Max Eyth Im Strom unsrer Zeit Dritter Teil Meisterjahre. Aus Briefen eines Ingenieurs. Vorwort »Meisterjahre« hat Max Eyth den Schlußband seines Lebensbuches »Im Strom unsrer Zeit« genannt, in dem er hauptsächlich die Gründung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, ihre Organisation und ihre ersten Ausstellungen behandelt. Eyth wollte in allzu großer Bescheidenheit das Wort »Meister« nur im Sinne des alten Zunfttitels verstanden sehen. Aber daß auch die Tat, von der die folgenden Blätter erzählen, eine wahre Meisterleistung gewesen ist, wird heute in allen deutschen Gauen von allen, die an der Förderung der Landwirtschaft mitarbeiten, freudig anerkannt. Das Verständnis aber für die Bestrebungen der großen Gesellschaft ist auch bis tief in die städtischen Kreise gedrungen und hat dort landwirtschaftlicher Arbeit, dem Wissen und Können der Landwirte wachsende Anerkennung gebracht. Hat er so unserm ganzen Vaterlande eine vom wirtschaftlichen Standpunkte gar nicht hoch genug einzuschätzende wertvolle Gabe dargebracht, so ist seine Gründung auch noch in andrer Weise als eine nationale Tat zu bezeichnen. Eine deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft hat er schaffen wollen. Landes- und Bezirksgrenzen gab es für ihn nicht; alle deutschen Männer sollten zur Mitarbeit berufen sein, und aus den großen Ausstellungen, die regelmäßig das ganze Reich durchwandern, sollten sich Nord und Süd, Ost und West, Stadt und Land die Hand reichen. Eine neue Brücke wollte er über den Main bauen, und wer je die Ausstellungen besucht hat, wird gesehen haben, wie trefflich ihm das gelungen ist. Wenn man heute zurückblickt, muß man die Zeit, in der der Grundstein zu dem Gebäude gelegt wurde, als in vielen Beziehungen glücklich für eine derartige Gründung ansehen: auf der einen Seite das schwere Ringen der deutschen Landwirtschaft gegen die Ungunst der Verhältnisse und auf der andern die Riesenfortschritte, die Wissenschaft und Technik ihr ermöglichten. Der Austausch von Gedanken und Erfahrungen, von Erfolgen und Mißerfolgen ist seit langer Zeit zur Gewohnheit der Landwirte aller Länder geworden; aber um das alles fruchtbringend zu machen, fehlte in Deutschland der feste Boden einer großen unabhängigen Vereinigung. Die Mißerfolge vergangener Jahrzehnte auf dem Gebiete des landwirtschaftlichen Vereins- und Ausstellungswesens hatten selbst bei den Besten eine Hoffnungslosigkeit der Stimmung hervorgebracht, die schwer zu überwinden war. So fand Max Eyth gerade in denjenigen Kreisen, auf deren Unterstützung er vor allen Dingen gehofft und gerechnet hatte, nicht das erwartete Verständnis. Man mißtraute ihm sogar als dem Engländer und befürchtete, daß er noch im Solde Fowlers stehe und die deutsche Landwirtschaft lediglich mit englischen Maschinen und Fowlerschen Dampfpflügen beglücken wolle. Aber um Widerstände zu überwinden und mit Zähigkeit an einem gefaßten Plane festzuhalten, dazu war gerade Max Eyth, wie wir sehen, der rechte Mann. Unsre Gesellschaft kann sich glücklich schätzen, daß ihr unvergeßlicher Begründer selbst hier ihre Geschichte geschrieben hat. Eyth erzählt seine Erlebnisse mit dem ihm eignen feinen Humor, mit dem glücklichen Blick für das Komische der Situation auch in den ernstesten Augenblicken, mit dem scharfen Auge für die kleinen Schwächen der Menschen. Wer es glaubt tadeln zu müssen, daß er sich nicht scheute, selbst die Freunde, deren Arbeit und Unterstützung, deren Fleiß und Treue an seinem Werk er am wärmsten anerkannte, auch gelegentlich in leichtem Scherz zu ironisieren, weiß nicht, daß der schwäbische Schelm ihm immer im Nacken saß, weiß aber auch nicht, daß er solche kleinen Neckereien nur mit Leuten, die ihm Achtung einflößten, zu treiben pflegte. Jeder, der es noch miterlebt hat, wird, wenn er die nachfolgenden Aufzeichnungen liest, wieder hineingerissen in die Zeit von Sturm und Drang, in der noch alles im Werden war. Die einfachsten Briefe fesseln, als wenn man einer dramatischen Handlung folgte, die nach Wirkungen und Gegenwirkungen schließlich zum befriedigenden Abschluß kommt. Eyth sagt von sich selber, daß er eine Art erratischer Block gewesen sei, der sich festgesetzt habe, wo das Treibeis des Lebens ihn hingeführt, da das aber mit Energie geschehen sei, so habe man es nach einiger Zeit für selbstverständlich angesehen, ihn dort liegen zu sehen, wo er saß. Dieses Selbstverständliche galt aber nicht allein seiner Person, es galt auch seiner Sache, und darin liegt auch die Dauer seines Schaffens begründet; denn das Selbstverständliche bleibt für immer. Auch an seinem Werke zeigt sich die Entwicklung der Deutschen in den letzten fünfundzwanzig Jahren. Sie sind fähiger geworden, große gemeinnützige Aufgaben zu erfassen und durchzuführen. Haben sie die Aufgaben aber einmal erfaßt, so liegt es in dem ganzen deutschen Wesen, sie zu vertiefen und vielseitig auszugestalten. Das letztere ist wiederum in der Eigenart unsrer ganzen Verhältnisse begründet. Ein gutes Material an Kräften fand Eyth vor, und er gesteht ein: »Ich selbst bekam in diesen Jahren einen Begriff davon, welch vielseitiges, schwieriges, alle geistigen Kräfte und alles Wissen des modernen Lebens in Anspruch nehmendes Gewerbe die Landwirtschaft ist, und wie sehr diejenigen irren, die in dem Landwirt von heute noch immer den an der Scholle klebenden, dumpf hinarbeitenden Bauern der alten Zeit sehen zu müssen glauben.« Was Eyth in der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft erreichen wollte, und was besonders bei den Ausstellungen zum Ausdruck kommen sollte, hat er in folgenden kurzen Worten zusammengefaßt: »Was ich schaffen möchte, soll das Gegenteil einer ›Ausstellung‹ im gewöhnlichen Sinn des Wortes werden: harte, ehrliche Arbeit aller Beteiligten vom ersten bis zum letzten Tag, die Lösung schwieriger Aufgaben, die in keiner andern Weise anzupacken sind, als wo das erforderliche Material zusammengeführt werden kann, eine durch viele Jahre fortgesetzte Reihenfolge solcher Studien und Arbeitstage, in denen mehr Schweiß vergossen, als Bier und Wein getrunken, mehr still beobachtet und gelernt, als gelehrt und geschwatzt wird, die keiner verlassen sollte, ohne in Kopf oder Tasche einen Sack neuen Saatgutes für die eigne Wirtschaft nach Hause zu nehmen.« Daß er es erreicht hat, weiß jeder Besucher dieser Ausstellungen. Eyths Vorbild, die »Royal Agricultural Society«, deren großartige Schaustellungen ihm in Deutschland fast unerreichbar dünkten, ist längst übertroffen worden, nicht nur in zielbewußter Arbeit für die ganze technische Entwicklung der deutschen Landwirtschaft, sondern auch durch eine größere und noch dauernd wachsende Anzahl von Mitgliedern, eine weitsichtigere Finanzverwaltung und eine auf wissenschaftlicher Basis aufgebaute Art der Veröffentlichung in Vorträgen und Schriften. In allem aber lebt und webt sein Geist, und wir, die wir in seine Fußstapfen getreten sind, vergegenwärtigen uns das immer wieder in dem Motto, das er diesem Buche aus der Festrede des Pharaos Usertesen I. bei der Grundsteinlegung des Sonnentempels von Heliopolis um 2330 v. Chr. vorgesetzt hat: »Bei jedem Werk des Menschen strecket sich die Zunge hervor, wer aber die Hand anlegt, bringet es zustand.« Ueber 4000 Jahre sind vergangen, seit uns solche Weisheit verkündet wurde. Und wenn wir von Geschlecht zu Geschlecht stets wieder die Hand anlegen, dann wird das, was wir geschaffen, dauernd standhalten. Möge es unserm Vaterlande oft beschieden sein, solche Tatmenschen am rechten Platze zu sehen, wie es unser Max Eyth gewesen ist. Herbst 1909 von Freier-Hoppenrade, Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft. Einleitung Wie ich zur Meisterschaft kam. Zünftig ging es dabei nicht zu. Im Gegenteil. Ich war von jeher eine Art erratischer Block gewesen und setzte mich, wo das Treibeis des Lebens mich hingeführt hatte. Das aber geschah mit einer gewissen Energie, so daß man es nach einiger Zeit für selbstverständlich ansah, mich liegen zu sehen, wo ich saß. – Manche alten Zünftler haben den Kopf geschüttelt: ich gehöre gar nicht zum Handwerk! Aber sie gaben zu, daß in ungeordneten Zeitläuften, wie die unsern, auch einer von außen der Zunft von Nutzen sein könnte, und ließen mich schließlich gewähren. Mir selber lag am Meistertitel nichts. Auch das trug dazu bei, daß sie mir nicht allzu böse wurden. Doch zur Sache! In wanderlustigen Lehrjahren und vielleicht allzu lehrhaften Wanderjahren blieb mir eins versagt, nach dem ich mich heimlich sehnte: einen Schiffbruch zu erleben. Niemals aber war mir so sehr zu Mut, als ob mir ein gütiges Geschick auch diesen Genuß gewährt hätte, als am 30. April 1882, eine Viertelstunde nachdem ich den Hammer meines Monteurs in eine Ecke geworfen hatte, ich die Kellertreppe heraufgestürmt war und nun schon seit zehn Minuten über die prächtigen Gartenanlagen des Kristallpalastes von Sydenham wegsah, ohne sie zu sehen. Das rote, blaue und grüne Buschwerk aus allen Zonen der Erde, die spiegelnden Teiche, an deren Ufer monumentale vorsintflutliche Tiere weiden, waren wie ausgelöscht. Ich starrte in das bewegte Gewölk am Horizont und sah ein halb zertrümmertes Wrack mit gebrochenen Masten und wirrem Takelwerk, festgerammt zwischen Klippen, auf der Seite liegend, in der tosenden Brandung. Ich selbst fühlte mich ans Land gespült, spärlich bekleidet, auch sonst übel zugerichtet, und klammerte mich an einen Felsen, den die schon halb beruhigten Wogen von Zeit zu Zeit noch überfluteten. Kaum konnte ich durch die triefenden Haare sehen, daß das rettende Eiland nicht ganz kahl und braun war. Ja, auf benachbarten Hügeln glänzte ein goldgrüner Streifen; denn die böse Nacht war vorüber und die Morgensonne brach durch zerrissene Wolkenfetzen. Man steht wunderliche Dinge, wenn das Blut in Wallung ist, und das war mein Fall. Als ich eine Stunde später, noch immer über die Teiche und die vorsintflutlichen Tiere hinstarrend, bildlich gesprochen, an den glitschenden Steinen meines Eilands hinaufgekrochen war und, im Grase liegend, mich von der Sonne bescheinen und leicht anwärmen ließ, wurde ich ruhiger und fing an, zu überlegen, wo ich war und was zu tun übrig blieb. Und da merkte ich, daß es doch kein eigentlicher Schiffbruch gewesen sein konnte, daß alle Knochen noch heil waren, und daß es nun galt, sie in der neuen Umgebung zu gebrauchen. Denn mit dem alten Frachtdampfer, auf dem ich bis heute gedient hatte, war es aus für immer. Der Entschluß war gefaßt. Ganz ruhig war ich allerdings noch nicht – das bewiesen die Seebilder, die nicht schwinden wollten –, aber entschlossen genug. Wie das alles gekommen war, habe ich im zweiten Band dieser Skizzen aus dem Strom unsrer Zeit hinlänglich angedeutet. Doch lohnt es sich, als Einleitung zum folgenden, die Erinnerung an den Tag aufzufrischen, der für die nächsten fünfzehn Jahre mein Leben, mit allem, was es an Arbeit und Freuden brachte, bestimmt hat. Denn an jenem Tag wurde die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft geboren: nicht ohne Schmerzen, aber fast ohne daß ich es wußte. Wir – unter wir war damals in vertraulichen Geschäftsstunden die Firma John Fowler \& Cie. zu verstehen – wir hatten im Kristallpalast zu Sydenham Dampfmaschinen aufgestellt, welche in dem Riesenbau Kraft und Licht für Kunst, Volksbelustigungen und Wissenschaft zu liefern bestimmt waren. Dort rief man, wie seinerzeit Goethe, nur mit größerer Berechtigung, nach »mehr Licht«, und ich sollte, wie manchmal in den letzten Jahren, die Fehler gutmachen, welche in dem zu jener Zeit etwas wirren Fabrikbetrieb begangen worden waren. Die Aufgabe war nicht schwierig, doch mußte das Notwendige geschehen. Dreimal hatte ich die erforderlichen Bestellungen erneuert und war nun zum viertenmal nach Sydenham gekommen, nur um feststellen zu können, daß irgendeine Nachlässigkeit der Fabrikleitung in Leeds die nötigen Änderungen unmöglich machte. Diesmal fehlte der Monteur, der auf dem Weg von Leeds nach London telegraphisch nach einer andern Richtung verschickt worden war. Als mir dies im Telegraphenamt des Kristallpalastes nach und nach deutlich wurde, verlor ich die Geduld, warf den schuldlosen Hammer des unschuldigen Mannes in die Kellerecke und so weiter. Was zu dieser Katastrophe und zu dem darauffolgenden »Und so weiter« geführt hat, braucht hier nicht näher berührt zu werden. Kurz gefügt war es die alte Geschichte vom Kamel, welches unter dem letzten Strohhalm, den ihm ein unerfreuliches Geschick auf den Rücken legt, zusammenbricht. Manchmal ist es gut, wenn der Mensch die Geduld verliert. Sie hatte mich in den letzten Zeiten gedrückt wie ein Mühlstein. Erleichtert fuhr ich eine Stunde später nach London, um das Weitere zu regeln. Es war rasch geschehen. Robert Fowler, ein Mann von wundervoller Ruhe in allen Lebenslagen, der mir zwanzig Jahre lang ein wohlwollender Freund und Meister gewesen, bemerkte sofort, daß ich entschlossen war, und sah namentlich auch, daß die Verhältnisse meinen Entschluß rechtfertigen. »Nehmen Sie sich Zeit,« sagte er mit einem Händedruck. »Machen Sie in Leeds fertig, was Ihrer Mitarbeit dringend bedarf. Bleiben Sie dann, solang Sie wollen und gehen Sie, wann Sie wollen. Wir sehen uns nicht zum letztenmal.« Wir sahen uns aber doch nahezu zum letztenmal. Denn wenige Jahre später starb Robert Fowler, der letzte der Generation der Fowlers, die die Dampfkultur in allen fünf Weltteilen eingebürgert hat. Noch in der Nacht desselben Tags fuhr ich nach Leeds, um auch dort alles so rasch als tunlich zu ordnen. Es war eine echt englische Frühlingssturmnacht, die zu meiner Stimmung vortrefflich paßte. Regentropfen klatschten von Zeit zu Zeit gegen die Wagenfenster wie Hagelkörner. Dann schien wieder der Mond über die flache, triefende Landschaft von Bedfordshire und Huntington. Als wir uns den Fabrikbezirken des Nordens näherten, wurde es stiller. Die ganze Welt lag in dickem, braunem Nebel, daß man kaum den Kopf des Schaffners vor den Fensterscheiben erkennen konnte. Ich war allein in einem behaglichen Abteil des fliegenden Schotten, wie man den Nachtexpreßzug der Great Northern nennt, und überlegte. Bis Juli wollte ich im Dienst bleiben und zu Ende führen, soweit dies möglich war, was ich zurzeit in Händen hatte. Das konnte die Fabrik verlangen, selbst wenn mich kein Vertrag gebunden hätte. Auch sicherte der 1. Juli äußerlich einen geordneten Abgang, an dem mir nach einundzwanzig Jahren geordneter Arbeit aus deutsch-sentimentalen Gründen gelegen war. Ich wollte in Frieden gehen. Dann aber – dann? Zum erstenmal wurde mir heute etwas bange. Was sollte ich treiben? Was sollte an die Stelle dieses Lebens voller Bewegung treten, wenn alles, was mir zu langjähriger Gewohnheit geworden war, mit einem Schlage stille stand? Dazu klatschte der Regen mit doppelter Wut an das raffelnde Fenster, aus dem die pechschwarze Nacht mich fragend anstarrte. Äußerlich war ja die Sache nicht bedenklich. Ich hatte in bescheidenen Grenzen genügend »Geld gemacht«, um leben zu können, wie ich es gewohnt war, und noch einiges übrig zu haben. Kostspielige Passionen gewöhnt man sich hinter einem Dampfpflug nicht an. Aber in einem Punkte war ich anspruchsvoll geworden. Arbeit und Bewegung mußte ich haben, koste es, was es wolle. Zurück nach Deutschland, zurück in die Heimat, das stand fest. Dreimal sieben Jahre hatte ich der Fremde gedient und war zu Hause selbst fremd geworden. Das sollte und mußte anders werden. Denn ein Deutscher mitten unter meinen englischen Freunden war ich geblieben, und als Deutscher wollte ich sterben. Aber was tun? In eine Maschinenfabrik eintreten? Sie waren auch in Deutschland herrlich herangewachsen und mußten weiter wachsen, das war klar. Dabei konnte es an Arbeit und Bewegung nicht fehlen, und es war mein Beruf, der mich noch immer mit jugendlicher Tatenlust erfüllte. Aber, für heute nacht wenigstens, hatte ich genug gedient – übergenug. Eine eigne Fabrik gründen? War ich nicht zu alt dazu? Wußte ich nicht zu viel davon? Wozu mir die Sorgen eines solchen Unternehmens aufladen, bloß um Sorgen zu haben, und, wenn ich Glück hätte, jährlich so und so viel tausend Mark auf die Seite zu legen, die ich nicht brauchte? Als sechzehnjähriger Junge hatte ich manchmal davon geträumt, Schriftsteller zu werden; natürlich ein großer Schriftsteller; ähnlich, wie ich als Sechsjähriger Kutscher und als Zwölfjähriger General oder Revolutionär und Volksbefreier zu werden gedachte. Ich hatte keine Ahnung davon, wie dies anzugreifen sei; aber das werde schon von selbst kommen, dachte ich, und hub an, mein erstes und letztes Trauerspiel zu schreiben. Es kam zum Glück nicht. Mittlerweile hatte ich manches erlebt und viel gesehen. Einige Jahre lang könnte dies eine Feder behaglich im Gang erhalten. Aber war das ein Leben?! Der Mond brach jetzt aus den Wolken und versilberte das stille ländliche Grantham. Ich kannte die Gegend wohl, denn es arbeiteten über zwanzig Dampfpflüge in der Nachbarschaft. Da fuhr mir plötzlich, zum zweitenmal heute, ein Gedanke durch den Kopf, wie ein Blitz – nein, schon etwas ruhiger – wie ein Mondstrahl. In den Kellern des Kristallpalasts zu Sydenham hatte er etwas Elektrisches. Nun, zurückgelehnt in die Kissen meines Abteils, das einförmige Brausen der achtundvierzig Räder des »fliegenden Schotten« in den Ohren, begann ich, ihn auszumalen. Schon mehr als zehnmal, in früheren Jahren, war ich demselben Gedanken begegnet, wie einer nebelhaften Möglichkeit, die mich nichts anging. Wer weiß, er konnte jetzt seine Bedeutung gewinnen! Auf einer der letzten Jahresausstellungen der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft von England war er mir von außen sogar ziemlich nahe getreten, aber ich dachte nicht daran, etwas andres daraus zu machen, als ihn wegzulachen. Ich hatte dort das Vergnügen, den Direktor der Eckertschen Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen zu Berlin, einen Domänenpächter aus der Provinz Sachsen, einen Gutsbesitzer aus Schwaben und einen Professor aus Halle zu geleiten und mich an ihrem Staunen über die gewaltige Schaustellung der englischen Landwirtschaft zu ergötzen. »Ah,« seufzte Zeitschel, der Direktor, nachdem ich die Herren etlichemal über die fünf Hektar geführt hatte, welche mit englischen und amerikanischen Maschinen bedeckt waren; »so etwas bringen wir eben in Deutschland nicht zusammen.« »Und dieses Vieh, diese Schweine!« rief der Gutsbesitzer aus Schwaben entzückt. »Und diese Preise!« stöhnte der Sachse, der am selben Nachmittag einen Zuchteber gekauft hatte. »Na, wir sind in diesem und jenem nicht zurück. Ich wette, daß wir bei mir zu Haus besser pflügen als die Engländer mit all ihrem Dampf, und von Chemie haben sie keine Ahnung. Aber was uns fehlt –: wir sind außerstand, der Welt ein solches Bild zu zeigen; dazu gehört Zusammenwirken, Einheit.« »Und ein Wille,« meinte ich. »Wo wollt ihr das alles herbekommen?« fragte der Professor. »Wenn zwei von euch Herren beisammen sind, so hat man mit drei verschiedenen Ansichten zu kämpfen.« »Und wenn ein Professor dazukommt, bringt er selbst zwei mit,« lachte der Sachse. »Solche Veranstaltungen sind in Deutschland eben unmöglich, wenn sie die Regierung nicht in die Hand nimmt, und wenn sie's tut, macht sie pyramidale Dummheiten.« »Dazu braucht ihr die Regierung nicht einmal,« fuhr der Professor fort. »Was nicht alles auf der Internationalen Ausstellung zu Hamburg geleistet wurde! Erinnern Sie sich des Preisgerichts über Dampfpflüge, Herr Direktor? Da waren drei verschiedene Systeme aus England herübergekommen: Fowler, Howard und Thompson. Thompsons Pflug, eine Abart von Howards, wurde von einem jungen Deutschen geleitet, arbeitete vortrefflich und hatte den Vorteil, daß man mit seinem Leiter sprechen konnte. Der verstand das Sprechen überdies aus dem Grund. Als nun die Richter entscheiden sollten, wie die zwei ausgesetzten Preise zu verteilen seien, war die Not groß. Drei Stunden lang stritten sie sich gewissenhaft, zum Haarausraufen, bis endlich mein Kollege aus Hannover, Professor Riehlmann, aufstand und also sprach: ›Wenn wir ehrlich sein wollen, so muß zugegeben werden, daß wir alle vom Dampfpflügen nichts verstehen. Die meisten von uns sehen den Dampfpflug heute zum erstenmal. Nun finde ich – ich schreibe nämlich ein Buch über Dampfkultur – daß es in England Sitte ist, Fowler den ersten und Howard den zweiten Preis zu geben. Wir haben zum Glück eine bronzene Denkmünze, die in der Geflügelabteilung übrig geblieben ist. Die bekommt Thompson. Auf diese Weise können wir nicht fehlgehen. Ich schlage vor, daß wir uns sodann zu einem Glas Bier verfügen. – Und so geschah's.« Auch wir schlossen uns jetzt dem letzten Teil des Riehlmannschen Gedankens an. »'s ist ein Jammer!« begann der Schwabe wieder. »Nicht, weil wir nichts leisten, weil wir nichts zu zeigen wissen, sieht man uns überall, auch im eignen Land, über die Schulter an. Aber mit unsern vier Himmelsstrichen – wie wollen Sie die unter einen Hut bringen? Gott besser's!« »Für so ganz aussichtslos würde ich einen Versuch nicht halten,« meinte Professor Perels, denn er war kein waschechter Deutscher. Dabei wies er auf die beiden Landwirte, die zum Erstaunen der benachbarten Engländer die Biergläser herzhaft aneinander stießen. »Sie sehen, es gibt noch Mittel, Nord und Süd zu gemeinsamem Handeln zu bewegen.« – Das kleine Erlebnis ging mir zwischen Wakefield und Leeds immer und immer wieder durch den Kopf, der fast so heiß wurde wie am Vormittag in den Kellern des Kristallpalasts. Das wäre eine Aufgabe, an die man mit Anstand Zeit und Kraft rücken könnte! Wenn ihre Lösung gelänge, auch nur annähernd wie in England, und wenn sie den deutschen Norden und Süden um ein Schrittchen näher zusammenführte: bei Gott, das wäre ein Leben wert! Mit einem Stoß hielt der Zug. »Na, na!« sagte ich halblaut, denn ich war noch immer allein. »Menschenopfer sind nicht mehr Brauch, und das Leben wird es nicht kosten. Aber versucht soll es werden; das ist beschlossene Sache.« Einer der Geschäftsteilhaber Fowlers, Mr. Eddison, der aus einer landwirtschaftlichen Familie stammt, besaß sämtliche Bände der Jahrbücher der englischen Landwirtschaftsgesellschaft, die mit dem Jahr 1840 beginnen. Am folgenden Abend war die Hälfte derselben bereits in meiner Wohnung, und täglich saß ich von jetzt an hinter den verstaubten Bänden, zu einer Stunde, in der im zivilisierten England nur die Tiere des Waldes ihr Lager verlassen. Ich hoffte zu ergründen, auf welche Weise es den Engländern gelungen war, eine Gesellschaft von der Lebenskraft der Royal Agricultural Society of England zu schaffen und zu erhalten. Es schien einfach genug. Da war um 1836 ein alter Herr Pusey, der ein Komitee zusammenrief und ihm mitteilte, daß eine landwirtschaftliche Gesellschaft in England nötig und nützlich sei. Die Schotten hätten die ihre schon; auch in Deutschland sei ähnliches im Werk. Eine Abordnung wurde tatsächlich nach Deutschland geschickt, um nachzusehen, ob dem so sei. Erstaunt kamen die Herren von einer der ersten Wanderversammlungen der deutschen Land- und Forstwirte zurück. Sie hatten zwar von den Verhandlungen nichts verstanden, waren aber von dem Strom der Reden, von dem unerschöpflichen Wissen, das sich drei Tage lang über die andächtig Versammelten ergoß, tief ergriffen. Etwas derart müsse auch in England geschaffen werden, wo es an beredtem Wissen sichtlich fehle. Allerdings erscheine der Stand der Felder, die Zucht von Pferden und Rindern, namentlich aber auch das deutsche Schwein von diesem Strom des Wissens noch wenig berührt. Es empfehle sich deshalb, zum Wahlspruch der englischen Gesellschaft nicht etwa » Science « allein, sondern » Science and Practice «, Wissenschaft und Praxis, zu machen. Denn schließlich wolle von dem vielen Wissen das Vieh u.s.w. doch auch etwas haben. Und damit wandte sich das Komitee an die Landwirte Englands und hatte im Handumdrehen Herzöge und Earls, Lords und Ladies und zweitausend gemeine Mitglieder um sich geschart, mit denen im klassischen Oxford, wohl der Wissenschaft wegen, und im nächsten Jahr zu Cambridge die ersten Wanderversammlungen abgehalten wurden. Schon an diese ersten Versammlungen schloß sich eine kleine Ausstellung, und nach wenigen Jahren waren die Versammlungen leer, die Schauen aber wuchsen und wuchsen, und fast die ganze Lebenskraft der Gesellschaft warf sich auf den Ausstellungsplatz, wo die englische Landwirtschaft in Taten sprach, sich durch stumme oder auch brüllende, blökende und grunzende Beispiele belehrte, und für Shorthorns und Lokomobilen schwärmte. Es hat eben jedes Volk seine Art, groß zu werden, und es ist aussichtslos, ihm eine andre aufzudrücken. Ich hatte mich nie zuvor um die Geschichte der Gesellschaft gekümmert, obgleich sie unsern Dampfpflügen in ihrer Entstehungszeit unberechenbar viel genutzt hat. Die Ausstellungen und Prüfungen kamen alljährlich, wie die Jahreszeiten mit ihrem Regen und Sonnenschein. Man ließ sich anscheinen und anregnen und dachte nicht viel dabei. Nun aber ging mir mit jedem neuen Morgen ein neues Licht auf, und ich wurde ordentlich warm bei dem phantastischen Gedanken, etwas Ähnliches für mein Vaterland schaffen zu dürfen. Ich hatte allerdings noch keine Ahnung davon, wie dies anzugreifen wäre und wußte nur, daß Leute, die die dortigen Verhältnisse kannten, mir vorgeseufzt hatten: an etwas Derartiges sei »bei uns« eben nicht zu denken. Warum? – Auch das wußte ich nicht, denn die Gründe, die mir angegeben wurden, erschienen mir so töricht und kindisch für ein großes Volk, daß ich sie nicht ernst nehmen konnte. Ich hatte zu lang im Ausland gelebt und mußte sie erst verstehen lernen; später. Als ich mich ungefähr zur Hälfte durch die zweiundvierzig Doppelbände durchgearbeitet hatte – denn ich war doch ein guter Deutscher geblieben – schrieb ich an Seine Hochwohlgeboren, den Geheimen Regierungsrat Professor Dr. Dünkelberg, Vorstand der Kgl. Preußischen Landwirtschaftlichen Akademie zu Poppelsdorf bei Bonn, dem ich etliche Jahre zuvor in England begegnet war. Als ich diesen schönen Titel zweimal, im Innern und auf dem Umschlag des Briefes, niedergeschrieben hatte, traten mir die ersten Schweißtropfen auf die Stirne, die mich die ganze Angelegenheit gekostet hat. Beim Vergleich mit dem Titel, der dem damals ersten Mann Englands, Mr. Gladstone, zustand, nämlich »Mr.«, »Mister«, ohne jede weitere Zutaten, wurde mir sogar etwas bange. Doch erklärte ich Seiner Hochwohlgeboren u.s.w. schließlich mutig, was ich im Schilde führe, und daß ich vorläufig in Bonn zu wohnen gedenke, um vor allen Dingen die deutschen Verhältnisse genauer kennen zu lernen. Denn erstens liege Bonn am Rhein, vor dem man in verführerischer Weise gewarnt werde (siehe: »Zieh nicht an den Rhein« u.s.w.), zweitens bei Poppelsdorf, wo eine Quelle landwirtschaftlichen Wissens sprudle, von deren Brunnenmeister ich viel Gutes erwarte, und drittens sei es schließlich gleichgültig, wo der Mensch sitze, der nichts wünsche, als über sich und andre nachzudenken. Ich hatte einen vierten Grund, den ich als verfrüht noch für mich behielt. Die Antwort kam umgehend auf vier engbeschriebenen Seiten. Auf der ersten erklärte sich mein Freund und Gönner hocherfreut über meinen kühnen Entschluß und meine Absicht, demselben in Bonn näher zu treten, die drei übrigen waren väterliche Warnungen, mir die Sache doch ja nicht zu leicht vorzustellen, an der sich schon andre – er sagte nicht, bessere Männer als ich, aber dachte es – die Hörner abgestoßen hätten. Noch viel mehr stand zwischen den Zeilen, war wohlgemeint, aber nicht ermutigend. Ich legte den Brief zum ewigen Andenken in mein fliegendes Archiv und begann die zweite Hälfte der zweiundvierzig Bände der Royal Agricultural Society of England zu studieren, mit denen ich drei Tage vor dem 1. Juli 1882 fertig wurde, an welchem Tag ich Leeds verließ. Während dieser Wochen reifte mein Plan wenigstens so weit, als es die Nebel von Yorkshire zuließen. Daß alles so glatt nicht gehen werde, wie es in England gegangen war, schien zunächst einleuchtend. Dort war jedermann daran gewöhnt, sich selbst zu helfen, wo er Hilfe für nötig hielt; wenn er ein Ziel vor sich sah, ging er darauf los, ohne nach rechts und links zu sehen, bis er es erreicht hatte. Das friedliche Zusammenarbeiten von Leuten, die in andern Lebensbeziehungen weit auseinandergehen mochten, das gegenseitige Entgegenkommen in unwichtigen Dingen, das Festhalten am Wesentlichen und eine glückliche Unterscheidungsgabe für Wesentliches und Unwesentliches, all das schien im Blut und in der Erziehung des Volks zu liegen. Auf dem Gebiet, um das es sich handelte, gab eine reiche und unabhängige Aristokratie den Ton an, die mit reger Teilnahme für ihren Grundbesitz eintrat. Die Liebe zum Land, zu den Tieren war selbst außer diesen Kreisen den Leuten angeboren. Die Bahn für eine große landwirtschaftliche Gesellschaft war frei, das Gefühl ihrer Notwendigkeit leicht zu wecken, die Mittel, sie zu erhalten, eine kaum nennenswerte Kleinigkeit für diese Kreise. Es galt nur, das Trägheitsmoment der Masse zu überwinden; dann mußte das Boot in Bewegung geraten. Konnte ich, fünfundvierzig Jahre später, unter grundverschiedenen Verhältnissen, die mir übrigens völlig unbekannt waren, auch nur annähernd auf ähnlich fördernde Elemente rechnen? Nein! Mit jedem Tag wurde mir so viel klarer. Es war ein tolles Experiment, dem ich entgegenging. Aber warum sollte ich es nicht machen? Mißlang es, so brauchte ja niemand dabei zu verunglücken, und ich war um eine Erfahrung reicher. Nach fünfundzwanzig Jahren harter Arbeit konnte ich mir erlauben, ein wenig zu spielen. Ich brauchte Ruhe, wollte mich sammeln, mich selber finden, anstatt beständig andern nachzulaufen. Die Hälfte der Zeit von drei Jahren durfte ich mit gutem Gewissen daran rücken. Gelang das Experiment, wurde es ernst mit dem Spiel, um so besser. Dann waren andre da, die Sache weiterzuführen. Nur eins wollte ich festhalten durch dick und dünn: für mich sollte es ein Experiment sein und bleiben; es sollte mich nicht ärgern, ob die Mischung, die ich anzurühren gedachte, eine rote oder blaue Farbe annehme oder gar als farbloses Gas verduftete. Meine Freiheit, vor allem die des Geistes, wollte ich mir wahren. Das war der einzige Gedanke, der feststand, als ich England verließ. Ein kleines Zwischenspiel, das nun folgte, will ich nicht übergehen. Es gehört zur Einleitung, obgleich es einem der ersten Briefe entnommen ist, die ich wieder in Deutschland schrieb, und die den Hauptinhalt dieses Bandes bilden sollen. Schöntal, den 4. September 1882. Es regnet in Strömen. Ich wollte die alte Heimat drei Tage lang im Spätsommersonnenscheine genießen, und nun, am Morgen des dritten Tages heult der Wind das sonst so stille Tal herauf, genau wie vor vierzig Jahren an Spätherbsttagen. Er rauscht in den Kastanienbäumen drunten bei der Brücke und pfeift um die Klostertürme, daß ich es durch die klappernden Fenster des einfachen Gasthofs »Zur Sonne« höre, hinter denen hervor ich zum erstenmal die alten Klostermauern betrachte und den stattlichen Bau, in dem ich als Kind und Junge zu Haus gewesen bin. Jetzt wohnen andre Menschen dort, und ich bin nur ein Gast, den kaum jemand mehr kennt. Außer Baum und Strauch, Türmchen und Mauern, Treppen und Gängen in und um das Kloster; denn diese Dinge sind vierzig Jahre lang geblieben wie sie waren, in einer Weise, die man anderwärts nicht für möglich halten würde. Und auch die Seminaristen scheinen die alten zu sein: halbwüchsige Bürschchen mit Brillen auf den Nasen, die sich vergeblich bemühen, in würdigem, gemessenem Schritt einherzuspazieren und den Nachbar plötzlich, ohne allen äußern Grund, in den Straßengraben stoßen. Auch der »Herr Ephorus«, der Leiter des Seminars, führt noch den mir wohlbekannten Namen. Hat er doch seinerzeit als Professor vergebens versucht, mich für die Pracht ciceronischer Phrasen zu erwärmen. Er wohnt jetzt in unsrer alten Wohnung, im ersten Stock der herrlichen Zisterzienserabtei. Diese Wohnung aber mußte ich unter allen Umständen bis in die innersten Winkel wiedersehen, von denen jeder mit irgendeiner meiner kindlichen Missetaten in Verbindung stand. So fand ich mich schon am ersten Tag vor der altbekannten »Gangtüre«, die zu meiner Zeit stets verschlossen gehalten wurde, und läutete. Der vergessene Klang der alten Glocke antwortete vom fernen Ende des langen klösterlichen Gangs und weckte hundert Erinnerungen. Aber niemand öffnete; es blieb alles schaurig still. Ich läutete drei-, viermal mit demselben Erfolg. Die ganze Vergangenheit wachte auf; die Gegenwart rührte sich nicht. Betrübt war ich im Begriff, abzuziehen. Da kam mir ein glücklicher, wenn auch ganz außerordentlicher Gedanke: wie wär's, wenn ich die Türklinke versuchte? Wer weiß, was sich alles in drei Jahrzehnten geändert hat. – Und wahrhaftig! die Tür war offen, und am fernen Ende des Gangs stellte eine liebliche, wenn auch nicht mehr ganz junge Dame ein Bügeleisen auf einen Tisch – der früher auch nicht dort gestanden hatte! – und kam zögernd auf mich zu. Es war die Tochter des Hauses, deren erster Geburtstag mich seinerzeit in Erstaunen gesetzt hatte, und die sich ebenfalls daran zu erinnern schien, als ich meinen Namen nannte. »Um ein Haar wäre ich wieder weggegangen,« sagte ich nach der ersten Begrüßung. »Haben Sie mich denn nicht läuten hören?« »Gewiß,« antwortete sie treuherzig, »aber die Türe war ja offen. Man stiehlt uns nicht; wir schließen sie schon seit Jahren nicht mehr. Und da dachte ich: es sei ein dummer Handwerksbursch; er werde schon merken, daß nicht geschlossen ist.« Ein dummer Handwerksbursch! So geht's, wenn man der Heimat allzu lang den Rücken gekehrt hat. Und doch fand ich die Türe noch offen. Eine gute Vorbedeutung, so Gott will. – Der alte Klosterwinkel hat es mir nun einmal angetan. Kein Wunder, denn ich verdanke diesen grauen Mauern, diesen grünen Halden und Wäldern und dieser Stille, in der ich aufwuchs, ein gut Teil von dem bißchen Kraft, die ich draußen im Lärm des Lebens brauchen konnte. Zum viertenmal ziehe ich von hier aus, einer unbekannten Zukunft entgegen; denn ich kehrte immer wieder zurück, war es auch nur auf Tage, um in der halb schlummernden Natur mit dem Gefühl der Morgenfrische aufs neue zu erwachen: das erstemal, als ich auf die Schule zog, hinter der sich eine große neue Welt aufzutun schien; das andre Mal, als ich die deutsche Heimat verließ, um in fremden Ländern einen Lebensberuf zu suchen; dann wieder bei meiner Rückkehr aus Ägypten, als abermals alles in ungewissem Nebel vor mir lag. Und heute endlich! – Äußerlich bin ich ja an einem gewissen Abschluß angelangt. Ich kann, wenn ich will, mit Behagen zu Hause sitzen bleiben. Aber ich kann dies nicht wollen, das ist nur zu deutlich. Es liegen noch etliche gesunde Arbeitsjahre vor mir. Wie sie sich gestalten werden, weiß nur der Himmel. Enttäuschung oder Erfüllung, das ist die Frage, und die drei Tage, die ich hier zubringe, von niemand gestört, fast von niemand gekannt, stärken mich für beides; selbst der Regentag. So alt ich bin, die alten Wurzeln saugen noch. Wie die Erinnerungen alle wach geworden sind in diesen Tagen und mich jünger gemacht haben, lebenslustiger und tatenfreudiger! Wie mir das verbogene Gitterwerk des Konventgartentors zuwinkt, zwischen dessen Stäben einst mein trostloser Kopf gesteckt hatte, in Apfeldiebstahlsangelegenheiten; wie der halb zerfallene Eckturm der Klostermauer, in dessen oberem, durch keine Treppe zugänglichem Stockwerk, das ich heute nicht mehr zu erreichen vermöchte, ein trauliches Räubernest eingerichtet war, in dem ich die Früchte verbrecherischer Tätigkeit barg; wie all die andern Dummheiten – namentlich die Dummheiten – aus denen die goldene Jugendzeit besteht, mich traulich grüßten! Und dann aus späterer Zeit: das einsame Waldhüttchen, das ich mir am wilden Nordabhang des Kreuzbergs erbaut hatte, weil sich dorthin kein Mensch verirrt, und man über das schlummernde Jagsttal hin stundenlang nichts Lebendigeres erblickt als eine Krähe, die vom Friedhof herunter über den still hinschleichenden Fluß zieht. Das war die Gegend, in der vor dreihundert Jahren die Bauern aufstanden und in wildem Freiheitsdrang zugrunde gingen, durch die der alte Berlichingen mit der eisernen Hand gegen den Bischof von Würzburg ausritt. Damals war diese tolle Welt voll herrlicher Abenteuer, die man noch im Seufzen des Herbstwindes durchfühlen kann, daß es einen ordentlich schaudert. Stundenlang konnte ich dort liegen und träumen. Dann aber kam ein plötzliches Aufspringen, eine geballte Faust, das Bewußtsein, daß es noch Abenteuer geben müsse, irgendwo draußen in der Welt, und daß man sie erleben könne, wenn man nur wolle. Damit verließ ich gewöhnlich den stillen Winkel; damit ziehe ich auch heute wieder hinaus. Es mag recht viel prosaischer und einfacher werden, als sich's der Junge, auch der alte Junge denkt, vielleicht aber doch nicht so ganz anders, als es zu jenen Zeiten war. Die hatten zweifellos auch ihre Prosa. Der Regen hat aufgehört. Sogar die Abendsonne strahlt das Tal herauf und vergoldet das stattliche Kloster. Ich kenne jedes Licht, jeden Schatten in diesem Bilde und will doch noch einmal hinaus und nachsehen, ob der Regen der letzten dreißig Jahre die kleine Moosbank weggeschwemmt hat, auf der ich meine Jugendphantasien durchlebte. Spuren werden wohl noch zu finden sein, und ein wenig träumen läßt sich auch auf einer weggeschwemmten Bank. Dann aber, morgen in aller Frühe, wieder hinaus ins wache Leben! Säezeit Erster Abschnitt. 1882 – 1883 Bonn a. Rh. Umschau 1. Bonn, den 11. September 1882. Die süße Bummelei hat ein Ende. Ade Heilbronn, du sonniges, weinseliges Neckarstädtchen; ade Heidelberg mit deiner waldumrauschten Romantik! Es war schön und gut, in alten Erinnerungen zu schwelgen, aber auf die Dauer nicht gesund. Wir sind nicht in der Welt, um nach rückwärts zu leben. Aber auch nach vorwärts wollen sich die Herbstnebel nicht so rasch heben. Dafür sorgt der Rhein, und es mag noch schlimmer werden gegen November. Doch sollten sich die nächsten Monate irgendwie durchleben lassen, und gegen das Frühjahr muß es wohl lichter werden. Als ich Robert Fowler beim Abschied sagte, daß ich mich in Bonn seßhaft zu machen gedenke, nickte er wohlwollend und befriedigt. Er kannte die Rheinlande. Es sah nicht aus, als ob ich mit dem Gedanken umginge, eine Konkurrenz-Dampfpflugfabrik zu gründen, und er meinte, ich habe es wohl verdient, » otium cum dignitate « als künftiges Leitmotiv meines Lebens aufzustellen. Auf die dignitas habe ich nie viel gehalten. Aber das otium , nach meiner Art verstanden, will ich mir vorläufig nicht rauben lassen. Das scheint das Schicksal auch nicht zu beabsichtigen. Briefe aus Leeds, die ich hier vorfand, besagen, daß die Versuche mit meinem Patentregulator so viel als eingeschlafen seien. Ganz natürlich. Wenn der Erfinder sein Kind, solange es noch in den Windeln einherstolziert, andern überläßt und über otium cum dignitate philosophiert, ist es sicher, zugrunde zu gehen, und der entartete Vater verdient nichts Besseres. Anderseits ist es wohl richtiger, mit der Vergangenheit gründlich zu brechen, als sich eine Zeit lang in Halbheiten herumzuschleppen, die zu keinem vernünftigen Ziel führen können. Daß dabei einiges verloren geht, muß ich in den Kauf nehmen und tu dies leichten Herzens. Wie ich auf Bonn verfiel? Irgendwo muß der Mensch leben und das meiste, das ich in der nächsten Zeit zu tun gedenke, läßt sich hier so leicht machen als anderwärts; was ich zunächst als piece de resistance meiner Mußestunden betrachte, sogar besser: das Studium der Verhältnisse, die der Gründung einer Imperial Agricultural Society of Germany förderlich oder hinderlich sein könnten. Dafür ist die Nähe der landwirtschaftlichen Akademie von Poppelsdorf besonders geeignet, wo ein Synedrium von Gelehrten sitzt, an ihrer Spitze mein Freund und Gönner Dünkelberg, der mich ja bereits auf das Wünschenswerte und Unmögliche einer solchen Schöpfung aufmerksam gemacht hat. Zeigt sich schließlich irgendwelche Aussicht, die Sache in Bewegung zu setzen, so wäre Bonn kein schlechter Ausgangspunkt, und zwar, weil ich es hoffentlich mit guten Deutschen zu tun bekäme. Es wäre sicherlich unmöglich, wenn ich etwa in Berlin säße, meine engeren Landsleute jenseits des Mains für die Sache zu erwärmen, und selbst ich dürfte das spöttische Schweigen schwer erträglich finden, mit dem in Brandenburg und Pommern meine schwungvollsten Aufrufe beantwortet würden, wenn sie von Degerloch bei Stuttgart in die Welt hinausgeschleudert würden. Da liegt nun Bonn hübsch in der Mitte und vielleicht in Hörweite von beiden Enden unsers vielzerspaltenen Vaterlands. Denn »das ganze Deutschland soll es sein!« – das habe ich schon als sechsjähriger Junge bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit geschworen – oder ich rühre die Geschichte nicht an. Drei Jahre lang, die Hälfte meiner Zeit – so viel ist der Gedanke wert, und darauf habe ich mich gefaßt gemacht. Auch Ihr, meine Lieben, müßt Euch daran gewöhnen, mich so viel Zeit und Kraft in der Jagd nach einem selbstgeschaffenen Trugbild vergeuden zu sehen. Das ist mein Begriff von »otium«, von Muße, und Fowler, ein kühler, praktischer Mann, hat mir ungebeten das Zeugnis ausgestellt, daß ich sie verdient habe. Übrigens ist Bonn ein lichtes, freundliches Städtchen, in dem es neben der etwas staubigen Gelehrsamkeit an Jugend und Sonnenschein nicht fehlt, und die Gegend, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe, eine Perle. Gestern war ich zum zweitenmal im Siebengebirge; das erstemal natürlich auf dem Drachenfels und in Rolandseck, wo uns die deutsche Sagenwelt wie ein lebendig gewordenes Märchen entgegenstrahlt, und die ganze Poesie einer begrabenen Vergangenheit überall durch das fröhliche Leben der Gegenwart schlägt. Gestern fand ich meinen Weg in den tiefsten Winkel der prächtigen Berggruppe. Dort, hinter dem Petersberg, liegen die Reste eines zerfallenen Klosters in stiller Waldeinsamkeit. Heisterbach. Ihr wißt, es ist die Klause, von der aus ein Mönch in den Wald schlich und einem Vogel zuhörte, der ihm ein Liedchen aus der Ewigkeit vorpfiff. Darüber vergaß der Mann ein paar Jahrhunderte lang das Sterben und mußte es schleunigst nachholen, als der Vogel schwieg. Geht's schief mit meinen Plänen, so werde ich mich nicht übermäßig grämen. Nach Heisterbach ist's nicht weit, der Wald ist noch da, und wer weiß, vielleicht finde ich den Vogel auch noch. 2. Bonn, den 24, September 1882. Nicht daß ich – ein alter, tüchtiger Ingenieur, sagen manche, ein schlechter Poet, andre meiner guten Freunde – nicht daß ich mich in landwirtschaftlichen Phantastereien begraben wollte. Ich finde so viel in mir selbst und um mich her aufzuräumen und abzustäuben, was seit drei Jahrzehnten nie geschah, daß ich auf Monate im Schweiß meines Angesichts arbeiten könnte, ohne fertig zu werden. Da sind meine Skizzenbücher, zweiundzwanzig Stück mit je dreißig bis vierzig Aufnahmen, in entsetzlich zerfallenem Zustand; Bildchen aus vier Weltteilen, die es verdienten, liebevoll aufgezogen und ausgeführt zu werden. Da ist ein vertrocknetes Tintenfaß, in dem in fast versteinerter Form Gedichtchen und Geschichtchen zusammengebacken liegen, die ich mit einem Aufguß warmen Wassers leicht flüssig machen könnte. Da ist – oder richtiger gesagt: da fehlt – ein großes Werk über landwirtschaftlichen Maschinenbau, von dem ich meinem Verleger in Heidelberg vorfabulierte, der ein sehr langes Gesicht machte, mich schleunigst nach dem Philosophenweg spazieren führte und mir dort eine Vorlesung über den Jammer der Schriftstellerei und das Elend der Verleger hielt. Wie ich mir dieses Werk denke, würde es mich acht Jahre lang angenehm beschäftigen, und sodann einer gründlichen Umarbeitung bedürfen, um zeitgemäß zu erscheinen. Kurz, ich fange an, mich ganz warm und wohl in Bonn zu fühlen, wozu meine nette Wohnung in der Münsterstraße nicht wenig beiträgt. Luft und Licht sind hier doch andrer Art als in Leeds, und der bloße Wechsel tut wohl. Trotz der Verlockungen eines lieblichen Allerleis besuchte ich vor allen Dingen meinen persönlich fast unbekannten Freund und einzigen Vertrauten, Geheimrat Dünkelberg, den Direktor der Landwirtschaftlichen Akademie Poppelsdorf. Ein kleiner Herr voll Eifer und Beweglichkeit und voll liebenswürdigen Entgegenkommens. Seinem Arbeitszimmer sieht man's an, daß ein deutscher Gelehrter hier haust. Auf Tischen und Stühlen, Schreibpult und Sofa lagen Bücher und Broschüren, Manuskripte und Briefe, dreißig Zentimeter tief. Die Schichtung war nicht ganz regelmäßig. Später, bei einem Glase Bier im »Hähnchen« zu Bonn, gestand ich ihm, daß mich nichts so sehr an die kostbaren Guanoinseln erinnert habe, die heute den Reichtum Perus ausmachen, als diese Ablagerungen in seinem Sanktum. Daß er selbst mich an die kleinen Sturmvögel gemahnte, die über der grollenden Brandung hängen, gestand ich ihm allerdings auch beim Bier noch nicht. Er führte mich sofort zu seiner Frau, einer klugen, feingebildeten Dame, die mich aufs herzlichste begrüßte – mein »Wanderbuch« scheint mir da und dort den Weg gebahnt zu haben – und hoffte, »da ich jetzt nichts mehr zu tun habe«, daß ich mich in Bonn als Maitre de plaisir nützlich und damit, wenn nicht in andrer Weise, die junge Damenwelt glücklich machen würde. Es überrieselte mich kalt. Gute Frau, wie wirst du dich getäuscht sehen! Übrigens verabredeten wir vierhändige Klavierstündchen einmal die Woche. Ich hoffe nämlich auf diesem Weg wertvolle land- und volkswirtschaftliche Winke für meine Pläne zu erspielen. In bezug auf diese war ihr Gatte etwas zurückhaltender als in seinem Brief. Eine Riesenaufgabe, an der schon viele in Nord- und Süddeutschland erlegen seien, wiederholte er. Ich habe ja Zeit und könne es versuchen. Es wäre herrlich, wenn es gelänge; aber ich werde selbst bemerkt haben, daß deutsche Landwirte keine Engländer seien. Einen raschen Erfolg könne er mir nicht versprechen; einen langsamen – ja, das könne niemand voraussehen. Im bereits erwähnten »Hähnchen« zu Bonn, das wir gegen Abend aufsuchten, wurden wir hoffnungsfroher. »Sie scheinen die Sache ruhig anzusehen,« sagte er. »Das ist die richtige Stimmung, die einige Aussicht auf Erfolg bietet. Nehmen Sie sich Zeit. Sehen Sie sich die Verhältnisse an. Wenn Sie dann noch nicht genug haben – na, dann in Gottes Namen probieren Sie's. Eine herrliche Aufgabe wäre es, aber gelöst hat sie noch niemand, selbst nicht Nathusius von Hundisburg, den man mit Recht für einen unsrer ersten Landwirte hielt. Bis zu einer hübschen Ausstellung haben sie es damals gebracht; damit war aber auch die Kraft der Landwirtschaft erschöpft. Seitdem machen die Kaufleute in Hamburg und Bremen unsre großen Ausstellungen, wenn es ihnen paßt. – Vereine haben wir ja genug, übergenug. Aber eine allgemeine, zusammenfassende, tatenfähige Gesellschaft: das geht eben bei uns nicht. Es ist gegen die Natur. Haben Sie schon drei Deutsche friedlich unter einem Hut gesehen? Versuchen Sie's! Sie haben ja Zeit und, wie es scheint, so eine Art Idealismus. Und ärgern Sie sich nicht zu sehr, wenn die Sache nicht vorwärts gehen will. Es ging den andern auch nicht besser.« So ungefähr belehrte mich mein verehrter Geheimer Rat auf dem Rückweg nach Poppelsdorf; denn ich begleitete ihn wieder bis an seine Haustüre, hocherfreut, jemand gefunden zu haben, der mir mit verhältnismäßig wenig Umschweifen sagte, was ich zu wissen wünschte. Ich stehe nämlich heute vor meinem eignen Vaterland wie vor einem fremden Weltteil, ungefähr wie damals, als ich in Afrika und später in Amerika ans Land sprang, um die Heiden zur Dampfkultur zu bekehren. Ja, es war damals leichter, den richtigen Weg zu finden, zur Not auch ohne Führer. Man schlug um sich und schlug sich durch. Hier, wo man auf Schritt und Tritt auf einen »Geheimen« stößt, scheint eine gewisse Zurückhaltung rätlich. Das ist das Bedenklichste, das mir bis jetzt aufstieß. Es lähmt das Selbstvertrauen, das Vertrauen in den Menschen, wie ihn Gott geschaffen hat. Liegt in diesen Titeln ein tiefer Sinn oder Unsinn: im »Geheimen« zum Beispiel? Sollte nicht jeder stolz sein, offen und öffentlich sein Licht leuchten zu lassen vor den Leuten? Sie tun's überdies, nach Kräften. Ich muß doch meinen Geheimen fragen, wenn wir wieder einmal im »Hähnchen« beisammen sitzen. In vino veritas. In tiefer Nacht, in nieselndem Regen und sehr nachdenklich durchmaß ich zum viertenmal die Poppelsdorfer Allee, nachdem ich mich von meinem Freund und Berater getrennt hatte; nicht gerade in der Stimmung eines neuen Maitre de plaisir von Bonn. Und doch, wenn ich das Vergnügen nach meiner Art ausgestalten dürfte! Nun fragt es sich, wie dies angreifen, und darüber nachdenkend, schlief ich gestern abend ein. Auch heute vormittag macht mir die Sache noch zu schaffen. Sie scheint in der Tat nicht einfach zu sein; doch ist sie die Hälfte der Zeit von drei Jahren wert. So weit bin ich mit mir selbst einig. Dies war übrigens beschlossene Sache seit jenem denkwürdigen Morgen im Kristallpalast zu Sydenham. Woher rührt das Überlegen und Abwägen, das Zweifeln und Zaudern? – Liegt es in der Luft? – Die Leute wissen alle sichtlich so viel, daß es einem den Atem nimmt und man allen Mut verliert, etwas anzufassen. Mir zum Beispiel. Das ist der zweite Punkt, über den ich vorläufig nicht weggekommen bin. Wie halte ich mir all das Wissen vom Leib, wenigstens für den Anfang? 3. Bonn, den 15. Oktober 1882. Ein Geschichtchen, das ich aus Heidelberg mitbrachte, darf nicht ganz verloren gehen, denn es scheint seine Schatten auch in meine Bonner Zukunft werfen zu wollen. Nachdem der liebenswürdige Verleger meines Wanderbuchs beim Lustwandeln über den Philosophenweg mir das Elend der Massenschriftstellerei geschildert und in beweglichen Tönen von dem Hungertuch erzählt hatte, das über den Verlegern hänge, die sich verführen lassen, zweifelhafte Bücher zu drucken – und sie seien alle zweifelhaft –, besuchten wir eine niedliche Villa, die er sich zu bauen im Begriff stand. Dies brachte das Gespräch auf Heidelberger Verhältnisse und Heidelbergs politisches Leben. Er ist nämlich eifriges und geschätztes Mitglied einer Kegelgesellschaft, die, wie fast das ganze badische Land nicht katholischer Konfession, liberalen Grundsätzen huldigt. Er selber dagegen und etliche hundert gesinnungsstarke Männer unter vielen Tausenden nichts denkender Schreier – ich folge seinem Bericht – ist konservativ, und war infolge einer unglückseligen Wendung der Parteiverhältnisse vor ein paar Monaten gezwungen, für einen durchaus wackern, aber leider klerikalen Kandidaten des Landtags zu stimmen. Das hatten seine abendlichen Mitkegler vernommen, und einer derselben nahm ihn auf die Seite und teilte ihm mit, daß, so schmerzlich es bei seinen sonstigen schätzenswerten Eigenschaften sei, er nicht mehr mitkegeln könne. Wie sich denken läßt, war er als Politiker, Mensch und Kegler tief verletzt, und erwog allen Ernstes den Plan, mit der ganzen Verlagsbuchhandlung nach Frankfurt überzusiedeln; wenn nur seine Villa nicht schon zwei Meter aus dem Boden gewesen wäre. Doch habe sich nach mehreren Wochen der Sturm wieder gelegt. Eine edle feste Haltung seinerseits, mit der er sein Recht und seine Würde als freier Mitbürger eines politisch reifen Volkes wahrte, habe die andern zur Vernunft gebracht. Sie kegeln wieder. Die Geschichte fiel mir aufs Herz, als mich vor einigen Tagen ein Professor aus Poppelsdorf fragte, ob ich eigentlich radikal oder konservativ, Schutzzöllner oder Freihändler sei. Da ich unvermittelt von England komme, sei ja das Schlimmste zu befürchten. Wenn ich nicht wenigstens katholisch sei oder werde, könne im Rheinland auf eine rege Beteiligung an meinen wunderlichen Plänen nicht gerechnet werden. So ungefähr, wenn auch etwas zurückhaltender, sprach mein gelehrter Freund, der mich wohlwollend auf die richtigen Wege zu leiten suchte. Es gab mir zu denken, wie alles, was ich in den letzten Wochen hier erfahren habe. Für den Augenblick genügt dies, denn vorläufig und während ich derartige Winke sammle, habe ich mir eine einfachere Aufgabe gestellt. Es müssen einundzwanzig längere und kürzere Aufsätze über das Entstehen, Gedeihen und Wirken der englischen Royal Agricultural Society – der R.A.S., wie die Engländer kurz sagen – geschrieben werden, die ich im Lauf des Winters an die hervorragendsten deutschen Zeitungen ohne Ansehen der Parteirichtung senden will: die »Kölnische«, die »Frankfurter«, die »Magdeburger«, die »Vossische«, die »Kreuzzeitung« und wie sie alle heißen. Hoffentlich werden sie sie drucken, und da und dort wird sie jemand lesen. »Wie die R.A.S. gegründet wurde«, »die R.A.S. und die englische Tierzucht«, »die R.A.S. und das englische Gerätewesen«, »die R.A.S. und der englische Ackerbau«. »Die Grundbesitzer in England und die R.A.S.« »Die R.A.S. und die englischen Pächter.« »Die Finanzen der R.A.S.« »Das Ausstellungswesen der R.A.S.«, und so weiter. Das wären einige der Überschriften. Diese sind schon alle fertig; es fehlt nichts als die entsprechenden Aufsätze dazu, für die ich in den letzten Monaten in England massenhaften Stoff zusammengeschleppt habe. Im Text gedenke ich zunächst kein Wort über eine ähnliche Gesellschaft in Deutschland zu verlieren, eingedenk des Goetheschen und echt deutschen: Jedes ausgesprochene Wort erweckt den Gegensinn. Auch werde ich mich hüten, die Engländer übermäßig zu loben. Der einzige Zweck der Artikel ist, da und dort die Aufmerksamkeit und das Gefühl wachzurufen, dem der Direktor der Eckertschen Fabrik zu Cardiff so warmen Ausdruck verlieh: »Donnerwetter, wenn wir etwas derart bei uns zu Hause hätten!« – Gelingt dies – dann erst brauche ich an weitere Schritte zu denken. In der so geplanten Weise wird sich wohl die Hälfte der Wintermonate ausfüllen. Für mein Inneres brauche ich zunächst den festen Vorsatz, nichts zu überstürzen. Je mehr ich von allen Seiten Schwierigkeiten auftauchen sehe, um so klarer wird mir, daß es sich hier nicht um eine Spielerei und einen gelegentlichen Zeitvertreib handelt. Gut Ding braucht lang Weil – Langeweile. Auch damit werde ich mich vertraut machen müssen. Doch am Rhein ist es ja auszuhalten. Vorige Woche holte mich Freund Schwarz aus Ruhrort, der Direktor der »Tauerei«, der großen Drahtseilschleppgesellschaft, zu einer Inspektionsreise nach St. Goar und Bingen ab, wo seine Tauer – halb und halb ja auch die meinen – erfolgreich gegen Wind und Wellen ankämpfen. Es regnete zumeist und war doch schön; denn Schwarz kennt geheime Kneipchen entlang dem herrlichen Strom, die auch bei rieselndem Regen das Herz warm halten. Etwas wehmütig war es für mich, wenn ich im Rädergetrieb seiner Boote stand, daß dies alles für mich nun vorüber sein sollte; daß ich an einundzwanzig Aufsätzen schrieb, statt meine Arbeit in Stahl und Eisen umzusetzen, daß ich auf eine großartige Vereinsmeierei lossteuerte, statt Pflüge und Schiffe zu treiben, daß mein Denken zwischen Oder und Rhein gefangen sein sollte, statt in Afrika und Amerika umherzuschweifen. – Sei's drum! Noch eine Flasche Rüdesheimer, alter Freund, ehe wir wieder flußabwärts treiben! 4. Bonn, den 4. November 1882. Du hast es aufgegeben, mir das vermeintlich Nutzlose meines Treibens vorzustellen und deutest an, daß ich mir die Zeit in angenehmerer Weise vertreiben könnte als mit dem Schreiben von einundzwanzig Aufsätzen über ein nicht übermäßig interessantes Thema. Ich wage nicht, zu widersprechen. Aber ich bin entschlossen, etwas zu erreichen, bei dem die öffentliche Meinung ins Spiel kommt. Sie zu beeinflussen gibt es kein andres Mittel, als immer wieder das gleiche zu sagen. So fängt das schwer bewegliche Trommelfell der Masse an, in gleichen Schwingungen zu vibrieren und die dumpfe Seele der Menschheit wird unruhig. Dann gilt's, nicht nachzulassen. Summt es lange genug in ihren Ohren, so fängt sie an zu glauben, um Ruhe zu bekommen, und schließlich gerät sie in Bewegung, sie weiß nicht wie. Zugegeben, die Arbeit ist einförmig: das Tapptapp im Hammerwerk zu Ernsbach, mit dem Ihr mich in meiner Kindheit geneckt habt. Aber es schmiedet schließlich den härtesten Stahl und macht Stangen und Reifen aus der unförmlichen Masse. Das habe ich in England und Amerika gesehen. Könnte es nicht auch hier zutreffen? Oft will mir's allerdings wunderlich vorkommen, wie anders sich hier die Massen bewegen lassen. Alles Befehle und Verbote und Anweisungen im Kommandoton, wo man anderwärts mit Suggestionen, Ratschlägen und klugem Überlisten sich behelfen muß. Vor etlichen Wochen hat der preußische Kultusminister die Schulbehörden angewiesen, ihre Jungen eifriger zum Spielen anzuhalten. Man denke sich etwas der Art auf einem Kricketfeld in England! Die kleine Verordnung liegt mir wie ein Stein im Magen, obgleich sie mich nichts angeht, und macht mich förmlich traurig. Steine im Magen sollen gewöhnlich diese Wirkung haben. übrigens versinkt man in landwirtschaftlicher Vereinsmeierei so wenig als in aufziehenden Herbstnebeln. Letzte Woche noch genoß ich einen herrlichen Tag zur Feier des Abschlusses meines dritten Aufsatzes – es ist merkwürdig, wieviel ich immer zu feiern habe –, indem ich nach Remagen fuhr und von dort nach Bonn zurückpilgerte; eine tüchtige Siebenstundentour mit den Umwegen, die sich daran schlossen. Denn ich bestieg natürlich an Hügeln, was mir in den Weg kam: den Apollinarisberg, die Rolandsburg und den vulkanischen Rodderberg, auf dessen Feuerherd sich ein Bauer mit Haus und Hof niedergesetzt hat. Der ganze Kraterwall ist noch aufs deutlichste zu erkennen, und die umherliegenden Lavaschlacken haben das Aussehen, als ob sie gestern ausgespien worden wären. Die mittlere Krateröffnung ist allerdings geschlossen, und der Bauer, ahnungslos wie Bauern sind, baut seinen Weizen mitten im Rachen der Urzeit. – Der Blick von der Rolandsburg auf Nonnenwert und das Siebengebirge ist der ganzen Welt so bekannt, daß sich nichts darüber sagen läßt, als daß die ganze Welt nicht imstande ist, der schönen Natur den Duft abzustreifen, trotz Eisenbahnen, Dampfschiffen, Hotels und andern Greueln. Und dann das Jauchzen und Singen entlang dem silberglänzenden Strom, das fröhlich-geschäftige Treiben des Herbstes auf den buntfarbigen, rebenbedeckten Berghalden! So strahlt das Leben der Natur im Herbstsonnenschein. Acht Tage später war das Wetter umgeschlagen, und ich sah etwas von ihrem Sterben. Der schöne Bonner Friedhof liegt ganz in der Nähe meiner Wohnung. Einige seiner Denkmäler, wie das Schumanns, sind Meisterwerke, und das Kriegerdenkmal, das nicht unpassend auf geweihter Erde steht, ist eines der besten, die ich kenne. Der Allerseelentag wird hier natürlich in katholischer Weise gefeiert. Reiche Leute bedecken ihre Gräber mit Riesenkränzen und prächtigen Blumen. Studenten legen auf die ihrer Freunde Schärpen und gekreuzte Schläger. Dazwischen sieht man das frisch aufgeworfene Grab eines Armen, an dem kleine Waisenkinder weiße Beerchen in die Erde drücken und so ein Herz oder ein überaus krummes Kreuz zustande bringen, das einen geradlinig fühlenden Menschen zu Tränen rühren kann. Gegen Abend steckt alles Dutzende von Kerzen zwischen die Blumen und um die Beerchen und zündet sie an. Dann kommt der Novemberwind und bläst sie wieder aus. Die Totenfeier, welcher nun viele hundert fromme Seelen in stillem Eifer obliegen, scheint im wesentlichen darin zu bestehen, mit einer der noch brennenden Kerzen die ausgelöschten wieder anzuzünden und so einen unablässigen Kampf gegen die Mächte der Finsternis zu führen. Gegen sechs Uhr kommt die Polizei und bedeutet den Leuten sanft, aber bestimmt, daß sie jetzt genug gebetet haben und nach Hause gehen mögen. Dann ist der Herbstwind Herr im Feld. Zehn Minuten später hat alles Geflacker um Kreuze und Grabsteine aufgehört, und die armen Seelen haben wieder Ruhe. Es ist trotzdem ein schönes Fest, um das man die katholische Welt beneiden kann, sonderlich wenn man in England ein paar Jahrzehnte lang gesehen hat, wohin eine kalte, rationelle, allzu protestantische Nichtachtung des Erdenkloßes führt, aus dem der Mensch gemacht ist. Als ich nach Hause kam, fand ich eine Todesnachricht auf meinem Tisch. Der gute, alte Burton, der Erfinder des Clipdrums, mit dem ich jahrelang mein Arbeitszimmer geteilt habe, ist gestorben. Ursprünglich ein Pianofortemacher in bescheidenen Verhältnissen, hatte er einen Kopf voll einfacher Gedanken, wo andre, weniger geniale Leute die größten Komplikationen sahen. Dabei war er ein Mann ohne Energie, wenn es galt, seinen Ideen Anerkennung zu verschaffen. So wurde er gründlich ausgebeutet, ohne von eigentlich bösartigen Menschen umgeben zu sein, und pflegte eine Art weicher Ergebung, die zuzeiten bitterer zu schmecken schien als die kühle Philosophie, mit der sich andre, die ich nicht nennen will, in ähnliche Verhältnisse finden. Nun bin ich nicht mehr der einzige der Generation, die die Dampfkultur in die Welt gesetzt hat, welcher im laufenden Jahr das alte Haus verläßt. 5. Bonn, den 15. November 1882. Das Ereignis der Woche war die Jahresversammlung der Sektion Bonn des landwirtschaftlichen Vereins der Rheinprovinz, die vor acht Tagen in Poppelsdorf abgehalten wurde. Mit der Versammlung, welche drei landwirtschaftliche Reden und ein Festmahl von fünf Gängen zierten, war eine Vieh- und Geräteausstellung verbunden, von der man mir schon drei Tage zuvor erzählt hatte. Als ich mich deshalb in aller Frühe auf den Ausstellungsplatz begeben wollte, um nach meiner Gewohnheit einen Überblick über das Ganze zu gewinnen, ehe das Studium im einzelnen beginnen konnte, begegnete mir Professor Werner, der Schriftgelehrte in Tierzuchtfragen. Ihm folgte ein Knecht, welcher einen Strick um den Leib geschlungen hatte, als wollte er eine gefährliche Bergtour unternehmen. Ich fragte nach dem Ausstellungsplatz. Lächelnd ob meiner Unwissenheit wies Werner auf den Mann mit dem Strick. Mein Erstaunen legte sich erst, als derselbe in einer benachbarten Wiese, auf welcher bereits unter der Obhut einer festlich gekleideten Frau zwei Kühe weideten, das Seil von Baum zu Baum spannte und der Frau half, die Kühe daran festzubinden. Im Lauf des Vormittags kamen noch dreiundzwanzig weitere Tiere verschiedenen Geschlechts und von acht verschiedenen Rassen. So wenigstens sagte mir der Herr Professor, der es wissen mußte. Die Geräteausstellung bestand aus einer Putzmühle und zwei Pflügen. Die zwei Pflüge wurden jedoch zur Freude des Ausstellers sofort verkauft und waren verschwunden, ehe die Preisrichter erschienen waren, die sich beim Frühschoppen etwas verspätet hatten. Sie waren deshalb genötigt, die Putzmühle allein zu prämiieren. Auch für die Rinderausstellung stellt eine wohlwollende Regierung bestimmte Summen zur Verfügung, die es ermöglichen, wenn die Ausstellung schlecht beschickt ist, jedes Tier mit einem kleinen Preis zu beglücken. Die Arbeit der Richter wird hierdurch wesentlich vereinfacht. Trotz dieses befriedigenden Ergebnisses konnte ich wahrend des Festmahls einer gewissen Niedergeschlagenheit nicht Herr werden. Das Vieh war mir gleichgültig, sehr mit Unrecht; was mich bedrückte, war die Geräteabteilung. Wo soll das hinaus, wenn einmal, wie in andern Ländern, die Arbeiternot wirklich fühlbar wird? War das eine Ausstellung am Ort einer landwirtschaftlichen Versuchsanstalt, die, wie ich vermute, die Aufgabe hat, den Bauern Maschinen in die Hand zu zwingen? Wenn die Weber und Spinner, die Schiffer und Fuhrleute unsrer Tage den Kampf ums Dasein nur noch mit Maschinen erfolgreich bestehen können, glauben denn die Herren Landwirte, sie allein werden mit ihren zehn Fingern auskommen wie bisher? Es wäre in der Tat Zeit, wenn ich ein Durchschnittsbild der Verhältnisse gesehen haben sollte, etwas Leben in die Bude zu bringen. Ob es auf meinem Wege geht, weiß der Himmel. Je mehr ich mich wieder in der deutschen Heimat umsehe, um so bedenklicher wird mir die Sache. Alles scheint von oben, von der Regierung erwartet zu werden. Wo es irgend fehlt, sind auch die »liberalsten« Blätter bereit, zu schreien: Da seht ihr's wieder! Warum macht die Regierung nicht dies oder das? Warum regt sich Bismarck nicht? Und regt er sich nicht, so ist weder für deutsche Kolonien, noch für Sparkassen, noch für Exporthandel, noch für Schutzzölle, noch für Schulreform, noch für Kulturkämpfe, noch für Blitzzüge nach Rom und Petersburg, noch für Briefmarken etwas zu hoffen. Alles selbständige Handeln scheint den Leuten ausgequetscht zu sein. Was ihnen blieb, ist die nörgelnde Oppositionsstimmung, wenn dann wirklich etwas versucht wird, das die alten Gewohnheiten stört. Wieviel trotzdem von oben herab geschieht, setzt mich fortwährend in neues Erstaunen. Die großartige und im ganzen wohlgeölte Maschine arbeitet in der Tat nicht schlecht. Aber die freudige Mitwirkung des Selbsthandelns, wie man es in England gewohnt ist, kann keine Regierungsmaschine ersetzen und, wie ich fürchte, auch nicht brauchen. Das ist das Wölkchen »wie eines Mannes Hand«, das ich 'an meinem Horizont aufsteigen sehe. Am Abend dieses ereignisvollen Tags, als der Rheinwein alles um uns her vergoldete, hörte ich ein Geschichtchen, das mir wieder Mut einflößte. Ich verdanke es Professor Werner, der seine tiefere Bedeutung nicht einmal ganz zu schätzen schien. Er ist gleichzeitig Vorsteher des Musterguts, das mit der Akademie in Verbindung steht. Um einen akademisch-reinen Hof zu erhalten, ist es auf dem Gute Brauch, am Abend den Stalldünger auf einen Wagen zu laden und diesen am andern Morgen nach einer entfernteren Dungstätte zu führen. Eine Ecke des von den Stallgebäuden umgebenen Hofs bildet ein alter Turm, wie solche in den Rheinlanden aus Ritterzeiten her gefunden werden. Sein zinnengekröntes flaches Dach ist auf zerfallenen Holztreppen kaum mehr zu erreichen. Nun begab es sich, daß ein Trüpplein Poppelsdorfer Akademiker von Bonn zurückkehrend nächtlicherweile am Hof vorüberkam und den beladenen Düngerwagen friedlich im Mondlicht schlummern sahen. Da erfaßte einen der jungen Herren ein genialer Gedanke, dessen Ausführung die andern freudig unterstützten. Der Wagen wurde vorsichtig und leise umgestürzt, Räder, Deichsel und Leitern abgenommen; sodann die einzelnen Teile mit unendlicher Mühe die Turmtreppe hinaufgeschleppt und oben auf der Plattform wieder zusammengestellt. Doch nicht genug. Es fanden sich in einem Winkel des Hofs etliche Körbchen und zwei Milchkübel; Taschentücher wurden mit Eifer der Arbeit geopfert. So wanderte auch der Inhalt des Wagens nach oben und wurde säuberlich wieder aufgeladen. Schließlich mußte noch die Stelle, wo die Ladung gelegen hatte, sorgfältig gereinigt werden. Dann gingen die Sechse, im Gefühl, eine große und schöne Tat vollbracht zu haben, etwas beschmutzt, völlig erschöpft und ganz nüchtern in der Morgendämmerung zu Bett. Mit dem ersten Sonnenstrahl erschien der Stallknecht, um seinen Dünger ins Feld zu fahren, aber der Wagen war verschwunden; auch von seinem Inhalt keine Spur zu entdecken. Er sucht im Hof, in den Ställen, er läuft hinaus ins Feld, halb geistesirr sich fragend, ob der Wagen vielleicht von selbst davongefahren sein könnte. Auch dies war nicht der Fall. Er holt den Verwalter. Beide suchen aufs neue, im Hof, im Stall, auf dem Feld, ohne Erfolg. Ratlos holt man den Herrn Professor. Erneutes Suchen, erneuter Mißerfolg. Alles, was gefunden wird, ist schließlich der Herr Direktor der Akademie. Sie stehen im Hof umher und erzählen sich Geschichten von spiritistischen Erscheinungen; aber in diesem Maßstab war denn doch noch nie etwas vorgekommen. Die Ratlosigkeit hatte eine beängstigende Höhe erreicht, so daß einer der Beteiligten hilfesuchend gen Himmel blickt. Da sieht er die Deichsel des Wagens, die über die Zinne des Turms herausragt und im Licht der Morgensonne förmlich strahlt. Wies stürmt die morschen Treppen hinauf. Der Wagen! der Wagen ist wieder gefunden. Aber wie zum Donnerwetter kam er hinauf? Und wichtiger noch – wie ins Kuckucks Namen bringen wir ihn herunter?! Einer der sechs jungen Herren geht in diesem Augenblick zufällig und schlaftrunken am Hof vorüber. Er ist in höchstem Grad erstaunt über das, was er gewahr wird. Noch immer ist die Korona in völliger Ratlosigkeit ratschlagend beisammen. Da wagt er in größter Bescheidenheit einen unmaßgeblichen Vorschlag: »Wenn man den Wagen entleeren wollte und ihn dann in seine einzelnen Teile zerlegte?« Sein Vorschlag wird dankbar angenommen. In diensteifriger Weise beaufsichtigt er die weiteren Arbeiten. Gegen Mittag ist wieder alles in Ordnung und der gefällige junge Herr empfängt mit liebenswürdiger Bescheidenheit den Dank der Gutsverwaltung und die Lobsprüche des Herrn Geheimrats. – Nein! ein Volk, dessen Jugend solcher Taten fähig ist, die nicht um schnöden Gewinn, nicht um ehrgeiziger Streberei willen im Schweiß des Angesichts ihre Nächte opfert, nur um einem ideellen Zweck zu dienen – ein solches Volk mag zuweilen auf Irrwege geraten, aber verloren ist es nicht. – – – Dünkelberg kam kürzlich von Eutin zurück, wo er seine Herbstferien als Gast und Berater des Großherzogs von Oldenburg zuzubringen pflegt, und brachte mir eine Nachricht, die vielleicht meinem ganzen Lebensplan eine andre Richtung geben wird. Ein dort ansässiger, offenbar sehr rühriger Ökonomierat Petersen steht an der Spitze einer »Deutschen Vieh- und Herdbuchgesellschaft«, welcher eine Anzahl der hervorragendsten Landwirte Deutschlands angehören. Diese Gesellschaft soll die Absicht haben, sich allmählich in eine allgemeine deutsche landwirtschaftliche Gesellschaft umzugestalten. – Um so besser! Das würde mir viele Mühe und Arbeit ersparen, die mehr und mehr wie eine kaum zu erklimmende Felswand vor mir aufsteigen. Nur höre ich gleichzeitig, daß die seit kurzem bestehende Gesellschaft mit sich selbst in heftigem Zwiespalt liege, da sich die Herren über das, was ein richtiges Herdbuch sei, nicht verständigen können. Dir genügt es, zu wissen, daß es ein amtlich geführtes Stammregister der Rinderaristokratie Deutschlands bedeutet. Gut ist, daß ich mir die Weiterentwicklung der Sache in aller Ruhe ansehen kann. 6. Bonn, den 3. Dezember 1882. Gestern habe ich die Feder für den letzten der ersten sieben Aufsätze über die R. A. S. angesetzt. Damit ist ein gewisser Abschnitt erreicht, denn je sieben sollen nach Form und Inhalt eine besondere Gruppe bilden. Über dem Ernst der sechs ersten bin ich fast schwermütig geworden. Der letzte wird im Plauderton die Erlebnisse zweier Deutscher auf einer der großen Jahresausstellungen der englischen Landwirtschaftsgesellschaft schildern und soll den Leuten in heiterer Weise den Mund danach wässerig machen. Er dürfte das Satyrspiel nach den vorangehenden Tragödien werden. Ob ihn irgendeine Zeitung nimmt, ist fraglich. Der einen wird er in der Form nicht ernst, der andern im Kern nicht leichtblütig genug vorkommen. Die Leser, für die er eigentlich berechnet ist, werden über diese neue Gattung von Schulze und Müller den Kopf schütteln. Aber es ist mir gleichgültig. Noch fühle ich mich ungebunden genug. »Nicht feil ist mir mein schuppig Panzerhemde und meine Freiheit und mein Spaß.« »Haß« sagt, wenn ich mich recht erinnere, Geibels Tscherkessenfürst. Aber auch das ist mir gleichgültig. Die sechs vorangehenden Artikel habe ich bereits an ebensoviele Zeitungen verschickt und warte der Dinge, die da kommen sollen. Die »Kölner« hat mit einer hierzulande nicht üblichen Promptheit abgelehnt. Dies störte mich keineswegs, denn ich hatte mich auf Ablehnungen in jeder Form und Gestalt gefaßt gemacht und über meine Zimmertür in flammenden Buchstaben geistweise geschrieben: »Ablehnungen werden nicht angenommen«. Demgemäß besuchte ich zunächst den Chefredakteur der »Kölner«, um sein Gewissen zu wecken. Er war darauf sichtlich nicht gefaßt, wie er mit Umschreibungen gestand, erstlich weil ihn ein Mensch besuche, der nicht Dr. war, zweitens weil derselbe die Engländer nicht schlechthin verdammungswürdig fand, und endlich weil dieser Mensch zu schreiben scheine, nicht um etwas geschrieben zu haben, sondern weil er etwas sagen, ja sogar, weil er etwas tun wolle. In der Verwirrung versprach er deshalb, den Aufsatz, den er nicht gelesen habe, denn er sei viel zu lang, seinem »landwirtschaftlichen Sachverständigen« zuzusenden. Dieser Herr wird hoffentlich ein landwirtschaftlicher Sachverständiger sein und danach tun. – Die andern fünf haben noch nichts von sich hören lassen. Das klingt schon besser. Viel Spaß hat mir der Kummer gemacht, den Dir meine Orthographie und mein etwas anglisiertes Deutsch bereitet haben. Ich bin Dir für jeden Strich dankbar, mit dem Du meine Manuskripte schmückst. Rochefort, der große Journalist und Laternenmann, saß jahrelang in England und hat grundsätzlich kein Wort Englisch gelernt, um seinen französischen Stil nicht zu verderben. Ich war weniger vorsichtig. Nun hab' ich's, und wer weiß, ob mir je wieder ein deutscher Schnabel wachsen wird. – Indessen gedenke ich nach dem siebenten Aufsatz eine fühlbare Pause eintreten zu lassen. Ich werde sonst allzu langweilig, selbst für unsre heimischen Verhältnisse, was die »langweiligen« Engländer in ihrer Bosheit nicht für möglich halten. Tatsächlich habe ich mit dieser Pause schon einen kleinen Anfang gemacht, indem ich an meinen Skizzen eifrig klebe und pinsle. Dabei lebe ich in Ägypten und Peru, am Sakramento und an der Wolga wieder auf und freue mich des mühelosen, genußreichen Wanderlebens. Es kommt mir förmlich unnatürlich vor, daß »Heimat« keinen Pluralis hat. Ihr werdet darüber entsetzt sein. Aber ist es so sicher, daß mein Gefühl in diesem Punkte irre führt? »Wir haben keine bleibende Stätte.« In Bonn dagegen fühle ich mich noch immer nicht heimisch. Ich habe wohl schon mehr Bekannte, als ich brauche; zu einem näheren Anschluß kommt man in meinen Jahren nicht so leicht, vielleicht, weil man es weniger nötig hat. Die hochgebildeten Kreise der Universität, auf deren Umgang ich mich freute, weil ich ihn nie zuvor genossen hatte, enttäuschten mich ein wenig. Prächtige Leute in ihrer Art – einige davon; und vor ihrem Ruf, vor ihrem Wissen beuge ich mich gebührend. Daneben aber welcher Formalismus in Kleinigkeiten, wieviel unbegreifliche Eifersüchtelei in den höchsten und in den niedrigsten Beziehungen! Wie sie sich mißtrauisch auf die Finger sehen, wie sie sich streiten, ob X eine chaldäische Inschrift drei Wochen früher entziffert hat als Y, oder ob A das Verhalten der Buttersäure bei 137° Celsius einen Monat vor B.'s Artikel über dieselbe Frage richtig angegeben habe. Nein! ich bin nicht der Herren Kammerdiener, und dennoch – Dann die Jugend, das Studentenwesen in seiner neuesten Entwicklung, die in Bonn besonders zu blühen scheint – noch einmal, nein! Dafür allerdings gibt es eine Erklärung von überwältigender Deutlichkeit: meine achtundvierzig Jahre. Das wichtigste aber, was ich zu tun habe und wozu mir die Pause dienen soll, ist nunmehr, mich umzusehen, wo ich bin, klar darüber zu werden, was ich will und wie zuzugreifen ist, wenn es in der Tat zum Wollen kommen sollte. Denn ohne ein bestimmtes Ziel, ohne festen Willen komme ich aus dem deutschen Nebel nicht heraus, der mich dichter als ein englischer von allen Seiten einzuhüllen droht. 7. Bonn, den 18. Dezember 1882. Ihr wünscht mehr von dem Nebel zu erfahren, über den ich in so nebelhafter Weise zu klagen beginne. Gut. Aber beklagt Euch nicht, wenn er sich dann auch auf Euch herabsenkt. Es ist ein würdiges Thema für einen Dezemberbrief, wenn die Flocken vor den Fenstern wirbeln und man sie vor Eisblumen kaum mehr zu sehen vermag. All meine Landsleute, die ich seinerzeit durch die Ausstellung der englischen Landwirtschaftsgesellschaft geführt habe, seufzten zum Danke: Ach, wenn wir bei uns zu Hause eine ähnliche Gesellschaft hätten! So wuchs heimlich und innerlich der Gedanke in mir auf: »Hier wäre etwas zu machen, das der Mühe wert ist!« und wurde eine Art Gehirnpolyp, der, wie Ihr wißt, im Kristallpalast zu Sydenham am 30. April in diesem Jahr des Heils aufbrach. Nun kam ich hierher, und was finde ich! Das ganze Deutsche Reich ist überzogen von einem Netz landwirtschaftlicher Vereine wie kein andres Land der Erde. Jede der Provinzen Preußens hat ihren Provinzial- oder Zentralverein mit einem Präsidenten, einem Generalsekretär, einem Schatzmeister, häufig auch einer Versuchsstation und den nötigen Beamten und Bediensteten. Jeder Provinzialverein hat zwölf bis dreißig örtlich begrenzte »Sektionen« mit Präsident, Sekretär, Schatzmeister und sonstigem Zubehör. Jede Sektion hat ihre Zweigvereine, Kränzchen, Kasinos und wie sie alle heißen, mit ihren Präsidenten, Schriftführern, Schatzmeistern und so weiter. Das sind die sogenannten zentralisierten Vereine, die in engster Beziehung zur Regierung, das heißt zum Landwirtschaftsministerium, stehen und ihre Bedürfnisse teils aus den sehr bescheidenen Jahresbeiträgen der Mitglieder, teils in weitaus höherem Maße durch regelmäßige und gelegentliche Zuschüsse aus der Staatskasse bestreiten. Sie sind deshalb von der Regierung in hohem Grade abhängig, scheinen stolz darauf zu sein und zugleich den Staat als rettende Mutter für all ihre kleinen und großen Nöten zu betrachten. – Neben diesen zentralisierten Vereinen gibt es eine kaum geringere Menge »nicht zentralisierter« Vereine, vornehmlich für alle erdenklichen Zweige des landwirtschaftlichen Gewerbes: für Geflügel, Fische, Bienen, Obst, Wein, Hopfen, Milch, Moorkultur, Herdbücher, Spiritus, Stärkemehl, Rübenzucker und so fort, die sich teils enge örtliche Grenzen ziehen, teils größere Distrikte, manchmal selbst das Deutsche Reich zu umfassen suchen. Auch diese Vereine sind, obwohl weniger abhängig von der Regierung, mit geringen Ausnahmen, infolge ihrer meist peinlichen Mittellosigkeit, zur bescheidensten Tätigkeit verurteilt, wenn nicht die Regierung ihnen Mittel zur Verfügung stellt, um einen unzweifelhaft gemeinnützigen Zweck zu fördern. Die meisten der großen Provinzialvereine, die seit zwanzig bis fünfzig Jahren bestehen, sind völlig unabhängig voneinander, haben verschiedene Entstehungsgeschichten und schon deshalb ausgesprochen verschiedene Bestrebungen. Einige pflegen das landwirtschaftliche Schulwesen, andre haben sich auf die Chemie geworfen, wieder andre widmen ihre Kräfte mit Vorliebe der Tierzucht, was alles weniger von örtlichen Verhältnissen als von Personen abzuhängen scheint, die zufällig an ihrer Spitze stehen und die nach deutscher Art nicht ohne Eifersucht die Grenzen ihres Wirkungskreises gegen Einflüsse von außen zu schützen wissen. Ähnlich liegen die Verhältnisse in Bayern, wo der große landwirtschaftliche Verein von Bayern in acht Kreisvereine zerfällt, die unter Kreissekretären stehen, von denen jeder sein eignes Kreisblättchen redigiert und mit dem Nachbar möglichst wenig zu tun haben will. Nominell ist dieser Verein unabhängiger vom Staat als die Provinzialvereine in Preußen, sachlich scheint das Verhältnis nicht wesentlich anders zu sein. In Sachsen, Baden und Württemberg wie in den kleinen Mittelstaaten stehen die Organe der Regierung an der Spitze des Vereinswesens, entweder unmittelbar oder durch Vermittlung eines »Kulturrats«, einer »Zentralstelle«. Der Vorsitzende der einzelnen Ortsverbände ist gewöhnlich der Herr Oberamtmann (Landrat), mag er etwas von der Landwirtschaft verstehen oder nicht. Er versteht zum mindesten eine Eingabe an die Regierung zu machen und so die Landwirtschaft durch Einfluß und Schreibhilfe zu unterstützen, wenn er Lust dazu hat. In dieser Weise zählt man in Deutschland gegenwärtig ungefähr sechzehnhundertundfünfzig landwirtschaftliche Vereine. Wieviel in denselben und für dieselben geredet, geschrieben und gedruckt wird, ist nicht an den Himmel zu malen. Was sie leisten in Feld und Wald, in Stall und Scheune, darüber fehlt mir Urteil und Überblick, obgleich es der Masse nach leichter zu übersehen sein dürfte. Zwei Hauptredeorganisationen habe ich noch zu erwähnen: in Preußen das Landesökonomiekollegium, das, von den Vereinen und der Regierung gewählt, alle Jahre einmal in Berlin zusammentritt und sich mehrere Tage lang über wirtschaftliche Fragen und Interessen unterhält. Eine ähnliche Körperschaft mit Bezug auf das Reich ist der Landwirtschaftsrat. Reden dürfen diese höchst achtbaren Körperschaften soviel ihnen gut dünkt, und viel dünkt ihnen gut; zu sagen haben sie nichts. Ihre Hauptbeschäftigung besteht darin, »Resolutionen« zu fassen. Wie ich dieses Wort hasse. Aber darauf, fürchte ich, komme ich noch später zurück, denn es ist ein bedenklicher Punkt, wenn man haßt, was unsre künftigen Freunde besonders liebhaben. Doch ich bin noch lange nicht zu Ende. Da ist der Kongreß der deutschen Landwirte, eine freie Vereinigung, die ebenfalls alle Jahre große Versammlungen in Berlin abhält, um ihre Reden stenographieren zu lassen, Resolutionen zu fassen und wieder nach Hause zu gehen. Ich weiß nicht, ob sie je einen Versuch gemacht hat, etwas zu tun. In der jüngsten Zeit ist dies jedenfalls nicht vorgekommen. Der Kongreß besteht heute hauptsächlich aus den Großgrundbesitzern und Hochtories des Ostens, soll aber vor einigen Jahren überwiegend liberalere Elemente vereinigt haben. Da sich die Majorität mit der Minorität nicht vertragen konnte, ist die Majorität ausgetreten und ist seit der Zeit eine Herde ohne Hirte. Die Minderheit aber, begabt mit überaus gesunden Lungen, ist sich ihrer Stärke bewußt und leistet rednerisch Erkleckliches. Die zersprengten Mitglieder jener Majorität wissen mir viel von der Pracht vergangener Zeiten zu erzählen, in denen von 1837 bis 1869 die Wanderversammlung der Land- und Forstwirte geblüht habe. Auch diese Einrichtung habe allerdings nichts getan, sondern nur geredet, aber oft so schön, daß es noch jetzt eine Freude sei, daran zurückzudenken; und die persönlichen Berührungen und der Gedankenaustausch – ein überaus beliebter Ausdruck' hierzuland – habe denn doch ganz außerordentlich wohltuend gewirkt. Die letzte Versammlung sei in München abgehalten worden, und seitdem die Einrichtung begraben geblieben. Wenn ich nur sie wieder ins Leben zurückriefe, sagen mir einige der Poppelsdorfer Herren, hätte ich mich um das Vaterland genügend verdient gemacht. Auch war einmal – es klingt wie ein Märchen – eine deutsche Ackerbaugesellschaft, die es bis zu einer landwirtschaftlichen Ausstellung in Dresden gebracht hat, dann aber infolge der Überanstrengung aufgehört haben soll zu existieren, ohne zu sterben: ein geheimnisvoller Fall, den ich später noch besser zu verstehen hoffe. Es war eine norddeutsche Schöpfung. Weil nun aber die Leute jenseits des Mains diese Glanzleistung nicht mit ansehen konnten, ohne auch ihr Licht leuchten zu lassen, entstand kurz darauf eine süddeutsche Ackerbaugesellschaft. Auch sie brachte es zu einer Ausstellung zu Frankfurt a.M. und soll während derselben in unzweideutiger Weise verkracht sein. Wo ich von diesen Versuchen höre, dienen sie dazu, mir in halb spöttischem, halb wehmütigem Ton zu beweisen, daß es unmöglich sei, unter deutschen Verhältnissen deutsche Landwirte in Deutschland für einen derartigen Gedanken zu gewinnen. Trotzdem hat es in Hamburg und Bremen zwei oder drei große landwirtschaftliche Ausstellungen gegeben, die glänzend verlaufen sein sollen. Doch waren sie nicht deutsch, sondern international, und wurden nicht von Landwirten, sondern merkwürdigerweise von Kaufleuten ins Leben gerufen. Ich tröste mich damit, daß mir noch nicht alles klar ist, was ich wissen sollte. Sonst müßte ich zugeben, daß die Aussichten für das Werk, wie ich es mir gedacht habe, trostlos sind. Ein würdiger Abschluß unsers Briefwechsels in diesem ersten Jahr, in dem ich mich ernstlich frage, wo ich meine nächste Lebensaufgabe zu suchen habe. Eins jedoch bringt es mir jedenfalls, das mir mehr wert ist als die ganze Vereinsmeierei dieser Epistel: seit zweiundzwanzig Jahren wieder das erste Christfest in der alten Heimat! Selbst der Rhein, auf dem heute schon Eis treibt, kann mir gestohlen werden. Morgen seht Ihr mich auf dem Weg nach der Schwäbischen Alb. 8. Bonn, den 29. Januar 1883. Als ich vor fünf Wochen im Regen einer Dezembernacht rheinaufwärts dampfend noch einmal überlegte, wo ich war und wohin ich ging, überkam mich die naßkalte Winterstimmung dermaßen, daß ich zum Rhythmus der rasselnden Wagenräder und beim erbärmlichen Licht der Königlich Preußischen Staatseisenbahnöllampen ein paar Zeilen in mein Notizbuch schrieb, die ich nicht einmal allein gedichtet hatte: Ott' Heinrich, der Pfalzgraf zu Rheine, Sprach eines Morgens: Rem, blem! Ich pfeif auf die sauern Weine Ich geh' nach Jerusalem. – Ich selber – man sollte es kaum glauben – Ich gehe weiter als er. Ich pfeif auf die sauern Trauben, Und ertrinke im Toten Meer. Dann kamen die so lang entbehrten Lichtchen des deutschen Weihnachtsbaums und durchstrahlten mit ihrer freundlichen Helle den ganzen Jammer. Als ich zwei Wochen später wieder zurückfuhr, an einem blauen, knirschenden Wintermorgen, vertrieb ich mir die Zeit hinter den zugefrorenen Wagenfensterscheiben damit, nach einem Arbeitsgrundsatz, nach einem Wahlspruch für das anbrechende Jahr zu suchen; stundenlang vergeblich. Schließlich fiel mir ein Sätzchen ein, das ich irgendwo einmal in einer englischen Zeitschrift gelesen hatte: »Ein Mann, der nicht manchmal das Unmögliche wagt, wird das Mögliche nie erreichen.« Das war's; das ist's; das soll es sein! Wenn ich mir dabei die Freiheit der Seele bewahre, und es mir gleichgültig bleibt, ob ein sogenannter Erfolg erreicht wird oder nicht, läßt sich dabei leben. – – Auf der Durchfahrt durch Heidelberg hat mich Winter eingefangen. Er gibt eine Reihe von »Vorträgen für das gebildete deutsche Volk« heraus, die alles Mögliche und Unmögliche behandeln, aber, wie er meint, nach deutscher Art allzuweit vom praktischen Leben abschweifen und in lauter Bildung zu verdunsten drohen. Ich möchte ihm doch auch etwas schreiben, aber etwas Praktisches. Die Suggestion wirkte nach, und auf jener Rückfahrt beschloß ich, aus den verflossenen sieben Aufsätzen über die R. A. S. ein zusammenhängendes Ganzes zu machen, mit dem ich dann später im Interesse der künftigen deutschen Gesellschaft hausieren gehen könnte. »Denn, was man schwarz auf weiß besitzt«, und so weiter, bleibt im Vaterland Goethes eine ewige Wahrheit, ohne die man nicht weiterkommt. Seit vierzehn Tagen schreibe ich an der Broschüre: »Die Königliche Landwirtschaftsgesellschaft von England und ihr Werk«, und Winter tut, als ob er sich darauf freue. Diese unglückseligen Verleger, die er mir so rührend zu schildern gewußt hat! Mittlerweile wandern die sieben Zeitungsaufsätze in Deutschland hin und her, wie Zugvögel, die ihr Nest nicht finden können. Die »Kölner«und die »Leipziger Illustrierte« haben ihren Anteil höflich zurückgeschickt. Dünkelberg, der beide Aufsätze vortrefflich findet, und mir mit seinem Rat eifrig zur Seite steht, veranlaßt mich, den einen der »Deutschen Milchzeitung« in Holstein, den andern der »Deutschen landwirtschaftlichen Presse« in Berlin zu schicken. Die »Magdeburger« schreibt, ihr Sachverständiger, ein gewisser Professor Maercker, erkläre den Aufsatz für ein Meisterwerk, sie habe aber vorläufig keinen Platz für Meisterwerke. Die »Frankfurter« will den ihren zur Hälfte drucken, ohne Sachverständnis zu heucheln. Der »Kreuzzeitung«, scheint es, schloß Hekate für ewig den stummen Mund. Ihren Junkern ist die Sache wahrscheinlich von zu gemeiner Gemeinnützigkeit. Diesem Geist gegenüber verspreche ich mir manchen Strauß und manche Niederlage: einen Kampf mit gewaltigen Windmühlen, den ich armer Don Quixote aufnehmen muß, mag mir's gehen, wie es will. – – Einen begeisterten und, wie es scheint, getreuen Anhänger habe ich in Berlin oder vielmehr er mich in Bonn entdeckt. Wüßte ich, daß ich den Mann nicht kränken würde, so könnte ich ihn zu meinem Sancho Pansa ernennen. Dietrich Kaufmann, Agent, Maschinenbauer seines Zeichens, der erste unter fünfzig Millionen Deutschen, der mir mit lauter Begeisterung zujubelt. Wir kennen uns, denn er hat sich zwölf Jahre lang im Kampf gegen Fowler als Vertreter aller möglichen andern Dampfpflüge abgemüht, uns das Dasein zu erschweren. Kürzlich hat er eine eigne kleine Fabrik zu Berlin begründet und baut verlegbare Eisenbahnen. Auch das scheint ihm im allgemeinen nicht gut zu bekommen. Ich hätte deshalb zu allerletzt von ihm erwartet, ein ermutigendes Wort zu hören, und darf ihn nicht abschrecken. Selbst warme Herzen ohne übermäßige Urteilskraft sind unter Umständen wertvolle Hilfstruppen. Er habe, schreibt er, mit einem Professor A. Müller gesprochen, der in einer Berliner Gesellschaft, dem Teltower Verein, Vorträge leite. Dort müsse ich vor allen Dingen meine Sache vorbringen. Müller sei durchaus bereit, mir das Ohr der Teltower zu leihen. Er behaupte, mich zu kennen; er habe mit mir zu London 1861 in demselben Boardinghaus, bei Mrs. Bitter, gewohnt. Immer und immer wieder: wie ist die Welt so klein! – – Ihr seht, der Monat ging nicht verloren. Auch ist in Bonn der Winter nicht die ruhigste Zeit des Jahres, und etwas Allotria muß ich mir erlauben, um meine Berichte nicht jetzt schon zu förmlichen Geschäftsbriefen herabsinken zu lassen. Habe ich mich doch zur Ruhe gesetzt, was mir jedermann, dem ich auf dem Wege zu seinem Bureau oder Hörsaal begegne, mit neidischen Blicken zuflüstert. Gestern abend hörte ich im Naturhistorischen Verein der Rheinprovinz einen zornbebenden Vortrag von Professor Schaaffhausen gegen Professor Virchow. Der letztere hat eine entrüstete Broschüre gegen den ersteren veröffentlicht. Die beiden gelehrten Herren sind nämlich über einen fossilen Menschenkinnbacken in den bittersten Streit geraten. Sch. beweist, es sei der kleine Kinnbacken eines außerordentlichen Riesenkindes. V. weist nach, daß das Unsinn sei; es sei im Gegenteil der außerordentlich große Kinnbacken eines sehr kleinen Mannes. Dazu hat Virchow das Korpusdelikti, das von Rechts wegen nach Bonn gehört, entwendet und hält es in Berlin unter Schloß und Riegel, so daß sich Sch. mit Photographien begnügen muß, um seinen großen Gegner zu bekämpfen. Die Bitterkeit der beiden Herren liegt überdies tiefer. Sch. glaubt an fossile Menschen zu einer Zeit, in der V. nur Tieren begegnen will. Ja noch mehr! Sch. hat jüngst den Scherben eines Topfes in sekundären Gesteinslagerungen gefunden, was ihm V. einfach nicht glaubt, obgleich Sch. den Topf »herumreicht«, wann und wo es irgend angeht. V. geht so weit, seinen Gegner für einen Dilettanten zu erklären. Dies ist allerdings in Bonner Kreisen eine schwere Beleidigung. Und wer weiß, wer schließlich recht behalten wird. Ich bin geneigt, es mit Schaaffhausen zu halten. Die Theorien der Gelehrten sind wie Heu und ihre Ansichten vergehen wie des Grases Blume. Ein Topf aber bleibt. 9. Bonn, den 12. Februar 1883. Es regt sich. Der Redakteur der »Deutschen Milchzeitung«, die einen meiner Aufsätze bringt, Ökonomierat Petersen in Eutin, schreibt mir den zweiten eingehenden Brief. Er scheint die Seele der Deutschen Herdbuchgesellschaft zu sein oder gewesen zu sein; denn er sagt, die junge Gesellschaft sei der Auflösung nahe. Sie habe keine Mittel, etwas zu tun, und wisse nicht, was sie tun wolle. Er drückt sich zwar etwas anders aus, aber darauf kommt es hinaus. Die dreihundert Mitglieder, die er um sich geschart hatte, begannen nämlich damit, einen homerischen Kampf untereinander zu veranstalten über die Frage, wie man ein deutsches Herdbuch anlegen müsse. Die größten Autoritäten des Vaterlandes und der Viehzucht lagen sich nach kurzer Zeit dermaßen in den Haaren, daß mit dieser Frage nicht weiterzukommen war. Dagegen, fährt Petersen fort, habe man sich von Anfang an mit dem Hintergedanken getragen, aus der Herdbuchgesellschaft einen großen deutschen allgemein-landwirtschaftlichen Verein zu machen, fast genau, was ich beabsichtige. Unter diesen Umständen könne ich nichts Besseres tun, als meine Kräfte der Herdbuchgesellschaft zur Verfügung zu stellen, sie zu retten und daraus zu machen, was ich wolle. Der Grundstein sei, wie ich sehe, gelegt. Das will überlegt sein. Vorläufig schrieb ich in höflichster Form eine diplomatische Ablehnung. Ich fühle mich kaum stark genug, sinkende Schiffe zu retten. Ist noch Leben genug in der sichtlich Sterbenden, eine große deutsche Gesellschaft zu gebären, so soll mich's freuen. Ich könnte dann beruhigt daran gehen, Novellen zu schreiben. Schon die erste, die den Titel »Das Herdbuch« führen und die Einheitsbestrebungen meiner lieben Landsleute schildern könnte, würde mir mehr Spaß machen als all meine künftigen Bemühungen auf demselben Gebiet. – – Außer der »Kreuzzeitung« und der »Illustrierten« haben jetzt alle andern Zeitungen meine Aufsätze fast unverkürzt gebracht. Ich schicke Exemplare derselben an sämtliche mittelbar oder unmittelbar Bekannte, deren Adressen ich erlangen kann. Hierbei ist mir Poppelsdorf wieder außerordentlich nützlich, denn ich selbst stehe selbstverständlich noch immer wie vor einer Mauer, hinter der ich nichts als das dumpfe Rauschen und Wogen einer fremden Volksmenge vernehme; oft ein unheimliches Geräusch. Antworten erhalte ich im allgemeinen nicht. Das war zu erwarten. Ein Fremder muß zehnmal klopfen, bis man auf sein Klopfen hört. Nur nähere Bekannte aus früheren Zeiten schreiben mir ein paar Zeilen, drei nur eingehender: Oberamtmann Rimpau zu Schlanstett, der mich aus der Zeit der Dampfpflügerei in der Provinz Sachsen kennt, und den ich für einen der klügsten und praktischsten Landwirte Deutschlands halte, dann Dr. Thiel, Geheimer Oberregierungsrat und vortragender Rat im Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten – genügt Dir der Titel? – einer der wenigen hohen Beamten, die über ihre Akten hinweg etwas von der Welt sehen, und schließlich ein mir bis jetzt nur dem Namen nach bekannter Ökonomierat Noodt, der Vorsitzende eines »Klubs der Landwirte« zu Berlin. Alle drei Briefe sind überaus freundlich, höchst interessant und niederschmetternd, wenn ich niederzuschmettern wäre. Ich darf mich natürlich nicht damit trösten, daß sie meine Absichten für löblich erklären. Rimpau meint, daß trotz des Jahres 1870 die Zersplitterung Deutschlands eine derartige Vereinigung nicht gestatte und daß höchstens das vorhandene Vereinswesen für bestimmte Aufgaben zu gemeinsamem Handeln zusammengefaßt werden könnte, daß aber auch dies große Schwierigkeiten habe. Überdies lagen keine brennenden Fragen vor, die ein derartiges Zusammenfassen nötig machten. – Thiel »will mir nicht verhehlen«, daß die Aufgabe eine ungemein schwierige sei. Abgesehen von allen politischen Hindernissen fehle in diesen Kreisen das Gefühl, ein gemeinsames Volk zu sein. Mangel an Mitteln, Mangel an Opferwilligkeit sei in den bestehenden Vereinen die ständige Klage. Das müsse bei den großen Entfernungen, mit denen ein allgemeiner deutscher Verein zu kämpfen habe, doppelt ins Gewicht fallen. Dann aber gibt er mir auch aus reicher Erfahrung Ratschläge, die beweisen, daß die Sache in ihm einen warmen Freund gewinnen könnte, wenn sie irgendwie in gesunde Bewegung gerät. – Noodt ist sichtlich ein herzensguter Mann, der aber ungern über den Horizont seines Klubs hinaussieht, was bei allen andern Vorsitzenden von landwirtschaftlichen Vereinen, die ich bis jetzt kennen gelernt habe, der Fall zu sein scheint: ein merkwürdiger Drang, sich in engen Kreischen einzuschließen und sich wie ein Igel zusammenzuballen, wenn sie irgendetwas von außen berührt. Er erzählt mir wehmütig, wie alle ähnlichen Versuche, für die die Besten ihren Schweiß vergossen hätten, an der Trägheit der Massen gescheitert seien, und wie selbst große und schöne Einrichtungen, der »Kongreß« in seiner ursprünglichen Zusammensetzung und die »Wanderversammlungen der Land- und Forstwirte« zugrunde gegangen seien. Wo nicht die Staatsregierung schützend und fördernd eingreife, sei nichts zu machen. Ein Glück wenigstens, daß die Regierung dies einsehe. Was sagt Ihr dazu? – Wüßte ich nicht aus Erfahrung, daß man den »Sachverständigen« am wenigsten trauen darf, wenn man etwas Neues schaffen will, so wäre es am besten, ich packte zusammen, ginge nach England und suchte meinen Patentregulator aus dem Sumpf zu ziehen, in dem er, wie ich höre, zu versinken droht. Natürlich. Eine Erfindung, hinter der in ihrer Kindheit nicht der Erfinder Tag und Nacht mit der Soxhletflasche steht, muß zugrunde gehen. – – Doch manchmal kommt auch etwas Erfrischendes. Vor vierzehn Tagen telegraphierte mein begeisterter Freund Dietrich, daß er in Westfalen zu tun habe und mich in Bonn besuchen wolle, um sich an meinem Anblick zu ergötzen. Um ihn nicht zu weit aus seiner Richtung zu ziehen, bestellte ich ihn auf den Kölner Bahnhof, von wo aus wir in das Karnevalgetümmel des »Rosenmontags« stürzten. Ein unglaubliches Bild, wenn sich eine ganze Stadt in ein fideles Narrenhaus verwandelt. Am ergreifendsten erschien mir, als es Nacht geworden war, die Szene vor dem Dom: ein buntes Gewimmel jubelnder, schreiender Masken der tollsten Art und darüber die ernsten, stillen Türme des riesigen Bauwerks im Mondschein. Wenn man bedenkt, daß es diese halb trunkenen, schreienden Narren waren, die den prachtvollen Bau ersonnen und aufgebaut haben, darf man mit diesen Gegensätzen vor Augen an der Menschheit verzweifeln? Ich war infolge einer Einladung in Bonn gezwungen, Dietrich, dessen Berliner Zug erst um zehn Uhr abging, im Gedränge zu verlassen. Er schrieb mir gestern, wie es ihm ergangen sei: wie ihn ein Krokodil am Arm genommen und in ein feines Haus geführt habe, wo er an einer Tafelrunde von männlichen und weiblichen Krokodilen eine herrliche Stunde verleben durfte, wie er sodann mit seinem neuen Freund vom Nil die Nacht durch von Haus zu Haus gezogen, überall gastlich aufgenommen und schließlich um ein Zwanzigmarkstück angepumpt worden sei. Natürlich hatte er seine beabsichtigte Abfahrt verschoben. Mit schwerem Kopf saß er deshalb in der Morgendämmerung in dem Eisenbahnwagen eines Frühzugs und hatte den größten Teil seiner Abenteuer, einschließlich des Zwanzigmarkstücks, vergessen, als er einen elegant gekleideten Herrn auf dem Bahnsteig bemerkte, der sichtlich angstvoll am Zug auf und ab lief und ein Goldstück in die Höhe hielt. Der Herr war das gewissenhafte Krokodil von gestern. Wie gründlich am Rhein Karnevalspflichten erfüllt werden, schilderte mir vor einigen Tagen mein Freund Guilleaume, der große Drahtseilfabrikant von Köln. Einer seiner besten Drahtseilspinner kam drei Tage nach Aschermittwoch noch nicht ins Geschäft. Dies war etwas lang, auch für den qualvollsten Kater. Man schickte schließlich nach ihm; aber nur seine Frau erschien und bat, wenn man ihren Mann brauche, um Vorschuß. Denn er könne nicht kommen; er habe seine Kleider versetzt, um den Karneval mitzumachen. »Aber Donnerwetter,« bemerkte der Fabrikdirektor, wie konnte er denn auf den Karneval gehen ohne Kleider?« »Ja, verzeihen Sie,« erklärte die Frau, »er hatte die meinen an.« So ernst nehmen die Kölner den Scherz. Sollte man nicht auch bereit sein, um eine große deutsche landwirtschaftliche Gesellschaft zu schaffen und wieder ein Glied in die Ketten zu schmieden, die unser zerrissenes Volksbewußtsein zusammenhält, wenigstens – sagen wir – seine Hosen zu versetzen? 10. Bonn, den 10. März 1883. Noch einmal: es regt sich! Richtiger vielleicht: ich rege mich. Denn ich schreibe wenige Stunden vor meiner Abfahrt nach Berlin, an die sich eine Entdeckungsreise schließen soll, deren Notwendigkeit mir in den letzten Wochen klar geworden ist. Zumut ist mir dabei wie einem Baseler Missionsjüngling an der Schwelle eines fremden Landes voll von Wilden, deren Sprache er kaum versteht, mit nichts in der Hand als einem ungewohnten Strohhut, mit nichts im Herzen als seinem Glauben. An Nachrichten aus den wilden Gegenden fehlte mir's in den letzten Wochen nicht mehr, die meisten mit wohlwollenden Wünschen reich geschmückt, aber auch voll Ergebung in das Unabänderliche: daß bei uns nichts ins Leben zu rufen sei, das mehr zu tun beabsichtige, als schreiben und sprechen. Geheimrat Thiel erklärt alles Vereinswesen für eine wohlorganisierte Bettelwirtschaft. Mit den Süddeutschen namentlich werde ich meine liebe Not haben, denn die Norddeutschen, meint er, tun den Süddeutschen viel eher etwas zu Gefallen als umgekehrt. Ökonomierat Noodt wiederholt voll Bitterkeit, daß er sich sein ganzes Leben lang gemüht habe, ähnliche »Ideale« zu verfolgen; die Leute sprechen mir etwas zu viel von Idealen, wo es sich doch nur um sehr reale Dinge handeln kann. – Er trete jetzt zurück mit dem Bewußtsein, daß wenigstens sein »Klub der Landwirte« nicht zugrunde gegangen sei wie so vieles andre um ihn her. Aus dem Süden, aus Bayern, erhielt ich nur eine Antwort auf meine Zusendungen, voll bitterer Hoffnungslosigkeit. Süd- und norddeutsche Landwirte unter einen Hut zu bringen: daran sei gar nicht zu denken. Man sehe wohl, wie sehr ich die Fühlung mit der Heimat verloren habe. Fast komisch ist, daß mich die meisten meiner platonischen Gönner darauf aufmerksam machen, daß von der entschlafenen Ackerbaugesellschaft her noch ein ansehnliches Häuflein Geld wahrscheinlich in Dresden liege. Nach dem solle ich mich vor allen Dingen umsehen. So die Landwirte. Die Fabrikanten landwirtschaftlicher Maschinen, die in der englischen Gesellschaft eine große Rolle spielen, sind auch hier erfreut und bereit, mitzuspielen. Aber leider hilft dies nichts, wenn die richtigen Bauern nicht in Bewegung zu setzen sind. Und das, wie mir immer klarer wird, geht mit Briefeschreiben allein nicht. Nun überlegte ich mir die Sache weiter. Wenn ich diesen guten Leuten einmal Auge in Auge gegenüberstehe, sind sie imstande zu fragen, was ich eigentlich wolle, wie wenn ich nie eine Zeile geschrieben hätte. Denn es wird mir glaubhaft versichert, daß die meisten nichts lesen. Ich machte mich deshalb allen Ernstes daran, Statuten und Gesetze für die Gesellschaft zu entwerfen, die zurzeit nur in meinem Kopfe ihren Sitz hat. Es kostete einiges Nachdenken, war aber an sich nicht schwierig, da keine meiner Bestimmungen auf Widerspruch stieß. Auch war dieses Vorgehen gut deutsch, denke ich. Denn viele glauben hierzuland, daß sich ein Gemeinwesen am leichtesten bildet, wenn es die nötigen Gesetze und Strafbestimmungen fertig vorfindet. Dies scheint wenigstens bei unserm jungen Kolonialwesen der leitende Gedanke zu sein. Über allgemeine Grundsätze bin ich mir klar: Völlige Selbständigkeit und Unabhänigkeit, sonst hat kein rechter Kerl eine rechte Freude an der Sache; strenge Parteilosigkeit, da die Politik jede sachliche Arbeit zerfrißt; hohe Jahresbeiträge, weil sich ohne Geld niemand rühren kann; tüchtige Mitarbeit aller, die tüchtig bezahlt haben, das soll ihr Lohn sein; und so wenig Geschwätz und Gedruck als irgend möglich. Das alles klingt ein wenig englisch, und darin wird wohl eine meiner ersten Schwierigkeiten liegen. Doch ist dem nicht auszuweichen. Seitdem man mir von allen Seiten erzählt, daß die deutsche Art, die Sache anzugreifen, sie schon drei- oder viermal in den Sumpf geführt hat, muß ein andrer Weg versucht werden, mag er englisch oder chinesisch heißen. Was die Einzelheiten meiner gesetzgeberischen Tätigkeit betrifft, so gebe ich freudig zu, daß ich das meiste aus den Bestimmungen der englischen Gesellschaft gestohlen habe. Es wird schon verdeutscht werden, wenn einmal meine künftigen deutschen Freunde dahinter kommen. Zwischen diese Arbeiten hinein schlug wie ein heiterer Blitz aus trübem Himmel ein Telegramm: ich möchte baldigst, wenn möglich nächste Woche, nach Berlin kommen, um dem Klub der Landwirte und dem Teltower Verein etwas zu erzählen. So schnell ging es nun nicht, denn ein Vortrag macht mir noch heute, wie von jeher, schwere Herzbeklemmungen. Vor Erde und Feuer im Aufruhr, vor Holz und Eisen in ihrer Störrigkeit habe ich mich nie gefürchtet. Das Schrecklichste der Schrecken war mir aber von jeher der Mensch, der schwatzende Mensch. Und nun soll ich selbst als ein solcher glänzen oder untergehen. Doch es muß sein, das kann auch der unfähigste Apostel eines neuen Glaubens einsehen. Also in Gottes Namen! In einer Stunde bin ich auf dem Weg zur Richtstätte. 11. Magdeburg, den 26. März 1883. Vierundzwanzig Stunden habe ich hier zu warten, wenn ich Herrn von Nathusius in Althaldensleben sehen will, und den will ich sehen. Jedermann sagt mir, er sei einer der Größen des Landes, den ich gewinnen müsse, wenn ich Wurzel fassen wolle. Denn sein verstorbener Bruder habe die ebenfalls verstorbene Ackerbaugesellschaft gegründet, und auf den Lebenden sei der Mantel des Toten gefallen. Dieser Mantel aber sei für mich von unbezahlbarem Wert. Also warte ich und habe Zeit, Euch einiges aus dem bunten Treiben der letzten vierzehn Tage mitzuteilen. Stückweise natürlich. Mit dem Ganzen könnte ich ein Büchlein füllen. Zunächst habe ich ein paar hundert Menschen kennen gelernt. Die meisten heißen Schulz, einige Müller. Einer heißt auch Poggendorff, mit zwei f – diese Analphabeten! – und ist der künftige Geschäftsführer des Berliner Klubs der Landwirte. Von den andern weiß ich nicht mehr, weder wie sie heißen, noch wie sie aussehen. Doch hoffe ich, dies wird sich mit der Zeit geben. Alle waren entgegenkommend über jedes Erwarten, und ein wohlwollendes Mitleid spielte um ihre Lippen, wenn sie glaubten, mit mir über die R.A.S. und meine Pläne sprechen zu müssen. Die Verhältnisse sind unleugbar entsetzlich verworren, und die widersprechendsten Ratschläge werden mir stündlich gegeben. Nur in einem Punkt scheint alles einig zu sein: daß eine deutsche Royal Agricultural Society ins Leben zu rufen über Menschenkräfte gehe, da ich fast niemand von Gewicht finden werde, der nicht bei einem der früheren Versuche beteiligt gewesen sei. Ich stehe, sagten sie, vor einer Reihe von mit freundlichem Grün bedeckten, ausgebrannten Vulkanen. Die Herren drückten sich etwas anders aus, aber das war der Sinn. In den ersten Tagen besuchte ich alle erdenklichen Leute – doch was nutzen Euch Namen? – mit dem obigen Ergebnis. Am Abend flüchtete ich mich todmüde in ein Tingeltangel. Das ist meine verwerfliche Gewohnheit, wenn ich völlig erschöpft und lebenssatt bin. Ich sah daselbst fünf ungarische Ochsen auf einer Schaukel und wunderte mich nicht wenig, wie weit man es doch mit dem Rindvieh und mit Geduld bringen kann. Doch mußte ich mich auch fragen, ob es der Mühe lohnte, sich und die guten Tiere so zu quälen. Dieser Gedanke ist die beständige heimliche Gefahr des Lebens, wenn man die Jugendzeit hinter sich hat. Das Salomonische Gefühl der Eitelkeit alles Irdischen kriecht wie Schimmel über jedes Streben. Ist es Schwäche, ist es Weisheit, ihm nachzuhängen? Die Organisation des Teltower Vereins, in dessen Mitte ich meinen Vortrag halten sollte, ist einfach ideal. Die Mitglieder bezahlen sechs Taler Jahresbeitrag. Davon verzehren sie fünf in fünf Festessen, denen eine beratende Versammlung vorangeht. Wer nicht kommt, bekommt nichts zu essen, sein Taler aber ist dahin. Dies sichert die regelmäßige Anwesenheit der Mitglieder. Ein Taler von den sechsen bleibt für landwirtschaftliche Zwecke übrig, »immerhin eine schöne Summe« erklärte mir der liebenswürdige Vorsitzende, Ökonomierat Kiepert. Als ich bei dem vortrefflichen Mahl meinen Nachbar zur Linken, Herrn Schultz-Schulzendorf, in meiner gegenwärtigen gesetzgeberischen Stimmung nach den Statuten des Vereins fragte, sah er mich verblüfft an. Mein rechtsseitiger Nachbar, Herr Schulz-Billerbeck – alle Rittergutsbesitzer oder etwas Ähnliches – überreichte mir lächelnd die Speisekarte: »Das ist alles, was wir in Statuten haben,« sagte er, »und mehr als genug. Es veranlaßt die Herren, zu zahlen und hält sie zusammen. Sie sehen, wie tätig wir sind. Man muß allerdings zuvor die Vorträge anhören. Der Ihre war vortrefflich, aber etwas lang für eine – wie soll ich sagen – akademische Betrachtung. Aber man kann's aushalten, wenn man weiß, daß im Nebenzimmer gedeckt wird.« In der Versammlung sprach zuerst ein Herr über eine Lupinenkrankheit; ein Vortrag, der in dem einstimmig angenommenen Beschluß gipfelte, die Regierung zu bitten, diese Krankheit wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Dann kam ich und begann mein Sprüchlein mit einem begeisterten Lob der Selbsthilfe. Ob die Zuhörer die Komik des Zusammentreffens sahen, weiß ich nicht. Sie blieben sehr ernst. Da ich im wesentlichen auseinandersetzen mußte, wie jämmerlich sich die verehrten Anwesenden als Vertreter des größten Standes im Deutschen Reich benehmen, und wie anders dies in England sei, konnte der Beifall nicht allzu stürmisch ausbrechen. Doch kam ich anstandslos zum Schluß, worüber ich mich selbst wunderte. Es geht eben alles, wenn man muß. Darauf erhob sich ein Herr Witt aus Charlottenburg und meinte, was ich von den Engländern gesagt habe, wäre ja recht schön und vielleicht wahr; gehe aber in Deutschland nicht, weil die Regierung ihre Finger in jeden Brei stecke. Hierauf erwiderte Thiel: Die Regierung wäre nur allzu glücklich, wenn die Herren Landwirte ihre Finger selbst brauchen wollten. Nach verschiedenen andern Erklärungen, warum es in Deutschland mit einer großen, selbsttätigen Gesellschaft nicht gegangen sei, und wie wünschenswert es sei, daß es ginge, daß es aber jedenfalls nicht gehen werde und könne wie in England, wurde die Sache für zu wichtig erklärt, um mit leerem Magen weiter besprochen zu werden. Im Gefühl erfüllter Pflicht eilten wir zu Tisch, wo bald die ganze Gesellschaft einer Ansicht war: daß dieses Jammertal landwirtschaftlicher Unzulänglichkeiten doch noch zu ertragen sei, und sich gegenseitig hochleben ließ. Von den zahllosen Besuchen der nächsten Tage vielleicht ein andermal. Es ist keine Kleinigkeit, eine junge Millionenstadt zu bewältigen. Nur einen, bei Dr. Kraus, in der Redaktion der »Deutschen landwirtschaftlichen Presse«, will ich nicht übergehen. Ich erzählte dem Redakteur dieses ersten Fachblatts in Norddeutschland, was ich will, fürchte und hoffe. Dabei ließ ich mich von einem langen, ernsten, etwas gelb aussehenden Mann nicht stören, der aufmerksam zuhörte und mich plötzlich an beiden Händen faßte. Er halte meine Gedanken zwar für undurchführbar, aber das sei's, was er brauche, um endlich der Welt den Kainit, dieses wichtigste Kunstdüngemittel unsers Jahrhunderts, aufzuzwingen. Ich solle mich doch ja mit Maercker in Halle in Verbindung setzen. Das sei der Mann der zündenden Rede. Wenn irgendeiner, so sei es Maercker, der meine Ideen verwirklichen könne. Dann ging er und ließ mich tiefbewegt zurück. Kraus erklärte mir jetzt, daß der Herr Schulz heiße, ein hübsches Gut im sandigsten Teil der Provinz Sachsen besitze und der erste Kunstdüngeridealist von Deutschland sei. Nachdenklich ging ich meiner Wege. Ein zündender Redner bin ich nicht; das ist nur zu klar. Wenn zündende Reden meine Sache machen müssen, so ist sie verloren. Aber haben zündende Reden je etwas andres gemacht, als Strohfeuer angezündet? – 12. Bonn, den 8. April 1883. Noch einige Nachklänge von der großen Rundreise. Sie sind nicht ohne Interesse, wenn sie auch alle die bekannte Tonart beibehalten. In Berlin führte ein Besuch zum andern. Mein früherer Gönner und Freund aus der Zeit der amerikanisch-belgisch-französischen Seilschiffahrt, der jetzige Geheime Legationsrat von Holstein, der über meine landwirtschaftlichen Zukunftsbilder so heftig den Kopf schüttelt wie andre, die etwas davon verstehen, führte mich bei dem Herzog von Ratibor ein. Ein lieber, wohlwollender Herr; aber das Kopfschütteln konnte auch er nicht lassen. – In Dresden entdeckte ich in der Tat den vergrabenen Schatz der verstorbenen Ackerbaugesellschaft, der von einem Drachen namens Nordeck von Rabenau bewacht wird. Eine Geschichte, wie aus einem Märchenbuch, die aber für meine Sache so lange ohne Bedeutung ist, als die Mitglieder der toten Gesellschaft, unfaßbar und namenlos, wie Gespenster da und dort auftauchen, um sofort wieder zu verschwinden. Doch habe ich auch in Dresden einige Herren gefunden, die mich nicht zur Tür hinauswarfen, nachdem sie mich lächelnd angehört hatten. – In Halle besuchte ich einen alten Schulkameraden, Professor Wüst, der an der dortigen Hochschule landwirtschaftlichen Maschinenbau lehrt. Auch er hält meinen Plan für aussichtslos und kennt seine Leute seit zwanzig Jahren. Den zündenden Professor Maercker traf ich nicht zu Hause, erhielt aber einen liebenswürdigen Brief von ihm, voll Mitleid zwischen den Zeilen. Die Sache werde an der Zerrissenheit der deutschen Stämme und an der Unfähigkeit der einzelnen scheitern, selbst bei der Rindviehzucht und dem Zuckerrübenbau die leidige Politik aus dem Spiel zu lassen. Der wichtigste Besuch war, wie erwartet, der in Althaldensleben. Ein eigentümlicher, interessanter Kopf, dieser Nathusius. Er widmete mir einen vollen halben Tag, was ich doppelt dankenswert fand, als er vorläufig nichts von mir und meiner Sache hält und als Präsident der Herdbuchgesellschaft nicht in der Lage ist, mir irgendwie die Hand zu bieten. Doch erzählte er mit liebenswürdiger Offenheit, wie die Dinge in jenem Lager stehen. Es lohnt sich, dieses Charakterbild deutscher Vereinstätigkeit festzuhalten. Einiges davon wißt Ihr schon. Vor vier Jahren gründete man auf Anregung von Ökonomierat Petersen in Oldenburg die Deutsche Vieh- und Herdbuchgesellschaft, nach einem schüchternen Versuch, einen allgemeinen deutschen landwirtschaftlichen Verein zu schaffen, ein Gedanke, der für spätere Zeiten zurückgestellt blieb. Der Verein wollte erstens ein deutsches Herdbuch führen, zweitens, drittens und xtens Sachen ins Werk setzen, die man wegen chronischer Mittellosigkeit nie anrührte; denn mit Mühe und Not hatte Petersen hundertundfünfzig Mitglieder zusammengetrommelt, mit denen im zweiten Jahr das Vereinsleben begann. Nun aber wurde die Frage brennend, wie unter deutschen Verhältnissen ein Herdbuch einzurichten sei, und brannte bald lichterloh. Die einen sagten, man müsse es machen wie in England. Der Führer dieser Partei war Geheimrat Settegast, Professor an der Hochschule zu Berlin, der bereits vier Bände eines deutschen Herdbuchs herausgegeben hatte, und dem die künftigen Leistungen des Vereins als eine Fortsetzung seiner Arbeit vorschwebten. Die andre Partei fragte entrüstet, wo denn das englische Vieh sei, das in derartige deutsche Bücher eingetragen werden könnte. Eine dritte Partei munkelte mehr als halblaut: all dies sei Unsinn. Man müsse die tote Ackerbaugesellschaft wieder beleben, namentlich aber den Schatz in Dresden heben und nutzbringend verbrauchen. Dies wurde auch versucht; doch der alte Herr zu Rabenau erhob sich drohend und schlug die Schatzgräber in die Flucht. Worauf die dritte Partei auf Nimmerwiedersehen verschwand. Um endlich doch etwas zu tun, beschloß der Verein, einen fünften Band des Herdbuchs nach Settegastschem Muster herauszugeben. Gleichzeitig hatte man infolge des Rücktritts von Petersen, der wegen sonstiger Berufsarbeiten die Geschäfte des Vereins nicht mehr führen konnte, einen Dr. Martiny als amtlichen Geschäftsführer angestellt, der sofort energisch erklärte, daß er ein Anti-Settegastianer sei und daß sich der Verein durch seine Ernennung zweifellos für die gegen Settegast gerichtete Auffassung erklärt habe. Mit Mühe wurde dann Nathusius zum Präsidenten gewonnen, der ebenfalls erklärte, mit der Settegastschen Richtung nicht einverstanden zu sein, aber auch mit Martiny und dessen Anhängern keineswegs zu harmonieren. Zu Ehren dieses dreieckigen Duells wurde beschlossen, im Jahre 1882 keine Generalversammlung abzuhalten, einer der wenigen Beschlüsse des regierenden Ausschusses, der mit vollständigem Erfolg ausgeführt wurde. Gegen Ende des Jahres erschien dann der fünfte Band des Settegastschen oder der erste Band des Vereinsherdbuchs; aber, o Schrecken, mit einer flammenden Vorrede des Geschäftsführers, daß dies alles Unsinn und Papierverschwendung sei. Hierauf verlangte ein Teil des Vereins wütend die Vertilgung seines Erstlingswerks; da aber niemand als Vertilger aufzutreten berechtigt war, traten Settegast und seine Anhänger, der eigentliche Urstamm des Vereins, aus diesem aus. Unter solchen Verhältnissen wurde der zweite erfolgreiche Beschluß des Vereins gefaßt: keine Ausschußsitzungen mehr abzuhalten und sich erst auf der kommenden Hamburger Ausstellung, die von den dortigen Kaufleuten in Szene gesetzt wird, wieder zu versammeln. Dort, sagte jedes der Mitglieder, die ich kennen gelernt habe, unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit, hoffen sie, sich aufzulösen. Ob dies gelingen wird, ist jedoch fraglich, da die Unglücklichen ihrem sprengpulverartigen Geschäftsführer eine dreijährige Anstellung gewährleistet haben. Wenn ich noch hinzufüge, daß all diese Herren liebenswürdige, wackere deutsche Männer sind, die mir die größte Hochachtung einflößen, sobald sie nicht in Vereinsangelegenheiten tätig sind, so habt Ihr einen Begriff von dem Material, mit dem ich zu arbeiten gedenke, wenn sich in Hamburg die Sache so gestaltet, daß ich freie Bahn vor mir sehe. »Aber selbst, wenn Sie über einen glücklichen Anfang hinauskommen,« schloß Nathusius seine wohlwollenden Betrachtungen, »wird die Sache dem Los aller derartigen Bestrebungen bei uns nicht entgehen. Nach ein paar Jahren wird sie verberlinisiert sein, und wir hier außen sitzen auf dem Trockenen. Die Berliner natürlich vertrocknen auch; denn wo sollten sie den Saft hernehmen, ohne den kein Leben denkbar ist?« Das sagte mir ein guter, königstreuer Preuße beim Abschied. Die Frucht meiner Rundreise ist, kurz gesagt: Petersens Gedanke, die Herdbuchgesellschaft mit all ihren Streitereien in ein neues Unternehmen überzuführen, um hundert Mitglieder auf bequeme Weise zu gewinnen, wäre Wahnsinn. Wir brauchen diese Leute zweifellos; aber wir brauchen dringender als alles andre einen neuen Geist in der neuen Form. Eine zweite Möglichkeit ist zu Wasser geworden, mit der ich mich lange getragen habe: aus dem vorhandenen, großartig entwickelten Vereinswesen heraus eine große Gesellschaft aufzubauen. Es geht nicht. All diese Vereine sind einesteils so durchdrungen vom Gefühl der Abhängigkeit und Unselbständigkeit, daß ihnen die Kraft fehlt, eine umfassende, selbsttätige Organisation zu erhalten, und dabei ist instinktiv jedem einzelnen das Zusammenwirken mit seinem Nachbar unerträglich. Ihr Zusammenschweißen könnte nur durch den Druck geschehen, der sie erhält, durch die Staatsregierung. Das klingt bitterböse und ist vielleicht nur halb wahr, wie alles in diesen verworrenen Verhältnissen. Allein es bleibt nichts übrig, wenn ich je handeln will, als der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, so gut und so weit ich kann. – Bonn ist sehr still gegenwärtig, der Ferien wegen, und läßt mir Zeit, über all das nachzudenken. 