Die Saga von dem Gunlaugur , genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden Eine Islandskunde des eilften Jahrhunderts. in drey Büchern wiedererzählt von L. M. Fouqué     Wien, 1826. Gedruckt und im Verlage bey Anton Pichler. Leipzig, in Commission bey August Liebeskind.     Erstes Buch.   Der Gelehrten-Gesellschaft Islands zu Reikiawiik und Koppenhagen ehrerbiethig und dankbar zugeeignet                       von ihrem Mitgliede Friedrich Baron de la Motte Fouqué.   * Anruf.         Kehr' wieder mir in stiller Feyerstunde,     Du traute Freundinn, ernste Islandskunde: Aus Gräbern tauchend halbverschollner Welt,     Vom Abendglanz die bleiche Wang' erhellt, Die Stirne kranzumweht, und Räthsellieder –     Wie Bienen Dich umsummend – kehre wieder! Ich blieb im wechselreichem Leben – neu     Mit jedem Schritt – Dir, ernste Freundinn, treu. Und ob nicht stets Dir meine Lieder klangen,     Du weißt, mich hielt Dein Lieben fest umfangen, Und glüh'nder stets in manchen Wunderschrein     Uralter Sagen blickt ich still hinein. Da hast Du auch viel Schönes mir erschlossen!     Hast mir erweckt viel herrliche Genossen Auf Haiden, Klippen und holdblüh'nder Flur!     Manch Einen sah ich! Mancher And're nur Flog tönend mir vorbey auf Nebelwegen,     Und rief, den Nahmen hüll'nd, mir Klang entgegen. Von Solchem ward die Saga mir gebracht,     Die jetzt ich aufruf' aus der dunkeln Nacht. Sie schlief urlängst als trüber Nächte Beute.     Nun sprech' ich kühnlich: Saga! Jungfrau! Heute Sollst neu ersteh'n Du, stark und freudiglich!     In Deiner Mutter Nahmen ruf' ich Dich, Der altgefeiten, reichen Islandskunde!     Auch Du mit andern Schwestern viel im Bunde Steig' neu empor, und such Dir manch ein Herz,     Noch jung und stark und mild für Lust und Schmerz. Vor Allen aber weih' ich Dich den Treuen,     Die jetzt auf Island Islandskund' erneuen, Und mich fernher beriefen sich zum Bund,     Schweb' hin! Thu ihnen Dank und Liebe kund Von dem, der neu Dich hat erweckt in Tönen,     Verständlich allen echten Nordlandssöhnen. – Die ernste Mutter winkt Dir. »Steig herauf! Derselbe ruft Dich, der den Sigurdslauf Und and're Norderlieder sang in Saiten!« – Wohlauf! Wohlan! O schönes Nordlandsstreiten, O schönes Nordlandslieben, Deiner Pracht Folg' ich! Vielleicht zur letzten Liedesschlacht!     Erstes Kapitel. Thorstein hieß ein Mann auf der Insel Island. Sein schönes und festes Gehöfte war Borg geheißen; in der jetzigen deutschen Sprache würde man es Burg benennen, und mit seiner hohen geräumigen Flurhalle, seinen mannigfachen Gemächern, sammt der hohen Verwallung von mächtigen Balken, welche Haus und Vorrathkammern und Stallungen schirmend einhegte, möchte es wohl auch ganz recht so geheißen seyn. Borgarfiörde nannte man die unferne Meeresanfurth und auch die nächste Gegend bey diesem reichen und starken Hause. Der Gau im Ganzen aber hieß Myr, und als die Vornehmsten darin trugen die Leute von Thorsteins Geschlecht den Nahmen Myramannen. Thorstein hatte eines stürmigen Herbstabendes seine Stelle auf dem Hochsitz der Halle eingenommen, und noch außer dem Herdesfeuer 12 mußten seine Knechte eine frischleuchtende und angenehm wärmende Gluth in Mitten der Bänke unterhalten, die rechts und links des Hochsitzes, einander gegenüber, an beyden Seitenwänden der Flurhalle befestigt waren, und worauf die Gäste bey fröhlichen Mahlen zu sitzen pflegten. Heute zwar ließ noch kein Gast sich blicken, aber der Hausherr mußte wohl Fremde erwarten, denn die Hausfrau ging fleißig mit ihren Mägden hin und wieder, allerhand Gutes und Erquickliches an Speise und Trank bereitend; ihre Kindlein, deren sie unterschiedliche hatte, standen ihr fröhlich gehorsam bey. Jofridur hieß die Hausfrau, und war ein schönes, muthbegabtes Weib, ihrem Hausherrn von ganzer Seele zugethan, und immerdar edel entschlossen zu allem Guten und Schönen, wo es etwas zu dulden, oder zu berathen oder zu unternehmen gab. Da sie nun Alles für heute besorgt hatte, wie es sich zu einem edlen Feste eignete und gebührte, winkte sie die Kinder etwas abseit, setzte sich neben ihrem Eheherrn auf dem Hochsitz, und sagte freundlich: »Thorstein, das ist doch aber nun beynahe zu arg. In die dritte Nacht gehet es, daß Du anrichten lassest, als ob uns aufgegeben wäre, 13 ein ganzes Heldengefolge zu bewirthen, und kommt dennoch kein einziger Gast zu uns herein. Ey, Thorstein, was lassest Du Dich denn von so lügenhaften Träumen bewältigen! Einem tapfern Manne geziemt es, daß er ächte und wahrhafte Träume habe! Träume, die zutreffen! Andere dürfen gar nicht an ihn heran. Und bisher bin ich auch das an Dir gewohnt gewesen. Mein erster Eheherr, der edle Thoroddur hatte auch immer sehr richtige Träume.« »Jofridur,« entgegnete Thorstein lächelnd, »davon kannst Du Dir wohl nicht mehr so viel besinnen. Achtzehn Winter zähltest Du, hübsche Blume, als ich Dich ehlichte, und dazumahl warest Du schon Thoroddurs Wittib, und hattest ihm bereits die kleine Hungerda geboren. Da möchte ich nun gerne wissen, wie ein kaum erwachsenes Kindchen, als welches Du doch zum erstenmahle geheirathet hast, von richtigen Träumen wissen will. Die bestätigen sich gewöhnlich immer nur sehr spät in ihrer ganzen Kraft. Und Du sollst schon noch erleben, Jofridur, daß die Fremden kommen werden, von denen es mir geträumet hat; auch daß sie bey uns überwintern, und uns ein wichtiges Gastgeschenk hinterlassen, wann sie am nächsten 14 Frühlinge wieder fortschiffen. Sey es nun eine Waffe, ein Kleinod, ein Buch oder eine Weissagung – das weiß ich noch nicht so recht. Ich weiß auch nicht, ob Trauriges oder Lustiges daraus wird. Aber gewaltig muß es mitwirken an unserem zukünftigen Lebenshimmel; das weiß ich gewiß.« »Das weißt Du gewiß, Thorstein?« sagte Jofridur; und es trat ihr fast wie Thränen in die Augen, weßhalb sie die schattigen Wimpern tief gegen den Estrich senkte. Denn sie war in der Regel viel zu hochmüthig zum Weinen. D'rum hub sie auch alsbald die großen blauen Augen stolz wieder empor, und sagte halbsingend: »Komm', was da kommen will! Königinnen kämpfen, wie Könige! Wenn nicht auch mit Waffen und Wehr, Weben sie geistig Walkürengewebe zum Sieg!« Darauf lachte sie. Aber Thorstein lachte nicht mit. Dem schienen die Bilder sehr wundersamer künftiger Geschichten vor dem Geiste vorüberzugehen. Und er sang ihr entgegen, und viel lauttönender, als sie es gewagt hatte: »Könige schützen im Kampfe Königinnen! Komme, was kommen will – der Kampf bringt Lust. 15 Weben aber die Weiber mit ein, Die weben den Helden oft weichlich Gewaffen zum Weh!« – »Du singst kein hübsches Lied heute Abend, Thorstein!« – sagte schaudernd Jofridur. Und Thorstein erwiederte mit schwermüthigem Lächeln. »Da möcht' ich doch wissen, wer ein Sangesgewebe hübscher und lustiger flechten kann, als die unsichtbaren Gewalten es ihm bescheeren, mit welchen er zu schaffen hat.« – »Das ist wahr!« sagte Jofridur. «Wohl auch ich habe so Wunderliches singen müssen, was ich eigentlich nicht wollte. Und weißt Du, Thorstein –?« Sie verstummte, und sahe nach einigen halbverloschenen Gebilden hin, die an den dunkeln Holzwänden der Halle seit alten Tagen mit Streitäxten eingehauen waren, oder mit Messerspitzen eingegraben. »Ich weiß schon, was Du meinst, Jofridur!« sagte Thorstein sehr ernst. »Aber mein Weib muß sich vor Niemanden fürchten, sichtbar oder unsichtbar, so lang ich bey ihr bin. Und in ihren eignen vier Pfählen darf sich die Thorsteinsgattinn überhaupt vor gar nichts auf der Welt fürchten.« – 16 »Du hast sehr recht!« sagte Frau Jofridur keck, und fuhr dann mit erhobner Stimme und Seele zu sprechen fort: »Laß sie nur verdrießlich d'reinsehen, die alten Göttergebilde, daß es Christenpriester hier auf der Insel gibt, und daß es uns vor den Augen wie Tagesdämmerung schwebt nach überstandner Nacht. Sieh, Thorstein, ich denke, das ist nun eigentlich der Kampf, den die Lieder und Saga's die Götterdämmerung nennen, und worin Odin mit allen Asen untergehen muß vor einer neuen, hochherrlichen Macht.« »Er wehrt sich noch hartnäckig um sein Leben!« entgegnete Thorstein nachdenklich. »Freylich wohl!« sagte Jofridur.« Und deßhalb werden jetzt die Träume so verworren und die Stürme wilder, als je. Horch, wie da wieder ein unbändiger Windstoß von der See heraufras't! – Thorstein greif in die Saiten Deiner Harfe. Du kannst ja das Sturmgebrüll damit recht gut übertönen, und vielleicht sind Deine Gäste Schiffbrüchige. Da vernehmen sie denn von Weitem, hier wohne Liedesklang und Gastlichkeit, und kommen desto früher und zuversichtlicher an Deinen Herd.« – »Du hast wohlgeredet, Jofridur!« sagte 17 Thorstein, und schon hatte ihm die Hausfrau die Harfe in den Arm gelegt. Während er nun die Saiten stimmte, sahe sie ihm wohlgefällig zu, und sagte endlich mit freundlichem Lächeln: »Du bist doch immer noch ein gar hübscher Mann, Thorstein, mit Deinen goldgelben Haaren und sanftleuchtenden Augen! Und wie Du so zierlich die Harfe da in den Armen hältst! – Du mußt mir nicht verdrießlich darüber aussehen. Ich sag' es ja keinesweges, um Dich zu necken, denn wahr und wahrhaftig, Du siehest hübsch aus.« Aber Thorstein entgegnete verdrießlich: »Ich wollte lieber, ich sähe aus, wie mein Vater Egill und mein Großvater Skallagrimur und Andere noch viel aus dem Stamme der Myramannen sonst: etwas grauenvoll nähmlich zum Schrecken aller Leute; hoch und kahl die Stirn, wie ein wüstes Vorgebirg ob zorniger See, und furchtbar rollend die Augen darunter.« »Was könnte Dir das sonderlich helfen, Thorstein?« sagte die Hausfrau. »Und mir ist es lieber, so wie es ist.« »Mein Nahme in Waffen ist nicht so groß, wie der meines Vaters und Großvaters!« sagte Thorstein, und senkte das schöne Haupt. 18 Da blickte aber die Hausfrau zürnend umher, und sprach: »Ich hoffe, kein Wiederhall unterfängt es sich, etwas von diesen kleinmüthigen Worten festhalten und weiterplaudern zu wollen!– Nicht hätte Jofridur, die Gunnarstochter und die Thoroddurswittib, einen Mann erwählen mögen, anders, als rühmlich bekannt in den Waffen. Ob mehr, ob minder berühmt, – das fällt vom Himmel, wie Regen und Thau. Aber Dein Lebenslauf ist auch lange noch nicht zu Ende, Thorstein, und man weiß nicht, was kommen mag bis dahin.« Da faßte Thorstein dankend ihre Hand, und sagte: »Du hast mir das Herz recht groß gemacht, Jofridur.« Und zugleich begann er gewaltig herrlichen Klanges die Harfe zu schlagen, wie ein Skalde, wenn er den Kriegsleuten den Ruf durch die Seele tönen will: »Vorwärts in den Feind!« Und die Kinder kamen auf den Harfenklang ihres Vaters freudig herbeygelaufen, und stellten sich achtsam horchend um ihn her. 19     Zweytes Kapitel. Die Knaben, welche damahls aus Thorsteins und Jofridurs Ehe lebten – es mochten ihrer Dreye bis Viere seyn, (die alten Saga's sind darüber nicht ganz deutlich, und wir haben in unserer Geschichte eben nicht viel mit ihnen zu schaffen) – die standen sehr vergnügt um den Vater her, wie er so die Harfe spielte, und schlugen den Takt dazu mit einigen Hiebwaffen leichteren Schwunges, die sie herbey geschleppt hatten und gegen einander versuchten. Das älteste Kind aber, die Stieftochter des Hausmannes, Hungerda geheißen, sahe kopfschüttelnd aus den großen Blauaugen zu Thorstein empor, und sprach: »Gesungen muß es dazu seyn, Meister Pflegevater, wenn es hübsch klingen soll.« – Frau Jofridur sahe fast aus, als wolle sie der Kleinen ihre Keckheit verweisen, aber Thorstein sprach: »Das Kind hat Recht, und Niemand soll 20 sie darum schelten. Und nun will ich ihr auch ein Lied von ihrem eigenen Vater singen.« – Darauf stimmte er folgende Weise an: Der Thoroddur trat zum Gunnar herein:     »Gib Du mir zur Hausfrau Dein Töchterlein! Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – Der Gunnar sprach dem Thoroddur zu:     »Nie hatte mein Haus vor Deinem Ruh.« Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – »Brautwerber, bleib Du meiner Halle fern!     Dir ist mein Herdfeuer kein guter Stern.« Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – Grimm lachte Thoroddur: »Der Wolf und der Hirt!     Wer ist nun der Wolf? Der Gast oder Wirth?« Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – Da ging Thoroddur erzürnet hinaus     Vom gastlichen Feuer in Nachtsturms Graus. Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – Und als Thoroddur die Klippen erstieg,     Da leuchteten Waffen und Fackeln zum Krieg. Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – 21 Thoroddur rief: »Wer da?« – Von drüben rief's »Halt!« –     Da sah er manch' rüstige Freundesgestalt. Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – Die Freunde sprachen: »Dein Vater zeucht aus.     Zu brennen dem Gunnar sein Hof und Haus!« Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – Sie sprachen: »Wir sind uns'rer neunzig Mann!     Was dem Gunnar gehört, ist im Feuerbann.« Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – Da schweigt der Thoroddur und kehrt sich zurück,     Und rennt zum Gunnar. Dem war es ein Glück. Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – Er kommt und pocht an das Gunnarshaus,     Zu künden dem Wirth den drohenden Graus. Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – Er pocht und flüstert: »Dein Feind ist wach     Mit neunzig Mann! Deine Schaar ist zu schwach.« Aber wo haben sich Wolf und Hirt je in Frieden gefunden! – Er flüstert und bittet: »Verlobe Du mir     Dein Töchterlein, und ich errett' es Dir!« Da klang es, als hatten sie sich in Frieden gefunden. 22 Und als nun der Feind bergnieder drang,     Da hemmte Thoroddur des Vaters Gang, Und sang: »Herzvater ich hab' eine Braut gefunden.« Da sagte der Vater: »Das ändert das Ding!     Statt der Fackel bring' ich den Verlobungsring.« – Da hatten in Freude sich Feind' als Freunde gefunden. – »Das war hübsch von dem Thoroddur!« riefen die Knaben laut, und schlugen fröhlich in die Hände. Und die kleine Hungerda sagte stolz: »Das war mein Vater, von dem der Pflegevater da gesungen hat. Dafür will ich dem Pflegevater einen schönen Kuß geben.« – Während sie nun schmeichelnd die Kniee des freundlichen Thorstein hinaufkletterte, und die Händchen um dessen Hals schlang; sagten die Knaben: »So ein guter Kerl, wie der Thoroddur, muß Jeder hier in der Halle auch einmahl werden.« – Der Älteste aber setzte hinzu: »Ausgenommen den Vater, denn der ist schon so ein Mann, wie der Thoroddur!« – »Ein Mann, ein Wort!« sagte Thorstein, und die Knaben mußten stark einschlagen in seine dargebothene Hand. Darauf ging es zum Abendessen, denn an die Gäste welche der Traum angemeldet hatte, 23 war doch abermahl in so tiefer Nacht nicht mehr zu denken. Als man darauf einander gute Ruhe wünschte, sagte Thorstein zu Jofridur: »Es scheint wirklich, als habest Du Recht, und seyen die Träume dermaßen irr und wild geworden in der letzten Zeit, daß ihnen ein vernünftiger Mensch kein Wort mehr glauben kann. Aber was thut's! Der Abend ist dennoch gar hübsch für uns Alle geworden!« – 24     Drittes Kapitel. Morgens darauf kam ein Ackermann zu Thorstein, und meldete ihm: »Da ist in der Nacht ein Schiff eingelaufen in die Stromesmündung, welche wir Gutfarth heißen. Von Ostland her, kommt es, wie sie sagen, und der Nachtsturm hat ihm übel mitgespielt, so daß die Leute wohl hier werden überwintern müssen.« »Was sind es für Leute?« fragte Thorstein, und der Ackermann antwortete: »Kaufleute.« Weil er aber nichts mehr von ihnen zu sagen wußte, ging er seinen Geschäften nach, und Thorstein ließ sich ein Pferd satteln, um selbst nachzusehen, was sich da eigentlich zugetragen habe, und zu hören, was die Fremden etwa Neues mitgebracht hätten. Menschen, welche auf sehr abgelegenen Eilanden wohnen, hören wohl Alle vorzüglich gern gelegentlich etwas 25 Neues, und die Saga's melden, das hätten die Isländer absonderlich an der Art. Freylich gehören sie auch mit zu den abgelegensten Inselmännern in der Welt. Auch war es bey ihnen ein Recht für die Vornehmsten, daß sie mit den Fremden zuerst verkehren durften: theils, damit die Ankömmlinge nicht durch ungestümen Überlauf belästigt würden, und auch falls sie Kaufleute wären, nicht etwan Unerfahrnen ihr Gut im übertheuernden Handel schmälerten, weßhalb man denn gleich wegen der Preise einig ward. Theils aber auch sollten die Reisenden bey schneller Abfahrt die Ehrbarsten des Eilandes im Angedenken behalten, und in der Fremde lauter Gutes zur Ehre von Island erzählen. Jedermann setzt gern den besten Fuß vor! sagt ein altes Sprichwort, und unsere alten isländischen Stammesgenossen haben es recht wohl gekannt. Wie nun dem Thorstein das Pferd herausgeführt wurde, sagte er zu Frau Jofridur, die mit den Kindern vor die Thüre trat, ihn aufsitzen und wegreiten zu sehen – das pflegt so immer in fröhlichen Haushaltungen eine hübsche Sitte zu seyn, wenn der Hausvater in den Sattel steigt; »Jofridur,« sagte er, »nun sind 26 ja die Fremden vermuthlich wohl dennoch angekommen, welche der Traum seit einigen Nächten mir angemeldet hat. Richte nur ja auf's Neue recht wacker und reichlich zu!« Frau Jofridur nickte höflich bejahend mit dem Kopfe, daß Kinder und Hausgesinde daraus entnehmen konnten, sie seye ihrem lieben Ehegemahle pflichtschuldig gehorsam. Aber wie der Ehemann ihr in's Gesicht sah, merkte er, es spielte um die wunderschönen Lippen ein Lächeln, das etwa bedeuten mochte: »Du guter Freund, mit Deinen Träumen! Ich richte wohl immer wieder die Speisen an, so lange Du es haben willst. Denn Haus und Hof ist ja Dein eigen. Aber Deine Träume sind wohl heute nicht klüger, als gestern, und treffen gar nicht mehr ein.« – Und fast hätte der Thorstein laut auflachen müssen vor dem seltsam listigen Ausdruck in dem Angesichte seiner schönen Frau. Weil sich aber für einen Hausherrn das hierbey nicht schicken wollte, schwang er sich rasch in den Sattel, rief noch einmahl zurück: »Auf recht viele und edle Gäste richtet Euch!« und sprengte fröhlich von hinnen. 27     Viertes Kapitel. An der Stromesmündung Gutfarth funkelte in den hellen Morgenlichtern das Schiff der Fremden recht blank und freudig dem Thorstein entgegen, wie er so strandnieder trabte. Am Steuer des Fahrzeuges, und sichtlich das Ganze befehligend, stand ein großer stattlicher Mann von beynahe greisendem Ansehen, ein pelzverbrämtes, schönes Kleid um seine Glieder, ein mächtiges Schwerdt, wie man es in der Regel nur zweyhändig zu schwingen pflegt, mit Gold und Silberbeschlägen ausgeschmückt, an seiner Hüfte klirrend. Seine großen, blauen Augen blitzten wie zwey Sterne, die auch nach Sonnenaufgang noch ihre Gewalt behaupten wollen. Da rief Thorstein zu ihm empor: »Du seyest ein Ostmann, sagen sie ja, und zwar ein Kaufherr von dortenher. Mir aber kommst Du vor wie ein Nordmann. Wie hängt das zusammen?« 28 »So, daß Ihr Alle Recht behaltet!« entgegnete der Fremde. »Ein Kaufherr bin ich, ein Ostmann dazu für Euch, und ein Nordmann für beynahe alle Menschen. Denn Jeder zählt und benennt von der Bank aus, auf welcher er sitzt. Deßwegen gelt' ich auch manchen Leuten für einen Abendmann; wenn ich nähmlich gegen Sonnenaufgang schiffe. Aber eigentlich ist meine Heimath Norweg, und ich heiße Bardur.« – »Gegrüßt, lieber Normann Bardur!« sagte Thorstein. »Von Euern Küsten her ist mein Stamm entsprossen. Kwelldulfur hieß mein Großvater und Skallagrimur hieß mein Vater. – Mag seyn, Ihr habt schon sonst von den Zweyen reden gehört!« setzte er mit einem behaglichen Lächeln hinzu, und strich sich keck den Bart. Da neigte sich Bardur freundlich, und sagte: »Ja wohl! Die Geschichten sind bekannt genug im Norderland, und auch weiter noch sonst umher. Euer Großvater Kwelldulfur ist ja der Erste, welcher dieses wundersame Eiland wieder in Besitz nahm und es anbauete. Durch sehr viel mehr als zehntausend Nächte vorher soll es wüst gelegen haben. Da schaltete der Harald Schönhaar in Norweg allzuwild, und erschlug auch den Kwelldulfurssohn, den schönen Thorolf, 29 und war allen Menschen übermächtig mit Schaaren und Schiffen, so daß der Kwelldulfur keine Todesrache an ihm nehmen konnte, wie gern er auch gewollt hätte. Darum schiffte der alte Held mit seinem jüngsten Sohn Skallagrimur nach Island hinüber, ein neues Reich zu gründen, voll edler Keckheit und Liedesweissagung. Und Kwelldulfur starb unterweges, und geboth vorher, daß man ihn in eine glänzende Kiste lege, mit reichen Schätzen angefüllt, und ihn so hinablasse in das Meer. Sie thaten's. Und als die Schiffe auf Island vor Anker gingen, da war der Kwelldulfur in seiner Kiste schon da. Und Skallagrimur, Euer Großvater, beerdigte ihn, und setzte ihm schöne hohe Bautasteine zum Denkmahl, und das brachte der Ansiedelung reichen Segen. Ihr seht wohl, Meister Thorstein, ich weiß guten Bescheid um Alles.« – »Wahrhaftig,« sagte Thorstein, »Bescheid, wie er nur aus einer treuen und wohlvertraueten Brust so frisch herauflodern kann. Ihr seyd zwiefach willkommen an jedem Islands-Herd, und dreyfach willkommen an meinem Thorsteins-Herd. Aber Ihr müßt nun auch gleich mit Eurer ganzen Gesellschaft hinkommen. Denn es sind schon unterschiedliche Nächte jung und alt 30 darüber geworden, daß meine Hausfrau vergeblich angerichtet hat für Euch. Schön, daß Ihr nun endlich gekommen seyd, und daß Ihr bequem in meinem großen Hause überwintern sollt allezumahl. Denn hinaus auf die See lassen Euch nun doch vor Frühlingsanfang die Stürme nicht wieder.« »Das glaub' ich wohl selbst;« sagte der Bardur. »Und mir auch soll es schon ganz Recht seyn: so einmahl ein Winter auf Island! Aber mit Eurer gastlichen Einladung für Alle hier auf dem Schiffe, – da seyd Ihr ein bischen zu spät gekommen, wack'rer Skallagrimurs-Enkel. Schon in der ersten Frühedämmerung waren viel Eurer Landesedlen hier, und Jeder lud sich welche von dem Schiffsvolke, daß sie bey ihm überwintern möchten. D'rum ist nun schon Alles versagt.« – »Das taugt nicht von den Nachbarn,« sprach Thorstein verdrießlich, »daß sie Einem so das Gute vor dem Munde wegfischen. Ich ritt doch nun gleich Augenblicks hierher, so bald ich nur von der Kunde hörte, damit ich Euch Alle im Voraus für mich behalten wollte. Und da sind mir die nähern Strandwirthe doch zuvorgekommen. Nein, das Wegfischen ist eine recht häßliche Sitte – vorzüglich für Den, welcher dabey zu 31 kurz kommt. Ich also kann denn so ganz einsam wieder nach Hause reiten! Gastlos, und beynahe mir selber zum Hohn!« »Ey, Gott bewahre!« sagte Bardur. »Niemahlen bringt guter Ritt häßlichen Kranz. Wenn Euch an mir genügt, und Ihr noch ein Pferd zur Hand habt – ich reite gleich mit Euch, und werde Euch ein Wintergast.« »Das gilt!« rief Thorstein fröhlich. »Kommt nur an's Land. Hier ganz nahe bey liegt mir ein Meyergut, wo Ihr aus tüchtigen Rossen die Wahl haben mögt.