse Donner zu schießen«, im Zeughaus von Nürnberg 1356 eiserne und kupferne Büchsen, welche Steine und Blei schossen. Seitdem wurden Salpeter und Schwefel als wertvolle Handelsartikel von Italien bezogen, und es war dem Rat eine ernste Angelegenheit, dies Material bei guter Zeit zu erwerben. Dem Volk aber erschien die schwarze Masse sehr unheimlich, und man gab ihr den Namen Kraut, d. h. Zaubermittel. Salpeter und Schwefel wurden zuerst in Mörsern gestampft, später auf Mühlen, nicht ohne düstere Betrachtungen der Müller, deren einer noch 1431 in München klagte, »von dem höllischen Zeug sei ein wilder Dampf in ihn gegangen, daß es ihm teuer genug angekommen sei«. Und nicht weniger merkwürdig ist, daß die neue Erfindung, seit sie einmal zu kriegerischer Zerstörung verwandt wurde, ähnlich wie andere große Funde der Menschen: der Bücherdruck, der Luftballon, sofort im ersten Anlauf zu kühnen und großartigen Experimenten führte, denen die spätere Entwicklung längere Zeit nicht entsprach. Es gelang bald, Geschütze von ungeheurer Größe zu gießen, welche Geschosse bis zu drei Zentner Schwere schleuderten, zunächst Steine, die zur Herstellung runder Form häufig mit Blei umgossen wurden. Außerdem Büchsen von dem verschiedenartigsten Kaliber bis zur leichten Karrenbüchse und Tarrasbüchse (Standbüchse) und zur Haken- und Handbüchse herab. Die schweren Geschützrohre erhielten eigene Namen und wurden vom Volke mit großer Achtung und Scheu betrachtet. Sie wurden nicht auf Lafetten befestigt, sondern zur Reise auf starke Wagen gelegt, und ihre »Wiegen«, worauf man sie im Felde bettete, zuweilen mehrere nebeneinander, auf besonderem Wagen nachgefahren. Ein dritter Wagen enthielt Haspel, Stock, Seile und Hebezeug zur Bewegung der großen Masse, wieder andere die Steine zum Schuß. Außerdem gehörte zu jeder Büchse ein Bohlenschirm, »die Pavese«, welcher, über zwei hohen Karrenrädern befestigt, vor dem Geschütz aufgefahren, ein schräges Schutzdach mit Gucköffnungen bildete und vor dem Schuß umgelegt werden konnte. Die gesamte Artillerie war in Stürme (Batterien) geteilt, jeder Sturm enthielt drei bis sechs Geschütze von verschiedenem Kaliber mit Munition, ferner Schanz- und Sturmzeug und Brückenmaterial; dazu gehörten außer der Bedienungsmannschaft Zimmerleute, Schützen und eine Bedeckung von Reisigen. Die Wagen jedes Sturmes waren durch Fähnlein von verschiedener Farbe bezeichnet. Viele der Transportwagen und Karren nebst Bespannung wurden von den Bürgern und verpflichteten Bauern gestellt oder durch die Städte gemietet; in fortgesetzter Ordnung zogen die Wagen von ihren Sammelplätzen aus den Mauern, jeder Wagen mit einer Plane überdeckt. Im Felde wurden bei Lager und Schlacht die ausgespannten Wagen im großen Viereck durch Ketten zu einer Burg aneinandergekoppelt, auf der Außenseite Schutzbretter als Deckung befestigt. Geschützmeister waren selten und gut bezahlt, sie reisten auf Stadtkosten nach anderen ansehnlichen Städten, um neue Einrichtungen kennenzulernen; sie verstanden auch Feuerkugeln und Feuerpfeile zu verfertigen, und man sieht aus erhaltenen Rechnungen, daß sie zu dieser gefährlichen Fabrikation außerordentliche Stoffe beanspruchten, z. B. teuren welschen Wein in großen Massen. Dafür wurden ihre Kunstwerke auch wohl einmal öffentlich zur Schau ausgestellt. Gegen die Burg oder Stadt der Feinde wurden die Geschütze hinter ihren Pavesen aufgefahren, mühselig war das Richten und langsam das Laden. War Bresche geschossen, dann wurden die Gräben auf Brücken überschritten, die man aus großen leeren Fässern machte, man näherte sich unter hölzernen Bohlendächern, die man heranrollte. Gestürmt wurde mit Leitern. Auf die Belagerer wurde von Mauer und Turm außer Kugeln und Bolzen alles Schwere und Unsaubere geworfen, was Zorn und Not erfinden konnte, Steine und Balken, Pech und heißes Wasser, brennende Ruten mit Stroh umwunden und mit Pech bestrichen; auch stählerne Haken wurden an Stangen herabgelassen und den Belagerern in den Leib geschlagen, um diese über die Mauer zu ziehen. Gelang der Sturm, dann wurde getötet und gebunden, geraubt und angezündet und jede Sorgfalt angewandt, damit man die Beute den nachsetzenden Feinden entzog. Die Stadtgemeinden pflegten jeden, der beim Sturm das Beste tat als erster, zweiter und dritter, durch ein ansehnliches Geschenk zu belohnen. So zog sich die Fehde durch Monate, aus einem Jahr ins andere, in der Hauptsache ein elender Verderb von Hab und Gut und Quälerei der Landleute, zuweilen ein Zusammenstoß größerer Haufen ohne großen Erfolg. Die Städte vereinigten sich in dieser Zeit in großen Bündnissen, die Franken, Schwaben, Rheinländer, vor allen die Norddeutschen in der Hansa. Auch die binnendeutschen Städtebünde waren kein schwaches Werk; die Heere, welche sie aufbrachten, gut bewaffnet und nicht selten gut geführt, haben mehr als einmal die Fürsten und ihre Vasallen in schwere Sorge um die eigene Dauer gebracht, sie haben hundert Raubburgen gebrochen, haben schrankenloser Habgier festen Damm entgegengestellt und das Gedeihen bürgerlicher Freiheit, damals die einzige Grundlage für nationale Kraftentfaltung, durch harte Jahrhunderte erhalten. Aber diese Bünde waren doch nicht dazu gemacht, einig und in großen Fehden siegreich zu sein. Wie auf Inseln saßen die Bundesgenossen durch wilde Brandung getrennt, jede Stadt mit ihren besonderen Interessen, die den Genossen oft feindlich waren, nicht ohne inneren Parteizwist, der ihre Politik im entscheidenden Augenblick völlig umwandeln konnte. Und jeder Stadt war jede Fehde eine harte Last, die man in eigner Sache zu vermeiden suchte, solange es anging, die unleidlich erschien, wenn man um einer anderen entfernten Stadt willen die Außenhäuser verbrannt, die Bürger in elender Gefangenschaft sehen sollte. Uns darf deshalb auch hier nicht auffallen, daß die Bundesstädte oft lau und uneinig waren, eher, daß sie in einer Zeit, wo der Egoismus besonders hart und geldsüchtig herrschte, noch so weit zusammenhielten und jahrelang für ihre Rivalen, denen sie keine besondere Zuneigung gönnten, verständig Opfer brachten. Allerdings im höchsten eigenen Interesse; aber es ist einer Gemeinde weit schwerer als dem einzelnen, das beste eigene Interesse stets über den Vorteil der Stunde zu setzen. Deshalb waren die befehdeten Städte bei großem Kampf immer im Nachteil. Natürlich; sie hatten am meisten zu verlieren, der Erwerb vermindert, die Tore gesperrt, die Warentransporte auf den Landstraßen höchlich gefährdet, die Stadtmauer umschwärmt von allen Raubvögeln der Landschaft. Auch wenn die Stadt nicht umlagert wurde, trat Teuerung ein und machte den gemeinen Mann aufsässig. Dazu kamen die großen Lasten des Krieges, Uneinigkeit und Ungehorsam der Edlen, welche der Stadt geschworen hatten, aber mit ihrem Herzen zuweilen auf Seite ihrer Vettern draußen waren. Dann die Bedenken der verbündeten Städte, von denen jede die Kosten berechnete und geneigt war, den Nachteil der befreundeten Stadt geringer zu achten als den eigenen. Endlich wurde entschiedenes Auftreten gehindert durch die Rücksicht auf benachbarte Fürsten oder den Kaiser, die sich noch neutral hielten, deren guter Wille aber jeden Tag verlorengehen konnte, wenn ein Feind, der Verbindungen hatte, allzu rauh angefaßt wurde. Es gehörte ungewöhnliche Männerkraft dazu, unsichere Bundesgenossen und eine sorgenvolle Bürgerschaft zu großen Schlägen fortzureißen und im Kriegszorn zu erhalten. Auch in der Stadt selbst war die Leitung des Krieges durch eine Kommission der Wirksamkeit eines starken Feldherrn nicht förderlich. Das Regiment der Städte beruhte auf unablässigen Kompromissen mit einflußreichen Bürgern, auf gewandter und vorsichtiger Unterhandlung mit dem Hochmut und den Interessen der großen Familien. Die politischen Führer aus den Geschlechtern von Nürnberg, Ulm, Augsburg, Bern, Straßburg, Basel und den Nordseestädten waren keine ungeschickten Diplomaten, ihren Gegnern, dem Adel der Landschaft und fürstlichen Räten, wahrscheinlich oft an Weltklugheit und vorsichtiger Haltung, an scheinbarer Kälte, sicherem Wesen und weiten Verbindungen überlegen. Es fehlte den Städten auch nicht an tüchtigen Kriegsmännern, welche ein Treffen zu führen verstanden. Aber auch in diesem Fall mußten weitsichtige Politiker abgeneigt sein, alles auf die heißen Kriegskugeln ihrer ungeheuren Büchsen zu setzen. Man wußte, daß Haß und Neid in jedem Lehnhause, an jedem Fürstenhof, ja auch in anderen Städten gegen den Reichtum der Gemeinde arbeitete. In hundert Burgen wäre der Tag als glorreich gefeiert worden, an welchem die Speergesellen über den rauchenden Trümmern Nürnbergs die Habe einer Stadt teilten, die dem törichten Sinn wie ein unerschöpflicher Goldbrunnen erschien. Dann wäre ein Geschrei geworden von Jerusalem bis Lissabon, aber es war möglich, daß sich keine Hand rührte, einen solchen Schaden des deutschen Landes zu rächen. Das bändigte nach außen und machte mitten im Kampf Schonung einflußreicher Feinde zur Aufgabe. Dies alles wußte auch der Adel und seine Vasallen. Die Hilfsmittel einer Stadt waren im Anfang des Krieges den Kräften der Gegner wahrscheinlich überlegen. Eine ansehnliche Stadt hatte Kredit, soweit ihre Kaufleute handelten, weit mehr als der Kaiser und der größte Fürst des Reiches, deren Geldverlegenheit und Gewissenlosigkeit im Erfüllen ihrer Verpflichtungen notorisch waren. Aber der Fehder wußte auch, daß durch langgesponnene Fehde die Kraft der Stadt schneller abnahm als seine eigene, und er konnte erwarten, den Trotz der Bürger zu verringern und bei einem Vertrage bessere Bedingungen durchzusetzten, als die Städter vor der Fehde bewilligen wollten. Wurde allmählich der Kampfzorn schwächer, so legten sich die Vermittler dazwischen. Nach langen Verhandlungen, nach heftigem Aufbrausen der Edlen und vorsichtiger Kälte der Städter wurde Tod gegen Tod, Brand gegen Brand, Schad gegen Schad verglichen und darüber eine Rechnung gemacht. Ein solcher Vertrag war bei mächtigen Gegnern fast immer der Stadt zum Schaden, selbst wenn der Verlauf des Krieges für sie nicht ungünstig gewesen war. Wälder, feste Häuser, Dörfer, Mühlen, an denen die Stadt durch friedliche Verträge Rechte erworben hatte, mußten abgetreten werden, und es bedurfte wieder längerer Friedensjahre und neuer Geldverlegenheiten der Gegner, um die verlorenen Rechte allmählich zurückzukaufen. Auch wenn die siegreiche Stadt einen Landbeschädiger fing, mußte sie ihn zuweilen schonen und gegen leidliche Bedingungen freilassen, weil seine vornehmen Gönner das fordertern. Oder sie mußte sich gar helfen, wie im Jahre 1373 die Stadt Worms. Dieser war Hennele Streif, ein gefährlicher Gesell, deshalb Feind geworden, weil die Stadt Speyer zwei Straßenräuber, die Brüder Gabel, gerichtet hatte. Hennele fand Öffnung auf den Burgen der Umgegend, schlug Wormser tot und wirtschaftete übel auf der Landstraße. Da wurde Worms ärgerlich, nahm ihn gegen 200 Gulden jährlich in Dienst, und er wurde ihr Mann und ein treuer Diener. Den Städten ward die Fehde Notwehr, den Fürsten und dem Adel Machtmittel und Erwerbsquelle, ja, was am schlimmsten war, nicht selten die wilde Poesie ihres Lebens. Nie fehlte ein Grund oder Vorwand zur Fehde, denn endlos waren die Kollisionen der Rechte und Ansprüche. Oft lag dem Fürsten selbst an der Kriegsbeute wie dem kleinen Junker. Auch er trug Ritterschild und Sporen und hatte im Grunde seines Herzens die Empfindung, daß die Anmaßung der Stadtkrämer, welche beim Kaiser klagten, Büchsen gossen und seine Mitfürsten für sich zu gewinnen suchten, unleidlich sei. Vollends, wenn er hoch von seiner Stellung dachte, suchte er planvoll die ummauerten Republiken seiner Landschaft durch die frischen Gesellen seiner Edelhöfe unterzuzwingen, er als Löwe, der dem Haufen der Schakale, die hinter ihm bellten, einen Teil der Beute überließ. Der menschenreiche Stand der Rittermäßigen, welche sich selbst Wappner nannten, wenn sie nicht den Rittergurt trugen, war in dieser ganzen Periode schlimm daran. Sein Treiben, ja seine Existenz galt dem Bürger, dem Bauer, dem Sittenprediger, zuweilen sogar dem Fürsten für ein Unglück. Die Raubsucht und Fehdelust der großen Mehrzahl war mit dem neu aufblühenden Stadtleben völlig unverträglich. So wild, frevelhaft und gemeinschädlich war das Gebaren gerade der Rührigsten, daß ihr Stand in aller Ruchlosigkeit des Räuberhandwerks zugrunde gegangen wäre, wenn nicht dieselbe Schwäche, welche sie verhinderte, nützliche Mitglieder der Gesellschaft zu werden, auch das letzte Verderben von ihnen ferngehalten hätte. Daß sie ein privilegierter Stand waren, der seine Genossen für besser hielt als den Bürger und Bauern, der in Ehe, Beschäftigung, Recht, in Sitten und Zeremoniell sich gegen andere abschloß, dies exklusive Standesgefühl hat die Rittermäßigen durch Jahrhunderte schwach gemacht und ihre Ansprüche zu einem Leiden für das Volk, aber es hat sie auch vor dem Untergang in wüstem Treiben bewahrt. Denn wie verkehrt die Neigungen eines Geschlechtes sein mögen; wenn sie die Selbstachtung der Individuen nicht schmälern, sondern erhöhen, so halten sie das Verderben vielleicht lange auf. Zwischen dem Räuber, der jetzt auf entlegener Heide den Wanderer beraubt, und dem Landjunker, der um das Jahr 1400 den Kaufmann vom Pferde warf und bei Wasser und Brot in ein finsteres Gefängnis steckte, während seine Frau aus dem gestohlenen Tuch Röcke und Mäntel schnitt, ist in Rücksicht auf die Tat sehr wenig Unterschied. Aber vor 450 Jahren übte der Räuber den Frevel mit der Empfindung, daß sein Tun vielleicht gegen die Bestimmungen eines Reichstagsabschiedes verstoße, daß es aber von den gesamten Wappenträgern seiner Landschaft, ja von mehreren höchsten Herren des Landes als ein angenehmer, im schlimmsten Fall als ein gewagter Streich betrachtet werden würde. Wie unvernünftig die Ehrengesetzte waren, nach denen er lebte, er hatte nur das Bewußtsein, daß dieselben Gesetze von tausend anderen geehrt wurden, die er für die Besten auf dieser Erde hielt. So war möglich, daß sich inmitten großer Unsittlichkeit und Verkehrtheit bei einzelnen männliche Tugenden erhielten: Treue gegen gegebenes Wort und Hingabe an die Freunde. Auch der Schildträger des 14. Jahrhunderts ritt nicht immer in die Fehde mit dem fröhlichen Behagen eines Unternehmers, auch er wurde endlos geärgert und gereizt und setzte sich nach deutscher Gewohnheit erst in sittliche Entrüstung, bevor er zum Speer griff. Zumal wenn er gegen alte Spießgesellen oder gar gegen seinen Lehnsherr in Stegreif trat, mußte er starken Groll in sich herumgetragen haben, dann war ihm wohl sein Rittergewissen lange schwer. Und es fehlte ihm nicht an gewichtiger Klage. In der Regel war ihm sein Lehnherr Geld schuldig für geworbene Männer, reisigen Zug und Rosse, die er ihm zugeführt, und für Schaden, den er in seinem Dienst erlitten, und er fand ungnädiges Ohr, wenn er an sauer verdientes Geld zu erinnern wagte. Dann wußte er sich nicht immer zu helfen, wie Burkhard Ehingen, dem sein Herr, Graf Eberhard der Greiner, viel Geld schuldig war, ohne jede Neigung zu bezahlen. Da wurden beide den Städten feind. Ehingen fing als Mann des Greiners zwei große Bürger aus Weil und Nördlingen; statt sie abzuliefern, schätzte er sie selbst gerade so hoch, daß sein Guthaben bei seinem Lehnsherrn getilgt wurde und sandte sie dann mit der Quittung an den Grafen, der die Gefangenen zur Strafe noch einmal schätzte. Gewann der Lehnsmann sein Geld nicht auf solche Weise oder durch eine neue Burg, die ihm pfandweise überlassen wurde, so geriet er endlich in heißen Zorn und wurde seines Herrn Feind. Auch alte Genossen kränkten ihn, sie hatten ihm Bauern geschlagen und gepfländet, Knechte in den Stock gesetzt, und seine Reiterehre heischte Rache. Aber den Städten gegenüber hatte er doch die größte Fehdelust, denn hier wurde der Fehdebrief Beginn eines zwar unsichern, aber vielleicht sehr vorteilhaften Geschäftes; [... und] das Unberechenbare [...] machte die Sache reizvoll. Zunächst freilich stellte er Forderungen als Besitzer auf eigenem Grund und Boden. Die Landstraße, der Fluß, welche an seinem Hause vorbeiliefen, boten ihm Gelegenheit, von dem Eigentum der Kaufleute für sich zu nehmen. Er forderte Zoll von Waren und Reisenden, er drang sein schützendes Geleit auf und beraubte solche, welche dies Geleit nicht für nötig hielten, er baute wohl gar eine Brücke, wo kein Fluß war, um Brückenzoll zu erheben, er erhielt die Landstraße absichtlich in schlechtem Zustand; denn die Waren des reisenden Kaufmanns zogen zwar unter des Kaisers Schutz, solange sie im Wagen oder im flotten Schiff waren, wenn der Wagen aber umfiel oder das Schiff auf den Grund stieß, gehörten – so behauptete er – nach Boden- und Fuhrrecht die Waren dem Eigentümer des Grundes. War die Örtlichkeit dieser regelmäßigen Industrie ungünstig, so suchte er Vorwände zum Streit mit großer Naivität. Er wußte etwas von ungeheuren Forderungen, die einer seiner Vorfahren an die Stadt gehabt haben sollte. Er hatte keinen Brief darüber, auch war ihm die Summe nicht genau bekannt. Aber er dachte sich einen Betrag, der ihn mit einem Schlag zum reichen Mann gemacht hätte. Oder er fand unerträglich, daß die Stadtordnung verbot, Lösegelder für Gefangene auf Bürger anzuweisen, oder er behauptete, daß irgendein Wegelagerer, den die Stadt eingesperrt, Handgeld von ihm genommen habe, um in seinen Dienst zu treten. Oder er lauschte, ob in der Landschaft irgend jemand eine Beschwerde gegen die Stadt habe, ein Fuhrmann, ein fremder Bürger, ein Reitersknabe; diese nahm er unter seinen Schutz, schloß mit ihnen Vertrag zu gemeinsamer Fehde, stellte eine entschlossene Geldforderung, und wenn diese kalt abgewiesen wurde, sandte er mit seinen Gesellen den Fehdebrief über die Mauer. Endlich machte er sich's ganz bequem, sagte die Fehde gar nicht an, sondern überfiel einen Ratsherrn oder einen Frachtwagen aus der Stadt, erschlug die Fuhrleute, welche sich zur Wehr setzten, schnitt die Plane auf und nahm heraus, was ihm gefiel. Und das letzte taten nicht nur Straßenräuber, auch die Häupter alter Familien, denn nicht nur der Eigennutz stachelte gegen die Städter, ebensosehr ein bitterer tiefer Groll und Neid. Die Macht des Geldes erschien denen, welche Erwerb durch Arbeit zu verachten gelehrt waren, als höchste Tyrannei. Daß der Bürger pfandweise Burgen und rittermäßige Lehngüter gewann, daß die festen Häuser in der Nähe einer Handelsstadt fast sämtlich in Abhängigkeit von dem Kapital oder dem Regiment der Bürger gekommen waren, daß geliehenes Geld, wenn es nicht pünktlich zurückgezahlt wurde, Habe und Freiheit des Borgers in Gefahr bringen konnte, daß der Kaufmann den Ritterschild beanspruchte und daß er mit seiner Frau rittermäßige Kleider, Goldschmuck, Juwelen zu tragen wagte, das alles dünkte unerträglich. Es war ein Kampf des alten Lebens der Nation gegen das neue, und wir sind gänzlich außerstande, dem Hochmut und der wilden und unritterlichen Rachsucht, womit die Drohnen jener Zeit auf die Arbeitsbienen blickten, einen andern Anteil zu gönnen als den, welchen jedes Unglück verdient. Denn dieser Haß trieb viele zu schnöder und elender Freveltat. Mehr noch als die Stadt hatte der Lehnsmann auf abgelegener Burg den Drang, sich mit Genossen seiner Landschaft zu verbinden. Aber den Schwurgesellschaften der Rittermäßigen war in dieser ganzen Zeit nur ein kurzes Leben im Tageslicht vergönnt, die Genossen fuhren uneinig auseinander, weil sie nicht gleiche Freunde und Feinde bewahren konnten, oder sie benutzten ihre Brüderschaft zu unleidlich großen Raubgeschäften und wurden durch stärkere Gewalt beseitigt, oder sie fühlten sich vornehm, nahmen Fürsten und Bischöfe in die Gesellschaft, und wurden schnell in Politik und Fehden der großen Herren verbraucht. Wurden sie aber auch zersprengt oder zerrissen sie in Zwist, die Erinnerung blieb auf den Burgen, auch Statut und Zeichen erhielten sich, und Namen und Ordnung kamen vielleicht nach mehreren Generationen wieder zum Vorschein. Von politischen Gesellschaften des 13. Jahrhunderts sind uns fast nur die Namen überliefert. Im Jahre 1214 wurden die Wölfe, wahrscheinlich im Elsaß, erschlagen, um 1270 waren die Geschlechter von Basel in zwei Verbindungen: Sittiche und Sterner geteilt, die Sterner, 1271 vertrieben, kehrten unter König Rudolf zurück. Im Jahre 1289 wurde wieder im Elsaß eine Rittergesellschaft, welche sich die Nebelringen (Nibelungen?) nannte und seit einigen Jahren gleiches Gewand trug, vor den König gefordert. – Seitdem mögen viele Schwurvereine in den Burgen entstanden und gelöst sein, man merkt sie fast bei jeder größeren Fehde; aber erst nach 1360 wird Brauch, daß sie sich durch Namen und Abzeichen auffällig machen. Das vergrößert ihnen vielleicht Zulauf und Ruf, nicht die Dauer. Sie gewinnen seitdem im westlichen Deutschland, wo nicht größere Landesherrn hindern, überall Mitglieder, zumeist bei Hessen und Schwaben, und sind in dieser Zeit fast sämtlich Vereine zu praktischem Nutzen. Die Mitglieder verpflichten sich, weder mit Worten noch Werken, nicht mit Rat noch Tat gegeneinander zu handeln, sondern sich beizustehen in allen Fehden und Händeln, gleichviel, weshalb und gegen wen, und ein gefangenes Mitglied durch gemeinsame Anstrengung zu erledigen; die einzelnen behalten sich wohl die Pflicht gegen ihre Herren und frühere Eide vor. Sie wählen einen Vorstand, welcher oft der König heißt, bestimmen Jahresversammlungen, gestatten Geldbeiträge der Mitglieder; sie binden sich durch Schwur, tragen meist – nicht alle – ein Zeichen der Gesellschaft an Hals oder Brust, die Ritter von Gold, die Knappen von Silber, und führen wohl auch ein Siegel. Aus den zufällig erhaltenen Namen ist zu ersehen, daß eine Minderzahl die Ritterwürde hatte. Schwerlich war rittermäßige Geburt zur Aufnahme in das Silber der Brüderschaft nötig, einige unter fürstlichen Stiftern mögen vorsichtiger ausgewählt haben, andere trieben Buschklepperei, schätzten vor allem die packende Faust und waren ein Schrecken der Reisenden. Gegen diese Vereine, welche sowohl die Fürsten als die Städte bedrohten, stifteten die Landherren andere Vereine, ebenfalls mit Gesellschaftszeichen, aus denen die fürstlichen Orden wurden. In Hessen gab sich eine kleine Wetterauische Gesellschaft ohne Namen (1362) eine Ordnung, welche uns erhalten ist. Ihr folgte die Gesellschaft vom Stern (ca. 1370–1376), die größte von allen, sie stand unter einem König, rühmte sich, 2000 Ritter und Knappen, darunter 350 Burgbesitzer zu haben und reichte bis nach Sachsen, Thüringen und dem Oberrhein; die Sterner entstanden und vergingen als Bundesgenossen Otto des Quaden von Braunschweig in dem Sukzessionsstreit gegen Landgraf Hermann von Hessen. Aus ihren Trümmern entstanden in derselben Gegend die kleinen Gesellschaften von der Alten Minne (1374) und vom Horn (1378–1382). – In Westfalen und Hessen die Gesellschaft vom Falken (ca. 1380), nach ihr eine andere ohne Namen und Kapitelversammlungen (1385); Mitglieder derselben banden sich aufs neue (1391/92), nannten sich jetzt die Bengeler, führten als Zeichen einen silbernen Klöppel, wurden schnell sehr schädlich und durch die versöhnten Fürsten Otto von Braunschweig und Hermann von Hessen niedergeworfen. Beide Fürsten gründeten gegen die Bengeler eine Gesellschaft mit der Sichel (1391–97) unter König und Marschalk zur Herstellung eines dauerhaften Landfriedens. Im Fuldaischen hatten sich nach dem Untergang der Sterner die Burginhaber der Landschaft Buchenau als Buchner in eine Gesellschaft zusammengetan, auch sie wurden 1397 vom Landgrafen Hermann niedergeworfen. Später entstand dort die kleine Gesellschaft des heiligen Ritters Simplizius (1403) mit Zeichen und frommer Tendenz, sie forderte vier Ahnen, erhielt sich lange und wird hier erwähnt, weil die Erinnerung an sie wahrscheinlich noch im 17. Jahrhundert dem Verfasser des Simplizissimus in der Seele lag, als er seine Romanfiguren zu einem Verein gesellte. Nach Buchenau gehört auch die Gesellschaft vom Luchse (etwa 1409); drei der Gründer ermordeten den Herzog Friedrich von Braunschweig. – Während die hessischen Vereine durch Kampf oder Bund mit den Fürsten von Hessen und Braunschweig gestellt und vernichtet wurden, bleiben die fränkischen und thüringischen unschädliche Privatvereine oder Hofgesellschaften, so die Gesellschaft von der Spange (etwa 1350), deren Zeichen eine goldene Gürtelspange nach einer Nürnberger Reliquie der Jungfrau Maria war, deren Oberst den Mitgliedern gleiche Kleidung befehlen konnte und die sich Pflege frommer Rittersitte vorgesetzt hatte. Dann die mit dem Greifen (1379) der Grafen von Wertheim und die vom Einhorn (1407) des Landgrafen Balthasar von Thüringen. In Schwaben wird die der Martinsvögel (Gänse, erwähnt 1367 und 1395) gegen die Grafen von Württemberg gegründet. Dann die vom Schwert (1370), die große von der Krone (1372), um dieselbe Zeit eine »mit den Wölfen«, darauf die berühmte Gesellschaft vom Löwen oder Panther (1379), in der Wetterau gestiftet, aber schnell über Schwaben und den Oberrhein verbreitet. Zu gleicher Zeit die Gesellschaften von St. Wilhelm, das Zeichen ein Bild des Heiligen, und von St. Georg (beide um 1380), das Zeichen ein weißes Kreuz auf rotem Grunde, nach der Georgsfahne, unter welcher die Schwaben seit alter Zeit in Reichsschlachten den Vorstreit hatten. Endlich die bemerkenswerteste unter allen: die Schlegeler (1394 bis 1396), unter drei Königen, welche dasselbe Zeichen wie die fast gleichzeitigen westfälischen Bengeler führte und wie dieser gegen die Übergriffe der Fürsten gerichtet war. Sie nahm auch große Städte in den Bund auf: Worms und Speyer, und jener Diener, der Wormser Hennele Streif, war einer der Tätigsten im Bunde. Indes diese demokratischen Ideen eines Bundes der Ritter und Städte, welche 125 Jahre später durch Hutten und Sickingen aus alten Schloßerinnerungen noch einmal hervorgeholt wurden, gelangten zu keinem Leben. Alles war zu locker und zuchtlos; als die Fürsten gegen den Schlegelerbund ein starkes Bündnis schlossen, verhandelten die Schlegeler und lösten sich auf. Hennele Streif aber wurde in demselben Jahr begünstigter Diener des Königs Wenzel, der zwar ein Wüterich und Trunkenbold war, aber recht gut wußte, daß dem deutschen Königtum not tat, gegen die großen raublustigen Herren mit den Kleinen zusammenzuhalten. [...] Hatte der Fehder einer Stadt den Brief gesandt und wurde das ruchbar, so fehlte es ihm nicht an Zulauf. Der arme Schildbürtige, welcher sich heraufbringen wollte, wandte sein letztes Geld auf ein dauerhaftes Pferd, das über Felsgestein und durch Waldesgestrüpp zu traben gewöhnt war, und gesellte sich einer aufbrechenden Fehde zu, er horchte und schrieb darum und bot seine Genossenschaft an in der Hoffnung, sich bei der »kleinen Reiterei«, wie sie genannt wurde, einen Namen zu machen und so viel Geld zu gewinnen, daß er sich rittermäßig halten konnte. Nicht weniger geschätzt war der erfahrene Knecht, der Schildamt nicht begehrte. Außer den Knechten im festen Dienst warb man für eine aufbrennende Fehde ledige Leute, am liebsten mit einem Pferd, und es gab überall harte Gesellen im Volke, die friedliche Arbeit unbehaglich fanden, oder aus dem Frieden in den Unfrieden versetzt waren und gern auf Kost und Beuteteil mitmachten. Daneben sammelte sich schwächeres Gesindel, verdorbene Bürger, zumal Fuhrleute, die von der Landstraße und den Waldschenken her dem Handwerk vertraut waren. Die Kundschafter der befehdeten Stadt brachten sorglichen Bericht über die Bande und ihre Mitglieder, und wir sehen aus der Niederschrift, welche der Rat von ihren Aussagen machte, wie bunt zusammengeworfen die Gesellschaft war, welche sich wegen der Beute einer solchen Fehde durch Schwur gebunden hatte. Da haben z. B. um das Jahr 1444 zwei Wallenfels ohne Fehdeanzeige den Nürnbergern wiederholt Frachtwagen aufgeschnitten und Pelzwerk, Panzer und für 100 Gulden Safran geraubt, Dörfer abgebrannt, Bauern gefangen und gebrandschatzt. Ihre Gesellschaft besteht zuerst aus Ritter Hans und aus Fritz Wallenfels, sie führen gemeiniglich niederländische Kleider, grobe Mäntelein und kurze Kappen und wie die Mehrzahl ihrer Leute Armbrüste, reiten fast immer miteinander, haben 20 bis 24 Pferde zum Streiten; der Hans hatte vormals gemeiniglich Rot getragen, was er aber jetzt für eine Farbe trägt, weiß man nicht eigentlich, er reitet ein rot Pferd mit einer Blässe, der Fritz reitet gemeiniglich einen grauen Hengst mit Blässe, hat einen Krebs unter dem grauen Rock und grauen Hut. Sie haben große Förderung auf den Burgen in der Nähe von Hof. Bei ihnen ist Ott Müring, ein junger Gesell, edel, mittler Länge, hat langes krauses Haar und ein Pferd; dann Balthasar von Watzdorf, ein junger, langer, gerader Gesell, ist auch edel, hat zwei Pferde und langes Haar; Georg von Kolditz will auch edel sein, ist ein kurzer Mann, hat ein Pferd, ist hin und her daheim; Hein Scheiding, ein junger, hübscher, frischer Gesell, lang und dünne, hat einen Bruder zu Franken und ist nirgend daheim, hat ein Pferd; Friedel von Dobeneck, ein Bankert, ein frischer Gesell, hat ein Pferd; Erhard Röder hat krauses Haar, ist edel, hat einen Vater in der höfischen Art und ein Pferd; Nickelasko ist ein Bösewicht, des Herrn Hansen Knecht, ein kurzer, dicker Gesell, hat auch kräuslichtes Haar; Hans Hofmann, eines Bauern Sohn von Rückendorf, ein kurzer Gesell, hat ein eigen Pferd; Kunz Michel, ist ein Schneider und ein großer Bösewicht, ein gerader Gesell aus dem Vogtland, hat sein eigen Pferd; Hans Kolbel ist ein Karrenmändel von Lichtenburg, dort Bürger, er reitet zuweilen und fährt auch mit dem Karren. – Unter den übrigen führen manche nur ihre Reiternamen: der Wolf, Pock den Stein, Raum den Kasten, Hol den Bolz, Rübendunst. Nächstdem sorgte der Fehder für Häuser, die sich ihm im Notfall öffneten; war der befreundete Besitzer durch Rücksichten gehindert, ihm vor den Leuten Vorschub zu tun, so wurde doch ein entlegener Hof oder ein Schlupfwinkel im Walde nachgesehen; denn man mußte Herbergen haben und Zufluchtsorte [...]. Auch der Junker ließ Briefe schreiben, worin er seine Sache gut darstellte, Freunde warb, sich entschuldigte, diese sandte er an Fürsten und Städte und bat, den Gegnern keinen Vorschub zu tun. Ja er ließ, um die Gegner zu verkleinern, seine Beschwerden öffentlich in Stadt und Land durch Zettel anschlagen. War die Fehde im Gange, so hing jeder gute Erfolg von der Kundschaft ab, und in allerlei Verkleidungen liefen und ritten die Kundschafter durch das Land, um einen Fang auszuspähen, einen beladenen Wagen, ein Frachtschiff, einen Herrn vom Rat. Dann ritt der Haufe auf geheimen Waldwegen über die Berge, viele Meilen weit, sorglich bemüht, nicht gesehen zu werden, denn auch die Späher der Stadt lagen überall auf der Straße und in den Herbergen, und die Reise mußte geglückt sein, bevor die Städter ihre Schar hinaussenden konnten. Es war oft saure Arbeit und hungriges Harren im dichten Wald; den Wirten in Dorf und Stadt war nicht zu trauen, und war der Wirt gewonnen, so konnte jedes Bäuerlein, das im Stall die Pferde sah, zum Verräter werden. Viele Helden der Landstraße, der Eppele von Gailingen, Rumensattel, Schüttesam, waren in der Herberge verraten worden. War die »Nahme«, der Fang, gemacht, so wurde alle Reiterkunst daran gesetzt, sie glücklich in Sicherheit zu bringen; wenn die Verfolger auf der Straße waren, mußte ein Teil die Nahme treiben, während die Reisigen gegen die Anrückenden Front machten; dann hielt der Haufe still, den Spieß auf Sattel und Bein gestützt, bis der Führer den Leisen sang – die Textnoten eines Liedes, welche nach deutschem Brauch noch im 15. Jahrhundert bei kleiner Reiterei den Angriff einleiteten. Auf der Burg oder im Waldversteck wurde die gesicherte Beute verteilt, die Gefangenen in dem Turm an Ketten gelegt, bestockt und gepflockt. Sie wurden oft [...] gequält, um ihnen den Aufenthalt unleidlich zu machen und ein hohes Lösegeld zu erpressen. Auch Kinder reicher Familien wurden im Gefängnis gehalten, zuweilen jahrelang. Man wußte, daß die Bauern am schwersten daran gingen, die Schatzungssumme zu bezahlen, und behandelte sie danach. [...] Auch die Reisen solcher, welche sich für ehrliche Reiter hielten, waren nicht nur blutig, es war in ihnen nicht selten eine wilde Grausamkeit, die uns entsetzt. Noch im 15. Jahrhundert vergaß man den Gewinn, um Rache zu üben, man verstümmelte oder tötete die überwältigte Mannschaft, hackt Hände und Ohren ab. Ja, es war eine gewöhnliche Praxis jener Zeit, Feinde, denen man persönlichen Haß nachtrug oder deren Leben lästig war, im Turm verhungern zu lassen; oder man handelte christlicher, gab ihnen Wasser und Brot, überließ sie aber in schweren Ketten und unterirdischer Finsternis dem Verderben durch den Kerker, und es geschah, daß ihnen, während sie noch lebten, Gliedmaßen abfaulten. Abt Mangold von Reichenau, der später Bischof von Konstanz wurde, stieß fünf gefangenen Fischern von Konstanz mit eigener Hand die Augen aus. Dem Bauern, der in Verdacht stand, den Feinden Nachricht gegeben zu haben, wurde in der Nacht das Haus über dem Kopf angezündet, und die sich retten wollten mit Spießen in das Feuer zurückgetrieben. Solcher Mordbrand wurde ein neuer Klagepunkt der Stadt, aber gestraft wurde er nur dann, wenn der Stadt selbst gelang, die Fehder zu fangen und zu richten. Erlangten die Bürger Gewalt über den Leib ihres Feindes und zwang die Politik nicht zur Schonung, dann übten auch sie mit der Energie eines lange bewahrten Hasses Vergeltung; aber ein Unterschied war zwischen ihrer Rache und der von Schildbürtigen, oft nur ein formeller Unterschied, dennoch ein entscheidender: sie vollzogen die Strafe an einem Verbrecher, der durch des Königs Recht und Gericht verurteilt war, und sie quälten nicht im Gefängnis, weil er ihr Feind war. Es war ein hartes Recht und grausam seine Strafen, aber es war das Gesetz einer wilden Zeit. Der Mordbrenner wurde verbrannt, der Mörder gerädert; das Vorrecht des Edelmannes war, enthauptet zu werden, seine Spießgesellen wurden gehenkt. Die Bürger hatten vielleicht längst hohe Preise auf ihre Feinde gesetzt, so die Augsburger 1374 auf den lebenden Leib ihres Feindes Kraft Waaler, eines rittermäßigen Mannes 1500 Gulden, auf seinen Tod 1000 Gulden. – Für Haman von Reischach bat in Ulm die Erzherzogin Mechtild von Österreich persönlich, er wurde doch enthauptet, und in manchem Stadtturm trauerte ein junger Gesell in der Weise des rührenden Liedes, das der arme Peter Unverdorben im Turm »Schütt den Helm« zu Neuenburg vor seiner Hinrichtung gesungen hatte: »Gott gesegne dich, Laub, Gott gesegne dich, Gras, Gott gesegne alles, das da was, ich muß von hinnen scheiden. Lieber Engel, steh' mir bei, weil Leib und Seel' beieinander sei, daß mir mein Herz nicht breche. Gott gesegne dich, Sonn', Gott gesegne dich, Mond, Gott gesegne dich, schönes Lieb, das ich heimlich hab', ich muß mich von dir scheiden.« [...] X In den Turnierschranken Um 1480 Verfall der höfischen Zucht. Allmähliche Erhebung des niedern Adels. Die Ritterwürde. Ritterschlag am Heiligen Grabe. – Erziehung des adligen Knaben am Fürstenhofe. Reise in die Fremde. Frauendienst. Die Burgfrauen als Gleichberechtigte. Turnierkränzchen und Gesellschaften. – Die Schauenburge im Itztal. Bericht des Wilibald von Schauenburg über seine ritterlichen Fahrten. Nach den Hussitenkriegen war auf den deutschen Burgen die höfische Zucht fast vergessen, welche für höchst bäuerisch erklärt hatte, Nüsse mit den Zähnen aufzuknacken, die Äpfel vom Stiel aus zu schälen und die Birnen vom Blütenende. Die Nachkommen jener höfisch Geschulten standen in dem Verdacht, bei ihren Trinkgelagen ungebratene Gänse mitsamt den Federn zu essen, einander aus sehr unsauberen Geschirren den Wein vorzutrinken und die Beine der Gesellschaft unter dem Tisch zusammenzubinden, damit keiner von der Bank weiche, was ihm auch begegne. Damals sah es in weiten Landschaften sehr schlecht aus mit Bildung und Sittlichkeit der Schildbürtigen, welche als niederer Adel den Edlen des Reiches zur Seite traten. Aber trotz dem Verderb einer großen Zahl waren sie als Stand betrachtet doch im Aufsteigen, auch sie wurden von den Reformen ergriffen, welche seit dem Scheiterhaufen des Hus Kirche, Staat und Gesellschaft änderten. Wir dürfen in den landschaftlichen Verbänden der Schildbürtigen, welche aus den Rittergesellschaften des vorigen Jahrhunderts entstanden, von den Fürsten begünstigt oder angefeindet, den ersten Fortschritt erkennen. Die Reichsritterschaft beanspruchte als Korporation Vertretung auf den Reichstagen, auch die Lehnsleute, welche unter einem Landesherrn standen, wurden als Stand neben Vertretern der Städte, der Geistlichkeit und, in einigen Landschaften, der Bauern zu Landtagen zusammenberufen, um den Fürsten Steuern zu bewilligen, die er nicht entbehren konnte, und um bei einem Teil der Gesetzgebung mitzuraten. Nicht weniger half dem neuen Adel die größere Reinlichkeit des Lebens, die hohe Entwicklung des Handwerks und Handels, die Steigerung der Fürstenmacht und der Geldwirtschaft, endlich die stille Arbeit der Universitäten und die Erfindung des Bücherdrucks. Zwar die Ärmeren wurden dadurch nur geärgert und niedergedrückt, Raub- und Fehdelust wurden denen nicht geringer, welche jetzt mit größerer Bitterkeit ihre dürftige und unsichere Lage empfanden. Wer aber mit besserem Landbesitz ausgestattet war, der bezog allmählich höhere Renten und suchte sich aus der Wegelagerei und dem Gezänk in den Burgen heraufzuarbeiten an einen Fürstenhof oder als reisiger Söldner bei einem größeren Kriegszug. War ein Geschlecht vollends durch städtische Verbindungen zu stärkerem Wohlstand gekommen, so wandte es auch Geld auf die ritterliche Erziehung seiner Söhne in der Fremde. Es ist ein langsamer Fortschritt zum Besseren, aber er verdient die Beachtung der Nachkommen. Auch darum, weil er sich zunächst so vollzog, daß die Traditionen des alten Rittertums wieder aufgenommen und nach Zeitgeschmack umgeformt wurden. Es war natürlich, daß die Erhebung der wilden Gesellen vom Stegreif mit einer Steigerung des abschließenden Standesgefühls begann; die Neigung dazu war seit zwei Jahrhunderten vorhanden. Jetzt wird die Trennung des Landadels von den städtischen Geschlechtern viel schroffer, nur eine Anzahl derselben wird als gleichberechtigt angesehen, die Ausschließung eines jeden, der im Verdacht steht, Kaufmannschaft zu treiben, wird eifriger und gehässiger. Strenger wurden auch die Ansprüche, welche die geistlichen Stifter an standesmäßige Geburt ihrer Mitglieder machten; sie verlangten nicht mehr vier, sondern acht Ahnen, und es war natürlich, daß sich diese Forderung in den nächsten Generationen auf sechzehn und zweiunddreißig steigert; einzelne derselben, z. B. das vornehmste Stift zu Straßburg, schlossen sich freilich ganz gegen den niederen Adel ab. Und den geistlichen Ritterorden wurde gar durch eine Bulle des Papstes Sixtus IV. vom Jahre 1483 befohlen, nur Altadlige von Vater- und Mutterseite her in den Orden aufzunehmen, bei Strafe des Bannes für die Hochmeister. So geschah es, daß man auf den Burgen überall die alten Schildzeichen mit Ehrfurcht betrachtete, und daß die beschwerliche Kunst der Herolde für Männer und Frauen höchste Bedeutung gewann. Und die Deutschen erlangten in dieser Zeit den Ruhm, welchen sie nur mit einem Teil der Spanier und Franzosen teilten, daß bei ihnen auch rittermäßiges Herkommen der weiblichen Vorfahren zu altem Adel notwendig sei. Noch bestand die Ritterwürde als persönliche Ehre mit einigen der alten Vorrechte: den goldenen Sporen, dem Prädikat »Herr«, der Pflicht einen Knecht als Schwertträger zu halten und bei Feldzügen mit einer »Gleve« oder einem »Spieß«, das heißt mit zwei bis drei berittenen Wappnern ins Feld zu ziehen. Aber diese Würde war ein Schmuck der Wohlhabenden und Ansehnlichen des Standes geworden, sie wurde von der großen Mehrzahl des Adels nicht mehr erworben, ja nicht einmal begehrt. Denn die wesentlichen Vorrechte des Schildamtes, das Turnierrecht und das wertvollere Recht des Eintritts in Präbenden und geistliche Stifter, hingen nicht mehr von der Ritterwürde ab, sondern von rittermäßiger Herkunft und der Zahl der Ahnenschilde. Der Schildgeborene, der die goldenen Sporen nicht trug, hatte sich im vorigen Jahrhundert Wappner oder Edelknecht genannt, seit 1450 wurde allmählich die Bezeichnung Junker üblich. Der Adel wurde jetzt häufig an neue Leute durch Briefe erteilt, auch die Ritterwürde als höhere Ehre; sogar die Gelehrten, welche die Doktorwürde auf einer Universität erworben hatten, beanspruchten Adelsrecht, und der Kampf der älteren Familien ging dahin, diese neuen da fernzuhalten, wo sie selbst in der Mehrzahl waren, aus Präbenden, geselligen Vereinen, Trinkstuben und dem Turnier. Durch Schwertschlag wurde die Ritterwürde nur noch bei besonderen Gelegenheiten erteilt. Zunächst bei großen Hoffesten, am ehrenvollsten bei der Kaiserkrönung in Rom. Dort zogen nach der Krönung Kaiser und Papst auf die Tiberbrücke, und der Kaiser schlug selbst den Ehrenschlag, zuerst seinen Fürsten, dann vielen andern. Dann vor der Schlacht; aber es war bezeichnend für die Zeit, daß den jungen Rittern erlassen wurde, in der ersten Schlachtreihe ihre Sporen zu verdienen. Auch die Erinnerung an die Kreuzfahrten bestand fort; seit der deutsche Orden in Preußen klein geworden war, suchte der ritterlustige Gesell den Rittergurt gegen die Mauren in Spanien, gegen die Türken in Ungarn, bei den Johannitern zu Rhodos, am liebsten im Heiligen Land. Dazu fuhr er auf einer Galeere der Venetianer oder Genuesen über Rhodos nach dem Heiligen Land. Hatte er keinen Schwertpaten, der den Schlag tun durfte, in seiner Reisegesellschaft, so suchte er durch Empfehlung der Rhodiser in Zypern oder an der Küste eine solche Bekanntschaft, er war fast sicher, unterwegs gute Gesellen zu finden. Die Reise nach Jerusalem geschah unter türkischer Bedeckung, aber für den Ertrag der Pilgerfahrten waren auch die Heiden Machumeds nicht unempfänglich, der Pilger konnte hoffen, unbeschädigt in Jerusalem abgeliefert zu werden. Dort kehrte er in einer der zahlreichen Tavernen ein, welche wohlhabenden Pilgern gute Bequemlichkeit boten – der Wirt zum goldenen Stern und seine Frau wurden zu ihrer Zeit sehr gerühmt, sie waren zwar machumedisch, aber ordentliche Leute, Speisen und Pflege gut, man konnte auch bei ihnen sein Geld wechseln, rheinische Gulden und Dukaten. In der Taverne zog der Wanderer sein Büßerkleid an, wallte demütig zur Klosterkirche am Heiligen Grabe und stellte sich mit dem Ritter, welcher den Schwertschlag übernommen hatte, dem Guardian vor. Dieser vielerfahrene Herr behandelte das Geschäft würdig; er nahm zuerst, wie Brauch war, dem Kandidaten die Beichte ab – den Deutschen fiel auf, wie leicht die Pönitenz gemacht wurde –, dann trugen die Mönche Schlüssel, Schwert und Buch herzu, dem Pilger wurde aus dem Buch die Ordnung des Ritterstandes verkündigt und die Rittermesse vor ihm gelesen. Darauf schloß man ihm das Heilige Grab auf, dort kniete er auf seinem Stab nieder und betete – wenn er ein Deutscher war, gewiß inbrünstig mit hochklopfendem Herzen. Dann schlug der bestellte Ritter mit Erlaubnis des Guardians den Pilger, der Hutkappe und Mantel abgelegt hatte, zum Ritter, der Guardian sprach den Segen. Zuletzt kam der fromme Bruder Tresler mit einem Buch und erhielt sechs bis zwölf Dukaten für die Feierlichkeit. Dadurch erhielt der Geweihte die ruhmvollste Ritterwürde der Christenheit, er wurde Ritter des Heiligen Grabes. Kam der neue Ritter auf der Rückfahrt nach Rhodos oder an einen deutschen Fürstenhof, so war Brauch, ihm zu seiner Ritterschaft ein Geschenk zu machen, Armbrust, Schwert oder Gewand. Wie unwesentlich aber die alte Ritterwürde für Krieg und Frieden geworden war, erkennt man daraus, daß die, welche den Ritterschlag bei einem Hoffest erhalten hatten, erklären durften, ob sie den Ritter annähmen oder nicht. Häufig wurde er nicht angenommen, weil er zu standesmäßigem Aufwand mit Knecht und Rossen nötigte. Denn der Edelknecht oder Junker empfing Roß und alte Hofkleider von seinem Herr und diente im Felde mit einem Pferd und einem Roßbuben. Das ziemte dem Ritter nicht mehr. Es kam deshalb vor, daß derselbe Mann mehreremal die Würde erhielt und fallen ließ. Wilibald von Schauenburg z. B. wurde nach seiner Versicherung (etwa seit 1468) dreimal zum Ritter geschlagen. Für die erste Bildungsschule eines adligen Kindes galt, wie in alter Zeit, der Fürstenhof. Hatte der Vater gute Verbindungen, so wurde der Sohn Knabe im Dienst eines vornehmen Herrn oder seiner Gemahlin mit einer gewissen Reihenfolge der Dienstleistungen, aus dem Boten wurde der Vorschneider und Tischdiener, der die Teller zu wechseln hatte, die Speisen zu rücken und das Handtuch nach Tisch zwischen Leib und Waschbecken zu halten. Wuchs er heran und erwies er sich tüchtig, so bekam er wohl das vertraute Amt der Schlüssel und wurde ein Kämmerer des Herrn. Jetzt gehörte er zum Gefolge, trank, jagte, verstach seine Speere und tanzte in dem Zimmer der Herrin mit dem adligen Frauenzimmer des Hofes, während Herr und Herrin auf erhöhtem Raum Karte oder Schach spielten, die Windspiele der Fürstin dazwischen bellten, ein Pfeifer und ein Geiger Musik machten und ein Hofbedienter das neugierige Volk aus Küche, Stall und Straße mit einem Stock in das Gesicht schlug, wenn es die Tür aufriß, um hereinzugucken. Am Fürstenhof erhielt der Diener leicht die Ritterwürde. Wollte er sie annehmen, so bat er seinen Vater um die Ausstattung, welche viel Geld kostete, drei bis vier Rosse, einen Knecht, Harnisch und Festkleider. Damit war seine höfische Erziehung vollendet. Als ein tüchtiger Mann hielt er jetzt für träge, sich in der Ruhe des Hofes zu verliegen, in den Herbergen zu sitzen und mit dem Frauenzimmer seiner Herrin zu äugeln. Er fragte umher, wo in der Nähe oder Ferne eine Kriegsfahrt Gelegenheit zu reisiger Arbeit gab. Mächtig zog es ihn immer noch in die sagenhafte Ferne zu Abenteuern unter fremden Völkern. Solche Fahrten waren eine Lieblingsunterhaltung bei Hof, wie in der Hinterstube des Kaufmanns; nicht nur von dem Osten, auch von Paris, England und Spanien wurde gern erzählt. Schon damals waren die großen deutschen Fürstenhäuser mit den übrigen Königen Europas eng verschwägert, und in jeder Landschaft saßen Bauern, die eine Wallfahrt nach Rom oder zu dem finstern Stern von San Jago gewagt hatten. Kam nun die Botschaft, daß der türkische Kaiser einen Zug gegen die Johanniter beabsichtigte oder die Könige in Spanien und Portugal einen Krieg gegen die Mauren, so suchte der junge Edelmann gern einen Genossen für die Fahrt und warb bei dem Fürsten, dem er gedient hatte, um »Vorschriften und Fördernisse«, die Empfehlungsbriefe. Diese wurden dem Wohlhabenden gern gegeben, denn die Reise galt für ein rühmliches Unternehmen und brachte auch dem Fürsten Ehre. Dann zog die Gesellschaft mit einem Herold, welcher fremder Sprachen kundig war und den Fourier und Dolmetsch machte, mit einigen Reisigen und einem Packknecht in die Ferne. An fremdem Hof wurde der Reisende huldreich empfangen, zu Tanz und Ritterspiel gezogen und wohl traktiert. Kam er zu einem Kriegszug zurecht, gelang ihm, sich dabei tapfer zu erweisen und nahm er nach Beendigung Urlaub, so erhielt er ein Geldgeschenk oder Goldstoff und Samt zu Kleidern, und vielleicht die »Gesellschaft« des fremden Herrn, seinen Orden, wie sie im 15. Jahrhundert an den meisten Höfen verteilt wurden, sogar vom kleinen König von Zypern, und der König von Spanien hatte bereits drei von dieser Art. So reiste Georg von Ehingen (um 1450) nach Rhodos, spähte dort ein Jahr ungeduldig von den Mauern der Feste und den Galeeren des Ordens nach einer türkischen Flotte, durchfuhr das Heilige Land und besah das Königreich Zypern und zog nach der Heimkehr wieder an die Höfe von Frankreich, Navarra und Portugal, ging von da mit einer Schar zur Unterstützung der Besatzung von Septa nach Afrika, half die Stadt gegen ein großes Maurenheer verteidigen, tötete einen tapferen Mauren im Zweikampf mit Speer und Schwert, machte darauf einen Einfall der Spanier in Granada mit, besuchte auf der Heimreise den englischen und schottischen Hof und kehrte ruhmvoll und reich beschenkt zurück. Er fand im König Ladislaus von Ungarn einen österreichischen Prinzen, im König von Portugal einen Bruder seiner Kaiserin, in Schottland den Bruder der österreichischen Herzogin Albrecht, in der Königin von Schottland eine Herzogin von Geldern. Freilich nicht immer war in der Fremde Gelegenheit zu Heldentat, auch lag solche nicht jedem am Herzen. Aber der Deutsche war sicher, in Frankreich überall Deutsche von Adel zu treffen, in anderen Ländern wenigstens an der Küste Landsleute aus Niederdeutschland. Kam der Reisende in die Heimat, so wurde seine Reise die beste Empfehlung zu einem ansehnlichen Dienst am deutschen Fürstenhof; denn der Deutsche, welcher von fremden Fürsten höflich behandelt war und wohl gar fremde »Gesellschaften« heimbrachte, erschien dem deutschen Landesherrn damals ehrenwerter, und er gab ihm gnädig auch seinen »Salamander« oder, wenn der Heimgekehrte nicht starker Neigung zum Trunk und zur Wegelagerei verdächtig war, sogar seinen »Schwan«. Im Hofdienst und am eigenen Herd war für den Edelmann jetzt die Zeit gekommen, sich aus gutem Hause ein Weib zu werben. Aber noch hing etwas von dem alten phantastischen Treiben des 13. Jahrhunderts an seinem Leben. Er hatte seinen Knabendienst und seine Fahrten in der Fremde mit der Empfindung gemacht, daß er ganz auf den Wegen des Herrn Parzival und Herrn Iwein fahre und jede Begegnung mit einem französischen Reisigen oder gar mit einem Mauren und Türken betrachtet wie das Abendteuer eines Tafelrunders mit einem Mohrenkönig. In der Heimat hatte er jetzt wieder die trödelhafte Empfindung, daß ihm Minnedienst bei einer vornehmen Frau zieme. Nun war in den zweihundert Jahren seit Gottfried von Straßburg jene Poesie, welche bedenkliche Verhältnisse durch glänzende Farben geschmückt hatte, völlig verloren. Den vornehmen Frauen war jeder Anflug von literarischer Bildung entschwunden, der sie einst allzu empfänglich für die zierlichen Lieder eines ritterlichen Sängers machte. Die meisten der deutschen Fürstinnen hatten so wenig gelernt und gesehen wie ihre Männer, sie verstanden dagegen zu rechnen wie ihre ganze Zeit und überzählten nicht nur die Stücke Goldstoff in ihrer Truhe und die Gulden, welche ihnen von einer Stadt als Gastgeschenk überreicht wurden, sondern zuweilen auch die Töpfe mit kunstreich eingesottenen Quitten und Amarellen. Die aber eine reichere Bildung hatten, lasen jetzt statt der Geschichte von Tristan einen Traktat des Paters Ekstatikus, eine Predigt von Tauler oder die Nachfolge Christi des Thomas Hamerken von Kempen. Und wieder der ritterliche Mann war im Grunde ein derber Gesell von gesundem Menschenverstand und scharfen Sinnen, der ebenfalls den Goldwert eines geschenkten Ringes genau abschätzte, in Neigungen und dem Ausdruck seiner Gefühle seinem vertrauten Knechte nicht sehr überlegen. Demungeachtet galt aufstrebenden Männern des niedern Adels die geheime Verbindung mit einer vornehmen Frau immer noch für ein wünschenswertes Stück Rittertum. Das Geheimnis lockte, die Gefahr und die Verehrung vor stattlichem und majestätischem Wesen, und leider wohl auch die eitle Freude über den herkömmlichen Schmuck, den die Unbekannte seiner Rüstung zufügte und der ihm vor seinen bäurischen Genossen ein Ansehen gab. Es war nicht schön und kein Vorteil für den jungen Helden, wenn ihm die goldene Kette, welche die heimliche Herrin schenkte, und das Geld, welches sie ihm für seine rittermäßige Ausrüstung zuwies, eine große Wichtigkeit gewannen. Er ritt also wohl, um sie zu sehen, viele Meilen weit, verkleidete sich, kroch Mauern hinauf und brachte Tage in ihrem Versteck zu, nicht ohne sehr natürliche Verlegenheit und Bedrängnis, und er putzte sich und sein Roß mit ihren Geschenken. Aber zuverlässig dauerte solche veraltete Hingabe nicht lange. Auch fand er mit geringer Mühe Frauen für eine ehrlichere Neigung. Die Häuslichkeit auf den Burgen war besser geworden. Der Respekt vor Ahnen beschränkte das Urteil des Junkers in vielem, einen Vorteil hatte der heraldische Unfug doch gehabt, er hatte die Frauen und die Töchter der Rittermäßigen unleugbar gehoben. Vielleicht nicht in ihrer Bildung; es ist auffallend, wie ganz und gar nicht in biographischen Aufzeichnungen und lokaler Geschichte jener Zeit von den Burgfrauen die Rede ist. Aber die Ansprüche, welche die Frau an den Mann machte, waren gesteigert, seit sie auf die Schilde ihrer Ahnen stolzer war als er und ähnliche Privilegien in Kleidung, in Zahl der Gerichte und in Vorrang vor andern Frauen beanspruchte. Sie war nicht mehr wie sonst die Haushälterin des umherfahrenden Frauenritters und im besten Fall die Kammerfrau einer Gräfin, sie fuhr oder ritt mit ihrem Hausherrn zu Hofe, begleitete ihn zum Turnier und bildete mit den schildbürtigen Frauen ihrer Landschaft einen Chor, welcher die Händel der Männer, den Streit der Gesellschaften, einen Ausschluß Unwürdiger und die Preise, endlich die Freude über einen Sieg der heimischen Landschaft vielleicht leidenschaftlicher durchfühlte als die Speerbrecher selbst. Auch die Frau des Vasallen nahm die Huldigungen junger Kämpfer als Edelfrau an, ihr Beifall und ihre Neigung wurde wertvoll. Das war in manchen Fällen ein trüber Quell der Selbstachtung und brachte ihre Sittsamkeit in ähnliche Versuchungen wie einst das einsame Hausen auf der Burg unter Knechten. Es war doch ein großer Fortschritt für Mädchen und Frauen, daß die Männer ihnen daheim und in Gesellschaft größere Ehre erwiesen. Die Frauen heirateten jung, und die Ehen waren kinderreich; sorgfältig erwogen erfahrene Mütter und Basen vor der Vermählung die Gesundheit und Beschaffenheit der Braut, Töchter von zartem Leibe wurden dem himmlischen Bräutigam überwiesen und oft als kleine Kinder in dem befreundeten Kloster geborgen. – Das Jahrhundert war frivol, genußsüchtig und zuchtlos, das Maß, wonach Ehrbarkeit und gute Sitte der Frau gemessen wurde, war ausnehmend niedrig. Aber dies kleine Maß wurde von den Deutschen auf den Burgen und in den Städten weit fester gehalten als in den Nachbarländern, wo die Unsittlichkeit der Frauen, und gerade der anspruchsvollen, sehr arg war. Wir haben ein Recht anzunehmen, daß Häuslichkeit und Ehe der Deutschen ein wenig mehr Poesie und Selbstachtung erhalten hatten als in den früheren Jahrzehnten, aber wir erkennen diesen Fortschritt fast nur aus einer gesteigerten Empfindung für das Wohlbehagen im Hause. Der Ofen ist allgemein geworden, ihn umgeben behäbige Sitze und die Bank, die Glasscheiben der Fenster schließen auch die Burgstuben ab, der Hausrat ist ziemlich reichlich und wird immer schmuckvoller und zierlicher. Es scheint wenig, von Glas und Holz auf das Herz der Menschen zu schließen, aber wir sehen doch, daß der Deutsche seit 1450 ein Vergnügen dann findet, sein Haus nicht nur auf der Außenseite für die Fremden, sondern auch im Innern für Weib, Hausgenossen und sich selbst zu schmücken. Hat ihm aber sein Hausleben soviel größere Wichtigkeit erhalten, so ist das ebensowohl Verdienst der Frau als ein Vorteil für sie. Auf den Burgen war freilich der unruhige Sinn immer noch in die Ferne gerichtet. Nicht nur nach dem Fürstenhof, nach den Staubwolken der Landstraße und dem Hinterhalt im Walde, auch nach den großen Gesellschaften für die alte Ritterkunst, welche der niedere Adel jetzt mit besonderem Stolz hervorsuchte. Seit Ulrich von Liechtenstein waren die Turniere nur von Städten und Fürsten veranstaltet worden, immer seltener, sie waren in Deutschland fast vergessen. Da werden sie um 1479 auf einmal wieder lebendig, nicht zuerst durch Fürsten, sondern durch den niedern Adel, dessen Ahnen, wie man annahm, 250 Jahre früher dieselben Künste geübt hatten. Ob der glänzende Hof Herzog Karls von Burgund, ob der ritterliche Albrecht Achilles oder der junge Kaisersohn Maximilian, ob ein Aufflackern der alten Romantik in der Literatur die Richtung darauf gab: die nächste Veranlassung ging von der kleinen Gesellschaft »des Spängleins« um Nürnberg aus, fast der einzigen, die im 14. Jahrhundert den Idealismus des alten Rittertums vertreten hatte. Ihre Mitglieder veranlaßten das erste Turnier in Würzburg, übernahmen die Leitung, und die Spängler erhielten den Preis. Seitdem rührten sich in den »vier Landen« der Ritterschaft: Schwaben, Franken, Rheinland, Bayern, alte Vereine oder neu eingerichtete, es konstituierten sich zwölf löbliche Turniergesellschaften mit Banner und Zeichen, zum Teil unter gewählten Königen; in Schwaben die Gesellschaft des Fisch und Falken, der Krone, des Leitbracken und Kränzel, des Esels, des Wolfs; in Thüringen und Franken außer der Spange die Gesellschaft des Einhorns und des Bären, im Rheinland des Windhunds und des gekrönten Steinbocks; endlich die große bayrische Genossenschaft, welche Zeichen und Bundesnamen öffentlich nicht führte, die aber kurz darauf (1488) eine Zahl ihrer Mitglieder gegen die Übergriffe Herzog Albrechts noch einmal zu einer politischen Gesellschaft, dem Löwenbund, vereinigte, dessen Zeichen ein Löwe an silberner Kette war. – Schon früher hatten die Fürsten neue Gesellschaften gestiftet nach dem Muster des Goldenen Vlieses, welches Philipp von Burgund 1431 einrichtete, zunächst Herzog Albrecht von Österreich die Gesellschaft vom Weißen Adler (1433), Kurfürst Johann von Brandenburg die vom Schwan (1440), Herzog Sigismund von Österreich die vom Salamander (1450), andere Fürsten folgten. Auch die Mitglieder der Turnierkränzchen trugen ihre Gesellschaft, »das Kleinod«, an Hals oder Brust, und wie es scheint auf dem Helm, und hielten bei Turnierhändeln fest zusammen. Man konnte Mitglied mehrerer Gesellschaften sein, die Zeichen waren begehrt als Beweis ritterlicher Herkunft, sie wurden durch unehrliche Tat, wie Diebstahl und Missetat gegen Frauen, verwirkt. Als Peter von Hagenbach, Hauptmann Karls von Burgund, durch den Bund unter Sigismund von Österreich gerichtet ward, wurde ihm seine Ehre und Ritterorden, die Gesellschaft vom Halse, das Schwert von der Seite, die Sporen von den Füßen abgerechtet, und er dem scharfen Richter übergeben, damit ihm dieser den Kopf abhaue. Bei den neuen Turnieren war die Teilung, d. h. die Wappenschau und Annahme in die Parteien des Spiels, eine ernste Angelegenheit geworden, um welche viel gestritten und vielleicht Blut vergossen wurde. Aufgenommen sollte nur werden, wer beweisen konnte, daß seine Voreltern seit fünfzig Jahren »geteilt« waren, oder daß wenigstens seine Eltern in einem der vier Lande ein Turnier besucht. Persönlichen Ausschluß sollte erfahren, wer Gotteshäuser zerstört, Straßenraub oder Wucher verschuldet, feldflüchtig geworden, Frauen oder Jungfrauen mit Worten oder Werken ihre Ehre genommen, Hantierung oder Handel getrieben usw. Jeder hatte zur Teilung Schild, Wappen, Gesellschaftszeichen zu bringen. Die Turnierrüstung dieser Zeit ist durch Abbildungen und Besprechungen bekannt. Die Turnierspiele waren mannigfaltiger geworden, die Rüstung allmählich sehr massiv und unförmlich, hoher Stechsattel, Stechhelm, starke Schienen, welche die Schenkel deckten, eiserner Plattenharnisch und Stechtartsche, der Speer mit dreizackiger Krone, über dem Handgriff eine große trichterförmige Schiene zum Schutz des rechten Armes, auch das Roß mit Eisenschienen gepanzert. Daneben bestand das alte Scharfrennen mit niederem Rennsattel, scharfem Speer, leichterer Schlachtrüstung, hölzerner Tartsche, Eisenhandschuhen ohne Beinschirmer und ohne eiserne Pferderüstung. Auch die begleitende Musik war eine andere, statt Flöte und Handtrommel klang im Scharfrennen die Kriegstrompete, und Frauen sollten solchen Kampf nicht ansehen. Dem Speerkampf folgte, wie früher, das Schwertturnier, das Schwert mit abgestumpfter Spitze, außerdem Fußkämpfe auch mit Kolben, und anderes Reiterspiel. Das »Zäumen« war gröber geworden; wer gegen Turnierbrauch gefehlt hatte, wurde rittlings auf die Schranken gesetzt; wer an einem andern unritterliche Handlungen rächen wollte, der durfte ihn im Turnier schlagen; keine Turnierbeleidigung sollte nachgetragen werden, wenn das Turnier beendigt war. Das Recht der Vergeltung wurde mit großer Rücksichtslosigkeit geübt; der Stolzeste mußte sich harte Schläge gefallen lassen, wenn sein Gegner über ihn kommen konnte, und da jeder Mitglied einer Gesellschaft war und sein Klub für ihn Partei zu nehmen pflegte, so waren erbitterte Händel nicht zu vermeiden. Die Streitigkeiten verstörten diese Feste der Ritterschaft sehr bald, und es erwies sich dafür schon im ersten Jahrzehnt ihrer Einführung der Fürstenhof als die beste Zuflucht wegen dem Zwang, welchen ein vornehmer Hofherr wilden und rachsüchtigen Geladenen auflegte. Und es war auch in dieser Zeit nur eine kleine Minderzahl der Adligen, welche die Ritterspiele besuchte. Die alten Gewohnheiten der Burgsassen dauerten trotzdem fort, sie wurden erst im nächsten Jahrhundert gebändigt. Hatte der Adlige als Junker oder Ritter sich in Fehde und Krieg, in Spiel und Händeln seiner Landschaft versucht und kam er in höhere Jahre, so wurde er wahrscheinlich ein strenger Hausvater, er suchte die Söhne auszustatten für ritterliches Handwerk, den Töchtern wählte er Männer. Er gedachte ernsthaft der eigenen Sünden, trat in eine geistliche Bruderschaft und bewahrte die Kutte, in der er begraben werden wollte, und die Lichter, welche bei seiner Leiche brennen sollten, mit düsterem Behagen in einer Truhe neben seinem Bett. War er ein frommer Mann, so teilte er vielleicht Gut und Habe noch bei Lebzeiten unter seine Kinder und zog sich ganz in das Kloster seiner Familie zurück, wo er in besonderer Zelle oder Behausung lebte, die Horen des Klosters treulich besuchte und von den Brüdern, welche seiner Freigebigkeit froh waren, im Tode getröstet und zu Grabe geleitet wurde. Dann erhielt er in der Kirche sein Grabmal, ein gemeißeltes Bild mit Wappen und einem Löwen unter den Füßen; sein letzter Wille spendete den Armen Kost und Gewand, damit sie für seine Seele beteten. Von solchem Leben soll jetzt ein Turniergenosse aus den Gesellschaften des Esels und des Einhorns erzählen. Da wo die letzten Höhenzüge des Thüringer Waldes auf der fränkischen Seite zum Main hinabfallen, lag über dem Tal der Itz die Schauenburg auf einem Hügel, der weiten Ausblick in die Landschaft gewährte. Das feste Haus, schon um das Jahr 1000 erwähnt, stand seit dem 13. Jahrhundert im Besitz eines weitverzweigten Geschlechtes. Die Schauenburger waren Ministerialen des Reiches und stolze Lehnsleute des Bistums Bamberg; es erging ihnen, wie vielen aufstrebenden Familien, sie waren nahe daran, den Adel zu gewinnen, aber die stattlichen Güter wurden vielfach geteilt und entglitten ihren Händen, sie mußten die Oberlehnshoheit der Schauenburg dem Grafen von Henneberg verkaufen. Im 15. Jahrhundert war der Wohlstand des Geschlechtes sehr verringert, sie hatten die alte Stammburg verloren, saßen vielgeteilt auf mehreren Häusern des nördlichen Frankens, und ihre jüngern Söhne suchten Unterkunft an Höfen und Unterhalt vom Kriege und von der kleinen Reiterei. Unter den Söhnen dieses Geschlechtes hat einer, Wilibald, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts heraufkam, sein vielbewegtes Reiterleben in höheren Jahren durch einen Vertrauten niederschreiben lassen. Die Aufzeichnung gehört zu den lehrreichsten deutschen Biographien, welche in dieser ganzen Periode verfaßt wurden, sie gewährt genauern Einblick in das ritterliche Treiben der Deutschen, als das gute Büchlein Georgs von Ehingen und die Reisen des böhmischen Leo von Rozmital, jenes Verwandten des Königs Georg von Podiebrad. – Wilibald wurde als Knabe des Grafen Rudolf von Sulz in der Nähe des Kaiserhofes erzogen, als junger Mann von Kaiser Friedrich dem Herzog von Burgund empfohlen, machte bei diesem die Belagerung von Neuß und den ersten unglücklichen Feldzug gegen die Schweizer mit, kämpfte darauf als Diener des Kurprinzen Johann von Brandenburg in der Fehde gegen Johann von Sagan und König Matthias von Ungarn, lebte einige Jahre daheim vom Stegreif und wurde endlich Hauptmann des Herzogs Albrecht von Sachsen, der als kaiserlicher Feldhauptmann in Flandern und Burgund für König Maximilian stritt. Er half bei den Erfolgen und ertrug das Elend dieser Feldzüge, er unterwarf Friesland, stieg hoch im Vertrauen seines Herzogs und erhielt als bewährter Landsknechtführer auf Verwendung seines Gönners die Schauenburg zurück, welche von Henneberg an das Haus Sachsen gekommen war. Dorthin zog er sich nach dem Tode Herzog Albrechts mit seiner Kriegsbeute; er verwandte Geld, die verfallene Burg stattlich und kriegsfest wiederherzustellen und mit Jungfrau Walpurg Fuchs ein eheliches Hauswesen zu gründen. Es scheint ihm aber gegangen zu sein wie manchem seiner Zeitgenossen, der aus der großen Welt in die enge Heimat zurückkehrte, er konnte sich in den kleinen Händeln der Landschaft nicht wohl fühlen und fand unter den hochmütigen fränkischen Junkern keineswegs die Anerkennung, welche zu beanspruchen er sehr geneigt war. Das Leben auf der Burg seiner Vorfahren muß ihm bald verleidet worden sein, denn er trat wieder in österreichischen Dienst und diktierte als Stadthauptmann in dem Herzogtum Meran um das Jahr 1507 das Buch, welchem der folgende Bericht entnommen ist. Die Niederschrift ist in der Form sehr ungelenk, und Wilibald erscheint da, wo er von seinen eigenen Erfolgen berichtet, in Nebensachen nicht immer zuverlässig. Er ist kein reicher und kein besonders kräftiger Geist, aber ein rühriger Mann, der lehrreiche und ungewöhnliche Fahrten schildert, sein Bericht zur Zeit noch wenig benutzt. [...] [...] Damals [seit 1479] fingen die Turniere wieder an, wie sie von alters gehalten worden; das erste war zu Würzburg, das andere zu Mainz. Dies war durch die Franken stattlich und wohl besucht und kamen viele entzweite Parteien dahin. Insonderheit war Herr Martin Zollner, ein Ritter, den verklagte Adam von Schauenburg vor den vier Landen, den Bayern, Schwaben, Franken und Rheinländern, und sagte, daß der Mutter seiner Hausfrau das Erbe und Gut ihrer Mutter durch Herrn Martin Zollner mit Gewalt genommen sei; wiewohl die Hausfrau des Herrn Martin seine, des Adam, Verwandte und leibliche Schwester seiner Schwiegermutter sei, so hätte Herr Martin doch nichtsdestoweniger die Erbschaft beider Frauen nach Absterben der Großmutter, die Herr Martin bei sich gehabt, mit Gewalt eingenommen, ihre Hintersassen zu Erbhuldigung gezwungen und die Inhaber des Hofes Haßfurt mit dem Siegel der toten Frau betrogen, so daß sie ihm die Schlüssel zu allem Silbergeschirr und der Barschaft übergeben und den Hof überantwortet hätten usw., woran noch größeres und mehreres angehängt war. Und da Herr Martin seine Antwort darauf gab, nahm sich Wilibald von Schauenburg seines genannten Vettern an und gerieten er und Herr Martin so zusammen, daß ihn Herr Martin Lügen strafte. Darauf sagte Wilibald, er wollte ihm die Lügen ins Maul stoßen, und die Antwort des andern war, er wollte ihn auch nicht schonen und wiederschlagen, und gab einer dem andern etlichermaßen böse Worte. Nun bedachte sich der getreue Wilibald, wie Herr Martin seinen Verwandten so Unrecht tue, er erwog auch die Rede, die jener öffentlich getan hatte, und besorgte, wenn er nicht mehr dazu täte, so würde er verächtlich werden. Auch wurde Herr Martin derzeit von allen für einen gefährlichen, übermütigen, unerschrockenen Mann gehalten, und darum war um so mehr acht auf ihn zu haben. Deshalb bewarb sich Wilibald bei etlichen Bayern und der Gesellschaft vom Esel um Hilfe, und alle sagten ihm zu. Herr Martin Zollner bewarb sich auch. Aber Wilibald dachte sorgfältig über die Sache nach, was und wie er es am füglichsten vornehmen könnte, er schlief des nachts wenig und sagte am Morgen seinen Gesellen, sie möchten Achtung auf ihn haben und sich nach ihm richten. Und als man in die Schranken gezogen war und an den Seilen hielt, rückte Wilibald von Schauenburg dem oftgedachten Herrn Martin an die Seite, und als die Seile zerhauen und durchbrochen waren, nahm Wilibalds Knecht, der ihm in den Schranken aufwartete, sein Pferd bei dem Zügel und brachte ihn sogleich zu Herrn Martin, den Wilibald alsbald mit dem Zaum band, ohne zu achten, daß jener auf ihn schlug. So hielt er ihn, bis seine Gesellen herbeikamen. Die rückten um ihn und schlugen ihn über die Maßen sehr. Indem kamen auch die Freunde des Herrn Martin und fragten, was die Ursache solches Schlagens wäre; da ward ihnen die Antwort, man habe jetzt keine Muße, es sollte ihnen aber auf dem Tanzhause heute gesagt werden. Da mußten Herrn Martins Freunde abziehen und die andern mit ihm gewähren lassen. Danach rissen sie ihn aus seinem Turniersattel bis an die Sporen, legten ihn seinem Roß auf den Rücken, schlugen ihn auf den Bauch so lange, bis er das Roß hergab, dann hoben sie ihn wieder auf und ließen ihm die Stengler die Gurte zerschneiden und ihn als einen Mann, der Turnierstrafe wert ist, in seinem Sattel auf die Schranken setzen. Nach dem Ende des Turniers ward Wilibald von Schauenburg auf dem Tanzhause darum zur Rede gesetzt und gab diese Antwort: Es sei kund, daß Herr Martin Zollner vor der Ritterschaft der vier Lande öffentlich verklagt und zur Rede gesetzt sei wegen Gewalt und Unrecht, das er der von Steinau, der Schwiegermutter des Adam von Schauenburg, getan; darum hätte er ihn zu schlagen Fug und Recht gehabt, und wenn er der frommen, ehrbaren Frau nach dem Turnier ihr Gut nicht wiedergäbe, so werde er ihm zu anderen Turnieren nachziehen, und wo er ihn beträte, werde er ihn wieder schlagen. Da ließ sich Herr Martin wie ein Prahler mit schmachvollen Worten vernehmen, er wollte ihn auch wiederschlagen. So schieden sie voneinander. Als die Franken nach dem Turnierhof heimziehen wollten, sammelten sie sich mit dem Beschluß, so lange zusammenzubleiben, bis ihre Wege sich schieden, und wiewohl sie Versicherung und Geleit hatten, nahmen sie sich doch in acht und bestellten ihr Feld. Unterdes nahm Herr Martin seinen Spieß, rückte an Wilibald und rief: wenn hier ein stolzer Junker wäre, der ihn im Turnier geschlagen, der sollte doch zu ihm rücken und ihn im Felde auch schlagen. Da fragte ihn Wilibald, ob er ihn dadurch herausfordere. Herr Martin sprach, er höre, was er sage. Da zog der edle beherzte junge Mann ohne Furcht vor dem Eisenfresser auch heran, aber ihre Freundschaft rückte dazwischen und erinnerte sie beide an des Turniers Gerechtigkeit und gab ihnen zu erkennen, ein jeglicher, der Turniergeschichten mit der Tat und auf andere Weise als in dem Turnier räche oder dagegen handle, der und seine Nachkommen würden auf ewige Zeit des Turniers beraubt und nimmermehr zum Turnieren zugelassen. Und das ist wahr und vor Augen; denn es ist einmal ein Turnierhof zu Kassel gewesen, worin etliche Fürsten, Grafen und Herren hart geschlagen wurden, auch die Buchner von den höchsten Geschlechtern wurden wegen Raub auf der Landstraße gestraft. Das hatten sie mit der Tat gerochen und jenen, die mit ihnen im Turnier gehandelt, die Scheuern verbrannt. Und daß solches wahr, habe ich auf dem letztgehaltenen Turnierhof zu Würzburg gehört und gesehen. Denn obgleich einige von selbigen Geschlechtern aus der Gesellschaft der Buchner austraten und ins Land Franken zogen, so hat man ihnen doch, als sie zu turnieren begehrten, zwar zugegeben, daß ihre Eltern daselbst turniert hätten, aber weil sie in früherer Zeit Buchner und von jenen Geschlechtern gewesen, wurde ihnen die Teilung beim Turnier versagt. Darum, wenn jemand denkt, daß ihm Unrecht geschehen, mag er sich darum im nächsten Turnier vor den vier Landen beklagen, und wenn das Unrecht augenscheinlich, wird ihm seine Strafe abgetan und dem andern aufgesetzt. So wurden sie voneinander geschieden, aber Herr Martin trieb danach mit seinem Spieß viel seltsame Paraden, sprengte neben dem Zug, worin Wilibald war, oft auf und nieder, schrie und juchzte. Da meinte der von Schauenburg, es wäre ihm eine Schmach, wenn er das so leide, er rückte also auch heraus mit seinem Spieß, und sie fuhren oft gegeneinander mit den Spießen an die Hälse. Das wollten die Edelsten und Verwandten nimmer leiden, und sie mußten wieder davon ablassen. Darauf ward ein Turnierhof zu Heidelberg gehalten, da unterstand sich Herr Martin, den Wilibald wegen der Turnierstrafe zu verklagen, die er auf ihn gelegt, und drehte die Klage zu seinem Vorteil aufs ärgste. Aber der von Schauenburg war geharnischt und mit der Antwort zur Stelle und trug vor, wie und wo der Zollner der Frau Unrecht getan. Und da die Sache auch bekannt war und am Tage lag, so ward erkannt und dem Zollner die Turnierstrafe auch ferner aufgelegt, weil er einer Frau von Adel das ihrige gegen Recht und Billigkeit vorenthielt. Da er solches vermerkte, stieg er auf sein Pferd, ritt aus dem Tor und sagte, er wollte sich nicht mehr zur Pauke machen lassen, er werde seine Sache auf andere Weise mit Wilibald austragen und diesen, wo er ihn erreiche, erwürgen. Es wurde aber von beiden Teilen verhütet, daß sie nicht zusammenstießen, bis der vorgedachte Adam von Schauenburg zu seinen männlichen Jahren kam und Wilibald außer Landes war. Adam hing sich an Herrn Martin Zollner und bedrängte ihn so hart, daß er sich seines Weibes wegen in einen Vertrag nach Adams Gefallen fügen mußte; in diesen Vertrag wurden auch alle die eingeschlossen, welche in dieser Sache angefeindet oder tätig gewesen waren. Damit ich aber den begonnenen Bericht von dem Turnierhof (zu Heidelberg) zu Ende bringe; es waren dort so viel Fürsten und Herren, auch Ritterschaft, daß der Platz zu eng wurde, und wurde das eine Turnier in zweie geschieden, daß der eine Teil vormittags und der andere Teil nachmittags turnieren mußte, und es hatte dabei Herr Georg von Rosenberg mit Herrn Konrad von Vorlingen zu tun, weshalb die von der Gesellschaft des Einhorns, in der Wilibald auch war, den von Vorlingen schlugen und auf die Schranken setzten. Was aber sonst in diesem Turnier gerichtet und verhandelt wurde, lasse ich unterwegs, weil es zu hören verdrießlich und nicht besonders nützlich zu vernehmen ist. Aber ausführlich will ich berichten von einem Turnier, das zu Stockgarten gehalten worden ist, so ernstlich wie zu unsern Zeiten kein anderes. Denn es kamen gar viele von Fürsten, Herren und vom Adel dahin, und sonderlich Markgraf Friedrich von Brandenburg brachte mit sich 125 Helme, alle von trefflichen Grafen, Herren und Ritterschaft. Er verklagte Herrn Georg von Rosenberg vor den vier Landen, worauf Herr Georg seine Antwort tat. Nach Klage und Antwort wurde erkannt, daß der Graf Herrn Georg etliche Schläge im Turnier geben und tun sollte. Solches aber genügte dem Markgrafen nicht, sondern er vermeinte, da ihm das Strafrecht zuerkannt sei, so wolle er nach seinem Gefallen mit Herrn Georg handeln und ihn beim Turnier auf die Schranken setzen. Da ward weiter von den vier Landen geredet, wenn der Markgraf die Strafe nicht bei ihrem Erkenntnis belassen wolle, so dürfe sich Herr Georg derselben mit seiner Freundschaft erwehren, wenn er es vermöchte. Darauf bewarb sich Herr Georg von Rosenberg bei der Gesellschaft des Einhorn, in welcher er auch war, mahnte sie an ihre Verschreibung und bat, man möge ihn darum und über das Erkenntnis der vier Länder hinaus nicht vergewaltigen lassen. Das sagten sie ihm nach Vermögen zu. Nun hatten die von der jetzt gedachten Gesellschaft 35 Helme, sie warfen unter sich zwei zu Hauptleuten auf, nämlich den großen Georg von Schauenburg zu der Lauterburg, der auch ein Vaterbruder Wilibalds war, und Diez von Tüngen. Da man nun zu allen Seiten in die Schranken kam und gegeneinander an den Seilen hielt, brach der Markgraf mit den Seinen, sobald die Seile gehauen waren, aber die vom Einhorn rückten in eine Ecke an die Schranken, so daß weder auf einer Seite noch im Rücken jemand in sie brechen oder kommen konnte. Der Markgraf versuchte es mit den Seinen gar hart, konnte aber ihre Spitze, die durch ihre Hauptleute richtig und gut gemacht war, nicht brechen, und war ein solches Gedränge, daß die Rosse wie die Schweine gurrten und ein solcher Dampf von Leuten und Rossen aufging, daß die Frauen und Jungfrauen an den Fenstern das Turnier kaum sehen konnten. Nun war Wilibald zu Herrn Georg von Rosenberg auf die rechte Seite und Diez Marschalk auf die linke Seite beordert, sie wurden mit ihren Hengsten überrücks ausgedrängt, so daß ihre Rosse auf ihnen lagen. Dazu fiel der gemeldete Herr Georg auch mit seinem Roß auf sie. Durch glücklichen Zufall kam das Roß des Herrn Georg wieder unter ihm auf, aber die beiden, Schauenburg und Marschalk, lagen unter den Rossen, daß ihnen von den andern die Gitter an den Turnierhelmen und sie selbst allenthalben so hart getreten wurden, daß sie beinahe an ihrem Leben verzweifeln wollten. Da der Markgraf nichts ausrichtete, rückte er an eine Ecke, seine Ordnung anders zu machen. Indem gaben die Einhörner ihren liegenden Gesellen Raum, daß sie durch die Stengler wieder aufgebracht wurden. Und als ihre Hauptleute sahen, daß der Markgraf wieder mit drei Haufen daherzog, in der Meinung, daß der eine von vorn, der andere von der offenen Seite und der dritte von hinten durchzubrechen versuchen sollte, machten diese ihre Ordnung auch anders, das zu verhindern. Die Hauptleute überdachten wohl, der Markgraf wäre derzeit ein junger Fürst, er würde sich zuvörderst vor den Frauen und Jungfrauen sehen lassen; wenn er also gedrungen käme, wollte man ihn einlassen und hinter ihm schließen. Der Anschlag geriet, denn er drang als ein ehrbegieriger Fürst vor dem Haufen daher, der auf die Seite treffen sollte, ihm ward gewichen und er eingelassen, aber zur Stunde die Ordnung wieder hinter ihm zugemacht. Seine Grafen, Herren und Ritterschaft drangen ihm hart nach, sie wurden laut von den Gegnern angeschrien, gemach zu reiten, was sie ihrem Herrn denn antun, ob sie ihn niederdrängen wollten. Das ward verachtet und das Eindringen stärker und härter versucht, so lange, bis der Markgraf niedergedrängt war; da lag er, und es ging ihm wie es vordem den andern gegangen war. Da die Seinen merkten, daß ihr Herr gefallen und ihre Arbeit umsonst war, rückten sie wieder auf eine Ecke. Unterdes gaben die vom Einhorn Raum und ließen die Stengler zu dem Markgrafen, ihn aufzuheben. Das vermochten sie aber nicht. Sie mußten das Roß absatteln und zogen dasselbe also aus dem Haufen heraus. Da stieg der Markgraf auf die Schranken und vermeinte so hinter einem von den Stenglern aus den Einhörnern herauszukommen. Da schrie ihn Utz von Kinsberg an, was er täte; der gemeine Mann würde dafür halten, er wäre geschlagen und auf die Schranken gesetzt; wenn es ihm gefiele, sollte er hinter ihm aufsitzen, er wollte ihn zu seinen Gesellen bringen. Der Markgraf bedachte sich, daß ihm ein Spott wäre, hinter einem seiner Gegner zu sitzen, und bat, man möchte ihm seinen Vetter den von Zollern in die Schar zulassen, hinter dem wolle er hinwegreiten. Das geschah, und die vom Einhorn meinten, es würde ferner keine Not haben und sie nicht weiter angefochten werden. Da aber der Markgraf hinwegkam, setzte er sich wieder auf sein Turnierroß, und die Seinen machten den Anschlag, sie wollten, als ob das Turnier ein Ende hätte, zu den Schwertern greifen, dann würden auch die vom Einhorn ihre Ordnung trennen, und dann wollten sie Herrn Georg nach ihrem Gefallen erst recht schlagen. Die Einhörner wurden aber durch ihre guten Freunde gewarnt, und wiewohl ihre Knechte gerannt kamen und die Schwerter brachten, blieben sie doch in ihrer Ordnung halten und befahlen den Knechten, nicht eher wiederzukommen, als bis sie die Trompeten hörten. Die Markgräflichen aber versuchten sich wieder auf das härteste gegen sie. Da nun der Markgraf hörte, daß ihrer Ordnung nichts abzubrechen wäre, schickte er den Grafen Eberhard von Württemberg und Herrn Wilhelm von Rechberg zu Herrn Georg von Rosenberg und ließ ihm sagen, Markgraf Albrecht, sein Herr und Vater, hätte ihn ausgeschickt, daß er ihn schlagen sollte. Er ließe ihn bitten, daß er ihm drei und mehr Schläge verstattete, er wollte ihm bei fürstlicher Ehre und Glauben zusagen, daß ihm nichts weiteres angetan werden sollte; denn ohne das dürfte er nicht in seines Vaters Haus zurückkommen. Herr Georg von Rosenberg antwortete, der Markgraf hätte ihn in seiner Klage ehrenwidriger Tat geziehen, wenn er sich jetzt schlagen ließe, würde man annehmen, daß er sich einer Schuld bewußt sei. Das könne ihm niemand raten, auch sei er selbst der Meinung, das keineswegs zu leiden; wenn der Markgraf aber so große Lust habe, ihn zu schlagen oder ihm so mächtig daran gelegen sei, so möchte er doch an einen bestimmten Platz reiten, dort wolle er zu ihm kommen, da solle er ihn nach allem seinem Vermögen schlagen; dasselbe wolle er, Georg, auch wieder tun und das Spiel so lange mit dem Markgrafen treiben, als diesem gelüste. Das wollte der Markgraf nicht annehmen. Indem wurde aufgeblasen zum Nachturnier und zu den Schwertern gegriffen, und blieb Herr Georg von Rosenberg von Markgraf Friedrich ungeschlagen. Am andern Tag hatten die Frauen vom schwäbischen Adel, die bei dem Turnierhof waren, ein herrlich köstlich Bankett zugerichtet, wozu sie die ganze Gesellschaft des Einhorns luden, diese mit Werken und Gebärden hoch ehrten. Und wie gewöhnlich die schwäbischen Frauen mit schönen, subtilen Worten redereich sind, so rühmten sie die Einhörner hoch und sagten, daß sie sich stolzlich, ritterlich, männlich und prächtig gehalten hätten, sie wollten das auch nachher zu langem Gedächtnis ihren Kindern zu verstehen geben, und begehrten darauf eines jeglichen Namen und Geschlecht zu wissen. Aber der alte Markgraf wollte danach seinen Sohn darum, weil er seinen Befehl und Geschäft nicht ausgeführt hatte, weder sehen noch hören, es wurde auch den von der Gesellschaft des Einhorns nicht wohl aufgenommen, sondern sie wurden sauer angesehen. Doch verlor sich die feindliche Stimmung nach und nach, was jeder hatte, das behielt er. Während nun Wilibald von Schauenburg keinem Herrn diente und für sich selbst oder seine eigene Freundschaft nichts zu tun hatte, war derzeit die kleine Reiterei im Land gemein, wie denn solcher Zank im Lande Franken selten ruht, so daß einige Freiherrn und vom Adel miteinander zu schaffen hatten, einander Burgen abgewannen, Dörfer ausraubten und brannten, Vieh nahmen und solche Hantierung trieben. In diesen Geschäften diente er gern seinen guten Gesellen, die ihm schrieben, bewarb sich darum und führte Pferde, womit er sich etwas verdiente und einen großen Ruf und Geltung bei Fürsten und Ritterschaft machte. Nun ist wohl wahr, was Ovidius schreibt, und bewährt sich auch oft, daß jede Frau von Ehre besondere Liebe und Lust, auch Wohlgefallen zu männlichen, unerschrockenen, kecken, ernsthaften Männern trägt, weil sie gedenkt, daß dieselben eher und tapferer für die Frauen wagen und tun als hausbackene und weibische Männer. Dies förderte auch den von Schauenburg, daß sich ihm eine edle tugendhafte Frau in Liebe verband. Der versprach er in der Abrede über ihre Liebschaft sich nach ihrem Gefallen und Willen zu halten und um ihretwillen jede Sache bis in den Tod zu wagen. Dagegen ließ sie sich wieder hören: wenn er seinem Versprechen nachkäme, wollte auch sie nicht von ihm lassen, ihm von ihrem Gut nach ihrem Vermögen mitteilen, soweit es einer edlen, frommen und tugendhaften Frau zustände und mit Ehre, Zucht und Ziemlichkeit geschehen könnte, und sie wollte, wie er bat, keinem Geschwätz eines unnützen Kläffers Glauben schenken. Und sie befahl ihm, auch in ihrem Dienst ritterlich und ansehnlich zu leben, dazu wollte sie es ihm an nichts fehlen lassen. Er richtete sich nach ihrem Gefallen, suchte und veranstaltete Rennhöfe, die damals häufig waren, rannte und stach in köstlicher Waffenkleidung, mit seidener Decke und was dazu gehört, meist alles in guter Seide, mit köstlichem Schmuck seines Hutes und mit guten güldenen Ketten um die Arme und anderen Kleinodien, die dazu ziemten; er hatte auch allerwegen vier oder sechs laufende Knechte, die in seidenen Kleidern seiner Farbe ihm auf der Bahn dienten, war zu solchem Spiel mit guter Zehrung versehen, stets wohlberitten und nach ihrem Wunsch mit seinen Knechten und Pferden im Sommer und Winter ansehnlich und wohlgerüstet, so daß viele Leute, die seine Nahrung und Einkommen wußten, eine große Verwunderung trugen und etliche, wie der Welt Lauf ist, sehr munkelten. Und wiewohl dieser Handel niemand genau kund wurde, so wurde er doch aus Vermutung vielfach gegen ihre Verwandten verschwätzt; deshalb kam ihm oft Warnung zu, er möchte sich aus der Gegend entfernen, er würde sonst um den Hals kommen und ihm ein ungewöhnlicher greulicher Tod zuteil werden. Nun aber ging ihm sein Versprechen und die Liebe zur Frau mehr zu Herzen als die Furcht des Todes. Er hatte stets bei oder mehr als zwanzig Meilen zu der Frau zu reisen, weshalb man nicht auflauern und sein Kommen oder Scheiden merken mochte. Denn er kam nicht in einerlei Gestalt, ritt zuzeiten wie ein Kaufmann, dann wie ein deutscher Herr, lief zuweilen als Barfüßermönch oder einem Aussätzigen gleich, wie denn die Liebe zu geliebten Menschen allezeit neuen Fund und Anschlag eingibt. Und wenn sich dann fügte, daß er an den Ort kam, wo er zu der Frau sollte, mußte er über ein Wasser kommen und danach noch Felsen und Mauer an siebzehn Klaftern hoch hinaufsteigen. Dazu ließ ihm die Frau über die Mauer aus einem Fenster eine starke Schnur hinab, daran unten ein großer Kolben Wachs hing, damit er sie in der Finsternis desto eher finden möchte. An die Schnur band er sein Steigezeug, das dazu eingerichtet war; dies also zog die liebhabende Frau hinauf, heftete und schlug den Haken des Steigezeuges ein, daß ihr Freund hinaufsteigen konnte. Und wie die Liebe stets mit bitterer Sorge, Angst und Mühe gemengt ist und die Freude, die aus ihr kommt, mit Trauer, so begab es sich einst, daß sie einmal lange nicht beieinander gewesen waren, und als er zu ihr kam, wie früher oft geschehen, hatten sie beide so große Freude, daß sie das Steigezeug, das an dem Fenster hing, vergaß. Aber da dies nicht beschwert war, wehte es der Wind hin und her, der Haken hing heraus und das Zeug fiel über den Fels ins Wasser, worüber sie beide übermäßig sehr erschraken. Wie aber die Zeit kam, daß er nicht länger bleiben konnte, da hatte die Frau zwei Stück Leinwand und zwei Paar Handschuh zuwege gebracht; die Leinwand machte er aneinander, band das eine Ende an eine Bettstange, legte die quer unter das Fenster und ließ das andere über das Fenster hinuntergehen. Die Frau und er gesegneten einander mit den hübschesten Worten, die sie zuwege bringen mochten. Jeder werte Mann, der von Frauenliebe zu seiner Zeit ergriffen war und ehrliche Buhlschaft getrieben hat, kann wohl annehmen, welcher Art und wie bitter der Abschied gewesen ist. Danach zog er die Handschuh an, gab sich für das Wagnis in die Gnade Gottes, um über die Mauer und den Felsen hinabzukommen. Die Frau legte sich in ihrer Treue auf die Bettstange, diese zu halten, daß sie nicht überschlug und ihren Allerliebsten zu Fall brachte, sie vergaß, daß ihr die Hände unter den Stecken kamen, worauf die Leinwand gemacht war, das drückte sie so hart, daß sie in den Schrei ausbrach: ›Hilf, Maria, Gottes Mutter, du brichst mir die Hände!‹ Da erschrak der gute Gesell über die Maßen sehr, und das Glück fügte, daß er mit den Füßen einen Nagel fand, der in einem Riegel oder Band am Hause stak, weil er noch nicht herab bis zu der Mauer war. Darauf stand er und erhielt sich, bis die Frau ledig war und ihm das alsbald leise zu erkennen gab. Mit der Hand ließ er sich zu Tal, aber die Leinwand schnitt ihm durch die Handschuhe so sehr in die Hände, daß er solches keineswegs länger ertragen konnte, er fing also die Leinwand in beide Arme und drückte sie an sich, so gut er konnte. Er fiel gar in große Schrecken und Sorgen, denn er wußte nicht, wie tief noch hinab war zu Tal, aber er traf aus Glück und ungefähr auf einen Misthaufen, den die Stallknechte aus den Ställen geworfen. So machte er sich rasch auf und kam auf eine Meile Wegs weit hinweg in ein Holz, er ging vom Wege ab und tat wie der Wolf, der in einem Dorf geraubt, sah sich oft um, ob ihm niemand folgte, ward aber niemand gewahr. Nun hatte ihm die Frau etwas in einem Bausch vernäht auf den Rücken gehängt; da er nicht wußte, was darin sein mochte, kam ihm der Fürwitz, das zu besehen. Er trennte es auf und fand hübsche Arbeiten von guten Hemden darin, goldene Hauben, Perlenschnüre und eine gute goldene Kette mit einem goldenen Kreuz, worein fünf köstliche Diamanten gefügt waren. Darüber freute er sich viel mehr, weil er Gunst und Liebe der Frau deutlich daraus merkte, als um des Kleinods oder Gutes willen, und kam darauf mit Freuden heim. Kurz danach begab es sich, daß eine große Hochzeit gehalten wurde, wohin viel Fürsten, Fürstinnen, Grafen, Herren, Ritterschaft, viele höfische Frauen und Jungfrauen kamen. Auch Wilibalds Frau und höchste Freundin waren daselbst. Dieweil nun nichts auf Erden einem jungen Mann mehr Freude und Mut machen kann als ein reines, zartes, tugendhaftes Weibsbild, gedachte er ein seltsames und abenteuerliches Ritterspiel zu beginnen und besprach sich mit Herrn Eberhard von Brandenstein, der in seiner Jugend auch ein Liebhaber der fraulichen Geselligkeit und ein unerschrockener Mann war, über ein Rennen in der Art, daß jeder in seiner Tartsche einen Spiegel haben sollte und auf dem Haupt keinen Rennhut, sondern aufgewaschenes und geschmücktes Haar und ein hübsches Kränzlein, und wer von ihnen am nächsten zu dem Spiegel in der Tartsche träfe, sollte ein Kleinod gewinnen, das zehn Gulden wert war. Sie kamen also in ihrem Schmuck auf die Bahn, und war mein Wilibald gut und reitermäßig herausgeputzt. Sie rüsteten sich zum Treffen, da ließen Herzog Ernst und Herzog Albrecht, beide Fürsten von Sachsen und Gebrüder, ihnen durch Herrn Haubold von Schleinitz, den obersten Marschalk, und durch Herrn Heinrich von Einsiedel sagen, wollten sie rennen, so müßten sie sich mit ihren Hüten und was sonst zum Rennen gehört, wie andere Ritterschaft verwahren. Sie gaben die Antwort, wenn der Fürsten Wille nicht anders wäre, so wollten sie noch ein- oder zweimal umreiten und danach abziehen. Sie hatten sich aber wohl vorher bedacht, daß man ihnen solches Rennen nicht gern zugeben würde und deshalb besprochen; sie sprengten also plötzlich während dem Umritt gegeneinander, und Herr Eberhard von Brandenstein traf eine Ecke des Brettleins, worein das Spiegelglas gesetzt war, aber Wilibald das Spiegelglas auf Herrn Eberhards Tartsche. Darüber entstand ein Streit zwischen ihnen, Wilibald meinte, Herr Eberhard wäre des Kleinodes verlustig, und Herr Eberhard sagte, die Bedingung wäre gewesen, wer dem Spiegel zunächst träfe, er hätte das Brett getroffen, das zu dem Glase gehörte, und es gäbe keinen richtigen Spiegel, der nicht gefaßt wäre, darum hätten sie beide den Spiegel gerührt, es wäre aber nicht ausbedungen gewesen, wer am besten seine Mitte oder einen andern Fleck treffen würde. Auf ihr beider Begehren wurde ein Ritterrecht niedergesetzt zu entscheiden, aber mit Wilibald so viel verhandelt, daß er die Sache in Güte fallen ließ. Danach begab sich's, daß Haubold von Schleinitz seine Tochter Herrn Götz von Ende zulegte. Das ward wieder eine große Hochzeit. Da vereinten sich der Bräutigam und Wilibald und rannten miteinander hinter Kissen, die sie anstatt der Tartschen vor sich hingen, sie ließen aber gutes, starkes Stahlblech in die Kissen und Bettleinwand verbergen. Sie hatten auf ihren Hüten gestreifte Leinwand und hinten auf den Pferden Bettleinwand. Beide trafen richtig die Kissen, ihre Harnischmeister rissen die Speerlöcher in den Kissen weiter, so daß der Wind die ausgestobenen Federn so weit trug als die Bahn war und die Leute bestäubte. Das gab ein Gelächter und war den Frauen und Jungfrauen lustig anzusehen. Darum hab' ich solches hergesetzt, daß jeder junge Edelmann nimmer ruhe, bis sein Herz und Gemüt einer werten Frau oder Jungfrau in Züchten und Ehren zugesellt werde, denn sie erlöst ihn von den unehrlichen Händeln und daß er sich nicht verliegt, und treibt ihn in ferne Lande, dort Ehr' und Preis zu suchen, und hindert ihn, bei seinen Bauern in den Wohnhäusern zu bleiben und von blauen Enten zu schwatzen. XI Die frommen Landsknechte Nicht durch Maximilian geschaffen, früheres Vorkommen. – Besserung der Wehrkraft im Reiche. Genossenschaft der Landsknechte. Ihr Vertragsverhältnis zum Kriegsherrn. Geldmangel. Widerspenstigkeit. Die Lage der Befehlshaber. – Der Niederländische Krieg. Bericht des Landsknechthauptmanns von Schauenburg über die Eroberung von Arras. Urteil darüber Im Jahre 1431 war ein großes Reichsheer gegen die Hussiten aufgeboten, ein Kardinal hatte die Waffen gesegnet, die seidenen Banner der deutschen Fürsten standen dicht gereiht, Erzbischöfe m prächtigem Feldschmuck, der Kurfürst von Brandenburg, dem das Oberfeldherrnamt aufgenötigt war, der Kurfürst von Sachsen mit der päpstlichen Fahne, die Wittelsbacher, das St. Georgs-Banner der schwäbischen Ritterschaft, die großen Büchsen der fränkischen Reichsstädte, ein Lehnsheer von 14 000 gerüsteten Pferden, 80 000 Mann streitbarem Volk und einer Wagenburg von 8000 Wagen. Und dies große Reichsheer floh schmachvoll beim Herannahen der schwächeren Hussitenhaufen über die Grenzberge aus dem Böhmerland. Die ganze Wagenburg, unermeßliche Beute fielen in die Hände der Böhmen, 11 000 Deutsche wurden in den Wäldern getötet. An diesem elenden Tage von Tauß war das Banner der Stadt Straßburg das letzte, welches den Rückzug zu decken wagte. Es war eine Flucht ohne Schwertstreich, wohl die größte Schande, welche je ein deutsches Heer erfahren; seitdem wußte jedermann, daß das Reichsheer in seiner Zusammensetzung aus zahllosen Kontingenten und uneinigen Fürsten ein ebenso kraftloser Mechanismus geworden war wie das deutsche Reich selbst; man suchte Rettung. Als König Maximilian befahl, für den Krieg in Flandern und Burgund Fußvolk aus Landeskindern zu werben und nicht aus zusammengelaufenem Volk, da wurde nur der Name Landsknechte, d. h. eingeborene Kriegsleute, gebräuchlich, in der Sache wurde nichts Neues geschaffen, vielmehr uralter Brauch, der nie untergegangen war, wieder in den Vordergrund gerückt. Denn das Landsknechtheer ist in seiner Taktik, seinen Gewohnheiten, in seinem Gericht und Recht nichts anderes als das alte Volksheer der Merowingerzeit, welches durch die Vasallenreiterei seit den Jahren Karls des Großen in die zweite Schlachtreihe zurückgedrängt war, aber zu jeder Zeit fortbestanden hatte. Allerdings dauerte es nicht in der Masse der aufgebotenen Landleute, welche dem Vasallenheer nach Hofrecht folgten, sondern als ein Fußvolk Freiwilliger, welche, wie ihre Ahnen, sich durch Schwur zu Abenteuer und Beute vereinigten, zu gemeinsamer Tat und Gehorsam unter dem Führer, der sie gerufen hatte oder den sie sich setzten. Sie richteten ihre Genossen selbst durch ein Schöffengericht nach herkömmlicher Kriegsordnung, sie wollten Freie sein, die ohne Erlaubnis eines Herrn reisen durften und Urteil finden über freie Männer. Aber zuverlässig wurde auf die Rechte, welche die Genossen in der Heimat besaßen, seit frühester Zeit wenig Rücksicht genommen. Im Jahre 1276 kämpfte eine solche Schar, die gegen Sold und auf Beuteteil geworben ist, für Rudolf von Habsburg. Als die Rittermäßigen nach dem Treffen eine Anzahl Gefangene enthaupten, ohne die Söldner zu fragen und diesen durch das ausfallende Lösegeld den Beuteanteil verringern, geraten die Söldner in Empörung und verweigern ferneren Dienst. Hundert Jahre später bezahlten Ulm und der schwäbische Städtebund Fähnlein derselben freien Knechte, welche sich Freiharde und ihren Bund die Freiheit nennen; sie waren damals eine sehr tüchtige Schar, trugen dicke Joppen, Spieß und Armbrust, 70 Mann derselben trieben 60 Reisige, Ritter und Knechte ruhmvoll ab, und es gelang den Städten in diesem Jahre sehr gut. Seitdem spielen sie bei jeder größeren Fehde und jedem Kriege mit, unter verschiedenen Namen und mit sehr wechselnder Kriegstüchtigkeit. Sie ziehen als Schwarze Garde gegen die Dithmarschen, bilden als »Ruter« die wehrhafte Bemannung der Hansaschiffe, laufen als Schildknechte jeder aufbrennenden Fehde zu und kämpfen als Söldner bei allen großen Kriegsfahrten der oberdeutschen Städte. Schon damals war viel Gesindel unter ihnen, welches Krieg und Fehde zu wüstem Raub benutzte; diese Marodeure, welche man Böcke nannte, fanden als Gefangene hartes Gericht, sie wurden im Gefängnis der Städte schwebend an Ketten geschlossen, von dem feindlichen Feldhauptmann als Mordbrenner mit Feuer gerichtet. Außer dem Fußvolk ritten auch Reisige mit eigenem Pferd der Beute nach, sie gesellten sich am liebsten den Burgherren zu und müssen für besonders schädlich gegolten haben, denn unter Kaiser Friedrich III. ward verordnet, daß sie nirgend geduldet werden sollten, wenn sie nicht Diener eines Herrn, eines Junkers, einer Stadt wären. Trotzdem dauern sie noch zweihundert Jahre später als Einspännige in den deutschen und schwedischen Heeren. Wenn eine Stadt dem König für einen Reichskrieg ihr Kontingent sandte, bestand es in der Regel aus diesen geworbenen Söldnern, und reiche Städte suchten etwas darin, ihre Mannschaft durch gleiche bunte Tracht auszuzeichnen, ein Vorzug, dessen sich außerdem nur die Leibwache großer Herren – die Hartschiere mit Hellebarden – erfreute. Am Ende des 15. Jahrhunderts war jedes größere Kriegsheer zusammengesetzt aus den Kontingenten, welche Fürsten oder Vasallen und Städte aus Lehnspflicht sendeten –, auch dieser Anzug zum Teil geworbene Leute –, daneben aus gemieteten Söldnern zu Fuß und zu Roß. Und dieser Teil galt für den Kern des Heeres. In der Reiterei dienten geworbene Edelleute mit ihren Knechten, in der Regel zu doppeltem Monatssold, der damals auf acht Gulden für den Reiter, vier Gulden für den Landsknecht festgesetzt war. Noch waren der Reiter im Verhältnis zum Fußvolk viel, einigemal die gleiche Zahl, zuweilen die Hälfte, und dazu gewaltiger Train; ein Heer von 1000 Reitern und 1000 Mann Fußvolk führte z. B. an 400 Wagen mit Geschütz und Wagenburg, jeden zu 4 Pferden. Aber das Bedürfnis nach größeren Fußheeren wird zwingend, die Entscheidung des Kampfes steht ganz bei ihnen und nicht bei den Reitern. Dem Feldhauptmann freilich waren die Reisigen im ganzen die zuverlässigere Truppe, denn es war leichter, auf ihr Ehrgefühl zu wirken. Das Heer der Landsknechte dagegen war ein seltsames politisches Institut, schwer zu behandeln. Eine große Bruderschaft, welche das Kriegshandwerk als Lebensberuf übte, trotzig, unbotmäßig, im Kampf oft von einer unübertrefflichen Tapferkeit, kriegshart und dauerhaft in Strapazen, aber immer eine Genossenschaft, die eigenwillig befand, ob sie schlagen wollte oder nicht. Die Landsknechte schafften sich selbst Waffen und Kleidung, waren entweder Spießknechte oder Büchsenknechte, die ersteren mit stärkerer Rüstung, zuweilen mit doppeltem Sold, aber beide in der Gesellschaft gleichberechtigt. Sie leisteten ihren Fahneneid auf Zeit oder zu einem Feldzuge und zogen zum Heer mit einem Buben oder einem Weib, das sie sich gesellt hatten. Ihr Troß war also nicht gering, aber er war immerhin beweglicher und weniger massenhaft als der eines Reiterheeres. Im Jahre 1474 gehörten bei der Belagerung von Neuß zu einem Heer von 20 000 Fußknechten 4000 Weiber; auch diese wurden zur Schanzarbeit verwandt, durch eines Profos befehligt, hatten ein eigenes Fähnlein, worauf eine Frau gemalt war, und zogen mit Fahne, Trommel und Pfeifen zur Arbeit auf. Die Landsknechte hatten ihre Grillen und Feindschaften, sie vertrugen sich schlecht mit den Reitern und hatten einen alten Kriegszorn gegen die Schweizer, der aus den österreichischen und burgundischen Kriegen überkommen war und dadurch genährt wurde, daß die Söldner aus der Schweiz am liebsten französischen und italienischen Sold nahmen, was die Landsknechte ihnen übrigens bei Gelegenheit ohne jedes politische Bedenken nachmachten. Auch die Bewaffnung war nicht ganz gleich, die Landsknechte führten entweder Handrohr oder langen Spieß, die Schweizer außer Handrohr und Spieß auch Hellebarden in größerer Zahl. Dagegen war wieder gute Freundschaft zwischen Schweizern und Friesen. Beide wußten im 15. Jahrhundert zu erzählen, daß einst Friesen auf der Heimkehr von einem Römerzug Karls des Großen sich in Schwyz niedergelassen und die Ahnherren der Schwyzer geworden wären. Beider Stärke bestand in dem freien Bauernstand, beide duldeten keine Herren über sich, und in ihren Briefen nannten sie einander Söhne und Vettern. Die Landsknechte aber waren zum größten Teil Oberdeutsche und viele Stadtkinder darunter. Doch trotz der Feindschaft behandelten diese Gegner einander in der Regel als ehrliche Soldaten. Dagegen hatten die Raizen, welche in den Kriegen des Königs Matthias mit den deutschen Landsknechten zusammenstießen, grobe und unchristliche Sitten, sie nahmen niemand gefangen, denn sie bekamen für jeden abgeschnittenen Kopf einen Gulden, das war ihr Sold, und sie schnitten Köpfe ab, wo sie irgend Gelegenheit fanden; diese erhielten von den Landsknechten kein Quartier. Das Leiden des Landsknechtheeres war, daß jeder Kriegführende die Landsknechte nötig hatte und daß keiner sie zu bezahlen vermochte. Das Dienstverhältnis beruhte auf Vertrag, beide Teile hatten zu leisten, der Kriegsherr den Sold, der Söldner den Dienst. Wurde der Sold nicht gezahlt – und das geschah selten regelmäßig, selten ohne Abzüge und Betrug, der den Hauptleuten zugute kam und zuweilen nach den ersten Wochen gar nicht oder doch nur durch kleine Abschlagzahlungen – dann war nach Ansicht des Heeres der Vertrag gebrochen, und dem Heere stand frei, sich anderweitig zu vermieten. So kam es, daß den Landsknechten eine auffällige und meuterische Stimmung zur üblen Gewohnheit wurde. Die Hauptleute der Fähnlein, in Geldsachen häufig durch böses Gewissen gedrückt, hatten geringe Autorität und folgten dem empörten Haufen. Der Feldhauptmann, welcher kein Geld schaffen konnte, mußte zu allerlei Mitteln die Zuflucht nehmen; er vermochte doch vielleicht Tuch zu borgen, wenn die Kleidung seiner Mannschaft abgerissen war, dann wurde kapituliert, die Knechte nahmen einmal Gewand statt Geld, und Hauptmann und Leute freuten sich, daß sie in gleichen Farben, z. B. schwarz und weiß einhergingen. Zuweilen half dem Führer gegen die erbitterten Knechte, wenn er sie feierlich anredete. Er mußte sich eine wohlgesetzte Rede ausdenken und darin durch gute Versprechungen trösten. Es war ihm aber nützlich, wenn er vor solcher Verhandlung mit den eigenen Knechten sich von ihnen zur Verantwortung freies Geleit erbat, das ihm nicht verweigert wurde. Erfuhren während solcher Geldnot die Knechte, daß ein Geldtransport beim Heer angekommen war, so bemächtigten sie sich vielleicht gewaltsam des Geldes, um sich den Sold zu sichern, ja sie nahmen den Geldtransport weg, wenn man ihnen auch gerade nichts schuldig war, weil sie behaupteten, daß sie sich vorsehen müßten und daß man am Ende eher die Reiter als sie bezahlen würde. Da die Leute leben mußten, so plünderten sie ihre Quartiere und die Umgegend, unternahmen eigenmächtig Beutezüge und forderten dann von ihrem Feldhauptmann, daß er den eingebrachten Raub, wie es Brauch war, verteilte. Selten gelang es, einen einflußreichen Subalternoffizier oder die Anstifter der Unzufriedenheit zu ergreifen, und in diesem Falle brach vielleicht die Meuterei aus, und der Feldherr mußte sich durch die Flucht dem Tode entziehen. Aber die Brüderschaft, welche sich am Fahnenstock zusammengeschworen hatte, besaß sogar vor dem Feinde nicht den unbedingten Gehorsam, welcher für dauernde militärische Gefolge unentbehrlich ist. Wie sie im Soldatengericht, wo der Profos anklagen mußte, selbst erkannte, ob ein Gesell sich als unehrlicher Soldat gehalten habe, so wollte sie auch vor jeder Kriegsoperation, welche Leib und Habe in Gefahr setzte, mitsprechen. Das war uralter Heeresbrauch. Der Feldhauptmann mußte sie zusammenrufen, anreden und für seine Absicht gewinnen. Zuweilen versagten die Gerufenen. Wenn es ihnen in den Quartieren gefiel und sie nicht den Angreifer vor Augen sahen, so wurden ihnen die Kriegspläne der Führer unbequem, vollends wenn dabei gute Beute nicht zu hoffen war. In den Quartieren waren ihre Weinwirte und Metzger, ihre Weiber und Dirnen einflußreicher als die Befehlshaber, der Troß aber fürchtete für seinen Kramschatz oder scheute das Ungemach des Feldes. Wenn gar ein Krieg seinem Ende nahte und nicht so reiche Plünderung gewährt hatte, daß die Landsknechte in Frieden ihre Beute vertun wollten, dann schieden sich feindlich die Interessen des Heeres und des Kriegsherrn. Die Landsknechte suchten das Ende des Krieges dadurch zu hindern, daß sie den entscheidenden Schlag verweigerten, oder heimlich mit ihren Kameraden im feindlichen Heer verhandelten und ein stilles Abkommen schlossen, das kriegerische Geschäft im gemeinsamen Interesse fortzusetzen und nicht zu dulden, daß der fromme Landsknecht wieder in unsicherer Reise laufen müsse. Wurde der Krieg doch geendet und ihre Fähnlein abgedankt, so ballten sie sich vielleicht zu einem Haufen zusammen, setzten sich einen Hauptmann und durchzogen plündernd die Landschaft, bis sie durch Gewalt zerstreut wurden oder einen neuen Kriegsherrn fanden, dem sie sich verdangen. Kam man an den Feind und stand ein Zusammenstoß bevor, so galt es den Schlachtenzorn der Landsknechte durch Versprechung und Anrede zu erregen; darauf wurde große Sorgfalt verwandt und einflußreiche Subalterne gewonnen, welche berichteten, ob das Heer in der rechten Laune war. Vor dem Kampf verstrickten sich die Landsknechte noch einmal mit Glauben und Eid untereinander, die Schlacht zu gewinnen, die Festung zu erobern, bis auf den letzten Mann auszuhalten. Vor dem Treffen knieten die Knechte nieder – die Schweizer senkten betend auch den Oberleib zur Erde –, sie sprachen ihre Gebete um Glück und Sieg und warfen eine Erdscholle oder Handvoll Staub hinter sich. Die Schlacht war ein Kampf zweier großer quadratischer Gewalthaufen, welche aus den einzelnen Fähnlein zusammengestellt waren; vor dem Zusammenstoß dieser Haufen galt es, den Feind durch das zerstreute Gefecht der Armbrust- und Büchsenschützen zu schwächen, aber der Dienst dieser Vortruppen oder laufenden Knechte war noch schlecht organisiert. Die liefen nach einigen Schüssen ihrem Gewalthaufen zur Seite und in den Rücken, die Lockerung der feindlichen Waffe hing vorzugsweise von der Gewalt des Einbruchs und den langen Spießen der zusammenrennenden Haufen ab. Bei diesem Zusammenlauf waren die ersten Glieder – die Doppelsöldner – am meisten gefährdet, wohl die Mehrzahl darin wurde erstochen; die Fahnen standen deshalb erst im vierten und fünften Glied. Um die Gefahr dieses Zusammenstoßes zu verringern, wählte man im 15. Jahrhundert zuweilen verzweifelte Gesellen, welche bereit waren, ihr Leben gegen besonderen Lohn in die Schanze zu schlagen; auch der Arges bewirkt hatte, konnte sich durch solchen Dienst von der Strafe lösen. Diese »Katzbalger« wurden mit Hellebarden vor der ersten Reihe der Knechte aufgestellt und ließen im Augenblick vor dem Zusammenstoß die Hellebarden in schrägem Hieb auf die Speerspitzen der Feinde fallen, damit die Spießknechte eilig in die Lücken sprangen und an den Leib der Feinde kamen. Dann begann das Stoßen und Drängen der beiden großen Haufen, die hinteren Glieder, verhältnismäßig sicher, drückten ihre Vorkämpfer unablässig nach vorn. Und es kam darauf an, in welchem Haufen die größere Stoßkraft dauerte. Bei diesem Wogen der Waffen wurde in trockener Zeit der Staub auf dem Schlachtfeld so groß, daß man die Aussicht verlor, sogar die Hauptfahne nicht erkennen konnte. Dann schlugen die Mutigen so lange ineinander, als die Kräfte und Hoffnung aushielten, die Feigen beider Heere flohen, der Sieg hing außer anderem auch sehr von Sonne und Wind ab. Die Entscheidung aber war in der Regel vollständig, denn der Haufe, welcher sich zuerst zur Flucht wandte, hatte den Feind im Nacken, welcher massenhaftes Niederschlagen, Gefangennahme und Plünderung begann. Dabei verlor das siegreiche Heer völlig den Zusammenhang, und mehr als einmal wurde der glänzende Erfolg einer Schlacht vereitelt, weil der Feind imstande war, noch eine taktisch zusammenhängende kleine Minderzahl gegen die zerstreuten Sieger zu führen. Man suchte deshalb wohl einen Haufen für solche Entscheidung zurückzubehalten, aber regelmäßige Reserven wurden erst in der zweiten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges Brauch. Die ärgste Schwäche dieser Gewalthaufen war, daß sie zwar eine starke Front hatten, aber leicht zersprengt wurden, wenn die Feinde in ihre Seiten drangen; erst als die Handrohre der Schützen schneller feuerten und diese Truppe verläßlicher ward, suchte man durch angehängte Schützenflügel die Flanken zu sichern. Die Reiterei kämpfte in dieser letzten Zeit selten gegen Landsknechte, sie galt für wirkungslos vor den langen Spießen des Fußvolkes, ihre Aktion war an den Seiten des Gewalthaufens gegen die feindliche Reiterei; die beiden Waffengattungen des Heeres griffen also im Kampf fast gar nicht ineinander. Die Artillerie endlich wurde m Positionen aufgefahren, die sie in der Regel nicht verließ, sie half die Aufstellung schützen, aber leistete geringen Dienst bei der Entscheidung. Nach jedem Sieg wurde »gebeutet«, die gesamte Beute auf einen Haufen zusammengebracht und verteilt. Daß der Befehl über ein solches Heer keine sorgenlose Ehre war, wußte jedermann; es gelang nur wenigen Feldhauptleuten, sich für wichtige Fälle den Gehorsam zu sichern durch Redlichkeit, einen demantharten Mut, der jede Probe aushielt, durch imponierendes Wesen, dem ein Strich von volkstümlicher Laune nicht fehlte. Wer den Befehl übernahm, der mußte abgehärtet sein gegen zahllose Kränkungen, die er selbst erfuhr, und gegen die Verwüstungen und Unmenschlichkeiten, welche durch seine Banden verübt wurden. Seine Prüfungen begannen an dem Tage, wo das Heer aufbrach. Man merkte wohl, daß Heervolk sich nicht in Säcken fortbringen ließ, und daß die Gesellschaft überall wo sie durchzog »sich behalf«, indem sie von der Bevölkerung nahm. Denn an geordnete Verpflegung wurde nicht gedacht; deshalb brachte der Zug eines Heerhaufens das Land des eigenen Kriegsherrn längs der Heerstraße in Aufruhr, die erbitterten Landleute wurden da, wo man sehr schonen mußte und einmal Geld hatte, durch Entschädigungssummen gestillt, die der Kriegsherr zahlen mußte; zuweilen zog das Heer in Streitordnung durch Freundesland, um die einzelnen Haufen vor der Rache und den Überfällen der Bewohner zu bewahren, dann marschierte man in breiter Ordnung in großen quadratischen Haufen, Wagenburg und Troß in der Mitte. Der oberste Hauptmann einer solchen Gesellschaft war vielleicht der große Unternehmer, welcher das Geld für Werbung und Ausrüstung vorgeschossen hatte, unter seiner Autorität war das Heer zusammengelaufen. Auch er faßte es als einen Kontraktbruch gegen sich auf, wenn ihm der Sold nicht gezahlt wurde. Wie die Treue gegen Kaiser und Reich in solchem Fall erhalten wurde, lehrt das Verhalten des Herzogs Albrecht von Sachsen, der die Regierung seines eigenen Landes vernachlässigte und große Summen aus dem Erbe seiner Väter zog, um den Habsburgern Kriegsdienste zu tun, und der in Wahrheit durch mehr als ein Jahrzehnt die beste Stütze der kaiserlichen Familie war. Er hatte als oberster Feldhauptmann im Niederländischen Krieg über 300 000 Gulden für Sold und Ausrüstung vorgeschossen, und König Maximilian, der für seinen Sohn Herzog Philipp Kriegsherr war, achtete wenig auf des Herzogs Not und Drängen. Da wußte der Fürst – wohlgemerkt, während er für den Kaiser gegen Frankreich im Felde lag – sich nicht anders zu helfen, als daß er sein Heer und seine Dienste dem König von Frankreich anbot, mit der Bedingung, nicht wider König Maximilian und das Deutsche Reich gebraucht zu werden, einer unnötigen Bedingung, denn wenn er das kaiserliche Heer zu den Franzosen hinüberführte, war ohne weiteres die Sache zugunsten Frankreichs entschieden, Maximilian hatte kein Heer und kein Geld ein neues zu werben, und dieser Übertritt des sächsischen Fürsten wurde eine Katastrophe für das Reich. Die Bedingung des Geschäftes war durch seinen Unterbefehlshaber am französischen Hof vereinbart, als König Maximilian erfuhr, daß der treue Herzog diesen verzweifelten Weg eingeschlagen hatte, sich bezahlt zu machen. Da endlich sandte der König seinem Feldhauptmann etwas Geld und viele Versprechungen und schloß einen neuen Vertrag, ihn nach und nach zu bezahlen. Es ist durchaus nicht zu ersehen, daß diese vorübergehende Differenz das gute Verhältnis zwischen dem König und dem Herzog gestört habe. [...] Wir haben über die wilde Wirtschaft innerhalb des Landsknechtsheeres einen Bericht, der an Anschaulichkeit nichts zu wünschen übrigläßt. Er ist in der Biographie desselben fränkischen Edelmanns enthalten, welcher von den letzten Ritterfahrten des deutschen Adels erzählt hat. Zum Verständnis wird kurz an die politischen Verhältnisse erinnert. Nach dem Tode Karls des Kühnen von Burgund (1477) war endlich ein Plan des alten Rudolf von Habsburg in Erfüllung gegangen, sein Geschlecht erhielt durch Vermählung des Habsburgers Maximilian mit der Erbin von Burgund Anrecht auf das Ländergebiet, welches die letzten Burgunder Philipp und Karl durch Krieg und Vertrag gewonnen hatten. Aber die Länder waren von Parteien zerrissen, der Einfluß Frankreichs bereits übermächtig, und es half wenig, als dem begehrlichen Nachbar Teile der Erbschaft abgetreten, andere versprochen wurden. Als Maria im Jahre 1482 starb und ihrem Gemahl zwei Kinder, Philipp und Margarete, von vier und zwei Jahren hinterließ und Maximilian als Vormund die Regierung übernahm, wurden die Grafschaften Burgund und Artois als Mitgift der kleinen Prinzeß Margarete dem Dauphin Karl verlobt, aber die Unruhen in den Niederlanden und die Intrigen Frankreichs hörten darum nicht auf; im Jahre 1488 wurde Max zu Brügge von den Bürgern gefangen und der Vormundschaft entsetzt. Er löste sich aus dem Gefängnis, indem er unter anderm eidlich gelobte, der Regierung zu entsagen, und stellte dafür Geiseln, aber er hielt den Vertrag nicht und verriet seine Geiseln, von denen Philipp von Kleve sofort zur französischen Partei übertrat. Die Gefangenschaft Maximilians brachte in Deutschland eine kleine Aufregung hervor, sein Vater, Kaiser Friedrich, begann langsame Rüstungen, die eifrigsten Herzog Albrecht von Sachsen, der nach den Niederlanden ging und von 1488 bis zu seinem Tode 1500 gegen die französische Partei und die unbotmäßigen Städte, endlich auch gegen Friesland im Felde lag. Als kaiserlicher Feldhauptmann kämpfte er mit wechselndem Erfolg, im ganzen den Gegnern überlegen. Im Jahre 1492 landete Heinrich VII. als Bundesgenosse Maximilians mit großer Flotte zu Calais, um gleich darauf einseitigen Frieden mit Frankreich zu schließen. Trotzdem unterwarf die Tapferkeit der Landsknechte bis zum Jahre 1493 den größten Teil der Niederlande. Und jetzt erzählt Wilibald von Schauenburg als Unterhauptmann des Herzogs Albrecht zum Jahre 1492 wie folgt. Der König von England schlug eine übergroße Schätzung auf die Seinen, wie man meinte, mehr als 1 800 000 Gulden, und traf mit seiner Landschaft das Abkommen, gegen den König von Frankreich zu ziehen, da ein ewiger, immerwährender Krieg zwischen den beiden Königreichen ist; er bestellte über 400 große und mittlere Schiffe, die besten, so er in seinem Reich, in Holland und Seeland zuwege bringen konnte, die ihm alle gegen seinen Sold nach England gebracht wurden. Dieselben füllte er mit Leuten, Proviant und Geschoß und allem, was ins Lager gehört, und schiffte so mit 22 000 Mann oder darüber gen Calais. Von da schickte er feierliche Botschaft zu Herzog Albrecht von Sachsen und allen Regenten in ganz Niederland, ließ sie an alte Treue und Hilfe, die er ihnen von Sluis und an andern Orten erzeigt, erinnern, begehrte und bat aufs allerfreundlichste, auch ihm Hilfe und Beistand zu tun. Der hochgemute und ritterliche Herzog Albrecht, dessen Herz und Sinn nach Ehren rang, gab die Antwort, er werde dem König 4000 Knechte schicken, und sobald er sich gerüstet, wolle er in eigener Person mit allen seinen Grafen, Landherren, Edlen und Reisigen bei ihm sein. Der Herzog schickte seinen werten Hauptmann, den von Schauenburg, mit der gemeldeten Anzahl Knechte dem König zu Hilfe, in der Absicht später nachzuziehen. Nun lag die englische Rüstung noch zu Calais, und als der Hauptmann sich auf zwei Tagereisen genähert hatte, kam ihm eine Botschaft von einem Kapitän, welcher der Grison hieß, und noch drei oder vier andere Hauptleute seines Volkes bei sich hatte. Der ließ dem von Schauenburg sagen, wenn er nebst seinen Knechten mit ihm ziehe, so wollte er versuchen, ihm in die große Stadt Antricht, die sie zu welsch Arras nennen, Eingang zu verschaffen; wenn das gelänge, dann wäre noch die kleine Stadt, und wiewohl jede der beiden Städte ein festes Schloß hätte, wollten sie sich doch mit Gottes Hilfe unterstehen, auch die Klausen (Zitadellen) zu erobern. Der Hauptmann sorgte und mochte dem Grison und seinen Gesellen nicht wollen Glauben schenken. Aber es war ein redlicher Edelmann aus Hochburgund zur Stelle, der Herrn Wilibald bekannt war, mit Namen Loi de Wadre, der kannte die Leute und sagte dem Hauptmann für ihre Treue gut. Er bat ihn fröhlich auf diesen Anschlag zu ziehen und versprach mit seinen Gesellen von der welschen Garde, an 500 Pferde, deren Hauptmann er war, bei ihm Leib und Leben, Ehre und Gut getreulich hinzugeben und zu wagen. Herr Wilibald, der den Mann fromm wußte, war froh, ließ sich überreden, las aus seinen Knechten die 1500 besten; die andern 2500 ließ er seinem Stellvertreter, daß dieser dem König von England zuziehe und bei einem Städtlein, Grevenberg genannt, eine Tagereise unter Calais, warte, ob ihm sein Anschlag geraten würde. Der Hauptmann kam mit seinen Knechten im Hennegau zu einem Städtlein, heißt Cunta – es war zu der Zeit an Hans von Dettingen als Mitgift seiner Gemahlin gekommen –, von da hatte er noch 18 (belg.) Meilen gen Arras, er bestellte auf allen Straßen und Pässen, daß alle Frauen und Männer, die nach der Richtung gingen, aufgehalten würden, damit keine Warnung ins Land käme. Er zog aber mit seinen 1500 Knechten ohn' Unterlaß in einem Zuge bis auf eine Meile Wegs an die Stadt. Indes war Loi de Wadre mit seinem reisigen Zug, an 500 Pferde, zu ihm gestoßen, er ließ Reisige und Fußvolk zusammenziehen, gab ihnen seinen Anschlag zu verstehen und sagte ihnen, sie sollten ihm geloben und schwören, im Fall sie mit Gottes Hilfe die Stadt eroberten, keinem Menschen etwas zu nehmen und die Stadt ungeplündert zu lassen; er aber wollte ihnen wieder geloben und schwören, daß er jeglichem Reisigen und Fußknecht einem wie dem andern statt der Beute drei Monate Sold geben wollte. Darüber wurden sie einig, schwuren also, das einander zu halten und zogen auf solchen Vertrag fort. Der Hauptmann ließ den reisigen Zug eine halbe Meile vor der Stadt halten, er hatte Sorge, wenn er näherzöge, möchten die Pferde so schreien, daß die Wächter solches auf der Mauer hörten und vor dem Anschlag gewarnt würden. Er legte sich mit seinen Knechten ganz nahe in einen tiefen Graben und wartete, bis der Grison käme oder das Wahrzeichen gäbe, das sie vereinbart. Wenn eine Katze auf der Mauer miaute, sollten sie unten im Graben auch einen Schrei machen, dann wäre alles in Ordnung. Und als sie so lagen und auf die Zeichen warteten, waren von ungefähr etliche Franzosen auf Beute geritten, wollten wieder in die Stadt und stießen auf die Knechte mit einem feindlichen Geschrei: Teutsch, stich tot. Der Hauptmann erschrickt mit Fug, da er eine Verräterei besorgt, und mahnt die Knechte in Ordnung, der Trommelschläger fährt in die Höhe und schlägt Lärm, da springt gar ein redlicher Knecht zu ihm und sticht mit einem Brotmesser einen langen Schlitz in die Trommel, in Sorge, die auf der Mauer würden sie gewahr werden. Indem rannten die Franzosen hinweg, daß niemand in der Nacht wissen konnte, wo sie blieben. Und während solchen Alarm brachte Loi de Wadre dem Hauptmann Botschaft, daß die Stadt geöffnet sei, er sollte mit den Knechten heranziehen. Das nahm den Hauptmann groß Wunder, er bedachte, die auf der Mauer hätten unzweifelhaft ihren Alarm gehört, und wenn sie darüber die Tore geöffnet hätten, müßte das sicherlich eine Verräterei sein. Der edle fromme Ritter war betrübt und froh, da ihm ein zweifelhaftes Glück einmal die Verräterei, dann die offene Stadt anzeigte. Aber er hatte Vertrauen in Loi de Wadres Rechtschaffenheit und die Streitbarkeit der Knechte. Er gedachte zuvor einen großen Abraum zu machen und setzte seine Sache meist auf Gott, den der starke mannhafte Mann in allen Nöten durch Anrufen bekennen und um den Sieg bitten soll, denn er dachte, er wäre einmal da und könne nicht zurück. Er schrie die Knechte an also kecklich vorzurücken, befahl etlichen Hauptleuten, in Schlachtordnung auf den großen Platz zu treten, was ihnen begegne und nicht »burgundisch« schreie, alles totzustechen und großen Fleiß zu haben, daß man die in der Stadt nicht versammle oder zuhauf komme. Der Hauptmann aber lief mit etlichen Knechten zur kleinen Stadt, da waren die Tore noch zu. Sie machten ein Gerüst mit langen Spießen von der Brücke über den Graben auf die Mauer. Sie hatten einen Knecht, der nicht ganz bei Sinnen war, den überredete der Hauptmann, daß er auf dem gemachten Gerüst hinüberrutschte, und als dieser auf die Mauer kam, ward er gefragt, ob er die Feinde um sich sähe oder vernähme. Der sagte, er sähe und vernähme niemand. Der Hauptmann hatte auch einen seiner Trabanten mit Namen Kunz bei sich, dem versprach er eine Summe Geldes, der machte sich auf dem gedachten Gerüst zu dem ersten Knecht hinüber und ward ihnen befohlen, in eine Schmiede zu laufen, die nicht weit von dem Pförtlein lag, einen großen Hammer zu holen und zu versuchen, ob sie das Pförtlein öffnen könnten. Das geschah, sie schlugen die Schlösser ab. Da das Pförtlein enge war, mußte der Hauptmann mit den Knechten einer nach dem andern hineinschlüpfen. Als er mit zwanzigen hinein war, wurden Kürasser und Kriegsvolk der Franzosen, die darin lagen, auch aufgestört und drangen in einer Gasse daher. Der Hauptmann nahm die Knechte mit den langen Spießen zu sich, lief denen von der Stadt entgegen, schrie sie fröhlich und kecklich an: Her, her, ihr. Die erschraken, dachten, daß allbereits der ganze Haufe da wäre und flohen in eine große Kirche. Der Hauptmann folgte nach und wurden ihrer über zweihundert darin gefangen. Indes wurden die großen Tore auch geöffnet und aufgebrochen, und drangen die Reisigen, denen Botschaft gesandt war, heran. Jeder Bürger, der in sein Haus konnte, hatte dies versperrt, so gut er mochte, denn was außerhalb der Häuser betreten wurde, ward erschlagen. Ein Knecht des Hauptmanns brachte ihm sein Pferd. Er saß auf, sprengte von einer Schar zur andern und befahl, was jedermann tun und lassen sollte. Er ließ ausrufen, alle, so burgundisch sein wollten, sollten sich mit Andreaskreuzen bezeichnen und in die große Kirche gehen. Zur Stunde liefen die Bürger aus allen Ecken und Gassen ohne Wehr zu der Kirche, indem sie schrien »zu Burgund«. Einer hatte sich mit Kreide, der andere mit weißem Tuch, wie sie das in solcher Eile haben konnten, gezeichnet, und waren über 2000 in der Kirche. Die Kirche ließ Herr Wilibald mit den besten Knechten besetzen, so daß niemand herauskonnte, und ließ die Frauen alle nach Hause gehen. Und als die beiden Städte, wie erzählt, eingenommen waren, zog der männliche Held gegen das kleinere Schloß, welches die Feinde noch innehatten. Die Schlösser aber beider Stadtseiten hatten Pforten auf das Feld, so daß sie sich ohne alles Hindernis nach Möglichkeit stärken und Leute, soviel sie wollten, einlassen konnten. Ferner lag der Hofmeister des Königs von Frankreich, der von Cordis, über 10 000 Mann zu Roß und Fuß stark, mit tüchtigem Volk in dem nächsten Flecken, vier, sechs und acht Meilen Wegs. Daraus entstand dem Hauptmann nicht geringe Besorgnis; er war mit den Seinen von dem weiten Zug und jetzt von der großen Arbeit sehr müde, hätte auch nicht vermocht, wieder aus dem Land zu kommen, wenn der von Cordis solches erfuhr und eilends zuzog. Darum ließ der Hauptmann von Stund an vor allem gegen das Schloß schanzen und gab den Knechten auch viel Holz, Leitern und anderes, was zum Sturm gehört, zu tragen. Es wurden zwei Büchsen im Rathaus gefunden, die brachte man vor das Schloß und machte ihnen ein Lager. Beim ersten Schuß zersprang die eine, und die andere war nichts nütze. Aber die Knechte stellten sich zum Sturm; darüber empfingen die Feinde auch keinen kleinen Schrecken und riefen Loi de Wadre, um ein Gespräch bittend. Dieser gab die Antwort, daß er hinter dem Rücken des Hauptmanns dazu kein Recht hätte, weil dieser es verboten, und ließen die Forderung an diesen gelangen. Der von Schauenburg forderte seine Knechte zu einem Gespräch. Loi verhandelte mit denen im Schloß, kam und sagte, auf welchen Punkten die Unterhandlung stehe. Die Knechte aber waren unterrichtet und angelernt und schrien laut, sie wollten solche Bedingungen nicht annehmen, sondern stürmen. Wadre unterzog sich neuer Unterhandlung und bestand zuletzt darauf, die Feinde sollten dem von Schauenburg das Schloß überantworten, und die Reisigen darunter sollten 1200 Gulden für Passeporten zahlen, so wolle man sie mit Pferd und Harnisch ziehen lassen. Denn die Knechte sagten, die Reisigen wären reich, sie hätten für diesmal genug gewonnen, bedürften weder Pferd noch Harnisch, sie möchten hinziehen und wieder an einen frischen Krieg gedenken, wenn dies verschlemmt sei, sie, die Knechte, aber wollten auch davon gewinnen. Die Passeporten wurden bald ausgefertigt, mit 1200 Gulden dem Hauptmann überantwortet. Die Franzosen meinten, sie wären wohlfeil davongekommen, sie waren froh, und der andere Teil noch froher, daß man ihrer so ledig war und die Sache besser beendigen konnte; denn jetzt war nur noch halbe Sorge und fortan nicht mehr als ein Stadtteil zu bewahren. Herr Wilibald besetzte den Stadtteil und dies eine Schloß nach Bedarf, ließ die Trommler schlagen und die Knechte wieder in die Ordnung fordern und zog so mit seinen Sturmleitern an das andere Schloß, und man stürmte ritterlich mit aller männlicher Kraft, der vorigen Müdigkeit vergessend. Da die Franzosen den ernstlichen und harten Willen des Hauptmanns und der Seinen ersahen, wurden sie weich und verzagt, und wiewohl sie den obersten Hauptmann des Königs von Frankreich, Cerclement, bei sich hatten, wichen sie doch zur hinteren Pforte aus dem Schloß. Dadurch wurde ohne merklichen Widerstand auch das andere Schloß mit Sturm genommen. Aber die Knechte folgten den Feinden in das Feld nach, erliefen etliche von ihnen und auch den Hauptmann, denn er war groß, feist und unvermögend zu laufen, sie brachten ihn samt seiner Tasche, darin viel goldene Ketten, Paternoster, goldene Kreuze, mancherlei Zierat gefunden wurden, zu dem Hauptmann. Dieser bestellte die beiden Schlösser und Städte nach seinem Nutz und Vorteil so, daß er sich getraute, mit einem Angriff der Feinde fertig zu werden. Als alle Dinge in Notdurft wohl bestellt waren und sich jedermann nach Herberge und wo er bleiben wollte umsah, kam der von Schauenburg in das Haus, wo Cerclement, der vorgemeldete Hauptmann, seine Wohnung hatte, in dem merkliches Gut von Hausrat nach Landes Manier gefunden wurde. Nun bedarf es nicht sonderlichen Schreibens über den Kriegsgebrauch in Niederlanden, denn unsere Landsleute haben darüber so viel erfahren, daß er wohlbekannt ist. Dennoch kannte die Gemahlin des genannten Hauptmanns das hohe Lob der Deutschen, wie die alles Frauengeschlecht ehren, sie hatte auch erfahren, daß der oberste Hauptmann ein Hochdeutscher war, von werten edlem Stamm geboren. Und wie die Frauen in der Not schneller als die Männer mit Antwort und Anschlag ihren Vorteil erdenken, so trug sie ihre Kleider und Kleinodien, die in Goldstoff, Ketten, Gold, Edelstein, Zobel, Marder, gutem Rauchwerk und köstlichen Tüchern über 4000 Gulden wert waren, vor ihn und die welschen Kapitäne und sagte, der Allmächtige hätte ihnen den Sieg und alle Habe der Einwohner in ihre Hände gegeben, das wüßte sie wohl, und es wäre unnütz, etwas vor ihnen zu verbergen, darum wäre sie da, um ihnen zu überantworten, was vorher das ihre gewesen wäre. Bei ihrer Seele und Frauenehre wolle sie sagen, daß ihrem Herrn und Hauswirt nichts davon zuständig gewesen, sondern ihr allein zugehört habe. Darum was sie als ritterliche und teure Männer, die allerwege Frauengunst geliebt hätten, ihr gütig verabfolgen oder wiedergeben wollten, dafür würde sie ihnen danken. Die Hauptleute sahen einander an. Der von Schauenburg sprach: »Lieben Freunde, ich weiß, daß die hiesige und unsere deutsche Gewohnheit in diesem Fall gerade entgegengesetzt ist, aber von mir wäre vermessen, euch eurer Landweise zu entziehen, und wenn ich es täte, könnte ich meiner Herrschaft und mir Schaden bringen. Wir Deutschen und vor andern die von den Oberlanden pflegen, so wir Städte und Schlösser gewinnen, keiner Frau oder Jungfrau von adliger Geburt etwas von ihrem Leibschmuck zu nehmen, und wenn solches ein Edelmann täte, würde er von seinen Genossen sein lebelang für untreu und unwert gehalten. Darum will ich die Beute, die mir zuteil wird, der tugendhaften Frau wiedergeben und ihr nichts abbrechen. Die Welschen wurden etwas zornig gegen ihn und sagten, er wäre hier nicht in seiner Landesart, jeder müßte sich nach dem Lande richten, worin er wäre, aber die Länder richteten sich nicht nach ihm. Schauenburg sprach: »Die adlige, deutsche Gewohnheit und Zucht soll mich nimmer verlassen, und ob ich gleich keinen Deutschen meiner Landsmannschaft bei mir habe, der mir dies im Oberland zur Schande nachsagen könnte, so würde mich doch mein Gewissen strafen. Darum laßt uns zu der Beute und Teilung greifen. Denn was mir wird, damit weiß ich zu tun, wie ich vorher gesagt habe.« Da die Frau diese Rede vernahm, sprach sie: »Ei, ei, deutsche Ritterschaft, bis geehrt. Nun hin, mir wird doch vorbehalten, der Deutschen Lob gegen alle meine Freunde zu rühmen und euer Tun zu beurteilen.« Durch diese Worte wurden die Welschen auch bewegt, der Frau das Ihrige zu lassen und darum dem werten deutschen Hauptmann hoch gedankt. Dem von Cordis kam die Botschaft, wie die Burgundischen Arras gewonnen und mit Gewalt innehatten; er erschrak unmäßig sehr, riß vor Leid seine Mütze vom Haupt, warf sie in das Feuer, raufte Haar und Bart und weinte bitterlich. Der von Schauenburg aber schrieb dem König von England seinen erlangten Sieg und vermeinte, der König sollte sich darüber freuen. Der König war deshalb aber über die Maßen sehr betrübt. Daneben schrieb der Hauptmann seinem Statthalter Georg Auge, er solle zum König ziehen; sobald er, der Hauptmann, Arras besetzt habe, wolle er zu Roß und Fuß so stark als möglich auch kommen. Indem ward Herrn Wilibald heimlich zu verstehen gegeben, weshalb der König von England erschrocken war. Und das war die Ursache. Wie gemeldet, hatte der König von England 1 800 000 Gulden von den Seinen genommen und, um seinen Willen zu erlangen, ihnen zugesagt, den König von Frankreich zu überziehen. Denn woher und wie der Erbkrieg dieser zwei Königreiche entstanden und verlaufen, ist ja bekannt. Aber König Karl von Frankreich hatte gewußt, daß der angehende König von England zu seiner Partei gehörte und hatte ihm mit beträchtlichem Geld und anderer Förderung zur Herrschaft geholfen; das aber durfte sich der von England keineswegs merken lassen, er wäre sonst von den Landherren und denen in London bald von der Krone weggebracht worden. Darum zog er dem König von Frankreich vor einige kleine Städte, die um Calais lagen, gewann zwei davon, ließ die Mauern umbrechen, die Häuser verbrennen, wobei man merkte, daß er den Krieg nicht hart machen oder scharf antreiben wollte und gab dem König von Frankreich von seinem bewilligten Geld 100 000 Gulden, damit er solches geschehen lasse. Danach zog er vor eine Stadt, heißt Boulogne, worin unsere liebe gnädige Frau rastete, lagerte sich mit seinem Geschoß und ließ sehr arbeiten. Es ward also zwischen den zwei Königen verhandelt, daß der König von Frankreich dem von England zehn Tonnen Goldkronen für seinen Zug, Mühe und Arbeit, die er durch die Reise aus England gehabt, geben sollte; diese Tonnen wurden in einem großen Saal hintereinander gestellt und auf eine Million Goldkronen angeschlagen. Da die Englischen sie also ansahen, meinten sie eine große Sache ausgerichtet zu haben, die Tonnen waren aber nach beider Könige Wissen mit Asche gefüllt und kupferne vergoldete Kronen darauf gelegt, von denen fünfzig kaum eine wert waren, und wer etwa in die Tonnen griff, konnte nichts anderes merken, als daß sie mit Gold gefüllt waren. Und dieweil sie noch in der vorgemeldeten Verhandlung standen, bevor dieser Vertrag geschlossen war, ließ der König von England dem Herzog Albrecht schreiben, er möge seinen Hauptmann und alle niederländischen Herren veranlassen, mit ihrem Kriegsvolk sich gemächlich zu rühren und nicht heranzuziehen. Darum wurde der Abschluß sehr beeilt, die Englischen sagten, Frankreich hatte ihnen viel Geld geben müssen, und der englische König konnte das Geld, das er von seinem Lande geschätzt, auch behalten. Er schrieb dem Herzog und seinem Hauptmann mit großem Dank für die erbetene Hilfe, daß die Sache geschlichtet wäre. Unterdes säumte der von Cordis nicht lange, forderte alles Kriegsvolk zu Roß und Fuß herbei und zog über 8000 stark vor Arras, lagerte sich zu Felde, konnte aber der Stadt nichts abgewinnen und zog mit Spott davon. Und nun muß ich das gute Verhalten der redlichen Landsknechte melden. Der von Schauenburg hatte den Knechten, wie gemeldet, versprochen, wenn er beide Schlösser und Städte erobere, wolle er jedem drei Monat Sold nächstens darauf geben, welche Summe sich auf 60 000 Gulden belief. Er mühte sich hart, in der Kürze solches Geld aufzubringen. Die Knechte wurden gewahr, daß er es beieinander hatte, gedachten ihn tot zu schlagen, das Geld zu teilen und die Stadt zu plündern, was sie doch vorher nicht zu tun versprochen hatten; darum wollten sie dem obersten Hauptmann die Muße nicht geben, mit jedem einzelnen Hauptmann abzurechnen und zogen mit der ganzen Ordnung vor seine Herberge. Die Büchsenschützen standen hinter und vor dem Hause mit ihren eingestellten Büchsen und Gabeln, dazu hatten sie alle Schlangen in die Ordnung gerückt, um für den Fall, daß die Reisigen dem Hauptmann helfen wollten, diese auch zu erstechen und ihren Willen zu vollbringen. Doch schickten sie ihre Hauptleute, Fähnriche und Weibel zu Herrn Wilibald, ließen ihm sagen, daß er von Stunde an ohne längeres Verziehen bezahle, wo nicht, wüßten sie sich selbst zu bezahlen. Der Hauptmann hatte doch einige gute Freunde unter ihnen, die sagten ihm, die Verschwörung wäre gemacht, er solle darauf denken, sie zu bezahlen wie er könnte, es würde sonst nichts Gutes daraus. Nun bedachte der von Schauenburg, daß dies Volk weder Gott noch Ehre kannte und sich vor nichts schämte; er forderte also einen Hauptmann nach dem andern und sprach zu jedem: »Tue nach Treue und Glauben, nimm hin diesen Sack mit Gold, bezahle die Knechte, die unter dir liegen.« Darauf forderte jeglicher seine Knechte, indem er ihnen sagte, daß er seine Bezahlung hätte, damit wichen sie ab zu ihren Herbergen. Danach unternahm er, die Edlen und Reisigen zu bezahlen, dazu fehlten ihm an 12 000 Gulden. Diese aber waren von anderer Zucht und besserem Gebaren. Der Bischof von Arras war gefangen, mit dem ward verhandelt, daß er sein Silbergeschirr, Kredenz und was er Gutes hatte, hingab, damit die Edlen und Reisigen bezahlt würden. Der von Cordis bereitete mancherlei Verräterei, ließ an vielen Orten Feuer legen, bestellte, daß die Brunnenketten abgetragen oder in die Brunnen geworfen wurden, daß an den Brunnen, welche Seile hatten, diese halb entzwei geschnitten wurden, damit sie entzwei rissen, sobald man hart damit arbeitete. Unterdes verzog sich die Sache, man mußte lange zu Arras liegen, und die Schuld des Soldes wuchs wieder stark. Das Gesindel hatte den Gewinn fast verschlemmt, die Säcke wurden ihnen leer, darum zogen sie zuzeiten fortan ins Land sich zu helfen. Da sie aber umher aufgeräumt hatten, daß nicht mehr viel zu kriegen war, wurden sie widerspenstig, fingen an in der Stadt zu nehmen, und niemand in der Stadt, auf den Gassen oder dem Lande war sicher. Nun ist landkundig und unverborgen, wie der Römischen Königlichen Majestät die Herzogin von Bretagne zur Gemahlin gegeben war, und daß König Karl von Frankreich sich mit Gewalt des Landes und der Frau bemächtigte. Darauf ließ die Römisch Königliche Majestät ihre Tochter Frau Margareta, die dem gedachten König vorher vermählt war, wiederholen und aus Frankreich bringen. Nun mußten die dazu geschickten Gesandten, Bischof Wilhelm von Eichstädt, Markgraf Christoph von Baden, Graf Engelbrecht von Nassau, Graf Eitelfritz von Zollern und die anderen mit gedachter Fürstin nicht fern von Arras hinziehen. Die wußten, wie sich Reisige und Knechte dort hielten. Darum schickten sie Botschaft zu dem von Schauenburg, daß er mit der ganzen Garnison zu Roß und zu Fuß verhandeln sollte, damit sie friedlich und ungehindert durchziehen könnten. In dem Vertrag mit dem König von Frankreich hätten sie auch ausgemacht, daß in dem französischen Lande von den Burgundischen nicht mehr geschädigt und geraubt werden sollte; das hätten sie im Namen Römischer Königlicher Majestät und des Herzogs Philipp zugesagt und sich christlich verpflichten müssen. Wenn nun dieses ihr Gelöbnis und Verpflichtung dem König von Frankreich nicht gehalten würde, so würde das sehr ernst genommen und dem Reich und der ganzen deutschen Nation zum Schaden werden. Der Hauptmann rief eine Gemeinde des ganzen reisigen Zugs und der Fußhaufen zusammen und hielt ihnen die Erklärung vor mit vieler Bitte und gültigen Worten. Die gaben Antwort, man sei ihnen schuldig, sie hätten kein Geld mehr und alles verzehrt, sie hätten auch keine Aussicht, etwas zu gewinnen. Wenn man sie bezahlen wollte, so könnten sie den Vertrag des Königs von Frankreich und der Gesandten sich wohl gefallen lassen. Wenn man sie aber nicht bezahlte, könnten sie ihre Hände und Füße nicht essen, wollten auch ohne Bezahlung nicht wegziehen, sondern pfänden, angreifen, aufhalten und fangen, wen sie könnten, damit sie sich erhielten. Der Hauptmann konnte trotz Mühe und Fleiß keine andere Antwort erlangen und ließ die Botschaft so scheiden. Die sagte Frauen Margareta und den Herren, was ihnen zu Arras begegnet war. Nun ward eine zweite Botschaft zu dem Hauptmann nach Arras geschickt. Dort forderte der Hauptmann wieder die ganze Gesellschaft in eine Gemeinde, führte die Boten in den Ring und bat, diese anzuhören. Die sagten: »Der ersten Botschaft ist ganz widerwärtig geantwortet worden, jetzt sind wir wieder geschickt, den Hauptmann und die ganze Gemeinde in der Garnison aufs gütigste anzusprechen, zu ersuchen und zu bitten, von solchem bösen Vorsatz abzustehen; denn ein solcher Mutwill und Schande ist an Deutschen unerhört, seit die Nation in Würden steht und das Heilige Reich in ihrer Verwaltung ist, daß eines Römischen Königs Tochter mit ihren Frauen und Jungfrauen aus fremden Landen herzieht und mit denen, die sie begleiten, von deutschen Knechten aufgehalten werden sollte, die alle ihre Eltern im Reich haben und die selbst dem Reich unterwürfig sind. Was kann die fromme und edle Fürstin dafür, daß man den Knechten Sold schuldig ist? Sie bleibt billig des Schadens müßig, denn sie kann dafür kein Pfand sein. Aber es ist wohl möglich, daß sie von anderen mit ihrer Begleitung gefangen werden kann, wegen des Unwillens, den die Knechte erregt haben. Daraus wird den Knechten wenig Ehre entstehen. Wenn aber dies geschähe, so haben sie zu bedenken, daß die Römisch Königliche Majestät, Herzog Philipps sowie das ganze Reich wenig Gefallen haben würde; ohne Zweifel müßten alle diejenigen, so dabei sind, mit Namen aufgeschrieben werden, und wo sie fortan im Reich oder in allen Niederlanden begriffen werden oder sich sehen lassen, darum sterben; was auch ihr verdienter Lohn wäre.« Sie erzählten auch sonderlich dem Hauptmann, was für ihn selbst darauf stünde, sie sagten und ermahnten ihn seiner Eltern wegen, wie die gar lange Zeit ehrlich und wohl bei dem Heiligen Reich heraufgekommen wären und ihr Blut vergossen hätten. Und sollte solcher Frevel unter ihm geschehen, der dieses Volkes oberster Hauptmann sei, so würde das seinem Namen und seinen Nachkommen ein ewiger Vorwurf sein; denn wer könnte etwas anderes denken, als daß diese Untat mit seinem Willen, Wissen, Rat und Hilfe begangen wäre. Der Hauptmann sprach: »Liebe Freunde, ihr habt gehört, welchermaßen wir beschickt und angesprochen sind, ich bitte, ihr wollt zu Herzen nehmen unser aller Ehre. Uns ist die Wahrheit gesagt. Tun wir das, so sind wir ewig entehrt, dazu Leibes und Lebens unsicher, wo wir hinkommen.« Aber ein Kiesel ist ein Stein, hier war kein Wenden. Das Kriegsvolk wollte Bezahlung oder auf seinem Vorsatz beharren. Der Hauptmann erdachte einen andern Rat und sprach: »Liebe Freunde und fromme Knechte, es ist wahr, obwohl wir dem Herzog Philipps gut und treu gedient, will er uns nicht bezahlen. Was wollen wir darum seine Schwester, die edle Fürstin, beschuldigen, die weder an seinen Leuten noch Landen teilhat? Weshalb sie mit ihrem Frauenzimmer oder den Fürsten, die bei ihr sind, aufhalten? Das wäre großer Unrat. Weshalb auch wollen wir die Ambassaten, die mit königlicher Würde von Frankreich Vertrag geschlossen haben, unwahr machen? Laßt uns den pfänden, der uns schuldig ist, das ist Herzog Philipps. Was sollen dies die andern entgelten? Ihm wollen wir in seinem Lande rauben, brennen, fangen und wirtschaften, solange bis wir bezahlt sind.« Das gefiel den Knechten. Sie hielten das den gesandten Herren vor, die sahen das auch für besser an, als daß sie aufgehalten werden sollten. Darauf ward Frauen Margareta Sicherung zugesagt und unter des Hauptmanns Siegel ein Passeport gegeben. Die zog ihres Weges mit großem Aufzug, mit Pracht und Schmuck auf einer Roßsänfte, in einem herrlichen Stuhl sitzend, über ihr war eine Decke von einem Stück Goldstoff, um sie vor der Sonne zu beschirmen; so zog sie in Brabant ein. Dort ward sie mit großen Ehren und Freuden empfangen und viele frohe Feuer und herrliche Spiele gemacht. Der Hauptmann aber und das Kriegsvolk vereinten sich und schwuren zusammen, den Herzog Philipp von Burgund und die Seinen anzugreifen, zu berauben, zu brennen, zu fangen und zu beschädigen, solange bis sie bezahlt wären und einander in keiner ehrlichen und redlichen Sache zu verlassen. Und jetzt zog eine Partei und dann die andere in das Land des Herzogs Philipp, raubte, brannte und schädigte, als ob es Feinde wären. Als nun dieser Berg auch abgeholzt und nichts mehr zu nehmen war, begannen die Knechte in der Stadt übel und greulich zu hausen, fingen die reichen Pfaffen und Bürger, legten sie auf Bänke, marterten und schätzten sie um alle ihre Habe. Der Hauptmann hätte gern gestraft, wie er oft zuvor getan, da er etliche durch die Spieße laufen, anderen die Köpfe abschlagen lassen. Sobald er das vornahm, hielten die Knechte zueinander nach ihrer alten Weise, wobei ihnen niemand zu fromm oder zu redlich ist, und sprachen also: »Daß dich Gottes Marter schände, du willst Hauptmann sein, kannst befehlen, aber nicht Geld geben. Sorge und gib Geld her, oder wir wollen dich totschlagen.« Ungefähr alle zwei oder drei Tage hielten sie eine Gemeinde, darein forderten sie den Hauptmann, und wiewohl er sich oft versah, daß er lebendig nicht von ihnen kommen würde, dennoch ging er in den Ring, um anderes Übel zu hindern, bot gute Worte und half soviel er konnte. Einmal schlugen sie ihn danieder, und wenn die Hellebardiere nicht den Knechten die Spieße abschlugen und ihn beschützten, so hätten sie ihn erstochen. Das währte so fast an ein Jahr. Zuletzt fingen sie ihn mitsamt dem von Rony, dem Loi de Wadre und dem von Boris, legten die in eine Kammer zusammen und ließen sie aufs beste verwahren, mit Hellebarden und anderen Knechten Tag und Nacht bewachen und wollten schlechterdings die Bezahlung von ihnen haben. Aber da war kein Geld. Denn die Hauptleute hatten sich ebensogut wie die andern ausgegeben. Dennoch mußten sie so im Gefängnis bleiben, und wenn die Knechte die Lust ankam, ließen sie die Hauptleute in ihre Gemeinde holen und hinten, vorn und an den Seiten mit Hellebarden verwahren, als ob sie Mörder und Diebe gewesen wären. Und wenn sie dann in den Ring kamen, sagten ihnen die Knechte, man sollte sie bezahlen, oder man wolle einen nach dem andern aufreiben. Der Hauptmann und die andern antworteten, sie könnten das nicht hindern, sie wären in ihren Händen. Man möchte doch bedenken, wenn sie Geld hätten, würden sie die Gefahr und abenteuerliche Lage um keines Gutes willen ertragen; sie wollten gern um Geld schreiben und alles tun, was an ihnen wäre. Sie schrieben und mußten die Knechte lesen lassen, was sie geschrieben hatten, sie konnten aber von der Herrschaft nie andere Antwort erlangen als die, es wäre kein Geld da. Als die Knechte die völlige Unschuld der Hauptleute einsahen, ließen sie dieselben ledig und wirtschafteten in der Stadt ganz nach ihrem Gefallen. Danach schickten sie zu den Königen von Frankreich, England und anderen, boten ihnen die Stadt um ihren Sold zum Kauf an, steckten Strohwische auf die Stadttore, zu einem Zeichen des feilen Kaufes und schrien nach ihrer Gewohnheit: »Wer kauft, der hat.« Der von Rony und der erwähnte Loi de Wadre wollten den Backenstreich nicht länger erwarten und machten sich heimlich hinweg. Aber Herr Wilibald blieb, in der Absicht zu verhindern, daß die Stadt verkauft würde. Denn wenn solches geschähe, wäre es ihnen eine große und ewige Schande. Welcher Fürst sollte fortan seinen Glauben oder Vertrauen in sie setzen, sie wären nimmer des Glaubens, des Vertrauens und der Ehre wert. Damit machte er eine solche Irrung und Zwietracht unter dem Kriegsvolk, daß sie durchaus nicht mehr zusammenstimmen wollten. Denn die einen wollten solchen Verkauf nimmer bewilligen noch dabei sein. Etliche zogen auch hinweg. Der von Schauenburg hatte auch unter anderen Knechten 500 Schweizer, arge Schälke, die hatten einen Hauptmann, den Kaneloser, der war früher in Frankreich gewesen und gar gut französisch. Der hätte die Stadt gern in die Gewalt des Königs von Frankreich gebracht. Er kam zu Herrn Wilibald und sagte: »Lieber Herr, Ihr wißt, daß wir armen Gesellen unseres Soldes und Geldes sehr bedürftig sind, wir können nicht länger verziehen, sondern müssen die Stadt um unserer Forderungen halber verkaufen. Nun hat keiner von uns ein Siegel, welches Glauben hat. Wenn Ihr uns aber helft, die Sache zu Ende bringt und die Kaufbriefe besiegelt, so wollten wir euch 4000 Kronen vorausgeben, und was Euch bei Bezahlung der Knechte zugute kommen mag, wollen wir Euch gern gönnen und getreulich dazu helfen.« – – – – – O bedenke doch ein jedes fromme getreue Herz, wie schrecklich dies dem frommen teuren Ritter war. Dennoch durfte er nicht offen oder nach seinem Herzen antworten und sprach mit anderen Gedanken: »Du weißt, daß unsere Boten bei den brabantischen Herren sind, ich versehe mich des Geldes, wenn das kommt, wäre doch dieser Anschlag umsonst. Darum verzieh, bis uns Antwort wird. Verläßt man uns, so komm wieder. Dann wollen wir vornehmen was gut ist.« Die ganze Garnison hatte große Acht und Fleiß auf den Hauptmann, sie besorgte, wenn es sich schickte, würde er sich auch wie die andern hinwegmachen. Sie ließen Tag und Nacht bei 200 Mann vor seiner Herberge wachen, dazu besetzten sie alle Tore mit größtem Fleiß. Nun begab sich, daß die Knechte eine gute Anzahl Vieh gewannen. Der Hauptmann verhandelte mit ihnen, sie sollten die Kühe nach Rotten unter sich austeilen, damit sie Nahrung hätten und die Bezahlung besser erwarten könnten. Sie taten den Hauptmann aus der Wacht, um ihnen dies Vieh zu teilen. Er saß im großen Samtrock mit Schuhen auf einem Maulesel und befahl seinem Knaben, ihm ein kleines Pferd, das rasch war, dorthin zu bringen, einen günstigen Augenblick zu ersehen und ihm so nahe als möglich zu kommen, abzuspringen und dem Hauptmann auf das Pferd zu helfen. Der Hauptmann ritt vor das Stadttor zu dem Vieh, ließ das in Haufen voneinander teilen und befahl den Knechten, wenn sie die Haufen so gleich als möglich gemacht, wollte er ihnen die Lose geben. Dabei benutzte er den Augenblick, rückte auf die Seite wie wegen eines Bedürfnisses, der Knecht sprang ab und brachte seinen Herrn auf das Pferd. Jetzt ritt er zu den Knechten und sprach den Schweizerhauptmann an: »Her du, Kaneloser, du hast mir zugemutet, daß ich dem König von Frankreich die Stadt verkaufen helfe, und du wolltest machen, daß mir 4000 Kronen vorweg werden sollten. Den Bösewicht findest du nicht bei mir, denn du und andere Knechte geben mir Ursach', nicht länger bei euch zu bleiben.« Damit ritt er von dannen. Unter den Knechten erhob sich ein großes Geschrei; sie liefen nach der Stadt und sagten, daß der Hauptmann hinweg wäre. Es kamen über 100 Pferde, um auf ihn zu jagen, sie machten ihm aber darum, weil er rasch geritten war, keine Sorge. Er kam in ein Städtlein, heißt Buscha im Hennegau, und etliche sagen, daß es vor alten Zeiten dem Herrn Lanzelot vom See, einem der trefflichsten Tafelrunder, gehört habe. Die von Arras fahndeten am nächsten Morgen auf Herrn Wilibald, aber Loi de Wadre schickte ihm einen Knecht als Wegweiser zu, der ihn ohne Not durch Hennegau nach Brabant zu Herzog Albrecht von Sachsen brachte. Dem berichtete er über alles, wie es um Arras stünde, und wo nicht Geld geschickt und die Knechte bezahlt würden, wäre kein Zweifel, sie würden die Stadt verkaufen und an den König von Frankreich bringen. Und da an der Stadt das ganze Land Artois hinge, so wäre leicht abzunehmen, welch großen Schaden und Nachteil es der Herrschaft Burgund bringen würde, wenn die Stadt verloren ginge und in die Hand der Franzosen käme. Aus dieser Ursache wurde mit großer Mühe durchgesetzt 40 000 Gulden aufzubringen. Es wurden andere geschickt, um die Knechte abzuzahlen, und es wurde vorgesehen, daß die Stadt nicht verkauft wurde, und sie ist noch auf den heutigen Tag samt dem Land unter Gewalt und Herrschaft der Burgundischen. Soweit Wilibald von Schauenburg. Sein Bericht führt, wie keine andere Überlieferung des 15. Jahrhunderts, in das Treiben der Landsknechte ein; erstaunt sehen wir Modernen, wie damals auch die Besseren mit ihrer Soldatenpflicht umsprangen. Die schmähliche Weise, wie Wilibald in der Not ein Übel durch das andere vermeidet und gegen seinen obersten Kriegsherrn, den Herzog Philipp von Burgund, rauben und brennen läßt, erinnert sehr an die Moral jenes fränkischen Heeres in der Merowingerzeit, welches den Verbündeten mit Kampf und Beute überzog, weil es mit dem Feind sich durch Eid vertragen mußte. Und am auffälligsten ist, daß auch die großen Herren der kaiserlichen Partei dies Verfahren als Notwehr in der Ordnung fanden. Eine alte militärische Lehre wird übrigens aus dem Handstreich auf Arras klar: der Soldat soll zuerst Order parieren, soll sich hüten, von dem vorgezeichneten Wege abzuweichen und die Verantwortung für eine gewagte Expedition auf sich zu nehmen. Der Schauenburger hatte den Befehl, seine Leute zum König von England zu führen, nicht eine Stadt zu überfallen, die gar nicht auf seinem Wege lag. Zuverlässig hat dem Hauptmann sein Verhalten in den Augen des Statthalters und des Königs Maximilian keinen wesentlichen Schaden getan, er fuhr fort, der vertraute Kriegsmann Albrechts von Sachsen zu sein und spielte kurz nachher bei den Hoffesten des Reichstags zu Worms eine Rolle. Ja er wurde darauf mit der Eroberung Frieslands beauftragt, welches dem Herzog Albrecht vom Kaiser und Reich als erbliche Statthalterschaft gegeben worden war. In Friesland bewährte der Feldhauptmann seine Kriegstüchtigkeit aufs neue, er widerstand, wie er versichert, der Versuchung, sich dort an den Küsten der Nordsee ein eigenes Land zu gewinnen, was bei der Sachlage wohl ausführbar gewesen sei. Er hielt treu zu seinem Herrn, bis dieser starb. Da erst schied er von dem Heer. [...] XII Die fahrenden Leute Ihre Herkunft aus dem römischen und germanischen Heidentum. Ihre Tätigkeit im Mittelalter. – Vollark und der Teufel. Allmähliche Versöhnung mit den Seßhaften. Die Fechter, Sänger, Mimen. Eindringen in die geistlichen Spiele. Fahrende Schüler. – Zigeuner und ihre Sprache. – Rotwelsch und die Bettler Allen Vereinen und Bruderschaften der alten Zeit, welche der Seele Heil oder irdische Vorrechte suchten, und allen gesetzten Menschen, deren Leben umfriedet war durch die Grenzzeichen und das Recht einer Heimat, stand gegenüber eine große Gesellschaft von Rechtlosen und Heimatlosen, welche alles entbehrten, was damals Sicherheit und Ehre gab, die doch überall zu finden waren und bei jeder gemeinsamen Tätigkeit der anderen mitspielten, mißachtet und vielbegehrt, als Kinder des Teufels der strengen Kirche verhaßt, als Bewahrer heiterer Kunstfertigkeit Geistlichen und Laien sehr willkommen, die Lustigmacher und Freudebringer des Volkes: die große Genossenschaft der fahrenden Leute. Diese Kinder der Landstraße haben eine lange Geschichte, welche mehr Beachtung verdient, als ihr bis jetzt zuteil geworden, denn sie waren durch mehr als ein Jahrtausend die volkstümlichen Bewahrer alter Poesie, der Musik und aller darstellenden Künste. Auch ihre Geschichte lehrt, wie innig und ununterbrochen der Zusammenhang des deutschen Lebens mit dem römischen Altertum ist. So hatte sich mit zahllosem anderem das verachtete Geschlecht der Gladiatoren, Histrionen, Thymeliker durch die Stürme der Völkerwanderung erhalten und von Rom aus unter die Barbarenstämme verbreitet. Sie führten den blutigen Vandalenhaufen die unzüchtigen römischen Pantomimen auf; sie standen vor den Hütten des fränkischen Häuptlings und pfiffen und spielten fremdartige Weisen, welche vielleicht einst mit den Orgien asiatischer Götter nach Rom gekommen waren; sie mischten sich unter die gotische Gemeinde, welche aus der neugebauten Kirche auf den Kirchhof strömte, und öffneten dort ihren Kasten, um einen Affen mit roter Jacke als fremdes Ungeheuer zu zeigen oder die grotesken Figuren altlateinischer Drahtpuppen, den Maccus, Bucco, Pappus und wie sonst die antiken Väter unserer Hanswürste heißen, der Dorfjugend aufzuführen, welche vor dem fremden Wunder die großen blauen Augen weit aufriß. Unterdes erboten sich wohl andere Glieder der Gauklerbande, den Kriegern der Gemeinde gegen Bezahlung ein Kampfspiel mit scharfen Waffen auszuführen, mit den Kunstgriffen und Gefahren des römischen Zirkus; dann schloß sich der Ring der trotzigen Männer und verfolgte mit leidenschaftlicher Spannung die Wechselfälle des Kampfes um »Lohn«, den die Zuschauer um so mehr bewunderten, je blutiger er wurde, während sie die Elenden, die so für Geld kämpften, mit nicht größerer Achtung betrachteten als zwei Wölfe oder hungrige Hunde. Aber für die vornehmen Zuschauer gab es noch andere lockende Künste. Auch fahrende Frauen zogen mit den Männern durch die deutschen Stämme, gewandt, frech, womöglich in glänzendem Aufzug. Wenn sie das griechische Tamburin oder die asiatische Klapper in den üppigen Windungen eines bacchischen Tanzes schwangen, so waren sie den deutschen Edlen und geistlichen Herren zwar in der Regel unwiderstehlich, ernsten Leuten aber äußerst anstößig. Schon im Jahre 554 schritt ein Frankenkönig gegen den Unfug der fremden fahrenden Weiber ein, und der würdige Hinkmar warnt seine Priester väterlich vor diesen Frauen, deren fremdklingende Bezeichnung von treuherzigen Mönchen durch ein sehr bekanntes, aber derbes Wort erklärt wird. An solche fremde Gaukler schloß sich schnell ein zahlreicher deutscher Nachwuchs. Die deutschen Stämme hatten seit uralter Zeit wandernde Sänger gehabt, Träger der Neuigkeiten, Verbreiter von epischen Gesängen und Liedern. Auch diese waren von Hof zu Hof gezogen, hoch willkommen in den großen Blockhäusern der Vornehmen, geehrte Gäste, vertraute Boten, welche oft von ihren Gastfreunden holderen Lohn zu erhalten wußten als goldene Armringe oder neue Gewänder. Sie hatten einst am Herdufer zur Harfe von den abenteuerlichen Fahrten des Donnergottes nach der Riesenwelt und von dem tragischen Untergang der Nibelungen, dann von Attilas Schlachten und den Wundern der südlichen Länder gesungen. Dem neuen Christentum aber wurde der reiche Schatz der alten einheimischen Gesänge unheimlich. Karl der Große sammelte noch mit großem Sinn die Heldenlieder der deutschen Stämme, sein pfäffischer Sohn Ludwig haßte und verachtete sie. Allerdings waren diese Gesänge so voll Heidentum, daß die Kirche Ursache hatte, in Synodalbeschlüssen gegen sie zu eifern. Mit ihnen kam das Sängergeschlecht, welches sie trug und verbreitete, in die Ungnade der Kirche. Die Lieder hörten deshalb nicht auf, aber ihre Sänger wurden niedriger, sie fielen endlich, wenigstens zum Teil, der Klasse jener fahrenden Leute zu, und das Volk gewöhnte sich, das schönste Erbe seiner Vergangenheit von den Lippen verachteter Spielleute zu hören. [...] So germanisierte sich schnell das fahrende Geschlecht und glitt während des ganzen Mittelalters zwischen den abgegrenzten Kreisen des Volkes umher, vor dem Gesetz heimatlos und rechtlos. Die Kirche fuhr fort, das »fahrende und gehende Volk« durch wiederholte Dekrete zu beargwöhnen, ja das Recht an den Sakramenten des Christentums teilzunehmen wurde ihm beschränkt. Die alten Rechtsbücher erlaubten, »Klopffechter um Geld« zu erschlagen ohne Buße wie herrenlose Hunde oder, was beinahe schlimmer war, sie gewährten dem beschädigten fahrenden Mann nur eine höhnende Scheinbuße. War ein Spielmann mit dem Schwert oder Messer getroffen, so durfte er nur auf den Schatten, welchen sein Beschädiger an die Wand warf, denselben Schlag oder Stoß tun. Mit dieser »Unehrlichkeit« aber kontrastierte sehr die Beliebtheit, deren sich die Fahrenden in der Regel erfreuten. Einzeln oder in Banden zogen sie durch das Land, bei großen Hof- und Kirchenfesten strömten sie zu Tausenden zusammen. Dann war ihnen Trank, Speise, Kleider, Geld zu spenden allgemeiner Brauch, und wohl war es geraten, sie gut zu behandeln, denn sie waren als böse Zungen allbekannt und verkündeten in Spottliedern durch alle Länder die Schande des kargen Mannes mit einer Rachsucht, welche durch das Gefühl geschärft werden mochte, daß ihnen solche Rache das beste Mittel sei, sich gefürchtet zu erhalten. Nur selten wagte ein Fürst, wie Kaiser Heinrich II., oder ein frommer Bischof, ihre Banden ohne Lohn von seinen Festen fortzuweisen. Fast überall sind sie bis ins 15. Jahrhundert zu finden, wo eine größere Anzahl von Menschen gesammelt wird. Sie marschieren mit Dudelsack und Fiedel vor den bewaffneten Haufen, sie ziehen im Gefolge der Heere gegen die Slawen, nach Italien, nach Jerusalem, sie blasen und rufen bei jedem Turnier und singen auf der Stelle das Lob der Sieger, sie gaukeln und tanzen mit und ohne Kostüm bei großen Mahlzeiten oder schweben auf dem Seil an jeder Messe und machen den Totensprung in voller Rüstung zwischen zwei Schwertern so fürchterlich, daß schreckhafte Leute in Ohnmacht fallen. Sie singen Wanderlieder, Spottlieder, Liebeslieder und erzählen alte Heldensagen und Märchen aus fremden Ländern auf der Ofenbank des Bauern und in der Hausflur des Bürgers wie in der Halle der Burg. Dort ist vielleicht der Herr auf einem Kreuzzug abwesend, und die Frau und das Gesinde hören ängstlich auf die Märchen und Lügen des gewandten Spielmanns. Heute ist er Erzähler fremder Wundergeschichten, morgen verstohlener Bote zwischen zwei Liebenden; dann wieder tritt er eine Zeitlang in den Dienst eines ritterlichen Minnesängers, dessen Minnelieder er mit seinem Spiel begleitet und im Land zu verbreiten unternimmt, ungefähr wie jetzt eine Zeitschrift tut. Oder er kleidet sich noch auffallender, als er sonst pflegt, nimmt einen Kolben in die Hand, setzt die Narrenkappe auf und wird als Narr Gefährte eines Adligen oder Begleiter eines vornehmen Geistlichen. [...] Seit dem 13. Jahrhundert wird die rechtliche Lage der Fahrenden besser, das Leben aller Klassen ist frivoler, kecker, rücksichtsloser, das Begehren nach burleskem Scherz, nach Saitenspiel und Tanz, Gesang und mimischen Darstellungen so allgemein, daß die Kunstfertigen ein ständiges Bedürfnis der Städte und Höfe werden. Deshalb glückt es vielen, ihren Frieden mit der bürgerlichen Gesellschaft zu machen, sie gesellen sich zu dem Rittertum als Rufer. Herolde, Lobsänger und Spruchsprecher, sie werden Hausnarren an den Fürstenhöfen, Pritschmeister in den Städten, Gesellen der Stadtpfeifer, Spielleute der Landsknechtbanden; die fahrenden Frauen gehen in die Frauenhäuser an die Stadtmauer und verfallen so der wohlwollenden Aufsicht einer städtischen Polizei. Seitdem teilen sie sich in Angenommene und Fahrende; der Narr, der Spielmann, der Klopffechter eines Herrn oder einer Stadt trägt als Zeichen der Dienstbarkeit Schild, Wappen, Kette oder Ring am Arm, und dieses Symbol der Unfreiheit ist für ihn ein wertes Privilegium, welches Schutz gewährt gegen das Mißtrauen der beginnenden Polizei. Aber die Lage derer, welche noch heimatlos umherschweifen, wird schlechter; in der Mitte des 15. Jahrhunderts werden sie auf dem Reichstag zu Frankfurt bereits durch kaiserliche Verordnung als Vagabunden bedräut, zumal die Sänger und Spruchsprecher, weil sie geistlichen und weltlichen Stand verächtlich antasten; denn sind sie bei den Geistlichen, so singen sie von den Weltlichen und bei den Weltlichen von den Geistlichen, »welches zu Zwiespalt und Ungehorsam gereicht«. Endlich kommt den Angesessenen der Ehrgeiz, sich in einer Innung oder nach italienischem Muster in einer Schola zu vereinigen und durch Privilegien bevorzugen zu lassen, so den Pfeifern und Paukern, den Fechtern und anderen. Einige Tätigkeiten dieses fahrenden Volkes verdienen besondere Erwähnung. Die Banden der Gladiatoren und Tierkämpfer zogen von den Höfen der Merowinger auch nach Deutschland. Ihre Kämpfe, bei denen sie um Geld ihr Blut vergossen, müssen nicht selten eine Unterhaltung der Kaiser gewesen sein; denn als Kaiser Heinrich II. um das Jahr 1017 eine Schar Straßenräuber gefangen hatte, richtete er zu Merseburg und Magdeburg Kämpfe ein, stellte den Gefangenen eine Anzahl seiner unehrlichen Kämpen gegenüber und ließ sie von diesen niedermachen. Auch die Städte hielten zuweilen solche Kämpfer, so Aachen durch das ganze 14. Jahrhundert gegen festen Monatssold und Kleidung für Zweikämpfe mit Feinden der Stadt; einmal sollte dieser Kampf mit Streitkolben an Riemen geführt, dazu die Kämpfer mit Hosen und Gürteln versehen werden; sie wurden von einem Meister unterrichtet, der die ansehnliche Summe von fünfundzwanzig Goldgulden, Kleider und freie Zeche erhielt. In dem nächsten Jahrhundert gesellten sich die Fechter, welche städtische Unterkunft gefunden hatten, als Marxbrüder und Federfechter in zwei Verbindungen, welche starken Groll gegeneinander hegten. Die Fechter mit der Feder führten einen geflügelten Greif im Wappen, sie rühmten sich von einem Herzog von Mecklenburg privilegiert zu sein und fanden später in den Kurfürsten von Sachsen milde Gönner; sie riefen im Kampfplatz, wenn sie das Schwert erhoben: »Schwing« dich, Feder, sieh, wie man tut, schreib' gern mit Tinte, die aussieht wie Blut«. Die Sankt Markusbrüderschaft dagegen hatte in ihrem Wappen einen Löwen und stärkte sich durch den trotzigen Reim: »Du edler Löw, schwing' dein kraus Haar, nimm dir des Greifen eben wahr, den sollst du vor dir hauen nieder und ihm zerreißen sein Gefieder.