13. Bonn, den 6. Mai 1883. Der Tag, an dem ich in der schwäbischen Heimat vor leider allzu langer Zeit das Licht der Welt zum erstenmal bemerkte; der Tag, an dem im fernen Kuba mein lieber Bruder starb! – Daß ich ihn schon ein paarmal im Drang des Lebens vergaß, wißt Ihr. Diesmal soll es nicht geschehen. Ich will heute nachmittag nach Heisterbach pilgern, meinem Lieblingsplätzchen in der Umgebung Bonns, und hinter dem zerfallenen Klosterbau Todesbetrachtungen anstellen, an derselben Stelle – kann ich annehmen –, wo jener leichtsinnige Mönch wegen einer Nachtigall seinen Geburtstag dreihundertmal vergessen hat. Heute vormittag aber will ich mich zuvor nach rückwärts und vorwärts im Leben umsehen. Keine schlechte Vorbereitung für die Waldesstille hinter dem Petersberg. Ein bewegtes Jahr liegt hinter mir. Der Abbruch einer langen Arbeitszeit, das Losreißen von einem Beruf, der mein ganzes Sinnen und Trachten dreißig Jahre lang erfüllt hat. Keine Expansionssteuerungen, keine Zentrifugalpumpen, keine Patentregulatoren werden mehr an meinem Wege blühen. Das alles ist hinter mir versunken, plötzlich, fast mit einem Schlag. Vielleicht nicht ganz. Ich denke an die Ausstellungen, wie ich sie mir vorstelle. Kein Schwindel, kein leeres Schaugepränge: ernste, fortgesetzte Arbeit für die große Welt, in der wir Maschinenleute heute die treibende Kraft sind. Möglich, daß mir in dieser Form eine größere Aufgabe blüht als hinter Schraubstock und Reißbrett. Die Sache wird immer ernster, ohne daß meine Hoffnungen gewachsen wären, so daß für die nächste Zukunft ein regelrechter Arbeitsplan nötig ist, wenn ich nicht im uferlosen Meer der Möglichkeiten versinken soll. Jedermann verweist mich auf die kommende internationale landwirtschaftliche Ausstellung zu Hamburg. Dort fänden sich die Leute zusammen, mit denen der Anfang gemacht werden könnte. Gut. Von diesen Tagen an muß ich innerhalb eines halben Jahres zweihundertfünfzig Mitglieder geworben haben, die schwören, der Sache zwei Jahre lang treu zu bleiben und sich das Provisorium des Deutschen Reichsvereins für Landwirtschaft nennen mögen. Im Lauf dieser zwei Jahre müssen sich 2500 Mitglieder, deutsche Landwirte und Freunde der Landwirtschaft, um unser Banner geschart haben. Jahresbeitrag 20 Mark. Dann erst soll der Reichsverein selbst gegründet werden. Auf diese Weise würden wir mit einem Jahreseinkommen von 50 000 Mark und mit einer anständigen Mitgliederzahl, die auf Selbständigkeit und Selbsthilfe eingeschworen ist, beginnen und könnten etwas leisten. Bis dahin aber soll das Ganze als ein Experiment betrachtet werden. Bringe ich meine 250 Mann nicht in sechs Monaten, bringen diese ihre 2500 nicht in zwei Jahren zusammen, so wissen wir, daß der Boden für diese Art der Bearbeitung ungeeignet ist, und gehen still wieder nach Haus. So muß es versucht werden. Einen andern Weg sehe ich nicht. Weit entfernt, hoffnungsfroh zu sein, bin ich nicht einmal sicher, ob ich in Hamburg zu einem Anfang kommen werde. Aber die Schwierigkeiten, die in den letzten Monaten mit jedem Tag deutlicher hervortreten, zeigen auch die Größe der Aufgabe, die zum Opfer von ein paar Jahren berechtigt, selbst wenn sie verloren sein sollten. Ohne alle verwerfliche Gefühlserregung beginnt mich die Sache dermaßen zu interessieren, daß ich aus bloßer Neugier bereit bin, ihr so viel meiner Kraft und Zeit zu schenken, wenn es auch beträchtlich mehr ist, als ich ursprünglich dafür ausgeworfen hatte. Denn von der Hälfte des Tags ist längst keine Rede mehr. Alles oder nichts ist die Losung und wird es wohl in nächster Zeit bleiben. Meine Papierwirtschaft ist großartig und fast nicht mehr zu bewältigen. Die Broschüre über die englische R.A.S. habe ich mit der Frechheit, die der Glaube an eine gute Sache mit sich bringt, glänzend gebunden dem Kaiser und allen Königen und Fürsten des Deutschen Reichs geschickt und zumeist die höflichsten Dankschreiben und etwas zweifelhafte Versicherungen des Interesses der Allerhöchsten erhalten. Wichtiger waren eine Reihe andrer Antworten auf weniger fürstlich eingebundene Zusendungen; wenige freudig ermunternd, die meisten höchlich verwundert, mild-hoffnungslos; darunter manche wohlgemeinte Ratschläge, die ich nicht beachten darf, wenn ich vorwärts kommen will, und eingehende Begründung des allgemeinen Kopfschüttelns, an das ich schon halb und halb gewöhnt bin. Aus hocharistokratischen Kreisen wird mir gesagt: »Ihr Gedanke ist unausführbar, wenn Sie nicht eine bestimmte politische Stellung einnehmen. Wie können Sie erwarten, daß ein Graf Mirbach und ein Eugen Richter an einem Tisch zusammen ratschlagen werden. Die Zumutung ist eine Beleidigung.« – Sachlicher ist eine Stimme aus dem praktischen Leben: »Sie sind in einem unglücklichen Augenblick gekommen. Es fehlt zurzeit der Landwirtschaft an einer packenden Aufgabe. Das Gefühl, daß wir eine Organisation für gemeinsame Arbeit brauchen, haben nur die wenigsten.« – »Ja,« ruft ein dritter in einem bitterbösen Brief, »wenn Sie nicht mit aller Energie für die einzige Rettung der Landwirtschaft eintreten: für den ausgiebigsten Schutzzoll, haben all Ihre Bestrebungen keinen Zweck.« Und schließlich bemerkt ein Herr, der die landwirtschaftlichen Vereinsverhältnisse besser kennt als alle andern zusammen: »Wissen Sie was, lieber Eyth: 250 Mitglieder bekommen Sie. So viel Narren gibt es in Deutschland, die bei jedem Schwindel mitmachen. 2500 niemals! Aber ich wünsche Ihnen von Herzen den besten Erfolg.« Und dieser Herr tat mehr. Er bot mir ohne weiteres seine Mitgliedschaft an – der erste weiße Rabe, den ich fing –, sobald ich es für gut fände, Mitglieder für das Provisorium zu werben. Er hatte den moralischen Mut, sich selbst an die Spitze der 250 zu stellen, die er vielleicht nicht ganz unrichtig charakterisiert hat. Im allgemeinen ist aus den Briefen ein gewisser Rückschlag herauszufühlen, seitdem die Leute merken, daß es mir ernst ist. Zu Anfang sah man nur einen wunderlichen Gedanken, ohne jede praktische Bedeutung. Man konnte den halb verrückten Halb-Engländer, der so gar nicht wußte, wie das Land lag, mit wohlwollender Höflichkeit zurechtweisen. Das schien er jedoch nicht zu verstehen. Man muß schon etwas deutlicher sprechen. Das Merkwürdigste ist mir und zugleich das Traurigste, wie sie alle, ohne Ausnahme, von unsrer Unfähigkeit überzeugt scheinen, etwas fürs allgemeine Beste selbständig und ohne Befehl von oben zu tun, und wie üppig unser Nationallaster: die Rechthaberei, das unfruchtbare Wortgestreite, die Unmöglichkeit, »ja« zu etwas zu sagen, das ein andrer gesagt hat, in Blüte steht. Jetzt aber ins Kloster, nach Heisterbach! 14. Bonn, den 8. Juni 1883 Der Besuch in Sigmaringen beim Fürsten Anton von Hohenzollern mit allem, was dran hing, hat mir gut getan. Zwar ist kaum zu leugnen, wenn ich sein Ergebnis abzuwägen versuche, daß ich es mit Imponderabilien zu tun habe. Doch ist es schon vorgekommen, daß Imponderabilien schwerer ins Gewicht fielen als die wuchtigsten Zentnermassen. Schlau war, daß ich auf Onkel Steudels Rat, dem ich die Einladung verdankte, eine Auswahl meiner syrischen und ägyptischen Skizzen mitgenommen hatte. Der Fürst sah sie mit sichtlichem Vergnügen durch und lächelte zum Schluß mit der Miene eines wohlwollenden Kalifen, der schmunzelnd bemerkt: »Allah ist groß, o Derwisch, auch in den Schwachen! Du hast mir eine kleine Freude bereitet, bitte dir eine Gnade aus!« Das wenigstens las ich im Lächeln des liebenswürdigen Fürsten, machte mich unverzüglich daran, zu gehorchen und brachte das Gespräch wieder auf meine Reichsvereinspläne. Schon tags zuvor hatte der hochintelligente alte Herr, der seine Pappenheimer kennt, ungläubig gelächelt. Auch jetzt lächelte er wieder, schon etwas gläubiger, und das Ende vom Lied war, daß er versprach, Mitglied des Reichsvereins zu werden, sobald derselbe ins Leben treten sollte. Das also wäre der zweite weiße Rabe. Ein Hohenzollern. Du siehst, ich verliere die Zeit nicht damit, kleine Vögelchen zu fangen. Alle andern aber vertrösten mich auf Hamburg. Dort werde ich die Blüte der landwirtschaftlichen Ritterschaft beisammen finden. Dort müsse der erste Schlag fallen und sich zeigen, welcher Wirkung er fähig sei. Ich rechne nicht auf allzuviel und will mich aus dieser Stimmung nicht hinausphantasieren lassen. Das ganze Bild dieser Ausstellung zeigt die Trostlosigkeit der Lage allzu deutlich. Es sind in Deutschland im Lauf des Jahrhunderts vier landwirtschaftliche Ausstellungen abgehalten worden, die sich mit den alljährlichen Schauen der englischen Gesellschaft vergleichen lassen. Drei derselben wie auch die kommende in Hamburg, wurden nicht von Landwirten, sondern von unternehmenden Kaufleuten veranstaltet. An der vierten, zu Dresden, ging die kurzatmige Deutsche Ackerbaugesellschaft zugrunde. Kaufleute müssen eine der wichtigsten Aufgaben der deutschen Landwirtschaft in die Hand nehmen, wenn es ihnen paßt. Hat das Sinn? Oder ist der Sinn, den es hat, nicht tief entmutigend? Sie trösten sich damit, sich einzureden, derartige Ausstellungen haben keine große Bedeutung. Sie haben keine, wenn sie von Kaufleuten geleitet werden, bei denen die Landwirte zu Gast sind. Sie haben eine gewaltige, wenn sie, wie in England, von Landwirten benutzt werden, nicht der Schaulust, sondern dem Ernst der Arbeit zu dienen. Das habe ich, auch ohne Landwirt zu sein, zwanzig Jahre lang gesehen und miterlebt. Werden sie mir mit der Zeit glauben? Nicht in Hamburg, wo wir vermutlich die übliche Verwirrung und Ziellosigkeit anstaunen werden. Denn große Ausstellungen ausbauen und ordnen, so daß sie etwas nutzen, lernt man nicht über Nacht. Dazu erhalte ich soeben eine Nachricht, die mir nur halb gefällt. Die Herdbuchgesellschaft hat eine Eingabe an die preußische Regierung gemacht, in der sie um eine jährliche Unterstützung von 100 000 Mark bittet. Sie wolle dann eine allgemeine deutsche oder (nach Wunsch) preußische Gesellschaft werden, große Ausstellungen veranstalten, ideale Herdbücher drucken lassen und das landwirtschaftliche Millennium einleiten. Mit 100 000 Mark in Sicht löst man sich nicht auf. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß die Auflösung in Hamburg nicht erfolgt. Dann aber kann und will ich nicht vorgehen, wenn ich auch überzeugt bin, daß aus diesem Hexenkessel persönlich gewordener Rindviehstreitereien nie etwas Gutes hervorgehen kann. Dagegen wäre es ebenso aussichtslos, neben einem derartigen halb staatlichen Unternehmen einen zweiten Versuch ins Werk zu setzen. Sie würden sich beide im Wege sein und sterben würden beide, die staatliche an langsamem Siechtum, die freie an akuter Blutenziehung. Soweit kenne ich jetzt Leute und Verhältnisse auch. Um so besser, meinst Du, l. V., in dem Gedanken, daß es jetzt mehr als genug sei. Die Anregung habe ich gegeben, die Landwirte, welche die Sache angehe, mögen nun damit machen, was ihnen gut dünke. Das ist nun allerdings nicht meine Auffassung. Mit Anregen ist nichts geschehen in der Welt. Niemand sollte etwas anregen, der nicht entschlossen ist, es durchzuführen. Es wimmelt von Anregungen, und es wimmelt von Menschen, die sich nach allen Seiten hin diesem müßigen Vergnügen hingeben. Man sollte sie ohne viel Federlesens aus der Welt schaffen. Sie versperren brauchbaren Leuten den Weg und verderben ihnen mit ihrem Geschwätz die Freude am Schaffen. Anregen ist geschäftiger Müßiggang, dem ich vorläufig noch nicht verfallen möchte. Aber nochmals, um so besser! Wenn wirklich kein Boden und keine Menschen für eine unabhängige, arbeitstüchtige Gesellschaft, ähnlich der R.A.S., bei uns vorhanden wären, was sie ja alle fast einstimmig versichern, so ist mir eine gewaltige Masse Arbeit und Ärger erspart, die ich so deutlich vor mir sehe als mein Tintenfaß, und ich kann hingehen, wie Du mir rätst, und Novellen schreiben. An Tinte und Papier – auch das sehe ich – fehlt es im Lande nicht. Und gelegentlich gibt es offenbar auch noch einiges andre zu tun. Die internationale Ausstellung zu Amsterdam ersucht mich, als Preisrichter für landwirtschaftliche Maschinen nach Holland zu kommen. Angenommen, aus Neugier für Holland. Der landwirtschaftliche Zentralverein für Brandenburg bittet mich, als Preisrichter an einer großen Lokomobilprüfung in Berlin teilzunehmen. Angenommen, aus Liebe zur Sache und um den Berlinern näher zu rücken. Für die Hauptversammlung des Deutschen Ingenieurvereins zu Dortmund habe ich einen Vortrag angesagt: »Über die Entwicklung des landwirtschaftlichen Maschinenwesens und den Einfluß der Ausstellungen auf dasselbe«, teils um auch dort für meine Sache ein wenig Lärm zu schlagen, teils um bei meinen alten Berufsgenossen die Meinung nicht vor der Zeit aufkommen zu lassen, daß ich ganz verbaure. Ihr seht, ich bewege mich noch, auch ohne mit einem Drahtseil übers Feld gezogen zu werden, wie es in den Leedser Tagen der Fall war. Zweiter Abschnitt. 1883 – 1884 Bonn a. Rh. Der erste Vorstoß 15. Bonn, den 15. Juli 1883. Mein Freund und Gönner, der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Dünkelberg, wundert sich billig, daß ich nicht in einem blauen Rock mit vergoldeten Knöpfen und gebrochenen Herzens, eine Werthergestalt aus vergessenen Zeiten, einherwandle, seitdem ich von Hamburg zurück bin. Er selbst hatte alles von der zu erwartenden Zusammenkunft deutscher Landwirte für meine Pläne erhofft. Und nun! – Aber von einem gebrochenen Herzen ist mir so wenig anzumerken als von einem blauen Frack. Dafür bin ich doch zu sehr ein Kind unsrer Zeit und überdies Mechanikus: Die Gleichheit von Druck und Gegendruck sind ein uraltes, heiliges Gesetz der Körperwelt. Im Geistesleben, wenn es ist, wie es sein soll, ist das Gesetz sogar noch etwas verbessert. Hier wächst der Druck infolge des Gegendrucks, und unter diesem Zeichen trat ich meinen Rückzug aus Hamburg an. In bester Stimmung, mit drei wertvollen Briefen in der Brusttasche, die merkwürdigerweise im Augenblick meiner Abreise eingetroffen waren, verließ ich Bonn. Der Fürst von Hohenzollern erklärte seinen Beitritt, der Herzog von Koburg und der Fürst von Hohenlohe-Langenburg beide ihre Bereitwilligkeit, beizutreten, sobald mein Reichsverein für Landwirtschaft Form und Gestalt gewonnen habe. Nun waren ja nur noch die zwanzig Millionen einzusaugen, aus denen die eigentliche landwirtschaftliche Bevölkerung Deutschlands besteht, und die Sache war gemacht! Nach Hamburg kam ich zwei Tage zu früh; absichtlich, um zu rekognoszieren und zu sehen, was die Herdbuchgesellschaft mache. Ich dachte daran, nach ihrer Auflösung eine eigne Versammlung einzuberufen, wozu Zeit und Ortskenntnis nötig gewesen wäre. So fiel ich mit meinen friedlichen Plänen mitten in den Strudel eines allgemein deutschen Kriegerfestes, dessen Sinn und Bedeutung ich nicht zu ergründen vermochte. Ein endloser Festzug, nicht sehr geschmackvoll aufgeputzt, und schließlich einförmig in seiner Wiederholung von Fahnen, Festschleifen und Denkmünzen, belebt von einer fühlbar erzwungenen Begeisterung, hinter der, wie ganz Hamburg sagte, etliche Bierbrauereien standen, welche große Massen altes Bier loswerden mußten. Der Krieg ist eine zu ernste Sache für die Schützenfeststimmung vergangener Jahre. Die Ausstellung ist auf einem großen Platz fast in der Mitte der Stadt, wenn man Altona mitrechnet, sehr hübsch aufgebaut, und hat eine Menge teilweise prächtiger Tiere aus allen Teilen Deutschlands, jedoch wenige aus fremden Ländern zusammengeführt. Die Geräteausstellung ist sehr bescheiden. An Maschinen hatte die Ausstellungsleitung zu spät gedacht. Man fühlt es durch: es fehlte das Verständnis für das Ganze der Aufgabe. – So fremd ich auch auf einer deutschen Ausstellung war, fand ich doch sofort eine Menge Bekannte und hörte von ihnen, daß der Ausschuß der Herdbuchgesellschaft seine Sitzung erst in etlichen Tagen halten werde und daß der Generalsekretär des Rheinischen Zentralvereins, Dr. Havenstein, in derselben die Auflösung der Gesellschaft und den Anschluß ihrer Mitglieder an den künftigen Reichsverein beantragen werde. Zwei Tage später feierten die »Alten Herren« der landwirtschaftlichen Hochschulen einen Kommers, bei dem günstigenfalls Dünkelberg und ich auf die ersten Tage der folgenden Woche zu einer Versammlung einladen wollten, in der mein Plan besprochen werden sollte. Es stellte sich aber sofort heraus, daß dies ein undurchführbares Vorgehen gewesen wäre. Niemand schien zu wissen, ob er über den Sonntag bleiben oder gehen werde. Eine Versammlung, wie ich sie brauchte, hätte Wochen zuvor eingeleitet werden sollen. Dies aber war aus Rücksicht auf die Herdbuchgesellschaft nicht möglich gewesen, ohne deren Mitglieder vor den Kopf zu stoßen. So gab ich schon an diesem Abend den Plan eines Vorgehens zu Hamburg in größerem Stil nahezu auf. Doch bemerkte ich in den nächsten Tagen manches Hoffnungsvolle und schürte im stillen. Was mich als positive Errungenschaft anmutete, war, daß der Plan anfängt, bekannter zu werden. Ein ganzes Land nach und nach in Vibration zu versetzen, ist allein schon keine kleine Arbeit. Wenn die Leute anfangen, unter sich von der Sache zu sprechen, ohne daß man sie unmittelbar anstößt, ist der erste Schritt mit Erfolg gemacht. Mehr konnte ich in neun Monaten vorsichtigen Rüttelns nicht erzielen und nicht verlangen. Havenstein erzählte mir nach der Ausschußsitzung der Herdbuchgesellschaft, wie dieselbe verlaufen sei. Niemand wollte mit der Sprache heraus, bis er seinen Antrag auf Auflösung eingebracht hatte. Nathusius glaubte dem Zusatz bezüglich des Beitritts der Mitglieder zum Reichsverein nicht zustimmen zu sollen, um, wie er sagte, einem neuen Unternehmen durch die alten, unhaltbar gewordenen Verhältnisse das Werden nicht zu erschweren. So wurde beschlossen, der Generalversammlung am folgenden Tag die Auflösung ohne jeden Beisatz vorzuschlagen. Ich schien freie Bahn zu erhalten. Nun kam aber etwas Überraschendes. Als ich am Morgen Nathusius zu dem selbstmörderischen Entschluß seines Ausschusses Glück wünschen wollte, erzählte er mir, Graf Hatzfeld habe ihm soeben mitgeteilt, daß die Herdbuchgesellschaft den erbetenen Jahreszuschuß von hunderttausend Mark seitens des Reichs erhalten dürfte. Nun sei es natürlich ganz unmöglich, sich aufzulösen. Die Bittschrift liege vor dem Reichstag. Wenn ihnen die hunderttausend Mark zugesprochen würden, und sie sich zuvor aufgelöst hätten, wären sie unsterblich blamiert. Das mußte ich zugeben, und so kam es, wie vorauszusehen. In Erwartung des Backschischs, das ihr Leben retten konnte, beschloß die Generalversammlung, von der Auflösung abzusehen. Aber jeder der einzelnen ihrer leitenden Geister: Nathusius, Petersen, Settegast, Martiny rieten mir flüsternd, mich um sie als Körperschaft nicht mehr zu kümmern. Das will ich denn auch tun und hätte es von Anfang an tun können, ohne jemand zu schaden. Doch ist es vielleicht ebensogut, nicht allzu rasch mit dem Kopf durch jede Mauer zu rennen. Am Abend dieses denkwürdigen Tags fuhr ich mit einigen Freunden der Sache, Thiel, Rimpau und andern die Alster hinauf nach einem abgelegenen, aber reizenden Vergnügungsgarten. Es war ein herrliches Plätzchen, um Arger und Enttäuschung, Staub und Hitze des Tags zu vergessen und im Mondschein dem Plätschern des Wassers am Fuß unsers Gartenhäuschens zu lauschen. Dazu eine Rheinweinbowle, die der Geheime Oberregierungsrat nach den Regeln echter Heimatskunst zu brauen wußte! Das Leben schien sich etwas weniger hoffnungslos zu gestalten. Natürlich kam das Gespräch nach kurzem Vorspiel auf meine trostbedürftige Miene und den ungeborenen deutschen Reichsverein. Thiel meinte: soweit die hunderttausend Mark in Betracht kämen, könne sich die Herdbuchgesellschaft auch ohne Auflösung begraben lassen. Da sah ich nach deutscher Art eine Zeitlang schweigend in den vollen Mond, zog dann mein Taschenbuch heraus und notierte als erste Mitglieder der werdenden Gesellschaft in säuberlich alphabetischer Ordnung sieben Mann: Anton, Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen. Karl, Fürst zu Hohenlohe-Langenburg. Ernst, Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha. Eyth, Max. Noodt, Ökonomierat. Berlin. Rimpau, Oberamtmann. Schlanstedt. Thiel, Dr., Geheimer Oberregierungsrat. Es waren fast zehn geworden; aber die andern drei Anwesenden wollten's noch abwarten. Doch stießen sie mit an, als das erste Hoch auf das kommende Werk über die schlummernde Wasserfläche klang und in der dämmernden Mondnacht verhallte. Das war der erste Geburtstag des deutschen Reichsvereins für Landwirtschaft, und da lag nun der Knirps, ein halb bewußtloses, namenloses, hilfloses kleines Wichtchen, keineswegs ein »prächtiger Junge«. Ob er durchkommen wird? 16. Bonn, den 19. August 1883 Zwischenspiele, sehr notwendige Zwischenspiele, wenn ich in dem Strudel nicht untergehen soll, der mich zu erfassen droht. Da war der Besuch von Schwester und Nichten, mit Ausflügen ins Siebengebirge, nach Laach, nach St. Goar. Es ist ein Hochgenuß, diese guten, schwäbischen Äuglein sich öffnen zu sehen, denen zum erstenmal die strahlende Poesie des Rheinlandes entgegentritt: die Lorelei, der Drachenfels, das heilige Köln. Kaum weniger Spaß machte mir Freund Winter mit seinen zwei frischen Jungen, in deren Gesellschaft ich drei Tage lang zwischen Köln und Rolandseck umherbummelte. Zum Schrecken des Papas, zum Jubel der Jugend bestand ich für diese Zeit auf der Erprobung eines neuen Erziehungssystems. Republik. Jeder Mann eine Stimme. Der Tagesplan, der fragliche Weg, Einkehren oder Weitermarschieren, vor allem der Speisezettel in den Wirtshäusern, alles wurde nach vorangegangener Debatte durch Abstimmen festgestellt. Wir zwei Alten hatten keine größeren Rechte als die Jungen, nur durften ausschließlich wir bezahlen, worüber nicht abgestimmt zu werden brauchte. Der wackere Winter, in seinen heimischen Verhältnissen streng konservativ, schrieb mir etwas saußersüß: er danke mir vielmals für die schönen Tage am freien Rhein. Ich habe in dreimal vierundzwanzig Stunden mehr an der Erziehung seiner Söhne ruiniert, als er in sechs Monaten wieder gutmachen könne. Vorläufig sei ihr Drang, abzustimmen, kaum zu zügeln. Darauf folgte in Dortmund die erste Versammlung deutscher Ingenieure, die ich mitgemacht habe. Es war immerhin ein andersartiger Zug in der Sache als bei entsprechenden Veranlassungen in England. Mit einer Schar fröhlicher Fach- und Festgenossen geriet ich zum Beginn mitten in eine westfälisch-italienische Nacht. Der Abend war überaus nutzbringend, denn er diente zur leisen Mahnung, auch in Stunden freudigster Erregung etwas weniger zu trinken. Doch durfte ich mit Beruhigung bemerken, daß ich in dieser Beziehung meinen Mann wieder stellte. Denn mein Freund Tomatzek, der Direktor der Bonner Wasserwerke, ein trinkbarer Mann, war mir nur um ein lumpiges halbes Liter vor und litt am andern Morgen schwerer als ich. Ein andrer der Festgenossen hatte sich zeitig entfernt, um seinen Überzieher zu holen; denn die italienische Nacht wurde unnatürlich kühl, und wir sind meist gereifte Männer und Familienväter. Er kam nicht wieder. Des andern Tags gebot ihm die Ehrlichkeit, mitzuteilen, daß er sich morgens gegen fünf Uhr auf dem Diwan eines benachbarten, aber fremden Hotels sorgfältig gekleidet in Hut und Überzieher gefunden habe. Wir alle freuten uns mit ihm über dieses unerwartete Wiedersehen seiner selbst. Nun begannen die Versammlungen: etliche vierhundert kräftige, vielgestaltete Bärte, männliche Gestalten, ernste Köpfe, polychrome, graue, weiße und kahle Schädel, die letzteren in auffallender Minderheit, verglichen mit Versammlungen der Gelehrtenzunft. Viele alte Bekannte, und noch viel mehr solche, die mich kennen wollten, und denen ich nur eine verlegene allgemeine Menschenliebe entgegenzubringen wußte. Der erste Vortrag war der eines Professors, die Frucht unergründlicher Gründlichkeit, ohne absehbares Ende. Ich weiß, es ist unpassend, in meiner Lage zu kritisieren, und was uns Professor Dr. Schultz mitteilte, war zweifellos wichtig und wahrscheinlich wahr. Allein, wie sich schon am Abend zuvor gezeigt hatte: Es ist bei solchen Gelegenheiten nicht rätlich, auch vom Besten zu viel zu geben, wenn man es nicht erleben will, den Schluß ostentativ beklatscht zu hören. Als letzter in dieser ersten Sitzung kam ich an die Reihe. Es ging prächtig, sagten mir meine Freunde nachher. Man hätte während voller fünfzig Minuten eine Stecknadel fallen hören, ohne daß jemand zu schnarchen angefangen habe. Die Rednerbühne war so hoch, daß ich meine Bemerkungen über den englischen Lokomobilbau und Verwandtes getrost an das Weltall richten konnte, ohne mich um die Menschen unter mir zu kümmern. Nur wenn sie klatschten, was ich gerade noch zu hören vermochte, lächelte ich ihnen ein wenig zu, um sie zu ermuntern. Dann plötzlich, überraschend geschwind für mein Empfinden, war ich zu Ende und vereinigte mich ohne Verzug mit meinen Mitmenschen in dem einen Wunsche: Bier! Abends war großes Festmahl im reichgeschmückten »Freedenboom«, mit darauffolgender westfälisch-chinesischer Nacht. Der Toast auf den Kaiser, den unser Präsident, Dittmar von Eschenweiler, ausbrachte, war einer der schönsten, die ich in meinem Leben gehört habe, kernig, männlich, warm und wahr. Der Ingenieurverein ist eine völlig unabhängige, von allen Regierungseinflüssen freie Vereinigung. Man fühlte dies selbst hier, wo kein politisches Wort fiel. Daß so viele hohe Herren nicht einsehen wollen, auf welchem Boden, mag er nun Korn oder Eisen zutage fördern, wahre Loyalität wächst! – übrigens ist es nicht unwesentlich, zu bemerken, daß diese schönen Eindrücke aus den ersten Stunden der Festfeier stammen. Später wurde es allerdings noch viel schöner, aber lebhafter. Gegen Morgen wälzten drei ältere Herren in Frack und weißer Binde ein großes Faß, das sie nicht auszutrinken vermocht hatten, durch die stillen Straßen Dortmunds ihrem Gasthof zu. Es war bei den unberechenbaren Bewegungen des Fasses eine anstrengende, in vieler Beziehung zeitgemäße Beschäftigung. Spaß beiseite, der allerdings zwischen Vorträgen und Besuchen großer Fabriken des Bezirks vier Tage lang anhielt, das Ganze machte einen wohltuenden Eindruck. Hinter dem Festjubel sah man überall die ernste, rege Arbeit, welche diesen Hunderten von Männern ihren Wert gibt, und fühlte ein Stück des erwachten nationalen Lebens, das aufgehört hat, nur zu wünschen und zu träumen, und heute seine Stellung in der Welt zu wahren weiß. Nach Äußerlichkeiten beurteilt, hätte man kaum vermutet, daß wir frisch beseelt und neu belebt zu ernster Arbeit von Dortmund zurückkehrten. Aber wissen wir nicht alle, wie sehr und wie oft der Schein trügt. – – Bei meiner Ankunft in Bonn empfing mich schon auf dem Bahnhof ein Teil des Jubiläumsfestkomitees des Landwirtschaftlichen Zentralvereins der Rheinprovinz und lud mir in aller Eile und Liebenswürdigkeit die Ausarbeitung des Maschinenkatalogs ihrer kleinen – sie nennen es ihrer großen – Ausstellung auf den Hals. Sie wünschten mich, als erfahrenen Techniker, auch mit der Aufgabe zu betrauen, einen ganzen Ochsen zu braten, was ich energisch ablehnte. Dagegen übernahm ich leichtfertigerweise das Festgedicht und weiß zurzeit noch nicht, was ich singen werde. Unmittelbar nach dieser Festlichkeit, bei der es mit erneuten Festessen, chinesischen und italienischen Nächten und vor allem mit einer großartigen Rheinbeleuchtung hoch hergehen wird, werde ich zu Deventer erwartet, um als holländischer Preisrichter zu amten. Hoffentlich treiben es die Herren am niedersten Niederrhein etwas ruhiger. Ich schreibe dies nicht in einer Katerstimmung; den melancholischen Gedanken aber werde ich nicht los, daß hierzuland zu viel, viel zu viel festgejubelt wird. 17. Bonn, den 16. Oktober 1883. Es geht vorwärts; es geht wahrhaftig vorwärts! Zum Triumphieren allerdings reicht es noch lange nicht, und wie es weiter gehen wird, wenn einmal der Kreis meiner Bekannten zweiten Grads, das heißt der Bekannten meiner Bekannten, überschritten wird, weiß nur der Himmel. Ein und ein halber Monat von den sechsen, die ich mir selbst zugemessen habe, um 250 Kerntruppen zu sammeln, sind bereits verstrichen und haben 57 Mann gebracht, somit nahezu den monatlichen Durchschnitt von rund vierzig, den ich brauche. Die besten Freunde der Sache wagen jedoch nicht zu sagen, daß dies anhalten könne. Wie ich es angriff, um wenigstens so weit zu kommen? Zunächst schrieb ich einen weißwarmen Aufruf an die »opferfreudigen« Opfer des Unternehmens, der mich selbst erschütterte, als ich ihn in der Dämmerung einer Herbstnacht dem Drachenfels vordeklamierte, und verschickte das Schriftstück, mit der dringendsten Bitte, es zu lesen, an groß und klein, ohne Ansehen der Person, von Memel bis Basel, wo immer sich eine Adresse finden ließ, die nicht ganz wert- und hoffnungslos erschien. Die ersten fünfzig Zusendungen ergaben zwölf Antworten, darunter sieben Beitritte. Später kam es etwas besser; dann aber ließ dieser Strom von Sickerwasser bedenklich nach. Zurzeit ergibt jeder Tag durchschnittlich einen Mann, wogegen ich dreißig Zuschriften täglich aussende. Dies ist nicht zu verwundern. Wie ich in Poppelsdorf höre: das erste, was sich der gebildetere Landwirt anschaffe, der sich ein bibliothekartiges Arbeitszimmer einrichte, sei ein geräumiger Papierkorb für Zuschriften jeder Art; und natürlich kann ich mich vorläufig nur an gebildete Landwirte wenden. Das Ergebnis meines Geschäftsbetriebs zerfällt in fünf Gruppen. 1. Absolutes Schweigen. Ist weitaus die Mehrzahl, stört aber selbstverständlich nicht im geringsten. – 2. Schroffe Ablehnung ohne Gründe. Ist selten. – 3. Ablehnung mit Gründen. Diesen Herren erwidere ich umgehend und widerlege sie zu meiner völligen Befriedigung, worauf sie beschämt in Gruppe 1 einrücken. – 4. Wohlwollende, aber rein platonische Begeisterung für die Idee im allgemeinen, mit dem Hinweis, wie sehr man die Mißerfolge der Vergangenheit beklage, die jedem eine Warnung für den Rest des Lebens bleiben würden. – 5. Beitritte, aus reiner Opferwilligkeit, mit der ausgesprochenen Überzeugung, daß in Deutschland aus etwa zwölf Gründen nie etwas aus der Sache werden könne. – 6. Beitritte in einem Aufschwung idealer Hoffnungsfreudigkeit – zwei Prozent. Soll ich die Flinte ins Korn werfen oder soll ich weiterschießen um der siebenundfünfzig Gerechten willen, die ich denn doch in diesem Sodom und Gomorrha auffand. Ich denke, ich schieße weiter. Ein halbes Jahr lang halte ich dieses etwas einseitige Feuer doch wohl aus. Die wachsende Überzeugung, daß ich auf dem Papierwege nicht ans Ziel komme, zwingt mich, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen, um mit den Leuten in persönliche Berührung zu kommen. Deshalb freut es mich förmlich, wenn sie mich auffordern, mit ihnen zu arbeiten. Dabei knüpfen sich am ehesten Bande, wie ich sie brauche. Bei dem Jubiläum des Rheinischen Zentralvereins, dem ich seinen Maschinenkatalog und sein Festgedicht anfertigte, lernte ich dessen Präsidenten, Rittergutsbesitzer von Rath-Lauersfort kennen, einen lieben, alten Herrn, dem einer der Verse meines Festpoems besonders zusagte:   Fast scheint es nutzlos hartes Mühen,     Manchmal, nach nassem, kaltem Tag,   Oft droht in heißem Sonnenglühen     Hier Dürre und dort Hagelschlag.   Getrost, durch Plagen und durch Bangen     Führt treulich Euch die Bruderhand.   Getrost, der Schweiß auf Euern Wangen     Wird Rebenblut im Rheinschen Land. Als ich ihm im Gedränge des Festjubels vorgestellt wurde, bemerkte er wohlwollend: »Aha! Sie sind der Mann, der eine Riesenaufgabe für uns lösen will. Da wünsche ich Ihnen viel Vergnügen. Ja, wenn wir nur Geld hätten! In einer halben Stunde geht's zum Festessen nach Godesberg. Dazu haben wir immer Geld.« Der Glanzpunkt des Festes kam aber erst am folgenden Tage mit einer Rheinfahrt nach Remagen. Es regnete in Strömen. Als ich dem festlich geschmückten Rheindampfer zuging, fürchtete ich, der einzige Mensch zu sein, der diesen Ausflug unter solchen Umständen mitmachte. Weit gefehlt. Kopf an Kopf, Schirm an Schirm, drei Stockwerke hoch standen Damen und Herren triefend auf dem triefenden Schiff. »Es ist doch noch Willenskraft im deutschen Volke,« sagte ich zu meinem Nachbar, der sich der Dachtraufe meines Regenschirms erfreute, »wenn uns ernste Zwecke vereinigen.« Aber er verstand mich nicht, der Böllerschüsse wegen, die die Abfahrt anzeigten. Wir wurden übrigens belohnt. Bei Remagen hörte der Regen auf. Dort begannen Rückfahrt, Nacht und Beleuchtung der Rheinufer. Rolandseck, Königswinter, Drachenfels, Godesberg, Bonn und jedes dazwischenliegende Haus, jede Villa, jedes Schlößchen, das seine Front gegen den Rhein kehrte, strahlte in feenhaftem Licht. Man verlor in der schwarzen Dunkelheit der nächsten Umgebung, in den übereinander sich auftürmenden roten, blauen und gelben Lichtpalästen, in den feuerspeienden Waldgruppen und in dem flammenden Spiegel des Stroms den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen. Zwei Stunden lang dauerte die Zauberei, in der Kunst und Natur zusammenhalfen, alle Bande des Alltagslebens zu zerreißen. Es war unbeschreiblich schön; nur zu viel. – Etwas ruhiger und ernsthafter ging es bei der Prüfung der landwirtschaftlichen Geräte der Amsterdamer Ausstellung in Deventer zu. Der kurze Umweg über Hamburg und die Ablieferung meines kleinen Neffen in der dortigen Seemannsschule brachte eine Unterbrechung zweiten Grades in die vielunterbrochene Einförmigkeit eines halben Bureaulebens. Das Bürschchen, das nie einen Tropfen Salzwasser geschmeckt hatte, scheint mit der Starrköpfigkeit des echten Schwaben nach einem Admiralshut zu verlangen. Ich wunderte mich im stillen über den Menschen, der selbst in seinen kleinsten Exemplaren die größten Torheiten fertigbringt, und dem der Schöpfer den Mut der Unwissenheit gegeben hat, ohne den er vielleicht nie wagen würde, durchs Leben zu tappen. Mitleidig betrachtete ich mein kleines Namensbrüderchen, als wir dem Hafen entlang der Seemannsschule entgegengingen, und er etwas unwirsch fragte: »Aber wo sind denn die Matrosen?« Ich zeigte sie ihm in Menge. Sie rollten Fässer, zogen Taue und Ketten hin und her, strichen Boote an und sahen so schmutzig und arbeitstüchtig aus, als es sich für einen braven Seemann am Werktag geziemt. Mäxchen hatte sich seine künftigen Freunde anders vorgestellt: blaue, kokette Jäckchen, weiße, fleckenlose Beinkleider, strahlende Gesichter. Aber auch diese erste Berührung mit der Seemannslaufbahn half nichts. Er wollte durchgebrannter Schiffsjunge, beziehungsweise Admiral werden, und so blieb nichts übrig, als ihn seinem Schicksal auszuliefern. Bin ich nicht auf einem ähnlichen Wege, wenn es auch ein Landweg sein mag? Und darf ich mich selbst in der oben bezeichneten Gattung des Mutes von meinem Neffen beschämen lassen? Heute noch gehen weitere dreißig Aufrufe in die Welt hinaus: der heimischen Scholle treu zu bleiben und, wenn nötig, mit dem Pflug das Vaterland zu retten. 18. Bonn, den 13. November 1883. Ein Windstoß in der Herbstnacht – davor ist mir nie bange. Was ich fürchte, sind die naßkalten, kriechenden Nebel, die das Mark in den Knochen erkälten und uns die Arbeitsfreude aus der Seele ziehen. Doch hierfür ist es noch zu früh, selbst im November, wenn ich auch nicht leugnen kann, daß ich sie spüre. Die Lokomobilprüfung in Berlin hat mir gut getan. Erstlich war es wieder einmal gesunde, geradlinige Arbeit, ein wenig langweilig, gründlich und pedantisch, wie es auch im neuen deutschen Reich nicht anders sein kann, aber doch auf ein Ziel losgehend, das wir fünf Richter wohl auch erreichten. Dann freute es mich herzlich, daß mein alter Zeichenmeister Wolf aus Kuhnschen Tagen, jetzt selbst ein großer Fabrikant in Buckau, als Sieger aus dem Kampf hervorging, und endlich lernte ich in meinen Mitrichtern Leute kennen, an die ich mich stets gerne erinnern werde. Da war als Leiter des Ganzen Geheimrat Schotte, den vor Jahren mein Wanderbuch verführt hatte, durch das Neckartal zu pilgern, eine Wirkung, die ich dem Buche nie zugetraut hätte. Da war ein liebenswürdiger Gas- und Wassermann, Professor Bunte aus München, den es höchlich belustigte, meine Freude zu sehen, wenn an der Türklinke meines Gasthofzimmers morgens früh in Briefform ein neues Mitglied des Reichsvereins hing. Mit dem Brandenburger Verein, der die Prüfungen veranstaltete, das heißt der das Landwirtschafts- und das Finanzministerium bewogen hatte, die Prüfungen veranstalten zu lassen, kam ich kaum in Berührung, da sich nur ganz ausnahmsweise ein Mitglied desselben heranwagte. Doch bleibt mir einer dieser Herren für immer im Gedächtnis. Ich war in halbem Arbeiteranzug damit beschäftigt, die Bremse zu bedienen, als mich der Herr wohlwollend und bedauernd ansprach. Als er erfuhr, daß ich von Bonn sei, wurde er plötzlich lebhafter. »Denken Sie sich,« rief er »da bekomme ich kürzlich einen Brief aus Bonn von einem Herrn – Sie werden ihn schwerlich kennen –, der einen allgemein Deutschen Verein gründen will. Aus Bonn!! Ein halber Engländer, wie ich höre. Und wissen Sie, wieviel der Mensch Jahresbeitrag für seinen Verein verlangt? Zwanzig Mark! So viel hat ja kein Mensch in Deutschland für einen Verein. Zwanzig Mark!! Na, wenn er drei Mark oder besser noch zwei Mark verlangen würde, könnte man ja daran denken. Aber zwanzig Mark!« – Eine Zeitlang genoß ich das aufrichtige Entsetzen, das ich dem fremden Herrn eingeflößt hatte, und dann, langsam und vorsichtig, stellte ich ihm den Zwanzigmarkmann aus Bonn vor. Wir schieden als die besten Freunde. Ich glaube, er wäre noch am gleichen Tag Mitglied geworden, wenn nicht die Bremse im entscheidenden Augenblick aufgeschnellt wäre, so daß ich meine Aufmerksamkeit auf das zu trocken gewordene Bremsband richten mußte. Als ich mich wieder nach Herrn von Sydow, meinen neuen Freund, umsah, war er verduftet. – – Auf der Rückreise ging ich wieder über Magdeburg und hielt, einer Aufforderung entsprechend, einen Vortrag über meine Pläne vor den großen Rübenzuckerbauern dieser hochkultivierten Gegend, wobei nicht viel mehr herauskam als Rauch und Bier und freundliches Händeschütteln. Doch brachte mir die Begegnung mit der landwirtschaftlichen Aristokratie der Provinz Sachsen einige wichtige Briefe, die den Besuch wohl wert waren. Überhaupt war der Briefsegen der letzten vier Wochen fast reicher, als ich wünschen kann. Vieles hochinteressant, weniges ermutigend. Ich wollte, ich könnte Euch das Wesentliche mitteilen, allerdings auch die Neugier dazu, mit der ich es studiere. Oft ist mir zumute, als wäre ich auf einer Entdeckungsreise, einem nie befahrenen Strom entlang, voll Klippen und Sandbänken, Stromschnellen und verfilzten Sümpfen. Ist er schiffbar bis ans Ziel? Rimpau-Schlanstedt, einer meiner besten Freunde – es sei hier ein für allemal bemerkt, daß sich zwischen der »guten Sache« und mir völlige Identität herausgebildet hat –, schreibt wenig; was er aber sagt, hat Hand und Fuß. Er klagt natürlich, wie alle, über Gleichgültigkeit und Unglauben, läßt aber nicht nach, zu werben, und da er ein hohes Ansehen in seiner Provinz genießt, gelingt ihm da und dort ein guter Fang. Ich vermute, die Herren treten gegen besseres Wissen und Gewissen bei, um ihm einen Gefallen zu tun; einige sagen dies offen. Ich lasse mir darob keine grauen Haare wachsen. Wenn sie nur kommen. Sehr interessant war ein Brief des Präsidenten des Sächsischen Zentralvereins, von Nathusius-Königsborn, dem Bruder des Althaldenslebeners. Er sei gegen die Bewegung gewesen, denn er habe, wie die meisten, noch immer den Verdacht nicht loswerden können, daß ich ein Agent Fowlers sei, und das Ganze darauf hinauslaufe, Dampfpflüge zu verkaufen, bis er zufällig mein Wanderbuch gelesen habe. Wie wunderlich doch manchmal ein Rädchen ins andre greift! Nun nehme er allerdings keinen Anstand mehr, der Sache näherzutreten. Dann läßt er sich über die vorhandenen Vereine aus. Die einen seien demokratisch organisiert, aber fast mittellos, so daß sie unfähig seien, etwas Ernsthaftes zu unternehmen. Andre haben einen mehr aristokratischen Charakter und seien so viel als tot für die wirkliche Arbeit des Landwirts. Alles gipfele für sie in politischen Fragen und Bestrebungen. Der Landwirtschaftsrat, die beratende Spitze des gesamten deutschen Vereinswesens, habe zum Beispiel vor etlichen Jahren einen großgedachten Ausstellungsplan lebhaft befürwortet, aber nicht ein Finger habe sich gerührt, ihn auszuführen. Es fehlen die Leute, es fehle das Geld. Der Berlinismus, der über das Weichbild Berlins hinaus nichts schaffe, habe die draußen noch immer lahmgelegt. Ich werde selbst einsehen, was unter solchen Umständen für meinen Gedanken übrigbleibe. Aber einen nochmaligen Versuch sei er wert, und deshalb trete er bei. Anders lautet das Urteil eines Mannes, auf den ich, durch Hörensagen verführt, große Hoffnungen gesetzt hatte, des Exministers der Landwirtschaft, von Friedenthal. Er habe eine halbe Lebensarbeit an den Aufbau des preußischen Vereinswesens gerückt, schreibt er, und halte es für vortrefflich, wenn auch nicht für ganz unverbesserlich. Es falle ihm nicht ein, einem nebelhaften Projekt zulieb an seiner eignen Schöpfung zu rütteln. Dasselbe schrieb er nicht ohne Entrüstung, wenn auch in etwas andern Worten meinem hochgeschätzten Freund Thiel, der zum Glück die idealen Schöpfungen seines früheren Chefs zu genau kennt, um sich irremachen zu lassen. Dieser Mann ist Goldes wert für uns; denn von außen ist in die Backsteinmauer des geheiligten Bureaukratismus eine Bresche nicht zu schießen. Wenig hoffnungsvoller schreibt Graf Bernstorff aus Hannover, wo die näheren Beziehungen zu England den Boden für meine Saat etwas krümeliger gemacht haben, und in der Hannoverschen Landwirtschaftsgesellschaft die Frage ernsthaft und nicht ohne Wohlwollen besprochen wird. Die deutschen Verhältnisse seien eben grundverschieden von denen Englands. Er würde mit beiden Händen zugreifen, wenn er dies nicht am eignen Leib erführe. Ohne staatliche Unterstützung, diesen Krebsschaden einer selbständigen Vereinstätigkeit, denke niemand daran, sich zu rühren, und nehme Schulmeisterei und Maßregelung von oben willig in den Kauf. Deswegen werde mein Plan in den Geburtswehen ersticken. Wenn er aber je zum Leben komme, so müsse ihm durch das maßlose Gerede in diesen Kreisen der Atem ausgehen. Aber dennoch – zu einem Versuch sei auch er bereit. Wollt Ihr nun noch etwas von Süddeutschland hören? In Baden vorläufig tiefe, ungestörte Stille. Meine Württemberger freuen sich des Schwaben und sind voll platonischen Wohlwollens, dem ein gut Teil Mitleid beigemischt scheint. »Aber einen Versuch – na, da müssen wir dem Landsmann zu Gefallen mitmachen. Wer weiß – es hat schon manche blinde – –.« Sie haben eine kräftige, wenn auch oft stockende Ausdrucksweise. Man muß verstehen, wie sie's meinen. Und ich glaube wahrhaftig, sie meinen es gut. Bayern: scharfe Ablehnung, fast überall, wo ich anklopfe, teils in Tönen zornigen Jammers über den unüberwindlichen Partikularismus, teils im stolzen Gefühl dieses üppig blühenden Gewächses. Aber ich hoffe, wenn ich mit der Zeit stärker klopfe, kann auch dort der Ton sich ändern. Und dabei wird mein lieber Freund Kiepert-Marienfelde schon ungeduldig. »Hundertzehn Mitglieder, und in den letzten Wochen kaum einen des Tags! Es gehe nicht vorwärts, wie er gehofft habe. Die Sache sei offenbar zu wenig bekannt. Man müsse mehr Lärm schlagen.« »Man« bin ich; und ich schlage doch seit Juli auf das Fell des deutschen Michels, daß mir der Schweiß von der Stirne tropft. Allerdings fährt Kiepert in seinem letzten Brief wehmütig fort, wenn er bei irgend jemand die Sache zur Sprache bringe, sei stets die erste Frage: »Wieviel trägt die Regierung bei?« Wenn er dann sagen müsse, daß ich an Regierungsbeiträge nicht einmal denken wolle, sei alles aus. »Ein verrückter Engländer!« Das schrieb er zwar nicht wörtlich, aber doch in der milderen Form: »ich sei eben doch ›drüben‹ gar zu englisch geworden.« Aber ich verstehe nicht bloß schwäbisch, lieber Freund! In dieser Weise geht es weiter. Der Stoff drängt sich um mich, fast zum Ersticken. Ein Teil des amtlichen Berichts über die Lokomobilprüfung, den zu schreiben ich versprochen habe, hängt mir wie ein Mühlstein am Hals. Dem Ingenieurverein zu Köln habe ich leichtfertigerweise einen Vortrag über ägyptische Zuckerfabriken zugesagt. Jetzt mahnen mich die Herren alle vierzehn Tage an mein Versprechen. »Keine Zeit!« schreiben sie kopfschüttelnd, »was denn das heißen solle? Ich habe mich doch zur Ruhe gesetzt.« Gewiß; aber wie man sich bettet, so liegt man. Nein, l. M., zur Ruhe und »Sammlung«, die Du mir mit vollem Recht empfiehlst, bin ich trotz der ergrauenden Haare vielleicht noch zu jung; vielleicht gewinne ich nie das nötige Alter. Denn ich suche umsonst nach einem Beispiel, das mir zeigt, wo der Geist des Abgekehrtseins von der Arbeit, vom Leben, von der Welt die Früchte bringt, die man ihm nachrühmt. Unsre nächsten Pflichten liegen auf dieser gottgeschaffenen, wenn auch oft genug gottverlassenen Erdkugel. Sie ehrlich zu erfüllen, soweit es geht, ist vielleicht der beste Gottesdienst. Die Weisheit Salomos von der Eitelkeit alles Irdischen ist die Weisheit des satten, müden Alters. Ist es wahrscheinlich, daß das Gefühl des Menschen in seiner körperlichen und geistigen Schwäche der Wahrheit näher steht als die Erkenntnis des Gesunden? Klein ist freilich alles, was wir tun, verächtlich klein; aber es sind Millionen, die mithelfen an den großen Aufgaben der Menschheit. Das multipliziert sich: und es ist nur unsre persönliche Eitelkeit, die sich darüber ärgert. – Nachschrift. »Hipp, hipp, hurra!« wenn ich nun doch einmal ein verrückter Engländer sein soll. Soeben erhalte ich von diesem vortrefflichen Kiepert ein Telegramm: »Fünfundsechzig Mitglieder des Teltower Vereins schicken Ihnen ihre Grüße, nachdem sie soeben dem Provisorium des Reichsvereins für Landwirtschaft beigetreten sind.« Nun möchte ich aber wissen, wer verrückter ist: die Deutschen oder die Engländer? 19. Bonn, den 9. Dezember 1883. Vier Wochen lang Aprilwetter mit einem gelegentlichen Anflug absterbender Dezemberstimmung: wie gefällt Euch das? – Es war trotzdem erträglich, solange ich mich mit der mechanischen Alltagsarbeit betäuben konnte, aus der, gerade als ob ich mich nicht zur Ruhe gesetzt hätte, achtzig Prozent meiner Tätigkeit besteht. Nach dem Frühlingssturm im Teltower Verein und einem prächtigen Windstoß aus Halberstadt, den ich Rimpau verdanke und der mir fünfzehn Mitglieder ins Haus blies, trat Windstille ein, die bedenklich zu werden drohte. Ich ließ deshalb eine zweite Mitgliederliste drucken und schickte sie in alle Welt. Da regte es sich wieder ein wenig, und gelegentlich kam ein förmlicher Sonnenblick durch das Gewölk. Doch genug der Wind- und Wetterpoesie! Die Mitgliederzahl ist heute früh Zweihundertzweiundzwanzig. Ihr seht, wie merkwürdig genau ich meinen Feldzugsplan einhalte und mit welch fast übernatürlichem Blick in die Zukunft ich diesen Plan vor einem Jahr festgestellt habe. Es ist allerdings mehr Narrenglück dabei im Spiel als Berechnung, wenn man bei etwas, das kaum einen Anfang bedeutet, von Narrenglück sprechen will. Gestern ist der preußische Landwirtschaftsminister von Lucius beigetreten. Ich verdanke dies zweifellos seinem vortragenden Rat, unserm Freund Thiel, und es ist insofern wichtig, als ich jetzt noch ungenierter als zuvor betonen darf, daß sich ein tüchtiger, deutscher Landwirt nichts von der Regierung gefallen zu lassen braucht, namentlich keine Unterstützungen. »Denn seht,« kann ich jetzt sagen, »Euer Landwirtschaftsminister ist derselben Ansicht, sonst wäre er sicher nicht beigetreten.« Das wirkt in vielen preußischen Kreisen gewaltig. Dagegen werden die Bayern, Schwaben und Sachsen jetzt doppelt scheu werden, bis es ihnen deutlich gemacht werden kann, daß der Herr Minister von Lucius als Landwirt, und nicht der Landwirt Lucius als Minister bei der Sache beteiligt ist. Wir brauchen übrigens nicht nach Bayern zu gehen; auch anderwärts regt sich der Widerstand in einer fast unbegreiflichen Weise. Daß die Teltower am Tage nach dem Festmahl zum großen Teil wieder aus den Maschen des Netzes zu schlüpfen suchten, das Kiepert über sie geworfen hatte, ist menschlich, und die Briefe sind rührend, die mir der gute Noodt schreibt, der die Aufgabe übernommen hat, den Fang ans Land zu ziehen. Acht Fische sind ihm trotz aller Vorsicht wieder entschlüpft. – Ernsthaft ist und bitterbös, daß der Brandenburger Zentralverein in einer Versammlung zu Potsdam jede Beteiligung und jede Sympathie schroff zurückgewiesen hat. Herr von Wedel-Malchow, der Präsident, will nichts mit der Sache zu tun haben und sei, wie ich höre, selbst für jede Erörterung unzugänglich. Ähnlich ging es in Westpreußen, wo Herr von Puttkamer-Plauth die erdrückende gegnerische Mehrheit führte. Die kleinen und mittleren Gutsbesitzer, wird mir von dort geschrieben, seien dem Plane durchaus zugeneigt; die Großgrundbesitzer, der Adel der Provinz, wolle nichts davon wissen. Und ich »verrückter Engländer« glaubte eine aristokratische Gesellschaft gründen zu können, die in edelm Wettstreit dem Bäuerlein zeigt, wie in unsrer Zeit gewirtschaftet werden müsse, um die Fruchtbarkeit des heimischen Bodens zu erhalten! – Mein etwas allzu hitziger Freund Schultz-Lupitz, der Kainitapostel, der bis jetzt ziemlich still war, glaubte den künftigen Reichsverein im Abgeordnetenhaus vorstellen zu müssen – den Verein, der damit anfangen will, jede und alle Politik zu boykottieren! Ich war entsetzt und mußte sehr höflich dabei bleiben, denn der wackere Schultz glaubte einen Meisterschuß getan zu haben. Natürlich standen sofort ein paar Politiker auf, die nichts von der Sache wußten, und schlugen aus Leibeskräften auf den kleinen Embryo und seinen langen Pathen Schultz los. Für mich ergab sich hieraus ein Briefwechsel mit Schorlemer-Alst, dem klugen Zentrumsmann und katholischen Bauernvereinsführer, der, wie er sagt, bei der Masse landwirtschaftlicher Vereine, die der Entwicklung bedürfen, jede Neugründung mit Schrecken begrüße. Trotzdem waren seine Briefe wahre Muster höflicher Ablehnung. Zum Schluß kam dann etwas Erfreuliches: ein großes Schreiben von Nathusius-Althaldensleben, auf das ich schon seit Monaten gewartet habe, denn Hunderte hatten mich nach diesem Nathusius gefragt, nicht bloß in der Provinz Sachsen. Er sei, erzählt er, sieben Wochen lang krank und überdies durch die Herdbuchgesellschaft gebunden gewesen. Nun sei ihm wieder besser, und die Herdbuchgesellschaft liege im Sterben, denn mit dem deutschen Universalmittel von 100 000 Mark Staatssubvention sei es endgültig nichts geworden. Was meine Sache betreffe, so sei er so hoffnungslos als je, aber er habe in seiner Krankheit den sechsten Band meines Wanderbuchs gelesen – schon wieder einer! – und daraus ersehen, daß ich Erfolge und Mißerfolge in genügender Anzahl erlebt habe, um auch noch einen weiteren tragen zu können. Leisten, mitarbeiten könne er nicht mehr viel – ich denke, hier spricht der noch nicht ganz genesene Mann –, aber beitreten; nun ja, mit all den Vorbehalten, die die Aussichtslosigkeit der Sache verlange, dazu wolle er sich verstehen. Von Begeisterung ist aus diesen Zeilen nicht gerade viel herauszulesen; aber ich habe das Gefühl, daß dies die Art von Männern ist, die ich brauche, und die – mich brauchen. Woran wir alle leiden, ist das Zuvielwissen. Damit jedoch diese Epistel nicht allzu traurig ende, schließe ich mit einem Geschichtchen aus einem Bonner Institut für höhere Töchter, wo es auch nicht besser auszusehen scheint. Vor einigen Tagen traf ich die älteste Tochter eines meiner Freunde in Tränen und ihre Mama in kummervollem Nachsinnen. Die beiden Damen hatten ein Aufsatzthema vor sich, das starke Männer hätte aus der Fassung bringen können: »Vergleichung des Satans im Buch Hiob mit Mephisto im ersten Teil von Goethes Faust«. Nächste Woche kommen wir an den zweiten Teil, klagte die Kleine. Nun sage mir einer, daß noch etwas über unsre Frauenbildung gehe! Morgen schließe ich die Bude für dieses Jahr , und dann kann es wieder ernster werden und heller zugleich. Ihr könnt, wenn Ihr wollt, schon jetzt die Kerzen am Weihnachtsbaum für mich anstecken, unter dem sich diesmal ein liebes Gesicht weniger zeigen wird als in früheren Jahren. Zum Glück wird er deshalb nicht weniger hell leuchten. 20. Bonn, den 10. Januar 1884. Eine willkommenere Gabe hätte mir ein freundliches Geschick nicht unter unsern Weihnachtsbaum legen können als den zweihundertfünfzigsten Mann meines Reichsvereins. Sein Eintreffen stimmte fast auf den Tag, so daß die Aufgabe, die ich mir für das vergangene Jahr gestellt hatte, genau vierzehn Tage vor Ablauf der gegebenen Frist (den 7. Januar) gelöst war. An diesem Tag hatten wir bereits 265 Mitglieder, denn die Mühle steht nicht still, und ihr fröhliches Klappern geht weiter im neuen wie im alten Jahr. Vox populi! Das millionenköpfige Orakel hat gesprochen, und seine Priester schütteln verwundert die Köpfe. Es sprach diesmal anders, als die Weisesten prophezeit hatten. Nun heißt es: vorwärts! Zum zweitenmal frage ich dich, millionenköpfige Pythia: willst du oder willst du nicht? Heute über zwei Jahren müssen zweitausendfünfhundert Männer beisammen sein, wenn unser Reichsverein leben soll. Und wieder schütteln die Weisesten die Köpfe, und ich höre noch immer das »250 ja, 2500 niemals!« Ich warte auf deine Antwort, heilige Pythia. Aus meiner Ruhe aber sollst du mich nicht bringen mit deinem ja oder nein. Das sei für die kommenden zwei Jahre das Zeichen, unter dem ich kämpfe. Das vergangene Jahr hat mir gezeigt, um was es sich handelt, und welche Klippen in unserm Wege liegen: im Norden und Osten die immer deutlicher hervortretende Gegnerschaft gerade derjenigen, auf die ich in erster Linie gerechnet habe und noch rechnen muß, wenn der Plan Leben gewinnen soll: der Großgrundbesitzer, des Adels. Im Westen, in Westfalen und der Rheinprovinz wollen die katholischen Vereine nichts von einer Gesellschaft wissen, in der für sie keine politische Rolle zu spielen ist. Im Süden sträubt sich der aristokratische, und noch mehr der demokratische Partikularismus gegen alles, was er vor vierzig Jahren mit lautem Geschrei ersehnt hat, und dazu rechnet man ohne alles Bedenken einen unpolitischen Reichsverein für Landwirtschaft. Denn daß etwas leben könne im Deutschen Reich, das nicht Politik treibt oder von Politik getrieben wird, ist all diesen Herren ganz undenkbar, vermutlich weil unser deutsches politisches Leben sein Reifezeugnis in so glänzender Weise bewährt. Damit aber nicht genug. Die Sache hat auch Freunde. In zahlreichen liebenswürdigen Briefen – wenn ich Euch doch eine Blütenlese aus all dem geben könnte! – versichern sie mich allwöchentlich, daß sie kein Geld, keine Tatkraft, kein Vertrauen ineinander, keinen Gauben in die Zukunft hätten, daß sie alle zu überklug seien, um etwas zustande zu bringen und daß sie infolge dieser Klugheit entdeckt hätten, daß jede Initiative aus Selbstsucht hervorgehe und deshalb zu bekämpfen sei, wo immer sie sich zeige. Überdies sei keiner der klugen Herren, die im Süden geboren seien, fähig, einen aus dem Norden zu verstehen, und nie werde einer aus dem Westen mit einem andern aus dem Osten harmonieren; die Interessen seien so völlig verschieden. Dabei verschnupfe die unerträgliche Schwatzhaftigkeit der einen die andern, während die Unfähigkeit dieser, einen zusammenhängenden Satz zu bilden, jenen ein beständiges Ärgernis bleibe. Wollt Ihr weitere Auszüge haben? Ich denke, es ist genug. Auf meiner Rückreise nach Bonn besuchte ich in Heidelberg Professor Stengel, eine Leuchte landwirtschaftlicher Gelehrsamkeit, den ich gar zu gern für die Sache gewonnen hätte. Er empfing mich mit der größten Liebenswürdigkeit und sprach wie ein Buch, verzweifelte aber an der Zukunft der Welt, weil sie sich seit drei Jahren in Baden nicht dreht, wie er es wünscht. Es ist merkwürdig, wie viele Leute man hierzuland trifft, die alles Heil vom politischen Leben erhoffen und untröstlich sind, seitdem sie entdeckt haben, daß sich die Menschheit nicht von der politischen Rednerbühne herab kurieren läßt. Warum ist dies anders in England, wo man doch etwas mehr von Politik verstehen sollte? Mein verehrter Professor lächelte mit wirklichem Mitleid über meine Phantasien, wollte sogar mittun, wenn es mir Vergnügen mache; aber Erfolg –! Es war der einzige Satz, den er nicht zu Ende brachte. Auch in Frankfurt besuchte ich einige Herren der dortigen kleinen landwirtschaftlichen Kreise mit einem Hintergedanken, den ich ihnen noch nicht mitzuteilen wagte: wie wäre es, wenn der neue Reichsverein mit seinen Ausstellungen in der alten Kaiserstadt beginnen würde? Auch dort konnte ich den Präsidenten des Landwirtschaftlichen Vereins, Stadtrat Heinecke, nicht aus dem politischen Volkswirtschaftsnebel herausziehen und mußte wohl oder übel mit ihm ein Stündchen drin spazieren gehen. All diese ersten Besuche führen, wie ich nunmehr aus Erfahrung weiß, zu nichts, als daß die Herren nachträglich in ihren Papierkörben nach meinen früheren Briefen und Drucksachen suchen, sie dann gelegentlich lesen und bei einer späteren Begegnung anfangen, darüber nachzudenken. – Ein Glück ist's, daß ich es noch nicht aufgegeben habe, Geduld für eine Tugend zu halten. Bei meiner Ankunft in Bonn fand ich einen prächtigen Brief von einem andern landwirtschaftlichen Schriftgelehrten. Er macht mir drei Seiten lang die bittersten Vorwürfe. Mein Plan der Selbständigkeit, der Unabhängigkeit von Staatshilfe sei grundverkehrt. Wer bezahle die Steuern? Zumeist die Bauern. Wem bezahle er sie? Dem Staat. Sei es nicht eine heilige Aufgabe jedes Bürgers dieses großen Deutschen Reichs, dem Staat fort und fort nahezulegen, seine Pflicht zu tun und das Geld des Bauern diesem wieder zuzuführen? Nicht der Bauer sei zu ermahnen, sich selbst, sondern der Staat, dem Bauern zu helfen. Dazu habe er das Geld. – Gut, daß ich noch immer annähernd weiß, wo mir der Kopf steht. Trotz alldem ist eine Leonidasschar von Zweihundertundfünfzig bereit, fürs Vaterland in den Kampf zu ziehen, und ich konnte mit frohem Mut das neue Jahr antreten. Man darf ein großes Volk nicht nach Einzelerscheinungen beurteilen, wenn sie uns noch so massenhaft begegnen. Sucht man lange genug, so finden sich unter der Masse sicher auch die guten Kernchen, welche überall die Saat der Zukunft bilden. »Nichts bewundern,« heißt ein altes blasiertes lateinisches Sprichwort; »nicht verzweifeln« ein neues deutsches, das ich im Laufe dieses Januars gelernt habe und festhalten will bis zum Januar 1886. Meine Berliner Freunde sagen mir, im Februar seien große Versammlungen von Landwirten, richtiger gesagt, von Spiritusbrennern in der Reichshauptstadt. Das sei die beste Gelegenheit, auch das Provisorium des Reichsvereins in die Welt zu setzen. Ich kümmere mich deshalb um nichts mehr als um den 13. Februar, an dem das Kreisen beginnen soll. Es ist wohl natürlich, daß mir etwas bange ist. 21. Bonn, den 10. Februar 1884. Bekanntlich – ob es wahr ist, ist eine andre Frage – bekanntlich stand Moltke am Tag nach der Kriegserklärung von 1870 vor einem Bilderladen Unter den Linden und betrachtete in aller Ruhe Tiroler Landschaften. »Um Gottes willen, Exzellenz,« rief ihm ein aufgeregt vorbeieilender General der Infanterie zu, »ist es denn nichts mit der Kriegserklärung?« – »Warum?« fragte Moltke behaglich. »Gestern abend ist die Mobilmachung befohlen worden. Die Telegramme sind abgegangen. Jetzt habe ich ein paar Tage lang rein nichts zu tun.« Schon zum zweitenmal schreibe ich Euch ein paar Stunden vor meinem Aufbruch nach Berlin; nach einem Sturm von Vorbereitungen, von einem Sturm von – ich weiß nicht was. Ich wollte, ich wäre dabei so ruhig als der große Schweiger. Aber ein paar Stunden Zeit habe ich dennoch, seit vier Wochen zum erstenmal. Ich muß sie benutzen. Wer weiß, was nachkommt! Bezüglich des Werbens ließ ich in jüngster Zeit die Zügel hängen; aber der Karren ist in sichtlicher Bewegung. Anmeldungen fahren fort, einzulaufen. In einigen Vereinen wird die Sache ernsthaft besprochen, nicht immer zuwartend oder ablehnend, und bei der Opposition gegen den Widerstand, den sie findet, fallen regelmäßig einige Fische in unser Netz. Selbst fünf Bayern haben sich eingestellt, allerdings mit lautem Klagen, daß bei ihnen für mich nichts zu holen sei. Einer erklärt ausführlich, das preußische Ministerium sollte veranlaßt werden, den Gedanken dem bayrischen Ministerium nahezulegen! Selbst unter den gefürchteten Generalsekretären der preußischen Zentralvereine ist ein weißer Rabe aufgetaucht, Dr. Bürstenbinder zu Braunschweig, der eifrig und nicht ganz ohne Erfolg seine Kollegen zu beruhigen sucht. Thiel hat einen prächtigen Aufsatz zugunsten der Sache in der »Deutschen Landwirtschaftlichen Presse« veröffentlicht, woraus ersichtlich, daß wir selbst bei der hohen Regierung einen Stein im Brett haben. Dabei bin ich noch im Zweifel, ob dies der Sache mehr nutzen oder schaden wird, denn ein allzu mächtiger Gönner ist gefährlich, und auch ich bin nicht ohne Vorurteile geboren. Das Ende von all dem ist, daß ich zu unsrer ersten Vorversammlung mit 390 statt mit 250 Mitgliedern in Berlin anrücken werde. Das alles nur nebenbei! Die Hauptsache war, für die Versammlung die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Man darf einer solchen nie zumuten, ins Blaue hinein Vorschläge bezüglich der Organisation, selbst der Personenfrage, zu machen, wenn nicht alles in einem Chaos untergehen soll. Jeder, auch der kleinste Schritt muß mit Bestimmtheit festgelegt sein. Die Kunst ist, ihn dann so darzustellen, daß die hochgeehrten Anwesenden glauben, sie haben ihn selbst erdacht. So denke ich mir die Sache wenigstens, soweit ich Menschen kenne. Ich ernannte deshalb in einer schlaflosen Nacht eigenmächtig zwölf Beiräte, ließ einen vollständigen Statutenentwurf drucken und schickte ihn jedem mit der Bitte um seinen Rat. Ein paar kleine Änderungen waren die Folge dieses Schritts, und nun sollte das Schriftstück der Beratung der bevorstehenden »Vorversammlung«, beziehungsweise einem durch dieselbe zu wählenden Ausschuß vorgelegt werden – das heißt denselben zwölf Beiräten, die aus meiner nächtlichen Privatwahl hervorgegangen waren. Dann brauchte das Provisorium einen Präsidenten. Das war eine schwierigere Sache. Es mußte ein hoher Herr sein, um der Gründung das nötige Ansehen zu geben. Zu tun brauchte er nichts; im Provisorium, soviel war mir völlig klar geworden, mußte und wollte ich selbst tun, was zu tun war. Aber eine repräsentative Persönlichkeit ersten Rangs mußte an der Spitze stehen, um die schwächeren Brüder zu stützen. Der Fürst von Hohenlohe-Langenburg lehnte in der liebenswürdigsten Form, aber mit aller Bestimmtheit ab. Er habe mit seinem Kolonialverein mehr als genug zu tun. Nathusius und namentlich ein treuer Freund der Sache, der Reichstagsabgeordnete Sombart-Ermsleben machten sich an den Grafen zu Stolberg-Wernigerode. Dieser ließ sich nach einigem Zögern überreden. Hofjagden sind eine herrliche Einrichtung, um auf edles Wild zu pirschen. Aber Bedingung, ausdrücklich formulierte Bedingung seiner Zusage war, daß der hohe Herr nie mit irgend welcher Arbeit belästigt werden dürfe, was ich äußerlich mit Bedauern, innerlich mit Genugtuung hinnahm. – Wie ganz anders machen sich diese Dinge in England! Aber ich will für alle Zukunft unterlassen, Vergleiche zu ziehen. Es ist müßig, auf des Nachbars Feld zu blicken, wenn der eigne Pflug im Gestein steckt. Dann galt es, in Übereinstimmung mit den Meistbeteiligten für die Versammlungen in Berlin ein Programm festzustellen. Was ich dabei an Tinte verkleckste! Wie das alles bei aller äußerlichen Freundlichkeit und bei wirklichem Wohlwollen so zäh und dickflüssig herauskam! Doch werde ich ja Gelegenheit haben, das Ergebnis dieser Verhandlungen zu schildern. Das ist unterhaltender als die Beschreibung der langsamen, mühevollen Arbeit hinter den Kulissen. Manchmal war ich überdies nicht weit davon, Hammer und Zange samt dem Kleistertopf zum Fenster hinauszuwerfen. Nun kann's losgehen. Mein Koffer ist auf dem Weg zur Bahn. Es ist Zeit, ihm zu folgen, und da mein Brief doch etwas kürzer geworden ist als gewöhnlich, lege ich ein Blättchen bei, das Ihr nicht zu lesen braucht. Die Grundzüge des ganzen Gedankens, die ich mit einem heimlichen »sine qua non« mit nach Berlin nehme. Sie werden Euch langweilig vorkommen, aber es ist zu befürchten, daß ich manchmal auf sie zurückkommen muß. Deshalb und um in Erklärungen nicht immer wieder von vorn anfangen zu müssen, ist es rätlich, das Wesentliche beisammen zu haben. Der Deutsche Reichsverein für Landwirtschaft umfaßt das ganze Deutsche Reich. Landes- und Provinzialgrenzen haben für ihn keine Bedeutung. Der Verein treibt grundsätzlich keine Politik, sondern dient ausschließlich der technischen Entwicklung der Landwirtschaft. Er beschäftigt sich nur mit solchen Aufgaben, die von bestehenden Vereinen nicht oder unvollkommen behandelt werden. Er arbeitet ausschließlich mit eignen Mitteln und Kräften. Er rührt deshalb keine Aufgabe an, deren Behandlung seine Mittel und Kräfte übersteigt. Er verlangt von seinen Mitgliedern 20 Mark Jahresbeitrag und hofft, denselben mit der Zeit das Zehnfache in greifbarem Nutzen einzubringen. Er verlangt ferner ihre freiwillige Mitarbeit, wo immer dieselbe erforderlich erscheint. Als nächstliegende Aufgabe gedenkt er jährlich eine allgemeine deutsche Wanderausstellung zu veranstalten. Es ist aber ausdrücklich zu verstehen, daß diese Aufgabe nur einen Teil seiner Tätigkeit begreift. Andre Aufgaben werden ihn zweifellos bald in nicht geringerem Grad beschäftigen. Die Organisation des Vereins ist die folgende: Der Verein hat einen Präsidenten, der jährlich wechselt; einen Vorstand, bestehend aus zwölf Vizepräsidenten, die die zwölf Gaue vertreten, in welche der Verein Deutschland einteilt; das Direktorium, das den Vorstand vertritt, die laufenden Geschäfte besorgt und überwacht und monatlich eine Sitzung abhalten muß; den Gesamtausschuß, in dem jeder Gau durch vier bis fünf Mitglieder vertreten ist; die Hauptversammlung, welche jährlich wenigstens dreimal, zweimal in Berlin und einmal am Ausstellungsort tagt. Durch Wahl geht das Direktorium aus dem Vorstand, der Vorstand aus dem Gesamtausschuß, dieser aus der Hauptversammlung hervor, welche auch den Präsidenten wählt. – Nun wißt Ihr, wie ich mir das alles denke. Das übrige ist Beiwerk und Kleinkram – zu viel, allzuviel –, der sich gestalten mag, wie es sich aus dem Charakter der Mitglieder und der Verhältnisse ergeben wird. Gott aber gebe, daß sie mir nicht nach landesüblicher Weise um des Kleinkrams willen die Hauptsache zugrunde richten! 22. Bonn, den 9. März 1884. Endlich kommt es wieder einmal an Euch; auch an mich sozusagen. Denn in den letzten Wochen, die zu den interessantesten meines Lebens gehören, hatte ich nicht einmal Zeit, die gewohnten kurzen Tagebuchbemerkungen zu Papier zu bringen, so daß sich mein künftiger Biograph vom 15. Februar bis 5. März mit einer weißen Wüste begnügen muß. Für Euch will ich wenigstens ein Paar Bildchen anschwärzen, ohne Wahl und Ordnung, genau wie sie mir heute noch im Kopf umgehen. Noch vor meiner Abreise erhielt ich ein Schreiben des Fürsten von Hohenlohe-Langenburg mit der freundlichsten Ablehnung, den Vorsitz in den kommenden Versammlungen zu führen, mit der mich auch seinerseits Graf Stolberg beehrt hatte. Zeitmangel; Arbeitsüberlastung. Allzu behaglich lebt ein Teil dieser hohen Herren in der Tat nicht. Ich schrieb nun an Rimpau, der in jeder Beziehung der geeignete Mann für den Tag gewesen wäre, erhielt aber umgehend die Antwort: Seinen Vortrag (»Die Aufgaben des künftigen Reichsvereins«) wolle er halten, präsidieren aber unter keinen Umständen; sein leidendes Gehör mache dies zur physischen Unmöglichkeit. Ich bat ihn nun, doch während der formalen Reden den Vorsitz zu übernehmen und ihn, sobald eine Diskussion entstehen sollte, dem Vizepräsidenten Noodt zu übergeben. Dies schien ein vortrefflicher Ausweg. Den zweiten Vortrag: »Das Verhältnis eines staatlich nicht subventionierten Vereins zu den Regierungen«, hatte Thiel übernommen, und das erste, was ich im »Kaiserhof« in Berlin antraf, war ein Billett: daß er ernstlich erkrankt sei und nicht kommen könne. Noodt war sonntagshalber auch nicht aufzufinden, so landete ich nach längerem Umherkutschieren – o Ironie des Schicksals! – in der Neuen Ruhmeshalle, wo die Mordinstrumente aller Zeiten in künstlerisch schöner Weise aufgestellt sind, daß dem Teufel das Herz im Leibe lachen muß. Tausende drängten sich, Kettenkugeln, Kartätschen und Kugelspritzen zu bewundern. Ich kam mir recht klein vor mit meinem Landwirtschaftlichen Reichsverein in spe , ohne Präsidenten! Noodt fand ich am Montag früh und machte ihm meinen Vorschlag bezüglich des Vizepräsidiums. »Unter keinen Umständen!« war seine prompte Antwort. Er sei politisch verdächtig bei den Agrariern und würde der Sache sechsmal mehr schaden als nutzen. Ich möchte doch Ökonomierat Kiepert in Marienfelde bitten, das Vizepräsidium zu übernehmen; der sei der beste Mann für derartige Aufgaben. Damit fuhr ich zu Thiel, den ich recht elend fand. Er erklärte, Noodts Vorschlag bezüglich Kieperts sei undurchführbar. Ich könne dem Präsidenten des mächtigen Deutschen Spiritusvereins unmöglich die zweite Stelle anbieten. ›Dies fängt an, pikant zu werden‹, dachte ich und fuhr nach Hause, um mich ein wenig zu stärken. Dort fand ich einen Brief von Rimpau, daß er auch meinen zweiten Vorschlag unter keinen Umständen annehmen könne; ich möge irgendeinen andern Ausweg suchen. Nun fuhr ich nach Marienfelde, einem Rittergut etliche zehn Kilometer von Berlin, und fand den stets gefälligen, herzensguten Kiepert nach einigem Sträuben bereit, meiner Verzweiflung ein Ende zu machen. Ich will Euch mit der Geschichte von einem kleinen Dutzend ähnlicher Schwierigkeiten verschonen, die in den nächsten Tagen überwunden werden mußten und mich leidlich munter hielten. Das Ganze erinnerte mich lebhaft an die Anfänge des Dampfpflügens bei irgendeinem Pascha oder exotischen Zuckerpflanzer. Dieselbe Häufung von Hindernissen aller Art mitten im höflichsten Entgegenkommen, dieselben innern Zweifel an der Möglichkeit eines Erfolgs, die man lächelnd verstecken muß, dieselbe eiserne Notwendigkeit, aufs Ziel loszugehen, ohne zu beachten, was rechts und links geschieht. Die Dampfpflügerei war für meine jetzige Aufgabe keine schlechte Lehrzeit. Am Dienstag schrieb ich ein halbes Hundert Sondereinladungen, um Leute zusammenzutrommeln; denn es wurde mir immer mehr bang, was aus meiner Versammlung werden würde. Ich hörte allzuviel von dem Widerstreben, das in den Kreisen der eigentlichen Agrarier zu gären anfange, überdies wollte es ein böser Zufall, daß der radikalste Zweig jener Richtung, die Steuer- und Wirtschaftsreformer, ihre Generalversammlung und das darauffolgende Festmahl im gleichen Gasthof abhalten wollten, in dem Noodt einen Saal für mich gemietet hatte. Über den Verlauf der Versammlung haben Euch die Zeitungen das Wesentliche gesagt. Mein Begrüßungssprüchlein ging leidlich. Rimpaus Vortrag war kurz und sachlich. Man fühlte, daß ein Mann sprach, der wußte, was er wollte. Der Ausschuß zur Beratung des vorliegenden Statutenentwurfs wurde gewählt, und der Zeitpunkt für seine Zusammenkunft sowie der Tag für die eigentliche Gründung des Provisoriums bestimmt. Dann folgten einige hoffnungsvolle Trost- und Segensworte Kieperts, und damit war der Zweck des Tages erreicht. Interessant war, wenn man die tiefere Bedeutung des Vorgangs auch nicht gelten lassen will, nur ein Zwischenspiel. Die Herren Wirtschaftsreformer kamen in der Zahl von etlichen zwanzig Mann aus einem benachbarten Saal herüber. Sie waren sichtlich erstaunt, eine so große und ernste Versammlung vorzufinden, die zu sprengen nicht wohl anging. Sie schickten deshalb nur drei ihrer jugendlichen Kämpen vor. Der erste sprach seine Mißbilligung darüber aus, daß sich hier Leute versammelten, die drüben, im andern Saal, alles gefunden hätten, was die Landwirtschaft wirklich bedürfe. Der zweite, ein humorvoller Herr in Festmahlstimmung, drehte buchstäblich die Taschen seiner Beinkleider um und zeigte, daß sie völlig leer waren. Hier sehe man ein Bild unsrer heutigen Landwirtschaft. Diese Taschen zu füllen, müsse das Bestreben jeder Vereinigung sein, die ein Herz für den Landwirt habe. Das haben die Steuer- und Wirtschaftsreformer erkannt. Alles andre sei Schwindel. Der dritte endlich fragte in etwas säuerlichem Ton, was die Herren eigentlich wollten, die er mit Erstaunen in so beträchtlicher Zahl versammelt sehe. Wer sei denn dieser Eyth, den kein Mensch kenne? Vermutlich ein Herr, der sich mit der gewaltsam heraufbeschworenen Bewegung eine Stellung im Land zu machen suche. Mit vielem Takte begrüßte Kiepert die ungebetenen Gäste zur Türe hinaus. Töricht war es meinerseits, daß es dem letzten der Redner gelungen war, mir einen Wespenstich zu versetzen, und daß die kleine Wunde, als ich abends todmüde nach Hause ging, noch immer ein wenig schmerzte. Ich hatte, sagte ich mir, nun anderthalb Jahre lang meine ganze Zeit und Kraft für diese Herren geopfert; und das war der Dank! Es war lächerlich, die Sache so aufzufassen; wahrscheinlich aber waren meine Nerven durch die Aufregungen der letzten Tage etwas angegriffen, kurz, ich schwur auf dem Wilhelmsplatz zu Berlin genau um Mitternacht den 14. Februar 1884 einen heiligen Eid, nie in meinem Leben von dieser – hier folgte ein unparlamentarischer Ausdruck – Gesellschaft einen roten Heller anzunehmen. Möglich, daß das alte Wort auch in diesem Augenblick zutraf: der Mensch in seinem Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Den Eid aber werde ich halten. Die vorübergehende Mitternachtsstimmung klang vielleicht noch bis in den folgenden Sonntag hinein, an dem der Empfang des Landwirtschaftsrats im Klub der Landwirte stattfand, dessen Mitglied ich seit einiger Zeit selbst bin. Einige wenige dieser Herren, die heute als die offiziellen Vertreter der Landwirtschaft Deutschlands gelten, sind offene Freunde des entstehenden Reichsvereins, die meisten warten mit sichtlichem Unbehagen, wie sich die Sache des weitern entwickeln werde. An ihrer Spitze steht ihr Präsident, Herr von Wedel-Malchow, der mir mit sauersüßer Miene einen Finger reichte und sich rasch einer andern Gruppe zuwandte. Das ängstliche Zuwarten von Herren, welche sich durch die harmloseste Handlung der Welt nach irgendeiner Seite hin zu kompromittieren fürchten, ist eine Eigenheit, auf die ich allzuoft stoße. Was steckt dahinter? Mangel an Individualität? Mangel an moralischem Mut? Man sollte es nicht glauben, wenn man diese männlichen Bärte, diese schneidigen Soldatenköpfe ansieht. Aber das schneidet nur auf Befehl, oder wenn der Handgriff in gewohnter ordnungsmäßiger Weise möglich ist. Graf Behr, einer der regsten Agrarier, sagte etliche Tage später zu Noodt: Er könne nicht begreifen, wie die Geschichte so weit habe kommen können. Meine Mitgliederliste sei mit teuflischer Geschicklichkeit zusammengesetzt. Er sei überzeugt, Bismarck müsse gegen den Plan sein. Er werde zu Minister Lucius gehen und ihm die Staatsgefährlichkeit desselben klarmachen. Ich würde eine solche Auffassung nicht für möglich halten, wenn ich sie nicht vor Augen hätte. Und neugierig bin ich, ob das junge Pflänzchen diesen ersten Sturm aushält. Er handelt sich um Verhältnisse und Kräfte, die sich aller Beherrschung durch einzelne entziehen. Mein moralisches Gleichgewicht gewann ich erst wieder in Magdeburg, wohin mich der Zentralverein der Provinz Sachsen zu einem Vortrag eingeladen hatte. Man ist dort unter Leuten, die auf dem festen Boden der Tatsachen und der Arbeit stehen und entschlossen sind, nicht zu versinken. Dort wurde mir wohler. Aber ich mußte schon am folgenden Tag nach Berlin zurück, wo der provisorische Ausschuß des Provisoriums seine erste Sitzung abhielt. Ihr seht, wie dies alles aus dem Nichts herausgearbeitet werden muß. Es galt, den Statutenentwurf durchzuarbeiten. Im allgemeinen blieb alles wie vorgeschlagen, nur etwas farbloser wurde das Ganze. Der Durchschnittsdeutsche von normaler Bildung hat eine unüberwindliche Scheu, dem praktischen Leben praktisch zu Leib zu gehen. Doch finden sich ausnahmsweise auch noch Leute, die im Gefühl ihrer Nationalschwäche nicht rasch genug mit dem Kopf gegen jede Mauer rennen können. So hatte ich einen lebhaften Kampf mit dem Abgeordneten Schultz-Lupitz, der den noch nicht geborenen Reichsverein ohne Verzug dazu benutzen will, dem deutschen Volk das Panier des Kainits voranzutragen. Mir scheint, wir sind noch nicht ganz reif für diesen Düngerenthusiasmus, so berechtigt er sein mag. »Lassen Sie uns doch erst auf die Welt kommen!« bat ich Schultz inständig. Er wollte nicht hören und verließ die Sitzung gekränkt und entmutigt. Ihr werdet von dieser Geschichte noch mehr zu hören bekommen, fürchte ich. Sie scheint sich in hundert wirren Ringen wie eine Seeschlange vor mir aufzurichten. Dabei ist Schultz sichtlich ein kreuzbraver Mann und ein Idealist reinsten Wassers. Was nicht alles zum Ideal werden kann! Dann aber floh ich nach Ruhrort zu Freund Schwarz, ließ mir von Schiffen erzählen und von den Nöten und Triumphen der Tauerei, und gestattete seiner liebenswürdigen Frau, mich zu pflegen. Es war hohe Zeit. Dritter Abschnitt. 1884 – 1885 Bonn und Berlin. Das Provisorium 23. Bonn, den 23. März 1884. Ihr habt recht, so konnte ich's nicht länger weitertreiben. Ich habe jetzt ein Hilfsschreiberlein, das ich mir in Poppelsdorf vom Pfluge weggeholt habe, und kann etwas aufatmen. Der Mann ist still, bescheiden, schreibt leserlich und fleißig und will nicht alles besser wissen – das ist alles, was ich vorläufig brauche. In Reichsvereinssachen geht's, wie es bei einer Aufgabe gehen muß, welche aus der Welt der Gedanken in die des greifbaren Lebens übergetreten ist. Mit jedem Schritt vorwärts wachsen auch Schwierigkeiten und Hindernisse. Unmittelbar nach den Berliner Tagen trat ein bedenklicher Stillstand im stetigen Fluß der Beitrittserklärungen ein. Die, wie mir scheinen will, sinnlose Gegnerschaft gewisser landwirtschaftlicher Kreise ist nach deutscher Art in bestimmten Landesteilen mit mehr als wünschenswerter Kraft erwacht. Graf Lerchenfeld in München, der an der Spitze des bayrischen Vereinswesens steht, schreibt einem meiner Freunde, der ihn werben wollte: »Ich halte weder dieses Unternehmen für besonders wünschenswert, noch auch die Herren, welche Propaganda dafür machen, zu einer solchen berufen.« Was die Berufung betrifft, hat er völlig recht. Muß denn aber alles Gute erst »berufen« werden. Und wer beruft uns die Berufer, wenn etwas Neues entstehen soll. Nicht die Herren, die an der alten Krippe groß und fett geworden sind. – Nathusius schreibt, daß die Agrarier der schärferen Tonart ein gedrucktes Rundschreiben umgehen lassen, das vor dem Reichsverein als einer politischen, radikalen Schöpfung warne. – Von liberaler süddeutscher Seite erhalte ich ein Schreiben, das mir klagend mitteilt: es berühre sehr unangenehm, daß auch die zweite Versammlung des Vereins, die eigentliche, offizielle Gründung des Provisoriums, die für den 14. Mai angesetzt ist, in Berlin sein solle. Das sind meine engeren Landsleute, wie sie im Buch stehen. Wir haben heute in Süddeutschland 38, in Norddeutschland 392 Mitglieder, und nun verlangt dieser begeisterte süddeutsche Mitbruder, daß die erste Hauptversammlung der Gesellschaft bei ihm sein müsse! Das alles stimmt so ziemlich mit den Prophezeiungen, die mir beim Beginn der Sache in so reichlicher Menge entgegengebracht wurden, und überrascht mich deshalb keineswegs. Die Frage aber, ob die Durchführung des Plans unter solchen Verhältnissen menschenmöglich ist, beschäftigt mich neuerdings vielleicht mehr, als gut ist. Es bleibt nichts übrig, als mich fort und fort daran zu erinnern, daß das Ganze ein Experiment bleibt, dessen Ausfall nicht von mir und meinen Freunden abhängt, sondern von den Stoffen, die in der Retorte brodeln. So oder so – wenn nichts Besseres, treibt mich die Neugier vorwärts. – Neuerdings geht es mit den Anmeldungen wieder rascher. Es wird wahrscheinlich, daß wir bis zur Gründung des Provisoriums auf 500 kommen. Das ist die doppelte Zahl, die ich für einen Anfang verlangt hatte. Bin ich eigentlich berechtigt zu schimpfen, wie ich es entlang dem ganzen Weg redlich getan habe? Nehmt alles nur in allem. Der Stoff in der Retorte ist am Ende doch so übel nicht. Auf das Obige folgt eine große Lücke im Briefwechsel mit meinen Eltern, dem diese Mitteilungen entnommen sind. Selbstverständlich wurde ausgeschieden, was sich auf rein persönliche oder auf Familienangelegenheiten bezog, und so auch die mit der Erkrankung meines Vaters zusammenhängenden Abschnitte. Das sich rasch entwickelnde Leiden führte mich in dieser Zeit mehrere Male nach Ulm und benahm mir die Veranlassung zum Briefeschreiben. Am 24. April stand ich an einem Sterbebett und sah mit tiefbewegtem Herzen, wie ein Christ stirbt. Doch war hiermit ein regelmäßiger Briefwechsel, der sich dreiunddreißig Jahre lang fast ohne Unterbrechung erhalten und beiderseits manchen Gewinn und manche Freude gebracht hatte, nicht zu Ende. Meine Briefe galten bisher den Eltern gemeinsam. Nun war es mir eine wohltuende Pflicht, für meine Mutter, die mit nie ermüdender Teilnahme, aber auch mit nie schlummernder Sorge meinen Wanderungen und Wandlungen gefolgt war, der alten Gewohnheit treu zu bleiben. In Form und Inhalt der Briefe entstand hierdurch kaum eine fühlbare Änderung, so daß ich unbedenklich fortfahre, aus derselben Quelle zu schöpfen, um über den weiteren Verlauf meiner oft recht zweifelhaften »Meisterjahre« zu berichten. 24. Berlin, den 20. Mai 1884. Kecke Vorstöße und ärgerliche Rückschläge, Hoffnungen und Enttäuschungen in raschem Wechsel, Geburtstage und Todestage – alles, was dem 14. Mai, dem Gründungstag des Provisoriums, voranging, kommt mir heute vor wie das Rascheln welker Blätter, die der Wind durch einen Wald treibt, in dem die Maikätzchen aus ihren Hüllen springen. Lohnt es sich, dem dürren Zeug nachzulaufen? Es wird mir noch manchmal über den Weg huschen. Heute mag es flattern, wohin es will. Ich beginne mit den Frühlingstagen; stürmisch genug waren auch sie. Am 11. Mai kam ich hier an, ein wandelndes Bureau, ein zum Platzen gefüllter Aktendeckel, aber entschlossen, der papierenen Welt, die ich mühevoll aufgebaut hatte, Leben einzublasen. Meine sämtlichen Berliner Freunde fand ich in fieberhafter Tätigkeit, nicht mit meinen hochwichtigen Angelegenheiten, sondern mit ihrer – wie es ihnen schien – weit wichtigeren Mastviehausstellung, einer Veranstaltung, die alljährlich die landwirtschaftlichen Kreise um Berlin, vor allem die Herren vom Klub der Landwirte in Bewegung setzt. Wie ganz anders, nebenbei bemerkt, die echten Berliner doch sind, als wir im Süden sie uns vorstellen. Umsonst suche ich den großmäuligen Windbeutel, den verhaßten Berliner des Schwaben, um auch ihn für den Reichsverein anzuwerben. Denn der »echte« Berliner sollte nicht fehlen: man glaubt uns sonst nicht, draußen im Reich. Mit Mühe fand ich meine Leute, bald in einem fliegenden Bureau, bald in einem Café, bald zwischen den langen Reihen überfetter Ochsen auf dem neuen Schlachthof, und war nicht ohne Besorgnis, ob nicht alle die für den folgenden Tag um zwölf Uhr angesetzte Sitzung bis dahin vergessen würden. Sie sahen so liebenswürdig zerstreut aus. Aber sie kamen schaffensfreudig und kampfesmutig; das letztere nur zu sehr für das zarte Pflänzchen, das ich ihrer Pflege anzuvertrauen hatte. Eine Schilderung des Verlaufs der Sitzung wirst Du mir erlassen. Wenn Du den amtlichen Bericht über dieselbe durchsiehst, wird sie Dir von genügender Langweile erscheinen, und Du wirst nicht begreifen, daß sie für mich bis zum Zerspringen spannend war. Nur ein paar Genrebildchen aus dem Ganzen! Kaum hatten wir Platz genommen, so brach zu meinem Schrecken ein heftiger Streit los, der eine unbezahlbare halbe Stunde kostete. Die für landwirtschaftliche Bestrebungen hochwichtige Frage war zu entscheiden, ob der Reichsverein am alten orthographischen Glauben festzuhalten habe, oder dem staatlichen Revolutionär Puttkamer nachfolgen solle. Entrüstet erhob sich ein älterer Geheimrat gegen den Neuerer. Bitter beklagte sich ein andrer, daß ich der Landwirtschaft schon jetzt gewohnheitsmäßig das h entziehe. Umsonst versicherte ich, daß ich als Süddeutscher dies gegen mein eignes, dem h treu ergebenes Gefühl getan habe, in der Hoffnung, hiermit meinen norddeutschen Mitbrüdern auf halbem Weg entgegenzukommen. Dies sei ein Irrtum, wurde mir gesagt; ob ich nicht wisse, was Bismarck von Puttkamer denke? Fast hatte ein in andrer Beziehung hochgeschätzter Herr entrüstet den Saal verlassen, als sich die Versammlung nach erschöpfender Debatte mit der Mehrheit von einer Stimme für den kleinen Puttkamer entschied. Ich aber dachte in aller Stille: großer Wodan, wo werden wir hingeraten, wenn wir in dieser Weise an eine Aufgabe herantreten, von deren Größe wir alle überzeugt sind! Sodann wurde dem noch ungeborenen »Reichsverein« das Lebenslicht ausgeblasen und an seiner Stelle die »Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft« in die Welt der Zukunft gesetzt. »Reichsverein«, das fühlte die Versammlung fast einstimmig, war viel zu kurz für eine so große Sache. Auch habe die alte Bezeichnung einen kleinen politischen Beigeschmack. Darin lag etwas Wahres, und daß man es fühlte und dagegen Verwahrung einlegte, freute mich. Es stimmte mit einem der gefährlichsten Grundsätze, die ich an den Mast der Barke genagelt hatte. Allerdings schied ich von meinem Reichsverein nicht ohne Wehmut und mußte eine halbe schlaflose Nacht lang mich üben, ehe ich Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft ohne Stocken aussprechen konnte. Während der zweiten Hälfte erfand ich die Bezeichnung »D. L. G.« (sprich Deelge), was rasch Eingang fand, weil niemand merkte, wie englisch dies ist. Dann kamen wir auf den Jahresbeitrag von zwanzig Mark, ein Punkt, auf den mir Höllenangst gewesen war; denn privatim hatte ich bis zum letzten Augenblick aus Nord und Süd, Ost und West Stürme gegen diese »unsinnig« hohe Summe auszuhalten gehabt. An diesen zwanzig Mark aber hing mehr als mein Herz. Geld mußten wir haben. Denn ohne Geld waren wir nicht frei, ohne Freiheit konnten wir nicht handeln, ohne zu handeln war von neunzig Prozent der schwächeren Brüder kein Geld zu bekommen, ohne Geld aber – und so fort. Die Versammlung war jedoch nicht ganz unvorbereitet. Ich hatte zuvor jedem, der es hören wollte, gesagt, daß ich selbst mit diesen zwanzig Mark stehe oder falle. Für einen neuen Bettelorden würde ich keinen Finger weiter rühren. Dies erschien den meisten etwas grob im Hinblick auf die bestehenden Vereine. Allein, wenn ich nicht grob geworden wäre, hätten sie mir nicht geglaubt. Nun schüttelten sie zwar mißbilligend die Köpfe, aber glaubten. Die zwanzig Mark gingen mit Stimmeneinheit durch, und das gleiche geschah mit allen wichtigeren Paragraphen des Entwurfs unsers Grundgesetzes. Nur wo Nebensächliches, oft ganz Gleichgültiges in Frage kam, »platzten die Geister aufeinander«, wie sie es hier nennen. Nicht allzu heftig; denn das Neue an dem Unternehmen, seine kaum lebensfähige Jugend flößte den meisten eine gewisse Scheu ein, das Kindlein allzu derb anzufassen. Sie waren ja zumeist selbst Familienväter und sichtlich bereit, zu warten, bis der Knirps etwas größer geworden war. Nach etwa vier Stunden war das Grundgesetz erledigt, und wir alle standen erschöpft dem Entwurf zur Geschäftsordnung des Provisoriums gegenüber. Einstimmig wurde beschlossen, daß es über trockene Menschenkräfte gehe, nunmehr mit der Beratung von einundzwanzig neuen Paragraphen zu beginnen. Der pflichtgetreue Ausschuß kam zu der Überzeugung, daß es besser wäre, dies alles der am folgenden Tag stattfindenden Hauptversammlung zu überlassen. Es war dies verzeihlich, aber bedenklich, und ich war Thiel von Herzen dankbar, als er sich nach dem am Abend stattfindenden Festmahl der Mastviehausstellung bereit erklärte, eine private Durchberatung der 21 Paragraphen mit mir vorzunehmen. So saßen wir schließlich allein in dem leeren Gesellschaftssaal bis gegen ein Uhr nachts und spielten Lykurg und Solon. Auf dem Heimweg, nahezu um dieselbe Stunde und an derselben Stelle des Wilhelmsplatzes, wo ich drei Monate zuvor meinen Finanzeid geschworen hatte, sprach Thiel wehmütig, wie ein Vater zu einem nahezu gleichaltrigen Sohn spricht, dem er auf Irrwegen begegnet: »Sehen Sie, Eyth, da laufen wir jetzt nach Mitternacht todmüde nach Haus. Wie gut könnten Sie's haben, wenn Sie uns in Ruh' ließen! Es war uns ganz wohl – auch so. Eigentlich will ja doch kein Mensch etwas von der Geschichte.« Wir trennten uns; ich mit dankbarem Herzen. Denn auch er hatte die halbe Nacht und schon mehr als das für die »Geschichte« geopfert, »die kein Mensch will«. Die stattliche Zahl von rund zweihundertundfünfzig unsrer Mitglieder fand sich am folgenden Tag im Saal des Zentralhotels ein, wo in der konstituierenden Hauptversammlung des Provisoriums der D. L. G. alles wie am Schnürchen verlief. Die Leute waren offenbar zu erstaunt, und ich glaube auch erfreut über ihren eignen Erfolg – denn die wirkliche Zahl der Gründer des Provisoriums war in diesen Tagen auf 550 gewachsen –, um allzu kritisch gestimmt zu sein. Grundgesetz und Geschäftsordnung wurden ohne Erörterung angenommen, desgleichen die Liste unsrer Ausschußmitglieder und des Vorstands. Der erste Präsident, Graf Stolberg-Wernigerode, wurde jubelnd gewählt, und das Provisorium der D. L. G. mit seinem ganzen kleinen, aber ich hoffe arbeitsfähigen Apparat war am Abend des Tags eine Tatsache. Wir hatten, wenn ich unser noch immer nicht genug geteiltes großes Vaterland in vier nahezu gleiche Stücke zerschneide, an Mitgliedern in Ostdeutschland 69, in Mittelnorddeutschland 354, in Westdeutschland 80 und in Süddeutschland 47, von denen nicht sieben, sondern dreimal sieben und einer aus Schwaben stammen. Dies soll nicht ungerühmt bleiben. Das Experiment hatte denn doch einen recht hoffnungsvollen Niederschlag ergeben. 25. Bonn, den 20. Juli 1884. Nach einem heftigen Frühlingssturm pflegt sonst in der Welt für kurze Zeit wenigstens Windstille einzutreten. Ein freundliches Geschick sorgte dafür, daß die Luft nach dem Hurrikan von Berlin wenigstens erträglich bewegt blieb. Nun gilt es, die 2500 Mann zusammenzusuchen, an deren Dasein noch immer die wenigsten glauben. Zunächst dichtete ich einen Aufruf von idealem Schwung, mit möglichst vielen praktischen Andeutungen von den Dingen, welche die D. L. G. zu tun gedenke, wenn sie einmal am Leben sei. Dieses Schriftstück sollte unser Präsident unterzeichnen und war dazu bereit. Da entdeckt einer der besten Freunde der Sache, unser wackerer Sombart, daß es formell nicht ganz richtig sei, wenn der Ehrenpräsident einen Aufruf dieser Art unterschreibe und benachrichtigte Graf Stolberg von seiner Entdeckung. Seine Erlaucht wurde bedenklich, und ich brauchte vier Wochen, den verfahrenen Karren wieder ins Gleis zu bringen und die Unterschrift zu erhalten. Das war der Vorgeschmack, den ich vom Formalismus meiner nordischen Landsleute erhielt, die eigentlich wissen könnten, daß sie nur dann einen Schritt vorwärts gekommen sind, wenn sie unter dem Großen Kurfürsten, unter ihrem großen Fritz, in den Befreiungskriegen und in den Jahren 66 und 70 allen Formalismus über den Haufen geworfen haben. Daß sie das heute noch nicht merken! Nun geht es wieder ans Werben. Da und dort, in abgelegenen Winkeln des Landes, wo noch wie versteckte Veilchen etwas Idealismus blüht, stellen sich Werber ein, die mit Feuereifer an die Arbeit gehen. Da ist noch immer der wackere Rimpau und seine Freunde in der Provinz Sachsen, Kiepert und manche andre in Brandenburg, Bürstenbinder und Hoppenstedt in Braunschweig und Hannover, von Oehlschägel im Königreich Sachsen, ein Dr. Pietrusky in Greifswald, ein erstaunlicher Mann in dieser Richtung, der den Abend über seine ganze zahlreiche Familie damit beschäftigt, meinen Aufruf in alle Welt zu schicken. Der Minister von Lucius ist auf eignen Wunsch in unsern Ausschuß eingetreten. Allerdings flüstern mir ängstliche Freunde zu: »Timeo Danaos!«, aber ein wackerer Deutscher »sorcht sich nit«. Weniger ermutigend, ehrlicher gesagt herzbrechend, gestaltete sich der fliegende Besuch, den ich von Ulm aus in München machte. Der Präsident des großen bayrischen Vereins, mit dem ich eine einstündige Besprechung hatte, war so höflich, als es ein Gentleman zu sein braucht, dem sein Besuch in tiefster Seele unangenehm ist, ließ sich aber nicht verführen, mehr zu tun, als mich und meine Sache mit verbindlichem Lächeln zur Tür hinauszukomplimentieren. Alle andern Herren seines Kreises waren selbstverständlich zurückhaltend, wenn auch zu sehr Süddeutsche, um einem höflichen Gast gegenüber rund heraus nein zu sagen. Menschenfreundlich, wie sie sind, glaubten sie genug getan zu haben, wenn sie mich ins Hofbräu führten. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und trank mein Bier auf ihr Wohl nicht ohne Genuß. Im stillen aber dachte ich: es ist noch nicht aller Tage Abend; hier gilt es, mit dem Kopf durch eine Mauer zu stoßen oder den Schädel einzurennen. Ich war zu beidem bereit, als ich München verließ; denn die braven Bayern muß ich haben. Im übrigen ist nicht zu leugnen, daß mein regelmäßiges Tagewerk einen etwas langweiligen Charakter annimmt. Briefe! Briefe! Briefe! Fast alle über dasselbe Thema, meist in derselben Tonart: noch immer Cis-Moll mit einem gelegentlichen Dur-Akkord, unvernünftig kräftig angeschlagen von Händen, die an die Pflugsterze gewöhnt sind. Wüßte ich nicht, daß vor dem Schraubstock wie hinter dem Pflug, beim Kommentieren des Plato wie bei der Berechnung einer Kometenbahn neunzig Prozent aller Menschenkraft der Langeweile gewidmet werden muß, wenn etwas Großes dabei herauskommen soll – wer weiß, was geschähe. An der Riviera spazierengehen scheint unterhaltender; doch auch nur auf kurze Zeit. Die Langeweile des Müßiggangs hole der Kuckuck. Die Langeweile der Arbeit ist eine heilige Pflicht, der sich der Mensch nicht entziehen kann, ohne ärmer, unbrauchbarer und selbstsüchtiger zu werden. Mit Mühe und Not verhinderte ich meinen übereifrigen Freund Schultz-Lupitz, der Gründung des Provisoriums der D. L. G. eine Resolution zugunsten des Kainits anzuhängen. Ich hatte nichts gegen den Kainit einzuwenden, von dem ich nichts verstehe, sondern gegen die »Resolution«. Das scheint eine Art Krankheit zu sein, die in deutschen Versammlungen grassiert. Kurze Zeit zuvor hatte ich die Ehre, vom »Kongreß der deutschen Landwirte«, der damals noch nicht entschlossen war, ob er mich zertreten oder leben lassen wollte, zu seiner Hauptversammlung eingeladen zu werden, und hörte einen Vortrag, der in der »Resolution« gipfelte: »Der Kongreß beschließt, daß der Ginster (Genista germanica) unter Umständen eine wertvolle Pflanze für Landwirte auf steinigem Boden ist.« Drei kostbare Viertelstunden wurde hierüber mit einer mir ungewohnten Schärfe des Tons gestritten, dann hieß es: »Abstimmen, abstimmen!« und der Ginster wurde mit großer Majorität in die Klasse der »unter Umständen« wertvollen Pflanzen versetzt. Ob der Ginster sich geschmeichelt gefühlt oder gar sein künftiges Betragen danach eingerichtet hat, weiß ich nicht. Eins aber weiß ich, daß keiner der Freunde und Gegner des stachligen Krauts sich eine Stunde später um den Ginster gekümmert hat und er ruhig fortwuchern konnte, wie es seit Jahrtausenden seine Art ist. Die Ginstergeschichte verlief harmlos, aber sie schleppen zur Zeit und Unzeit auch Resolutionen heran, bei denen »die Geister aufeinander platzen«, bittere Feindschaften entstehen und das Endergebnis genau dasselbe ist. Wozu? Um Reden zu halten, um Zeit zu vergeuden, um mit dem Gefühl großer Wichtigkeit nichts zu tun? 26. Bonn, den 29. August 1884. Meine Freunde werden ungeduldig, voran der Idealist, der sich mir mit Leidenschaft in die Arme geworfen hat, der Kainitapostel Schultz-Lupitz. »Taten, Taten!« ruft er; »das Werben ist gut, aber die Leute wollen Taten sehen, und die größte Tat, die unser deutsches Volk retten wird, ist ein großartiger, siegreicher Kampf für den Kainit.« Auch Kiepert ruft nach Taten. »Sie haben jetzt siebenhundertzwanzig Mitglieder,« führt er eifrig aus, »mehr als das Doppelte des ›Kongresses‹. Dieses Provisorium erscheint mir überhaupt kein allzu glücklicher Gedanke. Die Leute wollen Taten!« Aus Schlesien und in der Rheinprovinz zeigt man mir, wie 2500 Mitglieder – »übrigens eine unsinnig hohe Zahl« – nicht so schwer zusammen zu bekommen wären, wenn ich nur Vereine beitreten lassen wollte. Das sei so einfach und ganz gebräuchlich. Der Ausschuß des Vereins A, beschließt, daß seine Gesellschaft dem Verein B beitreten wolle. Das Spiel kann sogar auf Gegenseitigkeit beruhen. Verein A bezahlt an Verein B eine bescheidene Pauschalsumme und erhält hierfür »das Organ« des Vereins allwöchentlich, das am Schluß des Jahres eingebunden wird. Es enthält viel »wertvolles Material«, das in dem Organ des Vereins A, allerdings auch zu finden ist. Die Mitglieder beider Vereine erfahren oft erst bei dem jährlichen Festmahl, daß sie nun zweimal speisen dürfen, und ihre Zahl sich plötzlich verdoppelt oder gar verdreifacht hat. Oft weiß nach kurzer Zeit nur noch der Sekretär des Vereins etwas von dem Verhältnis zwischen A und B, auf das er seinen Präsidenten gelegentlich aufmerksam macht. So, wurde mir bewundernd gesagt, habe es die alte Ackerbaugesellschaft spielend auf 800 Mitglieder gebracht und sich nicht halb so gequält, wie ich mich und meine Werber quäle. Ohne Neid blicke ich in diese Vergangenheit. Wir brauchen Männer, keine Papierschnitzel; und was die Taten betrifft: wie denken sich meine Freunde Taten in dieser realen Welt? Vor allen Dingen brauchen wir Werkzeuge, lebendige und leblose, Mittel, Geld. Wenn wir die nicht zusammenbringen, ist es klüger, wir gehen wieder nach Haus und träumen weiter. Schultz – ich achte den Mann hoch, sogar hierfür – kann dies prächtig. Aber ich möchte, daß wir die Tatsachen des Lebens mit wachen Augen betrachteten. »Taten, Taten!« – Und das nennen sie deutsche Geduld. Nun muß ich aber an eine Geschichte gehen, so langweilig sie Dir vorkommen mag; diese Kainitschwärmerei. Sie hat natürlich, more Germanorum, ein dreieckiges Duell hervorgerufen; das zweite, dem ich die Ehre habe, beizuwohnen; aber sie schlingt wie eine Seeschlange auch um mich und mein Werk Ring um Ring, so daß wir nächstens einer Laokoongruppe gleichen werden. Wenn ich Dir heute das Ungetüm nicht völlig zu entwirren vermag, so trag' es in Ergebung. Auch mir bleibt nichts andres übrig. Kainit ist ein Steinsalz, das Kali enthält, statt, wie gewöhnliches Kochsalz, Natron. Man hat es bis jetzt nur in der Provinz Sachsen, aber dort in gewaltigen Lagern bis zu 40 Meter Dicke gefunden, wo es über Steinsalzlagern liegt, die bis zur Tiefe von 900 Metern hinabreichen. Diese Lager entstanden, wie die Kochsalzlager, durch Auskristallisieren des Seewassers, wobei sich zuerst das schwerer lösliche Kochsalz und darüber verschiedene leichter lösliche Salze, vor allem das wertvollste, Kainit, niederschlug. Über demselben lagerte sich eine für Wasser undurchläßliche Tonschicht, die verhinderte, daß diese Salze wieder aufgelöst und zerstört wurden. Tatsache ist, daß bis jetzt die Gegend um Staßfurt, das sogenannte Magdeburg-Halberstadter Becken, die einzige Stelle in der Welt ist, wo Kainit in größeren Mengen gewonnen werden kann. Doch auch hier befassen sich nur wenige Bergwerke mit seiner Gewinnung, von denen eines dem preußischen Staat, ein andres dem Herzogtum Anhalt, die übrigen Privatpersonen oder Gesellschaften gehören. Ursprünglich fand das hier gewonnene Kali ausschließlich und in beschränktem Grade Verwendung in der chemischen Industrie. Die ersten Versuche, den Kainit seines Kaligehalts wegen als Kunstdünger zu verwerten, wurden in den sechziger Jahren mit wechselndem Erfolg gemacht. Liebig hatte gezeigt, daß alle Pflanzen Kali zu ihrer Nahrung bedürfen, geradeso, wie sie Kalk, Stickstoff, Kohle und Phosphor nötig haben, und daß mit jeder Ernte dem Boden eine gewisse Menge Kali entzogen wird. Nun sind aber viele Böden noch immer reich an Kali. Hier ist eine weitere Düngung mit Kalisalzen völlig wirkungslos; denn die Pflanze findet ohne weiteres, was sie bedarf. Dies ist in hohem Grade in den Tonböden der Magdeburger Gegend der Fall. Infolge hiervon waren die ersten Versuche, die hauptsächlich dort gemacht wurden, entmutigend. Dagegen erkannte Rimpau-Kunrau, ein Onkel meines Freundes in Schlanstett und der Vater der deutschen Moorkultur, daß auf Moorböden, die arm an Kalk und Kali sind; eine Düngung mit Kainit ganz außerordentliche Erfolge herbeiführt. Fast gleichzeitig hatte Schultz eine ähnliche Entdeckung gemacht. Ein Mecklenburger, der in Hohenheim studiert hatte, kaufte er ein kleines vernachlässigtes Gut (Lupitz) im sandigsten Teil der Provinz Sachsen, auf dem er ohne diese Entdeckung wahrscheinlich dem wirtschaftlichen Ruin entgegengegangen wäre. Für Moor- und Sandböden war nunmehr aber ein Mittel gefunden, das denselben einen bisher ungeahnten Wert geben konnte. Doch wollten zunächst nur wenige daran glauben, und auch die meisten Gelehrten schüttelten anfänglich die Köpfe. Fast im Anschluß an diesen wissenschaftlichen Fund, der in den Kreisen der Landwirte auf den armen norddeutschen Mooren das höchste Interesse erregt hatte, bildete sich im Jahre 82 zu Berlin der Deutsche Moorverein, dessen Präsident ein Herr von Wangenheim und dessen Geschäftsführer ein Privatdozent der Berliner Hochschule, Dr. Grahl, wurden. Kurze Zeit zuvor war auch ein Hauptmann z. D. Beck aufgetaucht, der sich, wie Hunderte seiner Standesgenossen, nach einem friedlichen Feld der Tätigkeit umsah und ein solches in einer selbständigen Vermittlungsstellung zwischen der Landwirtschaft und den Kainitbergwerken gefunden zu haben glaubte. Er hatte Geschäftsverbindungen mit den Bergwerken, namentlich mit Schmidtmann, dem Eigentümer der Gruben bei Aschersleben, angeknüpft und trat nun in Beziehung zu dem eben entstehenden Moorverein, an dessen Mitglieder er den Kainit zu billigeren Preisen als auf offenem Markt zu liefern versprach. Niemand erfaßte die Sache jedoch mit der Begeisterung, die unsern Freund Schultz-Lupitz gepackt hatte. Ein richtiger deutscher Idealist, hatte er den Gegenstand seiner Herzensneigung gefunden, die, wie alle Herzensneigungen, ihren verwirrenden Einfluß nicht verfehlte. Nicht für sich und den Kainit erhob er seine Stimme, es galt die ganze Welt, sonderlich aber das deutsche Vaterland glücklich zu machen, und eine allgemeine deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, wie ich sie plante, war der richtige Boden, auf dem ein nie dagewesener Erntesegen am raschesten heranreifen konnte. Deshalb drang er mit nicht zu beschwichtigender Ungeduld darauf, daß wir schon im vergangenen Juni eine aus drei Mitgliedern bestehende »Kainitkommission« ernannten, die das hohe Ziel im Auge behalten und das Wachstum des Pflänzchens fördern sollte. Mittlerweile hatten aber auch die Bergwerksbesitzer entdeckt, daß ihr Kainit für die Landwirtschaft mehr wert war, als sie selbst geahnt hatten; auch daß gegenseitige Konkurrenz nicht fett mache. Sie bildeten deshalb in aller Stille ein Syndikat und begannen die Preise in die Höhe zu schrauben, so daß schließlich der Zentner Kainit 92 Pfennige kostete. Doch hatte auch dann noch Beck Verbindungen mit dem Ring aufrecht zu halten gewußt und einen – wie er es nannte – »gemeinsamen Bezug von Kainit für deutsche Landwirte« eingerichtet. Er glaubte zunächst den Moorverein unter seinen Fittichen zu haben, was dessen Geschäftsführer verdroß. Dann wollte er das Provisorium des D. I. G. bevormunden, was Schultz- Lupitz, der sich als Vater alles Kainits fühlt, zu scharfem Widerstand herausforderte. Aber auch Grahl, der Moorvereinsmann, der wie Beck unsrer Kainitkommission zugewählt worden war, und Schultz-Lupitz, ihr Vorsitzender, waren nach kurzer Zeit keineswegs gute Freunde. Daß der Moorverein dem Provisorium des D. L. G. gegenüber eine leitende Rolle spielen wollte, war für Schultz unerträglich. Nebenbei glaubte jeder der drei Herren von den andern zweien, daß sie heimliche Verhandlungen mit dem Syndikat pflegten, um für ihre Sonderinteressen – Grahl für seinen Moorverein, Beck für seinen »gemeinsamen Bezug« und Schultz für die kainitbedürftige Menschheit im allgemeinen – schändliche Sondervorteile zu ergattern. Die Folge von all dem ist, daß die durch Reibung erzeugte Wärme innerhalb der Kainitkommission nicht mehr weit von ihrem Höchstpunkt, das heißt von einer vernichtenden Explosion sein kann, und daß es dem Syndikat, das wir als das Urprinzip alles Bösen ansehen, nicht schwerfällt, jede Abmachung, die ihm nicht paßt, nach Belieben hinzuhalten. Mich in Bonn sieht man offenbar als ein neutrales Gefäß an, in das jeder der Kämpfenden vertrauensvoll seine Galle ausschüttet. Ich erhalte lange Briefe von Beck über Schultzens unerträglichen, unpraktischen Idealismus, von Schultz über Becks selbstsüchtige Auffassung der Güter der Menschheit (Kainit) und beide beklagen sich bitter über Grahls Hinterlist, ohne anzugeben, worin dieselbe besteht. Es ist ihnen neuerdings nicht mehr möglich, auch nur Briefe zu wechseln. Dieselben müssen über Bonn und durch meine Hände gehen, was von allen Seiten als eine Art von Desinfektion angesehen wird. Und das Merkwürdige dabei ist, daß sie alle mit lauter Stimme das gleiche fordern: einen Preis von 75 statt 85 Pfennige für den Zentner Kainit. Dabei ruft mir Schultz fast drohend zu: »Taten, Taten! Im Namen der hungernden Menschheit!« und Beck, auf Schultz weisend: »Taten, Taten; aber ohne diese unerträglichen Tiraden!« Nur Grahl hat, wie es scheint, soeben eine kleine Tat fertig gebracht, indem er seinen Gegner Beck, »dessen Tätigkeit ich voll und ganz anerkenne«, wie er mir schreibt – in dessen Abwesenheit aus dem Kainitkonzilium hinauswerfen ließ. Ich freue mich auf Becks nächsten Brief. – – So wird hierorts das schöne Wort: »Mit Männern sich geschlagen« zur Tat. Aber gut ist es doch, daß uns das Leben gelegentlich auch eine andre Seite zukehrt. Vorige Woche besuchte ich in Segenhaus bei Neuwied auf besondere Einladung die Frau Fürstin-Mutter zu Wied, Prinzessin von Nassau, die Mutter der Königin von Rumänien. Eine wahrhaft fürstliche Frau von echter Menschlichkeit. Die Art, wie sie mir Gedichte ihrer Tochter vorlas und wie dabei das schlicht Menschliche den Prunk durchbrach, in den das zierliche, juwelenbedeckte Manuskript gebunden war, werde ich sobald nicht vergessen. Lieder der Mutter am Sterbebett und am Grab eines Königskindes. Wie doch alle Herrlichkeit der Welt zerfließt vor dem einfachen großen Schmerz alles Menschentums, der Vergänglichkeit! – Die hohe Frau schrieb mir heute, als eifriges Mitglied der D. L. G., »das zu sein sie stolz mache«, daß sie nicht ruhen werde, bis ihr Sohn, der Fürst, seinen Beitritt ebenfalls erklärt habe. 27. Bonn, den 18. September 1884. »Taten, Taten!« – Immer ungeduldiger stellen sich meine nordischen Freunde. Als ich aber daran ging, die erste Tat einzuleiten, die nicht ganz in ihrem Berliner Fahrwasser lag, liefen sie mir alle mit einer wahrhaft komischen Behendigkeit davon, voran der lauteste Rufer im Streite, auf den ich mein ganzes Vertrauen gesetzt hatte, mein lieber, guter, wohlmeinender Kiepert. Die erste Anregung kam aus Württemberg. Das muß man den Schwaben lassen: sie haben Gedanken. Allerdings ist ihnen gleichgültig, was später aus denselben wird. Sie legen ihre stillen Eier bald da, bald dorthin, gackern ein wenig und entfernen sich dann erleichtert und befriedigt. Ob sie jemand ausbrütet oder nicht, scheint ihnen keine Sorge zu machen. Im Oktober wird in München eine allgemeine deutsche Molkereiausstellung abgehalten. Weniger der Milch als des Bieres wegen geht jedermann gerne nach München, so daß man darauf rechnen kann, bei dieser Veranlassung eine große Zahl von Landwirten aus ganz Deutschland beisammen zu finden. Der Vorschlag, sie zu einer Versammlung einzuladen, in der der neue Glaube an eine allgemein deutsche Landwirtschaftsgesellschaft verkündet würde, ist deshalb durchaus vernünftig. Jedermann im Norden war von dem Plan begeistert, nur aus Bayern erhielt ich warnende Briefe: ich möchte doch recht vorsichtig sein. Die leitenden bayrischen Kreise stünden der Sache kühl bis ans Herz gegenüber. Bayern sei noch nicht reif für einen derartigen Schritt. Man könne nicht wissen wie ein zu rasches Vorgehen aufgenommen würde. – Das allerdings wußte auch ich. Zunächst mußte für einige Paradereden gesorgt werden. Ich war im Vollbewußtsein geringen Könnens natürlich bereit, mein Äußerstes zu tun. Aber ich brauchte weitere Redner, und bereits hatte die Angst vor einer wirklichen Tat – denn das war sie unter den eigentümlichen Umständen – ihren Weg auch durch den Norden angetreten. Wo ich anklopfte, erhielt ich die liebenswürdigsten Absagen, welche durch einen Brief aus Bayern gekrönt wurden, der gegen jeden norddeutschen Redner, als den unglückseligsten aller Gedanken, feierlich Widerspruch erhob. So schrieb ich denn an meine Ausschußmitglieder wehmütig: daß wegen vorläufig unüberwindlicher Hindernisse die geplante Versammlung in München nicht stattfinde. Der wahre Grund des Nichtzustandekommens sei die Teilnahmlosigkeit, welche unsern Bestrebungen in Bayern zurzeit noch begegnete, so daß es nicht möglich gewesen sei, die für eine solche Versammlung durchaus notwendigen Redner zu finden. Ähnliche Schwierigkeiten, schloß ich mit sauer-süßer Tinte, werden da und dort auftreten und dürfen uns in der Hoffnung nicht irre machen, eine allgemeine Vereinigung deutscher Landwirte auf fester Grundlage aufzubauen. Fast umgehend erhielt ich zwei hocherfreuliche Verwahrungen gegen dieses Schreiben; die eine von Herrn von Oehlschlägel, dem Präsidenten des Kulturrats von Sachsen, die andre von einem mannhaften, wirklichen Bayern, Freiherrn von Thüngen-Thüngen. Damit begann ich meine Vorbereitungen aufs neue und bin mit denselben nahezu zu Ende. Am 3. Oktober wird die Versammlung stattfinden, und wenn die Welt voll Teufel wär'. Oehlschlägel, Thüngen und ich werden sprechen. Ob uns jemand zuhören wird, ist gleichgültig. So muß eine gute Sache ins Leben treten, wenn aus ihr etwas werden soll. Neugierig bin ich allerdings, ob man uns in München aus unserm eignen Saal hinaus und ohne Unfall die Treppe hinunter befördern wird. Die Bayern sind so außerordentlich ehrliche Menschen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Einige unsrer nordischen Freunde wollen das Hasenpanier nicht verlassen, um das sie sich geschart haben. Sie fürchten, die Bayern könnten doch am Ende glauben, wir wollten sie landwirtschaftlich in einen großen, nicht bayrischen Vereinssack stecken. Dann wäre nicht abzusehen, was aus unsrer Versammlung werden würde. Ich verkündige deshalb jetzt schon laut und überall, daß wir überhaupt keinen Sack besitzen; höchstens ein Füllhorn, derzeit noch leer, mit dem wir jedermann reich und glücklich zu machen hoffen. Nebenher läuft natürlich alles mögliche andre, als schlimmstes Item der wachsende Briefwechsel, der nach allen Seiten hin neue Schößlinge ansetzt. Briefe voller Lob, Briefe mit wenig verschleiertem Tadel, Briefe, denen nichts schnell genug geht, Briefe, die zur größten Vorsicht mahnen. Durch alle aber geht ein heimlicher Grundzug: »Sie sind ein kurioser Kerl. Machen Sie in Gottes Namen, was Sie wollen, es wird doch nichts daraus. Wir sind einmal so. Aber es ist recht nett von ihnen, wenn – ja, wenn nicht etwas dahinter steckt, das wir noch nicht merken.« Immer bedenklicher schüttelst Du den Kopf und fragst Dich und mich: Was nutzt nun dies alles? Etwas tun muß der Mensch glücklicherweise. Er mag aber tun, was er will – geht es über die schlichteste Arbeit mit Händen und Füßen hinaus, die ihn mit einem guten Appetit lohnt, so hängt ihm der Pessimismus unsrer Zeit ein paar Bleigewichte an die Beine. Denke Dir, was Du willst: eine Fabrik zur systematischen Ausbeutung von dreitausend Arbeitern, eine soziale Wohltätigkeitsanstalt zu ihrer Rettung, die Erziehung von Musterstaatsbürgern für unfern deutschen Musterstaat oder die Gründung einer Kolonie am Kongo, die Kettenschiffahrt auf der Donau oder die Seiltauerei im Suezkanal –: solange eine derartige Aufgabe in ihren Kinderschuhen steckt, kann man sich gelegentlich der Frage kaum erwehren: Wozu? Das haben wir von unsrer Überbildung und Einbildung und unsern verfluchten Ansprüchen, die uns nicht mehr gestatten wollen, im Frieden zu sein, was wir sind: Tropfen im Meer des Alls. Ein Bonner Professor – keiner der blöderen – meinte kürzlich mit einem Seufzer, nachdem er auseinandergesetzt hatte, daß ich ein fast unzurechnungsfähiger Phantast sein müsse, mich für andre zu quälen: »Wissen Sie, was ich gern tun würde, wenn ich nicht an Weib und Kind zu denken hätte? Hufnägel schmieden, den ganzen Tag Hufnägel schmieden! Ich glaube, das würde mich glücklich machen.« Aber selbst mein Professor, der sich den Luxus des Hufnägelschmiedens nicht erlauben kann, würde zweifellos nach ein paar Wochen von dem teuflischen Gedanken gequält werden: Wozu? Soll ich etwa auch hingehen und versuchen, an der Seite meines gelehrten Freundes Hufnägel zu schmieden? Davon komme ich her. 28. Wien, »Im goldenen Lamm«, den 13. Oktober 1884. An Tinte und Papier ist auch in Wien kein Mangel. Hierin ist es noch immer gut deutsch, so sehr sich die alte, gemütliche Kaiserstadt in andrer Hinsicht verändert zu haben scheint. Da ich überdies kaum einen anständigen Ausgang machen kann, ehe mein flüchtiger Koffer wieder eingefangen ist, will ich Dir von den erstaunlichen Erlebnissen der letzten Tage erzählen, die, um mich für den Ärger von Monaten zu entschädigen, ein lachender Kobold geleitet hat. Dessen bin ich sicher, obgleich der dämonische Knirps von Zeit zu Zeit die ernsthaftesten Gesichter zu schneiden verstand. Von München nur ein paar Worte. Die gefürchtete Versammlung verlief so gut, als es möglich war; was einem bescheidenen Erfolg gleichkommt. Es waren genug Feinde und Freunde um den Weg, die unsern Saal mäßig füllten. Graf Lerchenfeld, der Präsident des landwirtschaftlichen Vereins in Bayern, lehnte höflich ab, zu erscheinen. Bei seiner Auffassung der Sache war dies natürlich. Weniger natürlich erschien mir, daß ein Besuch der Molkereiausstellung seitens des Prinzen Ludwig, des Ehrenpräsidenten desselben Vereins, genau auf die Stunde unsrer Versammlung angesetzt wurde. Ich nehme an, daß dies Zufall war; denn ich muß schließlich die Bayern gewinnen, koste es auch herbere Überwindungen, als diese Annahme. Die Wirkung des »Zufalls« aber war, daß kaum einer der hervorragenderen bayrischen Landwirte unsre Sitzung besuchen konnte. Mit heroischem Mut eröffnete Oehlschlägel die Versammlung und sprachen Thüngen und ich unsre Sprüchlein. Von mir nicht zu reden; den beiden andern werde ich diesen Tag nicht vergessen. Das erste Loch wenigstens haben wir durch das bayrische Lederkoller geschossen. Der Weg zum bayrischen Herzen ist freigelegt. Das nächste Mal werden sie uns die Brust in brüderlicherer Weise bieten, dessen bin ich sicher. Denn sinnlos sind unsre blauweißen Brüder nicht, wenn auch etwas langsamer als die andern. Als ich ziemlich abgespannt den Saal verließ, empfing mich verabredetermaßen Kommerzienrat Lang von Blaubeuren, um mich mit dem nächsten Zug über Regensburg nach Deggendorf zu geleiten. Auf der Lokomotive saß der oben erwähnte Kobold, ein schwarzes, geschwänztes Kerlchen mit roter Zunge und zwei Hörnern und warf Kohlenklumpen ins Feuer, daß ihm der Schweiß von der Stirn lief. Wie das kam, weißt Du im allgemeinen, also nur ein paar Worte, um nicht alle Fühlung mit dem mir immer fernerrückenden Gebiet der Tauerei zu verlieren. Hier unten an der Donau – fast hätte ich geschrieben, »wo hinten tief in der Türkei die Völker aufeinander schlagen« – steht es nämlich wie folgt. Als wir Urtauereileute, de Mesnil, van Havre, ich und Konsorten nach vieler Mühe auf dem Sprung standen, die Konzession auf der österreichisch-ungarischen Donau zu erhalten, ein Drahtseil in den Strom zu legen, kaufte uns die dort nahezu allmächtige »kaiserlich königliche Erste Privilegierte Donaudampfschiffahrts-Gesellschaft« die ganze Sache: Patente, Konzessionsberechtigung, vergangene und künftige Erfindungen um eine anständige runde Summe und die Verpflichtung ab, jährlich fünf Meilen Drahtseil zu legen, bis die Strecke von Orsowa bis Passau für Seiltauer fahrbar gemacht wäre, wofür sie überdies für jede Meile eine weitere feste Summe zu entrichten gehabt hätte. Dies geschah vor sieben bis acht Jahren. Wir waren sehr vergnügt und kümmerten uns nicht um die warnende Stimme ungarischer Freunde, die versicherten, daß der damalige Generaldirektor der k. k. Ersten und so weiter an diplomatischem Scharfsinn nur von dem berühmten russischen Botschafter Ignatieff in Konstantinopel übertroffen werde, den die Türken den »Vater der Lügen« getauft haben. Doch auch uns wurde dies bald klar, denn die k. k. Erste und so weiter legte von Jahr zu Jahr keinen Strick, bezahlte entsprechend und fand hundert Entschuldigungen, die Hauptbedingung ihres Vertrags nicht zu erfüllen. Ein Prozeß, den wir abwechslungsweise in Wien und Budapest verloren und gewannen, bildete für die k. k. Erste und so weiter einen angenehmen Zeitvertreib, denn sie hatte uns ja aufgekauft, nicht, um die Seiltauerei einzuführen, sondern um zu verhindern, daß dies von andern geschehe. Nun besteht in Wien ein »Donau-Verein«, zurzeit unter der Führung des österreichischen Reichstagsabgeordneten Professor Dr. Süß, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, der Donau ihre alte Bedeutung als Schifffahrtsstraße wiederzugeben, und deshalb das erdrückende Monopol der k. k. Ersten und so weiter zu brechen versucht. Dieser mit uns in keinerlei Verbindung stehende Verein drängte ebenfalls in der Richtung der Ausführung der Drahtseilkonzession, und Süß warf als Abgeordneter seinen beträchtlichen Einfluß in die Wagschale, die Gesellschaft zu zwingen, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Ein letzter Ausweg war für sie, zu behaupten, daß das System an gewissen Stellen des Stroms, sonderlich bei dem schwierigen Strudel bei Grein technisch undurchführbar sei. Sie hatten als Sachverständigen den Direktor der Kettenschiffahrt auf der Elbe herbeigeholt, dem es als prinzipiellem Gegner der Seilschiffahrt nicht schwer wurde, diese Schwierigkeiten anzuerkennen. Nun machte Kommerzienrat Lang, ein unermüdlicher Freund der Donauschiffahrt an ihrem künftigen westlichsten Endpunkt, auf mich aufmerksam und veranlaßte eine Einladung seitens des Donauvereins, die ich nach kurzem Zaudern annahm, ohne zu wissen, um was es sich eigentlich handelte. Ich sollte mir die Donau ansehen, hieß es, wozu ich gern bereit war, denn ich hatte nie Gelegenheit gehabt, sie in Oberösterreich und Bayern zu befahren und brauchte Luft und Szenenwechsel. So packte ich mein Skizzenbuch ein, als ich nach München fuhr und ließ mich gerne von meinem verehrten, übrigens noch halb unbekannten Freund Lang ins Schlepptau nehmen. Wir fuhren zunächst nach Regensburg, um das Hauptschiffahrtshindernis der bayrischen Donau zu besichtigen, die allzu ehrwürdige alte Brücke, auf welcher uns der Geschäftsführer des Wiener Donauvereins, ein Herr Itzeles, erwartete. Ein Männchen voller Leben und Energie, eines jener Kinder Israels – es gibt solche, ausnahmsweise –, die für eine Idee Opfer bringen und dann, wenn sie einmal diesen Weg eingeschlagen haben, von einem Arier nicht leicht übertroffen werden. Itzeles, der mir flüsternd mitteilte, daß schon sein Name einer Katastrophe gleichkomme, daß ich mich aber daran nicht zu stoßen brauche, übernahm schon hier, als ob sich das von selbst verstünde, die Führung. Mir war dies nicht unangenehm, denn es war mir fast gleichgültig, wohin ich geführt wurde, wenn ich nur vorläufig nichts zu sprechen brauchte. Ich hatte die Lungen noch zu voll Münchner Stickluft. In Deggendorf, unserm nächsten Ziel, wohnt ein geistlicher Herr, Prälat Pfähler, Führer der bayrischen Ultramontanen und deshalb von großem Einfluß zu Wasser und zu Land. Den sollte ich in die Geheimnisse der Seilschiffahrt einweihen und für deren Einführung auf der bayrischen Donau gewinnen. Wir fanden einen liebenswürdigen, intelligenten Herrn, der meine Erklärungen mit sichtlicher Teilnahme hinnahm und uns nach einem Nachmittag eingehender technischer und volkswirtschaftlicher Erörterungen an den Bahnhof zurückgeleitete. Auch ist Deggendorf der Sitz der kleinen »Süddeutschen Donaudampfschiffahrts-Gesellschaft«, die zurzeit in einem fast aussichtslosen Kampf gegen den Riesen, die k. k. Erste und so weiter, wie mir scheint, zu erliegen droht. Auch für diese Gesellschaft, als ein Kind Bayerns, hatte Pfähler ein warmes Herz. Auf dem Bahnsteig des Deggendorfer Bahnhofs spielte der mehrerwähnte Kobold, der uns nun nicht mehr verließ, seinen ersten wohlgelungenen Streich. Wir gingen, den Zug erwartend, in zwei Gruppen plaudernd auf und ab: Lang und Pfähler, ich und Itzeles. Da wurde der letztere plötzlich geheimnisvoll und sagte: »Wie hat Ihnen Pfähler gefallen?« »Vortrefflich,« versetzte ich. »Ein höchst intelligenter Herr. Auch scheinen wir in ihm einen tätigen Freund gewonnen zu haben.« Itzeles nickte. »Sie haben ihm aber auch tüchtig zugesetzt. Und denken Sie sich« – hier wurde das Flüstern fast unhörbar – »er nimmt nichts, wenigstens nichts für sich. Für seine Kirche hier in Deggendorf – ja. Die Süddeutsche Donaudampfschiffahrts-Gesellschaft hat ihm einen silbernen Marienaltar gestiftet, das heißt zur Hälfte. Der armen Gesellschaft ist das Geld ausgegangen. Wie wär's – hm –, wenn Sie Ihren Freund, den Herrn Kommerzienrat Lang, darauf aufmerksam machen wollten, daß er und seine Freunde von der Seiltouage den Altar – – –« »Halt!