« – Es geschah so. Einen sehr wilden aber sehr trefflichen Gaul hatte sich Bardur ausgesucht, und wie sie mitsammen nach dem Hofe Borg hinaufritten, und der greisende Fremde das Pferd sehr kraftvoll und eben so kunsterfahren tummelte, und dazu sehr edel anzusehen war in seiner köstlichen Tracht – da sprangen die Worte dem Thorstein unversehens über die Lippe: »Sagt mir doch, wie das zugeht, daß alle Andern Eures Schiffes eingeladen sind von Wirthen des Landes, und Ihr, gewiß der Allerherrlichste aus der Genossenschaft, warten mußtet, bis ich kam! Es ist mir das gar ein großes Glück, aber ich kann es noch nicht begreifen.« 32 Der Fremde erwiederte lächelnd: »Ey, wär' es in der That ein großes Glück, so wär' es auch ein unbegreifliches. Das hält so Schritt und Tritt miteinander. Und das kommt daher, weil kein Mensch auf Erden begreiflichen Anspruch hat auf ein großes Glück. Regnet's Gold, so regnet's Gold. Weiter ist nichts bey Dergleichem zu sagen, oder zu erklären. Ich aber bin für Euch kein großes Glück, und am Ende wohl gar kein Glück. Also will ich Euch nur sagen: die Sache hängt ganz begreiflich zusammen. Aus Träumen sah ich es, daß Ihr kommen müßtet, mein Wirth zu werden. Eure Gestalt sah ich voraus im Traum, hörte im Traum den Klang und Sinn Eurer Anrede – mußte ich denn da nicht warten, bis Ihr kamet?« – Thorstein schwieg einen Augenblick. Dann sagte er freundlich: »Wohl gut! Ich will es den Träumen zu Gute schreiben, daß sie mir einen so edlen Gast aufbewahrt haben. Aber sonst – seit einiger Zeit –« »Nichts Übles von den Träumen!« sagte Bardur sehr ernsthaft, und Thorstein erwiederte: »Ihr seyd mein Gast, und habt in allen ehrbaren Dingen über mich, mein Hausgesinde und mein gesammtes Haus zu befehligen!« Da neigte sich Bardur und schwieg. 33 Sie kamen in der Hofstätte Thorsteins an. Frau Jofridur, sobald die ersten sittigen Begrüßungen landüblich vollbracht waren, blickte vergeblich spähend nach dem Gefolge des Gastes umher. Dann wieder blickte sie lächelnd auf die für Fünfzig angerichtete Tafel in der Halle. Thorstein winkte ihr freundlich warnend, und flüsterte ihr in's Ohr: »Die Träume sind Lügner und Windbeutel geworden! Das seh' ich wohl selber ein. Aber der Gast nun glaubt einmahl daran, und es ärgert ihn, wenn man andere Gedanken hegt!« – Da sagte Jofridur fröhlich: »Wohlan! Ich darf ihn nicht kränken. Aber für wenigstens fünfzig Menschen muß er essen und trinken. Sonst glaub' ich weder an seine Träume, noch an Deine künftig mehr.« 34     Fünftes Kapitel. Der Gast und seine freundlichen Wirthe vertrugen sich mitsammen ganz wohl. Aber zu einer so recht geselligen Vertraulichkeit oder auch nur Lustigkeit wollte es zwischen ihnen nicht kommen. Bardur gab allzuviel auf Träume. Thorstein und Jofridur gaben allzuwenig darauf. So mindestens wollte es Jedem von beyden Parthen vorkommen, so oft Eines an das Andere dachte. Und wo man unter demselben Dache mitsammen lebt, muß man doch einmahl nothwendigerweise sehr viel aneinander denken. Nicht, daß sie je darüber in Streit gerathen wären. Thorstein und Jofridur konnten sich nie anders, als sittig gegen ihren Gast benehmen. Und so war auch dem Bardur gegen seine Wirthe zu Muth. Außerdem schlief er sehr viel; nicht aus Ermattung oder langweiliger Verdrossenheit, aber just um der hier so verachteten Träume 35 willen. Bardur hielt die nicht eben für den besten Theil des Lebens – dawider sprach all seines Treibens rüstige Thätigkeit! – aber vielleicht für den angenehmsten, und zugleich für einen sehr lehrreich weissagenden Umgang mit höheren Gewalten. Spätherbst und Winter gingen denn so erträglich hin. Bisweilen erzählte man sich schöne Sagen der Vorwelt und Thaten rühmlicher Altvordern. Und dann blitzte es allen auf, wie gegenseitiges Leben und Lieben. Aber es kam wieder doch so viel von weissagenden Träumen in den alten Geschichten vor, und dann ein Blick Jofridurs nach der Halle, wo mindestens fünfzig Gäste hätten überwintern sollen, und jetzt nur ein einziger, obenein noch ein sehr mäßiger Fremdling erschienen war – ein anderer spottender Blick nach ihren dazu gehäuften Vorräthen hin – und Bardur verstand sogleich, was das heißen solle. Man verstummte. Und dann bathen die Kinder, man solle hübsch die Sage zu Ende erzählen. Das geschahe dann jedoch nur erst, wenn der wunderliche Gast Bardur seine Ruhestätte gesucht hatte. Freylich that der Schlafes- und Traumesfreund das auch immer frühe genug. Die Kinder pflegten heimlich hinter ihm 36 drein zu lachen. Jofridur lächelte auch wohl bisweilen mit. Thorstein jedoch sahe dann sehr streng verbiethend darein, dem Gaste das Eigenthumsrecht über Thun und Lassen auch gegen die allerschuldlosesten Angriffe bewahrend. Als aber nun der Frühling in die Welt hereinstrahlte mit jungen Sonnenlichtern und frischen Gräsern und schwellenden Knospen, und das Leben zu Land und Meer, ob in alljährlich wiederkehrender, doch immer neu erquickender Herrlichkeit wiederum zu lachen begann – da ward es auch dem Wirthe zu arg, daß sein Gast noch gar nicht lustig werden wolle, und er nahm sich vor, ihn in Bewegung zu bringen, auf alle Weise, die sich mit der höflichen Gastlichkeit vertrage. In Bewegung müsse der Bardur durchaus, meinte Thorstein. – Die Frühlingsstürme, welche um Island ziemlich heftig aus dem Meer emporbrausen, mußten mit dazu helfen. Öfters wohl, wenn die Menschen Etwas recht sehr wollen, hilft die heimlich unbewußte Seherin und Weberin von Schrecken und Freuden, die man Natur zu benennen pflegt, dabey mit. Ob zum Heil oder Unheil des Bundesgenossen – wer kann das immer genau ermessen? – 37 Für dießmahl fing die Erfüllung von Thorsteins Wunsche mit einem Unfall an; aber mit einem kleinen nur. Oben auf einer Hügelebne nähmlich, hatten sich die Bewohner des Gaues Borgarfiörde die Stätte zum Rath- und Gerichthalten ausersehen. Eine Dingstätte hieß man dergleichen. Sonsten aber trug auch diese Stelle von alter Zeit her den Nahmen Wahlfeld, oder Wahlstatt, wie man wohl Kampfesfelder zu bezeichnen pflegt. Es mochte dort in halbvergeßnen Tagen einmahl irgend ein Heldenkampf gehalten worden seyn. Vermuthlich war das in der ganz uralten Zeit geschehen, ehe noch das Eiland wüste gelegt ward, um spät nachher durch Kwelldulfurs Fahrt wieder angebaut zu werden. Denn sonsten gehören die Isländer nicht zu den Völkern mit so kurzem Gedächtniß, daß die Kämpfe ihrer Krieger ihnen schon gleichgültig würden, sobald nur etwa die Noth sich verloren hätte, wodurch dergleichen in Gang gekommen wäre. Seit Jahrhunderten halten die Isländer noch bis auf diese Stunde jede Erinnerung der Thaten ihrer Heldenväter fest. Und eben dadurch sind ja auch diese Geschichten vom Thorstein und andern kühnen Männern auf uns gekommen. 38 Thorstein hatte sich auf der Dingstätte Wahlfeld eine Art von Haus gebauet, wie das auch die andern Wohlbegüterten der Insel pflegten, um für sich und ihre Freunde und Genossen ein Obdach zu haben, falls einmahl die Landesgemeinde sehr lange beysammen blieb, und der Norderhimmel seine Sturm- und Schnee- und Regengewölke losließ. Weil die Isländer nähmlich Leute von sehr fester und getreuer Sinnesart sind, geben sie einander auch eben nicht früher in den Beratungen nach, als bis sie ihren Irrthum begreifen, oder eine sehr große Mehrzahl sie überstimmt. In diesem Falle hatten es dann wohl Manche an der Art, zu sagen: »Wohlgut, wenn es so überzählig viel Klügere unter uns hier zu Lande giebt. Und hätte auch allenfalls die Überzahl was Thörichtes ausgemittelt – auf ihre Köpfe die Verantwortung! Viele tragen Schweres leichter, als Wenige.« Nun währte es öfters mit den Dingversammlungen etwas lange, und da halfen die gastlichen Wohnungen der Reichen auch manchem andern ehrbaren Manne mit aus. Diese Häuser waren freylich nur aus Wänden von Balken und Reisgeflecht und Lehm erbaut, und ein Linnengezelt als Dach darübergespannt. Es war doch immer 39 besser, als im Freyen. Wenn dann die Versammlung wieder aus einander ging, nahm der Eigner die Dacheslinnen mit. Die Wände blieben einstweilen so offen stehen. Und da war es nun geschehen, daß die Frühlingsstürme dem Thorstein alle die vier Wände seines Hauses auf der Dingstätte in einen wüsten Haufen zusammen geworfen hatten. Die Knechte des Hausvaters brachten alsbald die Nachricht, und Thorstein winkte seiner Hausfrau lächelnd zu, und sagte leise zu ihr – denn man hörte schon den Bardur aus seinem Gemache kommen, wegen des etwas lauten Geredes der Boten in früher Morgenstunde –: »Nun soll er mir doch einmahl wieder auf's Pferd, der wunderliche Gast, und soll in die Welt hinein sehen, statt in den Traum!« Und Jofridur lachte dazu. Wie aber der hohe greise Bardur in die Halle trat, ward ihr seltsam feyerlich zu Muthe, und sie meinte fast in sich, er müsse für dasmahl eine wundersame Botschaft bringen, aus seiner Traumwelt herüber. Der Gast jedoch grüßte nur schweigend nach ihr hin, und fragte dann den Hausherrn mit lebendiger Theilnahme, was vorgefallen sey. Thorstein erzählte es ihm, und 40 setzte hinzu: »Wollt Ihr etwa mit hinreiten, Bardur, und mir helfen die Sache wieder in Stand setzen?« – »Das versteht sich!« sagte Bardur. »Dem Wirthe hilft der Gast, wo es Noth thut; sey es mit Waffen, sey es mit Handgeräth, sey es mit Rathschlägen.« – Und damit war er schon in den Hof hinaus geschritten, hatte sich auf eines der vorgeführten Roße geschwungen, und sprengte nun dem Thorstein und dem Knecht, welchen dieser mitnahm, so munter voran, daß sie wohl merken konnten, der Gast habe während seines traumvollen Winters das Reiten nicht verlernt. Und dabey zeigte er sich so wegekundig, daß sie fast glauben mußten, die Träume hätten ihm die Bergpfade der Insel deutlich abgespiegelt. Angekommen bey dem eingestürzten Baue half er mit Rath und That bey der Arbeit gar mächtig, und weil sich damahls alle Nordmannen, auch die Edelsten und Reichsten unter ihnen, auf Zimmerwerk und andere Handarbeit sehr wohl verstanden, gedieh es, nachdem noch ein Dienstmann Thorsteins herbey gerufen war, dahin, daß die Viere das Haus auf der Dingstätte Wahlfeld gut wieder in Stand gesetzt hatten. 41 Darüber jedoch war der heiße Mittag heraufgekommen. Die beyden Knechte legten sich in's Gras, und schliefen. Bardurs Augen blieben keck und wacker, weshalb sich Thorstein beynahe schämte, der Müdigkeit nachzugeben. Er setzte sich aufrecht neben Bardur auf die Schwelle des wiederhergestellten Hauses, und fing von allerley Dingen zu reden an; endlich war dennoch der Schlaf seiner gewaltig. Noch im Entschlummern sah er Bardurs große Augen offen und hell. Aber er dachte bey sich, schon halbträumend: »Was will das auch weiter bedeuten? Der Bär und der Dachs haben gut wachen im Frühling und im Sommer! Die haben vorausgeschlafen den ganzen Winter lang, und eben so auch ist es mit diesem wunderlichen Manne bestellt, Da will ich mir weiter den süßen Schlaf nicht abwehren; mag er mich hinnehmen, wie er will.« – Er lehnte sich ganz zurück, und schlief sehr fest ein. Bardur saß aufmerksam wachend neben seinem Gastfreunde, und merkte wohl, daß der in wunderlichen Träumen sehr heftig athmete, und sich beängstet hin und wieder warf. Aber er hielt es nicht für angemessen, ihn zu erwecken. Schon sonst hatte er wohl mit sehr ernstem Wesen gesagt: »Jedweden muß man seines 42 Traumes genießen lassen!« Als nun endlich Thorstein erwachte, athmete er tief und schwer auf, wie aus beängsteter, nur kaum erst freywerdender Brust. – »Willst Du vielleicht Deinem östlichen Gaste verkünden, was Du geträumet hast?« sagte der Normann. – Thorstein sah ihn sehr groß und verwundert an, wie einer, der noch gar nicht recht zu begreifen vermag, wovon die Rede ist, und doch sehr hochwichtige Dinge vorahnt, und sie auch schon dunkel im Herzen trägt. Endlich sagte er lächelnd – aber es sahe nicht aus, als ob er von ganzem Herzen lächle –: »Bardur, es ist ein seltsamer Traum durch meine schlafende Seele gezogen. – Ein recht seltsamer Traum!« wiederhohlte er kopfschüttelnd, und setzte nach einem Weilchen hinzu: »Aber dennoch fing sich Alles damit erst so ganz gewöhnlich an.« – »Das pflegt meistens in der Welt mit seltsamen Dingen so anzuheben;« antwortete Bardur. »Auch mit recht großen Dingen wohl! Im Wachen und im Traume. Denn das Beydes ist ja im Grunde einerley.« – Da lachte Thorstein und sagte: »Daß Ihr in der wachenden Welt gar tüchtig daheim seyd, lieber Gast, habt Ihr uns heute mannigfach schön und 43 rüstig bewiesen. Ob Ihr es also wirklich so ernst mit der Traumeswelt nehmt, wie Ihr es bisweilen andeutet« – Aber Bardur unterbrach ihn unwillig: » Ob! – Und Andeuten blos! – Ich bin ja ein Nordmann. Ich werde mich ja doch auf Träume verstehen.« – »Nun,« sagte Thorsten etwas ärgerlich, »bin ich ja doch auch ein Nordmann, so gut als Einer! Aber an den Träumen bin ich irre geworden. Wenn Ihr indessen Euch noch darauf versteht, so deutet mir den meinen.« »Das soll geschehen!« entgegnete Bardur. »Und auf meinen Kopf die Schuld, wenn ich falsch deute.« – Thorstein jedoch wollte noch immer nicht mit seinem Traum an's Licht kommen. Aber endlich, als auf dem Heimritt Bardur abermahl in ihn drang, hub er folgendermaßen zu erzählen an: »Mir träumte, daß ich daheimstände vor meinem Gehöfte, und zwar vor dem Thorweg, wo die Hausgenossen täglich ein- und ausgehen. Da sah ich so empor nach dem Giebel, und droben saß ein Schwan, gar schön und lieb, und es war, als sagte mir Jemand: »Der schöne Schwan ist Dein, und ist ein Schwanenweib.« – Und 44 das gefiel mir sehr gut, und freute mich sehr. Da sah ich, wie von den Bergen hernieder ein großer Adler flog, und wie er immer näher kam, und sich endlich neben den Schwan setzte auf mein Dach. Und da that er ordentlich schön mit dem Schwan, liebkosend und girrend, und dem Schwane schien es zu gefallen. Der Adler aber hatte große, gewaltige Schwarzaugen, und eherne Klauen. Er kam mir sehr streithaftig und stark vor.« »Da sah ich, wie ein anderer Vogel von der Südgegend aufstieg. Auch er flog hier nach meinem Gehöfte Borg heran, und setzte sich auf den Giebel des Baues, dem Schwanenweib zur andern Seite, und that ihr auch sehr schön, und war auch ein mächtig großer Adler. Da war es, als ergrimme der Adler, welcher zuerst gekommen war, sehr heftig, und da hielten Beyde langen und scharfen Streit miteinander. Dann fingen sie Beyde an zu bluten, und ihr Streit nahm solch ein Ende, daß Jeder von seiner Seite des Giebels hinuntertaumelte. Und da waren sie alle Beyde todt.« »Der Schwan aber – das sah ich wohl und ward mir weh davon – blieb auf dem Giebel still, einem sehr ernsthaft trauernden Weibe gleich.« – 45 »Dann stieg von der Abendgegend her ein anderer Vogel auf. Das war ein Falke. Der setzte sich neben das Schwanenweib, und schmeichelte ihr. Darauf, nach derselben Gegend Beyde, flogen sie hinaus – und ich fuhr zusammen und erwachte.« – Wie er nun so Alles vom Herzen hinuntergesprochen hatte, setzte er keck hinzu: »Warum hat das Geträume nun aber einem kräftigen Manne, wie mir, schwere Athemzüge auspressen können! Schwanenweib und Adlerpaar und Falke! Wenn es etwa viel bedeuten sollte, könnte es doch nur Frühlingsstürme gelten, aus den Weltgegenden einander im Wechselkampf erfassend, von wo ich die Adler und den Falken aufsteigen sah.« Bardur sah ihn aus den großen Blauaugen unter den dichten, grauenden Locken sehr ernst, beynahe wehmüthig an und sagte: »Das kündet nicht mein Sinn, daß es so ergehen werde.« »Ey,« erwiederte Thorstein: »So mache denn aus meinem Traum, was Dir das klügste scheint, und laß mich's hören.« Und Bardur hub folgenden Spruch an, und 46 der wieder erwachende Frühlingssturm sang wie eine wilde Harfe dazu. »Drey Vögel aufsteigend aus Meeresfluth,     Das sind drey Helden mit hohem Muth. Der Schwan ist ein liebliches Frauenkind,     Das Dir Deine edle Hausfrau gewinnt; Ein Töchterlein so herrlich und hold!     Der Nord gäb sein Erz d'rum, der Süd sein Gold, Das habt Ihr so lieb dann, Ihr alle Beyde.     Doch freylich, die Liebe wird oft zum Leide! Erst kommt von den Bergen ein mächtiger Aar;     Dann Einer von Süden. Ho, feindliches Paar; Sie sind Deinem Schwänlein zu herzig gut,     Und eifern, und stürzen sich Beyd' in's Blut. Da ist's um zwen herrliche Helden gescheh'n.     Sie fielen, um nimmermehr aufzusteh'n. Dann naht sich der dritte Freiersmann,     Von da, wo der Falk seinen Schwung begann. Der nimmt sie dann mit sich in's eigne Haus.     Dein Traum ist aus. Meine Deutung ist aus.« Er schwieg. Aber Thorstein sprach ihm zürnend entgegen: »Der Traum ist Lug! Deine Deutung ist Graus     Du deutest so feindlich für Gastfreund's Haus. Und hätt' ich ein schönes Töchterlein,     Die müßte kein Tod für Helden seyn. Was willst Du mit all' dem wüsten Graus?     O weh, was empfing Dich mein gastlich Haus!« 47 Bardur erwiederte: »Ein gastlicher Gruß, der den Fremden erfreut,     Hat nimmer noch freundlichen Wirth gereut. Doch am Herde Murren und Hohn und Zorn     Ist dem Gast und dem Wirth ein Seelendorn. Ich hab' Dir nichts Böses gebracht in's Haus,     Doch der Traum und die Deutung geh'n wahrhaft aus.« – Da schwieg Thorstein, und Bardur schwieg auch, und Beyde ritten mitsammen verdrießlich nach Hause. Von da an hatten sie auch nicht sonderlich viel Verkehr miteinander, oder doch keinen freundlichen; nur daß sie sich immerfort als Gast und Wirth in den gehörigen Schranken wechselseitiger Verpflichtung hielten. Als nun die Frühlingsstürme nachließen, fuhr Bardur mit seinem Schiffe von dannen. Gast und Wirth schieden nicht von einander, wie Freund von Freund, aber auch nicht, wie Feind und Feind. Thorstein hat seitdem auch nichts von dem Bardur mehr vernommen, und da ist es ihm nachher bisweilen vorgekommen, als seye der ganze Bardur nichts anderes gewesen, als die düstre Erscheinung eines unglückverkündenden 48 Gespenstes. Darin hatte jedoch Thorstein großes Unrecht. Bardur war in der That ein wirklicher und höchst ehrsamer Kaufherr, obgleich die Saga, welcher wir zu folgen haben, fürder nichts mehr von ihm zu erzählen weiß. Vielleicht taucht er wieder auf in einer andern Heldengeschichte des alten ächten Nordlandes, und dann möchte ihn wohl manch' ein Sagafreund gern als guten Bekannten wieder begrüßen. 49     Sechstes Kapitel. In den ersten Tagen des Sommers sahe Frau Jofridur der Stunde entgegen, worin sie ihrem Eheherrn ein Kindlein gebären sollte, und freuete sich schon, wie das hübsch seyn werde, wenn nun abermahl ein kleines freundliches Wesen erblühe, und nach etwa zwölf Monden anfange, mit den andern Kindlein in der Halle zu spielen, und draußen vor der Thür. Thorstein aber freute sich nicht darauf. Ihm lag die trübe Weissagung seines Wintergastes im Sinn, und sein eigner schwerer Traum. Deßwegen sann er Tag und Nacht, wie er den bedrohlichen Heldentod verhindern möge, den seine Tochter in die Welt bringen sollte. – Dann tröstete er sich freylich wohl mit dem Gedanken: »Wenn es nun aber ein Söhnlein ist, welches Jofridur Dir bringt?« Und davor fing er bisweilen herzlich zu lachen 50 an, vorausbedenkend, wie er denn den Bardur sammt allen Träumen und Traumesdeutern verspotten wolle. Spott aber säet keinen guten Saamen: weder in die Seele, noch in die Zukunft des Menschen. Deßwegen fühlte auch Thorstein immer sein Lachen über diese Voraussagung von einem gar schrecklichen Dunkel gedämpft, das sich wie ein schwüles Gewitter in banger Nacht über seine Seele zu lagern begann. Er murmelte manchmahl ingrimmig in sich hinein: »Wenn meine Hausfrau eine Tochter gebiert, so weiß ich schon, was ich thun will. Um so eines bethörlichen Geschöpfchens willen sollen keine Helden sterben.« – Aber wer kann so sicher in die Zukunft hineinsprechen: » ich weiß! « und: » es soll! « Und das fiel dem Thorstein jetzt sehr auf's Herz. Denn die Zeit kam heran, wo sich alle Bewohner des Gaues auf der Dingstätte Wahlfeld versammeln sollten, um über mancherley hochwichtige Sachen miteinander zu berathen. Nun durfte natürlich der Älteste des Hauses der Myramannen, der edle Thorstein dabey nicht fehlen. Deßhalb setzte er Alles zu der Fahrt geziemend in Stand. Aber er war sehr düster dabey. 51 Und das war eine Art von Glück für die Frau Jofridur. Denn so konnte sie doch im Voraus merken, und nach und nach, es drohe etwas sehr schmerzliches herein. Sie setzte sich auch dazu nach ihrem starken Sinne in Bereitschaft, so gut es ihr jetzt schwacher Zustand erlauben wollte. Indessen kam es doch schlimmer noch, als ihre schlimmsten Vorstellungen es gemeint hatten, da nun Thorstein, im Begriff zu Pferde zu steigen, sie wieder nach dem Herde zurückführte, und leise in ihr Ohr flüsterte: »Jofridur, wenn Du während meiner Abwesenheit ein Kind gebierst, und es ist ein Knäblein, so pflege dessen gut, und laß es an gar nichts fehlen, was unser reicher Haushalt zu biethen vermag.« Jofridur kämpfte noch Einmahl die Schauer in ihrem Herzen nieder, und sagte mit freundlichem Lachen: »Mußtest Du mir das erst vorschreiben wollen, o Thorstein? Sorgt ja das leichtsinnige Luftgeflügel für seine Jungen um sehr viel früher schon, als sie geboren sind! Mein Kindbett ist bereitet, und besser bereitet noch die Pflege des Kindleins, das wir in Freuden erwarten.« Thorstein murmelte etwas Unverständliches in 52 den Bart, ganz wider seine sonst so anmuthige Weise, und wandte sich tiefstöhnend ab. Da sagte Jofridur, sich auf ihren Sessel matt, jedoch in feyerlicher Würde niederlassend: »Du hast etwas Entsetzliches im Sinne, Hausvater. Aber sprich es jetzt nur ganz frey und rasch heraus. Du selbst ja kannst Dein Geheimniß nicht mehr so im Zwielichten von Trotz und Jammer herumtragen. Sprich, sag' ich Dir – wenn Du fürderhin für einen wackern Mann gelten willst.« Thorstein richtete sich hoch und stolz und streng' empor, winkte Kinder und Hausgesinde gebiethend fern ab, und sprach: »Wenn Du ein Mägdlein gebierst, da sollst Du es aussetzen in die Wildniß, daß wir nimmermehr etwas von dem Kinde vernehmen.« »Thorstein, wie wird Dir zu Sinne?« sagte Jofridur. »Du bist krank.« »Mir wird und ist,« sprach er zurück, »wie es schon vielen wackern Islandsmannen war, die ihre Kinder in die Barmherzigkeit unsichtbarer Gewalten übergaben, weil der Hausvater selbst für die Unglückswesen nicht fürder zu sorgen verstand.« »Thorstein, besinne Dich doch!« sagte 53 Jofridur. »Das haben ja meist nur immer ganz verarmte Leute gethan auf unserm Eilande. Und im Lichte des neu aufdämmernden Hoffnungsglaubens will man es auch Denen nicht gern mehr zulassen, so schmerzlich zu verstören in ungläubiger Angst, was ihres Lebens süßeste Freude werden kann. Thorstein, Du reicher Mensch an Hof und Herden und Freunden und Gold,– ach so besinne Dich doch nur!