« Sie war von König Maximilian 1487 mit einem Privilegium beschenkt worden, ihre »Meister vom langen Schwert« standen unter einem Hauptmann und hielten seitdem auf der Herbstmesse von Frankfurt am Main ihre Zusammenkunft. Dorthin zog, wer von ihnen gefreit sein wollte; er mußte gegen vier Meister fechten, dann in öffentlicher Versammlung jeden annehmen, der ihn bekämpfen wollte. Bestand er die Proben, so wurde er mit dem Paradeschwert kreuzweis über die Lenden geschlagen, mußte den Genosseneid leisten und zwei Goldgulden auf das Schwert legen; dafür erhielt er das geheime Erkennungszeichen der Brüderschaft und das Recht, andere in seiner Kunst zu unterrichten und Fechtschule zu halten, das heißt öffentliche Schaugefechte zu veranstalten. Lange Zeit waren diese Schaukämpfe eine Freude der Fürsten und Bürger, sie erheiterten nach der Schlacht bei Mühlberg den gefangenen Kurfürsten von Sachsen während des großen Reichstags zu Augsburg. Daß Frankfurt die einzige Stadt war, wo man Meister vom Schwert werden konnte, galt ihr beim Volk für einen besonderen Vorzug. Der Aufzug der Fechter und mancher Brauch erinnert noch lebhaft an die römischen Spiele, wenn auch die Kämpfe selten ein so blutiges Ende nahmen. Denn die Fürsten und Städte warben ganze Fechterbanden, welche bei Freischießen und anderen großen Festen aufgeführt wurden. Sie rekrutierten sich in dieser Zeit aus Trabanten, Handwerkern – oft Kürschnern – und gaben durch das ganze 16. Jahrhundert auch aus eigenem Antrieb öffentliche, nicht gefahrlose Vorstellungen, wobei Haufe gegen Haufe und einzelne gegeneinander kämpften. Diese Genossenschaften der Fechter überlebten den Dreißigjährigen Krieg, sie verloren die alten Ausdrücke für ihre Kunsthiebe, sie legten sich nicht mehr aus nach dem Ochs, Eber, Pflug und Dach, sondern nach französischen Kunstwörtern, aber sie erhielten sich trotz der fremden Fechtlehrer in den größeren Städten. In Nürnberg wurden ihre öffentlichen Gefechte kurz vor 1700 verboten, aber das Volk nahm noch lange leidenschaftlich Partei für die beiden Fraktionen, es war kein Knabe in der Stadt, der nicht für die Marxbrüder oder Federfechter stritt, und häufig gaben sie ihre Vorstellungen in Privathäusern. Eines der letzten großen Fechterspiele wurde 1741 zu Breslau auf dem Kirchhof von Magdalena angestellt. An dem Tage, wo der junge König von Preußen mit seinem kleinen Paradedegen von dem Thronsessel des Kaiser Matthias die Huldigung des eroberten Schlesiens entgegennahm, gerade als die Morgenröte einer neuen Zeit anbrach, da gaukelten die alten Fechter wie Schattenbilder aus ferner Zeit noch einmal über den Gräbern vergangener Geschlechter, dann vergingen auch sie. Der Einfluß, welchen die Spielleute auf Verbreitung und Fortbildung der epischen und lyrischen Volksdichtung gehabt haben, ist im früheren Band erwähnt. Er ist deutlich aus den Heldengedichten in Volksweise zu erkennen. Oft suchen die Spielleute ihre Standesgenossen selbst in die alte Dichtung hineinzudrängen und sorgen dafür, daß ihre poetischen Ideale keine schlechte Rolle spielen. So ist schon in den »Nibelungen« die helle Gestalt des Helden Volker, des Geigers, eine Spielmannsfigur; derber und roher renommieren ähnliche Figuren mit groteskem Anstrich in den späteren Gedichten der populären Sagenkreise, z. B. der Mönch Ilsan im »Rosengarten«. Aber nicht nur unter die Helden des deutschen Epos schwärzten die fahrenden Leute verschönerte Abbilder ihres eigenen Lebens ein, sie, die Verachteten, vom Heiligsten der Kirche fast ausgeschlossenen, wußten sich sogar im Schiff und Chor der Kirche mit allem Übermut ihres Handwerks auszubreiten. Denn sie krochen in die ersten streng kirchlichen Anfänge des deutschen Dramas, in die heiligen Spiele des Osterfestes ein. Schon im ersten Mittelalter war der Geschichte von der Kreuzigung und Auferstehung in dem Kirchenritual ein dramatischer Anstrich geworden: Wechselgesänge zwischen Christus und den Jüngern, Pilatus und den Juden von Geistlichen im Kirchenchor gesungen, die feierliche Niederlegung eines großen Kruzifixes in einem künstlichen Grab oder der Krypte, und darauf am Ostermorgen feierliche Verkündigung der Wiederauferstehung, Lobgesänge der ganzen Gemeinde und Palmenweihe. Früh fing man an, die einzelnen Rollen im dramatischen Gesang stärker hervorzuheben, ihnen außer dem Gesang auch Reden in den Mund zu legen, die Hauptrollen durch angemessene Tracht und einzelne Attribute zu unterscheiden. An anderen Kirchenfesten geschah ähnliches mit den Legenden der Heiligen, und schon im 12. Jahrhundert werden in den deutschen Kirchen ganze Stücke dramatisch aufgeführt, zunächst noch lateinisch von Geistlichen im Chor. – Aber im 13. Jahrhundert dringt die deutsche Sprache in den Dialog der Personen, sogleich werden die Stücke länger, die Zahl der Rollen vermehrt sich. Laien fangen an mitzuspielen, die Rede wird behaglich, zuweilen ausgelassen und sticht wunderlich ab gegen einzelne dazwischen bewahrte lateinische Chorgesänge und Responsorien, welche nach und nach ebenfalls deutsch werden. Jetzt zeigen sich unter den biblischen Personen der Spiele dieselben komischen Figuren, die derben Scherze und der Straßenwitz, welche die fahrenden Leute bis dahin draußen auf den Kirchhöfen vertreten hatten. Am häufigsten tritt der Narr als Knecht eines Quacksalbers auf. Seit ältester Zeit hatten die fahrenden Leute Geheimmittel, besonders solche, welche der Kirche verdächtig waren, uralten römischen Aberglauben, altdeutsche Beschwörungsformeln und wohl noch anderes, was unsauberer und gefährlicher war, durch das Land getragen. Bei großen Kirchenfesten und Märkten fehlten auch die Buden der Ärzte nicht, dieselben Buden wandernder Doktoren, welche sich schon auf griechischen Vasenbildern finden; sie waren über Italien mit den grotesken Masken des Arztes selbst und des possenhaften Servus als ein gewinnbringendes Gewerbe des fahrenden Volkes nach Deutschland gekommen. Die Ärzte und Knechte traten in den geistlichen Spielen als Intermezzi und weit ausgesponnene Episoden der heiligen Handlung auf. Zoten und Prügeleien durften ihnen nicht fehlen. Aber noch eine andere populäre Person führte das fahrende Volk in die heiligen Spiele ein, wahrscheinlich ihr erstes Debüt in der Kirche, den Teufel. Lange schon hatte dieser höllische Geist draußen auf dem Kirchhof unter den Zelten Feuer gespien und mit dem Schwanz gewedelt, und wahrscheinlich war er schon oft von einem klugen Spielmann zum Entzücken der Zuschauer geprellt und durchgeprügelt worden, ehe es ihm um das 13. Jahrhundert gelang, als viel duldender Mitspieler beim heiligen Osterdrama zur Erbauung der frommen Gemeinde beizutragen. Zu den Fahrenden gesellten sich leichtsinnige Kinder der Kirche, vagierende Mönche – leider auch Nonnen und Beginen. Vor andern die fahrenden Schüler, welche als Schatzgräber und Teufelsbanner erfolgreiche Angriffe auf die ersparten Goldgulden der Bauern und den Vorrat ihres Rauchfangs machten. Sie »wollten Priester werden«, dann kamen sie aus Rom, sogar mit geschorener Krone, und sammelten zu einem Chorhemd; oder sie waren Schwarzkünstler, dann trugen sie einen gelben Behang am Rock und kamen aus Frau-Venusberg; traten sie in ein Haus, so riefen sie: hier kommt ein fahrender Schüler, ein Meister der sieben freien Künste, ein Beschwörer der Teufel, für Hagel, für Wetter, für Feuer und Ungeheuer, darauf machten sie »Experimente«. Aber mit den fahrenden Spielleuten und ihrem Anhang kreuzten sich auf den Heerstraßen noch andere Kinder des Elends, weniger harmlos, dem Volk unheimlicher. Unter ihnen die Zigeuner. Die Zigeuner sind nach ihrer Sprache und nach dürftigen historischen Nachrichten ein Stamm des nördlichen Vorderindiens, welcher Heimat und Zusammenhang mit seinen indischen Verwandten erst zu einer Zeit verloren hat, wo die Umbildung des alten Sanskrits in die jüngeren Völkersprachen schon vor sich gegangen war. Auf ihrer Wanderung nach Westen, die Jahrhunderte dauerte, müssen sie mit Arabern, Persern und Griechen in dauerndem Verkehr gelebt haben, denn die Sprachen dieser Völker haben deutlich auf ihre eigene eingewirkt. Sie sind möglicherweise um 430, wahrscheinlich um 940 in Persien. Sie zeigen sich um 1100 als »Ismaeliten« und »Kaltschmiede« in Oberdeutschland, sie sind im 14. Jahrhundert auf Zypern, im Jahre 1370 in der Walachei (als Unfreie) angesiedelt. Der Name Zigeuner ist aus ihrer Sprache verderbt, sie nennen sich noch heute Sinte, Indusbewohner; auch ihre alte Angabe, daß sie aus Kleinägypten kämen, mag richtig sein, da Kleinägypten damals nicht das Niltal, sondern die asiatischen Grenzländer bezeichnet zu haben scheint. Im Jahre 1417 endlich erscheinen sie in großen Haufen mit lächerlichen Ansprachen und fratzenhaftem Aufzug von Ungarn her zunächst in Deutschland, bald in der Schweiz, Frankreich, Italien und erregen überall das äußerste Befremden. Eine Bande von dreihundert Erwachsenen, ohne die Kinder, zieht bis zur Nordsee herauf, unter dem Befehl eines Herzogs und eines Grafen, zu Pferd und zu Fuß, die Frauen und Kinder sitzen auf dem Gepäck auf Karren. Sie sind komödiantenhaft aufgeputzt, sie führen Jagdhunde als Zeichen adliger Geburt; wenn sie aber in der Tat jagen, tun sie es ohne Hunde und ohne Geräusch. Sie weisen Empfehlungen und Geleitsbriefe von Fürsten und Herren vor, auch vom Kaiser Sigismund. Sie behaupten, ihre Bischöfe hätten ihnen befohlen, sieben Jahr in der Welt herumzuwandern. Sie sind aber große Gauner und übernachten im Freien, um besser stehlen zu können. – Im Jahre 1418 zeigen sie sich an vielen Orten in Deutschland und in demselben Jahr unter dem Oberbefehl eines Herzogs Michel von Kleinägypten vor Zürich, wo ein Rendezvous mehrerer Horden gewesen sein muß. Dort zählen sie nach der niedrigsten Angabe tausend Köpfe, haben zwei Herzöge und zwei Ritter, wollen von den Türken aus Ägypten verjagt sein, tragen viel Geld in den Taschen, das sie von den Ihrigen daheim erhalten haben wollen, essen gut und trinken gut und bezahlen auch gut; sie haben sich nirgend wieder so gehalten. Seitdem zogen sie in verschiedenen Haufen von Rumänien über ganz Europa. Es gelang ihnen aber trotz dem eitlen Aufputz und ihren schlauen Lügen nur an sehr wenig Orten, die Menschen zu täuschen. Sie erwiesen sich fast überall als arge Heiden, Zauberer, Wahrsager und höchst unverschämte Diebe. Sie selbst zersplitterten auf der weiten Fahrt in kleinere Banden; ihre Führer, welche sie mit allen Feudaltiteln schmückten, gingen ihnen verloren, sie selbst wurden durch das Wanderleben und die Verfolgungen der angesessenen Leute vielfach dezimiert. Die besten Aufschlüsse über ihre Vergangenheit gibt die Sprache. Die ursprüngliche Einheit der Zigeunerdialekte ist noch jetzt deutlich zu erkennen. Die Sprache erscheint als die Mundart eines einzigen und besonderen indischen Stammes, eine verkommene Tochter des vornehmen Sanskrit; sie hat fast in jedem Land, wo das Volk auf seiner Irrfahrt verweilte, einzelnes Fremde für sich gestohlen, und ihr Kleid ist mit den Lappen aller Völker überdeckt, so daß nur noch hier und da die echten Goldfäden sichtbar sind. Der Stamm hat einen großen Teil seiner eigenen Wörter aufgegeben, zunächst solche, welche auf Anschauungen beruhten, die sich in fremden Ländern, in dem kleinen armseligen Leben nicht erhalten konnten. Er hat den indischen Ausdruck verloren für den Papagei, den Elefanten und Löwen, für den Tiger und die Königsschlange, aber den Zucker gulo , die Seide pahr , die Weintraube drakh nennt er noch mit ihren indischen Namen und den Wein mohl nach dem Persischen. Ja, ihm ist auch zu vielen immer geläufigen Bezeichnungen das indische Wort geschwunden, er weiß den Sperling nicht mehr indisch zu nennen, keinen Fisch und fast keine Pflanze, allerdings aber viele große und kleine Tiere, unter anderen auch dschu , die Laus. Dazu kam, daß die Zigeuner selbst in Banden unter die verschiedensten Völker zersplitterten, so daß auch ihr erhaltenes Eigentum nicht allen gemeinsam blieb und in jedem Lande ein eigentümliches Zigeuneridiom entstand. Endlich eignete sich der Rom , wie er sich selbst nennt, außer seiner romany tschib und der Landessprache auch die Sprache der Wissenden, den Diebesdialekt an, dem er auch in freundlichem Austausch Wörter seines Sprachschatzes mitteilte. In Deutschland verstand er Rotwelsch oder Jenisch, in Böhmen die Hantyrka, in Frankreich das Argot, in England den Slang, in Spanien die Germania. – Diesen Fremden war in Deutschland kein behagliches Leben vergönnt. Wie ihre Hand gegen jedermanns Gut, so arbeitete der allgemeine Haß gegen ihren Hals. Karl V. gebot sie auszuweisen, die neuen Polizeiverordnungen der Fürsten gewährten ihnen keine Duldung. Und doch wußten sie durch Wahrsagen und geheime Künste, als Ärzte an Menschen und Tieren, als Roßtäuscher und Hausierer vom Landvolk zu gewinnen. Wallenstein brauchte sie als Spione, später auch die Schweden; ihre Dirnen wußten sich Offizieren und Gemeinen wert zu machen, die Weisen der Bande verkauften Amulette und beschlugen den Huf der Pferde. Nach dem Kriege zogen sie frech durch das Land, der Schrecken des Landmanns. In Thüringen fiel 1663 eine Bande von mehr als zweihundert Köpfen ein, die sich dort teilte und die sehr feindselig betrachtet wurde, weil man ihr nachsagte, daß sie das Land irgendeinem Feind auskundschafte. In der Tat waren sie eine große Landplage geworden, gegen welche die Gesetzgebung mit charakteristischer Rücksichtslosigkeit donnerte. Überall kamen Befehle sie zu vertreiben, sie galten für Spione der Türken, sie galten für Zauberer, sie waren rechtlos; noch nach dem Jahre 1700 ward in einem kleinen rheinischen Fürstentum unter anderem erlegten Wild eine Zigeunerin mit ihrem Säugling aufgeführt. Bis zum Jahre 1750 wird in Österreich, in dem Reich, in Preußen durch Edikte immer wieder befohlen, alle Erwachsenen zu henken, oder auch die Männer, den Weibern aber ein Ohr abzuschneiden. Und doch wurden die Fremden nicht ganz ausgerottet. Einen wohltuenden Gegensatz bildet das Verhalten des 19. Jahrhunderts; 1830 wird zu Friedrichslohra in Thüringen ein menschenfreundlicher – vergeblicher – Versuch gemacht, durch Unterstützung der Erwachsenen und Erziehung der Kinder eine Bande von ungefähr hundert Mann zu bessern. – Um das Jahr 1500 verlor sich der Name »fahrende Leute«, und viele fröhliche Tätigkeit der besitzlosen Umherschweifenden wurde von dem alten Makel frei; aber die große Genossenschaft der Gauner erhielt sich in einer gewissen Organisation. Auch ihre Sprache blieb. Das Rotwelsch zeigt am letzten Ende des Mittelalters in mehreren Proben die volle Ausbildung eines alten Gauneridioms. Es besteht zum größten Teil aus hebräischen Wörtern, wie diese von Leuten gebraucht werden, die nicht selbst Juden sind; daneben steht auch ehrliches deutsches Sprachgut, alte Stämme, und wieder zwecklose Erfindung von bildlichen Ausdrücken, zunächst in dem Bestreben, den wahren Sinn der Rede durch ein täuschendes Bild zu verhüllen: Windfang, der Mantel, Breitfuß, die Gans. Wenige Wörter lassen eine gehobene Stimmung ahnen, aus mehreren spricht die rohe Laune verzweifelter Menschen. Und wie die Sprache, waren auch die Praktiken der Gauner schon zu großer Virtuosität ausgebildet. Die gewöhnliche Form, in welcher der Seßhafte geplündert wurde, war die des Bettelns. Die Werkheiligkeit der alten Kirche, ein unvernünftiges Almosenverteilen, hatte überall in der Christenheit massenhaftes Bettlerwesen großgezogen, schon in den ersten Jahrhunderten des deutschen Christentums ist es Klage frommer Geistlichen. Auf Kirchhöfen und öffentlichen Plätzen lagen die Armen, greuliche Wunden entblößend, welche oft künstlich gemacht waren; sie zogen nackt mit einer Keule, später in Kleidern mit mancherlei Waffen durch das Land und sammelten vor jedem Hof für ihre Kinder, ihrem Heiligen zu Ehren, als gerettete Galeerensklaven der Türken, für ein Gelübde, nur bis sie ein Pfund Wachs, ein silbernes Kreuz und ein Meßgewand zusammen haben. Sie betteln zum Aufbau einer Kirche, weisen Brief und Siegel vor, ihnen liegen besonders Handtücher für ihren Priester, Garn zum Altartuch und Bruchsilber zu einem Kelch am Herzen; sie schweifen als Epileptische umher und halten Seifenschaum im Mund oder nehmen als Priester in eine fromme Bruderschaft auf, wieder gegen Bruchsilber; ebenso wandern die Weiber: falsche Kindbetterinnen, solche, die ein Ungeheuer geboren haben, z. B. eine Kröte, die in Einsiedeln als Wundergeschöpf lebe und täglich ein Pfund Fleisch haben müsse. Wo ein großes Fest gefeiert wurde, strömten auch sie in Scharen zusammen. Es war eine gefährliche Genossenschaft, nicht immer vermochte die eiserne Härte der alten Zeit sie zu bändigen. Basel scheint einer ihrer geheimen Sammelplätze gewesen zu sein, sie hatten dort eine Gerichtsstätte, auch das berühmte » Liber vagantorum « mag in der Nähe entstanden sein. Dies Buch, von einem Unbekannten um 1500 geschrieben, enthält in Gaunersprache eine sorgfältige Aufzählung der Gaunerklassen und ihrer Kunstgriffe, am Schluß ein kleines Wörterbuch des Jargons. Oft gedruckt, von dem Basler Pamphilus Gengenbach in Reime gebracht, gefiel es Luther so wohl, daß auch er das kluge Büchlein nach einem der ältesten Drucke von neuem herausgab. [...] XIII Ein fahrender Schüler (1509 und folgende Jahre) Charakteristisches des 16. Jahrhunderts. – Bewegung im Volk, Wandertrieb, aufregende Neuigkeiten, Landsknechte, Buchdruckerkunst. – Deutsche Gelehrsamkeit, die Humanisten, die lateinischen Schulen, die Kinder aus dem Volk als Schüler. – Erzählung des Thomas Platter. – Einfluß der lateinischen Schule auf das Volk Wer in die Seele der Deutschen zu blicken versucht, zu jener Zeit, wo das 16. Jahrhundert emporstieg, der wird in den unteren Schichten des Volkes eine geheimnisvolle Unruhe erkennen, etwa wie bei den Wandervögeln, wenn der Frühling herannaht. Auch wurde dieser unbestimmte Drang häufig zur uralten deutschen Wanderlust. Die Zahl der Landläufer, junger und alter, der Kleinkrämer, Pilger, Bettler, fahrenden Schüler war sehr groß, durch alle deutschen Stämme bis in die Slawenländer des Ostens, nach Frankreich und vor allem nach Italien ging der abenteuerliche Zug. Vieles wirkte zusammen, die Armen unruhig, aufsässig, nach neuem begierig zu machen. Wunderbare Nachrichten klangen aus der Ferne. Hinten im fernen Mittelmeer auf dem Wege nach Jerusalem, den deutsche Pilger noch alljährlich suchten, hatte sich ein neuer Stamm, ein neuer Glaube eingedrängt, unheimlich und grauenhaft. Jeder Pilger, der aus dem Süden kam, berichtete in den Herbergen von der wilden Streitkraft des Türken, von seiner Vielweiberei, von den Christenkindern, die er raubte und sich zu Sklaven erzog, von den Gefahren der christlichen Inseln und Seestädte. Und wieder auf der andern Seite tauchten der Phantasie aus dem Grauen des unendlichen Meeres neue Goldländer herauf, Landschaften wie das Paradies, braune Völker, die von Gott nichts wußten, eine unendliche Beute und Herrschaft für die gläubigen Christen. Dazu kamen die Botschaften aus Italien selbst, wie unzufrieden die Südländer mit dem Papst seien, wie arg die Simonie, wie lasterhaft die Fürsten der Kirche. Und die von solchen Dingen zu erzählen wußten, in Stadt und Land, waren nicht mehr furchtsame Handelsleute, arme Pilger, sondern sonnenverbrannte feste Gesellen mit kühnem Antlitz und scharfer Wehr, Nachbarkinder und sichere Leute, die als Söldner des Kaisers nach Welschland gezogen waren, sich dort mit Italienern, Spaniern und Schweizern gerauft hatten und jetzt mit Beute zurückkehrten, Goldstücke im Säckel und goldene Ritterketten am Hals. Mit Ehrfurcht starrte die Jugend des Dorfes auf den Landsknecht, der seine Hellebarde vor der Schenke in den Boden stieß und die Herberge für sich und seine Gäste in Beschlag nahm wie ein Edelmann oder Fürst; denn er, der Bauernsohn, hatte die welschen Ritter unter seine Füße getreten; er hatte tief in die Geldkasse eines italienischen Fürsten gegriffen, er hatte für seine deutschen Hiebe vom Papst Ablaß vollauf bekommen, ja, wie man raunte, einen geheimen Segen, der ihn unverwundbar machte gegen Hieb und Stich. Eine Ahnung der eigenen Kraft und Tüchtigkeit zog nach langer Zeit zum erstenmal durch die Seele der Gemeinen. Auch sie waren Männer, in ihrer Hütte hing der Knebelspieß und an ihrem Gürtel das lange Messer. Und wie war ihre Lage in der Heimat! Ihre Hände und Gespanne forderte der adlige Junker für seinen Acker, ihm gehörte Holz und Wild im Wald, der Fisch im Wasser; selbst wenn der Bauer starb, nahm jener dem Erben das beste Haupt der Herde oder Geld dafür. Auch die Bauern hatte Christus durch seinen Tod erlöst und frei gemacht, und jetzt waren sie in der Mehrzahl eigene Leute des Gutsherrn. In jeder Fehde, die dem Junker auflag, waren sie die Opfer, dann fielen fremde Reisige in ihr Vieh, schossen gegen sie selbst den Bolzen und warfen sie in ein finsteres Loch, bis sie Lösegeld zahlten. Und wieder nach ihren Garben und nach jedem versteckten Gulden spähte die Kirche. Unredlich, listig und üppig wie die Welschen, war auch der Dechant, der mit den Jagdfalken, mit Dirnen und Reisigen durch ihr Dorf ritt; ihr Pfaffe, den zu wählen und zu entlassen sie kein Recht hatten, der ihre Weiber verführte oder in ärgerlichem Haushalt mit Wirtin und Kindern lebte; der Bettelmönch, der sich in ihre Küche einnistete und für sein Kloster das Fleisch im Rauchfang, die Eier im Korb verlangte. Eine dumpfe Gärung kam in die Landgemeinden des südlichen Deutschlands, schon am Ende des 15. Jahrhunderts begannen lokale Aufstände, Vorboten des Bauernkrieges. Aber noch größere Einwirkung übte die neue Kunst, durch welche auch der Ärmste klug und gelehrt werden konnte. In der Mitte des letzten Jahrhunderts war am Rheinstrom erfunden worden, geschriebene Worte ins Tausendfache zu vervielfältigen. Schon seit mehreren hundert Jahren hatte man mit Holztafeln Muster gedruckt, manchmal einzelne Seiten Schrift darin ausgeschnitten, endlich ersann ein Bürger, daß man mit gegossenen Lettern ganze Bücher drucken könne. Es war für die nächste Folge wichtig, daß die neue Erfindung sich unabhängig vom geistlichen Stand, ja in Opposition gegen die mönchischen Abschreiber ausbildete, als eine Erfindung des Bürgerstandes. Denn sie gelangte dadurch sogleich zu der gesunden industriellen Stellung, welche Intelligenz und Technik des Handwerks zu geben vermochte, mit wunderbarer Schnelligkeit wurde sie durch die wandernden Gesellen in viele deutsche Städte und in das Ausland getragen. Ihr zur Seite der neue Bilderdruck von Holztafeln. Neben den großen Druckwerken des fünfzehnten Jahrhunderts, deren Technik wir noch jetzt bewundern, verbreiteten sich bald kleine, billige in den Häusern der Handwerker, ja in den Hütten der Bauern: Kalendertafeln, Arzneimittel gegen Krankheiten, Organisationen frommer Brüderschaften, moralische und Gebetbücher, dazwischen schnell kleine Staatsschriften und die komische Literatur: Fastnachtsscherze, Narrenstreiche, volkstümliche Gedichte. Der Trieb lesen zu lernen wurde mächtig, auch der Landmann erfuhr mit einer Genauigkeit, die der zufällige mündliche Bericht selten gehabt hatte, von einer geheimnisvollen Weissagung oder Geistererscheinung, einem Fastnachtsspiel zu Nürnberg; gläubig buchstabierte er neue Gebete und Verheißungen seiner Kirche und verwundert nahm er in sich auf, so deutlich, als hätte er's selbst gesehen, daß sich die Bayernherzöge der Gewalt des Königs Maximilian unterworfen hatten. Dem Volk war die Pforte geöffnet für geistigen Erwerb, und mit Eifer suchte die Masse ihr Heil in dieser Richtung. Aber die alte Wissenschaft der Kirche, welche sonst den lernbegierigen Sohn des Volkes im Chor und Kreuzgang aufgenommen hatte, war in tiefem Verfall. Noch saß die Gelehrsamkeit des Mittelalters anspruchsvoll in den Lehrstühlen der deutschen Universitäten, aber sie war in geistlosen Formeln und scholastischer Spitzfindigkeit verknöchert. Die Kunde alter Sprachen war gering, Hebräisch und Griechisch fast unbekannt; in barbarischem Mönchslatein wurde geschrieben und gelehrt, die alten Quellen ernster Wissenschaft, Bibel und Kirchenväter, römische Historiker, Institutionen und Pandekten, die griechischen Texte des Aristoteles und der Schriftsteller über Natur und Heilkunde lagen in bestäubten Handschriften, nur die mittelalterlichen Erklärer und Systematiker wurden immer wieder erläutert, auswendig gelernt und bekämpft. So in Deutschland. In Italien aber war seit länger als hundert Jahren aus dem Studium einiger römischen und griechischen Dichter, Historiker und Philosophen eine Bildung aufgegangen, welche Adel der Seele und Freiheit fern von den Pfaden der christlichen Kirche suchte. Die Freude über die Schönheit lateinischer Sprache und Poesie, Bewunderung der gewandten Dialektik des Cicero, Erstaunen über das mächtige Leben des römischen Volkes erhob die Besten jenseits der Alpen. Behend rankte ihre Poesie, Geschichtsschreibung, Rechtskunde, Heilkunst an den antiken Stützen empor. Ja es schien dort, als sollte das alte römische Leben aus seinem Grabe wieder auferstehen, und ein zweihundertjähriger Kampf begann zwischen den Schatten des August und Virgil und dem Schatten des heiligen Petrus, der finster über der Siebenhügelstadt schwebte. Das geistliche Wesen, tyrannisch, beschränkt und sittenlos, wie es auch in Italien war, sank in tiefste Verachtung, die vornehmen Geistlichen selbst, arm an Zucht und Pflichtgefühl, wurden von dem Zauber der neuen Bildung ergriffen. Und die römische Kirche bot das seltsame Schauspiel, daß ihre höchsten Würdenträger den Glauben an den Gekreuzigten, dessen Stellvertreter auf Erden sie sein wollten, innerlich verlachten und die Gläubigkeit der Christen schamlos ausmünzten zur Befriedigung verruchter Sinnlichkeit oder ihres Familieninteresses. Erst seit Erfindung des Bücherdrucks, während der Kriege, welche die Deutschen auf den Schlachtfeldern der Halbinsel ausfochten, kam die neue Humanistenbildung allmählich nach Deutschland. Aber sie fand hier ein anderes Volkstum. Der redliche Sinn und das einfache Gemüt der Deutschen verarbeitete sie nüchterner und doch inniger und so wie damals deutsche Art war, methodisch, zunftmäßig, maßvoll. Emsig wurde die lateinische Sprache, welche den Deutschen wie ein neuer Fund erschien, in lateinischen Schulen studiert und durch Lehrbücher verbreitet. Die angestrengte und lange Arbeit über der fremden Grammatik, welche in Deutschland nötig war, diente den Geistern zur Zucht. Scharfsinn und Gedächtnis wurden kräftig angestrengt, die logische Seite der Sprache wirkte stärker als die phonische, die Größe und Weisheit des antiken Inhalts mehr als die Schönheit und Eleganz der Form; die Gymnastik des lernenden Geistes in Deutschland mußte angestrengter sein, dafür war der Gewinn dauerhafter, schon deshalb, weil jetzt die Herrschaft über zwei grundverschiedene Sprachen gewonnen wurde. Eine Anzahl ernster Sprachlehrer verbreitete zuerst die neue Bildung. Jakob Wimpfeling schrieb seine lateinischen Lehrbücher für Knaben und Jünglinge, Alexander Hegius lehrte in Deventer, unter ihnen zahlreiche Schulmeister: Krato von Udenheim und Sapidus in Schlettstadt, Michaelis Hilspach zu Hagenau, so viele andere. Dazu der Dichter Heinrich Bebel in Tübingen, Konrad Celtes in Wien, der Jurist Ulrich Zasius in Freiburg und andere. In enger Verbindung mit ihnen standen fast alle kräftigen Talente Deutschlands, Sebastian Brant, Verfasser des »Narrenschiffs«, auch der große Prediger Johann Geiler von Kaisersberg, obgleich seine eigene Bildung noch in dem scholastischen Wesen wurzelte. In kurzem war die deutsche Gelehrsamkeit der romanischen mehr als ebenbürtig. Für ihre vornehmsten Vertreter aber galten allgemein Johannes Reuchlin, der die erste hebräische Grammatik schrieb, und Erasmus von Rotterdam, der durch den Zauber seiner Bildung der ganzen Humanistenschule Deutschlands, wenige ausgenommen, das Gepräge eines feinen ironischen Geistes aufgedrückt hat. Auch die deutschen Humanisten ergossen ihre Begeisterung in lateinischen Versen, auch bei ihnen traten Jupiter, Minerva und der Sonnenlenker Sol wunderlich an die Stelle des Christengottes, der Jungfrau Maria und des großen Lichtes der mosaischen Urkunde. Auch sie wurden zuweilen durch die Bekanntschaft mit alter Philosophie bis zu heimlicher Spekulation über das Wesen der Gottheit geführt, auch sie standen sämtlich in geharnischter Opposition gegen die Verderbnisse der Römischen Kirche, aber ihre Opposition hatte einige Momente, welche sie von der italienischen unterschied. Sie wurde durch deutsche Gesinnung geadelt. Zwar galt manchem humanistischen Schullehrer die deutsche Sprache für eine barbarische, sie latinisierten ihre Namen und nahmen sich die Freiheit, in vertraulichen Briefen ihre Landsleute ungehobelt zu nennen; aber sie, die Vertreter römischer Wissenschaft, waren die eifrigsten Hasser italienischer List und Unsittlichkeit und des despotischen Hochmutes, mit welchem der römische Priester auf ihr deutsches Volkstum blickte. Und sie selbst hörten nicht auf, gute Christen zu sein. Während sie die einfältigen Pfaffen verhöhnten oder schalten, suchten sie sorgfältig aus dem Altertum Beispiele der Frömmigkeit, gottseliger Gesinnung und männlicher Tugend. Und neben den unaufhörlichen Angriffen auf die Laster der italienischen Geistlichkeit wagten sie auch zögernd, vorsichtig und gewissenhaft eine historische Kritik der Quellen, auf welche sich die Ansprüche des Papstes stützten. Ein herzliches Freundschaftsband schloß sie zu einer großen Gemeinde. Bösartig verfolgt von den Vertretern der alten Scholastik und ihren Verbündeten, den »Romanisten und Courtisanen«, gewannen sie auch Bundesgenossen überall, in den Bürgerhäusern der Reichsstädte, an den Fürstenhöfen, in der Nähe des Kaisers, sogar in Domkapiteln und auf Bischofstühlen. [...] In den lateinischen Schulen konnte man die geheimnisvollen Kenntnisse erwerben, welche den Besitzer aus der gedrückten, armen und freudeleeren Masse des Volkes hervorhoben. So wurde die Begierde, gelehrt zu werden, in der Seele des Volkes mächtig. Kinder und halbwüchsige Burschen liefen aus den entlegensten Tälern hinein in die unbekannte Welt, die Wissenschaft zu suchen. Wo eine lateinische Schule war, bei einem Stift oder im reichen Kirchspiel einer großen Stadt, dahin schlugen sich die Kinder des Volkes, oft unter den größten Leiden und Entbehrungen, verwildert und entsittlicht durch das mühevolle Wandern auf der Straße, wie durch die Unsicherheit ihres Lebens in dem Bereich der Schule. Denn die Stifter, welche die Schule eingerichtet hatten, oder die Bürgerschaften der Städte gaben solchen Fremden zwar zuweilen Obdach und Lager in besonderen Häusern, aber ihren Lebensunterhalt mußten diese zum größten Teil erbetteln. Die Aufsicht, welche über sie geübt wurde, war sehr gering, nur darauf hielt man streng, daß in der Zügellosigkeit ihres Lebens Methode war; unter bestimmten Formen und nur in gewissen Stadtteilen war zu betteln erlaubt. Wenn der fahrende Schüler an einen Ort kam, wo eine lateinische Schule bestand, war er verpflichtet, in die Genossenschaft der Schüler einzutreten, damit er nicht zum Schaden des Schulmeisters und der vorhandenen Schüler die Mildtätigkeit der Einwohner in Anspruch nehme. Wie überall, wo sich Deutsche im Mittelalter zusammenfanden, so bildete sich auch unter diesen Schülern eine Organisation aus, ein Pennalismus, der eine Menge von Bräuchen und unsittlichen Gesetzen hatte, dem aber jeder einzelne verfiel, und neben demselben die rohe Poesie eines abenteuerlichen Lebens, welche viele verdarb und nur von guten Naturen ohne Schaden für ihr späteres Leben überwunden wurde. Die jüngeren Schüler, Schützen genannt, waren, wie die Lehrlinge der Handwerker, ihren älteren Kameraden, den Bacchanten, zu erniedrigenden Diensten verpflichtet, sie mußten für ihre Tyrannen betteln, oft stehlen, und genossen dafür den Schutz, welchen die Fäuste der Stärkeren geben konnten. Für den Bacchanten war es Ehrensache und Vorteil, viele Schützen zu haben, welche ihm die milden Gaben der Einwohner zutrugen. Von diesen lebte er. Aber wenn der grobe Bacchant bis zu der Universität, der hohen Schule, empordrang, dann wurde er bezahlt für alle tyrannische Unbill, die er gegen jüngere Schüler geübt hatte, dann mußte er deponieren, sein Schülerkleid und ungehobeltes Wesen ablegen, unter demütigenden Zeremonien wurde er in die vornehme Genossenschaft der Studenten aufgenommen, er selbst mußte wieder dienen, wilde Scherze und Roheiten wie ein Sklave erdulden. Eigenmächtig wechselten die Schüler die Schulen; vielen wurde das Lungern auf der Landstraße die Hauptsache, und die Jugendjahre vergingen ihnen in einem wüsten Umhertreiben von Schule zu Schule, unter Bettelei und Raub und roher Liederlichkeit. Wenn wir uns noch jetzt über die Kraft und sichere Tüchtigkeit einzelner freuen, welche sich damals von unten herauf zu geistiger Bedeutung emporgearbeitet haben, so müssen wir auch daran denken, wie manches Mutterkind in kindlichem Gemüt dasselbe Ziel zu erreichen hoffte und doch elend hinter dem Zaun oder in dem Siechhause einer fremden Stadt verdorben ist. Unbehilflich war der Unterricht in den lateinischen Schulen. Die Lehrbücher waren schwer zu erwerben, oft schrieben die Knaben den Text derselben für sich ab, ein Buch war ihnen ein Schatz. Zur Grundlage diente noch die alte Grammatik des Donat, an ihr lernten die Knaben Lateinisch lesen. Deklinieren, Konjugieren und leichte Satzbildung wurde aus dem Sulpicius oder einem andern kleinen Handbuch und in Exerzitien der Knaben geübt. Dann sollte eine kleine lateinische Schrift erklärt werden, etwa der Brief des Äneas Sylvius an den König Ladislaus, darauf vielleicht die Anthologie Jakob Wimpfelings: Adolescentia, dann wurde zu den römischen Prosaikern, Cicero, Sallust übergegangen. Noch war in Grammatik und Erklärung viel unnützer scholastischer Kram, ob z. B. die Präposition »ad« personalis, localis, temporalis usw. sei, wurde sorgfältig definiert; durch lateinische versus memoriales suchte man dem Gedächtnis zu Hilfe zu kommen, und noch hat auch, was man damals als elegantes Latein bewunderte, einen mönchischen Beigeschmack. Aber schon mahnt der große Lehrer Wimpfeling, bei jeder Gelegenheit Beispiele zu wählen, welche die Knaben zur Ehrbarkeit, Gottesfurcht, zu redlicher Gesinnung anfeuern; nicht die Kenntnis der Formen und Wörter tue es, nicht die subtile Distinktion der Worte, sondern der Geist, der aus dem Altertum einströme. Die Gesinnung solle geadelt werden, das Verständnis der Welt und des Glaubens gefördert, zur Größe der Staaten, zur Reformation der katholischen Kirche, zum Ruhm im Frieden, zur Abwehr des Krieges müsse die Wissenschaft dienen, denn Erkenntnis der Wahrheit sei ihr Ziel. Von dem Leben der fahrenden Schüler ist uns eine oft ausgezogene Beschreibung durch Thomas Platter erhalten worden, dem armen Hirtenknaben aus dem Vispertale in Wallis, später angesehenen Buchdrucker und Schulrektor in Basel. Aus seiner Selbstbiographie wird hier nach der Ausgabe von Dr. D. A. Fechter (Basel 1840) einiges mitgeteilt. In dem wilden Gebirgstal, aus welchem die Visp zur Rhone hinabbraust, zog damals noch kein schaulustiger Reisender nach der Zermatt, dem Matterhorn und den Gletschern des Monte Rosa. Einsam wuchs der Knabe auf zwischen Felsen und seinen Ziegen; wenn ihm die Herde in ein Saatfeld lief, wenn ein Adler drohend über ihm schwebte, wenn er sich selbst auf steilem Felsen verstieg oder von seinem harten Herrn gestraft wurde, das waren die Eindrücke seines Kinderlebens. Wie er aus solcher Einsamkeit in die weite Welt hinausgeworfen wurde, soll er jetzt erzählen. Als ich bei dem Bauer war, kommt eine meines Basen, hieß Fransy, die wollte mich zu meinem Vetter Herrn Antony Platter tun, daß ich sollte die Schriften lernen. So reden sie, wenn man einen in die Schule tun will. Der Bauer war damit übel zufrieden; er sprach, ich würde nichts lernen und setzte den Zeigefinger der rechten Hand mitten in die linke Hand und sprach: »So wenig wird der Bub lernen, als ich den Finger da durchstoßen kann.« Das sah und hörte ich. Da sprach die Bäsin: »Wer weiß, Gott hat ihm seine Gaben nit versagt, es kann noch ein frommer Priester aus ihm werden.« Sie führte mich also zu dem Herrn, ich war, wenn ich's gedenke, um die neun Jahre oder zehnthalb alt. Da ging es mir erst übel, denn der Herr war gar ein zorniger Mann, ich aber ein ungeschicktes Bauernbüblein. Der schlug mich grausam übel, nahm mich vielmal bei den Ohren und zog mich vom Herd auf, daß ich schrie wie eine Geiß, die am Messer steckt, daß oft die Nachbarn über ihn redeten, ob er mich wollte morden. Bei dem war ich nit lange. Denn in derselben Zeit kam mein Geschwisterkind, der war den Schulen nachgezogen auf Ulm und München in Bayerland, derselbe Student hieß Paulus Summermatter. Dem hatten meine Verwandten von mir gesagt, und er verhieß ihnen, er wollte mich mit sich nehmen und in Deutschland der Schule nachführen. Da ich das vernahm, fiel ich auf meine Knie und bat Gott den Allmächtigen, daß er mir von dem Pfaffen hülfe, der mich schier gar nichts lehrte und aber jämmerlich übel schlug. Denn ich hatte eben ein wenig das Salve singen gelernt und um Eier bitten mit andern Schülern, die auch in dem Dorf bei dem Pfaffen waren. Als nun Paulus wieder wandeln wollte, sollte ich zu ihm nach Stalden kommen. Vor Stalden wohnte Simon zu der Summermatten, meiner Mutter Bruder, der sollte mein Vogt sein; der gab mir einen Goldgulden, den trug ich im Händlein bis nach Stalden, lugte oft unterwegs, ob ich ihn noch hätte, gab ihn dem Paulus. So zogen wir zum Land hinaus. Da mußt' ich für mich betteln und meinem Bacchanten, dem Paulus, auch geben, denn wegen meiner Einfalt und ländlichen Sprache gab man mir viel. Als wir über den Berg Grimsel nachts in ein Wirtshaus kamen, hatte ich nie einen Kachelofen gesehen, und der Mond schien an die Kacheln, da wähnte ich, es wäre so ein großes Kalb, denn ich sah nur zwei Kacheln scheinen, das waren, so meinte ich, die Augen. Am Morgen sah ich Gänse, deren ich nie keine gesehen hatte; da meinte ich, als sie mich anheiserten, es wäre der Teufel und wollte mich fressen, floh und schrie. Zu Luzern sah ich die ersten Ziegeldächer. Danach zogen wir auf Meißen zu, es war mir eine weite Reise, da ich nicht gewohnt war so weit zu ziehen und dazu unterwegs das Essen zu gewinnen. Wir zogen also unser miteinander acht oder neun, drei kleine Schützen, die andern große Bacchanten, wie man sie nennt, unter welchen ich der allerkleinste und jüngste Schütz war. Wenn ich nicht gut zu gehen vermochte, ging mein Vetter Paulus hinter mir mit der Rute oder dem Stöcklein und zwickte mich an die bloßen Beine, denn ich hatte keine Hosen an und schlechte Schühlein. Ich weiß auch nit mehr alle Dinge, die uns auf der Straße begegnet sind, doch etlicher bin ich eingedenk. Als wir nämlich auf der Reise waren und man so allerlei redete, sprachen die Bacchanten untereinander, wie in Meißen und Schlesien der Brauch wäre, daß die Schüler Gänse und Enten, auch andere solche Speise rauben dürften, und täte man einem nichts darum, wenn man dem entronnen sei, dem das Ding gehört hätte. Eines Tages waren wir nit weit von einem Dorf, da war ein großer Hauf Gänse beieinander, und war der Hirt nicht dabei, da fragte ich meine Gesellen, die Schützen: »Wann sind wir in Meißen, daß ich Gänse totwerfen darf?« Da sprachen sie: »Jetzt sind wir drinnen.« Da nahm ich einen Stein, warf eine Gans und traf sie an ein Bein, die andern flogen davon, die hinkende aber konnte nicht aufkommen. Ich nahm noch einen Stein, traf sie an den Kopf, daß sie niederfiel, lief hinzu und erwischte die Gans bei dem Kragen, fuhr mit ihr unter das Röcklein und ging die Straße durch das Dorf. Da kam der Gänsehirt nachgelaufen und schrie im Dorf: »Der Bub hat mir meine Gans geraubt!« Ich und meine Mitschützen flohen, und der Gans hingen die Füße unter meinem Röcklein hervor. Die Bauern kamen hervor mit Spießen, die sie werfen konnten, und liefen uns nach. Als ich sah, daß ich nicht mit der Gans entrinnen konnte, ließ ich sie fallen und sprang vor dem Dorf vom Wege ab in ein Gesträuch, zwei meiner Gesellen aber liefen der Straße nach, die wurden von zwei Bauern ereilt. Da fielen sie nieder auf die Knie und begehrten Gnade, sie hätten ihnen keinen Schaden getan; und da auch die Bauern sahen, daß sie nicht der waren, der die Gans hatte fallen lassen, so gingen sie wieder in das Dorf und nahmen die Gans. Ich aber sah, wie sie meinen Gesellen nacheilten, und war in größten Nöten und sprach zu mir selbst: »Ach Gott, ich glaube, ich habe mich heut' nit gesegnet!« (wie man mich denn gelehrt hatte, ich sollte mich alle Morgen segnen). Als die Bauern wieder in das Dorf kamen, fanden sie unsere Bacchanten im Wirtshaus, denn diese waren voraus in das Wirtshaus gegangen, die Bauern wollten, sie sollten die Gans zahlen; es wäre etwa um zwei Batzen zu tun gewesen; ich weiß aber nit, ob sie bezahlt haben oder nit. Als sie nun wieder zu uns kamen, lachten sie und fragten, wie es gegangen wäre. Ich entschuldigte mich, vermeinte, es wäre so Landesbrauch; da sprachen sie, es wäre noch nit Zeit. Ein andermal kam ein Mörder zu uns in den Wald, elf Meilen diesseits Nürnberg, da waren wir alle beieinander; der wollte alsbald mit unseren Bacchanten spielen, daß er uns hinhielte, bis daß seine Gesellen zusammenkämen; wir aber hatten gar einen redlichen Gesellen, mit Namen Antoni Schallbether, der dräuete dem Mörder, er solle sich von uns machen; das tat er. Nun war es spat, daß wir bloß bis in das Dorf kommen konnten, und waren zwei Wirtshäuser daselbst, sonst wenig Häuser. Da wir in eins kamen, war der Mörder vor uns da und andere mehr, ohne Zweifel seine Gesellen; da wollten wir nit dort bleiben und gingen in das andere Wirtshaus. Als man daselbst zur Nacht gegessen hatte, war jeder so geschäftig im Haus, daß man uns kleinen Buben nichts geben wollte; denn wir saßen niemals mit am Tisch beim Mahl, man wollte uns auch nit in eine Schlafkammer führen, sondern wir mußten im Roßstall liegen. – Als man aber die Großen zu ihrer Schlafkammer führte, sprach Antoni zum Wirt: »Wirt, mich dünkt, du habest seltsame Gäste, und du seiest nit besser; ich sage dir, Wirt, lege uns, daß wir sicher sind; oder wir werden dir ein Wesen machen, daß dir das Haus zu eng werden soll.« Denn im Anfang begehrten die Schelme mit unseren Gesellen zu spielen, Schachzabel, so nannten sie das Schach, das Wörtlein hatt' ich nie gehört. Als man sie nun zur Ruh' führte, ich aber und die andern kleinen Buben ohne Abendbrot im Roßstall lagen, waren in der Nacht etliche, vielleicht der Wirt selber, an die Kammer gekommen und haben wollen aufschließen; da hat Antonius inwendig eine Schraube eingeschraubet vor das Schloß, das Bett vor die Tür gerückt und ein Licht angeschlagen – denn er hatte allweg Wachskerzen und ein Feuerzeug bei sich – und hat die anderen Gesellen schnell aufgeweckt. Wie das die Schelme hörten, sind sie gewichen. Am Morgen fanden wir weder Wirt noch Knecht; das sagten sie uns Buben, wir waren auch alle froh, da uns im Stall nichts geschehen war. Nachdem wir von da wohl eine Meile gegangen waren, kamen wir zu Leuten; als die gehört, wo wir die Nacht gewesen waren, verwunderten sie sich, daß wir nicht alle ermordet waren; denn fast das ganze Dörflein war der Mörderei verdächtig. Ungefähr eine Meile vor Naumburg waren wieder unsere großen Gesellen in einem Dorf zurückgeblieben; denn wenn sie zusammen zehren wollten, schickten sie uns voran. Wir waren unser fünf, da kamen auf weitem Feld acht Mann auf Rossen an uns mit gespannten Armbrüsten, umritten uns, begehrten von uns Geld und kehrten die Pfeile gegen uns, denn da führte man noch keine Büchsen zu Roß. Und einer sprach: »Gebt Geld!« Da antwortete einer unter uns, der war ziemlich groß: »Wir han kein Geld, sind arme Schüler.« Da sprach der Reiter noch zweimal: »Gebt Geld!« so sagte unser Gesell wieder: »Wir han kein Geld und geben euch kein Geld und sind euch nichts schuldig.« Da zückte der Reiter das Schwert, hieb ihm stracks am Kopf hin, daß er ihm die Schnüre am Bündel zerhieb. Sie ritten davon wieder ins Holz, wir aber gingen auf Naumburg zu, bald kamen unsere Bacchanten, die hatten die Schelme nirgends gesehen. – Wir sind auch oft in Gefahr gewesen der Reiter und Mörder halb, als im Thüringer Wald, im Frankenland, in Polenland. Zu Naumburg blieben wir etliche Wochen, wir Schützen gingen in die Stadt; etliche Schützen, die singen konnten, sangen, ich aber ging heischen . Wir gingen da aber in keine Schule. Das wollten die anderen Schüler nit leiden und drohten, sie würden uns in die Schule zu gehen zwingen. Der Schulmeister entbot auch unseren Bacchanten: sie sollten in die Schule kommen, oder man würde sie fassen; Antoni entbot ihm wieder: er möchte nur kommen! Und da auch etliche Schweizer da waren, ließen diese uns wissen, auf welchen Tag man kommen würde, damit man uns nit unversehens überfiele. Da trugen wir kleinen Schützen Steine auf das Dach, Antoni aber und die andern nahmen die Tür ein. Da kam der Schulmeister mit der ganzen Prozession seiner Schützen und Bacchanten, aber wir Buben warfen mit Steinen auf sie, daß sie weichen mußten. Als wir nun vernommen, daß wir von der Obrigkeit verklagt waren, hatten wir einen Nachbar, der seiner Tochter einen Mann geben wollte, der hatte einen Stall mit gemästeten Gänsen, dem nahmen wir nachts drei Gänse und zogen in den anderen Teil der Stadt, eine Vorstadt, wieder ohne Ringmauern, wie auch die Stadtecke war, wo wir bisher gewesen waren; da kamen die Schweizer zu uns, sie und die unsern zechten miteinander, und zog von da unser Haufe auf Halle in Sachsen, dort gingen wir in die Schule zu St. Ulrich. – Da sich aber unsere Bacchanten so ungebührlich gegen uns hielten, besprachen sich etliche von uns mit Paul, meinem Vetter, den Bacchanten zu entlaufen, und zogen wir gen Dresden; dort war aber durchaus keine gute Schule, und auf der Schule in den Habitazen alles voll Läuse, daß wir sie zur Nacht im Stroh unter uns knistern gehört haben. Wir brachen auf und zogen auf Breslau zu, mußten unterwegs viel Hunger leiden; also daß wir etliche Tage nichts als rohe Zwiebeln mit Salz aßen, etliche Tage gebratene Eicheln, Holzäpfel und Birnen; manche Nacht lagen wir unter heiterem Himmel, denn nirgend wollte man uns bei den Häusern leiden, wie früh wir auch um Herberge baten; manchmal hetzte man die Hunde auf uns. Als wir aber nach Breslau kamen, da war alles in Hülle und Fülle, ja so wohlfeil, daß sich die armen Schüler überaßen und oft in große Krankheit fielen. Da gingen wir zunächst auf den Dom in die Schule zum Heiligen Kreuz. Als wir aber vernahmen, daß in der obersten Pfarre zu St. Elisabeth etliche Schweizer waren, zogen wir dorthin. Die Stadt Breslau hat sieben Pfarren und jegliche eine besondere Schule; es durfte kein Schüler in eines anderen Pfarre singen gehen, oder sie schrien: ad idem, ad idem! und dann liefen die Schützen zusammen und schlugen einander gar übel. Es sind, wie man sagt, auf einmal in der Stadt etliche tausend Bacchanten und Schützen gewesen, die sich alle durch Almosen ernährten; man sagte auch, daß etliche von zwanzig, dreißig und mehr Jahren wären, die ihre Schützen hätten, die ihnen präsentierten; ich hab' meinen Bacchanten oft an einem Abend fünf oder sechs Trachten heim auf die Schule getragen, wo sie damals wohnten; man gab mir auch gern, darum daß ich klein war und ein Schweizer, denn man hatte die Schweizer sehr lieb. Blieb also eine Zeitlang da; ich war in einem Winter dreimal krank, daß man mich in das Spital führen mußte; die Schüler hatten ein besonderes Spital und eigene Doctores. Auch gibt man auf dem Rathaus für einen Kranken sechzehn Heller die Woche, damit erhält man einen gar wohl. Man hat dort gute Wartung, gute Betten, aber große Läuse darin, daß es nit zu glauben, wie Hanfsamen, so daß ich viel lieber in der Stube auf dem Herde lag, wie andere auch, als in den Betten. Die Schüler und Bacchanten, ja auch zu Zeiten der gemeine Mann, sind so voll Läus, daß es nit glaublich ist, ich hätte schier, sooft man gewollt hätte, drei Läuse miteinander aus dem Busen gezogen. Bin auch oftmals, besonders im Sommer, hinaus an die Oder, das Wasser, das da vorüberfließt, gegangen, habe mein Hemdlein gewaschen, hab's an eine Staude gehängt und getrocknet und den Rock gelauset, eine Grube gemacht, einen Haufen Laus darein geworfen, mit Boden zugedeckt und ein Kreuz darauf gesteckt. Den Winter liegen die Schützen auf dem Herd in der Schule, die Bacchanten aber in den Kämmerlein, deren zu St. Elisabeth etliche hundert waren; den Sommer aber, wenn es heiß war, lagen wir auf dem Kirchhof, trugen Gras zusammen, das man im Sommer am Sonntag in den Herrengassen vor die Häuser breitet; das trugen etliche in eine Ecke auf den Kirchhof zusammen, lagen darin wie Säue in der Streu; wann es aber regnete, liefen wir in die Schule, und wenn Ungewitter war, so sangen wir schier die ganze Nacht Responsoria und anderes mit dem Subkantore. Manchmal gingen wir im Sommer nach dem Nachtmahl in die Bierhäuser Bier zu heischen, da gaben uns die vollen Polackenbauern Bier, daß ich oft, ohne es zu wissen, so voll geworden bin, daß ich nit habe wieder in die Schule kommen können, wenn ich schon nur einen Steinwurf von der Schule entfernt war. Summa, da war Nahrung genug, aber man studierte nit viel. In der Schul zu St. Elisabeth lasen allwege zugleich zu derselben Stunde in einer Stube neun Baccalaurei, doch war graeca lingua noch nirgend im Land; desgleichen hatte niemand gedruckte Bücher, nur der Präzeptor hatte einen gedruckten Terentius. Was man las, mußte man erstlich diktieren, dann distinguieren, dann konstruieren, zuletzt exponieren, so daß die Bacchanten große Scharteken mit sich heimzutragen hatten, wenn sie hinweg gingen. Von dort zogen unser acht wieder hinweg auf Dresden zu; kamen wieder in Not, daß wir wieder großen Hunger litten. Da beschlossen wir, uns auf einen Tag zu teilen; etliche sollten nach Gänsen aussehen, etliche nach Rüben und Zwiebeln, einer nach einem Topf, wir kleinen aber in die Stadt Neumarkt gehen, die nit weit davon an der Straße war, und sollten nach Brot und Salz sehen; auf den Abend wollten wir vor der Stadt wieder zusammenkommen, wollten vor der Stadt das Lager schlagen und kochen, was wir dann hätten. Da war einen Büchsenschuß von der Stadt ein Brunnen, dort wollten wir die Nacht bleiben, aber wie man in der Stadt das Feuer gesehen hatte, schoß man zu uns heraus, sie trafen uns jedoch nit. Da wichen wir hinter einen Rain zu einem Wässerlein und Wäldlein; die großen Gesellen hieben Stangen ab, machten eine Hütte, ein Teil rupfte die Gänse, deren hatten sie zwei; andere bereiteten Rüben im Topf, taten Kopf und Füße, item die Därme hinein; andere machten zwei hölzerne Spieße und fingen an zu braten, und als das Fleisch ein wenig rot war, huben wir es am Spieß ab und aßen's; so auch die Rüben. In der Nacht hörten wir etwas schnattern; da war neben uns ein Weiher, den hatte man am Tage abgelassen, und sprangen die Fische auf dem Morast; da nahmen wir Fische, soviel wir in einem Hemd am Stecken tragen konnten, und zogen davon, bis in ein Dorf, da gaben wir einem Bauern Fische, daß er uns die andern in Bier kochte. Als wir wieder gen Dresden gekommen, da schickten der Schulmeister und unsere Bacchanten etliche von uns Buben aus, wir sollten nach Gänsen auslugen; da wurden wir eins, ich sollte die Gänse werfen, sie aber sollten sie nehmen und hinwegtragen. Nachdem wir nun einen Haufen gefunden und sie uns ersehen haben, sind sie aufgeflogen, da hab' ich einen kleinen Knüttel gehabt und diesen unter sie in die Luft geworfen, hab' eine getroffen, daß sie herabgefallen ist; als aber meine Gesellen den Gänsehirten ersahen, trauten sie sich nit hinanzulaufen, obgleich sie doch dem Hirten wohl hätten vorlaufen können. Da ließen sich die andern Gänse wieder nieder, standen um die Gans, gagaiten, als sprächen sie ihr zu, sie stand auch wieder auf und ging mit den andern davon. Ich war über meine Gesellen übel zufrieden, daß sie ihrer Zusage nit genug getan; aber sie hielten sich danach besser, denn wir brachten zwei Gänse davon, die verzehrten die Bacchanten mit dem Schulmeister zum Abschied und zogen dann auf Nürnberg zu. Bald danach zogen wir wieder davon auf Ulm zu, da nahm Paulus noch einen Buben mit, der hieß Hildebrand Kalbermatter, eines Pfaffen Sohn, war auch noch jung, dem gab man Tuch, wie man solches im Lande macht, zu einem Röcklein. Als wir nach Ulm kamen, hieß mich Paulus mit dem Tuch umhergehen, den Macherlohn dazu zu heischen; dadurch bekam ich viel Geld, denn ich war des Gotteslohnes und Bettelns wohl gewohnt; denn dazu hatten mich die Bacchanten fortwährend gebraucht, gar nit zu der Schule gezogen, auch nit einmal lesen gelehrt. Während ich selten in die Schule ging, und wenn man in die Schule gehen sollte, mit dem Tuch umging, hab' ich großen Hunger gelitten, denn alles, was ich überkam, brachte ich den Bacchanten; ich hätte nit einen Bissen gegessen, denn ich fürchtete das Streichen. Paulus hatte einen andern Bacchanten zu sich genommen, Namens Achatius, von Mainz gebürtig, denen mußt' ich und mein Gesell Hildebrand präsentieren; aber mein Gesell fraß schier alles selbst, dem gingen die Bacchanten auf der Gasse nach, daß sie ihn essend fänden, oder sie hießen ihn den Mund mit Wasser ausschwenken und in eine Schüssel mit Wasser spützen, damit sie sähen, ob er etwas gegessen hätte. Dann warfen sie ihn in ein Bett und ein Kissen auf den Kopf, daß er nit schreien konnte, und schlugen ihn diese Bacchanten, bis sie nit mehr konnten; darum fürchtete ich mich und brachte alle Dinge heim. Sie hatten oft so viel Brot, daß es schimmlig wurde; da schnitten sie das auswendige Graue ab und gaben es uns zu essen. Da hab' ich oft großen Hunger gehabt und bin übel erfroren, weil ich oft in der Finsternis bis um Mitternacht habe müssen herumgehen und um Brot singen. Da mag ich nit unterlassen, noch dieses anzuzeigen, wie zu Ulm eine fromme Witwe war, die hatte zwei erwachsene Töchter, diese Witwe hat mir oft in dem Winter meine Füße in einen warmen Pelz gewickelt, den sie hinter den Ofen gelegt hatte, wenn ich käme, daß sie mir meine Füße wärmte, sie gab mir dann eine Schüssel mit Mus und ließ mich heimgehen. Ich habe solchen Hunger gehabt, daß ich den Hunden auf der Gasse die Knochen abgejagt und die benagt, item Brosamen aus den Säcken gesucht und gegessen habe. Danach sind wir wieder gen München gezogen, auch da habe ich das Macherlohn vom Tuch, das doch nit mein war, betteln müssen. Ein Jahr darauf kamen wir noch einmal nach Ulm, und ich brachte das Tuch wieder mit mir und heischte den Macherlohn; da bin ich wohl eingedenk, daß etliche zu mir sagten: »Botz Marter! ist der Rock noch nit gemacht? Ich glaube, du gehst mit Bubenwerk um.« So zogen wir von dannen; ich weiß nit, wo das Tuch hinkam, ob der Rock gemacht worden ist oder nit. Als wir an einem Sonntag nach München kamen, hatten die Bacchanten Herberge, wir aber, drei kleine Schützen, keine und wollten deshalb gegen Nacht in die Schrannen, das ist, auf den Kornmarkt gehen, um auf den Kornsäcken zu liegen. Da saßen etliche Weiber bei dem Salzhaus an der Gasse, die fragten, wo wir hinwollten. Und da sie hörten, daß wir keine Herberge hätten, war eine Metzgerin dabei, die, als sie vernahm, daß wir Schweizer wären, sagte sie zu ihrer Jungfer: »Lauf, henke den Topf mit der Suppe und dem Fleisch über, das uns übriggeblieben ist, sie sollen bei mir über Nacht sein, ich bin allen Schweizern hold; ich habe zu Innsbruck in einem Wirtshause gedient, als Kaiser Maximilianus dort Hof gehalten hat, da haben die Schweizer viel mit ihm zu schaffen gehabt; sie sind so freundlich gewesen, daß ich ihnen mein Lebelang hold sein will.« Die Frau gab uns genug zu essen und zu trinken und legte uns wohl. Am Morgen sprach sie zu uns: »Wenn einer von euch bei mir bleiben wollte, ich wollte ihm Herberge, zu essen und zu trinken geben.« Wir waren alle willig und fragten, welchen sie wollte, und wie sie uns besichtigte, war ich etwas kecker als die andern, da nahm sie mich, und ich durfte ihr nichts weiter tun als Bier reichen und die Häute und Fleisch aus der Metzge holen, item mit ihr zuweilen auf das Feld gehen; mußte aber doch dem Bacchanten präsentieren. Das hatte die Frau nit gern und sprach zu mir: »Botz Marter! laß den Bacchanten fahren und bleibe bei mir, du darfst doch nit betteln.« So kam ich in acht Tagen weder zu dem Bacchanten noch in die Schule; da kam er und klopfte an der Metzgerin Haus. Da sprach sie zu mir:«Dein Bacchant ist da, sag, du seiest krank.« Sie ließ ihn ein und sagte zu ihm: »Ihr seid wahrlich ein feiner Herr, hättet doch zusehen sollen, was Thomas machte, er ist krank gewesen und ist es noch.« Da sprach er: »Es ist mir leid, Bub; wenn du wieder ausgehen kannst, so komme zu mir.« Danach an einem Sonntag ging ich in die Vesper, da sagte er nach der Vesper: »Du Schütz, du kommst nit zu mir, ich will dich einmal mit Füßen treten!« Da nahm ich mir vor, er sollte mich nit mehr treten, und gedachte hinwegzulaufen. Am Sonntag sagte ich zu der Metzgerin: »Ich will in die Schule und will meine Hemdlein waschen gehen«; ich durfte ihr nit sagen, was ich im Sinne hatte, denn ich fürchtete, sie würde es weitersagen. Fuhr also mit traurigem Herzen von München, teils daß ich von meinem Vetter lief, mit dem ich so weit umhergezogen und der mir doch wieder zu hart war und unbarmherzig, und dann schmerzte mich auch die Metzgerin, die mich so freundlich gehalten hatte. Ich zog also über den Fluß Isar hinaus, denn ich fürchtete, wenn ich auf das Schweizerland zuginge, würde Paulus mir nachziehen, da er mir und den andern oft gedroht hatte, wenn einer wegliefe, so wollte er ihm nachziehen, und wenn er ihn wieder bekäme, wolle er selbigem alle viere abschlagen. Jenseits der Isar ist ein Hügel, da setzte ich mich, sah die Stadt an und weinte inniglich, daß ich niemand mehr hätte, der sich meiner annähme; gedachte auf Salzburg oder gen Wien in Österreich zu ziehen. Als ich da saß, kam ein Bauer mit einem Wagen, der hatte Salz gen München geführt, er war schon trunken, und doch war erst die Sonne aufgegangen, den bat ich, er sollte mich aufsitzen lassen, mit dem fuhr ich, bis er ausspannte, die Rosse und sich zu füttern; dazwischen bettelte ich im Dorf, und nit weit vom Dorf wartete ich auf ihn und entschlief. Als ich erwachte, weinte ich wieder herzlich, denn ich meinte, der Bauer wäre fortgefahren, mich bedeuchte, ich hätte meinen Vater verloren. Bald aber kam er, war wieder voll, hieß mich wieder aufsitzen und fragte mich, wo ich hinwollte. Da sprach ich: »Nach Salzburg.« Als es nun Abend war, fuhr er von derselben Straße ab und sprach: »Steig ab, da geht die Straße auf Salzburg.« Wir waren denselben Tag acht Meilen gefahren. – So kam ich in ein Dorf. Als ich des Morgens aufstand, war ein Reif, als wenn es geschneit hätte, und hatte ich keine Schuhe, nur zerrissene Strümpflein, kein Barett, ein Jäcklein ohne Falten, zog also auf Passau zu, wollte mich da auf die Donau setzen und auf Wien zu. Als ich nach Passau kam, wollte man mich nit einlassen. Da gedachte ich auf das Schweizerland zu ziehen, fragte den Torwächter, wo ich am nächsten auf das Schweizerland ziehen könnte; da sprach er: »Über München«; ich sagte: »Gen München will ich nit, will eher zehn Meilen Wegs oder noch weiter umziehen.« Da wies er mich auf Freisingen zu. Dort ist auch eine hohe Schule, da fand ich Schweizer, die fragten mich, von wannen ich komme. Ehe zwei oder drei Tage hin waren, kam Paulus mit einer Hellebarde. Die Schützen sagten zu mir: »Der Bacchant von München ist hier und suchet dich«; da lief ich zum Tor hinaus, als wenn er hinter mir her gewesen wäre, und zog auf Ulm zu und ging daselbst zu meiner Sattlerin, die mir einst die Füße im Pelz gewärmt hatte. Die nahm mich an, ich sollte ihr die Rüben hüten auf dem Feld; das tat ich und ging in keine Schule. Nach etlichen Wochen kam einer zu mir, der des Pauli Geselle gewesen war, der sprach: »Dein Vetter Paulus ist hier und suchet dich.« Da war er mir achtzehn Meilen nachgezogen, denn er hatte eine gute Pfründe an mir verloren, ich hatte ihn etliche Jahre ernährt. Da ich das wieder hörte, wiewohl es fast Nacht war, lief ich zum Tor hinaus auf Konstanz zu und weinte wieder inniglich, denn es schmerzte mich sehr, daß ich die liebe Frau verlor. – So gelangte ich über den See nach Konstanz, und als ich über die Brücke hinausging und einige Schweizer Bäuerlein in weißen Jupen sah, ach mein Gott, wie war ich so froh, ich meinte, ich wäre im Himmelreich. Und als ich nach Zürich kam, fand ich dort Walliser, große Bacchanten, denen erbot ich mich zum Präsentieren, sie dagegen sollten mich lehren; das taten sie aber nit besser als einst die andern. Nach etlichen Monaten schickte Paulus von München seinen Schützen, den Hildebrand, ich solle wiederkommen, er wolle mir verzeihen, ich aber wollte nit, sondern blieb in Zürich, studierte aber sehr wenig. – Da war ein Walliser von Visp, mit Namen Antonius Venetz, der wiegelte mich auf, wir wollten miteinander nach Straßburg ziehen. Als wir nach Straßburg kamen, waren gar viele arme Schüler da und, wie man sagte, keine gute Schule; aber zu Schlettstadt, da wäre eine sehr gute Schule. Wir zogen also nach Schlettstadt. Auf dem Wege begegnete uns ein Edelmann, fragte, wo hinaus, und widerriet uns nach Schlettstadt zu ziehen, es wären dort sehr viele arme Schüler und keine reichen Leute. Da fing mein Gesell an bitterlich zu weinen, wo nun hinaus? Ich tröstete ihn und sprach: »Sei guten Muts, gibt es zu Schlettstadt auch nur einen Schüler, der sich allein ernähren kann, so will ich uns beide ernähren.« Und als wir noch eine Meile von der Stadt in einem Dorf herbergten, ward mir unwohl, daß ich wähnte, ich müßte ersticken, alle Luft fehlte mir, ich hatte zuviel frische Nüsse gegessen, welche um diese Zeit abfielen. Da weinte mein Gesell wieder, er meinte, wenn er seinen Gesellen verlöre, so wüßte er dann nit wo hinaus. Und er hatte heimlich zehn Kronen bei sich, ich aber nit einen Heller! In der Stadt nahmen wir Herberge bei einem alten Ehepaar, dessen Mann stockblind war, und darauf gingen wir zu meinem lieben Herrn Präzeptor, dem seligen Herrn Johannes Sapidus, und baten ihn, er möge uns annehmen. Er fragte, woher wir wären. Als wir sagten aus dem Schweizerland, von Wallis, sprach er: »Dort sind leidig böse Bauern, sie jagen alle ihre Bischöfe aus dem Land. So ihr fleißig studieren werdet, sollt ihr mir wenig geben; wo nit, so müßt ihr mich zahlen, oder ich will euch den Rock vom Leibe ziehen.« Das war die erste Schule, wo mich deuchte, daß es recht zuging. Zu der Zeit gingen die Studia und Sprachen auf, es war in dem Jahr, wo der Reichstag zu Worms gewesen ist. Sapidus hatte einmal neunhundert Schüler, etliche feingelehrte Gesellen, die später Doctores und berühmte Männer geworden sind. Als ich nun in die Schule kam, wußte ich wenig, konnte noch nit den Donat lesen und war doch schon achtzehn Jahre alt, ich setzte mich unter die kleinen Kinder wie eine Glucke unter die Küchlein. An einem Tage las Sapidus das Verzeichnis seiner Schüler und sprach: »Ich habe viel barbara nomina (barbarische Namen), ich muß sie einmal ein wenig lateinisch machen.« Und wieder las er die Namen lateinisch ab, da hatte er mich vertiert in Thomas Platerus und meinen Gesellen Anton Venetz in Antonius Venetus, und sprach: »Wer sind die zwei?« Da wir aufstanden, sprach er: »Pfui, sind das zwei räudige Schützen und haben so hübsche Namen.« Und das war auch zum Teil wahr, besonders mein Gesell, der war so räudig, daß ich ihm manchen Morgen das Laken von dem Leibe abziehen mußte wie die Haut von einer Geiß. Ich aber war fremde Luft und Speise besser gewohnt als er. Als wir nun vom Herbst bis Pfingsten da waren und noch immer mehr Schüler von allen Seiten zureisten, konnten wir uns nit mehr gut ernähren und zogen weg gen Solothurn. Dort war eine ziemlich gute Schule, auch bessere Nahrung, aber man mußte gar zu viel in der Kirche stecken und Zeit versäumen, so daß wir nach der Heimat zogen. Den folgenden Frühling aber zog ich mit zwei Brüdern wieder aus dem Land. Als wir von der Mutter Abschied nehmen wollten, weinte sie und sprach: »Das müsse Gott erbarmen, daß ich soll drei Söhne ins Elend gehen sehen.« Sonst habe ich meine Mutter nie weinen sehen, denn sie war ein tapferes, mannhaftes Weib, aber rauh; sonst war sie ehrlich, redlich, fromm, das hat jedermann von ihr gesagt und sie gelobt. So kam ich nach Zürich und ging zum Frauenmünster in die Schule, der Präzeptor hieß Meister Wolfgang Knöwel von Bar bei Zug, er war Magister der Universität zu Paris, den man zu Paris genannt hatte grand diable ; er war ein großer redlicher Mann, kümmerte sich aber nit viel um die Schule, sondern lugte mehr, wo die hübschen Mägdlein waren, deren er sich kaum erwehren konnte; ich aber hätte gern studiert, denn ich konnte merken, daß es Zeit war. Zu derselben Zeit sagte man, es würde ein Schulmeister von Einsiedeln kommen, ein gar gelehrter und treuer Schulmeister, aber grausam wunderlich. Da machte ich mir einen Sitz in einem Winkel, nit weit von des Schulmeisters Stuhl, und dachte: »In dem Winkel willst du studieren oder sterben.« Als er nun eintrat, mein Vater Myconius, sprach er: »Das ist eine hübsche Schule« – denn sie war erst vor kurzem neugebaut –, »aber mich bedünkt, es seien ungeschickte Knaben, doch wollen wir zusehen, wendet nur guten Fleiß an.« Da weiß ich, hätte es mir mein Leben gegolten, ich hätte nit ein Wort der ersten Deklination deklinieren können und konnte doch den Donat bis auf das Tz auswendig; denn als ich in Schlettstadt war, hatte Sapidus einen Baccalaureus, der vexierte die Bacchanten so jämmerlich mit dem Donat, daß ich dachte: »Ist das ein so gutes Buch, so willst du es auswendig lernen«, und indem ich daraus lesen lernte, lernte ich es auch auswendig. Das bekam mir bei Vater Myconius wohl, er las uns den Terentius, und wir mußten alle Wörtlein in einer ganzen Komödie deklinieren und konjugieren, und oft ist er mit mir umgegangen, daß mein Hemdlein naß geworden ist und daß mir das Gesicht verging, und doch hat er mir nie einen Streich gegeben, außer einmal mit der umgekehrten Hand an die Wange. Er las auch in der Heiligen Schrift, und in solchen Stunden kamen viele Laien, denn es war damals im Anfang, daß das Licht des heiligen Evangelii aufgehen sollte. Wenn er aber schon rauh mit mir war, so führte er mich dann heim und gab mir zu essen, denn er hörte mich gern erzählen, wie ich alles Land in Deutschland durchgelaufen und wie es mir allenthalben ergangen war. Myconius mußte mit seinen Schülern zum Frauenmünster in die Kirche gehen, Vesper, Mette und Meß singen und den Gesang regieren. Da sprach er einst zu mir: »Kustos« – denn ich war sein Kustos – »ich wollte allerwegs lieber vier Lektionen halten als eine Messe singen, Lieber, vertritt mich manchmal, wenn man die leichten Messen singt, Requiem u. dergl., ich will's um dich verdienen.« Damit war ich wohl zufrieden, denn ich war schon von alters her daran gewöhnt, und noch war alles päpstlich eingerichtet. Als Kustos nun hatte ich oft nit Holz zum Einheizen, da gab ich acht, welche von den Laien, die in die Schule kamen, Holzbündel vor den Häusern hatten, dorthin bin ich um Mitternacht gegangen und habe heimlich Holz nach der Schule getragen. Eines Morgens hatte ich kein Holz, Zwingli wollte gerade am Frauenmünster predigen; vor Tage und als man zur Predigt läutete, dachte ich: »Du hast kein Holz, und es stehen so viele Götzen in der Kirche, um die kümmert sich doch niemand.« Da ging ich in die Kirche zum nächsten Altar, erwischte einen Johannes und mit ihm zur Schule in den Ofen, und sprach zu ihm: »Jögli, nun bück' dich, du mußt in den Ofen.« Als er anfing zu brennen, machte er ein wüstes großes Knattern, nämlich die Ölfarbe. Ich dachte nun: »Halt still, rührst du dich, was du aber nit tun wirst, so will ich das Ofentürlein zutun; er soll nit heraus, der Teufel trage ihn denn heraus.« Indem kam des Myconius' Frau, die zur Kirche in die Predigt wollte und bei der Tür vorbeiging, und sprach: »Gott gebe dir einen guten Tag, mein Kind, hast du geheizt?« Ich tat das Ofentürlein zu und sprach: »Ja, Mutter, ich habe schon warm gemacht«; ich wollte es ihr aber nit sagen, sie hätte schwatzen können, und wenn es herausgekommen wäre, hätte es mich damals mein Leben gekostet. Und Myconius sprach in der Lektion: »Kustos, du hast heute gut Holz gehabt.« Als wir aber die Messe singen sollten, gerieten in der Kirche zwei Pfaffen aneinander, der, welchem der Johannes gehört hatte, sprach zu einem andern: »Du Schelm, du hast mir meinen Johannes gestohlen.« Das trieben sie eine gute Weile. Und obgleich mich bedünken wollte, es wäre mit dem Papsttum nit richtig, so hatte ich dennoch im Sinn, ich wollte Priester werden, wollte fromm sein, meinem Amt treulich vorstehen und meinen Altar fein aufputzen. Ich betete viel und fastete mehr, als mir gut war. Ich hatte auch meine Heiligen und Patrone, zu denen ich betete, zu jedem besonderes: zu Unserer Frau, daß sie bei ihrem Kind meine Fürsprecherin sein wolle, zu St. Katharina, daß sie mir zu Gelehrsamkeit helfe, zu St. Barbara, daß ich nit ohne das Sakrament sterbe, zu St. Peter, daß er mir den Himmel auftue, und was ich an Gebeten versäumte, das schrieb ich in ein Büchlein. Wenn man in der Schule donnerstags oder samstags Urlaub hatte, ging ich zum Frauenmünster in einen Stuhl, schrieb die Außenstände von Gebeten an einen Stuhl und fing an und bezahlte eine Schuld nach der andern, wischte sie dann ab und meinte, ich hätte meine Schuldigkeit getan. Ich bin sechsmal von Zürich in Einsiedeln gewesen mit Prozessionen und habe fleißig gebeichtet. Ich habe oft mit meinen Gesellen für das Papsttum gekämpft, bis einst M. Ulrich Zwingli über das Evangelium Johannis: »Ich bin ein guter Hirte« predigte. Das legte er so streng aus, daß ich wähnte, es zöge mich einer bei den Haaren in die Höhe; und er zeigte an, wie Gott das Blut der verlorenen Schäflein fordern würde von den Händen der Hirten, die an ihrem Verderben schuldig waren. Da dachte ich: »Hat es die Meinung, dann ade Pfaffenwerk, ein Pfaff werd' ich nimmermehr.« Doch fuhr ich in meinen Studiis fort, fing auch an, gegen meine Gesellen zu disputieren, ging fleißig zur Predigt und hörte meinen Präzeptor Myconius gern. Noch hatte man Messe und Götzen in Zürich. Soweit Thomas Platter. Noch lange dauerte der Kampf um das Leben. Er mußte das Seilerhandwerk lernen, um sich zu erhalten. Er studierte in der Nacht, und als ihm der Drucker Andreas Kratander zu Basel einen Plautus geschenkt hatte, befestigte er die einzelnen Bogen mit einer Holzgabel am Strick, den er drehte, und las während der Arbeit. Später wurde er Korrektor, dann Bürger und Drucker, Rektor der lateinischen Schule zu Basel. Nicht ohne Einfluß blieb das unstete Leben der Kinderzeit auf die Seele des Mannes: wie tüchtig er war, die stete Ausdauer und frohe Kraft fehlte seinen Unternehmungen. Aus den Tausenden, welche sich, wie der Knabe Thomas, zur lateinischen Schule drängten, gewann die steigende Bewegung ihre eifrigsten Novizen. Mit unermüdlicher Rührigkeit trugen diese Kinder des Volkes Nachrichten und neue Ideen von Haus zu Haus. Viele von ihnen gelangten nicht bis auf die Universität, durch Privatunterricht, als Korrektoren bei Druckereien suchten sie sich zu erhalten. Die Mehrzahl der Stadt- und später der Dorfschulen wurden mit solchen besetzt, welche den Virgil lasen und die bittere Laune des Klagebriefes de miseria plebanorum verstanden. So hoch stieg ihre Zahl, daß ihnen bald die Reformatoren den dringenden Rat gaben, noch spät ein Handwerk zu erlernen, um sich redlich zu ernähren. Und nicht wenige Zunftgenossen der deutschen Städte waren imstande, die Bullen des Papstes mit Glossen zu versehen und ihren Mitbürgern zu übersetzen, auch subtile theologische Fragen wurden in den Trinkstuben mit Leidenschaft erörtert. Ungeheuer war der Einfluß, den solche Männer auf die kleinen Kreise des Volkes ausübten. Wenige Jahre darauf verwuchsen sie mit armen Studenten der Gottesgelahrtheit, welche sich als Prädikanten über alle Länder deutscher Zunge verbreiteten, zu einer großen Genossenschaft, und diese Demokraten der neuen Lehre waren es, welche in Volksschauspielen den Papst als Antichrist vorstellten, in den Heerhaufen der empörten Bauern Reden hielten, in gedruckten Reden, Volksliedern und groben Dialogen die alte Kirche befehdeten. [...] XIV Eine Bürgerfamilie (1488-1542) Einkehr in die kleinen Kreise des deutschen Lebens. – Der Bauer in der Reformation, der Bauernkrieg, Johannes Eberlin. – Einwirkung des römischen Rechts. – Aufsteigende Volkskraft. – Unsicherheit des Lebens. – Familiengeschichte des Bartholomäus Sastrow Das Jahr 1500 fand den Bauer in Süddeutschland tief erbittert über den Druck, der auf ihm lag, und geneigt, sich dagegen zu empören. Allmählich teilte sich die Aufregung den Franken und Thüringern mit, sie arbeitete unter den Westfalen und zog hinab bis an die Hansestädte der Nord- und Ostsee. Zwei Generationen vergingen, bevor die große sozialistische Bewegung des 16. Jahrhunderts unterdrückt wurde. Es ist allerdings wahrscheinlich, daß die Erschütterungen des europäischen Geldmarktes dazu beitrugen, den Landmann aufzuregen. Das Sinken der Metallwerte seit der Entdeckung von Amerika wurde von den Produzenten zunächst als ein dauerndes Steigen der Getreidepreise empfunden. Dem Bauer wurde jeder Scheffel Getreide und damit auch seine Arbeit wertvoller; in demselben Maße erhielt beides für den Grundherrn höhere Bedeutung. Es war natürlich, daß der Bauer ebensosehr auf eine Befreiung, hier und da auf eine Ablösung der Lasten dachte, während das Interesse des Grundherrn wurde, die Dienste zu erhalten, ja zu steigern. Dennoch wird man die große Bewegung nicht vorzugsweise auf solche Ursache zurückführen. Der Siegesstolz der Schweizer, welche die Ritter Burgunds zu Boden geschlagen hatten, das Selbstgefühl der neuen Landsknechte und vor allem die religiöse Bewegung und die politische Farbe, welche dieselbe in Süddeutschland erhielt, setzten die Seele des Bauern in fieberhafte Erwartung, daß eine neue Zeit auch für ihn heraufkomme. Zum ersten Male wurde seine Lage von den Gebildeten mit Teilnahme betrachtet. Der Landmann wurde fast plötzlich auch in der Literatur urteilend und mitredend eingeführt. Seine Beschwerden gegen die Geistlichkeit, aber auch gegen die Grundherren wurden mit vielem Geschick in populärer Sprache immer wieder vorgetragen. Wenig Jahre zuvor hatte er bei den Fastnachtsspielen der Nürnberger die stehende Rolle eines Tölpels gespielt, jetzt schrieben die Klosterbrüder, sogar die Stadtbürger, wie Hans Sachs, Dialoge in herzlichem Mitgefühl mit seiner Lage, und die Figur des einfachen, verständigen, arbeitsamen Bauern, des »Karsthans«, wurde wiederholt in Anspruch genommen, um das Urteil und den Witz des Volkes gegen die Pfaffen aufzuregen. Aber wie gefährlich der große Bauernaufstand des Jahres 1525 durch mehrere Wochen erschien und wie mannigfaltig die Charaktere und Leidenschaften waren, welche darin ausbrannten, der Bauer selbst war fast nur die wogende Masse, seine Demagogen und Leiter gehörten zum Teil andern Ständen an; im ganzen betrachtet ist die Intelligenz und Tüchtigkeit der Anführer, auch der bäuerlichen, doch nur gering, ebenso gering die kriegerische Tüchtigkeit der Haufen. Deshalb liegt hier, wo der Bauer zum erstenmal durch die Gelehrten der Zeit mächtig beeinflußt wird, mehr Reiz in Betrachtung der Geister, welche ihm die Seele aufwühlten. Es ging diesmal, wie immer bei Volksaufständen: zuerst erregten die Maßvolleren, Weiterblickenden die Besseren und Ehrlichen, dann verloren sie die Herrschaft an eitle und rohe Demagogen, wie Andreas Karlstadt und Thomas Münzer. Nächst Luther hat kein einzelner Mann vor dem Bauernkriege so tiefe Einwirkung auf die Stimmungen des süddeutschen Landvolkes ausgeübt als ein Barfüßer-Observanzer, welcher aus dem Kreuzgang des Franziskanerklosters zu Ulm unter das Volk trat, Johann Eberlin von Günzburg. Er hatte mehrere Eigenschaften eines großen Agitators und stand unter den Gestalten der ersten Reformationszeit als eine der liebenswürdigsten. Wärmer als ein anderer ergriff er die soziale Seite der Bewegung. Schon im Jahre 1521 verkündete er sein Ideal eines neuen Staates und eines neuen Gemeindelebens anonym in volkstümlichster Form durch kleine populäre Schriften. Die alten Forderungen, welche später ein Prädikant in den »zwölf Artikeln der Bauernschaft« zusammengefaßt hat, finden sich mit mehreren andern fast sämtlich in einer Sammlung kleiner Volksbüchlein, in den »fünfzehn Bundesgenossen«. Die Beredsamkeit Eberlins wirkte hinreißend auf die lauschende Menge, Fülle der Rede, poetischer Schwung, herzliche Wärme und zugleich eine Ader von guter Laune und von dramatischer Gewalt machten ihn überall, wo er erschien, zum Liebling. Dazu kam eine harmlose Selbstgefälligkeit und so viel behagliches Hängen an der Stunde als nötig war, ihm seine Erfolge wert und die Verfolgungen seiner Gegner erträglich zu machen. Und doch war er nichts weniger als ein behender Demagoge. Als er aus seinem Orden schied in ehrlicher Überzeugung, mit einem Herzen, welches durch die Versunkenheit der Kirche und durch die Not des Volkes leidenschaftlich erregt war, konnte er freilich auch nach damaligem Zuschnitt kaum für einen unterrichteten Mann gelten, erst nach und nach kam ihm in einzelnen sozialen Fragen die Klarheit; dann war er gewissenhaft bemüht, frühere Behauptungen zu widerrufen; wie gern er auch von sich selbst spricht, immer ist es ihm heiliger Ernst mit der Wahrheit. Dabei hatte er einen stillen aristokratischen Zug, er war ein Bürgerkind, hatte angesehene Verwandte, auch aus adligem Geschlecht, und rohe Gewalttat widerstand seinem Wesen, in welchem ein starker gesunder Menschenverstand unablässig das auflodernde Gefühl zu beherrschen suchte. Mit großer Pietät hing er an allen seinen Vorgängern, die seine Bildung gefördert hatten, zunächst an den Wittenberger Reformatoren. Nachdem er mehrere Jahre in Süddeutschland unstet herumgetrieben war, zog es ihn nach Wittenberg, dort wirkte Melanchthon sehr stark auf den beweglichen Süddeutschen, er wurde ruhiger, mäßiger, besser geschult. Ferner aber gehörte er – wie sein Klostergenosse Heinrich von Kettenbach – zu den Prädikanten, welche sich um Hutten und Sickingen sammelten. Und diese persönliche Verbindung der großen süddeutschen Volksredner hat die volkstümliche Bewegung kurz vor der Katastrophe Sickingens in eine Richtung gelenkt, welche keine Dauer haben konnte. Denn eine kurze Zeit schien es, als ob in Süddeutschland die religiöse und soziale Bewegung von den adligen Gutsbesitzern, wenn nicht geführt, doch benutzt werden könnte; es war ein Irrtum, an dem die beiden Ritter und ihre bessern Freunde zerbrachen, weder Hutten noch Sickingen hatten die Kraft und Einsicht, das Landvolk wirklich für sich zu gewinnen. Das kam sofort zutage, als Sickingen von seinen Nachbarfürsten bewältigt war. Die Bauern wurden die eifrigsten Helfer der Fürsten, um die Junker der Sickingischen Partei zu verfolgen und ihre Schlösser zu verbrennen. Und dieser Kriegszug ist in der Tat als Vorspiel des Bauernkrieges zu betrachten. Er hatte das Landvolk auch in den benachbarten Landschaften entfesselt und an das Brechen der Burgen gewöhnt. [...] Von da ab erhielten die entschlossenen Demagogen das Ohr der Bauern, die gemäßigte Partei der Volksführer verlor die Herrschaft. Noch einmal hatte Eberlin Gelegenheit, in Erfurt als Vermittler vor den empörten Bauernhaufen die Energie seiner Beredsamkeit zu erweisen, unter seiner Rede fiel das gesamte Landvolk fromm und reuig in die Knie. Die Schwäche des Rates vereitelte den letzten Erfolg seiner Bemühungen. Er zog sich seitdem unter dem Schutz der Grafen von Wertheim auf ein Pfarramt in Wertheim zurück, wo er noch im Jahre 1530 dem verstorbenen Grafen Görg eine schöne kirchliche Gedächtnisfeier hielt, bei welcher er und 19 Mitpfarrer das versammelte Volk zu Tränen rührten. Mit ihm verlor sich ein gutes Stück von der Poesie der Reformation, die seit den Bauernkriegen in neuen Bahnen ging. Grausam wurde der Aufstand durch die geängsteten Fürsten bestraft, am eifrigsten waren die kleinen Tyrannen, den Besiegten wieder das Joch aufzulegen. Und doch folgte dem Kampf in Süddeutschland und Thüringen eine wirkliche Verbesserung der materiellen Lage des Landvolkes. Man ist immer noch geneigt, die Einwirkung der römischen Rechtsanschauungen als eine Verschlechterung der Verhältnisse des deutschen Bauern zu betrachten. Allerdings waren die Gesichtspunkte, nach denen die römisch geschulten Juristen das Verhältnis zwischen Grundherren und Untertanen betrachteten, den letzteren nicht immer günstig, denn die Rechtsgelehrten waren geneigt, jede Art von Abhängigkeit des Bauern aus dem mangelnden Eigentumsrecht an seinem Boden zu erklären; aber sie waren ebenso bereit, die persönliche Freiheit des Landmanns anzuerkennen. So wurde in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die alte Leibeigenschaft, welche in vielen Landschaften noch in harter Form bestand, gemildert und die Untertänigkeit an ihre Stelle gesetzt. Was den Landmann des 16. Jahrhunderts in der allgemeinen Schätzung herabdrückte, war nicht das fremde harte Recht, sondern die Erhebung der anderen Volksschichten durch die neue lateinische Bildung, an welcher er weniger teilhatte als die Gutsherren und Städter. Doch gewann auch er durch die lateinische Schule, weil die Reformatoren und die Beamten der Landesherren, welche zu römischem Recht erzogen waren, in den Territorien des 16. Jahrhunderts allmählich geordnetere Zustände schufen und dem Bauern überhaupt die Möglichkeit sicherten, zu schaffen und zu gedeihen. Durch die Kirchen- und Schulzucht hob sich in dem größten Teil Deutschlands Sittlichkeit und Kultur der Dörfer. Von den größeren deutschen Landesherren hatten mehrere einen hausväterlichen Sinn, und in den neuen Ordnungen, welche sie in Übereinstimmung mit ihren Geistlichen entwarfen, wurde auf das Wohl des Bauern sorgfältig Rücksicht genommen. Das geschah vor allem durch das Haus der Wettiner in ihrem Franken, Thüringen und Meißen, nicht am wenigsten durch Kurfürst August. Und die Autorität der sächsischen Kanzlei, welche seit dem 15. Jahrhundert in Deutschland bestand, trug wesentlich dazu bei, solche sächsische Verordnungen zu Mustern für das übrige Deutschland zu machen. Doch kann nicht geleugnet werden, daß einige Jahrzehnte vor dem Dreißigjährigen Kriege, wenigstens in den Landschaften jenseits der Elbe, z. B. in Pommern und Schlesien, wieder eine Steigerung der Adelsansprüche fühlbar wird. Unter schwachen Regenten wuchs der höfische Einfluß des Adels; die unaufhörlichen Geldverlegenheiten der Fürsten steigerten das Selbstgefühl der Landstände, welche die Steuer bewilligten, und die Bauern hatten mit Ausnahme von Tirol, Ostfriesland, der alten Landvogtei Schwaben und weniger kleiner Territorien keine Vertreter unter den Landständen. So hielten sich die Grundherren für die Bewilligungen, welche sie dem Fürsten machten, an ihren Landleuten doppelt schadlos. In Pommern wurde 1617 die Leibeigenschaft wieder förmlich eingeführt. Noch anderen Segen brachte die Reformation. Sie bahnte der aufstrebenden Volkskraft neue Wege. Wieder muß daran erinnert werden, daß von je der Bauernstand die große Quelle war, aus welcher neue Familienkraft in die Zunftstuben und die Arbeitszimmer der Gelehrten aufstieg. [...] Im folgenden wird das Leben einer Familie geschildert, welche am Ende des 15. Jahrhunderts aus dem Dorf in die Stadt übersiedelte und in der dritten Generation eine größere Handelsstadt regierte. Allerdings ist aus der Erzählung zu erkennen, daß Kinder- und Familienleben auch damals treuherzige und naive Heiterkeit nicht entbehrte; aber man wird nicht ohne Befremden sehen, wie rauh die Pflicht geübt und das Leben aufgefaßt wurde, wie gering die Humanität, wie stark das Familiengefühl war. Dicht neben Gewalttat und räuberischem Überfall wird man die Anfänge einer sehr modernen Polizei finden, die ersten Verfolgungen wegen Preßvergehen. Wir sind zwar gewöhnt anzunehmen, daß das einzelne Menschenleben vor dreihundert Jahren weniger galt als jetzt, aber man wird doch in dem alten Bericht mit Verwunderung lesen, wie leicht Gewalt und Bluttat den Frieden einer Häuslichkeit stören konnten. In friedlicher Bürgerfamilie wird der Großvater durch überlegten Mordanfall getötet, der Vater wieder ersticht in Notwehr einen andern; ein Sohn wird auf offener Landstraße von Wegelagerern angefallen, er erlegt einen Räuber und wird von einem andern bis zum Tode verwundet. – Zuletzt endlich wird es manchem von Interesse sein zu erkennen, wie der große Theologe, welcher damals die Christenheit in zwei Lager teilte, bis an den Strand der Ostsee als Familienrat einwirkte, und wie er durch sein Wort fremde Seelen in Verehrung und Gehorsam unterwarf. Allerdings geben die Zustände, welche hier geschildert werden, nicht in allen Einzelheiten ein normales Bild von den Verhältnissen Deutschlands. An den Küsten von Pommern, wo sich der niedersächsische Stamm auf slawischer Unterlage ausgebreitet hatte, war das Leben rauher, die Leidenschaft rücksichtsloser, die Stunde des Genusses weniger anmutig als in den großen Reichsstädten des Südens, wo längerer Wohlstand, höhere Städtemacht, größere Verfeinerung wenigstens manchem einzelnen zugute kam. Aber zu groß wird man den Unterschied auch nicht finden, wenn man die Lebensläufe anderer Zeitgenossen mit dem vorliegenden vergleicht, zuweilen ansprechendere Formen und einen hübscheren Ausdruck für das gemütliche Behagen, aber weder höhere Auffassung der Pflichten noch reinere Sittlichkeit, noch größere Sicherheit des Lebens und Eigentums. Die folgenden Mitteilungen sind wieder der umfangreichen Selbstbiographie entnommen, welche Bartholomäus Sastrow, Bürgermeister von Stralsund, verfaßte. Sein eigenes Leben war ungewöhnlich bunt und reich an Eindrücken. Er wurde als junger Mann mit seinem älteren Bruder zum Reichskammergericht nach Speyer geschickt, dort einen Prozeß seines Vaters treiben zu helfen und sich selbst ein Unterkommen zu suchen. Er war in allerlei Diensten bei Advokaten, bei einem Komtur des Johanniterordens, schlug sich nach Italien, um aus den Händen der römischen Geistlichkeit die Hinterlassenschaft seines älteren Bruders zu erheben, welcher vom Kaiser als lateinischer Gelegenheitsdichter mit dem Lorbeer gekrönt und geadelt worden und darauf wegen einer unglücklichen Liebe mit gebrochenem Herzen nach Italien gegangen und im Dienst eines Kardinals gestorben war. Von Italien wand sich der jüngere Bruder durch die Wirren des Schmalkaldischen Krieges nach der Heimat zurück, trat in herzoglichen Dienst, wurde von den pommerschen Herzögen als politischer Agent in das Kaiserlager, zum Reichstag nach Augsburg, als Sollizitator an das Kammergericht geschickt, ließ sich dann in Greifswald nieder, gründete einen Hausstand, erlangte als gewandter Notarius in Pommern Praxis und Vermögen, zog nach Stralsund, wurde dort Bürgermeister und starb hoch an Jahren in Ehren als ein schlauer, hitzköpfiger und wahrscheinlich nicht selten harter und parteiischer Herr. So beginnt sein Bericht: Um das Jahr 1487 ist mein Vater zu Ranzin im Kruge, der am Kirchhof auf Anklam zu liegt und unter die Junker Osten zu Quilow gehört, dem Wirt Hans Sastrow geboren worden. Nun hatte dieser Hans Sastrow an Vermögen, Gestalt, Stärke und Verstand die Junker Horne, welche ebenfalls zu Ranzin wohnten, weit übertroffen, so daß er schon vor seinem Ehestande sich mit ihren Hofhufen wohl vergleichen konnte. Das hat denn die Horne übel verdrossen, sie haben sich aufs äußerste beflissen, ihm Schimpf, Spott, Schaden, Nachteil zu bereiten, ihm auch Gesundheit und Leben zu gefährden. Und da sie für ihre Person nicht konnten noch durften, haben sie ihren Vogt abgerichtet, in den Krug zu gehen, zu zecken, Zank und Unwillen mit dem Wirt anzufangen und denselben mit Schlägen bis zum Tode abzufertigen. Denn obgleich der Horne vier in Ranzin saßen, so sind doch ihre Hufen, Einnahme und Vermögen so gering gewesen, daß sie sich alle vier mit einem Pflugvogt haben behelfen können. – Aber was geschieht? Da der Wirt wußte, daß die Horne ihm nachstellten, und leicht vermerkte, was der Vogt im Sinne hatte, ist er diesem zuvorgekommen und hat ihn so abgefertigt, daß er kaum auf allen vieren aus dem Kruge hat kriechen können. Als Hans Sastrow nun spürte, daß der Horne Feindseligkeit nicht aufhörte, sondern täglich zunahm, so hat er, um sich und die Seinen aus der Gefahr zu bringen, ungefähr ums Jahr 1487 sich mit seinem Junker, dem alten Hans Osten zu Quilow, wegen seiner Bauernpflicht in Güte gänzlich auseinandergesetzt, hat darauf zu Greifswald das Bürgerrecht gewonnen, daselbst in der Fleischhauerstraße das Eckhaus, Herrn Brand Hartmann gegenüber, gekauft und allmählich das Seinige von Ranzin in sein gekauftes Haus geführt. So hat er sich ein Jahr vor meines Vaters Geburt von den Osten geschieden und ist bürgerlichen Standes geworden. Was geschieht? – Merkt diese greuliche, mörderische Tat! Anno 1494 ist Kindelbier zu Gribow, wo auch ein Horne seinen Sitz hat, es liegt nicht weit von Ranzin, rechts, wenn man von Greifswald nach Ranzin fährt. Zu demselben Kindelbier ist mein Großvater Hans Sastrow als nächster Verwandter geladen, hat seinen Sohn, meinen Vater, der damals ungefähr sieben Jahr war, bei der Hand genommen und ist den kurzen Kirchweg dahin gegangen. Die Horne von Ranzin haben zum Valet und Abschied diese Gelegenheit nicht versäumt, sondern ins Werk setzen wollen, was sie seit vielen Jahren im Herzen gehegt. Sie sind auch nach Gribow geritten, als wollten sie daselbst ihren Vetter besuchen, und um die bequemste Gelegenheit selbst zu ersehen, sind sie ins Kindelbier gegangen und haben sich mit an den Tisch gesetzt, woran mein Großvater saß. Denn sie waren so herunter, daß sie die Bauernkost und Gesellschaft nicht verschmähten. Als sich die Horne nun spät am Nachmittag vollgetrunken, sind sie sämtlich aufgestanden und haben ihren Biergang in den Stall gemacht. Und vermeinten, sie wären dort allein. Es stand aber einer von meines Großvaters Verwandten auch im Stall in einem Winkel, der hörte an, wozu sie sich entschlossen hätten, sie wollten eilig auf ihre Pferde fallen, sobald sie merkten, daß mein Großvater aufbräche, um ihm unterwegs zu begegnen und alsdann ihn und auch sein Söhnlein zu Tode zu schlagen. Der Mann kommt zu meinem Großvater, sagt ihm, was er im Stall gehört hat, und rät ihm, daß er sich noch bei Tage aufmachen und heimgehen solle. Dem ist auch mein Großvater gefolgt, ist aufgestanden, hat seinen Sohn, meinen Vater, bei der Hand genommen und ist nach Ranzin gegangen. Als er aber auf halbem Wege zwischen Ranzin und Gribow in das Gehölz im Moor kam, das mit Buschwerk und Gestrüpp bewachsen ist, haben die mörderischen Bösewichter ihm den Weg versperrt, haben ihn mit den Pferden zu Boden getreten und ihm den Leib voll Wunden gehauen, so daß sie nicht anders meinten, als er wäre tot. Sie sind aber daran noch nicht ersättigt gewesen, sondern haben ihn an einen großen Stein geschleppt, der noch jetzt vorn in dem Moor liegt, haben ihm auf dem Stein die rechte Faust abgehauen und ihn so für tot liegenlassen. Der Junge aber, mein Vater, ist mittlerweile ins Moor gekrochen, hat sich im Gesträuch auf einem Rasenhügel versteckt, daß sie mit den Pferden nicht zu ihm kommen und, da es anfing finster zu werden, ihn in den Büschen auch nicht finden konnten. Die andern Bauern sind nachgeritten zu sehen, was die Horne gemacht hätten, haben den Verwundeten so zugerichtet gefunden und den Jungen aus dem Moor geholt. Einer unter ihnen ist nach Ranzin gerannt, hat schnell Wagen und Pferde geholt. Darauf hat man den Verwundeten gelegt, an dem kein Leben mehr gespürt wurde, als daß er bei der Ankunft in Ranzin noch einmal aufjappte und verschied. Des unmündigen Knaben, meines Vaters, nächste Freunde, besonders die zu Greifswald in der Stadt wohnten, machten alles zu Geld und verkauften wieder das Haus, so daß sie im ganzen über zweitausend Gulden zusammenbrachten. Wenige Edelleute lassen in jetziger Zeit ihre Untertanen zu einem solchen Vermögen kommen! Sie hielten den Knaben aufs beste, ließen ihn lesen, schreiben und rechnen lehren und schickten ihn nach Antwerpen, auch nach Amsterdam, damit er etwas von Kaufmannschaft lernte. Als er zur gebührenden Größe und nach Hause kam und das Seine in die Hand erhielt, kaufte er die Ecke der Langen Gasse und Hundstraße, rechts gegenüber der St.-Nikolaus-Kirche, zwei Häuser und zwei Buden in der Hundstraße. Aus dem einen Haus hat er das Wohnhaus, aus dem andern das Brauhaus und aus der Bude den Torweg mit viel Arbeit und Unkosten gebaut. Da nun seine Person den Leuten gefiel und man sah, daß er sich zur Nahrung wohl anließ, haben meiner Mutter Vormund und nächste Verwandte ihm diese ehelich versprochen. Meine Mutter war die Tochter des Bartholomäus Smiterlow, welcher Bruder des Herrn Bürgermeisters Nikolaus Smiterlow war, eine junge gar schöne Frau, klein, zart von Gliedern, freundlich, kurzweilig, ohne Hoffart, reinlich, häuslich und bis in ihr letztes Stündlein gottesfürchtig und andächtig. Anno 1514 haben meine Eltern Hochzeit gehalten, Anno 1515 gab ihnen der liebe Gott einen Sohn, den sie nach meinem väterlichen Großvater Johannes nennen ließen. Anno 1517 ist meine Schwester Anna, Herrn Peter Frubos, Bürgermeisters zu Greifswald, nachgelassene Witwe, geboren, Anno 1520 bin ich zur Welt gekommen und nach meinem mütterlichen Großvater Bartholomäus genannt worden. Von meinen fünf jüngeren Geschwistern war meine Schwester Katharine ein treffliches, schönes, freundliches, getreues und frommes Mädchen. Als mein Bruder Johannes von Wittenberg, wo er studierte, nach Haus kam, begehrte sie von ihm zu lernen, wie man lateinisch sagen könnte: »Das ist wirklich eine schöne Jungfrau.« Er sagte: » profecto formosa puella .« – Sie fragte weiter, wie man denn lateinisch antworten könnte: »So ziemlich!« Er: » sic satis .« Nach Verlauf etzlicher Zeit kamen drei Studenten von Wittenberg her, vornehmer Leute Kinder, nur um die Stadt zu besehen; die hatte Christian Smiterlow an seinen Vater, den Bürgermeister Herrn Nikolaus Smiterlow, zum Beherbergen empfohlen. Und dieser wollte sie auch gut traktieren und ihnen gute Gesellschaft schaffen. Da er selbst drei erwachsene Töchter hatte, war neben andern Gästen auch diese meine Schwester eingeladen. Die Studenten nun haben mit den Jungfern allerlei Scherzworte gewechselt und auch lateinisch untereinander geredet, was sich vor Jungfrauen deutsch zu sagen nicht geziemte, wie junge Gesellen wohl tun. Da hat auch der eine zum andern gesagt: » profecto formosa puella «; darauf entgegnete meine Schwester: » sic satis «; da sind sie sehr erschrocken, vermeinend, daß sie auch ihre vorhergehende amatorische Rede verstanden hätte. Sie ist aber Anno 44 zu einer ganz unglücklichen Heirat gekommen, mit Christoph Meier, dieser war ein ungeschlachter Mensch, vertat, verfaulte und verbankettierte alles, was er hatte, auch was er mit meiner Schwester erfreite. Meine Mutter hielt ihre Töchter von Jugend auf zu der gebührenden häuslichen Arbeit. Als meine Schwester Gertrud mit fünf Jahren von ohngefähr beim Rocken saß und spann – denn damals waren die Spinnräder noch nicht in Gebrauch –, erzählte mein Bruder Johannes, daß die Kaiserliche Majestät einen Reichstag ausgeschrieben hätte, wohin Kaiser, König, Kurfürsten, Fürsten, Grafen und große Männer zusammenkämen, und auf die Frage, was sie dort machten, antwortete er: sie verordneten und beschlössen, wie es in der Welt gemacht werden und zugehen sollte. Da fing dies Mägdlein beim Rocken gar hoch und tief zu seufzen an und sagte in großer Wehmut: »Ach du lieber Gott! wenn sie doch auch ernstlich verordnen möchten, daß solche kleine Mädchen nicht spinnen dürften.« – Diese meine Schwester ist mit meiner seligen Mutter und mit noch zweien meiner Schwestern, mit Magdalene und Katharine, im Jahre 1549, als die Pestilenz gar heftig grassierte, selig entschlafen. Zuerst meine Mutter, und als meine Schwestern bitterlich weinten, hat sie denselben im Verscheiden gesagt: »Was weinet ihr? Betet vielmehr, daß mir Gott meine Pein gnädiglich wolle kürzen.« Einige Tage darauf entschlief selig Gertrud, meine jüngste Schwester. Die älteste unverheiratete Schwester Magdalene war auch schon dem Tode nahe, stand gleichwohl aus dem Bett, schloß auf und legte nicht allein Gertrudens Totenhemd und Laken heraus, sondern auch was man ihr selbst um- und antun sollte, und befahl, wenn Gertrud begraben würde, nur das Grab offen zu lassen, etwas mit Erde zu bedecken und sie neben Gertrud zu setzen. So legte sie sich wieder zu Bett, bis den andern Tag, nachdem Gertrud begraben war. Da starb auch sie, die größte und stärkste unter allen meinen Schwestern, eine treffliche, verständige, arbeitsame Haushälterin. Dies schrieb mir meine Schwester Katharine zwei Tage vor ihrem Tode, und daß es mit ihr selbst ebenso stünde, sie sei auf dem Weg, der Mutter und den Schwestern zu folgen, und sie sehne sich danach und ermahnte mich, daß ich mich nicht grämen sollte. Meine Eltern nun, die beiden jungen Eheleute, hatten sich wohl eingerichtet, alles fertig gebaut, saßen in voller Nahrung und Gedeihen mit Federn, Wolle, Honig, Butter, Korn, hatten ihr stattliches Malz- und Brauwerk –, da wendete sich ihre Glückseligkeit in einen betrübten, gar üblen Zustand. Denn in demselben Jahre 1523 kauft Georg Hartmann, der Tochtermann des Doktor Stojentin Valentin Stojentin, Jugendfreund Ulrichs von Hutten, damals Herzoglicher Rat, einflußreiche Beförderer der Reformation. , von meinem Vater ein Viertel Butter und gerät darüber mit ihm in Wortwechsel. Um solches zu klagen, geht Hartmann, der ohnedies einen Kurzdegen zu Herrn Peter Korchschwantz trug, zu seiner Schwiegermutter. Diese, von Natur hochtrabend und sehr reich, hatte einen Doktor, des Landesfürsten Rat, zur Ehe, achtete also geringere Leute wenig. Sie gibt ihm ein Handbeil mit diesen Worten in die Hand: »Sieh, da hast du ein Viertelstück, geh auf den Markt und kauf dir ein Herz.« – So begegnet ihm mein Vater, der nach der Waage gehen wollte, sich einen Kessel Honig wägen zu lassen, oben in der Gasse, wo die Kleinschmiede wohnen, ohne Wehr, er hatte kein Brotmesser bei sich. Den überfällt Hartmann mit dem Degen und Handbeil bewaffnet. Mein Vater entspringt ihm in das Haus eines Kleinschmiedes, erwischt die Fleischgabel, die nehmen ihm die Schmiedeknechte, desgleichen wehren sie ihm auch die Leiter, die an der Galerie stand; er aber reißt von der Wand einen Knebelspieß, läuft damit zum Haus hinaus auf die Gasse und ruft, wo der sei, der ihm sein Leib und Leben habe nehmen wollen. Darauf springt Hartmann aus des Nebenschmiedes Haus, hat zu seinen beiden vorigen Wehren noch vom Amboß einen Hammer genommen, wirft mit demselben nach meinem Vater, und obgleich dieser den Wurf mit dem Spieß pariert, so gleitet doch der Hammer längs dem Spieß auf die Brust, daß er etliche Tage Blut spie. Gleich darauf trifft ihn Hartmann mit dem Handbeil in die Schulter. Da dieser nun mit Hammer und Handbeil getroffen hat, vermeint er, es könne ihm nicht mehr mißraten, entblößt den Degen und läuft damit meinem Vater auf den Spieß. Dieser stößt ihm den Spieß bis an den Knebel in den Leib, daß er stürzt. Dies ist dieser kläglichen Historie wahrhaftige Narration. Ich weiß wohl, daß die Gegner das anders berichten, mein Vater habe den Hartmann erstochen, als dieser sich in des Schmiedes Stube wehrlos hinter dem Ofen versteckt gehabt; aber es klingt nicht, nugae sunt, fabulae sunt . Mein Vater eilte stracks nach dem Kloster der schwarzen Mönche, er war mit den Mönchen bekannt; die führten ihn in die Kirche oben unter dem Gewölbe in ein Steinspind. Doktor Stojentin mit großem Beistand und Dienern durchsuchte alle Winkel des Klosters und kam auch in die Kirche. Mein Vater meinte, sie sähen ihn; er wollte sie ansprechen und bitten, ihn zu verschonen, da er in seiner Unschuld nur Notwehr geübt habe. Doch der barmherzige Gott gab, daß er schwieg und daß dem Gegenteil die Augen zugehalten wurden, daß sie ihn nicht sehen konnten. In der Nacht brachten ihn die Mönche über die Mauer, so daß er längs dem Damm in das Dorf Neukirchen am Ende des Dammes kommen konnte. Dorthin hatte mein Stiefgroßvater einen Bauernwagen aus Leist bestellt, der einen Sack mit Gerste, auch einen Futtersack und meinen Vater im Sack verborgen nach Stralsund führte. Auf den Bauern ist Stojentin in der Nacht getroffen und hat gefragt, wo er hin wolle. Jener: »Nach Stralsund.« Er hat auf die Säcke gestoßen und gefragt, was er geladen habe. Jener: »Gerste und einen Futtersack.« Er: ob er nicht jemand reiten oder laufen gesehen hätte. Jener: »Ja, es wäre einer ganz eilend den Weg nach dem Dorf Horst geritten, ihm hätte gedeucht, es wäre Sastrow von Greifswald, er verwunderte sich, daß er in der Nacht so eilend mit dem Pferd rennte.« So hat Doktor Stojentin den Bauern verlassen und ist den Horster Weg geritten, mein Vater aber ist zu Stralsund angekommen und hat von dem Rat daselbst Geleit erlangt. Es hat aber mein Vater solchem Geleit allerdings nicht zu trauen gehabt, weil der Entleibte selbst unter dem Geleit meines gnädigen Herrn Herzog Georgs gestanden hatte, und Doktor Stojentin, Sr. Fürstlichen Gnaden Rat, dies Geleit gegen meinen Vater trefflich geltend machte und auch sonst der Gegenteil reich, stolz und mächtig war. So ist er in Dänemark, auch zu Lübeck, Hamburg und anderswo umhergeschweift, bis er mit dem Landesfürsten um eine ansehnliche Summe Geld vertragen wurde, die er auch bar erlegen mußte. Und obgleich später nach vielfältigem Ansuchen, aufgewandtem Fleiß und Arbeit meines Stiefgroßvaters mein Vater mit der beleidigten Partei auf Entrichtung von 1000 Mark Blutgeld verglichen wurde, so konnte ihm doch wegen dieser Gegner der Aufenthalt in der Stadt Greifswald nicht freigemacht werden. Wie aber solch Blutgeld dem Sohn und Erben des Entleibten, dem Brand Hartmann, gediehen ist, hat der Augenschein ergeben. Unglück und Unheil wurde an Leib, Gut, Nahrung, an Weib und Kindern gespüret. So mußte meine Mutter in ihrer Jugend ohne Mann bei vier kleinen unerzogenen Kindern haushalten. Daß sie mit schwermütigen traurigen Gedanken beladen gewesen, kann man leicht ermessen. [...] Anno 1528, da meine Eltern spürten, daß der Hartmannsche Anhang durch nichts zu erweichen war, meinen Vater in die Stadt und Nahrung zu lassen, wollten sie, wie frommen Eheleuten gebührt, die Last der Haushaltung miteinander tragen, und so hat meine Mutter meinem Vater nachziehen müssen. Deswegen hat mein Vater das Bürgerrecht zu Stralsund gewonnen und ein Haus daselbst gekauft, meine Mutter ist von Greifswald aufgebrochen, hat ihr Haus daselbst verhandelt und ist so im Frühling nach dem Sund gezogen. Um dieselbe Zeit hat mein Stiefgroßvater, der damals Kämmerer zu Greifswald war, mich zu sich genommen, daselbst zu studieren. – Ich studierte aber gar wenig, hatte die Pferde, um darauf spazierenzureiten und mit dem Großvater auf die Stadtdörfer zu fahren, lieber als die Bücher, weshalb ich auch in studiis wenig fortschritt. Der älteste Sohn von Herrn Bertram Smiterlow, Klaus genannt, fünf Jahre alt, aber länger und stärker von Gliedern als ich, war ein verzweifelter Schalk; er tat den Kindern in der Nachbarschaft viel Gewalt und Unrecht, von seinem Vater wurde er nicht nur nicht gestraft, sondern auch gegen die Klagen der Nachbarn mit großer Rauheit verteidigt, so daß der Großvater, um ein großes Parlament, ja Mord und Totschlag zwischen dem Vater und den Nachbarn zu verhüten, den Jungen zu sich nahm. Er schlief mit mir in der Kammer in einem Bett. Einst am Morgen, als wir aufgestanden und uns beide nebeneinander auf der hohen Kiste am Fuß des Bettes anzogen, stieß er mich, ohne jeden Wortwechsel oder gegebene Ursache, sondern allein aus boshaftem Mutwillen – denn er war so gewöhnt, daß er seine unaussprechliche Bosheit nicht unterlassen konnte – vor die Brust, daß ich rückwärts von der Kiste hinunterstürzte; wahrlich ein gefährlicher Fall. Und einst richtete der Großvater ein großes Nachtmahl an, wozu er nicht allein seine Kinder, sondern auch andere lud. Am Abend, als die Knechte ihren Herren die Leuchten brachten und bei dem Feuer saßen, kam dieser Lecker zu ihnen und trieb gegen sie allerlei Schalkheit. Die Knechte fürchteten den Vater und ließen sich alles gefallen. Zuletzt unterstand er sich, einem nach dem andern mit dem Finger an den Lippen zu brummen; da erdreistete sich einer und schlug ihn aufs Maul. Er lief in die Stube hinter den Vater und sagte dem, welcher Knecht ihm die Maulschelle gegeben hatte. In der Nacht, als das Bankett geendigt war, die Gäste aufstanden nach Hause zu gehen, die Laternen angezündet wurden und man aus dem Hause auf die Gasse kam und allenthalben und bei einem jeden nichts anderes als Stille und guter Friede bemerkt wurde, entblößte der Vater des Knaben den Kurzdegen, den er an der Seite hatte, und hieb dem Knecht, welcher vor seinem Herrn die Laterne trug, eine greuliche Wunde in die Schulter hinein. Um mich unverletzt gegenüber dem Lecker zu erhalten und nicht deswegen in noch größere Sorge zu geraten, mußte mich mein Großvater nach Stralsund zu den Eltern fahren lassen. In solchem Mutwillen wuchs der Knabe auf, worin der Vater ihn nicht allein nicht strafte, sondern vielmehr seinen Gefallen daran hatte, so daß auch niemand darüber klagen durfte. Als er nun erwachsen und an siebenundzwanzig Jahr alt war, wollte er einst gen Rostock reiten und blieb in Röwershagen über Nacht. Im andern Krug gegenüber zog ein Wagen mit Kaufleuten ein, weil sie bei diesem Menschen – denn sie kannten seinen bösen Kopf wohl – nicht sein wollten. Der eine Kaufmann hatte einen Schießhund, der lief in den Krug, worin Smiterlow war, und dieser band den Hund an, als wäre er sein, um ihn zu behalten. Am andern Morgen, als sie aufbrechen wollten, vermißte der Kaufmann seinen Hund und fand ihn bei Smiterlow, der auch aufgesessen war und den Hund am Strick mit sich führte. Der Kaufmann begehrte seinen Hund, Smiterlow wollte ihn nicht ablassen, sondern zog sein geladenes Rohr auf den Kaufmann hervor. Der Kaufmann aber wurde eher fertig und schoß ihn oben am Leib durch den Schenkel. Er ritt wohl kümmerlich nach Rostock und wurde dort verbunden, aber nach wenigen Tagen war er des Todes. Der Kaufmann ritt seine Straße und kam davon, es krähte, wie man sagt, weder Hund noch Hahn danach, nur der Vater bekam das Kratzen im Nacken. Solches schreib' ich Herrn Bertram und seinen Kindern nicht zu Verdruß noch Schmach, da solche doppelt mit uns verwandt sind, sondern meinen Kindern zur Verwarnung und Vermahnung, daß sie ihre Kinder von Jugend auf in geziemender Zucht und Zwang halten. Im Jahre 1529 ging meine Mutter schweren Fußes und wollte vor der Entbindung noch scheuern und waschen lassen, wie es die Frauen im Brauch haben. Nun hatten meine Eltern diesmal eine Magd, die vom bösen Geist besessen war. Sie hatte sich bis dahin nicht hervorgetan, aber jetzt, als sie das große Wandgerät zu scheuern hatte, Kessel und Tiegel herunterzunehmen, warf sie diese herab auf den Boden, sehr greulich und rief mit lauter Stimme: »Ich will heraus!« Als man nun den Grund merkte, nahm ihre Mutter (die in der Pantinenmacherstraße wohnte) die Magd zu sich, und sie wurde etlichemal in die Kirche zu St. Nikolaus in einem rigaischen Schlitten geführt. Wenn die Predigt geendigt war, wurde der Geist beschworen und ergab sich aus seinem Bekenntnis, daß ihre Mutter einen frischen sauren Käse gekauft und in den Schrank eingesetzt hatte, die Magd war in Abwesenheit ihrer Mutter an den Schrank gekommen und hatte vom Käse gegessen. Als nun die Mutter gesehen, daß jemand beim Käse gewesen war, hatte sie dem den bösen Geist in den Leib geflucht; seitdem hatte er in der Magd hausgehalten. Als er darauf gefragt wurde, wie er denn bei und in der Magd hätte bleiben können, da sie in der Zeit zum Sakrament gegangen war, gab er die Antwort: »Es liegt wohl ein Schelm unter der Brücke und läßt einen frommen Mann über sich hingehen«, er hätte mittlerweile ihr unter der Zunge gesessen. Er wurde aber nicht allein gebannt und beschworen, sondern es ward auch von männiglich, so in der Kirche dabei- und umherstand, auf den Knien fleißig und andächtig gebetet. Mit dem Exorcismo trieb er sein lautes Gespött; denn als der Prediger ihn beschwor, daß er ausfahren sollte, sagte er: ja, er wollte weichen, er müßte ja wohl das Feld räumen, aber er forderte allerlei, was man ihm mitzunehmen erlauben sollte; wenn ihm das eine Geforderte abgeschlagen würde, so stünde ihm das Bleiben frei. Es stand einer unter den Anwesenden, welcher den Hut aufbehielt, als diese beteten, da begehrte er von den Predigern, ihm zu erlauben, daß er dem den Hut vom Kopf nehmen dürfte, den Hut wolle er mit sich nehmen und weichen. Ich trage Sorge, wäre es ihm von Gott gestattet worden, Haut und Haar hätten mit dem Hut gehen müssen. – Zuletzt, als er wußte, daß seine Zeit, die Magd zu plagen, verflossen war, und merkte, daß unser Herrgott das gläubige Gebet der gegenwärtigen Leute gnädiglich erhörte, forderte er gar spöttisch eine Tafel Glas aus dem Fenster über der Turmuhr, und als ihm eine Raute aus demselben erlaubt wurde, hat sich dieselbe zusehends mit einem Klang abgelöst und ist davongeflogen. Nach der Zeit hat man nichts Böses bei der Magd vermerkt. Sie hat auf dem Dorf einen Mann bekommen und von ihm Kinder erhalten. Ich ging in die Schule, lernte so viel, als ich vor Wildheit konnte, das Ingenium war ziemlich, wie sich merken ließ, aber Stetigkeit war nicht vorhanden. – Des Sommers badete ich mich mit meinen Gesellen am Strand, das sah mein Ohm aus seinem Garten hinter seiner Scheuer und zeigte es meinem Vater an, der kam mit einer guten Rute des Morgens auf den Saal vor mein Bett; während ich schlief, nestelte er sich mittlerweile auf und redete laut, damit ich erwachen sollte. Wie ich dann erwachte und ihn vor mir stehen und die Rute auf dem Nebenbett liegen sah, verstand ich wohl, was die Glocke geschlagen hatte, da fing ich an mit bitterlichem Weinen zu flehen und zu bitten. Er fragte, was ich getan hätte. Ich gelobte, ich wollte mein Lebtag am Strand nicht mehr baden. »Ja, Junker,« sagte er (wenn er mich ihrzte und Junker nannte, wußte ich wohl, daß die Sache zwischen ihm und mir schlecht stand), »habt Ihr gebadet, so muß ich quästen .« Dabei ergriff er die Rute, warf mir die Kleider über den Kopf und lohnte nach Verdienst. Meine Eltern erzogen ihre Kinder ganz gut. Mein Vater war etwas hastig, und wenn die Galle überhandnahm, konnte er kein Maß halten. Einst erzürnte er sich über mich; er stand im Stall, ich aber unter der Tür des Stalles, da erwischte er die Stakengabel und schoß die nach mir. Ich entsprang dem Wurf, der war so stark, daß die Gabel in einen eichenen Ständer der Badestube so tief zu stecken kam, daß man sie mit Gewalt herausziehen mußte. Damals hat der gnädige Gott des Teufels Vorhaben gegen meinen Vater und gegen mich vorsorglich gehindert. Die Mutter aber, welche überaus glimpflich und holdselig war, sprang in solchen Fällen hinzu, sagte wohl: »Stäupe stärker, der verzweifelte Bub hat es wohl verdient«, und unterdes, ohne daß es die Kinder merkten, faßte sie ihm den Arm und die Hand, worin er die Rute hatte, daß er nicht zu stark zuschlagen konnte. Meines Vaters Haus war noch sehr unfertig, außerdem war eine Bude hereingebaut, mit dem Eingang hart am Brunnen. Darin wohnte ein Müller, Lewark genannt, der hatte viele und böse Kinder, die weinten Tag und Nacht. Des morgens, wenn der Tag anbrach, fingen die jungen Lerchen an zu zirpen; das währte den ganzen Tag, daß man davor weder sehen noch hören konnte, bis mein Vater die alten Lerchen mit ihren jungen Lewarken herausjagte, die Bude einriß und den Bau des ganzen Hauses mit Ernst, großer Arbeit und Unkosten angriff. Denn meine Eltern bekamen von Greifswald eine ziemliche Barschaft, weil meine Mutter alles zu Geld machen mußte, so daß viele Leute meinen Vater deshalb den reichen Mann in der Vehrstraße nannten. Dies wurde aber in wenig Jahren sehr ungewiß gemacht, so daß meinen Eltern große Sorge und Geldversplitterung, auch ihren Kindern Verhinderung des gehofften Glückes, also merklicher Schaden und Nachteil entstand. Denn es waren damals zu Stralsund zwei Weiber, die man Schadenträgerinnen nicht unbillig nennen möchte, die eine hieß Lubbe Keßke, die andere Engeln, wohnten alle beide in der Altbüßerstraße. Die kauften von meinem Vater allerhand Tuch, das verkauften sie wieder andern Leuten, man wußte aber nicht wem; sie entliehen Geld zu fünfzig, hundert, hundertundfünfzig und mehr oder weniger Talern, sagten auch nicht, für wen sie die entliehen; wenn sie von den Leuten gefragt wurden, von wem sie solches Geld holten, antworteten sie: »Vom reichen Mann in der Vehrstraße.« Der Taler galt damals achtundzwanzig lübische Schillinge, sie machten ab, den zum Termin, auf den man übereingekommen war, mit achtundzwanzig und ein halb Schilling zu bezahlen. So auch mit dem Kaufgeld für die Tücher, sie zahlten bisweilen wohl etwas ab, aber wenn sie einmal hundert Gulden entrichteten, so nahmen sie stracks wieder für zweihundert oder mehr Gulden. Solcher Handel war meiner Mutter gar nicht recht, denn sie sah wohl, wenn der Vater sein Geld auf die gebührende Rente von fünf Prozent austäte, würde dasselbe ungleich mehr bringen. Und ihr sagte das Herz, die Weiber würden den Vater endlich betrügen, wie auch wirklich geschah, sie flehte, bat und ermahnte, manchmal mit Vergießung heißer Tränen, für sich selbst, auch durch die Prediger, Knipstro und andere, er sollte doch mit den Weibern zu handeln unterlassen. Als nun die Forderung sehr groß wurde, die Weiber nicht zwanzig Gulden zu zahlen vermochten und er wissen wollte, wohin sein Gut gekommen wäre, fand sich, daß er an die Frau eines Tuchschneiders, des Hermann Bruser, welche einen stattlichen Tuchhandel hatte, da sie das Tuch im Ausschnitt wohlfeiler verkaufte, als andere Tuchhändler tun konnten, siebzehnhundertundfünfundzwanzig Gulden und an die Mutter des Jakob Leweling achthundert Gulden weggegeben hatte. Mein Vater zog die beiden Weiber mit der Frau des Bruser zur Rechenschaft, diese Frau und ihr Mann Hermann Bruser erboten sich zu bezahlen. Bruser gab meinem Vater Siegel und Brief, ihm in festgesetzten Terminen die Zahlung zu leisten. – Was geschieht? Der erste Termin der Bezahlung fiel in den Aufruhr gegen den Bürgermeister Herrn Nikolaus Smiterlow, und von den vornehmsten der Aufrührer war Hermann Bruser einer; er meinte, es wäre nun sowohl mit meinem Vater als mit dem Herrn Bürgermeister aus, er widersetzte sich der Bezahlung, also seiner gegebenen Schuldverschreibung, und ließ sich mit meinem Vater in einen Prozeß ein. Die Gegner brachten den Bürgermeister Vorber durch Verehrung etlicher Goldgulden auf ihre Seite, so daß nach langem Rechtsgang erkannt wurde, Bruser sollte schwören, daß er von dem Handel nichts gewußt, und beweisen, daß derselbe wucherisch gewesen. Bruser hat solchen Eid vor dem Niedergericht leiblich geleistet und vermeldet, seine Zeugen wären »über See und Sand«, er bitte deswegen zur Vollführung seines Beweises Jahr und Tag. Als ihm auch solches zuerkannt wurde, appellierte mein Vater an den Rat und von da an den Ehrbaren Rat zu Lübeck. Die Herren zu Lübeck erklärten, Bruser solle bezahlen, laut Siegel und Brief. Davon appellierte dieser an das Kaiserliche Kammergericht zu Speyer. Zu Speyer hat man viele Jahre prozessiert; Bruser schwur den Eid paupertatis , doch steuerte er seine Tochter gleich eines Bürgermeisters Tochter mit Perlen und Geschmeide aus, verkaufte seine Häuser, und sein Schwestermann brachte Siegel und Brief dem Buchstaben nach älter als meines Vaters Schuldbrief, worin ihm alle Güter des Bruser als Hypothek verpfändet waren. Endlich ist das Kammergericht von den protestierenden Reichsständen rekusiert worden, und man hat mit dem Prozeß stillhalten müssen, bis dasselbige nach sechs Jahren wiederum besetzt worden ist, von da hat man die Sache bis zum Beschluß durchgeführt. Ich aber bin nach dem Beschluß selbst zwei ganze Jahre in Speyer gewesen und habe die Publikation des Urteils nicht herausbringen können, so daß mein Vater sich zuletzt, nachdem er mit Bruser und seiner Partei über vierunddreißig Jahre prozessiert, mit den Erben von Brusers Schwestermann so verglichen hat, daß dieselben tausend Gulden als ein und alles gegeben haben. Die Hauptschuld ist gewesen siebzehnhundertundfünfundzwanzig Gulden, meines Vaters aufgewandte Kosten haben mehr als tausend Gulden betragen, was ist das lucrum cessans? Daß mein Vater sein Geld an die vierzig Jahre entbehren müssen, daß meinen Eltern und ihren Kindern merklich große Ungelegenheit entstanden ist. Ich bin darüber aus meinem Studieren und mein Bruder Magister Johannes ums Leben gekommen, so daß man im Grunde sagen muß, das Diktum des Hesiodus: »Die Hälfte ist mehr als das Ganze«, passe nicht übel auf den Rechtsprozeß, sonderlich beim Kaiserlichen Kammergericht; so daß es viel nützlicher sei, man nimmt im Anfang die Hälfte, als daß man das Ganze durch Erkenntnis des Kammergerichts erhalte. Hierauf will sich gebühren, meinen Kindern zur Lehre nicht vorzuenthalten, wie den gottlosen Gesellen, nachdem sie meine Eltern in die dreißig Jahre tribuliert und vexiert haben, gelohnt worden ist. Denn im 75. Psalm steht: »Der Herr hat einen Becher in der Hand mit starkem Wein voll eingeschenkt, und schenkt aus demselben« – diesen Kelch hat er auch mir daraus zu trinken dargereicht, ziemlich so viel als er gewußt, daß ich habe vertragen können. Aber die Gottlosen haben auch daraus getrunken und die Hefen aussaufen müssen, so daß ich an meinen und der Meinigen Feinden meine Lust gesehen habe. Denn der Hauptschuldige, Hermann Bruser, ist mit seinem hoffärtigen Weib, der Erzbetrügerin, in die äußerste Armut geraten, daß sie von ihren Verwandten und Bekannten etliche Jahre gefüttert worden; endlich hat er sich in Schweden als Kammerknecht vermietet und zu Stockholm hat ihm in seines Herrn Krambude der Teufel den Hals entzweigebrochen, daß er mitten in der Krambude liegend gefunden wurde, das Angesicht nach dem Rücken gedreht. Seine Tochter, die, wie oben gemeldet, mit meines Vaters Gütern gleich eines Bürgermeisters Tochter ausgesteuert wurde, ist, ehe sie verstorben, bloß und arm geworden, hat Haus und Hof aufgeben müssen, und ihr Mann muß seit ihrem Tode, der viele Jahre her ist, bis auf den heutigen Tag im Hospital zum Heiligen Geist von Almosen leben. Mit seinem Sohn hat es nirgend glücklich hinausgewollt, er ist aus einer Leichtfertigkeit in die andere gefallen. Ihn hat man zu Kalmar eines Morgens früh auf dem heimlichen Gemach tot sitzend gefunden, und seine Kinder müssen von einem zum andern in der Stadt und auf dem Lande herumlungern. Die andere Gegnerin meiner Eltern, die Leweling, eine Witwe, hatte von ihrem Mann einen Sohn, sie war trefflich reich an Stadt- und Landgütern, an Häusern, an Buden, Gärten und Äckern im Felde; man sagte, daß sie an stehenden sicheren Pachten auf jeden Tag, das ganze Jahr durch gerechnet, ein Huhn und einen Goldgulden hatte. Sie hatte aber mit ihrem Sohn alles durchgejagt, so daß sie nicht allein meinem Vater die achthundert Gulden, sondern auch andern mehr so viel schuldig geworden, daß sie nach Urteil und Recht sich in ihrem abgetragenen Weibermantel aus ihrem Hause führen lassen mußte und dasselbe ihren Kreditoren einräumen. Ihrem Sohn, der ein Bengel von fünfzehn Jahren war, mußte sie in ihrem Hause eine eigene Dirne halten, wenn sie nicht wollte, daß er des nachts in den Dirnenhäusern liege, bis sie ihm in so großer Jugend eine Eheweib gab, daß sich männiglich darüber verwunderte. Was er noch an Äckern, Wiesen, Dörfern, Wald, Hauen, Hufen und Katen übrigbehielt, mußte alles dem andern folgen. So hielt er auch seinen Ehestand so rein wie der Hund die Fasten. Denn bei Herzog Philipps Huldigung lag die Herzogin in seinem Haus zur Herberge, damals kam seine Frau mit einer jungen Tochter in die Wochen, er bat die Herzogin zu Gevatter, wie er die Tochter auch nach Ihrer Fürstl. Gnaden Maria nennen ließ, daneben aber hatte er seine Dirne im Garten bei der Niedermühle, mit der hielt er grob und ärgerlich haus. Ferner bestahl er mit einem andern, der Valentin Bus hieß, des Nachts dem Teichmeister die Reusen und fingerte sonst umher, daß es wohl des Henkers wert war. Valentin Bus wurde auch deswegen gefänglich eingezogen und hätte hängen müssen, wenn ihm nicht wegen des Lewelings, der mit ihm in gleicher Schuld stand, das Richten wäre erlassen worden. Leweling aber hat sich mit dem Ehrbaren Rat verglichen und sich mit Geld vom Galgen gekauft. Wie er denn sein noch übriges Dorf Bessin, in dessen Kapelle sein Vater begraben ist, also seinen Vater mit dem Dorf einem Ehrbaren Rat verkauft und sich so mit dem Rat abgefunden hat. Weil mein Vater mit andern Kreditoren zu Recht erhalten, daß seine Mutter ihr Haus räumen mußte, hat dieser junge, übelerzogene, gottlose Lecker auf ihn gewartet, als er nach der Kirche zu Haus gehen wollte, und ist ihm mit seiner Wehr gefolgt, ihn zu erstechen oder gröblich zu verwunden, mein Vater ist aber nach Haus geeilt und hat die Tür gewonnen, ehe er an ihn gelangen konnte. Als nun dieser Sohn alles durchgejagt, ist er in großer Armut gestorben und hat seine oben gemeldete Tochter Maria hinterlassen, die man jetzt manchmal auf dem Markt sitzen sieht, Fische zu verkaufen. Das hat daraus folgen müssen, daß Mutter und Sohn in die Fußstapfen ihrer Voreltern getreten und nicht durch ihr Exempel gewitzigt worden sind. Denn die Mutter ist von des Bürgermeisters Wulf Wulflam Freundschaft und Geblüt gewesen, von dem geschrieben ward, daß er in Reichtum keinen Gleichen an der Seeküste hatte. Die Frau desselben ist so stolzen Geistes gewesen, daß sie des Fürsten zu Pommern Spielleute von Stettin holen ließ, als sie zur zweiten Ehe schritt, und an ihrem Brauttag an einem englischen Stück Tuch, das sie von ihrem Hause bis zur Kirche breiten ließ, nach der Kirche ging; item, daß sie den reinsten, weichsten rigaischen Flachs auf dem heimlichen Gemach gebraucht hat, den Hintern damit zu wischen. Aber von dem gerechten Gott, der die Hoffart vom Himmel verstoßen hat, wurde sie mit Armut gestraft, daß sie nur noch eine silberne Schale gehabt hat; mit derselben hat sie von Haus zu Haus die Almosen gebeten mit diesen Worten: »Gebt der armen reichen Frau etwas!« und hat ihre alte Dienstmagd flehend angerufen, ihr um Gottes willen Leinenzeug zum Halskragen und ein Hemd zu geben. Als diese ihr solches brachte, hat sie gesagt: »Seht, Frau, das Garn, woraus die Leinwand gemacht ist, habe ich von dem Flachs gesponnen, womit ihr den Hintern pflegtet zu wischen, den ich aber mit Fleiß aufhob, verwahrte und rein aushechelte.« [...] Mein Bruder aber, M. Johann, als er von Lübeck und Rostock zurück nach Hause reisen wollte, hat er auf dem Fuhrwagen zum Gefährten gehabt Herrn Heinrich Sonneberg und eine Frau, außerdem ist neben dem Wagen geritten Hans Ladebusch und ein junger feiner Gesell Hermann Lepper, der hatte gegen boguslawische Schillinge und ander Geld etliche hundert Gulden Münze aus Gadebusch, die dort geprägt waren, geholt, die lagen auf dem Fuhrwagen. Solches wurde etlichen Schnapphähnen verraten. Denn es war die Straßenräuberei im Lande Mecklenburg deshalb gar gemein, weil dieselbe nicht ernstlich gestraft wurde, und es ließen sich welche vom Adel aus vornehmem Geschlecht dabei finden. Jedoch wird der schätzbare Adel, worunter viel ehrliche Leute, die aller Wege wert zu achten sind, damit nicht gemeint. Jetzt ist gottlob! im Fürstentum Mecklenburg ernstliche Aufsicht, damals aber durften die Buschreiter sagen: wenn wir dreihundert Gulden abgeben, bringen wir uns dadurch aus aller Gefahr und behalten immer noch zweihundert übrig. Wie die Reisenden nun an die Ribbenitzer Heide kamen, stiegen die, so auf dem Wagen saßen, mit ihren Wehren vom Wagen, die beiden Reiter hätten an dem unsichern Ort auch beim Wagen bleiben sollen, aber sie ritten etwas voraus. Gegen diese sammelten sich die Schnapphähne. Einer insonderheit machte sich an den Ladebusch, sie redeten gesellig. Als sie so nebeneinander ritten, daß er Ladebuschens Zündrohr erreichen kann (es war damals nicht gebräuchlich, doppelte Rohre am Sattel zu führen), reißt er ihm die Büchse, welche gespannt und der Hahn aufgezogen war, aus der Holfter, übereilet dann den Hermann Lepper, der zurück nach dem Wagen reitet, und erschießt den, daß er vom Klepper herunterpurzelt. Hans Ladebusch nimmt das Hasenpanier, reitet dann auf Ribbenitz zu. Herr Heinrich Sonneberg läuft ins Holz, versteckt sich in den Büschen. Mein Bruder hatte einen Schweinspieß, er stellte sich an das eine Hinterrad, damit die Bösewichter ihn von hinten nicht beschädigen könnten, von vorn wehrte er sich, wies einen nach dem andern ab, nicht ohne ihren Schaden, denn er stieß einem den Spieß neben dem Bein in den Leib, daß er zu Busch ritt, von dem Pferd kam, das er laufen ließ, und dort liegenblieb. Da ritt ein anderer grimmig auf meinen Bruder zu, hieb ihm ein Stück vom Kopf wohl einen Taler breit, so daß ein Stück der Hirnschale, fast einen Deut groß, an dem abgehauenen Stück sitzenblieb, und in demselben Hieb mit der Spitze des Schwertes eine Wunde in den Hals, ein halbes Viertel lang, daß er stürzte und als tot behandelt wurde. Die Bösewichter plünderten den Wagen, bekamen alles, was darauf war, ergriffen auch das Pferd ihres verwundeten Gesellen, und da sie sahen, daß der soviel bekommen, daß nicht mehr viel von seinem Leben vorhanden war, und da sie ihn nicht mit sich wegbringen konnten, ließen sie ihn liegen. Dem Fuhrmann haben sie seine Pferde gelassen und sind mit dem erlangten Raub davongeritten. Herr Heinrich Sonneberg ist aus den Büschen wieder zum Wagen gekommen, sie haben meinen Bruder auf den Wagen gelegt, die Frau hat sein Haupt mit ihren Tüchern umwunden in ihrem Schoß gehalten, den toten Körper legten sie ihm zwischen die Beine und fuhren so langsam nach Ribbenitz. Dort wurde ihm so weit die Wunde verbunden, daß der Chirurgus ihm an den Hals etliche Hefte legen mußte. Das erscholl zu Rostock. Der Rat schickte seine Diener an den Ort, die fanden den verwundeten Schnapphahn und nahmen ihn mit sich nach Rostock, aber sobald sie ihn in das Gefängnis brachten, verschied er leider, so daß man von ihm nicht erfahren konnte, wer die andern waren. Doch blieb es nicht so ganz geheim, aber es wurde von der Freundschaft vertuscht, daß es nicht jedermann erfahren möchte, und so getrieben, daß gebührender Ernst von der hohen Obrigkeit nicht gebraucht ward. Der tote Bösewicht jedoch wurde vors Recht gebracht und vom Gericht hinaus vor die Landwehr geführt, daselbst wurde ihm der Kopf abgehauen und auf den Staken gesetzt, worauf er viele Jahre gesehen ward. Ladebusch brachte die Geschichte nach Stralsund, der Rat ließ meinem Vater einen verschlossenen Wagen mit vier Stadtpferden folgen, wir nahmen Betten mit und fuhren noch den Abend aus und durch die Nacht, so daß wir am Morgen früh zu Ribbenitz ankamen. Wir fanden meinen Bruder gar schwach, blieben aber um der Pferde willen den Tag zu Ribbenitz und ließen den entleibten Hermann Lepper, nachdem gebührenderweise vor Gericht das Recht über ihn ergangen war, christlich und ehrlich zur Erde bestatten. Gegen Abend fuhren wir aus Ribbenitz, die Nacht über nur Schritt vor Schritt, so daß wir den andern Tag gegen Mittag in Stralsund ankamen. Als Meister Joachim Geelhar, der berühmte Wundarzt, die Wunde in rechten Schick gebracht, wurde der Patient ordentlich und bald geheilt. XV Aus einem Patrizierhause (1526. 1598) Die Städter. – Bessere Zucht durch Obrigkeit und Geistliche, größere Sicherheit. – Händel. – Die Patrizier als die Reichen und Gebildeten. – Verminderung des deutschen Großhandels. – Bericht des Hans Schweinichen über den Reichtum der Fugger. – Ihre Frauen. – Charitas Pirkheimer und Argula von Grumbach. – Frauenbriefe aus der Familie Glauburg Der Städter empfand überall die Zucht des reformierten Landes. Ob er in größerer Reichsstadt oder unter einem Landesherrn wohnte, ihm wurden zahlreiche – oft gedruckte – Ordnungen zuteil, in denen die Obrigkeit rührig war für Sitte und Sicherheit der Stadt zu sorgen. Ordnungen regelten die Feuerpolizei, den Verkehr der Märkte, den Wert der Münzen, in teurer Zeit die Preise der Lebensmittel, Arbeit und Privilegien der Innungen, sogar die Apothekertaxen und den Dienst der Hebamme. Für die Stadtschulen, welche überall eingerichtet waren, wurden Lektionspläne verfertigt, bei den lateinischen Schulen auch durch Druck verbreitet. Vor allem aber wurde der Aufwand bei allen Familienfeierlichkeiten, die Standesrechte an Kleiderstoffen und Schmuck nach alter Sitte eifrig überwacht. Der Obrigkeit halfen die Seelsorger. Jeden Sonntag, ja öfter in der Woche hörte jetzt der Bürger Predigten, in denen der gelehrte Geistliche die theologischen Streitfragen scharf und eigensinnig erörterte, aber auch als Sittenlehrer strafend in die Gewissen sprach und den Weltlauf beurteilte. Überall wurde eine strengere Überwachung des Lebens fühlbar und die alte Zügellosigkeit wirksam gedämpft. Aber auch die Kunde des Bürgers von der Fremde wurde größer, die populäre Literatur der kleinen Büchlein unterrichtete ihn von vergangener Zeit, trug Neuigkeiten aus anderen Ländern zu und teilte ihm neben Streitschriften und Prophezeiungen auch medizinischen Rat, Kunstgriffe des Handwerks und neue Lieder mit. Weit besser war sein Verständnis heimischer Zustände geworden, viel reicher auch der Ausdruck seiner Stimmungen in der Rede, sicherer und klarer seine Gedanken. Und man darf sagen, der kleine Bürger hatte seit dem Jahre 1550 verhältnismäßig nicht geringeren Anteil an der Zeitbildung als in der Gegenwart. Die größere bildende Arbeit, welche Obrigkeit und Kirche an ihm übten, förderten unleugbar sein gesetzliches Verhalten, dieselbe Polizei verringerte ihm auch das stolze Bewußtsein der Unabhängigkeit. Da weit mehr regiert wurde als sonst, gewöhnte er sich allmählich an Befehle, die Hoheit seiner Gebieter wurde ihm jeden Tag fühlbar. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts war sein Hauptinteresse auf den kirchlichen Kampf gerichtet, in ruhigeren Jahrzehnten nach dem Schmalkaldischen Krieg bemerkte er mit Behagen die bessere Sicherheit seiner Frachtwagen auf der Landstraße und wahrscheinlich mit nicht geringerer Freude, daß er nicht mehr alljährlich nötig hatte, mit Hellebarde und Donnerbüchse aus den Toren zu ziehen, um ein Raubnest einzuschließen. Seine Kriegstüchtigkeit wurde dadurch geringer, er begann als kritischer Zuschauer den Streit der Großen zu betrachten. Nicht ohne Störungen. Noch waren die Händel und Prozesse mit Nachbarstädten und mit dem umwohnenden Adel häufig, auch untreue Bürger oder rachsüchtige Fremde sandten der Stadt zuweilen einen Fehdebrief in die Mauern, der Türmer hielt seinen Rundgang unter der Spitze des Turmes, und sein Amt galt für unentbehrlich, jeden Abend wurden die Tore sorglich geschlossen. [...] An jedem Markttag strichen die Zunftgenossen spionierend umher und sandten ihre Leute auf die Dörfer, um Pfuscher und Bönhasen zu erspähen, welche den Bauern ohne Berechtigung Schuhe und Kleider fertigten; die Tyrannei, welche die Gewerke der Stadt auf die Umgegend ausübten, wurde dem Lande sehr ärgerlich. Dennoch vermochten die Zünfte nicht dem Bedürfnis des gesteigerten Verkehrs zu genügen, fremde Krämer wurden zahlreicher und zudringlicher, im Norden wußten die unzünftigen Schotten sich festzusetzen, im Süden wurde der Handel der Juden trotz aller Bedrückungen umfangreicher. Auch die Händel zwischen Zünften und Rat störten häufig den Frieden der Stadt; in den großen Reichsstädten war die Bedeutung der Patrizierfamilien wieder gewachsen, zumal seit dem Schmalkaldischen Krieg die Habsburger das Regiment der Geschlechter begünstigten, unter denen sie die eifrigsten Anhänger zählten. Im ganzen wurde doch der größere Schutz der heimischen Existenz überall Quelle eines Gedeihens, welches dem kleinen Bürger am meisten zugute kam, in seiner Innung, der Zechstube und dem Bannring seiner Stadt. Weit schneller floß das Geld durch das Land und gab dadurch vielen das Gefühl des Wohlstandes und leichter Nahrung. Im Hause des Bürgers war Gerät und Einrichtung reichlicher geworden, die meisten Genüsse aus der Fremde wurden durch die bessere Wegsamkeit der Straßen und stärkeren Verbrauch billiger. [...] In den Patrizierfamilien der größten Reichsstädte konzentrierte sich weltmännische Bildung, Wohlstand und die Freude am Genuß, welche sich oft in schlechtem Raffinement äußerte, aber auch Kunst und Handwerk zu den besten Leistungen ermutigte. Was damals von Schönheitssinn zu finden war, wird man vorzugsweise in diesen Kreisen suchen müssen. Während in den größern Städten der Schweiz, den niederländischen Provinzen und den Seeplätzen der deutschen Hansa das Patriziertum eigentümliche weltbürgerliche Richtung erhielt, waren es vorzugsweise die großen Handelsstädte Süddeutschlands und unter diesen wieder Nürnberg, Augsburg, Ulm, Frankfurt am Main und Köln, deren alte Häuser den größten Einfluß auf Luxus, höhere Industrie und gelehrte Bildung der Deutschen ausübten. Die Mitglieder der alten Geschlechter waren immer noch die einflußreichsten Bürger, gewöhnt, große Geschäfte zu leiten, die höchsten Interessen zu vertreten; dabei in der Regel Kaufleute oder große Grundbesitzer. Aus ihren Familien wurde ein Teil der Kirchenpfründen besetzt, sie gewöhnten sich zuerst, ihre Söhne in Italien, dem Land ihrer Geschäftsfreunde, die Rechte studieren zu lassen, sie bereiteten im Anfang der neuen Zeit der humanistischen Bildung in Deutschland die ersten behaglichen Stätten. Häufig waren sie Geschäftsführer, Ratgeber, Vertraute der deutschen Fürsten. Ihre großen Familien, durch häufige Verschwägerungen nicht weniger als durch gemeinsame Handelsinteressen miteinander verbunden, hatten ihre Fäden überall angeknüpft; sie vorzüglich bestimmten die deutsche Politik der Reichsstädte, und sie hätten einen entscheidenden Einfluß auf die Neugestaltung des deutschen Lebens ausüben müssen, wäre ihr Wesen nicht vorzugsweise konservativ, ihre Interessen nicht zuweilen undeutsch gewesen. Sie repräsentierten die Geldmacht Deutschlands, bei ihnen wurden von Kaiser und Fürsten Anleihen gemacht, sie vermittelten den größten Teil des Geld- und Wechselverkehrs, soweit ihn nicht die Juden in der Hand hielten. Die großen Häuser der Fugger, Welser und ihrer Mitteilnehmer bildeten Handelskompanien, welche nicht nur nach Italien und der Levante, auch über Antwerpen und den Atlantischen Ozean durch ihre Kapitalien Einfluß übten, Handel trieben. Bei ihnen monopolisierte sich der deutsche Handel nach Ost- und Westindien, sie kauften ganze Jahresernten vom König von Portugal, verbanden sich mit spanischen Häusern zu umfangreichen Spekulationen, unternahmen eigene Fahrten nach Kalkutta und in unerforschte Länder und bestimmten ohne Konkurrenz die Preise für Zucker und Gewürze des Orients. Ja die Welser waren unter Karl V. Regenten des Staates Venezuela. Diese Herrschaft des Kapitals wurde von Fürsten und Volk mit großem Widerwillen angesehen. Es ging durch die Warengesellschaft sehr viel Geld aus dem Lande, und Teuerung aller Luxusgegenstände wurde durch sie verursacht. So war die allgemeine Klage. Denn die Verminderung des Geldwertes, welche seit Einführung des amerikanischen Goldes eintrat, wurde nur als Steigerung aller Preise aufgefaßt, und die Kaufleute galten für die Schuldigen. Nicht nur Hutten, welchem die Vorurteile seiner Standesgenossen tief im Fleisch saßen, auch die Reichstage eiferten gegen die Macht der großen Geldgesellschaften. Ebenfalls ohne Erfolg. Auch im Volk war die Antipathie allgemein, und die Reformatoren teilten die Ansicht ihrer Zeitgenossen über die Schädlichkeit solcher Herrschaft des Kapitals. Noch läßt sich erkennen, daß auch die Häuser dieser großen Handelsfürsten nicht alle dieselbe Physiognomie hatten. Von den Augsburgern z. B. waren die Welser schon um 1512 im Interesse Reuchlins zu Rom tätig, und ihrem unsichtbaren Einfluß hatte der große Gelehrte vielleicht mehr die Erlösung aus den Händen der Dominikaner zu danken, als den rhetorischen Kunstwerken seiner begeisterten Verehrer in Deutschland. Dagegen galten die Fugger dem Volk vorzugsweise als rücksichtslose Geldmänner und Romanisten, als Feinde Luthers und Freunde Ecks, auf dem der Verdacht lag, in ihrem Solde zu stehen; denn sie besorgten die Geldgeschäfte des Kurfürsten Albrecht von Mainz und der römischen Kurie, und ein Kommis der Fugger begleitete den Ablaßkasten des Tetzel und kontrollierte die eingehenden Beträge, auf welche das Bankierhaus dem Erzbischof von Mainz Vorschüsse gemacht hatte. Es war vielleicht die beste Unterstützung Kaiser Karls V., daß die Interessen dieses mächtigen Hauses im ganzen mit den seinigen zusammenliefen. Dem Volk dagegen wurde die »Fuggerei« das zur Zeit Luthers gewöhnliche Wort für Geldwucher. Und doch lag etwas gefahrdrohend über dem Verkehrsleben Deutschlands, was der stärksten Kraft der Kaufherren von Augsburg und Nürnberg, von Köln, Hamburg und Lübeck unüberwindlich blieb. Der Weltverkehr hatte neue Straßen gefunden, und neue Völker, die Niederländer, Engländer, Nordländer, gewannen die Herrschaft in den Meeren, der italienische Handel von Augsburg, Ulm und Nürnberg führte nicht mehr vorzugsweise die Schätze des Südens dem europäischen Norden zu. Die großen deutschen Handelskompanien vermochten auf die Länge nicht gegen die junge Kraft der Börsen von Amsterdam und London das Übergewicht zu behaupten. Die Deutschen entbehrten eine Seemacht, wie sie jetzt gebraucht wurde, das Reich war für den Völkerverkehr ein Binnenland geworden. Der Reiche wurde nicht arm, und es fehlte nicht Gelegenheit zu lohnendem Gewinn, aber die größten Geschäfte der süddeutschen Häuser wurden Bankiergeschäfte, welche Fürsten und Städten Geld zuführten gegen vorteilhafte Verpfändung von Grundbesitz und Einnahmen. Dieses Stocken des Großhandels, welches den alten Reichtum der Binnenstädte zumeist betraf, nahm dem Patrizier am Ende des 16. Jahrhunderts einiges von der Energie früherer Zeit. Der Geschäftsverkehr war ruhiger, die Söhne alter Familien gewöhnten sich, in dem Wohlstand, den die Väter erworben, vornehmes Haus zu halten. Aber auch als Genießende blieben sie den Städtern, was die Fürsten für ihre Landschaft waren, die Stolzen und Prächtigen, in Verkehr mit einflußreichen Männern aus ganz Europa Gönner der Kunst, Sammler von Kuriositäten und Büchern, Agenten und vertraute Geschäftsmänner der Fürsten. Welchen Eindruck ihr Reichtum und der Schmuck ihrer stattlichen Häuser auf Edelleute aus ärmerer Landschaft machte, davon gibt der Bericht des Hans von Schweinichen aus dem Jahre 1575 ein ergötzliches Bild. Als damals der liederliche Herzog Heinrich von Liegnitz mit seinem Haushofmeister in Augsburg war, erschien den Schlesiern der Glanz des Fuggerschen Hauses märchenhaft. Schweinichen, der im Verzeichnen von Geldsummen und Preisen genauer ist, als bei den unendlichen Schulden seines Herrn nötig war, erzählt darüber folgendes: Es lud Herr Marx Fugger Se. Fürstliche Gnaden einst zu Gaste. Ein dergleichen Bankett ist mir sobald nicht vorgekommen, daß auch der Römische Kaiser nicht besser traktieren könnte; es war dabei überschwengliche Pracht. Das Mahl war in einem Saal zugerichtet, in dem man mehr Gold als Farbe sah. Der Boden war von Marmelstein und so glatt, als wenn man auf dem Eise ging. Es war ein Kredenztisch aufgeschlagen durch den ganzen Saal, der war mit lauter Trinkgeschirren besetzt und mit merkwürdigen schönen venetianischen Gläsern, er sollte, wie man sagt, weit über eine Tonne Gold wert sein. Ich wartete Se. Fürstlichen Gnaden beim Trinken auf. Nun gab Herr Fugger Sr. Fürstlichen Gnaden ein Willkommen, ein künstlich gemachtes Schiff vom schönsten venetianischen Glas; wie ich es vom Schenktisch nehme und über den Saal gehe, gleite ich in meinen neuen Schuhen, falle mitten im Saal auf den Rücken, gieße mir den Wein auf den Hals; das neue rotdamastne Kleid, welches ich anhatte, ging mir ganz zu schanden, aber auch das schöne Schiff zerbrach in vielen Stücken. Obgleich nun bei männiglich ein groß Gelächter war, wurde ich doch berichtet, daß der Herr Fugger unter der Hand gesagt, er wollte lieber hundert Gulden als das Schiff verloren haben. Es geschah aber ohne meine Schuld, denn ich hatte weder gegessen noch getrunken. Als ich aber später einen Rausch bekam, stand ich fester und fiel nachher kein einziges Mal, auch im Tanze nicht. Dabei waren die Herren und wir alle lustig. Der Herr Fugger führte Se. Fürstliche Gnaden im Hause spazieren, einem gewaltig großen Hause, so daß der Römische Kaiser auf dem Reichstag mit seinem ganzen Hof darin Raum gehabt hat. Herr Fugger hat in einem Türmlein Sr. Fürstlichen Gnaden einen Schatz von Ketten, Kleinodien und Edelsteinen gewiesen, auch von seltsamer Münze und Stücken Goldes, die köpfegroß waren, so daß er selbst sagte, er wäre über eine Million Gold wert. Danach schloß er einen Kasten auf, der lag bis zum Rand voll von lauter Dukaten und Kronen. Die gab er auf zweihunderttausend Gulden an, welche er dem König von Spanien durch Wechsel übermacht hatte. Darauf führte er Se. Fürstliche Gnaden auf dasselbe Türmlein, welches von der Spitze an bis zur Hälfte hinunter mit lauter guten Talern gedeckt war. Er sagte, es wären ohngefähr siebenzehntausend Taler. Dadurch erwies er Sr. Fürstlichen Gnaden große Ehre und daneben auch seine Macht und sein Vermögen. Man sagt, daß der Herr Fugger soviel hätte, ein Kaisertum zu bezahlen. Er verehrte mir wegen des Falls einen schönen Groschen, der ohngefähr neun Gran schwer war. Fürstliche Gnaden versahen sich auch eines guten Geschenkes, aber damals bekamen sie nichts als einen guten Rausch. Gerade damals versagte der Fugger einem Grafen seine Tochter, und man erzählte, daß er ihr außer dem Schmuck zweimalhunderttausend Taler mitgäbe. Da bei Sr. Fürstlichen Gnaden wenig Geld vorhanden war, schickte mich mein Herr zu Herrn Fugger, viertausend Taler von ihm zu leihen. Er schlug aber solches gänzlich ab und entschuldigte sich ganz höflich. Am andern Tag aber schickte er seinen Hofmeister zu mir, ihn bei meinem Herrn anzusagen. Da ließ er Sr. Fürstlichen Gnaden zweihundert Kronen und einen schönen Becher von achtzig Taler Wert, dazu ein schönes Roß mit schwarzsamtner Decke verehren. Neben der Richtung auf äußern Glanz stand im Anfang des Jahrhunderts in vielen Patrizierfamilien ein reicheres Leben. Die Häuser der Peutinger in Augsburg, Pirkheimer in Nürnberg waren Mittelpunkte für die edelsten Interessen der Nation, die Hausherren Männer von ansehnlichem Reichtum, Gutsbesitzer und Kaufherren, Staatsmänner und Kriegsleute, zugleich Gelehrte mit eigener Forschung. Für solche Familien malte Albrecht Dürer seine besten Gemälde, zu ihnen pilgerten die reisenden Humanisten, jeder elegante Vers, jedes männliche und geistvolle Wort wurde dort zuerst herzlich gewürdigt. Als Ratgeber und Förderer in weltlichen Geschäften, als mitteilende Eigentümer kostbarer Bibliotheken und der ersten Antikenkabinette, als liberale Gastfreunde im reichlichen Haushalt wußten sie zu ehren, wer ihnen Geist, Wissen, Bildung in das Haus brachte. In diesen Familien erhielten auch die Frauen häufig eine Bildung, welche über die Bekanntschaft mit Spinnrocken, Küche und Gebetbuch hinausging. Was in den Schlössern der Fürsten und in den Höfen des Landadels selten war, das wurde hier der Tochter möglich: ein herzliches Interesse an der Wissenschaft und Kunst, für welche die Freunde des Hauses arbeiteten. Auch für uns liegt ein besonderer Reiz auf den ersten Frauengestalten, welche durch das Morgenlicht der neuen Bildung verklärt sind. Konstanze Peutinger, die für Hutten den Lorbeerkranz flocht, Charitas Pirkheimer, die leidensreiche Äbtissin des Klarenklosters zu Nürnberg, später Philippine Welser, die Gemahlin des Kaisersohns, alle gehören den Kreisen deutscher Patrizier an. Zumal wenn eine Frau sich damals selbsttätig in den literarischen Kampf hinauswagte, ward ihr das wohl zum Verhängnis. Es geschah selten genug. Die bekanntesten, Charitas Pirkheimer und Argula von Grumbach, geborene von Stauffen, erfuhren beide, wie bitter es für Frauen ist, an dem Streit der Männer teilzunehmen. Die katholische Charitas schrieb einen Brief der Verehrung an Emser und mußte erleben, daß dies Schreiben durch die lutherische Partei mit schnöden Randglossen wieder abgedruckt wurde. Die lutherische Argula, Freundin Spalatins, sandte einen belehrenden Brief an Rektor und Universität von Ingolstadt, als diese ein Mitglied ihrer Korporation, den Arsatius Seehofer, durch Gefängnis und Androhung des Feuers gezwungen hatten, siebenzehn Ketzereien zu widerrufen, welche er nach Melanchthons Schriften den Studenten vortrug. Argula nahm sich des Magisters tapfer an, den sie achtzehnjährig und noch ein Kind nennt, und erbot sich, selbst nach Ingolstadt zu kommen und die gute Sache gegen die Universität zu verteidigen. Dafür wurde sie in Versen boshaft befehdet, auf die sie sich allerdings in Gegenreimen tapfer verteidigte. Die letzten Lebensjahre der Charitas und ihres milden Bruders wurden durch rohe Angriffe des protestantischen Pöbels und seiner Prädikanten verbittert, Argula ward vom bayerischen Hof verbannt, ihr Mann seines Hofdienstes in Ungnade entlassen. Beide Frauen haben einiges gemeinsam, die harmlose Eitelkeit, in welcher die katholische Äbtissin ihrem Latein zierliche Phrasen, die lutherische Rittersfrau ihrem Deutsch fromme Bibelsprüche einzuflechten liebt. Beide leben in Täuschung über die Autorität der Worte, welche sie dem Publikum gönnen. Aber während Charitas mehr von einer schönen Seele hat, die sich aus der gemeinen Wirklichkeit in den stillen Verkehr mit verwandten Geistern zurückzieht, ist die Rittersfrau tapferer, unternehmender und fehdelustiger. Von der Äbtissin des Klarenklosters hielt Luther wenig; ob er seine eigene Parteigängerin von Herzen verehrte, wissen wir nicht. Er ließ sie öfter artig grüßen, schrieb ihr auch wohl einmal in Antwort auf ihre häufigen Briefe und vernahm abwehrend, aber mit Anteil, wie sehr sie sich für seine Verheiratung interessiere. Als er aber im Jahre 1530 auf der Feste Coburg verborgen lebte und die literarische Dame sich nicht versagen konnte, den hochverehrten Mann zu besuchen, schrieb Luther noch an demselben Tage an Melanchthon, er werde das Gerücht seiner Abreise verbreiten, um dergleichen Besuche in seinem Versteck loszuwerden. Zu den angesehensten Patriziergeschlechtern in Frankfurt am Main gehörten die Glauburgs. Mit Männern dieser Familie war Hutten befreundet gewesen: er hatte einmal den schönen Traum gehabt, sich in Frankfurt niederzulassen und eine Verwandte seiner Freunde zu heiraten. Auch den Feuergeist Huttens hatte der stattliche Wohlstand, das gebildete Leben dieser Geschlechter mächtig angezogen, er selbst widerspricht eifrig dem Verdacht, als wolle er die Neuvermählte mit sich auf das Felsennest seiner Familie in die Wildnis hinaus nehmen. Vorsichtiger, als sonst seine Art war, warb er um das Mädchen, damals war Arnold von Glauburg sein Vertrauter. Es war ein kurzer Traum, bald riß ihn sein Schicksal hinweg. In diese Patrizierfamilie aber sollen die folgenden Frauenbriefe einführen. Das erste ist der Brief einer Mutter an ihren Sohn, worin sie ihm ein Mädchen zur Gattin empfiehlt, um ihn aus dem revolutionären Wittenberg und aus der Nähe Luthers fortzuziehen. Ein Brief, charakteristisch für die Stellung der Frauen in der Familie, das Schreiben einer Frau von Energie und klugem Sinn, welche zu herrschen gewöhnt und nicht ohne Neigung zu Intrigen ist. Ihr Sohn ist der Neffe jenes Arnold von Glauburg, Sohn des Johann, welchem Hutten mit herzlichem Gruß seinen Dialog Febris zusandte. 1526 Margarete Horng Margarete Horng von Ernstkirchen, zweimal vermählt, zuerst mit Dr. Johann von Glauburg zu Lichtenstein, dann mit Weicker Frosch, beide Geschlechter von Frankfurt. aus Frankfurt an ihren Sohn Johann von Glauburg in Wittenberg Meinen freundlichen Gruß zuvor, lieb Johann, wisse, daß wir noch allsammen gesund sind, Gott hab' Lob und Dank, also hoffe ich auch von Dir zu hören. Lieber Johann, nachdem ich Dir in dem letzten Brief geschrieben hab', daß Johann Knoblauchs Hausfrau gestorben ist, der Gott gnädig sei. Sie war meine gute Freundin, es hat mir ihr Tod wohl so weh getan wie meiner beiden seligen Hauswirte Absterben, wodurch mir doch groß Leid geschah ; aber was Gott will, darin muß man Geduld haben. Ich und sie sind in einem Jahre hergekommen und haben uns auch so freundlich zusammengehalten, daß keine die andere mit einem Worte erzürnt hat. Sie hat mir auch ihre zwei Töchter auf ihrem Todbett so befohlen, als ob ich ihre Schwester wäre, daß ich ihre Ausstattung besorgen soll, wenn ich erlebe, daß sie sich verändern. Die eine ist jetzt mannbar und ist eine feine gerade Jungfrau, sie ist in der Länge wie Deine Stiefschwester Anna, wie sie auch heißt, und ist eine feine Haushälterin, wem sie zuteil wird, der wird sicher ihrethalb nit verderben. Ich verseh' mich wohl, ihr Vater wird sie bald verändern, denn es sind drei da, die um sie werben, zwei Edelmänner, und der dritte Johann Wolf Rohrbach, der Frau Ursula zu der grünen Tür Die Rohrbachs ebenfalls ein Frankfurter Geschlecht. Die Mutter des jungen Rohrbach war Ursula von Melam, nach ihrem Hause zur grünen Tür benannt. Sohn, der ist jetzt groß und ist seit Ostern bei der Mutter. Wiewohl er nit mehr denn neunzehn Jahr alt ist, so ist doch seine Mutter mit seinen Freunden des Willens, wenn es ihm in dem Hause geraten möchte, so würde sie ihn verändern, dieweil sie noch am Leben ist. Denn es weiß jetzt niemand, wo man mit den Söhnen hin soll, daß sie lernen und studieren, was der Seele Heil sei, daß sie nit verführt werden; und auch wenn sie lange studieren und viel Geld vertun, so bringt es ihrer manchem nit immer Nutzen, und wär' ihm vielleicht nützlicher, daß er bei seiner angeborenen Ehrbarkeit bliebe, die er von Gott hat, als daß er viel studiert und die Schriften nit recht versteht, und daß ihn dann der Teufel durch Hoffart verführe und andere mit ihm, die ihm glauben, dieweil er gelehrt ist und auch das Schwatzen wohl versteht. Ein solcher führt das Volk gar in großen Irrtum. Davon wollt' ich Dir gar viel schreiben, aber ich hab' Dir es in dem letzten Brief vor diesem verheißen, ich wollte dir nit mehr davon schreiben, und will es auch nit tun, dieweil Du in Wittenberg bist; aber Du wähnst, Du seist gar wohl in Wittenberg aufgehoben, Gott gebe, daß es wahr sei, Du wirst es wohl erfahren. Ferner, lieb Johann, so wisse, warum ich Dir jetzt also schreibe – – eine ehrliche Person hat mit mir jetzt geredet, des Johann Knoblauchs Hausfrau habe ihrem Hauswirt befohlen, wenn du mit samt Deiner Freundschaft seiner Tochter begehrst und die Tochter einen Willen dazu habe, so soll sie der Vater Dir vor andern geben. Darauf hab' ich zur Antwort gegeben, ich wisse Deine Neigung nicht und wollte Dir schreiben und wollte Dir zu wissen tun; was mir dann von Dir zur Antwort werde, das wollt' ich dieselbe Person wissen lassen. Darum, lieb Sohn, so laß ich Dich wissen, daß mir die Jungfrau wohl gefällt mit allem ihrem Wesen, besser als eine andere, die ich jetzt weiß, so ist auch die Mutter eine ehrbare, feste Frau gewesen. Woran ich ein viel besseres Gefallen habe, da sie nicht von einer wankelmütigen Art ist. Denn wer nit eine geschickte, feste Frau hat, sei sie auch so fein und so reich als sie will, so wird doch ein armer, kümmerlicher Mann aus ihm. Darum, lieb Johann, wenn Du mir darin folgen willst, so wollt' ich Dir's mit aller Treue raten. – Zwar sind elf Kinder da zu versorgen, wovon ein Teil noch klein ist, es ist aber wohl möglich, daß ihrer weniger werden; so ist auch ein gutes Auskommen da und das Mehrteil liegende Güter. Darum, lieb Sohn, bedenke Dich, ich will Dich nit zwingen zur Veränderung, aber Du tätst mir gar einen großen Gefallen mit diesem Hause, denn ich sehe noch in langer Zeit keinen Ort, der mit allem, was darum steht, so gut für Dich wäre als dieser Ort. – Lieb Johann, wenn Du ein Gefallen daran hättest, doch so, daß Du gern wolltest, daß Du sie und sie Dich vorher sehen möchte, so komm in der Fastenmesse her mit der ersten Gesellschaft, die Dir gefällt, die durch sichere Straßen zieht, und laß es bei Dir bleiben und sag deiner Gesellen keinem davon. Bis ein oder zwei Tage vor deinem Weggange, dann sag es Justinian, daß Du heim willst. Aber Du sollst ihm nit sagen, weshalb Du heim wolltest, sondern Deiner Güter wegen, daß Du sie wieder bestellst, weil ich Dir so hart geschrieben hätte, daß ich Dir die nit mehr verwalten wolle nach den letzten drei Briefen, wie ich denn auch zu tun willens bin, wenn du mir in keinem Stück folgen willst. Auch hast Du wohl Ursach', daß Du ihm sein Wort abnimmst, auf daß es geheim bleibe. Lieb Johann, ich bitte Dich, Du wollst bedenken, wie die Zeitläufte jetzt sind, daß es sich zu dieser Zeit nit schicken will, lange unverändert zu bleiben. Ach gäbe doch mein Schwager, Herr Hammann Hammann von Holzhausen, Vater des Hieronymus, und der reiche Blasius von Holzhausen, aus einem adligen Geschlecht von Frankfurt. , dem Justinian auch eine Frau zur Zeit, dieweil dieser nach seinem Gefallen lebt, es würde ihm keine Schande sein, damit es nit mit ihm zugeht wie mit seinem seligen Vetter Blasius, der hatte sich an die Büberei gewöhnt, und deshalb konnte ihn niemand zum Heiraten bringen, bis er alt wurde, und da hatte er keine Gesundheit und hat auch kein Kind verlassen, und seine Hausfrau hat sich wieder verändert, sie hat einen Edelmann, einen Schenk von Schweinsburg. Man sagt, sie werde bald Hochzeit machen, Gott geb' ihr Glück. So weit der Brief. Der Wunsch der klugen Mutter wurde erfüllt, ihr Sohn kehrte, wie sie vorsichtig befohlen, nach Frankfurt zurück, er heiratete das Mädchen ihrer Wahl und lebte vierzig Jahre mit ihr in glücklicher Ehe. Wenn auch von ihm und Anna Knoblauch keine weiteren Aufzeichnungen zugänglich sind, so sind doch in derselben Familie aus dem Ende des Jahrhunderts andere Nachrichten, welche in liebenswürdiger Weise das Verhältnis einer Braut zu ihrem Verlobten charakterisieren. Ein Enkel des Genannten, der reiche Patrizier Johann Adolf von Glauburg aus Frankfurt, lernte auf einem Besuch in Nürnberg die schöne Ursula Freher kennen, Tochter des Stadtsyndikus von Nürnberg und Schwester des berühmten Gelehrten und Staatsmannes Marquard Freher zu Heidelberg. Der Reiz und die Anmut des Mädchens wurden in ganz Schwaben gefeiert. Die folgenden Briefe sind während des Brautstandes von ihr an ihn, von Nürnberg nach Frankfurt geschrieben. 1598 I Dem edlen und ehrenfesten Johann Adolf von Glauburg, meinem herzlieben Junker zu Händen. Edler, ehrenfester, freundlicher und herzlieber Junker! Euer Schreiben samt der Kette hab' ich mit herzlicher Freude empfangen und Eure Gesundheit mit Freuden vernommen, und hab' nit gern gehört, daß Eure liebe Schwester und Sohn nit wohlauf sind. Gott der Allmächtige wolle es zur Besserung schicken, nach seinem göttlichen Willen. Amen. Was uns anlangt, so sind wir, gottlob, ziemlich wohlauf, Gott wolle uns beiden Teilen das länger erhalten. Herzlieber Junker! der Herr Vater hätte Euch gern geschrieben, doch ist uns Euer Schreiben gar spät zugekommen und der Bote am Tor will wieder fort, so daß es für diesmal nit sein kann, aber mit erster Gelegenheit wird es geschehen. Herzlieber Junker! über die Kette mache ich euch keine Vorschrift; wie Ihr wollt, so bin ich's zufrieden, wie es Euch gefällt, so gefällt es mir auch. Diese Kette, welche ich hier habe, will ich fleißig aufheben, wenn Euch Gott zu uns hilft, so will ich sie Euch mit Gelegenheit wieder zustellen, die ist mir gar zu stattlich. Mit dem Maler, das ist fertig bis auf die Kleider, die malt er noch, er vermeint, in etwa zehn Tagen ganz fertig zu werden. Ich habe wohl Sorge, wenn das Bild zu Euch hinab kommt, so wird man sagen: dergleichen hätte der Junker wohl auch zu Frankfurt bekommen, er hätte so weit nit ziehen dürfen. Was die Armbänder anlangt, die hab' ich nit bekommen, es ist noch gute Zeit, ich will aber danach schicken. Herzlieber Junker! ich weiß Euch für diesmal nichts mehr zu schreiben, ich bitte Euch gar freundlich, Ihr wollt mit dem elenden Schreiben vorlieb nehmen. Es ist in der Eile zugegangen. Ein andermal will ich's besser machen. Nichts mehr als: Ihr und Eure Lieben seid von mir und meiner Frau Mutter ganz freundlich gegrüßt und Gott dem Allmächtigen in seinen Schutz und Schirm befohlen. Datum den 12. September. Eure liebe getreue allezeit Ursula Freherin. 2 Edler, ehrenfester, freundlicher, herzlieber, vertrauter Junker! Euch sei meine Treue und Liebe nebst meinem Gruß und Wünschung von allem Lieben und Guten zuvor. Euer Schreiben habe ich mit Freuden empfangen und daraus Eure und der Eurigen Gesundheit mit herzlicher Freude vernommen. Bei uns steht es so, daß wir dem treuen Gott zu danken haben, der sei ferner mit seiner Gnade bei Euch und uns allen. Amen. Was aber die Hochzeit anlangt, so hat sich der Herr Vater und Frau Mutter wiederum besonnen und wollen sie also, beliebt's Gott, auf den 13. November sein lassen, wie der Junker denn aus des Herrn Vaters Schreiben weitläufiger vernehmen wird. Herzlieber Junker! aus Eurem Schreiben verstehe ich so viel, daß Ihr nämlich gern vor der Hochzeit noch einmal heraufkommen wollt. Wenn es geschehen könnte, so wäre es gewißlich eine meiner größten Freuden, und würden sich alle die Meinigen (niemand ausgenommen) herzlich erfreuen. Ich will diesmal nit darum bitten, sondern der Hoffnung und Zuversicht sein, so es werde geschehen können, werde es der Junker an sich nit ermangeln lassen, sondern mich Arme, Verlassene einmal besuchen, worauf ich denn mit Verlangen warte. Herzlieber Junker! wißt, daß das Paket noch nit ist gekommen. Wir haben schon etlichemal danach geschickt, da hat man uns geantwortet, sie seien alle Stunden desselben gewärtig; sobald es kommt, soll es nach Eurem Begehren besorgt werden; ich glaube, Ihr werdet wohl damit bestehen. Es hat die D. Reinerin schon der Frau Mutter deswegen zugeschrieben und deutlich zu verstehen gegeben, daß man sie mit dem Brautstück Hier ein Geschenk des Bräutigams an verwandte Frauen der Braut, Stücke Zeug zu Kleidern und dergleichen. nit vergessen wolle. Gleichwohl hat sie solche Sorge nit nötig gehabt, dieweil Ihr vorher bei guter Zeit an sie gedacht habt. Herzlieber Junker, was aber die Hemden und Kragen anlangt, so sollt Ihr wissen, daß wir gar heftig damit in Arbeit sind, und so viel davon fertig werden können, wollen wir austeilen. Die Armbänder hab' ich empfangen. Tu mich, herzlieber Junker, zum höchsten bedanken! sie sind gar zu schön an meine schwarzen Hände, sie gefallen mir aber doch wohl. Was die Kleidung anlangt, so ist sicher, daß der Herr Vater gern eine Tochter wie die andere damit halten wollte; dieweil es aber diesmal nit sein kann, so hat er eingewilligt ein übriges zu tun. Ich hab' ganz fertig drei taffetene Kleider, das leibfarbene, ein goldgelbes, ein schwarzes. Jetzt haben wir den Schneider im Haus, der macht eins von veilchenfarbenem Damast und noch eins, womit ich zur Kirche gehen soll, und das soll sein von rotem Atlas oder von schwarzem Damast. Jetzt bitte ich, Ihr wollet mich wissen lassen, zu welchem Ihr am besten Lust habt. Herzlieber und vertrauter Junker! Ich darf mich nit unterstehen, den Herrn Vater weiter zu treiben, um deswillen, weil keiner von meinen Schwestern so viel und so Stattliches gemacht worden ist. Dieweil Ihr mich aber so hoch ermahnt, so muß ich gleich so unverständig sein und den Junker um etwas ansprechen und zuvor freundlich bitten, Ihr wollet mir solches ohne Arg aufnehmen, da ich es auf Euer Geheiß und freundliches Begehren tue, und das ist die Bitte: herzlieber Junker, Ihr wollet mir etwas zu einem Rock schicken, was Euch beliebt, sei es nun leibfarben oder silberfarben, damit ich mich um so öfter anders kleiden könnte. Herzlieber, vertrauter Junker! ich hätt' noch eine große Bitte an Euch. Wie Ihr wohl wißt, sind meine zwei Schwestern, die mich lieb haben und ich sie wiederum, den möchte ich gern in Eurem Namen ein wenig etwas zu einem Brautstück vergönnen, so es Euch als gut erscheint. Solches habe ich Euch geschrieben, dieweil Ihr es von mir begehrt habt, daneben bitt' ich den Junker, er wolle es mir nit vorübel nehmen. Ich schreibe es nit in der Meinung, daß es sein muß, sondern es steht allewege Tun und Lassen bei dem Junker, der mag es damit halten, wie es ihm gefällt. – Schicke Euch hier nach Eurem Begehren ein Maß meiner schönen Länge, wir haben nichts zugegeben, sondern wie das Mensch ist, so ist auch das Maß. Hoffe, man soll mich will's Gott bald sehen, so lang und schön als ich bin. Von den überschickten Weintrauben haben wir mit Freude verzehrt und tun uns wegen derselben zum freundlichsten bedanken. Wenn wir etwas Seltenes bekommen, wollen wir es Euch auch mitteilen. Daß mein Konterfei Eurer jüngsten Tochter so wohl gefällt und sie ihm so viel Ehre erzeigt, ist mir gar lieb, laßt sie es nur tapfer küssen, hilft mir Gott zu ihr, will ich's ihr doppelt wiedergeben. Die Schuhe, die ich haben muß zum Ausziehen Die Brautschuhe, welche nach dem Hochzeitsschmause vom Fuße der Braut den Junggesellen gegeben wurden. , will ich mit erstem machen lassen aufs beste, so gut man's hier kann, obwohl sie hier nit bräuchlich sind. Herzlicher Junker, vor dem Schluß bin' ich noch eins, nämlich Ihr wollet dies mein schlicht einfältig und böses Schreiben für der besten eins aufnehmen, denn ich meine es treulich und schreibe aus offenem Herzen, und wollet es auch wiederum einer Antwort würdigen, welche ich gleichwohl viel lieber mündlich als schriftlich haben möchte. Nit mehr als was Euch von mir jederzeit lieb und angenehm ist. Hiermit sei der Junker mit seinem herzlieben Sohn und Tochter zu viel hunderttausend Malen gegrüßt und Gott dem Allmächtigen Ihr und wir alle befohlen. Datum den 10. Oktober zu Nürnberg. Eure getreue im solange ich lebe. Ursula Freherin. 3 Edler, ehrenfester, freundlicher, herzlieber Junker! Euch sei mein freundlicher Gruß nebst Lieb und Treue zuvor. Euer Schreiben hab' ich mit Freuden empfangen und Eure und der Eurigen Gesundheit mit herzlicher Freude vernommen. Was mich und die Meinigen anlangt, so haben wir dem lieben getreuen Gott zu danken; er verleihe ferner seine Gnade beiden Teilen. Amen. Ferner aus Eurem Schreiben vernehme ich, daß es nit sein kann, daß Ihr noch vor der Hochzeit heraufkommt. Das haben wir nit gern gehört, bin gar nit zufrieden, hab' gänzlich vermeint, Ihr werdet kommen, hab' mich auch herzlich gefreut, bin auch oft an das Fenster gelaufen, wenn ich etwas hab' hören reiten oder fahren; nun ist es alles vergebens gewesen. Unser lieber Herr Gott verleihe uns allen Gesundheit und helf uns mit Freuden zusammen. Was aber den Kranz anlangt, tu ich mich, herzlieber Junker, hoch und freundlich bedanken, daß Ihr mich's habt wissen lassen. Ich denke wohl, wir werden viel grobe Nachrede verursachen, weil wir die Bräuche bei Euch drunten nit wissen, da es alles drunten anders ist als hier oben. Ich bitte Euch, Ihr wollt den Kranz machen lassen, wie er sein soll, und uns zuschicken, wie Ihr schreibt. Und über den anderen Kranz hat mich die Frau Nützelin Margarete Völker, eine Geschlechterin aus Frankfurt, an Joachim Nützel, einen Geschlechter in Nürnberg, verheiratet. [...] berichtet, wie er sein soll, und habe einen bestellt mit goldenen Spangen, er soll schon recht gemacht werden. Mit dem Brautstück bin ich nit wohl zufrieden, daß Ihr mir nit schreibt, was ich für meine Schwestern nehmen soll, denn sie wollen nit sagen, was sie haben wollen; ich hab' Sorge, ich nehme zu viel oder zu wenig, ich wollt' es gern recht machen; ich hab' vermeint, Ihr werdet mich wissen lassen, was und wieviel. Was das meinige anlangt, hoffe ich, ich will machen, daß ich dasselbige verdiene. Herzlieber Junker, ich hätte noch eine große Bitte an Euch wegen der Schuh, wenn ich sie tun dürfte und Ihr mir es ohne Arg aufnehmen wollt. Es ist aber doch eine Schande, daß ich Euch damit bemühen soll, kann es aber nit umgehen. Ich hab' Schuh machen lassen und hab' sie die Frau Nützelin sehen lassen, so sagt diese, sie taugen gar nichts und seien auch gar groß, sie müßten ganz klein sein, man werde mich sonst gar sehr auslachen; und hat mir geraten, ich soll dem Junker schreiben und bitten, daß sie drunten gemacht werden; weil sie gebräuchlich sind, so könnte man's besser machen denn hier oben, da man sie hier gar nit trägt. Sie wollen mich auch gar nit verstehen; wenn ich ihnen schon lange davon vorrede, so verstehen sie mich doch nit, habe gleichwohl auch nie einen gesehen. Schicke Euch hiemit, herzlieber Junker, zwei Dukaten, bitt' Euch, Ihr wollt's durch eine Eurer Mägde besorgen lassen, Ihr dürft nit damit bemüht sein, ich begehr's gar nit. Sie dürfen nit gar kostbar sein, es seien nun die Wappen oder aber die Namen drauf, sie dürfen auch nit groß sein und nit lang. Die Frau Mutter läßt Euch bitten, Ihr wollt ihr's nit vorübel haben, daß sie Euch auf Euer Schreiben nit antwortet, sie habe jetzt keine Zeit, sie hat gar viel zu tun, ein andermal will sie antworten. Herzlieber Junker, ich weiß Euch nichts zu schreiben, als gestern bin ich auf der Hochzeit gewesen, da hab' ich viel leiden müssen, dieweil Ihr nit hier seid und auch nit herkommt, und hat mich der Nützel an Eurer Stelle heimgeführt. Ich weiß Euch für diesmal nichts mehr zu schreiben, ich hab' nit mehr Zeit, ich muß auf die Hochzeit gehen. Nichts mehr, als Ihr und all die Eurigen seid von mir und der Frau Mutter und Brüdern und Schwestern zu hunderttausendmalen freundlich gegrüßt, und Gott dem Allmächtigen in seinen Schutz und Schirm befohlen. In großer Eile. Eure getreue und liebe schwarze, solange ich lebe im Ursula Freherin. XVI Deutscher Landadel im 16. Jahrhundert Allmähliche Umwandlung. – Charakter des Götz von Berlichingen. – Aus seiner Selbstbiographie. – Charakter Schärtlins. – Erzählung des Schärtlin. – Die Verschlechterung seiner Wehrkraft wird dem Adel zum Heil. – Hofadel. – Die Fürstenhöfe seit 1550, Feste, Turniere, Inventionen, Liebhabereien, Sammeltrieb, Hauswesen, Jagd, spießbürgerlicher Charakter der Fürsten am Ende des Jahrhunderts. – Hans von Schweinichen und Herzog Heinrich von Liegnitz. – Erzählung des Schweinichen Kurz vor 1500 begannen unter dem neuen Kaiser Maximilian die denkwürdigen Versuche, dem zerrütteten Körper des Reiches eine neue Verfassung und die Möglichkeit eines neuen Lebens zu geben. Die großen Institutionen, welche Waffenruhe und Gesetzlichkeit allgemein machen sollten, waren der Ewige Landfriede und das Reichskammergericht. Langsam setzten sie sich durch, nicht ohne viel Störungen und Unterbrechungen. Mehr als hundert Jahre dauerte es und drei Menschengeschlechter starben dahin, bevor der niedere Adel sich an den Zwang der neuen Gesetze gewöhnte, während Fürsten und Städte, wie oft sie selbst feindlich gegeneinander haderten, beide das größte Interesse hatten, ihn zum Gehorsam zu zwingen. Der Adel verlor einen Teil seiner wilden und offenen Entschlossenheit und eignete sich vorzugsweise die Fehler der neuen Zeit an. Gleich einem besiegten Stamm, dem der Überwinder neue Tracht, Sprache und Sitte aufdrängt, kränkelte das Geschlecht der alten Raubgesellen am Rhein und Neckar, an Elbe und Oder. Wie die Wandlung nach und nach geschah, soll hier an einigen Beispielen gezeigt werden. Ein glücklicher Zufall hat uns drei Selbstbiographien deutscher Adligen aus verschiedenen Zeiten des 16. Jahrhunderts erhalten, die des Berlichingen, des Schärtlin, des Schweinichen, alle drei wohlbekannt, die erste, solange es deutsche Sprache gibt, innig verbunden mit dem Namen des größten deutschen Dichters. Die drei Männer, deren Blütezeit in den Anfang, die Mitte und das Ende des großen Jahrhunderts fällt, sind in Charakter und Lebensschicksalen durchaus verschieden, aber alle drei sind Gutsbesitzer, und jeder von ihnen hat seine Lebensereignisse so erzählt, daß man in die gesellschaftlichen Zustände seines Kreises belehrende Einblicke erhält. Am bekanntesten ist Götz von Berlichingen, seine Lebensgeschichte am häufigsten (zuerst 1731) gedruckt. Da auf seinem Bilde die Verklärung liegt, welche ihm Jahrhunderte nach seinem Tode durch das Gedicht Goethes ward, so hat jetzt der Leser seiner Biographie einige Mühe, die idealen Linien des Dichters von der Gestalt des historischen Götz fern zu halten. Und doch ist das nötig. Denn wie bescheiden und liebevoll auch Goethe die geschichtlichen Züge verwertet hat, der historische Götz sieht in seiner wirklichen Umgebung anders aus. Als er sein Leben schrieb, ein Greis, in einer Zeit, der er fremd geworden war, weilte seine Erinnerung am liebsten bei den Reiterstückchen seiner wilden Jugend. Daß sein Treiben unfruchtbar für ihn selbst und schädlich für andere gewesen, vermögen wir ohne Mühe hinter den Zeilen zu lesen. Und vorzugsweise charakteristisch ist, daß er in der Mitte seines Lebens gebrochen und gedemütigt wurde, weil er bei dem großen Bauernaufstand ratlos auf die falsche Seite geriet. Um politische Fragen zu sorgen war nicht seine Sache; kam er in eine Krisis, so handelte er nach dem Rat seiner Gönner, größerer Dynasten, welche seinen starken Arm und beharrlichen Willen für ihre Zwecke gebrauchten. Als das Bauernheer über seinen Grund hereinbrach, wußte er sich mit seinen Sippen keinen Rat und schrieb an einen Ratgeber. Die Antwort wurde durch seine Schwiegermutter und seine Frau unterschlagen, er war dem eigenen Urteil überlassen und besaß nicht Geschick genug, sich den drängenden Insurgenten zu entziehen. Wäre er gewesen wie viele seiner Standesgenossen, etwa wie Max Stumpf, so hätte er die Bauern trotz allem Gelöbnis verlassen. Aber treu dem Buchstaben seines Wortes hielt er bei ihnen aus, ohne wirkliche Treue, nicht ohne zweideutige Handlungen, bis die vier Wochen, für die er sich ihnen verpflichtet hatte, vergangen waren, er hielt aus, obgleich er in der Tat nicht ihr Führer, sondern ihr Gefangener war. Seitdem lebte er einige Jahre in enger Haft, lange Zeit unter starken Freiheitsbeschränkungen auf seinem Schloß. Um ihn tummelte sich ein neues Geschlecht in leidenschaftlichem Kampf, ihn selbst bekümmerte fortwährend, daß er in der Bauernzeit doch als ehrlicher Reiter gehandelt habe, und daß er jetzt wieder sein Wort halten und die Schritte zählen müsse, die ihm aus seinem Burgtor zu schreiten vergönnt war. Nach sechzehn Jahren einsamer Zurückgezogenheit ward er als alter Mann noch zweimal in die Kriegshändel eines jüngeren Geschlechts gerufen, die ihm keine Abenteuer und keine Gelegenheit zu Ruhm und Beute brachten. Da er endlich zweiundachtzig Jahr alt auf seiner Hornburg in Frieden starb, war Luther seit sechzehn Jahren tot, Kaiser Karl V. war vier Jahre vorher im Mönchskloster eingesargt worden, aber seine Selbstbiographie, obgleich in dem letzten Lebensjahr geschrieben, hat für die lange Zeit seit dem Jahre 1525 nur wenige Seiten. – Hier seien außer einem kleinen Abenteuer aus seiner frühen Jugend, welches zeigt, wie man sich damals in einer Dorfgasse raufte, Bruchstücke aus seinem Bericht über die Nürnberger Fehde mitgeteilt. Götz von Berlichingen Um 1502. Ungefähr um Michaelis hat sich zugetragen, daß ich mit Neidhart von Thüringen, dem ich damals aufwartete, von Sottenberg herabgeritten bin. Als wir so fortziehen, werden wir zwei Reiter bei einem Hölzlein gewahr, an einem Dorf, heißt Obereschenbach; das war Andreas von Gemünd, Amtmann zu Solleck, und sein Knecht, den hieß man den Affen. Nun hatte sich zuvor begeben, daß ich einst zu Hamelburg in die Herberge zu Herrn Neidhart und seinen Knechten gehen wollte, welche mehrerenteils trunken waren, da war erwähnter Affe auch da, sehr voll und hatte viel Wind in der Nase, machte viel seltsame Reden und sagte: »Was will der Junker Götz wartete damals noch auf und hatte den Titel Junker nicht zu beanspruchen. tun, will er auch zu uns?« und dergleichen höhnische Worte, womit er mich aufzubringen vermeinte. Das verdroß mich in der Stille, und ich sagte zu ihm: »Was bedarf ich deiner Junkerei oder deines Gespöttes oder deiner Neckerei; wenn wir einmal im Feld zusammenstoßen, da wollen wir sehen, wer Junker oder Knecht sei.« Jetzt nun, da wir von Sottenberg herabzogen, dachte ich, er wird's sein und mit seinem Junker reiten. Da ritt ich auf dem nächsten Weg einen großen hohen Berg hinauf und brachte im Rennen den Pfeil auf die Armbrust und hinüber zu ihnen. Ich hatte aber noch weit bis zu ihm, da floh sein Junker dem Dorfe zu, so daß ich dachte, er mahnt die Bauern auf, aber der Knecht, der Affe, hatte auch eine Armbrust und floh ebenso wie sein Junker. Wie ich nun an ihn kam, mußte er in einem hohlen tiefen Weg dem Dorfe zu. Ich hatte noch weit bis an die Ecke, wo der Weg hineinging, ließ ihn in den hohlen Weg reiten und schoß ihn auf den Rücken. Nun hätte ich den Pfeil wohl wieder auf die Armbrust bringen können, dachte aber, er wird das nicht abwarten, weil er auch einen Pfeil auf der Armbrust hat. Da ich nun keinen Menschen bei mir hatte, so ließ ich das mit der Armbrust bleiben Von zwei Armbrüsten einer Partei deckt eine die andere, indem sie den Schuß bewahrt, bis die andere gespannt hat. Der einzelne Schütze ist während des Spannens wehrlos. und ritt ihm nach in die Hohle hinein, und da er sah, daß ich die Armbrust nicht aufgebracht hatte, wartete er meiner am Dorftor, bis ich fast an ihn kam, da schoß er mich von vorn auf den Krebs , daß der Pfeil in Splitter ging, die mir über den Kopf hinaussprangen. Da warf ich ihm meine Armbrust an den Hals, denn ich hatte keinen Pfeil darauf, das Schwert heraus und rannte ihn zu Boden, daß sein Gaul mit der Nase auf der Erde lag. Er aber kam allemal wieder auf und schrie immer die Bauern an, sie sollten ihm helfen. Und wie ich so im Dorf mit ihm umherrannte, stand ein Bauer da, der hatte eine Armbrust und schon den Pfeil darauf, ich auf ihn zu, ehe er zum Schuß kam, schlug ihm den Pfeil von der Armbrust, hielt bei ihm, stieß das Schwert wieder ein, redete mit ihm, gab ihm Bescheid und sagte: ich gehörte zu Herrn Neidhart von Thüringen, und wir wären auch gut fuldaisch. Indem kam ein ganzer Haufe Bauern mit Schweinspießen, Handbeilen, Wurfbeilen, Holzbeilen und Steinen, sie umringten mich – wirfst du nicht, so hast du nicht, schlägst du nicht, so gilt es nicht – daß mir die Beile und Steine neben dem Kopf hin fuhren und mich deuchte, sie berührten mir die Pickelhaube. Endlich lief ein Bauer heran, der hatte einen Schweinspieß, auf ihn ritt ich zu, und als ich das Schwert wieder zog, schlug der Bauer und traf mich auf den Arm, daß ich dachte, er hätte mir den Arm entzweigeschlagen, und wie ich nach ihm stach, fiel er mir unter den Gaul, daß ich nicht so viel Platz hatte mich nach ihm zu bücken. In Summa, ich brach durch, aber doch lief noch ein Bauer heran, der hatte ein Holzbeil, aber dem gab ich einen Treffer, daß er daneben auf den Zaun fiel. Nun wollte mein Gaul nicht mehr laufen, denn ich hatte ihn ganz verschlagen, und mir war angst, wie ich zum Tor hinauskommen möchte. Und wie ich demselben zueilte, war gleich wieder einer da, der wollte das Tor zuschlagen, aber ich kam doch hinaus, ehe er zuschlug, und wie ich ein wenig vor das Tor hinauskam, war auch der Affe schon wieder da und hatte wieder einen Pfeil auf der Armbrust und vier Bauern bei sich und schrie: her! her! her! und schoß damit wieder nach mir, daß ich den Pfeil auf der Erde prellen sah. Ich demnächst wieder auf ihn los, das Schwert heraus und jagte sie alle fünf in das Dorf hinein. Da fingen die Bauern an und schlugen Sturm über mich, ich aber ritt davon, und wie ich wieder Herrn Neidhart zuzog, der gar weit draußen auf dem Felde hielt, sahen wir allenthalben nach den Bauern, aber es wollte keiner mehr zu mir kommen. Als ich fast bei Neidhart war, ritt ein Bauer daher mit dem Pflug, dem Sturme nach, ich über ihn und fing ihn, daß er geloben und schwören mußte, mir meine Armbrust wieder herauszubringen, denn ich hatte sie nach dem Affen geworfen, als er mich, wie vorhin gemeldet, schoß, und hatte nicht so viel Weile gehabt, daß ich sie wieder hätte langen mögen, sondern mußte sie im Wege liegen lassen. – Um 1512. Nun will ich niemand bergen, ich hatte Willen, auch denen von Nürnberg Feind zu werden, ging schon mit der Sache um und dachte: du mußt noch einen Handel mit dem Pfaffen, dem Bischof von Bamberg, haben, damit die von Nürnberg auch in das Spiel gebracht werden. Ich warf also dem Bischof fünfundneunzig Kaufmänner nieder, die unter seinem Geleit zogen, und ich war so fromm, daß ich nichts aus dem Haufen nahm, als was nürnbergisch war. Der Nürnberger waren ungefähr an die dreißig, ich griff sie am Montag nach unseres Herrn Himmelfahrtstag am Morgen früh um acht oder neun Uhr an und ritt denselben Dienstag, die Nacht und am Mittwoch darauf mit den Kaufmännern immer fort. Ich hatte meinen guten Hans von Selbitz bei mir und waren wir unser auch dreißig. Der andern Reisenden aber waren viele, die schob ich immer von mir, ein Häuflein nach dem andern, wo mich dünkte, daß ein jeder hingehörte. Und mein Reitgesell, Hans von Selbitz, wurde vierzehn Tage darauf von ohngefähr auch des Bischofs von Bamberg Feind und brannte ihm ein Schloß und eine Stadt aus mit Namen, wenn ich's recht behalten, Vilseck, so daß das Geschäft zwei Kappen brachte. – Damit ein jeder wisse, wie und warum ich mit denen von Nürnberg zu Krieg und Fehde gekommen bin, so ist das die Ursache. Fritz von Littwach, ein markgräflicher Diener, mit dem ich als Knabe und im Harnisch auferzogen bin, der mir auch viel Gutes getan, der ist einst ganz in der Nähe von Onolzbach heimlich verloren gegangen, gefangen und hinweggeführt worden, daß lange Zeit niemand wußte, wo er hingekommen war oder wer ihn hinweggeführt hatte. Lange darauf warf der Markgraf einen Verräter nieder, der ihn verraten und den Reitern, die ihn niedergeworfen hatten, alle Wahrzeichen gegeben hatte. Da erfuhr man zuerst, wo Fritz von Littwach hingekommen wäre. Da habe ich Herrn Hans von Seckendorf, der selbigen Zeit markgräflicher Hofmeister war, als meinen Verwandten, der mir Gutes gönnte, angesprochen und gebeten, daß er mir das Bekenntnis des Verräters verschaffte. Dadurch wurde ersichtlich, daß es Diener der von Nürnberg getan haben sollten, auch ist anzunehmen, daß er in ihre Häuser und Fronfesten geführt worden sei. Das ist der eine meiner Gründe gegen die von Nürnberg. Ferner hatte ich einen Knecht gedungen mit Namen Georg von Gaislingen, der hatte mir versprochen in meinen Dienst zu treten, den haben die von Nürnberg bei seinem Junker Eustach von Lichtenstein hart verwundet und erstochen, auch seinen Junker hart verwundet, dieser aber ist am Leben geblieben. Obgleich nun viele andere den Nürnbergern wegen des Fritz von Littwach feindlich sein wollten, so habe ich doch keinen gemerkt, der der Katze die Schellen angehängt, wie man zu sagen pflegt, oder die Sache angegriffen hätte, als der arme treuherzige Götz von Berlichingen, der nahm sich beider an. Diesen Grund habe ich gegen die Nürnberger auf allen Tagen, an denen ich mit ihnen vor den Kommissarien Kaiserlicher Majestät, auch vor geistlichen und weltlichen Fürsten verhandelte, stets und allerwege angezeigt und dargetan Wie Götz verfährt, ist charakteristisch. Er will mit den reichen Nürnbergern in Fehde kommen, wirft ihre Kaufleute nieder und sucht nach Grund zur Fehde, ihm genügt die Vermutung, daß die Nürnberger einen guten Kameraden in Haft behielten, gleichviel aus welcher Ursache, und die Tatsache, daß sie in einer andern Fehde einen Knecht erstochen haben, den er hatte in Dienst nehmen wollen. Von Fritz von Littwach ist nicht weiter die Rede, als Götz genötigt wird, sich mit den Nürnbergern zu vertragen. Daß Götz die Veranlassung vom Zaun gebrochen, war, wie aus dem Folgenden ersichtlich wird, selbst damals auffallend. . Ich will nun weiter anzeigen, wie es in der nürnbergischen Fehde mir und meinen Verwandten gegangen ist. In summa summarum, das Reich verordnete vierhundert Pferde gegen mich, worunter Grafen und Herren, Ritter und Knechte waren – ihre Fehdebriefe sind noch vorhanden –, und kam ich und mein Bruder in die Acht und Aberacht, und in etlichen Städten schossen die Pfaffen und Mönche auf der Kanzel mit Lichtern nach mir und erlaubten mich den Vögeln in den Lüften, die sollten mich fressen, und ward uns alles genommen, was wir hatten, so daß wir nicht einen Schuh breit mehr erhielten. Da galt kein Feiern, wir mußten uns verbergen, und dennoch tat ich meinen Feinden ziemlichen Schaden an Gütern und sonst, so daß sich Kaiserliche Majestät etlichemal dazwischen gelegt und ihre Kommissarien verordnet hat, die zwischen uns handeln und alle Sachen richten und vertragen sollten; dadurch hat mir Kaiserliche Majestät viele Anschläge verhindert und um mehr als Zweihunderttausend Gulden Schaden getan, denn ich wollte damals Gold und Geld von den Nürnbergern mir zuwege gebracht haben. – Und wollte ich damals den von Nürnberg wohl all ihr Kriegsvolk, auch den Bürgermeister selbst, der eine große goldene Kette am Hals hängen hatte und einen Streitkolben in der Hand hielt, auch alle ihre Reisigen und ein Fähnlein Knechte mit Gottes Hilfe geschlagen, gefangen und niedergeworfen haben, als sie gegen Hohenkrähen zogen, ich war auch schon zu Roß und Fuß dazu geschickt und gefaßt, so daß es nicht anders als gewiß war, daß ich sie ganz in meine Hände bekam. Da hatte ich aber gute Herren und Freunde, deren Rat bat ich, ob ich Kaiserlicher Majestät zu Ehren den von demselben angesetzten Tag besuchen oder ob ich meinen Anschlag ins Werk setzen sollte. Da war nun ihr treuer Rat, ich sollte der Kaiserlichen Majestät zu Ehren den Tag besuchen. Ihnen folgte ich zu meinem großen merklichen Schaden. – Ich wußte, wann die Frankfurter Messe war, da zogen die von Nürnberg aus Würzburg heraus zu Fuß gen Frankfurt dem Spessart zu, die Kundschaft war gemacht, und ich warf fünf oder sechs von ihnen nieder, darunter war ein Kaufmann, den ich zum drittenmal und in einem halben Jahr zweimal gefangen und einmal an Gütern beschädigt hatte, die andern waren eitel Ballenbinder zu Nürnberg. Ich stellte mich, als wollte ich ihnen allen die Köpfe und Hände abhauen, aber es war mein Ernst nicht, und sie mußten niederknien und die Hände auf die Stöcke legen, da trat ich etwa einem mit dem Fuß auf den Hintern und gab dem andern eines ans Ohr, das war meine Strafe gegen sie, und ließ sie so wieder von mir fortziehen. Und der Kaufmann, den ich so oft niedergeworfen hatte, machte das Kreuz vor sich und sagte: »Ich hätte mich eher des Himmels Einfall versehen, als daß Ihr mich heute niederwerfen würdet. Denn erst vor wenig Tagen haben unser an hundert Kaufleute zu Nürnberg auf dem Markt gestanden, da ist auf Euch die Rede gekommen, und ich habe gute Kundschaft gehabt, daß Ihr eben erst in dem Walde, dem Hagenschieß, gewesen seid und dort Güter angreifen und niederwerfen wolltet.