« unterbrach ich ihn, fast zu laut, denn das andre Paar war uns gefährlich nahe gekommen. »Wissen Sie, daß Herr Kommerzienrat Lang eine Säule des württembergischen Protestantismus ist?« »Gott der Gerechte!« rief Itzeles entsetzt. »Seien Sie still! Da hätten wir fast eine Dummheit gemacht.« – Tags darauf schickten uns unsre Gegner, die k. k. Erste und so weiter, mit österreichischer Liebenswürdigkeit einen Dampfer entgegen, mit dem wir durch das »Kachlet«, eine der schwierigen Strecken der unteren bayrischen Donau, fuhren und am Abend an der Grenzstadt Passau ankamen. Dort empfingen uns beim Aussteigen gegen zwanzig Herren, teils in Frack und weißer Binde, teils sonst festlich geschmückt: Vertreter sämtlicher österreichischer Ministerien, des k. k. Generalstabs, der Staatsbahnen, des Gemeinderats von Wien und einer Reihe andrer Donaustädte, der verschiedenen Donaudampfschiffahrtsgesellschaften, des österreichischen Ingenieurvereins und des Donauvereins. Mir aber wurde mit jeder Minute klarer, daß ich nicht wußte, wozu ich auf der Welt war. Denn auf einem satinierten Blatt Papier mit Goldrand, das mir Itzeles überreichte – er hatte soeben ein ganzes Paket solcher Papiere aus Wien erhalten –, stand geschrieben, daß diese ganze hohe Gesellschaft unter der Führung des Herrn Ingenieurs Eyth die Donau besichtigen werde und daß derselbe nach Ankunft in Wien den Festgästen Mitteilungen über seine Wahrnehmungen auf der fraglichen Stromstrecke machen werde. Dies war eine Überraschung. Ich nahm Itzeles auf die Seite und fiel über ihn her. Wie er dazu komme –! Niemals würde ich einer so hohen Gesellschaft Mitteilungen über Wahrnehmungen in so unverdautem Zustand machen. Ich wüßte ja nicht einmal, ob ich irgend etwas wahrnehmen werde. Ja – sagte mein neuer Freund etwas verblüfft – mein Vortrag sei aber bereits in den Wiener Zeitungen angezeigt und an den Anzeigesäulen angeschlagen. »Dann schlagen Sie ihn wieder herunter,« versetzte ich, ernstlich ergrimmt; »gehalten wird er nicht. Ich brauche mindestens sechs Wochen Zeit, bis ich mich von diesem Schrecken erholt habe und weiß, was sich mit den Erlebnissen der nächsten zwei Tage anfangen läßt.« – – – – Diese zwei Tage waren trotzdem voll lieblicher Eindrücke: die wundervollen Ufer der wilden, nur zu einsamen Donau, die heitere Schiffsgesellschaft, die hochinteressanten Probleme, die bei Struden und auch anderwärts der Lösung harren. Natürlich werde ich in einem Brief an Dich auf technische Einzelheiten nicht eingehen. Langsam aber und stetig wuchs das Gefühl, daß es sich hier nicht um unlösliche Schwierigkeiten, sondern nur um den Willen handelt, sie zu lösen. Die nötigen Fingerzeige zugeben war nicht unmöglich, wenn mir die Herren ein wenig Zeit lassen wollten; und dies hatte ich schließlich selbst in der Hand. Den Willen dagegen konnte ich den zuständigen Machthabern nicht einflößen. Diese Klippe zu sprengen ging über meine Kräfte. Das einzig Unangenehme der herrlichen Fahrt war, daß ich noch niemals in zweimal vierundzwanzig Stunden so viel von der Schlauheit und Schlechtigkeit der Menschen im allgemeinen und der Schiffahrtsgesellschaften im besonderen gehört habe wie bei dieser Gelegenheit. Wohin man hörte, standen Grüpplein beisammen und erzählten sich grimmig lächelnd, wie diese oder jene Gesellschaft ihre Konkurrenten, das liebe Publikum, das Abgeordnetenhaus, die hohe Staatsregierung mit glänzendem Erfolg an der Nase herumgeführt habe. Zum Beispiel – doch nein, diese Geschichten sollen auf einem andern Blatt stehen. Ich selbst war durch meinen Aufenthalt im Orient und in Amerika an starken Tabak gewöhnt; meinem wackeren Reisegefährten jedoch wurde es unbehaglich zumute. Er schlich schließlich verlegen schweigend von Gruppe zu Gruppe, mit der Gewißheit, fortwährend vom Regen in die Dachtraufe zu kommen. Von Krems an, wo die ernsteren Schiffahrtsschwierigkeiten aufhören, fuhren wir mit der Bahn nach Wien, das wir am Nachmittag des zweiten Tages glücklich erreichten, allerdings nachdem die ganze Reisegesellschaft ihr gesamtes Gepäck infolge eines Versehens des gemeinsamen Reisemarschalls verloren hatte. Lang und ich wurden als hochgeehrte Gäste im »Goldenen Lamm« einquartiert, wo in früheren Zeiten die höchsten Fürstlichkeiten abzusteigen pflegten, und begannen in Ermangelung andrer Utensilien mit einem Stückchen Hotelseife Toilette zu machen. Trotz dieses letzten gelungenen Streichs war jedoch die Tätigkeit unsers Kobolds noch lange nicht erschöpft. Als ich nämlich notdürftig festgeschmückt aus meinem Zimmer trat, befand ich mich in der Mitte von vier ägyptischen Mamelucken des früheren Khedives Ismael-Pascha, von denen ich drei aus alter Zeit persönlich kannte, die mich denn auch stürmisch begrüßten. Gleich darauf erschien am andern Ende des Gangs Mr. Smart, ein früherer Bankier Seiner Königlichen Hoheit, der ebenfalls sein Erstaunen kaum mäßigen konnte, mich hier zu finden. Die Sache wurde doppelt verwickelt, als sie sich aufzuklären begann. Bekanntlich ist nach Niederwerfung der Rebellion Arabis die Frage brennend geworden, ob Tewfik auf dem vizeköniglichen Thron verbleiben soll oder nicht. Mein wackerer Halim, der die berechtigtsten Ansprüche hätte, befindet sich in diesem Augenblick in Paris, um seine Sache zu verfechten. Ismael-Pascha ist im eignen Interesse zum gleichen Zweck vor etlichen Tagen von Neapel hierher geeilt. Nun müssen die infernalischen Mächte, die den Orient regieren, mich zu seinem Zimmernachbar machen, und sein Gefolge glaubt, daß ich hier sei, um als Halim-Paschas Spion die Bewegungen seines Neffen zu belauern. Sie stehen deshalb sorglich vor meiner Türe, wenn ich aus und ein gehe, und winken mir zu: »Ha, ha! Dich haben wir! Du machst uns kein X für ein U vor!« – Kann es ein tolleres Zusammentreffen in einem Satyrspiel neuester Mache geben? Ägyptische Begrüßungen dauern dreißig Minuten, wenn es gut geht; doch ließen sie mich schließlich meinen Weg zur Festtafel antreten, die trotz der mangelnden »Mitteilungen« meinerseits vom Donauverein in einem der fürstlichen Säle des Hotels gedeckt worden war. Zwischen Rinderbrust und Gänsebraten erhob sich Professor Süß zu einer Anrede, die mir die Schamröte ins Gesicht trieb, so wenig hatte ich sie verdient. Er sprach, und es floß wie Milch und Honig von seinen Lippen: »Vor Jahren stand ein rühriger und kluger Despot an der Spitze eines vieltausendjährigen Reichs und versuchte mit allen Gewaltmitteln des Morgen- und Abendlandes demselben die Größe, den Reichtum und das Glück vergangener Jahrtausende wiederzugeben. Seine Sklaven zitterten vor ihm, seine Fellachin arbeiteten unter Geißelhieben in Schweiß und Blut. Und neben diesem Mann kämpfte ein junger Ingenieur ebenfalls für den Reichtum des Landes, für das Wohl des Volkes, für die Freiheit der Arbeit. Denn nur die Kräfte der Natur durften seine Diener sein, nur der Dampf sein Sklave. Heute will es ein wunderbarer Zufall, daß sich diese beiden wieder unter einem Dach zusammenfinden: der gewalttätige Autokrat als armer Exilierter, der Ingenieur noch immer der Vorkämpfer für das Wohl eines Landes, für die Beherrschung seiner Kräfte, für die Freiheit der Arbeit!« Ich war tief bewegt und wußte nicht, was auf eine solche Ansprache zu erwidern war; doch auch dies ging vorüber. Der ausgezeichnete Vöslauer und Ungarweine, alte Freunde aus Vilany und Tokai, trugen dazu bei, daß ich versprechen konnte, wenn auch augenblicklich keine Mitteilungen zu machen seien, dies in kurzer Zeit nachzuholen. Es handle sich darum, Dampfer mit Sicherheit durch den Strudel bei Grein zu schleppen, was gegenwärtig mit Hilfe von acht Bauern und zweiunddreißig Ochsen geschehe. Eins nur sei mir heute schon völlig klar: was acht Bauern und zweiunddreißig Ochsen fertig bekommen, werde auch mit den Mitteln der modernen Technik zu erreichen sein, wenn man nur wolle. Allerdings seien selbst zweiunddreißig Ochsen manchmal nicht imstande, den Willen des Menschen in richtige Bahnen zu lenken. Das müßten wir alle schließlich vertrauensvoll den Göttern überlassen. – – – Als ich am andern Morgen durch Kommerzienrat Langs Schlafzimmer ging, um den Mamelucken vor meiner Türe zu entwischen, war mein Reisebegleiter bereits verschwunden, vermutlich um nach den verloren gegangenen Koffern zu sehen. Ich bemerkte auf seinem Nachttischchen mit t dem Rücken nach oben ein aufgeschlagenes kleines Buch und war indiskret genug, nachzusehen, was mein verehrter Freund schon so früh gelesen hattet Wie ich vermutet, war das Büchlein ein Neues Testament, und das aufgeschlagene Kapitel eines aus den Paulinischen Briefen, Mit der Überschrift: Paulus entschuldigt seinen Umgang mit den Heiden. Damit verließ uns der Kobold, der bei diesem Ausflug eine! so dreiste Rolle gespielt hatte. 28. Bonn, den 29. November 1884. Nach der tollen Geschäftsromantik der Wiener Reise ein Monat trockener, nordisch kühler Tretmühlenarbeit! Wohl möglich, daß dabei mehr herauskommt als drunten an der Donau, mit all dem Stürmen und Drängen und der warmen Begeisterung, die selbst mich fast fortgerissen hätte. Jedenfalls haben wir im laufenden Monat unser tausendstes Mitglied gewonnen, und die frohe Kunde hat in allen Richtungen die verschiedenste Wirkung hervorgebracht. Einige jubilieren, wünschen sich und mir Glück zu meiner »unermüdlichen Tätigkeit« und ahnen nicht, wie müde ich manchmal bin. Andre schütteln den Kopf und meinen mit altkluger Miene: es könnte am Ende doch noch etwas daraus werden. Andre wieder schreiben ärgerliche Briefchen: es sei unglaublich, daß erst tausend beisammen seien; man sehe deutlich, daß in Deutschland kein Boden für Grundsätze zu finden sei, wie sie mein ausländisches, für diese Zeit der Notlage unpassendes Programm aufstelle. In den Kreisen der reinblütigen Agrarier, der Wirtschaftsreformer und der Kongreßleute wird das Widerstreben lauter und zorniger. Es ist jetzt nicht mehr mit der Sache zu spaßen, heißt es dort, man muß den irregeleiteten Berufsgenossen, die ihr Heil in den kleinlichen Mitteln der Selbsthilfe suchen, klarmachen, daß sie im Begriff stehen, die wichtigsten Interessen ihres Standes preiszugeben. Wer dies nicht einsieht, ist unser Feind oder ein Verräter. Es ist die Pflicht des Staats, uns zu retten. Alle Mann an Bord! ihm dies deutlich zu machen. Mit diesem etwas komischen Kommandoruf der landwirtschaftlichen Marine leitete vor einigen Tagen das Hauptorgan des Kongresses einen grimmigen Artikel gegen das »sogenannte« Provisorium der »sogenannten« Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft ein. Und doch erheben sich selbst in jenem Lager einzelne Stimmen, die die Möglichkeit eines Umschwungs voraussehen lassen. Ein Rittergutsbesitzer, von Below-Saleske, brachte in der jüngsten Ausschußsitzung des Kongresses deutscher Landwirte den Antrag ein: dessen Stellungnahme zu einer neugebildeten landwirtschaftlichen Vereinigung in der Hauptversammlung zur Sprache zu bringen. Der Antrag wurde einstimmig abgelehnt, aber daß er eingebracht werden konnte, hätte noch vor einem Vierteljahr niemand zu behaupten gewagt. Die Wucht von tausend Mitgliedern macht sich selbst in diesen unzugänglichen Kreisen fühlbar, und auch dort heißt es schließlich: Nothing succeeds like success. Trotzdem kann ich nicht behaupten, daß ich in sonderlicher Siegesstimmung schreibe, obgleich wieder ein hübscher Schachzug gelungen zu sein scheint. Vor kurzem sandte ich an sämtliche Rektoren und Direktoren der landwirtschaftlichen Akademien und Hochschulen Deutschlands einen Aufruf, in dem ihre alten Schüler aufgefordert werden, der D. L. G. beizutreten. Dieses Schriftstück bat ich sie zu unterschreiben und mir die Namen und Adressen ihrer sämtlichen Schüler von 1860 bis 1880 gegen Abschreibegebühr gütigst zusenden zu wollen. Sie waren alle bereit dazu, und nur von München kam die Unterschrift des derzeitigen Rektors mit dem Bemerken zurück, daß aus derselben der eigne Beitritt des Herrn Rektors nicht herauszukonstruieren sei. Das heiße ich Vorsicht. Nun bin ich im Besitz von vielen hundert Namen akademisch gebildeter Landwirte und vermute, daß mein armer Schreiber und die Bonner Post seit etlichen Tagen meine unmenschliche Findigkeit ins Pfefferland wünschen. Nebenher laufen Formalitäten, endlose Formalitäten! Die Gesellschaftsbildung ist im Fluß, wie sie es noch nie gewesen ist: täglich durchschnittlich fünf bis sechs neue Mitglieder, gestern fünfzehn, heute mit der ersten Post sieben; übrigens nicht mehr, als wir brauchen, um ans Ziel zu gelangen. Gesamtzahl 1145. Die daraus entstehenden Arbeiten: Eintragungen, Geldgeschäfte und so weiter lassen mir kaum Zeit zu den nötigen Briefen des Danks an die einen, der Aufmunterung, der ernsten Bitte an andre, sich ihrer Haut zu wehren. Meine wenigen hiesigen Bekannten schimpfen natürlich in unverblümter Weise: warum man mich nirgends mehr sehe, ich werde ein unausstehlicher Sonderling und dergleichen. Doch bin ich selbst noch nicht am Aus-der-Haut-Fahren. Es wäre dies zu früh. Auch wäre es unnötig, viel Aufhebens davon zu machen. Das Aus-der-Haut-Fahren gehört zu den Bestrebungen des modernen Lebens. Habe ich dieses Ziel in Leeds schließlich nicht erreicht, und zwar mit bestem Erfolg? Ist unser Bismarck, der größte Mann des Jahrhunderts, nicht beständig nahe daran? Sind in England gegenwärtig nicht dreißigtausend Menschen damit beschäftigt, die überhaupt nur noch Haut und Knochen haben, Hungers halber. Ich habe wahrhaftig kein Recht, mich darüber zu beklagen, daß ich mich dem Normalzustand des Menschen unsrer Zeit nähere. Dabei fallen mir die Reichstagswahlen ein, die trübseliger ausgefallen zu sein scheinen als je zuvor. An Trost fehlt es denen nicht, die mit Glanz durchgefallen sind. Es ist ein jämmerlich Ding um unser Parteiwesen, aber aller Welt Parteiwesen scheint ebenso jämmerlich zu sein. Alles, was wirklich gut und heilsam, groß und kühn ist, geht in dieser Atmosphäre zugrunde. Und doch gibt es kein erdenkliches Mittel, aus dem Dunstkreis herauszukommen; wir müssen darin wirtschaften, so gut wir können. Die Besten dürfen nicht müde werden, zu unterliegen, und können nur hoffen, daß es die Gewohnheit mit der Zeit weniger schmerzhaft machen wird. Dreimal in den letzten vier Monaten habe ich die Ehre gehabt, eine Kandidatur abzulehnen und konnte es das drittemal schon spielend tun, ohne die geringsten Gewissensskrupel zu empfinden. Etwas schwerer wurde mir, nein zu sagen, als mir vor drei Wochen die Direktorstelle einer großen Maschinenfabrik angetragen wurde. Es zog mich mächtig nach meinen alten Schmiedefeuern und Maschinen zurück. Aber wie sollte ich mich aus den Verpflichtungen herauswinden, die ich mir wie Stricke um den Hals gelegt habe? Denn die ich rief, die Geister, die werd´ ich nicht mehr los, schon jetzt. Auch ist es nicht gut, sich in Lebensfragen wie ein Rohr vom Winde bewegen zu lassen. Manchmal allerdings finde ich es unbehaglich, in meinen Jahren nichts mehr zu verdienen als den Undank der Mit- und Nachwelt. Den prophezeit mir nämlich Hauptmann Beck, der Erfinder des »gemeinsamen Kainitbezugs aller deutschen Landwirte«, aus bitterer Erfahrung, wie er sagt. Dann aber muß ich mir wieder die Frage vorlegen: wozu Schätze sammeln, die Rost und Motten fressen? Hätte ich Weib und Kind, so wäre es ja etwas andres. Dann fühlte ich wie jeder richtig veranlagte Familienvater die Verpflichtung, soviel als möglich zusammenzuscharren, um meine Sprößlinge körperlich und geistig so rasch als möglich zugrunde zu richten. Da ich solche aber wissentlich nicht besitze, brauche ich mir doch wohl eingebildete Pflichten nicht zum Zeitvertreib aufzuladen. Um mit dem vorigen Brief aufzuräumen: Mein Bericht für den Donauverein hat gezündet. Ich bekam ihn gestern zurück, prachtvoll gedruckt, die Zeichnungen gestochen, begleitet von der Ernennung zum Ehrenmitglied des besagten Vereins. Der dankbare Zweigverein zu Ulm verehrte mir ein ganzes Schiff, das in der Seestadt Geislingen erst kürzlich vom Stapel gelaufen war, mit Blumen gefüllt bis zur halben Masthöhe und von einem Amor gesteuert. Der armen Donau wird das freilich nicht viel helfen. Sie liegt in allzu festen Ketten, die mit dem Kunstgewerbe nichts zu tun haben. 29. Bonn, den 22. Dezember 1884. Nun wäre ja die erste Tat des kleinen Herkules, der nach meinem Plan und Dafürhalten noch gar nicht geboren ist, vollbracht, und seine Paten und Freunde jubilieren. Ein so außerordentliches Ereignis embryonalen Lebens verdient eine eingehende Schilderung, zu der ich mich hinsetze, obgleich wir uns in wenigen Tagen in der Stille eines Weihnachtsabends, über den diesmal der Todesengel seine Fittiche breitet, alles erzählen könnten. Aber es lohnt sich, die Geschichte als ein Bild deutscher Einheitsbestrebungen schwarz auf weiß festzuhalten. Du weißt bereits, wie der Moorverein und sein Dr. Grahl, das Provisorium der D. L. G., oder eigentlich dessen Kainitkommission unter Schultz-Lupitz, und der »Gemeinsame Bezug künstlicher Düngemittel«, dessen Erfinder und Leiter Hauptmann Beck ist, im September schon nach einem Ziele strebten und sich deshalb deutschbrüderlich in den Haaren lagen. Beck, der der Kainitkommission zugewählt und dann in seiner Abwesenheit unter dem Vorgeben wieder hinausgewählt worden war, daß er nichts weiter sei als ein Händler, war über diese »Verleumdung« bis ins Innerste entrüstet und bezichtigte Grahl verwerflicher Intrigen. Trotzdem fuhr er fort, den Kainitbedarf der Mitglieder des Moorvereins zu vermitteln und auch die Mitglieder des Provisoriums der D. L. G. zu bedienen, die dadurch seinen Umsatz vermehrten und es ihm ermöglichten, den Zentner, zu 81 Pfennig zu liefern, der außerhalb seiner Vereinigung 85 Pfennig kostete. Nun erklärten anfangs November die Kaliwerke, daß mit Ausnahme des Moorvereins, der durch frühere Abmachungen sichergestellt war, kein Verein mehr den Vorzugspreis von 81 Pfennig erhalten werde, der nicht einen Jahresbedarf von 100000 Zentnern gewährleiste und dafür eine Sicherheitssumme von 4000 Mark hinterlege. Dies geschah, hieß es, infolge des allzu hastigen Drängens um weitere Preisermäßigung von Schultz-Lupitzens Seite, welches einige Provinzialvereine zu ähnlichen Forderungen veranlaßt hatte. Eine solche Summe zu hinterlegen, konnten die mittellosen kleinen Vereine nicht wagen. Ich selbst hielt unserseits dies für unmöglich, weil ich an dem provisorischen Charakter unsrer Gesellschaft festhalten mußte. Um keinen Dünger in der Welt war ich geneigt, meinen wohlüberlegten Feldzugsplan aufzugeben. Anderseits war klar, daß es sich hier um eine wichtige Sache handelte, so daß ich mir zunächst alle erdenkliche Mühe gab, das nach allen Seiten ausschlagende Dreigespann in geordnetem Trab zu erhalten. Alles war ein paar Monate lang in der Schwebe. Schultz-Lupitz, der für einen Preis von 75 Pfennig schwärmte, hielt unter dem Eindruck, Verhandlungen zu pflegen, dem Kainitsyndikat patriotische Reden, die er nach Becks Ansicht ebensogut an gewöhnliches Steinsalz hätte verschwenden können. Grahl – ebenfalls nach Beck – versuchte für seine Freunde heimliche Vergünstigungen zu ergattern und wurde hierbei vom Generalsekretär eines großen Provinzialvereins aufs lebhafteste unterstützt, dem das Eingreifen unsers Provisoriums in derartige landwirtschaftliche Interessen ein Greuel war. Beck fuhr, allerdings zitternd und zagend und mich mit Protesten und Warnungen vor den andern überschwemmend, fort, die Kainitbestellungen der Mitglieder des Provisoriums, die an ihn gelangten, zum Preis von 81 Pfennig auszuführen, lief aber dabei Gefahr, daß das Syndikat ihn persönlich für die fehlenden 4 Pfennig verantwortlich machte. Seine Klagen, sein entrüstetes Schimpfen, seine unleugbar ehrliche Angst waren schließlich ergreifend, während die Verhandlungen von Schultz mit den Werken nicht von der Stelle rückten, und dieser sowie Grahl von Beck nur so viel wissen wollten, als nötig war, um den Düngerkarren nicht ganz ins Stocken geraten zu lassen. Dies hätte eine gefährliche Entrüstung gegen die verfahrene Leitung der ganzen Angelegenheit hervorgebracht und sicher auch die entstehende D. L. G. geschädigt. Es hätte dann wenig gefruchtet, wenn ich mich hinter der Wahrheit verschanzt hätte: daß ein Provisorium derartige weitgehende Verantwortlichkeiten nicht übernehmen könne und daß Schultz in seinem blinden Eifer schon viel zu weit gegangen sei. Selbst ihm gegenüber mußte ich in Anbetracht seiner ehrlichen Begeisterung und seines völlig uneigennützigen Draufgehens die mildesten Saiten aufziehen. Seine Nerven waren sowieso ein gefährliches Element in der ganzen Bewegung. Anfangs Dezember war die Sache einer Krisis nahe. Schultz verzweifelte nun selbst an dem Erfolg weiterer Verhandlungen mit den Kaliwerken. Diese erklärten, den Mitgliedern unsers Provisoriums keinen Zentner mehr um 81 Pfennig liefern zu wollen, solange die Sicherheit von 4000 Mark nicht gestellt werde. Sombart, unser Schatzmeister, behauptete, dies unter keinen Umständen tun zu können, und Beck schrieb, daß er jede Bestellung der Mitglieder des Provisoriums an mich nach Bonn schicken werde. Die D. L. G. möge dann sehen, was sie damit anfange. Gleichzeitig erhielt ich einen Brief von Schultz, der endlich einsah, daß nur ein Weg aus der Sackgasse möglich war, in die uns seine Verhandlungen geführt hatten. Er schlug vor, daß er und ich je zur Hälfte die verlangte Sicherheitssumme hinterlegen sollten, die ja möglicherweise, wenn unsre Mitglieder 100 000 Zentner Kainit verzehrten, nicht verloren wäre. Trotz allem Vorangegangenen wußte ich von dem Kainitbedürfnis der Welt blutwenig. Selbst die Gelehrten stritten sich darüber, wo, wann und wieviel des herrlichen Stoffs zu verwenden sei. Ich glaube, nicht zehn vom Hundert unsrer landwirtschaftlichen Bevölkerung weiß überhaupt etwas von Kainit. Wir allerdings hatten zwölfhundert Mitglieder beisammen, die zur Aristokratie des Wissens und Könnens der deutschen Landwirtschaft gehörten. Nach einer Stunde war mein Plan gefaßt. Ich bat Schultz um acht Tage Zeit. Am folgenden Abend gingen zwölfhundert Briefe ab mit der dringenden Bitte, mir umgehend zu sagen, wieviel Kainit voraussichtlich der Empfänger im kommenden Jahr gebrauchen werde. »Endlich einmal eine Tat!« schrieb mir Beck umgehend, »aber Sie werden eine bittere Enttäuschung erleben. Vor einem halben Jahr versuchte ich eine ähnliche Anfrage, die ich mit einer fünfmaligen Veröffentlichung in der ›Moorzeitung‹ einleitete. Darauf versandte ich zweimal gedruckte Briefe an die dreihundert Mitglieder des Vereins und schließlich vierunddreißig Schreiben an mir persönlich bekannte Herren. Auf diese Briefe habe ich fünf Antworten erhalten und später nach wiederholtem Bitten noch drei. In den acht Briefen stürmte eine wahre Flut von Anfragen über mich herein: über Entwässerung, Düngungsverhältnisse, ob ich Geld beschaffen, ob ich Kalk- oder Torflager verwerten könnte; von Kainit jedoch – keine Silbe!« Diesem Brief folgte ein zweiter auf dem Fuß, fast rührend in seiner hilflosen Erregung. Das Verhältnis zwischen Beck und dem Moorverein scheint sich bis aufs äußerste zugespitzt zu haben, so daß es in einer Ausschußsitzung zu einem regelrechten Krach gekommen war, in dem sich der Moorverein im Streit zwischen Beck und Grahl passiv verhalten zu haben scheint. »Ich habe nicht die dicke Haut,« klagte Beck trotz eines halben Sieges, »mit der jeder, der in das öffentliche Getriebe hineingerät, ausgestattet sein muß. Warum haben Sie und Schultz mich aus meinem stillen Wirkungskreis herausgerissen? Ich bin schwer gestraft, daß ich diesen Sirenenklängen gefolgt bin. Können Sie mir für mein uneigennütziges Bemühen Achtung verschaffen – Anerkennung wird ja kein Mensch haben, der sich um Landwirtschaft bemüht –, so würden Sie kaum einen fleißigeren Mitarbeiter finden können, als ich es bin. Aber wirkliche Arbeit und ehrliche dazu, erstrebe ich; von vielen Phrasen bin ich kein Freund. – Der Dank für Ihre Bemühungen geht auch schon los. In der Ausschußsitzung des Moorvereins haben wir ein Vorspiel davon gehabt. Wir wissen jetzt, wer die Schuld an der Kainitkalamität der D.L.G. hat. Sie sind es. Ihr Schatzmeister Sombart gibt keinen Pfennig aus Ihrer Gesellschaftskasse. Grahl und seine Freunde treten aus, wenn die Kaution von Ihnen persönlich bezahlt wird.« Der Mann ist erregt, doch einiges Recht hat er dazu, und ein gut Teil kalter, bitterer Wahrheit steckt hinter seiner hitzigen Entrüstung. Mittlerweile gingen die Antworten auf meine Anfragen ein. Hierbei zeigte sich doch, daß mein Provisorium einen festeren Boden unter den Füßen hat als mancher Bau mit prächtiger Straßenfront. Am Schluß der Woche hatte ich 192 Antworten; nachträglich kamen noch etwa 90 dazu, so daß es etwa 25 vom Hundert der Mühe wert gefunden hatten, über ihren Kainitbedarf nachzudenken und die Feder in die Tinte zu stecken. Ich konnte mit völliger Beruhigung an Schultz telegraphieren, daß meine Hälfte der Kaution bereit liege. Darauf erhielt ich einen heißen Dankesbrief von Beck, einen jubelnden Gruß von Schultz vor seiner Abreise nach Magdeburg, wo er mit den Hauptleuten des Syndikats zusammentreffen wollte, um die Sache endgültig zu regeln. Nun aber kam eine große Überraschung. Das Syndikat hatte sich überzeugt, daß mit uns etwas zu machen sei und schlug vor, nicht nur den Preis von 81 Pfennig für die Landwirtschaft im allgemeinen festzuhalten, sondern auch uns, dem Jahresbezug unsrer Mitglieder entsprechend, eine steigende Rückvergütung bis zu 10 Prozent bei einer Menge von über 600 000 Zentnern auszubezahlen, so daß in diesem Fall Schultz´ Ideal von 75 Pfennigen für den Zentner erreicht wird. »Damit,« schließt Schultz seinen gestrigen stürmischen Brief, »ist die Angelegenheit zu einem unerwarteten guten Ende durchgeführt, so daß die seitherige, nur bevorzugten Vereinen zustehende Preisermäßigung allen deutschen Landwirten zugut kommt. Dies ist ein erster großer Erfolg des Daseins der D.L.G. Die anwesenden Herren, besonders Herr Bergrat Schreiber, haben mir dies rund heraus erklärt. Ihnen aber besten herzlichen Dank für Ihre treue und tüchtige Hilfe in diesem Feldzug.« Und damit will auch ich meinen letzten Brief des Jahres 84 schließen, unter dem Eindruck, daß mein armer, nervöser Freund Beck vielleicht doch nicht recht hat, wenn er der Undankbarkeit der Landwirtschaft so ganz sicher zu sein glaubt. Wahr ist's: die Scholle ist nicht überschwenglich in Gefühlsausbrüchen. Vielleicht aber ist sie dankbarer, als er sich einbildet, wenn man sie tief genug aufreißt. Das allerdings geschieht nicht ohne Schwielen, Schweiß und Blut. 30. Bonn, den 13. Februar 1885. Ein seltener Fall: von den Vorsätzen, mit denen ich ein neues Jahr anzutreten pflege, hat sich einer bis in den Februar herübergerettet. Ich werde auch Dir von Zeit zu Zeit zeigen, daß mich das Dorngestrüpp der Alltagsarbeit nicht ganz zu ersticken vermag. Dazu half allerdings ein Monat etwas ruhigeren Treibens und die rheinische Luft, die im Winter so lau und lösend über den herrlichen Strom hinatmet wie anderwärts im Frühling. »Geh nicht an den Rhein«, wenn du nicht Nerven hast, die allen Versuchen heiteren Lebensgenusses zu trotzen vermögen. Selbst Bonn, das altkluge Bonn, erliegt diesem Einfluß zuweilen. Buchstäblich verstanden ist die Luft Bonns zu mild für einen ehrlichen deutschen Winter. Umsonst sehnt sich die junge Welt Jahr um Jahr nach einer Eisbahn, und hundert tatendurstige Fräulein betrachten fast weinend ihre nutzlosen Eisklubkarten. Die Wiesen bei Poppelsdorf werden von den zuständigen Professoren mit lobenswerter Regelmäßigkeit überschwemmt, und vor zwei Jahren soll der einzige kühne Schlittschuhläufer wie Noahs Rabe daselbst ins Wasser gefallen sein. Endlich, im kalten Jahr des Heils 1885, wurde es ernst. Die junge Damenwelt war, wie billig, fast verrückt vor Freude und nicht mehr von den Schlittschuhen herunterzubringen; aus ihren Muffen kamen Studenten, Königshusaren und Privatdozenten nicht mehr heraus. Selbst die gewissenhafteren Konfirmandinnen schwänzten ihr junges Seelenheil wiederholt, so daß ein halbes Dutzend Väter reumütig zum gestrengen Herrn Pastor Bleibtreu wandern mußten, um ihre Früchtlein loszubitten. Denn der ernste geistliche Herr versteht keinen Spaß und wollte die kleinen schlittschuhlaufenden Christen als noch sichtlich unreif um ein Jahr zurückstellen. Zum Glück taut es jetzt, und auch das Herz eines Superintendenten dürfte schmelzen. Man fühlt, daß der rheinische Karneval wieder naht. Die Leute sind überall in angestrengter Tätigkeit. Jede Stadt entlang dem Strom hat ihre diesjährige Narrenkappe schon erfunden und läßt sie zu Hunderten, Köln zu Tausenden anfertigen. Die Narren der verschiedenen Städte besuchen sich feierlich. Heute mittag kamen die Düsseldorfer nach Bonn, um in der Beethovenhalle fünf Stunden lang mit den Bonnern »Narrensprüche« auszutauschen. Morgen ist von drei Uhr an großes Narren-Damen-Komitee. Das geht annähernd drei Wochen lang so fort, mit Tanzen und Trinken, Singen und Jauchzen ohne irgendwelchen faßbaren Sinn. Die Narren sind Handwerker und Fabrikanten, Beamte und Gelehrte, Lumpen und anständige Leute, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts. Nachher wundert man sich über den Rückgang des Handwerks, die Stockung der Geschäfte, die miserabeln Besoldungen, bis die Frühlingsfeste beginnen und die wundervollen Rheinfahrten in blumengeschmückten Sonderdampfern in Gang kommen. Wahrhaftig, es ist ein hartes Leben in diesem notleidenden Deutschland! Gut, daß unter der bunten Oberfläche die Arbeit weitersickert, manchmal wie von selbst, manchmal nicht ohne beträchtlichen Druck. Vierzehnhundert Mitglieder! Dabei läuft jetzt manches ermutigende Brieflein mit, das vor einem Jahr nicht möglich gewesen wäre. Ein Berliner, der wie der arme Beck bittere Erfahrungen gemacht zu haben glaubt, schreibt: »Ich gratuliere Ihnen und uns, die wir die D.L.G. gerne sich kräftig entwickeln sehen würden, dazu, daß Sie unabhängig in der Welt stehen. Denn wenn irgend jemand Ihnen irgendwelche geschäftliche Interessen an dem Unternehmen auch nur andichten könnte, so würde ich vornweg das Fiasko, an das noch immer die meisten glauben, für gesichert halten. Gott erhalte Ihnen Ihren kräftigen süddeutschen Idealismus und Sie uns Ihre Freundschaft!« Erfreulicher ist eine andre Bemerkung, die mir aus Westpreußen zugeht. Einer der eifrigsten Werber, der sich darüber beklagt, daß ein noch eifrigerer in seinem Revier zu jagen beginne, erzählt: »Wissen Sie, was bei meinen Reden pro domo nostro am meisten durchschlägt? Wenn ich den Leuten als Beweis dafür, daß wir keine Politik treiben, mitteile, wen das Provisorium als Werber für Westpreußen aufgestellt hat; dann lacht alles hellauf. Schlagender könnte dieser Grundsatz nicht ad oculos demonstriert werden. Heine-Narkau und Oemler gehören der äußersten Rechten, Rickert und ich der deutsch-freisinnigen Partei an.« – Sie lachen, aber ich denke, Sie fangen an zu begreifen. Dann wäre das Unmögliche doch noch möglich. Dann könnte unter § 9 des Grundgesetzes der D. L. G. am Ende doch noch das Lamm neben dem Löwen weiden! Ich muß plötzlich schließen, denn soeben erhalte ich ein Telegramm von Kiepert, der mich dringend bittet, sofort nach Berlin zu kommen. Es war meine Absicht, erst in vier Tagen aufzubrechen, um eine Sitzung unsers Ausschusses abzuhalten, in der die Kainitangelegenheit zum Abschluß kommen sollte. Nun scheint es sich um etwas andres und Neues zu handeln. Kiepert ist nicht der Mann, der seine Freunde unnötig mit dem Draht kitzelt, und ob ich meinen Koffer eine Woche früher oder später packe, macht mir heute noch so wenig Bedenken als vor zehn Jahren. 31. Kaiserhof, Berlin, den 20. Februar 1885 Wie ich dazu komme, mich mitten im Sturm der Berliner Tage zu einem langen Brief hinzusetzen, erklärt sich vielleicht nachträglich, wenn es nicht, wie manches andre, für immer ein unerklärtes und unwesentliches Geheimnis bleiben sollte. Sonntag früh kam ich hier an. Kieperts Telegramm ist in der Tat kein unnötiger Alarmruf gewesen. Der »Kongreß deutscher Landwirte«, richtiger gesagt, die Hochtories des preußischen Grundbesitzes, haben beschlossen, die bisher beobachtete feindliche Haltung gegen die D. L. G. aufzugeben und wünschten am folgenden Dienstag eine Besprechung mit einigen der leitenden Herren auf unsrer Seite. An der Spitze der überraschenden Bewegung steht Herr von Below-Saleske, dem Kiepert und ich in München begegnet und in dessen Herzen der dort ausgestreute Samen Wurzel gefaßt hatte. Ich sage es ja zum hundertstenmal: keine Arbeit ist ganz verloren. In München mußten wir mit Mühe und Not eine Versammlung abhalten, um den ersten wirksamen Keil in das knorrige Pommern zu treiben. Anfangs wurden Belows Versuche im Kreis der Seinen schroff abgewiesen. Später scheint eine Gärung eingetreten zu sein. Below wurde in den Vorstand gewählt, einige der schroffsten Querköpfe traten aus, und so kam der für unsre weitere Entwicklung so wichtige Entschluß zustande. Ich trommelte Leute zusammen, so gut und so rasch es möglich war, so daß wir, neun Mann hoch, mit vier Herren des Kongresses unter Belows Führung zusammentrafen. Dieser erklärte mit einer gewissen Feierlichkeit, daß der Kongreß die Ziele und Grundsätze der werdenden D. L. G. anfänglich mißverstanden habe. Jetzt aber sei ihnen ein Licht aufgegangen – das Licht, wie ich glaube, waren die 1500 Mitglieder des Provisoriums gegenüber den 300 des Kongresses –, sie seien bereit, eine Haltung aufzugeben, die keine Berechtigung gehabt habe, und es jedem ihrer Mitglieder freizustellen, der D. L. G. beizutreten. Darauf sprachen Kiepert und ich nicht weniger feierlich, betonten, daß wir nie unfreundlich gegen den Kongreß aufgetreten seien, daß wir die politische Vertretung der Landwirtschaft für hochwichtig halten, daß wir aber den nichtpolitischen Charakter der D. L. G. unter keinen Umständen preisgeben werden, worauf die Szene mit der Beitrittserklärung Herrn von Belows schloß, und wir versprachen, am folgenden Tag die Generalversammlung des Kongresses zu besuchen. Dies geschah denn auch. Das Ergebnis unsrer Besprechung wurde sowohl von Herrn von Below als auch von Kiepert den Anwesenden mitgeteilt, und ich hatte Gelegenheit, drei Vorträge über landwirtschaftliche und agrarpolitische Fragen zu hören. Das Unglück wollte es, daß der Hauptredner der schroffsten Richtung dieser schroffen Gruppe unsrer agrarischen Freunde angehörte. Ich gestehe aufrichtig: die Ansichten, die dieser Herr mit schneidender Schärfe entwickelte, waren für mich völlig unverständlich. Es war wie die Stimme aus einem Haus ohne Boden und Dach, von dessen Dasein ich keine Ahnung gehabt hatte. Es wird mir für immer ein Rätsel bleiben, wie sich die reale Welt in einem solchen Kopf spiegelt. Zugleich wurde mir klar, daß der Friedensschluß mit der D. L. G. von einer großen Minorität nur nach heftigem Widerstreben angenommen worden war. Doch das hat zurzeit nichts zu sagen. Wir sind jetzt wenigstens die offene Gegnerschaft los und werden nach wie vor ruhig unsern Weg gehen. Langsam werden die Gedanken, die unsrer D. L. G. zugrunde liegen, auch in diesen Kreisen ihre Kraft erproben, dessen bin ich sicher. Können sie das nicht, so sind sie's nicht wert, sich Bahn zu brechen. Am Abend war Vorstandssitzung des Moorvereins, zu der ich eingeladen wurde, um die Kainitangelegenheit zu besprechen, die gewaltigen Staub aufwirbelt. Es ist nicht nötig – sonst würde ich verzweifeln –, Dir die ineinandergeschachtelten Interessen, die verschiedenen Vereine mit ihren sich stoßenden und reibenden Bestrebungen, die zahllosen Persönlichkeiten zu schildern, die sich untereinander verklagen und entschuldigen. Der Moorverein hatte gehofft, ein ähnliches Abkommen mit den Kaliwerken abzuschließen, wie es unsrer Gesellschaft geglückt ist, und grollt, daß ein kaum aus dem Ei gekrochener Verein ihm zuvorgekommen sein soll. Wütender sind die großen, alten Provinzialvereine, deren behagliche Verwaltungen jetzt erst auf die Sache aufmerksam geworden sind. Es nutzt uns nichts, darauf hinzuweisen, daß wir nicht bezwecken, unsern Mitgliedern besondere Vorteile zu verschaffen, daß wir Wege suchen, die ganze Landwirtschaft an den Vorteilen teilnehmen zu lassen, die uns der Vertrag mit den Kaliwerken gesichert hat. Nur sollte dies nicht auf Kosten der Grundregeln unsrer Gesellschaft geschehen. Nach vielem Nachdenken ist es Schultz und mir gelungen, einen leidlich gangbaren Weg zu finden. Er verzichtet darauf, den Beitritt von Vereinen zur D. L. G. zu verlangen, gegen den ich mich aus andern Gründen mit Entschiedenheit wehre; ich willige trotz des provisorischen Charakters unsrer Gesellschaft in die Bildung einer »Düngerabteilung« – ein appetitlicher Name, nicht wahr? – an die sich alle kleinen Vereine anschließen können, die Kainit bedürfen. Der Plan hat viel von jener Feinheit verzwickter Einrichtungen, die der Deutsche über alles liebt, und führt schon jetzt und wird auch ferner zu endlosen Verhandlungen, Erklärungen, Mißverständnissen, Streitereien und Versöhnungen führen, für die wir den schönen Spruch »Einigkeit macht stark« erfunden haben. – Bei all dem kann ich bemerken, wie die Achtung vor der D. L. G. im Wachsen begriffen ist. Von allen Seiten wird mir in ungebundener Rede auseinandergesetzt, wie ich es in kurzer Zeit so herrlich weit gebracht habe, aber auch angedeutet, wie die Widersacher, die unsre Hauptgrundsätze: Unabhängigkeit, Politiklosigkeit und Selbsthilfe noch immer für landesgefährliche Grundfehler halten, sich zum Widerstand richten. Unsre eignen Versammlungen verliefen geräuschlos, in reger Arbeit. Die Gründung und Einrichtung der Düngerabteilung war die Hauptsache. Wir haben noch – oder darf ich sagen – schon zu viel zu tun, um zwecklos streiten zu können. Gebe Gott, daß es immer so bleibe. Am Abend des vierten Tages, als all dies so weit erledigt war, daß mich meine Freunde in der Tinte sitzen lassen konnten, ging ich ins Deutsche Theater und sah zum erstenmal in meinem Leben die »Räuber«, was mich nicht allzu glücklich machte. Man spürt beim Spielen noch mehr als beim Lesen den gewaltigen, unvergorenen Spiritus und seine scharfe Herbheit, das trübe Wallen der Masse, den noch ungeklärten Geist, der später unser Schiller wurde. Nun könnte ich nach Bonn zurückfahren, sitze aber hier und warte die nächsten drei Tage ab, um Ausschußsitzungen und eine Generalversammlung des Kolonialvereins mitzumachen und damit dem Auftrag der Sektion Bonn zu entsprechen, die mich nolens volens in ihren Vorstand gewählt hat, wahrscheinlich, weil ich noch heute nicht begreife, was ein Kolonialverein ohne ein bestimmtes koloniales Ziel in der Welt zu schaffen hat. Jedenfalls verschaffen sie mir die Zeit, diese Zeilen behaglich zu Papier zu bringen, wozu ich in Bonn schwerlich gekommen wäre. 32. Bonn, den 25. April 1885 Da haben wir's! Ich glaubte Dir, so sauer es mir fiel, denn ich war in Wahrheit tieftraurig, einen lustigen Brief über Kolonisieren am grünen Tisch geschrieben zu haben, und zum Dank machst Du mir bittere Vorwürfe, daß ich mein Vaterland verunglimpfe, die Zukunftssehnsucht und den Idealismus unsers Volks verspotte und seine wackeren patriotischen Männer nicht verstehe. »Tust Du denn nicht fast dasselbe,« klagst Du mit einigem Schein des Rechts; »trommelst Du nicht auch Leute zusammen, die viel lieber zu Hause blieben, und quälst dich ab, einen großen Verein zu gründen, von dem die wenigsten wissen, was er eigentlich tun soll? Die prächtigen Reden der Kolonialleute können kaum schwärmerischer klingen, als was Du in Deinem Aufruf an das Gewissen der deutschen Landwirtschaft leistest. Warum lachst Du Dich nicht selber aus?« So meine eigne leibliche Mutter! – O, daß ich ein alter Gracche wäre und Du eine Römerin! Auf kleine Unterschiede mache ich übrigens doch Anspruch. Die D. L. G. weiß annähernd, was sie will. Ich habe noch nie einen Schneider aufgefordert, beizutreten, und habe Höllenangst vor Gelehrten. Wir wollen Taten, was meine Mitglieder jammernd anerkennen, denn sie halten noch immer zwanzig Mark Jahresbeitrag für eine Großtat, die man niemand zumuten sollte. Wir haben ein bestimmtes Feld der Tätigkeit, einen festen Boden unter den Füßen; und ich schwöre, daß wir nichts unternehmen werden, solange ich's hindern kann, das sichtlich über unsre Kräfte geht. Wer weiß, ob nicht auch darin ein Fünkchen Idealismus steckt, so verkümmert er zu sein scheint. Doch der sonnige Frühling und die drohenden Maiversammlungen in Berlin haben längst mit all dem alten Winterkram aufgeräumt, der in diesen Zeilen nachklingt. Baum und Strauch stehen in voller Blüte, und der Lenz macht auf den verdrießlichsten alten Baumstumpen einen gewissen Eindruck. Wenn ich nur könnte, wie ich wollte! Aber selbst die schönsten Frühlingstage kann sich der Mensch verkümmern. Gestern hat eine große Versandwoche angefangen, in der sechstausend Kreuzbandschreiben verschiedener Art abgehen sollen. Man hat keinen Begriff davon, was das heißt, ehe man's selbst erprobt hat. Mein Hilfsschreiberlein stöhnt im Nebenzimmer, trotz des Sonntagnachmittags, und ich kann ihm nicht helfen. Er behauptet dabei voll dienstfertiger Höflichkeit, es mache ihm Vergnügen. So werden wir in dieser verrückten Welt aus Eifer und Gefälligkeit zu schamlosen Lügnern, wahrend die Lumpen im Sonnenschein liegen und der Wahrheit dienen. Wofür sie nachträglich allerdings auch ihre Strafe empfangen werden. Vor vierzehn Tagen fühlte ich mich noch freier und benutzte die Gelegenheit zu einem Ausflug ins Siebengebirge, wo mein träumerisches Heisterbach neuerdings in der Gunst etwas gesunken ist. Ich sah lebensfroh von der Löwenburg nach dem Drachenfels hinüber. War es der Geist des herrlichen Raubrittertums, der noch immer um diese Kuppen weht, war es der erwachende Tatendrang des jungen Frühlings: ein kecker Gedanke ging mir plötzlich durch den Kopf, wühlte drin herum und hatte Form und Gestalt gewonnen, ehe ich nach Königswinter hinunter kam, um ihn dort mit einem Trunk Rüdesheimer zu festigen. Das Provisorium hat jetzt 1630 Mitglieder und etliche 28 000 Mark Bargeld in der Reichsbank. War das Fähnlein noch nicht kräftig genug, auf einen kleinen Raubzug auszuziehen, nach frommer Ritter Weise? Da lag die alte Ackerbaugesellschaft, zur Leblosigkeit erstarrt, auf ihrer verrosteten Geldkiste. War es nicht endlich Zeit, ihr den Garaus zu machen und den staubigen Geldkasten dem befruchtenden Sonnenlicht auszusetzen? Zeit, Recht, Pflicht war es; das machte mir schon das zweite Glas Rüdesheimer völlig klar. Noch am selben Abend schrieb ich nach Dresden und hatte wenige Tage später die alten Protokolle und sonstigen Papiere der entschlafenen Gesellschaft vor mir. Weiterer Briefwechsel ergab, daß gegen siebzig ihrer Mitglieder noch am Leben waren, die alle nicht wußten, ob ihre Auflösung rechtlich erfolgt war oder nicht. Schon längst, versicherten die einen; niemals, schrieben die andern. Von allen, soweit es sich aus Briefen beurteilen ließ, schien Herr von Rath zu Lauersfort, der Präsident des Provinzialvereins der Rheinprovinz, am lebendigsten geblieben zu sein. Rheinisches Blut! Ihm legte ich meinen Plan vor: Alle noch lebenden Mitglieder der früheren Ackerbaugesellschaft, die seinerzeit viel jugendliche Begeisterung und einiges Geld für den Gedanken geopfert hatten, der jetzt durch die D. L. G. ins Leben tritt, sollten kostenlos lebenslängliche Mitglieder der neuen Gesellschaft werden. Dagegen sollte das kleine noch vorhandene Vermögen der Ackerbaugesellschaft an die D. L. G. übergehen. Dieses Vermögen, welches in Dresden lag und durch Zinseszinsen auf 22 000 Mark angewachsen war, hatte ursprünglich unter der Verwaltung von drei Herren gestanden, von denen zwei gestorben waren, so daß nur noch Herr von Nordeck zur Rabenau in Friedelshausen bei Gießen darüber zu verfügen hatte und mit eifersüchtiger Treue seines Amtes waltete. Auf einen Brief von Herrn von Rath antwortete er, daß es ihm gar nicht einfalle, die fragliche Summe einer so jungen, zweifelhaften Neubildung wie dem Provisorium der D. L. G. zu übergeben. Sein Plan sei, es Herrn von Wedell-Malchow, dem Präsidenten des Landwirtschaftsrats – unserm unversöhnlichen Gegner –, mit der Bestimmung zu hinterlassen, es auf 100 000 Mark anwachsen zu lassen und dann für zeitgemäße landwirtschaftliche Zwecke zu verwenden. Ein Schreiben an fünfundsechzig Mitglieder, deren Adressen festgestellt werden konnten, brachte dreißig zustimmende Antworten zu meinem Vorschlag. Die übrigen Herren waren entweder unversehens auch gestorben oder zu lebenssatt, um in dieser fast vergessenen Sache eine Feder in die Hand zu nehmen. Nun veranlaßte ich Herrn von Rath, seine alten Bundesbrüder zu einer Versammlung nach Berlin einzuberufen, die unter seinem Vorsitz im Anschluß an die dortige Mastviehausstellung und unsre eignen Sitzungen stattfinden soll. »Es ist mir nicht ums Geld,« verkündige ich, mit unsern eignen 28 000 Mark klappernd. »Die alten sechsundsechzig Herren und ihre jugendliche Hoffnungsfreudigkeit möchte ich haben und werde sie wohl auch kriegen, wenn sie sehen, daß sie anders keine Ruhe bekommen.« Das ist's; keine Ruhe darf man der trägen Menschheit lassen. Einer meiner eifrigsten Werber in dem hart zu fassenden Westpreußen schreibt mir dasselbe: »Am 21. ziehe ich wieder auf Raub aus« – er meint den Mitgliederfang – »aber im Sommer wird es nur spärlich ins Faß tröpfeln. Halten Sie nur aus! Bei uns in Deutschland ist eine Zeit angebrochen, in der nicht die Sache, sondern die Person gilt, und Sie sind die Seele dieses für die Landwirtschaft wichtigsten Unternehmens unsrer Tage. Das Vertrauen wächst mit den Erfolgen, die nun schon sichtbar zu werden anfangen. Also noch einmal: halten Sie aus!« Ist das er- oder entmutigend? Derselbe Morgen – damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen – brachte zwei Hiobsposten. Die eine von Herrn Rath besagt, daß es ihm wegen Erkrankung seiner Frau nicht möglich sei, zu der Sitzung der alten Mitglieder der Ackerbaugesellschaft nach Berlin zu kommen. Ich, meint er, »bei meiner Gewandtheit« (!) werde leicht mit den Herren fertig werden. Da werden sie nun ankommen, sechsundsechzig Mann hoch, wie Schafe ohne Hirten, und ich soll die alten Hämmel weiden, von denen mich nicht einer kennt! Das will wieder einmal überlegt sein. Sodann schreibt unser Präsident, Graf zu Stolberg-Wernigerode, höflich, aber sehr bestimmt, daß er den Vorsitz in den Maiversammlungen nicht führen könne und werde. Zwischen den Zeilen läßt er durchblicken, daß es ja eigentlich abgemacht gewesen sei, ihn mit jeder persönlichen und sachlichen Tätigkeit zu verschonen. Kannst Du mir's verargen, wenn ich doch noch manchmal sehnsüchtig nach England hinüberschiele? Hätte der Prinz von Wales zum Beispiel – – aber ich will nicht schielen. Auch von unten grollt es noch immer. In Westfalen wurde in den Bauernvereinen feierlich vor neuen landwirtschaftlichen Verbindungen gewarnt, worunter niemand anders als unser bescheidenes Provisorium gemeint war. Am Ziel sind wir noch nicht, und Direktor Kuhnke zu Marienberg hat recht, wenn er mich zweimal ermahnt, auszuhalten. 33. Bonn, den 27. April 1885 Liebe Mutter! Es ist späte Nacht. Ich komme aus einer Sitzung des Kolonialvereins. Das Leben geht seinen gleichmütigen, geschäftlichen Gang weiter, bei Tag und Nacht, was sich auch da und dort unter der Oberfläche regen mag. Es ist die Todesnacht des lieben Vaters. Ein Jahr schon schläft er unter der Erde, im Frieden mit dieser Welt, die so wenig Frieden kennt, im Frieden mit seinem Gott, der ihm auch hier schon seinen Frieden geschenkt hat. Dürfen wir trauern, weil in dieser Nacht ein gutes Leben zu Ende gegangen ist, friedlich und fromm, wie er es gelebt hat? Dürfen wir trauern, nachdem ihm Gott die volle Zahl der Jahre geschenkt hat, die für des Menschen Erdenleben bestimmt sind, und sie auch uns so lange mitgenießen ließ? Ist die Welt, selbst in ihrem Frühling und mit all ihren Freuden so süß, daß wir uns für und mit den Unsern daran klammern sollten, als sei sie all der Tränen wert, die sie uns auspreßt? Will es nie wahr werden, daß wir uns freuen, wenn unsre Lieben einem besseren Jenseits entgegengehen? Ich wollte, ich könnte in diesen Tagen bei Dir sein. Wenn es möglich ist, will ich's im nächsten Jahr so einrichten. Du mußt sie diesmal allein durchleben; das erstemal nach der bitteren Stunde der großen Trennung. Laß Dir durch Deine Tränen ihre wahre Bedeutung nicht verdunkeln. Es ist keine Nacht der Trauer. 34. Bonn, den 22. Mai 1885 Wieder liegen zwei Berliner Wochen hinter mir, deren stürmische Bewegung mich wie gewöhnlich um ein gutes »Ende«, wie sie dort sagen, weitergeschoben hat. Einiges davon zu erzählen, lohnt sich zur Not, wenn auch gar vieles schon der Würde zustrebt, zwischen Aktendeckeln weiterzuschlummern. Nach meiner Ankunft hatte ich zunächst dafür zu sorgen, meinen präsidentenlosen Versammlungen die nötige Spitze zu verschaffen. Kiepert, der stets bereite, war nicht in Berlin. Auch andre Herren, die ich aufsuchte, waren niemand wußte wo, und all meine Irrfahrten brachten mir schließlich nur die Schreckenskunde, daß Professor Maercker von Halle wegen plötzlicher schwerer Erkrankung den Hauptvortrag in der Generalversammlung der D. L. G. zu halten nicht imstande sei. Den Rest des Nachmittags nahmen hastige Briefchen und Telegramme in Anspruch: Versuche, die drohenden Programmstörungen zu bekämpfen. Abends ging ich fast mit Gewalt ins Theater, der Kopfnervenabspannung wegen, konnte kein Billett für den »Trompeter von Säkkingen« mehr bekommen, nach dessen harmlosen Klängen ich mich sehnte, und mußte mit einer traurigen Operette zufrieden sein, die mich in die Stimmung eines alternden Salomos versetzte. Alles ist eitel! Wie grauenhaft wenig bedarf doch die Mehrzahl der Menschen, um sich »köstlich zu amüsieren«, und wieviel lassen sie sich's kosten, an Zeit, Mühe, Geld, Gesundheit, um dieses grauenhafte Minimum zu erkaufen! Am folgenden Morgen kam etwas Licht in die Sache. Ich entdeckte in Geheimrat Settegast, dem derzeitigen Rektor der Landwirtschaftlichen Hochschule, ein altes Mitglied der Ackerbaugesellschaft. Da war ja der Präsident für die alten Herren gefunden, und auch Kiepert war unerwartet zurückgekehrt und bereit, die Versammlungen der D. L. G. zu leiten. Beiden Herren stattete ich am folgenden Tag längere Besuche ab, um genau zu verabreden, was sie zu sagen und was ungesagt zu lassen haben. Es ist natürlich, wirkt aber doch hinter den Kulissen fast komisch, wie die Herren, welche vor dem Publikum als die Leiter der Unternehmen erscheinen, von hinten wie Püppchen an Drähten in Bewegung gesetzt werden, und mit welch naiver Ergebung sie darauf warten, ohne das Gefühl ihrer Würde zu verlieren, daß das Drähtchen im richtigen Augenblick gezogen wird. Um vier Uhr des vierten Tags fand sodann im Klub der Landwirte die Versammlung der alten Ackerbaugesellschaft statt. Von den fünfundsechzig Eingeladenen erschienen vier, sage vier Mann. Dies war gerade, was wir brauchten. Der Feldzugsplan wurde in aller Gemütlichkeit durchgesprochen, die nötigen Formalitäten und die strenge Gesetzlichkeit des Vorgehens erörtert. Nach einer Stunde hatte die Sache die richtige Gestalt angenommen. Es muß jetzt von fünfzehn Mitgliedern, die ich zu beschaffen habe, die in den Statuten vorgesehene Generalversammlung einberufen und durch sie die Auflösung beschlossen werden. Dann können Geld und Leute nach meinem Vorschlag ohne weiteres in unsre Tasche fallen. Um fünf Uhr war sodann die Vorstandssitzung der D. L. G. Das war ein andres Leben, so daß ich mich nur wundern und freuen konnte: Leute aus allen Himmelsgegenden, voll Eifer, am begonnenen Werk mitzuarbeiten. Du bist mir dankbar, wenn ich Dich mit papierenen Einzelheiten verschone. Sie werden mit der Zeit Hände und Füße bekommen und lebendig werden. Dir ist wahrscheinlich nur eins von Bedeutung: meine Erklärung, daß wir uns nach einem Beamten als Geschäftsführer umsehen müssen, wurde mit ungeheucheltem Schrecken aufgenommen. Das müsse doch ich sein; das gehe gar nicht anders und so weiter. Ich erklärte, daß ich mich hierzu nie verstehen würde, und weshalb; natürlich ohne des mitternächtigen Schwurs auf dem Wilhelmsplatz zu gedenken. Erstlich, weil ich nicht in die Dienste meines eignen Kindes treten könne, zweitens, weil die Stellung, die zu drei Viertel einförmige Bureauarbeit erfordere, mir nicht passe, und drittens, weil mir meine Freiheit um einen Gehalt, wie ihn vernünftigerweise die Gesellschaft bieten könne, nicht feil sei. Aber, fuhr ich fort, Sie werden in dem Entwurf der Geschäftsordnung einen Ausweg sehen, der es ermöglicht, daß ich im Namen des Direktoriums ein bis zwei Jahre lang die technische Oberleitung der Gesellschaft ehrenamtlich weiterführe, wozu ich bereit bin. In zwei Jahren wird hoffentlich das Ganze im Gang oder zugrunde gegangen sein. Damit waren denn auch alle höchlich einverstanden und lobten mich sehr. Ich übergehe den Tumult der Mastviehausstellung am folgenden Tag, woselbst ich als Gast unter der Liebenswürdigkeit von hundert neuen unbekannten Freunden schwer zu leiden hatte. Zum Glück nahm mich einer dem andern in rascher Reihenfolge ab. Dieser zeigte mir seine Lämmerchen, die schon im zartesten Kindesalter fast so viel wogen als ihre Mütter, jener führte mich zu einem Schweineehepaar von phänomenalen Abmessungen, wobei er wehmütig versicherte, daß es sein seliger Bruder sei, dem die Welt das deutsche Mastschwein verdanke, ein dritter versuchte mich von der himmelschreienden Ungerechtigkeit der Preisrichter zu überzeugen, die das beste Kalb der ganzen Ausstellung übersehen hatten, was bei der künftigen D. L. G. sicher nie vorkommen werde, weshalb er beizutreten gedenke. Schließlich wurden mir sogar württembergische Ochsen vorgestellt, sechs Landsleute, die mich mit gut schwäbischem Gebrüll begrüßten und – so wunderlich spielt das Schicksal selbst mit dem vernunftlosen Rindvieh – die nach Bonn verkauft waren. Endlich gelang es mir, für die Nacht wenigstens, dem Ausstellungs- und Stadtgewühl zu entschlüpfen. Der morgige Tag verlangte als beste Vorbereitung eine ruhige Nacht. Unsre Hauptversammlung war besucht genug und wäre es noch mehr gewesen, wenn Kronprinz Friedrich sich es nicht hätte einfallen lassen, genau zur selben Stunde die Mastviehausstellung zu besichtigen. Im ganzen ging alles vortrefflich. Meiner Rede zweiter Teil war verfehlt. Mit Auseinandersetzungen über eine Geschäftsordnung kann auch der Kuckuck keine Begeisterung erwecken. Aber ohne trockene, geschäftsmäßige Arbeit geht es nun einmal nicht, und da sie kein andrer machen will, muß wohl ich wollen. Im übrigen empfehle ich unsre stenographischen Berichte, die Dir jederzeit zur Verfügung stehen, wenn Du an Schlaflosigkeit leidest. Nach der Versammlung hatte ich als Gast am Festmahl der Mastviehleute teilzunehmen, bei dem es Sitte zu sein scheint, sich in bestimmter Reihenfolge gegenseitig hochleben zu lassen. Ich kam wahrhaftig nicht zu kurz und antwortete mit einem Hoch auf die Landwirte im allgemeinen, die in dieser Zeit der Not das Vertrauen auf die eigne Kraft nicht verlieren. Worauf wir alle verzeihlicherweise, auf die eigne Kraft bauend, etwas mehr tranken, als in dieser Zeit der Not unbedingt nötig gewesen wäre, bis Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in rosigem Licht zerschmolzen. Am andern Morgen hatte ich mein Notizbuch verloren, in dem die Namen von etlichen dreißig neuen Mitgliedern der D. L. G. aufs sorgfältigste eingezeichnet waren. Gegen Mittag fand es sich jedoch wieder, ein Beweis, daß mich selbst in den sturmbewegtesten Stunden der Geist der Ordnung nicht ganz verläßt. Nun aber trat der Versucher in gefährlicherer Gestalt an mich heran. Schon seit drei Tagen fand ich jeden Abend die Karte eines mir unbekannten Dr. Cohn-Martinikenfeld in meinem Zimmer. Schließlich gelang das Zusammentreffen. Er erklärte mir, daß er meine Wanderbücher gelesen habe und daß er mich bitte, wegen Angra Pequena seinen Freund, den Justitiar des Hauses Bleichröder, zu besuchen. Auch war schon am frühen Morgen ein Brief des besagten Herrn durch die Türspalte meines Zimmers geschlüpft, der dieselbe Bitte enthielt. Schon die Neugier zwang mich, der Aufforderung Folge zu leisten. Der Herr Justitiar erklärte mir folgendes: Seit sechs Wochen hat sich eine Gesellschaft gebildet, die Lüderitzland aufgekauft hat und nun noch über bare 800 000 Mark und ein Gebiet von der Größe Deutschlands verfügt. Diese Gesellschaft braucht eine Spitze, bestehend aus einem Finanzmann, einem Justizmann und einem Techniker, die zusammen das neue Königreich regieren und seine Schätze flüssig machen sollen. Ob ich der Dritte im Bunde sein wolle? Der Herr Justitiar war der Ansicht, daß dieses Triumvirat in Berlin residieren werde und zu großen Taten in Afrika bestimmt sei. Ich entgegnete: in bezug auf zwei der Herren Mitregenten erlaube ich mir kein Urteil. Der Dritte aber, der Techniker, müsse vor allem nach Angra Pequena und das neue Deutsche Reich in allen Richtungen durchqueren. Dann erst könne er daran denken, etwas zu leisten. Dies war dem Herrn Justitiar neu, und zwar so sehr, daß wir uns zunächst nicht verstanden. Doch, hoffe ich, dämmerte es in seinem Geist. Ich dankte ihm und ging. Dir aber, l. M., und meiner D. L. G. habe ich an jenem Nachmittag ein kleines Opfer gebracht; vielleicht ein großes. Die Aussichten, die sich mir boten, waren vielleicht eine Fata Morgana. Die Aufgabe aber wäre eine herrliche gewesen, vielleicht wert, ihr mehr als ein Menschenleben zu opfern. Ein Trost: mit 1958 Mitgliedern in der Tasche reiste ich am folgenden Morgen nach Bonn ab. 35. Bonn, den 5. Juli 1885 Ich entarte zu einem reinen Missionsreisenden dieses Heidenlandes. Bald mit Zittern und Zagen, bald mit dem Mut des Glaubens, der darauf baut, daß ihm zu seiner Zeit gegeben werde, was er zu verkünden habe, wandere ich im Reich umher und trotze allen möglichen Fährlichkeiten zu Wasser und zu Land. An »Berufung« fehlt es nicht mehr, aber auch nicht am Gegenteil. Wenn ich von zweien jeder Gattung erzähle, wirst Du genug haben. Da war zuerst eine große Versammlung in Leipzig, zu der ein landwirtschaftlicher Maschinenmarkt die äußere Veranlassung bot. Die gute Sache hat im Königreich Sachsen rege Freunde, denen der Präsident des dortigen Kulturrats, Rittergutsbesitzer von Oehlschlägel, und dessen Generalsekretär, Herr von Langsdorff, ein glänzendes Beispiel geben. Wenn ich überall solche Männer fände, brauchte ich mich nicht zu quälen. Aber vielleicht wäre es nicht einmal gut, mühelos ans Ziel zu gelangen. Schwierigkeiten und Hindernisse kitten Leute zusammen, wie wir sie brauchen. Die zahlreich besuchte Versammlung verlief glänzend. Zwei Professoren, Maercker und Kühn, Halle und Leipzig, gerieten sich zur allgemeinen Erbauung tüchtig in die Haare über Fragen, die mich nichts angingen. Mein Sprüchlein mit seinen versöhnlichen Wendungen und hoffnungsvollen Ausblicken in eine Zukunft, in der wir alle uns nur friedlich für das Wohl des Ganzen abmühen werden, goß Öl auf die erregten Wasser, und ich konnte fühlen, wie selbst Gegner sich zu fragen begannen, ob nicht das Millennium zwanzig Mark jährlich wert sei. Mit einer Beute von sechzig neuen Mitgliedern, unter denen sich einer unsrer früheren gefährlichsten Gegner, der große Schutzzöllner Herr von Frege, befand, zog ich schließlich in der heitersten Stimmung nach dem Bahnhof, einer nervenberuhigenden Nachtfahrt entgegen. Zweitens! Schon seit Monaten erhalte ich von Zeit zu Zeit die Aufforderung von einem mir unbekannten Herrn Rautenstrauch, Weinbergsbesitzer auf dem Kartäuser Hof bei Trier: ich möchte doch im Landwirtschaftlichen Kränzchen zu Trier einen Vortrag über die D. L. G. halten. Ich weigerte mich lange, denn es schien mir unmöglich, abgelegene Gaue in dieser Weise zu bearbeiten. Aber Rautenstrauch ließ nicht nach, und ich mußte endlich ja sagen. Sofort kam ein Schreiben, daß er mich am Bahnhof abholen und nach seiner Kartause führen werde. Ich bat dringend, dies nicht zu tun, da ich viel lieber Trier und seine römischen Schätze angesehen hätte als die Ställe und Keltern der alten Mönche. Aber es half nichts. Vor dem Bahnhof zu Trier stand ein prächtiges Zweigespann und ein kleiner, rundlicher Herr, der mich neugierig ansah. »Ob ich ihn wirklich gar nicht kenne?« »Nein!« Da stellte es sich heraus, daß wir vor dreiundzwanzig Jahren zusammen von Triest nach Alexandrien gefahren waren und ich in sein Album drei betende Türken gezeichnet hatte, die sich in Korfu eingeschifft hatten. Er zeigte mir die längst vergessene Skizze mit Stolz und erklärte, der Vortrag sei nur ein Vorwand gewesen. Er hätte kein andres Mittel gefunden, mich nach Trier zu bringen und hätte mich gar zu gern nach dem süßen Kephalonier in Korfu seine Moselweine kosten lassen. Dies geschah denn auch in ausgiebiger Weise und meine Achtung vor dem wackeren Rautenstrauch, den Kartäusern und der Mosel wuchs in jener Nacht ins Ungemessene. Dazu die Erinnerung an die Sternennacht vor dem gespenstigen Alexandrien und das maurische Ständchen von Schubert, das damals der kleine Rautenstrauch mit seiner klangvollen Rheinlandstimme in die laue Nacht hinaussang – es war eine Reise nach Trier wert! Übrigens wurde der Vortrag gewissenhaft gehalten und ergab nicht mehr als drei Bekehrte. Schweren Herzens und schwereren Kopfes kehrte ich nach Bonn zurück. Nun aber auch etwas von der Kehrseite dieser Bildchen! Meinem Freund Schultz-Lupitz geht nichts rasch genug! Die Triumphe des Kainitvertrags, der in der Tat eine unerwartete große Bedeutung gewinnt, so daß eine Menge kleiner Vereine zwar murrend, aber doch gefügig unter unsre Flügel kriechen, lassen ihn nicht ruhen, und sein Eifer ist so stürmisch und so ehrlich und uneigennützig, wenn man die Eitelkeit des menschlichen Herzens nicht auch ins Kapitel der Selbstsucht rechnen will, daß man kaum zu bremsen wagt. Es macht ihn unglücklich und hilft nichts. Nun ist er auf den nicht allzu glücklichen Gedanken gekommen, auch die phosphorhaltigen Düngemittel in ähnlicher Weise zu verbilligen und ihren Verkauf zu vermitteln. Hier handelt es sich vornehmlich um die pulverisierte Thomasschlacke, ein Nebenprodukt der Stahlindustrie, deren Entdeckung, Gewinnung und Anwendung als künstlichen Dünger zu den interessantesten Kapiteln der Beziehungen zwischen Industrie und Landwirtschaft gehören. Immer wieder möchte ich den Leuten zurufen, die von beiden Seiten her übereinander losziehen: Was ums Himmels willen würde aus euch, wenn die eine nicht die andre hätte! Die Einleitung dieser Bewegung seitens der Düngerabteilung hat nun aber einen wahren Sturm gegen die D. L. G. heraufbeschworen. Die Zwischenhändler, vor allem auch die Provinzialvereine, die ähnliche Absichten, keineswegs aber einen ähnlichen Eifer haben, sind wütend über dieses »Provisorium«, das halbjahrhundertalten Vereinen die Sahne von der Milch weglöffle. Der Geschäftsführer des Moorvereins, mit dem wir in Fried und Freundschaft leben, schreibt mir vor acht Tagen einen zornigen Brief: Es könne nicht die Aufgabe der Düngerabteilung und der für sie verantwortlichen D. L. G. sein, in alle Handelsverhältnisse der Kaufleute und andrer Vereine einzugreifen. Gestern erhielt ich vom Generalsekretär eines der ersten Provinzialvereine einen zum mindesten psychologisch merkwürdigen Brief, in dem er mich in erregter Weise darauf hinweist, daß die ideale Richtung, die ich ursprünglich der D. L. G. zu geben versucht habe, durch das Vorgehen der Düngerabteilung aufs schwerste geschädigt werde. Ich fragte mich stundenlang, wie sich der Herr das Leben in dieser Körperwelt denkt und was er sich unter dem Idealismus vorstellt, den er mir andichtet. Fast scheint es, als ob man mich auf eine Bahn drängen wolle, auf der man von Mondschein und Vergißmeinnicht lebt. Wunderlich, daß ich auf irgend jemand den Eindruck gemacht haben muß, als ob ich dies für möglich halte. Da ging mein Freund Cohn-Martinikenfelde, der mich dem Bleichröderschen Konsortium verkaufen wollte, doch ehrlicher zu Werk. Cohn ist nämlich, wie ich nachträglich erfahre, einer der bedeutenderen Düngerhändler Berlins, und auch ihm ist das Treiben der entstehenden D. L. G. ein Greuel. Nun schreibt mir ein andrer guter Freund, ich möchte mich doch ja in acht nehmen, Cohn habe die Absicht, mich nach Angra Pequena zu verschiffen, um auf diese Weise alle Gefahren, die dem deutschen Düngerhandel durch die D. L. G. entstehen könnten, ein für allemal abzuschneiden. Es wäre wirklich hübsch, wenn dies des Pudels Kern gewesen wäre. Du siehst, wenn Du all dies zusammenfaßt, daß ich frische Luft brauche. So habe ich vorige Woche die ganze D. L. G. in eine Ecke geworfen, bin nach Bingen gefahren und habe zu Fuß kreuz und quer den Rhein herunter meinen Weg nach Koblenz gemacht. Eine herrliche Erfrischung. Aßmannshausen, Lorch, das Sauertal mit der Ruine von Säckingens altem Schloß, Kaub, St. Goar, Boppard; dann hinüber ins Moseltal und herunter nach Koblenz, in allen Burgen herumgekrochen, auf Bergeshöhen jubiliert, jungen Rheinwein getrunken und auch alten, wo ein lauschiges Kneiplein mich mahnte, Gottes Gabe nicht zu verachten. Dazu mein guter Freund Schwarz, der entlang dem Rhein zu tun hatte, aber getreulich abends eintraf, wo ich nach wohlbedachtem Plan mein Nachtquartier aufschlug. Diese drei Tage haben mir Leib und Seele wieder eingerichtet und mir allen Kunstdünger samt dem auf demselben beruhenden Idealismus aus dem Kopf gefegt. Nun kann's wieder losgehen! 36. Frankfurt a. M., den 3. August 1885. Ein herrlicher Tag liegt hinter mir, würdig der altehrwürdigen Reichsstadt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Er kommt doch immer wieder zum Durchbruch, der gesunde Kern des wackeren Volkes, wenn auch die Schale hart ist, wie Horn vom Rinde, und manchmal die ganze Nuß im Staub begraben zu sein scheint auf Nimmerwiederfinden. Laß Dir erzählen! Du weißt, daß wir, Herr von Rath-Lauersfort und ich, die Herren der alten Ackerbaugesellschaft nach endlosem Hin- und Herschreiben zu einer Versammlung nach Frankfurt zusammenberiefen. Auch habe ich Dir von meiner Fahrt von Stuttgart hierher, dem Neckar entlang, dann durch den goldgrünen Odenwald nach dem rebenumrankten Main bereits berichtet. Im neuen Frankfurter Hof zu Frankfurt a. M. hatte die Poesie des Lebens plötzlich ein Ende. Es ist eines jener Prachthotels mit marmornen Treppen und vergoldeten Speisesälen, in denen die Kellner in Fräcken und weißen Halsbinden schlafen, und die Gäste, die über des Hauses Schwelle treten, langweiliger sind als Haubenstöcke. Am andern Morgen begegnete ich Poggendorff aus Berlin und hörte bei einem Frankfurter (Stockmeyer), daß ein Bayer (Pabst) und ein Württemberger (Zöppritz) im Anzug seien. Vier Mann der alten Garde! Ich ließ sofort in dem kleinen Hotelsaal, der für diesen Zweck bestimmt war, vier Stühle um eine Rednerbühne stellen, welche ich schon tags zuvor entlehnt hatte, sorgte für Federn, Tinte und Papier, legte meine wohlgeordneten Dokumente zurecht – ein kleines Gebirge vergilbter Akten – und ging sodann spazieren. Der alte Herr von Rath, wie immer etwas gichtgebeugt, aber wohl aufgelegt, kam aus Köln, unmittelbar vom Bahnhof mir entgegen und freute sich, daß wir zwei nicht die einzigen Versammelten sein sollten. Auch brachte er einen Brief des Herrn von Nordeck zur Rabenau, bekanntlich dem Hauptstein des Anstoßes, in welchem dieser mitteilte, daß er auf der Rückkehr aus der Schweiz von einem Sonnenstich betroffen worden sei, nunmehr aber mit unsern Absichten im wesentlichen übereinstimme. Er müsse sich jedoch vorbehalten, etwaige Beschlüsse der Versammlung eventuell zurückzuweisen. –Schließlich versammelten sich acht Mann. Es war doch noch einiges Leben in den alten Herren. Herr von Rath begann damit, eine Lobrede auf mich zu halten, die ich mit gebührendem Erröten anhörte. Dann skizzierte er das Entstehen und Einschlafen, von 1861 bis 1866, der Deutschen Ackerbaugesellschaft, das ihre um den Tisch sitzenden lebenslänglichen Mitglieder sichtlich vergessen hatten. Er wies auf die Zweifel hin, die noch vor wenigen Monaten bestanden, ob sie aufgelöst seien oder nicht. Das erstere sei wahrscheinlich. – Hier unterbrach ihn Herr Gutsbesitzer Pabst, dessen feuriges süddeutsches Temperament und an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit nicht länger standhielt: Er protestiere. Er sei nicht aufgelöst. Es sei dies eine infame Behauptung, die Erfindung einer kleinen Clique von – er befürchte, ohne hier jemand nahetreten zu wollen – von Berlinern. Zum mindesten hätte er seinerzeit entweder durch die Zeitungen oder durch einen eingeschriebenen Brief von seiner Auflösung benachrichtigt werden sollen. Das, erklärte Herr von Rath beschwichtigend, sei ja auch seine Ansicht, und deshalb seien wir heute versammelt. Herr Pabst steckte sein Hörrohr wieder ein, und alle andern stimmten sich gegenseitig bei, daß eine förmliche Auflösung nicht stattgefunden habe, daß sie im Gegenteil zu diesem Zweck nach neunzehnjähriger Trennung zusammengekommen und erfreut seien, sich so wenig gealtert wiederzusehen. Ich legte die aus Dresden erhaltenen Dokumente und den bisherigen Briefwechsel vor, der zur heutigen Versammlung geführt hatte. Wie die Herren nun aber in der besten Auflösung begriffen waren und eben die 22 000 Mark der Ackerbaugesellschaft der D. L. G. vermachen wollten, wird die Türe heftig aufgestoßen, und der zweiundsiebzigjährige Herr von Nordeck zur Rabenau tritt ein, mit hochrotem Kopf, sichtlich unmittelbar von seinem Sonnenstich kommend. Er hält mir zornig die »Frankfurter Zeitung« entgegen, in der durch einen unglücklichen oder glücklichen Druckfehler die Sitzung auf fünf, statt drei Uhr angesetzt war. Ich ziehe ihm aus seiner eignen Mappe, die er auf den Tisch geworfen hatte, meine schriftliche Einladung aus Bonn hervor, in der deutlich genug drei Uhr angegeben ist. »Das sei jetzt gleichgültig«, meinte er grimmig, aber doch etwas verlegen. »Er sei nicht hier, um mit uns zu verhandeln, sondern gegen die ganze Verhandlung zu protestieren. Wir seien schon seit achtzehn Jahren aufgelöst und haben gar nicht zusammenzukommen. Er allein sei noch zu Recht bestehend. Er sei Vorstand, Ausschuß und Generalversammlung der deutschen Ackerbaugesellschaft in einer Person, und nur er habe das Recht, zu bestimmen, was geschehen müsse, namentlich mit den 22 000 Mark.« Ein Entrüstungssturm war im Begriff auszubrechen. Pabst hatte sein Hörrohr drohend gegen Nordeck gerichtet. Alle beriefen sich laut und einstimmig auf alte Erinnerungen oder vielmehr auf den Mangel jeder Erinnerung, daß sie aufgelöst worden seien. Das, wiederholte Herr von Nordeck mit wiederkehrender eisiger Ruhe – das sei jetzt ganz gleichgültig. Nachdem er hiermit, wie es seine Pflicht gewesen, protestiert habe, gebe er folgende Erklärung ab. – Und nun schlug der wackere alte Herr genau dasselbe vor, wofür ich ihn seit drei Monaten, als einzig vernünftige Lösung aller Schwierigkeiten, männiglich zu gewinnen gesucht hatte; mit dem Unterschied, daß dieser Beschluß nicht von den »lebenslänglichen Mitgliedern der Ackerbaugesellschaft«, sondern von den »ehemaligen« lebenslänglichen Mitgliedern der Deutschen Ackerbaugesellschaft gefaßt wird. Diese wichtige Änderung wurde einstimmig angenommen, nachdem der streitbare, aber biedere Pabst, der heftig protestieren wollte, unter der Wucht der sieben andern Stimmen zusammengebrochen war. Grollend, wie ein verziehendes Gewitter, schloß er sich uns an, denn es war Zeit, in den neueröffneten »Palmengarten« zu gehen, wo sich bei den Klängen der »Götterdämmerung« die letzten Dissonanzen des Tages lösten. Das war, nach Pabst, die letzte Versammlung der Deutschen Ackerbaugesellschaft. Vergnügt, fürchte ich, wird die D. L. G. die etwas fossilen Überreste und die noch ganz brauchbaren 22 000 Mark der guten Alten in die Tasche stecken, und hoffentlich zum Nutzen aller neu beleben. 37. Bonn, den 15. September 1885. Es ist zweifellos jetzt nur noch eine Frage der Zeit, die »unmöglichen« 2500 zusammenzubringen. Heute fehlen noch genau hundert, wenn mir niemand stirbt oder rückfällig wird. Beides kommt leider gelegentlich vor, und die wunderlichsten Gründe müssen das letztere entschuldigen. Gestern traten drei aus, weil sie von Herrn Dr. Pietrusky, der das Leben in Pommern unmöglich mache, gegen ihren Willen angemeldet worden seien, ein andrer vor einer Woche, weil er geglaubt habe, die D. L. G. sei eine Wohltätigkeitsanstalt. In Wahrheit steckt gewöhnlich das drohende Gespenst der zwanzig Mark des Jahresbeitrags hinter diesen Austritten, und ich gebe zu, es ist eine starke Zumutung, zwanzig Mark jährlich für das bloße Versprechen künftiger Großtaten zu zahlen. Je mehr ich jedoch vom Vereinsleben in Deutschland sehe, um so mehr überzeuge ich mich, daß wir einen hohen Beitrag schon aus psychologischen Gründen festhalten müssen. Wenn die Leute zwei, drei, da und dort fünf Mark jährlich bezahlen, kümmern sie sich um ihre Vereine nicht. Wenn es sich dagegen um eine Summe handelt, die sie ein wenig fühlen, werden sie fragen, was aus ihrem Geld geworden ist, werden darauf sehen, daß gearbeitet wird, und werden mitarbeiten. Gewöhnlich bezahlt man die Leute, damit sie arbeiten. Falsch! Sie müssen bezahlen, dann dürfen und werden sie arbeiten. Bis jetzt scheint sich dieser etwas ungewöhnliche Grundsatz zu bewähren. Eine Anzahl unsrer Mitglieder ist sichtlich voller Eifer und stampft vor Ungeduld, wie Rennpferde vor dem Start. Die Vorschläge, mit denen ich überschüttet werde, sind beängstigend nach Art und Zahl; und alle wollen wissen, was aus ihren zwanzig Mark werden soll. So wollte ich sie haben! Dagegen fehlt es auch nicht an ehrlichen und unehrlichen Bedenken, an offenem und geheimem Widerstand. Da ist noch immer meine Person, die Anstoß und Ärgernis erregt. »Wer ist eigentlich dieser Eyth?« fragte ein Göttinger Professor kürzlich wieder unsern Freund Rimpau. »Der Mann muß doch irgendwelche Absichten haben. Ist er nicht doch am Ende ein heimlicher englischer Agent für wer weiß was? Es steckt etwas dahinter, das kann jedes Kind sehen. Aber was?« Die Düngerabteilung macht auch mir Sorge. Mein guter Freund Schultz ist nicht zu bändigen und verhaut sich da und dort gewaltig. Die Phosphatverträge namentlich erregen den heftigsten Widerspruch. Sie konnten nicht so gestaltet werden, daß, wie beim Kainitvertrag, jedermann seinen Nutzen dabei hat. Daß aber dieser Nutzen den Mitgliedern der D. L. G. zufällt, ist den Millionen, die noch nicht Mitglieder sind, ein Dorn im Auge. Anderseits sind Tausende, auf deren Beteiligung an der Gesellschaft ich, wenn auch in ferner Zukunft, rechne, nicht anders zu bewegen, als wenn sie greifbare, sofort in Mark und Pfennig auszudrückende Vorteile sehen. Und dabei wird mir zugemutet, Ideale hochzuhalten, über die jeder hinter meinem Rücken spottet; ich mit. Nein, den Boden unter den Füßen sollen sie mir nicht wegschwatzen! Das schlimmste ist, daß nach guter deutscher Art vorläufig das Streiten auch innerhalb der Kainitabteilung kein Ende nehmen will und das dreieckige Duell zwischen Schultz, Grahl und Beck wieder in vollem Gang ist; Schultz mit seinem blinden Eifer, Beck mit einer immer krankhafter werdenden Nervosität, Grahl, nach seiner Gegner Behauptung, mit selbstsüchtigen Hintergedanken, die ganz andre Ziele verfolgen. Dabei müssen alle Kugeln, die sie austauschen, um die Ecke über Bonn laufen. Es ist ein Glück, daß das Geschäft, das unser Kainitvertrag eingeleitet hat, über Erwarten gut geht. Das hält das wunderliche Dreigespann noch immer zusammen. Kannst du dich wundern, wenn ich wieder einmal das ganze Chaos einer entstehenden kleinen Welt vorige Woche plötzlich in einen Winkel warf und mit einem jungen Studenten, dazu mit einem Engländer, ins Moseltal lief? 38. Bonn, den 30. September 1885 2500! – Die Zahl ist voll; das Ziel ist erreicht! Nicht innerhalb zweier Jahre, wie ich es im stillen mit mir selbst verabredet hatte, sondern vom 14. Mai 1884 an gerechnet, in sechzehn Monaten und vierzehn Tagen. Genauigkeit wird zur Pflicht, wenn man etwas ungewöhnlich Angenehmes festzustellen hat. Ich glaubte Dich schon am Schluß der vorigen Woche mit dieser Siegeskunde erfreuen zu können, allein trotz einer Versammlung in Magdeburg fehlten noch zwei Mann. Eigentlich war schon acht Tage früher die mystische Zahl überschritten. Infolge der höflichen Aufforderung an etwa fünfhundert säumige Zahler, sich ihres Beitritts zu erinnern, sind jedoch dreiundzwanzig rückfällig geworden. Die Lücke mußte ausgefüllt werden, und es ging dies mit einer langsamen Zähigkeit, die wie ein schlechter Witz des Schicksals aussah. Nun aber kann ich getrost Stadtbeleuchtung und Trompetermusik bestellen, ohne meinen gewissenhaften Schatzmeister in Berlin mit Entsetzen zu erfüllen. Dem Telegraphenamt habe ich schon Beträchtliches zu verdienen gegeben, und feurige Glückwunschschreiben fangen an, einzutreffen. Nur aus dem ersten, das aus der keineswegs überschwenglichen Provinz Westfalen stammt, will ich Dir ein paar Zeilen mitteilen und ein Briefchen danebenstellen, das gleichzeitig eintraf. Der Mann aus Westfalen schreibt: »Ich freue mich mit Ihnen über das volle Gelingen Ihres Werks. Das erreichte Ziel bedeutet mir ein merkwürdiges, hocherfreuliches Ereignis nicht nur für unsre vaterländische Landwirtschaft, sondern auch für unsre ganze materielle Entwicklung. Ein schöner Traum, den wir im Frühling von Deutschlands Jünglingsalter träumten, will sich verwirklichen. Die Form steht. Gebe der starke Gott, dessen Odem in Deutschlands Eichen braust, daß uns auch dieser Guß gelinge; eine zweite Kaiserglocke, die nur den einen vollen Ton gibt: Fürs Vaterland!« Und der aus Posen sagt: »Euer Wohlgeboren zeige ich hierdurch ergebenst an, daß ich meine Beitrittserklärung hiermit zurückziehe. Ich vermisse in den Zielen der Gesellschaft das Bestreben, die tiefgedrückte Landwirtschaft nach allen Seiten und mit allen Mitteln zu unterstützen. Düngemittel aus andern Provinzen nach hier zu beziehen, kann mich nicht befriedigen. Hochachtend – Z.« – Hast Du genug? Ich hab's beinahe. Aber es wird Ernst; keine Frage, es wird Ernst. Kiepert schreibt mir aus Berlin: Mit der Form wären wir nun nach Ihrem Plan so viel als im reinen. Alles hängt jetzt an der Personenfrage, überlegen Sie doch noch einmal recht sorgfältig, wie Sie am besten Ihre Stellung zur Gesellschaft ordnen können. Sie haben das Kind ins Leben gerufen und ihm den Namen gegeben. Sie müssen an seiner Erziehung weiterarbeiten; kein andrer. Ich habe hierüber schon viele Besprechungen geführt und meine Meinung immer bestätigt gefunden. Deshalb mit vollem Herzen und rüstiger Frische: Glück auf zum fröhlichen Werk! Noch nie bin ich so nachdenklich in Bonn umhergelaufen wie in den letzten Tagen. Bis nach der Waldeinsamkeit von Heisterbach trieben mich die miteinander ringenden Gedanken. Kiepert hat recht, das fühle ich klar genug. Das heißt aber zwei, drei weitere Jahre opfern und zwar nicht mehr mit dem behaglichen Hintergedanken, daß es sich um ein interessantes Experiment handle, bei dem die befriedigte Neugier als vollwertiges Entgelt angesehen werden konnte. Jetzt handelt es sich um Taten, deren Gelingen oder Mißlingen ins Fleisch schneidet. Auch ist dabei nicht mehr von der halben Zeit die Rede, wie ich das liebliche Phantasiegebilde ursprünglich ausgemalt hatte. Dieser Gedanke liegt allerdings schon seit zwanzig Monaten als völlig unbrauchbar im Winkel. Anderseits hat die Sache eine Gestalt angenommen, die das Opfer einer Manneskraft verdient. Sollte ich, wie so viele, nur zum Spielen tauglich sein? Sollte auch ich mich bei dem verwerflichen »Anregen« beruhigen, gegen das ich, wer weiß wie oft, Gift und Galle gespien habe? Wäre es nicht an der Zeit, nachdem ich am fröhlichen Rhein zwei Jahre lang meiner »Muße«, allerdings in etwas ungewöhnlicher Weise gefrönt habe, die Zähne zusammenzubeißen, die Ärmel aufzustülpen und an die Arbeit zu gehen? Aber dann Berlin; die Millionenstadt mit ihrem ertötenden Menschengewühl, mit ihrem flachen, sandigen Hintergrund, mit der größeren Entfernung von meinen Schwaben, und auch von Dir! Je näher mir der Gedanke rückt, um so weniger will er mir behagen. Und doch ist es zweifellos unmöglich, die Sache, wie sie jetzt steht, von Bonn aus weiterzuführen. Die Saugkraft der Reichshauptstadt droht sie und auch mich zu verschlingen. Oder richtiger gesagt, damit sie die Sache nicht verschlinge, ist es nicht meine Aufgabe, mich dort, an Ort und Stelle, dagegen zu stemmen? – Es muß wohl sein. – So weit kam ich, im Wald hinter Heisterbach. Dann, förmlich müde vom Sinnen und Überlegen, warf ich mich ins Gras und zwang mich, an andres zu denken. »Schling nochmals deine Bogen um mich, du grünes Zelt!« Vierter Abschnitt. 1885 – 1886 Bonn und Berlin. Gründung der D.L.G. 39. Bonn, den 28. Oktober 1885. Die Flut der Glückwünsche hat sich verlaufen. Von Zeit zu Zeit trifft noch ein Nachzügler ein und beginnt, nach vorausgeschickter Entschuldigung, das mir jetzt fast allzu bekannte Sprüchlein. Ich packe alle in einen Bündel, den Du mit der nächsten Post erhältst; denn ich weiß, es wird Dich freuen, sie trotz ihrer Einförmigkeit durchzublättern. Auch hast Du das Bündelchen wohl verdient, denn es hat Dir manchmal mehr Sorge gemacht als mir. Der nahezu längste und wärmste Brief ist vom Fürsten von Hohenlohe-Langenburg. Sie haben dort oben im Süden aus ururalter Zeit eben doch noch ein Herz für alles, was unser altes deutsches Vaterland zu umfassen strebt, Partikularismus hin, Partikularismus her! Zu den Glückwunschschreiben dieser Tage rechne ich zwei, die Du in dem Paket nicht findest. Das eine ist die Beitrittserklärung des Grafen Mirbach, den man gemeinhin als den Typus des schärfsten Agrariers ansieht. Wenn das am grünsten Holze geschieht, braucht uns das dürre keine Sorge mehr zu machen, o Kongreß Deutscher Landwirte! – Das andre ist das erste amtliche Schreiben, aus dem preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten. Der Minister fragt an, ob wir geneigt wären, eine Kommission auf eine Ausstellung in Buenos Aires zu schicken. Wir sind nicht geneigt. Seine Exzellenz erwartete wohl auch nichts andres, denn wir sind ja noch kaum fähig, auf dem heimischen Boden zu stehen. Daß wir aber begonnen haben, eine Stellung in der Welt einzunehmen, die ein solches Schreiben möglich macht, überrascht uns angenehm. Ein Wunder ist es nicht, daß wir uns fühlen. 2655 Mitglieder und 54 000 Mark auf der Reichsbank – welcher landwirtschaftliche Verein sah seiner Gründung auf einem solchen Fundament entgegen? Naturgemäß treiben wir jetzt rasch dem Ende des Anfangs zu. Es war in der letzten Zeit oft schwierig genug, ihn programmgemäß zurückzuhalten. Die Erfolge der Düngerabteilung regte andre in bedenklicher Weise an und auf. Ein Rittergutsbesitzer Bierling in Sachsen schwärmt für eine Saatgutabteilung, welche dafür sorgen soll, den deutschen Landwirten richtiges und reines Saatgut zuzuführen. Solches Drängen beweist, daß Leben in der jungen Schöpfung ist und daß unsre Mitglieder gierig sind, die Hand an den Pflug zu legen. Ich selbst verstehe von diesen Dingen nahezu nichts. Die Bewegung geht unmittelbar aus der Masse hervor, welche die Maschinerie, soweit ich sie geschaffen habe, gebrauchen möchte, um ihr und der deutschen Landwirtschaft Korn zu mahlen. Das ist's, was ich wollte, und darin sehe ich für mich den nicht unerwünschten Anfang des Endes. Mitte November sollen entscheidende und arbeitsvolle Sitzungen in Berlin abgehalten werden, in denen der Geschäftsgang der Gesellschaft für die nächsten Jahre festgestellt werden muß. Vermutlich kann dann im Dezember die eigentliche Gründung der D.L.G. ohne weiteres Verhandeln und Streiten vorgenommen werden. Daran liegt mir viel. Wir sind zum Arbeiten zusammengetreten und müssen uns so rasch als möglich abgewöhnen, in pomphaften Wortgefechten den Zweck des Unternehmens zu sehen. Ich weiß, es geht dies vielen unsrer besten Freunde gegen den Strich. Diese Wortgefechte sind eine so hübsche Gelegenheit, kleine Eitelkeiten zu befriedigen, kleine Gehässigkeiten spielen zu lassen. Sie sind zur Gewohnheit, die Gewohnheit zur Krankheit geworden und verzehren eine Unsumme nützlicher Kraft. Ich halte es für meine erste Aufgabe, diesem Übel mit List und Gewalt entgegenzutreten. Namentlich mit List, denn es geht nicht an, einen Kranken in brüsker Weise auf seine Lieblingsleiden aufmerksam zu machen, ohne Nervenzustände hervorzurufen. Mein persönliches Arbeitsziel bleibt vorläufig, regelmäßige, allgemeine deutsche Wanderausstellungen ins Leben zu rufen. Im ersten Jahr sind wir zweifellos noch nicht in der Lage, das Wagnis zu unternehmen, denn es handelt sich hierbei um eine Auslage von mindestens 200 000 Mark, die in fünf Tagen wieder eingebracht werden müssen. Schickt uns der Himmel ein paar Regentage in die Ausstellungswoche, so liegt die D.L.G., die harte Arbeit von drei Jahren, hilflos am Boden. In dieser Weise alles auf einen Wurf zu setzen, ist nicht vernünftig. Ich habe deshalb im Sinn, im ersten Jahr nur eine Wanderversammlung vorzuschlagen, nach der sich die älteren Herren sehnen, wie nach den Tagen ihrer Jugend. Schön; sie sollen sich wieder einmal ausschwatzen. Alle, mit denen ich hierüber Briefe gewechselt habe, sind begeistert für den Gedanken. Herr von Oehlschlägel in Sachsen ist es doppelt, seitdem ich Dresden für diesen ersten Versuch der Wiederbelebung der alten Einrichtung vorschlage. So gewinnen wir ein weiteres Jahr der Schonzeit, wachsen an Weisheit, Zahl und Geld, und können und müssen dann den Sprung wagen. Berlin natürlich würde der »Sitz« der Gesellschaft. Dies geht nicht anders, weil nirgends wie dort Leute zusammenströmen, die man braucht. Deshalb – denn die Nathusiussche Angst vor dem Verberlinisieren steckt auch mir in allen Gliedern – deshalb muß die erste Ausstellung so weit als möglich von Berlin entfernt stattfinden. Schon seit Monaten denke ich an Frankfurt a. M. und habe mich verstohlen umgesehen, ob und wo wir dort einen geeigneten Platz finden könnten. Gefunden habe ich zwar noch nichts, aber wo ein Wille ist, ist ein Weg, und zur Not auch ein Platz. Vorläufig gilt es, diese Gedanken vorsichtig als anfechtbare Anregungen unter die Leute zu bringen, so daß bei ihnen das Gefühl entsteht, alles selbst erfunden zu haben. Etwas habe ich während meines Bonner Aufenthalts doch schon gelernt: Diplomatie, wie sie der Deutsche verlangt. In seiner Weise behandelt, bringt man ihn leicht dazu, zu tun, was man will. Du mußt ihm dies nicht verargen. Es war so zu allen Zeiten und nicht bloß bei unsern Landsleuten. 40. Bonn, den 25. November 1885. Eine üble Gewohnheit neuerdings, meine Briefe mit einem Trompetenstoß zu beginnen! Aber nur Geduld, es wird schon wieder anders kommen. Diesmal aber mußt Du mich noch einmal mit vollen Backen blasen lassen. Bismarck, der große Bismarck ist Mitglied der D. L. G. geworden! Schon vor zwei Monaten wurde der Versuch gemacht, ihn für die Sache zu gewinnen. Geheimrat Dünkelberg kennt sein land- und forstwirtschaftliches Faktotum, Lange, und setzte diesen in Bewegung. Darauf kam die Antwort, daß der Fürst grundsätzlich keinem Verein beitrete, um in der Vereinsmeierei des großen Vaterlands, das wir ihm verdanken, nicht ersticken zu müssen. Und nun erhalte ich aus vorläufig unerklärlichen Ursachen ein kurzes Schreiben von Graf Rantzau, daß Seine Durchlaucht hiermit seinen Beitritt erkläre. Es ist dies natürlich nur eine Formsache – mitarbeiten wird Seine Durchlaucht schwerlich –, allein eine Form, auf die auch der stolzeste Verein stolz sein dürfte; und das sind wir doch noch nicht, unmittelbar vor unsrer Geburt. Diese aber bereitet sich jetzt mit Macht vor. Die Novembersitzungen liegen hinter uns und haben alles Vorgesehene und nichts Unvorhergesehenes gebracht. Die letzten Änderungen meines Verfassungsentwurfs, die sich vornehmlich auf meine Stellung zur Gesellschaft bezogen, erfand Kiepert, und schließlich war das Ganze so vorbereitet und eingepaukt, daß es ohne irgendwelche Für- und Gegenrede vom Ausschuß angenommen wurde und voraussichtlich am 11. Dezember, dem kommenden feierlichen Gründungstag, von der Generalversammlung bestätigt werden wird. In diesen Bestimmungen, mit deren Einzelheiten ich Dich verschone, ist nahezu alles geblieben, wie ich sie mir ausgedacht hatte. Nur ich bin, wie sich bald zeigen wird, mehr Diktator geworden, als mir lieb ist, obgleich der Diktatur eine möglichst zurückhaltende Form gegeben wurde. »Geschäftsführendes Mitglied des Direktoriums« klingt wenigstens nicht anmaßend. Dies muß festgehalten werden, solange ich mit der Sache zu tun habe, wenn das Ziel erreicht werden soll, das mir vorschwebt. Weit besser noch wäre es, wenn ich nach Landessitte » Geheimes geschäftsführendes Mitglied des Direktoriums« sein könnte. Du siehst, auch ich fange an, in rollenden Titeln zu schwelgen und am »Geheimen« meine heimliche Freude zu finden. Zum Schluß dieser Auseinandersetzungen aber verzeihe mir die Langeweile, die sie Dir gemacht haben. Einmal mußte ich Dich damit quälen. Wüßtest Du, wieviel hundertmal ich sie im Kopf hin und her gewälzt habe! Ungefähr drei Tage lang hatte ich dem Sturm von Glückwünschen zu trotzen, die sich nach meiner Ankunft in Berlin erneuten. Niemand, war der vielen Reden kurzer Sinn, hätte vor einem Jahr geglaubt, daß ein solcher Erfolg möglich sei. Noch nie seien in Deutschland so viele deutsche Landwirte unter einen deutschen Hut gebracht worden. Wenn ich das alles kühl ansehe, wie ich es kühl anhörte, so wird mir etwas bang. Es zeigt die ganze Trostlosigkeit unsrer Verhältnisse. Wie soll das weitergehen, wenn die Leute schon jetzt, ehe die Fundamente lose aufgeschüttet sind, sich über sich selbst wundern, als hätten sie einen Prachttempel errichtet. Die einzige Gruppe, in der etwas sachlich Nennenswertes fertig gebracht wurde, ist die Düngerabteilung. In dieser aber haben die drei Hauptpersonen, Schultz, Beck und Grahl, solche Händel, daß es meines ganzen milden Scharfsinns bedarf, Mord und Totschlag zu verhindern. Kaum war ich in Berlin angekommen, so stand Beck vor meiner Tür und erklärte, mit den andern zwei Herren sei es unmöglich, weiterzuarbeiten. Dieselben seien der Ruin nicht bloß der Sache, sondern ganz Deutschlands. Gleich darauf kam ein Telegramm von Schultz-Lupitz: sobald er in Berlin eintreffe, müsse er mich dringend sprechen. Er sprach mich denn auch dringend, nach einem heißen Tag, von halb neun bis Mitternacht und erklärte, daß Beck zweifellos verrückt sei und Grahl jede Gelegenheit benutze, die D.L.G. zu Fall zu bringen. Grahl denkt über die beiden andern nicht um ein Haar besser, und das ist die erste Kommission, die wir für praktische Zwecke nach dem Grundsatz: »viribus unitis« und »Eintracht macht stark« gebildet haben. Was man von mir denkt, sagte mir Thiel gelegentlich beim Nachhausegehen nach einer langen Geheimsitzung, in der wir die Liste der achtzig Ausschußmitglieder festgestellt hatten, für die ich Vorschläge durch eine Umfrage in den zwölf Gauen zusammengebracht hatte. Wir waren beide gründlich erschöpft, und fast wehmütig meinte er: »Sehen Sie jetzt, wie es bei uns steht? Welch behagliches Leben könnten Sie führen, wenn Sie vernünftig wären.« In der entscheidenden Sitzung am Schluß der Woche wurde Grundgesetz und Geschäftsordnung noch einmal gründlich durchgenommen. Zur sichtlichen Genugtuung aller versprach ich, die Leitung der Geschäfte nach dem vorgeschlagenen Entwurf auf zwei Jahre zu übernehmen. Der Plan, versicherte mir jedermann, könne ja jederzeit und in jeder mir passenden Weise abgeändert werden. Ich hatte mich in meinem eignen Netz dermaßen gefangen, daß mir nichts übrigblieb, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. War es doch eigentlich kein böses Spiel. Zum Schluß wurden sieben weitere Sonderausschüsse gebildet: für Saatgut, für Ackerbau, für Tierzucht, für Maschinenwesen, für Landeskultur, für die erste Wanderversammlung und für die erste Ausstellung. Wenn es jetzt nicht mit den Taten losgeht, ist uns nicht mehr zu helfen. – Nach all dem saß ich halb betäubt noch ein paar Stunden lang mit Geheimrat Settegast zusammen, einem Sprachkünstler erster Klasse, um alle Fremdwörter aus unsrer Geschäftsordnung auszujäten. Dann stieg ich in meinen Kölner Nachtzug, innerlich und äußerlich »fertig«. Übrigens noch nicht ganz. Denn gegen Mitternacht, im rhythmischen Rasseln der Räder, packte es mich wieder einmal in alter Weise, so daß ich im Morgengrauen des folgenden Tags mit einem Festgedicht in Bonn ankam. Wenn ich Galgenhumor genug finde, es am 11. Dezember aus der Rocktasche zu ziehen, bekommst auch Du es zu lesen. Noch etwas Nebensächliches aus Berlin, als Beweis, daß auch dort nicht alles in Grundgesetz und Geschäftsordnung unterging. Schon vor mehreren Monaten hatte ein mir völlig unbekannter Herr Hensel geschrieben, daß er und seine Familie mein Wanderbuch gelesen haben und sie dringend wünschten, mich kennen zu lernen. Er sei der Sohn von Fanny Hensel, der Lieblingsschwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy, und der Vater eines Buchs: Die Familie Mendelssohn, das ich vielleicht kenne. Hierin täuschte er sich; ich aber lief schleunigst in meine Buchhandlung und kenne es jetzt. Er habe das Unglück, Direktor einer Berliner Ballgesellschaft zu sein. Ich möchte ihn doch besuchen. Ähnliche Briefe wiederholten sich, bis ich zwischen den Zeilen die Bibelstelle herauszuhören glaubte: Ich bin gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besucht. Überdies zog die »Familie Mendelssohn« fühlbar. So besuchte ich ihn diesmal in seinem Bureau in der Mohrenstraße, und fand einen liebenswürdigen, in geistreichen Sprüngchen sich fast überstürzenden Herrn, der mich sofort nach Westend schleppen und den Seinen vorstellen wollte. Das ging nun nicht ohne weiteres, macht sich aber vielleicht später. Jedenfalls ist mir Berlin jetzt nicht mehr eine wildfremde Stadt, die mich noch vor einem Jahr anstarrte wie eine Zusammensetzung von Kalkutta, Tobolsk und Chikago. Man wird wohl auch hier leben können, wenn man muß. 41. Bonn, den 20. Dezember 1885. Der letzten vierzehn Tage Qual war groß. Sie loben mich zwar überall mit Inbrunst, aber was hilft dies, wenn sie mich zugleich erdrücken. Doch mußt Du Dir aus solchen Stoßseufzern nichts machen. Sie verwehen und vergehen. – – So weit kam ich vor genau zwei Wochen. Nun liegt Berlin abermals hinter mir, und ich kann in behaglichem Gefühl der Erschöpfung erzählen, was sie gebracht haben. Der große Tag selbst, der 11. Dezember, war natürlich nichts weiter als eine Parade, für die alles so vorbereitet war, daß ein Entgleisen kaum mehr zu befürchten war. Die Vorbereitungen aber hatten mir den Kopf gehörig warm gemacht. Es wäre töricht, Dich mit Einzelheiten unterhalten zu wollen, deren dramatische Spannung nur der fühlt, dessen Jahresarbeit an ihrem Gelingen hängt. Ein paar Punkte jedoch will ich herausgreifen, die vielleicht einen Begriff von dem ineinandergreifenden Getriebe geben, das mich seit Monaten nicht mehr losläßt. Da war zunächst die Präsidentenfrage. Der stets liebenswürdige, aber auch stets abwesende Präsident des Provisoriums, Graf Stolberg-Wernigerode, der einzige, der uns nach mehrfachen vorsichtigen Anfragen übrigblieb, hatte auf zwei meiner Briefe ebenfalls ablehnend geantwortet. Er fühlte wohl, daß selbst eine bloße Repräsentationsfigur doch manchmal repräsentieren sollte. Vorläufig aber war eben die D.L.G. in hohen Kreisen ein bloßer Name; da und dort glaubte man doch immer, daß sie irgendwelchen politischen Hintergrund haben müsse, und so fand es Graf Stolberg-Wernigerode zweifellos bequemer, eine einmalige höfliche Absage, als gelegentliche Entschuldigungen schreiben zu lassen. Schließlich setzte ich alle irgend erreichbaren Hebel in Bewegung und erhielt einige Tage vor der entscheidenden Sitzung in liebenswürdigster Form – das verstehen die Herren meisterhaft – die Nachricht, daß Seine Erlaucht eine Wahl annehmen würde. Ein zweiter kleiner Sturm raschelte im dürren Laub einer andern Gegend. Schon in früheren Sitzungen hatte die Frage zu scharfen Meinungsverschiedenheiten geführt: ob die Gesellschaft eine Zeitschrift oder ein Jahrbuch herausgeben solle. Ich hielt eine Zeitschrift für das unnötigste Unternehmen der Welt, in einem Lande, in dem Hunderte von landwirtschaftlichen Blättern und Blättchen sich allwöchentlich gegenseitig die wenigen originalen Gedanken und Mitteilungen mit der Schere abschneiden, eine beträchtliche Anzahl großer Zeitungen jedem vernünftigen Aufsatz ihre Spalten öffnen, und der einzige Fehler der ist, daß es an einem lesenden landwirtschaftlichen Publikum fehlt. Die Vielschreiber unter uns stellten sich jedoch förmlich entsetzt über diese Ketzerei, ließen Flugblätter kreisen, um die gefährdete Zeitschrift zu retten, und schrieben mir bittende, mahnende, zürnende Briefe. Ich war offenbar wieder im Begriff, etwas durchaus Undeutsches durchsetzen zu wollen. Mein: »Taten, keine Tinte!« schien dem Unterliegen nahe. Doch waren die mir näher Stehenden gewonnen, und als einer der Gegenpartei, sichtlich im Gefühl, den verlockendsten Vorschlag zu machen, mir die Redaktion der künftigen Zeitschrift anbot, heuchelte ich eine so grimmige Entrüstung, daß selbst die Schwankenden auf ihren Lieblingswunsch verzichteten. Es bleibt beim Jahrbuch und zwanglosen »Mitteilungen«, die von nichts erzählen dürfen als von den eignen Arbeiten der D.L.G. Ernstere Kämpfe veranlaßten immer wieder die inneren Verhältnisse der Düngerabteilung. Zwei Tage vor unsrer Hauptversammlung kam es zu dem nicht mehr zu vermeidenden Bruch. Das Zusammengehen mit Beck wurde feierlich gelöst, und der arme Kerl, der zweifellos der Urheber des sogenannten »gemeinsamen Bezugs« gewesen war, und an den sich ursprünglich Schultz-Lupitz angelehnt hatte, hiermit kaltgestellt. So sehr mir dies leid tut, sah doch auch ich keinen andern Ausweg. Beck hat seine Stellung gründlich verkannt und sich in diese falsche Auffassung mit der Leidenschaftlichkeit eines halbkranken Mannes hineingearbeitet, so daß man nur mit beständiger Rücksichtnahme auf seinen Zustand mit ihm verkehren konnte. Er geht jetzt mit dem Gedanken um, der undankbaren Welt Lebewohl zu sagen und auf einem einsamen Heidegut in Mecklenburg selbst Kainit zu verzehren. Ich glaube, es ist das einzige Mittel, den Mann körperlich und geistig zu retten. Einen wunderlichen Zwischenfall brachte unsre Hauptversammlung, trotz der gerühmten sorgfältigen Vorbereitungen, der mich anfänglich erschreckte und doch schließlich von Nutzen sein kann. Die Liste der Ausschußmitglieder, für die ich aus jedem Gau Namen geeigneter Männer erbeten hatte, war von Ostpreußen besonders spärlich ausgestattet worden. Unter den Vorgeschlagenen befand sich ein Gutsbesitzer Rickert-Carlikau, der von niemand beanstandet worden war. Auch in der Hauptversammlung wurde die Liste anstandslos angenommen. Zehn Minuten später aber kamen schon drei Herren zu mir auf das Podium und flüsterten fast schreckensbleich: »Wissen Sie, was wir soeben gemacht haben? Wir haben den Rickert, den freisinnigen Politiker, in unsern Ausschuß gewählt! Donnerwetter, was fangen wir jetzt an?« Es war tatsächlich nichts anzufangen. Die Wahl war vorüber. Rickert öffentlich auszumerzen hätte vielleicht einen Höllenlärm hervorgerufen, denn auch er hatte zweifellos seine Freunde unter uns. »Was wird unser neues Mitglied Bismarck denken?« fragte der eine. »Guter Gott, was wird mein Freund Mirbach machen,« seufzte ein andrer, »wenn er merkt, daß er mit Rickert an einem Tisch sitzt?« »Nur kühl und keinen Lärm,« bemerkte ein dritter, »das werden wir ja sehen. Neugierig bin ich, was Rickert selbst machen wird. Einer unsrer großen Politiker in dieser unpolitischen Umgebung! Einfach großartig! Sie sind ein Vokativus, Herr Eyth!« Was ein Vokativus in diesem Zusammenhang ist, weiß ich selbst noch nicht, dagegen schon heute, was Rickert zu machen gedenkt. Gestern erhielt ich auf meine Mitteilung der erfolgten Wahl seine Antwort: er nehme die Wahl an und sei stolz darauf, mit uns zu pflügen und Vieh zu züchten, soweit ihm dies seine etwas beschränkte Zeit gestatte. Das Beste aber schrieb mir Herr von Below-Saleske, ein Ostelbier pur sang und waschechter Agrarier. Wenn ich könnte, würde ich seinen Brief an unsre Flaggenstange nageln und ihn mit ihr aufpflanzen lassen, wo immer wir unsre wandernden Zelte aufschlagen werden. Er sagt: »Bange machen gilt nicht. Wir heißen daher Herrn Rickert willkommen als praktischen Landwirt und werden mit ihm um die Wette arbeiten, um unserm Gewerbe dienstbar zu sein. Ich halte es nicht für geboten, selbst einen Rickert ›hinauszugraulen‹. Wir nehmen an, daß er sich der Pflicht bewußt bleibt, in unsrer Mitte keine Politik zu treiben, selbst nicht dadurch, daß er auf eine Zusammensetzung der leitenden Organe der Gesellschaft hinwirkt, die irgendeiner politischen Färbung das Übergewicht gibt. Wir werden sorgfältig darüber wachen, daß unter uns politische Gegensätze nicht zur Geltung kommen. Weder Groß- noch Kleinbesitz, weder adlig noch bürgerlich, weder konservativ noch liberal dürfen je unsern Organen ein Vorrecht aufdrücken. Daher ist mir die Spezies Rickert ganz genehm. Wir wollen zeigen, daß neben berechtigten politischen Gegensätzen die Erde des deutschen Landwirts gemeinsam gepflügt, geschützt und geliebt wird. Glück auf zum neuen Jahr!« Wenn sie einmal alle so weit wären, meine 2866 von heute und die Tausende, die ihnen folgen müssen! Aber wir sind auf dem Weg, und das neue Jahr wird vielleicht manches Alte abstreifen. Weiteres von der Hauptversammlung geben Dir die stenographischen Berichte, die niemand liest, der seine eignen Reden nicht noch einmal genießen will. Das »begeisterte« Hurra auf den Kaiser, die »warmen« Begrüßungen, die langweiligen, aber notwendigen geschäftlichen Erörterungen, Wahlen, Kassenberichte und Paradevorträge. Dann das Festessen, die offiziellen Hochs, die leichten und schweren Weine, die glühende Luft und das Gefühl allgemeiner Verbrüderung, das meinen lieben Freund Kiepert mit unfehlbarer Sicherheit selig macht. Ja – und mein Festgedicht. Es war nicht übel für eine Eisenbahnnacht zwischen Köln und Berlin und erträglich genug, in Weintunke. Selbst bei Tag, im Trockenen genossen, lassen sich ein paar herausgerissene Verse ertragen, hoffe ich: Sein oder nicht sein – begann ich –, das war die gewagte Uralte Frage, die uns täglich nah. Fast wie man einst das Eichenrauschen fragte, So fragten wir, und unser Gott sprach: ja! Gegründet ist's! Als Lohn für unser Wagen Liegt heute Stein an Stein, dreitausend fast. Gegründet ist es und bereit zu tragen Der künftigen Jahrzehnte schwere Last. Die Zeit ist ernst. Man spürt's wie Hagelschauer; Aus Ost und Westen zieht es schwarz heran. Und düster folgt der treue, deutsche Bauer Der alten Furche, hinter dem Gespann. Gewehr im Arm, sobald sich Trommeln rühren, Stehst du wie eine Mauer, stolz und stramm; Du weißt das Schwert so meisterlich zu führen, Willst du den Pflug verlassen, deutscher Stamm? —   —   —   —   —   —   —   —   —   — Gegründet ist's! Geduld, es wird wohl steigen, Ein wackrer Bau, der Heimat Schutz und Wehr. Von seinen Zinnen wollen wir uns zeigen Der bessern Zeiten frohe Wiederkehr. Geboren ist's! Der Junge ist geboren! Er kostete manch kleines Stoßgebet. Fünftausend Augen hat, fünftausend Ohren Er heute schon; er hört, er sieht, er steht! So kommt heran, in frohen, hellen Haufen; Er wird Euch dienen einst, Herrn und Gesind', Geboren ist er! Auf denn, laßt uns taufen! Der Himmel segne dieses Tages Kind! Das beste an der Sache war: ich begann wie ein preisgekrönter Sekundaner mein Gedicht zu deklamieren und blieb schon im zweiten Vers stecken. Aber dies brachte mich nicht im geringsten aus der Fassung oder vielmehr aus der Betäubung. Ich zog mein Papierchen aus der Tasche, sprach feierlich: »Meine Herren! Ich habe in den letzten Wochen Gescheiteres zu tun gehabt, als Gedichte auswendig zu lernen!« und las weiter. Schultz-Lupitz sagte mir beim Nachhausegehen: das Gedicht sei nicht übel gewesen; aber die Bemerkung vom Auswendiglernen habe ihn fast zu Tränen gerührt. Schultz-Lupitz hat nämlich ein Herz, trotz seiner Kunstdüngerbegeisterung. 42. Bonn, den 18. Januar 1886. Stimmungen! Du klagst, daß ich während der kurzen Weihnachtsfeiertage in Ulm wie in gedrückter Stimmung herumgelaufen sei. Du hast recht. Auch meinst Du, daß ich hierzu wahrhaftig keinen Grund gehabt habe, wenn ich auf das verflossene Jahr zurückblicke, und Du hast wieder recht. Aber was sind Stimmungen, und wie willst Du sie bei Vernunft erhalten? Namentlich wenn uns die Wirrsale der Zeit wie eine mächtige Flutwelle wieder einmal über dem Kopf zusammenschlagen und den Atem genommen haben. Dazu geriet ich in der Stille der Ulmer Tage an den alten Salomo, der mir wie ein dreitausendjähriger Zwillingsbruder aus der Seele gesprochen hat. Das Wunderliche an unserm Pessimismus ist, daß er uns beide nicht abhält, zu tun, als ob auch er eitel Luft wäre. Ich quäle mich nach wie vor mit »viel bewundertem Eifer«, zu gründen und zu bauen und weiß doch: »das ist auch eitel«. Der alte Judenkönig umgibt sich bis zum letzten Tag seines Lebens mit Ballettmädchen aus Mesopotamien und mit Müsterchen aus Ägypten und Syrien, obgleich er »unter tausend Menschen nicht ein Weib« gefunden hatte und dies einsieht. Eine verrückte Welt; ein verrückteres Ich! Stimmungen; nichtswürdige Stimmungen! Dagegen gibt es nur ein Mittel: Mit zusammengebissenen Zähnen gegen den Strom schwimmen, in den uns das Leben geworfen hat. Taten! Wenn sie auch noch so klein und unbedeutend sein mögen, wenn sie uns nur das Gefühl geben, etwas zu schaffen und den Trost, etwas geschaffen zu haben. Das wird wohl daher kommen, daß wir alle ein Fünkchen des großen Schöpfers in uns haben, das nicht stirbt und uns keine Ruhe läßt. Stimmungen! Vielleicht war es auch eine geheime Angst vor dem, was nun kommen muß, denn die ich rief, die Geister, die werd' ich nicht mehr los. Die lustige Zeit des Experimentierens ist jetzt vorüber. Das Vergnügen der Unverantwortlichkeit hat ein Ende. Mit Hoffnungen und Versprechungen und poetischen Ausblicken ist es aus. Nun gilt es zu beweisen, daß wir nicht mit einer Seifenblase gespielt haben. Kein Wunder, daß mir zur Zeit der Jahreswende etwas bange wurde. Andre mögen lachen; mir scheint die erste Tat der D.L.G., die bei meiner Rückkehr nach Berlin vollbracht wurde, ein vielversprechendes Omen zu sein. Ich hatte nach langem Suchen und Überlegen Bureauräume in der Zimmerstraße gefunden, die allerdings eigentlich noch nicht existierten. Ein großer Neubau ist dort im Entstehen begriffen, in dem wir in Zukunft hausen werden. Mittlerweile aber müssen wir uns in dem noch nicht abgebrochenen Hinterhaus mit drei Stübchen begnügen, die der hohen Bedeutung der D.L.G. kaum entsprechen. Überdies kann ich selbst erst Ende Januar meine Wirtschaft in Bonn abbrechen. So machten wir uns auf den Weg, Siemssen, der soeben angestellte Geschäftsführer der jungen Düngerabteilung, und ich, kauften einen geräumigen Briefkasten und ließen ihn an der bescheidenen Haustüre besagten Hinterhauses aufhängen, wo er die Ankunft der ersten Briefe an die D.L.G. erwartet. Siemssen versprach, jeden Morgen nach ihm zu sehen und mir seinen Inhalt nach Bonn zu schicken. Das war die erste Tat im Namen und auf Rechnung der D.L.G. Bescheiden, nicht wahr? Aber so pflegen große Dinge anzufangen. Noch ist alles andre provisorisch, trotz der festlichen Gründung. Die erste der monatlichen Direktoriumssitzungen wurde mangels eines grünen Tisches – auch ein gutes Zeichen! – gastweise in den Räumen des Klubs der Landwirte abgehalten, wobei als Vorsitzender Ökonomierat Kiepert, als Schatzmeister der herzensgute Noodt ihres Amtes walteten, und mir als »geschäftsführendem Mitglied« die Vollmacht erteilt wurde, zu tun, was ich für gut halte. Auch wurde mir mehrfach die Mahnung zugeflüstert, vertrauensvoll und nach Möglichkeit meine Herren Kollegen mit allen Einzelheiten zu verschonen. Ich dachte an Lord Palmerston und nickte. Dieser große Staatsmann erklärte seinerzeit: Der beste Ausschuß für praktische Zwecke bestehe aus drei Herren, von denen zwei grundsätzlich den Sitzungen fernbleiben. Den folgenden Tag mußte ich persönlichen Angelegenheiten opfern, zunächst, um einen Stein zu finden, auf den ich mein Haupt niederlegen konnte. Eine Zeitungsanzeige dieses Bedürfnisses brachte vierundzwanzig Angebote wohlwollender Witwen und Waisen. Am folgenden Morgen war ich von der Qual der Wahl dermaßen erschöpft, daß ich die erste Wohnung, die mein Kutscher anfuhr – Potsdamerstraße 130, im dritten Stock –, ohne weiteres Bedenken mietete. Die Folgen muß ich meinem guten Engel überlassen und einem Fräulein Groß, einem kleinen Persönchen, die ihres Namens kaum, sonst aber meines vollen Vertrauens würdig zu sein scheint. Die Wohnung liegt fünfzehn Minuten von meinen künftigen Geschäftsräumen, zehn vom Ideal Berliner Naturgenüsse, dem Tiergarten, in einer breiten Straße, die eine Allee alter, allerdings etwas schadhafter Platanen schmückt, über deren Gipfel weg ich auf ein Stückchen des erwähnten Tiergartens sehe. Der dritte Stock, gegen den trotz oder vielleicht wegen Luft und Licht die sonderbaren Berliner ein gewisses Vorurteil zu haben scheinen, ist mir in einer großen Stadt Lebensbedürfnis. Kurz: »Es wird schon schief gehen.« Daß mein letzter Brief aus Bonn, auf einem der letzten Blätter des dahingeschiedenen »Provisoriums«, voll von Berlin ist, darfst Du als ein weiteres gutes Zeichen ansehen. Es ist nicht an der Zeit, nach rückwärts zu sehen, wenn der größere Teil unsrer Aufgabe noch vor uns liegt. Überdies ist schon alles wüst und leer um mich her. Die Abschiedsbesuche sind gemacht. Die Poppelsdorfer Akademiker haben mir zu Ehren einen Festkommers abgehalten und verschiedene »urkräftige Salamander« gerieben. Zwei feierliche Festmahle, von übereifrigen Freunden geplant, habe ich mit Erfolg hintertrieben. Ein Eisenbahnwagen ist für morgen früh bestellt, um mein bescheiden Hab und Gut aufzunehmen. Ich selbst fahre mittags auf einem kleinen Umweg über Frankfurt nach Berlin; denn es ist beschlossene Sache, daß, wenn nicht der Himmel einfällt, Frankfurt die erste Ausstellung der D.L.G. sehen wird. Es handelt sich darum, die noch ahnungslose Stadt zu veranlassen, uns aus eignem Antrieb einzuladen. Dem schönen Rheingau und der guten Stadt Bonn aber bleibe ich dankbar dafür, daß sie mir gestattet haben, hier die Wiege der D.L.G. etliche Jahre lang zu schaukeln, ohne die Geduld zu verlieren. Das machte ihr lachender Sonnenschein, ihr Rebenblut und der deutscheste aller Ströme mit seiner unerschöpflichen Poesie. An die Menschen habe ich mich nicht völlig gewöhnen können. Dazu ist der Schwabe zu schwerblütig und braucht überall Jahre, und als ich ein wenig warm zu werden begann, war es Zeit zu scheiden. Trotzdem nehme ich hundert freundliche Erinnerungen mit, die im Sand von Brandenburg nicht vertrocknen werden. Fünfter Abschnitt. 1886 Berlin und Dresden. Die erste Wanderversammlung 43. Berlin, den 27. Februar 1886. Die stürmischen Wogen beginnen sich zu glätten. Mein Schifflein schlingert und stampft wieder in regelmäßigem Takt. Das Wunderliche ist, daß ich nach all dem Schieben, Drängen und Treiben der letzten Jahre äußerlich wieder da angelangt bin, wo ich vor dieser Zeit war, und mir nun selbst ein Göpelwerk eingerichtet habe, um andrer Leute Korn zu mahlen. Woraus zu schließen, daß mir nicht zu helfen ist. Äußerlich ist besonders angenehm, daß nicht mehr, wie in Bonn, meine Geschäftsräume im eignen Hause, sondern, wie in der Leedser Zeit, etliche Straßenlängen weiter im Osten liegen. Man weiß wenigstens, wann es genug ist, und versinkt nicht mit Leib und Seele in der aufreibenden Einförmigkeit der Arbeit. Du würdest sie zwar kaum einförmig nennen, denn jede Viertelstunde führt mir eine andre Gestalt, eine andre Gruppe von Wünschen und Bestrebungen zu. Davor ist nicht einmal der Sonntagmorgen in der Potsdamerstraße sicher, so sorgfältig ich dieselbe geheimzuhalten suche, und so steil die Treppen sind, die zu meinen luftigen Höhen führen. Soeben verläßt mich ein Schäfereidirektor, der dem Auftreten nach ein Ministerium für Reichsschafzucht leiten könnte. Mit der ganzen Wucht mühsam verhaltener Energie suchte er mir ein neues Verfahren der Prämiierung von Schafen beizubringen, durch dessen sofortige Einführung die D.L.G. sicher sei, die Wohltäterin der ganzen Menschheit zu werden. Eine Hauptbeschäftigung, die ein Drittel meiner Zeit in Anspruch nimmt, besteht darin, alle erdenklichen Pläne und Projekte, die auf mich einstürmen, zur Türe hinauszubegrüßen. Hunderte, deren Gedanken über dem Chaos des öffentlichen Lebens irrlichtelieren, glauben in der neuen Gesellschaft Schutz und Schirm finden zu müssen und sind überzeugt, daß dieselbe zu keinem andern Zweck entstanden sein kann, als um ihr Universalmittel für alle Schäden der Welt anzufertigen und zu verbreiten; natürlich nicht ganz ohne Nutzen für die Erfinder selbst. Laß Dir nur ein Dutzend vorstellen, die mich in den letzten zwei Wochen beglückten. Nach dem Ersten hat die D.L.G. nichts Wichtigeres zu tun, als die Zufuhr von Schlachtvieh zum Berliner Schlachthof zu regeln. Bezeichnend ist, daß dieser Erste, der sich einstellte, ein Kind Israels war. Ein Zweiter verfolgt mich mit der energischen Forderung, unverzüglich eine großartige Lebensversicherungsgesellschaft für alles, was Boden besitzt, einzurichten, um der Verarmung künftiger Geschlechter vorzubeugen. Ein Dritter findet, daß es besser wäre, wir wären nie geboren, wenn wir nicht die Doppelwährung auf unser Banner schrieben. Ein Vierter klagt, man beklage sich allgemein, daß die D.L.G. noch immer keine wesentliche Verbesserung der Notlage der Landwirtschaft bewirkt habe. Ein Fünfter, sogar zwei Fünfte, teilen als eine Art Abordnung mit, daß die landwirtschaftlichen Konsumvereine sehr erbost seien, weil unser allzu energisches Vorgehen ihren Vereinen großen Schaden zu bringen drohe. Ein Sechster, mein Freund Schultz-Lupitz, besucht mich fast täglich, um mir die Überzeugung beizubringen, daß die Beschaffung von Stickstoff das A und O für alles sei; alles andre sei Kleinkram und Unsinn. Dasselbe denkt, als Siebenter, mein nicht minder hochgeschätzter Freund, Geheimrat Orth, vom Kalk. Die richtige Verwendung von Stickstoff, beziehungsweise Kalk, sei die eine große Aufgabe der D.L.G. Nummer Neun wünscht, daß sein Werk über englische Schafzucht von der Gesellschaft verlegt, oder wenigstens auf Gesellschaftskosten jedem Mitglied in die Hand gedrückt werde, um einen der wichtigsten Zweige der deutschen Landwirtschaft zu retten. Der Zehnte und Elfte sind einmütig der Ansicht, daß das alles nichts helfe, wenn man nicht die Amerikaner und Indier auf diplomatischem Wege verhindere, mehr Korn zu bauen als sie brauchen, oder wenigstens den Gebrauch des Dampfs auf hoher See polizeilich untersage. Der Zwölfte, ein Rittergutsbesitzer aus dem fernen Osten, ist von rührender Bescheidenheit. Er arbeite seit dreißig Jahren an der Erfindung einer Kartoffelerntemaschine, die auf Millionen von Hektaren leichten Sandbodens nicht mehr zu entbehren sei, habe sein ganzes Vermögen daran gerückt und wünsche und erwarte, daß die D.L.G. ihm und der Kartoffelerntemaschine endlich auf die Beine helfen werde. Einer derartigen Pflicht nationaler Dankbarkeit, vom Nutzen gar nicht zu sprechen, könne sich eine Gesellschaft von unsern idealen Grundsätzen unmöglich entziehen. Kaum hat mich dieser Herr verlassen, so erscheint sein Schwiegersohn als Nummer 12a und richtet die dringende, jedoch kaum nötige Bitte an mich, seinem im übrigen hochgeschätzten Schwiegervater kein Geld zu geben, da er sich samt der Kartoffelerntemaschine noch ins Irrenhaus bringen werde, wenn er aufs neue Mittel unter die Finger bekäme. Die Sache daure jetzt schon dreißig Jahre und sei der Jammer der Familie. Erst vor vier Jahren hätten sie die silberne Hochzeit der würdigen Eltern gefeiert. Da habe sich seine Schwiegermama, eine vortreffliche Frau, daran erinnert, daß schon damals, während der ganzen Hochzeitsnacht, ihr Stanislaus von nichts anderm gesprochen habe als von seiner Kartoffelerntemaschine. Es sei seitdem eher schlimmer geworden. Du siehst, an Abwechslung fehlt es mir auch während des gewöhnlichsten Verlaufs der Tage nicht. Dazwischen kommt dann eine Woche, wie eine der jüngsten, in der die erste regelrechte Gesamtausschußsitzung, und was daran hängt, abgehalten wurde. Die Beteiligung war eine unerwartet große, das Interesse, das die Versammlung an ihrem eignen Tun und Treiben zu nehmen schien, ein hocherfreuliches, das erstaunlichste aber ist, daß sich alles in Fried' und Freundschaft abwickelte. Das lag teilweise daran, daß der Verlauf bis in die kleinsten Einzelheiten vorbereitet war. Man darf einer derartigen, aus fremden Elementen zusammengesetzten Versammlung keine Frage vorlegen, ohne die gewünschte Antwort bereit zu haben; und doch darf die Antwort nicht von der Leitung, sie muß aus der Versammlung selbst kommen. – Dann scheint der Gedanke, alle zwecklosen »Resolutionen« einfach zu ersticken, bereits da und dort Wurzel zu fassen. Es wurden mir für diese Versammlung zwar noch eine ganze Anzahl dieser Spielwaren vorgeschlagen. Ich entgegnete jedesmal, wie wenn ich mir für die Erwiderung einen Kautschukstempel hätte machen lassen: »Haben Sie einen Plan, in welcher Weise wir Ihrer Anregung eine praktische Bedeutung geben können?« Die meisten ziehen dann, nach einer höflichen Verbeugung meinerseits, sinnend davon. Einige aber beginnen eifrig: Man müßte eine hohe Regierung – – Das ist der Augenblick für mich, loszubrechen: Glauben Sie, wir haben einen neuen Bettelverein gegründet? Denken Sie, ich habe den Mitgliedern bis heute 90 000 Mark abgenommen und hoffe ihnen noch sehr viel mehr abzunehmen, um Bittschriften zu schreiben? Worauf ich in sanfterer Tonart fortfahre, zu erklären, wie ich mir das künftige Wirken der D.L.G. vorstelle. Diese Herren schütteln sodann den Kopf, zumeist heftiger, als mir lieb ist, beruhigen sich aber trotzdem schließlich. Es läßt sich im Brustton begeisterter Überzeugung zu wenig gegen den unangenehmen Standpunkt sagen, den ich festhalten werde, oder – – »Was daran hängt« an diesen Gesamtausschußsitzungen, verspricht mehr zu werden als diese selbst. Eigentliche Arbeiten technischer Natur, der Zweck des Ganzen, können in größeren Versammlungen natürlich nicht gedeihen. Das muß in Sonderabteilungen geschehen, von denen zunächst sieben auf dem Papier stehen. Fast komisch, aber erfreulich ist, wenn es nicht zu weit geht, daß einige dieser Abteilungen damit beginnen, heftig zu streiten, ob diese oder jene Frage der einen oder andern angehöre. Ackerbau und Dünger liegen sich bereits lebhaft in den Haaren, denn der Ackerbau glaubt Herr des Düngers, der Dünger Herr des Ackers sein zu müssen. Damit ist für beide ein Knochen gefunden, den sie nach gut deutscher Art hin und her zerren können. Dabei nehmen die begeisterten Tiraden über das Stichwort: »Einigkeit macht stark,« kein Ende. In keinem Land der Welt habe ich in vierundzwanzig Jahren dieses Sprüchlein so oft hören müssen als hier in vierundzwanzig Monaten. Bei keinem Volk der Welt versteht man weniger diese Einigkeit zu schaffen und – ohne Zwang – zu erhalten. Ein niedliches Beispiel, das mich in den letzten Tagen näher berührte: Kaum ist der große deutsche Kolonialverein gegründet, so gründet man den Deutschen Verein für Kolonisation, angeblich, um es noch schöner zu machen, und kaum sind beide ins Leben getreten, so speien sie sich an wie Hund und Katz. Ich dürfte wohl stündlich das Entstehen einer zweiten D.L.G. erwarten, wenn nicht bemerkt würde, daß dies immerhin einigen Schweiß kostet. Den aber will nicht jeder vergießen. Neben vielem andern Guten und einigem Zweifelhaften wurde mein Vorschlag, im ersten Jahr der Gesellschaft eine Wanderversammlung alten Stils zu Dresden und erst im zweiten die erste Wanderausstellung zu Frankfurt a. M. abzuhalten, einstimmig angenommen. Dann zogen die Herren nach Hause und überließen mir's mit freudigem Händedruck, weiter zu sorgen. 