« Thorstein aber entgegnete voll einer ganz furchtbarlichen Festigkeit, die ihm wohl unsichtbar schlimme Gewalten bescheert haben konnten: »Du weißt nun meinen Beschluß. Und das möchte nicht eben gut werden, wenn es Jemandem einfiele, ihn zu brechen. Im Übrigen: – die alten Gesetze bestehen noch immer. Und mag das gesammte Island es wissen: ich will mein Kind aussetzen, falls es ein Mägdlein ist. Und neugierig wäre ich, Den kennen zu lernen, welcher mich daran zu hindern gedächte. Wollte er mich aber vollends darüber zur Verantwortung ziehen, so wär' er ein Narr. Was Dich betrifft, thue nach meinem Geboth!« Darnach ging er stumm und finster hinaus, und Frau Jofridur blieb sehr betrübt am Herde zurück. 54 Zwar als er nun fortsprengte vom Hof, und die Kinder vor der Thüre jubelten: »Mutter, nun reitet der Vater ja rasch nach dem Wahlfeld! Mutter, nun komm' doch und sieh, wie herrlich der Vater reitet!« – Da kam Jofridur auch heraus, aber sie konnte ihm nicht ihr weißes Schleiertuch glückbedeutend nachwehen lassen, wie sonst. Vielmehr sang oder sagte sie still vor sich hin:     »Reite! – Was Dich geleite, –         Wer kann es wissen –         Schwärzlich aus Traumes         Drohender Nacht,         Trüb' aus der Macht         Stürmigen Schaumes         Wandeln zerrissen         Gräuelgestalten.         Wer kann sie halten?         Ach, Dich geleite         Mildernde Macht!         Ich, die künftig nun jegliche Nacht         Weinend durchwacht,         Flüst're Dir lebend nach in die Weite:         Armer, unselig Getrieb'ner – so reite! 55     Siebentes Kapitel. Etwa zwey Nächte nachher, während Thorstein immer noch auf der Dingstätte Wahlfeld zu schaffen hatte, geschah es, daß Jofridur von einem Töchterlein entbunden ward. – »Ein Töchterlein!« seufzte sie, als die umstehenden Frauen ihr das Geschlecht des Kindes nannten, und hüllte sich tief in ihre Decken. Die hülfreichen Freundinnen dachten sie zu erheitern, wenn sie die in der That recht wundersame Schönheit des neugebornen Mägdleins mit preisenden Worten erhüben, und so lobte denn Eine das reiche Goldgelock der Kleinen, die Andere deren tiefblaue, freundliche Augen, die Dritte den lieblich blühenden Mund, die Vierte die schneeig zarte Haut und die Rosenwängelein, indessen die Fünfte sich nicht genug an den zierlich zarten Händchen erfreuen konnten. 56 Frau Jofridur – denn jedes dieser Worte ward ihrem verletzten Mutterherzen wie zu einem Dolchstiche mehr – weinte unter ihren Decken heiß, aber so leise, würdig und still, daß keine von den fröhlichen Helferinnen dessen inne ward. Als man ihr aber nun das Kind bringen wollte, daß sie es umarme und segne, sprach sie mit schnell getrockneten Augen und aus all ihren Zügen zurückgedrängten Jammer, sich feyerlich emporrichtend: »Das ist ein wunderlicher Rath, noch erst in eine Mutter zu dringen, daß sie ihr liebes Kind segnen und liebhaben soll. Haltet Ihr das für nöthig, so gehet doch auch sorgsamlich hinaus, und gebiethet der nahenden Morgendämmerung, daß sie nun bald zu leuchten beginne, oder dem untersinkenden Mond, daß er einmahl noch sich glühroth färbe, und dann verschwinde. Wenn Ihr jedoch meint, das werde alles von selbst geschehen, auch sonder Euer Geboth, so könnt Ihr auch ohne Weiteres nach dieser durchwachten Nacht Eurer Ruhe pflegen. Und ich glaube, daran werdet Ihr am besten thun.« Die Frauen gingen scheu von hinnen vor Frau Jofridurs strengen Worten, und Diese 57 behielt nur eine einzige Magd bey sich. Die schickte sie nach einem alten Schäfer in Thorsteins Dienst, welcher Thorwardur geheißen war, und Niemanden auf der Welt Liebes erzeugte, ausgenommen nach strenger Pflicht. Manche Leute wollten behaupten, dem Thorwardur sey in den frühesten Jünglingstagen sein Lieb recht häßlich untreu geworden, und nachdem er nun diesen Schmerz überwunden gehabt, sey es ihm so ziemlich einerley mit Lieb oder Leid. Da erhub sich zwischen der Herrinn und ihm folgendes Gespräch: »Du treuer Schäfer, Greis Thorwardur, willst Du von hinnen reiten in einem wichtigen Auftrage zu meinem Dienst?« »Da müßt Ihr nicht erst fragen, Herrinn, ob ich will. Euch zu dienen geziemt mir, und was mir geziemt, das will ich immer.« »Es soll aber ein Geheimniß bleiben vor Thorstein Deinem Herrn.« »Das steht bey Euch, und nicht bey mir zu ermessen, Frau Jofridur, ob dem Hausherrn etwas geheim bleiben mag oder nicht.« »Und wenn Du nimmer nun wieder kommen dürftest in diese Gegend von Deinem Ritte – wie dann?« 58 »Schafe gibt es allwärts zu hüthen, und Träume verschwundenen Glückes gibt es allwärts zu träumen. Was macht sich Schäfer Thorwardur eben Großes daraus, wo er hüthet und wo er träumt!« »Weißt Du denn gar nichts mehr auf der Welt, als zu hüthen und zu träumen!« »O ja, Herrinn! Auch Fechten kann ich wohl, wo es Noth ist. Und dann auch kann ich noch singen. Und eben des Singens wegen möcht' ich, Ihr schicktet mich an einen Ort, wo man unsere schöne alte Nordlandssprache versteht. Meint Ihr es aber anders – auch dann gut! man singt sich selber etwas vor, als wäre man zu Zweyen, und allenfalls auch findet man noch einen Wiederhall in Hain oder Kluft.« »Du sollst nicht sehr weit, o Thorwardur; Du sollst vor der Hand auf Island bleiben. Und dann magst Du Dir nach Belieben einen andern Aufenthalt suchen, wo man gleichfalls unsere edle Nordlandssprache redet und singt.« »Das ist mir lieb, Herrinn. Die Fremden sagen freylich, unser Nordland seye nicht schön. Wer aber einmahl darauf geboren ist, kann nicht gut wieder davon los.« 59 »Du sollst auch drey Mark Silbers haben, um Dir in anderer Gegend zu ersetzen, was Du hier etwa verlörest. Da! nimm sie hin.« – »Das thu' ich nicht eben gern, Herrinn. Aber doch! Gebt nur her. Ich thu' es dennoch recht gern. Arm bin ich, wie ein Vogel, dem man die Eyer aus seinem Neste gestohlen hat, und Ihr würdet mir ja doch nun und nimmer Sold geben wollen zu einer schnöden That. – Was soll ich also ausrichten, Herrinn?« – Da fing sie an zu weinen, und er blieb verwundert vor ihr stehen, aber in Demuth abwartend, was endlich daraus werden soll. Endlich sprach sie, sich weiter erkräftigend in ihrem starken Geiste: »Ziehe das schöne Graurößlein aus dem Stalle, worauf ich sonst wohl öfter zu reiten pflegte. Auch das muß Dein bleiben. Es darf nicht wiederkommen. – Kommt ja so Vieles nicht wieder in dieser armen, armen Welt! – Dem Graurößlein leg' einen Sattel recht sorgsam auf; denn recht bequem mußt Du dieß liebe Kind, das jetzt noch hier neben mir liegt, von hinnen tragen. O staune nicht so vor meinen Worten! (O staune Du auch vor meinen Blicken nicht!) 60 – Nach Hiardarholt mußt Du mit diesem armen, kleinen, bedroheten Mägdlein reiten. Nach Hiardarholt zu meiner Schwägerinn Thorgerdur, der Egilstochter. Dein Herr und Meister Thorstein aber darf nimmer andere Kunde hören, als: sein armes, kleines, schönes Töchterlein seye ausgesetzt. Und da geb' ich Dir auch Runentäflein für meines Eheherrn Schwester, und sie wird daraus lesen können, was in Deinem Bericht ihr noch ungewiß bleiben mag, denn sie ist ein sehr weises Weib. Und fördern wird sie Dich über Meer, Du treuer Hirte, noch ehe die herbstlichen Stürme zu blasen beginnen – hin, wo Du hinbegehrst.« »Und für meine Ehre, des Flüchtlings Ehre, sorget Ihr, Frau Jofridur?« fragte der Hirt, aber mit einem Klange, welcher die Zuversicht der Bejahung schon in sich trug, und der jammervollen Mutter, die jetzt erschöpft zurückgesunken war, keinen Laut mehr abnöthigen sollte. Zugleich hob er das Kind in den weichen Decken sanft empor, und schritt leise von hinnen. Sich mit der lieblich ängstlichen Last auf das Graurößlein schwingend und von hinnen trabend, sang er in sich hinein: 61 Menschen mischen Mancherley Thaten. Wähnend wissen sie Was soll gedeihen. Anders doch immer Erndtet die Saat sich, Sinnender Sämann, Als Du's ersannest!« 62     Achtes Kapitel. Thorstein kam nach Hause. Jofridur berichtete ihm, sie habe ein Mägdlein geboren; und nach seinem Willen sey es ausgesetzt. Schön sey es gewesen, wie ein Engel, und sanft wie ein Frühlingsmorgen nach dem Sturme – aber treu dem hausväterlichen Gebothe habe man die holde Blüthe verstoßen in irgend ein entferntes Thal. Dann sagte Jofridur noch: »Ich muß jetzt immer in meinen tiefsten Gedanken singen:« »fahr wohl, mein süßes Kind!« – Oder etwa, wenn es mir in Träumen erscheint: »bleib bey mir, bis es Morgen wird, du süßes, süßes Kind!« Darüber verstummte Thorstein. Er preßte seine beyden Hände auf die feuchtblitzenden Augen, und redete von dieser Angelegenheit durch viele Tage lang nicht mehr. Endlich fragte er dennoch einmahl seine Hausfrau, und sahe dazu aus, wie in einen schmerzlichen Traum versunken: »Durch wen doch ward das arme liebe Kindchen ausgesetzt?« – 63 Sie aber antwortete ihm strenge: »Bist Du ein so gar nachläßiger Hausvater geworden, daß Du Keinen mehr vermissest, der so lange schon von Deinem Herd und von Deinem Gebieth entfernt ist? – Thorstein, wo ist der Thorwardur? – Siehe, Du staunest und weißt keine Antwort. Hinausgeritten ist er mit Deinem armen Töchterlein auf Dein Geboth, und mein silbergraues Rößelein gab ich ihm mit auf den schmerzlichen Weg, um das zarte Kindlein sanfter zu tragen. »Nicht Roß kam wieder zurück Den Reiter nicht schaute mein Blick! Und der Thorwardur war treu!« – Da sagte Thorstein, sein Antlitz wiederum in die Hand bergend: »Sie sind denn wohl alle Dreye zugleich untergegangen in Meeresfluth oder vor einem Klippensturz.« – Und Frau Jofridur dachte wehmüthig zürnend in sich selbst: »Hab' es denn, wie Du es haben wolltest, Du abergläubisch opfernder Hausvater!« Aber sie behielt ihn dessen unerachtet sehr lieb, und sein tiefer Schmerz jammerte sie sehr. 64     Neuntes Kapitel. Auf diese Weise waren nach und nach sechs Jahre hingegangen. – Sechs Jahre sind freylich eine lange Zeit! Vorzüglich für schwer in der Seele verwundete Menschen. – Aber man braucht nicht eben zu denken, es habe dabey immerfort Jammer und Weh oder Trübsal in Thorsteins schönem Gehöfte vorgeherrscht. Fremde wurden heiter empfangen, nach, wie vor. Nach, wie vor, spielten fröhlich die Kindlein auf dem Hausflur und vor der Thüre. Nach, wie vor, betrieb Thorstein als wackerer Hauswirth seine Geschäfte auf Acker und Wiese, im Forst und am Strande, auf der Dingstätte, und – wo es zu kämpfen galt – auch auf blutigem Felde. Das Alles führte er ganz ehrbar und stark und rühmlich hinaus. 65 Überhaupt gibt es kein unsterbliches Weh im irdischen Menschenleben; eben so wenig, als unsterbliche Lust. Nach einigen Jahren erinnert man sich wohl noch immer voll großer Bewegung an Schmerz oder Wonne. Aber die Gegenwart reißt uns auf's neue mit sich fort: in Leid und Freude; mehrentheils in beydes zugleich. Diese Betrachtung thut weh. Denn sie ist von demüthigender Art. Thorstein konnte ein Lied darüber nicht los werden, welches einstmahl an seinem Herde ein gastlich aufgenommener Skalde in das Geschwirr seiner trauernden Saiten gesungen hatte: »Und ständ' auch noch so fest Dein Haus,     Der Grundstein ruht in Nacht und Graus. Und säh' Dein Haus auch wolkenein,     Aus dem Abgrund hob man den Gipfelstein. Und wär' Dein Haus auch ein starker Thurm,     'S ist rings umdrängt von Regen und Sturm. Und hätte Dein Haus ein Zauberdach,     In den Wolken ist stärkerer Zauber wach! Ist wach in den Grüften! Klüften! auf Höh'n! –     Versteh'st Du des Abgrunds Jammergestöhn? – Ach, Mensch! Du bauest wohl hoch und weit –     Du weißt nicht: bauest Du Lust oder Leid! – Ach armer Mensch, ob Du klagest, ob lachst –     Du weißt nicht, ob du träum'st oder wach'st. 66 Träum' weiter, weiter Du Menschenkind!     Dein Lachen verhallt! Deine Thräne verrinnt!«– Es war damahls, als hätte der Skalde noch weiter singen wollen, aber als hätte er seine Lippen wie versiegelt gefühlt für diesen Augenblick. Und bald nachher soll er gestorben seyn. Das Beste, was der Mensch eigentlich am dießseitigen Ufer zu sagen hätte, pflegt ihm ja ohnehin oft unausgesprochen in der Seele zu bleiben. 67     Zehntes Kapitel. Das kleine verschollene Mädchen ward derweil durch seine Vaterschwester Thorgerdur edel und sorgsam erzogen. Anfangs zwar, damit der Thorstein gar nichts von dem wahren Zustande der Sache merken sollte, gab Frau Thorgerdur ihr liebes armes Nichtlein in die Pflege eines ihrer Unterthanen, fern zu Leysingiastöd, am Meere wohnhaft. Der Mann und die Seinigen waren gut und treu. Auch sahe Frau Thorgerdur oft nach dem süßen, wunderschönen Kindlein, Helga benannt, und Olaf, ihr Hausherr, welchen man, wegen seines edelstolzen Betragens, auch wohl den Pfau zu heißen pflegte, ging ihr in dieser anmuthigen Sorge mit gewissenhafter Treue zur Hand. Als nun sechs Jahre ziemlich herum waren, kam es der Frau Thorgerdur fast unerträglich 68 vor, daß ihr holdes Pflege-Kindlein so weit von ihr wohne, und sie sprach endlich einmahl zu ihrem Ehemann: »Wenn es auf mich ankäme, so nähmen wir nun Klein-Helga zu uns in das Haus. Oder man spräche wohl besser: Schön-Helga!« »Wohl recht!« entgegnete Olaf. Und Niemanden könnte es lieber seyn, als mir, wenn das holdselige Kleinchen hier alle Tage mit unsern Töchterlein spielte. Aber Du wirst doch nimmer Deinem edlen Bruder Deine Thür verschließen wollen, Thorgerdur!« »Ey Olaf, da seye Gott vor. Und wer denkt an so was?« »Du, Thorgerdur! denn wenn er nun zu uns hereinkommt, und findet Schön-Helga hier – was soll man ihm denn darüber antworten? Fragen wird er doch gewiß nach dem allerliebsten Kinde. Und Du und ich, wir können nicht lügen.« Pfuy doch, Freund Olaf! Wer von uns beyden wird denn zu den Worten Du und Ich im selben Athemzuge das häßliche Wort setzen. » Lügen! « »Nun also, Thorgerdur. Dann erfährt ja Dein Bruder, daß ihm das schöne Kindlein gehört.« 69 »Ja. Und darüber wird er sich freuen.« »Er, welcher das Kindlein auszusetzen befohlen hat?« »Olaf, die Leute, welche vor sechs Jahren wunderlich dachten, denken nicht allemahl noch heutzu Tage wunderlich.« »Hat Dir je Dein Bruder etwas gesagt, woraus man eine solche Veränderung hoffen dürfte?« »Nein, Olaf. Aber wenn er unsere Töchterlein ansieht und liebkos't, liegt bisweilen der Gram um seine entschwundene Kleine ganz deutlich auf seinem Gesicht.« »Nun gut, wir wollens versuchen, Thorgerdur. Und verwürfe er dennoch sein schönes kleines Kind – wohlan, so blieb es unser schönes kleines Kind in unserer Pfleg' und unserem Schutz.« »Olaf,« sagte Frau Thorgerdur, ihn liebkosend, »Du bist stolz wie ein Pfau, aber sanft, wie ein Lamm, und freundlich wie eine gezähmte Taube.« Und da ward die kleine Helga in Olafs Gehöfte aufgenommen, und lebte mit den zwey Töchterlein des Hauses, als ob sie ihr Schwesterchen sey. 70     Eilftes Kapitel. Nicht eben sehr lange nach diesem Ereigniß kam Thorstein einmahl nach Hiardarholt geritten, um seine Schwester Thorgerdur zu besuchen. Er ward wohl empfangen, wie sich das ziemte, und so lud auch Olaf seine nächsten Freunde und Genossen zusammen, daß sie sich an dem Feste mitfreuen sollten, und die kamen Alle gern. Dazu gaukelten die drey kleinen Mädchen – Olafs Töchter und Schön-Helga – wie drey Elfen, welche man auf Island Lieblinge zu nennen pflegt, durch die leuchtende Halle. Frau Thorgerdur dachte immer, ihr Bruder solle sie nach Schön-Helga fragen, und vorzüglich, wenn er bisweilen seine großen blauen Augen recht ernsthaft auf die großen blauen Augen des Kindes heftete, und das Kind wieder eben so gegen ihn that – beynahe, wie wenn 71 Himmel in die Seefluth schaut, und Seefluth gegen den Himmel. Thorstein aber wandte sich dann schnell wieder ab, als habe er etwas Unheimliches gesehen, und als ihn seine Schwester neckend fragte: »Das ist ja ordentlich, als ob Du vor dem wunderschönen Kindlein dort erbebtest?« – flüsterte er ihr entgegen: »Auch vor den Lieblingen schauern die Menschen oft!« Er mochte wirklich die Kleine für eine Elfe halten, oder wohl gar für die nur ihm ganz deutliche Erscheinung seines ausgesetzten, in Meeres- und Stromesgeroll verkommenen Kindleins. Wie dem auch sey: er verstummte endlich ganz auf die Fragen seiner Schwester, und wandte sich zu den Männern, die mitsammen traulich bey dem kreisenden Becher verhandelten, ob Illugi , wegen seines dunkeln Haupt- und Bartgelockes, der Schwarze genannt, es nicht endlich zu einer übergroßen Macht auf der Insel bringen werde. Zwar stand er an Reichthum nicht ganz dem Thorstein gleich, aber sein stolzes Wesen und manche tapfere That zu Land und See gaben ihm ein starkes Ansehen unter den Hausmännern allzumahl. Und dazu war er seinen Freunden so sehr freundlich und seinen 72 Feinden so sehr fürchterlich. Da meinten im Kreis ein Paar der Besorglichsten: und wenn nun vollends dereinst unter seinen Söhnen die zwey Jüngsten, die wunderbar starken und muthigen Knaben Hermundur und Gunlaugur heranwüchsen, könne es zuletzt geschehen, daß der Illugi mit den Seinigen mehr Gewalt in der Gegend weit umher gewänne, als selbst das Heldengeschlecht der Myramannen. Darüber stieg ein großer Zorn in des Myramannen Thorsteins Seele auf, und er hätte wohl ein sehr hartes Wort gesprochen. Ein Wort vielleicht von denen, die unter kühnen Kriegsleuten nur mit Blute recht aus dem Grunde zu sühnen stehen. Glücklicherweise jedoch bedachte Thorstein, daß hier der Hauswirth sein Schwager war, und die Hausfrau seine Schwester. Und somit, sich selber stark und freundlich bezähmend, sagte er ganz gelassen: »Für jetzt mag Illugi der Schwarze anfangen, was er will. Von viel andern Dingen hab' ich meiner Schwester Thorgerdur ein paar Worte zu sagen.« Und damit grüßte er freundlich, und ging nach dem Hochsitz im Hintergrunde der Halle hinauf, von wo die Hausfrau das Zechergelag, 73 wie man es auf den Bänken zu beyden Seiten einander gegenüber hielt, ruhig übersah, solange sie es für anständig erachtete, um sich nachher in ihre Kammern still zurückzuziehen. Thorstein ließ sich neben Thorgerdur nieder auf die mit Binsen und Blumen bestreuete Bank, und dort besprachen sich Bruder und Schwester ganz traulich still miteinander von Diesem und Dem, so wie es nun eben die Reihe traf. Aber von dem, was die Schwester dem Bruder am allerliebsten verkündigen wollte, fing Thorstein immer noch nicht an. Da wurden endlich die drey kleinen Mädchen vor dem kühntönenden, in der Halle sich erhebenden Sange der Männer scheu, und kamen nach dem Hochsitz herauf, wo ein Bänkchen für sie stand, gerade der Hausfrau gegenüber. Da setzten sie sich, Klein-Helga in der Mitte, und flüsterten und sangen leise wechselweis voll behaglicher Sicherheit, Lieder und Mährchen und allerhand schuldlose Geheimnisse aus blühendem Mündchen einander in's Ohr. Aber Thorgerdur, als sie ihren Bruder wiederum ganz vertieft sah in seines ihm unerkannten Töchterleins Anschauen, konnte sein Schweigen nicht länger ertragen. 74 »Thorstein,« hub sie an, Du sollst mir jetzt aufrichtig sagen, welche von diesen drey kleinen Mädchen gegen uns über Dir am besten gefällt.« Da sprach er staunend: »Siehst Du denn wirklich drey Mägdlein vor Dir? Und weißt Du, woher die in der Mitte stammt?« »Wie sollt ich das liebe Kind nicht sehen, und nicht von ihrer Abstammung wissen?« entgegnete mit Lachen Thorgerdur. »Ist es ja doch mein.« »Dein!« wiederhohlte Jener, immer noch verwunderter. »Nun ist es doch gewißlich ein gaukelnder Elfengeist, diese süße Erscheinung! Denn Du hast ja nur die zwey Töchter, die ich kenne. Und das holde Geschöpflein in ihrer Mitten – zwar ist es blond und weiß und anmuthig, wie Du und fast alle Frauen aus dem Stamme der Myramannen! Aber ob es gleich wegen seiner Schönheit die Tochter Olafs des Pfaues zu seyn verdiente – es gleicht ihm doch mit keinem Zuge. Laß mich, Schwester! Ich will mich dem trügerischen Liebling nahen, der uns Allen die Sinne verwirret, und Du sollst sehen, wie das seltsame Dinglein verschwinden wird: Luft in Luft!« – 75 »Bruder,« sagte Thorgerdur, »und wenn dieß holde Wesen nun wirklich verschwände, Luft in Luft, und der dritte Platz auf dem Bänklein zwischen meinen Kindern würde urplötzlich leer – wie möchte Dir da zu Sinne seyn?« Und leise murmelte Thorstein: »Entsetzlich! Entsetzlich müßte mir zu Sinne seyn; wie einem Menschen, der keine Ruhe mehr fände durch all seinen trüben Lebenslauf, weil er im Traum etwas Herrliches gesehen hätte, das ihm keine Lust und Freude mehr ließe an den schönsten Herrlichkeiten der sichtbaren Welt!« – Damit hatte er die Hand dicht vor seine Augen gedrückt, und blickte doch plötzlich mit rascher Bewegung wieder auf, nach der kleinen Helga hinüber, als befürchte er, sie könne verschwunden seyn, Luft in Luft. Wie er sie noch fand, lächelte er, und auch die Kleine lächelte sein wieder entschattetes Gesicht sehr freundlich aus den großen blauen Augen an. Da erhub sich folgendes Gespräch zwischen ihm und Frau Thorgerdur: »Schwester, plage mich nicht länger mit diesem kleinen, ängstlich schönen Räthsel, sondern sage mir frey das Lösungswort heraus.« »Nun denn, in Gottes Nahmen, mein 76 Bruder. Die Kleine dort ist Deine Tochter; und Helga, oder eigentlich Schön-Helga wird sie bey uns genannt.« »Ist meine Tochter? Nun siehst Du, Frau Thorgerdur, wie der kleine, schöne Lügenliebling Neckens und Versteckens mit Euch spielt. Ich habe ja keine Tochter mehr. Das Kind ja ist schon längst begraben durch Sturmesgewalt in Meeresfluth, und sein treuer Geleiter, mein Knecht Thorwardur, mit.« Da winkte ihm aber Frau Thorgerdur, und sagte leise: »Rede doch nicht so laut. Du erschrickst mir ja die kleine Helga sonst.« Und Thorstein ward ganz still, und verlor kein Wort von Allem, was ihm jetzt seine Schwester erzählte, wie Frau Jofridur ihr das Kind zugeschickt habe, und was sonst schon auf diesen Blättern berichtet worden ist. – Als aber die Erzählung zu Ende war, und er noch immer stumm und unbeweglich blieb, sagte endlich Frau Thorgerdur etwas ängstlich: »Bruder, bist Du denn so ganz ingrimmig gegen uns, daß Du Dich gar nicht über Dein schönes Kindlein freuen willst?« – Denn sie befürchtete fast bey ihm einen Ausbruch von dem, was man im Nordland 77 Berserkerwuth nennt, und dem auch meist immer eine tiefe Stille vorauszugehen pflegt, wie auf Meergewässern dem Sturm. Aber Thorstein sagte sehr sanft und freundlich: »Was sollt' ich doch nur mit Einem von Euch Allen schelten um das Geschehene! Der Träumer Bardur hatte wohl Recht: die Träume wollen ihr Recht. Und muß nun in künftigen Tagen Heldentod empordämmern aus dieser meiner süßen Helga-Blüthe – was kann nun ich dafür! Ich that, was ich thun zu müssen glaubte. Ihr Alle folgtet einem Zuge, dem Ihr folgen zu müssen glaubtet. Und der wackre Knecht Thorwardur gehorchte dem Geboth seiner Herrinn, wie er zu gehorchen schuldig war. Segen mit ihm, wohin er auch wandle! Segen mit uns Allen! O Du Unsichtbarer droben in den dunkeln Wolken – nein: über den dunkeln Wolken hätt' ich sprechen sollen, aber wir in Finsterniß Befangnen, wir kennen Dich noch so gar wenig – und noch so gar dicht um uns her lauern und hausen die Gebilde der alten, bösen Nacht! – Ha, wahrlich, aus allen düstern Winkeln des Gehöftes grinzen sie im rothen Wiederscheine des Herdes hervor.