« Und ich selbst habe mich gewundert, daß in so kurzer Zeit das Geschrei von meinem Hin- und Herreiten hinauf gen Nürnberg gekommen ist. – Bald darauf hat sich die Kaiserliche Majestät in die Sache geschlagen und dieselbe zu Würzburg verglichen und aufgehoben. – Soweit Götz. Schärtlin von Burtenbach Sebastian Schärtlin gehört für seine Person nicht ganz in die Reihe. Er ist nicht von adliger Herkunft und hat die Ritterwürde seinen militärischen Talenten zu danken. Im Jahre 1498 geboren, machte er seine Schule unter Frundsberg und war von 1518–1557 fast in allen deutschen Händeln tätig, im Dienste des Kaisers, der Stadt Augsburg, eine Zeitlang auch im Solde Frankreichs, als er wegen seiner Teilnahme am Schmalkaldischen Krieg gezwungen wurde Deutschland zu verlassen. Er hat mehr als einmal große Heere befehligt und stand als entschlossener, vielerfahrener Feldhauptmann in allgemeinem Ansehen. Zu Götz ist er ein interessantes Gegenbild. Jener der adlige Reiter, dieser der bürgerliche Landsknechtführer, Götz der gemütliche Speergesell, Schärtlin der praktische Geschäftsmann. Beide haben ein Leben voll von Abenteuern, nicht frei von unverantwortlichen Taten geführt; beide sind im hohen Greisenalter gestorben; aber Götz versplitterte Zeit und Gut in Raubzügen und Reiterhändeln, Schärtlin half die Geschicke Deutschlands entscheiden. Götz verstand sowenig seine Zeit und seinen Vorteil, daß er, der Aristokrat, sich zum Strohmann der demokratischen Bauern gebrauchen ließ, Schärtlin verstand seine Zeit so gut, daß er nach dem unglücklichen Schmalkaldischen Krieg als reicher Mann in die Schweiz abzog und wenige Jahre darauf wieder siegreich in alle Ehren eingesetzt wurde. Götz hatte sein lebelang ein starkes Gelüst nach Kaufmannsgold und hat doch aus allen seinen kecken Raubzügen schwerlich viel in seiner Truhe erhalten, Schärtlin machte sich Geld in allen Kampagnen, kaufte ein Gut nach dem andern und wußte seine Dienst so hoch als möglich zu verwerten. Beide erwiesen Charakter und Parteitreue, beide waren Kriegsleute von Ehre im Sinne ihrer Zeit, und beide hatten für unser Urteil ein zu weites Reitergewissen. Aber Götz, über dessen Mangel an Einsicht wir zuweilen lächeln, ist vorzugsweise beutelustig und doch in seiner Art peinlich gewissenhaft, Schärtlin überall der kluge, spekulierende, zuweilen großartige Egoist. Alle guten Eigenschaften des absterbenden Rittertums sind in der einfachen Seele des Besitzers von Hornburg vereint, der Herr von Burtenbach dagegen ist in seinem Wesen durchaus Sohn der neuen Zeit: Soldat, Händler, Diplomat. Beide waren im Jahre 1544 bei dem kaiserlichen Heer, welches in Frankreich einfiel, Schärtlin in voller Manneskraft als einer der Feldhauptleute, Götz als grauer Reiter mit einem kleinen Haufen gesammelter Knechte; Schärtlin wurde noch in demselben Jahr kaiserlicher Großmarschall und Generalkapitän und machte sich siebentausend Gulden, Götz ritt allein, krank an der Ruhr, hinter den heimkehrenden Heerhaufen nach seinem Schloß zurück. Beide haben uns mit fester Kriegerhand ihr Leben geschrieben, am wenigsten geschickt und geordnet Götz, und doch wird man seine Biographie mit größerer menschlicher Teilnahme lesen als die des Schärtlin; denn Götzens Freude ist, seine Reiterabenteuer zu erzählen, wie man beim Glase Wein, unter guten Gesellen Erinnerungen aus alter Zeit lebendig macht; Schärtlin berichtet verständlich in chronologischer Ordnung und gönnt dem Leser manchen trockenen, aber lehrreichen Bericht über politische Aktionen, aber von seinen persönlichen Verhältnissen erzählt er am liebsten den Betrag seines Gewinnes und ärgerliche Händel mit seinen Gutsnachbarn. Diese Händel nun, wie einförmig sie verlaufen, dürfen hier das größte Interesse beanspruchen. Denn gerade an ihnen wird deutlich, wie sehr sich seit dem Anfang des Jahrhunderts das Treiben des Landadels geändert hat. Noch immer lodert wie in des Berlichingers Jugend die Fehdelust in den begehrlichen Seelen auf, noch immer ist rohe Gewalttat häufig, und zahlreich werden Duodezkriege vorbereitet; aber das alte Selbstgefühl ist gebrochen, drohend schwebt das Gespenst des Landfriedens und Kammergerichts über den Hadernden; schnell mischen sich Nachbarn und gute Freunde ein, und dem kaiserlichen Mandat wie dem Willen des Landesfürsten trotzt auch der Wilde selten ungestraft. An die Stelle offener Fehde treten plötzliche Überfälle, hinterlistige Streiche; statt der Armbrust und des Schwertes gebrauchen die Gegner andere nicht weniger schneidende Waffen, Verleumdung, Bestechung und Intrigen. Auch in den früheren Jahrhunderten hatte man Spottlieder bezahlt und gern gehört, und die fahrenden Sänger hatten sich dadurch gefürchtet gemacht, daß sie einem kargen Wirt an hundert Herdfeuern Böses nachsangen. Seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts aber rief das große Interesse an Flugschriften außer zahllosen Gelegenheitsliedern auch längere Gedichte, die zum Lesen geschrieben waren, hervor. Und der kleinste Briefmaler oder Buchdrucker, jeder Buchbinder, der nach damaligem Brauch den Vertrieb kleiner Drucksachen besorgte, vermochte für wenig Geld den Feind seines Gönners um so mehr zu kränken, je bekannter der Name des Abgesungenen war. Schärtlin erzählt selbst: Anno 1557. In diesem Jahre habe ich, Sebastian Schärtlin, die Herrschaft Hohenburg samt Bissingen und Hohenstein von einem böhmischen Herrn, Woldemar von Lobkowitz, und von Hans Stein um zweiundfünfzigtausend Gulden erkauft und im Beisein meines Sohnes, meines Tochtermanns und vieler andern vom Adel am St. Matthäustag eingenommen und von den Untertanen zu Bissingen auf dem Markt die Huldigung empfangen. Denselben Sommer habe ich das Schloß Hohenstein wieder erneuert und so ausbessern lassen, daß man es bewohnen konnte. Um St. Michaelistag ist mein Sohn mit Weib und Kindern dorthin gezogen, hat dort zu hausen angefangen und hat rohe und gebrannte Steine, Holz und Kalk zum Bau des Schlosses Bissingen zugerüstet und im Winter den Brunnen zurichten lassen. Dazu haben mir die benachbarten Prälaten schöne eichene Hölzer gegeben, und mit ihren und der Stadt Donauwörth Rossen, auch mit allen benachbarten Bauern sind die Fuhren getan. Anno 1560, den 18. September hat mir Graf Ludwig von Öttingen meinen Bauern von dem Reutmannshof gefangen nach seinem Amt Harburg führen lassen, wo der Bauer weder zu beißen noch zu brechen hatte, weil er und seine Söhne sich gegen etliche öttingische Bauern, die ihm ein Gatter aufgemacht und mit Gewalt über sein Land gefahren sind, gewehrt und einen Zank mit denselben angefangen, doch niemand verwundet hat. Und am Montag darauf ist der Graf mit fünfhundert Bauern und fünfzig Pferden mit gewalttätiger Hand in mein Holz gefallen, wo er doch keine obrigkeitlichen Rechte hatte, hat meine Eicheln abschütteln lassen und hat mit Weibern und Kindern und Wagen das Meine, ohne mich zu warnen, ohne mir aufzusagen, mit Gewalt hinweggeführt. Als ich nun am selbigen Tag zu Bissingen ankam und solches alles erfuhr, bin ich und meine beiden Söhne mit unserm Vetter Ludwig Schärtlin und Hans Rumpolt von Elrichshausen zweiunddreißig Pferde stark in seine Grafschaft gezogen und haben einen Bauern dicht am Schloß zu Harburg und zwei seiner Untertanen von Korbach dagegen gefangen und nach Bissingen in das Schloß geführt. Und weil seine Reiter und Schützen nach ihrem Einfall nahe an Bissingen mit Abschießen und großem Prangen bei der Nase vorübergezogen sind, so bin ich, um das auszugleichen, mit gemeldeten Reitern auf Harburg zugeritten, den Gegner zu einem Scharmützel zu bewegen, aber niemand wollte zu uns heraus. Doch zuletzt schossen sie mit Doppelhaken auf uns. Der Graf ritt am Donnerstag darauf nach Stuttgart zu einem Schießen, und da er wohl voraus wußte, daß ich ihm nicht nachgeben würde, hat er mich bei Seiner Fürstlichen Gnaden, dem Kurfürsten und Pfalzgrafen, andern Grafen, Herren und Adel übel ausgeschrien und sich unterstanden, mir dadurch Ungnade und Ungunst aufzulegen. Insbesondere Herzog Christoph zu Württemberg, der mir sonst zu Gnaden gewogen gewesen, hat mir dies Jahr hundert Gulden Gnadengeld, die er mir gab, unerwartet aufgekündigt. Der Graf hat auch seinen Bruder, den Grafen Friedrich, so auf mich gehetzt, daß auch dieser später sich mit tätlicher Hand gegen mich erhob. – Darauf haben sich beide Grafen zu Roß und Fuß verstärkt, wogegen auch wir hundert gute kriegserfahrene Schützen in das Schloß Bissingen brachten, und der Zulauf von Kriegsvolk wurde auf beiden Seiten groß. Und es haben die Grafen mich und die Meinigen schmählich mit Liedern und andern Gedichten, mit Sprüchen und Schriften unter das Volk gebracht, auch vor die Kaiserliche Majestät, vor Kur- und andere Fürsten, Grafen und Herren. Haben mich einen Aufrührer und friedlosen Landfriedensbrecher gescholten, mich auch für ihren Incola, Landsassen und Untertan, auch Lehnsmann, der ihnen doppelt verpflichtet sei und seine Amtspflicht vergessen habe, allenthalben mit Lügen ausgegeben, in der Hoffnung, mich und die Meinigen durch Unwahrheit so zu verdämpfen. Während ich mich nun eines großen Auflaufs und Überzugs versehen mußte, haben sich der Pfalzgraf Herzog Wolfgang und Herzog Albrecht zu Bayern, als die nächsten Fürsten, darein gelegt, haben beiden Teilen geschrieben Frieden zu halten und sich erboten, mit Herzog Christoph gütlich darin zu verhandeln, doch so, daß man beiderseits die Gefangenen frei und das geworbene Kriegsvolk laufen lasse. Das bewilligte ich, doch weil Graf Ludwig von Öttingen, genannt Igel, allen Unrat angefangen, forderte ich, daß er's zuerst tun solle. Aber der Graf hat die Leute nicht frei lassen wollen, sondern hat den Ratzebauern, der allein mein Untertan ist und zu Öttingen weder gelobt noch geschworen hatte, vor das Malefizgericht gestellt. Und in Ewigkeit wird nicht bewiesen werden, daß ich und die Meinen jenem durch den Kauf mit Recht untertan geworden sind, sondern wir haben Hohenburg und Bissingen samt Zubehör als ein freies Gut und als eine Herrschaft, die unlehnbar ist und das Halsgericht hat, erkauft. Dennoch haben uns die Fürsten nicht zusammenlassen wollen, haben uns beide vielfältig ermahnt Friede zu halten; darauf habe ich mein geworben Kriegsvolk beurlaubt und bei dieser Tragödie recht wohl gemerkt, daß Herzog Wolfgang, der zuvor mein gnädiger Herr war, mir auch abgefallen und feindselig geworden ist. Aber ungeachtet aller fürstlichen Unterhandlungen ist Graf Ludwig doch an einem Abend mit vielen Pferden und etlichen hundert Bauern gegen das Schloß Bissingen gerückt, hat mit unsern Reitern, von denen etliche im Felde waren und etliche herauskamen, ein Scharmützel angefangen, bei welchen keiner viel Schaden empfing. Da die Feinde nichts schaffen konnten, sind sie wieder mit Spott abgezogen. Dies alles hab' ich beim Kammergericht angebracht und Graf Ludwigs mir zugefügte verbrecherische Handlungen geklagt, und habe so gehofft, wie mir auch gelungen, ich wollte diese Sache im Wege Rechtens durchführen, besonders weil sich die Fürsten parteiisch zeigten. Unterdes hat Graf Igel mich allenthalben jämmerlich mit gedruckten Schriften und schmählichen Liedern verstänkert und im Beisein der Grafen von Mansfeld meinem Sohn Hans Bastian auf seinem Wappenschild über dem Wirtshaus den Zusatz »Herr von Bissingen« ausgetan, den doch nicht mein Sohn selbst, sondern der Wirt hinzugefügt; und Graf Friedrich hat zu Buchenhofen auf der Kirchweih öffentlich seinen Vogt ausrufen lassen, wenn ein Schärtlinscher hinzukomme, solle jeder auf ihn schlagen. Anno 1561 in der Fasten ist Graf Lothar zu Öttingen nach Augsburg gekommen, hat mir viel Gutes sagen lassen, ihm sei leid samt seinen andern Brüdern, daß Graf Ludwig so unschicklich gegen mich handle. Auch ließ er mir klagen, da der Bruder ihm nicht sein Heiratsgut, auch keine Residenz geben wolle, so wolle und müsse er feindlich gegen ihn handeln und lasse mich bitten, ihm einen Reiterdienst zu tun. Darauf bedankte ich mich für sein Mitgefühl und beklagte ihn, daß es ihm auch nicht nach Willen ginge, ließ ihm aber dabei sagen, ich stände zu seinem Bruder auf gebotenem Frieden und hinge mit ihm am Kammergericht, ich steckte auch meine Füße nicht gern zwischen Tür und Angel; wenn er aber sonst Reiterarbeit hätte und mir's berichtete, wollte ich ihm Knecht, Pferd und Harnisch nicht versagen. Am heiligen Himmelfahrtstag pflegt man jährlich zu Bissingen hinterm Schloß einen Jahrmarkt und Tanz zu halten, auch zu schießen, wobei mein Sohn Hans Bastian in diesem Jahr selbst war und Gesellschaft leistete. Da haben beide Grafen, Ludwig und Friedrich, den Vogt von Unterbissingen samt einem andern reisigen Knecht gerüstet mit fünf Hakenschützen auf den Platz geschickt. Sie haben sich dort aufgestellt und den Platz halten wollen. Die hat mein Sohn angeredet, was sie sich so bewaffnet aufstellten. Dem hat der Vogt geantwortet, seine Herren hätten ihm diesen Platz zu halten daher geschickt, und die hohe Obrigkeit gehöre dem Grafen von Öttingen zu. Dem hat mein Sohn widersprochen. Die Eltern der Grafen hätten sie verkauft und sie gehörte mir zu, sie sollten sich hinwegmachen. Darauf ist der Vogt mit den Worten weggeritten, er wollte bald in anderer Gestalt wiederkommen, und alsbald haben sich vom Fußsteig her Reiter und Fußvolk sehen lassen, worauf mein Sohn etliche Diener und Untertanen ins Schloß und auf den Kirchturm schickte, den Feind zu erwarten. Plötzlich sind die Gräflichen ungefähr mit vierzig Pferden und dreihundert zu Fuß spornstreichs dahergeritten und gelaufen, haben in meinen Sohn, meinen Vetter Ludwig, in die Schützen und Untertanen gestochen und geschossen; sind auch vom Platz bis zu den Schranken des Marktes gedrungen und haben das Tor mit Übermacht geschlossen. Dagegen hat mein Sohn sich samt den Seinen zur Wehr gestellt, auch so gut er vermochte auf sie geschossen, aus der Hand und vom Schloß und von den Türmen, hat dabei dem Grafen zwei Pferde erschossen und zwei Mann verwundet, einen in den Leib, den andern in den Schenkel, hat sich so ihrer erwehrt und sie wieder in die Flucht getrieben. Aber ihm und den Seinen ist nichts widerfahren, gottlob! Als aber mein Sohn mit den Seinen wieder in das Schloß zog, zur Nacht aß und nichts mehr besorgte, zogen sie um sechs Uhr wieder heran, und Graf Lothar, der ehrbare Mann, der mir vorher viel Gutes hatte sagen lassen, tat mit vier starken Büchsen auf Rädern bis an dreißig Schüsse in das Schloß und zerschoß wohl zwölf Ziegel. Um neun Uhr zogen sie wieder ab nach Unterbissingen, verstärkten sich die Nacht und kamen beide Grafen mit Geschütz und Leuten am Morgen wieder. Da mein Sohn und mein Vetter Ludwig nichts weiteres besorgt hatten, waren sie am Morgen früh zu mir geritten; deshalb ging der Bürgermeister und etliche vom Rat zu den Feinden hinaus und fragten sie, was sie damit beabsichtigten, es sei niemand im Schloß als die Frau mit den Kindern, auch stünden die Herrschaften im Rechtsstreit und kaiserlichen Frieden. Darauf antwortete der Beamte von Harburg, sie seien gestern und auch noch heute nur in guter, freundlicher Meinung hergekommen, ihrer Herren oberste Rechte zu suchen, man habe aber auf sie geschossen und ihnen großen Schaden getan. Sie wollten auch heute den Platz besetzen, wenn man aber auf sie schösse, solle man sehen, was sie dagegen tun würden. Darauf antworteten die von Bissingen: sie wären arme Leute, man möchte tun, was zu verantworten sei. Darauf zogen abermals die Gräflichen, zweihundert Mann stark, wieder mit vier Büchsen und einer Trommel auf den Platz, taten etliche Tänze, tranken, und jeder nahm ein Laub von der Linde. Mit solchem Trutz und Schießen zogen sie ab und hatten einen Hinterhalt von zweitausend Mann. – Das habe ich der Kaiserlichen Majestät und darauf beim Kammergericht angezeigt und geklagt, darauf sind beiden Teilen Mandate gekommen, bei Ungnade und Strafe der Acht de non ulterius offendendo solle man sich nicht weiter beleidigen, und eine Zitation, zum 20. August beim Kammergericht zu erscheinen, welches alles den Grafen insinuiert wurde, worauf beide Grafen unschicklich antworteten, es sei alles erlogen. Ich habe aber außerdem wegen Injurien protestiert. Aus oben erzählten Gründen und weil das feindselige Wesen kein Ende nahm, auch weder Gericht noch Recht helfen konnte, habe ich notgedrungen, um meiner Ehre willen, zur Abwehr der Belästigungen vermeldeter beider Grafen, ein Ausschreiben an die Römische Kaiserliche Majestät, an Kur- und Fürsten, Grafen, Herren, Städte und Stände des Heiligen Reiches, auch an die fünf Viertel des Adels und gemeiner Ritterschaft gesendet, habe auch den Ständen des landsbergischen Vereins mündlichen Bericht abgestattet, sie und ihren Oberhauptmann, meinen gnädigen Herrn zu Bayern, dem ich als Stellvertreter bestellt bin, ferner die Stadt Augsburg, deren Diener ich bin, von der ganzen Handlung wohl informiert und sie allesamt insbesondere um Rat, Hilfe oder Beistand gebeten. Diese haben ein drohendes Schreiben an die Grafen gerichtet, sie ermahnt, mich und die Meinen bei Frieden und Recht zu lassen, mit dem Zusatz, wenn dieses nicht geschehe, würden sie mich nicht verlassen. Mir aber haben sie geraten, nichts als das Recht anzuwenden. Und weil so viele schändliche Lieder und Sprüche über mich ausgegangen sind, hat einer, dem ich vielleicht Gutes getan, auch einen schönen Pasquillus und Lied von gemeldeten Grafen Igel von Marburg gemacht und hat ihn ziemlich wohl angebunden. Am 3. Oktober ist Igel fünfzehnhundert Mann stark zu Fuß und zu Roß, darunter etliche Landsknechte, samt fünf Stück grobem Geschütz gegen meinen Vetter Ludwig von Oberingingen gezogen, hat ihm etliche vom Adel hingeschickt und hat ihn auffordern lassen, sein Haus zu übergeben. Ludwig Schärtlin aber hatte, wie ihm zwei Tage vorher von mir befohlen worden, drei Landsknechte und von meinem Sohn zu Bissingen etliche Doppelhaken, Handgeschütze, Pulver und Blei zu sich hereingenommen. So wollte er den Sturm abwarten, da er von mir väterlichen Ersatz bei ritterlicher Treue und Glauben hoffte. Er ist selbst zu denen vom Adel hinausgegangen und hat ihnen mit drohenden Worten geantwortet, wenn Graf Igel freundlich und nachbarlich zu ihm käme, wie seine Brüder wohl getan, so wolle er seinen sauern Wein mit ihnen teilen, aber dergestalt könne er sein Haus nicht öffnen. Er habe ein Haus für sich selbst und nicht für den Grafen von Öttingen, und der Graf werde einen Kriegsmann darin finden. Jeder Teil zog sich hinter seine Deckung, der Graf aber schanzte sich in den Vorhof ein, schoß ihm die Zinnen von den Türmen, alle Fenster, Dächer und Essen und zwei Personen. Ludwig Schärtlin dagegen wehrte sich tapfer, erschoß dem Grafen einen Büchsenmeister und noch eine Person, schädigte auch sonst viele vom Kriegsvolk, von denen etliche später starben. So haben sie es vom Morgen sieben Uhr bis zu sechs Uhr in die Nacht feindlich gegeneinander getrieben. In der Nacht hat Ludwig dem Grafen Lärmen und große Unruhe gemacht, sich auch unterdes befestigt und am Morgen wieder nach seiner Zusage tapfer gewehrt. Aber als ich, Sebastian Schärtlin, Ritter, solches erfuhr, habe ich eilends vierhundert Knechte, darunter gute Schützen aus Augsburg, nach dem Rat Herzog Albrechts von Bayern vorlaufen lassen, habe sie mit Pulver, Blei, Fußeisen und gutem Kriegsgerät auf Bissingen geschickt. Ich habe sechsundzwanzigtausend Gulden zusammengerafft, Sturmhüte, Pulver und Blei besorgt, aus der Stadt Memmingen etliche Wägen und Geschütz, einen großen Haufen Landsknechte, auch Reiter, soviel ich von den Nachbarn erhielt, alles zum 4. Oktober nach Burtenbach beschieden, und ich selbst kam abends dahin, als ich alles in Bewegung gesetzt hatte. In derselben Nacht sind Graf Wolf und Graf Lothar von Öttingen in Person freundlich zu mir nach Burtenbach gekommen, haben mir geklagt, daß auch ihnen ihr Bruder Graf Ludwig von ihrem väterlichen Erbteil nichts geben wolle und haben mich gebeten, mich mit ihnen zu verbinden. So wurde zwischen uns ein geschriebener, besiegelter Vertrag gemacht, daß die beiden Grafen ihren Bruder Friedrich mit seinem Geschütz auch auf unsere Seite bringen und ihre Macht zu Fuß und Roß vereinigen sollten, ich aber wollte fünftausend Knechte oder andere Reiter aufbringen und die Kosten des Krieges auslegen. Doch wenn ich die jungen Grafen zu ihrem väterlichen Erbteil brächte, sollten sie zwei Drittel und ich ein Drittel von den Kriegskosten bezahlen. Wir hofften, Graf Igel sollte vor Oberingingen verharren und im Fall er es eroberte, vor Bissingen ziehen, meinen Sohn zu belagern; der Graf aber hat sich am Morgen des 4. Oktober erhoben und ist schändlich wieder abgezogen, nachdem er meinem Vetter den Vorhof und das ganze Dorf verwüstet, zerschlagen, geplündert und alles, Weiber und Kinder genommen, gestohlen, geraubt, weggeführt und getrieben. Doch fehlte wenig, daß man Vetter ihm das eine Geschütz abgenommen. – Aber als der Graf Igel vernommen, daß seine eigenen Brüder und ich uns verglichen hatten – Graf Friedrich ausgenommen, der nicht mit ihm und nicht wider ihn handeln wollte – ist er aus dem Lande geflohen und zum Pfalzgrafen Herzog Wolfgang und dann zu Herzog Christoph von Württemberg geritten, hat große Sachen gelogen und vorgegeben, daß ich mit Hilfe Kaiserl. Majestät, Bayerns, Augsburgs und des landsbergischen Vereins ihn von Land und Leuten vertreiben wollte. Dazwischen habe ich mich verstärkt und wollte in zwei Tagen ausziehen und zu Fuß und zu Roß siebentausend Mann stark über die Donau kommen. Als aber die beiden Fürsten, Pfalz und Württemberg, wohl erkennen konnten, daß der Graf vertrieben und ein Gast in seinem Lande werden würde (denn schon hatten seine Räte und ganze Landschaft alles übrige weggebracht und Vieh, Getreide und Habe nach Nördlingen, Donauwörth und in alle umliegenden Städte geflüchtet), da sind sie beiderseits ausgezogen, der Herzog von Württemberg persönlich mit seinen Reitern und etlichem Geschütz, im Willen mich nicht über die Donau zu lassen oder sich mit mir zu schlagen. Doch hat Pfalz vorher hoch in mich gedrungen, ich solle von den Waffen ablassen, Seine Fürstliche Gnaden könnte mir diesen Zug nicht gestatten. Mir haben auch die Kaiserliche Majestät und der schwäbische Kreisoberst Frieden geboten, dazu haben Bayern und die Stadt Augsburg mich vielfältig und höchlich abgemahnt und sich allerwege erboten, diese Sache im Vertrage zu schlichten. So hab' ich mit Verlust von viertausend Gulden trotz meiner Beraubung und meines Vetters Gefahren diesmal einstecken, Friede halten, eine gütige Vereinigung und einen Tag zu Donauwörth einräumen müssen. Vierzehn Tage ist dort verhandelt worden und von beiden Fürsten, von bayrischen und pfälzischen Räten damit geendet worden, wir sollten beiderseits Frieden halten, und da zwischen uns kein Friede zu hoffen, sei kein besserer Weg, als daß ich das Gut dem Grafen verkaufe. Das wollte ich mitnichten tun und mit dem Grafen nichts zu tun haben. Doch zuletzt habe ich mich laut der gemachten Abrede darein ergeben, beide Fürsten untertänigst zu ehren, die Herrschaft Hohenburg und Bissingen gegen bare Bezahlung von zweiundsechzigtausend Gulden zu verlassen, doch davon nicht eher abzuziehen, bis ich friedlich und sicher bis auf den letzten Pfennig bezahlt sei. Soweit Schärtlin. Es ist trotz seiner Klagen über Verluste anzunehmen, daß der Verkauf für ihn wenigstens pekuniär vorteilhaft war, sicher aber ist, daß seine Händel mit dem Grafen deshalb nicht aufhörten. Noch jahrelang verklagten sich die beiden Nachbarn beim Kammergericht und beim Kaiser. [...] Zuletzt mußten die Gegner vor dem Kaiser einander die Hand reichen. Hans von Schweinichen Um das Ende des 16. Jahrhunderts wurden die Gewalttaten der adligen Gutsbesitzer anspruchsloser und seltener. Der größte Teil von ihnen verwandelte sich in friedliche Landjunker, die fähigeren und ärmeren suchten Unterkommen an den zahlreichen Höfen. In der Jugend des Götz war jeder Landjunker ein Kriegsmann gewesen, denn er war ein Reiter, und die Stechkunst des Rittertums galt immer noch als vornehme Kriegsarbeit. Aber schon damals war die große Umwandlung vollzogen, welche das Fußvolk zum Kern der neuen Heere machte, schon galt ein erfahrener Landsknecht, der Einfluß auf seine Kameraden hatte, oder ein bürgerlicher Büchsenmeister, der eine Kartaune gut zu richten verstand, dem Kriegsherrn in Wirklichkeit zuweilen mehr als ein Dutzend zugerittener Junker mit ihren Knechten. Diese Veränderung des kriegerischen Wertes bewirkte fast ebensosehr als die Reformation Hebung des Adels. Allerdings auf einem Seitenpfad. Der große Territorialherr hatte nicht mehr nötig, um den guten Willen seiner Junker zu werben und ihrer Räuberei durch die Finger zu sehen, er vermochte, wenn ihm Geldtruhe und Kredit nicht völlig erschöpft waren, durch ein Ausschreiben, einen Musterplatz und zwei Trommelschlegel vor den Herbergen seines bestallten Oberst einen Söldnerhaufen zu werben, der ihm im Notfall die Junker seines eigenen Landes zu Paaren trieb. Der Fürst wurde unabhängig von den Waffen des Landadels und dadurch in neuem Sinne seines Adels Herr. Für den Junker kamen neue Wege sein Glück zu machen, Geschmeidigkeit gegen Höhere, das Hauptmann- oder Oberstpatent eines größeren Herrn oder eine Stelle als Jagdjunker und Hofdiener. Dieser Übergang wurde ihm nicht leicht. Es war charakteristisch für die Verwilderung des kleinen Adels, daß um das Jahr 1530 die Hofämter, welche eine administrative Gewandtheit forderten, wie des Hofmeisters, dessen Tätigkeit an unseren Höfen der Hofmarschall versieht, gar nicht überall mit Adligen zu besetzen waren. Und noch lange nachher im 17. Jahrhundert wurden höhere Staatsstellen, welche Kenntnis und Geschäftsgewandtheit verlangten, sogar wichtige Gesandtenposten, vorzugsweise mit Nichtadligen besetzt, und in einer Zeit, welche nur den Adel für Hofämter befähigt hielt, waren die Fürsten häufig genötigt, den Sohn eines Handwerkers oder Dorfpfarrers mit dem Abglanz der Souveränitätsrechte zu umgeben und den adligen Hofmann zu seinem untergebenen Reisebegleiter zu machen. Auch die Zucht des Hauses wollte dem Landadel nicht sogleich gedeihen. Das alte Selbstgefühl höherer Wehrkraft war verloren, aber das Bedürfnis der Aufregung war geblieben. Immer waren die Deutschen starke Trinker gewesen, jetzt blieb die rohe Völlerei, besonders in den Landschaften, welche nicht selbst Wein bauten, das herrschende Laster. Zerrüttete Vermögensumstände, massenhafte Schulden und unerträgliche Prozesse störten vielen vom Landadel die nüchternen Stunden des Tages. Aber die Besseren begriffen doch allmählich ihren Vorteil. Größer wurde die Zahl ihrer Söhne, welche die Universitäten besuchten. Die Wahrheit zu sagen, sie standen dort in üblem Ruf. Trotz ihrer Privilegien, der adligen Kleidung und besonderer Sitze in den Auditorien und trotz dem Eifer der Universitäten, ihnen für ritterliche Übungen: Fechten, Tanzen, Reiten und Fahnenschwenken eigene Lehrer zu halten, war eine gewöhnliche Klage, daß sie sich in die Gesetze durchaus nicht fügen wollten und ihre Zeit allzu liederlich verbrachten. Dennoch kam der volle Segen dieser Bildung manchem von ihnen zugute. Um das Ende des 16. Jahrhunderts sitzen in allen Landschaften einzelne Gutsbesitzer, welche Lateinisch verstehen, sich eine Bibliothek einrichten, im Notfall ein lateinisches Distichon verfertigen und einen politischen Diskurs, sowie eine wohlgesetzte Rede an den Landesherrn zu halten wissen. Im ganzen Mittelalter hatte man Reisen für das beste Erziehungsmittel eines Deutschen gehalten. Dieser Zug nach der Ferne wurde größer. Mit guten Empfehlungsbriefen fremde Höfe besuchen, Frankreich und Italien durchreiten und sich dabei mit fremder Sprache und Sitte befreunden, wurde seit dem Schmalkaldischen Krieg allgemein. Ja noch weiter gingen die Reisen, auch protestantische Junker besuchten wie Kaufleute aus Nürnberg und Augsburg die griechischen Inseln und das Heilige Land. Und wenn sie heimgekehrt von ihren Fahrten gut zu erzählen wußten, gab ihnen das in ihrer Landschaft und bei Hofe ein hohes Ansehen, und die Fürsten waren bemüht, derlei wohlbewanderte Männer in ihren Dienst zu ziehen. So war ein Schlieben, im Anfang des 17. Jahrhunderts brandenburgischer Diener, als Johanniter zweimal in Jerusalem und einmal als Gesandter in Ägypten gewesen, er galt dafür fast alle Königreiche und Völker Europas betrachtet zu haben. Ein Schlesier, Abraham von Bibran, sammelte kurz nach 1600 auf einer Reise durch Spanien und Portugal lateinische Inschriften in einem sauberen Heft und zeichnete sorgfältig die Trümmer eines antiken Sturmwidders hinein, die er in einer alten Kapelle des Kastells von Murviedro gefunden. Auch von solchen adligen Touristen, welche nicht stolz darauf waren, mit den großen Gelehrten Casaubonus und Gruterus zu verkehren, wurden die Erlebnisse solcher Reisen gern niedergeschrieben, mehrere dieser Arbeiten sind uns erhalten, einige gedruckt, und sie verdienen Erwähnung, weil sie den ersten Anteil darstellen, welchen der landsässige Adel seit der Hohenstaufenzeit an deutscher Literatur nahm. Seit dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts ist die Abhängigkeit des Adels von den Höfen in fast ganz Deutschland entschieden. Auch der wohlhabende Gutsherr von Selbstgefühl läßt sich gern bei rittermäßigen Geschäften seines Landesherrn oder eines Nachbarn von hohem Adel gebrauchen und schmückt sich mit einem Hoftitel. Das Aussehen der Fürstenhöfe hat sich in diesen Jahren gegen Luthers Zeit sehr verändert. Mit der wilden Unruhe und den Lastern des Mittelalters scheint den Fürsten auch der Unternehmungsgeist und politische Sinn geschwunden, zumeist bei den Protestanten. Die lateinische Schule und theologische Zucht steigerte den Landesherren ihr Pflichtgefühl und brachte größere Ordnung in Ehe und Hofhalt, aber sie gab ihnen auch ein merkwürdig spießbürgerliches Wesen. Zwischen den Häuptern der Hohenzollern, Wettiner, Hessen, Mecklenburger, Pommern, Württemberger, Pfälzer ist in dieser Zeit große Familienähnlichkeit. Ja, die Habsburger zeigen dieselbe Wandlung. Während bei den Wettinern Friedrich der Weise, Johann Friedrich, das Haupt des Schmalkaldischen Krieges, der den Kurhut verlor, und der arme Johann Friedrich der Mittlere die allmähliche Umbildung aus politischen Häuptlingen des Landes zu eigensinnigen Hausherren bezeichnen, ist ebenso bei den Habsburgern von dem fünften Karl bis zu Rudolf II. und Matthias ein Abfall in politischer Tüchtigkeit und die Zunahme dilettierender Kunstbildung zu erkennen. Dieselbe Zeit, welche die deutschen Fürsten in Wahrheit zu großen Herren machte und nicht wenigen die Eigenschaften guter Landesväter verlieh, verminderte auch ihr Interesse am Reich und ihre Fähigkeit, die verzweifelte Lage der deutschen Nation zu begreifen. Seit der Abdankung Karls V. war ein lustiges Leben nicht nur beim kaiserlichen Hof, auch bei den größeren Reichsfürsten, vor andern in Kursachsen, Bayern, Württemberg und der Pfalz. Außer den großen Jagden und Trinkgelagen waren weitläufige Hoffeste, Maskeraden, Reiterübungen, Preisschießen modisch geworden, zumal bei Krönungen, Vermählungen, Kindtaufen, vornehmen Besuchen. Die alten Turniere freilich wurden Scheingefechte, schöne Aktionen, bei welchen das Kostüm und der dramatische Anstrich mehr galt als die Waffenübung selbst. Sie wurden nach spanischem Brauch eingerichtet, schon 1570 mit dem neumodischen Ringelrennen. Große Schaugerüste mit mythologischen und allegorischen Figuren wurden dahergefahren, in wunderlicher Tracht erschienen die kämpfenden Parteien, sie stritten gegeneinander als Herausforderer und Abenteurer, als Manutenadoren und Avantureros oder auch die Verheirateten gegen die Junggesellen, Mann gegen Mann und Haufen gegen Haufen, nicht nur zu Roß, auch zu Fuß, um Preise. Aber die Waffen waren stumpf, die Speere so eingerichtet, daß sie schon bei schwachem Anprall zerbrechen mußten; die Zahl der Stöße und Hiebe, welche einer gegen den andern tun durfte, war genau vorgeschrieben. Das Ganze war durch ein Kartell – Einladungs- oder Ausforderungsschreiben – welches wohl gar gedruckt und angeschlagen wurde, dem schauenden Publikum erklärt. Uns sind einige solche Stilübungen gebildeter Hofleute erhalten, z. B. ein Tafelrunde-Kartell von 1570 aus Prag, wo Kaiser Maximilian II. einen großen Kreis des deutschen Adels um sich versammelte. Ein Schwarzkünstler Zirfeo kündigt an, daß er drei teure Helden in einem Berg verzaubert wisse, den König Artus und seine Genossen Sigestab den Starken und Amelot den Freudigen, die er entzaubern und zum Kampf gegen Aventuriers erwecken wolle. Beim Fest selbst präsentierte sich ein großer Holzbau, der einen Felsen mit einer höllischen Öffnung darstellte, Raben flogen aus ihm, Teufel tanzten geschäftig um seinen Gipfel und warfen mit Feuer um sich; endlich erschien der Zauberer selbst, machte seine Beschwörung, der Berg öffnete sich, die Ritter sprengten in altertümlicher Rüstung ins Sonnenlicht und erwarteten die fremden Kämpfer, die ebenfalls in seltsamem Kostüm – die beste Invention und Maske dabei erhielt einen Preis – gegen sie ritten. Bei jedem großen Hoffest wurden ähnliche Inventionen erdacht, mythologische und allegorische Figuren in seltsamer Mischung. Diese Hoffeste wurden die großen Angelegenheiten des Jahres, ihr Verlauf oft in Pritschmeisterversen aufgezeichnet, zuweilen gedruckt und mit Abbildungen ausgestattet. Modischer als die Feste, bei welchen Turnierbrauch nicht ganz vermieden wurde, waren andere Kostümfahrten des Hofes, die Schäfereien, bei denen Herren und Damen, als Schäfer verkleidet, sich mit dramatischem Gesang und Tanz und in losem Wechselgespräch ergingen, dann große Schlittenfahrten in Maskentracht, auch Schmuck der Schlitten und Pferde glänzend und abenteuerlich geformt. Ihnen folgten nach dem großen Kriege die derberen Bauernhochzeiten und Jahrmärkte. Diese Kostümfeste waren besonders willkommen, weil bei ihnen die Etikette suspendiert und manche Gelegenheit zu freiem Scherz und vertraulicher Annäherung gegeben war. – Aber auch bessere Vergnügen wußten sich die Landesherren zu bereiten. Es war in Deutschland vornehm geworden, was seit länger als hundert Jahren in Italien dem Wohlhabenden am Herzen lag, Bücher und Kunstsachen zu sammeln. Man trieb an den Höfen, auch wo das rechte Verständnis fehlte, dies Aufsammeln mit deutscher Gründlichkeit. Wie Kaiser Rudolf die Gemälde Albrecht Dürers und der Spanier, so kauften die deutschen Fürsten Bilder, Holzschnitte, Kupferstiche, Münzen, Waffen, Trinkbecher, Arbeiten der Goldschmiede von Nürnberg, der Kunsttischler von Augsburg. Die Patrizier der großen Reichsstädte, dem Hofadel an Bildung überlegen, vermittelten dann wohl als politische Agenten der Reichsfürsten solche Neuigkeiten der Kunst an die deutschen Höfe und an distinguierte Kavaliere. Fehlte den deutschen Herren auch der feine Schönheitssinn der Italiener, so hatten sie dafür um so mehr die Neigung zu zierlicher und sorgfältiger Arbeit und Freude an einem tiefen Sinn, der in die Kunstgebilde als Allegorie oder versteckter Inhalt hineingeheimnißt war. Ein fein geschnittener Kirschkern, der unter der Lupe eine Anzahl Gesichter wies, war ihnen vielleicht lieber als eine antike Statue, die ohne Kopf aus der Erde gegraben war und unsicher machte, welchen Abgott oder Vorfahren römischer Majestät das Stück vorstellen sollte. Besonderen Genuß bereitete den Fürsten ihre Münze durch das Prägen von Medaillen, die zuweilen in ungewöhnlicher Form und Größe beliebt wurden. Die Herren erfanden gern selbst Bild und Spruch und stellten dabei dem Stempelschneider wohl einmal verzweifelte Aufgaben. Solche Medaillen verfertigten sie sich zum Ruhm und andern zur Beglückung bei jedem Ereignis, das ihnen die Seele erregte: wenn sie aus einer Krankheit aufstanden, wenn ihre Gemahlin glücklich eines Kindes genas, wenn sie einen ungetümen Hirsch schossen, wenn große Wassersnot gewesen oder wenn es einmal Korn vom Himmel geregnet haben sollte. Sie spendeten diese Denkmünzen, wo sie Gunst erweisen wollten und zum Austausch an Standesgenossen, und illustrierten dadurch ihr Leben wie in einem silbernen Stammbuch. Auch Lebendes, was die Fremde bot, wurde an den Höfen zusammengeführt; außer dem alten Bärenzwinger des Schlosses und einem Hühnerhof mit seltenen Vögeln, den die Fürstin hielt, gab es hier und da ein Löwenhaus, und bei großen Festen wurden zwischen Maskerade, Tanz und Karussell auch Kämpfe wilder Tiere veranstaltet. Sogar ausgestopfte Tiere standen bereits gesammelt, wie z. B. in Dresden (1617) auf der Anatomiekammer, sie rochen aber ein wenig. Jeder größere Hof hatte seine Kunstkammer, worin die Sammlungen früherer Herren zur Ruhe kamen, darin neben Statuen, Elfenbeinschnitzereien, Moosachaten und Rüstungen auch türkische Pferdegeschirre, Masken, Schlitten und andere Inventionen. Aus den Büchersammlungen der Vorfahren war an vielen Höfen bereits eine Bibliothek gesammelt, die z. B. in Dresden vor dem großen Kriege jährlich dreihundert Gulden zum Bücherankauf verwenden durfte. Der Landesherr hatte in seiner Jugend gelehrten Unterricht erhalten, er verstand jetzt zuverlässig Latein und sprach wahrscheinlich Französisch und Italienisch; er las in diesen Sprachen Traktate über Politik und noch häufiger über theologische Fragen und schrieb in ihnen die Sinnsprüche zu den Emblemen, die er erfand. An mehreren Höfen war das Französische bereits elegante Hofsprache, bei den Anhaltinern, den Hessen, den Pfälzern, auch zu Berlin war im Jahre 1761 die Unterredung am ersten Kavaliertisch, der damals Grafentisch hieß, französisch. Noch wurde bei Tisch stark getrunken, nach altem Brauch aus seltsamen und großen Gläsern mit hartem Terrorismus gegen schwache Köpfe und Magen, dazwischen aber lief die Unterhaltung auch gern über die Neuigkeiten der Fremde, man freute sich Rätselfragen zu lösen und lachte herzlich über kleine philologische Scherze; Kurfürstliche Gnaden übersetzten z. B. die Worte: der Torwart hat das Fieber, durch Januarius liegt im Februario; man bemerkte – an fürstlicher Tafel in Berlin – mit besonderer Teilnahme, wie die deutschen Landsleute untereinandergeworfen waren und daß sich einer schreiben mußte: Joachimus Hessus, Hollandus, Borussus , Joachim Heß aus Holland in Preußen. Auch Fürstliche Gnaden wußten, daß das Wort »Sack« durch alle Sprachen gehe und vernahmen mit beistimmendem Lächeln den Grund, weil aus der Sprachverwirrung von Babel jedermann nur eins gerettet habe, seinen Reisesack. Das fürstliche Familienleben, nicht in allen Familien leidlich, wurde doch nicht durch die spätere Mätressenwirtschaft verwüstet, es war bei den Besseren ein inniges Zusammensein nach alter deutscher Weise, die Fürstin in Wahrheit Hausfrau ihres Hofes, die selbst die Küche beaufsichtigte, die eingesottenen Früchte und die zahlreichen Kräuterweine verordnete und einem werten Gast auf silbernem Teller alltäglich ein anderes Frühstück aus der Küche schickte, froh die Kochkunst ihres Hofes zu zeigen. Auch sie verstand ein wenig Latein, nahm teil an den Ausflügen, Jagdfreuden und kleinen Liebhabereien ihres Herrn, kam wohl auch mit dem Spinnrädlein, welches ein silbernes Glockenspiel hatte, in seine Arbeitsstube und wußte mit ihrem »Frauenzimmer« allerlei feine weibliche Arbeit zu machen. Der fürstliche Hofhalt und seine Ordnung lief im ganzen noch in alter Weise, der Edelknabe, welcher bediente, bis er Kammerjunker wurde, führte bereits den Namen Paggio, eine Guardia von angeworbenen Männern in fürstlicher Livree zog täglich mit Trommeln und Pfeifen auf; aber zwischen diesen neuen Einrichtungen lief noch der alte Narr unangemeldet in das Zimmer seines Herrn, war grob gegen die Hofleute, welche ihn ärgerten, und fuhr bei Ausflügen des Hofes als unentbehrliche Zielscheibe derber Scherze im eigenen Eselwagen hinterdrein. Noch war der Zutritt bei Hofe für Fremde mühelos, in kleineren Städten sandte der Herr wohl gar in die Wirtshäuser und ließ fragen, wer angelangt sei, um einen interessanten Reisenden kennenzulernen. Die häufigste Unterhaltung des Hofes war die heimische alte, das Weidwerk. Die gewöhnliche Jagdfreude war leider, das Wild vom »Schirm« – Hütte oder Zelt mit Waldgrün bedeckt – zu schießen, während es vorbeigetrieben wurde. Dann hatte der Landesherr den ersten Schirm, die nächsten die Prinzen nach ihrer Würde, die letzten der Hof. Noch wurde streng auf Jägerbrauch gehalten; bei den Turnieren war die Unsitte abgekommen, Versehen gegen das Turniergesetz dadurch zu strafen, daß man die schuldigen Ritter über die Rosse legte und aushieb, aber nach der Jagd wurde der Ungeschickte um des kleinen Irrtums willen über den Hirsch gelegt und mit dem flachen Weidmesser abgestraft, gerade wie bei den Schützenfesten mit der Pritsche. So lebten die besseren der deutschen Fürsten am Ende des Jahrhunderts ein friedliches Stilleben; sie konspirierten ein wenig mit Franzosen oder Polen, wenn sie gerade mit dem Reich unzufrieden waren, aber sie saßen als genießende Erben in ihrer neuen Macht, oft gutherzige Tyrannen, gewissenhaft in Nebendingen, in nüchternen Stunden ernsthaft um das Wohl ihrer Untertanen bemüht; gerade sie empfanden vielleicht am wenigsten das stille Mißbehagen ihrer Zeit. Und nach ihrem Bilde formte sich der wohlhabende Adel ihrer Landschaft, er lebte fort, bald gegen die neue Zeit kämpfend, bald mit Anstand dienend, bis der Dreißigjährige Krieg seine Häuser ausbrannte, die tüchtigem Männer in einem gewaltigen Kampf umhertrieb, die schwächern tiefer herunterdrückte. Hier aber soll zum Schluß ein Fürstenleben und der Charakter eines höfischen Edelmannes vorgeführt werden, welche beweisen, daß nicht überall der friedliche Übergang aus dem wüsten Treiben des Mittelalters gelang. Am Ende des 16. Jahrhunderts lebte und blühte Hans von Schweinichen, ein schlesischer Edelmann aus Dienstgeschlecht, Kammerjunker, Hofmarschall und Faktotum des abenteuerlichen Herzogs Heinrich XI. von Liegnitz. Die Gestalten beider erscheinen uns eng verbunden in zwei Biographien, welche Schweinichen verfaßt hat. Die eine ist seine eigene Lebensbeschreibung (Leben und Abenteuer des schlesischen Ritters Hans von Schweinichen, herausg. von Büsching. 3 Teile, 1820 u. f.), die andere ein Auszug daraus mit einigen Veränderungen und Zusätzen (Das Leben Herzog Heinrichs XI., herausgegeben von Stenzel: Scriptt. Rer. Siles. IV. ), beide Werke von hohem Wert für die Sittengeschichte des 16. Jahrhunderts. Das alte Fürstenhaus der schlesischen Piasten zeigt neben wenigen bedeutenden und mehreren mäßigen Regenten eine Reihe verschrobener Gesellen mit großen Ansprüchen und geringer Kraft. Die wilde Nachbarschaft, die isolierte Lage, die vielen Teilungen des Landes in kleine Fürstentümer vermögen die sittliche Entartung so vieler Herzöge zu erklären; außerdem aber bleibt auffallend ein vielen gemeinsamer Zug, ein unstetes, zerfahrenes, unpraktisches Wesen, tyrannische Gelüste und mitten darin wieder einzelne Blitze von Geist und guter Laune, vor allem eine Lebenskraft, welche den Untergang dieser Entarteten wohl länger aufhält als bei andern Sterblichen möglich wäre. Schon im Mittelalter macht wüste Verschwendung mehrere schlesische Herzöge zu Bettlern, ein Herzog von Oppeln wird von den Ständen des Landes sogar hingerichtet, Hans von Sagan stirbt im Elend. Im Jahrhundert der Reformation wird die äußere Lage der schlesischen Fürsten noch schlechter: die meisten Häuser der Piasten vergehen, die übrigen vermögen nur mühsam sich in die neue Zeit zu schicken. Eine der auffallendsten Gestalten unter ihnen ist Heinrich XI. von Liegnitz, der liederliche Sohn eines Vaters, der nicht besser war. Als sein Vater Herzog Friedrich III. im Jahre 1559 von kaiserlichen Kommissaren abgesetzt und als gemeinschädlich in Arrest gehalten wurde, erhielt der zwanzigjährige Sohn die Regierung des Fürstentums. Nach zehn Jahren einer unbändigen Regierung geriet Heinrich mit seinem Bruder Friedrich und seinem Adel in Zwist und ließ in einer despotischen Laune seine ganze Landschaft gefangen setzen. Während die Empörten ihn beim Kaiser verklagten, unternahm er selbst einen abenteuerlichen Zug durch Deutschland, eine Rund- und Bettelreise zu zahlreichen Höfen und Städten, wobei ihn Geldmangel aus einer Verlegenheit in die andere stürzte und zu jeder Art von Unwürdigkeiten brachte. Unterdes wurde er suspendiert, und sein Bruder, der wenig besser war, als Administrator eingesetzt. Heinrich klagte, querelierte, unternahm eine neue Bittreise an deutsche Fürstenhöfe, sollizitierte endlich in Prag beim Kaiser, immer in den drückendsten Geldverlegenheiten, und setzte endlich durch, daß er sein Herzogtum zurückerhielt. Jetzt folgten neue Zügellosigkeiten und offener Widerstand gegen kaiserliche Kommissarien, eine neue Absetzung und strenge Haft zu Breslau. Aus dieser Haft entwich er und trieb sich als heimatloser Abenteurer in der Fremde umher, bot sich der Königin Elisabeth von England im Kriege gegen Philipp von Spanien an und zog zuletzt nach Polen, um gegen Österreich zu kämpfen. Dort, in Krakau, starb er plötzlich 1586, wahrscheinlich an Gift. Wenn es in dem zerfahrenen Wesen dieses Fürsten etwas Außerordentliches gab, so war es die souveräne Freiheit von allem, was man sonst Rechtsgefühl und Gewissen nennt. Er hat nicht den Leichtsinn seines Hofjunkers, der sich über innere Bedenken hinwegsetzt, ihm fehlt ganz und gar die sittliche Empfindung. Und diese Rücksichtslosigkeit kommt ihm, dem vornehmen Herrn, eine Zeitlang zugut, denn mit gefälliger Leichtigkeit schlüpft er über alle Bedenken und Schwierigkeiten hinweg, und mit Lächeln oder vornehmer Verwunderung gleitet er auch durch solche Situationen, bei denen wenig andere eine brennende Schamröte von ihren Wangen ferngehalten hätten. Wie er sich Geld schafft, ist ihm gleichgültig; in der Not schreibt er Bettelbriefe an alle Welt, sogar er, der Protestant, an den römischen Legaten; von jedem Fürstenhof, jeder Stadt, in welcher er einkehrt und nach damaligem Brauch bewirtet wird, versucht er Geld zu borgen. In der Regel wird dann von den überraschten Wirten mit Schweinichen kapituliert, und aus der großen Anleihe wird ein kleines Reisegeschenk. Der Fürst ist auch damit zufrieden. Er hat eine Gemahlin, eine unbedeutende Frau, welche er als unvermeidlich zuweilen bei sich erträgt, sie muß dann versetzen und Schulden machen wie er, sich bei reichen böhmischen Edelleuten anmelden und sich einige Tage bewirten lassen, dann durch Schweinichen um ein Darlehen ansuchen und die höfliche Ablehnung mit fürstlicher Haltung ertragen. Das alles wäre nur kläglich, wenn es nicht dadurch origineller würde, daß Herzog Heinrich trotz alledem ein starkes Gefühl seiner fürstlichen Würde hat, die er sooft entehrt, und daß er in der äußeren Erscheinung doch ein vornehmer Mann ist. Nicht nur seinem Schweinichen gegenüber, sondern auch an den fremden Fürstenhöfen, ja sogar im gesellschaftlichen Verkehr mit Kaiserlicher Majestät ist er nach damaligem Ton ein liebenswürdiger Gesellschafter, in ritterlichen Künsten wohl bewandert, immer guter Laune, glücklich über jeden Scherz, den ein anderer macht, selbst schlagfertig in Worten, und in ernsten Dingen, wie es scheint, wirklich beredt. Und dann gibt es doch einige Punkte, wo er in der Tat Spuren von männlichem Sinn zeigt. So ungeschickt die tyrannischen Streiche sind, die er als Herzog gegen seine Landschaft versucht, so abenteuerlich seine offene Auflehnung gegen die kaiserliche Gewalt und so kindisch seine Hoffnung, erwählter König von Polen zu werden, so ist der Grund von alledem doch die stete Empfindung, daß seine edle Herkunft ihm das Recht gibt, nach dem Höchsten zu streben. Immer hat er politische Interessen und Pläne. Nie glückt ihm was, weil er unstet und ruchlos und unzuverlässig ist, aber er hört nicht auf, Großes zu begehren, eine Königskrone oder einen Feldherrnstab. Gerade dies, daß er noch anderes wollte, als mit lustigen Gesellen Wein trinken und in Nonnenkleidern durch die Straßen ziehen, hat ihn vom Thron und zuletzt ins Grab geworfen. Und noch eine andere Stelle hielt Probe. Er war ein Protestant. Er stand keinen Augenblick an, seinen katholischen Gegnern in der unverschämtesten Weise Darlehen zuzumuten; aber als ihm der päpstliche Legat eine bedeutende Rente, ja seine Wiedereinsetzung in das Fürstentum versprach, wenn er katholisch würde, wies er diesen Vorschlag mit Verachtung zurück. Wo er sich als Soldat engagierte, war es am liebsten gegen die Habsburger. [...] Andere Fürsten seines Geschlechtes, sein Bruder Friedrich vor allen, sind wieder ein Inbegriff der Fehler des deutschen Wesens. Kleinlich, eigensüchtig, beschränkt, argwöhnisch, ohne Entschluß und Energie, ist Herzog Friedrich sein vollendetes Gegenstück. Ein anderes Gegenbild ist sein Genosse und Biograph, Junker Hans von Schweinichen. Dieser närrische Kauz ist von Kopf bis zu Fuß ein deutscher Schlesier. Als Knabe Page des eingesperrten Herzogs Friedrich des Vaters und Prügeljunge Friedrich des Sohnes, hatte er das wilde Treiben des Liegnitzer Fürstenhofes schon früh aus dem Grunde kennengelernt und sich in alle Mysterien desselben eingelebt. Sein Vater war als Gutsbesitzer in Schulden gekommen, weil er einmal für den Herzog Heinrich Bürgschaft geleistet hatte. Schweinichen war Miterbe eines tiefverschuldeten Gutes und hatte bis in sein spätes Alter endlose Händel mit Gutsgläubigern, mit seinen Verwandten und Leuten; die für ihn gutgesagt und für die er gutgesagt hatte. Das freilich war am Ende des 16. Jahrhunderts das gewöhnliche Los der Gutsherren. Außerdem aber machte er durch viele Jahre fast alle Streiche seines fürstlichen Herrn mit, und da diese zum großen Teil unsauberer Natur waren, so kam auch auf sein Teil kein unbedeutendes Maß von leichtsinnigen Handlungen. Die sittliche Bildung war allerdings im ganzen betrachtet eine viel niedrigere als die unserer Zeit, und er darf nur nach dem Maßstab seiner Zeit gemessen werden. Aber bei der größten Nachsicht wird man in seiner Biographie einige bedenkliche Stellen finden, welche seine Rechnung im Himmel schlechter gestellt haben müssen, als er in seiner Genügsamkeit annimmt. Er aber ging nicht unter. Er hatte nicht wie ein Slawe, sondern als Deutscher getrunken, vielleicht noch stärker als sein Herr – denn er hatte nach damaligem Brauch seinem Herrn »vor dem Trunk zu stehen«, d. h. demselben beim Zechen aufzuwarten und seine Trinkduelle auszufechten – aber er hatte sich immer mit einem gewissen Vorbehalt betrunken. Deutschen Ordnungssinn und das methodische Wesen hatte er nicht verloren und nicht das Verständnis seiner Lage. Er war kein Mann des Schwertes, und seine Ritterlichkeit wurde durch einen starken Zusatz von Vorsicht gemindert. Immer guter Laune und dabei schlau und mit einer mächtigen Suada versehen, wußte er sich durch die schwierigsten Verhältnisse wie ein Aal durchzuwinden, mit dem offenen Wesen eines Biedermannes und dem gutmütigsten Gesicht von der Welt. Während er am liederlichsten war, hielt er fest an dem Glauben an ehrbare Zukunft, und während er als verwilderter Hofmann lebte, betrachtete er sich selbst als einen ehrenfesten Landedelmann, der die gute Meinung seiner Genossen zu bewahren habe. Er hatte stets ein kleines Gewissen fürs Haus, es war kein lästiges und strenges Gewissen, aber es verlangte dafür auch manchmal Gehorsam. Er liebte sich selbst nicht wenig und fing allmählich an, das Treiben seines Herrn weniger lustig zu finden. Das ewige Versetzen, das Zanken mit Juden und Christen, die Sorge um den täglichen Wein wurden ihm endlich zu unordentlich. Immer hatte er über sein eigenes Leben Buch geführt; selten hatte er vergessen anzumerken, daß er am vergangenen Abend »voll« gewesen; am Ende jedes Jahres, welches zuweilen nichts enthielt als eine Reihe von behaglichen Saufgelagen und schlechten Geldgeschäften, hatte er seine Seele Gott befohlen und dahinter die Getreidepreise des vergangenen Jahres notiert. Alles, was er für seinen Herrn versetzt hatte, findet sich in seinem Tagebuch mit ebenso genauer als überflüssiger Angabe des wahren Silberwertes bemerkt. Nachdem er so ziemlich alles versetzt hatte, erlebte er das Herzeleid, daß sein Herzog in kaiserliches Gefängnis kam; da schied er von ihm nicht ohne Wehmut, wie man von einer Jugendliebe scheidet. Aber sein deutscher Verstand sagte ihm, daß diese Trennung für ihn selbst ein Glück war. – Nun kamen Jahre, wo er nur mit seinen Nachbarn trank, wo er sich mit dem Herzog Friedrich versöhnte und sogar dessen Marschall wurde, wo er heiratete, ein kleines Gut pachtete und halb als Landwirt, halb als Hofmann schlecht und recht lebte, wie die andern auch. Darauf kam wieder ein anderer Fürst ins Land, Schweinichen wurde fürstlicher Rat und tätiges Mitglied der Regierung; er bekam die Gicht, er verlor seine Frau durch den Tod und heiratete sofort eine andere. Noch immer zog er unruhig in der Landschaft umher, schlichtete die Händel der Edelleute und Bauern, betrank sich noch zuweilen mit guten Kameraden, bezahlte Schulden, erwarb Grundbesitz, wurde immer älter und respektabler und starb endlich in Ehren. Seine acht Wappenschilder glänzten sicherlich beim Begräbnis an den schwarzen Trauerpferden, wie einst bei dem Begräbnis, das er seinem seligen Herrn Vater ausgerichtet hatte; er wurde auf seinem Grab in Stein gehauen und darüber sein Banner in der Dorfkirche aufgehängt, während der Sarg seines unglücklichen Fürsten noch ungeweiht über der Erde stand, von eifrigen Krakauer Mönchen als Ketzersarg in einer verfallenen Kapelle vermauert. Aus den Biographien Schweinichens wird die folgende Episode mitgeteilt. Sie fällt in das Jahr 1578, die Zeit, in welcher Herzog Heinrich durch kaiserlichen Befehl von der Regierung suspendiert war und mit fixiertem Einkommen in Haynau unter Herrschaft seines jüngeren Bruders saß. Schweinichen war damals sechsundzwanzig Jahre alt, Schärtlin wenige Monate vorher als zweiundachtzigjähriger Greis gestorben. Herzog Heinrich befand, daß es nicht länger möglich wäre, in Haynau Hof zu halten und zeigte der Kaiserlichen Majestät an, da Herzog Friedrich kein Deputat mehr gäbe, wollten seine Fürstlichen Gnaden selbst nehmen, wo sie könnten. Darauf gab der Kaiser keine Antwort, sondern ließ die Dinge gehen, wie sie wollten, weil von beiden Teilen Kaiserlicher Majestät Befehlen nicht nachgelebt werden konnte; denn der eine Fürst zerbrach Töpfe, der andere Krüge. Nun wußten Fürstliche Gnaden, daß die Stände einen großen Vorrat an Getreide auf dem Gröditzberg liegen hatten, deshalb hielten der Herzog mit mir Rat, wie sie den Gröditzberg einnehmen und dort bis zu Kaiserlicher Resolution haushalten könnten. Dieser Sache konnte ich keinen Beifall geben noch dazu raten, aus vielen bedenklichen Ursachen, die ich Seiner Fürstlichen Gnaden zu Gemüt führte. Denn die Kaiserliche Majestät würden es für einen Friedensbruch auslegen, und Seine Fürstliche Gnaden würden die Sache dadurch ärger und nicht besser machen. Und weil ich darüber etwas mit dem Herzog diskutierte, so wurden Fürstliche Gnaden schlecht mit mir zufrieden und sagten, ich taugte zu solchen Sachen nicht, derowegen hätten Seine Fürstliche Gnaden bei sich beschlossen, Sie wollten ausrücken und versuchen, ob Sie den Berg einnehmen könnten, befahlen mir, ich sollte zwölf reisige Rosse fertigmachen und den Junkern ansagen, daß sie alle mitreiten sollten, jedoch ich ihnen nicht vermelden, wohinaus Fürstliche Gnaden wollten. Obwohl ich nun ferner bat, Fürstliche Gnaden sollten es nicht tun, denn Sie würden sich um Land und Leute bringen, und ich wollte deswegen abmahnen, so war doch bei Seiner Fürstlichen Gnaden nichts durchzusetzen, sondern er zog fort und befahl mir, unterdes nicht von dem Hause Haynau zu weichen, bis er mich abriefe. Wenn aber Seine Fürstliche Gnaden das Haus Gröditzberg in der Nacht einnehmen würden, wollten sie sogleich einen reitenden Boten zurückschicken, und wenn ich einen Schuß hörte, sollte ich ihn sogleich einlassen und sollte dem Befehl gehorchen, den er brächte. Es zieht also mein Herr von Haynau den 18. August um zwei Uhr nach dem Gröditzberg zu. Als Fürstliche Gnaden nun unter dem Berg ins Holz kamen, hatten Sie zwei Reiter hinaufgeschickt, als wenn sie das Haus besehen wollten; diese sollten Kundschaft einziehen, wer droben sei, und wenn sie fänden, daß mein Herr nachrücken könnte, so sollten sie einen Schuß tun. Da sie nicht mehr als zwei Mannspersonen oben fanden, haben sie den Schuß abgefeuert. Schnell rückten Seine Fürstliche Gnaden hinauf, nahmen das Schloß ein und schickten mir zur dritten Stunde in der Nacht nach Abkommen einen reitenden Boten. Wie nun der Schuß vor dem Tor zu Haynau losging, erschrak ich höchlich – und sagte deshalb zu denen, die bei mir in der Kammer lagen: »Dieser Schuß bringt meinen Herrn um Land und Leute.« Sie verstanden das aber nicht und argwöhnten, mein Herr hätte den Herzog Friedrich entführt. Ich befahl alsbald, daß die Pforte am Schlosse geöffnet würde. Da ließen Fürstliche Gnaden mir durch Ulrich Rausch vermelden, Sie hätten den Gröditzberg inne, gedächten auch nicht wieder herunterzuziehen, sondern ich sollte alsbald meines Herrn übrige Rosse und Gesinde nebst den andern Sachen auf den Berg schicken. Zwei Tage darauf lassen sich zwei polnische Herren, Johann und Georg Rasserschaffsky ansagen, um Fürstliche Gnaden zu Haynau zu besuchen, was ich dem Herzog bald zu wissen tat und anfragte, wie ich mich verhalten sollte. Darauf gab Fürstliche Gnaden mir zur Antwort, ich sollte sie zu Haynau ein paar Tage traktieren und aufhalten und schickte mir sechs Taler mit zur Zehrung. Da nun die polnischen Herren sechzehn Rosse hatten, so gingen die sechs Taler bei der ersten Mahlzeit für Wein auf; ich mußte also mit Borgen und Sorgen sehen, wie ich die Herren, welche bis zum vierten Tage stillagen, bewirten konnte. Darauf schrieb mir der Herr, ich sollte sie auf den Gröditzberg bringen, auch selbst mitkommen. Dort hatte der Herzog bereits eine Guardia von zwanzig Knechten mit langen Röhren und war ein Kriegsmann geworden, ließ durch sechs Trompeter und Kesseltrommeln die Herren zum Empfang anblasen. Sobald ich hinaufkam, befahlen Fürstliche Gnaden mir die Haushaltung. Fürstliche Gnaden wollten das Haus verproviantiert haben und befahlen mir, ich sollte vierundzwanzig Malter Mehl in Vorrat machen lassen, welches denn auch geschah, und ich kaufte auf Befehl auch acht Malter Salz. Es wurde ein so großer Haufen Pilze und Heidelbeeren gebacken, daß es gar nicht zu sagen ist, große Fässer voll, womit viel Geld vertan ward. Es wurden auch zwölf Schweine im Schlosse mit lauter Getreide gemästet, denen der Herzog oft selbst zu fressen gab. – Alles war auf die Belagerung des Hauses gerichtet. Es waren auch Fuhrleute zu Modelsdorf, welche Blei, das zu Breslau geladen war, nach Leipzig zu führen hatten; das erfuhren Fürstliche Gnaden und befahlen derowegen sogleich, daß zwei Fuhrleute dies Blei auf den Berg fahren sollten, welches Blei über zweihundertundfünfzig Taler wert war. Es ward aufs Haus geschafft und blieb allda liegen. Die Kaufleute erfuhren das und klagten's dem Bischof, welcher meinen Herrn aufforderte, das Blei sogleich wieder herauszugeben. Fürstliche Gnaden aber wollten es nicht tun, sondern erboten sich, das Blei einst von ihrem Deputat zu zahlen. Folglich blieb es unbezahlt. Darüber kamen die Fuhrleute in große Ungelegenheit. – Darauf schickte Bischof Martin Kommissarien auf den Gröditzberg, Fürstliche Gnaden behielten die Kommissarien zwei Tage bei sich und traktierten sie wohl, aber ließen sie unverrichtetersache wieder abziehen. Unterdes ließ mich die Frau von Hermsdorf zu einer Hochzeit bitten, ohne Zweifel mehr ihrer Tochter zu Gefallen, der ich nicht gram war und bei der ich mich auf Liebe einließ. Deshalb bat ich Fürstliche Gnaden um Urlaub, und daß Sie mir drei Rosse leihen möchten, welches Fürstliche Gnaden auch gern taten, und weil Fürstliche Gnaden gerade ihr Gesinde in grau Tuch einkleideten, so beförderte ich, daß die, welche mit mir ritten, zu allererst gekleidet wurden. Unterdes ließ ich mir auch Schwert und Dolch beschlagen und putzte mich aufs beste heraus. So ritt ich mit drei Rossen auf Hermsdorf zu, wo ich bei der Jungfrau besonders gern gesehen war. Ich half die Braut nach Hermsdorf holen und ließ mich mit meinem Trompeter sehen. Wir waren die Hochzeit über bis auf den Sonnabend lustig und guter Dinge, und wenn einer weg wollte, hielt ihn der andere fest. Obgleich ich nun unterdes vom Herzog zurückgefordert ward, so blieb ich doch sitzen, deshalb, damit man nicht merken möchte, daß die Pferde dem Herzog gehörten. Am Sonnabend aber ritt ich fort, und als ich unter den Gröditzberg komme, lasse ich den Trompeter blasen; wie ich aber im Schloß absitze, kommt ein guter Freund von mir und berichtet mir, daß Fürstliche Gnaden sehr zornig auf mich wären, hätten geschworen, Sie wollten mir in der Hofstube Arrest geben, ich ließ mich aber nichts anfechten, sondern ging ins Schloß, so daß der Herr mich vom Gang sehen konnte. Nun hatten Fürstliche Gnaden Polacken bei sich zu Gast, und in Küche und Keller war kein Vorrat vorhanden, der Trompeter blies zu Tisch, und hernach zog sich's eine Stunde lang hin, und es ward nicht angerichtet. Fürstliche Gnaden schickten zu mir, ich sollte Essen geben lassen und aufwarten. Ich ließ dem Herzog wieder vermelden, ich hätte vernommen, Seine Fürstliche Gnaden wären zornig auf mich, deshalb hätte ich Bedenken, vor Fürstliche Gnaden zu treten; wenn ich aber Fürstliche Gnaden die Ursache meines langen Ausbleibens melden sollte, so würden Sie wohl zufrieden sein. Der Herzog aber läßt mir zurücksagen, ich sollte aufwarten, die Ursache meines längeren Ausbleibens wüßte er vorher, daß ich die Jungfrau lieber gewonnen als ihn. Als ich nun bei der Tafel Fürstlicher Gnaden das Wasser darbot, sahen Fürstliche Gnaden sauer, ich tat aber, als wenn ich mir nichts daraus machte. Fürstliche Gnaden fingen ein Saufen an, und wie es am besten losging, war kein Wein vorhanden. Darauf ließen Fürstliche Gnaden mir sagen, der Wein ginge ab, und den Spott brächte ich ihm zu, weil ich nicht zur rechten Zeit heimgekommen wäre. Ich ließ dem Herzog wieder zur Antwort geben, ich könnte nicht davor, warum hätten Fürstliche Gnaden nicht bei guter Zeit nach Wein geschickt. Darauf ließen Fürstliche Gnaden mir wieder vermelden, Sie hätten kein Geld, deswegen sollte ich schnell nach Wein schicken. Ich lasse aber dem Herzog sagen, was ich denn tun sollte. Wenn Fürstliche Gnaden mit mir zürnten, sollten Sie selber mit mir reden. Ich hatte aber noch ein Fäßlein Wein von drei Eimern verborgen im Keller liegen. Darauf läßt sich der Herzog ein Glas Wein eingießen und ruft: »Hofmeister, ich bringe dir das zu deiner Rückkehr«, heißt mich zu sich kommen und sagt: »Ich bin sehr zornig auf dich gewesen, aber es ist vorüber, siehe zu, daß wir wieder Proviant bekommen und vor allem Wein.« Ich antwortete, Fürstliche Gnaden sollten nur lustig sein, Wein werde nicht fehlen, auch an anderm sollte kein Mangel sein; Fürstliche Gnaden aber hätten keine Ursache, auf mich scheel zu sehen, denn ich wäre bei schönen Augen gewesen, die Fürstliche Gnaden auch gern sähen. Darauf sagte der Herzog: »Du bist mir gut, ich bin mit dir wohl zufrieden, ich habe mir wohl gedacht, du würdest etwas in Vorrat haben.« So waren wir wieder Herr und Diener und alle Ungnade war weg, und ich mußte nach meiner Freude wieder in Sorgen treten und zusehen, wie ich Küche und Keller bestellte, was mir nach der Freude schwer ankam. Ich erfuhr nachher vielerlei, daß man mich bei dem Herzog angeschwärzt hätte, als wenn ich ihn verraten wollte, und ich wäre bei Herzog Friedrich so lange gewesen und hätte mit diesem Praktiken gemacht, was doch niemals geschehen ist; auch bin ich dazu zu ehrenhaft gewesen. Es pflegt aber an Fürstenhöfen so zu gehen, daß die Fuchsschwänzer groß und gewöhnlich sind. Ich hätte gern vom Herzog erfahren, wer es gewesen, aber Fürstliche Gnaden wollten mir es nicht sagen [...]. Als der Proviant an Getreide und andern ziemlich weg und nichts mehr im Vorrat war, mußte ich mich nach Proviant umtun. Nun hatte Heinrich Schweinichen von Thomaswaldau eine Anzahl alter Schafe, die sonst niemand kaufen wollte, und ich konnte auch sonst ohne Geld kein Vieh bekommen, weil kein Geld bei uns vorhanden war. Derowegen befahlen Seine Gnaden mir, mit meinem Vetter um die alten Schafe zu handeln, ich machte auch den Kauf mit ihm ab, für jedes Stück zwanzig Weißgroschen zu zahlen, und es waren dreihundertfünfundzwanzig Schafe. Da ich nun über den Kauf einig bin, will er sie ohne Geld oder Bürgschaft nicht verabfolgen, will auch mich zum Bürgen nicht annehmen; darum mußte ich zurück und meinem Herrn dies vermelden, womit Sie gar übel zufrieden waren, daß man Ihnen nicht traute. Sie schrieben derowegen mit eigenen Händen an Schweinichen und begehrten, daß er auf Fürstlicher Gnaden Revers die Schafe verabfolgen lasse. Es konnte aber nicht sein, sondern Schweinichen entschuldigte sich. Darüber war der Herzog noch mehr erbittert, und weil wir nichts als Pilze und Heidelbeeren zu essen hatten, befahlen Seine Fürstliche Gnaden, ich sollte auf Mittel denken Bürgschaft zu stellen. Da ich nun früher beim Rat zu Löwenberg um ein Darlehen von dreihundert Talern für Fürstliche Gnaden angehalten, auch gute Vertröstung erhalten hatte, so zog ich zu den Herren von Löwenberg und bat wieder um das Anlehen von dreihundert Talern, sie aber entschuldigten sich. Zuletzt setzte ich durch, daß sie einwilligten für die Schafe Bürgen zu werden, wofern ich ihnen wieder Bürge für den Schaden werden wollte. – Das lehnte ich ab, bat aber, sie möchten Seiner Fürstlichen Gnaden trauen, sie würden nicht im Stich gelassen werden. So beredete ich den Rat, daß sie für die alten Höken auf ein halbes Jahr mit ihrem Siegel bürgten. Und wir bekamen wieder Proviant an den alten Schafen. Diese wurden denn oft auf achterlei Arbeit zubereitet, Pilze auf dreierlei Art, Heidelbeeren auf zweierlei. Damit mußten sich Fürstliche Gnaden und wir alle behelfen und schlechtes Goldberger Bier dazu trinken. Unterdes kam der Herbst heran, und jetzt konnten wir Vögel bekommen. Als ich nun aber Dohnen im Walde legen ließ, hatte ich großes Kreuz mit dem Gesinde, denn ein jeder wollte in den Wald laufen und sich Vögel holen. Obgleich es nun Seine Fürstliche Gnaden selbst verboten, wollte sich doch niemand daran kehren, so daß ich den Junkern deshalb in der Hofstube Arrest geben und das Gesinde in den Turm setzen mußte. Ich kam deshalb in große Ungunst, und es wollte doch wenig helfen. Fürstliche Gnaden gingen alle Morgen selbst hinunter und holten Vögel, das war so auch meine Kurzweil. Sonst war die Zeit ziemlich langweilig, obwohl ich nicht viel Ruhe hatte, da ich Proviant zu schaffen hatte und mich darum sehr bemühen mußte. – Indem nun Fürstliche Gnaden sahen, daß es schwer war, sich auf dem Gröditzberg zu erhalten und von Herzog Friedrich auch kein Deputat bekommen konnten, wurde der Arnsdorfer Teich früher gefischt als sonst, und mein Herr bekam Nachricht, daß in den Zügen etliche Schock Karpfen gefangen wären und in Behältern ständen. Deshalb befahlen sie mir etliche Wagen zu bestellen, und Fürstliche Gnaden ritten selbst mit fünfzehn Rossen nach Arnsdorf. Da es ziemlich am Abend und niemand als der Teichwächter bei den Hältern zu finden war, so ließen Fürstliche Gnaden aus den Hältern allerlei Fische aufladen, soviel sie auf die fünf Wagen bringen konnten, und zogen damit dem Gröditzberg zu. Während der Herzog über den Fischen lud, kommt das Geschrei nach Liegnitz. Darauf kommen Kessel, der Burggraf, und Hans Tschammer, Stallmeister, mit fünf Rossen gerannt, zu wehren, daß Fische weggeladen würden, aber zu langsam, denn die Wagen mit den Fischen waren zum größten Teil weg. Auch sahen sie, daß Fürstliche Gnaden in Person da waren und stärker als sie. Dazu gaben Fürstliche Gnaden ihnen auch kein gutes Wort, rückten dem Kessel an die Seite und sagten: wo er ein Wort verlauten lasse, das ihm nicht gezieme, so solle er sein Gefangener sein und solle finden, daß der Herzog mit ihm als einen Rebellen tun wolle. Deshalb mußten sie fünf gerade sein lassen und dankten Gott, daß sie so davonkamen. Am folgenden Tag mußte der Teich wieder gefischt werden. Da erwartet Herzog Friedrich, daß Herzog Heinrich wiederkomme und mehr Fische hole. Deshalb zieht er in eigener Person aus und nimmt fünfundzwanzig reisige Rosse mit, desgleichen fünfzig Hakenschützen, die unter dem Damm in die Sträucher versteckt werden. Fürstliche Gnaden aber bleiben zu Hause und schickten mich und einen Ausländer, Hans Fuchs, einen Landsknechthauptmann, nebst sechs Rossen nach Arnsdorf mit dem Auftrag, Herzog Friedrich freundlich zu grüßen. Was mein Herr am vorigen Tage von Fischen selbst weggeführt hätte, dazu hätte ihn die Not gezwungen, und er bitte, es ihm nicht übelzunehmen. Herzog Friedrich sollte es an dem schuldigen Deputat abrechnen, und Fürstliche Gnaden bäten freundlich, noch mehr Fische auf das Deputat verabfolgen zu lassen. Herzog Friedrich aber sah sauer, zog die Stirn sehr kraus und gab selber Antwort: Für den Gruß Fürstlicher Gnaden, wenn er aus brüderlichem Herzen geschähe, danke er. Daß ihm vor zwei Tagen die Fische aus dem Hälter weggeführt worden, das sei ihm schmerzlich, und wäre er dazugekommen, so würde nichts Gutes entstanden sein. Er war ganz unfreundlich und sprach: er werde keine Fische mehr verabfolgen lassen, und sollten mehr Fische mit Gewalt abgeholt werden, so werde er es auch mit Gewalt wehren. – So schied ich von Herzog Friedrich und sprach Kessel um ein Gericht Fische an, wir wollten zu Perschdorf frühstücken. Darauf befahl Herzog Friedrich sogleich, man sollte mir geben, was ich haben wollte. Wie ich nun zu meinem Herrn mit solcher Antwort komme, sind mein Herr übel zufrieden und machen allerlei Anschläge und wollen die Fische mit Gewalt nehmen. Indes bekommen Sie Kundschaft, daß Herzog Friedrich den nächsten Tag wieder fischen und wieder eine Guardia bei sich haben würde. Da sagte mein Herr zu mir: »Hans, wir müssen einen Spaß angeben, mache Rechnung, wieviel wir zu Rosse aufbringen können. Wir wollen hinunter und Herzog Friedrich beim Arnsdorfer Teich ein wenig erschrecken.« – Ich wollte aber nicht beistimmen und verwarf solchen Anschlag Seiner Fürstlichen Gnaden gänzlich, denn die Herzen würden dadurch sehr gegeneinander erbittert werden. So hätte auch Herzog Friedrich polnisch Gesinde vom Adel bei sich, und sie wären stark. – Fürstliche Gnaden aber wollten es nicht aufgeben, sondern versprachen mir, keinem Menschen ein böses Wort zu geben, ich würde aber wohl sehen, wie er Herzog Friedrich und die Seinigen jagen werde. Darauf machte ich Rechnung, daß wir mit neunzehn Rossen, drei Trompetern, sechs Hakenschützen und zwei Lakaien herunterreiten könnten; mit solcher Anzahl waren Herzog Heinrich zufrieden und befahlen mir, noch einen Wagen mit Fischfässern mitzunehmen, Herzog Friedrich werde ja nicht so grob sein und werde ihm doch etliche Fische verehren. Am Morgen früh zogen Fürstliche Gnaden vom Berg nach Perschdorf. Dort erhielten sie Kundschaft, daß Herzog Friedrich in einem Kähnchen auf dem Teich fahre. Darauf sagten Fürstliche Gnaden zu mir: »Hans, jetzt ist es Zeit, rücke vor.« Nun hatte Herzog Friedrich an des Dammes Ende eine Schildwache gestellt, sobald sie etwas merkte, sollte ein Schuß die Losung sein. Sobald dieser Schuß von dem Herzog Friedrichischen Mann ergeht, lasse ich einen Trompeter blasen und dann einen um den andern, und hernach alle drei zusammen. Da hat sich, wie mir später berichtet worden, ein großer Tumult erhoben, und Herzog Friedrich und ein jeder Diener haben nach ihrer Rüstung geschrien. Und dem Herzog Friedrich im Teich war so bange worden, daß man ihn kaum ohne Ohnmacht hat herausbringen können. Zuletzt war er aus dem Kähnlein gesprungen und im Schlamm gewatet; so war er außer Atem gekommen. – Wie die Hakenschützen, die Herzog Friedrich bei sich haben, die Trompeter hören, so verlaufen sie sich in die Sträucher auf den Wiesen, und wie er nach den Schützen schreien läßt, ist keiner da. Da schoß dem Herzog Friedrich das Blatt, sie fallen auf ihre Klepper und jagen mit fünf Dienern schneller als Trab nach Liegnitz zu. Sobald die andern sehen, daß ihr Herr davonreitet, folgen die alle dem Modell nach, nur neun Rosse bleiben beim Hälter halten, darunter Leuthold von der Saale, Balthasar Nostiz und ein Muschelwitz. Als nun Fürstliche Gnaden ihnen nahe kommen, ziehen sie die Hüte ab, und mein Herr grüßt gnädig und fragt, wo ihr Herr wäre; da sagten sie, das wüßten sie nicht. Darauf antwortete mein Herr, er wäre nicht als ein Feind gekommen, sondern als ein Bruder. »Ich habe mir ein Fischfaß mitgenommen, in der Meinung, wenn ich mit meinem Bruder mich freundlich unterredet hätte, so würde er nicht unhöflich gewesen sein und mir ein Gericht Fische geschenkt haben. Und weil ich fremde Gäste bekommen werde, so will ich eine Mandel Haupthechte und drei Mandeln Zahlhechte und ein Schock Hauptkarpfen nehmen.« – Die, welche fischen sollten, verloren sich, und der von der Saale beteuerte noch, Seine Fürstliche Gnaden sollten keine Fische wegladen. Mein Herr aber fragte nichts danach, sondern zwang die Bauern, welche herzugelaufen waren, in die Hälter zu steigen und zu fischen. Und Fürstliche Gnaden lud die Fische selbst in die Fässer und befahl den Junkern, Herzog Friedrich zu sagen, er hätte vor ihm und seinem Kriegsvolk nicht fliehen dürfen, er sei in freundlicher Meinung gekommen, aber man sehe wohl, ein böses Gewissen ließe sich nicht verbergen. Herzog Friedrich sollte morgen auf den Gröditzberg kommen und die Fische essen helfen. »Wenn aber euer Herr nicht kommen will, so kommt ihr, wenn ihr redliche Leute seid; und seid nicht mehr furchtsam, wie euch heute geschehen.« Hernach sagte Fürstliche Gnaden zu mir: »Hans, habe ich dir's nicht zuvor gesagt, ich wollte meinen Bruder jagen? Wie gefällt es dir? Ich will ihn auch so von Liegnitz wegjagen, es wird nicht lange dauern.« Soweit Schweinichen. – Niemand dachte daran, den Herzog Heinrich auf der Gröditzburg anzugreifen. Er selbst wurde, als der Winter herankam, dieser Kaprice überdrüssig und beschloß wieder eine Reise durch Deutschland zu machen, was Schweinichen sehr verständig widerriet, dann aber seinen Witz anstrengte, das Geld dafür zu schaffen. – [...] XVII Der Dreißigjährige Krieg Das Heer Stärke der Heere. – Kosten. – Methode der Kriegführung. – Organisation der Heere: Fußvolk, Reiterei, Artillerie. – Die Schlacht. – Die Würden: Hauptmann, Fähnrich und Fahne, Unteroffizier. – Sold. – Kriegszucht. – Strafen. – Der Troß und seine Disziplin Die Heere des Dreißigjährigen Krieges hatten im besten Fall die Stärke eines modernen Armeekorps. Tilly hielt 40 000 Mann für die höchste Truppenzahl, die sich ein Feldherr wünschen könne. Nur in einzelnen Fällen hat ein Heer diese Stärke erreicht, fast alle großen Schlachten wurden durch kleinere Massen entschieden. Zahlreich waren die Detachierungen, sehr groß der Abgang durch Gefechte, Krankheiten, Flucht. Und da kein geordnetes System der Ergänzungen bestand, schwankte der wirkliche Bestand der Armeen in höchst auffälliger Weise. Einmal zwar vereinigte Wallenstein eine größere Truppenmacht – den Angaben nach 100 000 Mann – unter seinem Oberbefehl, aber nicht in einem Heer, ja kaum in militärischem Zusammenhang; denn die zuchtlosen Banden, mit welchen er im Jahre 1629 die deutschen Territorien dem Kaiser unterwerfen wollte, lagen über halb Deutschland zerstreut. Eine solche Soldatenmasse erschien allen Parteien als greuliches Wagnis. Sie war in der Tat nicht zu bändigen. Seitdem hat kein Feldherr auch nur die Hälfte befehligt. Auch das große Heer der Kaiserlichen, welches sich vor der Schlacht bei Nördlingen 1634 vereinigte, war aus mehreren Armeen kombiniert, aus Wallensteinschem Erbe, einer italienischen Armee, spanischen Hilfsvölkern und Truppen Maximilians von Bayern, zusammen vielleicht 60 000 Mann. Es blieb nur kurze Zeit beisammen. Denn noch galt es für bedenklich, mehr als höchstens 40 000 Mann in einer Schlacht zu leiten, auf einem Kriegstheater zu erhalten. Die Schlacht war ein Kampf kunstvoll rangierter Massen, die Aufstellung selbst erforderte viel Zeit, das Heer in Schlachtordnung wurde als eine bewegliche Festung betrachtet, deren Mittelpunkt, der Feldherr selbst, alles Detail beherrschen sollte. Sein Blick mußte das Terrain übersehen, sein Wille jede Aufstellung und jeden Angriff leiten. Adjutantur und Generalstabsdienst waren noch wenig ausgebildet. Die Heerhaufen in dichten Massen zusammenhalten, die Schlachtreihe durch Terrainhindernis schützen, nicht Roß, nicht Mann aus Auge und Führung lassen, gehörte zur Methode. So mußte auch auf dem Marsch das Heer fest zusammengehalten werden, in engen Quartieren, am liebsten in einem Lagerraum. Dazu kamen Schwierigkeiten der Verpflegung, die Landstraßen schlecht, oft grundlos, die Zufuhr gezwungen, fast immer elend geordnet. Und was in der Praxis entscheidend war, ein Heer von 40 000 Streitern bestand wohl aus 100 000 Menschen. Der ungeheure Troß und das wilde Raubsystem zehrten schnell die fruchtbarste Landschaft aus. So hätte die größte Feldherrnkunst kaum ein größeres Heer führen können. Aber es war dafür gesorgt, daß man in solche Verlegenheit nicht kam. Weder der Kaiser noch ein Reichsfürst waren imstande, 40 000 Mann auch nur auf ein Vierteljahr aus ihren Einkünften zu unterhalten. Die regelmäßigen Einnahmen der Landesherren waren weit geringer als jetzt und die Unterhaltung der Heere weit kostspieliger. Die Intraden (Landeseinkünfte) bestanden zum großen Teil aus Naturallieferungen, die bei Kriegsgefahr unsicher und schwer zu veräußern waren. Die Finanzen der Kriegführenden waren schon beim Beginn des Krieges in der traurigsten Lage. Die böhmischen Stände wirtschafteten ohne Geld und Kredit, auch König Friedrich von der Pfalz vermochte mit den Subsidien der protestantischen Bundesgenossen nicht aufzuhelfen. Im Winter von 1619–1620 verhungerte, erfror und verlief die halbe böhmische Armee aus Mangel an Sold und Verpflegung, im September 1620 hatten die Truppen über vier und eine halbe Million Gulden Sold zu fordern, die Meuterei hörte nicht auf. Nicht viel besser stand es damals mit dem Kaiser, doch kamen ihm bald nachher spanische Subsidien. Und der Kurfürst von Sachsen, dessen Finanzen noch am besten geordnet waren, konnte schon im Dezember 1619, wo er erst 1500 Mann geworben hatte, den Sold nicht mehr regelmäßig zahlen. Was die Landstände an Kriegssteuern bewilligten, was die Wohlhabenden in sogenannten freiwilligen Gaben leisten mußten, reichte nirgends aus; Anleihen waren schon im ersten Jahr sehr schwer zu realisieren: sie wurden bei den Bankhäusern Süddeutschlands, auch in Hamburg versucht, selten mit Erfolg; Stadtgemeinden galten noch für zuverlässigere Schuldner als die größten Fürsten. Selbst mit Privatpersonen ward um die kleinsten Summen verhandelt. Sachsen hoffte 1621 auf 50–60 000 Gulden von den Fuggern, es versuchte bei den Kapitalisten 30 000, 70 000 Gulden aufzunehmen, vergebens, für ein Darlehn von 12 000 Gulden Münze mußte die kursächsische Regierung ebensoviel Kurant verschreiben, im Jahre 1620 fast 50% mehr, als sie erhalten. Nur Maximilian von Bayern und die Liga machten für den Krieg eine große Anleihe von 1 200 000 Gulden zu 12% bei der Kaufmannschaft in Genua, dafür mußten die Fugger Bürge werden, welche sich wieder für ihre Bürgschaft den Salzhandel von Augsburg versichern ließen. Gerade hundert Jahre vorher hatte dasselbe Bankhaus nicht unbedeutenden Anteil an der Kaiserwahl Karls V. gehabt, auch jetzt half es den Sieg der katholischen Partei sichern, denn der böhmische Krieg wurde noch mehr durch Geldmangel als durch die Schlacht am Weißen Berg entschieden. Aber noch mißlicher war, daß die Unterhaltung eines Heeres damals fast zweimal soviel kostete als jetzt, selbst der billige Fußsoldat war noch einmal so teuer. So begann der Krieg mit allgemeiner Insolvenz der Regierungen. Auch dadurch wurde die Unterhaltung großer Armeen unmöglich. Offenbar bestand ein verhängnisvolles Mißverhältnis zwischen der militärischen Kraft der Parteien und dem letzten Zweck jedes Krieges. Keiner der Kriegführenden vermochte die Gegner ganz niederzuwerfen. Zu klein und zu wenig dauerhaft waren die Heere, um die ausgedehnten Landstriche eines zahlreichen und kriegerischen Volkes in regulären strategischen Operationen zu bändigen. Während eine siegreiche Armee am Rhein oder um die Oder herrschte, lief ein neues Feindesheer an der Nord- oder Ostsee zusammen. Auch war das deutsche Kriegstheater nicht so beschaffen, daß dauerhafte Erfolge leicht zu erzielen waren. Fast jede Stadt war befestigt. Noch war das Belagerungsgeschütz schwerfällig und in seinen Leistungen unsicher, noch die Verteidigung fester Plätze verhältnismäßig stärker als der Angriff. So wurde der Krieg zum großen Teil ein Festungskampf; jede eingenommene Stadt schwächte das siegreiche Heer durch den Abgang der Besatzungstruppen. War eine Landschaft erobert, dann war der Sieger leicht nicht imstande, dem Besiegten in offener Feldschlacht zu widerstehen. Durch eine neue Anstrengung warf dieser den Sieger aus dem Felde, dann folgten neue Belagerungen und Eroberungen und wieder eine verhängnisvolle Zersplitterung der Kräfte. Es war ein Krieg voll blutiger Schlachten, glorreicher Siege, aber auch eines unaufhörlichen Wechsels von Glück und Verlust. Groß ist die Zahl der finsteren Heldengestalten, welche aus dem Dunst von Blut und Brand ragen: der eherne Ernst von Mansfeld, der phantastische Braunschweiger, Bernhard von Weimar, und dagegen Maximilian von Bayern und die Generale der Liga: Tilly, Pappenheim und der tüchtige Mercy; die Führer der kaiserlichen Heere: der ruchlose Wallenstein, Altringer, die großen Franzosen Condé und Turenne, unter den Schweden Horn, Banér, Torstenson, Wrangel und über allen der mächtige Kriegsfürst Gustav Adolf. So starke Männerkräfte in der höchsten Spannung! Und doch wie langsam und schwerfällig werden politische Resultate gewonnen, wie schnell geht wieder verloren, was mit der größten Gewalt erworben schien! Wie oft wechseln die Parteien selbst die Zielpunkte, nach welchen sie stürmen, ja die Fahne, welcher sie Sieg wünschen! [...] Es ist hier nicht die Aufgabe, die Feldherren und ihre Schlachten zu charakterisieren, wohl aber von den Zuständen des deutschen Volkes zu sprechen, von dem zerstörenden und leidenden Teil der Bevölkerung, dem Heer wie dem Bürger und Bauern. Seit den Burgunderkriegen und den italienischen Kämpfen Maximilians und Karls V. hatte das bürgerliche Fußvolk die ritterliche Reiterei des Mittelalters in den Hintergrund gedrängt. Die Stärke der deutschen Heere bestand damals aus Landsknechten, freien Männern des Bürger- und Bauernstandes, unter ihnen nur einzelne Adlige. Sie waren in der großen Mehrzahl geworbene Söldner, welche sich freiwillig durch Vertrag auf Zeit an ihre Fahne banden. Sie betrieben den Krieg wie Handwerker, hart, emsig, dauerhaft, als zünftige Leute, die sich selbst richteten und die Ordnung, welche ihnen der Kaiser gesetzt hatte, mit umständlichem Zeremoniell und sinnigen Gebräuchen umgaben. Aber kurz war die Blütezeit ihrer Kraft. Sie fällt genau zusammen mit der großen Erhebung des deutschen Volkes auf den idealen Gebieten des Lebens. Ihr Verfall beginnt fast zu derselben Zeit, in welcher der Bauernkrieg den Aufschwung der unteren Volksschichten brach, in welcher die widerwärtigen Händel zwischen Lutheranern und Reformierten zu beweisen schienen, daß auch das neue Leben der Geister nicht alle Bedingungen eines siegreichen Fortschrittes enthalte. Er läßt sich datieren von ihrem Aufstand gegen den älteren Frundsberg, jener Stunde, wo sie ihrem Vater, dem greisen Landsknechthelden, das Herz brachen. Vieles wirkte zusammen, die neuen Fußsoldaten zu verderben, sie waren Lohnkrieger auf Zeit und gewöhnten sich bald, die Fahnen zu wechseln und nicht für eine Idee zu kämpfen, sondern für eigenen Vorteil und Beute. Sie waren nicht durch die Anwendung des Pulvers auf den Krieg ins Leben gerufen worden, aber sie vorzugsweise eigneten sich die neue Erfindung an. Und das Eindringen der Handfeuerwaffen in die Heere half allerdings zuerst dazu, die Schwäche ihres Gegners, der alten Ritterkavaliere, zu erweisen, aber dieselbe Feuerwaffe verringerte auch sehr bald ihre eigene Tüchtigkeit. Denn noch waren ihre schweren, langsam feuernden Rohre nicht geeignet, auf dem Schlachtfeld den Sieg zu gewinnen. Der letzte Erfolg hing noch von dem massenhaften Ansturm der scharfen Waffe und dem Einbrechen ihrer Gewalthaufen in den Feind ab; noch kämpften die behenderen Schützen unter dem Schirm der Spießträger, welche sich wieder mit eisernen Schutzwaffen bedeckt hatten, um die Gefahr der Kugel zu verringern. Der Landsknecht aber wollte lieber das Rohr als den schweren Harnisch und Spieß tragen; so kam es, daß die große Masse der Soldaten untüchtig zum entscheidenden Angriff wurde. Damit vereinigten sich andere Übelstände. Noch gab es keine stehenden Heere; bei drohender Fehde wurden von großen und kleinen Territorialherren und Städten Truppen gesammelt, nach beigelegtem Kriege wieder entlassen. Die Fehden waren in der Regel kurz und lokal, selbst die ungarischen Kriege nur Sommerfeldzüge von wenigen Monaten. Die deutschen Landesherren, in unaufhörlicher Geldnot, suchten sich durch Verschlechterung der Münze – es wurde zur Auszahlung der Kriegsleute nicht selten besonders leichtes Geld geschlagen –, durch treulose Verkürzung der ausgemachten Löhnung zu helfen. Solche Ungebühr demoralisierte den Kriegsmann nicht weniger als die kurze Dienstzeit. So wurden die Landsknechte betrogene Betrüger, Abenteurer, Plünderer und Räuber. Das Fußvolk trug beim Beginn des Krieges entweder das Feuerrohr oder die Pike, das Rohr zum Auflockern der feindlichen Massen, den Spieß zum Draufgehen und zur Entscheidung im Nahgefecht. Die Mannschaften der scharfen Waffe waren in der großen Mehrzahl Pikeniere, seltener Hellebardiere, zuweilen noch »Schlachtschwerter« als Hüter der Fahne und Rondarschiere mit Kurzspieß und Schild. Beim Beginn des Krieges galt der Pikenier für den schweren Infanteristen, er trug Helm, Brustharnisch, Armschienen, den Degen und eine 18 Fuß lange Pike mit eiserner Spitze, den Schaft am besten von Eschenholz. Die Gefreiten und Subalternoffiziere führten Hellebarden oder Partisanen. Es wurde aber immer schwerer, für diese alten Landsknechtswaffen das Volk in hinreichender Anzahl zusammenzubringen. – Von den Handfeuerwaffen hatten zwei die Herrschaft in den Heeren erlangt, die Gabelmuskete, bei den Kaiserlichen im Anfang des Krieges ein schweres unbehilfliches Gewehr von sechs Fuß Länge mit Luntenschloß und Kugeln, von denen zehn aufs Pfund gingen, und daneben das kürzere Hand- oder Schützenrohr, leichter und von geringerem Kaliber, welches im Anfang des Krieges auch beim Fußvolk zuweilen den veralteten Namen Arkebuse führt. Der Musketier trug außer einem Seitengewehr mit wenig gekrümmter Spitze über die Schulter ein breites Bandelier mit elf Zylinderkapseln, in denen die Ladung steckte, einen Luntenberger und am Riemen einen Gabelstock, Furket, unten mit metallener Spitze, oben mit zwei metallenen Hörnern, auf den er beim Schießen die Muskete legte. Sein Haupt bedeckte noch Helm oder Sturmhaube, bald warf er auch diese letzte Schutzwaffe weg. Der Arkebusier zu Fuß oder Handschütz führte nicht Gabel und Bandelier, er lud aus Kugeltasche und Pulverhorn. Pikeniere und Musketiere standen in demselben Fähnlein vereinigt, doch gab es schon lange vor dem großen Kriege Fähnlein, welche nur Feuerwaffen enthielten. Aus den Schützenfähnlein mit Handrohr, der leichtesten Infanterie, die man gern als Freikompanien von den Regimentern sonderte, entwickelten sich in der Mitte des Krieges – soviel uns bekannt, zuerst bei den Hessen – Jägerkompanien, darin wohl nur einzelne mit gezogenem Rohr. Die Grenadiere, welche Handgranaten werfen, werden hier und da in geringer Anzahl gebildet, z. B. 1634 von den Schweden im belagerten Regensburg. Beim Beginn des Krieges war der Pikenier als schwerer Infanterist traditionell noch der angesehene Mann, noch wurde er in den Musterregistern als Doppelsöldner aufgeführt, im Lauf des Krieges erwies er sich als zu schwerfällig für große Märsche, unbehilflich beim Angriff, fast unnütz, seit der Kavallerie das Einhauen und die letzte Entscheidung auf dem Schlachtfeld zugefallen war; so sank er allmählich in Verachtung, und das hübsche Urteil des lustigen Springinsfeld Grimmelshausen, »Seltzamer Springsinsfeld«, Kap. 13 [3. Absatz]. drückt genau die Ansicht über seine Brauchbarkeit aus. »Ein Musketier ist zwar eine wohlgeplagte arme Kreatur, aber er lebt in herrlicher Glückseligkeit gegen einen elenden Pikenier. Es ist verdrießlich daran zu denken, was die guten Tröpfe für Ungemach ausstehen müssen; keiner kann's glauben, der's nicht selbst erfährt, und ich meine, wer einen Pikenier niedermacht, den er verschonen könnte, der ermordet einen Unschuldigen und kann solchen Totschlag nimmermehr verantworten; denn obgleich diese armen Schiebochsen« – mit diesem spöttischen Namen wurden sie genannt – »kreiert sind, ihre Brigaden vor dem Einhauen der Reiter im freien Felde zu schützen, so tun sie doch für sich selbst niemand ein Leid, und dem geschieht ganz recht, der ja einem von ihnen in seinen langen Spieß rennt. In Summa, ich habe mein Lebtag viele scharfe Okkasionen gesehen, aber selten wahrgenommen, daß ein Pikenier jemand umgebracht hätte.« Demungeachtet erhielten sich die Pikeniere bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Die Musketiere aber, die große Masse des Fußvolkes, wurden durch Gustav Adolf behender gemacht; er schaffte im schwedischen Heer die Gabel ab – die Kaiserlichen behielten sie reglementmäßig bis lange nach dem Kriege –, erleichterte Gewehr und Kaliber zu Kugeln, von denen dreizehn aufs Pfund gingen, und führte statt des klappernden Bandeliers Papierpatronen und Tasche ein. Aber auch so waren die Musketiere, ohne Bajonett, langsam feuernd und nicht geübt, in geschlossener Reihe zu kämpfen, wenig geeignet, große Entscheidungen herbeizuführen. Dagegen wuchs der Einfluß der Kavallerie. In ihr lagen bei Beginn des Krieges noch zwei entgegengesetzte Prinzipien im Streit. Die alte Rittertradition hatte Methode und Bewaffnung gemischt mit dem Landsknechtswesen, welches auch auf die Pferde gestiegen war. Noch galt die schwere Reiterei für eine aristokratische Truppe, noch führte der Edelmann sein Schlachtroß, die Ritterrüstung, die alte Ritterlanze und seinen Haufen Knechte, für welche er den Sold bezog, zu den Standarten der Kavallerieregimenter. Aber der Krieg machte auch diesen Resten alter Sitte allmählich ein Ende. Doch blieb der Ehrgeiz, als Freireiter mit eigener Ausrüstung und einem Knecht oder auch nur als »Einspänniger« einzutreten, und wer etwas auf sich hielt oder gute Beute gemacht hatte, drängte sich unter die Reiterstandarte. Bei den deutschen Heeren waren vier Gattungen der regulären Kavallerie, die Lanziers, bis auf die Reiterstiefeln in voller Rüstung (ohne Schild), mit Ritterlanze oder dem Rennspieß der Landsknechte, Degen, zwei schweren Sattelpistolen (den Fäustlingen), die Kürassiere mit gleicher Schutzrüstung, Pistolen und Degen; die Arkebusiere, später Karabiniers, halbgerüstet mit Sturmhaube, Halsring, schußfestem Brustharnisch, mit zwei Pistolen und einem Handrohr an schmalem Bandelier; endlich die Dragoner, berittene Pikeniere oder Musketiere, welche fast ebensowohl zu Pferd als zu Fuß fochten. Dazu kam irreguläre Kavallerie, Kroaten, Stradioten und die Husaren, welche fast hundert Jahre vorher, im Jahre 1546, in Deutschland Aufsehen gemacht hatten, als sie Herzog Moritz von Sachsen dem König Ferdinand aus Böhmen entlieh. Damals hatte ihr Aussehen nicht übel gefallen, sie hatten türkische Rüstung, Säbel und Tartsche getragen, waren aber als wilde Räuber im schlechtesten Geruch gewesen, Gustav Adolf brachte nur Kürassiere und Dragoner nach Deutschland, auch die Kürassiere leichter gerüstet als die kaiserlichen, aber ihnen weit überlegen an Energie des Angriffs. Während des ganzen Krieges war es Tendenz der Reiterei, ihre schwere Armatur zu erleichtern; je mehr die Heere zu Kriegsbanden herabsanken, desto zwingender wurde das Bedürfnis größerer Beweglichkeit. Im 16. Jahrhundert war das schwere Geschütz an Kaliber, Rohrlänge und Namen sehr mannigfaltig gewesen, die scharfe Metz, die Kartaune, Notschlange, Nachtigall, Sängerin Falkaune, das Falkonett, die Feldschlange, das Scharfentin (Serpentin) usw. mit Kugeln von hundert Pfund bis ein Pfund herab, außerdem Orgelgeschütze Dies Geschütz bestand aus einer Anzahl kurzer Röhren, welche, parallel in Reihen (Registern) verbunden, eine nahezu kubische Masse bildeten, deren dem Feind zugekehrte Seite etwa sechs bis zehn Reihen von ebensoviel Mündungen im Quadrat geordnet wies. Dies System von Röhren ruhte auf einer Lafette und feuerte nach den Registern. Jedes einzelne Rohr aber wurde mit drei, vier und mehr Kugeln geladen, welche einzeln in Zwischenräumen aus dem Lauf flogen. Sollte das Feuern aufhören, so konnte der Mechanismus gehemmt werden. Fronsperger (Kriegsordnung Buch V, Bl. 84 der Ausgabe von 1564) rühmt, daß so (nach einmaligem Laden) aus hundert Röhren des Geschützes tausend Schüsse geschehen könnten. – Ein Kartätschenschuß tat in den meisten Fällen bessern Dienst. Auch war die überkünstliche Maschine zu teuer und unbehilflich. [...] , Mörser und Böller, Feuerbüchsen und Standbüchsen. Beim Beginn des Dreißigjährigen Krieges waren die Formen bereits vereinfacht, man goß ganze, halbe, Viertel- und Achtelkartaunen, mit 42-, 24-, 12- und 6pfündigen Kugeln, die ersten als Festungs- und Positionsgeschütze, die letzten als Feldgeschütze; daneben noch die unverhältnismäßig langen Schlangen und Falken. Zum Bogenwurf aber sogen. Kammerstücke, die Mörser, welche bald auch Haubitzen genannt wurden, und die kleineren Böller für Feuerkugeln, Stinktöpfe usw. Im Anfang des Krieges außerdem die Hagelstücke, welche gehacktes Eisen, Blei, Schrot, kleine Steine schossen. Endlich von geschmiedeten Feuerwaffen für lötige Kugeln die Doppel-, einfachen und halben Haken. Immer aber war an den Stücken für Vollkugeln die Rohrlänge des Geschützes zu groß, das Pulver schlecht, der Schuß unsicher. Gustav Adolf führte kurze und leichtere Geschütze ein; seine ledernen Kanonen, kupferne Zylinder mit dichtem Hanf- und Lederüberzug, durch eiserne Reifen zusammengehalten, erhielten sich zwar nicht; wahrscheinlich war ihre Dauerbarkeit zu gering; aber seine kurzen Vierpfünder, auch für Kartätschenschuß von bester Wirkung, von denen je zwei jedem Regiment beigegeben waren, überdauerten den Krieg. Dies Feldgeschütz feuerte nicht nur aus Position, sondern avancierte mit ziemlicher Beweglichkeit auch während des Gefechts. Unbehilflich aber blieben die Bogenwürfe und Hohlgeschosse; die letzteren, mit Stricken umsponnen, waren runden Kanonenschlägen ähnlicher als unsern Bomben und Granaten und blieben von unsicherer Wirkung, weil man den Zünder schlecht verfertigte und die Zeit des Springens nicht abzumessen verstand. Das alte Bedürfnis der Germanen, auch das Leblose gemütlich herzurichten, hatte schon in früherer Zeit den einzelnen Geschützen besondere Namen gegeben, der Brauch blieb, auch seit man Stücke desselben Kalibers in größerer Zahl goß; dann wurden die einzelnen Geschütze z. B. nach den Planeten, Monaten, Zeichen des Tierkreises benannt, auch wohl zusammen als lauttönendes Alphabet aufgefaßt, in diesem Fall mit einzelnen Buchstaben bezeichnet. Auch dem Kaliber, das trotz aller Vereinfachung noch zu verschieden war, erfand man immer neue Namen. So wird der hübsche Vergleich der Geschütze mit Raubvögeln fortgesetzt, die 36-Pfünder heißen Adler, 24-Pfünder Falken, 12-Pfünder Geier, 6-Pfünder Habichte, 3-Pfünder Sperber, die 60pfündigen Mörser aber Eulen. Die Fortschritte der Artillerie und ihr Einfluß auf die Kriegführung wurden nur dadurch beeinträchtigt, daß ausgelernte Geschützmeister in der letzten Hälfte des Krieges fehlten; der größte Teil der Geschützmannschaft waren kommandierte Infanteristen, der Verlust eines tüchtigen Artilleristen schwer zu ersetzen. Das Zahlenverhältnis der einzelnen Waffen änderte sich durch den Krieg. Beim Beginn war das Verhältnis der Reiterei zum Fußvolk etwa wie eins zu fünf, bald wie eins zu drei, in der letzten Periode war die Reiterei zuweilen stärker als die Fußtruppen. Diese auffallende Tatsache ist zugleich ein Zeugnis für die Verschlechterung der Truppen und der Kriegführung. In den ausgesogenen Landschaften war die Erhaltung der Heere nur bei starker Reiterei möglich, welche weiter fouragieren und schneller das Terrain wechseln konnte. Und da sich zur Reiterei drängte, wer Selbstgefühl besaß oder Beute hoffte, so erhielt sich die Reiterei verhältnismäßig in besserem Zustand als das Fußvolk, welches zuletzt in dürftiger Nachlese verzehrte, was etwa die Reiter übriggelassen hatten. Allerdings wurde auch die Kavallerie schlechter, der Mangel an guten Kriegspferden war zuletzt noch empfindlicher als der an Menschen, und die Wucht schwerer Reiterei nicht zu erhalten, während sich in der Bandenwirtschaft der letzten Jahre der Dienst der Streifkorps und Parteigänger zu großer Vollkommenheit ausbildete. Demungeachtet tat auch in den Treffen die Reiterei zuletzt das Beste; denn ihr fiel wieder die Aufgabe zu, das Gefecht durch Draufgehen zur Entscheidung zu bringen. Die letzte Armee mit tüchtiger Infanterie und »holländischer Ordnung« war die der Bayern unter Mercy von 1643–1645. Die Taktik der Armeen hatte sich seit hundert Jahren langsam umgeformt. Das alte Landsknechtheer war in drei großen quadratischen Haufen, Avantgarde, Gewalthaufen, Arrieregarde, zur Schlacht gezogen, unbekümmert um Landstraßen und Saatfelder; vor ihm liefen kommandierte Arbeiter, welche Gräben ausfüllen und Gebüsch niederschlagen mußten, um dem unförmlichen Haufen Bahn zu machen. Zur Schlacht selbst stellten sich die tiefen viereckigen Massen des Fußvolks nebeneinander, jeder Schlachthaufen bestand aus vielen Fähnlein, zuweilen aus mehreren Regimentern; die Reiterei stand in ähnlicher tiefer Aufstellung an den Flügeln. Regelmäßige Reserve fehlte, nur zuweilen ward einer der drei Haufen für die Entscheidung zurückgehalten; von auserwählter Mannschaft wurde ein »verlorener Haufen« gebildet für gefährlichen Dienst, zum Forcieren von Flußübergängen, der Besetzung eines entscheidenden Punktes, Umgehung des Feindes. Seit das Feuerrohr neben der Pike überhandgenommen, wurden die großen Schlachthaufen von Schützengliedern umgeben, Schützenflügel an sie angehängt, endlich besondere Schützenhaufen gebildet. Die Unbehilflichkeit dieser schweren Schlachtmassen führte schon in den niederländischen Kämpfen zu einem Zerlegen der Schlachtordnung in kleinere taktische Körper, welche in zwei oder drei Treffen standen. Aber nur langsam bildete sich die Treffenstellung und das System der Reserven aus. Noch war den kaiserlichen Heeren beim Beginn des Krieges vieles von der alten Methode geblieben. Immer noch wurden die Fähnlein der Infanterie zu tiefen Quadraten – den Bataillonen – zusammengefügt. Feste Stellungen suchen und die Schlacht in der Defensive aufnehmen, war gegenüber den wild anstürmenden Türken in ruhmlosen Feldzügen zu sehr Brauch geworden. Allerdings konnte die Zähigkeit und die Wucht der tiefen Massen gewaltig sein, aber sie litten auch furchtbar, wenn es dem Feind gelang, mit seinem Geschütz in ihnen zu arbeiten, und sehr unbehilflich waren alle ihre Bewegungen. Gustav Adolf nahm die taktischen Neuerungen der Niederländer in geistvoller Weise auf; er stellte zur Schlacht die Infanterie sechs Mann, die Kavallerie vielleicht nur drei Mann tief, zerlegte die großen Massen in kleine Abteilungen, welche in fester Verbindung miteinander die Einheit der »schwedischen Brigade« bildeten; er verstärkte die Kavallerie, indem er Schützenkompanien zwischen sie stellte, führte außer der Reserve- und Positionsartillerie leichte Regimentsgeschütze ein und gewöhnte seine Soldaten an schnelle offensive Bewegungen und rücksichtsloses Vorgehen. Seine Infanterie feuerte schneller als die kaiserliche, in der Schlacht bei Breitenfeld erschütterte zum erstenmal nahes Pelotonfeuer die alten Wallonenregimenter Tillys; für seine Kavallerie stellte er zuerst die Lehre auf, durch welche hundert Jahre später Friedrich der Große seine Reiterei zur ersten der Welt machte, sich nicht mit Feuern aufzuhalten und in schnellster Gangart über den Feind herzufallen. Während der Schlacht erkannten die Soldaten einander am Feldgeschrei und an besonderen Abzeichen, die Offiziere an den Feldbinden. Bei Breitenfeld trugen z. B. die Tillyschen weiße Bänder um Hut und Helm, weiße Schnüre um den Arm, die Schweden grüne Zweige. Die kaiserliche Feldfarbe war Rot, Gustav Adolf verbot deshalb seinen Schweden Rot zu tragen; die Feldbinden der schwedischen Offiziere in der Schlacht bei Lützen waren grün, die kursächsischen Feldbinden während des Krieges schwarz und gelb, später, seit Erwerbung der polnischen Krone, rot und weiß. Die Soldaten standen in Fähnlein oder Kompanien, der taktischen Einheit, und diese waren zu Regimentern, der administrativen Einheit, verbunden. Das deutsche Regiment Fußvolk sollte aus 3000 Mann in 10 Fähnlein zu 300 Mann bestehen, die Fähnlein erreichten selten die Normalstärke und verloren im Kriege mit reißender Schnelligkeit ihre Mannschaft. Regimenter von 1000 bis 300 Mann, Kompanien von 70, 50, 30 sind nicht selten. Vom Kavallerieregiment forderte man eine Stärke von 500–1000 Mann, die Kompaniezahl war verschieden, ihre wirkliche Kriegsstärke noch wandelbarer Squadron ( quaternio ) bezeichnet im Anfang des Dreißigjährigen Krieges noch den Schlachthaufen der Reiterei, welcher ursprünglich aus vier Kompanien zusammengesetzt war. Die Reiterkompanie wird oft Kornett genannt, wie der Fähnrich und seine Fahne. – Das häufige Prädikat »reformierter« Oberstleutnant, Hauptmann usw. bedeutet einen Offizier, welchem seine Mannschaft so geschwunden ist, daß die etwa übrigen Leute bei einer Neubildung der Truppenteile – Reformation – andern Fahnen untergesteckt werden mußten. Er ist im Dienst, aber ohne festes Kommando. . Titel und Amt der Offiziere hatten schon Ähnlichkeit mit der modernen deutschen Einrichtung. Oberst des Regiments hieß, wer das Regiment seinem Kriegsherrn geworben hatte, auch wenn er sonst Generalrang hatte; unter ihm stand der Oberstleutnant und Oberstwachtmeister. Wichtiger für den Zweck dieser Blätter sind die Offiziere der Fähnlein: der Hauptmann oder Rittmeister mit seinem Leutnant, der Fähnrich und der Feldweibel oder Wachtmeister, Unteroffiziere und Gefreite, zuletzt der Profos. War der Hauptmann bei der Musterung seinem Fähnlein im Ring als Oberhaupt und Vater vorgestellt, so bat er freundlich die lieben Kriegsleute, ihm treu und gehorsam zu sein, zählte ihre Pflichten auf, versprach in jeder Not zu ihnen zu halten und Leib und Leben und alles, was er in seinen Kleidern trüge, bei ihnen zu lassen als redlicher Mann. Leider tat dem Hauptmann vor allem andern Treue in Geldsachen not, sowohl gegen den Oberst als gegen seine Leute: dem Musterherrn tüchtige Leute zu werben, nicht mehr Söldner anzurechnen als recht war, den Kriegsleuten aber den Sold völlig zu zahlen. Beides geschah häufig nicht; die Versuchung des Werbesystems war groß, und Gewissenhaftigkeit war in dem unsicheren Kriegsleben eine Tugend, welche leicht schwand; auch der Ehrliche geriet in gefährliche Klippen, wenn der Sold lange ausblieb oder unvollständig gezahlt wurde. Sonst sollte der Hauptmann ein ernster, wohlerfahrener Mann sein, billig und gütig im Gemüt, aber scharf in allen Rechtssachen. Die Woche hindurch sollte er nach altem Sprichwort sauer sehen und die Kriegsleute nicht eher anlachen als am Sonntag, wenn man im Feld predigte; dann saßen die Leute auf der Erde und standen auf, den Hut vor dem Hauptmann abzuziehen. Wer aber eine Sturmhaube trug, behielt sie auf. – Auf dem Marsch ritt der Hauptmann, vor dem Feinde aber sollte er zu Fuß eine Pike oder die Muskete seinem Fähnlein vortragen Der Leutnant führte eine Partisane, die Unteroffiziere Hellebarden. . Die Fahne des Fußvolks, das Heiligtum der Kompanie, hatte kaum die Stangenlänge der unseren, aber ihr Seidenstoff reichte wie ein großes Segel fast bis zum Ende der Stange; es war schwerer Stoff, nach damaligem Zeitgeschmack mit aufgemalten allegorischen Bildern und kurzen lateinischen Sentenzen schön verziert. Die »Kornette« der Reiterei, zuweilen ausgezackt, waren kleiner und wurden an der Stange befestigt wie unsere Fahnen. Nach der Fahnenfarbe wurden nicht selten die Regimenter benannt, z. B. bei den Kursachsen, wo der Fahnengrund immer zweifarbig war: das schwarz und gelbe, blau und weiße, rot und gelbe Regiment; dann hatte von den zehn Fahnen des Regiments jede besonderes Emblem und Motto und verschiedene Verbindung derselben Regimentsfarben: geflammt, gestreift, in Rauten; doch die Haupt- oder Leibfahne wies zuweilen die Regimentsfarben nur im Saum. Die Kornette der Reiterei hatten einfarbigen Grund, auch die Reiter bezeichnete man nach der Fahnenfarbe und nicht nach einer Uniform, die sie nur selten trugen, z. B. zwei oranienfarbene Kornett Kürassiere, fünf stahlgrüne Kornett Arkebusiere. Auch die Schweden unterschieden ihre Brigaden, welche in Deutschland häufig Regimenter genannt wurden, nach der Fahnenfarbe, so außer dem (gelben) Leibregiment: das grüne, blaue, weiße, rote. Oft wurden die Farben der Fahne und des Regiments nach den Wappenfarben des Obersten gewählt, zumal wenn er das Regiment geworben hatte. – Allmählich aber wurde in allen Armeen Brauch, das Regiment nach dem Namen des Obersten zu nennen. Im Ring der geworbenen Kriegsleute wird das Fähnlein an die Stange gebracht und aufgerichtet, der Oberst übergibt dem Fähnrich die Fahne und bindet sie ihm ein »als eine Braut und leibliche Tochter, aus der rechten Hand in die linke Hand, wo Euch beide Arme abgeschossen oder gehauen werden, sollt ihr's in den Mund nehmen; ist keine Hilfe noch Rettung da, so verwickelt Euch drein, befehlt Euch Gott, um darin zu sterben und erstochen zu werden als ein ehrlicher Mann«. Solange die Fahne fliegt und ein Stück an der Stange ist, sollen die Kriegsleute dem Fähnrich in den Tod folgen, bis alles über einen Haufen an der Walstatt liegt. Die Fahne soll über keinem Bescholtenen oder Missetäter fliegen; ist gegen den Fahneneid gefrevelt, so darf der Fähnrich die Fahne einschlagen und dem Frevler Fahne und Wacht verbieten lassen; dann muß dieser beim Troß gehen unter Huren und Jungen, bis zum Ausgang der Sache. Der Fähnrich soll ohne Erlaubnis keine Nacht die Fahne verlassen; wenn er schläft, soll er sie bei seinem Lager haben, sich nie davon trennen; wird sie ihm durch Verrat oder schelmische Diener von der Stange gerissen, so soll der Fähnrich dem gemeinen Kriegsmann mit Leib und Leben verfallen nach ihrem Willen. Er soll ein großer, kräftiger, männlicher, tapferer und fröhlicher Gesell sein, der erste beim Sturm, sonst freundlich mit jedermann, Fürsprecher und Friedenstifter; Strafen verhängt er nicht, daß sich kein Haß an ihn hänge. Im freien Feld bei fliegenden Fahnen werden Bestallung und Kriegsartikel vorgelesen; der Reiter darf sich ohne Erlaubnis nur soweit vom Zug oder Lager entfernen als die Fahne gesehen werden kann; wer im Kampf von der Fahne flieht, soll dafür sterben, wer den Fliehenden niedersticht, ist straflos; wenn der Fahnenträger eine Festung oder Schanze verläßt, bevor er drei Stürme ohne Entsatz ausgehalten, verfällt er dem Kriegsgericht; das Regiment verliert die Fahne, wenn es aus Feigheit eine Festung vor der Zeit übergibt. Noch war's nicht lange her, daß das Spießrecht abgekommen war, das herbe Gericht der Landsknechte, wo vor dem Ring der Gemeinen der Profos den Missetäter verklagte und 40 erwählte Mann, Offiziere und Gemeine, das Urteil sprachen; auch damals schlugen beim Beginn des Gerichts die Fähnriche ihre Fahnen zusammen, steckten sie verkehrt, mit der eisernen Spitze, in die Erde und forderten ein Urteil, weil die Fahne nicht über einem Missetäter fliegen dürfe. Und war der Verbrecher zum Spießen oder als Schütze zum Arkebusieren verurteilt, dann bedankten sich die Fähnriche gegen den gemeinen Mann, schlugen die Fähnlein wieder auf und ließen sie fliegen gegen Aufgang der Sonne, trösteten den armen Sünder und versprachen, ihm auf halbem Wege entgegenzulaufen und ihn dadurch zu erledigen, daß sie ihn unter den Schutz der Fahne nahmen. Und wenn die Gasse gebildet war, traten sie an das Ende derselben mit dem Rücken gegen die Sonne, der Verbrecher aber mußte die Kriegsleute segnen und um schnellen Tod bitten, dann gab ihm der Profos mit seinem Stab drei Schläge auf die rechte Achsel und stieß ihn in die Gasse. Wer aber unehrlich war, der wurde ehrlich, wenn die Fahne dreimal über ihn geschwenkt war, so der Steckenknecht, wenn er sich ordentlich gehalten und entlassen werden sollte. Der Fähnrich erhält alle drei Jahre Geld auf ein neues Fähnlein oder ein neues Kleid (80–100 Gulden); dafür mußte der dem Fähnlein eine »Verehrung« geben, zwei Faß Bier oder Wein. Die Fahne tragen war aber nicht nur ein wichtiges Amt, es war auch eine Kunst, welche Kraft, Gewandtheit und lange Übung erforderte. Denn das »Fahnenspiel« war schon vor dem Kriege in ein System gebracht; in den Kriegsjahren und unmittelbar nachher erhielt es weitere Ausbildung; deutscher, italienischer, französischer und spanischer Brauch verbanden sich; es gab Ober- und Unterhiebe, Prassaden, Stockaden, Kavaden, das vollkommene und das verkehrte Rosenbrechen und andere kunstvolle Schwenkungen; ob das Tuch ganz oder halb fliegen, ob es über die Stange laufen oder sich wie Wasserwellen bewegen durfte, alles war vorgeschrieben. Und zu vielen Bewegungen der Fahne gehörten entsprechende Tritte und Bewegungen des Körpers. Im Zirkelschwung drehte der Fähnrich die Fahne um das Haupt, er schwang sie zur rechten und linken Hand, in seinem Rücken, ja nach vorn und hinten durch die Beine; er warf die Stange in die Höhe, schoß, während die Stange in der Luft schwebte, sein Pistol ab oder zog den Degen, fing die Fahne dann wieder auf, schlug das Tuch von hinten um sich, stand majestätisch halb vom Tuch verhüllt, steckte den Degen zierlich wieder ein und machte Reverenz, indem er beide Knie beugte. Diese Bewegungen waren aber nicht allein um der Schönheit willen da, durch sie wurden seit dem Kriege auch die Marschweisen und einzelne Signale kommandiert; Deutscher Marsch, Burgundermarsch, alter Schweizermarsch, denn die Spielleute der Kompanien blickten auf den Fähnrich, sein heroisches Wesen gab ihnen die Zeichen. Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts war das Exerzieren mit der Fahne eine beliebte Turnübung der adligen Jugend; noch Ludwig XIV. stiftete für den Dauphin einen besonderen Kinderorden vom Pavillon. Seitdem ist die werte Kunst fast verloren, die letzten Traditionen dauern in einigen entschlossenen Bewegungen des modernen Tambourmajors; das »Fahnenspiel« schwindet jetzt selbst im Zirkus der Kunstreiter, unter denen sich diese Technik der Landsknechtheere am längsten erhalten hat. Das Amt des Reiterfähnrichs war weniger verantwortlich. Frisch in den Feind dringen und nach dem Angriff die Standarte in die Höhe halten, damit sich sein Volk um ihn sammle, das war seine Aufgabe. In den ungarischen Kriegen war zuweilen der Fähnrich im Rang dem Leutnant vorgegangen, und bei einigen Regimentern, z. B. der Wallensteinischen Armee, hatte sich dieser Brauch erhalten. Der wichtigste Mann der Kompanie nächst dem Hauptmann war der Feldweibel; er war der Drillmeister, der Sprecher für die Kriegsleute, und hatte die Aufstellung des Fähnleins in die Schlachthaufen der kaiserlichen Bataillone und schwedischen Brigaden zu besorgen, die Mannschaften zu ordnen, in die vordersten und hintersten Glieder und an die Ecken die Tüchtigsten und am besten Bewaffneten, hatte die Hellebarden und kurzen Wehren einzumischen, die Schützen anzuhängen und zu führen. Er war der weise Mann der Kompanie, der Recht und Kriegsbrauch seiner Waffen genau kennen mußte. Da das »Volk«, welches aus nah und fern unter der Fahne zusammenlief, schwer zu bändigen, zum großen Teil unsicher und schlecht in Waffen geübt war, mußte die Zahl der Unteroffiziere sehr groß sein. Gewiß bestand oft mehr als der dritte Teil der Mannschaft aus Chargierten. Wer irgend kriegstüchtig oder ein sicherer Mann war, wurde durch einen Unterbefehl, Vertrauensposten und höheren Sold ausgezeichnet. Unter den zahlreichen Funktionen und mannigfaltigen Namen der Subalternen sind einige besonders charakteristisch. Im Anfang des Krieges hatte noch jede Kompanie nach altem Landsknechtgebrauch ihren »Führer«, der wenigstens ursprünglich von den Soldaten gewählt worden war. Es war der Tribun der Kompanie, ihr Sprecher, welcher ihre Beschwerden und Anliegen dem Hauptmann vorzutragen, das Interesse des Volkes zu vertreten hatte. Es ist leicht begreiflich, daß ein solches Amt die Disziplin der Kompanie nicht kräftigte, es wurde im Kriege beseitigt. Auch das undankbare Amt des Furiers war von größerer Bedeutung als jetzt. Er hatte Trotz und gefürchtete Wucht gegen die Vorwürfe der Soldaten zu setzen, welche über die schlechten Quartiere haderten, die er ihnen angewiesen. Wenn das Fähnlein in ein wüstes Dorf kam, warfen alle Rottenmeister ihre Messer in den Hut des Furiers, dann lief er von Haus zu Haus und steckte die Klingen, wie sie ihm zur Hand kamen, in den Pfosten, und jede Rotte (6–8 Mann) zog dem Messer ihres Meisters nach. Wenn Arme von Adel, Aspiranten für Offizierstellen, eintraten, wurden sie zu den Gefreiten eingeschrieben, deren Zahl oft sehr groß war. Alte anspruchsvolle Landläufer zeichnete das militärische Küchenlatein durch die Titel »Ambesaten«, später »Landspassaten« aus, sie waren Ordonnanzen und Boten, im Sold bevorzugt, Stellvertreter und Gehilfen der Korporale. Im allgemeinen war das Bestreben, jeder Charge einen Stellvertreter beizuordnen; wie der Leutnant dem Hauptmann, stand dem Fähnrich ein Korporal der Gefreiten als Unterfähnrich, dem Feldweibel die Gemeinweibel und für Wachtposten häufig auch bei der Infanterie ein Wachtmeister zur Seite, so den Unteroffizieren die Gefreiten, den Korporalen die Landspassaten, dem Profos der Rumormeister usw. Die Heere bestanden mit wenigen Ausnahmen aus geworbenen Söldnern. Der Kriegsherr bevollmächtigte durch Patent einen versuchten Führer, für ihn ein Heer, ein Regiment, ein Fähnlein zu werben, dann wurden Werbeplätze gesucht, ein Musterplatz festgesetzt, auf dem sich die Geworbenen sammelten. Wer sich anwerben ließ, erhielt Lauf- oder Werbegeld, das beim Beginn des Krieges unbedeutend war und zuweilen von der Löhnung abgezogen wurde. Im Lauf des Krieges stieg das Werbegeld und blieb dem Soldaten. Auf dem Musterplatz wurde noch im Anfang des Krieges mit jedem Söldner besonders über seine Löhnung verhandelt; der Soldat hatte außer dem Servis in seinem Quartier nichts als den Sold zu erhalten, der um 1600 für die gemeinen Fußsoldaten von 5–16 Gulden auf den Monat betrug. Sie mußten dafür beim Beginn des Krieges in der Regel Waffen, Kleidung und Kost selbst beschaffen, den Besatzungen wurde der Proviant durch die Quartiermeister gegen Vergütung geliefert. Während des großen Krieges aber kam das Handeln um den Sold ab, es ward von dem Kriegsherrn den Soldaten eine gleiche mäßige Löhnung sehr unregelmäßig gezahlt. Bei den Kaiserlichen betrug der Sold (exklusive Verpflegung) für den Pikenier neun, den Musketier sechs Gulden, bei den Schweden war er noch niedriger, wurde aber im Anfang regelmäßiger gezahlt und für die Verpflegung bessere Sorge getragen. Die gesamte Verpflegung des Heeres wurde durch ein rohes Requisitionssystem den Landschaften aufgebürdet, auch auf befreundetem Territorium. Die Gehalte der Oberoffiziere waren sehr hoch und bildeten doch nur den kleinsten Teil ihrer Einnahme. Während der Dienstzeit wurde die Mannschaft zuweilen durch eine Kontrollbehörde, Musterherren oder Kommissarien des Kriegsfürsten, in die Rollen aufgeschrieben, um zu verhindern, daß nicht Obersten und Hauptleute für eine größere Anzahl Sold bezogen, als sie unter der Fahne beisammen hatten; dann wurden die Entlaufenen apart geschrieben, hinter jedem ein Galgen gemalt. Wer auf freier Musterung aufgenommen war, der wurde, wenn er untüchtig geworden oder eine gute Zeit gedient hatte, ausgemustert, frei erkannt, abgedankt und mit einem Paßbrief oder Freizettel versehen. Auch wer sich mit Urlaub von der Fahne entfernte, erhielt einen Paßzettel. Für die Kleidung sorgte der Soldat nach altem Brauch selbst. Eine Uniformierung fand vor dem Kriege nur ausnahmsweise bei den Trabanten der Leibwache oder wohl auch bei bevorzugten Regimentern statt, z. B. bei den schwer gerüsteten Reitern, denen die Rüstung vom Kriegsherrn geliefert wurde, und zwar gegen Soldabzug oder so, daß der Oberst nach der Kampagne die Armatur zurücknahm. Doch tragen im Anfang des Krieges bereits einzelne, zumal kaiserliche Regimenter gleichfarbige Röcke, die dann vom Soldherrn beschafft wurden, und obgleich diese neue Einrichtung in der Kriegsnot nicht erhalten werden konnte, so wurde doch die Uniformierung Wunsch der Kriegsherren und wahrscheinlich auch Forderung der Soldaten. Nach dem Kriege wenigstens ist bei neugebildeten Heerkörpern Gleichmäßigkeit der Tracht die Regel. Die Kriegszucht der Deutschen war beim Beginn des Krieges im schlechtesten Ruf. Die deutschen Kriegsleute galten für eitle, turbulente, aufsätzige Renommisten auch bei anderen Nationen. Nicht wenig verdarb der Dienst in halbwilden Ländern, wie damals Ungarn und Polen waren, und gegen einen barbarischen Feind, die Türken. Schon wenn der Sold der einzelnen behandelt wurde, begann die Unzufriedenheit; dem Hauptmann, der die Prätensionen des angeworbenen Söldners nicht befriedigen wollte, warf der Gekränkte die Muskete zornig vor die Füße und entfernte sich mit seinem Laufgeld, es gab kein Mittel, ihn zu halten. War das Fähnlein vereidigt, so fand der Hauptmann nur zu häufig seinen Vorteil darin, das Plündern und die nächtliche Entfernung von der Fahne zu begünstigen, denn er erhielt seinen Anteil am Raub der Soldaten. »Die ärgsten Mausköpfe waren die besten Bienen.« Tief verhaßt waren stets die Zahlherren gewesen, weil sie in der Regel den Sold unvollständig und in schlechtem Geld zum Regiment brachten; sie und andere Kommissarien des Landesherren waren, wenn sie in das Lager kamen, sogar Mißhandlungen ausgesetzt. Den höheren Befehlshabern wurde das Ärgste nachgesagt, vor allem, daß sie mehr Sold empfangen, als sie den Soldaten ausgezahlt. Noch schlimmer waren die Unterbefehlshaber daran. Nicht selten brach offene Meuterei aus, dann setzten die Empörer Oberst und Hauptleute ab und wählten sich Führer aus ihrer Mitte. Dergleichen geschah öfter in Ungarn. Ja, es ereignete sich noch während des Waffenstillstandes, der dem Westfälischen Frieden vorausging, daß in einem bayrischen Dragonerregiment ein Korporal der Garnison von Hilperstein sich zum Oberst des Regiments ernannte und mit seinem Anhang die Offiziere wegjagte; das Regiment wurde durch kommandierte Völker umringt, der neue Oberst mit 18 ansehnlichen Rebellen gerichtet, dem Regiment die Musketen genommen, es mußte von neuem schwören und wurde als Reiterregiment neu formiert. Gewöhnlicher Grund der Meuterei war Ausbleiben des Soldes. Dann wurden in der höchsten Not Anleihen zu Wucherzinsen gemacht, um die Soldaten zu befriedigen. Im Jahre 1620, dem geld- und kopflosen böhmischen Sommer, meuterte das Regiment des Grafen Thurn. Der ehrliche alte Herr beruhigte durch eine Abschlagszahlung, die er bei den Marketendern entlieh, und weinte darauf bitterlich über die üble Regierung und vieles andere. Zu derselben Zeit meuterte das Regiment des Grafen Mansfeld. Dieser begann seine Zahlung, indem er aus dem Zelt trat und mit eigener Hand zwei Soldaten niederhieb, viele schwer verwundete, worauf er sich zu Pferde setzte, unter die Meuterer sprengte und wieder mehrere erschoß. Er allein mit drei Hauptleuten brach den Trotz von 600 Mann, nachdem er 11 getötet, 26 schwer verwundet hatte. – Wenn für militärischen Befehl noch leidlicher Gehorsam gefunden wurde, während die Fahne flatterte, so kam doch aller Groll zu lautem Ausbruch, sooft die Fahne abgerissen und das Regiment abgedankt wurde. Dann verbargen sich der Profos, der Hurenweibel und die Steckenknechte; Hauptmann, Leutnant und die unteren Befehlshaber mußten Schimpfreden und Herausforderungen ertragen und sich sagen lassen: »Ha, Kerl, du bist mein Befehlshaber gewesen, jetzt bist du nicht ein Haar besser als ich, ein Pfund deiner Haare gilt mir nicht mehr als ein Pfund Baumwolle: heraus, raufe dich mit mir!« So hatten die Befehlshaber bei jeder Strafhandlung die spätere Rache des Missetäters und seiner Freunde zu fürchten. Und wie mit den Offizieren haderten die Entlassenen auch untereinander: dann standen auf einem Platz wohl an die hundert Parteien im Zweikampf, die leichtfertigsten Mordtaten und Totschläge wurden verübt, die sonst nicht erhört waren, solange die Christenheit steht. Denn es war Brauch, daß die Streitenden, während die Fahne wehte, einander die Hände gaben und gelobten, ihren Zwist am Ende der Dienstzeit auszufechten und bis dahin als Brüder in Liebe miteinander zu leben. Bei solcher Abdankung rotteten sich die Leichtfertigen in Haufen zusammen und begannen ein »Harnischwaschen« mit solchen Kameraden, denen die Offiziere während der Dienstzeit Gunst erwiesen hatten, d. h. sie beraubten dieselben, zogen ihnen die Kleider aus, schlugen sie auch wohl gar tot. Und all solcher Frevel wurde geduldet, die machtlosen Oberbefehlshaber hatten sich gewöhnt, dergleichen als Kriegsbrauch ruhig anzusehen. In den ungarischen Sommerfeldzügen hatten die Kriegsleute gelernt, nur während der Sommermonate bei der Fahne zu bleiben. Sie fanden ihre Rechnung dabei, nicht länger zu dienen und meuterten, wenn ihnen solche Zumutung gestellt wurde; denn im Herbst und Winter zogen sie oft mit zwei, drei, vier Jungen als »Gartbrüder« durch das Land, eine furchtbare Plage für den Landmann im östlichen Deutschland. In den Grenzländern Schlesien, Österreich, Böhmen, Steiermark war sogar durch die Landesherren befohlen, jedem Soldaten, der auf der Garte umherstrich, einen Heller zu geben. So ertrotzten sie täglich einen halben Gulden und mehr, ihre Jungen mausten, wo sie konnten, sie waren berüchtigte Hühnerfänger. Wallhausen berechnet unter lebhaften Klagen, daß die Unterhaltung eines stehenden Heeres den Fürsten und Landschaften weniger kosten und ganz andere Erfolge vor dem Feinde sichern werde als der alte schlechte Brauch. Mehr als einmal während des langen Krieges wurden die wilden Heere durch den kräftigen Willen eines einzelnen zu straffer Disziplin zusammengezwungen, und jedesmal wurden militärische Erfolge erreicht; nie aber hatte dergleichen Dauer. Die Disziplin des Wallensteinischen Heeres war in rein militärischen Angelegenheiten vortrefflich, dafür war greulich, was der Befehlshaber gegen Bürger und Bauer erlaubte. Auch Gustav Adolfs Genie vermochte kaum länger als ein Jahr die straffe Zucht zu erhalten, welche bei seiner Landung in Pommern die protestantischen Geistlichen häufig und triumphierend verkündet hatten. Zwar die Kriegsknechte und Artikelsbriefe aller Kriegsfürsten enthalten eine Anzahl von gesetzlichen Bestimmungen über die Schonung, welche der Soldat auch in Feindesland gegen Menschen und ihre Habe beobachten soll. Frauen, Kranke, Greise sollen unter allen Umständen verschont, Mühlen, Pflüge nicht beschädigt werden. Aber nicht die Gesetze, sondern ihre Handhabung ist vorzugsweise charakteristisch für Beurteilung einer Zeit. Die Strafen selbst waren streng. Bei den Schweden Soldabzug für das Hospital oder invalide Soldaten, das hölzerne Pferd, in Eisen gelegt, Gassenlaufen – dazu vermieteten sich harte Gesellen, indem sie das Verbrechen auf sich nahmen –, Verlust der Hand, arkebusiert, gehängt. Und für ganze Truppenteile: Verlust der Fahne, außerhalb des Lagers liegen und dasselbe reinigen und Dezimierung. Beim Beginn des Krieges war den Heeren noch vieles von dem alten Landsknechtgebrauch erhalten, ihr »Malefizgericht«, worin nach deutschem Brauch die Gemeinen durch erwählte Schöffen selbst Recht sprachen. Schon vor dem Kriege war daneben das Standrecht eingeführt worden, ein summarisches Verfahren, bei welchem Schultheiß und Schöffen nicht saßen, und die Offiziere das Urteil in der Hand hatten. Während des Krieges organisierten sich die Militärgerichte in moderner Weise unter Vorsitz des Generalauditors, der Generalgewaltige oder Generalprofos besorgte die Exekutionen. Aber auch bei den Strafen empfindet sich das Heer im Gegensatz zum Bürger und Bauern. Der Soldat wird in Eisen gelegt, nicht in Stock und Gefängnis gesetzt, kein Kriegsmann soll an einem gewöhnlichen Landgalgen oder gemeinen Hochgericht gehängt werden, sondern am Baum oder Quartiergalgen, der in den Städten für die Soldaten auf dem Marktplatz errichtet ward; die alte Formel, womit der Delinquent dem Freimann übergeben wurde, lautete: »Er soll ihn führen zu einem grünen Baum und anknüpfen an seinem besten Hals, daß der Wind unter und über ihm zusammenschlägt, und soll ihn Tag und Sonne anscheinen drei Tage, dann soll er wieder abgelöst und begraben werden, wie Kriegsgebrauch ist.« Der meineidige Überläufer aber wurde an einem dürren Baum gehängt. »Und wer mit dem Schwert gerichtet wird, den soll der Scharfrichter führen auf einen freien Platz, wo am meisten Volk ist, und mit dem Schwert seinen Leib in zwei Stücke schlagen, daß der Leib das größte und der Kopf das kleinste Teil bleibt.« Auch der Profos und seine Gehilfen sind nicht in der Weise unehrlich wie der bürgerliche Scharfrichter; sogar der Steckenknecht, das gemiedene »Klauditchen« des Heeres, welcher häufig aus Übeltätern genommen wurde, denen man die Wahl ließ zwischen dem unehrlichen Amt oder der Strafe, konnte, wenn er sein Amt treulich versehen hatte, bei der Auflösung des Fähnleins ehrlich gemacht werden [...]. Was die Heere des Dreißigjährigen Krieges sehr von den modernen unterscheidet und ihren Einmarsch in eine Landschaft dem Einbruch eines fremden Völkerstammes ähnlich machte, war der Umstand, daß der Soldat trotz der kurzen Dienstzeit im Felde seinen eigenen Haushalt führte und wie ein Handwerksmeister mit Weib und Jungen wirtschaftete. Nicht nur die höheren Offiziere und Hauptleute nahmen ihre Frauen mit ins Feld, auch der Reiter oder Fußknecht fand es angenehm, zuweilen sein angetrautes Weib, häufiger eine hübsche Dirne zu unterhalten. Weiber aus allen Ländern, gestäupte, gebrannte Dirnen zogen dem Kriegshaufen zu, putzten sich nach allen Kräften auf, suchten Zutritt, weil sie einen Mann, Freund oder Vetter im Lager hätten. Bei der Musterung und bei der Abdankung eines Regiments wurden ehrliche Mädchen unter den grausamsten Vorspiegelungen oft von ganzen Rotten entführt, und wenn das Geld verzehrt war, zuweilen ohne Kleider verlassen. Oder sie wurden von einem dem andern um eine Zeche Wein oder um ein paar Taler verkauft. Mit seiner Beischläferin wohnte der Soldat unter dem engen Strohdach des Lagers und im Quartier, das Weib buk, kochte und wusch für ihn, pflegte den Erkrankten, schenkte dem Zechenden ein, duldete seine Schläge und trug auf dem Marsch Kinder, Beutestücke oder Gerätschaften der flüchtigen Wirtschaft, die nicht auf den Bagagewagen geschafft werden konnten. Es ist bekannt, daß der Schwedenkönig bei seiner Ankunft in Deutschland keine Dirnen im Lager duldete. Nach seiner Rückkehr aus Franken scheint auch diese strenge Zucht aufgehört zu haben. So wurde das Heer von einem Haufen Weiber begleitet, in jeder Abstufung des Alters und der Ansprüche, von der Frau oder »Mätresse« des Obersten, einer großen Dame, die mit ihrem Hofstaat unter besonderer Bedeckung reiste und als einflußreiche Person vom Regiment eifrig besprochen wurde, bis zur Dirne eines armen Pikeniers, die, ihr Kind auf dem Rücken, mit wunden Füßen über das Blut der Schlachtfelder laufen mußte, und bis herab zu der Vettel, die aufgegeben hatte, begehrenswert zu erscheinen und durch die lange Gewöhnung an wilde Aufregungen beim Heer festgehalten wurde, wo sie sich durch die schmutzigsten Dienste erhielt. Wer die alten Kirchenakten der Pfarrdörfer durchblättert, der findet zuweilen den Namen einer entführten Dirne, die nach Jahresfrist in ihr Heimatsdorf zurückkehrte und sich strenger Kirchenbuße unterwarf, um unter dem verdorbenen Landvolk ihres Geburtsortes zu sterben. Die meisten verschlang der Krieg in der Ferne. Auch die Weiber des Lagers standen unter dem Kriegsrecht. Für grobe Vergehen wurden sie gestäupt und von den Steckenknechten aus dem Lager gestoßen. Der Soldat, mit dem sie lebten, war ihr harter Herr, für gutes Essen und Trinken wurden sie mächtig übel geschlagen, ehe sie ihr Amt recht gewöhnt wurden, und wenig wurde ihnen gehalten, was ihnen im Anfang versprochen war. In Quartieren, wo viele Weiber zusammen lagen, war schwer Friede zu halten, da übertrug der Soldat seine Gewalt über das Weib dem Rumormeister und dem Weibel, der einen »Vergleicher« von Armlänge in der Hand führte, womit er sie strafte. Dennoch war vielen Soldaten der größte Stolz, eine hübsche Dirne zu haben, und mancher wandte sein alles, Sold und Beute daran, sie zu schmücken und gut zu halten. In solchen Fällen übte sie souveräne Herrschaft über ihn, und wenn der Sold ausblieb und Mangel im Lager ausbrach, stachelte sie ihn zur Meuterei. Wenn aber der rohe Mann seine Dirne arger Vergehen beschuldigte, dann konnte er sie nach scheußlichem Lagerbrauch den Reiterjungen und Troßbuben preisgeben; dann wurde die Elende von der wilden Meute der Menschen und Lagerhunde in den nächsten Busch gehetzt. – Mit den Weibern zogen die Kinder. Bei den Schweden waren durch Gustav Adolf Feldschulen eingerichtet, in denen die Kleinen auch im Lager unterrichtet wurden. In diesen Wanderschulen herrschte militärische Disziplin, und ein französischer Agent erzählt von der wilden Brut des Krieges, daß sie ihren Vätern beim Kugelregen die Suppe in die Laufgräben trug und in den Lagerschulen nicht von der Bank wich, wenn auch einschlagende Kanonenkugeln drei und vier aus ihrer Mitte niederstreckten. Der Kriegsmann, welcher nicht Lust oder Ansehen hatte, sich ein Weib zu bewahren, hielt auf einen oder mehrere Buben, ein abgefeimtes hartes Geschlecht von Taugenichtsen, die ihrem Herrn aufwarteten, das Pferd striegelten, zuweilen die Armatur trugen und den zottigen Hund fütterten, behende Spione, welche weit in der Nachbarschaft nach wohlhabenden Leuten und verborgenem Geld umherstreiften. Auch diese Buben in jeder Abstufung von Ansprüchen und Nichtsnutzigkeit, vom Pagen, der hinter dem Feldherrn herritt, bis zu dem kleinen Läufer des Subalternoffiziers, der in auffallender Kleidung, den kurzen Spieß mit Bändern verziert, vor seinem Herrn herlief, vom Reiterbuben des Kürassiers, der im geordneten Haufen seiner Genossen hinter dem Regiment seines Herrn ritt und sich in das Gewühl stürzte, den Verwundeten herauszuziehen oder ihm ein neues Pferd anzubieten, bis zum Bettelbuben eines ausgewetterten alten Musketiers, eines »Wolfs- und Eisenbeißers«, der die Hahnenfedern seines Hutes vielleicht vor zwanzig verschiedenen Fahnen geschwenkt hatte. Bei Plünderung der Quartiere trieb es der Troß am ärgsten, auch in Freundes Land. Wenn die Weiber und Buben mit ihren Soldaten in einen Bauernhof drangen, fielen sie wie Geier über das Geflügel im Hof, über Truhen und Kisten her, schlugen die Türen ein, schmähten, drohten und quälten, legten sich in die Betten, und was sie nicht verzehren und rauben konnten, zerschlugen sie; war ein Kupferkessel zu groß zum Mitnehmen, so traten sie ihn ein. Beim Aufbruch zwangen sie den Wirt anzuspannen und sie ins nächste Quartier zu fahren. Dann stopften sie den Wagen mit den Kleidern, Betten und dem Hausrat des Bauern voll und banden sich in den Rock und um den Leib, was nicht in Sack und Pack fortgebracht werden konnte. Dann – so erzählt der zürnende Berichterstatter Wallhausen ( Defensio patriae 1621. p. 172) – wenn die Wagen angeschirrt sind, fallen die Weiber, Kinder und Dirnen auf die Wagen wie ein Haufe Raben. Die Dirne, welche am ersten auf den Wagen kommt, nimmt den besten Platz, dann kommt der Junge ihres Herrn und bringt sein Bündel, welches von gestohlenem Gut so voll ist, daß es kaum ein Pferd tragen kann. Darauf setzt sich schnell die Dirne. So drängt eine die andere. Wenn dann die Ehefrau eines Soldaten nicht mehr Platz findet und auch zu Fuß gehen soll, da heißt es: »Ei, du schlechte Dirne, du willst dich fahren lassen, und ich bin so viele Jahre eine Soldatenfrau gewesen, ich habe so manchen Zug mitgemacht, und du Balg willst es mir zuvortun.« Da fallen die Dirnen und Weiber übereinander her, werfen mit Prügeln und Steinen, und wenn der Troß sich eine Weile so zerbürstet hat, läuft die Soldatenfrau zu ihrem Manne, die Haare hängen ihr um den Kopf, sie schreit und ruft: »Guck, Hans, da ist die und dessen Dirne, sitzt auf dem Wagen und will fahren, und ich soll zu Fuß gehen und bin dein Eheweib.« Da wischt denn der Soldat an die Dirne, will sie herunter- und seine Frau hinaufheben, da kommt auch der Dirne Soldat hinzu, der sagt: »Laß mir mein Mädchen in Frieden, sie ist mir so lieb als dir deine Ehefrau«; da wischen auch die Soldaten hintereinander her, heraus mit dem Degen, hauen, stechen einander zu Tode oder zu Krüppeln. Das ist nichts Seltenes, denn wenn man auf dem Zuge ist, vergeht fast kein Tag, daß nicht drei, vier, zehn Soldaten um der Weiber willen Leben und gerade Glieder verlieren. Ist aber dieser Aktus vorbei und das Gesindlein aufgesessen, so sind die Wagen zuweilen so schwer beladen, daß die Pferde oder Ochsen sie nicht von der Stelle bringen können. Dann sitzen zehn, zwölf Weiber, ebensoviel Kinder und etwa sechs Jungen in den schweren Packen wie die Raupen im Kohl. Und wenn die Pferde bergauf nicht mehr fortkönnen, da stiege nicht eines vom Wagen, denn stracks wären andere Jungen und Dirnen zur Stelle, die hinaufsprängen, und dann brächte sie kein Teufel herab, denn sie sagten: ei, der Wagen sei sowohl für sie als für die andern; den Bauern aber schelten sie mit erschrecklichen Flüchen, fahren hinter ihm und seinem Vieh mit Prügeln her, oft sind vier, sechs Jungen um den Wagen herum, alle werfend und schlagend. So habe ich Ochsen und Pferde tot in dem Geschirr niedersinken sehen. So muß der Untertan des Landesherrn die Dirnen und das Gut, das sie ihm gestohlen, selbst fahren. Oft wollen die Dirnen nicht mit Ochsen fahren, dann müssen Pferde sechs Meilen weit mit großen Kosten der Landleute zur Stelle geschafft werden. Und kommen sie mit dem Geschirr ins nächste Quartier, so lassen sie die armen Leute nicht wieder nach Haus, schleppen sie fort in andere Herrschaften, zuletzt stehlen sie ihnen gar die Pferde und machen sich damit unsichtbar. In den ersten Jahren des Krieges hatte ein deutsches Fußregiment etliche Tage durch das Land seines eigenen Kriegsherrn zu marschieren. Es fanden sich alsbald soviel Dirnen und Jungen zum Troß, als Soldaten waren, und der Troß stahl in acht Tagen den Untertanen des Kriegsherrn soviel Pferde, daß beinahe jeder Soldat beritten war. Der Oberst, ein tüchtiger Mann, riß oft die Soldaten selbst von den Pferden und zwang sie endlich durch die äußerste Strenge, ihre Pferde zurückzugeben. Es war aber unmöglich, den Dirnen das Reiten zu wehren; da war keine, die nicht ein gestohlenes Pferd gehabt hätte, und wenn sie nicht ritten, so spannten sie drei, vier zusammen vor einen Bauernkarren. Dann reichte die Autorität ihres Weibels nicht aus, sie zu bändigen, und es war zuweilen eine »Komödie« für die Offiziere, zuzusehen, wie eine Dirne der andern vorfahren wollte, sie jagten beieinander vorbei und fuhren einander in die Wagen; 40–50 Wagen hingen in wirrem Knäuel, und stundenlange Arbeit war nötig, sie auseinanderzubringen, dazu scholl lautes Fluchen und Schwören, Haarraufen und Schlagen. Die Weiber, Buben und Troßknechte standen zusammen unter der Aufsicht des Hurenweibels, eines alten für den Felddienst untüchtigen Kriegsmannes, der sich ohne sonderliche Wahl durchzuhelfen suchte. Wer ein Bein, eine Hand oder ein Auge verlor, den erklärte der rohe Spott des Lagers für brauchbar zu diesem Amt. Wenn der Oberst oder Hauptmann ihn bei der Musterung den Kriegsleuten vorstellte, so ermahnte er die Soldaten, den Mann doch zu achten, weil er mit Ehren verdorben sei. Und der Hurenweibel verneigte sich und empfahl sich den Kriegsleuten und bat sie, jeder möge sein Weib, Kind oder Jungen ermahnen, daß sie sich von ihm lenken ließen ohne Trotz und ohne seine Schelte übel zu nehmen. Er war immerhin für den gemeinen Soldaten eine wichtige Person, und es war ratsam, sich gut mit ihm zu stellen, denn er behütete die Angehörigen und die Beute des Kriegsmannes; deshalb ward auch sein Zug, wenn er am Ende des Heeres marschierte, durch besondere Nachhut gedeckt. War ihm der Troß eines ganzen Regiments untergeben, so hatte er wohl gar einen Leutnant und Fähnrich; denn auf dem Marsch führte der Troß eine besondere Fahne und zog in militärischer Ordnung, Troßknechte, Buben und handfeste Weiber mit Spießen bewehrt, der Weibel selbst an der Spitze, die hübschesten Dirnen in seiner Nähe, sie vor Ungebühr der Buben zu schützen, hinter ihm der verdorbene Haufe mit Gepäck und Karren, mit Kindern und Hunden. Seine Pflicht war zu achten, daß die Bande in den Reihen blieb und sich nicht plündernd wie »Zigeuner und Tartern« in den Dörfern zerstreute. Bezog das Heer seinen Lagerplatz, so war er der letzte, der einrückte; denn wenn die Dirnen und Buben vor den Kriegsleuten eindrangen, stahlen sie den angefahrenen Lagervorrat, Heu, Stroh, Holz. Beim Aufbruch zog er vor das Tor, hielt jeden an, der zum Troß gehörte, und zwang ihn, bei der Troßfahne zu bleiben; kam es zur Schlacht, so hatte er den Troß im Rücken des Heeres an gesicherter Stelle bewaffnet aufzustellen und hinter den zusammengefahrenen Wagen eine Verteidigung vorzubereiten, öfter wurde bei solcher Gelegenheit der Troß von feindlicher Reiterei überfallen, dann war es Pflicht der Buben und Troßknechte, dem Einbruch zu widerstehen. Im Lager aber war es das Amt der Dirnen und Buben, die Gassen und Märkte, auch die »Mumplätze« zu fegen und zu säubern [...]. Auch wo Faschinen zu binden, Gräben zu füllen, das Geschütz an unwegsamen Stellen auszugraben war, mußten Dirnen und Buben helfen. Außerdem gehörten zum Troß der Heere vor allem die Marketender unter Schutz und Aufsicht des Profosen, wichtige, oft wohlhabende Leute, welche in ihrem bepackten Karren einen guten Teil der Beute ansammelten, die von den Soldaten vertan wurde. Die sichersten waren bei den einzelnen Fähnlein eingeschworen, bewaffnet und im Fall eines Angriffes zur Verteidigung des Trosses verpflichtet. Ferner die »Kommißmetzger«, die »Sudelköche«, Handwerker, Handelsleute und Hausierer, Wagenführer und Troßknechte, zuweilen zusammengetriebene Schanzgräber, welche unter besonderen Fähnlein marschierten. Nur einzeln entgleiten den wortreichen Schriftstellern jener Zeit Bemerkungen über diesen verachteten Teil des Heeres, doch fehlen nicht ganz Angaben, aus denen sich schließen läßt, welch großen Einfluß der Troß auf die Geschicke der Heere und der Landschaften hatte. Zunächst durch seinen ungeheuren Umfang. Am Ende des 16. Jahrhunderts rechnet Adam Junghans in einer belagerten Festung, wo der Troß auf die möglich kleinste Zahl beschränkt ist, auf 300 Fußknechte, 50 Dirnen und 40 Jungen, also Marketender, Pferdeknechte usw. dazu gerechnet sicher etwas mehr als ein Dritteil der Soldaten. Aber im Felde war das Verhältnis schon beim Beginn des Krieges ein ganz anderes. Wallhausen zählt auf ein Fußregiment deutscher Soldaten als unvermeidlich 4000 Dirnen, Jungen und andern Troß. Ein Regiment von 3000 Mann hatte zum wenigsten 300 Wagen, und jeder Wagen war zum Brechen voll mit Weibern, Buben, Kindern, Dirnen und geplündertem Gut; wenn ein Fähnlein aus seinem Quartier aufbrechen sollte, weigerte es sich, wenn es nicht 30 und mehr Wagen erhielt. Als beim Beginn des Krieges ein Regiment hochdeutscher Kriegsleute 3000 Mann stark von dem Musterplatz abzog, wo es einige Zeit gelegen hatte, folgten ihm 2000 Weiber und Dirnen. Der ehrliche Oberst wollte den Troß abschaffen, er ließ einige Tage vergehen, und als man an einen Flußübergang kam, ließ er den Troß zurück und verbot den Schiffern, in den nächsten Tagen Leute überzusetzen. Die Dirnen aber erhoben am Ufer ein lautes Geschrei und Weinen, als die Schiffer nicht zurückkamen; da lief das ganze Regiment auf der andern Seite ebenso schreiend zusammen. Die Soldaten riefen in hellen Haufen: »Ho, Potz schlapperment, ich muß meine Dirne wieder haben, sie trägt meine Hemden, Kragen, Schuhe und Strümpfe.« Wollte der Oberst die Soldaten vorwärtsbringen und ein großes Unglück verhüten, so mußte er die Dirnen und das andere Gesindlein doch mitziehen lassen. Da wählte er ein anderes Mittel, er ließ mit der Trommel umschlagen und ausrufen, jeder solle bei Leibesstrafe seine Dirne abschaffen, nur die Ehefrauen dürften bleiben. Da liefen die Soldaten mit ihren Dirnen nach allen Dörfern in der Runde zur Kirche, es gab nicht Geistliche genug zum Kopulieren, in zwei Tagen wurden 800 Dirnen zu Ehefrauen gemacht, darunter die elendsten Kreaturen. Von da ab wuchs der Troß bis zum Ende des Krieges. Nur auf kurze Zeit vermochten große Heerführer, wie Tilly, Wallenstein, Gustav Adolf, dies größte Leiden der Heere zu beschränken. Noch im Jahre 1650, als der Troß der zurückgebliebenen Truppen sich in den Standquartieren bedeutend vermindert hatte, zählten die vier schwedischen Kompanien, welche bei Köthen auf Grund der Nürnberger Artikel revoltierten und ihre Entlassung forderten, zusammen 690 Soldaten, 650 Weiber und 900 Kinder. 300 Männer der Kompanien wurden auf Befehl ihres Oberstleutnants niedergemetzelt; der Frau eines alten Unteroffiziers, welche in der Schürze 900 Taler für das Leben ihres Mannes bot, wurde das Geld abgenommen und die Frau mit dem übrigen Troß unter Schlägen fortgejagt. Um 1648, am Ende des großen Krieges, berichtet der bayrische General Gronsfeld, daß bei der kaiserlichen und bayrischen Armee 40 000 Soldaten wären, welche Kriegsrationen bekämen, und 140 000 Personen, welche nichts bekämen; wovon dieser Troß leben solle, wenn er die Nahrung nicht erbeute, zumal es in der ganzen Gegend, wo das Heer lagere, keinen einzigen Ort gebe, wo der Soldat ein Stück Brot kaufen könne? [...] XVIII Der Dreißigjährige Krieg Soldatenleben und Sitten Gemisch der Nationen. – Das Lager, Spiel, Luxus, Mangel. – Aberglaube. – Laster. – Lagersprache. – Kartell. – Gefangennahme. – Beute. – Parteigänger und Spione. – Marodeure Fast alle Völker Europas sandten ihre schlechtesten Söhne in den langen Krieg. Nicht nur einzeln zogen fremde Söldner den Werbetrommeln zu wie Krähen einer Walstatt; das ganze christliche Europa wurde in den Kampf hineingerissen; in Kompanien und Regimentern zertraten die Fremden den deutschen Acker. Engländer und Schotten, Dänen, Schweden, Finnen fochten außer den Niederländern, die vom Volk noch als Landgenossen betrachtet wurden, auf Seite der Protestanten. Sogar die Lappländer fuhren mit ihren Rentieren an die deutschen Küsten, drei Kompanien derselben brachten im Wintermonat 1630 auf ihren Schlitten Pelze für die schwedische Armee über das Eis. Aber noch bunter sah es in den kaiserlichen Heeren aus. Die romanischen Wallonen, irische Abenteurer, Spanier, Italiener, fast jeder slawische Volksstamm brach in das Land, am greulichsten die leichte Reiterei: Kosaken (1620 polnische Hilfstruppen, sie wurden größtenteils vom Landvolk erschlagen), Stradioten (unter ihnen sicher auch Mohammedaner), und am meisten verhaßt die Kroaten. [...] Fast jedes Heer war eine Musterkarte verschiedener Nationalitäten, fast in jedem ein Durcheinander vieler Sprachen und Dialekte. Und der Haß der Nationen ruhte selten, während die Fahne flatterte. Zumal im Lager mußten die Regimenter sorgfältig nach Beschaffenheit ihrer kameradschaftlichen Gefühle zusammengelegt werden, Deutsche und Welsche immer auseinander. Der Feldmarschall oder Quartiermeister wählte den Platz des Lagers womöglich an fließendem Wasser, auf einer Stätte, die der Verteidigung günstig war. Zunächst wurde der Raum für den Feldherrn und seinen Stab ausgemessen. Dort erhoben sich die großen verzierten Zelte auf verbotenem Grund, der durch eine Barriere und eingesteckte Spieße, oft durch Befestigungen von dem übrigen Lager getrennt war. In der Nähe blieb ein freier Platz mit der Hauptwache; weilte das Heer längere Zeit im Lager, so wurde dort der Feldgalgen als Warnungszeichen aufgerichtet. Jedem Regiment und Fähnlein wird mit Zweigen seine Stelle abgesteckt, dann rücken die Truppen ein, Glieder und Rotten werden geöffnet, die Fahnen jedes Regiments werden in Reihen nebeneinander in die Erde gesteckt, dahinter liegt in parallelen Linien die Lagerstätte des Fähnleins, je 50 Mann in einer Reihe, bei der Fahne der Fähnrich, in der Mitte der Leutnant, am Ende der Hauptmann, hinter beiden die Zelte der Oberoffiziere und Beamten, der Feldscher neben dem Fähnrich, der Kaplan in der Nähe des Hauptmanns. Die Offiziere wohnen in Zelten, welche oft konische Form haben und mit Stricken am Erdboden befestigt sind. Die Gemeinen bauen sich auf dem angewiesenen engen Raum ihre kleinen Hütten von Stroh und Brettern. Neben der Hütte steckt der Pikenier seinen Spieß in den Boden, die Piken, Kurzspieße, Hellebarden, Partisanen und Standarten zeigen schon von weitem Rang und Waffe der Zeltbewohner. In den Hütten hausen die Soldaten häufig zu zweien oder vieren, bei ihnen Weiber, Dirnen, Buben und Hunde. So lagert Fähnlein neben Fähnlein, Regiment neben Regiment im großen Viereck oder im Kreise, das ganze Lager ist von breitem Raum umgeben, der zum Lärmplatz dient. Vor dem Dreißigjährigen Krieg war es gewöhnlich, um das Lager eine Wagenburg zu schlagen, dann wurden die Train- und Bagagewagen in doppelter oder mehrfacher Reihe aneinandergehoben und mit Ketten oder Klammern zum großen Viereck oder Kreis verbunden, die notwendigen Ausgänge freigelassen. Damals hatte die Reiterei zunächst an der inneren Seite der Wagen ihr Lager; für die Pferde waren neben den Hütten und Zelten der Reiter notdürftige Verschläge aufgerichtet. Dieser Brauch war veraltet, nur selten umschließen die Wagen das Lager, man ist bemüht, dasselbe durch Graben, Wall und die Feldgeschütze zu decken. An den Ausgängen sind Lagerwachen, außerhalb des Lagers werden Reitertrupps und eine Postenkette von Musketieren oder Schützen aufgestellt. Vor dem Zelt jedes Fähnrichs steckt die flatternde Fahne im Boden, daneben liegt eine Trommel der Kompanie, ein Musketier hält Wache, die brennende Lunte in der Hand, die Muskete waagrecht auf die Gabel gestützt. In solchem Lager hauste das wilde Volk in zügellosem Haushalt, auch in Freundesland eine unerträgliche Plage der Umgegend. Die Landschaften, Städte und Dörfer mußten Holz, Stroh, Lebensmittel und Futter herbeischaffen, auf allen Wegen rollten die Lastwagen heran, wurden Herden Schlachtvieh eingetrieben. Schnell verschwanden die nächsten Dörfer vom Erdboden, alles Holzwerk und Dachstroh wurde von den Soldaten abgerissen und zum Bau der Hütten verwendet, nur die zertrümmerten Lehmwände blieben zurück. Die Soldaten und ihre Buben strichen plündernd in der Umgegend umher, die Marketender fuhren mit ihren Karren ab und zu. Im Lager aber drängten sich die Kriegsleute vor ihren Hütten und auf den Plätzen zusammen; unterdessen kochten die Weiber, wuschen, besserten Kleider aus und haderten untereinander. Häufig war Tumult und Auflauf, ein Kampf mit blanken Waffen, eine blutige Untat, Schlägereien zwischen den verschiedenen Waffen oder Nationen. Alle Morgen rief die Trommel und der Ausrufer zum Gebet, auch bei den Kaiserlichen; am Sonntag früh hielt der Regimentsprediger seine Feldpredigt, dann saßen die Kriegsleute und ihr Troß andächtig auf der Erde, auch war verboten, während des Gottesdienstes in den Marketenderhütten zu liegen und Getränke zu schenken. Es ist bekannt, wieviel Gustav Adolf auf fromme Sitte und Gebet achtete, er ließ nach seiner Ankunft in Pommern im Lager zweimal täglich Betstunde halten; aber auch in seinen Kriegsartikeln war nötig, die Trunkenheit der Feldprediger zu bedräuen. In dem freien Raum des Lagers vor der Hauptwache war der Spielplatz, mit Mänteln überdeckt, mit Tischen besetzt, um alle drängte sich die Gesellschaft der Spieler. Dort hatte das Kartenspiel der alten Landsknechte der schnelleren Entscheidung durch Würfel weichen müssen. Oft war das Würfelspiel im Lager verboten, durch Rumormeister und Profosen verhindert worden, dann waren die Spieler heimlich hinter Hecken zusammengekommen und hatten ihr Kommißbrot, Waffen, Pferde, Kleider verspielt; so fand man geraten, diese Leidenschaft unter Aufsicht der Lagerwache zu stellen. Auf jedem Mantel oder Tisch rollten drei viereckige Würfel, in der Feldsprache »Schelmbeine« genannt; jeder Gesellschaft stand ein Schulderer vor, ihm gehörten Mantel, Tisch und Würfel, er hatte in streitigen Fällen das Richteramt und erhielt seinen Anteil am Gewinn, oft auch Schläge. Denn häufig waren Betrug und falsche Würfel; manche Würfel hatten zwei Fünfen oder Sechsen, manche zwei Es oder Daus, andere waren mit Quecksilber und Blei gefüllt, mit zerschnittenen Haaren, Schwamm, Spreu und Kohlen; es gab Würfel von Hirschhorn, welche oben leicht, unten schwer waren, Niederländer, die man schleifend rollen mußte, Oberländer, welche »aus der bayrischen Höhe« geworfen werden mußten, wenn sie gut fallen sollten. Und oft wurde die lautlose Arbeit durch Flüche, Gezänk und blitzende Rappiere unterbrochen. Und zwischen den aufgeregten Gesellen schlichen lauernde Handelsleute, oft Juden, bereit, die gesetzten Ketten, Ringe und Beutestücke zu schätzen und aufzukaufen. Hinter den Zelten der Oberoffiziere und des Regimentsprofosen, durch eine breite Straße von ihnen getrennt, standen die Buden und Hütten der Marketender in parallelen Reihen. Marketender, Metzger und gemeine Garköche bildeten eine wichtige Gemeinschaft. Der Preis ihrer Waren, der Speisen oder Getränke, ward vom Profosen gegen eine Abgabe in Geld oder eine Naturallieferung – er erhielt z. B. von jedem Stück Rindvieh die Zunge – bestimmt. Auf jedes Faß, welches ausgezapft wurde, schrieb er mit Kreide den Preis, um den ausgeschenkt werden mußte. Diese Verbindung und die durch Gefälligkeiten zu erkaufende Gunst des Gewaltigen erhielt die Lieferanten des Heeres in verhältnismäßig sicherer Stellung und half ihnen zu immerhin unregelmäßiger Bezahlung ihrer langen Kerbhölzer, die sie für Offiziere wie Gemeine zurechtschnitten. Oft hielt der Marketender lustige Dirnen für Offiziere und Soldaten. In guten Zeiten kamen von weit her Kaufleute mit teuren Stoffen, Juwelen, Gold- und Silberarbeiten und Delikatessen in das Lager. Namentlich beim Beginn des Krieges war der Luxus und der Troß der Offiziere zum bösen Beispiel für das Heer ausschweifend; jeder Hauptmann wollte einen französischen Koch halten, und die teuersten Weine wurden von ihnen massenhaft verbraucht. Die militärischen Zeichen des Lagers gab beim Fußvolk der Trommelschläger, bei der Kavallerie der Trompeter; die Trommel war sehr groß, die Schläger oft halbwüchsige Buben, zuweilen die Narren der Kompanie. – Aber beim Beginn des Krieges hatten die deutschen Heere wunderlicherweise für viele Fälle denselben einförmigen Schlag, und jeder Befehl, welchen der Feldherr dem Lager zu geben hatte, mußte noch durch einen Herold, der hinter dem Trompeter durch das Lager ritt, ausgerufen werden. Der Herold trug bei solchen Gelegenheiten über seinem Kleid einen »Levitenrock« von bunter Seide, vorn und hinten mit dem Wappen des Kriegsherrn bestickt. Dies Ausrufen, welches den Abend vorher dem ganzen Lager die Arbeit des nächsten Tages verkündete, war schnellen und geheimen Operationen sehr hinderlich; es verschlechterte auch die Disziplin, denn es sicherte den Lungerern und Räubern des Lagers die Nacht, wenn sie auf Beute hinausschlichen. War gute Zeit gewesen, eine Schlacht gewonnen, eine reiche Stadt geplündert, eine wohlhabende Landschaft in Kontribution gesetzt, dann war alles vollauf, Speisen und Getränke billig; es kam ausnahmsweise noch in den letzten Jahren des Krieges vor, daß man im bayrischen Heer einmal eine Kuh um eine Pfeife Tabak kaufen konnte. Dann saß in den Marketenderbuden Kopf an Kopf eine gedrängte Schar singender, prahlender, schwatzender Helden, dann hatten die Handelsleute gute Zeit, der Soldat staffierte sich neu aus –, er kaufte teure Federn auf seinen Hut, Scharlachhosen mit goldenen Galonen, bunte Röcke und runde Maulesel für seine Dirne, dann prangte er in Zobel und Marder, Stallknechte ritten ganz in Samt gekleidet. Die Kroaten der kaiserlichen Armee in Pommern hatten im Winter 1630–31 die Gürtel mit Gold überfüllt und ganze Platten von Gold und Silber geschlagen vor der Brust. Paul Stockmann, Pfarrer in Lützen, erzählt, daß in der kaiserlichen Armee vor der Lützener Schlacht ein Reiter sein Pferd mit etlichen Schock goldener Sterne, ein anderer mit 300 silbernen Monden bekleidet hatte, daß Soldatendirnen die schönsten Kirchengewänder und Meßornate trugen; einige Stradioten ritten in geraubten Priesterröcken zum Jubel ihrer Kameraden. In solcher Zeit tranken die Zecher einander teuern Wein aus Altarkelchen zu und ließen aus dem erbeuteten Gold lange Ketten machen, von denen sie nach altem Reiterbrauch einzelne Glieder ablösen, wenn sie eine Zeche zu bezahlen hatten. Aber je länger der Krieg dauerte, desto seltener wurde solche goldene Zeit. Häufiger als Überfluß war Mangel und Armseligkeit. Die Verwüstung der Landschaften rächte sich furchtbar an den Heeren selbst, das bleiche Gespenst des Hungers, Vorbote der Pest, schlich durch die Lagergassen und hob die knöcherne Hand gegen jede Strohhütte. Dann hörte die Zufuhr aus der Umgegend auf, die Preise der Lebensmittel wurden unerschwinglich, der Laib Brot wurde z. B. 1640 bei der schwedischen Armee in der Nähe von Gotha mit einem Dukaten bezahlt. Dann wurde der Aufenthalt im Feldlager auch für den abgehärteten Soldaten unerträglich. Überall hohläugige, bleiche Gesichter, in jeder Hüttenreihe Kranke und Sterbende, Gassen und Umgebung des Lagers verpestet durch die verwesenden Leiber der gefallenen Tiere. Dann war ringsum eine Wüste von unbebauten Äckern und geschwärzten Dorftrümmern, und das Lager selbst eine grause Totenstatt; der Troß des Heeres, Dirnen und Knaben verlor sich plötzlich in den Totengruben, nur die grimmigsten Hunde erhielten sich von ekler Nahrung, die andern wurden geschlachtet und verzehrt. In solcher Zeit schmolzen die Heere schnell dahin, und keine Kunst der harten Führer vermochte das Verderben abzuwenden. Das abenteuerliche Leben des Kriegsmannes, so sehr auf leidenschaftlichen Genuß des Augenblicks gestellt, unsicher nicht bloß vor dem Feind, steigerte nicht nur die Lasterhaftigkeit der Mehrzahl in das Ungeheure, es entwickelte auch Eigentümliches und Seltsames in Unart, Sitte und Bräuchen. Ein breiter Strom von Aberglauben flutet durch die Seelen der Völker von der Urzeit bis zur Gegenwart. Lange Zeit wälzte er sich fast unbeachtet unter der dünnen Decke, welche Bildung und Wissen über ihn legt, und nur leise tönt dem Gebildeten sein Rauschen ins Ohr. Zuweilen erweitert die kranke Laune einer Zeit einzelne Richtungen zu einem weiten trüben Sumpf; erstaunt sehen wir dann die entstellten Trümmer uralter Kulturzustände obenauf schwimmen. Dann scheint wieder lebendig und mächtig, was lange abgelebt und vergessen war. Auch das Soldatenleben des Dreißigjährigen Krieges hat eine Fülle von eigentümlichem Aberglauben lebendig gemacht, der zum Teil noch heute dauert; es lohnt, bei dieser charakteristischen Erscheinung zu verweilen. Der Glaube, daß man den Leib gegen das Geschoß der Feinde verfesten, und wieder, daß man die eigenen Waffen durch Zauber jedem Feind tödlich machen könne, ist älter als das geschichtliche Leben der germanischen Völker. Aber schon in den frühesten Zeiten hängt etwas Unheimliches an solcher Kunst, sie wird leicht dem Gefeiten selbst zum Verhängnis. Die Unverwundbarkeit ist nicht unbedingt, und gegen den Zauber der treffenden Waffe gibt es einen Gegenzauber, der stärker sein mag. Schon Achill hatte eine Ferse, die nicht gefeit war; der nordische Gott Baldur konnte durch keine Waffe verletzt werden, aber der Mistelzweig, den ein Blinder bewegte, tötete ihn; Siegfried hatte eine offene Stelle zwischen den Schultern, dieselbe Stelle, welche auch den Soldaten des Dreißigjährigen Krieges für offen galt. In zahlreichen nordischen Sagen wird von Waffenzauber berichtet. Das Schwert, die edelste Waffe des Helden, wurde gern als lebendiges Wesen aufgefaßt, als tötende Schlange oder vertilgender Brand; wenn es zersprang, so »starb« es dem nordischen Dichter; Schwerter, welche Zwerge geschmiedet hatten, konnten nicht bezaubert werden, wohl aber war in ihnen ein tötender Zauber verborgen; so mußte das Schwert Hagens, des Vaters von Hilde, eines Menschen Tod sein, wenn es aus der Scheide gezogen wurde; in Griff und Klinge der Schwerter wurden Zauberrunen geritzt. Und auch der Glaube blühte schon in der nordischen Heidenzeit, daß die beste Waffe gegen hiebfeste Kämpfer und Zauberer die Kolbe oder Holzkeule sei. Zuverlässig galten schon im deutschen Heidentum solche Zaubermittel für finstere Nachthilfe, von Vermessenen eifrig begehrt, von wackeren Kriegsmännern gemieden, eine verhängnisvolle Gabe für die Helden der epischen Dichtung. Den deutschen Christen wurde der Teufel die dunkle Macht, welche solchen verderblichen Schutz gewährte. Aber daneben fehlte auch die harmlose Hoffnung nicht, daß es dem Gebet zum Christengott und seinen Heiligen ebenfalls gelingen könne, die Unverwundbarkeit zu sichern. Denn weit anders als jetzt betrachtete man im Mittelalter die zu einer Formel verbundenen Worte und ihre Zeichen, die Schrift. In der Rede lebte eine geheime Kraft, durch welche der Mensch auf die Außenwelt zu wirken vermochte. Das Gefüge der Worte in der gesprochenen Formel war nicht nur ein Schall, der von Mund zu Ohr drang, es wohnte in ihm auch eine vielleicht furchtbare und unwiderstehliche Wirkung. Schon weise Sprichworte, kluge Lebensregeln übten besonderen Einfluß auf das Leben dessen, der sie gebrauchte; man konnte sie kaufen und wieder an andere abgeben. Auch Gott und seine Heiligen konnte man durch bestimmte Gebete veranlassen zu erhören, ein Spruch war kräftiger als der andere. Solche Gebete und starke Sprüche fand das Mittelalter für zahllose Fälle, für viele Heilige; die Kirche war nur zu geneigt, auch auf diese heidnische Auffassung der germanischen Seele einzugehen. Außer den großen und allgemein bekannten Gebeten und Beschwörungen gab es viele geheime, die von Geistlichen und Laien in bestimmten Lebensverhältnissen eifrig gesucht und gebraucht wurden. Es war also kein befremdlicher Aberglaube, wenn die Kirche des Mittelalters ihre Gebete und Segenssprüche gegen den Tod in der Schlacht gerade so richtete, wie einst die deutsche Heidenzeit, und ganz in der Empfindungsweise jener Zeiten ist es, daß diesen Gebeten und Segen auch von guten Christen sichere Wirkung zugeschrieben wurde. Solcher Schlachtsegen sind uns mehrere erhalten, auch solche, durch welche sich deutsche Kaiser festzumachen glaubten. Die Einführung der Feuerwaffen gab diesem Aberglauben neues Ansehen und weite Ausbreitung. Blitz und Knall des Gewehres und die fernhin treffende Kugel imponierten der Phantasie um so mehr, je weniger die unvollkommene Waffe das Treffen sicherte. Tückisch und unberechenbar war der Lauf des tödlichen Geschosses, immer ungenügender wurden die Schutzwaffen, welche die neue Methode der Kriegführung ohnedies lästig machte. Zwar beschäftigte sich die Literatur der Reformationszeit nur selten mit dieser Art von Zauber, sie wird erst um die Mitte des Jahrhunderts redselig, wo es gilt, die Zustände des Volkes zu schildern. In den Heeren aber war der Zauberglaube allgemein und verbreitet, fahrende Schüler und Zigeuner galten für die eifrigsten Verkäufer seiner Geheimnisse, eine Generation der Landsknechte teilte ihn der nächsten mit; in Italien und den Heeren Karls V. mischten sich romanischer und deutscher Aberglaube, und fast jede Technik der Kunst festzumachen ist aus der Zeit Frundsbergs und Schärtlins nachzuweisen. Schon Luther, der die Gedanken seines Volkes besser kannte als irgendein anderer Zeitgenosse, stellt die Kunst, fest zu werden und zu machen, in ihren Hauptzügen mehr als einmal dar; er weiß von solchen, welche die Waffen durch bestimmte Worte und Zeichen beschwören, so daß sie an keinem Ort verletzt werden können; er selbst sah einen Jüngling, der sich ein Schwert auf die Brust setzte und so heftig gegen sich drückte, daß sich das Heft bis zur Spitze herumbog, und doch drang die Spitze nicht in seine Haut. Andere aber konnten solche gesegnete Waffen wieder des Segens entledigen durch einen Zirkel und Zeichen, die sie in den Sand machten. »So nahm einer dem andern die Kraft seines Messers.« Andere hatten Briefe, worin viel heilige Worte und Zeichen standen; wer sie bei sich trug, konnte nicht getötet werden. Bald war es ein Brief, den Papst Leo dem Kaiser Carolus in den Krieg geschickt haben sollte, bald das St. Johannisevangelium oder sonst etwas. Manche befahlen sich dem St. Georg, andere dem St. Christophel, andere gar dem Teufel, auch solche kannte er, welche Roß und Reiter zu segnen und zu bannen vermochten. Er hatte auch einen Landsknecht gekannt, der durch den Teufel unüberwindlich gemacht, zuletzt doch erstochen wurde und vorher Tag und Stelle seines Todes angab. Und Bernhard von Milo, Landvogt zu Wittenberg, sandte Luther schon einen geschriebenen Wundsegen zur Begutachtung, es war ein langer zusammengerollter Zettel mit wunderlichen Zeichen. Als der Augsburger Bürgermeister Samuel Zimmermann der Ältere in einem Folioband unter dem Titel: »Bezaar, wider alle Stich, Straich und Schüß, voller großen Geheimnussen«, die Erfahrungen seines Lebens etwa bis 1591 sammelte, erwähnt er zwar nur die schützenden Künste, welche er nicht für belialisch hält, es ist aber aus seinem Manuskript zu ersehen, daß ihm auch zahlreiche Teufelskünste bekannt waren, die er zu verschweigen beabsichtigt. So war im Jahre 1550 ein wohlbekannter Raufbold zu Augsburg, der oft prahlte, er wolle lieber mit zweien oder dreien fechten als eine gute Mahlzeit halten, so fest, daß kein Degenstich in ihn drang; er wurde zuletzt durch einen Hellebardenschlag auf den Hinterkopf getötet. Ein anderer Bekannter Zimmermanns, der gefroren war, erhielt einen furchtbaren Dolchstich, es war keine Wunde zu sehen, aber er starb doch kurz darauf an innern Folgen des Stiches. Im Jahre 1558 war ein Schütz im Regiment des Grafen Lichtenstein, der nach jedem Scharmützel feindliche Kugeln aus seinen Kleidern und vom bloßen Leibe schüttelte; oft hatte er sie und die durchgebrannten Löcher seiner Kleider gezeigt. Er wurde zuletzt von welschen Bauern erschlagen. Die Italiener und Spanier, welche 1568 in die Niederlande zogen, führten ganze Pakete und Bücher voll Zauberei, Segen und Beschwörungen mit sich, ohne Erfolg. Fast bei allen Toten und Gefangenen der brandenburgischen Hilfstruppen, welche 1587 durch Burggraf Fabian von Dohna den Hugenotten zugeführt waren, fanden die Franzosen Talismane und magische Zettel um den Hals gebunden. Als der Jesuit Georg Scheerer in der Hofkapelle zu Wien 1594 vor Erzherzog Matthias und dessen Kriegsobersten predigte, fand er für nötig, gegen die angehängten abergläubischen Wundsegen für Hauen und Stechen, Schießen und Brennen zu eifern. Es ist deshalb unrichtig, wenn spätere Schriftsteller erzählen, daß die Kunst festzumachen im Anfang des 17. Jahrhunderts zu Passau von einem Studenten (fahrenden Schüler), wie Grimmelshausen angibt, oder wie andere wollen, von Kaspar Neithardt von Hersbruck, dem Nachrichter, in die deutschen Heere gebracht worden sei. Denn als Erzherzog Leopold, Bischof zu Passau, die ruchlosen und schlecht disziplinierten Banden werben ließ, welche durch ihre Grausamkeit im Elsaß und Böhmen Schrecken verbreiteten, nahmen seine Söldner nur die alten Traditionen auf, die im deutschen Heidentum wurzelten und durch das ganze Mittelalter fortgeschleppt worden waren. Ja sogar der Name »Passauer Kunst«, welcher seit jener Zeit gewöhnlich wird, mag auf einem Mißverständnis des Volkes beruhen; denn im 16. Jahrhundert hießen alle, welche einen Zauber bei sich trugen, um unverwundbar zu sein, bei den gelehrten Soldaten Pessulanten oder Charakteristiker, und wer die Kunst verstand, solchen Zauber zu lösen, ein Solvant. Es ist möglich, daß die erste Bezeichnung vom Volk in » Passauer « verwandelt worden ist. Schon im ersten Jahre des Dreißigjährigen Krieges wird die Kunst festzumachen lebhaft besprochen. Eine gute Nachricht darüber steht in: »Wahrhaffter Bericht von der Belagerung und mit gestürmter Hand Eroberung der Stadt Pilsen in Behem. 4°. (1619.)« Die Stelle lautet in unserer Schreibweise wie folgt: »Ein Waghals unter den Mansfeldischen, Hans Fabel genannt, nahm einstmals ein Stutzglas Bier, ging auf den Stadtgraben zu und brachte den Belagerten eins. Dem haben sie es mit Kraut und Lot gesegnet, aber er trank sein Stutzglas Bier aus, bedankte sich gegen sie, kam in den Laufgraben und nahm fünf Kugeln aus dem Busen. Dieses Bilwizkind Bilwizkind, so viel als Teufelskind; Bilwiz ist ein alter Name für Zauberer oder Kobold. , ob es gleich so sehr fest gewesen, ist doch krank geworden und vor der Eroberung der Stadt gestorben. Es ist diese zauberische Kunst (Passauer Kunst) ganz gemein gewesen, ich hab's mit Verwundern gesehen. Man hätte eher von einem Felsen als von einem solchen Bezauberten etwas geschossen. Ich glaube, der Teufel steckt ihnen in der Haut. Ja, ein guter Gesell bezaubert oft den andern, wenn es auch der Bezauberte nicht weiß, noch viel weniger begehrte. Ein kleiner Junge von 14 oder 15 Jahren ist auf den Arm geschossen worden, als er die Trommel geschlagen, dem ist die Kugel vom Arm auf die linke Brust abgesprungen und nicht eingedrungen, was viele gesehen haben. Aber es nimmt ein böses Alter bei denen, die es gebrauchen; ich habe ihrer viel gekannt, die es gebraucht, die sind schrecklich um ihr Leben gekommen. Denn eine Gaukelei kämpft wider die andere. Ebensogut als man einen kann gefroren machen, kann man seinen Wundsegen öffnen. Ihre teuflischen Zauberbrote sind expreß wider das erste und andere Gebot Gottes. Fleißig gebetet und sich auf Gott verlassen, das gibt andere Mittel. Wenn einer vor dem Feind ist und nicht bleibt, so ist es Gottes Wille. Wird er getroffen, so führen ihn die Engel in den Himmel, die Bezauberten holt der schwarze Kaspar.« Zahlreich waren die Mittel, sich und andere fest oder gefroren zu machen. Auch bei diesem Aberglauben walteten tyrannisch die Moden. Sehr alt sind die Nothemden, Siegs- und St. Georgshemden. Sie wurden für die Landsknechte auf verschiedene Weise gefertigt. In der Christnacht sollten nach älterer Sitte unzweifelhafte Jungfrauen das leinene Garn im Namen des Teufels spinnen, weben und nähen; auf die Brust wurden zwei Häupter gestickt, das rechte bärtig, das linke wie König Beelzebubs Kopf, mit einer Krone, vielleicht dunkle Erinnerungen an die heiligen Häupter Donars und Wuotans. Nach späterem Brauch mußte das Nothemd von Mädchen unter sieben Jahren gesponnen sein, es wurde mit besonderen Kreuznähten genäht und mußte verstohlen auf den Altar gebracht werden, bis drei Messen darüber gelesen waren. Ein solches Nothemd wurde am Schlachttag unter dem Kleid angelegt. Erhielt der Träger doch eine Wunde, so war fremdes Garn unter das zauberkräftige gemischt worden. Gern suchte der Abergläubische die Wunderkraft der christlichen Kirche für sich zu benutzen, wenn auch gesetzwidrig und mit bösem Gewissen. Man ließ das Evangelium St. Johannis subtil und geschmeidig auf zartes Papier schreiben, brachte es heimlich unter die Altardecke einer katholischen Kirche, wartete, bis der Priester drei Messen darüber gelesen hatte, steckte es in einen Federkiel oder eine ausgehöhlte Haselnuß, verkittete die Öffnung mit spanischem Lack oder Wachs, oder ließ solche Kapseln in Gold oder Silber fassen und hing sie an den Hals. Andere empfingen beim Abendmahl die Hostie unter stiller Anrufung des Teufels, nahmen die Oblate wieder aus dem Mund, lösten an einer Stelle des Leibes die Haut vom Fleisch, steckten die Oblate hinein und ließen sie so verheilen. Die Wildesten freilich ergaben sich dem Teufel mit Haut und Haar; solche Gesellen konnten nicht nur andere Menschen festmachen, sondern sogar eßbare Dinge, Butter, Käse, Obst, so daß die schärfsten Messer nicht einzuschneiden vermochten. Auch bei den geschriebenen Zetteln, welche Wundsegen enthielten, wechselten Form und Name. Aus dem frühen Mittelalter stammte Papst Leonis Segen, er enthielt gute christliche Worte und Verheißungen. Ferner der Segen des Ritters von Flandern, so genannt, weil ein Ritter, der ihn einst bei sich getragen, nicht hatte enthauptet werden können; das Blatt war mit unbekannten Charakteren und Buchstaben beschrieben, dazwischen Kreuzzeichen. Dann der Benedisten- oder Notsegen, der im Augenblick der Gefahr Rohr und Schwert der Feinde band. Ebenso waren die Passauer Zettel des 17. Jahrhunderts auf Postpapier, Jungfernpergament, Hostien geschrieben mit Fledermausblut, mit besonderer Feder; die Aufschrift waren seltsame Charaktere, Drudenfüße, Zirkel, Kreuze, Buchstaben fremder Sprache; nach Grimmelshausen » Wunderbarliches Vogelnest .« II. T., »Satyrischer Pilgram.« II. T. – Grimmelshausen bespricht die Kunst festzumachen zwar gläubig, aber obenhin, als etwas längst Bekanntes, er ist in seinen Angaben nicht immer zuverlässig. Ihn interessierte mehr der Aberglaube, welcher um 1660 in besonderer Aufnahme war: die Kunst sich unsichtbar zu machen, und das Alräunchen. Am Ende des Jahrhunderts grassierte die Wünschelrute, dann wurden die Poltergeister mächtig. stand der Reim darauf: Teufel, hilf mir, Leib und Seele geb' ich dir. Sie bannten den Schuß und taten das Rohr des Feindes zu, wenn sie unter den linken Arm gebunden wurden. Ja, sie wurden gegessen. Aber die Ansichten über ihre Wirksamkeit waren schwankend. Sie sollten nur auf 24 Stunden schützen; nach andern wirkte ihr Zauber erst nach den ersten 24 Stunden, wer vorher erschossen wurde, gehörte dem Teufel. Auch andere Zaubermittel werden zum Schutz herbeigezogen, alles Häßliche und Unheimliche wird gesammelt, und vieles, was im alten Götterglauben furchtbar gewesen war, wirkte noch jetzt mit der alten Kraft. Ein Stück von dem Strick oder der Kette, woran ein Mensch erhängt war, machte fest; ebenso der Bart eines Bockes, Augen des Wolfes, Kopf der Fledermaus und ähnliches in einen Beutel von schwarzer Katerhaut eingewickelt und am Leib getragen. Fest machte die Gemskugel, eine verhärtete Masse aus dem Magen der Gemse, ferner die Haube, welche jemand bei der Geburt auf die Welt gebracht hatte, u.a.m.; auch wer sein Lebtag keine Nieren gegessen, war sicher vor Schuß und Pestilenz; man glaubte in Augsburg, daß ein berühmter Ritter und wohlgeübter Kriegsoberst (Sebastian Schärtlin) sich dadurch vor dem Feind bewahrt habe. Auch alte Hexenkräuter, Wegewart, Verbena, St. Johanniskraut, Vogelkraut, Siegwurz, Allermannsharmsch wurden zu Wundsegen gebraucht und das kräftigste von allen, die geheimnisvolle Bollwurz. Sie mußte mit dem besten neugeschliffenen Stahl ausgegraben und durfte nie mit der bloßen Hand, am wenigsten mit der linken angegriffen werden, sie wurde wie ein agnus dei getragen. Sie war rund, fand sich nur auf der Walstatt großer Männerschlachten und war, wie Zimmermann sagt, um der verstorbenen Seelen willen geheiligt. Und außer ihr eine feuerfarbige Blume, welche die Kabbalisten Efdamanila nannten; sie schützte nicht allein den Mann, der sie trug, vor Schuß, Hieb und Feuer: wenn sie bei der ersten feindlichen Kugel in belagerter Stadt über die Mauer gehängt wurde, so band sie das feindliche Stück wenigstens auf einen Monat. Auch Amulettmünzen waren früh im Brauch; im Jahre 1555 wurde in dem Gefecht bei Marienburg zwischen den Prinzen Oranien und Nevers ein kleines Kind durch einen Schuß an den Hals getroffen, ein silberner Schaupfennig bog sich zusammen, das Kind blieb unverletzt; damals schrieb man so großen Erfolg noch einem Amulettzettel zu, den es neben der Schaumünze am Halse trug. Aber zu derselben Zeit gossen bereits »Sideristen«, die in astrologischer Kunst erfahren waren, festmachende Schaupfennige von Silber und feinem Gold nach »himmlischer Influenz,«; sie wurden am Halse getragen. Thurneisser verbreitete auch diese Art Amulette im nördlichen Deutschland. Noch nach dem Dreißigjährigen Krieg brachte ein Zufall die Mansfelder St. Georgentaler in Aufnahme, besonders die von 1611 und 1613, mit der Inschrift: »Bei Gott ist Rat und Tat.« In dem Ruf fest zu sein standen nicht nur gemeine Soldaten, auch viele hohe Befehlshaber; zwar nicht Pappenheim, der fast bei jeder Affäre eine Wunde erhielt, wohl aber Holk – den zuletzt der Teufel persönlich in die Hölle holte –, Tilly, an dem der entsetzte Wundarzt nach der Schlacht bei Breitenfeld nur Quetschungen zu verbinden hatte, Wallenstein und sein Verwandter Terzka; selbst Gustav Adolfs Schwert galt für gefeit. Auch Ahas Willenger, nach Fadingers Tod Anführer der aufständischen österreichischen Bauern, war so gefroren, daß ihn eine Kanonenkugel sieben Schritt zurückriß, ohne in seine Haut zu dringen; endlich tötete ihn ein Offizier der Pappenheimer. Alle Fürsten des Hauses Savoyen hielt man noch nach dem Dreißigjährigen Krieg für fest. Feldmarschall Schauenburg hat es am Prinzen Thomas versuchen lassen, als er ihn in einer italienischen Festung belagerte. Dem besten Schützen hat die Büchsenkugel versagt. Man wußte nicht, ob die Männer des hohen Hauses besondere Gnade haben, weil sie aus dem Geschlecht des königlichen Propheten David stammen, oder ob daselbst die Kunst erblich war sich festzumachen; [...] daß Friedrich der Große seinem Heer für unverwundbar galt, war in der Ordnung, aber auch Friedrich Wilhelm II. war im Feldzug von 1792 nach der Ansicht alter Unteroffiziere nur durch silberne Kartätschenkugeln des Feindes zu treffen. Es gab kaum jemand, welcher den Glauben an die geheimnisvolle Kunst nicht teilte. Der berühmte französische Feldherr Messire Jacques de Puysegur mußte im Jahre 1662 in den französischen Bürgerkriegen einen Gegner, qui avait un caractère , weil er ihn mit der Waffe nicht töten konnte, durch Nackenschläge mit einem Hebebaum umbringen lassen und über das Abenteuer seinem König berichten. Schon bei der Blockierung von Magdeburg im Jahre 1629 wurde die Klage über solche Mittel so allgemein, daß die Kriegführenden darüber verhandelten. Selbst Gustav Adolf verbot in § 1 seiner Kriegsartikel eifrig Götzendienst, Hexerei oder Zauberei der Waffen als eine Sünde gegen Gott. Aber die dunkeln Mächte, welche sich der Kriegsmann zu Helfern warb, waren treulos. Sie schützten nicht gegen jedes. Schon das war unbequem, daß sie nicht vor der Hand des Scharfrichters bewahrten; Zimmermann berichtet mehrere Fälle, wo die zu weitgehenden Hoffnungen eines Gefrorenen und seiner Anhänger auf der Richtstätte getäuscht wurden. Einzelne Teile des Körpers, der Nacken und der Rücken zwischen den Schultern, die Armhöhle, die Kniekehlen galten für nicht hart oder fest. Auch war der Leib nur gefeit gegen die gewöhnlichen Metalle, Blei und Eisen. Den Gefrorenen tötete die einfachste Bauernwaffe, die Holzkeule, ferner Kugeln von edlem Metall, zumal ererbtes Silber. So konnte ein österreichischer Gouverneur von Greifswald, auf den die Schweden mehr als 20 Kugeln abgeschossen hatten, nur durch den geerbten silbernen Knopf, den ein Soldat in der Tasche trug, erschossen werden. So ward eine Hexe in Schleswig, die in einen Werwolf verwandelt war, durch Erbsilber getötet. Auch durch andere Mischungen beim Kugelgießen sowie durch geheime Waffenweihe vermochte man den Zauber zu öffnen. Von den alten Zaubermitteln der Heidenzeit mochten sich manche erhalten haben. Es gab Notschwerter und Notbüchsen. Die Schärfe des Stahls ward mit Roggenbrot, das in der Osternacht gesäuert und gebacken war, kreuzweise überstrichen, auf Klingen und Rohr wurden Zeichen geätzt; man verstand Kugeln zu gießen, welche töteten, ohne die Haut zu verletzen, andere, welche Blut haben mußten, solche, welche jede Festigkeit öffneten, und präparierte diese durch Beimischung von pulverisierten Weizenkörnern, Spießglanz, Donnerkeilen, durch Ablöschen in Giften. Auch diese Künste galten für unnatürlich und gefährlich. Daneben suchte man eifrig nach »natürlichen« Kunststücken, welche ein ehrlicher Kriegsmann mit Vorteil gebrauchen könnte. Man glaubte durch Beimischung von gepulvertem Hundsgebein Büchsenpulver zu verfertigen, welches keinen Knall gab. Man richtete Pulver zu, womit man das Geschossene nicht beschädigte, aber auf Stunden betäubte, anderes, das nicht anbrannte, auch wenn man glühenden Stahl hineinsteckte. Durch Beimischung von Borax und Quecksilber wußte man Sprengpulver zu schaffen, womit man die Stücke des Feindes, die man beim Ausfall nicht zu vernageln Zeit hatte, zersprengte. Man suchte das Geheimnis, einem Menschen auch ohne Zauberei doppelte Stärke zu geben, usw. Eine eigentümliche, ebenfalls sehr alte Art des Zaubers war das Festbannen der Feinde durch geheimnisvolle Sprüche, die im Augenblick der Not rezitiert wurden. Der Wissende vermochte ganze Haufen Reiter und Fußvolk zu stellen, d. h. unbeweglich zu machen, ebenso durch andern Spruch den Zauber wieder aufzulösen, und dieser Aberglaube hat in dem Romanusbüchlein (o. O. u. J.) noch in unserm Jahrhundert seine abgeschmackten Formeln in die katholischen Heere gebracht. Wer die Beschwörungen dieses Büchleins durchblättert, findet in einem Wust von Unsinn, unter vorgeschriebenen Kreuzzeichen, Anrufung von Heiligen und Bibelstellen, auch einige poetische Formeln, die wahrscheinlich durch fünfzig Generationen fortgepflanzt worden sind. Ein anderes Zauberkunststück war Reiter ins Feld zu machen, d. h. zur Rettung in eigener Gefahr den täuschenden Schein hervorzubringen, als ob in der Entfernung Kriegsvolk heranziehe. Durch ähnliche Spukbilder hatten, wie Gregor von Tours erzählt, schon um 568 die Awaren den Frankenkönig Sigibert im Treffen besiegt. Ja in größter Not war es möglich, sich und das eigene Heer zu verwandeln. So war Herzog Hans Adolf von Plön nicht nur kugelfest und wohlbewandert in der Kunst unsichtbar zu machen, er vermochte auch einmal in den Türkenkriegen sich und seine Leute so täuschend in Bäume zu verwandeln, daß die Feinde an diese Bäume traten und dem Herzog und seinen Leuten die Stiefel benäßten. Solche Beschwörungen sind Trümmer geheimer heidnischer Wissenschaft, welche in manchen Sagen und Märchen bis zur Gegenwart fortklingt. Dergleichen Überlieferungen mag es noch viele gegeben haben, sie waren sicher am Lagerfeuer und in der Marketenderhütte beliebter Gegenstand geheimnisvoller Unterhaltung. Der unheimlichste Mann des Regiments war der finstere Profos; es war natürlich, daß vorzugsweise er für einen Wissenden galt. Schon 1618 wußte der Henker von Pilsen mit einem Gehilfen alle Tage drei treffende Kugeln gegen das Mansfeldische Lager zu schießen; er wurde nach Eroberung der Stadt an einem besonderen Galgen gehenkt. Noch größere Zauberkünste verstand der Profos der Hatzfeldischen Armee von 1636, er wurde, weil er gefroren war, von den Schweden mit einer Axt erschlagen. Es lag sehr im Interesse dieser Gewaltigen, den Glauben an ihre Unverwundbarkeit bei den rachelustigen Soldaten zu erhalten. Wir dürfen zu solchem Glauben auch das Bestreben rechnen, aus dem Lauf der Gestirne den Ausgang der Kriegsaffären und das eigene Schicksal zu lesen. Die Prognostika häuften sich während des Krieges, unermüdlich wurden aus Konstellationen, Sternschnuppenfall, Kometen und atmosphärischen Erscheinungen die Schrecken der nächsten Jahre prophezeit und durch eine gräßlichere Wirklichkeit widerlegt. Die Nativitätstellerei war allgemein. Auch das zweite Gesicht besaßen einzelne Individuen, sie empfanden vorher, wem die nächste Zukunft Verhängnis bringen werde. Als 1636 die sächsisch-kaiserliche Armee vor Magdeburg lag, war ein kranker »Mathematikus« im Lager, der seinen Freunden vorhergesagt hatte, daß ihm der 26. Juni Verderben bringen werde. Er lag im geschlossenen Zelt, da ritt ein Leutnant heran, knüpfte die Zeltschnüre auf, drang ein und bat den Kranken, er möge ihm die Nativität stellen. Nach langer Weigerung prophezeite ihm der Kranke, er werde noch in dieser Stunde aufgehängt werden. Der Leutnant, empört darüber, daß einem Kavalier solches gesagt werden dürfe, zog seinen Degen und erstach den Kranken. Es entstand ein Auflauf, der Mörder schwang sich auf sein Pferd und wäre entkommen; da wollte der Zufall, daß der Kurfürst von Sachsen neben dem General Hatzfeld mit großem Gefolge durch die Lagergasse hereinritt. Der Kurfürst rief: das wäre schlechte Disziplin im kaiserlichen Lager, wenn auch ein Kranker im Bett nicht vor Mördern seines Lebens sicher sein sollte. Der Leutnant wurde aufgeknüpft. Wer für den Besitzer solcher Geheimnisse galt, der ward von seinen Kameraden gefürchtet, aber nicht geehrt; »denn wenn sie nicht furchtsame, feige Tröpfe wären, würden sie nicht solche Mittel gebrauchen«. Schon im 16. Jahrhundert ließen einzelne Obersten jeden Gefangenen henken, bei welchem ausgeschnittene oder mit Eisen gefütterte Kugeln gefunden wurden, »welche um einer Seele willen geheiligt waren«. Im Dreißigjährigen Krieg bat ein Feigling seinen Kameraden um einen Passauer Zettel. Dieser schrieb auf einen Streifen Papier dreimal: »Wehr' dich, Hundsfott!« wickelte das Papier zusammen und ließ es dem Furchtsamen in die Kleider nähen. Seit dem Tage bildete sich jener ein, er sei fest, und ging bei allen Okkasionen wie ein hörnerner Siegfried unter Waffen, ist auch stets unverwundbar davongekommen. Aber der Krieger hatte nicht nur um die Gunst der Schicksalsgötter, noch mehr um den Beifall seiner Kameraden zu werben. Wer aufmerksam in jene Zeit hineinsieht, der verliert zwar nicht das Grausen über die zahllosen und raffinierten Scheußlichkeiten, welche verübt werden; aber er erkennt auch, daß aus der tiefen Barbarei und Verwüstung der Seelen immer noch einzelne mildere Tugenden aufleuchten und zuweilen eine gesunde unzerstörbare Tüchtigkeit zutage kommt. Der Söldner fühlte, kurze Zeit ausgenommen, keine Begeisterung für die Partei, welcher er gerade diente, selbst der Glaube verlor in den wilden Gemütern viel von seiner Fähigkeit zu erwärmen. Aber den Besseren blieb die eigene Soldatenehre und eine lebhafte Empfindung für die Ehre der Fahne, der sie geschworen hatten, jedem aber der Stolz, daß er als Krieger ein Herr der zerrütteten Welt sei, oft der einzige geistige Besitz, der ihn vom Räuber und Mörder unterschied. Nicht selten wechselte der Krieger seine Fahne, freiwillig oder gezwungen, aber auch im letzteren Fall war er dem neuen Kriegsherrn zuweilen treu und zuverlässig. Die Achtung der Kameraden erwarb er nur, wenn er ein ehrlicher Soldat und kein »Hundsfott« war; schnell bildete sich ein eigentümlicher Kodex der Soldatenehre aus, der eine wenn auch sehr verkümmerte Sittlichkeit rettete. Von der guten Laune, welche das Gefühl einer souveränen Herrschaft über Bürger und Bauer gab, sind uns nur wenige Reste geblieben. Die zahlreichen Soldatenlieder, welche in den Lagern selbst entstanden, sind bis auf dürftige Trümmer verklungen Es ist charakteristisch, daß eines der besten (»Simplicissimus« I, 2.23) die »Müllerflöhe« besingt, damals eine allgemeine Plage der Heere. . Aber sprichwörtliche Redensarten drücken oft genug dieselbe Stimmung aus, welche Schillers Reiterlied idealisiert: »Der scharfe Säbel ist mein Acker, und Beutemachen ist mein Pflug.« »Die Erde ist mein Bett, der Himmel meine Decke, der Mantel mein Haus, der Wein mein ewiges Leben.« »Sobald ein Soldat wird geboren, sind ihm drei Bauern auserkoren: der erste, der ihn ernährt, der andere, der ihm ein schönes Weib beschert, der dritte, der für ihn zur Hölle fährt.« Daß die Sinnlichkeit in der Regel zügellos und ohne Scham war, wird man voraussetzen, die Völlerei, das alte deutsche Laster, beherrschte Offiziere und Gemeine. Das Tabakrauchen und -kauen, oder, wie man damals sagte, Tabaktrinken, -essen und -schnupfen verbreitete sich schnell in allen Heeren, und die Wachtstuben wurden dem Nichtraucher ein beschwerlicher Aufenthalt. Dieser Brauch, im Anfang des Krieges durch die Holländer und englische Hilfstruppen zu den deutschen Soldaten gekommen, war am Ende des Krieges so gewöhnlich, daß in jedem Bauernhaus eine Pfeife zu finden war, daß die Lehrjungen und von zehn Tagelöhnern neun während der Arbeit rauchten. Auch die deutsche Sprache verwilderte in den Heeren, bald war es den Gemeinen modisch, italienische und französische Wörter einzumischen; sogar die Ungarn, Kroaten und Tschechen bereicherten den Sprachschatz, sie ließen uns außer ihrer »Karbatsche« und ähnlichem auch volltönende Flüche. Den frommen Theologen waren die Soldatenflüche ein besonderer Greuel; sooft ein Soldatenmund sich öffnete, flogen die »Potz« und »Pieu« – rücksichtsvolle Entstellungen des göttlichen Namens – unaufhaltsam heraus. Mit großer Betrübnis hat Moscherosch einige der ärgerlichsten Fluchreden verzeichnet: »Potzhunderttausend Sack voll Enten«, »daß dich der Donner und der Hagel miteinander erschlage«, »fort, ihr Hundertsappermentsbluthunde«, »sauf, daß dir das höllische Feuer in den Hals fahre«. – Aber nicht nur solche Verbrämungen kräftiger Rede füllten die Unterhaltung, auch das Rotwelsch wurde Gemeingut der Heere. Zwar nicht zuerst in dem großen Kriege, schon lange vorher hatten die entlassenen Landsknechte als »Gartbrüder« und Mitglieder der Bettlerinnung Künste und Sprache der Fahrenden gelernt, schon vor dem Kriege hieß ihnen das Huhn »Stier«, die Ente »deutscher Herr«, die Gans ein »Strohbutz«; »seinen Strohbutz verhören« bedeutete eine Gans fangen. Jetzt aber wurde die »Feldsprache« nicht nur ein bequemes Hilfsmittel für den geheimen Verkehr mit dem schlechten Gesindel, welches den Heeren folgte, mit Räubern von Handwerk, jüdischen Händlern und Zigeunern, es gab auch ein Ansehen am Lagerfeuer, die geheimnisvollen Wörter umherzuwälzen. Einzelne Ausdrücke der Feldsprache sind damals ins Volk übergegangen, andere wurden durch verlaufene Studenten in die Trinkstuben der Universitäten getragen. Bei den täglichen Händeln bildete sich das »Kartell« für Duelle mit vielen Ehrenpunkten auch unter den gemeinen Soldaten aus. Zweikämpfe waren streng verboten, Gustav Adolf strafte sie selbst an höheren Offizieren mit dem Tode; aber kein Gesetz vermochte sie zu unterdrücken. Wenn die Streitenden vor dem großen Kriege mit dem Ausfechten der Ehrensache gewartet hatten, bis das Fähnlein abgerissen war, so hörte bald auch diese Rücksicht auf, höchstens begab man sich an eine entlegene Stelle außerhalb des Lagers und Quartiers. Der Herausforderer warf nach altem Brauch seinen Handschuh hin, nach dem Zweikampf wurde derselbe von dem Geforderten oder dessen Helfern zurückgegeben, zum Zeichen, daß der Handel abgemacht sei. Die Duellanten fochten allein oder mit zwei oder drei Sekundanten, auch ein Unparteiischer ward gewählt; vor dem Kampf gelobten einander die Parteien mit Hand und Mund, nicht vor, nicht in, nicht nach dem Kampf den fechtenden Kameraden zu helfen noch sie zu rächen, die Duellanten gaben einander die Hände und verziehen im voraus jeder dem andern seinen Tod. Man focht zu Pferd oder zu Fuß, mit Feuerwehr, Pistole oder Degen, beim Gefecht galt auch Ringen oder Niederwerfen, das Stechen galt für undeutsch, zumal der Stich in den Rücken war von zweifelhafter Anständigkeit. Wer Händel suchte, hatte die Aufgabe, vorher geschickt den Gegner zu schrauben. Dem Feind gegenüber herrschte milder Kriegsgebrauch und einige Courtoisie. Da es so gewöhnlich war, die Partei zu wechseln, bildete sich bei den Soldaten ein Korporationsgefühl aus, welches auch den Feind umfaßte. Die Heere kannten einander ziemlich genau, nicht nur Charakter der Oberoffiziere, auch ältere Soldaten waren den Truppen am Rhein und Lech bekannt wie den Lagern an der Elbe und Oder; jeden Tag konnte man erwarten, in den feindlichen Reihen einen alten Kameraden zu sehen oder zum Zeltgenossen einen früheren Gegner zu erhalten. In der Regel wurde der verlangte Pardon, das Quartier gegeben, oft angeboten. Nur wer gegen Kriegsbrauch gekämpft hatte oder im Verdacht stand, Teufelskünste zu brauchen, mußte, auch wenn er bat, erschlagen werden. Zwischen dem honetten Sieger und Besiegten ward Kartell geschlossen, der Sieger versprach zu schützen, der Gefangene nicht zu fliehen. Dem Besiegten ward die Waffe, Feldbinde und Hutfeder abgenommen; alles, was er in den Kleidern barg, gehörte dem Sieger, doch wer »holländisches Quartier« bekam, der behielt, was sein Gürtel umschloß; der anständige Gefangene präsentierte selbst, was er in den Taschen hatte. Der Verzweifelte konnte das Quartier aufkündigen, dann wurde er getötet, wenn er nicht schnell zu entfliehen wußte. Beim Transport wurden gemeine Gefangene je zwei mit einem Arm zusammengebunden und die Nesteln aus den Hosen genommen, daß sie mit der freien Hand die Beinkleider halten mußten. Die Gefangenen konnten gegen Ranzion ausgelöst werden, und dies Lösegeld wurde durch einen Tarif bei den einzelnen Heeren festgesetzt. In der letzten Hälfte des Krieges, wo die Soldaten seltener wurden, steckte man die gemeinen Gefangenen summarisch in das Regiment, oft ohne ihnen Wahl zu lassen. Solche Soldaten galten natürlich für unsicher, sie benutzten gern die erste Gelegenheit, zu der früheren Fahne zu desertieren, wo sie Dirne, Buben, Beute und rückständigen Sold gelassen hatten. Distinguierte Gefangene wurden zuweilen vom Obersten des Regiments den gemeinen Soldaten abgekauft; sie wurden im feindlichen Quartier mit Aufmerksamkeit behandelt, fand doch fast jeder Bekannte oder gar Verwandte darin. Beute war der unsichere Gewinn, um den der Soldat sein Leben einsetzte, auf sie zu hoffen die traurige Poesie, welche ihn in verzweifelter Lage standhaft erhielt. Der Sold war bescheiden, die Zahlung unsicher, die Beute verhieß Wein, Spiel, eine schmucke Dirne, ein goldverbrämtes Kleid mit einem Federbusch, ein oder zwei Pferde, die Aussicht auf größere Bedeutung in der Kompanie und auf Avancement. Eitelkeit, Genußsucht und Ehrgeiz entwickelten diese Sehnsucht zu einer gefährlichen Krankheit der Heere. Mehr als einmal wurde der Erfolg einer Schlacht dadurch vernichtet, daß die Soldaten sich zu früh der Plünderung überließen. Nicht selten gelang es einzelnen, große Beute zu machen, das Gewonnene wurde fast immer in wüster Schwelgerei vertan, nach dem Soldatensprichwort: »Was mit Trommeln erobert wird, geht mit Pfeifen verloren.