44. Berlin, den 9. Mai 1886. Du erhältst diese Zeilen eine Woche später als üblich. Daran ist der Fürst von Wied schuld, der mich bitten ließ, ihn gerade in der Stunde zu besuchen, in der ich Deine Briefe zu beantworten pflege. Ist sie verpatzt, so müssen wir damit rechnen, daß ich für acht Tage in Heimatsangelegenheiten nicht mehr zu sprechen bin. Ich folgte der Einladung um so gerner, als Seine Durchlaucht, ohne es noch zu wissen, der nächste Jahrespräsident der D.L.G. sein wird. Wenigstens intrigiere ich in meiner harmlosen Weise schon seit Monaten darauf hin. In einer zweistündigen Besprechung, hauptsächlich über koloniale Fragen, zeigte sich der Fürst ebenso liebenswürdig als freimütig. Wir entdeckten, daß wir beide Pessimisten sind, und nicht glaubten, mit oder ohne K. V. und D.L.G. viel ausrichten zu können, daß es aber doch wünschenswert sei, sich mit Ergebung in die unvermeidlichen Mißerfolge zu finden. Das Ende vom Lied war, daß ich meinen nächstjährigen Präsidenten festgenagelt hatte, und er das unerbetene Versprechen abgab, fleißiger zu sein als sein Vorgänger, was ihn zu großen Anstrengungen nicht verpflichtet. Dafür hatte sich allerdings Graf Stolberg auf einen, wie man glaubte, verlorenen Posten gestellt, was ihm nicht vergessen sein soll. Auch heute noch ist es keine Kleinigkeit, den Karren zu schieben, auf den ich meinen Dschagernauth gesetzt habe, um ihn zu verehren und von andern verehren zu lassen. Die andern verehren ihn leider noch immer nicht genügend, so daß ich viel allein zu schwitzen habe, und von den sogenannten Genüssen der Großstadt genau so viel zu schmecken bekomme, als ob ich in Bonn oder Ulm säße. Erst in den letzten Tagen, in denen sich ein Strom von Einladungen über mich ergoß, schien es anders werden zu wollen. Es darf nicht anders werden. Entweder – oder. In zwei Richtungen zu schwimmen, ist mir nie gelungen, auch kenne ich niemand, der es mit leidlichem Erfolg fertiggebracht hätte, und meine Richtung ist gegeben. Eine Ausnahme werde ich mir übrigens gestatten, um nicht ganz zu verknöchern. Der Besuch bei meinem unbekannten Freund Hensel hat mich einem liebenswürdigen Familienkreis Berlins zugeführt. Er war Landwirt, Hohenheimer, Rittergutsbesitzer, ist heute aber, wie es scheint, nur vorübergehend, Direktor einer »Deutschen Baugesellschaft«, wohnt in Westend, einer Villenkolonie auf dem »Spandauer Berg«, einem wahrhaftigen Sandgebirge von 20 Meter Höhe (schätzungsweise), das auf jeden Berliner, vornehmlich auf die Droschkenpferde, den Eindruck eines schwer zu ersteigenden Gebirgszugs macht. Auch bat mich Hensel, der vor einigen Tagen die Freundlichkeit hatte, mich herauszuführen, den Unterschied des Luftdrucks zu beachten, der von großer hygienischer Bedeutung sei. Dort unten, erzählte er – was ich übrigens schon wußte –, riechen alle Häuser, jedes in seiner Art anders. Dies sei natürlich. Merkwürdig aber sei, daß jeder Berliner von seinem eignen Hausgeruch keine Ahnung habe, dagegen den seines Nachbars unangenehm finde. Wenn er seine Onkel Mendelssohn besuche, beide große Bankiers in entsprechenden Palästen, so sage der eine regelmäßig: »Nein! Gestern war ich wieder einmal bei deinem Onkel Paul. Gott, wie es in diesem Hause riecht.« Komme ich dann zu Onkel Paul, so seufzt dieser: »Ich würde deinen Onkel Wilhelm gern öfter besuchen; aber ich halt's nicht aus. Es wird immer schlimmer.« Durch das Wesen der ganzen Familie geht vom Vater aus ein Zug weitherzigen Humors, der den Schwaben in mir anheimelt. Auf einem Schrank des Eßzimmers steht der letzte der Porzellanaffen aus der Zeit des Urgroßvaters, des Philosophen Moses Mendelssohn, welcher als Jude durch eine preußische Verordnung gezwungen war, bei der Gründung seines Hausstandes für eine bestimmte Summe Porzellan aus den königlichen Werken zu kaufen, jedoch keineswegs nach eigner Auswahl. So kam die junge Familie in den Besitz von fünfundzwanzig Porzellanaffen, von denen einige bis in die dritte Generation hinein leben. »Von dem stammen wir ab,« sagte Fräulein Hensel, als sie mich das wunderliche Geschöpf betrachten sah. »Wir auch!« meinte ich, in einer Anwandlung von Darwinismus und Mitleid; worauf wir uns rasch verwandt fühlten. – Hier könnte es mir vielleicht einmal wohl werden, wenn ich Zeit dazu hätte. Von andern werdenden Freunden vielleicht ein andermal. Auch endloses Papier ist nicht lang genug für dieses Leben. Das beste ist, wie in jeder andern Millionenstadt, und der einzige Trost dieser menschlichen Ameisenhaufen, daß man sich's einrichten kann, wie man will. Die Ausrede, irgendwo anders unabkömmlich zu sein, rettet Dich, wo immer Du gerettet zu werden wünschest; und die Demoralisation der Großstadtluft, für die der einzelne nicht verantwortlich ist, macht die konventionelle Lüge zur harmlosen Gewohnheit. Ich will sie nicht entschuldigen, hoffe aber zuversichtlich, daß sie mir in einem besseren Leben, wie schon in diesem, verziehen werden wird. Manch freudige Überraschung bietet die Umgebung des viel verlästerten Berlins. Zwischen diesen und den vorangehenden Zeilen liegt ein Sonntagsausflug. Es war nicht anders möglich. Der Himmel war allzu blau und selbst die Bäume vor meinem Fenster fingen an auszuschlagen. Ich warf die Feder weg. Eine halbe Stunde später war Berlin und seine asphaltierte Sandebene verschwunden und ich auf einem stillen, tiefblauen Waldsee, zwischen sanften, fichtenbewaldeten Höhen. In Klein-Glienike frühstückte ich in einem fast noch leeren Wirtschaftsgarten unter rot und weiß blühenden Kastanien. Dann ging's die Höhe hinauf, nach dem Kaiserschloß Babelsberg, durch einen herrlichen, schon hellgrünen Park, mit wunderlieblichen Ausblicken auf die Waldseen und Buchten, die die Havel in allen Richtungen aussendet. Man wird dort, wie sich von selbst versteht, herdenweis durch schöne, aber einfache Zimmer getrieben, betrachtet ehrfurchtsvoll das Bett des alten Kaisers, stützt sich mit kaiserlichen Empfindungen auf einen krummen Spazierstock, den sich der hohe Herr vor etlichen Jahren selbst geschnitten habe. Dann lungerte ich eine Stunde lang im Park herum und wunderte mich, wie hübsch Potsdam mit seiner Kuppel und seinem Schloß aussehen kann, so daß man ernstlich an Florenz denkt. Nein; Brandenburg ist nicht so schlimm, als wir eingebildeten Südländer behaupten, ehe wir es gesehen haben, und auf seinen Fichtenhügeln, an seinen einsamen Seen wächst der Balsam für müde Gehirne kaum weniger üppig als an den grünen Berghängen unsrer Alb. 45. Berlin, den 28. Mai 1886. Das leibliche Wohl der D. L. G. scheint Dir mehr Sorge zu machen als mir. In dieser Beziehung lasse ich mich von den idealen Höhen, die man mir andichtet, nicht herunterholen und werde von einem gütigen Geschick hierfür sichtlich belohnt. Vor einigen Tagen war ich in Erwartung unsres Verwaltungsrats und infolge der Abwesenheit des Herrn Schatzmeisters genötigt, Kassensturz zu halten. Dabei zeigte sich, daß wir zurzeit 120000 Mark wert sind; nominell wenigstens. Ein Teil des Geldes, das schon seit Januar in unsrer Kasse liegen sollte, steckt nämlich noch in den Taschen säumiger Mitglieder. Unter anständigen Leuten, die wir sind – selbst ein nicht bezahlter Jahresbeitrag von 20 Mark hebt jeden hoch über die Masse der Herdenmenschen empor –, nimmt man an, daß dies ganz aufs gleiche herauskomme. Der diesem Verfahren weitsichtiger Buchführung zugrunde liegende Gedanke ist, daß jedes unsrer Mitglieder, das noch nicht bezahlt hat, in seiner Börse eine kleine Filialkasse der D. L. G. mit sich herumträgt, in der sich 20 Mark befinden. Erst im Juli sollen diese Herren gebeten werden, sich die Sache doch bequemer zu machen und das Filialkäßchen in Berlin zu deponieren. Später, mit dem Erblassen des Idealismus der ersten Liebe, wird eine etwas ledernere Wirtschaftsweise eingeführt werden müssen; vorläufig aber lasse ich mich loben und anstaunen. Es wird nämlich vielen immer unerklärlicher, daß in gegenwärtiger Zeit der Not ein fremder Wilder in diese wohlgeordnete Welt hereingeschneit wird, in der jeder Pfennig sein Plätzchen hat und viel Plätzchen keinen Pfennig haben, und ohne Doktor zu sein oder »von« oder »Geheimer Irgendetwas« über hunderttausend Mark zusammenzutrommeln vermochte. Ich wundere mich selbst ein wenig, so sehr ich diese Seite meines Werkes als Nebensache behandle. Allerdings aber ist sie derart, daß an ihr die Hauptsache des kommenden Jahres scheitern könnte, denn für die Ausstellung zu Frankfurt brauchen wir sichere 200 000 Mark, und all meine Freunde sitzen mit liebenswürdiger Ratlosigkeit da und hoffen, es werde mir schon etwas einfallen, oder ich werde mich doch vielleicht erweichen lassen, einer hohen Regierung den Fall in geeigneter Form vorzutragen. Gestern abend lernte ich in einer kleinen, netten Gesellschaft bei Geheimrat Thiel den Unterstaatssekretär Marcard kennen, der im landwirtschaftlichen Ministerium amtet: einen seinen, hochintelligenten Herrn aus der jungen Provinz Hannover. Unter dem Schutz der Geisterstunde erklärte ich ihm auf dem Heimweg meine ketzerischen Ansichten über den Wert der Staatshilfe und ihren entsittlichenden Einfluß. »Wenn nur,« meinte ich, »die zündenden Redner, die sie gegenwärtig in allen Tonarten verlangen, veranlaßt werden könnten, statt ›Staatshilfe‹ die Worte ›Hilfe der übrigen Steuerzahler‹ zu gebrauchen, wäre viel gewonnen.« Auch er nickte lobend mit dem Kopf. Recht habe ich wohl, meinte er, wie weit ich aber damit komme, sei eine andre Frage. Und da hat er recht. – Manchmal kommt mir's vor, als ob wir in einer recht alten Welt von Menschen lebten, die sich nur noch mühsam weiterschleppt, den ausgefahrenen Geleisen entlang, in der sich jeder aufrechthält, indem er sich auf die ganze Masse der andern stützt, die alle das gleiche tun. Das geht, solange von außen nicht allzu stark gedrückt wird. Der Jammer des Augenblicks ist, daß dieser Druck fühlbar und in beängstigender Weise wächst. Doch man soll auch im Schwarzsehen nicht übertreiben. Manchmal regt sich doch auch eigne Kraft und eigner Wille. Habe ich Dir die Geschichte vom altdeutschen Kunstspielschrank mitgeteilt, den das Berliner Kunstgewerbe dem Kronprinzen Friedrich und seiner Gemahlin soeben – vier Jahre post festum – zur silbernen Hochzeit überreichte? Der Gedanke wurde seinerzeit mit Begeisterung erfaßt und ins Werk gesetzt. In der ersten Sitzung der Beteiligten wurden »Sektionen« gebildet, welche vorbereitend die verschiedenen Teile des Werkes besprechen sollten, um sodann ein harmonisches Ganzes herauszuarbeiten, wie es bis jetzt in der Welt nicht dagewesen war: Architekten, Maler, Kunsttischler, Bildschnitzer, Dreher, Buchbinder, Metallgießer und so weiter. »Einheit macht stark,« riefen sie freudig, als sie sich zu später Stunde nach dem letzten Glase Bier trennten, um sodann gemeinsam nach dem Café Bauer zu gehen. Weniger befriedigend verlief die nächste Sitzung, denn die sieben Sektionen stritten sich über die Abgrenzung ihrer Mitarbeit dermaßen, daß alles blaurot vor Zorn auseinanderlief. Erst ein Jahr später, zur Zeit der silbernen Hochzeit, fanden wieder schüchterne Annäherungsversuche statt, und jede Sektion begann, im stillen draufloszukunstgewerbeln. Wie erwähnt, wurde dann auch vier Jahre nach der Hochzeit – das nennt man mit Recht deutsche Ausdauer – der Schrank fertig, und in schwarzen Fräcken und weißesten Halsbinden dem erstaunten kaiserlichen Jubelpaar überreicht. Ich erzähle Dir, was mir ein Beteiligter erzählte, der Moral wegen. Diese betrifft mich nämlich mehr, als mir lieb ist. Auch wir haben jetzt dreizehn Sektionen begründet, die alle so jung sind, daß noch keine außer der Düngerabteilung etwas zu leisten vermochte. Trotzdem hatte ich vorgestern bei einem feierlichen Duell zwischen zweien zu sekundieren, weil keine dulden will, daß sich die andre mit der Kalk- und Mergelfrage befasse. Der Kampf verlief unblutig, und meiner milden Diplomatie und Biedermeierei gelang es, einen faulen Frieden herzustellen. Laß aber einmal die elf andern Abteilungen mit ähnlichem Eifer losbrechen! Dann gibt es Funken, auf die ich mich freuen kann. Und meistenteils, wenn nicht immer, wegen der kindlichsten Formfragen, die in ihrer praktischen Tragweite nicht einen Schuß Pulver wert sind. Doch rasch zum Schluß. Die Vorbereitungen für Dresden drohen mich samt meinen Briefen zu verschlingen. Man glaubt nicht, wieviel, so einfach sie zu sein scheint, eine solche Geschichte Mühe und Arbeit macht. Meine Hauptstütze ist Geheimrat Thiel, der für Redner zu sorgen weiß, wie kein zweiter. Geht die Sache gut vorüber, das heißt, kommen Leute genug, zerzausen sie sich nicht so, daß es – geistweise – blutige Köpfe gibt, und ist das Bier gut, so wird diese erste Veranstaltung, obgleich sie kein vernünftiger Mensch eine »Tat« nennen kann, die D. L. G. um einen guten Schritt vorwärts bringen. Es kann aber geradesogut anders kommen. Wenn man es mit einer solchen Masse amorphen Menschenmaterials zu tun hat, steht der einzelne hilflos einer Naturgewalt gegenüber, so dumm und mächtig, so sinnlos und großartig, als wäre es Wind und Wasser. Danach sind auch seine Verdienste zu bemessen. 46. Berlin, den 19. Juni 1886. Fast könnte ich mich wieder in Ägypten wähnen, so mannigfach sind die Aufgaben, mit denen mich eine vertrauensvolle Umgebung beglückt. Das Festkomitee in Dresden besteht darauf, jedem Gast einen gedruckten »Führer« in die Hand zu geben, so daß er sich 's selbst zuzuschreiben habe, wenn ihm etwas von den Schönheiten dieser gottbegnadeten Stadt entgehe. Dieses Büchlein könne nicht ohne einen schwungvollen Festgruß erscheinen, weil vor einigen Jahren der deutsche Apothekertag ebenfalls einen Führer mit einem solchen in gebundener Rede für die Apotheker Deutschlands angefertigt habe. Herr von Langsdorff, mein eifriger Mitarbeiter und Festkomiteevorstand, gibt zu, daß die Dresdner diesen Gruß selbst dichten sollten, gesteht aber sorgenvoll, daß er keinen Poeten in seinem Komitee habe finden können. Nun sei ihm von glaubwürdiger Seite mitgeteilt worden, daß ich mir – und ihm – in dieser Hinsicht zu helfen wisse, ich möchte deshalb – »im Interesse der guten Sache« – immerhin den Pegasus aus dem Stall ziehen. Weil es aber hierzu in den letzten drei Jahren selten Gelegenheit gab, und die Dresdner Freunde lebhafte Überraschung und aufrichtige Dankbarkeit heucheln, will ich auch Dir mitteilen, was auf dem kurzen Ritt passierte: Dresden, den deutschen Landwirten Willkommen, die hinter dem Pfluge gegangen, Auf einsamem Felde, vom Herbstwind gefegt; Willkommen, die ihr mit Hoffen und Bangen Die grünaufkeimenden Saaten gepflegt! Willkommen, die emsig in glühenden Tagen Nie Sense geschwungen, die Sichel gerührt, Und die ihr den schwankenden Erntewagen Mit Stolz und mit Dank in die Scheune geführt, Es schmücket für euch, zu Freude und Frommen Der lieblichste Gau sich mit festlichem Glanz, Und die schönste der Städte heißet willkommen Euch, Herzblut der Städte, Euch, Mark des Lands! Es ist merkwürdig, welch poetischer Hauch aus der frisch gepflügten Scholle dringt, wenn man sie ein wenig ritzt. Dahinter steht allerdings Prosa genug, selbst im Zusammenhang mit dieser Festversammlung, die Dir Gelegenheit bietet, innerhalb fünf Tagen an fünfunddreißig Sitzungen und dreizehn landwirtschaftlichen Ausflügen teilzunehmen. Wenn Du ferner bedenkst, daß ich für elf dieser Versammlungen die Tagesordnung festzusetzen und dafür zu sorgen habe, daß die richtigen Leute das Richtige sagen und daß ich selbst mit all meiner angeborenen Schüchternheit und schwäbischen Unbeholfenheit ein halbes dutzendmal aufs hohe Seil muß, und die Sorge um Säle und Schankräume, Tische und Stühle fortwährend meinen Briefwechsel mit Gelehrten und Bauern unterbricht, so wirst Du begreifen, daß mich schlaflose Nächte zu quälen beginnen, und mußt mir verzeihen, wenn meine Feststimmung wunderliche Formen annimmt. Auch ich muß vielen vieles verzeihen. Unser hoher Präsident teilte mir in der gewinnendsten Form mit, daß ihn unvorhergesehene Umstände verhindern werden, nach Dresden zu kommen. Ich fuhr sofort mein schwerstes Geschütz auf und teilte ihm mit, daß soeben der König von Sachsen sein Erscheinen in der Hauptversammlung zugesagt habe. Worauf Erlaucht versprachen, sich die Sache nochmals zu überlegen. Ein paar Fälle von dutzenden! Vorige Woche entdeckte einer, daß der Geburtstag seiner Nichte auf den Tag fällt, an dem er einen Vortrag über die Rindviehzucht seiner Heimat zu halten versprochen hatte. Gestern sagte ein zweiter ab, weil seine Frau darauf bestehe, nach Bozen begleitet zu werden. Umgekehrt beklagt sich ein dritter bitterlich: »Es scheine nun doch einzutreffen, daß die D. L. G. den alten Unfug der unerträglichen Redeversammlungen wieder erneuern wolle; ob denn niemand etwas Klügeres zu tun wisse?« – O Mark des Landes! Über die Not jammern, Himmel und Hölle, Regierungen und Parlamente um Hilfe anrufen, den Grund ihrer Nöte in den unabwendbarsten Verhältnissen unsrer Zeit suchen – das alles verstehen sie vortrefflich. Aber einen Finger rühren, um die Hebel anzusetzen, welche die Last des Lebens erleichtern könnten, erscheint den meisten eine so fremde, so unverständige Zumutung, daß sie gar nicht begreifen, wie sie jemand ernsthaft machen könne, meine lieben Mitarbeiter, die wackersten, weitherzigsten, wohlwollendsten Menschen, die überdies glauben, daß es ihnen furchtbarer Ernst sei, nicht ausgenommen. Wir haben 3200 der ersten Landwirte beisammen, und jedermann staunt die tote Zahl an. An einem Strick 3200 stumme – Halt! – Du siehst, ich bin in einer guten Stimmung für eine Festrede, die sich nicht für die Veröffentlichung eignet. »Innerlich zu gebrauchen« steht auf mancher wirksamen Medizinflasche. Kiepert, der geschätzte Vorsitzende des Direktoriums, der mich gestern an der Schwelle unsrer ersten Wanderversammlung in jubelnder Begeisterung zu finden erwartet hatte, war nicht wenig entsetzt, als ich ihm in dreißigfacher Verdünnung ein Tröpfchen meiner Gefühle zu versuchen gab. Berechtigt oder nicht, ich kann mich ihrer nicht ganz erwehren und muß, mich mit dem Gedanken trösten, daß es Stimmungen sind, die mir nahe dem Ziel eines langen Weges nie ganz erspart blieben. Stimmungen gehen vorüber. Das Bleibende, Befriedigende ist denn doch, daß der lange Weg zurückgelegt ist, so bescheiden, so zweifelhaft das Ziel auch sein mag, das wir erreichten. 47. Dresden, den 7. Juli 1886. Ein hart erkämpfter Sieg, eine nicht unbehagliche Erschlaffung von Leib und Seele, ein paar Stunden Wartezeit, die das Abräumen des Schlachtfeldes mit sich bringt, – ich kann das alles nicht besser nutzen als in einem Rückblick auf die letzten acht Tage. Die sechs Ortsausschüsse: der »allgemeine«, der Empfangs-, der Wohnungs-, der Fest-, der Ausflugs- und der Preßausschuß, waren hocherfreut, als ich eine Woche vor Ausbruch der Feierlichkeiten in Dresden auftauchte, denn es gab gar viel zu ordnen und zu entscheiden, bei dem schließlich der Vertreter des Direktoriums, das die Zeche zu bezahlen hat, mitsprechen mußte. Die Tagesordnung, die Vorträge, die fünfunddreißig Sitzungen, in welche während der vier Haupttage der geschäftliche Teil der Versammlung zerfiel, schienen, soweit dies menschenmöglich war, geordnet. Jedem der mitwirkenden Teilnehmer hatte ich genau aufgeschrieben, wann, wo und wie er seine Tätigkeit zu entfalten oder sein Licht leuchten zu lassen habe, und war mit Abschriften dieser Anweisungen versehen, im Fall er die seine im entscheidenden Augenblick verlegt oder verloren haben sollte. Denn viele dieser Herren waren in ihren Kreisen berühmte Gelehrte. Für mich selbst hatte ich auf sechs Tage einen ausführlichen Fahr- und Stundenplan entworfen, so daß ich für jeden Augenblick wußte, wo ich zu sein und was ich zu tun hatte. Mit all dem und drei schweren Koffern, die das massenhafte Handwerkszeug – entschuldige! – Aktenmaterial der jungen D. L. G enthielten, zog ich vor vierzehn Tagen nach Dresden. Die erste Woche verduftete in hundert kleinen Arbeiten, bei denen die Hauptsache ist, sich von keinem Hindernis aus der Fassung bringen zu lassen, jede verschlossene Tür höflich lächelnd, aber rücksichtslos aufzustoßen und im übrigen Gott und seinen guten Sternen zu vertrauen. Die unlöslichsten Schwierigkeiten lösen sich immer von selbst, im letzten Augenblick. Den Dresdnern und vor allem den Führern der sächsischen Landwirtschaft war es ernst. Herr von Oehlschlägel, der Präsident des Kulturrats, und namentlich dessen Generalsekretär, Okonomierat von Langsdorff, setzten alle Hebel in Bewegung, uns einen festlichen Empfang zu bereiten. Der König wurde drei Tage vor den Versammlungen Patronatsmitglied der Gesellschaft. Dagegen blieb unser Präsident, Graf Stolberg, dabei, nicht kommen zu können, was ich als eine Schande für ihn und eine Schmach für uns empfand und lächelnd entschuldigen mußte. Eine nagende Sorge ist bei derartigen Veranstaltungen die Unmöglichkeit, auch nur annähernd festzustellen, wieviel Teilnehmer sich einfinden werden. Seit zwei Jahrzehnten hatte die Landwirtschaft nichts Ähnliches unternommen. Es war nicht zu berechnen, wie sich das heutige Geschlecht in dieser Zeit der Not zur Sache stellen würde. Langsdorff glaubte auf zwölfhundert rechnen zu können, ich auf die Hälfte. Meine Prophetengabe erwies sich als weitaus die stärkere. Es kamen 688 Mann. Am Sonntag fingen sie an herbeizuströmen, am Montag begann es zu wimmeln. Die erste einleitende Sitzung geschäftlicher Natur verlief ohne Anstand und räumte mit einem guten Stück Arbeit auf. Abends war Gartenfest und Empfang der Festgenossen in dem berühmten Belvedere der Brühlschen Terrasse unter Mitwirkung von Adjutanten des Königs, Ministern, Bürgermeistern und städtischen Behörden, landwirtschaftlichen Spitzen des Königreichs, Honoratioren aller Stände, Damenflor, Gesangvereinen, Orchestermusik, beleuchteter Elbe und Feuerwerk. Dabei beglückte mich der Humor des Zufalls mit einem kleinen Erlebnis nach meinem Geschmack. Ich wollte angesichts der drei drohenden Sitzungstage beizeiten, das heißt wenigstens vor Mitternacht, zur Ruhe kommen. Als deshalb das kleine Feuerwerk am jenseitigen Elbufer zu Ende schien, schlich ich mich in aller Stille zu dem großen, dem allgemeinen Publikum verschlossenen Tor des Festgartens hinaus. Das Feuerwerk und das Jubilieren hatte aber nur eine kleine Kunstpause gemacht und begann jetzt erst im Ernste loszuprasseln. Mein Versuch, wieder in den Garten zurückzukehren, wurde von zwei amtstreuen Torwächtern mit Entschiedenheit zurückgewiesen: »Bedaure! Niemand zugelassen! Wir haben strenge Orders!« Auf dem Steingeländer der Terrasse sitzend, lebensgefährlich bedrängt von Kindermädchen, Soldaten und Hausdienern, sah ich meinem eignen Feuerwerk zu, während über mir, innerhalb des Belvederes, von Zeit zu Zeit Tusche geblasen wurden und Exzellenzen und andre hohe Herren Stadt und Land, sich selbst und nebenbei auch mich – wie ich später vernahm – in schwungvollen Worten hochleben ließen. Jeden Morgen zwischen fünf und sechs Uhr ging es nun in den Kampf. Bis gegen acht Uhr wurden Dienstmänner und Kommissionäre unterrichtet, die verschiedenen Sitzungspapiere in den neun Sitzungssälen verteilt, die an vier verschiedenen Punkten der Stadt gelegen waren, Dutzende von Bekannten begrüßt, Hunderte von Unbekannten mit einem warmen Händedruck in dem Glauben bestärkt, daß ich ihnen seit drei Jahren meine persönliche Freundschaft gewidmet habe. Um acht begannen sodann die Sitzungen mit ihren Vorträgen und Besprechungen. Gegen halb zwei hatte jeder selbst dafür zu sorgen, etwas für das vertrocknete Innere des Menschen zu tun, worauf bis gegen sechs Uhr weiter gesessen wurde. Einmal mußte ich in einer der Versammlungen, die über mir völlig fremde Dinge verhandelte, das Notpräsidium übernehmen, weil sie der rechtmäßige Vorsitzende trotz meiner Instruktionszettel vergessen hatte. Ein andermal wollten zwei hochangesehene Herren, ein feuersprühender Westfale und ein ehrwürdiger Schlesier, denselben Präsidentenstuhl gleichzeitig in Besitz nehmen. Der Westfale siegte, und der tiefgekränkte Schlesier entfernte sich, um sofort abzureisen. Ich fing ihn noch im Wartesaal des Bahnhofs, wo er düster, wie ein zürnender Achill, über einer Tasse schwarzen Kaffees brütete. Es war kein kleines Stück Arbeit, den wackeren Herrn nach seinem Gasthof und in die Versammlungen zurückzubringen. Aber ganz Schlesien stand für uns auf dem Spiel. Alles andre verlief anstandslos, vor allem die Haupt- und Königsversammlung. Majestät sowie der Thronfolger Prinz Georg erschienen mit Gefolge, blieben bis zum Schluß der Sitzung und geruhten, zwei erschöpfende Vorträge Höchstihrer eignen Untertanen anzuhören: den einen über die sächsische Landwirtschaft der Gegenwart, von dem greisen, warmherzigen Landesökonomierat Steiger, der mir seit einer Woche von der Seelenangst erzählt hatte, mit der er dieser Stunde entgegensehe, und uns alle mit einer von Herzen kommenden Begeisterung für seinen und seines Königs Grund und Boden rührte; den andern über Stallmist, von einem entsprechenden Fachgelehrten. Dienstag abend fuhr man in zwei Festdampfern die Elbe hinauf nach Pillnitz, vorbei an dem Landhaus des Königs, der unser Hurra – hoch! vom Balkon des kleinen Schlosses gnädigst entgegennahm. Die Umgebung Dresdens, die mir bei dieser Gelegenheit zum erstenmal im hellen Sommersonnenlicht entgegentrat, ist reizend, wie ja weltbekannt. Es ist jedoch nicht die beste Art, sie in der Mitte von sechs- bis siebenhundert Personen zu genießen, von denen zweihundert sich bemühen, uns mit den übrigen vier- bis fünfhundert bekannt zu machen. Gegen zehn Uhr abends rettete ich mich auf das Dach eines Omnibusses und entwich. Die Sitzungsarbeit des Mittwochs war für mich etwas leichter. Abends gab uns Seine Majestät eine Festoper zum besten, die mir die erwünschte Gelegenheit bot, ein paar Stündchen zu schlummern. Webers »Silvana« möge mir's verzeihen. Dagegen war der Donnerstag wieder erdrückend voll: eine zwölfstündige, nicht abreißende geistige Anspannung mit zahllosen, sich kreuzenden Unterbrechungen und Zwischenfällen, die nach allen Richtungen zerrten und doch den geplanten Verlauf des Ganzen nicht stören durften. Dabei begannen die Leute schon, sich und mir Glück zu wünschen, daß alles so merkwürdig geklappt habe. Mit mehreren Zentnern vom Herzen besuchte ich des Abends das große Gartenfest, das der Kulturrat des Königreichs der Gesellschaft gab: Unglaubliches Gedränge, erneute Glückwünsche, Vivats, Gesangvereine, Militärmusik, farbige Lampen in den Bäumen, Blumenbeete mit tausend Nachtlichtchen, Händeschütteln von hundert erregten Unbekannten, drei Rosen von schöner Frauenhand und dann, nach Mitternacht, während noch alles schwärmte und jubilierte, mit Thiel nach Haus, etwas abgespannt und lebenssatt, in ernstem Gespräch über das, was aus all dem werden könnte und vielleicht niemals werden kann und wird. So weit die Stadt. Nun kam das Land an die Reihe. über vierhundert Teilnehmer flogen Freitags früh nach acht verschiedenen Richtungen aus und kehrten abends in fröhlichster Feststimmung zurück. Namentlich in und um Meißen hatten sie eine glänzende Aufnahme gefunden: beflaggte Burg, Feuerwerk, Festreden, Festlieder und viel Festgetränke. So weit hatte ich es mit meinem Widerstand gegen alles Festefeiern gebracht. Ich selbst war in Dresden zurückgeblieben, Dienstmänner ablohnend, Papiere ordnend, Rechnungen prüfend. Abends, in den »Drei Raben«, einem unsrer Hauptquartiere, war es förmlich komisch, von Zeit zu Zeit ein neues Trüpplein ankommen zu sehen, voll vom Erlebten, die älteren befriedigt schmunzelnd, in Erinnerungen schwelgend, die Jungen lärmend und sich mit unbekannten Freunden in Geschichten überbietend: wie schön es auf ihrem Ausflug zugegangen sei. Am Samstag endlich nahm auch ich an einem der sechs Ausflüge teil, welche das Ganze abschlossen. Ich hatte genug Landwirtschaft genossen und lief den Landschaften nach. Vorwand war eine berühmte Schäferei zu Lohme, der Kern der Sache ein Stück der Sächsischen Schweiz, der Liebetaler Grund, die Lochmühle und die Bastei. Auf den sonnigen Höhen, in der freien großen Natur wieder aufatmend, fühlte ich, wie die Spannung mit jeder Stunde nachließ und ein sanftes, gedankenloses Hinträumen mich umspann, so daß ich meine Gefährten kaum mehr hörte. Dann aber schlief ich seit acht Tagen zum erstenmal wieder wie ein Mensch und Murmeltier. Über die sprichwörtliche Undankbarkeit der Welt konnte ich mich in diesen Tagen wahrhaftig nicht beklagen. Weniger in formvollendeter Weise, aber hundertmal wurde mir gesagt, daß man diese schönen Tage mir verdanke, und wie jetzt die ganze Bewegung eine festere Gestalt angenommen habe als vor zwanzig Jahren, und zu wirklichem Nutzen, nicht bloß zu Schützenfeststimmungen weiterführen müsse. Trotzdem wird der verdiente seelische Kater nicht ausbleiben, und das, was in der Zukunft von der Gesellschaft gefordert wird, wirft schon heute seine Schatten auf meinen Weg. Ein Glück ist, daß nur wenige sie sehen. Das sachlich Wichtigste, das leichten Herzens beschlossen wurde, ist, daß im nächsten Jahr, in den ersten Wochen des Juni, zu Frankfurt a.( )M. die zweite Wanderversammlung und erste allgemeine Ausstellung der D.( )L.( G. abgehalten werden soll. Dabei wird es wohl bunter zugehen als in Dresden. Auch der Geldpunkt fällt hierbei schwer ins Gewicht, so daß ich sofort auf die Notwendigkeit eines Garantiefonds von 100( )000 Mark hinwies, obgleich einige meiner besten, aber nicht allzu mutigen Freunde bedenklich den Kopf schüttelten. Doch hatte ich schon nach einer halben Stunde 11( )000 Mark beisammen, so daß sich hoffen läßt, über diese conditio sine qua non wegzukommen. Eines ist in solchen Fällen die Hauptsache: man darf nicht zögern, mit gutem Beispiel voranzugehen und den Schillerschen Worten eine etwas verbesserte Form zu geben: Der brave Mann denkt an sich selbst – zuerst! Dann folgen sie alle, wie die guten Schafe, die sie sind. Morgen kehre ich nach Berlin zurück. Du meinst, ich sollte auf ein paar Wochen nach Tirol oder irgendwohin in die Berge gehen. Du hast recht. Wo sonst könnte ich den erschöpften Akkumulator wieder laden, als an einem Gletscherbach, auf einem Berggipfel oder in der Stille eines verlorenen Felstals? 48. Schruns in Montafon, den 10. August 1886. Mein guter Freund Schwarz hat mich hierhergelockt. Einen größeren Freundschaftsdienst hätte er mir nicht erweisen können. Was mir not tat, war nicht ein verlorenes Felstal oder ein einsamer Berggipfel, sondern das liebliche Montafon mit seinen freundlichen Bewohnern, die lachende Sonne auf den blitzenden, nicht zu nahen Schneebergen, das friedliche Glockengeläute auf den Almen ringsumher. Hier ist gut sein, und seit acht Tagen werde ich langsam wieder ein Mensch, ähnlich andern Wesen meiner Gattung. Das alles mußt du selbst sehen. Ich will Dir deshalb nichts erzählen vom Silbertal und seinem brausenden Wildbach, von den stillen Kapellen auf dem Bartholomäusberg, von der Sulzfluh, an der ein bescheidenes Gletscherchen klebt, und von der wundervollen Luft, die über all dem webt und wogt und dem Menschen wieder Mut und Kraft gibt. Auch käme ich nicht dazu, all dies auch nur zu erwähnen, wenn nicht ein milder Sommerregen vor meinem Fenster auf das sattgrüne Laub der Bäume rieselte und mir eine sanfte Ermüdung, die ich der Scesa plana verdanke, das Briefschreiben nahelegte. Es war ein herrlicher zweitägiger Ausflug; keine Kletterei irgendwelcher ernsterer Art, aber gerade genug für einen sorgenbeladenen Mann meines Alters und Gewichts. Der Abend in der Douglashütte am einsamen Lünersee stand fast noch zu sehr unter dem Zeichen trinkbarer Kultur. Dann aber ging's in tiefer Nacht unter einem kalten Sternenhimmel – eine Reihe mit Laternen bewaffneter Diogenesse – durch Felsentrümmer entlang dem Seeufer und empor an den steilen Hängen des Gebirgsstocks. In der Dämmerung winkten uns weiter oben rötlich angehauchte Halden voll schlummernder Alpenrosen; dann kamen, geisterhaft bleich, die ersten Schneeinseln, die der Neuling im Bergsteigen jubelnd begrüßt, später das »Totenfeld«, ein steil abfallendes großes Schneefeld, das man nicht ohne einiges Zögern kreuzt, schließlich ein Gewirr von Felsblöcken, das den Gipfel krönt, und damit auch, wie auf Verabredung, die Morgensonne, die, soweit das Auge reicht, eine ganze Welt von Zacken und Spitzen mit ihrem Gold überschüttet. Wie dort oben mit jedem Schritt die Brust weiter wird und die Seele freier, so daß sie zerfließen möchte in der großen Gotteswelt, hoch über der dunstigen Enge zu unsern Füßen. Und gleichzeitig regt sich in der sonnigen Stille die wiedererwachende Spannkraft. Wir fühlen, daß auch wir in dieser Gottesnatur unsern Platz haben, unten im dämmernden Nebel der Täler, draußen in der duftigen Ferne, und daß sie uns nicht umsonst die Kräfte erneut, die wir in ihrem Dienst gebrauchen, jeder in seiner Art. Wahrhaftig, es ist nicht bloßes Scheinen: es liegt eine ausgleichende Milde im Leben der unberührten Natur, und es ist, als ob wir einen Teil davon bis in unsre Niederungen mit hinab nähmen, die lindernd und stärkend zugleich unser unharmonisches Menschendasein durchdringt. Laß Dir ein Beispiel erzählen, von dem mir täglich erzählt wird. Eine halbe Stunde von Schruns liegt ein freundliches Nonnenklösterlein. Es ist mit einer kleinen Badanstalt verbunden, die die Schwester Angelika in Zucht und Ehren verwaltet. Nun kommt seit mehreren Jahren der preußische Kultus- und Kulturkampfminister Falk nach Schruns, um inmitten der katholischen Älpler seine Sorgen auf ein paar Wochen zu vergessen. Und ebenso regelmäßig nimmt er dann zweimal die Woche bei der Schwester Angelika sein Gebirgswasserbad. Daß ersichtlich eine warme Freundschaft zwischen dem Minister Baalims und der frommen Schwester aufgeblüht ist, des freut sich das ganze Tal. Der Regen hat aufgehört. Der Wildbach im Silbertal braust mir lauter in die Ohren. Ich muß doch nachsehen, wie er mit den Felsblöcken fertig wird, die ihm im Wege liegen. Merkwürdig, daß alle Kraft von oben kommt. Das klingt wie ein Sätzchen aus einer Predigt, und ist doch nur eine Tatsache der Physik. Wer weiß, manchmal predigt auch die Physik, dem, der Ohren hat, zu hören. Sechster Abschnitt. 1886 – 1887 Frankfurt a. M. Die erste Ausstellung 49. Berlin, den 15. September 1886. Mit meinem dritten Besuch von Frankfurt, auf der Durchreise hierher, begann die Arbeit der kommenden zwölf Monate in bitterem Ernst. Das Eis ist dort seit einem Jahr gebrochen. Die Liebenswürdigkeit des Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Vereins und sämtlicher Mitglieder, mit denen ich in Berührung kam, ließ nichts zu wünschen übrig und alles hoffen. Manchmal flog wohl ein Schatten über die lächelnden Mienen, wenn jemand unvorsichtig genug war, die Ausstellung der »Süddeutschen Ackerbaugesellschaft« vom Jahr 1872 zu erwähnen, aber er ging vorüber. Vorläufig allerdings starren uns noch Hindernisse aller Art entgegen, die keine Liebenswürdigkeit wegzulächeln vermag. Der Verein ist in der Lage, uns eine hübsche, nicht allzu große Halle und eine Reihe von Pferdeställen zur Verfügung zu stellen; der anstoßende freie Raum jedoch ist für eine große Ausstellung so ungeeignet als möglich. Ich zerbreche mir den Kopf seit Wochen, wie eine solche in ihn hineinzuzwängen ist. Mit Skizzen für die erforderlichen Schuppen und sonstigen Bauten nach englischem Muster versüßte ich mir schon die letzten Weihnachtsfeiertage; die Bauleute der guten Stadt Frankfurt aber, die sich aus kirchturmpolitischen Gründen vor jedem Wettbewerb sicher fühlen, verlangen vorläufig Preise, bei denen ich im Namen der armen D. L. G. die Hände über dem Kopf zusammenschlage. Erquicklicher war der Besuch bei Oberbürgermeister Miquel, der mit seinem feinen, schlauen Lächeln wohlwollend nickte, als ich ihm mein Sprüchlein von dem brüderlichen Zusammenwirken von Stadt und Land zum Heil der Gesamtheit vordeklamierte. Ich möchte nämlich vom Frankfurter Magistrat zehntausend Mark für Preise ausgesetzt sehen, was bescheiden genug ist. Die kleinsten englischen Städte geben das Vierfache, denn sie wissen, daß während der Ausstellung die Landwirte das Fünfzigfache dieser Summe in die Stadt schleppen. Du wunderst Dich, daß ich vor Jahren in London, in Wien und Paris Gift und Galle gegen große Ausstellungen gespien habe und nun in voller Arbeit bin, Ähnliches selbst aufzubauen. Ich wundere mich nicht über Deine Verwunderung. Es wird wohl einige Zeit kosten, bis selbst sachkundige Leute merken, daß es sich um etwas andres handelt. Vor allen Dingen sollte ich hierfür einen neuen Namen erfinden und den Leuten mundgerecht machen können. Allerdings hasse ich einen andern noch mehr, den man mir überall entgegenruft: »Landwirtschaftliches Fest.« Was ich schaffen möchte, soll das Gegenteil eines Festes, das Gegenteil einer »Ausstellung« im gewöhnlichen Sinn des Worts werden: harte, ehrliche Arbeit aller Beteiligten vom ersten bis zum letzten Tag, die Lösung schwieriger Aufgaben, die in keiner andern Weise anzupacken sind, als wo das erforderliche Material zusammengeführt werden kann, eine durch viele Jahre fortgesetzte Reihenfolge solcher Studien- und Arbeitstage, in denen mehr Schweiß vergossen, als Bier und Wein getrunken, mehr still beobachtet und gelernt, als gelehrt und geschwatzt wird, die keiner verlassen sollte, ohne in Kopf oder Tasche einen Sack neuen Saatguts für die eigne Wirtschaft nach Hause zu nehmen – damit soll in Frankfurt begonnen werden. Warum die Bauern – ich brauche das Wort der Kürze wegen, weil ich gern einen Spaten beim Namen nenne, auch wenn ich mit Rittergutsbesitzern zu tun habe –, weshalb die Bauern dies dringender nötig haben als Leute andrer Berufsarten, liegt auf der Hand. Ihre Arbeit bindet sie an die Scholle, über die sie Herr sind. Sie haben weniger Gelegenheit, als beispielsweise Gewerbetreibende und Kaufleute, die eigne Arbeit mit der andern zu vergleichen, und werden selbstgefällig und eigensinnig. Das fühlen auch die Klügeren unter ihnen, und daraus erklärt sich die Entwicklung ihres regen Vereinswesens. Aber auch hierbei zeigt sich sofort der Hang, sich gegen außen abzuschließen. Gaue, Provinzen und Ländchen – je kleiner, je lieber – führen ihr eignes landwirtschaftliches Leben, Pflegen ihren Eigendünkel und Eigensinn und wollen nichts davon wissen, wie sie zur übrigen Welt stehen. Gegen diese tief in der Natur der Dinge liegenden Hindernisse wahren Fortschritts hilft kein Reden und Klagen. Hier ist nur durch das Zusammenführen der verschiedenen Gaue, durch augenscheinliches und greifbares Vergleichen zu helfen. Man sagt mir, die Verhältnisse in verschiedenen Teilen des Reichs seien zu verschieden, um nutzbare Vergleiche anstellen zu können. Ich glaube, diese Verschiedenheit ist in vielem eine künstliche, und die hindernde Schranke niederzubrechen eine der ersten Aufgaben, wenn nicht der Hauptzweck unsrer künftigen Ausstellungen. Dies aber geschieht nicht durch ein Fest, nicht durch einen kunstvollen Trophäenaufbau, nicht, indem wir alles mögliche Nötige und Unnötige auf einen Platz zusammenschleppen, um die Menge zu belustigen, nicht, indem wir einen Jahrmarkt aus der Sache machen, auf dem der lauteste Marktschreier seinen Vorteil findet – all das muß mit fester Hand unterdrückt werden. Die Gefahr, hierdurch die Ausstellungen selbst zu unterdrücken, liegt nahe. Aber es ist besser, sie verschwinden wieder, als daß wir ihre einzige innere Berechtigung preisgeben. In dieser Richtung wird es manchen Kampf kosten, auf den ich mich freue. Denn das Ausstellungswesen ist hierzuland gründlich verfault. Wenn man auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung einem Stand mit Korsetten begegnet, neben dem ein Bilderrahmenhändler seine Waren ausbreitet, wie ich es in Köln sah, kann man hierüber nicht im Zweifel sein. Auch wir werden uns erst erziehen müssen, ehe wir einer wahrhaft nützlichen landwirtschaftlichen Ausstellung die richtige Form und Gestalt geben können. Dazu ist die jährliche Wiederholung der Aufgabe unbedingt erforderlich. Vieles ist jetzt schon klar ersichtlich, aber noch viel mehr wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen und nach und nach der Besserung zugeführt werden können. Ob die D. L. G. die Kraft und Ausdauer hat, sich die nötige Erfahrung und Geschicklichkeit zu erwerben, ob die deutsche Landwirtschaft diesen Erziehungsprozeß ohne Zwang zu ertragen imstande ist, das kann der Klügste nicht voraussehen. Aber der Versuch wird gemacht werden; so weit wenigstens haben wir's gebracht. – Auch hier in Berlin hat die Arbeit kräftig eingesetzt. Der gesunde, fröhliche Rausch, den die reine Luft auf Bergeshöhen herbeiführt, ist verduftet. Auch der unvermeidliche Kater, der selbst einem solchen Rausche folgt, ist überwunden. Ich stehe jetzt mitten im Organisieren der Ausstellungsvorbereitungen. Die Einteilung in Gruppen, die Anmeldebestimmungen und die erforderlichen Papiere für die Anmeldungen, Regeln für die Aussteller vor, wahrend und nach der Schau, und vor allem eine eingehende Preisliste und die Einrichtung des Richterwesens, mit der sich anschließenden, überaus schwierigen Personenfrage – all das muß reiflich überlegt, geordnet und festgesetzt werden. Auf dem Geräte- und Maschinenplatz bin ich natürlich zu Hause. In allem übrigen wäre ich einfach verloren, wenn nicht die kräftigste Hilfe von unerwarteter Seite gekommen wäre. H. von Nathusius-Althaldensleben, der so lange vorsichtig gezögert hatte, der D. L. G. beizuspringen, ist mit vollem Eifer an der Arbeit, der den Landwirten wichtigsten Abteilung der Tiere die richtige Gestalt zu geben. Ich habe ihm zunächst eine Übersetzung der Bestimmungen der Royal Agricultural Society vorgelegt, welche die Erfahrung von vierzig erfolgreichen Jahren geschaffen hat. Man braucht sich nicht zu schämen, das Gute zu nehmen, wo man es findet. So ist auch unsre »Ausstellungsordnung« – ein fast allzu stattliches Heft – diesem Vorbild entnommen. Natürlich war im einzelnen alles anders zu gestalten. Die Mannigfaltigkeit der deutschen Rinderrassen machte diesen Teil der Aufgabe außerordentlich verwickelt. Bei den Pferden scheint eine der englischen Einteilung entsprechende Aufstellung ganz unmöglich zu sein. Über den Schafen schwebt eine gewitterschwüle Kampfesstimmung, die ich den sanften Tierchen niemals zugetraut hätte. Die Schweine sind – außer in Meißen – über sich selbst noch im unklaren und flüchten sich mit Vorliebe unter die patriotische, aber etwas verschwommen klingende Bezeichnung »Landschwein«. Auf all diesen Gebieten erheben sich für meinen Laienverstand Fragen auf Fragen, die in keiner andern Weise endgültig zu beantworten sind als durch das Zusammenführen von Menschen und Tieren aus allen Gauen Deutschlands, wie es die D. L. G. durchsetzen muß, wenn sie ihr Salz wert ist. Es braucht ja niemand zu wissen, wie bange mir dabei wird. Die dreitausend übrigen Mitglieder der Gesellschaft scheinen mit rührender Ergebung zu erwarten, daß das alles schon wachsen werde, wenn der Himmel den schuldigen Regen fallen läßt. Im übrigen lassen die Beitritte nicht nach. Der Schrecken vor den 20 Mark Jahresbeitrag legt sich sichtlich. Schließlich kommt alles, wenn man nicht nachläßt, zu hoffen und sich zu rühren. 50. Berlin, den 6. November 1886 Es geht bunt zu um mich her und wird immer bunter werden. In den letzten vier Wochen hatte ich zwei Direktoriums-, eine Gesamtausschuß- und drei Sonderabteilungssitzungen, war in Magdeburg, Dresden und Meißen, hatte aus Zeitmangel von hier aus eine Versammlung in Frankfurt zu leiten, alles der kommenden Ausstellung zulieb. Dabei handelt es sich immer nur um vorbereitende Schritte und Maßregeln, die in dem verwickelten Leben, in das wir nach allen Seiten hin eingreifen müssen, eine Arbeit erfordern, von der sich niemand einen Begriff machen kann, der nicht selbst mitten drin steht. Einen solchen Dir zu verschaffen, wäre grausam, denn Du würdest Dich bei dem Versuch herzlich langweilen. Das ist der Dorn auch in meinem Fleisch. Die meisten dieser Arbeiten sind an sich nichts weniger als interessant und verschwinden, nachdem sie gemacht sind, von der sichtbaren Erdoberfläche wie die vorjährige Pflugfurche. Man sorgt und quält sich und glaubt schließlich selbst, nichts getan zu haben. Von den andern will ich gar nicht sprechen, die mit behaglich gefalteten Händen danebenstehen und warten, ob aus der Sache etwas wird, und wenn etwas geworden ist, feierlich an die Spitze treten, um die Festlichkeiten zu leiten. Ich bemerke, daß ich einen widerwärtigen Brief schreibe. Gewöhne Dich an diesen Stil für die nächsten neun Monate, und mache Dir nichts daraus. Es tut mir gut, denn ich darf sonst nirgends zeigen, ohne der Sache zu schaden, wie mir wirklich zumut ist. Und daß mir's so zumut ist, beweist ja nur, daß ich etwas in die Hand genommen habe, das nicht jeder Lump anrühren würde. Freilich habe ich meinen Preis dafür zu bezahlen. Ist dies anders zu erwarten? Die Lage erschwert sich dadurch, daß der Sekretär, den ich bei meiner Übersiedelung von Bonn anstellte, seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Ein kranker Mann, hinter dem ein verfehltes Leben liegt, gibt er sich sichtlich alle Mühe; aber es ist schon zu weit mit ihm gekommen, so daß er unter dem geringsten Druck zusammenbricht. So fällt auch von dieser Seite eine Menge Arbeit auf mich zurück, die füglich auf andern Schultern ruhen sollte. Es wird mit jedem Tage klarer, daß es eine Unmöglichkeit ist, die Leitung der Frankfurter Ausstellung und zugleich das Amt eines Ehrengeschäftsführers mit allen Arbeiten eines »Wirklichen« zu bewältigen. Dazu liegt mir unser Schatzmeister, der noch am meisten von diesem Treiben sieht, fast täglich in den Ohren: ein herzensguter, herzkranker Mann, der sich seit Jahrzehnten dem Vereinsleben geopfert hat und nicht ohne Bitterkeit dem Ende entgegensieht. »Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir!« ist der Kehrreim seiner Mahnungen. »So kann es nicht fortgehen. Sie müssen aus dieser Geschichte heraus!« Gut. Daß es so nicht mehr lange fortgehen kann, fühle ich, auch wenn ich es nicht sehen wollte. Aber »heraus aus der Geschichte«, den Karren stehen lassen, das ist natürlich eine einfache Unmöglichkeit, und so suchen wir seit etlichen Tagen wieder emsig nach einem Generalsekretär, wie vor einem Jahr um dieselbe Zeit. Leute gibt es zu Tausenden, die nichts zu tun haben. Wo ist aber ein Mann zu finden, wie ich ihn brauche? Zweimal dürfen wir nicht fehlgreifen, wenn nicht die ganze Sache samt mir zusammenbrechen soll. – Wie sich das hübsch traf! Auch ich kann nicht Tag und Nacht Ausstellungsanmeldescheine komponieren und Rinderställe skizzieren. So kam ich dazu, in den letzten Wochen Zolas jüngstes Buch »Lœuvre« zu lesen, in welchem ein Künstler, der fast ein Genie geworden wäre, an seiner Arbeit verblutet. Wie Gedanken zur fixen Idee, die Anspannung des ganzen Wesens zur Krankheit wird, ist geschildert, wie es nur dieser große, unlösbare Meister schildern kann, und dabei gibt er zwischen den Zeilen ein erschütterndes Bild, wie wenig glücklich ihn sein eignes erfolgreiches Schaffen macht. Sieht man nicht das gleiche bei fast allen, die einen neuen Weg einschlagen, bei Dichtern und Denkern, Erfindern und Weltbeglückern? Nur wenige schlagen sich unzerschlagen durch die Disteln und Dornen, die ihnen den Pfad verlegen. Ich weiß, Du willst nichts von Zola wissen. Natürlich. In deutschen Übersetzungen ist er völlig ungenießbar. Den Geist aber, der aus dieser erschreckenden Form spricht und der die ernstest denkenden Menschen anzieht, ahnst Du richtig genug. Es ist das unerbittliche Abstreifen der konventionellen Lüge, in der unser Leben dahingleitet, das rücksichtslose Erkennen der Hoffnungslosigkeit unsrer Zeit ohne Glauben, geschildert, ohne Phrase, ohne Moralisieren, durch Dinge und Menschen, wie sie sind. Von Spannung und Genuß im Leihbibliothekensinn ist keine Rede. Drei Viertel seiner Sachen sind wahrhaft langweilig. Aber kennst Du die Geschichte von Berlioz, der bei einem Adagio von Beethoven schluchzend in einem Konzert saß? »Lieber Herr,« sagte sein Nachbar besorgt. »Sie sind unwohl. Darf ich Sie hinausführen?« »Parbleu!« fuhr Berlioz auf, »glauben Sie, ich sei hierhergekommen, um mich zu amüsieren?« – Glaubst Du, ich lese Zola zu demselben Zweck? Wir sind alle Kinder unsrer Zeit; dem ist nicht zu entgehen. Sie zu erkennen, ihr ins Gesicht zu sehen, ist Menschenpflicht. Zola hat da und dort den Schleier abgerissen, und wir sehen entsetzt, schwarz auf weiß, was wir täglich in Wirklichkeit sehen könnten, wenn wir wollten. Wahrhaft wunderbar ist dabei die Art seines unbeabsichtigten Predigens: wie Laster und Verirrungen ihre Strafe in sich selbst finden, naturgemäß, ohne ein Eingreifen von außen oder oben. Dazu gehört ein sittlicher Instinkt, wie ihn kein zweiter Schriftsteller dieser Tage besitzt. Als Romane, als Kunstwerke sind seine Sachen meist unter aller Kritik unsrer ästhetischen Schulmeister. Wer heißt sie kritisieren? Über gottlose und gottgläubige Zeiten, über das Jahrhundert Darwins und das des Dreißigjährigen Kriegs ein andermal. Wo ist Licht in diesem Dunkel, wenn nicht da und dort ein spärliches Flämmchen in einem Einzelleben flimmert und erlischt? 51. Berlin, den 10. Dezember 1886 »Das war's! Ich war krank oder im Begriff, es zu werden. Seit vierzehn Tagen gehe ich jeden Morgen vor den Geschäftsstunden, die ich mit komischer Pünktlichkeit einzuhalten pflege, im Geschwindschritt eine Stunde lang unter den kahlen Bäumen des Tiergartens spazieren. Es ist dies weder aufregend, noch erheiternd, aber es tut mir gut, was ich daran merke, daß ich wieder kampflustiger und siegesgewisser werde. Krank oder gesund, das Suchen nach einem Geschäftsführer wird eifrig fortgesetzt. Geheimrat Orth von der landwirtschaftlichen Hochschule, der dienstwillige Freund von jedermann, der ihn braucht, der eifrige Vorsitzende unsrer Ackerbauabteilung, brachte mich in Berührung mit einem Herrn, der vor kurzem nach Berlin übersiedelte; seiner Kinder wegen, höre ich, werde aber nie begreifen, wie man seiner Kinder wegen eine Millionenstadt aufsuchen mag. Auch erinnere ich mich, daß ich mit Herrn Wölbling, wie mit hundert andern, schon in regem Briefwechsel gestanden habe, und er in seiner Stellung als Pächter und Vorsitzender eines kleinen landwirtschaftlichen Vereins mehrmals recht vernünftige Winke bezüglich unsrer Geschäftsordnung eingesandt hat. Er sei ein tüchtiger Landwirt, akademisch gebildet, Sohn eines Pastors und augenblicklich in der Lage, zu tun, was ihm beliebt. Das alles stimmte vortrefflich, doch stellte sich bei unsrer ersten Besprechung heraus, daß er sich bereits auf verschiedene Nebenbeschäftigungen eingelassen habe, darunter eine wohlbezahlte Aufsichtsratsstelle bei einer Hagelversicherungsgesellschaft, die er beizubehalten wünschte. Ich mußte erklären, und tat es vielleicht etwas schroff, daß ich hierauf nicht einzugehen vermöge, so daß die Verhandlungen zu einem raschen Abbruch führten. In diesem Punkte bin ich nämlich entschlossen, nicht nachzugeben. Es scheint hierzuland eine allgemeine Sitte zu sein, die Beamten so schlecht als möglich zu bezahlen und darauf zu rechnen, daß sie ihr spärliches Einkommen durch alle möglichen Dienste und Verdienste »im Nebenamt«, wie es genannt wird, auf die nötige menschenwürdige Höhe bringen. Es scheint sogar gern gesehen zu werden, wenn die Betreffenden vier, fünf Nebenämter ergattern; man kann ihnen dann mit ruhigerem Gewissen ihren Hungerlohn ausbezahlen. Ich halte dies für das Niederträchtigste und Unpraktischste aller Systeme. Man weiß dabei nie, was man an einem Mann hat, und er selbst kann unmöglich mit Leib und Seele bei seiner Arbeit sein. In meinem Fall würde ich höchst wahrscheinlich nach vier Wochen den Geschäftsführer meines Geschäftsführers spielen müssen, während er bei einer Versicherungsgesellschaft Kassensturz hält oder in einer Kleinkinderbewahranstalt das Windelnzählen überwacht. Ich brauche ganze Leute, und werde in der D. L. G. keine Anstellung gutheißen, bei der dies nicht über alle Zweifel festgestellt ist. Nach zwei Tagen hatte sich Herr Wölbling die Sache überlegt und war bereit, einzuschlagen. Zur Vorsicht warnte ich ihn, daß er sein Schicksal einem kaum seetüchtigen Kanoe anvertraue, das sich allerdings zu einem stattlichen Dreimaster auswachsen könne, wenn wir zusammenhielten und kein verkehrtes Steuermanöver machten. Versprechen könne ich ihm dies nicht, denn wir seien nicht Herr über Wind und Wetter. Aber er schien sich nicht zu fürchten, und in zwei Minuten waren wir einig. Ich war goldfroh und bin es noch, denn allem nach verdanke ich meinem verehrten Freund Orth einen guten Fang und bekomme fühlbar wieder etwas Luft. Besonders beruhigend ist mir, daß Wölbling kein Doktor geworden und dagegen ein praktischer Landwirt gewesen ist. Aus der Pflugfurche herauf muß die D. L. G. wachsen, nicht vom Katheder herunter. Die Vorbereitungen für Frankfurt machen greifbare Fortschritte, nicht bloß hier, sondern in allen Winkeln des großen Vaterlandes. Für meine Garantiescheine sind jetzt 60 000 Mark gezeichnet, und so tröpfelt es sich nach und nach zusammen, so daß ich im Geldpunkt kaum mehr besorgt zu sein brauche. Das war aber von jeher mein geringster Kummer: Geld ist immer da für eine gute Sache. Drückendere Fragen werden im Februar und März zu lösen sein, wenn die Anmeldungen einzulaufen beginnen und mit ihnen hunderterlei Wünsche, die den örtlichen Verhältnissen und Gewohnheiten entspringen und sich einer einheitlichen Gestaltung anpassen sollen. Wirkliches Vergnügen machte mir die Notwendigkeit, für die D. L. G. den Künstler zu spielen. Die Mitgliedskarte habe ich schon vor längerer Zeit gezeichnet, auf der »Wissen und Können«, der Wahlspruch der Gesellschaft, über einem Pferde- und Ochsenkopf in Lorbeer und Eichenlaub und beträchtlichen Mengen Getreides prangt. Nun brauchen wir aber auch eine Denkmünze, die etwas andres zeigen sollte als das übliche preisgekrönte Rindvieh. Einem Stuttgarter Künstler, den mir Diefenbach verriet, schickte ich eine Skizze, wie ich mir die Sache denke: Germania mit Schwert und Schild, der Friede in Waffen, die einen Lorbeerkranz über ein wogendes Kornfeld hält und den Pflug zu ihren Füßen mit dem Schilde deckt. Das sollte selbst meinen agrarischsten Freunden gefallen. Schwenzer, der ausführende Künstler, sei eine vortreffliche Kraft, wenn auch phänomenal langsam. Das macht aber in unserm Falle nichts. Für die zweite Ausstellung wird die Münze wohl fertig werden, und manchmal, seitdem ich einen Geschäftsführer habe, träume ich schon von der zweiten. Auch findet sich jetzt Zeit, die Ausstellungspläne für Frankfurt festzulegen. Das Unangenehme hierbei ist, daß ich mich auf keinerlei Erfahrungen stützen kann und nicht weiß, ob wir für hundert oder fünfhundert Pferde, für dreihundert oder tausend Rinder zu sorgen haben. Zunächst müssen bestimmte Zahlen einfach angenommen werden, und diesen entsprechend ist ein Entwurf für den schwierigen Platz auszuarbeiten. Wenn wir später wissen, um wieviel es sich handelt, ist es leichter, den Platz umzugestalten, als an eine noch nicht berührte Aufgabe heranzutreten. Im März und April wird dann in Stunden geschehen können, was sonst Tage erfordert hätte. Dann haben wir allerdings eine Aufgabe zu lösen, die in Deutschland, und ich glaube, auf dem ganzen Festland Europas, noch nie gelöst wurde: die Ausstellung muß am Abend vor der Eröffnung bis auf den letzten Nagel fertig sein. Bei ihrer nur fünftägigen Dauer ist dies unumgänglich notwendig. Ich habe dafür gesorgt, daß die »Ausstellordnung« den Ausstellern gegenüber drakonische Bestimmungen enthält. Da die Herren sie jedoch gewöhnlich erst lesen, nachdem alle erdenklichen Fehler begangen sind, so glaube ich, ist mit den wohldurchdachten Paragraphen wenig geholfen. Auch die Ausstellungsleitung, das heißt ich und wer das Glück hat, unter mir zu stehen, sieht sich noch mancher ungelösten Frage gegenüber. Aber nichts Erdenkliches soll unversucht bleiben, diesem tiefgewurzelten Unfug ein Ende zu machen. Du siehst, daß mir die nächste Zukunft stachlig genug entgegentritt. Wenn darüber meine Briefe zu Blättchen zusammenschrumpfen, und die Blättchen zu Postkartengröße, so brauchst Du Dich nicht zu wundern, noch zu ärgern. Es wäre nur ein Beweis, daß es der Sache und mir vortrefflich geht. 52. Berlin, den 12. Januar 1887 Die sechs Weihnachtsfeiertage in der alten Heimat waren Goldes wert. Hoffentlich habe ich während derselben so viel Kraft, Mut und Geduld angesammelt, daß mir der Vorrat bis in den Juli hinein reicht. Hier erwartete mich Erfreuliches und Ärgerliches in Menge. Die kommende Ausstellung fängt an, die Gemüter lebhaft zu erregen. Die Stadt Frankfurt, Vereine und Körperschaften in verschiedenen Landesteilen, selbst hohe Regierungen, wo sie die landwirtschaftlichen Vereinsangelegenheiten in Händen haben, stiften Preise, so daß uns hierfür schon 50 000 Mark zur Verfügung stehen, ohne daß unserseits eine einzige Bittschrift geschrieben wurde. In diesem Punkt bleibe ich unerbittlich und weiß, weshalb. Auch sehen andre jetzt, was die beste Form von Bittschriften ist: Handeln, ein wenig eignes Geld und eigne Arbeit opfern; dann kommt das, was eine gute Sache braucht, wie von selbst. Allerdings machen auch unsre Wohltäter zunächst verzweifelte Versuche, die Sache so einzurichten, daß die von ihnen gestifteten Summen ihren eignen Leuten wieder zufließen, und sind entsetzt, wenn ich darauf nicht eingehe. Es versteht sich eigentlich von selbst, daß unsre Prämiierungen nur dann Sinn haben, wenn sie einen Wettbewerb aller gegen alle, ohne Rücksicht auf politische Landesgrenzen innerhalb Deutschlands, herbeiführen. Geld, das uns unter andern Bedingungen angeboten wird, muß zurückgewiesen werden. Ich hatte dies der hessischen Regierung gegenüber zu tun. Die »jenseitige« Verwunderung war nicht klein. Doch hoffe ich noch, die hohen Herren werden ein Einsehen haben und uns ihre 500 Mark in annehmbarer Weise überlassen. Sodann sind wir bemüht, die erforderlichen Preisrichter, etliche siebzig Herren, zusammenzutrommeln. Schon zum voraus, ehe irgend etwas entschieden war, begannen meine lieben süddeutschen Landsleute zu klagen, daß man sie sichtlich hintansetze. Du kannst Dir denken, wie ich mir Mühe gebe, in dieser Hinsicht das Zünglein der Gerechtigkeit frei spielen zu lassen, und ich muß betonen, daß bei den Norddeutschen die bereitwilligste Zustimmung herrscht, wenn ich es ein wenig nach Süden hin drücke. Allein von den siebzig Aufforderungen, die ich nach allen Himmelsgegenden aussandte, ergab Norddeutschland rund siebzig Prozent Absagen, Süddeutschland fast genau ebensoviele Ablehnungen. Nachträglich sind uns entrüstete Gefühlsausbrüche sicher: daß süddeutsche Männer und süddeutsche Urteile nicht die genügende Berücksichtigung gefunden haben. – Ein rätselhaftes Volk! –. Die Beitrittserklärungen aber wachsen, auch aus dem Süden. Daß wir unsre erste Ausstellung am Main, wenn auch auf dem falschen, rechten Ufer abhalten, rührt sie doch. Für die Gesellschaft – so viel wird immer klarer – sind die Wanderausstellungen, wenn sie zur Tat werden, wie geplant, ein Lebenselement. Nur gemeinsame Arbeit kittet Menschen aneinander, und die bringen wir, wo immer sich unsre Zelte erheben werden. Ich spüre dies schon jetzt in allen Gliedern. 53. Berlin, den 6. Februar 1887 Gestern traf mich ein nicht ganz unerwartetes Telegramm von nationalen Wählern eines württembergischen Bezirks mit landwirtschaftlicher Bevölkerung, ob ich eine Reichstagskandidatur annehmen würde. Der Wahlkampf in meinem eignen Innern war scharf, aber rasch beendet. Nach zwei Stunden ging ein höflich verzierter Korb an die Herren ab. Damit war die Angelegenheit, ich fürchte zu Deiner völligen Befriedigung, erledigt. Ein klein wenig hat es mich aber doch gewurmt, die Beteiligung an den größeren Aufgaben unsers nationalen Lebens ablehnen zu müssen, um in mühevoller Ungestörtheit fortfahren zu können, zunächst auf dem Papier Rinderställe abzustecken und mit Anmeldescheinen und Einlaßkarten meine Zeit zu zerreiben. Mit Pflichten streiten Pflichten. Wo liegt für mich – nicht die schönere – aber die größere, abgesehen davon, daß es mir widerstrebt, das vom Wind bewegte Rohr zu sein? Was mich schließlich entschied, war die Überzeugung, daß Reichstagsabgeordnete ohne allzu große Schwierigkeiten zu finden sind, daß aber für die erste Ausstellung der D. L. G. niemand Rinderställe ausstecken würde, wenn ich es nicht mache. J'y suis, j'y reste! Morgen gehe ich nach Frankfurt, um Bauverträge abzuschließen. Es ist die höchste Zeit, wenn ich das süddeutsche Arbeitstempo in Rechnung ziehe. Ich hoffe, das Ganze vier Baufirmen übergeben zu können und zwischen denselben einen edeln Wettstreit anzufachen. Auch habe ich eine neue Vertragsform erfunden, die die rechtzeitige Fertigstellung der Bauten sichern sollte. Was helfen mir Konventionalstrafen von einer Million, wenn am ersten Ausstellungsmorgen die Schuppen noch zu decken sind? So bestehe ich darauf, daß gegen eine schwere Buße ein Drittel der Bauten acht Wochen, ein zweites Drittel vier Wochen und das dritte Drittel vierzehn Tage vor der Eröffnung fertig sein müssen. Das verhindert die Herren, das Ganze auf die lange Bank zu schieben. »Wir werden sie schon kriegen!« In bezug auf die Preise helfen unsre Frankfurter Freunde vom Platz- und Bauausschuß redlich nach, und die Bauleute fangen an, Vernunft anzunehmen. 54. Soeben komme ich von einem Besuch vom Fürsten von Hohenlohe-Langenburg zurück, der sich noch immer in der liebenswürdigsten Weise, und ich glaube dankbar daran erinnert, daß er seinerzeit nicht Präsident der D. L. G. zu werden brauchte. Wir verdanken ihm die Einleitung der Bewegung in Baden, welche er durch ein Gespräch mit dem Großherzog herbeigeführt hat. Heute versuchte ich mit Erfolg, ihn wenigstens zum Präsidentenwerber zu werben. Im nächsten Jahr nämlich kommen wir mit unsrer Ausstellung zweifellos nach Schlesien. Dort hat der Herzog von Ratibor große Güter und sollte deshalb unser Präsident sein. Er ist ein naher Vetter derer von Langenburg, und so hoffe ich, über unser heimatliches Hohenlohe das Ziel zu erreichen. Übrigens steigen wir in schwindelerregender Weise an der sozialen Leiter empor. Vorige Woche wurde unser guter König Karl Patronatsmitglied. Wir haben jetzt sechs gekrönte Häupter in der Gesellschaft, zwei Könige, drei Großherzöge und einen souveränen Herzog. Von den höchsten Spitzen des deutschen Vaterlandes fehlen uns nur noch Bayern, Mecklenburg und Weimar. An weniger spitzen Mitgliedern zählen wir heute 3700, und sie strömen noch immer heran, zwei auf den Tag, als ob sie von einer Zählmaschine bewegt würden. Ich habe mich darum kaum mehr zu kümmern; der wackere Wölbling zählt sie, und der Werbeeifer draußen im Lande nimmt eher zu als ab. Jetzt sehen sie kommende Taten und müssen mitarbeiten. Das ist das ganze Geheimnis. Mit den Anmeldungen für Frankfurt haben die Ausstellungsschwierigkeiten die umgekehrte Form angenommen, die uns vor drei Monaten drohte. Damals fürchtete ich, wir könnten den Platz nicht anständig füllen. Eine deutsche landwirtschaftliche Schau schien allen so entfernt, so ungewohnt. Heute weiß ich nicht, wie ich für alles Platz finden soll, das herbeizuströmen droht. Vorläufig ist Raum für 900 Tiere, und 1300 sind angemeldet. Als ich vor einigen Tagen meinen treuen Freund und Mitarbeiter, H. von Nathusius, einem der wenigen, die ernsthaft Hand an den Pflug legen, fragte, was ums Himmels willen zu tun sei, war seine tröstliche Antwort: »Ich bin nur begierig, zu sehen, wie Sie aus dieser Fatalität herauskommen.« Das ist alles sehr lustig anzusehen, aus der Ferne; aber die Wasser beginnen mir über dem Kopf zusammenzuschlagen, und ich sehe manchmal sehnsüchtig durch die nassen Haare, die mir die Augen verkleben, in eine bessere Zukunft. So ist das Leben kaum mehr menschenwürdig. Nach Frankfurt habe ich meine Aufgabe gelöst; dann mögen andre den Karren weiterschieben. Ich sprach kürzlich mit Schultz-Lupitz darüber, der über seinen parlamentarischen Wahlsieg in großem Jubel ist. Er war entsetzt; gibt aber zu, daß es so nicht fortgehen könne. »Die Sache wird ja später leichter werden,« meinte er. Um so besser für die, die nach mir kommen. Sie meinen zwar alle mit wohlwollendem Händedrücken, ich sollte schon jetzt mehr über dem Ganzen schweben. Das ist des guten Kiepert Grundgedanke und Leitmotiv. Aber es ist eine eigne Sache um das Schweben. Der Schneider von Ulm hat es auch versucht, und die Donau erzählt heute noch davon. 55. Berlin, den 13. März 1887 Wie die Tage fliegen! Der Schluß der Anmeldungen für Frankfurt war auf den 1. März festgesetzt, und noch immer strömen sie herbei, unbekümmert darum, daß jeder Nachzügler meine schöne Platzordnung über den Haufen zu werfen droht. Schlimmer noch ist ein gelegentlicher behaglicher Brief: man habe vor einigen Tagen gehört, daß in Frankfurt a. M. eine Ausstellung stattfinden solle. Man bitte um nähere Auskunft, um sich »eventuell« – ein Lieblingswort in landwirtschaftlichen Kreisen – mit einem Schwein oder einer patentierten Jauchepumpe zu beteiligen. Am schlimmsten: vorgestern beglückte uns das preußische Ministerium mit einer »Zuwendung« von 1200 Mark zu Preisen für gewisse Schafrassen, vierzehn Tage, nachdem die Tür für dieselben geschlossen worden war. Ein unerschütterliches Schlafhaubenvolk, meine lieben Landsleute! Drei Jahre lang haben wir ihnen auf den Schädel geklopft. Jetzt greifen sie da und dort nach dem Kopf und überlegen sich, was denn da oben schon wieder los sei. Trotz alldem haben sich 180 Pferde, 800 Rinder, 500 Schafe und 300 Schweine ordnungsgemäß angemeldet, 97 Aussteller wollen mit 2000 Maschinen und Geräten und 100 mit noch ungezählten landwirtschaftlichen Erzeugnissen aller Art antreten, und der Mensch schreibt in seinen Briefen und in seinem Zorn auch nicht immer, was vor Gott recht ist. Morgen schnüre ich mein Bündel für einige Monate. Wölbling wird während dieser Zeit in Berlin haushalten und den Ausstellungskatalog zusammenstellen, was trotz der prächtigen Anmeldescheine keine kleine Aufgabe ist. Ich muß sehen, wie ich mit einem Schreiberlein in Frankfurt zurechtkomme. In den Ortsausschüssen, die wir schon im Dezember bildeten, ist kein Leben, wenn sie nicht jemand in Bewegung setzt, dem selbst die Not auf die Finger brennt. Auf dem Papier sieht alles wohlgegliedert genug aus. Wir haben einen Finanzausschuß, einen Platz- und Bauausschuß, einen Kontraktausschuß, einen Druck-, Reklame- und Preßausschuß, Ausschüsse für Tiere, für Geräte, für Produkte, für Futterstoffe, für Betriebsmaterial, für Wohnungsnachweise, für Versammlungen, für Ausflüge, für Vergnügungen und für Wirtschaften. Genügt Dir das? In jeden hatten sich fünf bis sechs Mitglieder des Landwirtschaftlichen Vereins von Frankfurt unter mehr oder weniger starkem Druck einreihen lassen. Nun werden wir sehen, ob der Druck noch weiter wirkt. Ich gestehe, ich erwarte es kaum. Es ist auch nicht dringend nötig. Diese Ausschüsse sind weniger zur Mitarbeit als dazu da, den passiven Widerstand einer fremden Stadt gegen ein von außen kommendes Unternehmen sanft und lautlos zu überwinden. Gelingt dies, so hoffe ich selbst zurechtzukommen, wo es wirkliche Arbeit zu tun gibt. Auf andre zu rechnen, habe ich glücklicherweise nahezu verlernt. 56. Frankfurt a. M., den 3. April 1887 Jetzt kann's losgehen; ist tatsächlich schon losgegangen. Die vier Osterfeiertage in der Heimat haben mich so weit erquickt, daß ich mit frischem Mut in die noch fremde Welt hineinsprang, ohne mit dem berühmten: »Hei fass' und ergreife ich dich, Engeland!« auf die Hand zu fallen. Meine alten nomadenhaften Gewohnheiten kommen wieder zur Geltung. Um sechs Uhr abends kam ich hier an; um 8.30 des andern Morgens rückten ich und ein Stallknecht in einem großen, kahlen Zimmer der Ostendstraße, das mir der Frankfurter Rennverein gütigst zur Verfügung gestellt hat, meine um sieben Uhr gemieteten Bureaumöbel zurecht. Um 10.15 kaufte ich für 30 Mark Schreibgeräte aller Art. Um zwölf Uhr besichtigte ich meine eigne Wohnung in der Tiergartenstraße, ein paar hundert Schritte vom Ausstellungsplatz entfernt. Um vier Uhr schrieb ich die ersten Geschäftsbriefe. Um sechs Uhr verließ ich gewohntermaßen das ungewohnte Bureau und ging gemessenen Schrittes nach Haus, als ob alles seit Monaten in alten Geleisen liefe. Das lehrte mich das Wanderleben und setzt seßhafte Menschen, denen eine Reise und ein kleiner Umzug Leib und Seele auseinanderrüttelt, in mißbilligendes Erstaunen. Den Ausstellungsplatz solltest Du ein wenig kennen lernen, denn in den nächsten drei Monaten bin ich auch in Gedanken nirgends so sicher zu finden als dort. Es ist überdies der wunderlichste Ausstellungsplatz, den die Welt je gesehen hat, aber schließlich geht alles, wenn man muß. Der Rennverein und der Landwirtschaftliche Verein von Frankfurt haben sich indem etwas abgelegenen Ostend der Stadt eine stattliche Halle erbaut, hinter der ein freier, von festen Pferdeställen umgebener Hof liegt. Diese Räumlichkeiten sind uns kostenlos überlassen, reichen aber für die Erfordernisse der Ausstellung bei weitem nicht aus. So mußten größere Feldstücke, künftige Bauplätze, wie sie in der Nachbarschaft eben zu bekommen waren, dazu gemietet werden, und heute noch stehe ich in Unterhandlung wegen eines mit Gerümpel, Unrat und zerfallenen Schuppen bedeckten Grundstücks, auf dem meine Schweine und Schafe, koste es, was es wolle, Unterkunft finden müssen. Auf diese Weise kam das wunderlich gestaltete Gebilde von Plätzen und Plätzchen zusammen, bei dem mich nur der heimliche Gedanke tröstet, daß die wenigsten der künftigen Besucher eine große englische Schau gesehen haben dürften. Laut darf ich dies nicht denken, denn die Freundlichkeit Heineckens, des Vorsitzenden des Landwirtschaftlichen Vereins, und das bereitwillige Entgegenkommen Kappels, des alten Geschäftsführers des Rennvereins, verdienen die schonendste Berücksichtigung. Der letztere hatte das Unglück gehabt, die erste und einzige Ausstellung der »Süddeutschen Ackerbaugesellschaft« mitzumachen und sieht deshalb einer ähnlichen Veranstaltung mit schwerer Besorgnis entgegen. Auch von andern Abenteuern weiß diese Stätte zu erzählen. In der erwähnten Halle hatte eine große Winzervereinigung eine Weinausstellung abgehalten, zu deren Schluß ich kam, als ich das Gebäude zum erstenmal besichtigte. Die Weinrichter hatten mit rühmlicher Ausdauer ihres Amtes gewaltet und ihre Tätigkeit mit einer gründlichen Weinprobe der besseren Sorten beschlossen. Als sie am andern Tag erwachten, fand sich, daß das Protokoll der Prämiierung, die Arbeit mühevoller Tage, verschwunden war. Jeder beschuldigte den andern unverzeihlicher Pflichtvergessenheit, und alle suchten verzweiflungsvoll auf Galerien und in Pferdeställen, in Gasthöfen und Kneipen, in Betten und Kleidern nach dem verlorenen Schriftstück. Schließlich versuchten sie bei verschlossenen Türen, umgeben von Selter- und Apollinariswassern, die wichtige Niederschrift aus dem Kopf wiederherzustellen. Aus fünf Köpfen; und was für Köpfen! Dementsprechend mußten schließlich die Preise und Denkmünzen verteilt werden. Daß das wirkliche Protokoll bei einem der Herren Richter in Koblenz wieder auftauchte, aber allerdings in der Tasche eines Rockes, der nach Mainz gehörte, und daß dasselbe nur eine entfernte Ähnlichkeit mit dem aus dem Kopf hergestellten aufwies, ist nur den intimsten Freunden der Preisrichter bekannt geworden. Ich hoffe mit dem Vorschlag durchzudringen, daß die Richter der D. L. G. vorübergehend Mitglieder eines Mäßigkeitsvereins von strengsten Grundsätzen werden müssen. 57. Frankfurt a. M., den 10. April 1887. Es geht vorwärts; natürlich nicht in dem Schnellschritt, der mir zur Beruhigung dienen würde; aber es geht doch vorwärts, und Du weißt, ich habe einen Bund mit meiner Feder gemacht, vom 15. April bis 15. Juni nicht zu schimpfen. Den will ich halten, wenn es menschenmöglich ist. Vor vier Tagen wurde das erste Bauholz auf den Platz geführt und von mir festlich begrüßt, vor drei der erste Pfosten für die Geräteschuppen eingeschlagen. Bereits stehen zwei von den einunddreißig, die erforderlich sind. Zwei Bauunternehmer sind ernstlich an der Arbeit. Der dritte wollte gestern anfangen, hat sich aber noch nicht gezeigt. Ganz vortrefflich wirkt die Maßregel, die Bauten drei Geschäften zu übergeben. Es ärgert doch jeden, der langsamste zu sein, und ich lasse es an schlechten Witzen nicht fehlen, sie gegeneinander aufzuhetzen. Noch immer kommen Anmeldungen und die naivsten Anfragen, die zeigen, bis zu welchem Grad das Ausstellungswesen hierzulande demoralisiert ist; dazu von Leuten, die keineswegs unwissende Bäuerlein sein wollen. Es sei nicht unmöglich, schreiben sie gewöhnlich – drei, vier Wochen nach Schluß der Anmeldefrist! –, daß sie sich entschließen dürften, auszustellen, namentlich, wenn sie mit Sicherheit auf einen Preis rechnen könnten, worüber sie um Aufschluß bitten. Es macht mir ein grimmiges Vergnügen, diesen Herren zu antworten: »Liebe Schlafhauben! Es ist ganz unnötig, Euch zu entschließen. Die Bude ist bereits geschlossen.« Worüber sie sich dann sichtlich gekränkt »wundern« und mich benachrichtigen, einer so wenig entgegenkommenden Gesellschaft niemals beitreten zu können. Mit den verschiedenen Ortsausschüssen habe ich begonnen, regelmäßige Sitzungen abzuhalten, was in gemütlich-süddeutsch-formloser Weise beim abendlichen Bier geschieht. Für die Herren ist das zweifellos das bequemste. Mir raubt es den Feierabend, was nichts zu sagen hat, solange man's aushält. Die Arbeit besteht im wesentlichen darin, den Herren zu erzählen, was ich getan habe oder zu tun gedenke, sie zu fragen, ob dies den Sitten der Eingeborenen entspreche, und schließlich meine eignen Wege zu gehen. Es ist dies das Natürlichste. Unter den achtzig Herren, um die es sich hierbei handelt, finden sich doch drei oder vier, die wirklich an der Arbeit teilnehmen wollen und die die Mühe des Zusammensitzens mit den andern reichlich lohnen: Heinecken, Stockmayer, von Lichtenstein – doch, was kümmern Dich tote Namen! Weniger gut geht mir's mit den Vorbereitungen für die Wanderversammlung, die neben der Ausstellung herlaufen soll. Es fehlt mir zunächst die Zeit, vor allem aber ein Herr von Langsdorff, der in Dresden von großem Werte war, diese Seite der Veranstaltungen gehörig durchzukneten. In dem Gefühl der Unmöglichkeit, die Aufgabe, welche vor mir liegt, in all ihren Teilen zu bewältigen, liegt das Unbehagliche meiner heutigen Lage. Schließlich wird man mir sagen, daß ich dies nur meiner eignen Torheit zu danken habe; wer zwinge mich, mir Unmöglichkeiten aufzuladen? Daß meine verehrten Mitglieder und Mitarbeiter es sind, die mich sitzen lassen, scheint bis jetzt keinem derselben in den Sinn gekommen zu sein. Trotz alldem läßt sich gelegentlich nach Luft schnappen. Herr von Lichtenstein, die personifizierte Gefälligkeit, öffnete mir die Tore des hiesigen Bürgervereins, eines reich und behaglich eingerichteten Klubs und einer unerschöpflichen Quelle der Tages-, Wochen- und Monatsliteratur. Vielleicht vergesse ich dort von Zeit zu Zeit, daß meine wichtigste Aufgabe in den nächsten acht Wochen die ist, nichts zu vergessen. 58. Frankfurt a. M., den 17. April 1887. Du fragst, ob ich denn ganz in Arbeiten von so vielbezweifeltem Nutzen versinken wolle? Am guten Willen fehlt es mir nicht. Aber schrieb ich Dir nicht auch von meinen Abendunterhaltungen, die jetzt in vollem Gange sind. Anfänglich versuchte ich, sie teilweise auf die Nachmittage zu verlegen. Dies war jedoch nicht zu erreichen, da die andern Teilnehmer sich nicht dazu entschließen konnten, ihr Mittagsschläfchen oder ihre kostbare Arbeitszeit derartigen Lustbarkeiten zu opfern. So habe ich nunmehr in der Regel jeden zweiten Abend eine Ausschußsitzung. Da es sich hierbei um sechzehn Gruppen handelt, kommen die einzelnen Herren kaum alle vier Wochen zum Genuß einer Sitzung, ich dagegen habe das unschätzbare Vergnügen, sechzehnmal in derselben Zeit nach des Tages Last und Hitze für die allgemeine Aufklärung meiner Mitarbeiter wirken zu dürfen. Nur in einem Punkt stieß ich auf energischen Widerstand. Der Finanzausschuß will von meinen Eintrittspreisen von drei, zwei und einer Mark an den fünf Ausstellungstagen nichts wissen. Das sei unerschwinglich hoch. Frankfurt werde sich gegen solche Überforderungen wie ein Mann erheben. Umsonst weise ich darauf hin, daß Frankfurt für ein besseres Tingeltangel nicht weniger bezahle, und daß 222 Pferde, 1047 Rinder und so weiter doch mehr wert seien als eine ausgepumpte Chansonettensängerin, auch, daß wir in fünf Tagen 100 000 Mark einnehmen oder zugrunde gehen müssen. Das sei es ja gerade, wird mir erwidert; eine Mark am ersten Tag, um den Ansturm der Besucher während des Richtens abzuhalten, und an den folgenden Tagen 50, schließlich 30 Pfennig, dann könne man auf einen Besuch rechnen. So habe man es bei der berühmten Ausstellung der Süddeutschen Ackerbaugesellschaft gehalten, sagten sie mir einstimmig. »Und welchen Überschuß haben Sie damals erzielt?« fragte ich bescheiden. Allgemeines, schmerzliches Schweigen. Endlich sprach Kohn-Speier kleinlaut: »Mich hat die Geschichte 3000 Mark gekostet.« »Und mich 5000!« ergänzte Meyer aus der Eschenheimergasse. »Wenn es nur nicht wieder so geht!« seufzte Kappel. »Sehen Sie!« rief ich zuversichtlich. »Wenn Sie gestatten, wollen wir zum nächsten Punkt der Tagesordnung übergehen.« Eine unerwartete Freude habe ich in den letzten Tagen bei der Entdeckung gehabt, daß doch nicht alle wie Ölgötzen dasitzen und neugierig darauf warten, was aus der Geschichte wird. Wirtschaftsrat Krauß aus Märzisried bei Kaufbeuren, den ich persönlich kaum kenne – er will mir seinerzeit auf der Wiener Ausstellung begegnet sein, wo er die österreichische landwirtschaftliche Abteilung aus dem Sumpf zog –, vorläufig der einzige weiße Rabe, der für uns in Bayern umherflattert, schrieb vor einiger Zeit, daß er, wenn nötig; gern bereit wäre, nach Frankfurt zu kommen und mir zu helfen. Nun kam er plötzlich, um sich selbst zu überzeugen, ob es nötig sei, und stürzte sich sofort energisch in die Aufgabe, geeignete Futtertröge für unsre Schweine zu beschaffen. Er ist sodann wieder abgereist, verspricht aber, ein bis zwei Wochen vor Eröffnung der Schau zurückzukehren und Hand anzulegen, wo es irgend fehlen sollte. Fehlen wird es an allen Enden und Ecken, wenn die Ausstellung allen andern ähnlich wird. Aber es ist mir eine große Beruhigung, daß es wenigstens einem unter Tausenden klar zu sein scheint, was man in einem solchen Fall mit dem »darüber schweben« ausrichtet. Auch hier scheint Herr von Lichtenstein dieser Ansicht zu sein und will mir die Wasserversorgung des Platzes abnehmen. So ungern ich etwas von einiger Bedeutung aus der Hand gebe – ein Grundfehler meines habgierigen Charakters –, bin ich ihm doch im geheimen von Herzen dankbar. Das Leben weiß auch die härtesten von uns weich zu klopfen, wenn es ihm ernst wird. Und schließlich scheint Ökonomierat Poggendorff in Berlin Lust oder Mitleid zu verspüren und will mir als Ausstellungsschatzmeister zu Hilfe eilen. Damit wäre mir ein Mühlstein vom Hals genommen. Es gibt doch noch Samariter in diesem Jammertal. 59. Frankfurt a. M., den 3. Mai 1887. Auch die kürzesten Briefe können kürzer werden, wenn es so weiter geht. Die letzte Direktoriumssitzung zwang mich, einen Seitensprung nach Berlin zu machen, wo manches mündlich zu regeln war, obgleich zwischen Wölbling und mir täglich Briefe hin und her gehen. Wölbling hat den Katalog energisch in die Hand genommen, eine Arbeit, die bei der Art, wie ich die Anmeldungen erzwang, rechtzeitig fertig werden kann. Meist erscheinen hierzuland Kataloge kurz vor Schluß der Ausstellung, auch manchmal nach demselben, was ich nicht für ganz richtig halte. Aber so einfach, als man denken sollte, ist auch diese Arbeit nicht, namentlich, weil kein deutscher Aussteller daran gewöhnt ist, richtige Angaben rechtzeitig zu machen. Wenn unsre D. L. G. nichts wird als eine Schule der Ordnung und Wahrhaftigkeit, so hat sie eine herrliche, aber allerdings auch überaus langweilige Aufgabe vor sich. Gott schenke uns allen Geduld. Die Direktoriumssitzung verlief in der jetzt üblichen Weise. Ich sehe mit großer Befriedigung nach und nach Gewohnheiten entstehen. Das ist das erste, nach dem das Neue zu streben hat, wenn etwas Bleibendes herauskommen soll, das Gefährlichste, wenn etwas alt zu werden beginnt. Mein lieber Kiepert, der Vorsitzende, glänzte allerdings durch Abwesenheit, was mich gerade in diesem Fall, den ich mit zwei Nachtfahrten bezahlt hatte, aus sentimentalen Gründen ärgerte. Was ihn abhielt, zu kommen, war der Geburtstag seines Enkelchens. Noch einmal: Gott gebe uns allen Geduld. Dagegen ist Poggendorff, der Leiter des Klubs der Landwirte, entschlossen, mir einige Zeit vor Eröffnung der Schau als Stütze zu dienen. Ganz herzlos ist die Welt denn doch noch nicht. 60. Frankfurt a. M., den 12. Mai 1887. Eine der größten Schwierigkeiten ist, bei außerordentlichen Veranlassungen die Leute innerhalb der Grenzen von Vernunft und Billigkeit zu erhalten. Den Frankfurtern kommt es nachgerade zum Bewußtsein, daß hier im Juni eine Ausstellung abgehalten werden soll. Etwas der Art kommt nicht alle Tage. Die Gelegenheit muß benutzt werden, und wenn das Unternehmen gar von außen kommt, so hält es jeder biedere Eingeborene sich selbst, seinen Kindern, seiner Vaterstadt gegenüber für eine Pflicht, den Fremdling bis aufs Blut zu rupfen. Je kleiner die Stadt, um so größer der Eifer in diesem Sinn, und Frankfurt ist noch klein genug für eine derartige Auffassung seiner Bürgerpflicht. In den letzten Tagen hatte ich einen heftigen Kampf mit den Spediteuren. Es galt, einen Tarif für die Überführung von Tieren, Maschinen und Geräten von den Bahnhöfen nach dem Ausstellungsplatz festzustellen, und die Forderungen der Herren Fuhrwerksbesitzer, genau wie seinerzeit die der Bauleute, überstiegen alles Bitten und Verstehen. Sie hatten überdies den Vorteil, das Geschäft in der Hand zu haben; man mußte es nolens volens ansässigen Fuhrleuten anvertrauen, und die Herren waren gerieben genug, unter dem Schutz eines geheimen Rings zu handeln. Das schlimmste war, daß der Vorsitzende unsers Speditionsausschusses auch der heimliche Vorstand des Rings war. Umsonst klopfte ich an das Gewissen von Kohn, Levi und Meyer, vergeblich erklärte ich ihnen, daß sie mich einem Totschlag seitens der Aussteller preisgeben, wenn ich derartige Frachtsätze für annehmbar erklären würde. Erst als einige hervorragende Bürger der Stadt, die keine Fuhrwerke besitzen, dagegen gelegentlich einiges zu führen haben, auf meinen Verzweiflungsruf energisch eingriffen, waren Verhandlungen wieder möglich. Sie sind noch nicht abgeschlossen, doch ist Aussicht vorhanden, daß ich zwischen Ausstellern und Spediteuren nicht ganz zerdrückt werde. Mit der Beschaffung von Stroh, Heu, Hafer und andern Futterstoffen für meine 1600 Stück Groß- und Kleinvieh gedenke ich zu warten, bis Freund Krauß wieder auf der Bildfläche erscheint. Ich habe das Recht, diese Dinge nicht zu verstehen und will mich dem dauernden Unwillen der gesamten Ochsenwelt nicht aussetzen. Dagegen beschäftigt mich die Düngerabfuhr ernstlich und in unangenehmer Weise. Ich hatte gehofft, von den um Frankfurt wohnenden Landwirten glänzende Angebote für die auf dem Platz frei werdende »Seele der Landwirtschaft« zu erhalten. Sachverständige Gelehrte hatten mich in dieser Hoffnung bestärkt. Wiederholte Anzeigen förderten jedoch nur ein Kind Israels zutage, das bereit war, den Zentner Dünger um 30 Pfennig zu holen. Die 30 Pfennig sollte aber nicht er, sondern ich bezahlen. Entrüstet zeigte ich ihm die Türe. Nach längerem Zaudern sind nunmehr zwei Herren meines Festkomitees bereit, die Aufgabe umsonst zu übernehmen, scheinen dies aber für ein großes Opfer anzusehen, das sie der Ehre der Stadt und dem Wohl des Vaterlands zu bringen bereit sind. Sie wissen leider alle nur zu gut, daß ich den wertvollen Stoff täglich morgens vor acht Uhr los sein muß, koste es, was es wolle. Auf dem Platz geht es jetzt munter genug zu. Sämtliche Schuppen stehen, und die Zeltdachdecker haben ihre Arbeit begonnen, so daß da und dort schon große Flächen von festlichem Weiß zu sehen sind. Am meisten Ärger machen die Pferdestände, welche in die vorhandenen Stallungen eingebaut werden müssen. Es handelt sich um Buchten und Lattenstände in verwirrender Reihenfolge. Kaum ist dieselbe wieder einmal festgestellt, kaum sind die Zimmerleute dementsprechend in Tätigkeit gesetzt, so kommt ein Brief, neuerdings auch Telegramme, aus Berlin: Herr H. müsse für seine Stute schlechterdings eine Bucht haben, statt des bestellten Lattenstandes, oder die zwei Hengste des Herrn Z. seien so sanft, daß ihr Besitzer nur für Lattenstände bezahlen wolle. Dann muß durch zwei, drei Reihen zum sechstenmal alles wieder geändert werden. – Das sind Geduldsproben, die ich von Woche zu Woche schlechter bestehe, so daß ich zur traurigen Überzeugung gekommen bin, Nerven zu haben wie andre Leute. Gott besser's! Dabei fällt mir ein, Dich zu bitten, nichts, was ich in den nächsten Wochen schreibe, tragisch zu nehmen. Ich könnte mir gelegentlich Luft machen müssen; aber wir wissen, das geht vorüber, und in vier Wochen ist alles zu Ende. 61. Frankfurt a. M., den 21. Mai 1887. Es bleibt wahr: in einem derartigen, Leib und Seele zerreibenden Strudel bin ich noch nie geschwommen. Nicht der Aufbau der Ausstellung, der an sich genug zu tun gäbe und täglich gewaltsame Änderungen und waghalsige Entschlüsse verlangt – all die kleinen und großen Fragen von weiterer Tragweite, die derselbe hervorruft, all das Geschrei nach Beachtung, die Entrüstung über Vernachlässigung, die mich umgeben, sitzen mir nachgerade auf den Nerven. Kappel, der Geschäftsführer des Rennvereins, erzählt mir täglich von dem längst dahingegangenen Geschäftsführer der Süddeutschen Ackerbaugesellschaft, einer glücklichen Natur, die unter ähnlichen, obgleich kleineren Verhältnissen alles vergaß und mit der fröhlichsten Miene der Welt dies zugab, wenn die Folgen seiner Vergeßlichkeit zutage traten. Dir ein Bild meiner gegenwärtigen Lage zu malen, ist schon aus Zeitmangel unmöglich: wie Schafe aus Schlesien nach ihren Hürden fragen, die sie nicht bestellt haben, wie sich Maschinen aus England nach Frankfurt an der Oder zu verirren drohen, wie Ochsen in Bayern angstvoll nach ihrem Futter und nach den Schlafstätten ihrer Knechte brüllen, wie der Vergnügungsausflug nach dem Niederwald sein Husarenmusikkorps nicht bekommen kann und der zweite Hauptredner der Festversammlung für unbestimmte Zeiten auf das Krankenlager geworfen ist. Dazwischen ergibt sich plötzlich die Notwendigkeit, hier ein Eisenbahngeleise zu legen, für das keine Schienen vorhanden sind, und dort einen Krankenstall zu bauen, an den niemand gedacht hatte. Aus Bremen, Mainz und Glogau kommt die Nachricht, daß Plakate fehlen; aus Darmstadt will ein großherzoglicher Hoflieferant den ganzen Platz mit »Triumphstühlen« versehen, während ein andrer aus München Patentfeuerlöschapparate aufstellen möchte, zu neun Mark das Stück. Ein Blumenmädchen will sich schon jetzt den Alleinverkauf von Rosen auf dem Ausstellungsplatz sichern, jeder von drei Photographen das ausschließliche Recht des Photographierens. Ein meist angeheiterter Stadtchronikschreiber hat uns seit vierzehn Tagen mit einem kommenden Schützenfest verwechselt und will dafür bezahlt sein. Daneben muß unser Grundgesetz wieder einmal umgearbeitet und für die Hauptversammlung ein Jahresbericht aufgestellt werden. Niemand hat Zeit, an die längst beschlossene Prüfung von Dörrapparaten zu denken, noch weniger an den Wettkampf von Zugochsen, von dem zwar die Nächstbeteiligten nichts wissen wollen, für den dagegen einige ferner Stehende förmlich schwärmen. Einer unsrer wärmsten Freunde schreibt entrüstet, wie es der D. L. G. möglich sei, ihre erste Ausstellung abzuhalten, ohne beim Richten der Tiere sein Punktiersystem anzuwenden. Dabei steht meine Zimmertüre selten still, und Dutzende von Leuten wünschen Aufschluß über Hunderte von Dingen, von denen ich oft genug selbst nichts weiß. – Es bleibt schließlich nichts andres übrig, als zu tragen, was man tragen kann, und das übrige am Wege liegen zu lassen. Der Jammer ist, daß ich hierfür nicht den nötigen Leichtsinn habe. Und doch kommt es darauf hinaus. Gestern war Oberregierungsrat Lydtin aus Karlsruhe hier, der die Ausstellung der badischen Rinder leitet, der erste und einzige Herr, welcher es bis jetzt für der Mühe wert hielt, nach der Sache an Ort und Stelle zu sehen. Die Badenser rühren sich sichtlich, und Lydtin scheint einer der wenigen zu sein, die die praktische Bedeutung unsrer Ausstellungen erfaßt haben. Ganz freudlos ist mein Dasein doch nicht. 62. Frankfurt a. M., den 28. Mai 1887. Es ist Pfingsten – für andre Leute. Die Sonne lacht freundlich auf die Welt herab, die endlich grün geworden ist. Doch tut sie es diesmal nicht für mich. Die Ketten, die ich mir mit vieler Mühe geschmiedet habe, rasseln hinter mir her, heute wie gestern, morgen wie heute. Fast mein einziger Gedanke außerhalb des Frondienstes ist seit einiger Zeit: Geduld; nur noch wenige Tage Geduld! Krauß und Poggendorff sind hier; wahrhaft treue Freunde. Ich glaube, sie sehen die Dinge noch, wie sie sind, und nicht durch den Nebel, der sie mir ins unförmliche vergrößert. Und sie sorgen förmlich mütterlich für mich, halten mir unnötige Leute vom Leib, sehen dazu, daß ich das Essen nicht vergesse und zur Zeit zu Bett komme. Schlafen machen können sie mich allerdings nicht. Am Morgen sieht man von diesen Nächten zum Glück nichts mehr. Ich bin gesund, merkwürdigerweise, muß ich fast sagen. Das sollte Dir für die nächsten drei Wochen genügen, und genügt auch. 63. Frankfurt a. M., den 3. Juni 1887. Nacht. Das Wetter ist abscheulich. Es regnet und stürmt draußen, als ob der Himmel herunterkommen wollte. Ein Teil des Maschinenplatzes steht unter Wasser. Bei solchem Wetter, mit einer solchen Aufgabe gilt es, den Mut nicht zu verlieren. Mut? – Hart bleibt es, die Arbeit von vier Jahren zu Wasser sehen zu werden. Schreibe mir getrost ein paar Worte, aber erwarte keine Antwort, ehe ich aus diesem Wald brechender Baumstämme heraus bin. 64. Frankfurt a. M., den 20. Juni 1887. Dies könnte ein Brief werden, der Dich durch sein bloßes Gewicht mit freudigem Entsetzen erfüllen soll. Wie ich dazu komme, ihn zu beginnen, wann ich ihn beenden werde, wird sich später zeigen. Freue Dich mit mir, daß ich darüber nicht nachzudenken brauche. Mit einem Schlag hat sich mehr als das Wetter geändert. Ich habe Zeit und bin wieder Mensch geworden. Über den Verlauf der fünf Tage, an denen Leben und Sterben der D. L. G. hing, haben Dir die großen Tagesblätter, voran die »Frankfurter Zeitung«, das Nötigste berichtet. Sie waren uns im allgemeinen so weit wohlgeneigt, als der Druck der Verhältnisse und der täglich wachsende Erfolg sie dazu zwang. Es ist merkwürdig, wie groß das Unverständnis, wie gering die Sympathie dieser Zeitungen dem ersten Gewerbe des deutschen Volks gegenüber ist; wie der Gegensatz zwischen Stadt und Land immer wieder wie Nadelspitzen durch die gesamten Festreden und rauschenden Verbrüderungsszenen durchschlägt. Auch in dieser Hinsicht hat die D. L. G. eine große, fast heilige Aufgabe zu erfüllen. Denn ist die Versöhnung von dem, was nie sich hätte trennen sollen, nicht ein heiliges Werk? – Die landwirtschaftlichen Fachzeitschriften sind natürlich voll von unserm Treiben, lobend und krittelnd, meist lobend. Noch täglich schicken mir schreibselige Doktoren ihre Artikel, in denen sie des näheren auseinandersetzen, wie die D. L. G. bewiesen habe, nicht bloß, daß sie lebe, sondern auch, daß sie gewaltige Aufgaben zu lösen bestimmt sei. Es war mir mit Fug und Recht auf diese Stimmen bange. Seit vier Jahren erkläre ich den Herren in allen Tonarten, daß auf Ausstellungen anders gewirtschaftet werden müsse, als sie es gewohnt waren, daß man nicht zu Festen und Spielen zusammenkomme, daß hier die Landwirtschaft zeigen müsse, ob sie arbeiten könne. Hunderte paßten wohl darauf, zu beweisen, daß ich zwar mit dem Mund und der Feder etwas leiste, nicht aber in der harten Wirklichkeit, von der ich so viel Aufhebens mache. Und dabei hing so viel an Dingen, die kein Mensch in der Gewalt hat: am Wetter, an der Stimmung einer Behörde, an den Launen von Zeitungsschreibern, »Tintenbuben«, wie sie mein Freund Heinecken nennt. Kurz, es waren erdrückend sorgenvolle Tage, schon ehe mich die letzten Vorbereitungen überwältigten. Wie soll ich Dir ein Bild davon geben, wenn sich alles in hundert Einzelheiten auflöst, wo und wie ich das Ganze berühre? Am Tag vor der Eröffnung ein drohender Himmel, noch immer grau in grau, nach einer bösen Regennacht, die den Geräteplatz in einen Sumpf verwandelt hatte. Mein Bureau ein Guanoberg von Briefen und Depeschen, Skizzen und Packpapieren, Schnüren und Schildern, Kleister- und Farbtöpfen; tausend Dinge, die man irgendwo gebraucht hatte oder noch brauchen wollte. Dazwischen ein halbes Dutzend alle drei Minuten wechselnder Leute, mit einem Dutzend Bedürfnissen und Wünschen: eine Garderobefrau, die nach ihren Nummern fragt, ein Kammerdiener, der den Besuch des Großherzogs von Hessen-Darmstadt anmeldet, ein Bauer, der den Stand für seine Kühe nicht findet, ein Spediteur, der zwei Kisten mit Katalogen in einer Pferdebucht abgeladen hat, wo man ihm die Empfangsbescheinigung verweigert, ein Tierarzt, der eine sterbende Sau abmelden will, zwei Professoren, die ein und denselben Viehwagen beanspruchen, ein Berichterstatter, der des Fürsten von Wied morgige Eröffnungsrede verlangt, ein zweiter, welcher Freikarten für die Familie seiner Schwiegermutter fordert, ein Honigaussteller, dem drei Töpfchen seiner Erzeugnisse abhanden gekommen sind, ein entrüsteter Aufseher, der sie nicht gestohlen haben will, ein Drucker mit einer Rechnung und einem Bündel Plakate: »Für Herren« »Für Damen«, zwei Preisrichter, die den dritten ihrer Gruppe nicht finden können, ein Zimmermann, mit der Nachricht, daß böse Buben über die Umzäunung steigen und Bretter abreißen, die Feuerwehr, die zwei Laternen und vier Strohsäcke für den Nachtdienst verlangt, drei wütende Pferdehändler, die ihre Rosse in einen Stall stellen wollen, den ein vierter bereits besetzt hat, ein weinendes Blumenmädchen, das sich nicht vom Platz weisen lassen will – sie sei beim Pferdemarkt auch immer hier gewesen –, vier Pädagogen, die zweitausend Kinder zu zehn Pfennig das Stück anmelden, eine Abordnung von Ausstellern, die um keinen Preis auf der ihnen angewiesenen Galerie bleiben wollen; sie seien dort oben verraten und verkauft, und so weiter, und so weiter, so daß mir, und wohl auch Dir, der Atem noch heute ausgeht, wenn ich daran denke. Dann draußen in der großen Halle für Erzeugnisse! Die Leute waren dort mit ihren Arbeiten noch entsetzlich im Rückstand. Sie sind es gewohnt, erst am zweiten oder dritten Tag der Ausstellung fertig zu werden, was ich, rot vor simuliertem Zorn, schlechterdings nicht zu dulden behaupte. Einige, die guten Schwaben voran, sind soeben erst angekommen und stehen kopfschüttelnd vor ihren geschlossenen Kisten. Zum Glück gelingt es mir, das fälschliche Gerücht zu verbreiten, der Großherzog von Hessen wolle noch am Vorabend den Herren einen Besuch abstatten. Dies setzt plötzlich den ganzen Ameisenhaufen in fieberhafte Bewegung, so daß ich einigermaßen beruhigt die Halle verlassen kann. Im Freien irren Hunderte von Rindern, Schafen und Schweinen an den Schuppen entlang, ihre Plätze suchend, sie allein vernünftig genug, philosophische Ruhe zu bewahren. Hier herrscht mein Freund und Retter Krauß als Generalissimus und kommandiert gleichzeitig das Entladen der stündlich ankommenden Eisenbahnzüge auf dem benachbarten Bahnhof. Tiere aus Holstein und Oberbayern, von Ostpreußen und vom Schwarzwald beschnuppern sich neugierig. Allgäuer Kuhglocken klingen melodisch ins Geblök schlesischer Schafe. – Weiter hinten, auf dem bunten Geräteplatz, pusten schon Dampfmaschinen, summen Zentrifugen und brummen Dreschmaschinen in friedlichem Baß, schimpfen und fluchen aber auch Hunderte menschlicher Wesen über die schlechten Wege, die nassen Kohlen, die teuern Spediteure. Nun rasch nach der Stadt zur ersten Sitzung von Richtern und Schauwarten im »Saalbau«, am andern Ende von Frankfurt. Begrüßung meiner Mitvorstände, die endlich auch aufgetaucht sind; verfrühte Glückwünsche, gefühlvolles Bedauern über meine Arbeitslast. Mitten in der Sitzung kommt unser Präsident, der Fürst von Wied. Vorstellung. Belehrung der noch etwas verwirrten Richter durch Herrn von Nathusius und Wölbling. Gruppenbildung. Allseitiges Bekanntwerden. Schluß. Dann wieder hinaus auf den Ausstellungsplatz. Finde mein Bureau umlagert von fünfundzwanzig Leuten, die mich in wachsendem Zorn seit zwei Stunden suchen, Krauß – ein unbezahlbarer Mann in solcher Lage – mitten unter ihnen, strahlend vor Vergnügen, jedermann versichernd, daß alles ganz vortrefflich gehe, was die Wütendsten diesem Gesicht voll muntern Wohlwollens schließlich glauben; Poggendorff still geschäftig leere Kassen bereitstellend, die er morgen zu öfterem gefüllt nach unsrer Bank zu schleppen hofft. Acht Uhr abends. Es wird ruhiger. Sechzehnhundert Tiere in langen Reihen fressen behaglich und legen sich schon da und dort auf das reinliche Strohlager. Ihre Wärter trinken, auch sie etwas beruhigter. Die Sonne versinkt in einem glühenden Abendrot. Über das weite, wirre Feld summt und murmelt es fast friedlich nach dem heißen Toben des Tags. Polizei, Feuerwehr, Nachtwächter, Stallaternen und der Mond – alles scheint nachgerade seinen Platz gefunden zu haben. Droschke! Nach dem »Palmengarten«, wieder am entgegengesetzten Ende der Stadt. Empfang der »Festgäste«. Ist die Silbe »Fest« wirklich nicht auszurotten, wenn wir der ernstesten Arbeit, der Frage nach Sein und Nichtsein entgegengehen? Ein Ameisengewimmel von Menschen. Lohengrins Hochzeitsmarsch. Festreden, die zum Glück vorüber waren, als ich meinen Platz neben Fürst von Wied einnahm, der über alle Maßen liebenswürdig war. Italienische Nacht, bengalische Beleuchtung, chinesische Lampen. Entzücktes »Wiedersehen« von Hunderten, die sich zum erstenmal im Leben begegnen, aber auch von wirklichen alten Bekannten, die das Leben weit auseinandergerissen hatte. Bonner Freunde; Württemberger. Sogar der alte Fowler, Robert Fowler, Dein besonderer Freund, war hier. Um elf Uhr schlich ich mich davon; um zwei war ich wieder wach und um fünf Uhr auf dem Platz, wo es lustig muhte und mähte und vierzig Düngerwagen in grauem Morgenlicht ihre ungewohnten Wege suchten. Der Himmel war trüb, ein kühler, herzbrechender Wind wehte zu Ehren der Eröffnung unsrer ersten Ausstellung und des Tags, für den ich vier Jahre lang gearbeitet hatte. Aber trotzdem war uns der Himmel gnädig und schloß am fünften Tag die Ausstellung in hellem Sonnenschein. Was soll ich nun aber von diesen fünf Tagen erzählen? Sie gingen vorüber wie ein Traum. Auch jetzt noch liegt mir ein Schleier über der ganzen Woche, hinter dem es rauscht und rieselt, sinkt und steigt, aber kaum so, daß ich das Einzelne erkenne. Willst Du Tatsächliches wissen, so lies die Zeitungen, die ich Dir bergeweis zusenden ließ. Was sie erzählen, ist zumeist falsch, doch geben sie unter dem Einfluß des wachsenden Erfolgs das allgemeine Stimmungsbild richtig genug. Mehr hättest Du selbst kaum mitgenommen, wenn Du das Ganze mit leiblichen Augen gesehen hättest. Ich will mich darauf beschränken, ein paar Punkte herauszugreifen, die uns persönlich berühren; denn ich setze mich nicht zum drittenmal vor diesem Brief nieder, um eine Ausstellungschronik zu schreiben. Zunächst eins, und nicht das Geringste: Als am 9. Juni morgens um acht Uhr die Tore der Ausstellung geöffnet wurden, stand sie da, so fertig, als sie es werden konnte; eine Tatsache, die wohl noch nie auf deutschem Boden beobachtet worden ist. Die Aussteller selbst wunderten sich unverhohlen. Nichts blieb zu tun übrig, als an die Arbeiten zu gehen, für die sie den Boden und die Stoffe lieferte. Wenn das Ungewohnte eines so prompten Angriffs auch noch manche Verwirrung und Verwechslung mit sich brachte, so waren doch wenige Stunden später die Richtergruppen in voller Tätigkeit, und ein buntes, lustiges Treiben gehender und kommender Tiere nach und von den dreizehn Ringen im Gang. Man sah sofort, daß die Herren ihre Aufgabe nicht als Spielerei auffaßten. Die Sache hatte einen Zug ins Große, Alldeutsche. Kleine, persönliche Rücksichten, die auf Provinzialschauen oft genug eine Rolle spielen, waren in diesem Rahmen nicht mehr möglich, und bald war ein reger Wettstreit zwischen Provinzen und Ländern im Gang, die mit Erstaunen bemerkten, daß sie nicht allein auf der Welt waren. Die wichtigste Rolle spielte sichtlich die Rinderausstellung und in ihr die Badenser Simmentaler, die zum Entsetzen von Bayern und Württemberg den Vogel, ja, fast alle Vögel abschossen und da und dort peinliches Herzbrennen verursachten. Bei der Eröffnungsfeier, um zwölf Uhr mittags, sprach unser Präsident einige beherzigenswerte Worte, die den Zweck der Veranstaltung hervorhoben: die landwirtschaftliche Arbeit in allen Gauen des Reichs durch das Zusammenführen und Vergleichen ihrer Leistungen zu fördern. Oberbürgermeister Miquel begrüßte die Landwirtschaft im Namen der Stadt, ich dankte der Stadt namens der Landwirtschaft. Alles das bewegte sich in dem Rahmen des üblichen Ausstellungszeremoniells. Einige von uns wußten aber trotzdem, daß hier etwas vorging, das weitere und tiefere Bedeutung hatte als die Momentaufnahme eines Ausstellungsbildes. Ein Punkt blieb vorläufig ein nicht zu überwindender Stein des Anstoßes. Die Aussteller konnten nicht begreifen, daß ihre Tiere nicht, wie in den heimischen Ställen, beisammenstehen durften, sondern jedes Stück in seiner Klasse aufgestellt werden mußte. In den Klassen standen sie sodann nach Ländern, in den Ländern nach den alphabetisch geordneten Namen der Besitzer. Es macht dies den Leuten mehr Mühe. Das Bild der Rassen und Schläge dagegen tritt klar hervor, und ein richtiges Vergleichen der einzelnen Tiere wird den Besuchern möglich. Ich war, trotz aller Angriffe, fest entschlossen, an diesem Grundsatz festzuhalten, wäre es auch nur, um dem überall wieder durchschlagenden Partikularismus, der selbst dem Vieh anzuhaften scheint, durch unsre Ausstellungen entgegenzuarbeiten. Nach der Eröffnung, an der ich wie ein Nachtwandelnder teilgenommen hatte, war ich an der Grenze meiner Kräfte angelangt. Der Fürst muß das wohl gesehen haben; wenigstens nahm er mich fast gewaltsam in einem Wagen nach seinem Gasthof, setzte mich auf seinen Diwan und ließ mir ein paar Tassen Tee geben, die mich wieder auf die Beine brachten. Nun ging es in die Hauptversammlung im »Saalbau«. Ich wollte, Du hättest dabei sein können, wie der Präsident, neben dem ich saß, in seiner Eröffnungsrede sagte: »Wenn ich einen Lorbeerkranz zur Hand hätte, würde ich ihn auf diesem Haupt niederlegen,« und mir dabei liebevoll in den Haaren kratzte, daß ich fast gerührt war. Mittlerweile leiteten die Schauwarte, voran Herr von Nathusius mit Wölbling, das Richten, Krauß regierte auf dem Platz als Mädchen für alles, und Poggendorff schleppte die ersten Geldsäcke zur Bank. Damit wurde aus Morgen und Abend, allerdings nicht überall so glatt wie in Urzeiten, der erste Tag. Ähnlich ging es mit den andern. Der Himmel wurde von Tag zu Tag heiterer. Die Besucher strömten in hellen Haufen herbei, zu Fuß, zu Wagen, in dicht besetzten Sonderzügen aus weiter Ferne. Am vierten Tag wachte sogar die ehrwürdige Stadt Frankfurt auf, und da und dort hieß es, es gehe eine merkwürdige Geschichte am Ostend vor, die man wirklich sehen müsse. »Alpenkühe mit Glocken, und Schweine, Schweine, sage ich Ihnen!« Die »Schöne Helena«, die den Siegerpreis erhalten habe, sei wirklich sehenswert. Am vierten Tag und noch mehr am fünften hatten wir einige kritische Stunden. Am Nachmittag des ersteren wurden die Entscheidungen der Richter veröffentlicht, und da jedes Bäuerlein wie jeder Rittergutsbesitzer überzeugt war, das Schönste und Beste auf die Ausstellung gebracht zu haben, was die Welt je gesehen hatte, waren Enttäuschungen zahlreich und bitter. Namentlich fühlten sich die Bayern gekränkt und wollten mit ihren Tieren sofort aufbrechen. Ich weiß nicht, ob dies in Bayern so Sitte ist. Aber plötzlich standen fünfzig bis sechzig Rinder und ein Dutzend handfester Oberbayern vor dem geschlossenen Ausgangstor und drohten, alles zusammenzuschlagen, wenn man sie nicht sofort hinauslasse. Ich war ebenso entschlossen und sagte ihnen, daß der Viehweg nur über meine Leiche gehe. Krauß besänftigte seine Landsleute mit liebevollen, aber kräftigen Worten so weit, daß sie sich wieder in ihre Schuppen zurückverfügten, indem er ihnen zugleich die Versicherung gab, auf der Eisenbahndirektion nachsehen zu wollen, ob vielleicht ein früherer Vieh-Sonderzug zu haben wäre. Schon am Tag vor der Eröffnung hatte er in einem Winkel hinter den Pferdeställen ein kleines, wigwamartiges Zelt aufschlagen lassen, das nur ihm und mir bekannt war. Dorthin flüchteten wir, wenn das Drängen der Aussteller zu toll wurde. Nach einer Stunde hatte sich dann die drohende Wolke gewöhnlich von selbst aufgelöst oder einer andern, weniger gefährlichen Platz gemacht. Dorthin zogen wir uns auch diesmal zurück und hörten, wohlgeborgen, die wütenden Bajuvaren an uns vorüberfluchen, die mich oder ihren Landsmann suchten, um die verdammten Preußen – wir waren in ihrem Zorn alle zu Preußen geworden – zu zerschmettern. »Schon wieder eine Stunde vorüber!« sagte dann Krauß zu mir, indem er seinen tief über die Stirne gezogenen Schlapphut etwas zurückrückte. »Ich wollte, die Nacht käme oder – –« Es war ein halbes Waterloo, nur mit dem Unterschied, daß wir keinen Blücher zu erwarten hatten. Das Ende kam auch ohne den großen Feldmarschall. Noch immer strömte es von Besuchern, als wir um sechs Uhr die Kassentore schlossen. Es war ergreifend, wie sie baten, noch eingelassen zu werden; sie hätten ja erst heute Nachmittag erfahren, daß eine Ausstellung in Frankfurt sei. Ich saß etwas abseits auf einer Holzbank, starrte in die Abendsonne, die mich jetzt förmlich vergoldete, und fühlte buchstäblich, wie mir ein Stein um den andern vom Herzen fiel. Wölbling war im Kassenzimmer beschäftigt, in aller Geschwindigkeit eine kleine Kostenberechnung zusammenzustellen. Wir hatten an den Toren 65 000 Mark eingenommen, an Zuwendungen für Prämien 30 000 Mark, an Standgeldern 30 000 Mark, aus verschiedenen Kleinigkeiten 21 000 Mark, zusammen 146 000 Mark. Gekostet hatte die Ausstellung alles in allem 140 000 Mark. Das ergab einen Überschuß von 6000 Mark. Mit der feierlichen Miene einer Abordnung kamen er, Krauß und Poggendorff auf mich zu und überreichten mir das letzte Markstück, das an der Kasse eingenommen worden war. Da gedachte ich meines Schwurs auf dem Wilhelmsplatz zu Berlin, nahm es aber dennoch; denn ein glücklicher Gedanke rettete mich und die Münze. Ich ging am andern Morgen zu einem Silberarbeiter, ließ sie durchbohren und trage sie seitdem an der Uhrkette nächst dem Herzen. Zum Entsetzen meiner Freunde, denn sie ist ein abgeschabtes, häßliches Ding, wenn man nicht weiß, was sie bedeutet. Die Versammlungen, welche ähnlich denen in Dresden, wenn auch nicht in gleichem Umfang, geplant waren, konnte ich nur im Fluge besuchen. Die Herren Redner kamen nicht auf ihre Rechnung. Die Ausstellung saugte ihnen die Zuhörerschaft aus den Sälen. Das war zu erwarten und war mir fast ein Trost. Es bewies, daß dem Volk der richtige Instinkt noch nicht verloren gegangen ist. Es fühlt, daß es nützlicher ist, etwas weniger aus erster, als eine gewaltige Menge aus zweiter Hand zu lernen; daß man mit eignen Augen noch immer besser sehen sollte als durch die Brille andrer. Laut darf ich dies zwar nicht sagen, ist auch nicht überall anwendbar. Aber je mehr es angewandt wird, um so besser für uns alle. Auch die Ausflüge und sonstigen Vergnügungen mußte ich beiseite liegen lassen. Der Koch kann nicht zu Tische sitzen, solange die Herrschaften speisen. Nur um die Niederwaldfahrt tat es mir leid. Einige vierhundert meiner Freunde seien dort oben in hochpatriotische Begeisterung ausgebrochen, so daß sie am Fuß der stolzen Germania um ein Haar zwei kleine Böhmen geprügelt hätten, die bei einem Hoch auf Bismarck die Hüte nicht abnehmen wollten. Zum Glück kam es nur zum Kartenaustausch. Nun sind aber die kleinen Böhmen nirgends mehr zu finden, und ein feuriger Rittergutsbesitzer und Leutnant der Reserve sucht vergebens Mittel und Wege, sich mit den zwei Karten zu duellieren. Morgens um vier Uhr, nach Schluß der Ausstellung, begann der Aufbruch der Tierwelt. Wenn sechzehnhundert Pferde, Rinder, Schafe und Schweine gleichzeitig zu drei Toren hinauswollen, ist eine kleine Verwirrung kaum zu vermeiden. Es war ein tolles Bild, auf dem jeden Augenblick Mord und Totschlag auszubrechen drohte. Nach etlichen Stunden jedoch legte sich das Getümmel, und gegen Abend zogen die ruhiger und vernünftiger Gesinnten ohne jede Schwierigkeit ihrer Wege. Am folgenden Tag sah man nur noch wie vergessen da und dort ein einsames Schwein, eine kleine Gruppe Rinder, die laut nach ihren Freunden brüllten, und schon fingen meine Leute an, am ferneren Ende des Platzes die weißen Zeltdächer aufzurollen. Auch der Schwarm der Besucher, der heuschreckenartig durch Frankfurt gewimmelt hatte, war wie mit Zauberschlag verschwunden. Droschkenkutscher, die vor wenigen Tagen ein taubes Ohr für Gold hatten, fuhren traumverloren am Ausstellungsplatz vorüber, vergebens nach Kunden spähend. Krauß ist abgereist; Poggendorff geht morgen, Wölbling mit seinem kleinen Stab von Beamten ist ebenfalls verschwunden. Ich habe noch acht Tage zu tun, bis der Platz abgeräumt ist und alle Rechnungen bezahlt sind. Das gibt mir das halbvergessene Gefühl wieder, stundenlang tun zu können, was mir beliebt, und nicht von einer Zentnerlast erdrückt zu sein. Es war schön und groß, aber zu viel. Jetzt brauche ich ja kein Geheimnis daraus zu machen und eine Schande ist es nicht, vielleicht das Gegenteil. In den letzten zwei Wochen vor Eröffnung der Schau lag ich etlichemal weinend auf meinem Bett, was mir in meinem Leben in ähnlicher Weise nur einmal passiert ist. Damals aber war ich fast noch ein Junge. Du erinnerst Dich des Gedichtchens unter den Schraubstockliedern, das aus jener Zeit stammt, mit dem Vers: Das Aug' hat überflutet Der Träne heißer Lauf; Das Herz hat mir geblutet, Und ich bin stolz darauf. Schöner und tiefer hat dies allerdings Goethe, der große Dichter, zu sagen gewußt: Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Daß ich das aber nochmals erleben sollte, hätte ich mir nicht träumen lassen. Stolz bin ich nicht darauf, denn es war nichts weiter als der vorübergehende Zusammenbruch der Nervenkraft, aber schämen – nein, schämen werde ich mich auch nicht. Du brauchst ein paar Trostworte nach diesem Geständnis, und einen guten Witz, wie es die unfreiwilligen meistens sind, soll man nicht unter den Tisch fallen lassen. Im Zoologischen Garten, wo uns die Stadt ein Abendfest gab, bestieg Kiepert, getragen von der Begeisterung des Augenblicks, einen Tisch, um sein warmes Herz über die fröhlich tosende Volksmenge auszuschütten. »Wir können,« begann er, als erfahrener Festredner langsam brüllend, »wir können – der juten Stadt Frankfurt – nicht dankbar – genug sein – –« Weiter kam er nicht. Das jubelnde Gelächter der »juten Stadt Frankfurt« bewies, daß sie ihn zur Genüge verstanden hatte. Gut oder jut, es war ein schöner Schluß. Zusammenstellungen der Ergebnisse, Übersichten, Rückblicke, und wie die Titel alle heißen, sollen andre anstellen. Die Folgen von dem, was in Frankfurt geschehen ist, werden nicht auf sich warten lassen. Für uns gilt es jetzt, nicht stillzustehen, als ob etwas Abschließendes geschehen wäre, den Gedanken nicht aufkommen zu lassen, als ob wir erschöpft wären. Ende nächster Woche gehe ich nach Berlin. Dort brauche ich zwei Tage für die Direktoriumssitzung. Hierauf nach Breslau, um die möglichen Plätze für die Ausstellung von 1888 einzusehen. Dann aber in die Berge! Ich glaube, wenn ich vier Wochen lang keinen Menschen sehen könnte, würde ich mein Gleichgewicht wieder gewinnen. Heute zittert das Zünglein noch bedenklich hin und her. 65. Ischgl im Paznaun, den 20. August 1887. Es regnet. Ein sanfter, warmer Sommermorgenregen nach einem heißen Tag und einer gewitterschwülen Nacht. Sonst säße ich wohl nicht hinter einem Tintenfaß in dieser heuduftenden, blaugrünen Gebirgswelt. Verzeihe, daß ich Dich in Schruns sitzen ließ, inmitten der angenehmsten Gesellschaft von befreundeten Sommerfrischlern. Ich konnte den Anblick von Menschen nicht mehr ertragen, auch der besten nicht, und ahnte schon in Berlin und Breslau, daß dies kommen würde. Dort erschien mir nach längerem Studium der Karte von Tirol das Paznaun der richtige Platz für mein Einsamkeitsbedürfnis. Schon der Name klingt mürrisch und abstoßend. Das war, was ich brauchte. Den wilden, engen Taleingang kannte ich. Man kreuzt die Schlucht auf der Arlbergbahn unter einem verfallenen Bergschloß. Einen Ausgang schien das Tal nicht zu haben, denn die paar, kaum sichtbar punktierten Gebirgspfade, die ins Montafon hinüberführen, kommen für gewöhnliche Salontiroler nicht in Betracht. Im Tal selbst liegt nur ein größeres Dörfchen, vier Stunden vom Eingang; weiter oben, wo sicherlich mehr Kühe als Menschen wohnen, zwei kleine Weiler. Das war das Ziel meiner heimlichen Sehnsucht, als wir zusammen nach Schruns fuhren. Ich habe mich in meinen Berechnungen nicht getäuscht. Das Wirtshäuschen des Orts ist klein, aber ganz erträglich eingerichtet, die Wirtin eine prächtige Frau, der Wirt irgendwo auf einer Alm bei seinem Vieh. Es gibt Brot, Salz, Milch, Butter, Käse, Eier, Forellen und einen ganz erträglichen Tiroler. Wer damit nicht auszukommen meint, ist ein entarteter Schlemmer. Und die Hauptsache: ich bin der einzige Einsamkeits- und Luftkurgast des ganzen Tals. Hier bleibe ich, bis ich den Anblick von Menschen wieder ertragen kann: ein paar Tage, ein paar Wochen. Schon heute ist mir wohler. Habe Geduld; ich habe sie in den letzten Monaten auch haben müssen. Es war gestern von Landeck hierher trotz der Hitze ein herrlicher Marsch. Zunächst entlang der Arlbahn bis Wiesberg. Du siehst, es gibt noch Leute, die neben einem Bahngeleise herlaufen, und Feldwege, auf denen es sich lohnt. Dann durch die rauschende Klamm in das grüne Seitental, in dem die Welt der Menschen mit jedem Schritt stiller wurde und die weite Gottesnatur lauter und liebevoller zu sprechen anhub. In Ischgl wies mich ein betagtes Weiblein, das das Dorf allein zu bewohnen scheint, nach dem »Gamsbock«, der mir in der ersten halben Stunde ganz allein gehörte, denn die Wirtin mit ein paar Jungen war unten im Tal und holte Heu. Nachdem sie dermaßen für das liebe Vieh gesorgt hatte, kam auch die Reihe an mich. Ihr »Kaiserschmarrn« ließ mich in eine Zukunft leidenschaftsloser Zufriedenheit blicken, die ich in den ersten Hotels von Interlaken und Pontresina umsonst gesucht hätte. Den Abend brachte ich unter einem Tannenbaum zu und sah in den schäumenden Gebirgsbach, der das Tal durchzieht. Es geht noch, oder richtiger gesagt, es geht wieder. Du weißt, daß ein seelen- und lebenskundiger Engländer behauptet, ein Mensch sei nichts wert, der nicht von Zeit zu Zeit drei Stunden lang in ein fließendes Wasser oder in glimmende Kohlen sehen könne, ohne sich zu rühren. Es geht wieder! Du läßt mir gerne ein paar Wochen Zeit, wieder Mensch zu werden. Schreiben will ich Dir ja alles, was hier passiert, nämlich nichts. Und das ist das Schönste in diesem Paradies der Ruhe. Die Sonne blitzt draußen in tausend Regentropfen und vergoldet das ganze Tal. Ich muß doch nachsehen, ob es sich auch nach einem milden Regen unter der Tanne von gestern wohnen läßt. Nachschrift. Als ich von meinem Morgenspaziergang zurückkam, fand sich, daß ein Engländer mit zwei Töchtern angekommen war, alle pudelnaß und fast unenglisch aufgeregt über diese Rücksichtslosigkeit des Tiroler Wetters. Wir aßen unsern Kaiserschmarrn gemeinsam, und die Neuankömmlinge wunderten und freuten sich, daß man im Paznaun Menschen findet, mit denen man Englisch sprechen kann. Nach Tisch packte ich in aller Stille meinen Rucksack und gehe noch heute über das Zeinisjoch und dann ins Engadin. Wenn ich nun einmal unter dem Zeichen des »English spoken« dulden soll, kann ich's in St. Moritz so gut als in Ischgl. Der Dorfbewohner, das alte Weiblein von gestern, hat sich als Führer angeboten und will mich sicher über den Paß bringen. Auch wenn ich heute noch einmal durchbrenne: der gestrige Nachmittag hat mich mit der Menschheit wieder versöhnt. Ist sie doch auch ein Stück der Natur, obgleich nicht das gelungenste. Erntezeit Mit den Stunden am Bach des Paznauns schloß für mich die Zeit, welche zur Gründung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft geführt hat. Mit dem Marsch über den Zeinispaß zurück in die menschenbelebte Welt beginnt der zweite Abschnitt der Jahre, die ich nicht ohne Vorbehalte aller Art Meisterjahre zu nennen wagte. Nach den Lehr- und Wanderjahren mußte ich ja in diese Bezeichnung hineinwachsen, ob ich wollte oder nicht, und allzu überstürzt ging auch dies, wie man gesehen hat, keineswegs. Fünf Jahre kostete mich der erste Versuch, den Meister zu spielen, anstatt der drei, auf die ich gerechnet, dazu all meine Zeit, anstatt nach meinem hübschen Plan die Hälfte. Fast das doppelte bezahlte ich für die Fortsetzung, obgleich ich fast von Jahr zu Jahr in der Hoffnung lebte, einen Strich unter die Rechnung machen zu können. Allein ich hatte eine Aufgabe gefunden, die all dies wert schien, und Freunde genug, die nicht müde wurden, mir auseinanderzusetzen, wie gewissenlos es wäre, eine solche Gelegenheit im Stich zu lassen, ihnen nützlich zu sein. Kein Wunder, daß ich anfing, dies zu glauben, und schließlich zu der Überzeugung kam, »mein Kind« – auch diese Bezeichnung hatten besagte Freunde erfunden und gebrauchten sie rücksichtslos, wenn sie den alten Junggesellen an seiner schwächsten Seite packen wollten – mein Kind nicht verlassen zu dürfen, ehe es selbst zu gehen imstande war. Zu dieser Überzeugung kommt aber ein Vater erfahrungsgemäß außerordentlich langsam. Sie kostete mich neun weitere Jahre. Vereine gründen ist keine Kunst, wenn es in der üblichen Weise geschehen kann; hinter einem Glas Bier oder mit Hilfe einer »zündenden« Rede. Weitaus schwieriger ist das Erhalten, das Weiterführen des im Schwung der Begeisterung Geschaffenen. Gewöhnlich sind die, welche das Neue mit den schönsten Phrasen begrüßten, die ersten, welche im Sumpf der allgemeinen Gleichgültigkeit wieder verschwinden. Dann geht die Schar derer, die sich enttäuscht abwenden, weil die Neubildung sich nicht geeignet erweist, ihren Liebhabereien allein zu dienen, und schließlich erscheinen die Nörgler und Neuerer, die keine Geduld haben, das Pflänzchen Boden fassen zu lassen, ihm immer wieder einen andern Kunstdünger unterschieben, einen neuen Pfahl zur Stütze geben wollen, was oft genug sein junges, hilfloses Leben kostet. Daß die D. L. G. diesem Schicksal entging, verdankt sie vor allem dem Umstand, daß keine Gelegenheit versäumt wurde, den Mitgliedern, die sich rührten, greifbare Arbeit zu verschaffen. Dabei wurde vielleicht dies und das begonnen, was nicht zum erwünschten Ziel geführt hat, manches, was besser ganz unterblieben wäre. Aber selbst ein gelegentlicher Fehler erwies sich vorteilhafter als der größte aller Fehler: Müßiggang; jener gesellschaftliche Müßiggang, den man mit ziellosem Schwatzen auszufüllen pflegt. In vielem wurde die Sache fühlbar leichter. Die aus einer erschreckenden Hoffnungslosigkeit hervorgehende Trägheit war fast geschwunden. Manchem werden heute die Klagen hierüber, die sich in den vorangehenden Briefen gelegentlich Luft machen, unbillig und übertrieben erscheinen. Sie waren in jenen Anfangsjahren in vollem Maße berechtigt. – Die Mittel der Gesellschaft wuchsen in überraschender Weise. Nicht nur erwiesen sich die 20 Mark Jahresbeitrag, die niemand ernstlich wehe taten, als ein wahrer Segen für das Ganze: auch die Verträge mit dem Kalisyndikat brachten Summen, die man ursprünglich weit unterschätzt hatte. So gab das so seltene Gefühl, aus dem Eignen zu schöpfen, der Gesellschaft eine Schaffensfreudigkeit, die oft schwer zu zügeln war. Die anfänglich mit Widerstreben anerkannten Grundsätze der eifersüchtig zu wahrenden Selbständigkeit, der scharfen Umgrenzung des Arbeitsgebiets, des Niederhaltens jeder politischen Regung innerhalb, der völligen Gleichgültigkeit gegen die politische Farbe der Mitglieder außerhalb der Gesellschaft: all das wurde mehr und mehr eine Gewohnheitssache und gehörte bald zu den bleibenden Errungenschaften der D. L. G. Bleibend in wirklich verwunderlichem Grade war auch das Anwachsen der Mitgliederzahl, das uns jährlich rund tausend neue Mitglieder zuführte. Wohl zwei Drittel derselben gewann die Gesellschaft durch die Ausstellungen, welche das Verständnis für ihre Grundsätze und ihr Wirken alljährlich in einen neuen Gau Deutschlands trugen. Ebenso stetig war das Anwachsen des gesellschaftlichen Vermögens, trotz der teilweise schweren Verluste, die die Ausstellungen mit sich brachten, und der grundsätzlich offenen Hand, mit der jede Maßregel in Angriff genommen wurde, die der Allgemeinheit zu nutzen versprach. Gleichzeitig wurde darauf gehalten, nichts zu verschenken, das heißt wo irgend möglich jedes Unternehmen so einzurichten, daß es seine eignen Kosten deckte, aber auch so, daß es der Gesellschaft nicht mehr als seine eignen Kosten einbrachte. Auf dieser Grundlage entstanden der Reihe nach die Geschäftsstellen für Saatgut, für Futtervermittlung, für Bau- und für Gerätewesen. Auch die allgemeine Organisation der Gesellschaft gewann an Festigkeit, neben der für ein ersprießliches Wirken erforderlichen Beweglichkeit. Es wurde bald eine nicht mehr schwierige Aufgabe, unsre Jahrespräsidenten zu finden, und wir durften unbedenklich nach denjenigen greifen, deren Einfluß und Stellung in dem Gau der kommenden Ausstellung von höchster Bedeutung war. Der Erbgroßherzog von Oldenburg, Prinz Heinrich von Preußen, Prinz Ludwig von Bayern, Herzog Wilhelm von Württemberg, die Großherzöge von Baden und Hessen ehrten uns und sich mit der Übernahme der Vertretung der D. L. G. vor dem deutschen Volke. – Das Direktorium hielt seine monatlichen Sitzungen mit musterhafter Regelmäßigkeit und Ausdauer. Der Gesamtausschuß vereinigte alljährlich dreimal seine Mitglieder, die sich selbst manchmal nicht genug wundern konnten, wie sie es fertig brachten, aus allen Gauen Deutschlands in so stattlicher Anzahl zu erscheinen. Das alles löste sich langsam und unmerklich von dem Vorbild, für das uns ursprünglich die englische Royal Agricultural Society gedient hatte, und nahm Formen an, die der deutschen Art entsprachen. Die Gesellschaft hatte Wurzel gefaßt und sog ihr Leben von jetzt an aus dem heimischen Boden. Der Reiz der Neuheit allerdings war dahin, und mancher, den die Neuheit angezogen hatte, blieb nunmehr zurück. Dafür aber fanden sich stetige Mitarbeiter, die, jeder auf seinem Gebiet, redlich mithalfen, dem Ganzen in seiner Vielseitigkeit eine immer vollkommenere Gestalt zu geben und die Aufgaben heranzuholen, auf die die Gesellschaft ihrer Natur nach hingewiesen war. Ich selbst bekam in diesen Jahren erst einen Begriff davon, welch vielseitiges, schwieriges, alle geistigen Kräfte und alles Wissen des modernen Lebens in Anspruch nehmendes Gewerbe die Landwirtschaft ist, und wie sehr diejenigen irren, die in dem Landwirt von heute noch immer den an der Scholle klebenden, dumpf hinarbeitenden Bauern der alten Zeit sehen zu müssen glauben. Daß ich kein praktischer Landwirt war, empfand ich in der Stellung, in die ich hineingeraten war, oft peinlich genug. Doch hatte es auch seine Vorteile. Meine Aufgabe war eine andre, als über die Einzelheiten des Gewerbes klug mitzureden, oder in dem Streit der Ansichten über hundert zweifelhafte Fragen der Praxis Partei zu ergreifen. Das war Sache der landwirtschaftlichen Mitglieder der Gesellschaft. Die meinige war, ihnen freie Bahn zu schaffen, über die Grundsätze zu wachen, auf denen die Gesellschaft ruhte, den Bau zu erhalten, unter dessen Dach die andern ein fröhliches und ungestörtes Leben der Tat führen sollten. Als mein Sondergebiet betrachtete ich die Leitung der Wanderausstellungen, deren jährliche Wiederkehr anfänglich manchem Widerspruch begegnete. Sie waren und blieben indessen die Haupttat der Gesellschaft und haben in bösen und guten Tagen ihre belebende Wirkung, ihre zusammenhaltende Kraft, ihren unberechenbaren Nutzen für die Allgemeinheit bewährt. Für alles andre hatte ich das große Glück, in dem späteren Landesökonomierat Wölbling einen Mitarbeiter gefunden zu haben, wie wir, und namentlich wie ich ihn brauchten. Ein wunderliches Gespann, wenn ich uns recht verstehe. Er ein Norddeutscher, ein Preuße, mit all dessen charakteristischen Tugenden und einigen seiner Fehler, ich ein in ähnlicher Weise ausgestatteter Süddeutscher und Schwabe. Er mit der angeborenen Verehrung für starre Formen, für den Halt und die Ordnung, die uns der Buchstabe sichert, ich jederzeit und grundsätzlich bereit, über alle Formen wegzuspringen, wenn sie dem Guten im Weg zu liegen schienen. Wir harmonierten nicht immer; aber wir behielten stets das gleiche Ziel im Auge und schleppten den gewaltigen Wagen zwölf Jahre lang gemeinsam über eine gute Strecke Wegs, nicht ohne Erfolg. Dies war keineswegs immer sonderlich aufregend. Im Gegenteil. Die Sache war jetzt so weit gediehen, daß die oft mühevolle, einförmige Werktagsarbeit an die Stelle des interessanten Schaffens trat. Es kam die Zeit, in der die Geduld die größere und notwendigere Tugend war als der Mut. Dies gibt natürlich auch meinen Briefen ihre Färbung. Das wichtigste Ereignis, das sich in denselben widerspiegelt, bleiben die Ausstellungen, die mir Gelegenheit boten, im Lauf von zehn Jahren zehn der größeren Städte Deutschlands von einer Seite kennen zu lernen, die ein Vergnügungsreisender nie zu Gesicht bekommt. Bei aller Mannigfaltigkeit, die diese Städtebilder boten, bei all den Wechselfällen, die das innere Leben der D. L. G. mit sich brachte, würde es sich nicht lohnen, so vollständig wie bisher Briefe mitzuteilen, die sich in eingehender Weise mit der weiteren Entwicklung der Gesellschaft und meinen Beziehungen zu derselben befassen. Gut Ding braucht lang Weil und Langeweile. Ich tue mir etwas darauf zugut, auch diesen Teil der Aufgabe getragen zu haben. Aber notwendig ist es nicht, nachträglich andre daran teilnehmen zu lassen. Ich beschränke mich deshalb in folgendem darauf, einige wenige Briefe heranzuziehen, oder Teile andrer zusammenzustellen, die den allgemeinen Verlauf der Sache andeuten oder darauf hinweisen, wo ein heiterer Lichtpunkt oder ein dunklerer Schatten auf meinen Weg fiel. Erster Abschnitt. 