« – 78 »Bruder,« sagte Thorgerdur ängstlich, »Dein schönes Kind fängt an, vor Deinem wunderlichen Gemurmel zu erbeben!« – Und vor dieser holden Sorge gewann der Thorstein alsbald Raum in sich selbst, aus gespenstiger Beengung frey zu werden für ein höheres, beseeligendes Licht. Wohl aber faßte er sich in eigner, angeborner Myramannenkraft stark zusammen, und wie er nun so muthvoll die Arme nach Helga ausstreckte, leuchtete das uredle Gefühl der Vater- und Kinderliebe den Zweyen von Auge in Auge, und Beyde lagen einander in den Armen, ehe sie selbst noch wußten, wie. Da sagte Thorstein, sie liebkosend: »Helga, hat Dir schon Jemand verkündet, daß ich Dein Vater bin?« – »Wer sollte mir das verkündet haben, Held?« entgegnete das schöne Kindchen. »Weiß ich doch nur kaum, bey welchem Nahmen sie Dich rufen. Aber Du sagst es ja selbst, mein Herzensvater, daß Du es seyest, und darüber freue ich mich so sehr.« Da umfaßten sich Vater und Kind noch herzlicher, und ein sanfter Thau der schmerzlichen Freude quoll süß aus Beyder Augen. »Willst Du nun zu Morgen heimreiten, 79 mein Kind, mit mir?« fragte Thorstein nach einer Weile. »Ja freylich!« entgegnete die Kleine, und hub die großen Blauaugen freudig keck empor. »Wie wird nicht schon die liebe schöne Mutter auf uns warten! – Was siehst Du mich so staunend an, Herzensvater? Ich habe die Base Thorgerdur sehr lieb. Aber zur Mutter haben sie doch ja hier meine beyden lieben Gespielen nur.« »That ich Dir jemahl weh, mein Pflegekind?« fragte schmerzhaft bewegt, Frau Thorgerdur. »Nimmer!« sagte die kleine Helga, und streckte die Ärmchen nach ihr aus. »Ach, was konntest denn Du dafür, daß Du nicht meine Mutter bist?« – Da war nun Alles schön und anmuthig geschlichtet, und Niemand hatte einen stechenden Schmerz mehr in seiner Seele oder einen nagenden Wurm. Auch daß Thorstein die Rückfahrt nach Borg auf Morgen mit dem Frühesten schon festsetzte – wie hätten ihm Schwager und Schwester es verdenken sollen, daß er möglichst eilte, der Gattinn ihr liebes, schönes Kind wieder zuzuführen! – Sie beeiferten sich, ihm und der Kleinen edle Gastgeschenke mit auf den Weg zu geben. 80 So reichte Olaf der Pfau seinem Schwager ein breites spiegelblankes Schwert, und sprach dazu: Nimm es! Und schwing es Klingend im Vorderreihen! Und wenn die Schlacht nun Schweigt auf der Haide – Wische das Blut weg Vom gewetzten Spiegel, Schwert genannt in den Schaaren Schlachtlustiger Kämpfer. Schau' dann hinein scharf! Schaue Dich selbst an! Kennen sich klar muß Kühnlicher Streiter Gräm' Dich, wenn Grausen Umgränzt Deine Siegerstirn! Freu' Dich, wenn frisch Dir Funkelt das Augenpaar Wem Grausen erweckt Die ersiegte Wahlstatt, Der focht im Frevelwahn Für krankes Recht. Wer würdiges Recht Auf der Wahlstatt ersiegt hat, Lächelt gar lustig selber sich an Aus leuchtendem Schwert.« 81 Frau Thorgerdur hatte unter andern schönen und zierlichen Gaben auch einen großen Schleier edlen und sehr festen Gewebes an Helga verehrt, und manch andere hübschen Geschenke wurden da hineingepackt. Als nun Thorgerdur jetzt der bisherigen Pfleglinginn das gesammte zierliche Gepäck übergab, sprach sie dazu nach alter Nordlandsweise im Halbgesang: »Dir geb' ich reiche Gaben zur Hand,     Und hüll' sie Dir ein in zartes Gewand.     Aber so macht es ja immer das Leben! – Die Gaben sind schwer. Der Schleier ist zart.     Kaum, daß der Schleier die Gaben bewahrt!     Aber so macht es ja immer das Leben! Leicht rollen köstliche Gaben in Sand,     Zerreißend das zierliche Schleiergewand!     Aber so macht es ja immer das Leben! Ach, Mägdlein, so wahre den Schleier gut.     All Glück hienieden braucht sorglicher Huth.     Aber so macht es ja immer das Leben!« Darauf nahm Thorstein freundlichen Abschied, und ritt mit der kleinen, wiedergefundenen Helga nach seinem ehrenwerthen Heldensitz und Hausmannsherde heim. – 82     Zwölftes Kapitel. Frau Jofridur stand vor der Thür ihres schönen Gehöftes. Ihr lebte eine große Zuversicht in der Seele, der Ritt ihres Hausherrn nach Hiardarholt zu seiner Schwester müsse Alles gar schön und friedlich lösen. Ob sie ihm sein Kind dorten absichtlich zeigen würden, oder ob irgend ein anderes Geschick es ihm in den Weg führen solle – wie er die That aufnehmen möge, welche er allerdings Ungehorsam gegen seine Befehle nennen konnte, denn damahls übte ein jeder Hausvater auf Island in seinen vier Wänden und seinen Marken schier königliches Recht – das Alles stand in buntverwobner, zum Theil schreckender Möglichkeit vor ihrer Seele. Dennoch war es, als breite von obenher eine schirmende Hand etwas darüberhin, wie einen großen, mildernden Schleier, so daß die Gestaltungen um Vieles minder schroff nebeneinander aussahen, als 83 sie wohl sonst vor einem ängstlich harrenden Auge zu bilden pflegen. Zwar flüsterte ihr bisweilen ein schlimmer Ahnungsgeist den Gedanken zu: »Du bist ja so ruhig, du arme Frau! Ist ruhig der Mensch, wird das Leben rauh!« Und das erhob sich in ihr zu einem Klingen und Singen, das nun und nimmer aufhören wollte, sondern im recht schwindlichen Kreislauf wieder von Neuem zu tönen anhub, so wie er nur kaum verhallt war. Frau Jofridur verstand sich nicht so recht auf's Anrufen der allerhöchsten Gewalt; wie wir das wohl schon früher an ihr bemerkt haben. Sonst wäre sie des häßlich mißtönenden Klingens um sehr vieles leichter bar und ledig geworden. Für jetzt konnte sie dem störenden Gefühl nur mit mannigfach andern Weisen begegnen, fröhlicheren Inhaltes, die sie nach besten Kräften aus sich hervorrief, ohne daß jedoch ein Laut über ihre Lippen drang. So ward sie nach und nach von streitenden Traumes- und Liebesnetzen überwoben, bis sie schlummernd auf den Sitz am Gehöftesthore, sonst mehr zur augenblicklichen Ruhe der 84 Vorüberziehenden bestimmt, niedersank, und endlich sehr fest einschlief; aber keinesweges traumleer. Denn ihr ward es, als ströme ein ganzer Zug von sehr eiligen, tief in graue Gewande vermummten Wandersleuten an ihr hin. Sie wollte sich aufrichten, und ihnen den Ruhesitz leer lassen, aber die lähmende Ohnmacht des Traumes vergönnte ihr es nicht. Da strebte sie wenigstens mit Wink und Rufen, ihnen anzudeuten, daß sie sich auf den Rasen vor dem Gehöfte niederlassen möchten, bis man sie gastlich erquicke, auf ihrer, wie es schien, ängstlichen und sorgenvollen Fahrt. Aber sie schüttelten die vermummten Häupter, und eilten nur um so schneller vorüber. Da ward der edlen Träumenden ganz bange zu Sinn, und meinte sie, das könne die Gastlichkeit des Thorsteinherdes in gar üblen Ruf bringen, wenn aus so vielen Vorüberziehenden kein Einziges einen Labungstrank empfange oder eine kräftigende Speise. Voll steigender Herzensangst hub sie an, die seltsamen Gestalten zu beschwören, daß sie anhalten möchten; oder doch Einige aus ihnen, und es ward ihr endlich, als sänge eine weise alte Frau ihr folgende Worte in's Ohr, und sie sänge sie nach: 85 »Ihr grauen Eilenden, ihr     Im trüblichem Einerley     Einhüllender Schleier, steht!     Schwenket euch zu mir heran!     Meint ihr, ich möge zittern vor euch?     Mit nichten zittert Jofridur.     Tapf'rem Manne vertrautes Weib,     Trau' ich auch Muth mir zu. Ich beschwör' euch, ihr schattigen     Schaurigen Wand'rer!     Wohin ihr auch wandelt,     Ob Weh, oder Wonn' ihr bringt,     Mir und Manchen der Menschen –     Mögt, oder könnt ihr nicht weilen,     Herunter von jeglichem Haupt     Das häßlich verhüllende Grau!« – Da neigten sie Alle die Häupter, wie bezwungen von einem sieghaften Geboth, und jedes der Eilenden ließ seine Schleiergewande niederwallen, so wie es an Jofridur vorüber ging. Die ersten Gestalten zeigten helle, munterleuchtende Gesichter. Aber dann kamen Einige nach, mit grausenvoll verzerrten Zügen. Einige heulten ingrimmig. Wohl gab es mitunter gar schöne, stattliche, freundlich winkende Erscheinungen. Andere jedoch wieder sahen ganz blutbesudelt aus, und knirschten mit den Zähnen. Dann 86 kamen wieder ganz hohle, schrecklich lange Leichengestalten. Und endlich war es, als wollten sich Alle bey den Händen fassen, und einen Ringeltanz rings um das Gehöft herum anstellen, mit zurückgeschlagenen, wild empor flatternden Schleiern. Da sagte Jofridur – und ein tiefes Entsetzen schüttelte sie, indem sie so im Schlaf ihre eigne Stimme zu hören vermeinte: »Halt, ihr Stunden meines Lebens! ich habe zu viel schon von euch vernommen. Ihr sollt mir nicht noch Einmahl vorüberschweben in grausenvollerem Reigentanz!« Aber da hub der Tanz schon an, feyerlich langsamen, strenge gemessenen Ganges. Denn ob man auch von weitem sehen konnte, wie mancher Gestaltung Haargelock vor wilden Sprüngen flog, sahe man doch auch zugleich, wie keines der seltsamen Wesen eigentlich rascher, als das andere, von der Stelle kam. Und vorerst erschienen wieder die freundlich frischen Kindergesichter, und als Jofridur die Arme sehnsuchtsvoll nach ihnen ausstreckte, wie um sie aus dem Reigen herauszuziehen und bey sich festzuhalten, funkelten sie ihr so licht und hold in die Augen, daß sie darüber süß erschrocken emporfuhr. Da fühlte sie auch wirklich ein schmeichelndes, 87 kleines Wesen von ihren Armen umfaßt, und die niedergehende Sonne blitzte sie vollends erweckend mit den scharffunkelnden Strahlen an, und was sie in den Armen hielt, war Helga, ihr holdes, wiedergefundenes Kind. Vor ihr aber stand segnend und freudeleuchtend ihr geliebter Ehegemahl. Ja wohl war das einmahl eine Wonnestunde des Lebens! 88     Dreyzehntes Kapitel. Auch die nächstfolgenden Jahre flossen ohne sonderliche Störung für Thorsteins Haushalt hin, abgerechnet, was das tägliche Leben nun einmahl ganz unvermeidlich von solcher Art mit sich bringt. Man fing schon an, die warnenden Träume gänzlich zu vergessen, vorzüglich, da man etwas unendlich Anmuthigeres in der Wirklichkeit zu schauen hatte, denn Schön-Helga war nach und nach zu einer wunderherrlichen und sehr edelsittigen Jungfrau herangeblüht. Man rühmte sie als das schönste Mägdlein der Insel. Wie einst um die sagenberühmte Aslauga, des Helden Ragnar Lodbrog Königinn, wallte auch um Helga ihr Hauptgelock, wenn sie es entfesselt fliegen ließ, klarfunkelnd, dem geläuterten Golde gleich, als ein reicher, die ganze Bildung dicht einhüllender Mantel her. Und ihre blauen 89 Augen leuchteten rein und mild, wie der ungetrübte Morgenhimmel, und ein süßer Zauber des Wohlwollens und der geistvollen Fröhlichkeit lag über allen ihren sanften Zügen, durchscheinend aus der eben so milden als kraftbegabten Seele. Ungestörtere Freude hat bis dahin wohl Niemand an einem Kinde genossen, als Thorstein und Frau Jofridur an Schön-Helga. Nicht ganz so störungsfrey ging es mit der Vaterfreude für Illugi den Schwarzen ab, von dem wir schon früher sprechen hörten, wie auch von seinen in der Kindheit bereits herrlich leuchtenden jüngsten Söhnen: Hermundur und Gunlaugur. Die Wege der Menschen verzweigen sich oft wunderbar; am öftesten, wo viele der kühn und edelgesinnten Leute mitsammen auf einem Eilande wohnen, meist immer zusammengehalten durch das rings umfluthende Meer. So mag es dem Erzähler dieser Sagen vergönnt seyn, hier wieder von den Begebenheiten eines anderen Stammes zu berichten. Frühe genug werden sich einander die Zweige umfassen. – 90     Vierzehntes Kapitel. Auf seinem Gehöfte zu Gilsbacka in der Gegend Hwitarsida wollte eines schönen Morgens sehr früh Illugi der Schwarze seinen Geschäften nachgehen. Wie er aus dem Schlafgemach auf die Diele des Hauses trat, sah er, daß die Thüre zu seiner mit allerhand Waaren und Gütern reich gefüllten Vorrathskammer offenstand. Darüber verwunderte und ärgerte er sich schon sehr. Aber noch mehr verwunderte und ärgerte er sich, als er in den Hof hinaus ging, und dort sechs tüchtige Waarensäcke aus seinen Vorräthen liegen sah. Dabey standen wohlgerüstet zur Fahrt von seinen besten Pferden viere. Jeden, auch den geduldigsten Hausvater hätte wohl eine so seltsame Unordnung in seiner Wirthschaft verdrossen. Und nun war vollends Illugi der Schwarze ein gar feuriger Mann. Also erhub er ein 91 ziemliches Lärmen auf dem Hofe, mit Drohworten fragend, wer sich so etwas herausgenommen habe! Das Hausgesinde kam von allen Seiten erschrocken zum Vorschein. Aber Niemand wußte Rechenschaft zu geben von dem Urheber dieses Beginnens. Da trat endlich aus dem Hauptgebäude in reisefertiger Tracht ein kecker Jüngling von etwa fünfzehn Jahren hervor, hoch aufgeschossen, aber dennoch von breiter Brust und kraftvollen Gliedern, schlank über den Hüften, mit dichtem, dunkelschwarzem, wildgekraustem Haargelock, die Züge seines Antlitzes weder schön, noch was man so gewöhnlich anmuthig zu nennen pflegt, aber herrlich funkelnd seine großen dunkeln Augen. Wer da einmahl hineingesehen hatte, konnte nicht so gleich wieder fortsehen, sey es nun aus sorgsam ängstlicher Scheu, oder aus kühnem, geistesverwandtem Wohlgefallen. Der Jüngling hatte fast schon das Wesen eines rüstigen, in vielen Gefechten erprüften Kriegsmannes an sich. Gunlaugur war es, Illugi des Schwarzen jüngster Sohn. Er ging mit freundlicher Keckheit gerade vor seinen zürnenden Vater hin, sprechend: »Wer Eure Vorrathskammer aufgemacht hat, Vater, und diese Säcke herausgetragen, und 92 die vier muntern Gäule zur Fahrt gerüstet – das wolltet Ihr gern wissen? Ey nun, Vater, das war ich.« Illugi sah ihn ganz regungslos an. Sein Zorn konnte sich gar keine Bahn brechen durch das ungeheuerste Erstaunen. Gunlaugur aber, da ihm der Vater nicht antwortete, fuhr unbefangen in seiner Rede fort: »Ihr könnt ohne Sorgen seyn. Drey der Rosse belad' ich mit den Waarensäcken; auf Jedes kommen zweye. Das Vierte besteige ich selber – hier meinen eignen Rappen! – Und so leite ich Euch die Koppel ganz allein und bequem bis an den Meeresstrand zu Borgarfiörde. Da liegen jetzt fremde Schiffe vor Anker, und ich habe das Aussuchen, auf welches ich mich einschiffen will mit den Waarensäcken. Kann ich meinen Rappen mit an Bord nehmen – wohl gut. Wo nicht, so schicke ich ihn Euch durch irgend einen guten Bekannten zurück, sammt den übrigen drey Pferden. Denn Die sollet Ihr auf alle Fälle behalten.« »Soll ich?« – murrte Illugi, noch immer kaum vor Ingrimm über seine Zunge Macht gewinnend. – »Ey Du bist mir ja ein recht großmüthiger Sohn.« 93 »Das eben nicht, Vater!« sprach unbefangen Gunlaugur. »Wie möchte wohl ein Sohn großmüthig seyn können gegen seinen Vater! Und Ihr habt ja eine so prächtige Pferdezucht. Ihr würdet das ganze Viergespann eben nicht vermissen. Aber das Schlimme bey der Sache ist nur: kein Steuermann wird sich so leicht darauf einlassen, mir die Rosse alle viere einzuschiffen. Ich muß denn schon höchstens mit meinem Rappen allein zufrieden seyn, und auf allen Fall mit den Waarensäcken.« – »Reite mit Deinem Rappen, wohin Du willst, Du ungezogener, ungebärdiger Mensch!« rief Illugi. »Die Waarensäcke jedoch gehen wieder in meine Vorrathskammer zurück, und nicht das mindeste davon soll Dir bereit stehen für Deine unsinnige Fahrt!« – Und auf den Wink des Hausvaters trugen einige Knechte die Säcke wieder an ihren gehörigen Platz, und verschlossen alsdann die Vorrathskammer mit starken Riegeln. Ganz erstaunt sahe Gunlaugur dem Beginnen zu, und sprach endlich, als er wirklich merkte, es werde Ernst daraus: »Aber so künde mir, Vater, was soll denn das bedeuten? Mehr als ein Jahr nun ist ja 94 vergangen, daß ich Dich tagtäglich bath, mich hinauszuschicken in die Fremde, weit von diesem Eilande fort, damit ich anderer Leute Sitten und Sprachen und Waffen und Lieder, wie auch ihre absonderliche Art von Leid und Freude erlernen möge.« Aber der Hausvater erwiederte zürnend: »Nun, so künde mir doch lieber, was das bedeuten soll! Mehr als ein Jahr ist vergangen, daß ich Dir tagtäglich antworte auf Deine thörichten Bitten, man vermöge ja kaum, Dich in der Heimath zu bändigen; weßhalb und wie man also Dich hinauslassen solle in die Fremde! Und nun wolltest Du ohne all' meine Einwilligung fort?« – »Eben deßhalb, Vater!« sagte Gunlaugur freundlich. »Ihr solltet Euch nicht länger so sorghaft unnöthig den Kopf zerbrechen über eine Angelegenheit, die doch einmahl durchaus in's Werk treten muß, mögt Ihr wollen oder nicht. Ihr wißt, mir haben günstige Sterne die Sangesgabe in meinen Sinn herniedergethaut« – »Günstige?« flüsterte Illugi sehr ernst, und senkte nachdenklich das Auge nach der Erde. – Gunlaugur jedoch rief keck: »Ihr müßt hübsch gen Himmel schauen, Vater, wenn Ihr von 95 meiner Sangesgabe redet, und droben hinaufdanken dafür, daß Euch die Mutter in mir einen Skalden geboren hat!« »Wie dürfte ich mit rechten Freuden dafür danken, mein Sohn?« entgegnete Illugi schmerzhaft. »Ach, ich habe ja schon so viel der unbeglückten Skalden gesehen. Und auch die alten Lieder erzählen meistens von den Sängern – wenn sie überhaupt von ihrem äußerlichen Schaffen berichten – sie hätten ein schmerzenreiches und vielbeängstetes Leben geführt.« Da ward Gunlaugur trotzig, und sagte: »Wenn Ihr denn das so gut wisset, Vater, daß einem Liedesbegabten mehr Leiden als Freuden bevorstehen in diesem Leben, da solltet Ihr Euerm Skaldensohn das Leben nicht noch schwerer machen wollen, mit Euern unnützen Weigerungen. Laßt hübsch die Waaren aus der Kammer wieder herbeyhohlen. Gebiethet den Knechten, daß sie mir helfen, die Rosse damit zu belasten. Dann – wenn die Mutter, wie ich hoffen will, von Euerm Lärmen und Schelten noch nicht aus dem Schlaf emporgeschreckt ist, grüsset sie hübsch freundlich von mir, und sagt ihr, ich würde hoffentlich bald wieder heimkommen – über ein bis zwey Sommer etwa. Denn, lieber Vater, 96 dabey nun bleibt es einmahl!« – und sich auf seinen Rappen schwingend, leicht wie ein Federball, sang er in die duftige Morgenkühle hinaus, während er lustig auf dem Hofe herumtrabte: »Geritten muß es seyn! Geritten muß es seyn!«– Des Jünglings Rappe versuchte dabey sehr tolle Sprünge, und ganz ärgerlich rief der Hauswirth in das wilde Gesinge und Getrabe hinein: »Ey so fliegt mitsammen von hinnen, Roß und Reiter mit tollen Sinnen! Aber kommt mir auch nicht sobald mehr wieder!« Gunlaugur sang mit zorneskräftiger Stimme zurück: »Vater will's haben! viel Zeit mag verrinnen,     Bis wir wieder hier Tanz beginnen!     Rößlein und ich, wir kommen wohl spät erst wieder! Vater will's haben! hinaus, hinaus in die Weite!     Nichts nun will ich, als eignen Muth zum Geleite.     Rößlein und ich, wir kommen wohl spät erst wieder!« Damit sprengte er wild vom Gehöfte hinunter. Illugi der Schwarze hätte ihm fast versöhnend nachgerufen, aber er dachte in sich, 97 zurückgewendet nach dem Herde: »Ey nun, der unbändige Sinn muß ausrasen. Wer nicht hören mag, der fühle. Mein gutes Recht kann und darf ich mir nicht so schmählich vergeben. Zudem so hat gewiß ja der Bursche, seinen eignen Hals doch auch lieb, und obenein noch seine Ältern und Geschwister. Er wird mir nicht auf Einmahl so für immer verschwinden.« Und darin hatte und behielt der Hausvater auch ganz recht. 98     Fünfzehntes Kapitel. Die Skalden des Nordlandes hatten es an der Art, bisweilen mit sich selbst zu reden, oder mit umgebenden Thieren und auch selbst mit leblosen Dingen. Vielleicht geht das eigentlich allen sangbegabten Leuten in allen Sprachen und Landen so. Gunlaugur, als er voll heftiger Bewegung auf seinem Rappen strandnieder sprengte, und zwar nach Borgarsfiörde hinüber, wo die fremden Schiffe liegen sollten, erzählte sich laut vor, wie er nun ganz unerhörte Abentheuer in fremden Gegenden bestehen wolle, theils seinem eigenen Ruhme zu Liebe, theils seinem halsstarrigen Vater zum Trotz. Er ritt so immerfort, und zwar den ganzen Tag hindurch. Weil es ihm nun in der stilleren Abendstunde, da er schon dem Meeresstrande näher kam, ward, als 99 streckten die Hainesstämme – damahls gab es noch viel der hochherrlichen Waldungen auf Island – ihre laubigen Äste ordentlich wie flüsternd und bittend nach ihm aus, daß er doch hier bleiben möchte, sang er, an ihnen rasch vorübersprengend: »Ihr haltet mich nicht! Auf Wiederseh'n!     Aber bis dahin muß noch viel andres gescheh'n. Grünet derweil hübsch munter, ihr lieben Bäume! –     Euch wurzelt so leicht kein Menschenarm aus.     Und ob er es könnt' – euch brächt' es Graus, Und ihr stürbet dann gar des Todes, ihr lieben Bäume!     Sonst nähm' ich wohl gern welche von euch mit;     Aber mich treibt es einsam zum fernen Ritt!     Komm' ich wieder, so grüßt mich hübsch grün, ihr Bäume!« Der wildfreudige, wehmüthig zürnende Jüngling hätte vielleicht noch manch ein Lied von dieser Art hervorgetönt: etwa an das Wild im Walde, oder an den Heimathstrand, oder an sein liebes Pferd, oder an das hölzerne Seeroß – so pflegten die Isländer damahls ein Schiff zu nennen – welches er nun bald zu besteigen gedachte. Aber zum Trost aller Liedeshasser unter den Lesern – und es gibt wirklich solche arme Leute, und sie thun sich bisweilen ordentlich 100 etwas zu gut auf ihr inneres Elend – ward der wunderliche Knabe Gunlaugur im Singen und Reiten gehemmt. Denn gegen Abend trat ihm aus seinem Gehöfte der edle Thorstein entgegen, gerade in des Eilenden Weg, und sagte freundlich:     »Wohin, du stürmender Wandersmann? Lab' dich ein wenig, und halt was an. Es rauschen auch hier so recht erquicklich die Bäume.« Da kam es dem Gunlaugur vor, als sey er in seinem tiefsten Innern gesänftigt und gestillt, und müsse er nun wirklich hier etwas ausruhen. Vorzüglich, da er es im Sinne trug, auf so manchen Tag von der trauten mütterlichen Heimathinsel zu scheiden, und dabey nicht einmahl von seiner lieben Mutter Abschied genommen hatte. »Ich will doch wenigstens nicht ganz Island ohne Scheidegruß verlassen,« dachte er bey sich. »Zudem hat man uns Isländer immer meist Alle an fernen Orten und Küsten für sittig höfliche Leute gelten lassen, und schlecht anfangen hieße es, meine Fahrt in die Fremde, wenn ich das gastliche Anerbiethen dieses freundlichen und vornehmen Hausvaters zurückwiese.« Und unter solcherley anständigen Gedanken, war er mit höflichem Gruß vom Pferde gestiegen, und 101 folgte dem Hausvater nach dem Gehöfte, wo er sein Roß an einem der Ringe festbinden wollte, die zu diesem gastlichen Zweck in dem Bollwerke um das Haus her angebracht waren. Aber Thorstein sagte: »O nicht doch! das ist nur für schnell vorüberziehende Reiter. Du munterer Illugissohn wirst Dir doch mindestens den Abendtrunk in meiner Halle gefallen lassen? Wohl hörte ich aus Deinem wilden Liede, daß schon in so jungen, beynahe noch knabenhaften Jahren, Du fort willst von unserem heimathlichen Inselstrande. Nun, das Ja und Nein darüber, steht einzig und allein Deinem edlen Vater zu.