« Der Ruf solcher Glücksfälle ging durch alle Heere. Zuweilen bekam den glücklichen Findern ihr Gewinn schlecht. In der Armee des Tilly hatte ein gemeiner Soldat nach der Eroberung von Magdeburg eine große Beute, man sprach von dreißigtausend Dukaten, gewonnen und sogleich wieder im Würfelspiel verloren. Tilly ließ ihn henken, nachdem er zu ihm gesagt: »Du hättest mit diesem Gelde dein Lebtag wie ein Herr leben können; da du dir aber selbst nicht zu nützen verstehst, so kann ich nicht einsehen, was du meinem Kaiser nützen sollst.« Noch am Ende des Krieges hatte einer von Königsmarks Truppe in der Kleinseite von Prag eine ähnliche Summe erbeutet und auf einem Sitz wieder verspielt. Königsmark wollte ihn ebenfalls expedieren, der Soldat rettete sich durch die unerschrockene Antwort: »Es wäre unbillig, wenn Ew. Exzellenz mich um dieses Verlustes willen aufhängen ließen, da ich Hoffnung habe, in der Altstadt noch größere Beute zu erhalten.« Diese Antwort galt für ein gutes Omen. – Bei der bayrischen Armada wurde im Holtzischen Fußregiment ein Soldat durch gleichen Glücksfall berühmt. Er war längere Zeit Musketier gewesen, kurz vor dem Frieden war er zur Pike heruntergekommen und übel bekleidet, das Hemd hing ihm hinten und vorn zu den zerrissenen Hosen heraus. Dieser Gesell hatte im Treffen bei Herbsthausen ein Faß mit französischen Dublonen erbeutet, so groß, daß er es kaum forttragen konnte. Darauf entfernte er sich heimlich vom Regiment, staffierte sich wie ein Prinz heraus, kaufte eine Kutsche und sechs schöne Pferde, hielt mehrere Kutscher, Lakaien, Pagen und einen Kammerdiener in schöner Livree und nannte sich selbst mit düsterem Humor Oberst Lumpus. So reiste er nach München und lebte dort herrlich in einer Herberge. Zufällig kehrte General Holtz in derselben Herberge ein, hörte durch den Wirt viel von Reichtum und Qualitäten des Obersten Lumpus und konnte sich doch nicht erinnern, jemals unter den Kavalieren des Römischen Reiches oder unter den Soldaten von Fortune diesen Namen gehört zu haben. Deshalb trug er dem Wirt auf, den Fremden zum Abendessen einzuladen. Oberst Lumpus nahm die Einladung an, ließ beim Konfekt in einer Schüssel 500 neue französische Pistolen und eine Kette von 100 Dukaten Wert auftragen und sagte dabei zum General: »Mit diesem Traktament wollen Ew. Exzellenz vorliebnehmen und meiner dabei bestens gedenken.« Der von Holtz sträubte sich ein wenig, aber der freigebige Oberst drängte mit den Worten: »Bald wird die Zeit kommen, wo Ew. Exzellenz selbst erkennen werden, daß ich diese Verehrung zu tun obligiert war. Die Schenkung ist nicht übel angelegt, denn ich hoffe alsdann von Ew. Exzellenz eine Gnade zu erhalten, die keinen Pfennig kosten soll.« Darauf akzeptierte der von Holtz nach damaliger Sitte Kette und Geld mit courtoisen Promessen, solches vorkommendenfalls zu remeritieren. Der General reiste ab, der falsche Oberst lebte fort; wenn er bei einer Wache vorüberfuhr, trat die Soldateska ihm zu Ehren ins Gewehr, dann warf er ihr ein Dutzend Taler zu. Sechs Wochen darauf war sein Geld zu Ende. Da verkaufte er Kutsche und Pferde, darauf Kleider und Weißzeug und vertrank alles. Die Diener entliefen ihm, zuletzt hatte er nichts mehr als ein schlechtes Kleid und keinen Pfennig darin. Da schenkte ihm der Wirt, der viel an ihm gewonnen, 50 Taler Reisegeld, der Oberst aber verweilte, bis auch das verzehrt war, wieder gab ihm der Wirt zehn Taler als Zehrgeld, der beharrliche Schwelger aber antwortete, wenn es Zehrgeld sein solle, wolle er es lieber bei ihm als bei einem andern verzehren. Als auch das vertan war, opferte der Wirt noch fünf Taler und verbot seinem Gesinde, dem Verschwender etwas dafür zu geben. Jetzt endlich quittierte er das Wirtshaus und ging in das nächste, wo er auch die fünf Taler vertrank. Darauf trollte er nach Heilbronn zu seinem Regiment. Dort wurde er sogleich in Eisen geschlossen und mit dem Galgen bedroht, weil er soviele Wochen vom Regiment entwichen war. Da ließ er sich zu seinem General führen, stellte sich ihm vor und erinnerte ihn an den Abend in der Herberge. Dem scharfen Verweis des Generals gab er die Antwort: er hätte sein Lebtag nichts so sehr gewünscht, als zu wissen, wie einem großen Herrn zumute sei, dazu habe er seine Beute benutzt. In den ungarischen Kriegen war Gesetz gewesen, die Beute gemeinsam zu verteilen, bald kam das ab. Doch fand der glückliche Gewinner ratsam, den Offizieren seiner Kompanie einen Anteil zu gönnen. Dies gemeinsame Interesse am Gewinn, sowie die Notwendigkeit, sich durch Requisition in entfernten Gegenden zu erhalten, entwickelten den Parteigängerdienst zu großer Vollkommenheit. Zunächst unter den Truppen, welche gewöhnlich den Dienst des Streifkorps verrichteten, wie Holk und Isolani bei den Kaiserlichen. Aber auch einzelne versuchten bei den Regimentern ihr Glück auf eigene Hand. So wurden die »Freireuter«, welche sich, ohne regelmäßigen Dienst zu tun und – wie es scheint – ohne Sold zu erhalten, in die Regimenter gedrängt hatten, eine besondere arge Plage der Landschaften, und selbst der erbarmungslose Banér kam ihretwegen in »Gemüts-Kommotion«, er erklärte sie wiederholt für vogelfrei und befahl, sie von den Regimentern zu jagen und niederzustechen, wo es auch sei. Außerdem aber wählten auch die einzelnen Kompanieführer die gewandtesten Leute zu dem gewinnreichen Geschäft. Das »Parteimachen« – der Auszug zu einer geheimen Expedition – mußte in ungerader Zahl geschehen, wenn es Glück bringen sollte. Solche Parteien schlichen sich tief in das Land hinein, das Haus eines reichen Mannes zu plündern, eine kleine Stadt zu überfallen, Waren- oder Geldtransporte aufzufangen, Vieh und Lebensmittel heranzuführen. Mit feindlichen Besatzungen in der Nähe ward zuweilen ein Abkommen getroffen, was im gemeinsamen Bereich zu schonen sei. Jede Art von List ward bei solchen Zügen geübt, man wußte den Knall des schweren Geschützes hervorzubringen, indem man Handgewehre mit doppelter Ladung durch eine leere Tonne schoß, man benutzte Schuhe mit verkehrten Sohlen, ließ den Pferden die Hufeisen verkehrt anschlagen, den gestohlenen Kühen wurden Schuhe übergezogen, den Schweinen im Futter ein Schwamm eingegeben, an welchem ein Bindfaden befestigt war. Die Soldaten verkleideten sich in Bauern, in Frauen und bezahlten unter den Bürgern und Landleuten in der Umgegend Spione. Ihre Boten liefen mit Kundschafterzetteln, die in der Lagersprache »Feldtauben« hießen, hin und her, sie trugen ihre Briefe als Kügelchen zusammengerollt im Ohr, banden sie in das Haar zottiger Hunde, drückten sie in eine Erdscholle oder nähten sie mit grüner Seide zwischen die Blätter eines Eichenzweiges, um sie in der Not ohne Verdacht wegzuwerfen. Die Zettel waren in Rotwelsch oder Kauderwelsch geschrieben, mit fremden Lettern; wenn verlaufene Studenten bei der Kompanie waren, vielleicht gar französisch mit griechischen Buchstaben; man übte sich zu solchem Zweck in einfacher Geheimschrift, indem man die Buchstaben der Wörter verstellte oder verabredete, daß in jedem Wort nur der mittlere Buchstabe gelten sollte usw. Leicht war der Übergang von solchem Parteigängerdienst zum unehrenhaften Lungern des Marodeurs und Freibeuters. In der ersten Hälfte des Krieges war ein neugeworbenes Regiment des Grafen Merode durch angestrengte Märsche und schlechte Verpflegung so heruntergekommen, daß es kaum seine Fahnenwache besetzen konnte, es löste sich auf dem Marsch fast ganz in Nachzügler auf, die an den Zäunen und Hecken lagen, mit defekten Waffen und ohne Ordnung um die Armee herumschlichen. Seit der Zeit wurden die Nachzügler, welche der Soldatenwitz vorher Saufänger und Immenschneider (Drohnen) genannt hatte, als »Merodebrüder« bezeichnet. Nach verlorenen Schlachten, bei schlechter Verpflegung wuchs ihre Zahl ins Ungeheure. Leicht verwundete Reiter, die ihre Pferde verloren hatten, gesellten sich zu ihnen, und es war der damaligen Kriegszucht unmöglich, sie zu bannen. Sie stahlen Soldatenpferde von der Weide und aus den Quartieren, minierten bei Nacht die Zelte und zwackten hervor, was sich greifen ließ [...]. Die Zuchtlosesten verließen dann wohl ganz den Pfad ihres Heeres, lebten als Schnapphähne, Heckenbrüder, Waldfischer auf eigene Faust, bald im Kampf, bald im Bunde mit verwilderten Landleuten, welche ein ähnliches Gewerbe trieben. Leicht war der Verkauf des gestohlenen Gutes, die jüdischen Hehler und Käufer fragten nur, was die Ware gewesen sei, ob kaiserlich, ob schwedisch, ob hessisch, um beim Verkauf den frühern Eigentümer zu meiden. Vergeblich waren nach dem Ende des Krieges die Bemühungen der Landesherren, die großen Räuberbanden zu verzichten. [...] XIX Der Dreißigjährige Krieg Die Dörfer und die Geistlichen Beschaffenheit der Dörfer. – Stellung und Sitten des Landmannes. – Einwirkung des Krieges: Geldverwirrung, Durchmärsche, Einquartierung, Quälereien. – Furcht, Trotz, Verwilderung. – Liebe zur Heimat. – Die Seelsorger und ihre Ausdauer. – Schicksale des Pfarrers Bötzinger Deutschland galt um das Jahr 1618 für ein reiches Land. Selbst der Bauer hatte in dem langen Frieden einige Wohlhäbigkeit erlangt. Die Zahl der Dörfer in Thüringen und Franken war etwas größer als jetzt. Auch die Dörfer waren nicht ganz ohne Schutzwehr; breiter Graben, Zaun oder Wand von Lehm und Stein umgrenzten oft die Stätte des Dorfes, dann war verboten, Türen durchzubrechen, an den Hauptstraßen hingen Tore, welche zur Nacht geschlossen wurden. In der Regel war der Kirchhof mit besonderer Mauer geschützt, er bildete mehr als einmal die Zitadelle und letzte Zuflucht der Bewohner. Dorf und Flur wurden durch Nacht- und Tagwächter beschritten. Die Häuser waren zwar nur von Holz und Lehm in ungefälliger Form, oft in engen Dorfstraßen zusammengedrängt, aber sie waren nicht arm an Hausrat und Behagen. Schon standen alte Obstbaumpflanzungen um die Dörfer, und viele Quellen ergossen ihr klares Wasser in steinerne Tröge. Auf den Düngerstätten der eingefriedeten Höfe tummelten sich große Scharen von kleinem Geflügel, auf den Stoppeläckern lagen mächtige Gänseherden, und in den Ställen standen die Gespanne der Pferde weit zahlreicher als jetzt, wahrscheinlich ein großer starkknochiger Schlag, verbauerte Nachkommen der alten Ritterrosse, sie, die stolzeste Freude des Hofbesitzers, daneben die »Klepper«, eine uralte kleine Landrasse. Große Gemeindeherden von Schafen und Rindern grasten auf den steinigen Höhenzügen und in den fetten Riedgräsern. Die Wolle stand gut im Preise und an vielen Orten wurde auf feine Zucht gehalten, die deutschen Tuche waren berühmt, und Tuchwaren der beste Exportartikel. Diese nationale Wolle, das Resultat einer tausendjährigen Kultur, ist den Deutschen im Kriege verlorengegangen. Die Dorfflur lag – wo nicht die altfränkische Flurteilung in lange Bänder sich erhalten hatte – in drei Felder geteilt, deren Hufen viel gespalten und Beet für Beet sorgfältig versteint waren. Der Acker war nicht ohne höhere Kultur. Ein feinmehliger weißer Weizen wurde in das Winterfeld gesät. Waid wurde im Norden des Rennstiegs immer noch eifrig und mit großem Vorteil gebaut. Obgleich schon vor dem Krieg der fremde Indigo dem einheimischen Farbstoff Konkurrenz machte, konnte der jährliche Gewinn Thüringens durch den Waid doch noch auf drei Tonnen Goldes angeschlagen werden; diese Summe kam zumeist in das Territorium Erfurt und das Herzogtum Gotha; außerdem brachte Anis und Saflor gutes Geld, auch der Kardenbau war altheimisch, und von Ölsaaten wurde Rübsen, wie am Rhein Raps, in die Brache gesät. Der Flachs ward sorgfältig durch die Wasserröste zubereitet, und die bunten Blüten des Mohnes und die schwanken Rispen der Hirse erhoben sich inmitten der Ährenfelder. An den Abhängen von warmer Lage aber waren in Thüringen und Franken damals überall Rebengärten, und diese alte Kultur, welche jetzt in denselben Landschaften fast untergegangen ist, muß in günstigen Jahren doch einen trinkbaren Wein hervorgebracht haben, sogar noch auf den Vorbergen des Waldgebirges, denn es werden in den Chroniken einzelne Weinjahre als vortrefflich gerühmt. Auch Hopfen ward fleißig gebaut und zu gutem Bier benutzt. Schon säte man von Futtergewächsen den Spörgel und die Pferdebohne. Die Wiesen, hochgeschätzt, häufig eingezäunt, wurden sorgfältiger behandelt als zweihundert Jahre später; die Maulwurfshaufen zerwerfen und die Abzugsgräben, ja sogar Bewässerungsgräben ziehen und erhalten, war gewöhnlich. Schon war Erfurt Mittelpunkt eines großen Samenhandels und höherer Gartenkultur, auch von Blumen und feinen Obstsorten. Im ganzen war, wenn man verschiedene Zeiten miteinander vergleichen darf, die landwirtschaftliche Kultur um 1618 nicht geringer als etwa um 1818. Es wird sich ergeben, daß auch in anderen Beziehungen erst das 19. Jahrhundert ausgeglichen hat, was seit 1618 verloren wurde. – Die Lasten, welche auf dem Bauernstand lagen, Servituten und Abgaben, waren nicht gering, am größten auf den adligen Gütern; aber es gab nicht wenig freie Bauerndörfer im Land, und das Regiment der Landesherren war weniger hart als im südlichen Franken oder in Hessen. Viele geistliche Güter waren zerschlagen worden, viele Domänen und nicht wenige adlige Güter wurden von den Pächtern bewirtschaftet, die Zeitpacht wurde ein beliebtes Mittel, die Bodenrente zu steigern. Das alles kam dem Bauern zugute. Freilich der Wildschaden war ein drückendes Leiden, und auf den Gütern des verarmten Adels war von der alten Hörigkeit noch vieles geblieben. Aber die große Mehrzahl der Landleute war durch die neuen, römisch gebildeten Juristen zu Eigentümern ihrer Güter erklärt worden: wohl der größte Segen, welchen das römische Recht im 16. Jahrhundert den Deutschen gebracht hat. Es ist ein Irrtum, wenn man die Bureaukratie und Schreiberherrschaft als Erzeugnis der neuen Zeit betrachtet, es wurde schon damals viel regiert, und die Dörfer hatten dem herzoglichen Amtsboten, der ihnen die Briefe brachte, schon oft ein kleines Zehrgeld zu zahlen. Schon wurde durch sorgliche Beamte bestimmt, wieviel Feuereimer jeder Ortsnachbar anzuschaffen habe, wieviel Tauben er halten dürfe, daß die Obstbäume geraupt, die Gräben gereinigt und jährlich eine Anzahl junger Bäume gesetzt werden müsse. Die Gemeinderechnungen wurden seit fast hundert Jahren ordentlich geführt und von den Landesregierungen beaufsichtigt; auch auf Ortszeugnisse und Heimatscheine ward schon gehalten, und die Gemeinden empfahlen einander nachbarlich in gewählten Ausdrücken ihre Angehörigen, welche aus einem Dorf nach dem andern zogen. Auch der Handelsverkehr war nicht gering. Durch Thüringen führte fast parallel mit den Bergen eine große Handelsstraße von der Elbe zum Rhein und Main, und am Abfall des Gebirges gegen die Werra lag der große Heerpfad, welcher den Norden Deutschlands mit dem Süden verband. Die Vekturanz auf den kunstlosen Straßen erforderte zahlreichen Vorspann und brachte den Dörfern Verdienst und Kunde aus der fernen Welt, auch manche Gelegenheit, Geld auszugeben. Seit der Reformation waren wenigstens in allen Kirchdörfern Schulen, die Lehrer oft Theologen; auch Schullehrerinnen für die Mädchen fanden sich zuweilen. Es wurde ein kleines Schulgeld bezahlt, und ein Teil der Dorfbewohner war in die Geheimnisse des Lesens und Schreibens eingeweiht. Der Gegensatz zwar zwischen dem Landmann und dem Städter war damals größer als jetzt, der »dumme Bauer« war in den Stuben der Handwerker noch immer ein Lieblingsgegenstand unholder Scherze; als charakteristische Eigenschaften wurden ihm Roheit, Einfalt, unredliche Pfiffigkeit, Trunkliebe und Freude am Prügeln nachgerühmt. Aber wie abgeschlossen und arm an wechselnden Eindrücken sein Leben auch damals war, man würde sehr unrecht tun, wenn man ihn für wesentlich schwächer und untüchtiger hielte als er jetzt ist. Im Gegenteil war sein Selbstgefühl nicht geringer und oft besser berechtigt. Wohl war seine Unkenntnis fremder Verhältnisse größer; denn es gab für ihn noch keine regelmäßigen Zeitungen und Lokalblätter, und er selbst war in der Regel nicht weiter gewandert als bis zur nächsten Stadt, wo er seine Produkte verkaufte, etwa einmal über die Berge, wenn er Kühe trieb, als Thüringer nach Erfurt auf den Waidmarkt, als Franke vielleicht ins Katholische nach Bamberg mit seinem Hopfen. Auch war er in Tracht, in Sprache und Liedern nicht modisch wie die Städter, er gebrauchte gern alte derbe Worte, welche der Bürger für unflätig hielt, er schwor und fluchte altertümlich, und sein Begrüßungszeremoniell war anders verschränkt als in den Städten, aber nicht weniger genau. Doch deshalb war sein Leben nicht arm an Gemüt, an Sitte, selbst nicht an Poesie. Noch hatte der verklingende deutsche Volksgesang einiges Leben, und der Landmann war der eifrigste Bewahrer desselben, noch waren die Feste des Bauern, sein Familienleben, seine Rechtsverhältnisse, seine Käufe und Verkäufe reich an alten farbenreichen Bräuchen, an Sprüchen und ehrbarer Repräsentation. Auch die echte deutsche Freude an hübscher Handwerksarbeit, das Behagen an sauberen und kunstvollen Erbstücken teilte der Landmann damals mit dem Bürger. Sein Hausgerät war stattlicher als jetzt. Zierliche Spinnräder, welche noch für eine neue Erfindung galten, sauber ausgeschnittene Tische, geschnitzte Stühle und Wandschränke haben sich einzeln – selten in Thüringen, öfter in Franken – bis auf unsere Zeit erhalten und werden jetzt mit den irdenen Apostelkrügen und ähnlichem Trinkgeschirr von Kunstsammlern angekauft. Groß muß der Schatz der Bauernfrauen an Betten, Kleidern, Wäsche, an Ketten, Schaumünzen und anderem Schmuck gewesen sein, und nicht weniger begehrungswürdig waren die zahlreichen Würste und Schinken im Rauchfang. Auch viel bares Geld lag versteckt in den Winkeln der Truhe oder sorglich in Töpfen und Kesseln vergraben, denn das Aufsammeln der blanken Stücke war eine alte Bauernfreude, es war seit Menschengedenken Friede gewesen und Waid und Hopfen brachten gutes Geld. Das Leben des Bauern war reichlich ohne viele Bedürfnisse, er kaufte in der Stadt die Nesteln für seine Kleider, den silbernen Schmuck für Weib und Töchter, Würze für seinen sauern Wein und was von Metallwaren und Gerät in Hof und Küche nötig war. Die Kleider von Wolle und Leinwand webten und schnitten die Frauen im Hause oder der Nachbar im Dorf. Der Landmann nahm seine Mütze tief ab vor dem Landesherrn oder vor dem gelehrten Juristen, denn er liebte bereits die gefährliche Aufregung der Prozesse; aber er wälzte wohl auch ihnen gegenüber mit geheimem Stolz die Erinnerung an eine kupferne Ofenblase oder ein paar alte Scherben in sich herum, die er gefüllt mit schweren Joachimstalern im Milchkeller oder unter seinem Ehebett versteckt hatte. So lebte der Bauer in Mitteldeutschland noch nach dem Jahre 1618. Er hörte des Sonntags in der Schenke von wildem Kriegsgetümmel hinten in Böhmen, wo die Länder des Kaisers lagen, um den er sich wenig kümmerte. Er kaufte wohl von einem verschmitzten Händler ein fliegendes Blatt oder ein Spottlied auf den verlorenen König von Böhmen; er gab einem zerschlagenen Flüchtling von Prag oder Budweis, der bettelnd an seine Tür kam, von seinem Brot und Käse und hörte die Schauergeschichten desselben mit Kopfschütteln. Der Amtsbote brachte ein Schreiben des Landesherrn in das Dorf, aus dem er sah, daß auch ihm zugemutet wurde, für neugeworbene Soldaten Geld und Getreide nach der Stadt zu liefern, er ärgerte sich und eilte, seinen Schatz noch tiefer zu vergraben. Doch bald wurde ihm deutlich, daß eine schlechte Zeit auch gegen ihn heranziehe, denn das Geld, welches er in der Stadt empfing, wurde sehr rot, und alle Waren wurden teurer; auch er wurde in die heillose Verwirrung hineingezogen, welche seit 1620 durch das massenhafte Ausprägen wertlosen Geldes über das Land kam. Er behielt Getreide und Fleisch zu Hause und zog gar nicht mehr nach der Stadt. Aber er bekam doch Händel mit Städtern und seinen Nachbarn, weil auch er das neue Geld bei seinen Zahlungen loswerden wollte und nur gutes altes als Bezahlung annehmen. Sein Herz war voll böser Ahnungen. So ging es bis zum Jahre 1623. Da sah er das Unheil noch von anderer Seite heranziehen. Die Diebstähle und Einbrüche mehrten sich, fremdes Gesindel wurde oft auf den Landstraßen gesehen, Trompeter sprengten mit schlimmen Nachrichten nach den Städten, angeworbenes Kriegsvolk zog prahlerisch und frech vor seinen Hof, forderte Unterhalt, stahl Würste und nahm Hühner im Schnappsack mit. Defensioner, die neu errichtete Landmiliz, trabten in das Dorf, forderten wieder Zehrung, drängten sich zu ihm in Quartier und belästigten ihn mehr als die Spitzbuben, welche sie von seinen Viehställen abhalten sollten. Endlich begannen – für Thüringen seit 1623 – die Durchmärsche fremder Truppen, und die großen Leiden des Krieges senkten sich auf ihn. Fremdes Kriegsvolk von abenteuerlichem Aussehen, durch Blut und Schlachten verwildert, marschierte in sein Dorf, legte sich ihm in Haus und Bett, mißhandelte ihn und die Seinen, forderte Zehrung, Kontribution, außerdem Geschenke und zerschlug, verwüstete und plünderte doch noch, was ihm vor Augen kam. So ging es fort, seit 1626 mit jedem Jahre schlimmer, Banden folgten auf Banden, mehr als ein Heer setzte sich um ihn herum in Winterquartieren fest, die Lieferungen und Quälereien schienen endlos. Mit Entsetzen sah der Bauer, daß die fremden Soldaten mit einer Spürkraft, die er der Zauberei zuschrieb, aufzufinden wußten, was er tief in der Erde versteckt hatte. Wenn er ihnen aber zu schlau gewesen war, so wurde sein Los noch schlechter, dann wurde er selbst ergriffen und durch Qualen, welche niederzuschreiben peinlich ist, gezwungen, den Versteck seiner Schätze anzugeben. Von dem Schicksal seiner Frau und seiner Töchter schweigen wir, das Greuliche wurde so gewöhnlich, daß eine Ausnahme befremdlich war. Und noch andere Leiden folgten. Seine Töchter, seine Magd, sein kleiner Knabe wurden nicht nur viehisch gemißhandelt, sie waren auch in dringender Gefahr, durch Überredung oder Gewalt fortgeführt zu werden. Denn jedem Heerhaufen folgte der rohe unselige Troß von Dirnen und Knaben. Aber die Wirtschaft des Landmanns ward noch in anderer Weise verwüstet. Sein Knecht hatte vielleicht einige Jahre die Schläge der fremden Soldaten ertragen, zuletzt lief er selbst unter die, welche schlugen; die Gespanne wurden vom Pflug gerissen, die Herden von der Weide geholt, und dadurch die Bestellung der Felder oft unmöglich gemacht. Und doch, wie jammervoll und hilflos seine Lage war, in der ersten Hälfte des Krieges, bis zum Tode Gustav Adolfs, war doch das Schrecklichste noch verhältnismäßig erträglich. Denn noch war selbst in Plünderung und Zerstörung ein gewisses System, einige Mannszucht hielt wenigstens die regelmäßigen Heerhaufen zusammen, und ein und das andere Jahr verlief ohne große Truppenzüge. Es ist uns möglich, in dieser ersten Zeit zu erkennen, wieviel einzelnen Gemeinden zugemutet wurde; denn schon saßen in dieser Zeit die Landesbehörden fest in ihren Schreibstuben, und nach den Durchmärschen wurden von den betroffenen Gemeinden gewöhnlich Liquidationen über ihre Leistungen eingefordert, deren Beträge ihnen freilich nicht wieder erstattet wurden. Wer solche Liquidationen in den Gemeindearchiven durchblättert, der wird die Namen berüchtigter Heerführer, die er aus der Geschichte oder aus Schillers Wallenstein kennt, in sehr realer Verbindung mit den Geschicken eines thüringischen Dorfes finden. Die Wirkungen, welche ein solches Leben voll Unsicherheit und Qual auf die Seelen der Landleute ausübte, waren sehr traurig. Die Furcht, eine bebende, klägliche Furcht umzog entnervend die Herzen. Immer war ihr Gemüt voll von Aberglauben gewesen, jetzt wurde mit rührender Leichtgläubigkeit alles aufgesucht, was als Eingreifen überirdischer Gewalten gedeutet werden konnte. Man sah am Himmel die schrecklichsten Gesichter, man fand die Anzeigen furchtbaren Unheils in zahlreichen Mißgeburten, Gespenster erschienen, unheimliche Laute klangen vom Himmel und auf der Erde. In Ummerstadt z. B., Herzogtum Hildburghausen, leuchteten weiße Kreuze am Himmel, als die Feinde einrückten. Als sie in die Kammerkanzlei eindrangen, trat ihnen ein weißgekleideter Geist entgegen und winkte ihnen zurück, und niemand konnte sich von der Stelle rühren. Nach ihrem Abzug hörte man acht Tage lang im Chor der ausgebrannten Kirche ein starkes Schnauben und Seufzen. – Zu Gumpershausen machte eine Magd großes Aufsehen im ganzen Land. Sie erfreute sich der Besuche eines kleinen Engels, der sich bald in rotem, bald in blauem Hemdlein vor ihr aufs Bett oder den Tisch setzte, wehe schrie, vor Gotteslästerung und Fluchen warnte und schreckliches Blutvergießen verhieß, wenn die Menschheit nicht das Lästern, die Hoffart und die gestärkten und geblauten Kragen – damals eine neue Mode – abschaffen würde. Wie man aus den eifrigen Protokollen ersieht, welche die geistlichen Herren verschiedener Würden über die Halbblödsinnige aufnahmen, verursachte ihnen nur der eine Umstand Bedenken, weshalb das Englein nicht sie selbst besuchte, sondern eine einfältige Magd. Neben dem Schrecken zogen Trotz und wilde Verzweiflung in die Seelen. Die sittliche Verwahrlosung nahm im Landvolk furchtbar überhand. Weiber entliefen den Männern, Kinder den Eltern; die Gewohnheiten, Laster und Krankheiten der durchziehenden Heere blieben zurück, selbst wenn die Räuber aus dem verwüsteten und halb zerstörten Dorf abzogen. Das Branntweintrinken, das seit dem Bauernkrieg in das Volk gekommen war, wurde ein gewöhnliches Laster. Die Achtung vor fremdem Eigentum verschwand. Im Anfang des Krieges waren die Nachbardörfer einander noch hilfreich gesinnt. Wenn die Soldaten in dem einen Dorf Vieh forttrieben und dasselbe bei der nächsten Nachtrast wieder verkauften, so gaben die Käufer den neuen Erwerb oft den früheren Eigentümern um den Einkaufspreis zurück. Das taten in Franken selbst katholische und protestantische Ortschaften einander zuliebe. Allmählich aber begann der Landmann zu stehlen und zu rauben wie der Soldat. Bewaffnete Haufen rotteten sich zusammen, zogen über die Landesgrenze in andere Dörfer und entführten, was sie bedurften. Sie lauerten den Nachzüglern der Regimenter in dichtem Wald oder in Gebirgspässen auf und nahmen oft nach hartem Kampf an dem Leben der Bezwungenen eine rohe Rache, ja sie überboten die Virtuosität der Soldaten in Erfindung von Todesqualen, und es wird wenige Waldhügel geben, in deren Schatten nicht greuliche Untat von solchen verübt ist, welche dort früher als friedliche Holzfäller und Steinbrecher ihr kunstloses Lied gesungen hatten. Es entstand allmählich ein grimmiger Korpshaß zwischen Soldaten und Bauern, der bis an das Ende des Krieges dauerte und mehr als etwas anderes die Dörfer Deutschlands verdorben hat. – Auch zwischen den Landschaften und einzelnen Orten entbrannten Fehden. Hier sei aus der düstern Zeit nur eine harmlose berichtet. So hatten die Bürger von Eisfeld noch mehrere Jahre nach dem Kriege heftige Feindschaft mit dem Kloster Banz wegen zwei wohltönenden Glocken ihrer alten Stadtkirche, des »Banzer« und der »Messe«. Ein schwedischer Oberst hatte die beiden Glocken aus Banz abgeführt und dem Städtchen verkauft. Und zweimal, wenn katholische Völker in Eisfeld lagen, waren die Mönche mit Wagen und Seilen hingezogen, ihre Glocken wiederzuholen; aber das erstemal bekamen die Mönche mit einem gewissenhaften Kroaten der Einquartierung Händel, weil sie eine Turmuhr obendrein mitnehmen wollten. Der Kroat drang mit dem Säbel auf die frommen Männer ein, und er und seine Kameraden liefen auf den Turm und läuteten heftig mit den Glocken, so daß die Mönche von Banz für unmöglich fanden, die Glocken herunterzuholen und an ihrer Statt nur die Turmuhr mitnahmen. Das zweitemal ging's ihnen nicht besser; endlich nach dem Frieden wurde ihnen als Ersatz eine andere kleine Glocke angeboten. Als sie aber auf dieser den Spruch sahen: »Erhalt' uns Herr bei deinem Wort«, gingen sie kopfschüttelnd wieder nach Hause. Endlich verglich Herzog Ernst der Fromme die Sache, nahm als Dank die kleine Glocke für sich selbst und hing sie in Gotha auf dem Friedenstein auf. Nach Kräften suchten sich die Dörfer vor der Raubgier der Soldaten zu wahren. Solange noch Geld aufzubringen war, machten sie Versuche, durch Zahlung einer Geldsumme an die vorausgesandten Offiziere die Einquartierung abzukaufen, und mancher Schurke benutzte solche Furcht und erhob in der Maske eines anmeldenden Furiers hohe Steuern von den getäuschten Dorfsassen. Auf die Kirchtürme und hohen Punkte der Flur wurden Wachen gestellt, die ein Zeichen gaben, wenn Truppen in der Ferne sichtbar wurden. Dann brachte der Landmann, was er retten konnte, die Frauen und Kinder und leichtbewegliche Habe, eilig in ein entferntes Versteck. Solche Verstecke wurden mit großem Scharfsinn ausgesucht, durch Nachhilfe noch unzugänglicher gemacht, und wochen-, ja monatelang fristeten dort die Flüchtlinge ihr angstvolles Dasein. Im schwarzen Moor zwischen Gräben, Binsen und Erlengebüsch, in dunkler Waldesschlucht, in alten Lehmgruben und in verfallenem Mauerwerk suchten sie die letzte Rettung. Noch jetzt zeigt an manchen Orten der Landmann mit Teilnahme auf solche Stellen. Zu Aspach in einem alten Turm ist 16 Fuß über dem Boden ein großes Gewölbe mit eiserner Tür, dorthin flüchteten die Aspacher, sooft kleine Banden auf das Dorf marschierten; für längere Flucht aber hatten sie ein Feld von mehreren Ackern, das mit Hainbuchen dicht umwachsen war, darum pflanzten sie Dorngebüsch, welches auf dem fruchtbaren Boden hoch wie Bäume wurde und dicht wie eine Mauer stand. In diesem Verhack, zu dem man nur auf dem Bauch kriechend gelangen konnte, hat sich die Gemeinde oft verborgen. Nach dem Kriege wurden die Dornen ausgereutet und der Boden in Hopfen-, dann in Krautländer verwandelt. Noch heißt ein Teil dieses Grundes »der Schutzdorn«. – Waren die Soldaten abgezogen, dann kehrten die Flüchtlinge in ihre Häuser zurück und besserten notdürftig aus, was verwüstet war. Nicht selten freilich fanden sie nur eine rauchende Brandstätte. Auch nicht alle, welche geflohen waren, kamen zurück. Die Wohlhabenderen suchten sich und ihre Habe in den Städten zu bergen, wo doch die Kriegszucht ein wenig straffer und die Gefahr geringer war. Viele auch flüchteten in ein anderes Land, und wenn dort Feinde drohten, wieder in ein anderes. Die meisten hat sicher das Elend dort nicht weniger hart geschlagen. – Aber auch die im Land blieben, kehrten nicht alle zur heimischen Flur. Das wilde Leben im Versteck und Wald, die rohe Freude an Gewalttat und Beute machte die Trotzigsten zu Räubern. Mit rostigen Waffen versehen, die sie vielleicht getöteten Marodeuren abgenommen hatten, führten sie unter den Fichten der Berge ein gesetzloses Leben als Gefährten des Wolfes und der Krähe, als Wilddiebe und Wegelagerer. So verminderte sich die Bevölkerung des flachen Landes mit reißender Schnelligkeit. Schon zur Zeit des Schwedenkönigs waren mehrere Dörfer ganz verlassen, und um die geschwärzten Balken und das Stroh der zerrissenen Dächer schlichen die Tiere des Waldes und etwa die zerlumpte Leidensgestalt eines alten Mütterleins oder eines Krüppels. Von da nahm das Unheil in solcher Steigerung zu, daß sich nichts in der neueren Geschichte damit vergleichen läßt. Zu den zerstörenden Dämonen des Schwertes kamen andere nicht weniger furchtbare und noch gefräßigere. Das Land war wenig bebaut worden und hatte eine schlechte Ernte gegeben. Eine unerhörte Teuerung entstand, Hungersnot folgte, und in den Jahren 1635 und 1636 ergriff eine Seuche, so schrecklich, wie sie seit hundert Jahren in Deutschland nicht gewütet hatte, die kraftlosen Leiber. Sie breitete ihr Leichentuch langsam über das ganze deutsche Land, über den Soldaten wie über den Bauern; die Heere fielen auseinander unter ihrem sengenden Hauch, viele Orter verloren die Hälfte ihrer Bewohner, in manchen Dörfern Frankens und Thüringens blieben nur einzelne übrig. Was noch von Kraft in einer Ecke des Landes gedauert hatte, jetzt wurde es zerbrochen. – Der Krieg aber wütete von dieser Schreckenszeit ab noch zwölf lange Jahre. Auch er war schwächer geworden, die Heerhaufen kleiner, die Operationen aus Mangel an Lebensmitteln und Tieren unsteter und planloser; aber wo die Kriegsfurie aufflackerte, fraß sie erbarmungslos weg, was sich noch von Leben zeigte. Das Volk erreichte die letzte Tiefe des Unglück, ein dumpfes apathisches Brüten wurde allgemein. Von den Landleuten ist aus dieser letzten Zeit wenig zu berichten. Sie vegetieren verwildert und hoffnungslos, aber nur geringe Nachrichten sind in Dorfurkunden, Pfarrbüchern und kleinern Chroniken zu finden. Man hatte in den Dörfern das Schreiben, ja fast die laute Klage verlernt. Wo ein Heer verwüstet hatte und der Hunger wütete, fraßen Menschen und Hunde von demselben Leichnam, Kinder wurden aufgefangen und geschlachtet. Daß jetzt eine Zeit gekommen war, wo solche, die zwanzig Jahre des Leidens ausgehalten hatte, selbst Hand an sich legten, das lesen wir aus den Berichten der Gesandten, welche jahrelang vergeblich an dem Frieden arbeiteten. Man mag fragen, wie bei solchen Verlusten und so gründlichem Verderb der Überlebenden überhaupt noch ein deutsches Volk geblieben ist, das nach geschlossenem Frieden wieder Land bauen, Steuern zahlen und nach einem dürftigen Vegetieren von hundert Jahren wieder Energie, Begeisterung und ein neues Leben in Kunst und Wissenschaft zu erzeugen vermochte. Allerdings ist wahrscheinlich, daß sich das Landvolk ganz in schwärmende Banden aufgelöst hätte und daß die Städte niemals imstande gewesen wären, ein neues Volksleben hervorzubringen, wenn nicht drei Gewalten den deutschen Landmann vor der gänzlichen Zerstörung bewahrt hätten: seine Liebe zu dem väterlichen Acker, die Bemühungen seiner Obrigkeit und vor allem der Eifer seines Seelsorgers, des Dorfpfarrers. Des Bauern Liebe zur eigenen Flur, noch jetzt ein starkes Gefühl, welches gegen die wohltätigsten Ackergesetze feindlich arbeitet, war im 17. Jahrhundert noch um vieles mächtiger. Denn der Bauer kannte außerhalb der eigenen Dorfflur sehr wenig von der Welt, und die Schranken, welche ihn von einem andern Lebensberuf und anderer Herren Land trennten, waren schwer zu übersteigen. So lief er mit Zähigkeit immer wieder aus seinem Versteck nach dem zerstörten Hof und versuchte immer wieder, die zerstampften Ähren zusammenzulesen oder in das niedergetretene Land den wenigen Samen zu streuen, den er sich gerettet hatte. Wenn sein letztes Zugtier geraubt war, spannte er sich selbst an den Pflug. Er hütete sich wohl, seinem Hause ein wohnliches Aussehen zu geben, er gewöhnte sich in Schmutz und Ruinen zu hausen und verbarg das flackernde Feuer des Herdes vor den raubgierigen Blicken, welche vielleicht durch die Nacht nach einem warmen Nest suchten. Die kärgliche Speise versteckte er an Orten, vor welchen selbst dem ruchlosen Feind graute, in Gräbern, in Särgen, unter Totenköpfen. So hauste er unter dem Zwang der Gewohnheit, der allgewaltigen, wie gering auch die Hoffnung war, daß seine Arbeit ihm selbst zugute kommen werde. Hielt ein Gutsherr tapfer auf seinem Dorf aus, so begleitete er in den Zeiten der Ruhe bis an die Zähne bewaffnet seine letzten Zugtiere auf den Acker, bereit, mit ansprengenden Räubern um die Tiere zu kämpfen. Kaum geringeres Interesse als der Bauer selbst hatten sein Landesherr und dessen Beamte, die Dörfer zu erhalten. Je geringer die Zahl der Steuerzahlenden wurde, desto höher stieg der einzelne im Wert. Von der Residenzstadt aus kümmerten sich die Regierungen durch ihre Amtleute, Vögte und Schösser während des ganzen Krieges um das Schicksal der Dörfer, ja der einzelnen. Die Aktenschreiberei wurde nur in der ärgsten Zeit unterbrochen und immer wieder angefangen. Zeugnisse, Berichte, Eingaben und Reskripte liefen bei all dem Elend hin und her, Eingaben und Kostenliquidationen wurden unermüdlich eingefordert, und manch armer Schulmeister verrichtete gehorsam seinen Dienst als Gemeindeschreiber, während der Schnee durch die ausgeschlagenen Fenster in seine Schulstube hineinwehte, die Gemeindekasse zerbrochen auf der Straße lag und die Dorfgemeinde, deren Rechnungen er schrieb, bewaffnet in den Wald gezogen war, mit finstern ungesetzlichen Anschlägen, welche der Landesregierung niemals berichtet wurden. So unnütz dies Schreiberwesen in vielen Fällen war, es zog doch zahllose Fäden, durch welche der einzelne an die Ordnung seines Staates gebunden wurde. Und daß der Mechanismus der Verwaltung sich erhielt, war in den Pausen und am Ende des Krieges von größter Bedeutung. Das beste Verdienst aber um die Erhaltung des deutschen Volkes hatten die Landgeistlichen und ihr heiliges Amt. Zuverlässig war ihr Einfluß in den katholischen Landschaften nicht geringer als in den protestantischen, wenn uns auch wenig Nachrichten darüber geblieben sind, denn die katholischen Pfarrer waren damals ebenso dem Schreiben abhold als die evangelischen schreiblustig. Doch an der Bildung ihrer Zeit hatten die protestantischen Pfarrer einen weit größeren Anteil. Die deutsche gelehrte Bildung war durch die Reformatoren wesentlich theologisch geworden, und die Dorfgeistlichen repräsentierten diese Intelligenz gegenüber dem adligen Gutsherrn und den Bauern. Sie waren in der Regel in den alten Sprachen gut bewandert, geübt Latein zu schreiben und elegische Verse zu machen. Sie waren starke Disputierer, wohlerfahren in dogmatischen Streitigkeiten, voll eifrigen Zorns gegen Schwenckfeldianer, Theophrastianer, Rosenkreuzer und Weigelianer, hartnäckig, rechthaberisch, und ihre Lehre war stärker im Haß gegen die Ketzer als in der Liebe gegen ihre Mitmenschen. Ihr Einfluß auf das Gewissen der Laien hatte sie hochmütig und herrschsüchtig gemacht, und die begabteren unter ihnen kümmerten sich mehr um Politik als für ihre Tugend gut war. Wenn man einen Stand verantwortlich machen darf für Unvollkommenheiten der Zeitbildung, welche er nicht geschaffen hat, sondern nur repräsentiert, so hatte die lutherische Geistlichkeit eine schwere und verhängnisvolle Schuld an der Verödung des Gemütes, der unpraktischen Kraftlosigkeit, dem trockenen, langweiligen Formalismus, welche damals im deutschen Leben sehr oft zutage kamen. So waren die Geistlichen als Stand weder bequem noch besonders liebenswert, und selbst ihre Moralität war engherzig und inhuman. Aber all dies Unrecht sühnten sie in den Zeiten der Armut, der Trübsal und Verfolgung. Und unter ihnen am meisten die armen Dorfpfarrer. Sie waren den größten Gefahren ausgesetzt, den kaiserlichen Soldaten am meisten verhaßt, durch ihr Amt gezwungen, sich dem Feinde bemerkbar zu machen; die Roheiten, welche sie, ihre Frauen und Töchter zu erdulden hatten, trafen tödlich ihr Ansehen in der eigenen Gemeinde. Ihr Leben wurde durch die Beiträge ihrer Beichtkinder erhalten, sie waren nicht geübt und wenig geeignet, sich durch körperliche Arbeit die Tage zu fristen; unter jeder Verringerung des Wohlstandes, der Sittlichkeit, der Menschenzahl ihres Dorfes hatten sie am meisten zu leiden. Man muß einer sehr großen Mehrzahl von ihnen das Zeugnis geben, daß sie alle diese Gefahren als echte Streiter Christi ertrugen. Die meisten hielten bei ihren Gemeinden aus bis fast zum letzten Mann. Ihre Kirche wurde verwüstet und ausgebrannt, Kelch und Kruzifix gestohlen, der Altar durch eklen Unrat beschmutzt, die Glocken vom Turm geworfen und weggeführt. Da hielten sie den Gottesdienst in einer Scheuer, auf freiem Felde, im grünen Waldversteck. Wenn die Gemeinde zusammenschmolz, daß der Gesang der Zuhörer aufhörte und kein Kantor mehr die Bußlieder intonierte, da riefen sie den Rest ihrer Beichtkinder noch zur Betstunde zusammen. Sie waren stark und eifrig im Trösten und Strafen, denn je größer das Elend war, desto mehr Grund zur Unzufriedenheit fanden sie in ihrer Gemeinde. Häufig waren sie die ersten, welche von der Verwilderung der Dorfbewohner zu leiden hatten; Diebstahl und frecher Mutwille wurden am liebsten gegen solche geübt, deren zürnender Blick und feierliche Klage am meisten imponiert hatten. Ihre Schicksale sind daher vorzugsweise charakteristisch für jene eisernen Jahre, und wir sind glücklicherweise in der Lage, gerade von ihnen zahlreiche Aufzeichnungen zu besitzen, oft in Kirchenbüchern, denen sie ihr Leid klagten, während kein Mensch sie hören wollte. Aus solchen Notizen thüringischer und fränkischer Pfarrgeistlichen seien hier nur wenige Beispiele mitgeteilt. Magister Michael Ludwig war seit 1633 Pfarrer zu Sonnenfeld. Dort predigte er im Walde unter freiem Himmel seiner Gemeinde, ließ sie mit der Trommel statt mit der Glocke zusammenrufen, und Bewaffnete mußten Wache stehen, während er predigte; acht Jahre hielt er so aus, bis seine Gemeinde ganz verschwand. Da rief ein schwedischer Oberst den tapfern Mann als Prediger zum Regiment; er wurde später Präsident des Feldkonsistoriums bei Torstenson und Superintendent zu Wismar. – Georg Faber, Prediger zu Gellershausen, hielt mit drei, vier Zuhörern Betstunden bei steter Lebensgefahr, stand jeden Morgen um drei Uhr auf, studierte und lernte seine Predigten von Wort zu Wort auswendig, schrieb dabei noch gelehrte Abhandlungen über biblische Bücher. In den benachbarten Landstädtchen hatten die Geistlichen nicht weniger zu ertragen. In Eisfeld z. B. war seit 1635 Rektor Johann Otto, ein junger Mann, der erst geheiratet hatte; er hat acht Jahre in der allerschlimmsten Zeit mit noch einem Lehrer die ganze Schule halten müssen und dabei das Kantorat gratis versehen. Was seine Einnahme gewesen, kann man aus Notizen sehen, die der tüchtige Mann in seinen Euklid geschrieben hat: »2 Tage gedroschen im Herbst, 1 Tag im Holz gearbeitet 1646. 2 Tage gedroschen im Januar. 5 Tage gedroschen im Februar 47. ½ Tag geschnitten. 4 Hochzeitsbriefe geschrieben, item ½ Tag Hafer gebunden, 1 Tag geschnitten« usw. Er dauerte aus und stand seinem Amt 42 Jahre in Ehren vor. Sein Nachfolger, der große Lateiner Johann Schmidt, Lehrer des berühmten Cellarius, war unter die Soldaten geraten und las einst auf der fürstlichen Schloßwache in einem griechischen Dichter; das sah sein Offizier mit Erstaunen und meldete es Ernst dem Frommen, der ihn zum Lehrer machte. Der Superintendent Andreas Pochmann ebendaselbst war als elternlose Waise mit zwei kleinen Brüdern von den Kroaten geraubt worden. Er rettete sich mit den Brüdern in der Nacht. Später wurde er als lateinischer Schüler wieder von Soldaten aufgefangen, zum Furierschützen und dann zum Musketier gemacht. In der Garnison aber studierte er fort, fand unter seinen Kameraden Studenten aus Paris und London, mit denen er das Lateinische übte. Einst blieb er als Soldat krank am Wachtfeuer liegen, unter seinem Ärmel die Pulvertasche und anderthalb Pfund Pulver, die Flamme erreichte den Ärmel und verbrannte ihn zur Hälfte; die Pulvertasche blieb unversehrt. Als er aufwachte, sah er sich allein im verlassenen Lager ohne einen Pfennig Geld. Da fand er in der Asche zwei Taler. Damit schlug er sich auf Gotha zu; auf dem Wege kehrte er zu Langensalza in ein einsames Häuslein an der Mauer ein, eine alte Frau nahm den Totmüden auf und legte ihn auf ein Bett. Es war die Pestwärterin, das Lager ein Pestbett, und die Krankheit wütete damals in der Stadt: er blieb unversehrt. Wie sein Leben, ist das seiner meisten Zeitgenossen voll von wunderbaren Lebensrettungen, plötzlichen Übergängen, unerwarteter Hilfe ebenso wie von Todesgefahr, Mangel und häufiger Veränderung des Ortes. Solche Zeiten muß man genauer ansehen, um zu verstehen, wie sich gerade in einer Periode, in welcher Millionen untergegangen und verdorben sind, bei den Überlebenden ein fatalistischer Glaube an die göttliche Vorsehung, welche auf wunderbare Weise in das Leben des Menschen eingreift, ausgebildet hat. Fast aus jedem Kirchdorf kann man Erinnerungen an die Leiden, die Ergebenheit und Ausdauer seiner Pfarrer zusammentragen. [...] Unter den biographischen Aufzeichnungen protestantischer Pfarrer ist eine der lehrreichsten die des Franken Martin Bötzinger. Sowohl das Dorfleben zur Zeit des Krieges als auch die Verwilderung der Menschen wird aus seiner Erzählung zum Erschrecken deutlich. Bötzinger war kein großer Charakter, und die kläglichen Schicksale, welche er zu ertragen hatte, haben ihn nicht stärker gemacht. Ja, man wird ihm das Prädikat eines recht armen Teufels schwerlich versagen. Dabei besaß er aber zwei Eigenschaften, welche ihn für uns wertvoll machen: eine unzerstörbare Lebenskraft, welche mit nicht geringem Leichtsinn verbunden war, und jenes verzweifelte deutsche Behagen, das auch der trostlosesten Lage immer noch erträgliche Seiten abzugewinnen weiß. Er war ein Poet. Seine deutschen Verse sind durchaus erbärmlich, aber sie dienten ihm in der schlechtesten Zeit als zierliche Bettelbriefe, durch welche er sich Mitleiden zu verschaffen suchte. So hat er alle Amtleute und Schösser der Parochie Heldburg in einem gewissermaßen epischen Gedicht gefeiert, so die traurigen Verhältnisse von Coburg, wo er eine Zeitlang als Flüchtling verweilte. Von dem Lebenslauf, welchen er niederschrieb, waren der Anfang und der letzte Teil schon abgerissen, als ihn im Jahre 1730 Krauß seiner Hildburghäusischen Kirchen-, Schul- und Landeshistorie einverleibte. Aus diesem Fragment wird das Folgende treu mitgeteilt. Nur die Reihenfolge der Begebenheiten, welche in seiner Selbstbiographie durcheinanderlaufen, ist hier nach den Jahren geordnet. – Bötzinger war Gymnasiast zu Coburg, während der Kipperzeit Student zu Jena gewesen, wurde 1626 Pfarrer zu Poppenhausen. Im Frühjahr 1627 war der junge Pfarrer im Begriff, Herrn Michael Böhmes, Bürgers und Rats zu Heldburg, einzige Tochter namens Ursula zu freien. Als nun Anno 1627, Dienstag nach Jubilate, alle Präparatoria dazu gemacht waren, kamen an ebensolchem Tag 8000 Mann sachsen-lauenburgisch Volk nebst dem Fürsten selbst vor Heldburg, schlugen ein Feldlager auf dem Samen, verderbten in acht Tagen die Stadt und das Amt dermaßen, daß weder Kalb noch Lamm, weder Bier noch Wein mehr zu bekommen war. Es wurde aus allen Ämtern Proviant zugeführet und konnten dennoch kaum die fürstlichen Offiziere und Beamten unter ihnen aushalten. Wurden wegen Kälte so einfiel, in die Stadt und Dorfschaften etliche Tage eingelegt. Da bin ich zu Poppenhausen im Pfarrhaus das erstemal geplündert worden. Denn ich hatte nicht allein nichts verwahret, sondern vielmehr zugeschickt, als wenn ich einen ehrlichen Gast oder Offizier herbergen wollte. Kam um mein Weißzeug, Bettgerät, Hemden usw. Denn ich wußte noch nicht, daß die Soldaten Mauser sind und alles mitnehmen. Es mußte der Landesfürst, Herzog Kasimir, selber nach Heldburg reisen, er stellte dem Lauenburger ein fürstliches Bankett an, schenkte ihm etliche stattliche Rosse und 8000 Taler, damit er ihn nur hinwegbrächte. Nach diesem Unglück fand sich allenthalben der Segen Gottes wieder ein zur Verwunderung. Denn die Wintersaat war wegen der Hütten, Quartiere und Feuer, deren viel tausend zu sehen waren, in Grund weg, viel tausend Hütten, viel hundert Schock Stroh und anderes waren da beisammen, sie machten mehr eine Wüste als Acker aus. Gleichwohl wuchs aus diesen gebrannten Hüttenstätten und Gruben so eine dicke Saat, daß in demselben Jahr ein Überfluß an Winterfrucht war. Miraculum! – So gewann meine Hochzeit ihren Fortgang am Dienstag nach Exaudi und ward gehalten auf dem Rathaus. – Fünf Jahre lang war ein ruhiger Stand im Lande bis Anno 1632, außer daß mancher kaiserliche Zug zu zwei, drei und mehr Regimentern hin- und herzog, die im Amt Heldburg auch oft Quartier nahmen und ausmergelten. Ich hatte zu Poppenhausen keine Not. Wollte wünschen, daß ich's jetzo so gut hätte, als ich's vorm Krieg gehabt. Da aber das Feuer des Krieges wollte ankommen, reformierten die benachbarten Bischöfe stark, schickten Jesuiten und Mönche mit Diplomatibus ins Land, repetierten die geistlichen Güter und Klöster. Die Fürsten hatten ihre Defensioner hin und wieder, welche bisweilen im benachbarten Papsttum mauseten und dort die Hornissen aufstöberten. Ein jeder Verständige konnte wohl merken, die Sache würde ärger werden. Es flüchteten auch die Edelleute, ihrer Pfarrer, Vögte usw. das Ihrige in unsere Städtlein und Dörfer, hofften sicherer zu sein als in ihren Orten. Anno 1631 Michaelis kam König Gustavus aus Schweden plötzlich über den Wald, als wenn er flöge. Königshofen und viel andere Orte bekam er ein, und es ging sehr bunt daher. Unsere vom Adel warben dem König Volk, welches im Mausen und Rauben just so arg war als die Feinde. Sonderlich nahmen sie den benachbarten Katholischen ihre Kühe, Pferde, Schweine, Schafe und trieben sie gen Heldburg, da war ein Gekauf, eine Kuh für einen Dukaten, ein Schwein für einen Taler. Und oft liefen die Papisten her und sahen, wie und wer ihr Vieh kaufte, sie lösten es auch selber oft wieder ein. Es wurde ihnen aber so oft genommen, daß sie des Lösens müde wurden, und waren die armen benachbarten Papisten übel dran. Wir allhier zu Poppenhausen verwahrten ihnen aus Nachbarschaft ihr bißchen Habe in Kirche und Häusern, soweit es helfen wollte. Da sich aber Anno 1632 das Blatt wandte, und die drei Generäle, Friedländer (Walleinstein), Tilly und Bayerfürst Coburg und das Land einnahmen, halfen die benachbarten Papisten rauben und brennen, und fanden wir bei ihnen keine Treue noch Sicherheit. Als man am Abend vor Michaelis die große Kartaune von Coburg hörte, als Losungsschuß, daß der Feind ankäme und sich jeder in acht nähme, zog ich mit all denen, so ich etliche Wochen geherbergt, nach Heldburg, wohin ich schon mein Weib und Kind geschickt hatte. Die Stadt hielt ihre Wache, meinte nicht, daß es so übel würde daher gehen. Bürgermeister und etliche des Rates rissen aus, mein seliger Schwiegervater war Verwalter über Pulver, Blei und Lunten, daß er der Wache ihre Notdurft austeilte, er mußte wohl in der Stadt bleiben. Ich hatte mit Weib und Kindern Lust aus der Stadt zu ziehen, er aber wollte mich nicht, viel weniger seine Tochter aus der Stadt lassen, hieß uns zu Haus bleiben; er hatte einen ziemlichen Beutel mit Talern gefüllt, damit gedachte er sich im Unfall loszumachen. Aber es war der Mittag am Fest Michaelis noch nicht heran, da präsentierten sich 14 Reiter, man meinte, es wären Herzog Bernhards Völker, aber es war sehr weit gefehlt. Diese mußte man nun einlassen ohne allen Dank. Ihnen folgten bald etliche Fußgänger, welche zum Anfang alles durchsuchten und schlugen und schossen, wer nicht parieren wollte. Mitten auf dem Markt hatte einer von diesen vierzehn meinen Schwiegervater mit einem Pistol vor den Kopf geschlagen, daß er wie ein Ochs niedergefallen. Der Reiter ist abgestiegen, hat ihm die Hosen visitiert, und haben unsere Bürger, so auf dem Rathaus gewesen, gesehen, daß der Dieb einen großen Klumpen Geld herausgezogen. Als dem Schwiegervater die Betäubung von dem Schlag vergangen und er aufgestanden war, mußte er mit in das Sternenwirtshaus, wo sie zwar zu essen fanden, aber nichts zu saufen; da sprach er, er wolle heim und zu trinken bringen. Weil sie nun gedachten, er möchte ihnen ausreißen, nahmen sie das Zinn und Essen alles mit und kamen in mein Haus. Es währte nicht lange, so forderte einer Geld; da er sich nun entschuldigte, stach ihn der Tropf mit seinem eigenen Brotmesser in Gegenwart meines und seines Weibes, daß er zu Boden sank. Hilf Gott! wie schrie mein Weib und Kind. Ich stak in des Baders Haus über dem Ställchen im Stroh, sprang herab und wagte mich unter sie. Wunder war, daß sie mich in der Harzkappe nicht fingen. Ich nahm meinen Schwiegervater, der da wie ein Trunkener taumelte, und trug ihn in die Badestube, daß er verbunden würde. Ich mußte zusehen, daß einer eurer Mutter die Schuh und Kleider auszog, und dich, Sohn Michael, auf den Armen trug. Hiermit räumten sie das Haus und die Gasse. Ich wagte mich weiter, ging durch des Baders Höflein in meines Schwähers Kammer, trug Kissen und Betten hinüber, worauf wir ihn legten. Noch weiter mußte ich's wagen, ich ging in den Keller, darin sein Bruder, Herr Georg Böhme, Pfarrer zu Lindenau, in drei Stückfässern zwei Fuder guten Wein liegen hatte, ich sollte für den Schwiegervater einen Labetrunk holen; aber die Fässer waren oben so fleißig und dicht zugemacht, daß, wenn ich gleich den Zapfen herausholte, doch nichts herauslaufen wollte, ich mußte gar lange vor dem Zapfen mit großer Gefahr stehen, ehe ich einen Löffel voll bekam. Kaum war ich hinüber, so kommt ein Schelm in die Badstube, wirft den Kranken vom Bett und sucht alles aus. Ich hatte mich kaum verkrochen unter die Schwitzbank, wo ich wohl zu schwitzen bekam, denn am vorigen Tage war Badetag gewesen. Weil nun in der Stadt ein Metzeln und ein Niederschießen stattfand, auch niemand sicher war, kamen in einer Stunde unterschiedliche Bürger, wollten sich verbinden lassen. Da gab mein Schwiegervater zu, daß ich ein Loch suchte und aus der Stadt käme, mein Weib und Kinder aber wollte er nicht mit mir lassen. Also ging ich auf die Schloßgärten zu und kam an der Höhe hinter das Schloß, daß ich gen Holzhausen und Gellershausen zu sehen konnte, ob's sicher wäre. Da fanden sich Bürger und Weiber zu mir, an mir einen Trost zu haben und mit mir zu reisen. Ich kam also über den Hundshanger Teich ins Holz und wollte auf den Strauchhahn zu. Als wir nun bei den Heideäckern waren, ritten acht Reiter, es waren Kroaten, oben auf der Höhe. Da sie uns gewahr wurden, errannten sie uns eilends. Zwei Bürger, Kührlein und Brehme, entkamen, ich mußte am meisten aushalten. Sie zogen mich aus, Schuhe, Strümpfe und Hosen, und ließen mir nur die Kappe. Mit den Hosen gab ich ihnen meinen Beutel mit Geld, den ich vor drei Stunden hinten in die Hosen gesteckt und so vor den ersten Mausern erhalten hatte. Die Not war so groß, daß ich nicht an meinen Beutel dachte, bis ich ihn das letzte Mal sah. Sie forderten tausend Taler, danach fünfhundert, endlich hundert für mein Leben, ich sollte mit in ihr Quartier und mußte barfuß eine Stunde lang mitlaufen. Endlich wurden sie gewahr, daß ich ein Pap oder Pfaff wäre, welches ich auch gestand; da hieben sie mit ihren Säbeln auf mich hinein, ohne Diskretion, und ich hielt meine Arme und Hände entgegen, habe durch Gottes Schutz nur eine kleine Wunde unten an der Faust bekommen. Etliche gaben den Rat mich zu entmannen, der Obrist aber, ein stattlicher Mann, wollte es nicht zugeben. Unterdessen wurden sie einen Bauer gewahr, welcher sich in den Büschen besser verkriechen wollte. Es war der reiche Kaspar von Gellershausen, auf solchen ritten sie alle zu, und blieb nur einer bei mir, welcher ein geborener Schwede und gefangen war. Dieser sagte zu mir: »Pape, Pape, leff, leff, du müst sonst sterfen.« Item, er wäre gut schwedisch. Ich faßte Vertrauen zu dem Rat und bat ihn, wenn ich liefe, sollte er mir zum Schein nachreiten, als wenn er mich einholen wollte. Und also geschah es, daß ich den Kroaten entkam. [...] Also saß ich, bis es Nacht wurde, stand auf und ging immer dem dicken Gebüsch nach, so kam ich heraus, daß ich gen Seidenstadt hinaussehen konnte. Ich schlich mich ins Dorf, und weil ich Hunde bellen hörte, hoffte ich Leute zu Haus anzutreffen, aber da war niemand, ich ging deswegen in einen Stadel und wollte mich zu Nacht auf dem Heu behelfen. Da schickt Gott, daß die Nachbarn, die im Strauchhahn sich verkrochen gehabt, eben hinter diesem Stadel zusammenkommen und beraten, wo sie sich wieder sammeln und wo sie hingehen wollen. Das konnt' ich deutlich hören, stieg deswegen herab und ging auf das Haus zu; da war der Bauer gerade hinein, hatte ein Licht angezündet, stand im Keller und rahmte die Milch ab, die er essen wollte. Ich stand oben am Loch, redete ihn an und grüßte ihn, er sah auf und sah den untern Teil des Leibes, nämlich das Hemd und nackte Beine, und oben schwarz. Er erschrak sehr, als ich ihm aber sagte, daß ich Pfarrer zu Poppenhausen und von Soldaten ausgezogen wäre, trug er die Milch herauf, und ich bat ihn, daß er mir bei seiner Nachbarschaft von Kleidern etwas zuwege brächte, ich wollte mit ihnen, wohin sie auch gehen würden. Er ging aus, unterdessen machte ich mich über seinen Milchtopf und leerte ihn ganz aus. Es hat mir mein Lebtag keine Milch so wohl geschmeckt. Er kam nebst andern wieder und brachte mir einer ein Paar alte lederne Hosen, die von Wagenteer sehr übel rochen, ein anderer ein Paar alte Riemenschuhe, ein anderer zwei Strümpfe, einen grünen und einen weißen wollenen. Diese Livree schickte sich weder für einen Reisenden, noch für einen Pfarrer. Dennoch nahm ich's mit Dank an, konnte aber in den Schuhen nicht gehen, denn sie waren hart gefroren. Die Strumpfsohlen waren zerrissen, und ich ging also mit ihnen mehr barfuß als beschuht gen Hildburghausen. Wenn wir uns umsahen, so sahen wir, wie es im Itzgrund an vielen Orten lichterloh aufbrannte. Damals ging auch Ummerstadt, Rodach, Eisfeld, Heldburg im Feuer zugrunde. Ich machte mit meiner Ankunft einen solchen Spektakel, Schrecken und Furcht zu Hildburghausen, daß sich niemand – da doch viel tausend Fremde dahin gekommen waren – sicher wußte, obgleich die Stadt starke Wache hielt. Mir aber war nur die Sorge, wie ich ein ehrliches Kleid, Strümpfe, Schuhe usw. bekommen möchte, ehe wir von da ausrissen. Ging deswegen unbeschuht zu Herrn Bürgermeister Paul Waltz, zum Diakonus usw., und bat, mir etwas zu schenken, damit ich mich ehrlich bedecken möchte. Herr Waltz schenkte mir einen alten Hut, der war fast eine Elle hoch, deformierte mich mehr als etwas anderes; gleichwohl setzte ich ihn auf. Herr Schnetters Eidam, jetzt Diakonus zu Römhild, schenkte mir ein Paar Hosen, die über den Knien zugingen, die waren noch gut, Herr Dressel ein Paar schwarze Strümpfe, der Kirchner ein Paar Schuhe. Also war ich staffiert, daß ich ohne Scham unter so viel tausend fremden Leuten, die in der Stadt Sicherheit suchten, und unter den Bürgern mich durfte sehen lassen. Der Hut aber deformierte mich gar sehr, drum trachtete ich auf Gelegenheit, wie ich einen andern überkommen möchte. Es trug sich aber zu, daß das ganze Ministerium, Schulkollegen und Rat sich heimlich vereinigt hatten, daß sie ohne Wissen der gemeinen Bürgerschaft nachts neun Uhr die Tore wollten öffnen lassen und davongehen mit Weib und Kind. Dies erfuhr ich, ging deswegen in des Herrn Stadtschreibers Behausung, wo die Herren sich alle versammelten; niemand aber wollte meiner achten, noch mich kennen. Ich setzte mich allein über einen Tisch im Finstern, da wurde ich gewahr, wie ein fein ehrbarer Hut am Nagel hing. Ich dachte, wenn dieser bei ihrem Aufbruch hängen bliebe, so wäre es mir gut. Geht doch ohnedies alles zugrunde nach dem Abzug. Und was ich wünschte und gedachte, das geriet mir. Es ging an ein Scheiden, Heulen und Valedizieren, ich legte den Kopf auf den Tisch wie ein Schlafender. Als nun fast jedermann im Abziehen war, hängte ich den langen Störcher an die Wand, tat einen Tausch und ging mit den anderen Herren hinaus in die Gasse. Da war diese Verabredung unter den Leuten offenbar geworden. Und unzählig viele Leute saßen mit ihren Paketen auf der Gasse, auch viele, viele Wagen und Karren waren angespannt, die alle, als das Tor aufging, mit fortwanderten. Als wir ins freie Feld kamen, sahen wir, daß die guten Leutchen sich in alle Straßen verteilten. Da wurden viel tausend Windlichter gesehen, diese hatten Laternen, diese Strohschauben, andere Pechfackeln. In Summa etliche tausend Leute zogen in Traurigkeit fort. Ich und mein Haufe kamen um zwölf Uhr Mitternacht gen Themar, welche Stadt sich mit uns auch aufmachte, so daß wir abermals etliche hundert mehr wurden. Der Marsch ging auf Schwarzig, Steinbach zu, und als wir gegen Morgen in ein Dorf kamen, da wurden die Leute erschreckt, daß sie Haus und Hof auch zurückließen und mit uns fortzogen. Wir waren etwa eine Stunde in der Herberge gewesen, so kam schon Post, daß die Kroaten diesen Morgen wären zu Themar eingefallen, hätten die Fuhrmannsgüter oder Geleit aufgehauen, geplündert, dem Bürgermeister den Kopf aufgespalten, die Kirche ausgeplündert, auch die Orgelpfeifen auf den Markt herausgetragen usw. Da war's hohe Zeit, daß wir gewichen waren. Hildburghausen aber hat sich danach mit einer großen Summe Geldes und seinen Kelchen ranzionieren müssen, sonst wäre die Stadt auch eingeäschert worden wie andere Städte. Auf dieser Wanderschaft bekam ich auch ein Paar Handschuh, Messer und Scheide verehrt. Das währte etwa fünf oder sechs Tage, da kam die Post, die Feinde wären von Coburg aufgebrochen. Jetzt konnte ich nicht länger bleiben. Ich lief geschwind auf Römhild zu, wo mein Herr Gevatter Cremer Amtsschreiber war. Mußte Herrn Amtmann referieren, wie mir's gegangen. Nur dieses Städtlein blieb ungeplündert. Herr Amtmann ließ Feuer unter sie geben, und Gott erhielt durch des Amtmanns Vorsicht dies Städtlein. Unterdes wurde Römhild ganz voll Exulanten, die teils bekannt, teils unbekannt waren. Ich achtete aber damals keiner Gesellschaft, überlief viele hundert Menschen und kam als erster nach Heldburg zurück, gerade da man die Erschlagenen auf einem Karren auf den Gottesacker führte. Als ich solches sah, ging ich auf den Gottesacker und fand siebzehn Personen in einem Grab liegen, darunter waren drei Ratspersonen, eine mein Schwiegervater, der Kantor, etliche Bürger, der Hofmeister, Landknecht und Stadtknecht. Waren alle greulich zugerichtet. Nach diesem ging ich in meiner Schwiegerin Haus, da fand ich sie krank und vom Rädeln, Zwicken mit Pistolschrauben so übel zugerichtet, daß sie mir kaum Rede geben konnte. Sie gab sich darein, sie müßte auch sterben. Darum befahl sie, ich solle mein Weib und Kinder, welche der Feind mitgenommen, suchen lassen. Es waren aber die Kinder, du, Michel, anderthalb und deine älteste Schwester fünf Jahre alt. Gern hätte ich zu Heldburg etwas gegessen, es war aber weder zu essen noch zu trinken da. Laufe deswegen hungrig und erschrocken auf Poppenhausen zu, dort nicht allein mich zu erquicken, sondern auch Boten zu schaffen, die mein Weib und Kinder suchten und auslösten. Aber da erfahre ich, daß auch Poppenhäuser Kinder wären weggenommen worden, daß der Marsch auf viele Straßen gegangen, dazu ein Bote Leibes und Lebens unsicher wäre. Unterdessen bereiteten meine Pfarrkinder zu Poppenhausen eine Kuh, welche den Kriegsleuten entlaufen war, diese erwartete ich mit hungrigem Magen. Da aßen wir Fleisch genug ohne Salz und Brot. Über die Mahlzeit kam mir Post, mein Weib wäre gekommen, welches auch wahr und also zugegangen war. Sie war von etlichen Musketieren mitsamt ihren zwei Kindern mitgenommen worden bis Altenhausen, dort war sie aus Furcht der Ehre mit zwei Kindern über die Brücke ins Wasser gesprungen. Da war sie nun von den Soldaten selbst wieder herausgezogen und mit ins Dorf gebracht worden, wo sie in der Küche die Abendmahlzeit zuschicken helfen mußte. Unterdes kommt ein Haufe anderer Soldaten, die höher und mehr waren, und trieben diese aus dem Quartier. Da bekommt mein Weib Gelegenheit zu entlaufen. Dreht sich aus und läßt die zwei Kinder im Haus unter den Soldaten. Eine arme Bettelfrau führt sie durch heimliche Winkel aus dem Dorf und bringt sie ins Holz in eine alte Spelunke, darin sie die Nacht und den andern Tag bis gegen Abend verbleibt. Diesen Tag brach das Volk aus allen Quartieren auf, also machte sich meine Frau auf und kam gesund und in Ehren zu mir, daß wir alle froh waren und Gott dankten. – Wie es aber zu Heldburg unterdes mit Mord, Brand usw. hergegangen, will ich auch melden. Die Stadt Heldburg hatte Defensioner und Ausschuß, und es war dekretiert, wenn Truppen vom Feind ankämen, die Stadt zu defendieren. Denn man hoffte immer, Herzog Bernhards Völker sollten nicht weit sein und das Land entsetzen. Als nun die Stadt angezündet ward, eilt mein Herr Schwiegervater mit vielen anderen Bürgern und Bürgersleuten aus der Stadt und kommt mit meinem Weib und zwei Kindern in der Nacht nach Poppenhausen; mein Weib richtet ihm ein recht Krankenbettlein zu. Denn es war von Edelleuten und Vögten mein Pfarrhaus mit allerlei Hausgerät in der Flucht vollgestopft. Und obgleich Mauser darin gewesen, war doch noch genug da. Des Tags darauf kommt ein ganzer Haufe Reiter ins Pfarrhaus, examinieren die Meinigen, lassen sie aber passieren, weil ein Beschädigter dalag, bestellen die Nachtmahlzeit, ziehen fort aufs Beuten, kommen gegen Abend und bringen allerlei Raub. Da muß man sieden und braten, es helfen auch die benachbarten Weiberlein weidlich dazu. Da die Reiter aber aufbrechen, raten sie meinem Schwiegervater, er solle nicht wohl trauen, dieser Lärm werde noch acht Tage dauern, und weil die Straße daherginge, möchte er und seine Tochter Gewalt erfahren, drum sollte er, weil die nächsten Dörfer papistisch wären, sich in ein anderes Dorf machen. Das tut mein Schwiegervater und geht bei Nacht und Nebel gen Gleichmuthausen, Sicherheit zu haben; aber die gottlosen Nachbarn bringen ein Geschrei aus, daß die Reiter die lutherischen Leute verbrennen und erschlagen wollten. Sie taten's aber zu ihrem Vorteil, denn die Papisten liefen mit den Reitern in unsere Dörfer und Häuser, stahlen gerade so sehr als andere. Da wollte mein Schwiegervater auch dort nicht länger verbleiben, er ging mit den Seinigen ins Einöder Holz und blieb da Tag und Nacht. Machte sich danach hervor, daß er auf die Heldburger Straße gegen Einöd sehen konnte. Als er nun eines Tages niemand sonderliches auf der Straße weder fahren noch reiten sah und auch das kleine Glöcklein hörte – so man pflegt zu läuten, wenn man Kinder tauft – gedachte er, es wäre so, schleicht der Stadt näher zu und sieht den ganzen Weg nichts Hinderliches. Sobald er aber in die Stadt kommt, wird ihm nachgelauscht, wo er einkehre. Da kommt ein ganzer Haufe vom Troß und führt ihn und mein Weib und die Schwiegerin in Herrn Gockels Haus. Ach, da war ein Bankettieren und Gesaufe! Als er nun angestrengt wird Geld zu geben und allerlei vorwendet, haben sie ihm mit Talglichtern seine Augen, Bart und Maul scheußlich geschmiert und versengt, mein Weib aber unverschämt in der Stube vor jedermann wollen notzüchtigen, welches aber so sehr schrie, daß ihre Mutter mit Gewalt in die Stube sprang, und sie durch die Stubentür, welche zwar zu, aber in welcher das untere Feld mit Leisten künstlich eingemacht und zerbrochen war, hinausschlüpfte. Da hat sich der Koch über sie erbarmt und sie aus dem Haus geführt, und als ihm mein Weib etliche Dukaten, welche sie acht Tage lang vorn im Überschlag an ihrem Ärmel erhalten, gegeben, hat er meinen Schwiegervater, aber übel zugerichtet, ihr zugestellt. Also sind sie mehr tot als lebendig aus der Stadt gegangen, und weil er der Mattigkeit halber nicht weiterkommen mögen, ins Siechenhaus. Da hielten sich nicht allein die armen siechen Leute auf, sondern auch viele ehrbare Bürger und Weiber, in Hoffnung, an diesem Ort sicherer zu sein. Aber weit gefehlt. Obgleich mein Schwiegervater dem Tode nahe auf ein Bett gelegt worden, und jedermann sah, wie blutig und übel er zugerichtet war, dennoch ist er hin und her geschleppt und ohne Zweifel von losen Leuten verraten worden, daß er ein Reicher wäre. Meine Schwieger hat man gerädelt, mein Weib und Kinder in die Stadt gefangen geführt, sie hat den Soldaten Hemden machen sollen. Als sie nun auf dem Kirchhof sitzt, und ihr einer ein Stück Leinwand bringt, sie soll's zerschneiden, spricht er zu seinen Kameraden: »Geh hin, mache den Bauer (meinen Schwiegervater meinend) vollends tot.« Dieser geht hin, kommt bald wieder und hat in seinen Armen meines Schwiegervaters Hosen und Wams und spricht zu meiner Frau: »Dein Vater ist fertig.« O Grausamkeit! – Als die Mauser genug aus der Kirche gemaust hatten an Kleidern und weißem Zeug, zogen sie aus der Stadt, und mußte mein Weib mit ihnen, es wäre ihr lieb oder leid. – Nicht lange danach bekamen sie vor Leipzig und Lützen ihren Lohn dafür, wie an andern Orten zu lesen. Nach diesem zog man allenthalben wieder nach Haus, und fanden sich die Leute wieder. Aber das Schaf- und Rindvieh war alles weg. Ich erhielt mehr nicht als drei Kälber von acht Stück, ohne die achtundvierzig Schafe, die mit der ganzen Herde wegkamen. Im 1633. Jahre starb und ward begraben Herzog Johann Kasimir eben an dem Tage, da dem Gustav, König in Schweden, in diesem Land seine Leichenpredigt getan ward. War solche Zeit ein sehr großes Rauben und Plündern, auch von Herzog Bernhards Völkern, deren neun Regimenter im Itzgrund lagen, damit man in Sicherheit den fürstlichen Leichnam begraben konnte. Anno 1634 war es noch viel ärger, und man merkte wohl, daß in kurzem alles drüber und drunter gehen würde. Darum tat ich aus dem Weg, was ich konnte, gen Stelzen zum Pfarrer, meine Betten, zwei Kühe und Kleider usw.; aber es ging im Herbst, nachdem Lamboy sich eingelagert; alles alles an allen Orten darauf, und kostete mich das Winterquartier an 35 Wochen mehr als 500 Gulden, wie ich's dem Hauptmann Krebs liquidieren mußte. Hatte in meinem Hause elf Personen, ohne Troß und Mägde. Es ist nicht zu beschreiben, was ich, mein Weib und Kinder die Zeit über haben leiden und ausstehen müssen. Konnte endlich nicht länger vor ihnen sicher sein, machte mich krank aus dem Staube, kam nach Mitwitz und Mupperg, wo ich ebensowenig Ruhe hatte als zu Heldburg. Sonderlich quälte mich meine Stiefmutter (sie ist vom Donner erschlagen worden), sie konnte mich nicht sehen in meinem Exil bei meinem alten Vater. Mußte mich nach Neustadt machen zu Herrn Rektor M. Val. Hoffmann, jetzigem Superintendenten. Aber ich war nicht allein sehr arm, sondern auch täglich kränker, weswegen ich nur gedachte, wie ich wieder gen Poppenhausen oder Heldburg käme und da stürbe. Denn ich war meines Lebens ganz müde. Wunderlich kam ich in Finsternis und Nacht durch die Wege und Dörfer, da es noch allenthalben unsicher war, und endlich nach Poppenhausen. Da waren meine armen Pfarrkinder und Schulmeister ja so froh, als wenn unser Herrgott gekommen wäre. Es war aber solch große Mattigkeit und Mangel, daß wir den toten Leuten ähnlicher sahen als den lebendigen. Viele lagen schon aus Hunger danieder und mußten gleichwohl alle Tage etliche Male Fersengeld geben und uns verstecken. Und obgleich wir unsere Linsen, Wicken und arme Speise in die Gräber und alten Särge, ja unter die Totenköpfe versteckten, wurde es uns doch alles genommen. – Damals mußten die noch lebendigen Leute von Haus und Hof gehen oder Hungers sterben. Wie denn zu Poppenhausen die meisten begraben wurden. Es blieben etwa noch acht oder neun Seelen, die Anno 1636 vollends daraufgingen oder entwichen. Dieselbe Gelegenheit hatte es auch mit Lindenau, welche Pfarre mir 1636 vikariatsweise vom Fürstlichen Konsistorium anbefohlen war. Ich konnte keine Einkünfte genießen. Äpfel, Birnen, Kraut und Rüben war meine Besoldung. So bin ich von Anno 1636–1641 auch der Lindenauer Pfarrer gewesen. Ich ließ zwar die Pfarre zurichten, konnte aber wegen Unsicherheit und Plagerei nicht beständig drunten wohnen und verrichtete die labores von Heldburg aus. Mein Zeugnis von den Lindenauern ist noch vorhanden, worin sie bekennen, daß ich in fünf Jahren nicht zehn Gulden an Geld bekommen habe, sie haben mir aber seither den Rest mit Holz und Äpfeln richtiggemacht. Als Anno 1640 zwischen Ostern und Pfingsten die kaiserlichen und die schwedischen Armeen zu Saalfeld ein Feldlager schlugen, wurde Franken und Thüringen nah und fern verderbet. Am Sonntag Exaudi früh vier Uhr fielen kaiserliche starke Parteien zu Heldburg ein, als die meisten Bürger noch in den Betten ruhten. Meine ganze Gasse oben herein und hinten mein Hof war in Eile voll Pferde und Reiter, nicht anders als wenn ihnen mit Fleiß mein Haus wäre gezeigt worden. Da wurde ich und mein Weib wohl fünfmal in einer Stunde gefangen; wenn ich von einem loskam, nahm mich ein anderer. Da führt' ich sie halt in Kammer und Keller, sie möchten selber suchen, was ihnen dienen könnte. Endlich verließen mich zwar alle und ließen mich allein im Haus, doch war Schrecken, Furcht und Angst so groß, daß ich an meine Barschaft nicht gedachte, welche ich zehnmal hätte können retten, wenn ich mich getraut hätte, damit fortzukommen. Aber es waren alle Häuser und Gassen voll Reiter, und wenn ich meinen Mammon zu mir gefasset, hätte geschehen können, daß ich's einem zugetragen hätte. Aber ich dachte vor Angst an kein Geld. Es ließen sich Männer und Weiber durch die Gil de Hasischen Reiter, so bei uns im Quartier lagen, hinauskonvoyieren. Da kam ich wieder zu Weib und Kindern, wir begaben uns ins nächste Holz gen Hellingen, da blieb alt und jung, Geistliche und Weltliche Tag und Nacht. Der meisten Leute Speise waren schwarze Wacholderbeeren. Nun wagten es etliche Bürger, gingen in die Stadt, kamen und brachten essende Ware und sonst, was ihnen lieb gewesen. Ich dachte: ach! wenn du auch könntest in dein Haus kommen und die baren Pfennige ertappen und damit dich und deine Kinder könntest fortbringen. Ich wagte es, schlich hinein und ging durchs Spitteltor aufs Mühltor zu, welches mit Palisaden vermacht war. Da hatte inwendig ein und der andere auf der Lausche gestanden, die mich Unwissenden erhaschten wie eine Katze eine Maus. Da ward ich mit neuen Stricken gebunden, daß ich mich weder mit Gehen noch Greifen behelfen konnte, sollte entweder Geld geben oder reiche Leute verraten. Mußte den Dieben für ihre Pferde im Herrnhof Futter schwingen, den Pferden zu trinken vorhalten und andere lose Arbeit tun. Da ich mich nun etwas frei zu sein deuchte, lief ich davon, aber unwissend, daß vor dem Hoftor ein ganzer Haufe Soldaten stand, lief ich ihnen also in die Arme. Welche mich mit Degen und Bandelieren sehr wohl abschlugen, mich besser mit Stricken verwahrten und von Haus zu Haus führten, und sollte ihnen sagen, wem dies oder jenes Haus wäre. Also ward ich auch in mein Haus geführt, da sehe ich in der Hausflur den kupfernen Schöpftopf liegen, in welchem meine Barschaft, dreihundert Taler, gewesen und dachte: hättest du das gewußt, daß die Vögel und Füchse weg wären, so wärest du draußen geblieben. Weil ich nun niemand verraten wollte, setzte mir einer meine eigene Kappe, die in meinem Hause auf der Erde lag, auf und hieb mir mit einem Hirschfänger auf den Kopf, daß das Blut zu den Ohren hereinlief, und war kein Loch durch die Haube, denn sie war von Filz. Noch mehr: eben dieser setzte mir aus Mutwillen den Hirschfänger auf den Bauch, wollte probieren, ob ich fest wäre, drückte ziemlich hart auf, dennoch wollte Gott nicht, daß er mir weiter Blut abgewinnen sollte. Zweimal in einer Stunde, nämlich in der Schneiderin Wittich Hof auf dem Mist, zum andernmal in des Wildmeisters Stadel, haben sie mir den Schwedischen Trunk mit Mistjauche gegeben, wodurch meine Zähne fast alle wackelnd geworden. Denn ich wehrte mich, als man mir einen großen Stecken in den Mund steckte, so gut ich Gefangener konnte. Endlich führten sie mich mit Stricken fort und sagten, sie wollten mich aufhängen, brachten mich zum Mühltor hinaus auf die Brücke: da nahm einer von ihnen den Strick, womit beide Füße zusammengezogen waren, der andere den Strick am linken Arm, stießen mich ins Wasser und hielten die Stricke, womit sie mich regierten, auf- und niederzogen. Und weil ich um mich fehdete und Steuerung suchte, erhaschte ich die Rechenstecken, welche aber auf mich zuwichen, und konnte daran keinen Anhalt finden, nur daß durch Gottes Schickung mir ein Loch gemacht wurde, daß ich konnte unter die Brücke schlüpfen. Sooft ich mich wollte anhalten, schlugen sie mich mit gedachten Rechenstecken, daß dieselben entzwei sprangen wie ein Schulbakel. Als sie sich nun nicht allein müde gearbeitet hatten, sondern auch dachten, ich hätte meinen Rest, ich würde im Wasser ersaufen, ließen sie beide Stricke fahren; da wischte ich unter die Brücke wie ein Frosch und konnte mir keiner beikommen. Da suche ich im Hosensack und finde ein Messerlein, so sich zusammenlegen ließ, welches sie nicht hatten haben wollen, ob sie mich schon oft durchsucht. Damit schnitt ich die Stricke an beiden Füßen los und sprang hinunter Stockwerk hoch, wo die Mühlräder liegen. Es ging mir das Wasser über den halben Leib; da warfen die Schelme Stöcke, Ziegelsteine und Prügel hinter mir her, um mir den Rest vollends zu geben. Ich war auch willens, mich ganz hinaus zu arbeiten, gegen des Müllers hintere Tür, konnte aber nicht, entweder weil die Kleider voll Wassers mich zurückdehneten, oder vielmehr, weil Gott solches nicht haben wollte, daß ich sterben sollte. – Denn wie ein trunkener Mann hin und her taumelt, also auch ich, und komme auf die andere Seite gegen den hintern Brauhof. Da sie nun merkten, ich würde im Zwinger aussteigen, laufen sie alle in die Stadt und nehmen mehr Gesellen zu sich, passen unten bei den Gerbhäusern auf, ob ich ihnen kommen würde. Aber als ich dieses merkte, daß ich jetzo alleine war, blieb ich im Wasser liegen und steckte meinen Kopf unter einen dicken Weidenbusch und ruhte im Wasser vier oder fünf Stunden, bis es Nacht und in der Stadt stille wurde; dann kroch ich halbtot heraus, konnte der Schläge wegen fast keinen Atem holen. Ich ging hinab bis an die Gerbhäuser, wurde da gewahr, daß es noch nicht sicher war, daß einer dort Gras mähete, einer Gerberkessel ausriß und wäre schier auf diesen gekommen. Mußte also da stecken bis in die Nacht. Ging dann über die Brunnenröhren, den Wasserfluß immer hinab und kletterte über einen Weidenstamm, daß ich die andere Seite gegen Poppenhausen erreichte. Als ich an den Poppenhäuser oder Einöder Weg kam, lag's da und dort voll Weißzeug, welches die Soldaten weggeworfen oder verloren hatten. Ich konnte mich nicht bücken, etwas aufzuheben, kam endlich nach Poppenhausen und fand niemand einheimisch denn Klaus Hön, dessen Frau eine Sechswöchnerin war, der mußte mir die Kleider vom Leib schneiden, denn ich war verschwollen, legte die nassen Kleider ab, damit sie trocken wurden. Er mußte mir auch ein Hemd leihen; da besah er mir die Haut, welche ganz bunt von Schlägen war, später wurde mein Rücken und Arme schwarz vom Geblüte. Den andern Tag gebot mir das schöne Pfarrkind auszuziehen, denn er fürchtete sich, man möchte mir nachstellen und er meinetwegen in Unglück kommen. Also zog ich die nassen Kleider mit seiner Hilfe an und ging fein sachte auf Lindenau zu, immer durch die dicksten Büsche und hielt mich jenseits in den Lindenauer Gärten, vor denen ich das Dorf sehen konnte. Wurde endlich gewahr, daß etliche Leute in ein Haus gingen, ging darauf zu, man wollte mich aber nicht einlassen, denn die Furcht war zu groß. Endlich, da sie durch das Fenster sahen, daß ihr Pfarrer kam, kam ich ein und blieb etliche Tage bei ihnen. Denn sie hatten einen im Quartier, der ein Lindenauer Kind war; der half ein wenig. Ich aber hatte da ein neues Unglück. Als der im Quartier liegende mit den Lindenauern nach Schloß Einöd ging, da abzuholen, was sie noch von ihrer Habe fanden, hielt unter der Zeit der Schultheiß, der Schmied und ich auf dem Turm Wache; wir versehen alle drei den Dienst, es kommen etliche Reiter in das Dorf, sehen uns auf dem Turm, gehen stracks auf den Turm und finden uns da beisammen. Als wir nun aus dem ungestümen Auftreten und Sprache merkten, daß es Reiter wären, lernte ich leider steigen, so übel mir war, ich kletterte auf den Glockenstuhl hinauf und legte mich wie ein Kätzchen hinter das Uhrhaus; aber es stieg gleichwohl ein Dieb hinan und fand mich. Meine Pfarrkinder sagten, ich wäre ihr Schulmeister, baten für mich, ich wäre schon von den Soldaten übel geschlagen worden. Es half mir aber nichts. Dieser Schulmeister mußte immer mitherabsteigen, und ging der Schultheiß voran, danach ein Reiter, ferner der Schmied, danach ein Reiter, endlich folgte ich zögernd. Als sie nun alle zum Kirchtor hinaus waren, blieb ich drinnen, riegelte das Türlein zu und lief zum andern Tor hinaus und verkroch mich in einer Rübengrube. Hilf Gott! wie wehe geschah mir, daß ich niederbücken und so auf allen vieren eine Stunde liegen mußte. Also kam ich davon. Meine schönen Mitwächter mußten mit in eine Mühle und Säcke mit Mehl auffassen. Acht Tage vor Pfingsten kam ich mit vielen Bürgern nach Coburg am Sonntag Exaudi. Es hatte mir ein Dieb meine Schuhe ausgezogen und mir alte schlechte dafür gegeben, die ich fast acht Tage trug, es waren beide Sohlen herausgefallen. Wenn es nun bei Tage Ausreißens galt, drehten sich die Schuhe ringsum und stand oft das vorderste zu hinterst. Ich mußte mich oft lassen auslachen. Also kam ich nach Coburg. Nun war mein Martyrium schon vor etlichen Tagen nach Coburg gekommen, auch die Sage, ich wäre totgemacht. Als ich nun selber kam, verwunderten sich Bürger und Bekannte, Dr. Kesler, Generalsuperintendent, item Konsul Körner luden mich die Pfingstfeiertage etlichemal zu Gast, und taten die Coburger mir, Weib und Kindern vier Wochen lang viel Gutes, wie ich solches in einem Druck am Johannistag gerühmet. Ach, welch ein Jammer und Not ward da gesehen und gehöret, da alle umliegende kleine Städtlein, Eisfeld, Heldburg, Neustadt, samt den Dorfschaften sich in der Stadt elendiglich behelfen mußten. Da war Heischen und Betteln keine Schande. Da wollte ich meinen guten Wirt, Herrn Hoffmann, Apotheker, nicht gar zu sehr beschweren. Ging mit dem Pfarrer zu Walburg, Eisentraut, victum quaerendi gratia drei Wochen in die Welt gen Kulmbach, Bayreuth, Hirschheid, Altorf, Nürnberg und wieder gen Coburg. Da ich nun fand, daß mein Weib und Kinder wieder zu Poppenhausen eingezogen waren und aufs neue Gil de Hasische Reiter hatten, zog ich heim und war weder zu schleißen noch zu beißen um sie. Was mir Gott auf der Reise bescheret, mußte ich aufs Rathaus tragen und den Soldaten geben, und waren die Kinder schier vor Hunger verdorben. Denn sie hatten die Zeit über nicht Kleie genug kaufen können zu Brot. [...] Soweit reicht, was von der Biographie Bötzingers erhalten ist. – In Heubach endlich erlebte er den Frieden und verwaltete dort noch 26 Jahre sein Amt. Er starb 1673, 74 Jahre alt, nachdem er 47 Jahre ein Leben geführt hatte, dem man das Prädikat »friedlich« nicht geben kann. [...] XX Der Dreißigjährige Krieg Die Kipper und Wipper und die öffentliche Meinung Das Aufkommen der Zeitungen. – Kampf der Presse beim Beginn des Krieges. – Die Kipperzeit. – Das Geldprägen. – Verschlechterung des Geldes im Jahre 1621 und Wirkung auf das Volk. – Erkenntnis der Gefahr, Aufregung, Sturm in der Presse. – Probe aus der Flugschrift: Expurgatio der Kipper. Die Abhilfe Eintönig schwirrt die Totenklage aus unzähligen Chroniken und Aufzeichnungen der Mitleidenden. Wo tausend einzelne gerettet wurden, verdarben Millionen. Wie den Landbewohnern zerfraß der Krieg auch den Städtern die Häuser, den Wohlstand, das Leben. Noch mannigfaltiger war hier die Arbeit der zerstörenden Gewalten, aber auch höhere Kraft war rastlos bemüht, das letzte Verderben abzuwenden. Es ist ein wunderbares Geschick, daß den Deutschen der Krieg in denselben Jahren aufbrannte, in welchen das Interesse des Volkes an den öffentlichen Angelegenheiten so weit entwickelt war, daß die ersten Zeitungen entstehen konnten. In Glaubenssachen hatten Sittlichkeit und Urteil des einzelnen seit hundert Jahren gegen die herrschenden Gewalten gearbeitet. In der Politik war nur selten und unbehilflich von Privatleuten eine ernste Auseinandersetzung gewagt worden. Gerade als die Werbetrommeln der Fürsten auf jedem Musterplatz rasselten, begann die öffentliche Meinung ihren ersten politischen Oppositionskampf in der Presse. In einer wichtigen sozialen Frage erhoben sich die geistigen Führer des Volkes gegen die Unmoralität der eigenen Landesherren. Die öffentliche Meinung jener Jahre wird vorzugsweise erkannt aus der Flugschriftenliteratur, welche für und gegen den Böhmenkönig streitet, die Kipper und Wipper verurteilt, der Größe Gustav Adolfs huldigt, bis sie zuletzt dünn und kraftlos wird wie die Nation. Etwa seit 1500 erfährt das Volk Neuigkeiten durch die Presse. In doppelter Form. Es sind entweder einzelne Bogen, auf einer Seite bedruckt, fast immer mit einem Holzschnitt, seit dem Ende des 16. Jahrhunderts mit einem Kupferstich verziert, unter welchem der erklärende Text, häufig in Versen, steht. Durch solche fliegende Blätter werden Himmelserscheinungen, Kometen, Mißgeburten, bald auch Schlachten zu Land und zur See, Bildnisse von Tagesberühmtheiten und ähnliches verbreitet. Viel von der guten Laune und dem derben Scherz der Reformationszeit ist auf ihnen zu finden. Die Kunst der Holzschneider war rastlos tätig, auch die großen Maler druckten auf ihnen manche Eigentümlichkeiten ihres Talentes vielleicht am unmittelbarsten ab. Die andere Form waren kleine Druckschriften, vorzugsweise in Quart, oft ebenfalls mit Holzschnitten geziert. Sie verkündeten zunächst alles Neue: Krönungen, Schlachten, entdeckte Länder; jedes auffällige Ereignis flatterte in ihnen durch das Land. Seit der Reformation wuchs ihre Zahl ins ungeheure. Unter dem Titel Zeitungen, Relationen, Avisos, Postreiter kamen sie fast in allen Druckerstätten ans Licht. Neben ihnen gingen die kleinen Streitschriften der Reformatoren, Sermone, Gespräche, Lieder. Früh benutzten auch die Fürsten die Erfindung des Bücherdrucks, ihre Streitigkeiten dem Publikum mitzuteilen und für sich Partei zu machen. Selbst der Privatmann, der in seinem Recht geschädigt war, focht durch eine Streitschrift gegen den einzelnen Gegner, eine Stadtbehörde, einen fremden Landesherrn. Im ganzen 16. Jahrhundert ist die Tendenz der kleinen nichttheologischen Literatur, zunächst Neuigkeiten mitzuteilen, dann dem egoistischen Interesse der einzelnen oder der Fürsten zu dienen, oder die Ansichten der Gewalthaber bekanntzumachen. Das Urteil des einzelnen über politische Ereignisse erscheint noch vorzugsweise in einer Form, welche man damals für besonders kunstvoll hielt, als Pasquill oder Dialog. Die Verbreitung der kleinen Neuigkeitsblätter geschah schnell und massenhaft. Seit der Reformation bildete sie sich zu einer eigentümlichen Industrie aus. Den Buchhändlern oder, wie sie damals hießen, Buchführern, welche solche Zeitungen neben größeren Werken in ihren Läden und Buden feilboten und auf die Märkte fremder Städte brachten, machten die Buchdrucker, Buchbinder und Briefmaler gefährliche Konkurrenz. Wichtige Zeitungen wurden überall nachgedruckt. Zumal längs den großen Handels- und Poststraßen am Rhein, im südlichen Deutschland machten einzelne Handlungen und Druckereien ein besonderes Gewerbe aus der Mitteilung von Tagesneuigkeiten. Noch kamen solche Blätter unregelmäßig, aber sie enthielten schon Korrespondenzen aus verschiedenen Städten, in denen nicht nur politische, auch kaufmännische Nachrichten mitgeteilt wurden. Endlich (1612) erscheinen die einzelnen Zeitungsbogen hier und da sogar mit Nummern, also in einer gewissen Kontinuität. Unterdes war es schon längst Brauch der Kaufleute, ihren Geschäftsfreunden solche Mitteilungen schriftlich mit einiger Regelmäßigkeit zu machen Zeitungen in die Fremde zu schreiben ward 1631 den Kaufleuten von Leipzig verboten. ; daneben existierten einzelne Neuigkeitsschreiber, welche geschriebene Zeitungen versandten. Auch diese Methode, Neuigkeiten zu verbreiten, war den Deutschen von Italien gekommen. In Venedig gab es sei dem Jahre 1536 Notizie scritte , handschriftliche Neuigkeiten in fortlaufender Reihe, die sich dort bis zur Französischen Revolution erhielten. Dort war auch kurz vor 1600 die erste regelmäßige Zeitung erschienen, welche, wie berichtet wird, den Namen Gazette von einer kleinen Münze erhielt, mit der man die Nummer bezahlte. Bald darauf kam auch den deutschen Zeitungen die Regelmäßigkeit. Im Jahre 1615 wurde zu Frankfurt am Main durch Egenolf Emmel, Buchhändler und Buchdrucker, die erste wöchentliche Zeitung ausgegeben, gegen welche 1616 der Reichspostverwalter Johann van der Brighden ein Konkurrenzblatt: Politische Avisen, herausgab. Aus diesen beiden Unternehmungen sind die ältesten Zeitungen Deutschlands, das »Frankfurter Journal« und die »Oberpostamtszeitung«, hervorgegangen. Aber lange blieben diese und andere Wochenzeitungen nur Neuigkeitsblätter, in denen das Urteil über die mitgeteilten Tatsachen vorsichtig zurücktrat. Der große Sturm der öffentlichen Meinung lief noch fast 200 Jahre in den alten Richtungen, den Flugblättern und gelegentlichen Broschüren. Gleich bei Beginn des Krieges wurden auch die entfernten Leser zu leidenschaftlicher Parteinahme gezwungen. Überall erschienen Streitschriften, Ansichten, Ratschläge, Bedenken. Die Nation war auch bei diesem geistigen Kampf in große Parteien zerrissen. Und es ist belehrend zu sehen, wie die Schreiblust der Kämpfenden in genauem Verhältnis steht zu den Erfolgen, welche ihre Partei errungen hat. Bis zur Schlacht am Weißen Berge sind neun Zehnteile aller Relationen und Streitschriften protestantisch. Ihre Zahl reicht wohl in die Tausende. Heftig brennt der Haß gegen die Jesuiten auf; bitter ist der Groll gegen den Kaiser, unaufhörlich wird vor der Liga gewarnt. Nächst Prag ist Straßburg einer der Mittelpunkte dieser kriegerischen Tätigkeit. Während zu Prag der Libellschreiber von Röhrig als Hus redivivus in vielen »politischen Diskursen« leidenschaftlich gegen die Feinde Sturm läutete, verklagten die Straßburger Magister nach dem Muster des Italieners Boccalini dieselben Gegner vor Apollo und dem Hofstaat des Parnassus, und ihr Apollo hatte humane und aufgeklärte Sentenzen abzugeben. Vorsichtig und unsicher sind die Verteidigungen, wie überhaupt die katholische Partei während des ganzen Krieges im ernsten Federkampf den Protestierenden nicht gewachsen war. Aber die schnelle Flucht des neuen Königs von Böhmen ändert plötzlich die Physiognomie des literarischen Marktes. Erbeutete Geheimschriften der böhmischen Partei werden von den Gegnern veröffentlicht; um sie, die wohlbeleibten Quartanten, tobt jahrelang der Kampf dünnerer Flugblätter. Siegesfroh und rachsüchtig lärmten die Kaiserlichen. Zwar in ihren Broschüren ist immer noch Mäßigung, denn noch waren die lutherischen Sachsen zu schonen, aber um so empfindlicher treffen sie die Feinde in Bilderbogen und Spottversen. Endlos, erbarmungslos sind die Satiren auf den flüchtigen Winterkönig, er selbst mit seinem Stolz, seiner Kopflosigkeit, seine Gemahlin und seine Kinder werden in jeder kläglichen Situation abgeschildert, Brot suchend, auf schlechtem Wagen abziehend, sich eine Grube grabend. Aber dieser Kampf wurde unterbrochen durch einen anderen, der für immer von hohem Interesse sein soll. Es ist der Sturm der deutschen Presse gegen die »Kipper und Wipper«. Von allen Schrecken des beginnenden Krieges erschien dem Volk keiner so unheimlich als eine plötzliche Entwertung des Geldes. Für die Phantasie des leidenden Geschlechts wurde das Übel um so ärger, weil es in die trübe Stimmung der Jahre scheinbar plötzlich einfiel, weil es überall die gehässigen Leidenschaften aufwühlte und Unfrieden in den Familien, Haß und Empörung zwischen Gläubigern und Schuldner, Hunger, Armut, Bettelhaftigkeit und Entsittlichung zurückließ. Es machte ehrsame Bürger zu Spielern, Trunkenbolden und Troßknechten, jagte Prediger und Schullehrer aus ihren Ämtern, brachte wohlhabende Familien an den Bettelstab, stürzte alles Regiment in heillose Verwirrung und bedrohte in einem dichtbevölkerten Land die Bewohner der Städte mit dem Hungertod. Es war das dritte Jahr der Kriegsunruhen. Zwar hatte in Böhmen und in der Pfalz die Kriegsflamme bereits vieles verdorben, und überall züngelte dort noch die Glut aus den Trümmerhaufen, in welchen die kaiserlichen Truppen das Kreuz des alten Glaubens aufrichteten. Überall war schwüle Luft, in allen Kreisen des Reiches rüstete und sorgte man für die Zukunft. Aber der Verkehr mit den Landschaften, in denen der Krieg schon gehaust hatte, war damals verhältnismäßig gering, die geschlagenen Länder waren, mit Ausnahme der Pfalz, Provinzen, die dem Kaiser selbst gehört hatten, und an Elbe und Niederrhein, in Thüringen, Franken und den Territorien der Niedersachsen fragte man noch, ob auch für die eigene Heimat Gefahr nahe sei. Im August 1621 sah der Bauer auf eine mittelmäßige Ernte; in Handel und Verkehr waren einige Stockungen eingetreten, aber auch ein erhöhter Eifer, wie bei starken Rüstungen natürlich ist, und die männliche Jugend wurde durch das wilde Treiben der Kriegsmänner noch mehr gelockt als eingeschüchtert. Allerdings war schon seit längerer Zeit an dem Geld, welches im Land umging, Ungewöhnliches bemerkt worden. Des guten, schweren Reichsgeldes wurde immer weniger, an seiner Statt war viel neue Münze von schlechtem Gepräge und rötlichem Aussehen in Umlauf. Noch befremdlicher fiel auf, daß die fremden Waren fortwährend im Preise stiegen. Man empfand eine konstante Teuerung. Wer ein Patengeschenk machen wollte oder fremde Kaufleute bezahlen mußte, der zahlte für die alten feinen Joachimstaler ein immer wachsendes Agio. Aber im Lokalverkehr zwischen Stadt und Land wurde das zahlreiche neue Geld ohne Anstand genommen, ja es wurde mit erhöhtem Schwung umgesetzt. Die Masse des Volkes merkte nicht, daß die verschiedenartigen Münzen, mit denen es zu bezahlen pflegte, ihm unter der Hand wertloses Blech geworden waren; die Klügeren aber, welche das Sachverhältnis ahnten, wurden zum großen Teil Mitschuldige an dem unredlichen Wucher der Fürsten. Es läßt sich noch jetzt deutlich erkennen, wie dem Volk die Erkenntnis seiner Lage kam, und noch jetzt werden wir erschüttert durch den plötzlichen Schreck, die Angst und Verzweiflung der Massen, und durch die Sorge und den männlichen Zorn der Denkenden. Noch jetzt fühlen wir beim Lesen der alten Berichte etwas von der Empörung, womit man die Schuldigen betrachtete. Und wenn wir auf manchen wunderlichen Irrtum der öffentlichen Meinung von damals herabsehen und auf die wohlmeinenden Einfälle einzelner, welche gute Ratschläge gaben, so ist uns doch gegenüber dieser Zeit der Trauer und Demütigungen ein frohes Lächeln erlaubt über die Tüchtigkeit, mit welcher schon damals von Männern aus dem Volk der Grund des Übels erkannt und in einer der schwierigsten nationalen Fragen die rechte Antwort und dadurch einigermaßen Abhilfe gefunden wurde. Bevor versucht wird, ein Bild der Kipper- und Wipperjahre zu geben, sind einige Bemerkungen über das Geldprägen jener Zeit unvermeidlich. Alle technische Fertigkeit war in alter Zeit mit Würde, Geheimnis und einem Apparat von Formeln umgeben. Nichts ist bezeichnender für die Eigentümlichkeit der germanischen Natur als ihre Virtuosität, auch die einförmigste Handarbeit durch eine Fülle von gemütlichen Zutaten zu adeln. Und sobald das Gemüt durch die herzliche Freude am Schaffen erregt wurde, war auch die Phantasie des Handwerkers mit Bildern und Symbolen beschäftigt, und behend hatte er sein »Wissen« zu einer hohen, ja heiligen Sache gemacht. – Was allen Handwerkern des Mittelalters zukam, das war der Kunst Münzen zu schlagen in besonderem Grade eigen. Das Gefühl der eigenen Wichtigkeit war in dem Münzer ungewöhnlich stark; die Arbeit selbst, das Behandeln edler Metalle im Feuer, galt für besonders vornehm. Die unverstandenen chemischen Prozesse, welche durch die Alchimie mit einem Wust von phantastischen Bildern umgeben waren, imponierten den Arbeitenden mehr, als unser Jahrhundert der rationellen Fabriktätigkeit begreift. Dazu kam das Verantwortliche des Dienstes. Wenn der Münzer die silbernen Probiergewichte aus der schönen Kapsel hervorholte und die kleinen Näpfchen der Eicheln auf die kunstvoll gearbeitete Probierwaage setzte, um das Probierkorn darin abzuwägen, so tat er dies mit einem entschiedenen Bewußtsein von Überlegenheit über seine Mitbürger. Und wenn er die Silberprobe in der »Kapelle« vom Blei reinigte und das fließende Silber zuerst mit zarten Regenbogenfarben überlaufen wurde, dann der bunte Überzug zerriß und wie ein Blitz der helle Silberschein durch die geschmolzene Masse fuhr, so erfüllte ihn dieser »Silberblick« mit einem ehrfurchtsvollen Erstaunen, und er fühlte sich mitten in dem geheimnisvollen Schaffen der Naturgeister, die er fürchtete und durch die Kunst seines Handwerks, soweit dessen Vorschrift reichte, doch beherrschen konnte. Es war demnach in der Ordnung, daß die Münzer eine geschlossene Korporation bildeten mit Meistern, Gesellen und Lehrlingen, und daß sie eifersüchtig auf ihre Privilegien hielten. Wer des Heiligen Römischen Reiches Münze prägen wollte, mußte zuerst seine freie eheliche Geburt erweisen, vier Jahre niedrige Dienste tun, in dieser Zeit nach altem Brauch eine Narrenkappe tragen, sich für Unrecht und Ungeschick streichen und strafen lassen; dann erst wurde er zur Münzarbeit selbst zugelassen und als Münzgesell des Reiches in die Brüderschaft aufgenommen. Aber diese strenge Ordnung, welche von Kaiser Maximilian II. noch im Jahre 1571 den Münzgesellen bestätigt wurde, vermochte schon damals nicht zu bewirken, daß in der Korporation ehrlich und fromm gearbeitet wurde. Ebensowenig bewirkten dies die Kontrollbestimmungen, welche auf Reichstagen und durch die Landesherren gefaßt wurden. Dem Münzmeister sollte zur Aufsicht bei jeder Münze ein Wardein zur Seite gestellt werden, welcher Feingehalt und Gewicht der geschlagenen Münzen zu prüfen hatte. Die zehn Kreise des Reiches sollten jährlich Approbationstage halten, um ihre Münzen gegenseitig zu vergleichen und die schlechten zu devalvieren; jedem Kreise sollte ein Generalwardein vorstehen; für jeden Kreis ward eine bestimmte Anzahl von Münzstätten festgesetzt, in welchen namentlich die kleineren Landesherren ihr Geld ausprägen sollten. Aber alle diese Bestimmungen wurden nur unvollkommen ausgeführt. Es gab zuverlässige Landesherren und treue Münzbeamte auch damals im Lande; aber ihre Anzahl war gering, und häufig war das Verhältnis des Münzmeisters, welcher von einem deutschen Kreise für tüchtig befunden war und in einer gesetzlichen Münze arbeitete, doch eine Tätigkeit voll befremdlicher Praktiken. Die Kontrolle war bei dem unvollkommenen Münzverfahren schwierig, die Versuchung groß, die Moralität im allgemeinen viel niedriger als jetzt. Vom Landesherrn bis zum Handlanger und dem jüdischen Lieferanten herab betrog beim Münzen jeder den andern. Der Landesherr ließ den Münzmeister eine Reihe von Jahren arbeiten und reich werden, er ließ vielleicht stillschweigend geschehen, daß die Landesmünze zu leicht ausgebracht wurde, um in der rechten Stunde dem Schuldigen den Prozeß zu machen. Dann wurde diesem wie einem Schwamm durch einen Druck alles ausgepreßt, was er in vielen Jahren tropfenweis aufgesogen hatte. Es half ihm auch nicht, wenn er den Dienst längst quittiert hatte, die habsüchtige Gerechtigkeit wußte nach vielen Jahren noch an ihn zu kommen. Der Münzmeister aber, welcher nicht in der bequemen Lage des Löwen war, durch einen einzigen Schlag mit der Tatze seine Beute zu sichern, pflegte in unaufhörlicher Industrie seinen Münzherrn, die Lieferanten, ja sogar seinen Kassierer, die Gesellen und Jungen zu bevorteilen, vom Publikum ganz zu schweigen. Nicht besser machten es die andern genannten Helfer. Jedes Hand war gegen die des andern, und der Fluch, welcher nach der Sage auf dem Gold der deutschen Zwerge liegt, schien im 17. Jahrhundert noch alle die zu verderben, welche die glänzenden Metalle in Geld verwandelten. – Das gewöhnliche Geschäftsverfahren war folgendes: Der Münzmeister kaufte das Metall ein, bestritt die Kosten des Prägens und zahlte für jede Mark Kölnisch, welche er schlug, dem Landesherrn noch einen Schlagschatz, welcher, wie es scheint, für gewöhnlich vier gute Groschen betrug. Er mußte aber das feine Silber teuer bezahlen, die Löhne und die Zutaten stiegen fortwährend im Preise. Da half er sich. Wenn er dem Münzherrn wöchentlich für 1000–2000 Mark den Schlagschatz zahlte, so verschwieg er ihm 50 Mark, die er außerdem geprägt hatte, und behielt den Schlagschatz derselben für sich; er prägte ferner scharf, d. h. er machte das Geld am Silbergehalt um einen halben Gramm schlechter als es sein sollte (was gesetzlich noch erlaubt war), er schlug je 100 Mark am Gewicht um etwa vier Lot zu leicht, was von niemand gemerkt wurde, und wenn er wußte, daß das Geld sogleich in entfernte Gegenden, besonders nach Polen verführt werden sollte, so brach er am Gewicht noch dreister ab. Nicht sauberer war der Verkehr mit den Lieferanten, welche ihm das Metall herbeischafften. Durch ganz Deutschland zog sich damals ein heimlicher Handel, der vom Gesetz hart verpönt und von den städtischen Torwächtern mit vielem Spürsinn verfolgt wurde, der Handel mit gemünztem Metall und mit eingeschmolzenem Geld. Was der Soldat an Beute gewonnen, was der Dieb aus der Kirche gestohlen hatte, wurde von den Hehlern zu flachen Kuchen oder kegelförmigen Massen verschmolzen, welche in der Kunstsprache »Plantschen« und »Könige« hießen: was dem Geld durch Beschneiden abgekippt war und was sonst unter falschem Namen vorsichtig versandt werden mußte, das wurde aus dem Schmelztiegel über nasse Besenreiser gegossen und so granuliert. Außerdem aber wurde von unermüdlichen Aufkäufern das gutgeprägte Geld gegen schlechteres eingetauscht; kleine Wechsler, meist wandernde Juden, zogen von Dorf zu Dorf, bis weit über die Grenzen des Deutschen Reiches und sammelten, ähnlich wie jetzt die Lumpensammler, ihre Ware von dem Landmann, dem Kriegsknecht, dem Bettler. Aller Herren Angesicht, alle Wappen und Umschriften, Roß und Mann, Löwe, Schaf und Bär, Taler und Heller, die Heiligen von Köln und Trier und die Denkmünzen des Ketzers Luther wurden für die Münzen zusammengekauft, getauscht, gesammelt. Die heimliche Ware wurde dann in Fässer mit Ingwer, Pfeffer, Weinstein gepackt, als Bleiweiß verzollt, in Tuchballen und Rauchwerk geschlagen. Es gab Reisewagen mit doppeltem Boden, welche besonders zu solchem Transport eingerichtet waren. Noch besserer Schutz war als Reisegefährte ein Geistlicher, für den allerbesten galt ein Trompeter, welcher dem Händler den Anschein eines fürstlichen Kuriers gab. Traf sich's, daß ein vornehmer Herr nach derselben Gegend reiste, so war es am bequemsten, diesen zu bestechen, denn er und sein Gefolge, ihre Wagen und Pferde wurden an den Stadttoren nicht untersucht. Oder der Agent verkleidete sich selbst in einen vornehmen Herrn oder Soldaten und ließ die Last durch die Reitpferde oder seine Knechte fortschaffen. Zuweilen mußte der Münzmeister unter dem Vorwand eines Besuches bei guten Freunden dem Agenten bis an die Grenze entgegenfahren; dann gingen fern von Menschenwohnungen auf einsamer Heide oder in einer Waldeslichtung die kostbaren Waren auf Kaufmanns Parole aus einer Hand in die andere. Unterdes trug der kleine jüdische Händler seinen Ledersack mit alten Groschen bei Nacht auf Seitenwegen über die Grenze, in zwiefacher Furcht, vor den Räubern und vor den Hütern des Gesetzes. Der lederne Sack, sein breitkrämpiger Hut und der gelbe Tuchring am Rock, das Abzeichen des Juden im Reich, wurden am häufigsten in der Münze gesehen. Und es bestand zwischen dem Händler und dem Münzmeister ein vertrauliches Geschäftsverhältnis: der Münzmeister erlaubte zuweilen dem Juden, das Bruchsilber im versiegelten Ledersack in die Schmelztiegel zu werfen, damit nicht gestohlenes Gut an das Tageslicht komme. Aber allerdings war auch diese Vertraulichkeit nicht ohne Hintergedanken. Denn dem Juden begegnete wohl, daß sich unter 100 Mark, die er in Talern lieferte, eine Mark falscher Taler mischte, oder daß ihm die Säcke mitsamt den Münzen unterwegs naß geworden waren, was ihrer Schwere einige Lot zusetzte, oder daß ihm zwischen granuliertes Silber feiner weißer Uhrensand kam, der doch mitwog. Dafür entschädigte sich der Münzmeister, indem er die Waagschalen so zu hängen wußte, daß die eine Seite des Balkens kürzer wurde, oder indem er durch Heraufschnellen und langsames Herunterlassen der Waagschalen trotz dem lotrechten Stand des Züngleins die Ware um einige Lot leichter machte, oder er fälschte gar die Gewichte. Und was der Meister nicht tat, das wagten die Münzjungen. Wenn der Lieferant noch so vorsichtig war, sie wußten ihm unter die Schmelzproben des bereits abgewogenen Silbers Kupferstaub zu mischen, um die Probe schlechter zu machen, als sie wirklich war. In solcher Weise war der Verkehr auch bei den Münzstätten, welche auf das Gesetz noch Rücksicht nahmen. Außer den approbierten Münzern aber gab es in den meisten der zehn Kreise noch andere von leichterem Gewissen und kühnerer Tätigkeit. Nicht geradezu Falschmünzer in unserem Sinne, obgleich auch dergleichen Privatindustrie mit großer Rücksichtslosigkeit betrieben wurde. Es waren Münzer im Dienst eines Kreisstandes, welcher das Recht zu prägen hatte; dieser Standesherren und Städte waren aber zurzeit sehr viele, und allen lag ihr Münzrecht am Herzen, weil es Einnahme brachte. Deshalb wurde von ihnen auch gegen die Reichsbeschlüsse, welche die Pflicht auferlegten, das Geld in einer approbierten Kreismünze prägen zu lassen, auf ihrem eigenen Territorium kräftig gemünzt. Zuweilen verpachteten sie ihr Münzrecht gegen eine Jahresrente, ja sie verkauften ihre Münzstätte an andere Herren, sogar an Spekulanten. Dergleichen unregelmäßige Prägstellen wurden »Heckenmünzen« genannt. Und in ihnen fand eine systematische Korruption des Geldes statt. Nach der Berechtigung des Münzers wurde nicht gefragt; wer mit Feuer und Eisen umzugehen wußte, verdang sich zu solchem Werk. Auf den vorgeschriebenen Feingehalt und das Gewicht des Geldes ward wenig Rücksicht genommen, es ward mit falschen Stempeln geprägt und auf leichte Münzen Bild des Landesherrn und Jahreszahl aus einer bessern Zeit geschlagen, ja es wurden in wirklicher Falschmünzerei die Stempel fremder Münzen nachgestochen. Den neugeprägten Münzen ward dann durch Weinstein oder Lotwasser der neue Glanz genommen. Alles unter dem Schutz des Landesherrn. Das Vertreiben des so geprägten Geldes erforderte alle Schlauheit und Vorsicht der Agenten, und es bildete sich hier eine Industrie, bei welcher, wie sich vermuten läßt, viele Zwischenträger beschäftigt waren. Auf Reichstagen und Kreisversammlungen hatte man seit 70 Jahren gegen die Heckenmünzen donnernde Dekrete erlassen, aber ohne Erfolg. Ja, seit Einführung des guten Reichsgeldes waren sie häufiger und arbeitsamer geworden, denn seit der Zeit lohnte ihre Arbeit besser. So war es schon vor dem Jahre 1618. Die kleinen wie die großen Landesherren brauchten Geld und wieder Geld. Da fingen einige Reichsfürsten an – die Braunschweiger waren leider unter den ersten – die Arbeiten der verrufensten Heckenmünzer zu übertreffen. Sie ließen statt von Silber in einer schlechten Mischung von Silber und Kupfer schwere und leichte Landesmünze schlagen. Bald wurde versilbertes Kupfer daraus. Zuletzt schlug man z. B. in Leipzig das kleine Geld gar nicht mehr von Kupfer, das man höher verwerten konnte, sondern die Stadt gab statt dessen eckiges Blech mit einem Stempel aus. Wie die Pest griff diese Entdeckung, Geld ohne große Kosten zu machen, um sich. Aus den beiden sächsischen Kreisen verbreitete sie sich nach den rheinischen und süddeutschen. Hundert neue Münzen wurden errichtet. Wo ein verfallener Turm für Schmiede und Blasebalg fest genug schien, wo Holz zum Brennen vollauf und eine Straße war, das gute Geld zur Münze und schlechtes hinauszufahren, da nistete sich eine Bande Münzer ein. Kurfürsten und Herren, geistliche Stifter und Städte wetteiferten miteinander, aus Kupfer Geld zu machen. Auch das Volk wurde angesteckt. Seit Jahrhunderten hatten Goldmacherkunst und Schatzgräberei die Phantasie des Volkes beschäftigt, jetzt schien die glückliche Zeit gekommen, wo jeder Fischtiegel sich auf des Münzers Waage in Silber verwandeln konnte. Es begann ein tolles Geldmachen. Daß reines Silber und altes Silbergeld im kaufmännischen Verkehr auffallend und unaufhörlich teurer wurden, so daß endlich für einen alten Silbergulden vier, fünf und mehr Gulden gezahlt werden mußten, und daß die Preise der Waren und Lebensmittel langsam höher stiegen, das kümmerte die Menge nicht, solange das neue Geld, dessen Produktion sich ja ins unendliche vermehren ließ, immer noch willig genommen wurde. Die Nation, ohnedies aufgeregt, geriet zuletzt in einen wilden Taumel. Überall schien Gelegenheit, ohne Arbeit reich zu werden. Alle Welt legte sich auf Geldhandel. Der Kaufmann machte Geldgeschäfte mit dem Handwerker, der Handwerker mit dem Bauern. Ein allgemeines Umherlungern, Schachern, Übervorteilen riß ein. Der moderne Schwindel mit Aktien und Börsenpapieren gibt nur eine schwache Vorstellung von dem Treiben damaliger Zeit. Wer Schulden hatte, jetzt eilte er sie zu bezahlen. Wem der gefällige Münzer einen alten Braukessel in Geld umschlug, der konnte dafür Haus und Acker kaufen Das neue Geld war fast lauter Kupfer, nur gesotten und weiß gemacht, das hielt etwa acht Tage, dann wurde es zunderrot. Da wurden die Blasen, Kessel, Röhren, Rinnen und was sonst von Kupfer war, ausgehoben, in die Münzen getragen und zu Gelde gemacht. Ein ehrlicher Mann durfte sich nicht mehr getrauen, jemanden zu beherbergen, denn er mußte Sorge tragen, der Gast breche ihm in der Nacht die Ofenblase aus und laufe ihm davon. Wo eine Kirche ein altes kupfernes Taufbecken hatte, das mußte fort zur Münze und half ihm keine Heiligkeit, es verkauften's, die darin getauft waren. Müller »Chronika von Sangerhausen«, S. 10. . Wer Gehälter, Sold und Löhne auszuzahlen hatte, der fand es sehr bequem, die Summen in weißgesottenem Kupfer hinzuzahlen. In den Städten wurde nur noch wenig gearbeitet und nur um sehr hohes Geld. Denn wer einige alte Taler, Goldgulden oder anderes gutes Reichsgeld als Notpfennig in der Truhe liegen hatte – wie damals fast jedermann –, der holte seinen Vorrat heraus und setzte ihn vergnügt in das neue Geld um, da der alte Taler, merkwürdigerweise vier-, ja sechs- und zehnmal soviel zu gelten schien als früher. Das war eine lustige Zeit. Wenn Wein und Bier auch teurer waren als sonst, sie waren es doch nicht in demselben Verhältnis wie das alte Silbergeld. Ein Teil des Gewinnes wurde im Wirtshaus verjubelt. Auch geneigt zu geben war man in solcher Zeit. Die sächsischen Stände bewilligten auf dem Landtag zu Torgau mit Leichtigkeit einen hohen Zuschlag zur Landsteuer, war doch Geld überall im Überfluß zu haben! Auch zum Schuldenmachen war man sehr bereit, denn überall wurde Geld zu günstigen Bedingungen angeboten, und überall konnte man Geschäfte damit machen. Deshalb wurden von allen Seiten große Verpflichtungen übernommen. – So trieb das Volk in starker Strömung zum Verderben. Aber es kam die Gegenströmung, zuerst leise, dann immer stärker. Zuerst klagten alle die, welche von festem Gehalt ihr Leben bestreiten mußten, am lautesten die Pfarrgeistlichen, am schmerzlichsten die Schullehrer, die armen Kalmäuser. Wer sonst von 200 Gulden gutem Reichsgeld ehrlich gelebt hatte, der bekam jetzt 200 Gulden leichtes Geld, und wenn auch, wie allerdings oft geschah, die Gehälter um einiges, bis zum vierten Teil, erhöht wurden, er konnte selbst mit dem Zuschuß nicht die Hälfte, ja bald nicht den vierten Teil der notwendigsten Ausgaben bestreiten. Die geistlichen Herren schlugen wegen dieses unerhörten Falles in der Bibel nach, fanden darin einen unverkennbaren Widerwillen gegen alle Heckenmünzerei und begannen gegen das leichte Geld von den Kanzeln zu predigen. Die Schullehrer auf den Dörfern hungerten, solange es gehen wollte, dann entliefen sie und vermehrten den Troß der Vagabunden, Bettler, Soldaten. Die Dienstboten wurden zunächst aufsätzig. Der Lohn von durchschnittlich zehn Gulden aufs Jahr reichte ihnen jetzt kaum hin, ihre Schuhe zu bezahlen. In allen Häusern gab es Gezänk mit der Brotherrschaft. Knechte und Mägde entliefen, die Knechte ließen sich anwerben, die Mägde versuchten es auf eigene Hand. Unterdes verlor sich die Jugend von den Schulen und Universitäten. Wenige bürgerliche Eltern waren damals so wohlhabend, daß sie ihre Söhne in der Studienzeit ganz aus eigenen Mitteln erhalten konnten. Dafür gab es eine Menge Stipendien, seit Jahrhunderten hatten fromme Leute den armen Studenten Geld gestiftet. Der Wert der Stipendien schwand dem Schüler jetzt plötzlich dahin, sein Kredit in der fremden Stadt war bald erschöpft, vielen Studierenden wurde die Existenz unmöglich, sie verfielen der Armseligkeit und den Versuchungen der blutigen Zeit. Noch kann man in mehreren Selbstbiographien ehrbarer Theologen lesen, welche Not sie damals ertragen mußten. Dem einen wurde zur Rettung, daß er in Jena alle Tage für vier Pfennig Semmel auf das Kerbholz seines Magisters schneiden durfte, ein anderer vermochte durch Stundengeben in der Woche 18 Batzen zu erwerben, die er aber sämtlich für trockenes Brot ausgeben mußte. Die Unzufriedenheit griff weiter. Zunächst die Kapitalisten, welche ihr Geld ausgeliehen hatten und von den Zinsen (damals in Mitteldeutschland fünf, selten sechs Prozent) lebten. Sie waren vor kurzem als wohlhabende Leute viel beneidet worden, jetzt reichten ihre Einnahmen vielleicht kaum hin, ihr Leben zu erhalten. Sie hatten 1000 gute Reichstaler ausgeliehen, und jetzt zählte ihnen der Schuldner eilig 1000 Taler in neuem Geld auf den Tisch. Sie forderten ihr gutes altes Geld zurück, zankten und klagten vor Gericht; aber was sie zurückerhalten hatten, trug des Landesherrn Bild und das alte Wertzeichen, es war gesetzlich geprägtes Geld, und der Schuldner konnte sich mit Recht darauf berufen, daß auch er solches Geld in Kapital, Zinsen und für Arbeit empfangen hatte. So entstanden zahllose Prozesse, und die Juristen kamen in arge Verlegenheit. Endlich gerieten die Städte, die Landesherren selbst in Bestürzung. Sie hatten gern das neue Geld ausgegeben, und viele von ihnen hatten es maßlos gemünzt. Jetzt aber bekamen sie bei allen Steuern und Abgaben auch nur schlechtes Geld wieder ein, für 100 Pfund Silber jetzt 100 Pfund versilbertes Kupfer, während auch für sie alles teurer geworden war und ein Teil ihrer Ausgaben durchaus in gutem Silber gemacht werden mußte. Da versuchten die Regierungen, sich durch neue Unredlichkeiten zu helfen. Sie hatten erst das gute Reichsgeld durch einen Zwangskurs niederzuhalten gesucht, jetzt setzten sie plötzlich den Wert ihres eigenen Geldes herauf, wieder mit Zwangskurs und Strafdrohung für alle, die ihm weniger Wert gönnen würden. Aber das falsche Geld sank doch unaufhaltsam unter den verordneten Wert. Da verboten einzelne Regierungen ihr eigenes Landesgeld, das sie eben erst gemünzt hatten, für Steuern und Abgaben. Sie selbst weigerten sich wiederzunehmen, was sie in den letzten Jahren geprägt hatten. Jetzt erst merkte das Volk die ganze Gefahr seiner Lage. Ein allgemeiner Sturm gegen das neue Geld brach los. Es sank auch im Tagesverkehr bis auf ein Zehntel seines nominellen Wertes. Die neuen Heckenmünzen wurden als Nester des Teufels verschrien, die Münzer und ihre Agenten, die Geldwechsler und wer sonst aus dem Geldhandel Geschäft gemacht, wurden Gegenstände des allgemeinen Abscheus. Damals wurde in Deutschland für sie die Volksbezeichnung »Kipper und Wipper« allgemein. Die Wörter kamen von den Niedersachsen: kippen sowohl auf der Geldwaage betrügerisch wiegen als auch Geld beschneiden, und wippen das schwere Geld von der Waagschale werfen. Man sang Spottlieder auf sie. In dem Ruf der Wachtel glaubte man ihren Namen zu hören, und der Pöbel schrie »kippediwipp« hinter ihnen her, wie »hepp« hinter den Juden. An vielen Orten rottete sich das Volk zusammen und stürmte ihre Wohnungen. Noch lange Jahre nachher, nach allen Schrecken des langen Krieges galt es für eine besondere Schande, wenn einer in der Kipperzeit zu Geld gekommen war. Überall entstanden Unordnungen, Tumulte; die Bäcker wollten nicht mehr backen, ihre Läden wurden zerschlagen; die Fleischer wollten zur vorgeschriebenen Taxe nicht mehr schlachten; Bergleute, Studenten, Soldaten tobten in wildem Aufruhr; die Stadtgemeinden versanken in Schulden bis zum Bankerott, z. B. das wohlhabende Leipzig. Aller Handel und Verkehr hörte auf, das alte Gefüge der bürgerlichen Gesellschaft krachte und drohte auseinanderzubrechen. Die kleine Literatur trieb und steigerte die Stimmung und wurde selbst durch den wachsenden Unwillen gehoben. Die Gassenlieder begannen, die fliegenden Bilderbogen folgten. Die Kipper wurden unermüdlich abkonterfeit, mit Höllenflammen an Haupt und Füßen, auf einer unsicheren Kugel stehend, von zahlreichen, düsteren Emblemen umgeben, worunter der Strick und lauernde Raben nicht fehlten, oder in ihrer Münzstätte, Geld einsammelnd und ausfahrend, ihnen gegenüber die betende Armut; die verschiedenen Stände wurden abgeschildert, wie sie den Geldwechslern ihren sauren Verdienst aufzählen, Soldaten, Bürger, Witwen und Waisen; der Höllenrachen wies sich geöffnet, und die Wechsler wurden durch einige Teufel emsig hineingeschleppt, alles im Zeitgeschmack mit allegorischen Figuren und lateinischen Devisen verziert und durch zornige deutsche Verse für jedermann verständlich gemacht. Wie im Volk erhob sich der gewaltige Sturm unter den Gelehrten. Die Pfarrgeistlichen schrien und verdammten laut, nicht nur von der Kanzel, auch durch Flugschriften. Eine Broschürenliteratur begann, welche anschwoll wie ein Meer. Einer der ersten, welche gegen das neue Geld schrieben, war W. Andreas Lampe, Pfarrer zu Halle. In einer kräftigen Abhandlung: »Von der letzten Brut und Frucht des Teufels, Leipzig 1621«, bewies er mit zahlreichen Zitaten aus dem Alten und Neuen Testament, daß alle Handwerke und Berufsarten durch göttliche Anordnung in die Welt gekommen seien, sogar die Scharfrichter, die Kipper aber durch den Teufel, worauf er mit guten Strichen das Unheil welches sie angerichtet charakterisierte. Er hatte noch harte Anfechtungen zu erdulden, und wie loyal er auch die Obrigkeit schonte, es wurde ihm doch mit Klagen gedroht, so daß er für gut fand, ein rechtfertigendes Urteil des Schöppenstuhles zu Halle zu erwerben. Bald aber folgten ihm zahlreiche Amtsbrüder. Die Streitschriften dieser geistlichen Herren erscheinen uns unbehilflich; man tut gut, sie mit Achtung durchzusehen, denn die protestantische Geistlichkeit vertrat immer noch die Bildung und Redlichkeit des Volkes. Im Jahre 1621 freilich waren die Herren nicht gewöhnt, irdisches Behagen zu entbehren, und die Rücksicht auf ihr eigenes Wohlbefinden hatte einen reichlichen Anteil an dem Feuer, mit welchem sie die Kipperei verfolgten. Die Prediger exorzisierten den bösen Feind, die theologischen Fakultäten ließen bald das schwere Geschütz ihrer lateinischen Gründe folgen, und wie grimmig Priesterhaß sei, zeigte z. B. das Konsistorium zu Wittenberg, als es den Kippern den Genuß des Abendmahls und ehrliches Begräbnis versagen wollte. Endlich kamen auch die Juristen mit ihren Fragen, Informationen, ausführlichen Münzbedenken und Rekapitulationen. Die Antworten, welche sie in dicken Broschüren gaben, waren fast immer sehr weitschweifig und ihre Argumente nicht selten spitzfindig; aber sie waren doch dringend nötig geworden, denn der Streit über Mein und Dein, zwischen Gläubiger und Schuldner schien unabsehbar, und unzählige Rechtshändel drohten die Leiden des Volkes ins unerträgliche zu verlängern. Ob, wer schweres Geld ausgeliehen, Kapital und Zinsen in leichtem Geld zurücknehmen müsse, und wieder, ob einer, der leichtes Geld ausgeliehen, die Rückzahlung der vollen Kapitalsumme in schwerem Geld beanspruchen dürfe, das war am häufigsten Gegenstand der Untersuchung. Es muß hier bemerkt werden, daß in vielen Fällen, wo das Gesetz und der Scharfsinn streitender Juristen nicht ausreichten, ein gutes Billigkeitsgefühl, welches im Volk lebte, den Streit beendigte. Denn damals, wo die Regierungen im allgemeinen schlecht und auch das gewissenhafte Recht sehr umständlich und kostspielig war, mußte der praktische Sinn den einzelnen über vieles weghelfen. Ein kleines Flugblatt, worin erzählt wird, wie sich in einem bestimmten Fall der gesunde Menschenverstand des Dorfschulzen zu Justiz geholfen hatte, hat sicher nicht weniger genützt als eine massive, halb lateinische halb deutsche » informatio «. In der papiernen Flut, welche uns von der damaligen Aufregung Kunde gibt, sind es einzelne Bogen, an denen unser Interesse am meisten haftet, die Äußerungen gebildeter und welterfahrener Männer, welche in populärer Form kurz und wirksam zu sagen wissen, worauf es ankommt. Aus verschiedenen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges sind uns einzelne solcher Flugschriften erhalten, in denen wir noch heute entweder Energie des Charakters oder Kraft der Sprache oder echt staatsmännische Einsicht zu bewundern haben. Vergebens fragen wir nach dem Namen der Verfasser. Hier sei nur an eine solche Schrift erinnert. Ihr Titel ist: » Expurgatio oder Ehrenrettung der armen Kipper und Wipper, gestellt durch Kniphardum Wipperium. 1622. Fragfurt.« Der Verfasser hat den wackeren Lampe zum Gegenstand seines Angriffs gewählt; der vorsichtige Eifer des sächsischen Geistlichen, dessen vornehme Kollegen selbst in dem Ruf standen, Kipper zu sein (z. B. der berüchtigte Hofprediger Hoe, der böse Geist des Kurfürsten), hatte die Entrüstung eines stärkeren Geistes hervorgerufen. Es ist ein männliches Urteil und eine sehr berechtigte demokratische Stimmung, welche aus den starken Ausdrücken dieser Schrift zu uns redet. Was ihr eigentlicher Inhalt sei, mag man nach folgenden Stellen beurteilen: »Ich habe noch keinen einzigen Pfennig, geschweige gröbere Münze gesehen, worauf der Kipper und Wipper Namen, Wappen oder Gepräge stände, noch viel weniger wird man als Umschrift den neuen Wachtelgesang ›Kippediwipp‹ darauf finden. Sondern man sieht darauf wohl ein sonst bekanntes Gepräge oder Bild und wird der Kipper oder Wipper nicht mit dem geringsten Buchstaben gedacht.« »Kann aber der Herr Magister die Sache noch nicht recht verstehen, so frage er doch, wer die alten Kessel am teuersten eingekauft hat, damit die Münzen befördert würden; wenn das geschieht, wird der Herr Magister in Wahrheit erfahren, wer das kupferne und blecherne Geld geprägt hat. Denn wahrlich, so mancher alte Kessel, worin so mancher gute Grütz- oder Hirsebrei gemacht ist, auch so manche gute alte Pfanne, worin so viel gutes Bier und so mancher schöne Trunk Breihahn gekocht wurde, ist verschmolzen und vermünzet worden, und dieses ist nicht von den gemeinen Kippern, sondern von den Erzkippern geschehen. Denn die anderen haben keine Regalia zu münzen, und ob sie gleich als die Spür- und Jagdhunde solches aufgespürt und aufgetrieben, so haben sie es doch nur auf Befehl andern abgejagt und sind also nicht in so schwerer Verdammnis als diejenigen (sie mögen heißen wie sie wollen), so die Regalia vom Reich haben und dieselben zum merklichen Schaden deutschen Landes mißbrauchen.« – »Keiner will in jetziger Zeit der Katze die Schelle anhängen oder wie Johannes dem Herodes die Wahrheit sagen. Aber auf die armen Schelme, die Kipper und Wipper, schimpft jedermann, während diese doch bei solchem Wechselgeschäft nichts aus eigener Macht tun, sondern, was sie tun, geschieht alles mit Wissen, Willen und Beifall der Obrigkeit. Und leider bekommen sie in jetziger Zeit viel Konkurrenten. Denn sobald jemand einen Pfennig oder Groschen bekommt, der ein wenig besser ist als ein anderer, so will er sogleich damit wuchern. Deshalb geht es auch so her, wie die Erfahrung zeigt: die Ärzte verlassen ihre Kranken und denken viel mehr an den Wucher als an Hippokrates und Galenus; die Juristen vergessen ihre Akten, hängen ihre Praxis an die Wand, nehmen die Wucherei zur Hand und lassen über Bartholus und Baldus lesen, wer da will. Dasselbe tun auch andere Gelehrte, studieren mehr Arithmetik als Rhetorik und Philosophie; die Kaufleute, Krämer und andere Handelsleute treiben jetziger Zeit ihr größtes Gewerbe mit der kurzen Ware, die mit dem Münzstempel bezeichnet ist.« – »Aus diesem ist nun zu ersehen, daß zwar die ›ungehangenen, diebischen, eidvergessenen, ehrlosen‹ Kipper und Wipper nicht ganz zu entschuldigen, aber doch auch nicht in so großer Verdammnis sind, als wenn sie eben causa principalis von dem Verderben des deutschen Landes wären. Leider habe ich allerdings große Sorge, wenn's einmal an ein Teufelholen oder Aufhenken gehen wird, so werden die Kipper und Wipper, Wechsler und Wucherer, Juden und Judengenossen, Helfer und Helfershelfer ein Dieb mit dem andern zum Teufel hinschlendern oder miteinander zugleich auf gehenkt werden wie jener Wirt mit seinen Gesellen. Doch mit einem Unterschied. Denn es behalten ihre Prinzipale und Patrone billig die Prärogative und Präeminenz, wie denn etliche davon allbereits dahin vorausgesandt sind. Die andern werden in kurzem auch an den vorbestimmten Ort folgen, und es hilft alsdann nichts, man mache ihnen carmina oder crimina Verhöre oder Lobgedichte zu dieser Hinnenfahrt – facilis descensus Averni –, sie werden den Weg wohl finden und bedürfen kein Glück dazu, der Teufel wird sie kuppeln all an einen Strick, und wären die Schelme noch so dick. Fiat .« Es ist nicht unwahrscheinlich, daß den Landesherren von mehreren Seiten eine ähnliche Auffassung ihrer sozialen Aussichten im Jenseits zu Ohren kam. Jedenfalls erkannten auch sie, daß nur die schleunigste Hilfe retten könnte. Es gab aber keine andere Hilfe als die Herabsetzung und die eiligste Einziehung der neuen Münzen und eine Rückkehr zu den alten guten Reichsmünzen. Die Fürsten und Städte verriefen also in der ersten Sorge ihr neues Geld, benutzten diese Dekrete, um ihren – nicht eben alten – Abscheu vor schlechter Münze auszusprechen, und ließen wieder ehrlich mit dem soliden Schrot und Korn prägen, die das Reichsgesetz vorschrieb. Und um der maßlosen Teuerung zu steuern, beeilten sie sich, Tarife der Waren und Löhne bekanntzumachen, worin die höchsten erlaubten Preise festgesetzt wurden. Es versteht sich, daß dies letztere Heilmittel auf die Dauer so wenig nützen konnte als das berühmte Edikt Diokletians 1300 Jahre vorher. Allein für den Augenblick half der Zwang, welchen es z. B. den städtischen Wochenmärkten, den Tagearbeitern wie den Innungen antat, doch dazu, die ausgetretenen Fluten in das alte Bett zurückzuführen. Und jetzt folgte dem Taumel, dem Schrecken, der Wut eine trostlose Ernüchterung. Die Menschen sahen einander an wie nach einer großen Pest. Wer sicher auf seinem Reichtum gesessen hatte, war heruntergekommen. Mancher schlechte Abenteurer ritt jetzt als vornehmer Herr in Samt und Seide. Im ganzen war das Volk viel ärmer geworden. Es war lange kein großer Krieg gewesen, und viele Millionen in Silber und Gold, die Ersparnisse der kleinen Leute, hatten sich in Dorf und Stadt vom Vater auf den Sohn vererbt; dieses Sparbüchsengeld war in der bösen Zeit zum größten Teil verschwunden, es war verjubelt, für Tand ausgegeben, zuletzt für Lebensmittel zugesetzt. Aber nicht dies war das größte Unheil, ein größeres war, daß in dieser Zeit Bürger und Landmann gewaltsam aus dem Gleise ihrer redlichen Tagesarbeit herausgerissen wurden. Leichtsinn, abenteuerndes Wesen und ein ruchloser Egoismus griffen um sich. Die zerstörenden Gewalten des Krieges hatten einen ihrer bösen Geister vorausgesandt, das feste Gefüge der bürgerlichen Gesellschaft zu lockern und ein friedliches, arbeitsames und ehrliches Volk zu gewöhnen an das Heer von Leiden und Verbrechen, welches kurz darauf über Deutschland hereinbrach. Die Jahre 1621–23 hießen fortan die Zeit der Kipper und Wipper. Die Verwirrung, die Aufregung, die Händel und die Flugschriftenliteratur dauerten bis in das Jahr 1625. – Die Lehre, welche sich die Fürsten aus den Folgen ihres frevelhaften Tuns ziehen konnten, hielt gegenüber spätern Versuchungen nicht stand. Es schien noch am Ende des 17. Jahrhunderts unmöglich, den Heckenmünzen und der immer wieder eintretenden Verschlechterung des Geldes gründlich abzuhelfen. – [...] XXI Der Dreißigjährige Krieg Die Städte Physiognomie der Städte im Jahre 1618. – Einwirkung des Krieges. Luxus, Kontribution, Belagerungen. – Religiöse Verfolgung. – Die Frauen von Löwenberg Als der Krieg ausbrach, waren die Städte bewaffnete Hüter der deutschen Kultur, welche reich und geräuschvoll in engen Straßen zwischen hohen Häusern arbeitete. Fast jede Stadt, nur die kleinsten Märkte ausgenommen, war gegen das offene Land abgeschlossen durch Mauer, Tor und Graben, eng und leicht zu verteidigen waren die Zugänge, oft stand die Mauer doppelt, noch ragten häufig die alten Türme über Zinnen und Tor. Dieses mittelalterliche Befestigungswerk war bei vielen der größeren seit hundert Jahren verstärkt worden, Bastionen aus Feld- und Backsteinen trugen schwere Geschütze, ebenso einzelne starke Türme; oft war ein altes Schloß des Landesherrn, ein Haus des frühern Vogtes oder des Grafen, den der Kaiser gesetzt, besonders befestigt. Es waren nicht Festungen in unserm Sinne, aber sie vermochten, wenn die Mauer dick und die Bürgerschaft zuverlässig war, auch einem größeren Heer wenigstens eine Zeitlang zu widerstehen. So hielt sich Nördlingen im Jahre 1634 achtzehn Tage gegen die vereinigten kaiserlichen Heere von König Ferdinand, Gallas und Piccolomini – zusammen mehr als 60 000 Mann –; die Bürger schlugen mit nur 500 Mann schwedischer Hilfstruppen sieben Stürme ab. Für solche Verteidigung wurden Erdschanzen als Außenwerke aufgeworfen und schnell durch Gräben und Pfahlwerk verbunden. Viele Plätze aber, bei weitem mehr als jetzt, waren wirkliche Festungen. Dann bestand ihre Hauptstärke schon in Außenwerken, die mit niederländischer Kunst angelegt waren. Längst hatte man erfahren, daß die Kugeln der Kartaune an Steinwand und Brüstung mehr zerstörten als an Erdwällen. In den größern Städten wurde schon viel auf Reinlichkeit der Straßen geachtet. Sie waren gepflastert, auch ihr Fahrweg, die Pflasterung zum Wasserabfluß gewölbt, Hauptmärkte, z. B. in Leipzig, schön mit Steinen ausgelegt. Längst war man eifrig bemüht gewesen, der Stadt sicheres und reichliches Trinkwasser zu schaffen, unter den Straßen liefen hölzerne Wasserleitungen; steinerne Wasserbehälter und fließende Brunnen, oft mit Bildsäulen verziert, standen auf Markt und Hauptstraßen. Noch gab es keine Straßenbeleuchtung: wer bei Nacht ging, mußte durch Fackel oder Laterne geleitet werden, später wurden auch die Fackeln verboten; aber an den Eckhäusern waren metallene Feuerpfannen befestigt, in denen bei nächtlichem Auflauf oder Feuersgefahr Pechkränze oder harziges Holz angebrannt wurden. Es war Sitte, bei ausbrechendem Feuer das Wasser aus den Behältern oder fließenden Brunnen in die gefährdeten Straßen laufen zu lassen. Dafür hingen an den Straßenecken Schutzbretter, und es war Pflicht einzelner Gewerke – in Leipzig der Gastwirte – mit solchen Schutzbrettern das Wasser an der Brandstätte zu stauen, indem man aus ihnen und zugetragenem Dünger einen Querwall zog. Die Straßen- und Sicherheitspolizei war seit etwa sechzig Jahren sehr verbessert worden. Kurfürst August von Sachsen hatte in seinem Land die gesamte Verwaltung mit nicht gemeinem Geschick neu organisiert. Seine zahlreichen Ordnungen waren im ganzen Reich Muster geworden, nach denen Fürsten und Städte ihr neues Leben einrichteten. Der Hauptmarkt war am Sonntag Lieblingsaufenthalt der Männer. Dort standen nach der Predigt Bürger und Gesellen in ihrem Feststaat, plaudernd, Neuigkeiten austauschend, Geschäfte beredend. In allen Handelsstädten hatten die Kaufleute besondere Räume zu ihrem »Konvent«, den man schon damals die Börse nannte. Auf dem Ratsturm durfte über der Uhr auch der Gang nicht fehlen, von dem der Türmer seine Rundschau über die Stadt hielt, wo die Stadtpfeifer mit Posaunen und Zinken bliesen. Die Stadtgemeinde unterhielt für ihre Bürger Bier- und Weinkeller, worin die Preise des ausgeschenkten Trunkes sorglich bestimmt wurden, für die Vornehmen besondere Trinkstuben zu anmutiger Unterhaltung. In den alten Reichsstädten hatten die Patrizier wie die Zünfte häufig ihre besonderen Klubhäuser oder Stuben, und der Luxus solcher Geselligkeit war damals verhältnismäßig größer als jetzt. Auch die Gasthäuser waren zahlreich, sie werden in Leipzig als schön und herrlich eingerichtet gerühmt. Selbst die Apotheken standen unter Aufsicht, hatten besondere Ordnungen und Preise; sie verkauften noch viele Spezereien, Delikatessen und was sonst dem Gaumen behagte. Mehr Bedürfnis als jetzt waren die Badestuben. Auch auf dem Lande fehlte selten dem Bauernhof ein kleines Badehaus, eine Badestube war in jedem größeren Gebäude der Stadt. Die ärmeren Bürger gingen zu den Badern, welche auch einigen Chirurgendienst verrichteten. Außerdem aber unterhielten die Städte auch große öffentliche Bäder, in denen umsonst oder gegen geringe Bezahlung mit allen Bequemlichkeiten warm und kalt gebadet wurde. [...] In den ansehnlichen Städten waren die Häuser der innern Stadt um das Jahr 1618 in großer Mehrzahl aus Stein, bis drei und mehr Stock hoch, mit Ziegeln gedeckt. Die Räume des Hauses werden oft als sauber, zierlich und ansehnlich gerühmt, die Wände häufig mit gewirkten und gestickten Teppichen, sogar von Samt, und mit schönem, kostbarem Tafelwerk, auch anderem Zierat geschmückt, nicht nur in den alten großen Handelsstädten, auch in solchen, die in jüngerer Kraft aufblühten. Zierlich und sorgfältig gesammelt war auch der Hausrat. Noch war das Porzellan nicht erfunden, reichliches Silbergeschirr fand sich nur an großen Fürstenhöfen und in wenigen der reichsten Kaufmannsfamilien. An dem einzelnen Stück von edlem Metall erfreute noch mehr die kunstvolle Arbeit des Goldschmiedes als die Masse. Die Stelle des Silbers und Porzellans aber vertrat bei dem wohlhabenden Bürger das Zinn. In großer Menge, hellglänzend aufgestellt, war es der Stolz der Hausfrauen; daneben feine Gläser und Tongefäße aus der Fremde, oft bemalt, mit frommer oder schalkhafter Umschrift versehen. Dagegen war Kleidung und Schmuck auch der Männer weit bunter und kostbarer als jetzt. Noch war darin der Sinn des Mittelalters lebendig, eine Richtung des Gemüts, der unsern gerade entgegengesetzt, auf das Äußere, das Auge Fesselnde, auf stattliche Repräsentation. Und diese Neigung wurde durch nichts so sehr erhalten als durch die entsprechenden Bemühungen der Obrigkeit, auch das äußere Aussehen des einzelnen zu regeln und jeder Bürgerklasse ihr eigenes Recht zu geben gegen Vornehme und Geringere. Die endlosen Kleiderordnungen gaben der Kleidung eine unverhältnismäßige Wichtigkeit, sie nährten mehr als etwas anderes die Eitelkeit und die Sucht, sich über seinen Stand herauszuheben. Es ist für uns ein komischer Kampf, den durch vier Jahrhunderte bis zur französischen Revolution die würdigsten Behörden gegen alle Launen [...] der Mode führen, stets erfolglos. In solcher Ordnung tummelte sich ein kräftiges, arbeitsames, wohlhabendes Volk mit Selbstgefühl; eifersüchtig hielt der Bürger auf Privilegien und Ansehen seiner Stadt, gern bewies er sich unter seinen Mitbürgern reich, tüchtig und unternehmend. Noch war Handwerk und Handel in starkem Gedeihen. Zwar im Großverkehr mit dem Ausland hatte Deutschland bereits viel verloren, der Glanz der Hanse war längst verblichen, auch die großen Handelshäuser Augsburgs und Nürnbergs lebten bereits wie Erben von dem Reichtum ihrer Väter. Italiener, Franzosen, vor allem Niederländer und Engländer waren gefährliche Rivalen geworden, auf der Ostsee flatterten schwedische, dänische, holländische Flaggen schon fröhlicher als die von Lübeck und den Osthäfen, der Verkehr mit den beiden Indien lief in neuen Straßen und fremden Stapelplätzen. Aber noch hatte der deutsche Heringsfang große Bedeutung, noch waren die ungeheuren Slawenländer des Ostens auch dem Landverkehr ein offener Markt. Und in dem weiten Reich selbst blühte die Industrie, und ein weniger gewinnreicher, aber gesünderer Export der Landesprodukte hatte einen mäßigen Wohlstand allgemeiner gemacht. Die Woll- und Lederarbeiten, Leinwand, Harnische und Waffen, die zierliche Industrie Nürnbergs wurden vom Ausland eifrig begehrt. Fast jede Stadt hatte damals eine besondere Handwerksindustrie, massenhaft unter Zucht und Kontrolle der Innungen entwickelt. Töpfe, Tuche, Lederarbeit, Bergbau, Metallarbeiter gaben den einzelnen Orten eine besondere Physiognomie, auch kleineren einen Ruf, der weit durch das Land reichte und den Bürgern zu wohlberechtigtem Stolz half. Was am meisten störte, waren die unsicheren Valutenverhältnisse. In allen Städten aber, kaum die größten ausgenommen, hatte der Ackerbau mehr Wichtigkeit als jetzt. Nicht nur in den Vorstädten und Vorwerken des Stadtgrundes, auch in der inneren Stadt lebten viele Bürger von Ackernahrung. In kleineren Städten hatten die meisten Eigentum in der Stadtflur, die reicheren wohl auch außerhalb. Deshalb waren in den Städten viel mehr Nutz- und Spanntiere als jetzt, und die Hausfrau erfreute sich eines eigenen Kornbodens, von dem sie selbst das Korn buk und, wenn sie geschickt war, landesübliches feines Backwerk verfertigte. Auch an dem Weinbau, der im Norden bis an das Land der Niedersachsen reichte, hatten die Städter großen Anteil; die Braugerechtigkeit galt für einen wertvollen Vorzug einzelner Häuser, fast jeder Ort braute das Bier auf eigene Art, unzählig sind die lokalen Namen des uralten Getränkes, auf Kraft, süßen Weingeschmack und öligen Fluß ward viel gehalten, geschätzte Biere wurden weit versendet. Größer als jetzt war das sinnliche Behagen im Volke, lauter und unbefangener die Fröhlichkeit. Auch der Luxus der Gastmähler, zumal bei Familienfesten, war nach dem Rang der Stadtbürger gesetzlich bestimmt; auch er war durch Verordnungen nicht einzuschränken. Es wurde in Gängen aufgesetzt, wie noch jetzt in England, bei jedem Gang eine Anzahl ähnlicher Gerichte. Schon wurden die Austern so weit versandt, als sie selbst die Reise vertragen wollten, zumal seit dem Eindringen der französischen Kochkunst zu feiner Soße verwendet; Kaviar war wohlbekannt, und in der Herbstmesse waren Leipziger Lerchen ein berühmtes Gericht. Noch hatte in der volkstümlichen Küche außer den indischen Gewürzen die Lieblingswürze des Mittelalters, der Safran, viel zu färben, noch wurden schön verzierte Schaugerichte hoch gepriesen, zuweilen wurden auch eßbare Speisen vergoldet aufgesetzt, und der Marzipan war an anspruchsvoller Tafel das vornehmste Konfekt. Eifrig suchte der Bürger jede Gelegenheit, sich gesellig zu vergnügen. Fastnachtsmummereien waren auch im nördlichen Deutschland allgemein, dann schwärmten die Masken durch die Straßen, das Lieblingskostüm war Türken, Mohren, Indianer. Als im Kriege der Rat von Leipzig die Masken verbot, erschienen sie bewaffnet mit Spieß und Pistolen, und es gab Tumult mit den Stadtwächtern. Nicht weniger beliebt waren die Schlittenfahrten, zuweilen auch sie im Kostüm. Weit seltener als jetzt war der öffentliche Tanz, selbst bei Hochzeiten und Handwerkerfesten wurde er mißtrauisch beaufsichtigt, schwer war dabei der Ungebühr wilder Knaben zu steuern. Sie wollten ohne Mantel tanzen, sie hoben, schwenkten und verdrehten ihre Tänzerinnen, das war streng verboten; auch daß die Dienstleute sich gaffend in den Saal drängten, war der Obrigkeit zuwider. Und mit der Abenddämmerung mußte jedes Tanzvergnügen aufhören. Die größeren Städte hatten Rennbahnen, in denen die Patriziersöhne ritterliche Übungen hielten und nach dem Ring stachen, Schießhäuser und Schießgräben für Armbrust und Büchse. Große Volksfreude waren durch das ganze Land die Schützenfeste, dazu wurden Buden, Zelte und Garküchen aufgeschlagen. Auch an den Festen einzelner Zünfte nahm das Volk lebendigen Anteil, und fast jede Stadt hatte ihre eigenen Volksfeste, z. B. Erfurt ein jährliches Wettlaufen für die Ärmeren, dann liefen die Männer um Strümpfe, die Frauen um einen Pelz. Ein beliebtes Spiel der jungen Bürger, das leider in der Verkümmerung des nächsten Jahrhunderts fast verschwand, war das Ballspiel. Es gab eigene Ballhäuser und einen städtischen Ballmeister. Kamen vornehme Herren in die Stadt, so wurde wohl gar eine Lage Sand auf den Markt gestreut und durch Pflöcke und Schnuren dort ein Spielraum abgesteckt. Dann spielten die vornehmen Herren, und aus den Fenstern sah die Bürgerschaft fröhlich zu, wie ein junger Prinz von Hessen den Ball warf und einer von Anhalt das Beste tat. Bei großen Jahrmärkten aber war seit mehr als hundert Jahren der Glückstopf ein beliebtes Spiel. Zuweilen stellte ihn die Stadt selbst auf, in der Regel wurde einem Spekulanten die Erlaubnis gegeben. Wie das Volk sich dafür interessierte, erkennen wir daraus, daß die Stadtchroniken nicht selten Einzelheiten darüber berichten. So war 1624 in der Michaelismesse zu Leipzig ein Glückstopf von 17 000 Gulden eingerichtet; der »Zettel« kostete 18 Pfennig. Siebzehn ledige Zettel gingen auf einen Gewinn, der höchste Gewinn betrug 350 Gulden; es waren an 300 000 Nieten. Die vielen Nieten machten zuletzt die Studenten zornig, sie stürmten und zerschlugen die Glücksbude. – Auch die Schaulust des Volkes war größer als jetzt, jedenfalls genügsamer. Häufig waren Aufzüge und städtische Feierlichkeiten, die Komödie allerdings ein seltenes Vergnügen, dafür wurde den Bürgerkindern fast immer die Freude, selbst die Rollen darzustellen, denn die Banden fahrender Komödianten waren etwas Neues und Seltsames. Schon war die Geistlichkeit den weltlichen Stücken nicht günstig, dafür wurden geistliche Stoffe und Allegorien mit sittlicher Tendenz immer mit burlesken Szenen verziert, und groß war die Anzahl der Spieler. Auf den Jahrmärkten standen die Schaubuden häufiger als jetzt. So war auf der Leipziger Ostermesse von 1630 unter anderem zu sehen: ein Vater mit sechs Kindern, die sehr schön auf der Laute und Geige musizierten; ein Weib, das mit den Füßen nähen, schreiben, Speise und Trank zum Mund führen konnte; ein einjähriges Kind ganz voll Haare mit einem Bart; von fremden Tieren zwei Mammonetaffen, ein Meerschwein, eine Löffelgans, und wie jetzt wurden die fremden Ungeheuer durch Bilderbogen dem Volk empfohlen. Dazu Seiltänzer, Feuerfresser, Taschenspieler, starke Männer, zahlreiche Bänkelsänger und Liederverkäufer. Was aber um 1618 dem Bürger das größte Selbstgefühl gab, war seine Wehrhaftigkeit. Wohl jeder hatte einige Übung im Gebrauch der Waffen. Jede größere Stadt besaß ein Zeughaus; auch die schweren Geschütze der Wälle wurden von Bürgern bedient, und eine Bürgerschaft, welche ihre Stadt verteidigte, war unter gewöhnlichen Verhältnissen den jungen Kompanien der belagernden Soldaten fast vorzuziehen. Auch Magdeburg hätte widerstanden, wäre nicht Zucht und Pflichtgefühl der Bürger bereits schwächer gewesen als bei früheren Belagerungen, in denen die Jungfrau des Stadtwappens ihr Kränzlein so tapfer verteidigt hatte. Außer den Stadtbürgern gab es aber in den meisten Kreisen des Reiches eine Landmiliz, das Defensionswerk. Etwa den zehnten Mann in Stadt und Land hatte man ausgehoben, regelmäßig bewaffnet, während des Dienstes besoldet und zur Verteidigung innerhalb der Landesgrenzen bestimmt. Die Anfänge solcher Landwehr stammten aus dem 16. Jahrhundert. Von militärischen Theoretikern war die Einrichtung als vortrefflich empfohlen, von Zeit zu Zeit war sie erneuert worden. So wurde sie in Sachsen 1612 durch die Landstände eingeführt, 1618 renoviert. Es sollten im Kurfürstentum 9000 Defensioner sein, der gemeine Mann täglich vier, der Feldwebel zehn und einen halben Groschen Sold erhalten; die Kosten wurden auf die Häuser verteilt. Aber diese Miliz erwies sich im Kriege als unbrauchbar. Viel zu gering war die Disziplin; wenn nicht die Gefahr der eigenen Stadt drängte, suchte der fleißige Bürger sich zu entziehen; die Folge war, daß viel loses Volk in Waffen lief und ritt. Wenn sie von den Ortschaften requiriert wurden, die Pflüge auf dem Felde gegen streifende Marodeure zu beschützen, so forderten sie besondere Vergütung, aber sie liefen davon; bald wurden sie dem eigenen Land mehr zur Plage als zum Nutzen. [...] Von 1626 ab beginnt in den deutschen Städten das Stutzertum nach französischem Zuschnitt. Die à la mode Messieurs stolzierten und belästigten auf dem steinernen Fußpfad der Straßen. Kurze Spitzbärte, das Haar lang, in gekräuselten Locken oder gar auf der einen Seite kurz geschnitten, auf der andern in Zopf oder Locke auf die Schulter hängend, große Schlapphüte, Sporen an den Füßen, den Degen vor dem Herzen, gerissene und zerschnittene Kleider, geckenhafte Gebärden, dazu eine korrumpierte Sprache voll französischer Wörter. Die Frauen blieben nicht zurück; sie fingen an die welsche Larve vor dem Gesicht zu tragen, in der Hand einen Federfächer, Fischbein in den Kleidern, die verpönten Zobel-, Gold- und Silberstoffe und zu allem – was sehr bedenklich erschien – silberne, endlich gar weiße Spitzen. Solches Wesen empörte als phantastisch und unsittlich Obrigkeiten und Seelsorger. Uns erscheint es als charakteristisches Leiden einer Zeit, in welcher das sichere Selbstgefühl des deutschen Bürgertums dahinschwand. Näherten sich aber die Heere einer Stadt, dann hörte der Verkehr mit der Landschaft fast ganz auf, dann wurden die Tore sorgfältig bewacht, die Bürger erhielten sich von den aufgesammelten Vorräten. Die Pressuren begannen, Durchmärsche, Einquartierung befreundeter Heere mit allen ihren Schrecken. Noch ärger hausten die durchziehenden Feinde. Jede Art von unsicherer Schonung mußte erkauft werden. Es war Gnade des Feindes, wenn er nicht anzündete, nicht den Stadtwald niederschlug, das Holz zu verkaufen, nicht die Stadtbibliothek auf seine Troßwagen warf; alles, was zum Raub einlud, die Orgel, die Kirchenbilder, mußte ausgelöst werden, sogar die Kirchenglocken, welche nach Kriegsgebrauch der Artillerie gehörten. Waren die Städte nicht imstande, den Forderungen der Kriegsobersten zu genügen, dann wurden die angesehensten Bürger als Geiseln mitgeschleppt, bis die auferlegte Summe bezahlt wurde. Galt eine Stadt aber für fest genug, um dem feindlichen Heer Widerstand zu leisten, dann wurde sie beim Herannahen des Feindes mit Flüchtlingen gefüllt, deren Zahl so hoch stieg, daß an ein Unterbringen bei Bürgern gar nicht zu denken war. In Dresden z. B. kamen 1637 nach der Einnahme von Torgau in drei Tagen, vom 7. bis 9. Mai, 12 000 Wagen mit flüchtigem Landvolk an. Umschloß der Feind den überfüllten Ort, dann raste um die Mauern der Kampf und innerhalb nicht weniger gefräßig Elend, Hunger und Krankheit. Der wehrhafte Flüchtling wurde zu strengem Besatzungsdienst gebraucht; auch der Adel der Nachbarschaft half zuweilen. Dehnte sich die Belagerung in die Länge, dann hatte die Teuerung einen schändlichen Wucher zur Folge, die Müller mahlten nur den Reichen, die Bäcker forderten Unerschwingliches. Die Bilder der Hungersnot, einer Not, wie sie damals viele Städte erlebt haben, sind zu greulich, um dabei zu verweilen. Als in Nördlingen ein Mauerturm von den Belagerern eingenommen war und die Bürger selbst ihn ausbrannten, stürzten sich hungernde Weiber über die halbgebratenen Leichname der Feinde und trugen Stücke derselben für ihre Kinder nach Hause. Wurde aber die Stadt im Sturm erobert, so wiederholte sich an ihr das Schicksal Magdeburgs, massenhaftes Niedermetzeln, Entehrung der Frauen, scheußliches Quälen und Verstümmeln. Dazu kam die Pest. Wie die Seuchen damals in den Städten wüteten, ist für uns kaum glaublich. Sie rafften oft mehr als die Hälfte der Bewohner hinweg. Schon 1626 und in den nächsten Jahren hatten sie weite Landstriche geleert, von 1631–1634 und am ärgsten um 1636 kehrten sie wieder. Allerdings gab es für jede Stadt jahrelange Zwischenräume verhältnismäßiger Ruhe, und die – nicht zahlreichen – Ortschaften, welche nur einmal im Krieg zerschlagen wurden, vermochten sich wohl wieder zu erholen. Aber das Fürchterlichste von allem war die zweite, dritte, vierte Wiederholung des alten Leidens. Leipzig wurde fünfmal belagert, Magdeburg sechsmal, die meisten kleineren Städte noch öfter mit fremden Soldaten gefüllt. So verdarben die großen Städte wie die kleinen. Aber noch nicht genug. Weite Territorien traf eine Plage ganz anderer Art: die religiöse Verfolgung. Sie wurde von der kaiserlichen Partei fast überall geübt, wo sie sich festgesetzt hatte. Den Heeren folgte ein Haufen Bekehrer, Jesuiten und Bettelmönche, auf dem Fuß. Diese verrichteten ihr Amt mit Hilfe der Soldaten. Wo der Katholizismus noch einen Boden hatte, wurden die Führer der protestantischen Partei weggefegt, vor allem die Seelsorger. Am gründlichsten in den Provinzen, in denen der Kaiser selbst Landesherr war. Viel war dort schon vor dem langen Krieg geschehen, aber noch war beim Anfang des Krieges in Oberösterreich, Mähren, Böhmen und Schlesien die politische Majorität, die rührigste Intelligenz, die Mehrzahl der Gemeinden evangelisch. Da wurde gründlich gebessert. Bürger und Landvolk wurden scharenweise durch die Soldaten in die Beichte getrieben; wer – oft nach Gefängnis und Körperqualen – seinen Glauben nicht aufgeben wollte, mußte das Land verlassen und viele, viele Tausende taten dies; es wurde als Gnade betrachtet, wenn den Flüchtlingen eine unzureichende kurze Frist zum Verkauf ihrer beweglichen Habe gelassen wurde. Aus einer solchen Provinz, der einzigen, welche dem geistigen Leben der Deutschen in späterer Zeit wieder erobert wurde, sei hier das Geschick einer kleinen Stadt mitgeteilt, gerade deshalb, weil nicht die Monotonie des Elends, sondern andere charakteristische Seiten des alten Bürgerlebens zu erkennen sind. Da, wo das Riesengebirge in die schlesische Ebene hinabfällt, liegt in fruchtbarem Tal, am Ufer des Bobers, die alte Stadt Löwenberg, einer der ersten Orte, welche in Schlesien nach deutschem Recht eingerichtet wurden. Schon im Mittelalter eine kräftige Gemeinde, zählte sie im Jahre 1617 in Stadt und Vorstädten 738 Häuser und wenigstens 6500 Einwohner Im Jahre 1770 erst 2126 Einw., im Jahre 1845 4500 Einw. . Stattlich erhob sie sich zwischen Wiesenstreifen und Wald mit starken Mauern, Gräben und Tortürmen. Sie war angelegt wie fast alle deutschen Städte Schlesiens, in der Mitte ein großer Markt, »der Ring«, welcher das Rathaus und vierzehn »Bauden«, privilegierte Häuser mit Schank- und Handelsgerechtigkeit, umschloß; die Häuser der inneren Stadt von Stein, den hohen Giebel der Straße zugewendet, bis zu seiner Spitze vier bis fünf Stockwerke. Einst war der Unterstock zu »Lauben« gemauert gewesen; diese bedeckten Gänge waren seit etwa 60 Jahren abgeschafft. Die Häuser enthielten im Unterstock eine große Hausflur und ein starkes Gewölbe, dahinter eine große Stube, in ihr den Backofen und über diesem eine hölzerne Bühne, die den hinteren Teil des Zimmers einnahm, zu ihr führte eine Treppe, die Bühne war Speiseraum, der vordere Teil Schlafraum der Familie. Im Stock darüber war eine gute Stube, mit Holzwerk getäfelt, alles übrige war Kammer und Bodenraum, zu Waren, reichlichem Hausrat, dem Getreide, der Wolle. Denn Löwenberg war eine berühmte Tuchmacherstadt; im Jahre 1617 verfertigten 300 Tuchmacher 13 702 Tuche Ein »Tuch« hielt nach Nürnberger Rechnung 32 Ellen, ein »Saum« 11 Tuch; ein »Barchat« (halb Leinen, halb Wolle) 22 Ellen; »Tuch« und »Barchat« bezeichnen den Stoff und sein Maß. , und bis tief nach Böhmen und in das Reich, vorzüglich aber nach Polen trug der Händler ihre dauerhafte Arbeit. Das Stadtsignal, ein Löwe im Mauertor, war von lauterem Gold. Im Jahre 1629 hatte die Stadt bereits viel vom Krieg gelitten. Die Bürger verwildert, zerquält, hatten den größten Teil ihres alten Mutes verloren. In den Nachbarstädten hauste das kaiserliche Dragonerregiment Liechtenstein, welches mit Säbel und Pistolenschrauben die bekehrenden Jesuiten unterstützte. Die Bürgerschaft der Stadt Löwenberg, mit ihrer Ankunft bedroht, wurde gezwungen, ihre alten Geistlichen zu entlassen. Mit Tränen schieden sie, laut weinend begleitete sie die Volksmenge in ihre Wohnungen und trug ihnen zur Sühne die letzten Abschiedsgeschenke zu. Die Jesuiten folgten; in der Nacht, bevor sie kamen, richtete sich ein Uhu zum Schrecken der Bürgerschaft auf dem Kirchturm häuslich ein und ängstigte die Stadt allmählich durch sein Geheul. Die Jesuiten predigten, wie ihre Art war, täglich, versprachen Freiheit von aller Kontribution und Einquartierung, besondere Gnade und Privilegien des Kaisers, den Widerspenstigen aber auch das zeitliche Verderben. Sie brachten es soweit, daß die geängstigte Bürgerschaft selbst den Rat drängte, die »Konfirmation« anzunehmen; die meisten Männer der Gemeinde genossen das Abendmahl nach katholischem Brauch, den Kelch ungesegnet. Die standhaften Bürger aber mußten in das Elend ziehen. Doch kaum hatten die Jesuiten die Stadt verlassen, so fiel das Volk wieder ab, die Bürger liefen auf die benachbarten Dörfer, wo sich noch evangelische Geistliche erhalten hatten, ließen dort trauen und taufen; ihre Kirche stand unter einem katholischen Pfarrer leer. Neue Drohungen, neue Gewalttaten. Der redliche Bürgermeister Schubert ward in hartes Gefängnis abgeführt, aber der Rat erklärte jetzt männlich, bei der augsburgischen Konfession sterben zu wollen; die Bürgerschaft bedrängte sogar den Landeshauptmann in wildem Tumult. Da ritten die Exekutoren des Kaisers, die »Seligmacher«, durch die Tore. Der größte Teil der Bürger floh mit Weib und Kind aus der Stadt, alle Dörfer waren voll Exulanten, sie wurden durch Soldaten und abtrünnige Bürger mit Gewalt zurückgeholt und ins Gefängnis gesetzt, bis sie Beichtzettel vorwiesen; die weiter geflohenen wurden nach Sachsen getrieben. Jetzt wurde ein neuer Rat eingesetzt, wie es in solcher Zeit zu gehen pflegt, aus übel berüchtigten und untüchtigen Männern, die verlassenen Bürgerhäuser wurden geplündert, viele schwer beladene Wagen mit Hausrat von katholischen Nachbarn den Soldaten abgekauft und fortgeführt. Der neue Rat wirtschaftete gewissenlos, der Königsrichter – ein bekehrter Löwenberger Advokat – und die Ratsherrn mißhandelten die heimlichen Protestanten und suchten sich aus dem Stadtvermögen zu bereichern. 250 Bürger lebten mit ihren Familien als Exulanten, die eine Seite des Marktes war ganz unbewohnt; dort wuchs langes Gras, und das Vieh weidete darauf. Im Winter trieb Hunger und Kälte wenigstens Frauen und Kinder in die zerstörten Häuser zurück. Einige Zeit war der leitende Geist des neuen Rates ein zugezogener Franziskaner, Julius, gewesen, ein verwegener Gesell, gar nicht wie ein Mönch, der unter seiner Kutte goldene Armbänder trug. Dann wurde ein katholischer Pfarrer Exelmann, Sohn eines evangelischen Predigers, eingesetzt. Aber wie zerschlagen auch die Bürgerschaft war, das Amt des Pfarrers und der neuen Stadtregenten war doch nicht ohne Widerspruch. Noch waren nicht alle Mächte der Stadt bezwungen. Wie die Opposition widerstand, sei hier nach dem Bericht eines Zeitgenossen, welchen der fleißige Sutorius in seiner Geschichte von Löwenberg (172 Teil II) abgedruckt hat, mitgeteilt. Am Morgen (9. April 1631) früh kamen die nachfolgenden Herren, als erstlich der Pfaffe, zweitens der Königsrichter, welcher ein Advokat Elias Seiler war, drittens Georg Mümer Se. Wollenweisheit, ein Tuchmacher, viertens Schwob Franze, ein Tuchmacher, fünftens Doktor Melchior Hübner, ein gewesener Mühlknecht und verdorbener Bäcker, sechstens Meister Daniel Seiler, ein Tischler, siebentens Peter Beier, der Stadtschreiber, auf dem Rathause zusammen und besetzten den Ratsstuhl. Der Herr Bürgermeister lag an Podagra krank. Da proponierte der Pfaffe, der die Oberhand im Rat hatte, mit diesen Worten: »Ihr meine geliebten Kirchkinder, nachdem ich von euch vernommen, daß ihr an Königlicher Majestät Hof nach Wien eine Absendung tun wollt, so habe ich und der Herr Königsrichter reiflich befunden, daß vor eurem Aufbruch alle Weiber zu unserer Religion gezwungen würden. Dadurch werdet ihr euch bei Hofe eine große Gnade zuwege bringen. Ich will auch nicht unterlassen, euch durch Handbriefe bei meinem hochgeehrten Herrn Vetter, dem Herrn Pater Lemmermann, jetzo Königlicher Majestät Beichtvater, der gewiß in allen geheimen Ratschlägen viel gilt, zu rekommandieren, wie fleißig und eifrig ihr gewesen und die Weiber zurecht gebracht habt, so daß euch allen, die ihr jetzo beisammen seid, ein sonderlich Gratial gegeben werden soll. Derowegen fahret eifrig fort. Wollen sie nicht gutwillig, so habt ihr Gefängnisse genug, sie damit zu zwingen.« Auf diese Proposition wurde herumvotiert, und sagte zuerst der Königsrichter: Ja, ihr Herren, weil ich solche Reise zum Besten gemeiner Stadt gutwillig auf mich nehmen will, so befinde auch ich für sehr gut, man nehme diese Geschöpfe mit Eifer und Ernst vor. Wollen Sie nicht gutwillig, so sperre man die vornehmsten ein. Was gilt's, die andern werden bald nachgeben. Sie werden kommen und bitten, daß man sie herauslasse. Es würde auch mancher froh sein, daß die seine wegliefe und er sie los würde. Haben wir die Männer zurecht gebracht, so wollen wir's mit diesen Bestien auch machen.« Herr Mümerus, Seine Wollenweisheit, sagte: »Ihr Herren, ich bin nun ein Witwer bald ein halbes Vierteljahr; ich weiß davon zu sagen, was einer für Kreuz hat, wenn ihm von seinem Weib Tag und Nacht das Gewissen gerührt wird. Es wäre wohl gut, wenn Mann und Weib einen Glauben und ein Vaterunser hätten, mit den zehn Geboten möchte es nicht so dringend sein. Es wäre auch gut, daß die Weiber täten wie wir, weil sie unser Einkommen mit genießen und Ratsfrauen werden. Allein ich besorge, es wird schwer angehen. Ich wollte lieber fast raten, man konsultierte hierüber zuvor den Herrn Landeshauptmann, wie er es mit seinem eigenen Weib anstellen wollte. Man könnte dann einen bessern Nachdruck geben, wenn man einen bestimmten Befehl dazu hätte. Mein Weib hätte ich wohl nimmermehr dazu gebracht!« Schwob Franze sagte: »Ihr Herren, mein Weib ist mir, wie ihr wißt, dieser Tage gestorben, so daß ich nunmehr wieder frei und ein Witwer bin; ich weiß auch davon zu sagen, wie ich von meinem bösen Weib wegen des Papsttums geplagt worden bin. Gleichwohl weiß ich nicht, wie man die Sache recht angreifen soll. Es hat gleichwohl noch hübsche Weiber und Witwen unter den lutherischen Ketzern. Wäre es auch gut und übers Herz zu bringen, daß man sie alle auf einmal wegjagte und einsperrte? Ihr Herren, ihr werdet's wohl machen. Ich bin der Meinung wie mein Herr Kollege Mümer. Wenn ich heute oder morgen freie, muß mein Weib meinen Glauben haben oder den Mund über den Glauben halten.« Hierauf fing nun Doktor Melchior an: »Ihr Herren, Gotts Sakrament, ma – ma – man sperre sie nur zusammen ein und la – la – lasse keine heraus, wenn sie gleich im Gefängnis verfaulen sollten, bis sie es zusagen. Ich habe gestern mein Hauskreuz darüber geschlagen. Der Teu – Teufel ho – ho – hole mich, sie muß es tun, oder ich jage sie ganz davon.« Meister Daniel sagte: »Ihr meine hohen und wohlgroßgünstigen Herren, fahret in solchem guten Werk nur mit Gewalt fort. Der Landeshauptmann hat uns hierin nicht zu befehlen, er sehe selbst zu, wie er seine ketzerische Frau zurechtbringt, welche kein geringes Ärgernis und ein Spiegel für unsere Weiber ist. Derowegen bitte ich, man fahre gegen die Weiber mit der Exekution fort.« Des Herrn Stadtschreibers Peter Baiers Votum war: »Ihr Herren, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich habe eine böse Sieben, die beißt um sich wie der Teufel. Ich traue mir nicht, sie zu bändigen. Könnt ihr's tun, so versucht's. Ich rate aber, daß man anfangs freundlich mit den Frauen rede, ihnen Bänke setzen lasse in der Ratsstube und sie niedersitzen heiße, ob es möglich wäre, daß man sie mit guten Worten und hernach erst mit Drohung bekehren könnte. Vielleicht nehmen sie sich's zu Herzen.« Hierauf wurde das Konklusum gemacht von dem Pfaffen und Königsrichter. Sie sagten: »Die Zeit ist kurz, man kann nicht viel Frist geben, es heißt hier: ›Friß, Vogel, oder stirb.‹« Es läutete deswegen der Königsrichter dem Stadtknecht und fragte: »Sind die Weiber draußen?« Er sagte: »Nein, es ist noch keine da.« Darauf befiehlt ihm der Richter: »Geht hin, ihr werdet sie entweder bei mir oder bei der Frau Geneußin finden.« Der Stadtknecht fand aber bei dem Königsrichter niemand, bei der Frau Geneußin etwa eine Mandel Weiber beisammen. Zu diesen sagte er: »Ihr Frauen, es läßt der Herr Pfarrer nebst dem Herrn Königsrichter und einem Ehrbaren Rat den Frauen einen guten Morgen sagen und daß sie aufs Rathaus kommen sollten, die Herren wären beisammen.« Darauf gab die Königsrichterin zur Antwort: »Ja, ja, sagt ihnen einen guten Morgen wieder; wir werden bald kommen.« Also gingen die Frauen Paar und Paar, die Königsrichterin und Bürgermeisterin voran, und stiegen die Ratstreppe hinauf. Die anderen Frauen aber, so sich in den Brotbänken und sonst hin und wieder in Häusern gesammelt hatten, kamen in großer Anzahl truppweise hinterdrein. Als nun der Diener im Rat angesagt, daß die Frauen da wären, fing der Königsrichter an: »Laßt sie herein.« Der Diener sprach: »Herr, sie alle haben hier drin nicht Raum. Ich halte dafür, daß ihrer ein halbes Tausend beisammen ist. Das Rathaus ist bald ganz voll. Sie sitzen auch schon zum Teil auf den Pfeiferstühlen.« Da fing der Pfaffe an: »Ei, ei, halt still, das ist nicht gut. Ich habe nichts anderes gemeint, als daß zuerst nur die vornehmsten Frauen von Rat, Schöppen und Geschworenen heraufgefordert würden. Ei, ei, was habt ihr getan!« Da sprach der Diener: »Ew. Ehrwürden lassen sich berichten: Als mir gestern der Herr Königsrichter befahl, ich sollte alle Weiber, die nicht bekehrt wären oder es nicht werden wollten, herauffordern und bei seiner Frau anfangen, habe ich solches bestellt, und weil es ziemlich spät war, sagte ich den meisten, die mir begegneten, eine sollte es der andern anzeigen, daß sie morgen bei Strafe kämen und nicht ausblieben. Ich vermeine, daß ich nicht unrecht getan habe.« Da sprach der Pfaffe abermals: »Ei, ei, ihr Herren, ihr Herren, das ist nicht gut. Ich weiß nicht, wie man's macht, daß man einen Teil der Weiber los werde.« Darauf sagte der Königsrichter zum Pfaffen: »Geben sich Ew. Ehrwürden nur zufrieden; wir wollen die Sache schon machen und anfangs nur die vornehmsten Weiber hereinfordern. Wenn sie sehen, daß man ihnen durch den Sinn fährt oder sie gar einsperren lassen will, werden sich die andern bald verlieren und davonlaufen.« Es wurde deshalb beschlossen und dem Diener angedeutet, er solle den erwähnten Frauen ansagen, daß sie allein hereinkommen sollten. Als nun der Diener solches ausgerichtet, fing die Königsrichterin an: »Mit nichten, wir lassen uns nicht trennen; wo ich bleibe, da bleibt auch mein Schwanz. Sprecht, wir lassen bitten, man solle uns nur vorlassen.« Solches berichtete der Diener wieder dem Rat hinein. Da entrüstete sich der Königsrichter und sagte mit großem Ernst: »Geht wieder hinaus und saget den elementischen Weibern, sie sollen sich nicht widerspenstig und ungehorsam zeigen, oder sie sollen erfahren, wie man mit ihnen umgehen werde.« Dann ging der Diener wieder hinaus und überbrachte den Befehl ernstlich; aber die guten Weiber bestanden auf ihrer vorigen Meinung und sagten, sie begehrten zu wissen, warum man sie gefordert hätte; keine lasse sich von der andern trennen, wie es einer ergehe, solle es allen ergehen. Es war darüber unter den Weibern ein großes Getümmel und Gemurmel, daß es die Herren in der Stube wohl hören konnten. Als der Diener solche Antwort wieder hereinbrachte, erschraken sie, daß sie lieber gesehen hätten, die Weiber wären ich weiß nicht wo. Es wurde daher einhellig beschlossen, den Herrn Stadtschreiber hinauszusenden, damit er ihnen beweglich, doch freundlich mit guten Worten zuspräche, daß doch die vornehmsten Frauen hineinkommen wollten, die andern möchten nach Hause gehen; keiner solle ein Leid widerfahren. Aber alles war vergeblich. Die Weiber blieben fest, nicht voneinander zu weichen. Und die Königsrichterin fing an und sagte zum Stadtschreiber: »Ja, ja, Lieber, ja, meint Ihr auch, daß wir so einfältig sind und den Possen nicht merken, wie man uns arme Weiber wider unser Gewissen zwingen und dringen will, den Glauben zu wechseln? Mein Mann und der Pfaffe sind in diesen Tagen nicht vergebens zusammengelaufen, haben fast Tag und Nacht beieinander gesteckt, gewiß haben sie einen Teufel gekocht oder gebraten, den mögen sie auch selber aufessen; ich gehe nicht mit hinein. Wo ich bleibe, da bleibt auch mein Schwanz und Anhang.« Sie wandte sich herum zu dem andern Haufen und sprach: »Ihr Frauen, ist das euer Wille?« Da ward abermals von allen Weibern großes Geschrei: »Ja, ja, nun wohlan, wir stehen alle für einen Mann.« Hierüber erschrak nun der Herr Stadtschreiber heftig, er lief eilend wieder in den Rat und brachte mit Wehmut den Handel vor, daß der Rat in nicht geringer Gefahr wäre, denn er habe gesehen, daß fast jede Frau ein großes Gebund Schlüssel an der Seite hangen hätte. Das Schlüsselbund war im Mittelalter nicht nur bedeutsames Rechtssymbol, auch die volkstümliche Waffe der Frau. Darüber entfiel ihnen der Mut ganz und gar, sie hingen die Köpfe und wußten weder aus noch ein; einer wünschte sich hier, der andere dort hinaus. Doktor Melchior faßte noch einen Mut und sprach zum Pfaffen: »Potz Sakrament, wohlehrwürdiger Herr, hätte ich nur jetzt ein paar hundert Musketiere, ich wollte das Pa – Pa – Pack wohl niedermachen lassen, außer denen, die auf die Knie niederfielen.« Zuletzt kolligierte sich der Herr Stadtschreiber etwas. »Ihr Herren, ich wüßte wohl Rat, wie wir hinab und von den Weibern fortkämen. Wenn die Herren beide Türen am Rathause zuschließen lassen, wollen wir stillschweigend aus der untersten Ratsstube durch die Turmtüren hinaus und uns davonmachen; so werden sie nicht gewahr, wo wir hinkommen. Doch ich weiß nicht, wo die Schlüssel zu den Turmtüren sind.« Dieser gute Rat gefiel allen wohl, die Schlüssel wurden eifrig gesucht, unterdes aber die Stadtknechte hereingerufen und befehligt, den Weibern anzudeuten, sie möchten sich ein wenig gedulden. Die Stadtknechte aber sollten sehen, wie sich einer zur vordern, der andere zur hintern Tür spielen könnte, darauf sollten sie jählings hinauslaufen und die Tür hinter sich zuschlagen. Dieser Anschlag glückte, die guten Weiber, deren 263 waren, wurden so eingesperrt. Der Stadtschreiber aber machte die Turmtüren, die seit etlichen Jahren nicht eröffnet worden, geschwinde auf, kam gelaufen und rief: »Ihr Herren, fort, fort, das Loch ist offen; aber still, still, um Gottes willen still, daß es die Weiber nicht inne werden, sonst betrügt uns der Teufel.« Darauf liefen sie, was jeder laufen konnte, zum Teil ohne Hut und Handschuh, einer lief heim, der andere zum Nachbar, und wo jeder in der Eile sicher zu sein vermeinte. Alle wußten von erschrecklicher Angst zu sagen. Der Pfaffe lief in vollem Trab die Kirchgasse hinauf, sah mehr rückwärts als vor sich, ob die Weiber etwa nachfolgen und ihm mit den Schlüsseln zur Messe läuten wollten. Er schloß das Pfarrhaus hinter sich zu, wie die Stadtknechte das Rathaus. Er war so matt, daß er weder essen noch trinken mochte, seine beiden Damen hatten genug an ihm zu kühlen. Als nun die versperrten Weiber, welche zum Teil an den Fenstern saßen, das Geschrei hörten, so unten in der Stadt umherging, daß die ehrenfesten Herren so fein ausgerissen wären, lief die Königsrichterin zur Ratstubentür, klinkte auf, rief überlaut mit großer Verwunderung: »Der Teufel hat die Schelme alle hinabgeführt; seht, da liegt ein Hut, ein Handschuh, ein Schnupftüchel, alle Türen sind offen. Kommt, laßt uns selbst zu Rat sitzen und nach unsern Männern schicken, sie sollen bei Strafe kommen und unsern Bescheid anhören.« Darauf ward von allen Weibern ein großes Geschrei und Gelächter. [...] Zuletzt aber traten die Frauen doch zu Häuflein, zu zehnen und zwölfen, sie beklagten ihre Männer, Kinder und Säuglinge, die würden nichts zu essen haben. So wurden sie einig, durch etliche Weiber, die draußen vor der Tür warteten und auch gern drinnen bei den versperrten gewesen wären, den Königsrichter zu bitten, sie loszulassen und ihnen anzuzeigen, weshalb man sie heute auf das Rathaus gefordert. Unterdes aber empfand der Königsrichter, daß er jetzt beim Heimgang vom Rathaus klüger geworden, als er heute früh beim Hinaufgehen gewesen, ihm deuchte, nicht alle Männer möchten so gegen ihre Frauen gesinnt sein als er. Auch sah er ein ziemliches Laufen um das Rathaus von Kindern und Gesinde, die den Frauen gern etwas von Speise und Trank zutragen wollten, ja es war von einem guten Freund schon angestellt, den lieben Weibern ein ganzes Viertel Bier zum Labsal zuzustoßen. Überdies fand sich auch schon eine Anzahl Männer zusammen, welche zu wissen begehrten, was ihre Frauen getan, daß man sie eingesperrt hätte. Da faßte der Königsrichter wieder einen Mut und ließ die Herren cito citissime in sein Haus zu einer notwendigen Unterredung zusammenbitten. Die vier Herren des Rates und der Stadtschreiber wurden mit großer Mühe gefunden, der Pfaffe aber hatte sich tief versteckt und ließ sich wegen Mattigkeit und weil er Ruhe nötig hätte, entschuldigen. Es ward aber eine wiederholte Absendung an ihn beschlossen, die dem Pfaffen zu Gemüt führte, er müsse sich unfehlbar einstellen, weil er diese Händel mit verursacht habe. Unterdes kam der Ratsdiener ans Rathaus gelaufen, auf wessen Geheiß, weiß man nicht, rief durch die verschlossene Tür seine Frau, die mit im Konklave war, und sagte ihr: »Deutet den andern Frauen an, daß die Herren jetzt wieder beim Königsrichter zusammengekommen sind; man wird bald heraufschicken und das Rathaus öffnen lassen, damit eine jede wieder heimgehe.« Darauf gab die Königsrichterin Antwort: »Ja, gar gern wollen wir uns gedulden, sitzen wir doch im Trocknen. Aber sagt ihnen auch, sie sollen uns berichten, warum man uns heraufgefordert und ohne Verhör eingesperrt hat.« Der Pfaffe ließ sich endlich bewegen und kam zum Königsrichter in den Rat. Sie klagten einander anfangs heftig ihre Mattigkeit wegen großer ausgestandener Angst und Gefahr, weshalb ihnen auch geschwind ein Labetrunk Wein herumgegeben ward; was sie aber sonst damals für Anschläge gemacht, habe ich so genau nicht erfahren können, weil alles in Eile und stehend geschah und kein Protokoll daneben gehalten ward. Gewiß aber ist es, daß sie sich, wie bei Lumpenleuten Gebrauch ist, ziemlich gebissen und einer dem andern bald dies, bald das an den Bart geworfen haben. Doch zuletzt wurden sie einhellig, eine Absendung an die versperrten Frauen zu tun, dieselben cito loszulassen und auf das allerfreundlichste zu bereden, damit sie das Rathaus wieder quittieren möchten. Zur Absendung wurden vermocht Herr Mümer, Meister Daniel und Herr Notarius. Als diese ankamen, wurde die Tür sogleich geöffnet, und die Abgesandten traten mitten unter die Weiber in einen Kreis. Da fing der Stadtschreiber so an: »Ehrbare, viel ehr- und tugendsame, insonders großgünstige, liebe Frauen! Der Herr Pfarrer nebst dem Herrn Königsrichter und ein wohlweiser Rat lassen den Frauen samt und sonders einen guten Tag vermelden, verwundern sich höchlich, daß die Frauen die Sache so übel aufgenommen und anders verstanden haben, als sie gemeint war. Und weil die Frauen so inständig begehrt haben zu wissen, warum dies geschehen, so haben gemeldete Herren uns abgefertigt, mit Wahrheit dies zu vermelden. Erstens, weil nunmehr die Marterwoche herbeikäme, an welcher in der Kirche vornehmlich von dem heiligen Sakrament gepredigt wird, so hätte man die Frauen christlich und treulich vermahnen wollen, daß sie sich dazu fleißig einstellen möchten. Zweitens wird gebeten, daß am bevorstehenden Osterfest sich die Frauen ebenfalls sämtlich einstellen und mildreich erzeigen wollen, weil des Herrn Pfarrers Akzidenzien bei so geringer Anzahl der Bürger gegenwärtig schlecht wären.« Nach solchem Anbringen des Stadtschreibers wollte es Meister Daniel, der Tischler, noch besser machen und sprach: »Meine großgünstigen Frauen! Die Frauen sollen es nicht anders verstehen, als daß dies eine freundliche Unterredung ist, und daß gar keine Gewalt angewendet werden soll. Denn meine Herren und ein hochweiser Rat haben nicht den Gebrauch einen henken zu lassen, bevor sie ihn haben.« Auf diese leichtfertige, unbesonnene Rede, die doch ganz und gar nicht dem Rat diente, stießen ihn Herr Mümer und Herr Notarius selbst auf der Stelle an, unter den gesamten Weibern aber wurde ein großes Gelächter und Getümmel.»Ja, ja, jetzt hören wir wohl, sie vergleichen uns Leuten, die gehenkt werden sollen. Ihr selber seid solche Gesellen untereinander. O ihr ungetreuen Schelme, ihr Kornwucherer, ihr Wolldiebe!« Darauf schrie die Königsrichterin: »Still, still, ihr Weiber!« und sprach zu Meister Daniel: »Hört, lieber Schwager, Ihr versteht's nicht, seid auch viel zu geringe, uns wider unser Gewissen zu zwingen. O wie wird Euch Gott strafen und meinen Mann dazu, der so öffentlich wider sein Gewissen handelt. Euer beider lieber seliger Vater ist ein stattlicher lutherischer Geistlicher gewesen, der hat Euch etwas anderes gelehrt. Jetzt sprecht Ihr, Ihr seid gut katholisch. Zu Euren Schelmstücken braucht Ihr Euren neuen Glauben; wenn Ihr betrunken seid, redet Ihr selber schandlos genug von der Mutter Gottes, und wenn Ihr zu Euren schlechten Dirnen geht, nennt Ihr Euch nicht anders als Marienbrüder. Oh, wenn man Euch Euren Gewinn abschaffen wollte, den Ihr aus Euren Ämtern und aus den Gütern gemeiner Stadt macht und den Ihr doch alle wieder verfreßt und vertrinkt, wenn Ihr wieder Hobelspäne machen und tapfer arbeiten müßtet, daß Euch warm würde, wie bald solltet Ihr Euer Papsttum wieder los werden. Daß Euch Gott strafe! Nimmermehr sollt Ihr uns unsern Glauben nehmen. Ihr selbst werdet noch darüber gehenkt werden.« Die Frau Bürgermeisterin sagte: »Habt ihr sonst nichts mit uns zu reden gehabt, so hätte das auch der Pfarrer von der Kanzel tun können, und man hätte uns deshalb nicht einsperren dürfen. Ich lasse mich nicht so zur Kirche zwingen. Bei unseren vorigen Pfarrern und Predigern bin ich mit großer Freude zur Kirche gegangen, habe dort Trost aus Gottes Wort genommen; jetzt werde ich nur noch mehr darin betrübt und geärgert, daß es Gott im Himmel zu klagen ist. Was den Opferpfennig anbelangt, so steht es einem jeden frei, wer ihn zu geben hat, der mag ihn geben.« Hierauf schrien die andern Weiber überlaut: »Ja, einen Teufel wollen wir dem Pfaffen auf den Kopf geben.« Die Herren Abgesandten erschraken über solche Reden, baten um ihren Abtritt, sagten kein Wort weiter und gingen davon. Als nun die Herren Abgesandten beim Königsrichter wieder ankamen, war der Pfaffe und die anderen Herren schon wieder davongegangen; sie machten ihre Relation und gingen auch nach Hause. Die Frauen waren nun gleichfalls ihres Arrestes entledigt. Dem Königsrichter aber stieg die Sache ernstlich zu Kopf, er nahm es sich zu Herzen, daß ihn seine Gedanken so schändlich betrogen und die Sache zu einem ewigen Spott für ihn ausgelaufen war. Er ging in der Stube auf und ab, murmelte mit sich selbst, zuletzt sagte er: »Gebt mir was zu essen.« Als der Tisch gedeckt und von seiner Magd und Kindern aufgetragen wird, eine Schüssel Krebse und ein Stück Weißbrot und Käse, auch Butter, erzürnt sich der gute Herr heftig, nimmt zuerst das liebe Brot, dann die Butter mit der zinnernen Buttermulde und wirft sie zum Fenster hinaus auf den Markt. Auch die Krebse alle wirft er in der Stube herum, greift auch nach der Wurst, die auch auf dem Tisch stand, welche die Kinder aus Hunger wohl gemocht hätten, weil sie damals den ganzen Tag noch nichts gegessen hatten. Ja, er war so ergrimmt, daß er aus der Stube hinauslief, Schüsseln und Tiegel zerschlug und alles, was ihm unter die Hände kam, daß darüber ein Zulauf von den Nachbarn geschah. Danach lief er ins Stübel hinauf und hielt ein großes Geschrei und Wesen nur mit sich selbst, als wenn alles voller Leute wäre. Den andern Tag stand er früh auf, verreiste und übertrug sein Amt dem Doktor Melchior. – An diesem Tage ruhten die Herren aus bis gegen Abend. Da rief der Pfarrer den Stadtknecht zu sich und befahl ihm, daß er in seinem und des Doktor Melchiors als des Vize-Königrichters Namen die Frau Bürgermeisterin und die Frau Geneußin auf morgen früh nach der Messe zu ihm auf den Pfarrhof fordern solle. Das bestellte der Stadtdiener. Die Bürgermeisterin gab zur Antwort: »Ja, ja, ich will kommen, will es aber zuvor meinem Herrn sagen.« Als sie aber zur Frau Geneußin kam und es ihr auch anmeldete, war bei dieser der Eidam, Herr Krekler, der nachher Bürgermeister wurde, der gab den Bescheid: »Ist der Pfaff und Doktor Melchior euer Herr? oder sind sie die Herren meiner Frau Schwiegermutter? Antwortet, daß sie nicht kommen, es befehle ihnen denn der Herr Bürgermeister.« Das sagte der Stadtknecht dem Bürgermeister; der besann sich etwas, endlich sagte er: »Meinetwegen, sie sollen gehen, ich bin es zufrieden, damit man mir nicht die Schuld gebe.« Am Morgen Freitag um die angeordnete Stunde ging die Frau Bürgermeisterin zum Pfaffen; die Frau Königsrichterin, welche doch gar nicht gefordert war, ebenfalls mit der Frau Geneußin. Da fing der Pfaffe an aufs freundlichste mit ihnen zu reden und bat sehr höflich, sie sollten sich doch bequemen und die heilige, alleinseligmachende Religion annehmen, wie ihre Herren auch getan hätten. Sie würden sehen, wie wohl man sich dabei befände, und wie wohl es ihnen ergehen würde. Darauf gaben die Frauen sogleich zur Antwort: »Nein, wir sind von unsern Eltern und vorigen Predigern anders unterrichtet worden; dabei befinden wir uns gar wohl. In eure Religion können wir uns nicht schicken.