1887 – 1888 Breslau 66. Berlin, den 30. Oktober 1887. Herbststimmung! – Ich trabe wieder im gewohnten Geschirr; etwas ruhiger, darf ich hoffen. Man legt auch so eine gute Strecke zurück, wenn man sich nicht stören läßt. Deshalb habe ich meine Morgenspaziergänge wieder aufgenommen und raschle von acht bis halb zehn Uhr als wandelnde Herbststimmung durch das fallende Laub des Tiergartens. Es läßt sich mancherlei gegen Berlin sagen, aber Luft ist in seiner Umgebung noch zu finden, und in den Frühstunden da und dort ein Plätzchen, wo man nicht überfahren wird. Auf den kunstvoll gewundenen Parkwegen – es hat die armen Preußen keine kleine Anstrengung gekostet, gekrümmte Pfade anzulegen, und sie brachten es wohl nur übers Herz, indem sie zur Erholung von Zeit zu Zeit eine meilenlange Heerstraße, so gerade wie ein Pfeil, durch ihren Tiergarten zogen – auf den gekrümmten Wegen trifft man manchmal noch gewundenere alte Wasserläufe aus der Wendenzeit, in denen auf polizeiwidrig schwarzem Wasser gelbe Blätter schwimmen und sich auf diese Weise der Aufsicht des Gartenpersonals entziehen. Auch dies tut wohl. Es paßt zu der verdrießlichen Morgenstimmung. Man fühlt sich auf ein Viertelstündchen eins mit der Natur, und darin liegt schließlich alles irdische Behagen des Menschen. – Allabendlich stürze ich dagegen, zu weiterer Beruhigung, in die Orgien der Weltstadt, schlage mich durch einen elektrisch beleuchteten Herbstnebel und höre die Pastoralsymphonie von Beethoven oder ein seufzendes Violoncellsolo. Ja, ich besuchte in den letzten Wochen öfter als gut war die Theater und überzeugte mich zum hundertstenmal, daß in Theatersachen nur das Allervorzüglichste für mich gut genug, dieses aber fast nie zu haben ist. Dagegen das Gegenteil in Menge. Es ist ganz unglaublich, welch kläglicher Blödsinn Abend um Abend Tausende von scheinbar vernünftigen Menschen anzieht, die nicht müde werden, den Jammer mitanzusehen. Im allgemeinen kann ich zu Deiner Beruhigung sagen, daß die Sachen, die hundertmal wiederholt werden, harmloser sind als Ähnliches in London und Paris, wenn auch so roh bemalt, so ungeschickt gestellt, so fratzenhaft verzeichnet, daß man seinen Augen nicht mehr traut, geschweige denn dem Verständnis der Schauspieler und dem Verstand der erfolgreichen Theaterdichter. Vom geistreichen Schick der letzteren, wie in Frankreich, von der feinen Ausarbeitung realistischer Einzelheiten der ersteren, wie in England, keine Spur. Betrübt gehe ich an jedem dieser Abende durch den gasbeleuchteten Regen nach Haus; denn um elf Uhr werden in Berlin die elektrischen Lampen ausgedreht und die Gasflammen wieder angesteckt, um dem Fortschritt nicht allzu rasch in die Molochsarme zu fallen. Du liest vielleicht zwischen den Zeilen, daß der Versuch, des Herbstwetters halber einen Lebemann nach modernem großstädtischem Zuschnitt aus mir zu machen, bis jetzt geringen Erfolg aufweist. Dagegen komme ich zu Dingen, für die ich im stillen Schruns und stilleren Paznaun keine Zeit fand, und lese Hartmanns »Philosophie des Unbewußten« mit Ernst und Genuß. Man findet dabei manches Unerwartete und Anwendbare; zum Beispiel, daß sich ein Frosch, dem man das Gehirn herausgenommen hat, noch immer nachdenklich unter einem Stein verkriecht, wenn er gezwickt wird, und daß ein Heuschreck mit abgeschnittenem Kopf nicht nur sechs Tage lang weiterlebt, fast, als wäre nichts geschehen, sondern noch am dritten eifrig den Mädchen seiner Gattung nachläuft, ja, sogar völlig kopflos in den Stand der Ehe tritt, natürlich nach Heuschreckenart. Ähnliches kommt ja bekanntlich auch bei Menschen vor. In einem Zwischenakt eines der oben berührten Theaterstücke, Schwänke genannt, machte mir der Gedanke viel zu schaffen: Sollten in dieser Welt des Unbewußten nicht vielleicht Schwänke von hirnlosen Fröschen und kopflosen Heuschrecken geschrieben worden sein, die uns jetzt als schandbare Plagiate aufgetischt werden? Zehnmal interessanter finde ich immer wieder die Lustspiele und kleinen Tragödien, die wir selbst aufführen, wozu der letzte Monat mit den Ausschußsitzungen der D.L.G. reichlich Gelegenheit bot. Denselben ging ein Nachspiel der Frankfurter Ausstellung voran, das mich noch einmal auf vierzehn Tage dorthin führte: die Prüfung maschineller Obstdörrapparate, bei der ich zum erstenmal mit der Gründlichkeit und dem Ernst zu Werk zu gehen versuchte, die bei der Royal Agricultural Society üblich sind. Mit Entsetzen entdeckte ich hierbei, wie weit wir auf diesem Gebiet zurück sind. Die Herren Fabrikanten bringen halbfertige Maschinen, haben keine Ahnung, was sie leisten, kommen mit Leuten, die nie mit denselben gearbeitet haben, machen, ohne eigentlich lügen zu wollen, über Brennmaterialverbrauch, Leistungsfähigkeit und dergleichen Angaben, die um hundert und zweihundert Prozent von der Wahrheit abweichen, so daß ich während der Versuche beständig Kohlen nachzukaufen und schließlich dreißig Fässer Obst übrig hatte, die die Herren in der angegebenen Zeit nicht zu dörren imstande gewesen waren. Kurz, es war hochinteressant und tief betrübend. Hier ist noch alles, alles zu schaffen, zu erziehen, umzubilden. Nachdem unter diesen Verhältnissen die Richter, die sich redlich abgequält hatten, mit Mühe und Not zu einem leidlichen Ergebnis gekommen waren, erschienen die nicht prämiierten Aussteller, rot vor Zorn, und bedrohten die D.L.G. mit gerichtlichen und andern Schritten, wenn sie nicht ebenfalls mit Preisen bedacht würden. Unerhört! meinten sie, ihnen all diese Schererei aufzuhalsen und sie ohne Preis nach Haus zu schicken! Natürlich war ich stocktaub und schnitt weitere Anstürme ab, indem ich mich in einem Schlafwagen des Frankfurt-Berliner Nachtzugs verschanzte. Es war die höchste Zeit, denn eine Woche wichtiger Sitzungen war in Berlin angebrochen, die überdies die nominell geschäftsführerlose Zeit, in der ich tatsächlich Herr und Knecht, Koch und Kellner gewesen war, zum Abschluß brachte. Denn mit dem 1. Oktober trat Wölbling, der sich in hervorragendem Grad bewährt hatte, seine Stellung dauernd an. Die Sitzungswoche verlief so glatt, als es bei deutschen Sitzungen möglich ist, das heißt mit kleinen Zwischenfällen, die den Nichtbeteiligten den Eindruck machen konnten, als ob man sich und die Welt in Stücke reißen wolle. Doch sagten die meisten am Schluß, es sei merkwürdig, wie sich das Ganze im Geist vernünftiger Versöhnlichkeit bewege, den ich mir, wenn ich ihn auch nicht bemerken konnte, aus dem Segen gemeinsamer Arbeit erkläre. In der Tierabteilung beschlossen sie in meiner Abwesenheit, die Zeit zwischen dem Schluß der Anmeldungen und der Eröffnung der Ausstellung zu verkürzen. Ich erklärte dem Vorsitzenden, sobald ich davon hörte, daß ich meine Stellung in der Gesellschaft niederlegen und morgen nach der Riviera abreisen werde. Denn ich sei an der Kürze dieser Zwischenzeit in Frankfurt fast gestorben, und habe nicht im Sinn, für eine kürzere mein Leben zu lassen. Worauf der Beschluß in einer schleunigst einberufenen Nachsitzung wieder aufgehoben wurde, und meine Verzweiflung über die Torheit des Menschengeschlechts sich legte. Auch Nathusius hat seine Nöten. Gegen seine Führung in Tierzuchtfragen hat sich eine kleine energische Partei gebildet, die eine Protestversammlung einberief. Es erschienen aber nur vier Leute, die mit geballten Fäusten und hängenden Köpfen wieder auseinander gingen. Wer von den zwei Parteien recht hat, weiß ich nicht, kümmere mich auch nicht darum. Das sollen die Herren Tierzüchter untereinander ausmachen. Eine alte Wahrheit aber hat der Vorgang aufs neue gezeigt: daß die Wucht wirklicher Arbeit, die Tat, alles Disputieren niederreitet. Denn Nathusius arbeitet wirklich mit wie keiner der andern. Bitter waren die Kämpfe unter den Schafen – ob Wolle, ob Fleisch, ob Wolle mit Fleisch, ob Fleisch mit Wolle das Vaterland zu retten vermöge. Ich hätte es den sanften Geschöpfen gar nicht zugetraut, solche Stürme zu erregen. Heiter dagegen erschien, wenigstens mir, das Streiten in der Geflügelabteilung, wo sich die Herren verpickten, daß die Federn flogen. Wie ein gekränkter Achill verließ ein alter hitziger Doktor den Kampfplatz, weil man dem deutschen Huhn nicht zweimal, sondern nur anderthalbmal so hohe Preise geben will als den Italienern, Spaniern und Franzosen. Zwar muß er zugeben, daß das von ihm gezüchtete Bismarckhuhn mißglückt sei, denn seine entarteten Enkelinnen legen nichts mehr. »Aber das neue Reichshuhn!« Das Wichtigste, wenn auch nicht das Heiterste, zuletzt: In Breslau scheinen die Sachen nicht so glatt laufen zu wollen, wie ich gehofft hatte. Ich glaubte nämlich in Ökonomierat Korn, dem Generalsekretär des schlesischen Provinzialvereins, einen warmen Freund einer Breslauer Ausstellung gefunden zu haben, weil er es war, der vor Jahren im Landwirtschaftsrat allgemein deutsche landwirtschaftliche Ausstellungen mit Geschick und Wärme befürwortet hatte. Aber ich lerne in Deutschland mehr und mehr Leute kennen, die für eine Theorie begeistert sind und sich ihrer Ausführung mit aller Kraft entgegenwerfen. Das geht über platonische Liebe. Der Kuckuck erkläre mir diese Menschen. Mein zweiter Besuch Breslaus machte klar, daß ich es mit einem solchen Fall zu tun hatte. Es war aus praktischen Gründen, die ich heute besser als Korn zu beurteilen weiß, unmöglich, den von ihm vorgeschlagenen Platz im Osten der Stadt zu benutzen. Ich mußte einen andern suchen und fand ihn. Seit der Herr Ökonomierat nun sieht, daß die Ausstellung nicht ganz seiner Leitung unterstellt werden kann, daß sie eine deutsche, nicht eine schlesische zu werden droht, scheint er alles Vergnügen daran verloren zu haben, und will nur unter der ausdrücklichen Bedingung mitarbeiten, daß ihm schlechterdings keine Arbeit daraus erwächst. Wenn das nur alles wäre! Allein ein Mann von seiner Stellung und seinem Einfluß ist gefährlicher als ein Steinblock, der mitten im Wege liegt. Man kann nicht ganz um ihn herumgehen und hundert andre stoßen sich daran. Doch bange machen gilt nicht. Durch müssen wir! 67. Berlin, den 30. Januar 1888. Schon vor zwei Monaten, bei meinem ersten einleitenden Besuch in Breslau, hatte ich das unbehagliche Gefühl, daß kein Zug in der Sache war. Reibung, unnatürliche Reibung, was ich auch anrührte! Dies ist seitdem nicht besser geworden. Allerdings quälte mich dieselbe Empfindung um dieselbe Zeit im Frankfurter Feldzug, und vorläufig liegt ein gewisser Trost in dieser Erinnerung. Man muß eben entsetzlich schieben, um eine ganze Provinz in Bewegung zu setzen, in der man einer wildfremden Masse Menschen selbst fast wildfremd entgegentritt. In einem Punkt hatte ich's in Frankfurt leichter. Dort fühlten die Leute sofort den Süddeutschen heraus und freuten sich, daß ich kein Berliner war. Hier spüren sie ihn auch, naturgemäß ohne sich zu freuen. Breslau machte bei meinem ersten mehrtägigen Besuch äußerlich einen vortrefflichen Eindruck auf mich. Eine stattliche Stadt von 300 000 Einwohnern, ein schöner Fluß, häuserbebaute Inseln, ein prächtiges Rathaus, eine Menge backsteinerner Kirchen, nicht ohne Stil und von gewaltigem Umfang, die neueren Straßen reich und behäbig. Trotz alldem hat man das Gefühl, als läge die zweite Stadt Preußens etwas abseits von der übrigen Welt. Im ersten Gasthof der Stadt war ich nahezu allein. Dies ist bequem, aber drückend; denn der Gedanke, daß man mit seiner Kotelette acht Kellner, fünf Stubenmädchen, zwei Hausknechte und einen Portier ernähren soll, hat etwas Beängstigendes. Ich flüchtete deshalb in den »Trompeter von Säckingen« und saß in Reih und Glied mit zwanzig Backfischen einer höheren Töchterschule, die reichlich Tränen vergossen, als ihnen mitgeteilt wurde, wie »häßlich es im Leben eingerichtet« sei. Mir war dies bereits bekannt. Mein Ausstellungsvortrag am folgenden Tag hatte den besten Erfolg, soweit der Augenschein nicht trog. Eine lebhafte Debatte, die darauf folgte, machte jedoch peinlich klar, daß niemand recht wußte, um was es sich handle, und daß hier Stadt und Land jede Fühlung unter sich verloren haben. Die Provinz scheint in zwei feindliche Lager gespalten zu sein: die Juden in der Stadt, der grundbesitzende Adel aus dem Land. Hat man mit den einen zu tun, so soll man mit den andern keinen Blick wechseln. Semitismus und Antisemitismus stehen in vollster Blüte. Dies geht so weit, daß einer meiner wenigen treuen Anhänger, ein Rittergutsbesitzer der Umgegend, nach der baulichen Wiederherstellung seines Stammschlosses einen feierlichen Eid schwur: nie mehr solle ein Jude über die Schwelle seines Hauses treten. Dabei ist er ein liebenswürdiger, menschenfreundlicher Herr. Kürzlich kommt nun ein Rittmeister zu ihm, um ein Pferd zu kaufen, begleitet von einem Herrn mit einer etwas langen Nase, der Pferdehändler von Beruf sein mochte. Nach abgeschlossenem Kauf lud der Schloßherr den Rittmeister zu einem Glase Wein ein; dem andern Herrn wurde bedeutet, daß er indessen unten im Hofe warten könne. Beim zweiten Glas bedauerte der Rittmeister seinen zurückgelassenen Freund. »Was kann ich machen, Verehrtester!« war die Antwort. »Ich habe nun einmal geschworen. Warum bringen Sie auch einen Juden mit.« »Aber, Donnerwetter!« ruft der Rittmeister, »der Mann ist der beste Christ in Schlesien. Er kann wahrhaftig nichts dafür, daß er eine krumme Nase hat.« Darauf folgten natürlich die lebhaftesten Entschuldigungen, und der langnasige Christ wurde eiligst herbeigeholt. Die Stadt aber, mit ihrem Magistrat voll – hoffen wir – achtbarer, wenn auch meist freisinniger, Kinder Israels, brauchen wir für die hundert Kleinigkeiten, aus denen eine gelungene Ausstellung zusammengesetzt ist, und nun soll ich zwischen Scylla und Charybdis das Schifflein der D.L.G. durchsteuern, ohne zu scheitern! Manches dagegen dürfte trotzdem etwas leichter gehen. Eine Menge Fragen sind durch die Frankfurter Vorgänge aus dem Stand nebelhafter Unsicherheit herausgetreten, der mich vor einem Jahre zwang, fast täglich entscheidende Entschlüsse über Dinge zu fassen, die ich nur halb und meine beratende Umgebung gar nicht verstand. Vor allem habe ich jetzt nicht mehr das unbehagliche Gefühl, allein für das etwaige Mißlingen des Unternehmens verantwortlich zu sein. Heute sind es die deutschen Landwirte selbst, die die größere Hälfte der Verantwortung tragen, wenn die Sache schief gehen sollte. Wurde auch da und dort kräftig geschimpft, so wurde doch auch anerkannt, daß mein Versprechen der Landwirtschaft gegenüber in Frankfurt eingelöst wurde. Auch bezog sich das Schimpfen mannigfach darauf, daß ich mir Übermenschliches zugemutet habe. Die Herren vergessen, daß hieran zumeist ihre eigne etwas saumselige Mitwirkung schuld war. Die Versuchung liegt nahe, bei der zweiten Ausstellung in diesem Sinn eine Gegenprobe des Exempels zu machen und meine verehrten Mitarbeiter wirklich mitarbeiten zu lassen. Nur verträgt sich dies nicht wohl mit dem guten Willen, den die Durchführung einer schweren Aufgabe schlechterdings erfordert. Darin liegt der Zwiespalt, in dem ich mich augenblicklich befinde. »Zum Teufel ist der Spiritus, das Phlegma« – ja, am Phlegma fehlt es mir noch immer in jämmerlichem Grad. All das gehört jedoch zur innersten Innenseite der Sache, die kein Mensch kennt und zu kennen braucht als Du und ich. Solatium est miseris ! Nehme jede andre ins Große gehende Bewegung und sieh nach, wie es unter der Decke aussieht: den Kongostaat, unser deutsches Kolonialwesen, die Kulturkämpferei, die sozialen Bestrebungen, überall Kampf, wenn nicht Elend, Zweifel, wenn nicht Verzweiflung und das hundertmal auftauchende Gefühl, daß es kaum der Mühe wert sei, sich und die kleine Welt um uns her in Bewegung zu setzen. Die Klügsten und Tapfersten wissen dies am besten zu verstecken. Das ist der ganze Witz. Tatsächlich sieht es in Schlesien faul aus. In wenigen Tagen ist die Anmeldefrist verstrichen, und die Anmeldungen haben noch nicht ein Drittel die der Frankfurter Ausstellung erreicht. Ich gehe morgen wieder nach Breslau und mache den letzten Versuch, meinen zweifelhaften Freund, Ökonomierat Korn zu bewegen, er möge gestatten, daß sich seine Provinz nicht vor ganz Deutschland blamiere. Er hat, nach allem, was ich höre, Land und Leute in der Hand und scheint noch nicht zu begreifen, daß es sich jetzt darum handelt. 68. Berlin, den 18. März 1888. Das waren Tage, an welche die noch lange denken werden, welche an der Quelle saßen, von der Trauer und Trübsal über die ganze deutsche Welt ausgingen. Zeitungen erhieltest Du ja die Menge, und ein Brief kann in solchen Fällen wenig hinzufügen, das sie ungesagt gelassen hätten. Im allgemeinen haben sie sich redlich und ohne Übertreibung bemüht, zu erzählen, was hier vorging. Sie hatten es leicht, denn was jedermann fühlte und sprach, war in der Tat, was jeder brave Deutsche gefühlt und gesprochen haben wollte. Es war wieder einmal der Durchbruch des innersten Volksherzens, das bei großen Veranlassungen mit Elementargewalt und zugleich mit einer naiven, hilflosen Kindlichkeit zum Vorschein kommt, trotz allen konventionellen Schundes und aller Schlacken des häßlichen Alltagslebens, die es jahrelang bedecken. Die Zeitungsleute brauchten nicht viel hinzuzudichten. Zuerst die rasche Erkrankung. Es lag plötzlich wie ein Stein auf allen Leuten. Die Bulletins waren verhältnismäßig ehrlich. Unterderhand hörte man, daß der Kummer den Kaiser furchtbar mitnehme. Er sei mehreremals von den Kammerdienern im Bett sitzend getroffen worden, schluchzend, nach seinem Fritz rufend. Voriges Jahr malte ein törichtes Frauenzimmer ein geschmackloses Bild »der Kaiser Tod«; ein gekröntes Gerippe, das einen Thron umstößt. In gewissem Sinne war es wahr genug. Unerbittlich griff das Schicksal aller Sterblichen auch heute noch dem Höchsten und drückte es in den Staub. Keine Kunst, keine Verehrung und Liebe konnte retten. Der alte deutsche Kaiser auf seiner schlichten eisernen Bettstelle, in den letzten Tagen seines ruhmreichen Lebens, umringt von fünfzig Millionen eines dankbaren Volks, hilflos weinend. O Leben, wie bist du bitter! Am Donnerstag, abends gegen sieben Uhr, lief's durch die Stadt: er sei tot. Die Kaiserflagge auf dem Palais war niedergezogen. Ein Extrablatt einer der kleineren Zeitungen hatte schon seinen breiten schwarzen Rand. Ich ging mit einem mir befreundeten Abgeordneten nach der Stammkneipe der Nationalliberalen. Dort stellte sich heraus, daß es ein falsches Gerücht gewesen war. Es war eine grauenhafte Schneegestöbernacht; man hatte die Kaiserflagge wegen des Unwetters eingezogen. Von jetzt an erschienen aber fast stündlich Extrablätter. Noch nachts zwölf Uhr konnte man lesen: der Kaiser habe etwas Nahrung zu sich genommen und schlafe jetzt. In den Druckereien paßten die Redakteure von Stunde zu Stunde auf Nachrichten. Jeder schneebedeckte Bediente aus dem Palais, der Zeit gefunden hatte, herzulaufen und mitzuteilen, »Prinz Wilhelm sei eben abgefahren«, oder »Bismarck sitze im Nebenzimmer«, oder »der Kaiser habe wieder einen Löffel Champagner genommen«, erhielt seine drei Taler und rannte wieder davon. Am frühen Morgen brachte mir Fräulein Groß, meine Hauswirtin, das neueste, nasse Zeitungsblatt. »Es gehe besser.« Am Ende reißt er sich noch einmal durch! Beruhigt ging ich nach meinem Bureau. Gegen zehn Uhr liefen die Leute in der Zimmerstraße zusammen. Der Kaiser war tot. Ich schickte meine Leute nach Hause und ließ die Bureaus schließen. Eine erdrückende Erregung lag in der Luft. Auch äußerlich war es ein düsterer Tag, wie wenige in diesem düstern Winter. Alles lief unruhig hin und her, als wüßte niemand wohin. Schwarze Flaggen erschienen aus Fenstern, Flaggen auf Dächern sanken auf Halbmast. Unter den Linden sammelten sich die Leute. Das Kaiserpalais war in weitem Kreis abgesperrt. Ein schwarzer, dichter Kranz von Menschen bildete sich um den öden Platz vor dem schlichten Haus, über dem sich die stolze Kaiserstandarte tief gesenkt, schwermütig im Schneewind bewegte. Lautlose Stille lag über den Tausenden, die dichter und dichter die breite Straße füllten. Ein unbeschreibliches, nervöses Fluidum schien von ihnen auszugehen und alles zu ergreifen, was in seinen Bereich kam. Auch wenn man nicht an Kaiser und Reich dachte, füllten sich die Augen zehnmal des Tags mit Tränen. Eine Kleinigkeit genügte: eine Fahne, die sich im Wind nicht heben wollte, das »W« auf der Torte im Schaufenster einer Konditorei. Es war das geheimnisvolle »Seufzen der Kreatur«, das auch den unvernünftigen Menschen packt, wenn er in seiner Ohnmacht dem Großen in Natur oder Geschichte gegenübersteht. Dann kam die Kronprinzenfrage: die hin und her fliegenden Telegramme zwischen Berlin und der Riviera, die gefährliche, erschütternd tragische Reise des jetzigen Kaisers durch Schnee und Eis, mit aufgeschlitzter Kehle, dieser »Ritt zum Grab« im ernstesten Doppelsinn; sein stummer Gruß im wildesten Schneegestöber, in welchem er nachts halb zwölf Uhr in Berlin eintraf, während eine Stunde später, zwischen zwölf und ein Uhr, sein toter Vater vom Palais nach dem Dom hinübergetragen wurde, um noch als Leiche die letzte Kaiserpflicht zu erfüllen. Ganz Berlin war jetzt auf den Beinen und lief zu Tausenden weinend allem nach, was seinem aufrichtigen Herzeleid zur Belustigung dienen konnte. So sind nun einmal die Menschen. Mein Fräulein Groß war entschlossen, ihren Kaiser noch einmal zu sehen. Am Dienstag stand sie von zwei bis sieben Uhr abends eingekeilt vor dem Dom. Am Mittwoch wollte sie es gründlicher machen. Von morgens früh sieben Uhr bis nachmittags drei und von abends acht bis morgens zwei stand das kleine Persönchen zwischen den Tausenden, die geduldig ihr Schicksal teilten und schließlich, wie sie, unverrichteter Dinge heimziehen mußten. Es ist nicht zu vertuschen: unter dem Druck und Drang dieser Woche ist auch einmal die bewundernswerte preußische Verwaltungsmaschine zusammengebrochen. Vieles ging nicht, das hätte gehen sollen. – Alles ist eben doch nicht Maschinenarbeit. Ehre denen, die zusammenbrachen! Ich, als kluger Mann, der sich mit seinen Herzensbedürfnissen innerhalb der Grenzen des Möglichen abzufinden weiß, machte keinen derartigen Versuch, und sah deshalb, mit geringerer Mühe, den toten Kaiser ebensowenig als Fräulein Groß. Statt dessen wurde ich am Begräbnistag in der Nähe des Brandenburger Tors gebührend zerdrückt. Wenn ich von dem herrlichen Zug nächst den breiten Rücken meiner Vordermänner nichts erblickte als die Spitzen von vielen tausend Helmen und die gewaltige purpurne Bahre, auf der der goldene Helm des Kaisers lag, so kann ich doch sagen, daß ich dabeigewesen bin. Über mir, in den Zweigen eines kahlen, jungen Lindenbäumchens, hingen zwei Strolche mit zerrissenen Hosen und heulten laut, als der Sarg vorüberzog. Mit der Sorglosigkeit, die mir in solchen Dingen eigen ist, hatte ich mich zu spät nach einem ähnlich guten Platz umgesehen. Ich hätte zwar noch am Donnerstag ein Fenster um 350 Mark bekommen können und am Vorabend der Feier einen Stuhl auf offener Tribüne um 60, ja ein Dachfenster, von dem aus man allerdings gar nichts sah, um 24. Aber all das paßte mir schließlich nicht, und ich begnügte mich mit dem Viertel eines Quadratmeters ebener Erde, den Helmspitzen, zwei Trauermärschen, drei Chorälen, dem Glockengeläute und Kanonenschießen, was alles ergreifend genug war. Auch der Schmuck der Trauerfeststraße war eines Kaisers würdig. Fast unmittelbar über mir stand stumm und schwarz das Brandenburger Tor, durch das er vor achtzehn Jahren den herrlichsten Siegeseinzug gehalten hatte, den unsre Zeit kennt. Heute stand über demselben in silbernen Buchstaben auf schwarzem Grund: » Vale senex Imperator! « Lebewohl, alter Kaiser! Es steht noch dort und wird, obgleich lateinisch, wahrscheinlich damit es alle Deutschen auch verstehen können, in jedem deutschen Herzen stehen bleiben, solange es schlägt. 69. Berlin, den 8. April 1888. Die erste Breslauer Woche brauche ich nicht mit einem Rotstift anzustreichen. Unmöglich, in einem kurzen Brief auseinanderzusetzen, was des Pudels Kern ist, und wie er bitter und stachlig überall zum Vorschein kommt. Die Verhältnisse sind so schwierig und verwickelt, daß ich mich nach der herzensguten Bummelei meiner Frankfurter förmlich zurücksehne. Dort begegnete mir wenigstens ein guter Wille, wenn auch die Kräfte bescheiden waren. Hier stehe ich vor einer echt preußischen Behördenwelt und vor der ganzen Herrlichkeit der gerühmten Zentralisation. Ökonomierat Korn, der an der Spitze der landwirtschaftlichen Verhältnisse der Provinz steht, ist ein Mann von großer Tüchtigkeit, krankhafter Eitelkeit und nicht zu befriedigendem Ehrgeiz. Daß sich außerhalb der provinzialen landwirtschaftlichen Staatsmaschine, deren Heizer er ist, etwas regen will, ist ihm ganz unfaßlich. Auch den andern. Als ich ihm Ende Februar auseinandersetzte, daß die Anmeldungen aus Schlesien eine Blamage für die Provinz seien, waren wir acht Tage später von der größten Rinderausstellung bedroht, die Deutschland je gesehen hat, so sehr hat er seine Leute in der Hand. Seitdem rührt er sich nicht mehr und liegt – aus andern Gründen – verbittert und krank in Dresden. Unter dieser staatlichen Oberfläche wühlt und siedet aber noch manches andre. Stadt und Land sind in Parteien gespalten und hassen sich wie Gift. Ich selbst bin fast krank von den Bemühungen, in Bewegung zu setzen, was seitens der »Ortsausschüsse« seit Wochen in Bewegung sein sollte. Ändert sich die Sachlage nicht rasch, so wird Breslau beweisen, was ich schon seit einem Jahr heimlich mit Kummer und Ergebung ahnte, daß im preußischen Deutschland eine deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, wie ich sie mir dachte, ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Verstaatlichung alles Denkens und Trachtens hat einen Grad erreicht, die einer freien, gesellschaftlichen Tätigkeit alles Blut aus den Adern zieht. Partikularismus? Gütiger Himmel! Sie sind hier partikularistischer als ganz Süddeutschland zusammen. Vorderhand aber gilt es, auf meinem Posten auszuhalten. Das will ich. Was nachher geschieht, wird sich ja finden. Es ist keine Schande, wenn es einem nicht gelingen will, mit einem Besen das Wasser den Berg hinauf zu treiben, aber es ist eine, wenn man allzulang versucht, es zu tun. 70. Breslau, den 15. April 1888. Briefe haben ihre bedenkliche Seite. Im besten Fall werfen sie ein grelles Licht auf ein Stückchen unsers Lebens; alles übrige bleibt dunkel. Und doch besteht dieses Leben aus einem bunten Allerlei, in dem Hoffen und Sorgen, Erfolge und Niederlagen fast stündlich wechseln. Wie können wir erwarten, daß ein solch minutenlanger Blick in die Camera obscura unsers Treibens ein treues Bild des Ganzen gäbe? Es geht wesentlich besser. Ich habe es aufgegeben, auf Korns Mitarbeit zu warten, der noch immer in Dresden liegt und – sagen die Leute – sich kränker stellt, als er ist. Die Ortsausschüsse sind alle im Gang. Auf dem Platz wird eifrig gebaut. Das Ganze gewinnt eine gewaltige Ausdehnung, fast das Doppelte von Frankfurt, und konnte auf dem schönen Gelände anständig ausgelegt werden. Nur schade, daß wir eine Ausstellung von Geräten aufgeben mußten, aus Rücksicht auf den »Breslauer Maschinenmarkt«, was schließlich niemand anerkennen wird. Ich tat es in der Hoffnung, durch milde Wärme das schlesische Eis brechen zu können. Auch darauf werde ich jetzt nicht mehr warten dürfen. Viele Mühe machen die Vorbereitungen für eine Anzahl Prüfungen, die während der Ausstellung vorgenommen werden sollen: Düngerstreumaschinen, Zugochsen, Hufbeschlag, Schafscheren und dergleichen mehr. Doch ist gerade dies die Richtung, in die ich unsre Ausstellungen drängen möchte. Arbeit, Arbeit, nicht bloßes Schaustellen, und vor allem kein »Fest«. Na, vor letzterem scheint uns diesmal der Himmel gnädig bewahren zu wollen, und ich kann's und will's nicht leugnen, das alles zusammen ist fast etwas mehr, als ich tragen kann. 71. Breslau, den 13. Mai 1888. Eine Woche schwindet um die andre in wachsendem Wirbel. Vorgestern war unser Jahrespräsident, der Herzog von Ratibor, hier und stahl mir einen halben Tag. Ein liebenswürdiger Herr! Gestern kostete mich Graf Pückler, der Präsident des Schlesischen Zentralvereins, vier Stunden. Es ist ein alter Jammer der Arbeitsbiene, daß sie nicht zu gleicher Zeit den Frack und den Werktagskittel anhaben kann; so unbehaglich sie sich in ersterem und zugleich im Kampf mit ihrem klebrigen Honig fühlt, den die andern mit eleganten Löffelchen zierlich zu schlürfen wissen. Dieses wirre Gleichnis zeigt Dir, wie es in meinem Kopf aussieht. Dort wimmelt und wühlt es mit Wasserleitungen, Wirtschaftsverträgen, Futterlieferanten, Steuerverordnungen, Kesselproben, Musikbanden, Flaggenstangen, Seuchenscheinen, Buttermilch für Ferkel, Pflügen für Ochsenproben, Säcken für Schafscherweiber, Einlaßkartenmuster und Ehrenkomiteefestzeichen, Stalldecken und Düngergabeln, Eisschränken, Abladerampen, Klosettdamen und Zeltdachnägeln, Wohnungsnachweisen, Feuerwehrbettstätten, Heu- und Strohschobern, Viehwagen, Kraftfuttermitteln und Versammlungslokalen – ich könnte, ohne Atem zu holen, den Rest meines Briefbogens füllen. Doch wozu? Nur mit dem Notizbuch in der Hand finde ich etwas Schlaf. Wache ich auf, so wird Licht gemacht und notiert, was mir im Traum durch den Kopf gegangen war und mich geweckt hatte. Dann kann ich wenigstens wieder weiterschlafen bis zum nächsten Traum. Es ist eine neue, glückliche Erfindung. Früher quälte mich ein und dieselbe kleine miserable Geschichte stundenlang. Dies ist heute anders; denn »was man schwarz auf weiß besitzt«, kann ich in Ruhe jetzt beschlafen. 72. Breslau, den 20. Mai 1888. Auf gestern abend hatte ich meine sämtlichen Ortsausschüsse zu einer gemeinsamen Versammlung eingeladen, um ihnen auseinanderzusetzen, was alles geschehen war und was während der Ausstellung zu tun sei. Der Wind hat sich endlich doch ein wenig gedreht; das schlesische Eis ist gebrochen, wenn auch nicht da, wo es hätte brechen sollen. Graf Pückler übernahm den Vorsitz, nachdem er am Morgen – ein hocharistokratischer, siebzigjähriger Herr! – über drei Treppen zu mir heraufgekrochen war, um mich persönlich zu besuchen. Ich wohne nämlich, wie immer, wenn irgend möglich, im dritten Stock eines hohen Hauses, um Luft und Licht zu finden, ohne die ich in großen Städten sterben müßte. Unser Präsident, der Herzog von Ratibor, entschuldigte sein Ausbleiben telegraphisch. Das Ganze war mehr eine Formsache. Es war deshalb doppelt erfreulich, daß alles nett und freundlich verlief. Morgen kommt Freund Poggendorff aus Berlin. Einige Tage später erwarte ich den wackeren Krauß aus dem fernsten Bayern. Nord und Süd! Bei Gott, ich kann ein paar solche Stützen brauchen, und weiß von Frankfurt her, daß sie zu gebrauchen sind. Etwas von deutscher Treue lebt doch noch, da und dort. 73. Breslau, den 3. Juni 1888. Nur einen herzlichen Gruß aus schwerer Zeit. Geduld! noch zehn Tage Geduld! Ich bin noch auf den Beinen, was ungefähr alles ist, was wir erwarten können. Doch sei ohne Sorge. Der alte Gott, der keinen Deutschen sitzen läßt, hat schon aus Schwererem herausgeholfen. Warum sollte er dies diesmal nicht tun? Aber er läßt mich ordentlich zappeln und weiß wahrscheinlich, weshalb. 74. Breslau, den 12. Juni 1888. Es ist vorüber! Die Last ist plötzlich gewichen, die Spannung wie weggeblasen. So weit können wir uns beide freuen. Das Frohgefühl aber, das in Frankfurt zur selben Zeit durch meine müden Glieder strömte, will sich nicht einstellen. Die Sympathie der nächsten Umgebung, das freundliche Entgegenkommen, auf das man ein Recht zu haben glaubt, wenn man sich für andre quält, die nötige Mitarbeit in Dingen, die allein von den Ansässigen mit befriedigendem Erfolg gemacht werden können, all das fehlte. Und nur infolge des kleinlichen Ehrgeizes eines sonst ungewöhnlich tüchtigen Mannes, der fürchtete, nicht als Alleinherrscher an der Spitze der Sache zu erscheinen, so oft ich ihm dieses zweifelhafte Vergnügen auch angeboten hatte. Die ganze Veranstaltung wäre jammervoll gescheitert, wenn ich nicht den letzten Rest meiner Kraft darangegeben hätte, sie durchzusetzen. So ging's; jedermann erklärt heute die Ausstellung für gelungen; sie war jedenfalls für deutsche Verhältnisse großartig. Ich aber liege moralisch im Sand und physisch nahezu auf der Nase. Es tut jetzt einigen der beteiligten Herren sichtlich leid. Das ist hübsch; aber ein geheimer Ärger, ein nicht mehr ausziehbarer Stachel bleibt. Auch im Geldpunkt haben wir weit schlechtere Geschäfte gemacht als in Frankfurt. Der Kampf mit der örtlichen Raubgier, die über jede Ausstellung herfällt, und meine bekannte Gutmütigkeit den Edelmetallen gegenüber sind für die Gesellschaftskasse bedenkliche Nebenerscheinungen. Doch ist der Schaden nicht allzu groß. Die Garantieopferlämmer bleiben ungeschoren, denn die Gesellschaft kann den voraussichtlichen Verlust heute tragen. Breslau war nun einmal ihre Feuertaufe, wie die meine, und auch dies muß bezahlt sein. 75. Breslau, den 17. Juni 1888. Der Ausstellungsplatz wird mit jedem Tag leerer, einem Ackerfeld ähnlicher, das der Brache entgegenträumt. Ich desgleichen; und in der wiederkehrenden Stille kann ich ruhiger an die jüngst vergangene Woche zurückdenken. Dabei will ich nicht versuchen, Dir ein Bild des Verlaufs dieser acht Tage zu geben – es wäre ein vergebliches Bemühen –, sondern nur ein paar Momentaufnahmen zusammenstellen, auf die man gelegentlich auch später noch einen Blick wirft. Zunächst war ich nicht der einzige, der unter der Aufgabe zu erliegen drohte. Selbst aus Oberbayern hatten sich vierundzwanzig Rinder unter der Führung ihrer Sennen auf den Weg nach Breslau gemacht. Die letzteren, Riesengestalten der Gebirgswelt, in ihrer malerischen Volkstracht, deren wesentlicher Teil aus nackten Knien besteht, hatten keine Ahnung von der Reise, die sie fröhlichen Herzens antraten. Sie waren überzeugt, einem etwas entfernteren Münchner Oktoberfest entgegenzuziehen. Als es aber in immer weitere Ferne ging, als die Berge verschwanden, die Menschen kein Bayrisch mehr verstanden, das Bier eine andre Farbe und einen fremdartigen Geschmack annahm, da fiel den Riesenkindern der Berge das Herz in die kurzen Hosen. In Görlitz zogen sie jammernd ihre Rinder aus den Wagen und weigerten sich, die unnatürliche Reise fortzusetzen. Mit vieler Mühe, mit Schmeicheln und Drohen brachte man sie wieder in den Zug zurück, in dem sie schluchzend, buchstäblich schluchzend, weiterfuhren. Dagegen juchzten und jodelten sie wieder, als sie in Breslau unter dem Schellengeklingel ihrer Rinder durch die staunende Stadt zogen und ihnen der Geschäftsführer ihres Kreisvereins, den sie in diesem Leben nicht mehr zu sehen erwartet hatten, mit einem »Grüß Gott, ihr Leut!« entgegentrat. Zwei Tage vor der Eröffnung bat mich der liebenswürdige – nein, mehr als das –, der herzensgute Herzog von Ratibor, ihm doch aufzuschreiben, was er in seiner Festrede etwa sagen sollte; »wörtlich, wenn Sie so freundlich sein wollen,« bemerkte er zum Schluß. Es war eine kitzliche Aufgabe für mich, durch den herzoglichen Mund die D. L. G. gebührend zu loben, aber Seine Durchlaucht war von den drei Blättchen in hohem Grade befriedigt, die ich ihm mit verlegenen Entschuldigungen am folgenden Morgen überreichte. Später, auf der Festtribüne, war ich meinerseits etwas erstaunt, als ich dieselben drei Blättchen in der herzoglichen Hand wiedersah, und Durchlaucht unsre Ansprache ohne jegliche Verbesserung der aufmerksam lauschenden tausendköpfigen Festversammlung vorlas. Nun war es aber ein ungewöhnlich stürmischer Morgen, und plötzlich wirbelte ein Windstoß das zweite der Blättchen in zierlichen Bewegungen über die Köpfe der Anwesenden weg. Hundert Hände streckten sich dem Flüchtling entgegen, der sich endlich nach einem letzten, schwindelerregenden Aufschwung niedersenkte, ergriffen wurde, von Hand zu Hand der Tribüne zuwanderte und dem Herzog hinaufgereicht wurde. Mit aufrichtiger Bewunderung beobachtete ich das Verhalten des hohen Herrn während dieses Vorganges. Schweigend, aber wohlwollend lächelnd, beobachtete er die Flucht des Hauptteils seiner Rede, wohlwollend lächelnd nahm er das Blatt wieder in Empfang, und ohne das geringste Zeichen von Unruhe fuhr er sodann fort, die volkswirtschaftliche und ethische Bedeutung der D. L. G. zu schildern. Wie beneidenswert, mit einer solchen wahrhaft aristokratischen Ruhe geboren zu sein! – – Die Hauptversammlung der Gesellschaft sollte am folgenden Tag in einem Saal in unmittelbarer Nähe des Ausstellungsplatzes stattfinden. Als ich eine Stunde vor ihrem Beginn nachsehen wollte, ob alle Vorbereitungen richtig getroffen waren, fand ich sämtliche Saaltüren verschlossen. Die Schlüssel habe der Wirt zu sich genommen und sei nach der Stadt gefahren. Wütend und gewaltsam brach ich die Tore auf, um zu finden, daß zwar das erforderliche meterhohe Podium für den Vorstandstisch hergestellt war, daß aber die Zimmerleute vergessen hatten, eine Treppe anzubringen, so daß Präsidium und Vorstand, würdige Herren reifsten Alters, es nur mit Aufbietung jugendlicher Turnkünste hätten ersteigen können. Es blieb nichts andres übrig, denn Minuten waren jetzt kostbar: Entschlossen ergriff ich zwei vorübereilende Kellner, rollte mit ihnen Bierfäßchen heran und baute aus denselben eine etwas ungewöhnliche Treppe, die, mit Tischtüchern drapiert, den besten Eindruck machte. Präsidium und Vorstandsmitglieder wunderten sich zwar im stillen über die eigentümliche Bauart; aber niemand kam zu Fall, und die Versammlung verlief programmgemäß in würdigster Weise. Diese Bierfäßchen waren für mich jedoch »das letzte Stroh« der Kamelslast. Nach der Versammlung lag ich in einem Nebenzimmer in einer Art von Nervenkrampf, und Schultz-Lupitz und andre gute Freunde umstanden mich besorgt und fragten vergeblich, was mir fehle, schleppten Bier herbei und spritzten mir Wasser ms Gesicht. Es ging vorüber. Den Beweis, daß ich noch nicht ganz ausgespielt hatte, brachte der folgende Tag. Ein Teil der schaulustigen Volksmenge, dem der Eintrittspreis zu hoch war, begann da und dort die Umzäunung des Platzes niederzubrechen und provisorische Eintrittstore zu erbauen. Die Polizeimacht, die sich auf dem Platz befand, schien nicht Manns genug, die ausgedehnte Angriffslinie zu verteidigen, und mit berechtigtem Zorn bemerkte ich in nicht zu großer Entfernung wieder einen Mann, der Bretter abriß. Im Sturmschritt eilte ich an den gefährdeten Punkt. Der freche Bursche ließ sich nicht stören. Empört, alles andre vergessend, packte ich ihn von hinten um den Kopf und begann mit der Kraft, die uns die Verteidigung einer guten Sache verleiht, auf den bereits etwas kahlen Schädel des Übeltäters loszuhämmern. Trotz der heftigsten Erregung war ich erstaunt über den Mangel an Widerstand, den der Mann unter meinen Händen leistete, und ließ ihm einen Augenblick Zeit, sich zu fassen. Da aber stellte sich heraus, daß er einer unsrer eignen Zimmerleute und beschäftigt gewesen war, den zerstörten Bretterzaun wieder herzustellen. Dies kostete mich einen Taler, worauf wir uns mit dem Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung trennten. Rührend war es, meinem wackeren, liebevollen Kiepert am »Empfangsabend« zu begegnen, der in einem der schönen Vergnügungsgärten der Stadt abgehalten wurde, aber überaus spärlich besucht war. Denn die Stadt blieb aus, weil sie von der vermeintlich antisemitischen Landwirtschaft nichts wissen wollte, und diese kam nicht aus den oben zur Genüge angedeuteten Gründen. Da lief nun der Vorsitzende unsers Direktoriums, in seinem warmen Herzen wehmütig der »juten Stadt Frankfurt« gedenkend, zwischen den halb leeren Tischen hin und her und suchte vergeblich nach jemand, den er hätte umarmen können. Auch dies mußte getragen werden. Und es wurde getragen. Was sind diese kleinen Leiden gegenüber den großen, die uns in dieser Zeit zu zerdrücken drohen. Unser zweiter Kaiser ist nun auch dahin; für ihn eine Erlösung, für das junge deutsche Volk, das noch so wenig versteht, sich ohne feste Führung selbst zu führen, ein schwerer Schlag. Drei Tage vor seinem Tod erhielten wir noch ein Telegramm, in dem er bedauerte, die Ausstellung nicht besuchen zu können, von der er übrigens – nach der Art, wie solche Dinge gemacht werden – schwerlich etwas gewußt hat. Jetzt und bald muß sich zeigen, ob das deutsche Volk reif ist, ein Volk zu sein. Ich wollte, ich könnte freudiger sagen: »Ich hoffe es!« Doch ist es wohl noch zu früh dazu, in diesen Tagen tiefster Trauer. Morgen packe auch ich meine sieben Sachen zusammen. In den Bergen, diesmal im Ötztal, wo das höchste Dörfchen Europas liegen soll, hoffe ich, wieder hoffen zu lernen. Es zieht doch alles nach oben, wenn es hier unten zu toll wird. Zweiter Abschnitt. 1888 – 1889 Magdeburg 76. Berlin, den 9. Dezember 1888. Die Luft, die ich von Gurgl und Vent und von der Wildspitze mitgebracht hatte, konnte es allein nicht machen; es weht noch jetzt ein frischerer Zug um den Kreuzberg und den Spandauer Bock, und es ist, als ob er mich ins neue Jahr hinein- und drüber hinausblasen wollte. Geb's Gott! Das abgelaufene war etwas schwül, selbst für einen alten Ägypter. Magdeburg heißt jetzt die Losung. Dorthin führten mich vor acht Tagen zwei wichtige Dinge, das eine von weittragender, das andre, die Ausstellungsplatzfrage, von brennender Bedeutung. Laß mich mit dem ersteren beginnen, das zweite wird uns später noch genug zu schaffen machen. Es war ein regelrechtes Turnier von Industrie und Landwirtschaft, in dem vier Landwirtschaftler mit zehn Industrierittern – im guten Sinn des Worts – einen heißen Nachmittag lang Stoß auf Stoß wechselten. Du weißt, daß die D. L. G. mit dem Syndikat der Kaliwerke einen Vertrag bezüglich der Kainitpreise abgeschlossen hatte, der mit dem 1. Januar des kommenden Jahres abläuft. Nicht zum mindesten infolge unsrer Bemühungen wurde das wertvolle, aber zuvor wenig bekannte Mineral zu Hunderttausenden von Zentnern in Deutschland ausgestreut und so dem Acker wiedergegeben, was die Menschheit seit Jahrtausenden aus ihm herausgegessen hat. Der Preis des Kainits ist jedoch nach unserm Dafürhalten noch immer viel zu hoch; die Bergwerksbesitzer legen ihre schwere Hand auf den Schatz, bestimmen unter sich, was der Bauer zu bezahlen hat, wenn er und sein Land nicht verhungern soll, und werden Millionäre dabei. Allerdings kommt es vor, daß Wasser in den einen oder andern ihrer Schächte dringt. Dann verschwinden die Millionen plötzlich wie Hexengold, und darauf weist die Reihe wohlbeleibter Herren lautklagend hin. Wir, die hungernden Landwirte sehen nur die fetten Bäuche und ergrimmen über den Sekt, den sie uns einschenken; den wir dann allerdings mit ihnen trinken. Der erwähnte Vertrag, die erste große Tat der D. L. G. und unsers Freundes Schultz-Lupitz, brachte auf vier Jahre eine wesentliche Besserung in die Verhältnisse. Diesen Vertrag wollen die Kaliwerke jetzt auf fünf Jahre erneuern. Schultz aber, der eine politische Partei hinter sich hat, deren Stimmung von den Kaliwerken berücksichtigt werden muß, weil sie teilweise dem Staat gehören, dringt auf eine weitere Herabsetzung des Preises um volle 30 Prozent. Das Ergebnis der ersten Stunde unsrer gemeinsamen Beratungen war beiderseits eine unaussprechliche Entrüstung über die teuflischen Ansprüche der Gegenpartei. Viermal mußte die Sitzung unterbrochen werden, um den tief erregten Gemütern Zeit zu lassen, sich zu fassen und die wortlose Wut niederzukämpfen. Jeder neue Vorschlag, der aus solchen Pausen hervorging, wurde im Brustton unerschütterlicher Überzeugung und unter Anrufung der heißesten Vaterlandsliebe und der heiligsten Düngerinteressen eines großen Volkes als die letzte und äußerste Grenze bezeichnet, bis zu der man mit qualvoller Überwindung des eignen Sittlichkeitsgefühls gehen könne. Einmal stand es wirklich so, daß ich glaubte, die Verhandlung werde zu einem völligen Bruch zwischen den Kalibaronen und uns Bauern führen. Schultz-Lupitz hing wie gebrochen in seinem Stuhl, Siemssen, der Geschäftsführer der Düngerabteilung, dessen Lebensstellung auf der Erneuerung eines Vertrages in irgendwelcher Form beruhte, war totenblaß geworden. Niemand sprach mehr, und noch gähnte eine gewaltige Kluft zwischen dem, was wir haben und was die Gegner geben wollten. Es schien nutzlos, sich noch einmal, wie bei früheren Pausen, in einen Winkel des Saales zurückzuziehen und flüsternd neue Vermittlungswege zu suchen. Da, mitten in dem düstern Schweigen explodierte Rittergutsbesitzer Karbe, Schultz' Freund und Stellvertreter, wie eine fröhliche Bombe: »Donnerwetter, meine Herren, so kann das nicht fortgehen!« – Er hatte recht. Man begann aufs neue, in einem andern Ton, und das Ende vom Lied war, daß wir alle nach vier Stunden blutigen Ringens brüderlich beim gemeinsamen Essen – und einigem Trinken – saßen, uns hochleben ließen, die Versöhnung von Industrie und Landwirtschaft feierten und den Kainit für die nächsten fünf Jahre um zwölf Prozent billiger erhalten als bisher. Dies macht bei dem gegenwärtigen Verbrauch des Minerals ungefähr eine Million aus, die wir den deutschen Landwirten an diesem unvergeßlichen Nachmittag erkämpft haben. Ein Sieg des Sozialismus, der doch auch seine guten Seiten hat. – – Nicht immer verhilft er jedoch dem Guten zum Sieg, wie die zweite Aufgabe zeigte, die ich in Magdeburg zu lösen hatte. Die kommende Ausstellung ist dort bereits ein freudig erwarteter Gast, so daß uns die Stadt den besten Platz kostenlos anbot, den sie zur Verfügung hat. Leider aber ist derselbe zu weit abgelegen, dazu mit Obstbäumen bestanden und hierdurch für uns nahezu unbrauchbar. Mit emsiger Gefälligkeit führten mich sodann ortskundige Eingeborene nach dem Süden, wo sich ein prächtig ebenes Gelände ausdehnt, das in Pacht und Eigentum von fünfzehn kleinen Bauern und Gärtnern steht. Diese Herren wurden zu einer Volksversammlung zusammenberufen, in der ich ihnen den Jahresertrag ihres Grund und Bodens anbot, wenn er mir vier Monate lang zur Verfügung gestellt würde. Nach einer Erhöhung dieses Angebots um 25 Prozent waren vierzehn der Herren bereit, darauf einzugehen. Nur einer, dessen Grundstück genau in der Mitte lag, verlangte das Fünffache, denn er fühlte, daß ich ohne ihn nichts machen konnte, und war hart wie Stahl. Eine derartige Preissteigerung hätte natürlich alle andern aus Rand und Band gebracht. Ich bat deshalb zum Schluß die Herren Grundbesitzer, nach acht Tagen noch einmal zusammenzukommen, in der kaum ernstlich gehegten Hoffnung, daß dann ihr Kollege Vernunft annehmen werde. In tiefsinnigem Grübeln über soziale Fragen, Eigentumsrecht, Bodenreform und dergleichen ging ich nach der Stadt zurück. Es war die höchste Zeit, die Platzfrage zum Abschluß zu bringen. Da begegnete mir mein Freund Toepffer, der Leiter des Fowlerschen Zweiggeschäfts in Magdeburg, und sah meine traurige Miene. »Das soll anders werden,« sagte er zuversichtlich, führte mich nach dem Norden der Stadt und zeigte mir eine ähnliche Fläche, über die drei seiner eignen Nachbarn zu verfügen hatten. Nach zwei Tagen waren die erforderlichen Pachtverträge abgeschlossen. Die Bauern im Süden ließ ich, wie abgemacht, ruhig zusammenkommen und schrieb der Versammlung einen höflichen Brief, mit der Mitteilung, daß ich nichts mehr von ihnen wissen wolle und ihnen im Jahr 1889 eine gesegnete Ernte wünsche. Mit nicht geringem Vergnügen aber hörte ich, daß die Versammelten, nachdem sie den Brief gelesen, begriffen und einiges Bier getrunken hatten, den zähen Zentrumsbauern fast polizeiwidrig verhauen haben. Auch in diesem Fall zeigte sich, wie freundlich und wohlwollend, ja wie tatkräftig Magdeburg der D. L. G. gegenübersteht, da ich den Kerl doch nicht selbst prügeln konnte, so gern ich es acht Tage zuvor getan hätte. 77. Berlin, den 24. Februar 1889. Es ist mir nicht wohl, wenn mir's zu wohl ist. Dafür hat die »große Woche« – der Name scheint sich einzubürgern, obgleich die »tolle Woche« richtiger wäre – nun wieder gesorgt. Drei meiner Hauptmitstreiter müssen als zeitweilig gefallen angesehen werden. Klugerweise legte sich Kiepert schon am Montag zu Bett; den wackern Krauß mußten wir, trotz seiner unverwüstlichen Gebirgsnatur, am Freitag früh nach der Bahn geleiten, weil er fürchtete, sein eignes Bett nicht mehr zu erreichen. Der arme, leberkranke Schultz-Lupitz hielt länger stand als die Gesunden, reiste aber doch auch gestern früh nach Lupitz ab, um sich von seiner Frau wiederherstellen zu lassen. Ich bin noch auf den Beinen, aber »müd, so müd!« Im ganzen verlief alles vortrefflich. Aus Bayern, Baden, Elsaß, Holstein, Posen, Ostpreußen, um nur die äußersten Punkte zu nennen, kamen sie herbei. Jedermann, der die deutschen Verhältnisse kennt, fragt uns staunend, wie wir es angreifen, ohne Diäten und Reisekosten solche Versammlungen, in denen doch nur trocken Geschäftliches verhandelt wird, zusammenzutrommeln. Das Geheimnis liegt natürlich gerade in den Dingen, die man mir als Grund entgegengehalten hatte, weshalb die D. L. G. in Deutschland unmöglich auf die Beine kommen könne: dem Jahresbeitrag von 20 Mark, der die Leute veranlaßt, zu sehen, was aus ihrem Gelde wird, der Unabhängigkeit von Staatshilfe und Bevormundung, dem Ausschluß von politischem Ärger, der ausschließlichen Beschäftigung mit Fragen, die wir selbst in Taten umsetzen können – das alles füllte die Versammlungen der letzten Woche und bringt auch die erhitztesten Köpfe immer wieder unter den gemeinsamen Hut. Es wäre undeutsch, wenn alles ganz friedlich verlaufen wäre. In dem Ausschuß für Pferde gab es heftige Szenen, weil kein Mensch zu wissen scheint, was ein richtiges Militärpferd ist, und es doch jeder zu wissen glaubt. Zwei der ersten Autoritäten sind entschlossen, genau entgegengesetzte Ansichten bis aufs Blut zu verteidigen. Andre Zwischenfälle erheitern die Bitternis dieser Kämpfe, denen ich mit der olympischen Ruhe gänzlicher Unwissenheit zusehe. In der Abteilung für Rinder bei einem gastweisen Besuch kam ich gerade dazu, wie ein Herr aufsprang und in überwallender Erregung in die Versammlung hineinrief: »Das Donnerwetter! Schon seit einer halben Stunde glaube ich, bei den Schweinen zu sein und sitze bei den Rindern!« Worauf er sich schleunigst entfernte, um in einem andern Saal seine Abteilung aufzusuchen. In der Düngerabteilung entwickelte der stürmische Schultz-Lupitz wie gewöhnlich einen Plan von allumspannender Großartigkeit bezüglich der Verwertung von Fäkalien, der in dem Vorschlag gipfelte, für die notwendigen Kosten des Unternehmens zunächst eine Million Mark zur Verfügung zu stellen. Ich stemmte mich energisch dagegen. Einer meiner Hauptgründe, daß wir nämlich die Million noch lange nicht besitzen, dringt sieghaft durch, und der Gegenvorschlag, sie nicht zur Verfügung zu stellen, wird einstimmig angenommen. Schultz-Lupitz will nachher von mir persönlich gelobt sein, daß, er sich – im Interesse des Friedens – diesem Beschluß, der ihm durchaus unsympathisch gewesen sei, nicht entgegengeworfen habe. Ich lobe ihn. Friede und Freundschaft kehrt in die Düngerabteilung zurück. Nur ein Herr von Podewils aus Augsburg, der die Million haben wollte und braucht, geht betrübt von dannen. Die Direktoriumssitzungen kommen und gehen jetzt vorüber, ohne mir, wie früher, große Mühe zu machen, denn alle laufenden Geschäfte, die sich nicht auf die Ausstellungen beziehen, besorgt Wölbling. Er hat sich rasch in die Sache eingearbeitet und hat eigne Gedanken, denen ich so viel Spielraum lasse als irgend möglich. Nur in dieser Weise kann man die freudige Mitarbeit seiner Leute sichern, und hierauf kommt es mehr an, als genau in dem Geleise zu bleiben, das man sich im eignen Kopf ausgedacht hat. Wenn ich Wölbling recht verstehe, ist er ein preußischer Beamter im besten Sinn des Worts. Das macht sich da und dort fühlbar; aber solche leise Änderungen in der Färbung unsrer Sache sind unvermeidlich. Eine Gesellschaft besteht schließlich aus den Elementen, aus denen sie zusammengesetzt ist. Darüber mag man sich ärgern oder freuen, es bleibt dabei. Wenn es mir mit meiner angeborenen süddeutschen Neigung für einen gewissen unordentlichen Idealismus und meinem angelernten englischen Drang nach Taten jenseits aller grünen Tische in dieser Umgebung nicht mehr behagen sollte, steht mir ja heute noch die Welt offen, wie dem jüngsten Polytechniker. Das Direktorium läßt mich und Wölbling im allgemeinen machen, was wir für richtig halten. Es kann in der Tat nichts Klügeres tun. Kiepert ist noch immer zu krank, um mitzumachen. Noodt wankt nur noch in die Sitzungen, die süddeutschen Mitglieder erscheinen selbstverständlich nie, und von hoffnungsvollem Nachwuchs ist vorläufig nichts zu erblicken. Wenn auch der gefundene modus vivendi den augenblicklichen Verhältnissen entspricht, hat das letztere doch seine bedenkliche Seite. Merkwürdig, wie es bei diesen tüchtigen Preußen eine Lebensbedingung geworden zu sein scheint, amtlich, polizeilich, militärisch kommandiert zu werden. Darin liegt die starke und die schwache Seite des Preußentums. Von dem Grade, wie sich hier alles Streben, aller Ehrgeiz, alle Gedanken der großen Staatsmaschine zuwenden, oft genug klagend und murrend, aber ohne an die Möglichkeit auch nur zu denken, daß es anders sein könnte, davon hat man jenseits der Grenzen Deutschlands keinen Begriff. Ein gehorsames und gesundes Mandarinentum – es läßt sich ja viel dafür sagen, namentlich von denen, die selbst zur Kaste gehören. Aber wie lange wird es gesund bleiben? Wie hat es schon dem Volk die selbsttätige Seele aus dem Leib gesogen, und wenn dies vollends gelungen ist, wenn wir alle verstaatlicht sind und nur noch der Staat sein großes mechanisches Leben führt, wer weckt uns dann die Toten wieder? Für den Augenblick jedoch brauche ich mir keine ernstlichen Sorgen zu machen. Wozu also das Nörgeln? Vermutlich bin ich eben auch ein Deutscher wie die andern; und »nicht besser als meine Väter«. 78. Berlin, den 2. März 1889. Laß mich ein wenig über die Schnur hauen, ehe mir der armsdicke Strick der kommenden Ausstellung wieder den Hals zuschnürt. Obgleich ich zurzeit aus Geschäftsrücksichten meine Fenster luftdicht verschließe, machte sich der Sturm der jüngsten Landtagswahlen doch auch in meinem Bureau fühlbar. Als grundsätzlich Unbeteiligter kann ich seinem Pfeifen mit vergnüglicher Teilnahme lauschen. Die gereizte Empfindlichkeit, ein wahres Nationallaster unsrer Landsleute, das die meisten für eine Tugend halten und künstlich groß züchten, ist in solchen Tagen wahrhaft komisch anzusehen. Poggendorffs Wirkungskreis, der Klub der Landwirte, der seit fünfundzwanzig Jahren besteht, ist nahe daran, in die Luft zu fliegen, weil daselbst fünf Herren um einen Tisch saßen und eine Wahlpolitik besprachen, von der fünf andre nichts wissen wollten. Kiepert, Schultz-Lupitz, Dünkelberg und eine Anzahl unsrer Freunde, deren Namen Dir gleichgültig sind, wurden wiedergewählt. Wenn wir wollten, könnten wir bald eine kleine politische Rolle spielen. Damit wäre unsre Rolle aber auch ebenso bald ausgespielt. – – Die Anmeldefrist für Magdeburg ist abgeschlossen. Ich stecke mitten im Ordnen und Einteilen des Platzes, eine Beschäftigung, die, wenn sie nicht in Sturmeseile vorgenommen werden müßte, unterhaltend wäre wie ein Geduldspiel. Das Ganze wird um ein Drittel umfang- und inhaltsreicher als Frankfurt, und groß genug, dem Deutschen Reich und seinen Bauern Ehre zu machen. Der Platz hat eine vortreffliche Lage und eine bequeme, wohlabgerundete Form. Nur der Boden, schwerer, undurchlässiger Lehm, wird mir Sorge machen, solange nicht alles vorüber ist. Wenn es regnet, sind wir verloren. Doch ich wollte von diesen Dingen nicht sprechen, bis ich an Ort und Stelle nicht mehr anders kann. Vorläufig finde ich Zeit, noch ein wenig über den Bretterzaun zu blicken, der in wenigen Wochen meine Welt umschließen wird. Jenseits desselben interessiert mich gegenwärtig Ibsen ganz gewaltig. Natürlich schimpft man in Berlin und anderwärts über ihn, weil er größer ist als die Zwerge, die hier das große Wort führen und bald genug versuchen werden, ihn nachzuäffen. Beurteile den Mann nicht nach dem, was Du über ihn liesest. Es verstehen ihn heute noch wenige. Versteht er sich doch selbst kaum und sagt es gerade heraus, wenn auch in etwas andern Worten. Seine Gedanken kommen nicht zur Klarheit, meinen Deine Kritiker. So?! Ist die Menschheit seit sechstausend Jahren zur Klarheit gekommen? Ist es nicht nachgerade an der Zeit, dieser bittern Wahrheit ins Gesicht zu sehen und unser Elend zu schildern, wie es war, wie es ist und wie es allem nach bleiben wird, solange wir Menschen sind? Worin mag das Gute liegen, unsre Dichtungen mit einem Phantasieschluß abzurunden, dessen Unwahrheit jeder Denkende täglich vor Augen hat? Du magst über Ibsens Philosophie und Ethik denken, wie Du willst: es bleibt ein Labsal, wieder einmal einem Poeten zu begegnen, der seine eignen Wege geht, seien sie auch noch so krumm. Wie wenige haben das Zeug dazu, und wie wenige, die das Zeug hätten, den Mut. 79. Magdeburg, den 14. April 1889. Die erste Magdeburger Woche zeigt immerhin ein andres Bild, als was ich in Breslau um dieselbe Zeit erleben mußte, vielleicht, weil mir hier kein Generalsekretär des landwirtschaftlichen Vereins der Provinz zur Seite steht. Trotzdem ist eine solche erste Woche kein Vergnügen, sonderlich, wenn sie zugleich in Nebel und Regen begraben ist. Zunächst entdeckt man Schwierigkeiten, von denen sich selbst die Eingeborenen nichts träumen ließen, bis es fast zu spät ist. Sich in denselben zurecht- und dann aus ihnen herauszufinden, kostet Gänge und Wartestunden und eine fortlaufende Geduldsprobe, daß es zum Davonlaufen wäre, wenn man nicht wüßte, daß von diesen Dingen der Erfolg des Ganzen so gut abhängt als von den Haupt- und Staatsaktionen, die in rühmenden Reden gefeiert werden. Denke Dir: seit einem Jahr weiß Magdeburg, daß und wo wir eine große Ausstellung abhalten wollen. Der Oberbürgermeister und die städtischen Behörden sind freundlichst begeistert, die höchsten militärischen und bürgerlichen Spitzen von Stadt und Provinz sind Ehrenmitglieder unsrer Ausschüsse. Sechs Bauunternehmer haben seit drei Monaten ihre Bestellungen und schlagen auf ihren Zimmerplätzen Schuppen, Ställe und Tribünen zusammen, und vor acht Tagen entdeckt diese ganze Welt, daß ohne eine Baubewilligung seitens der Festungsbehörde auf dem betreffenden Feld kein Stock in den Boden geschlagen werden darf. Diese Bewilligung zu erlangen, ist Sache der Bauunternehmer und geht mich eigentlich nichts an. Sie muß von drei Behörden: dem städtischen Bauamt, der Polizeidirektion und vor allem der Festungskommandantur gegeben werden. Die sechs Bauunternehmer behaupten nun jammernd, im gewöhnlichen Instanzenweg koste dies sechs bis acht Wochen Zeit. Wie sollen sie da rechtzeitig fertig werden, denn die Eingaben seien erst vor einer Woche zunächst dem städtischen Bauamt eingereicht worden! Nun galt es, zu laufen, zu suchen, zu warten, zu bitten. Unmöglich war es, bis heute, zu entdecken, wo sich die sechs Eingaben befinden. Die erste Behörde versicherte, sie habe eine derselben vor drei Tagen schon weiter befördert, die zweite schwört, sie habe nichts erhalten. Neue Eingaben zu machen, sagt man mir, sei ganz ausgeschlossen. Ich möchte doch bedenken, was daraus werden würde, wenn doppelte Eingaben durch den Instanzenweg liefen! Endlich findet sich, daß wir es mit einem Mißverständnis zu tun hatten und daß die auf dem Weg gesehene Eingabe einen Pferdemarkt betraf, der im Mai abgehalten werden soll. Die Herren sind alle die Höflichkeit selbst, denn ich schiebe weislich unsern Schirmherrn, Seine Majestät den Kaiser vor, wo es irgend nötig erscheint, und sie wissen natürlich hier nicht, wie platonisch dieses Verhältnis ist. Gestern abend endlich, fast verzweifelnd in dem Labyrinth von Stadträten, Branddirektoren, Bauräten, Polizeikommissären und Majoren, drang ich bis zur höchsten Instanz, dem Generalmajor und Festungskommandanten, und erhielt nach einer Viertelstunde den amtlichen Rat, mich um keine Eingaben mehr zu kümmern, sondern auf seine Verantwortung hin drauflos zu bauen. Die Bauleute hüpften vor Freude und beladen heute Dutzende von Wagen mit ihrem Gebälk, um morgen früh das Feld in Besitz zu nehmen. Ohne mich, sagen sie, hätten sie noch Monate warten können. Ein andermal erzähle ich Dir die Geschichte von einem Komposthaufen, die eigentlich hierhergehört. Er ist mir und den Festungsbehörden ein schweres Ärgernis; denn er darf ohne obrigkeitliche Bewilligung nicht entfernt werden, weil dies einer Änderung der Terrainverhältnisse im Festungsrayon gleichkomme. Herzlich gefreut hat mich ein andres kleines Erlebnis, das ich zugleich für die beste Kritik meines Wanderbuchs halte, die mir zu Gesicht gekommen ist. Du siehst daraus: auch bei mir kommt Allzumenschliches gelegentlich zum Vorschein, und ich schäme mich dessen nicht. Einer der Bauunternehmer kam etwas verlegen an mich heran und erkundigte sich, ab ich der Eyth sei, der das besagte Wanderbuch geschrieben habe. Ich gestand dies zu. Seine Frau, fuhr er fort, habe das Buch letzten Winter aus der Leihbibliothek gebracht, und sie hätten es zusammen gelesen. Es habe ihnen außerordentlich wohl gefallen, namentlich, wenn ich recht in Not gesteckt sei und mich wieder herausgewunden habe. Seine Frau habe dann immer entzückt gerufen: das Luder! das Luder! Kannst Du mehr verlangen? – Der Mann zimmert jetzt an seinen Bauten, dem Wanderbuch zu Ehren, rascher als alle andern Fünfe, was mir zurzeit das Wichtigste an der Sache ist. 80. Magdeburg, den 13. Mai 1889 Die Last der Arbeit drückt nicht, sie hebt, wenn man sich nicht allzuviel dabei zu ärgern braucht. In dieser glücklichen Lage befinde ich mich hier; denn erstlich ärgere ich mich nicht mehr über Dinge, von denen ich nachgerade weiß, daß sie einen Teil meiner regelrechten Aufgabe bilden, und zweitens betrachten die Magdeburger unser Treiben in so wohlwollender Weise, daß ich hoffen kann, bis zum Schluß ohne unnötige Reibung durchzukommen. Das liegt in den natürlichen Verhältnissen des Platzes. Magdeburg, eine reiche, wunderbar aufblühende Stadt, trotz der Festung, die sie umklammert, steht fest auf landwirtschaftlichem Boden, und die Landwirtschaft der Umgebung mit ihrer Rübenkultur und ihren Zuckerfabriken hat einen so großzügigen gewerblichen Charakter, daß an Stelle des Gegensatzes zwischen Stadt und Land, zwischen Landwirtschaft und Industrie ein Zusammenarbeiten getreten ist, das wahrhaft herzerquickend wirkt. Warum kann es nicht überall ähnlich sein? Warum wollen dort die Herren von Grund und Boden sich an veraltete Gewohnheiten, Arbeitsweisen und Lebensanschauungen klammern, die keine Macht der Erde dauernd erhalten kann, und hier Gewerbe und Handel die Grundbedingungen über den Haufen rennen, auf denen der Wohlstand und die Gesundheit der Volkes immer wieder aufgebaut werden muß. Können sie nicht friedlich nebeneinander, füreinander am gemeinsamen Besten arbeiten? Sie sollten und könnten es natürlich, auch ohne Zuckerrüben; aber nur wenige wollen es, denn es kostet da und dort ein kleines Opfer und bringt da und dort dem andern einen kleinen Gewinn, in den sich nicht alle teilen können. Das ist ein unerträglicher Gedanke. Natürlich fehlt es an den üblichen kleinen Kämpfen nicht: heute wollen sich zehn Bewerber an den nebensächlichsten Dingen beteiligen, morgen sucht man für die notwendigste Aufgabe vergeblich einen tüchtigen Mann. Im allgemeinen finde ich den Charakter der Magdeburger für Ungewohntes etwas allzu bedächtig. Es fehlen die Juden, die zu allem bereit sind, wo ein Geschäftchen in Aussicht steht. Auch lungern nicht halb so viele müßige Leute umher, so daß ich Mühe habe, das erforderliche vorübergehend beschäftigte Ausstellungspersonal zusammen zu bekommen. Ernstere Sorge macht mir der Oberbürgermeister Böttcher mit der oft wiederholten Frage, ob der Kaiser die Ausstellung besuchen werde, was natürlich unser lebhafter Wunsch ist, allerdings aber größere Vorbereitungen erfordern würde. Selbst der Vertreter der dritten Stadt Preußens findet es nicht leicht, mit einer einfachen Frage in die höchsten Regionen zu dringen. Schon die Vorfrage, ob man fragen dürfe, ist von Schwierigkeiten umgeben. Meine Berliner Freunde sind hierfür unbrauchbar. In der Besorgnis, irgendwo anzustoßen, rühren sie sich am liebsten gar nicht. Unser diesjähriger Präsident, Graf Stolberg-Roßla, der gefälligste und rührigste, den wir je gehabt haben, seufzt: »Ach, beim alten Herrn war all das so viel einfacher! Da ließ ich mich ohne Umstände anmelden, wenn etwas Dringendes vorlag, und die Sache war mit ein paar Worten abgemacht. Aber beim jungen Herrn!!« – Böttcher wurde zwischen dem General von Waldersee, dem Geheimen Kabinettschef von Lukanus und dem General von Wittich hin und her geschickt, bis sein rundes Bürgermeisterbäuchlein sichtlich zu schwinden begann. Alle haben eine Heidenangst vor dem jungen Herrn, aus der sie kein Hehl machen; selbst ich fühle mich davon angesteckt. Berliner Luft. Da war ich doch ein andrer Kerl in Bonn. Vorgestern bekamen wir den ersehnten Bescheid: eine Absage, in wohlwollendster, aber entschiedenster Form. Zu verwundern ist dies nicht. Der 20. Juni, unser Eröffnungstag, bot die einzige Möglichkeit, denn vor- und nachher war jeder Tag mit irgendeiner Reise, einem Fest, einer Inspektion, einem Fürstenbesuch auf Wochen hinaus besetzt. Der Leibarzt Seiner Majestät protestierte gegen die Fahrt nach Magdeburg, die den einzigen Ruhetag verschlungen hätte, der während einiger Monate übriggeblieben war. So schlimm geht es selbst mir nicht, als dem armen, ruhelosen Kaiser. 81. Magdeburg, den 9. Juni 1889. Ohne schwere Sorgen geht es auch diesmal nicht ab, doch finde ich's erträglicher, wenn die Ursache in höheren Regionen liegt als in der meiner Mitmenschen. Die Maul- und Klauenseuche ist schon vor vier Wochen rings um Magdeburg in der bösartigsten Weise ausgebrochen, so daß eine Ansammlung von wertvollen Tieren mitten in dem verseuchten Distrikt, die später wieder in alle Windrichtungen hinausgetrieben werden, zurzeit in hohem Grade gefährlich wäre. Schon vor etlichen Wochen fragte das Landwirtschaftsministerium bei der Provinzialregierung von Sachsen an, ob es nicht besser wäre, die Ausstellung vorläufig zu verbieten. Seitdem schwebt das Schwert des Damokles über uns, und in jedem Augenblick kann der verpestete Faden reißen. Ich lasse ruhig weiterbauen. Fällt der Schlag, so sind wir um 100000 Mark ärmer. Ob ein paar hundert Mark für Tagelöhne und Zeltdachstifte dazukommen, ist belanglos. Zum Glück ist die höchste tierärztliche Autorität der Provinz ein warmer Freund der Ausstellung und sichtlich bereit, einen Teil des Wagnisses auf die eignen Schultern zu nehmen. Einem Staatsbeamten des Normalschlags gegenüber, dessen einziger Gedanke es ist, »sich nichts zuschulden kommen zu lassen«, wären wir bereits verloren. Landwirtschaftsministerium und Provinzialregierung suchen die Verantwortung des Verbots sich gegenseitig zuzuschieben. Mittlerweile ist die Seuche im Abnehmen. Ich meinerseits bin im Begriff, einen riesigen Krankenstall zu bauen, Fässer voll Karbolsäure bereitzustellen und jedem ankommenden Klauentier ein Tanninfußbad zu verabreichen. Gestern fand nun die vom Regierungspräsidenten einberufene Sitzung statt, in der entschieden werden mußte, ob die Ausstellung abgehalten werden kann oder nicht. Eine glückliche Fügung ermöglichte es dem Veterinäroberarzt der Provinz, mitzuteilen, daß an diesem selben Morgen seine zwei letzten Dörfer für seuchenfrei erklärt werden konnten. So sollte denn die Ausstellung mit allen erdenklichen Vorsichtsmaßregeln, die uns Tausende kosten, stattfinden. Daß ich erleichterten Herzens aus dem Regierungsgebäude trat, wirst Du mir glauben. Zwei Stunden später begegnete ich meinem tierärztlichen Freund und Gönner. Blinzelnd flüsterte er mir zu, er habe mit der Mittagspost die Nachricht erhalten, daß die Seuche in drei Dörfern wieder ausgebrochen sei. Aber der Herr Regierungspräsident war bereits abgereist; unsre Losung war jetzt das altwürttembergische: Attempto! Damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen, ging am Abend ein furchtbares Gewitter über Magdeburg nieder, und heute regnet es, als ob es nie mehr aufhören wollte. Die höher gelegenen Teile des Ausstellungsplatzes verwandeln sich in einen Sumpf; an den tieferen Stellen spiegeln sich die Regenwolken im Wasser. Dort sollen in wenigen Tagen siebenhundert Schweine und Schafe ein trockenes, behagliches Lager finden, wenn bis dahin die Schuppen noch nicht weggeschwemmt sind. Auf dem Geräteplatz stecken schwerbeladene Wagen bis an die Achsen in dem kostbaren Rübenboden, und Fowlers Dampfpflugmaschinen mit ihren Drahtseilen sind der Trost und die Hoffnung sämtlicher Fuhrwerksbesitzer. Das Barometer ist im Sinken; ebenso das bißchen Mut und Freudigkeit, das ich mir in diese stürmischen Tage herübergerettet hatte. Ich sollte mich schämen, wenn ich meinen Vergnügungsausschuß an der Arbeit sehe, dessen Phantasie unerschöpflich und dessen Festeschaffenslust durch nichts zu unterdrücken ist. Vergebens versichere ich seinem Vorsitzenden, daß wir alle hierher kommen, um zu arbeiten, und selbst das Wort »Fest« hassen und verdammen. Es muß eine Korsofahrt durch die Stadt abgehalten werden, zu der er vierhundert Wagen aus dem Umkreis von fünf Meilen um Magdeburg zusammentrommelt, eine italienisch-chinesische Nacht im »Herrenkrug«, ein Gebirgsfest in einem alten Steinbruch, der den Namen der Magdeburger Schweiz führt. Mit Mühe habe ich, Feuersgefahr vorschützend, den übereifrigen Herrn abgehalten, den preisgekrönten Rindern einen Fackelzug zu veranstalten. Vor einer Stunde zeigte er mir einen billigen Gebirgsstock, den er jedem Mitglied der D.L.G. am Eingang seiner »Schweiz« überreichen lassen will, natürlich auf unsre Kosten. Dreitausend Stöcke, hofft er, werden genügen. Es ist ja alles herzlich gut gemeint: wie ich aber unter solchen Umständen mit meinen puritanischen Grundsätzen zurechtkommen soll, weiß ich selbst noch nicht. O Gott Himmels und der Erde, wenn es nur aufhören wollte zu regnen! Ich habe Hunderte von Löchern durch den Lehm in den kiesigen Untergrund bohren lassen, durch die große Wassermassen gurgelnd abziehen. Der Sumpf aber bleibt. Soeben, abends zehn Uhr, unterbricht mich ein triefender Nachtwächter: die ersten Schafe seien angekommen und wüßten nicht, wohin. 82. Magdeburg, den 1. Juli 1889. Der Mensch denkt, Gott lenkt. – Die Ausstellung schloß in strahlendem Sonnenschein, und alles andre strahlte mit. Es waren prächtige Tage, die heute allerdings wie ein Traum hinter mir liegen, so daß ich mich an Einzelheiten kaum erinnere. Manches ging wohl auch etwas schief, wie es bei großen Veranstaltungen nicht anders sein kann, aber so vieles ging vortrefflich, daß man die kleinen Übelstände und Mißgriffe lachend übersah. Gearbeitet wurde tüchtig, Prüfungen aller Art abgehalten, 80000 Mark in Preisen verteilt, wobei es sich zeigte, daß es unsern Richtern heiliger Ernst ist und daß sie mehr und mehr in ihre Aufgabe hineinwachsen. Die Ausflüge in einer Provinz, die der Glanzpunkt des landwirtschaftlichen Deutschlands ist, entzückten jedermann, und die »Vergnügungen« litten nur darunter, daß die Masse der Teilnehmer sie fast erdrückte und daß es in Magdeburg am Sonntagabend und Montag früh nichts mehr zu essen gab, bis Hilfe aus Nachbarstädten herbeigeschafft war. Über die Ausstellung selbst möchte ich am liebsten kein Wort mehr verlieren. Jedenfalls habe ich diesmal wieder meine Ehrentantieme von einer Mark verdient. Die Schau hat ihre ernsteren Aufgaben erfüllt, und alles weitere kannst Du in den Zeitungen nachlesen, bis Du es müde bist, wie ich. Persönlich halfen mir über die erschöpfenden Tage hauptsächlich die alten Freunde Poggendorff und Krauß weg. Dabei sieht Krauß mit Vorliebe nach dem Vieh, Poggendorff neben dem Kassenwesen neuerdings auch nach den Tausenden von Kindern, die aus den städtischen Schulen angetrippelt kommen, beide aber mit mütterlicher Sorgfalt nach mir, wobei sie es diesmal glücklich zu verhindern wußten, daß meine Nerven streikten. Ein Geschichtchen muß ich Dir doch erzählen, das Du in keiner Zeitung findest. In den schönen, halbwilden Parkanlagen des »Herrenkrugs«, wo sich die italienische Nacht und das städtische Feuerwerk abspielten, war es natürlich zum Erdrücken voll. Dort spazierte denn auch unser Freund Schultz-Lupitz, seiner Bedeutung für das Ganze wohl bewußt, an der Seite seiner Gattin und in Begleitung des Grafen v. A., meinem Gewährsmann, in würdiger Haltung durch die Menge. Von einem Platz an einem Tisch, von einem leeren Stuhl war keine Rede mehr, und Schultz-Lupitz' Grimm erwachte. Denn er liebt es, seinen Begleitern zu zeigen, mit welch wohlverdienter Hochachtung der Vorsitzende der Düngerabteilung von der Gesellschaft behandelt zu werden gewohnt ist. Endlich sahen sie einen Schutzmann, den Schultz mit Entrüstung fragte: »Haben Sie denn keine reservierten Sitze für die Vorstandsmitglieder?« »O gewiß!« versetzte das Polizeiorgan nach einigem Nachdenken mit großer Gefälligkeit. »Bitte, folgen Sie mir!« Damit brach sich der Mann des Gesetzes Bahn durch die Volkshaufen und führte die drei, die ihm dankbar nachdrängten, hinter eine prächtige Tannengruppe, wo er sie wohlwollend lächelnd auf drei niedliche, frisch angestrichene Häuschen mit ebenso vielen »reservierten Sitzen« hinwies. Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, verloren sich die drei wieder im Volksgedränge. Ich gönnte Schultz dieses Erlebnis ein wenig, denn ich hatte wenige Wochen zuvor einen freundschaftlichen Streit mit ihm ausgefochten, der auf beiden Seiten einen kleinen Ärger zurückgelassen hatte. Die Düngerabteilung, die in leicht erworbenem Gelde schwimmt, wollte einen wertvollen Preis für die Magdeburger Ausstellung stiften. Sie wählte hierfür ein prachtvolles Teeservice, und Schultz-Lupitz bestand daraus, in den Grund jeder Tasse die Worte malen zu lassen: »Gestiftet von der Dünger-(Kainit-) Abteilung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft.« Ich fand dies unappetitlich, und Schultz konnte meine Geschmacklosigkeit nicht begreifen. Es unterblieb; aber ich fürchte, er hat mir noch nicht verziehen. Gegensätze berühren sich. Daher kam es wohl, daß mich in diesen letzten Magdeburger Tagen die Stille im Kreuzgang des Liebfrauenklosters mehr anzog als manch andres Schöne der alten, mächtig wieder aufblühenden Stadt, das aufzusuchen ich jetzt erst Zeit finde. Unserm unermüdlichen Vergnügungsdirektor aber schickte ich zum Abschied trotz unsrer Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Fackelzugs und der Bergstöcke mein Wanderbuch mit einer Widmung, der man die unbeholfenen Reime zugut halten muß. Es waren die ersten wieder seit Breslau. Du sorgtest für die Freude, Ich für den Ernst der Sach', So teilten wir uns beide In manches Ungemach. Sie spöttelten und lachten Und kritisierten fein, Doch ob sie's besser machten, Mag wohl die Frage sein. Ich laß getrost sie schimpfen, Ich bin daran gewöhnt, Ich weiß, daß Nasenrümpfen Die schönsten Werke krönt. Wohl flog manch dankend Grüßen Auch über unsern Pfad; Doch selber muß man wissen, Ob seine Pflicht man tat. Dritter Abschnitt. 1889 – 1890 Straßburg 83. Berlin, den 17. November 1889. Eine meiner Hauptaufgaben sehe ich darin, den Wagen der D. L. G. nicht stillstehen zu lassen. Die Leute müssen sich daran gewöhnen, ihn nie anders als in voller Bewegung zu sehen. Nur so können die gelegentlichen Seufzer, daß es mit den jährlichen Wanderausstellungen nun endlich genug sei – und dies nach drei Ausstellungen gegenüber den 51 der Engländer! – wirksam unterdrückt werden. Das ganze Unternehmen hat keinen Sinn, wenn es nicht wie die Jahreszeiten des Landmanns zur eisernen Grundlage seines Arbeitsplanes gehört. Glücklicherweise sind die Vorbereitungen für Straßburg in vollem Gang, so daß auch ich die Hände nicht in den Schoß legen kann, und selbst für die zwei folgenden Ausstellungen – Bremen und Königsberg – ist bereits alles geschehen, was ihrem Zeitabstand entspricht. Dies scheint schließlich einförmig werden zu wollen, doch ist für Abwechslung genügend gesorgt. Straßburg wird nach innen und außen ein durchaus andres Gesicht zeigen als Magdeburg, wie dieses grundverschieden von Breslau war. Ich hatte ursprünglich im Sinn, auf Stuttgart als zweiten süddeutschen Ausstellungsort hinzuarbeiten und dann in der alten Heimat die Flinte an den Nagel zu hängen. Aber der Gedanke einer patriotischen Tat, wie man die Ausstellung der D. L. G. in Elsaß-Lothringen wohl nennen darf, hatte auch für mich etwas Verführerisches. Was die Flinte anbelangt, so finden sich wohl auch dort Nägel, wenn sie mir allzu lästig wird. Schon bei meinem ersten Besuch fand ich bei den Behörden von Stadt und Land das bereitwilligste Entgegenkommen. Der nichtpolitische Charakter der Gesellschaft ebnet uns hier wie anderwärts die Bahn, die sonst mit allen erdenklichen Steinen des Anstoßes besät wäre. Allerdings mache ich kein Hehl daraus, daß ich zwischen Patriotismus und Politik unterscheide. Die Stadt arbeitet mit Eifer an der Herstellung eines für sie kostspieligen Platzes, der uns zur Verfügung stehen soll; die Regierung ist sichtlich bereit, alle Kräfte aufzubieten – und sie sind nicht klein –, uns einen hübschen Erfolg zu sichern. Das französische Element, soweit ich mit ihm in Berührung komme, ist nach französischer Art höflich, wie wenn ich ein Fremder wäre. Mehr verlange ich nicht und zahle willig mit gleicher Münze. In Oberbürgermeister Back hat die kommende Ausstellung einen energischen Freund, dessen Erfahrung und Klugheit die kleinen Hindernisse aus dem Weg räumen wird, die wir auf dem noch immer nur halb deutschen Boden erwarten müssen. Auch unserseits soll es an Entgegenkommen nicht fehlen, und mit Freuden habe ich die erste Gelegenheit ergriffen, dies zu zeigen. Die Elsässer sind gewaltige Hopfenbauer, und beklagen sich bitter darüber, daß ihr Hopfen, der so gut sei als irgendeiner in der Welt, im Hauptbierland, in Bayern, nicht die Hochachtung genieße und die Preise erziele, die er verdiene; ja, daß er häufig als Elsässer billig gekauft und als bayrischer teuer verkauft werde. Wenn doch um Gottes willen, jammern sie, jemand eine Prüfung veranstalten wollte, bei der den Richtern die Herkunft der Hopfenproben verborgen bliebe. Dies gefiel mir wohl; es mußte einem Mann von gesundem Menschenverstand und ohne Hopfenkenntnisse einleuchten, und unser Direktorium nahm den Vorschlag, eine solche Prüfung im Zusammenhang mit der Straßburger Ausstellung abzuhalten, unbedenklich an. Aber die Rechnung war ohne die Bayern gemacht worden. Mit bajuvarischer Wärme wurde in den dortigen Zeitungen erklärt, daß eine Hopfenprüfung ohne Kenntnis des Hopfenursprungs ein Unsinn erster Güte sei und nur irrenhausreife Esel eine solche beschicken würden. Ich ließ mich um so weniger irre machen, als mir eine kräftige Sprache stets wohlgetan hat, ich selbst weder Hopfenbauer noch leidenschaftlicher Hopfenkonsument war und mit Ruhe über der Sache schweben konnte. Auch meldeten sich, trotz des Tobens der Bayern, 164 Hopfenproben, darunter nicht wenige aus Bayern selbst, so daß ich die mir wohlbekannte landwirtschaftliche Halle in Frankfurt a. M. borgen mußte, um dieselben würdig unterzubringen. Dort ließ ich vor vierzehn Tagen die Probesäcke in geeigneter Weise mit der größten Vorsicht und Heimlichkeit aufstellen, und zwar so, daß die Landstriche Posen, Brandenburg, Bayern, Württemberg, Baden, Elsaß und Lothringen in wilder Verwirrung und Auflösung durcheinander gerieten, und niemand, außer mir, der ich den Geheimschlüssel der Aufstellung besaß, wußte, welchen Landes Kind die einzelne Hopfenprobe war. Die Richter waren mit peinlicher Gewissenhaftigkeit ausgewählt worden: zwei Hopfenbauer, zwei Hopfenhändler, zwei Brauer und ein Gelehrter. Nachdem derart alles wohlgeordnet und numeriert war, wurden die sieben Herren zugelassen und begannen ihr Werk, bei dem alle fünf Sinne in Tätigkeit sind, namentlich aber die Nase von Bedeutung zu sein scheint. Nach zwei Tagen hatten sie die 164 Proben genügend befühlt, besehen und berochen und die sechsunddreißig Preise den einzelnen Nummern zugesprochen. In der darauffolgenden Nacht ließ ich die Namen und Ortsbezeichnungen an die Probekästen anschlagen und lud nach dem Frühstück die Herren Richter ein, ihr Werk zu betrachten. Es war ein Genuß, der mich für vierzehn Tage mühseliger Arbeit entschädigte, die Gesichter der Herren zu studieren, während sie die Namen der prämiierten Hopfenbauer und Hopfendistrikte ablasen. Die berühmten Saazer Hopfen hatten nicht einen ersten Preis bekommen. Der Bürgermeister von Saaz, der nach Frankfurt gekommen war, um den Triumph der Seinen nach Hause telegraphieren zu können, lief fluchend vor dem Ausstellungsgebäude auf und ab. Einer der Richter klagte laut, daß er Gefahr laufe, bei der Rückkehr in seine Heimat totgeschlagen zu werden. Die Elsaß-Lothringer, die über die Hälfte aller Preise bekommen hatten, jubilierten, und ich freue mich im stillen auf die nächsten Artikel in den bayrischen Hopfenzeitungen, die eine schätzenswerte Bereicherung der deutschen Sprache voraussehen lassen. Trotz des herannahenden winterlichen Friedens gehen wir auch hier einem frischen, fröhlichen Krieg entgegen, in dem es, fürchte ich, bei einer bloßen Wortkanonade nicht bleiben wird. Ich habe Dir schon von der Thomasschlacke erzählt, aus der man, ihres Phosphorgehalts wegen, seit etlichen Jahren ein wertvolles künstliches Düngemehl herstellt. Anfänglich waren diese Schlacken, die sich als nutzlose Abfälle der Gußstahlfabrikation bergehoch um die Stahlwerke aufgehäuft hatten, fast umsonst zu haben, weil niemand etwas aus ihnen zu machen wußte. Dann, als man ihren Wert für die Landwirtschaft entdeckt hatte und überall Mühlen entstanden waren, die den harten Stein in feines Mehl verwandelten, stieg der Preis dieses Mehls von Jahr zu Jahr. In jüngster Zeit haben nun die Thomasmehlmüller und -händler nach berühmten Mustern einen Ring gebildet und erhöhen ihre Preise nach Gutdünken. Die ganze Landwirtschaft beginnt zu grollen, und Schultz-Lupitz, der Rufer im Streit, sobald er das begeisternde Wort Dünger vernimmt, ist bereits Feuer und Flamme. Es scheint in der Tat nötig zu sein. Erst vorige Woche wurde der Preis des Zentners Schlackenmehl um weitere drei Pfennig erhöht, ohne einen andern ersichtlichen Grund als den Wunsch der Händler, so schnell als möglich Millionäre zu werden. Was Schultz außer sich bringt, ist die Nachricht, daß die Herren das Thomasschlackenmehl nach Amerika billiger verkaufen als in Deutschland. »Und solch vaterlandslose Gesellen soll der deutsche Bauer mit dem Schweiß seines Angesichts füttern!« rief er gestern, zitternd in heiligem Zorn. »Warum schmiedet ihr deutschen Bauern nicht auch einen Ring?« fragte ich ihn; worauf er nachdenklich nach seinem Abgeordnetenhaus ging, wo er gegenwärtig den größeren Teil seiner Zeit vergeudet. 84. Berlin, den 16. Februar 1890. Der faule Strohhaufen hat endlich Feuer gefangen. Gut ist es übrigens, daß meine landwirtschaftlichen Freunde unsre Privatkorrespondenz nicht zu Gesicht bekommen. Sie könnten doch den poetischen Wert meiner Auslassungen gelegentlich unterschätzen. Wir stehen mitten im Kampf. Die Thomasschlackenbarone haben sich bei der letzten gemeinsamen Beratung in so rücksichtsloser Weise über ihre Plane ausgesprochen, daß sich die D. L. G. unter Schultz-Lupitz' Banner entschlossen hat, den Streik einzuleiten und darauf hinzuwirken, daß der Kauf von Thomasschlackenmehl im Deutschen Reich bis auf weiteres eingestellt wird. Es regnet begeisterte Zuschriften aus allen Himmelsgegenden: jetzt sei doch endlich eine Vereinigung da, die kraftvoll für die Landwirtschaft eintrete, und Ähnliches mehr. Wären wir nur sicher, daß diese Stimmung ein paar Monate lang anhielte. Wenn den Thomasleuten das Mehl an den Hals geht – sie sollen nach wenigen Wochen schon bis an die Knie drin waten –, wird man wieder mit ihnen sprechen können. Aber ich fürchte, ich fürchte!– Wenn das Frühjahr kommt und die Herren Landwirte ihr schon gewohntes Mehl brauchen, ist kein Halten mehr. Dazu muß ein unglückseliger chemischer Landwirtschaftsprofessor in diesem Augenblick auch noch eine Broschüre veröffentlichen, in der er nachweist, daß der Landwirt nichts Klügeres tun könne, als Thomasmehl kaufen, so viel zu bekommen sei. Es mag ja wahr sein. Aber, o sancta simplicitas! warum denn gerade jetzt, wo am Nichtkaufen Millionen hängen! Daß der Herr Professor selbst gekauft ist, was einige sagen, will ich nicht glauben. Das Feldgeschrei ist aufregend, das Hurra- und Marsch-marsch-Rufen ansteckend. Daher mag's kommen, daß ich während der zwei Nachtfahrten nach und von Straßburg, wo sich die Ausstellungssorgen zu regen beginnen, zu dichten anhub und etliche Schlachtgesänge zur Hebung der Begeisterung meiner Freunde anfertigte, die soeben in der »Deutschen Landwirtschaftlichen Presse« erschienen. Natürlich anonym; denn wenn es bekannt würde, daß wir unter der Decke auch noch dichten, würde man uns schwerlich mehr für ernsthaft zu nehmende Leute ansehen. Dir kann ich sie ohne Gefahr mitteilen. Phosphorsaure Kampflieder 1. Der Ring 1. Es ward ein Ring geschmiedet Zu Bieberich am Rhein: »Ihr Herren, nur nicht schüchtern! Der Ausdruck fiel in einer der gemeinsamen Beratungen des Rings. »Und laßt uns lustig sein. 2. »Wozu sind wir die Schlauen, »Wozu die Bauern dumm? »Heda, mein Freund am Pfluge, »Kehr deine Taschen um! 3. »Hörst du, was vom Katheder »Der Herr Professor spricht? »»Ohn' Phosphor und Salpeter »»Bist du ein armer Wicht.«« 4. »Siehst du, wie unser Ringlein »Sich schließt um Ost und West? »Du magst dich drehn und winden, »Es packt und hält dich fest. 5. »Den Feingehalt herunter! Bezieht sich auf die Herabsetzung der erforderlichen Feinheit des Schlackenmehls. »Was soll der eitle Wahn? »Der Bauer muß uns glauben! »Jetzt zieht die Schraube an. 6. »Erst sechzehn und dann achtzehn Die rasch aufeinanderfolgenden Preissteigerungen. »Dann zwanzig Pfennig her! »Nun zweiundzwanzig, Bauer, »Du bist noch lang nicht leer. 7. »Und fünfundzwanzig später, »Dann dreißig, Schuß auf Schuß! »Ihr Herren, nur nicht schüchtern, »Er zahlt schon, wenn er muß.« 2. Zweiundzwanzig 1. Bei zweiundzwanzig Pfennig – Es kam wie über Nacht –, Da wird der Bauer stutzig. Wer hätte das gedacht? 2. Wohl klirrt und blitzt und funkelt Der Ring aus Thomasstahl; Des Herrn Professors Stimme Dringt laut aus seinem Saal. 3. Doch plötzlich hält der Bauer Aufatmend hinterm Pflug, Und brummt: Was, zweiundzwanzig? Nein, zwanzig ist genug. 4. Dann tritt er auf die Seite In aller Seelenruh', Und knöpft sich still und sinnend Die Hosentaschen zu. 5. Sie tun's in weiter Runde, So vornehm, wie gering. Draus ward zur selben Stunde Der erste Bauernring. 3. Abschiedslied Auf, auf, ihr Brüder, auf Befehl! Der Abschiedstag ist da, Wir gehn mit unserm Thomasmehl Jetzt nach Amerika Der Thomasring hatte auf den Beschluß, den Bezug von Schlackenmehl einzustellen, mit der Drohung geantwortet, sämtliche Vorräte nach Amerika zu verkaufen. Es türmt sich um uns, Sack auf Sack, Daß man darin erstickt; Sie kaufen nichts, aus Schabernack, Die Bauern sind verrückt. Zwar ist nicht alles Gold, was glänzt, Auch überm Ozean. Der Yankeeteufel, vielgeschwänzt, Hat's manchem angetan. Man weiß nicht, was er glaubt und tut, Doch ist es meistens Wind. Er ist nicht halb so fromm und gut, Wie deutsche Bauern sind. Wenn man ihm von Chemie erzählt, Fragt er, was man bezweckt, Vor Maercker und vor Wagner fehlt Ihm jeglicher Respekt. »Frachtbasis Wonne!« Eine Bestimmung, die der Ring neben der Preiserhöhung und der Herabsetzung des Feingehalts des Mehls festsetzen wollte. Welch' ein Krach! Er lacht dir ins Gesicht. Und zweiundzwanzig Pfennig, ach, Die erst begreift er nicht. Mit Müh' und Not kauft er das Ding Zuletzt und dann, o Graus, Dann macht er seinen eignen Ring Und wirft uns noch hinaus. Was hilft's? Solange wir am Werk Mit unserm Abschiedslied, Wächst unter uns ein Schlackenberg, Den niemand übersieht. Auf, auf, ihr Brüder, ohne Fehl', Der Abschiedstag ist da. Wir gehn mit unserm Thomasmehl Jetzt nach Amerika. 4. Nun zeigt's einmal 1. Noch sind sie nicht gegangen. Noch hat es keine Not; Sie hangen und sie bangen Auch um ihr deutsches Brot. 2. Um deutsche Millionen, Behaglich sichres Geld; 's ist besser, hier zu wohnen, Als wandern durch die Welt. 3. »Geduld, noch ein paar Wochen!« So flüstern sie sich zu. »Dann ist der Trotz gebrochen »Und alle gehn zur Ruh. 4. »Wir greifen schon mit Händen »Den Millionensieg »Geduld! der Lärm wird enden »Wie jeder Bauernkrieg.« 5. Ich seh' sie höhnisch lauern Auf eure Mattigkeit. Nun zeigt einmal, ihr Bauern, Daß ihr auch Männer seid! Ich fürchte, sie werden nicht viel dergleichen zeigen. Von allen Seiten hört man von Abtrünnigen. Selbst dem kampflustigen Schultz wird es bange, denn wenn der Frühling herankommt, braucht er sein Thomasmehl so gut als ein andrer, und schon jetzt schmiedet er Kompromißpläne. Darauf wird es wohl hinauskommen. Doch haben wir den Schlackenbaronen wenigstens einen heilsamen Schrecken eingeflößt, so daß sie sich in Zukunft zweimal besinnen werden, ehe wieder gesteigert wird. Wenn damit das Erreichbare erreicht ist, kann auch ich, der ich kein Schlackenmehl verzehre, zufrieden sein und meine Schlachtgesänge wieder einstecken. 85. Straßburg, den 10. Mai 1890. Den halben Winter und das ganze Frühjahr quäle ich mich, wie so viele in diesen Tagen, mit einer versteckten Influenza ab, die zuzeiten recht unangenehm hervortritt. Daher mag es kommen, daß mir alles etwas trüber erscheint als gewöhnlich und mich Kleinigkeiten drücken, wie zum Beispiel die Tatsache, daß ich ausstellungshalber seit vier Jahren nicht mehr in der Lage war, meinen Geburtstag zu feiern, als wäre ich am 29. Februar eines Schaltjahrs geboren. Das unangenehme Gefühl, daß ich in dem Augenblick ernstlich krank werden könnte, wenn dreitausend Stück Groß- und Kleinvieh nach mir und nach ihrem Futter brüllen, sitzt mir förmlich in den Knochen. Es ist eine fürchterlich gewagte Sache, eine derartige Ausstellung, die wie das tragische Fatum der Griechen einherschreitet, mit einem bresthaften Menschenleben zusammenzukuppeln. Dies muß anders eingerichtet werden. Im übrigen geht es hier mit dem üblichen Drängeln und trotz der Schwierigkeiten, die ein berechtigtes Reservatrecht jedes einzelnen Gaues ausmachen, leidlich genug vorwärts. Die Regierung bringt uns ihre Mitwirkung auf halbem Weg entgegen: es muß ihr selbst daran liegen, eine »altdeutsche« Ausstellung in den Reichslanden erfolgreich zu sehen; die städtischen Behörden sind die Bereitwilligkeit selbst, voran der Oberbürgermeister, dessen kluges Benehmen und praktisches Geschick in einer schwierigen Stellung bewundernswert sind. Soweit ich Gelegenheit hatte, dies zu beobachten, scheinen mir die Elsässer, so sehr sie noch französeln, nicht allzu schwer zu führen. Höfliche Festigkeit, möglichste Schonung einer angeborenen oder anerzogenen, meist harmlosen Eitelkeit – damit scheint man fast durchzukommen. Die Bäuerlein draußen im Land haben allerdings die unangenehme Eigenschaft, zu erwarten, daß man ihnen alles, aber auch alles bezahlt, was sie für ihr eignes Wohl tun sollten. Ähnliche Gefühle finden sich übrigens auch in der Stadt. Der Ansturm auf Freikarten für die Ausstellung war nirgends so lebhaft wie hier. Die Bauern allerdings fragen des weitern: wer ihnen den Besuch der Ausstellung überhaupt bezahle, denn das koste doch Geld. Es ist schwer, diese Seite des Volkscharakters mit den Grundsätzen der D. L. G. zu vereinigen. – Sodann hatte ich nirgends so große Schwierigkeiten, die Leute zu überzeugen, daß es sich nicht um eine fête agricole handelt, sondern um ein Unternehmen, bei dem alle weit mehr arbeiten als Feste feiern sollten. So höre ich auch von Entrüstung in der Stadt darüber, daß unsre Ausstellungsbauten nicht in Farben prangen. Am liebsten hätte man rot, weiß, blau. Auch fehlt es an den üblichen tragikomischen Streitereien nicht, so daß ich mich manchmal ganz zu Hause fühle. Es bestehen hier drei Fischereivereine – die Straßburger sind leidenschaftliche Fischer –; deshalb müssen die Ausstellungsfische eingeteilt werden in a) staatlich berechtigte Fische; b) unabhängige elsaß-lothringische Fische und c) französische Fische. Jede Gruppe beschuldigt die andre, man suche sie durch gemeine Intrigen von der fête agricole fernzuhalten. Morgen ist im Ministerium eine Zusammenkunft der drei feindlichen Brüder, um, wenn möglich, einen Ausgleich anzubahnen. – Von erschreckender Großartigkeit wird die Weinprüfung ausfallen, für die sich 1920 Kistchen von je sechs Flaschen angemeldet haben. Wir haben hierfür das städtische Theater gepachtet, in dem sich bereits eine Filiale unsers Ausstellungstreibens bemerklich macht. Ob die Weinrichter lebendig aus dieser Prüfung hervorgehen werden, ist mir an der ganzen Sache das Interessanteste. Von allem übrigen will ich Dir nichts erzählen. Das meiste kennst Du von Magdeburg, Breslau und Frankfurt her, und auch mir ist es fast allzu bekannt. Folge: ich habe noch nie so ernstlich empfunden, daß es nachgerade genug ist, und habe kürzlich einen langen Schreibebrief aufgesetzt, in dem ich dem hohen Direktorio diese Tatsache mitteile. Bremen muß ich wohl noch mitmachen, um meinem Nachfolger den nötigen Anschauungsunterricht zu erteilen. Dieser Brief ist mir eine große Beruhigung. Ich sehe ihn zuweilen an, wenn das Getriebe zu bunt wird. Es ist mir dann fast gleichgültig, ob ich »zu Straßburg auf der Schanz« mein Leben, das heißt mein landwirtschaftliches Ausstellungsleben, aushauche oder nicht. So weit kann die Influenza den Menschen herunterbringen, wenn er keine Zeit hat, sie zu pflegen. 86. Straßburg, den 13. Juni 1880. Sei unbesorgt um meine Gesundheit. Mir ist wohl: so wohl als einem gehetzten Hasen, der soeben dreihundert Hunden entwischt ist. Die Ausstellung ist vorüber, glücklich vorüber. Wieder liegt ein Stück Arbeit hinter uns, das – ich darf wohl sagen, was mir unzähligemal gesagt wird – Tausende erfreut und Hunderten genutzt hat, oder umgekehrt. Das Wetter war herrlich. Trotzdem waren es dieselben stürmischen Tage, in denen mein Tagebuch nur leere Blätter aufweist, und die wie in einem heißen Nebel hinter mir liegen. Auf Einzelheiten einzugehen, ist eine physische Unmöglichkeit. Am ersten Tag die Eröffnung durch den Statthalter, den Fürsten von Hohenlohe-Schillingsfürst; am zweiten der Besuch des Großherzogs von Baden, dem hoch zu Roß 120 badische Bauern auf ihren eignen Pferden einen Huldigungsritt darbrachten, eine fast ergreifende kleine Szene, so recht nach dem Herzen von Uhlands Eberhard: »Daß ich mein Haupt kann kühnlich legen«; am dritten der Strom von Fremden aus Schwaben, Bayern, vom Rhein und weiter her, bedrängt von Tausenden von Schulkindern aus Straßburg und seiner Umgebung; am vierten und fünften, den Ein-Mark-Tagen, 50- bis 60 000 Elsässer, ein Gewimmel, wie wir es noch nie gesehen hatten. Sieben Kassentore, durch welche den ganzen Tag die Leute ohne Unterbrechung einströmten. Rührend war, wie ganze Dörfer, mit dem Pfarrer an der Spitze, angezogen kamen und im Wallfahrtsschritt durch die Schuppen wanderten. So laß ich mir einen geistlichen Hirten mit seinen Schafen gefallen, sei er katholisch oder protestantisch. Eingenommen haben wir nahezu so viel als in Magdeburg, was niemand zu hoffen gewagt hatte; doch war die Ausstellung mit einer Anzahl kostspieliger Prüfungen teurer als dort, so daß wir mit einem blauen Auge davonkommen werden. Es wird einem überall etwas sauer gemacht, den Menschen Gutes zu tun. Was den Straßburger 10 Franken kostet, kostet uns, wenn es gut geht, 20 Mark; wo eine Fahnenstange ohne Beaufsichtigung angenagelt wird, werden zwei angerechnet; der Mann, der den kahlen Platz für uns besäte, hat hierzu ungefähr fünfmal soviel Samen gebraucht als der üppigste Sämann darauf zu streuen vermocht hätte – wie anderwärts auch. Das sind schließlich Kleinigkeiten, die nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Wirkung der Ausstellung auf das elsaß-lothringische Landvolk, von der alle Zeitungen sprechen und die auch in Regierungskreisen lebhaft empfunden wird. Die Elsässer sind nun einmal ein etwas selbstzufriedenes Völkchen und wurden in der Franzosenzeit mit dem Gedanken glücklich gemacht, daß sie, was Fleiß und Leistung anbelangt, an der Spitze der Zivilisation schreiten. Nun mußten sie sehen, was über dem Rhein, im alten Vaterland geleistet wird. Das Erstaunen war nicht klein, aber gesund. Statt aller weiteren ausstellungstechnischen und ausstellungsmoralischen Betrachtungen erzähle ich Dir zum Schluß lieber ein Geschichtchen, wie solche jede Ausstellung mit dankenswerten Variationen mit sich bringt, um uns nicht allzu langweilig werden zu lassen. Diesmal ist der Held ein würdiger Pfarrherr aus Oberbayern, der eigenhändig einen großen Bock auf die Ausstellung brachte. Das Tier besaß vier Hörner; dazu ein Söhnchen, ein überaus drolliges Geschöpf, das ebenfalls vier unzweideutige Hörnchen anzusetzen begann. Wie jeder andre Aussteller war der hochwürdige Herr überzeugt, nicht nur den schönsten Bock, sondern auch die größte Naturmerkwürdigkeit auf die Ausstellung gebracht zu haben, und konnte sich vor Entrüstung kaum fassen, als die Liste der preisgekrönten Tiere erschien und sein Bock »Jakob« nicht unter ihnen zu finden war. Wie eine Klette klammerte er sich an Freund Krauß, seinen Landsmann, er solle ihm, als »Schauwart«, Gerechtigkeit verschaffen. Gerechtigkeit verlange er; er müsse einen Preis für »Jakob« erhalten. Ob ein andrer Bock mit vier Hörnern auf dem Platz sei? Ob man glaube, er sei aus der Gegend von Oberammergau nach dem gottlosen Straßburg gereist zu seinem Vergnügen? Einen ersten Preis wolle er haben. Und Herr Krauß könne es nicht mit ansehen, daß er, sein leibhaftiger Landsmann, von den Preußen – es seien doch alles Preußen! – so behandelt werde. Am dritten Tage endlich, nachdem man der Hochwürden fünfzigmal erklärt hatte, daß Krauß die Bocksrichter nicht beeinflussen dürfe und könne, ging diesem selbst die Geduld aus. Sie sprachen etwas bayrisch miteinander, und von Stund' an lief der gute Seelenhirte gebeugten Hauptes und trostlosen Herzens auf dem Platz umher. Nun begab es sich, daß die Fürstin von Hohenlohe, des Statthalters und unsers derzeitigen Präsidenten hohe Gemahlin, die Ausstellung besichtigte. Krauß, der es in seiner treuherzigen bayrischen Weise vortrefflich versteht, mit hohen und höchsten Herrschaften umzugehen, war ihr Führer, und zufällig kamen sie auch in die Gegend von »Jakob«, dem viergehörnten. Krauß gedachte seines betrübten Landsmanns und gutmütig, wie er ist, sah er eine Gelegenheit, ihn zu trösten. Er sagte daher zur Fürstin: »Durchlaucht, den Bock könnten Sie wohl kaufen, er ist die größte Merkwürdigkeit auf der Ausstellung.« – »Aber was soll ich denn mit dem Bock machen?« fragte die Fürstin erstaunt. – »Nun,« meinte Krauß, »Sie können ihn in Ihrem Park in Schillingsfürst spazieren gehen lassen, oder dem Zoologischen Garten in Straßburg verehren. Später kann man ihn auch ausstopfen lassen für ein Museum.« – »Was kostet er denn?« fragte die Fürstin vorsichtig. – »Na, um 100 Mark gibt ihn der Besitzer, ein geistlicher Herr, Durchlaucht, was man dem Bock allerdings nicht ansieht.« – »Schön; dann schicken Sie ihn mir!« lächelte die Fürstin huldvoll, und die Sache war abgemacht. Eine Stunde später begegnet Krauß dem Pfarrer und ruft ihm freudig entgegen: »Nun, Hochwürden, ich habe ein gutes Geschäft für Sie gemacht. Ich habe Ihren Bock verkauft.« »Bekomm' ich einen ersten Preis?« antwortete der Pfarrer. »Einen Preis bekommen Sie nicht, aber 100 Mark. Unter uns ist der alte Kerl keine fünfzig wert.« »Wenn ich keinen Preis bekomme, verkaufe ich auch den Bock nicht!« schrie der Pfarrer, und beide, rot vor Zorn, drehten sich um und gingen jeder seiner Wege. Nach abermals einer Stunde kam der Pfarrer jedoch mit verlegenem Lächeln ins Direktoriumszimmer, wo Krauß und ich saßen, um ein wenig aufzuatmen. »Ich will den Bock doch verkaufen,« sagte er. »Geben Sie mir die 100 Mark. Ich reise heute abend ab, nach Trier, wallfahren.« Da die Fürstin das Geld noch nicht geschickt hatte, ließ ich es der Hochwürden aus der Gesellschaftskasse vorstrecken, worauf er, völlig versöhnt, sich empfahl, um von »Jakob« Abschied zu nehmen, und noch am gleichen Abend abreiste. Böse Zungen, die ihre Augen überall haben – auch eine Naturmerkwürdigkeit –, wollen ihn zuletzt in der Kosthalle gesehen haben, wo holde Elsässerinnen ihre Landesweine kredenzten. Zwei Tage nach Schluß der Ausstellung schickte uns die Fürstin 100 Mark mit dem Ersuchen, ihr den Bock zu senden. Aber »Jakob« war verschwunden, spurlos verschwunden! Er konnte doch unmöglich auch wallfahren gegangen sein. Die finstersten Vermutungen stiegen in uns auf, und die Verlegenheit war groß. Drei Tage lang wurde gesucht auf dem weiten, öden Ausstellungsplatz, in allen Markthallen der Stadt, im Zoologischen Garten. Der Bock Ihrer Durchlaucht war nicht zu finden. Selbst Polizei und Gendarmen gerieten in fieberhafte Tätigkeit und durchstreiften Stadt und Land. Endlich, endlich entdeckte man ihn in einem Winkel des benachbarten Schlachthauses, wo er in steter Todesgefahr drei Tage lang zugebracht hatte und von milder Hand gefüttert worden war. Wie er dorthin gekommen ist, weiß noch heute kein Mensch, und so endete diese Geschichte, wie unsre ganze Straßburger Zeit, dank einem gütigen Geschick, in Fried' und Freud'. Vierter Abschnitt. 1890 – 1891 Bremen 87. Berlin, den 6. Oktober 1890. Es war allerdings kaum anders zu erwarten. Als ich aus dem üppigen Schatten der Südtiroler Kastanien bei Vahrn wieder unter den etwas dünneren der Linden von Berlin trat, wurde ich von meinem verehrlichen Direktorium mit schmerzlicher Entrüstung empfangen. Man wolle ja alles Erdenkliche tun, mich zu entlasten. Kiepert schilderte in zündenden Worten seine Schwebetheorie, wobei er nur das eine vergaß, daß der Mensch zum Schweben Organe haben muß, die mir schlechterdings versagt sind. Durch Wiederholung glaubte er sie mir anschwatzen zu können. Schweben! Über dem Ganzen schweben müsse ich lernen; von einem Rücktritt, von einem »Verlassen meines Kindes« könne keine Rede sein. Ob mir denn die Gefühle eines Vaters völlig fremd seien? – Das alles führte zu dem Beschluß, einen Ingenieur anzustellen, teils als Geschäftsführer der Geräteabteilung – ein Amt, das ich nebenher geführt hatte –, teils und hauptsächlich als meinen Spezialassistenten und Vertreter bei Aufbau und Einrichtung der Ausstellungen. Sofort nach der Sitzung des Direktoriums begann denn auch das Suchen nach einem geeigneten Mann. Unter den reichlich heranströmenden Bewerbern zog mich einer besonders an; denn der Unglückliche glaubte einen Dampfpflug erfunden zu haben, hatte sein bißchen Vermögen in die Sache gesteckt, besaß nunmehr eine Maschine und einen Pflug, die nach Art neu erfundener Dampfpflüge im Feld ein paarmal zusammengebrochen waren, und Schulden, welche aufs üppigste nachzuwachsen drohten. Von dem Mann war einiges zu hoffen, wenn er sich aus dem Erfinderelend herausreißen lassen wollte. Einen Erfinder allerdings konnten wir aus vielen Gründen in der Stellung eines Geschäftsführers unsrer Geräteabteilung nicht brauchen. Ich nahm ihm deshalb das Versprechen ab, nichts erfinden zu wollen, solange er im Dienst der D. L. G. stehe. Was verspricht der Mensch nicht in seiner Not. Aber während wir soweit einig wurden, konnte ich die Erinnerung an die Worte Friedrich Wilhelms IV. nicht los werden, der nach der Behauptung der Berliner am Schluß seines Versprechens, die neue Konstitution heilig zu halten, gesagt haben soll: daß ich dies halten werde, das »globe ich schwörlich« – (das glaube, das schwöre ich). Na, wir werden ja sehen. Jedenfalls hoffe ich, in einiger Zeit meine ersten Schwebeversuche anstellen zu können. Auch der gute Kiepert findet das Schweben nicht mehr so leicht wie früher. Sein Herzleiden nimmt überhand, so daß er den siebzigsten Geburtstag im Bett feiern mußte. Von unsrer Gesellschaft wurde ihm ein Riesenalbum überreicht, in dem er die Photographien von etlichen Hunderten seiner tausend Freunde findet. Auf der ersten Seite prangt ein Gedicht, das sie mir auspreßten, und das ich mir herzlich gern auspressen ließ. Heiligt nicht in diesem Fall der Zweck das Mittel? Ich war leider in Königsberg auf der ersten Kundschaftsreise für die übernächste Ausstellung und konnte mich deshalb der Abordnung nicht anschließen, die den würdigen Freund heimsuchte, die aber nur unter der Bedingung zugelassen werden durfte, jede Gemütsbewegung des Jubilars zu vermeiden. Geheimrat Thiel schloß seine Ansprache mit dem Verlesen meines Gedichts. Aber schon bei den ersten Versen begann der gute Kiepert zu schnüffeln und brach gegen den Schluß in lautes Weinen aus. Ich hätte eigentlich das Recht, stolz darauf zu sein, und freue mich wenigstens, daß der Festgesang keinen bleibenden Schaden angerichtet hat. Da er übrigens zu Anfang die märkische Landwirtschaft im allgemeinen schildert, auf deren Boden ich mich zurzeit selbst abquäle, will ich Dir ein paar Strophen hersetzen. Sie sind wahrer, als Gedichte häufig sind, und erklären ein wenig, wie es kommt, daß ich selbst nicht müde geworden bin, mich in dieser Sandwüste umherzutreiben. Wie oft hast Du den starren märk'schen Sand In siebzig Jahren mit dem Pflug gewendet, Und treu der Pflicht dem armen, treuen Land Der Stirne Schweiß, der Muskeln Kraft verpfändet? Wie viele Saaten hast Du ausgestreut, In siebzig Jahren, eh' der Lenz erwachte, Derweil der Himmel freundlich, so wie heut, Und hoffnungsvoll auf Deine Fluren lachte? Wie oft war's, daß der gelben Fläche Grün In siebzig Jahren Deiner Arbeit dankte, Bis durch Gewässer, Dürre, Sorg' und Mühn, Die goldne Ähre Dir entgegenschwankte? Wie viele Ernten hast du eingebracht In siebzig Jahren? Kannst Du's selber sagen, Wie oft das Herz Dir freudig aufgelacht Beim letzten, buntgeschmückten Erntewagen? Das ist der Kampf der märk'schen Landwirtschaft: Ein rastlos Ringen und ein endlos Proben; Nicht Brot allein, sie schuf die zähe Kraft, Die euern Gau aus seinem Sand gehoben. Das ist des märk'schen Landwirts Ruhm und Glanz, Den er mit Pflug und Sense sich erfochten. Sein Kranz aus Ähren ist ein Ehrenkranz, Wie man aus Lorbeer schön're nie geflochten. Dann folgt Persönliches, das nicht verfolgt zu werden braucht. Ein wehmütiger Geburtstag war es für alle, dem wenige Tage später ein doppelt schmerzlicher Todestag folgte. Heinrich von Nathusius-Althaldensleben, dem die D. L. G. und auch ich so viel zu danken haben, ist einem Schlaganfall im Seebad Sylt erlegen. Es ist ein schwerer Verlust für uns alle. Mit einem so traurigen Schluß soll dieser Brief nicht abgehen. Soeben schickt mir der Großherzog von Baden seinen Zähringer Löwenorden: die Folge der Straßburger Ausstellung, wie ich vermute, und das erste Zeichen dieser Art, das ich mir auf deutschem Boden erpflügte. Es freut mich herzlich, um der Anerkennung willen, die das gelingende Werk zu finden beginnt. 88. Berlin, den 2. November 1890. Das wird förmlich beängstigend; ich muß Dir's aber doch erzählen. Die »kleine Woche« – so nennt man jetzt unsre Oktoberversammlungen, im Gegensatz zur »großen« im Februar, die noch erstickender eingerichtet ist – ging zu Ende. Man hatte sich nach sechzehn Abteilungssitzungen zum Schluß zur Sitzung des Gesamtausschusses zusammengefunden. Ich saß ahnungslos und etwas abgespannt neben dem Vorsitzenden, der die Versammlung eröffnen wollte. Da bat der Geheime Oberregierungsrat Dr. Thiel unkommentmäßig ums Wort, hielt eine Ansprache an mich, die Dich zu Tränen gerührt hätte, und übergab mir im Auftrag Seiner Majestät des Kaisers und Königs das geweihte Kästchen des Kronenordens dritter Klasse. Wohlgemerkt: es gibt auch eine vierte, nach der sich dreißig Millionen Preußen vergebens sehnen sollen. Großer Jubel der Versammlung. Stürmisches Hoch auf den Kaiser, der, wie der Vorsitzende bemerkte, die deutsche Landwirtschaft ehrte, indem er mich, »unsern Freund Eyth«, ausgezeichnet habe. Natürlich erhob auch ich mich in schicklicher Verwirrung und sprach, wie Kiepert behauptet, mit hinreißender Wärme, was, weiß weder er noch ich. Es ist auch völlig gleichgültig. Tief erregt traten wir in die Tagesordnung ein. Erstens: Protest des Herrn Lehmann betreffs der Beurteilung von Schweinen auf der Straßburger Ausstellung. Zweitens: und so weiter. In Bremen haben die Ausstellungssorgen mit ungewöhnlicher Schärfe eingefetzt. Es handelt sich um die Platzfrage. Vor einem Jahr schien dieselbe gelöst zu sein. Ein der Eisenbahn gehöriges Stück Land stand uns gegen billige Pacht zur Verfügung. Mittlerweile wurde dasselbe jedoch für Betriebszwecke zerschnitten und zerrissen. Unsre Bremenser Freunde entdeckten sodann ein Feld, das wir unschwer hätten pachten können. Allein es lag vier Kilometer entfernt von der Stadt und war deshalb nahezu unbrauchbar. Nun kam der »Bürgerpark« in Betracht, der im laufenden Jahr eine Gewerbeausstellung beherbergt, welche insofern in großen Nöten ist, als sie sich verpflichtet hat, den halb zerstörten Park wiederherzustellen. Der Platz stand zur Verfügung, wenn ich die Verpflichtung der Wiederherstellung übernommen hätte. Das war zunächst unmöglich, weil die Schätzung der Kosten dieser Arbeit zwischen 6000 und 60 000 Mark schwankte; allerdings wollten sich die Herren schließlich mit einer runden Summe von fünfzehntausend Mark begnügen. Endlich zeigte man mir noch ein Stück Feld, eben und gut gelegen, das 56, sage sechsundfünfzig kleinen Pächtern angehörte. Ich wußte von Magdeburg her, was es heißen will, ein Feldstück von sechzehn Pächtern zu pachten. Allein und hoffnungslos sah ich an jenem Abend im Bremer Ratskeller hinter einer Flasche Rauentaler und weigerte mich, Nahrung zu mir zu nehmen, so unsäglich traurig erschien mir das Menschenlos auf dieser Erde. Des andern Morgens besuchte ich den neuen städtischen Schlachthof, ein Meisterwerk seiner Art, und lernte dessen Direktor, einen alten Schiffskapitän, kennen, der wie eine frische Seebrise auf meine zerrütteten Nerven wirkte. »Was, keinen Platz!« rief er vergnügt. »Ich werde Ihnen gleich ein halbes Dutzend Plätze zeigen.« Damit führte er mich auf eine herrliche, allerdings von Entwässerungsgräben in allen Richtungen zerschnittene Wiese, die im übrigen fast alle Eigenschaften eines guten Ausstellungsplatzes besaß. Wir stürmten auf das Katasteramt. Das Feld gehörte zwei Kirchen und einem Hospital und war an fünf Leute verpachtet. Es wurde licht. Nun begann eine wilde Jagd auf diese Herren, bei der mir ein kleiner Kaufmann, der in der Nähe des Platzes wohnte und den Nutzen einer Ausstellung hinter seinem Häuschen roch, jagen half. Um sechs Uhr abends war mit vieren der fünf Pächter ein Vertrag abgeschlossen, der mir um weniger als 2000 Mark das Land sicherte. Nur der Fünfte, ein Fuhrwerksbesitzer und Pflasterungsunternehmer, den wir mitten auf der Straße abfingen, konnte sich nicht entschließen. Wir machten dem braven Mann zu sehr den Eindruck von Straßenräubern. Er wollte sich's überlegen und abends zu mir ins Hotel kommen. Er kam aber nicht, dagegen ein Telegramm aus Kolmar im Elsaß, wo eine Prüfung von Kelterpressen stattfinden sollte und die Weinlese zehn Tage früher als erwartet begonnen hatte: »Herr Eyth möge unverzüglich kommen!« In Bremen aber duldete die Erledigung der Platzfrage keinen Verzug mehr; ohne sie durfte ich nicht abreisen. Während ich mir die kritische Lage überlegte, erschien ein festlich gekleideter Junge: Der Fuhrwerksbesitzer Huber, sein Vater, könne nicht kommen. Er sei auf einer Hochzeit. Aber morgen stehe er den ganzen Tag in der Kaiserstraße, wo Pflastersteine geführt werden. In aller Frühe stand auch ich in der Kaiserstraße. Die Pflastersteine wurden geführt, aber Herr Huber war nicht unter ihnen. Beim zweiten Versuch hörte ich von pflasternden Freunden, die ihn kannten: Herr Huber werde vielleicht unwohl sein, denn er sei gestern auf einer Hochzeit gewesen. Dies wußte ich schon; doch erfuhr ich bei dieser Gelegenheit auch, wo er wohnte, und fuhr schleunigst in eine entferntere Vorstadt, um ihm einen Krankenbesuch abzustatten. Denn ich mußte schlechterdings um zwei Uhr nachmittags nach Kolmar abreisen. Herr Huber war nicht anwesend, dagegen seine Frau, in sichtlicher Verlegenheit. »Liebe Frau,« sprach ich, »genieren Sie sich gar nicht. Ich weiß, Ihr Mann ist zu Hause. Er ist krank, denn er war gestern auf einer Hochzeit.« – Sie wurde plötzlich ganz vergnügt und zutraulich. »Warten Sie einen Augenblick!« sagte sie und ging die Treppe hinauf. Nach zehn Minuten kam sie betrübt wieder herunter: Es sei unmöglich, ihr Mann sei nicht aufzuwecken, aber gegen zwölf Uhr müsse er in der Kaiserstraße sein wegen der Pferde. Ich könne mich darauf verlassen. Schon damals wußte ich, daß es keine zuverlässigeren Leute gibt als die Bremenser, Hochzeiten ausgenommen. Um zwölf Uhr stand denn auch Herr Huber an der bezeichneten Hausecke in der Kaiserstraße. Er konnte nicht gut sehen, denn er hatte auf der Hochzeit die Nase in merkwürdiger Weise verstaucht. Aber er war willig oder wenigstens widerstandsunfähig. Ich hatte den ausgeschriebenen Vertrag in der Tasche; auch ein Bleistift, das er zweimal fallen ließ. Doch gelang es ihm schließlich, auf einem Pflasterstein zu unterschreiben. Um zwei Uhr war ich auf dem Weg nach Kolmar und hatte den Bremer Ausstellungsplatz schwarz auf weiß in der Tasche. 