« Aber Gunlaugur entgegnete nach seiner oft eben so spöttischen als hochfahrenden Weise: »Ich hätte doch vermeint, Ihr geständet einem freygebornen Knaben ein ganz klein Bischen eigenes Recht über sein eigenes Thun oder Lassen mit zu.« – » Das muß ich wohl«, entgegnete der freundliche Thorstein lachend, »wenn es Deinem Vater so recht ist. Aber wenn Du etwa für jetzt mir Deinen Besuch nicht aus eigner Lust gönnen willst, so gönne mindestens Deinem schönen Rößlein die Ruhe bis morgen Mittag. Vor morgen Abend – mein gastlich Wort darauf – segelt dießmahl kein fremdes Schiff aus 102 Borgarfiörde, und dafern Du dieses edle Thier mit einschiffen willst, geht solch ein Werk – vorzüglich zum erstenmahle – nicht sonder große Erschöpfung ab für ein feuriges Roß. Da mußt Du ihm also verstatten, sich vorerst recht zu erfrischen in meinen Ställen.« – Und auf des Hausvaters Wink nahm ein Knecht mit geziemender Verneigung den Zügel des Rappen aus Gunlaugurs Hand, und führte das vom raschen Ritt wildschäumende Pferd besänftigend umher, damit er es nachher ohne dessen Nachtheil zu Stall und Krippe leiten könne. Gunlaugur aber neigte sein Haupt vor Thorstein, und sprach in Sangesweise: »Knabe, recht kühn und wild, Konnte nicht rasten am Herd, Ritt übereilig rasch In die rollende Welt hinaus. »Halt!« sprach ein Hausvater Holden Sinnes ihm zu – Winkt ihn an wirthlichen Herd – Und wie eingefangenes Wild Wandelt der Knabe ihm nach.« Thorstein entgegnete: »Wohl um der Sprüche Wahl Weiß der Knab' und um Lieder! 103 Aber noch rollten statt acht Anfangszeilen der Wendung, Über die Lippen, ein Überfluß Üppiger Jugend, ihm neune hin. Maß lernen mußt du halten, Mein junger Mann, in jeglichem Machwerk!« 104     Sechzehntes Kapitel. Da lachte nach einigem Besinnen Gunlaugur freundlich, und sagte: »Gewiß, edler Thorstein, Ihr könntet mich Vieles lehren, und ich würde auch sehr gern von Euch lernen. Aber was die Skaldenkunst betrifft, zu der ich mich ganz absonderlich getrieben fühle – da muß doch ein junger Mensch erst die Fremde sehen, außerordentliche Dinge erlebend, erduldend und ausführend, bevor er außerordentliche Dinge in die Saiten tönen darf.« Thorstein antwortete: »Es scheint, mein Gast, Ihr hegt gar gewaltig kühne Einbildungen von den Vorrechten und den äußerlich kühnen Schwüngen der edlen Kunst, welcher Ihr Euch ergeben wollt, und doch auch zugleich sehr mäßige, um nicht zu sagen: schwächliche Begriffe von der ihr wundersam 105 inwohnenden, tief inneren Gewalt. Wir wollen es näher besprechen beym Abendtrunke, wenn es Euch so gefällt. Mißhagt Euch aber das, oder gefällt Euch irgend ein anderer edler Zeitvertreib besser, so habt Ihr als Gast nur zu gebiethen.« »Ihr könntet Einen ganz irre machen, mit großer Huld und großer Strenge in einen und denselben Worten!« entgegnete der überall seine bisherige Art heut sanfte und nachgiebige Gunlaugur. »Bestimmet Ihr, o Herr, wie wir die Stunden verbringen sollen, in denen Euer gastliches Dach mich umfängt. Aber wenn Ihr mir eine Wahl frey läßt, blieb ich gern dabey, mit Euch von der edlen Skaldengabe zu verhandeln.« Sie hatten derweil auf dem Hochsitz in der Halle Platz genommen, und auf des Hausvaters Wink wurden ihnen edle Speisen und Getränke vorgesetzt. Thorstein sprach zu den letztern Worten seines jungen Gastes: »Ich wüßte nicht leicht Etwas in der Welt, wovon ich so gern redete, als von der schönen Skaldengabe, wenn gleich sie mir eben nicht in reicherem Maße zu Theil geworden ist, als sie im Ganzen uns Islandskindern allzumahl angeboren zu seyn pflegt. Aber für Euch, Gunlaugur, ahne ich etwas glücklicheres, und wäre Euch 106 eben deßhalb recht herzlich gern behülflich auf Eurer Bahn. Denn je höher der Schwung, je tiefer der Fall, wenn es zum Fallen kommt. Was die fliegenden Fische betrifft, die fallen niemahlen sehr tief, weil sie im dichten Überhinfliegen, ob der See noch immer vom Salzwasser bespritzt werden, und also nicht eigentlich recht wissen mögen: rudern sie mit ihren Flossen im Meere fort, oder haben sie sich wirklich mit ihren sogenannten Flügelein in die Luft erhoben. Aber wenn eine Lerche, noch vor einem Stündlein tirilirend und jubilirend, ermattet in die allzuweite und allzuöde Salzfluth sänke, und schlüge nur noch, im bangen Untergehen stumm geworden, so mit den zarten Fittigen links und rechts auf die gefühllosen Wogen, wie um Hülfe bittend und doch vergeblich – nicht wahr, es wäre ein Anblick zum Weinen?« »Mag seyn, lieber Herr!« sagte Gunlaugur, halb gerührt und halb verdrießlich. »Was aber soll das mir? Ich bin keine Lerche.« »Sey Du meinethalb ein Schwan!« sagte Thorstein. »Auch Schwäne sahe man schon ermatten, auf den langen, tönenden Zuge vom Nordland nach den würzigen Blüthenauen des Südens hinüber. Vorzüglich, wenn etwa 107 irgend ein frevelnder Pfeil ihnen die edelzarte Bildung verletzend gestreift hatte. Untersanken sie dann in die trügende Fluth, und erschauten nimmermehr die seligen Küsten und Eilande voll Sonnenglanz und Goldfrucht und Blumenduft!« »Mein edler Wirth,« sprach der Jüngling staunend, »mir ist zu Sinn, als sänget Ihr meinem Leben ein weissagendes Skaldenlied!« »Das verhüthe Allvater im Himmel!« sagte Thorstein. »Laß es Dir lieber ein Warnungslied werden, mein junger Schwan, wenn Dir mein Wort nun doch einmahl wie Gesang vorkommen will. Es geht bisweilen mit ganz schlichtgemeinten Reden so, daß sie sich unwillkürlich beschwingen, und das pflegt dann freylich allemahl seine gar ernste Bedeutung mit sich zu führen. D'rum laß Dich halten, junger Schwan. Fleuch nicht zu früh aus dem Neste; am mindesten gleich über Meer.« – »Zu Lande kommt man aber nicht eben sehr weit auf unserem guten alten Eilande!« sprach Gunlaugur trotzig. – Aber da entgegnete Thorstein sehr ernsthaft: »O Du junger Skalde, da bist Du ja dennoch nur kaum eine Lerche, und ganz gewißlich kein Schwan, wenn Deine Sangesgabe sich nach den Meilen ausmessen läßt, in denen Du herum 108 gekommen bist oder nicht herum gekommen! Dann rathe ich Dir lieber gleich: laß von dem ganzen Gesinge Du ab, und trachte zu werden, was Du werden kannst: ein kühner Raubvogel etwa. Der Mensch, in welchem ein solcher Habichtssinn Wohnung genommen hat, wird ziemlich rüstig davon zu allerhand Zank und Streit, aber nicht eben innerlich stark zu Freude und Frieden und anderen wahrhaft hohen Dingen. Ein Solcher muß immer in äußerlich weiten Kreisen herumflattern mit den unbändigen Schwingen, wenn er überhaupt nur Luft behalten will und Frische. Der Schwan dagegen, der schwebt, wann er gehörig erstarkt ist, auf mackelfreyen Fittigen von Island bis nach Ausonien hinein, und wieder von Ausonien her nach Island. Und erfasset ihn dabey im schönen Wechselringen endlich die Ermattung, daß er hinabschwankt in die Todesfluth – doch immer tönend schwankt er hinab, und oftmahl wird sein allerletzter Klang sein allerschönster Klang. Nicht auch bedarf er durchaus des endlosen Wechselns von Luft in Luft, von Land zu Land; auch oft im stillen, silberklaren, schilfumkränzten Teiche wohnt er lange. Da stärken ihm sich jene engelreinen Fittige, womit er späterhin so Land als Fluth durchmißt, 109 viel weiterhin nach seliger Ferne, als Habicht, Falk und Geier – vielleicht oft Adler kaum – wohl je gestrebt. Da schwellen jene Lieder ihm in stiller Brust, womit er noch am Ziel sich ein unsterblich Abschiedslied zu singen die wunderbare Gabe hegt. – Das sind die echten Liedesschwäne, mein junger, ungeduld'ger Freund.« Staunend sah ihn Gunlaugur an. Endlich fragte er: »Da will ich nun Eines von Euch wissen. Gibt es denn wirklich solche Liedesschwäne in der Welt? So sanfte, kraftbegabte Liedesgeister in des Menschen Brust, mein' ich, als die, von welchen Ihr jetzt eben gesprochen habt? Aber Ihr sollt mich nicht mit der Antwort fern hinaufweisen, etwa nach den uralten Saga's empor. Möglich, daß damahls die Leute besser in ihrem Geiste waren! möglich auch, daß sich Leute und Thaten – mitunter wohl gar manche Lieder immer besser ausnehmen, je weiter man von ihnen absteht.« »Das ist ein trüber Glaube, junger Mensch, welchen Du da angenommen hast!« sagte Thorstein mit einem schmerzhaften Zucken seiner freundlichen Lippen. »Sich zu den großen Ahnherrn hinaufstrecken, mit treulichem Ringen, das 110 bildet eben so kraftgeübte als demuthsvolle, und gerade deßhalb sehr freudige Menschen. Die großen Ahnherrn dagegen zu sich herunterreißen wollen, um sie zu bestauben in unserem alltäglichem Gewühl – das ist gottlos kindische Ungezogenheit. Und ob so Etwas auch die alten Heldenbilder um keinen Zoll breit von ihrem erhabenem Standpunkte verrücken kann, den kleinen Frevlern wird es doch in ihrem heftig wirren Treiben fast zu Muth, als wankten die riesigen Gebilde und würfen einen tief bedrohlichen, schwindelerregenden Schatten hin über dieß ganze, mit Zwergenschritten leicht ausgemessene Bischen Erdenleben.« »Ihr möget nicht Unrecht haben!« sagte Gunlaugur nachdenklich. »Wohlan denn, mein edler Wirth, nehmt meine Hand an Gelübdesstatt, ich will mich ins künftige solcher hochfahrenden Reden gegen die Altvordern enthalten, so gut ich es vermag. Aber die Leute sprechen, ich hätte überhaupt eine scharfe, wildverletzende Zunge. Meiner Großmutter Vater, nachdem ich Gunlaugur geheißen bin, war nicht besser in dieser Art, als ich, ob er gleich ein herrlicher, weitberühmter Skalde war. Die Leute 111 nannten ihn seiner herben Worte halber gewöhnlich nur Gunlaugur Drachenzunge.« »Ich wußte davon längst ehe Du geboren wurdest;« sagte Thorstein. »Aber Du mußt Dir nicht etwa einbilden, das sey ein hübscher Beynahme: Drachenzunge .« »Die wenigsten Beynahmen sind von sehr schmeichelhafter Bedeutung!« sagte Gunlaugur scharf lächelnd, und warf einen wunderlichen Seitenblick auf seinen Wirth. Da sagte dieser: »Nun merk' einmahl, Gunlaugur, wie Du Dir ordentlich schon selbst darin gefällst, den Nahmen Drachenzunge zu verdienen. Da willst Du mich nun daran erinnern, daß ich auf unserem Eilande der schöne Thorstein geheißen bin, und daß man daraus allerhand Spöttisches hernehmen kann. Aber sieh, mein Knabe, so leicht bringt dennoch Deinesgleichen nicht Meinesgleichen in Harnisch. Nun ja, man hat darüber gespaßt, daß ich in früheren Jahren ein sehr schöner Mensch war, und daß ich es wußte und gern daran dachte, und manchmahl in reiferen Jahren es nicht vergessen konnte – vielleicht auch jetzt noch immer ganz gern daran denken mag. Aber was ist das weiter Übles? Schöne Leute muß es einmahl in der Welt geben, denn seit Menschengedenken, 112 haben sie zur allgemeinen Lust und Ergötzung bestanden. Aber Drachen und Drachenzungen wachsen nur aus häßlicher Hexerey empor, und ärgern und vergiften alle Welt. Nein, lieber Junge, Du mit Deinen noch immer ganz freundlichen Augen, thue Du mir den einzigen Gefallen, und verdiene Dir den gräulichen Beynahmen: Drachenzunge nicht; wenigstens mit Willen nicht!« »Nein, wahrhaftig,« sagte Gunlaugur gutmüthig, »mit Willen mag ich nun nicht mehr so heißen. Und sollte es dennoch ganz von ungefähr kommen – aber seht mich nicht so unzufrieden an, mein edler Wirth, und minder noch wendet Euch von mir ungezogenen Knaben weg. Fürwahr, ich spüre den besten Willen in mir, artiger zu werden. Darum nennt mir doch ohne weiters ein so zartes, freundliches und dennoch mit hohen Himmelsgaben beliehenes Sängergemüth, das man lebendigerweise ansehen könnte, um sich für gleich milden Wandel zu demüthigen und zu erheben an ihm.« – Da fragte Thorstein: »Hast Du von dem Oenundur reden gehört, der sein Gehöft an der Südspitze des Eilandes bewohnt, in der Gegend, Mosfelli geheißen?« »O ja wohl!« entgegnete Gunlaugur. »Und 113 als einen gar wackeren Mann preiset ihn das Gerücht. Ist er nicht einer der Hausväter auf Island, welche es über sich genommen haben, den neuen Glauben auf priesterliche Weise zu verkündigen?« Thorstein nickte bejahend, aber Gunlaugur setzte kopfschüttelnd hinzu: »Daß der ein Skalde seyn soll, davon habe ich in meinem ganzen Leben nichts vernommen.« »Er könnte deßwegen doch ein Skalde seyn,« sprach der Hauswirth. »Denn mit Deinem ganzen Treiben, Freund Gunlaugur, ist es bis jetzt doch nur immer noch ein schnippisches und etwa spannenlanges Wesen. Davor kann sich vieles auf Island ereignet haben, und in der ganzen Welt, ohne daß in Dein winzigkleines Lebenchen – ich weiß es vor der Hand nicht besser zu nennen – auch nur ein einziges Lichtlein hineinfiele. Aber für dasmahl wollte ich nicht sowohl von dem frommen Priester und Hausvater Oenundur selbst reden, als von seinem ältesten Sohne, welcher den Nahmen Rafn führt. Siehe, der ist so ein frommer und dennoch sehr gewaltiger Liedesschwan, wie ich möchte, daß Du Dich zu seinesgleichen gestalten könntest.« »Ich aber möchte nicht gern zu 114 meinesgleichen in die Schule gehen,« erwiederte Gunlaugur trotzig. »Und Euer hochgerühmter junger Skalde Rafn kann eben nicht viel älter seyn, als ich.« »Ja, wenn Du so willst!« sagte Thorstein halb lachend, halb ärgerlich. »Das kommt davon, wenn man sich mit Knaben einläßt zum Hin- und Wiedersprechen. Wenn es auf's Alter ankäme, da hätt' ich ja mehr als dreyfache Gewalt über Dich, mein Knabe! »Seyd Ihr denn dreymahl so alt als ich?« sagte Gunlaugur. »Doch ja! Ihr könnt Recht haben. Wenn ich mir's gehörig überzähle, Ihr mögt wohl in Wahrheit die dreyfache Alterswürde über mich behaupten. Und wenn man so bloß seinen eigenen, einfältigen Augen vertrauen will, mein edler Thorstein, da erscheint Ihr wohl gar vier bis fünfmahl älter als ich, obgleich ich wohl weiß, daß Ihr ehedem für den Schönsten aller Myramannen gegolten haben sollt. Stampft doch nicht so zornig wider den Estrich Eurer eigenen Halle. Wahrhaftig, es ist keine Schmeicheley, die ich Euch vortragen möchte, ich freylich sehr Hülfsbedürftiger, Verlassener! fragt bey der nächsten Gerichtsversammlung alle Anwesenden, wenn Ihr wollt, und – meine Bürgschaft 115 dafür – als einen Sechzigjährigen mindestens, lieber, ehrwürdiger Herr, lassen sie Euch allesammt durch jubelnden Zuruf gelten!« »Du verwünschter Gunlaugur Drachenzunge!« sagte Thorstein halb lachend, halb ärgerlich. »Aber Du magst mir gut thun mit Deinen wunderlichen Reden. Einen um sich haben, der uns bisweilen die Kissen unter dem Kopfe wegzieht, wenn wir uns allzubequem gelagert hatten, ist gar kein übles Ding. Willst Du Dich etwas in meinem Gehöfte aufhalten, Gunlaugur?« »Ihr hört's, daß ich in's Ausland will!« sagte der Jüngling unmuthig. »Das hab' ich freylich gehört,« sagte Thorstein. »Aber im Auslande sind sie daran gewöhnt, in jeglichem Isländer einen gar kundigen und vielerfahrnen Mann zu finden. Worauf verstehest Dich Du, mein Knabe?« »Fechten kann ich und reiten, und Lieder singen.« »Das sind freylich drey schöne Dinge, und wer sie recht vollständig inne hätte, schlüge sich schon allenfalls gut damit durch die Welt. Aber Du kannst es noch nicht vergessen haben, daß Dir vorher statt acht Zeilen in einer Wendung neun aus dem Munde strömten.« 116 »Das hat Euch gewaltiges Ärgerniß gegeben, wie es scheint, Meister Thorstein!« »Ja wohl. Mich ärgert's allemahl, wenn ein Mensch sich einbildet, er könne das oder jenes, und kann's dann nur halb. Begegnet doch dergleichen so leicht nicht einmahl einem Thier! Und vorzüglich ärgert's mich, wenn ich bedenke, daß ein ungezügelter Bursche den Ausländern etwas zu lachen geben soll, durch Islands Lieder.« »Wer draußen über mich lacht, den trifft mein Schwert.« »Du! die Ausländer haben auch Schwerter.« »Freylich. Sonst läg' mir auch nicht viel daran, ihre Bekanntschaft zu machen.« »Da will ich Dich noch Eins fragen, Gunlaugur. Und wenn Du mir darauf mit Ja antworten kannst, so tritt meinethalb zu Morgen Deine Abentheuerfahrt an. Verstehst Du Dich gut auf unsere isländischen Gesetze? »Es geht wohl noch an damit.« »Wir wollens einmahl versuchen, wie weit Du gekommen bist. Höre, mein Knab, wenn ein armer Mann im Lande ein Banner aufhebt, und ruft: Herbey Ihr Edlinge und Wehrfester! und all' Ihr angesessenen Mannen! Ich führe Euch zu einer herrlich kühnen That!« 117 Da rief Gunlaugur unterbrechend d'rein mit den Worten: »Wohl Alle sollen sie dann ihm folgen! Edlinge und Wehrfester und alle angesessene Mannen! denn Niemand ist so reich, daß er nicht dem Armen folgen solle zu einer herrlichkühnen That. Schmach aber dem Reichen, der alsdann hinter dem Herde sitzen bleibt, und sein Gut seye verfallen dem tapfern Armen, welcher das Banner aufhob!« »Du bist mir ein schöner Rechtskundiger!« sagte Thorstein. »Laß mich doch erst ausreden. Von alle dem, was Du da so ungestüm vorgebracht hast, handelt sich ja noch gar nicht die Frage, sondern davon: Wenn der Zug nun unglücklich abläuft, oder Buße dafür zu zahlen ist, wer soll die Kosten tragen, der Arme, welcher das Banner aufwarf, oder die Reichen, die ihm folgten?« »Die Reichen, die ihm folgten!« entgegnete unbedenklich Gunlaugur. »Denn erstlich hat der Arme nichts, und wer nichts hat, kann nichts geben. Und dann –« Er stockte eine Zeitlang nachdenklich. Darauf brach er heftig los: »Und dann müßten ja die Reichen ganz 118 niederträcht'ge Schufte seyn, wenn sie nicht unbedenklich für ihren kühnen Anführer bezahlen wollten. Der ist schon als solcher mehr werth, als sie all' zusammengenommen, die erst hinterdreinklapperten, als er feindanziehend gerufen hatte: Vorwärts!« Thorstein sah ihn etwas verwundert an, sprechend: »Diese Rechtsgründe sind auf sehr ungewöhnliche Weise vorgebracht; aber schlecht sind sie doch wahrhaftig keinesweges. Künde mir dann weiter, Du junger Rechtsgelahrter: Wie viel Hauptlösen gibt es nach einem absichtlichen Todtschlage?« »Wie viel?« sagte Gunlaugur ärgerlich. »Ihr wollt mich wohl zu einer albernen Antwort verlocken. Höchstens Eine. Denn ist das Haupt des Erschlagenen nicht etwa bey dem blutigen Tanze gleich von selbst abgeflogen, so hat er doch nur Eines auf dem Rumpfe sitzen, und also nur Einmahl kann es ihm nachher noch etwa der Todtschläger oder Jemand anders vom Rumpfe lösen.« Thorstein sahe verdrießlich aus. »Spaß oder Ernst!« murmelte er. Was es auch seyn soll, es war verrückt geantwortet. Weißt Du denn wirklich nicht, mein Knabe, daß man Hauptlösen die Bußen zu nennen pflegt, welche ein 119 Todtschläger an die gesammte Gemeinde zahlen muß, damit man ihm nicht an's eigene Leben komme?« »Nein, guter Herr!« entgegnete freundlich Gunlaugur. »Ich habe auch wirklich noch Niemanden todtgeschlagen.« Aber Thorstein sagte ernsthaft: »Wollte Gott, daß ein übermüthiger Bursch Deiner Art dieselbe Versicherung nach ein oder zwey Wintern noch mit gleich freudiger Stirn geben könne! Zudem soll ein weiser Isländer die Landesrechte, nicht nur erlernen, um sich selbst zu verantworten, sondern vorzüglich deßhalb, damit er Andern beyspringen könne, die etwa Noth oder Beleidigung zu erdulden hätten.« »Solchen Bedrängten helfe ich lieber gleich frisch mit dem Schwert!« sagte Gunlaugur. »Denn am Ende kommen doch Redensarten wiederum in der Hauptsache auf des Schwertes Entscheidung an.« »Auch wo man den Stabgang walten läßt?« fragte Thorstein. Ich meine, da wo ein entführtes Frauenbild zwischen zweyen Stäben steht, auf den Einen ihres Vaters Nahmen, auf den Andern ihres Entführers Nahmen mit Runen eingeschnitten. Und wo sie durch ihre Wendung zu jenem oder diesem entscheidet, ob sie mit Gewalt von hinnen geführt worden sey oder freywillig! Künde mir, entscheiden auch da 120 die Waffen?« »Im Wesentlichen doch!« entgegnete Gunlaugur. »Denn ist des Entführers Nahme groß in den Waffen, so wendet sich die Schöne gewißlich gern zu dem Runenstäblein, das einen jugendlichen Heldennahmen trägt, mag sie nun mit Willen entführt gewesen seyn, oder nicht. Und so mache ich mir denn gar nicht viel aus Eurer Gesetzkenntniß; vielmehr denke ich, ohne selbige in die Welt hinaus zu segeln frisch und frank, und bitte Euch, laßt uns von was hübscherem sprechen, als von jenen alten, so gut als waffenlosen Verhandlungen.« »Wie Ihr wollt! sagte Thorstein. »Ihr seyd für dasmahl der Gast.« »Und wenn Ihr etwa einstmahl der meinige werdet,« sagte Gunlaugur, »vielleicht auf einer eroberten Heldenburg in der Fremde, will ich es Euch gleichfalls an nichts Gutem fehlen lassen. Und wenn es Euch dann so behagt, sollt Ihr mich in den isländischen Gesetzen überhören dürfen, vom Morgen bis in die Mitternacht.« Thorstein schüttelte stark den Kopf über seinen wunderlichen jungen Gast, aber er konnte doch nicht dazu kommen, ihm böse zu werden. 121     Siebenzehntes Kapitel. Da fügte es sich, daß die schöne Hausfrau Jofridur mit ihrer noch viel schöneren Tochter Helga so eben heimgefahren kam, von einer großen Wäsche, die sie in alt edler Wirthlichkeit am Ufer des Meeres geleitet hatten. Jetzt hielt der Wagen vor dem offenen Thor der Halle, und wie Mutter und Tochter, herrlich angestrahlt vom Abendlicht, herabstiegen, auf ihre Dienerinnen gelehnt, erhob Gunlaugur diesen Sang: Schon oft sah ich Sonn' und Mond zugleich     In des Abends stillverträglichem Reich. Doch standen sie beyde hoch am Himmel,     Jetzt fahren sie her, vor dem Wagen zwey Schimmel! Zwen Schimmel, gar schön zum Wettlaufspiel! –     Doch schöner sind Mond und Sonne noch viel.« Da sang Thorstein mit lachendem Munde ihm entgegen: 122 Du Jüngling, so sage mir keck und fein:     Wer ist die Sonne, wer Mond von den Zwey'n?« Und Gunlaugur sang: Ey, Mond ist die in dem faltigen Rock,     Und Sonn' ist die in dem gold'nen Gelock.« Da sang Thorstein wieder: »Was nennst du den Mond denn immer zuerst?     Wie, daß nicht der Sonne den Vortritt gewährst?« Und Gunlaugur sang: Die Nacht beginnet den feyernden Lauf.     Dann wecket erst Morgen die Blumen auf. Sieh, sieh, voran kommt feyernder Mond,     Daß schöner nachher junge Sonne thront.« Da sagte Thorstein lachend: »Singe das jetzt nicht allzulaut, mein Skalde. Denn obgleich Mond als meine Gemahlinn sich herzlich über die Schönheit unserer Tochter Sonne freut, möchte dennoch Mond wohl eben diese Vergleichung nicht für eines der allerzierlichsten Skaldenstücklein halten.« Da war Gunlaugur einigermaßen erschrocken, und schwieg still, die zwey edlen Frauen ehrerbiethig grüßend. 123 Es war nun die Rede von häuslichen Angelegenheiten, und Thorstein erfuhr, daß seine Füllen aus der nahen Koppel gebrochen seyen, ein Ackerfeld des Nachbarn mit wilden Sprüngen überschwärmend. Niemand aber getraute sich, die unbändigen Thiere wieder einzufangen, wenn nicht ihr eigener Herr hülfreiche Hand dazu leiste. Gunlaugur wollte mit hinaus: Da sagte Thorstein: »Wie sollen die jungen, raschen Rosse einem jungen, raschen Fremdlinge gehorchen! Vielmehr würden sie wohl nur noch unartiger vor Eurem kecken Bezeigen. Lasset mich machen, und bleibet derweile bey den Frauen. Vielleicht ist Euch die edle Kunst beschieden, in der Schachtafel zu spielen. Meine Tochter versteht sich einigermaßen darauf, und meine Hausfrau mag als Kampfrichterinn walten!