« Darauf sagte der Pfarrer: »So kommen die Frauen doch nur zur Kirche, oder wenn sie Kummer oder Bedenken haben, zu mir, sooft sie wollen; ich will sie gewiß fleißig unterrichten.« Die Frauen gaben zur Antwort: »Nein, der Herr darf sich unsertwegen keine Mühe geben, wir tun's nicht.« »Ei,« sprach der Pfaffe, »so geben die Frauen doch gute Exempel, und gehen sie wenigstens zur Kirche und zur Messe und ärgern nicht etwa andere, die schon erklärt haben, wenn die Frauen gingen, so wollten sie auch gehen.« Die Frauen antworteten: »Aber wir tun's nicht. Wir wollen auch niemand wehren. Das sind Gewissenssachen, darüber hat niemand als Gott zu richten.« Als nun der Pfaffe sah, daß alles vergebens war, bat er: »Ei, ei, sagen sie doch wenigstens zu den andern Frauen und Weibern, sie hätten sich vierzehn Tage Bedenkzeit ausgebeten und auch erlangt.« Darauf antworteten die Weiber fast im Zorn: »Nein, lieber Herr, wir haben von unsern Eltern nicht lügen gelernt, wir wollen's von Euch auch nicht lernen; wir bitten, Ihr wollt uns verschonen.« So gingen sie davon. Während aber die drei Frauen beim Pfaffen waren, fanden sich unterdes zum Verwundern schnell eine große Menge Weiber zusammen, viel mehr als das erstemal beieinander gewesen. Dies nahm Herr Schwob Franze wahr, kam eilend und keuchend zum Bürgermeister gelaufen und sagte: »Herr, ich bitte Euch um Gottes willen, habt ein Einsehen und wehrt dem Pfaffen die Händel mit den Weibern, es sind ihrer wieder eine große Menge beisammen, die ganzen Brotbänke und alle Häuser in der Kirchgasse sind voll. Hilf mir Gott, sie erschlagen uns mitsamt dem Pfaffen; ich laufe davon.« Der gute Bürgermeister lag so krank zu Bett, daß er weder Hand noch Fuß regen konnte. Er schickte eilend nach dem Pfaffen und sagte ihm ziemlich deutsch, was er für abenteuerliche Händel anfinge, dergleichen sonst in keiner Stadt gehört worden. Würde ihm von den Weibern Ungelegenheit begegnen, so wolle er nicht schuldig sein. Darauf fing der Pfaffe an: »Ei, nein, Herr Bürgermeister, der Herr erzürne sich nicht so. Ich sehe, daß ich von dem leichtfertigen Mann, dem Doktor Melchior, betrogen bin, der die Sache ganz anders berichtet hat. Ich bitte, der Herr lasse den Weibern andeuten, daß sie wieder nach Hause gehen; es soll gewiß nicht mehr geschehen, was geschehen ist, das versichere ich dem Herrn hiermit.« Als dies die Weiber hörten und daß den Frauen nichts weiter begegnet war, als was oben erzählt ist, waren sie auch zufrieden, gingen heim und legten ihre Schauben und Schlüsselbunde weg, jedoch nicht weit von sich, damit sie solche im Falle der Not bei Tag und Nacht sogleich zur Hand hätten. Soweit der alte Bericht. Der Geistliche mußte das Jahr darauf Löwenberg schimpflich verlassen, weil seine ärgerlichen Händel nicht aufhörten. Er hatte unter anderm einen öffentlichen Bierschank mit Schöps, dem alten schlesischen Bier, errichtet. Der böse Doktor Melchior wurde später in Desperation Soldat und bei Prag gehenkt. Und die tapfern Frauen? – Wir hoffen, sie sind mit ihren Männern nach Breslau oder nach Polen geflüchtet. Von 1632 verfiel die Stadt mit jedem Jahre mehr; bald Schweden, bald Kaiserliche, bald evangelische, bald katholische Seelsorger; im Jahre 1639 hatte die Stadt noch vierzig Bürger und eine Schuldenlast von anderthalb Tonnen Goldes; 1641 deckten die Bürger selbst ihre Häuser ab, um keine Steuern mehr zu zahlen, und hausten in Strohhütten. Als der Friede kam, war die Stadt fast ganz »über den Haufen gefallen«. Im Jahre 1656, acht Jahre später, waren wieder 121 Bürger, ungefähr 850 Einwohner in Löwenberg; etwa 87 Prozent der Bevölkerung waren untergegangen. XXII Der Dreißigjährige Krieg Der Friede Festmahl der Gesandten zu Nürnberg. – Festfeier in einem thüringischen Dorfe. – Zustand des Landes nach dem Kriege. – Seine Verwüstungen. Versuch einer Schätzung Der Friede war unterzeichnet, die Gesandten hatten einander zur Bestätigung feierlich die Hand gereicht, auf allen Straßen ritten die Trompeter, das glückliche Ereignis zu verkündigen. Zu Nürnberg hielten die Kaiserlichen und die Schweden im großen Saale des Rathauses das Friedensbankett. Die hochgewölbte Halle war glänzend erleuchtet, zwischen den Kronleuchtern hingen dreißig Arten Blumen und lebendige Früchte in Goldlahn eingebunden herab; vier Musikchöre waren zu lustigem Spiel aufgestellt, in sechs verschiedenen Zimmern versammelten sich die sechs Klassen der eingeladenen Gäste. Auf den Tafeln standen die beiden ungeheuren Schaugerichte, ein Siegesbogen und ein sechseckiger Berg, bedeckt mit mythologischen und allegorischen Figuren, lateinischen und deutschen Sinnbildern. Aufgetragen wurde in vier Gängen, jeder Gang hundertundfünfzig Speisen, dann kamen die Früchte in silbernen Schüsseln und an »lebendigen« Zwergbäumen, mit denen die ganze Tafel besetzt war, dazwischen brannte feines Rauchwerk, das einen sehr guten Geruch von sich gab. Danach wurde das oberste Blatt der Tafel stückweis abgenommen, der Tisch von neuem mit Tellern und Servietten besetzt und mit kandierten Blumen überstreut, und jetzt folgte das Konfekt, dazu riesige Marzipane auf zwei Silberschalen, von denen jede zehn Pfund schwer war. Und wenn die Gesundheit Seiner Kaiserlichen Majestät zu Wien und Ihrer Königlichen Majestät von Schweden ausgebracht und auf das Gedeihen des geschlossenen Friedens getrunken wurde, mußte auf der Burg aus fünfzehn großen und kleinen Stücken geschossen werden. Zuletzt, als dies Friedensfest bis tief in die Nacht gedauert hatte, wollten die anwesenden Kriegsherrn und Generäle zum Abschied noch einmal Soldaten spielen. Sie ließen sich Ober- und Untergewehr in den Saal bringen, erwählten zu Hauptleuten die beiden Gesandten, Seine Hochfürstliche Durchlaucht den schwedischen Generalissimus Herrn Karl Gustav, Pfalzgrafen bei Rhein, der nachher König von Schweden wurde, und Seine Exzellenz den General Piccolomini, zum Korporal aber den Feldmarschall Wrangel; alle Generäle, Obersten und Oberstleutnants wurden zu Musketieren gemacht. So marschierten die Herren um die Tafel, schossen eine »Salve«, zogen in guter Ordnung auf die Burg und brannten dort vielmals die Stücke los. Bei ihrem Rückmarsch aber wurden sie von dem Herrn Oberst Kraft scherzweis abgedankt und des Dienstes entlassen, weil nunmehr Friede sei. Für die Armen aber wurden zwei Ochsen geschlachtet und vieles Brot ausgeteilt, und aus einem Löwenrachen lief sechs Stunden lang weißer und roter Wein herab. Aus einem größeren Löwenrachen waren dreißig Jahre lang Tränen und Blut geflossen. Und wie die Herren Gesandten, rüstete das Volk in jeder Stadt, in jedem halbzerstörten Dorf eine Festfeier. Welche Wirkung die Friedensbotschaft auf die Überreste der deutschen Nation machte, ist noch aus rührenden Einzelheiten zu erkennen. Den alten Landleuten erschien der Friede als eine Rückkehr ihrer Jugend, sie sahen die reichen Ernten ihrer Kinderzeit wiederkehren, dichtbevölkerte Dörfer, die lustigen Sonntage unter der umgehauenen Dorflinde, die guten Stunden, die sie mit ihren getöteten und verdorbenen Verwandten und Jugendgenossen verlebt hatten; sie sahen sich selbst glücklicher, männlicher und besser, als sie in fast dreißig Jahren voll Elend und Entwürdigung geworden waren. Die Jugend aber, das harte, kriegerzeugte, verwilderte Geschlecht, empfand das Nahen einer wunderbaren Zeit, die ihm vorkam wie ein Märchen aus fernem Land. Die Zeit, wo auf jedem Ackerstück des Winter- und Sommerfeldes dichte gelbe Ähren im Winde wogen, wo in jedem Stall die Kühe brüllen, in jedem Koben ein rundes Schweinchen liegen sollte, wo sie selbst mit zwei Pferden und lustigem Peitschenknall auf das Feld fahren würden und wo kein feindlicher Soldat die Schwestern oder ihr Mädchen mit rohen Liebkosungen an sich reißen durfte; wo sie nicht mehr mit Heugabeln und verrosteten Musketen dem Nachzügler im Busch auflauern, nicht mehr als Flüchtlinge in unheimlicher Waldesnacht auf den Gräbern der Erschlagenen sitzen würden; wo die Dächer des Dorfes ohne Löcher, die Höfe ohne zerfallene Scheuern sein sollten; wo man den Schrei des Wolfes nicht in jeder Winternacht vor dem Hoftor hören müßte, wo ihre Dorfkirche wieder Glasfenster und schöne Glocken haben würde, wo in dem beschmutzten Chor der Kirche ein neuer Altar mit einer seidenen Decke, einem silbernen Kruzifix und einem vergoldeten Kelch stehen sollte, und wo einst die jungen Burschen wieder Bräute zum Altar führen müßten, die den jungfräulichen Kranz im Haar trügen. Eine leidenschaftliche, schmerzliche Freude zuckte damals durch alle Seelen, auch die wildeste Brut des Krieges, das Soldatenvolk, wurde davon ergriffen. Fühlten doch selbst die harten Regierenden, die Fürsten und ihre Gesandten, daß der große Friedensakt die Rettung Deutschlands vor dem letzten Verderben sei. Feierlich und mit aller Inbrunst, deren das Volk fähig war, wurde das Fest begangen. Aus demselben Kreise von Dorferinnerungen, welchem frühere Beispiele entnommen sind, sei auch die nachfolgende Festbeschreibung dem Bankett der Fürsten und Feldherren entgegengestellt. Döllstedt, ein stattliches Kirchdorf des Herzogtums Gotha, hatte schwer gelitten. Im Jahre 1636 hatte das Hatzfeldische Korps den Ort überfallen, großen Schaden getan, die Kirche geplündert, das Holzwerk ausgebrochen und verbrannt, wie solches der Herr Pfarrer Deckner kurz vorher prophezeit hatte. »Dieser liebe Mann«, so schrieb sein Nachfolger, Herr Pfarrer Trümper, »hatte seine Zuhörer mit gerechtem Eifer ihrer Sünden wegen gestraft.« Aber seine Strafen und Warnungen hatte man verlacht, ihm allen Verdruß und Undank erwiesen, den Hopfen von den Stangen geschnitten, das Korn von den Feldern entführt, wie er anno 1634 mit weinenden Augen klagte. So hatte er auch nichts anderes als Gottes gerechte Strafe solchen verstockten Herzen ankündigen können. Nicht nur öffentlich von der Kanzel, sondern auch noch wenige Stunden vor seinem seligen Abschied hatte er solche Klage geführt: »Ach, du armes Döllstedt! wie wird dir's nach meinem Abschied übel gehen!« Und darauf hat er sich gegen die Kirche gewendet und sein mattes und mit dem Tode ringendes Haupt über Vermögen mit Hilfe des Wärters aufgerichtet, als wollte er aus der Kammerecke, wo er sein Leben beschlossen, die Kirche noch einmal ansehen, und hat gesagt: »Ach, du liebe, liebe Kirche! wie wird dir's nach meinem Tode gehen! Mit Besen wird man dich zusammenkehren.« Seine Prophezeiung traf ein: das Dorf hatte im Jahre 1636 an 5500 Gulden Kriegsschaden zu liquidieren, von 1627–1637 zusammen 29 595 Gulden, so daß die Einwohner sich nach und nach verloren und die Stätte fast ganz wüst stand; im Jahre 1636 waren noch zwei Paar Eheleute im Dorf; im Jahre 1641, nachdem Banér und im Winter wieder die Franzosen gewirtschaftet hatten, war ein halber Acker Korn bestellt und vier Einwohner vorhanden. Die eifrige Sorge Herzog Ernst des Frommen von Gotha bewirkte, daß sich in seinem Land die verlassenen Dörfer verhältnismäßig schnell wieder mit Menschen besetzten. Im Jahre 1650 konnte auch in Döllstedt das »Jubel- und Friedensfest« gefeiert werden. Die Beschreibung desselben folgt hier, wie sie der damalige Pfarrer Trümper im Kirchenbuch aufgezeichnet hat. Den 19. August, morgens vier Uhr, sind wir mit unsern Adjuvanten und den Hausleuten von Gotha auf unsern Turm gestiegen und haben den Morgensegen musiziert. Gegen sechs Uhr ist, wie den vorigen Tag um ein Uhr auch geschehen, mit allen Glocken angefangen worden zu läuten, eine ganze Viertelstunde, halb acht wieder so lange. Unterdes hat sich das Volk, Mann und Weib, jung und alt, außer was beim Geläute bleiben müssen, vor dem Tor versammelt, und ist 1. das Weibervolk auf einer Seite gestanden, und vor demselben der Friede, welchen die adeligen Jungfrauen mit einem schönen grünseidenen Kleid und anderem Zierat ganz schön ausstaffiert hatten, auf dem Haupt einen schönen grünen Kranz mit eingemengten gelben Flittern und einen grünen Zweig in der Hand haltend. 2. Auf der andern Seite gegen das Dorf standen die Mannspersonen, und vor denselben die Gerechtigkeit in einem schönen weißen Hemd, einen grünen Kranz auf dem Kopf, ein bloßes Schwert und gelbe Waage in den Händen tragend. 3. Gegen das Feld auf dieser Seite standen die Junggesellen mit Röhren, etliche mit bloßen Schwertern, und vor denselben der Mars, als ein Soldat gekleidet und eine Armbrust in den Händen tragend. 4. In der Mitte standen die Schüler, Hausleute und Adjuvanten neben mir. Da habe ich eine Erinnerung getan, daß wir oft mit tränenfließenden Augen zu unsern Toren hätten ausfliehen und räumen müssen, und wenn der Sturm vorüber, mit Freuden wieder heimgegangen wären, ungeachtet wir alles verwüstet, zerschlagen und umgekehrt gefunden. Also wären wir billig itzund, dem lieben Gott zu Ehren, vor unser Tor herausgegangen, und weil er uns durch gnädige Verleihung des edlen, lang erwünschten Friedens von dergleichen Verwüstung, Fliehen und Flüchten errettet habe, wollten wir auch jetzt zu demselben Tor hineingehen mit Danken und zu seinen Vorhöfen mit Loben, und wollten dazu unsere Stimmen einmütig erheben und singen: »Allein Gott in der Höh' sei Ehr' usw.« 5. Unter Musizierung dieses Gesätzleins näherten sich der Friede und die Gerechtigkeit einander mehr und mehr. Auf die Worte: »All' Fehd' hat nun ein Ende« steckten die mit bloßen Schwertern dieselben ein, die mit den Büchsen taten einige Salven und kehrten sie darauf auch um. Der Friede winkte denen hierzu Bestellten; die nahmen dem Marti, welcher tat, als wollte er sich wehren, seine Armbrust und zerbrachen sie ihm; Friede und Gerechtigkeit traten zusammen und küßten sich. 6. Darauf wurde der angefangene Gesang fortgesungen, und schickte man sich an zu gehen. Vor den Schülern ging Andreas Ehrhardt nach Vermögen ausgeputzt, einen Stab über der Hand, mit einem grünen Kranz umwunden. Darauf folgten die Schüler alle mit grünen Kränzen auf den Häuptern, grüne Zweige in den Händen, und hatten die Kleinen weiße Hemden an, darauf die Adjuvanten und Spielleute, nach diesen ich, der Pfarrer, neben dem Herrn Pfarrer von Vargula, welcher zu mir gekommen war. Nach uns gingen die Mägdlein, die kleinen vorher, die großen danach, alle nach ihrem Vermögen geschmückt, und grüne Kränze auf ihren Häuptern. Nach diesen ging der Friede und hinter ihnen Knaben, die trugen einen Korb mit Wecken, eine Schüssel mit Äpfeln, welche hernach unter die Kinder ausgeteilt wurden, item allerlei Früchte des Feldes. Auf diese folgten die adeligen Jungfrauen neben ihren Muhmen, welche sie zu sich gebeten, nach ihnen die Edelleute von Seebach, Sachsen und andere, die zu ihnen gekommen waren. Nach diesen ging die Gerechtigkeit und hinter ihr her die Heimbürger und Gerichtsschöppen, alle weiße Stäbe in den Händen tragend, mit grünen Kränzen umwunden. Hierauf folgte der Fähnrich Christian Heum in seinem besten Schmuck, mit einem Stab, daran er ging, in der Hand, aber mit einem grünen Kranz umwunden. Nach diesen gingen die Mannspersonen zu Paaren mit grünen Sträußen in den Händen. Auf die Mannspersonen folgte der Mars gebunden, und hinter ihm die jungen Burschen mit den umgekehrten Röhren. Darauf folgte der Wachtmeister Herr Dietrich Grün in seinem Schmuck, einen Stab in der Hand wie der Fähnrich; auf ihn folgten die Weibspersonen, alle auch zu Paaren in ihrer Ordnung, alle singend durch das Dorf nach der Kirche. Als der Gesang ausgesungen war, sangen wir: »Nun lob, mein Seel, den Herren.« In der Kirche wurde es mit Singen und Predigten der fürstlichen Ordnung gemäß gehalten. Nach vollendetem Gottesdienst gingen wir in voriger Ordnung aus der Kirche auf den Platz vor der Schenke, da die Mannspersonen auf einer Seite, die Weibspersonen auf der andern Seite einen halben Zirkul und alsdann einen feinen weiten Kreis schlossen, und wurde unter dem Hingehen gesungen: »Nun freut euch, liebe Christen gemein.« Nach geschlossenem Kreise bedankte ich mich gegen sämtliche, daß sie nicht allein dem Ausschreiben unserer hohen landesfürstlichen Obrigkeit zu diesem Mal gehorsamlich nachgelebt, sondern auch auf mein Begehren allesamt, Adlige und Unadlige, vor das Tor gegangen und in so schöner Ordnung mir zur Kirche gefolget usw., mit Vermahnung, nachmittags dem Gottesdienst wieder fleißig beizuwohnen. Und ob ich zwar sagte, es möchte ein jeder nachmittags aus seinem Hause zur Kirche gehen, so hatten sie sich doch allesamt wie vormittags vor der Schenke versammelt, waren auch der Friede und die Gerechtigkeit wieder in ihrem Schmuck da, Mars aber hatte sich verloren. Als ich dessen berichtet wurde, ging ich unter dem letzten Puls mit den Schülern, Adjuvanten und Hausleuten zur Hintertür hinaus, durch die Kirchgasse nach der Kirche, da mir jeder männiglich wiederum, wie früh geschehen, in die Kirche folgete. Darinnen wurde damals gesungen: »Nun laßt uns Gott dem Herrn usw.« Aus der Kirche gingen wir in solcher Ordnung wieder singend: »Lobe den Herrn, lobet den Herrn usw.« auf gedachten Platz, wo ich abermals gegen Fremde und Einheimische mit einem herzlichen Friedenswunsch mich bedankte. Und wurden hier vor sechs Groschen Wecken und etliche reife Äpfel unter die Kinder ausgeteilt. Bekannt ist, daß der große Friede sehr langsam kam wie Genesung aus einer tödlichen Krankheit. Die Jahre 1648–1650 vom Friedensschluß bis zur Feier des Friedensfestes gehörten noch zu den schwersten der eisernen Zeit; unerschwingliche Kriegssteuern waren ausgeschrieben, die Heere der verschiedenen Parteien lagen bis zur Abzahlung auf den Landschaften, und der Druck, welchen sie auf die elenden Bewohner ausübten, war so furchtbar, daß mehr als ein Verzweiflungsschrei der Völker sich in den Hader der immer noch verhandelnden Parteien mischte. Dazu kamen Plagen anderer Art, alle Länder wimmelten von »herrenlosem Gesindlein«. Banden entlassener Kriegsknechte mit Dirnen und Troßbuben, Scharen von Bettlern, große Räuberhaufen streiften aus einem Gebiet in das andere, sie quartierten sich gewaltsam in den Dörfern ein, welche noch Einwohner hatten, und setzten sich wohl gar in den verlassenen Hütten fest. Auch die Dorfbewohner, mit schlechten Waffen versehen, der Arbeit entwöhnt, fanden es zuweilen bequemer zu rauben als das Feld zu bestellen und machten heimliche Streifzüge in benachbarte Territorien, die Evangelischen in katholisches Land und umgekehrt. Sogar die fremden Söhne eines gesetzlosen Lebens, die Zigeuner, waren an Zahl und Dreistigkeit gewachsen und lagerten, phantastisch aufgeputzt, mit ihren hochbeladenen Karren, mit gestohlenen Pferden und nackten Kindern um den Steintrog des Dorfplatzes. Wo gerade ein kräftiger Regent und eifrige Beamte tätig waren, wurde dem wilden Wandern nach Kräften entgegengearbeitet. Die Dorfleute des Herzogstums Gotha mußten noch im Jahre 1649 von den Kirchtürmen Wache halten, Brücken und Fährten über die Bäche des Landes besetzen und Lärm machen, sooft sie einen marschierenden Haufen erblickten. Ein System von Polizeiverordnungen, durchaus notwendig und heilsam, war das erste Zeichen des neuen Selbstgefühls, welches die Regierungen erhalten hatten. Wer sich niederlassen wollte, dem wurde die Ansiedelung leicht gemacht. Wer fest saß, mußte angeben, wieviel Land er bebaut hatte, in welchem Zustand ihm Haus und Hof war, ob er Vieh halte. Neue Flurbücher und Verzeichnisse der Einwohner wurden angefertigt, neue Steuern in Geld und Naturalien wurden ausgeschrieben und auch durch solchen harten Druck die Dorfbewohner zur Arbeit gezwungen. Allmählich besetzten sich die Dörfer wieder mit Menschen. Viele Familien, die sich zur Kriegszeit in die Städte geflüchtet hatten, besserten ihre verwüsteten Höfe aus, andere zogen aus dem Gebirge oder der Fremde zurück; auch verabschiedete Soldaten und Troßknechte kauften von dem Rest ihrer Beute zuweilen Acker und ein leeres Haus oder liefen zu dem heimischen Dorf. Es wurde viel geheiratet und eifrig getauft. Aber die Erschöpfung des Volkes war doch jämmerlich groß; die Ackerstücke, deren viele geruht hatten, wurden ohne Dünger notdürftig bestellt, nicht wenige blieben mit wildem Buschholz und Unkraut bewachsen noch lange als Weideland liegen. Den Grund verwüsteter Ortschaften kauften zuweilen die Nachbardörfer, an einigen Stellen zogen sich zwei oder drei kleine Gemeinden zu einer zusammen. Noch viele Jahre nach dem Krieg muß das Aussehen der Dörfer trostlos gewesen sein. In Thüringen ist das zuweilen aus Verhandlungen mit der Obrigkeit erkennbar. Die Hausbesitzer von Siebleben und einigen andern Gemeinden um Gotha haben seit dem Mittelalter das Recht auf freies Bauholz aus dem Waldgebirge. Im Jahre 1650 forderte die Regierung auf, dieses Recht gegen Entrichtung einer herkömmlichen kleinen Abgabe von Hafer auszuüben. Da entschuldigten sich einige der Gemeinden, sie seien noch zu sehr herunter, um ans Aufbauen der schadhaften Häuser denken zu können. Zehn Jahre darauf hatte die Gemeinde Siebleben doch schon zweiundvierzig Schulknaben, welche ein geringes Schulgeld bezahlten, und das jährliche Opfergeld in der Kirche betrug über 14 Gulden. Ein Teil dieses Opfergeldes wurde auf kleine Almosen an Fremde verwendet, und man kann aus der sorgfältig geführten Berechnung ersehen, welcher Strom von Bettlern jeder Art durch das Land zog. Abgedankte Kriegsleute, Krüppel, Heimatlose, Greise und Kranke, darunter auch Aussätzige mit Legitimationen ihres Siechhauses, dann Exulanten aus Böhmen und Ungarn, die der Religion wegen ihre Heimat aufgegeben haben wollen, vertriebene Edelleute aus England, Irland, Polen; Sammler, welche gefangene Verwandte aus der türkischen Gefangenschaft loskaufen wollen, Reisende, welche von Wegelagerern ausgeplündert sind, ein blinder Pfarrer aus Dänemark mit fünf Kindern. Bereits sucht sich jeder Fremde durch Zeugnisse zu empfehlen. Die Regierung aber wird nicht müde, gegen das Beherbergen solcher bettelnden Leute zu eifern. Wie der Kampf, waren auch die Zustände, welche nach dem Krieg eintraten, außer allem Vergleich mit andern Niederlagen kultivierter Völker. Gewiß sind in einzelnen Zeiträumen der Völkerwanderung große Landschaften Europas noch mehr verödet worden, zuweilen hat im Mittelalter eine Pest die Bewohner großer Städte ebensosehr dezimiert; aber solches Unglück war entweder lokal und wurde leicht durch den Überschuß von Menschenkraft geheilt, der aus der Umgegend auf den geleerten Grund zusammenströmte, oder es fiel in eine Zeit, wo die Völker nicht fester auf dem Boden standen als lockere Sanddünen am Strand, welche leicht von einer Stelle zur andern geweht werden. Hier aber wird eine große Nation mit alter Kultur, mit vielen hundert festgemauerten Städten, vielen tausend Dorffluren, mit Acker- und Weideland, das durch mehr als dreißig Generationen desselben Stammes bebaut war, so verwüstet, daß überall leere Räume entstehen, in denen die wilde Natur, die so lange im Dienst des Menschen gebändigt war, wieder die alten Feinde der Völker aus dem Boden erzeugt, wucherndes Gestrüpp und wilde Tiere. Wenn ein solches Unglück plötzlich über eine Nation hereinbräche, es würde ohne Zweifel auch eine kleine Zahl der Überlebenden unfähig machen, ein Volk zu bilden, ja schon das Entsetzen würde sie vernichten; hier hatte das allmähliche Eintreten der Verringerung den Überlebenden das Schreckliche zur Gewohnheit gemacht. Eine ganze Generation war aufgewachsen innerhalb der Zeit der Zerstörung. Die gesamte Jugend kannte keinen andern Zustand als den der Gewalttat, der Flucht, der allmählichen Verkleinerung von Stadt und Dorf, des Wechsels der Konfession; man mußte schon auf der Höhe des Lebens stehen, sich daran zu erinnern, wie es im Dorf vor dem Krieg ausgesehen hatte, wieviel Paare unter einer Dorflinde getanzt hatten, wie stark die Viehherde im Riedgras und auf den Weidehöhen gewesen war, und wieviel einst durch den Klingelbeutel oder Opferpfennig in der Kirche eingesammelt werden konnte. Nicht viel anders war es in den Städten; innerhalb der meisten halbzerstörten Ringmauern gab es wüste Plätze, welche vor dem Krieg mit Häusern besetzt gewesen waren, in den schadhaften Häusern aber hatte vor dem Krieg die doppelte Zahl arbeitsamer Menschen gewohnt. Es gab Landschaften, wo ein Reiter viele Stunden umhertraben mußte, um an eine bewohnte Feuerstätte zu kommen; ein Bote, der von Kursachsen nach Berlin eilte, ging von Morgen bis Abend über unbebautes Land, durch aufschießendes Nadelholz, ohne ein Dorf zu finden, in dem er rasten konnte. Und doch bezeichnet das Ende des Krieges im ganzen nicht den niedrigsten Stand der Bevölkerung und Produktion. Die Zeit der größten Depression liegt etwa sechs Jahre vorher, Jahre, aus welchen Sammlungen statistischer Notizen gar nicht vorhanden sind. Denn wie es nach der Pest und Banérs Zügen aussah, davon geben nur einzelne Ortschroniken spärliche Kunde. Seit dieser Zeit half die Politik der Neutralität, durch welche die größeren Landesherren den Krieg von ihren Grenzen abzuhalten suchten, doch etwas dazu, die Schäden nicht zu heilen, aber die Bevölkerung und selbst den Viehstand wieder festzusetzen. Selbstverständlich aber ist der Zuwachs unter den Überlebenden nach so großer Verwüstung ein verhältnismäßig starker. Die Ehen sind massenhaft durch den Tod eines Ehegatten gelöst, neue Ehe wird leicht, leere Hütten, unbebaute Äcker, fast wertlos, vermag auch der Arme leicht zu besetzen. Der Friede fand in vielen Landschaften schon wieder neue kleine Brut. Und dennoch sind zwei Dritteile bis drei Vierteile der Menschen verloren. Noch größer sind die Verluste an Zug- und Nutzvieh, an Hausrat. Viel ist über die Verwüstungen des Krieges geschrieben worden, aber noch fehlt die große Arbeit, welche aus allen Territorien die erhaltenen statistischen Notizen zu einem Bild zusammenstellte. Wie ungeheuer die Arbeit sei, sie muß doch unternommen werden, denn erst aus unwiderleglichen Zahlen wird die volle Größe des Unheils verständlich. Was bisher von Einzelheiten bekannt wurde, berechtigt kaum zu einer ungefähren Schätzung der Einbuße, welche Deutschland an Menschen, Nutztieren und produktivem Vermögen erlitten hat. Auch die folgenden Schlüsse machen nur den Anspruch, eine persönliche Ansicht auszudrücken; wenige Beispiele sollen dieselbe unterstützen. Die Verhältnisse von Thüringen und Franken sind nicht übel geeignet, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vergleichen. Beide Landschaften sind durch den Krieg nicht ausnahmsweise mehr heimgesucht worden als andere Länder, die Kulturverhältnisse beider entsprechen bis zur Gegenwart ziemlich genau dem mittleren Durchschnitt deutscher Industrie und Landwirtschaft. Beide sind im ganzen nicht reich. Hügellandschaften ohne großen Fluß, ohne beträchtliche Steinkohlenlager, mit einem Ackerboden, der nur in einzelnen Strichen durch besondere Fruchtbarkeit ausgezeichnet ist, waren sie bis zur Neuzeit vorzugsweise auf Landbau, Gartenkultur und kleine Gebirgsindustrie angewiesen. So hat dieser Teil von Deutschland kein massenhaftes Einströmen von Menschenkraft und Kapital erfahren, er ist auch nicht Schauplatz der zerstörenden Kriege Ludwigs XIV. gewesen, und die Landesherren, zumal die Enkel Friedrichs des Weisen, sind auch in argen Zeiten ziemlich schonend mit der Volkskraft umgegangen. Hier im Herzen Deutschlands lag die alte gefürstete Grafschaft Henneberg, ein stattliches Gebiet von zirka 30 Quadratmeilen und – im Jahre 1634 – von 177 Ortschaften, welche jetzt zwischen Preußen, Meiningen und Weimar geteilt sind. Mit seinem nördlichen Teil streckte es sich in die Talschluchten des Thüringer Waldes, ja ein kleiner Teil – Ilmenau – lag auf der Nordseite des Gebirges. Nur am Westrand führte die Heerstraße; das große Gebirge deckte von Norden, und die Einwohner hatten gute Gelegenheit, sich und ihre Habe durch die Flucht in den Bergwald zu schützen. So war die Grafschaft Henneberg in verhältnismäßig günstiger Lage. Auch war ihr gerade in den ärgsten Jahren des Krieges das Glück einer besonders sorgfältigen Verwaltung zuteil geworden, welche in der schlechtesten Zeit mit bewunderungswürdiger Ausdauer bemüht war, die Menschen zusammenzuhalten und zum Aufbau der eingeäscherten Dörfer zu ermuntern. Endlich kam ihr noch zustatten, daß die Greuel des Krieges verhältnismäßig spät, erst um 1633, eine massenhafte Zerstörung begannen; denn während Pommern und die Mark, Schlesien und Böhmen, die Länder der Nordsee und der Westen Deutschlands schon unter den Geißelhieben der Kriegsfurie todwund lagen, waren dort noch friedliche Jahre. Noch 1634 erstaunten die räuberischen Kroaten über den Wohlstand der Bauern und Bürger, die Schätze und reichen Vorräte, die in den festgebauten Häusern aufgesammelt waren. Das glückliche Land hatte fast hundert Jahre Frieden gehabt und mehrere hausväterliche und wohlwollende Regenten. Nicht weniger wichtig war, daß der ärgste Druck des Krieges dort auch eher endete als in andern Territorien; denn seit dem Jahre 1643 genoß das Land durch die Neutralitätspolitik seines Verwalters, Ernst des Frommen, verhältnismäßige Ruhe. Wir sind demnach zu der Annahme berechtigt, daß diese Grafschaft besser daran war als die Mehrzahl der deutschen Gebiete. Von diesem Land sind uns amtliche statistische Notizen erhalten, welche die Zahl der Familien und Häuser sowohl im Anfang der schwersten Kriegszeit – aus dem Jahre 1631, bei einigen 1634 – als nach dem Ende des Krieges – aus dem Jahre 1649, bei einigen 1652 – angeben. Danach verlor das Land in dem Krieg 70 Prozent der Familien, 66 Prozent der Wohnungen. Dies furchtbare Ergebnis wird noch grauenhafter, wenn man in Betracht zieht, was aus Hunderten kläglicher Eingaben seit dem Frieden ersichtlich wird, in welchem Zustand die überlebenden Menschen und die Häuser waren: ein Teil der Wohnungen waren Nothütten, aus Trümmern zusammengeschlagen. Da nun die Bevölkerung des Landes schon in den Jahren 1631 und 1634 zuverlässig geringer geworden war, als sie im ersten Jahr des Krieges gewesen, und da ein Teil der erhaltenen Verzeichnisse bereits den Zuwachs dreier Friedensjahre enthält, so wird die Annahme mäßig sein, daß 75 Prozent der Familien durch den Krieg vernichtet worden sind. Nun aber ist außer Zweifel, daß auch die Kopfzahl einer Familie im Durchschnitt beim Beginn des Krieges größer war als am Ende desselben Das Verhältnis ist folgendes. Es waren in den vierzehn Ämtern der Grafschaft: Familien   i. J. 1634 (1631): 13095 – i. J. 1649 (1652): 3969, Häuser   i. J. 1634 (1631): 11850 – i. J. 1649 (1652): 4053. Rechnet man die Kopfzahl einer Familie vor dem Kriege im Durchschnitt zu 4½, und nach dem Kriege, wahrscheinlich zu hoch, zu 4, so hatte die Grafschaft Henneberg im Jahre 1631 (1634): 60 975 Einwohner, i. J. 1649 (1652): 16 448 Einwohner. , daß also der Menschenverlust noch größer als 75 Prozent gewesen sein muß. Ferner aber sind uns aus 20 Ortschaften derselben Landschaft sorgfältige Verzeichnisse der Ortsbehörden auch über das Verhältnis des Viehstandes und der Scheuern aufbewahrt; danach waren in diesen Orten von Pferden 85 Prozent, von Ziegen über 83, von Kühen über 82 Prozent eingegangen, die vorhandenen Pferde werden als lahm und blind, die Felder und Wiesen als verwüstet und z. T. mit Holz bewachsen angeführt; die Schafe aber waren an allen Orten sämtlich vernichtet In 19 Dörfern der früheren Herrschaft Henneberg waren im Jahre:  1634  1649  1849 Familien 1773 316 1916 Häuser 1717 527 1558 In 17 Dörfern desgl. Rinder 1402 244 1994 In 13 Dörfern desgl. Pferde 485 73 107 In 12 Dörfern desgl. Schafe 4616 – 4596 In 4 Dörfern desgl. Ziegen . Es ist eine blutige Geschichte, welche durch diese Zahlen verkündet wird. Mehr als drei Vierteile der Menschen, bei weitem mehr als vier Fünfteile ihrer Habe sind vernichtet. Und in welchem Zustand das Erhaltene! Genau ebenso war das Schicksal der kleineren Landstädte, soweit dasselbe aus erhaltenen Angaben zu sehen ist. Nur ein Beispiel aus derselben Gegend. Das alte Kirchenbuch zu Ummerstadt, einer ackerbauenden Landstadt in der Nähe von Coburg, seit alter Zeit im Lande wohlbekannt wegen ihrer guten Töpferwaren, berichtet folgendes: »Ob nun wohl noch im Jahre 1632 das ganze Land, wie auch hiesiges Städtlein, sehr volkreich war, also daß über 150 Bürger und auf 800 Seelen allein hier gewohnt haben, so sind doch wegen immer anhaltender Kriegsunruhen und stetigen Einquartierungen die Leute dermaßen enervieret worden, daß von ausgestandenem großen Schrecken eine Seuche, so von dem lieben, allmächtigen und gerechten Gott über uns verhängt worden, auf 500 Menschen in den Jahren 1635 und 1636 weggerafft hat, und wegen des elenden und betrübten Zustandes in zwei Jahren und darüber kein Kind zur Welt geboren worden. Diejenigen Leute, denen Gott der Allerhöchste noch das Leben gefristet, haben sich wegen Hunger und teurer Zeit, aus Mangel des lieben Brots, Kleien, Ölkuchen und Leinknoten gemahlen und gegessen, aber viele das Leben darüber geendet. Sind also die Leute in allen Ländern sehr zerstreut worden, daß der meiste Teil das liebe Vaterland nicht wiedergesehen. Anno 1640 bei dem saalfeldischen Stillager ist Ummerstadt zur Nimmer- oder Umbrastadt worden, weil in 18 Wochen sich kein Mensch darin hat dürfen sehen lassen, und die Leute um alles, was sie noch gehabt, gekommen sind. Daher die Leute fast dünne worden und über 100 Seelen nicht mehr vorhanden gewesen.« – Im Jahre 1850 hatte der Ort 893 Einwohner. Aber noch auffallender ist eine andere Beobachtung, welche aus den Tabellen der obenerwähnten hennebergischen Dörfer zu machen ist. Erst in unserem Jahrhundert hat Menschenzahl und Bestand der Nutztiere wieder die Höhe erreicht, welche im Jahre 1634 bereits vorhanden war. Ja, die Zahl der Häuser war in vielen Dörfern noch 1849 geringer als 1634, obgleich dort noch heute die Dorfhäuser klein und auch die Armen ängstlich bemüht sind, ein eigenes Haus zu bewohnen. Zwar die Menschenzahl ist 1855 bereits nicht unbedeutend größer als 1634 nach 15 Kriegsjahren, aber der Zuwachs fällt zum größten Teil auf den jetzigen preußischen Kreis Henneberg (Schleusingen und Suhl), in welchem die eigentümliche Ausbildung der Eisenindustrie ein stärkeres Zuströmen von Kapital und Menschenkraft hervorgebracht hat. So sind wir allerdings zu dem Schlusse berechtigt, daß wenigstens für diesen Strich Deutschlands 200 Jahre notwendig waren, Menschenzahl und produktive Kraft des Landes wieder bis zu einem früheren Standpunkt zu heben. Diese Annahme wird durch andere Beobachtungen unterstützt. Die Kultur des Landes vor dem Dreißigjährigen Krieg, ja selbst das Verhältnis des Getreidewertes zu dem Silberwert in einer Zeit, wo Getreideausfuhr nur ausnahmsweise stattfand, führen zu demselben Schluß. Freilich ist in den letzten 200 Jahren die Kultur auch durch die mächtige Entwicklung des Auslandes in ganz neuen Richtungen entwickelt. Auch der Landmann baut jetzt Hackfrüchte, Klee und andere Futterkräuter, welche vor dem Dreißigjährigen Krieg noch unbekannt waren, und die landwirtschaftliche Produktion selbst einer gleichen Menschenzahl mag doch gewinnbringender geworden sein als vor jenem Krieg. Vielleicht haben die Vorfahren vor dem Krieg viel ärmer gelebt und weniger erwirtschaftet? Man vergleiche den Viehstand. Die Schafzucht der erwähnten Dörfer hat gegenwärtig genau den Umfang, den sie vor dem Krieg hatte. Es ist jetzt die kurze, dichtgekräuselte Wolle spanischer Herden, welche auch in den Hürden der Bauern gezogen wird; die alte Wolle fiel in langen Flocken, sie muß nach dem Wert der Tuche und Zeuge, welche daraus gewebt werden, und nach dem damaligen Preis der Schafe (5 = 1 Kuh, während bei uns das Verhältnis wie 10 zu 1 ist) nicht verächtlich gewesen sein. Ferner aber hat sich der Bestand an Pferden gegen 1634 um drei Viertel verringert. Diese auffallende Tatsache ist nur daraus zu erklären, daß die Reitertraditionen des Mittelalters auch noch auf den Landwirt Einfluß ausübten, daß die Pferdezucht bei den schlechten Wegen, welche eine weite Versendung des Getreides unmöglich machten, lohnender wurde als jetzt, während das Gebrüll der Rinder auch in den engen Hofräumen der Städte so häufig war, daß Verkauf von Milch und Butter wenig lohnte, endlich aber, daß ein größerer Teil der Landleute imstande war, Gespannkraft zu ernähren als jetzt. Die Zersplitterung des Grundes war damals, wie sich aus den alten Flurbüchern beweisen läßt, in Thüringen etwas – nicht beträchtlich – geringer als jetzt. Vermehrt hat sich in der Gegenwart die Zahl der Ziegen, des Nutztiers der kleinen Leute, und die Zahl der Rinder, welche wahrscheinlich im mittleren und südlichen Deutschland jetzt auch größer und edler gezogen werden als damals. Und dies ist ein entschiedener Fortschritt der Gegenwart. Im ganzen aber ist, nach Futterbedürfnis gerechnet, die Zahl der Tiere, welche auf dem Ackergrund mit Vorteil erhalten werden, gegenwärtig nur unbedeutend größer als im Jahre 1634 10 Schafe oder Ziegen = 1 Rind oder Pferd gerechnet, ist das Verhältnis nach obiger Tabelle folgendes: 1634 wurden 2364 Stück Großvieh gehalten, 1849 aber 2579, dabei allerdings die Rinder wertvoller. Es ist ein bescheidener Fortschritt. . Neben solchen Resultaten ist unwichtig aufzuzählen, was von beweglichen Inventarium in den Dörfern durch den Krieg vernichtet worden ist. Es ist in Thüringen möglich, auch darüber einige Sicherheit zu gewinnen, denn schon wurden damals genaue Berechnungen des erlittenen Schadens von den Regierungen eingefordert, und in mehr als einem Gemeindearchiv sind diese Berechnungen erhalten, leider meist unvollständig; es gab Jahre, in denen die Liquidation aufhörte. Soviel sich aus dem Erhaltenen ersehen läßt, betragen die berechneten Verluste einer Dorfgemeinde für die dreißig Kriegsjahre von 30 bis 100 000 Gulden. Berechnet man danach die Verluste eines ganzen Landes, so wird die Summe ungeheuer. Durch diesen Krieg wurde Deutschland gegenüber den glücklicheren Nachbarn, den Niederländern, den Engländern, um 200 Jahre zurückgeworfen. Noch größer sind die Veränderungen, welche der Krieg in dem geistigen Leben der Nation gemacht hat. Vor andern den Landleuten. Viele alte Bräuche gingen zugrunde, das Leben wurde leerer, leidvoller. An Stelle des alten Hausrates sind die rohesten Formen moderner Möbel getreten; die kunstreichen Kelche und alten Taufbecken, fast aller Schmuck der Kirchen war verschwunden, eine geschmacklose Dürftigkeit ist den Dorfkirchen bis jetzt geblieben. Mehr als 100 Jahre nach dem Kriege vegetierte der Bauer fast ebenso eingepfercht wie die Stücke seiner Herde, während ihn der Pastor als Hirt bewachte und durch das Schreckbild des Höllenhundes in Ordnung hielt, und der Gutsbesitzer oder sein Landesherr alljährlich abschor. Eine lange Zeit dumpfen Leidens. Die Getreidepreise waren in dem menschenarmen Land 50 Jahre nach dem Krieg sogar niedriger als vorher, die Lasten aber, welche auf die Grundstücke gelegt wurden, so hoch gesteigert, daß noch lange der Acker mit Haus und Hof geringen Wert hatte, zuweilen umsonst gegen die Verpflichtung gegeben wurde, Dienste und Lasten zu tragen. Härter als je wurde der Druck der Hörigkeit, am ärgsten in den früheren Slawenländern, in denen ein zahlreicher Adel über den Bauern saß. Häufig beklagt sind die Schäden der Bildung, welche in den ausgeplünderten Städten und Rittersitzen zutage kamen, zunächst wieder Luxus, Genußsucht und rohe Liederlichkeit, Mangel an Gemeinsinn und Selbstgefühl, Kriecherei gegen Vornehme, Herzlosigkeit gegen Niedere. Es sind die uralten Leiden eines heruntergekommenen Geschlechts. So finster, freudelos, arm an belebendem Geist war das Dasein, daß die Selbstmorde zum Erschrecken häufig wurden; die Obrigkeit suchte das Sonnenlicht dadurch schätzbarer zu machen, daß sie dem Henker befahl, Selbstmörder unter dem Galgen zu begraben. Daß das Selbstregiment der Städte immer mehr durch die Landesherren beeinträchtigt wurde, war häufig noch ein Glück, denn die Verwaltung war nur zu oft arm an Urteil und Pflichtgefühl. – Es war eine tödliche Krisis, aus welcher Deutschland heraustrat, und teuer erkauft war der Friede. Aber das Höchste war doch gerettet, die Kontinuität der deutschen Entwicklung, die Fortdauer des großen inneren Prozesses, durch welchen das deutsche Volk sich von der Unfreiheit des Mittelalters zu höheren Bildungen erheben konnte. [...] XXIII Aus dem Leben des niedern Adels Überreste der alten Raublust um 1600. – Duelle. – Reiselust. – Zunahme der höfischen Bedeutung. – Schilderung eines wohlhabenden Edelmanns von 1650–1700. – Der Briefadel. Der Stadtadel. Neugeadelte Kaufleute von 1650–1700. Beschreibung ihres Lebens. – Die Masse des Landadels. Die Krippenreiter von 1650–1700. Schilderung derselben nach dem »Edelmann« von Paul Winckler. – Bessere Zustände seit 1700. Das Ritterrecht. Größere Sorge um die Wirtschaft. Vorrechte des Adels. Hoffähigkeit und Hofämter. – Eindringen neuer Bildung. – Gellert. – Fall der Privilegien. – Vereinigung des Adels mit dem Bürgertum Der niedere deutsche Adel hatte vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges gerade in wichtigem Übergang gelebt, er war auf dem Wege, einige Traditionen des Mittelalters zu vergessen, und er war im Begriff, an den Höfen eine neue Bedeutung zu erwerben. Aus den raublustigen Junkern vom Stegreif waren trunkliebende händelsüchtige Grundbesitzer geworden. Immer noch wurde den Söhnen der alten Raubgesellen im Beginn des 17. Jahrhunderts schwer, den Landfrieden zu halten. Während sie mit Streitschriften und am Kammergericht intrigierten, kamen sie in Versuchung, durch Gewalt Rache zu nehmen; nicht nur die unruhigen Reichsritter in Franken, Schwaben und am Rhein, auch die Lehnträger der mächtigen Reichsfürsten unter kräftigem Landesgesetz. Selbst wo sie ihr Recht übten, taten sie das gern gewalttätig, in dem Stolz eigener Machtherrlichkeit. So warb Georg Behr von Düvelsdorf in Pommern, kurz bevor der Sturm des Dreißigjährigen Krieges in seine Landschaft brach, einen bewaffneten Haufen, um sich in einer Privatfehde Faustrecht zu suchen, und derselbe, der auf seinen Gütern die hohe Gerichtsbarkeit beanspruchte, ließ 1628 einen früheren Schreiber seiner Familie, der das Siegel des Herrn nachgeahmt und falsche Obligationen ausgestellt hatte, ohne weiteres an einen Obergalgen henken und seinem Herzog gelegentlich eine lakonische Mitteilung davon zugehen. Auch im Tagesverkehr blieb den Landedelleuten nach 1600 viel von der alten Rauflust, noch immer waren sie eilig, wie einst im Mittelalter, unter der Dorflinde und in den Wirtshäusern Händel zu erregen. Die jüngeren trugen ausgenähte Kleider, darin verborgene Brustwehren, in den Hüten eiserne Reifen und niedrige Pickelhauben, dazu überlange Rapiere und Stilette, in den östlichen Grenzländern auch ungarische Äxte. So zogen sie in Haufen den Volksfesten und Hochzeiten zu, zumal wenn diese von den verhaßten Bürgern in Wirtschaften gehalten wurden. Dort fingen sie mit dem Volk und den geladenen Gästen Streit an, übten schnöden Mutwillen, zuweilen arge Untat, sie sprengten die Haustüren, brachen den Frauen, die sich zur Ruhe gelegt, die Kammertür auf, den Wirten die Keller. Es war nicht immer leicht, gegen die Frevler Recht zu finden, aber in einzelnen Landschaften wurde die Klage so laut und heftig, daß z. B. für die kaiserlichen Erblande zahlreiche Verordnungen erschienen, welche die Anzeige solcher Bübereien zur Pflicht machten. Am meisten wurde darin gegen die Unangesessenen geklagt, welche sich »hin und wieder« auf dem Land aufhielten, sie sollten im schlimmsten Fall gezwungen werden, auf eigene Kosten gegen den Erbfeind zu dienen. So schwer gingen die alten Unarten aus dem Blut. Aber auch die Händel, welche der Landadel untereinander hatten, waren endlos. Vergebens klagten die Verordnungen der Landesherren darüber, vergebens erklärten sie, daß der Ausgeforderte nicht nötig habe, sich zu stellen. Die Sprache der Junker war reich an überkräftigen Ausdrücken, und die Sitte hatte einige davon zu unverzeihlichen Beleidigungen gestempelt. Gerade jetzt seit dem Aufhören der Turniere hatten Wappen und Ahnen große Bedeutung erhalten, seltener wurden die Heiraten mit nichtadligen Frauen, eifrig malte man Schilde und Stammbäume und suchte die reine Herkunft durch mehrere Generationen der Vorfahren zu beweisen, was häufig Schwierigkeiten hatte, die nicht nur in dem Mangel von Kirchenbüchern und Urkunden lagen. Wer deshalb Händel suchte, tadelte des andern Abkunft, rittermäßigen Stand, Namen und Wappen, bezweifelte seine vier Ahnen. Solche Kränkung mußte durch Blut gesühnt werden. Zur Verminderung dieser Raufereien wurden kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg hier und da die Ehrengerichte eingeführt. Vorsitzender war der Landesfürst oder Lehnsherr, die Beisitzer, ansehnliche Edelleute, bildeten die Ehrentafel. Die Parteien wählten drei Genossen, durch sie wurden die Anforderungs- und Entschuldigungsbriefe besorgt; um denen, welche im Schreiben wenig Übung hatten, diese Feinheiten zu erleichtern, wurde auch die Form solcher Vorladungsbriefe genau vorgeschrieben. Während so die Ärmeren vom Lande in der Heimat gegen die neue Zeit kämpften, wurden die Strebsamen durch die alte deutsche Reiselust in die Fremde geführt. Noch zog die adlige Jugend gern der Kriegstrommel nach, und vor 1618 ist eine häufige Klage, daß die Junker vom Adel bei den Heeren überall bevorzugt werden, und wie schwer es für einen tüchtigen Mann aus dem Volk sei, von der Pike heraufzukommen. Wie im 15. und 16. Jahrhundert, reisten die Erben der reichen und anspruchsvollen Häuser nach Frankreich hinüber, dort Sprache, Bildung, das Kriegshandwerk zu erlernen. Nicht nur in Paris, auch in andern großen Städten Frankreichs saßen sie so zahlreich, wie etwa jetzt müßige Russen und Engländer, nur zu oft suchten sie es den Franzosen in Liederlichkeit und Duellen gleichzutun und waren als ungeschickte Nachahmer des fremden Brauches schon vor dem großen Krieg berüchtigt. Lebten doch selbst mehrere der westlichen deutschen Höfe schon vor 1618 in so großer Abhängigkeit von französischer Sitte, daß ihnen das Französische bereits die elegante Sprache für Rede und Schrift geworden war. Neben anderen der Hofstaat des unglücklichen Friedrich von der Pfalz, des Winterkönigs von Böhmen. Im ganzen hatte vor dem Krieg die höfische Bedeutung des Adels sehr zugenommen, und ebenso der Druck, welchen sie auf die abhängigen Landleute ausübten, aber neben, ja über ihnen war die freie Kraft der Nation in unaufhaltsamer Entwicklung. Die neue Bildung der Reformationszeit, durch die bürgerlichen Theologen und Schulmänner getragen, verachtete auch die Roheiten der Landjunker. Und die Geschäfte der Fürsten und ihrer Territorien, die Stellen am Kammergericht, die Spruchkollegien an den Universitäten, fast die gesamte Justiz und Administration war nicht in den Händen des Adels; der größte Wohlstand, das beste Behagen war durch Handel und Handwerk in die Städte geleitet. So war bis zum Jahre 1618 die Nation auf gutem Weg, das egoistische Junkertum des Mittelalters zu überwinden und Ansprüche, welche mit dem neuen Leben unvereinbar geworden waren, zur Ruhe zu bringen. Es war eine verderbliche Folge des großen Krieges, daß auch dies anders wurde. Die Kraft des Bürgertums war durch den Krieg vollständig gebrochen, die Schwächen des Adels entwickelten sich unter der Gunst, welche ihm in den meisten Landschaften das neue Soldatenregiment der Fürsten, vor allem der Kaiserhof gewährte, zum Nachteil des Ganzen. Wie sehr die Einnahmen des Grundbesitzers verringert waren, er lernte doch zuerst aus der Arbeit der geknechteten Bauern Vorteil ziehen. Auch die Familien des Landadels waren dezimiert, dafür war man am Kaiserhof sehr bereit, für Geld neuen Adel zu schaffen. Im Krieg hatte sich der Hauptmann oder Oberst von seiner Beute gern einen Adelsbrief und verwüstete Güter gekauft. Nach dem Frieden wurde der Briefadel eine häßliche Erweiterung des Standes. Eine kindische, widerwärtige Großmannssucht, Devotion, Kriecherei, Sucht nach Titeln und äußeren Auszeichnungen wurden nun in den Städten allgemein. Am wenigsten litten darunter die Handelsstädte an der Nordsee, am meisten die Länder, welche unmittelbar von dem Kaiserhof abhingen. Damals wurde in Wien gebräuchlich, jeden, welcher gesellschaftliche Ansprüche zu machen berechtigt schien, als Edelmann anzureden. Unter der Masse der Privilegierten, welche sich jetzt als besonderer herrschender Stand im Gegensatz zum Volk empfanden, war allerdings die größte Verschiedenheit der Bildung und Tüchtigkeit, aber man tut dem Andenken an viele ehrenwerte und einige bedeutende Männer nicht unrecht, wenn die Tatsache hervorgehoben wird, daß die Zeit von 1650–1750, in welcher der Adel am meisten galt und regierte, die allerschlechteste Periode der ganzen neuern Geschichte Deutschlands ist. Ohne Zweifel führte in der schwachen Zeit seit 1647 das behaglichste Leben der wohlhabende Sproß einer alten Familie, welcher größere Güter sein Eigentum nannte und durch alte Verbindungen mit Einflußreichen und Regierenden geschützt war. Seine Söhne erwarben einträgliche Hofämter oder höhere Offizierstellen, auch die Töchter, gut ausgestattet, vergrößerten den Kreis seiner »Freunde«. Der Gutsherr hatte wohl selbst im Heere gedient, eine Reise nach Frankreich oder Holland gemacht und von dort eine Anzahl von Kuriositäten mitgebracht, Waffen und gemaltes Gerät asiatischer Völker, ein ausgeblasenes Straußenei, polierte Muscheln, künstlich geschnittene Kirschkerne und gemalte Töpfe, oder marmorne Gliedmaßen, die in Italien aus der Erde gegraben waren. Er hat vielleicht irgendwo einem Gelehrten seine Bekanntschaft gegönnt und erhält von Zeit zu Zeit eine dickleibige juristische Abhandlung oder gar einen Band Gedichte mit respektvollem Schreiben zugesandt. Ja, er hat auf seinen Reisen die Höfe von Anhalt oder Weimar besucht und ist von dort durch gnädiges Patent zum Dichter und Schriftsteller ernannt worden; er ist Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, bewahrt an seidenem Band ein schönes Medaillon, auf welchem sein Kraut, Salbei oder Krauseminze, oder wenn er bei Hof boshaft war, vielleicht gar ein Rettich abgebildet ist, er führt den Beinamen »der Auflockernde« und tröstet sich mit dem Spruch: »im Beißen nahrhaft« Dietrich von Kracht, der brandenburgische Oberst, hieß im Orden »der Beißende«, sein Kraut war Meerrettich. ; in diesem Fall schreibt er zuweilen auch wohl Briefe über Verbesserung der deutschen Muttersprache, leider mit vielen französischen Redensarten. Zu seiner Belehrung hält er mit einigen andern Kavalieren von Edukation um gutes Geld eine geschriebene Zeitung, welche ein wohlunterrichteter Mann in der Hauptstadt unter der Hand an zahlungsfähige Abnehmer sendet; denn es widersteht ihm, nur die »gewöhnliche, ungründliche Schmiererei« der gedruckten Zeitungen zu lesen. Er spricht etwas Französisch, vielleicht auch Italienisch, und wenn er auf Universitäten gewesen ist, was nicht zu häufig geschah, vermag er auch ein lateinische Elaborat herzusagen. In diesem Fall ist er wahrscheinlich Kommissarius des Landesherrn, ein Würdenträger seiner Landschaft, dann fehlen ihm nicht Geschäftsreisen und gelegentliche Verhandlungen, und er besorgt schlecht und recht das Anvertraute mit Hilfe seiner Schreiber. Er ist höflich, auch gegen solche, welche unter ihm stehen, und kommt mit dem Bürgersmann vortrefflich zurecht. In sicherem Selbstgefühl sieht er auf das Volk, er ist in der Tat vornehm erzogen und weiß recht gut, daß sein Adel nicht auf den vielen Titeln und nicht auf den Ritterzeichen des Wappens beruht, und er lächelt über die Löwen, Bären, Türkenköpfe und wilden Männer, welche in die Wappen gemalt und von dem Heroldsamt zu Wien ausgeteilt worden. Mit Stolz blickt er auf den Adel der Franzosen, der durch Pariser Kaufleute und italienische Abenteurer zu viel fremdes Blut eingenommen hat, auf die Ungarn, die ihren Adel gefällig um eine Reverenz bei dem Palatin und eine Kanzleitaxe erteilen, auf die Dänen, deren Edelleute aus dem Viehhandel ein Monopol machen, und auf die Italiener, welche in unaufhörlichen Mesalliancen leben. Auch bei der Mehrzahl seiner deutschen Standesgenossen ärgert ihn das Vornehmtun. Denn selbst bei den Zusammenkünften seiner Landschaft wird häufig um den Vorrang gestritten, zumal gegen landesherrliche Räte, welche nicht von Adel sind, aber die Privilegien ihres Ranges geltend machen wollen. Sind bürgerliche und adlige Räte in demselben Kollegium, so gilt in den Sitzungen selbst die höhere Stellung und Anciennität, bei Mahlzeiten und allen Repräsentationen aber hat nach kaiserlichen Entscheidungen, wie er wohl weiß, der Edelmann den Vorrang. Es ist eine gewöhnliche Klage, daß auch die Adligen sich selbst Titel, Wappen, Prädikate beilegen oder in der Fremde nachsuchen; wer von der kaiserlichen Reichskanzlei das Diplom eines Grafen oder Freiherrn erhalten habe, wolle Reichsgräfliche oder Reichsfreiherrliche Gnaden genannt sein und spreche von sich selbst in majestätischer Mehrzahl. Noch ist dem würdigen Herrn einiges von den Traditionen des Rittertums geblieben: ein tapferer Offizier wird von ihm mit Achtung behandelt, er hält viel auf Waffen und Pferde. In den Zimmern seines festgemauerten Hauses sind der beste Schmuck der Wände neben den großen Familienbildern schöne Gewehre, Pistolen, Hirschfänger und jede Art von Jagdgerät. Seitwärts von den Gärten für Blumen, Gemüse und Obst liegt ein Reitplatz, dort sind auch Vorrichtungen, nach dem Ring zu rennen und leichte Lanzen an dem Faquin oder der Quintana, einer geschnitzten Holzfigur, zu brechen. Seine Pferde haben noch italienische und französische Namen, Furiosa, Bellarina, Stella, Lisette, Amormio; denn noch ist das englische Blut nicht eingeführt, mit Neapolitanern und Ungarn wird gezüchtet, türkische Klepper werden, wie jetzt die Ponys, gesucht, edle Pferde aber verhältnismäßig höher bezahlt als jetzt, denn der lange Krieg hat die Pferdezucht in ganz Europa schmählich heruntergebracht. Sein Hundestall ist wohl versehen, denn außer den Bullenbeißern braucht er auch Hetzhunde, Vorstehhunde und Dachshunde. Auch diese einflußreichen Begleiter seines Lebens schmückt er mit wohlklingenden Namen, Favor, Rumor, Rero, Delphin, Passanda, Moserta, Primerl, Bisperl. Zwar die hohe Jagd ist das Recht seines Landesherrn, aber aus Frankreich ist schon vor längerer Zeit der häßliche Gebrauch, das Wild zu hetzen, ins Land gekommen. So reitet er eifrig mit seinen Hunden nach Hasen und Füchsen, oder er begleitet, eingeladen, einen großen Herrn auf die Hirschjagd und empfängt Besuche eines befreundeten Hofbeamten, der noch eine Falknerei unter sich hat, dann läßt man auf Krähen stoßen. Im Oktober verschmäht er auch nicht auf den Lerchenstrich zu gehen und die Garne zu beaufsichtigen. In der Regel beginnen seine Tage mit Würde und endigen mit Behagen; regelmäßig wird purgiert, zur Ader gelassen und zur Kirche gegangen; allwöchentlich hält der Gutsherr seinen Verhör- und Gerichtstag ab; nach dem Gutenmorgenwunsch der Familie läßt er an freien Tagen die Rosse reiten, in den Erntewochen reitet er auch wohl auf das Feld und sieht nach den Schnittern und dem Verwalter. Ein großer Teil seiner Zeit vergeht mit Besuchen, die er in der Nachbarschaft abstattet oder empfängt. Bei der Mahlzeit, die noch kurz nach zwölf Uhr stattfindet, spielt das Wild die Hauptrolle; hat er Gäste, so werden sieben bis acht Gerichte aufgesetzt, immer mehrere zusammen. Wenn die Unterhaltung einen höheren Flug nimmt, so berührt sie vorsichtig die Politik, sehr ungern Glaubenssachen; noch gelten viel schöne Sentenzen und Maximen auch bei Leuten von Welt; eine Feinheit ist, Schriftsteller des Altertums oder elegante Franzosen ohne Pedanterie zu zitieren; das Eigentümliche fremder Völker, auch Kuriositäten der Naturgeschichte, wie sie Beobachtung und Lektüre nahelegt, werden gern erörtert. Es ist dabei guter Ton, die einzelnen der Reihe nach um ihre Ansicht zu fragen. Uns würde solche Unterhaltung, auch wenn die Kavaliere von den besten Qualitäten wären, zuweilen noch unbehilflicher und pedantischer erscheinen als jetzt in einer Gesellschaft armer Schulmeister; aber auch aus dieser Konversation, von der uns einige zuverlässige Proben geblieben sind, ist trotz des engen Gesichtskreises und zahlreicher Vorurteile das Ringen der Zeit nach Aufklärung und Verständnis der Welt zu entnehmen. In der Regel freilich läuft die Unterhaltung in Familiengeschichten, Komplimenten, bedenklichen Anekdoten und Scherzen von derber Natur. Es wird stark getrunken, und nur die Feinsten entziehen sich dem Gelage. Zuweilen wird auch eine gesellige Zusammenkunft mit Damen an einem dritten Orte arrangiert, im Gasthof oder Posthaus, dann besorgt jede Dame einige Speisen, die Herren aber Wein und Musik; ist ein Bad in der Nähe, so wird die Badefahrt ungern versäumt; auch Schießfeste werden eingerichtet mit ausgesetzten Preisen, das »Beste« ist dann wohl ein Ochs oder Widder, die Herren schießen entweder mit dem Volk oder untereinander. – Auch in der Tracht ist der Gutsherr stattlich, sein Stand schon von weitem erkennbar. Denn noch bestehen die alten Kleiderordnungen, und auf die Garderobe wird von Männern und Frauen ein Wert gelegt, den wir jetzt kaum begreifen. Vor dem Kriege war ein nicht unbedeutender Teil des Vermögens in Samt und Goldstickereien, in Ringen und Juwelen angelegt gewesen; das war größtenteils verloren, aber die Freude an solchem Besitztum war geblieben, und der Schmuck der Töchter blieb noch lange ein wesentlicher Teil ihrer Ausstattung. Zahlreich sind die Mitglieder des Haushaltes und die Dienerschaft, darunter originelle Gestalten. Außer dem Hauslehrer lebt im Hause vielleicht noch ein alter, dem Trunk ergebener Söldner des großen Krieges, der viel von Torstenson oder Jean de Werth zu lügen weiß; er lehrt die Söhne des Edelmanns fechten, die Pike gebrauchen und mit der Fahne »spielen«. Selten fehlt ein heruntergekommener Seitenverwandter der Familie, Gebieter des Hundestalls, der den Titel »Jagdmeister« erhalten hat, der Bewahrer finsterer Weidmannsgebräuche; er weiß das Rohr zu »versprechen«, das Wild durch »Charaktere« zusammenzubringen und hat größere Bekanntschaft mit dem höllischen Nachtjäger, als dem Ortspfarrer nützlich erscheint. Er gilt als altes Hausmöbel für treu und würde sich sicher bei rittermäßiger Veranlassung für seinen Herrn Vetter ohne Bedenken totschlagen lassen, aber er macht sich wohl auch kein Gewissen daraus, den Bauern, mit welchen er in der Schenke zecht, mehr Holz zuzuschlagen, als recht ist, und der Gutsherr muß durch die Finger sehen, wenn der alte Junker einmal seinen Hirschfänger mit Silber beschlägt, dessen Ursprung zweifelhaft ist. So vergeht das Leben eines wohlhabenden Grundbesitzers zwischen 1650 und 1700. Es ist vielleicht nicht ganz so tüchtig, als es sein sollte, aber es vermag wohl Familiensinn und Gutherzigkeit der nächsten Generation zu überliefern. Doch wohlgemerkt, es war eine kleine Minderzahl des deutschen Adels, welche im 17. Jahrhundert in so bevorzugter Stellung saß. Wer fern von seiner Familie in fremdem Land Fortune machen wollte, dem drohten andere Gefahren, denen sich nur die Kräftigsten entzogen. Die Kriege in Ungarn und Polen, die schmählichen Kämpfe gegen Frankreich, vollends ein längerer Aufenthalt in Paris waren nicht angetan, gute Sitte zu erhalten. Die Laster des Orients und des verdorbenen Hofes von Frankreich wurden durch sie in Deutschland umhergetragen. Die alte Rauflust wurde nicht besser durch das neue Kavalierkartell, der liederliche Verkehr mit Bauerndirnen und leichtfertigen Edelfrauen wurde nur schlimmer durch die nächtlichen Orgien der alamodischen Kavaliere, bei denen sie die mythologischen Figuren festlicher Aufzüge darstellten und sich als Waldgötter, ihre Damen als Venus und Nymphen drapierten. Auch das alte Landsknecht- und Würfelspiel war nur gerade so schlimm gewesen als das neue Hasard, das jetzt in den Bädern und an den Höfen überhandnahm und außer den einheimischen Abenteurern auch noch fremde im Land umhertrieb. Seltsamer aber und grotesker erscheinen uns zwei Klassen von Adligen jener Zeit, beide zahlreich, beide in starkem Gegensatz zueinander. Sie wurden damals kurzweg als Stadtadel und Landadel bezeichnet und drückten ihre gegenseitige Antipathie in den sehr gebräuchlichen Schmähworten Pfeffersäcke und Krippenreiter aus. Wer in den Städten eitel war und unruhig nach der Höhe rang, der erwarb sich des Kaisers Brief. Diese Adelsbriefe waren seit alter Zeit eine beliebte Einnahmequelle für bedürftige deutsche Kaiser. Schon Wenzel und Sigismund hatten schonungslos geadelt, Krämer und zweideutige Leute, jeden, der bereit war, einige Goldgulden zu zahlen. Dagegen hatten schon 1416 auf dem Konzilium zu Konstanz Fürsten und Adel von Rhein, Sachsen, Schwaben und Bayern den Kamm gesträubt, eine Revision in ihren Kreisen vorgenommen und die Eindringlinge ausgemustert. Aber die Briefe der Kaiser hörten deshalb nicht auf; selbst Karl V., der auf die deutschen Herren zuweilen mit unbehaglicher Ironie herabsah und seinem Kanzler und den Schreibern gern eine Einnahme gönnte, stand in dem traurigen Ruf, »jeden Salzsieder um wenige Dukaten tapfer in den Adelstand zu erheben«. Noch geschäftsmäßiger wurde das Verfahren unter Ferdinand II. und seinem Nachfolger. Denn seit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges wurden nicht nur die Lebenden, auch die Gebeine ihrer Vorfahren in der Gruft geadelt, ja die toten Vorfahren für stifts- und turnierfähig erklärt. Nach 1648 endlich ward dies Geschäft vom Kaiserhof so massenhaft betrieben, daß die Fürsten und Stände im Reichstagsabschied von 1654 und hundert Jahre später bei der Wahlkapitulation Karls VII. gegen die Nachteile protestierten, welche durch solche Privilegien ihren eigenen Hoheitsrechten und Einnahmen zugefügt würden. Der Neugeadelte in den Städten sollte deshalb nicht von bürgerlichen Lasten gelöst, der Besitzer eines dienstpflichtigen Gutes nicht mit den Privilegien eines Rittergutes versehen werden. Vergebens drohte der kaiserliche Hof denen mit Strafen, welche seinem Briefadel nicht die erkauften Privilegien einräumen wollten. Auch wer für stifts- und turnierfähig erklärt war, wurde deshalb in keinen Ritterorden, kein adliges Stift, nicht in alte adlige Landgenossenschaften aufgenommen. Die Stifter nahmen überhaupt keine Adelsbriefe als Beweise adliger Herkunft an, nur Mitglieder aus alten adligen Familien, welche gar keine Briefe besaßen, galten für stiftsfähig. Nur ausnahmsweise gaben diese Korporationen einer hohen Fürsprache nach. Selbst die Hofämter, Kammerherren, Kammerjunker, Hof- und Jagdjunker, sogar Edelknaben, waren Privilegien des alten Adels. Nie vergaßen die Adelsbriefe die Tugenden und Verdienste des Neugeadelten und seiner Vorfahren zu rühmen, welche dem Fürsten und gemeinen Wesen geleistet worden wären; aber es war, wie ein eifriger Verteidiger des alten Adels klagt, gar zu bekannt, daß man insgemein nur um »das Macherlohn« zu adeln pflegte. In den größeren Städten, welche nicht fürstliche Residenzen waren, war die Stellung des Adels verschieden. In Hamburg, Lübeck, Bremen hatte der Adel keine politische Geltung mehr, dagegen lebten in Nürnberg, Frankfurt am Main, Augsburg und Ulm die alten adligen Geschlechter in stolzem Abschluß gegen die übrige Bürgerschaft. Am ärgsten waren die zu Nürnberg, sie hielten es bereits für unehrenhaft, Handel zu treiben. Von den beiden adligen Gesellschaften in Frankfurt am Main verlangten die im Hause Alten-Limpurg bei jedem Mitglied, welches sich zur Aufnahme meldete, acht Ahnen und daß es sich der Handlung enthalte, die zweite Gesellschaft auf dem Hause Frauenstein bestand meist aus neugeadelten »vornehmen« Kaufleuten. In Augsburg war das alte Patriziat gegen den Kaufmannsstand ein wenig nachsichtiger, wer dort ein adliges Kind aus der Geschlechterstube geheiratet hatte, konnte in den adligen Verein aufgenommen werden. Von den übrigen namhaften Handelsstädten waren Prag und Breslau am reichsten mit neugeadelten Kaufleuten versehen. Bitterlich wurde geklagt, daß unter Kaiser Leopold sogar einem Schornsteinfeger, dessen Handwerk damals noch in besonders geringer Ehre stand, für wenig Geld der Adel verliehen sei, und daß man so häufig Krämer finde, welche mit einem kaiserlichen Adelsbrief in der Tasche ihren Kunden die Heringe in altes Papier packten. Zu dem Briefadel drängten sich nach dem Dreißigjährigen Kriege außer den Offizieren, denen er oft für ihre Dienste verliehen wurde, zunächst die höheren Beamten und die Mitglieder der städtischen Verwaltung in größeren Städten. Durch solche Familien, welche an der gelehrten und poetischen Bildung der Zeit teilhatten, kam in diesem und dem nächsten Jahrhundert der Briefadel auch in unsere Literatur. Mehrere Dichter der schlesischen Dichterschulen, ja Leibniz, Wolff, Haller wurden durch Adelsbriefe, die sie selbst oder ihre Väter erworben hatten, unter die Privilegierten ihrer Zeit gestellt. Außer ihnen vorzugsweise reiche Handelsleute. Noch immer war in Deutschland der Großhändler bei den Privilegierten und beim Volk nicht eben beliebt und durchaus nicht so angesehen, wie die großen Interessen verdienten, die er nicht selten vertrat. Mißtrauen und Abneigung waren uralt, sie stammen vielleicht noch aus der Zeit, wo schlaue Römer unter den einfachen Kindern Tuiskos die fremden Silbermünzen gegen die ersten Produkte des Landes verhandelten. Das ganze feudale System des Mittelalters förderte diese Zurücksetzung, nicht weniger der Glaube des Gekreuzigten, welcher die Güter dieser Welt zu verachten befahl und den Reichen so geringe Aussicht auf das Himmelreich gewährte. Seit der Hohenstaufenzeit, seit der Adel als privilegierter Stand konstituiert war, bildete sich der Gegensatz zwischen den reichen Erwerbenden der Städte und den begehrenden Kriegern der Landschaft immer stärker aus. Freilich in den Hansestädten des Nordens erzwang sich der kriegerische Kaufmann durch seine bewaffneten Schiffe Furcht und Herrschaft bis in entlegene Länder. Aber selbst die reichen und hochgebildeten Herren zu Nürnberg und Augsburg waren dem Volke kaum weniger unbehaglich als den Fürsten und Edlen, welche raublustig an den Grenzen ihres Gebietes saßen; es waren nicht die Fugger allein, denen von den Reformatoren Wucher und undeutsche Gesinnung schuld gegeben ward. Nach dem Dreißigjährigen Krieg schoß die Feindschaft in neue Blüte, und es ist leicht zu begreifen, daß der große Kaufmann nicht wenig Veranlassung gab, solche Antipathien rege zu erhalten. Keine menschliche Tätigkeit bedarf so sehr eine freie Konkurrenz und ungehinderten Verkehr als der Handel. Die ganze Richtung der alten Zeit aber war, nach außen abzuschließen und den einzelnen durch Privilegien zu schützen. Solche Richtung der Zeit mußte den Egoismus des Kaufmanns vorzugsweise hart und rücksichtslos machen, sein Bestreben Monopole zu erwerben, unsinnige Gesetze gegen den Geldzins zu umgehen gab dem Volke häufig mit Recht die Empfindung, daß der Gewinn des Kaufmanns durch den Druck hervorgebracht sei, den er auf die Verzehrenden ausübte. Diese Empfindung wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg besonders lebendig. Während in Holland und England das moderne Bürgertum vorzugsweise durch großartigen Handelsverkehr erstarkte, war in dem deutschen Binnenhandel – die größeren Seestädte immer ausgenommen – durch die zahllosen Territorien, die Willkür der Zölle, die Unsicherheit der Valuten und zuletzt durch die Armseligkeit des Volkes eine gesunde Entwicklung verhindert, dagegen Versuchung zu jeder Art von Wuchergeschäften nahegelegt. Die Verschiedenheit der deutschen Münzen und die Gewissenlosigkeit der prägenden Landesherren begünstigten eine endlose Kipperei: gute Münzen mit Vorteil aufkaufen, vollwichtiges Gold beschneiden, leichtes Geld in Umsatz bringen, wurde die gewinnbringendste Tätigkeit. Wie jetzt die Zeitkäufe und der Aktienschacher, so war damals ein großenteils ungesetzlicher Handel mit gemünztem Metall das Leiden der Handelsplätze. Es war nicht auszurotten. Wurde einmal der Skandal zu groß, dann traten wohl die Landesregierungen unbehilflich dazwischen, aber ihre Gerichte wurden blind gemacht. So war in Frankfurt a. M. das Beschneiden der Dukaten so massenhaft betrieben worden, daß von Wien eine Spezialkommission in die freie Reichsstadt gesandt wurde; Juden waren die Kolporteure gewesen, christliche Handelshäuser, darunter mehrere große Firmen, deren Namen noch jetzt bestehen, die Hauptschuldigen. Es kam weiter nichts dabei heraus, als daß die kaiserlichen Kommissare einen großen Teil des unsauberen Gewinnes in ihre Taschen bargen. Solcher Reichtum, schnell und gegen das Gesetz erworben, hatte, wie noch jetzt, alle Eigenschaften eines unsoliden Erwerbes; er dauerte selten bis auf die dritte Generation. Er machte die Schuldigen leicht zu Verschwendern und Genußsüchtigen, ihr Hochmut, ihr Mangel an Bildung, ihre Prunksucht wurde den eigenen Mitbürgern besonders auffällig. Solche Individuen waren es vorzugsweise, welche sich Adelsbriefe kauften, und es ist wohl kein Zufall, daß von den zahlreichen Adelsfamilien dieser Art verhältnismäßig viele wieder untergegangen sind. Ein Neugeadelter aus solchem Kreise behielt in der Firma seinen wirklichen Namen, aber unter seinen Mitbürgern hielt er eifersüchtig auf die Privilegien des neuen Standes. Gern ließ er sein Wappen in Stein auf die Außenseite des großen Hauses meißeln und reichlich vergolden, aber der Stein verbürgte nicht die lange Dauer des Hausbesitzes. Es erschien z. B. in Breslau auffallend, wie schnell die Häuser auf dem großen Ring, die damals fast sämtlich dem neuen Briefadel gehörten, ihre Bewohner wechselten. Im Innern des Hauses wurde ein auffallender Luxus zur Schau gestellt, in dieser armseligen Zeit dem Volk doppelt unheimlich. Die Zimmer waren mit kostbaren Tapeten geschmückt, mit fenstergroßen venezianischen Spiegeln, mit seidenen Spaglieren und Wandteppichen, welche man bei festlicher Gelegenheit an der Wand oder auf besonderem Gestell aufhing, dann wohl wieder abnahm. Die Frauen nähten diamantene Schlösser auf die Schuhe; es wird geklagt, daß sie keine Spitzen tragen, wenn sie nicht von Venedig oder Paris waren und die Elle nicht wenigstens zwanzig Taler kostete, ja es wurde ihnen nachgesagt, daß ihre Nachtgeschirre von Silber wären. Groß war die Zahl ihrer Lakaien, die Karossen wurden reich vergoldet, der Kutscher lenkte vom hohen Bock zuweilen vier Pferde, die dann nebeneinander gespannt waren; aber wenn die glänzende Equipage durch die Straßen rasselte, riefen die Leute doch höhnend, daß »der Topf immer noch nach der ersten Suppe schmecke«. Die schönen Pferde konnte der reiche Mann wohl halten, weil er nebenbei einen Pferdehandel trieb, und zu Lakaien wurden die Arbeiter aus dem Geschäft kostümiert, Hausknecht, Holzraspler, Handelslehrling, der Page aber, welcher hinter der Dame herging, war wohl gar ein Kind aus der Armenschule. In solchen Häusern herrschte auch der größte Tafelluxus jener Zeit. Der geladene Gast wurde mit einer Förmlichkeit empfangen, welche damals Kennzeichen des Gebildeten war, der Wirt ging ihm bis an die Treppe, dem vornehmsten bis an die Haustür entgegen; weitschweifig waren die Komplimente über den Vortritt oder über den höheren Platz bei Tisch, und doch wurde der größte Wert darauf gelegt, dabei nicht zu niedrig geschätzt zu werden. Sobald man sich zur Tafel setzte, wurde der Schenktisch geöffnet, auf dem eine Masse des kostbarsten Silberwerks glänzte. Die Schüsseln mußten groß sein, ebenso umfangreich die Gerichte, außer Verhältnis zu der Zahl der Geladenen, das Teuerste wurde mit einem Raffinement herbeigesucht, das uns noch jetzt befremdet: mächtige Pasteten mit verschiedenem Geflügel gefüllt, Haselhühner, Hechtleber, welscher Salat. Die Fasanen und Rebhühner wurden kaponiert und gemästet, das Paar davon bis zu einem Dukaten bezahlt. Man fand greulich, daß diese Verschwender neue Heringe mit einem Gulden erkauften, das Hundert Austern mit acht bis zehn Talern. Dazu kamen die kostbarsten Weine des 17. Jahrhunderts: Tokaier, Canarisekt, Marzenin, Frontignac, Muskat, zuletzt gar Wein vom Libanon; zum Dessert war nicht mehr Marzipan, sondern Zitronat die modische Ergötzlichkeit. Die Frauen saßen stumm und geziert. Ihre Hauptsorge war, so klagte man, schon bei der Wahl des Gatten, ob ihr künftiger Eheliebster vornehm sei, damit sie bei Begräbnissen desto näher hinter der Leiche her treten und bei Hochzeiten obenan sitzen könnten. Bei solchen Gelegenheiten fehlte wenig, daß sie nicht mit Ohrfeigen um den Vortritt fochten. Soweit ging die Adelssucht dieser Kreise, daß sich der für bedeutend besser hielt, dessen neuer Adelsbrief nur zehn Jahre früher ausgestellt war als der eines andern; auch diese Stadtedelleute schätzten den ganz neu Geadelten keineswegs für ihresgleichen. Wer frisch geadelt war, wurde nur »wohledel« genannt; wer einige Zeit in Besitz seines Briefes war, ließ sich »hoch- und edelgeborne Gestrengigkeit« nennen. Alles wurde angewendet, um noch außerdem eine Stadtwürde oder irgendeinen Titel zu erlangen. Mit den unreifen Söhnen solcher Familien wurden häufig auch die militärischen Würden der Städte besetzt; dann lief ein Wicht, der niemals ein Schlachtfeld gesehen hatte, mit einem Stab, der dick mit Silber beschlagen war, bewaffnete Leibschützen hinter sich, bei Tage von Tor zu Tor, um sich den Leuten zu zeigen und den Salut der Wache in Empfang zu nehmen. Nur eins wurde von ihm verlangt, er mußte mit dem Degen umgehen können, denn Duelle gehörten zum Wesen des Edelmanns. Und es war gut für ihn, wenn er wenigstens einmal durch ein »Kartell« in Anspruch genommen war. Dann ritt er mit seinem Sekundanten auf das nächste Dorf, zog hinter einem Zaun die Reitstiefeln aus, leichte Fechtschuhe an, steckte die langen gekräuselten Haare unter die Nachthaube, entblößte den Oberleib bis auf das Hemd und mußte eine von den Schlagklingen wählen, welche ihm präsentiert wurden. Man focht in Gängen auf Hieb und Stich, auf das glücklich abgemachte Duell folgte unfehlbar ein Versöhnungsgelage. Mit vollbrachten Heldentaten wurde gern renommiert. So etwa sahen die Pfeffersäcke aus, welche vom groben Landadel auch Heringsnasen genannt wurden. Ein ganz anderer Schlag Leute war die Masse des Landadels. Diese Familien saßen vor zweihundert Jahren noch zahlreicher als jetzt in den Dörfern. Außer den Rittersitzen waren auch Häuser des Dorfes und kleine Ackerwirtschaften in ihren Händen; zuweilen hatte ein Geschlecht so stark gewuchert, daß in der Nähe eines alten Stammsitzes viele Dörfer mit Geschlechtsgenossen besetzt waren; noch häufiger saßen in einem Dorf Familien von verschiedenen Geschlechtern durcheinander, in jedem Grade von Autorität. Noch im 19. Jahrhundert hat es mäßige Dörfer gegeben, welche zehn, zwölf und mehr Rittersitze umschlossen; an solchen Ortschaften hatte jeder der kleinen Despoten die Herrschaft über wenige elende Dorfleute und ritterliche Herrenrechte an einem Teil der Flur, die ärmsten aber wohnten ohne Grundrecht, zuweilen nur zur Miete. So war es fast in allen Landschaften Deutschlands, am meisten östlich der Elbe auf dem kolonisierten Slawengrund, aber auch in Franken, Schwaben und Thüringen. Viele Junker unterschieden sich von den anderen Landleuten nur durch ihre Ansprüche und durch ihre Verachtung der Feldarbeit. Sie waren schon vor dem Krieg in der Mehrzahl verarmt gewesen, der spätere Friede fand sie in noch schlechterem Glück. Das Eisen und die Seuchen hatten auch unter ihnen aufgeräumt, die Überlebenden waren nicht besser geworden. Die Stärkeren hatten sich als Soldaten und Parteigänger im Krieg versucht, zuweilen wenig verschieden von Straßenräubern. Die erworbene Beute hatten sie noch im Krieg wieder in einem kleinen Gut angelegt, auf dem sie friedlos und lauernd saßen. Solche Glückliche erhielten häufigen Zuspruch von alten Spießgesellen und wagten dann wohl vom Gut aus einen Ritt auf eigene Hand, bei dem es ohne Blut nicht abging. Nach dem Krieg hörten sie zwar auf, Raub zu wagen und zu gestatten, aber auch den nächsten Generationen blieb die Verwilderung, das Bedürfnis nach Aufregung, das unruhige Umherreiten, die Neigung zu wüstem Trunk und Händeln. Sie bildeten zusammen eine große Genossenschaft, die trotz endloser Raufereien doch fest zusammenhielt wie eine verfilzte Pflanzendecke auf Sumpfgrund, und dieser Familienzusammenhang wurde für die besseren unter ihnen eine unendliche Plage, ein Unglück des ganzen Standes, der mehr als ein anderer Übelstand die Bildung und den Wohlstand der ritterlichen Grundbesitzer in dem nächsten Jahrhundert zurückhielt. Denn auch solchen, welche nicht ganz ohne Mittel waren, verging das Leben wie in einem Bann, von dem sie sich schwer lösen konnten. Reiten, Tanzen und Fechten lernten die Söhne eines solchen Landbesitzes von mäßigem Wohlstand in der Verwandtschaft, vielleicht die ersten Anfänge des Lateins bei einem armen Kandidaten; dann dienten sie wohl, wenn der Vater Verbindungen hatte, bei einem kleinen Hof oder vornehmen Edelmann als Pagen, dort lernten sie etwas von den guten Manieren, sicherer die Schwächen und Laster der Vornehmen kennen. Hatten sie einige Jahre in adligem Dienst ausgehalten, so wurden sie wohl nach altem Herkommen von ihrem Herrn wehrhaft gemacht und mit einem gnädigen Backenstreich als Junker entlassen. Dann kehrten sie auf das väterliche Gut zurück, oder die Eltern verkauften, was sie entbehren konnten, um ihnen eine rittermäßige Ausstattung zu verschaffen oder sie als Aspiranten für eine Subalternstelle zum kaiserlichen Heer zu senden. Nur wenigen glückte es in den ruhmlosen Kriegen jener Zeit; die meisten kehrten nach einigen Feldzügen verdorben, arm an Ehren und Beute in die Heimat zurück, mit den Geschwistern das Vatererbe zu teilen. Bald unterschieden sie sich wenig von den Vettern, die in der Heimat zurückgeblieben waren. Der Gutsherr hauste in einem Gebäude von Fachwerk mit Stroh oder Schindeln gedeckt – es sind uns gelegentliche Beschreibungen und Abbildungen in genügender Zahl erhalten – über das Dach lehnte die große Feuerleiter, die Vorder- und Hintertür des Flurs war mit hölzernen Sperrbalken zum nächtlichen Verschluß versehen; im Unterstock lag die große Stube, in der Nähe die weite Küche, zugleich ein warmer Aufenthalt für die Dienenden, neben der Stube ein gemauertes Gewölbe, mit Eisengittern am Fenster und womöglich mit eisernen Türen gegen Diebe und Feuersgefahr, dort wurde aufbewahrt, was der Gutsherr von wertvoller Habe besaß; war einmal eine Summe Geldes darin verschlossen, so wurde gern ein besonderer Wächter vor das Haus gesetzt. Über diesem Gewölbe lag im Oberstock die Schlafstube des Hausherrn, dort stand das Ehebett, auch dort war in der Wand oder in den Dielen ein verborgenes Behältnis, worin einiges Silbergerät und der Schmuck der Frauen aufbewahrt wurde. Die Kinder, der Hauslehrer und die Ausgeberin schliefen wohl noch in Gitterverschlägen, welche nicht heizbar waren. Zuweilen war an den Oberstock eine hölzerne Galerie angebaut, das »Lustgänglein«, dort wurde Wäsche getrocknet, der Hof beobachtet, Frauenarbeit getan. Das Haus stand unter besonderer Aufsicht eines alten Reisigen oder eines armen Vetters, der als Wächter innerhalb schlief; im Hof und um das Haus liefen zur Nachtzeit wilde Hunde, welche auf Bettler und fremde Fußläufer besonders abgerichtet wurden. Alle diese Vorsichtsmaßregeln vermochten aber die Einbrüche bewaffneter Banden nicht ganz zu verhindern. – Selbst ein mäßiges Rittergut war ein freudearmer Besitz. Die Mehrzahl der Gutsherren war tief verschuldet, unförmliche Prozesse, oft noch von dem Krieg her, schwebten um Schornstein und Grenzhügel. Die Wirtschaft bewegte sich kümmerlich unter der Aufsicht eines armen Vetters oder eines unsichern Verwalters, die Hofgebäude waren schlecht und zerfallen, es fehlte an Geld, sie neu zu bauen, oft auch an gutem Holz. Denn die Wälder hatten sehr durch den Krieg gelitten; wo Gelegenheit zum Verkauf war, hatten die fremden Befehlshaber große Forsten niedergeschlagen und verhandelt; in der Nähe befestigter Orte waren die Stämme zu Festungsarbeiten verwandt, welche damals ungeheure Holzmassen erforderten, nach dem Frieden war wieder vieles zum notdürftigen Aufbau der Dörfer und Vorstädte gefällt worden. Auch die Ackerwirtschaft bot geringen Ertrag. Zur völligen Bestellung fehlten nicht nur Gespanne, weit länger die Menschenhände der fronenden Dorfleute, auch waren die Getreidepreise nach dem Krieg im Durchschnitt so niedrig, daß kaum das Verfahren der Frucht lohnte; so blieb der Viehstand unvollständig; neue Kapitalien waren noch schwer zu erhalten. Denn das Geld war teuer, und die Hypotheken auf adligen Gütern galten für keine vorteilhafte Anlage. Zwar gaben sie einige Realsicherheit, aber schon die Zinsen wurden zu oft unregelmäßig berichtigt und vollends das gekündigte Kapital konnte nicht leicht zurückgezahlt werden, die Erwerbung des verpfändeten Gutes durch den Gläubiger aber war – bei sehr verschiedener Gesetzgebung – nur in einzelnen Fällen nach umständlichem Verfahren möglich, sie wurde zuweilen gefährlich, denn den neuen Erwerber bedrohten die Freunde und Nachbarn des Schuldners mit ihrem Haß. In den östlichen Grenzländern suchten sich zuletzt mißvergnügte Gläubiger dadurch zu helfen, daß sie ihre Schuldscheine an polnische Adlige verkauften. Diese verschafften sich das Geld, indem sie Repressalien gegen Reisende aus der Landschaft des Schuldners gebrauchten und dem ersten besten die Summe abnahmen. Das war schon vor dem großen Krieg geschehen, und wiederholte Verbote beweisen, wie sehr der Verkehr unter solchen Gewalttaten litt. Durch solche Leiden kam auch ein verständiger Grundbesitzer leicht in verzweifelte Lage. Eine Mißernte, ein Viehsterben mochten ihn wahrscheinlich ruinieren. Aber was das Hauptleiden war, eine große Menge hatte nicht den mäßigen Sinn, sich dauernd um die Wirtschaft zu kümmern und die Ausgaben nach den sicheren Einnahmen des Gutes zu beschränken. So gedieh den wenigsten ihr Leben. Die Mehrzahl erhielt sich unter häufigen Verlegenheiten, Prozessen und ewigen Schulden; auch von denen, welche mit besserer Hoffnung ihre Güter übernommen hatten, wurden manche zuletzt, was eine große Zahl ihrer Standesgenossen war, Mitglieder der großen Innung, welche das Volk Krippenreiter, Wurstreiter, Matzraufer, Schlackenläufer, Misthammel schalt. Solche Verarmte ritten in »Koppeln« von Hof zu Hof, als lästige Schmarotzer fielen sie in der Nachbarschaft ein, wo auf einem Gut ein Fest gefeiert wurde, wo sie Vorräte in Küche und Keller witterten. Wehe dem neuen Bekannten, den sie am dritten Ort kennengelernt hatten; sie waren sogleich bei der Hand, ihn auf einen oder acht Tage zu begleiten. Wo sie eingefallen waren, kostete es die größte Mühe sie fortzubringen. In ihrem Umgang nicht wählerisch, tranken und rauften sie sich wohl mit den Bauern in der Schenke, sie erwiesen in der Trunkenheit auch einem Bürger mit gefülltem Beutel die Ehre, ihn in ihre Brüderschaft aufzunehmen, dann wurde unter zerschlagenen Gläsern und Flaschen auf den Knien die Brüderschaft geschlossen, Leib und Seele zu ewiger Treue verschworen und gemeinschaftlich der für den ärgsten Kujon erklärt, der nicht unverbrüchliche Freundschaft halten würde. Solche Brüderschaft schützte allerdings nicht vor einer großen Schlägerei in der nächsten Stunde. Aber wie gemein sie sich bei solcher Gelegenheit machten, nie vergaßen sie, daß sie »uralte, wilde Edelleute« waren. Der Bürger oder wer vom Kaiser einen Adelsbrief hatte, konnte zwar ihr Bruder werden, diese Vertraulichkeit brachte der Lauf der Welt mit sich, aber die Prädikate der Familiengenossenschaft, »Oheim« und »Vetter«, erhielt er nicht, auch wenn er durch Heirat mit ihnen verschwägert war; in ihre »Freundschaft« wurde nur aufgenommen, wer von altem Geschlecht war. Ihre Kinder gingen in Lumpen, ihre Frauen sammelten zuweilen Lebensmittel bei den Verwandten ein, sie selbst trabten auf zottigen Pferden in alten Regenröcken über die Stoppel, wohl gar statt der zweiten Pistole ein geschnitztes Holz in den alten Holftern. Ihre Niederlage hatten sie in Dorfschenken; wenn sie einmal nach der Stadt kamen, lagen sie in den schlechtesten Herbergen, ihre Sprache war roh, voll Stallausdrücke und Flüche; von den Gebräuchen der Gauner war ihnen Bedenkliches in Rede und Gewohnheiten übergegangen, sie rochen mehr nach ihrem »Finkeljochem«, als für andere angenehm war; sie selbst waren Lumpen, bei aller Raufsucht ohne festen Mut, sie wurden allgemein für eine Landplage gehalten und von solchen, welche etwas zu verlieren hatten, mit Schmeißfliegen verglichen; mehr als einmal wurden sie von den Landesherren, sogar vom Kaiserhof durch scharfe Dekrete verfolgt, aber sie waren bei alledem hochmütige, durchaus aristokratisch gesinnte Gesellen. Ihr Stammbaum, ihr Wappen, ihr Familienzusammenhang war ihnen das Höchste auf Erden. Unendlich waren Haß und Verachtung, womit sie auf den reichen Städter sahen, sie waren immer bereit, mit einem Neugeadelten Händel anzufangen, wenn er ihnen nicht vollen Titel gab oder sich gar anmaßte, ein Wappen zu führen, welches dem ihrigen ähnlich war. Mit diesen Gesellen und ihrem Verkehr soll die folgende Mitteilung näher bekannt machen. Sie führt in eine Ecke des deutschen Landes, wo die Krippenreiterei besonders arg war, an das rechte Oderufer Schlesiens. [...] Die folgende Schilderung ist aus der Erzählung »Der Edelmann« genommen, welche der Schlesier Paul Winckler, politischer Agent und Rat des Großen Kurfürsten zu Breslau, wenige Jahre vor seinem Tode (er starb 1676) verfaßte. Die Erzählung wurde erst nach seinem Tode in zwei Auflagen (zuletzt Nürnberg, 1697, 8°) gedruckt. Kunst und Erfindung darin sind nicht bedeutend, aber gerade deshalb wird sie hier brauchbar. Winckler war ein gebildeter, welterfahrener Mann, ein angesehener Jurist, durch seine zahlreichen Reisen und Verbindungen und durch genaue Bekanntschaft mit den Verhältnissen des deutschen Landbesitzes vorzugsweise befähigt, ein sicheres Urteil abzugeben. Dazu besaß er Eigenschaften, welche dem Schlesier nicht selten sind: er wußte sich leicht in die Welt zu schicken, war ein lustiger Gesellschafter, beobachtete unbefangen und verstand lebendig zu erzählen. Daß er Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft war, hat wahrscheinlich dazu beigetragen, sein Interesse an der deutschen Literatur rege zu erhalten und ihn selbst zu anspruchsloser Schriftstellern zu ermutigen, aber der kluge Mann sah doch mit einiger Verachtung auf die puristische Pedanterie, womit Genossen seines Ordens der deutschen Poesie aufzuhelfen versuchten. »Sie sitzen hinter der Küche des Parnaß und sättigen sich am Geruch des Bratens.« Als er seine Erzählung schrieb, etwa fünfzig Jahre alt, durch die Gicht an sein Zimmer gefesselt, war seine Absicht, in einem Bild zu zeigen, wie ein rechter Edelmann sein solle. Denn es war sein Schicksal gewesen, das ganze Leben hindurch in geschäftlicher Verbindung und persönlichem Verkehr mit dem Adel verschiedener Landschaften zu stehen, seine eigene Frau war aus dem Geschlecht des Dichters von Logau, wie er selbst ein Schwestersohn des Andreas Gryphius. Zuverlässig war durch manche eigene Erfahrung sein Blick für die Lächerlichkeiten der Privilegierten besonders geschärft, aber er war doch ein Sohn seiner Zeit und bewahrte im Herzen einen tiefen Respekt vor echt adligem Wesen. Seine Erzählung ist deshalb durchaus keine Satire, wie sie wohl genannt worden ist, und die Schilderungen, welche hier mitgeteilt werden, machen den Eindruck besonders genauer Porträts. Freilich ist ihm begegnet, was auch neue Erzähler mit moralischer Tendenz hindert, er hat recht anschaulich geschildert, wie Edelleute nicht sein sollen, für seine guten Gestalten fehlten ihm scharfe Umrisse und Farben, ja sie werden langweilig, weil er dieselben Bildung und Grundsätze in langen Unterredungen an den Tag bringen läßt. Seine Erzählung ist mit den Romanen des Simplizissimus verglichen worden. Produktive Kraft, Phantasie, Reichtum an Detail sind bei dem Schlesier unvergleichlich geringer. Aber mit dem größeren Dichtertalent ist bei Grimmelshausen zuweilen eine Neigung zum Seltsamen und Phantastischen verbunden, welche an die Methode der Romantiker erinnert und das Dargestellte nicht durchweg als ein treues Bild der Zeit erscheinen läßt. Davon hat der Schlesier allerdings nichts, er erzählt lebendig und mit innerer Freiheit, was er etwa selbst geschaut hat, nicht vieles, nichts Besonderes, glatt und geradezu. Der Verlauf der Erzählung ist sehr einfach. Ein reicher junger Holländer – die Holländer nahmen damals in deutscher Gesellschaft ungefähr dieselbe Stellung ein, welche noch vor kurzem auch an deutschen Höfen den Engländern gegönnt wurde, die Bedeutung ihrer Nation galt fast so viel als ein Adelsbrief – kommt nach Breslau (Belissa), wird Zeuge eines Duells zwischen einem Neugeadelten und einem Landjunker, läßt sich von seinem Gastwirt das Landleben schildern, besucht das Haus eines verschwenderischen Pfeffersackes, wird von einem jungen Herrn v. K., einem Bekannten aus früherer Zeit, auf ein Landgut geladen, lernt nahe dabei die Krippenreiter aus eigener Anschauung kennen, hört einen Bericht der Abenteuer, welche ein Schlesier als englischer Offizier durchgemacht, und verbringt die übrige Zeit seines Landbesuches mit würdigen, aber sehr breiten Gesprächen, in welche der Verfasser viel von seinen Ansichten und seiner Gelehrsamkeit eingepackt hat: über die Bildung des Soldaten, über Berufs- und Geburtsadel, über die politische Situation, über die Kultur der Alten im Vergleich zur Gegenwart usw. Bei der Rückkehr nach Breslau erfährt der Holländer, daß jener reiche Kaufmann, der ihn im Anfang zur Tafel geladen, Bankrott gemacht und sich heimlich entfernt habe, das Leben desselben wird erzählt, der Held verläßt Breslau. – So enthält die ganze lange Erzählung nur etwa fünf Schilderungen, welche hier interessieren, zwei derselben werden mitgeteilt. Einzelne rohe Ausdrücke sind gemildert, weniges gekürzt, die Sprache nur so viel, als unumgänglich nötig schien, unserm Deutsch genähert. Zuerst erzählt der Gastwirt, wie er als Sohn eines Schneiders studiert, dann eine wohlhabende Kretschmerin – Schenkwirtin – geheiratet und nach ihrem Tode, in dem unglücklichen Bestreben großzutun, einen Adelsbrief gekauft habe, um sich auf dem Lande niederzulassen. Dann fährt er also fort: Ein nicht gar zu getreuer Freund gab mir einen Anschlag auf die Landecke, wo zwar die adligen Rittersitze in niedrigem Preise, dabei aber auch von geringem Einkommen sind; zwar widerriet mir dies ein anderer guter Freund und wies mir nach, was ich für Überlast und Widerwärtigkeit von den benachbarten Krippenreitern haben würde, ich ließ mich das aber nicht anfechten, weil ich mich ihnen mit dem Degen genugsam gewachsen wußte, und schlug die gute Warnung leicht aus dem Sinn. Kurz ich kaufte ein Gut für 6000 Taler, ward aber bald gewahr, daß ich unter den Blitz geraten, als ich dem Donner entwichen, und daß mein guter Freund mit seiner Prophezeiung sehr nahe ans Ziel geschossen hatte. Denn als ich mich kaum halb und halb eingerichtet, war ein Junker Vogelbach der erste, der mich nebst ein paar seinesgleichen »umstieß«, wie sie es nannten. Er war auf etwa eine halbe Meile mein Nachbar; nicht daß er damals oder jetzt ein eigenes Gut gehabt hätte, sondern er saß nur auf einer Bauernwirtschaft zur Miete, die etwa einige hundert Reichstaler wert war, und brachte, wie andere seinesgleichen, das Leben mit Krippenreiterei zu. Wie er sein Weib und Kind aushält, weiß ich nicht, nur daß ich die Frau öfter mit einem Karren und ein paar abgerissenen Kindern bei den vermögenden Edelleuten auf der Garte gesehen habe, wie sie Getreide, Brot, Käse, Butter und dergleichen einsammelte. Solche Bettelschatzungen forderte sie denn auch insgemein monatlich einmal bei mir ein. Dieser Vogelbach nun war, wie gedacht, der erste, der mir nebst ein paar seinesgleichen »den Tisch zu rücken« einsprach. Sie verhielten sich das erste und zweitemal noch ziemlich bescheiden, wohingegen auch ich ihnen vorsetzte, was das Haus vermochte. Dies aber wurde ihrer Meinung nach durch die Ehre der adligen Brüderschaft, welche sie mit mir schlossen, überflüssig ausgeglichen, bis endlich die Stänkerei in ihrem groben Gehirn unmöglich eingesperrt länger bleiben konnte. »Es gilt dir, Bruder Kretschmer«, fing er einmal an, als er sich den ganzen Tag über die Nase mit Bier und Branntwein begossen hatte. Doch aber gesegnete ich ihm diese Worte mit einer unversehenen Ohrfeige dergestalt, daß der gute Kerl mit dem Sessel bis mitten in die Stube über den Haufen flog. Mein Reitknecht, ein baumstarker Mensch, der vormals Soldat gewesen, und den ich zumeist als Schutzgeist in dergleichen Nöten aufgenommen hatte, kriegte, als er dies sah, den andern Junker W. bei dem Kragen, daß er sich nicht rühren konnte. »Was«, sagte er, »ihr Halunken, ist es nicht genug, daß man euch, sooft ihr kommt, den hungrigen Leib füllt und eure magern Mähren ausfüttert? Wollt ihr meinem Herrn dieses Deo gratias geben? Dieser und jener hole mich, wo sich einer regt, so will ich ihm den Junkerrock so verbrämen, daß man die blauen Posamenten sechs Wochen auf dem bloßen Rücken sehen soll.« – »Wir haben nichts mit diesen Händeln zu tun«, antworteten die zwei, »hat Bruder Vogelbach etwas angefangen, so wird er solches als ein rechtschaffener Kavalier auch auszuführen wissen.« Dieser hat sich unterdes wieder aufgerafft und wollte zum Degen greifen. »Laß deine elende Blutpeitsche stecken«, sagte ich, »oder ich will dir, sofern du noch nicht völliges Maß hast, mit dem abgebrochenen Schemelbein dies gewiß dazusetzen.« Damit hielt er den Mund und ging mit blaugefärbten Augen nebst seinen ritterlichen Kumpanen auf und davon. Sie setzten sich zu Pferde und ritten zum Tor hinaus. Sobald sich aber diese drei für sicher hielten, ging erst recht das Schmähen an; hundertmal schalten sie mich einen Kretschmerknecht, der eine bemühte sich die Pistolen loszubrennen, konnte es aber nicht dazu bringen, ohne Zweifel weil weder Hahn noch Rad am Schlosse war. Endlich merkten sie, daß ich ihnen mit einem halben Dutzend Bauern auf den Hals kommen wollte. Deshalb machten sie sich eilends auf und davon und schickten mir etwa vierzehn Tage danach alle drei zugleich ein Schlagkartell zu, in der Meinung, ich würde nimmermehr das Herz haben, mich mit ihnen im freien Feld herumzuhauen, worin sie sich aber sehr betrogen fanden. Da ich jedoch mich besorgte, es möchte mir der ganze Schwarm der herumwohnenden Krippenreiter über den Hals kommen und gemeinsam Kopfnüsse geben, so nahm ich ein halbes Dutzend von den Reitern, die damals im Lande lagen, zu mir und gab dem Vogelbach im ersten Gang eine so tüchtige Schmarre über die Achsel, daß er den Degen fallen ließ und die Faust nicht mehr gebrauchen konnte. Darüber verlor W. alsbald den Mut so weit, daß er im zweiten Gang Frieden machte. Keiner hielt sich besser als Junker Michael v. S., den ich vorher für den verzagtesten angesehen hatte. Er hieb gut genug um sich, bis endlich dieser dreifache Zweikampf so endete, daß sich die beiden andern mit uns verglichen, Vogelbach sich aber noch ein paar Gänge zu Pferde vorbehielt, sobald ihm der Arm geheilt sein würde, was er jedoch bis zum heutigen Tage unausgeführt gelassen hat. So bekam ich Ruhe, zwar nicht vor dem Zulauf der Krippenreiter, an denen es niemals mangelte, wohl aber vor ihren Händeln; doch bald wurde mir eine viel größere und kostbarere Ungelegenheit. Mein Verkäufer hatte mich nicht nur beim Verkauf selbst ziemlich geschnellt, sondern mir auch einen bedeutenden wiederverkäuflichen Zins verschwiegen, außerdem bei weitem nicht alles gewährt, was in dem Inventarienzettel aufgesetzt war. So mußte ich ihn notwendig vor der Landesregierung verklagen und mich dazu eines Advokaten bedienen. Hier dauerte es nun sehr lange, bevor ich meinen Gegner, der eine Ausflucht nach der anderen ersann, festhalten konnte, und mir schien auch, als wenn man bei der Regierung wenig Lust hätte mir zu helfen. Mein Advokat, der am besten wußte, wo es fehlte, gab mir den Rat, den Herrn Kanzler zu gewinnen. Ich merkte leicht, wohin er zielte, und schickte diesem anfangs ein in Polen erkauftes Wildschwein nebst ein paar Tonnen Butter in die Küche, welche auch das Rad der Gerechtigkeit so weit aus dem Sumpf hoben, daß ein Befehl an meinen Gegner abging, seine Einwendungen in einer festgesetzten Frist beizubringen. Damit mußte ich vorerst zufrieden sein, ich ward aber bald inne, daß noch vor Ablauf der Frist das Wildbret mit der Butter verzehrt war, ich hörte von keiner Vorladung und von keinem Gegenbericht. Daher verdoppelte ich meinen Einsatz, und weil die Frau Kanzlerin erinnerte, die Butter habe ihrem Herrn so wohl geschmeckt, daß er seit der Zeit keine andere genießen wollte, mußte ich wieder ein paar Tonnen nebst einem Malter Hafer und einem schönen Rehbock denselben Weg gehen lassen. Darauf kam zwar bald ein neuer Befehl, mein Gegenpart war aber so lange nicht zu sehen, bis endlich noch ein Malter Korn nachflog. Dieser brachte es zwar zum Termin, förderte die Sache aber nur so weit, daß dem Gegner das Klagelibell vorgetragen und anbefohlen wurde, innerhalb einer doppelten sächsischen Frist zu exzipieren. Diese Frist zog sich mit der Replik und Duplik, und bevor man in der Sache zum Schluß kam, bis über zwei Jahre hinaus. Weil aber unterdes dem Herrn Kanzler alles Geschenkte besser schmeckte, als was er kaufte, mußte ihm bald dies, bald jenes zugeschickt werden. So wußte er ein Paar schöngezogene Stutzen bei mir, die er sich auf folgende Art herausbrachte. Er kam unvermutet selbst zu mir und tat, als ob er genötigt wäre, um ein freundliches Nachtlager anzusprechen. Ich mußte mir dies für eine besondere Ehre schätzen und bewirtete ihn, so gut ich konnte. Unterdes besah er meine Gewehre, lobte die Stutzen und gab vor, daß er ein besonders großer Freund von dergleichen Sachen wäre; ich möchte sie ihm entweder gegen bare Zahlung überlassen, wenn sie mir feil wären, oder ihm ein Paar von derselben Arbeit bestellen. Daraus konnte ich bald merken, wohin er zielte, und mußte in den sauren Apfel beißen und nicht nur dieses Paar Stutzen, sondern etliche Monate darauf noch ein schönes silbernes Uhrlein, das er zufällig an der Wand gesehen hatte, in Hoffnung eines guten Bescheides hingeben. »Das ist ein schöner Groschen, womit man einen Taler gewinnen kann«, sagte mein Advokat; »selten fällt in einen offenen Beutel ein schlimmes Urteil; der Beutel eines Prozessierenden muß mit Spinneweben zugeschnürt sein, gerade wie bei den Verliebten. Und da man mit einer goldenen Lanze auch den Stärksten aus dem Sattel heben kann, wird wohl alles gut werden, wenn sich der Herr noch zuletzt einmal überwinden kann zu geben.« Kurz auch eine vier Mark schwere vergoldete silberne Flasche ging dem andern nach. Und doch fand ich zuletzt dort einen Esel, wo ich eine Krone gesucht hatte. Das Ende war die Sentenz, nächstens solle eine Kommission niedergesetzt werden, um zu versuchen, ob wir in Güte miteinander verglichen und die hochlöbliche Regierung fortan dieses langen, verdrießlichen Prozesses überhoben werden könne. Wie sehr mir dies zu Herzen ging, ist leicht zu erachten; ich verfluchte die Stunde, in der ich an das Landleben gedacht hatte, und verglich mich mit meinem Gegner, ehe noch die Kommission angesetzt war. Für 1600 Taler, die ich mit allem Recht von ihm zu fordern hatte, nahm ich 500 und bekam damit kaum die aufgewandten Unkosten zurück. Dabei bekannte er mir denn aufrichtig, daß ihm an dergleichen Bestechung auch nicht weniger als 300 Taler daraufgegangen wären. So wäre der beste Weg gewesen, wenn man sich gleich anfangs vertragen hätte. Unterdes hatte ich mich mit einem Hauskreuz belästigt, das mir viel mehr in die Seele schnitt als dieser Prozeß. Bald nach dem Kauf des Gutes hatte ich mich in ein alt-adliges Geschlecht der Nachbarschaft verheiratet, und das bekam mir so wohl wie dem Esel der Eistanz. Im Anfang zwar hatte ich geringe Neigung dazu, ich war gewillt, guter Leute Kind aus der Stadt mit etlichen tausend Talern zu nehmen und dadurch meine Wirtschaft um ein bedeutendes zu verbessern. Aber der falsche Freund, der mich zu dem Kauf überredet, riet mir keine andere als von gutem, altem Adel, und zwar aus der Nachbarschaft zu nehmen. »Zunächst«, sprach er, »ist sehr ungewiß, ob der Herr in Breslau eine reiche Partie antrifft, obgleich er sich darauf hat adeln lassen. Ferner haben dergleichen Stadtdamen so viel Kenntnis von der Landwirtschaft, daß sie nicht einmal wissen, was Kuh oder Ochse, was Käse oder Quark sei. Die Wirtschaft des Herrn aber erfordert eine Wirtin, die von Jugend auf dabei gewesen ist; auch ist solche Heirat das einzige Mittel, seine Kinder mit der Zeit zu rechtschaffenen Landedelleuten zu machen.« Zu diesem Ende schlug er mir eine Dame der Nachbarschaft vor und erbot sich, selbst den Freiwerber abzugeben. »Sie ist schön, eine gute Wirtin, von guten Mitteln und altem Hause, das alles wird der Herr unmöglich in der Stadt beisammen finden.« Als ich ihn hierauf fragte, wie hoch sich ihre Mittel beliefen, schnitt er von 2000 Talern auf. Zwar zweifelte ich schon damals daran, weil dies auf dem Lande ein so großes Heiratsgut ist, daß wohl auch Freiherren danach schnappen; doch ließ ich mich endlich bereden, weil die Dame nicht übel gebildet war und der neue Adel mir alle gesunde Vernunft aus dem Hirn geschafft hatte. Bald fand ich, daß die vorgegebenen 2000 Taler bis auf 400 schwanden, die noch dazu in einem zweifelhaften Prozeß schwebten, der kaum so viel austragen konnte, als die daraufzuwendenden Unkosten betrugen, oder als mich ein standesgemäßes Beilager kosten würde. Demungeachtet hatte ich im Anfang Liebe zu ihrer guten Gestalt und schlug mir alles aus dem Sinn. Da sie mir aber so gar nichts an Schmuck, Kleidern und anderem Frauengeschmeide zugebracht, fragte ich einst meine Frau Schwiegermutter, wo denn die Kettchen, Ringe und paar taftnen Röcklein wären, mit denen ich doch meine Liebste bekleidet gefunden hätte, als ich um sie warb. Sie aber gab mir mit höhnischem Gelächter zur Antwort, wenn ich sie auch nur im bloßen Hemd bekommen hätte, sollte ich dennoch damit zufrieden sein und mich begnügen, daß sie so weit von ihrem adligen Geschlecht herabgestiegen sei und mir ihr Kind gegeben hätte; sie werde noch Ungelegenheit genug haben, diesen Schimpf bei ihrer Freundschaft abzuwischen, welche die Heirat durchaus nicht hätte zugeben wollen. Was aber Kleider und Schmuck anbelange, so müßte ich wissen, daß sie noch mit mehr Töchtern versehen sei und auch diese zu bedenken hätte. Auch sei es in der Gegend Gebrauch, mit einem Kleid und Aufputz zwei bis drei Töchter zugleich zu versorgen; wenn eine von ihnen geputzt wäre, müßte die andere unterdes der Wirtschaft obliegen, oder wenn Gäste kämen, sich krank stellen und im Bett gedulden, bis die Woche oder Reihe auch an sie käme. Damit mußte ich zufrieden sein und meine Liebste, wollte ich sie nicht mir zum Schimpf gehen lassen, mit vollständiger adliger Kleidung und Schmuck von Kopf zu Fuß aus eigenen Mitteln versehen. Darüber ging denn mein bares Geld vollends darauf, zumal mich die Hochzeit sehr viel gekostet hatte, denn fast die ganze Landschaft lag mir mit Weibern, Kindern, Gesinde und Pferden länger als vierzehn Tage auf dem Halse und war nicht wegzubringen, solange sie in Küche und Keller noch etwas für sich fand. Aber auch was ich für meine Gemahlin machen ließ, war ihr und ihrer Mutter niemals reichlich und kostbar genug, immer wußten sie daran Mängel zu finden und wollten alles vollständiger haben. Gleichwohl überwand ich mich und würde keine Unkosten angesehen haben, wenn ich damit nur den geringsten Dank verdient hätte; aber ich mußte, was mich am allermeisten schmerzte, empfinden, daß mich weder mein Weib noch ihre ganze Freundschaft im geringsten achteten. Besonders meine liebe Schwiegermutter war ein grundböses, hoffärtiges, falsches Weib, und weil insgemein die Blätter wie die Wurzel des Baumes sind, so nahm auch ihre Tochter bald ihr Wesen an. Und weil ich ihr deswegen nicht mehr hold sein konnte, bekam öfters mein Reitknecht freundlichere Blicke als ich. – Übrigens durfte ich gar nicht klagen, daß ihre Freundschaft nicht mehr mein Haus besucht hätte, als mir lieb war, sie half redlich aufzehren, was sie nur fand. Sie hätten aber geglaubt, der Böse würde sie sofort holen, wenn sie mich Schwager oder Oheim genannt hätten, die Brüderschaft mußte alles verblümen, und meine eigene Schwiegermutter gab wohl Achtung, daß ihr nicht das Wort »Sohn« entfuhr, besonders wenn etwa ein Fremder dabei war. Niemals aber waren sie lieber beisammen, als wenn ich in Breslau oder sonstwo abwesend war; dann hatte die Schwägerschaft die beste Gelegenheit, sich recht auf meine Unkosten lustig zu machen, wozu ihnen ein guter Trunk Wein, den ich in meinem Flaschenfutter von drei bis vier Töpfen für mich und meine Gemahlin hielt, so wohl anstand, daß ich es gänzlich geleert fand, wenn ich nach Hause kam. Doch wäre auch das noch hingegangen, wenn man mir nur nicht auch das Getreide vom Boden, ja selbst Kühe und Kälber ohne mein Vorwissen genommen und der adligen Freundschaft zugesteckt hätte. Wer aber vier Taler einnimmt und sechs wieder ausgeben muß, hat nicht Ursache für einen Beutel zu sorgen. So konnte ich mir leicht die Rechnung machen, daß ich in kurzem ein so guter Krippenreiter wie meine Nachbarn werden würde. Da gefiel es Gott, mich durch den Tod meiner Liebsten, welche im Kindbett starb, von dieser Gefahr zu erlösen. Auch bei diesem Ereignis hatte ich einen harten Sturm mit meiner verdrießlichen Frau Schwiegermutter auszustehen. Diese erfüllte mit ihrem Geschrei über der Tochter Ableben Himmel und Erde und wollte alle Welt überreden, die gute Frau hätte sich zu Tode gegrämt, weil sie nicht ihrem Stand gemäß verheiratet war, und sie, die Schwiegermutter, wäre schuld an alledem gewesen. Ich hörte eine Weile ihre Narrheit mit an und ertrug sie in der Hoffnung, daß das Spiel einmal ein Ende haben würde, bis sie endlich noch weiter herausbrach und allen Schmuck, den ich gekauft, nebst der Kleidung und was die Tochter sonst unter ihrem Verschluß gehabt, für ihre andern Töchter haben wollte unter dem Vorwand der Niftelgerade. Ich warf ihr ein paar mitgebrachte Lappen vor die Füße und ließ die Leiche in einem ehrlichen Sarg in die Geschlechtsgruft setzen, ohne die Schwiegermutter oder einen andern Verwandten dazu zu bitten. Und ich setzte mir vor, das Gut an den ersten besten zu verkaufen und mich wieder nach der Stadt zu begeben. So saß ich einst eines Abends voller Gedanken am Fenster und sah, wie das Gesinde seine Arbeit tat, als ich von ungefähr gewahr wurde, daß sich jemand mit bloßem Degen am Tor gegen die anlaufenden Hunde verteidigte. Ich schrie dem Gesinde zu, die Hunde abzuhalten, worauf ein wohlbekleideter Mann damit großen Komplimenten auf mich zutrat. »Mein Herr Oheim«, sprach er, »wird nicht ungeneigt aufnehmen, daß ich mir nach Ritterart die Ehre gebe, auf ein Nachtlager einzusprechen; um dabei die Ehre seiner Bekanntschaft zu genießen.« – »Nicht im geringsten«, versetzte ich darauf, »wenn nur mein Herr beliebt vorliebzunehmen.« Ich nötigte ihn deshalb herein, und da der Kavalier so freigebig mit der Vetterschaft war, konnte ich leicht erkennen, daß er nicht aus der Nachbarschaft sei. Er kam auch bald damit heraus, daß er ein freier Reichsritter aus dem Elsaß und durch die Franzosen so verdorben worden sei, daß er lieber seine abgebrannten Güter mit dem Rücken angesehen, als sich ihrer Botmäßigkeit unterwerfen wolle; jetzt begäbe er sich nach dem Kaiserhof, dort Kriegsdienste zu suchen. Die Nichtigkeit dieser Aufschneiderei konnte ich schon daran erkennen, weil er keine von den adligen Familien kannte, mit denen ich bei früherer Anwesenheit im Elsaß bekannt worden war. Deshalb ging ich auch behutsam mit dem Kerl um, und der gute reichsadlige Herr und Bruder mußte mit einer Streu und Matratze nebst einem Kopfpolster vorlieb nehmen. Als ich am andern Morgen aufstand, fand ich weder Junker noch Bettgewand vor und vermißte dazu meinen Degen und Pistolen, die ich in der Stube gelassen hatte. Geschwind befahl ich meinen Knechten, sich mit Prügeln auf die Pferde zu werfen, und wenn sie den Halunken anträfen, ihn kräftig durchzuhauen und danach laufen zu lassen, meine Sachen aber wieder abzunehmen. Denn ich konnte mir leicht einbilden, daß der Mensch ein Beutelschneider wäre, daß er mehr auf dem Kerbholz haben würde, und daß ich durch seine Verhaftung den Vorteil erlangen könnte, noch einen kostspieligen peinlichen Prozeß, zuletzt sein Hängen zu bezahlen. Die Knechte trafen ihn mit seiner Beute im nächsten Holz und kamen dem Befehl redlich nach. Sie brachten mir zwar meine Sachen wieder zurück, diese kamen mir aber sehr teuer zu stehen. Denn kaum vier Tage darauf wurde mir ohne Zweifel von diesem Schelm des Nachts mein Gut über dem Kopf angezündet, so daß ich kaum das Wohngebäude retten konnte, im übrigen aber zusehen mußte, daß Scheuern und Ställe mit Getreide und Vieh bis auf den Grund abbrannten. – Dies Unglück nun verleidete mir das Landleben so sehr, daß ich nur ein paar Ställe für das noch übrige Vieh aufbaute und kurze Zeit darauf das Gut, welches ich für 6000 Taler erkauft hatte, um 4000 wieder weggab. Darauf begab ich mich nach der Stadt zurück. So erzählte der bekehrte Landwirt dem jungen Holländer. Wenige Tage darauf hatte der Fremde Gelegenheit, aus eigener Anschauung das schlesische Leben des verarmten Landadels in derselben Gegend selbst zu beobachten. Ein junger Herr v. K., ein gebildeter und gereister Kavalier, lud ihn auf das Gut seiner honetten Eltern ein und forderte ihn auf, von dort einen Spazierritt auf ein Nachbargut zu machen, wo eine Taufe gefeiert wurde. Der v. K. bat unsern Helden, er möchte sich's gefallen lassen, für einen Oberstwachtmeister in holländischen Diensten ausgegeben zu werden; »denn ich weiß«, sagte er, »daß sonst diese adligen Bauern kein Bedenken haben werden, dem Herrn die letzte Stelle zu geben und ihn nicht im geringsten zu beachten, trotz seiner Bildung und obgleich er, ohne arm zu werden, leicht ihre sämtlichen Güter bezahlen könnte.« Was der Holländer dort beobachtete, erzählt er folgendermaßen: Das Traktament war so beschaffen, daß die Tafel nicht in Gefahr war, unter den schweren Schüsseln zu brechen, ein gutes Gericht Speisefische in einer gelben Zwiebelsauce, alle Regalien eines Kalbes, der ganze Inhalt eines Schweines, soviel Glieder, soviel Speisen, ein paar Gänse und ein paar Hasen, dazu ein rohes wässeriges Bier, so daß man beizeiten den nicht viel besseren Branntwein zu Hilfe rufen mußte. Dabei aber war diese Gesellschaft, die aus etlichen zwanzig Personen bestand, rechtschaffen lustig und das Frauenzimmer viel aufgeweckter als die gezierten Kaufmannsfrauen des Stadtadels. Als die Tafel aufgehoben war und ein Teil der Kavaliere nach ein paar Fideln lustig umhersprang, ein Teil das Zimmer mit Tabak voll rauchte, fing die Frau v. R. an: »Ich sehe meine Lust an diesem ausländischen Kavalier und bin der Hoffnung, daß mein Sohn, der auch Offizier ist, an anderen Orten ebenso lieb und wert gehalten wird.« – »Ich, liebste Frau Schwester«, versetzte die Frau Ilse von der B., »bin ganz anderer Meinung. Ich könnte nimmermehr so tyrannisch gegen die Meinigen sein, sie unter diese Kriegsgurgeln zu verstoßen, denn ich höre, daß sie bisweilen schlecht genug zu essen haben, viele Nächte in kein warmes Bett kommen und noch dazu niemand haben, der ihnen ein Warmbier machte oder ein Glas Branntwein brächte. Sollte ich hören, daß meinen Sohn ein langhalsiger Tatar, wie ich ihn neulich im Kretschem abgemalt gesehen, gar gefressen hätte, so würde mich der Kummer auf der Stelle ersticken. Deswegen erachte ich besser, meinen Junker Hans Christoph daheim auf dem Gütlein zu erhalten, so gut ich kann. Zwar muß ich bekennen, daß er mich schon genug gekostet hat, als ich ihn rittermäßig ausstaffierte, meine zwei besten Kühe gingen damals drauf, und ich konnte den Abgang noch nicht ersetzen. Nun was hilft's, sehe ich doch auch meine Lust, wie er sich in allem so rittermännisch anzustellen weiß. Sehe sie nur, liebe Frau Schwester, kann er nicht so hurtig tanzen wie ein anderer und die Damen herumdrehen, daß es eine Art hat? Er wird keinem ein Glas Bier oder Branntwein abschlagen, der Tabak ist sein einziges Leben, bei allen Gesellschaften ist er so angenehm, daß er bisweilen kaum in drei Wochen nach Hause kommt, womöglich mit einem blauen Auge. Daraus kann ich mir leicht die Rechnung machen, daß er sich nach Reiterart herumschlagen und wacker wehren muß. So wird auch hier mein Junker Martin Andres werden.« – Der Junker stand da und legte den Kopf in den Schoß der lieben Mutter. – »Der lose Kerl weiß auch schon, daß er ein Junker ist, darum begehrt er nichts zu lernen; er darf wohl schon auf den Gedanken kommen, einen Degen zu haben. Das macht mir neuen Kummer, denn ich kann mir leicht denken, daß es zuletzt auch noch ein Pferd kosten wird, und wenn Gott nicht sonderlich hilft, werden mir ein paar Kühe draufgehen. Doch ich werde ihm auch wohl endlich ein Abc kaufen müssen, denn sein Herr Vater hat immer gewollt, daß er ein recht scharfer Gelehrter werden sollte, wie er selber einer war. Ja, wenn es nichts kostete und die gelehrten Kerls nicht so viele teure Bücher haben müßten! Sonst sieht man wohl seine Lust an ihnen, und mir gehen die Augen noch immer über, wenn ich daran denke, wie sein Herr Vater so schön die Dankreden nach der Bewirtung hielt und es wohl so gut als der Pfarrer machen konnte, wie er auch einmal eine ganze halbe Stunde lauter Latein, ich weiß nicht was, vor dem Fürsten hersagen mußte. – Eins gefällt mir sehr wohl an meinem Martin Andres, daß er einen so verschlagenen nachdenklichen Kopf hat. Er hat mir selber an die Hand gegeben, ihm zuweilen zu etwas Geld zu verhelfen, indem ich ihm nämlich vergönne, das Lösegeld für das fremde Vieh zu behalten, das auf meinem Acker gepfändet wird. Darauf ist er nun so erpicht, daß er den ganzen Tag im Getreide auflauert, ein paar Schweine oder dergleichen zu erhaschen, womit er sich auch schon bis zu einem halben Taler erworben. – Dessenungeachtet aber, und wenn ich nur gewiß wüßte, daß meinem Junker Hans Christoph der Handel im Krieg auch so glücken würde wie Ihrem Herrn Sohn, liebe Frau Schwester, ich wollte ja ein Jahr nicht ansehen und wollte versuchen, wie ich ihn dazu beredete; wenn er nur auch gewiß Oberster und ein Freiherr würde und eine reiche Dame kriegte. Die aber müßte mir bei meiner Seele vom rechten Adel sein; denn sonst schwöre ich, daß sie mir nicht unter die Augen kommen dürfte, wenn sie gleich im Gold steckte bis über die Ohren. Und wer weiß es, liebe Frau Schwester, ich habe mein Lebtag gehört, daß es in andern Ländern nicht so gute Edelleute gibt als bei uns, und daß man in Holland, wo dieser Offizier her ist, die Weiber nackt und bloß, wie sie der liebe Gott geschaffen, nicht anders als Kühe zu Markt treibt. Denn meiner seligen Frau Mutter Schwester, die liebe Frau Grete v. T., mußte damals auch erleben, daß ihren Sohn der Teufel ritt und daß er ein solches wildes Weib mit nach Hause führte. Da hat sie sich so sehr gegrämt, daß sie es nicht lange mehr gemacht hat, und sie ist durchaus nicht zu bereden gewesen, daß sie dieses wilde Weib nur einmal angesehen hätte. Aber um wieder auf meinen Sohn Junker Hans Christoph zu kommen, wenn es sich mit ihm machte, daß er nicht dahin käme, wo die Tataren sind, auch nicht Schildwacht stehen dürfte, so wollte ich wohl meine alte Magd, die ihn ganz aufgezogen und beflohet hat, schon überreden, daß sie auf ein Jahr mitzöge und Achtung auf ihn hätte, bisweilen den Kopf wüsche und die Hemden bereinigte, ich wollte ihr auch noch eine halbe Metze Lein aussäen.« Die Frau v. R. würde wahrscheinlich dieser Einfalt genugsam geantwortet haben, wäre sie nicht durch den Herrn v. K. zum Tanz aufgeführt worden. So ließ sie die Alte allein, zu welcher sich der anwesende Junker Vogelbach mit einer fingerlangen Tabakspfeife im Mund verfügte und so Unterhaltung machte: »Wie geht's? wie steht's noch um ein gut Leben, meine liebe Frau Muhme? Ich merke, sie sieht ihre Freude an ihrem Junker Hans Christoph, daß er es so lustig mitmachen kann. Hol' mich dieser und jener, er ist auch ein rechtschaffener Kerl, ich wollte wünschen, daß er vor etlichen Tagen dabei gewesen wäre, als ich mich mit einem Pfeffersack von Breslau herumschlug; er sollte sein Wunder gesehen haben, wie ich den Kerl drillte; er mußte das Leben von mir erbitten und nachher mir und meinen Sekundanten einen stattlichen Schmaus zum besten geben; wobei wir uns so lustig machten, daß der beste Wein in der Stube herumschwamm.« Aber die alte Frau von der B. antwortete darauf: »Es ist Euch eine schöne Ehre, daß Ihr Euch wegen eines Trunkes Wein mit den Bürgern so gemein macht. Und vor allen Ihr, Junker Martin Heinrich, dem der Mund nur immer nach Wein hängt; wenn Ihr nur ein paar Gläser davon erschnappen könnt, trinkt Ihr mit allen Leuten Brüderschaft, sie mögen Bürger oder Edelleute sein. Ja, Ihr nennt wohl gar, wie ich mir habe sagen lassen, die Pfeffersäcke Oheim und Vetter. Sollte ich das wissen, so schwöre ich, daß ich Euch mein Lebtag nicht Vetter nenne. Sagt mir, was habt Ihr wieder für eine Schmarre auf der Stirn? Ohne Zweifel habt Ihr Euch wieder gekatzbalgt und eins bekommen; das ginge wohl noch hin, wenn's Euch nur nicht die Bürger versetzt hätten.« »Seht Ihr mich für einen Narren an«, sagte Junker Vogelbach, »daß ich diese Kerle Oheim oder Vetter nennen sollte? Hätte ihnen der Kaiser auch einen noch so großen Brief gegeben? Bruder geht noch an, solange sie lustig Wein hergeben, hernach aber heißt es: laßt den Bärenhäuter gehen.« Unterdes machten sich die Gäste mit Tabak, Trinken und allerhand Gesprächen ziemlich lustig, wobei der Holländer bemerkte, daß von den beiden nicht übel gebildeten Töchtern des Wirtes allemal nur eine im Reigen zu sehen war, und jede vom Haupt bis zu den Füßen wie die andere gekleidet; daraus konnte er leicht schließen, daß sich auch diese guten Mädchen mit ein und derselben Kleidung behelfen mußten, und daß, während die eine im Zimmer tanzte, die andere, welche abgelegt hatte, unterdes draußen so lange in Geduld warten mußte, bis die Reihe wieder an sie kam. »Sind das nicht liebe Kinder«, sagte ihre Mutter, die sich mit andern Frauen zu der Frau von der B. gesetzt hatte, »sie wissen sich in alles so adlig zu schicken, ich sehe meines Herzens Lust, wie ihnen alles so wohl ansteht. Und hätten die Pfeffersäcke in den Städten noch soviel Schmuck um sich hängen, der Bürger blecket doch allemal heraus.« – »Es ist nicht ohne«, sagte die andere, »das Herz möchte mir im Leib zerspringen, wenn ich diese Leute in der Stadt in so prächtigem Kleid und Schmuck auf goldenen Karreten herprahlen sehe. Prahlet, denke ich dann, wie ihr wollt, und wenn ihr gleich alle Tage statt eures besten Weines gar Perlen söffet, so seid ihr doch Bürger, bleibet Bürger und werdet es nimmermehr dahin bringen, uns gleich zu sein.« Unter solchem Weibergeschwätz, Lachen, Jauchzen, Tanzen und Springen war die Nacht hereingebrochen, und weil der v. K. leicht erachten konnte, daß auch dieses Gelage mit den gewöhnlichen Stänkereien und Händeln würde beschlossen werden, so gab er unserm Holländer einen Wink und machte sich mit ihm auf die Seite zu einem bekannten Bauern, wo sie die Nacht auf einer Streu zubrachten. Am nächsten Morgen weckte sie der Reitknecht des Herrn v. K.; wenn sie eine dreifache Schlägerei anzusehen verlangten, wobei der Vogelbach der vornehmste sein würde, so möchten sie bald aufstehen und sich auf die polnische Grenze nahe am Dorf begeben. Dazu hatte aber keiner von ihnen Lust, der v. K., welcher sich solcher Lumperei seiner Landsleute schämte, gab seinem Reitknecht einen Wink zu schweigen; sie saßen auf und ritten unter anmutigenden Gesprächen ihres Weges. So weit die Erzählung Paul Wincklers. Um das Jahr 1700 waren die Sitten des Landadels bereits milder, das Leben ein wenig reichlicher, die Koppeln der Krippenreiter seltener geworden. Immer noch kamen einzelne in Versuchung, dem schwachen Landesgesetz zu trotzen, wiederholt eifern die Regierungen gegen List und Gewalt, womit Unberechtigte die Landgüter Verstorbener in Besitz nehmen. Immer noch leidet die Mehrzahl des Landadels an einer Überbürdung durch aufgenommene Kapitalien, häufig ist die Klage, wie leichtsinnig Hypotheken ausgestellt und wieder verkauft werden, und wie gewöhnlich es sei, durch Pfandinstrumente zu betrügen, welche weit über den Kaufwert des Gutes hinausgehen. Bei solchen Verhältnissen war auch gerichtliche Versteigerung überall, wo sie nicht durch Lehnsverhältnisse oder Familienstatut verhindert wurde, nur zu häufig, immer wieder brannten die Wachslichter, welche nach altem Brauch am Morgen des Versteigerungstages angezündet wurden und durch die Dauer ihrer Flamme die Zeit anzeigten, binnen welcher die Gebote der Kauflustigen auf das Gut anzunehmen waren. In den meisten Landschaften Deutschlands war der Erwerb eines adligen Landgutes abhängig von dem Ritterrecht in derselben Landschaft; allerdings war diese Bestimmung nicht gemeinem Recht gemäß Gesetz, aber fast überall bildeten die adligen Gutsbesitzer der Landschaft eine mächtige Korporation, welche den Nichtadligen wenigstens von dem Vollgenuß der Dominialrechte, der Standschaft und ihren Versammlungen ausschloß. Auch wo Nichtadlige lehnsfähig waren, wie in Thüringen und Meißen, waren sie es unter Beschränkungen. Sonst hatten nur die Bürger einzelner privilegierter Städte das Recht, adlige Güter zu erwerben, es erlosch auch für diese Bevorzugten, sobald sie aus dem Verband der begünstigten Stadt traten. Auch bei bürgerlichen Räten der Landesregierung und Mitgliedern der Universitäten wurden zuweilen Ausnahmen gemacht. In der Regel aber durfte der Nichtadlige das Gut nur pfandweise, aber nicht mit Herrenrecht als Eigentum besitzen. Selbst dem Geadelten stand noch nicht frei, ein Rittergut als Eigentum zu erwerben, er bedurfte dazu der besondern Einwilligung des Landesherrn oder der adligen Landschaft; in den kaiserlichen Erbländern erhielten dies Recht nur solche Edelleute, welche in den Herren- und Ritterstand erhoben waren, und auch dann sollte in jedem einzelnen Fall dies Recht vom obersten Landesherrn erkauft und durch ein Diplom gesichert werden. Selbst von den alten Familien suchte der Kaiser dadurch Geld zu erhalten, daß er ihnen auflegte, durch ein Generaldiplom für alle Mitglieder dies Recht von neuem zu erkaufen. Aber auch andere Beschränkungen legte der kaiserliche Hof auf, der bis in die neueste Zeit den letzten Schild seines Adels noch in Edle, Herren und Ritter geteilt hat. Wer aus dem Bürgertum in den Adel- oder Ritterstand versetzt wurde, durfte nicht turniermäßig mit Trauerpferden und Schilden begraben werden, wenn er noch nebenbei eine bürgerliche Nahrung trieb. Und soweit die kaiserliche Verwaltung reichte, wurde sogar der adligen Frau noch 1716 verboten, einen lutherischen Geistlichen zu heiraten, weil das dem Adel unanständig sei. Aber wie bei dem Bauern, ist auch in dem Leben des deutschen Adels etwa seit 1700 deutlich das Einbrechen einer neuen Zeit zu erkennen. Es wird bei den Besseren guter Ton, sich als Hausvater und Gutsherr zu fühlen. Fast plötzlich beginnt eine neue Literatur, große Sammelwerke, in welchen Pflichten und Geheimnisse des Ackerbaues, der Wirtschaft, des Haushalts, der Kinderzucht, einer häuslichen rittermäßigen Erziehung systematisch und wortreich dargestellt wurden, es sind ehrwürdige Folianten, in schöner Ausstattung mit Kupferstichen verziert, aus denen sich zu bilden bald für verdienstlich galt. Schon 1682 widmete von Hochberg sein »Adliges Landleben« den Gutsbesitzern Oberösterreichs. Bald darauf schrieb Pfalzgraf Franz Philipp unter dem Namen Florinus ein ähnliches Werk, den »Klugen und rechtsverständigen Hausvater«. Schon wurde in Holstein, bald darauf in Mecklenburg auf den adligen Gütern die Koppelwirtschaft eingeführt. Zugleich steigerte sich in mehreren wohlhabenden alten Familien das Interesse an etwas Kunst und Wissenschaft, es wurde anständig, einige historische und juristische Kenntnisse zu haben, die Vergangenheit der eigenen Familie zu kennen, in den Hilfswissenschaften der Geschichte, der Münz- und Wappenkunde, bewandert zu sein. Auch den Frauen des Landadels kam die innigere Frömmigkeit des neuen Pietismus, und seit 1700 das verständige, nüchterne Wesen der neuen Bildung zugute. Es wurde ihnen sooft gesagt, wie rühmlich es für eine Edelfrau sei, sich um die Wirtschaft zu bekümmern und ihre Kinder gottesfürchtig zu christlichen Junkern zu erziehen, daß man wohl annehmen darf, es sei einiges von diesen Ansichten in ihr Leben übergegangen. Und um 1750 schildert schon ein vielgereister Edelmann mit Behagen die Tagesarbeit der Gutsfrauen, wie sie sein sollen. In der Tat hatte der Edelmann, welcher friedlich auf seinen Gütern in erträglichem Wohlstand saß, in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ein Recht, sich zu den glücklichsten Repräsentanten seiner Zeit zu zählen. Er lebte schlecht und recht, kümmerte sich nur so weit um die große Welt als er mußte, verkehrte in großer Familiengeselligkeit zwanglos mit der ganzen adligen Nachbarschaft, trank sich nur noch zuweilen einen Rausch an, zog seine Füllen, verkaufte seine Wolle, disputierte mit seinem Pfarrer; er kam bei mäßiger Strenge erträglich mit seinen Untertanen zurecht und hatte nur selten eine Ahnung davon, wie schädlich auch für ihn die Unfreiheit seiner Arbeiter war. Kam eine alte Familie in Gefahr zu verarmen, so empfahl ihr der erwähnte eifrige Vertreter des Adels wohlmeinend die Heirat mit einer reichen Erbin aus dem angesehenen Bürgerstand, im Notfall könne das Geschlecht der Frau geadelt und von Vater- und Mutterseite mit Ahnen versehen werden, das Geschäft gäbe zwar einen kleinen Makel, aber es sei töricht, darauf viel zu achten. Gegen das Zurücksinken in das Volk waren die alten Familien aber auch durch zahlreiche einträgliche Vorrechte geschützt. Sehr groß war die Anzahl der Benefizien und Präbenden, der arbeitslosen Stellen, der Sinekuren in den Domkapiteln, bei dem Malteser- und Johanniterorden, an den adligen Klöstern und andern geistlichen Stiftern, es gab kaum eine alte Familie, welche nicht nach einer dieser Richtungen Verbindungen hatte. Allgemein war im Adel die Empfindung, daß der katholische Adel viel besser daran sei, weil er seine Söhne und Töchter leichter versorgen könne, während die protestantischen Fürsten die meisten Stifter eingezogen hätten. Mit Stolz sah auch deshalb die Reichsritterschaft in Franken, Schwaben, am Rhein auf den landsässigen Adel herab, ihr bewahrte die kaiserliche Kapitulation nicht nur Gerechtigkeit, Würde und Hoheit, sie war auch mit den geistlichen Fürsten und den Stiftern ihrer Territorien eng verbunden, und ihre Familien lebten in fast erblichem Anrecht auf zahlreiche geistliche Pfründen. Leider aber vermochte dieser Schutz nicht ihre Familien in dauerndem Gedeihen zu erhalten, ja er wurde ein Hauptgrund, daß viele derselben in Abgeschlossenheit verarmten und innerlich verdarben. Verhängnisvoller aber wurde dem niedern Adel ein anderes Recht, das er noch heute als werten Vorzug festhält, und das noch jetzt nicht ihm allein die Tüchtigkeit verringert: seine Hoffähigkeit. Der Grundsatz, daß jeder alte Edelmann bei Hof freien Zutritt habe, und daß es dem Fürsten nicht zieme, seinen Umgang und geselligen Verkehr in andern Kreisen zu finden als innerhalb der alten Adelsschilde, gewann seit dem Jahre 1700 größere Bedeutung. In dieser Zeit erhielten die deutschen Höfe allmählich die Einrichtung, welche sie bis heute bewahrt haben, der Kaiserhof, der Staat Ludwigs XIV. wurden in vielem Muster, daneben blieben an den einzelnen Höfen alte heimliche Bräuche. Immer größer wurde die Zahl der adligen Hofchargen, bedrängte Fürsten verkauften sie wohl gar um gutes Geld. Schon stand dem gesamten Hof der Oberhofmeister vor. Den fürstlichen Haushalt besorgte der Hofmarschall, noch schritt er bei feierlichen Gelegenheiten mit seinem vergoldeten Stab selbst den Schüsseln vor, schon trat er bei Festtafeln, sobald das Konfekt aufgegeben wurde, hinter den Stuhl seines gnädigen Herrn. Der Oberkammerherr überwachte noch wirklich die Garderobe seines durchlauchtigen Gebieters, zuweilen unter Beirat der fürstlichen Gemahlin, und verteilte die abgelegten Kleider nicht nur an die Kammerdiener, auch an ärmere Kavaliere. Auch sein Amt war wichtig, denn die Kostüme waren an den meisten Höfen zahlreich und sehr verschieden, nur bei den Preußen und bei den verwandten Höfen, welche die preußische Zucht nachahmten, wurde der einfache Soldatenrock von inländischem Tuch die stehende Kleidung. Sonst waren nicht nur die Galakleider, auch die besonderen Kostüme und Verkleidungen für die Hoffeste eine sehr bedenkliche Angelegenheit, und es war für den Kammerherrn keine Kleinigkeit, genau zu wissen, wie die Garderobe bei den Divertissements gebührend einzurichten sei, wenn z. B. im türkischen Garten bei Dresden der ganze Hof muselmännisch erschien, oder wenn gar ein außerordentliches Krönungskostüm erfunden werden mußte, wie für Kurfürst Friedrich August von Sachsen bei der Krönung zu Krakau. Auch der Stall war adlig geworden, er stand unter dem Oberstallmeister, wie die Jagd unter dem Oberjägermeister, erst spät wurde die gesamte weidmännische Umgebung des Souveräns adlig. Da das Zeremoniell eine eigene Wissenschaft des Hofes geworden war, wurde sie an mehreren der großen Höfe durch den Oberzeremonienmeister vertreten. Niemand wachte eifersüchtiger als die Fürsten selbst über die Ehrenbezeigungen, welche sie zu geben und bei Besuchen zu erhalten hatten; wurde ihnen bei einem Besuch nicht genuggetan, so reisten sie wohl gar im Zorn ab und drohten mit Revanche; unendlich waren deshalb die Klagen und Beschwerden beim Kaiser und Reichshofrat. Und doch war solch eifersüchtiges Wachen auf Äußerlichkeiten nicht die Folge eines sicheren Stolzes, denn gegen Mächtige waren sie nur arm an Selbstgefühl. Immer wieder wurden Rangordnungen gegeben, fast jeder neue Regent fand ein Vergnügen darin, sein oberherrliches Recht auch darin zu erweisen, und trotz aller Ordnungen waren die Streitigkeiten um Rang, Charge, Titel endlos. Ärger noch als die Männer waren die Frauen. Es kam um 1750 vor, daß an einem Fürstenhof alle adligen Damen ihre Plätze in der Kirche verließen, weil die Tochter eines neugeadelten Beamten, eines »wirklichen Geheimerats«, auf ihrem Chor einen Platz suchte. Dieser weite Kreis von nichtigen Interessen gewann für den Adel die höchste Wichtigkeit. Vom Kaiserhof in Wien bis zu dem Haushalt des Reichsfreiherrn herab, welcher immer noch einen oder mehrere arme Junker in seiner Umgebung hielt, waren mit den Seitenlinien und Nebenzweigen der größeren Häuser in ungefährer Schätzung etwa 5–600 Hofhaltungen in Deutschland, außerdem 1500 reichsritterschaftliche Häuser, also sicher weit mehr als 5000 Hofämter und Chargen. Daß der Adel diese ungeheure Anzahl von Bedientenstellen einnahm, war seinen männlichen Eigenschaften nicht vorteilhaft. Daß er die Launen und Roheiten eines zügellosen Souveräns mit Lächeln ertragen, als geschmeidiger Diener dem despotischen Gelüst und der Mätressenwirtschaft gefällig sein mußte, war noch nicht das ärgste. Er kam in dringende Gefahr, so niederträchtig zu werden, daß die Gemeinheiten der armen Krippenreiter dagegen als Tugenden erschienen. Es war die Zeit, wo die adlige Mutter ihre Tochter mit Freude selbst in die Arme eines liederlichen Fürsten führte, und wo der Hofmann seine Gattin dem Fürsten gegen Bezahlung überließ. Freilich taten das nicht nur arme Edelleute, auch solche, die selbst Sprossen fürstlicher Häuser waren. Der Adel einzelner deutscher Landschaften hat Gelegenheit gehabt, seine Übung in solchen Gefälligkeiten auch noch im 19. Jahrhundert gegen die Prinzen und Marschälle Napoleons zu beweisen. – Und was am schlimmsten war, die große Masse des Hofadels zog auch die verwandten Familien der Gutsbesitzer in die Residenzen. Verständige Männer wurden nicht müde, darüber zu klagen, daß auch der Landadel zum größten Schaden für seine Kasse und Moralität nicht auf seinen Gütern wohne, sondern sich in die Nähe der Fürsten dränge und an den verpesteten Höfen sich selbst, seine Frauen und Töchter ruiniere. – Das waren aber im größten Teil von Deutschland bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts vergebliche Mahnungen. [...] So war der Adel um das Jahr 1750 noch auf dem Höhepunkt seiner Geltung, er war überall der herrschende Stand. Tausende seiner Söhne verneigten sich an den großen und kleinen Höfen, kaum geringere Zahl dehnte sich in den Chorstühlen geistlicher Stifter, saß auf Präbenden und trug kaiserliche Panisbriefe in der Tasche. Die weichsten Lehnstühle der Ratskollegien, die Vordersitze in den Staatskarossen der Diplomaten wurden von ihnen eingenommen, fast der gesamte Dominialbesitz war in ihren Händen. Gerade da aber begann eine Umwandlung in den Seelen der deutschen Nation, es erwuchs eine neue Bildung, und neue Ansichten über irdischen Wert oder Unwert verbreiteten sich, leise, allmählich, unangreifbar, man wußte nicht wie und woher. Die deutschen Redesätze erhielten einen andern Fall, die deutschen Verse klangen weniger majestätisch, bald sogar simpel. Diese neue Sucht nach Simplizität verbreitete sich weiter. Einzelne dreiste Phantasten wagten Puder und Perücken zu verachten, es wurde auffallend gegen die Etikette, ja von sehr Vornehmen gegen das Zeremoniell gesündigt, neue Ideen kamen in Umlauf und neue Gefühle. Man hörte von Schönheit, von zärtlichen Herzen und Menschenwürde sprechen. Schnell wurden auch Distinguierte vom Adel angesteckt, sogar Souveräne, die Herzogin von Weimar fuhr mit einem, der Wieland hieß, auf einem Leiterwagen, zwei Reichsgrafen von Stolberg waren nicht abgeneigt, vor einem, der gar Klopstock hieß, niederzuknien, und küßten sich beim Mondschein mit bürgerlichen Studiosen. Unter den bürgerlichen Schöngeistern, welche jetzt auf einmal Einfluß gewannen, war keiner mehr geeignet, den Adel mit der neuen Zeit zu befreunden, als Gellert. Er war nicht genialisch, er wußte sehr gut, was einem jeden gebührte, und er gab doch jedermann sein Teil durch kritische Seitenblicke; er hatte eine feine, bescheidene, ein wenig pessimistische Laune, er war durchaus respektabel, er hatte ein mildes wohltuendes Wesen für Männer und Frauen. Sehr groß war die Einwirkung, die er auf den obersächsischen, thüringischen und niederdeutschen Landadel ausübte. Bald begann auch in diesen Familien ein Kultus der neuen Zeit. Zumal die Frauen öffneten ihr Herz den neuen literarischen Gefühlen, und viele von ihnen wurden stolz, Gönnerinnen der schönen Dichtkunst zu sein, während die Männer noch mißtrauisch auf das neue Wesen blickten. – Und wie in Deutschland die Poesie die wunderliche Wirkung hatte, den Adel in eine unerhörte Verbindung mit dem Bürgertum zu bringen, äußerte zu derselben Zeit in Österreich die Musik durch einige Jahrzehnte ähnliche Wirkung. Es blieb aber nicht bei den poetischen Stimmungen und bei den zarten Beziehungen, in welche die Kalb, die Stein und die Lengefelds zu deutschen Dichtern traten. Ernster, gewaltiger sprach die neue Wissenschaft; was sie befahl und was sie verurteilte, das wurde wie durch einen Zauber in Hunderttausenden Gesetz des Lebens oder Gegenstand des Abscheus. Wenige Jahrzehnte nach 1750 galten in einem weiten Kreise der Gebildeten, welcher die stärkste Kraft des Bürgertums wie die edelsten Seelen des Adels umschloß, die Privilegien des Adels, welche ihm eine Sonderstellung im Volk gaben, für veraltet. Und die Staatsordnungen, welche sie konservierten, wurden mit Kälte und mit Achselzucken betrachtet. Und eine andere ernste Zeit kam; die adligen Generäle des preußischen Heeres vermochten den Staatsbau der alten Hohenzollern nicht zu halten, sie zuerst gaben den Staat Friedrichs des Großen auf und überlieferten die preußischen Festungen kleinmütig einem fremden Feind. Und eine von den Bedingungen der Rettung und Wiedererhebung Preußens und Deutschlands war, daß der Adel auf teure Vorrechte im Beamtentum, auf das Privilegium der Offizierstellen, das Privilegium des ritterlichen Grundbesitzes verzichten mußte. Seit der Erhebung des Volkes im Jahre 1813 ruht Leben und Gedeihen des Staates, Kraft und Fortschritt der menschlichen Bildung in dem deutschen Bürger. Das Bürgertum ist nicht mehr wie im Mittelalter ein Stand, der andern Ständen gegenübersteht, es ist die Nation selbst geworden. Wer sich ihm gegenüberstellt mit egoistischen Ansprüchen, der beginnt einen hoffnungslosen Kampf. Alle Privilegien, durch welche der Adel sich bis zur Gegenwart eine Sonderstellung in dem Volk zu bewahren sucht, sind ein Unglück und Verhängnis für ihn selbst geworden. Viele der Besten vom Adel haben das längst begriffen, sie sind auf jedem Gebiet der geistigen und materiellen Interessen, in Kunst, Wissenschaft und Staat Vertreter des neuen Lebens der Nation. Auch der Landadel, der in den Grenzen seiner Dorfflur am treuesten und liebevollsten die Erinnerungen aus alter Zeit bewahrt, hat sich zum Teil mit der neuen Zeit befreundet, zum Teil ihren Forderungen widerwillig gefügt. Aber in den Schwächeren von ihnen ist noch heute etwas von den gemütlichen Stimmungen der alten Feldreiter zurückgeblieben. Das neue Junkertum, eine unholde Karikatur des adligen Wesens, ist, wenn man genau zusieht, nichts weiter als anspruchsvolle Fortsetzung der alten Krippenreiterei. Hinter Uniform und Ordenskreuz birgt sich nicht selten derselbe Haß gegen die Bildung der Zeit, dieselben Vorurteile, der gleiche Hochmut, eine ähnliche groteske Verehrung absterbender Vorrechte und derselbe rohe Egoismus gegenüber dem Gemeinwesen. Denn nicht wenige unter jenem Hofadel und Landadel betrachten noch immer den Staat ähnlich, wie ihre Ahnen vor zweihundert Jahren die gefüllte Vorratskammer eines Nachbarn. Aber stärker als vor zweihundert Jahren erhebt sich gerade jetzt gegen solche der Haß und die Verachtung des Volkes. XXIV Aus deutschen Bürgerhäusern (1675–1681–1683) Abschluß der Stände. – Servilität und fremde Mode. – Geselliger Verkehr. – Ordnung und Zucht bei Brautwerbung. – Erzählung des Friedrich Lucä. – Leben im Hause. – Aufblühen Hamburgs. – Brief des Bürgermeisters Schulte an seinen Sohn in Lissabon. – Das Pflichtgefühl des Mannes. – Berend Jakob Carpfanger. – Traurige Zeitung aus Cadiz Das Jahrhundert der Reformation hatte in den Menschen nach vielen Richtungen das Charakteristische und Selbsttätige entwickelt und nicht nur die Unterschiede der Bildung vergrößert, auch die Ansprüche an das Leben mannigfaltiger gemacht; aber in jener Zeit fühlte sich jeder, auch der Weise, Starke, Gebildete noch als Deutscher und als ein Teil der Volkskraft. Seit dem großen Kriege offenbart sich der Gegensatz zwischen dem Gebildeten und dem Volk. Einst hatte man »gemein« genannt, was für alle galt und darum hoch zu achten war, jetzt hing sich die Vorstellung von etwas Unwürdigem an das gute Wort; sonst war »schlecht« in der Bedeutung »einfach« ein gutes Prädikat des Menschen gewesen, jetzt wo überall das fremde Künstliche für begehrenswert galt, wurde das Schlichte tadelnswert. Größer wurde die Kluft zwischen den Ständen. Nicht allein durch Preis, Farbe und Stoff der Kleidung unterschieden sie sich, wie seit alter Zeit, die ganze Tracht vom Hut und Haarschmuck bis zu den Absätzen der Schuhe wurde für den Vornehmen eine andere als für den Bürger, für den Städter andere als für den Bauer. In der Geselligkeit, in der Sprache, der Lebensart traten die modischen Unterschiede grell hervor. Jeder Kreis suchte sich gegen das Eindringen der untern zu schließen, der hohe Adel gegen den niedern, der niedere gegen den Bürger, in den Städten der Studierte gegen den Nichtstudierten, der Kaufmann gegen den Handwerker. Auch diese unholde Erscheinung war die erste Folge eines politischen Fortschrittes. Einst waren die großen Stände, Fürst, Edelmann, Bürger, Bauer, in alten sicheren Verhältnissen nebeneinander gegangen, die Geistlichkeit und die religiöse Bewegung hatten das gesellschaftliche Ferment gebildet, welches Städter und Landedelleute in Verbindung erhielt; jetzt waren im Kriege alle Stände durcheinandergeschüttelt. Ein großer Teil des Adels war in die Städte getrieben, der verarmte Gutsbesitzer suchte Unterkommen im Dienst des neuen Staates oder in der Stadtgemeinde. Sicher lag darin der Anfang eines höheren Lebens, aber die alten Ansprüche waren deshalb nicht sogleich geschwunden; je geringer die innere Berechtigung der gesellschaftlichen Trennung war, desto sorgfältiger wurde auf die äußere »Distinktion« geachtet. Servilität gegen Vornehmere wurde allgemein; sie erstreckte sich von den Verbeugungen und Titulaturen auf die Empfindung. Der Bürgerstochter war es ungemeine Ehre, die modischen Komplimente eines Kavaliers anzuhören, welche ihr gegenüber leicht und gleichgültig von den Lippen flossen und das Gewagte viel glätter ausdrückten als ihr Nachbar, der arme schulfuchsige Magister oder der ungelenke Kaufmannssohn. Auch den geselligen Verkehr der Bürger untereinander verschlechterte das Eindringen der fremden Mode. Das vergangene Jahrhundert war im behaglichen Ausdruck nicht vorzugsweise zart gewesen; gewisse natürliche Dinge wurden unbefangen bei ihrem Namen genannt, und in der Unterhaltung wurde wohl gutlaunig über sie gescherzt; das aber war geschehen, weil man dergleichen für durchaus harmlos hielt und hatte deshalb auch die Sittlichkeit der Frauen nicht gefährdet. Jetzt wurden viele ehrliche alte Wörter verfemt, wer sie brauchte, war ein »grober Flegel«. Dafür wurden die Obszönitäten Mode; kühn und gewandt in Worten zu sein, nicht auszusprechen, was zu allen Zeiten für unanständig gegolten hat, aber geschickt anzudeuten, das wurde modisch. Und die Frauen und Mädchen lernten bald darauf gut antworten; die ausgesuchten Scherzreden, Angriff und Abwehr, in den kleineren Lehrbüchern der Höflichkeit, welche der anspruchslose Bürger üben sollte, sind so bedauerlich, daß sie hier nicht mitgeteilt werden können. Die Hörner – der alte Schmuck der Bacchanten, welche auf der Universität deponieren mußten – spielen darin eine große Rolle. Aber dieser endlose Scherz ist einer der harmlosesten. Daneben fehlte freilich die herzliche Heiterkeit nicht. Die Jugend spielte lange die geselligen Spiele, welche jetzt den Kindern geblieben sind. Es wurde nach Jerusalem gereist, die Büchsen drehten sich, das Hirschel wurde gejagt, Hans Plumpsack ging herum, die Blindekuh gab schöne Gelegenheit, unter dem Schein des Zufalls Dreistes zu wagen. Auch Pfänderspiele waren beliebt, doch scheinen die Küsse dabei üblicher gewesen zu sein als geistvolle Auflösungen; dafür waren die Stachelverse und Rätselfragen in Aufnahme, und wenn bei Tisch an Braten oder Fisch eine Leber zu speisen war, wurde vorher der Reihe nach ein Reim darüber gemacht, keine leichte Sache; denn da galt es, etwas Zierliches hervorzubringen, der »Stock« oder »alberne Schöps« kam dabei greulich ans Tageslicht. Die Konversation wurde als ernste Angelegenheit betrachtet, auf die man sich wohl vorzubereiten hatte, Anekdoten, merkwürdige Vorfälle wurden dazu vorher gelesen; hochgeachtet war, wer einen schönen deutschen Vers applikabel vortragen konnte. Der Tanz wurde nach dem Kriege häufiger, in Familien auch am Abend, und vorzüglich bei ihm erkannte man, wer sich dem löblichen Frauenzimmer der Gebühr nach rühmlich zu bezeigen wußte. Noch waren die Reihentänze bei den Bürgern beliebt. Die Dame wurde vor der Aufführung mit einer kleinen Rede begrüßt, war sie verheiratet oder Braut, auch ihr Gespons. Dann hatte der Tänzer so gut zu führen, daß ihre Finger leicht auf den seinen lagen, im Reigen selbst sollte er nicht vorspringen, nicht die Tänzerin zu dummen Sprüngen nötigen, die ihre Kleider bis zum Gürtel hinaufschwenkten, auch nicht der Dame mit seinen Sporen die Kleider voneinanderreißen. Nach dem Tanz kam wieder eine kleine Rede und Antwort. Zuletzt durfte er sie nach Hause bringen; dabei hatte er sich allerdings zu hüten, daß ihm nicht von Eifersüchtigen mit Prügeln aufgelauert wurde, was gebräuchlich war. In der Wohnung mußte sich der Tänzer zuerst bei den Eltern entschuldigen, daß er durch das Geleit seine Ehrenbezeigung verspüren lasse, dann bei der Dame, welche er der gnädigsten Obacht des Allerhöchsten befahl, mit der zarten Andeutung, daß er ihr Kopfkissen zu küssen wünsche. [...] Aber nicht nur die fremden Gäste, Galanterie und Zeremoniell, waren bemüht, den Nachwuchs einer gesetzlosen Zeit zu bändigen, dem deutschen Bürger halfen dazu auch einheimische Geister des Landes: das uralte Bedürfnis von Ordnung und Zucht, der altheimische Fleiß und sein liebebedürftiges Gemüt, endlich auch sein untilgbares Pflichtgefühl. Diese regelten und verschönten ihm allmählich wieder Ehe und Familie, das Haus, den Beruf. Noch läuft die Brautwerbung in der alten deutschen Weise, noch spielt der vermittelnde Freiwerber seine Rolle, noch werden die Verlobungsgeschenke der Braut und des Bräutigams sorglich mit ihrem richtigen Geldwert aufgezeichnet. Ja noch förmlicher ist die Werbung geworden, bis auf die Redensarten vorgeschrieben. Der Liebende hatte vorsorglich seine Anrede an die Jungfrau zu überdenken; wo eigene schöpferische Kraft nicht ausreichte, half das unentbehrliche Komplimentierbuch, ein geschätztes Stück der Bibliothek. Ebenso ging es dem züchtigen Frauenzimmer; es war ihm wohlbekannt, auch durch Gedrucktes, wie wünschenswert es sei, daß man nicht sogleich einwillige; ja, die höchste Schicklichkeit forderte, daß man erst einmal ablehnte oder sich wenigstens Bedenkzeit erbat. Dann hielt der Geliebte seine zweite Rede, ein wenig feuriger, mit etwas höherem Schwung, und dann erst war der Bann gebrochen, dann durfte sie das Ja sprechen. Man war aber auch kein Schulfuchs, man wußte, daß lange Reden in solchem Falle pedantisch werden, beide ein eheliches Verlöbnis Intentionierende sollten sich kurz fassen. Der Geliebte hat seinen Vortrag etwa so einzuleiten: Mademoiselle! Sie vergebe mir gütigst eine Freiheit, welche zu begehren ich mich Selbsten schäme; doch die Zuversicht zu Dero bekannter Freundlichkeit machet mich so dreiste, daß ich Ihr zu hinterbringen mich nicht entbrechen kann, wasmaßen ich entschlossen bin, meinen bisherigen Stand zu verändern usw. Und das tugendsame Frauenzimmer hatte etwa so zu antworten: Monsieur! Ich kann mir schwerlich einbilden, daß dasjenige, was Ihr mir vorzutragen beliebet, im Ernst gesprochen sei, denn mir wohlbekannt, wie wenig Anmut ich besitze, einer so angenehmen Person zu gefallen usw. – Es war alles durch den Freiwerber vorher abgemacht, sie wußten beide, was zuletzt kommen würde; aber wie bei den Vornehmen die Galanterie, so forderte bei dem Bürger die Konduite, daß sie ihr Wollen durch eine Handlung auch äußerlich darstellten, den Entschluß feierlich zur unumstößlichen Tatsache erhoben. Von der Unruhe des Mannes, dem Herzklopfen des Mädchens ist uns nichts verzeichnet, wir hoffen, daß beide glücklich waren, wenn sie die schwere Szene durchgemacht hatten, er ohne Stocken, sie ohne ausbrechende Tränen. In der Residenzstadt des schlesischen Fürstentums Brieg wurde im Jahre 1644 Friedrich Lucä, Sohn eines Professors am Gymnasium, geboren. Er studierte als Reformierter zunächst in Heidelberg, dann in den Niederlanden und Frankfurt an der Oder, kehrte nach manchen Reisen und Abenteuern in seine Vaterstadt zurück, wurde Hofprediger in Brieg, nach dem Tode des letzten Piastenherzogs in Liegnitz und nach Besitzergreifung des Landes durch die Österreicher Pfarrer und Hofprediger in Kassel. Er starb 1708 nach einem tätigen Leben, reich an Ehren. Als fruchtbarer historischer Schriftsteller fand er unter den Zeitgenossen Anerkennung, aber auch strenge Kritiker. Mit Leibniz stand er in Korrespondenz, und einige interessante Briefe des großen Mannes an ihn sind uns erhalten. Auch eine Selbstbiographie hat er verfaßt, und diese ist in seiner Familie durch fünf Generationen mit Pietät bewahrt und durch einen seiner Nachkommen herausgegeben worden (Der Chronist Friedrich Lucä. Ein Zeit- und Sittenbild, herausgegeben von Dr. Friedrich Lucä. Frankfurt a. M., Brönner, 1854). Hier sei der Bericht mitgeteilt, welchen Friedrich Lucä von seiner Freiwerbung gibt. Diese Tätigkeit voll aufregender Gefühle fällt in die Jahre, da er Prediger zu Liegnitz war. Mittlerweile, da mein Gemüt am wenigsten mit Heiratsgedanken geschwängert war und die vorgeschlagenen Partien gar schlecht attendierete, ließ sich eine fremde Jungfrau, Elisabeth Mercers, von der ich mein Lebelang nichts gehört oder gesehen hatte, bei mir anmelden, vorhabend, das Heilige Abendmahl privatim bei mir zu halten, indem sie nicht warten wollte, bis es wieder öffentlich gehalten werde, was erst kurz vorher geschehen. Dieselbe war mit Herrn General Schlepusch und dessen Frau Liebsten von Bremen hergekommen und wohnte auf deren adligem Rittersitz Klein-Polewitz, anderthalb Meilen von Liegnitz. Des Sonntags, da sich die Jungfrau einstellte und nach verrichtetem Gottesdienst aus der Kirche in mein Haus kam und die heilige Kommunion andächtig absolvierte, nahm ich Okkasion, mich mit derselben über den Zustand der Kirche in Bremen zu unterhalten, ihr auch, da sie mir ein paar Kapaunen in die Küche geschickt hatte, zu danken und ließ sie im Segen des Herrn wieder von mir gehen. Ich hatte aber bei dem ersten Anblick der Jungfrau nicht allein eine feine, mir anständige Konduite in ihr verspüret und eine schöne Konformität meines Gemütes mit dem ihrigen empfunden, sondern es schien auch mein aufwallendes Geblüt und bewegtes Herz mir ein Merkmal zu sein, daß der Geist der Liebe etwas Sonderliches mit mir vorhaben müßte, indem ich lebenslang keine solche brünstige Affektion auf irgendeine Jungfer gleich wie auf diese getragen hatte. Diese meine herzliche, jedoch keusche Liebe verbarg ich fest in dem Herzensschrank und ließ keine Seele nicht das geringste davon ahnen. Die Jungfrau Mercers legte sich alle Abend mit mir zur Ruhe und stand des Morgens in meinen Gedanken wieder mit mir auf. Etlichemal erwähnte ich von dieser Jungfer gegen meine Haushälterin, die ein feines kluges Weib war, und dieselbe, ohne die Ursache meines Diskurses zu merken, lobete mir die Jungfer durch alle Prädicamenta gewaltig an, wie desgleichen auch mein Glöckner sie gar rühmete. Ich quälete mich nun mit heimlichen Liebesgedanken eine geraume Zeit, redete sie aber meinem Gemüt zuletzt wiederum aus, denkend: warum sollte denn dein Gemüt sich vergeblich kränken über eine fremde Jungfer, welche wieder aus dem Lande zieht und dir doch nimmermehr zuteil werden kann? Ein halb Jahr danach, da mir die gute Jungfer Mercers aus dem Gedächtnis entfallen war, ließ sich die allbereits vergessene Jungfer abermals mit schöner Begrüßung durch des Herrn Baron Schlepusches Pagen anmelden und mir andeuten, daß sie gesinnet wäre, wiederum zu kommunizieren. Sotane Botschaft erneuerte meine alte Herzenswunde, und daher ich den Pagen weitläufig das eine oder das andere, der Jungfer wegen, befragte, konnte aber wenig oder nichts von ihm erfahren. Ich ließ nun die Jungfrau Mercers durch meinen Glöckner zum Mittagsmahl auf den Sonntag einladen; sie aber nahm diese Invitation nicht an, vorwendend, daß sie gewohnet wäre, den Tag über zu fasten, an welchem sie kommuniziert hätte. So kam der Sonntag heran und nach der Kirche die Jungfer Mercers, unwissend meiner Liebesgedanken. Ich hielt ihr wieder wie vormals die Kommunion und diskurierte nach derselben Endigung mit ihr von allerlei Materien, damit ich ihre Person in etwas divertieren möchte. Ich hätte aber durch sotanen Diskurs sonderlich gern erfahren, ob sie von Adel wäre und in Schlesien zu verbleiben Lust trüge, konnte aber solches vor dieses Mal unmöglich erforschen. Hierauf erhob sich die Jungfer wieder aus meiner Behausung, und weil sie vermeinte, ich hätte eine Liebste, rekommandierte sie sich derselben. Ich gab ihr aber sogleich meinen ehelosen Stand zu verstehen und daß ich keine Liebste nicht hätte. Bei diesem Diskurs war sowohl der Glöckner als auch meine Haushälterin anwesend gewesen und hatte ebenso wie ich allerseits aus der Jungfer Konduite großes Kontentement geschöpft, jedoch ohne Ergründung meines Intents. Jetzund ging wieder mein Kummer an. Die Sache reiflich überlegend hin und her, konnte ich doch noch kein Mittel ersinnen, dadurch das Geschlecht und Beschaffenheit der Jungfer Mercers, welche ich stets für eine adlige Person ansah, zu erfahren, indem ich nicht für ratsam fand, mich gegen jemanden zu expektorieren. Unterdessen begegnete mir eines Tages Herr Tobias Pirner, Pfarrer zu Nickelstadt, ein frommer, ehrlicher und aufrichtiger Mann, wiewohl lutherischer Religion. Weil ich nun wußte, daß die Frau General Schlepuschin, deren Ehemann kürzlich gestorben und in die Kirche zu Liegnitz prächtig begraben war, sonntäglich samt der Jungfer Mercers nach Nickelstadt in die lutherische Kirche zum Gottesdienst gingen, so bat ich diesen Herrn Pirner unvermerkterweise meinethalben dem Geschlecht und der übrigen Kondition der Jungfer Mercers nachzufragen. Er obligierte sich hierzu und versprach auf die andere Woche Relation davon. Herr Pirner hielt diese Obligation treulich und referierte mir nach einer Woche in optima forma , was er von der Frau Generalin vernommen hatte. Die Jungfer Mercers war die Tochter Herrn Balthasar Mercers', gewesenen Parlamentsassessors zu Edinburg in Schottland, welcher von König Carolo I. zu Engelland vielmals in wichtigen Kommissionen verwendet, einst auch bei einer Sendung nach Hamburg dortselbst mit einer goldenen Ehrenmedaille geziert worden war. Ihre Mutter, auch Elisabeth genannt, war adligen Geschlechts gewesen, eine geborene Kennewy aus Schottland. Als sich 1644 die gefährlichen Troublen zu Engelland herfürtaten, mußte sich ihr Herr Vater, wie auch sein Bruder, der königliche Hofprediger Robertus Mercers, weil sie Favoriten des enthaupteten Königs gewesen waren, aus Furcht vor dem Cromwell und seiner Partei mit der ganzen Familie aus dem Königreich begeben; er zog mit den Seinigen nach Bremen, woselbst er von eigenen Mitteln, die ziemlich groß waren, bis an sein seliges Ende (1650) lebte, drei Söhne und drei Töchter seiner Witwe, einer frommen, gottseligen Matrone, hinterlassend. Die Söhne waren in die Welt gegangen, einer davon nach Indien, einer nach den Kanarien-Inseln, und von den Töchtern hatte sich die älteste in London an einen Schwestersohn Cromwells, des adligen Geschlechts Cleipold, und die jüngste zu Wandried in Hessen an einen Kaufmann namens Uckermann verheiratet; die mittlere war meine Liebste. Anno 1660 war in Bremen auch ihre Frau Mutter gestorben und neben ihrem Herrn Vater in der Kirche zu St. Stephan beigesetzt worden, worauf die Jungfer Elisabeth eine Zeitlang bei Herrn Doktor Schnellens Witwe gelebt hatte. Unterdessen lernte sie die Frau Schlepuschin, welche auf ihrem Gut Schönbeck bei Bremen wohnte, kennen, und da sich der General und die Generalin Schlepuschin bald darauf nach Schlesien erhoben, so nahmen sie dieselbe zur Spielgesellin ihrer Fräulein Tochter mit sich auf Klein-Polewitz, wo sie allerseits in guter Ästim gehalten ward. Sotanes Vernehmen und Nachricht entzündete noch mehr meine Liebe gegen sie, sonderlich weil ich nun wußte, daß sie zwar vornehmer Abkunft, aber nicht adliger Extraktion wäre, und weil auch Herr Pirner die Jungfrau wegen ihrer Gottesfurcht, Frömmigkeit, Klugheit, Häuslichkeit und anderer Qualitäten gar hoch rekommandierte, und die Frau Generalin kein Bedenken trug, bei ihrem vielen Ab- und Zureisen derselben ihr ganzes Hauswesen zu vertrauen. Indem nun die Ströme keuscher Liebe mein ganzes Herz erfülleten bis zum Überlaufen, so schüttete ich dasselbe zuerst gegen diesen ehrlichen Mann aus und offenbarte seiner Verschwiegenheit, was ich sonst keinem Menschen in der ganzen Welt noch nicht entdecket hatte, nämlich dafern es Gottes Wille und möglich wäre, verlangte ich die Jungfer Mercers zur Ehe zu haben, und bat ihn, er möge mir in dieser importanten Sache getreulich Assistenz leisten und mein gutes Vorhaben befördern helfen. Sotanen Dienst wollte sich der gute Mann zur höchsten Ehre schätzen, ließ sich das Werk auch sehr angelegen sein und inkarminierte mein Intent zuerst der Frau Generalin. Unterdessen wechselte ich Briefe mit ihm und erhielt auch bald gute Vertröstung. In summa , die Sache avancierte in kurzer Zeit erwünschtermaßen, daß sie nur noch auf einer persönlichen Visite beruhete. An einem Montag, nach vorhergeschehener Anrufung Gottes, erhob ich mich zu Pferde nach Nickelstadt, holte den Herrn Pfarrer Pirner dortselbst ab und ging mit ihm nach Klein-Polewitz, eine Viertelmeile davon gelegen. In dem freiherrlichen Hofe nahm uns der Frau Generalin Tochtermann, Herr Heinrich von Poser, königlicher Obersteuereinnehmer der Fürstentümer Jauer und Schweidnitz, in Empfang, führte uns mit großer Höflichkeit in den Speisesaal, divertierete uns daselbst, als ein sehr qualifizierter und unterrichteter Kavalier, mit allerhand Diskursen. Bald hernach ließ mich die Frau Generalin in ihr Zimmer fordern und bewillkommte mich mit vieler Zivilität, wie sie auch mein Kompliment hinwiederum sehr günstig annahm. Mein Anbringen kontentierte sie sehr wohl und tat auch gute Versicherung eines glückseligen Ausganges meines Verlangens. Mittlerweile war die Tafel bereitet, und indem zu derselben die Frau Generalin mit ihrer Fräulein Tochter und Herr von Poser mit seiner Liebsten erschienen, folgete auch die Jungfer Mercers, welche mich aufs höflichste empfing. Unter währender Mahlzeit führte man allerhand lustige Diskurse, und war meine Liebste das rechte Zentrum, zu der sich alle diese Linien zogen. Nach Endigung der Tafel absentierte sich die ganze Kompanie und ließen mich und meine Liebste allein in dem Speisesaal stehen. Bei dieser Okkasion eröffnete ich derselben mein Herz und verlangte ihr teilhaftig zu werden, hoffend, sie würde von meiner keuschen Liebesflamme etwas partizipieren und selbige kraft göttlicher Providenz zum ehelichen Verbündnis ausschlagen lassen. Gleichwie nun gemeiniglich in Liebessachen des Frauenzimmers Nein! so viel als Ja! ist, so verstand ich auch meiner Liebsten erstes ausgesprochenes Nein vor Ja, und ließ mich dadurch nicht abschrecken, meine Expektorationen fortsetzend. Unterdessen aber ging die Frau Generalin und der Herr von Poser ab und zu und vexierten uns beide Verliebte mit höflichen Scherzen. Endlich wollte sich unsere Liebe nicht länger unter den Komplimenten verbergen lassen und brach auf einmal wie der Mond hinter trüben Wolken herfür, daß es hieß: Ja, ich bin dein, und du bist mein! Jetzt ließen wir selbst die Frau Generalin und den Herrn von Poser wie auch meinen redlichen Gewerbsmann herbeibitten, welche denn als hohe Beistände und Zeugen unser mündliches Ja mit Zusammenfügung der Hände bekräftigten. Zum Pfand meiner Liebe überreichte ich hierbei meiner Liebsten eine kleine, sehr stark mit Silber beschlagene Bibel und einen Ring mit zehn Diamanten, den ich dazu in Breslau vor dreiundfünfzig Reichstaler hatte machen lassen. Meine Liebste aber kontestierte mir ihre Liebe mit einem Ring von einem Diamant, welcher wegen seiner Größe auf neunzig Reichstaler ästimiert ward. Als nun die Sache solchermaßen ihre Richtigkeit hatte, gingen wir des Abends wieder zur Tafel und speiseten in aller Fröhlichkeit zusammen, bis man mich und den Herrn Pirner in die wohlbereitete Schlafkammer wies. Des andern Morgens legte ich der Frau Generalin meine Dankbarkeit für die erzeigte Ehre ab, nahm von meiner Liebsten und allen Anwesenden Abschied und kehrte mit Herrn Pirner auf Nickelstadt und von dort auf Liegnitz zurück. Von da an korrespondierte ich wöchentlich etlichemal mit meiner Liebsten, gab ihr alle Sonntag nach verrichtetem Gottesdienst zu Polewitz die Visite, regalierte sie dabei allemal mit einer sonderbaren Verehrung und bestimmte endlich mit ihr den Elisabethentag, nämlich den 19. November, Anno 1675, zum Termin unserer Hochzeit. Als solchergestalt unsere Courtesie fast fünf Wochen gewähret hatte und der festbestimmte Hochzeitstag herannahte, auch alles Notwendige herbeigeschaffet und die Hochzeitsgäste invitieret waren, namentlich aber mein früherer Kollege zu Brieg, Herr Dares, den ich uns zu kopulieren gebeten hatte, auf Klein-Polewitz eingetroffen war, schickte die Frau Generalin zwo Kutschen, die eine mit sechs und eine mit vier Pferden bespannt, mich und meine Gäste zu Liegnitz abzuholen. Weil aber diese Kutschen nicht alle Gäste führen konnten, so lieh mir der Herr Landeshauptmann von Schweinichen, item die Äbtissin des Nonnenklosters, item der Stadtrat je eine mit vier Pferden bespannet, samt etlichen Kaleschen, worauf ich mich im Namen Gottes mit meinen Gästen nach Polewitz verfügte. Nach gehaltener Kopulationspredigt, in welcher Herr Dares die Namen Friedrich und Elisabeth sehr sinnreich und emblematisch auslegte, geschah die Kopulation bei brennenden Fackeln abends um sechs Uhr auf dem großen Speisesaal, wobei ich von dem Fürstlichen Rat, Herrn Knichen, und von Herrn Kaspar Braun, meine Liebste aber von Herrn von Poser und Herrn von Eicke, dem Bruder der Frau Generalin, geführet ward. Vor der Kopulation hatte mir Fräulein von Schlepusch den Kranz präsentiert, ich ihr aber dagegen einen schönen Goldring verehret. Sobald die Kopulation vollzogen war, ging man zur Tafel, welche meine Liebste auf unsere Kosten hatte herrichten lassen, und waren wir allerseits gar fröhlich und guter Dinge. Solchergestalt bewirteten wir die Gäste noch drei Tage in höchster Fröhlichkeit und mit allem Kontentement, und endigte sich alles in Einigkeit und guter Vertraulichkeit. Am vierten Tage hielt ich, begleitet von Herrn Rat Knichen und seiner Liebsten, in der Frau Generalin Leibkutsche mit sechs Pferden bespannt die Heimführung meiner Liebsten in Liegnitz. Soweit der Bericht des glücklichen Gatten; er hatte durch seine Freiwerbung eine vortreffliche Hausfrau gewonnen. Vielleicht erkennt der Leser auch aus dem verschnörkelten Ausdruck, daß hier ein ehrliches Menschenherz in mächtiger Bewegung schlug. [...] Wie die Werbung des ehrenhaften Bürgers im 17. Jahrhundert, so war auch das Leben im Hause fest geordnet, klug überdacht bis auf das Kleinste. Die Tätigkeit war angestrengte Arbeit vom Morgen bis zum Abend, aber sie brachte ihm auch heimliche Freude. Sinnig und grübelnd saß der Handwerker über seinem Werk, auch in die Arbeit seiner Hände suchte er etwas von seinem Behagen zu legen. Die meisten großen Erfindungen der neueren Menschen sind in den Werkstätten deutscher Bürger ausgesonnen, freilich haben sie ihre praktische Nutzbarkeit zuweilen erst in der Fremde erlangt. Kaum war der Krieg geendet, so schnurrte die Arbeit wieder in allen Werkstätten, der Hammer pochte, das Schifflein des Webers flog, emsig suchte der Tischler schöngefasertes Holz zusammen, um mit zierlichen Arabesken Schreibtisch und Kommode auszulegen. Der arme kleine Schreiber fing wieder an, seine Feder mit Genuß zu führen, mit Schnörkeln umzog er seine Buchstaben und sah mit herzlichem Stolz auf seinen weitberühmten sächsischen Duktus. Auch der Gelehrte schrieb rastlos über dicken Quartanten. Noch war die Blütezeit deutscher Wissenschaft nicht gekommen. Zwar regte sich überall das Interesse an dem Stoff, dem Detail, und ungeheuer erscheint der Fleiß, das Wissen einzelner. Aber noch versteht man das gewonnene Material nicht zu verarbeiten, es ist überall die Zeit des Sammelns. Historische Urkunden, Rechtsgebräuche des Volkes, die alten Werke theologischer Lehrer, die Leben der Heiligen, der Wörtervorrat aller Sprachen werden in massiven Werken zusammengetragen, der forschende Geist verliert sich an dem Unbedeutenden, ohne zu verstehen, wodurch erst das Einzelwissen lebendig gemacht wird. Er schreibt über antike Tintenfässer und Schuhe, er rechnet wohl gar Länge und Breite der Arche Noahs aus und untersucht gewissenhaft, wie lang der Spieß des alten Landsknechts Goliath gewesen sein muß. So bringt dem Fleißigen die Arbeit nicht immer den vollen Segen – sie hat doch unsere großen Astronomen, das Genie des Leibniz großgezogen – immer aber hilft sie dazu, dem Mann einen idealen Inhalt zu geben, ein Geistiges, wofür er lebt. Wieviel auch der Krieg verschlechtert hatte: in der Werkstatt, als Vater des Hauses fand der Bürger sich zuerst wieder. Der Schwächere zog sich ganz dahin zurück. Freude am öffentlichen Verkehr, auch die Wehrhaftigkeit wurden geringer. Knarrend drehten sich die alten Tore in den zerschossenen Stadtmauern, kleinliche Händel kreuzten sich am Ratstisch, mißgünstiges Geklatsch, boshafte Verleumdung verbitterten dem Stärkeren, der über sein Geschäft hinaus für andere tätig war, die Stunden des Jahres. Eine krankhafte Scheu vor der Öffentlichkeit nahm überhand. Als im Beginn des 18. Jahrhunderts die ersten Anzeigeblätter entstanden und der Rat von Frankfurt am Main dem Unternehmer verstattete, eine wöchentliche Liste der Getauften, Getrauten, Verstorbenen zu veröffentlichen, erhob sich ein allgemeiner Schrei des Unwillens, es sei unerträglich, daß man diese intimen Verhältnisse publik mache. So vollständig zum Privatmann war der Deutsche geworden. Es gibt wenige Stellen des deutschen Grundes, auf deren städtischem Gemeindeleben der Blick der Befriedigung weilt. Vielleicht die beste Ausnahme ist Hamburg. Auch dort hatten der Krieg und sein Gefolge vieles verwüstet, aber die frische Luft, welche von dem weiten Ozean her in die Straßen der ehrsamen Freibürger wehte, stählte schnell ihre Kraft. Daß sie sich selbst regieren konnten und als ein kleiner Staat mit fremden Mächten in Verbindung standen, bewahrte ihr Bürgertum vor übergroßer Engherzigkeit, und es scheint, daß gerade sie nach dem Dreißigjährigen Krieg am meisten von den Vorteilen erwarben, welche in einer Zeit der Abspannung und Schwäche dem Tatkräftigen leicht zuteil werden. Der Landhandel nach dem Innern von Deutschland wie der Schiffsverkehr durch die Wogen der Nordsee und des Atlantischen Ozeans sind kurz nach dem Krieg wieder in Aufschwung. Hamburgische Gesandte und Geschäftsträger verhandeln bei den Generalstaaten wie am Hof Cromwells. Die Hamburger besitzen nicht nur eine Kauffahrteiflotte, sondern auch eine kleine Kriegsmarine. Ihre beiden Fregatten werden mehr als einmal ein Schrecken der Piraten im Mittelmeer und in den Fluten der Nordsee. Sie geleiten bald Grönland- und Archangelfahrer, bald große Flotten von vierzig bis fünfzig Kauffahrern nach Oporto, nach Lissabon, Cadiz, Malta, Livorno, wo überall hamburgische Niederlassungen waren. Dieser Verkehr, wie sehr er der Gegenwart nachsteht, war vielleicht im Verhältnis zu andern deutschen Seestädten des 17. Jahrhunderts bedeutender als jetzt. Wie jetzt nach Amerika, so gingen damals junge Hamburger nach den Küstenstädten der Nordsee, des Atlantischen Ozeans und des Mittelmeeres und gründeten dort Geschäfte für Kommission und Spedition auf eigene Rechnung. Auch in Hamburg bildete sich das Weltbürgertum aus, welches noch jetzt für den Geschäftsmann der gewaltigen Stadt charakteristisch ist. Aber freilich wurde es damals den Männern schwerer, sich in die Sitten der Fremde zu schicken als dem jetzt lebenden Geschlecht. Es war nicht Pietät gegen das Deutsche Reich, sondern die feste Gewöhnung an die kleinen Gewohnheiten des Lebens, die Sehnsucht nach dem guten, festen Familienzusammenhang, und wie noch jetzt betrachteten die Hamburger das fremde Land nicht gern als ihre feste Heimat. Waren sie dort eine Reihe von Jahren in gewinnbringender Tätigkeit gewesen, so eilten sie nach Hause zurück, um mit einer deutschen Frau ihren Hausstand zu gründen. Der warme Patriotismus und die kluge Gefügigkeit in fremde Sitten, welche den Bürgern kleiner Republiken eigen ist, bildete sich in solchem Leben aus, aber auch die Unternehmungslust und Größe des Urteils, welche damals an den Fürstenhöfen des Binnenlandes nur selten zu finden war. So zeigt die Familie eines Hamburger Patriziers in jener Zeit eine Anzahl interessanter Eigentümlichkeiten, welche wohl wert sind, daß man bei ihnen verweilt. Eine solche Familie ist die des Bürgermeisters Johann Schulte, welche durch ihre weiblichen Nachkommen noch jetzt in hamburgischen Geschlechtern fortlebt. Johann Schulte (1621–1697), aus einer alten Familie, hatte in Rostock, Straßburg, Basel studiert, Reisen gemacht, geheiratet, als Ratssekretär, dann aber zehn Jahre als hamburgischer Gesandter bei Cromwell fungiert. Er wurde im Jahre 1668 Bürgermeister, ein würdiger, gemäßigter Herr, wohlerfahren in allen Welthändeln wie im Regiment seiner guten Stadt, ein glücklicher Gatte und Familienvater. Von ihm sind Briefe an einen seiner Söhne erhalten, der im Jahre 1680 als Kompagnon in ein Lissaboner Geschäft trat. Diese Briefe enthalten eine Menge von belehrenden Einzelheiten. Am interessantesten aber ist der hübsche Einblick in das Familienleben der damaligen Zeit, in das Verhältnis eines Vaters zu seinen Kindern. Innigkeit der Empfindung von beiden Seiten, im Vater die ruhige Würde und die Weisheit des vielerfahrenen Mannes, ein starkes Gefühl seiner distinguierten Stellung, ein festes Zusammenhalten der Familienglieder, welche bei allen unvermeidlichen Zwistigkeiten im Innern gegen außen einen festgeschlossenen Kreis bilden. Es war damals eine Reise nach Lissabon und eine vieljährige Trennung vom elterlichen Hause für den Scheidenden eine große Sache. Als der Sohn nach seiner Abreise unter Tränen und den frommen Segenswünschen der Eltern und Geschwister in Cuxhaven durch widrige Winde zurückgehalten wird, sendet ihm der Vater noch schnell »ein kleines Gebetbuch, item ein Buch, die lustige Gesellschaft genannt, und Gottfried Schulzes Chronika, dann auch eine Schachtel mit Cremor tartari und eine blaue Kruke mit Tamarinden und eingemachten Zitronenschalen für das Übelwerden.