89. Berlin, den 28. Februar 1891. Gestern ist Prinz Ludwig von Bayern Mitglied der D. L. G. geworden. Selten hat mich etwas so gefreut. Nun müssen die Bayern doch wohl mitspielen, ob sie wollen oder nicht; und bald, hoffe ich, werden sie auch sehen, wie gut das ist. Fast wäre die Sache noch im letzten Augenblick schief gegangen. Ich hatte einen Brief an den Prinzen geschrieben, mit der Bitte um seinen Beitritt, den Krauß mit den nötigen Erläuterungen Seiner Königlichen Hoheit überreichen wollte. Aus Versehen schickte mein Sekretär dieses Schreiben anstatt an Krauß unmittelbar an den Prinzen. Der erstere, dem ich das Versehen sofort mitteilte, war darüber noch entsetzter als ich, und wir beide glaubten, daß die Sache nunmehr gründlich verfahren sei. Wenige Tage später kam jedoch die Beitrittserklärung des hohen Herrn, woraus sich zwei erfreuliche Schlüsse ziehen lassen: erstlich, daß der künftige König von Bayern großherzig genug ist, sich nicht allzuviel aus Formalien zu machen, und zweitens, daß die D. L. G. ihren Weg findet, auch wenn sie stolpert. Nun soll mir aber die vorliegende Epistel, die in den höchsten Regionen beginnt, nicht mehr in das plebejische Alltagsleben heruntersinken. Eine gewisse Erregung war in den letzten Tagen im Kreis meiner engeren Freunde bemerkbar. Gleich mir war auch Schultz-Lupitz mit einem höheren Orden beglückt worden und fühlte das sogenannte Ordensfest herannahen, zu dem eine Anzahl der Neudekorierten befohlen zu werden pflegen. Vor acht Tagen kam die große, hagere Gestalt mit ihrem längsten Gesicht auf mein Bureau, um sich mit mir über die neueste Wendung der Hoftrachtsfrage zu beraten. Es handelte sich hierbei keineswegs bloß um Kniehosen, sondern um einen vollen Anzug im deutschen Renaissancestilbau, vielleicht gar mit Dreispitz und Degen, der 600 Mark kosten sollte, in welchem anderseits der Mensch unsrer Zeit aber auch aussieht wie ein betrübtes Hampelmännchen, mit einem Schnürchen unter dem Frack, das ihm Leben und Bewegung gibt. Wir beide, wie die gesamte frisch dekorierte Welt, wußten nicht, was Gesetz und Königstreue geboten, und hatten einen natürlichen Abscheu vor den 600 Mark und dem Hofschranzentum, das wir hinter den seidenen Strümpfen witterten. »Männer, nicht Hosen,« rief Schultz empört, »braucht der Kaiser!« Ich lief zu Geheimrat Orth, dem Rektor der Landwirtschaftlichen Hochschule, um mich zu erkundigen. Er war im verflossenen Jahr dabei gewesen und lachte triumphierend. Damals hatte die neue Hofkleiderordnung noch nicht das Licht der Welt erblickt; auch werden Professoren in einem Talar zugelassen, unter dem sie mit den Beinkleidern bis an die äußerste Grenze des Anstands gehen können. Ungetröstet begab ich mich ins Ministerium zu meinem Freund und Gönner Thiel. Ein Geheimer Oberregierungsrat mußte es doch wissen. Er war so gefällig, einen zweiten, noch geheimeren, einen »wirklichen« Geheimen, im Nebenzimmer zu Rate zu ziehen. Dieser gab den Orakelspruch ab, daß ich allerdings »berechtigt« sei, in Hoftracht zu erscheinen, zwingen könne mich aber niemand. Sehr schön! Nun fehlte nur noch die Einladung, und diese – kam nicht; womit ich allerdings meinen lieben Schultz schon längst zu beruhigen gesucht hatte. Denn ich wußte von andrer Seite, daß im königlichen Schloß bei einem großen Empfang Platz für höchstens 1500 Personen ist. Nun sind die eigentlichen Hofchargen 1200 Personen, und diese müssen nach alter Sitte dabei sein; denn dazu sind sie auf der Welt. Bleiben noch 300 Plätze. Nimmt man nun nur die im letzten Jahr frisch Dekorierten, so handelt es sich um etwa 2400 Personen. Von acht kann deshalb höchstens einer befohlen werden, und der kaum. Auch dürfte bei dieser Gelegenheit das Hofmarschallamt aus ästhetischen Gründen doch wohl nach den besten Waden greifen, und da war es natürlich, daß mein wackerer Schultz, trotz des Kainits – von mir will ich gar nicht sprechen – den Kürzeren zog. Ich weiß nicht, wie mein Freund dies empfand. Ich war in hohem Grad befriedigt und dankte es meinem Kaiser, daß ein Umbau der Schloßräumlichkeiten erst für das nächste Jahr in Aussicht steht. Dann sind wir schon veraltete Ritter und kommen nicht mehr in Betracht. Schließlich war ich im Lauf der letzten vierzehn Tage in Oldenburg, um unser hochverehrtes Mitglied, den Großherzog, und unsern neuen Präsidenten, den Erbgroßherzog, zu besuchen. Der erstere ist ein prächtiger alter Herr: eine stattliche Gestalt von fast väterlichwohlwollender Herablassung. Er unterhielt sich mit mir eine Stunde lang über Sozialdemokratie und Arbeitermangel, amerikanische Presse und australisches Korn. Der Erbgroßherzog ist Dragoneroffizier und vor allem Matrose, versprach aber in der zuvorkommendsten Weise, als Präsident der D. L. G. seine Pflicht zu tun. Unsre anfängliche Präsidentennot ist nachgerade ein überwundener Standpunkt. Er könne, schloß Seine Kgl. Hoheit mit gewinnender Liebenswürdigkeit, mich leider nicht zum Essen einladen, denn seine Mama und seine Frau seien beide krank, es werde deshalb heute im Großherzogtum nicht gespeist. Worauf ich dankbar und vergnügt nach Bremen zurückkehrte. 90. Bremen, den 13. Juni 1891. Wenn das Gebrüll des Viehs auf dem Ausstellungsplatz und das Geschrei der Tausende von Menschen verstummt ist, und das weite Feld dreinsieht wie ein verlassener Saal nach einem Maskenball, läßt sich eher erzählen, wie alles gekommen und gegangen ist, als in dem Getümmel selbst, aus dem Dich ein gelegentlicher Notschrei oder eine Postkarte mit der Bemerkung erreicht, wie wohl es mir ist. Also! Der Aufbau der Ausstellung nahm seinen Verlauf mit weniger Reibung als gewöhnlich, obgleich der Platz mit seinen Gräben keine leichte Aufgabe stellte, und das Wetter im April zu schwerer Prüfung wurde. Das habe ich den Bremensern zu danken, mit denen es sich prächtig arbeiten läßt. Kein Lärm, keine Überstürzung; wenn sie aber ja sagen, so meinen sie es auch, was in Straßburg und anderwärts nicht immer der Fall war. In diesen alten, freien Städten lebt noch etwas von Selbstvertrauen, von Sinn für Selbsthilfe jeder Lebensaufgabe gegenüber, das den Menschen sofort zum Herrn, anstatt zum Diener der Lage macht. Mit solchen Leuten läßt sich leben, wenn man sie einmal versteht. In persönliche Berührung kam ich allerdings nur mit wenigen, denn ich mußte, wie gewöhnlich, vom 1. April an Einladungen, an denen es mir nicht fehlte, grundsätzlich ablehnen. Die Leute schütteln hierüber die Köpfe und begreifen nicht, wie man ein solcher Bär sein kann; noch weniger, daß ich es sein muß. Aber es ist so und schadet weder mir noch ihnen. Die Ausstellung verlief prächtig, fast ohne daß es mir zum Bewußtsein kam. Von morgens fünf bis abends zehn Uhr bringt jede Viertelstunde ein halbes Dutzend Anforderungen, von denen eine erledigt wird und die fünf andern vom nächsten Augenblick verschlungen werden und damit ihre Erledigung finden. Das nennt man eine Ausstellung leiten. Ist alles gut vorbereitet, und stützen sich diese Vorbereitungen auf das, was man bei früheren Gelegenheiten gesündigt hat, so reibt und rollt und rasselt das Ganze weiter, ohne allzu große Not. Nach vierundzwanzig Stunden werden die Leute müde, über Kleinigkeiten zu schimpfen, und nach fünf Tagen beglückwünschen sie sich und uns mit vollen Backen zu dem glänzenden Erfolg. Von dem Ernst der Sache habe ich Dir nachgerade genug erzählt. Eines nicht allzu glänzenden Verlaufs erfreute sich einer der mit der Wanderversammlung verbundenen Ausflüge, in Form einer Seefahrt nach Helgoland. Der Bremer Lloyd, in seiner gewohnten fürstlichen Freigebigkeit, stellte hierfür den Dampfer. Als alter Kapitän bestand mein Freund Schneemann, der Schlachthofdirektor, darauf, die Leitung des Ausflugs zu übernehmen. Wir hatten zu Anfang eine kleine Meinungsverschiedenheit auszufechten. Er wünschte, die Teilnehmer um einen bestimmten festen Preis mitzunehmen, wofür auf dem Dampfer Essen und Trinken frei sein sollten. So sei es viel gemütlicher. Es seien doch alles anständige Herren, die Mitglieder der D. L. G.! Dennoch erhob ich meine warnende Stimme, denn ich hatte Gelegenheit gehabt, die Hofgesellschaft von Kairo auf den vizeköniglichen Dampfern, den vornehmsten Plebs von Neuyork im dortigen Stadthaus und die Kongresse deutscher Ärzte und Naturforscher im Rathaus zu Berlin unter ähnlichen Verhältnissen zu beobachten. Ich kannte deshalb das Tier, das im Menschen steckt, und wußte, wie weise der Schöpfer dafür gesorgt hat, daß es in nicht allzu bestialischem Grade hervortritt, indem er an die Genüsse von Speise und Trank die Pflicht des Zahlens knüpfte. Schneemann aber wollte sich das Vergnügen nicht nehmen lassen, jedermann frei und glücklich zu wissen, und füllte seinen Dampfer mit allem, was vierhundert Menschen in achtzehn Stunden essen und trinken können. Ich sah ihn am Tag nach der Seefahrt: einen gebrochenen Mann. Seine Schilderung und die Schilderungen aller andern, denen die Nachwehen der Seekrankheit und eines beispiellosen Katzenjammers einerseits, anderseits Hunger, Durst und Entrüstung die Sprache noch nicht völlig geraubt hatten, sollen einen Brief an Dich nicht verunstalten. Der ganze Vergnügungsdampfer war achtzehn Stunden lang ein schwimmendes Pandämonium geworden. Und es waren alles anständige, gebildete Leute. Anderes verlief anders, zur Ehre der D. L. G. und ihrer Freunde. Herr Schütte, der Petroleumkönig von Deutschland, gab der Gesellschaft im »Bürgerpark« ein Feuerwerk, das den wunderhübschen Park in ein feuriges Feenreich verwandelte. Der Großherzog von Oldenburg lud eine kleine, erwählte Gesellschaft zu einem Diner im Parkhaus ein, nach dessen Schluß er mir mit herzgewinnender Liebenswürdigkeit den Hausorden der Oldenburgischen Krone überreichte. Am letzten Tag der Ausstellung gab uns der Senat von Bremen ein Festmahl, bei dem ich an der Seite des Herrn Syndikus der Stadt unserm Präsidenten und den beiden Bürgermeistern gegenübersaß. Der Syndikus erzählte im Lauf des Abends dem Erbgroßherzog ein Geschichtchen, das aufbewahrt zu werden verdient: Die Pacht eines städtischen Grundstücks hat sich seit dreihundert Jahren in einer Familie sozusagen fortgeerbt. Der gegenwärtige Pächter sollte einen höhern, zeitgemäßeren Pachtschilling zahlen. Dagegen sträubte sich der Mann und erklärte schließlich, als der Streit heftiger wurde, er werde laut seines Vertrags überhaupt nichts mehr bezahlen. Dabei zog er ein vergilbtes Pergament hervor, wonach das Grundstück der Familie auf ewige Zeiten in Pacht gegeben war gegen jährlich fünfzehn Pfund Heller oder »die Gestellung eines Gewappneten gegen die von Oldenburg«. Er habe auch heute noch die Wahl, und ziehe vor, der Stadt einen Gewappneten gegen die von Oldenburg zu stellen. Worauf der Erbgroßherzog begeistert sein Glas auf das Wohl seiner liebenswürdigen Feinde leerte. Tempora mutantur! Man sollte das nie vergessen, wenn man für ewige Zeiten Gewappnete auszurüsten versucht. Einige Tage später überfiel mich in meiner schlichten Wohnung am Herdentorsteinweg eine feierliche Abordnung und überreichte mir laut Beschlusses des hohen Rats der freien Stadt Bremen eine Anweisung auf Bremer Ratskellerwein im Betrag von 500 Mark. Es ist dies die Art, wie die wackern Bremenser Orden austeilen – trinkbare Orden. Man geht mit dem kostbaren Zettel zu dem hochwürdigen Kellermeister der Stadt und wählt, was das Herz begehrt. Meine fernen Freunde, die mich, wie üblich, das Ausstellungsgerümpel allein abräumen ließen, sollen nicht zu kurz kommen. Zum Schluß noch ein kleines Erlebnis aus diesen Bremenser Tagen, als Übergang zu den saftigen Triften Berchtesgadens, die ich ohne Verzug mit Dir aufzusuchen gedenke. Ich war gestern bei einem liebenswürdigen Professor, den ich schon in meiner Londoner Zeit kennen gelernt hatte, zum Tee geladen. Meine Nachbarin zur Linken war die Oberin eines Frauenkrankenhauses, eine hochwürdige Dame; rechts von mir saß ein schmächtiges, krankes Männchen, ein vielgepriesener Kanzelredner Bremens. Die edeln Bremer Damen hatten seit Monaten eine Kaffeebude auf dem Ausstellungsplatz unterhalten, um das Branntweintrinken der Arbeiter zu bekämpfen. Eine der Anwesenden erzählte von ihren Erfahrungen. Während der Ausstellung erhielt diese wohltätige Anstalt die Milch der Ausstellungskühe. In den ersten Tagen waren Rieseneimer voll Milch geschenkt zu bekommen. Dann aber nahm der Segen rasch ab. Die ausstellungsmüden Kühe gaben schließlich keine Milch mehr. »Ach,« sagte der berühmte Kanzelredner zu der Oberin, »ich besuchte die Ausstellung auch und wundere mich nicht. Welch ein Getümmel! Wenn wir fünf Tage lang ausgestellt würden, ginge es uns auch nicht besser.« Der gute Herr ahnte in seiner Unschuld nichts von der Verlegenheit, die sich um ihn verbreitete. Ich aber mußte ihm recht geben. Erfuhr ich's doch, geistig gesprochen, am eignen Leibe jetzt zum fünftenmal. Fünfter Abschnitt. 1891 – 1892 Königsberg 91. Berlin, den 3. Januar 1892. Der Tod unsers guten Kiepert, dessen offenes Grab ich bei meiner Rückkehr nach Berlin gerade noch erreichte, schloß eine qualvolle Leidensgeschichte. Er war einer jener Männer, die keine Feinde haben; stets willig, zu vereinen, zu versöhnen; eine gesellige Natur, die sich wohl fühlte als repräsentative Spitze von allem, was irgendwie aus dem Herdengefühl der Menschen erwachsen wollte. So ungeeignet solche Naturen für die einförmige Alltagsarbeit sowohl als für eine bahnbrechende Initiative sein mögen, sind sie in unsern Zeitverhältnissen so notwendig als jene anders geartete Gattung, und in diesem Sinn hat Kiepert auch der D. L. G. Dienste geleistet, für die nicht bloß ich ihm von Herzen dankbar bleiben werde. Auch sonst war das letzte Vierteljahr eine kleine Leidensgeschichte. Die Nachwehen der heimtückischen Influenza, die ich noch von Strasburg her mit mir herumschleppe, ließen es doppelt erfreulich empfinden, daß die kommenden Ausstellungen zu Königsberg, München und Berlin – es sind jetzt immer drei in verschiedenen Stadien des Werdens begriffen – in den letzten sechs Monaten nicht allzu große Sorgen machten. Mit dem neuen Jahr glaube ich jedoch einen etwas frischeren Wind in unfern Segeln zu spüren. Namentlich muß in der kommenden »großen Woche« einiges geschehen, das für die Zukunft der Gesellschaft von einschneidender Bedeutung werden kann. Wir brauchen frisches Blut. Eine der Hauptaufgaben eines tätigen Vereins ist, jung zu bleiben. Nun muß ein neuer Vorsitzender des Direktoriums sowie ein neues Mitglied desselben gewählt werden. An Stelle von Nathusius ist ein Vorsitzender der Tierzuchtabteilung zum Glück schon gefunden. Der liebenswürdige Prinz Schönaich-Carolath, zugleich ein großer schlesischer Rittergutsbesitzer, hat dieses etwas dornige Amt übernommen und wird vermutlich ein milderer Regent sein als sein Vorgänger, deshalb aber schwerlich Anstürmen entgehen, die jener mit energischer Hand niederzuhalten wußte. Der Vorsitz im Direktorium, der nachgerade vielen als eine wirkliche Ehre erscheint, wird mir heimlich und öffentlich von sämtlichen stimmberechtigten Mitgliedern dringend angeboten. Ich bin nicht so töricht, aus Eitelkeit eine Stellung aufzugeben, die sich für die friedliche Weiterentwicklung der Gesellschaft als nützlich und wesentlich erwiesen hat. Dagegen scheint das älteste Mitglied des Direktoriums, Rittergutsbesitzer Neuhauß, darauf zu rechnen, Kieperts Nachfolger zu werden, und ist entsetzt, daß wir alle, laut oder leise, vielmehr an das jüngste denken, den Rittergutsbesitzer von Arnim-Criewen. Er spricht vom »blauen Brief«, mit dem wir ihn bedrohen, als ob wir eine Militärbehörde wären und nach den Regeln der Anciennität, dem törichtsten aller konventionellen Gesetze, handeln müßten. Gerade dies bestimmte mich, Neuhauß entgegenzutreten und ihn mit den liebevollsten Trostworten auf das vermutlich Unvermeidliche vorzubereiten. Man braucht junges Blut, wo es sich um wirkliche Arbeit handelt. Daß das die Alten nicht einsehen wollen! Als neues Mitglied des Direktoriums ist unser alter Freund und Gönner, der Geheime Oberregierungsrat Thiel, in Aussicht genommen. Seine amtliche Stellung und sein Verhältnis zu den von der Regierung beeinflußten landwirtschaftlichen Kreisen macht seine Wahl nicht ganz unbedenklich, und von beachtenswerter Seite gehen mir Warnungen zu. Ich selbst kann, bei aller Anerkennung der vortrefflichen Eigenschaften Thiels und trotz meiner warmen Dankbarkeit für das, was er für die D. L. G. getan hat, meine Höllenangst vor dem Staatsbeamtentum nicht loswerden. Aber tüchtige Leute sind ohne derartige Gefahren nicht zu gewinnen, und es ist nachgerade Zeit, daran zu denken, daß andre, in etwas anderm Geist, mein übergroß gewordenes Steckenpferd reiten müssen. Zum Schluß etwas aus dem alten Ägypten, das ich gar zu gern in das neue Berlin verpflanzen möchte, um damit die kommende und alle nach ihr kommenden großen Wochen einzuleiten: – Useteres I., der zweite Pharao der zwölften Dynastie, gründete um 2300 v. Chr. den berühmten Sonnentempel zu Heliopolis und hielt bei dieser Gelegenheit die Festrede selbst. Der weise Ägypter begann: »Bei jeglichem Werk strecket sich die Zunge hervor. Wer aber Hand anlegt, der bringt es zustande!« 92. Berlin, den 20. Februar 1892. Nun hat mich's also doch auch gepackt! Ein Pfarrer zu Straßburg, der freundschaftlich mit mir verkehren wollte, versuchte es vor zwei Jahren mit jeglichem erdenklichen Titel: »Doktor«, »Inspektor«, »Direktor«, »Professor«, »Präsident«. Als ich all dies der Reihe nach höflich ablehnte, rief er verzweifelnd: »Ja, ums Himmels willen, mit Ihnen kann man ja gar nicht sprechen!« – Nun ist dem Mann geholfen. Hofrat, Geheimer Hofrat, Geheimrat, wie die Berliner kurz sagen, weil sich darunter alles mögliche verstecken läßt. Im ersten Augenblick war mir's ein wirklicher Schrecken; auch habe ich ihn noch nicht völlig überwunden. Noch heute, nach vierzehn Tagen, kämpft in meinem Innern edler Stolz mit peinlicher Verlegenheit: das Gefühl des kleinen Jungen, der zum erstenmal in Hosen spazieren geht. Auch begrüßt man mich noch immer von allen Seiten mit einem Geburtstagsgesicht und heftigem Händeschütteln, wie wenn man mich nach jahrzehntelanger Trennung oder überhaupt zum erstenmal sähe. Allerdings mit Recht. Bin ich doch jetzt erst in den Kreis wahrer geheimer Menschen eingetreten, in jene Welt der Innerlichkeit, die Millionen Deutschen zeitlebens verschlossen bleibt. Wie das möglich war und wie es gekommen ist, wird mir sub rosa von wohlunterrichteter Seite mitgeteilt. Herr von X. – Titel lasse ich weg, wie gewöhnlich, Namen ersetze ich hier zum erstenmal mit den Zeichen unbekannter Größen, denn die Hofluft fängt schon an, mich zu demoralisieren –, Herr von X. sagte nachdenklich: »Es ist klar, etwas müssen wir tun.« Darauf Herr von Y.: »Aber was? Orden hat er vorläufig genug.« Pause. Plötzliches Aufleuchten in den wohlwollenden Zügen des Herrn von X.: »Wissen Sie was – schlagen wir ihn zum Hofrat vor.« – »Zum Geheimen Hofrat,« ergänzte Herr von Z., um auch etwas beizutragen. Ob dieser Bericht genau der Wirklichkeit entspricht, möchte ich nicht verbürgen; aber wahr scheint er zu sein, und das genügt. Sogar zu einem Glückwunschgedicht hat sich mein wackerer Schultz-Lupitz, der Kainitmann, aufgeschwungen, in welchem die kühnsten Reime ein bis jetzt unskandierbares Versmaß schmücken. Ich mußte natürlich auch in gebundener Rede antworten und wäre in einiger Verlegenheit, Dir die Verschen zu schicken, wenn ich mich nicht meinem engeren Vaterland und seinen wohlwollenden Behörden gegenüber kindlich-reinen Herzens fühlte. Ich sang nämlich: Meines Schaffens Stolz, meiner Arbeit Würze War der schlichte Name, das kurze »Eyth«. Doch der Kurze rühme sich nicht seiner Kürze; Nun ist es vorbei mit der Herrlichkeit. Geheim soll ich wandeln auf zierlichen Sohlen. Kniehosen und Waden in doppeltem Sinn Empfiehlt man mir dringend. Der Teufel soll's holen! So Gott will, bleib ich so kurz, wie ich bin. Doch genug hiervon! Wenn dieser Brief einem »wirklichen« Geheimen unter die Augen käme, dürfte ich vielleicht den Asperg wieder begrüßen, den ich öfter in jugendlichen Paukangelegenheiten besuchte. Süße Erinnerungen! Und doch könnte mein guter König nirgends sicherer schlafen, als wenn er sein irregeleitetes Haupt in meinen Schoß niederlegte, wie es bei uns in Schwaben von alten Zeiten her Sitte ist. – Von Arnim wurde, wie erwartet, einstimmig zum Vorsitzenden des Direktoriums gewählt, und Neuhauß verließ bleich und zitternd vor Erregung den Kampfplatz. Wie unnötig sich doch die Menschen ärgern mögen! Nachts zehn Uhr kam er noch in meine Wohnung, um sein törichtes Herz auszuschütten. Ich zog nun aber auch einmal vom Leder und fügte ihm meine Meinung. Du weißt, unter Umstanden kann ich deutlich sein, und kleinen Eitelkeiten gegenüber verläßt mich die Geduld leichter als bei großen Dingen. Der arme alte Mann vergoß buchstäblich Tränen der Reue und Rührung, küßte mich zu meinem Schrecken und ist heute mit allem zufrieden, was geschehen ist. Es gibt wunderliche Leute, und unter diesen trockenen Norddeutschen weiche Herzen voll kindlicher Schwächen. – Mein fliegender Besuch in München, ein Vorspiel der nächstjährigen Ausstellung, verlief höchst befriedigend. Ich fand überall das freundlichste Entgegenkommen. Was die äußeren Verhältnisse betrifft, ist ja München eine Fremdenstadt erster Güte, und die berühmte Theresienwiese ein wahrhaft idealer Ausstellungsplatz. Der einzige etwas bedenkliche Punkt ist, daß unsre bayrischen Freunde so sehr an ihrer Oktoberfeststimmung hängen, daß sie die ernste, trockene Arbeitsmiene, die wir auch hier nicht ablegen werden, mißverstehen dürften. Doch setze ich meine Hoffnung auf die versöhnende Wirkung des Hofbräus. Die Audienz bei Prinz Ludwig gehörte zu den erfreulichsten Stunden dieses an Erfreulichem reichen Aufenthalts. Wir haben für 1893 nunmehr einen Präsidenten, wie wir ihn nicht besser wünschen könnten! – Wie haben sich doch die Verhältnisse in wenigen Jahren geändert! – Aber auch an uns soll es nicht fehlen, den Bayern zu zeigen, daß die D. L. G. ihre Gesellschaft ist, so gut als die der Pommern und Brandenburger. Minister Feilitzsch, Oberbürgermeister Widmann, Graf Lerchenfeld vom bayrischen landwirtschaftlichen Verein, Generalsekretär May – es ist vorläufig ein Herz und eine Seele und sollte es bleiben. Nur einmal mußte ich mich ärgern: in der Versammlung, in der die Beteiligung der verschiedenen staatlichen Einrichtungen an der Ausstellung besprochen wurde, erhob sich ein Professor, dem ich die Ehre antun will, seinen Namen zu verschweigen, und erklärte, daß die bayrischen landwirtschaftlichen Akademien mit ihren Sammlungen die Mitwirkung ablehnen. Abgesehen von der Möglichkeit, daß die Sachen verdorben werden könnten, habe die Wissenschaft ihre Würde zu wahren und brauche sich nicht auf der Oktoberfestwiese vor den Bauern in den Staub zu werfen. Das ungefähr war der Sinn der erbaulichen Rede. Als ob diese Wissenschaft, mit allem, was sie weiß, nicht schließlich auf Bauernfeldern zusammengeklaubt worden wäre und in den Viehställen der Bauern sich erproben müßte; als ob ihre Priester eine Daseinsberechtigung hatten, wenn sie aufhörten, mit dem Volk und für das Volk zu arbeiten. – Auch in Berlin, das nach München an die Reihe kommt, regt es sich ernstlich. Aber welch andrer Geist, oder vielleicht richtiger gesagt, welch andre Manieren, um schließlich an dasselbe Ziel zu kommen. Als Ausstellungsplatz ist, nach den landesüblichen Häckeleien, der Treptower Park bewilligt worden. Die Schwierigkeiten erhoben sich um eine gut preußische Formfrage. Wir hatten eine Eingabe an den Magistrat gerichtet, der ohne langes Bedenken seine Zustimmung gab. Dies ärgerte die Stadtverordneten, die man zuerst hätte fragen sollen, und die nun eine Kommission einsetzten, welche zum voraus entschlossen war, den Beschluß des Magistrats anzufechten. Erst in einer erregten Sitzung, in der ich all meine Diplomatie verschwendete, waren auch diese Herren zu überzeugen, daß es die Ehre und das Wohl von Berlin verlange, einem Beschluß zuzustimmen, den sie ohne weiteres gebilligt hätten, wenn sie zuerst gefragt worden wären. Doch zeigte sich auch bei dieser Gelegenheit, daß die Harmonie zwischen Stadt und Land, für die ich schwärme, nur mit Schwierigkeit als schöne Fiktion über den Eröffnungstag der Ausstellung hinaus aufrechtzuerhalten ist. Nur gut, daß sich beide von Zeit zu Zeit gegenseitig brauchen. 93. Königsberg, den 5. Juni 1892. Laß mich die wiederkehrende äußere Ruhe und die gelinde Erschöpfung nach Schluß jeder unsrer Schauen dazu benutzen, die Haupterlebnisse meines Königsberger Aufenthalts zu überblicken. Die kurzen Zettelchen und Postkarten, die Du in den letzten Wochen erhieltest, gaben Dir doch nur den Eindruck, daß das sechsmal Erlebte sich zum siebentenmal nach der alten Melodie voll stürmischer Dissonanzen, chromatischer Tonleitern und quälender Septimen abgespielt hat. Ganz so schlimm ist es nicht mehr, denn »was man schwarz auf weiß besitzt« und so weiter. Ich habe mir nämlich aus dem Verlauf vorangegangener Ausstellungsvorbereitungen ein Schema zusammengestellt, das vom fünfundsiebzigsten Tag vor der Eröffnung an von Tag zu Tag bestimmt, was geschehen und erledigt sein muß, um der Welt am Morgen des kritischsten aller Tage eine bis auf den letzten Nagel fertige Ausstellung übergeben zu können. Diese Gesetzestafeln ersparen viel unnötiges Nachdenken und geben das beruhigende Gefühl, daß alles in Ordnung sein wird, wenn ich ihnen annähernd nachlebe. – Natürlich bringt jede Ausstellung Schwankungen und unerwartete Zwischenspiele in das papierene Programm, die mich vor dem Verknöchern bewahren. So begann die Königsberger Zeit mit einem zornigen Streit. Die Pferdezucht ist bekanntlich der Stolz von Ostpreußen. Einige der Hauptpferdezüchter der Provinz, von der schnarrenden und schneidigen Sorte, die gewohnt sind, mit tiefen Bücklingen begrüßt zu werden, wenn sie mit den Sporen klirren, wollten sich schlechterdings nicht in unsre wohlüberlegte und wohlbewährte Ausstellordnung fügen und ihre Tiere aufstellen, wie sie es auf ihren kleinen Provinzialschauen und Pferdemärkten zu tun gewohnt sind. Ich erklärte klipp und klar, daß und warum wir dies nicht dulden. Das Erstaunen eines Herrn S..., Georgenburg, kannte keine Grenze. Eine solche Erklärung seinen hocharistokratischen Pferden gegenüber sei ihm noch nicht vorgekommen. Er glaubte, einen niederschmetternden Trumpf mit der Bemerkung auszuspielen, unter diesen Umständen sein ganzes Gestüt zurückziehen zu müssen. Ich versicherte ihm, daß ich diesen Entschluß bedaure, aber mit Ergebung tragen werde. Ich würde jedoch vorziehen, nicht ein Pferd auf der Ausstellung, als die hart erkämpfte Ordnung unsrer Schauen durchbrochen zu sehen. Die Besprechung endete in dumpfem Groll, aber seine Anmeldungen trafen rechtzeitig ein. Es hat sein Gutes, wenn man es manchmal wagt, fest hinzustehen. – Verglichen mit unsern westdeutschen Städten sieht Königsberg zurzeit etwas trübselig aus. Die Nähe der fast geschlossenen russischen Grenze und ein scharfer Gegensatz zwischen Stadt und Land, die nirgends so sehr aufeinander angewiesen sind wie hier, machen sich unangenehm fühlbar, auch für uns. Es ist ein beständiges Häckeln hin und her. Beispiel: Die Stadt, das heißt der städtische Magistrat, bezeugte keine Lust, die nunmehr üblich gewordenen zehntausend Mark für Preise auf der Ausstellung zu stiften. Darauf erklärte das Land, das heißt die Provinzialverwaltung: »Man braucht euch gar nicht; die Summe stiften wir.« Hierauf die Stadt, sehr ärgerlich: »Ihr kommt zu spät; wir haben sie schon gestiftet.« Darauf ich, mit äußerster Höflichkeit: »Hocherfreut! Aber davon haben Sie uns gar nichts gesagt.« Antwort der Stadt, grollend: »Das macht nichts. Es wäre schon gekommen. Jetzt aber sind wir erzürnt und wissen allerdings noch nicht, was wir tun werden.« Schließlich, nach vielem Briefschreiben, haben sich beide wieder so weit versöhnt, daß Stadt und Land – zu meinem Bedauern – je die Hälfte stiften. Eine andre Schwierigkeit machte mehr Mühe und schwere Sorgen. Wir brauchen auf der Ausstellung etwa zweihundert Leute zum Vorführen der Tiere und bekamen hierfür, natürlich gegen Bezahlung, seit Breslau von der Militärbehörde Soldaten; doch waren die Verhandlungen mit dem Höchstkommandierenden des Platzes über diese Angelegenheit immer etwas kitzlicher Natur. Ich freute mich deshalb ganz besonders auf Königsberg, weil der vortreffliche Generalsekretär des dortigen Zentralvereins, ein Hauptmann a. D., versicherte, er werde im Handumdrehen die nötige Mannschaft besorgen. Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Aus unerklärten und vielleicht unerklärlichen Gründen benachrichtigte mich der Festungskommandant, General von Werder: er werde keinen Mann für das unwürdige Vorführen landwirtschaftlicher Tiere beurlauben. Dies war besonders mißlich, weil uns, wie seinerzeit zu Magdeburg, die Maul- und Klauenseuche belagerte, und wir nur bei den Soldaten sicher sein konnten, seuchenfreie Leute zu finden. Umsonst waren meine Bitten und Vorstellungen, umsonst Briefe des Regierungs- und des Oberpräsidenten der Provinz, die vor der Klauenseuche nicht weniger zittern als wir. Der Herr verstockete Pharaos Herz, und das russische: » Monsieur, le général le veut !« schien auch auf preußischem Gebiet nicht zu versagen, bis unserseits alles eingeleitet war, die Sache dem Kaiser vorzulegen. Nun gab uns Exzellenz Leute, wenigstens für die Pferde, reiste aber am Tag vor der Eröffnung der Ausstellung ab, um seine teilweise Niederlage nicht auch noch mitfeiern zu müssen. Die noch fehlenden Leute trieb uns der sehr gefällige Landrat von seuchenfreien Gehöften zusammen. Es kostete ein schweres Geld, aber es ging. Die alte Geschichte: es geht immer, wenn man will. Bezüglich des Verlaufs der Ausstellung empfehle ich Dir die Zeitungen, die über landwirtschaftliche Dinge zwar selten viel zu sagen wissen, aber Worte genug machen. Der Glanzpunkt der Schau war neben den Pferden das schwarzbunte Vieh Ostpreußens. Merkwürdig, daß an den beiden äußersten Grenzen Deutschlands, in Ostpreußen und in Baden, die Viehzucht ihre glänzendsten Triumphe feiert, und noch merkwürdiger, daß man es in beiden Fällen einem Mann zu danken hat: dort dem Oberregierungsrat Lydtin, hier dem Generalsekretär Kreiß, die der unvernünftigen Kreatur den Stempel ihres Verständnisses und ihres Willens aufgedrückt haben. Ein schönes Beispiel, wie der Mensch die Welt der Tiere bis in ihr innerstes Wesen beherrscht, wenn er will. – Das Wetter war glänzend: vor- und nachher Regen und Sturm, an den fünf Ausstellungstagen nicht ein rauhes Lüftchen, nicht ein Tropfen Wasser. Trotzdem war der Besuch der schlechteste, den wir bis jetzt hatten. Die Ursache liegt darin, daß es keine kleinen Bauern in der Provinz gibt, die einer großen Ausstellung wegen in Bewegung geraten. Vom Großbesitz allein können auch wir nicht leben. Es wird ein hübscher Fehlbetrag zu tragen sein; aber dazu sind wir ja auf der Welt, nicht bloß in Ostpreußen. Wir können es glücklicherweise aushalten, und haben dafür dreihundert neue Mitglieder gewonnen, die in diesem äußersten Thule in keiner andern Weise erreichbar gewesen wären. – – Mir selbst wird es, um aufrichtig zu sein, mit jedem Jahr etwas schwerer, den Karren zu schieben. Das ist nicht unnatürlich. Erstlich wird man älter, zweitens hat die Sache den anregenden Reiz der Neuheit verloren, drittens gilt es, immer wieder die alten Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten durchzufechten; allerdings mit Varianten, die an jedem neuen Platz hydraartig aufschießen. Ich sterbe nicht daran, aber ich frage mich manchmal, weshalb ich mich eigentlich mit Gewalt auf Dornen bette. Du siehst hieraus, daß ich mein Gleichgewicht noch nicht ganz wiedergefunden habe, obgleich der Ausstellungsplatz schon halb abgeräumt ist. Was noch fehlt, wird der Watzmann und der hohe Göhl bei Berchtesgaden in Ordnung bringen. Es ist doch gut, daß der Schöpfer in seine flache Welt auch Berge gesetzt hat. Sechster Abschnitt. 1892 – 1893 München 94. Berlin, den 27. November 1892. Es bleibt ein ernster Tag, an dem wir einen Freund verlieren, der fast zehn Jahre lang Schulter an Schulter mit uns gefochten hat; dazu wird wohl das kleine Ereignis führen, mit dem der gestrige Tag schloß. Ich würde es mit Stillschweigen übergehen und für immer begraben sein lassen, wenn es nicht so urdeutsch wäre. Aber alles, was echt ist, sei es nun freundlicher oder peinlicher Art, zieht mich dermaßen an, daß ich's nicht lassen kann, mit Dir davon zu plaudern. Die Geschichte begann schon im September. Damals veranlaßte Schultz-Lupitz als Vorsitzender der Düngerabteilung seinen Ausschuß, einen Beschluß zu fassen, der über einen Teil der sehr bedeutenden Summen verfugte, die von der Geschäftsstelle der Abteilung vereinnahmt worden waren. Diesem Beschluß versagte das Direktorium seine Zustimmung. Hierüber geriet Schultz in große Aufregung, und die seit längerer Zeit unter der Decke glimmende Streitfrage, inwieweit die Düngerabteilung über die von ihrer Geschäftsstelle erworbenen Geldmittel verfügen könne, führte zu einem offenen Zwiespalt zwischen dem Ausschuß der Abteilung und dem Direktorium der Gesellschaft. Es handelte sich hierbei um die Einheitlichkeit der Gesellschaft. Deshalb ist es wohl verzeihlich, daß diesmal auch für mich der Grundsatz des laisser faire 's, den ich heilig halte, wo immer sich selbsttätige Arbeit zeigt, in seiner versöhnenden Wirkung versagte. Schultz hatte von Lupitz aus erklärt, daß er das Veto des Direktoriums für eine Anmaßung halte, die ihn veranlasse, zunächst jede weitere Mitarbeit einzustellen. Ich erklärte dem Direktorium: »Machen Sie aus der Gesellschaft, was Sie wollen. Wenn aber die Grundsätze geändert werden, auf denen sie aufgebaut ist, so müssen Sie auch auf meine Mitarbeit verzichten.« Der Streit hatte sich drei Monate lang hingezogen, während deren wir mit den wechselnden Stimmungen des verdienstvollen, aber kranken Mannes die erdenklichste Geduld hatten. Der Plan, aus der Düngerabteilung eine selbständige Gesellschaft zu bilden, scheint um diese Zeit in ihm gereift zu sein und hatte, wie es bei Kranken ja häufig genug der Fall ist, in seinem Kopf eine Geschichte ihrer Entstehung herausgebildet, die mit den Tatsachen in krassem Widerspruch stand. Seine Ausschußmitglieder kannten die Geschichte nur oberflächlich, so daß es leicht war, ihr Einverständnis zu einem Schreiben an das Direktorium zu gewinnen, in dem die Trennung vorgeschlagen und die Auslieferung von etwa ein Drittel des Gesellschaftsvermögens an die zu begründende neue Dünger- und Kainitgesellschaft verlangt wurde. Das Schreiben war von einem Rechtsanwalt aufgesetzt, der bereit war, die Ansprüche der Düngerabteilung auf gerichtlichem Wege zu verfolgen. Ein Prozeß mit unsrer eignen wichtigsten Abteilung, vertreten von einigen der geschätztesten unsrer Mitglieder, war im Anzug. Es blieb jetzt nichts andres übrig, als fest zuzugreifen. So machte ich mich daran, alle Briefe und Schriftstücke, meist von Schultz-Lupitz' eigner Hand, zusammenzusuchen, und mit diesen Belegen das gefährliche Dokument der Düngerabteilung zu widerlegen. Es war eine mühevolle, aber keine schwierige Aufgabe; ebensowenig machte es Schwierigkeiten, eine gemeinsame Sitzung des Direktoriums und des Ausschusses der Düngerabteilung anzuberaumen, da beide Seiten ihrer Sache gewiß waren. Die Sitzung fand gestern statt und gehört zu den denkwürdigsten, die ich erlebt habe, nicht bloß, weil ich das Werk von zehn Jahren vor der Zerstörung zu retten hatte, sondern namentlich, weil dieser Versuch einen der unglückseligsten Charakterzüge des deutschen Volkes mit entsetzlicher Deutlichkeit bloßlegte. Es ist uns seit einer Reihe von Jahren zu gut gegangen. Das halten wir nicht aus, ohne daß der deutsche Neid in irgendwelcher Form selbst bei denen ausbricht, die mit allem Eifer an der erfolgreichen Sache mitgebaut haben. Nun muß wieder zerstört sein, was mühevoll geschaffen wurde, um irgendeiner Sonderliebhaberei nachjagen zu können. Später kommt dann Heulen und Zähneklappern über unsre Unfähigkeit, gemeinsam nach ersehnten Zielen zu streben. So haben wir es von jeher gehalten im großen und kleinen, und Schultz-Lupitz ist ein guter, patriotischer, leberkranker Deutscher nach besterprobtem Muster. In der Sitzung saßen wir uns gegenüber, den Absagebrief der Düngerabteilung zwischen uns auf dem Tisch. Ich hatte meine Belege neben mir und widerlegte jeden Satz des Schriftstücks, das der irregeleitete Düngerausschuß an uns gerichtet hatte. Der arme Schultz wurde immer gelber und saß schließlich zitternd vor Erregung da. Er tat mir leid; aber es blieb mir kein andres Mittel. Die peinliche Sachlage hatte ihre wahre Ursache darin, daß wir alle, aus Rücksicht auf seine Verdienste und seine Gesundheit, ihm seit Jahren nicht mehr die Wahrheit gesagt und er sich in einen wahrhaft gefährlichen Gedankenkreis hineingearbeitet hatte. Mit der üblichen Geistesträgheit hatte dann seine nächste Umgebung seine Mythengebilde hingenommen. Dieses Spinngewebe mußte jetzt mit rauher Hand zerrissen werden. – Nachdem ich zu Ende war, trat zuerst tiefe Stille ein. Darauf erhob sich Schultz zu einer grimmigen Rede über seine guten Absichten und großen Pläne, deren Verfolgung ihm das Direktorium unmöglich mache, über die Streitfrage selbst, über die Berechtigung einer Scheidung der Düngerabteilung aus der D. L. G. sprach er kein Wort. Dann kam ich mit einem Schlußantrag: »In Anbetracht der großen Verdienste des Herrn Schultz um die deutsche Landwirtschaft überläßt das Direktorium der Düngerabteilung die Verfügung über die Zinsen der durch seine Geschäftsstelle erworbenen Beträge. Im übrigen erkennt die Versammlung den soeben geschilderten Stand der Dinge als zu Recht bestehend an.« Schultz und seine Getreuen begaben sich mit diesem Vorschlag in ein Nebenzimmer, und letztere redeten so lange auf ihn ein, bis er mürbe genug war, sich hierbei zu beruhigen. Tatsächlich ist das Ergebnis dies: das Direktorium und ich haben mit unsern gutmütig plumpen Keulenschlägen auf der ganzen Linie gesiegt, Schultz aber und die Düngerabteilung läuft mit der Kriegsbeute davon. Ich bin's zufrieden, um des Friedens willen. Aber trotz des üblichen Versöhnungstrunks, mit dem wir den Tag beschlossen, wird Schultz die Niederlage nicht vergessen, und auch mich wird der Stachel – na, wir werden ja sehen. Die Vermutung, mit der ich diesen Brief schloß, ist eingetroffen. Der Streit hatte auf beiden Seiten zu tiefe Wunden geschlagen. Wir gingen nebeneinander her, ohne das alte Verhältnis wiederzufinden, so leid – davon bin ich überzeugt – uns beiden dies tat. Als er im Jahr 1897 der Krankheit erlag, die seine letzten Jahre verbittert hatte, errichtete ihm die D. L. G. in Lupitz, dem Ort seiner erfolgreichen Wirksamkeit, einen Denkstein. Äußere Verhältnisse hinderten mich, der Feier anzuwohnen, zu der ich die folgenden Verse beitrug, die als Beweis dienen mögen, daß ich dem wackeren Mann seinen mißglückten Angriff auf meine Schöpfung längst und von Herzen verziehen hatte. Am Grabe nicht, wo unsre Toten Versinken in der Erde Nacht; Auf freiem Feld, auf Deinem Boden Sei Dir der letzte Gruß gebracht. Wo blau der Himmel niederblickt, Und hoffnungsgrün die Fluren mahnen. Wo bunt der Herbst die Bäume schmückt, Als wär' er voll von Frühlingsahnen. Kein Bau ist's von erhabnem Zuge, Kein prunkend Denkmal, das wir weihn. Wie man ihn findet unterm Pfluge, Ein schlichter Stein nur darf es sein. So warst auch Du, einfach und echt, Ein Man der Tat, mit Kopf und Händen. O gäb's der Himmel dem Geschlecht, Daß solcher Steine mehr wir fänden. Wir denken Deiner, denn wir wissen, Was gottbegnadet Du vollbracht: Wie ein Geheimnis Du gerissen Aus der Natur verborgnem Schacht, Wie du um diese Wahrheit rangst, Und die Gelehrten selbst bekehrtest; Wie Du den schlichten Landmann zwangst, Weil kühn Du tatest, was Du lehrtest: Daß Brot dem Menschen sei gegeben In dürrem Sand und Salzgestein, Und daß aus Wüsten neues Leben Aufkeimen kann. – Wir denken Dein! Doch Deine Freunde nicht allein; Nein, Tausende im weiten Lande, So oft um diesen stillen Stein Die Saaten sprießen aus dem Sande. 95. Berlin, den 27. Februar 1893 Ich lasse Dich in diesen Briefen reichlich an Sorgen und Mühen teilnehmen. Sollte ich Dir vorenthalten, wie sich Erfolge und Ehren um mich häufen? Das sei ferne! Zu Staßfurt bei Magdeburg war vor ein paar Wochen eine große Kartoffelausstellung. Dort erschien ich meines Wissens zum erstenmal in Knollenform. Der Katalog beschreibt mich, wie folgt – nur muß ich einige Erklärungen einschalten, um mich auch in dieser Gestalt genießbarer zu machen –: »Stand Nr. 3. Geheimrat Eyth. Ein Sämling des Jahres 1888, gezogen aus der weißfleischigen sächsischen Zwiebelkartoffel mit »Erster von Frömsdorf« (bezeichnet meine Eltern, auf die Du nicht eifersüchtig sein darfst: der Vater, ein von Frömsdorf, offenbar adligen Geschlechts; bedenklicher erscheint die namenlose Mutter aus Sachsen). »Reifezeit spät« (scheint auf das Schwabenalter anzuspielen). »Von ausgezeichneten Speiseeigenschaften« (siehst Du!) »und langer Dauer. Ertrag im Jahr 1891 – 259 Kilo, im Jahr 1892 276 Kilo. Herr Schultz-Lupitz erntete von einer Knolle an einer Staude 15 Pfund großer, schöner Knollen und nannte diesen Sämling ein Weltwunder. Scheint für leichten Boden besonders geeignet zu sein.« Letztere Bemerkung gefällt mir nicht. Sie macht den Eindruck einer für einen Geheimrat wenig passenden Leichtfertigkeit. Aber allerdings ist sie für Norddeutschland wichtig, das zumeist aus leichtem Boden besteht. Gestern war Herr Cimbal, der glückliche Züchter dieses Geheimrats hier: ein hervorragender Gutsbesitzer Schlesiens, der mir seine Hochachtung in dieser Form zu erkennen gegeben hat. Ich dankte gerührt, sprach aber doch ein ernstes Wort mit ihm, infolgedessen es gelang, dem »Weltwunder« wenigstens den Titel zu entziehen. Es heißt in Zukunft nur noch »Max Eyth«. Herr Cimbal ist betrübt; in Schlesien versteht man nämlich den in Berlin nicht mehr seltenen Mangel an Ehrfurcht vor Geheimräten durchaus nicht. Du aber darfst stolz sein. Nicht jede Mutter sieht ihren Sohn – oder sind es Enkelchen? – gesotten und geschält auf dem eignen Tisch. Nun aber zurück zu Müh' und Arbeit. Das Wesentliche der großen Woche, die soeben zu Ende ging, waren die unvermeidlichen Kämpfe zwischen Nord und Süd, die die Münchner Ausstellung entfesseln mußte, obgleich auf beiden Seiten das lebhafteste Bestreben zutage tritt, in Eintracht zusammenzuarbeiten. Es ist wahrhaft rührend, zu beobachten, wie dieses Gefühl mit den Gegensätzen kämpft, welche die Natur in ihrem unerforschlichen Walten unserm deutschen Volke eingepflanzt hat. Da waren, als erster Stein des Anstoßes, die Pferde. Die Bayern wehrten sich mit Händen und Füßen dagegen, ihre Pferde mit den norddeutschen zusammenzustellen. Wir wehrten uns mit Händen und Füßen dagegen, eine bayrische Sonderausstellung von Pferden auf einer Schau der D. L. G. zu dulden. Landesgrenzen darf es für uns nicht geben. Ich kann nicht auf Einzelheiten eingehen, ohne eine Broschüre zu füllen. Beiderseits sah man eine gewisse Berechtigung im Standpunkt des Gegners, aber schon im Oktober war man nach erbitterten Kämpfen auseinandergegangen, ohne einen Ausweg gefunden zu haben. Zu den Februarsitzungen schickten die Bayern ihren anerkannt zähesten und schlauesten Mann, den Landstallmeister Adam, der sich, gestützt auf zwei Pferdeprofessoren, der Norddeutschen erwehren sollte. Es schien stundenlang unmöglich, eine Einigung zu erzielen. Endlich, nach zwei Tagen heißen Sitzens, hatten Adam und seine Freunde bayrischerseits und der Vorsitzende unsrer Werbeableitung, General von Podbielski, den ersehnten Ausweg entdeckt. Man gab den bayrischen Pferden den Namen »Norier«, den eine alte, ehrwürdige Rasse aus der Zeit der Völkerwanderung führt. Als solche sind sie berechtigt, in getrennten Klassen und Ställen zu stehen. Das Gewissen der D. L. G. ist beruhigt, und der bayrische Oberlandstallmeister hat in der Freude seines Herzens die Prämien für Pferde fast verdoppelt. Ähnliche Kämpfe, wenn auch etwas andrer Natur, gab es unter den Rindern. Die Bayern glaubten, nicht weniger als zwölf verschiedene Rassen in ihrem gesegneten Land aufzählen zu müssen. Wir konnten nicht mehr als sechs sehen, und diese kaum. Doch auch hier fand man schließlich einen gangbaren Mittelweg. Das Komische war, daß der bitterste Streit der letzten Tage nicht zwischen Nord- und Süddeutschland, sondern unter den Süddeutschen selbst entbrannt ist. Es war vorauszusehen, daß ein scharfer Wettbewerb um einen der höchsten, vom Prinzregenten gestifteten Ehrenpreise entstehen würde. Wir beabsichtigten, die Entscheidung in die Hände von drei Richtern – die übliche Zahl –, einem Badenser, einem Bayern und einem Preußen zu legen. Mit vielem Mühen und Bitten hatten wir endlich drei hervorragende Fachleute beisammen, die die schwere Verantwortung übernehmen wollten. Als aber der Herr aus Bayern hörte, daß die zwei andern aus Baden und Preußen sein sollten, weigerte er sich standhaft, mitzumachen; denn, sprach er, der Preuße und der Badenser, in jeder Hinsicht die ehrenwertesten Herren, werden mich überstimmen, so daß das bayrische Vieh zum voraus verloren und verkauft wäre. Nur dadurch, daß wir ausnahmsweise für diesen Fall fünf Richter ernannten und noch einen Württemberger und einen Sachsen zuzogen, war der Bayer zu bewegen, wieder teilzunehmen. Auch in München selbst, wo ich schon halb zu Hause bin, sind ähnliche Kämpfe durchzufechten, namentlich bezüglich kleiner Nebengruppen, die sich an die Hauptausstellung anschließen möchten. Alle kommen uns mit der größten Liebenswürdigkeit entgegen, sichtlich aber auch in der Erwartung, daß wir als »Mädchen aus der Fremde« mit vollem Füllhorn unter sie treten werden, um dasselbe zu ihrem Nutzen zu entleeren. Auch kommen sie rasch genug auf diesen Punkt zu sprechen, und heucheln Enttäuschung, wenn ich mit bedenklicher Miene erkläre, daß wir nicht nach München kommen, um von Blumen, Bienen, Fischen und Hunden ausgesaugt zu werden. – »Gut,« sagen sie, nach einer schmerzlichen Pause, »wieviel können wir denn für unsre freudige Mitwirkung erwarten?« – »Ja, wieviel erwarten Sie denn eigentlich?« frage ich vorsichtig. »Wollen Sie nicht zuerst sagen, wieviel Sie ungefähr –,« schmachten die Blumen, leise duftend, und halten dann den Atem an. »Wir summen gar nichts,« lächeln die Bienen, »oder, um deutlicher zu sein: wir lassen uns in solch entehrende Verhandlungen nicht ein. Wir gehören zur Landwirtschaft wie Pferde und Rinder. Sie müssen dafür sorgen, daß wir anständig auftreten können.« – »Unter 3000 Mark können wir nicht freudig mitwirken,« platzen die Fische heraus, denen Hekate keineswegs, wie Schiller meint, den Mund verschloß. – »Wenn Sie diesen stinkenden Fischen 3000 Mark bewilligen, so müssen wir 5000 haben, sonst wird unserseits nicht geduftet,« brechen nun auch die Blumen in unangenehmer Deutlichkeit los. Die Hunde sind noch die bescheidensten und wollen sich mit einer Unterstützung von 600 Mark begnügen. Dies ist leider kein Märchen, sondern einen wahre Geschichte, die ich vor vierzehn Tagen durchleben mußte, nicht nur, ohne die Geduld zu verlieren, sondern lächelnd, den Blumen, Bienen, Fischen und Hunden die Pfoten drückend, oder was sie mir an deren Stelle geben wollten. Doch das sind Nebendinge. Im großen ganzen stehen die Aussichten in München über Erwarten gut. Den kleinen Windstößen und Regenschauern, die jeder Ausstellung vorangehen, ist natürlich auch dort nicht zu entgehen. – – Außerhalb unsrer Kreise stürmt es gegenwärtig ganz anders. Du hast von der großen Tivoliversammlung gehört, mit der die Geburt des Bundes der Landwirte gefeiert wurde. Der Grundgedanke ist kerngesund. Die Landwirtschaft, in und von der 22 Millionen Deutsche leben, hätten schon längst eine kräftige und vernünftige politische Vertretung haben sollen. Vieles wäre anders und besser, wenn der Stand seine politischen Pflichten erfüllt hätte. Aber von der Versammlung selbst ging ich unbefriedigt nach Hause. Viel Übertreibung, noch mehr derbes, häßliches Geschrei, und was mir das Unangenehmste war: eine gewisse, allzu durchsichtige Unwahrhaftigkeit in der beständigen Versicherung, daß es sich um keine politische Parteibildung handle. Was soll denn andres daraus werden? Damit will man sich natürlich die Möglichkeit wahren, zunächst in allen Wassern zu fischen. Dies kann aber nur kurze Zeit gehen, und die Unwahrheit muß sich schließlich rächen. Vorläufig ist übrigens alles wilder Most, der sich klären kann. Eins nur sehe ich voraus, daß wir, die D. L. G., über kurz oder lang fest hinstehen müssen, um nicht in den Strudel gezogen zu werden, in dem wir nichts nutzen würden und selbst zugrunde gehen müßten. Sachliche Arbeit und politische Kämpfe können unter einem Dach nicht gedeihen. 96. München, den 2S. Juni 1893. Nunmehr liegt auch München hinter uns wie ein Wirbelwind, der in ein paar Stunden vorüberbraust. Es war prächtig, sagen die Leute, und halb betäubt sehe ich die zerzausten Äste am Boden liegen. So ungefähr ist mir's zumute, aber auch nur mir; alle andern behaupten, es sei ja alles außerordentlich gelungen. Und es ist wahr: ein fast unglaubliches Glück hat uns an vier gefährlichen Klippen, die uns seit Monaten beständig bedrohten – dem Wetter, der Maul- und Klauenseuche, der Futternot dieses schrecklich dürren Jahres und an den Reichstagswahlen, die fast in die Ausstellungstage gefallen wären –, vorübergeführt, beinahe, ohne daß wir es merkten. Die Vorbereitungsgeschichte will ich nicht wiederholen, wenn ich auch während dieser Wochen als einziges Lebenszeichen wie ein Kapitän im Brüllen eines Hurrikans statt aller Briefe am liebsten nur noch eine Flasche mit dem Namen des sinkenden Schiffes über Bord geworfen hätte. Es läßt sich mit den Bayern arbeiten, wenn man sie einmal versteht. Lange; offizielle Schreiben sind nicht ihre Sache. Muß etwas Wichtiges rasch entschieden werden, so sind sie hinter einem Glas Bier am besten zu sprechen und dort zu allem bereit, was mit Überspringung unnötiger Formalitäten auszuführen ist. Drängeln und ärgern darf man sie allerdings nicht, und gelegentlich entdeckt man unter einer scheinbar rauhen Schale mit Schrecken eine Feinfühligkeit, die der äußersten Schonung bedarf. Wenn man das aber einmal weiß, warum sollte man nicht danach tun? Wir sind nicht schlecht dabei gefahren. Über den mehr als gewöhnlich glänzenden Beginn der Schau habe ich Dir berichtet. Kommen wir zu der rein persönlichen Katastrophe des Samstags, die Du bereits kennst. Zunächst wurden vor dem Diner bei Prinz Ludwig im Palais Wittelsbach fünf Herren in ein Seitenkabinett gerufen. Was den andern passierte, weiß ich nicht genau. Als ich heraustrat, war ich Ritter des heiligen Michael. Respekt vor mir, wenigstens noch vier bis fünf Stunden lang. Nach der Tafel ging es noch einmal zum Ausstellungsplatz, wo bis gegen neun Uhr abends alles im besten Gang war: eine unübersehbare Masse Volks, die sich alle Mühe gab, unser ernstes Werk in ein Oktoberfest zu verwandeln. Daß ich das Schuhplatteln auf der Ausstellung nicht dulden wollte, war einigen meiner bayrischen Freunde rein unbegreiflich; daß doch geschuhplattelt wurde, mußte ich mit heimlichem Lachen über mich und die D. L. G. ergehen lassen. Nach Sonnenuntergang verlangte es die Höflichkeit, daß ich mit andern nach dem Festsaal des »Kindelbräus« fuhr, um auch dort meine Maß zu trinken, wie man es in Bayern nun einmal nicht anders tut. Doch kam ich kurz nach elf, allerdings schon halb krank, nach Hause. Um drei erwachte ich mit qualvollen Kreuzschmerzen. Um fünf schickte ich nach dem Arzt und auf den Ausstellungsplatz. Nierenentzündung. Das weitere einer gepfefferten Krankengeschichte mündlich. Während ich halb betäubt von Schmerzen dalag, kam meine Zimmertür kaum zum Stillstehen. Besuche über Besuche. Allgemeine Teilnahme. Selbst der Prinzregent ließ täglich nachfragen. Es war eine schwere Woche. Aber die Ausstellung nahm zu meinem freudigen Erstaunen auch ohne mich ihren Fortgang und schloß im roten Glanz der untergehenden Abendsonne des fünften Tags und eines Erfolgs, wie wir ihn kaum je zuvor erlebt hatten. Auch bin ich wieder auf den Beinen und leidlich wohl, und wenn ich in der nächsten Woche einen Abschiedsblick auf die Theresienwiese werfe, so werde ich all meine bayrischen Freunde heimlich bitten, mir zu verzeihen, was ich vor Jahren über den einen oder andern gesagt oder geschrieben haben sollte. Damals mögen sie es vielleicht verdient haben, heute, im Glanz unsrer Münchner Tage soll es für immer gelöscht sein. 97. Flims, den 26. Juli 1893. Mache Dich reisebereit, ohne Verzug und Bedenken. Dein Ahnenschloß steht noch; nicht das ganz alte aus dem vierzehnten Jahrhundert, von dem ich keine Spur mehr finde, aber doch ein jüngeres aus dem siebzehnten, das in dieser entarteten Zeit die Enkelin des stolzen Geschlechts derer von Capoll gegen ein Trinkgeld von einem Franken auch im Innern besichtigen kann. Es packt mich ein eigentümliches Gefühl, das mir selbst bis in die jüngsten Tage unbekannt war, wenn ich in Kirchen, an Stadttoren und auf Grabsteinen entlang dem Oberrhein den fliegenden Pfeil des Geschlechts entdecke, das seinerzeit hier geherrscht hat. Wie alles anders geworden sein muß, seitdem die alten Herren sich nach Ulm, nach Mailand, selbst – und nicht ruhmlos – nach England verloren haben und jetzt zurückkommend – ich gehöre doch auch halb und halb zur Sippe – einen Franken bezahlen, um die Stelle zu sehen, wo die Wiege ihrer Vorfahren gestanden hat. Doch ist der Himmel noch blau, die Matten grün, die Gletscher silberweiß, wie vor Jahrhunderten; auch ist all das noch heute bereit, uns frischen Mut und neue Lebensfreude einzupflanzen, wie in jenen Zeiten, in denen sie nach alter Schweizer Weise hinausgezogen waren in die weite Welt und zurückkehrten, so oft es ihnen draußen zu unbehaglich geworden war. Genau wie wir heutzutage. Diesmal aber sollst Du mich führen in einer Umgebung, der Du selbst um eine Stufe näher stehst als ich, obgleich Du sie zum erstenmal sehen wirst. Wenn wir dabei die Gegenwart und das ganze neunzehnte Jahrhundert auf ein paar Wochen vergessen, wird uns beiden wohler werden, und die alten Capoll haben ihren späten Nachkommen einen letzten, köstlichen Dienst geleistet. Mach Dich also auf. In drei Tagen kann der Ritt ins Land der alten Romantik, das uns so nahe liegt, losgehen! Nicht jeder, hochwerte Rittersfrau, dampft in seine Sommerfrische mit solchen Aussichten. Siebter Abschnitt. 1893 – 1894 Berlin 98. Berlin, den 20. April 1894 Es ist nicht Stimmung noch Verstimmung: die letzten Monate flossen einförmiger dahin als die entsprechende Zeit in den Vorjahren, obgleich die Schatten der kommenden Berliner Ausstellung schwarz genug in dieselben hereinfielen. Das hat mancherlei Ursachen. Hier in der jungen Weltstadt kümmert sich die Gesamtheit nicht viel um unser Tun, das der städtischen Bevölkerung wie der städtischen Presse fremd und unlieb ist. Die Nächstbeteiligten überlassen mir mit rührendem Vertrauen so ziemlich alles und noch einiges dazu. Wo es sich um repräsentative Aufgaben handelt, habe ich mir's zum Grundsatz gemacht, mich hier möglichst zurückzuhalten und Berliner, Brandenburger und Preußen antreten zu lassen. Es tut mir nicht weh und tut ihnen ausnehmend wohl. Schmerzlich aber fühle ich nachgerade, daß es nicht gut ist, sich allzu lang in ein und demselben Arbeits- und Gedankenkreis zu bewegen. Man verliert den Sinn für Größenverhältnisse, und Dinge werden zentnerschwer, die nur Pfunde wiegen. An- und aufregend war der erneute Kampf mit dem Kainitsyndikat, der neuestens leider mehr und mehr auf politisches Gebiet hinüberspielt. Wie wir früher eine Verminderung, so verlangt das Syndikat bei der Erneuerung seiner Verträge jetzt eine Erhöhung des Preises der Kalisalze, die wir, als Vertreter der Landwirtschaft, nicht zugeben können und wollen. Da die Herren uns aber nicht mehr nötig haben, wie zur Zeit, als ihnen unsre Propaganda den landwirtschaftlichen Markt öffnete, ist es bedeutend schwieriger, mit ihnen zu verhandeln. Dazu ist Schultz-Lupitz, der Sturmbock auf unsrer Seite, gegenwärtig fast immer krank, und wenn Schultz krank ist, fühlen die übrigen Herren der Düngerabteilung ein unwiderstehliches Bedürfnis, zu Bett zu gehen. Doppelt verwickelt, aber allerdings für uns etwas günstiger, wird die Sache dadurch, daß einige der Bergwerke dem preußischen Staat gehören und die Minister gegenwärtig selbst den Schein vermeiden möchten, daß der Fiskus die Landwirtschaft ungebührlich auszupressen suche. So viel immerhin verdanken wir dem Bund der Landwirte. Jedenfalls müssen der Landwirtschaftsminister und der Finanzminister, denen wir abwechslungsweise drohend und schmeichelnd unsre Aufwartung machen, tun, als ob sie sich in Kainitangelegenheiten in den Haaren lägen. Dies alles langweilt Dich. Du hättest aber doch Deine Freude daran gehabt, wenn Du die leidenschaftlichen und hochpatriotischen Reden mit angehört hättest, die wir uns gelegentlich der gemeinsamen Sitzungen der Kaliwerke und der D. L. G. hielten. Namentlich wird mir ein Augenblick unvergeßlich bleiben, in dem ein Großkaufmann und Rittergutsbesitzer aus Stettin, der auf unsrer Seite steht, den Kalifritzen – Kalionkel nennt man in Norddeutschland einen Mann, der mit Kali zu tun hat und mit dem man auf freundschaftlichem Fuß zu stehen wünscht, Kalifritze heißt er, wenn die Freundschaft einen kleinen Stoß erlitten hat –, den Kalifritzen also ans Herz legte, daß sie mit der Annahme unsrer Vorschläge nicht nur nichts verlieren würden, sondern – hier erhob er die Stimme und beide Hände – »sondern wie ein Pegasus – nein, wie ein – Donnerwetter, wie heißt der Vogel?« Wir besannen uns. »Pelikan«, schlugen die Syndikatsleute vor. Ich lachte höhnisch: »Sie, mit Ihrer Raubvogelnatur – Pelikane! Greif vielleicht.« Der Großkaufmann aus Stettin schüttelte heftig den Kopf. »Greif« war es auch nicht. »Vogel Strauß,« flüsterte ein kindliches Gemüt von der landwirtschaftlichen Seite des Tisches. Ein zürnender Blick, eine hilflos fragende Gebärde lohnte diesen Vorschlag. »Phönix!« rief endlich ein vierter, und mit strahlender Miene nahm der Redner seinen Gedankengang wieder auf: »Ja, meine Herren, das ist's! Wie ein Phönix würden Sie alljährlich aus der Asche Ihres Kainitmehls aufsteigen, wenn Sie den Zentner loco Staßfurt um fünfundsiebzig Pfennig verkauften!« Siehst Du in diesem Beispiel nicht einen Beweis, wie tief eine vierhundertjährige humanistische Bildung in Fleisch und Blut unsers Volkes eingedrungen ist? Und da sprechen Leute noch von der Zwecklosigkeit klassischer Schulung! Nach drei Monaten des Kampfes kam man zu einer erträglichen Vereinbarung, so daß wir gegenseitig auf fünf Jahre wieder Ruhe haben. Doch hatten die Verhandlungen alle Beteiligten derart aufgeregt, daß letzte Woche in der preußischen Kammer die Verstaatlichung der Kalibergwerke ernstlich in Frage kam. Der Fühler ging von der Regierung aus. Ob wir dadurch vom Regen in die Dachtraufe gekommen wären, ist eine offene Frage, welche die Staatseisenbahnen vielleicht beantworten können. In England und Amerika, wo die Leute mit Initiative und Kampfesmut auf die Welt kommen und sich selbst helfen, wo es not tut, wäre dies zweifellos der Fall. Hier, wo man von einer väterlichen Regierung über und unter der Erde alles erwartet, liegt die Sache etwas anders. Schultz-Lupitz, den das tragische Schicksal ereilte, in dem Augenblick aus dem Abgeordnetenhaus hinausgewählt zu werden, in dem die wichtigste Maßregel, an der seine Lebensarbeit hängt, zur Entscheidung kommen soll, ist krank vor Zorn. Ich bedaure ihn; aber es geschieht ihm recht. Wehe dem Mann, der sich auf Politik verläßt und sein Heil in einer Wahlurne sucht. Auch Sombart hat seinen Sitz im Abgeordnetenhaus verloren. Das sind zwei Männer, die ihr ganzes Leben hindurch für die Landwirtschaft gewirkt haben, verständig, bahnbrechend, erfolgreich, mit dem geringsten Maße von Eigennutz, und nun werden sie vom Bunde der Landwirte hinausgeworfen, um ein paar Schreiern Platz zu machen. Sombart ist ein siebenundsiebzigjähriger Mann und lacht, Schultz ist jünger und namenlos unglücklich. Auch in die D. L. G. suchte sich der Bund da und dort einzudrängen, doch sitzen wir schon zu fest im Sattel; die Gefahr scheint vorüber zu sein. Immerhin gilt es aufzupassen. Kein vernünftiger Mensch kann den Bündlern verargen, daß sie politischen Phantasien nachjagen. Es geschah zu wenig in früheren Zeiten, und naturgemäß schlägt jetzt der Pendel nach der andern Seite aus. Aber den Pflug sollen sie uns in Ruhe lassen, und Rinder und Schafe und was dazugehört, sind unsre Sache. Wenn sie imstande sind, ihre »großen Mittel«, Schutzzoll, Doppelwährung und dergleichen durchzudrücken, gut! Sie brauchen deshalb die kleinen, mit denen wir arbeiten, nicht über den Haufen zu werfen. Bis jetzt hat die Geschichte der Menschheit und der Natur überall gezeigt, daß man mit großen Mitteln zerstört, mit kleinen baut. Der Bund, fürchte ich, wird diese Wahrheit nicht umdrehen. Aber der Ansturm wird vorübergehen, ich bin dessen fast sicher, obgleich der wackere Schultz augenblicklich schwer darunter leidet. 99. Berlin, den 26. Mai 1894 Die Ausstellungsvorbereitungen gehen ihren gewohnten Gang, wenn es auch an Variationen nicht fehlt, die sich meist in Moll und in einigen noch ungelösten Dissonanzen bewegen. Anfänglich war kein rechter Zug in der Sache. Brandenburger und Pommern sind keine Ausstellungsmenschen. Ihr Sandboden zwang sie Jahrhunderte lang, damit zufrieden zu sein, ihr kärgliches Brot herauszuwirtschaften. Nun haben sie zwar, wenn man dies berücksichtigt, Erstaunliches geleistet und eine Sandwüste und arme Nadelholzwälder in große, schöne Güter umgewandelt, aber Schauen zu veranstalten, steckt ihnen nicht im Blut. Dazu kommt die augenblickliche Zeitstimmung. »Was!« heißt es, »wir sollen auch noch zeigen, was wir haben und können, daß die Leute am Ende sagen: ›Ei, seht einmal; die Notleidenden pfeifen noch lange nicht aus dem letzten Loch!‹« Überdies ist Verneinen das Geburtsrecht vielleicht noch mehr des Preußen als des Schwaben, und so hatte ich anfänglich manchen Ärger. Aber sie kamen schließlich doch, wenn auch nicht mit der Promptheit und Pünktlichkeit, die man ihnen nachrühmt. In dieser Beziehung sind sich Süd und Nord ähnlicher, als man gewöhnlich annimmt. Sie bummeln hier auch, solang sie können. Der Ausstellungsplatz im Treptower Park bedeckt eine Riesenfläche, die zu zwei Drittel mit Bäumen und Buschwerk bedeckt ist, welche nicht anzutasten wir an Eidesstatt versprechen mußten. Dies ergab eine sehr schwierige Aufgabe bezüglich der Aufstellung eines vernünftigen Ausstellungsplans; doch ist, hoffe ich, die Lösung leidlich gelungen. Für das allgemeine Publikum wird das Bild einen eigentümlichen Reiz haben. Auch bin ich bis heute mit den städtischen Behörden erträglich ausgekommen, obgleich sie mir bezüglich ihrer Bäume mit boshafter Pedanterie auf die Finger sehen. Manchmal denke ich sehnsüchtig an München zurück. Du kennst das Geschichtchen von dem Fremden, der in dem Garten hinter dem dortigen Glaspalast ein seltenes Blümchen brach und von dem erzürnten Wärter zu verdienter Bestrafung auf die Polizei geschleppt werden sollte. Nach langem Streiten und Bitten sagte endlich der nach und nach besänftigte Vertreter des Gesetzes: »Wissen S' was, zahlen S' a Moaß, nacher können S' des ganz G'lump samt der Wurzel mitnehm'n!« Die Verhandlungen mit der hiesigen Stadt sind nicht immer von dieser wohltuenden Einfachheit. Im Magistrat und namentlich unter den Stadtverordneten sitzen Männer, die ein grimmiger Haß gegen alles zu erfüllen scheint, was mit landwirtschaftlichem Grundbesitz zusammenhängt, und jedes Entgegenkommen, zu dem die einen bereit wären, muß den andern abgerungen werden. So hat beispielsweise gestern der Magistrat beschlossen, den Rathaussaal für unsern Empfangsabend nur gegen das feierliche Versprechen zur Verfügung zu stellen, in demselben weder zu essen noch zu trinken. Dieses drakonische Verbot wurde damit begründet, daß die Stadt in jüngster Zeit den deutschen Ärzten ein Fest gegeben habe, bei dem sich diese Herren so bestialisch »amüsiert« hätten, daß eine Wiederherstellung der kostbaren Räumlichkeiten mit großen Kosten verbunden gewesen sei. Das Bauen auf dem Platz nimmt seinen Fortgang, obgleich einer der vier Bauunternehmer mitten in der Arbeit plötzlich gestorben ist, was, bis alles neu geordnet war, keine kleine Störung verursachte. Diese Dinge laufen aber nachgerade in einem Gleise, das ohne Schwierigkeit verlegbar ist und sich auch unerwarteten Zwischenfällen leidlich anpaßt. Ein andrer Punkt macht mir mehr zu schaffen: mein Ingenieur und Hauptassistent zieht nicht mehr. Der Kuckuck weiß, was dem Manne fehlt: ist er magen- oder nervenkrank, oder ist eine Schraube in seinem Kopf los geworden. Mit der diesmaligen Schau ist eine wichtige Prüfung von Petroleummotoren verbunden, eine Aufgabe, die einem Ingenieur das größte Vergnügen machen sollte. Ich versuchte, ihm die ganze Sache zu übergeben, um für die widerwärtigen Arbeiten im Treptower Park freie Hand zu bekommen. Aber alles Schieben half nichts. Es kam kein Plan zustande, nach dem die achtundzwanzig angemeldeten Maschinen aufgestellt werden müssen. Ich mußte mich schließlich selbst zwei Nächte lang hinsetzen. Dahinter steckt etwas, das ich noch nicht sehe. Vorläufig macht es mir neben allem andern ein Drittel mehr Arbeit, als ich bewältigen kann. Das mag mit daran schuld sein, daß ein Gedanke zur Reife kam, aber diesmal auch zur völligen »Edelfäule«, der schon mehr als ein dutzendmal seine Frucht ansetzen wollte: »Es ist genug!« Zehn Jahre sind nun seit der Gründung des Provisoriums verflossen. Die Gesellschaft mit ihren 9000 Mitgliedern und einem Barvermögen von rund 800 000 Mark steht auf festen Füßen, so daß sie auch in fünfzig Jahren kaum tragfähiger sein wird. Sie hat eine Schar von tätigen Freunden um sich gesammelt, die mit dem fertigen Bau zufrieden zu sein scheinen und weiterzubauen bereit sind, sie hat einen Stab von tüchtigen Beamten, die in die laufenden Geschäfte eingearbeitet und an das Ganze mit genügender Festigkeit gebunden sind. Was ich zu schaffen vermochte, ist geschaffen, und es ist Zeit für mich, die Zügel niederzulegen oder vielmehr mit Anstand aus dem Geschirr zu schlüpfen. Das soll in aller Ruhe und Stille in drei Jahren, nach der Stuttgarter Schau, geschehen. Seitdem ich hierüber im klaren bin, ist mir's zweimal so leicht zumut, und selbst die Berliner Ausstellung, die schwerste und größte, die wir bis jetzt auf dem Rücken hatten, kann mir dieses Gefühl wiederkehrender Leichtigkeit nicht nehmen. Ich glaube wahrhaftig, ich habe es verdient. 100. Berlin, den 14. Juli 1894. Nun haben wir auch einmal eine großartig verregnete Ausstellung hinter uns. Es war jammerschade, daß uns gerade hier in der Reichshauptstadt das Glück im Stich ließ, und doch bin ich nicht ganz unglücklich. Wir sind endlich so weit, daß wir auch einen Schicksalsschlag ertragen können. Der Verlauf der sechs Tage glich dem an andern Orten. Das findest Du in hundert Zeitungen besser, als es Dir ein Brief sagen könnte, obgleich uns die Zeitungen noch immer einigen Kummer machen. Es fehlt ihnen an Interesse und Liebe zur Sache, es fehlt ihnen namentlich und aufs kläglichste an Sachverständnis, und wenn es auch etwas besser geworden ist, seit die D. L. G. auf dem Plan erschien, mit englischen Berichten über die Schauen der R. A. S. darf man die deutschen nicht vergleichen. Der Fehler steckt leider zu tief in der Natur, oder der Unnatur, unsrer Zeitungsschreiber. Am ersten Tag war das mit Bangen beobachtete Wetter noch nicht eigentlich schlecht. Sogar die Sonne lächelte ein wenig während der üblichen Eröffnungsfeier, zu der unser derzeitiger Präsident, Prinz Heinrich, mit hohenzollernscher Pünktlichkeit erschien. Er sprach einfach und nett, wenn er auch nicht ein geborener Redner ist wie sein hoher, genialer Bruder. Einige meiner Freunde lauerten diesmal besonders darauf, wie ich mich mit dem üblichen Hoch auf die Stadt aus der Schlinge ziehen würde, denn die Sturmwogen der Politik, der Kampf zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Landwirtschaft, zwischen Handelsfreiheit und Schutzzöllen spritzen gegenwärtig über alle Köpfe weg. Mein Hoch auf Berlin galt »der Stadt der Arbeit«, welcher das Land die Früchte seiner Arbeit vorführt, mit dem Bewußtsein, daß auf beiden das Wohl unsers Vaterlandes beruht. So ging es zur Not; Caprivi und der Oberbürgermeister von Berlin konnten mit gutem Gewissen einstimmen, und taten es. Nach der Feier fand der übliche Rundgang statt, der wegen der großen Entfernungen diesmal nicht zu Fuß unternommen werden konnte, und bei dem ich den Ehrenplatz im Wagen des Prinzen Heinrich einnehmen mußte. Der Prinz war die Liebenswürdigkeit selbst, namentlich nachdem wir uns gegenseitig mitgeteilt hatten, daß wir eigentlich mehr Ingenieure als Landwirte seien. Um vier Uhr fuhren die hohen Herrschaften davon und wir andern in unsre Gesamtausschußsitzung. Du weißt schon, daß mir dort zu meiner unsäglichen Überraschung ein Bechsteinflügel »überreicht« wurde, der an Pracht der Ausstattung seinesgleichen auf diesem Erdenrund nicht hat. Von Arnim hielt eine Ansprache, die nicht nur mich, sondern auch die gesamte Versammlung aufs tiefste ergriff. Daß ich darauf dummes Zeug erwiderte, läßt sich denken. Es schadete aber nichts und war deutsch. Bei der Eröffnungsfeier der Semmeringbahn lagen sich die Ingenieure, die sie gebaut hatten, weinend in den Armen; weshalb, wußten sie natürlich selbst nicht. Aber es gibt Augenblicke, in denen selbst eine Semmeringbahn den Menschen zu Tränen rührt, und auch ich hatte mit meinen Freunden in den letzten zwölf Jahren einen Semmering überbaut. Dann – damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen, wozu übrigens meine geistige und körperliche Stimmung keine Veranlassung bot – fing es an zu regnen, und regnete und regnete –! Die zweite Prüfung dieser Tage war das Nichterscheinen unsers Allerhöchsten Schirmherrn, Seiner Majestät des Kaisers, der mit aller Bestimmtheit angesagt gewesen war. Es tat mir leid der andern wegen, die die Enttäuschung bitter empfanden. Du weißt, was ich persönlich davon denke. »Wehe dem Mann, der sich auf Fürsten verläßt!« Und schließlich wird er doch einmal kommen und sich wundern, was seine Bauern wert sind. Alle guten Dinge sind drei. Die dritte Prüfung war, daß am Tag nach der Ausstellung in einem Rinderschuppen die Maul- und Klauenseuche ausbrach: ein fürchterlicher Schrecken für das verantwortliche Kollegium von Tierärzten, die sodann mit Feuer und Schwert Krankes und Gesundes vom Erdboden vertilgten. Es ging gnädig vorüber und hatte nur für etliche sechsunddreißig völlig schuldlose Rinder die unangenehme Folge, daß sie den Freuden des Wiederkäuens vor ihrer Zeit entsagen mußten. Trotz alledem hat sich Berlin wacker gehalten und sandte uns durch Regen und Sturm 156 046 zahlende Besucher; 50 000 mehr als in München. Hätten wir gutes Wetter gehabt, so hätte die Zahl sich wohl verdoppeln können. Dann aber wären wir wahrscheinlich aus Rand und Band geraten im Stolz auf unsre Großtaten. Es hat auch sein Gutes, von Zeit zu Zeit mit etwas kaltem Wasser begossen zu werden, und daran hat es diesmal wahrhaftig nicht gefehlt. Der größere Teil des Festplatzes sieht heute aus, als ob hunderttausend Wildschweine drin gehaust hätten. Den sollen wir nun wieder herstellen und den gestrengen Vätern der Stadt mit frischem Grün geschmückt übergeben. Traurig, mit aufgeschlagenen Beinkleidern irren wir unter den triefenden Bäumen umher und fragen uns vergebens, wie dies zu machen sei. Im kommenden Jahr soll eine Gewerbeausstellung alles wieder über den Haufen werfen, Rasen, Strauchwerk und Bäume; vielleicht liegt hierin auch für uns ein rettender Ausweg. Die Sorgen aber werden nicht alle, und trotz der Einnahmen von 316 000 Mark verlassen wir den schönen Treptower Park mit einem blauen Auge, das uns 32 000 Mark gekostet hat. Achter Abschnitt. 1894 – 1895 Köln 101. Berlin, den 15. Januar 1895 Während ich mich an den Hängen der Dachsteingruppe erholte, bereiteten sich in Berlin manche Änderungen vor, unter denen mich der Abgang meines Ausstellungsassistenten am wenigsten überraschte. Ein Ersatz war unschwer zu finden. Auch war das stattliche Haus in der Zimmerstraße für unsre sechzig Angestellten nachgerade zu eng geworden. Damit regte sich der Gedanke wieder, ein eignes Haus zu kaufen oder zu bauen. Namentlich drängten die Berliner, voran Neuhauß, darauf, daß es Zeit sei, der stattlichen Gesellschaft ein entsprechendes Heim zu schaffen. Es würde sich im billigsten Fall um 700 000 Mark handeln, und wir haben 900 000 Mark erspart. Das Festlegen dieses Vermögens erscheint den einen ein Vorteil, den andern ein Nachteil zu sein. Ich bin gegen den Hausbau, im Grunde weil er mir als ein sichtlicher Schritt in der Richtung der gefürchteten Verberlinisierung der Gesellschaft erscheint, deren Hausdach der blaue Himmel sein sollte, welcher sich über ganz Deutschland wölbt. Wozu ein Haus in Berlin für zehntausend Mitglieder, von denen kaum zehn vom Hundert es je sehen werden? Aber Neuhauß war nicht zu beruhigen, bis der freundschaftlich geführte Streit plötzlich in der schmerzlichsten Weise zu Ende kam. Er starb ganz unerwartet an einem Schlaganfall. Ich betrauere ihn aufrichtig. Er war ein wackrer, uns nützlicher Mann; einer von der alten Garde, die für gemeinnützige Zwecke noch etwas übrig hatten. Unter den Jungen werden derartige Leute immer seltener; man weiß nicht recht warum, aber die Klage ist allgemein. Es ist, als ob in den letzten fünfundzwanzig Jahren die Selbstsucht mit dem Quadrat oder Kubus der Bevölkerungszunahme gewachsen wäre. Niemand hat Lust und Zeit, für sich oder andre etwas zu tun, dessen Nutzen er nicht sofort in der eignen Tasche spürt. Vielleicht haben wir zu lange in Frieden und Wohlbehagen gelebt und brauchen wieder einmal ein großes Unglück – Krieg, Hunger oder Pestilenz –, um uns daran zu erinnern, daß nicht jeder für sich allein auf der Welt ist. Die Wohnungsfrage aber ist vorläufig erledigt. Neuhauß bezieht ein kleines Bretterhäuschen, und die D. L. G. einen stattlichen, aber gemieteten Neubau in der Kochstraße. – In Köln fangen die üblichen Ausstellungssorgen an. Die Platzfrage hatte dort ein überaus bedenkliches Aussehen, bis die Stadtverwaltung in entgegenkommender Weise auf den glücklichen Gedanken verfiel – ich hoffe wenigstens, es ist ein glücklicher Gedanke –, den im Bau begriffenen großartigen Schlachthof und das umliegende Gelände, soweit wir es dazu pachten können, der D. L. G. zur Verfügung zu stellen. Es kam zu einem feierlichen Vertrag, demgemäß uns vom 1. Mai bis 1. August sämtliche Bauten fertiggestellt überlassen werden. Dies erspart uns eine gewaltige Masse eigner Bauerei, und unser Getier wird fürstlich untergebracht sein. Aber ein gewisses Wagnis liegt darin, denn ich habe nicht das geringste Vertrauen in die Pünktlichkeit städtischer Bauleute. Und was helfen uns alle Verträge, wenn sich dreitausend Tiere vor den Toren drängen und der Boden, auf, oder das Dach, unter dem sie stehen sollen, nicht vorhanden ist. Maschinen und Geräte, Kohl und Zwiebel sind ja geduldig. Aber eine brüllende Rindviehherde und ihre fluchenden Treiber können auch dem stärksten Mann den Angstschweiß auf die Stirne treiben. 102. Berlin, den 5. April 1895 In unsrer großen Woche kommen wir, wie es scheint, nunmehr regelmäßig in zeitliche und räumliche Kollision mit dem Bund der Landwirte, doch hat uns das Trompeten und Trommeln auf der andern Seite des Weges auch diesmal nichts geschadet. Lärm schadet niemand, der nicht darauf achtet und gesunde Nerven hat. Im Gegenteil. Unsre Versammlungen sind noch nie so besucht gewesen wie diesmal. Nicht die Kopfzahl allein war erfreulich. Auch wie und was verhandelt wurde, hatte einen ruhigen, richtigen, geschäftlichen Zug. Viele unsrer Leute sind auch Mitglieder des Bundes, der mehr und mehr von den waschechten Agrarieren beherrscht wird, die sich in bemerkenswerter Weise den Ton von Demagogenversammlungen angewöhnt haben. Aber es war, als ob auch sie sich bei uns vom Toben im Feenpalast – so heißt der Sammelpunkt der Bündler – erholen wollten. Bei uns dürfen die Lungen geschont werden, und die Arbeit macht den Menschen ganz von selbst versöhnlicher. Dies erklärt Dir auch, weshalb Zeitungen von uns fast nichts zu sagen wissen, und Kaiser und Bismarck die Herren vom Bunde empfangen und von uns kaum Notiz nehmen. So war es, seit die Welt steht. Wer dies nicht ertragen kann, darf sich die Hände mit gemeiner Arbeit nicht schmutzig machen. Es ist gut so. Wie wollten denn die Schreier leben, wenn nicht jemand für sie arbeitete? Und das Schreien ist wohl auch vonnöten, wenn die Welt nicht allzu still werden soll. Freilich hat dies seine Grenzen. Ich schreibe Dir nicht viel von Politik. Sie paßt nicht in meinen Kram, und jeder kehrt am besten vor seiner Türe. Aber diesmal kann ich's nicht lassen, denn es ist mir, als wäre es Zeit, daß wieder einmal die Steine ihre Stimme erhöben. Wie mutet es Dich an, daß der Reichstag, die Vertretung des deutschen Volkes, sich vor einigen Tagen in feierlichem Beschluß geweigert hat, dem Fürsten Bismarck zum Geburtstag Glück zu wünschen? Das Volk, das die deutsche Treue bei jeder Gelegenheit im Munde führt, dem Bismarck und kein andrer das allgemeine Stimmrecht verschafft hat, nachdem er ihm sein Reich geschaffen; der Reichstag, der sein Dasein niemand anderm verdankt als diesem Mann! Deutsche Treue! So sah es aus, seitdem Hermann der Cherusker von einem Deutschen erschlagen wurde, den er vom römischen Joch befreit hatte. Woran liegt's? Was macht uns zu solch erbärmlichen Wichten? Nicht vorübergehend, sondern immer und immer wieder, seit zwei Jahrtausenden, nicht in einzelnen Fällen, sondern so, daß wir einen Reichstag mit Leuten füllen können, die alle verdienten, Segestes zu heißen! Es ist, um blutige Tränen zu weinen. Daß unsrer wackerer, verehrter Freund von Levetzow den Vorsitz in dieser traurigen – fast hätte ich unser hohes Parlament in höchst unparlamentarischer Weise bezeichnet – niedergelegt hat, erklären einige für eine Schwache. Mich freut es, obgleich es mich noch trauriger stimmen sollte. Denn wenn alle braven Leute den Kopf verlieren, die diesem Volk von – unparlamentarischer Ausdruck – dienen, wo soll es dann hinaus? Gott sei Dank, daß ich nicht in der Leipziger Straße sitze, sondern in der Kochstraße hinter meinem Pflug herlaufe, wenn auch manchmal zum Sterben müd. Merkst Du vielleicht, daß hier wieder einmal die Influenza umgeht? 103. Köln, den 16. Juni 1895 Die wie vom Sturm abgerissenen Blättchen, die Du in den letzten drei Monaten von Köln aus erhieltest, gaben sicherlich nur ein verworrenes Bild von dem, was um mich her vorging. Es lohnt sich, in der Pause, die der allgemeine Ab- und Aufbruch mit sich bringt, die harte Zeit, eine der härtesten, die ich durchzukosten hatte, noch einmal mit Behagen heraufzubeschwören. Manches, was mir das fröhliche Köln diesmal verbitterte, mag auf Rechnung körperlicher Verstimmung zu schreiben sein. Andres steht auf einem andern Blatt. Wehe dem Mann, der eine landwirtschaftliche Ausstellung aufzubauen hat und sich auf einen halbfertigen Schlachthof verläßt. Es wäre ihm besser, daß er mit einem Mühlstein um den Hals zwischen St. Goar und Bacharach im Rhein versenkt würde, wo er am tiefsten ist. Wie oft ich in den letzten drei Monaten dieses beneidenswerte Los herbeigesehnt habe, will ich nicht aufzählen. Ein ausnahmsweise unfreundlicher Winter hatte die Arbeiten in der gewaltigen und vielgliederigen Gebäudegruppe monatelang aufgehalten. Einzelne Bauten, in denen meine Zimmerleute die erforderlichen Einrichtungen aufschlagen sollten, begannen erst aus dem Boden zu wachsen. Namentlich konnte mit großen Erdaufschüttungen, die den erforderlichen Platz um den Schlachthof her ebnen sollten, erst begonnen werden, als ich im April nach Köln übersiedelte, um auf dem noch nicht vorhandenen Grund und Boden mit den Schuppenbauten zu beginnen. Das alles lag in der Hand der städtischen Bauleitung, die ich nur mit Handschuhen anfassen durfte, wenn nicht alles verloren sein sollte. Was an Geduldsprüfungen, Sorgen und Ängsten unter solchen Umständen bei einer Aufgabe zu tragen ist, bei der hundert Rädchen annähernd richtig ineinander greifen müssen, wenn das Uhrwerk zur bestimmten Stunde, am 6. Juni, morgens acht Uhr, zum Schlagen ausholen soll, ist nicht an den Himmel zu malen. Schon im März sah ich den alljährlich mühevollsten Monaten mit Bangen entgegen wie noch nie; und sie hielten, was sie versprachen, in grimmigem Ernst. Um Dir als Beispiel nur von einer Kleinigkeit zu erzählen: Für die Überführung der zweitausendfünfhundert Tiere von den Bahnhöfen nach dem Ausstellungsplatz war nur eine, aber dafür eine sehr günstige Möglichkeit gegeben: das Schienengeleise, das später den Güterbahnhof von Nippes, einer Vorstadt Kölns, mit dem Schlachthof verbinden sollte. Es war fest zugesagt, daß dieses Geleise Ende April fertiggestellt sein werde. Aber der Mai kam, Woche um Woche verging; um die fragliche kleine Stichbahn schien sich kein Mensch zu kümmern. Drei Behörden, wie ich mit vieler Mühe endlich herausfand, hatten sie gemeinsam zu bauen, jede ein Stück: die Schlachthofverwaltung, das städtische Bauamt und die Königl. Eisenbahndirektion. Jede behauptete, die andre sei schuld, daß es nicht vorwärtsgehe, und alle schrieben sich seit Monaten essigsaure Briefe, die wochenlang liegen blieben, bis der Essig für die Antwort sauer genug war. Die Hauptschwierigkeit lag darin: Die Eisenbahndirektion mußte ihren Teil des Geleises auf eine noch im Gebrauch stehende öffentliche Straße legen. Dies durfte sie nicht tun, ehe die Stadt eine andre Straße für den Verkehr fertiggestellt hatte. Diese andre Straße ging jedoch über ein der Eisenbahndirektion gehöriges Landstück, das verpachtet und nicht sofort zu haben war. Ich hatte zu Pontius und Pilatus zu laufen, ehe ich auch nur verstand, wo der Haken saß. Die Sache wäre in diesem Jahr nicht mehr zustande gekommen, wenn es nicht gelungen wäre, die feindlichen Mächte zu einer Besprechung zusammenzubringen, bei der das verdammte Amtsbriefeschreiben – verzeihe den Ernst meiner Sprache – unmöglich war. Dann allerdings war in drei Viertelstunden alles im Gang. Nachträglich entdeckte ich auch, woher es kam, daß am 1. Mai, an dem uns der Schlachthof fertig übergeben werden sollte, dies noch entfernt nicht geschehen konnte. Köln hat das seltene Glück, einen Oberbürgermeister und zwölf Bürgermeister zu besitzen. Mit dem liebenswürdigen Herrn Oberbürgermeister hatte ich meinen Vertrag abgeschlossen, einer der Zwölfe hatte die Verträge mit den Schlachthofbauunternehmern geregelt und sie alle nicht auf den 1., sondern auf den 20. Mai verpflichtet. Als ich ihnen nun meine wachsende Verzweiflung ans Herz zu legen versuchte, hielten sie mir lächelnd ihre Verträge entgegen, die mich möglicherweise zwingen konnten, in zehn Tagen mit Arbeiten fertig zu werden, die mich anderwärts volle dreißig gekostet hatten. Verstehst Du jetzt, weshalb ich drei Wochen lang an akuter Schlaflosigkeit litt? Dabei durfte ich nicht allzu laut klagen, denn die Kölner ohne Ausnahme waren freundlich und zuvorkommend genug. Nur versprechen sie in ihrer rheinweinseligen Liebenswürdigkeit manchmal, um nicht zu sagen meistens, etwas mehr, als sie zu halten gedenken. Wer wird auch jedes Wort auf die Goldwage legen wie in Bremen! Und wenn es galt, wirklich Hand anzulegen, durfte ich nicht allzuviel erwarten. Den Stadtbaumeister von Nippes mußte ich an einem der letzten Tage vor Eröffnung der Schau persönlich aus dem Bett ziehen und auf eine ungepflasterte Straße stellen, die wir zwölf Stunden später um jeden Preis gepflastert haben mußten. Eine ähnliche, fast allzu diskrete Zurückhaltung konnte ich den Kaufleuten und Industriellen der rheinischen Metropole nicht einmal verargen. Was brauchten sie sich um die Landwirtschaft zu kümmern, mit der sie zurzeit in grimmiger Fehde liegen, so daß sich beide Teile gegenseitig für ausgemachte Schwindler und Raubritter halten. Zum erstenmal machte sich auch während der Ausstellung eine politische Unterströmung peinlich fühlbar. Sie kam von einer unerwarteten Seite. Der schwärzere, katholische Teil der ländlichen Bevölkerung weigerte sich, mitzumachen. Während in Straßburg ganze Dorfschaften, den Pfarrer an der Spitze, wie bei Wallfahrten angezogen kamen, blieben hier die Bauern weiter Distrikte ganz aus. Es war sichtlich ein wohlorganisierter Plan, dem ich überdies eine Anzahl anonymer, keineswegs schmeichelhafter Zuschriften verdanke. Daran änderte selbst nichts, daß der württembergische Graf von Rechberg, eine Säule des Katholizismus in seinem Vaterland, den Mut und die Güte hatte, die Ausstellung an Stelle des erkrankten Präsidenten, des Fürsten zu Wied, zu eröffnen. Den Massen hatte wer weiß wer in den Kopf gesetzt, daß es sich in Köln um eine liberal-protestantisch-preußische Veranstaltung handle, die man nicht unterstützen dürfe; und die Bauern blieben weg. Arme Bauern; armes Deutschland. Trotz all dem gingen die fünf Tage in gewohntem Sturm und Drang und ohne fühlbare Störung vorüber, wenn man von einem Platzregen absieht, der zum Schluß einen Teil des Ausstellungsplatzes in einen See verwandelte. Die D. L. G. hat auch unter ungewöhnlichen Schwierigkeiten ihre Pflicht getan und bringt als Lohn ein gutes Gewissen und einen saftigen Fehlbetrag mit nach Haus. In München hatten wir 135 000 Besucher auf dem Platz, in Köln, mitten in der bevölkertsten Provinz Deutschlands, nur 56 000. Sollen die Leute vielleicht mit Gewalt nichts lernen? Doch mußt Du nicht glauben, daß mich dies allzu unglücklich gemacht hat. Es ist das Leben in seinen großen Verhältnissen, denen der einzelne soviel als machtlos gegenübersteht, auch wenn er das Beste will. Das muß man tragen lernen, wenn auch Hunderte schon daran erlegen sind. Am Erliegen aber bin ich noch lange nicht, nur etwas müder als gewöhnlich. Damit jedoch die Geschichte vom fröhlichen Köln nicht allzu traurig ausklinge, ein Geschichtchen mitten aus dem Trubel der Ausstellung heraus! Eine der ersten politischen Zeitungen Deutschlands schickte auf unser eindringliches Mahnen einen besonderen Berichterstatter, einen Jüngling noch an Jahren, der sich sofort mit löblichem Eifer wie eine Klette an meine Fersen hing. Es ist dies in solchen Tagen nicht übermäßig angenehm, namentlich wenn der Betreffende in aufrichtiger Bescheidenheit jede Kenntnis landwirtschaftlicher Dinge verheimlicht. Als er zum zehntenmal die gleichlautende Frage an mich richtete, was er denn eigentlich jetzt ansehen solle, fragte ich etwas brüsk: »Haben Sie die Simmentaler schon gesehen?« Etwas zögernd antwortete er: Nein, in die Fischausstellung sei er noch nicht gekommen. Jetzt wurde ich denn doch etwas aufmerksamer, und es stellte sich heraus, daß er die Simmentaler, diesen Stolz der süddeutschen Viehzüchter, für Fische hielt und mit Salmoniden verwechselt hatte. So geschehen im Jahr des Heils 1895 zu Köln am Rhein seitens des landwirtschaftlichen Ausstellungsberichterstatters einer der ersten Zeitungen des Deutschen Reichs, deren Titel mitzuteilen ich mich hüten werde. Denn wer weiß, was mit diesem Briefe noch geschieht, »wenn ich einst begraben werde sein«. Neunter Abschnitt. 1895 – 1896 Stuttgart 104. Berlin, den 20. Oktober 1895 Die Hitze in der Zimmerstraße, in der ich so manchmal sehnsüchtig nach Tiroler Bergluft schnappte, tut mir nicht mehr weh, aus dem einfachen Grund, weil wir aus unserm alten Nest, in dem ich zehn Jahre lang gewirtschaftet habe, nun glücklich ausgewandert sind, und das neue, schönere und bequemere Heim der D. L. G. jetzt Kochstraße Nr. 73 heißt. Nun haben wir Platz, Luft und Licht, vergoldete Treppengeländer und glasbemalte Fenster im Stiegenhaus und allen sonstigen Zubehör, der die Notlage der Gegenwart im allgemeinen charakterisiert. Auch meine Stube ist zweimal so groß, als sie war, und neu ausgestattet. Wölbling, der all dies besorgt hat, sucht mich sichtlich für die letzten Jahre meines Daseins auf besonders feine Federn zu betten. Im neuen Haus beschäftigte uns zunächst die Frage meines Nachfolgers während langer, nachdenklicher Sitzungen. Der Plan, jemand zu suchen dem meine billigen Schuhe passen würden, wurde nach kurzem Überlegen auf die Seite geschoben. Es war mit allem Umfragen niemand zu finden, der sie auch nur anprobieren wollte. Dabei entdeckte man mit der Zeit einen andern Ausweg, der gangbar zu sein scheint. Die Herren des hohen Direktoriums versprechen feierlich, sich mit verteilten Rollen mehr als bisher um den inneren Betrieb der Gesellschaft zu kümmern. Wölbling übernimmt neben seiner bisherigen Tätigkeit das Ausstellungswesen, soweit es sich von Berlin aus leiten läßt. Schiller, seit zwei Jahren mein technischer Hilfsarbeiter, wird für den Aufbau der Ausstellungen verantwortlich, und so gilt es nur einen Mann zu finden, der die nicht unwichtige repräsentative Seite der Ausstellungsvorbereitungen übernimmt. Hierfür meldeten sich fünfzehn Bewerber, worunter bezeichnenderweise nur drei Landwirte, dagegen acht Offiziere, vom Hauptmann bis zum General. Schließlich beschränkte sich die Wahl auf zwei: einen sichtlich sehr tüchtigen jüngeren Hauptmann z. D. und einen älteren Generalmajor, der mit besonderem Eifer eine passende Tätigkeit suchte und den gewinnendsten Eindruck machte. Aber es war nicht zu verkennen: der »General« machte uns bange, so daß das Direktorium in der entscheidenden Sitzung zwei Stunden lang plaudernd und schweigend überlegte, wo die größere Wahrscheinlichkeit eines Mißgriffs liegen möge. Alle denkbaren Versuche wurden gemacht, mich zu bestimmen, das entscheidende Wort zu sprechen. Ich weigerte mich jedoch hartnäckig und erklärte wiederholt und feierlich: »Sie, meine Herren, haben später mit dem Mann zu tun, nicht ich. Zwölf Jahre habe ich so ziemlich alles entschieden, was in unserm Wirkungskreis Bedenken und Zweifel erregte. Jetzt ist die Reihe an Ihnen. Ich stimme mit der Majorität!« Dann wurde aufs neue hin und her erwogen. Schließlich platzte der alte Sombart heraus, ein Mann von wunderbarer Energie für seine 79 Jahre, dem die Sache langweilig wurde: »Ich habe am meisten Angst vor dem ›General‹, aber ich hab's jetzt satt; ich stimme für Herrn von Holleben!« – Worauf Generalmajor von Holleben einstimmig gewählt wurde. Nun ist für das kommende halbe Jahr ein sechsundfünfzigjähriger höherer Offizier der Kgl. preußischen Armee, früherer Gouverneur des Kadettenhauses zu Potsdam und Kommandeur einer Brigade zu Magdeburg, mein Schüler! Weiter kann es der Mensch nicht bringen. Es ist Zeit, daß ich wieder von unten anfange. Das wird ja bald genug kommen und hat mir noch immer gut getan. Erinnerst Du Dich, wie ich als hochweiser Polytechniker schweren Herzens zum Schraubstock herabstieg, wie ich als superkluger Ingenieur von Dampf- und Gasmaschinen das Pflügen lernte, wie ich als anglisierter »berühmter Landsmann« mühselig die ersten Mitglieder der D. L. G. zusammenklaubte und eigenhändig für das erste provisorische Heim derselben einen blechernen Briefkasten kaufte? Aber neugierig bin ich doch, was nun kommen mag. 105. Berlin, den 1. März 1896. Die »große« Woche ist vorbei, so daß nach und nach der Gleichgewichtszustand wieder eintritt, der vielen in diesem Getümmel verloren gegangen ist: vom nervös gewordenen Landwirtschaftsminister in seinem schwarzen Sorgensessel bis herab zum brüllenden Bäuerlein im Zirkus Busch, dem würdigen Festsaal des Bundes der Landwirte, das kaum mehr wußte, weshalb es schrie. Und weil ich diese Woche zum letztenmal selbsttätig mitmache, kann es nichts schaden, Dir zu schildern, wie sie verlief. Am Montag begann die D. L. G. mit vierzehn Sitzungen ihrer verschiedenen Abteilungen und Unterabteilungen. Aber nur in dreien hatte ich ernstlich zu tun, indem ich den Richtern von Getreidetrocknern, denen von Futterdämpfern und denen der Zugprüfungen erklärte, was ich tun würde, wenn ich sie wäre. In dieser Form werden auch weniger angenehme Pillen am leichtesten genommen. Überhaupt geht es in unsrer Geräteabteilung am friedlichsten zu. Die Leute verstehen, was sie wollen, und wollen nichts, was sie nicht verstehen. Auf dieser Grundlage können vernünftige Menschen immer miteinander auskommen. Die Sitzungen dauerten von zehn Uhr morgens bis acht Uhr abends. Dann mußte man der Freundschaft ein Opfer bringen und in einer Konzerthalle einen Hund krähen und ein Schwein Klavier spielen hören. Denn in der großen Woche tut auch das feindliche Berlin sein Äußerstes, um die notleidende Landwirtschaft durch die Genüsse heiterer Kunst ein wenig aufzurichten. Der Dienstag bescherte uns neun Sitzungen, von denen mich nur zwei in Anspruch nahmen. Sie ersetzten durch ihre Dauer von morgens neun bis abends neun Uhr, was ihnen an Zahl etwa fehlen mochte, und die zweite war überdies weniger angenehm. Mein alter Freund Schultz-Lupitz glaubt zwar fortwährend am Sterben zu sein, ist aber dabei voll der kühnsten Pläne und hält jeden für seinen Todfeind, der versucht, ihn an der Grenze des Möglichen aufzuhalten. So hat er sich's jetzt in den Kopf gesetzt, die Hochwassergefahr »an der Wurzel zu packen«, das ganze Land mit horizontalen Parallelgräbchen zu bedecken und auf diese Weise das rasche Abfließen der Regenwasser zu verhindern. Denn, sagte er in einem begeisterten Vortrag, es ist leicht, den Tropfen zu fassen und zu beherrschen, es ist unmöglich, den reißenden Strom zu bändigen. Das klingt vortrefflich. Aber er vergißt, daß die leichte Mühe, den Tropfen zu fassen, mit vielen Millionen zu multiplizieren ist, und daß die Summe der Mühe und der Schwierigkeiten größer werden kann und vermutlich größer wird, als wenn man den Strom zu beherrschen versucht. Es wäre zwischen uns zu einem Zusammenstoß gekommen, wenn ich ihn nicht ruhig hätte reden lassen. Dann aber geschah, was ich wollte, so daß wenigstens nicht 50 000 Mark für nutzlose Versuche zum Fenster hinausgeworfen wurden. Aber es wird ein Jahr kosten, ehe er mir dies wieder verzeiht. Den Mittwoch füllten fünf Sitzungen und ein Festessen, bei dem das Hochleben und Hochlebenlassen kein Ende nehmen wollte, so daß ich es füglich übergehen kann. Mit dem Donnerstag kam mein Abschiedsvortrag über die »Vergangenheit und Zukunft unsrer Ausstellungen«, der einzige, den ich in unsern Hauptversammlungen gehalten habe. Landwirtschaftsminister von Hammerstein kam mir zu Ehren, wie er sagte, und der große Saal im Architektenhaus war hübsch voll. Ich brauchte anderthalb Stunden, hatte aber trotzdem eine sehr aufmerksame Zuhörerschaft. Nur einmal schlug ich mit einer politischen Andeutung über die Stränge. Sie wäre zu jeder andern Zeit unbemerkt geblieben; gegenwärtig, in der Gewitterschwüle dieser Tage, läuft man Gefahr, daß das kleinste Fünkchen zündet. Einige sagten mir nachträglich, ich habe ein geflügeltes Wort geschaffen, andre baten mich, ich möchte es wenigstens nicht drucken lassen, denn erstens sei es nicht wahr und zweitens sei es schädlich, und alles, was ich gesagt hatte, war: »Große Mittel zerstören, kleine bauen.« Über mich selbst sagte ich am Schluß nur ein paar etwas verfrühte, aber doch zeitgemäße Abschiedsworte, wurde aber benachrichtigt, daß Tränen geflossen seien. Ich würde dies nicht glauben, wenn ich mich nicht im Laufe von zwölf Jahren überzeugt hätte, daß die Norddeutschen in der Tat im buchstäblichsten Sinn nicht so trocken sind, als wir scheinbar gemütvolleren Süddeutschen. Selbst der Minister drückte mir heftig die Hand und war sichtlich bewegt. Doch hatte er hierzu andre Gründe als mich. Genug von der letzten »großen Woche«. Es ist noch zu früh, sich Abschiedsstimmungen hinzugeben. 106. Cannstatt, den 15. Mai 1896. So ganz glatt geht es selbst in der eignen Heimat nicht, wenn ich auch an dem guten Willen, mir persönlich entgegenzukommen und mich samt der D. L. G. in die Tasche zu stecken, nicht zweifeln kann. Daß ich mich gegen das letztere ein wenig sträube, scheint meine lieben Landsleute mit Verwunderung und dem Verdacht zu erfüllen, ich müsse mehr verpreußt sein, als recht und billig ist. In Preußen selbst hat man dies noch nicht gefunden. Da war vor allem der Kampf mit den Bauunternehmern, der diesmal hitziger und unangenehmer war als je zuvor. Sie stehen auf der Höhe der Zeit, diese Herren zu Stuttgart, und hatten einen regelrechten Ring gebildet, der überzeugt war, mir seine Preise vorschreiben zu können. Ich teilte den sieben Schwaben – es waren genau sieben, die mir den Spieß auf die Brust setzten – in aller Höflichkeit mit, daß es so nicht gehe, und ließ sie tiefer in meine Karten und früheren Rechnungen sehen, als ich es anderwärts zu tun gewohnt war; denn es lag mir wirklich daran, mit den Leuten handelseinig zu werden. Bei einem gemeinsamen Glase Bier stellte ich ihnen in beweglichen Worten vor, daß es doch ein entsetzlicher Schwabenstreich wäre, wenn sie mich zwängen, meine Bauleute aus Köln oder Magdeburg zu holen. Es half alles nichts. Entweder glaubten sie, es sei dies eitel Berliner Flunkerei, um niederere Preise zu erhalten, oder es war nur angeborene schwäbische Dickköpfigkeit, in der sie sich gegenseitig bestärkten; kurz, es war nach dieser Zusammenkunft hoffnungslos, des weiteren mit den Herren Bier zu trinken. Ich ging deshalb zum Telegraphenamt, hatte in vierundzwanzig Stunden Kölner und Konstanzer Unternehmer hier und nach weiteren drei Stunden meine Verträge abgeschlossen. Nun bezahlen wir annähernd die üblichen Preise, die Bauten kommen aus weiter Ferne, und Cannstatt ist um hunderttausend Mark ärmer. Sein Bürgermeister, dem ich sofort über die auch mir unangenehme Sache Bericht abstattete, ist wütend. »Die Esel, die Esel!« seufzt er. »Nachher kommen sie wieder zu mir und meinen, ich hätte die Geschichte ins Geleise bringen sollen.« Natürlich wird auch in Stuttgart über die verflixten Preußen kräftig geschimpft, die die ehrlichen Schwaben nicht einmal auf ihrem eignen Wasen etwas teurere Rinderställe bauen lassen. Die städtischen Wurstblättchen mischen sich in die Sache, worunter einer der Sieben schwer zu leiden scheint, der schließlich ein paar Kleinigkeiten zu meinen Preisen angenommen hatte. Ich habe ihm natürlich geraten, es zu machen wie ich und still zu sein. Es kommt bei Streitereien in Zeitungen nie etwas heraus. Unsre Freunde glauben uns ohne lange Erklärungen, unsre Feinde glauben den Gegnern trotz derselben. Das Publikum im allgemeinen glaubt keinem von beiden. Am schnellsten ist die Sache abgemacht, wenn man sich tot stellt wie ein Johanniskäferchen. Selbst die unvernünftige Natur, die doch nachgerade wissen könnte, daß sie keinen besseren Freund hat als mich, machte zu Anfang den Versuch, mir einen Schabernack zu spielen und setzte den Ausstellungsplatz unter Wasser, so daß wir im Urschlamm der Schöpfung beginnen mußten, unsre Zelte aufzuschlagen. Das Wasser bleibt eine beständig drohende Gefahr für alle Ausstellungen; für uns ist es alljährlich eine Frage von Leben und Tod, ganz besonders aber hier, wo es nicht allein von oben droht. Denn es ist vorgekommen, daß der Neckar, dieses liebenswürdige, sang- und rebenfrohe Flüßchen, gerade im Juni unsern Ausstellungsplatz völlig überschwemmte. Schon zweimal erwachte ich in Schweiß gebadet und noch halb im Traume bemüht, zweitausendfünfhundert Rinder aus den Fluten zu treiben, und dabei zwei kostbare Preissauen an den rettenden Schwänzchen zu halten. Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte – Du weißt nicht, was es heißt, die Last von zweitausendfünfhundert Stück Großvieh auf dem Herzen zu tragen. Doch geht es mit der im praktischen Leben unvermeidlichen, ja unentbehrlichen Reibung vorwärts. Der schwere Wanderkarren rumpelt ächzend über Stock und Stein, scheint heute am Umfallen und macht morgen einen unerwarteten Sprung über den bedenklichsten Graben. Das habe ich jetzt seit zehn Jahren genossen und kann mich immer noch nicht daran gewöhnen – innerlich. Äußerlich führe ich die Zügel – meinen die Leute – mit musterhafter Ruhe und Entschlossenheit. Aber es ist eitel Heuchelei, die mir oft sauer genug fällt. Mehr als Wassersnot, Maul- und Klauenseuche und die Frage, wie Tier und Menschen unter Dach zu bringen sind, hätte Dich der gestrige Tag interessiert, an dem ich Seine Majestät, unsern König, zur Eröffnungsfeier der Ausstellung eingeladen hatte. Auch mein General und Zögling begleitete mich, dessen Ordensglanz mich allerdings weit überstrahlte. Einen eifrigeren Schüler hätte sich der anspruchsvollste Lehrmeister nicht wünschen können. Dabei ist er so liebenswürdig und bescheiden, daß er mich oft in förmliche Verlegenheit bringt, und einer der tausend Belege, wie nichtswürdig uns alle Vorurteile irreführen können, wenn wir uns von ihnen bestimmen lassen. Wir hatten unter Adjutanten, Oberstallmeistern, Ministern und Generalen etwas lange zu antichambrieren. Dafür war dann der König die Liebenswürdigkeit oder vielmehr die Herzensgüte selbst. Man sprach von Pferden, Rindern, vom guten Wetter, auf das wir alle hoffen, und dann, im Handumdrehen, war ich wieder unter meinen Zimmerleuten und Erdarbeitern auf dem »Wasen«, unter denen ich mich mit fühlbar größerer Behaglichkeit bewege. Brennender, fast rotglühend, wurde eine andre Frage. Die D. L. G. möchte und sollte nach hergebrachter Sitte unsre nächstliegenden Mitglieder höchsten Rangs, den Großherzog von Baden, den Prinzen Ludwig von Bayern, den Fürsten von Hohenzollern und den Statthalter von Elsaß-Lothringen zur Ausstellung einladen. Da hierbei aber im neuen Deutschen Reich Landesgrenzen zu überschreiten sind, ist die Sache ohne große diplomatische Aktion gar nicht zu machen, und ernste Erörterungen politischen Charakters müssen auch dieser vorangehen. Vorläufig bekämpfen sich zwei Strömungen, und die Frage ist noch ungelöst: Soll, kann und darf unter sotanen schwierigen Verhältnissen etwas getan werden, oder darf, kann und soll nichts getan werden? Ich tröste mich. Es wird schon werden, wenn wir auch noch nicht wissen, was. Im übrigen siehst Du, daß mir nicht bloß Zimmerleute im Kopf herumgehen. 107. Cannstatt, den 22. Juni 1896. Meine letzte Ausstellung ist vorüber; Gott sei's geklagt; Gott sei's gedankt! Wo viel Licht ist, ist viel Schatten; und nach strömendem Regen kommt manchmal auch die Sonne wieder zum Vorschein. Es ist gut, daß mir diese Strohwahrheiten bis zuletzt fleißig eingetränkt wurden. Ich war in Gefahr, sie zu vergessen. In Schauern von Regen, die der Wind über die triefende Ausstellung fegte, begann die Eröffnungsfeier. Das Zeltdach, das den königlichen Hof und unsre fürstlichen Gäste notdürftig schützte, bildete wohlgefüllte Mulden, die der Sturm stoßweise entleerte, so daß Tonnen Wassers vor der Nase der Festredner herabstürzten. Mein »Furchtlos und treu«, mit dem ich diesmal den Dank an die württembergischen Städte schloß, die uns »so gastlich beherbergten«, wurde auf eine harte Probe gestellt. Aber alles hielt heldenmütig stand, und der Glanzpunkt des Tages war zweifellos der Augenblick, in welchem bei dem Umgang, auf den die mutige Königin nicht verzichten wollte, Ihre Majestät einen Schuh verlor. Bei solchen Katastrophen zeigt es sich, aus welchem Metall der Mann gemacht ist, und ich glaube, wir alle haben sie nicht schlecht bestanden. Am zweiten und dritten Tag besserte sich das Wetter stetig, trotzdem bot der Platz den Volksmassen, die ihn jetzt überschwemmten, Stellen, in welchen ein Nilpferd hätte versinken können. Trotzdem gingen die Schauarbeiten, das Richten, die Prüfungen und dergleichen ihren gewohnten Gang, und allmählich wurde alles um uns her trockener und fröhlicher. Dann kam am Sonntag nachmittag, während Tausende und Tausende heranströmten, ein Eisenbahnunfall, der den Platz während der besten Stunden des Tags von Stuttgart abschnitt. Auch das half mit, daß die Bäume nicht in den Himmel wuchsen. Ich selbst hatte das Gefühl, es wäre kaum nötig gewesen, noch weiter hierfür zu sorgen. Der letzte Tag endlich brach mit einem strahlenden Sonnenaufgang über uns herein. Nun ist's vorbei, und ein heißes, sonniges, glänzendes Ende ist es gewesen, trotz allem Vorangehenden. Sicher ist auch, daß ich die letzten vierzehn Jahre meines Lebens nicht verloren habe. Nicht weil mir diese letzte Ausstellung drei weitere Orden gebracht und gar das »von« angehängt hat. Ich werde mich diesmal wohl hüten, in freudigem Schreck den Pegasus zu besteigen, wie ich es leichtfertigerweise bei der Geburt des Geheimen Hofrats getan habe. Mittlerweile habe ich doch gelernt, Form und Inhalt etwas richtiger nach ihrem Wert einzuschätzen. Auch in diesen Dingen ist ein Gehalt, wenn man selbst dafür gesorgt hat, daß er darin liegt. Dann kann man auch die Form in herzlicher Dankbarkeit gelten lassen. – Das ist es übrigens nicht, was mich beruhigt und erfreut. Nach und nach wird es immer klarer, was diese Ausstellungen, wie sie sich nunmehr gestaltet haben und zur bleibenden Einrichtung geworden sind, der deutschen Landwirtschaft nutzen. Doch keine Abhandlungen! Sie gehören nicht in unsre Briefe und werden von andern geschrieben werden. Heute genügt das Gefühl, daß ein Werk gelungen ist, das der boshafteste Regen nicht zugrunde richten konnte, und das nicht von heute auf morgen spurlos vergehen wird. Einen ganz besonders hübschen Schluß gab der König den diesmaligen Ausstellungsarbeiten der D. L. G. mit einem Frühstück in der »Wilhelma«, zu dem weit über hundert unsrer leitenden Mitarbeiter geladen waren. Der sonnige Nachmittag – solche Frühstücke genießt man nachmittags –, die reizende Umgebung, der ungezwungene Verkehr, die gewinnende Liebenswürdigkeit des königlichen Wirtes von Württemberg bezauberte besonders unsre norddeutschen Freunde, daß es den süddeutschen bis in die innerste Seele wohltat. Das Vieh ist ja ein hochwichtiges Element im Leben des Volks, und wir können stolz darauf sein, die Simmentaler und die Ostfriesen zusammengeführt zu haben, aber auch der Mensch hat seine Bedeutung, und die D. L. G. hat mitgeholfen, Süd und Nord unsers Vaterlands einander näherzubringen. Morgen machen Poggendorff und ich unsern üblichen Ausstellungsabschiedsbummel und zwar auf den Hohenzollern. Manchmal hat doch auch der Zufall einen hübschen Gedanken. Ich freue mich, und mein norddeutscher Freund mit mir, daß mit diesem Tage das bunte Treiben, das das Werk der D. L. G. in alle Teile des Vaterlands getragen hat, hier in Schwaben, fast im Schatten des Hohenstaufen und auf dem Gipfel des Hohenzollern, für mich seinen Abschluß findet. Sie mögen lachen über das Ländchen; ich lache oft genug selbst mit; aber du bist und bleibst meine Heimat, und die Heimat von Helden hundertmal größer als deine heutigen Söhne – Schwaben, grüne Kaiserwiege! – 108. Berlin, den 10. Juli 1896 Dankbar sollten wir sein, daß uns das Leben nicht gestattet, allzulang auf hohem Kothurn einherzustelzen und uns bei den schon in klassischer Zeit üblichen Nachspielen zwingt, auf den eignen, meist etwas komisch ausgetretenen Sohlen weiterzuziehen. Als ich hier ankam, fand ich unter einem beträchtlichen Haufen andrer Arbeiten eine Reklamation, die unsre nächste Direktionssitzung beschäftigen und erheitern wird. Sie beweist zum mindesten, welches Vertrauen die D. L. G. in den weitesten Kreisen und in den schlichtesten Gemütern des Volks genießt. In Cannstatt wurde eine schuldlose Kuh prämiiert, bei der sich nachträglich herausstellte, daß sie sich aus Versehen in eine falsche Klasse eingeschlichen hatte. Man mußte deshalb ihren Eigentümer, der vielleicht nicht ganz so schuldlos war, benachrichtigen, daß der fragliche Preis von 300 Mark nicht ihm zustehe, sondern dem mit dem zweiten Preis gekrönten Rind, das nunmehr an die erste Stelle dieser Klasse rückte. Der Unglückliche sieht dies zwar langsam ein, verlangt aber 250 Mark Schadenersatz für Verluste, die ihm aus der unrichtigen Prämiierung seiner Kuh erwachsen seien. Erstaunt ersuchte unser Hauptgeschäftsführer den betrübten Aussteller um nähere Angaben bezüglich der angeblichen Verluste. Hierauf erhielten wir eine Aufstellung, die verdient, daß ich sie Dir abschreibe. Sie hat mich so ungebührlich gefreut, daß ich dem Direktorium vorschlagen werde, dem Mann ohne weitere Bemängelung die verlangte Summe zuzusenden, und ich weiß, das Direktorium ist gegenwärtig leichtfertig genug, alles zu tun, um was zu bitten mir einfällt. Der Mann aber hatte wörtlich folgendes geschrieben: Verzeichnis außergewöhnlicher Kosten, welche mir durch die Prämiierung meiner Kuh bei der Landwirtschaftlichen Ausstellung zu Cannstatt pro 1896 erwachsen sind: Über den zuerkannten ersten Preis nach Hause telegraphiert Mark 0.50 Andern Tags den erhaltenen Siegerpreis nach Hause telegraphiert, mit der Bitte, meine Frau und meine Schwester möchten doch auch zum Ausstellungsfest kommen Mark 1.35 Mark 1.85 Nach erhaltenen Prämien teilte ich dem Gemeinderat Michael Gunst von Thonau, Gemeine Durlangen, welcher mit einem Farren und mir das landwirtschaftliche Ausstellungsfest besuchte, mit, daß ich von jetzt ab seinen Knecht zechfrei halte, solange wir in Cannstatt seien, und zwar begnügen wir uns nicht mehr mit einer kalten Wurst, sondern wollen auch ein warmes, anständiges Mittags- und Nachtessen. Das kostet uns beide je Mark 5.60, somit pro Tag Mark 11.20 und in sechs Tagen Mark 67.20 Am Tag des erhaltenen Siegerpreises abends eine Flasche Champagner Mark 4.00 Am gleichen Abend suchten mich acht Maurer- und Zimmergesellen auf, welche von meinem Schultheißenamt und auf Arbeit in Cannstatt beschäftigt sind, welche meine Prämiierung im Blatt gelesen hatten. Denselben gestattete ich, daß sie jeden Tag nach dem Feierabend auf meine Rechnung etwas trinken und vespern dürfen, solange ich in Cannstatt bei dem Ausstellungsfest sei. Dieselben brauchen täglich pro Mann Mark 1.50, tut bei acht Mann 12 Mark, in sechs Tagen Mark 72.00 Meine Frau und mein Schwestersohn, welche zum Ausstellungsfest kommen und zwei Tage verweilten, für Verköstigung, Fahrgeld und Logis zusammen Mark 30.00 Für das tägliche Vorführen meiner fälschlich prämiierten Kuh vor Seiner Königlichen Majestät je 1 Mark Trinkgeld, tut 6 Mark. Ebenso für desgleichen zum Photographieren und dem Stallmeister Mark 7.50 Für einen Kranz um den Hals meiner Kuh Mark 2.50 Von verschiedenen Freunden und Kollegen auf der Ausstellung wegen der erhaltenen schönen Preise von meiner Kuh angepumpt Mark 30.00 Zum Abschied im Quartier zwei Flaschen Champagner Mark 8.00 In Gmünd bei der Rückkehr mit meiner Kuh von zirka acht Kollegen am Bahnhof abgeholt und denselben für Regalierung gespendet Mark 12.00 Bei der ersten Sitzung der bürgerlichen Kollegien (vierzehn) nach dem Ausstellungsfest hielt ich einen aufmunternden Vortrag über die Viehzucht und spendete den bürgerlichen Kollegien zusammen Mark 14.50 Gesamtauslagen der außerordentlichen Kosten für die fälschliche Prämiierung meiner Kuh Mark 249.55 S–ch, den 3. Dezember 1896. Schultheiß K–e. Die Summe wurde dem Mann zugeschickt, da das Direktorium die Unmöglichkeit erkannte, mit einem Schwaben von solch durchtriebener Naivität in andrer Weise fertig zu werden. Doch widmete der Hauptgeschäftsführer auch dem Ernst der Sache einige passende Worte und fragte, ob es nicht tieftraurig wäre, wenn 120 000 Mark, die jährlich auf unsern Ausstellungen zur Hebung der Landwirtschaft in Prämien verteilt werden, in dieser Weise vergeudet würden. Dies wurde einstimmig bejaht und warf einen leichten Schatten auf die heitere Episode. Damit wäre vorläufig auch in Berlin abgeschlossen. Morgen geht es nach dem Engadin, nach Sils Maria, nach der Maloja, auf den Kleinen Bernhard, wer weiß, wohin. Luft brauche ich jetzt und Licht, und auf ein paar Wochen meine Freiheit. Zehnter Abschnitt. 1896 Scheidend 109. Herrenalb, den 1. August 1896 Luft, Licht und Freiheit – so, glaube ich, schloß mein letzter Brief aus Berlin, und nun stehe ich statt dessen an einem Sterbebett. Schwarzwaldluft genug, Sommersonnenlicht in Fülle und die Freiheit in Sicht, und doch ist uns allen wund und weh. Das Telegramm von Herrenalb erreichte mich gerade noch, um meine Abreise nach dem Engadin zu verhindern und mich nach dem Schwarzwald zu führen. Aber es ließ mich auch während der langen Fahrt das Schlimmste befürchten. Noch ist dies nicht eingetreten, und wir dürfen hoffen, solange ein Funke von Leben in uns ist. Allerdings ist Julie Meine einzige Schwester. äußerst schwach, so daß sie nur noch flüsternd spricht und ohne Hilfe kaum eine Bewegung machen kann. In der vergangenen Nacht glaubten wir alle, daß sie für immer einschlummern könnte. An meinem Kommen hatte sie sichtlich eine große Freude, obgleich es uns beide tief ergriff. Sie schickt Dir tausend Grüße. Daß Du nicht hier sein kannst, weiß sie wohl; doch wißt Ihr beide, daß es trotzdem ein Wiedersehen gibt. Wir sind jetzt unsrer Fünfe um sie. Emma, die zuerst allein war und sich nach dem so ganz unerwarteten Ausbruch der Krankheit mit der Pflege fast aufgerieben hatte, schläft nach mehreren Tagen und Nächten seit vierundzwanzig Stunden zum erstenmal wieder. Alles, was menschenmöglich ist, geschieht, um der Kranken die schweren Stunden in der fremden Umgebung leichter zu machen. Aber wie wenig ist menschenmöglich, wenn die Hand des Todes nach uns greift. Noch am Nachmittag nach meiner Ankunft hatte ich eine lange Besprechung mit ihrem, wie mir scheint, geschickten und zuverlässigen Arzt. Auch er ist zu Ende mit seiner Kunst und glaubt, daß wir im günstigsten Fall noch auf drei bis vier Tage rechnen können. Ich schreibe Dir die einfache Wahrheit, ohne den Versuch zu machen, etwas zu beschönigen oder zu verbergen. Gott tröste Dich. Er weiß am besten, was er tut und wozu es gut für uns ist, für Lebende und Sterbende. Auch gibt er den Menschen und auch Dir die Kraft, seinen Willen zu tragen. 110. Herrenalb, den 10. August 1896 Julie lebt noch, jetzt umgeben von sechsen der Ihrigen. Sie könnte zu Haus kaum besser gepflegt sein. Der Krankendienst, die Nachtwachen und alles, was dazu gehört, ist unter den Frauen in musterhafter Weise verteilt, während wir nutzlose Männer Botengänge machen und auch ohne solche fortgejagt werden. Es ist das einzig Richtige, was man in solchen Zeiten mit dem Herrn der Schöpfung tun kann. Doch bin ich schon dreimal auch wieder geholt worden, weil sie glaubten, daß das Ende gekommen sei. Dann folgte ein kurzer Schlummer und ein neues Aufleben. Der Arzt meint seit einer Woche täglich, ein ähnlicher Fall sei ihm noch nicht vorgekommen, doch seien die letzten vierundzwanzig Stunden angebrochen. Ich habe aufgehört, ihn als Propheten zu verehren. Sie ist nicht mehr fähig zu sprechen, aber Kindererinnerungen regen sich sichtlich in dem erlöschenden Geist. Es scheint sie zu beruhigen, wenn ich stundenlang Hand in Hand neben ihr sitze. Ich sehe dann hinaus über das grüne Tal hinweg und habe die jenseitige Bergwand mit dem kleinen Friedhof vor mir, von dem sie noch vor wenigen Wochen scherzend sagte, daß er ihr gerade passen würde. Es ist sicher genug, daß er ihr passen wird. Nicht zum erstenmal habe ich's erfahren, daß wir lächelnd ahnen, wo uns das bitterste Leid treffen soll. Doch nein! Dort draußen an dem sonnigen Hang, hinter dem ernste, schwarze Tannen einen grünbedachten Tempel aufbauten, wird sie kein Leid mehr berühren. Meine hastigen täglichen Briefchen geben Dir kein Bild von der Stille und Ruhe, die über dieser Natur schwebt, auch im Sterben. 111. Herrenalb, den 15. August 1896 Gestern haben wir sie an der Stelle zur Ruhe gelegt, die ihr so wohl gefallen hatte. Es war ein vierzehntägiger harter Kampf, ehe der Tod uns alle besiegte. Sie schlief schließlich ein, erschöpft, ohne einen Laut. Wir standen alle um sie, tief bewegt, aber noch immer nicht, als ob wir keine Hoffnung hätten. Die bleibt. Dann kam eine herbe Nacht. Zum großen Glück hatten wir den ganzen oberen Dachstock der Villa Kull für uns gehabt. Das sonstige Haus war voll von Kurgästen und Sommerfrischlern, die, wie die Wirtsleute, sich während dieser qualvollen zwei Wochen untadelig rücksichtsvoll und freundlich benommen hatten. Fälle wie der unsre sind ja in Kurorten nicht gerade selten; man weiß sich zu schicken. Nun aber galt es, auch mit möglichster Rücksicht für die Gäste unsre Tote zu begraben. Die Treppen des Hauses waren derart, daß eine Tragbahre nicht in unsern Stock gebracht werden konnte. So trug ich vorgestern, genau um Mitternacht, meine liebe Schwester mit Hilfe eines Mannes hinab vor das Haus, wo wir sie auf die bereitstehende Bahre betteten. Dann folgten wir ihr, mein tiefgebeugter Schwager und ich, durch das lautlose Dorf nach dem kleinen Leichenhaus neben dem Friedhof. Als wir allein zurückkehrten, schlug die Kirchturmuhr bei dem kleinen, zerfallenen Kloster ein Uhr. Eine wahre Geisterstunde, wenn ich je eine erlebt habe. Darauf folgte ein goldener Morgen und noch heute nachmittag schien die Sonne bis hinab auf ihren Sarg. Ein letzter Abschiedsgruß. Nun ist's Abend. Ich sehe, während ich schreibe, hinüber nach dem verlassenen Friedhof. Die schwarzen Tannen stehen hinter ihrem Grab, ernst und schweigend wie immer, und leichte Nebel liegen über der Talsohle und ziehen ihren Schleier schon um die fernen Häuschen des Dorfs. Unendlicher Friede liegt auf dem ganzen Bild, der Friede der still weinenden, der versöhnten Natur; der Friede Gottes. – – Auch eine Sommerfrische! – – 112. Berlin, den 5. September 1896 Nun aber wird's ernst. – Vor einer halben Stunde schloß meine letzte Direktoriumssitzung, die sechsundneunzigste, wie man mir vorrechnete. Alles ist voll Abschiednehmens schon heute, obgleich kaum zu übersehen ist, was alles in den nächsten drei Wochen noch abgebrochen und aufgebaut werden soll. Gestern abend gaben sie mir ein feierliches Abschiedsessen im Savoyhotel: der Kern und die Blüte unsrer Gesellschaft, etliche fünfzig Herren aus allen Himmelsrichtungen; Ostpreußen und Rheinländer, Holsteiner und Bayern, In einer Nische, unter Palmen und Lorbeeren, stand meine Büste, für die man mir mit Not und Mühe die nötigen Sitzungen abgerungen hatte und die mit Ach und Krach ein paar Tage zuvor fertig geworden war. Herr von Arnim hielt eine Art Trauer- und Festrede. Was er sagte, kann ich Dir nicht erzählen; es klänge zu wunderlich aus einem meiner Briefe. Hättest Du es gehört, so wärest Du schwerlich sehr trocken geblieben. Einleitend meinte er mit Recht, man habe über mein Werk wohl genug gesprochen und gehört, er wolle in dieser Stunde des Scheidens von mir, dem Menschen, sprechen. Und dann ging's los. Ich blieb ihm hoffentlich nichts schuldig. Ein Redlein, das ich mit vieler Sorgfalt präpariert hatte, warf ich in alle Winde, sprach von der Leber weg und soll ebenso rührend als gerührt gewesen sein. Ein Wunder ist es ja nicht. Man kennt Fälle, daß Leute, die zwölf Jahre im Zuchthaus gesessen, dasselbe mit nassen Augen verlassen haben. Meine D. L. G., mit allem, was drum und dran hängt, erforderte zwar oft genug harte Zwangsarbeit, ist aber immerhin etwas wesentlich andres. Kurz nach Mitternacht suchten wir unsre tiefbewegten Herzen zu Bett zu bringen, was, wie ich höre, den meisten auch gelang. Heute folgte die Fortsetzung der Direktoriumssitzung, die schon gestern acht Stunden gedauert hatte. Es gab infolge meines Verschwindens gar zu viel zu ordnen und anders einzurichten. Eine abermalige Abschiedsrede und Gegenrede war unvermeidlich. Man erinnerte sich, daß ich in diesen Sitzungen nun zwölf Jahre lang das ausschlaggebende Wort gesprochen habe (Anmerkung des Scheidenden: ohne viel zu sagen) und daß in dieser ganzen Zeit nicht einmal ein Mißton in unsre Beratungen gekommen sei. Schließlich übergab mir von Arnim die große Denkmünze der Gesellschaft in schwerem Gold, das einzige Exemplar dieser Art, das je angefertigt wurde, und eine prachtvolle altdeutsche Truhe aus gepreßtem Leder, in dem sich etliche hundert Photographien unsrer hervorragenderen Mitglieder befinden; ich darf sagen: alle meine persönlichen Freunde. Es ist erstaunlich, mit wie vielen Leuten ich bekannt geworden bin, die mir, vom preußischen Landwirtschaftsminister herab bis zu manchem kleinen Gutsbesitzer und Pächter in Baden und Bayern ihre Freundschaft in dieser Form kundgegeben haben. Wieder hatte ich natürlich zu danken. Diesmal aber ging's schlecht. Wir waren im engsten Kreise; nur noch sechs, die die zweitägige Sitzung bis zum Schluß ausgehalten hatten: von Arnim, Thiel, Poggendorff, von Thüngen, Wölbling und ich. Man brauchte sich keinen Zwang anzutun, und Tränen flossen. Dabei ist es schwer, eine Ansprache zu beenden, und auch nicht nötig. Man kann mit Anstand mitten in jedem beliebigen Satz aufhören. Du brauchst nicht zu fürchten, daß mich all dies in dieser Zeit unsrer Trauer aus der richtigen Stimmung gerissen hat. Ist doch dieses Scheiden ein stündliches Sterben, ein Abschiednehmen von vierzehn reichen Jahren meines Lebens, eine Trennung vielleicht vielfach auf Nimmerwiedersehen von treuen Genossen mühevoller, aber auch gesegneter Arbeit. Es mag hinter einem Wirtshaustisch oder auf einem kahlen Stoppelfeld oder am Rand eines Grabes sein; überall klingt uns dasselbe Lied entgegen: »Es ist bestimmt in Gottes Rat–«. 