« Damit eilte er von hinnen. Und weil Gunlaugur durch eine Verneigung einwilligte, redete ihn Frau Jofridur mit den Worten an: »So gehöret Ihr also zu den Edlen des Landes, mein Gast, die ihre schöne Heldenabstammung aus dem Asialande auch dadurch beweisen, daß sie das Abbild des Erdenlebens in dem Schachtafelspiele zu erfassen verstehen?« »Ja, edle Frau,« sagte Gunlaugur. »Ich 124 weiß mit den Gestalten der Schachtafel umzugehen.« »Wohlan!« sprach die Hausfrau, und winkte einem Diener, und das Schachbrett stand alsbald zwischen Gunlaugur und Schön-Helga aufgestellt. Selig lächelnd sahe der Jüngling in die Augen der wunderschönen Jungfrau, wie ihm nun die gegenüber saß, nur das Tischlein mit den räthselhaften Gebilden zwischen ihnen. Aber doch blickte er bald wieder fragend zur Hausfrau empor, als vermisse er noch etwas für das Spiel. »Die Steine der Schachtafel sind alle zur Hand;« sagte Frau Jofridur, seinem Blicke begegnend. »Die Steine wohl, aber die Würfel nicht;« sprach Gunlaugur. Da sahen ihn Mutter und Tochter verwundert an. Endlich, wie auf etwas Längstvergessenes sich wieder neubesinnend, sagte Frau Jofridur: »Ach so! von der uralten Weise des Schachtafelspieles redet Ihr, wie sie die Altvordern kannten, wo der Zufall ordentlich ein Recht haben soll, mit hinein zu sprechen! Das ist ja aber längst vergessen.« »Vergessen ist nicht verloren!« sagte nachdenklich Gunlaugur. »Vermöget Ihr die Dinge in der Welt so zu gestalten, daß nichts mehr zufallen kann und 125 nichts mehr abfallen mag, es seye denn Eurer eigenen Berechnung nach?« »Nein!« sagte Frau Jofridur. »Das vermag ich nicht.« Und ihre Gedanken wurden düster und ihre Augen feucht, wie sie so hinblickte auf ihre schöne Tochter, und ihr dabey die dunkeln Traumeswarnungen vor dem inneren Sinn heraufstiegen, denen zum Trotz die gefahrdrohende Schönheit auferzogen war. Schön-Helga senkte unbewußt das goldlockige Haupt, als rausche etwas mit schwerem, tiefem Fittigschlage dicht über sie hin. Gunlaugur aber sagte keck emporschauend: »Nun dann! wer dem Zufall sein Theil im Leben verstatten muß, der gönne ihr doch auch sein Theil im Spiel. Die Sänger sagen, ein uralter Held im Asialande, Palamedes geheißen, habe das Schachtafelspiel erfunden, und auch das Würfelspiel zugleich. Und von der Zukunft singen die Weissagungslieder – die Lieder, welche nach dem Willen spähen der über uns herrschenden Räthselgewalten – wenn Alles wieder kommen solle aus der Gährung der untergesunkenen Welt – Alles wieder kommen in unendlicher Schönheit und Freude auf einer in noch jüngst vertilgenden Meer neu aufschwellenden seligen Insel, einsam und schwer zu erreichen, wie unser Island hier, aber süßblühend, 126 wie kaum eine Ahnung davon in unsere winterlichen Seelen fällt – wißt Ihr denn nicht? Da künden ja die alten Sagen, eine kleine Zahl von Asiahelden soll dann noch leben, und goldene Würfel finden im duftigen, hohen Grase. Und damit spielen sie ein heilig frohes Spiel. Und die Welt erwacht –« »O still, Du redest Geheimnisse!« sagte ängstlich Frau Jofridur. Schön-Helga sahe holdweinend vor sich nieder, und lächelte dazu, wie die Sonne durch Mayregen, und sagte endlich sehr freundlich, beynahe lachend: »Was weine ich denn nur? Es ist ja Alles so sehr hübsch heute Abend!« Da sagte Frau Jofridur kopfschüttelnd: » Mit Würfel oder ohne Würfel! die hohe, unverstandene Schickung spielt freylich dennoch lenkend mit. Wollt Ihr also Würfel, mein Fremdling? Ich hohle sie Euch.« »Die gold'nen im Grase sind ja noch nicht gefunden!« entgegnete Gunlaugur träumerisch. »Laßt uns also nur immer noch ohne sichtbare Würfel spielen.« 127     Achtzehntes Kapitel. Die beyden jugendlichen Gestalten huben ihren geistigen Wettkampf an. Gleich im Beginn wußte Schön-Helga einen Stein, welchen man damahls den Renner nannte, dergestalt zu gebrauchen, daß er schon auf des Spieles dritten Zug den König ihres Widersachers bedrohete, und dadurch die Bewegung der feindlichen Gestalten hemmte, ihren eig'nen Unternehmungen ein desto freyeres Feld vorbereitend. Gunlaugur sahe sie groß an. D'rauf senkte er die Augen wieder scharf auf das Spiel, dabey fort und fort – wie die Schachspieler wohl noch bis diese Stunde ein leises Summen oder Sprechen während ihres Sinnens an der Art haben – in sich hinein singend: »Du küre, Walküre, mir meinem Gang.     Ob zum Tod, ob zum Siege – mir wird nicht bang!« 128 Und nach kurzem Besinnen zog er entschlossen nach und nach eine solche Masse von seltsam verketteten Gestalten ihr entgegen, daß sie endlich die schöne Hand ordentlich wie schwindelnd vor die noch schöneren Augen hielt. Gunlaugur ließ ihr volle Zeit zum Besinnen, aber eine immer wildere Gluth loderte ihm aus der Tiefe seiner dunkelkühnen Augen empor. Fast war er anzusehen, wie der Geist eines bedrohlich aus dem Meere aufsteigenden, und doch den Auen und Fluren vielen Segen verheißenden Gewitters. Es erzählen Sagen von uralten Helden, welche die schauerliche Gabe an sich trugen, solche Geister in schreckbar schöner Menschengestaltung mit ihren leiblichen Augen zu sehen. Und wie mit Gewitterkraft stürmte Gunlaugur vorwärts in seinem ahnungsvollen Spiel. Oft für Einen der Steine, ihm gegenüber, both er Zweye der seinigen gern zum Falle hin; auch wohl mehr noch bisweilen, nur daß nichts ihn hemme auf seiner raschen Bahn. Dann sah ihn Schön-Helga aus staunenden Augen lächelnd an, vielleicht erwartend, er solle den wunderlichen Zug als ein Bereuender zurücke thun. Aber Gunlaugur schüttelte wild seine kriegerischen Locken, und summte leise: »Wenn es 129 fällt, wer hält es? Wie es geht, so geht es! – ob Ritter, ob Knecht – die Schlacht will ihr Recht! ihr schönes verderbliches Recht!« Und diesen düstern Worten gemäß, ging es nun mit der ganzen Spielesschlacht. Seinen König schob plötzlich Gunlaugur vor den meist nur Beschirmten, ungeachtet dessen ernster Langsamkeit, in einen Angreifer umwandelnd, und dabey vollends all' die übrigen Gestalten opfernd, im wilden, unvermeidlichen Wechselgeschick. In Helga's Augen traten Zähren, als sie die schöne Ordnung des edlen Schachtafelbrettes so wild, man hätte beynahe sprechen sollen, mörderisch zerrissen sah. Und darüber ging vollends nun Alles ganz verworren her, und bevor man sich es vielleicht von beyden Theilen selbst versah, standen die beyden Könige einander vereinsamt gegenüber auf dem leergewordenen Spielesfelde. Mit seltsam zuckendem Lächeln sahe Gunlaugur zu der Hausfrau, als zur Kampfesrichterinn, empor, und sagte: »Ja, entscheidet nun selbst: wer von uns beyden hat nun gewonnen?« Und fast wie Thränen stieg es unversehens in seine leuchtenden Augen herauf, ihr wunderkühnes Feuer anmuthig mildernd. 130 Da sahen ihn auch die zwey Frauen wieder ganz freundlich an, die sich erst fast erschrocken abgewendet hatten von ihm und seinem wilden Spiel. Und Schön-Helga nahm die Zither in den Arm, und sang ernstlächelnd in die Saiten: »Niemand hat gewonnen,     Wo ob dem Gefild     Hekla's Gluthenbronnen     Grausig überquillt. D'rum, o Hekla, sprühe     Himmelan dein Licht!     Aber ach, durchglühe     Blumenfelder nicht.« 131     Neunzehntes Kapitel. Um diese Zeit kam Thorstein wieder nach seinem Gehöfte zurück, und wie er vor der Thür vom Roße stieg, und seine Tochter so mild und silberhell singen hörte, sagte er heiter: »Das ist ein gutes Zeichen, und erquickt Einem das ganze Herz.« – »Ja, Herr« sagte schmunzelnd der alte Knecht, welcher ihm das Roß abnahm, »sie singt recht wie ein Schwan.« – Thorstein jedoch murrte unzufrieden vor sich selbst hin: »Wie ein Schwan? – Was doch den Menschen bisweilen für thörichtes Zeug über die Lippen springt! Ein Schwan singt ja nur Sterbegesang. – Und – wunderlich! – war es nicht auch ein Schwan in jenem seltsamen Traume, um den die zwey schönen Heldenadler stritten ihren blutigen Todesstreit?– Ich wollte, der alte 132 Mann hätte einen fröhlicheren Ausdruck gebraucht!« – Aber da klang Schön-Helga's Lied immer anmuthiger durch ihres Vaters stillwerdende Seele, und mit dem letzten Klange desselben trat er sehr heiter zu den Seinigen in die Halle. Heiter auch ward er empfangen, und man verzehrte mitsammen gar fröhlich das Abendbrot. Als nun die Frauen sich zur Ruhe begeben hatten, und die zwey Männer nach altnordischer Sitte noch etwas bey den Bechern zusammen saßen, sprach Gunlaugur: »Höret an, Herr Hauswirth, ich möchte Euch wohl gern Etwas vertrauen.« »Vertraue!« sagte Herr Thorstein; und darauf ging das Gespräch auf folgende Weise fürder: »Ich möchte nur nicht gern, Herr Hauswirth – nein, um Alles in der Welt nicht möcht' ich es, daß Ihr mich für einen wankelmüthigen Burschen hieltet, der zu Abend wieder bereuet, was er am Morgen begonnen hat.« »Da kommt Alles auf die Weise an, wie Du Dich in Zukunft aufführest, mein Gast.« »Herr« – und er gerieth dabey ein wenig in's Stocken – »seht, ich denke schon jetzt 133 Etwas zurückzunehmen, was ich mir am Frühmorgen vorgenommen hatte.« »Wenn Du Dir etwas Thörichtes vorgenommen hattest, so laß alsdann ohne Reue dem Frühmorgen die Albernheit, und erfreue Dich an der Weisheit des Abends. Versteht sich, daß Du nicht etwa einem Ehrenmanne Dein Wort darüber gegeben hättest.« »Einem Ehrenmanne just nicht, Herr. Aber einem ehrbaren Jünglinge doch. Und Der bin ich selber.« »Ich glaube mit dem kannst Du Dich abfinden. Aber es richtet und rathet sich schlecht im Dunkeln. Binde mir die Augen auf, wenn ich Dir als ein wackrer Bahnweiser taugen soll.« – Da sagte Gunlaugur frisch vom Herzen weg: »Nun, Herr, ich möchte jetzt lieber noch etwas auf unserem Eilande verbleiben, als schon hinausfahren in die weite Welt.« »Das ist gut gedacht, mein Gunlaugur. Wann Du Dich hinlänglich bey mir wirst ausgeruhet haben, so reite wieder heim zu Deinem Vater, und künde ihm, daß Du Dich eines Besseren und Klügeren bedacht hast, und er wird 134 sich darüber von Herzen freuen, und Alles ist gut.« – Aber Gunlaugur schüttelte wildverneinend seine dunkeln Locken wie ein sehr verdrießlicher Mensch, und schwieg still. Da sagte Thorstein nach einer Weile lachend: »Immerfort Recht zu behalten scheint mir wirklich auf die Weise, welche Du jetzt angenommen hast, gar leicht. Nur daß man Dir gegenüber Ähnliches thun kann, und dann ist Keinem von Beyden geholfen. Sieh, Freund, Du schweigst und schüttelst den Kopf, zu meiner Rede. Nun steht es mir eben so frey, zu Deinem Schütteln wieder meinerseits zu schütteln und zu schweigen. Dann wären aber Du und ich um nichts besser, als zwey holzköpfige Puppen, die man während einer langweiligen Abendstunde hinter dem Herde halbträumend zurecht schnitzen kann. – Nein, lieber Freund Gunlaugur, es gibt zwischen zwey ordentlichen Menschen, die eine entgegenstehende Meinung in sich tragen, nur eben so viel Fälle, als Leute: nähmlich Zweye . Du hast Recht, oder ich hab' Recht. Und was sich anstellen will, wie eine andere Entscheidung, ist ein Kuckukstreiben. Denn es höhnt Einen wie den Andern, und wirft Jedwedes 135 beste Gedanken aus dem Nest in ein unsicheres Nebelgewirr hinaus.« Da sagte Gunlaugur lächelnd: »Ihr seyd ein freundlicher Mensch nach meinem Herzen, Ihr gastlicher Thorstein, wie streng' Ihr auch bisweilen zu mir sprechen mögt. Nun denn – so faß' ich mir ein frisches, liebes Herz zu Euch, und bitt' Euch, hört auch frisch und lieb mich an.« Da lag die starke Rechte Thorsteins in Gunlaugurs Hand, und Dieser sprach weiter: »Mit den Rechtskenntnissen – das merk' ich, wenn ich's ordentlich überlege, nun recht gut – ist es nur schwach bey mir bestellt. – Die edle Sitte könnte gleichfalls schöner und wohlbegründeter hervorleuchten aus mir. Und beym Schachtafelspiel verfahr' ich auch immer allzurasch und ungestüm. Da mein' ich nun so: in den Landesrechten solltet Ihr mich belehren, in der zarten Sitte Eure gestrenge Hausfrau, und im Schachtafelspiel Eure Tochter Helga. Dazu gehörte dann aber natürlich, daß Ihr mich hier behalten möchtet, und mein Vater seine Einwilligung dazu gäbe.« – »Das kann sich wohl so gestalten, mein Jüngling!« sagte der freundliche Thorstein. »Zerbrich Dir einstweilen den Kopf darüber 136 nicht, sondern gib die Sache ganz in meine Hand. Dann schlafe für heute ruhig ein, und wache zu Morgen wieder fröhlich auf unter meinem gastlichen Dach.« Und so geschah es. In der Frühe des nächsten Tages war Thorstein bereits auf dem Wege zu seines Gastes Vater, Illugi dem Schwarzen. 137     Zwanzigstes Kapitel. Die Saga hat uns früher schon verkündet, wie Thorstein der Myramanne und Illugi der Schwarze einander eben nicht sehr lieb hatten, und zwar weil Jeder von ihnen gern für den Angesehensten in der Gegend gegolten hätte, und lieber noch für den Angesehensten auf der ganzen Heimath-Insel allzumahl. Im Hinreiten nach Gilsbacka, dem Wohnort Illugi's, mußte nun Thorstein bey sich selber denken: »Das Ding wird hier nicht gut, und bringt vermuthlich die lang' schon glimmende feindliche Brunst zum offenbaren Ausbruch in zorniger Fehde. Es ist nur, daß mir gestern gleich der trotzigmuntre Knabe so ausnehmend wohlgefiel. Was aber hatt' ich denn eigentlich mit seinem wunderlichen Ritt zu schaffen, und vollends mit seiner Schifffarth! Ihn zu bewirthen 138 nach besten Kräften – ey nun, das war eines ehrbaren Islandmannes Pflicht, und jedes ehrbaren Wehrfesters Pflicht, so weit die Erde reicht. Und in unserem uralten Stammland Asia haben sie's eben so gemacht. Da wissen die ältesten und schönsten Lieder davon zu sagen. Aber daß ich mich in die Verhandlung des unbändigen und unbärtigen Knaben mit seinem Vater mischte, und, daß ich sogar dem Gunlaugur auf jeden Fall an meinem Herde Schutz verhieß – ob auch nicht mit ausdrücklichen Worten: mein innerster Wille war und ist es wahrhaftig dennoch! – ja, das ruft die offenbare Fehde zwischen Illugi und mir herauf. Da wird nun manches Blut fließen auf Island, und schartig hauen wird manch kühner Armesschwung manch uraltschöne Islandswaffe. – Ey, wer kann helfen! Und wär' auch wieder zum Zweyten- oder Drittenmahl darüber zu wählen – ich macht' es wohl dennoch wieder just eben so. Freylich, daß ich die Dinge so ausnehmend klar voraussehe, wie sie durchaus kommen müssen – nicht nach gaukelnden Träumen, denn die behalten fast allemahl Unrecht! – sondern so im Verstande recht deutlich und tief – es ist eine oft lästige Gabe. Niemand aber kann für seine Gaben! – O ich sehe Schritt vor Schritt wie 139 es kommen muß. Zuerst nun wird der Illugi auf der Dingstatt wider mich klagen, daß ich seinen unartigen Sohn wider ihn beschütze. Da geb' ich nicht nach. Dann ist die Fehde geboren. Siehe, da sprengt er wohl schon mir entgegen! – So war es auch. Aber es kam dennoch viel anders, als Thorstein gedacht hatte. Denn Illugi der Schwarze both ihm schon von Weitem sehr freundlich die Hand entgegen, und sagte, als sie nun beysammenhielten: »Die Nachbarn wollen mir versichern, mein wilder Gunlaugur wäre bey Euch eingekehrt, und Ihr hättet ihn gütig aufgenommen, seine Abfahrt in die weite Welt verzögernd bis auf diesen Augenblick.« »Die Nachbarn haben recht gesagt,« entgegnete Thorstein. »Gerade so hab' ich es gemacht.« Und Illugi sprach zurück: »Wohl geziemt es sich, wo ein Vater mit seinem kühnheranwachsenden, allenfalls etwas ungezognem Knaben in großen Unfrieden geräth, daß ein anderer Hausherr sich dazwischen stelle, und als Anwald des Sohnes dem Vater einen Ausweg lasse, das Ding in der Güte beyzulegen. Die Ehre des Vaters geht freylich vor. Aber gern behielte er doch auch ein ungebrochnes Herz dabey. Und wie sollte das 140 ungebrochen bleiben, wenn der Sohn ihm so wild und unberathen davonliefe in die ferne Welt, wie das gar leicht in kühner Knaben Gedanken hineinfällt, und wie auch mein wilder Gunlaugur es mir gedrohet hat. Nun, den schönsten Dank für Euch, mein edler Thorstein! Nicht wahr, Ihr kommt mir als ein Friedensbothe von meinem wilden Kinde?« – »Ja freylich,« sagte Thorstein, »so komm ich. Aber wie seyd doch Ihr so gar lieb und mild und gut? Ich hab' mir Euch immer als einen viel anderen Menschen vorgestellt.« »Als einen rechtzornig Fehdesüchtigen wohl?« – sagte Illugi, und setzte freundlich hinzu: »Dagegen seyd wiederum Ihr, wenn wir auf der Dingstätte oder sonst wo in öffentlicher Angelegenheit zusammentrafen, mir vorgekommen, wie ein sehr hochmüthiger Mann, eingebildet auf Euern Myramannen-Reichthum, und auf Eure ehemahlige Schönheit, welche die Weiber gern sahen, und auf – nun, was weiß ich auf was sonst noch mehr. Denn wer sich einmahl etwas Großes von sich selbst einbilden will, dem kann es an klugen und tollen Ursachen dazu gar nicht mehr fehlen.« – »Ganz recht!« erwiederte Thorstein lachend. 141 »Wär es auch nur daß Einer es für etwas Großes hielte, Illugi der Schwarze zu heißen, und so dunkelgelockt zu seyn, als mein Vater Egill, und dazu mit Streitaxt oder Schwert etwa ein Paar Gegner in's Blut geworfen zu haben!« – Da hätte fast Illugi seine Hand im Unwillen aus Thorsteins Hand gerissen, und sein Roß abgewendet zum Heimritte nach Gilsbacka, auf Nimmerwiedersprechen und Nimmerwiedersehen anders, als in der Gerichtsversammlung oder im Kampfesfeld. Aber Thorstein hielt die einmahl dargebothene Hand sehr fest, so daß Beyde hätten von den Rossen fallen müssen, wär' Illugi durchaus bey dem Umwenden und Losreissen geblieben. Deßwegen hielt Dieser lieber still, und Thorstein sagte: »Wollt' ich ja doch nur ganz deutlich aussprechen, wie Du mir ehemahl vorgekommen bist. Und Du hast ja Ähnliches oder noch Seltsameres gegen mich ausgesprochen. Was aber dem Einen recht ist, ist dem Andern billig. Jetzt haben wir Alles vom Herzen hinuntergeredet, und dürfen bekennen: wir dachten ganz irrig. Da sieh nun, wie hübsch fröhlich wir uns von diesem Augenblick an vertragen können.« »Mir recht!« sagte Illugi. »Aber Du behältst vor der Hand 142 das beste Theil dabey. Denn ich habe nur noch zu danken, und Du hast mir bereits etwas sehr Liebes erzeigt.« – Da waren die Männer einig miteinander. Thorstein ritt mit Illugi vollends nach Gilsbacka hinüber, und bey einem sehr fröhlichen Mahle besprachen sie sich, wie es künftig mit dem jungen, überkecken Gunlaugur gehalten werden sollte. Auch kam zur Frage, warum denn eigentlich bisher Entfremdung oder wohl gar Ingrimm zwischen den zwey Hausvätern obgewaltet habe. Keiner von Beyden aber wußte eine vernünftige Ursach' davon anzugeben. So legten sie zu Abend sich mit dem Gedanken zur Ruhe, die Zwietracht seye wohl überhaupt nur Hexen und Tollkraut im Lebensgarten, und man könne dergleichen immer sehr leicht ausroden, wenn man ordentliche Lust in sich verspüre zu der wackern Friedensarbeit. 143     Ein und zwanzigstes Kapitel. Von dieser Zeit an lebte Gunlaugur lange in dem Gehöfte Thorsteins zu Borgarfiörde. Zwar kam er auch bisweilen in die Wohnung seines Vaters auf Gilsbacka. Doch pflegte er dann sein Pferd immer ganz kühl in den Stall zu bringen, und ihm ohne Schaden sogleich Futter in die Krippe zu streuen, auch ihm frisches Brunnenwasser im Eimer vorzuhalten. Galt es dagegen wiederum, nach Borgarfiörde zu reiten, so kam das Roß immer ganz heiß und schnaubend vor Thorsteins Wohnung an, und die Knechte mußten es lange herumführen, ehe sie ihm die Stallruhe und vollends das Futtern und Tränken gönnen durften. Denn ihnen überließ dorten Gunlaugur diese Sorge, ohne sich im mindesten selbst um die Pflege seines Gaules zu kümmern, so daß man ihn wohl für einen nachlässigen und 144 schier gewissenlosen Reiter hätte halten müssen; nur daß man schon gemerkt hatte, er mache es bloß deßhalb so, um desto eher das Schachtafelspiel mit Schön-Helga zu beginnen. Und da hielten es ihm denn auch die ältesten und eigensinnigsten Männer recht gern zu Gute, und meinten wohl gar, so Etwas deute auf desto schönere Heldenthaten in der Zukunft. Dabey lernte Gunlaugur mit großem Fleiße die edle Rechtswissenschaft aus Thorsteins Munde, und verhielt sich auch, wie sich das auf eines freyen Mannes Hof absonderlich wohl schicken will, sehr höflich gegen die Hausfrau, welche jederzeit als Richterinn und Lenkerinn bey dem Schachtafelspiele zugegen war. Als aber auch einmahl der Hausvater dabey sehr achtsam zusah, mochte ihm nicht Alles gefallen, obgleich Gunlaugur jetzt immer sein Spiel um Vieles milder und sorgfältiger einrichtete, als vordem. Thorstein blieb an diesem Abende nachdenklich schweigsam. Tages darauf sagte er zu seinem jungen Zögling und Gastfreunde: »Pflanzen, die immer in demselben Erdreich bleiben, zeigen selten sonderliches Gedeihen.« Gunlaugur antwortete: 145 »Ihr lehrt mich eben damit nicht viel Neues, guter Herr. Schon längst hab' ich das auf den Äckern und in den Gärten meines Vaters mit eigenen Augen gesehen. Ein hübsches Stückchen Zeit schon, bevor ich Euch kannte wußte ich das.« – »Das ist mir lieb,« sagte Thorstein, »daß Du so früh um Dich zu sehen gelernt hast, oder es doch mindestens versuchtest. Und da wirst Du um so besser begreifen, daß es Dir gut thun möchte, wenn Du einmahl in eines andern rechtsgelahrten Mannes Schule gingest, als in die meinige. Ich will damit nur sagen: so zur Abwechselung.« »So!« – sagte Gunlaugur, und sahe ganz still vor sich nieder, und ward ein wenig blaß. – Dann aber nahm er sich wieder keck zusammen, und fragte: »Wo meint Ihr denn, daß ich als ein Lehrling der edlen Rechtswissenschaft am Besten hinreiten könnte, außer zu Euch?« »Skapti heißt ein Mann;« sagte Thorstein. »Der ist der größte Rechts-Erkenner auf ganz Island. Der findet das Recht allwärts, wo es liegt, und wär' es auch klaftertief bereits versunken seit Jahrhunderten her, wie die Palmenwälder unter unserer winterlichen Eilandsdecke 146 versunken sind.« – »O, Meister Thorstein,« fragte Gunlaugur, die Hände vor Verwunderung zusammenschlagend, »Palmenwälder, sagtet Ihr? – Palmenwälder – so hört' ich wohl immer – die sollen ja nur fern emporsprossen und schatten in den Landen des süßen, seligen Friedens, von wo unsere Altväter eingezogen sind in diese strengeren Gefilde und Eilande? Hier, wo man, statt wie in jenen blühenderen Auen nach Tagen, die Zeit nach Nächten zählt – wie kämen denn hier die Palmen her? Die haben Sonne und Frieden gern, und hier herrscht Nacht und Krieg.« – »Auch der Krieg ist schön, und auch die Nacht!