« Der Sohn erinnert sich noch während der Fahrt, daß er seinem Bruder drei Mark sechs Schilling schuldig geblieben ist und bittet ängstlich, daß die Mutter ihm die Summe von den acht Talern abziehen möge, die sie von ihm in Verwahrung hat. Der Vater bemerkt dagegen freigebig, die acht Taler sollten ihm unverkürzt aufgehoben werden, der Sohn wisse wohl, daß es seiner Mutter auf drei Mark nicht ankomme. Seit der Sohn in Lissabon etabliert ist, gehen regelmäßige Sendungen nach Lissabon, von Zerbster und Hamburger Bier, Butter, geräuchertem Fleisch sowie Rezepte gegen Krankheiten und was sonst die Sorge der Hausfrau dem entfernten Sohn zuwenden möchte; der Sohn dagegen schickt Sinaäpfel zurück und Fäßchen mit Wein. Genau berichtet der Vater die Veränderungen, welche in der Familie und der Bürgerschaft der guten Stadt Hamburg vorgefallen sind, und eifrig ist er bemüht, dem Sohn Aufträge und Kommissionsartikel von seinen Hamburger Freunden zuzuweisen. Bald gesteht der Sohn aus der Fremde den Eltern, daß er ein Mädchen in Hamburg habe, natürlich eine von den Bekannten des Hauses, und auch diese Liebesangelegenheit wird von dem Vater mit Teilnahme, aber immer als eine ernste Negotiation, welche sehr vorsichtig und zart angegriffen werden müsse, behandelt. Offenbar ist das Bestreben des Vaters, die Werbung und Erklärung hinauszuschieben, bis der Sohn seine Jahre in der Fremde ausgehalten habe, und mit diplomatischem Takt geht er gerade so weit auf die Wünsche des Sohnes ein, um das Vertrauen desselben zu erhalten. Vielleicht am meisten bezeichnend für jene Zeit aber sind die Ratschläge, welche der Vater dem Sohn über die Notwendigkeit gibt, sich in die Gewohnheiten der Fremde zu schicken. Der Sohn ist ein frommer, eifriger Protestant, dessen Gewissen sehr dadurch beunruhigt wird, daß er unter strengen Katholiken leben und sich in die für ihn anstößigen Gebräuche des katholischen Landes fügen soll. Was der Vater ihm darüber schreibt, sei aus den ersten Briefen mit den sehr geringen Veränderungen der Schreibweise, welche zum leichten Verständnis nötig sind, mitgeteilt. Geliebter Sohn! Heute vor acht Tagen war mein letzter Ratsgang bei dieser meiner Regierung für dieses Jahr, und schickte ich den Nachmittag nach dem Posthause und ließ anfragen, ob die hispanischen Briefe angekommen, bekam aber zur Antwort nein. Den folgenden Tag, am Sonnabend zu Mittag, sandte mir Herr Brindts durch seinen Diener Dein Schreiben vom 11./22. noch währenden Monats. Soviel Dein Schreiben anbelangt, so ist es uns allen zuvörderst erfreulich, daß Du Dich, gottlob, bei guter Leibesdisposition befindest, welches eine große Wohltat Gottes ist, und dann, daß Du mit Deinem Kompagnon wohlvergnügt bist, wofür Du ebenfalls Gott dem Herrn zu danken hast, daß Du in der Fremde einen so ehrlichen und Dir wohlwollenden Menschen angetroffen hast. Gott lasse euch fernerhin in Friede und Einigkeit, auch einem gesunden und wohlgesegneten Stand eure Zeit, bis Du, beliebt es Gott, repatriieren wirst, mit allem Vergnügen zubringen. Sonsten habe in Verlesung Deines Schreibens angemerkt, daß Dir der Ort Lissabon und die Einwohner so geistliche als weltliche, noch nicht allerdings anständig seien, und Du Dich in Deinen jetzigen Stand noch nicht recht finden könnest, daher ich denn noch einige Ungeduld von Dir verspüre. Aber das kann nicht wohl anders sein, daß Dir die Veränderung zwischen Hamburg und Lissabon, jener und dieser Einwohner und Sitten, jener und dieser Gebärde und sonsten, nicht sollte mit Befremden, ja fast mit Bestürzung und Alteration auffallen; aber Du mußt wissen, daß Du in diesem passu alldorten und an andern Orten gar viele Vorgänger gehabt hast, denen es ebenso ergangen und denen die große Veränderung in allen Dingen und in Religionssachen sehr befremdlich vorgekommen. Im lateinischen Sprichwort pfleget man zu sagen: post nubila Phoebus , das ist, auf übel Wetter pflegt ein heller und angenehmer Sonnenschein zu folgen, welches der grundgütige Gott an Dir in Gnaden erfüllen und geben wolle, daß, nachdem Du in der See ungemeine Gefahr und Leibesschwachheit sattsam empfunden und ausgestanden, die Tage und Zeit, welche Du in Portugal zubringen wirst, die vorigen sauren und bittren Tage verzuckern und versüßen, und Du allgemach die bösen Tage vergessen und der guten Dich getrösten und erfreuen mögest, welches der Allerhöchste Dir aus Gnaden beständig geben, gönnen und verleihen wolle. Amen. – Es sagte Schwager Gerdt Buermeister (welcher Dich wie sein Kind liebet) dieser Tage zu mir, es würden Dir zwar bei Deiner Ankunft in Lissabon viele Dinge etwas befremdlich vorkommen, insonderheit auch wenn Du allerhand Gesichter von weißen, schwarzen, grauen Mönchen und anderen Personen sehen würdest; allein es wäre eine Sache von etwa drei bis vier Monaten, so würde man dessen und anderer Dinge all gewohnet. Nun ist es also, daß man mit der Zeit alles gewohnet wird. Ich bin beständig vier Jahre zu Straßburg gewesen und daselbst es so gewohnt geworden, daß es mir gleichviel war, ob ich in Straßburg oder Hamburg lebete, war auch ums geringste nicht bekümmert. Traue mir und andern, die dergleichen erfahren, daß eine kurze Zeit und kleine Geduld alles zu ändern und korrigieren pfleget. Ich hoffe zu Gott, daß ich deswegen innerhalb acht bis zehn Wochen bessere Briefe, insonderheit wenn Du allgemach in der Sprache etwas avancieren wirst, von Dir empfangen werde. Schwager Gerdt Buermeister sagte, er wäre zwölf Jahre gewesen, wie er nach Lissabon gekommen, und er könnte nicht genug beschreiben sein Mißvergnügen, welches er empfunden; und wie er die Mönche ansichtig geworden, hätte er gemeinet, daß es Teufel wären, hätte sie auch von oben herab mit Wasser begossen, aber darüber hätte er bald Händel gekriegt; er sagte, daß, wenn er hätte ausgehen sollen, so hätte ihm davor gegrauet, aber es wäre ein Angewöhnis für eine kleine Zeit. – Was die Religion betrifft, so wirst Du vernünftig sein und so viel immer möglich alle Heuchelei und alle Okkasion vermeiden und mit niemand, auch nicht einmal mit Deinem Kompagnon von Religionssachen reden oder Diskurs führen, sondern für Dich zu rechter Zeit lesen, auch morgens und abends Dein Gebet zu Gott mit Andacht tun und das feste Vertrauen zu Gott haben, daß, weil er Dich an den Ort so wunderbar berufen, er auch Dein gnädiger Vater und Schutzherr wider alle vorkommende Widerwärtigkeit sein und verbleiben werde. – Du meldest, daß Du allbereits einmal aus Not daselbst gesündiget, als man die gesegnete Hostie dahergetragen – man pflegt es sonsten das Venerabile zu nennen – und hast Du wohlgetan, daß Du für dich ein Gebet getan, und wird der gütige Gott das wohl erhöret und Dir die Sünde vergeben haben. Ich kann nicht umhin, bei dieser Okkasion zu berichten, wie es mir zu Mainz ergangen; denn als ich Anno 1642 von Hamburg nach Straßburg reisete, und zu Frankfurt in der Messe vierzehn Tage stille liegen mußte, bin ich nach Mainz, vier Meilen von dorten, abgefahren. Da auch eben der Sonntag einfiel und ein sonderliches Fest bei den Katholicis gehalten wurde, so erkundigte ich mich, in welche Kirche der Kurfürst zur Messe fahren würde, begab mich auch dahin und fand in der Kirche viele devote Leute, die auf ihren Knien saßen. Der eine hatte sein rosarium oder Rosenkranz in der Hand und betete das Ave Maria und Paternoster, andere schlugen mit ihrer Hand an die Brust, wie der bußfertige Zöllner, und bereueten ihre Sünde. Ich besahe das Völkchen so etwas und lobete ihre Devotion und wünschete dabei, daß man bei uns Lutheranern auch eine gute Devotion in äußerlichen Gebärden in den Kirchen verspüren möchte. Inmittelst kam der Kurfürst gefahren und ging ins Chor. Ich als ein witziger junger Mensch drang mit hinein, und weil ich wohlgekleidet war und einen roten scharlachnen Mantel umhatte, so ließen auch die Hellebardiere mich passieren und sahen mich für einen jungen Edelmann an. Unterdessen sang der Herr von Andlaw die Messe in pontificalibus , das ist, er hatte einen Bischofshut oder Mütze auf seinem Haupt und einen Bischofsstab in seiner Hand. Ich sahe allen diesen Zeremonien mit guten Gedanken zu und alles war noch gut. Als aber der Herr von Andlaw den gesegneten Kelch emporhielt, da knieten alle, die bei mir standen, nieder, welches ich auch tat und ein Vaterunser betete. Hierzu bin ich aus Vorwitz gekommen, Du aber aus Not, und hoffe zu Gott, er werde mir und Dir den Fehler vergeben haben. Ich bin sonsten in Frankreich und sonderlich zu Orleans des Sonntagsnachmittags öfters in den katholischen Kirchen gewesen und habe eine gute Musik gehöret, und haben mir weder Arme noch Beine gebebet, wie Du schreibest, daß Dir widerfahren. Man muß so kein Banghase sein, sondern allemal ein beständiges standhaftes Herz haben. Du meldest, daß in Lissabon viel Pfaffen, auch viel Kirchen und Klöster seien. Wohl! laß da noch soviel sein, das gehet Dich nichts an; laß nochmal soviel Pfaffen da sein, sie werden Dich nicht beißen, warte Du das Deinige ab. In die Messe zu gehen und in die Kirche, dazu nötiget man niemand, und wenn Du um die Osterzeit einen Zettel von einem Geistlichen haben kannst, als ob Du gebeichtet und kommunizieret hättest, so hast Du um die Geistlichkeit Dich nicht mehr zu bekümmern. Wenn Dir aber von ferne die Pfaffen mit der gesegneten Hostie werden begegnen, wirst Du alle Vorsichtigkeit gebrauchen und einen Umweg nehmen oder in ein Haus gehen. Du schreibst auch, daß Du allbereits viele Mißgönner da habest, und daß Frick und Amsing die größesten seien. Mein Sohn! wer hat keine Mißgönner? Je besser es einem gehet, je mehr Mißgönner hat man. Darum sagen die Holländer: idt is beter, beniedt als beklaegt, als idt man onsen lieven Heer behaegt . Was meinst Du wohl, wieviel Mißgönner ich habe, wovon ich aber die wenigsten kenne, die meisten aber kenne ich nicht. Dawider muß man aus der Litanei singen: unsern Feinden, Verfolgern und Lästerern wollest du Herr vergeben und sie bekehren. Ich hätte gern gesehen, daß, als Frick und Amsing Dich zweimal invitieret, Du zu ihnen gegangen wärest. Du schreibest, daß sie Dich würden haben etwas abfragen wollen. Aber Du bist ja kein Kind, daß sie Dir hätten können was abfragen, besonders hättest Du ihnen ja nur können antworten, was Du gewollt und sie wissen sollen. Du schreibst auch, daß Frick vor Dir den Hut nicht abnähme; nun bist Du ja jünger als Frick, und kommt also Dir ja zuvörderst zu, daß Du ihn zuerst grüßest. Du meldest auch, daß Amsing gute Worte gebe und Galle im Herzen habe; darauf dienet, daß man Füchse mit Füchsen müsse pflügen. Gib Du auch allen Leuten, sie seien geist- oder weltlich, zu allen Zeiten gute Worte und gedenke das Deine daneben, das ist der Welt Lauf. Es ist uns aus Deinem Schreiben sonderlich lieb zu vernehmen, daß Du hoffest, in der portugiesischen Sprache bald zu avancieren, welches Dir ein groß contentement geben wird, und ob Du zwar wegen Mangel der Sprache für jetzt keine sonderliche Hilfe und Assistenz im Kaufen und Verkaufen leisten kannst, so kannst Du doch die Bücher halten und alles fleißig anschreiben und verzeichnen. – Vermahne Deinen jungen Heinrich zur Gottesfurcht und mithin zum Beten und Lesen, und laß ihn des Sonntags vormittags Dir des Molleri postilla auf Deiner Kammer vorlesen. Deine Mutter hat mit Günther Andreas geredet und ihm gesaget, er soll achthaben, wenn ein Schiffer an der Börse angeschlagen wird, daß er auf Lissabon laden wolle, alsdann soll die Tonne Bier mitgesandt werden. Du hast bei Deiner Frau Mutter acht Mark zehn Schilling nicht, sondern acht Rtlr. gut, das habe ich Dir auch vor diesem geschrieben. Und wenn die acht Rtlr. schon zu Ende sind, so wird es auf eine Tonne Bier nicht ankommen. Du hast alle Zeit so viel und mehr gut. Wir werden Dir, ob Gott will, auch einen frischen geräucherten Elblachs übersenden und verehren, denn ich habe bereits vor drei Tagen zwei Lachse in den Rauch schneiden lassen, wovon wir Dir einen zugedacht haben. Und läßt sich der Lachsfang ziemlich an, wiewohl sie das Pfund annoch für eine Mark verkaufen. Am vergangenen Montag hielten wir unsere Petri- und gestern unsere Matthäi-Kollation, da ich denn bequeme Gelegenheit gehabt, Dich und Deinen Konfrater dem Herrn Bümmelmann zu rekommandieren. Derselbe rühmt mir, daß er Briefe von Dir hätte, und ließ sich der gute ehrliche Mann gegen mich sehr wohl aus, sagte auch, daß er mit dieser Post euch antworten wollte, also daß ich keinen Zweifel trage, Gott werde Dich und Deinen Konfrater wohl gesegnen, daß ihr nicht werdet zu klagen haben. Gott gebe Dir Gesundheit, Geduld und einen beständigen freudigen Mut, auch Lust und Liebe zu Deiner Handlung und vorstehenden Arbeit. Im gemeinen Sprichwort sagt man: ora et labora und laß Gott raten. Das tu Du auch und wirf all Dein Anliegen auf den Herrn, er wird's wohl machen. Womit ich für diesmal schließe, da ich vorgestrigen Tages mein siebentes Regierungsjahr zu Ende gebracht und durch Gottes Gnade und Beistand beschlossen habe; und tue Dich nebst freundlicher Begrüßung von all Deinen lieben Angehörigen dem sichern Schutz des großen Gottes getreulich empfehlen und verbleibe jederzeit Hamburg, den 25. Februari 1681. Dein wohlaffektionierter Vater Johann Schulte, Lt. PS. Ich habe in meinem Schreiben, wo mir recht ist, vom 14. Januari, erwähnet, daß der kurzweilige Heinrich Mein uns in der Schiffergesellschaft eine Rarität und Schüssel mit Fischen, welche in Lissabon gebraten waren, aufgesetzet hat. Nun könntest Du etwa auf die Gedanken kommen, mir dergleichen inkünftig zu verehren, aber das tu ja nicht, denn einmal kostet es Mühe und Geld, und ich frage nicht groß danach. Vale . [...] PS. Weil das Brieflohn auf Hispanien und Portugal etwas höher sich beläuft als auf andere Plätze, so schreibe ich wider meine Gewohnheit und Manier etwas kleiner und kompresser. Mache kleine und leichte Briefe, schreibe aber viel darauf und menagiere auch hierin. Vale . Soweit der kluge Bürgermeister Johann Schulte. Er erlebte die Freude, daß sein Sohn wohlbehalten aus dem Land der Mönche zurückkam und nach vielen Familienverhandlungen mit der Jungfrau seiner Wahl verbunden wurde. – Wohl macht die Arbeit fest und dauerhaft, aber es ist zunächst das egoistische Interesse des tüchtigen Mannes, dem sie dient. – Wer aber den Beruf hat, zum Nutzen anderer tätig zu sein, dem wird durch Pflichtgefühl sein Amt geweiht. Jede Tätigkeit, welche stark genug ist das Leben zu erhalten, gibt dem Mann auch sein Amt. Der Gesell ist der Beamte seines Meisters, die Hausfrau bekleidet das Amt der Schlüssel, und jede Arbeit entwickelt auch im kleinsten Kreise ein Gebiet von sittlichen Pflichten. Das Pflichtgefühl des Hauses, der Werkstatt hat den Deutschen niemals gefehlt. Immer hat es Bürger gegeben, die für ihre Stadt nicht nur in den Tod gegangen sind, die ihr auch im Leben zuweilen mit Aufopferung gedient haben. [...] Zwei Jahre nachdem Herr Bürgermeister Schulte seinen Sohn so väterlich ermahnt hatte, endete wenige Grade südlich von Lissabon das Leben eines Hamburgers in furchtbarer Katastrophe. Auch davon soll ein alter Bericht erzählen. Einer der Kriegskapitäne Hamburgs war Berend Jakob Carpfanger. Im Jahre 1623 in der Stadt geboren, machte er seine Schule wie Brauch war auf den Kauffahrern durch, früh wurde er Mitglied der Admiralität, und endlich als Konvoikapitän Befehlshaber eines der Kriegsschiffe, welche den Kauffahrer gegen Piraten zu verteidigen hatten. Diese Marineoffiziere der Stadt hatten außerdem die oberste Polizei in ihrer Flotte auszuüben, die diplomatischen Verhandlungen in den Häfen, zuweilen auch an fremden Höfen geschickt zu leiten. Sie mußten einige Übung in Geschäften besitzen und mit großen Herren umzugehen wissen, damit die Stadt Ehre und Ruhm von ihnen habe. Carpfanger war nach dem Urteil seiner Stadt ein feiner, zierlicher Mann, der sich überall wohl zu führen verstand. Sein Bildnis zeigt ein ernstes Antlitz, fast melancholisch, hoch die Stirn, groß die Augen, kräftig Kinn und Mund. Seine Gesundheit war, so scheint es, weniger fest, als dem Seemann wünschenswert ist. Schon als Schiffer hatte er den Beweis geführt, daß er ein Seegefecht zu leiten verstand; er war oft in blutiger Aktion gewesen. Denn noch raubten die Barbaresken zur See und am Strand. Nicht mehr mit Galeeren allein, in großen Fregatten fuhren die Raubvögel unter den Schwarm der Handelsmöwen. Gerade damals war der »Hund« der Schrecken der europäischen Meere, weit über die Meerenge von Gibraltar hinaus, oben im Großen Ozean, ja an den Küsten der Nordsee kreuzten seine schnellen Schiffe; greulich waren die Hafengeschichten von seiner Wut und Tollkühnheit, seinem Blutdurst. Erst im Jahre 1622 war ein Geschwader von acht Hamburger Kauffahrern die Beute der »Barbaren« geworden. Im Jahre 1674 umgürtete der Bürgermeister der Admiralität den Kapitän Carpfanger mit silbernem Degen und überreichte ihm den Admiralsstab. Damals schwor der Seemann vor dem Senat, bei der Defension der anvertrauten Flotte mannhaft zu stehen und eher Gut und Blut, Leib und Leben zu opfern, als sie und sein Schiff zu verlassen. Seitdem machte er in den zehn Jahren bis zu seinem Tode alljährlich eine Fahrt, im Frühjahr mit seiner Flotte ausziehend, im Herbst heimkehrend. Schwere Kämpfe hatte er mit Sturm und Wellen zu bestehen; er selbst klagt, wie ungünstig ihm die Elemente seien. So fuhr er nach Cadiz, Malaga, ins Nördliche Eismeer, nach Lissabon. Von einer Fahrt nach Grönland brachte seine Flotte von fünfzig Schiffen die Beute von fünfhundertundfünfzig Walfischen heim. Einmal wurde der Heimkehrende an der Elbmündung von fünf französischen Kapern angegriffen: in zwölfstündigem Kampf schoß er zwei in den Grund, daß sie vor seinen Augen mit Mann und Maus versanken, die andern suchten das Weite. Auch gegen die brandenburgischen Kaper war er aus. Damals geschah es, daß die rote Admiralsflagge Hamburgs gegen den roten Adler Brandenburgs drohend an die Gaffel der Besans flog. Denn der Große Kurfürst war im Jahre 1679 den Hamburgern nicht hold und hatte ihnen durch seine kleinen Kriegsschiffe bereits mehrere Segler abgefangen. Die Gegner trafen einander, aber Carpfanger hatte strenge Instruktion, nur defensiv zu verfahren. Deshalb lief alles gut ab. Das große Schiff flößte den Brandenburgern Respekt ein, sie sandten eine Schaluppe mit zwei Offizieren zum Gruß und »um sich die Einrichtung des Schiffes anzusehen«. Der Hamburger traktierte sie in seiner Kajüte mit Wein, dann verabschiedeten sie sich höflich. Ihre Schiffe taten einige Salutschüsse, welche Carpfanger mit gleicher Artigkeit erwiderte, dann segelten sie auseinander. Und wieder traf der Kapitän auf einer seiner Südfahrten die spanische Silberflotte im Kampf mit türkischen Piraten. Das Treffen stand ungünstig für die Spanier, einige schwere Gallionen waren abgeschnitten und wurden von den Räubern bewältigt. Carpfanger griff die Piraten an und befreite durch volle Lagen die spanischen Schiffe. Er wurde deshalb an den Hof Karls II. geladen und vom König mit einer goldenen Ehrenkette beschenkt. Kam er nun im Herbst aus Wind und Wellen in die engen Straßen der alten Stadt, so war ihm auch da wenig Ruhe gegönnt. Dann begann ein Mäkeln mit dem Senat um die aufgewandten Unkosten, ein Schreiben von Berichten, Verantwortung wegen einzelner Dispositionen, die den Herren am Ratstisch nicht einleuchteten oder die ein Privatinteresse verletzt hatten, aller Ärger der Schreibstube, den der Seemann so bitter haßt. Denn ein kleinlicher Krämergeist fehlte dem alten Hamburg nicht. – Im Winter 1680 starb ihm sein liebes Weib in den besten Jahren. Wieder und wieder geleitete er seine Kauffahrer nach Cadiz und Malaga, im Jahre 1683 auf der Fregatte »Das Wappen von Hamburg«. Sturm und ein leckes Schiff der Flotte hatten die Fahrt verlängert, aber schon war an der Hamburger Börse bekanntgemacht, daß der Kapitän die Rückfahrt aus Hispanien via Insel Wight machen werde. Da kam statt seiner eine traurige Zeitung. [...] Sie ist zugleich ein Beispiel der alten Weise, im Fluge Neuigkeiten zu verbreiten. Traurige Zeitung aus Cadiz in Spanien Cadiz vom 12./22. Oktober. Guter und werter Freund! Wollte wünschen, daß dies mein Schreiben lieber eine Freude erweckende als Trauer verursachende Zeitung sein möchte; allein wenn wir sterbliche Menschen in dem höchsten Grade des Glücks und der Freude zu sein vermeinen, schwebet über unsern Häuptern das größte Unglück. Solches haben leider wider jedwedes Vermuten ich und alle empfunden, welche sich nebst mir auf das Konvoischiff »Das Wappen von Hamburg« begeben hatten. Am 10./20. Oktober hatten ich und unsere Hauptoffiziere, wie auch des Herrn Kapitäns Sohn und dessen Cousin die Ehre, mit unserem Herrn Kapitän die Abendmahlzeit einzunehmen. Da es ungefähr acht Uhr und eben an dem war, daß man von Tische aufstehen wollte, brachte unser Kajütenwächter die betrübte Zeitung, daß in der Hölle unseres Schiffes Feuer vorhanden sei. Darauf sprangen der Herr Kapitän und wir allesamt erschrocken vom Tisch auf und eilten nach dem Ort zu, wo wir denn fanden, daß derselbe mit allem darin liegenden Tauwerk schon in voller Flamme stand. Auf Anordnung des Kapitäns wurden geschwind Eimer und Schöpfen herbeigebracht, viel Wasser eingegossen und einige Löcher eingekappt, weil diesem Ort nicht wohl beizukommen war, in der Meinung den Brand zu löschen. Von unserem Volk, absonderlich von den Soldaten, die ihr Kommandeur tapfer antrieb, ward fleißig gearbeitet, aber alles vergebens, denn man verspürte keine Minderung, sondern Zunahme des Feuers. Es wurden unterschiedliche Kanonen gelöst zum Zeichen unserer Not, um Hilfe herbeizuschaffen, aber umsonst, weil die andern Schiffer später vorgaben, daß sie nicht gewußt, was solches Schießen zu bedeuten hätte. Wurde also der Kapitän genötigt, unsern Leutnant mit der kleinen Schlupe an die umliegenden Schiffe zu senden, ihnen unsern elenden Zustand zu berichten und dieselben um ihre Schlupen, Boote und um Herbeischaffung einiger Schöpfen zu ersuchen. Sie kamen zwar, hielten aber von ferne. Denn da das Feuer dem Teil des Pulvers sehr nahe war, welcher vorn im Schiff zu liegen pflegt und unmöglich wegen der großen Glut herausgebracht werden konnte, so fürchtete jedermann, daß das Schiff und wir alle miteinander auffliegen würden, wenn die Flamme dasselbe erreichte. Deswegen ließen viele Bootsleute von der Arbeit ab und retirierten sich in die Boote und die große Schlupe hinter dem Schiff oder machten sich auch mit fremden Fahrzeugen aus dem Staube, wie sehr man denselben auch zurief, uns kein Volk zu entführen. Denen in dem Boot und der großen Schlupe rief der Kapitän aus dem Kajütenfenster zu, daß sie sich ihres Eides, den sie ihm und der Obrigkeit geschworen hätten, erinnern und ihn nicht verlassen, sondern wieder an Bord kommen sollten, weil noch keine Not vorhanden sei, und das Feuer mit Gott gelöscht werden könne. Diese folgten zwar dem Kommando und fingen die Arbeit mit Ernst wieder an, allein es war alles ohne Nutzen, denn das Feuer wurde je länger je größer. Der Leutnant, der Schiffer, wie auch andere Offiziere gingen zu dem Herrn Kapitän, nachdem man schon über zwei Stunden allen Fleiß, aber ohne Furcht, angewendet, und berichteten, daß leider keine Hilfe mehr vorhanden sei und das gute Schiff unmöglich gerettet werden könne, sondern es wäre hohe Zeit sich zu salvieren, wofern man nicht im Schiffe verbrennen oder mit demselben auffliegen wollte. Denn zwischen dem Feuer und Pulver wäre nur noch ein Brett, einen Finger dick, übrig. Der Kapitän aber, welcher das Schiff noch immer zu erhalten vermeinte und seine Ehre höher als das Leben und alles in der Welt schätzte, gab zur Antwort, er wolle nicht aus dem Schiff, sondern darin leben und sterben. Sein Sohn fiel vor ihm auf die Knie und bat um Gottes willen, daß er sich doch eines andern bedenken und sein Leben zu konservieren suchen möchte. Dem antwortete er: »Pack' dich weg, ich weiß besser, was mir anvertraut ist.« Darauf befahl er dem Quartiermeister, diesen seinen Sohn nebst seinem Cousin an ein anderes Schiff abzusetzen, wie denn auch geschah. Er wollte auch nicht gestatten, daß das geringste von seinem eigenen Gut fortgeschafft werde, um dadurch nicht dem Volke den Mut zu benehmen. Inmittelst schlugen einige vor, das beste wäre, ein Loch in das Schiff zu kappen und solches in den Grund laufen zu lassen; der Kapitän aber wollte dies nicht bewilligen, sondern sagte, er hätte noch immer Hoffnung, das Schiff zu salvieren. Andere rieten, man solle die Taue kappen und das Schiff an den Strand setzen. Dies wurde endlich bewilligt und befohlen die Taue zu kappen. Da man aber im Begriff war, dies zu verrichten und eben die Besane und Focke hatte fallen lassen und das Volk noch auf der Fockraa saß, kam das Pulver vorn im Schiff in Brand. Es war ihm aber durch Eingießen vielen Wassers die Kraft benommen, und so flog es nur mit einem Zischen auf. Das Feuer brannte ungefähr bei dem Fockmast durch das Deck, lief, weil oben ein harter Levant wehte und das Schiff an dem Wind lag, den Mast hinauf in die Wanten, in die Segel und in einem Augenblick über das ganze Schiff. Als das Volk, das noch im Schiff war, solches sah, suchte es mit erbärmlichem Schreien die Flucht. Etliche liefen nach der Kajüte, in der Meinung, dort Trost zu finden, etliche nach der Konstabelkammer. In dieser letztern hatte sich der Leutnant auf Order des Kapitäns, neben sich einen Soldaten mit geladenem Gewehr, in die eine Pforte gesetzt, um zu verhindern, daß niemand durch die Kammer in die große Schlupe laufen möchte, die hinter derselben angebunden lag. Der Leutnant wurde durch die Pforte hinausgedrängt und dadurch genötigt, sich in die Schlupe zu begeben, ihm folgte alsbald ein Haufen Volkes; viele sprangen in das Boot. Da dasselbe aber schon vom Bord abgestoßen war, weil das Schiff nach hinten zu über und über brannte und die Meinung war, daß das Feuer das Pulver hinten im Schiff erreichen und alles, was um und neben dem Schiff wäre, mit in die Luft sprengen möchte, so mußten die armen Menschen, die noch im Schiff waren und nicht verbrennen wollten, sich den Wellen ergeben und ins Wasser springen. Es hätte einen Stein erbarmen mögen, mit was für Rufen und Schreien diese elenden Menschen häufig im Wasser umhertrieben, so daß nichts zu sehen war als lauter Köpfe. Während nun das Feuer durch den Wind von vorn nach hinten zu getrieben wurde, mit aller Macht, je länger, je stärker, stand ich in der Kajüte mit unterschiedlichen Personen um den Kapitän herum, sie winselten und weinten vor ihm und ermahnten ihn zugleich, daß nunmehr keine Zeit mehr übrig sei, länger zu verbleiben. Ich ging von ihnen ab nach dem Fenster zu, um zu sehen, ob noch ein Fahrzeug vorhanden wäre und fand die große Schlupe noch unten festliegen; ich resolvierte mich, mein Leben Gott befehlend, und sprang durch das Kajütenfenster in die darunterliegende Schlupe, welches mir auch so wohl gelang, daß ich ohne irgend welchen Schaden in derselben salviert wurde. Wie ich eben den Rücken vom Kapitän wandte, ging er mit den neben ihm stehenden Personen, worunter der Kommandeur mit einigen Soldaten und Bootsleuten war, zur Tür hinaus. Ich meinte, daß sie sich zu salvieren suchten, wie sie auch willens waren, denn wie ich vernommen, sind sie nach dem großen Rost gegangen, mit dem Vorhaben, den Kapitän in ein Fahrzeug zu zwingen. Allein sie haben keines mehr gefunden. Weswegen sie denn allesamt, da ihnen die Flammen bereits über dem Kopf waren, den Kapitän verlassen haben und über Bord gesprungen sind. Sobald ich in der großen Schlupe, in welche ich gesprungen war, den Leutnant ansichtig wurde, fragte ich denselben, ob der Kapitän aus dem Schiff wäre. Er gab zur Antwort, ein holländischer Kapitän hätte ihn geborgen. Als wir nun davon vergewissert zu sein vermeinten, wurde die Schlupe in aller Eile losgeschnitten, denn viel Volk, das im Wasser herumschwamm, suchte sich darin zu salvieren, und die Schlupe wurde von ihnen beinahe in das Wasser gezogen, da viele an der Seite hingen. Auch stand zu besorgen, daß wir mit auffliegen würden, wenn die Flamme das Pulver erreichte. Da wir ungefähr eine Kabellänge vom Schiff gekommen waren, gingen verschiedene Stücke durch die Hitze des Feuers los, und die Granaten sprangen eine nach der andern. Das Feuer erreichte endlich gegen ein Uhr das Pulver in der Krautkammer, und mit einem dumpfen Schlag flog das Hinterteil des Schiffes auf, worauf der noch übrige brennende Teil mit allem, was noch dann vorhanden war, zu Grund gehen mußte, nachdem das Schiff im ganzen ungefähr fünf Stunden gebrannt hatte. Mittlerweile kamen wir mit unserer Schlupe an andere Schiffe, welche an der Bai lagen, und setzten das geborgene Volk aus, mit Ausnahme der nötigen Ruderer, mit welchen der Leutnant durch den übrigen Teil der Nacht an den Schiffen in der Bai den Herrn Kapitän mit Schmerzen suchte. Allein vergebens, indem derselbe nirgends anzutreffen war. Am folgenden Tage um zehn Uhr vormittags wurde durch eine englische Schlupe an das Schiff von Kapitän Thomsen avisiert, daß die Leiche unseres Kapitäns leider auf ihr Bootstau zugetrieben wäre, welche sie auch geborgen hätten. Darauf wurde der gute, nunmehr selige Mann alsbald an das Schiff von gemeldetem Kapitän Thomsen gebracht und, wie sich's gebühret, in eine reine Leinwand gekleidet, welche der Kapitän Thomsen für dankbare Bezahlung hergab. Unter allen Menschen, die bei diesem großen Unglück um das Leben gekommen (an Bootsleuten zweiundvierzig und an Soldaten zweiundzwanzig Personen), ist der selige Herr Kapitän der erste gewesen, der wiedergefunden wurde. Zu seiner Bestattung wurde alsbald Anstalt gemacht, und als alles Nötige herbeigeschafft war, ist er am 13. dieses, als Sonnabends, allhier hinter den Puntales, allwo man an diesem Ort die fremden Nationen zu begraben pflegt, nach christlichem Gebrauch zur Erde bestattet worden. Vorher wurde von unserem Domine eine herrliche Leichenpredigt gehalten, ihn geleiteten etliche zwanzig Schlupen, worin viele vornehme Kapitäne und Kaufleute gefahren wurden, jede führte die Flagge zu halber Stenge als Zeichen der Trauer; gleichermaßen bezeigten die allhier liegenden englischen, holländischen und Hamburger Schiffe mit Wehen ihrer Flaggen und Göschen zu halber Stenge ihre Kondolenz unter Lösung der Kanonen, woraus über dreihundert Schüsse gehört wurden. Wer dieses erschreckliche Feuer und Unglück verursacht, oder durch welches Versehen dasselbe entsprungen, ist unbekannt. Der Junge des Hochbootsmanns, welcher in der Hölle gewesen war und die Lampe, die daselbst zu brennen pflegte, zu bewachen hatte, berichtet, daß er eben aus der Hölle auf das Verdeck gegangen wäre, um einen andern Jungen zu sprechen, beim Zurückkommen aber die Hölle in vollem Brand gefunden. Gott behüte ein jedes Schiff vor dergleichen Unglück und tröste diejenigen Witwen und Waisen, welche die Ihrigen dabei verloren. So weit die Zeitung aus Cadiz. – Nach andern Nachrichten ist der Kapitän allein auf seinem Schiff noch bis zuletzt umhergewandelt; andere wollten ihn an einer offenen Stückpforte gesehen haben, wie er die Hände gefaltet gen Himmel hob; nach andern soll er sich als letzter ins Wasser begeben haben, um sich nach Gottes Willen entweder zu retten oder unterzugehen, und es sei kein Wunder, daß der kränkliche alte Herr nach den schrecklichen Affekten und Anstrengungen der letzten Stunden in die Tiefe gegangen sei. – Den Matrosen war etwas Wunderbares aufgefallen, drei Tauben hatten stundenlang über dem brennenden Schiff geschwebt, so lange, bis es in die Luft flog. König Karl II. von Spanien ließ auf dem Grab des Hamburger Seemanns ein Denkmal errichten, welches nach Konsularberichten erst im Anfang des 19. Jahrhunderts durch den spanischen Krieg zerstört wurde. [...] XXV Der deutsche Bauer seit dem Dreißigjährigen Kriege Zustände des Bauern seit dem großen Kriege. – Dienste und Lasten. – Verschiedenheit nach Landschaften. – Verschlimmerung seines Wesens durch den Druck. – Härte des Urteils der Gebildeten. Probe davon aus dem Büchlein: Des Bauernstands Lasterprob von Veroander.– Erste Zeichen der Besserung. – Die Aufklärer. – Schilderung des deutschen Bauern durch Christian Garve. – Aufregung der Kauern um 1790. Befreiung Nach dem großen Kriege begann ein Kampf der Gutsherren und der neubefestigten Staatsgewalt gegen die wilden Gewohnheiten des Landvolkes. Der Landmann hatte sich gewöhnt, lieber das rostige Feuerrohr als den Pflug zu führen. Er war entwöhnt, seine Hofdienste zu leisten, und sein Sinn wurde nicht gefügiger, seit entlassene Soldaten sich auf den Trümmern der alten Dorfhütten niedergelassen hatten. Die Bauernburschen und Knechte trugen sich wie die Reiter, Kanonen[stiefel] an den Füßen, Mützen mit Marderaufschlägen, doppelte Hutschnüre, feines Tuch an ihrem Rock, sie führten Büchsen und langstielige Äxte, wenn sie zur Stadt kamen oder am Sonntag sich zusammengesellten; das half ihnen vielleicht einmal gegen Räuber und wildes Getier, aber weit gefährlicher war es dem Herrn und seinem Verwalter, unerträglich bei untertänigen Leuten; es wurde mit Strenge immer wieder verboten. Die Niederlassung verabschiedeter Soldaten, welche doch etwas Beutegeld in das Dorf brachten, war willkommen, aber wer eine Kriegsfeder am Hut getragen hatte, der sträubte sich gegen die harten Lasten eines Hörigen. So wurde festgesetzt: wer unter der Fahne gestanden hatte, ward für seine Person der Untertanenpflicht ledig, nur wer beim Troß gewesen war, blieb verpflichtet. Alles Volk war im Kriege durcheinander gelaufen, eigenmächtig hatten die Untertanen ihre Wohnsitze gewechselt, sich auf fremdem Grund niedergelassen, mit und ohne Erlaubnis der neuen Gutsherrschaft. Das war unleidlich; dem Gutsherrn wurde das Recht gegeben, sie zurückzuholen, und wenn der neue Gutsherr in seinem Interesse sie schützte und nicht nachgeben wollte, sogar mit Gewalt. So ritten jetzt die Edelleute mit ihren Knechten aus, ihre Untertanen, die ohne »Paßzettel« entwichen waren, in der Landschaft einzufangen. Heftig muß der Widerstand der Leute gewesen sein, denn die Verordnungen sehen sich auch in Landschaften, wo die Hörigkeit streng war, z. B. in Schlesien, genötigt, anzuerkennen, daß die Untertanen allerdings freie Leute seien und nicht Sklaven. Aber dieser Ausspruch blieb ein theoretischer Satz, er wurde in den nächsten hundert Jahren selten gehört. Sehr lästig war den Gutsherren in dem menschenarmen Land der Mangel an Dienstboten und Arbeitern. Allen Dorfinsassen wurde verboten, Kammern an ledige Männer und Frauen zu vermieten; alle solche Inlieger sollten der Obrigkeit angezeigt und in das Gefängnis gesteckt werden, falls sie nicht Dienstboten werden wollten, auch wenn sie sich von anderer Tätigkeit erhielten, den Bauern um Tagelohn säeten oder gar mit Geld und Getreide handelten. Durch ein ganzes Menschenalter wird in den Verordnungen der Landesherren immer wieder bittere Klage geführt über das boshafte und mutwillige Gesinde, das sich in die harten Bedingungen nicht fügen, mit dem gesetzlichen Lohn nicht zufrieden sein will; den einzelnen Gutsherren wird verboten mehr zu geben, als die Landschaft in einer Taxe festgesetzt hat. Und doch sind die Bedingungen des Dienstes kurz nach dem Kriege zuweilen noch besser, als sie hundert Jahre später waren; noch erhält das Gesinde 1652 in Schlesien zweimal in der Woche Fleisch; noch im 19. Jahrhundert hat es ebendort Kreise gegeben, wo sie es nur dreimal im Jahre erhielten. Auch der Tagelohn war nach dem Kriege höher als in den folgenden Jahrhunderten. So legte sich langsam wieder der eiserne Ring um den Hals des zuchtlosen Landvolkes, enger und härter, als er vor dem Kriege gewesen war. In dem Kriege waren kleine Dörfer, noch mehr die einzelnen Höfe, welche die Unabhängigkeit des Bauern so sehr begünstigt hatten, von der Erde verschwunden, sie waren z. B. in der Pfalz, auf den Hügeln von Franken zahlreich gewesen, noch heute haften ihre Namen an der Scholle. Eng zogen sich die Dorfhütten in der Nähe des Herrenhauses zusammen, und leichter wurde die Herrschaft über die schwache Gemeinde, welche vom Morgen bis zum Abend unter den Augen des Herrn und seines Vogtes lebte. Wie ihr Leben verlief bis zu der Zeit unserer Väter, das wird am deutlichsten, wenn man ihre Dienste näher betrachtet. Auch ein flüchtiger Blick darauf wird den jüngeren des lebenden Geschlechts wie ein Blick in eine fremde unheimliche Welt. Allerdings waren die Verhältnisse, unter denen das deutsche Landvolk litt, sehr verschieden. Nicht nur in den Landschaften, fast in jeder Gemeinde bestanden besondere Bräuche. Schon die Namen der Dienste und Abgaben würden zusammengestellt ein kleines Wörterbuch unholder Namen bilden. Aber bei aller Verschiedenheit der Namen und der Höhe dieser Lasten bestand doch in ganz Mitteleuropa in der Hauptsache eine Übereinstimmung, welche vielleicht schwerer zu erklären ist als die Abweichungen. Die älteste Abgabe des Landmannes war der Zehnte, die zehnte Garbe, ja der zehnte Teil des geschlachteten Tieres, selbst ein Zehntel von Wein, Gemüse, Obst. Der Landbauer zahlte ihn häufig doppelt, an seinen Gutsherrn und außerdem als Pfarrzehnten an seine Kirche. Wie niedrig dabei auch sein Ernteertrag veranschlagt sein mochte, die zehnte Garbe war weit mehr als der zehnte Teil seines Reinertrages. Dem Gutsherrn aber hatte der Landmann von seiner Stelle zuerst Hand- und Spanndienst zu leisten. Seit frühem Mittelalter in dem größten Teil Deutschlands drei Tage wöchentlich, also die halbe Arbeitszeit seines Lebens. Wer auf seinem Besitz Zugvieh zu halten verpflichtet war, der mußte mit Ackergerät und Geschirr die Arbeitsstunden fronen, bis die Sonne vom Himmel wich; die kleineren Leute mußten ebenso Handarbeit tun, je nach der Pflicht ihrer Stelle mit zwei, mit vier oder gar mit mehr Händen. Sie standen günstig, wenn sie während solcher Tagesarbeit Kost erhielten. Und selbst die Bestimmung der Tage war der Gutsherrschaft überlassen. Diese uralte Verpflichtung wurde nach dem Kriege durch die Übergriffe der Herren nur zu oft gesteigert. Am meisten im östlichen Deutschland. Die Frontage wurden willkürlich in halbe, ja in Vierteltage zerrissen und dadurch dem Landmann die Versäumnis und die Unordnung der eigenen Wirtschaft beträchtlich vermehrt. Vermehrt wurde auch die Zahl der Tage. Sogar noch in dem Jahrhundert, welches wir mit gerechtem Selbstgefühl die Zeit der Humanität nennen. Im Jahre 1790, als gerade Goethes »Torquato Tasso« zuerst in die gebildeten Edelhöfe Kursachsens drang, erhoben sich die Bauern in Meißen gegen die Gutsherren, weil diese die Dienste so übermäßig gehäuft hatten, daß den Untertanen selten ein Tag zu eigener Arbeit freiblieb. Und wieder 1799, während Schillers »Wallenstein« in Berlin den kriegerischen Adel begeisterte, mußte Friedrich Wilhelm III. eine Kabinettsorder erlassen, worin er seinen Edelleuten einschärfte, den Hofdienst ihrer Bauern nicht häufiger als drei Tage in der Woche zu beanspruchen und den Leuten ein billiges Gemüt zu erweisen. Eine zweite Last des Untertanen war die Abgabe bei Besitzveränderungen durch Tod oder Veräußerung: das Besthaupt und Laudemium. Das beste Roß, das beste Rind waren einst der Preis gewesen, um den ein Erbe den Besitz der Stelle von dem Gutsherrn erkaufen mußte. Längst war diese Abgabe in Geld verwandelt. Aber wenn im 16. Jahrhundert auch in Gegenden, wo der Bauer unter starkem Druck saß, die Landesordnung gestattete, daß Bauerngüter verkauft und gekauft werden konnten, und daß der Herr von dem Bauer, welcher verkaufte, keinen Abzug nehmen durfte, so wurde auch in derselben Landschaft schon 1617, vor dem Dreißigjährigen Krieg, festgesetzt, daß die Herrschaft widerwärtige Untertanen zwingen durfte, ihr Gut zu verkaufen, und daß sie, falls sich kein Käufer fand, dasselbe zu zwei Dritteln der Taxe annehmen konnte. Erst unter Friedrich dem Großen wurde für die meisten Provinzen des Königreichs Preußen den Untertanen die Erblichkeit und das Eigentumsrecht gesichert. Und diese Verordnung half dazu, ein Leiden des Landvolkes zu enden, welches das Land zu entvölkern drohte. Denn gerade im 18. Jahrhundert, seit die Gutsherren darauf bedacht waren, den Ertrag ihrer Wirtschaft zu steigern, fanden sie vorteilhaft, einzelne ihrer Untertanen auszutreiben und die Bauernäcker zum Herrengut zu schlagen. Die Ausgetriebenen verfielen als heimatlose Leute dem Elend; den übrigen Untertanen aber wurden dadurch die Lasten vollends unerträglich gemacht, denn ihnen wurde jetzt von den Gutsherren zugemutet, auch noch die früheren Bauernäcker zu bestellen, deren Besitzer sonst durch ihre Arbeit die Bestellung des Herrengutes erleichtert hatten. Dies »Bauernlegen« war im östlichen Deutschland besonders arg geworden. Als Friedrich II. Schlesien eroberte, waren dort viele tausend Bauerngüter ohne Wirte; die Hütten lagen in Trümmern, die Äcker waren in den Händen der Gutsherren. Alle eingezogenen Stellen mußten wieder aufgebaut, mit Wirten besetzt, mit Vieh und Gerät ausgestattet und als erblicher und eigentümlicher Besitz an Landbauern ausgegeben werden. Auf Rügen verursachte derselbe Mißbrauch noch in der Jugend von Ernst Moritz Arndt Aufstände des Landvolkes, Soldaten wurden entsendet, Aufrührer eingekerkert; dafür suchten die Bauern Rache, sie lauerten einzelnen Edelleuten auf und erschlugen sie. Ebenso war in Kursachsen noch 1790 derselbe Mißbrauch eine Ursache der Empörung. Aber auch die Kinder des Untertanen standen unter dem Dienstzwang. Wurden sie arbeitsfähig, so mußten sie der Herrschaft vorgestellt werden und, wenn diese es forderte, einige Zeit, häufig drei Jahre, auf dem Hofe dienen. Für den Dienst an anderem Ort war ein Erlaubnisschein nötig, welcher erkauft werden mußte. Ja auch wer bereits auswärts diente, hatte sich alle Jahre einmal – oft um Weihnachten – der Gutsherrschaft zur Auswahl zu stellen. Ging das Kind eines Untertanen in das Handwerk oder einen anderen Beruf über, so mußte der Herrschaft eine Summe erlegt werden, welche dafür den Entlassungsbrief ausstellte. Es war eine Milderung dieses alten Restes der Leibeigenschaft, wenn etwa einmal bestimmt wurde, daß Bauerntöchter auch auf andere Güter heiraten durften ohne Entschädigung des Herrn. Doch sollte dann der Gutsherr von dem neuen Herrn in freundlichem Schreiben wegen der Freilassung begrüßt werden. Der Preis, um welchen der Untertan sich selbst und seine Familie freikaufen konnte, war nach der Zeit und den Landschaften sehr verschieden. Er wurde unter Friedrich II. in Schlesien auf einen Dukaten für den Kopf ermäßigt. Doch das waren ungewöhnlich günstige Verhältnisse der Untertanen. In Rügen war der Freikauf noch später ganz der Schätzung des Herrn überlassen, ja er konnte verweigert werden; ein stattlicher Bursch mußte dort wohl 150, eine hübsche Magd 50–60 Taler bezahlen. Aber noch nach anderen Richtungen wurde die Kraft des Landmannes von den Gutsherren ausgenutzt. Er war verpflichtet, mit Gespann oder Hand bei allen Bauten der Gutsherrschaft Hilfe zu leisten, er war verpflichtet Botendienste zu tun. Wer nach der Stadt wollte, mußte den Vogt und Gerichtsherrn fragen, ob nichts zu bestellen sei. Kein Hausbesitzer durfte, bestimmte Fälle ausgenommen, ohne Vorwissen der Ortsbehörde über Nacht aus dem Dorfe bleiben. Er mußte der Reihe nach die Nachtwache für den Edelhof stellen, je zwei Mann. Er mußte, wenn ein Kind des Gutsherrn sich verheiratete, eine Beisteuer an Getreide, Kleinvieh, Honig, Wachs, Leinwand zum Schlosse tragen, er hatte endlich fast überall seine Zinshühner und Eier, die alten Symbole der Abhängigkeit von Haus und Hof, seinem Herrn darzubringen. Doch widerwärtiger als manche größere Lasten war dem deutschen Landmann jenes Recht, welches dem Jagdwild des Gutsherrn auf dem Acker des Bauern zustand. Die furchtbare Tyrannei, mit welcher das Jagdrecht von den deutschen Fürsten seit dem Ende des Mittelalters ausgeübt wurde, drückte nach dem Dreißigjährigen Kriege von neuem. Das Feuerrohr war dem Landmann verboten, die Raubschützen wurden niedergeschossen. Aber wo die Ackerflur an größere Wälder grenzte oder eine Herrschaft das Recht der hohen Jagd übte, dauerte durch Jahrhunderte ein heimlicher, oft blutiger Krieg zwischen Förstern und Wildschützen. Solange noch Wölfe um die Dörfer schlichen, grub der ergrimmte Bauer am Rande des Waldes Löcher, die er mit Reisig bedeckte, in der Tiefe mit spitzen Pfählen besetzte. Er nannte sie Wolfsgruben, das Gesetz aber wußte wohl, daß es Wildfallen waren und verbot sie bei harter Strafe. Er nahm sich die Freiheit, solche Grundstücke, welche dem Wildschaden am meisten ausgesetzt waren, an Soldaten oder Städter zu vermieten, auch das wurde ihm verboten; er versuchte seine Äcker durch Zäune zu schützen, die Zäune wurden ihm niedergeworfen. Im sächsischen Erzgebirge wachten die Bauern im vorigen Jahrhundert bei ihrer reifenden Saat; dann wurden Hütten an die Äcker gebaut, in der Nacht Feuer angezündet, die Wächter schrien und rührten die Trommel und ihre Hunde bellten, das Wild aber gewöhnte sich zuletzt an solche Scheuchen und fürchtete weder Bauern noch Hunde. Noch am Ende des 18. Jahrhunderts war unter der milden Regierung in Kursachsen, wo für Wildschaden bereits nach mäßiger Taxe eine Entschädigung bezahlt wurde, verboten, die Umzäunungen der Felder über eine bestimmte Höhe zu errichten oder spitze Pfähle dabei zu verwenden, damit das Wild sich nicht beschädige und nicht verhindert sei, auf dem Ackerstück seine Nahrung zu suchen, bis sich endlich vierzehn Ortschaften im Amt Hohnstein zu einer allgemeinen Jagd verschworen und im erbitterten Treiben das Wild über die Grenze scheuchten. Sogar für die Schäferhunde war der Knüttel, den sie am Halse trugen, nicht hinderlich genug, den Hasen lästig zu werden, sie mußten auf dem Felde an Stricken gehalten werden. Der Landmann selbst aber war verpflichtet, bei den Jagden seiner Herrschaft hinter den Netzen herzugehen und als Treiber die Klapper zu schwingen. Sogar die Hasenjagd verdarb ihm die Felder, seit die Reiter mit Windhunden die Saaten durchstöberten und zertraten. – Zu diesen Lasten, welche allgemein waren, kamen zahllose örtliche Beschränkungen, von denen hier nur weitverbreitete aufgeführt werden. Häufig wurde dem Untertan die Zahl des Viehes, welches er halten durfte, nach seinem Ackermaß vorgeschrieben. Die Weide auf seinem Acker gehörte vor der Aussaat und nach dem Einbringen der Frucht zum Teil dem Gutsherrn. Dies Recht, schon im Mittelalter beansprucht, wurde gerade im 18. Jahrhundert, seit die Edelleute die Schäfereien vermehrten, eine arge Plage. Denn natürlich wurde die Bauernweide am meisten in Anspruch genommen, wenn das Futter der Tiere einmal mißraten war; wie sollte dann der Bauer seine Tiere erhalten? Schon 1617 galt in Schlesien der Satz: Bauern dürfen keine Schafe halten, falls sie nicht alte Briefe darüber besitzen; Ziegen zu halten wurde hier und da überhaupt verboten. Dies alte Verbot ist eine der Ursachen, daß noch jetzt in weiten Strichen des östlichen Deutschlands dies Nutztier der Armen ganz fehlt. Gegen die Tauben der Bauern hatte schon Kurfürst August von Sachsen um 1560 in seinen Ordnungen geeifert; seit der Zeit drängt sich das Verbot auch in andere Landesordnungen ein. Aber noch andere Tyrannei ersann die Gewinnsucht. Es kam kurz nach dem großen Kriege auf, daß die Pflicht des Bauern sei, alles Verkäufliche zuerst der Grundherrschaft anzubieten, Dünger, Wolle, Honig, bis auf Eier und Hühner; wollte ihm die Obrigkeit seine Ware nicht abnehmen, so war er verpflichtet, sie in der nächsten Stadt eine festgesetzte Frist auszulegen, dann erst war der Verkauf frei. Wahrhaft greulich aber war es, daß die Herrschaft ihre Untertanen zwang, dem Herrengut auch solche Waren abzukaufen, deren die Leute nicht bedurften. Diese Barbarei war wenigstens im östlichen Deutschland nach 1650 ganz gewöhnlich, zumal in Böhmen, Mähren und Schlesien. Wenn die Herrschaft die Teiche fischte und ihre Fische nicht am Weiher verkaufen konnte, mußten die Untertanen dieselben im Verhältnis ihres Vermögens nach der Taxe abnehmen; dasselbe geschah mit Butter, Käse, Getreide, Vieh. Dies war die Ursache, daß in Böhmen sehr viele Landleute kleine Händler wurden, welche dergleichen Waren in die Nachbarländer verfuhren, oft zu großem eigenen Schaden. Vergebens suchte die Landesbehörde in Schlesien noch 1716 diesem Mißbrauch zu steuern. Das Ärgste von allem sei hier nur erwähnt. Der Edelmann war auch Gerichtsherr; als solcher dekretierte er durch den von ihm abhängigen Gerichtsverwalter die Strafen für Polizeivergehen: Geldbußen, Gefängnishaft, körperliche Züchtigung. So gewöhnte er sich, auch bei der Arbeit den Stock gegen die Untertanen zu heben. Allerdings dringt schon im 16. Jahrhundert das humane Verbot in die Landesordnungen, daß der Herr seine Untertanen nicht schlagen solle. Aber in den folgenden zweihundert Jahren wurde dies Verbot wenig beachtet. Als Friedrich der Große Schlesien neu organisierte, gab er den Bauern das Recht, sich über strenge körperliche Züchtigung bei den Regierungen zu beklagen! Und das galt für einen Fortschritt! Aber noch andere Lasten drückten auf das Leben des Bauern. Denn über dem Gutsherrn forderte der Landesherr seine Steuer oder Kontribution, Grundsteuer oder Kopfsteuer, er forderte den Sohn des Landmannes unter seine Fahnen und heischte Wagen und Geschirr zum Vorspann in Kriegszeiten. Und wieder über dem Landesherrn forderte wenigstens in dem Teil Deutschlands, in dem die Kreisverfassung nicht gelockert war, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation die Umlagen für seine Kreiskasse. Nicht überall stand der Bauer unter dem Fluche der Hörigkeit. Das alte Gebiet der ripuarischen Franken, die Landschaften jenseit des Rheins von Kleve bis zur Mosel, die Grafschaft Mark, Essen, Werden, Berg hatten sich schon im Mittelalter von der Hörigkeit befreit, wer dort als Landbesitzer nicht Eigentum hatte, saß als freier Mann in lebenslänglicher Pacht. Im übrigen Deutschland hatte sich die Freiheit an die Grenzen im Süd und Nord, an das Nordmeer und an die Alpen geflüchtet. Ostfriesland, die Marschländer an Weser und Elbe längs der Küste bis zu den Ditmarschen herauf, seit der Urzeit schwer zu bezwingende Sitze trotziger Bauerngemeinden, waren frei geblieben. Im Süden waren Tirol und die benachbarten Alpen wenigstens zum größten Teil mit freien Landleuten besetzt, auch in Oberösterreich waren die freien Bauern zahlreich, in Steiermark drückte der Zehnte, welcher dort Hauptabgabe an die Gutsherren war, weniger als anderswo der Hofdienst. Überall, wo das Ackerland spärlich war und die Bergweide den Einwohnern das Leben sicherte, blieb die rechtliche Lage auch der kleinen Leute besser. Dagegen hatte sich in den Ländern der alten Sachsen schon seit der Karolingerzeit neben einzelnen freien Bauernhöfen eine strenge Hörigkeit entwickelt. Noch am günstigsten saßen die Braunschweiger, die Einwohner der Stiftsländer Bremen und Verden, am schlechtesten die von Hildesheim und der Grafschaft Hoya; im Bistum Münster waren die Frondienste der Eigenbehörigen, wie sie dort hießen, gewöhnlich in ein mäßiges Dienstgeld verwandelt, nur die Zwangsfuhren und der Freikauf drückten. Dagegen hatte dort das Recht des Gutsherrn auf den Nachlaß des Untertanen die weiteste Ausdehnung. Noch um das Jahr 1800 suchten die Landleute, welche – ausnahmsweise – die Lust behielten Geld zu ersparen, ihr Vermögen durch Scheingeschäfte mit Bürgern ihren Erben zu retten; dafür lag auch noch mehr als der vierte Teil des Münsterlandes unbebaut. Ähnliche Verhältnisse in etwas milderer Form bestanden im Bistum Osnabrück. Unter den Stämmen des Binnenlandes, Hessen, Thüringen, Bayern, Schwaben, Alemannen war die Zahl der freien Bauern durch das ganze Mittelalter in dauernder Abnahme gewesen, nur in Oberbayern bildeten sie wohl noch einen starken Teil der Bevölkerung; auch in Thüringen war die Zahl der Freien nicht ganz unbedeutend. Dort hatte das Regiment der Landesherren auch den untertänigen Bauer geschont. Ärger aber stand es in den Ländern östlich von der Elbe – überall, wo Deutsche auf kolonisiertem Slawenboden saßen –, es ist fast die Hälfte des jetzigen Deutschlands. Am allerschlechtesten lebten die Untertanen in Böhmen und Mähren, in Pommern und Mecklenburg, in der letzten Landschaft ist die »Untertänigkeit« noch heute nicht gänzlich aufgehoben. Und gerade in diesen Ländern war die Untertänigkeit seit dem Dreißigjährigen Kriege immer drückender geworden, nur die »Freibauern« und die »Erb- und Gerichtsscholtiseien«, wie sie in Erinnerung an die Zustände der alten Germanisierung noch hießen, bildeten eine – ohnedies auch verkümmerte – Aristokratie des Bauernstandes. Oft war in den letzten Jahrhunderten an der Ackerkultur und dem Gedeihen der Dorfleute zu erkennen, ob sie freie Männer oder Hörige waren; noch jetzt ist zuweilen aus Intelligenz und äußerer Stattlichkeit zu erraten, in welcher Lage die Väter des lebenden Geschlechtes arbeiteten. Die Bauern am Niederrhein, die westfälischen Markmänner, die Ostfriesen, Oberösterreicher und Oberbayern kamen bald nach dem Kriege in einiges Gedeihen, dagegen wurde von den übrigen Bauern um das Jahr 1700 geklagt, daß der dritte Teil der Felder wüst liege; ebenso nahm man von Böhmen noch im Jahre 1730 an, daß der vierte Teil des Grundes, welcher vor dem Dreißigjährigen Krieg Ackerboden gewesen war, mit Wald bewachsen sei. Dort war der Wert des Bodens um die Hälfte niedriger als in anderen Landschaften. Allerdings waren nur solche Freie beneidenswert, welche sich die Empfindung besserer Lage als einen Vorzug vor anderen Landleuten bewahrt hatten, so glücklich war aber nur ein kleiner Teil. Häufig fühlten sich noch im 18. Jahrhundert Freie mit keinem oder sehr geringem Ackerbesitz bevorzugt, wenn sie als Untertänige von einer Gutsherrschaft angenommen wurden. Als Friedrich I. von Preußen kurz nach 1700 die Leibeigenen in Pommern befreien wollte, weigerten sie sich, weil sie die neuen Pflichten, die ihnen aufgelegt werden sollten, für schwerer hielten als ihre bisherigen. Oft waren in der Tat die freien Bauern kaum weniger mit neuen Diensten belastet als solche, die seit alter Zeit untertänig gewesen waren. Es ist schwer, die menschlichen Zustände, welche sich unter diesem Druck entwickelten, unbefangen zu beurteilen. Denn anders sieht im Verkehr des Tages solches Leben aus als in dem erhaltenen Statut. Vieles was uns unerträglich erscheint, machte uralte Gewohnheit leidlich. Sicher hat oft gutherziges Wohlwollen der Edelleute, alter Familien, welche durch viele Generationen mit ihren Landleuten verwachsen waren, das Herbe gemildert und ein treuherziges Verhältnis zwischen Herren und Hörigen erhalten. Noch häufiger ist auch rohe Selbstsucht der Herren durch dieselbe Klugheit zu Maß und Rücksicht genötigt worden, welche früher den Sklavenhalter Amerikas bestimmten. Der Gutsherr mit seiner Familie verbrachte sein Leben unter den Bauern; wenn er bemüht war, Furcht zu erwecken, so hatte doch auch er zu fürchten. Leicht loderte in stürmischer Nacht die Flamme über seine hölzerne Wirtschaft, und in keiner Landschaft fehlten unheimliche Geschichten von strengen Gutsherren oder Verwaltern, die eine unbekannte Hand in Feld und Wald erschlagen hatte. Aber wie großen Einfluß man auch der Güte und Klugheit der Herren einräumen mag, immer bleibt die Stellung der Bauern das schwärzeste Bild aus vergangener Zeit. Denn überall drängt sich auch aus den dürftigen Berichten des 17. und 18. Jahrhunderts der ungesunde und feindselige Gegensatz hervor. Und es war die größere Hälfte des deutschen Volkes, welche unter solchem Druck verdarb. Man darf das Verhältnis der Landbauern zur Gesamtbevölkerung Deutschlands von 1650–1750 in ungefährer Schätzung auf 65–70 Prozent anschlagen, darunter vier Fünfteile in Untertänigkeit. Selten gelang einem Mann von ungewöhnlicher Kraft und Intelligenz, sich aus dem Bann, der sein Leben von der Geburt bis zum Tod umschloß, herauszuarbeiten. Immer größer wurde die Kluft, welche ihn von dem kleineren Teil der Nation schied, bei welchem jetzt Perücke, Haarbeutel und Zopf schon von weitem andeuteten, daß er zu einer privilegierten Klasse gehörte. Und bis zum Ende des 17. Jahrhunderts trugen diese Gebildeten dem Bauern sehr selten ein freundliches Herz entgegen, von allen Seiten schallten die Klagen über seine Verstocktheit, Unehrlichkeit, Roheit. Zu keiner Zeit wurde härter über den leidenden Teil des Volkes geurteilt, als in dieser Periode, in welcher eine gemütlose Orthodoxie auch die Seelen solcher verkümmern ließ, welche das Evangelium der Liebe zu predigen hatten. Niemand war eifriger als die Theologen über die Nichtsnutzigkeit des Landvolkes zu klagen, unter welchem sie leben mußten, immer hörten sie den Höllenhund um die Hütten der Untertanen heulen; freilich war die ganze Auffassung des Lebens bei ihnen finster, pedantisch, arm an Freude geworden. Ein vielgelesenes Büchlein aus der Landschaft des Christoph von Grimmelshausen ist besonders charakteristisch. »Des Baurenstandes Lasterprob« wird nicht müde, bei jeder Tätigkeit der Dorfinsassen nachzuweisen, wie nichtswürdig und gottlos das Bauernvolk vom Schultheiß bis zum Gänsehirten lebe. Das Buch ist viel grausamer als das »Betrugslexikon« des hypochondrischen Coburgers Hönn, welches einige Jahrzehnte später die Betrügereien aller Stände, nicht zuletzt die der Bauern, nach dem Alphabet mürrisch und bequem zum Nachschlagen auseinandersetzte. Aus der feindseligen Klage der »Lasterprob« Des Neunhäutigen und Haimbüchenen schlimmen Baurenstandes und Wandels Entdeckte Übel- Sitten- und Lasterprob von Veroandro aus Wahrburg (1684). Verfasser scheint derselbe Geistliche, welcher den spätern Ausgaben der Werke des Simplicissimus die Nutzanwendungen und Verse zugedichtet hat. werden hier einzelne Stellen herausgehoben, weil sie nicht nur den Bauern charakterisieren, auch die Roheit seiner urteilenden Herren und Lehrer. Das Büchlein spricht wie folgt: Bauren sind zwar Menschen, aber etwas ungehobelter und gröber als die andern. Betrachtet man ihre Sitten und Gebärden, so ist unschwer einen höflichen Menschen von einem Bauren zu unterscheiden. Einem Bauren gehört der Flegel in die Hand und ein Bengel an die Seite, ein Karst auf die Achsel und eine Mistgabel an die Tür. Ihre häßlichen Sitten sind jedermann bekannt, sowohl in Reden als Gebärden. Im Reden gilt's ihm allerdings gleich, was er vor Leute vor sich hat. In Gebärden wird er selten an seinen Hut gedenken, denselben abzuziehen; geschieht es aber, so geschieht es solchergestalt, daß er auf der Schulter liege, damit er ja nicht zu weit vom Kopf komme, und wer ihn von weitem sieht, der vermeint anders nicht, als daß er demjenigen, mit welchem er redet, den Hut an den Hals werfen wolle; zieht er aber den groben Deckel gar ab, so dreht er denselben herum wie eine Hafner(Töpfer)-Scheibe, oder speiet auf die Hände und putzet ihn, oder er liest die Fäselein und Häckerling davon ab, oder sieht ihn sonst an, als ob er ihn erkaufen wollte. Wenn sie essen, so brauchen sie keine Gabel, sondern greifen mit allen fünfen in die Schüssel, überdas ist einem Bauren nicht wohl möglich, daß er frei stehen kann, er muß einen Ort suchen, wo er sich widerlehne; steht er aber frei, so steuret er sich mit gebogenem Rücken auf seinen Stock. – Man sollte gänzlich vermeinen und auch dafür halten, der langwierige dreißigjährige deutsche und noch fortwährende schwere Reichskrieg hätte die Bauren zahm und fromm gemacht; allem sie sind durch dieses große Strafübel nur ärger und verzweifelter geworden, und Hans in eodem oder Schelmen wie vor so nach geblieben! Denn sie haben dadurch zu ihren bäurischen Sitten auch der Soldaten ihre an sich genommen. Was die schlimmsten Soldaten tun, eben das, und vielleicht ein mehreres tun die Bauren. Indem teils Soldaten stehlen, treibet sie die äußerste Not dazu; daß aber die Bauren gutes Teils zugreifen, dazu beweget sie ihr Mutwille. Ein Bauer hat sein Stück Brot, das oft ein redlicher Soldat nicht hat. Zwischen den Bauren und Soldaten ist eine natürliche Feindschaft, gleich wie zwischen Katzen und Mäusen, beide diese Arten stehlen und naschen gerne und wird eine von der andern verfolget. Gleichwie die Soldaten denen Herren Bauren übel aufleuchten, wo sie ihrer mächtig werden, also und gleichergestalt legen die Bauren manchen, der dahinten bleibet, schlafen. Man hat zum öfteren erfahren, daß sie von dem und dem unter ihnen gezeuget: er hat manchen schlafen geleget, er hat da und da einen Reuter danieder gebüchset. Was? Sie rühmen sich selbst ihrer Mord- und Diebesstücklein und ist ihnen leid, daß sie es nicht ärger machen können, öfters haben die Bauren mehr als über Fremde und andere, übereinander selbst geklaget. Das ist nichts Neues, daß sie einander Butter, Käs, Fleisch, Speck, die Würste aus den Schornsteinen, Obst, Holz, Geld, Früchte, Wagenketten, Pflug im Feld, das weiße Zeug auf der Bleiche und sonst andere Sachen mehr aus- und durchführten. Ob sie es nun von den Soldaten oder die Soldaten von ihnen gelernet, ist eine dunkle Frage, es scheint, es sei einer so wert und gut als der andere. Über das sollte einer ungern einem Bauren, der ihm aufsässig ist, in einem wilden Wald begegnen, der Bauer dürfte ihm so trocken zutrinken, daß er davon taumelnd werden und des Aufstehens vergessen möchte. – Trinken die Soldaten viel Tabak: die Bauren tun dergleichen, ja sie haben die Pfeifen stetig im Maul und gehen damit in die Ställe und Scheuren. Ach, wie bald könnte ein ganzes Dorf in Brand geraten und in lichter Flamme aufgehen bei solchen unbesonnenen Nußbengeln, da sie doch selbst hernach am meisten mit und darunter leiden müssen. Die Erfahrung hat es leider mehr als zuviel bezeuget! – Sonderlich ekelt einem zum höchsten, daß so junge Buben von zwölf oder dreizehn Jahren allbereit das Tabaksaufen sich angewöhnet. Von dem schrecklichen Fluchen will ich nicht sagen: wer weiß, ob nicht die Bauren mehr und grausamer als die Soldaten selbst fluchen. Es möchte einer Blut schreien, daß die kleinen Baurenkinder die größten Flüche und Schwüre tun, und ihnen oft viel deutlicher und leichter vom Mund gehen, als wenn sie ihr Vaterunser oder das ba be bi bo bu in der Schule sollen beten und hersagen. Wer unter den Bauren wohnen muß, kennet die Bauren. Manche Soldaten bekümmern sich nicht sonderlich um Gottes Wort; man dürfte sagen, daß unter dem Firmament des Himmels schier auch keine gottlosen Leute als etliche unter den Bauren sind. Der frömmste Soldat hat eine Kuh gestohlen, und ebenso der frömmste Bauer hat dreimal seinen Herrn betrogen. – Überdies ist es nichts Neues, daß die Bauren der schuldigen Ehrerbietung gegen ihre Geistlichen vergessen. Und hat es oft das Ansehen, als seien die Hüte den alten und jungen Bengeln auf die Köpfe gepicht oder genagelt, weil sie so gar nicht damit herunter wollen. Gleichfalls ist auch nicht unwissend, daß diejenigen weidlich bei den Bauren herhalten müssen, die es mit dem Pfarrer halten; denn solchen geben sie allerhand Schandnamen, heißen sie Verräter, Dankverdiener, Fuchsschwänzer, Heimträger und dergleichen, und können diese guten Leute nun und nimmermehr bei den andern Bauren Gnade erlangen oder ihnen angenehm sein. – Es ist ihnen eine verdächtige Sache, Ins-Pfarrhaus-gehen. Geschieht's ja zuweilen, daß einer in einer Verrichtung zum Pfarrherrn geht und wird von ihnen erblicket, so gibt es gleich einen Zusammenlauf und Linden-Rat ab, und wird von dem ganzen Parlament darüber vernünftelt, was er doch wohl müsse daselbst getan haben. Etliche sind auch gar so vertraulich mit ihrem Pfarrherrn, daß sie fein richtig mit ihm abteilen und ihm oft das Holz auf dem Kirchhof oder an seiner Hofstätte nicht sicher ist; da wissen diese Holzmäuse so fein auf die Holzstöße hinauf zu skandieren, daß es eine ganze Lust zu sehen ist (wen es nicht betrifft). Die Bäume, Weintrauben und dergleichen helfen sie ihm so fleißig und getreulich abblatten, daß keine andern Diebe als sie darüberkommen. Es gemahnet einen fast der Bauren als wie der Stockfische: dieselben sind am besten, wenn sie weich geschlagen und fein wohl geklopfet. Auch die lieben Bauren sind niemals geschlachter, als wenn man ihnen ihre völlige Arbeit auflegte, so bleiben sie fein unter der Zucht und mürb. Der Bauer will jedesmal ein Junker sein, wofern ihm der Herr zuviel Gnade erweist. Niemand weiß besser, wie halsstarrige Vögel die Bauren sind, als der sie eine Zeitlang kennet und verschiedene Jahre bei ihnen gelebt. Das ist gewiß: von bloßen guten Worten wird kein Bauer anders, sondern es müssen, so zu reden, Spieße und Stangen, d. i. scharfe Drohungen und ein rechter Ernst bei der Hand sein, soll er tun, was er tun soll. Die Bauren haben böse Gewissen. Und das ist nicht genug, sie müssen sich auch mit dem Leugnen noch ärger machen. Viel eher darf man sich getrauen, ums Geld zu bekommen, Bauren, die zehnfach einen (falschen) Eid schwören, als daß sie ein wahres Zeugnis geben sollten. Sonst ist bekannt und genugsam am Tag, wie die Bauren einander nicht leicht verraten; darum, wenn sie schon wider andere, so zeugen sie doch gar selten widereinander selbst. Und es ist auch eine gemeine Baurenregel unter ihnen, daß die Gemeinde zusammenhalten muß. Wer es nicht gesehen hätte, dürfte es nicht glauben. Je reicher die Bauren sind, je ärmer und unvermöglicher stellen sie sich; daher kommt es denn, daß sie manchmal weniger als die Armen von ihrem Gut geben. Nichtsdestoweniger verraten sich oft die reichen Bauren selbst, aber eher nicht, als wenn der Wein aus ihnen von Herzensgrund redet und sie die Nase begossen haben. Da saget mancher: Ich hab' alles genug, Korn genug, Geld genug, Wein genug, Haus und Hof, Vieh genug, liegend Gut genug; ich bin niemandem schuldig, was ich hab', ist mein allein und sonst keinem! Ei, wenn ich gleich kein Junker oder Edelmann bin, bin ich doch ein reicher Bauer. So weit der harte Beurteiler aus der Genossenschaft des »Simplizissimus«. – Spott und Klage dieser Art ist in der kleinen Literatur jener Jahrhunderte häufig zu finden, und ähnliches berichten Reisende über die Erfahrungen, die sie auf der Landstraße gemacht. Wenn ein Hausvater Fuhrleute beherbergte, mußte er das kleine Gerät verstecken, Scheuer und Heuboden verschließen. In den Stuben der Dorfschenken waren um 1700 weder Leuchter noch Lichtscheren zu sehen, denn alles wäre von den Einkehrenden gemaust worden, es blieb kein Gebetbuch des Schenkwirts ungestohlen; an einen kleinen Wandspiegel war gar nicht zu denken – fünfhundert Jahre früher hatte jedes stattliche Dorfmädchen, wenn es zum Tanz auf den grünen Anger eilte, einen Handspiegel als Schmuckstück bei sich geführt. Für einen Durchreisenden war das Betreten der Schenke zuweilen sogar gefährlich. Der wüste Raum war nicht nur mit Tabaksrauch, auch mit Pulverqualm erfüllt. Denn noch war es ein Festvergnügen der Landleute, mit Pulver zu spielen und unglückliche Fremde durch Sprühteufel und kleine Raketen, die man ihnen vor die Füße oder an die Perücke warf, zu belästigen, dazu fehlten spöttische Reden und Grobheiten nicht. Wir empfinden bei diesen und ähnlichen Klagen der Zeitgenossen nicht selten Erstaunen, wie die deutsche Natur noch in der tiefsten Entwürdigung eine Lebenskraft bewahrte, welche nach mehr als hundert Jahren den Beginn besserer Zustände möglich machte, und wir werden zuweilen in Zweifel sein, ob wir die Geduld der Unterdrückten bewundern oder die Schwäche einer Zeit betrauern sollen, welche so lange das Unerträgliche trug. Denn trotz allem, was der Parteieifer jemals zur Entschuldigung der Untertanenverhältnisse gesagt hat, sie waren eine endlose Quelle arger Unsittlichkeit für die Herren und ihre Beamten nicht weniger als für das Volk selbst. Die Sinnenlust des Gutsherrn, der Eigennutz des Gerichtshalters und Verwalters kamen in dieser Zeit, wo das Pflichtgefühl in allen Ständen schwach war, in tägliche Versuchung. Mehr als einmal eifern die Landesregierungen dagegen, daß der Amtmann die Bauern zwang, für ihn selbst Vieh zu mästen, Lein zu säen, zu spinnen, und übelberüchtigt waren die Gutsförster, welche mit den Bauern stille Holzgeschäfte machten und ihnen durch die Finger sahen, wenn sie Stämme des herrschaftlichen Waldes fällten. Wie aber die Stimmung des Landvolkes gegen die Gutsherren arbeitete, das mag man aus dem ruchlosen Sprichwort schließen, welches noch um 1700 geläufig war und aus dem Mund der reichen Mansfelder Bauern aufgezeichnet wurde: Jungen Sperlingen und jungen Edelleuten soll man beizeiten die Köpfe eindrücken. Sehr langsam kam dem deutschen Landmann die Morgenröte eines neuen Tages. Zuerst half die Frömmigkeit der Pietisten dazu, Christenliebe, Erbarmen, inniges Mitgefühl mit den Armen und Leidenden modisch zu machen. Dann drangen die ersten Strahlen eines neuen Lichtes aus den Arbeitsstuben der Gelehrten, welche die fremdartigste und dem Landvolk unverständlichste Wissenschaft verkündigten, das, was man damals Philosophie nannte. Seit die Lehre von Leibniz und Wolff in einem größern Kreise der Gebildeten Schüler findet, ändert sich fast plötzlich auch das Urteil über den Bauern und sein Schicksal. Überall beginnt humane Auffassung der irdischen Dinge den Kampf gegen den orthodoxen Wahn. Wieder kommt etwas von dem Eifer der Apostel zu lehren, zu bessern, zu befreien in die Schüler und Verkünder der neuen Weltweisheit. Etwa seit 1700 zeigt sich in der kleinen Literatur wieder ein herzliches Interesse an dem Leben des Bauern. Die Gesundheit seines Berufes, der Nutzen und Segen seiner Arbeit werden gerühmt, seine guten Eigenschaften sorgfältig aufgesucht; alte Lieder desselben, in denen ein mannhaftes Selbstgefühl hübschen Ausdruck findet, die einst von treuherzigen Theologen des 16. Jahrhunderts überarbeitet waren, werden wieder in billigen Drucken verbreitet. Bescheiden rühmt sich darin der arme Landmann, daß schon Adam den Acker baute, er freut sich seines Federspiels: der Lerche im Feld, der Schwalbe im Stroh seines Daches und des »Hennemanns« auf dem Hof, und tröstet sich in seiner schweren Arbeit immer wieder mit dem himmlischen Ackermann Jesus. Von anderer Seite half sogar die Härte des despotischen Staates. Dem Landesherrn gab der gedrückte Bauer in seinen Söhnen bereits die Mehrzahl der Soldaten, durch seine Abgaben die Mittel, den neuen Staat zu erhalten. Man kam allmählich zu der Einsicht, daß solches Material geschont werden müsse. Schon um 1700 ist das überall aus den Landesgesetzen zu erkennen. Auch der kaiserliche Hof folgte in seiner Weise der erwachenden Humanität. Er gab 1704 sogar den Schäfern ein schönes Privilegium, worin er sie und ihre Knechte für ehrlich erklärte und die deutsche Nation huldreich ermahnte, das Vorurteil gegen diese nützliche Menschenklasse aufzugeben und ihre Kinder nicht mehr wegen Abdeckerei und Zauberei vom Handwerk auszuschließen. Wenige Jahre darauf schenkte er ihnen einen gnädigen Wappenbrief, gab ihnen die Rechte einer Zunft mit Siegel, Lade und einer Fahne, auf welche ein frommes Bild gemalt war. Schärfer griffen die Hohenzollern ein, sie selbst durch vier Generationen die fürstlichen Kolonisten des östlichen Deutschlands. Am gründlichsten reformierte Friedrich II. in der eroberten Provinz, aus welcher schon mehrere Beispiele seiner segensreichen Arbeit angeführt sind. Als er Schlesien in Besitz nahm, waren die Dorfhütten Blockhäuser aus Baumstämmen mit Stroh und Schindeln gedeckt, ohne gemauerte Schornsteine, die feuergefährlichen Backöfen den Häusern angeleimt, der Ackerbau in traurigem Zustand, große Gemeindetriften und Weideplätze mit Maulwurfshügeln und Disteln bedeckt, kleine schwache Pferde, magere Kühe, die Gutsherren in der großen Mehrzahl harte Despoten, gegen welche bei der unbehilflichen kaiserlichen Rechtspflege und Verwaltung kaum irgendwie Recht zu finden war. Drei harte Kriege führte der König in Schlesien, Österreicher, Russen und seine eigenen Soldaten verzehrten und beschädigten viel in der Landschaft. Und doch waren wenige Jahre nach dem Siebenjährigen Krieg zweihundertfünfzig neue Dörfer und zweitausend neue Häuslerstellen erbaut, nicht selten waren steinerne Häuser und Ziegeldächer zu sehen. Alle hölzernen Rauchfänge, alle Lehmöfen an den Häusern hatte der Eroberer niedergerissen und das Volk zum Neubau gezwungen, Pferde aus Preußen, einschürige Schafe eingeführt, Torfgräber aus Westfalen, Seidenbauer aus Frankreich in das Land gerufen, Eichenwälder und Maulbeerbäume gepflanzt, sogar Prämien zur Anlage von Weinbergen ausgesetzt. Sein Befehl führte beim Beginn des Siebenjährigen Krieges neue Kartoffeln ein, das berühmte Patent des Justizministers von Carmer verordnete Aufhebung der Gemeindetriften und Weiden und Teilung unter die Stellenbesitzer. Mit großem Blick wurden dadurch Verhältnisse eingeleitet, die erst in der neuesten Zeit zur Durchführung gekommen sind. Die Erblichkeit des Eigentums wurde den Gutsuntertanen durch das Gesetz gesichert. Der Bauer erhielt das Recht, bei der Regierung des Königs zu klagen, und dies Recht war für ihn ein kurzes und energisches Recht geworden; denn so sehr der König den Adel begünstigte, wo er seinem Staat diente, so unablässig war er auch mit seinen Beamten bemüht, die Masse der Steuerzahler zu heben. Der Geringste durfte seine Bittschrift überreichen, und das ganze Volk wußte aus zahlreichen Beispielen, wie der König sie las. Manche Kulturversuche des großen Fürsten gelangen nicht, von vielen Seiten wurde der Druck eines Systems empfunden, welches die Kraft des Volkes so emsig steigerte, um sie hoch für den Staat auszunützen. Aber nirgend ist von den Zeitgenossen die Arbeit dieses mächtigen Gutsherrn so dankbar anerkannt worden, als von den Bauern der eroberten Provinz. Wenn sich auf seinen zahlreichen Reisen nach Schlesien das Landvolk in stiller Ehrfurcht um seinen Wagen drängte, so dauerte jeder Blick, jedes flüchtige Wort, das er zu einem der Dorfschulzen sprach, als eine teure Erinnerung, die sorgfältig von Generation zu Generation überliefert wurde und die noch heute in den Seelen haftet. Immer größer wurde die Teilnahme der Gebildeten. Zwar Poesie und Kunst fanden in dem Leben der Bauern noch nicht einmal Stoffe, an welchen sich ein schaffendes Gemüt erwärmen konnte. Als Goethe »Hermann und Dorothea« schrieb, da war es ein neuer Fund für die Nation, daß auch das kleine Bürgertum künstlerischer Beachtung wert sei; tiefer hinein in das Volk wagte man sich noch lange nicht. Aber die ehrlichen Menschenfreunde, die populären Verkünder der Aufklärung im Bürgertum lehrten, predigten und schrieben mit herzlichem Eifer über den wunderlichen, unholden und doch so häufigen Mitmenschen, den Bauern, dessen Wesen oft fast nur aus einer Summe von unliebenswürdigen Eigenschaften zu bestehen schien, und der dabei doch für die übrigen Klassen der menschlichen Gesellschaft unleugbar die unentbehrliche Grundlage abgab. Eine der wirksamsten Schriften dieser Art war von Christian Garve »Über den Charakter der Bauern, Breslau 1786«, nach Vorträgen, welche er kurz vor dem Ausbruch der Französischen Revolution gehalten. Der Verfasser war ein klarer, redlicher Mann, der das Beste wollte und durch ganz Deutschland mit Achtung angehört wurde, sooft er über eine soziale Frage sprach. Sein Büchlein hat durchaus menschenfreundliche Tendenz, das Leben des Bauern ist ihm genauer bekannt als manchem andern, welcher sich damals mit Besserung des Landvolkes beschäftigte. Auch die Vorschläge, welche er zur Hebung des Standes macht, sind zwar ungenügend, wie fast immer die Theorie gegenüber sozialen Schäden, aber verständig. Und doch, wenn man das wohlmeinende Buch jetzt durchblättert, so darf man wohl einen Schrecken empfinden. Denn fürchterlich erscheint uns, nicht was er über den Druck der Bauern erzählt, sondern die Weise, wie er selbst von zwei Dritteln des deutschen Volkes zu sprechen genötigt ist. Sie sind ihm und seinen Zeitgenossen Fremde, es ist etwas Neues und dem Humanitätsgefühl Lockendes, sich in die Zustände dieser eigentümlichen Menschen hineinzuversetzen. Es hat besonderen Reiz für ein pflichtvolles Herz, sich deutlich zu machen, wie die Dummheit, Roheit, Schlechtigkeit der Landleute im einzelnen beschaffen ist und woher sie kommt. Der Verfasser selbst vergleicht ihre Lage mit der des Juden, er erörtert ihre Seelenzustände ungefähr so wie unsere Philanthropen die der Bewohner eines Zellengefängnisses, er wünscht aufrichtig, daß das Licht der Humanität auch in ihre Hütten fallen möchte, er vergleicht ihre Faulheit und Trägheit mit der energischen Arbeitskraft, welche, wie man damals schon wußte, die Kolonisten in den Urwäldern einer neuen Welt entwickeln. Und er erklärt diesen Gegensatz wohlmeinend daraus, »daß in unsern alten und gleichsam schon alternden Staaten viele für einen arbeiten«, und eine Menge der Fleißigen fast ohne Belohnung ausgehe, deshalb sei Eifer und Lust bei einem großen Teil erloschen. Es ist fast alles wahr und gut, was er sagt, aber dies ruhige Wohlwollen, welches der Gebildete aus der Zeit von Immanuel Kant und dem Dichterhofe von Weimar seinem Volke gönnt, ist doch noch ohne jede Ahnung davon, daß der Kern der deutschen Volkskraft in diesem verachteten und verdorbenen Stand gesucht werden müsse, daß es hohle, unsichere und barbarische Zustände waren, in welchen er selbst, der Verfasser lebte, daß die Regierungen seiner Zeit keinerlei Garantie der Dauer besaßen, daß ein Staat, der große Quell männlicher Empfindungen und jedes edelsten Selbstgefühls, auch für den Gebildeten unmöglich ist, solange der Bauer wie ein Lasttier lebt; und wenig dachte er daran, daß schon der nächsten Generation nach bitteren Leiden und einer herben Schule durch die Siege eines auswärtigen Feindes alle diese Überzeugung aufgedrängt werden würde. – Und deshalb verdient seine Schrift wohl, daß die Gegenwart sich ihrer erinnere; die folgenden Seiten sollen wieder nicht die Lage der Bauern allein charakterisieren, auch die der Gebildeten. So aber spricht Garve: Ein Umstand hat großen Einfluß auf den Charakter der Bauern, der, daß sie sehr untereinander zusammenhängen. Sie leben viel gesellschaftlicher unter sich als die gemeinen Bürger in den Städten. Sie sehen sich einander alle Tage, bei jeder Hofarbeit, des Sommers auf dem Felde, des Winters in der Scheune und der Spinnstube. Sie machen ein Korps aus wie die Soldaten und bekommen auch einen esprit de corps . Hieraus entstehen mehrere Folgen. Erstlich sie werden nach ihrer Art geschliffen, abgewitzigt durch den Umgang. Sie sind zum Verkehr mit ihresgleichen geschickter, sie haben von vielen Verhältnissen des gesellschaftlichen Lebens, von allen denjenigen nämlich, die in ihrem Stand und bei ihrer Lebensart vorkommen können, bessere Begriffe als der gemeine Handwerksmann. Dieser beständige Umgang, diese immerwährende Gesellschaft ist es auch bei ihnen wie bei den Soldaten, was ihren Zustand erleichtert. Es ist ein großes Glück, nur mit seinesgleichen, aber mit diesen viel und ohne Unterlaß umzugehen, damit eine genauere Bekanntschaft und eine wechselseitige Vertraulichkeit, wenigstens dem äußeren Betragen nach, entstehe, ohne welche der Umgang nie angenehm ist. Der Adel genießt dieser Vorteile. Er geht meistenteils nur mit seinesgleichen um, weil er sich aus Stolz von den niedrigeren absondert, und er kommt mit seinesgleichen viel zusammen, weil Muße und Reichtum ihn dazu in den Stand setzen. – Dem Bauer werden durch entgegengesetzte Ursachen ähnliche Vorteile zuteil. Seine Niedrigkeit ist so groß, daß sie ihn hindert, auch nur den Wunsch, noch mehr aber daran, die Gelegenheit zu haben mit Höheren umzugehen; er sieht fast nie andere Menschen als Bauern um sich. Und seine Dienstbarkeit, seine Arbeit bringt ihn mit diesen seinesgleichen häufig zusammen. – Eben dieser Umstand macht aber auch, daß die Bauern wie ein Korpus agieren, daß bei ihnen gewissermaßen die Unbequemlichkeiten der demokratischen Verfassung eintreten, daß ein einziger unruhiger Kopf aus ihrem Mittel so viel über sie vermag und oft ganze Gemeinden aufwiegeln kann. Er ist ferner Ursache, daß Personen anderer Stände so wenigen moralischen Einfluß über die Bauern haben können, es sei denn durch Herrschaft und Zwang. Die Urteile, Vorstellungen, Beispiele der Höhern hören und sehen sie selten, immer nur auf kurze Zeit. Ich habe lange studiert, was das Wort tückisch, welches ich nie öfter gehört habe, als wenn von Bauern die Rede gewesen ist, eigentlich bedeute. Es soll ohne Zweifel ein Gemisch von kindischem Wesen, von Einfalt, von Schwäche – mit Bosheit, mit List anzeigen. Jeder erinnert sich ohne Zweifel solche Gesichter von Bauernknaben gesehen zu haben, wo das eine oder beide Augen unter den halbgeschlossenen Augenlidern wie verstohlen hervorschielen, deren Mund offen und zu einem spöttischen, etwas dummen Lachen verzogen, der Kopf gegen die Brust angedrückt oder doch zur Erde gesenkt ist, als wenn er sich verbergen wollte, mit einem Wort, Gesichter, in welchen sich Furcht, Blödigkeit, Einfalt mit Spott und Abneigung vermischt abmalen. Solche Knaben stehen, wenn man etwas von ihnen verlangt oder zu ihnen redet, unbeweglich und stumm wie ein Stock, sie antworten auf keine Frage, die der Vorübergehende tut. Ihre Muskeln sind wie steif und unbeweglich. Sobald aber der Fremde sich ein wenig entfernt hat, laufen sie zu ihren Kameraden und brechen in ein lautes Gelächter aus. Der niedrige Stand des Bauern, seine Dienstbarkeit, seine Armut bringen ihm eine gewisse Furcht vor den Höheren bei; seine Erziehung und Lebensart macht ihn auf der einen Seite unbiegsam und trotzig, auf der andern in vielen Stücken einfältig und unwissend; der öftere Widerspruch seines Willens und seiner Vorteile mit dem Willen und den Befehlen seiner Vorgesetzten gibt seinem Gemüt eine Anlage zum Haß. Er wird also, wenn die Fehler seines Standes bei ihm nicht durch seine persönlichen Eigenschaften aufgehoben werden, jenem Knaben besonders im Betragen gegen seine Obern ähnlich sein. Und gerade die Obern und Herren des Bauern sind es auch, die ihm den tückischen Charakter zuschreiben. Er wird Verstellung an die Stelle offenbaren Widerstandes setzen, er wird vor den Augen derselben demütig, nachgebend, sogar ihnen ergeben scheinen, und wo er glaubt verborgen zu bleiben, wird er alles wider ihren Willen und ihr Interesse tun. Er wird auf Ränke und Intrigen sinnen, die demohnerachtet nicht so fein ausgesponnen sein werden, daß sie sich nicht sollten bald durchsehen lassen. Man kann zwei Hauptverschiedenheiten, wie in den Schicksalen, so in dem Charakter der Bauern annehmen. Der ganz Unterdrückte, der unter dem Joch einer völligen Sklaverei seufzt, wird in seinem gewöhnlichen Zustand ganz fühllos sich alles gefallen lassen, ohne den mindesten Widerstand zu tun, selbst ohne den Wunsch nach Erleichterung in sich zu fühlen; er wird sich selbst zu den Füßen desjenigen werfen, der auf ihn treten will. Dann aber, wenn er aus dieser Schlafsucht durch besondere Umstände, durch Aufhetzungen, durch einen listigen und kühnen Anführer gebracht wird, dann wird er wütend wie ein Tiger und verliert auf einmal mit der Demut des Sklaven auch alle Gefühle der Menschlichkeit. Der halbleibeigene Bauer, der Eigentum hat und den Schutz der Gesetze genießt, aber doch unter mehr oder weniger lästigen Bedingungen an die Erdscholle und mit ihr an den Dienst des Eigentümers derselben gebunden und seinem Richteramt unterworfen ist, dieser Bauer erträgt gemeiniglich seine Beschwerden nicht ohne Empfindlichkeit. Man darf nicht befürchten, daß er sich dieselben durch offenbare Gewalttätigkeit als Rebelle vom Halse zu schaffen suche, aber er führt dagegen einen immerwährenden geheimen Krieg mit seinem Herrn. Dessen Vorteile zu schmälern, seine zu vergrößern, das ist sein Wunsch, den er im Grunde seines Herzens immer mit sich herumträgt, und eine Absicht, die er insgeheim, sooft es angeht, zu verfolgen sucht. Untreue und kleine Diebereien, verübt an den Gütern seines Herrn, hält er für lange nicht so schändlich, als wenn er sie sich gegen seinesgleichen erlaubte. Er ist nicht der ganz demütige Sklave, er ist nicht der fürchterliche Feind seines Herrn; er ist aber auch kein freiwilliger, aus gutem Herzen gehorsamer Untertan; er ist das, was man wahrscheinlicherweise durch das Wort tückisch hat ausdrücken wollen. Zu dem tückischen Wesen kann man als einen Bestandteil oder als eine Folge einen gewissen Eigensinn setzen, der den Bauern, wenn er in Leidenschaft ist oder wenn ein Vorurteil sich einmal bei ihm eingewurzelt hat, unterscheidet. So wie sein Körper und seine Glieder steif sind, so scheint es in diesem Falle auch seine Seele zu sein. Er ist alsdann taub gegen alle Vorstellungen, die man ihm macht, so einleuchtend sie sind und so fähig er mit unbefangenem Gemüt sein würde, ihre Richtigkeit einzusehen. Die richterlichen Personen, welche in Prozessen der Bauern arbeiten, werden zuweilen solche Individua gekannt haben, bei denen es zweifelhaft ist, ob die Hartnäckigkeit, mit der sie auf einer augenscheinlich absurden Idee bestehen, von ihrer Blindheit oder ob sie von einer entschlossenen Bosheit herkomme. Zuweilen kann ganze Gemeinden ein solcher Schwindelgeist anfallen. Sie sind alsdann gewissen Verrückten gleich, die, wie man es ausdrückt, eine ideam fixam haben, d. h. eine Vorstellung, welche ihr Gemüt ohne Abwechslung einnimmt oder die bei der kleinsten Veranlassung wiederkommt, und die, so falsch sie ist, nicht durch den Augenschein der Sinne, nicht durch Vorstellungen der Vernunft weggeschafft werden kann, weil sie wirklich nicht in der Seele, sondern in der Beschaffenheit der Organe ihren Grund hat. So sprach Christian Garve. Sein letzter Rat war: bessere Dorfschulen. In ähnlichem menschenfreundlichen Sinne handelten einzelne Gutsherren. Gern möchten wir verkünden, daß ihre Zahl sehr groß gewesen sei, aber die häufigen Klagen über das Gegenteil, und der Eifer, mit welchem die humanen Aufklärer einzelne Beispiele – wie einen Rochow auf Rekahn, welcher auf eigene Kosten Dorfschulen eingerichtet hatte –, hervorheben, berechtigt zu dem Schluß, daß solche Humanität weniger aufgefallen wäre, wenn man sie häufiger geübt hätte. In der Tat gehörte für den einzelnen auch Klugheit dazu, gute Gesinnung für die Bauern in die Tat umzusetzen; es wurde mehrfach beobachtet, daß sie ihre Dienste weit williger den strengen Edelleuten taten als bürgerlichen Gutsherren, und daß diesen, wenn sie mit warmer Empfindung der Bauern freundlich sein wollten, ihr guter Wille zuweilen schlecht bekam. So hatte ein bürgerlicher Gutsbesitzer bei Übernahme des Gutes jedem seiner Bauern ein Geldgeschenk gemacht und ihnen mehrfache Nachsicht bewiesen; die nicht unnatürliche Folge war, daß sie ihm alle Dienste aufkündigten und in offenen Widerstand ausbrachen. Während die deutschen Humanisten für den Landmann sorgten und schrieben, dröhnten schon jenseit des Rheins die Schläge eines Wetters, welches in wenig Jahren auch in Deutschland die Untertänigkeit des Bauern mit der gesamten alten Staatsordnung zerschlagen sollte. Um 1790 fiel auf, daß die Bauern sich eifrig um Politik kümmerten. Der Schulmeister las ihnen die Zeitungen vor und erklärte, die Hörer saßen unbeweglich, ganz Ohr, unter dicken Tabakswolken. In Kursachsen benutzten einzelne schon die neue Lesebibliothek in der Nachbarstadt. In der Pfalz, am Oberrhein wird das Landvolk unruhig und verweigert die Dienste. Und in dem reichsten Teil Kursachsens, in der Lommatzscher Pflege, und auf den Gütern der Grafen von Schönburg brechen in demselben Jahre noch einmal Bauernaufstände aus, noch einmal erheben die Empörten die alte Waffe der Unfreien, die Holzkeule mit Eisenringen beschlagen. Die Bauern sagen ihren Fronherren durch eine Deputation alle Hofdienste auf, sie besenden die Nachbargemeinden, von Dorf zu Dorf eilen die heimlichen Boten, die Gerichtshalter im Dienste des Edelmanns werden verjagt oder mit Stecken geschlagen, den ruhigen Gemeinden wird mit Feuer oder Schwert gedroht, in jedem Dorf stehen gesattelte Pferde, die Nachbarn von dem Anmarsch des Militärs zu benachrichtigen. Dasselbe stille Verschwören, die blitzschnelle Verbreitung des Aufstandes, dieselbe Verbindung von maßlosem Haß und natürlichem Rechtsgefühl wie in den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts. Den Gutsherren werden Reverse vorgelegt, welche die meisten in Güte unterschreiben, harten Edelleuten wird mit dem Ärgsten gedroht. Schnell steigern sie die Forderungen, bald wird nicht nur Befreiung von Fronden und Zinsen geheischt, auch die Rückerstattung bezahlter Strafgelder. Die Bauern sammeln sich in Haufen von mehr als tausend Mann, sie drohen die Stadt Meißen zu überfallen, sie greifen kleine Kommandos an. Aber sie widerstehen nirgend größeren Abteilungen Militär. Die verwegensten Haufen werfen Mützen und Knüttel weg, sobald die Reiter zum Einhauen kommandiert werden. Einer der Hauptanführer, ein zäher, trotziger Greis von siebzig Jahren beklagt sich noch in Ketten über die Mutlosigkeit seiner Haufen. Und die Bewegung wird ohne vieles Blutvergießen gedämpft. Aber es war charakteristisch für die Zeit, daß die Gutsherren selbst aus Furcht alles anwandten, um ein Vergeben und Vergessen herbeizuführen, und daß die Verurteilten während der Strafarbeit von den übrigen Verbrechern getrennt und schonend behandelt wurden; auch die Kleidung der Züchtlinge ward ihnen erspart. Aus den gleichzeitigen Berichten ist deutlich zu sehen, wie allgemein bei den oberen Behörden die Empfindung war, daß die Lage der Bauern den Humanitätsforderungen der Zeit nicht entspreche. Zwei Jahre darauf tanzten in der Pfalz und im Kurfürstentum Mainz auch die deutschen Landleute um die rote Mütze auf dem Freiheitsbaum. Unaufhaltsam drang der französische Einfluß in Deutschland vor. Der Staat Friedrichs des Großen wurde zerbrochen, Deutschland bis zur Elbe wurde französisch, in den neuen französischen Besitzungen wurden Untertänigkeit und Dienste mit einer Hast und Rücksichtslosigkeit aufgehoben, welche darauf berechnet war, das Volk für die neue Herrschaft zu gewinnen. Die Rheinbundfürsten folgten mit größerer Rücksicht gegen ihre Privilegierten, aber doch unter dem starken Einfluß französischer Ideen. In Preußen sahen Regierung und Volk mit Schrecken, wie unsicher ein Staatsbau gewesen war, welcher von den Leibern und der Arbeitskraft der Bauern so viel, von ihrer Seele so wenig in Anspruch genommen hatte. Mit dem Jahre 1807 begann in Preußen die große Umwandlung in den Verhältnissen der Landleute; die Auseinandersetzung zwischen Gutsherren und Bauern hat dort mit manchen Schwankungen und Unterbrechungen ein halbes Jahrhundert gedauert, sie ist noch nicht zu völligem Abschluß gediehen. [...] XXVI Gauner und Abenteurer Einfluß der Reformation. Polizei. – Räuber und Mordbrenner. Fremde Gaukler. – Schilderung der Vagierenden nach Garzoni. – Komödianten und Einfluß der Abenteurer auf die Literatur. – Vornehme Gauner. Goldmacher Das alte Geschlecht der Fahrenden wurde durch die Reformation zum großen Teil beseitigt. Nächst dem Herrn Papst und den habgierigen Gastwirten in Rom hatte niemand größeren Grund, mißvergnügt in die neue Zeit zu blicken als die ungeheure Familie der Bettler, welche auf den Kirchhöfen lagen oder heischend durch die Länder zogen. Denn das Almosengeben hatte für den größten Teil Deutschlands aufgehört im Sinne der Kirche »ein gutes Werk« zu sein, welches dem Spendenden den Pfad zum Himmel ebnete. Wer jetzt einem andern spenden wollte, der hatte sich zu fragen, ob er dadurch auch in Wahrheit etwas Gutes erweise. Aber der neue Glaube nahm nicht nur den Almosen die alte Heilkraft, er brachte auch eine andere Ordnung in Städte und Dörfer, er hob die Macht der Landesherren und förderte eine Landespolizei, welche bedächtig über die Mauern der Städte und Dörfer hinaus auf die Landstraße wandelte und im Namen landesherrlichen Statuts dem Wanderer lästige Fragen stellte. Auch die fahrenden Schüler hatten aufgehört, seit die lateinischen Schulen bessere Disziplin, einen Lektionsplan und theologische Lehrer erhalten hatten, denen nicht mehr not tat, gestohlene Gänse mit den Bacchanten zu verzehren. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts wird der neue Polizeisinn mächtig. Die Schulen, welche Luther und seine Mitarbeiter überall eingerichtet haben, tragen ihre Frucht. Auch in den Dörfern des protestantischen Deutschlands werden etwa seit 1530 die Kirchenbücher regelmäßig geführt und Flurbücher neu angefertigt, der Schullehrer ist auch Gemeindeschreiber, und man sieht aus der sorgfältigen Handschrift und sachverständigen Behandlung lateinischer Redeschnörkel, welche in den Dorfakten häufig werden, daß der Schreiber die lateinische Schule durchgemacht hat. In dem mittleren Deutschland sind diese Schriftstücke der Dörfer bis zum Dreißigjährigen Krieg in der Regel weit sorgfältiger als von da ab bis zur Zeit unserer Väter. Auch der kleine Mann, der sein Dorf verläßt, erhält einen Heimatsschein, seinen Ausweis, welcher ihn der Gunst der andern Gemeinden empfiehlt. Freilich wurden die Landstraßen dadurch noch nicht sicher. Die Wegelagerer, welche auf Grund eines Fehdebriefes Bürger und Bauern belauerten, waren nicht sofort auszurotten, und es fehlte nicht an Verzweifelten, welche ohne Fehdebrief ihre Waffe gegen jedermann erhoben. Durch das ganze Mittelalter waren die Räuber eine unvertilgbare Plage gewesen. Sie zogen sich zuweilen in Heerhaufen von vielen hundert Köpfen zusammen oder saßen in Banden auf der Schloßmauer räuberischer Edelleute. Von Luther ab ist ein zeitweiliger Wechsel in ihrer Haupttätigkeit zu erkennen, wie bei herrschenden Krankheiten. Sie werden vorzugsweise Mordbrenner. In längeren Zwischenräumen erscheinen ganze Banden von Brandstiftern, Drohbriefe werden gefunden, einem geheimen Zusammenhang der Banden wird eifrig nachgespürt. Am merkwürdigsten ist die Mordbrennerzeit von 1540-1542. Im mittleren Deutschland, besonders in dem Gebiet der protestantischen Häupter, des Kurfürsten von Sachsen und des Landgrafen von Hessen, erschien plötzlich fremdes Gesindel. Kassel, Nordheim, Göttingen, Goslar, Braunschweig (damals im Streit mit dem Herzog), Magdeburg wurden angesengt, Nordhausen zum Teil, Einbeck bis auf den Grund verbrannt, dabei dreihundertundfünfzig Menschen; Dörfer und Scheunen wurden überall angezündet, freche Brandbriefe regten die Bevölkerung auf, endlich auch die Fürsten. Allgemein wurde das Geschrei, die katholische Partei habe mehr als dreihundert Mordbrenner gedungen, Papst Paul III. sollte den Rat gegeben, Herzog Heinrich der Jüngere von Braunschweig sollte das Gesindel nach Sachsen und Hessen gesandt haben. Allerdings war dem gewissenlosen Herzog vieles Arge zuzutrauen, Papst Paul III. aber hatte gerade damals kaum ein näheres Interesse als das, die Protestanten schonend zu behandeln. Denn ernsthaft wurde von beiden Seiten an einer großen Aussöhnung gearbeitet und in Rom die Sendung des Kardinals Contarini zum großen Religionsgespräch in Regensburg vorbereitet. Doch Angst und Zorn der Deutschen war anhaltend und groß. Überall spürte man nach den Brennern, überall sah man ihre Spuren, viele Haufen Gesindel wurden gefangen, peinlich verhört und gerichtet. Luther beschuldigte den Herzog Heinrich öffentlich des ruchlosen Frevels, der Kurfürst und der Landgraf verklagten ihn wegen Mordbrennens auf dem Reichstag vor dem Kaiser, und umsonst verteidigte er sich mit seinen Getreuen in seiner heftigen Weise. Zwar dem Kaiser, der damals vor allem inneren Frieden und Hilfe gegen die Türken suchte, galt die Schuld für unerwiesen, aber in der öffentlichen Meinung blieb dem Fürsten der Makel. Es ist möglich, aus diesen Streitschriften das Wogen und Wandern der damaligen Fahrenden zu erkennen. Die Aussagen der Verhafteten sind ungenau mitgeteilt, und es ist nicht zu entscheiden, wieviel die Folter in diese hineingedichtet hat. Aber einiges ist sehr deutlich, die Menge des Gesindels, ferner daß sie – zum Teil – mit ihren Genossen in festem Zusammenhang stehen, daß sie keine stetigen Banden bilden, sondern für die einzelnen Unternehmungen geworben werden, und zwar, wie sie mehrfach aussagen, von nicht erkennbaren Unbekannten um Geld, endlich daß ihr geheimer Verkehr durch Zeichen vermittelt wird, welche sie an auffallenden Orten, Wirtshäusern, Wänden, Türen usw. einkratzen oder einschneiden. Diese Zeichen sind zum Teil uralte deutsche Personenbezeichnungen, welche als »Hausmarken« noch jetzt auf den Giebeln alter Gebäude zu finden sind, zum Teil aber auch besondere Spitzbubenzinken. Darunter das charakteristische Zeichen der Fahrenden, der Pfeil, einst das ankündigende Symbol der Feindschaft; die Richtung seiner Spitze zeigt den Weg, den der Zeichner genommen, kleine Striche senkrecht auf ihm, oft mit Nullen darüber, geben wahrscheinlich die Personenzahl an. Der Krieg hatte das Gefüge der bürgerlichen Gesellschaft fürchterlich gelockert. Die alte Ordnung und Zucht der Deutschen schien beinahe geschwunden. Übergroß war die Zahl der Unglücklichen, welche Haus und Hof, Nahrung und Familie verloren hatten und heimatlos in ungastlicher Fremde umherirrten; nicht weniger zahlreich die Schar der Verdorbenen, die sich gewöhnt hatten, von Betrug, Erpressung und Raub zu leben. Dem ganzen lebenden Geschlecht war Aufregung zum Bedürfnis geworden, durch dreißig Jahre hatte das fahrende Gesindel von ganz Europa Deutschland zum Tummelplatz gewählt; viele seßhafte Leute, gelehrte protestantische Geistliche und angesehene Bürger waren mit Bettelbriefen in der Fremde umhergezogen und hungrig um die Lagerfeuer der Soldaten geschlichen, überall hat der Krieg Armseligkeit zurückgelassen und stille Mißachtung der heimischen Verhältnisse; nur in der Fremde war, so meinte man, noch stattliches Leben und Glück zu gewinnen; was nicht weit her war, galt nichts, und was aus der Fremde kam, wurde angestaunt. So geschah es, daß nach dem Frieden das Treiben der Glücksritter, Abenteurer und Betrüger eine merkwürdige Ausdehnung erhielt. Es ist besonders charakteristisch für die folgenden hundert Jahre der Schwäche und Roheit, ein Gegensatz zu dem dürftigen verkümmerten Familienleben, in welchem sich das Gemüt des deutschen Bürgers zusammenzog. Während des Krieges hatte das Einströmen der Gauner in die Heerhaufen beigetragen, den Soldaten zu verderben. Jetzt nach dem Krieg ballte sich das Gesindel wieder in Banden zusammen. Am Rhein, im Spessart, in Böhmen, in den Niederlanden bestanden große Genossenschaften der schändlichsten Bösewichter, ganze Dörfer waren von ihnen besetzt. Die Namen von Hannickel, Nickel-List, Lips Tullian wurden das Entsetzen zweier Generationen. Ihre Grausamkeit, ihre kühnen Wagnisse, ihre Kunst zu verschwinden sträubten das Haar der Furchtsamen am Kachelofen des adligen Schlosses wie am Küchenfeuer der Dorfhütte. Eifrig wurde jeder Einbruch, jeder greuliche Mord besprochen, zuletzt barbarische Berichte über die Hinrichtung nebst den angehängten Warnungsversen mit Andacht gelesen. Zu den einheimischen Umhertreibern kamen aber auch fremde. Wieder zog wie im Mittelalter der Strom italienischer Abenteurer durch Deutschland. Neben dem deutschen Spielmann schrie der welsche Theriakverkäufer, und bei dem Bären aus Böhmen trotteten die Kamele aus Afrika. Venezianische Wundermittel, die Lappenjacke, Larve und Filzmütze der italienischen Narren wanderten über die Alpen und wurden als neues Torenwerk zu unserem alten Vorrat gefügt. Von dem Treiben solcher fahrenden Leute hat der Italiener Garzom in seinem Buch » Piazza universale «, einer Beschreibung aller Künste und Handwerke seiner Zeit (Venedig 1610. 4.), ein ergötzliches Bild gegeben. Sein Werk wurde im Jahre 1641 von Matthäus Merian unter dem Titel: »Allgemeiner Schauplatz aller Künste, Professionen und Handwerker« ins Deutsche übertragen. Die Schilderung des Italieners porträtiert in der Hauptsache auch die Verhältnisse des südlichen Deutschlands nach dem Krieg: [...] Die wandernden Komödianten sind in ihren Gebärden unhöfliche Esel und Ruffianer, die sich bedünken lassen, sie hätten es gar schön eingerichtet, wenn sie den gemeinen Haufen durch ihre groben Zoten zum Lachen bewegen. Ihre inventiones sind so, daß man wohl die Kröten damit vergeben möchte, und reimt sich alles aufeinander, wie eine Faust auf ein Auge; sie fragen nichts danach, wenn sie nur das Geld erhalten mögen, wozu sie genugsam geschliffen und abgerichtet sind. Und wenn sie auch leicht etwas Grobes beschneiden und bemänteln könnten, so lassen sie sich bedünken, sie täten ihren Sachen kein Genüge, wenn sie es nicht auf das allergröbste herausstießen; derohalben die Komödia und die ganze Ars comica in äußerste Verachtung bei ehrlichen Leuten geraten ist, und werden die Herren Komödianten aus etlichen Orten verwiesen, durch öffentliche Gesetze und Statuten verachtet und von ganzen Gemeinden verhöhnt und verspottet. Wenn die guten Herren in die Stadt kommen, dürfen sie nicht wohl beieinanderbleiben, sondern müssen sich in unterschiedliche Wirtshäuser verteilen, die Frau kommt von Rom, der Magnifikus Hier und weiter unten die stehenden Charaktere der älteren italienischen Komödie. von Venedig, die Ruffiana von Padua, der Zani von Bergamo, der Gratianus von Bologna, und sie müssen etliche Tage lang umherlaufen, bis man die Erlaubnis heraus erbettelt, wollen sie sich anders mit solcher ihrer Hantierung durchbringen und ernähren; da sie doch bei denen, die sie kennen, schwerlich ankommen können, sintemal jedermann der Unfläter überdrüssig ist, und wo sie einmal hinkommen, da riecht es noch eine geraume Zeit nach dem Unrat, den sie hinter sich lassen. Wenn sie aber in eine Stadt kommen und ihnen zugelassen worden ist, ihre Possen zu machen, dann lassen sie sich mit Trommelschlagen und anderm Feldgeschrei hören, mit Anschlägen, daß diese oder jene Herren Komödianten angekommen seien, dann geht die Frau in Mannskleidern der Trommel nach, mit angegürtetem Degen, und wird das Volk an allen Orten geladen: »Wer eine schöne Comödiam sehen will, der komme an diesen oder jenen Ort.« Dahin kommt denn das vorwitzige Volk gelaufen, wird um drei oder vier Kreuzer in einen Hof gelassen, da findet es ein aufgeschlagenes Gerüst und ordentliche Szenas. Zuerst geht eine herrliche Musika vorher, als wenn ein Haufen Esel zusammen schrien; dann kommt ein Prologus wie ein Landläufer aufgezogen; danach kommen die schönen und übel gezierten Personen, die machen ein Gekäk daher, daß jedermann anfängt, die Zeit lang zu werden, und wenn vielleicht einer lacht, so geschieht solches vielmehr über die Einfalt der Zuschauer, als daß er etwas findet, was lachenswert wäre. Da kommt ein Magnifikus, der nicht drei Heller wert ist; ein Zani, der zwar das Beste tut, besteht aber wie eine Gans, die durch einen tiefen Dreck watet; ein Gratianus, der die Worte herausdrückt, als wenn er salva venia auf dem heimlichen Gemach säße, eine unverschämte Ruffiana. Ein Buhler, dem man überdrüssig wird länger zuzuhören; ein Spagnoll, der nichts anderes weiß zu reden als sein mi vida oder mi corason ; ein Pedant, der allerhand Sprachen ineinander vermengt, ein Buratinus, der keine andern Gebärden weiß, als seinen Hut oder Haube in der Hand umherzudrehen. Die vornehmste Person ist so beschaffen, daß sie weder zu sieden noch zu braten taugt, so daß die Umstehenden alle miteinander ermüden und sich selbst verlachen müssen, daß sie solchen nichtigen Possen so lange zugehört haben. Und die müssen wohl müßige Leute oder übergroße Narren sein, die sich zum andernmal dahin verleiten lassen, da doch die Untüchtigkeit der Schauspieler in der ersten Comödia, die sie gehalten, genugsam bekannt und beschrien worden, so daß auch um ihretwillen andern ehrlichen und tüchtigen Leuten desto weniger vertraut wird. Es gehen heutigen Tages viel andere wirkliche Schauspiele fast auf allen Märkten, Plätzen und Messen in Schwang, nämlich die Schauspiele der Ceretaner, Theriakskrämer und anderer dergleichen Gesellen. Sie werden aber in Italia Ceretani genannt, weil sie vermeintlich in einem Flecken in Umbria nicht weit von Spoleto, Cereto genannt, ihren Ursprung und Anfang haben und hernach allgemach in solchen Kredit und Ansehen gekommen sind, daß sie, wenn sie sich hören lassen, einen größern Zulauf bekommen als der beste Doktor der freien Künste, ja als der beste Prediger, der jemals eine Kanzel betreten hat. Denn das gemeine Volk läuft denselben haufenweise zu, sperrt Maul und Nase auf, hört ihnen einen ganzen Tag zu, vergißt aller anderen Sorgen, und Gott weiß, auch mancher Bauer erfährt es, wie unterdessen in solchem Gedränge der Beutel verwahrt wird. Wenn man sieht, daß diese Betrüger auf ihrer Bank ein ganzes Stück Arsenik, Sublimat oder anderes Gift einnehmen, damit sie die Güte ihres Theriaks wollen probieren, so soll man wissen, daß sie in Sommerszeiten, zuvor und ehe sie auf den Platz kommen, den Leib mit jungem Lattich, der mit Essig und vielem Öl bereitet ist, daß sie fast darin schwimmen, gefüllt haben. Im Winter aber essen sie sich voll fetter Ochsensülze, welche wohl gesotten ist. Solches aber tun sie zu dem Ende, daß durch solche Fettigkeit der Sülze und des Lattichs neben ihrer natürlichen Kälte die innerlichen Gänge im Leib verstopft und die Schärfe oder Hitze des Giftes geschwächt werde. Wiewohl sie es auch sonst auf eine sichere Weise anstellen können, nämlich daß sie, ehe sie auf den Platz treten, in die nächste Apotheke gehen, wie diese gemeiniglich in den Städten auf dem Markt oder nicht weit davon sind, lassen sich allda eine Büchse mit Arsenik zeigen, woraus sie etliche Stücklein wählen und in Papier wickeln, und bitten den Apotheker, er wolle ihnen dieselben übersenden, wenn sie danach schicken. Wenn sie nun ihre Ware genugsam gerühmt, daß nichts mehr übrig ist als die Probe, schicken sie einen aus den Umstehenden, damit man sich ja keines Betruges zu befürchten habe, in die Apotheke, daß er allda um das Geld, das sie ihm darzählen, Arsenikum hole. Derselbe läuft hin, damit ja an einem solchen nützlichen Werk kein Verhindernis sei, macht sich auch wohl auf dem Weg die Rechnung, obgleich er schon tausendmal betrogen worden, er wolle sich derhalben gut vorsehen. Er kommt unterdes in die Apotheke, heischt Arsenikum für sein Geld, empfängt es und läuft so mit Freuden, das Wunder zu sehen, zu des Theriakskrämers Tisch; derselbe hat unterdes sein Büchslein und Schachteln bei der Hand, unter andern aber eine, worin er gemeldeten rechten Arsenikum tut, er redet und ruft dem Volk noch eine Weile zu, ehe er es einnimmt, denn zu solcher Gefahr muß man nicht zu sehr eilen; unterdes verwechselt er sich gemeldetes Büchslein gegen ein anderes, worin soviel Stücklein Teig von Zucker, Mehl, Safran gemacht sind, daß sie den vorigen ähnlich sehen. Diese ißt er alsdann mit sonderlichen Gebärden, als wenn er sich sehr fürchtete, hinein, und stehen die Bauern mit aufgesperrten Mäulern, ob er nicht bald zerbersten werde; er aber bindet sich fest, daß solches nicht geschehe, ob er schon weiß, daß es keine Not hat, nimmt danach eine Kastanie groß von seinem Theriak oder Dreck ein, und es legt sich alle Geschwulst, als wenn kein Gift vorhanden gewesen wäre. »Das laßt euch, liebe Herren, einen köstlichen Theriak sein«, worauf dann die Bauern den Riemen ziehen und Gott danken, daß sie einen solchen teuren Mann und solche köstliche Ware um geringes Geld in ihr Dorf bekommen. Wer wollte sich aber unterstehen, alle Listen und Praktiken zu beschreiben, womit sich die Landfahrer behelfen, Geld zu machen und zusammenzubringen? Ich hätte meinesteils Sorge, ich würde nicht alles zum Ende bringen. Doch will ich nicht unterlassen, etliche Griffe zu erzählen. So sieht man auf einer Ecke des Markts einen Fortunatus mit seiner Fributa auftreten und mit großem Geschrei oder Geplärr das Volk zwei oder drei Stunden aufhalten, bald mit einer neuen Zeitung, bald mit einer Historie, bald mit einem Dialog, bald mit einem lieblichen Gesang; bald hadert er mit seinem Knecht, bald versöhnt er sich wieder mit ihm, bald lacht er, daß ihm die Augen überlaufen, und was dergleichen Narrenpossen mehr sein mögen, die er artig anzustellen weiß, bis er sich bedünken läßt, er habe das Volk genugsam zusammengelockt und aufgehalten; alsdann bringt er seine Büchslein hervor und kommt auf sein Gelüst zu den Hellern, die er gern hätte, und fängt an, seine herrliche Ware zu loben, und treibt solches so lange, bis er etliche überredet, daß sie ihm abkaufen. Auf der andern Seite kommt ein anderer Quidam aufgezogen, fängt auch an zu rufen, als wenn ihm der Henker die Saiten stimmte, hat seine Ware in einem Sack auf den Schultern und ein Kochersberger Hütlein auf dem Kopf, da läuft das Volk, jung und alt, hinzu, wollen hören und sehen, was er doch Wunderseltsames bringen werde. Er fängt deshalb an, seine Relation und Werbung zu tun, bringt allerhand Possen und Schnacken herfür, daß jedermann lachen muß, bringt endlich mit seinen glimpflichen Worten, mit seinen seltsamen Gebärden, übel gehenktem Hals, halb geschorenem Knebelbart, mit seinem Narrenwesen, damit ich es in einem Wort begreife, so viel zuwege, daß man ihm zuhöret und sich seine Waren gefallen läßt. Wiewohl es auch bisweilen geschieht, wenn man ihm eine Weile zugehört hat, so geht das Volk wieder davon und läßt den Narren schreien, so lange er will; auch werfen ihn wohl die Buben mit Kot, daß er seinen Kram muß aufpacken und wiederum unverrichteter Sachen heimgehen, von wannen er gekommen ist, und wäre gleich seine Salbe noch so gut. Sie tun auch einander selbst Schaden; denn während einer steht und meint, die Käufer werden ihm jetzo zufallen, so kommt ein anderer aus einer Gasse gestrichen, der hat ein junges Mägdlein bei sich in Bubenkleidern, welches springen und sich durch einen Reif wie ein Affe überwerfen kann, dieser beginnt auch, sich hören zu lassen, da läßt das Volk den vorigen stehen und läuft diesem zu. Da fängt er alsbald an auf gut Florentinisch einen lächerlichen Schwank oder Possen zu erzählen, unterdessen arbeitet auch das Mägdlein auf der Bank, wirft sich auf alle viere, und langet den Ring aus dem Reifen oder beuget sich rückwärts und langt eine Münze unter dem rechten oder linken Fuß mit solcher höflichen Geschwindigkeit, daß die Buben eine Lust haben zuzusehen. Endlich aber kann er auch nichts weiter, als daß auch er seine Ware hervorbringt und dieselbe feilbietet, so gut als er kann. An einer andern Ecke des Marktes tritt der Mailänder auf, mit einem sammeten Barett auf dem Haupt, darauf eine weiße Feder auf gut Welfisch, stattlich gekleidet, als wenn er ein großer Herr wäre, hebt allerhand Narrenpossen an zu treiben, womit er das Volk herbeizieht, erzählt seinem Knecht, wie lieb er ihn habe; dieser aber spottet seiner, weiset die Feigen von dem Gesicht und bohret ihm hinten einen Esel, erbietet sich eine gute Anzahl Schläge in seinem Dienst zu empfangen, rückt die Haube in die Augen, legte die Hände in die Seite und stellt sich mit verkehrtem Angesicht und verzogenem Maul wie ein zorniger Schäferhund, um anzuzeigen, wie er sich gegen seines Herrn Feinde wolle gebärden und wehren. Dieselben kommen auch herbei (es ist aber dieselbe Gesellschaft), da ist er gänzlich erschrocken, zittert vor Furcht, kriecht unter die Bank, läßt sich allda mit Füßen treten und macht ein großes Geschrei, dazu läuft dann das Volk haufenweis. Darauf fängt auch der Herr von Mailand an sein Büchslein herfürzutun und läßt sich merken, was ihm angelegen sei, nämlich mit seiner köstlichen Ware jedermann zu dienen, damit man nicht so viel Geld heimtrage, als man dahergebracht hat. Bisweilen kommt auch ein Magister Leo mit seinen Macalepballen aufgezogen, von deren Invention und Nutzbarkeit er ein paar Stunden tapfer lügt und diskurriert, bis die Bauern anfangen den Seckel zu ziehen; er hat wohl etliche bestellt, die kommen und ihm abkaufen, sie geben für, sie seien ihm weit nachgereist, bis sie das Glück gehabt ihn allhier anzutreffen, rühmen die Ware hoch und köstlich, als welche sie richtig gefunden und oft probiert haben. Solches Glücks nehmen dann andere auch in acht, sind desto williger zu kaufen, und der gute Herr ist noch so liberal, daß er einem jeden, der ihm abkauft, noch ein Tütlein mit Wurmsamen verehrt für seine Kinder; oder er hat sonst etwas, so er für das Fieber oder für das Zahnweh oder für das Sausen in den Ohren oder für einen andern Zufall zugibt, was wohl allein das Geld wert ist, ja es gäbe mancher wohl viel darum, daß er es nur sehen möchte. Andere haben Affen, Meerkatzen, Murmeltiere, Kamele oder andere dergleichen fremde Tiere bei sich oder auf ihren Bänken, damit sich das närrische und fürwitzige Volk sammele dieselben zu sehen; etliche halten Trommeln und Pfeifen, etliche Trompeten und lassen bisweilen mit großem Feldgeschrei zusammenblasen, etliche haben andere Kurzweil, z. B. daß sie Eier auf einem ausgehöhlten Stecken auf- und ablaufen lassen, mit allerhand Veränderungen, worüber die Bauern Maul und Nasen aufsperren, und was dergleichen Gaukelei mehr sein mag, damit sie nur Volk zusammenbringen und sich eine Audienz verschaffen. Dies aber sind nur gemeine Storger und Landfahrer, welche auch oft seltsam anlaufen, und wenn sie allen ihren Fleiß angewandt haben, werden sie bisweilen mit Dreck von dem Platz getrieben oder müssen es ein andermal besser lernen anzustellen. Die aber, so sich des Geschlechts St. Pauli rühmen, kommen mit größerem Ansehen aufgezogen, nämlich mit einer großen fliegenden Fahne, darauf steht an der einen Seite St. Paulus mit seinem Schwert, auf der andern aber ein Haufe Schlangen, welche also gemalt sind, daß man sich fürchtet von ihnen gebissen zu werden. Da fängt einer an, den Ursprung ihres Geschlechts zu erzählen, wie St. Paulus in der Insel Malta von einer Otter gebissen worden, aber ohne Schaden, und wie dieselbe Gnade hernach auf seine Nachkommen fortgepflanzt worden sei; da hat man allerhand Proben getan, da hat man auch allerhand Anfechtung gehabt, aber allezeit die Oberhand behalten, da hat man Siegel und Brief darüber. Endlich ergreift man die auch auf dem Tisch oder Bank stehenden Schachteln, aus einer langt man einen Molch, zwei Ellen lang und armsdick, aus der andern eine große Schlange, aus der andern eine Otter, und erzählt bei einer jeden, wie man die gefangen, als die Bauern das Korn geschnitten, die deshalb in großer Gefahr gewesen, wenn man ihnen wider diese gräßlichen Tiere nicht wäre zu Hilfe gekommen. Darüber erschrecken denn die Bauern dermaßen, daß sie nicht wiederum nach Hause gehen dürfen, sie hätten denn einen Trunk von solchem köstlichen Schlangenpulver getan, kaufen auch noch mehr und nehmen's mit zu Haus für Weib und Kind, damit sie ja vor Schlangen und anderem giftigen Tierbiß mögen versichert sein. Und hiermit ist das Spiel nicht geendet, sondern es sind noch mehr Schachteln bei der Hand, die macht man auch auf und langt aus einer eine rauhe Otter, aus der andern einen toten Basilisken, aus der andern ein junges Krokodil, aus Ägypten gebracht, eine indianische Eidechse, eine Tarantula aus Campania oder dergleichen etwas, womit man die Bauern erschreckt, daß sie auch die Gnade des heiligen Paulus kaufen, welche ihnen auf einem Brieflein gegen Gebühr mitgeteilt wird. Unterdessen und weil das Volk noch beieinander ist, kommt noch einer herzu, breitet seinen Mantel auf die Erde, setzet ein Hündlein darauf, welches ut, re, mi, fa, sol, la, si singen kann, es macht auch lustige Purzelbäume, etwas geringer als ein Affe, bellt auf seines Herrn Befehl den an, der am übelsten bekleidet ist, heult, wenn man den türkischen Kaiser nennt, tut einen Luftsprung, wenn man dieses oder jenes Liebchen nennet, endlich aber, denn es ist um Heller zu tun, hängt der Herr ihm ein Hütlein an die Pfote und schickt es auf den Hinterfüßen zu den Herren Umstehenden um einen Zehrpfennig, dieweil er noch eine große Reise vorhabe. So säumt auch der Parmesaner bei dergleichen Gelegenheit nicht mit seiner Geiß, welche er auf den Platz bringt; er macht ihr allda ein Staket, wo sie, einen Fuß hinter dem andern, auf und ab spazieren, sich oben auf einem Plätzlein, so kaum eine Hand breit ist, aufhalten und das Salz unter den Füßen lecken muß. Er läßt sie auch mit einem langen Spieß über den Achseln auf den hintern Beinen umhergehen und macht also mit seiner Geiß alle, die ihm zusehen, zu solchen närrischen Böcken, daß sie ihm auch noch etliche Heller zum Futter verehren. Auch läßt sich bisweilen ein verwegener Seilfahrer sehen, welcher so lange auf dem Seil fährt, bis er endlich ein Bein bricht oder den Hals gar abstürzt. Oder auch ein verwegener türkischer Gaukler, welcher sich auf die Erde legt und läßt sich mit einem großen Hammer auf die Brust schlagen, als wenn er ein Amboß wäre, oder er reißt einen dicken Pfahl, so mit Gewalt tief in die Erde geschlagen ist, in einem Ruck heraus, womit er denn einen guten Zehrpfennig nach Mekka zu reisen zuwege bringt. – Bisweilen findet sich auch ein getaufter Jude, welcher so lange ruft und schreit, bis er auch ein Teil Volks zu sich bringt, alsdann fängt er an von seiner Bekehrung zu predigen, woraus man im Schluß so viel lernt, daß er anstatt zu einem frommen Christen zu einem listigen Landstreicher geworden ist. In Summa, es ist kein Markt in Dörfern oder in Städten, wo sich nicht etliche solcher Gesellen herzufinden, die entweder allerhand kurzweiliges Gaukelspiel anstellen oder unterschiedliche Drogen verkaufen. Der eine hat Wurmsamen, der andere Bilsensamen gegen das Zahnweh, der andere ein Pulver, welches – –. Ein anderer hat etwas, so man in einen Topf voll Bohnen oder Erbsen wirft, daß sie alle herauslaufen. Einer verkauft Flederwische zu immerwährenden Lampendochten. Ein anderer hat oleum philosophorum und die Quintessenz, womit man bald reich werden kann, ein anderer oleum tassibarbassi wider den Frost, ein anderer eine köstliche Pomade von Hammelschmalz bereitet wider den Schorf, ein anderer ein Ratten- und Mäusegift, ein anderer eiserne Gebäude für die, welche ein Glied gebrochen haben, ein anderer Feuerspiegel und Brillen, mit welchen man im Dunkeln sehen kann oder sonst allerhand wunderbare Sachen sieht. Hier steht einer, der frißt Werg und stopft es bis in den Hals hinein und speit Feuer heraus. Hier steht einer und verkauft Läusesalbe, das Gedächtnis damit zu stärken. Hier steht einer, der läßt sich die Hände mit heißem Fett betriefen; dort steht ein anderer, der wäscht die Hände und das Angesicht mit geschmolzenem Blei; hier steht wiederum einer, der schneidet seinem Gesellen mit einem besonderen Messer durch die Nase, ohne Schaden. An einem andern Ort zieht einer etliche Ellen Schnüre aus dem Mund. Hier zieht einer einem, der erst von ferne kommt, einen verlorenen Brief oder dergleichen etwas aus dem Mund. Hier bläst ein einfältiger Tropf in ein Büchslein, daß ihm der Ruß in das Gesicht stäubt, dort wird einem Stockfisch eine Handvoll Pferdedreck statt einer Muskate in den Mund geworfen. Dies sind die Griffe der Storger, Landfahrer, Gaukler und anderer müßiger Leute, womit sie sich durch die Welt bringen. So weit der Bericht nach Garzoni. Dies zahlreiche, leichtfüßige Volk drängte sich, mit wenig verändertem Aussehen, auch auf den deutschen Märkten. Aber neben den alten Gauklern und Krämern war auch in Deutschland eine neue Klasse der fahrenden Leute aufgekommen, harmloser, von ungleich höherem Interesse für die Gegenwart: die wandernden Komödianten. Die ersten Schauspieler, welche einen Beruf aus ihrer Tätigkeit machten, zogen am Ende des 16. Jahrhunderts zuerst von England oder den Niederlanden nach Deutschland. Noch waren sie nebenbei Seiltänzer, Springer, Schaufechter und Bereiter, noch gaben sie Narren an Fürstenhöfen und auf den Märkten großer Städte ab, und die beliebte Figur des Pickelherings und bald darauf des französischen Jean Posset erregte noch lange von schlechtem Brettergerüst das homerische Gelächter der leicht befriedigten Menge. Kurz darauf wurden im Süden und am Rhein die Volksmasken des italienischen Theaters vertraut. Zugleich mit den regelmäßigen Zeitungen erhielt das Volk auch die rohen Anfänge der Kunst, menschliche Charaktere und die geheimnisvollen Bewegungen einer unruhigen Seele durch Miene, Gebärde und täuschenden Schein einer Tat darzustellen. Und merkwürdig, fast genau zu derselben Zeit werden dem Volk die ersten behaglichen Romane geschrieben. Und auch diese frei erfundenen Bilder des wirklichen Lebens beziehen sich auf die fahrenden Leute; denn Vaganten, Abenteurer, entlassene Kriegsknechte, endlich solche, die in wunderbare Länder reisen und dort ein Übermaß von Merkwürdigem sehen und greuliche Gefahren mit gleichsam unzerstörbarem Leib bestehen, werden die Helden dieser unvollkommenen Kunstbildungen. Kurz nach dem Kriege schrieb Christoph von Grimmelshausen den Simplicissimus, den Springinsfeld, die Landstörzerin Courage, das wunderbare Vogelnest; die Helden sind sämtlich Vagierende; ihnen folgt eine Flut von Schelmenromanen und abenteuerlichen Lebensbeschreibungen. Freudenleer war durch den Krieg die Existenz der regelmäßigen Leute geworden, unbehilflich die Sitte, arg beschmutzt die Sittlichkeit. Und doch war das Bedürfnis nach Aufregung allgemein. So lockte zur Darstellung zunächst, was dem unholden Leben der Schwachen fern lag. Sie suchten entweder mit vieler Weitschweifigkeit ein ideales Leben vornehmer und feiner Menschen in ganz fremdartiger Umgebung darzustellen, antike Schäfer und fremde Prinzen ohne Nationalität, – das taten die Hochgebildeten; oder sie suchten die gemeine Wirklichkeit wenigstens dadurch zu adeln, daß sie nicht weniger unbehilflich seelenlose Abstraktionen, Tugenden und Laster, mythologische und allegorische Figuren mitten in sie hineinstellten; oder sie ergriffen endlich Stoffe aus den niedrigen Kreisen des Lebens, denen sie sich überlegen fühlten und deren fremdartiges Wesen doch noch lockte: sie schilderten Strolche oder stellten Tölpel und Fratzen dar. Und diese letzte Kunsttätigkeit war noch die gesündeste. So wurde die unzarte Familie der Gaukler, Possenreißer und Schelme bedeutungsvoll für die Anfänge des Dramas, der Schauspielkunst, des Romans. Aber neben der menschenreichen Genossenschaft, welche bescheiden zu Fuß oder im Bretterkarren umherzog, ritten Landfahrer von höheren Ansprüchen durch das Land, einzelnen noch schädlicher. Die Zukunft vorherzuwissen, Herrschaft über die Geister der Elemente zu gewinnen, aus einem Stein Gold, aus dem Siechtum des Alters neue Jugend zu machen, war seit vielen Jahrhunderten die Sehnsucht der Begehrlichen. Und die, welche den Deutschen solches verhießen, waren häufig wieder Fremde, wieder Italiener, oder auch Landeskinder, welche, wie das Sprichwort sagt, dreimal in Rom gewesen waren. Seit in Italien der neue Eifer der restaurierten Kirche Gute und Schlechte vor das Inquisitionstribunal zog, muß dort die Auswanderung unsicherer Menschen besonders häufig geworden sein. Es ist wahrscheinlich das Leben eines solchen Scharlatans, nach welchem die Abenteuer von Faust in dem alten Volksbuch mit gläubiger Unbehilflichkeit zusammengeschrieben sind. Seit Luthers Tod wird ihr Eindringen in die deutschen Fürstenhöfe oft sichtbar. Ein solcher Abenteurer, Hieronymus Scotus war es, der um 1593 in Coburg die unglückliche Herzogin Anna von Sachsen-Coburg ihrem Gemahl Johann Kasimir entfremdete und durch verruchte Mittel in seine Gewalt brachte. Vergebens waren die Bemühungen des Herzogs, die Auslieferung des Scotus von Hamburg zu erlangen, wo er eine Zeitlang mit fürstlichem Luxus lebte. Fünfunddreißig Jahre früher war der Vater des Herzogs, Johann Friedrich der Mittlere, durch eine dreiste Betrügerin, welche sich für Anna von Cleve, geschiedene Gemahlin Heinrichs VIII. von England, ausgab und ihm einen großen Schatz von Gold und Kleinodien versprach, wenn er sich ihrer annähme, lange getäuscht worden. Demselben Fürsten war eine andere Gläubigkeit zum herben Nachteil geworden; denn der Einfluß, welchen Wilhelm von Grumbach, der hagere alte Wolf aus dem Rudel des wilden Albrecht Alcibiades von Brandenburg, über den Herzog gewann, beruhte sehr auf törichten Prophezeiungen, die er ihm über die Kurwürde und über ungeheure Schätze gemacht hatte. Ein armer schwachsinniger Knabe, den Grumbach unterhielt, verkehrte mit Engeln, die in einem Kellerloch hausten und sich bereit erklärten, Gold zu schaffen und dem Herzog ein Bergwerk an den Tag zu bringen. Es ist aus den gerichtlichen Akten zu ersehen, daß die Engelein des Bauernkindes eine – für ihre Glaubwürdigkeit ungünstige – Ähnlichkeit mit unsern kleinen alten Zwergen hatten. In Berlin war zur Zeit des Scotus Leonhard Thurneysser, ein Scharlatan von mehr bürgerlicher Arbeit, als Goldmacher und Aspektenverfertiger tätig; er entzog sich durch die Flucht dem finsteren Schicksal, welches seine Berufsgenossen fast immer traf, wenn sie den Ort nicht schnell genug wechselten. Auch Kaiser Rudolf II. war ein großer Adept gewesen, er hatte in dem Goldtiegel seine politische Ehre und seine eigene Kaiserkrone verquickt. Die Fürsten des 17. Jahrhunderts zeigten wenigstens das leidenschaftliche Interesse von Dilettanten. Während des Krieges war die Goldmacherkunst sehr wünschenswert geworden. Auch in diesen Jahren drängten sich die Adepten an die Kriegsherren; je dürftiger die Zeit, desto zahlreicher, glänzender waren die Geschichten von verfertigtem Gold. Dem König Gustav Adolf sollte ein begeisterter Verehrer Gold aus Blei gemacht haben. Vor Kaiser Ferdinand III. sollten durch einen Gran roten Pulvers aus Quecksilber mehrere Pfund Goldes gemacht und aus solchem Metall eine einzige Riesenmünze geschlagen sein. Nach dem Frieden rührten sich die Adepten an allen Höfen; wenige Residenzen, wo nicht Herd und Retorte für die geheimnisvollen Operationen erhitzt wurden. Aber wer mit dem Landesherrn spielte, mußte sich hüten, daß die Tatze des fürstlichen Löwen sich nicht vernichtend gegen ihn erhob. Wer kein Gold machen konnte, wurde eingesperrt, und wer im Verdacht stand, doch welches machen zu können, wurde ebenso fest eingeschlossen. Der Italiener Graf Cajetan wurde zu Küstrin in einem vergoldeten Kleid an einen Galgen gehängt, dessen Balken mit Katzengold geschmückt war; der Deutsche Hektor von Klettenberg wurde auf dem Königstein enthauptet, wo vierzehn Jahre vorher Böttger in strenger Klausur statt des Goldes das unschuldigere Porzellan herausgekocht hatte. Es ist kein Zweifel, daß es den Adepten und Astrologen erging, wie es von je den Leviten eines herrschenden Aberglaubens ergangen ist: sie waren selbst von der Wahrheit ihrer Kunst überzeugt, nur hatten sie starke Zweifel an ihrem eigenen Wissen, und sie täuschten andere über ihre Erfolge, [...] weil sie vor der Welt den Schein behalten wollten, das zu verstehen, was sie für Wahrheit hielten. Vielleicht noch schädlicher waren die gewandten Gauner, welche mit fremden vornehmen Titeln in Deutschland, in Frankreich, in England erschienen, verklärt durch den Schimmer geheimer Kunst, zuweilen Verbreiter der schmählichsten Laster, häßliche Schattengestalten, welche erst der engere Verkehr der Völker, die neue Weltbildung möglich gemacht hatte. Ihre Erlebnisse, Betrügereien, geheimnisvollen Erfolge regten die Phantasie der Deutschen lange übermächtig auf. Noch Goethe hielt es der Mühe wert, an Ort und Stelle ernsthafte Nachforschungen über den Ursprung Cagliostros anzustellen. Auch in dem sittlichen Siechtum der Gesellschaft, dessen Repräsentanten sie sind, kann man allmähliche Umwandlungen erkennen. Sterndeuterei und Horoskopie waren nach dem Kriege bereits ein wenig abgenutzt, die Fürsten suchten das rote Pulver oder die unbekannte Tinktur, das Volk grub nach Geldtöpfen. Eine dilettierende Beschäftigung mit der Naturwissenschaft brachte dem Volk wieder einmal die uralte Haselrute in Ansehen, durch welche man Quellen, Mordtaten, Diebstähle und immer noch verstecktes Geld entdecken konnte, die Vornehmen erfüllte wieder einmal der uralte Glaube an geheimnisvolle Menschen, welche durch unbekannte Schritte in unergründete Tiefen der Schöpfung eine übermenschliche Lebensdauer erlangt und vertrauten Verkehr mit der Geisterwelt hatten. Neben dem ehrlichen Freimaurerorden mit humanistischer Tendenz entstanden noch geheimnisvollere Verbindungen, worin den Schwächen der Zeit, raffinierter Sinnlichkeit und kränklichem Mystizismus, durch einen weitläufigen Apparat abgeschmackter Geheimlehren geschmeichelt wurde. [...] XXVII Die Stillen im Lande Richtungen im Protestantismus bis 1618. – Folgen des Krieges. – Gleiches Herzensbedürfnis bei allen Konfessionen. – Älterer Pietismus, Spener. – Wundersucht. – Haß gegen weltliche Ergötzlichkeit. – Hochmut. – Die Frauen. – Selbstbeobachtung. – Gesellschaftlicher Verkehr. – Gute Einwirkung auf die Sittlichkeit. – Die Erweckung. – Bibeldeutung. – Petersen und Frau, Charakteristik. – Erzählung von Johanna Eleonora Petersen, darauf: Erzählung von Dr. Johann Wilhelm Petersen. – Schicksale der Gatten und ihre Offenbarungen. – Der spätere Pietismus und seine Verwirrungen. – Opposition. – Fortschritt des Volkes durch den Pietismus Der Gegensatz zwischen der epischen Zeit des Mittelalters und einer neuen Periode, welche hier bereits öfter die lyrische genannt wurde, ist auf jedem Gebiet des deutschen Lebens sehr kenntlich, nicht am wenigsten im Reiche des Glaubens. Die katholische Kirche des Mittelalters hatte das Leben jedes einzelnen durch eine Menge von frommen Bräuchen geweiht und in einen aristokratischen geistlichen Staat eingeschlossen, in dem das Individuum in starrer Gebundenheit mit geringer Selbsttätigkeit festgebannt lebte. Die Reformation zerschlug für den größten Teil Deutschlands diese Fesseln des Volksgeistes, sie setzte freie Selbstbestimmung dem äußeren Zwang, innerliche Tätigkeit des einzelnen dem glänzenden Mechanismus der alten Kirche gegenüber. Der Protestantismus war aber sowohl ein System von Lehren, als eine Befreiung und Vertiefung des deutschen Gemütes. In der großen Seele Luthers waren beide Richtungen des neuen Glaubens im Gleichgewicht; je leidenschaftlicher er für seine Erklärung der Heiligen Schrift und die Dogmen seiner Lehre kämpfte, desto stärker und origineller wurden auch die Gemütsprozesse, durch welche er auf eigenen Wegen in freiem Gebet seinen Gott suchte. Es ist jedoch klar, daß der große Fortschritt, der für das Menschengeschlecht durch seine Lehre dargestellt wurde, sehr bald die Folge haben mußte, zwei entgegengesetzte Richtungen im Protestantismus herauszubilden. Die beiden Pole jeder Religion, das Wissen und das Sehnen, das verständige Umgrenzen der religiösen Erkenntnis und das gemütvolle Hingeben an das Göttliche mußten sich je nach dem Bedürfnis des Individuums und der Bildung der Zeit in den Seelen mit verschiedener Gewalt geltend machen; bald mußte das eine, bald das andere überwiegen, es konnte die Zeit kommen, wo beide Richtungen in Gegensatz und Streit gerieten. Zunächst war der Protestantismus auf Krieg gegen die alte Kirche angewiesen und gegen die Parteien, welche in ihm selbst auflebten, als notwendige Folge größerer Freiheit und Selbstbestimmung. Erbittert war der Kampf für die neubegrenzten Dogmen, vorzugsweise nach dieser Richtung wurde die Seele der Protestanten in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gezogen. Die unterscheidenden Lehrsätze der einzelnen Kirchen wurden mit einem Scharfsinn und einer Streitlust, welche uns oft bedauernswert erscheint, immer subtiler und spitzfindiger herausgebildet. Es war nicht natürlich, daß derjenige seinen Parteigenossen für den besten Christen galt, der mit den Feinheiten der neuen Definitionen vertraut, vorzugsweise in ihnen das Wesen seiner Kirche suchte. Und die unvermeidliche Folge dieser Richtung war, daß gerade in den Theologen, welche sich für die gewissenhaftesten Nachfolger der großen Reformatoren hielten, am wenigsten von dem reichen Gemütsleben zu finden war, welches die Stifter der neuen Lehre in der Tat zu Aposteln ihrer Zeit gemacht hat. Denn der Haß war in ihnen größer geworden als die Liebe; und während die Selbsttätigkeit der Geistlichen und Laien vorzugsweise für dialektische Prozesse und für sophistische Spielereien in Anspruch genommen wurde, verödete das Gemüt, verschlechterte sich die Sittlichkeit. Dagegen kam die Reaktion. Sie begann schon bei Luthers Leben in Wittenberg selbst, sie regte sich in den Seelen einzelner Universitätsgenossen, welchen die Ansprüche der neuen Theologie peinlich wurden, z. B. in den beiden Schurf, den alten Freunden Luthers, welche mit ihm zerfielen. Sie ist nach den Händeln der Flazianer und der Ausbreitung des Jesuitenordens in Deutschland überall erkennbar. Das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts und die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts bis zu den Verwüstungen des großen Krieges erhalten dadurch eine eigentümliche Bedeutung. Die streitsüchtigen Theologen beherrschen die Höfe und die Landesregierungen, aber durchaus nicht mehr souverän das Gemüt des Volkes. Schon vor 1600 ist bei wohlwollenden und patriotischen Männern fast guter Ton, über das widerwärtige Gezänk der Geistlichen zu klagen, unterrichtete Laien sehen darin das Verderben der Nation. Wer über die Zustände Deutschlands spricht, verrät gern, daß er Unterschiede in den Dogmen nicht für die Hauptsache halte. In den zahllosen Karikaturen und Satiren des Dreißigjährigen Krieges wird dieselbe Stimmung sehr auffallend; zwar der Haß gegen die Jesuiten und der Groll gegen den fanatischen Kaiser ist bei zwei Dritteln des Volkes sehr lebendig, aber das Interesse an der eigenen Kirche keineswegs mehr eine Herzenssache, wie hundert Jahre früher; mit bitterer Laune werden einigemal lutherische, kalvinistische und katholische Eiferer nebeneinander verspottet. – Aber auch würdige Geistliche der protestantischen Kirche mahnten zum Frieden, immer wieder wurde eine Vereinigung der getrennten Konfessionen versucht, immer lauter wurde von frommen Schwärmern innigere selbsttätige Hingabe an Gott gefordert und ein göttliches Leben in der Natur und der Menschenseele gelehrt, welches mit den orthodoxen Lehren im innersten Gegensatz stand. In der Tat wurde diese Uneinigkeit und der beginnende Liberalismus die Schwäche des Protestantismus gegenüber seinen eifrigen Gegnern. Denn der Spott der Weltleute, die stille Arbeit der Naturforscher und der Glaube der Gemütvollen wirkten zunächst noch mehr zersetzend als neubildend und erhebend auf die Seele des Volkes. Es ist schwer zu sagen, wohin solche liberale und versöhnliche Richtung des Protestantismus die Nation geführt hätte, wenn nicht das Elend über sie hereingebrochen wäre. Der große Krieg aber brachte eine eigentümliche Abspannung in viele der besten Seelen. Fast jede der kriegführenden Parteien trug ein Glaubenszeichen auf ihrer Fahne, jede brachte unendliches Unglück über das Volk, an jeder wurde sichtbar, wie wenig Taufe und Abendmahl hinreiche, die Bekenner einer Konfession zu guten Menschen zu machen. Als das Kriegsfeuer niederbrannte, war man sehr geneigt, den konfessionellen Streitigkeiten einen Hauptanteil an dem eigenen Elend und dem des Landes zuzuschreiben. So war natürlich, daß die kälteren Weltkinder von aller Religion wenig hielten und sich achselzuckend abwendeten, als das alte Gezänk der Geistlichen, das während des Krieges niemals ganz geschwiegen hatte, jetzt wieder auf den Kanzeln und den Märkten zu toben begann. In vielen Landschaften aber war durch Dragonaden und die äußeren Zwangsmittel auch die Masse des Volkes drei-, viermal gezwungen worden, die Konfession zu wechseln, auch ihr waren die Bekenntnisformeln deshalb nicht werter geworden, weil sie mehrere derselben herzusagen gelernt hatte. So war eine innere Leere und Verödung in das kirchliche Leben gekommen, die mit der Roheit und den Lastern, die der lange Krieg in die Menschen gebracht hatte, dem ersten Jahrzehnt nach dem Kriege ein so besonders trostloses Ansehen gibt. Es gab wenig zu lieben, sehr wenig zu ehren auf Erden. Und doch hatte gerade in dieser Zeit, wo der einzelne immer wieder von Todesgefahren umgeben war, ein günstiges Geschick so oft vor dem äußersten Verderben bewahrt. Überraschend und furchtbar wie die Gefahren, ebenso überraschend und wunderbar erschien die Rettung. Daß die Kraft des Menschen nichts sei in diesem ungeheuren Spiel übergewaltiger Kräfte, war jedem tief in die Seele geschrieben worden. Wenn die Mutter sich mit ihren Kindern, während ein Reiterhaufen in der Nähe vorüberzog, zitternd im hohen Getreide barg und in den Momenten der Todesgefahr die Gebete des Glaubens murmelte, so war natürlich, daß sie ihre Rettung dem besonderen Schutz ihres gnädigen Gottes zuschrieb. Wenn der zerschlagene Bürger in seinem Waldversteck die Hände faltete und feurig betete, daß die Kroaten, welche die Stadt plünderten, seinen letzten versteckten Taler nicht finden möchten, und wenn es ihm später gelang, aus den Kohlen des verbrannten Hauses die Silberstücke herauszuscharren, so war natürlich, daß auch er an besonderen göttlichen Schutz glaubte, welcher die gierigen Augen der Feinde abgelenkt hatte. Überall, wo ungeheure Schicksale in raschem Wechsel über den einzelnen hereinbrechen, bildet sich der Glaube an Ahnungen, Vorbedeutungen, natürliche Warnungen. Während die Menge auf Nordlichter und Sternschnuppen, auf Gespenster, den Schrei des Käuzchens, ein unerklärbares Anschlagen der Glocken mit banger Furcht achtete, suchte der feinere Geist die Weisungen des Herrn aus Träumen und himmlischen Offenbarungen zu erkennen. Es ist wahr, der lange Krieg hatte die Seelen gegen das Elend anderer verhärtet, aber er hatte ihnen die sichere gleichmäßige Kraft zu sehr genommen, und das gedankenlose Starren in eine öde Welt und die kalte Gleichgültigkeit wurde in den meisten durch Anfälle von plötzlicher Weichheit unterbrochen, die vielleicht bei unbedeutender Veranlassung hervorbrachen und einen rücksichtslosen Sünder wie plötzlich in Schmerz und Zerknirschung auflösten. Es ist wahr, das Leben war sehr arm an Liebe und Größe, aber das Bedürfnis zu lieben und zu ehren, welches so tief in deutscher Natur begründet ist, suchte nach dem Frieden angstvoll ein Imponierendes, Hohes, Festes, um dem eigenen verarmten und wankenden Dasein einen Inhalt und Interesse zu geben. So klammerte sich der Sinn an die heiligen Bilder des Glaubens, die man sich wieder in stiller Andacht herzlich, hold, vertraulich herzurichten bemüht war. Aus solchen Herzensbedürfnissen des Volkes entwickelte sich ein neues Leben in der christlichen Kirche. Nicht bei den Nachfolgern Luthers allein, ebensosehr bei den Reformierten, fast ebensosehr bei den Katholiken, auch nicht mehr in Deutschland allein und in den Ländern, welche damals in Abhängigkeit von deutscher Bildung waren: Dänemark, Schweden, dem slawischen Osten und Ungarn, fast gleichzeitig in England, sogar früher in Frankreich und Holland, wo religiöse und politische Parteiung durch fast hundert Jahre die Seelen in scharfen Gegensätzen auseinandergezogen hatte. Ja bis in die Ordenshäuser der Jesuiten wirkte dasselbe Bedürfnis eines neuen Idealismus im freudenarmen Leben. In der Geschichte der christlichen Kirche ist dieser Pietismus – wie die neue Richtung von den Gegnern seit 1674 genannt wird – ein vorübergehendes Moment, dessen Aufblühen und Hinwelken sich in wenig mehr als hundert Jahren vollendet. Die Einwirkungen aber, welche er auf Kultur, Sitte und Gemüt der Deutschen ausgeübt hat, sind zum Teil noch heute erkennbar. Einzelnes davon ist Erwerb der Nation geworden, und von dieser Einwirkung soll hier kurz die Rede sein. Da der Pietismus oder der Glaube der »Pietät«, wie seine Anhänger ihn zuweilen nannten, keine neue Lehre war, welche von einem großen Reformator verkündet wurde, sondern eine Richtung des Gemütes, welche zu gleicher Zeit in vielen Tausenden aufbrach, so blieb die große Mehrzahl seiner Bekenner in der ersten Zeit fest in den Dogmen ihrer Kirche stehen. In der Tat sprach er anfänglich nur weitverbreitete Überzeugungen aus, welchen die Besten schon vor dem Dreißigjährigen Krieg Ausdruck gegeben hatten: daß nicht die abweichenden Lehrmeinungen, sondern die Übereinstimmungen der religiösen Parteien die Hauptsache des Glaubens sei; daß das persönliche Verhältnis zu Gott unabhängig sei von den Dogmen; es nütze wenig die Predigt zu hören, das Sakrament zu nehmen, in der Beichte zu erzählen, daß man ein großer Sünder sei, seine Hoffnung auf das Verdienst Christi und nicht auf die eigenen Werke zu setzen, sich allenfalls vor groben Sünden zu hüten und zu bestimmten Stunden ein gedankenloses Gebet zu sprechen. Und doch sei dies das gewöhnliche Christentum der Geistlichen und Laien, ein toter Glaube, ein äußerlicher Gottesdienst, Buchstabe ohne Geist. Wenig bedeute die Taufe des Kindes ohne die Bekehrung der Erwachsenen, wenig bedeute ein kirchliches Leben, bei welchem der Laie die Güter des Heils fast nur passiv empfange, jeder einzelne müsse in seinem Herzen das Priestertum des Lammes aufrichten. So empfanden Tausende. Von den vielen aber, welche diesem Zug des Herzens folgten, hat in Deutschland durch mehrere Jahrzehnte keiner so großen Einfluß ausgeübt als Philipp Jakob Spener (von 1635–1705). Im Elsaß geboren, wo seit mehr als hundert Jahren die Lehre Luthers und der schweizerischen Reformatoren einander bekämpften und zusammenflossen, wo die Gelehrsamkeit der Niederländer, ja die frommen Bücher der Engländer geschätzt wurden, war sein frommes Herz durch ernste Schulbildung unter dem Schutz, welchen ihm vornehme Frauen in schwerer Zeit gewährten, früh im Glauben fest geworden. Schon als Knabe war er streng gegen sich selbst gewesen; als er einmal gewagt hatte zum Tanz anzutreten, mußte er aus Gewissensangst den Reihen verlassen. Dann war er Erzieher an einem Fürstenhof gewesen, hatte zu Basel weiterstudiert, zu Genf mit Bewunderung gesehen, wie Jean de Labadie durch seine Bußpredigten die Weinhäuser leerte, die Spieler veranlaßte, ihren Gewinn zurückzugeben und die Lehre von der inneren Heiligung und der rücksichtlosen Nachfolge Christi den verwilderten Kindern Calvins in die Herzen schlug. Von da war Spener nach Frankfurt am Main als Seelsorger gegangen und hatte dort seit 1666 eine segensreiche Wirkung geübt, welche immer größere Verhältnisse annahm und ihm bald Anhänger durch ganz Deutschland verschaffte. In glücklicher Ehe, in günstigen äußeren Verhältnissen, friedliebend und vorsichtig, von ruhigem Gleichgewicht und zarter Empfindung, ein liebevolles, bescheidenes Gemüt, war er vorzugsweise gemacht, Ratgeber und Vertrauter bedrängter Herzen zu werden. Zumal auf weibliche Naturen übte der feine, gutherzige, würdevolle Mann eine sehr große Anziehungskraft. Er richtete in einer Privatwohnung Versammlungen frommer Christen ein, die vielbesprochene Collegia pietatis , in denen Bücher der Heiligen Schrift erklärt und von den Männern besprochen wurden; die Frauen hörten in besonderem Raum schweigend zu. Als er diese Vorträge später in die Kirche verlegen mußte, verloren sie für Eifrige die Anziehungskraft, welche das Stille, Gewählte der geschlossenen Gesellschaft ausgeübt hatte, es entstanden Parteien, ein Teil seiner Schüler trennte sich von der Kirchengemeinde. Er selbst wurde nach zwanzigjähriger Tätigkeit von Frankfurt nach Dresden, bald darauf nach Berlin gerufen. Spener selbst war allem Sektiererwesen abhold, schon die Mystik Joh. Arndts, noch mehr die von Jacob Böhme stieß ihn innerlich ab; er mißbilligte, wenn einzelne seiner Freunde die Gemeinschaft der Kirche verließen, er kämpfte durch sein ganzes Leben gegen die Feinde, welche ihn aus der Kirche herausdrängen wollten, und in der letzten Hälfte seines Lebens einen stillen Kampf gegen die eigenen Anhänger, welche die Dogmen der Kirche öffentlich mit Nichtachtung behandelten. Er selbst war durchaus kein Schwärmer; daß die christliche Religion eine Lehre der Liebe sei, daß man Christi Leben durch das eigene Leben nachahmen und die vergänglichen Freuden der Welt gering achten müsse, daß man nach dem Beispiel des Erlösers seinen Mitmenschen Liebe beweisen müsse, das blieb immer der edle Kern seiner Lehre. Und doch wurde schon durch einiges in seinem Wesen, ohne daß er es wollte, die Isolierung und der Separatismus begünstigt, in welchem das religiöse Leben der Pietisten im nächsten Jahrhundert verkümmern sollte. Das Gewicht, welches er auf Privaterbauung und auf das einsame Ringen der Seele nach Gott legte, und vor allem das kritische Mißtrauen, mit welchem er das Weltleben betrachtete, das mußte seine Anhänger sehr bald in einen Gegensatz zu dem Leben der Menge bringen. Bei der inneren Armut und Dürftigkeit vieler Anspruchsvollen, welche sehnsüchtig sich an ihn klammerten, konnte nicht fehlen, daß die gleichmäßige Methode zu empfinden und das Leben zu beurteilen in kurzem zur Manier wurde, welche sich in Sprache, Haltung, Tracht darstellte. Immer noch war Gott der liebevolle Vater, welcher durch die Kraft des Gebetes bestürmt und wohl bewogen werden konnte zu erhören. Aber das lebende Geschlecht hatte Resignation gelernt, und ein leises Flüstern zu Gott war an die Stelle des starken Gebetkampfes getreten, in welchem Luther seinem Herrgott »den Sack vor die Füße geworfen hatte«. Die Unerforschlichkeit der Vorsehung war durch furchtbare Lehren tief in die Seele geprägt, und die Fortschritte der Wissenschaft ließen bereits so viel von der Größe der Weltordnung ahnen, daß die Schwäche und Kleinheit des Menschen stärker betont werden mußte. Der Sünder war seinem Gott gegenüber schüchterner geworden, die naive Unbefangenheit der Reformationszeit verloren. Dafür hatte sich in dem lebenden Geschlecht die Wundersucht gesteigert; eifrig bemühte man sich, auf Umwegen hinter den Willen des Herrn zu kommen. Träume wurden gedeutet, Vorzeichen erkannt, jede schöne Empfindung der eigenen Seele, jeder schnelle Fund, welchen der kombinierende Geist machte, wurde sehnsüchtig als eine direkte Eingebung Gottes betrachtet. Es war ein volkstümlicher Glaube, zufällige Worte, welche von außen in die Seele fielen, als bedeutsam zu betrachten; dieser Glaube ward jetzt in ein System gebracht. Wie der Jütländer Steno – jener katholische Bischof zu Hannover, der Bekannte von Leibniz – plötzlich zum katholischen Fanatiker wurde, weil eine Dame aus dem Fenster einige gleichgültige Worte herunterrief, die der Vorübergehende für einen Befehl des Himmels hielt, ganz ebenso beherrschte das zufällige Wort auch den deutschen Pietisten. Der uralte Aberglaube, welcher schon im Jahre 506 auf dem Konzilium von Agde den Christen verboten wurde, kam wieder in Aufnahme: man schlug die Bibel oder das Gesangbuch auf, um aus zufälligem Wortlaut die Entscheidung bei innerer Unsicherheit zu finden – der Spruch, auf welchen der rechte Daumen traf, war der bedeutsame – ein Brauch, der noch heute fest in unserm Volk haftet und von den Gegnern schon um 1700 als »Däumeln« verhöhnt wurde. Kam von außen ein Ruf, ein Anerbieten, so war Methode, ein erstesmal abzulehnen; wiederholte sich die Aufforderung, dann rief der Herr. Es ist leicht einzusehen, daß die gläubige Seele, ohne sich dessen bewußt zu werden, bereits in der Form der ersten Ablehnung einer stillen Neigung des Herzens folgen konnte, welches heimlich ein Ja oder Nein empfahl. Daß in einer zügellosen Zeit auch die Reaktion der Besseren gegen das Gemeine und Wilde das Maß überschreitet, ist natürlich. Nach dem Krieg war ein wahnsinniger Kleiderluxus eingetreten, schamlos liebten die Frauen ihre Reize zu zeigen, frivol waren auch die Tänze, roh die Trinkgelage, die Komödien und Romane oft nur eine Sammlung von Unsauberkeiten. Da war natürlich, daß solche, die sich ärgerten, einfache, dunkle, verhüllende Gewänder wählten, und daß die Frauen sich nonnenhaft von Tanz und Lustbarkeiten zurückzogen, das Weintrinken in Verruf kam, die Komödie nicht besucht wurde und jeder Tanz für eine gefährliche Frivolität galt. Aber der Eifer ging noch weiter. Auch die laute fröhliche Unterhaltung erschien bedenklich, die Menschenseele sollte immer beweisen, daß sie die vergänglichen Freuden der Welt gering achte. Selbst das harmloseste, was die Natur dem offenen Sinn des Menschen entgegentrug, ihre lachenden Blüten, das Singen der Vögel, das durfte nur mit Vorsicht bewundert werden, es galt für unerlaubt, wenigstens am Sonntag, Blumen zu pflücken oder sie gar an Brust und Haar zu stecken. Daß auch ehrenwerte Leistungen der schönen Künste vor solcher Richtung wenig Gnade fanden, ist natürlich. Malerei und weltliche Musik wurden ebenso gering geachtet, als die Arbeiten der Dichter, in denen die Sorgen einer irdischen Liebe anschaulich dargestellt wurden. Man sollte die Welt nicht dem Erlöser gleichstellen. Die nicht »der Pietät« folgten, lebten in »Gleichstellung der Welt«. Wer sich in solcher Weise gegen die Mehrzahl der Menschen abschließt, der mag sich selbst täglich sagen, daß er in Demut und Resignation seinem Gott lebe, er wird nur selten geistlichen Hochmut von sich fernhalten. Es war natürlich, daß die »Stillen im Land«, wie sie sich schon früh selbst nannten, ihr Leben für das bessere und würdigere hielten, aber es war ebenso natürlich, daß sich dabei eine geheime Eitelkeit und selbstgefälliges Wesen großzog. Sie hatten so oft den Versuchungen der Welt widerstanden, sie hatten so oft große und kleine Opfer gebracht, dafür erleuchtete sie die Gnade des Herrn, sie waren seine Auserwählten. Ja, ihr Glaube war menschenfreundlich, Christenpflicht üben, andern Gutes tun in der Wüste des Lebens, wie jener Samariter dem Reisenden. Aber es war doch natürlich, daß sie Teilnahme und Wohlwollen zumeist solchen zuwandten, welche dieselbe Glaubensrichtung hatten. Und ihr Zusammenhang wurde durch mehrere Umstände merkwürdig fest. Es waren zuerst nicht vorzugsweise gelehrte Geistliche, welche der Pietät anhingen, im Gegenteil die große Mehrheit der Theologen stand bis etwa um 1700 vom orthodoxen Standpunkt gegen sie in Waffen. Sie aber lebten mehr dem Evangelium als dem Gesetz, sie suchten sorgfältig den Schein zu vermeiden, als dürfe der Prediger eine Herrschaft über das Gewissen der Gemeinde ausüben. Das fesselte vorzugsweise die Laien, strenge Geister und warme Herzen aus allen Ständen, Gelehrte, Beamte, Bürger, und wieder nicht wenige Vornehme, auch vom hohen Adel, vor allem aber die Frauen. Zum erstenmal seit der deutschen Urzeit – eine kurze Periode des ritterlichen Frauendienstes ausgenommen – wurden die deutschen Frauen über den Kreis der Familie und des Hauses herausgeführt, zum erstenmal nahmen sie selbsttätig als Mitglieder einer großen Gesellschaft teil an den höchsten Interessen der Menschheit. Gern wurde von den frommen Theologen der Pietät hervorgehoben, daß sich in ihren Gemeinden fast mehr Frauen als Männer befanden, wie fleißig und eifrig die Frauen alle Übungen der Gottseligkeit durchmachten, daß die Frauen schon am Kreuz stehengeblieben waren, als die Apostel alle davonliefen. Ihr inneres Leben, ihr Kampf mit der Welt; ihr Ringen nach Christi Liebe und Erleuchtung von oben wurde von den Vertrauten mit herzlicher Teilnahme beobachtet, sie fanden treue Berater, liebevolle Freunde unter feinfühlenden und ehrenwerten Männern. Die neue Auffassung des Glaubens, welche viel weniger die Buchgelehrsamkeit betonte als die Empfindung eines reinen Herzens, mußte gerade auf sie wie ein Zauber wirken. Auch das Stille, Abschließende, Aristokratische der Richtung zog sie mächtig an, ja ihre größere Weichheit, die Energie ihrer unmittelbaren Empfindung und ein reizbares nervöses Leben machte sie besonders geeignet, Rührung, Begeisterung und die wunderbaren Einwirkungen der Gottheit zu empfinden. Schon war die geniale Anna Maria von Schurmann zu Utrecht, wohl das gelehrteste aller Mädchen, lange Zeit die Bewunderung der Reisenden, durch Jean Labadie von der Kirche gelöst worden, und das fromme und liebenswürdige Herz hatte (1670) alle ihre Schriften – die doch nichts Unchristliches enthielten – in heiligem Eifer widerrufen. Wie sie, suchten auch andere Frauen ihr Priestertum vor dem Volk zu vertreten, mehrere der frommen Theologen durften sich starker Gattinnen rühmen, welche an ihrer Seite beteten, trösteten, sie selbst bei Widerwärtigkeiten im Glauben stärkten und wie sie teil an den Erleuchtungen hatten. So kam es, daß Frauen aus allen Ständen die eifrigsten Parteigänger der Pietät wurden. Kaum eine erlauchte oder reiche Familie, welche nicht unter den Damen ihres Hauses eine Fromme zählte und durch das gehaltene Wesen und die moralischen Ermahnungen derselben zuerst geärgert, allmählich beeinflußt wurde. Gerade für solche vornehme Frauen hatte es einen großen Reiz, den Talenten ihrer Gemeinde Protektion zu gewähren. Sie wurden die eifrigsten Gönnerinnen, unermüdliche Proselytenmacher, zuverlässige Vertraute und Helfer bei Bedrängnissen anderer. Während sie aber für die Interessen ihres Glaubens arbeiteten, erfuhr auch ihr eigenes Leben manche Einwirkung. Sie kamen in Verbindung mit Männern aus verschiedenen Ständen, sie gewöhnten sich mit den Abwesenden zu korrespondieren, sie lernten sich über Geheimnisse des Herzens, über zarte Empfindungen der Seele aussprechen. Geschah das oft in den banalen Ausdrücken der Gemeinde, es war doch für viele eine Vertiefung des innern Lebens. Ja, es wurde dadurch einiges Neue herausgebildet in dem Gemüt des Volkes. Die Gewöhnung, über die eigenen Zustände zu reflektieren, auch noch bei starker innerer Bewegung sich selbst zu beobachten, war der deutschen Seele etwas ganz Neues. Oft rührt uns die kindliche Freude, mit welcher jene Frommen die Prozesse ihrer geistigen Tätigkeit, die Regungen ihres Herzens beobachten. Vieles ist ihnen erstaunlich und überraschend, was wir bei größerer Gewandtheit, das Leben in uns und andern zu beobachten, nur gewöhnlich finden. Jeder Kreis von Vorstellungen, welche schnell zu einem Bild, einem Gedanken, einer Idee zusammenschießen, jedes schnelle Aufblitzen eines Gefühls, dessen leitende Fäden sie nicht übersehen, erscheint ihnen wunderbar. Der Bibelspruch, dessen Sinn sie nach längerem Grübeln verstehen, »wird ihnen aufgeschlossen«. Ihre Traumbilder, welche bei der emsigen Beschäftigung mit der Schrift häufig biblische Gestalten zeigen, werden von ihnen nach dem Erwachen sorglich in verständigen Zusammenhang gebracht und ohne daß sie sich der erfindenden Zutat bewußt werden, zu einer kleinen Dichtung abgerundet. Ihre lyrischen Stimmungen formen auch die Tagebücher um, welche bis dahin in der Regel nur ein Verzeichnis der zufälligen Vorfälle gewesen waren, die vertrauten Blätter werden von jetzt mit unbehilflichen Versuchen, durch prächtige Worte ein leidenschaftliches Gefühl auszudrücken, und mit Betrachtungen über das eigene Herz gefüllt. Wenn eine Pietistin kurz nach 1700 schreibt: »Es waren so viele tiefe Gedanken in meinem Herzen, daß ich's nicht ausdrücken kann«, oder »Ich hatte große Empfindungen über diese Gedanken«, so klingt dergleichen für uns wie eine Äußerung der jüngstvergangenen Zeit, etwa von Bettina Arnim, welche allerdings in mancher Hinsicht ein Nachklang jener erregten Frauen ist, die einst am Main unter Speners Leitung beteten. Aus dem Leben drang dieselbe Fertigkeit einer staunenden Selbstbetrachtung in die Poesie: die Lyrik, später auch die Romane. Ferner begann mit dem Pietismus in Deutschland auch ein neuer gesellschaftlicher Verkehr. Selten war den Häuptern der frommen Gemeinden ein ruhiges Leben beschieden, sie wurden hin und her versetzt, verjagt, umhergetrieben. Die Jüngeren, welche Lehre, Trost, Erleuchtung suchten, taten deshalb Reisen oft in entfernte Landschaften. Überall fanden sie verwandte Seelen, Gönner, Bekannte, oft gute Aufnahmen und Protektion auch von Fremden. Wer nicht selbst reiste, liebte doch an Geistesverwandte über seine Stimmungen, über Versuchung und Erleuchtung zu schreiben. Auch das war neu. Solche Briefe wurden herumgetragen, abgeschrieben, weit verschickt. Es war der Anfang des Briefkultus. So entstand ein stiller Zusammenhang der frommen Seelen durch ganz Deutschland, eine neue menschliche Verbindung, welche zuerst die Vorurteile des Standes durchbrach, die Frauen zu angesehenen Mitgliedern einer geistigen Genossenschaft machte, ein Verkehr, dessen Hauptinteresse das innere Leben der einzelnen war. Und dieses gesellschaftliche Treiben der Frommen aus der Zeit von Spener hat noch hundert Jahre später Form und Methode des Verkehrs der schönen Seelen bestimmt; ja das menschliche Verhältnis unserer großen Dichter zu deutschen Fürsten und vornehmen Frauen ist vielleicht nur möglich geworden, weil die Stillen im Lande in ähnlicher Weise an den Höfen gelebt haben. Auch die Methode blieb dieselbe, die Besuche der Reisenden, die Briefe, die stillen Gemeinden der Feinfühlenden. Und die Empfindsamkeit der Wertherperiode ist nur eine Stieftochter von der Gefühlsseligkeit des alten Pietismus. Auch die segensreiche Einwirkung, welche die Pietisten auf Sitte und Zucht des Volkes ausübten, ist nicht niedrig anzuschlagen; sie wurde allerdings dadurch beeinträchtigt, daß sie sehr geneigt waren, sich von der Menge abzuschließen. Überall aber, wo die Tätigkeit, welche Spener als Seelsorger geübt hatte, Nachahmung fand, vollends wo der Pietismus in der Landeskirche zur Anerkennung kam, wurde das praktische Christentum der neuen Lehre erkennbar. Wie Spener brachten seine Nachfolger die Kinderlehren in Ansehen, gern benutzten sie diese Stunden, wo die jungen Seelen der Gemeinde und die Herzen der Älteren sich ihnen aufschlossen, um bedeutsame Tagesereignisse zu beurteilen und praktische Anwendungen ihrer Lehre zu machen. Sie waren es, welche zuerst nach dem verwüstenden Krieg mit warmem Herzen für die Volksschulen sorgten, auf sie müssen die ersten Anfänge einer geordneten städtischen Armenpflege in größeren Städten zurückgeführt werden. Es ist bekannt, wie die deutschen Waisenhäuser durch sie eingerichtet wurden; dem Beispiel Franckes in Halle folgte man in vielen andern Städten, die großen Institute wurden von den Zeitgenossen wie ein Wunder angestaunt. Und für alle Zeit soll unser Volk mit besonderem Interesse auf diese Stiftungen unserer frommen Vorfahren sehen. Denn sie sind die ersten gemeinnützigen Unternehmungen, welche durch freie Privatbeiträge einzelner aus ganz Deutschland gegründet wurden. Zum erstenmal wurde durch sie dem Volk in das Bewußtsein gebracht, wie Großes durch das Zusammenwirken vieler Kleinen geschaffen werden könne. Daß diese Erfahrung dem Volk damals wie ein Märchen erschien, ist nicht auffallend, wenn man erwägt, daß durch die Stillen in den Jahrzehnten vor und nach 1700 aus den Ländern deutscher Zunge weit mehr als eine Million Taler für Waisenhäuser und ähnliche wohltätige Institute zusammengebracht worden sein muß – allerdings nicht nur aus Privatkassen –; aber in dem armen noch dünn bevölkerten Land haben solche Summen eine Bedeutung. So bereitete der Pietismus nach vielen Richtungen große Fortschritte vor, und das Beste, was er seinen Gläubigern bot, eine Steigerung des Pflichtgefühls und eine größere Innigkeit der Empfindung, das ging aus den stillen Gemeinden auch in die Seelen von vielen tausend Weltkindern über; er trug kaum weniger als die Wissenschaft der beginnenden Aufklärungsperiode dazu bei, das wilde und rohe Treiben, welches in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts überall abstößt, zu mildern und dem Familienleben der Deutschen wenigstens in den Städten größere Einfachheit, Ordnung und Zucht zu geben. Die Familien, aus denen unsere großen Gelehrten und Dichter herausgewachsen sind, das Vaterhaus von Goethe, Schiller und Kant, zeigen die Einwirkungen, welche die Pietät auf die letzten Generationen der Vorfahren ausgeübt hatte. Daß viele der Pietisten sich schnell in Wunderlichkeiten und auf gefährlichen Abwegen verlieren mußten, ist freilich begreiflich. Es war natürlich, daß denen, welche nach inneren Kämpfen und langem Ringen die Kraft zu einem gottseligen Leben gewonnen hatten, die Erhebung des sündigen Menschen zur Hauptsache wurde; und da man überall sehnsüchtig eine direkte Einwirkung Gottes auf das eigene Leben suchte, so lag nahe, auch diese Erweckung einer besondern Begnadigung des Herrn zuzuschreiben und den Moment, in welchem die Erleuchtung und Heiligung des eigenen Wesens durch Offenbarung des Göttlichen stattfand, angstvoll zu erflehen, und wenn nach starker Spannung der Seele die Exaltation eintrat, diese als den Anfang eines neuen gottbegnadigten Lebens zu betrachten. Auch Luther hatte nach der Erleuchtung gerungen, auch er hatte das Entzücken der Erhebung, innern Frieden, Ruhe, Klarheit, Gefühl der Überlegenheit über die Welt empfunden. Aber es war bei ihm und den Kräftigen seiner Zeitgenossen ein immerwährender Kampf und ein häufig wiederholter Sieg gewesen, ein gemütlicher starker Prozeß, der ihm selbst zwar zuweilen wundervoll erschien, der aber bei seiner gesunden kräftigen Natur nichts Kränkliches hatte und dessen besondere Formen, die Kämpfe mit dem Teufel, nur die natürliche Folge des naiven und treuherzigen Volksglaubens waren, welcher die alten Hausgeister und Kobolde unserer heidnischen Ahnen in christliche Engel und Teufel verwandelt hatte. Die neuen Frommen dagegen lebten in einer Zeit, in welcher das Leben der Natur und des Menschen bereits viel verständiger nach Ursache und Wirkung aufgefaßt wurde, wo eine Menge von wissenschaftlichen Vorstellungen populär war, wo ein praktischer weltlicher Sinn, der sich wenig Illusionen machte, überwog, wo Begeisterung und große Ideen selten das Menschenherz erhoben. Schon lagen die Anfänge des Nationalismus in den Seelen der Zeitgenossen. In solcher Zeit war die Wiedergeburt, der Moment der Erweckung keine Stimmung, welche leicht kam, kein Zustand, in den man sich bei gesundem Nervenleben ohne eine gewisse Gewaltsamkeit versetzen konnte. Man mußte lange darauf warten, sich angestrengt vorbereiten, Körper und Seele dazu forcieren; mit einer Selbstbeschaulichkeit, in der schon etwas Ungesundes lag, belauerte man ängstlich die eigene Seele, ob der Moment nahe sei, ob man die Erweckung habe. Und dieser Moment der Erweckung selbst sollte ein durchaus von aller andern menschlichen Stimmung verschiedener sein. Um die Überzeugung hervorzubringen, daß er gekommen sei, reichte den meisten Naturen auch nicht mehr die Stimmung aus, welche die kräftigen Reformatoren nach schweren Gewissenskämpfen beglückt hatte und welche zu allen Zeiten auf dem Menschenantlitz wie ein Abglanz des Göttlichen ruhen wird: der Friede und die Heiterkeit, wie sie nach starker schöpferischer Arbeit des Geistes, nach dem siegreichen Ende eines Kampfes zwischen Pflicht und Neigung kommen. Jener Durchbruch der Gnade bei den Pietisten war wenigstens häufig von Entzückungen, Visionen und ähnlichen pathologischen Erscheinungen begleitet, welche zu keiner Zeit gefehlt haben, die man aber damals als die höchsten Momente des Erdenlebens mit Leidenschaft aufsuchte, mit Bewunderung berichtete. Es sollte in kurzem klar werden, daß gerade die Erweckung die Klippe war, an welcher der Pietismus zugrunde ging. Auch die Lektüre der Schrift mußte bei solcher Richtung allerlei besondere Gefahren bereiten. Wer die heiligen Bücher deutete und die Überzeugung hatte, daß Gott ihn mit direkten Einwirkungen begnadigte, der war in der unglücklichen Lage, jeden zufälligen Einfall, der ihm bei einer Stelle kam, für eine unfehlbare Offenbarung zu halten. Nun machte aber die Sehnsucht der schwachen Zeit nach besseren Zuständen und die besondere Neigung der Frommen nach Erleuchtung die prophetischen Bücher des Alten und Neuen Testaments besonders lockend. So kam es, daß die Pietisten aus ihnen eine Menge von Enthüllungen und Prophezeiungen herauslasen. Es ist fast zufällig und nicht von Wichtigkeit, zu welchen Resultaten sie gerade kamen. Die Beschäftigung aber mit den dunkleren Stellen der Propheten und vollends mit der Offenbarung Johannes, welche noch Luther eine Zeitlang vertraulich für ein verworrenes und unangenehmes Buch erklärt hatte, trug nicht dazu bei, ihr Urteil klarer und ihre wissenschaftliche Bildung tüchtiger zu machen, denn noch hatte ihre Zeit den Schlüssel zum Verständnis dieser Aufzeichnungen nicht gefunden. Dazu kam, daß die Sprachkenntnisse auch der Gelehrten in der Regel ungenügend waren, obgleich nach dem Vorbild der Schurmann bereits hier und da ein frommes Fräulein Hebräisch lernte. Nicht lange, und der Mehrzahl erschien alle weltliche Wissenschaft unnütz und schädlich. So drohten dem Pietismus sofort nach seinem Aufkommen in Deutschland große Gefahren. Aber das Leben der älteren Pietisten, welche von Frankfurt aus sich über Deutschland verbreiteten, ist doch noch einfacher und harmloser, als das spätere Treiben zu Halle und unter den Separatisten des achtzehnten Jahrhunderts. Uns sind zwei Selbstbiographien frommer Seelen aus der Schule Speners erhalten, welche auch andere Richtungen des deutschen Lebens gut beleuchteten. Beide gehören zusammen, es ist Mann und Frau, welche sie uns hinterlassen haben, gutherzige Menschen von warmem Gemüt, einiger Gelehrsamkeit und nicht vorzugsweise kräftigem Gefüge des Geistes, der Theologe Johann Wilhelm Petersen und seine Gattin Johanna Eleonore geb. von Merlau. Nachdem die Gatten sich nicht ohne einen angenehmen Wink Gottes ehelich verbunden hatten, führten sie miteinander ein geistliches Leben; einträchtig, wie ein Vogelpaar, flatterten sie durch Anfechtungen und Beschwerden dieses Erdentales. Gemeinsam kamen ihnen die himmlischen Tröstungen und Offenbarungen, oft mußten sie von einem Zweig auf den andern fliegen, weil das Lied, welches sie zusammen eingeübt hatten, der Welt für schwärmerisch galt. Bei den Besten unter den Stillen aber blieben sie bis an ihr Lebensende in Ansehen, zuverlässig wegen ihrer Herzensgüte, welche auch durch die fromme Eitelkeit nicht erstickt wurde. Der Mann, von Haus eine fleißige und pflichtgetreue Natur mit poetischer Empfindung und dem Bedürfnis sich anzulehnen, von nicht unbedeutender philologischer Bildung, wird offenbar durch die entschlossenere Frau, welcher ihr »weltlicher Adelsstand« auch unter den Frommen Ansehen gibt, sehr beeinflußt. Erst seit seiner Verheiratung ist unruhige Erregung, zuweilen eine Maßlosigkeit des Eifers in ihm sichtbar. Die Frau aber, einige Jahre älter als er, hatte einst an kleinem Fürstenhof ihre strenge Frömmigkeit im Kampf gegen das Kavalierleben herausgebildet; man darf aus ihrer Biographie schließen, daß sie nicht frei von Ehrgeiz und Herrschsucht und nicht ohne einen Beisatz von herber Strenge war. Ihr langer stiller Widerspruch hatte sie übereifrig gemacht, und die fromme Frau Baur von Eyseneck, bei welcher sie später in Frankfurt lebte, gehörte ebenfalls zu den enthusiastischen Gemeindegliedern, welche Konventikel hielten und ihrem Seelsorger Spener deshalb Kummer machten. So ist anzunehmen, daß vorzugsweise der Einfluß der Frau den Gatten auf dem Weg forttrieb, der ihn zuletzt aus seinem Amt entfernte und als Schwärmer und Chiliasten in Verruf brachte. Aber durch den Haß der Orthodoxen ist beiden Unrecht geschehen, sie waren ehrlich, auch da, wo sie Auffallendes verkündeten. Hier werden zuerst die Jugendjahre der Frau, dann einige hierher gehörige Züge aus dem Leben des Mannes mit ihren eigenen Worten berichtet. Johanna Eleonore Petersen, geb. von und zu Merlau (geboren 1644, den 25. April), erzählt von sich folgendes: Die Furcht des Herrn hat mich bewahret und seine Güte und Treue hat mich geleitet. Den Trieb seines guten Geistes habe ich von zarter Kindheit an empfunden, aber demselben guten Geist aus Unwissenheit oft widerstrebt. Ich habe ihm in meinem weltlichen Adelstand große Hindernisse bereitet, weil ich ihm die Welt gleichstellte, bis mir das Verständnis kam und bis das heilbringende Wort eine kräftige Überzeugung in mir gewirkt hat. Denn als ich ungefähr vier Jahr alt war, traf es sich, daß meine lieben Eltern, welche der Kriegsunruhe wegen in Frankfurt gewohnt hatten, wieder aufs Land zogen, weil überall Friede war. Sie hatten schon vieles aufs Land bringen lassen, und die selige Mutter war mit mir und meinen beiden Schwestern auf einem Gut bei Hettersheim, Philippseck genannt, und besorgte nichts Übles. Da kam das Dienstvolk und berichtete, wie ein ganzer Trupp Reiter käme, worauf denn jeder geschwind das Seine auf die Seite brachte und die selige Mutter mit drei kleinen Kindern allein ließ, von denen das älteste sieben, ich vier Jahre und das dritte an der Brust war. Da nahm die selige Mutter das jüngste an die Brust, uns beide an die Hand und ging ohne Magd nach Frankfurt, welches eine große halbe Meile entfernt war. Es war aber im Sommer, die Frucht stand auf dem Felde, und man konnte den Schall der Soldaten hören, welche etwa einen Pistolenschuß von uns marschierten. Da wurde der seligen Mutter sehr bange und ermahnte uns zum Gebet. Als wir aber zum äußeren Schlage der Stadt kamen, wo wir in Sicherheit waren, setzte sich die selige Mutter mit uns nieder und vermahnte, dem höchsten Gott zu danken, der uns behütet. Da sprach meine älteste Schwester, die drei Jahre älter war als ich: »Warum sollen wir jetzt beten? Jetzt können sie ja nicht mehr zu uns kommen.« Da habe ich in meinem Herzen einen rechten Schmerz über diese Rede gehabt, daß sie Gott nicht danken wollte oder meinte, daß es nun nicht nötig wäre. Das verwies ich ihr mit brünstiger Liebe gegen den Herrn, dem ich von Herzen dankte. – Item, als ich beredet wurde, daß die Bademutter die Kinder aus dem Himmel holte, habe ich großes Verlangen gehabt mit der Bademutter zu reden, habe ihr anbefohlen, den Herrn Jesum herzlich zu grüßen und von ihr zu wissen begehrt, ob der liebste Heiland mich auch lieb hätte. Das waren die ersten Kinderbewegungen, deren ich mich noch genau erinnern kann. Als ich in das neunte Jahr ging, wurden wir mutterlose Waisen und erging es uns nicht zum besten. Denn der Vater hielt sich fünf Meilen von unserm Gut bei Hofe auf und nahm zu uns Kindern eine Schulmeisterwitwe ins Haus. Diese hatte ihre eigenen Kinder im Flecken und wandte ihnen zu, was uns gebührt hätte, ließ es uns aber fehlen, so daß wir oft gern nahmen, was andere nicht mochten. Auch geschah es durch ihre Praktiken, daß sie uns oft bei Abendzeit im Hause allein ließ. Dann kamen gewisse Leute, die sich in weiße Hemden gekleidet, ihre Gesichter mit Honig bestrichen und Mehl hineingestreut hatten; sie gingen mit Lichtern im Hause herum, brachen Kisten und Kasten auf und nahmen daraus, was sie wollten. Darüber bekamen wir solche Furcht, daß wir uns zusammen hinter den Ofen setzten und vor Angst schwitzten. Solches geschah so lange, bis das Haus sehr ausgeräumt wurde. Weil aber der Vater sehr hart gegen uns war, hatten wir nicht das Herz etwas zu klagen, wir waren nur froh, wenn er wieder fortgereist war und litten das Unwesen so lange, bis einst der von Praunheim, der nunmehr meine Schwester hat, uns besuchte, welcher damals noch sehr jung war. Dem klagten wir unsere Not, und er nahm sich vor, im Hause verborgen zu bleiben bis an den Abend und zu sehen, ob das Gespenst wiederkommen wollte. Als es nun kam und gleich nach dem Schrank ging ihn aufzubrechen, da sprang er hervor und wurde gewahr, daß es Leute aus dem Flecken waren, Söhne eines Wagners, welche gute Bekanntschaft mit der Witwe hatten, die uns behüten sollte. Aber weil er allein war, sprangen sie davon und wollten's nicht zugeben, daß sie es gewesen wären. Doch kam das Gespenst nicht wieder, und wir erhielten auch vieles zurück, was sie auf den Boden über die Küche geschleppt hatten. Diese Witwe schaffte der selige Vater ab und wurde ihm eine Kapitänsfrau vorgeschlagen, welche in der Haushaltung und andern Geschicklichkeiten berühmt war; da meinte der selige Vater uns gar wohl versorgt zu haben, aber es war eine unchristliche Frau, die ihre Soldatenstücke noch nicht vergessen hatte. Denn als sie einst eine Menge fremder kalekutischer Hühner auf dem Wege sah, ließ sie dieselben ins Haus treiben, griff das beste, und die andern ließ sie wieder fortjagen. Zu diesem ihrem gestohlenen Braten wollte sie trockenes Holz haben und schickte mich, um solches zu erlangen, auf einen hohen Turm, der fünf Stockwerk hoch und viereckig gebaut war. Dort war unter dem Dach ein Taubenhaus gewesen, wo lose dürre Bretter lagen, von diesen Brettern sollte ich ihr holen. Und als ich einige heruntergeworfen hatte und eins abreißen wollte, das noch an einer Stelle fest war, schlug ich zurück, fiel zwei Stockwerke hoch hinab und kam an eine Treppe zu liegen; hätte ich mich umgewendet, so wäre ich noch zwei Stockwerke tief gefallen. Ich lag aber etwa eine halbe Stunde in Ohnmacht, und als ich wieder zu mir selbst kam, wußte ich im Anfang nicht, wie ich dorthin gekommen, stand auf und fühlte, daß ich sehr matt war, ging die Stiege hinunter und legte mich in das Bett, das in einem Gemach desselben Turmes stand, auf welchem der selige Vater zu schlafen pflegte, wenn er zu Hause war. Dort schlief ich etliche Stunden, und hernach stand ich auf und war frisch und gesund. Es war aber während der Zeit keine Nachfrage nach mir geschehen, und als ich sagte, daß ich gefallen wäre, bekam ich Scheltworte, warum ich mich nicht vorgesehen. Ich ging aber auf die Seite und wollte nicht von dem gestohlenen Braten essen; es erschien mir als eine rechte Schmach, und ich hatte doch nicht das Herz, etwas zu sagen. Als ich nun in das elfte Jahr ging, wurde meine selige Schwester, die drei Jahre älter war, zum Pastor geschickt, daß sie wegen des heiligen Abendmahls unterrichtet werden sollte. Da bekam ich solche Lust und wollte gern mitgehen, der selige Vater aber wollte mich nicht dazu lassen, weil ich kürzlich erst zehn Jahr alt geworden. Ich aber hielt so lange an, bis der Vater darein willigte, wenn der Herr Pastor mich für tüchtig halten würde. Dieser kriegte mich vor und fragte mich nicht allein nach den Worten, sondern auch nach dem Verstand der Worte. Da gab mir Gott solche Gnade in den Antworten, daß der Herr Pastor vergnügt war und mich zuließ. Etliche Zeit danach kam meine Schwester nach Stuttgart, und ich mußte die Haushaltung über mich nehmen und von allem Rechenschaft geben, was mir sehr schwer war, weil der selige Vater, sooft er nach Hause kam, mir sehr hart begegnete, und alles, was zerbrochen oder sonst nicht recht nach seinem Sinne war, von mir forderte, und mich oft, wenn ich unschuldig war, hart strafte. Darüber bekam ich solche knechtische Furcht, daß ich zusammenfuhr, wo ich nur eine Stimme hörte, die der Stimme meines Vaters ähnlich war. Darüber habe ich manchen Seufzer zu meinem Gott geschickt; aber wenn er wieder weg war, wurde ich gutes Muts, sang und sprang und war sehr fröhlichen Geistes. Dabei hatte ich aber einen rechten Ekel vor allem, was nicht sittsam oder kindlich war, mochte auch nichts mit dem Hochzeit- oder Kindtaufspielen der Mädchen und dergleichen zu tun haben, denn ich schämte mich davor. Mit zwölf Jahren wurde ich an den Hof getan, zu der Gräfin von Solms-Rödelheim. Diese hatte es in den sechs Wochen bekommen, daß sie bisweilen nicht recht bei Sinnen war. Damals aber ging es noch ziemlich mit ihr. Als sie aber bald darauf entbunden wurde und zwei Kinder zugleich bekam, einen jungen Herrn und ein Fräulein, wurde es von Tag zu Tag schlechter mit ihr, so daß sie mich öfter für ihren Hund ansah, welcher ein kleines Löwenhündchen war, und mit seinem Namen nannte und mich schlug wie ihn. Auch geschah es oft, daß wir auf dem Wasser fuhren, denn in Winterszeit sind die Wiesen zwischen Frankfurt und Rödelheim ganz mit Wasser überlaufen, so daß das Wasser in die Kutschen ging; da fuhren die Kutschen ledig, wir aber auf einem Kahn, bis wir wieder am Ende des Wassers einstiegen. Wenn wir so fuhren, hat sie mich oft ins Wasser stürzen wollen, ich sollte als ihr Hündchen schwimmen, aber der Höchste hat mich bewahrt. Einmal wurde ich gewahr, daß sie aus ihrem Schrank ein Messer mit einer Scheide zu sich steckte; ich sagte es der Kammermagd, welche schon etwas ältlich war, diese aber wollte mir kein Gehör geben und meinte, die Gräfin hätte kein Messer, es wäre Kinderei von mir. Es ging aber aus der Gräfin Schlafkammer eine Tür in unsere Kammer und eine andere Tür in des Grafen Gemach. Als es nun Nacht war, wollte ich mich nicht niederlegen, weil mir das Messer im Sinn lag, die Kammerfrau aber zürnte mit mir und drohte dem Grafen zu sagen, daß ich mich so kindisch stellte, doch legte ich mich nur mit den Kleidern aufs Bett. In der Nacht aber hörte ich einen Tumult, ich weckte alle auf und stieg aus dem Bett. Da hörten sie den Grafen aus der Kammer laufen, und sofort kam die Gräfin und hatte das Nachtlicht und das bloße Messer in der Hand. Als sie uns nun alle wach sah, erschrak sie und ließ das Messer fallen; da sprang ich zu, als wollt' ich ihr das Messer langen, lief aber damit zur Tür hinaus und im Dunkeln die Treppe hinab. Als ich auf der Treppe war, hörte ich den Grafen rufen: »Wo ist meine Gemahlin?« Dem antwortete ich, daß ich das Messer hätte. Ich war aber so furchtsam, daß ich mich nicht wieder umzukehren traute, sondern ich ging in einen Saal, welcher der Riesensaal genannt ward und sehr unheimlich ist, da blieb ich. Die Kammerfrau aber war eine Leibeigene von der Frau Mutter der Gräfin aus Böhmen, die ging weg und kam nicht wieder; da war ich etliche Wochen ganz allein um die Gräfin, mußte sie aus- und ankleiden, was mir sehr hart ankam. Es erfuhr aber der selige Vater von andern, daß ich in solcher Gefahr war, und nahm mich da weg. Hernach kam ich etwa fünfzehn Jahre alt zu der Herzogin von Holstein, einer geborenen Landgräfin von Hessen, welche dem Herzog Philipp Ludwig aus dem Suderburgischen Hause vermählt war. Der Herzog hatte aus der ersten Ehe eine Prinzessin, welche gerade an den Kaiserlichen Kammerpräsidenten Grafen von Zinzendorf verheiratet wurde. Für diese fürstliche Braut wurde ich zur Hofjungfer angenommen, ihre Kammerjungfer war eine von Steinling, die schon an dreißig Jahre alt war. Gleich nach meiner Ankunft wurde die Reise nach Linz angetreten, wo das Beilager sein sollte. Wir fuhren auf der Donau, und es ging sehr lustig zu, die Pauken und Trompeten gaben einen schönen Ton auf dem Wasser, und überall auf der ganzen Reise wurden wir sehr herzlich empfangen auf Veranstaltung derer, die gesandt waren, die fürstliche Braut zu holen. Es kam mir auf meine vorige Angst sehr fröhlich vor, und ich hatte keine Sorge, als daß ich dachte: Wenn's nur der Seele nichts schadet, weil ich an einen papistischen Ort kam. Sooft wir nun in das Quartier kamen, suchte ich ein Gemach, wo niemand war, fiel auf meine Knie und bat, Gott möchte das alles verhindern, was mir an meiner Seligkeit schädlich sein könnte. Dies Beiseitegehen merkte das Kammermädchen der Braut, schlich mir einst nach und wollte sehen, was ich doch allein machte, da sie mich noch für sehr kindisch ansah, weil ich sehr schmal war. Als sie mich aber auf den Knien betend fand, ging sie still wieder zurück, ohne daß ich wußte, daß sie mich gesehen hatte. Aber als einst die fürstliche Braut mich fragte, ob ich auch betete, antwortete die Kammerjungfer, man dürfe keine Sorge um mich haben. Da merkte ich, daß sie mich im Gemach wahrgenommen hatte. Als wir nun nach Linz kamen, war das Beilager auf dem kaiserlichen Schlosse, und ging alles sehr prächtig zu. Am andern Tage mußte die fürstliche Braut in die Schloßkapelle gehen, da ward ein Segen über sie gesprochen und ein goldener Becher voll Wein gegeben, das nannten sie den Johannissegen, daraus mußte der Graf und sie trinken. Da geschah es, daß nach dem Beilager, als jedes wieder an seinen Ort ziehen wollte, unter der Herrschaft ein Disputat meinetwegen entstand. Der Graf von Zinzendorf nämlich sagte, er könnte nur das Kammerfräulein (wie man dort die adligen Jungfern nennt) an seine Tafel nehmen, die andern müßten mit der Hofmeisterin speisen. Das wollte der Herzog nicht zugeben, indem er sagte, daß die Hofmeisterin nur bürgerlichen Standes wäre, ich aber wäre von einem alten Hause und nicht geringer als die andere; er könnte es nicht verantworten, daß ein so großer Unterschied zwischen uns gemacht würde, ich wäre seiner Gemahlin Taufpate. Als aber das nicht helfen wollte, ward beschlossen, daß ich wieder mit der Herzogin zurückkehren sollte, und als mir auch die Ursache angesagt wurde, deuchte sie mir gar wunderlich, denn es war mein Wunsch, allein mit der Hofmeisterin zu speisen, lieber als an des Herrn Tafel. Aber ich wußte nicht, daß es die Barmherzigkeit Gottes so fügte, und daß mein armes Gebet so gnädig erhört wurde; denn nach Verlauf einiger Jahre fielen die Fürstin und alle Personen, die mit ihr gekommen waren, zur päpstlichen Religion. Damals aber war ich sehr betrübt, daß ich wieder zurücksollte, ich dachte, man könnte meinen, ich hätte mich nicht recht geschickt, auch war mir bange, wieder unter die harte Zucht des seligen Vaters zu kommen. Da der Herzog von Holstein aber Wiesenburg von Kursachsen überkommen hatte, zehn Meilen von Leipzig, eine Meile von Zwickau, und dort wohnte, da beliebte der Herzogin, mich bei sich zu behalten. Ich übte mich in allerlei Geschicklichkeiten, so daß ich sehr beliebt wurde, auch im Tanzen hatte ich vor andern den Preis, was mir die Eitelkeit lieb und angenehm machte; auch zur Kleiderpracht und dergleichen Nichtigkeiten hatte ich rechtes Belieben, weil es mir wohl anstand, und ich von jedermann gerühmt wurde. Niemals sagte mir jemand, daß es nicht recht wäre, man lobte solche Eitelkeiten an mir und hielt mich für gottselig, weil ich gern las und betete und zur Kirche ging und oft die Predigt in allen Punkten wiedererzählen konnte; ich wußte, was das vorige Jahr über denselben Text gepredigt worden. Ich ward von Geistlichen und Weltlichen für eine gottselige Jungfrau gehalten, und doch führte ich meinen Wandel noch mit weltlichen Gedanken und war in die wahre Nachfolge Christi noch nicht getreten. Da fügte es die Barmherzigkeit Gottes, daß ein Oberstleutnantssohn vom Geschlecht Brettwitz in mich verliebt wurde, und als er durch seinen Vater bei meiner Herrschaft und nachher bei meinem seligen Vater um mich ansuchte, da hieß es auf allen Seiten: ja. Er sollte ein Jahr als Kornett hinausziehen, dann sollte er die Kompanie des Vaters haben, der Oberstleutnant unter dem Kurfürsten von Sachsen war. Da er nun hinauskam in den Krieg, hörte ich oft von andern, daß sein Leben nicht gottselig, sondern nach der Welt war; da betrübte ich mich heimlich und lag auf meinem Angesicht vor Gott und flehte, daß entweder sein Gemüt oder unser Verlöbnis geändert werden möchte. Ich wußte aber nicht, daß der Höchste solches geschehen ließ, damit ich vor anderen adligen Heiraten behütet würde; denn ich war damals noch sehr jung, und es fiel manche Gelegenheit zu heiraten vor, denen allen ich durch diese Verlobung auswich, obgleich auf seiner Seite schon an manche andere gedacht worden war, da er in der Fremde sich bald hier, bald da engagiert hatte. Das währte etliche Jahre, in denen ich viele heimliche Betrübnisse hatte, welche die Freude der Welt sehr in mir dämpften. In diesen Jahren geschah eine zehnmalige Veränderung mit dem Brettwitz, daß er allemal anderen Sinnes wurde und seinen Sinn auf andere stellte; und wenn mit solchen nichts wurde, kehrte er immer wieder um und schrieb von Beständigkeit, welches ich alles dem Höchsten anheimstellte und mich mit Gott näher zu vereinigen suchte. Dabei wurde mir manche Erquickung durch die Heilige Schrift mitgeteilt, zuweilen im Schlaf durch göttliche Träume, wo ich mit solcher Kraft die Worte der Schrift redete und darüber aufwachte, daß meine Gespielin, welche ein gottseliges Herz hatte, oft sehr darüber betrübt wurde, daß sie dergleichen nicht empfing. Diese tröstete ich immer damit, daß sie mich als ein Kind ansehen sollte, welches vom Vater mit Zucker gelockt würde, sie aber wäre bewährt und hätte solche Lockungen nicht nötig. Und das ging mir von Herzen. Denn ich sah wohl, daß die Welt mich an sich zog wegen des freudigen Geistes, der in mir war, mein Gott aber zog mich durch seine Freudigkeit und Liebe wieder zu sich. Endlich kam die Person, welche sich so oft verändert hatte, nach Hause und sprach an unserm Hof vor. Da wollte ihm mein geistlicher Zustand nicht anstehen, weil er meinte, es würde sich für eine Soldatenfrau nicht schicken, so viel in der Bibel zu lesen. Er hätte gern gesehen, daß ich ihm aufgesagt hätte, weil sein Vater eine reiche Heirat in Dresden für ihn wußte, wenn er mit Manier von mir abkommen könnte, und doch wollte er nicht gern untreu genannt werden; so hätte er es gern auf mich geschoben. Aber ich blieb still und kehrte mich an gar nichts, sondern vertraute meinem himmlischen Vater, der würde es wohlmachen. Als nun einer, genannt von Fresen, mich gern gewarnt hätte, in der Meinung, ich merkte nicht, daß gedachter von Brettwitz nicht aufrichtig wäre, schrieb derselbe einen Brief an mich, denn er hatte keine Gelegenheit mit mir zu reden, da ich fast immer bei meiner Herzogin im Gemach war. Diesen Brief bekam gedachter Brettwitz in die Hände und meinte großen Beweis darin zu haben, um mich zu beschuldigen, daß ich gegen andere Affektionen hätte oder mit andern freite. Sein Vater, der damals gegenwärtig war, dachte auch, daß es eine gute Gelegenheit für sie wäre und sie jetzt mit guter Manier die reiche Heirat antreten könnten, ging zum Herzog und zeigte ihm den Brief vor, als wenn andere mit mir freiten und deshalb sein Sohn sich keine Hoffnung mit mir machen könnte, noch wollte, sondern sein Glück weiter suchen müßte. Es verdroß zuerst den Herzog, solches von mir zu hören, da ich bisher zu seiner Verwunderung alle Gelegenheiten ausgeschlagen hatte. Mich aber wollte sehr schmerzen, daß die Herrschaft solches von mir denken sollte. Als ich nun mit Tränen in mein Gemach ging, fielen mir in meinem Herzen die Worte bei: »Was ich jetzt tue, das weißt du nicht, du wirst es aber hernach erfahren.« Darauf gab ich mich zufrieden. Als nun am andern Tage der Brief recht gelesen ward, da fand sich, daß der Schreiber darin klagte, wie er nie eine Gelegenheit habe, mit mir zu reden und seine ehrliche Liebe zu offenbaren, und wie ich mich doch durch falsche Personen abhalten ließe, die Liebe anderer anzunehmen. Da wurde erkannt, daß ich unschuldig wäre, und die Brettwitze konnten so nicht loskommen. Es fragten mich aber der Herzog und die Herzogin, wie ich gesinnt wäre, es müßte jetzt entschieden werden. Da bat ich, man möchte den Brettwitz nicht dazu antreiben mich zu nehmen. Darauf sandte gedachter von Brettwitz zween Kavaliere an mich, um zu hören, wie ich gegen ihn gesinnt wäre, ob ich noch einige Zeit auf sein Glück warten wolle. Ich aber gab ihm seine Freiheit, meinetwegen sein Glück zu suchen, wo er wollte, denn ich fühlte mich nicht länger verpflichtet, mein Gemüt an solch ein untreues Herz zu wenden, das womöglich gern mich aller Untreue beschuldigt hätte. Darauf wurde ein falsches Kompliment ausgerichtet, das Mißverständnis wäre ihm leid, und es wäre dabei ausgemacht, daß er weiter keinen Anspruch an mich haben sollte. Die reiche Heirat aber ging nicht vor sich, er selbst ist auch später kontrakt geworden. So wurde ich die Last los, und ich war unterdes so stark geworden, daß andere Heiratsgedanken nicht bei mir stattfanden. Immer lag mir im Sinn, daß unter Edelleuten so große Mißbräuche wären, die dem Christentum ganz und gar zuwider sind. Erstens, daß sie zum Trinken mehr Gelegenheit haben als andere Standespersonen; zweitens, daß sie gleich um jedes unrechte und leichtsinnige Wort Leib und Seele in Gefahr setzen müssen, wenn sie nicht beschimpft sein wollen. Solche Dinge gaben mir ein sehr tiefes Nachsinnen, daß man sich einbilden darf ein Christ zu sein und doch ganz gegen die Lehre Christi leben darf; und daß ihnen nicht einmal angesonnen wird, von solchem Vornehmen abzustehen, das hat mir allen Mut benommen zu heiraten. Denn obgleich ich einige feine Gemüter kannte, die einen Abscheu gegen diese Laster hatten, so lag mir doch im Sinn, daß die Nachkommen wieder in dieselbe Gefahr gesetzt würden. Eine Mannsperson aus anderem Stand, dachte ich, dürfte ich doch nicht nehmen, weil der selige Vater sehr auf sein altes Geschlecht sah. Da gab mir Gott immer mehr Gnade. Ich wurde mit einem rechten Gottesmann in Frankfurt bekannt. Denn da meine gnädigste Herrschaft nach dem Emser Bad reiste, war ein Fremder auf dem Schiff, in dem wir nach dem Wasserbad fuhren. Er kam durch Gottes sonderbare Schickung neben mich zu sitzen und wir gerieten in einen geistlichen Diskurs, welcher etliche Stunden währte, so daß die vier Meilen von Frankfurt bis Mainz, wo er ausstieg, mir nicht eine Viertelstunde deuchten. Wir redeten ohne Aufhören zusammen, und es war nicht anders, als ob er in mein Herz sähe. Da kam alles heraus, worüber ich bis dahin noch in Zweifel gelebt. Ja, ich fand in diesem Freunde das, was ich an einem Menschen in der Welt zu finden bezweifelt hatte; lange hatte ich mich danach umgesehen, ob auch wahre Täter des Wortes sein könnten, und hatte mich daran gestoßen, daß ich keinen fand. Aber als ich an diesem gewahr wurde, daß er so große Einsicht hatte und bis auf den Grund meines Herzens sehen konnte, auch solche Demut, Sanftmut, heilige Liebe und Ernst den Weg zur Wahrheit zu lehren, da wurde ich recht getröstet und sehr gestärkt und suchte durchzubrechen Der Fremde war Spener. . Da kam eine göttliche Überzeugung in mein Herz, ich bekam immer mehr einen Abscheu vor der Welt. Und ich sprach bei mir selbst: »Soll ich mich um schnöde, vergängliche Lust der göttlichen Natur berauben? Nein, ich will mit Gottes Hilfe durchdringen, es koste, was es koste.