113. Berlin, den 29. September 1896 Der letzte Brief aus der Potsdamerstraße und aus dem Stüblein, in dem ich seit zwölf Jahren so manche Zeile an Dich und andre Leute geschrieben habe. Wie das alles klappt! Maurer und Zimmerleute stehen bereits auf den Treppen und rumoren unter dem Dach. Am 1. Oktober soll mit dem Abbruch des alten Hauses begonnen werden, um einen neuen Mietspalast an seine Stelle zu setzen. Es ist hohe Zeit, daß ich aufbreche. Nur ein kleiner Abstecher nach Hamburg, den die Ausstellung des nächsten Jahres veranlaßte, unterbrach die allgemeine Aufbruchstätigkeit. Er galt hauptsächlich der Platzfrage, die mich allerdings persönlich nicht mehr berührt. Doch wollte ich mich nicht ganz gleichgültig zu den Sorgen des kommenden Geschlechts verhalten und wurde dafür durch eine interessante Bekanntschaft belohnt. Andreas Meyer ist einer der ersten Ingenieure und Bauleiter Deutschlands, und Hamburg verdankt ihm mehr als seine großartigen Hafenanlagen. Er kam gerade aus Anatolien zurück, wohin ihn ähnliche Aufgaben geführt hatten, mit denen er, wie mir scheint, seine Sommerfrischen ausfüllt. Bei einem gemütlichen Glase Bier tauschten wir abends unsre Lebensanschauungen aus. Ich erzählte ihm, daß ich mich wer weiß wie lange mit dem Gedanken trage, die letzten Jahre meines Lebens auf dem Athos zu verträumen. Wie elektrisiert fuhr er auf: »Denken Sie sich, das war seit Jahrzehnten auch mein Lieblingsgedanke. Sie haben ein ruheloses Leben hinter sich. Ich auch. Wir brauchen Ruhe. Machen wir einen Bund! Wer zuerst in die Lage kommt, dieses ideale Ziel zu erreichen, verpflichtet sich, für den andern eine Nachbarklause auszuhöhlen mit dem Blick auf die blaue See, den Eingang begraben in Rosen- und Lorbeergebüsch, Aloe und Stachelbirnen. Dort wollen wir enden!« – Und wir beide zogen in gut geschäftsmäßiger Weise unsre Notizbücher aus der Tasche und versprachen uns, schwarz auf weiß, dies nicht zu vergessen. Es ist doch wunderlich! So endeten als »fromme Klausner« seinerzeit alte Ritter ihr wildes Leben. Und nun, nach Jahrhunderten, taucht derselbe Gedanke wieder auf, als müßte es so sein. Wie es in meinem vorigen Brief aussah, hätte es nicht fortgehen können. Es folgten etwas ruhigere Wochen, in denen die Massenrührung zeitweise suspendiert war. Dafür fing das Abschiednehmen im einzelnen an, das den Übelstand hat, daß man sich am folgenden Tag wiedersieht, als ob nichts geschehen wäre. Und es läßt sich doch unmöglich alles in den drei letzten Tagen abmachen. So bleibt nichts übrig, als sich nachträglich aus der Ferne anzulächeln und durch Mienenspiel auszudrücken: »Schon gut, lieber Freund! Aber einen nochmaligen, besonders innigen Händedruck verbitte ich mir! Wir sind geschiedene Leute!« Ich begann in Westend, mit Hensels. Das war auf Leben und Sterben. Hensel, der im Sommer wieder schwerkrank gewesen war und seine Leiden mit heroischem Mut erträgt, hatte sich leidlich erholt; doch zeigten sich die ernsten Symptome seiner heimtückischen Krankheit aufs neue. Ich habe in seinem Haus so viel Freundlichkeit genossen, und der alte Geist schöner Harmonie, der von Felix Mendelssohn ausging und heute noch in dieser Familie fühlbar fortlebt, hatte mich so oft daran erinnert, daß wir nicht an der Scholle zu kleben brauchen, um glücklich zu sein, daß der Abschied zu einem kleinen Fest stiller Dankbarkeit ausartete. Es wird das letzte sein, das wir zusammen feiern. Dann – – Aber all das kann ich Dir in wenigen Tagen viel besser mündlich mitteilen; so lange werden wohl die »unvergeßlichen Erinnerungen« frisch bleiben. Es ist klüger, meinen letzten Brief, wie schon so manchen andern, mit dem gestrigen Tag zu füllen. Im Alltagsleben liegt schließlich das beste, das wir zu leisten vermögen und das uns widerfährt, und überdies – ganz alltäglich war der gestrige Tag denn doch nicht. Morgens in der Frühe schlug ich eigenhändig und feierlich die letzten Nägel in die dreiundvierzig Kisten und Kästen, die ein wunderliches Gebirge in meinem Salon bilden. Dann hatte ich in der Kochstraße eine kurze Schlußbesprechung mit meinem General und Nachfolger, der seit einer Woche in Berlin eingezogen ist, und erteilte ihm meinen väterlichen Segen. Um zehn Uhr fand ich alle Beamte der D. L. G., über siebzig Mann, in festliches Schwarz gekleidet, im großen Sitzungssaal versammelt. Auf dem Tisch lag ein Riesenalbum in braunem, gepreßtem Leder. Wölbling hielt eine warme Ansprache, ich, auch nicht kühl, antwortete kurz nach meiner Art. Dann überreichte man mir den Riesenband, der etliche fünfzig prachtvolle Photographien enthält, Bilder aus den zehn Ausstellungsstädten, in denen ich gewirkt und gelitten hatte, ein sinnig zusammengestelltes und reizend ausgestattetes Andenken an meine Mitarbeiter. Du wirst es ja sehen, was mir eine nähere Beschreibung erspart. Dann ging es wieder nach Hause, um Fracht- und andre Briefe zu schreiben. Dort fand ich acht Riesen mit drei Möbelwagen, um meine Sachen abzuholen. Grausig anzusehen war es, wie mein Prachtflügel die engen Treppen des alten Hauses herabglitt. Das muß man den Berlinern lassen: ihre Arbeiter sind tüchtige, gewandte Leute, die, wo sie zugreifen, Erstaunliches leisten. Fünf Mann wurden mit dem Flügel fertig; acht würden ihn anderwärts nur mit Zittern und Zagen gehoben haben. Um sechs Uhr sammelten sich sodann bei Dressel Unter den Linden die Gäste, die ich zu meinem eignen Henkersmahl gebeten hatte. Sechsunddreißig waren geladen, vierunddreißig erschienen. Einer fehlte, weil er in Holstein, einer, weil er in Schweden war. Den Speisezettel lege ich Dir zu Deiner Erquickung bei, die Rechnung erhalte ich morgen, zu der meinen. Das Ganze aber verlief sehr nett. Es ist mir ein Herzensbedürfnis gewesen, nachdem diese guten Leute mich mit Adressen, Albums, Denkmünzen, Büsten, Flügeln und Festessen ohne Zahl überschüttet hatten, doch einmal zu zeigen, daß ich trotz meiner verwerflichen Junggesellenwirtschaft als Koch und Kellner meinen Mann stelle. Reden sollten nach gegenseitigem Übereinkommen nur zwei gehalten werden. Erst ich, mit einem Toast auf die deutsche Landwirtschaft, dann Thiel – »weil es verboten sei, des weiteren von mir zu sprechen« – mit einem Toast auf Dich, »die Mutter unsers Eyth«, der gerührten Anklang fand. Dann zum Schluß schlug ich, wie schon so oft, über die Stränge, und mit meinem Scheidegruß möge auch mein letzter Berliner Brief an Dich sein Ende finden. Scheidend Zieht ihr, so oft der Frühling naht,       Den Pflug nicht freudig aus der Erde? So laßt mich gehn! Reift doch die Saat       Erst, wenn der Pflüger heimwärts kehrte. Dann kommt mit seinem Sonnenschein       Der Himmel und mit seinem Regen, Dann kommt – wie könnt' es anders sein?       Er auch mit seinen Wetterschlägen. Komm's, wie er's fügt. Verlieret nicht       Des Mannes Mut im Kampf des Lebens. Es rang kein Mensch mit seiner Pflicht,       Seitdem es Menschen gibt, vergebens. Mir aber gönnt, um was ich bat.       Auch mir wird es nicht leicht, zu gehen. Doch ringsum grünt die junge Saat.       Was ich vermochte, ist geschehen. Und euer Dank, er ist mein Glück,       Mein Lohn, mein Stolz für alle Zeiten, Ein Händedruck – ein feuchter Blick –       Dann aber laßt uns – laßt mich scheiden! Nachwort Bis über die Mitte des vorliegenden Bandes hinaus hatte ich die Absicht, ihm ein Vorwort beizugeben, so wenig ich Vorreden liebe, und so ungewöhnlich es gewesen wäre, den dritten Teil eines Werks mit einer solchen zu verunstalten. Aber ich hielt es für nötig, den geneigten Leser auf mancherlei sorgsam vorzubereiten, allerhand Mißverständnisse zum voraus aus dem Weg zu räumen, und mir im allgemeinen und pränumerando sein Wohlwollen zu sichern. So wollte ich zum Beispiel erklären, daß es mit den »Meisterjahren« so ernst nicht gemeint sei. Der Untertitel entstand wie von selbst aus dem Dreiklang Lehr-, Wander- und Meisterjahre, und bedeutet nicht viel mehr als ein Wortspiel. Wer sich allerdings in seinem sechsundvierzigsten Jahr – so alt war ich ungefähr ums Jahr 82 des vorigen Jahrhunderts – des Meistertitels noch nicht würdig fühlt, sollte es bleiben lassen, Bücher zu schreiben. Und doch muß ich gestehen, daß ich es aufgegeben habe, das Gefühl, wenn nicht ewig jung, so doch ewig Lehrling zu bleiben, in diesem Leben jemals loszuwerden. Sodann wollte ich jedermann um Verzeihung bitten, dessen Namen ich in diesem Buch erwähnt habe. Ich weiß, es ist dies vielen nicht angenehm, und ich hatte mit mir selbst einen heftigen Streit bezüglich dieses Punktes. Allein mit Herrn X, Herrn V und Herrn Z bändelang zu verkehren, war natürlich ausgeschlossen; auch hätte ich das ganze lateinische und griechische Alphabet verbrauchen müssen. Hervorragende und überdies erfolgreiche Schriftsteller neueren Datums werfen in einem solchen Fall mit erfundenen Namen um sich, die zu enträtseln zu den Genüssen der modernen Lesewelt gehört. Doch müssen es im allgemeinen schlechte Menschen sein, wenn dies dem Leser wirkliches Vergnügen machen soll, und ich hatte das Malheur, in den vierzehn Jahren, aus denen dieser Band stammt, und unter den Hunderten, die ich in dieser Zeit kennen lernte, nicht einem einzigen zu begegnen, bei dem es sich lohnte, ihn unter einem falschen Namen zu verstecken. Bei Gott, der sie erschaffen! die Welt ist nicht so schlecht, als sie gemalt wird; und der einzige, den ich unter diesen Umständen bedaure, ist mein Verleger. Denn – wunderlich genug – die vielen guten Menschen, die Bücher kaufen, wollen viel lieber von den schlechten lesen als von solchen ihrer Art. Ferner wollte ich des breiteren erklären, wie ein Ingenieur, der mit Leib und Seele in seinem Beruf gelebt hat und ihm heute noch zugetan ist wie in den ersten Flitterwochen am Schraubstock, es übers Herz bringen konnte, vierzehn Jahre seines Lebens damit zu vergeuden, den Landwirten eine Gesellschaft zu gründen, die sie, anfänglich wenigstens, gar nicht haben wollten. Doch kann ich dies zum Schluß auch jetzt noch andeuten. Und endlich wollte ich alles Ernstes bitten, diese Briefe nicht als etwas andres zu nehmen, als was sie sind; nämlich Briefe: Äußerungen augenblicklicher Stimmungen, die nach Tagen schon verflogen sein mögen, Bilder, die mir schon nach Wochen in einem andern Lichte erschienen, Tatsachen, die ich zurzeit nur von einer Seite, und vielleicht von der falschen, sehen konnte, Urteile, die im Lauf der Jahre ihre Berechtigung verloren haben. – Warum ich sie trotz all dem wieder ans Licht zog? – Ist nicht alles, was wir fühlen und wissen, ähnlicher Natur? Ein Bild des ewigen Wechsels in einem bewegten Spiegel. Zum Glück ist aus dem Vorwort nichts geworden. Ein Buch muß für sich selbst sprechen. Dagegen drängt es mich, zum Schluß einiges Tatsächliche zu erwähnen, das auch dem Buch seine Berechtigung gibt, soweit es die Entstehung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft schildert, und damit ein Kulturbild aus dem Strom unsrer Zeit zu geben versucht. Am Tag, an dem ich die Zügel niederlegte, zählte die Gesellschaft 12 000 Mitglieder, hatte ein jährliches Einkommen von gegen 300 000 Mark, ein Barvermögen von über 1 200 000 Mark und stand in voller, unabhängiger und unbedrohter Tätigkeit für einen Beruf, dem zweiundzwanzig Millionen Deutsche ihre Lebensbedingungen verdanken. Über die Früchte ihrer Arbeit mögen sich andre verbreiten. Trotz des befriedigenden Standes der Dinge war ich ein wenig und viele meiner Freunde lebhaft besorgt, ob und wie nach dem Rücktritt des Gründers das Werk in der alten Weise seinen Fortgang nehmen werde. Wir hatten keinen Grund, besorgt zu sein. Heute zählt die Gesellschaft gegen 15 000 Mitglieder, hat ein Jahreseinkommen von 400 000 Mark, ein Vermögen von rund zwei Millionen und alle Hände voll zu tun, die mannigfachen Aufgaben zu lösen, die ihr alljährlich aus dem fast unübersehbaren Gebiet der landwirtschaftlichen Technik zufließen. So viel erreicht man in diesen Notstandszeiten, wenn man zwanzig Jahre lang, ein Ziel im Auge, nicht betteln geht, sondern auf die eigne Kraft vertraut. Das aber tut die Gesellschaft heute noch, und deshalb habe ich recht behalten, und nicht die, welche fürchteten, »sie stehe auf zwei Augen«. Daß aber ein Ingenieur auf dem Gebiete der Landwirtschaft dieses Rechenexempel anstellen mußte, mag damit zusammenhängen, daß ich als Kind und Junge in Feld und Wald aufgewachsen bin. Man kann ein Mann ohne Halm und Ar sein, wie ich es heute noch bin, und doch am heimischen Boden hängen wie ein echter Bauer. Solche Leute gibt es, Gott sei Dank, viele Tausende im deutschen Vaterland, und selbst draußen unter allen Himmelsstrichen, wo sich deutsches Wesen betätigt. – Und dann – was ich selbst vielleicht zu wenig betont habe –, war es ja doch die Dampfkultur, die hinter all dem steckte. Ohne den Dampfpflug wäre ich nie in die Lage gekommen, eine Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft gründen zu können. Es fiel mir dies besonders aufs Gewissen, als ich vor einiger Zeit die Kulturarbeiten meines Freundes Richard Toepffer zu Logau in der Lüneburger Heide besuchte, wo auch der Dampf Tausende von Hektaren deutschen Bodens erschließt und ödes Heideland in wogende Kornfelder verwandelt. Der Strom unsrer Zeit ist eine Kraftquelle, die wir kaum begonnen haben zu erschließen. So kommt es wohl, daß der Techniker, der Ingenieur auf allen Gebieten des Lebens sein Recht auf Arbeit geltend macht. Es steht nicht schlimm um unsre Zukunft, solange dies geschieht. – – Als wir uns drei Jahre nach meinem Abschied von Berlin und der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft dem Ende des Jahrhunderts näherten, durch dessen zweite Hälfte der »Strom unsrer Zeit« dahinglitt, baten mich meine alten Freunde, zur Feier der Jahrhundertwende ein paar Worte für die »Mitteilungen der D. L. G.« zu schreiben, die nun doch trotz alles früheren Widerstrebens eine Art Zeitung geworden sind. So entstand das Stimmungsbild, aus dem heraus dieser dritte Band erwachsen ist und durchlebt wurde, und mit dem er nun auch schließen möge. An des Jahrhunderts Wende Es knirscht der Schnee; die Fichten schauern   Am Wege dort, entlang der Flur. Und wie ein unaussprechlich Trauern   Weht's durch die sterbende Natur. Vom Himmel hängen schwarz und schwer, Wie Totenschleier, ringsumher   Nachtgraue Wolken nieder. Ein stiller Wandrer kämpft entschlossen   Und raschen Schritts mit Frost und Wind; Er kommt von fröhlichen Genossen,   Die scherzend noch beisammen sind. Sie warten auf der Turmuhr Schlag Und auf den ersten jungen Tag   Des kommenden Jahrhunderts. Ein Landmann ist's. Ihm ward's zu lange;   Ihm schien zu laut der Freunde Schar Noch nie war ihm so schwer, so bange   Beim letzten frohen Glas im Jahr. Nachdenklich schreitet er dahin; Gar vieles geht ihm durch den Sinn,   Was hundert Jahre brachten. Kalt weht der Nachtwind ihm Gedanken   Aus längst vergang'nen Zeiten zu; Wenn hundertjähr'ge Eichen schwanken,   Hat auch der Wand'rer keine Ruh. Welch' eine Nacht! Im Sturmeswehn Sieht Schatten er vorübergehn:   Der Jahre lange Reihe. »Zu Anfang – das war noch Großvaters Zeit – Hat's wohl wie jetzt gestürmt und geschneit. Kriegszeiten ringsum, mit Rauben und Brennen, Wie wir sie heute kaum ahnen können. Und Ernte um Ernte, jahraus, jahrein So schlecht, sie konnten nicht schlechter sein Drei Brüder waren's, die samt den Sorgen Das Gut überkamen, neunhundert Morgen. Der erste, ein Junge frisch und froh, Liegt bei Leipzig begraben, man weiß nicht, wo. Der zweite kam heim, nach bangen Wochen, Zum Sterben krank, mit zerschossenen Knochen. Und das Gut, da sah man den Jammer erst recht: Kein Gespann mehr im Hof, kein gesunder Knecht; Franzosen und Russen in wechselnder Hast, Das Saatgut von fremden Pferden gefressen, Und fast erdrückend der Steuern Last, Ein ewiges Fordern, Drängen und Pressen! Die Felder verwildert, im Hause der Tod, In Märkten und Städten die Hungersnot; Und keine Hoffnung, so weit man sah; Sie dachten, das Ende der Welt sei nah. Und wie sie lebten, so hungrig, so arm! Das war ein Anfang, daß Gott erbarm!« Der Wandrer greift nach seiner Mütze:   Fast wurde sie des Windes Raub. Der fegte auf des Hügels Spitze   Zusammen das verdorrte Laub Mit lautem Brausen, wild und wilder. Der fegt die trüben alten Bilder   Dem Wandrer aus dem Sinne. Bergab geht's jetzt. Er schreitet wacker   Dahin, auf seinen Stock gestützt. Dort liegt ja schon des Nachbars Acker.   Hier schlummert alles, windgeschützt. Und wie ein Traum, aus Flur und Wegen, Kommt die Erinn'rung ihm entgegen   An frohe Kinderjahre. »Denn heller wurde es, wurde licht, Der Himmel verläßt seine Deutschen nicht. Der Friede kam endlich und Segen kam Mit ihm, als der Vater das Gut übernahm. Die Wunden vernarbten und neues Blut Gab neue Kräfte und frischen Mut. Und die alte Erde, in deutscher Treue, Erwachte und trieb und sproßte aufs neue. Bald wechselten gute mit besseren Jahren, Man säte und mähte, und nahm's, wie sie waren. Nicht immer in Not, nicht immer im Glück, Das ist nun einmal des Landmanns Geschick. Man pflügte und drillte, man hackte und schnitt, Maschinen zeigten im Felde sich schon. Man sprach von Salpeter und Kainit, Und der Arbeit winkte ein fröhlicher Lohn, Ja, die Preise von damals für Korn und Getreide, Die Preise für Wolle, es war eine Freude, Gedeihlich wuchsen Menschen und Vieh, Und der Wert des Landes, man wußte nicht wie, Auch kamen Gelehrte aus allen Landen, Studierten, dozierten, entdeckten, erfanden. Man gründete Schulen, man gründet Vereine, Und schlimm war auch das nicht: man fand sich beim Weine. Man lernte dabei von allen Seiten Und war des reichen Erfolges gewiß: Beim Himmel, es waren glückliche Zeiten, Als mir der Vater das Gut überließ.« Ein dichter Wald von schwarzen Fichten   Ist's, den der Wandrer jetzt betritt. Will sich das Dunkel nicht mehr lichten?   Unsicherer wird jeder Schritt. Wie still und kühl es ist, wie düster! Der Nadeln heimliches Geflüster   Warnt vor Gefahr und nahem Leid. Dort hängen Nebel an der Halde   Auf fremdem Feldstück, schlecht bestellt; Und unaufhaltsam aus dem Walde   Wälzt sich der Dunst ins Nachbarfeld. Man sagt: Gift brüte in den Schwaden Für Mensch und Vieh zu schwerem Schaden. Doch immer zu, durch Raum und Zeit! »Nun wirtschafte ich seit dreißig Jahren. Mein Gott, was hab' ich erlebt und erfahren! Erst das Glück, als wieder das Reich erstand, Ein großes, ein einiges Vaterland; Als wieder der teure, deutsche Boden Der Lebenden Stolz, die Ehre der Toten. Man jubelte laut und freute sich; Dann aber kam's anders und wunderlich. Es war ein Bauen im neuen Reich, Ein Rühren und Regen, sondergleich! Es blühte der Handel, die Industrie, Doch niemand dachte ans liebe Vieh; Und wenige nur im weiten Land An den Grund von allem, den Bauernstand. Der dachte ja selbst nicht viel an sich, Gab Brot und Fleisch für mich und dich, Gab Steuern willig und gab Soldaten. Er hatte alles so hübsch getragen Und trug's noch immer, das mußte man sagen. Wenn alles blühte, was konnt' es ihm schaden? Doch schwerer drückte – erst merkte man's nicht – Der neuen Zeiten Riesengewicht. Die Menschheit rührte wuchtig und schwer Die gewaltigen Glieder im Weltverkehr. Und so prächtig das Rühren mochte sein, Hart traf es das kleinste Bäuerlein. Getreide schickte uns alle Welt, Und Fleisch und Eier, die niemand bestellt. Sie nannten es Segen in ihrem Wahn, Die sinkenden Preise, die man bot. Und mitten im Glück erhob die Not Ihr bleiches Haupt und starrte uns an. Sie sanken und sanken, kaum war es zu fassen; Wir wehrten uns redlich, das muß man uns lassen. Es rangen vereint und unverdrossen Für sich und die andern die besten Genossen, Und haben es nicht übel getroffen. Mit Bitten war's nichts, mit untätigem Hoffen, Die eigene Kraft und das alte Recht Hat manchen verschütteten Weg gebahnt. Im heimischen Boden, dem treusten Knecht, Erwachten Kräfte, die niemand geahnt. Die Felder stehen, von Gut zu Gut, Gleich Gartenbeeten, wie nie zuvor Wir pflügen alljährlich mit neuem Mut, Doch die Schulden auch wachsen uns übers Ohr. Es war, es ist, es bleibt ein Kampf; Nicht blutig, doch zieht er das Blut aus der Seele. Kein Totschlag, doch mancher fühlt an der Kehle Das kalte Messer im Todeskampf.« Da öffnet der Wald sich. Frei liegen die Fluren,   Dort drüben schimmert das traute Heim. Er fühlt des eigenen Bodens Spuren,   Und unter dem Schnee den sprossenden Keim. »So geh, du altes Jahrhundert, geh! Mit deinen Nöten, mit Lust und Weh   Und deiner Pracht.» Wie in Schweiß und Blut die Väter gerungen   Mit dem Schwert und dem Pfluge in Dunkel und Licht, Wie sie tapfer die bittersten Jahre bezwungen,   Hoffend und glaubend in Treue und Pflicht. So will ich kämpfen, für Weib und Kind, Schulter an Schulter, mit Freund und Gesind,   Die alte Schlacht. Nimmermehr soll mir die Hoffnung entweichen,   Wenn auch der Pflug und das Schwert zerbricht. Herr Gott im Himmel, gib mir ein Zeichen!   Vaterlandserde, ich lasse dich nicht! Kampf bis zum Ende, für und für! Herr Gott im Himmel, ich danke dir;   Wir sind erwacht.« Und wie er die rauhe Hand erhoben   Und zum Schwur sich öffnet der bebende Mund, Da kam's wie freudiger Sturm von oben,   Da kam es wie Segen aus tiefem Grund. Ein Zittern ging durch Wald und Flur; Im Dorfe drüben, die Kirchturmuhr   Schlug Mitternacht. Aus Max Eyths Freundesbriefen Als Ergänzung seiner Briefbücher herausgegeben von Lili du Bois-Reymond. Aus einer größeren Sammlung von Briefen an verschiedene Empfänger sind die nachfolgenden ausgesucht, ausschließlich nach dem Gesichtspunkt, daß alle die zurückbehalten worden sind, deren Inhalt entweder keinen Anspruch auf allgemeines Interesse hatte, oder Wiederholungen enthielt. Wenn bei dieser Auswahl nur die Briefe übriggeblieben sind, die Eyth an Sebastian Hensel und verschiedene Mitglieder von dessen Familie gerichtet hat, so muß ich annehmen, daß wir in diesen Jahren diejenigen Korrespondenten waren, mit denen er Dinge von allgemeinem Interesse: Fragen der Literatur, der Politik, der Religion, des menschlichen Charakters und Lebens besprach, während er mit verschiedenen andern Freunden mehr landwirtschaftliche und technische Dinge zu behandeln hatte, die auf Verständnis und Interesse in weiteren Kreisen nicht rechnen könnten. Potsdam, November 1909. Lili du Bois-Reymond. Potsdamerstr. 130 III. 20. 3. 86. Mein lieber Herr Hensel! Fast den ersten ruhigen Augenblick, seitdem ich das Vergnügen hatte, im Kreise der Ihrigen so freundliche Stunden zuzubringen, benutze ich, erstlich, um Ihnen nochmals hiefür zu danken, und zweitens, um bei Ihrer liebenswürdigen Jugend meine erschütterte orientalische Reputation wiederherzustellen. Auf nebiger Seite erscheint der Mann mit den Koks Die Jugend des Hauses beschäftigte sich damit, den damals populären »Mann mit den Koks« in möglichst viele Sprachen zu übersetzen. Von dem weitgereisten Eyth war stürmisch ein Beitrag zu der Sammlung verlangt worden, und er sandte eine ägyptisch-arabische Niederschrift, wovon hier ein Teil steht. in Burnus und Tarbusch, und wenigstens mit einem Reim geschmückt. Sollte Ihr arabischer Haus- und Hofgelehrter ihn wieder gewaltsam und wörtlich in unser geliebtes Deutsch übertragen, so stoßen Sie sich an einem kräftigen Lokalton nicht, den ich kunstvoll in der letzten Zeile anzubringen wußte – mußte, um ehrlicher zu sein, denn es wollte sich anders nicht reimen. Ihr ganz ergebener M. Eyth. Ps. Entschuldigen Sie doch, daß ich diese leichtfertigen Zeilen nach Ihrem Bureau schicken muß. Straßennamen und Hausnummer Ihrer mir sonst unvergeßlichen Wohnung im fernen Westen habe ich vergessen. D. O. Al rage el fachme. Ja omma, el rage el fachme fe henna Bess: escot, ja walet, an' araf kedir. Fi flus? la, mafisch; min kelem aus fachme Neharde? Schuf, emschi, ja ibn el gansir! Ägyptisch-arabisch. M. Eyth. 19 Friedrichstr., Neu-Ulm, Bayern, 31.12.87. Mein lieber Herr Hensel! Nur einen herzlichen Glückwunsch zum Neuen Jahr an Sie und all die Ihren. Möge es Ihnen im Kreise Ihrer Lieben, in welchem Sie leben und weben, wie wenige, alles bringen, was ein solch kleines Paradies des Schönen und Guten bringen kann, und Sie vor Schlangen und Bäumen der Erkenntnis jeder Art bewahrt bleiben, die es ja leider in jedem Paradiese geben soll. Ich, als ein Outsider, darf mich in paradiesischen Dingen nur mit der größten Vorsicht Vermutungen über deren innere Einrichtung hingeben, weshalb ich auch nicht weiter draufloswünschen will. Sie wissen hoffentlich, daß es mir in der Hauptsache sehr ernst ist. Ihre freundlichen Zeilen und gestern Fräulein Lilis köstliches Kunsterzeugnis haben mich glücklich gefunden; allerdings nach einigen Schwierigkeiten. Bedenken Sie, daß Sie beides in ein falsches Königreich schickten. Wir wohnen in Neu-Ulm, in Bayern; Ulm liegt im Ausland, in Württemberg. Die beiderseitigen Postverwaltungen sind nicht nur durch heilige Reservatrechte scharf getrennt; sie liegen sich auch infolge echt deutschen Nationalgefühls beständig in den Haaren. Es ist zwar nur 2 1/2 Minuten von unserm Hause nach Ulm-Württemberg. Man muß trotzdem sehr berühmt sein, und die Achtung der Einwohner von zwei Königreichen in hohem Grade besitzen, wenn unter solchen Umständen ein Brief, und gar ein Paket, verlockende Eßwaren enthaltend, über die Grenze herüber seine Adresse finden soll. Ein Ulmer Bürger und Bäckermeister, der seine Wanderjahre teilweise in Konstantinopel zugebracht hat, schickte vor etlichen Jahren an den Sultan eine Schachtel »Ulmer Brot«. Es ist nicht aus Marzipan; doch sind die Ulmer stolz darauf, wie auf ihren Spatzen. Nach einiger Zeit bekam der Mann ein türkisches Dankesschreiben, das jetzt noch an den zahllosen Stammtischen der guten alten Reichsstadt etwas bierbeschmutzt, aber vielbewundert herumwandert. Es kann's nur ein eingeborener Gelehrter mit Hilfe mehrerer geborgter Lexika lesen. Derselbe versichert glaubhaft, der Sultan spreche von dem »Paradiesesbrot, das ihm Stunden des reinsten Entzückens bereitet habe«. Ähnlich ich, und noch viel mehr. Da ich noch nicht Sultan bin. Bitte, sagen Sie dies Fräulein Lili, bis ich ihr selbst zu danken komme. Und nun leben Sie wohl. Sie sehen, daß ich die Weihnachtsfeiertage, auch den sechsten und siebten, in plauderhaftem Behagen genieße. Wie könnte es auch anders sein, wenn mir aus weiter Ferne die Genüsse zuströmen. Ihr stets ergebener M. Eyth. Neu-Ulm, Friedrichstr. 19. 12.90. Verehrter Freund! In diesem Jahr hat meine halbe Vaterstadt Ulm endlich einmal etwas produziert, mit dem sie sich sehen lassen kann. Da dies seit mehreren Jahrhunderten nicht mehr passiert ist, sind wir nicht wenig stolz. Auch solche, deren religiöses Gefühl noch sehr entwicklungsbedürftig ist, fühlen sich gehoben im Besitz des größten Kirchturms der Welt. Die andern, die nur kleinere Kirchtürme haben, wie z.B. die Berliner, müssen uns verzeihen, wenn wir zu unserm Ruhme den unsern zu verbreiten suchen, wo und wie wir können. Der Ulmer Spatz, der uns seit dem 15. Jahrhundert eine zweifelhafte Berühmtheit erwarb, hat nun ein Kirchendach gefunden, auf dem er in Ehren wohnen kann. Dabei denke ich besonders an meine Berliner Freunde, deren Spielschachtelkirchlein den Kamerunern zum Gespötte dienen. Selbst aus Ihrem vielbesprochenen Dom scheint nichts zu werden, als ein Staubwirbel in Architektenkreisen, zweimal so hoch als das Ulmer Münster. Da lob' ich mir meine hiesigen Mitbürger. Sie trinken stumm ihr Bier und plötzlich steht etwas da, das um mehrere Meter höher ist, als die Pyramide des Cheops. Sie müssen mir unter diesen Umständen schon verzeihen, daß ich Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin den Stolz und die Freude der Ulmer in etwas verkleinertem Maßstabe auf den Weihnachtstisch zu legen suche. Möge Sie das kleine Andenken an Weihnachten 1890 und an Ihre süddeutschen Freunde gesund und fröhlich antreffen, und möge es noch viele Jahre lang aus einem bescheidenen Eckchen Ihres Heims heraus unsern Berliner Bekannten eine stumme Predigt darüber halten: Wie man Kirchtürme baut. Mit herzlichen Grüßen an groß und klein Ihr stets ergebener Eyth. 19 Friedrichstraße, Neu Ulm, den 26. Dez. 91. Verehrteste Frau du Bois! Es läßt sich verstehen, daß Sie von diesem Jahre mit bitteren Gefühlen scheiden; es wäre schwer zu verstehen, wenn es anders wäre. Ich danke Ihnen deshalb doppelt für Ihren freundlichen Gruß. Die lieben Gewohnheiten aus glücklicheren Tagen bringen dieselben zurück. Sproßt doch das Leben immer wieder aufs neue, auch aus Gräbern. Das beifolgende Büchlein paßt wohl für ernste Stimmungen. Ob es für die Ihre paßt, weiß ich nicht. Ich lese es gegenwärtig meiner Mutter vor und dabei hat mich's höchlich interessiert. Ein eigentümliches Pendant, wenn man der Sache auf den Grund geht, zu Robert Elsmere, von dem wir ja gelegentlich auch sprachen; d.h. wenn das ganze Gegenteil nach Form und Inhalt ein Pendant sein kann. Und doch in beiden ein Funke von wirklichem, wahrem Leben, wo es am tiefsten ist. Wie ganz anders, als was unsre verknöcherten Theologen und papierenen Philosophen zustande bringen! Es geht mir mit geschenkten Büchern regelmäßig so: sie treffen mich selten oder nie in der Verfassung, die sie voraussetzen. Sie stehen Jahre – Jahrzehnte lang in einem Winkel, und warten. Und wenn es gute Bücher sind, so kommt ganz plötzlich und unerwartet der Augenblick, in dem sie mir einen großen Genuß bereiten. Ich habe eine Anzahl solcher Bücher noch heute auf Lager, die noch nicht lebendig geworden sind. Versuchen Sie das Experiment mit Drumond. Stellen Sie ihn in einen Winkel. Vielleicht kommt er plötzlich einmal herausgekrochen. Mit dem herzlichsten Wunsche – Ihnen und den Ihrigen – daß ein glückliches neues Jahr die Wunden des alten heilen möge Ihr ergebener Eyth. Nachschrift. 2. Januar 1892. Eine volle Woche lag dieser Brief hier. Zunächst hatte ich nämlich die Entdeckung zu machen, daß das »beiliegende Büchlein« Drumonds Naturgesetze in der Geisterwelt, in Ulm überhaupt nicht mehr zu haben war. Ein Brief an die Verlagsbuchhandlung brachte gestern die Nachricht, daß kein Exemplar mehr da sei und erst nach Eintreffen von Remittende- oder Fertigstellung der nächsten Auflage expediert werden könne. Da sitze ich nun, mit dem immerhin tröstlichen Gefühl, daß ein gutes Buch trotz allem auch in Deutschland noch »geht«. Sie muten einem vielgeplagten Mann nicht zu, wegen einer solchen Lapalie – dem Fehlen des Wichtigsten – einen neuen Brief zu schreiben. Und schließlich ist es ja auch gleichgültig, ob Drumond in Leipzig oder in Berlin auf die Stunde wartet, in der Sie nach ihm greifen werden. So möge der Brief der Vorläufer des Buches sein, das ich Ihnen hoffentlich bald selbst bringen kann. D. O. 130 Potsdamerstraße, Berlin, 13. Sept. 92 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! »Ein böses Gewissen ist ein schlechtes Ruhekissen, sagen und fühlen die Alten aus der Zeit vor Sonnenaufgang.« So schreib ich denn so bald ich kann – ich konnte wahrhaftig nicht früher – mit herzlichem Dank dafür, daß Sie mir zweimal ein großes Vergnügen gemacht haben. Verzeihen Sie, daß es nicht früher geschah! Zuerst Kipling. Das ist eine Geschichte, die noch packt. Der volle Pulsschlag des wirklichen Lebens in seiner Lust und Bitterkeit. Ich sag's ja! Wie sich das anders liest, als die mühseligen Konstruktionen aus der Papierwelt unserer Heyse, Sudermann, und wie sie alle heißen, alt und jung. Aber so kann man eben nur schreiben, wenn man lebt und gelebt hat, was ohne Zweifel auch seine zwei Seiten haben mag. Ich mußte dabei viel an Zolas L'oeuvre denken, mit dessen Grundgedanken die Kiplingsche Geschichte viele Ähnlichkeit hat, wenn man tief genug geht: Die Selbstverbrennung des Menschen in seiner eignen Tätigkeit. Und der Unterschied des englischen und französischen Temperaments in den Krallen derselben Teufelswahrheit ist höchst pikant: hier die aktive, elementare Muskelkraft, dort die passive Nervosität, beide an sich selbst zugrunde gehend. Merkwürdig ist mir auch Miß Maisie. Daß die Frauen härter sind als wir, wußte ich schon längst. Aber so! Es ist doch kaum möglich. Und doch weiß Kipling im allgemeinen was er sagt. Nun zu wichtigerem: den posthumen – verzeihen Sie! – den posthymenen Werken der von uns allen hochverehrten, erst kürzlich dahingeschiedenen Lili Hensel. Was wünschen Sie: einen Lobgesang oder eine Kritik, Diese Kritik bezieht sich auf eine Novelle, die damals in der »Deutschen Rundschau« erschienen war: Drei Geschichten von Frau Paschke. a) Die unwahrscheinliche, b) Die wahrscheinliche. c) Die wahre. denn auch ich bin nach Lessing geboren. Das erstere ist eine Pflicht, die mir leicht wird. Denn die Erzählung liest sich flott und fließend und ist vollgespickt mit niedlichen Gedanken, die, wie schwarze Rosinchen, aus dem vortrefflichsten aller Napfkuchen – so heißen sie doch? – uns entgegenwinken. Die ganze Tendenz ist untadelhaft; ein bißchen wie ein Heinesches Gedicht mit seiner ironischen Schlußwendung zur Verherrlichung der Prosa des Lebens. Doch das hat längst den Stempel der Klassizität erhalten. Das arme Männchen spielt eine etwas betrübte Rolle. Aber das ist nicht mehr als billig in einer Frauengeschichte. Und dann kommt es ja, fast überraschend bald, in ein besseres Jenseits, wo nicht mehr gefreit noch gespielt wird. Kurz, bis hierher bin ich voll Lobes und aufrichtig, wobei ich hauptsächlich die Geschichte im Auge habe. Nun kann ich aber nicht helfen; die kritische Batterie will auffahren. Zuerst ein kleines Kanönchen. Das Bild ist hübsch; der Rahmen gefällt mir nicht. Die drei Geschichten a, b, c – das ist zu sehr Reflexionspoesie. Gewöhnlich versteckt man dieselbe so gut man kann. Geht das nicht, so ist es vielleicht klug, dieselbe so offen darzulegen. Aber sie zerstört den Glauben; auch an die wahre Geschichte c . Nun kommt aber ein Mörser, mit einem 350 Pfund schweren gußeisernen Rundgeschoß, wie es die alten Schweden zu schleudern liebten. Aus Rache. Denn seit zwei Tagen bin ich in der größten Not mit der Chronologie der drei Geschichten und werde nicht klug daraus. Die 27 ersten Dynastien der Pharaonen haben mich nicht heißer gemacht, seinerzeit in Ägypten. Gestatten Sie mir, Ihnen meine Not auseinanderzusetzen. Die Geschichte 2 beginnt mit einem roten Sonnenstrahlenabend, an dem der arme Paschke krank zu Bett liegt und seine schon etwas gebesserte Frau spazieren geht. Die »Mutter« erzählt ihre Geschichte, die sich auf Erlebtes, Beobachtetes und Vermutetes bezieht, bis sie zum Schluß in reine Zukunftsdichtung übergeht und der Frau Paschke ein nicht ganz unverdientes, gräßliches Ende bereitet. Auf dem gleichen Spaziergang erzählt nunmehr die viel lebenssicherere »Tochter« was sie weiß und vermutet, verläßt aber auch gegen das Ende der Geschichte den sichern Boden der Wirklichkeit – denn Paschke liegt ja noch immer, wie wir hoffen nicht allzu krank im Bett – läßt, wie billig, den guten, aber minderwertigen Paschke sterben, und bringt zum Trost von jedermann das kleine Paschken zur Welt. Das mag nun, seit einiger Zeit, das reine Fabulieren der Frau Doktorin sein, aber es geschieht in so überzeugendem Ton wahrheitsgetreuen Berichts, daß der naive Leser fest überzeugt ist, mit dem alten Paschke ist es wirklich aus. Nun »gegen Abend« kommt die wahre Geschichte c . Da schon zu Anfang der Geschichte a die Sonne untergeht, muß dies notwendig ein andrer Abend, vielleicht Jahre später sein. Die Witwe Paschke scheint getröstet, denn ihr Geschäft blüht, und sie erwähnt mit keinem Wort den verstorbenen Gatten. Am Schluß aber fängt der denkende, manchmal aber beispiellos vernagelte Leser an, sich zu wundern. War es eine Prophezeiung der Frau Doktor am Schluß der Geschichte b ? Ist diese nun buchstäblich eingetroffen? oder ist es doch umgekehrt? Und es ist nicht schön, den ordnungsliebenden Leser in einen solchen Zustand versetzt zu haben. Noch nach 200 Jahren verzeiht man es den Schweden nicht, daß sie in Deutschland so plumpe Kugeln rücksichtslos abgeschossen haben. Und sie wollten uns doch nur eigentlich gutes tun: den Protestantismus einführen. Fast mein Fall, und ich weiß, es wird mir ähnlich gehen. Milderungsgrund: Hochgradige Nervenerregung. Seit 14 Tagen bin ich gezwungen, den 3. Band meines Wanderbuchs, die Novellen u. s. w., wegen einer neuen Auflage zu revidieren. Vor 30 Jahren haben die kleinen Dinger noch gelebt, wirklich gelebt. Nun ist's mir, wie wenn ich braune, verhutzelte Kindermumien in neue, niedlich bemalte Bastbinden einwickeln sollte. So oft ich fertig zu sein glaube, fällt wieder ein Händchen oder ein Füßchen heraus, und ich muß frisch anfangen. Und das soll wieder leben, meint der Buchhändler. Es ist gräßlich. Gegen Weihnachten will ich sie Ihnen ausliefern. Dann ist die Rache an Ihnen. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, Ihrem verehrten Herrn Vater mit herzlichen Grüßen zu sagen, daß es mir leider nicht möglich war, und auch am nächsten Sonntag nicht möglich sein wird, seiner freundlichen Einladung Folge zu leisten. Es drängt sich wieder alles recht widerwärtig um mich herum: eine Kartoffelerntemaschinenprüfung, die Oktobersitzungen, München. Wenn ihm über Kainit irgend etwas fehlt, bitte ich nur um eine Zeile. Er hat ein heiliges Recht – Wert 20 M. – auf das ganze Wissen und Können der D. L. G. Die Idee in seinem Briefchen: daß ich etwas übelgenommen haben könne! Unerhört! Und nun – Gnade vor Recht! Ihr stets ergebener Eyth . An Sebastian Hensel. 130 Potsdamerstr. 13. März 92. Verehrter Freund! Ihre freundlichen Zeilen haben die meinen fast gekreuzt, denn nur wenige Stunden vor deren Empfang erfuhr ich durch Herrn Muhr, daß ich Ihnen und den Ihren sehr viel mehr Glück wünschen darf, als Sie mir. Denn bei Ihnen, sowohl bei Ihrem Herrn Sohn als bei Herrn du Bois, handelt es sich um den Aufbau und das Wachsen neuen Lebens, bei mir um die anständigen Formen des Absterbens nach deutschem Brauche. – Sehen Sie, die Sonne kommt doch wieder zum Vorschein. Also meine herzlichen Glückwünsche, auch Ihrer verehrten Frau Gemahlin. Sie haben recht: bei all diesen Dingen denkt man an die Frauen zuerst. Mir ging es wirklich wunderlich. Aber ich bin nun einmal der Haubenstock geworden, an den man die Sachen hängt, mit welchen man unsre D. L. G. zu schmücken für gut findet. Das gescheiteste ist, ich ertrage, was ich nicht vermeiden kann, mit stiller Ergebung. Nein; der Adel hat mit dem württembergischen Hofrat nichts zu tun. Es sollte mich aber nicht wundern, wenn ich noch ein paar Jahre älter und schwächer werde, wenn auch das noch kommt. Nichts soll mich mehr wundern. Unter den zahlreichen Glückwünschen, die mir aus allen Enden und Ecken des Reichs zugehen, sind natürlich auch die landwirtschaftlichen Poeten in liebenswürdigster Weise tätig. Freund Schultz, Lupitz, als würdiger Vorsitzender der Düngerabteilung, dichtet: Hofrat bist Du – Geheimrat dazu, Wir sagen »all right!« – Doch bleibst Du unser Eyth. Darauf schwang ich mich nun auf den Pegasus, mit folgendem Resultat, das ich Ihnen ganz insgeheim mitteile, weil damit die Episode am einfachsten abgemacht ist: Meines Lebens Stolz, meines Treibens Würze War der schlichte Name, das kurze »Eyth«; Doch der Kurze rühme sich nicht seiner Kürze. Nun ist es vorbei mit der Herrlichkeit. Geheim soll ich wandeln auf zierlichen Sohlen, Kniehosen und Strümpfe und höflichsten Sinn Empfiehlt man mir dringend. Der Teufel soll's holen! So Gott will, bleib' ich so kurz wie ich bin. Herzlich grüßend Ihr Eyth. Neu-Ulm, 9. Jan. 93. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Im Trubel der allgemeinen Weihnachtsfreuden und meiner speziellen Münchner Leiden – das süddeutsche Geflügel wehrt sich mit Händ' und Füßen gegen norddeutsche Rasseneinteilung – versäumte ich bis heute, Ihnen für die große Freundlichkeit zu danken, mir sogar etwas zu schicken, das Sie selbst nicht besaßen. Das geht gegen alle Gesetze der uns bisher bekannten Natur, so daß wir Gefahr laufen, wenn es so fortgeht, bald nur noch auf dem Gebiete der vierten Dimension zu verkehren. Da will ich aber doch lieber Marzipan essen und am liebsten warten, bis Sie wieder Zeit haben, Ihre unschätzbaren Kunstwerke auf dem Gebiet süßer Plastik persönlich herzustellen. Ich bitte herzlich, lassen Sie uns davon nicht abgehen. Auch ich hänge am Hergebrachten. Siemens' Werner von Siemens' Lebenserinnerungen. Buch kannte ich teilweise schon. Es ist ein schönes und gutes Stück aus dem vollen Menschenleben, und wie voll ist es in unsrer Zeit, die buntere Odysseen dichtet als der alte Homer, wenn wir es nur immer merkten. Ich werde Ihnen das Buch sorgfältig bewahren, und in nicht zu langer Zeit wieder zustellen. Es ist Ihnen besonders wertvoll durch die Art, wie es in Ihre Hände kam, und die Kunst, mit der Sie es zu freundlicher Taschenspielerei zu benutzen wissen. Aber nicht wahr, wir lassen es beim Marzipan. Ich bin ja geduldig, und die nächste Weihnachtszeit ist in elf Monaten schon wieder da. Mit herzlichen Grüßen – wenige Stunden vor meiner Abreise nach München –, auch an Herrn du Bois-Reymond, an Ihre verehrten Eltern und an die ganze nächste Generation von Ihrem stets ergebenen Eyth. München, Goethestraße 12, II. 8. Mai 93 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Auch die Ehrlichkeit muß man nicht zu weit treiben. Ich wäre schließlich schon gekommen. Aber seit Anfang März bin ich nicht mehr in Berlin, hatte also nicht die Möglichkeit, es zu tun, und seit sieben Jahren habe ich im Mai kaum Zeit, eine Zeile zu schreiben, die sich nicht auf Vieh oder Kohl bezieht. Nach Chorin also führe ich die Expedition – nach Chorin oder in jedes andre Ihnen genehme ruinierte Kloster. Ein Bußgang. Es war in der Zeit des Septennats. Wir hatten mit Eyth gewettet, daß der Reichstag die geforderte Erhöhung der Präsenzstärke des Heeres für sieben Jahre nicht bewilligen werde. Der verlierende Teil sollte eine – lange geplante – Partie nach Chorin veranstalten. – Denn es ist wirklich eine unsagbare Schmach, ein sogenannter Deutscher zu sein; und man kann doch eigentlich nichts dafür. Ich glaube nicht, daß Bosheit der Grundzug unsers Charakters ist, aber unglaubliche Dummheit, die fast aufs gleiche hinauskommt. Und dann die physische Unmöglichkeit, zu sehen, was alle Welt sieht, die wir unsern Schulmeistern verdanken. Wenn uns nicht eine eiserne Faust zusammenschweißt, und die Fremden mit Fußtritten zwingen, ein Volk zu sein, geht's nun einmal nicht. Ein großes Volk mit verkrüppelten Herzen und verdrehten Köpfen. Die Fußtritte werden wir bald genug wieder bekommen. Ich freue mich drauf. In rosigster Stimmung, wie Sie sehen, mit herzlichen Grüßen an die werten Ihrigen Ihr sehr ergebener Eyth. An Sebastian Hensel. Berlin, Potsdamerstr. 130. 14. Nov. 93. Verehrter Freund! Es wäre wohl am Platze gewesen, Ihnen mein Beileid etwas früher zu bezeugen. Aber wie es ja meistens geht, gestaltet sich der erwartete ruhige November zu einem stürmischen Regenmonat, in geschäftlichem Sinn, der mir alles mögliche Unerwartete am Dach unsrer D. L. G. zu flicken gibt – Kalidüngerkrämpfe, Kartoffelprüfung (ich habe dabei allerdings nur den Koch und Küchenmeister zu spielen, aber schon hiervon verstehe ich nichts), Bauverträge und Baupläne für die Berliner Ausstellung u. s. w. Und so komme ich erst heute dazu, Ihnen und den werten Ihrigen mein Bedauern darüber auszusprechen, daß Ihr kleines Volk eine Invasion der kleinsten Völker, die uns von Zeit zu Zeit das Leben erschweren, über sich ergehen lassen muß. Hoffentlich nimmt oder nahm die Sache einen milden und raschen Verlauf. Mir selbst machen Bazillen, welcher Art sie auch sein mögen, blutwenig Sorge. Die Menschheit hat mit und neben den Tierchen 5 bis 50 000 Jahre harmlos gelebt, und hat in dieser Zeit sichtlich nicht abgenommen. Wozu sollen wir plötzlich soviel unnötige Vorsichtsmaßregeln gegen diese Geschöpfchen ergreifen, die vom Anfang an zu unsern intimsten Haustierchen gehörten. Doch ist es ebensowenig nötig, den Transport meiner Skizzenbücher zu beschleunigen. Ich weiß, daß sie bei Ihnen nicht nur besser aufgehoben sind als bei mir, sondern überdies ein Gastrecht genießen, wie es ihnen noch nie zuteil geworden ist. Mit den besten Wünschen für die Wiederkehr normaler Zustände Ihr ergebener Eyth. Berlin, Potsdamerstraße 130, III. 4. Dezember 94. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Herzlichen Dank für Ihre freundliche Teilnahme. Ich bin zwar den Klauen des Arztes noch nicht entwischt, doch – behauptet er – mache ich unter denselben die erfreulichsten Fortschritte. Aber unter keinen Umständen würde ich dulden, daß Ihr Herr Vater den wilden Gedanken einer Bergbesteigung in der Potsdamerstraße zur Ausführung zu bringen versuchte. Erstens gehöre ich in der Tat, wie Sie richtig vermuten, zu den »menschenscheuen Kranken«, bin sogar ein extremer Fall dieser Gattung. Zweitens ist es ja ganz unmöglich! Dagegen wird es mich herzlich freuen, den alten Freund zu empfangen, den Sie mir versprochen. Hierfür zum – Ich muß Ihnen diese Zeilen schicken, wie sie sich auch gestalten, denn die Sache ist allzu wunderlich! Zwischen dieser und der vorigen Seite liegt der Besuch Ihres Herrn Vaters! Hierfür zum voraus meinen herzlichen Dank, wollte ich schreiben, und schreibe es doppelt gern, nach einer solchen Überraschung. Aber weshalb nennen Sie Ihr Buch schlecht? Das ist nicht recht und nicht natürlich. Oder ist die Mutterliebe ein so weit schwächeres Gefühl als die Vaterliebe, die wir bei manchem Schriftsteller in so rührender Weise entwickelt finden, und nur ganz mit Unrecht? Denn hätte er der Liebe nicht u. s. w. Ihr stets ergebener Eyth . An Julie Hensel. Berlin, 14. Dez. 94. Verehrteste Frau! Ihre freundlichen Zeilen haben mich herzlich gefreut, wenn sie mich auch nicht ganz aus einer Stimmung reißen konnten, die nicht meine gewohnte ist und hoffentlich nie werden wird. Seit einigen Tagen ist mir, und auch meinem Arzt, ziemlich klar, daß sich bei mir ein Leiden eingestellt hat, das ein treuer Begleiter des Menschen zu bleiben pflegt, bis er selbst aufhört, sich begleiten zu lassen. Ein Mann, der seit seiner Jugendzeit leidlich gesund zu sein glaubte, braucht ein paarmal 24 Stunden, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen und damit zu rechnen. Doch hoffe ich, habe ich bereits nicht ohne Erfolg begonnen, die kommenden Subtraktionsexempel – um solche handelt es sich zunächst hauptsächlich – zu studieren. Früher oder später sind sie ja doch unvermeidlich. Sie sprechen, denke ich, in Ihrem wohltuenden Briefe allzuviel von Opfern. Man tut schließlich, was man nicht lassen kann, nicht den andern zu gefallen, sondern dem eignen Triebe folgend. Das ist wirklich mein Fall. Nichts liegt mir ferner als das Gefühl, damit Opfer gebracht zu haben. Es wäre ja auch barer Unsinn. Ob es klüger ist, sich dem weiteren oder engeren Kreise zu geben, das entscheidet wohl auch nicht die freie Wahl, sondern die innere Notwendigkeit, mit der wir auf die Welt kommen, und die den einen dahin, den andern dorthin weist. Gut, daß es so ist; denn zu wenige gingen sonst ins Weite. Es ist ihnen allzu selten gegeben, mit Befriedigung auf das zurückzublicken, was sie leisten konnten, und man merkt das bald genug. Auf kurze Zeit trägt sie die Woge des Lebens, und plötzlich zieht die Flut weiter, die sie zu treiben meinten, und sie fühlen, daß sie versinken. Die Geschichte des Tropfens im Ozean. Und doch haben sie vielleicht das ihrige getan. Sollte dies nicht genügen, im kleinen und großen, im engen und weiten? Bitte, sagen Sie Herrn Hensel, wie sehr mich sein Buch über Witt Karl Witt, ein Lehrer und Freund der Jugend, geschildert von S. Hensel (Berlin 1894. B. Behrs Verlag). gefreut hat, das ich erst gestern beendete. Nicht bloß den wackren, schlichten Witt, auch eine Anzahl Hensels lernt man daraus besser kennen und schätzen, als in den wenigen Augenblicken, die man im Leben oft so müßig verplaudert. Namentlich geht es den Schwaben so, denen es nun einmal nicht gegeben ist, das Herz auf der Zunge zu haben. Morgen gehe ich nach Ulm und hoffe in den nächsten drei Wochen mich leidlich zu erholen. Wie es dann weiter geht, wird sich wohl zeigen. Ihnen aber, verehrte Frau, meinen herzlichen Dank für den Abschiedsgruß, den Sie mir auf den Weg geben. Ihr ergebenster Eyth. An Sebastian Hensel. Neu-Ulm, 5. Jan. 95. Mein lieber Freund! Sie haben zum erstenmal im neuen Jahr die Feder für mich eingetaucht; ich tauche sie zum letztenmal für Sie in Ulm ein. Letzteres hat allerdings eine wesentlich weniger erhebende Bedeutung. Sie müssen mich damit trösten, daß wenn jeder sein Möglichstes in seinem Kreise tut, wir leidlich zufrieden sein sollten. Heute abend gehe ich nämlich nach Stuttgart. Das unangenehme Kranken- und angenehme Faultierleben hat ein Ende. Dann nach Köln, wo ich am Donnerstag den Vätern der Stadt und ihren Kindern ins Gewissen reden muß; eine nicht allzu leichte Sache in Kreisen, die in Handel und Industrie aufgehen und von der Landwirtschaft und ihren Nöten möglichst wenig hören wollen. Hierauf kommen ein paar Tage lieblicher Verhandlungen mit Unternehmern von Erdarbeiten und Bauten, alle fest entschlossen, mir und der D. L. G. die Haut abzuziehen, und schließlich folgt Berlin. Die schönen Monate meines Jahres sind nun wieder vorüber. Wie mir die häßlichen diesmal behagen werden, muß sich noch zeigen. Ulm, die mütterliche Küche und meine kleine Kur haben mir gut getan, aber so ganz neugeboren fühle ich mich trotzdem nicht. Dies ist auch nicht nötig. Mein Ehrgeiz beschränkt sich darauf, den Heimtücken der menschlichen Natur auf fünf Monate durch übermenschliche Schlauheit zu entgehen. Gelingt das, so will ich zufrieden sein. Für Ihre freundlichen Neujahrswünsche herzlichen Dank! Hoffen wir das Beste für uns alle, wie wir dies schon etliche 50-60 mal mit mehr oder weniger Erfolg getan haben. Sie haben recht; es bleiben im menschlichen Leben noch immer erträgliche Seiten, so bitter andre sein mögen. Wie in Landschaften. Die ödeste kann schließlich durch ihre Öde ein wunderbares Bild werden. In wesentlich anderm und doch etwas ähnlichem Sinne fällt mir auch heute wieder Ihr Freund Witt ein, der mich viel beschäftigt hat. Man fragt sich unwillkürlich, ob die innere Schönheit dieses überaus schlichten Lebens einen genügenden Ersatz bietet für das, was der Mann hätte sein und werden können, wenn seine unzweifelhafte, edle Charakterstärke das Übergewicht über seine rührende Bescheidenheit gewonnen hätte; wenn er mehr aktiv als passiv gewesen wäre. Die Antwort hängt wohl von unsrer eignen Stimmung ab: ja und nein. Das Beste aber ist wohl, daß Menschen wachsen, die der einen, und andre, die der andern Stimmung gerecht werden. Wir brauchen beide. Ja – das Buch ist von meiner Mutter, in dem von Ihnen verstandenen Sinn. Die Sachen erschienen ursprünglich stückweise, in den vierziger und fünfziger Jahren größtenteils, in dem Jahresalmanach »Christotherpe«, den damals Knapp in Stuttgart herausgab, und wollten nie etwas anderes sein, als lose Gedanken, wie sie das Leben bringt. Mein Vater, der von jeher eine Freude am Büchermachen hatte, besorgte dies und das weitere. Sonst wäre wohl nie ein Buch daraus geworden. Es freut mich von Herzen, daß es Sie freut. Für mich ist es natürlich etwas mehr als ein bloßes Buch, wenn ich auch, wie Sie, vieles nicht unterschreibe. Doch genug – schon zu viel des Plauderns. Es hat nun ein Ende, auf Monate. Meine Koffer wollen gepackt sein. Herzlich grüßend Ihr Eyth. An Sebastian Hensel. 130 Potsdamerstr., Berlin, 5. Febr. 95 Verehrter Freund! In re Kartoffelkrankheit. Einer meiner Großonkel in Stuttgart hatte eine alte Magd von hervorragender landwirtschaftlicher Vorbildung. Dieselbe erklärte uns, daß die Kartoffelkrankheit die Folge der Eisenbahnen war. Entweder kam sie vom Rauch der Lokomotiven, an den die Kartoffeln nicht gewöhnt waren, oder vom Teufel, der sich infolge der Verkehrserleichterung in allen Teilen des Ländchens viel tätiger zeigen konnte. Das böse Prinzip gibt uns keinen festen chronologischen Anhaltspunkt, da es in Schwaben seit Urzeiten bemerkt wird. Dagegen wurde die erste Eisenbahn von Stuttgart nach Ludwigsburg im Jahr 1846 festlich eingeweiht, woraus wir mit Hilfe der Magd meines Onkels schließen dürfen, daß die Kartoffelkrankheit in Württemberg um 1847 auftauchte. Dies stimmt genau mit Professor Dr. Frank, der größten Autorität Berlins in diesen Dingen. Derselbe schreibt mir soeben: »Die Kartoffelkrankheit brach als Epidemie in Europa zuerst 1845 aus.« Die Schwaben kamen von jeher kurz – ungefähr zwei Jahre – hinter Europa. Wir können den Punkt somit als aufgeklärt erachten. Es wäre gewiß nützlich, wenn Sie dieses Beispiel unsrer gemeinsamen, gewissenhaften Geschichtsquellenforschung dem leichtfertigen Herrn Treitschke zu Gemüt führen wollten. Herzlich grüßend Ihr Eyth. An Sebastian Hensel. Köln, Christophstr. 39. 12. Mai 95. Verehrter Freund! Beim besten Willen kann ich Ihnen nicht mehr als einen herzlichen Gruß und Dank für Ihre Glückwünsche senden. Ich stecke in tausend Nöten, schlimmer als je. Köln hat zwölf Bürgermeister! Es ist fast mehr, als ich tragen kann. Ihr treuer ergebener Eyth . Berlin, Potsdamerstr. 130, III. 31. Aug. 95 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Sie gehen mit meinen literarischen Skizzen um wie Ihr lieber Herr Vater mit meinen Federzeichnungen. Wo und wie werde ich, wenn ich nächstes Jahr wieder in die wilde, weite Welt hinaus ziehe – vorausgesetzt, meine Knie, an denen ich infolge eines kleinen Bergsturzes seit drei Wochen herumkuriere, tragen mich wieder – wo werde ich für beides die unverdiente Anerkennung finden, die dem schwachen Menschen wohl tut? Von Stevenson habe ich wohl das meiste gelesen, und wie Sie aufrichtig mich daran gefreut. Nicht sehr tief, aber gesund; mehr Muskeln als Nerven. Ärgerlich ist mir, daß er mich in den letzten Jahren seines Lebens dadurch etwas ärgerte, daß er uns Deutschen in Samoa ein arger Dorn im Fleische war. Das hat aber mit seinen Büchern nichts zu tun. Ein andres feines Buch, das mir in meiner Sommerfrische in die Hand fiel, könnte ich Ihnen leihen, wenn Sie einmal sehr ernsthaft aufgelegt sind: Mc. Larens » Beside the bonnie briar bush «. Uhde in Buchform. Der andre Pol von Kipling in menschlichem Denken, Fühlen und Leben. Und doch unverfälschte Natur, wie dieser in seinen besten Sachen. Das Leben zeitigt eben wundervolle Gegensätze, ohne sich selbst untreu zu werden. Ihr lieber Vater, der mich gestern besuchte, verhalf mir dazu, daß ich Ihren ritterlichen Kampf gegen den ungekämmten Struwelpeter und für den einäugigen Polyphem nicht übersah. Ein Feuilleton über gute und schlechte Kinderbücher in der »Nationalzeitung«. Der Aufsatz ist ganz vortrefflich in Form und Zweck. Allerdings kann der deutsche Widerspruchsgeist auch einiges für den hausbackenen, boshaften Struwelpeter vorbringen. Ist nicht am Ende Platz für beide in der Welt; selbst in der Kinderwelt, wenn man sie vorsichtig mischt. Vor der Mischung von gut und bös, schön und häßlich, hausbacken und phantasievoll, sinnig und blödsinnig, die das Leben bietet, können Sie gar bald die Kleinen doch nicht schützen. Schließlich kommt es darauf an, beizeiten beides ertragen und genießen zu lernen. Herzlich grüßend Ihr ergebener Eyth . Berlin, Potsdamerstr. 130, III. 18. Sept. 95. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Für Ihre freundlichen Zeilen danke ich Ihnen sozusagen zwischen Köln und Hamburg. Denn erst vor ein paar Tagen kam ich von meiner Dreschmaschinenprüfung zurück und heute abend werde ich die Hamburger Kaufherrn trösten, welche befürchten, für unsre Ausstellung einen Garantiefond zeichnen zu müssen. Das Dreschen hat meinem Knie gut getan. Seitdem es wieder etwas in Ruhe kommt, geht es ihm wieder schlechter. Sichtliche Böswilligkeit. Das Buch haben Sie wohl erhalten. Vgl. den Brief vom 31. August. Ich fürchte, es wird Ihnen nicht behagen. Man muß schottisch können, um es zu genießen: erstens den Dialekt und zweitens diese ganz merkwürdige Geistesrichtung eines ganzen Volkes, für die wir in Deutschland kaum mehr ein Verständnis haben – und vollends in Berlin! – Sie werden vielleicht protestieren. Aber der Luft, in der man aufgewachsen ist, entgeht man nicht. Mit besten Grüßen in entschuldbarer Eile Ihr sehr ergebener Eyth . Ich vergaß die Photographie: Ich muß nämlich vorerst nachsehen, welche Aufnahme Ihr Herr Vater mitgenommen hat. Ich besitze drei oder vier; über die meisten schimpfen meine Freunde. Sie wollen nun doch diejenige haben, die keine Karikatur ist. D. O. Träumerei im Lehnstuhl Es wird Dir schwer, hört ich Dich klagen, Der Kunst, den Künstlern nachzugehn. Wozu auch, wenn aus alten Tagen Die großen Geister auferstehn? Die Dich erfreut, entzückt einst hatten, Da kommen sie: ein wenig bleich; In Schwarz und Weiß. Drum sind es Schatten, Und so ist's Brauch im Schattenreich. Der Raffael, fast ganz wie früher, So himmlisch rein, so wunderzart, Und Rembrandt, eh' er noch Erzieher, Ja, eh' er selbst erzogen ward. Auch Tenier, der auf fläm'scher Wiese Sich mit Behagen wälzt im Gras, Und Michelangelo, der Riese, Der vor der Götter Tafel aß. Dann Rubens, der mit goldnen Locken Und üpp'gem Fleische fröhlich ringt, Und unser Dürer, tief und trocken, Was nur ein Deutscher fertig bringt. Von Jungen auch der kleine Menzel, Der selbst die Jüngsten überragt. Und Werner, dessen Hofgeschwänzel Vielleicht nicht jedermann behagt. Du hörst in der begrabnen Meister Geflüster, was sie einst erregt. Du siehst den Kampf der jungen Geister, Wenn nur Dein Finger sich bewegt. Und bist Du's müde, sie zu rufen, So gehn sie willig, alt und jung; Und schöner malt Dir, was sie schufen, Die eigene Erinnerung. Meinem lieben Freunde Hensel zur Erinnerung an Weihnachten 1895. M. Eyth . An Sebastian Hensel. Neu-Ulm , 6. Jan. 96. Verehrter und lieber Freund! Herzlichsten Dank für Ihren, für meinen Athos. Eyth sprach öfter, halb im Scherz, halb im Ernst, davon, sein Leben unter den Mönchen auf dem Athos zu beschließen. Mein Vater hatte ein Bild gemalt, das Eyth auf dem Athos darstellte. L. du B.-R. Ich sehe, Sie ahnen etwas von dem Glück, dem ich entgegengehe. Das hat meine Freude an dem herrlichen Bilde verdoppelt, die selbst die Gruppe verkappter Epikuräer am Fuße des Berges nicht vermindern konnte. – Es war zwar, wie ich vermute, nicht Ihre Absicht, den Entschluß zu kräftigen, meinem Leben nach frommer, raubritterlicher Weise diese Wendung zu geben. Wenn Sie dies dennoch taten, so beweist dies nur, welch tiefe Wirkung Sepia, Ultramarin und Kobalt, von Künstlerhand aufgetragen, auf ein empfängliches Gemüt auszuüben vermag. Es beweist vor allem, von welch scheinbar unscheinbaren Stoffen unser Seelenleben bewegt wird. Sollte ein großer Berg nicht ähnlich und im Verhältnis mächtiger wirken können? Bedenken Sie nur den Unterschied, schon im bloßen Gewicht. Seit zwei Tagen liege ich in heftigem Kampf mit mir selbst. Mein Athos hängt mir gegenüber, reizvoll an der Türe unsers Speisezimmers angeheftet, so oft ich den verunglückten Hausvater spiele. Soll ich mich auf kurze Zeit von ihm trennen, was mir schwer wird, oder ihn nach Berlin entführen, wogegen meine Mutter protestiert, die, nachdem sie ihn zuvor beschimpfte – Sie können sich denken, weshalb – sich nun nicht mehr von ihm trennen will. Bis heute abend muß der Kampf entschieden sein; denn ich schreibe Ihnen am letzten Tage meines Hierseins. In Stuttgart steht mir ein andrer bevor: der Kampf mit einem geschlossenen Ring von Zimmerleuten und Bauunternehmern. Die Schwaben, die nicht so dumm sind als sie aussehen, hoffen dies von ihrem Landsmann und suchen mich zunächst zu zwingen, Bauverträge mit unerträglichen Baupreisen anzunehmen. Sie werden sich brennen. Übrigens wächst meine Sehnsucht nach Gegenden, in denen man am besten in Höhlen wohnt, bei jeder Berührung mit diesem Ottergezücht. Ihrer verehrten Frau Tochter, der Muse des Hauses, deren vielfacher Schuldner ich nachgerade werde, muß ich später antworten. Dazu gehört es sich, auf die nötige Inspiration zu warten. Der Himmel gebe, daß sie nicht ausbleibt und Frau du Bois-Reymond wird milde verzeihen müssen, wenn sie es tut. Inspirationen werden immer seltener in diesen schlechten Zeiten. Doch nun zum Schluß nochmals meinen Dank und nach meiner Art verspätete herzliche Glückwünsche an Sie und Ihr ganzes liebes Haus von Ihrem Eyth . An Sebastian Hensel. 173 Michelsberg. Ulm, 13. Jan. 96. Lieber und verehrter Freund! Sie machen einen so freundlichen und herzlich gut gemeinten Vorschlag mit einem Nachdruck von so wehmütig tragischem Ernste, daß es mir schwer wird, der Vernunft die gebührende Herrschaft über das Gefühl zu wahren. Und doch ist dies in unsrer Zeit und zu allen Zeiten eine heilige Pflicht. Sehen Sie: ich komme nach Berlin in der sogenannten »großen Woche«. In diesen acht Tagen werden wir voraussichtlich »sitzen« von morgens neun Uhr bis nachts sieben und acht Uhr mit einem Fleiß, der ans Groteske grenzt, namentlich, wenn man die Ergebnisse dieses phänomenalen Eifers damit vergleicht. Dann verlangen die guten Freunde, mit denen man den Tag durchgestritten hat, nicht mit Unrecht eine halbe Nacht, um in allen möglichen vergnüglichen Formen Freundschaft und Versöhnung zu pflegen. Den Rest der Nacht nimmt der murmeltierartige »Schlaf des Gerechten« dringend in Anspruch. – Wenn Sie das alles mitansehen müßten, würden wir uns beide acht Tage lang bitter darüber ärgern. Glauben Sie mir: es ist besser, ich leide allein. – Nach Schluß dieser fürchterlichen Woche, am 19. Februar, gedenke ich noch ein paar Tage in B. zu bleiben. Dann komme ich zu einem gründlichen Nachmittagsbesuch zu Ihnen, wenn Sie und die lieben Ihrigen wohl genug sind, um unter Besuchen nicht zu leiden. So, glaube ich, ist es für uns alle recht und richtig. – Auch für die zweite Photographie danke ich Ihnen aufs beste, die beiden bilden nun zwei hübsche Pendants: Jugend und Alter im Schatten der grünen Bäume, die Sie, nach Patriarchenart, auf den Sandhügeln Ihrer nordischen Wüste gepflanzt haben. – Mit Ihrem Urteil über deutsche Zeitschriften verglichen mit denen andrer Nationen bin ich völlig einverstanden, und »noch mehr so«; wie, wenn ich mich recht erinnere, Artemus Ward sagt. Was ist die Ursache dieses Jammers? Die Leute, die bei uns im praktischen Leben stehen, sind trotz oder infolge all unsrer Schulbildung merkwürdig plump und ungeschickt, ihre Gedanken und Erfahrungen andern in genießbarer Form mitzuteilen. Diejenigen, die denken und schreiben können, sind im allgemeinen ebenso unfähig, in ihrem Denken an das praktische Leben anzuknüpfen. Und dieses Leben ist so voll von Interessantem; und das kleine Ich, mit dem sie schöpfen, so kläglich bald leer geschöpft. Das scheint mir der Hauptgrund dieser Erscheinung. Aber der Grund dieses Grundes liegt tiefer: Rasseneigentümlichkeit, die durch verkehrte Pflege zur Krankheit geworden ist. Ich habe unter diesem Eindruck den Plan aufgegeben, mehr meiner Sachen den Zeitschriften anzubieten. Ich will nun mit noch zwei zu schreibenden Nummern direkt auf die Buchform losgehen, und das erste kleine Bändchen – es wird nicht einmal sonderlich klein werden – abschließen. – Der »Tartarenrebell« und das »Billardbein« sind beide bereits gesetzt, so daß es mir gelang, die Manuskripte den Druckereien wieder zu entlocken. Da Sie glauben, die beiden Nummern noch nicht gelesen zu haben, lege ich sie bei. Doch lesen Sie sie nicht, wenn es Ihnen angenehmer ist, sie in einiger Zeit gedruckt vor sich zu sehen. Auch glaube ich wirklich, Sie haben die Sachen in nur wenig andrer Form schon gesehen und nur vergessen. Das werden Sie sofort merken. Meine Pièce de résistance stellen für heute aber die »dunkeln Blätter« vor. – Warum Sie sich ärgern werden? – Ich glaube schon öfter mit geheimer Verwunderung bemerkt zu haben, daß Ihnen der Sinn für die Mystik der Menschennatur fehlt. Bei mir ist er ganz entschieden vorhanden, wenn auch vielleicht nur in der Form des Hangs nach der Poesie der Mystik. Die »dunkeln Blätter« streifen dieses Gebiet. Doch können Sie sie auch als eine Schilderung der verschiedenen Formen des Aberglaubens verstehen, die im Volksleben der Ägypter heute noch eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Noch im Jahr 63 nahm der Vizekönig Said-Pascha seinen Astrologen nach Paris und London mit, und ging auf dessen Rat rasch nach Alexandrien zurück, um dort zu sterben: was auch gelang. Ein Vorwort zu dem Abschnitt will ich Ihnen und mir ersparen. Er soll selbst sagen, was er zu sagen hat. Nur eins: es ist alles historisch, soweit Gerüchte im Munde der Leute von Kairo als Quellen dienen können. Nach andern habe ich vergeblich gesucht. Wenn Sie die Freundlichkeit haben wollten, wieder kritisch zu lesen und Randbemerkungen zu machen, wäre ich Ihnen herzlich dankbar. Die angeklebten Zettel sind nun doch als Fußnoten gedacht, da es unmöglich ist, für manche arabische Bezeichnungen deutsche Äquivalente zu finden, und das Nächstliegende deutsche Wort ganz falsche Begriffe in die Geschichte hineinbrächte. Wollen Sie gütigst andeuten, welche dieser Fußnoten wegbleiben könnten und wo Sie sogar eine weitere nötig fänden. Dann bitte ich, streichen Sie unbarmherzig Wiederholungen an, die Ihnen mißfallen. Ich werde Ihren Winken vielleicht nicht immer folgen, aber ich fühle, daß Sie einen wohltätig erzieherischen Einfluß auf mich ausüben. Das ist zum mindesten für die Zukunft ein gutes Werk. Nun aber zum Schluß. Herzliche Grüße an das ganze Haus, einschließlich des Nebenhauses. Ganz besonders wünsche ich Ihrer verehrten Frau Gemahlin und Ihnen selbst gesunde Wintermonate. Der Frühling soll dann weiter sorgen. Ihr stets ergebener Eyth. Berlin, Potsdamerstr. 130, III. 3. Febr. 96. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Sie sehen, ich suche mit tunlichster Geschwindigkeit meinen Mißgriff zu verbessern. Die beiliegende Photographie wird von meinen besten Freunden für die schlechteste der drei gehalten; aber ich habe noch schlechtere. Wählen Sie nun gütigst! Ich füge mich gerne auch in das von Ihnen erfundene neueste Wahlsystem, das viele Vorzüge hat. Ihrem lieben Vater meine herzlichsten Wünsche zur baldigsten Wiederherstellung des status quo seiner Gesundheit. Wie ihm, gefiel auch mir gestern manches nicht ganz. Doch müssen wir die Sache auch nicht allzu ernst nehmen. Meine Hauswirtin, eine zweiundachtzigjährige Frau, bekommt seit vier Jahren alle sechs Monate ein ähnliches kleines Nervenschlägchen, fällt um, zappelt ein wenig, ist einige Tage irgendwo steif und befindet sich dann wieder so wohl als zuvor. In Groß-Lichterfelde habe ich einen Freund, dem es seit acht Jahren ähnlich geht. Der hat allerdings viele Schmerzen dabei. Auf dem Heimweg habe ich gestern mit großem Eifer übersetzt. Dieser Teil der Epistel gehört übrigens Ihrem Herrn Papa! In tenuis labor ! Mein Vater hatte eine Biographie seines Freundes Walter Robert-Tornow geschrieben. Dabei war darüber gesprochen worden, wie dessen Wahlspruch: In tenuis labor wohl übersetzt werden konnte. – Ein Wahlspruch ist natürlich, wie ein feines kleines Gedicht, nicht wörtlich zu übersetzen, sonst kommt unbrauchbarer Unsinn heraus. Ich würde also zunächst sagen: »Treu im Kleinen.« Dies geht an als Übersetzung aus dem Lateinischen ins Deutsche und damit aus der Kopfsprache in die Herzenssprache. Ein zweiter Versuch ergab: »Spitze Dein Bleistift.« Dies gibt den Sinn nicht übel und ist überdies eine gelungene Übertragung aus der ganghaften, langweiligen, mit abstrakten Begriffen einherstolzierenden Römerart in die gemütliche, hausbackene, konkrete Form deutscher Denkweise. Allerdings paßt so der Wahlspruch mehr für Künstler als für andre Menschen. Für Hof- und Weltleute, wie es Herr Robert-Tornow gewesen zu sein scheint, würde ich »Wichse Deine Stiefel« vorschlagen. Nach Sinn und Form scheint mir dies die gelungenste Übersetzung. Sie sehen, im Übersetzen bin ich nicht ohne berechtigte Selbstgefälligkeit. Ihr stets ergebener Eyth. An Sebastian Hensel. Neu-Ulm, 28. April 96. Mein lieber und verehrter Freund! Auf Ihren letzten Brief, der so voll ist vom Leid des Lebens und Sterbens, würde ich herzlich gern mit einer langen Epistel von Trostesworten antworten, wenn ich nicht wüßte, wie nutzlos der Versuch ist, mit erkünstelter Heiterkeit den bittern Ernst des Menschendaseins zu bekämpfen. Packt er uns nicht alle schließlich? Wird es nicht um jeden von uns stiller und stiller, wenn wir einmal den Höhepunkt des Lebens überschritten haben? Sie fühlen es im Kreise der Ihrigen, die Sie, zwei Generationen stark, mit Liebe und Verehrung umgeben. Wieviel mehr ein alternder Junggeselle, dessen ganzes Gemütsleben, wenn wir ihm ein solches zugestehen wollen, nach rückwärts gerichtet ist. Glauben Sie mir, daß auch mir diese Erfahrung nicht erspart bleibt. Ich schreibe in Ulm, wo ich seit drei Wochen jeden Sonntag am Krankenlager meiner lieben Mutter zubringe, die vor acht Tagen stille einzuschlafen schien. Es geht wohl heute etwas besser, doch hängt alles bei einer neunundsiebzigjährigen Frau an einem Fädchen. Und auch die Woche über bleibt mir wenig Zeit für Trostesworte. Wenn nicht Kant mit seinem Imperativ in die Welt gekommen wäre, oder vielmehr sein Imperativ schon lange vor ihm, so würde ich nicht erst im zwölften Jahre meiner Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft davonzulaufen trachten und hätte längst Zimmerleute und Prinzen, Pferde und Rinder, ausstellungslustigen Dünger und all die Herrlichkeiten, die er hervorbringt, ihrem Schicksal überlassen. Aber der Mensch muß sich quälen, seitdem der erste notleidende Agrarier – ein Großgrundbesitzer namens Adam – im Schweiß seines Angesichts die Disteln betrachtete, die sein Feld trug. Und es scheint ihm gutzutun, trotz allem Jammer. Daran glaube ich. Auch weiß ich, wenn ich im Herbst die D. L. G. hinter mir und mir genügend Zeit gelassen habe, einen oder zwei Seufzer der Erlösung auszustoßen, daß ich mit aller Macht daran arbeiten werde, meinen Kopf in ein ähnliches Joch zu stecken, obgleich ich mir zum Glück heute noch nicht klar bin, in welches. Es gibt geborene Lastesel, denen ein wunder Rücken Lebensbedürfnis ist. Auch diese armen Tierchen haben ihr Teil zu tragen. Von meinen hiesigen Arbeiten und Abenteuern ein andermal. Sie sind nicht weltbewegend, wenn sie auch mich in gehöriger Bewegung erhalten. Heute nur diesen Gruß und den herzlichen Wunsch, daß es Ihnen in der Leidenszeit, die Sie zu tragen haben, gegeben sein möge, sich die Kraft und den Mut zu erhalten, der aus einer andern Welt stammt und schon so oft die unsre siegreich überwand. Ihr treu ergebener Eyth . 130 Potsdamerstr., Berlin, 23. Sept. 96. Verehrte Frau! Zunächst und vor allem meine herzlichsten Glückwünsche zur Geburt Ihres Söhnchens. Ihr Brief hat mich, ich gestehe es aufrichtig, lebhaft überrascht. Ich will nicht, wie es üblich ist, von der Ehre sprechen, die Sie mir zugedacht haben. Auch nicht davon, daß ich ein viel zu schlechter Christ bin, um bei dieser Veranlassung meinen Mann ohne Skrupel stellen zu können. Aber auf Ihre Unvorsichtigkeit darf ich hinweisen, die darin liegt, zu wünschen, daß Ihr unschuldiges, ahnungsloses Kind an mir ein Beispiel nehmen soll: wie man sein Leben »verraucht, verschläft und vergeigt«; denn ein halber Zigeuner bin ich doch. Und vollends der Wandertrieb, der sich selbst in meinen alternden Knochen noch nicht legen will! Und dann, wer weiß, wo in einigen Jahren der kleine Junge seinen Paten suchen müßte? Ohne einen Atlas ginge es ja gar nicht. Und wieder nach ein paar Jahren läge er vielleicht für immer in Honolulu oder in Singapore, und nicht einmal eine Kokosnuß von seinem Grabe würde mein Patchen erreichen. Einen nutzloseren, ja gefährlicheren Paten kann ich mir nicht denken. Vielleicht darf ich noch erwähnen, daß ich meinen eignen Geburtstag zu vergessen gewohnt bin. Überlegen Sie sich die Sache doch noch einmal in der trüben Beleuchtung, die ich ihr geben mußte. Wenn Sie dann zu keinem andern Entschluß kommen, will ich gern meinen Widerstand aufgeben. Aber schon der Anfang wäre bezeichnend: Ich bin mitten im schweren Abbrechen und Einpacken. Am 1. Oktober bin ich auf dem Weg nach dem Süden. Voraussichtlich zunächst nach Ungarn, wo ich mich mit meinen Brüdern, den andern Zigeunern, wieder etwas befreunden möchte. Schon die erste Pflicht, die einem Paten obliegt, bei der Taufe wenigstens anwesend zu sein, könnte ich nur geistweise erfüllen. Liegt darin nicht mehr als eine Warnung? Montag, Dienstag oder Mittwoch nächster Woche komme ich jedenfalls noch auf ein Viertelstündchen nach dem Westend. Sie werden mir dann sagen, ob diese wohlgemeinten Zeilen einigen Eindruck gemacht haben. Indessen mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Eyth. 173 Michelsberg, Ulm, 13. Okt. 1896. Liebes Roländchen! Du weißt es zwar noch nicht, aber Deine liebe Mama hat bestimmt, daß ich Dein Pate werden soll. So bin ich's eben geworden, und wir müssen sehen, wie wir miteinander auskommen. Denn Deiner Mama muß man immer gehorchen, solange man lebt. Vergiß dies nicht. Auch wird es schon gehen, wenn wir uns Mühe geben. Viele guten Lehren, wie andre Paten es tun, kann ich Dir zwar nicht geben, denn ich bin meist weit weg. Aber Deine Mama sagt, ich sei ein Beispiel für Dich. Sie meint natürlich: eine Warnung, und wird Dir das schon erklären, wenn Du einmal weit weg willst. Doch ist dies nicht nötig. Wie Dein Namensvorfahre in alter Zeit, Klein-Roland, kannst Du Riesen und Drachen auch in der Nähe bekämpfen. Es wimmelt um Berlin herum. Deine liebe Mama meint zwar, mit dem Kämpfen sei's nicht weit her. Namentlich führe es leicht zu verwerflichen militärischen Neigungen, die für die Roländchen unsrer Tage nichts Gutes bedeuten. Wenn Du ihr aber manchmal ein Kleinod aus dem Schild eines Riesen bringst, den Du im Grunewald erschlagen hast, oder im Reichstag oder auf dem Dönhofplatz – dort sind freilich die Riesen rar –, wird sie vielleicht Nachsicht haben. Und nun wünsche ich Dir von Herzen einen vergnügten Tauftag und ein langes, fröhliches Leben hinterher. Denke manchmal an mich, wenn Du einmal zu denken anfängst. Denke aber nicht zu viel, tue um so mehr. Es ist besser bei uns zulande, weil es weniger Leute tun, und macht nicht so dumm. Du siehst, wie ich mir Mühe gebe, Dein Pate zu sein. Herzlich grüßend Dein Pate Max E. An Sebastian Hensel. 173 Michelsberg, Ulm, 20. Dez. 96. Verehrter lieber Freund! Die Bilder gehören nicht Ihnen, sondern Ihrer hochgeehrten Frau Gemahlin, der ich zum Abschluß meines Berliner Lebens diesen kleinen Weihnachtsgruß schicken möchte, welcher zugleich sozusagen den Anfang meines Ulmer Lebens illustriert. Denn ein glücklicher Zufall wollte es, daß die eine mit a bezeichnete Photographie vom Garten des Hauses aufgenommen ist, in dem ich den zweiten Stock bewohne. Es ist deshalb das Bild, das ich stündlich von meinem Schreibtisch aus vor Augen habe und dessen Licht- und Luftspiel mein täglicher Genuß ist. Leider sind die Tiroler und Schweizer Alpen am Horizont kläglich verwischt, die meine Weltumsegelungssehnsucht wach halten. Ein photographischer Apparat hat eben kein Herz und keinen Blick für Geistesfernen. Den Brief aber will ich an Sie schreiben, als das Haupt des Stammes und den Häuptling des Westens, schon weil ich längst das Bedürfnis empfand, wieder einmal mit Ihnen zu plaudern. Aber man glaubt nicht, wieviel man zu tun hat, wenn man sich zur Ruhe setzt, und so sind mir die letzten drei Monate durch die Finger geschlüpft, als hätte ich die größte Ausstellung vorzubereiten. In Wahrheit hatte ich nichts zu tun, als mich selbst in möglichst vorteilhafter Weise auszustellen, und sodann, nach Eröffnung der Schau, die ohne große Feierlichkeit stattfand, mich zum Besuch derselben nach Kräften zu animieren. Auch dies ist vollständig gelungen. Ich bin abonniert, gehe täglich auf den Michelsberg und betrachte mich in meinen verschiedenen Abteilungen nicht ohne Interesse. Man muß solche Gleichnisse nicht zu weit treiben, sonst würde ich sagen, die Rinder sind wie gewöhnlich ganz besonders hervorragend vertreten. Man sagt mir, ich solle doch endlich anfangen, einen Katalog zu bearbeiten. Ich kann mich dazu vorläufig nicht aufraffen. Es ist alles zu verwirrt aufgestellt, viel Schund da, der sich schlecht ausnimmt, einiges sogar noch nicht einmal ausgepackt. Die alte Geschichte, wie auf allen Ausstellungen. Trotzdem gefällt mir's persönlich recht gut. Wie Sie wissen, schlafe ich in Bayern und wohne in Württemberg. Das System ist neu, bewährt sich aber ganz vortrefflich. Jeder Mensch sollte in einem Königreich schlafen und träumen, in einem andern wachen und arbeiten, solang er noch leidlich zu Fuß ist. Jeden Morgen, vor Sonnenaufgang, wandere ich nach meinem Athos, jeden Abend steige ich wieder zu den Menschen herab, die ich infolge der Entfernung wieder aufs neue zu lieben gelernt habe, was ungefähr neun Stunden anhält. Auf dem Athos – es ist allerdings nur eine Imitation, aber besser als nichts – habe ich mich sehr nett und behaglich eingerichtet; allerdings mit Hintansetzung einiger ascetischer Grundsätze, auf deren theoretische Hochhaltung ich mich vorläufig noch beschränke. Ihren Athos, mit dem Eierfest am Fuß des heiligen Berges, habe ich schön einrahmen lassen und ihn vor meiner Hauptzimmertür aufgehängt. Ein Cave canem für unwürdige Eindringlinge. Bis das alles fertig war, ging der Oktober und der halbe November vorüber. Dazwischen hinein ging ich, um Luft zu schöpfen, wie ich es meiner Mutter gegenüber nenne, einmal nach München und ein paarmal nach Stuttgart. Dort bestürmte man mich sehr, Vorträge zu halten. Die Vortragssucht ist bekanntlich gegenwärtig epidemisch. Nachdem ich dies ebenso stürmisch abgelehnt hatte, schreibe ich jetzt – seit vierzehn Tagen – den ersten für die Handelsgeographische Gesellschaft in Stuttgart. Der Mensch bleibt eben auch auf dem Athos ein elendes Rohr, vom Winde bewegt. Mein Vortrag aber heißt: »Ein Pharao im Jahrhundert des Dampfes«, und macht mir wahrscheinlich mehr Spaß als denen, die ihn seinerzeit zu hören bekommen. Da habe ich, ganz unerwarteterweise, einen Gedanken! Ich schreibe Ihnen beiliegend vier Sonetten ab, die kürzlich zwischen meinem Schwager, Ephorus Kraut in Blaubeuren, und mir hin und her gingen. Er ist ein geborener Ulmer, was zum Verständnis vom ersten nützlich zu wissen ist. Diese Sonette bitte ich, nachdem Sie aus denselben des weiteren ersehen haben, wie es auf dem Athos aussieht, wenn er poetisch beleuchtet wird, an Frau du Bois-Reymond als Weihnachtsgruß von mir weiterzugeben. Ich glaube, ich bin ihr so wie so noch ein Athosliedchen schuldig. Doch nun genug von mir! – Wie geht es Ihnen – körperlich – geistig? Ich hoffe das beste. Die Abschiedsstimmung, in der wir uns trennten, hat ihre Zeit gehabt, und die Weihnachtszeit sollte Ihnen im Kreise von so vielen, die Sie lieben, Freundlicheres bringen. Bitte, grüßen Sie mir alles und alle, ausdrücklich auch von meiner Mutter, mit deren Gesundheit der Winter bisher sehr glimpflich umgegangen ist. – Und besonders das Roländchen und seine Mama, und noch besonderer Ihre hochverehrte Frau Gemahlin, der ich von ganzem Herzen ein ruhiges, vergnügtes, gesundes Weihnachtsfest, einen glücklichen Beginn des neuen Jahres und eine entsprechende Fortsetzung wünsche. Desgleichen Ihnen von Ihrem treu ergebenen Eyth. 1. Was ich sah (von K. Kraut, nach einem Besuch auf meinem Athos.) Ich durfte Dich im neuen Heim begrüßen; Von hoher Warte ließ den Blick ich gleiten In traute, liebe, wohlbekannte Weiten Des heimischen Gefilds zu unsern Füßen. Und von dem Klang, dem mächtigen und süßen, Der von des Meisters (?!) Hand gerührten Saiten, Ließ sinnend sich die Seele dahin leiten, Wo Einst und Jetzt sich froh zusammenschließen. An eines reichen Lebens Gänge mahnen Die von Erinnerung durchwobenen Räume, Sie weisen hin auf helle Siegesbahnen. Sie sehn erfüllt der Jugend kühnste Träume. Und doch durchzittert sie ein leises Ahnen: Sie schauen neuen Wirkens stille Keime. 2. Was du nicht gesehen (Erwiderung von M. E.) Mein buntes Leben – fast wie ein Gedicht – Hast Du's aus meinem Heim herausgelesen. Doch winkte Dir der Schein und nicht das Wesen Im trügerischen Herbstessonnenlicht. Sahst Du den Rost nicht, der die Waffen bricht, Und nicht die Kränze, wie sie still verwesen? Auf meinem Athos bist Du wohl gewesen, Doch meinen Athos, Lieber, sahst Du nicht. Wie ist es doch verborgen Dir geblieben! An allen Wänden steht es angeschrieben – Schrieb ich's doch selbst und les' es ohne Klagen – Die blauen Berge winken's aus der Ferne, Und leise flüstern es bei Nacht die Sterne: »Entsagen sollst Du, Freund, Du sollst entsagen!« 3. Was bleibt (Von K. K.) Nicht richten will ich zwischen den Gesichten, Wo ich das helle Bild und Du daneben Das dunkle Dir siehst vor der Seele schweben, Und dennoch, hoff' ich, wird der Streit sich schlichten. Früh lerntest Du den Wert der Dinge sichten Und sahst den finstern Hintergrund im Leben Und neben fröhlich toller Lust durchwehen Der stillen Wehmut Züge auf Dein Dichten. Auf Großes, Herrliches hast Du verzichtet In weisem, mannhaft mutigem Entschlusse, Und doch ein Gut – daß es noch lange bliebe! – Ein Gut, zu dem so gern Dein Herz sich flüchtet, Bleibt Dir in frohem, täglichem Genusse, . Das Gut der treuen, inn'gen Mutterliebe. 4. Schlußwort vom Athos (Von M. Eyth.) Versuche nicht, mir im Vorübergehn Der Erde Trost auf meinen Berg zu bringen. Siehst Du nur Höhlen, öde Felsenklingen Auf der Entsagung lichten Sonnenhöhn? Ist's nichts, im klaren Morgenlicht zu steh«, Die Strahlen fühlend, die ins Herz Dir dringen? Und wie mit geistbewegten Adlerschwingen Der Freiheit Flügelschläge Dich umwehn. Hier kannst Du laut von allem Schönen singen, Von allem Wahren, Guten, das Dein eigen, Hier wohnt kein Spötter, schleicht kein Geistesscherge. Nur ein Gesetz will sich der Berg erzwingen: Vom Schönsten, Wahrsten, Besten sollst Du schweigen; Denn stumm und schweigend beten auch die Berge. 173 Michelsberg, Ulm, 7. Jan. 97. Liebes Roländchen! Schon vor einer Woche habe ich Dir schreiben wollen oder noch früher, um Dir zu gratulieren. Denn Du hast vor acht Tagen etwas erlebt, was niemand, den Du kennst, erlebt hat, und auch Du nur ein einzigesmal erleben konntest. Das sollte man füglich besonders feiern und Dir mit Pauken und Trompeten und feinen Kuchen dazu Glück wünschen. Alle andern Menschen sind nämlich am 1. Januar – so heißt man diesen merkwürdigen Tag – um ein Jahr älter geworden; Du nicht! In späteren Jahren würde Dich dies sehr freuen; jetzt ist es Dir noch gleichgültig, du bedauerst es am Ende gar. Denn bei Deiner Größe wünschen die Leutchen nichts sehnlicher, als so schnell als möglich größer zu werden und älter. Es geht ihnen auch später noch so: sie wissen nicht, was gut für sie ist. Mach Du einmal eine Ausnahme, wenn die Zeit des Wissens für Dich losgeht. Dann habe ich Dir aber auch wieder nicht so geschwind gratulieren wollen, weil Du acht Tage zuvor schon etwas sehr Trauriges erleben mußtest, als Dein lieber Großvater starb. Das ist ein großes Unglück und macht Deinen Papa und Deine Mama gewiß sehr betrübt. Du mußt Dir Mühe geben, sie zu trösten, denn da Du noch nicht so traurig sein kannst, wird Dir dies leichter. Ich habe auch einmal einen Großvater gehabt. Er war ein Professor, wie der Deine, aber lange nicht so berühmt. Der nahm mich, wie ich auch ein kleines Bübchen war, alle Morgen an der Hand und führte mich spazieren. Da gingen wir täglich und immer wieder in die Sägemühlen und die Schleifmühlen und in eine Papiermühle in Heilbronn. Denn obgleich mein Großvater viel lieber griechische und hebräische Bücher lesen mochte als Schleifmühlen ansehen, gefielen die mir doch viel besser, und ich, hoffte einmal ein Schleifmüller zu werden – Papiermüller schon weniger, wegen der Bücher. Etwas derart bin ich denn auch richtig geworden, und die Leute sagten, mein Großvater sei schuld daran, mit dem Spazierengehen, und schüttelten die Köpfe. Einige schütteln sie noch; andre haben dies aufgegeben. Ich aber bin meinem lieben Großvater noch heute dankbar, so oft ich an ihn denke. Zum Glück hast Du noch einen zweiten Großvater, der Dir die herrlichsten Naturgeschichten schreibt. Du bist deshalb auch jetzt noch sehr glücklich. Aber allerdings, man kann nie genug haben der Gaben dieser Art. Grüße ihn von mir und Deine lieben Eltern recht herzlich. Adje! Dein Pate Eyth . 173 Michelsberg, Ulm, 23. März 97. Verehrteste Frau Hensel! Nun will ich aber auch keinen Augenblick vergehen lassen, Ihren lieben »Besuch« zu erwidern, und keinen mit der Versicherung meiner Reue und Zerknirschung vergeuden, weil zwei Monate vergangen sein sollen, in denen ich nichts von mir hören ließ. Es muß wohl wahr sein, weil Sie es so bestimmt versichern. Unglaublich bleibt es mir doch. Denn trotz des stillen Ulms schlüpft mir die Zeit in einer Weise durch die Finger, daß sie mich manchmal mit einem Gemische von Freude und Entsetzen erfüllt. Freude, daß alles so lustig weiterklappert, als ob die Mühle nicht von einem mächtigen Strom an ein kleines Bächlein versetzt worden wäre, Entsetzen, weil das Mehl nicht feiner werden will und nicht mehr herauskommt als früher auch, solange ich für andre schrotete. In einem Punkte haben Sie mich nicht ganz erraten: wenn Sie vermuteten, daß mir der Übergang von einem Mittelpunkt des Allerweltsverkehrs in den stillen Schwabenwinkel je einige Herzbeklemmung verursacht habe. Ich fürchtete es kaum; doch war auch ich, vor dem Experiment, meiner nicht ganz sicher. Stille Winkel sind jedoch nicht halb so still, als man in dem einsamen Getöse einer Weltstadt vermutet. Und dann habe ich große Städte und was ich von ihnen erlebt habe, immer gehaßt: die unvermeidliche Oberflächlichkeit der tausend Beziehungen, die sie uns täglich nahelegen, die Unmöglichkeit, selbst den Menschen wirklich nahezutreten, von denen man ahnt, daß man sie gerne haben könnte, die Zerfaserung alles Denkens und Fühlens, die zur Gewohnheit werdende Negation, nach der man als einziges Hilfsmittel greift, um wenigstens ein Stück seiner selbst zu bewahren –: all das machte, daß ich nie heimisch in ihnen werden konnte. Dazu mag mithelfen, daß ich in einem Waldkloster aufgewachsen bin und man die Kinderempfindungen nie ganz los wird. Und überdies bin ich – ich glaube in nicht ganz gewöhnlichem Grade –, was die Engländer von Maschinen und Menschen selfcontained heißen. Meine Freunde schimpfen darüber, und mit Recht. Es ist die Basis des höchsten Egoismus. Aber ein behaglicher Fehler, der über vieles weghilft, was andre ärgert. Und so geht es mir vorläufig und so lange ich hierbleibe, voraussichtlich gut genug. Ich genieße seit zehn Jahren wieder einmal einen Frühling, ohne vor Sorgen halb blind zu sein, spiele in freien halben Stunden mehr Klavier und mache bemerkenswerte Fortschritte, die auf meinem Athos zum Glück nur die Spatzen zu würdigen brauchen, zeichne und male an meinen tausend Reiseskizzen herum, die mir dagegen die alten Zeiten ohne ihre Mühen und kleinen Unbehaglichkeiten vormalen. Nebenbei lasse ich mir gegenwärtig ein selbsterfundenes Aquarellskizzenbuch machen, an dem ein Gummiwarenhändler, ein Klempner und ein Mechanikus mit Anstrengung aller Geisteskräfte arbeiten. Es wird voraussichtlich so wunderbar praktisch, daß es fast von selbst malen wird, wenn man es an einem passenden Aussichtspunkt liegen läßt. Dann wird natürlich, als piece de résistance , jetzt ein wenig ernsthafter geschriftstellert. Der Vortrag, den ich kürzlich in Stuttgart hielt und der dort recht nette Aufnahme fand, hat mir mehr Arbeit und Vergnügen gemacht, als man für möglich halten sollte. Aber das gründliche Studium einer der wunderlichsten Perioden unsrer heutigen Geschichte, an die mich an allen Ecken und Enden kleine persönliche Anknüpfungspunkte binden, war ein Genuß, dem ich mich mit so rücksichtslosem Behagen hingab, daß das erste Konzept eine Dreistundenpredigt ergab. So hatte ich vierzehn Tage lang mit Kompressionsversuchen zu tun, bis sie auf anderthalb Stunden reduziert und fast aller Saft ausgepreßt war. Dabei machte ich die Entdeckung, daß gute Vorträge zum mindesten ebenso schwierig zu konstruieren sind als gute Gedichte, und daß sich beide gleich wenig lohnen, wenn einem die Sache selbst in ihrem Entstehen nicht den nötigen Spaß macht. – Seit ein paar Wochen habe ich etwas angefangen, das einmal – in zwei Jahren vielleicht – ein Buch werden könnte. Haben Sie seinerzeit meinen Berliner Vortrag: »Landwirtschaftlich-technische Abenteuer in drei Weltteilen« zufällig einmal angesehen? Ähnlich wie die zwei Abenteuer dort, habe ich im Sinn, fünfundzwanzig bis dreißig Skizzen zu schreiben, die, jede in sich abgeschlossen, einen Augenblick meines Wanderlebens schildern soll und alle zusammen etwa unter dem Titel »Bilder am Wege« oder ähnlich die Stelle von Memoiren vertreten könnten, die ich nie zu schreiben gedenke. Daneben besuchen mich verunglückte Landwirte und Erfinder aller Art, Trost und Erbauung suchend, wie es auch auf dem wahren Athos, in etwas andrer Färbung, Sitte ist. Etwas ernster ist eine Sache, in die ich hineintreibe, ohne es zu wollen, obgleich ich mich schon früher damit beschäftigte: die Schiffbarmachung der Donau bis Ulm. Die Angelegenheit ist harmlos, denn wenn sie in hundert Jahren wirklich in Fluß gerät, dürfen wir uns Glück wünschen. Ich gehe deshalb im Mai auf ein paar Wochen nach Wien. Meiner Mutter, nach der Sie so freundlich fragen, geht es augenblicklich recht erträglich. Unberufen! Vor vier Wochen hatte sie einen leichten Influenzaanfall, während dessen ich ernstlich besorgte, sie könnte einschlafen, um nicht mehr zu erwachen. Soweit ist ihr Zustand immer bedenklich, auch wenn sie momentan ganz wohl und munter erscheint: eine wirkliche, ernstliche Krankheit würde sie schwerlich mehr durchmachen können. Auch bleibt es ihr nicht erspart, die Abnahme ihrer geistigen Kräfte selbst beobachten zu müssen, die Carl Witt so rührend schildert. Sie meint, und ich kann es glauben: es gehöre zum schwersten, was der Mensch in einem langen Leben zu tragen lernen müsse. Aber nun mehr als genug von mir! – Die Nachrichten, die Sie so gütig sind mir zu geben, sind ja im allgemeinen befriedigend. Ihr Enkelchen ist und bleibt ein kleines Wunder. Aber auch ich kann nur, mit Ihrem Arzte, sagen, daß mir Ihre ganze Zukunft darauf zu beruhen scheint, sie jetzt zurückzuhalten, soweit es irgend möglich ist, ohne das Kind unglücklich zu machen. Ihrem lieben Herrn Gemahl meine besten Grüße! Die Hälfte dieser überlangen Epistel gehöre ihm; dadurch wird sie nur halb so lang, und uns dreien ist geholfen. Ihnen aber, verehrte Frau, die herzlichsten Wünsche für Ihr Wohlergehen in dem reichen Kreise der Ihrigen von Ihrem stets ergebenen Eyth. An Sebastian Hensel. 173 Michelsberg, Ulm, 12. Mai 97 Lieber und verehrter Freund! – – Man muß einen guten Mut haben, um die Nachtigall im Garten gegen die Krücke im Hause abzuwägen. Der Ihnen so manche schwere Prüfung auferlegt, erhalte Ihnen diesen Mut! Wie selten schenkt er uns ein fröhliches Lebensende; und wie hübsch wäre es, wenn es im allgemeinen so eingerichtet wäre. Aber er muß wohl wissen, was er will. (Wie zum Beispiel bei dem Unglück in Paris, das auch kein Mensch erklären kann. Ist Frau du Bois-Reymond wieder glücklich zurück?) Mir fährt es fort – normal zu gehen. Vor ein paar Tagen machte ich in herrlichem Frühlingswetter wieder einmal eine Fußtour über die Alb nach Urach, wobei ich fand, daß 36 Kilometer für einen genußreichen Spaziergang auch beim schönsten Frühlingswetter mir jetzt fast genügen. Vor 20 Jahren war mein Maß 42 bis 45, und vor abermals 20 war ich mit 50 kaum zufrieden. Wir können darin ein seltenes Beispiel wachsender Zufriedenheit erblicken, wenn wir, wie Sie, das Gute auch im Schlimmen zu finden wissen. Habe ich Ihnen erzählt, daß ich in der letzten »Ulmer Schachtel« nach Donauwörth gefahren bin? Ein welthistorisches Ereignis ersten Ranges, aber eigentlich kein erfreuliches, wenn die Schachteln nicht bald in der Form von Kettenschleppschiffen wieder aufstehen. Und dazu ist wenig Aussicht, obgleich ich im Interesse dieser Auferstehung nächste Woche nach Passau und von dort nach Wien pilgern werde. Aber ich vergesse, daß Sie wohl kaum wissen können, was eine Ulmer Schachtel ist, obgleich im Mittelalter, als die Berliner noch Frösche waren, die Handelsflotte der alten Reichsstadt aus diesen Fahrzeugen bestand. Eigentlich hießen sie Zillen. Ein unehrerbietiger Abgeordneter aus Heilbronn erfand die Bezeichnung »Schachtel«, die landesüblich wurde, obgleich die Schifferzunft zu Ulm in einer Eingabe an die Regierung dringend bat, gegen dieses ehrenrührige Wort einzuschreiten. Tatsache. Mein Pharaovortrag wird erst im nächsten Winter gedruckt. Der Handelsgeographische Verein zu Stuttgart überstürzt sich bei wichtigen Angelegenheiten nicht, und seine Veröffentlichungen erscheinen nur einmal alljährlich, was auch mir mehr als genug erscheint. So gibt es etwas für einen Ihrer Winterabende. – Dagegen macht mein Buch – Sie wissen doch, daß jeder Deutsche, wenn er nicht weiß, was er mit sich anfangen soll, ein Buch schreibt – Fortschritte. Stückchen davon könnten wohl noch im Laufe des Jahres das Licht der Welt erblicken, wenn mich nicht, loreleyartig, die Donau allzusehr verschlingt. Auch meiner Mutter geht es recht leidlich; nur macht ihr das auffallend rasch abnehmende Gedächtnis viel Kummer und auch mir einige Sorge. Fast ist es trauriger, einen regen Geist einschlummern zu sehen, als einen gesunden Körper zerfallen. Und doch ist ein Erwachen denkbarer als ein Auferstehen. Brauchen diese Dinge überhaupt denkbar zu sein? Nochmals herzliche, allseitige Wünsche für erträgliche, für bessere Zeiten! Ihr Eyth. 173 Michelsberg, Ulm, 12. Juni 97 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Gewiß werde ich Ihnen stets dankbar sein, wenn ich von Ihnen höre, wie es groß und klein in Westend und in der Kolonie geht, die Sie, im unwiderstehlichen Drang nach Westen, zu Potsdam zu gründen im Begriff sind. Ist das eine bleibende Einrichtung oder nur ein Sommeraufenthalt wie früher? Die Not, von der Sie schreiben, den Reichtum von Möbeln unterzubringen, läßt mich fast das erstere vermuten. Daß namentlich den Kleinen das verhältnismäßige Landleben behagt, finde ich sehr begreiflich. Diese kleinen Köpfe merken instinktiv, was der Menschheit zusagt. Es ist nichts mit den großen Städten! Wer kann, sollte an ihrer Zerbröckelung mitarbeiten; nicht bloß in der Theorie, das tun fast alle, sondern in der Praxis und in eigner Person, und das tun die wenigsten. Die Nachrichten, die Sie mir geben, sind immerhin erfreulicher, als was ich vor einiger Zeit von Ihren lieben Eltern hörte. So geht es eben auf und ab, und daß es gegen den Schluß unsers Erdenlebens nicht aufwärts geht, ist eben eine Naturnotwendigkeit, der wir nichts entgegenzusetzen haben, als Ergebung. Zum Glück ist ergeben und erliegen zweierlei. Auch bei meiner Mutter geht es ähnlich. Sie ist augenblicklich verhältnismäßig wohl, aber das langsame, unaufhaltsame Ersterben ihrer geistigen Kraft ist eine schmerzliche Erfahrung, die ihr und uns um sie her nicht erspart bleibt. Mir selbst geht es nicht schlecht. Ich komme soeben von Passau und Wien, wo ich zwei Kongresse für Binnenschiffahrt mitmachte und schwatzen half. Das ist nun einmal der Modus dieser Art von »gemeinnütziger Tätigkeit«. Unendlich viel müßiges Gerede und nicht wenig Arbeit, dieses Wassergeplätscher in einer Stromstrecke ohne Fall in Bewegung zu erhalten. Aber so will es unsre demokratische Zeit. Die Menge muß und will dabei sein, ob sie etwas nutzt oder zweimal so viel schadet. Das letztere scheint ihr immer das Hauptvergnügen bei der Sache zu sein. In Wien erlebt man stets etwas Komisches. Ich hatte dort, wie die übrigen Mitglieder des Kongresses, die Ehre, einen Empfangsabend bei Ministerpräsident Badeni zuzubringen und bildete bei dieser Gelegenheit auf zehn Minuten mit ihm und seinem Leib- und Todfeind, dem Oberbürgermeister Lueger, dem Führer der Wiener Antisemiten, eine sekttrinkende Gruppe, in welcher als vierter ein Herr den liebenswürdigen Ganymed spielte, der früher Itzeles hieß und heute noch so aussieht, obgleich er seinen Namen seit etlichen Jahren in »Zels« umgewandelt hat. Sonst aber ist vieles traurig in der alten schönen Kaiserstadt; fast mehr noch als in der jüngeren, schöneren mit ihrem Tauschhandel. Nächste Woche gehe ich unter dem Schutz des tiefsten Inkognitos nach Hamburg, um zu sehen, wie meine alten Freunde mit der Ausstellung zurechtkommen. Zu meiner großen Freude scheinen die Vorbereitungen recht glatt verlaufen zu sein. Von dort will ich direkt zurück und auf ein paar Wochen nach Sils-Maria im Engadin, wohin ich schon im vorigen Sommer auf dem Wege war. Sie sehen, die Einsiedler des Semi-Athos erlauben sich doch gelegentlich noch zu ihren früheren Mitmenschen herabzusteigen. Und nun herzliche Grüße ringsum! Besonders aber an Sie von Ihrem stets ergebenen Eyth . An Sebastian Hensel. 173 Michelsberg, Ulm, 15. Sept. 97 Lieber und verehrter Freund! Eine halbe Weltumseglung könnte ich gemacht haben, seitdem ich Sie aus dem Gesichte verlor. Es packt mich etwas wie Reue, so lange nicht nach Ihnen und den Ihrigen gefragt zu haben. Aber der Strom des Lebens zieht uns fort, fast unmerklich, und plötzlich sehen wir ein altes liebes Schiffchen, das noch vor kurzem neben uns segelte, am Horizont kaum noch mit den Toppsegeln hervorgucken. Wird es das alte blecherne Sprachrohr noch erreichen, das in unsern Tagen Mode war? Nicht anzunehmen! Aber man telegraphiert ja jetzt; ohne Draht; durchs Wasser. Kann der Mensch mehr verlangen? Also getrost – Wie geht es Ihnen? Und wie den Ihrigen? Da ich so lange nichts hörte, nehme ich an: nicht allzu schlimm, wenn auch vielleicht nicht allzu gut. »Armut und Reichtum gib mir nicht, Herr!« Der Spruch ist so wahr, daß er die ganze soziale Frage lösen könnte, wenn wir wollten. Gilt er nicht vielleicht auch fürs »Gutgehen«? Mir selbst ging es nicht schlecht. Drei Wochen in Sils-Maria, im Oberengadin, mit Bergstock und Skizzenbuch in einer der schönsten Gebirgsgegenden der Welt; das ist zum Aushalten. Dann lief ich, mit Beifügung eines Rucksackes zu der erwähnten Ausstattung, über die Maloja des Bergellen hinab nach Chiavenna, Como, Lugano, über den Gotthard bis Andermatt, von dort über die Oberalp das Vorderrheintal herunter nach Chur, wo ich zerlumpt und abgerissen Koffer und Kultur wieder fand. All das ereignete sich, weil wir beide, meine Mutter und ich, glaubten, daß sie für die Reise nach einer Gebirgssommerfrische nicht mehr kräftig genug sei. Als ich aber zurückkam, fühlte sie ernstliche Zweifel in dieser Beziehung. Ich machte mich also rasch wieder auf den Weg, um einen geeigneten Platz für uns zu finden, was nicht ganz leicht war. Die Bedingungen waren zahlreich und widersprechend. Doch entdeckte ich am dritten Tag zu Oberstaufen im Algäu annähernd was wir brauchten und war nun, mit meiner Mutter und ihrer »Stütze«, die letzten vier Wochen dort, beide stützend. Dies war nicht gerade sehr amüsant, aber um das Gefühl, zu etwas nütze zu sein, reicher als die vorangegangenen vier Wochen, und nebenbei fiel doch auch manches für mich persönlich ab. Nach dem Engadin ist der Algäu etwas flach. Der nächste anständige Berg, den ich bestieg, der Hochgrat, ist nur 1880 Meter. Aber wie es mit der Natur überall geht, sogar bei Berlin (Höhe 34 Meter), schließlich kommt der Augenblick, wo sie uns ihre Schönheiten aufschließt, wenn man sie nur lange und liebevoll genug ansieht. Und nun leben Sie wohl! Grüßen Sie mir die lieben Ihrigen herzlich und seien Sie es dreifach von Ihrem getreuen Eyth. 173 Michelsberg, Ulm, 12. Okt, 97 Liebes Roländchen! Du erinnerst Dich vielleicht noch: Kurz nachdem Du auf die Welt kamst, sagte ich Deiner lieben Mama, daß ich zu einem Paten ein ganz untauglicher Mann sei, daß ich meinen eignen Geburtstag schon zweimal vergessen habe, und andres mehr. Aber sie wollte es nicht glauben. Und jetzt haben wir's, Du und ich; und haben vielleicht unser ganzes Leben lang darunter zu leiden. Doch wir wollen es ihr nicht nachtragen. Davon darf einer Mama gegenüber keine Rede sein und dann – sie konnte mir eben nicht glauben, vermute ich. Mit dem Glauben ist es eine ganz eigne Sache! Aber einen furchtbaren Schreck habe ich plötzlich bekommen, so ähnlich wie vor vielen Jahren der böse Herodes, wenn auch aus andern Gründen, lief in meiner Angst zu den Weisen ins Morgenland, da sie nicht zu mir kamen, und forschte mit Fleiß, »wann das Kindlein geboren ward«. Die Weisen waren in diesem Falle aber nur eine und zwar Deine andre Ulmer Patin. Doch es half nichts; denn es ging alles anders, als in der alten schönen Geschichte und ganz verkehrt. Sie war verreist und konnte mir nichts verkündigen. Nur eins wurde immer deutlicher: daß Dein erster Geburtstag vorübergegangen war, ohne daß ich es gemerkt hatte. Nun brauchen wir aber zum Glück keine Tagewählerei zu treiben, und was ich Dir wünsche ist nicht an Stunden, noch Wochen, noch Jahre gebunden. Das ist ein Trost. Wie ich höre, wächst Du fleißig, ißt und trinkst wie es einem tapferen Klein-Roland vor allen Dingen gebührt und machst Deiner Mama große Freude. Sieh, das freut mich mehr als alles andre, was Du vorläufig tun könntest. Denn ich bin doch nicht ganz wie der alte Herodes und weit entfernt, die Kindlein umbringen zu wollen. Im Gegenteil: Ich wollte, sie blieben es immer. Und sobald Du den kleinen Becher halten kannst, den ich Dir schicke – vielleicht geht es jetzt schon –, so laß ihn Dir mit süßer Milch füllen und trinke auf das Wohl Deiner Mama und der ganzen Welt, in der und für die Du ein wackeres Männlein werden mußt, zu unser aller Freude. Später, wenn Du es geworden bist, füllen wir den Becher mit etwas anderm als mit Milch; aber bei dem Wohl auf Deine Mama und die ganze Welt soll es bleiben Dein Leben lang. Herzliche Grüße von Deinem Paten M. Eyth . An Sebastian Hensel. 173 Michelsberg, Ulm, 14. Okt. 97 Verehrter Freund! Sie werden ungeduldig, wenn nicht gar besorgt geworden sein; und ohne Ihr Kärtchen hätte ich es nicht gewagt, Ihr liebes und wertvolles Manuskript so lange zu behalten. Doch nachdem Sie mir ganz ausdrücklich die Erlaubnis dazu gegeben hatten, ließ ich mir's wohl sein, las das Buch mit Behagen und nur, wenn ich innerlich und äußerlich Zeit hatte. Anders darf es ja auch kaum gelesen werden. Daß es mich sehr interessiert und oft von Herzen gefreut hat, brauche ich Ihnen kaum zu sagen. Wenn man das Glück hatte, einen Teil der Persönlichkeiten, die es berührt, kennen gelernt zu haben, so versteht sich dies eigentlich von selbst. Es öffnete mir jetzt erst, nachdem ich den betreffenden Kreisen auch örtlich ferner stehe, manchen Einblick, der es mich doppelt bedauern läßt, meine Berliner Zeit so ganz der einseitigen Arbeit für ein bestimmtes Ziel geopfert zu haben. Doch das ist und war nicht zu ändern. Es lag in der Notwendigkeit der Verhältnisse und mehr noch in meiner Natur, die sich von jeher an sachliche Tätigkeit mit der eigensinnigen Hartnäckigkeit eines Maulesels anklammerte, der es für seine Lebensaufgabe erkannt hat, gewisse Säcke nach einer gewissen Mühle zu tragen. In dieser radikalen Verschiedenheit der inneren Anlage liegt wohl auch der Grund, daß ich ein Leben wie das Ihres Freundes bei aller Bewunderung für seinen Geist, bei allem Respekt (gemischt mit manchem kleinen Vorbehalt) für das angeborene Grandseigneurtum, das in seinem Blute lag, mit der aufrichtigsten Hochachtung für jene passive Tapferkeit, mit der er seine körperlichen Leiden trug, nicht so schätzen, kaum so richtig zu beurteilen vermag, wie Sie, sein langjähriger Freund, es verlangen oder vielmehr selbstverständlich finden müssen. Aber es ist nun einmal so, und auch Ihre meisterliche Behandlung des Stoffs kann jene Lücke nicht ausfüllen, die manchmal ein äußerlich vielleicht viel bescheideneres Leben weniger fühlbar zeigt. Der Genuß, auch der verständigste Genuß, die Beschaulichkeit, auch die von den edelsten Gefühlen getragene, das Sammeln von allem Schönen und Guten, das uns Zufall und Glück und eine gütige Vorsehung in den Weg führt, all das ersetzt nicht jenes selbsttätige Schaffen in unsrer harten Arbeitswelt, das, wenn auch in den engsten Grenzen, in jedes Mannes Leben nach meinem Gefühl den Kern bilden muß, der es erzählenswert macht. Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich lege hier, wie ich fürchte, den allerhöchsten Maßstab an das Inhaltliche der Biographie Ihres Freundes, und ich habe kein Recht, dies zu tun. Sein Leben umfaßte ungewöhnlich viel des Schönen, Interessanten, Wissenswerten, und die Art, wie Sie all das zusammenstellen und namentlich durch Seitenausblicke beleben und verschönern (wie die Schilderung des alten Berlin und andres) macht das Buch ebenso unterhaltend als lesenswert. Doch sicher tun Ihnen meine Bemerkungen nicht so weh, wie Herrn Robert die Kritik seiner eignen Gedichte schmerzt; ein Intermezzo, das bei einem Manne, der so viel Ernsteres mit philosophischer Heiterkeit zu tragen wußte, fast komisch wirkt. Das bringt mich auf einen andern Punkt. Eine ernste Lücke finde ich darin, daß man in dem ganzen Buch den wahren philosophischen Grund dieses Lebens nicht zu erkennen vermag; und das wäre das interessanteste gewesen. Was half Robert sein nicht leichtes Schicksal tragen? War es ein klares, religiöses Gefühl? Schwerlich. War es eine bestimmte philosophische Überzeugung, und welche? Oder war es nur angeborenes Temperament? Hierüber läßt uns die Biographie in völliger Ungewißheit. Ich gebe zu, daß es eine sehr kitzliche Frage ist, die Sie vielleicht absichtlich umgangen haben. Aber jedem nachdenklichen Leser muß sie sich aufdrängen bei einem Leben, das äußerlich große Ereignisse nicht bietet. Hierin liegt der Wert Ihrer Biographie von Witt. Denn in den hübschen Reisebriefen und vollends in den Begegnungen mit Kaisern und Fürstlichkeiten und Herren und Damen von aristokratischen Namen und Titeln kommt man doch schließlich über die freundlichen Äußerlichkeiten nicht hinaus. Das bleibt Oberfläche und Schatten der Oberfläche. Bin ich nicht ein entsetzlich anspruchsvoller Mensch? Kanzeln Sie mich ab und machen Sie mir ein paar gesunde Grobheiten. Ich bitte dringend darum. Soll ich Ihnen eine gute Gelegenheit und »Unterlagen« hierzu verschaffen, indem ich Ihnen auch ein Stückchen Manuskript zuschicke? Aber ich möchte Sie nicht quälen, und doch bewegt mich gegenwärtig eine Frage in zudringlicher und fast peinlicher Weise, die in etwas andrer Gestalt auch Ihrem Werke naheliegt. Bei dem Leben Robert-Tornows kann man sich kleiner Zweifel nicht entschlagen: bis zu welchem Grade wird sich das allgemeine Publikum, das keine der Persönlichkeiten der Biographie kennt, für das Buch interessieren; und bei mir handelt es sich darum: wie weit kann sich das Publikum für Dinge und das Leben in Dingen interessieren, die es persönlich nicht kennt. Natürlich liegt viel an der Behandlung; aber nicht alles, und in beiden Fällen ist es dem Verfasser ganz unmöglich, die Antwort aus seinem eignen Innern herauszupumpen. Ein rücksichtsloses, ehrliches Urteil eines völlig Unbefangenen wäre für mich augenblicklich ein wahrer Segen. Ich nehme bei der Berührung dieser Frage an, was ich von Herzen hoffe, daß Sie gegenwärtig leidlich wohl sind und Lust dazu haben – »lustig sind«, wie mein Freund Thiel und die Rheinländer im allgemeinen zu sagen lieben –, mir ein paar Stunden zu opfern. Um mehr handelt es sich nicht. Nun aber zum Schluß, und nochmals herzlichen Dank für die Freude, die Sie mir mit der Zusendung des Manuskripts gemacht haben. Ihrer verehrten Frau Gemahlin und dem ganzen Hause, aber vor allem Ihnen, herzliche Grüße von Ihrem stets ergebenen Eyth, Ps. Noch im letzten Augenblick nehme ich mir Zeit und Freiheit, das Geheimnis der kunstvollen Decke des Bandes zu bewundern. Sie ist sehr hübsch und sinnig, wenn ich sie recht deutete. Fast hätte sie mich zu einem kleinen Gedichtchen hingerissen. Aber es will sich in der Eile nicht recht reimen, und ich reise in einer Stunde nach Stuttgart ab. Vielleicht rüttelt die Eisenbahn die Verschen zusammen. D. O. An Sebastian Hensel. 173 Michelsberg, Ulm, 22. Okt. 97 Lieber und verehrter Freund! In der Tat habe ich in meinem letzten Brief vergessen, Ihnen auch im Namen meiner lieben Mutter für die Zusendung Ihrer Biographie Roberts aufs herzlichste zu danken. Ich habe ihr manches daraus mitgeteilt, das sie erfreut und erheitert hat. Doch wird es immer weniger leicht, ihr Interesse für Fernerliegendes anzuregen. Ihre dreiundachtzig Jahre machen sich mehr und mehr schmerzlich fühlbar. Es ist etwas Tieftragisches im Menschenleben, zu sehen, wie der Horizont von Fühlen, Denken und Wollen zusammenschrumpft. Nichts legt uns die Frage so peinlich nahe, ob er sich einmal wieder ausdehnen wird. Und doch eigentlich ohne vernünftigen Grund. Ist das Herbstlaub ein Beweis gegen den Frühling oder das Einschlafen gegen das Erwachen? Mein Mitleid hat Ihr Freund Robert stets besessen. Es war ein furchtbares Schicksal, das ein Mann von seinem Ehrgeiz zu tragen hatte. Ihre Theorie von der Tragfähigkeit der Ironie ist sehr interessant, und etwas Wahres ist sicher daran. Aber sie gefällt mir doch nicht. Ironie ist kein tiefgehendes Motiv, wenn sie gut ist (so etwa wie ein angesäuerter Humor), und kein gutes, wenn sie tief geht. Eine große Tragfähigkeit in wirklichem Leid traue ich ihr nicht zu. – Daß Sie die Lebensbeschreibung nur für die Ihrigen und in der Erinnerung an Ihren Freund geschrieben haben, ist groß und schön, aber schade. Vielleicht wird doch noch etwas mehr daraus. Sie enthält manches, was weitere Kreise weniger interessieren wird – welche Lebensbeschreibung tut das nicht –, aber doch auch außerordentlich viel, das jedermann freuen muß. Nicht jedermann kommt aus dem hastigen, immer nach Zwecken haschenden Leben nicht hinaus wie ich, selbst auf meinem Athos in Ulm. Andre lesen und beurteilen derartige Bücher ganz anders als ich. Ich hoffe, Sie lassen sich durch das eine oder andre meiner pseudokritischen Worte nicht beeinflussen, Ihren Weg zu gehen. Es würde mir sehr leid tun. Und nun finden Sie nebenbei etliche Stücke verschriebenen Schreibpapiers, das noch sehr stückwerkartig aussieht, und es auch ist. Ich schreibe nämlich keineswegs der Ordnung nach, sondern absichtlich nur, wie ich lustig bin, und der Plan ist der: Das Ganze soll einmal aus fünfundzwanzig Stücken bestehen, kleine und große. Die ich Ihnen schicke, gehören schon zu den größeren – etwa Mittelschlag. Jedes Stück ist ein fast selbständiges Ganzes für sich, ein Gedanke, ein kleines Erlebnis, eine Phantasie aus meinem Leben. Alles etwas erlogen und etwas wahr, innerlich so wahr, als ich zu machen imstande bin. Scheinbar nur Äußerliches und Oberflächliches, doch sollte man manchmal den Kern unter der Schale spüren. Das ist's, was ich möchte. Sie sehen, ehrgeizig ist der Plan nicht. Aber er macht mir vorläufig Spaß. Ich schreibe jetzt am sechsten Stück. Ob die fünfundzwanzig je fertig werden, weiß der Himmel; wenn zwölf druckfertig sind, rücke ich vielleicht heraus. Schaden können sie nichts. Und wenn Sie gelegentlich einen roten Strich an den Rand machen wollen, wo Sie eine Sprachdummheit bemerken oder eine andre, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Wir werden uns schon verstehen. Mit herzlichen Grüßen an das ganze Haus Ihr stets ergebener Eyth. Ps. Wie geht es Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin gesundheitlich? Ich habe meine übliche November-Influenza und will nächste Woche in München sehen, ob mir das neue Hofbräuhaus hilft. Das alte war sehr gut gegen Erkältungen, Schnupfen und andre Unpäßlichkeiten leichter Art. Aber die Zeiten ändern sich. D. O. 173 Michelsberg, Ulm, 2. Dez. 97 Hochverehrte Frau Hensel! Ihr letzter so überaus freundlicher und trotzdem noch immer unbeantworteter Brief würde mir größere Gewissensnot machen – er tat es schon seit einiger Zeit nicht übel –, wenn ich nicht mittlerweile mit Herrn Hensel gewichtige Schreiben gewechselt hätte. Sie gehören, soweit sie von mir stammen, auch Ihnen, und dies mildert mein Schuldgefühl einigermaßen. Denn ich hoffe und bitte, daß Sie eine derartige Zueignung, die für mich allerdings sehr bequem ist, wie Sie leider ohne Zweifel bemerken werden, annähernd gelten lassen. Die Billigkeit verlangt dann allerdings, daß auch die vorliegenden Zeilen zu einem kleinen Teil Ihrem Herrn Gemahl gewidmet sind. Ja, wenn der Tag achtundvierzig Stunden hätte und der Mensch vier Hände und zwei Köpfe und zwei Herzen; dann wäre ja alles gut! Sie werden darauf antworten: Geschieht Ihnen ganz recht! Warum haben Sie nicht geheiratet! Und ich fürchte, vom arithmetischen Standpunkte, den ich als alter Ingenieur in erster Linie respektieren muß, kann ich nichts darauf erwidern, und nur den Kopf hängen. Jedenfalls sehen Sie aus diesem Stoßseufzer, daß es mir an Unterhaltung nicht fehlt, traurige und lustige. – – Dazwischen war ich wieder in Stuttgart, um etwas Stadtluft zu schöpfen, wenn ich es auch nicht gerade nötig hatte. Doch ist Ulm äußerlich so still und ländlich, daß es gut ist, manchmal daran erinnert zu werden, wie es draußen in der Welt aussieht. Ich schreibe ziemlich fleißig drauf los, wenn auch ohne Überstürzung und entschlossen, mich nicht drängen zu lassen. Die kritischen Bemerkungen Ihres Herrn Gemahls waren mir sehr wertvoll. Er hat mich fast überzeugt, daß mein Freund Beinhaus seinen Schnurrbart zu oft gen Himmel dreht. Doch der Mann hat es wirklich so gemacht; eigentlich kann er nichts dafür. Doch will ich mir's zweimal überlegen, ehe ich einen solchen Menschen wieder unter meine Feder kommen lasse. – Leider konnte ich die zwei nächsten Abschnitte, von denen ich schrieb, vorläufig nicht schicken, da sie augenblicklich auf Redaktionen herumirren. Weitere Sachen sind noch nicht abgeschrieben, bei welcher Veranlassung ich mich mehr und mehr vom Nutzen, aber auch von der Zeitverschwendung des Wiederkauens überzeuge. Eine entschiedene Unannehmlichkeit hat die Form, in die ich meine Skizzen gieße – (Fußnote: Kann man auch Skizzen gießen?) Der Leser vergleicht in liebloser Weise stets die eine mit der andern, was ihm bei den verschiedenen Kapiteln einer fortlaufenden Erzählung zu tun kaum einfällt. Und da ist es unvermeidlich, daß die eine den Eindruck gründlicheren Mißlingens macht als die andre, worüber man sich billig ärgert. Ich glaube zum Beispiel die, an der ich gegenwärtig schreibe, wird Ihnen kaum viel Freude machen. Sie ist düster, wie geronnenes Blut. Erst heute habe ich einen Pascha abgeschlachtet. Aber das Leben ist wirklich nicht überall so heiter wie es erscheint, wenn wir es in Westend durchplaudern. Und es ist doch wohl nötig, dies anzudeuten, wenn das werdende Büchlein sein Gleichgewicht bewahren soll. Nun aber habe ich keinen Platz mehr für die Grüße Werden Sie mir verzeihen? Ihr stets ergebener Eyth . An Sebastian Hensel 173 Michelsberg, Ulm, 26. Dez. 97 Verehrter lieber Freund! Mit nichts hätten Sie mir eine größere Freude machen können, als mit der vortrefflichen Photographie, die Sie mir unter den herrlichen Bäumen Ihres Gartens zeigt. Es ist ein so charakteristisches Bild, daß es mir stets Westend, Sie und die Ihrigen, wenn sie auch nicht darauf zu sehen sind, in Erinnerung rufen wird. Allerdings sehen Sie drein wie ein Salomo zur Zeit, als er die große Wahrheit entdeckte, daß alles eitel sei, und dies ist nicht die Grundstimmung Ihres Lebens gewesen. Aber wahr oder unwahr, sie hat in den letzten Jahren, seit ich Sie kenne, manchmal ihren Schatten auch über Ihren Weg geworfen. Doch es sind nicht die schlechtesten Augenblicke, in denen wir das Leben vom Standpunkt alter salomonischer Weisheit betrachten, vorausgesetzt, daß wir nicht dabei stehen bleiben. Leider komme ich diesmal mit völlig leeren Händen. Ich hätte Ihnen und namentlich Ihrer verehrten Frau Gemahlin so gern ein kleines Lebens- und Erinnerungszeichen geschickt. Aber das ist die einzige Schattenseite meines nicht genug zu preisenden Athos: er bietet fast nichts für ferne Freunde. Ich habe mir den Kopf wirklich sehr zerbrochen. Was nützen Sie die Scherben? Es kam nichts dabei heraus. Im Laufe des nächsten Jahres geht es mir vielleicht besser, denn wenn alles gut geht, will ich ein wenig wandern, und dabei findet sich manchmal etwas am Wege für liebe Freunde. Geben Sie mir Zeit! Im Sommer will ich nach England. Es ist Zeit, daß ich mich nach meinen dortigen Bekannten noch einmal umsehe, ehe wir uns in den Haaren liegen. Ich bin ein guter Deutscher, und es freut mich von Herzen, wenn wir die Chinesen beim Zopf erwischen und uns dabei ein Stück desselben in den Händen bleibt. Aber kann das nicht geschehen ohne das müßige, häßliche Geschimpfe mit allen andern, die ja auch nichts andres wollen als ein Stückchen Zopf? Es ist eine widerwärtige Welt; wie weit von dem »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen« vor 1900 Jahren! Mit großem Bedauern sehe ich aus Ihren Zeilen, daß Sie Ihr Wohlbefinden wieder einmal nicht sehr loben können und daß auch Frau Hensel leidend war und mehr oder weniger noch ist. Wie schön könnte alles sein, wenn die menschliche Maschine etwas weniger kompliziert wäre. Einfachheit, o Schöpfer, Einfachheit! Etwas Ähnliches sagte mir der Chef des Zeichenbureaus von Kuhn in Berg, als ich anfing, meine erste Maschine zu konstruieren. Es war allerdings eine etwas einfachere Aufgabe als die, die am sechsten Schöpfungstage vorlag. Meiner Mutter geht es gegenwärtig verhältnismäßig recht gut. Sie jammert zwar trotzdem etwas nach ihrer Art. Es wird ihr scheinbar schwerer als andern, die natürliche Last des Alters zu tragen. Doch wer will dieses Gewicht beurteilen, ehe er's am eignen Leibe erfahren hat? Wir lesen derzeit abends Ihr Mendelssohn-Buch. Es bereitet ihr, wie jedermann, einen ungetrübten Genuß. Natürlich habe ich selbst es längst gelesen. Aber es zum zweitenmal vorgelesen zu bekommen und dazu ägyptische oder peruanische Landschäftchen herauszuputzen ist ein sybaritisches Vergnügen. Ich habe jetzt einen Band meiner Skizzen nahezu durchgearbeitet und brauchte fünfviertel Jahre dazu, so daß ich noch dreizehneinhalb Jahre dieser kontemplativen Freude vor mir sehe. Ein überaus beruhigendes Gefühl. In ein paar Wochen schicke ich Ihnen wieder einen Abschnitt. Es ging in der letzten Zeit nicht langsamer, aber konfuser zu als anfänglich, so daß nichts fertig werden wollte. Sie werden sich diesmal wahrscheinlich ärgern: warum, werde ich Ihnen in meinem nächsten Brief langsam und vorsichtig mitteilen. Nun aber meine herzlichen Glückwünsche zum kommenden Neuen Jahr. Werden Sie vor allem so geschwind als möglich gesund, um es würdig beginnen zu können. Das gilt namentlich auch Ihrer verehrten Frau Gemahlin. Möge ein gütiges Geschick uns alle zur gegenseitigen Befriedigung weiter leben lassen, und uns gelegentlich durch die guten Nachrichten, die wir einander geben können, eine Freude machen. Ganz besonders gilt dies letztere mir und Ihren Briefen aus Westend. Ihr treu ergebener Eyth . 