« erwiederte Thorstein voll freundlichen Ernstes. »Und auch inmitten des Krieges und der Nacht pflegt sich immer etwas zu offenbaren wie Friedensmilde und Tagesglanz. Du aber wisse: in viel urälteren Zeiten, als die, wo unsere Asiaväter vom Idaberge nach Nordland schifften, haben hier Palmenwälder geschattet und geblühet. Seitdem hat ein wunderbares Geschick die Erde verwandelt, und die süße Herrlichkeit jener Tage liegt verhüllt für uns unter dem Schnee und dem Haidenmoose der Gegenwart. Überhin wandeln wir, und mühen uns ab, und netzen den 147 Boden mit Schweiß und mit Blut. Ach wie vergeblich! – Tief unten liegen unwiederbringlich die längstversteinten und fast schon vergessenen, selig friedlichen Wälder!« – »Das ist ja sehr seltsam und sehr feyerlich;« sagte Gunlaugur. Und sein glühender Blick senkte sich nach dem Boden, als wolle er von dorten Freud' und Frieden und Palmen wieder heraufbeschwören. Dann traten Zähren in seine Augen, und er flüsterte wie in unbewußten Sangestönen: »Ach, sie kommen uns nimmer zurück!« – »Deßhalb ziemen uns desto mehr die Waffen, und die Lehren des heilig strengen Rechtes!« sagte Thorstein. »Und deßhalb reite Du zum Skapti, daß er Dich es finden lehre für Alles, was Dir in Deinem jungen und vermuthlich noch sehr thatenreichen Leben begegnen mag.« – »Ich will wohl hinreiten;« sprach Gunlaugur. »Aber ich will eben auch nicht gern sehr lange von hier wegbleiben. Wo find' ich denn Euern hochgerühmten Skapti?« – »Da reitet man« entgegnete Thorstein – »in gerader Richtung nach der Gegend zu, welche Mosfelli geheißen ist.« 148 »Die Gegend gefällt mir nicht!« sprach heftig der Jüngling. »Und kann ich erfahren warum? fragte lächelnd der Hausherr. Gunlaugur aber entgegnete trotzig: »O das sind nun ganz gewiß nicht wunderliche Traumesgrillen, wie Ihr bisweilen meine besten Einfälle zu schelten pflegt. Das hier hat seinen sehr vernünftigen Grund. In der Gegend, welche Mosfelli heißt, wohnt auch jener priesterliche Hausvater Oenundur, und sein für hochweise gelobter Sohn, welchen sie Rafn den Skalden nennen.« – »Ganz Recht!« sagte Thorstein. »Und der gelahrte Rechtsmann Skapti ist Oenundurs naher Anverwandter. Ihre Mütter waren Schwestern. Da kannst Du mit den wackern Leuten zugleich Bekanntschaft machen.« »Das fehlte mir noch!« rief Gunlaugur zürnend aus. »Nein, jetzt mag ich vollends nicht das mindeste mehr von Euerm klugen Rechtsfinder Skapti vernehmen, wenn er solch einen Neffen hat, wie Rafn!« »Was kannst Du gegen einen so edlen Jüngling aufbringen, Gunlaugur?« »Alles, Meister Thorstein. Verdirbt er mir 149 doch fast mein ganzes junges Leben! Denn könnt Ihr Euch Widerwärtigeres erdenken, als bey jedem Eurer Schritte hören zu müssen: »So macht er's beynahe, wie der treffliche Rafn! Aber es mangelt freylich noch viel!« – Oder gar: »Das war nun ganz und gar Unrecht. So fängt es Rafn der Skalde niemahls an!« – Und allerhöchstens: »Wenn sich der Bursche recht viele Mühe gibt, kann er binnen zwanzig Jahren etwa so ein Ding werden, wie jener allerliebste Rafn der Skalde schon jetzt in seinen jungen Jahren ist.« Ey, hohle der Kuckuk Rafn den Skalden! Ihr und mein Vater und wer weiß wie viele Frauenzungen – Ihr habt mir den Rafn so lange gepriesen, bis er mir zum Gräuel geworden ist. Und nun soll ich noch gar seine angenehme Bekanntschaft machen, und wo möglich – dafern's mir nähmlich seine Vortrefflichkeit gestatten will – zu ihm sprechen: Herzbruder! Ich danke.« – Da mußte Thorstein herzlich über den ungestümen Jüngling lachen. Gunlaugur aber sagte ganz betrübt: »Das seh' ich nun wohl, daß ich Euch zur Überlast geworden bin, und Ihr mich auf irgend eine Weise aus Euerm Gehöfte los seyn wollt. 150 Ihr könnt dabey wohl lachen, denn am Ende ist jeder Hausvater König an seinem Herd, und mag fortschicken, wen er nicht mehr behalten will. Aber mir wäre das Weinen näher, drängte nicht glücklicherweise der Ärger über jenen unausstehlichen Rafn solche weibische Thränen zurück. Doch Skalde Rafn, laß mich nur Dich finden! Da sollen Dir meine Thränen zu Blutstropfen werden, und aus Deinen Adern zum Vorschein kommen. Ihr aber, Meister Thorstein – lebt wohl, und gesegn' Euch Gott viel Gutes und Liebes, was Ihr mir seither erwiesen habt. Und Alles, womit Ihr mir wehe gethan habt, komme nicht auf Euer Kerbholz.« – Da wollte er aus der Halle gehen, aber Thorstein hielt ihn sehr bewegt an der Hand fest, und sagte: »I Du guter wunderlicher Junge, so bleibe doch!« – Da sagte wiederum Gunlaugur sehr weich: »Von Herzen gern. Ihr müßt aber nur nicht immer wieder thun, als wenn Ihr Einen fortschicken wolltet.« – »Ach wer thut denn auch so!« sprach Thorstein. Und weil in eben diesem Augenblicke Schön-Helga in die Halle trat, setzte der Hausvater selbst für die Beyden das Schachtafelspiel auf, und sahe dießmahl dem Hin- und Wiederziehen der Steine sehr fröhlich zu. 151     Zwey und zwanzigstes Kapitel. Nun erlernte auch Gunlaugur durch manche Stunde lang um so fröhlicher und tüchtiger die Rechtswissenschaft von Thorstein, so daß dieser seine Freude darüber kaum noch bergen konnte, was er doch öfters nach Kräften that, um das junge, ohnehin sehr kecke Herz nicht übermüthig zu machen. Gunlaugur aber, welcher einen sehr klugen Geist in sich hatte, merkte dennoch, wie er dem Hausvater von Tage zu Tage lieber ward. Und so nahm er sich es denn zuletzt heraus, seinen liebsten, lange verschwiegenen Herzenswunsch durch einen raschen Streich zur Erfüllung zu bringen; so scheinbar halb im Spaß, und wirklich ganz im Ernst. Dazu sah er einstmahl die Gelegenheit ab, als einige recht fröhliche Gäste bey Thorsteins 152 Herde zusammen saßen, und der Becher munter herum ging. Der Hausherr war in ausnehmend heiterer Laune, und so fing nun Gunlaugur seinen Spruch auf folgende Weise an: »Vieles hast Du mich gelehrt in der edlen Kunst der Rechte, Du edler Meister Thorstein. Aber Eines davon ließest Du zurück, und gern noch heute zu Abend möcht' ich es erlernen.« Thorstein entgegnete lachend: Du sprichst ein bischen dreist auf Du und Du mit Deinem Meister, mein lieber Gesell. Aber ein fröhlicher Abend just braucht nichts zu wissen vom allzustrengen Recht der hergebrachten Satzung. So künde mir denn auf Du und Du Dein Verlangen.« »O, ich kann auch Ihr zu Euch sprechen, wenn Euch das vielen Spaß macht!« erwiederte Gunlaugur. »Doch lehrt mich das Eine, mein hochweiser Meister Ihr: »Wie muß ein Jüngling sich verloben mit einer edlen Braut?« »Das ist ein leichtes Ding!« sagte Thorstein. »Man erfaßt die Hand des Mägdleins, tritt mit ihr vor den Hausvater hin, und spricht: »Siehe, so verlob' ich mich dieser Jungfrau, als der von mir geliebtesten auf aller Welt. Und gib sie mir zur Hausfrau, o Vater! und laß' ich je von 153 meiner Liebe zu ihr ab, so soll nicht Jung, nicht Alt, nicht alle Welt, mir je in Liebe trauen! Nicht Haus nicht Vater eines Hauses, nicht Frau, nicht Mägdlein, soll je in Liebe fürderhin mich grüßen. Und so, Hausvater gut, verlob' ich und vermähl' ich mich mit Deinem Kind.« Gunlaugur aber sagte: »Erlaubt mir, daß ich's nachspreche, und dazu – um es recht natürlich zu machen – Eurer Tochter Helga Hand fasse, und mit dem holdseligen Mägdlein vor Euch hintrete.« »Wozu soll das Spiel?« sagte Thorstein halb lachend, halb verdrießlich. Gunlaugur aber hatte bereits der Jungfrau zarte Hand erfaßt, und sprach freundlich: »I so erlaube mir's doch nur!« »Meinethalb!« entgegnete der Hauswirth. »Doch sollen alle Anwesenden hiermit wissen, das gilt wie ungesprochen, und Du sollst Dir nichts Wunderliches darüber in den Kopf setzen.« Gunlaugur dachte, »kommt mehr Zeit, kommt auch mehr Rath!« und hub an, die ganze Spruchweise dem Lehrer nachzusprechen, nachdem er Schön-Helga's Hand sehr zierlich erfaßt hatte, sie aus dem Hochsitz in der Halle, wo sie neben der Mutter saß, vor den Vater hinführend, der 154 jetzt, gar wunderlich bewegt, in seiner Gäste Mitten auf dem Hausflur stand. Frau Jofridur blieb oben auf dem Hochsitze der Halle still. Ihr kam dieß alles vom Anfange her allzu ernsthaft vor für ein Spiel, und allzu leichtsinnig für Ernst. Und während Gunlaugur seinen Spruch anhub, ward ihr, als regten sich mit leisem Zusammenklirren – fast wie im heimlichen Geflüster – alle Waffen in der Halle, die uralten sowohl, als auch die noch funkelnagelneuen, erst für zukünftige Thaten geschmiedet und geschliffen. Dazu ging eine wunderliche Liedesweise durch der Hausfrau Sinn, die sie einmahl von ihrer Großmutter gehöret hatte. Man gab die alte finstere Frau für eine Zauberinn aus, und nun war es der Frau Jofridur, als höre sie Jene mit zitternder Stimme durch eine Bodenlucke aus den nächtigen Wolkenzügen hereinsingen: »Sprich nicht, o sprich nicht so dreist du Mensch!     Sprühregen, auch er befruchtet das Feld.     Du siehst ihn nicht, er säuselt kaum,     Und Saat weckt dennoch er sacht und reich.     Mehr viel vermag noch ein Menschenwort,     Vorquillend aus mächtigem Geistesmeer.     Sprich nicht so dreist! Was du sprichst geschieht!     Sprühregen zieht öfters auch Nesseln auf.« – 155 Und das mußte Jofridur immerfort unhörbar mitsingen, während Gunlaugur keck und deutlich seine Verlobungsworte zu Ende brachte. Zwar als er damit fertig war, sprach der Hauswirth noch einmahl sehr laut: »Für eitlen Scherz und nichtig ungesproch'nes Wort erklär' ich vor allen Zeugen, was hier verhandelt ward.« Aber Schön-Helga, obzwar sie aus Gunlaugur's Hand gleich nach des Vaters Spruch die ihre zurück zog, und nach dem Hochsitze zurückging zu der Mutter, sahe noch einmahl mit süß-wehmüthigem Blicke nach dem Jünglinge zurück. Und dieser dachte in sich: »Gescheh'n bleibt gescheh'n. Mein also muß sie bleiben, in Güte oder mit Gewalt. Und würde auch allenfalls die Islands-Erde und Bach und See und Meeresstrand vom Blute der Erschlagenen darüber etwas roth – das mag mein Schwiegervater verantworten. Ich behalte meine verlobte Braut.« Und sobald er diesen Entschluß recht fest in sich erfaßt hatte, ward er auch ganz fröhlich und angenehm. Ja, er sang mitunter so zierliche Lieder zur Laute, daß Schön-Helga fast unwillkührlich das lockige Haupt nach ihm hinwenden mußte. Darüber ward er immer noch viel 156 vergnügter, und noch viel freundlicher gegen alle Welt, so daß endlich zwey sehr alte und wohlerfahrne Männer zu Thorstein sagten: »Es ist doch in der That erstaunlich, wie gar wundersam es Euch gelungen ist, diesen wilden Knaben zu bändigen. Nun legten wir wohl unsere Hände dafür in's Feuer, wenn es allenfalls nöthig wäre: dieser höfliche Gunlaugur beginnt keine wilde That fortan.« »Möge das so in Erfüllung gehen,« sagte Thorstein sehr nachdenklich. 157     Drey und zwanzigstes Kapitel. Es mochten jedoch wohl von Gunlaugur's Mäßigung und jetzigen milden Sitten, seitdem er in Thorstein's Schule gegangen war, auch noch Leute sonst fast eben so günstig denken, als jene zwey alten Männer. Unter Andern kam ein gewisser Thorkill, auch auf Gilsbacka wohnhaft, und Illugi des Schwarzen Anverwandter und Dienstmann, eines schönen Tages zum Gunlaugur gegangen, und sagte: »Da Ihr meines Lehnsherrn und Vettern Sohn seyd, und man von Euch behauptet, Ihr hättet unter dem weisen und sanftmüthigen Thorstein die Rechte sehr schön zu handhaben erlernt, scheint es mir nicht unbillig, daß Ihr mit mir hinaus reiten möchtet auf eine Rechtsfahrt. Ich habe da im Norden unseres Eilandes eine Erbschaft gethan: in der Gegend Watnasthal 158 genannt, und zwar im Dorfe As, welches wohl noch nach den uralten Asahelden so heißen mag. Die Asahelden aber, unsere Altvordern, ließen nie das mindeste, was ihnen nach Rechten zukam, aus ihrer starken Hand, es sey denn, sie hätten es im freyen, großmüthigen Willen fortgeschenkt. Hier nun handelt es sich um einen Erbstreit für mich, und da will ich das kleine Erbe durchaus behaupten, sey es auch vielleicht nur kaum an und für sich des Rittes werth. Wollt Ihr mir dazu helfen, Vetter Gunlaugur?« »Versteht sich!« antwortete dieser, und sattelte rasch sein Roß, und sie ritten mitsammen von hinnen. Die Angelegenheit war bald und gut in Stand gebracht. Auf Gunlaugur's Auseinandersetzung und Fürsprache bekam Thorkill alsbald, was ihm von der Erbschaft zukam, und ritt nebst seinem jugendlichen Anwald sehr vergnügt wieder heimwärts. Da kamen sie in eine Gegend am Meeresstrand; die sahe von der einen Seite wüst und traurig aus, weil Sand in Meer, und Meer in Sand verrann, und von der andern schaurig, dichte, schier undurchdringbar wilde Haine schatteten. 159 Und Thorkill sagte: »Hier mißfällt es mir sehr.« Gunlaugur aber erwiederte: »Hier gefällt es mir sehr.« Thorkill sprach: »Ihr scheint Behagen am Widersprechen zu finden.« Gunlaugur sagte: »Schlecht hätte es heute um Eure Erbschaft gestanden, hätte ich nicht Behagen gefunden am Widersprechen.« »Das ist ein sehr wahrhaftes Wort!« sagte Thorkill. »Und wenn es Euch denn so gut hier gefällt, bin ich im Stande, Euch in dieser Gegend ein Nachtlager zu verschaffen. Denn ich weiß wohl, Ihr möchtet Euer schönes Pferd nicht gern ohne Noth ermüden.« »Recht gerathen!« sagte Gunlaugur. »Mein silbergraues Roß stammt von dem edlen Schlachthengst Grani ab, welcher Sigurd des Schlangentödters Leibroß war. Aber es ist viel sanfter, als sein Stammvater. Kühn freylich brauset es und stolz über Hecken und Gräben und Bergesspalten hin, wo es seines Reiters tapfere Lust dazu verspürt. Doch hat es denn wieder einen so mildfreundlichen Sinn, und zwar gegen alle Menschen ohne alle Ausnahme, daß ich wahrhaftig befürchte, auch eines unedlen, ungeschickten, 160 unentschlossenen Thoren Aufsitzen und Ansprengen würde es in milder Demuth erdulden; wenn gleich gewiß jede falsche Hülfe, die ihm so ein Jammerding von Reiter gäbe, es in unwillige Gluth brächte. Aber ich glaube wahrhaftig, er schmisse dennoch solchen elenden Burschen nicht mit gehöriger Zorneskraft ab. Und ich gestehe Dir, deßwegen ist er mir weniger lieb, als manch ein anderes, wilder und verderblicher im edlen Zorn aufloderndes Roß. Dennoch rührt es mich wieder, daß er so gar mild und freundlich ist.« Und den schlanken Nacken des Silbergrauen streichelnd, setzte er liebkosend hinzu: »Gewiß, Du sanfter Grani-Sprößling, ich will schon dafür sorgen, daß Dir nie im Leben ein roher und ungeschickter Reiter zu nahe kommen soll. Darauf hast Du mein Wort. Damit aber auch Ihr, Vetter,« sprach er zu Thorkill gewendet, »nicht etwa Arges aus meinen Worten denkt, als hielte ich Euch für minder edelgewandt, als mich, so bitte ich Euch, laßt uns ein wenig die Rosse wechseln, und erprobt meinen lieben Silbergrauen selbst.« Thorkill sagte: »Die Leute haben doch wahrhaftig nicht unrecht, wenn sie Euch für ein Muster der Artigkeit ansehen, seitdem Ihr in des edlen Thorstein Schule gewesen 161 seyd. Bleibt nur auf Euerm Silbergrauen; ich glaub' Euch alles Gute auf Euer Wort. Aber um so lieber lad' ich Euch ein, hier ein nahes Nachtlager zu nehmen bey einem Hausvater, der mein Freund ist. Da Euch die seltsam einsiedlerische Gegend hier gefällt, und Ihr Euer sanftes Pferd gern schonen wollt, mag Euch das Erbiethen wohl gut zu Passe kommen!« »Ja freylich!« sagte Gunlaugur. »Zeigt mir nur unsern Pfad nach dem Gehöfte.« Und wie sie nun so im behaglichen Reiten waren waldein, fragte Gunlaugur: »Wie ist der Gastfreund geheißen, zu dem Ihr mich führen wollt? Und welcher Art sind seine Sitten beschaffen?« Thorkill antwortete: »Er ist Oedgills geheißen, und Grimstungi nennt man seine Wohnung. Er selbst gehört zu den mildesten aller Menschen, so viel ihrer wohl auf dem ganzen Erdboden wohnen. Und eben so friedliebend sind all seine Hausgenossen mit, einen Einzigen ausgenommen. Wie das nun ihn und die ganze stille Gemeinschaft freuen wird, wenn ich ihnen den Gunlaugur so sanft und artig herein bringe! den Gunlaugur, von welchem bisher auf der ganzen Insel die Rede ging, als sey er ein junger Feuerbrand!« – 162 »Dachten die Leute so von mir auf Island?« sprach Gunlaugur. »Höret, mein Vetter, das gefällt mir, und ich möchte eben nicht, daß sie jemahls viel anders von mir dächten?« Thorkill aber sagte: »Nun mein junger Vetter, man soll ja doch nicht gegen All' und Jeden ein Feuerbrand seyn. Zum Beyspiel: Für den Ritt, zu dem wir uns jetzt gewendet haben, würde sich dergleichen gar nicht schicken.« »Versteht sich, Vetter, wo sich die Leute so mild und freundlich aufführen!« sprach Gunlaugur. »Aber von Einem doch redetet Ihr, der im Gehöfte wohne, und nicht so friedliebend sey. Wer ist nur der? Und ob wir ihn wohl dießmahl zu Hause treffen?« »Zu Haus? O ja!« erwiederte Thorkill. »Er ist ein ziemlich mißgestalteter Leibeigener, den man zu gröbern Hausdiensten braucht, weil man Fremde nicht gern durch seinen häßlichen Anblick und seine rauhen Sitten belästigen will. Oedgills behält ihn nur, weil der Bursche mit seinem widerwärtig frechem Wesen, falls man ihn in die Freyheit verstieße, vermuthlich früher in Noth und Armuth umkäme, als etwan abermahl ein Herr sich fände, der ihn in Zucht und Pflege nehmen wollte.« »So? Ist es nur solch ein Ding?« sprach 163 Gunlaugur. »Nun gewiß, ich will mich äußerst höflich und sittsam gegen Jedermann im Gehöfte betragen.« – Sie ritten so eben zum Thorweg hinein, und sahen wie ein unförmlich häßliches Wesen, in schwarzbraunen Pelz verhüllt, sehr unbehülflich und träge über den Hof hinwankte, Heu nach den Ställen schleppend.– »Hält sich der Hauswirth etwa einen gezähmten Bären?« fragte Gunlaugur seinen Genossen. Dieser aber entgegnete lachend: »Nein! Das hier ist eben der widerwärtige Knecht, von dem wir sprechen.« Und sogleich winkte und rief er dem häßlichen Gesellen, daß er herbeykomme, und ihnen die Pferde abnehme. Der Bursch warf murrend seine Bürde ab, und kam sehr langsam heran, sich bäurisch hinter den Ohren kratzend und verdrießlich in sich hineinredend. Und als man nun vollends deutlicher in sein überaus häßlich verzerrtes Antlitz schauen konnte, sagte Gunlaugur unwillig: »Bleib mir weg von meinem schönen Rosse. Deine Hand soll es nun und nimmermehr berühren. Weit lieber führ' ich es selbst zu Stall.« – Da lachte der Häßliche höhnisch, wandte den Gästen den Rücken, und ging wieder an seine Knechtesarbeit. 164 In diesem Augenblick aber kam ihnen Oedgills, der freundliche Hauswirth, selbst entgegen, nahm ihnen die Rosse mit eigner Hand ab, und rief einen wohlgezogneren Knecht herbey, für die edlen Thiere auf's beste zu sorgen. Dann führte er seine Gäste in die Halle zu den Seinigen, wo es die allerbeste und freundlichste Bewirthung gab. Man genoß edle Speisen und lautern Trank. Man erzählte sich allerhand schöne Sagen, und sang einander wunderbare Lieder vor, so daß man erst nach Mitternacht inne ward, nun sey es Zeit, sich zur Ruhe zu legen. Die Lagerstatt Gunlaugurs stieß aber mit dem Kopf-Ende ziemlich nah an das Fuß-Ende der Lagerstatt seines Vetters und Reisegenossen Thorkill. Deßhalb, als dieser im Traum ein wenig mit den Füßen gegen das Bettgestelle stieß, kam es dem Gunlaugur seinerseits im Traume vor, als träte Jemand auf seinen Kopf. Er fuhr deßhalb mit einem zornigen Waffengeschrey empor, und nur mühsam konnte ihn Thorkill beruhigen, und ihm, als sie beyderseits vollkommen wach wurden, begreiflich machen, wie das gekommen sey. – »Ich will es mir allenfalls noch gefallen lassen!« sagte Gunlaugur und 165 schlief wieder ein. Aber dieselbe Unruhe ging aber und abermahl los, und endlich, als es schon gegen Morgen ging, stand Gunlaugur vom Lager auf, und sagte: »Das ist die albernste Nacht, die ich noch je nach einem hübschen Abende verlebt habe. Und sie wird mir vermuthlich einen stürmigen Tag bedeuten. Meinethalb! Im Grunde hab' ich auch nun schon fast überlange Frieden gehabt mit aller Welt. – So für einen ehrbaren jungen Menschen meines Alters, mein' ich nur.« – »Gunlaugur,« sagte Thorkill, etwas scheu vom Lager emporfahrend – »Du wirst doch in diesem gastlichen Hause keine Händel anfangen wollen?« – »Behüthe!« entgegnete Gunlaugur ganz freundlich. »Auch spricht ja mein Traum keinesweges davon, daß ich Jemanden unter mich treten möchte, wohl aber davon, daß Jemand mir auf dem Kopf herumtreten will. Daß Ihr es nicht seyn könnt, lieber Vetter, weiß ich wohl, wenn auch Eure seltsamen Traumbewegungen Eure eignen Füße zu dem warnenden Lärmen brachten. Doch eben, weil mir so etwas bald bevorsteht – glaubt mir, es ist schon wie vor der Thüre! – so lasset uns nur sogleich von hinnen reiten, damit wir nicht etwa unsern freundlich sanften Wirth mit hineinverflechten.« – 166 »Wie Ihr wollt, Vetter!« sagte Thorkill, und fing an, das Hab' und Gut, welches er von gestern her durch seines Genossen Vermittelung aus der Gegend Watna'sthal mit nach Hause nahm, zusammenzusuchen, während Gunlaugur nach dem Stalle ging, das Satteln und Zäumen und Herausführen der Rosse zu betreiben. Er konnte in so junger Morgenfrühe nicht gleich eines andern Knechtes ansichtig werden, als des häßlich widerspänstigen von gestern her, welcher auf dem Hofe Holz zerhackte. Den wollte Gunlaugur nicht anreden. Als er still an ihm vorüber nach dem Stalle ging, lachte das gräuliche Wesen, schielte mit den verdrehten Augen seitwärts nach ihm hin, und zeigte ihm die Zähne. Verachtend schritt Gunlaugur seines Weges. Doch als er nun die Stallthore weit aufthat, damit das hineinfallende Morgenlicht ihm gleich sein schönes, silbergraues Roß recht im hellen Glanze zeige – da stand das edle Pferd mit fast unter die Krippe hinabgesenktem Kopfe, das zarte, sonst so glatte, wohlgepflegte Haar von Schweiße triefend, die Seiten ihm schlagend vor Erhitzung – wohl kein Reitersmann, der seinen ritterlichen Beruf versteht, und also es auch gut mit seinem Thiere meint, wäre bey 167 solch einem Anblick ruhig geblieben. Wie viel minder der Gunlaugur, der obenein erst gestern seinem sanften Pferde so feyerlich Schutz zugesagt hatte. Schnell stand er wieder neben dem holzhauenden Knechte, und fragte: »Kannst Du die Menschensprache, Bursche?« – »I nun freylich!« erwiederte Der grinzend, und ohne sich einen Augenblick in seiner niedern Arbeit stören zu lassen. »Aber«, setzte er voll frechen Trotzes hinzu, »es muß auch ein vernünftiger Mensch seyn, der sie mit mir reden will. Sonst versteh' ich dennoch kein Wort – merkt's Euch, junges Herrlein – und zwar weil ich alsdann kein Wort verstehen will . Am wenigsten wenn Jemand anders mich befragt, als mein eigner Herr.« – »So!« erwiederte Gunlaugur, mit aller äußern Stille des auf die letzte Staffel beschwornen Zornes. »So, so! Nun da sage mir nur kurz: Wer hat mein Pferd zu Nacht so heiß geritten?« – »Ich, Herr.« – Gunlaugurs Hand zuckte bereits. Doch gingen ihm noch einige Rechtslehren Thorsteins wie freundlich spuckende Geister durch den Sinn. Deßhalb ward das Verhör auf folgende Weise fortgesetzt: »Warum rittest Du mein Pferd zu Nacht!« – 168 »Weil mich die Lust dazu ankam.« »Wie kam Dich die Lust dazu an?« »Das weiß ich nicht, und es lohnt auch nicht der Mühe, allzulange darüber nachzudenken. Ich hatte mindestens dreyßig Ursachen dazu.