« Ich schrieb darauf an den Freund, der mir so göttliche Gabe mitgeteilt, daß ich ihn als einen Vater liebte, ich hätte vor, mich von allen Banden der Welt loszumachen. Der aber war in Sorgen, daß ich nicht möchte stark genug sein, alles zu ertragen, was mir dabei begegnen könnte. Mir aber waren das Gleichnis von den fünf törichten Jungfrauen und andere dergleichen heilsame Örter der Heiligen Schrift immer im Herzen, sie trieben mich an, die Freuden der Welt von mir abzulegen; und doch hatte ich vor meiner Herrschaft eine Furcht, die ich nicht überwinden konnte. Da tanzte ich oft mit Tränen und wußte mir nicht zu helfen. »Ach«, dachte ich oft, »daß ich doch eines Viehhirten Tochter wäre, so würde mir nicht verdacht werden, in der einfältigen Lehre Christi zu wandeln, niemand würde auf mich achten.« Als ich aber erkannte, daß mich kein Stand entschuldigen könnte, wurde ich entschlossen, mich weder durch Tod noch Leben aufhalten zu lassen, ich ging darauf zu meiner seligen Herzogin und begehrte meine Entlassung. Diese wurde mir durchaus verweigert. Als sie aber wissen wollten, was mich dazu bewegte, sagte ich frei heraus, daß mein Wandel, wie ich ihn bei Hofe führen müßte, wider mein Gewissen stritte. Da wollte die liebe selige Herzogin mir solches aus dem Sinn reden, sah es für eine Melancholei an und sprach: »Ihr lebet ja als eine tugendsame Jungfrau und leset und betet fleißig; sehet doch die und die an, welche auch christliche Leute sind und solche Dinge mittun, es ist ja nicht verboten, wenn man nur nicht das Herz daran hängt.« Ich aber zeigte, ihr das einzige Exempel Christi und sein Wort, ich wollte andere Menschen nicht beurteilen, aber mit ihrem Exempel könnte ich mich doch nicht beruhigen. Da nun meine liebe Herzogin sah, daß ich mich nicht ändern würde, versprach sie mir alles zu erlassen, was ich wider mein Gewissen fände; ich sollte nur bei ihnen bleiben und im übrigen meine Dienste verrichten wie früher. Ich aber stellte vor, daß sie dadurch vieler Aufwartung beraubt sein würden zumal wenn Fremde kämen, wo es leicht kommen könnte, daß die andere Jungfer krank würde; dann würden sie ganz ohne Aufwartung sein, weil ich bei angestellten Fröhlichkeiten nicht gegenwärtig sein wollte, und das würde den Fremden Anlaß zum Spotten geben. Sie aber ließen sich nicht irren, sondern versprachen mir treulich, daß ich aller Aufwartung bei Eitelkeiten überhoben sein solle. Darauf sagte sie es dem Herzog; der kriegte mich hart vor und sprach, es wäre vom Teufel, ich wäre eine junge Dame, bei Hohen und Niedern beliebt, und wollte mich nun in eine solche Verachtung stürzen, daß man mich für eine Törin halten würde; was denn die Meinen dazu sagen sollten? Als nun alles Zureden nichts helfen wollte, wurden mir einige sogenannte Geistliche über den Hals geschickt, die wollten mich bereden, daß ich die Worte der Schrift nicht recht verstände. Aber ich fragte sie auf ihr Gewissen, welcher von diesen beiden Wegen der sicherste wäre; in aller Einfalt den Fußstapfen Christi nachzufolgen, oder im Genuß der weltlichen Freuden davon zu reden und eine Verehrung desselben zu bezeigen und doch anders zu tun. Da sprachen sie, das erstere wäre freilich besser, wer vermöchte aber so zu leben, wir wären alle sündige Menschen. Da sprach ich: »Mir ist befohlen, das Beste zu erwählen, um das Können und Vermögen lasse ich meinen Gott sorgen.« Da ließen sie mich gehen. Sie versuchten's aber noch auf eine andere Weise und dachten mich durch Hohn abzubringen. Denn über der fürstlichen Tafel sah oft einer den andern an und dann mich und lachten gegeneinander, auch redeten sie oft, daß den Frauenzimmern nicht zieme, so viel in der Bibel zu lesen, sie würden sonst allzu klug. Ich aber ließ sie spotten. Als das nun fast ein Jahr gewährt, und es schien, daß mich auch der Geringste am Hofe, ausgenommen etliche fromme Herzen, spöttisch behandelte, während ich es gering achtete, um Christi willen zu leiden, da wendete sich's ganz um. Und der große wunderbare Gott legte eine solche Furcht in aller Herzen, sowohl Hohen als Niedern, daß sie sich scheuten, in meiner Gegenwart etwas Unrechtes zu reden oder zu tun; ob sie sich gleich nicht vor dem Hofprediger scheuten, so war es doch in meiner Gegenwart ganz still; auch die sonst wilde Jugend stellte sich ganz still und ehrbar, wenn sie mich kommen sahen. Da dachte ich oft mit Tränen bei mir selbst: »Du wunderbarer Gott, mit welcherlei Macht habe ich's doch zuwege gebracht, daß Große und Kleine sich in meiner Gegenwart scheuen, unrecht zu tun?« Solches blähte nicht mein Herz auf, sondern zog mich zur Demut; ich zerfloß gleichsam vor meinem Gott, da ich seine Größe fühlte und sah, daß er der Fürsten Herzen lenken könnte wie Wasserbäche. In solchem Zustand bin ich noch drei Jahre am Hofe, gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich ungemeine Güte, nicht allein von der lieben Herrschaft, sondern von jedermann erfuhr; aber ich habe mich durch Gottes Gnade bewahrt, daß ich die Gnade der Hohen nicht im Überfluß annahm, noch zu etwas Zeitlichem verwendete. Als ich nun drei Jahre in aller Einfalt meinen Wandel bei Hofe geführt und alle vergnügliche Lust von mir abgelehnt hatte, wodurch nur das Fleisch und nicht der Geist erquickt wird, da geschah es, daß mein seliger Vater mich verlangte, weil die Stiefmutter im Kindbett gestorben und das Kind damals noch am Leben war; da sollte ich dem Vater die Haushaltung führen und wurde so vom Hofe abgefordert. Es hielt aber sehr hart, daß ich meine Entlassung bekam, weil meine liebe selige Herzogin mich liebte, als wenn ich ihr Kind wäre, auch mit vielen Tränen meinen Abschied beklagte, so daß mir auch nachgesandt wurde, ich möchte doch wiederkommen und nicht nachgelassen, bis ich versprach, daß, sofern ich wieder nach Hofe ginge, ich ihnen allen verbunden sein wollte. Als ich aber nach Hause kam, war unterdes das Kind gestorben, und der Vater hatte sich resolviert, Hofmeister bei der Fürstin von Philippseck zu werden. So bekam ich Freiheit, mich bei einer vornehmen gottseligen Witwe, Baurin von Eyseneck, geb. Hinsbergin, in die Kost zu begeben, deren Lebenswandel jedermann in Frankfurt bekannt gewesen ist, und ihr Ende ist im Segen. Bei ihr bin ich sechs Jahre gewesen, und wir haben uns geliebt wie ein Herz und eine Seele. In dieser Zeit hat mich der Herr in einer Wassergefahr so mächtig gestärkt, daß ich mich freute, während andere zitterten und zagten. Denn es geschah, daß ich auf dem Marktschiff von Frankfurt nach Hanau fuhr, meine Schwester zu besuchen; da waren auf dem Schiff unterschiedliche Leute, auch einige Soldaten, die mit vier unkeuschen Weibspersonen sehr grobe und unzüchtige Scherzreden führten. Ich wurde betrübt, daß die Menschen ihre Seelen so ganz vergaßen, lehnte mich an das Schiff und suchte einzuschlafen, daß ich solche Reden nicht länger hören möchte. Im Schlaf träumte mir der Spruch Psalm 14: »Der Herr schauet vom Himmel auf die Menschenkinder.« Damit erwachte ich, und schon im Wachen kam mir's vor, als ob ein großer Sturmwind das Schiff umdrehe; da erschrak ich und dachte: »Du wachst ja, wie ist dir denn zumute?« Und es war nicht eine Viertelstunde darauf, da kam ein mächtiger Wirbelwind, der das Schiff faßte. Wir waren in sehr großer Gefahr, so daß sie alle vor Angst schrien und den Namen Jesu um Hilfe anriefen, den sie zuvor in ihrem leichtfertigen Scherz oft so unnütz genannt. Da tat mir Gott meinen Mund auf, daß ich ihnen vorstellte, wie gut es sei in der Furcht des Herrn zu wandeln, und daß man in aller Not Zuflucht haben möchte. Als nun der Höchste Gnade gab, daß sich der unvorhergesehene Sturm legte, war eine von den Frauensleuten so frech, daß sie scherzweis sagte, es wäre hier auch bald gegangen, daß unser Schifflein wäre mit Wellen bedeckt worden, »aber weil ein Heiliger hier ist, sind wir bewahrt worden«, wobei sie laut lachte. Worüber ich recht eifrig wurde und sagte: »Ihr freches Frauenzimmer, denkt Ihr nicht, daß uns die Hand des Herrn noch finden könnte?« Und kaum hatte ich meinen Mund zugetan, da erhob sich der vorige Wind, und in das Schiff wurde ein Loch geschlagen, daß alle ihr Leben aufgaben. Ich aber bekam eine sehr ungewöhnliche Freude und dachte: »Soll ich nun meinen Jesum sehen; was wird hier im Wasser bleiben? Nichts anderes als das Sterbliche, das mich sooft beschwert hat; was in mir Leben gewesen, stirbt nicht usw.« Schon hatte das Schiff sehr viel Wasser, alles Zustopfen und Ausschöpfen wollte nichts helfen, auch der Sturm hielt an, daß man weder zur Rechten noch zur Linken ans Land konnte, und wir meinten schon, daß das Schiff sinken wollte: da auf einmal wurde es ganz still in der Luft, und der Schiffer drang an das Land. Da sprangen sie aus dem Schiff, und die wilden Soldaten hatte meine Worte zu Herzen genommen, nahmen genau acht auf mich, daß ich wohl an das Land kam, und dankten, daß ich ihnen zu Herzen geredet. Als ich etwa ein Jahr bei der Baurin war, hatte die liebe Herrschaft erfahren, daß der Vater mich nicht nötig hätte; also schrieb meine liebe Herzogin selbst, daß ich doch wiederkommen sollte und meine Dienste antreten, sie wollten Kutsche und Pferde schicken und mir doppelte Besoldung geben, ich sollte auch den Namen einer Hofmeisterin haben; aber ich entschuldigte mich damit, daß ich die Aufsicht über des Vaters Güter führen und oft dort gegenwärtig sein müsse. Als ich aber sechs Jahre bei der lieben Baurin zugebracht hatte, fügte es der höchste Gott, daß mein lieber Mann, welcher mich etliche Jahre zuvor in Frankfurt gesehen, einige Gedanken bekam, mich zu heiraten; er gab zu Lübeck einer gewissen Person die Kommission, mit mir zu reden, welche das erst nach einer geraumen Zeit tat, aus Mangel an Gelegenheit. Als mir aber dies ausgerichtet wurde, konnten mir gar keine Gedanken zum Heiraten in den Sinn kommen, sondern als ich mit einem Gebet vor Gott gewesen, setzte ich mich nieder und schrieb es ab und schlug eine andere sehr tüchtige Person vor. Aber mein lieber Mann ließ sich nicht irren, sondern schrieb an meinen lieben Freund und vornehmen Geistlichen und auch an meinen seligen Vater. Den Brief an diesen behielt ich im Anfang zurück, bis ich in meinem Gewissen gedrungen wurde, die ganze Sache meinem Vater zu übergeben, weil sie keinen andern Zweck hatte, als der Ehre Gottes zu dienen. Da schrieb ich ihm und sandte ihm seinen Brief und war dabei so still, als ob mich's gar nicht anginge. Alles, was in diesem Brief an meinen Vater stand, war mir unbekannt, ich dachte auch nicht, daß mein seliger Vater seine Einwilligung geben würde. Als ich aber seine Antwort bekam, worin er schrieb, er hätte viele Ursachen, mich jetzt in seinem Alter nicht so weit von sich zu lassen, und hätte sich noch nie resolvieren können, ein Kind außerhalb seinem Stand zu verheiraten, doch wüßte er nicht, wie er dem Willen Gottes widerstreben sollte: da ging es mir zu Herzen, und ich dachte, es muß von Gott sein, weil meines Vaters Herz so gegen alles Vermuten gerührt war. Er stellte die Sache in meinen Willen, was ich aber nicht annehmen wollte, sondern alles seinem Willen überließ. Mein Schwager, der von Dorfeld, Hofmeister am Hanauischen Hof, war sehr dawider, aber mein seliger Vater antwortete ihm sehr christlich Der Vater war jetzt an einem frommen Hofe angestellt, die Fürstin, welcher er aufwartete, war selbst bei der Partie als Vermittlerin tätig. ; es wäre nicht fein, daß wir in der evangelischen Religion die Geistlichen so gering achteten, da die Päpstlichen ihre Geistlichen so hoch hielten; ferner: seine Tochter schickte sich für keinen Weltmann, sie heiratete nicht in Leichtsinn aus ihrem Stand, das wäre jedermann bekannt, Gott hätte mich zu solchem Werk berufen. Damit mußten sie stille sein, und mein seliger Vater gab das Ja. Darauf reiste mein lieber Mann nach Frankfurt, und unsere Trauung geschah am 7. September 1680 durch Dr. Spener in Beisein Ihrer Durchlaucht der Fürstin von Philippseck, meines seligen Vaters und einiger vornehmen Leute, es waren ungefähr dreißig Personen, und alles ging so christlich und wohl ab, daß jedermann vergnügt war. Es konnte aber auch der Lästerteufel seine Tücke nicht lassen, sondern es verdroß seine Werkzeuge, daß die Hochzeit nicht mit Fressen, Saufen und wildem Wesen vollbracht wurde. Da erdachten sie die Lüge, der Heilige Geist hätte sich in dem Gemach, wo wir getraut wurden, in Feuergestalt sehen lassen, und wir hätten die Offenbarung Johannis ausgelegt. Solche Lügen wurden auch gegen Herrn Dr. Heiler erzählt, welcher aber selber auf unserer Hochzeit gewesen war. Als er aber widersprach und vermeldete, daß er selbst dabei gewesen, und daß es nicht anders als christlich und recht zugegangen wäre, haben sie sich ihrer Lügen schämen müssen. So weit die Gattin. Eine Ergänzung ihrer Mitteilung ist der Bericht ihres Mannes. Vorher soll auch er seine Jugendzeit und einige Erfahrungen, die er als Seelsorger gemacht, erzählen. Dr. Johann Wilhelm Petersen beginnt: Ich bin in der berühmten Stadt Osnabrück nach geschlossenem Frieden Anno 1649, den 1. Juli, zur Welt geboren, wohin mein Herr Vater seliger Georg Petersen wegen des Friedensgeschäftes von Lübeck geschickt worden war. – Da ich mit den Jahren zunahm, haben mich meine Eltern zu Lübeck in die lateinische Schule getan. Man hat mich nie zum Studieren treiben dürfen, sondern ich habe alle Stunden wohl in acht genommen und die Lichter versteckt, auf daß ich dabei studieren könnte, wenn andere schliefen; wie ich denn auch unterschiedliche Büchlein abgeschrieben habe, als ich sie gedruckt sobald nicht kriegen konnte. Vornehmlich aber habe ich mich, wie ich's an meiner Mutter sah, auf das Gebet gelegt, nachdem ich von ihr gehört, daß man durchs Gebet alles von Gott erlangen könne; weswegen ich vor dem Studieren allemal Gott angerufen habe, daß er es doch segnen möchte. Und da es mir einst an einem Buch, aber auch an Geld fehlte, dasselbe zu kaufen, so ging ich in die Marienkirche, setzte mich in die langen Stühle, die hinter dem Altar sind, und bat Gott, er möchte mir doch was bescheren, damit ich das verlangte Buch kaufen könnte. Als ich nun meine Knie gebeugt und ausgebetet hatte, lag ein Häufchen Geld auf der Bank, vor welche ich gekniet hatte; das stärkte mich sehr. Als ich aber eine Gewohnheit daraus machen und wieder durchs Gebet etwas erlangen wollte, da hab ich nichts gefunden, nach der weisen Lenkung Gottes, der uns nur dann erhört, wenn wir ohne Nebenabsicht einfältig und kindlich vor ihm erscheinen. Wenn ich aber doch einmal wegen irgend etwas bestraft werden sollte, so habe ich mich zu Gott im Gebet gewandt und manche Strafe abgebeten. Als ich nun nach Tertia kam, bin ich sehr fleißig gewesen, weshalb der Herr Konrektor mit meinem Exempel die andern beschämte und dabei sagte, daß ich es allen vortun und die Krone erlangen, und, wie er sich ausdrückte, ihnen den Sand in die Augen werfen würde. Das hat die Schüler sehr verdrossen und haben mich deswegen beneidet, in mein Buch eine Krone gemalt und dick mit grobem Sand bestreut, mit der Unterschrift: »Dies ist Petersen seine Krone und der Sand, den er uns in die Augen streuen soll.« Ich fürchtete mich zuletzt sehr, meine Lektion fertig herzusagen, obgleich ich sie wohl gelernt hatte, damit ich nicht von den übrigen Schülern geschlagen würde. Als ich nach Prima versetzt wurde, waren dort köstliche Präzeptores. Ich habe in dieser Zeit viel Karmina drucken lassen, absonderlich auf den Tod meiner herzlieben Frau Mutter, habe auch zwei lateinische Orationes von Lübecks wiedererlangtem Frieden und vom Herkules am Scheideweg gehalten. Anno 1669 reiste ich nach der Universität Gießen. – Da ich nun in Gießen Magister geworden und bei denen Herren Professoribus beliebt war, auch mit jedermann, soviel an mir lag, aufrichtige Freundschaft hielt, da ward mir der Herr Dr. Spener in Frankfurt von einem sehr rekommandiert, weshalb ich mich resolvierte, nach Frankfurt zu ziehen und ihn zu besuchen, um zu sehen, ob die Tat mit dem großen Lob übereinkäme. Und ich fand viel mehr an ihm, als ich von ihm gehört hatte, ein ganz anderes Leben und Wesen, als ich insgemein gesehen. Zwar hatte ich nach meiner Art Gott gefürchtet und die Heilige Schrift geliebt; aber bei meiner äußerlichen Gelehrsamkeit kam mir diese sehr dunkel vor, so daß ich mich, während ich bei einer Disputation präsidierte, am meisten vor den Stellen der Schrift fürchtete, welche mir etwa einer entgegenwarf. Jetzt ward ich gewahr, was dazu gehört, den Sinn des Geistes in der Schrift recht zu verstehen, und daß an der Wissenschaft nicht viel wäre, die man sich durch bloßen natürlichen Fleiß erworben. Es war auch damals eine adlige Person, die früher an einem Hof Kammerfräulein gewesen, aber sich nach Frankfurt begeben hatte, um Freundschaft und Umgang des Herrn Dr. Spener zu genießen. Und weil ich gern einmal mit dieser mündlich sprechen wollte, so bat ich den Herrn Dr. Spener, er möchte mir doch durch ein Zettelchen Adresse an sie geben. Das geschah auch, und ich ging zu ihr und überreichte ihr meine neulich gehaltene Disputation, in der Meinung, es würde ihr, die Hebräisch gelernt und auch sonst in der Heiligen Schrift gute Erkenntnis hatte, nicht unangenehm sein. Sie antwortete mir aber, ich hätte den »Gott Petersen« darin geehrt, es würde weit mehr zur wahren Erkenntnis Gottes in Christo erfordert, als solche äußerliche Gelehrtheit, womit man sich insgemein brüste, und wodurch man schwerlich zu der göttlichen Einfalt der himmlischen Dinge gelangen könne. Diese Rede fiel tief in mein Herz, und ich ward gleich überzeugt, daß dem so wäre. Darauf fing ich an, mir ein Büchlein zu machen, worin ich das aufzeichnete, was ich von Frommen über den Weg zur wahren Gottseligkeit hörte, und ich begann zu praktizieren, was ich so gefaßt hatte: denn ohne dies lebendige Tun sollte alles andere vergeblich sein. Als ich nun darin bekräftigt war, reiste ich nach Gießen zurück, wo man bei mir eine Veränderung gewahr wurde und mich wegen der Pietät höhnte. Ich aber fragte wenig danach. (Darauf kehrt Petersen in seine Heimat Lübeck zurück, wird dort Professor der Poesie, aber von Jesuiten sehr angefeindet, nimmt 1677 eine Vokation als Prediger nach Hannover an, wird von da 1678 nach Eutin als Hofprediger des Herzogs von Holstein gerufen.) Ich war aber nicht lange in meiner Hofpredigerstelle zu Eutin gewesen, da begab sich's, daß einem Kammerjunker an fünfhundert Taler aus seiner Kammer gestohlen wurden. Damit er wieder zu seinem Geld käme, ging er zu einem Erbschmied Der Aberglaube schrieb nicht nur vererbtem Metall besondere Kraft zu, auch vererbtem Wissen, zumal bei Schmieden, Schäfern, Nachrichtern. nach dem Dorf Zernikaw, um dem Dieb das Auge ausschlagen zu lassen; und damit es der Schmied desto eher tun möchte, ließ er ihn durch einen Einspänner Berittener Söldner, welcher keinen reisigen Knaben hatte. Die Einspänner verrichteten im Frieden Dienste der Gendarmen. sagen, daß der Bischof solches haben wollte, was doch nicht der Fall war. Wenn der Schmied solches Werk verrichten will, muß er drei Sonntage nacheinander einen Nagel verfertigen, und am letzten Sonntag diesen Nagel an einen dazu gemachten Kopf einschlagen, worauf dem Dieb, wie sie sagen, das Auge ausfallen muß. Er muß auch um Mitternacht nackend aufstehen und rücklings nach einer Hütte, die er neu im freien Feld aufgebaut hat, hingehen und zu einem neuen großen Blasebalg treten, ihn ziehen und das Feuer damit aufblasen, dazu finden sich zwei große höllische Hunde ein. Als solches am ersten Sonntag in der Nacht geschehen war, kamen die Leute aus dem Dorf Zernikaw zu mir und klagten, wie sie im ganzen Dorf keine Ruhe gehabt vor dem erschrecklichen Geheul, das sie während dem Schmieden gehört hätten, ich sollte es doch dem Herzog kundtun, daß er das böse Werk störte. Ich sprach, das wären große Dinge, die sie sagten, und fragte sie ernstlich, ob es sich auch so verhielte. Sie antworteten, das ganze Dorf könne zeugen, der und der Einspänner hätte den Schmied dazu vermocht. Darauf ging ich zum Bischof Der Herzog von Holstein ist Bischof von Lübeck. Der Hofprediger nennt ihn je nach Bedürfnis seinen Herzog und Bischof. Diese Doppelstellung des schwachen Herrn und sein Benehmen sind bezeichnend für die hilflose Lage der protestantischen Kirche. , bei welchem gerade der Kammerjäger stand, und sagte, ich hätte wohl etwas im geheimen zu reden. Als ich's nun ihm allein erzählte, entsetzte sich der Bischof, erkundigte sich weiter und erfuhr, daß der Einspänner solches in des Bischofs Namen dem Schmied anbefohlen hätte; da fragte mich mein Herr, was bei der Sache zu tun wäre? Ich antwortete, weil es öffentliche böse Dinge wären, wozu der Name des Bischofs gemißbraucht worden sei, so müßte die Hütte, die dem Teufel zu Ehren aufgebaut wäre, im Namen Gottes zerstört werden. Dies wurde auch applaudiert. Darauf fuhr ich hin, die Knaben aus der Schule und die Edelpagen und viele Edelleute ritten mit hin, das Werk des Teufels zu zerstören. Der Schmied war schon weggelaufen, seine Frau aber kam und bat um den neuen Blasebalg und um das eiserne Gerät. Ich aber sagte, sie sollte sich schämen, solches zu begehren und was der Teufel in seiner Hand gehabt hätte, unter ihren Sachen zu dulden, worauf sie zu bitten aufhörte. Die Edelpagen aber und andere nahmen Feuer und verbrannten die Hütte und den Blasebalg und schmissen das Eisenwerk in ein tiefes Wasser. Es kamen aber einige Kaufleute von Hamburg gefahren, die dies mit ansahen und meine Rede mit anhörten. Es war eben in der Weihnachtszeit; deshalb nahm ich den Spruch: »Siehe eine Hütte Gottes bei den Menschen«, und erklärte ihn in Kürze, sagte aber gleich in der Applikation: »Siehe eine Hütte des Teufels bei den Zernikawern. Dies ist der Ort, wo vormals der Abgott der Holsteiner, Zernebog, geehrt worden ist, der wollte sich jetzt wieder einnisteln, ist aber doch auf Befehl des Bischofs verstört worden.« Ich tat auch bei der Katechismuslehre, wohin der Herzog mit dem Hofstaat hinabzufahren pflegte, eine nachdrückliche Rede und sagte, daß der Dieb bei Hof sein müsse, auch wären einige Mutmaßungen, wer es sein müsse, vorhanden, der Dieb solle mir dieses Geld bringen, ich bezeuge hiermit vor Gott, daß ich ihn nicht verraten wolle. Der Dieb hat auch des Nachts das Gestohlene bei meinem Hause auf den Kirchhof niederlegen wollen, hat aber nicht gekonnt, weil der Kammerjunker seine Leute zur Nacht aufgestellt hatte, den Dieb zu fangen. So hat er selbst das Wiederkriegen verwehrt. Der Bischof aber war auf den Kammerjunker zornig, und dieser mußte vom Hof weichen. Zwar ließ er mir dräuen, ich hätte ihn in der Predigt beschimpft, weil ich sagte: sein Name, den der Schmied bei dem Aktus nennen muß, wäre dem Teufel in der Hölle bekannt, er möchte zusehen, daß er nicht ganz und gar hineinkäme. Ich aber habe nach seinem Dräuen nichts gefragt, sondern mich auf meinen Gott und mein Amt verlassen. Es suchten aber die Höflinge gegen mich Bande zu machen; sie hielten es fast alle mit dem Hofmarschall, einem Mecklenburger. Der Marschall aber suchte allerhand Dinge gegen die Herzogin und gegen das Kammerfräulein Naundorfin hervor und bildete dem Herzog ein, daß die Herzogin alles täte, was die Naundorfin ihr riete; dadurch kriegte der Herzog einen Widerwillen gegen die Herzogin. Mittlerweile hatten sie im trüben Wasser gut fischen. Weil ich aber nicht von ihren Banden war, so fragte mich der Hofmarschall auf öffentlichem Saal, mit welcher Partei ich's hielte, mit der großen oder mit der kleinen? Unter der großen Partei verstanden sie sich selbst. Ich antwortete, ich hielte es mit Gott und der Gerechtigkeit. Der Marschall sprach, man könnte mir wohl den Mantel kürzer machen. Als ich nun merkte, daß der Widerwillen des Herzogs gegen die Herzogin immer größer ward, ging ich zu dem Herzog und redete ihm beweglich zu, er sollte sich nicht von der Gemahlin so abwendig machen lassen, die solches wollten, suchten ihr eigenes Interesse. Der Herzog ging darauf mit mir zur Herzogin, und sie vertrugen sich in meiner Gegenwart, worauf ich sie gleichsam von neuem kopulierte. Der Bischof sagte, ich solle dies geheimhalten, er aber merkte von da auf die Intrigen des Hofmarschalls und sagte ihm den Dienst auf. Es war auch eine böse Aktion, da sich ein Edelmann des hochfürstlichen Hofes von Plön mit einem Edelmann von unserm Hof entzweite und sie sich untereinander herausforderten. Sobald ich dies vernahm, ging ich zu meinem Beichtkind und hielt ihm vor, was das für eine unchristliche Sache wäre, sich also zu duellieren, da Christus uns auch geboten, die Feinde zu lieben. Als er mir nun sagte, er wolle zusehen, daß der Handel beigelegt würde, so war ich einigermaßen sicher. Da aber hörte ich des Morgens früh in der Dämmerung einen Haufen Pferde bei meinem Hause vorbeitraben, und mir fiel ein, daß der Teufel doch mit meinem Beichtkind sein Spiel haben wollte. Ich stand auf, erweckte meinen Diener, und weil ich in geschwinder Eil keinen Wagen kriegen konnte, ging ich mit meinem Diener ihnen nach. Als ich eine Meile gegangen war, hörte ich von ferne einige Schüsse, die Losung, daß die beiden Parteien jede von ihrem Ort angekommen seien. Ich aber meinte, daß sie schon Kugeln wechselten, fiel auf meine Knie und bat Gott, er möchte sie doch bewahren, daß keiner den andern ermordete. Darauf lief ich weiter, den Pferdefußstapfen nach, die ich wohl sehen konnte, weil viele der holsteinischen Junker mit meinem Beichtkind gezogen waren. Und da ich sie noch beiderseits vor dem Gefecht antraf, ging ich zu meinem Beichtkind hin und riet ihm von der bösen Aktion ab. Der Gegenpart aber meinte, daß mein Beichtkind mich dazu bestellt hätte, was ich mit teuren Worten verneinte; auch dem andern vom Plönischen Hof redete ich beweglich zu. Sie wollten sich aber nicht vertragen. Da sprach ich: »Nun, weil ihr nicht wollt, so gebe Gott ein solch Exempel, daß er euch beide samt den andern, die mit hierher zu dem Duell gekommen sind, vor aller Welt Augen in seinem Zorn hinnehme.« Doch im Herzen wünschte ich, sie möchten bewahrt bleiben. Da fügte Gott, daß die Sekundanten ihnen beiderseits zuredeten und sie sich untereinander vertrugen und einen Wagen kriegten, der mich wieder nach Hause führen mußte. Wer war froher als ich, der ich dem Teufel einen Braten entzogen hatte. Inzwischen war doch die holsteinische Noblesse in ihrem Herzen gar übel darauf zu sprechen und ließ sich bei meinem Herrn merken, daß er in Zukunft keinen ehrlichen Kavalier an seine Tafel bekommen würde. Auch mein Herr war im Anfang übel auf mich zu sprechen, auch deshalb, weil ich ihnen zu Fuß nachgegangen war. So kam einer von den Hofjunkern, der mir sagte, daß der Herr sich über meine üble Konduite so geärgert hätte, daß er auf dem Bett läge. Ich antwortete, er würde nicht eher vom Lager aufstehen, bis er erkenne, daß ich nichts anderes getan, als was meine Hirtentreue erfordert hätte. Darauf ließ mich mein Herr zu sich fordern, dem ich vorhielt, daß seine Tafel nicht zieren könnten, die sich gegen Christum setzten. Sei ich so wach und treu für einen Bedienten meines Herrn, wieviel mehr würde ich's für meinen Herrn selbst sein. Da ward der Herr, der wahrlich Gott fürchtete, besänftigt. Bald darauf besuchte unsern Hof der Herzog von Plön, dessen Vorwürfe wegen meiner Tat mein Herr gefürchtet hatte; dieser aber lobte mich, dagegen schalt er seinen Hofprediger, der den Duellanten so nahe gewesen, die Sache gewußt und doch keinen Fuß geregt hatte. Das gefiel meinem Herrn sehr wohl, und er ließ darauf ein sehr scharfes Edikt gegen alle Duelle publizieren. Bisher war ich unverheiratet, wäre wohl auch so geblieben, wenn nicht mein lieber Vater mich zur Heirat angemahnt hätte. Schon in Lübeck war mir eine vornehme Geschlechterin vorgeschlagen worden, die mir in ihrem vollen Schmuck entgegenkam und die mir der Vater gern gewünscht hätte. Aber sie war mir zu prächtig vorgekommen, und ich sagte, daß sich das schwerlich zu einem Geistlichen schicken würde. Wenn ich heiraten solle, wäre mir niemand besser, als das Fräulein von Merlau, die mir in meinem Amt gar nicht hinderlich sein würde. Ich scheute mich aber, sie deswegen anzusprechen, damit sie nicht meinen möchte, ich hätte deshalb in Frankfurt ihre Bekanntschaft gesucht. Aber jemand, der nach Frankfurt reisen wollte, übernahm es, ihr mündlich meine Werbung zu sagen. Meine Liebste aber wollte dem, welcher warb, nicht antworten, schrieb aber an mich, sie sei zwar durch kein Versprechen gehindert, habe aber noch keine Freiheit mir mit Ja zu antworten; sie schlug mir aber eine andere junge Doktorin in Frankfurt vor, die mehr Gaben habe als sie, und die sich für mich wohl schicken würde. Ich aber antwortete, entweder sie oder keine und schrieb zugleich an den Herrn Dr. Spener, er möchte sie doch dazu bereden, schrieb auch an ihren Herrn Vater, der mich kannte, weil ich einmal am Philippseckischen Hof, wo er Hofmeister war, vor seiner Herzogin gepredigt hatte. Er antwortete darauf: obgleich er nie gesinnt gewesen, seine Tochter einem zu geben, der nicht von Adel sei, so wüßte er doch nicht, wie es käme, daß er so beängstigt wäre, wenn er die Sache abschlagen wollte; er glaube deswegen, daß es Gottes Wille sei, wenn seine Tochter dem Superintendenten Petersen anvertraut würde. Deshalb überschriebe er hiermit sein väterliches Ja. Diesen Brief schickte mir meine liebe Johanna zu, und Dr. Spener gratulierte mir auch. Wer war fröhlicher als ich, der ich merkte, daß mein Gebet erhört worden. Denn ich hatte meinen Gott auf den Knien darum gebeten, er möchte die Heirat kräftiglich verhindern, wenn es sein Wille nicht wäre; wäre es aber sein Wille, so möchte er den Vater ängstigen, daß er nicht widerstehen könnte. Als ich nun die Worte in dem Brief des Vaters las, daß er so geängstigt würde, so merkte ich daran, daß es die wäre, die mir Gott von Ewigkeit zugedacht hatte. So reiste ich fröhlich über Hamburg nach Frankfurt und ließ mich durch Herrn Dr. Spener aufbieten und darauf von ihm trauen. Es ward aber 1685 mir und meiner Liebsten in wunderbarer Weise die heilige Offenbarung aufgeschlossen, welche Gott dem Apostel und Evangelisten Johannes durch seinen Engel in gewissen Visionibus und Bildern bedeuten lassen. Sonst hatte ich mich immer gefürchtet, solches Buch zu lesen, weil es gemeiniglich dafür gehalten wird, es wäre ein versiegeltes Buch, welches niemand verstehen könnte. Aber an gewissem Tage hat mein Gott mich mächtiglich beweget und getrieben, in solchem Buch zu lesen, und ohne mein Wissen hat meine Liebste an gleichem Tag und in gleicher Stunde denselben Trieb durch Gott empfunden und das Buch zu lesen angefangen, die gleichfalls nicht wußte, daß ich solchen Trieb empfangen. Als ich nun auf meine Studierstube hinaufging und mir einiges aufnotierte, da ich aus der Übereinstimmung des Propheten Daniel mit dem dreizehnten Kapitel der heiligen Offenbarung gefunden hatte, was das Tier und das kleine Horn wäre – siehe, da kam meine Liebste zu mir und erzählte mir, wie sie sich so ernsthaft vorgenommen, das heilige Buch zu lesen und was sie darin gefunden. Und das harmonierte mit dem meinigen, das ich ihr aufgeschrieben wies und das noch naß war. Da haben wir uns übereinander entsetzt und haben verabredet, wir wollten nach etwa vier Wochen miteinander konferieren, was wir weiter gefunden und bemerkt hätten. Aber wir konnten es nicht halten, wenn wir etwas Sonderliches und Wahrhaftes fanden, und es ergab sich, daß es immer genau dasselbe war, was sie und was ich fand. Darüber erfreuten wir uns sehr und dankten Gott kindlich, daß er uns beiderseits so mit seinem aufschließenden Geist gewaffnet hatte, die künftigen Fata der Kirche zu erkennen und davon zu zeugen. Lange Zeit behielten wir es bei uns, bis wir mit dem Fräulein Rosamunda Juliana von der Asseburg bekannt wurden, welche in ihren Zeugnissen ebendavon gezeugt hatte, doch nicht nach Erforschung der Heiligen Schrift, sondern aus einer extraordinären Gnade von oben herab. – Hierbei ist noch zu merken, was meiner Liebsten, als sie achtzehn Jahre alt war, begegnete, und was ich mit ihren Worten hierher setze: »Mir träumte, daß ich am Himmel mit großen goldenen Ziffern die Zahl 1685 sah; zu meiner Rechten sah ich einen Menschen, der deutete auf die Zahl und sprach zu mir: Siehe, zu der Zeit werden anfangen große Dinge zu geschehen, und dir soll etwas eröffnet werden.« Nun ist in diesem 1685sten Jahre die große Verfolgung in Frankreich gewesen, und mir ist in demselben Jahre das gesegnete Tausendjährige Reich in der Apokalypse eröffnet worden; mit meinem lieben Mann zugleich in einer Stunde, und ohne daß eines von dem andern wußte, hat unser beider Aufsatz darüber so zusammengestimmt, daß wir uns selbst darüber entsetzten. Wir sind deshalb unter uns göttlich überführt, daß das wahr sei, was wir in der Heiligen Schrift von dem Reich unseres Königs gefunden haben. Und wir haben später unsern Fund einfältig andern mitgeteilt und nichts danach gefragt, wenn ihm von Gelehrten und Ungelehrten widersprochen wurde. So weit die Erzählung von Petersen. – Die ersten Jahre ihrer Ehe vergingen den Gatten in Frieden. Er hatte einst zufällig den rechten Daumen auf den Spruch gelegt: Sara soll einen Sohn haben; das Jahr darauf ward ihm die Freude, daß Johanna Eleonora einen Sohn zur Welt brachte, der zwar bei der Geburt sehr klein war, aber doch kurz darauf wunderbarerweise den Kopf aus seinem Bettchen in die Höhe hob und auch sonst erfreuliche Anzeichen gab, daß er etwas Ungewöhnliches, dem Herrn Wohlgefälliges werden würde. In der Tat wurde er später Königlich Preußischer Rat und konnte seine lieben Eltern schützen, als das Tausendjährige Reich ihr Leben sorgenvoll machte. Denn leider war ihnen nicht vergönnt, das große Licht, welches ihnen beiden zugleich angezündet worden war, unter dem Scheffel zu halten. Es wäre für ihr irdisches Behagen besser gewesen. Was das Ehepaar aus der Offenbarung herausgelesen hatte, vermittels Kombination zahlreicher Bibelstellen, bei denen sie durch fleißiges Gebet und Erleuchtung gestützt wurden, war allerdings ein wenig seltsam, aber im Grunde sehr gutmütig. Das Tausendjährige Reich sei nicht bereits dagewesen, sondern stehe noch bevor, es werde mit einer Wiederkehr Christi in nicht ferner Zeit beginnen; bei dieser Gelegenheit werde ein Teil der Toten auferstehen, von da solle in großen tausendjährigen Phasen das ganze Menschengeschlecht, Lebendiges und Totes, zur Seligkeit kommen, die Reformierten und Lutheraner sollten vereinigt, alle Juden und Heiden bekehrt, dann alle, auch die ärgsten armen Sünder aus der Hölle erlöst, zu allerletzt den Teufel selbst aus seinem elenden Zustand herausgebracht und durch Reue und Buße wieder in einen Engel verwandelt werden, dieser alte Bösewicht allerdings erst nach fünfzigtausend Jahren; von da ab sollte unaufhörliche Seligkeit, nur Liebe, Freude und Herzensgute sein. – Sie waren merkwürdigerweise geneigt, anzunehmen, daß die Zeit von 1739–1740 zum Anfang der Herrlichkeit bestimmt sei. Es war viel Menschenfreundlichkeit in dieser Überzeugung, sie hatte kaum weniger Berechtigung, als manche andere Erklärungen des Schrifttextes, welche in den Kirchen durch Jahrhunderte fortgeschleppt worden sind. Denn bei der Methode, eine Schriftstelle aus der andern zu erklären, welche bis in die neue Zeit von unserer Theologie ertragen werden mußte, war es beinahe zufällig, worauf eine umherspürende Seele verfiel. Seit Luther den alten Zwang der Kirche gesprengt hatte, bis zu der Zeit, in welcher deutsche Gelehrte die Bibel allen Gesetzen der wissenschaftlichen Kritik unterwarfen, war in der Tat nicht das Wort der Schrift, sondern der gemeine gesunde Menschenverstand der letzte Regulator der protestantischen Lehre; nur ein maßvoller Sinn, der sicher und unbefangen die Bedürfnisse seiner Zeit empfand und vorsichtig vermied, auf dunklen Stellen zu verweilen, konnte vor arger Abgeschmacktheit geschützt bleiben. Mann und Frau Petersen besaßen nur ein wenig mehr Eifer und ein wenig mehr behagliche Eitelkeit, als vorteilhaft war. Bald sollten sie darunter leiden. Im Jahre 1688 nahm Petersen einen Ruf als Superintendent nach Lüneburg an; die Gatten betrachteten es als eine Schickung des Herrn, daß er dorthin gerufen wurde, weil er einmal auf der Durchreise eine schöne Predigt gehalten und sehr gefallen hatte. Aber in Lüneburg fand er mehrere orthodoxe Gegner, welche ihn ärgerten und reizten und einiges von dem Tausendjährigen Reich, was ihm entschlüpft war, aufmutzten. Ferner aber schadete den Gatten die Bekanntschaft des Fräulein Rosamunda von der Asseburg, deren starke Erweckung und nervöse Exaltation großes Aufsehen machte. Das zarte und unschuldige Wesen des Mädchens fesselte die beiden Petersens, sie nahmen die Göttlichkeit ihrer Offenbarungen in Schutz und vertraten sie in der Presse, zumal das liebe Mädchen ganz dasselbe von der bereits erwähnten Wiederkehr des Lammes offenbarte, was ihnen selbst aufgeschlossen war. Die Privaterbauungen, welche sie mit dem kranken Fräulein hielten, erregten bei den Weltgesinnten ihrer Stadt großen Anstoß und wurden bösartig verleumdet. Als Petersen nun vollends einmal auf der Elbe in Wassernot geriet, da erschien er sich wie der Prophet Jonas, der von dem Herrn in einen Walfisch gesteckt wurde, weil er das Geheimnis des Wortes nicht verkündigen wollte; er gelobte in der Todesgefahr, sein großes Geheimnis fortan nicht mehr der Welt zu verhüllen. Und er hielt redlich Wort. Das Tausendjährige Reich und die Wiederkehr des Lammes brachen jetzt unaufhaltsam in seinen Predigten hervor. Die Zuhörer erstaunten, seine Gegner denunzierten, er wurde 1692 vom Amt entfernt. Die Gatten trugen auch dieses Unglück mit Liebe und Gottvertrauen. Von da verlief ihr Leben in Umherreisen und Schriftstellerei, in Besuchen Gleichgesinnter und unaufhörlichen Händeln mit Orthodoxen. Sie wurden der Menge Berüchtigte Personen, an welche sich Verleumdung und widerwärtiger Klatsch hing, sie beschieden sich, ihre Namen auf Reisen in der Regel geheimzuhalten. Niemals aber fehlte es ihnen an warmen Gönnern und Freunden. In den Fürstenschlössern, den Häusern des Landadels, bei Stadtbehörden und in den Stuben der Handwerker fanden sie Bewunderer. Vor andern wurde der Kammergerichtspräsident Kniphausen in Berlin ihr Schützer, er wirkte noch im Jahre der Absetzung eine Pension des Berliner Hofes aus und räumte ihnen eine Wohnung in Magdeburg ein; auch andere Gönner sandten Geld und gewährten Fürsprache, so daß die Gatten imstande waren, sich im Magdeburgischen ein kleines Landgut zu kaufen. Allerdings wurden sie auch dort durch die Bauern und den Ortspfarrer und durch Beschwerden und Denunziationen in Berlin geärgert, aber die Königin selbst unterhielt sich mit dem Verkünder einer Offenbarung, die so hoffnungsvoll war, und freute sich, daß er zuletzt allen Argen die Seligkeit gönnen wollte. So blieb er ungefährdet. Zuweilen freilich waren die arglosen Verkünder einer bevorstehenden Herrlichkeit in Gefahr, von Wölfen im Lammpelz betrogen zu werden. Denn unter den umherreisenden Frommen waren auch viele Betrüger. Da kamen fechtende Studenten, behaupteten, auch sie wären Pietisten und forderten eine Unterstützung; ein Abenteurer begehrte Unterricht, weil er gehört hatte, daß jeder, der sich bekehren lasse, zehn Taler erhalte. Zuletzt kam gar ein falscher Oberst und schlich sich in Abwesenheit des Mannes unter dem Zeichen des Lammes bei der Frau Doktorin ein, welche wahrscheinlich durch eine unvertilgbare Erinnerung an ihren »weltlichen Adelstand« besonders wohlwollend gegen die distinguierten Gläubigen gestimmt wurde, und der Mann kehrte gerade noch zu rechter Zeit heim, um zu verhindern, daß der fremde Betrüger seiner arglosen Frau eine Vollmacht abschwatzte. Auf einer Reise nach Nürnberg wurden die Gatten in den Pegnitzer Blumenorden aufgenommen, er als Petrophilus, sie als Phöbe. Solche Erfolge trösteten über den Schwall von Flugschriften, der gegen sie aufrauschte. Treuherzig klagte Petersen, daß jeder sich im Kampfe gegen ihn als orthodox erweisen und zum Doktor der Theologie machen wollte; resigniert trug er auch, wenn selbst die Frommen sich an seine Lehre von der Siebenten Posaune stießen oder wenn sie ihm einen Vorwurf daraus machten, daß er bei Gelegenheit einmal den alten Professor der Poesie herauskehrte und in lateinischen Versen, welche ihm wie Wasser flossen, die Krönung Friedrichs I. von Preußen und andere weltliche Ereignisse besang. Die letzten Jahre ihres Lebens wohnten die Gatten in der frommen Gegend von Zerbst zu Thymern, wo sie ein Gut erworben hatten, weil der frühere Besitz zu Nieder-Dodeleben ihnen zu unruhig und die Bauern zu aufsässig geworden waren. Im Jahre 1718 half Petersen noch, den Herzog Moritz Wilhelm von Sachsen-Zeitz, den der Jesuit Schmeltzer katholisch gemacht, durch siegreiche Disputationen wieder evangelisch herzustellen. Sie starben in hohen Jahren kurz hintereinander: sie 1724, er 1727. Es war ihnen nicht beschieden, im Jahre 1740 durch den Schall der Siebenten Posaune auferweckt zu werden, man hörte damals vielmehr den Klang preußischer Trompeten, welche die Thronbesteigung und den ersten Krieg Friedrichs II. anzeigten. Aber in der neuen durchaus nicht himmlischen Zeit, welche diese Fanfaren anmeldeten, sind doch bereits einige von den Prophezeiungen der beiden »Enthusiasten« in Erfüllung gegangen, die Union der protestantischen Kirche, Einfügung der Juden in die christliche Bildung, ja sogar die Beseitigung des unmoralischen Widersachers, welcher damals in Zernikaw am neuen Blasebalg so arg geheult hatte. Ludwig Zinzendorf aber widmete der Frau Doktor Petersen bei ihrem Eingang in die Freuden des Himmels ein herzliches Gedicht, in welchem er für sie und sich selbst folgendes Zeugnis ablegte: Von ihren Meinungen, die sonderlich gewesen, Hab' ich bis diesen Tag noch keinen Satz gelesen. Was aber bauet ihr ein Denkmal bei uns auf? Ihr eingekehrter Mensch in sanft- und stillem Geiste, Damit sie unverrückt die Jesus-Liebe preiste, Ihr vor der ganzen Welt untadelhafter Lauf. Seit Spener nach Berlin versetzt war, wurde die Universität Halle der wissenschaftliche Mittelpunkt des Pietismus, dort leitete der leidenschaftliche Francke mit seinen Gefährten Breithaupt und Anton das theologische Leben. Dort wurde die Jugend systematisch zu dem Glauben der Pietät herangezogen; ungeheuer war der Zulauf, nur Luther hatte zu Wittenberg mehr Studenten um sich gesammelt. Freilich wurden zu Halle sofort die Gefahren der neuen Richtung handgreiflich, die Kollegien erhielten den Charakter von Erbauungsstunden, die Erweckung wurde zur Hauptsache, das emsige, geduldige Arbeiten in menschlicher Wissenschaft erschien fast überflüssig, nicht nur die Streitpunkte der Orthodoxen, auch die Dogmen der Kirche wurden von vielen mit Gleichgültigkeit und Verachtung behandelt. Die massenhaften Gebete und geistlichen Übungen führten zur Überspanntheit, statt der zügellosen Burschen, welche die Hieber an den Steinen gewetzt und ungeheure Gläser Bier florikos oder haustikos – in einem Guß oder in Schlucken – getrunken hatten, schlichen oder hüpften jetzt bleiche Gesellen durch die Straßen der Stadt, in sich gekehrt, mit heftigen Handbewegungen, mit lauten Ausrufen. Alle Gläubigen jubelten über die wundervollen Offenbarungen göttlicher Gnade, die Gegner klagten über die zunehmende Melancholie, über Geistesstörungen und Verrücktheiten der schlimmsten Art. Vergebens warnte der gemäßigte Spener. Von Halle verbreitete sich der Pietismus über die andern Universitäten, am längsten widerstanden Wittenberg und Rostock, durch Jahrzehnte die letzten Bollwerke der Orthodoxie. Auch an den Höfen gewann der Glaube Einfluß, er drang in die Regierungen und erfüllte nach 1700 die Landeskirchen der meisten deutschen Territorien. Und nicht auf Deutschland blieb seine Herrschaft beschränkt, ein lebhafter Verkehr mit den Frommen in Dänemark, Schweden, dem slawischen Osten trug dazu bei, die innige Verbindung dieser Länder mit dem geistigen Leben Deutschlands zu unterhalten, welche bis zum Ende des Jahrhunderts gedauert hat. Selbst die orthodoxen Gegner wurden, ohne es zu wissen, durch die Pietät umgeformt, das scholastische Gezänk verstummte, mit größerer Würde und besserer Gelehrsamkeit suchten sie ihren Standpunkt zu verteidigen. Unterdes wurden in dem Glauben der Pietät die Schäden größer, das Verderben auffälliger. Seit jener Prozeß der geistlichen Erweckung ein geheimnisvoller Akt im Menschenleben geworden war, auf den die ganze Seele sich krankhaft spannte, sollte von ihm die Aufnahme in die Gemeinschaft der Frommen, alles Glück der Seligkeit abhängen. Wer durch einen besonderen Gnadenakt Gottes zur Erweckung durchgebrochen war, der lebte als Wiedergeborener im Stande der Gnade, ihm wurde von dem Herrn der Welt die Seele versiegelt gegen alle Sünde, er atmete in einer reineren Gottesluft, der Gnade des Lammes sicher, schon hier von der Sünde gelöst. Da wurde es dem Gebildeten, der jemals in das ironische Antlitz des Thomasius geblickt oder etwas von dem Menschenverstand der nüchternen deutschen Rede Wolffs in sich aufgenommen hatte, immer schwerer, diesen Gemütsprozeß in sich durchzumachen. Nicht allen gewissenhaften Männern glückte es damit so gut wie dem Juristen Johann Jacob Moser; kläglich und erschütternd sind die Nachrichten, welche uns von dem Ringen einzelner überliefert sind, von der Qual und Selbstpeinigung, in welcher sich Körper und Seele fruchtlos aufrieben. Bei den Schwächeren machte sich jede Art von Selbsttäuschung und unfreies Nachsprechen anderer breit. Und nicht weniger die Heuchelei. Bald erschien es sehr zweifelhaft, ob der Wiedergeborene ein Schwärmer oder ein Betrüger sei, zuverlässig war er oft beides zugleich. Seit der Pietismus die Gunst der Vornehmen und die Herrschaft gewonnen hatte, war er aber auch ein lohnendes Geschäft, eine Modesache, ein Hilfsmittel für sehr weltliche Zwecke. Häufig waren solche, welche die heiligsten Offenbarungen empfingen, zarte, schwächliche Naturen, denen man ernste Dienste, welche zur menschlichen Ordnung gehörten, gar nicht zumuten konnte; sie gewöhnten sich auf Kosten ihrer Gönner zu leben. Der Handwerker drängte sich in die Gesellschaft Vornehmer, um sein Fortkommen zu sichern, und zu den Erbauungsstunden großer Herren, welche am liebsten nicht in den Schloßkirchen, sondern in besonders eingerichteten Gemächern gehalten wurden, eilte bußfertig, wer irgend Protektion begehrte. Seufzen, Stöhnen, die Hände ringen, von Erleuchtung schwatzen wurde bald hier, bald dort die einträglichste Spekulation. An den erweckten Geistlichen, welche die Seele schwacher Landesherren in Händen hatten, wurden alle Fehler, welche herrschsüchtigen Günstlingen eigen sind, bemerkt: Hochmut und niederer Eigennutz. Bald kam auch die Sittlichkeit vieler in üblen Geruch, und wenn irgendwo [...] eine Gesellschaft herrschlustiger Frommer ausgetrieben wurde, so erregte das eine allgemeine Schadenfreude. Aber es war für die Berater vornehmer Gewissen auch aus anderen Gründen eine angenehme Sache, durch ihre Wiedergeburt und Versiegelung Fürstinnen und Edelfrauen zur Andacht hinzureißen. Es schmeichelte ihrem Stolz, dieselben mit frommer Vertraulichkeit zu behandeln, ihnen jede Stunde des Lebens zu beherrschen. Schon um 1700 wird geklagt, daß wiedergeborene Seelsorger im Schlafrock ohne Rock und Kamisol unter den vornehmen Frauen umhergehen und sehr bereit sind, die Hände zu drücken, zu duzen und zu küssen. Zumal Frauen von Stand wurden durch diese Verbindung mit Frommen zuweilen aus dem Geleise ihres Lebens gerissen: eine Gräfin von Leiningen-Westerburg heiratete um 1700 den Pastor Bierbrauer, vier Gräfinnen von Wittgenstein verbanden sich ebenso, nicht ohne ärgerliche Zwischenfälle mit frommen Separatisten, mit bürgerlichen »Canaillen und Knipperdollings«, wie ihr empörter Bruder sie nannte. In denselben Jahren flohen fünf Fräulein von Kallenberg aus Kassel zu der erweckten Eva von Buttlar, welche früher als Hofdame sehr weltlich gelebt hatte und jetzt in anstößiger Verbindung mit einigen Separatisten durch das Land zog, sich mit zweien ihrer Begleiter als Joseph, Maria und Jesus verehren ließ und in ihren Konventikeln arge Unsittlichkeit großzog; ihre »Rotte« vermochte sich, durch die Obrigkeiten verfolgt, nirgends zu halten. Immer mehr nahm das Konventikelwesen überhand, neben maßlosen und verschrobenen zogen sich auch feiner organisierte Seelen mit höheren sittlichen Ansprüchen aus der Kirche. So geschah es, daß sich von allen Seiten die Opposition gegen den Pietismus erhob, Orthodoxe, Weltkinder und Gelehrte, zuletzt der gesunde Menschenverstand des Volkes. [...] Auch die Zeit half dazu. Denn dieser frommen Richtung wurde das Jahr 1740 verhängnisvoll. Der neue König von Preußen war den Pietisten ebenso abhold, als sein Vater ihnen geneigt gewesen war. In seinen Landen wurde zuerst mit Bewußtsein und Energie das neue wissenschaftliche Leben der alten Gefühlsseligkeit gegenübergesetzt. Fast gleichzeitig verloren die Frommen an mehreren sächsischen Höfen die Herrschaft; die Zeit der Aufklärung begann, das beste Leben der Nation ging seitdem in andern Bahnen, die Stillen im Land erhielten sich nur als isolierte Gemeinden. – Auch die Brüdergemeinden des Grafen Zinzendorf entwickelten zwar durch längere Zeit eine achtenswerte Missionstätigkeit in fremden Ländern, sie blieben aber ohne Einfluß auf die Strömung des deutschen Lebens, welche jetzt tiefer und kräftiger dahinflutete. Der Pietismus hatte eine Anzahl einzelner zusammengeschlossen, er hatte die Individuen aus dem Leben der Familien herausgehoben, in den Seelen die Sehnsucht nach einem stärkern Inhalt gesteigert; er hatte neue Formen des Verkehrs eingeführt, hier und da den starken Unterschied der Stände durchbrochen, er hatte in der ganzen Nation größern Ernst, äußerliche Zucht gefördert; aber den nationalen Zusammenhang der Deutschen hatte er nicht gekräftigt. Wer sich ihm eifrig hingab, gerade der war in der größten Gefahr, sich mit Gleichgesinnten aus der großen Strömung des Lebens zurückzuziehen und aus der Einsamkeit wie ein Schiffbrüchiger von seiner Insel auf die große Wasserwüste hinabzusehen, die ihn umgab. Auch die neue Wissenschaft schuf zunächst nur einzelne Gelehrte; dann eine freie Bildung, darauf das Bewußtsein nationaler Einheit in einem Volk, welches für seine Selbständigkeit zu kämpfen und zu sterben, endlich auch zu leben wagte. XXVIII Es wird Licht Fixieren der Eindrücke. – Mathematische Disziplinen und Naturwissenschaften. – Das Recht. – Die Philosophie und ihre Stellung zur Theologie. – Die Führer. – Umwandlung der Literatur durch die Wolffianer. – Bewegung der Geister. – Schilderung einer deutschen Stadt um 1750. – Aussehen der Stadt; Häuser. Polizei. Handwerker. Die Honoratioren. Kaufleute und ihr Handel. Geistliche. Lehrer und Schule. Die Aufklärer. Gottsched. Lektüre. Stadtgelehrte. Buch- und Antiquarhandel. Honorare. Apotheke. Post. Reisen. Haushaltung und Hauseinrichtung. Kleidung. Zucht. – Freunde und Gönner. Weichheit. Tränen. – Selbstbeobachtung. Armut des Ausdrucks. Künstlichkeit des Benehmens. – Ehe als Geschäft. Frauen und Pflicht des Hauses. Erzählung von Johann Salomo Semler Seit dem Dreißigjährigen Krieg beginnt bei den großen Kulturvölkern die systematische Darstellung der Überzeugungen, welche die Wissenschaft nach ihrem damaligen Standpunkt über Gott, die Schöpfung und Regierung der Welt geben konnte. Der Franzose Descartes, der Engländer Locke, der Holländer Spinoza, unter starkem Einfluß der Nachbarvölker die Deutschen Leibniz, Thomasius, Wolff. Sie alle, mit Ausnahme des freieren Spinoza, waren sorglich bemüht, ihre Systeme von der göttlichen Ordnung in der Natur und dem Menschengeist mit den Lehren der christlichen Theologie in Einklang zu erhalten. Allerdings brach der innere Gegensatz bei jedem von ihnen hervor. Denn seit Descartes den Satz aufgestellt, nichts dürfe dem forschenden Menschengeist wahr und fest sein, als was ihm unwiderleglich bewiesen worden, seitdem war es mit dem Autoritätsglauben vorbei. Freudig trat die Wissenschaft ihre neue Herrschaft an, indem sie Gott und die Welt, Seele und Leib, aber auch Pflichten und Rechte des Menschen zu erweisen suchten, als existierend, als vernünftig und notwendig. Die sichtbare Welt wurde von großen Mathematikern in unendlich viele Einheiten zerlegt, aus deren Verbindung alles Leben hervorgehe, und das Göttliche aus dem Leben des Geistes wie der Körperwelt als Ureinheit, als Weltseele begriffen. Der Gottesgelehrte aber, einst der strenge Herr der Wissenschaft – auch Luther hatte noch das Wort der Heiligen Schrift über alle Vernunft hinausgestellt – erfand jetzt eine »natürliche« Theologie als Bundesgenossin zu der »offenbarten«. Eifrig suchten junge Theologen in der Weltweisheit neue Stützen ihres Glaubens. Aus der Bewegung der Sterne, aus dem vulkanischen Feuer, ja aus den Windungen der Schneckengehäuse wurde Notwendigkeit und Weisheit des Schöpfers mit vielem Behagen demonstriert. Und schon fehlten solche nicht, welche den persönlichen Gott, seinen Aktus der Schöpfung und die Unsterblichkeit der Seele leugneten. Gegen solche einzelne Deisten und Atheisten erhob sich aber noch die Mehrzahl der Philosophen und die christliche Frömmigkeit des gesamten Volkes. Die großen deutschen Gelehrten, welche um den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts Führer dieser Bewegung wurden, trugen das heilige Feuer in die verschiedenen Kreise des deutschen Lebens. Leibniz, die große schöpferische Kraft seiner Zeit, eine wundervolle Mischung von elastischer Schmiegsamkeit und fester Ruhe, von souveräner Sicherheit und tolerantem, verbindlichem Wesen, wirkte durch seine zahlreichen Monographien und seinen unendlichen Briefwechsel vorzugsweise auf die Führer der Nation und das Ausland, auf Fürsten, Staatsmänner, Gelehrte, nach allen Seiten bahnbrechend, vorauseilend, die weitesten Aussichten eröffnend. Und wieder Thomasius, geistvoll, leichtbewegt, kampflustig, beifallsbedürftig, regte auch die Gleichgültigen und Kleinen durch seine geräuschvolle Tätigkeit zu Parteien auf. Er kämpfte als der erste deutsche Journalist in der Presse mit Spott und Ernst, bald Verbündeter der Pietisten gegen die intolerante Orthodoxie, bald Gegner der schwärmerischen Wiedererweckten, für Toleranz, reinere Moral, gegen jede Art Aberglauben und Fanatismus. Endlich der jüngere Christian Wolff, der große Professor, wurde ein regelrechter, klarer, nüchterner Lehrer, welcher in langjähriger, segensvoller Wirksamkeit das System zusammenschloß und die Schule gründete. Solche Zeit, in welcher das Große, was der einzelne Mann gefunden, zahlreiche Schüler begeistert, ist eine glückliche Periode für Millionen, welche an dem neuen Erwerb vielleicht gar keinen unmittelbaren Teil haben. Immer liegt auf der ersten Tätigkeit einer Schule etwas von der apostolischen Weihe. Was in der Seele des Lehrers sich mühsam unter innern Kämpfen herausgebildet hat, das wirkt auf die jungen Seelen als etwas Großes, Festes, Erhebendes. Mit der Begeisterung und der Pietät verbindet sich der Drang, selbstschöpferisch den neuen Erwerb fortzubilden. Schnell erfüllen die Lehrsätze das gesamte Leben des Volkes, sie wirken nicht nur in den einzelnen Wissenschaften, auch in allen Richtungen des praktischen Geistes, auf Gesetzgebung und Staatsverwaltung, auf Hausordnung und Familienzucht, in der Werkstätte des Künstlers und Handwerkers. Zuerst flammt das neue Licht seit 1700 in allen Wissenschaften auf. Akademien, gelehrte Zeitschriften, Preisaufgaben werden gestiftet. Durch die Führer wird die deutsche Sprache als Sprache der Wissenschaft gleichberechtigt, bald siegreich neben die lateinische gestellt, und diese glorreiche Tat wird der erste Schritt, die gesamte Nation in eine ganz neue Verbindung zu den Gelehrten zu setzen. Aber das neue Leben dringt auch kurz nach 1700 mit unwiderstehlicher Gewalt in die Häuser, in Schreibstube und Werkstatt des Bürgers. Jeder Kreis menschlicher Tätigkeit wird prüfend durchforscht. Landwirtschaft, Handel, die Technik der Gewerbe werden in handlichen Lehrbüchern zugänglich gemacht, welche noch heute die Grundlagen unserer technologischen Literatur sind. Über Rohstoffe und ihre Verarbeitung, über Mineralien, Farben, Maschinen wird geschrieben, an vielen Orten schießen populäre Zeitschriften auf, welche die neuen Entdeckungen der Naturwissenschaften für den Handwerker und Fabrikanten zu verwerten suchen. Selbst in die Hütte des armen Bauern fallen einzelne Strahlen des hellen Lichtes, auch für ihn entsteht eine kleine menschenfreundliche Literatur. Aber auch die sittliche Wirkung jedes irdischen Berufes wird dargestellt, über die Tüchtigkeit und Bedeutung des Arbeiters, des Beamten wird Erhebendes gesagt, der innige Zusammenhang der materiellen und geistigen Interessen der Nation wird verkündet, unablässig wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, den Schlendrian alter Bräuche zu verlassen, sich um das vorgeschrittene Ausland zu kümmern, Bedürfnisse desselben und fremdes Wesen kennenzulernen. Und wieder über Tracht und Sitten wird in ganz neuer Weise geschrieben, launig, spöttisch, tadelnd, immer mit dem Wunsch zu bilden, zu bessern. Sogar die besonderen Fehler der Stände und Berufsklassen, die Schwäche der Frauen, die Roheit und Unredlichkeit der Männer werden unablässig beurteilt und gezüchtigt. Noch ungeschickt, zuweilen pedantisch und kleinlich, aber doch mit eifrigem Sinn und mit Redlichkeit. So gerät das gesamte Privatleben der Deutschen in eine unruhige Bewegung, überall ringen neue Ideen mit alten Vorurteilen, überall sieht der Bürger um sich und in sich eine Wandlung, der er nur schwer widerstehen kann. Noch ist die Zeit arm an einzelnen großen Erscheinungen, aber überall ist in den kleinen eine treibende Kraft erkennbar. Nur wenige Jahrzehnte, und die neue Aufklärung sollte aller Welt zur Freude ihre Blüten tragen. Immer noch ist die Weltweisheit und die populäre Bildung des Volkes vorzugsweise abhängig von Mathematik und Naturwissenschaft, aber schon beginnt seit Johann Matthias Gesner die Altertumskunde, der zweite Pol aller wissenschaftlichen Bildung, die geschichtliche Entwicklung der Völkerseelen zu begreifen. Wenige Jahre nach 1750 reist Winckelmann nach Italien. Und wie lebten die Bürger, aus deren Häusern der größte Teil unserer Denker und Erfinder, der Gelehrten und Dichter hervorging, welche die neue Bildung weiterführen sollten, kühner, schöner, freier? Es ist eine mäßig große Stadt um 1750. Noch stehen die alten Ziegelmauern, Türme nicht nur über den Toren, auch hie und da über den Mauern. Manchem ist ein hölzernes Notdach aufgesetzt, in den stärksten sind Gefängnisse eingerichtet, andere baufällige, die vielleicht im großen Krieg zerschossen wurden, sind abgetragen. Auch die Stadtmauer ist geflickt, vorspringende Winkel und Basteien liegen noch in Trümmern, blühender Flieder und Gartenblumen sind dahinter gepflanzt und ragen über die Steine; der Stadtgraben auf der Außenseite liegt zum Teil trocken, dann weiden wohl noch Kühe einzelner Bürger darin, oder die Tuchmacher haben ihre Rahmen mit Reihen eiserner Häkchen aufgestellt und spannen friedlich die Tücher daran auf; die gewöhnlichste Farbe ist seit den Pietisten »Pfeffer und Salz«, wie man schon damals sagte, und die alte Lieblingsfarbe der Deutschen, Blau, das nicht mehr aus deutschem Waid, sondern aus dem fremden Indigo bereitet wird. Noch haben die engen Toröffnungen hölzerne Bohlentore, oft zwei hintereinander; sie werden zur Nachtzeit von der Stadtwache geschlossen, welche dort auf Posten steht, aber erst durch Klopfer und Glocke geweckt werden muß, wenn jemand von außen Einlaß begehrt. Auf der innern Seite der Stadtmauer sind zuweilen noch Bruchstücke der Holzgalerien zu sehen, in denen einst die Bogen- und Hakenschützen standen, aber nicht überall ist der Weg längs der Mauer frei, schon sind dürftige Häuser und Schuppen angeleimt. Im Innern der Stadt stehen die schmucklosen Häuser noch nicht so zahlreich als in früheren Jahrhunderten, noch liegen einzelne wüste Stellen dazwischen, die meisten aber sind von Honoratioren gekauft und in Gärten verwandelt. Vielleicht ist schon ein Kaffeegarten nach dem Muster des berühmten Leipziger angelegt, dann stehen einige Baumreihen und Bänke darin, und in der Gaststube lehnen am Verschlag des Wirts die Gipspfeifen der Stammgäste, aber seit kurzem ist neben dem Gips der Maserkopf und der teure Meerschaum aufgekommen. In der Nähe des Hauptmarktes werden die Häuser stattlicher, nicht überall sind die alten Lauben erhalten, bedeckte Gänge, welche einst in einem großen Teil Deutschlands durch das Unterstock der Markthäuser führten, die Gehenden in der Regenzeit schützten und das Leben des Hauses mit der Straße verbanden. An dem massiven Bau des Rathauses sind die alten Pfeiler und Gewölbe durch rohen Kalkanwurf und durch Zwischenmauern verklebt, in den düstern, lichtarmen Räumen des Innern hängen Spinnengewebe, erheben sich graue Mauern von Akten, lagert unendlicher Staub; in der Ratsstube stehen die steifen Polsterstühle mit grünem Tuch und Messingnägeln beschlagen im erhöhten Raum, dessen Schranke die Ratsherren von den Bürgern trennt; alles schmucklos und lange nicht getüncht, alles dürftig und unschön, wie eine unfertige Einrichtung; denn in dem neuen Staat fehlt Geld und Freude, die öffentlichen Gebäude zu schmücken, sie werden vom Bürger als ein notwendiges Übel betrachtet, ohne Teilnahme, ohne jedes Selbstgefühl. Noch sehen die Häuser des Marktes zum großen Teil mit spitzem Giebel auf die Straße, und zwischen den Häusern gießen weitvorspringende Dachrinnen ihr Wasser auf das schlechte Pflaster, das aus Feldsteinen kunstlos zusammengesetzt ist. Viele Giebel haben die schöne Gliederung des germanischen Stils verloren, wer verschönern will, läßt die Dachlinie in Rokokoschnörkeln, am liebsten gradlinig bis zur Spitze laufen. Unter den Häusern stehen einzelne Kirchen oder verlassene Klostergebäude mit Strebepfeilern und Spitzbögen. Gleichgültig sieht das Volk auf diese Überreste einer Vergangenheit, mit welcher es kaum durch eine teure Erinnerung verbunden ist; für die alte Kunst ist ihm das Verständnis ganz verschwunden; wie Friedrich von Preußen das Marienburger Schloß, so zerstört überall der nüchterne, verständige, lichtfordernde Sinn die Bauten alter Zeit. Vorsorglich hat der Magistrat die leeren Räume des Klosters zu einem Pfarrhaus oder zu Schulstuben eingerichtet, Fenster ausgeschlagen, Gipsdecken gezogen; dann schauen die Knaben von ihrer lateinischen Grammatik verwundert auf die Steinrosetten und die zierliche Arbeit des Meißels aus einer Zeit, wo dergleichen Unnötiges noch gebaut wurde, und in dem verfallenen Kreuzgang, durch welchen einst Mönche ernsthaft schritten, werfen sie jetzt aus hölzernem Schlüssel ihren Brummkreisel; denn der Circitor susurrans oder Mönch ist ein Lieblingsspiel dieser Zeit, das auch vornehme Herren in verkleinerter Form zuweilen in der Tasche führen. Es ist bereits Ordnung in der Stadt, die Straßen müssen gekehrt werden; Düngerhaufen, welche fünfzig Jahre früher in ansehnlichen Mittelstädten vor den Häusern lagen, seit im Krieg die alte Sauberkeit verschwunden war, sind wieder durch Verordnungen beseitigt, welche die Räte des Landesherrn den Oberamtleuten, die Oberamtleute dem Ratskollegium zugeschickt haben. Auch der Viehstand der Stadt hat sich sehr verringert, die Schweine und Rinder, welche noch kurz vor 1700 zwischen den spielenden Kindern im Straßenschmutz sich belustigten, werden streng in Höfen und Hinterhäusern bewahrt, die Landesregierung sieht nicht gern, daß die Städter in den Ringmauern Vieh halten, denn sie hat die Torakzise eingeführt, und ein abgedankter Unteroffizier treibt sich, den Rohrstock in der Hand, in der Nähe des Tores umher, um die Karren und Körbe der Landleute zu untersuchen. So hat sich die Viehzucht in die dürftigen Vorstädte und die Vorwerke gezogen, nur in den kleinen Landstädten hilft die Ackernahrung das Leben der Bürger erhalten. Auch die Sicherheitspolizei tut ihre Pflicht, auf Bettler und Vagabunden wird stark vigiliert, der Passeport ist dem anspruchslosen Reisenden unentbehrlich; Ratsdiener sind in den Straßen sichtbar und spähen in die Wirtshäuser; zur Nacht wird wohl auch eine Brandwache in die Nähe des Rathauses postiert, und der Türmer gibt mit Fahne und großem Sprachrohr das Notzeichen. Auch das Spritzenhaus wird in Ordnung gehalten, plumpe Feuertonnen stehen an der Seite des Rathauses unter offenem Schuppen, über ihnen hängen die eisenbeschlagenen Feuerleitern. Sogar die Nachtwächter sind ziemlich wachsam und modest, sie sangen nach dem großen Krieg hier und da anzügliche Reime, sooft sie die Stunden abriefen, jetzt hat ein frommer Pfarrer darauf bestanden, daß ihnen Text und Melodie geistlich sei. Der Handwerker arbeitet in der alten Weise fort, fast jeder steht fest in seiner Zunft, sogar die Maler sind zünftig und fertigen als Meisterstück eine Kreuzigung mit einer Anzahl vorgeschriebenen Figuren. In den katholischen Landschaften leben sie von massenhafter Anfertigung der Heiligenbilder, in den protestantischen malen sie Schilder und Scheiben und die Wappen der Landesherren, welche zahlreich an öffentlichen Gebäuden, sogar über den Türen einzelner Handwerker zu sehen sind. Streng wird von der Mehrzahl der Handwerker auf alte Bräuche, am strengsten auf die Rechte der Zunft gehalten; wer nicht nach Handwerksrecht in die Zunft aufgenommen ist, der wird als Pfuscher oder Bönhase mit einem Hasse verfolgt, der ihn von der bürgerlichen Gesellschaft auszuschließen sucht. Noch wird ernsthaft vor der geöffneten Lade gehandelt, Lehrlinge angenommen, Gesellen freigesprochen, Händel geschlichtet, und die Formel »Mit Gunst«, welche jede Rede einleitet, schallt endlos bei allen Zusammenkünften der Meister und der Gesellen; aber die alten Wechselreden und Sprüche des Mittelalters sind halb unverständlich geworden; rohe Scherze haben sich eingedrängt, und die Besseren beginnen bereits, nicht viel darauf zu geben. Ja, es fehlt nicht mehr an solchen, welche die alte Zunftverfassung für eine Last halten, weil sie ihrem Bestreben, sich zur Fabriktätigkeit zu erweitern, hartnäckig widersteht, so die großen Tuchmacher und Eisenarbeiter. Und die lustigen Jahresfeste, welche einst Freude und Stolz fast jedes einzelnen Handwerks waren, sie sind fast alle abgelebt. Die Aufzüge in Masken, eigentümliche alte Tänze vertragen sich nicht mit der Bildung einer Zeit, in welcher der einzelne keine größere Furcht hat, als seiner Würde zu vergeben, in der von der Kanzel gepredigt wird, daß geräuschvolle weltliche Ergötzlichkeit sündhaft sei, in welcher endlich auch die gelehrten Männer der Stadt keinen zureichenden Grund für dergleichen Straßenlärm finden. Geschieden durch Kleidung, Haartracht und Titel, stehen die Studierten und Beamten als Honoratioren der Stadt über den Bürgern. Wie der Adel auf sie, blicken sie auf den Handwerker, dieser auf den Bauern herab. Auch der Kaufmann, zumal wenn er ein Stadtamt bekleidet oder Vermögen besitzt, hat unter den Honoratioren eine Stellung. In den Familien der »vornehmen« Kaufleute, wie die ersten Häuser »ins Große« genannt werden, und der »ansehnlichen«, wie die Besitzer großer Verkaufsläden heißen, ist eine erfreuliche Änderung des Lebens bemerkbar. Der rohe Luxus einer früheren Generation ist gebändigt, bessere Zucht im Hause und größere Redlichkeit im Geschäft sind überall zu erkennen. Schon wird gerühmt, daß es nicht die alten und soliden Häuser sind, deren Inhaber sich noch um Adelsbriefe bewerben, ja daß solche eitle Neugeadelte von den besten ihrer Geschäftsgenossen verachtet werden. Und der vorurteilsfreie Kavalier fühlt sich zu der Erklärung veranlaßt, daß in der Tat kein Unterschied sei zwischen der Frau eines Gutsbesitzers, welche mit Ehren in den Kuhstall geht und das Abrahmen der Milch beaufsichtigt, und zwischen der Frau eines ansehnlichen Kaufmanns zu Frankfurt, die während der Messe im Gewölbe sitzt, »sie ist wohl und prächtig gekleidet, sie befiehlt ihren Leuten wie eine Fürstin, sie weiß den Vornehmen, den Gemeinen und dem Pöbel, jedem nach Stand und Würden zu begegnen, sie liest und versteht mehrere Sprachen, sie urteilt vernünftig, weiß zu leben und erzieht ihre Kinder wohl.« – Zu dieser Kräftigung des deutschen Kaufmanns hatte außer den geistigen Gewalten der Zeit, welche auch die Seele regierten, noch einiges Besondere beigetragen. Nicht nach jeder Richtung war der Einzug der vertriebenen Hugenotten unserer deutschen Art günstig gewesen, der Einfluß, den sie auf den deutschen Handel geübt, ist doch sehr hoch anzuschlagen. Ihre Familien saßen um 1750 in fast allen größeren Handelsstädten, sie bildeten dort kleine aristokratische Gemeinden, schlossen sich gesellig immer noch ab und unterhielten sorgfältig ihre Beziehungen zu den verwandten Häusern in Frankreich, welche noch heute eine ernste, sittenstrenge, eine wenig altfränkische Aristokratie des französischen Großhandels bilden. Gerade bei diesen deutschen Hugenotten hatte das puritanische Wesen der Genfer und niederländischen Separatisten großen Anhang gefunden, ihre gemessene Haltung hatte in Frankfurt wie längs dem Rhein auch andere Häuser beeinflußt. Aber auch der deutsche Handel war zu neuem Leben gekommen, und die gesündere Arbeit hatte auch die Redlichkeit gesteigert. Wieder nahm das arme Land ehrenwerten Anteil am Welthandel, schon führten Deutsche ihre Eisen- und Stahlwaren aus der Grafschaft Mark, aus Solingen und Suhl, Tuche aus allen Landschaften, auch feine Tuche von portugiesischer und spanischer Wolle aus Aachen, Damastgewebe aus Westfalen, Leinwand und Schleier aus Schlesien nach Frankreich, England, Spanien, Portugal und in die Kolonien über See, deren Produkte wieder in Deutschland den größten Markt hatten, weil das Binnenland des östlichen Europas bis zur türkischen Grenze und den Steppen Asiens durch deutsche Kaufleute versorgt wurde. Gerade die Armut des Volkes, d. h. der niedrige Tagelohn machte die Anlage mancher Fabriken lohnend und leicht. Und wie in Hamburg und in den Städten des Rheins von Frankfurt bis Aachen der Großhandel aufblühte, ebenso in den Grenzländern gegen Polen, dort aber in den einfachsten Formen, als ein großartiger Tauschverkehr. Noch fuhren Waren und Reisende auf der Donau stromab in rohen Holzkähnen, die für die einzelne Reise gezimmert und am Ende der Fahrt auseinandergeschlagen und als Bretter verkauft wurden. Und in Breslau werden ebenso auf dem Salzring die Karren und Steppenpferde verkauft, auf denen bärtige Händler von Warschau und Nowgorod ihre Waren in langem Karawanenzug zum Tausch gegen die Kostbarkeiten abendländischer Kultur herzugefahren haben. Und schon beginnt die Klage der schlesischen Kaufleute, daß die Karawanen seltener kommen und die Fremden unzufrieden werden, weil sie sich mit der neuen preußischen Schreiberei und den Deklarationsschemen einer genauen Regierung nicht befreunden wollen. Schon hat sich um 1750 in den Familien der großen Kaufleute etwas von dem Weltbürgertum entwickelt, welches mit Verachtung auf die beschränkenden Verhältnisse von Lennep und Burtscheid mit ihren Probekästen, mit Messerklingen und Nadeln, bis zur Seine und Themse zogen, so trafen auch die jüngeren Söhne dieser großen Fabrikanten mit den Hamburgern in Paris, London, Lissabon, Cadiz, Porto zusammen und gründeten dort zahlreiche Firmen als gewandte, oft kühne Spekulanten. Und von dem unternehmenden und sicheren Wesen dieser Männer ging einiges auf ihre Geschäftsfreunde im Binnenland über. Ein männlicher, fester, unabhängiger Sinn ist um 1750 außer bei den Besten vom Adel und bei wenigen Gelehrten zuweilen bei den größten Kaufleuten zu finden. Die Mehrzahl der Honoratioren aber gehörte in jeder Stadt dem Gelehrtenstande an: Theologen, Juristen, Ärzte. Sie repräsentierten wahrscheinlich alle Schattierungen der Zeitbildung, und die stärksten Gegensätze lagen innerhalb jeder größeren Stadtmauer in stillem Krieg. Noch waren die Geistlichen Orthodoxe oder Pietisten. Die ersteren, in der Regel bequem zum geselligen Verkehr, nicht selten Lebemänner, dauerhaft vor einer ehrbaren Flasche Wein und tolerant gegen die weltlichen Scherze ihrer Bekannten, hatten viel von ihrer alten Streitsucht und dem Inquisitorwesen verloren, sie ließen sich herab, zuweilen eine Stelle aus dem Horatius zu zitieren, kümmerten sich um die Kirchen- und Schulgeschichte ihres Ortes und fingen bereits an, die Schriften des gefährlichen Wolff mit heimlichem Wohlwollen zu betrachten, weil er in so auffälligem Gegensatz zu ihren pietistischen Gegnern getreten war. Waren pietistische Geistliche angestellt, so standen diese wahrscheinlich in besserem Verhältnis zu anderen Konfessionen und wurden von den Frauen, den Juden und von den Armen der Stadt besonders verehrt. Auch ihre Gläubigkeit war milder geworden, sie waren zum großen Teil würdige, sittenreine Männer, treue Seelsorger mit einem weichen, herzgewinnenden Wesen, ihre Predigten waren allerdings sehr pathetisch und bilderreich, sie warnten gern vor der kalten Subtilität und rieten zu dem, was sie Saft und Kraft nannten, was aber die Gegner gezierte Tautologie schalten. Ihr Bestreben, sich und ihre Gemeinde von dem Geräusch der Welt zu isolieren, wurde bereits von einer großen Mehrzahl der Bürger mit Mißtrauen betrachtet; auf der Bierbank war ein gewöhnlicher Spott, daß die Frommen ächzend über Schurzfell, Leisten und Bügeleisen saßen und auf Erweckung lauerten. Die Lehrer der Stadtschulen waren studierte Theologen, größtenteils arme Kandidaten, der Rektor vielleicht aus der großen Schule des Hallischen Waisenhauses berufen. Ein rührendes Geschlecht, an Entsagungen gewöhnt, häufig mit einem kränklichen Körper behaftet, Folge des harten entbehrungsvollen Lebens, durch welches sie sich heraufgearbeitet hatten. Es waren Originale jeder Art, verschrobene und widerwärtige Gesellen fehlten nicht, auch die bessere Mehrzahl war ohne umfangreiches Wissen. Aber in sehr vielen von ihnen lebte vielleicht hinter wunderlichen Formen etwas von der Freiheit, Größe und Unbefangenheit der antiken Welt, sie waren seit der Reformation die natürlichen Gegner aller frommen Zeloten gewesen, selbst die aus dem großen Waisenhause, aus der Zucht der beiden Francke und des Joachim Lange kamen, waren in der Regel gemäßigter, als den pietistischen Pfarrern lieb sein mochte. Die Blätter ihres Cornelius Nepos waren durch den vieljährigen Gebrauch zum Erschrecken schwarz geworden, ihr Schicksal war, vom Sextus oder Quintus langsam aufzusteigen, etwa bis zur Würde eines Konrektors, mit einer geringen Steigerung ihrer spärlichen Einnahmen; die größte Freude ihres Lebens war, zuweilen einen fähigen Schüler zu finden, dem sie neben den Feinheiten lateinischer Satzbildung und Prosodie auch eine und die andere freie Lieblingsidee, eine heidnische Ansicht von Männergröße in die Seele pflanzen konnten, Einwirkungen, auf welche doch der Schüler in seinen Männerjahren mit Lächeln zurücksah. Aber in dieser Tätigkeit, arm an Dank und Anerkennung, haben sie rastlos gearbeitet, die Empfänglichkeit für Schönheit des Altertums und die Fähigkeit, andere Menschenart zu begreifen, in den Deutschen herauszubilden. Und der unablässige Einfluß, den Tausende derselben auf das lebende Geschlecht ausübten, war gerade jetzt gesteigert, seit Gesner die griechische Sprache in den Schulen heimisch gemacht und für den Unterricht der Schüler einen ganz neuen, revolutionären Grundsatz aufgestellt hatte, welcher von den Lehrern mit Begeisterung verbreitet wurde: der Geist des Altertums, das Verständnis des Schriftstellers, nicht der grammatische Kram sei die Hauptsache. Denn die Schule einer ansehnlichen Stadt war eine lateinische Schule. Reichte sie so hoch, daß ihre oberen Klassen für die Universität vorbereiteten, dann schieden aus der Quarta die Knaben, welche ein Handwerk lernen sollten. Diese Einrichtung half dazu, auch den Bürgersmann in einer Abhängigkeit von der gelehrten Bildung zu erhalten, welche wir jetzt zuweilen vermissen. Es war allerdings an sich kein großer Gewinn, wenn der Zunftmeister noch in spätem Jahren einige angenehme Kenntnisse von Mavors, von Kupido mit dem Taubenpaar der Venus hatte, deren Gestalten aus allen Gedichten der Gebildeten herausguckten und sogar die Kalender und Pfefferkuchen verschönerten: aber mit diesen Vorstellungen aus alter Vergangenheit fielen auch einzelne Samenkörner der neuen Zeitideen in seine Seele. Daß die Aufklärung von intelligenten Bürgern so schnell aufgenommen wurde, ist dieser Art von Schulbildung zu verdanken. Streng war die Schulzucht; eine gewöhnliche Ermunterung, welche die armen Schüler einander damals in die Stammbücher schrieben, war das Symbolum: »Geduldig, fröhlich immerdar.« Aber die Strenge war nötig, denn in den unteren Klassen saßen neben den Kindern fast erwachsene Jünglinge, und die Unarten von zwei verschiedenen Lebensaltern waren nebeneinander zu bekämpfen. In einem großen Teil Deutschlands bestand der Brauch, der sich hier und da bis zur Gegenwart erhalten hat, daß die Knaben, welche Benefizien der Anstalt genossen, unter Anführung eines Lehrers als Kurrendeschüler singen mußten. Wenn sie in ihren blauen Mänteln nicht nur bei »ganzen«, auch bei »halben« und »Viertelleichen« hinter dem Kreuz daherzogen, so war das eine arge Versäumnis, welche die Schulzucht sehr störte und schon 1750 als ein Übelstand beklagt wurde. Überall standen unter den Honoratioren die Wolffianer, die Schüler der neuen Weltweisheit als Verbreiter der Aufklärung, Wächter der Toleranz, Freunde jedes wissenschaftlichen Fortschritts. Gerade in diesem Jahr waren sie in angelegentlicher Erörterung einiger alter Streitpunkte, denn soeben hatte der Leipziger Crusius seine »Anleitung über natürliche Begebenheiten vernünftig nachzudenken« ans Licht treten lassen, und mit diesem Werk, einem Kosmos des Jahres 1740 in der Hand, überlegten sie wieder einmal, ob man einen vollen oder leeren Raum anzunehmen habe, und ob die letzte Ursache der Bewegung in der tätigen Kraft elastischer Körper zu suchen sei. Finster sahen diese Fortschrittsmänner auf die theologische Fakultät zu Rostok, welche gerade jetzt einen jungen Herrn Kosegarten zu sehr auffälligem Widerruf gezwungen hatte, weil er die Behauptung gewagt, die menschliche Natur des Erlösers auf Erden sei von seiner göttlichen nur bis zu einem gewissen Grad unterstützt worden, er habe gelernt wie andere und gar nicht alles vorausgesehen. Dagegen gönnten sie aber ein wohlwollendes Lächeln den physiko-theologischen Betrachtungen wackerer Theologen, wenn einer die Möglichkeit der Auferstehung nachwies, trotz dem fortwährenden Stoffwechsel oder – wie man damals sagen mußte – trotz dem Wechsel der Partikeln seines Körpers, oder wenn ein anderer die Weisheit der Vorsehung aus dem weißen Fell der Hasen in Livland zu erkennen bemüht war. Auch die deutsche Dichtkunst und Beredsamkeit wußten sie wohl zu schätzen. Da war zu Leipzig Herr Professor Gottsched und seine Frau. Die Leute hatten ihre Schwächen, aber es war doch ein großartiges Wesen in ihnen, Anstand, Würde und Wissenschaft, sie gehörten zuletzt auch zur Schule, und sie wollten durch die deutsche Dichtkunst feinere Bildung und einen besseren Geschmack in das Land bringen. Schon wurden sie sehr angefeindet, aber ihre Zeitschrift, den »Neuen Büchersaal«, konnte schwerlich entbehren, wer dem poetischen Treiben der Belletristen nachkommen wollte. Neben den Älteren, welche so sprachen, hatte sich in der Stadt aber bereits ein jüngeres Geschlecht eingefunden, welches die schönen Künste nicht mehr als eine angenehme Zierat betrachtete, sondern Aufregungen, edle Gefühle und eine freiere Sittlichkeit von ihrem Einfluß hoffte, worüber die gelehrte Partei mißbilligend den Kopf schüttelte. Und diese Jüngern – es war eine kleine Zahl – trieben es seit zwei Jahren mit einer Aufregung, die sie zu Überspanntheiten hinriß; sie trugen Bücher in der Tasche, sie steckten sie den Frauen ihrer Bekanntschaft zu, sie deklamierten laut und drückten einander die Hände. Es war die erste Morgenröte eines neuen Lebens, welche mit so herzinniger Freude begrüßt wurde. In der Monatsschrift »Bremer Beiträge« waren die ersten Gesänge des »Messias« von Herrn Klopstock erschienen; der Betroffenheit, mit der man anfänglich auf die fremde Form sah, war jetzt in einem kleinen Kreise rückhaltlose Bewunderung gefolgt. Und im vergangenen Jahr war ein anderes Gedicht eines Unbekannten, »Der Frühling«, gedruckt worden, man wußte nicht, wer es gemacht, aber es sollte derselbe anmutige Poet sein, welcher unter dem Wappenbild des Breitkopfischen Bären in der Monatsschrift »Belustigungen des Verstandes und Witzes« Mitarbeiter gewesen war, zugleich mit Kästner, Gellert, Mylius. Und wieder gerade jetzt hatte durch Weidmann ein anderer Unbekannter den Anfang eines andern Heldengedichtes »Noah« edieren lassen; die Mutmaßung ging allerdings auf einen Schweizer, weil der Name Sipha darin vorkam, den Bodmer früher angewendet hatte. Alle diese Gedichte waren in dem Silbenmaß der Römer gebildet, und diese neue Art bewerkstelligte eine ganz eigene Aufregung des Gemüts, welche man früher nicht gekannt hatte. Bereits schien sich eine förmliche Rebellion unter den Schöngeistern anzuzetteln. – Es sollte in kurzem noch wilder zugehen. Noch entbehrte die Stadt solche Theatervorstellungen, welche einen Denker befriedigen konnten. Wer aber auf einer Reise die Schönemannsche Truppe in Norddeutschland gesehen hatte, der erinnerte sich um 1750, sicher einige Jahre darauf, an einen jungen Mann von unvorteilhafter Gestalt mit einem kurzen Hals und dem Namen Eckhof, welcher der feinste und kunstvollste Schauspieler Deutschlands wurde. Und gerade in diesen Wochen war von der Messe ein neues Buch angekommen. »Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters«, welches zwei junge Leipziger Gelehrte verfaßt hatten, von denen der eine Lessing hieß. – In demselben Bücherballen lag der Roman Richardsons »Pamela«, wie das Jahr vorher die »Clarissa« desselben Autors. Was aber damals in den Häusern der Bürger gelesen wurde, war von ganz anderer Beschaffenheit. Noch gab es keine Leihbibliotheken, nur die kleinen Antiquare verliehen zuweilen an zuverlässige Bekannte. Aber es wucherte doch eine bändereiche Literatur von Romanen, welche von den Anspruchslosen eifrig gekauft wurden. Es waren flüchtig zusammengeschleuderte Erzählungen, in denen abenteuerliche Schicksale berichtet wurden. Diese Abenteuer waren im 17. Jahrhundert in verschiedener Methode dargestellt worden, entweder in geistloser Nachahmung der alten Ritter- und Schäferromane, auf phantastischem Hintergrund, ohne den Vorzug detaillierter Schilderungen, oder wieder mit einem derben Realismus, ein rohes Abbild des wirklichen Lebens, ohne Schönheit, oft gemein und schmutzig. Es war ein abgelebtes Wesen und ein Beginnen der neuen Zeit, die damals nebeneinander liefen. Schon seit 1700 ist die realistische Richtung die herrschende. Aus den Amadisromanen werden schlüpfrige Hof- und Touristenabenteuer, dem Simplizissimus folgen eine große Zahl von Kriegsromanen, Robinsonaden und Aventuriergeschichten. Die große Mehrzahl ist sehr liederlich verfertigt, und deutsche Klatschgeschichten oder Zeitungsnachrichten von außerordentlichen Ereignissen in der Fremde, zum Teil Tagebücher, sind darin verarbeitet. Auch Faßmanns »Gespräche aus dem Reiche der Toten« sind in ähnlicher Weise zusammengeschrieben aus fliegenden Blättern und Geschichtsbüchern, die der unordentliche Mann, der damals in Franken saß, sich von den Pfarrern der Gegend zusammenborgte. Die so schrieben wurden von den Gebildeten gründlich verachtet, aber sie übten doch eine sehr große, schwer zu schätzende Wirkung auf das Gemüt des Volkes. Es waren zwei getrennte Welten, die nebeneinander kreisten. Und dieser Gegensatz zwischen der Lektüre des Volkes und der Gebildeten hat – wenn auch zuweilen versöhnt – zu sehr bis in die neueste Zeit bestanden. Unter den Honoratioren der Stadt gab es aber im Jahre 1750 auch andere Gelehrte. Wohl keiner mäßigen Stadt fehlte ein patriotischer Mann, welcher die alten Chroniken, die Kirchenbücher und Urkunden des Ratsarchivs durchsucht hatte und zu einer Geschichte des Ortes und der Landschaft schätzenswerte Beiträge zu geben wußte. Noch war das Verständnis der monumentalen Altertümer gering, aber auch sie wurden mit alten Inschriften und unechten Götzen unserer Urahnen als Kuriositäten fleißig abgebildet. Und gegen die unkritischen Märchen und das nackte Verzeichnen von Einzelheiten wurde ein siegreicher Kampf geführt. Auch auf die einseitigen Werke der letzten Jahrzehnte, die schwerfälligen »Kirch- und Schulstaaten«, sah das jüngere Geschlecht herab. Schon galt es, mit gewissenhafter Benutzung der Dokumente eine zusammenhängende, Ursache und Wirkung deutlich auseinandersetzende Geschichtserzählung hervorzubringen. Allerdings gehört das Beste, was in diesen Jahren geschrieben wurde, nur der Lokalhistorie an. Größer war das Interesse, welches die Naturwissenschaften in Anspruch nahmen; sie sind in dem Kleinleben der Stadt die populärste Wissenschaft. Nicht gering ist die Zahl ehrenwerter Zeitschriften, welche die neuen Entdeckungen der Wissenschaft berichten. Mit Achtung haben wir auf sie zurückzusehen; Darstellung und Stil sind zuweilen, z. B. in Kästners »Hamburgischem Magazin«, musterhaft; und unermüdlich sind sie bemüht, die gelehrten Entdeckungen für Handel, Gewerbe, Ackerbau, jeden Kreis praktischer Interessen auszubeuten. Freilich ihre »vernünftige« Einwirkung hatte nicht alles Unhaltbare beseitigt. Die alte Neigung zur Alchimie war nicht besiegt. Noch immer wurde von verständigen und redlichen Leuten laboriert, ernsthaft wurde das große Geheimnis gesucht, immer kam ihnen etwas dazwischen, was den letzten Erfolg hinderte. Geheimnisvoll wurde solche Arbeit betrieben, aber die Stadt wußte recht gut, daß der Herr Rat oder Sekretarius den »faulen Heinz bediene« – den Ofen heize – um Gold zu machen. Die Freude an chemischen Prozessen, an den Destillationen in der Retorte und den Solutionen auf kaltem Wege war vielen gemein; kräftige Tinkturen wurden an Bekannte verteilt, die Hausfrauen liebten allerlei künstliche Wasser zu destillieren, und in den Frage- und Anzeigeblättern wurden häufig Medikamente angepriesen, Pillen gegen Podagra, Pulver gegen Kröpfe, blaues Wasser gegen Viehsterben, die Scharlatanerie ist verhältnismäßig größer als jetzt, die Lügen ebenso dreist. Der Eifer für die Wissenschaft zu sammeln war allgemein geworden, die Knaben begannen Schmetterlinge aufzuspannen, Käfer zusammenzutragen, Dendriten und Erzstufen mit dem Brennglas des Vaters zu betrachten, die Wohlhabenden freuten sich über »Rösels Insektenbelustigungen« und das erste Heft von »Frischens Vorstellung (Abbildung) der Vögel«. Eine Bibliothek zusammenzubringen wurde der Stolz des Gebildeten, auch in bescheidener Lage. Zweimal im Jahre, zu Ostern und Michaelis, brachte der Buchhändler von der Leipziger Messe die »Novitäten«, welche er dort für sein Geld erkauft oder gegen Werke seines Verlags eingetauscht hatte. Diese neuen Bücher legte er in seinem Laden zur Ansicht aus, wie jetzt ein Händler mit Schnittwaren tut. Das war eine wichtige Zeit für die Liebhaber, der Laden wurde ein Mittelpunkt für literarische Unterhaltung, auf Stühlen saßen die Hauptkunden, begutachteten, wählten und verwarfen; sie erhielten die Pränumerationsbogen der neuen Werke, z. B. der Firma Breitkopf »Eröffnete Akademie der Kaufleute«, und ließen sich Neuigkeiten aus der gelehrten Welt erzählen: daß in Göttingen eine neue Sozietät der Wissenschaften gestiftet werden solle; daß Professor Gottsched von Wien zurückgekehrt sei, und daß die Kochsche Schauspielertruppe auf der Messe großen Zulauf gehabt; daß Herr Klopstock vom König von Dänemark eine Pension von vierhundert Talern erhalten habe ohne jede Gegenverpflichtung; daß Herr von Voltaire in Berlin zum Kammerherrn ernannt sei, und daß die Bibliothek des seligen Herrn Superintendenten Löscher zu Dresden, fünfzigtausend Bände stark, jetzt wirklich versteigert worden sei. In den Bücherballen wanderten um diese Zeit auch andere begehrenswerte Einkäufe durch das Leben. Es gab zuweilen Gelegenheit, neben den neuen Büchern alte zu erwerben. Das Interesse an den alten Drucken der Klassiker regte sich; nach den Aldinen und Juntinen, den Elzeviren wurde mit besonderer Kuriosität gesucht. Aber der antiquarische Handel war außer in Halle und Leipzig wenig in Aufnahme; nur der Zufall und eine Auktion brachte dem einzelnen leicht Bücher in die Hände, die in den letzten Jahrhunderten zusammengebracht waren, von Patriziern der Reichsstädte, deren Familien allmählich ausstarben, vielleicht aus Klosterbibliotheken, deren Werke von gewissenlosen Mönchen unter der Hand verkauft wurden. So kaufte ein Geistlicher in der Nähe von Gräfental in Franken für fünfundzwanzig Gulden, die nach und nach zu bezahlen waren, viele Ellen Folianten und Quartanten in schönen Einbänden; die Elle großen Formats war etwas teurer als die des kleinen, manche Werke waren unvollständig, weil genau gemessen wurde und die Elle eher zu Ende war als die Bändezahl; wählen durfte man nicht, die Rücken wurden nach der Reihe abgemessen. Doch war diese Barbarei eine Ausnahme. Wer selbst Bücher schrieb, genoß davon ein Honorar durch den Buchhändler, das nicht ganz unbedeutend war, wenn der Schriftsteller in Ansehen stand. Sehr hatte sich dies Verhältnis seit dem Anfang des Jahrhunderts gebessert. Da eine Vorliebe für theologische und juristische Abhandlungen bestand, so wurden solche Traktate zuweilen höher honoriert, als es jetzt möglich wäre. Wer freilich nicht als Universitätslehrer in einem Mittelpunkt der Wissenschaft stand, der erwarb nur geringe Einnahme. Als der hochehrwürdige Herr Leßer im Jahre 1737 mit seinem Verleger über den Druck der Chronik von Nordhausen übereinkam, wurde er zwar für den gedruckten Bogen der fleißigen Arbeit durch ein Honorar von sechzehn guten Groschen »vergnüget« – welche er in ihm anständigen Büchern zu entnehmen hatte –, mußte jedoch versprechen, daß er den Verleger völlig schadlos halten wolle, wenn diesem der Inhalt des Buches irgendeinen Verdruß bei der Obrigkeit zuziehen sollte. Für das gesellige Leben der Honoratioren war in den späten Morgenstunden die Apotheke ein schätzenswerter Mittelpunkt. Dort wurden bei kleinem Glase Aquavit Politik und Stadtneuigkeiten besprochen, und von der Decke und den oberen Gesimsen sah der alte Trödelstaat überwundener Marktschreier und Wurmdoktoren: Gerippe von Haifischen, ausgestopfte Affen, Mißgeburten in Spiritus und anderes Entsetzliche, glotzäugig auf den eifrigen Disput der Gesellschaft herab. Schon wurde außer dem Stadtgeschwätz mit Vorliebe die Politik verhandelt, nicht mehr mit ruhigem Klugsprechen, sondern als Herzenssache. Ob König, ob Kaiserin, ob Sachsen, ob Preußen wurde häufig erörtert, man wußte von jedem Gast, zu welcher Partei er gehörte. Wenige Jahre darauf sollte dieser Streit so leidenschaftlich werden, daß er sogar das Familienleben und den Hausfrieden störte. – Unterdes war dem kleinen Bürgersmann, den Dienstboten und Kindern die Phantasie mit andern Bildern erfüllt, ihnen hielt der alte Aberglaube ihr Leben umsponnen, und er war seit der neuen Frömmigkeit viel zudringlicher geworden. Kaum gab es ein altes Haus, welches nicht seine Polterstube hatte. Auf den Gräbern, in den Kirchtürmen zeigte sich ein Gespenst, sogar im Spritzenhaus spukte es, bevor ein Feuer ausbrach; zuweilen wurde die geheimnisvolle Wehklage gehört, eine Variation des Glaubens an das wilde Heer, welches durch den großen Krieg in die Seelen des Volkes gekommen war; alte Katzen wurden als Hexen betrachtet, und die Erscheinungen Verstorbener, Ahnungen und bedeutsame Träume wurden mit angstvoller Gläubigkeit erörtert. Immer noch war das Aufsuchen verborgener Schätze eine wichtige Angelegenheit, keiner Stadt fehlten glaubwürdige Berichte über Funde, die in der Nähe gemacht oder durch unzeitig gesprochene Wörter vereitelt waren. Aber der verständige Familienvater ist bereits eifrig bemüht, seine Kinder und Dienstboten über dergleichen aufzuklären. Es ist ein lebhafter Kampf, der fast in allen Familien geführt wird, von den Vertretern neuer Zeit mit der Überlegenheit und Schärfe, welche ein innerer Sieg über stille Erinnerungen des eigenen Lebens zu verleihen pflegt. Der Aufgeklärte leugnet gar nicht unbedingt die Möglichkeiten eines geheimnisvollen Zusammenhanges mit dem Jenseits, aber er versteht jeden einzelnen Fall mit Mißtrauen und Ironie zu betrachten; er nimmt allerdings an, daß hinter dem zerstörten Altar der alten Kirche, in den Ruinen des nahen Schlosses noch irgend etwas sehr Kurioses verborgen sein könne, und daß es wohl lohnen möge, einmal nachzugraben; aber er nährt eine souveräne Verachtung gegen die Flämmchen und den schwarzen Hund und zählt mit besonderer Freude zahlreiche Beispiele auf, wie dieser Glaube »alter Zeit« durch Betrüger gemißbraucht worden sei. Auch vergeht selten ein Vierteljahr, daß nicht eine gelesene Zeitschrift schöne Abhandlungen bringt, worin die Bergmännchen gänzlich geleugnet, die Feuerkugeln physikalisch erklärt und die Donnerkeile als Versteinerungen betrachtet werden. Zwar fehlen in keiner Stadt aufgeregte Leute, welche durch Erscheinungen gequält sind, und die Geistlichen beten mit der Gemeinde für diese Armen; aber schon behaupten nicht nur die Ärzte und weltlichen Gelehrten, auch klügere Bürger, daß solche Art Teufel nicht durch Gebet, sondern durch Fasten und Purgieren auszutreiben seien, da sie nur in Hypochondriacis durch krankhafte Einbildungen erzeugt würden. Unter den Tagesereignissen ist das interessanteste Ankunft und Abfahrt des Postwagens. Gern bewegt sich der Spaziergänger um diese Zeit in der Nähe der Post. Die gewöhnliche Landpost ist ein sehr langsames, unbehilfliches Beförderungsmittel, ihr Schneckengang ist noch fünfzig Jahre später berüchtigt; Kunststraßen gibt es nirgends in Deutschland, erst nach dem Siebenjährigen Krieg werden die ersten Chausseen gebaut, auch diese schlecht. Wer bequem reisen will, nimmt Extrapost; sorgfältig wird darauf gehalten, zu größerer Geldersparnis alle Plätze zu besetzen, und in den Lokalblättern, welche seit kurzer Zeit in den meisten größeren Städten und Residenzen existieren, wird zuweilen ein Reisegefährte gesucht. Zu weiten Reisen werden eigens Wagen gekauft, am Ende der Reise wieder verkauft; die schlechten Wege geben den Posthaltern das Recht, auch einem leichten Wagen vier Pferde vorzuspannen, dann ist es wohl eine Bevorzugung des Reisenden, wenn ihm von der Regierung eine Lizenz gegeben wird, nur zwei Pferde Extrapost nehmen zu dürfen. Wer nicht so wohlhabend ist, sucht einen Retourwagen, solche Reisegelegenheiten werden mehrere Tage vorher angekündigt. Ist zwischen zwei Orten starke Verbindung, so gehen außer der ordinären Post und einer schnelleren Postkutsche auch konzessionierte Landkutschen an bestimmten Tagen. Sie vorzugsweise vermitteln den Personenverkehr des Volkes. Von Dresden nach Berlin im Jahre 1750 alle vierzehn Tage, nach Altenburg, Chemnitz, Freiberg, Zwickau einmal wöchentlich; nach Bautzen und Görlitz war die Zahl der Passagiere nicht so sicher, daß der Kutscher jede Woche an bestimmtem Tag abgehen konnte; nach Meißen gingen das grüne und das rote Marktschiff, jedes einmal wöchentlich hin und zurück. Man reiste auch mit der besten Fuhre sehr langsam. Fünf Meilen den Tag, zwei Stunden die Meile scheint der gewöhnliche Fortschritt gewesen zu sein. Eine Entfernung von zwanzig Meilen war zu Wagen nicht unter drei Tagen zu durchmessen, in der Regel wurden vier dazu gebraucht. Als im Juli des Jahres, welches hier geschildert wird, Klopstock mit Gleim in leichtem Wagen durch vier Pferde gezogen, von Halberstadt nach Magdeburg sechs Meilen in sechs Stunden fuhr, fand er die Schnelligkeit so außerordentlich, daß er sie mit dem Wettlauf der olympischen Spiele verglich. Waren aber die Landstraßen gerade schlecht, was in der Regenzeit des Frühlings und Herbstes regelmäßig eintrat, so vermied man die Reise, betrachtete die unvermeidliche als ein Wagnis, bei dem es ohne schmerzliche Abenteuer selten abging. Im Jahre 1764 war den Hannoveranern merkwürdig, daß ihre Gesandtschaft zur Kaiserkrönung trotz der schlechten Wege ohne allen Schaden, Umwerfen und Beinbruch, nach Frankfurt a. M. durchgedrungen war, nur eine Achse war zerbrochen. – So ist die Reise ein wohl zu überlegendes Unternehmen, welches schwerlich ohne längere Vorbereitungen durchgeführt wird; und das Eintreffen fremder Reisender in einer Stadt ist ein Tagesereignis; neugierig umsteht die Menge den anhaltenden Wagen. Nur in den größeren Handelsstädten sind die Gasthöfe modisch eingerichtet, Leipzig ist deswegen berühmt. Gern kehrte man bei Bekannten ein, in steter Rücksicht auf die Kosten, denn auch wer reiste, der rechnete genau. Aber wer irgend Ansprüche machte, scheute eine Fußreise, die Unsicherheit, unsaubere Herbergen und rohe Begegnung; noch waren wohlgekleidete Fußreisende, welche die Landschaft bewunderten, ganz unerhört. Der Reisende wurde nicht nur durch die lebhafte Teilnahme seiner Freunde begleitet, er wurde auch für ihre Geschäfte in Anspruch genommen, wie denn überall unter Bekannten das Hingeben und Zumuten weit unbefangener war als jetzt. Er wurde reichlich mit warmen Kleidern, Empfehlungsbriefen, kalter Küche und klugen Regeln ausgestattet, aber er wurde dafür mit »Kommissionen« belastet, mit Einkäufen jeder Art, auch zarteren Angelegenheiten: Eintreiben von Schuldforderungen, Anwerben eines Hauslehrers, ja Kundschaften und Vermitteln in Herzenssachen. Wer vollends zu einer großen Messe reiste, der mochte für besondere Koffer und Kisten sorgen, um die Wünsche seiner Bekannten zu befriedigen. Zu dergleichen Dienst und Gegendienst zwang die Not; denn Geld- und Paketsendungen durch die Post waren sehr teuer, und nicht überall wurde das Institut für zuverlässig gehalten. Zwischen Nachbarstädten war deshalb ein regelmäßiger Botendienst eingerichtet, wie er z. B. in Thüringen bis zur Gegenwart bestanden hat; solche Boten – nicht selten Frauen – trugen durch Schnee und Sonnenglut die Briefe und Aufträge an bestimmten Tagen hin und zurück, sie besorgten jede Art von Einkäufen, genossen als zuverlässige Leute sogar das Vertrauen der Behörde, welche ihnen Amtsbriefe und Akten übergab, und hatten am Zielpunkt ihrer Reise einen festen Stand, wo wieder Briefe und Rücksendungen an ihren Heimatort abgegeben wurden. War der Verkehr zweier Orte sehr lebhaft, so ging wohl ein »Kästelwagen« hin und her, mit Schubfächern, zu denen je zwei verbündete Familien in den beiden Orten die Schlüssel hatten. Knapp und enge war der Haushalt des Städters, nur wenige waren so wohlhabend, daß sie die Einrichtung des Hauses und ihres Lebens mit einigem Glanz umgeben konnten; die Reichen waren in Gefahr, einem ungeschickten Luxus zu verfallen, wie er Höfe und anspruchsvolle Familien des Adels verdarb. Auch wer wohlhäbig leben konnte, hatte in der Regel seinen Haushalt sehr einfach eingerichtet und zeigte den Wohlstand nur bei festlichen Gelegenheiten durch Gerät und Bewirtung. Deshalb waren Gastereien durchaus ungemütliche Staatsaktionen, für welche der ganze Haushalt umgekehrt wurde; in nichts unterschied sich der Mann von Welt mehr als in der leichteren Methode seiner Gesellschaft. – Streng war die Ordnung des Bürgerhauses, genau bis aufs kleinste stand fest, was anderen zu leisten und von ihnen zu empfangen war. Die Glückwünsche, die Komplimente, d. h. die höflichen Anreden, sogar die Trinkgelder, alles hatte seine genau bestimmte Größe und vorgeschriebene Form. Durch diese zahllosen kleinen Regeln erhielt der Verkehr eine gewisse unveränderliche Festigkeit, welche sehr gegen die Ungebundenheit der Gegenwart absticht. Es war gebräuchlich, an bestimmten Tagen zur Ader zu lassen, zu purgieren, seine Rechnungen zu bezahlen, in festen Zwischenräumen seine Besuche zu machen. Ebenso fest standen die Freuden des Jahres, das Gebäck, welches jedem Tag ziemte, die gebratene Gans, das Bleigießen, sogar wenn möglich das Schlittenfahren. Unverrückt dauerte die Ordnung des Haushaltes; die massiven Möbel, welche das Brautpaar bei der Einrichtung erkauft hatte, der gepolsterte Lehnstuhl, den sich der Mann vielleicht schon als Student erstanden, der Klapptisch zum Schreiben, die Schränke wurden Gefährten mehrerer Generationen. Aber schon begann unter diesem Netzgeflecht alten Herkommens ein leichterer Sinn die Flügel zu regen, schon rührte die lästige Frage warum? auch an den kleinen Brauch. Und überall gab es einzelne, welche sich mit philosophischem Selbstgefühl gegen die Gewohnheiten setzten, die ihnen nicht in Vernunft begründet erschienen; in mehreren arbeitete ein dunkler Drang nach Freiheit, Selbständigkeit, einem neuen Inhalt des Lebens, der sie von der Menge und der Gesellschaft seitab auf Nebenwege führte, in der Regel zu wunderlichen Originalen machte, mit deren Eigentümlichkeiten die Stadt sich unaufhörlich beschäftigte. Die Räume des Hauses waren im ganzen schmucklos, die Fußböden von gehobelten Brettern hatte keine andere Zier, als die Reinheit der hellen Holzfarbe, welche durch unaufhörliches Waschen erhalten wurde, aber die Wohnung wenigstens allwöchentlich einmal durchaus feucht und unbehaglich machte. Treppe und Hausflur wurden häufig mit weißem Sand bestreut. In den Zimmern schätzte man eine dauerhafte und gefällige Einrichtung, die Möbel, unter denen die Kommode eine neue Erfindung war, wurden sorgfältig gearbeitet und schön ausgelegt. An den Wänden war Malerei ungewöhnlich, doch war die gefärbte Kalkwand in größeren Städten gering geachtet, die Papiertapete beliebt. Die Wohlhabenden hielten aufgepreßten Ledertapeten, welche den Zimmern ein besonders behagliches Aussehen gaben; auch als Möbelüberzug war das Leder geschätzt. Die Freude der Hausfrau war kupfernes und zinnernes Gerät. Es wurde damit »Staat« gemacht, das neue vielbedeutende Wort hatte sich auch in die Küche gedrängt. In Nürnberg z. B. gab es in den wohlhabenden Familien Prunkküchen, welche sich kleineren Gesellschaften bei Morgenkollationen – wo kalte Speisen aufgesetzt wurden – zu öffnen pflegten. In solcher Küche blitzte es ringsum von spiegelhellem Zinn und Kupfer, sogar das Brennholz, welches in großen Haufen regelmäßig aufgeschichtet dalag, war mit blankem Zinn beschlagen, alles nur zur Schau, eine Spielerei, wie jetzt die Kochstuben kleiner Mädchen. Aber bereits wurde neben dem Zinn das Porzellan aufgestellt, vornehmlich in dem eleganten Sachsen fehlte einer wohlhabenden Hausfrau selten der offene Porzellantisch mit Tassen, Krügen und Nippesfiguren. Und der modische Liebling der Frauen, der Mops, vermochte durch eine mürrische Bewegung ein Geklirr hervorzubringen, welches dem Hausfrieden gefährlich war. Gerade damals stand das wunderliche Tier auf der Höhe seines Ansehens; es war in die Welt gekommen, niemand wußte woher, und ist ebenso unvermerkt wieder von uns geschieden. Aber außer an Zinn und Porzellan hing das Herz der Hausfrau gerade damals an feiner Webearbeit. Die Linnendamaste wurden sehr schön gefertigt mit künstlichen Mustern, die wir noch jetzt bewundern; solchen Damast zu Gedecken zu besitzen, war besondere Freude, auch auf feine Leibwäsche wurde großer Wert gelegt; das Manschettenhemd, welches Gellert von der Lucius zum Geschenk erhalten hat, wird in seiner Beschreibung einer Audienz nicht vergessen. Die Kleidung, in welcher man sich vor andern zeigte, galt auch dem ernsten Mann als eine Standesangelegenheit; durch die Frommen war der Bürger an dunkle oder matte Farbe gewöhnt worden, aber der feine Stoff, die Knöpfe, die bescheidene Stickerei, die Wäsche verrieten nicht minder als Perücke und Degen den Mann von Erziehung. Das war jedoch die Tracht vor Menschen, sie mußte eigens angelegt werden, wenn man ausging, und da sie unbequem war und die Perücke schwer ohne Hilfe anderer aufzusetzen und zu pudern war, so wurde schon dadurch ein Gegensatz zwischen Häuslichkeit und Gesellschaft hervorgebracht, der den Verkehr des Tages in bestimmte Stunden bannte, ihn förmlich und weitläufig machte. Zu Hause wurde ein Schlafrock getragen, in welchem der Gelehrte Besuche annahm, die »gute« Kleidung aber sorgfältig geschont. Viele Bedürfnisse freilich, welche uns sehr geläufig sind, waren ganz unbekannt, manche Bequemlichkeit wurde lange entbehrt. Im Jahre 1745 bittet ein österreichischer Unteroffizier einen gefangenen Offizier, dem er die Uhr abgenommen hat, die Uhr auch aufzuziehen; er hat noch keine in Händen gehabt. Der würdige Semler erwarb erst, als er bereits Professor war, durch Beihilfe eines Buchhändlers eine silberne Taschenuhr; er klagt um 1780, daß damals schon jeder Magister, ja jeder Student eine solche Uhr haben müsse; jetzt erhält in Familien von ähnlicher Lage der Quartaner eine silberne, der Student eine goldene. Eigene Kutschen und Pferde hielten außer dem begüterten Adel, der sich nach der Stadt gezogen, nur die höchsten Staatsbeamten, und in großen Handelsstädten – seltner als fünfzig Jahre früher – die reichsten Kaufleute. Aber auch den Gelehrten wurde damals oft durch die Ärzte geraten, sich den Gefahren eines Reitpferdes nicht zu entziehen, bedeckte Reitbahnen und Mietpferde wurden häufiger als jetzt von den Professoren in Anspruch genommen. Freilich gelang es nicht jedem so, wie dem kranken Gellert, dem als zweites Geschenk nach dem Tode seines berühmten Schecken ein kurfürstliches Pferd mit Samtsattel und goldbesetzter Schabracke in den Hof geführt wurde, das der liebe Herr in seiner Weise bewegt, aber mit dem größten Mißtrauen gegen die Sanftmut des Rosses annahm und allen seinen Bekannten anzuzeigen nicht müde wurde, während sein Stallknecht das Wundertier den Leipzigern um Geld vorwies. Da die Kleidung so empfindlich gegen Nässe machte, war ein Transportmittel sehr in Aufnahme gekommen, das seitdem fast geschwunden ist: die Portechaisen. Sie wurden fast so häufig gebraucht wie jetzt die Droschken; die Träger, durch eine Art Livree kenntlich, hatten ihre bestimmten Stationen und fanden sich ein, wo Adel und Publikum zahlreich erschienen: bei großen Tänzen, am Sonntag vor den Kirchtüren, am Theater. Streng war die Zucht des Hauses. Am Morgen war auch in den Familien, welche nicht der Pietät anhingen, kurze Hausandacht mit den Kindern und gewöhnlich mit den Dienstleuten: Gesang eines Verses, eine Ermahnung oder Gebet, zuletzt wieder ein Liedvers. Früh wurde aufgestanden, bei guter Zeit wieder das Lager gesucht. Auch der Umgang im Hause war förmlich; von Kindern und Dienstboten wurde äußere Ehrerbietung in devoten Formen gefordert, die Gatten der Honoratioren redeten einander in der Regel mit Sie an. Was sich einer Familie anschloß, gute Freunde, entferntere Bekannte, das erhielt in dem einfachen, oft ärmlichen Leben große Wichtigkeit. Durch die Hausfreunde wurde Beförderung, Fürsprache und Begünstigung gesucht und erwartet. Protegieren und Parteinehmen war eine Pflicht. Deshalb galten vornehme und einflußreiche Bekanntschaften für ein ausgezeichnetes Glück, um das man zu werben hatte; jede Aufmerksamkeit, Gratulation an Geburtstagen, das Karmen bei Familienfesten durften nicht unterlassen werden. Durch solche Gunst einzelner suchte man sein Fortkommen in der fremden Welt. Die Devotion gegen Höhere war groß, einem Gönner die Hand zu küssen war guter Ton. Als Graf Schwerin am 11. August 1741 zu Breslau im Fürstensaal die Eidesleistung abnahm, wollte der protestantische Kircheninspektor Burg bei dem Handschlag, den er zu geben hatte, dem preußischen Feldmarschall die Hand küssen. Nicht diese Ergebenheit ihres ersten Geistlichen war den Breslauern auffällig, sondern daß ein Feldmarschall den bürgerlichen Theologen umarmte und küßte. Zumal die Gevatterschaft begründete unter den Bürgern ein näheres Verhältnis; der Taufpate war verpflichtet, später um das Fortkommen des Täuflings zu sorgen, und dies Pietätsverhältnis bestand bis an sein Lebensende. Gern wurde ihm, wenn er vielvermögend war, von den Eltern eine entscheidende Stimme über die Zukunft des Kindes eingeräumt, es wurde aber auch erwartet, daß er sein Wohlwollen durch seinen letzten Willen an den Tag legte. Ein solches Leben des Stadtbürgers in mäßigen Verhältnissen entwickelte einiges Besondere in Charakter und Bildung. Zunächst ein weiches und gefühlvolles Wesen, das man um 1750 zärtlich und empfindsam nannte. Die Anlage zu dieser Weichheit hatte der große Krieg und seine politischen Folgen in die Seelen gelegt, die Pietät hatte diese Anlage auffällig entwickelt. Eine gewisse Übung, sich und andere aufzuregen und zu steigern, besaß fast jeder. Das Familiengebet war im letzten Jahrhundert lange gedankenlos hergesagt worden, jetzt wurden die erbaulichen Betrachtungen und Nutzanwendungen, welche der Hausvater machte, Veranlassung zu dramatischen Szenen in der Familie. Zumal das laute Gebet aus dem Stegreif gewöhnte die Familienmitglieder hell auszusprechen, was ihnen gerade auf dem Herzen lag. Häufig waren Gelübde und Versprechungen, feierliche Ermahnungen und gerührte Versöhnungen zwischen Gatten, Eltern und Kindern; Gefühlsszenen wurden ebensosehr gesucht und genossen, als sie jetzt vermieden werden. Sogar in der Schule kam die leichte Erregbarkeit des Geschlechtes zutage. Wenn ein ehrlicher Lehrer Kummer hatte, ließ er Verse, die sich auf seine Stimmung bezogen, durch die Schüler absingen; es wurde ihm nicht schwer, dabei traurig zu werden, und es war ihm angenehme Empfindung, wenn die Knaben ihn errieten und durch Andacht ihre Teilnahme bezeigten. Ebenso liebte der Prediger auf der Kanzel, die Gemeinde zum Vertrauten der eigenen Kämpfe zu machen, und seine Selbstbekenntnisse, Schmerz und Freude, Reue und innere Zufriedenheit wurden mit Achtung angehört und durch Gebete geweiht. Wenn noch heute einzelne ihrer Umgebung das Behagen verringern, weil sie Kleinigkeiten mit einem Aufwand von Empfindung behandeln, und eine Verstimmung oder einen hervorbrechenden Gegensatz der Naturen weichlich und pathetisch zur Aussprache bringen, so darf man solche Persönlichkeiten als verspätete Blüten älterer deutscher Art betrachten. Wie denn einem wohlwollenden Beobachter oft der Eindruck kommt, daß die Gemütsanlagen und charakteristischen Züge der Menschen, welche sich mit uns zugleich tummeln, bisweilen aus sehr entlegenen Zeiten unserer Vergangenheit stammen, und daß das Leben der Gegenwart zu gleicher Zeit ein historischer Bildersaal ist, in welchem Bildungen und Charakterformen aus den verschiedensten Jahrhunderten unseres Volkslebens nebeneinander wirken. Vorzugsweise auf Rührung und wieder auf erhebende Empfindungen ging um 1750 die Sehnsucht des lebenden Geschlechts. Schnell wurde ein Gefühl, eine Handlung, ein Mann als groß gepriesen, glänzende Prädikate wurden bereitwillig gehäuft, einen Freund zu charakterisieren. Und wieder das eigene Leid und das Unglück anderer werden mit einem gewissen düstern Behagen genossen. Leicht wird geweint, über das eigene und über das Leid anderer, aber auch aus Freude, aus Dankbarkeit, aus Andacht, aus Bewunderung. Nicht durch fremde Literatur, nicht durch Gellert oder die literarischen Verehrer Klopstocks ist diese Weichheit den Deutschen eingepflanzt worden, sie lag tief im Volk selbst. Als der junge Magister Semler 1749 von der Universität Halle schied, war er sehr traurig; er hatte in der Stille eine Tochter seines teuren Lehrers, des Professors Baumgarten, verehrt – allerdings hatte er in seiner Heimat Saalfeld noch eine andere Jugendliebe. Diese Trauer regte ihn in den letzten Tagen außerordentlich auf und machte ihm schwer, seine Magisterpromotion durchzumachen. Doch gelang dies, und nach der Promotion hielt er seinem Vorbild Baumgarten – der als Präses auf dem oberen Katheder stand – aus dem Stegreif eine so feurige lateinische Dankrede, daß nicht nur er selbst, auch mehrere Zuhörer weinten; zu Hause aber setzte sich Semler hin und weinte wieder über sein Schicksal, und sein treuer Stubenbursch weinte mit ihm fast den ganzen Nachmittag. Daß der Scheidende beim Abschied Tränen vergoß, war natürlich, aber er weinte noch, als er auf der Reise in Merseburg ankam – was damals ziemlich lange währte – und da er in der Heimat seinem Vater den lobenden Brief Baumgartens übergab, weinte dieser vor Freude ebenfalls. In diesem Fall ist die Rührung aufrichtig, und die Tränen sind wirklich geflossen. Aber es konnte nicht fehlen, daß die Gewöhnung, den Blick in sich selbst zu kehren und die inneren Regungen zu belauschen, zur Schauspielerei, und die Bewunderung edler Affekte zur Affektion verführte. Das stellte sich nicht zuletzt in der deutschen Sprache dar. Noch war der Ausdruck für große Kreise der Empfindungen ungelenk. Die Schriftsprache hatte die Herrschaft über die Seelen gewonnen, in ihre Formen und Perioden mußte sich jede höhere Empfindung des Menschen fügen; aber gerade erst jetzt hatte diese Sprache einige Gewandtheit gewonnen, die methodische ruhige Arbeit des reflektierenden Geistes klar und einfach auszudrücken. Wo ein leidenschaftliches Gefühl in Worte ausbrechen wollte, wurde es durch die abgenützten Bilder der alten Rhetorik gebunden und rauschte in den dürren Blättern alter Phrasen dahin. Die Pietisten hatten für ihre Stimmungen eine eigene Sprache erfinden müssen, die Ausdrücke derselben waren schnell zur Manier geworden. Jetzt ging es ebenso mit den neuen Wendungen, durch welche einzelne stärker Begabte die Sprache des Gefühls zu bereichern suchten. Hatte ein Dichter die sanften Schauer eines freundschaftlichen Kusses gefühlt, so sprachen Hunderte das nach, in herzlicher Freude über den schwungvollen Ausdruck. Ebenso wurden die Tränen der Wehmut und des Dankes, die Süßigkeiten der Freundschaft sofort stehende Phrasen, bei denen man zuletzt wenig dachte. Und diese Armut war allgemein. Fast überall, wo wir den einfachen Ausdruck eines innigen Gefühls erwarten, stößt uns ein Aufwand von Reflexion ab. In Briefen, Reden, Gedichten. Unerträglich wird uns diese Besonderheit der alten Zeit, wir mögen sie leicht Heuchelei, innere Kälte, Unwahrheit schelten. Unsere Ahnen haben doch eine zureichende Entschuldigung. Sie konnten nicht anders. Noch ist in ihren Seelen etwas von der epischen Gebundenheit des Mittelalters. Die Sehnsucht nach einem Strom großer Leidenschaft, nach Begeisterung, nach melodischen Tönen des Gefühls ist überall vorhanden, ja sie ist bis ins Krankhafte gesteigert, überall ist Drang, Großes in sich herauszubilden, erkennbar, überall das Suchen und Sehnen; aber der Empfindung fehlt die Kraft, dem vermehrten Wissen die entsprechende freie Bildung des Charakters. Auch den Dichtern, die doch nach dieser Richtung stets die Führer ihres Volkes gewesen sind. Selbst bei der liebenswürdigsten Gestalt aus jener Dämmerzeit, bei Ewald von Kleist, ist das lyrische Ringen sehr merkwürdig. Schon sind seine Schilderungen reich an schönem Detail, eine Fülle von poetischen Anschauungen sammelt sich zwanglos um den Mittelpunkt seines Gedichtes, der fast immer in einer ehrlichen herzlichen Empfindung ruht. Aber bei allem Häufen poetischer Anschauungen vermag er nicht eine gehobene poetische Stimmung hervorzubringen, noch weniger den vollen Akkord eines schönen Gefühls in dem Hörer erklingen zu machen. Es klang in ihm selbst nicht stark genug, und in keinem seiner älteren Zeitgenossen, die alle Schönheit und innern Adel so ängstlich suchten und sich so oft rühmten gefunden zu haben. Aber die Selbstbeobachtung der Gebildeten erstreckte sich nicht nur auf das innere Gemütsleben, es war ebensosehr ein Belauern der eigenen äußern Erscheinung und des Eindrucks, welches man auf andere machte. Nach dieser Richtung erscheint es uns oft noch unheimlicher raffiniert. Schon die knappe Kleidung und der Puder, das Bewußtsein in ungewöhnlichem »Staat« zu sein, versetzten den Menschen vor andern in eine Aufregung und vorsichtige Munterkeit, welche leicht zur Ziererei wurde. Auch die stereotypen Formen des gesellschaftlichen Verkehrs, welche so künstlich waren, und die rhetorischen Komplimente machten das Auftreten zu einer Aktion, die Deutschen von 1750 zu Schauspielern, die sich lächerlich machten, wenn sie nicht geschickt spielten. Wer einem Gönner gegenübertrat, hatte wohl zu bedenken, daß sein Schritt nicht zu schnell, nicht zu dreist und nicht zu scheu war, daß er seine Stimme richtig dämpfte, den Hut so im linken Arm hielt, daß der Arm den passenden Winkel bildete; er hatte sich vorher zu präparieren, daß die begrüßende Anrede nicht zu lang und nicht zu platt und gerade ehrerbietig genug wurde, um Wohlwollen zu erwecken, er hatte sehr auf den Fall seiner Stimme zu achten, damit das vorher Überlegte einen gewissen Eindruck der Naturwahrheit machte. Wer einer Frau oder einem vornehmen Mann die Hand küßte, der bemühte sich, auch in diesem Akt genau seine Stimmung und ein wohltemperiertes Gefühl auszudrücken, wie er sein Antlitz mit der Hand in Verbindung brachte, ob er als Zeichen vertraulicher Verehrung nicht nur den Mund, auch die Augen und die Stirn daran zu legen hatte, wie lange er die Hand halten, wie langsam er sie freigeben durfte, das alles war sehr wichtig, womöglich vorher überlegt; ein begangenes Ungeschick machte später dem Schuldigen wahrscheinlich großen Kummer. Wer vollends sich einem größeren Publikum darstellen mußte, der überdachte ernsthaft die Position und Haltung, durch die er wirken konnte. Wie betrübt auch der junge Semler war, als er bei der Magisterpromotion auf dem Katheder stand, er vergaß doch nicht »eine seltene, aber nicht anstößige Stellung zu nehmen«, in welcher er seinen Opponenten die Antworten so geschwind gab, daß er kaum das Ende ihrer Rede abwartete, und er vergaß auch nicht zu erwähnen, wie gleichgültig ihn die »weiche Bewegung seines Gemüts« gegen alle möglichen Einwürfe der Gegner gemacht habe. Vollends den Frauen waren nicht nur die Bewegungen des Fächers, auch das Auf- und Niederschlagen der Augen und das Lächeln wohleinstudierte Handlungen; daß sie es ungezwungen mit Anstand und Takt vollbrachten, wurde verlangt. Allerdings war es auch damals nicht das Einstudierte, welches liebenswürdig machte, sondern die in solchen Formen hervorbrechende gute Natur. Und auch diese Richtung war nicht eine französische Mode, welche durch die Zucht der Tanzmeister in das deutsche Leben kam, sondern eine innere Notwendigkeit, welche bei allen Kulturvölkern Europas zu gleicher Zeit hervorbrach, sich bei jedem nach den Eigentümlichkeiten seiner Natur modifizierte; auch hier war der letzte Grund das Bedürfnis, innere Armut durch äußern Schmuck zu verbessern. Allerdings wurde solcher Zwang der Konvenienz bei den Deutschen oft durch einen Zug von Geradheit und Derbheit unterbrochen. Aber die sichere und stolze Selbstachtung, welche wir von einem gebildeten und guten Mann fordern, war damals in Deutschland selten. Fester Wille war allerdings zu finden, beim Lernen und im Entbehren, bei der Arbeit und dem Üben einer schweren Pflicht; dort kam er sogar mit überraschender Energie zutage. Aber dieser Tüchtigkeit fehlten zu sehr einige mannhafte Beigaben. Seit hundert Jahren bestand jetzt der Druck des despotischen Staates, er hatte den Bürger scheu, schwerfällig, oft furchtsam gemacht. Dieselbe Stimmung hatte der Pietismus gefördert. Ein fortwährendes Beschauen der eigenen Unwürdigkeit verminderte vielen fein Organisierten die Fähigkeit, sich recht herzlich zu freuen, dem eigenen Wesen offenen und sichern Ausdruck zu geben. Wer vollends Gelehrter wurde in der herben Zucht, der übermäßigen Anstrengung des Gedächtnisses und den vielen Nachtwachen, in tabakdurchräucherter enger Wohnung, dem wurde nur zu häufig ein Siechtum in den Körper gepflanzt. Aus vielen Beispielen dürfen wir schließen, wie oft damals Schwindsucht und Hypochondrie das Leben junger Gelehrter zerstörten. Und gewöhnliche Bilder aus den Bürgerhäusern jener Zeit sind weiche, reizbare, empfindliche Naturen, unbehilflich und ratlos dem Ungewohnten gegenüber. Bei den meisten wechselt übergroße Vorsicht mit leidenschaftlicher Unbesonnenheit. Aber das war nicht das Schlimmste. Nicht nur der Wille, auch die Sicherheit der Überzeugung und das Pflichtgefühl wurden zu leicht durch Einwirkung von außen zerstört. Geld und äußere Ehren übten auch auf den Redlichen übergroße Gewalt. Gellert, der für seine Zeitgenossen ein Musterbild von Zartgefühl und Uneigennützigkeit war, fühlte sich als Professor von Leipzig aufs freudigste überrascht, als ein fremder Edelmann aus Schlesien, den er gar nicht persönlich kannte, mit dem er erst wenige Briefe gewechselt hatte, seiner Mutter eine jährliche Pension von zwölf Dukaten anbot. In seiner Antwort fehlte die Versicherung der Dankesträne nicht. Er fand niemals Bedenken, Geldsummen, welche ihm von Unbekannten zugesandt wurden, anzunehmen. Und man darf behaupten, daß um 1750 in ganz Deutschland unter den Besten kaum ein Mann war, der anonyme Geschenke abgelehnt hätte. Als Friedrich Wilhelm I. den Professoren seiner Universität Frankfurt zumutete, öffentlich gegen seinen Vorleser Morgenstern, der in groteskem Aufzug mit einem Fuchsschwanz an der Seite auf dem Katheder stand, zu disputieren, da wagte keiner der tyrannischen Laune zu widersprechen als Johann Jakob Moser, der sich den Brandenburgern gegenüber als Fremder fühlte und das Bewußtsein bewahrte, am kaiserlichen Hof wohlangesehen zu sein. Und auch diesen regte die Begebenheit so auf, daß er in eine gefährliche Krankheit verfiel. Wo das Selbstvertrauen so sehr fehlt, wie vor hundert Jahren dem aufstrebenden Mann, da wuchert die Eitelkeit. Sie umzieht die meisten Seelen jener Zeit so sehr, daß uns nur wenige einen behaglichen Eindruck hinterlassen. Gottsched und Gellert, Gleim und Klopstock, Moser und Pütter, Dichter, Gelehrte und Beamte leiden darunter. Und doch war diese Schwäche, um gerecht zu sein, sehr zu entschuldigen, und es war kein Wunder, daß nur die Stärksten darüber hinauskamen. Man war weich und empfindlich, es gehörte zum Anstand, Artigkeiten zu sagen, die Rücksicht auf Wahrheit war geringer als jetzt, der Zwang der Höflichkeit größer. Wer durch geistige Arbeit auf andere wirkte, wer sich durch eigene Kraft in seinem Kreise zur Geltung durchgerungen hatte, der war gewöhnt, viel Lob und Ehre zu empfangen und kam in die Gefahr, das Gewohnte lebhaft zu vermissen, wo es einmal ausblieb. Wer keinen Rang und Titel, keinen Dienst im Staat erworben hatte, nicht das Privilegium einer bevorzugten Stellung genoß, der wurde rücksichtslos gedrückt, gestoßen, zertreten. Nicht das Verdienst, sondern die Anerkennung durch Einflußreiche gaben Geltung, nicht die Gelehrsamkeit allein vermittelte Verleger und Leser; eine Stellung an einer Universität, ein großer Kreis von Zuhörern, welche die Werke des Lehrers kauften und verbreiteten, gehörte dazu. Und jedes Amt wurde durch Belieben der Mächtigen erteilt und genommen, überall Willkür, stärkere Gewalt; auch der größte Ruf stützte sich viel mehr auf die Kreise persönlicher Verehrer als auf die sichere Würdigung des Verdienstes durch das gesamte Volk; so erhielt jede einzelne Äußerung von Lob und Tadel eine Wichtigkeit, die wir kaum noch begreifen. Sorglich war daher jeder bemüht, andere zu verbinden, von Fremden anerkannt zu werden. Noch fehlte dem deutschen Leben eine gebildete Tagespresse, den vielen einzelnen völlig die Zucht und Bändigung, welche durch eine starke öffentliche Meinung hervorgebracht wird. Nichts ist so schwer, als über die Moralität in den Familien einer weit abliegenden Zeit zu urteilen. Denn es genügt nicht, die Summe auffallender Verstöße zu schätzen, was an sich schon mißlich ist, es kommt darauf an, das individuelle Unrecht der einzelnen Fälle zu begreifen, was oft ganz unmöglich ist. Nur weniges von unseren Sitten Abweichendes ist leicht erkennbar. Der Verkehr beider Geschlechter verlief beim Bürger fast nur in den Familien; größere Gesellschaften am dritten Ort waren selten. In befreundeten Häusern aber war das Treiben der Jugend fröhlich und zwanglos, die Freundinnen der Schwester und die Kameraden des Bruders wurden Hausgenossen. Es war alte Sitte, ihnen im Scherz Vertraulichkeiten zu gestatten, die jetzt anstößig sein würden. Umhalsen und Küssen wurde nicht nur beim Pfänderspiel geduldet. Solche Gewöhnung, wie harmlos und unschuldig sie auch oft die Jungfrau und den Jüngling ließ, brachte doch in das Jugendleben ein Moment von heiterer Sinnlichkeit, die uns da am wenigsten verletzt, wo sie sich in derber Naivität zeigt. Häufig blieb von solchem Verkehr auch ernsten, gebildeten Männern eine feine sinnliche Begehrlichkeit zurück, die man nicht gerade Lüsternheit nennen darf, den Mädchen aber eine gewisse dreiste Unbefangenheit im Verkehr mit Männern. Schnell knüpften sich in den Familien zwischen Unverheirateten zarte Beziehungen, niemand fand etwas Arges darin, sie wurden ebenso schnell wieder gelöst. Diese flüchtigen Verhältnisse voll von Tändelei und Empfindsamkeit flammten selten zu einer großen Leidenschaft auf, ja in der Regel verglomm in ihnen die jugendliche Poesie. Sie führten auch selten bis zu Brautstand und Vermählung. Denn die Ehe war um 1750 noch ebensosehr Geschäft als Herzenssache. Und der unendliche Segen von Liebe und Treue, welcher in ihr gerade damals zutage kam, ruhte in der Regel auf anderem Grund, als in der Glut einer holden Leidenschaft oder tiefinnigem Verhältnis vor der Brautwerbung. Sehr auffallend ist das Verhalten aller Beteiligten beim Abschluß einer Ehe. Hatte der Mann die Aussicht auf ein Amt, welches eine Familie zu nähren vermochte, so waren seine Bekannten, Männer und Frauen, sofort bemüht, ihm eine Frau auszudenken, vorzuschlagen, zu vermitteln. Ehen stiften galt für eine Menschenpflicht, der sich nicht leicht jemand entzog. Strenge Gelehrte, vornehme Beamte, Regenten und Fürstinnen des Landes betrieben emsig dergleichen uneigennützige Geschäfte. Ein heiratslustiger Mann in ansehnlicher Stellung hatte zuverlässig viel von den Mahnungen seiner Freunde, von schalkhaften Anspielungen und von zahlreichen Projekten zu leiden, welche ihm seine Bekannten in das Haus trugen. Als Gellert mit Demoiselle Karoline Lucius erst wenige Briefe gewechselt hat – er hat sie noch nie gesehen – fragt er in dem ersten längern Brief, den er ihr gönnt, ob sie nicht einen Bekannten von ihm, den Kantor an der Thomasschule, heiraten wolle. Als Herr von Ebner, Kurator der Universität Altdorf, den jungen Professor Semler zum erstenmal spricht, macht er ihm wohlwollend das Anerbieten, durch eine reiche Heirat für ihn zu sorgen. Dem jungen Professor Pütter, der als Reisender in Wien ist, bietet gar ein fremder Graf, sein Tischnachbar, eine wohlhabende Kaufmannstochter als eine gute Partie an. Allerdings wird dieser Vorschlag abgelehnt. Und kühl wie das Angebot, ist der Entschluß der Beteiligten. Mann und Frau entscheiden sich füreinander oft nach flüchtigem Ansehen, nachdem sie nur wenige Worte gewechselt, niemals auch nur ein herzliches Gespräch miteinander geführt. Beiderseitige gute Rekommandation ist die Hauptsache. Ein Beispiel solcher Brautwerbung, welche den Beteiligten den Eindruck einer besonders stürmischen und leidenschaftlichen machte: Der Assessor des Kammergerichts von Summermann lernt (1754) in Bad Schwalbach ein Fräulein von Bachellé, liebenswürdig, Hofdame einer unangenehmen Landgräfin, kennen, er sieht sie öfters bei Landpartien, zu welchen beide von einem verheirateten Bekannten eingeladen werden. Einige Wochen später entdeckt er in Wetzlar dem Bekannten seinen Wunsch, das Fräulein zu heiraten, nachdem er vorsichtig Erkundigungen über den Charakter der jungen Dame eingezogen hat. Der Vertraute – es ist Pütter – besucht die arglose Hofdame; »nach einigen kurz abgetanen allgemeinen Unterredungen sagte ich gleich: ich hätte dem Fräulein noch einen Antrag zu tun, worauf ich mir ihre Erklärung ausbitten müßte. Sie sagte ganz kurz: »Was denn für einen Antrag?« Ich ebenso kurz und freimütig: »Ob sie sich wohl entschließen möchte, den Herrn von Summermann zu heiraten!« – »Ach, Sie scherzen!« war ihre Antwort. – Ich: »Nein, ohne allen Scherz, es ist voller Ernst; hier habe ich schon einen Ring und noch etwas zum Angebinde (einen seidenen Beutel mit hundert Karolinen), womit ich meinen Auftrag rechtfertigen kann.« – »Nun, wenn das Ihr Ernst ist und Sie den Auftrag vom Herrn von Summermann haben, so bedenke ich mich keinen Augenblick.« – Sie nahm also den Ring, verbat nur noch die Annahme der hundert Karolinen »und bevollmächtigte uns, ihr Jawort zu überbringen.« – Auch der weitere Verlauf dieses aufregenden Geschäftes war außerordentlich und dramatisch. Der glücklich Liebende hatte ausgemacht, daß sein Freiwerber ihm sichere Nachricht zugehen lassen sollte. Nun wäre zwar eine geschriebene Zeile in jenem tintenklecksenden Säkulum möglich gewesen, aber es scheint, daß man die schriftliche Benachrichtigung für zu weitläufig hielt, und allerdings war damals schwer, dergleichen ohne Titulaturen und Glückwünsche in eine Zeile zusammenzuziehen; es wurde also beschlossen, wie in Tristan und Isolde durch ein schwarzes oder weißes Segel der Ausgang der Unternehmung telegraphiert wird, so auch hier durch Übersendung eines gewissen Bandes des geschätzten juristischen Werkes, der »Staatskanzlei«, anzudeuten, daß der Antrag angenommen sei, ein anderer Band desselben Werkes hätte das Gegenteil insinuiert. Und der Unterschied der neuern gewissenhaften Zeit gegen jene alte der Königin Isolde bestand nur darin, daß kein falsches Signal gegeben wurde. Aber wenn bei dieser Verbindung das Herz allerdings gewissermaßen stürmisch seine Rechte forderte, so war dies bei gebildeten und tüchtigen Menschen oft weniger der Fall. Der Professor Achenwall in Göttingen, ein angesehener Rechtslehrer, hielt um eine Tochter von Johann Jakob Moser an, ohne sie nur einmal gesehen zu haben, und sie gab ihm ebenso ihr Jawort; er heiratete nach ihrem Tode eine Demoiselle Jäger aus Gotha, der er seinen Antrag machte, nachdem er die Durchreisende zufällig einige Tage im Hause eines Bekannten gesehen hatte. So war es in der Regel die Stellung, der Haushalt, welche eine Frau suchten, wie jetzt noch in manchen Kreisen des Volkes. Die stillen Träume der Heiratskandidaten waren häufig genauso, wie sie der nüchterne Pütter schildert: das Mittag- und Abendessen der Speisewirte entspricht nicht ihren Wünschen, einsam zu essen ist nicht nach ihrem Sinn, auf Tischgenossen nicht zu rechnen, häusliche Besorgung von Wäsche, Bier, Kaffee, Zucker sind unangenehme Beschäftigungen, und abends müde von der Arbeit andere zu besuchen, wo man nicht wissen kann, ob man gelegen kommt, oder von andern Besuche zu erwarten, die einem selbst vielleicht nicht gelegen sind: – »das alles werden Gegenstände von Überlegungen, Erfahrungen, Beobachtungen, welche zu überzeugen scheinen, daß man auf die Dauer in der bisherigen Lage nicht glücklich bleiben werde.« Allerdings wird auch die Wichtigkeit dieses Schrittes durchaus nicht verkannt, die stillen Erwägungen dauern lange, ein heimliches Schwanken zwischen mehreren annehmbaren Partien ist häufig. Und eben deshalb wird in der Regel die Sache einer wohlwollenden Vorsehung anheim gestellt, und ein zufälliges Begegnen, eindringliche Rekommandation einer gewissen Person immer noch als ein Wink von oben betrachtet. Und die so dachten waren damals die geistigen Führer des Volkes, die Schüler und Nachfolger von Leibniz, Thomasius, Wolff, ehrenwerte, gute, vielleicht sehr gelehrte Männer, und wieder Mädchen und Frauen aus den besten Familien des Volkes. Freilich ist es eine uralte deutsche Sitte, welche den einzelnen in dieser wichtigen Angelegenheit des Lebens dem Urteil und Interesse seiner Familie unterordnet, denn die Ehe wurde von dem Deutschen als das große Amt des Lebens aufgefaßt, das mit Pflichttreue zu verwalten und nicht nach den Einfällen gaukelnder Phantasie mit einer Gehilfin zu besetzen sei. Aber diese strenge und verständige Auffassung lag schon um 1750 im Kampf mit größeren Anforderungen, welche einzelne Persönlichkeiten machten. Bereits war man geneigt, einem reicheren Gemütsleben und größerer Selbständigkeit, wo sie einmal auftrat, nachzugeben. Als Karoline Lucius den angebotenen Kantor der Thomaskirche bescheiden aber fest zurückweist, empfindet Gellert eine kleine Beschämung, daß er seine Korrespondentin mit dem landesüblichen Maßstab gemessen, und in seinen Briefen ist seitdem eine wirkliche Hochachtung zu erkennen. Wie häufig aber auch einer Bewerbung der Zauber der schönsten irdischen Leidenschaft fehlte, welche wir in dem Leben anderer so gern voraussetzen, so waren doch die Ehen, soweit wir urteilen können, deshalb nicht weniger glücklich. Daß man sich ins Leben schicken müsse, war eine sehr populäre Weisheitsregel. Der Mann, welcher eine angesehene Stellung, ein sicheres Einkommen mit der Erwählten teilen wollte, bot ihr nach der Auffassung jener Zeit sehr viel; ihr Dank mußte sein, durch unablässigen treuen Dienst seine mühsamen, arbeitsvollen Tage gemächlicher zu machen. Ja, bereits war in den Seelen der Frauen etwas Höheres lebendig geworden, welches wir wohl die Poesie des Hauses nennen dürfen. Die Kenntnisse, welche eine deutsche Frau erwarb, waren im ganzen gering. Wenn Vornehme nicht orthographisch schreiben, so erklärt sich das aus dem Schwanken der Erziehung zwischen Französisch und Deutsch, aus einer Zwitterbildung, welche auch Männern den Stil verdarb, nicht nur Friedrich II. und andern Regenten, selbst hohen Beamten, wie jenem kaiserlichen Gesandten, der an Gellert schrieb und ihn bat, seine Briefe mit Korrekturen zurückzusenden, damit er hinter die Geheimnisse der Rechtschreibung komme. Aber auch der deutsch erzogenen Tochter eines gebildeten Bürgerhauses fehlte es in der Regel an korrekter Schrift und eigenem Stil. Etwas Französisch lernten aber viele Frauen, auch Italienisch wurde im protestantischen Deutschland wohl häufiger getrieben als jetzt; ließen doch Studenten in Halle unter Anleitung ihres Sprachlehrers sogar italienische Abhandlungen drucken. Sonst scheint die Schule für die Frauen wenig getan zu haben, der Musikunterricht bestand im Einüben leichter Lieder und Tanzweisen am Klavier. Desto mehr tat die Pflicht des Hauses. Für Wohl und Behagen ihrer Umgebung zu sorgen, der Eltern, Brüder, später des Gatten und der Kinder, das war die Aufgabe der heranwachsenden Töchter. Daß darin ihr Leben beruhe, wurde ihnen unaufhörlich gesagt, es verstand sich nach jedermanns Ansicht von selbst. Und diese Sorge beschränkte sich doch nicht, wie im 16. Jahrhundert, auf den Befehl in der Küche, das Einkochen von Latwergen und das Ordnen der Wäsche; unverkennbar war die Frau durch die letzten hundert Jahre in eine würdigere Stellung zum Gatten gebracht, sie war seine Freundin und Vertraute geworden, bei vielleicht dürftigem Wissen ist ein fester Sinn, ein klares Urteil, feine innige Empfindung an sehr vielen zu rühmen, von denen uns zufällige Kunde geblieben ist. Auch an Frauen einfacher Handwerker. Wenn die Männer durch den Staat und die Pietät weicher, zaghafter, unselbständiger geworden sind, die Frauen sind durch dieselbe Zeit offenbar gehoben. Der Vergleich mit früherer Vergangenheit liegt nahe. Man denke an Käthe Bora, welche den arbeitenden Luther bittet, sie neben sich zu dulden. Dann sitzt sie stundenlang schweigend, hält ihm seine Schreibfedern und starrt aus ihren großen Augen auf das geheimnisvolle Haupt des Gatten; unterdes sucht sie unruhig in der eigenen Seele all ihr armes Wissen zusammen und bricht endlich in eine Frage aus, welche, in die Verhältnisse von 1750 umgesetzt, ungefähr so lauten würde: »Ist der Kurfürst von Brandenburg ein Bruder des Königs von Preußen?« Und wenn Luther ihr lachend erwidert: »Es ist derselbe Mann«, so ist seine Empfindung bei aller Zuneigung doch: »arme Einfalt«. Dagegen um 1723 sitzt Elisabeth Gesner ihrem Mann in der Wohnstube des Konrektorats zu Weimar gegenüber, er arbeitet an seiner Chrestomathie des Cicero, schreibt mit der einen Hand und bewegt mit der andern die Wiege; unterdes bessert Elisabeth fleißig an den Kleidern ihrer Kinder und verhandelt launig mit den Kleinen, welche sich gegen die aufgesetzten Flecke sträuben, bis ihnen die Mutter vorschlägt, die neuen Stücke als Sonne, Mond und Sterne auszuschneiden und in dieser prächtigen Gestalt aufzunähen. Das helle Licht, welches damals aus dem Herzen der Hausfrau in die dürftige Wohnung strahlte, und das fröhliche Lächeln, welches über das Antlitz des Gatten flog, ist aus seinem Bericht noch für uns zu erkennen. Als sie starb nach langer, glücklicher Ehe, sprach der greise Gelehrte: »Eins mußte allein bleiben: da will ich lieber der Verlassene sein, als daß sie es wäre«; er folgte ihr wenige Monate später. Und wieder kurz nach 1750 sitzet die Frau Professorin Semlerin zu Halle neben ihrem arbeitenden Mann, eine weibliche Arbeit in der Hand, beide freuen sich so sehr, einander in der Nähe zu haben, daß er seine Studierstube nur als Aufenthalt für die Bücher benutzt, und daß sie jede Gesellschaft als eine Trennung von ihrem Gatten betrachtet. Er hat sich so gewöhnt in ihrer Gegenwart zu arbeiten, daß ihn Spiel und Lachen seiner Kinder, selbst ein lautes Geräusch nicht mehr stört. Vor der Umsicht und dem Urteil seiner Frau empfindet er eine unbegrenzte Hochachtung, im Haushalt herrscht sie uneingeschränkt; wenn den erregbaren Mann ein widriger Fall beunruhigt, weiß sie schnell in ihrer sanften Weise die rechte Abwehr zu finden; sie ist treue Freundin und die beste Ratgeberin in seinen Universitätsbeziehungen, seine feste Stütze, immer voll Liebe und Geduld; und sie hatte doch sehr wenig gelernt, und auch ihre Briefe litten an Schreibfehlern. Es wird noch später von ihr die Rede sein. Dergleichen Frauen, einfach, innig, fromm, klar, fest, dabei kurz entschlossen, zuweilen von außerordentlicher Frische und Heiterkeit, sind in dieser Zeit so häufig, daß wir sie wohl zu den charakteristischen Gestalten rechnen dürfen. Es sind die Mütter und Ahnfrauen, auf deren Tüchtigkeit fast alle Familien der Gelehrten, Dichter, Künstler, welche in den nächsten Generationen bis zur Gegenwart heraufkamen, einen Teil ihres Gedeihens zurückzuführen haben. Nicht starke Männer zog uns die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, aber gute Hausfrauen, nicht die Poesie der Leidenschaft, aber ein innigeres Leben der Familie. Und wenn wir, Enkel und Urenkel der Zeit, in welcher Goethe und Schiller zu Männern wuchsen, über die innere Unfreiheit lächeln, welche bei Bewerbung und Brautstand um 1750 zutage kam, über den Mangel an echter Zärtlichkeit trotz der allgemeinen Sehnsucht nach zarten, rührenden Empfindungen, über die Unfähigkeit, der schönsten Leidenschaft in Sprache und Wesen vollen Ausdruck zu geben, so mögen wir auch gedenken, daß gerade damals die Nation an den Pforten einer neuen Zeit stand, welche diesen Mangel in Reichtum verwandeln sollte. Die Periode der Frömmigkeit hatte eine milde Weichheit in das Volk gebracht, die Philosophie der Mathematiker hatte über Sprache und Leben eine ruhige Klarheit verbreitet, die folgenden fünfzig Jahre einer intensiven poetischen Tätigkeit und kräftigen Produktion in jedem Reich der Wissenschaft sollten der Nation eine reichere Entfaltung des Gemütslebens bringen. Nachdem dies geschehen, war der Deutsche von den guten Geistern seines Hauses nach grauser Verwüstung und Untergang wieder so weit heraufgebildet, daß seine Seele über die Interessen des Privatlebens hinaus für größere Aufgaben und die männlichste Arbeit gestärkt war. Nach Spener, Wolff, Goethe kamen die Freiwilligen des Jahres 1813. Hier aber soll durch die Aufzeichnung eines Zeitgenossen bestätigt werden, was oben über Zustände, Charakter und Brautwerbung der Deutschen vom Jahre 1750 gesagt wurde. Der hier sprechen soll, ward auf den vorhergehenden Blättern bereits einigemal genannt, es ist ein Mann, welchem die Wissenschaft für immer wohlwollende Erinnerung bewahrt. Johann Salomo Semler (1725–1791), Professor der Theologie zu Halle, war einer der ersten, welche sich von dem Autoritätsglauben der protestantischen Kirche losrangen und dem Bedürfnisse nach eigener Forschung folgend mit der wissenschaftlichen Bildung ihrer Zeit ein Urteil über Ursprung und Wandlung der kirchlichen Dogmen wagten. Seine Jugend war im Kampf mit dem Pietismus, aber auch unter der Herrschaft desselben vergangen. Sein warmes Herz hielt, solange es schlug, wie Luther und die Pietisten das kindliche Verhältnis zu seinem Gott und Vater fest, als Gelehrter aber war derselbe Mann, den die Ereignisse des Tages so oft weich, unsicher und abhängig von seiner Umgebung fanden, kühn, entschieden, zuweilen radikal. Mit ihm begann die Kritik der heiligen Traditionen, er war der erste, welcher planvoll die geschichtliche Entwicklung und Umwandlung des Christentums zu begreifen wagte und die Theologie als einen historischen Prozeß und als ein Moment in der allmählichen Entwicklung des Menschengeistes darstellte, nicht konsequent, mit sehr mangelhaftem Verständnis alter Zeiten, aber doch nach den Gesetzen der Wissenschaft. Den inneren Gegensatz zwischen seinem Glauben und Forschen verhüllte er sich noch dadurch, daß er wie die Pietisten strenge zwischen Religion und Theologie unterschied, zwischen dem ewigen Bedürfnis des Gemütes, welches ihm befriedigt wurde durch die alten ehrwürdigen Gestalten des überlieferten Glaubens, und zwischen dem ewigen Drang des Geistes, jede irdische Erscheinung zu verstehen. Man hat ihn deshalb den Vater des Rationalismus genannt, in Wahrheit ist er ein aufgeklärter Pietist, eine der bedeutsamen Gestalten, welche dazu berufen sind, durch die Vereinigung entgegengesetzter Bildungen ein neues Leben vorzubereiten. In Saalfeld geboren, Sohn eines Geistlichen, in Halle Schüler des gelehrten Baumgarten, dann ein Jahr in Coburg Redakteur der dortigen Zeitung, ein Jahr Professor der Geschichte und Poesie auf der Nürnberger Universität Altdorf, wurde er durch Baumgarten nach Halle berufen, wo er fast vierzig Jahre siegreich gegen die alten Pietisten kämpfte und als eines der würdigsten Häupter der großen Universität starb. Das Folgende enthält den Bericht, welchen er selbst über seine Liebe und Brautwerbung gibt. Er kann hier nicht ohne kleine sprachliche Änderungen mitgeteilt werden, denn Semler hat, was für ihn charakteristisch ist, in seinem Stil nicht nur lateinische Satzbildung, auch viel von der undeutlichen Redeweise der alten Pietisten. Er liebt wie sie ein geheimnisvolles Umschreiben, Andeuten und halbes Verhüllen, das zuweilen den Sinn unverständlich macht und zu langsamem Lesen nötigt. Und noch eine Erinnerung ist nicht unnütz, damit das Folgende nicht die Erwartung täusche: der hier erzählen soll, ist in der Tat ein feinfühlender Mann gewesen, der die volle Achtung seiner Mitlebenden genoß. Semler hat die Trennung von der Familie Baumgarten durchgemacht, ist als Magister von Halle in sein Vaterhaus nach Saalfeld zurückgekehrt, und hat dort die Bekanntschaft mit einer Jugendfreundin erneuert. Er erzählt also: Mein Aufenthalt in Saalfeld dauerte nicht eben lange, ganz vergnügt war er mir auch nicht. Ich sah zwar jene würdige Freundin sehr oft, und wir vergnügten uns aneinander, so sehr wir in unserer tugendhaften Ernsthaftigkeit konnten; es war aber dabei nichts von der Wonne oder großen Freude, welche unsere neueren Zeitgenossen Die hier erwähnte Freundin ist nicht genannt, sie scheint von Adel oder aus dem höheren Beamtenstande gewesen zu sein. in so viel Romanen als übermenschlich beschreiben, oder vielmehr poetisch malen und gar gefühlvoll darstellen. Es war wirklich, als ob uns schon ahndete, daß diese seltene Harmonie zweier Seelen und Charaktere etwas zu Großes war, als daß ihr eine Verbindung hätte zuteil werden können. Die Unwahrscheinlichkeit fand ich in ihrer, sie in meiner Lage, aus sehr verschiedenen Gründen. Mit mir sah es sehr weitläufig aus, da ich das große Glück nicht erreichen konnte, Konrektor zu werden, zu welcher Stelle sie sich sogar erniedrigen wollte; auch sah ich die Anlage zu einigen Schulden wieder ganz nahe vor mir, die ich einer so schätzbaren Person nicht ankündigen konnte. Ich fand mich also jeder zufälligen Aussicht gleichsam unvermeidlich unterworfen. Sie aber hatte ziemlich alte Eltern, auch noch lauter unversorgte Geschwister; wie war ihr zu raten, daß sie aufs Ungewisse sich mit mir verbinden und das bekanntmachen solle und sich dadurch für glücklichere Verehrer ganz unzugänglich machen? Wir versprachen indes mit zärtlicher Wehmut alles was möglich sein würde und waren von unserer Rechtschaffenheit überzeugt, aber auch entschlossen, nichts zu ertrotzen, was dem einen Teil sichtlichen Nachteil breiten konnte. Mein Vater hatte an einen alten Freund, Kammerrat Fick in Coburg, geschrieben und den ersucht, für mein Unterkommen einige freundschaftliche Spekulation zu machen. Der tat es, ehrlich und gutmeinend. (Semler reist nach Coburg, erhält dort den Titel Professor, aber kein Gehalt, wird »Verfasser« der Coburgischen Staats- und Gelehrten-Zeitung und mietet sich bei einer verwitweten Doktorin Döbnerin ein, einer munteren Frau, welche wohlhabend ist, sich gern mit ihm unterhält und der er auf manche theologische und historische Frage antworten muß. Sonst war es ein stiller, ehrbarer Haushalt; eine Tochter, die Demoiselle Döbnerin, war noch im Hause, um welche sich der Professor, der sehr viel Arbeit, aber geringe Einnahme findet, wenig kümmert. So lebt er ein Jahr, da erhält er durch einen Bekannten die Nachricht, daß an der Universität Altdorf eine Professur erledigt sei, die er wohl erhalten könne, er müsse sich aber selbst vorstellen. Diese Kunde regt ihn sehr auf, es zieht ihn mächtig nach einer Universität, er hat bis dahin keine Möglichkeit gesehen, jetzt öffnet sich eine Aussicht, aber ihm fehlt das Geld zur Reise, ja er ist seiner Hauswirtin noch Miete und Kostgeld schuldig, er zergrämt sich lange in der Stille.) Die Frau Doktorin, meine Tischwirtin, bemerkte selbst, daß ich seit etlichen Tagen gar nicht die Munterkeit zum Sprechen äußerte, die ihr sonst so wohl gefiel, weil sie dadurch Gelegenheit zu ihren gewöhnlichen Klagen und alten Erzählungen erhielt; dazu schien ich jetzt nicht mehr die Hand zu bieten, vielmehr mich immer zu bald zu entfernen. Sie fragte mich also, was die Ursache wäre? Ich war so betroffen, daß ich gestand, ich hätte einen Vorschlag zur Professur in Altdorf; es erfordere geschwinde Resolution, und ich hätte gar ernstliche Überlegungen zu machen. Diese Anzeige, daß ich bald wegkommen könnte, schien Mutter und Tochter in Aufregung zu bringen, und ich beobachtete nun schärfer als ich sonst zu tun pflegte. Bis hierher hatte ich an die Tochter, die ohnehin alles im Hause besorgte und nur selten zugegen blieb, wenn wir abgegessen hatten, weiter gar nicht gedacht, als es gerade die Gesetze der Höflichkeit mit sich brachten; zu dieser Höflichkeit rechnete ich aber weder Handküssen noch gefällige Plaudereien. Die Mutter hatte bei aller lustigen Lebhaftigkeit eine sehr strenge Ordnung für ihre Tochter eingeführt, weil sie mit der freiem Lebensart ihres Geschlechts, die schon damals ziemlich in Coburg herrschte, durchaus nicht zufrieden war. Sie behielt die alten Grundsätze, wonach sie selbst in Saalfeld erzogen worden war, und es gab also wenig Visiten in ihrem Hause; wozu sie auch wirklich nicht viel Zeit übrig hatten: so sehr ordentlich wurde diese Haushaltung von ihnen geführt. Man nannte es freilich Geiz und Genauigkeit; aber für eine Stadt sind solche Haushaltungen gewiß sehr nötig; und jene andern, die so gern Geld vertun, das sie borgen müssen, sollten wenigstens nicht ihre unentbehrlichen Wohltäter, von denen sie leihen, so übel beurteilen. Ich kannte das ungestörte tägliche Vergnügen, das in diesem Hause herrschte, und fand dann gewiß viel mehr glückliches menschliches Leben als bei den vielen andern, wo Glanz und Geräusch war. Nun erneuerte sich in mir jede Erinnerung, daß Personen in Coburg mich schon zuweilen gewarnt hatten vor dieser Bekanntschaft, die ich doch so gleichförmig untadelhaft fand. Meine Beobachtungen wurden zusammenhängender, mir schien, als ob ich gern gesehen wäre; nur wenn der Schluß herauskommen sollte: ich will mir durch diese so stille, so tugendhafte Tochter zu helfen suchen, dann entfiel mir das Herz. Wo sollte auf einmal die Wahrscheinlichkeit dieses zu hoffen herkommen, da ich fast ein Jahr lang bedächtige Unaufmerksamkeit mir hatte zuschulden kommen lassen. Sie hatte schon einen Professor ausgeschlagen, und ich kannte noch andere Proben ihres selbständigen, gar nicht übereilten Nachdenkens, wo manche andere durch den Hang zur Eitelkeit sich leicht würde haben bestimmen lassen. Um so weniger war es wahrscheinlich, daß sie mich nehmen würde, da ich außer mir selbst gar nichts von äußerlichen Vorteilen zeigen oder versprechen konnte. Ich nahm jedoch eine größere Aufmerksamkeit gegen Mutter und Tochter an als bisher, ich kann sagen, immer noch in einer sehr großen Unentschlossenheit. In dieser Zeit schrieb ich an meine Schwester nach Saalfeld; kläglich genug war der Inhalt dieses Briefes, der um einiger doch nicht sehr großen Schulden willen, bloß weil ich kein Geld mir schaffen konnte, mich auf einmal von meiner dortigen Freundin lossagen sollte, die ich noch jetzt mit Grund verehre. Ich war freilich nicht imstande, durch warme Wünsche meine Lage in eine bessere zu verwandeln. Sollte ich in Saalfeld Geld borgen, so hinderte es gewiß mein Vater; wie ich ohnehin nicht undeutlich gemerkt hatte, daß er immer meine Pläne mir auszureden suchte und mich ermahnte, ja der Vorsehung durch keine Übereilungen entgegenzutreten. Sehr viele trübe Stunden hatte ich, ehe ich von Saalfeld Antwort erhielt, und noch mehrere, als ich sie bekam, und diese Trennung jetzt ganz richtig und abgemacht war. Ein sehr ernstliches Nachdenken über viele ähnliche Fälle, die meiner Lage entsprachen, beruhigte mich nach und nach, obgleich die Hochachtung gegen jene würdige Person unauslöschlich blieb. Desto mehr fühlte ich aber meine sehr geringe Stellung; ich geriet also in ein wirkliches Gefühl von Niedrigkeit und machte mir einen Vorwurf nach dem andern. Deshalb also sollte diese so folgsame, tugendhafte Tochter den Vorzug haben, damit sie so oder so viel Geld für mich ausgeben könnte, woran sie gewiß sowenig als ihre Mutter dachte; denn in dieser Absicht hatten sie mir gewiß die vielen Gefälligkeiten nicht erwiesen; sie sahen mich schon lange dafür an, daß ich meine Neigung für jemand bestimmt hätte; sie erinnerten mich oft so freundlich an Halle, von wo ich den unvergleichlichen Charakter Dr. Baumgartens so oft, so sichtbar, mit ganzer Empfindung ihnen gepriesen hatte; und gerade, weil ich ihnen gegenüber Bescheidenheit und ein lebendiges Gefühl für Halle gezeigt, hatten sie vorteilhaft von mir gedacht und ein dortiges Verhältnis als ausgemacht angenommen. Wie sollte ich sie nun auf einmal von etwas anderem überreden, ohne ihnen selbst offenes Feld für vielerlei mir nachteilige Gedanken und Betrachtungen zu bereiten? Ich allein weiß es, wie mein Gemüt in dieser Zeit ganz daniederlag, wie ganz ohne Mut und Ruhe ich Tage und Nächte zubrachte, bis ich mich unter das allgemeine Gesetz der einzigen höchsten Regierung Gottes bequemen lernte. Mehr als einmal verwirrte mich wieder der starke Zweifel, ob ich auch so wichtig wäre, daß die göttliche Providenz sich auf mich erstreckte, ob nicht alle meine Sorge Folge meiner Fehler und meines unüberlegten Verhaltens sei. Kurz, ich konnte diesen drückenden Zustand ebensowenig länger aushalten, als ich in Klagen Zeit zu verlieren hatte. Ich mußte nach Nürnberg melden, daß ich so und so viel Tage vor Petri Pauli gewiß eintreffen würde. Und nun schrieb ich zwei Briefe: einen an die Mutter, und an die Tochter den andern, in jenem eingeschlossen, worin ich meine Absicht, aber auch ebenso deutlich meine jetzige Lage entdeckte, mich auf ihre eigene Kenntnis und Beurteilung meiner Grundsätze berief und verließ. Mündlich konnte ich unmöglich so überlegt und klar vortragen, was zusammengehörte. Diesen Brief nahm ich mit mir, da ich abends zu Tisch ging, und legte ihn in das gewöhnliche Gebetbuch der Mutter, das immer an seinem Ort lag, so daß der Brief ganz unfehlbar noch diesen Abend in ihre Hände kommen mußte. Ich ließ mir sonst nichts merken, ging aber doch etwas eher weg, als ich zeither immer tat, damit desto mehr Zeit zu dieser Entdeckung und ihrer Beurteilung übrigbleiben möchte. In dem Brief an die Mutter hatte ich gebeten, wenn es ihr geradehin mißfällig wäre, was ich vortrüge, so möchte sie den Brief an die Tochter gar nicht aufbrechen lassen, sondern mir beide wieder zuschicken und alsdann die Sache meinem zu großem Zutrauen in ihre gute Denkungsart gefällig anrechnen. – Je einsamer ich mich zeither zu halten pflegte, desto tiefere Eindrücke hatten meine ängstlichen, ganz unsteten Wünsche in meiner Seele gemacht; mein Gemüt fing nun an, sich ernstlicher zu Gott zu erheben, in einer tiefen, gänzlichen Unterwerfung, um der Unruhe, die aus einzelnen Dingen und ihrem uns unkenntlichen Zusammenhang entsteht, mehr und mehr durch Vorstellung des Unendlichen los zu werden. Ich empfand das Wachstum meiner Gelassenheit und einer zufriedenen Einwilligung in alle Schickungen, die ich lange Zeit mir selbst zu verschaffen so vergeblich unternommen hatte. Es vergingen drei Tage, in denen wir Hausgenossen einander ebenso begegneten, als wenn gar nichts unter uns vorgekommen wäre, worüber Antwort erwartet würde; und ich überredete mich schon, es sei eine gütige Schonung meiner Empfindlichkeit, daß mein Antrag geradezu in Stillschweigen begraben werden sollte, weil man mich der unangenehmen Aufklärung überheben wollte. Wie ich mir auch sonst den Vorwurf machen kann, immer gar zu wenig Gutes für mich gehofft zu haben. Den nächsten Sonntag, es war der 15. Junius des Jahres 1751, wie ich mittags von Tisch gehen wollte, bat mich die Frau Doktorin, diesen Nachmittag eine Tasse Kaffee bei ihr zu trinken. Noch hielt sie alle Mienen so richtig in Ordnung, daß ich nicht viel Vorteilhaftes auch von dieser Einladung mir versprechen konnte. Die nächsten zwei Stunden brachte ich in freier Luft mit Spazierengehen zu, in einer sehr gefaßten Stellung meines Gemüts, in Wiederholung vieler schon vorübergeschwundener Vorstellungen und Wünsche und in ziemlich großer Betrübnis über meine zunächst schon bevorstehende Reise, die mich nun weit genug von Saalfeld und Halle bringen mußte Er sucht Fassung dadurch, daß er wieder an die beiden Demoisellen in Halle und Saalfeld denkt. . Ich kam also nicht eben zu bald wieder zurück und ging gerade in ihr Zimmer. Sogleich entdeckte ich eine so natürlich ausgedrückte beifallvolle Freundlichkeit in den Augen der Mutter, die mir entgegenkam, daß ich nun gar nicht mehr an dem Erfolg meines Antrags zweifelte, daß aber auch meine ehrerbietige Empfindung sich ebenso sichtbar an den Tag legte, als ich zu reden anfing. Die Gleichheit der Empfindungen, worin wir drei jetzt uns befanden, legte sich gleich kenntlich in unsere Augen, eine Art von Feierlichkeit entstand, alle drei wandten wir uns sogleich dankend zu Gott. Die Mutter legte mir nun die zwei Briefe vor und fragte: »Gestehen Sie, daß Sie dies geschrieben haben?« »O ja«, sagte ich, und küßte ihr die Hand. Sie küßte mich lebhaft und versicherte mich der zufriedensten Genehmhaltung. Ihre Tochter verlor sehr bald die bisherige Schüchternheit und schlug jetzt die Augen angenehm auf, weil sie wußte, daß es der Mutter nicht mißfiel und sie ein Recht hatte, sich zu empfehlen. Wir hatten beide keine Romananleitung gehabt, sie hätte sonst nicht auf mich und die Erlaubnis der Mutter gewartet. Eine für mich so schwere und so wichtige Sache fand also ihren leichten Gang, ohne daß ich irgendeinen anderen Menschen oder die Künste oder Ränke, womit viele eine Braut berücken, zu Hilfe genommen hätte. Es ist nicht nötig, daß ich es erzähle, was mein Gemüt für den heiligen schamvollen Dank gegen Gott einschloß, wie sehr ich mich bemühte, diese innere Stille und Ruhe zu behalten bei dem nun entstehenden Gerede über diesen meinen Entschluß. Der Charakter meiner Braut war für mich gleichsam ausgesucht. Sie hatte eine angenehme Bildung, obgleich die Pocken, die sie schon sehr erwachsen ausgestanden hatte, das übrige Lob der Haut merklich zerstört hatten. Ihre Erziehung war teils unter den Augen der Großmutter und einer vortrefflichen Tante, teils von der Mutter neben ihrem Bruder durch gehaltene Hauslehrer besorgt worden. Nach dem Tode des Vaters hatte die Mutter sich und diese Tochter wohl etwas zu sehr in Eingezogenheit gehalten. Sie hatte aber desto mehr in jeder Geschicklichkeit, die ihrem Geschlecht wahre Vorzüge gibt, zugenommen; ihr Urteil war so richtig, daß es die Mutter gemeiniglich in häuslichen Einrichtungen ihrem eignen vorzog. Sie schrieb einen gut ausgedrückten Brief, meist schön und gleich in Zügen und mit sehr wenigen Fehlern gegen die Orthographie. Hierin übertraf sie alle ihre vielen Verwandten. Geldrechnung verstand sie viel besser als ihre Mutter und hatte, da sie kaum fünfzehn Jahr alt war, bei langer Abwesenheit der Mutter einzelne Einnahmen von mehr als achtzehnhundert Gulden so richtig berechnet, daß auch gar nichts daran fehlte. Über ihr bisheriges Eigentum aus der Erbschaft eines Onkels in Coburg, das über viertausend Gulden und mehr betrug, führte sie schon einige Jahre her ihre eigene Rechnung. Sie hatte tanzen gelernt und trug sich sehr gut, liebte es aber nicht sonderlich; ihren Putz machte sie sich selbst, sogar vieles von der Kleidung, und stets im Geschmack. Nur wurde diese Belustigung an eigener Hände Arbeit von andern ihres Alters, die daran kein Vergnügen fanden, für eine Folge zu großer Genauigkeit angesehen. Sie war es gewiß nicht, wie ich bald erzählen werde. Wir gingen nun freilich mehr miteinander um, auch die wenigen Tage, die ich noch übrig hatte, oft spazieren, zumal in ihrem großen Garten auf der Lossau. Da saßen wir zuweilen unter einem Baum und übersahen die vor uns liegende Stadt. Sie war so aufrichtig, daß sie mir von selbst sagte: »Nun wenden Sie ja einige Bemühungen und Aufsicht auf mich, mir Mängel abzugewöhnen, die ich in der langen Einsamkeit mir zugezogen habe. Ich werde durch meine Ergebenheit vielleicht Ihnen mich empfehlen und durch mein ganz reines, gutes Herz; da wir aber unter viele Leute, zum Teil von der sogenannten großen Welt kommen, so helfen Sie mir auf, daß ich Ihnen alsdann nicht zum Nachteil gereiche, bis ich selbst richtiger über das Äußerliche urteilen lerne. Denn Sie übertreffen mich an Verstand, an Artigkeit des Sprechens und des Umgangs.« – Mir wurden die Augen naß über diese Redlichkeit. Sie weinte mit mir; ob es mich nun reue? ob ich nicht schon lange diese ihre Mängel erkannt hätte? Ich hatte hier die beste Gelegenheit, sie von einer andern Seite zu erheben, indem ich antwortete: »Mit mehr Recht drückt mich die Sorge, daß es Sie selbst reuen möchte, einem Professor Ihre Hand und Herz gegeben zu haben, den Sie bald äußerlich ganz dürftig finden werden, ob er gleich arbeitsam sein wird. Und nun will ich auch Ihnen meine Sorge ganz ohne Rückhalt vorlegen. Sie wissen zwar, daß mein Vater mir nichts geben kann; Sie wissen aber wohl nicht, daß ich Ihnen Haus- und Tischschuld jetzt nicht bezahlen kann, daß ich auch noch manche kleine Schulden am Ende abmachen muß, wenn wir mit Ehren von Coburg wegkommen sollen.« Sie sah mir zärtlich in die Augen und sagte: »Wenn Sie wirklich keine andern Ursachen haben betrübt zu sein, so bin ich freilich sehr glücklich zu sagen, daß ich Ihnen gleich zu helfen imstande bin. Denken Sie also an nichts weiter, als mich Ihrer immer wert zu machen, damit ich in Gesellschaft Ihnen keinen Nachteil bringe. Ich bin Herr über mein eigenes Vermögen, wozu ich bisher den Dr. Berger als meinen Kurator zuweilen um Rat frage. Der hält Sie selbst zu hoch, als daß er mir das Geringste in den Weg legen wird, wenn ich Ihnen gern dienen will.« Und diese uneigennützige, ehrliche Denkungsart hat auch diese würdige Person stets behalten und mich aller Beschämung oder Betrübnis über meine Lage überhoben. Nun dachte ich auf meine Reise, um nicht zu spät nach Nürnberg zu kommen. – Zu Nürnberg gibt es noch sehr viele Merkmale eines hohen Altertums, die einen großen Eindruck auf mich machten. Der Prediger Birkmann bei der Ägidienkirche hatte mir gütig angeboten, bei ihm Quartier zu nehmen; ich wurde überaus liebreich aufgenommen und bekam eine Stube ganz oben, worin seine Bücher stunden; welche Nachbarschaft mir sehr nützlich war, indem ich des Abends einige Nachrichten von Nürnberg selbst aufsuchte, um nicht in allen Dingen so gar fremd zu sein. Sobald als möglich ließ ich mich den Herren des Rates auf dem ansehnlichen Saal des Rathauses vorstellen, zu einer Stunde, da sie eben auf einige Minuten aus ihren besonderen Zimmern auf den Saal traten. Der große Eindruck dieses sehr ansehnlichen Gebäudes und viele mir ganz ungewohnte Umstände taten eine gute Wirkung auf mich, daß ich mit Rührung und Modestie zum erstenmal eine Parrhesie zu meiner angelegentlichen Empfehlung anwendete, welche mir den gnädigen Beifall dieser sehr verehrungswürdigen Personen erwarb. Herr von Ebner, dessen eigene Gelehrsamkeit und große, edle Denkungsart jedermann mit Hochachtung erfüllte, ließ mir nachher noch sagen, daß er mich des Nachmittags in seinem Hause erwarten würde. Ich suchte die Stille meines Gemüts wieder zu gewinnen, um durch das viele Unerwartete so wenig als möglich zerstreut zu sein und diese Aufwartung desto mehr zu meinem Vorteil zu benutzen. Da dieser Herr fast gar nicht sehen konnte, so entging mir schon viel Beistand, indem ich durch eine ungekünstelte modeste Stellung, die ich stets liebte, mir sonst manchen Eingang verschafft hatte, sogar bei Personen, die vorher wider mich eingenommen gewesen waren. Nachdem ich einige Minuten gestanden und meine wahre dankvolle Empfindung in den besten Sätzen meiner Rede ausgedrückt hatte, die wenigstens den Schwulst ebensosehr als das Alltägliche vermied, so sagte er: »Herr Professor, Ihre Stimme und Rede gefällt mir so wohl, daß ich es sehr bedaure, Sie nicht mit meinen Augen genauer anschauen zu können. Setzen Sie sich her zu mir; ich muß doch allerlei mit Ihnen reden. Der große Mann, den wir verloren haben, Professor Schwarz, hat Sie insbesondere an mich recht vertraulich empfohlen, während es freilich an vielen Kompetenten der Stellen nicht fehlet, die durch ihn erledigt worden sind.« Nun kam er auf meine Miscellaneas lectiones , davon er sich hatte vorlesen lassen, und fragte so viel einzelnes, daß die Unterredung einem Examen sehr ähnlich war. Endlich sagte er mit kenntlicher Freude: »Sie sind gerade mein Mann; wo ich hin will, da sind Sie schon. Ich wünsche herzlich viel Glück für Sie und für Altdorf.« Darauf ließ er Tridentiner Wein bringen, und der Diener mußte das Glas nicht leer stehen lassen. Nun wurde er so gnädig, da ich aufstand, daß er sagte: »Kann ich für Sie sorgen durch eine reiche Heirat, so sagen Sie es jetzt geradeheraus.« Ich küßte ihm die Hand sehr ehrerbietig, legte die Augen darauf und sagte mit großer Empfindung geradehin: »Ich danke.« – »Um desto lieber ist es mir«, sagte er, »wenn Sie gar keine Unruhe des äußerlichen Lebens mehr haben.« Er befahl mir, wenn ich von Altdorf zurückkäme, nochmals bei ihm anzufragen, indem er mich in seinen Garten mitnehmen und noch mehr mit mir verabreden wollte; was auch nachher geschehen ist. Ich muß sagen, eine so edle Herablassung und tätige Wertschätzung, als die Herren von Nürnberg ihren Gelehrten stets erweisen, habe ich sonst nicht oft wieder angetroffen. Der Prediger Birkmann reiste mit mir nach Altdorf. Unterwegs fand ich für sehr gut, dem rechtschaffenen Mann zu erkennen zu geben, daß Herr von Ebner für meine gute Verheiratung habe sorgen wollen, daß ich aber schon in Coburg nötig gehabt hätte, mich dieser und anderer Sorgen zu entledigen, daß also alle andere gutmeinende Anstalten unnötig wären. Indes hatte ich doch eine Menge neuer Gedanken zur Begleitung. Glücklich kam ich wieder nach Coburg und brachte die Vokation mit. Den 26. August des Jahres 1751 wurde mir die liebenswürdige Döbnerin in der Sakristei angetraut. So weit der Bericht des Gatten, der im weiteren Verlauf seiner Lebensbeschreibung bei jeder Gelegenheit seine Liebe und Bewunderung für die Frau seiner Wahl ausspricht, der Gestorbenen eine besondere Lobschrift verfaßte. Leider ist kein Brief erhalten, welchen die Frau Professorin als Braut an ihren künftigen Herrn richtete, und dessen Stil von dem Professor so gelobt wird. [...] XXIX Aus der Garnison Das Heer und die Verfassung des Staates. Die Landesmiliz und ihre Geschichte. – Das Kriegsvolk des Landesherrn. – Veränderte Organisation nach dem Kriege. Die Ergänzung. Die Anfänge der gezwungenen Aushebungen um 1700. Allmähliche Einführung der Kantonpflicht. Die Werbung und ihre Ungesetzlichkeiten. Gaunereien der Werber. Weiber und Kinder des Heeres. Verachtung des Soldatenstandes, Desertionen. Verhandeln der Armeen. – Das preußische Heer unter Friedrich Wilhelm I. Das Garderegiment zu Potsdam. Die preußischen Offiziere. – Ulrich Bräker. – Erzählung eines preußischen Deserteurs Ein Schuß aus der Lärmkanone! Scheu tritt der Bürger vom Fenster zurück und blickt prüfend in die dunklen Winkel seines Hauses, ob sich eine fremde Menschengestalt darin verborgen. Der Bauer auf dem Feld hält seine Pferde an und überlegt, ob er wünschen darf, mit dem flüchtigen Mann zusammenzutreffen und das Fangegeld zu verdienen, oder ob er einen Verzweifelten fürchten und schonen soll, trotz der harten Strafe, welche jedem droht, der einen Deserteur entschlüpfen ließ. Wahrscheinlich wird er den Flüchtling entrinnen lassen, auch wenn er seiner Herr werden kann, denn in geheimer Seele regt sich ihm ein Mitgefühl, ja etwas wie Bewunderung des Verwegenen. Kaum ein Kreis irdischer Interessen prägt so scharf die Besonderheiten der Zeitbildung aus als das Heer und die Methode der Kriegführung. Die Armee entspricht zu jedem Jahrhundert merkwürdig genau der Verfassung und dem Charakter des Staates. Die fränkische Landwehr der Merowinger, welche von ihrem Märzfeld zu Fuß gegen Sachsen und Thüringen zog, das Heer der ritterlichen Speerreiter, welches unter Kaiser Rotbart seine Rosse in die Ebenen der Lombardei hinabführte, die Schweizer und Landsknechte der Reformationszeit, und wieder das Söldnerheer des Dreißigjährigen Krieges, sie alle waren höchst charakteristische Bildungen ihrer Zeit, welche aus den sozialen Zuständen des Volkes erblühten und sich wandelten wie diese. So wurzelten das älteste Fußheer der Besitzenden in der alten Gemeinde- und Gauordnung, das riesige Ritterheer in dem feudalen Lehnwesen, die Fähnlein der Landsknechte in der aufblühenden Bürgerkraft, die Kompanien der fahrenden Söldner in dem Wachstum der fürstlichen Territorialherrschaft. Ihnen folgte in den despotischen Staaten des 18. Jahrhunderts das stehende Heer der dressierten Lohnsoldaten. [...] Ihre Mängel im 18. Jahrhundert sind oft beurteilt worden, und jedermann weiß einiges von der herben Zucht in den Kompanien, mit welchen der Alte Dessauer die Schanzen von Turin stürmte und Friedrich II. den Besitz Schlesiens behauptete. Aber nicht ebenso bekannt, selbst von Kriegsschriftstellern ganz vernachlässigt, ist eine andere Seite der alten Kriegsverfassung, und von dieser soll hier zunächst die Rede sein. Die Regimenter, welche die deutschen Souveräne des 18. Jahrhunderts in ihre Schlachten führten oder an fremde Potentaten vermieteten, waren nicht die einzige bewaffnete Organisation in Deutschland. [...] Schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als die Landsknechte zu kostspielig und liederlich wurden, war man auf den Gedanken gekommen, aus den wehrhaften Männern der Stadt und des flachen Landes eine Miliz zu bilden, das Defensionswerk, welche innerhalb der Landesgrenzen zur Verteidigung verwendet werden sollte. Seit 1613 wurden die Defensioner in Kursachsen und den Nachbarländern, bald darauf in den andern Kreisen des Reiches organisiert, in Fähnlein geordnet, zuweilen zusammengezogen und militärisch geübt. Ihre Gesamtzahl ward festgestellt und auf die Ortschaften verteilt, die Gemeinden bestimmten und rüsteten die Leute; waren sie im Dienste, so erhielten sie Sold vom Landesherrn. Der Dreißigjährige Krieg war zum größten Teil mit geworbenem Volk geführt worden, doch waren aus Not die Defensionen hier und da in Kriegsvolk umgewandelt worden, indem man entweder ganze Regimenter für den Felddienst bestimmte, oder mit den brauchbaren Leuten die Lücken der geworbenen Truppen ausfüllte. Im ganzen aber hatte sich die lockere Errichtung dieser Miliz nicht bewährt. [...] Ganz getrennt von dieser Miliz stand das Kriegsvolk, welches der Landesherr für sich hielt und ganz aus seinen Einnahmen bezahlte. Es mochte nur eine Garde sein, zum Schutz und Schmuck seines Hofes, es mochten viele Kompanien sein, welche er sich warb, um einen Status zu sichern, Einfluß und Macht unter seinesgleichen zu gewinnen, Geld damit zu verdienen. Das war sein Privatgeschäft, und wenn er sein Volk nicht übermäßig dadurch belästigte, so war nichts dagegen einzuwenden. Es war ein freies Geschäft auch für den, welcher ihm dienen wollte, er mochte sich anwerben lassen, Inländer oder Fremder, er mocht sehen, wie ihm der Vertrag gehalten wurde. Kam das Land durch einen äußern Feind in Gefahr, so bewilligte die Landschaft dem Herrn auch für dies Kriegsvolk Geld oder einen besonderen Zuschuß, denn man wußte wohl, daß es kriegstüchtiger war als die Landesmiliz. So war es unter dem Großen Kurfürsten noch in Preußen, so blieb es in dem größten Teil Deutschlands bis tief in das 18. Jahrhundert. Aber auch dies private Kriegsvolk, welches der Landesherr sich warb, hatte eine neue Einrichtung erhalten. Bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges hatte bei den meisten deutschen Heeren die Werbung nach Landsknechtbrauch auf das Risiko des Obersten stattgefunden. Der Oberst schloß den Kontrakt mit dem Fürsten, er besetzte und verkaufte die Hauptmannsstellen, der Fürst zahlte dem Obersten das Geld, welches von der Landschaft aufgebracht wurde. So waren die Regimenter in gründlicher Abhängigkeit vom Obersten, und dieser war eine Macht auch dem Landesherrn gegenüber. Die Disziplin war locker, die Offizierstellen von Kreaturen des Obersten besetzt, der Zusammenhalt des Regiments wurde durch seinen Tod gelöst. Die Gaunereien der Obersten und Kompanieführer; schon um 1600 von militärischen Schriftstellern beklagt, hatten eine gewisse virtuose Ausbildung erhalten. Selten war die Mannschaft, welche auf dem Papier stand, vollständig unter der Fahne. Die Offiziere bezogen den Sold für eine große Anzahl von Fehlenden, welche man »Passevolants« oder »Blinde« nannte; sie reihten ihre Knechte, Marketender aus dem Troß in die untern Chargen ein. Auch bei der kaiserlichen Armee hörten die Klagen nicht auf, von oben bis unten der rücksichtsloseste Eigennutz, die Offiziere plünderten mitten im Frieden ihre Quartiere in den Erblanden aus, sie fischten und jagten in der Umgegend, erhoben einen Aufschlag von den Stadtzöllen, sie ließen Fleisch schlachten und verkaufen, sie richteten Wein- und Bierschenken ein. Und wie die Offiziere raubten, so stahlen die Gemeinen. Das geschah z. B. noch 1677. Und diese Landesplage drohte eine beständige zu werden. Die Werbung der Rekruten aber war in dieser frühern Zeit noch wenig organisiert, und die Gaunereien, welche dabei nicht fehlen konnten, waren wenigstens nicht durch die höchsten irdischen Autoritäten sanktioniert. In Brandenburg reformierte der Große Kurfürst gleich nach seinem Regierungsantritt 1640 das Verhältnis der Regimenter zum Landesherrn; die Werbung geschah fortan in seinem eigenen Namen, er ernannte die Obersten und Offiziere, welche ihre Stellen nicht mehr kaufen durften. Dadurch erst wurden die Söldnerscharen zu einem stehenden Heer mit gleichmäßiger Bekleidung, Bewaffnung und Ausrüstung, mit besserer Manneszucht, willenlose Werkzeuge in der Hand des Fürsten. Für das Kriegswesen war dies der größte Fortschritt seit der Erfindung des Feuergewehres, und Preußen verdankte der frühen und energischen Durchführung des neuen Systems sein militärisches Übergewicht in Deutschland. Auch die Verpflegung der Mannschaft wurde neu geordnet; sie erhielten, wenigstens im Krieg, ihre Tagesbedürfnisse in Rationen, der Unterhalt wurde aus großen Magazinen besorgt. Durch Montecuccoli und später durch Prinz Eugen erhielt auch Österreich kurz vor 1700 ein besser diszipliniertes stehendes Heer. Die Ergänzung dieser Truppen des Fürsten konnte in Deutschland bis vor 1700 fast ausschließlich durch freie Werbung beschafft werden: denn noch lange nach dem großen Krieg blieb dem Volk die Unruhe und ein abenteuerlicher Sinn, der das Kriegshandwerk lockend fand. Das wurde allmählich anders. [...] Vorsichtig und zögernd begann kurz vor 1700 die Heranziehung des Volkes zum Kriegsdienst seines Fürsten. Aber ohne Erfolg wurde das erstemal ausgesprochen, daß das Land Rekruten stellen müsse. Die Neuerung ward, wie es scheint, zuerst 1693 von den Brandenburgern versucht: die Provinzen sollten die fehlende Mannschaft werben und präsentieren, doch keine untertänige, der Kompanieführer sollte für den Mann zwei Taler Handgeld zahlen. Bald ging man weiter und legte (1704) zuerst einzelnen Klassen von Steuerzahlern, dann (1705) den Gemeinden die Stellung der Ersatzmannschaft auf. Die Rekruten sollten zwei bis drei Jahre dienen, wer freiwillig auf sechs Jahre und darüber kapitulierte, wurde bevorzugt. Ganz dasselbe wurde 1702 in Sachsen durch König August eingerichtet. Dort hatten die Gemeinden wie für ihre Miliz, jetzt auch für den Landesherrn eine bestimmte Zahl junger gesunder Leute zu liefern und über die Entbehrlichkeit des einzelnen zu entscheiden, Ort der Gestellung das Rathaus, Aufsicht übten die Kreis- und Amtshauptleute, der Mann wurde ohne Montur geliefert, Handgeld vier Taler, Dienstzeit zwei Jahre; verweigerte der Offizier nach zwei Jahren den Abschied, so konnte der Ausgediente sich eigenmächtig auf den Weg begeben. So furchtsam begann man einen neuen Anspruch geltend zu machen. Und trotz dieser Vorsicht war der Widerstand des Volkes zu erbittert und heftig, die neue Einrichtung verfiel, man kehrte wieder zur Werbung zurück, schon 1708 wurde die Rekrutierung in Preußen wieder aufgehoben, »weil die Zumutung zu groß war«. Erst der eiserne Wille Friedrich Wilhelms I. gewöhnte sein Volk allmählich an diesen Zwang. Seit 1720 wurden Verzeichnisse der kriegspflichtigen Kinder angelegt, 1733 das Kantonsystem durchgeführt. Das Land ward unter die Regimenter verteilt, die Bürger und Bauern wurden – mit gewissen Ausnahmen – für kriegspflichtig erklärt, alljährlich wurde ein Teil des Regimentsbedarfs durch Aushebungen gedeckt, bei denen die größte Willkür der Hauptleute ungestraft blieb. – In Sachsen gelang es erst gegen Ende des Jahrhunderts, die Rekrutierung neben der Werbung durchzuführen. In anderen, zumal in kleinen Territorien, glückte das noch weniger. So bietet das Heerwesen der Deutschen die merkwürdige Erscheinung, daß in derselben Zeit, in welcher die Aufklärung im Bürgertum größere Ansprüche, Bildung und Sittlichkeit heraufzieht, durch den Despotismus der Regenten allmählich ein anderer großer politischer Fortschritt in das Leben des Volkes geschlagen wird: die Anfänge unserer allgemeinen Wehrpflicht. Aber ebenso merkwürdig ist, daß diese Neuerung nicht in der Form einer großen und weisen Maßregel ins Leben tritt, sondern unter Nebenumständen, welche sie ganz besonders widerwärtig und abscheulich erscheinen ließen. Die große Härte und Gewissenlosigkeit des despotischen Staates kam gerade da zu Erscheinung, wo er den größten Fortschritt vorbereitete, nicht aber durchführte. Denn auch das ist bedeutsam, daß die Staaten des 18. Jahrhunderts neben der Rekrutierung die alte Werbung nicht entbehren konnten. Zu roh und gewalttätig war das Verhalten der Offiziere, welche die junge Mannschaft auszuheben hatten, zu heftig Widerstand und Abneigung des Volkes. Die jungen Leute wanderten massenhaft aus, keine Drohung mit Galgen, Ohrabschneiden und Konfiskation ihrer Habe konnte die Flucht aufhalten, mehr als einmal sah sich der fanatische Soldateneifer Friedrich Wilhelms I. von Preußen gekreuzt durch die Notwendigkeit, seine Landschaften zu schonen, die sich zu leeren drohten. Niemals konnte mehr als etwa die Hälfte des Ersatzes durch die gezwungene Rekrutierung gedeckt, die andere Hälfte des Abgangs mußte durch Werbung aufgebracht werden. Auch die Werbung wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts roher als sie sonst gewesen war; die Landsherren waren weit gefährlichere Werber als die Hauptleute der alten Landsknechte. Und obgleich die Übelstände dieses Systems offenkundig zutage lagen, man wußte sich durchaus nicht dagegen zu helfen. Zwar die große Unsittlichkeit, die dabei stattfand, beunruhigte die Regierenden in der Regel viel zu wenig, wohl aber die Unsicherheit, die Kostspieligkeit, die Reklamationen fremder Regierungen und die unaufhörlichen Händel und Schreibereien, welche damit verbunden waren. Die Werbeoffiziere selbst waren oft unsichere, ja schlechte Menschen, deren Tätigkeit und Ausgaben nur ungenügend kontrolliert werden konnten. Nicht wenige lebten jahrelang mit ihren Helfershelfern in der Fremde auf Kosten der Monarchen in Völlerei, berechneten teures Handgeld und fingen zuletzt doch nur wenige oder konnten ihren Fang nicht unverkürzt in das Land schaffen. Dazu ergab sich bald, daß nicht die Hälfte der so Geworbenen dem Heer zum Nutzen gereichte. Zunächst war die Mehrzahl davon das schlechteste Gesindel, in welches nicht immer militärische Eigenschaften hineingeprügelt werden konnten; ihre zerrütteten Körper und lasterhaften Gewohnheiten füllten die Spitäler und Gefängnisse, sie liefen davon, sobald sie konnten. Schon die Werbungen im Inland wurden mit jeder Art von Gewalttat geübt. Die Obersten und Werbeoffiziere raubten und entführten einzige Söhne, welche frei sein sollten. Studenten von der Universität, ja ganze Kolonien von untertänigen Leuten, die sie auf ihren eigenen Gütern ansiedelten. Wer sich frei machen wollte, mußte bestechen, und er war selbst dann noch nicht sicher. Die Offiziere wurden so sehr bei ihren gewalttätigen Erpressungen geschützt, daß sie die gesetzlichen Beschränkungen offen verhöhnten. Trat vollends in Kriegszeiten Mangel an Mannschaft ein, dann hörte jede Rücksicht auf das Gesetz auf. Dann wurde eine förmliche Razzia angestellt, die Stadttore mit Wachen besetzt und jeder Aus- und Eingehende einer furchtbaren Untersuchung unterworfen, wer groß und stark war, festgenommen, selbst in die Häuser wurde gebrochen, vom Keller bis zum Bodenraum nach Rekruten gesucht, auch bei Familien, welche befreit sein sollten. Im Siebenjährigen Krieg wurde von den Preußen in Schlesien sogar auf die Knaben der oberen Gymnasialklassen gefahndet. Noch lebt in vielen Familien die Erinnerung an Schreck und Gefahr, welche das Werbesystem den Großeltern bereitet hat. Es war damals für den Sohn eines Geistlichen oder Beamten ein großes Unglück, hoch aufzuschießen, und eine gewöhnliche Warnung der bekümmerten Eltern: »Wachse nicht, dich fangen die Werber.