173 Michelsberg, Ulm, 11. Febr. 98 Geehrteste Frau du Bois-Reymond! Fast buchstäblich hatte ich die Feder eingetaucht, um Ihnen auf Ihren eingehenden, freundlichen Brief vom 2. Januar zu antworten, als ich das Kärtchen empfing, in dem Sie mir von dem schweren Schlage Mitteilung machten, der Sie und die Ihrigen betroffen hat. Da gab es andres, Ernsteres zu schreiben; das mich aber doch nicht ganz der Pflicht entbindet, jenen Brief aus einer Zeit, von der Sie sich durch schwere Tage vielleicht weit getrennt fühlen, wenigstens kurz zu beantworten. Nein, Sie haben keinen Mißgriff getan, indem Sie mir das Kirchbachsche Buch zusandten. Eine Freundlichkeit ist nie ein Mißgriff. Wenn der Empfänger sie nicht versteht, ist es seine Schuld und sein Unglück. Gelesen habe ich das Buch allerdings immer noch nicht; nur in dem Buch. Vorläufig werde ich wohl nicht weiter kommen. Sie müssen mir das verzeihen. Es geht mir so mit jedem Buch, das ich geschenkt erhalte. Jeder Augenblick ist so voll von seinem eignen Leben, daß Anregungen dieser Art, die unvermittelt von außen an uns herantreten, antichambrieren müssen, so leid es einem tut. Aber ihre Zeit kommt, über kurz oder lang, und mittlerweile steht das hübsche Buch da als freundliche, etwas vorwurfsvolle Erinnerung an den Geber. Das ist schon etwas und oft die Hauptsache. Wann und ob für mich die Zeit zu Kirchbachs Buch kommen wird, weiß ich allerdings nicht. Was ich in demselben gelesen habe, hat mich fast überzeugt, daß es mir wenig oder nichts Neues zu sagen hat und daß die allgemein menschliche Toleranz der einzige Berührungspunkt zu sein scheint, der zwischen mir und dem Buche möglich ist. Was er sagt, wurde schon im dritten Jahrhundert von den Arianern in allen Tonarten gesagt. In neuerer Zeit ist es das vollständig ausgearbeitete Evangelium der englischen Unitarier, die seit etlichen sechzig bis siebzig Jahren eine anständige, aber kaum sich weiter entwickelnde Gemeinde bilden. Ich kam in Leeds mit diesen Leuten mannigfach in freundliche Berührung. Sie besitzen eine gewisse hölzerne Respektabilität, eine ausgesprochene Geschicklichkeit, vermöglich zu werden und sind im allgemeinen wackere Durchschnittsmenschen, die viel Gutes tun und zu Zeiten lügen und stehlen wie die andern auch. Aber die Bewegung hat längst aufgehört, Fortschritte zu machen, und ihre Dogmen – genau Kirchbachs neuentdecktes Christentum – sind wie alle Dogmen Glaubenssache, nur zumeist mit negativen Vorzeichen. Sehr weit kommt man aber nicht mit Shakespeares »Hamlet«, wenn die Rolle des Hamlet ausgeschieden werden muß, und mit einem Christentum, das ein mythischer Egidy verkündigt haben soll. Es wird von der andern Seite wohl gesagt, man sei auch nicht weit gekommen mit dem Christentum samt Christus. Ich glaube, die weltgeschichtliche und die individuelle Wirkung des Christentums wird von Leuten vom Schlage Kirchbachs ganz gewaltig unterschätzt und von dem Worte: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt«, hat er sichtlich keine Ahnung. Doch ich will weder Sie noch mich mit Auseinandersetzungen quälen, deren wahrer Kern stets die innere Überzeugung ist, die sich auf beiden Seiten nie beweisen, sondern nur empfinden läßt. – – Zu meinem freudigen Erstaunen fand ich in Westermann ganz zufällig Ihre »Elisabeth« und habe sie mit großem Interesse nicht nur selbst gelesen, sondern auch zu Hause meiner Mutter und mir nochmals vorlesen lassen. Die Novelle ist sehr nett und fließend geschrieben, hat eine gesunde, natürliche Farbe und manche dem Leben trefflich abgelauschte Züge. Sie hat uns wirkliches Vergnügen gemacht. Nachher erhielt ich sie nochmals von Frau Stadtpfarrer, jetzt Frau Dekan Eytel. Gestern feierten wir im Pfarrkranz, den ich als alter, wenn auch etwas entarteter Sprößling aus theologischem Stamme hier regelmäßig besuche, Eytels Abschied von Ulm. Er ist sehr jung Dekan geworden, allerdings in einem Orte (Blaufelden), dem Frau Dekan Eytel als Berlinerin nicht ohne berechtigte Besorgnis entgegensteht. Es ist eine Art Athos, ohne das Meer und ohne den Berg, und – fast hätte ich's vergessen – ohne die erhabenen Prinzipien, die ihn mir heilig machen. – Ihr Besuch von Ulm, auf den Sie mich hoffen ließen und der mich ungeheuer gefreut hätte, wird infolge dieses Ereignisses wohl einer der frommen Wünsche bleiben, die das Menschenleben erheitern. Dagegen komme ich nächste Woche nach Berlin und werde sicher nach Ihnen und Roländchen und Ihrer lieben Frau Mutter sehen. Und nun mit herzlichen Grüßen und dem Wunsche, daß die Zeit beginnt, ihre mildernde Hand auf die schweren Tage zu legen, die Sie kürzlich durchlebten, Ihr stets ergebener Eyth . 173 Michelsberg, Ulm, 27. April 98 Verehrteste Frau Hensel! – – Mir selbst fährt es fort, recht gut zu gehen. Äußerlich lebe ich sehr ruhig auf meinem Athos. Ich pflanze meinen literarischen Kohl, wie ich mir's seit langer Zeit gewünscht hatte, und er geht auf. Dabei habe ich mehr als genug zu tun, um mich in dieser Zwischenzeit munter und gesund zu erhalten. Meine Ulmer Tage fasse ich noch immer als eine Zwischenzeit auf, deren Dauer vom Leben meiner lieben Mutter abhängt. Sie kann kurz oder lang sein, und je länger je lieber. Wenn sie aber zu Ende kommen sollte, so hält mich natürlich Ulm nicht gefangen. Der alte Wandertrieb der Schwaben regt sich selbst in diesen Frühlingstagen gewaltig. Im Lauf der letzten Monate hatte ich die Ehre, von drei Wahlkreisen im Reich die Aufforderung ablehnen zu dürfen, für den nächsten Reichstag zu kandidieren. Es macht mir keine Sorge mehr, wenn noch weitere kommen sollten, da ich nunmehr mein Danksprüchlein fließend, ohne Anstoß, mit munterer Freundlichkeit aufzusagen imstande bin. Politik ist nie meine Liebhaberei gewesen, und den Schluß meines Lebens will ich mir nicht mit dieser notwendigen, aber trostlosen Sisyphusarbeit verbittern. Gut, daß es Menschen gibt, die anders denken. Und nun nochmals die besten Wünsche für Ihr Wohlergehen von Ihrem stets ergebenen Eyth . 173 Michelsberg, Ulm, 17. Juni 98 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! – – Frau von Helmholtz hatte meiner Behauptung, daß Eyth ein Schwabe sei, auf das Entschiedenste widersprochen, da, wie sie sagte, Eyth kein schwäbischer Name sei. Höchstens könne es sich um eine vor kurzem eingewanderte Familie handeln. L. du B.-R. Schwaben muß doch größer sein, als man glaubt. Ihre Exzellenz und meine mir ebenfalls unbekannte verehrte Landsmännin hat unrecht, mir mein Heimatsrecht absprechen zu wollen, wenn vier Generationen – weiter bringe ich's auf väterlicher Seite nicht – hinreichen, einen Mann zum Schwaben zu machen. Mein Ururgroßvater war ehrsamer Küfermeister und Stadtrat zu Tübingen am Neckar; desgleichen nach alter Väter Sitte mein Urgroßvater. Mein Großvater, in Tübingen geboren und aufgewachsen, war sechzig Jahre lang Professor zu Heilbronn am Neckar, wo mein Vater das Licht der Welt erblickte. Ich bin zu Kirchheim an der Teck, in der linken Herzkammer Schwabens geboren. Damit wäre wohl diese Frage hinlänglich beleuchtet. – Nach dunkeln Familiensagen endlich stammt die Familie aus dem Salzburgischen und soll mit den Salzburger Protestantenflüchtlingen nach der Reformation in Württemberg eingewandert sein. Noch dunklere Sagen behaupten, daß der Salzburger Stamm ursprünglich aus Schweden gekommen sei. Ob der Hindukusch schließlich unsre Heimat war, will ich dahingestellt sein lassen. – Meine ausgesprochene Sehnsucht nach den Gangesquellen, die mich von Kindheit an verfolgt, läßt darauf schließen. – – Nebenbei bemerkt: es wurden mir nicht weniger als drei Reichstagsmandate angetragen, die ich jedoch sämtlich mit höflichstem Danke ablehnte. Nicht ganz ohne Gewissensskrupel. Aber man hat wahrhaftig nicht die Verpflichtung, jede Gelegenheit, sich unglücklich zu machen, zu ergreifen. Vorige Woche kam der Abdruck der »Skizze« oder wie ich das Ding heißen soll – »Blut und Eisen« in »Über Land und Meer« zu Ende. Ich hatte sie seinerzeit Ihrem lieben Vater zur Kritik übersandt; Sie, wenn ich recht unterrichtet bin, haben sie nicht gesehen, und so erhalten Sie sie diesmal, aus Rache, weil Sie mir Ihre Novelle in Westermann nicht geschickt haben. Das Buch, in dem »Blut und Eisen« einen Abschnitt bildet, ist jetzt fertig. Ich werde mich in den nächsten Wochen entschließen müssen, wo es erscheinen soll. – Im kommenden halben Jahr werde ich mich wieder mit sehr viel trockeneren Dingen befassen, denn auch Flüsse und Kanäle können trocken sein. Aber es ist entschieden gesund, in dieser Weise das geistige Milieu zu wechseln, in dem man herumplätschert. Über die Erziehung Roländchens ein andermal. Das ist ein zu schwieriges Kapitel für den Schluß eines Briefes. Vorläufig herzliche Grüße an groß und klein von Ihrem stets ergebenen Eyth . 173 Michelsberg, Ulm, 30. Sept. 98. Verehrteste Frau! Jetzt erst und daran, daß ich nicht einmal weiß, wo Sie ein Brief finden wird, ob Sie noch im alten Hause wohnen oder schon im neuen, ob das neue in Potsdam liegt oder in Glienicke oder sonst wo, merke ich, wie lange ich gezögert habe, Ihnen zu schreiben und wie die Zeit fliegt in Ulm wie in Berlin. Ihre letzten freundlichen Zeilen sind vom 28. Juni. Nach alter gemütlicher Zeitrechnung ist das noch nicht lange her. Aber was kann in drei Monaten in unsern Tagen nicht alles geschehen sein. Drum will ich flugs den abgerissenen Faden wieder anbinden, wenn ich auch nicht weiß, wo, und das alte getreue Westend dazu benutzen muß, um ihn, wie einen fliegenden Spätsommerfaden dranzuhängen. Ich bin auf meinem Athos nicht klösterlich müßig gewesen, seitdem ich hier oben sitze, und dies freut mich, wenn Ihnen mein Geschichtchen in »Über Land und Meer« gefallen hat, wie Sie mich glauben zu machen suchen. Denn nächste Woche hoffe ich mit den letzten Korrekturbogen von zwei Bändchen ähnlicher Sachen fertig zu werden, und zu oder vor Weihnachten werde ich sie Ihnen zu Füßen legen. Sie sind nicht für Frauen geschrieben; man spürt vielleicht die Luft des Athos. Deshalb sollten Sie mir doppelt ehrlich sagen, was Sie davon denken, wenn Sie dazu kommen sollten, sie zu lesen. Im übrigen versinke ich in der Donau und ihren Nebenflüssen. Es ist keine kleine Aufgabe, um die es sich hier handelt, wenn man sich ihrer ernstlich annehmen wollte, und ein Haufen Leute behaupten, es sei meine Aufgabe. Aber ich kann das Gefühl nicht los werden, daß ich zu alt hierfür bin und kann mich nicht entschließen, wieder jung zu werden. – Doch das sind Dinge, die Sie kaum interessieren können. Dagegen interessiert mich die Besorgnis, mit der Sie Ihren Kleinen der Schule entgegenwachsen sehen. Ich glaube, Sie sollten sich keine Sorgen machen und sie getrost gehen lassen. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei – mir wenigstens ist das oft genug gesagt worden – auch nicht die jungen Menschlein. Und ein gewisses Alleinsein ist der Unterricht zu Hause, der an sich viel besser sein mag als die Schablonenwirtschaft der öffentlichen Schulen. Aber der Charakter eines Jungen muß und wird sich an andern Jungen bilden, sicherlich ohne Gefahr, wenn der erste Grund zu Hause gelegt ist. Das kann die beste Mutter nicht und vollends kein Hauslehrer bieten. Ich selber wurde bis fast zu meinem sechzehnten Jahre zu Hause erzogen und gelehrt. Ich glaube nicht, daß es gut war. Es hat mir jedenfalls in den darauffolgenden Jahren manche unnötig bittere Stunde nicht erspart. Nächsten Monat – nein diesen – voraussichtlich vom 9. bis 13. – komme ich nach Berlin. Wenn es mir irgend möglich ist, Sie aufzusuchen, werde ich versuchen, es zu tun. Aber die Aussichten sind trübe. Natürlich sehe ich den üblichen zahllosen Sitzungen entgegen, und dann ist man bei solch seltenen Besuchen des alten Wirkungskreises der fast willenlose Spielball alter guter Freunde, die sich nicht scheuen, physische Gewalt anzuwenden, wenn man ihnen zu entwischen versucht. Komme ich nicht, so dürfen Sie mir wirklich glauben, daß ich nicht konnte. Was macht Roländchen? Seiner Photographie nach muß er ein prächtiges Kerlchen sein. Sein Geburtstag muß in der Nähe sein, und ich schlechter Mensch und Christ weiß es nicht einmal genau! Wollen Sie mir nicht zu Hilfe kommen? Mit herzlichen Grüßen an das ganze Haus Ihr stets ergebener Eyth. An Ilse Roemer. Ilse Roemer, Tochter des verstorbenen Bildhauers Bernhard Roemer und seiner ebenfalls verstorbenen Frau Fanni, geborene Hensel. Sie lebte bei ihren Großeltern Hensel und hatte ein sehr früh entwickeltes bildhauerisches Talent, für das sich Eyth lebhaft interessierte. Ulm, 25. Dezember 1898. Meine liebe Ilse! Es ist mir nicht möglich, Dir so nette Sachen zu machen, wie Du sie fertig bringst. Dazu sind meine Finger viel zu dick. Deshalb mußte ich meine Zuflucht zu den Kunstwerkchen nehmen, die andre Leute fabrizieren, um Dir zu beweisen, wie sehr mich die Sendung Deiner lieben Großmutter gefreut hat. Es ist alles wohl angekommen, der Frosch und die Wassernixe oder die Prinzessin. Wenn es eine Prinzessin ist, so muß ich mich sehr entschuldigen. Man kann ihren vornehmen Stand nämlich nicht gleich erkennen, weil sie nur ein Krönchen an hat. Der Frosch befindet sich ganz vortrefflich. Er hat sich schnell an das Wasser und die Luft in Ulm gewöhnt. Der Nixe ist es ein wenig zu kalt. Es ist nämlich kälter hier als in Berlin. Das siehst Du schon dem Rotkäppchen an und dem Wolf, der aus der hiesigen Gegend stammt. Später machst Du vielleicht auch einmal ein Rotkäppchen und einen Berliner Wolf oder einen Bären, was sich für Berlin besser schickt. Denn alles ist bei Euch ein wenig größer als bei uns – ich weiß das recht wohl. Außer unser Münster, das mußt Du Dir einmal ansehen. Und nun danke ich Dir zum Schluß noch recht herzlich. Grüße Deine liebe Großmutter vielmal von mir, und Dein Schwesterlein, und Roländchen und Deine Tante, und sage Ihnen, ich lasse ihnen allen ein glückliches neues Jahr wünschen und daß sie recht viele Freude an Dir erleben mögen. Dich aber grüßt ganz besonders Dein Freund Max Eyth. Ulm, 20. April 1900. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Wenn ich recht unterrichtet bin, reicht es gerade noch vor Toresschluß, Ihnen einen Brief nach Italien zu schicken, da Sie bis zum 26. April in Rom sein werden. Es geht Ihnen ja zuweilen nicht besser, wenn ich Ihren Selbstanklagen Glauben schenken darf. Seit Wochen oder, richtiger gesagt, seit Monaten hatte ich die ehrliche Absicht, Ihnen einen langen, vernünftigen Brief alten Stils zu schreiben. Aber die Zeit zerschmilzt uns unter den Fingern und der Brief ist noch heute ungeschrieben. Wir wollen uns auch in Zukunft beiderseits unsern Gewissensbissen überantworten. Eine schrecklichere Strafe soll es ja kaum geben. Hoffentlich schmückt sich der Mai Ihnen zulieb in den Farben, die wir ihm so beharrlich andichten. Mir ist es verhältnismäßig sehr gut gegangen, wozu beigetragen haben mag, daß ich alle Hände voll zu tun hatte. Seit ein paar Monaten stecke ich wieder in einem neuen Buch, das mir viel Spaß macht, auch Spaß ernsterer Art, Sie aber wahrscheinlich zu sehr viel schärferer Kritik anregen wird, als mein letztes. Doch wird es noch eine gute Weile dauern, ehe ich mich Ihrem Urteil unterwerfen kann. Ich gebe mir nämlich alle erdenkliche Mühe, nicht zu eilen und finde auf den Gebieten von Land- und Wasserwirtschaft Entschuldigungen aller Art, die mich in diesem Streben unterstützen. – Vielleicht kommt auf diese Weise etwas Besseres heraus. Gewiß ist, daß es im allgemeinen Bücherstrudel um so sicherer untergeht. Wenn meine Mutter so wohl bleibt als zur Zeit, so gehe ich im Juni von Posen, wo die diesjährige Ausstellung der D.L.G. stattfindet, nach England, wo zu York die Royal Agricultural Society ihre Schau abhält. Es ist eine gute Gelegenheit und die Erfüllung eines oft gegebenen Versprechens, die größere Zahl meiner alten englischen Freunde mit einem Schlag zu besuchen und in ihrer Burentrübsal zu trösten. Dann gedenke ich über Paris zurückzukommen und zum letztenmal in meinem Leben fast etwas widerstrebend eine Weltausstellung zu betrachten. Aber con amore , nicht wie vor Zeiten im Schweiß meines Angesichts. Wird aus dem ganzen Plane nichts – alles hängt von dem überaus schwankenden Befinden meiner Mutter ab –, so ist das Unglück auch nicht groß. Man ist zur Not in Ulm ein Mittelpunkt der Welt, so gut als anderswo. Dies ist eine der guten Eigenschaften der Unendlichkeit des Universums. Um Ihren italienischen Aufenthalt beneide ich Sie allerdings ein wenig, wenn Sie ihn genießen konnten, wie er es verdient. Und nun kommen Sie glücklich und gesund wieder in die alte Heimat! Wenn Sie Ihr Weg über Ulm führen könnte, so würde es mich hoch erfreuen. Sie blieben hier über Nacht; ich würde Ihnen im Russischen Hof Quartier machen. Am folgenden Morgen sähen Sie den Stolz der alten Reichsstadt, unser Münster, das jedenfalls in der Länge und Höhe die Peterskirche überragt. Das wäre ein hübscher Abschluß Ihrer Wandermonate und ein würdiger Eintritt in unser hausbackenes deutsches Leben, aus dem heraus Sie herzlichst grüßt Ihr stets ergebener Eyth . An Ilse Roemer. Ulm, 4. Juni 1900. Meine liebe Ilse! Gestern kam eine große, geheimnisvolle Kiste bei mir an, die ich mit der äußersten Vorsicht und mit wachsendem Erstaunen öffnete. Schließlich, nach vielem Stroh und feiner Watte kam der herrliche Frühling heraus und ein kleiner Amor und ein Brieflein Deiner lieben Großmutter. Nun wußte ich, was das alles zu bedeuten hatte: daß sie und Du mir eine große Freude gemacht habt, von der ich im Augenblick noch nicht weiß, wie ich sie anders heimzahlen soll, als indem ich Dir schreibe. Erst dachte ich, es sei eine Psyche und sie läute Deinen Künstlerfrühling ein; und es wurde mir fast etwas bange. Denn dazu bist Du doch noch etwas zu jung. Nun ist es mir recht lieb, daß es der Frühling ist. Der läutet den Jüngsten von uns am schönsten. Die liebliche Gruppe kam ganz gut an. Nur am erhobenen Arm des Frühlings sind ein paar Stückchen abgebrochen. Ich habe sie aber gefunden und mit Gummi angeklebt, so daß jetzt kein Mensch den Schaden sieht. Und der Amor hat seine Pfeilspitze verloren. Das paßt für mich ganz ausgezeichnet, was Du später einmal verstehen wirst. Ich komme, auf meinem Weg nach Posen, morgen durch Berlin, habe dort aber nur eine Stunde, und dazu eine frühe Morgenstunde, Zeit, so daß ich nicht daran denken kann, nach Westend zu kommen, um Dich und Deine liebe Großmutter zu besuchen und mich auch mündlich zu bedanken. Ähnlich geht mir's eine Woche später auf meiner Rückreise, denn ich muß so schnell als möglich nach London und von dort nach Paris. Dort werde ich voraussichtlich eine Unzahl Statuen und Statuetten sehen, aber keine, die mich so erfreuen wird, wie es die Deine getan hat. Mit herzlichen Grüßen an Dich, Deine liebe Großmutter, Dein Schwesterchen, Tante Lili, Rolandchen und alle Anverwandten Dein alter Freund Eyth . Ulm, 19. Juli 1900. Hochverehrte Frau Hensel! – – – Auch in England wurde ich lebhaft genug daran erinnert, daß ich alt genug bin. Drei Viertel meiner teilweise recht lieben Freunde, die ich dort vor achtzehn Jahren verließ, sind tot. Eine neue Welt wächst heran, die ich kaum mehr kenne. Die alten Örtlichkeiten sind nicht viel verändert, Meer und Land, Luft und Licht und vor allem Nebel und Rauch sind geblieben, aber alles ist leer geworden, denn selbst die kleinen Jungen von damals sind jetzt fremde, hochaufgeschossene junge Herren, die jetzt scheinbar mühelos tun, was seinerzeit, wie ich mir einbildete, ohne mich nicht ging. Ein derartiger Besuch nach langen Jahren ist mehr wehmütig als erfreulich. Ich fühlte mich nachher in der fremden Welt von Paris weniger fremd. Dort hatte ich wenigstens etwas zu tun, denn ich arbeitete vierzehn Tage lang wie ein Nigger, in der Hoffnung, einen allgemeinen Überblick über diesen Riesenweltmarkt zu gewinnen. Dies mißlang, aber ich habe doch unendlich viel Schönes und noch mehr Barockes und Verunglücktes gesehen, das mir den Eindruck machte, als ob die Welt am Ende der Möglichkeiten angelangt sei, die das Spiel der menschlichen Phantasie erreichen kann. Es ist gut, daß das alles in wenigen Monaten wieder verschwindet. – Man wird dann hoffentlich wieder Mut gewinnen, im kleineren Kreise, den man zu übersehen vermag, zu schaffen, was jedem zu schaffen bestimmt ist. Übrigens hat sich in der Tat Deutschland einen wundervollen Platz erobert. Das – und einiges andre – bringen wir doch von Paris nach Hause. Ihren Freund Dr. Lobach habe ich mehrere Mal gesehen. Er hat, wie mir scheint, an der Riesenaufgabe tüchtig mitgearbeitet und sieht vortrefflich aus. Für den Abguß von Ilses »Frühling« habe ich auch Ihnen noch meinen herzlichen Dank auszusprechen. Ihr Talent bleibt etwas so Erstaunliches, daß man fast Angst davor hat. Vererbung. Aber wie alles Geheimnisvollste macht sie uns auch in dieser lieblichen Form bange. Mit herzlichen Grüßen und Wünschen für Ihr Wohlergehen Ihr stets ergebener Eyth . Ulm, 19. Juli 1900. Geehrteste Frau du Bois-Reymond! Nachdem Sie mir einen so freundlichen und ausführlichen Reisebrief geschrieben hatten, mußte ich doch auch erst eine Reise machen um das Material für eine ebenbürtige Antwort zu sammeln. Das ist nun geschehen. Ob aber das Material nun die entsprechende Verwendung finden wird, ist mehr als zweifelhaft. Das Leben schleppt uns in so ruheloser, unerbittlicher Weise von einem Platz zum andern, daß man kaum Zeit findet, darüber nachzudenken, wo man soeben herkam. Zuerst ging's nach dem fernen Osten. Posen. Der übliche Ausstellungsrummel, an dem ich, seitdem ich nicht selbst mehr mitarbeite und -leide, nur noch ein sehr platonisches Interesse nehme. Vielleicht wäre ich kaum nach Posen gegangen, wenn nicht gerade dort mit unsrer Ausstellung eine Art patriotischer Pflicht verbunden gewesen wäre. Die Deutschen wollten und sollten sich zeigen. Es hieß, mehr als anderswo, alle Mann an Bord, und trotzdem glaubten wir einer Art Niederlage, wenigstens einer großen Schlappe entgegenzugehen. Aber es ging recht gut, wie es meist geht, wenn man das Schlimmste erwartet, und ich konnte beruhigt ab- und meiner zweiten Ausstellung entgegenziehen. Die war in York, im Norden von England. Seit Jahren hatte ich meinen englischen Freunden versprochen, sie wieder zu besuchen. Nun endlich mußte und konnte es sein. Ich machte die übliche Erfahrung: daß trotz aller äußerlichen Freude alte Freunde und alte, liebgewordene Orte wiederzusehen, eine Zeit von achtzehn Jahren die alten Bande unmerklich gelockert hat, so daß man sich fast fremd und mit wehmütiger Gleichgültigkeit den alten Verhältnissen gegenübersieht. Auch ist man mit einer Riesenstadt wie London, die man im allgemeinen kennt, außerordentlich rasch bis zum Überdruß fertig, wenn uns keine spezielle Aufgabe beschäftigt. Ich nahm mir aus diesem Grund, den ich lebhaft empfand, bei meiner Abreise grundsätzlich vor, von Paris nichts, aber auch gar nichts zu sehen, als die Ausstellung, und habe dementsprechend meine dortigen vierzehn Tage auch verlebt. Und wahrhaftig, ich hatte genug zu tun. Anfänglich ging ich mit Widerstreben an die Aufgabe, den Riesenmarkt des näheren zu besehen. Dann aber reizte mich die Unmöglichkeit, einen Überblick über das Ganze zu gewinnen, und ich lief mir redlich die Füße ab, um das Unmögliche zu erreichen. Und es war immerhin der Mühe wert. Nach Inhalt und Form bot mir die Ausstellung viel; unter anderm die Erfahrung, daß die Fortschritte der Welt in zehn oder fünfzehn Jahren – so lange hatte ich mich unter meinen Bauern begraben – eine gewaltige Masse Neues emporwerfen, von dem man sich nichts träumen läßt. Man hat gar zu leicht das Gefühl, am Ende des möglichen Fortschritts angelangt zu sein. In Paris wurde mir recht klar, daß Welten und Welten noch hinter dem liegen, was uns heute zum Bewußtsein gekommen ist. Eine recht tröstliche Aussicht. In Bezug auf Details freute mich Deutschland. Das Eigenlob ist in unsern Zeitungen neuerdings eine solche Krankheit geworden, daß ich mit beträchtlichem Mißtrauen an unsre deutschen Abteilungen herantrat. Aber es ist zweifellos: sie sind schöner als alle andern. Nicht überall in Bezug auf die Leistungen, denn selbstverständlich werden wir in diesem und jenem übertroffen, aber wie wir zeigen, was wir haben, ist unübertroffen. Ein vornehmer Geschmack, ein technisches Taktgefühl, das ich uns nicht zugetraut hätte. Sonst überwiegt das Bizarre der ganzen Veranstaltung weitaus ihre Schönheit. Namentlich scheinen mir die Franzosen am Ende ihrer Phantasie angelangt zu sein. Auch in der Kunst. Ich gratuliere mir sehr, kein Bildhauer zu sein. Weiter läßt sich der menschliche Körper nicht mehr verdrehen, als es mit vielem Geschmack da und dort hier zu sehen ist, und wenn die Architektur unsrer Zeit in Cambodscha angelangt ist, hat sie wohl ihr Ziel auch nahezu erreicht, wie die Buddhisten der Pariser Gesellschaft auf anderm Gebiet. Nunmehr werde ich mit meiner Mutter vier Wochen am Bodensee zubringen und habe Zeit, das Gesehene zu verdauen, und das ist auch der Grund, weshalb Sie mir verzeihen müssen, daß ich plötzlich abbreche. Die Freuden des Packens packen mich. Mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Eyth. Ulm, 16. Oktober 1900. Geehrteste Frau du Bois-Reymond! Mit dem herzlichsten Dank für die schönen Stunden, die ich in Ihrem lieblichen Heim verbrachte, sende ich Ihnen versprochenermaßen das erste Viertel meiner Pyramidengeschichte. Sie werden in dem Manuskript wohl manche kleine Unebenheit entdecken, die noch verschwinden dürfte, und manche große, die, fürchte ich, stehenbleiben muß. Nicht wahr, Sie geben es nicht aus der Hand? Eine halb- oder vielmehr viertelsfertige Arbeit gehört nicht in fremde Hände. Mit der Lektüre hat es keine Eile, wenn ich das Paket in zwei Monaten zurückerhalte, kommt es früh genug. Ich fange morgen das vierzehnte Kapitel – das letzte des zweiten Abschnittes – an, und brauche den ersten Teil nicht, ehe das achtundzwanzigste, das letzte des vierten Abschnittes, hinter mir liegt. Im übrigen muß ich dieses Bruchstück für sich sprechen lassen, auf die Gefahr hin, daß manches unverständlich bleiben muß, das erst im weiteren Verlauf der Erzählung seine richtige Stelle im Ganzen findet. Für eine rücksichtslose Kritik werde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn auch kaum zu erwarten ist, daß ich viel ändern kann. Le style, c'est l'homme ist eine bekannte Wahrheit, und noch wahrer ist, daß die ganze Auffassung und Behandlung einer literarischen Aufgabe nicht von unserm Willen abhängt, sondern von unserm Wesen. An dem aber ist Hopfen und Malz verloren, um ein schwäbisches dem französischen »geflügelten Wort« gegenüberzustellen. Mit den besten Wünschen vor allem an die kleine Welt, die mir großes Vergnügen gemacht hat, sonderlich beim Treppensteigen, mit einem zutraulichen Kinderherzchen an jedem Bein Ihr stets ergebener Eyth. Ulm, 25. Okt. 1900. Geehrteste Frau du Bois-Reymond! Sie sind in der liebenswürdigsten Weise bereit, eine Aufgabe zu übernehmen, die ich Ihnen niemals zugemutet hätte. Natürlich bin ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sich mit dem Manuskript in der angedeuteten Weise beschäftigen. Der weiße Rand steht Ihnen in jeder Weise zur Verfügung. Nur eine Bedingung möchte ich vorschlagen: daß Sie die Sache fallen lassen, sobald Sie finden, daß sie Ihnen lästig wird. Sie ist sicherlich weniger angenehm, als Sie dies in der ersten Aufwallung des Gedankens annahmen. Um meiner Dankbarkeit einen praktischen Ausdruck zu geben – Dankbarkeit ist bekanntlich ein lebhaftes Gefühl zu erwartender Wohltaten –, werde ich Ihnen sehr gern im Laufe der nächsten Woche den zweiten Teil der Pyramidengeschichte senden. Dann allerdings muß eine lange Stockung eintreten, denn vom dritten und vierten Teil ist noch nicht ein Wort geschrieben. Mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Eyth. Ulm, 31. Okt. 1900. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Sie haben es gewollt. Nun müssen Sie eben sehen, wie Sie mit der zweiten Massenlieferung zurechtkommen. Ich bin kein Freund von Vorworten, habe deshalb auch zu diesem zweiten Teil nichts weiter zu sagen, als daß er mir mehr als die andern zur Prüfung der Geduld meiner Freunde geschrieben zu sein scheint. Was die vier geplanten Teile betrifft, so befinde ich mich allerdings augenblicklich in einem großen Seelenkampf. Das Buch wird mir zu lang. Ich habe halb und halb im Sinn, die letzten zwei Teile in einen zusammenzudrängen und so drei aus dem Ganzen zu machen. Eine gedrungene Erzählung ist in unsrer Zeit meist mehr wert als eine behaglich ausgesponnene. Nur ein technisches Bedenken hält mich zurück: es würde dadurch ein , aber ein fast zu dicker Band entstehen, statt der zwei handlichen Bändchen, auf die ich es ursprünglich abgesehen hatte. Hierüber – wenn Sie den zweiten Teil gelesen haben – wäre mir Ihre Ansicht sehr erwünscht. Selbstverständlich – so oder so – wird in der Folge die Pyramidenmystik Thinkers nicht mehr die Rolle spielen wie im zweiten Teile. Nur ein Detail: es dürfte Ihnen auffallen, daß ich mich mitten in der Geschichte zur Puttkamerschen Behandlung der großen Buchstaben bekehrt habe. Sie wird natürlich später das ganze Buch regieren. Sehr dankbar bin ich, wenn Sie mich auf Anglicismen aufmerksam machen wollen. Rochefort, der sich in London zornig weigerte, Englisch zu lernen, um seinen französischen Stil nicht zu verderben, hat nicht ganz unrecht. Auch wenn Sie Schwabicismen mit nordischer Energie anstreichen, dürfen Sie meiner Dankbarkeit sicher sein. Korrigieren werde ich sie vielleicht nicht immer. Denn ich finde, daß manche süddeutsche Wendung, die dem norddeutschen Ohr unangenehm auffällt, sprachberechtigt ist, wie umgekehrt mancher norddeutsche Sprachgebrauch uns mit Recht nicht behagen will. Das Berliner Journalistendeutsch liefert hierfür manchen Beleg. Ich halte es aber keineswegs für notwendig, daß wir alle nach einem Reglement geschoren werden. Mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Eyth. Ulm, 5. Dez. 1900. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Da Sie sich in engster Verbindung mit Ihrem Herrn Gemahl und beide in nicht genug anzuerkennender Weise für mich und mein Manuskript geopfert haben, werden Sie vielleicht verzeihen, wenn ich auf diesen Blättchen meinen doppelten Dank und eine zwiefache Erwiderung in eins verschmelze. Ich könnte sonst kaum vermeiden, mich auch brieflich zu wiederholen und in der Richtung zu sündigen, vor der Sie mich mit vollem Recht soeben eindringlich zu warnen gezwungen waren. Zunächst also meinen aufrichtigen Dank! Ich weiß kaum, bin ich Ihnen oder Ihrem lieben Mann die größere Hälfte schuldig. Nach Männerart neige ich mich ein wenig auf seine Seite. Denn wir bilden uns ein, daß unsre Lebensaufgaben alles Nebensächliche schroffer ausschließen, als dies bei Frauen der Fall ist, deren schönste Pflicht ja eben im »Flechten und Weben himmlischer Rosen« liegt, die uns Barbaren insgeheim immer ein wenig als Nebensache anmuten. Daß er mir dieses Opfer gebracht hat, weiß ich vielleicht mehr als mancher andre zu schätzen. Ich wäre kaum fähig; ein gleiches zu tun, solange mich nicht der Stachel eines förmlichen Pflichtgefühls treibt. Selbstverständlich denke ich nicht daran, das Manuskript gegen Ihre mir hochwillkommenen kritischen Äußerungen zu verteidigen, um so weniger, als ich Ihnen fast überall recht gebe. Nachlässigkeiten und schlechte Gewohnheiten, Gedächtnisschwäche und Temperamentfehler, all das und mehr zeigt es in reichlicher Menge. Einiges werde ich, Ihren Winken entsprechend, mit Genuß abändern, anderes mit Überwindung; wieder andres werde ich stehen lassen, weil ich mir nicht zu helfen weiß oder mich nicht zu überwinden vermag. Denn aus der eignen Haut schlüpft eben doch niemand heraus, und könnte er's, würde er sicherlich eine klägliche Figur machen. – Doch nun einige Einzelheiten: Die Sakien und alle arabischen Ausdrücke, die ja nicht zahlreich sind, sollen kurz erklärt werden. Sie haben doch Thinkers Äußerungen über Lepsius nicht für meine Ansicht gehalten? Ich fuhr mit L. einmal von Alexandrien nach Triest und habe ihn ebenso liebgewonnen, als ich ihn zuvor hochachtete. Ich wollte mit den betreffenden Bemerkungen nur jenen eigentümlichen Haß der Gruppe eigensinniger Mystologen gegen das offizielle Wissen und Forschen andeuten, der in P. Smyths Büchern häufig zum Ausdruck kommt und die Spezies aller Faddisten charakterisiert. Wenn dies mißverstanden werden kann, so will ich den Satz jedenfalls milder fassen. Die Schilderung der Globetrotters sollte allerdings den Gegensatz zwischen Thinkers Ernst und der Oberflächlichkeit der Herdenreisenden markieren. Daß dies nichts Neues ist, gebe ich freudig zu. Aber kann man überhaupt etwas schreiben, das neu ist, wenn man das Leben schildern will? Eine weitere Entschuldigung ist, daß Romane im Gegensatz zu Novellen schlechterdings Nebenfiguren brauchen, wenn sie nicht unnatürlich einseitig und monoton werden sollen. Die Switchleys und Harry Websters haben auch in der Folge noch gelegentlich mitzuspielen; aber gern will ich dafür sorgen, daß die Leute etwas rascher auf die Pyramide hinaufkommen und wieder herunter. Was die Geschichte meiner Anwesenheit in Ägypten betrifft, so war es mir widerwärtig genug, sie wiederholt zu erzählen. Ich fühlte wie Sie, nur » more so «. Aber in einem täuschen Sie sich sicherlich: daß das Publikum sie kennt. Es ist nach meiner Erfahrung erstaunlich, wie selten eine solche Voraussetzung zutrifft, in ganz andern und wichtigeren Fällen. Und da ich nun einmal als nicht unwichtige Nebenfigur in der Geschichte eine Rolle spiele, so muß meine Anwesenheit in einem Land, in dem man nicht gerade jedermann trifft, begründet sein, wie die Anwesenheit der Thinkers oder Buchwalds. So konnte ich mir nicht anders helfen, als die alte Geschichte noch einmal, hoffentlich zum letztenmal, aufzutischen. Zur Entschuldigung des Schlagbaumkapitels, gegen das ich selbst lange gerungen habe, kann ich nicht viel mehr sagen, als was ich in der Einleitung möglichst betonte. Der Kuckuck ist: niemand nimmt diese Einleitung für ernst, sondern sieht in derselben einen schriftstellerischen Trick, der die Erwartung steigern soll. Dann kommt natürlich die Enttäuschung. Was ich mit dem Kapitel bezweckte, ist, Thinkers Gedankenwelt einigermaßen zu rechtfertigen, ihn nicht ganz als Narren erscheinen zu lassen. Es gibt in der Tat solche Verrückte, die nebenbei die wackersten Menschen sind, und es gibt solche Verrücktheiten unter den unendlich vielen Kombinationen der Dinge der wirklichen Welt, auf die sie sich mit einem Schein von Recht stützen können. Von einer solchen Kombination sollte das Kapitel ein zusammenhängendes, klares Bild geben. Aufmerksame Leser, wie Sie es sind, konnten seinen Inhalt allerdings aus der Vergangenheit zusammenklauben. Allein sie konnten auch, infolge der Unmöglichkeit, dort mit wirklichen Zahlen zu operieren, denken: die ganze Geschichte ist der reinste Schwindel des Geschichtenerzählers. Dies ist sie nicht. Piazzi Smyth und J. Taylor sind sehr wirkliche Persönlichkeiten. Davon wollte ich den ernsteren Leser überzeugen. Vom Standpunkt des Romanlesers ist das Kapitel nicht zu verteidigen. Warum will man mir dies nicht glauben, wenn ich es in der Einleitung laut und eindringlich verkündige? – Aber ich werde mir's doch noch einmal reiflich überlegen: ob ich es ganz weglassen, oder den Besuch der Pyramide (in dieser Richtung) kürzen kann oder das jetzige Material des Schlagbaumkapitels wesentlich kürze und dafür neues Material einschiebe, das noch tiefer aus der Smythschen Pyramidenmystik heraufgeholt ist. Letzteres würde allerdings den armen Thinker dem deutschen Leser noch verrückter erscheinen lassen als bisher. Und das möchte ich wieder nicht, denn er bleibt wie immer der symbolische Repräsentant einer Richtung, die in unsrer Zeit und in Deutschland sehr ernst genommen sein will und tatsächlich noch immer die herrschende ist. Für Ihre stilistischen Monita danke ich Ihnen ganz besonders. Sie haben überall recht. Daß ich mich bessern möge, wünsche ich von Herzen. Ob ich's tun werde, weiß nur Allah. Stilistische Reinheit ist eine Gottesgabe. Wem sie nicht beschieden ist, dem kann sie zu teuer zu stehen kommen. Ich glaube die Goncourts erzählen irgendwo, daß Flaubert, der große Stilist, oft wochenlang mit einem einzigen Satz gerungen habe. Das war sehr schön, aber er konnte auf diese Weise allzu wenig schreiben, und der innere Wert des wenigen wächst nicht in entsprechendem Grade. Schließlich ist doch der korrekte Stil nur Mittel, und es ist gefährlich, ihn zum Zweck zu machen. Manche Schönheit in der Welt wäre nicht möglich, wenn sie stilistisch tadellos herausgearbeitet würde. Damit will ich förmliche Fehler niemals entschuldigen. Über die Unvermeidlichkeit der zwei Bände bin ich schon seit einigen Wochen im klaren. Es geht wirklich nicht anders, und es freut mich, daß Ihre soliden Gründe (Sofa und so weiter) mit meinen unsolideren Hand in Hand gehen. Viel, an Raum und Zeit, ließe sich allerdings gewinnen, wenn ich nach Beendigung des Werks den moralischen Mut hätte, von der ersten bis zur letzten Seite alle Eigenschaftswörter zu streichen, die mir so reichlich durch die Feder fließen. Dort, glaube ich, liegt meine Hauptschwäche. – Doch wo soll ich die Seelenstärke hierfür hernehmen? Ich bin eben auch in der Schule aufgewachsen, die dem bildsamen Gemüt die Freude am Wort einzuimpfen weiß. Da haben wir's nun! Und nun nochmals meinen aufrichtigen Dank mit dem Wunsch, daß ich in irgendwelcher Weise einmal Gelegenheit finden möge, Ihnen Gutes mit Gutem zu vergelten. Ihr stets ergebener Eyth. Ulm, 22. April 1901. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Beiliegend der zweite Band. »Tu l´as voulu.« So sehr ich für jede Randbemerkung dankbar sein werde, möchte ich ausdrücklich bitten, quälen Sie sich nicht, wenn Ihnen der Bleistift nicht ganz bequem zur Hand liegt. Und quälen Sie Herrn du Bois nicht! Wenn ich bedenke, daß ich erst morgen mit dem großen Reinemachen des ersten Bandes anfangen will, so kann ich mich kaum enthalten, Ihnen mit Mark Twain zuzurufen: ›Mind, this is not a finished picture, this is only a sketch!‹ Wenn ich aber bedenke, daß the picture schwerlich sehr verschieden von der sketch aussehen wird, so ist es wohl klüger, still zu sein; namentlich einer notorisch so wohlwollenden Kritik gegenüber wie die Ihre. Ich fürchte sonderlich, daß Ihnen die ans Burleske grenzenden Partien des zweiten Teiles wenig behagen werden, denn ich weiß, was Sie vom Struwwelpeter denken. In diesem Punkte sind von jeher Ansichten und Geschmack verschiedener Naturen außerordentlich verschieden gewesen und werden schwerlich je unter einen Hut zu bringen sein. Aber nicht wahr, Sie sagen mir offen, ob ich nach Ihrem Gefühl zum Beispiel im einundzwanzigsten Kapitel zu weit gegangen bin. Mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Eyth. Ulm, 18. Mai 1901. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Besten Dank für die prompteste und pünktlichste aller Rücksendungen. Vor acht Tagen, an einem vernichtenden Regenmorgen begann ich in Weggis einen langen Brief an Sie oder vielmehr an Herrn du Bois, für dessen ausführliche Kritik der ersten Hälfte meines Buches ich in keiner andern Weise zu danken weiß. Darin wollte ich die verschiedenen Punkte, die er erwähnt, verteidigen, erklären und in der Mehrzahl als verlorene, wenn auch manchmal unverbesserliche Posten preisgeben. Zum Glück für uns beide hellte sich das Wetter auf, und der lange Brief blieb kurz und völlig unbrauchbar. Ich erwähne dies nur, um darzutun, daß ich nicht ganz ohne briefliches Gewissen bin, sein Schuldner aber wahrscheinlich auf ewig bleiben werde. – Das folgende bitte ich nicht als Brief zu betrachten, sondern wie ein altes Buch zu behandeln, das man im Laufe von Wochen gelegentlich in die Hand nimmt. Mein achtundzwanzigstes Kapitel! – An den viermal Sieben hänge ich zwar mehr, als Sie glauben – das ist weniger Joe Thinker als der Konstrukteur a. D., der mir diesen Streich spielt –, aber ich sah sofort, daß ich durch eine andre Einteilung die viermal Sieben retten und doch das jetzige achtundzwanzigste über Bord werfen konnte. An sich macht mir ein Jonas mehr oder weniger keine Skrupel, selbst wenn ich ihn für einen kleinen Propheten halten sollte. So war ich nach zehn Minuten schon daran, die Exekution vorzunehmen. Nach fünfzehn aber zauderte ich bei der verzeihlichen Frage: Warum habe ich eigentlich dieses Kapitel geschrieben? Denn was Sie dagegen einwenden, wußte und fühlte ich schon längst. Die hausbackene Wahrheit, daß es ordentlichen Menschen schließlich im Leben ordentlich gehen wird, kann sich der ordentliche Leser selbst sagen und ärgert sich gar, wenn man's ihm des langen und breiten erzählt. Das ist ja klar. Also warum? – Ich habe mir durch das ganze Buch Mühe gegeben, keinen Roman zu schreiben, das heißt keine Geschichte, die auf der Fiktion beruht, daß das einzig Interessante im Leben darin liegt, ob und wie ein paar Gänschen und einige Gänseriche sich zusammenfinden und daß das Leben mit der Hochzeit besagter Geschöpfe und einem Gedankenstrich à la Prellwitz aufhört. Ich weiß, daß achtzig Prozent der deutschen Romane von diesem nichtswürdigen Gedanken leben und daß fünfundneunzig Prozent der Romanleser dies verlangen. Es ist aber grundfalsch und weiter nichts als eine Geisteskrankheit der letzten paar Jahrhunderte. Es gibt nichts Schwachköpfigeres, nichts Uninteressanteres, nichts Unbrauchbareres als Wesen im Zustand der Verliebtheit. Das weiß man im wirklichen Leben recht gut und läßt sie allein. Nach der Krankheit werden es vielleicht wieder ganz vernünftige Menschen, während derselben sind sie, auch in Büchern, nur genießbar für solche, die ähnlich veranlagt sind oder es werden möchten. So kommt es, daß fast ausschließlich nur Frauen – für die das Verhältnis der Geschlechter in jeder Phase von weitaus größerer Bedeutung ist als für den Mann – deutsche Romane lesen, zu denen die Männer von heute nur in der Not der äußersten Langeweile greifen. – Früher war dies anders. Ein Homer, ein Virgil, die »Nibelungen«, selbst »Tausendundeine Nacht«, und die Literatur des Mittelalters weiß von dieser grotesken Einseitigkeit nichts. Sie sehen aus dem Obigen, mit welch zärtlichen Gefühlen ich diese Richtung betrachte und können nun verstehen, weshalb es mir in tiefster Seele zuwider ist, mein Buch mit zwei Hochzeiten zu schließen, die ihm den Stempel der gewöhnlichen Liebesgeschichte aufdrücken. Die betreffenden Partien sind die reinsten Episoden und sollten als nichts andres angesehen werden. Ich weiß, die geneigte Leserin wird hierüber empört sein. Aber ich weiß auch, wie oft und wie sehr sie mich empört hat mit ihrem verflachenden, versüßelnden Einfluß auf unsre unglückliche, verbackfischte Literatur. Viele suchen sich diesem Einfluß zu entziehen, indem sie über die Schnur von Sitte und Anstand hauen. Es sollte auch andre Wege geben, dem Leben Interesse abzugewinnen. Spielt in dem Dasein wirklich tüchtiger und großer Menschen die Liebesperiode und die Heiratsgeschichte ihres Lebens irgendwelche Rolle? Ausnahmen zugegeben. Wer denkt an die Liebeleien ernsterer oder vorübergehender – namentlich ernsterer Art eines Alexander, Cäsar, Napoleon, eines Luther oder Kant, eines Stephenson oder Darwin. Nehmen Sie, wen Sie wollen. Wer fragt auch im gewöhnlichen Leben nach dieser seiner törichtsten Periode, außer vielleicht eine höhere Tochter in der untern Klasse ihrer Schule? Und gerade diese Seite soll immer das A und O einer guten Geschichte sein. Nun wissen Sie auch, wie ein ehrlicher alter Junggeselle über diesen Punkt denkt. Daß die meisten Männer ebenso fühlen, ohne zu denken, das weiß ich. Ich wollte nun für Männer schreiben oder jedenfalls nicht vorzüglich für Frauen. Das ist mein Recht. Und ich werde wahrscheinlich dafür büßen. Das ist meine Pflicht. Das Buch sollte die Geschichte von Joe, Ben und der Pyramide erzählen, die alle drei selbstverständlich mehr Symbole als reale Wirklichkeit vorstellen. – Nun ärgerte mich während der ganzen Geschichte etwas andres oft so, daß ich nahe daran war, die ganze Arbeit wegzuwerfen. Ich hasse negative Größen, negative Ergebnisse, und tatsächlich ist die Moral der Geschichte eine negative. Weder Ben mit seinem stürmischen Vorwärtsdrängen noch Joe mit seinen träumerischen Rückblicken kommen zu einem Ziel, und das Ganze schließt im siebenundzwanzigsten Kapitel mit einem unentschiedenen Schach. Es ist dies nicht unnatürlich, denn solche Fragen werden selten oder nie in einer Generation ausgesuchten. Da deutet nun das achtundzwanzigste Kapitel auf den Kern der Sache hin: Die Pläne Ben Thinkers sind heute in voller Ausführung, und Joes geheiligte Pyramide samt ihren Träumereien steht ruhig und unberührt mitten im Getriebe des Tages. Das ist die Bedeutung und, ich bilde mir ein, der Wert des achtundzwanzigsten Kapitels: es ist der wirkliche Schlußstein des Buchs. Soll ich ihn ausbrechen wegen eines Romänchens, das Ihnen in hunderttausend Versionen entgegengebracht wird? Nun sind Sie schuld daran, daß ich mich wieder in dieser Weise in die Sache hineingeschrieben habe und es mir wie eine unverzeihliche Schwäche vorkommt, wenn ich, um des momentanen Beifalls des Lesepublikums willen, die Tendenz des Buches preisgebe. Solche Dinge wollen mit der nötigen Gefühllosigkeit behandelt sein. Vielleicht sehe ich in etlichen Tagen klarer. Die Sache ist nicht so einfach wie Sie denken. Nun aber mit herzlichen Grüßen an das ganze Haus – Schluß! Ihr stets ergebener Eyth . Nachschrift. Ich füge noch ein Blättchen bei, fast um nach der oben so wenig höflich behandelten Frauenart das Wichtigste nach Schluß der Epistel sagen zu können: Noch einmal meinen besten Dank dafür, daß Sie Zeit und Raum gefunden haben, auch die zweite Lieferung des Manuskripts mit Randbemerkungen zu versehen. Ich könnte Bogen und Bogen darüber schreiben, aber ich sehe ein, daß es unmöglich ist, diese Dinge schriftlich zu diskutieren. Wo sollte das enden? Noch etwas weniger Wichtiges: Die vier Teile des Buches erhalten die Untertitel: Wasser, Feuer, Luft und Erde, und jede dieser Unterschriften ist mit einem Sonett verziert. Wollen Sie die Gedichtchen auch haben, ehe Sie sie im Buche sehen? Sie bemerken, wie ich mich bemühe, Ihr Wohlwollen für das achtundzwanzigste Kapitel selbst durch eine Art Bestechung zu gewinnen. D. O. Ulm, 30. Mai 1901. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Es droht Ihnen ein zweiter langer Brief, denn seit gestern habe ich Zeit; lange aber wird dieser gefährliche Zustand nicht dauern. Mein Cheopspyramiden-Manuskript ist zusammengepackt und aus dem Haus, und ich fühle das dringende Bedürfnis, mit der ganzen ägyptischen Atmosphäre, die es umgibt, so rasch als möglich aufzuräumen. Früher wollte ich Ihnen nicht schreiben, denn Sie mußten doch erfahren, was mit dem achtundzwanzigsten Kapitel geschehen ist, und vor vier Tagen wußte ich es selbst noch nicht. Ich wollte mich erst unter dem Eindruck der endgültigen Revision des dritten und vierten Teiles des Buchs entscheiden. Unter diesem Eindruck ist es gefallen. Sie haben recht: der Leser hat satt, am Schluß des siebenundzwanzigsten Kapitels, vielleicht mehr als satt; und zum ersten Male während der ganzen Schreiberei habe ich, verführt durch Sie, ernstlich an den »Leser« gedacht. Es ist dies Prinzipiensache. – Ein wirklich guter Schauspieler wird nie etwas Großes schaffen, wenn er an das Parkett denkt, anstatt an seine Rolle. Zehnmal weniger sollte ein Schriftsteller an den Leser denken, anstatt an die Gestalten und Situationen, die er schafft. Das ist überhaupt das Kritisierbare in Ihrer sonst so dankenswerten Kritik. Sie stellen sich durchweg auf den Standpunkt des Lesers und vergessen wohl auch manchmal, wie unendlich vielköpfig und verschiedenartig dieser Leser ist. Der Kerl geht mich aber nichts an, fast nichts. Und nun werde ich das alte achtundzwanzigste Kapitel in einem hervorragenden Geheimkabinett sorgfältig aufbewahren, als einen denkwürdigen Beweis männlicher Schwäche und weiblichen Triumphes. Ich besitze leider wenige Documents humains dieser Gattung. Ernsthaft gesprochen: vom Standpunkt des Lesers haben Sie völlig recht. Weshalb das Kapitel überhaupt erdacht und geschrieben wurde, fühlen Sie vielleicht, wenn Sie den Sinn des vierten Sonetts (Erde) auf sich wirken lassen. Ich wollte den Leser zwingen, über eine Generation hinauszublicken, ich wollte feststellen, daß das Untergehen der Saat nicht das Ende der Dinge bedeutet. Siebenundzwanzig Kapitel schildern das Leben dieser Saat, das achtundzwanzigste zeigt, wie die Früchte reifen. Aber ich habe all das vielleicht zu sehr in die Sprache und das Treiben des gewöhnlichen Lebens gehüllt, so daß es diesen Eindruck auf Ihren »Leser« nicht macht. Das ist mein Fehler, den ich gerne zugebe, aber ich büße auch dafür mit dem Opfer des achtundzwanzigsten Kapitels und von mehr als ihm. Sonst war ich in bezug auf Kürzungen ziemlich störrisch; nicht, weil ich nicht zugebe, daß das Buch, wenn es kürzer wäre, besser sein könnte, sondern weil ich die Gründe, die Sie für die einzelnen Fälle anführen, nicht anerkennen konnte, ganz abgesehen von dem Leser, den ich prinzipiell nicht gelten lasse und dem zulieb die schönsten Werke der Literatur – namentlich in der Zeit ihres Entstehens – unfehlbar verhunzt worden wären. Beispiele: Ich ging anfänglich mit großem Eifer an die gewünschten Kürzungen, begegnete aber auch sehr bald einer lehrreichen Erfahrung. In den ersten Kapiteln fand ich bei jeder Personenbeschreibung ein peremtorisches Kürzen! Ich gehorchte im Schweiße meines Angesichts, bis ich an Buchwald kam. B. ist eine der Hauptfiguren des Buchs. Seine Personalbeschreibung nimmt genau fünf Zeilen ein; jedes Wort sagt etwas. Einer der ersten Erzähler der Welt, Walter Scott, hätte ihm fünf Seiten gegeben. Aber auch hier stand »kürzen« am Rand, Nun wußte ich, daß ich es nicht mit einer Eigentümlichkeit des Buchs, sondern von Frau du Bois-Reymond zu tun hatte, und stellte alles – fast alles – wieder her, wie es ursprünglich war. » Wrong or right, my country .« Einen andern Grund für Kürzungen finden Sie in Szenen, welche unangenehme Vorkommnisse oder Personen betreffen. Derartige Beschreibungen mögen ungeschickt sein; das ist eine Frage für sich. Aber ein Buch, das das Leben schildern will mit Auslassung seiner unangenehmen Seiten, ist wirklich nicht wert, geschrieben zu werden. Juckerwasser und Honig, Biskuitfigürchen nach Modellen der Dresdner Porzellanfabrik sind ja recht nette Sachen, aber sie sind nicht der Stoff, aus dem allein ein vernünftiges Buch gemacht werden kann. Peinliches, Unangenehmes, Widerwärtiges muß gelegentlich in einem solchen auftauchen, wenn es nicht süßlich und unwahr werden soll. In unsrer modernen Literatur beansprucht diese Seite des Lebens bekanntlich den breitesten Raum. Dies ist natürlich ebenso unwahr, als ihr ganz aus dem Wege gehen zu wollen. Ein weiterer Ihrer Gründe ist, daß gewisse Vorgänge in andern Büchern schon oft beschrieben worden seien. Können Sie mir in der weiten Welt etwas zeigen, das nicht schon vor fünfhundert Jahren viel und oft beschrieben worden, wenn es überhaupt existierte. Nein, schon vorher, in Visionen und Prophezeiungen aller Art. Aber auch hier komme ich lieber mit meinen widerwärtigen Prinzipien: ich halte es für schlechterdings verwerflich, wenn ein Schriftsteller über den Rand seines eignen Buches hinwegschielt, um sich danach zu richten, was andre getan und gelassen haben. Das geht ihn nichts an. Ein Buch, das sein Salz wert ist, ist ein Werk für sich. Es mag mit vielen Fehlern geboren worden sein, aber einer der größten wäre der, daß es mit Rücksicht auf andre Bücher geschrieben wurde. Ich kenne nur einen ebenso großen: wenn es von andern abgeschrieben ist. Und so weiter – – Es freut mich herzlich, daß wir anfangen, uns auszusprechen. Glauben Sie mir dabei nur eins: ich halte meine Ansichten nicht für die alleinseligmachenden und freue mich, wenn sich andre neben den meinen regen und geltend machen. Das wollen wir bei allen etwaigen zukünftigen Diskussionen festhalten. – Beiliegend die Sonette zur Erinnerung an unsre pyramidale Korrespondenz. Die Beziehungen der Gedichtchen zum Buch können vielleicht ein paar Worte der Erläuterung ertragen. Mit dem etwas pathetischen Ton hätte ich gern darauf hingewiesen, daß hinter dem leichten des Buchs etwas mehr steckt, als man vielleicht auf den ersten Blick annimmt. Der erste Teil (die ersten sieben Kapitel) behandelt, wie Sie sich vielleicht erinnern, hauptsächlich die ägyptische Wasserfrage. So ist schon äußerlich der Titel »Wasser« zu entschuldigen. Der zweite Teil umfaßt Joe Thinkers Pyramidenphantasien, bei allen Irrungen ein mehr geistiges Element – »Feuer«. Der dritte Teil bewegt sich in der beweglichen Atmosphäre von Irrsalen, von Zügen und Gegenzügen in Kairo und endet (jetzt) mit der Märchenschlacht: »Luft«. Und schließlich der vierte Teil – »Erde« –, der uns auf den festen Boden der harten Wirklichkeit mit ihren Enttäuschungen, aber auch mit der Hoffnung einer gesunden Weiterentwicklung zurückführt. So habe ich mir diese Titel gedacht. Der »Leser« wird, fürchte ich, weniger darüber denken. Allein, Sie wissen nun auch, was ich über ihn denke – present company excepted of course ! Wenn Sie mich jetzt für einen eingebildeten Narren halten, muß ich mir's gefallen lassen. Ganz richtig wäre auch dieser Gedanke nicht. Auch ein altmodisches Motto gab ich schließlich dem Ganzen mit auf den Weg: Goethes »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis«. Nun aber zum Schluß mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Eyth . Ulm, den 30. Dez. 01. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Sie haben es sich nicht nehmen lassen, auf meinen mit Recht mehr und mehr zusammenschmelzenden Weihnachtstisch ein Zeichen Ihrer Freundschaft zu legen. Ich kann nur meine, ich glaube schon früher ausgesprochenen Mahnungen und Bitten wiederholen, dies nur geistweise zu tun. Sie haben im Kreise einer großen Familie um die Weihnachtszeit ohne Zweifel Sorge und Mühe genug, bis all die großen und kleinen Verpflichtungen erfüllt sind, die diese Zeit mit sich bringt. Weshalb sie vermehren, wo alles, was wir bedürfen, mit einer Zeile und einem Gruß erreicht ist und darüber hinaus mit allem Mühen nichts geschehen kann. Trotz dieses Gebrumms aus der Bärenhaut eines alten Junggesellen meinen herzlichen Dank für das schöne Buch, das in wenigen Tagen an die Reihe kommen wird – als erstes nach einem reichlich Bücher spendenden Christtag –, in der Stille eines Krankenzimmers vorgelesen zu werden, denn wenn meine liebe Mutter auch nicht mehr fähig ist, den Zusammenhang einer größeren Erzählung festzuhalten, so scheint ihr das gewohnte Gemurmel des Vorlesens doch gut zu tun, und wir andern – ich und ihr Fräulein – kommen dabei auch auf unsre Rechnung. Sie haben somit in mehr als einer Richtung Gutes gewirkt und mir das Recht vollends genommen, meinen Protest nachdrücklicher zu erheben. Es geht augenblicklich bei uns in der Tat ein klein wenig besser. Welches Rätsel doch die Lebenskraft ist, an die man auch in physiologischen Kreisen neuerdings wieder etwas zu glauben anfängt. Es geht eben, man mag sich drehen und winden, wie man will, mit Physik und Chemie allein nicht überall. Ihr stets ergebener Eyth. Roländchen meinen besten Gruß und Dank für das wundervolle Buchzeichen, dessen klassisch ernste Formen einem »heimlichen Romantiker« besonders zuträglich sind. D. O. Ulm, Dez. 1901. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Das Schwerste einer schweren Zeit liegt nun wohl hinter Ihnen, und die Tage und Wochen des Alltagslebens, über die man sich so oft mit Unmut und Unrecht beklagt, haben, wie ich hoffe, auch bei Ihnen ihre heilende Wirkung begonnen. Möge Ihnen die kommende Festzeit, die oft genug schmerzlich an frische Wunden rührt, neue Lebensfreudigkeit bringen! Dazu sollte sie Fröhlichen und Traurigen dienen, um ein neues Jahr mit neuem Mut beginnen zu können. Ich glaube zu wissen, daß Sie für den Weltfrieden eintreten – wenn ich auch nicht weiß, ob Sie in der kleinen aber kampfesmutigen Armee der großen Friedens-Berta in Reih und Glied mitmarschieren. Ich stehe leider auf der andern Seite und freute mich insgeheim, daß Sie Roländchen den kriegsruhmreichen Namen gegeben haben, den er trägt. Da jedoch zu befürchten ist, daß in dieser Richtung seine Erziehung nicht ganz entsprechend dem großen Namen seines Namensahnen ausfallen dürfte, so erinnere ich mich ausnahmsweise meiner Pflichten als Pate und schicke ihm eine Kanone. Wenn Sie sie ihm unterschlagen, so wasche ich meine Hände in Unschuld. Wenn nicht, so beobachten Sie die Wirkung, die der erste Schuß auf sein kleines Herz ausübt. Ich hoffe das Beste. Und bedenken Sie: wir leben nicht in einer Welt des Friedens, und Männer sind dazu da, in dieser Welt zu leben. Meine Weihnachten werden recht still und wehmütig ausfallen. Meine Mutter hat sich zwar tatsächlich wieder etwas erholt; allein trüb bleibt Gegenwart und Zukunft bis zum Schluß. Darüber brauchen wir uns keine Illusionen zu machen. Herzliche Grüße an groß und klein, und wenn ich ja im Tintensturm der kommenden Festzeit nicht dazu käme, Ihnen einen besonders gewichtigen Neujahrsbrief zu schreiben, so nehmen Sie freundlichst diese Zeilen dafür. Meiner besten Wünsche sind Sie ja sicher. Ihr stets ergebener Eyth. Ulm, 24. Febr. 1902. Sehr geehrte Frau du Bois-Reymond! Einen vorläufigen Entwurf Ihres Feldzugs durch Schwaben finden Sie auf der nächsten Seite. Lassen Sie mich freundlichst wissen, ob Sie denselben im allgemeinen billigen, ob Sie ihn kürzer oder länger haben möchten, ob Sie irgendwelche nicht berücksichtigte Spezialwünsche haben und so weiter. – Ist der Plan einmal im allgemeinen festgestellt, so kann ich Ihnen leicht die einzelnen Tage mit nützlichen Winken à la Baedeker ausfüllen. Wir sind jetzt mit Jörn Uhl durch. Ich halte es für eines der besten Bücher, die mir seit vielen Jahren in die Hände gekommen sind, und ich danke Ihnen nochmals herzlich dafür, daß Sie es mir zugeführt haben. Sie sagten damals, wie Sie sich gewundert hätten, daß solche Bücher noch geschrieben werden. Ich wundere mich gar nicht und freue mich bloß. Das jammervolle Fin-de-siècle -Gewinsel liegt hinter uns, das das unausbleibliche Ergebnis der rein materialistischen Lebensauffassung der absterbenden Generation werden mußte. – Ein ernster Geist der Hoffnung und des Glaubens – wenn wir auch noch nicht recht wissen, was wir glauben sollen – zieht durch die Welt wie ein Frühlingshauch, und da und dort kommen schon die Knospen. Die Jahre der Menschheit sind noch lange nicht zu Ende, und Säen und Ernten, Blühen und Früchtebringen wird, Gott sei Dank, wohl noch eine Zeitlang fortgehen. Mit herzlichen Grüßen Ihr sehr ergebener Eyth. Ulm, den 31. Juli 1902. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Mit bestem Danke sende ich Ihnen Fontanes »Kinderjahre« zurück, die wir aufmerksam und mit Interesse gelesen haben, vor allem des Mannes wegen, der sie schrieb. Das Buch, scheint mir, hat all dessen Tugenden: die gerade Ehrlichkeit, die schöne einfache Sprache, aber auch seine Fehler, worunter ich einen gewissen Mangel an Wärme rechne, der gerade bei dem Thema dieses Buchs besonders ausfällt. Vielleicht wurde mir der Eindruck dadurch vertieft oder erhöht, daß es das dritte Buch über Kinderjahre war, das wir kürzlich lasen. Solche Bücher sind eine Gefahr für die Verfasser. In unsrer Jugend ist uns alles so unendlich interessant, daß es uns schwer wird, zu verstehen, daß andre diese Dinge nicht mit dem gleichen Gefühl des kindlich liebenswürdigen Egoismus ansehen. Gewöhnlich sind es für Dritte sehr gleichgültige Sachen: Detailschilderungen von Haus und Hof, die überall sich wiederholenden Räuberspiele der Jungen, die Abenteuer mit zerrissenen Höschen oder einem Klecks im Schulheft. Es kommt alles darauf an, wie sie behandelt werden, und da scheint mir der etwas trockene Ton Fontanes ein nicht glückliches Zusammentreffen mit der zu trockenen Jugend des Mannes. Fontane ist kein rechtes Kind gewesen, und es ist kein Wunder. Im ganzen Buch sind seine Geschwister kaum erwähnt. Nehmen Sie die Schilderung des Weihnachtsabends in seinem väterlichen Haus: das ist einfach entsetzlich. Die ganze poesielose Atmosphäre unsers philisterhaften Mittelstandes mit seinen fadenscheinigen Prätensionen. Ich werfe keinen Stein auf ihn. Er spricht von seinen Eltern mit der Achtung, die sich gebührt, aber er war in ihrer Wahl nicht glücklich und das entschuldigt viel. Über eins wunderte ich mich beständig: daß in diesem ehrlichen, aber steifen Charakter so gar nichts von dem französischen Blut seiner Eltern zu spüren ist. Wo ist das doch hingekommen? Wer weiß – vielleicht machte Ihnen das Buch einen ganz andern Eindruck, Nein! L. du Bois-Reymond und es macht sich in mir wieder einmal jener infame Unterschied zwischen Nord- und Süddeutschland geltend, den ich so lebhaft beklage als irgend ein andrer guter Deutscher, über den wir aber – in Gefühlssachen – nun einmal nicht weg können, so lange wir waschechte Deutsche sind. Verzeihen Sie diesen nörgeligen Brief! Ich habe mich törichterweise gründlich überarbeitet, war vierzehn Tage lang in einer Kaltwasserheilanstalt, um mein geistiges Gleichgewicht wiederzufinden, bin zurück, im allgemeinen wohl, aber, wie Sie sehen, noch nicht ganz munter. Es wird wiederkommen, denk' ich. Indessen mit herzlichen Grüßen an Sie und das ganze Haus Ihr stets ergebener Eyth Ulm, 9. Sept. 1902 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Soeben komme ich von München und Breslau zurück, wo ich eine Woche lang in Wasserangelegenheiten herumplätscherte. Es ist unglaublich, wie viele Festdiners man im lieben deutschen Vaterland erdulden muß, um auch nur das kleinste Kanälchen unter Dach zu bringen! Dort, das heißt in Breslau, erreichten mich Ihre freundlichen Zeilen bezüglich des Kernerhauses. In der »Nationalzeitung« war über den Verfall des Hauses von Justinus Kerner geklagt worden Meine Zeit war aber so sehr in Anspruch genommen, daß ich der heimlichen Romantik auch nicht eine Minute lang nachhängen konnte und heute erst dazu komme, für Ihre freundliche Anregung auch nur zu danken. Von den in der »Nationalzeitung« berührten Verhältnissen weiß ich augenblicklich absolut nichts, will mich aber ohne Verzug erkundigen. Tatsache ist, daß die Kreise, die den ganz alten Kerner umgaben, durchaus andre waren als die, in welchen der junge auch seine späteren Jahre verlebt hat. Der erstere war ein Poet, aus Humor, Schwermut und Mystik zusammengesetzt, der letztere ein fideler Lebemann und ist es meines Wissens noch heute in hohem Alter. Dies dürfte es erklären, wenn in dem vorliegenden Falle der Name des Vaters sich nicht mehr so wirksam erweisen sollte, als es wünschenswert wäre. Gewiß, es wäre schade um den poetischen Winkel bei Weinsberg. Aber alles hat eben seine Zeit, und die poetischen Winkelchen der kleineren Größen wohl mit Recht eine kurze. Aber wie gesagt, ich will Nachforschungen anstellen. Die »Nationalzeitung« seufzt zwar, gibt aber nicht den geringsten Wink, wie und wo etwas geschieht oder geschehen könnte. Ich bin augenblicklich in recht schlechter Stimmung infolge der Notwendigkeit, meine Pyramidengeschichte selbst zu lesen, der Korrektur wegen. Es ist mir dies eine fürchterliche Qual, und ich würde Ihnen und andern ganz anders vorjammern, wenn ich nicht die natürlichste und einfachste Entgegnung fürchten müßte. »Warum, ins Kuckucks Namen, lassen Sie's nicht bleiben, wenn Ihnen die Schriftstellerei so schlecht bekommt?« Darauf wüßte ich keine vernünftige Antwort – und muß deshalb das Elend allein tragen, so gut oder so schlecht es eben gehen will. Übrigens ist dreiviertel des Ganzen schon gedruckt, so daß es nicht mehr lange dauern wird. – Habe ich Ihnen für die prächtige Photographie Rolands und seines Schwesterchens gedankt? Verzeihen Sie, wenn es jetzt erst geschieht. Mit Zermatt und Friedrichshafen und Breslau und so weiter ist mir alles ein wenig durcheinander gekommen. Mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Eyth Ulm, den 15. Nov. 1902. Geehrteste Frau du Bois-Reymond! Dickens »Hard times« – Sie wissen, daß Dickens einen wunderlichen Namensbruder in England hat, an den ich eigentlich denke – bleiben keinem Menschenleben erspart, mag es äußerlich noch so glatt und glänzend verlaufen. Ich glaube fast – nein, ich weiß aus Erfahrung – sie sind notwendig für unser inneres Gedeihen. Deshalb sollte man sich nicht allzu laut beklagen, wenn sie uns etwas schwer fallen. In ihrem Gewicht liegt ihr Wert. Ich predige mir, nicht Ihnen. Nun sollen Sie aber auch wissen, weshalb mir der Predigttext aus der Feder schlüpft. Meine Mutter ist körperlich für den Augenblick zum Glück nicht allzu schlimm dran, wenn auch ihr Geist völlig hilflos zwischen unfaßbarem Seelenjammer und kleinen Nöten aller Art hin und her schwankt und durch keine Vorstellungen mehr zu packen ist. Dagegen ist Fräulein Heintzeler, die unentbehrliche Stütze unsrer kleinen Haushaltung, an einer tüchtigen Influenza ernstlich erkrankt, und ich selbst habe offenbar etwas Ähnliches im Leibe und halte mich nur mühsam aufrecht. Wir haben ein fremdes Fräulein und eine Diakonissin im Hause, und alles, was man an einem verhältnismäßig kleinen Ort mit Geld herbeischaffen kann. Aber wie wenig kann man in solchen Fällen plötzlicher Not mit Geld machen. Meine Geschichte der Technik habe ich, offenbar im Vorgefühl dessen, was kommen sollte, vor acht Tagen zu drei Vierteln fertig, gänzlich über Bord geworfen. Die Sache wurde mir unerträglich. Mit Krämer, dem Herausgeber des »Weltalls«, komme ich, wie es scheint, ganz nett auseinander. Wenn man von den Menschen für eine Masse Arbeit nichts verlangt, so sind sie doch im allgemeinen menschlich. Mag ein andrer die Geschichte vollenden, umarbeiten, in den Papierkorb werfen – es ist mir alles recht. Es ist mir, als hätte ich augenblicklich für nichts Sinn, als für den letzten Seufzer des Götz von Berlichingen: »Freiheit! Freiheit!« In den letzten Tagen habe ich zufällig Tagebücher meines Vaters aus den Jahren 1827 bis 1831 (Studentenzeit und so weiter) aufgestöbert. Er glaubte damals – an einem schweren Augenleiden erkrankt – der Blindheit entgegenzugehen und wirft jetzt, nach siebzig Jahren, einen Lichtblick über die trüben Stunden von heute. Eines seiner hübschesten Gedichte von damals will ich Ihnen doch mitteilen. Man fühlt ihm an, daß es erlebt ist: Der Blinde im Frühling Helle ward's, der Morgen schickte Weit hinaus das goldne Licht, Und die Frühlingssonne blickte Auf ein bleiches Angesicht. In der Kammer saß er drinnen, Starrte in die Welt hinein, Aus dem Auge fühlt' er's rinnen In den warmen Sonnenschein – Fließe, stille Träne, fließe Aus dem finstern, öden Haus, Ziehe zu dem Paradiese, Zu des Tages Licht hinaus. Du empfingst das holde, schöne, Saugst es ein, das letzte Gold; O wie glücklich ist die Träne, Die aus meinem Auge rollt. Mit den Büchern Ihres »kleinen Freundes«, Flynt: Tramping with tramps. The rise of Ruderick Clowd. die Sie so freundlich waren, mir zu schicken, müssen Sie ein wenig Geduld haben. In diesen Tagen bin ich zu wenig in der Stimmung, mit ihm in den Sümpfen der Menschheit herumzuplätschern und würde seine Eigenart wahrscheinlich nicht richtig beurteilen. Lassen Sie mich ein paar Wochen zuwarten. Auch bei Ihnen geht es ja keineswegs, wie wir es wünschen. Ich schließe mit dem herzlichen Wunsche, daß alles mild und gnädig verlaufen möge und Sie sich mit Sorgen und Mühen nicht allzusehr anstrengen müssen, und bleibe wie immer Ihr ergebener Eyth Ulm, den 30. Dezember 1902. Meine liebe Ilse! Für das reizende Figürchen, das Du – oder sollte ich schon Sie sagen? ich weiß wahrhaftig nicht, ob Du mit der Einsegnung diese Grenzlinie des jungen Lebens schon überschritten hast, und will zu unser aller Beruhigung annehmen, daß es noch nicht geschehen ist –, das Du mir geschickt hast, danke ich Dir recht herzlich. Es hat mich sehr gefreut, besonders weil es zeigt, daß Du nicht aufhörst, Fortschritte zu machen, auf die die lieben Deinen stolz sein dürfen. Damit will ich aber nicht sagen, daß auch Du stolz sein solltest; denn damit wäre der Hauptspaß vorbei. Von anatomischen Fehlern sehe ich nichts. Das kommt wohl daher, daß ich die Anatomie der Sakuntala zu wenig studiert habe. Das kannst Du viel besser tun als ich. Das Schlänglein aber ist jedenfalls vortrefflich; das verstehe ich nämlich auch. Das Beiliegende soll nur ein kleiner Gruß sein. Ulm ist keine große Stadt und liegt ein wenig außerhalb aller Welt. Da muß man schon zufrieden sein mit dem, was man kriegt. Daß Dich die Cheopspyramide gefreut hat, wundert und. freut mich. Es ist doch auch viel langweiliges Zeugs drin – Zahlen und dergleichen –, aber die werdet Ihr wohl übersprungen haben, hoffe ich. Leider – wenn man so lange in Ägypten gelebt hat, wie ich, wird man selbst ein wenig langweilig. Und nun lebe wohl. Grüße mir die lieben Deinen, Tante, Onkel, Geschwister, vielmals. Ich lasse Ihnen allen, wie auch Dir, ein glückliches neues Jahr wünschen und bleibe Dein treuer Freund M. Eyth. Ulm, den 14. März 1903. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Sie haben mir durch die klare Fragestellung und die genaue Bezeichnung der Seiten in den zwei Manuskriptbänden die Sache so erleichtert, daß ich Ihnen die Bücher mit meiner Antwort heute schon zurücksenden kann. Gehen wir ohne Umschweife an die Arbeit. Band III, Seite i, k, und 1. XIII. Es handelte sich um die Autobiographie meines Vaters, die dann unter dem Titel: Sebastian Hensel. Ein Lebensbild aus Deutschlands Lehrjahren in Behrs Verlag, Berlin, erschien. L. du B.-R. Ich bin entschieden für die Aufnahme dieser Sachen. Es ist grundfalsch, zu glauben, daß die Arbeiten eines Mannes das bessere Lesepublikum weniger interessieren als die Erlebnisse, die neben seiner Arbeit herlaufen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Arbeit ist das Knochengerüste eines männlichen Lebens. Es ist vielleicht nicht ratlich, die Knochen ohne Fleisch und Haut zu präsentieren; aber noch schlimmer ist Fleisch und Haut ohne Knochen. Ich weiß, unsre Literatur ist reich an solchen molluskenartigen Produkten; und die Mehrzahl des lesenden Publikums ist molluskenartig genug, solche vorzuziehen. Die Besseren aber, für die Ihres Vaters Memoiren geschrieben sind, sind zum Glück andrer Natur. Hüten Sie sich, diesen das kleinste Knöchlein zu entziehen, das sich vorfindet. Band IV, Seite 53 und so weiter bis 72. Diese Schilderungen sind sehr interessant als Bild der Verhältnisse jener Zeit und als ein ganz wesentliches Element im Leben und im Charakter Ihres Vaters. Warum kann das Plänchen nicht beigedruckt werden? Übrigens ist der Plan und das Ganze so einfach, daß man die Sache auch ohne Plan recht wohl verständlich machen kann, namentlich, wenn Sie bei der örtlichen Beschreibung mehr von den Bezeichnungen der Himmelsgegenden Nord, Süd, Ost und West Gebrauch machen. Damit erleichtern sich Engländer und namentlich Amerikaner derartige Schilderungen ungemein. Das einzige, was vielleicht wegbleiben könnte, ist die Geschichte der Thomasschlacke. Ganz Sachverständige interessiert sie wenig, einigermaßen Sachverständigen ist sie heute fast allzu bekannt. – Köstlich ist auf Seite 64 die Sorge und Freude Ihres Vaters darüber, daß seine Wasserpumpe Wasser pumpte, und die Schlußworte nach dem Streit mit Schichau: »Die Lokomobile war nun sehr preiswürdig.« Ich freue mich herzlich darauf, das Buch fertig zu sehen und will alle Bemerkungen über dasselbe bis dahin aufsparen. Ihres Herrn Gemahls hübsche Schilderung seiner Jungfraufahrt kannte ich schon. Einer meiner Berliner Freunde, der weiß, daß ich Sie und die Ihren kenne, schickte mir die »Nationalzeitung« sofort nach dem Erscheinen des vortrefflichen Aufsatzes. Sie schreiben nichts darüber, wie Ihnen Wengen gesundheitlich zugesagt hat. Ich hoffe daraus schließen zu dürfen, daß die Bergluft gehalten hat, was Sie und wir alle für Sie hofften. Ich selbst war noch nicht in Freiburg. Meine Absicht war, in den nächsten Tagen zu gehen. Nun höre ich aber, daß der berühmte Mann, dem ich mein Mißtrauen zuzuwenden gedenke, im Begriff ist, in Ferien zu gehen und erst nach Ostern wieder zurückkommt. So lange habe also auch ich noch zu warten. Es schadet nichts, denn der wahre Grund meiner Besorgnis liegt in nichts anderm als im herannahenden Alter. Dies wird sich in vier Wochen, auch ohne ärztliche Nachhilfe, nicht wesentlich bessern, so daß der Herr Professor noch immer etwas zu tun finden dürfte. Auch daß ich nicht früher nach Freiburg ging, hatte seinen Grund, nämlich den folgenden: Nachdem ich im November halb krank und ganz verzweifelnd »Menschheit und Weltall« über Bord geworfen hatte, mußte ich natürlich das entstandene Vakuum so schnell als möglich ausfüllen, wenn ich nicht wirklich unglücklich werden wollte. Nun ist mein Heidelberger Verleger schon seit drei Jahren hinter mir her. Mein Wanderbuch ist nämlich in dritter Auflage völlig vergriffen. Die fünf Bändchen wieder zu drucken lohnt sich in der Tat nicht. Zuviel ist veraltet, andres war von Anfang an zu breit u. s. w. Doch werde immer noch danach gefragt, deshalb wollte er, ich solle die fünf Bände in zwei umarbeiten, die dann ein neues Buch geben würden. Das schien mir nun eine angenehme, leichte Arbeit zu versprechen, wie ich sie gerade nach Leib und Seele brauchte, und ich begann munter nach folgendem Plan. Erster Band: Lehrjahre. Deutschland, England, Ägypten, Nordamerika. – Zeit 1856–66. Zweiter Band: Wanderjahre. Zeit 1866–82 (vierter, fünfter und sechster Band des Wanderbuchs). Dritter Band: Meisterjahre (Zeit 1882–96, Gründung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, und was daneben herlief). Dieser Band wird natürlich neu und erst im Lauf des nächsten Winters geschrieben. Der Untertitel klingt leider conceited wenn er nicht im alten Zunftsinn verstanden wird, wie ich ihn verstehe. – Dafür will ich aber schon sorgen und ihn entsprechend abdämpfen. – Alle drei Bände erhalten wahrscheinlich den Titel: »Im Strom der Zeit«, zwei sollen Ende 1903, der dritte Ende 1904 erscheinen. Nun wollte ich wenigstens den ersten Band druckfertig haben, ehe ich jemand an meinen Augen herumdoktern lasse; und vor drei Tagen bin ich, nicht ohne tüchtig zu arbeiten, soweit gediehen. Damit habe ich Ihnen nun mein ganzes Dasein erklärt. – Der zweite Band von »Jerusalem« war, soweit wir gediehen sind, eine bittere Enttäuschung. Es ging so weit, daß ich manchmal den Verdacht hegte, es könne nicht dieselbe Verfasserin sein. Dies geht wohl zu weit. Aber nie habe ich in so greller Weise den Unterschied gesehen zwischen dem was wächst und dem was gemacht wird. Dies soll nicht mein endgültiges Urteil sein; das werde ich Ihnen schreiben, wenn wir das Buch wirklich beendet haben. Sie sollten sich durch fremde Bücher die Freude am eignen Fabulieren nicht verderben lassen. Auch nicht durch den Gedanken an den Erfolg. Der kümmert mich z. B. »den Kuckuck!« Und ich glaube, dies ist die richtige Stimmung für Leute, die die Literatur nicht zum Brotstudium machen müssen. Übrigens haben Sie, wie mir scheint, übersehen, daß weder Westend noch Grunewald, noch Potsdam meines Wissens zu Berlin W . gehört. Ich habe dies wohl im Auge gehabt, als ich in meinem letzten Brief gegen der Reichshauptstadt westliches Viertel loszog. Mit den besten Grüßen Ihr stets ergebener Eyth . Ulm, 12. April 1903. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Schon früher hätte ich Ihnen die Versicherung gegeben, daß mir die Nichtanzeige der Postsendung bei Ihrem vielbewegten Leben ganz natürlich schien, und ich nur eine persönliche kleine Sorge los sein wollte – Zuvor aber hätte ich gerne abgewartet, bis wir aus »Jerusalem« zurück wären, um Selma Lagerlöf gleichzeitig und sehr ernstlich um Verzeihung zu bitten. Unser Vorlesen geht aber außerordentlich langsam vonstatten – alle Abende 1/2–3/4 Stunden – und so wurden wir mit dem Buch erst vor ein paar Tagen fertig. Meine Bemerkungen über den zweiten Band waren die Folgen der ersten Kapitel – namentlich des Gesprächs zwischen der Grabeskirche und der Omarmoschee, das eine verkünstelte und unnatürliche, und überdies recht billige Allegorie ist. Auch später ist manches in dem Buch, das besser im Baedeker nachzulesen ist. Sobald sie aber zu ihren eignen Leuten zurückkehrt, wird sie wieder ganz vortrefflich. Ich habe leider keine Zeit, einen längeren Brief zu schreiben, aber einzelne Partien des Buchs verdienten mehr als das. Zwei Dinge halte ich für das Höchste, das ein derartiges Werk leisten kann; wenn es uns eine verhältnismäßig fremde Umgebung so schildert, daß wir von der Wahrheit der Schilderung durchdrungen sind und wenn uns eine »gut ausgehende« Geschichte – das heißt eine, die zur glücklichen Vereinigung der hierzu prädestinierten Paare führt – die Tränen in die Augen treibt. Beides hat Selma Lagerlöf fertig gebracht. In jener eigentümlichen Mischung von wahrer Frömmigkeit, religiöser Hysterie und der guten, grundehrlichen Natur ihrer Menschen liegt eine rührende Tragik, die uns zivilisierte Menschen der besseren Gattung wie ein verlorenes Paradies anheimelt. Leider – leider habe ich die Zeitungen mit Ihres Herrn Gemahls vortrefflicher Schilderung seiner Jungfraufahrt verlegt oder verloren. So geht es mit Zeitungen, diesen Eintagsfliegen, und mit dem, was sie uns bringen. Meist ist dies ein Glück. Manchmal aber ist's doch auch recht ärgerlich, wie Figura zeigt. Weder Titel noch Buch von Jentsch waren mir bekannt. Das letztere will ich mir aber verschaffen. Meinen Titel habe ich schon vor einigen Wochen ein klein wenig abgeändert, in: »Im Strom unsrer Zeit.« Daß er trotzdem an Jentsch anklingt, ist mir gleichgültig. Man kann kaum einen Titel wählen, der nicht an einen andern anklingt. Und die Leute können dann mein Buch »Strom« heißen, was noch kürzer ist, als »Wandlungen«. Ich schicke den Brief nach Potsdam, obgleich mir zweifelhaft erscheint, daß Sie bei diesem Wetter schon dort sind. Doch wird er Sie auch so zu finden wissen. Mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Eyth. An Ulrich Leo. Ulrich Leo, Enkel von Sebastian Hensel, hatte an Eyth einen begeisterten Brief über »Den Kampf um die Cheopspyramide« geschrieben. Berlin, 24. IV. 03. Mein lieber Ulrich! Wenn Sie einmal selbst Bücher schreiben, wovor ich Sie jedoch warnen möchte, denn es macht viel unnötige Mühe und Arbeit, so werden Sie finden, daß es ein großes Vergnügen ist, wenn andre Leute an Ihren Büchern eine unerwartete Freude haben. Genau so geht es mir auch; und deshalb hat mich Ihr Brief ganz besonders gefreut. Aber auch aus andern Gründen: Daß Sie das gelehrteste Kapitel in dem Buch studiert haben, ist sehr ehrenvoll für Sie und für das Kapitel. Ein Russe aus Riga hat alles nachgerechnet und gefunden, daß es stimmt. Nur an einem Punkt wollte es nicht ganz klappen. Ich konnte ihn aber beruhigen. Die Sache selbst war doch richtig, nur etwas zu fein für grobe Zahlen. Wie aber die alten Ägypter das alles herausfanden, weiß ich auch nicht. Die meisten glauben, daß es doch nur ein Spiel des Zufalls sei. Ich selbst denke so. Man kommt auf diese Weise am besten aus der Verlegenheit. Darüber wollen wir uns einmal unterhalten, wenn wir uns kennen lernen. Ja, die ganze ägyptische Wirtschaft des damaligen Vizekönigs hat ein trauriges Ende genommen. Er selbst wurde verbannt und ist in Neapel gestorben. Halim Pascha ist nie Vizekönig geworden. Er hat unter den Verhältnissen, ich denke unschuldig, mit leiden müssen. Die Engländer wollten einen so energischen Mann nicht zur Herrschaft kommen lassen, denn sie waren längst entschlossen, Ägypten selbst zu behalten, und für das Land war dies schließlich das beste. Für viele Ägypter war es doch eine herbe Sache, und namentlich Halim, den ich sehr gern gehabt habe, dauerte mich. Ich besuchte ihn später einmal in Konstantinopel, wo er sich einen Palast gebaut hatte. Er ist jetzt auch gestorben. Nun aber zum Schluß! Grüßen Sie mir Ihre lieben Eltern vielmal und seien Sie es selbst herzlich von Ihrem unbekannten Freund Max Eyth Ulm, 23. V. 03. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Diesmal ist es an mir, Sie um Entschuldigung zu bitten und Entschuldigungsgründe zusammenzusuchen. Ich habe hierfür allerdings nicht weit zu gehen; ob sie aber gewichtig genug sind, ist eine andre Frage. Die Hauptursache meines langen Schweigens ist einfach die, daß es mir wieder ganz wohl ist. Folge: ich arbeite wie ein Maurer: so und so viele Backsteine täglich, nicht einen mehr noch einen weniger. Das Maß aber, das ich mir selbst vorgeschrieben habe, füllt meinen Tag so, daß mir fast nichts mehr übrig bleibt, und das wird voraussichtlich bis gegen September erst ein Ende nehmen. Dagegen läßt sich nun alles mögliche sagen, vor allem, daß es keine Entschuldigung ist. Aber was wollen Sie machen? Was will namentlich ich machen, nachdem mir klar geworden, daß ich in andrer Weise in Ulm nicht leben kann? – Haben Sie Geduld mit mir, und, wenn Ihnen der Zustand bemitleidenswert erscheint, Mitleid. Obgleich das Letztere nicht nötig ist, denn es war mir durch mein ganzes Leben nicht wohl, wenn ich es besser hatte. Zu Details übergehend: Das Manuskript des ersten Bandes von »Im Strom unsrer Zeit« ist bereits in Heidelberg. Heute erhielt ich die ersten Korrekturbogen. Den zweiten Band hoffe ich Ende August fertig zu bekommen. Habe ich Ihnen geschrieben, daß die Bände nach meinen Skizzen illustriert werden? Wie es Ihren lieben Vater gefreut haben würde, mit hierbei helfen zu können! Jeder Band erhält 36 Bilder: 4 farbige und 32 in Autotypie. Die Sachen für den ersten Band sind bereits vervielfältigt und ich glaube, nicht schlecht ausgefallen, soweit dies die Originale zuließen. Natürlich macht auch dies mir ziemlich viel weitere Arbeit. – 72 Aquarelle herausputzen ist kein Kinderspiel – aber auch viel Spaß. In Freiburg war ich vor vierzehn Tagen. Der dortige Arzt hat mich gründlichst untersucht, und mich mit dem Trost heimgeschickt: meine Augen seien kerngesund, nur übermüdet. Ich soll sie nur schonen. Der dumme Kerl! Das ist's ja eben, was ich nicht will. – Übrigens bin ich doch recht zufrieden mit diesem Ergebnis. – Besten Dank für die Ratschläge bezüglich lesenswerter Bücher, die ich von Ihnen ganz besonders gern annehme und befolge. Aber leihen Sie mir nichts. Ich halte mich schon seit Jahren an den Grundsatz, daß man die Bücher, die man liest, kaufen sollte. Man ist das den armen Schriftstellern eigentlich schuldig, vorausgesetzt, daß man es kann, und es ist eines der billigsten Vergnügen. Ihre Idylle am Krankenbett Ihres Felix hat mich förmlich gerührt und erhöht meine Reue, Ihnen nicht früher geschrieben zu haben und auch diesmal kürzer zu sein, als ich möchte und sollte. Aber es ist doch wenigstens wieder ein Lebenszeichen und beruhigt – mich. Felix und Roland und die Mädchen und vor allem Sie herzlich grüßend Ihr ergebener Eyth (Die Aprilnummer der »Wartburgstimmen« habe ich noch nicht gesehen, weiß auch nicht, was von mir drin steht) Ulm, 13. Sept. 1903 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Ihre freundlichen Zeilen haben mich tief gerührt, Aber danken Sie Ihrem gütigen Geschick, daß ich gegen alle Rührungen grundsätzlich steinhart bin, denn sie sind meistens nicht viel wert, und daß auch andre Gründe vorliegen, auf Ihre so gut gemeinte, aber – für Sie – allzu gefährliche Aufforderung mit einem schüchternen Nein zu antworten. Winters Buchdrucker, ein Mann in Naumburg a. S., arbeitet nämlich mit einer wahrhaft affenartigen Behendigkeit. Ich erhalte einen Druckbogen pro Tag, den er möglichst umgehend wieder zurückhaben möchte und auch erhält. Auf diese Weise sind wir schon über die Hälfte des zweiten Bandes hinaus – gerade mit ihrem Lieblingskapitel, der Märchenschlacht, fertig. Sie werden hoffentlich zugeben, daß es sich unter diesen Umständen kaum lohnt, Sie mit den jämmerlichen Resten zu quälen. Und eine Qual wäre es gewesen – jeden Tag einen Bogen – zwei bis drei Stunden, wenn man die Sache ernst nimmt! Danken Sie Ihrem Geschick, wie ich Ihnen danke. Ohne stehengebliebene Druckfehler, die Sie wahrscheinlich gefunden hätten, ist es allerdings nicht abgegangen. Einer, gleich im ersten Bogen, bekümmert mich tief. Dort wird dem wissensgierigen Publikum mitgeteilt, daß die ägyptischen Schaduffs »vom Hund« statt »von Hand« in Bewegung gesetzt werden. Auch gerate ich mit dem unglückseligen Puttkamer mehrfach in Konflikt. Der Kerl ist aber auch halbverrückt und wird ja zum Glück in kurzem abgeschafft sein. Anfangs Oktober – jedenfalls vom 7. an, – bin ich einige Tage in Berlin und hoffe Sie und die lieben Ihrigen zu sehen. Indessen herzlich grüßend Ihr stets ergebener Eyth Ulm, 16. Nov. 1903 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Sie wissen, daß es mit unserm häuslichen Vorlesen höchst bedächtig geht: eine knappe Abendstunde täglich. Für mehr habe ich keine Zeit und das gibt nicht einmal sieben Stunden die Woche. Denn nach Ulmer Sitte müssen ein paar Stunden unerbittlich der Wirtshäuslichkeit gewidmet werden. Daß ich diese konsequent auf zwei wöchentlich beschränke, erregte anfänglich das ungläubige Staunen und in der Folge eine chronische Entrüstung unter den Eingeborenen. So kam es, daß wir erst gestern mit dem Buch Ihres lieben Vaters fertig wurden, dem wir für viele, wahrhaft genußreiche Stunden zu danken haben. Hundertmal habe ich in diesen Tagen gedacht: wie schade, wie jammerschade, daß ich den reichen Inhalt desselben erst heute kennen lerne. Wieviel Anknüpfungspunkte hätte er mir verschafft, wenn wir – nein, ich – nicht achtlos ein Jahrzehnt lang daran vorübergegangen wäre. Noch einmal, nein; nicht allein ich, er auch, in unsern Beziehungen zueinander. Es ist nun einmal so: in älteren Jahren wird man stiller und verschlossener und braucht eine unglaubliche Zeit, bis die Rinde schmilzt, die das äußere Leben um unser inneres legt; selbst solchen gegenüber, bei denen wir unter einem ähnlichen Panzer eines Freundes Herz ahnen. So ging es uns; und doppelt dankbar bin ich Ihnen und Ihrem Bruder, daß durch dieses Buch wenigstens nach einer Seite hin ein liebes, wenn auch wehmütiges Licht in das Halbdunkel unsrer Beziehungen gefallen ist. Daß das Buch für diejenigen, die Ihren Herrn Vater oder auch nur Ihren Familien- und Freundeskreis kennen gelernt haben, eine liebe und schätzenswerte Gabe ist, brauche ich nicht zu sagen. Auch der Allgemeinheit gegenüber ist es in seiner Schlichtheit und Ehrlichkeit, in seiner sachlichen Vielseitigkeit und geistigen Beweglichkeit ein vortreffliches Bild eines Mannes und seiner Zeit. Als solches ist es der Anerkennung sicher. Ob das nach Außerordentlichem und Aufregendem haschende Lesepublikum unsrer Tage es beachten wird, wie es verdient, beachtet zu werden, muß sich zeigen. Ich gestehe, ich habe hierüber meine Zweifel, die mir aber insofern selbst wieder zweifelhaft werden, als deutlich fühlbar gegenwärtig ein Zug durch die Welt geht, der sich von dem oberflächlichen Sensationsbedürfnis gelangweilt abwendet und ernstere und ruhigere Genüsse sucht. Und diese bietet ein Leben, wie es Ihrem lieben Vater zu führen vergönnt war und wie er es uns in so liebenswürdiger Weise zu schildern wußte. Sie sprechen den Wunsch aus, ich möchte, wenn möglich, landwirtschaftliche Zeitungen auf das Buch aufmerksam machen. Diese Blätter – hunderte existieren in Deutschland – sind im allgemeinen so fürchterlich trockene Fach- und Nutzblätter, daß sie kaum Raum für etwas dieser Art haben. Ich kenne tatsächlich nur eines, die »Deutsche Landwirtschaftliche Presse«, die ein Feuilleton führt, das anständig genug ist, einen Aufsatz über Ihres lieben Vaters Buch zu verdienen. Den will ich gern und sofort schreiben. Die Zeitung ist die erste und vornehmste ihrer Art in Deutschland und gerade in denjenigen Kreisen viel gelesen, die allein das Buch kaufen dürften. Das ist wenigstens ein Trost. Hoffentlich nimmt die Redaktion den Artikel. Die Schwierigkeit, namentlich für alle andern landwirtschaftlichen Blätter, liegt darin, daß die landwirtschaftlichen Erlebnisse Ihres lieben Vaters, seine Bestrebungen und Erfolge einer Zeit und Verhältnissen angehören, die heute weit hinter uns liegen, und daß die vielen und großen Interessen, die sich gegenwärtig auf diesem Gebiete regen, damals noch kaum berührt wurden. An diese ältere Zeit mit Vergnügen zurückzudenken, dazu gehört ein geschichtlicher Sinn, den die meisten Redaktionen dieser Gattung nicht besitzen und ihrem Leserkreis – mit Recht – nicht zutrauen. Nous verrons. Ich habe einige Tage Zeit, mich dieser Arbeit con amore hinzugeben, ehe ich mich ernsthaft an den dritten Band meines »Stroms« mache. Gestern wurde ich mit dem letzten Korrekturbogen des zweiten Bandes fertig. Der erste fährt bereits seit einigen Wochen in der Welt herum. Ich warte nur auf den zweiten, um Ihnen, hoffentlich Anfang Dezember, beide zu Füßen legen zu können. Bis dahin haben Sie den verschneiten Bergen Steiermarks wohl Lebewohl gesagt, wenn dies nicht bereits geschehen ist. Mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Eyth Ulm, 29. Nov. 1903. Mein lieber Herr du Bois! Zunächst meine herzlichen Glückwünsche, daß Sie wieder im Lande der Lebendigen angelangt sind. Es ist nicht jedermanns Sache, dem heiligen Athos allzunah zu kommen, der auf mich wirkt, wie der Magnetberg auf einen alten, rostigen Schiffsnagel (siehe Odyssee, Buch X, Vers V). Sie können sich deshalb auch vorstellen, wie sehr ich Sie beneidet habe, so daß ich eine weitere Ursache für – diesmal an mich zu richtende – Glückwünsche darin sehe, daß ich nunmehr aufhören kann, Sie mit scheelen Augen anzusehen. Indessen nicht ganz. Ihr Vorschlag, für ewige Zeiten Ihr Schuldner bleiben zu sollen geht selbst über die spitzbübische Grausamkeit des »ollen ehrlichen Seemanns« oder wie der Hauptheld des berühmten hannoverischen Wucherprozesses hieß. Der Bonbonsvorschlag ist menschlicher und unvergleichlich angenehmer. Wenn mir nichts Gescheiteres einfällt, mich mit dem Schicksal zu versöhnen – was nicht wahrscheinlich –, werde ich mir denselben gierig zu eigen machen. Mit herzlichen Grützen an Ihr ganzes Haus Ihr sehr ergebener Eyth Ulm, 27. Dez. 1903. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Noch immer bin ich Ihnen einen langen Brief (vom 7. Dezember) schuldig, obgleich vieles andre und selbst kleine Briefchen und große Sendungen dazwischen liegen. Der Briefwirbel der Weihnachtszeit ist jetzt vorüber und so kann ich auch in dieser Beziehung etwas ernster zu Werk gehen und alte Sünden bekennen, bereuen und gutzumachen suchen. Sie finden doch immer etwas für andrer Leute Weihnachtstisch, wenigstens für den meinen! Es ist ein für mich hochinteressantes Buch, das Sie mir geschickt haben. Viertausend Jahre Pionierarbeit in den exakten Wissenschaften. Ist der Verfasser ein Bruder Ihres Gatten und was treibt er sonst im Leben? Es steckt eine gewaltige Arbeit zwischen den Deckeln dieses Buchs und insofern keine allzu angenehme, als die Verfasser in Hunderten von V. Dannstädter und R. du Bois-Reymond. Berlin-Stargardt. Fällen fühlen mußten, daß die positiven Angaben, die sie zu machen gezwungen waren, auf überaus schwankendem Boden stehen. Aber es ist in hohem Grade dankenswert, daß jemand einen ernsten Anfang gemacht hat, dieses merkwürdige und traurig vernachlässigte Feld der Geschichte zu kultivieren. – Mich bestärkt das Buch wohltuend in dem Gefühl, wie recht ich getan habe, meine Geschichte der Technik für »Weltall und Menschheit« über Bord zu werfen oder vielmehr, wie gütig der Himmel war, mich darüber fast verrückt werden zu lassen. Das ist eine Aufgabe, die ein Menschenleben erfordert, wenn sie auch nur annähernd gelöst werden soll. Wenn nur der unglückselige Krämer Der Herausgeber von »Weltall und Menschheit« in seinen Annoncen des »Weltalls« trotz inständigen Bittens meinen Namen nicht immer noch mitschleppen wollte! – Alles, was mir aus jenen herben Monaten einer intellektuellen Verirrung übrige geblieben ist, habe ich vor ein paar Wochen mittels eines Vortrags »Zur Philosophie des Erfindens« im Handelsgeographischen Verein zu Stuttgart mir von der Seele gewälzt. – Nun also, und endlich, herzlichen Dank für das schöne Buch. Möge mir bei nächster Gelegenheit etwas ähnlich Passendes für Sie einfallen. Mein kleiner Aufsatz über »Sebastin Hensel« hat, wie ich gestern aus Berlin hörte, in landwirtschaftlichen Kreisen lebhaft interessiert. Hoffentlich wirkt er auch. Aber selbst gebildete Bauern sind keine großen Bücherkonsumenten, wenn die Sachen nicht direkt Anweisungen zur Befruchtung ihrer Felder enthalten. Geistiger Kunstdünger, das geht zur Not. Übrigens können Sie sich ja nicht beklagen, wenn Ihr Verleger jetzt schon die zweite Auftage druckt. Wenn nur endlich einmal der Unfug mit den »Auflagen« geregelt würde! Die Deutsche Verlags-Anstalt (Pflug und Schraubstock) wie manche andre heißt jedes neue Tausend eine neue Auflage. Winter druckte von der »Cheopspyramide« 3000 und vom »Strom« 4000 Exemplare und spricht von einer neuen Auflage erst, wenn diese vergriffen sind. Kein Mensch weiß, wie er dran ist, wenn er von den Auflagen eines Buches hört. Übrigens ist es ziemlich gleichgültig, solange man kein Frenssen ist. Was Sie über mein Verhältnis zu Ihrem lieben Vater sagen, ist ganz zutreffend. Das Mißliche war, daß er durch mein Wanderbuch mich und meine Verhältnisse kannte, ich aber durch das Fehlen des »Sebastian Hensel« von ihm nichts wußte. So kam das Gespräch beständig auf mich, und ich konnte, wenn ich nicht förmlich als »Ausfrager« auftreten wollte, nichts aus ihm herausbekommen. Diese Ungleichheit hinderte ein näheres zutrauliches Verhältnis, das wir beide instinktiv suchten, ohne es ganz zu finden. Und dann wirkte jenes unüberbrückbare Etwas, das zwischen Nord und Süd liegt; das wir alle verwünschen, aber nicht aus der Welt schaffen können. Es liegt mehr an uns als an Ihnen. Daß wir Süddeutschen mitteilsamer seien, ist eine akustische Täuschung. Wir sind Schnecken, die sich bei jeder Berührung sinnend in ihr Häuschen verkriechen. Sie sind Schmetterlinge, die fröhlich um uns herumflattern, und uns mit ihrer schillernden Behendigkeit ärgern. Natürlich mit Ausnahmen, mit Ausnahmen ganzer Provinzen. Mit herzlichem Bedauern vernahm ich, daß Sie Ihre Weihnachtszeit im Krankenzimmer verbringen müssen. Sie haben in der Tat keinen kleinen Teil an der Last des Lebens zu tragen. Ob Sie sich dies erschweren oder erleichtern durch jene Zweiteilung der Interessen, die in Ihrer Natur liegt, ist eine ernste Frage. Erleichtern möchte ich sagen, solange die körperlichen Kräfte ausreichen. Und hoffe es deshalb. Bei uns ist die Weihnachtszeit recht erträglich vorübergegangen. Körperlich ist meine Mutter gegenwärtig wohler, geistig heiterer als gewöhnlich, wenn auch fast alles Verständnis für ihre Umgebung geschwunden ist. Merkwürdig ist, daß ihre religiösen Ideen verhältnismäßig klar und überaus rege bleiben. Es ist oft wahrhaft rührend, dieses vertrauensvolle Anlehnen an eine Macht, die keine Vernunft zu begreifen vermag. Aber es geht eine Kraft von ihr aus, darüber bin ich mir völlig klar, die nicht unter dem Mayerschen Gesetz steht. Mir geht es ganz gut. Ich stecke tief in den Vorbereitungen und den ersten Kapiteln des dritten Bandes des »Stroms« und bin begierig, was daraus wird. Er hat eigentümlich Klippen und Sandbänke, auf denen ich manchmal bedenklich sitzen bleibe, wenn nicht ganz scheitere. Aber es muß einmal durchgefahren werden. Noch freue ich mich bereits auf das Folgende, das lustiger werden soll. Ich schließe mit dem herzlichen Wunsch, daß diese Zeilen Sie, die Kinder und das ganze Haus wieder wohl und munter antreffen mögen. Auch will ich hiermit eine neue Lebensregel in Anwendung bringen, die ich kürzlich erfand und die gegen das unnötige deutsche Schreiberwesen gerichtet ist: Jedem Brief vom 15. Dezember an die üblichen Neujahrswünsche beizufügen. Also: ich wünsche Ihnen und den lieben Ihrigen, Roländchen besonders bedenkend, mit aller Macht einen fröhlichen Jahresschluß, einen hoffnungsvollen Jahresanfang und die Erfüllung aller Hoffnungen, die zu Ihrem Glück dienen. Ihr stets ergebener Eyth Ulm, den 10. Februar 1904. Mein lieber Roland! Dein Briefchen hat mich sehr gefreut. Hättest Du mir nicht geschrieben, so hätte ich schwerlich erfahren, wie es mit dem Eis auf der Havel steht, ja nicht einmal, daß es sehr nett gewesen ist, als Ihr krank waret und in Ruhe mit Papierpfeilen schießen konntet. Nun haben die Japaner und die Russen auch angefangen zu schießen, aber nicht mit Papierpfeilen. Vielleicht sind sie auch krank im Kopf. Mit wem hältst Du's? Die Russen sind nicht viel wert und die Japaner auch nicht; aber mit dem einen oder mit dem andern muß man es doch halten, damit die Sache nicht zu langweilig wird. Wenn ich irgendwo eine russische und eine japanische Flotte finde, werde ich sie Dir mitbringen, denn es gibt wahrscheinlich einen Wasserkrieg. Grüße jedermann von mir recht herzlich und sei selbst vielmal gegrüßt von Deinem Freund Max Eyth Berlin, 14. Februar 1904 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Fügen wir uns in das Unvermeidliche! Wenn Sie die Liste der 53 Sitzungen sähen, die sich in der laufenden Woche zusammendrängen und von denen ich wenigstens ein Drittel persönlich mitmachen sollte und ein Viertel mitmachen muß, würden Sie, von Mitleid erschüttert, ohne weiteres zugeben, daß sich ein Ausflug nach Potsdam mit dem Jammer eines solchen Daseins nicht mehr vereinigen läßt. Auch dieses Briefchen leidet unter dem Drang der Verhältnisse. Als Ersatz will ich Ihnen von Ulm aus etliche Besprechungen meines »Stroms« schicken, die nachgerade recht warm zu werden beginnen, obgleich ich in meiner habituellen Faulheit und Weltverachtung keinen Finger rühre, sie hervorzurufen. Für Ihre bevorstehenden Karnevalsfreuden wünsche ich Ihnen etwas Kölner Luft. Mit allseitigen herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener Eyth Ulm, 31. Mz. 1904 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Nur einen herzlichen Gruß und besten Dank für das hübsche Gedicht, das Sie mir zusandten. Ich vermute wenigstens, daß Sie es mir schickten. Kleists Grab ist ja, wie es scheint, infolge des allgemeinen Sturms gerettet, der auch Sie erfaßte. Sie müssen mir heut die Kürze dieser Zeilen verzeihen. Ich stecke tief in dem dritten Band meines »Stroms« und kann mich, wie gewöhnlich, wenn es gegen das Ende einer derartigen Arbeit geht, nicht bremsen, bis ich entweder auf der Nase liege oder fertig bin. Ein Zettel kam mir vor einigen Tagen wieder in die Hand, den ich beilege. Er soll noch einmal betonen, weshalb ich dies letztemal nicht nach Potsdam kommen konnte. Wie kann man mit einer solchen Liste von Sitzungen überhaupt noch Mensch bleiben? Sie wünschten vor einiger Zeit meinen Vortrag »Zur Philosophie des Erfindens« zu erhalten. Der Handelsgeographische Verein zu Stuttgart, wo er gehalten wurde, druckt seine Sachen, wie es scheint, erst am Schluß des Wintersemesters und hat noch nicht begonnen. – Gut Ding braucht lang Weile. Mit der Zeit werden wir auch diese Druckerei überleben. In der Hoffnung, daß alles bei Ihnen wohl und munter ist, und herzlichen Grüßen an das ganze Haus Ihr stets ergebener Eyth Ulm, 22. Juli 1904 Geehrteste Frau du Bois-Reymond! Ein Briefchen von Ihrem Herrn Gemahl erinnerte mich gestern besonders lebhaft daran, daß eine ungewöhnlich lange Zeit verstrichen ist, seitdem wir zum letztenmal Lebenszeichen ausgetauscht haben. Gleichzeitig gingen gestern Manuskript und Bilder des dritten Bandes meines »Stroms« an Winter ab, so daß ich Zeit habe, ein wenig aufzuräumen und aufzuatmen. Wie gewöhnlich war ich auch diesmal gegen den Abschluß einer größeren Arbeit dermaßen im Bann derselben verstrickt, daß alles andre darunter jammervoll Not litt; in erster Linie eine immer zeitraubender werdende Korrespondenz. So benutzte ich den ersten freien Atemzug, um auch Ihnen gegenüber eine alte Schuld abzutragen. Wo sind Sie? Wie geht es Ihnen? Was macht die Schar der Kleinen, für die Sie zu sorgen haben? Ich hätte mich hierüber allerdings selbst etwas mehr unterrichten können, denn ich kam in der ersten Hälfte des Juni auf dem Weg von und nach Danzig zweimal durch Berlin, das einemal mit einem Aufenthalt von zwei Stunden, das andremal von zwei Tagen. Den ersten verzehrte ein Frühstück, den zweiten die Kunstausstellung, für die ich einen ähnlichen Heißhunger empfand, ohne eine ähnliche Befriedigung zu finden. Nach Potsdam reichte es jedoch in beiden Fällen nicht, wofür ich nur den Hunger als Entschuldigung anführen kann. Alles andre war seit Monaten intensive Arbeit, einschließlich eines Vortrags zu Frankfurt a. M. über »Poesie und Technik« im Verein deutscher Ingenieure, in dem ich meinen alten Berufsgenossen vielleicht mehr Komplimente machte als recht und billig war, und die übrige Welt entsprechend ärgerte. Jetzt tritt eine kleine Pause ein. Anfangs August gehe ich mit drei Damen!!! nach St. Anton am Arlberg, wo ich drei Wochen lang zu bummeln hoffe. Bezüglich der Damen bin ich Ihnen eine Erklärung schuldig. Es sind meine zwei jüngsten Nichten und Fräulein Heintzeler. Letztere wird auch in Zukunft meine Haushaltung führen. Ich habe mich nämlich entschlossen, vorläufig in Ulm zu bleiben, und habe vom 1. Oktober an eine kleine Villa, auch auf meinem Athos, etwas mehr gegen Osten hin, gemietet. Das ruhige Leben in Ulm behagt mir und manche Pläne, die mir durch den Kopf gehen, können nur unter solchen Verhältnissen ausreifen. Der wirkliche Athos ist es zwar noch immer nicht, doch komme ich ihm schon um 300 Meter näher, und hoffe ihn im kommenden Frühjahr von Ägypten aus zu besuchen. Dann wird sich das weitere wohl finden. – In der Hoffnung, bald und Gutes von Ihnen zu hören Ihr stets ergebener M. Eyth . Ulm, 18. Dez. 1904. Lieber Roland! Es freut mich sehr zu hören, daß Du Dich bemühst, ein guter Soldat zu werden. Man weiß nie, wo und wann man dies brauchen kann. Ich schicke Dir deshalb mit Vergnügen die gewünschte Kanone. Und weil, wie Du wohl weißt, die Japaner und Russen furchtbar aufeinander los schießen, wird es gut sein, wenn auch Du Dich an eine etwas größere Kanone gewöhnst; wofür ich gesorgt habe. Da aber Deine liebe Mama noch immer nicht sehr kriegslustig ist, mußt Du Dich vorläufig etwas mäßigen. Wenn es einmal ernst werden sollte, wird sie Dir schon selbst laden helfen; das wollen wir beide wenigstens hoffen. Grüße sie und Deinen lieben Papa und Deine Geschwister vielmals von mir; sage ihr, daß ich ihr schreiben werde, sobald ich Zeit habe, daß es mir aber mit dem Zeithaben gegenwärtig etwas schlecht geht; und Deinem lieben Vater kannst Du etwas sagen, das Du selbst noch nicht verstehst, nämlich: daß es doch rechte Winkel in der Welt gegeben habe, ehe es Menschen gab, die sie erfanden; nämlich bei den Oktaedern und andern Kristallen. Dagegen habe es seine Richtigkeit mit den Drehachsen und sei sehr merkwürdig. Nun lebe wohl! und sei herzlich gegrüßt von Deinem Freund Max Eyth . Ulm, 27. Dez. 1904 Hochverehrte Frau du Bois-Reymond! Etwas verfrüht, denn so genau brauchen wir es ja nicht zu nehmen – Ihnen, Ihrem lieben Mann und dem ganzen Haus meine herzlichsten Glückwünsche zum Neuen Jahr! Möge es Ihnen eine fröhlichere Stimmung bringen als die, in der sichtlich die letzten zwei kurzen Mitteilungen geschrieben wurden, die ich von Ihnen erhielt. So viel, fast alles im Menschenleben hängt von Stimmungen ab, die nicht das Recht haben, uns zu meistern. Wir sollten es nicht dulden. Das Gefühl, daß all unser Tun kaum der Mühe wert ist, kenne ich nur zu gut, und das schlimmste ist, es ist etwas Wahres dran. Doch wenn man sich einmal drein gefunden und in den Gedanken ergeben hat, daß all unser Schaffen und Streben die Bewegung eines Tröpfchens im Meer ist, dann geht es auch so. Es ist deprimierend; gewiß. Allein das Tröpfchen, mit Milliarden multipliziert, hat doch auch seine Aufgabe, sein Recht und seine Pflicht. Das will freilich Nietzsche nicht einsehen, und deshalb bleibt es so hoffnungslos, in der Richtung, die er eingeschlagen hat, trotz allem Feuerwerk, das er losließ, auch nur eine Spur lebendiger Früchte zu entdecken. Doch was geht uns Nietzsche an! Schreiben Sie mir, wenn Sie Zeit und Lust haben, etwas mehr von dem, was Sie bekümmert. Sonst kann man ja nicht einmal vernünftigerweise Mitleid haben. Mir geht es wieder leidlich, oder eigentlich ganz gut. Da das erste Christfest nach dem Tode meiner lieben Mutter etwas allzu still und wehmütig zu werden drohte, habe ich mir mit Hilfe der Schulbehörden drei kleine Buben und dito Mädchen eingeladen – die ärmsten und dümmsten war meine einzige Bedingung – und eine glänzende Bescheerung veranstaltet. Es war ein fröhlicher Erfolg, obgleich das kleine Korps meinen Anforderungen bezüglich der Dummheit keineswegs entsprach. Ich fürchte, die Lehrer, denen meine Idee zu sehr gegen den Strich ging, haben in dieser Beziehung gemogelt. Für Ihr gegenwärtiges Lieblingsbuch meinen herzlichen Dank! Mehr darüber, wenn ich es einmal gelesen habe, wozu ich allerdings erst in zwei bis drei Wochen kommen werde, da mir ein andres halbgelesenes Buch im Wege liegt. Aber ich weiß, es wird mir gefallen, denn Sie haben es nur einmal nicht ganz erraten. Damals mit dem Vagabundenbuch. Ich lasse mir Photographien gefallen, aber es darf nicht die Photographie von Düngerhaufen sein, wenn ich nicht gerade einen Vortrag in der Düngerabteilung der D. L. G. mitgenieße. Doch genug für heute: genug für dieses Jahr. Es hat auch mir manches Ernste gebracht und doch möchte ich nicht im Unfrieden von ihm scheiden. Verzeihen Sie ihm auch zum Schluß und lassen Sie uns das neue Jahr mit den alten guten Wünschen begrüßen. Ihr stets ergebener M. Eyth . Ulm, 5. Febr. 1905. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Sie haben lange auf Nachrichten von dem Eindruck warten müssen, den Ihre liebenswürdige Weihnachtsgabe auf mich gemacht hat. Ich selbst bin mir erst seit etlichen Tagen darüber klar geworden, aus dem guten Grund, daß wir mit der Lektüre des Buches soeben erst zu Ende kamen. Der Puls der alten Reichsstadt Ulm schlägt noch immer höchst bedächtig. Dies übt wohl auch auf mich zugewanderten Einwohner seinen beruhigenden Einfluß aus. Peter Camenzind paßt in diese Umgebung und hat mir gut getan und wohlgefallen. Als Geschichtchen hat das Buch natürlich den großen Fehler, daß es kein Geschichtchen ist. Als Charakterschilderung hat es viele ganz vortreffliche Partien, wenn man auch über den Wert des geschilderten Charakters sehr verschiedener Ansicht sein kann. Das Wohltuendste ist die absolute Ehrlichkeit der Darstellung. Aber diese Ehrlichkeit enthüllt uns auch ein Bild, in dem viel wahrhaft Gutes mit allzuviel Unbrauchbarem im Kampfe steht, so daß schließlich das negative Ergebnis eines guten, aber fast zwecklosen Lebens vor uns liegt, und wir etwas verwirrt fragen: Darf Gutes zwecklos sein? Der Mann hat mit dem Pfund, das ihm Gott gegeben, nicht gewuchert, um in den Worten des alten Gleichnisses zu reden. Auch der Herr wird zu ihm sprechen: Du unnützer, wenn auch liebenswürdiger Knecht, was fange ich mit Dir an? Allzu hart kann ich gegen dich nicht sein. Du magst für den Rest der gegenwärtigen Ewigkeit Wolken schieben! Doch ich bin selbst vielleicht zu sehr Utilitarier, um ein Buch von dieser Passivität zu würdigen, wie es gewürdigt zu werden verdient. Es muß auch solche Käuze geben. Und wenn sie schließlich mit rührender Gutmütigkeit einsehen, wohin sie gehören: auf das zerfallene Schindeldach ihrer väterlichen Hütte – kann man ihnen zürnen? Das alles hindert nicht daran, daß das Buch als Charakterschilderung ganz vortrefflich ist. Nur den Übergang vom schwermütigen, passiven Sonderling, der seinen Trost allzu häufig in der Flasche sucht und findet, zum zufriedenen Märtyrer des aktiven Mitleids finde ich etwas zu rasch und kaum genügend motiviert. Doch genug von Büchern! Sonnabend früh komme ich nach Berlin und bleibe eine Woche. Schöne Aussichten: vierzig Sitzungen, in denen allen ich allerdings nicht sein könnte, ohne mich zu vierteilen, fünf Abende schon fast belegt; aber ich werde mein möglichstes tun, ein Stündchen nach Potsdam zu kommen. Mit herzlichen Grüßen an das ganze Haus Ihr stets ergebener M. Eyth . Ulm, 8. Okt. 1903. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Sie wollen nach dem Raben, der sein Ölzweiglein – nicht ganz schriftmäßig – gefunden und zurückgebracht hat, nun auch die Taube sehen. Ich kann nur eine kleine loslassen, denn die Wasser haben sich, auf meiner Seite wenigstens, keineswegs verloren. Und auch Sie klagen, daß die gesellschaftliche Flut über Sie zusammenschlägt, was ich wohl glauben kann. Denn Potsdam liegt nahe genug bei Berlin, um gelegentlich vom Wirbel der Großstadt erfaßt zu werden. Doch glaube ich kaum, daß es Ihnen in der Stille einer alten Reichsstadt wohler wäre. Auch das muß gelernt und geübt sein. Ich beneide Sie um Ihre griechische Reise, werde aber von Ihrem freundlichen Anerbieten, mir deren Beschreibung mitzuteilen, erst im nächsten Juli Gebrauch machen, um sie mit wirklichem Genuß auf- und einnehmen zu können. Bis dahin stecke ich nämlich so tief in meinem Schneider von Ulm, daß ich mir – nach meiner Art – alles andre vom Leibe halten muß. Selbst dieses Briefchen wäre schwerlich geschrieben worden, wenn ich nicht gestern den ersten Band fertigbekommen hätte und ich mir einen Feiertag erlaubte. Den zweiten Band hoffe ich Ende März abzuschließen. Dann kommen ein paar – ich rechne auf drei – Monate gründlicher Revision, und dann mag er fliegen. Die Sache kostet mich diesmal mehr Zeit und Arbeit, weil, abgesehen von der Schneiderlehre, ziemlich viele Studien nötig waren. Wir haben alle so gründlich vergessen, wie es um 1790 bis 1810 in der Welt aussah. Die Geschichte bringt mir fast ein wirkliches Leben, Freud und Leid die Menge. Ob etwas dabei herauskommt, weih nur der Himmel. Es fehlt ihr der bunte Hintergrund der Cheopspyramide, sie wird Ihnen und vielen andern deshalb weniger gefallen. Aber ich kann Ihnen und ihnen und mir selbst nicht helfen. – übrigens habe ich den ganzen Mai in Rom verlebt und dort herrliche Tage zugebracht. Eine unglaubliche Stadt, wenn man sich, von nichts gestört, einen Monat lang in ihre versunkenen Schätze versenkt. Natürlich ist man nach vier Wochen gerade so weit gekommen, um mit größerem Behagen eigentliche Studien beginnen zu können. Doch hat es auch sein gutes, nicht alles »erschöpfend« behandeln zu können und von einem gedeckten Tisch ohne überladenen Magen aufstehen zu müssen. – Meine Berliner Freunde haben diesmal unsre Oktobersitzungen in den November verlegt und werden dies in Zukunft wohl immer so machen. Es paßt den Herrn Bauern besser. Ich komme deshalb voraussichtlich erst um den 28. Oktober nach Berlin. Auch ist mein Berliner Aufenthalt diesmal zwischen zwei Hochzeiten eingequetscht, so daß ich nicht weiß, ob es mir möglich sein wird, nach Potsdam zu kommen: der Hauptgrund, weshalb ich mich zu diesem Brief aufgerafft habe. Doch ist's noch drei Wochen bis dorthin, und manches kann sich anders machen. Habe ich Ihnen oder Herrn du Bois einen größeren Aufsatz – »Wort und Werkzeug« – geschickt, den ich schon im Laufe des Frühlings verbrach? Ich weiß es wahrhaftig nicht mehr, und Sie waren während der Zeit vermutlich auf dem Parnaß im wirklichen Hellas. Mit herzlichen Grüßen an das ganze Haus und dem Wunsch, daß es Ihnen so gut gehen möge wie derzeit mir. Ihr stets ergebener M. Eyth . Ulm, 15. Dez. 1905 Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Über das Buch – auch meinen Dank dafür – das nächstemal. Ich stecke so tief in meinem Schneider, der erst zu zwei Drittel fertig ist, daß ich für nichts anders Sinn habe und nur die Verlegenheit empfinde, in die Sie mich versetzen und aus der, wie ich hoffe, wenigstens bis zu einem gewissen Grad der kleine Roland mich retten kann. Bitte, sagen Sie ihm doch, mir sofort zu schreiben, wie es mit seinem Volk in Waffen stehe, oder ob er – da die Friedens-Berta gegenwärtig solch glänzende Triumphe feiert – mir auf friedlichen Gebieten einen erlösenden Vorschlag zu machen weiß. Verzeihen Sie, in der Hoffnung auf bessere Zeiten, die Kürze und Hast dieser Zeilen und seien Sie mit dem ganzen Haus herzlich gegrüßt von Ihrem stets ergebenen M. Eyth . Ulm, 27. Jan. 1906. Lieber Roland! Für Dein Brieflein danke ich Dir bestens. Es hat mich gefreut, zu hören, daß die Kanonen gut angekommen sind. Wie man sie behandelt, weiß ich selbst nicht, weil die Mobilmachung so rasch erfolgen mußte, daß ich sie nicht genau studieren konnte. Daraus kannst Du wieder sehen, wie gut es ist, wenn man schon einige Wochen vor Weihnachten schreibt, welche Art von Kriegsbedarf im kommenden Jahr notwendig ist. So macht man's auch beim Reichstag, bekommt aber trotzdem nicht immer, was man braucht. Wenn die Kanonen hinten ein Zündloch haben, so glaube ich, daß man mit wirklichem Pulver daraus schießen kann, nicht aber ohne väterliche Aufsicht. Auch muß das Pulver sehr fein sein und der Kanonier weit weg stehen, damit ihm die Kanone nicht ins Gesicht fliegt. Fehlen die Zündlöcher, so sind es Friedenskanonen und werden Deine Mutter besonders freuen. Im Februar komme ich nach Berlin und, wenn mir's möglich ist, auch nach Potsdam (in der Woche vom 11. bis 17. Februar), um selbst danach zu sehen. Indessen wünsche ich Dir und all Deinen Geschwistern und Mama und Papa eine gute Eisbahn und Schlittenfahrten und alle möglichen andern Vergnügungen und bleibe Dein lieber Kriegskamerad M. Eyth . Ulm, 22. Februar 1906. Geehrteste Frau du Bois-Reymond! Herzlichen Dank für das Stückchen Ihres Märchenspiels, das ich in der Tat recht hübsch finde, wenn ich mir auch nicht erlaube, aus einem Bruchstück ein endgültiges Urteil herauszukonstruieren. Es war mir doppelt interessant, weil mir vor kurzer Zeit ein Herr aus Augsburg auch ein Märchenspiel zusandte, das im Kreis seiner Familie zu Ehren des siebzigsten Geburtstags aufgeführt wurde, und die beiden Märchenspiele in bemerkenswerter Weise den Unterschied zwischen Nord und Süd, zwischen Verstand und Güte zur Anschauung bringen. Einen andern, einen echten alten Junggesellengedanken regten die beiden Dichtungen in mir an. Muß denn alle Poesie, auch die für Kinder oder solche, die es werden wollen, aufs Heiraten hinauslaufen –? Wäre es nicht gut, der Phantasie, selbst der der Mädchen, gelegentlich auch andre Wege zu zeigen? Das war so, als die Grimmschen, das heißt die wahren Volksmärchen, entstanden, und als die Ilias, die Odyssee, die Nibelungen, die wunderbaren Märchen und Sagen des Orients gedichtet wurden. Warum ist es heute anders? Abgesehen von einer heftigen, aber wie es scheint vorübergehenden Erkältung brachte ich diesmal manche hübsche Erinnerung aus Berlin zurück. Hierzu rechne ich in erster Linie die freundlichen Stunden in Ihrem Hause, obgleich wir uns über Krieg und Frieden ganz energisch zankten. Sie muteten mir schließlich zu, den Dreißigjährigen Krieg und seine Folgen zu verteidigen. Aber kann man nicht vom Besten in dieser Welt zuviel haben? Vielleicht ist die Heftigkeit unsers Kampfes daran schuld, daß ich Ihnen völlig falsche Angaben über die relative Lage von Ulm und Heidenheim machte, die mich schon auf der Rückfahrt nach Berlin mit Beschämung erfüllten. Ulm liegt leider so, daß wenn Sie nicht von München kommen, Sie es nicht auf dem Weg, sondern nur auf einem kurzen Abstecher von Heidenheim her erreichen können. Es ist aber eine ganz kurze Entfernung, so daß, wenn Sie einen Tag übrig haben, Sie ihn zu keinem passenderen Ausflug benutzen könnten, als nach den Ufern der Donau und den Höhen des Michelsberges. Noch hübscher ließe sich die Sache machen, wenn Sie das Kloster Blaubeuren und den berühmten Blautopf in Ihr Programm aufnehmen wollten, wobei ich mich als kundiger Bergführer aufs dringendste empfehlen möchte. Indessen mit allseitigen herzlichen Grüßen Ihr ergebenster M. Eyth . Ulm, 21. März 1906. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Das ist schön von Ihnen, daß Sie dem Plan, einen Abstecher von Heidenheim nach Ulm zu machen, nähertreten wollen. Was ich dazu beitragen kann, Ulm und seine Umgebung in das richtige Licht zu stellen, soll mit Freuden geschehen. Alles übrige bei einem fröhlichen Wiedersehen mündlich. Auch ich bin mit meinem Schneider seit etlichen Wochen fertig und nur noch mit einer gründlichen Revision des Ganzen beschäftigt, um zu verhindern, daß mir die braunhaarigen Leute des ersten Bandes im zweiten blond herumlaufen. Zwei Verleger habe ich schon, was mir eine kleine, wenn auch angenehme Verlegenheit bereitet. Meine Sachen beginnen »zu gehen«. Mit ganz besonderer Teilnahme kann ich unter diesen Umständen Ihrem Herrn Gemahl zur Beendigung seines Werkes gratulieren. Es ist, glaube ich für jeden gesunden Menschen ein freudiges Gefühl, geboren zu sein, ein freudigeres, geboren zu haben. – Verzeihen Sie meine schlechten Witze. Aber so wird man, wenn man anderthalb Jahre lang an einem Schneider von Ulm schreibt. Herzliche Grüße an das ganze Haus Ihr ergebenster Eyth . Ulm, 30. April 1906. Verehrteste Frau du Bois-Reymond! Ehe der Korrespondenztrubel beginnt – eigentlich hat er schon begonnen –, den mir der 6. Mai bringen wird, möchte ich auch Ihren freundlichen Brief beantworten. Es freut mich aufrichtig, aus demselben schließen zu dürfen, daß Sie Ihren Abstecher nach Ulm und Blaubeuren nicht bereuen. Sie waren leider ein paar Tage zu früh hier. Wenn Berg und Tal grün sind oder in weißen und roten Blüten stehen, haben sie doch ein ganz andres Aussehen, wie ich vor ein paar Tagen beobachten konnte. Eine tüchtige Fußtour nach der Teck, Rauber und Breitenstein von meiner Urheimat Kirchheim aus, die ich wegen nachträglicher Schneiderstudien unternehmen mußte, war in dieser Hinsicht ein Hochgenuß. Dort erst, entlang ihrem Nordabsturz, zeigt die Schwäbische Alb, was sie wert ist. Auch können Sie daraus schließen, wie es mit meinem Fuß steht. Ein Marsch von sechs Stunden, dachsteile Berge hinauf und herunter, geht wieder. Damit sollten auch Sie zufrieden sein. Im übrigen machen Sie zu viel aus dem wenigen, was ich als Führer der kleinen Reisegesellschaft leisten konnte. In solchen Fällen, wenn man mit einem gewissen, wenn auch höchst unberechtigten Stolz fremden Leuten die eigne Heimat zeigen darf, ist sicherlich Geben seliger als Nehmen; Nietzsche mag dazu sagen, was er will. Ihre Bemerkungen zu meinen Bemerkungen über Nord und Süd und die Verbesserungsfähigkeit der Menschen im allgemeinen beweisen, daß Sie mich zu ernst genommen haben. Ich habe zweifellos meine ernsten Augenblicke, aber in einem munter plätschernden Tagesgespräch mit guten Freunden kommen sie selten zum Vorschein, und ich glaube, das ist recht und gut. Wenn es wahr wäre oder ist, daß ich da und dort den Leuten etwas Gutes zu tun vermochte, so war dies mein Glück, nicht meine Absicht. Deshalb brauchen Sie mich nicht zu loben. Daß die Menschheit in Wissen und Können gewaltige Fortschritte gemacht hat und noch machen wird, kann kein vernünftiger Mensch in Zweifel ziehen. Das brachte auch gewisse Änderungen in unsre sozialen und moralischen Verhältnisse. Ob dem aber ein Forschritt in ethischem Sinn entspricht, ist in der Tat höchst zweifelhaft. Manchmal mag dies so scheinen, weil sich die Begriffe von Moral geändert haben. Wenn zum Beispiel Nietzsches Grundideen allgemein würden, würden wir plötzlich besser sein ohne uns ändern zu müssen. So aber, wie wir heute noch denken, kann man mit Recht und Kopfschütteln zum Beispiel fragen: Hat die höhere Schulbildung die Moral der Massen erhöht? Waren die alten Römer schlechter als die der hochkultivierten, dichtenden und philosophierenden Kaiserzeit? Hat die klassische Zeit der Griechen das Griechenvolk moralisch gehoben? Sind die Menschen am Euphrat, am Jordan, am Nil heute besser als zur Zeit des Cyrus, des Salomo, des Sesostris? Die ganze Frage liegt in einer Nußschale, die noch niemand zu öffnen vermochte: Ist der auf sich ruhende Durchschnittsmensch im Grunde gut oder bös? Sie halten ihn für gut, das Christentum hält ihn für schlecht, ich für ein Mittelding, das in der Masse und äußerlich mehr nach der schlechten Seite hin hängt, im Individuum und innerlich manchmal nach der guten hängen möchte. Wer aber soll entscheiden? Darüber wollen wir das nächstemal streiten: es ist ergiebiger Stoff. Indessen mit herzlichen Grüßen Ihr stets ergebener M. Eyth .