« Fast noch schlimmer waren die Ungesetzlichkeiten, wenn die Werber im Ausland nach Leuten suchten. Durch Annahme des Handgeldes wurde der Rekrut verpflichtet. Das bekannte Manöver war, arglose Burschen in lustiger Gesellschaft trunken zu machen, den Berauschten das Geld aufzudrängen, sie in feste Verwahrung zu nehmen und, wenn sie ernüchtert widersprachen, durch Fesseln und jedes Zwangsmittel festzuhalten. Unter Bedeckung und Drohungen wurden die Gefangenen zur Fahne geschleppt und durch barbarische Strafmittel zum Eid gezwungen. Nächst dem Trunk wurde jede andere Verführung angewendet: Spiel, Dirnen, Lüge und Betrug. Die einzelnen begehrenswerten Subjekte wurden tagelang durch Spione beobachtet. Von den Werbeoffizieren, welche für solchen Dienst angestellt waren, wurde verlangt, daß sie besondere Gewandtheit im Überlisten hatten; Beförderung und Geldgeschenke hingen daran, ob sie viele Leute einzufangen wußten. Häufig vermieden sie, auch wo ihr Werbebureau erlaubt war, sich in Uniform zu zeigen und suchten in jeder Art von Verkleidung ihr Opfer zu fassen. Greulich sind einzelne Schändlichkeiten, welche bei solcher Menschenjagd geübt und von den Regierungen nachgesehen wurden. Eine Sklavenjagd aber war es in der Tat, denn der geworbene Soldat konnte erst dann seine Dienste in der großen Maschine des Heeres verrichten, wenn er mit allen Hoffnungen und Neigungen seines früheren Lebens abgeschlossen hatte. Es ist eine trostlose Sache, sich die Gefühle zu vergegenwärtigen, welche in Tausenden der gepreßten Opfer gearbeitet haben, vernichtete Hoffnungen, ohnmächtige Wut gegen die Gewalttätigen, herzzerreißender Schmerz über ein zerstörtes Leben. Es waren nicht immer die schlechtesten Männer, welche wegen wiederholter Desertion zwischen Spießruten zu Tode gejagt oder wegen trotzigem Ungehorsam gefuchtelt wurden, bis sie bewußtlos am Boden lagen. Wer den Kampf in seinem Innern überstand und die rohen Formen des neues Lebens gewohnt wurde, der war ein ausgearbeiteter Soldat, das heißt ein Mensch, der seinen Dienst pünktlich versah, bei der Attacke ausdauernden Mut zeigte, nach Vorschrift verehrte und haßte und vielleicht sogar eine Anhänglichkeit an seine Fahne erhielt, und wahrscheinlich eine größere Anhänglichkeit an den Freund, der ihn seine Lage auf Stunden vergessen machte, den Branntwein. Die Werbungen im Ausland mußten mit Einwilligung der Landesregierungen geschehen. Dringend wurde von den kriegerischen Fürsten bei ihren Nachbarn um die Erlaubnis nachgesucht, ein Werbebureau anlegen zu dürfen. Der Kaiser freilich war am besten daran, jedes seiner Regimenter hatte herkömmlich einen festen Werbebezirk im Reich. Die übrigen, vor andern die Preußen, mußten zusehen, wo sie eine günstige Stätte fanden. Die größeren Reichsstädte hatten häufig die Artigkeit, mächtigeren Herren die Erlaubnis zu erteilen; dafür gelang ihnen nicht immer, ihre eigenen Söhne aus angesehenen Familien zu schützen. Außerdem waren die Grenzen gegen Frankreich, Holland, die Schweiz günstige Fangorte; dann die eigenen Enklaven, welche von fremdem Gebiet rings umgeben waren, zumal wenn eine fremde Festung mit lästigem Garnisondienst in der Nähe lag, dann gab es immer Ausreißer. Für die Preußen war lange Ansbach und Bayreuth, Dessau, Braunschweig ein guter Markt. Nicht gleich war der Ruf, in welchem die Werber der einzelnen Regierungen standen. Den besten Leumund hatten die Österreicher, sie galten in der Soldatenwelt für plump, aber harmlos, nahmen nur, was sich gutwillig halten ließ, beobachteten aber die Kapitulation genau. Es war nicht viel, was sie bieten konnten, täglich drei Kreuzer und zwei Pfund Brot, aber es fehlte ihnen doch niemals an Leuten. Dagegen waren die preußischen Werber, die Wahrheit zu sagen, am übelsten renommiert; sie lebten am großartigsten, waren sehr unverschämt und gewissenlos und dabei waghalsige Teufel. Sie ersannen die verwegensten Streiche, um einen stattlichen Burschen zu fangen, sie setzten sich den größten Gefahren aus; man wußte, daß sie zuweilen gefährlich durchgeprügelt wurden, wenn sie in der Minderzahl blieben, daß sie von den fremden Regierungen eingesperrt waren, daß mehr als einer von ihnen erstochen worden war. Aber das alles schreckte sie nicht. Diese üble Nachrede dauerte, bis Friedrich Wilhelm II. sein menschliches Werbereglement erließ. Im Reich war einer der besten Werbeplätze Frankfurt am Main mit seinen großen Messen. Noch am Ende des Jahrhunderts saßen dort Preußen, Österreicher und Dänen nebeneinander; die Österreicher harrten seit alter Zeit phlegmatisch im Wirtshaus »Zum roten Ochsen«, die Dänen hatten ihre Fahne »Zum Tannenbaum« hinausgehängt, die unruhigen preußischen Werber wechselten, sie waren in dieser Zeit am ansehnlichsten und splendidesten. Es wurde ein diplomatischer Verkehr unter den verschiedenen Parteien unterhalten, sie waren zwar eifersüchtig aufeinander und suchten sich gegenseitig die Kunden wegzufangen, aber sie besuchten einander doch kameradschaftlich zu Wein und Tabak. Frankfurt aber war schon seit dem 17. Jahrhundert der Mittelpunkt für einen besonderen Zweig des Geschäftes, für das Fangen der Reichstruppen. Denn nicht nur Neulinge wurden von den Werbern gesucht, auch Deserteure; und die schlechte Zucht und der Mangel an militärischem Stolz, der in den kleinen süddeutschen Ländern zu beklagen war, sowie die Leichtigkeit zu entrinnen, machten jedem Taugenichts lockend, ein neues Handgeld zu erhaschen. In den Werbestuben der Preußen und des »Roten Ochsen« hing deshalb eine völlige Maskengarderobe von reichsständischen Uniformen, welche die Überläufer zurückgelassen hatten. Außer dem Wunsch, neues Handgeld zu erhalten, gab es aber noch einen Grund, welcher auch bessere Soldaten zur Desertion trieb, der Wunsch zu heiraten. Es wurde allerdings von keiner Regierung gern gesehen, wenn ihre Soldaten sich in der Garnison mit einer Frau belasteten, aber die so rücksichtslose Gewalt der Kriegsherren war in diesem Punkt doch ohnmächtig. Denn es gab eigentlich kein besseres Mittel, den geworbenen Mann wenigstens für einige Zeit zu fesseln, als durch die Heirat. Wurde sie verweigert, so war bei Garnisonen unweit der Grenze sicher, daß der Soldat mit seinem Mädchen zum nächsten Wirtshaus fremder Werber fliehen werde. Und ebenso sicher war, daß er dort auf der Stelle kopuliert wurde, denn jedes Werbegeschäft hielt für solche Fälle einen Geistlichen bei der Hand. Diese Gefahr hatte zur Folge, daß ein unverhältnismäßig großer Teil der Soldaten verheiratet war, zumal in den kleineren Staaten, wo man eine Grenze leicht erreichen konnte. So zählte die sächsische Armee von etwa dreißigtausend Mann noch im Jahre 1790 an zwanzigtausend Soldatenkinder, auch bei dem Regiment von Thadden in Halle war fast die Hälfte der Soldaten mit Frauen versehen. Es ist belehrend, daß die barbarische Soldatenzucht jener Zeit das alte Leiden der Söldnerheere nicht zu bannen vermochte. So durchaus hängen die einzelnen notwendigsten Verbesserungen von einer höheren Entwicklung des gesamten Volkslebens ab. Die Soldatenfrauen und -kinder zogen nicht mehr wie zur Landsknechtzeit unter ihrem Weibel ins Feld, aber sie waren eine schwere Last der Garnisonstädte. Die Frauen nährten sich kümmerlich durch Waschen und andere Handarbeiten, die Kinder wuchsen in wilder Umgebung ohne Unterricht auf. Fast überall waren ihnen die städtischen Schulen verschlossen, sie wurden von dem Bürger wie Zigeuner verachtet. Selbst in dem wohlhabenden Kursachsen war beim Beginn der Französischen Revolution nur in Annaberg eine Knabenschule für Soldatenknaben, diese allerdings vortrefflich, eingerichtet, aber sie reichte nirgends aus. Für die Mädchen geschah gar nichts, bei den Regimentern waren weder Prediger noch Schulen. Nur in Preußen wurde für den Unterricht der Kinder und die Zucht der Erwachsenen durch Prediger, Schulen und Waisenhäuser ernste Sorge getragen. Wem von dem Werbeoffizier Handgeld aufgedrängt war, dem war über sein Leben entschieden. Er war von der bürgerlichen Gesellschaft durch eine Kluft getrennt, welche nur selten ausdauernder Wille übersprang. In dem harten Zwang des Dienstes, unter rohen Offizieren und noch roheren Kameraden verlief sein Leben, die ersten Jahre in unaufhörlichem Drillen, die Folge unter einigen Erleichterungen, welche ihm erlaubten, einen kleinen Nebenverdienst zu suchen als Tagelöhner oder durch kleine Handarbeit. Galt er für sicher, so wurde er wohl auf Monate beurlaubt, er mochte wollen oder nicht; dann behielt der Hauptmann seinen Sold, er mußte sehen, wie er sich unterdes forthalf. Mit Mißtrauen und Abneigung sah der Bürger auf ihn, Ehrlichkeit und Sitten des Soldaten standen in so schlechtem Ruf, daß der Zivilist jede Berührung vermied; kehrte der Soldat in ein Wirtshaus ein, so entfernte sich augenblicklich der Bürger und der Handwerksgesell, jeder, der auf sich selbst hielt, und dem Wirt galt es für ein Unglück, von Soldaten besucht zu werden. So war der Mann auch in seinen Freistunden auf den Verkehr mit Schicksalsgenossen und mit entwürdigten Weibern angewiesen. Sehr hart war die Behandlung durch seine Offiziere, er wurde gestoßen, geknufft, auf die Füße getreten, mit dem Stock bei geringer Veranlassung gezüchtigt, auf das scharfkantige hölzerne Pferd oder den Esel gesetzt, der auf freiem Platz in der Nähe der Hauptwache stand; für größere Vergehen in Ketten geschlossen, auf Latten gesetzt, mit Spießruten, welche der Profoß abschnitt, von seinen Kameraden in langer Gasse gehauen, bei argen Verbrechen bis zum Tode. Die Unteroffiziere und Junker aber genossen den Vorzug, mit der flachen Degenklinge »gefuchtelt« zu werden, für größere Disziplinarvergehen wurden sie an Händen und Füßen geschlossen und stundenlang an die Säule gehängt, was ihnen die Ehre nicht minderte. Wenn im Preußischen die Vorliebe der Könige für die Montur, und unter Friedrich der Kriegsruhm des Heeres den kantonpflichtigen Brandenburger mit des Königs Rock einigermaßen versöhnte, so war das im übrigen Deutschland viel weniger der Fall. Dem kantonpflichtigen Bürger- und Bauernsohn im Preußischen war es ein großes Unglück dienen zu müssen, im übrigen Deutschland war es eine Schande. Zahlreich sind die Versuche, sich durch Verstümmelung untauglich zu machen, auch das Abhacken der Finger machte nicht frei und wurde außerdem streng wie Desertion bestraft. Noch um 1790 schämte sich ein reicher Bauernbursch in Kursachsen, der durch den Haß des Amtmanns zum Dienst gezwungen worden war, sein Heimatdorf in der Montur zu betreten. Sooft er Urlaub erhielt, machte er vor dem Dorf halt und ließ sich seine Bauernkleider herausbringen; die Montierungsstücke mußte eine Magd durch die Dorfgasse tragen. Deshalb hörten die Desertionen nie auf; sie waren das gewöhnliche Leiden aller Armeen und durch die furchtbaren Strafen – beim ersten und zweiten Male Spießruten, beim dritten die Kugel – nicht zu verhindern. In der Garnison war unablässiger Appell und stilles Spionieren nach der Stimmung der einzelnen unzureichende Hilfe. Gab aber die Kanone das Zeichen, daß ein Mann entflohen, dann wurden die Dörfer der Umgebung alarmiert. Die Einspännigen oder Heidereiter trabten auf allen Straßen, Kommandos zu Fuß und Roß durchzogen das Land bis an die Grenze, überall wurden die Dörfer benachrichtigt. Wer einen Deserteur einbrachte, erhielt im Preußischen zehn Taler, wer ihn nicht anhielt, soll das Doppelte als Strafe bezahlen. Jeder Soldat, der auf der Landstraße ging, mußte einen Paß haben; in Preußen hatte nach dem Befehl Friedrich Wilhelms jeder Untertan, vornehm oder gering, die Verpflichtung, jeden Soldaten, den er unterwegs traf, anzuhalten, nach seinem Ausweis zu fragen, zu arretieren und abzuliefern. Es war eine greuliche Sache für den kleinen Handwerksburschen, auf einsamer Straße einen verzweifelten sechsfüßigen Grenadier mit Ober- und Untergewehr zum Stillstand zu bringen und konnte durchaus nicht durchgesetzt werden. Noch schlimmer war es, wenn größere Trupps sich zur Flucht verabredeten, wie jene zwanzig Russen aus dem Regiment des Dessauers zu Halle, welche im Jahre 1734 Urlaub erhalten hatten, den griechischen Gottesdienst in Brandenburg zu besuchen, wo der König für seine zahlreichen russischen Grenadiere einen Popen hielt. Die zwanzig aber beschlossen, zu den goldenen Kreuzen des heiligen Moskau zurückzupilgern; sie schlugen sich mit großen Stangen durch die sächsischen Dörfer, wurden mit Mühe durch preußische Husaren aufgefangen und über Dresden in ihre Garnison zurückgebracht, dort mild behandelt. Weit schmerzlicher war dem König, daß sogar unter seinen großen Potsdamern eine Verschwörung ausbrach, als sich lange Grenadiere vom Serbenstamm verschworen hatten, die Stadt anzustecken und mit bewaffneter Hand zu desertieren. Es waren sehr große Leute darunter; die Hinrichtungen, das Nasenabschneiden und andere Zuchtmittel verursachten dem König einen Verlust von dreißigtausend Talern. Vollends im Feld war ein System von taktischen Vorschriften nötig, um die Desertion zu bändigen. Jeder Nachtmarsch, jedes Lager am Waldsaum brachte Verluste, die Truppen auf der Straße und im Lager mußten durch starke Husarenpatrouillen und Piketts umschlossen, bei jeder geheimen Expedition mußte das Heer durch Reiterschwärme isoliert werden, damit nicht einzelne Ausreißer dem Feind Nachrichten zutrugen. Das befahl noch Friedrich II. seinen Generälen. Trotz alledem war in jeder Kompanie, nach jedem verlorenen Treffen, selbst nach gewonnenen, die Zahl der Ausreißer zum Erschrecken groß. Nach unglücklichen Feldzügen waren ganze Armeen in Gefahr zu zerlaufen. Viele, die von einem Heer wegliefen, zogen spekulierend wie die Söldner im Dreißigjährigen Krieg dem andern zu; ja das Ausreißen und Wechseln erhielt für Abenteurer einen rohen, gemütlichen Reiz. Ein aufgefangener Deserteur war in der Meinung des großen Haufens nichts weniger als ein Übeltäter, – wir haben mehrere Volkslieder, in denen sich das volle Mitgefühl der Dorfsänger mit dem Unglücklichen ausspricht; der glückliche Deserteur aber galt sogar für einen Helden, und in einigen Volksmärchen ist der tapfere Gesell, welcher Ungeheuer bezwingt, dem Märchenkönig aus der Not hilft und zuletzt die Prinzessin heiratet, ein entsprungener Soldat. Dieses fürstliche Kriegsvolk galt nach Auffassung der Zeit, auch nachdem die Volksbewaffnung jener Landesmiliz ganz in den Hintergrund gedrängt war, immer noch für einen Privatbesitz der Fürsten. Die deutschen Landesherren hatten nach dem Dreißigjährigen Kriege wie einst die italienischen Kondottieri mit ihrem Kriegsstaat gehandelt, sie hatten ihn an fremde Mächte verpachtet, um sich Geld zu machen und ihr Ansehen zu vergrößern. Zuweilen warben die kleinsten Territorialherren mehrere Regimenter im Dienst des Kaisers, der Holländer, des Königs von Frankreich. Seit die Truppen zahlreicher und zum großen Teil aus Landeskindern ergänzt wurden, erschien dieser Mißbrauch der Fürstengewalt dem Volk allmählich befremdlich. Aber erst seit durch die Kriege Friedrichs II. eine patriotische Wärme in das Volk gekommen war, wurde solche Verwendung ein Gegenstand lebhafter Erörterungen. Und als seit 1777 Braunschweig, Ansbach, Waldeck, Zerbst, vor andern Hessen-Kassel und Hanau, eine Anzahl Regimenter an England zum Dienst gegen die Amerikaner vermieteten, wurde der Unwille im Volk laut. Noch war es nicht mehr als eine lyrische Klage, aber sie schallte vom Rhein bis zur Weichsel; die Erinnerung daran ist noch jetzt sehr lebendig, noch heute hängt über einer der Regentenfamilien, die damals am frevelhaftesten das Leben ihrer Untertanen verschacherte, diese Untat wie ein Fluch. Unter den deutschen Staaten war es Preußen, in welchem sich die Tyrannei dieses Militärsystems am schärfsten, aber auch mit einer einseitigen Größe und Originalität ausbildete, durch welche das preußische Heer während eines halben Jahrhunderts zu der ersten Kriegsmacht der Welt geformt wurde, zu einem Muster, nach dem sich alle übrigen Armeen Europas bildeten. Wer kurz vor 1740 unter der Regierung König Friedrich Wilhelms I. preußisches Land betrat, dem fiel in der ersten Stunde das eigentümliche Wesen auf. Bei der Feldarbeit, in den Straßen der Stadt sah er immer wieder schlanke Leute von soldatischem Aussehen, mit einer auffallenden roten Halsbinde. Es waren Kantonisten, die schon als Kinder in die Soldatenregister eingetragen waren, zur Fahne geschworen hatten und eingezogen werden konnten, wenn der Staat des Königs ihrer bedurfte. Jedes Regiment hatte fünf- bis achthundert dieser Ersatzleute, man nahm an, daß dadurch die Armee – vierundsechzigtausend Mann – in drei Monaten um dreißigtausend Mann vermehrt werden konnte, denn alles lag für sie in den Montierungskammern bereit, Tuch und Gewehre. Und wer zuerst ein Regiment preußischen Fußvolks sah, dem wuchs das Erstaunen. Die Leute hatten eine Größe, wie sie an Soldaten nirgend in der Welt zu sehen war, sie schienen von einem fremden Stamm. Wenn das Regiment vier Glieder hoch in Linie stand – die Stellung in drei Gliedern wurde gerade damals erst eingeführt –, dann waren die kleinsten Leute des ersten Gliedes nur wenige Zoll unter sechs Fuß, fast ebenso hoch das vierte, die mittleren wenig kleiner. Man nahm an, daß, wenn die ganze Armee in vier Reihen gestellt würde, die Köpfe vier schnurgerade Linien machen müßten; auch das Gewehr war etwas länger als anderswo. Und nicht weniger auffallend war das propre Aussehen der Mannschaft; wie Herren standen sie da, mit reiner guter Leibwäsche, den Kopf sauber gepudert mit einem Zopf, alle im blauen Rock, zu den hellen Kniehosen Stiefeletten von ungebleichter Leinwand, die Regimenter durch Farbe der Westen, Aufschläge, Litzen und Schnüre unterschieden. Trug ein Regiment Bärte, wie z. B. das des alten Dessauers in Halle, so war der Bart sauber gewichst, jedem Mann wurde alljährlich vor der Revue eine neue Montur bis auf Hemd und Strümpfe geliefert, auch in das Feld nahm er zwei Anzüge mit. Noch stattlicher sahen die Offiziere aus, mit gestickter Weste, um den Leib die Schärpe, am Degen das »Feldzeichen«, alles von Gold und Silber, und am Hals den vergoldeten Ringkragen, in dessen Mitte auf weißem Feld der preußische Adler zu sehen war. In der Hand trugen Hauptmann wie Leutnant die Partisane, die man schon damals ein wenig verkleinert hatte und Sponton nannte, die Unteroffiziere noch die kurze Pike. Es galt damals für schön, daß die Kleidung eng und gepreßt saß, und ebenso waren die Bewegungen der Leute kurz, geradlinig, die Haltung eine gerade, straffe, der Kopf stand hoch in der Luft. Noch merkwürdiger waren ihre Evolutionen. Denn sie marschierten zuerst von allen Kriegsvölkern in einem Gleichtritt, die ganze Linie nach der Schnur wie ein Mann den Fuß aufhebend und niedersetzend. Diese Neuerung hatte der Dessauer eingeführt; es war ein langsames und würdiges Tempo, das auch im ärgsten Kugelregen wenig beschleunigt wurde, derselbe majestätische Gleichtritt, welcher in der heißesten Stunde bei Mollwitz die Österreicher in Verwirrung brachte. Auch die Musik erschütterte den, der sie hörte. Die großen messingenen Trommeln der Preußen (sie sind leider jetzt zur Kleinheit einer Schachtel herabgekommen) regten ein ungeheures Getöse auf. Wenn in Berlin zur Wachtparade von einigen zwanzig Trommeln geschlagen wurde – kein Fremder versäumte das anzuhören –, dann zitterten alle Fenster. Und unter den Hoboisten war sogar ein Trompeter, ebenfalls eine unerhörte Erfindung. Die Einführung dieses Instruments hatte überall in ganz Deutschland Staunen und Einwendung verursacht, denn die Trompeter und Pauker des Heiligen Römischen Reiches bildeten eine zünftige Genossenschaft, welche durch ein schönes kaiserliches Privilegium geschützt war und die unzünftigen Feldtrompeter nicht dulden wollte. Aber der König kehrte sich gar nicht daran. Und wenn vollends die Soldaten exerzierten, luden und feuerten, so war die Präzision und Schnelligkeit einer Hexerei ähnlich; denn seit 1740, wo der Dessauer den eisernen Ladestock eingeführt hatte, schoß der Preuße vier- bis fünfmal in der Minute, er lernte es später noch schneller, 1773 fünf- bis sechsmal, 1781 sechs- bis siebenmal. [...] Wenn die Salven der exerzierenden Mannschaft früh unter den Fenstern des Königsschlosses zu Potsdam dröhnten, war der Lärm so groß, daß alle kleinen Prinzen und Prinzessinnen aus den Betten sprangen. Der Ort war ein ärmlicher Flecken gewesen zwischen Havel und Sumpf, der König hatte ein steinernes Soldatenlager daraus gemacht; kein Zivilist durfte dort einen Degen tragen, auch der Staatsminister nicht. Dort lagen um das königliche Schloß in kleinen Ziegelhäusern, die zum Teil auf holländische Art gebaut waren, die Riesen des Königs, das weltberühmte Grenadierregiment. Es waren drei Bataillone von achthundert Mann, außerdem sechs- bis achthundert unrangierte zum Ersatz. Wer von den Grenadieren mit Frau und Kindern behaftet war, der erhielt ein Haus für sich; von den andern Kolossen hausten je vier bei einem Wirt, der ihnen aufwarten und Kost besorgen mußte, wofür er etliche Klaftern Holz erhielt. Die Leute dieses Regiments wurden nicht beurlaubt, durften keine öffentliche Handarbeit treiben, keinen Branntwein trinken; die meisten »lebten wie Studenten auf der hohen Schule, sie beschäftigten sich mit Büchern, mit Zeichnen, mit Musik oder arbeiteten in ihren Häusern«. Sie erhielten außergewöhnlichen Sold, die längsten von zehn bis zwanzig Taler monatlich, schöne Leute in hohen blechbeschlagenen Grenadiermützen, wodurch sie noch um vier Hände breit höher wurden, und die Querpfeifer des Regiments waren gar Mohren. Wer zu der Leibkompanie des Regiments gehörte, der war so merkwürdig, daß er abgemalt und im Korridor des Potsdamer Schlosses aufgehängt wurde. Diese Enaksöhne in Parade oder exerzieren zu sehen, reisten viele distinguierte Leute nach Potsdam. Freilich wurde schon damals bemerkt, daß solche Kolosse schwerlich zum Ernst des Krieges brauchbar wären, und daß noch niemand in der Welt darauf verfallen sei, den Vorzug des Soldaten in der außerordentliche Größe zu suchen, das Wunder sei Preußen vorbehalten. Aber wer im Land selbst weilte, tat gut, dergleichen nicht laut auszusprechen. Denn die Grenadiere waren eine Leidenschaft des Königs, welche in den letzten Jahren fast bis zum Wahnsinn stieg, für die der König seine Familie, Recht, Ehre, Gewissen und was ihm sein Leben lang sonst am höchsten stand, den Vorteil seines Staates vergaß. Sie waren seine lieben blauen Kinder, er kannte jeden von ihnen genau, nahm an ihren persönlichen Angelegenheiten lebhaften Anteil, unterhielt sich, wenn er gnädig war, mit den einzelnen und ertrug lange Reden und dreiste Antworten. [...] Was irgendwo in Europa von großen Leuten zu finden war, das ließ der König aufspüren und durch Güte oder durch Gewalt zu seiner Garde schaffen. Da stand der Riese Müller, der sich in Paris und London für Geld hatte sehen lassen – die Person zwei Groschen – er war erst der vierte oder fünfte in der Reihe; noch größer war damals Jonas, ein Schmiedeknecht aus Norwegen, dann der Preuße Hohmann, dem der König August von Polen, der doch ein stattlicher Herr war, mit der ausgestreckten Hand nicht auf den Kopf reichen konnte; endlich später James Kirkland, ein Ire, den der preußische Gesandte von Borke mit Gewalt aus England entführt hatte, und wegen dem beinahe der diplomatische Verkehr abgebrochen wurde, er hatte dem König gegen neuntausend Taler gekostet. Aus jeder Art von Lebensberuf waren sie zusammengeholt, Abenteurer der schlimmsten Art, Studenten, katholische Geistliche, Mönche, auch einzelne Edelleute standen in Reih und Glied. Wer zu spekulieren wußte, verkaufte seine Größe teuer. Der Kronprinz Friedrich sprach in den Briefen an seine Vertrauten oft mit Abneigung und Spott von der Leidenschaft des Königs; aber auch ihm ging etwas davon in das Blut über, und ganz ist die Freude daran noch heute nicht aus dem preußischen Heer geschwunden. Sie überkam auch andere Fürsten. Zunächst solche, welche zu den Hohenzollern hielten, die Dessauer, die Braunschweiger. Noch 1806 trieb der Herzog Ferdinand von Braunschweig, welcher bei Auerstädt tödlich verwundet wurde, bei seinem Regiment zu Halberstadt einen systematischen Menschenhandel; in seiner Leibkompanie ging das erste Glied mit sechs Fuß aus, der kleinste Mann hatte fünf Fuß neun Zoll, alle Kompanien waren größer als jetzt das erste Garderegiment. Aber auch an andere Armeen hing sich etwas von dieser Vorliebe. Am Ende des 18. Jahrhunderts bedauert ein tüchtiger sächsischer Offizier, daß die schönsten und größten Regimenter der sächsischen Armee sich nicht mit den kleinsten der Preußen messen konnten. Nicht weniger merkwürdig war das Verhältnis, in welchem König Friedrich Wilhelm I. zu seinen Offizieren stand. Er haßte und fürchtete von Herzen die schlaue Klugheit der Diplomaten und der höheren Beamten: dem einfachen, derben, geraden Wesen seiner Offiziere – das zuweilen eine Maske war – vertraute er leicht seine geheimsten Gedanken. Es war seine Lieblingsstimmung sich als ihren Kameraden zu betrachten. Wer die Schärpe trug, den hielt er in vielen Stunden für seinesgleichen. Alle Oberoffiziere bis zum Major herab, die er längere Zeit nicht gesehen hatte, pflegte er bei der Begrüßung zu küssen. Einst schimpfte er den Major von Jürgaß mit dem Schmähwort, womit der Offizier damals einen studierten Mann bezeichnete; der trunkene Major erwiderte: »Das sagt ein Hundsfott«, stand auf und verließ die Gesellschaft. Da erklärte der König, er könne das nicht auf sich sitzen lassen und sei bereit, für die Beleidigung mit Schwert oder Pistolen Revanche zu nehmen. Als die Anwesenden protestierten, fragte der König zornig, wie er denn sonst Genugtuung für seine beleidigte Ehre erhalten könne. Man fand das Auskunftsmittel, daß sich Oberstleutnant von Einsiedel, der des Königs Stelle beim Bataillon zu vertreten hatte, statt seiner duellieren müsse. Das Duell ging vor sich, Einsiedel wurde am Arm verwundet, der König füllte ihm dafür einen Tornister mit Talern und befahl ihm, die Last nach Hause zu tragen. – Und der König vergaß sein Leben nicht, daß er als Kronprinz im Dienst nur bis zum Obersten avanciert worden, und daß ein Feldmarschall eigentlich mehr war als er selbst. Deshalb bedauerte er in dem Tabakskollegium, daß er nicht bei König Wilhelm von England hatte bleiben können: »er hätte gewiß einen großen Mann aus mir gemacht; selbst zum Statthalter von Holland hätte er mich machen können.« Und als ihm entgegengehalten wurde, daß er ja selbst ein großer König sei, erwiderte er: »Ihr redet, wie ihr es versteht; er hätte mich das Handwerk gelehrt, die Armeen von ganz Europa zu kommandieren. Wißt ihr etwas Größeres?« So sehr fühlte der wunderliche Herr, daß er kein Feldherr geworden war. Und als er sterbend in seinem Holzstuhl saß, alle Erdensorgen hinter sich geworfen hatte und neugierig an sich selbst den Prozeß des Sterbens beobachtete, da ließ er noch das Totenpferd aus dem Stall holen, wie es nach altem Brauch von der Hinterlassenschaft eines Obersten dem kommandierenden General übersandt wurde; er befahl, das Roß von seinetwegen zu Leopold von Dessau zu führen und die Stallknechte zu prügeln, weil sie nicht die rechte Schabracke darauf gelegt hatten Nicht die schlechte Zusammenstellung der Farben: blauer Samtsattel und gelbe Schabracke, ärgerte den sterbenden König, das waren die Farben seines Leibregiments, er wollte wahrscheinlich die Regimentsfarben des Dessauers darauf sehen: blau, rot und weiß. . Ein solcher Fürst zog fast den gesamten Adel seines Landes nach seinem Bild und in sein Heer. Roh und unwissend wie er selbst war der größte Teil seiner Offiziere. Schon unter dem Großen Kurfürsten war in dem Heer eine souveräne Verachtung gegen alle Bildung nur zu häufig gewesen, schon damals war bei dem früh verstorbenen Kurprinzen Karl Emil, dem ältern Bruder des ersten Königs von Preußen, durch die Offiziere seiner Umgebung ein solcher Widerwille gegen alles Lernen großgezogen worden, daß der Prinz behauptete: wer studiere und Lateinisch lerne, sei ein Bärenhäuter. Im Tabakskollegium des Königs Friedrich Wilhelm waren im Anfang noch ärgere Bezeichnungen dieser Menschenklasse gewöhnlich; beim König selbst wurde das allerdings in den letzten Jahren seines Lebens anders, aber der Mehrzahl der preußischen Offiziere blieb der rauhe Ton, die Gleichgültigkeit gegen alles Wissen, das nicht zum Handwerk gehörte, trotz der Bemühungen Friedrichs des Großen, bis in das 19. Jahrhundert. Noch um 1790 bezeichnete das Volk durch das Wort: Friedrich-Wilhelm-Offizier einen großen hageren Mann in kurzem blauen Rock mit langem Degen und zugeschnürtem Hals, der all seine Handlungen steif und ernst wie im Dienst verrichtete und wenig gelernt hatte. Und aus derselben Zeit klagt Lafontaine, Feldprediger im Regiment von Thadden zu Halle, wie gering die Bildung der Offiziere sei. Nach einer geschichtlichen Vorlesung, die er ihnen gehalten, nahm ihn ein wackerer Kapitän beiseite: »Sie erzählen Dinge, die vor vielen tausend Jahren geschehen sind, Gott weiß wo. Machen Sie uns auch nicht etwas weis? Woher wissen Sie das?« Und als der Feldprediger ihm eine Erklärung gab, versetzte der Offizier: »Kurios, ich habe gedacht, es sei immer so gewesen wie im Preußischen.« Derselbe Kapitän konnte nichts Geschriebenes lesen, aber war sonst ein braver zuverlässiger Mann. Aber König Friedrich Wilhelm I. wollte doch nicht, daß seine Offiziere ganz unbehilflich bleiben sollten. Er ließ die Söhne armer Edelleute auf seine Kosten in der großen Kadettenanstalt zu Berlin unterrichten und unter Aufsicht tüchtiger Offiziere an den Dienst gewöhnen; die gewandteren brauchte er als Pagen zu kleinen Dienstleistungen, zu Wachen im Schloß. Es fiel auf, daß in Preußen kein armer Edelmann um das Fortkommen seiner Söhne sorgen durfte, der König tat es für ihn; der Adel Preußens, sagte man, sei die Pflanzschule für den Sponton. Schon der Knabe von vierzehn Jahren trug ganz denselben Rock von blauem Tuch wie der König und seine Prinzen. Denn Epauletten und Unterschiede in der Stickerei gab es damals noch nicht, nur die Regimenter wurden durch Abzeichen unterschieden. Jeder Prinz des preußischen Hauses mußte dienen und Offizier werden wie der Sohn des armen Edelmannes. Daß in der Schlacht bei Mollwitz zehn Prinzen des preußischen Königshauses beim Heer gewesen waren, wurde von den Zeitgenossen wohl bemerkt. Das war noch nirgend und zu keiner Zeit dagewesen, daß die Könige sich als Offiziere und den Offizier als einen Fürsten und als ihresgleichen betrachteten. Durch diese kameradschaftliche Zucht wurde ein Offizierstand geschaffen, wie ihn bis dahin kein Volk gehabt hatte. Es ist wahr, alle Fehler eines bevorzugten Standes wurden sehr auffallend an ihm sichtbar. Außer seiner Roheit, Trunkliebe und Völlerei war auch die Duellwut, das alte Leiden deutscher Heere, nicht auszurotten, obwohl derselbe Hohenzoller, der sich selbst mit seinem Major schlagen wollte, unerbittlich jeden Offizier mit dem Tode strafte, der im Duell einen andern getötet hatte. Rettete sich aber ein solcher »braver Kerl« durch die Flucht, dann freute sich wohl der König, wenn ihn andere Regenten beförderten. – Das Duell der Preußen hatte damals noch fast ganz die Gebräuche des Dreißigjährigen Krieges: mehrere Sekundanten, die Zahl der Gänge bestimmt, man kämpfte zu Pferd auf ein Paar Pistolen, zu Fuß mit dem Degen; vor dem Gefecht gaben die Gegner einander die Hand, ja sie umarmten sich und verziehen im voraus ihren Tod; wer fromm war, ging vorher zu Beichte und Abendmahl; kein Stoß durfte geschehen, bevor der Gegner imstande war, den Degen zu gebrauchen, wenn der Gegner zu Boden stürzte oder entwaffnet wurde, war Großmut Pflicht; noch kam vor, daß, wer tödlichen Ausgang wollte, seinen Mantel ausbreitete, oder wenn er – wie die Offiziere seit 1701 – keinen Mantel trug, vielleicht mit dem Degen ein viereckiges Grab auf den Boden zeichnete. Der Versöhnung folgte sicher ein Gelage. Häufig und unbestraft war dem Offizier Anmaßung gegen Beamte von Zivil, brutale Gewalttat gegen Schwächere. Auch die lebhafte Empfindung für Offiziersehre, welche sich damals beim preußischen Heer ausbildete, hatte nicht gerade hohe sittliche Berechtigung; sie war ein sehr unvollkommenes Surrogat für männliche Tugend, denn sie verzieh große Laster, sie privilegierte auch Gemeinheiten. Aber sie war doch für tausend verwilderte und zuchtlose Männer ein wichtiger Fortschritt. Denn durch sie wurde zuerst in dem preußischen Heer eine wenn auch einseitige Hingebung des Adels an die Idee des Staates hervorgebracht. Zuerst in der Armee der Hohenzollern wurde der Gedanke, daß der Mann sein Leben dem Vaterland schuldig sei, in die harten Seelen der Offiziere und der Gemeinen hineingeschlagen. Keinem Teil von Deutschland haben brave Soldaten gefehlt, welche für die Fahne zu sterben wußten, welcher sie dienten. Aber das Verdienst der Hohenzollern, der rauhen rücksichtslosen Führer eines wilden Heeres, war, daß, weil sie selbst mit einer unbegrenzten Hingebung für ihren Staat lebten, arbeiteten, Gutes und Böses taten, sie auch ihrem Heer zu der Fahnenehre ein patriotisches Pflichtgefühl zu geben wußten. Aus der Schule Friedrich Wilhelms I. wuchs die Armee, mit welcher Friedrich II. seine Schlachten gewann, die den Preußischen Staat des 18. Jahrhunderts zu der gefürchtetsten Macht Europas machte, die durch ihr Blut und ihre Siege der ganzen Nation das begeisternde Gefühl verschaffte, daß auch in den deutschen Grenzen ein Vaterland sei, auf das der einzelne stolz sein dürfe, für dessen Vorteil zu kämpfen und zu sterben jedem braven Landeskind die höchste Ehre und den höchsten Ruhm bereite. Und zu diesem Fortschritt deutscher Bildung halfen nicht nur die Begünstigten, welche mit Ringkragen und Schärpe als Kameraden des Obersten Friedrich Wilhelm auf den Schemeln seines Kollegiums saßen, auch die vielgeplagten Soldaten, die durch Zwang und Schläge genötigt wurden, für denselben Staat ihres Königs die Muskete abzufeuern. Zunächst aber, bevor von dem Segen der Regierung eines großen Königs die Rede ist, soll hier [...] ein preußischer Rekrut und Deserteur von den Leiden des alten Heerwesens erzählen. Der Erzählende ist der Schweizer Ulrich Bräker, der Mann von Toggenburg, dessen Selbstbiographie öfter gedruckt und einer der lehrreichsten Berichte aus dem Leben des Volkes ist, welche wir besitzen. Die Lebensbeschreibung enthält in ihrem ersten Teil eine Fülle von charakteristischen und liebenswürdigen Zügen: die Schilderung einer armen Familie im entlegenen Tal, den bittern Kampf mit der Not des Lebens, das Treiben der Hirten, die erste Liebe des jungen Mannes, seine hinterlistige Entführung durch preußische Werber, den gezwungenen Kriegsdienst bis zur Schlacht bei Lowositz, die Flucht nach der Heimat und seit der Zeit einen mühsamen Kampf um die Existenz, die Beschreibung seines Haushaltes, zuletzt die Resignation einer weichen, enthusiastischen Natur, welche nicht ohne eigene Schuld durch Neigung zur Träumerei und durch leidenschaftliche Wallungen in der soliden Einrichtung des eigenen Lebens gestört wurde. Überall verrät der arme Mann von Toggenburg in seiner ausführlichen Darstellung ein poetisches Gemüt von oft rührender Kindlichkeit, einen leidenschaftlichen Trieb zu lesen, nachzudenken und sich zu bilden, eine reizbare Organisation, welche durch Phantasien und Stimmungen beherrscht wird. Ulrich Bräker war in Toggenburg, seiner Heimat, mit dem Vater beim Holzfällen beschäftigt, als ein Bekannter der Familie, ein umherziehender Müller, zu den Arbeitenden trat und der ehrlichen Einfalt Bräkers den Rat gab, aus dem Tal in die Städte zu ziehen, um dort sein Glück zu machen. Unter den Segenswünschen der Eltern und Geschwister wandert der ehrliche Junge mit dem Hausfreund nach Schaffhausen; dort wird er in ein Wirtshaus gebracht, wo er einen fremden Offizier kennenlernt. Als sein Begleiter sich zufällig auf kurze Zeit entfernt, wird er mit dem Offizier handelseinig, als Bedienter bei ihm zu bleiben. Der Hausfreund kommt in das Zimmer zurück und ist aufs höchste entrüstet, nicht darüber, daß Ulrich in den Dienst getreten ist, sondern daß er dies ohne seine Vermittlung getan hat, und daß ihm das Mäklergeld dadurch verkürzt wird. Es ergab sich später, daß er selbst den Sohn seines Landsmannes fortgeführt hatte, um ihn zu verkaufen, und daß er zwanzig Friedrichsdor für ihn hatte fordern wollen. Ulrich lebte eine Zeitlang lustig als Bedienter bei seinem lockern Herrn, dem Italiener Marconi, in neuer Livree, ohne sich sonderlich um die geheime Diensttätigkeit desselben zu kümmern. Er fühlt sich in seinen neuen Verhältnissen sehr wohl und schreibt einen freudigen Brief nach dem andern an seine Eltern und seine Geliebte. Endlich wird er mit einer Lüge von seinem Herrn tiefer in das Reich und zuletzt bis Berlin geschickt, und erst dort erkennt er mit Schrecken, daß seine schöne Livree und sein ganzes lustiges Leben nichts als ein Betrug war, der mit ihm gespielt worden ist. Sein Herr ist ein Werbeoffizier, er selbst ein preußischer Rekrut. Von hier an soll er selbst seine Schicksale erzählen: Es war den 8. April, da wir zu Berlin einmarschierten und ich vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwärts erfuhr, schon acht Tage vor uns dort angelangt war – als Labrot mich in die Krausenstraße in Friedrichstadt transportierte, mir ein Quartier anwies und mich dann kurz mit den Worten verließ: »Da Mußier, bleib' er, bis auf fernere Order!« Der Henker! dachte ich, was soll das? Ist ja nicht einmal ein Wirtshaus. Wie ich so staunte, kam ein Soldat, Christian Zittemann, und nahm mich mit sich auf seine Stube, wo sich schon zwei andere Martissöhne befanden. Nun ging's an ein Wundern und Ausfragen: wer ich sei, woher ich komme und dergleichen. Noch konnt' ich ihre Sprache nit recht verstehen. Ich antwortete kurz: Ich komme aus der Schweiz und sei Sr. Exzellenz, des Herrn Leutnant Marconi, Lakai; die Sergeanten hätten mich hierher gewiesen, ich möchte aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sei und wo er wohne. Hier fingen die Kerls ein Gelächter an, dazu hätte ich weinen mögen, und keiner wollte das geringste von einer solchen Exzellenz wissen. Mittlerweile trug man eine stockdicke Erbsenkost auf. Ich aß mit wenigem Appetit davon. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemeiner sein müsse. Es war ein Feldwebel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, die er über den Tisch ausbreitete, ein Sechsgroschenstück dazu legte und sagte: »Das ist vor dich, mein Sohn! Gleich werd' ich dir noch ein Kommißbrot bringen.« – »Was? vor mich?« versetzte ich, »von wem? wozu?« – »Ei! deine Montierung und Traktament, Bursche! Was gilt's da Fragens? bist ja ein Rekrute.« – »Wie, was? Rekrute?« erwiderte ich. »Behüte Gott, da ist mir nie kein Sinn daran kommen. Nein! in meinem Leben nicht. Marconis Bedienter bin ich. So hab' ich gedungen und anders nicht. Da wird mir kein Mensch anders sagen können!« – »Und ich sag dir, du bist Soldat, Kerl! Ich steh' dir dafür. Da hilft itzt alles nicht.« Ich: »Ach, wenn nur mein Herr Marconi da wäre.« Er: »Den wirst du sobald nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Königs Diener sein als seines Leuntnants?« – Damit ging er weg. »Um Gottes willen, Herr Zittemann«, fuhr ich fort, »was soll das werden?« – »Nichts, Herr!« antwortete dieser, »als daß Er, wie ich und die andern Herren da, Soldat, und wir folglich alle Brüder sind; und daß Ihm alles Widersetzen nichts hilft, als daß man Ihn auf Wasser und Brot nach der Hauptwache führt, kreuzweis schließt und ihn fuchtelt, daß Ihm die Rippen krachen, bis Er kontent ist!« Ich: »Das wär' beim Sacker unverschämt, gottlos!« Er: »Glaub' Er mir's auf mein Wort, anderst ist's nicht und geht's nicht.« Ich: »So will ich's dem Herrn König klagen.« – Hier lachten alle hoch auf. – Er: »Da kömmt Er sein Tag nicht hin.« Ich: »Oder wo muß ich mich sonst denn melden?« Er: »Bei unserm Major, wenn Er will. Aber das ist alles umsonst.« Ich: »Nun, so will ich's doch probieren, ob's so gelte!« – Die Burschen lachten wieder – (Der Major prügelt ihn zur Tür hinaus.) – Des Nachmittags brachte mir der Feldwebel mein Kommißbrot nebst Unter- und Übergewehr und so fort und fragte: ob ich mich nun eines Bessern bedacht? »Warum nicht?« antwortete Zittemann für mich, »er ist der beste Bursch von der Welt.« Itzt führte man mich in die Montierungskammer und paßte mir Hosen, Schuhe und Stiefeletten an, gab mir einen Hut, Halsbinde, Strümpfe und so fort. Dann mußte ich mit noch etwa zwanzig anderen Rekruten zum Herrn Oberst Latorf. Man führte uns in ein Gemach, so groß wie eine Kirche, brachte etliche zerlöcherte Fahnen herbei und befahl jedem, einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las uns einen ganzen Sack voll Kriegsartikel her und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrsten nachmurmelten; ich regte mein Maul nicht – dachte dafür, was ich gern wollte – ich glaube, an Ännchen; er schwang dann die Fahne über unsre Köpfe und entließ uns. Hierauf ging ich in eine Garküche und ließ mir ein Mittagessen nebst einem Krug Bier geben. Dafür mußt' ich zwei Groschen zahlen. Nun bleiben mir von jenen sechsen noch viere übrig; mit diesen sollt' ich auf vier Tage wirtschaften, und sie reichten doch bloß für zweene hin. Bei dieser Überraschung fing ich gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentieren an. Allein Cran, einer derselben, sagte mir mit Lachen: »Es wird dich schon lehren. Itzt tut es nichts; hast ja noch allerlei zu verkaufen! per Exempel deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar itzt doppelt armiert; das läßt sich alles versilbern. Und dann der Menage wegen, nur fein aufmerksam zugesehen, wie's die andern machen. Da heben's drei, vier bis fünf miteinander an, kaufen Dinkel, Erbsen, Erdbirn und dergleichen und kochen selbst. Des Morgens um en Dreier Fusel und en Stück Kommißbrot; Mittags holen sie in der Garküche um en andern Dreier Suppe und nehmen wieder en Stück Kommiß; des Abends um zwei Pfennig Kovent oder Dünnbier und abermals Kommiß.« – »Aber das ist beim Strehl ein verdammtes Leben«, versetzt' ich; und er: Ja! So kommt man aus, und anderst nicht. Ein Soldat muß das lernen; denn er braucht noch viel andre War: Kreide, Puder, Schuhwar, Öl, Schmirgel, Seife und was der hundert Siebensachen mehr sind.« – Ich: »Und das muß einer alles aus den sechs Groschen bezahlen?« Er: Ja, und wohl noch viel mehr; wie z. B. den Lohn für die Wäsche, für das Gewehrputzen und so fort, wenn er solche Dinge nicht selber kann.« – Damit gingen wir in unser Quartier, und ich machte alles so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche indessen hatt' ich noch Vakanz, ging in der Stadt herum auf alle Exerzierplätze, sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und prügelten, daß mir schon zum voraus der Angstschweiß von der Stirn troff. Ich bat daher Zittemann, mir bei Haus die Handgriffe zu zeigen. »Die wirst du wohl lernen!« sagte er, »aber auf die Geschwindigkeit kömmt's an. Da geht's dir wie en Blitz!« Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu weisen, wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf Soldatenmanier frisieren sollte und so fort. Nach Crans Rat verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafür ein hölzernes Kästchen für meine Wäsche. Im Quartier übte ich mich stets im Exerzieren, las im Hallischen Gesangbuch oder betete. Dann spaziert' ich etwa an die Spree und sah da hundert Soldatenhände sich mit Aus- und Einladen der Kaufmannswaren beschäftigen; oder auf die Zimmerplätze; da steckte wieder alles voll arbeitender Kriegsmänner; ein andermal in die Kasernen und so fort. Da fand ich überall auch dergleichen, die hunderterlei Hantierungen trieben, von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Hauptwache, so gab's da deren, die spielten, soffen und haselierten, andre, welche ruhig ihr Pfeifchen schmauchten und diskurierten, etwa auch einen, der in einem erbaulichen Buch las und's den andern erklärte. In den Garküchen und Bierbrauereien ging's ebenso her. Kurz, in Berlin hat's unter dem Militär – wie, denk' ich freilich, in großen Staaten überall – Leute aus allen vier Weltteilen, von allen Nationen und Religionen, von allen Charakteren und von jedem Beruf, womit einer noch nebenzu sein Stücklein Brot gewinnen kann. Die zweite Woche mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann und Gästli, fand, die sich zumal alle mit mir unter gleichem Regiment (Itzenplitz), die beiden ersten vollends unter der nämlichen Kampanie (Lüderitz) befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase (Mengke mit Namen) marschieren lernen. Den Kerl nun mocht' ich vor den Tod nicht vertragen; wenn er mich gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt' ich mein' Tage nichts begreifen können. Dies bemerkte einst Hevel, der mit seinen Leuten auf dem gleichen Platz manöverierte, tauschte mich gegen einen andern aus und nahm mich unter sein Plouton. Das war mir eine Herzensfreude. Itzt kapiert' ich in einer Stunde mehr als in zehn Tagen. Schärer war ebenso arm als ich; allein er bekam ein paar Groschen Zulage und doppelte Portion Brot, der Major hielt ein gut Stück mehr auf ihn als auf mir. Indessen waren wir Herzensbrüder; solange einer etwas zu brechen hatte, konnte der andere mitbeißen. Bachmann hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl und harmonierte nie recht mit uns; und doch schien immer die Stunde ein Tag lang, wo wir nicht beisammen sein konnten. G. mußten wir in liederlichen Häusern suchen, wenn wir ihn haben wollten; er kam bald hiernach ins Lazarett. Ich und Schärer waren auch darin völlig gleichgesinnt, daß uns das Berliner Weibsvolk ekelhaft und abscheulich vorkam, und wollt' ich für ihn so gut wie für mich einen Eid schwören, daß wir keine mit einem Finger berührt. Sondern sobald das Exerzieren vorbei war, flogen wir miteinander in Schottmanns Keller, tranken unsern Krug Ruppiner- oder Kottbusser Bier, schmauchten ein Pfeifchen und trillerten ein Schweizerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine Garküche rufen, ihnen den Kuhreihen zu singen. Meist bestand der Spielerlohn bloß in einer schmutzigen Suppe; aber in einer solchen Lage nimmt man mit noch weniger vorlieb. Oft erzählen wir einander unsere Lebensart bei Hause, wie wohl's uns war, wie frei wir gewesen, was es hingegen hier vor ein verwünschtes Leben sei u. dergl. Dann machten wir Pläne zu unserer Erledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns heute oder morgens einer derselben gelingen möchte; bald hingegen sahen wir vor jedem einen unübersteiglichen Berg, und noch am meisten schreckte uns die Vorstellung der Folgen eines allenfalls fehlschlagenden Versuches. Bald alle Wochen hörten wir nämlich neue ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs, die, wenn sie noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andere Handwerksleute oder gar in Weibskleider verkleidet, in Tonnen und Fässern versteckt u. dergl., dennoch ertappt wurden. Da mußten wir zusehen, wie man sie durch zweihundert Mann achtmal die lange Gasse auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinsanken – und des folgenden Tages aufs neue dran mußten, die Kleider ihnen vom zerhackten Rücken heruntergerissen und wieder frisch drauflos gehauen wurde, bis Fetzen geronnenen Blutes ihnen über ihre Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich einander zittern und todblaß an und flüsterten einander in die Ohren: »Die verdammten Barbaren!« Was hiernächst auch auf dem Exerzierplatz vorging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von prügelsichtigen Jünkerlins und hinwieder des Lamentierens der Geprügelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und tummelten uns wacker. Aber es tat uns nicht minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und uns selber so jahrein, jahraus kujoniert zu sehen, oft ganzer fünf Stunden lang in unsrer Montur eingeschnürt wie geschraubt stehen, in die Kreuz und Quere pfahlgerad marschieren und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu müssen; und alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit einem furiosen Gesicht und aufgehobenem Stock vor uns stund und alle Augenblicke wie unter Kohlköpfe drein zu hauen drohte. Bei einem solchen Traktament mußte auch der starknervigste Kerl halb lahm, und der geduldigste rasend werden. Und kamen wir dann todmüde ins Quartier, so ging's schon wieder über Hals und Kopf unsre Wäsche zurechtzumachen und jedes Fleckchen auszumustern; denn bis auf den blauen Rock war unsere ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt sein. Zeigte sich an einem dieser Stücke die geringste Untat oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn er auf den Platz kam, die erste Begrüßung eine derbe Tracht Prügel. – Wahr ist's, unsere Offiziere erhielten damals die gemessenste Order, uns über Kopf und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker davon und dachten halt, das sei sonst so Kriegsmanier. Endlich kam der Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld! Itzt wurde Marsch geschlagen; Tränen von Bürgern, Soldatenweibern und dergleichen flossen zu Haufen. Auch die Kriegsleute selber, die Landeskinder nämlich, welche Weiber und Kinder zurückließen, waren ganz niedergeschlagen, voll Wehmut und Kummers; die Fremden hingegen jauchzten heimlich vor Freuden und riefen: Endlich Gottlob ist unsere Erlösung da! Jeder war bebündelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt umschnallt; dann die Patronentasche über die Schulter, mit einem fünf Zoll langen Riemen; über die andre Achsel den Tornister mit Wäsche usf. gepackt; item, der Habersack mit Brot und anderer Fourage gestopft. Hiernächst mußte jeder noch ein Stück Feldgerät tragen: Flasche, Kessel, Hacke oder so was, alles an Riemen; dann erst noch eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fünfmal übereinander kreuzweis über die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte, unter solcher Last ersticken zu müssen. Dazu kam die enge gepreßte Montur und eine solche Hundstagshitze, daß mir's manchmal deuchte, ich geh' auf glühenden Kohlen, und wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, ein Dampf herauskam wie von einem siedenden Kessel. Oft hatt' ich keinen trockenen Faden mehr am Leib und verschmachtete bald vor Durst. So marschierten wir den ersten Tag (22. August) zum Köpenicker Tor aus und machten noch vier Stunden bis zum Städtchen Köpenick, wo wir zu dreißig bis fünfzig zu Bürgern einquartiert waren, die uns vor einen Groschen traktieren mußten. Potz Plunder, wie ging's da her! Ha! da wurde gegessen. Aber denk' man sich nur so viele große hungrige Kerls! Immer hieß es da: Schaff her, Canaille, was d' im hintersten Winkel hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefüllt; da lagen wir alle in Reihen, den Wänden nach. Wahrlich eine kuriose Wirtschaft! In jedem Haus befand sich ein Offizier, welcher auf gute Manneszucht halten sollte; sie waren aber oft die Fäulsten . – – Bis hierher hat der Herr geholfen! Diese Worte waren der erste Text unsers Feldpredigers bei Pirna. O ja! dacht' ich, das hat er und wird ferner helfen – und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland – denn was gehen mich eure Kriege an? Mittlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Order erhalten scharf zu laden; dieses veranlaßte unter den ältern Soldaten immer ein Gerede: »Heute gibt's was! Heute setzt's gewiß was ab!« Dann schwitzten wir jungen freilich an allen Fingern, wenn wir irgend bei einem Gebüsch oder Gehölz vorbeimarschierten und uns verfaßt halten mußten. Da spitzte jeder stillschweigend die Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod und sah, sobald man wieder ins Freie kam, sich rechts und links um, wie er am schicklichsten entwischen konnte; denn wir hatten immer feindliche Kürassiers, Dragoner und Soldaten zu beiden Seiten. – Endlich den 22. September war Alarm geschlagen, und erhielten wir Order aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung, in etlichen Minuten ein stundenweites Lager – wie die allergrößte Stadt – zerstört, aufgepackt, und Allons, Marsch! Itzt zogen wir ins Tal hinab, schlugen bei Pirna eine Schiffbrücke und formierten oberhalb dem Städtchen, dem sächsischen Lager in Front, eine Gasse wie zum Spießrutenlaufen, deren eines End' bis zum Pirnaer Tor ging, und durch welche nun die ganze sächsische Armee zu vieren hoch spazieren, vorher aber das Gewehr ablegen, und – man kann sich's einbilden – die ganze lange Straße durch Schimpf- und Stichelreden genug anhören mußte. Einige gingen traurig mit gesenktem Gesicht daher, andere trotzig und wild, und noch andere mit einem Lächeln, das den preußischen Spottvögeln gern nichts schuldig bleiben wollte. Weiter wußten ich und so viele tausend andere nichts von den Umständen der eigentlichen Übergabe dieses großen Heeres. An dem nämlichen Tage marschierten wir noch ein Stück Wegs fort und schlugen jetzt unser Lager bei Lilienstein auf. Bei diesen Anlässen wurden wir oft von den kaiserlichen Panduren attackiert, oder es kam sonst aus einem Gebüsch ein Karabinerhagel auf uns los, so daß mancher tot auf der Stelle blieb und noch mehrere blessiert wurden. Wenn denn aber unsere Artilleristen nur etliche Kanonen gegen das Gebüsch richteten, so flog der Feind über Hals und Kopf davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt; ich wäre sein bald gewohnt worden, und dacht' ich oft: Pah! wenn's nur den Weg hergeht, ist's so übel nicht. Frühmorgens am 1. Oktober mußten wir uns rangieren und durch ein enges Tälchen gegen dem großen Tal hinuntermarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plaine hinunterkamen und zur großen Armee stießen, rückten wir in drei Treffen weiter vor und erblickten von fern durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem böhmischen Städtchen Lowositz. Es war kaiserliche Kavallerie; denn die Infanterie bekamen wir nie zu Gesicht, da sich dieselbe bei gedachtem Städtchen verschanzt hatte. Um sechs Uhr ging schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm Vordertreffen als aus den kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß die Kanonenkugeln bis zu unserm Regiment (das im mittlern Treffen stund) durchschnurrten. Bisher hatt' ich immer noch Hoffnung vor einer Bataille zu entwischen; jetzt sah ich keine Ausflucht mehr, weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir rückten inzwischen immer vorwärts. Da fiel mir vollends aller Mut in die Hosen, in den Bauch der Erde hält' ich mich verkriechen mögen, und eine ähnliche Angst, ja Todesblässe las man bald auf allen Gesichtern, selbst deren, die sonst noch soviel Herzhaftigkeit gleißneten. Die geleerten Branzfläschchen (wie jeder Soldat eines hat) flogen unter den Kugeln durch die Lüfte; die meisten soffen ihren kleinen Vorrat bis auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage und morgen vielleicht keinen Fusel mehr! Itzt avancierten wir bis unter die Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwechseln mußten. Potz Himmel! wie sausten da die Eisenbrocken ob unsern Köpfen hinweg – fuhren bald vor, bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft sprang – bald mitten ein und spickten uns die Leute aus den Gliedern weg, als wenn's Strohhalme wären. Dicht vor uns sahen wir nichts als feindliche Kavallerie, die allerhand Bewegungen machte, sich bald in die Länge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drei- und Viereck sich wieder zusammenzog. Nun rückte auch unsere Kavallerie an; wir machten Lücke und ließen sie vor auf die feindliche losgaloppieren. Das war ein Gehagel, das knarrte und bunkerte, als sie nun einhieben. Allein kaum währte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reiterei, von der österreichischen geschlagen und bis nahe unter unsere Kanonen verfolgt, zurück. Da hätte man das Spektakeln sehen sollen, Pferde, die ihren Mann im Stegreif hängend, andere, die ihr Gedärm an der Erde nachschleppten. Inzwischen stunden wir noch immer im feindlichen Kanonenfeuer bis gegen elf Uhr, ohne daß unser linker Flügel mit dem kleinen Gewehr zusammentraf, obschon es auf dem rechten sehr hitzig zuging. Viele meinten, wir müßten noch auf die kaiserlichen Schanzen Sturm laufen. Mir war's schon nicht mehr so bange wie anfangs, obgleich die Feldschlangen Mannschaft zu beiden Seiten neben mir wegrafften, und der Walplatz bereits mit Toten und Verwundeten übersäet war – als miteins ungefähr um zwölf Uhr die Order kam, unser Regiment nebst zwei andern (ich glaube Bevern und Kalkstein) müßten zurückmarschieren. Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu und alle Gefahr sei vorbei. Wir eilten darum mit muntern Schritten die jähen Weinberge hinauf, brachen unsere Hüte voll schöne rote Trauben, aßen vor uns her nach Herzenslust; und mir und denen, welche neben mir stunden, kam nichts Arges in den Sinn, obgleich wir von der Höhe herunter unsere Brüder noch in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fürchterlich donnerndes Gelärm hörten und nicht entscheiden konnten, auf welcher Seite der Sieg war. Mittlerweile trieben unsere Anführer uns immer höher den Berg hinan, auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durchging, der auf der andern Seite wieder hinunterführte. Sobald nun unsere Avantgarde den erwähnten Gipfel erreicht hatte, ging ein entsetzlicher Musketenhagel an, und nun merkten wir erst, wo der Hase im Stroh lag. Etliche tausend kaiserliche Panduren waren nämlich auf der andern Seite den Berg hinauf beordert, um unserer Armee in den Rücken zu fallen; dies muß unseren Anführern verraten worden sein, und wir mußten ihnen darum zuvorkommen. Nur etliche Minuten später, so hatten sie uns die Höhe abgewonnen und wir wahrscheinlich den kürzeren gezogen. Nun setzte es ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Panduren aus jenem Gehölz vertreiben konnte. Unsere Vordertruppen litten stark, allein die hinteren drangen ebenfalls über Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Höhe gewonnen hatten. Da mußten wir über Hügel von Toten und Verwundeten hinstolpern. Alsdann ging's hudri, hudri! mit den Panduren die Weinberge hinunter, sprungweise über eine Mauer nach der andern herab in die Ebene. Unsere geborenen Preußen und Brandenburger packten die Panduren wie Furien. Ich selber war in Jast und Hitze wie vertaumelt, und mir weder Furcht noch Schreckens bewußt, schoß ich eines Schießens fast alle meine sechzig Patronen los, bis meine Flinte halb glühend war und ich sie am Riemen nachschleppen mußte; indessen glaub' ich nicht, daß ich eine lebendige Seele traf, sondern alles ging in die freie Luft. Auf der Ebene am Wasser vor dem Städtchen Lowositz postierten sich die Panduren wieder und pulverten tapfer in die Weinberge hinauf, daß noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preußen und Panduren lagen überall durcheinander; und wo sich einer von diesen letztern noch regte, wurde er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestoßen. Und nun ging in der Ebene das Gefecht von neuem an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von Lowositz ausging; wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde hätten zergehen wollen; wo das unaufhörliche Rumpeln vieler hundert Trommeln, das herzzerschneidende und herzerhebende Ertönen aller Art Feldmusik, das Rufen so vieler Kommandeurs und das Brüllen ihrer Adjutanten, das Zeter- und Mordiogeheul so vieler tausend elenden, zerquetschten, halbtoten Opfer dieses Tages alle Sinne betäubte! Um diese Zeit – es mochte etwa drei Uhr sein – da Lowositz schon im Feuer stand, viele hundert Panduren, auf welche unsere Vordertruppen wieder wie wilde Löwen einbrachen, ins Wasser sprangen, wo es dann auf das Städtchen selber losging – um diese Zeit war ich freilich nicht der vorderste, sondern unter dem Nachtrab noch etwas im Weinberg droben, von denen indessen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer über die andere hinuntersprang, um seinen Brüdern zu Hilf' zu eilen. Da ich also noch ein wenig erhöht stand und auf die Ebene wie in ein finsteres Donner- und Hagelwetter hineinsah – in diesem Augenblick deucht' es mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutzengel, mich mit der Flucht zu retten. Ich sah mich deswegen nach allen Seiten um. Vor mir war alles Feuer, Rauch und Dampf, hinter mir noch viele nachkommende auf die Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwei Hauptarmeen in voller Schlachtordnung. Zur Linken endlich sah ich Weinberge, Büsche, Wäldchen, nur hier und da einzelne Menschen, Preußen, Panduren, Husaren, und von diesen mehr Tote und Verwundete als Lebende. Da; da, auf dieser Seite, dacht' ich; sonst ist's pur lautere Unmöglichkeit! Ich schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf diese linke Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preußen bei mir vorbei. »Komm, komm, Bruder!« sagten sie, »Viktoria!« Ich rispostierte kein Wort, tat nur ein wenig blessiert und ging immer noch allgemach fort, freilich mit Furcht und Zittern. Sobald ich mich indessen so weit entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte, verdrei-, vier-, fünf-, sechsfachte ich meine Schritte, blickte rechts und links wie ein Jäger, sah noch von weitem – zum letzten Male in meinem Leben – Morden und Totschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehölz vorbei, das voll toter Husaren, Panduren und Pferde lag; rannte eines Rennens gerade dem Flusse nach herunter und stand jetzt an einem Tobel. Jenseits desselben kamen soeben auch etliche kaiserliche Soldaten angestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weggestohlen hatten, und schlugen, als sie mich so daherlaufen sahen, zum drittenmal auf mich an, ungeachtet ich immer das Gewehr streckte und ihnen mit dem Hut den gewohnten Wink gab. Doch brannten sie niemals los. Ich faßte also den Entschluß, gerad' auf sie zuzulaufen. Hätt' ich einen andern Weg genommen, würden sie, wie ich nachwärts erfuhr, unfehlbar auf mich gefeuert haben. Ihr H . . .! dacht' ich, hättet ihr eure Courage bei Lowositz gezeigt! Als ich nun zu ihnen kam und mich als Deserteur angab, nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir's nachwärts schon wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatroniert hatte, verlor sich bald darauf und nahm das Füsil mit sich. Nun so sei's! Alsdann führten sie mich ins nächste Dorf, Scheniseck (es mochte eine starke Stunde unter Lowositz sein). Hier war eine Fahrt über das Wasser, aber ein einziger Kahn zum Transport. Da gab's ein Zetermordiogeschrei von Männern, Weibern und Kindern. Jedes wollte zuerst in dem Teich sein, aus Furcht vor den Preußen; denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu haben. Auch ich war keiner von den letzten, der mitten unter eine Schar von Weibern hineinsprang. Wo nicht der Fährmann etliche derselben hinausgeworfen, hätten wir alle ersaufen müssen. Jenseits des Flusses stand eine Pandurenhauptwache. Meine Begleiter führten mich auf dieselbe zu, und diese roten Schnurrbärte begegneten mir aufs manierlichste, gaben mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstanden, noch Tabak und Branntwein und Geleit bis auf Leutmeritz, glaub' ich, wo ich unter lauter Stockböhmen übernachtete und freilich nicht wußte, ob ich da mein Haupt sicher zur Ruhe legen konnte, – aber – und dies war das Beste – von dem Tumult des Tages noch einen so vertaumelten Kopf hatte, daß dieser Kapitalpunkt mir am allermindesten betrug. Morgens darauf (2. Oktober) ging ich mit einem Transport ins kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf ich bei zweihundert andrer preußischer Deserteure an, von denen, so zu reden, jeder seinen eigenen Weg und sein Tempo in Obacht genommen hatte. – Wir hatten die Erlaubnis, alles im Lager zu besichtigen. Offiziere und Soldaten standen dann bei Haufen um uns her, denen wir mehr erzählen sollten, als uns bekannt war. Etliche indessen wußten Winds genug zu machen und, ihren diesmaligen Wirten zu schmeicheln, zur Verkleinerung der Preußen hundert Lügen auszuhecken. Da gab's denn auch unter den Kaiserlichen manchen Erzprahler, und der kleinste Zwerg rühmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigen Brandenburger – auf seiner eigenen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Darauf führte man uns zu etwa fünfzig Mann Gefangener von der preußischen Kavallerie; ein erbärmlich Spektakel! Da war kaum einer von Wunden und Beulen leer ausgegangen, etliche übers ganze Gesicht herunter gehauen, andere ins Genick, andere über die Ohren, über die Schultern, die Schenkel usw. Da war alles ein Ächzen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte selig, einem ähnlichen Schicksal so glücklich entronnen zu sein, und wie dankten wir selber Gott dafür! Wir mußten im Lager übernachten und bekamen jeder seinen Dukaten Reisegeld. Dann schickte man uns mit einem Kavallerietransport, es waren unser an die zweihundert, auf ein böhmisches Dorf, wo wir, nach einem kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgingen. Dort verteilten wir uns und bekamen Pässe, je zu sechs, zehn bis zwölf hoch, welche einen Weg gingen; denn wir waren ein wunderseltsames Gemengsel von Schweizern, Schwaben, Sachsen, Bayern, Tirolern, Welschen, Franzosen, Polacken und Türken. Einen solchen Paß bekamen unser sechs zusammen bis Regensburg. Soweit Ulrich Bräker. Er kam glücklich in der Heimat an, aber den schnauzbärtigen Soldaten in seiner Uniform erkannte niemand wieder. Seine Geschwister verkrochen sich, seine Geliebte war ihm untreu geworden und hatte einen andern geheiratet, nur das Mutterherz fand aus der verwilderten Gestalt den Sohn heraus. Aber auch sein späteres Leben in dem einsamen Tal wurde durch die Abenteuer dieser Zeit gestört. Es war ein fremdes, unheimliches Element in ihn gekommen, reizbare Unruhe, Begehrlichkeit und Entwöhnung stetiger Arbeit. Friedrich II. aber schrieb nach der Schlacht bei Lowositz an Schwerin: »Nie haben meine Truppen solche Wunder der Tapferkeit getan, seit ich die Ehre habe, sie zu kommandieren.« – Der hier erzählt hat, war auch einer davon. XXX Der erste Luftballon zu Nürnberg (1787) Aussehen einer Stadt um 1790. Die Häuser. Arme. – Krankenpflege. Pocken. Vergnügungen. Kaffeegärten. Theater. Anreden. Reisen. Postwagen. Sinn für Natur. Dialekt. Neuigkeiten. Wichtigkeit des Klatsches. Die Erfindung des Luftballons und die Aufregung darüber. – Das Urteil Goethes. – Bericht über die Auffahrt des Franzosen Blanchard zu Nürnberg i. J. 1787 nach einer Flugschrift Wer in den ersten Jahren nach dem Tode Friedrichs des Großen die Straßen einer mäßigen Stadt betrat, die er im Jahre 1750 durchschritten hatte, der mußte die größere Kraft ihrer Bewohner überall erkennen. Noch stehen die alten Mauern und Tore, aber es wird darüber verhandelt, die Eingänge, welche für Menschen und Lastwagen zu eng sind, von dem alten Ziegeljoch zu befreien, mit leichtem Gitterwerk zu schließen, an anderen Stellen der Mauer neue Pforten zu öffnen. Der Wall um den Stadtgraben ist mit breitgegipfelten Bäumen bepflanzt, und in dem dichten Schatten der Linden und Kastanien halten jetzt die Städter ihren diätetischen Spaziergang, atmet das Kindervolk frische Sommerluft. Auch die kleinen Gärten an der Stadtmauer sind verschönert, neue fremde Blüten glänzen zwischen den alten und umgeben das künstliche Fragment einer Säule oder einen kleinen Genius von Holz, der mit weißer Ölfarbe überzogen ist; hier und da erhebt sich ein Sommerhaus entweder als antiker Tempel oder auch als Hütte von bemooster Rinde zur Erinnerung an die unschuldsvollen Urzustände des Menschengeschlechts, in denen die Gefühle so unendlich reiner und der Zwang der Kleider und der Konvenienz so viel geringer waren. Aber das Triebwerk der Stadt hat sich über die alten Mauern ausgedehnt; wo eine Landstraße zur Stadt führt, strecken die Vorstädte ihre Häuserreihen wieder weit in die Ebene hinaus. Viele neue Häuser mit roten Ziegeldächern erfreuen dort unter tragenden Obstbäumen das Auge. Auch in der Stadt hat sich die Zahl der Häuser vermehrt; mit breiter Front, Giebel an Giebel gelehnt, stehen sie da, große Fenster, helle Treppen, weite Räume umschließend. Noch sind die Zieraten ihrer Front von Gips und Kalk nüchtern angeklebt, helle Kalkfarben in allen Schattierungen sind fast das einzige Charakteristische und geben den Straßen ein buntes Aussehen. Die Erbauer sind meist Kaufleute und Fabrikanten, welche heraufgekommen sind, jetzt fast überall die vermögenden Leute der Stadt. Die Wunden, die der Siebenjährige Krieg dem Wohlstand der Bürger geschlagen, sind geheilt. Nicht umsonst hat die Polizei seit mehr als fünfzig Jahren ermahnt und befohlen, der Stadthaushalt ist geordnet, die Anfänge der Armenpflege sind organisiert, Unterstützungskassen, Armenärzte, unentgeltliche Arznei. In den größeren Städten geschah schon viel für Unterstützung der Hilflosen, in Dresden war 1790 der jährliche Umsatz der Armenkasse 50 000 Taler, auch in Berlin, wo schon Friedrich Wilhelm I. für die Armen manches getan hatte, suchte die Regierung mit warmem Herzen zu helfen, es wurde gerühmt, daß dort mehr geschehe als irgendwo anders. Aber der warmen Humanität, welche die Gebildeten nach allen Richtungen dem Volk entgegentrugen, fehlte noch sehr die Einsicht, man kam noch nicht über das Almosengeben heraus, es wurde wenig Jahre später als besondere patriotische Tat begrüßt, daß der Finanzminister von Struensee den Berliner Armen jährlich einen bedeutenden Teil seines Gehaltes auszahlen ließ. Aber zugleich wurde laut über zunehmende Sittenlosigkeit geklagt und daß die Zahl der Armen in großem Verhältnis steige. Man bemerkte mit Schrecken, daß Berlin unter Friedrich II. die einzige Hauptstadt der Welt gewesen sei, in welcher jährlich mehr Menschen geboren wurden als starben, und daß sich das jetzt zu ändern drohe. In Berlin, Dresden, Leipzig sah man keinen Bettler mehr, in preußischen Städten, mit Ausnahme Schlesiens und Westpreußens, überhaupt wenig; aber selbst in den kleineren Orten Kursachsens waren sie noch eine Plage der Reisenden, sie lagen an Gasthöfen und Posthäusern und lauerten auf die ankommenden Fremden. Ein großer herzerfreuender Fortschritt war aber durch die Anstrengung der Regierung für bessere Krankenpflege gemacht worden, die völkerverwüstende Pest und andere Seuchen waren – so durfte man annehmen – von den Grenzen Deutschlands ausgesperrt. Noch 1709–1711 hatte in Polen die Pest furchtbar gehaust, ja noch um 1770 war dort ein Sterben gewesen, das ganze Dörfer geleert hatte, unsere Heimat war nur wenig geschädigt worden. Aber eine Krankheit wütete noch bei Reichen und Armen, die Pocken. Noch war sie ein Leiden Europas, das Scheusal, welches die blühende Jugend am widerwärtigsten heimsuchte, ihr den Tod, Verstümmelung, Verunstaltung brachte. Jedem wurde entscheidend für das ganze Leben, wie er durch die Pocken gekommen war. Viel herzbrechendes Unglück ist geschwunden, die Schönheit unserer Frauen ist häufiger und sicherer geworden, die Zahl der Siechen und Hilflosen ist beträchtlich verringert, seit durch Jenner und seine Freunde 1799 zu London die erste öffentliche Impfanstalt angelegt wurde. Überall beginnen in dieser Zeit die Klagen über Mangel an Sparsamkeit und unmäßige Vergnügungslust der arbeitenden Klassen, Klagen, welche gewiß in vielen Fällen berechtigt waren, die aber unvermeidlich immer wieder tönen, wo der größere Wohlstand viele einzelne auch in den untern Schichten des Volkes die Bedürfnisse vermehrt. Nur mit Vorsicht darf man daraus auf eine Abnahme der Volkskraft schließen, häufiger ist die erwachende Begehrlichkeit der kleinen Leute das erste unholde Zeichen eines Fortschrittes, den sie selbst machen. Im ganzen scheint es damit nicht so arg gewesen zu sein. Das Tabakrauchen freilich war allgemein, es nahm unaufhörlich zu, obgleich Friedrich II. seinen Preußen die Pakete durch seinen Stempel verteuert hatte, der weiße Porzellankopf begann den Meerschaum zu verdrängen. In Norddeutschland war das Weißbier ein neumodisches Getränk des Bürgers, ehrbare Meister tadelten kopfschüttelnd, daß ihr Bier schlechter und daß der Verbrauch des Weins auch unter Bürgern übermäßig zunehme. In Sachsen war schon damals das massenhafte Kaffeetrinken auffallend, auch wie dünn und verfälscht der Trank sei, und doch sei er die einzige warme Kost der Armen. Allgemein ist die Klage der Reisenden, welche aus Süddeutschland kommen, daß die gewöhnliche Küche in Preußen, Sachsen, Thüringen schmal und dürftig sei. Auch die öffentlichen Vergnügungen waren weder besonders zahlreich noch teuer. Immer noch waren Hinrichtungen eine große Angelegenheit, noch wurden die Bilder schwerer Verbrecher in Kupfer gestochen und mit ihrem Lebenslauf, den erbaulichen Betrachtungen der Seelsorger und warnenden Gedichten eifrig gekauft. Ein Seehund, Elefant, das erste Rhinozeros, ein Neger oder Albino, Kamtschadale und Indianer, und was jetzt in unseren Meßbuden nur geringe Beachtung findet, wurde mit Erfolg einzeln auf öffentlichem Platz aufgestellt, ebenfalls durch Bilderbogen und kleine Flugschriften empfohlen. Und allerlei brotlose Künste, ein Mann, der mit abgerichteten Kanarienvögeln umherzog, ein anderer, der nur durch Handbewegungen ein Schattenspiel an der Wand herzubringen wußte, dazwischen Bauchredner, Feuerfresser und andere fahrende Leute gaben den besten Gesellschaften der Stadt für längere Zeit Unterhaltung. Die alten festlichen Aufzüge und Schaustellungen der Städter selbst waren überall verkümmert, ihnen war die Zeit der seidenen Strümpfe, des Reifrocks und Puders sehr ungünstig. Die Schaugefechte der Fechterbanden hatten aufgehört, die Schützenfeste waren seit dem großen deutschen Krieg eingeschrumpft; nur einzelne Handwerke: die Fleischer, Fischer, Faßbinder unternahmen zuweilen einen öffentlichen Aufzug in hergebrachtem Kostüm mit altem Zeremoniell und Handwerkszeichen, in seltenen Fällen mit einem alten Tanz. Obenan aber unter den städtischen Belustigungen stand das Theater. Es war die Leidenschaft des Bürgers, die Wandertruppen wurden besser und zahlreicher, größer wurde auch die Zahl der stehenden Bühnen; noch war das Parterre der Hauptraum, in welchem Offiziere oder Studenten und junge Beamte, nicht selten als feindliche Parteien, den Ton angaben. Die Schauderdramen mit Dolch, Gift, Kettengerassel entzückten den Anspruchslosen, die rührenden Familienstücke mit ihren bösen Ministern und rasenden Liebhabern füllten den Gebildeten mit Gefühlen, der schlechte Geschmack der Stücke und dabei das gute Spiel der Darsteller setzten den Fremden in Erstaunen. Der Einzug einer »Truppe« in die Stadtmauern war ein Ereignis von größter Wichtigkeit; aus den Berichten vieler tüchtiger Männer sehen wir, wie wichtig die Eindrücke solcher Vorstellungen für ihr Leben geworden sind. Es wird uns schwer, den Enthusiasmus zu begreifen, mit welchem die gebildete Jugend der Darstellung folgte, und die Heftigkeit der Affekte, welche in ihnen aufgeregt wurden. Die Stücke Ifflands: »Verbrechen aus Ehrgeiz«, »Der Spieler«, lockten nicht nur Tränen und Schluchzen hervor, auch Schwüre und heiße Gelübde. Als einst in Lauchstädt nach dem Ende des »Spielers« der Vorhang fiel, stürzte einer der wildesten Studenten aus Halle auf einen andern Hallenser zu, den er kaum kannte, und bat unter strömenden Tränen seinen Schwur anzunehmen, daß er nie wieder eine Karte anrühren wolle. Und nach dem Bericht dessen, der Schwur und Handschlag empfing, hielt der Erregte auch Wort. Dergleichen war nichts Außerordentliches. Arme Studenten sparten sich's wochenlang ab, um einmal von Halle aus das Theater in Lauchstädt zu besuchen; sie liefen dann in der Nacht zurück, die Kollegien des nächsten Morgens nicht zu versäumen. Aber wie lebendig die Teilnahme der Deutschen am Drama war, es wurde dennoch einer Gesellschaft auch in größerer Stadt nicht leicht, sich auf stehender Bühne zu erhalten. In Berlin wurde gerade damals das französische Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt in eine deutsche Bühne unter dem stolzen Titel Nationaltheater verwandelt, aber dies einzige Schauspiel der Hauptstadt war wenig besucht, obgleich Fleck und die beiden Unzelmann darauf spielten. Desto mehr gefüllt war freilich die italienische Oper. Aber sie wurde auf königliche Kosten gegeben, jede Behörde hatte eigene Loge, noch saß der König mit seinem Hofstaat nach alter Sitte im Parterre hinter dem Orchester, und durch den Winter waren nur sechs Vorstellungen, eine neue und eine alte Oper, jede dreimal. Da drängte sich freilich das Publikum herzu, die Pracht dieser Hoffeste zu sehen und im »Darius« den großen Zug mit Elefanten und Löwen anzustaunen. Auch aus Dresden wird zu derselben Zeit gemeldet, daß dort die Kindertheater in den Familien weit mehr in Aufnahme seien, als das große Theater. – Und in jenem Berlin, das schon damals für besonders frivol und genußsüchtig galt, war in demselben Winter auf der großen Redoute, von welcher im Lande soviel die Rede war, eine einzige Charaktermaske, sonst nur mißvergnügte Dominos, das Ganze dem fremden Beobachter sehr langweilig. – Das alles sieht nicht nach übermäßiger Verschwendung aus. Auch das gewöhnliche gesellschaftliche Vergnügen war genügsam, es war der Besuch öffentlicher Kaffeegärten. Bei anspruchsloser Musik und einigen bunten Lampen drängten sich dort Adel, Offiziere, Beamte und Kaufmannschaft. In Leipzig und Wien hatte sich diese Art der Unterhaltung etwa seit 1700 zuerst ausgebildet; oft wurde die große Ergötzlichkeit des schattigen Kaffeetrinkens in Versen und Prosa gefeiert und von Frivolen gerühmt, wie bequem solches Zusammenströmen zur Einleitung zarter Verhältnisse sei. Und der Kaffeegarten blieb charakteristisch für die deutsche Geselligkeit durch fast hundertfünfzig Jahre. Zwar saßen die Familien nach Tischen geschieden, aber man ließ sich sehen und konnte beobachten; auch die liebe Kinderwelt wurde zu sittsamer Haltung angestrengt, sparsame Hausfrauen brachten wohl auch in Tüten Kaffee und Kuchen von Hause mit. – In dem Hause des gebildeten Bürgers war die Gastlichkeit zwar bequemer, die Bewirtung reichlicher geworden, aber in dem Familienleben hatte sich noch vieles von der strengen Zucht der Ahnen erhalten. Die Gewalt des Gatten und Vaters trat kräftig hervor, Hausherr und Hausfrau forderten behende Unterwürfigkeit, Befehlende und Gehorchende waren schärfer geschieden. Nur die Gatten hatten gelernt, einander das herzliche Du zu geben, die Kinder der Honoratioren, oft auch der Handwerker nannten die Eltern Sie; die Dienstboten wurden nur von ihrer Herrschaft geduzt, von Fremden erhielten sie die dritte Person des Singularis. Ebenso gab das »Er« ein Meister dem Gesellen, der Gutsherr dem Schulzen, der Gymnasiallehrer dem Schüler der oberen Klassen. Der Schüler aber redete seinen Herrn Direktor an vielen Orten mit »Ew. Hochedeln« an. – Häufiger als vor vierzig Jahren verließ der Deutsche Haus und Stadt, ein bescheidenes Stück seines Vaterlandes zu durchreisen. Noch waren die Verkehrsmittel schlechter, als bei dem Aufschwung des Handels und der vermehrten Reiselust erträglich war. Es gab erst wenige und kurze Kunststraßen; als die beste Chaussee Deutschlands wurde die Straße von Frankfurt nach Mainz gerühmt, mit Baumalleen, Steinreihen und getrennten Seitenpfaden für Fußgänger; die großen alten Völkerwege vom Rhein nach dem Osten waren breite Lehmpfade. Wer irgend Ansprüche machte, reiste mit Lohnkutsche oder Extrapost, denn die Wagen der ordinären Post waren auf den Hauptstraßen zwar bedeckt, aber ohne Federn, mehr für Lasten als Personen berechnet, sie hatten keine Seitentüren, man mußte unter der Decke oder über die Deichsel hineinkriechen. Im Hintergrund des Wagens wurden die Pakete bis an die Decke mit Stricken befestigt. Pakete lagen auch unter den Sitzbänken, Heringstönnchen, geräucherter Lachs und Wild kollerten unermüdlich auf die Bänke der Passagiere, welche eine fortdauernde Beschäftigung darin fanden, die anspruchsvollen Begleiter zurückzudrängen; da man die Füße wegen des Gepäcks nicht ausstrecken konnte, hingen verzweifelte Passagiere wohl gar die Beine zur Seite des Wagens heraus. Unerträglich war immer noch der lange Aufenthalt auf den Stationen, unter zwei Stunden wurde der Wagen nicht abgefertigt, von Kleve nach Berlin fuhr man elf Tage und elf Nächte in tödlicher Langeweile, zerstoßen und verlahmt. Besser gelang die Reise auf den großen Strömen. Zwar die Donau stromab fuhr noch das altertümliche Bretterschiff, ohne Mast und Segel, von Pferden gezogen; aber auf dem Rhein erfreute den sinnigen Freund der Natur schon die regelmäßige Fahrt der Rheinschiffe. Ihre vortreffliche Einrichtung wird gerühmt, sie hatten Mast und Segel und gebrauchten die Pferde nur zur Aushilfe; sie hatten auch ein ebenes Verdeck mit Geländer, so daß man förmlich darauf spazieren konnte, und Kajüten mit Fenstern und einigen Möbeln. Auf ihnen fand sich bereits eine wechselnde, oft anmutige Reisegesellschaft zusammen. Und die solche Schiffe benutzten waren nicht die Geschäftsreisenden allein. Denn einer der merkwürdigsten Fortschritte war von den Deutschen seit 1750 gemacht worden. Das Naturgefühl hatte eine sehr große Ausbildung erhalten. Den architektonischen Gärten der Italiener und Franzosen war der englische Landschaftsgarten, den alten Robinsonaden die Schilderung liebender Kinder oder Wilden in dem Zauber einer fremdartigen Landschaft gefolgt. Später als den gebildeten Engländer ergriff den Deutschen die Wanderlust in die blaue Ferne. Aber sie war seit kurzem lebendig geworden. Schon wird es Mode, auf der Alm die aufgehende Sonne, das Wogen des Nebels in den Schluchten zu bewundern, und das idyllische Leben bei Butter und Honig, Bergaussicht, Waldeslust, Wiesenblumen, Ruinen wird mit höherem Bewußtsein den »Gemeinplätzen des Vergnügens«: Spiel, Oper, Komödie, Ball gegenübergestellt. Schon hat die Sprache sehr reichen Ausdruck in Schilderung der Naturschönheiten, der Bergformen, Wasserfälle usw., schon ziehen müßige Reisende nicht nur durch die Alpen, auch auf die Apenninen und den Ätna, aber Tirol ist noch kaum entdeckt. Noch wurde der Gebildete einer Landschaft leicht an seinem Dialekt erkannt, auch im mittleren Deutschland; denn die Sprache der Familien, alle innigsten Laute menschlicher Empfindung waren fast überall mit provinziellen Besonderheiten erfüllt. Und neumodisch und affektiert wurde genannt, wer seine Zunge nach den Buchstaben der Schriftsprache gewöhnte. Ja im Norden wie im Süden galt es für patriotisch und tapfer, die heimische Sprechweise gegen das Eindringen fremder Klänge zu wahren; es kam vor, daß junge Damen aus den besten Häusern einen Bund schlossen, um den Dialekt ihrer Stadt gegen die dreisten Eingriffe fremder Männer, welche zugezogen waren, zu verteidigen. Nur den Kursachsen wurde nachgerühmt, daß sie bis in die untersten Schichten ein reines, verständliches Schriftdeutsch sprächen; ein Lob, das bei der dreihundertjährigen Herrschaft des meißnischen Dialekts in der Schriftsprache allerdings einige Berechtigung hatte, aber für uns auch deshalb merkwürdig ist, weil es ahnen läßt, wie die andern sprachen. Doch wurde schon damals in den größeren Städten bemerkt, daß der Dialekt schnell abnehme, und daß ein starkes Eindringen der Fremden die Ursache sei. Lebhaft und tief wurde das Geschlecht jener Tage durch die Neuigkeiten des Tages angeregt. In den achtziger Jahren zogen in eine größere Stadt des Innern Deutschlands allerdings jeden Tag Neuigkeiten aus der Fremde; denn das Posthorn blies bereits täglich durch die Straßen, aber nicht jeden Tag durch dasselbe Tor. Indes erhielt man doch seine Post heute von München, morgen von Dresden, den nächsten Tag vielleicht von Hamburg. Auch hatte fast jede größere Stadt ihre Zeitung, aber auch diese kleinen Blätter wurden in der Regel nur dreimal wöchentlich ausgegeben, und die Anzeigenblätter, welche seit etwa sechzig Jahren eingerichtet waren, an vielen Orten nur wöchentlich einmal. Und diese regelmäßigen Boten aus der Welt deckten im ganzen das Bedürfnis ausreichend. Zwar wurde viel über die schlechten Straßen und die langsamen Posten des Reiches geklagt, aber Warenverkehr und Geschäfte, Kredit und Kundschaft waren darauf eingerichtet; die Abonnenten der meisten Blätter scheinen nicht so zahlreich gewesen zu sein, daß diese einen wesentlichen Ertrag gewährten; die Zahl der Männer, welche politische Nachrichten aus andern Gegenden Deutschlands und aus fremden Ländern mit dauerndem Interesse lasen, war verhältnismäßig gering. Und Wohlhabende suchten immer noch aus der Hauptstadt geschriebene Zeitungen zu erhalten, deren Abfassung bis gegen das Ende dieses Jahrhunderts ein Industriezweig war, der jetzt etwa in den lithographierten Korrespondenzen, den Zirkularen einiger großen Handelshäuser und hier und da in Diplomatenbriefen fortdauert oder neu eingerichtet wird. Dagegen war nach andern Richtungen der unverwüstliche Trieb der Seele, neue Nahrung einzunehmen, lebhafter angeregt als jetzt. Die Neuigkeiten der Stadt selbst und des Privatlebens darin beschäftigten große und kleine Leute immer noch so ernsthaft, ja leidenschaftlich, daß es uns gar nicht leicht wird, diese tätige Aufnahme zu begreifen. Der Klatsch war unaufhörlich, erbittert und bösartig. Jedermann wurde durch solch Persönliches affiziert; was man mit angenehmem Schauder vom lieben Nächsten hörte, trug man eifrig weiter. Und es war Freundespflicht, dergleichen den Angegriffenen selbst mitzuteilen. Wie schwer immer noch üble Nachrede überwunden wurde, erkennen wir aus zahlreichen biographischen Aufzeichnungen jener Zeit. Außer den mündlichen Angriffen wurden auch geschriebene, oft in Versen, herumgetragen, zuweilen gedruckt; sie waren natürlich anonym, aber da die ganze Stadt den Verfasser suchte, gelang es ihm doch selten, unbekannt zu bleiben. Mehr als einmal wurde die Obrigkeit gegen dergleichen Pamphlete zu Hilfe gerufen, und strenge Edikte des Rates waren nicht ungewöhnlich, in denen die Verfasser und Verbreiter von »Libellen« kräftig bedräut wurden. Denn ein gestrenger Rat und hohe Obrigkeit waren selbst darin äußerst empfindlich, auch die höchsten Autoritäten hatten viel von geheimer Schriftstellern zu leiden. Diese nimmt in der Literatur des vorigen Jahrhunderts – namentlich in Preußen – breiten Raum ein, und während die Klatschschriften auf größere Regenten als Bücher, häufig in Romanform, ausgegeben werden, halten sich die Angriffe auf kleinere Gebieter in dem bescheideneren Format der Flugschriften. Mehr als einmal gaben solche anonyme Anfälle Veranlassung zu ernsthaften Händeln innerhalb einer Stadtgemeinde, ja kaiserliche Kommissäre wurden abgesandt, um die Verbreiter der »unwahrhaftigen, injuriösen, ehrabschneiderischen« Pasquille zu ermitteln und zu strafen. Aber auch wo ein öffentliches Urteil über einen Mitbürger oder eine Autorität unbefangene Würdigung erstrebt, ist sichtbar, wie schwer dem Schreiber die innere Freiheit und Unparteilichkeit wird, die konventionelle Höflichkeit und die Vorsicht des Verfassers wird nicht selten unangenehm vermindert durch eine hypochondrische, kleinliche, vielleicht boshafte Auffassung des lieben Nächsten. Denn man war zwar immer noch furchtsam und rücksichtsvoll auch im Verkehr, ängstlich bedacht, jedem seinen gebührenden Anteil von Artigkeit zu erteilen, aber man war ebenso reizbar, höchst empfindlich und besaß in der Regel nicht den sicheren Maßstab für den Wert eines Mannes, welchen feste Selbstachtung verleiht. Neben dem neuen Bildungsstoff, der die Gelehrten des vorigen Jahrhunderts beschäftigte, blieb die Naturwissenschaft immer noch populär. Sie hatte seit hundert Jahren in großartiger Tätigkeit auf die Bildung des Volkes gewirkt, sie hatte den Kampf gegen den Aberglauben und gegen Autoritätsglauben begonnen, hatte die Völker richtiger sehen und beobachten gelehrt, sie zumeist hatte auch dem Laien die Wißbegierde aufgeregt; nicht wenige kleine Zeitschriften waren bemüht, neue Entdeckungen auch in weitere Kreise zu tragen. Sammlungen von Naturgegenständen wurden häufig angelegt. Die Alchimie hatte ihre Gläubigen verloren, und die Adepten von Profession waren im Aussterben; aber in den Retorten und Schmelztiegeln wurden auch von Privatleuten häufig zur Freude ihres Kreises chemische Prozesse dargestellt, das kartesianische Teufelchen, der Heronsbrunnen, die Laterna magica und andere physikalische Schaustücke waren in gebildeten Familien heimisch und wurden wieder bewundert und erklärt. Keine Entdeckung aber, welche man der Wissenschaft verdankte, hatte seit Menschengedenken das Publikum so aufgeregt, als die Erfindung des Luftballons. Im Jahre 1782 hatte Cavallo die ersten Papierballons steigen lassen, im Jahre 1783 erhoben sich die ersten Montgolfieren und Charlieren in die Luft. Schon im Januar 1785 flog der kecke Franzose Blanchard über den Kanal, zwei Jahre darauf erfand derselbe den Fallschirm, durch welchen der Mensch, wie man annahm, aus der größten Höhe gefahrlos auf die Erde herabgleiten konnte. Die kühnsten Träume der Phantasie waren plötzlich durch die Wirklichkeit übertroffen. Auf der deutschen Erde kroch die Schneckenpost im Tage etwa vier bis fünf Meilen durch die Schlagbäume und Grenzzeichen zahlloser Souveränitäten, jetzt flog der Wagende in geflochtener Gondel höher als der Adler über Wolken, Meer und Berge. Man erwartete von der neuen Erfindung die größte Ausbeute für die Wissenschaft, die stärkste Revolution in dem Verkehrsleben der Erde. Das Poetische der Idee, das Erstaunliche des Anblicks, der edle Triumph wissenschaftlicher Entdeckung hoben die Seelen nicht nur der Gebildeten; das ganze Volk nahm fast leidenschaftlichen Anteil an dem neuen Fund des Menschengeschlechts. In die Seelen Unzähliger kam es wie das Ahnen einer Befreiung von hundert beengenden Schranken der Erde, wie das Vorgefühl einer totalen Umwandlung des menschlichen Lebens. Es war ein Sehnen, das unmittelbar darauf durch ganz andere Kämpfe, Untersuchungen und Erfindungen zur Wahrheit werden sollte. Damals aber wurde der unternehmende Mann, welcher sich mit Erfolg dem Wagnis der neuen Entdeckung aussetzte, wie ein Held und Reformator angestaunt. Und der größte Dichter der Deutschen legte noch in späteren Jahren Zeugnis ab von der stillen Bewegung jener Jahre. Er sagt: »Wer die Entdeckung der Luftballone mit erlebt hat, wird ein Zeugnis geben, welche Weltbewegung daraus entstand, welcher Anteil die Luftschiffer begleitete, welche Sehnsucht in so viel tausend Gemütern hervordrang, an solchen längst vorausgesetzten, vorausgesagten, immer geglaubten und immer unglaublichen, gefahrvollen Wanderungen teilzunehmen; wie frisch und umständlich jeder einzelne glückliche Versuch die Zeitungen füllte, zu Tagesheften und Kupfern Anlaß gab; welchen zarten Anteil man an den unglücklichen Opfern solcher Versuche genommen. Dies ist unmöglich selbst in der Erinnerung wiederherzustellen, so wenig als wie lebhaft man sich für einen vor dreißig Jahren ausgebrochenen höchst bedeutenden Krieg interessierte.« So sprach Goethe noch lange Jahre nachher Zuerst 1836 im I. Band (S. 475) der Quartausgabe gedruckt. – Am Ende des Jahres 1783 schreibt Goethe an Lavater: »Ergötzen dich nicht auch die Luftfahrer? Ich mag den Menschen gar zu gerne so etwas gönnen, beiden, den Erfindern und den Zuschauern«; und am 27. August 1784 schickt Goethe aus Braunschweig an Frau von Stein Pariser Zeitungen, worin die Luftreise von Blanchard beschrieben war. in lebhafter Erinnerung an die großen Eindrücke, welche die neue Erfindung ihm selbst in seiner kräftigen Jugendzeit gemacht. Es ist deshalb nicht nur unterhaltend, auch lehrreich zu sehen, wie eine solche Luftfahrt aus dem engen Horizont einer deutschen Reichsstadt von den Zeitgenossen aufgefaßt wurde. Über die Auffahrt des glücklichen Abenteurers Blanchard zu Nürnberg im Jahre 1787 ist uns eine hübsche Flugschrift erhalten Ausführliche Beschreibung der achtundzwanzigsten Luftreise, welche Herr Blanchard den 12. November 1787 zu Nürnberg unternahm und glücklich vollzog. Mit vier Kupfertafeln begleitet. Verfaßt und verlegt von Johann Mayer, Schriftstecher und Kupferdrucker in Regensburg 1787. Auf dem Titel befindet sich Blanchards Silhouette von Lorbeer und Rosen umgeben, mit der Unterschrift: Le plus célèbre Aéronaute . Die vier Kupfertafeln stellen dar: die Auffahrt selbst mit der staunenden Volksmenge, die triumphierende Rückfahrt des Ballons auf einem Wagen, die Maschinen zur Führung und den Fallschirm, endlich sogar den Grundriß des Platzes, von welchem die Luftfahrt ausging. . Aus ihr wird hier die Hauptsache mit den Worten des aufmerksamen Beobachters mitgeteilt. Herr Blanchard reiste nach seiner zu Straßburg vollzogenen sechsundzwanzigsten Luftreise durch Nürnberg nach Leipzig, um seine siebenundzwanzigste Luftauffahrt alldort zu unternehmen. Viele vornehme Einwohner Nürnbergs schlugen ihm vor, nach seiner Auffahrt zu Leipzig zurückzukommen, um die achtundzwanzigste Luftreise in Nürnberg zu vollziehen; er versprach's, und während seinem Aufenthalt zu Leipzig wurde eine Subscription eröffnet. Es wurde der Preis der Plätze à vier, zwei und einen Laubthaler angesetzt und endlich der 5. November zur Auffahrt bestimmt. Herr Blanchard kam den 15. October von Leipzig in Nürnberg an, auch traf sein mit allen Füll- und Luftfahrt-Gerätschaften beladener und für dieselben besonders zugerichteter Wagen ein, welcher auf der Stadtheuwaage gewogen und 43 Centner schwer befunden wurde. Von alle den boshaften Erdichtungen und schändlichen Verläumdungen, welche wider Herrn Blanchard ausgestreut wurden, will ich nichts sagen. Ohne mich weder an das übertriebene Lob, noch den niedern Tadel zu kehren, womit Herr Blanchard auf allen Seiten umringt war, nahm ich, von einigen meiner Freunde aufgemuntert, mir vor, eine ausführliche Geschichte und getreue Zeichnungen von allen Begebenheiten der achtundzwanzigsten Aerostatischen Reise herauszugeben. Auf dem Neuen-Bau wurde eine Hütte von Brettern errichtet, worin während drei Wochen, nämlich bis zum 11. November, der mit atmosphärischer Luft aufgeblasene Ballon und alle andern zur Luftschifferey gehörigen Instrumente für 12 und 24 Kreuzer zu sehen waren. Auch wurde auf dem sogenannten Judenbühl außerhalb der Schanzen zwischen dem Lauffer und Vestner Thore ein zur Auffahrt bequemer Plaz ausersehen, auf demselben eine etwa 36 Fuß hohe und auf jeder Seite ins Viereck 40 Fuß breite Hütte ohne Dach, oder ein Verschlag errichtet, und um dieselbe ein ziemlicher Raum für die Subscribenten einzufangen angeordnet. Zu Anfang des November wurden die Pläze für die Subscribenten erweitert, die Preise erniedrigt, und die Auffahrt selbst auf den 12. November festgesetzt. Nun bezahlte man auf dem ersten Plaz zwei, auf dem zweiten einen Laubthaler, auf dem dritten einen Gulden und auf dem vierten vierundzwanzig Kreuzer. Es ergingen von Seiten der hohen Obrigkeit zur Sicherheit der Stadt und der Fremden vortreffliche Verordnungen sowie auch von Seiten der Entrepreneurs für die Bequemlichkeit und das Vergnügen des Publikums alle nur ersinnliche Sorgfalt getragen ward. Dennoch gab es boshafte Menschen, welche ausstreuten, daß die Auffahrt später oder wohl gar nicht für sich gehen würde; daß die Lebensmittel in unerhörten Preisen wären; ja was noch mehr ist, daß des Herrn Markgrafen von Anspach-Bayreuth Durchlaucht die Anstalten am Tage der Auffahrt durch's Militär würde ruinieren lassen; alles dies geschah blos, um die Fremden abzuhalten, die Stadt um den davon zu ziehenden Nuzen und Ruhm wegen ihrer löblichen Anstalten zu bringen und Herrn Blanchard und seine Freunde furchtsam und lächerlich zu machen. Die Cabale gelang nicht; und ich kann versichern, daß nicht nur der ohnehin bestimmte Preis der Victualien gar nicht erhöhet, sondern die täglich zur Stadt gebrachten im Überfluß und wohlfeiler als sonst zu haben waren. Zur Sicherheit und zum Vergnügen der Fremden wurden von sehr vielen Einwohnern neue Laternen an die Häuser angemacht, Pechpfannen aufgehängt, der so bekannte Kristkindels-Markt aufgeschlagen und auch bei Nacht erleuchtet; die Wachen wurden verdoppelt, und von der Stadt besoldete Personen auf verschiedene Pläze beordert. Kurz zu sagen: ein hoher Magistrat und löbliche Bürgerschaft rechtfertigten durch vortreffliche Policey-Anstalten zum Vergnügen der Fremden, gute Bewirthung und höfliches Betragen gegen jedermann, die sowohl von In- als Ausländern von denselben gehegte Meinung vollkommen. Endlich kam der 12. November heran, es war ein festlicher Tag. Schon ein paar Tage vorher wurde beschlossen, keine Rathssession zu halten, welches sich niemand zu erinnern weiß. Die mehrsten Gewölber und Läden wurden nur früh oder gar nicht eröffnet. Bey den drei Kirchen zu St. St. St. Lorenz, Sebald und Egidien wurden starke Wachen postiert, die beständig mit Patrouilliren abwechselten, und drei Thore blieben ganz verschlossen. Schon um Thorhausschluß begaben sich eine Menge Menschen auf den Ort des Schauspiels, auf welchem in gewisser Entfernung viele Hütten und Zelte errichtet wurden, worin alle Sorten von Getränken und Speisen zu haben waren; in einigen derselben befanden sich auch Musikanten, und alles schien eine große Feyerlichkeit anzukündigen. Als gegen neun Uhr durch drei Böller das Zeichen zum Füllen des Ballons gegeben wurde, befanden sich schon viele tausend Menschen auf dem Judenbühl, und nun kamen durch den Heroldsberger Schanz-Posten und durch jenen beim Schmausen-Garten ein solcher Strom von Fußgängern, reutenden und fahrenden Personen auf den Plaz zu, daß derselbe bis zum lezten Signal ein unabsehbares Feld von Menschen vorstellte. Die Reutenden und Kutschen wurden durch reutende Dragoner an weit entfernte, für dieselben bestimmte Pläze angewiesen. Um zehn Uhr geschah das zweite Signal mit zwei Böllern, gegen elf Uhr aber das dritte, zum Zeichen, daß der Ballon gefüllt sey, mit einem Böllerschuß. Ausser diesem, auf dem Plaze sich befindlichen Volke, welches sicher 50–60 000 Seelen betrug, befand sich noch eine Menge von vielen tausenden in und auf der Vestung, Pasteyen, Mauern und den darüberragenden Häusern, Thürmen, Schanzen, Gartenhäusern, ja sogar auf den an den Gartenmauern errichteten Bühnen usw., und dennoch herrschte unter diesem unzählbaren Menschenhaufen eine bewunderswürdige Ordnung und Stille; kein Mensch drängte den andern, denn noch so viel Personen hätten auf diesem herrlichen Plaze Raum genug gehabt. Die Witterung war erwünscht, die Luft bewegte sich kaum zum Bemerken südwestlich. Der Himmel war gegen Morgen und Mittag fast gar nicht, gegen Abend etwas mehr, gegen Mitternacht aber ziemlich bewölkt. Herr Blanchard war bey dem Füllen des Ballons so thätig und eilte um nachzusehen mit einer solchen Munterkeit umher, als ob er bey der vergnügtesten Gesellschaft im Tanz begriffen wäre. Man sagt, er wäre Morgens ein Uhr schon auf den Plaz hinaufgegangen, um zu visitiren, herzurichten, die Massen Spiauteros abzuwägen usw., und alles in einen solchen Stand zu setzen, daß er auf's erste Signal zum Füllen in völliger Bereitschaft dazu seyn könnte, welches er auch pünktlich beobachtete, so daß alle zusehenden Subscribenten sogleich für seine gute Sache eingenommen wurden. Er stieg mit aller Gegenwart des Geistes, welche ihn nie zu verlassen scheint, getrost nach höhern Regionen auf. Man sagt, er habe, wie er vor jeder Auffahrt zu tun pflege, den Tag vorher communicirt. Bis Herr Blanchard sich zur Abreise fertig machte und seine Gondel bestieg, warteten aller Augen auf das Aufsteigen des schon seit einer halben Stunde etwas über den Verschlag herausstehenden Ballons. Nun bewegte sich die große Maschine um elf Uhr sechsundzwanzig Minuten aufwärts und zugleich geschahen zum Zeichen der Abfahrt vier Böllerschüsse, schnell aufeinander, worein sich Trompeten- und Paukenschall mischte. Majestätisch und sanftschnell war des Aeronauten Emporschweben über den Verschlag heraus; er winkte, das an seine Gondel befestigte Seil loszulassen, und erlitt dabey nicht die geringste Erschütterung. Mit bangem Entzücken und frohem Staunen über dies herrliche Schauspiel war eine solche feyerliche Stille verbunden, als ob kein lebendiges Geschöpf auf dem großen Plaze sich befunden hätte. So wie bei der schönsten Witterung der Rauch als eine Säule emporsteigt, so gerade stieg auch die von des Tages Helle erleuchtete und durchsichtig scheinende Kugel mit dem nach sich ziehenden Luftschiffer auf. Von der Höhe eines Thurmes warf er Papiere auf die Zuschauer herab. Als Herr Blanchard im Aufsteigen ein Sandsäckchen ausleerte, um höher zu steigen, bemerkten einige Personen mit mir, daß er öfters die Seile des Netzes auf eine Seite zu anzog, welches uns auf die Gedanken brachte, ob er nicht etwa dadurch dem Ballon eine Richtung geben könnte, dieweil sein Ballon vom Aufsteigen an bis zum Niederlassen den Weg eines umgekehrten Fragezeichens ¿ machte. Vielleicht ist's aber eine bloße Mutmaßung, und seine Wendung dem höhern uns vielleicht entgegengesetzten Luftzuge zuzuschreiben. Gleich darauf salutierte er mit zwo Fahnen die ihm Nachsehenden und die Stadt; worauf ein allgemeines lauttönendes Vivatrufen und Händeklatschen entstund. Herr Blanchard stieg noch immer gerade in die Höhe, wandte sich etwas südwestwärts gegen die Vestung, als ob er über die Stadt wegfliegen wollte, drehte sich aber immer mehr nach Westen, und endlich westnordwärts nach dem Dorfe Thon zu, so eine halbe Stunde vom Orte der Auffahrt entfernt. Hier war er etwa zwölf Minuten in der Luft und schien nur so groß als eine mittelmäßige Schießscheibe zu seyn; auch hatte er nun die größte Höhe erreicht und stund nach der Nürnberger Postzeitung 800 Klafter oder 4800 Fuß über der Meeresfläche. Von dieser gewaltigen Höhe ließ der mutige Luftsegler den Fallschirm mit dem Hündchen herab, welcher so langsam herniedersank, daß darüber über fünf Minuten verflossen, bis das aeronautische Thierchen bei Thon an der Erlanger Straße auf ein Samenfeld wohlbehalten zur Erde kam. Als Herr Blanchard so gerade aufstieg, bewegte sich kein Mensch von der Stelle; sobald er sich aber seitwärts wandte, bewegte sich die ganze Masse von Menschen als ein Ameisenhaufen, erst langsam nach der Seite seiner Richtung zu, und in ein paar Minuten hernach lief alles was lauffen konnte. Es ging zu Pferde und zu Fuß über Hecken und Gräben, über Felder und Wiesen, wie man's ansah. Nichts war den Fußgängern, insonderheit dem Weibsvolk, hinderlicher als Krautfelder und die sich noch befindlichen hohen starken Tobak-Stengel, es gab ein beständiges Gelächter, weil alles im Lauffen über sich sah, und folglich viele drollige Fälle, Stöße und Wendungen sich ereigneten; denn es sah just aus, als ob die Einwohner einer volkreichen Stadt vor einem großen Unglück flöhen, und wer einmal im Strom war, der muste entweder mit fortlauffen oder sich derb zerstoßen lassen. Während dieser lächerlichen Jagd dem Dorfe Thon zu ereignete sich's, daß ein Haas aufgejagt wurde, und ungeachtet aller seiner Eilfertigkeit und listigen Wendungen, gelang es ihm doch nicht, das Freye zu erreichen, der Jäger waren zu viel, das arme Tier wurde erhascht, und da ein jeder an dieser merkwürdigen Luftfahrtshaasenjagd Antheil haben wollte, in einer Minute in hundert Stücke zerrissen. Der eine hatte ein Ohr, der andere einen halben Lauf, der dritte in seinen blutigen Händen ein paar Haare. Herr Blanchard flog unterdessen immer nach der nördlichen Gegend zur linken Seite der Erlanger Chaussee weg und schien eine Viertelstunde lang als an die Wolken geheftet, nur mit dem Unterschiede, daß sein Ballon immer kleiner und zulezt so klein als ein Zwirnknäulchen wurde. Doch blieb er beständig sichtbar. Um zwölf Uhr zwölf Minuten bemerkte man, daß er ziemlich schnell herabsank, wie er denn auch ein Viertel auf ein Uhr, an dem Wege beym Boxdorfer Wäldchen nach Braunsbach zu, eine gute Meile von dem Ort der Auffahrt sich glücklich niederließ, und durch zween Studenten zu Pferde und einige herbeygeeilte Boxdorfer Bauern beym Seil ergriffen wurde. Da der zur Erde niedergesunkene Aeronaute nicht deutsch, und die ihn zuerst ergriffen nicht französisch verstunden, so gab es eine artige Szene: Er rief ihnen immer zu: en bas, en bas , sie sollten niederziehen, um die Gondel zur Erde zu bringen; die Bauern hingegen meinten, sie sollten das Seil auslassen, und waren just auf dem Punkt solches zu tun, als ihnen die anderen dazu kommenden Leute bedeuteten, sie müsten niederziehen und die Gondel mit den Händen ergreifen, sonst flöge das Ding wieder in die Höhe. In der Tat erstaunten sie über die Maßen, daß sie anstatt zu tragen, wie sie glaubten, unter sich drücken müsten. »Da dieser Herr«, sagten sie, »auf unserm Grund und Boden vom Himmel kam, so lassen wir uns auch das Recht nicht nehmen, ihn, wo er hergekommen ist, hinzubringen«, und erhuben Freuden-Geschrey, worein die immer mehr herbeygekommenen Reuter und Fußgänger treulich mit einstimmten. Die Gondel wurde dergestalt umringt und begleitet, daß Herr Blanchard kaum heraussehen konnte. Herr Blanchard wurde stehend in seiner Gondel mit dem über ihm schwebenden und noch nicht entkräfteten Ballon, welcher jetzt, da etwa der vierte Teil Luft herausgelassen war, die Gestalt einer Birne hatte, nach der Stadt gezogen. Sogleich kamen auch Se. Hochfürstliche Durchlaucht von Anspach-Bayreuth herbeygesprengt, und Herr Blanchard hatte das Glück Höchstdieselbe zu sprechen und sich Ihres vollkommenen Beyfalls und zugesagten Douceurs zu erfreuen. Die Gondel wurde nun niedergezogen, und der Luftsegler von dem sich immer mehr versammelten Volk, das ein beständiges Jubelgeschrey anstimmte, und unter herbeygekommener Musik bis an den Ort des Aufsteigens getragen. Herr Blanchard ließ sich um drei Uhr nach einigen gespielten Tänzen und Märschen bei vierzig Fuß in die Höhe, und sank wieder in den Verschlag, woraus er aufstieg, hinab, welches den noch zu Tausenden versammelten Zuschauern ein ungemein herrliches Schauspiel war. Als Herr Blanchard bald darauf zur Stadt in sein Logis fuhr (es soll die Chaise einer Frau von N. gewesen sein, denn seine mit vier Pferden bespannte englische Chaise fuhr hinter ihm her), spannte das vom Freuden-Taumel frohlockende Volk die Pferde aus und zog nach englischer Sitte den kühnen Aeronauten im Triumph daher durch die ganze Länge der Stadt bis zum Rothen Roß. Herr Blanchard saß vorne und trug die Uniform seiner Gondel, nemlich blau und weiß mit dergleichen Federbusch auf dem Hut. Zwey herrlich gekleidete Frauenzimmer stunden hinter ihm in der Chaise, sie trugen die Livrée seines Ballons, roth und blaßgelb, und hinten auf stund anfangs Herr Blanchard's Bedienter, und salutirte mit den zwo Fahnen gegen alle vornehme Gebäude, worinn eine erstaunliche Anzahl Adelicher und anderer distinguirter Personen dem Zuge zusahen und ein unaufhörliches Vive Blanchard! Vivat etc. und Händeklatschen hören ließen. Aus vielen Häusern ertönten Musiken aller Arten. Gegen vier Uhr kam endlich Herr Blanchard im Rothen Roß an, aus dessen Erker ihm Trompeten und Pauken entgegenschallten. Die Straße war von Menschen angepropft; Herr Blanchard erschien am Fenster und dankte mit dreimaligem Compliment dem Volke seine Erkenntlichkeit zu, welches das Volk mit lauttönenden Vivatrufen beantwortete. Man sagt, Herr Blanchard habe, als er auf den Saler kam, von zween Bürgern, welche mit einem Glas Wein sein Vivat tranken, und ihm auch ein Glas zu trinken präsentirten, dasselbe ausgetrunken, und gerührt über den lauten Jubel und Beyfall und die ihm angethanen Ehrenbezeugungen, Thränen der Freude und des Dankes vergossen. Um fünf Uhr wurden unter Direction des Herrn Schopf im Schauspielhause zwei Lustspiele, und nach diesen ein von Herrn Rolland auf die Feyer der Blanchardischen Luftreise verfertigtes Ballet, betittelt: »Das Fest der Winde« gegeben, wobey das Opernhaus gedrängt voll war. Nach dem Schauspiel gieng's zur Tafel und Mascarade wieder in's Rothe Roß, welche sich früh den 13. endigte. Auf diese Weise wurde der für Einheimische als Fremde so frohe und merkwürdige Tag beschlossen, ohne daß nur einem Menschen bey dem außerordentlichen Zusammenfluß von Leuten, ein Unglück begegnet wäre. Soweit der Wortlaut des Berichtes. Die Festfeier aber dauerte über den 12. November hinaus. Noch am Abend des Tages wurde angezeigt, daß Herr Blanchard, gerührt vom Beifall des Publikums, zur Bezeigung seiner Dankbarkeit und mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis morgen ein neues aerostatisches Experiment machen werde, Preis des Platzes 36 Kreuzer. An diesem Tage ließ Herr Blanchard einen kleineren Ballon wieder unter Böller- und Trompetenschall steigen, im Korbe befand sich ein kleiner »Seidenpudel« mit zwei Briefen. Im ersten stand: »Dieser Ballon gehört Herrn Blanchard; man bittet den Finder, denselben nach Nürnberg ins Rothe Roß wieder zu bringen.« Im zweiten Brief: »Dieser Hund gehört der Frau Obristin, Freifrau von Redwitz, abzugeben gegen guten Recompens zu Nürnberg im Rothen Roß.« Der Ballon machte in fünfundvierzig Minuten eine Reise von vierzehn Stunden und sank, wie ein erstaunter Bericht aus Creussen meldete, in der Nähe des Ortes als etwas, das nicht Wolke, nicht Drache, nicht Vogel, erst klein und schwarz, dann groß und rötlich war, schnell aus den Wolken herab. Auch der Boloneser wurde nach einigen Tagen wohlbehalten seiner Herrin zurückgebracht. Herr Blanchard aber ward wieder in seinem Wagen unter Jubel und Vivatrufen vom Volke durch die Stadt zu einem Feuerwerk gezogen, dann in das Schauspielhaus, wo diesmal ein zur Feier der Luftreise verfertigtes, großes allegorisch-musikalisches Konzert aufgeführt wurde. Einige Tage darauf überreichte Blanchard dem hohen Magistrat die Fahnen zum Andenken, der Magistrat gab ihm dagegen ein solennes Souper im Schießgraben und beschenkte ihn mit sechs Medaillen, jede von acht Dukaten Wert. Die Flugschrift enthält außerdem noch einen interessanten »Auszug über Herrn Blanchards Leben, vornehmste Luftreisen und Charakter«, nicht ohne tadelnde Bemerkungen über die Verkleinerer des Mannes. Denn es war leider auch in diesem Fall dem fremden Luftschiffer nicht vergönnt, ohne Neider und Mißgönner seinen Triumph zu feiern. Schon vor der Auffahrt war in Nürnberg eine andere Flugschrift erschienen, welche unter dem Titel: »Blanchard, Bürger von Calais«, Leben und Tätigkeit des Mannes in einer kritischen Weise besprach, durch welche der eitle Franzose so gekränkt war, daß er beim Aufsteigen eine andere Flugschrift: » Abrégé de mes Aventures terrestres « auf die Zuschauer herabwarf, worin er stolz und erbittert gegen die frühere Broschüre loszog. Und zuletzt ist Pflicht zu erwähnen, daß auch der hochlöbliche Rat von Nürnberg seinerseits alles Erdenkliche getan hatte, den Verlauf dieses außerordentlichen Festes sicherzustellen. Durch sehr ausführliche, eigens veröffentlichte Fahr- und Gehordnungen, durch Vorsorge für Herbeischaffung der Speisen und Getränke und durch billige Taxen derselben, durch ausgestellte Wachen und Reiter, durch strenges Verbot jedes Baumbesteigens, Verderbens der Felder und jedes unartigen Geschreies, durch scharfe Patrouillen in der Stadt, durch Bestellung eines Chirurgus nebst Gesellen und Verbindezeug für den Fall, daß jemand auf »diese oder jene Art« beschädigt würde, durch die Böllersignale, »damit niemand ohne Not der freien Luft zu lange sich aussetzen dürfe«, endlich durch Ermahnung zur Ordnung und Mäßigung, zumal für den Fall, »wenn die Luftfahrt durch einen Zufall vereitelt werden oder der gefaßten Meinung nicht entsprechen sollte«. Auch den Festplatz hatten Rat und Unternehmer ganz meisterhaft eingerichtet. Denn, wie die Flugschrift meldet: »Der ganze Platz sah einer kleinen Festung ähnlich, welche durch die spanischen Reuter und 60–80 Soldaten hinlänglich bedeckt war, wenn ja wider Vermuten der Pöbel hätte Unruhen anfangen wollen, wie es manchmal bey dergleichen Gelegenheiten zu gehen pflegt. Man muß es aber vom Größten bis zum Geringsten rühmen, daß alles durch Bescheidenheit und Güte im Befehlen und mit Stille und Ordnung im Gehorchen glücklich vorüberging.« XXXI Aus den Lehrjahres des deutschen Bürgers (1790) Verschiedene Grundlagen für Sittlichkeit und Tatkraft bei Adel, Bürgern und Bauern. Charakteristisches im Leben des Landadels. Die Frömmigkeit der Landleute. Das gebildete Bürgertum. Vorzüge der lateinischen Schule und der Universitätsbildung. Mißbehagen gegenüber dem Leben. – Die Empfindsamkeit und ihre Wandlungen von 1750–1790. – Aus dem Leben einer Familie von aufsteigender Lebenskraft. – Die Kinderjahre von Ernst Friedrich Haupt Man durfte um 1790 annehmen, daß eine Stadtgemeinde, an welcher kräftiger Fortschritt gerühmt wurde, in protestantischer Gegend lag. Denn sehr ungleich stand Bildung und gesellschaftlicher Zustand in den protestantischen und katholischen Landen, jedem Reisenden auffällig. Aber auch in derselben protestantischen Landschaft, innerhalb einer Stadtmauer sind die Gegensätze in der Bildung sehr auffallend. Der äußere Unterschied der Stände beginnt sich zu verringern, ein innerer Gegensatz ist fast größer geworden. Der Edelmann, der gebildete Bürger und wieder der Handwerker mit dem Bauern stehen in drei getrennten Kreisen, jedem sind die Quellen für Sittlichkeit und Tatkraft andere, so daß sie uns erscheinen wie aus verschiedenen Jahrhunderten zusammengesetzt. Noch tummelte sich am leichtesten und sichersten der Adel. Auch in ihm war ernster Geist, ein reiches Wissen nicht mehr selten, aber die Masse lebte vorzugsweise einem behaglichen Genuß, die Frauen im ganzen mehr als die Männer durch die Poesie und die großen wissenschaftlichen Kämpfe der Zeit angeregt. Schon waren die Gefahren, welche eine abschließende Stellung bereitet, gerade in den anspruchsvollsten Kreisen der deutschen Grundbesitzer sehr sichtbar; der hohe und niedere Reichsadel war verhaßt und verspottet. Noch spielte er den kleinen Souverän in grotesken Formen, liebte sich mit einem Hofstaat zu umgeben, von Gesellschaftsherren und Damen herab bis zum Türmer, dessen Horn oft bis über die engen Landesgrenzen die Kunde trug, daß der Herr sein Mittagsmahl einnehme, und bis zum Hofzwerg herab, der vielleicht in phantastischem Aufzug allabendlich sein unförmliches Haupt im Familienzimmer verneigte und anmeldete, es sei Zeit zu Bett zu gehen. Aber der Familienbesitz war nicht festzuhalten, ein Acker, ein Waldstück nach dem andern fiel in die Hände der Gläubiger, die Geldverlegenheiten nahmen in vielen Familien kein Ende, und es nützte nichts, die schadhafte Zugbrücke aufzuziehen, um sich vor den modernen Feinden zu schützen, welche ein Erkenntnis des Reichskammergerichts oder des Reichshofrats überbrachten. Viele vom Reichsadel zogen sich in die Hauptstädte der geistlichen Staaten. In den fränkischen Bistümern, am Rhein, im Münsterland bildeten sie eine Aristokratie, welche dem herben Urteil der Zeitgenossen nicht weniger reichen Stoff gab. Ihre Familien waren herkömmlich im Besitz der reichen Domstifter und Prälaturen, sie vorzugsweise blieben sklavische Nachahmer des französischen Geschmacks in Tafel, Garderobe, Equipagen, aber ihr schlechtes Französisch, Dünkel und fade Unwissenheit wurden ihnen häufig vorgeworfen. Auch die Ärmeren des landsässigen Adels waren in den Händen der Juden, zumal im östlichen Deutschland. Aber noch ging durch die Hände des Adels um 1790 der größte Teil des Geldes, welches seinen Kreislauf im Land machte. Auf ihren Gütern herrschten sie wie Souveräne, als die gnädigen Herren des Landes, die Gutswirtschaft aber besorgte gewöhnlich der Amtmann. Selten bildete sich ein gutes menschliches Verhältnis zwischen den Herren und den tatsächlichen Verwaltern ihres Vermögens, deren Pflichttreue damals nicht in dem besten Ruf stand. Zwischen den Gutsherrn und den frohnenden Bauern gestellt, suchten die Verwalter häufig von beiden zu gewinnen, nahmen Geld von den Landleuten und erließen ihnen Hofdienste und bedachten beim Verkauf der Produkte sich nicht weniger als den Herrn. Die Wintermonate verlebte der Landadel gern in der Hauptstadt seiner Landschaft, im Sommer war das modische Vergnügen Besuch der großen und kleinen Bäder. Dort wurde alle Stattlichkeit, deren die Familie mächtig war, entfaltet. Viel wurde auf Pferde und glänzende Wagen geachtet, der Adel benutzte noch gern sein Vorrecht, vierspännig zu fahren, dann fehlten auch wohl die Läufer nicht, welche vor den Rossen hertrabten, in bunter theatralischer Kleidung, mit Kaskett, die große Knallpeitsche übergehängt, in Schuhen und weißen Strümpfen. Bei Abendgesellschaften oder nach dem Theater hielt eine lange Reihe glänzender Wagen, viele mit Vorreitern, in den Straßen, und achtungsvoll sah der kleine Mann auf den Glanz der Herren. Noch unterschieden sie sich auch in der Kleidung durch reichere Stickerei, die weiße Plüme rund um den Hut, auf Maskeraden schätzten sie immer noch vorzugsweise den rosafarbenen Domino, den Friedrich II. 1743 für ein Privilegium des Adels erklärt hatte. Manche der Reicheren unterhielten auch Kapellen, kleine Konzerte waren häufig, und auf dem Gut wurde am Sonntag früh unter den Fenstern der Hausfrau der Morgengruß geblasen. Ein verhängnisvolles Vergnügen war das Spiel, zumal in den Bädern. Dort trafen die deutschen Gutsbesitzer damals am häufigsten mit Polen zusammen, den leidenschaftlichsten Hasardespielern Europas. Aber auch deutschen Gutsbesitzern begegnete zuweilen, daß sie Wagen und Pferde im Spiel verloren und in einem Mietwagen, verschuldet, nach Hause reisten. Solches Unglück wurde mit gutem Anstand getragen, sobald als möglich vergessen. – Im Glauben war ein großer Teil des Landadels noch orthodox wie die Mehrzahl der Dorfpfarrer, die freieren Seelen aber hingen häufig in den Formen der alten französischen Aufklärung. Noch immer sandte Paris seine Modepuppen und Bilder, Hüte, Bänder und Roben durch das vergnügte Deutschland. Aber auch die Mode bereitete allmählich auf die große Umwandlung vor, die Fischbeinröcke und Wülste fielen von den eleganten Damen ab, sie erhielten sich nur an den Höfen bei großer Cour, die Schminke wurde stark angefochten, dem Puder war der Krieg erklärt, die Gestalten wurden schmäler und dünner, auf dem Haupt schwebte über kleinen krausen Locken der idyllische Strohhut. Auch den Männern war der gestickte Rock mit Kniehosen, seidenen Strümpfen, Schnallenschuhen und dem kleinen Galanteriedegen nur noch die Festtracht, schon hatte der deutsche Kavalier mit der Freude an englischen Pferden und Bereitern auch den Rundhut, Stiefeln und Sporen erworben und wagte mit der Reitgerte in das Damenzimmer zu treten. Häufig ist in den Familien des Adels ein unbefangener Lebensgenuß, fröhliche Sinnlichkeit ohne große Feinheit, viel höfliche Zuvorkommenheit und gute Laune, und die Virtuosität, welche jetzt immer weiter ostwärts zu weichen scheint, ein guter Erzähler zu sein, Anekdoten und zierliche Reden zwanglos der Unterhaltung einzuflechten, aber auch kleine Eulenspiegeleien geschickt zu wagen. Die Moral dieser Kreise, oft bitter gescholten, war doch, wie es scheint, nicht schlechter als sie unter Genießenden zu sein pflegt. Die Naturen waren wenig zum Grübeln geneigt, in der Regel nicht durch schwere Gewissensbisse beunruhigt, auch das Ehrgefühl war dehnbar, doch mußten gewisse Rücksichten beobachtet werden. Innerhalb dieser Grenzen war man tolerant, in Spiel, Wein und Herzenssachen durften sich Herren, ja auch Damen noch manches erlauben, ohne streng verurteilt zu werden, selten wurde dadurch ihr Leben gestört. Man ertrug, was nicht zu ändern war, mit Anstand und fand sich auch nach leidenschaftlichen Verirrungen schnell wieder zurecht. Die Virtuosität, das Leben des Tages angenehm zu fassen, war damals gewöhnlicher als jetzt; ebenso dauerhaft war die Lebenskraft, ein kräftiger, rühriger, unbefangener Sinn, der frische Laune bis in das späteste Alter zu bewahren weiß, und der nach einem Leben reich an Vergnügungen und nicht frei von Konflikten zwischen Pflicht und Neigung ein frohes und respektiertes Alter durchsetzt. Noch jetzt sind ältere Bilder aus jener Zeit nicht ganz unerhört, Männer und Frauen, deren naive Frische und unbefangene Heiterkeit im höchsten Alter erfreuen. Unter dem Adel saß das Landvolk und der kleine Bürger, aber auch der niedere Beamte mit der Auffassung des Lebens, welche im Anfang des Jahrhunderts über die Deutschen geherrscht hatte. Noch war ihr Leben arm an Farben. Man täuscht sich, wenn man meint, daß um das Ende des Jahrhunderts die Aufklärung bereits vieles in den Hütten der Armen, zumal auf dem Land gebessert hatte. In den Dörfern waren allerdings Schulen, aber häufig war der Lehrer ein früherer Bedienter des Gutsherrn, ein armer Schneider oder Leinweber, der sich so wenig als möglich von seinem Handwerk trennen wollte, vielleicht seine Frau den Unterricht besorgen ließ. Sogar die Polizei des flachen Landes war noch ohnmächtig, die Umhertreiber auf dem Land waren eine schwer zu tragende Last. Zwar fehlte es nicht an den strengsten Verordnungen gegen das umlaufende Gesindel: Dorfwachen auch bei Tag, Straßenreiter; jeder Bettler sollte sofort angehalten und nach seinem Geburtsort geschafft werden; aber die Dorfwache wachte nicht, die Gemeinden scheuten die Unkosten des Transports oder fürchteten gar die Rache der Aufgegriffenen, die Straßenreiter achteten lieber auf die Fuhrleute, welche verbotene Wege fuhren, weil diese Strafe bezahlen konnten. Sogar in Kursachsen wurde darüber geklagt. Noch hing der Landmann treu an seiner Kirche, in den Hütten der Armen wurde viel gebetet und gesungen, häufig war fromme Schwärmerei, immer noch erstanden Erweckte und Propheten unter dem Landvolk. Zumal in den Gebirgslandschaften, wo die Industrie sich massenhaft in ärmlichen Hütten festgesetzt hatte, unter Holzarbeitern, Webern und Spitzenklöpplern des Erzgebirges und der schlesischen Bergtäler war ein frommer, gottergebener Sinn lebendig. Wenige Jahre später, als die Kontinentalsperre die Industrie der Armen vernichtete, bewiesen sie unter Hunger und Entbehrungen, die oft an das Leben gingen, daß ihnen ihr Glaube die Fähigkeit zu dulden und zu entsagen gab. Zwischen dem Adel und der Masse des Volkes stand nach der Auffassung jener Jahre das höhere Bürgertum: Gelehrte, Beamte, Geistliche, große Kaufleute und Industrielle. Auch sie waren von dem Volk durch ein Privilegium geschieden, dessen Bedeutung unsere Zeit nicht mehr versteht: sie waren militärfrei. Der härteste Druck, welcher auf den Söhnen des Volkes lastete, ihre Kinder empfanden ihn nicht. Auch der fähige Sohn des Bauern oder Handwerkers durfte studieren, aber dann lag ihm ob, vorher eine Prüfung zu bestehen, »das Genieexamen«, ob sich auch seine Befreiung vom Heerdienst lohne. Dem Sohn des Studierten oder Kaufmanns aber galt es für besonders schmachvoll, wenn er nach gelehrter Schulbildung so weit herunterkam, daß er den Werbern in die Hände fiel. Sogar der menschenfreundliche Kant verweigerte einen Gelehrten zur Beförderung zu empfehlen, weil er die »Niederträchtigkeit« gehabt habe, seinen Soldatenstand so lange ruhig zu ertragen. In diesem Kreise, der sich auch äußerlich durch Tracht und Lebensweise vom Bürgersmann unterschied, war damals bereits der beste Teil der nationalen Kraft zu finden. Er war im Besitz der freiesten Bildung jener Zeit. Er umschloß Dichter und Denker, erfindende Künstler und Gelehrte, alle, welche auf irgendeinem Gebiet des geistigen Lebens als Belehrende und Beurteilende Einfluß gewannen. Ihm hatten sich viele vom Adel angeschlossen, die selbst Beamte wurden oder ein reicheres Geistesleben hatten. Sie waren zuweilen Mitarbeiter, häufig geistvolle Begleiter und wohltuende Förderer der idealen Interessen. In jeder Stadt bestanden jetzt die Honoratioren aus solchen Gebildeten. Sie waren Schüler des großen Philosophen von Königsberg, ihre Seele war angefüllt mit den poetischen Gestalten der großen Dichter, mit den hohen Resultaten der Altertumswissenschaft. Aber in ihrem Leben war noch ein Moment von Strenge und Ernst, nicht leicht und fröhlich wurde die Pflicht geübt. Die Auffassung der Wirklichkeit schwankte zwischen idealen Forderungen und einer ängstlichen, oft kleinlichen Pedanterie, welche sie auffallend und nicht immer zum Vorteil von dem Edelmann unterschied. Es ist eine Eigenheit der modernen Bildung, daß die treibende geistige Kraft sich in der Mitte der Nation, zwischen der Masse und den erblich Privilegierten ausbreitet, nach beiden Seiten belebend und umformend; je mehr sich ein Kreis irdischer Interessen von dem gebildeten Bürgertum isoliert, desto weiter entfernt er sich von allem, was dem Leben Licht, Wärme und sicheren Halt verleiht. Wer in Deutschland eine Geschichte der Literatur, Kunst, Philosophie und Wissenschaft schreibt, der behandelt in der Tat die Familiengeschichte des gebildeten Bürgertums. Und sucht man das Besondere, was die Männer dieses Kreises verbindet und von anderen unterscheidet, so ist es nicht zumeist ihre praktische Tätigkeit in glücklicher Mitte, sondern ihre Bildung durch die lateinische Schule. Darin liegt der unübertreffliche Vorzug, das letzte Geheimnis ihres Einflusses. Niemand durfte das bereitwilliger anerkennen, als der Kaufmann und Industrielle, der sich von unten heraufgearbeitet hatte und in ihren Kreis getreten war. Mit Verwunderung erkannte er, wie seine Söhne unter der Beschäftigung mit lateinischer und griechischer Grammatik eine Schärfe und Präzision im Denken und Sprechen erhielten, die selten andere Tätigkeit dem heranwachsenden Mann gewährt. Die naturwüchsige Logik, welche in dem kunstvollen Bau der alten Sprachen so ausgezeichnet zutage kommt, weckte schon früh den Scharfsinn und förderte das Verständnis aller geistigen Bildungen, die Masse des fremdartigen Sprachstoffs kräftigte unübertrefflich das Gedächtnis. [...] Das Wichtigste von allem aber war die besondere Methode des Lernens auf lateinischen Schulen und Universitäten. Nicht das gedankenlose Aufnehmen eines überlieferten Stoffes, sondern das Selbstsuchen und Selbstfinden ist das Lebenweckende in jedem Lernen. In den höheren Klassen des Gymnasiums und auf der Universität wurde der Studierende der Vertraute der suchenden Gelehrten. Gerade die Streitfragen, welche seine Zeit am meisten bewegten, die Forschungen, welche als unbeendet am kräftigsten anspannten, wurden ihm am liebsten mitgeteilt. So drang der Jüngling als ein frei Suchender in den Mittelpunkt des grünenden Lebens ein, und wie sehr ihn sein späterer Beruf von eigenem Forschen entfernt hielt, er hatte das beste und letzte Wissen, die höchsten Resultate seiner Zeit in sich aufgenommen und war sein ganzes Leben lang in den großen Fragen der Wissenschaft und des Glaubens zum Urteil befähigt, indem er allen neuen Bildungsstoff nach den Gesichtspunkten, die er gewonnen, annahm oder abwies. Auch daß die gelehrte Schule für das praktische Leben so wenig vorbereite, war keine stichhaltige Klage. Der Kaufmann, der seine Söhne von der Universität auf den Stuhl des Kontors nahm, bemerkte sehr bald, daß sie vieles nicht gelernt hatten, was jüngeren Lehrlingen sehr geläufig war, daß sie aber in der Regel mit spielender Leichtigkeit das Fehlende nachholten. Dieser unendliche Segen der gelehrten Bildung war am Ende des 18. Jahrhunderts, seit die Philosophie und die Altertumswissenschaften hohe Bedeutung gewonnen hatten, der entscheidende Vorzug des deutschen Mittelstandes. In ihm liegt das Geheimnis der unsichtbaren Herrschaft, welche das gebildete Bürgertum seit dieser Zeit über das nationale Leben ausgeübt hat, Fürsten und Volk umbildend, sich nachziehend. Um 1790 hatte diese Methode der Bildung so großen Wert und Bedeutung gewonnen, daß man wohl diese Jahre die fleißige Abiturientenzeit des deutschen Volkes nennen darf. Eifrig wurde gelernt, überall trat an die Stelle des alten Mechanismus anregende selbsttätige Arbeit. Menschenfreundlich rangen die Gelehrten danach, jedem Teil des Volkes Lehranstalten zu schaffen, welche seiner Bildungsstufe entsprachen, neue Methoden des Unterrichts zu erfinden, durch welche mit geringen Lehrkräften die größten Resultate erreicht werden konnten. Belehren, bilden, aus der Unwissenheit herausheben, war der allgemeine Ruf. Nicht vorzugsweise, weil dies der gesamten Nation nützlich war. Denn in der frohen Empfindung eines idealen Inhalts standen die Gebildeten dem Volk gegenüber. Die Schönheit, welche sie genossen, die großen Gefühle, durch welche sie erhoben wurden, sie waren dem armen Volk versagt. Freilich im stillen Herzen empfanden sie selbst ein Mißbehagen. Die Tatsachen des Lebens, welches sie umgab, standen oft in schneidendem Gegensatz zu den idealen Forderungen, welche sie stellten. Wenn der Bauer wie ein Lasttier arbeitete, der Soldat vor ihren Fenstern Spießruten lief, dann blieb, so schien es ihnen, nichts übrig, als das Studierzimmer zu schließen und Auge und Sinn in Zeiten zu versenken, wo solche Barbarei nicht verletzte. Denn noch war unerprobt, was die Vereinigung Gleichgesinnter zu großen Genossenschaften im Staat, in den Kommunen, in jedem Kreise praktischer Interessen umzuformen vermöge. [...] Noch war die Weichheit der Empfindung und das Bedürfnis, auch bei unbedeutender Veranlassung große Gefühle zu haben, nicht aus den Seelen geschwunden. Aber diese herrschende Anlage des 18. Jahrhunderts, welche ihre Absenker bis auf die Gegenwart fortgetrieben hat, war um 1790 bereits durch einen stärkeren Gehalt des geistigen Lebens gebändigt. Auch die Empfindsamkeit hatte seit der Zeit, wo sie aus dem Pietismus in das Leben kroch, ihre kleine Geschichte gehabt. Zuerst war die arme deutsche Seele von allem stark affiziert worden, sie hatte sich leicht jämmerlich gefühlt und einen anspruchslosen Genuß dann gefunden, die Tränen auf der eigenen Wange zu beobachten. Dann wurde ihr die Gefühlsseligkeit burschikoser und herzhafter. Wenn lustige Gefährten im Jahre 1750 mit der Extrapost durch ein Dorf kamen, wo die Einwohner vielleicht den Kirchhof mit Rosenstöcken bepflanzt hatten, so regte der Gegensatz zwischen dieser Blume der Liebe und dem Grabe die Phantasie der Reisenden so auf, daß sie eine Flasche Wein kauften, auf den Kirchhof gingen und, in dem Vergleich von Gräbern und Rosen schwelgend, ihren Wein austranken. Der Zecher war Klopstock mit seinen Freunden. Die studentenhafte Roheit, welche in solchem Behagen lag, wurde überwunden, als die Sitte feiner und das Leben nachdenklicher geworden war. Wenn um 1770 zwei Brüder in sonnigem Tal unter blühenden Obstbäumen durch die Landschaft des Rheins fahren, dann ergreift wohl der eine die Hand des andern, um ihm durch einen sanften Druck seinen Dank für die vielen Freuden zu bezeugen, die er in seiner Begleitung genießt; die beiden blicken einander voll zärtlicher Rührung an, eine selige Träne der ruhigen Empfindung steigt in beider Augen, und sie fallen einander um den Hals oder, wie man damals sagte, sie segnen die Gegend mit dem heiligen Kusse der Freundschaft. Die Reisenden sind Fritz Jacobi und sein Bruder. – Und wenn zu derselben Zeit eine Gesellschaft einen lieben Freund erwartet – nebenbei bemerkt, einen glücklichen Gatten und Familienvater –, so sind auch hier die Empfindungen weit mannigfaltiger und die Beschaulichkeit, mit welcher sie genossen werden, weit größer als bei uns. Der Hausherr eilt mit einem andern Gast dem anrollenden Wagen an die Haustür entgegen, der ankommende Freund steigt bewegt und etwas betäubt ab. Unterdes kommt die liebenswürdige Hausfrau, welche allerdings von dem neuen Gast in früherer Zeit bewundert worden ist, ebenfalls die Treppe herab. Der Angekommene hat sich bereits mit einer Art von Unruhe nach ihr erkundigt und scheint äußerst ungeduldig, sie zu sehen; jetzt erblickt er sie und schauert vor Erregung zurück, kehrt sich dann zur Seite, wirft mit einer zitternden und zugleich heftigen Bewegung seinen Hut hinter sich auf die Erde und schwankt zu der Hausfrau hin. Alles dieses wird von einem so außerordentlichen Ausdruck begleitet, daß die Umstehenden sich an allen Nerven davon erschüttert fühlen. – Die Hausfrau geht ihrem Freund mit ausgebreiteten Armen entgegen; er aber, anstatt ihre Umarmung anzunehmen, ergreift ihre Hände und bückt sich, um sein Gesicht darein zu verbergen; die Dame neigt sich mit einer himmlischen Miene über ihn und sagt mit einem Ton, den keine Clairon und keine Dubois nachzuahmen fähig sind: »O ja, Sie sind es – Sie sind noch immer mein lieber Freund!« – Der Freund, von dieser rührenden Stimme geweckt, richtet sich etwas in die Höhe, blickt in die weinenden Augen seiner Freundin und läßt dann sein Gesicht auf ihren Arm zurücksinken. Keiner von den Umstehenden kann sich der Tränen enthalten: dem unbeteiligten Berichterstatter strömen sie die Wangen herunter, er schluchzt und ist außer sich. Der Ankommende ist Wieland, die Wirte Sophie Laroche und ihr Gatte, der Erzähler wieder Fritz Jacobi. – Und nachdem dies hervorsprudelnde Gefühl sich etwas gelegt hat, fühlen sich alle unaussprechlich glücklich, drücken einander oft die Hände und erklären die Stunden solchen Beisammenseins für die schönsten des Lebens. Und die sich so gebärdeten, waren immer noch maßvolle Menschen, sie sahen mit Verachtung auf die Affektation herab, der die Schwächeren verfielen, welche über ein Nichts weinten und aus Tränen und Gefühlen einen Lebensberuf machten, wie der verschrobene Leuchsenring. Aber kurz darauf erhielt das gefühlvolle Wesen einen harten Stoß. Goethe hatte im Werther das traurige Schicksal eines Jünglings dargestellt, der in diesen Stimmungen unterging; er hatte die Empfindsamkeit selbst weit edler und mäßiger gefaßt, als sie in seinen Zeitgenossen lebte. Zunächst freilich wurde seine Erzählung für die weicheren Naturen ein bildendes Buch, nach welchem sich ihre Gefühlsseligkeit ins Hohe und Poetische hineinzog. Ungeheuer war die Wirkung, Tränen flossen stromweise, die Werthertracht wurde ein beliebtes Kostüm empfindsamer Herren, Lotte der berühmteste Frauencharakter jener Jahre. In demselben Jahre 1774 beredete sich zu Wetzlar eine Anzahl zarter Seelen, Männer in hohen Ämtern und Damen, eine Feierlichkeit am Grabe des armen Jerusalem anzustellen. Sie versammelten sich des Abends, lasen den Werther, sangen die klagenden Arien und Gesänge auf den Toten. Man weinte tapfer, endlich um Mitternacht ging der Zug nach dem Kirchhof. Jeder war schwarz gekleidet, mit dunklem Flor im Gesicht, ein Wachslicht in der Hand. Wer dem Zug begegnete, hielt ihn für eine Prozession des höllischen Satans. Auf dem Kirchhof schloß man einen Kreis um das Grab des Toten, sang, wie berichtet wird, das Lied: »Ausgelitten hast du, ausgerungen«, ein Redner hielt dem Verblichenen eine Lobrede und sprach davon, daß Selbstmord aus Liebe erlaubt sei. Zuletzt wurde das Grab mit Blumen bestreut. Die Wiederholung wurde durch eine prosaische Obrigkeit verhindert. Der Erzähler ist Laukhardt in seiner Lebensbeschreibung; es ist kein Grund, solchen Mitteilungen des unordentlichen Mannes zu mißtrauen. Aber der tragische Ausgang der Goetheschen Erzählung erschreckte auch den gesunden Menschenverstand. Das war kein Spiel mehr mit Blumen und Täubchen, es war erschütternder Ernst. Wenn ein anständiger Beamtensohn zu solcher Ausschweifung wie Selbstmord kommen konnte, dann hörte der Spaß auf. So wurde dasselbe Werk für kräftigere Naturen der Anfang einer Reaktion und leidenschaftlichen literarischen Polemik, wobei der Deutsche allmählich mit Ironie auf diesen Kreis von Stimmungen blicken lernte, ohne freilich ganz frei davon zu werden. Denn es war nur eine Variation derselben Grundstimmung, wenn die Seelen, welche der Tränen und Seufzer müde geworden waren, sich zur Erhabenheit hinaufstimmten. Auch das Ungeheure erschien bewundernswert: in Hyperbeln sprechen, das Gemeinste mit einem Aufwand von Kraft sagen, das Unbedeutende mit der Miene tun, als ob es etwas Unerhörtes sei, wurde eine Zeitlang Modetorheit der literarischen Kreise. Aber auch die Kraftmänner verloren sich. Um 1790 sah man wieder mit Lächeln auf die nächste Vergangenheit zurück und befriedigte sein Gemüt bei der hausbackenen und nüchternen Weise, in welcher Lafontaine und Iffland die Rührung handhabten. Aus dieser Zeit soll hier das Aufwachsen einer Kinderseele dargestellt werden. Es ist ein – nicht gedruckter – Bericht über die eigene früheste Jugend, den ein besonders kräftiger Mann seiner Familie hinterlassen hat. Er enthält durchaus nichts Ungewöhnliches, nur anspruchslose Erzählung über die Entwicklung eines Knaben durch Lehre und Haus, wie sie in tausend Familien jener Jahre stattfand. Aber gerade das Gemeingültige der Mitteilung macht sie besonders geeignet, den Anteil des Lesers zu erwerben. Sie gibt zugleich einen belehrenden Einblick in das Leben einer Familie von aufsteigender Lebenskraft. In den ersten Regierungsjahren Friedrichs des Großen lag zu Kleuden bei Leipzig ein armer Lehrer auf dem Totenbett; langer Ärger und Verfolgungen, die er durch seinen Vorgesetzten, einen heftigen Pfarrherrn, erduldet, hatten ihn auf das Krankenlager geworfen. Der geistliche Gegner suchte die Versöhnung mit dem Sterbenden; er gelobte dem Lehrer Haupt, für seine unerzogenen Kinder Sorge zu tragen, und er hielt Wort. Er brachte einen Sohn in das große Handelshaus Frege, welches damals im Aufblühen war. Der junge Haupt erwarb sich das Vertrauen seines Chefs; als er selbst eine Handlung in Zittau begründen wollte, machte das Haus Frege dem Vermögenslosen ein Darlehn von zehntausend Talern. Das Jahr darauf schrieb der neue Kaufmann seinem Gläubiger, wie energisch der Aufschwung seines Geschäftes sei, und daß er, um nicht in größte Verlegenheit zu kommen, dieselbe Summe noch einmal bedürfe. Der frühere Prinzipal sandte ihm das Doppelte. Nach acht Jahren hatte der Zittauer Kaufmann das ganze Darlehn zurückgezahlt; an dem Tage, wo er die letzte Summe absandte, trank er in seinem Haus die erste Flasche Wein. Der Sohn dieses Mannes, Ernst Friedrich Haupt – er, welcher hier von seiner Schulzeit im Vaterhause erzählen soll – studierte die Rechte und wurde Syndikus, später Bürgermeister in seiner Vaterstadt Zittau, ein Mann von gewaltigem Wesen und tiefem Sinn und selbst Gelehrter von umfangreichem Wissen; eine kleine Sammlung lateinischer Gedichte – Übersetzungen Goethischer –, welche von ihm gedruckt sind, gehört zu den feinsten und elegantesten Mustern dieser Gattung von Poesie. Ernst war auch sein Leben. Seine großartige Kraft arbeitete unter immerhin beschränkten Verhältnissen mit einem Eifer, welcher sich selbst nie genugtat. Aber die Wucht seines energischen Wesens wurde bei den Anfängen der politischen Bewegungen im Jahre 1830 der jungen Demokratie unter den Bürgern lästig. Gerade in seiner Heimat fiel die Agitation in die Hände eines unholden Mannes, der später sich selbst durch schlechte Taten ein klägliches Ende bereitete. In dem Taumel der ersten Bewegung ließ sich die Bürgerschaft das treue Verhältnis, in dem sie durch dreißig Jahre zu ihrem Vorstand gestanden hatte, verderben. Der stolze und strenge Mann wurde durch Lieblosigkeiten und Undank in tiefster Seele erschüttert, er zog sich vor jeder öffentlichen Tätigkeit zurück, und keine Bitten und nicht die aufrichtige Reue, die seinen Mitbürgern nach kurzer Zeit kam, vermochten ihn, die herbe Kränkung jener Jahre zu vergessen, die sein Leben bis in das Mark ergriffen hatte. Wenn er still vor sich hinsehend durch die Straßen ging, eine schöne finstere Greisengestalt, dann – so erzählen Augenzeugen – zogen die Leute mit scheuer Ehrfurcht von allen Seiten die Mützen, er aber schritt, ohne rechts und links zu sehen, durch den Haufen. Von da an lebte er als Privatmann seiner Wissenschaft. – Sein Sohn, Moriz Haupt, Professor an der Universität zu Berlin, wurde einer unserer größten Philologen, einer unserer reinsten Männer. So beginnt ein tüchtiger Mann aus der Zeit der Väter den Bericht über seine ersten Lehrjahre. Meine frühesten Erinnerungen fallen in den Herbst des Jahres 1776, als ich zweiundeinhalb Jahr alt war. Wir fuhren auf das Familiengut, ich saß auf meiner Mutter Schoß, und die sanfte Röte, die ihr Gesicht überzog, gefiel mir so wohl. Ich freute mich der Bäume, wie sie so schnell bei dem Wagen vorbeiliefen. Noch jetzt – dieselben Bäume stehen noch jenseits der Brücke – noch jetzt weht mich bei ihrem Anblick diese Erinnerung aus der Unschuldswelt an. Schon vierunddreißig Jahre deckt die Gruft deinen heiligen Staub, Vollendete, uns so früh Entrissene! Sanft wie dein freundliches Gesicht mußte deine Seele sein! – Ich kannte dich nicht. – Nur leise heilige Erinnerung ist mir geblieben, kein Gemälde von dir, kein Schattenriß, »nicht ein süß erinnernd Pfand«. Doch stand ich kurz vorher, ehe man mich, den noch nicht Siebenjährigen, nach Leipzig sandte, an der heiligen Stätte, die deine Asche birgt und gelobte dir schluchzend, gut zu sein! Wohl entsinne ich mich des Sonntagmorgens, an welchem meine Schwester Riekchen geboren ward. Eilenden Laufes – ich war eher aufgestanden als mein Bruder und ungebeten in der Mutter Stube gelaufen – verkündete ich's jedem, den ich fand. Einige Tage nachher sah ich, daß alles um mich her weinte: »Die Mama geht weg«, rief händeringend unsere alte Pflegerin. Weg? wohin denn? so fragte ich staunend. »In den Himmel!« war die Antwort, die ich nicht verstand. Meine Mutter hatte uns Kinder noch einmal um sich versammelt, zum letztenmal uns zu küssen und zu segnen. Meine Stiefschwester Jettchen, damals fast zehn Jahre alt, und mein vierjähriger Bruder Ernst hatten geweint: ich – so erzählte man mir oft zu meinem Gram – hatte den Kuß kaum abgewartet und mich schäkernd hinter meine Geschwister versteckt. »Fritz, Fritz«, hatte meine Mutter lächelnd gesprochen, »du bist und bleibst ein loser Junge! Nun, lauf nur, lauf!« Was ich vom Himmel und von der Auferstehung gehört, gab mir verworrene Gedanken, als werde die Mutter wohl bald erwachen und wieder bei uns sein. Einige Zeit nachher sagte mir mein sehr viel verständigerer Bruder, als wir auf einem Stuhl kniend dem abendlichen Zug der Wolken nachsahen und von der Mutter sprachen: »Nein! die Auferstehung ist etwas ganz anderes!« Aber bald nach ihrem Begräbnistag – es war Sonntags – spielte ich abends vor der Hintertür des Hauses, und ein Bettler sprach mich an. »Die Mama ist gestorben', rief ich, und entlief der Wärterin durch beide Höfe, um meinen Vater aufzusuchen, den ich traurig in seiner Stube sitzend fand. Er nahm mich und meinen Bruder bei der Hand und weinte. Das war mir fremd. »Also auch der Vater kann weinen, der doch so alt ist.« – Überhaupt kam mir mein Vater, der doch damals kaum siebenundvierzig Jahre alt war, immer alt vor, weit älter als z. B. ich in jetzt fast gleichem Alter auszusehen glaube. Aber in dem frühen Alter sehen Kinderaugen das meiste anders, und überdem hatte mein Vater finstere Augenbrauen, wie mir denn auch etwas Ähnliches zuteil worden ist. Sechs Monate nach meiner Mutter Tod nahm mein Vater seine Schwester zu sich, und hierdurch änderte sich manches in unserm Tun und Treiben. Es war nicht mehr so still bei uns als vorher. Süß ist mir noch jetzt die Erinnerung an die Erzählungen, mit welchen unsere Tante – von uns und aller Welt »Frau Muhme« genannt – uns in den Abendstunden unterhielt. Sobald es dämmerte, zerrten wir sie mit Gewalt in ihren Stuhl, ringsum auf Stühlchen saßen wir Kinder und horchten auf. Von der Heimat unseres Vaters, von Leipzig, von unseren Groß- und Urgroßeltern ward hundertmal erzählt, und damals schon sehnte ich mich Leipzig zu sehen, dessen Messen ich mir, sonderbar genug, wie eine Treppe mit Papier behangen vorstellte. Unbeschreibliches Vergnügen genossen wir, wenn wir abends bei Mondschein den Zug der Wolken betrachteten. Ein Fenster hatte die Aussicht auf den Berg und Gehölz. In jeder Wolkenform erblickten wir Menschen- oder Tiergestalten. Das Halbschauerliche erhöhte den Reiz-, und als ich im sechzehnten Jahre zum ersten Male Ossian las und seine düstere Welt mit ihren Geistern, Nebeln und Gebilden vor mir vorüberging, da war ich wieder im Geist an jenem Fenster. So auch, wenn ich das Gedicht las: Jetzt ziehn die Wolken, Lotte, Lotte! usw.« Oft wurden auch von Besuchenden, wie ehedem fast in jeder Kinderstube, Geister- und Gespenstergeschichten erzählt, an denen wir uns nicht satt hören konnten. Dennoch und ungeachtet mancher Erzählende selbst daran glaubte, ist zu keiner Zeit meinem Bruder und mir ein Gedanke auch nur von Wahrscheinlichkeit des Erzählten beigegangen. Nie glaubten wir an Außernatürliches, schon als fünfjährige Knaben stritten wir gegen Aberglauben. Dies verdankten wir unserer Stiefschwester Jettchen, einem Mädchen von seltenen Geistesgaben. Sie stellte uns in einfachen Worten die lächerliche Seite der Märchen dar. Nichtsdestoweniger hatte das Schauerliche große Macht über uns, und wir waren oft in Angst, wenn wir genötigt wurden, im Finstern den langen Gang auf dem Vordersaal zu durchwandern. Dreiundeinhalbes Jahr alt erhielt ich den ersten Unterricht. Mein Bruder konnte fast schon lesen, indes brachte ich es bald so weit, mit ihm ziemlich gleichen Schritt zu halten. Ich wüßte nicht zu sagen, daß wir M. Kretzschmar, unsern ersten Lehrer geliebt hätten, denn er war zum Teil bizarr und teilte reichlich Kopfstücke aus. Es ist kaum glaublich, aber ich beteure es, daß ich im fünften Jahre schon mechanisch las und dabei an etwas ganz anderes dachte: z. B. an die Blumen in unserm Garten, an unsern kleinen Hund usw. Meine eigenen Worte hallten mir wie fremd in meinen Ohren. Daher war ich auch oft im Traum, wenn eine Frage an mich erging. Nun folgte das Kopfstück, aber dann dachte ich wieder über das Kopfstück nach usw. Woran lag es also? Daran unstreitig, daß unser Lehrer die jugendliche Seele nicht für den Gegenstand zu gewinnen wußte. Mein Bruder war eine höchst seltene Ausnahme stillen Ernstes, und wer weiß, wie oft er dennoch, wenn ich auf die Schraube gebracht ward, ebenfalls zerstreut gewesen sein mag? – Im fünften Jahre fingen wir auch an das Lateinische zu lernen. Jettchen übersetzte schon flink den Cornelius und Phädrus, auch aus dem französischen Neuen Testament. Wir Jungen lernten frischweg nach Langens und Raussendorfs Grammatik, und längst schon machte ich, so nannten wir's, »kleine Exerzitia«, ehe ich klar wußte, was ich trieb. Deutlich erinnere ich mich, daß es mir wie Schuppen von den Augen fiel, als ich, bald sechs Jahre alt, erfuhr, »es sei die Sprache der alten Römer, die wir erlernten«. So war damals der Unterricht fast allgemein beschaffen.  Dennoch bin ich auch diesem Lehrer in mehrfacher Hinsicht Dank schuldig. Er lehrte uns richtig und gut lesen, und durch öfteres Rezitieren schöner Verse – er dichtete selbst nicht übel – flößte er uns frühzeitig Geschmack an Wohlklang und Harmonie ein. Viel, sehr viel Lieder, Fabeln usw. lernten wir auswendig. Auswendiglernen! ein jetzt veraltetes Wort, stand damals häufig in den Lektionsplänen, und hierdurch ist mein Gedächtnis so stark geworden. Wir wurden geübt, in einer Viertelstunde ganze Seiten zu memorieren, und oft lernte ich später beim Anziehen acht, zehn, auch zwölf Strophen. Kurz, im ganzen genommen nach damaligem Standpunkt der Pädagogik, war bei allen Mängeln nicht übel für uns gesorgt. – Auch das Herz blieb nicht unbedacht. Feddersens Leben Jesu war eine unserer Lieblingslektionen: dem Religionsunterricht lag Feders Lehrbuch zum Grunde, welches noch heute unter die guten gehört. – Unser Gefühl für das Anmutige und Schöne ward noch auf andere Weise erweckt und erzogen. Damals machten die Weißeschen Operetten mit Millers Komposition großes Aufsehen. Kretzschmar spielte fertig das Klavier und noch fertiger Violine. Meine Schwester Jettchen spielte ganz leidlich vom Blatt. So wurden nach und nach fast alle Weißeschen Opern durchgespielt und durchgesungen, in die leichteren Arien stimmten wir Jüngeren nach dem Gehör ein. Mein Vater selbst hörte, bisweilen einstimmend, mit Vergnügen zu. So verging mancher Herbst- und Winterabend. Traute Szenen der Häuslichkeit, wo seid ihr geblieben in den meisten Familien? Jammerlektüre, Ressource, Spiel tauschte man gegen euch ein! Was wir von Gedichten lernten, deklamierten wir abends dem Vater, der Muhme, ja im Notfall den Mägden vor: Stellen, die man uns erklärt hatte, erklärten wir dann wieder. Dies alles vereint erregte in mir die ersten Gedanken, mich den Studien zu weihen und anfangs den Wunsch, Prediger zu werden. Der Gespielen hatten wir mehrere. Es war allgemeine Sitte, daß Kinder zu Kindern Sonntags gebeten wurden oder sich anmelden ließen. Man blieb abends zu Tisch und gewöhnte sich an Artigkeit gegen Erwachsene. Mich, als den Kleinsten unter allen, nahmen gewöhnlich die Hausväter und Mütter an ihre Seite. Überall herzliche Freundlichkeit. Auch diese Sitte ist – wenigstens in dieser Form – fast verschwunden. Den Alten mochten wir bisweilen nicht ganz gelegen erscheinen, aber gewiß selten! Auch mein Vater sah es gern, wenn Kinder, oft sechs bis acht an der Zahl, zu uns kamen. Und damals blühte überall die Handlung. Gern gaben die Alten dem fröhlichen Völkchen ein Abendbrot, sie spielten auch wohl selbst mit. So freuten wir uns Montags sehr auf den nächsten Sonntag. Ist es ein Wunder, wenn ich noch jetzt mit Wonne an jene Tage denke, deren Erinnerung mich anweht wie ein labender Blumenduft! Bei aller jugendlichen Fröhlichkeit war ich doch oft sehr ernst gestimmt. Von unsrer Mutter, die damals drei Jahre tot war, ward oft gesprochen. Sterbelieder hatten wir in Menge gelernt, und ich dachte sechs Jahre alt gewiß öfter an Tod und Unsterblichkeit als mancher Jüngling, mancher Mann. Was aus dem Tier nach dem Tod werde, daran hatte ich bis zu meinem fünften Jahre nicht gedacht. Da sah ich einen kleinen toten Hund im Stadtgraben und fragte unsern Lehrer. »Mit den Tieren ist's aus«, erwiderte er, welches mich unbeschreiblich traurig machte. Es war ein Sonntagabend, ich erzählte es unserer Pflegerin und weinte bitterlich. Zu Ostern 1780 kam unser neuer Lehrer. Er besaß gute Kenntnisse und lebte sehr still und eingezogen, da er sich im geheimen zu den Herrnhutern zählte. Wir hingen mit inniger Liebe an ihm, denn er widmete sich uns ganz. Mit keinem Menschen gingen wir lieber spazieren, und alle seine Gespräche waren belehrend, meist religiös. Das Streben, uns seinen Hang zu jener Sekte, die mein Vater haßte, zu verbergen, gab seinen Worten etwas Geheimnisvolles. Unsre Sitten gewannen viel durch ihn. So entwöhnte er uns, leichtsinnig Gott oder Jesum zu nennen, und bei seinem Abgang nach zwei Jahren waren wir hierin so fest begründet, daß wohl Monate vergingen, ehe uns jener Mißbrauch einmal entschlüpfte. Geschah es dennoch, so büßten wir es im stillen durch bittere Reue ab. Das fröhlichste Spiel verließen wir und beteten recht herzlich. – Freilich neigten wir uns endlich selbst zur Frömmelei hin; denn alle Weltlust ward verdammt, oder man sah schädliche Zerstreuung. Sogenannte Lesebücher, die an Romane auch nur angrenzten, taugten nichts. Selbst Gellert wurden seine Schauspiele als Jugendsünde angerechnet. Spiel – Bälle – weltliche Konzerte – Werkstätten des Teufels! Nur Oratorien passierten. Komödien waren nun vollends die Sünde wider den Heiligen Geist. Mein Bruder, ohnehin zur Schwermut geneigt, ward weit stärker von diesen Meinungen ergriffen, er weinte oft im stillen um seine Sünden, wie er sagte. Ich beneidete ihn deshalb, hielt mich für einen Unwürdigen, ihn für ein Kind Gottes; aber mit allen Anstrengungen wollte es mir nicht gelingen, »so korrekt zu sein!« – Stets freute ich mich schon wehmütiger Rührungen, die mein weiches Herz oft ergriffen. Dennoch, dennoch bleibt dir mein Dank geweiht, du guter, redlicher Lehrer! Du warst der treueste Hirte deiner kleinen Herde! Er lebt noch, den Achtzigen nahe. Seit dreißig Jahren sah ich ihn nur einmal, er schrieb mir aber im vorigen Jahr, als mein Bruder entschlafen war, voll Treue und Frömmigkeit. Ein Traum – auf Träume hielt er viel – hatte ihn am Sterbetag meines Bruders, »seines Ernsts«, in unser Haus geführt. Rührend ist es zu lesen, wie er mir versichert, seine Überzeugungen seien dieselben noch wie vor vierzig Jahren. – Noch erinnere ich mich einer seligen Stunde. Er ging mit uns um die Stadt spazieren, und der Abendstern blinkte freundlich. »Was mögen die Leute dort oben wohl machen?« sagte der Lehrer. Das war uns neu! Wir staunten freudig bewegt, als er uns sagte: es sei möglich, wahrscheinlich sogar, daß Gottes Güte auch andere Sterne lebenden, denkenden, ihn anbetenden Geschöpfen zum Wohnplatz angewiesen habe. Erfreut, erhoben, getröstet kehrten wir zurück. Es war das Gegenstück zu jener Traurigkeit, die mich befiel, als ich hörte, mit den Tieren sei's aus!  Am Weihnachtsabend 1780 starb unsere geliebte Schwester Jettchen im vierzehnten Jahre. Neun Tage vorher spielten wir fröhlich, als sie plötzlich über Leibschmerzen klagte. Der Arzt nahm es leicht, und wahrscheinlich ward die wahre Ursache verkannt. Nach sieben Tagen verfiel sie sichtlich und ward totenbleich und matt. Sie verließ zum letztenmal ihr Lager, um uns unsere Schreibbücher zuzureichen. Dennoch schien man ihren Tod nicht zu ahnen. Ach! er erfolgte am Weihnachtsabend früh um vier Uhr. Man weckte uns, sie noch einmal zu sehen. Laut weinend stürzten wir auf sie zu. Sie kannte uns nicht. »Gute Nacht! Jettchen!« riefen wir, und mein Vater betete weinend. Unser Lehrer stand neben der Sterbenden und betete: »Nun nimm mein Herz und alles, was ich bin, von mir zu dir, du liebster Jesu hin!« (Aus dem Kottbuser Gesangbuch.) Sie verschied unter diesem Flehen und lag da in himmlischer Heiterkeit. Meine kleine dreiundeinhalbjährige Schwester Riekchen kam hinzu und sagte zur Leichenfrau: »Wenn ich sterbe, so lege sie mich auch in solch ein weißes Tuch wie meine Jettel.« Und siebzehn Jahre nachher tat es dieselbe Frau! – Abends sollten wir nun die Weihnachtswünsche sagen. Jettchens Wunsch übergab mein Bruder, wie sie ihn – sehr schön – geschrieben. »Euer Vordermann fehlt«, sagte weinend mein Vater. Am dritten Feiertag ward sie begraben. Sie lag im weißen Gewand mit blaßroten Schleifen, einen Kranz im braunen Haar, ein kleines Kruzifix in der Hand. »Schlaf wohl«, rief unsere alte Pflegerin, »bis dein Heiland dich weckt!« Wir konnten nicht sprechen, wir schluchzten nur. Oft erschien mir mein heißgeliebtes Jettchen im Traum, immer geschmückt, still und ernst. Einst bot sie mir einen Kranz. Dies nahm man als Zeichen, daß ich sterben würde, als ich bald nachher ernsthaft krank ward. Aber seit meinen Kinderjahren ist mir's nur einmal so gut geworden, von ihr zu träumen! Sie liebte mich zärtlich! Vorzugsweise sogar! Unsern Schmerz milderte die Zerstreuung, die uns ein neuer Bau meines Vaters gewährte. Ein neues Gartenhaus, Erweiterung und gänzliche Umgestaltung des Gartens, hatte mein Vater schon längst gewünscht. In weniger als zwei Jahren war alles vollendet, und nun wurden die meisten Sommerabende dort zugebracht. Der Garten war früher schon unser Tummelplatz, und nun ward er vergrößert. Welche Lust, als wir beim Heben des neuen Gebäudes zum erstenmal im Freien das Abendbrot aßen! Und wenn wir vollends bis zehn Uhr draußen blieben und unter dem Sternenhimmel umherzogen, oder mein Vater kleine Feuerwerke abbrannte! – Im Mai 1782 verließ uns unser guter Lehrer, der das Rektorat in Seidenberg erhalten hatte. Unser Schmerz war groß, sehr groß! Er segnete uns: »Haltet ernst an der Lehre, die ich euch gegeben habe! Fürchtet Gott, und es wird euch wohl gehen!« Dies waren seine letzten Worte. Ich warf mich aufs Bett und weinte ins Kissen. Mein Vater war ein streng rechtlicher Ehrenmann. Aus bitterer Armut hatte er sich durch eigene Anstrengung zum Wohlstand erhoben. Rastlos tätig dachte er nur darauf, seine Handlung zu behaupten, zu erweitern, vielen hundert Fabrikanten Erwerb zu verschaffen und uns, seinen Kindern, ein unabhängiges Leben zu sichern. Er arbeitete täglich zehn, oft wohl auch elf Stunden, nur seine Baue zogen ihn bisweilen auf einzelne Stunden ab, sonst nichts in der Welt. Er war zum Kaufmann geboren, aber in einem bessern Sinn: kleinliche Nebenvorteile verschmähte er, und ich glaube, es wäre ihm unmöglich gewesen, Detailhändler zu sein. Nie benutzte er die häufige Gelegenheit, durch Konkursvermittlung reicher zu werden; er wandelte stets auf gerader Bahn und konnte zürnen, wenn seine Diener auf den Messen in seiner Abwesenheit die Käufer überteuerten. – Einfach, wie die Grundsätze seines Lebens, war sein Äußeres. Die Mobilien blieben fast unverändert: das ererbte Silberzeug behielt seine Form: nur auf feines Tuch hielt er und auf guten Rheinwein. Frugal war sein Tisch; die hohen Festtage abgerechnet, stets nur ein Gericht; abends oft nur Kartoffeln oder Rettich. Wein nur Sonntags, außer im Sommer abends in dem Garten. Traktamente etwa jährlich eins, dann ließ sich aber Vater Haupt nicht schimpfen. Champagner konnte er nicht leiden, dieser kam sehr selten. Dagegen alter Rheinwein, Ungar und Bischof von Burgunder. Sonntägliche Spaziergänge ins Feld, dann und wann eine Spazierfahrt unterbrachen die sich immer gleiche Lebensweise. Übrigens war er gastfrei; sehr oft kamen auswärtige Handelsfreunde, und die Lieblingsfaktoren nahm er von der Schreibstube nicht selten zum Mittagsmahl mit. Er sah es gern, wenn Bekannte ihn abends in dem Garten besuchten. Er politisierte gern und hatte oft einen richtigen Blick in die Zukunft. So ernst er war, konnte er doch sehr leicht sein und scherzte oft mit uns. Er war freigebig in hohem Grade, gab auch den Armen viel und unterstützte gern tätige Leute. Bisweilen überraschte ihn eine große Abneigung gegen den Gelehrtenstand, daher er nicht selten gegen das Stammbuchtragen der Schüler eiferte; dennoch gab er nie unter 1 Tlr. 8 Ngr., oft das Doppelte, ja Drei- und Vierfache. Alles Großtun war ihm fremd, verhaßt jede Prahlerei mit Reichtum. Hörte er, daß seine Zunftgenossen eine solche Ostentation zeigten, so lächelte er höchstens satirisch; und nur selten, wenn es die Prahler allzu toll machten, konnte er sagen: »Es ist noch nicht aller Tage Abend«, oder: »Was der Mann nicht alles hat!« allenfalls höchstens: »Nun, so ganz klein bin ich doch auch nicht!« – Er war streng religiös, doch ohne Aberglauben, gegen den er, sowie gegen Pfaffentum, Priesterstolz und Gleisnerei laut eifern konnte. Er dachte über die wichtigsten Dinge heller, als er selbst wußte, ja er erschrak gleichsam, wenn er sich selbst auf zu freien Ansichten, wie er meinte, ertappte. Rührend war mir's, als er einst in Leipzig während meiner Studienzeit über das Beichtwesen sich freimütig äußerte und einlenkend mit großer Bescheidenheit sagte: »Doch, ich rede wohl zuviel, Fritz? Ich weiß, daß ich kein tiefdenkender Mann bin.« Er hatte als Jüngling selbst in Wolffs philosophischen Schriften gelesen, aber ihre Trockenheit nicht überwinden können. In seinen Urteilen über Menschen traf er, wie man sagt, den Nagel auf den Kopf; doch war er, wie alle rechtlichen Seelen, oft kaustisch, oft scharf und bitter. Hatte er einmal gesagt: »Der Kerl taugt nichts!« so blieb es auch hierbei. Bei seinen übergroßen Geschäften, wobei ihm kein Intelligenter, sondern nur Maschinenmenschen assistierten, sahen wir ihn freilich wenig. Er mußte uns dem Hauslehrer und dem weiblichen Personal anvertrauen. Daher kam es auch, daß wir mehr Ehrfurcht für ihn empfanden als trauliche Zärtlichkeit. Doch liebten wir ihn von Grund der Seele, und seine Grundsätze, seine Lehren, sein einfaches Leben wirkten wohltätig auf uns. Unsere Tante hatte zwar ihre guten Stunden, doch gelang es ihr nie, sich unsere volle Liebe zu erwerben. Die Zänkerei mit den Mägden widerte uns um so mehr an, je mehr die abwechselnde Vertraulichkeit dagegen abstach; sie war Meisterin darin, die verdrießlichen Augenblicke des Vaters zu ihren Zwecken zu benutzen. Aber alles dieses wandte ihr unser Herz doch nicht ab, da sie uns eigentlich kein Leid antat, oft sogar sich unser gegen Mißhandlung des neuen Lehrers annahm. – Es lag nur daran, daß sie nicht geeignet war, kindliche Herzen zu fesseln. Hierzu kam ihr Haß gegen unsere Pflegerin, an der wir mit voller Seele hingen, da sie uns vier mutterlosen Waisen ohne irgendeinen Beistand auferzog. Aus einem bessern Stand – ihr Mann hatte große Rittergüter bei Wernigerode in Pacht gehabt – war diese durch Krieg, Plünderung und eine Kette von Unfällen verarmt, ihr Mann war gestorben und ihre Kinder waren teils in die Welt gegangen, teils bei Verwandten untergebracht. Sie war ein vorzüglicher Weiberkopf, hatte klaren Verstand, unendliche Gutmütigkeit, Heiterkeit und treffenden Witz. Wenn es wahr sein sollte, daß auch ich bisweilen launige Einfalle habe, so gebührt ihr an der Ausbildung der Anlage bestimmter Anteil. Wohl erinnere ich mich, daß ich halbe Stunden lang mit ihr bonmotisierte, ganze Allegorien wurden durchgeführt. »Mit dir kann man doch spaßen«, mit dieser Zensur war ich oft belohnt. Dabei war sie anstellig zu tausenderlei Dingen und wußte stets Rat. Sie war den Stillen im Land ebenfalls nicht abgeneigt, welches durch ihre großen Leiden, deren Kelch sie in vollem Maß leeren mußte, erklärbar ward. Aber ihr Herz war rein und fromm, und sie erhielt in uns noch den Eindruck von unseres früheren Lehrers Ermahnungen, als sein Nachfolger durch Lehre und Wandel sie fast ausgerottet hätte. Mehrere ihrer Verwandten, auch ein Schwiegersohn, waren Wundärzte gewesen, und sie hatte als Mädchen schon hierin Beistand geleistet. Daher besaß sie mehr als gewöhnliche Kenntnisse, und ein Chirurg erstaunte, als sie meines Bruders Fuß, den er sich ausgefallen, geschickt wieder einrichtete. Die Osteologie verstand sie vollständig. Freilich mochte sie sich bisweilen zuviel zutrauen; indes heilten doch ihre Mittel sehr bald, und als die Chirurgen vier Monate an einer Quetschung, die meines Bruders Fuß bei jenem Unfall erlitten, vergeblich kurierten und vom Knochenfraß sprachen, schüttelte sie den Kopf. Jene wurden fortgeschickt, und in vier Wochen war der Fuß geheilt. Das Publikum traute ihr sogar Schwarzkünstelei zu; aber wir wußten, woran wir waren. »Ich hab' es meiner Frau geschworen (unserer Mutter), für euch mein Leben zu lassen, wenn ich euch nützen kann, und ich werde halten, was ich an ihrem Sterbebett gelobte!« Friede sei mit ihrer Asche! Ihr Wunsch, unfern ihrer Frau zu ruhen, ist erfüllt worden! »Kinder! wenn ich sterbe, nur eine Bitte! Legt mich in die Nähe eurer Mutter; ach, wenn ich unter die Dachtraufe der Gruft komme, bin ich zufrieden!« So sah es aus in unserm Hause, als der neue Lehrer auftrat – in allem des früheren Gegenbild. Dieser einfach, schlicht und recht, das Böse meidend, jener ein leichter, lustiger Zierbengel, der – damals ein Wichtiges – mit der Lorgnette spielte und steife Glanzstiefeln trug, selbst wenn er predigte. Im Wissen unter dem früheren, im Glauben selbst nicht wissend, was er wollte. Jener wog die Worte, dieser suchte sogar je und je ein wenig, und bald folgten seine Eleven ihm nach. Er tanzte, ritt, spielte in der Karte usw. Summa ein ganz gewöhnlicher Magister! Aufbrausend, hart, tyrannisch bei unsern Fehlern, oder vielmehr – denn in der Sittlichkeit arbeitete er nicht sonderlich – tyrannisch bei kleinen Versehen in der Schule. Und wir lernten alle sehr gut, wußten mehr als alle unsere Gespielen, des bin ich gewiß! Viel fehlte nicht, daß er mir – den er vorzüglich hart behandelte, weil er meinen feurigen Sinn nicht verstand – die Wissenschaft verleidet hätte; indes aus jener Härte sog meine Natur Honig. Ich hatte oft Unrecht erlitten, hieraus schied sich das Gefühl für Recht in meiner Seele. »Besser Unrecht leiden als Unrecht tun!« dies rief mir unsere Pflegerin oft zu. Und hieraus erblühte mein Eifer gegen Bedrückung, Gewalttaten und Unrecht aller Art. Früh schon empörte es alle Tiefen meiner Seele, wenn ich Schuldlose mißhandeln, Leidende noch tiefer kränken sah von gefühllosem Übermut! Selbst der Schuldige war mir und meinem Bruder heilig, wenn er bereute. Also war es heilsam, unverschuldet Härte zu erfahren! Und dennoch – so versöhnlich ist die reine Seele des Kindes – haßten wir den Mann nur auf Augenblicke. Ein freundliches Wort von ihm, ein Lob und alles war vergessen! – Da mein Vater das stille Wesen nicht ganz billigte, so galt der neue Lehrer anfangs mehr bei ihm. Aber bald lernte er seinen Mann kennen, und Gott mag wissen, wie mein Vater selbst sich von diesem wertlosen Menschen fünf Jahre lang mißhandeln lassen konnte; denn er schrieb ihm grobe Briefe, wenn etwa der Vater sich beigehen ließ, etwas zu tadeln! Zu klagen wagten wir nicht, und der Vater stand doch nicht in eigentlich traulichem Verhältnis mit uns. Wir litten also im stillen und oft nicht wenig! Oft hab' ich, im eigentlichsten Sinne, mein Brot mit Tränen im bittersten Genuß gegessen! Nachholen muß ich, daß mein erster Entschluß Prediger zu werden, durch diesen Lehrer ausgerottet ward. »Jura! Jura!« rief er oft. Was das heiße, schwebte mir nur dunkel vor. Endlich auf einmal kam mir der Gedanke, als ich hörte, daß es auch juristische Professoren gebe. Nun blieb es dabei; mich zog also doch nur das Lehramt oder der Wunsch öffentlich zu sprechen an. Gibt es einen Beruf, so hätte ich also diesen gehabt! – Gehabt! So flossen die Jahre 1782–1786 hin. Im Anfang des Jahres 1787 ward mein Bruder, noch nicht vierzehn Jahre alt, nach Chemnitz auf ein Kontor gebracht. Unaussprechlich schmerzlich war die Trennung. Wir liebten uns als Brüder, und sooft wir auch kleine Fehden hatten, woran ich mehr die Schuld trug als er, so ging doch nie die Sonne vor der Versöhnung unter. Nun folgt aber ein Hauptabschnitt meines Knabenalters. Wohl ist es schön, das Bild eines vollendeten Hauslehrers! Mehr als Vater und Mutter leisten können, bewirkt ein edler, frommer, einfach lebender Lehrer voll Einsicht und sittlicher Kraft; nur daß unter Hunderten kaum einer ein solches Ideal darstellt. Eine Last sank von meiner Brust, als ich mich frei fühlte von dieses Lehrers Zuchtzwang! Ein nie empfundenes Gefühl klopfte in mir! Ich ward halb schon zum Jüngling! War es Drang nach aussichtslosem Herumtreiben? Zerstreuungssucht? oder jugendliche Überklugheit, die des Führers nicht zu bedürfen wähnt? Wahrlich, von allem diesem kam kein Gedanke in meine Seele! Es war das reine Bewußtsein erlittenen Unrechts, es war das treue Selbstgefühl, daß ich so schlecht nicht sei, als er in toller Laune mir oft vorgesagt hatte, es war die frohe Aussicht, selbsttätig anstreben zu können, es war die Begierde, zu zeigen, daß ich eines beengenden Gängelbandes nicht bedürfe. Noch erinnere ich mich des Abends vom 5. April 1787 – am Grünen Donnerstag – wie so schön die Sonne unterging und ich mit einem Gespielen aus freier Brust von dem neuen Leben sprach, das mir aufging. Mein Vater übergab mich dem Unterricht des Konrektors Müller und seines alten Hausfreundes, des Subrektors Jary, und er tat wohl daran. Dem Konrektor Müller danke ich das meiste! – Aus tyrannischem Zwang trat ich in seine liberale Geistespflege. Seine Freundlichkeit, sein offenes, edles Auge, aus dem reine Herzensgüte sprach, zog mich beim ersten Gespräch an. Er verstand es, den Sinn für das Wissenschaftliche zu erhöhen. Gründlich war sein Wissen. Der römischen Sprache war er mächtig, in dem Griechischen nicht unerfahren, deutsche Kriegsgeschichte, Staatengeschichte – und vor allem Literaturgeschichte waren nebst der Geographie seine Lieblingsstudien. Er hatte wohl nicht einen Feind. Jary war nicht zum Schulmann geboren – aber nicht ohne Kenntnisse. Er hatte durch Fleiß errungen, was er besaß. Seine Methode war fehlerhaft, aber er meinte es treu mit seinen Schülern und sorgte für sie. Seine religiöse Ansicht war streng orthodox; ich weinte, als er sich über Sokrates und Ciceros Seligkeit zweifelhaft ausließ! – Dennoch bin ich auch ihm Dank schuldig; er behandelte mich mit ernster Güte, und als er mich 1791 entließ, sagte der alte Mann weinend, im Vorgefühl, daß seine Laufbahn bald vollendet sei: »Leben Sie wohl! Ich werde Sie nicht wiedersehen, leben Sie wohl, Sie der einzige fast, der mich nicht gekränkt hat!« Im August 1788 nahm ich zum erstenmal an der Abendmahlsfeier Anteil. Ernst blickte ich in die Höhe und sagte mir wiederholt Kretzschmars Ode: »Laßt uns des Tempels heiliges Gewölbe jubelnd mit Hymnen unseres Dankes erfüllen! Unsichtbar schwebt hier Gottes Wohlgefallen, aber uns fühlbar!« Freudig, den Himmel im Herzen, trat ich zum Altar! – Dennoch, als ich nachmittags auf einem einsamen Spaziergang mich prüfte, war ich unzufrieden mit mir. Was man mir vom Verdienst Christi vordoziert hatte, blieb mir undeutlich, das Grübeln hierüber schwächte also den Eindruck jenes Tages. Ich plagte mich mit dem Begriff des Versöhnungstodes, und kein Lichtstrahl fiel in meine Seele. Dabei liebte ich die alten Heiden Cicero, Plinius, Sokrates usw. mehr wie manchen Christen zusamt den Aposteln, mehr als alle Juden des Alten Testaments, da mir das Volk Gottes nie sonderlich gefiel. Und doch sollte es zweifelhaft sein, ob Gott den Sokrates zum Erben des Lichtes annehme? Was in aller Welt, dachte ich, konnte mein armer Cicero dafür, daß er nicht später, nicht in Judäa lebte? So mühete ich mich ab – und war mehr traurig als heiter. Zur Michaelismesse 1788 nahm mich mein Vater mit nach Leipzig, wohin auch mein Bruder kommen sollte. Freuden des Wiedersehens! Kein Ausdruck vermag sie zu schildern! Meines Bruders Prinzipal gestattete ihm alle Nachmittage, auch manchen Vormittag. Wir konnten uns daher satt sprechen. Bald nahm ich wahr, daß mein Bruder viele freigedachte Schriften über Religion gelesen hatte, vornehmlich auch manches von Bahrdt. Sein eignes Forschen führte ihn noch weiter. Mir machte dies Kummer, denn Jarys strenge Orthodoxie hielt mich gefangen. Doch war ich der Glücklichere. Denn bald nachher gelangte ich auf wissenschaftlichem Weg zu hellerem Denken, mein Bruder, sich selbst überlassen, schwankte hin und her, welches noch in seinem reifen Alter wahrzunehmen war. Die Frage: warum die Vernunft die Vernunft sei? die unlösbare, hat meinem armen Bruder unsägliche Leiden bereitet. – Freilich half mir mein leichterer Sinn, meine Phantasie, die mich zu den Dichtern hinzog, auch überhaupt mein Gemüt über die dornenvollen Stellen der Grübelei hinweg. Bei meinem Bruder war der Verstand überwiegend. Drei selige Wochen verschwanden uns. Mir selbst ward ein Vorgenuß der Akademie zuteil, da studierende Zittauer sich bemühten mir den Aufenthalt angenehm zu machen. Das Theater ward fleißig besucht; wir liebten Schauspiele leidenschaftlich und hatten, wenn Schauspieler in Zittau waren, unter Leitung des letzten Lehrers einen gewissen kritischen Blick üben gelernt. »Don Carlos« ward gegeben – »Agnes Bernauer« – »Kaspar der Thorringer«; tief blieben die Eindrücke in mir zurück, und ich gestand mir nur leise, daß ich mich als Schauspieler gar nicht übel befinden würde. Auch hier übte das öffentliche Sprechen seinen Zauberreiz an mir aus. Wohl hundertmal haben wir in jenen Jahren Komödie gespielt, oft aus dem Stegreif. Sonderbar, daß mich die alten Rollen, wie wir sie nannten, vornehmlich ansprachen. Nur mit komischen mochte ich nichts zu schaffen haben, die sich, sonderbar genug, mein Bruder nicht selten wählte, obwohl er zu ernsten Rollen mehr Anlage hatte und ihm, nach meinem Urteil, die komischen sogar oft mißlangen. Ein Freund spielte Soldatenrollen, an denen ich einen Greuel hatte. Heil dem öffentlichen Unterricht! Auch er hat bisweilen Mängel, und leider sind oft Schulen Werkstätten der Verführung! Aber wie wahr ist das Wort Quintilians, daß die Kinder die Fehler in die Schule aus dem Hause hineintragen! Groß ist wenigstens der Vorzug, daß öffentliche Anstalten unter Aufsicht stehen und daß Geistesfreiheit in ihnen mehr gedeiht als bei Privatbildung, des durch Wetteifer geweckten und genährten Aufstrebens eigener Kraft nicht zu gedenken. Die Wonnestunde schlug. Montags nach Okuli 1789 ward ich nach wohlüberstandener Prüfung durch den Direktor Sintenis eingeführt. Ich wurde sogleich Oberprimaner – Superior – an der dritten Tafel. Das erregte gewaltigen Neid und bereitete mir viel bittere Stunden. Ich, der ohne Falsch und Arges mit jedem es wohlmeinte, verstand nicht, was viele Primaner wollten. Endlich siegte mein gutes Benehmen, ich blieb mir immer gleich und verschmerzte viel. Überhaupt, lange währte es, ehe ich fassen konnte, was Neid sei, da kein Anflug davon in meine Seele kam. Mein klügerer Bruder, dem ich mein Leid klagte, schrieb mir: »Lies Gustav Lindau, oder der Mann, der keinen Neid vertragen will, von Meißner.« Er hatte recht, und dennoch war ich fünfunddreißig Jahre alt, ehe mir das wahre Licht aufging. Als jene Neidperiode überwunden war – und Müller sagte: »Sie sitzen, wo Sie hingehören, aber behaupten Sie auch Ihren Platz« –, öffnete sich eine Reihe glücklicher Tage. – Ostern rückte heran, ich prüfte mich und fand, daß ich fleißig gewesen war. Besonders bei Müller hatte ich in dem letzten Jahr viel getan. Nur im Griechischen war ich, wie fast alle, zurückgeblieben, indes konnt' ich mir doch forthelfen. In der Reichs- und sächsischen Geschichte war ich fest, in der Literaturkenntnis für einen noch nicht Siebzehnjährigen stark; dagegen in Naturwissenschaften schwach, Physik ward nicht gelesen seit Jahren. In der außereuropäischen Geographie hatte ich Lücken. Am meisten wußte ich Lateinisch. Bogenlange Extemporalien schrieben die Fertigeren von uns fehlerlos nach, in zwei, drei Minuten ward hier und da an der Zierlichkeit gebessert, dann ward sofort vorgelesen. Diesen Übungen verdankte ich die Fertigkeit im Lateinsprechen, die ich mir auf der Akademie sogleich aneignen mußte. Die Zeit meines Abganges auf die Akademie war gekommen. Bei aller Fröhlichkeit hatte ich doch auch viel ernste, fast melancholische Stunden. Schon die Trennung von meinen Geschwistern, die ich alle mit inniger Liebe umfaßte, stimmte mich oft traurig. Besonders liebte ich die jüngste Schwester Friederike, so wie sie an mir hing. Zumal im letzten Winter waren wir unzertrennlich, es war, als ahnte ihr, daß wir frühzeitig getrennt werden würden für immer! Mein Herz war rein, unangetastet von Lockungen, denen, wie ich wohl wußte, mehrere Mitschüler sich hingaben. Schon damals beschloß ich auf gleiche Weise auszudauern, dies darf ich jetzt nach dreißig Jahren wohl sagen. Mein Hauptfehler war Jähzorn bis zur Schlagfertigkeit. Und aufbrausende Hitze ist ja noch die Kehrseite an mir! – Dabei war ich schon damals bitter in der Rüge fremder Fehler! Alles dieses und noch mehr sagte mir treue Selbstprüfung. Versöhnlich war ich immer, und mich zu rächen wäre mir unmöglich gewesen. Mein Herz glühte für Freundschaft, Undank schien mir, wie noch heute, ein schwarzes Laster. – Um endlich auch ein Wort von Jünglingsgefühlen zu sagen – für Mädchenanmut war ich sehr empfänglich, aber nie überschritt ein verräterisches Wort meine Lippen. Die Liebeleien der Schüler waren mir widerlich, wohl aber konnte ich mich im stillen dem Wunsch überlassen, daß weibliche Herzen mir hold sein möchten. Blaß und hager wie ich war, zweifelte ich zwar oft ernstlich an der Möglichkeit. Die stille Schwermut, die aus dem Auge L. v. D's. blickte, zog mich früher schon an; am liebsten sprach ich mit ihr, führte von den Gespielen meiner Schwester nur sie, wenn wir im Garten herumgingen. Aber sie verließ Zittau bald, und nie ist ein Wort meinen Lippen entflohen – und wie sollt' es auch? Im Jahre 1788 sah ich sie noch einmal, seitdem nie wieder. Die ernsten Schulbeschäftigungen verdrängten jeden ähnlichen Gedanken, obwohl man mich so gut als andere vexierte, wenn ich mit einem Mädchen mehr als mit andern auf den Schulbällen getanzt hatte. Manchmal gab es freilich Augenblicke, wo ich aus Großtuerei mich stellte, als läge mir etwas an der Sache, wo doch ganz gewiß nichts war. Aber bald vor meinem Abgang – auf einem Schulball – kam ich mit Lorchen L., die mir mein Stern zur Begleiterin meines Lebens bestimmte, zum erstenmal ins Gespräch. Schon damals gefiel sie mir so wohl! Mit keinem Mädchen tanzte ich lieber und öfter. Es ward mir unheimlich, daß ich in einigen Monaten fort sollte! Auch der Klasse blieb der Eindruck nicht verborgen; man neckte mich. Ich sah finster vor mich hin. Selbst während mehr als sechsjähriger Abwesenheit trat ihr Bild oft vor meine Seele. Gibt es innere Stimmen – so sprach hier eine! Der Tag brach an, wo ich von Zittau Abschied nehmen sollte. Meine Geschwister sollten mich bis Leipzig begleiten. Mit Tränen schied ich von Müller, gerührt von allen Lehrern. Abends ging ich noch einsam ins Freie, der Abendhimmel glänzte, der Widerschein fiel auf die Gruft meiner Mutter. Tränen entstürzten mir: »Ja, Mutter! ich gelobe dir, gut zu sein!« – Schnellen Schrittes ging ich nach Hause. »Nun werden wir«, sagte mein Bruder»nicht mehr« – miteinander wandern, wollte er sagen, aber Tränen erstickten seine Stimme. Wir schliefen wenig, sprachen fast die Nacht hindurch – und früh um vier Uhr rollten unsere Reisewagen aus Zittau.