« »Sage mir Eine davon, wenn Du Herz hast.« »Nun, die beste Ursach war, weil Ihr, junges Herrlein, mir es verbothen hattet, Euer blankes Pferd anzurühren. Und seht, ich hab' Euch den Spaß zum Hohn angethan.« Darauf wand ihm Gunlaugur sehr gelassen die Axt aus der Hand, und hieb ihm damit durch den Kopf, daß er gespaltnen Schädels todt zwischen seinem gespaltnem Holze lag. – Gunlaugur, auf die Waffe gelehnt, sahe nachdenklich den Leichnam an, und rief bisweilen mit abgemessenen Tönen: »Heraus der Hausherr in's Morgenroth! – Hier schlug ein Gast seinen Knecht ihm zu todt! – Dem Gast aber ist nicht zum Fliehen Noth. – D'rum heraus, Du Hausherr, in's Morgenroth!« Wie furchtbarlich erweckt von plötzlichem Kriegs- und Brandgeschrey stürzte die Hausgenossenschaft aus allen Thüren und Pforten auf 169 Gunlaugurs grausigen Liedesruf hervor. Und Alles blieb erschrocken stehen, so wie man den häßlichen Erschlagnen in seinem Blute schwimmen sah, und den düstern Todtschläger daneben, auf die blutige Axt gelehnt, Blicke um sich her sprühend, die zu bedeuten schienen: »Ich hoffe, es wird sich Niemand hier finden, der mich zwänge, noch Einmahl diesen wilden Tanz aufzuspielen. Aber sonst – noch immer sehr scharf ist dieses Beil, und immer noch sehr gewaltig zu schwingen vermag es mein Arm!« – Sie starrten ihn ringsherum schaudernd und wie träumend an. – Endlich gedachte Thorkill, sein Reisegefährt, wohl ihn mit einigen ermahnenden Worten anzusprechen. Aber so wie er sich nur etwas aus dem Kreise hervormachte, sang Gunlaugur ihm leise, so zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, entgegen: »Hab' ich Dir einen Hieb gethan In Dein Haupt, oder in Dein Gut? Ey, ich weiß ja, auch Du bist fremd hier wie ich auch. Halte denn Du Dein Hauchen an. Hauchen auch selbst wird oft zu viel, Wo uns das Wort nicht ziemt. D'rum wahr' Deine Lippen.« 170 Und Thorkill trat verlegen vor dem zürnenden Recken wieder zwischen die übrigen Zuschauer zurück, dem Hausherrn winkend, daß nun er die Unterhandlung versuche. Da kam der friedfertige Oedgills sehr bewegt heran, und fragte: »Ist das wohl hübsch, o Gunlaugur, daß mir ein so wildes Erwachen bereitet ward?« »Nein, das ist gar nicht hübsch;« erwiederte Jener. »Nun, so wirst Du mich also dafür entschädigen. Nicht wahr?« » Nicht wahr! So nähmlich sollt' ich Dir eigentlich antworten, Freund Oedgills. Das ist gar nicht wahr, daß ich Dich dafür zu entschädigen habe. Da! – Schau in den Stall hinein! Bald wirst Du sehen, wie Dein häßlicher Knecht mir mein schönes Roß so freventlich heiß geritten hat. – Da! – Schau in Deines erschlagenen Knechtes Angesicht! Da wirst Du sehen, wie er, statt sich zu entschuldigen über seine That, recht freventlich grob gegen mich geworden ist. Denn mein Beilschwung ging Blitzesrasch, und hielt die Runenschrift seiner häßlichen Gesichtszüge fest, als er so recht überfrech gegen mich höhnte. Da! Siehe hin! Er muß keinen Todesschmerz empfunden haben, so gut hab' ich ihn 171 getroffen. Wär' es nicht gräßlich, einen Todten zu schlagen, man könnte noch Einmahl das verzerrte Bild mit einem Waffenschwunge zu bessern versuchen. – Und hättest etwa Du ihn geliebt? – Ich weiß: Dir und den Deinigen war er abscheulich. Nun dann, ohne weitere Umstände: So nimm das Lösegeld, welches ich für Deinen erschlagenen Knecht Dir biethe, und laß uns in Frieden auseinander gehen. Denn ich verkünde Dir: Jetzt ist die Angelegenheit großmüthig von meiner Seite abgemacht, und Du hast von Glück zu rühmen, daß Du nicht schlimmer davon kommst.« Und damit hielt er ihm eine Mark löthigen Silbers hin. Aber der absprechende Ton, mit welchem der Jüngling die Lösung darboth, und das unwillige Murmeln des Hausgesindes umher, entflammte den sonst so sanftmüthigen Oedgills dergestalt, daß er in ein verächtliches Lachen ausbrach, und sich unwillig abwandte. Da sprach Gunlaugur im zürnenden Liedesschwunge: »Eine Mark Dir both ich: Das Sühnungsmaß Muthig erschlagenen Mannes. Da grinsest Du grimmig mich an Mit gräulichem Zorn, Du! 172 Warte nur! Freundlicher Wirth jüngst, Wandelst Du wild die Gestaltung, Warte nun bange! Statt Geldeswährung, Winket Walküre zu Todeswunden Dir.« Und Oedgills nahm stillschweigend die dargebothene Lösung aus Gunlaugurs Hand; mochte es nun seyn, daß er den rechtsgelahrten Schüler Thorsteins fürchtete, oder den zornigen Illugi's-Sohn und Eigills-Enkel, wie Der so mit dem blutrauchenden Beile vor ihm stand. Vermuthlich kam Beydes zusammen, und kurz: Die Sühne ward geschlossen. – Als die zwey Reisegenossen wieder fürdertrabten, sagte Thorkill: »Ein bedenkliches Ding bleibt es dennoch, o Gunlaugur, Euch als Gast einzuführen in eines friedlichen Mannes Gehöft.« Gunlaugur antwortete: »Was Dir bedenklich vorkommt, magst Du künftighin bleiben lassen. Doch hast Du das ganz allein mit Dir zu berathen, und keinesweges mit mir. Für jetzt reite Du nach Gilsbacka zu meinem Vater, und berichte ihm nach der Wahrheit, was vorgefallen ist. Denn sonst lügt ihm wohl manch eine alberne Zunge – auf unserm Eilande gehen die Gerüchte um, wie ein Wirbelwind: schnell und 173 verwirrend – noch Vielerley mehr vor, als was sich ereignet hat. Reite! Dorthin geht Dein Weg. Ich will zum Thorstein nach Borgarfiörde reiten, und ihn gleichfalls über die Sache in's Klare bringen.« »Wollt Ihr nicht lieber selbst zu Euerm Vater und mich derweile nach Borgarfiörde senden?« fragte Thorkill. Aber Gunlaugur wiederhohlte mit einem so strengen Ausdruck: »Reite!« daß sein Vetter und Schützling sich ohne die mindeste Einrede auf den Weg nach Gilsbacka begab. 174     Vier und zwanzigstes Kapitel. Als Gunlaugur vor seinem Meister Thorstein den ganzen Hergang seines Streites ansagte, schüttelte der Hausherr sein Haupt, und sprach: »Schlimm waren jene zwey alten Männer berathen, die noch vor kurzem, als Du Dich so höflich in meiner Halle aufführtest, ihre Hände dafür in's Feuer legen wollten, Du würdest keine wilde That mehr begehen.« – »So kommt Euch denn meine That wie eine wilde That vor?« sagte Gunlaugur. »Es fehlt ihr doch eigentlich an keiner strengen Gestaltung des Rechtes – wenigstens in Betrachtung der Sühne nicht. Oder ich müßte denn wenig erlernt haben bey Euch.« – Thorstein entgegnete: »Ich habe von einer wilden That gesprochen; von einer rechtlosen eben nicht.« – 175 »Wild!« wiederhohlte Gunlaugur ärgerlich. »Ey nun, dafür rinnt auch eben in meinen Adern nicht Greisenblut, sondern frisches Jünglingsblut. Wer ruhig schlafen will, muß sich keine Jünglingsbrust zum Kopfkissen wählen.« »Keine Gunlaugursbrust!« sagte Thorstein. »Denn für Dich nur und für wilde Knaben Deines Gleichen gilt dieser Spruch. Wohl gibt es der Jünglinge noch auf unserem Eiland, an deren Brust auch des müdesten Wanderers Haupt in heiterer Sicherheit ruhen möchte, und die dennoch voll hochkühner Gewalt in den Waffen leuchten, wo es gilt, und begabt sind mit der süssesten Fülle blühender Gesänge. – Aber was hast Du, Gunlaugur? Was beissest Du mit eins in die Lippen so grimm, und rollest so wild Deine Augen? Soll es denn auf ganz Island keine bessern und gesetztern Jünglinge geben als Dich? – Wahrhaftig,« setzte er lachend hinzu, »da wär' es gar schlimm und toll um die Ruhe der gesammten Heimath bestellt.« – Doch Gunlaugur murrte verdrießlich zurück: »Schlimm oder gut! Toll oder klug! Und wenn Ihr andere Jünglinge loben wollt, und sie mir vorziehen – lobt meinethalben ihrer so 176 viel auf Einmahl, als Ihr Sterne zählen könnet an der nächtigen Himmelsfeste, und stellet als den Geringsten mich unter ihre Füße hin – ich weiß doch, wer ich bin und bleibe, und Eure gelassenen Jünglinge bringen mich unter ihre Füße dennoch nicht. D'rum, Herr, das schadet mir nichts. Aber ich merk' es schon – und das ärgert mich in die tiefste Seele herein – ich merk' es: Ihr redet schon wieder von dem Haupt-Jüngling!« – »Von dem Haupt-Jüngling? Was meinst Du damit für ein Wesen? – Ey, Gunlaugur, bist Du wahnsinnig oder berauscht?« – »Das alles Beydes nicht. Aber kennt nun Ihr selbst Euern Haupt- und Staatsjüngling nicht mehr? Euern Rafn, den Skalden, den Priestersohn? Den Oenundursohn? – Den, der Alles macht, wie man's ihm nachmachen soll? Den unangenehmen Vortänzer für uns andere Islandsjünglinge allzumahl! – Fürwahr, noch heute will ich zu dem nie von mir erblickten Trefflichen hinreiten, um durch die That zu erlernen, wie man sich auf die zarteste Weise zu benehmen hat, wenn ein mindervortrefflicher Jüngling zu Einem spricht: »Ihr seyd ein unausstehlicher 177 Bursch, und mir vollends durch und durch in der Seele zuwider!« – »So, Freund Gunlaugur! Das hättet Ihr dem Skalden Rafn in's Angesicht zu sagen Lust?« »Lust und Muth! So viel kann ich Euch versichern.« »Du brauchst es eben mit keinem Eide zu besiegeln, Du ungestümer Jüngling. Deinen raschen Zorn kenn' ich, und Deine störrige Dreistigkeit auch.« »Das klingt mir beynah wie ein Lobspruch, was Ihr da über mich vorbringt, lieber Meister Thorstein.« »Je nachdem Einer es nehmen will. So Halbjünglinge Deines Alters lobt oder schilt nur höchstselten der Spruch eines verständigen Mannes durchaus. Morgenträume sind es, die uns erscheinen, und erst der Mittag muß lehren, was daraus werden will. Oder vielmehr eigentlich der Abend erst!« – »Da müßte man ja um die Morgendämmerung nicht einen Schritt aus dem Hause thun, Meister Thorstein, wenn man erst in der Abenddämmerung erfährt, ob er was getaugt hat oder nicht. Und wiederum in der Abenddämmerung auszugehen, ist es meist immer zu spät.« – 178 »Ganz recht, mein junger Freund. Und eben daraus besteht des Menschenlebens Elend.« »Dennoch lobt Ihr Euern lieben Skalden Rafn in seines Lebens junger Morgenstunde.« »Gunlaugur, laß mir von Deinem wunderlichen Grimm gegen Rafn den Skalden. Zu antworten Dir – ey nun, das würde er wissen; männlich und stark. Aber es wäre Schade um jeden von Euch, der etwa drüber umkäme! Und zudem fändest Du ihn jetzt nicht einmahl; selbst, wenn Du auch noch zu dieser Stunde im tollen Muth nach seiner Heimath rittest. Weit über fernes Meer ist Rafn der Skalde hinaus.« »So? – Hat er Jemanden todtgeschlagen, daß er um der Blutrache willen aus dem Lande mußte?« »O Freund Gunlaugur, Du hassest diesen holdbegabten Jüngling, und dennoch vermeinest Du, er seye Dein Spiegelbild? Nein, nein, Gottlob! so ist es nicht mit ihm. Gebenedeyet von des frommen Vaters Segen zog er auf eine schöne Abentheuerfahrt hinaus, sein Schiff gefüllt mit reichen Schätzen, wo es Handel und Wandel an altbefreundeten, oder sonst an freundlichgrüßenden Küsten gilt. Seine tapf're Hand aber, und all seiner wackern Genossen Hand ist 179 wohlbewehrt, mit schönen, scharfen, herrlich leuchtenden Waffen, um günstigen Gruß zu erzwingen und allenfalls demüthigen Zins, wo man sich den edlen Seefahrern unfreundlich widersetzen will.« »So will er wohl gar ein Seekönig werden?« fragte wildlachend Gunlaugur. Und Thorstein erwiederte lächelnd: »Ey nun! das kommt darauf an, wie Muth und Glück und Sterne dergleichen gestalten.« »Da habt Ihr Recht!« sprach der Jüngling. »Und eben deßhalb will nun auch ich auf dieselbe Art in die Welt hinaussegeln, wie Rafn der Skalde.« »Das willst Du!« sagte Thorstein. »Ey ja! Ich glaub's wohl! Aber wer gibt Dir die Mittel dazu?« »Das hab' ich nicht mit Euch zu besprechen!« erwiederte Jener. »Darüber geziemt es mir, mit meinem Vater zu reden. Und eben deßhalb – denn ich hätte gern raschen Bescheid – habt gute Nacht für dießmahl, Meister Thorstein.« Damit ging er schnellen, aber sehr gesetzten Schrittes aus der Halle, und man hörte bald darauf, wie er flink auf seinem schönen Rosse von hinnen trabte. 180     Fünf und zwanzigstes Kapitel. Als Gunlaugur um die Abendstunde heimkehrte, war ihm doch ein wenig bedenklich um's Herz geworden. Einen Mann hatte er erschlagen – zwar nur einen sehr gräulichen und sehr tückischen Knecht, und die Sache war gesühnt nach aller Rechtsordnung und nach beyderseitigem Vertrag; – aber es war doch immer der erste Mensch, welchen er zum Tode getroffen hatte, und bisweilen war es ihm, als grinze das häßlich höhnende Angesicht des Leichnams zwischen den abendlich dunkelnden Gebüschen am Wege hervor. Zudem stand nun einmahl sein ganzer Sinn darauf, eben so gut in das Meer hinauszusegeln, als Rafn der Skalde, und durch seine kecken Äußerungen gegen Thorstein kam es ihm vor, als hätte er seine Ehre mit darauf eingesetzt, daß diese Fahrt in's Werk trete. Sehr aber blieb es die Frage, 181 ob sein Vater nach der vorgefallenen raschen That auch nur entfernt von einem Entwurfe hören wolle, dem er schon früherhin kein günstiges Ohr geliehen hatte, so oft Gunlaugur ähnliches zur Sprache brachte. Der immer düst'rer werdende Jüngling dachte deßhalb in sich selber: »Ey nun, wenn er mir kein Schiff geben will und keine Genossen, versuch' ich auch wohl das Ding einmahl auf eigne Hand und auf eignen Fuß. Schwimm ich ja doch wie ein Fisch, und habe niemahlen die mindeste Mattigkeit empfunden, wenn ich so zu meiner Lust rang mit dem lieben, schönen, erquickenden Meer! Zwar wollen alle Leute behaupten, kein Mensch könne so weit schwimmen, als ein Schiff oder Fisch, und auch für den besten Schwimmer liege alles and're Land von Island viel zu fern, um sich bis dahin durchzurudern. Sie wollens behaupten. Nun ja! Aber hat's denn schon irgend einer von ihnen versucht? Weislich immerdar sind sie umgekehrt, noch längst ehe der schützende Strand aus ihren Augen verschwunden war. Meinen Gedanken indeß kommt es jetzt sehr vergnüglich vor, einsam auf dem Meere zu schwimmen, ausgerüstet mit nur ganz eigener Kraft, über sich nichts als den Himmel, nichts um sich her, als die Fluth! – 182 Wer also vermag mir es abzustreiten, daß ich nicht weiter hinaus zu schwimmen vermöchte in meiner kühnen Lust und Gewalt, als irgend bis heute Jemand sich's eingebildet hat! Einen ganz hübschen Anfang für künftige Heldenbahnen gäb' es, wenn ich so als gewaltiger Schwimmer am Norwegsufer landete oder an den Däneninseln. – Aber Meister Thorstein sagt, man solle den mildesten Weg immer zuerst versuchen, wenn man im Rechte zu bleiben gedenke. Wohlan denn! Ob es mir dießmahl freylich wohl nur blutwenig helfen wird!« So dachte er, und wiederum einmahl kam es ganz anders damit; wie nun das auf dieser vielbewegten Welt beynah' immer zu ergeh'n pflegt, vorzüglich wenn die Leute meinen, die Zukunft recht sehr klug entziffert zu haben. Denn äußerst freundlich trat Illugi der Schwarze seinem Sohn entgegen, und sprach, noch ehe dieser sich aus dem Sattel schwang: »Siehe da, Gunlaugur! Nun hast Du Dein erstes Kämpfer- und Rechtsgelahrtenstück bestanden, und beydes gar nicht schlecht. Der Thorkill hat mir alles ausführlich und nach der Ordnung erzählt. Zwar hättest Du Dich wohl ein Bischen minder herb und hastig aufführen mögen – 183 aber junges Blut thut nicht allemahl gut, und ich hätte mir eigentlich noch weit Schlimmeres von Dir vorgestellt, Du wunderlicher Bursch. Sage nun an, ist es noch immer Dein Verlangen, in die Fremde hinauszufahren? Nach diesem Probestück mag ich hoffen, daß Du Dich schon durcharbeiten wirst, zu Ehren Deines ehrbaren Stammes und uns'rer ganzen edlen Nordlandsinsel.« »Vater, das will ich gewiß!« rief der Jüngling, vom Rosse springend, und faßte feurig Illugi's Hand, daß der kräftige Vater eine abermahlige Überzeugung von der Kraft seines Sohnes gewann, und ordentlich die Zähne darüber ein wenig zusammenbiß; so tüchtig war der Druck durch Bein und Mark gedrungen. Als man nun das Nähere über die Fahrt mitsammen beredete, sprach Illugi: »Ich will dieser Tage nach dem Hafenplatz Gufar-Oes reiten. Da liegt ein neues Schiff, beynahe segelfertig, dem wackern und vielerprüften Seemanne Oedun gehörig. Davon gedenke ich die Hälfte für Dich zu erkaufen. Dann laß' ich es noch für Deine Part mit Handelsgütern und Waffen beladen, stelle die halbe Schiffsbemannung dazu, und Du segelst freudig unter verständiger Leitung auf Deine erste Fahrt hinaus.« 184 »So!« – entgegnete Gunlaugur nachdenklich, und blieb ganz stille. »Gefällt Dir das?« fragte nach einer Weile Illugi, und der Jüngling antwortete sehr trocken: »Nein, ganz und gar nicht.« Da begann der Vater glühroth zu werden vor Zorn. Doch zügelte er sich noch, und sagte: »Ich will Dir erlauben, die Gründe Deiner wunderlichen Antwort anzugeben. Aber sogleich und kurz und ehrerbiethig .« »Das ist viel gefordert auf einmahl, Vater!« sagte Gunlaugur. »Und könnte also nicht Eins oder das And're davon abgehen?« Illugi besann sich einen Augenblick. Dann sprach er: »Auf's Ehrerbiethige will ich eben im Voraus nicht allzustrenge halten. Das werd' ich mir schon von selbst wieder zu nehmen wissen, wenn Du nur dabey über die Grenze kämest. Also nur, sogleich und kurz! « »Wohlan, Vater. Halb ist nur halb. Ich aber will was Ganzes. Und vollends einen Zuchtmeister über mir brauch' ich nicht und mag ich nicht zu der Fahrt.« »Da wirst Du denn wohl ganz und gar hier bleiben, mein Sohn. Aber hast Du nicht sonst 185 noch etwas zu sagen? Wenn Du das Ehrerbiethige vielleicht noch nachbringen könntest, mag seyn, daß es zu Deinem Besten geriethe.« »Freylich, Vater, kann und will ich das. Bedenkt doch nur selbst, ob es zu Euern Ehren geriethe, wenn Euer Sohn unter eines fremden Mannes Aufsicht, und zwar mit eines halben Schiffes Antheil nur, in die Welt hinaussegelte, während Oenundur, der priesterliche Hausvater, seinem kecken Sohne Rafn, welchen sie den Skalden nennen, ein Schiff für sich allein ausgerüstet und ihm den unbeschränkten Oberbefehl darüber anvertraut hat. Nein, wahrhaftig, um den Preis der ganzen Welt möcht' ich nicht, daß mein Vater dem priesterlichen Oenundur nachstände.« »Sieh einmahl«, sprach Illugi, seltsam lächelnd, »da willst Du mich wohl gar mit freundlich holden Redensarten fangen! Aber das kleidet Dich nicht, mein wilder Gunlaugur. Wisse nun Du auch Deinerseits: Um den Preis der ganzen Welt möcht' ich es nicht, daß wer mit Recht behaupten könnte, Illugi habe irgend einem Andern etwas nachgemacht. Mein Sohn, unsre Südlandsfahrer haben in den fernesten und häßlich heißesten Mittagslanden Bestien 186 gefunden, welche man Affen nennt. Das sind schwarze, gräuliche Dinger, aber doch uns Menschen ähnlich – etwa wie es die Saga von den spuckenden Schwarz-Alfen singt. Wenn nun ein Mensch lebhafte Geberden macht, sey es in Lieb oder Zorn, in Lust oder Leid – gleich ist Meister Aff hinterher, und thut es ihm nach, und pflegt dabey auf ganz abscheuliche Weise zu grinzen, so daß man fast ein Grauen vor dem eignen Thun und Schaffen empfinden möchte. Siehst Du? So häßlich ist das Nachmachen. Jeder hübsch auf seine angeborne Art, die ihm selbst gehört, und keinem Andern. Du sollst mir also nicht in die Welt hinausfahren, wie der Oenundursohn, sondern wie der, welcher Du bist, der Illugisohn. Ist Dir das nun so recht?« Und sich ehrerbiethig neigend, sagte Gunlaugur: »Bestimme Du das Wie und Wann, mein edler Vater. Das Ausrichten ist alsdann an mir.« Da sprach Illugi: » So bist Du mein wack'rer Knab! Ein halber Mondwechsel und ein paar Nächte drüber, so viel mag wohl noch vergeh'n, bis ich Dein Schiffgeräth in Ordnung habe. Dann aber fahr hinaus und zeig' Dich groß und mild und stark und klug an fernen Küsten.« »Das will ich, herzenslieber Vater!« 187 entgegnete Gunlaugur. »Und darf ich bis dahin auch des edlen Myramannen Thorstein Gehöft noch recht oft besuchen? Es ist nur, um mich gehörig in der Rechtskunde zu üben. Denn darin – wie ich vernommen habe – erwarten die Fremden von uns Isländern eine ganz absonderliche Gelahrtheit.« »Reite nur hin!« sagte Illugi. »Mir ist das ganz lieb.« Und ohne sein Pferd erst in den Stall zu zieh'n, saß Gunlaugur wieder im Sattel, sagte: »Grüßt mir die Mutter schönstens!« und sprengte dann gleich nach Borgarfiörde zurück. 188     Sechs und zwanzigstes Kapitel. Als Gunlaugur vor seinem edlen Meister Thorstein erschien, waren Beyde viel freundlicher gegeneinander gesinnt, als um einige Stunden früher. Eine ähnlich mildernde Ausgleichung pflegt wohl überhaupt manchmahl ganz unversehens unter uns Menschen statt zu finden. Ja, erfahrne Leute haben schon behaupten wollen, es wäre ohnedem gar nicht auszuhalten auf der Welt. So viel ist gewiß: Thorstein und Gunlaugur gingen seit jenem Tage lange vergnüglich nebeneinander durch's Leben, ohne daß von der Hauptangelegenheit, welche zwischen Beyden zu verhandeln war, etwas Deutliches zur Sprache gelangen konnte. Da fragte unter Anderem einmahl Thorstein seinen jungen Gast: 189 »Willst Du mit mir ausreiten, meine Stutereyen in Langawas-Thal zu beseh'n?« »Recht gern!« sprach Gunlaugur. Und sie ritten mitsammen dahin. Sie fanden sehr schöne Pferde, und das beste Roß aus ihnen both Thorstein seinem jungen Gast zum Geschenk an. Da entgegnete aber Gunlaugur wehmüthig – denn er dachte nun daran, daß er bald auf sehr lange Zeit aus Schön-Helga's Nähe scheiden sollte, und ohne ihr verlobt zu seyn: »Behaltet Euer schönes Roß. Was soll damit ein Mensch, der bald das hölzerne Seeroß besteigen wird, um damit nach den fernsten Gegenden hinauszuschiffen, auf Nimmerwiederkommen vielleicht! Behaltet Euer schönes Roß,« »Ey,« sagte Thorstein ganz verwundert, »so ist es denn wirklich Ernst mit der Gunlaugur'sfahrt? Schon manchen kühnen Menschen, Greis oder Mann oder Jüngling, sah ich von uns'rem Eiland in die fremde Welt hinaussegeln. Und dann waren solche Leute Mondenlang vorher geschäftig, ihr Schiff zu bereiten, ihre Waaren einzukaufen und einzuladen, und ihre guten Waffen zu schleifen. Ihr dagegen findet Tagelang Zeit, mit meiner Tochter Helga Schachtafel zu 190 spielen, oder ihr Lieder vorzusingen, und was es der ehrbarlichen Zeitvertreibe in meiner Halle sonst noch gibt. Legt's mir für keine Unhöflichkeit aus, daß ich als Hofbesitzer Euch daran erinnere. Ihr wißt, Ihr seyd willkommen an meinem Herd, und gern geseh'n zu jeder Stunde. Nur was Eure Meerfahrt betrifft, da muß ich Euch bekennen: Ich hätte mir den raschen Illugi'ssohn dabey munt'rer und thätiger gedacht.« – Gunlaugur sagte mit verfinsterter Stirne: »Denkt über mich, wie Ihr könnt und wollt. Lieber wäre mir's: günstig. Ob es aber auch ungünstig sey, ich muß es mir gefallen lassen und mich d'rein finden. Was jedoch meine Vorbereitung zur Fahrt betreffen will, so erwäget: Mein Vater hat das Schiff zur Hälfte für mich erkauft und belastet. Oedun, der Eigner, übernimmt den Bau und die Einschiffung zu vollenden. Thorkill, den ich damahls wegen der Erbschaftsache vertrat, will mich begleiten und für Alles sorgen, was noch etwan rückständig wäre. Da wär' ich doch also wohl ein rechter Thor, wenn ich mir die letzten freudigen Stunden auf der lieben Vaterlandsinsel mit unnützen Sorgen 191 verkümmerte. Nicht wahr, mein edler Meister, Ihr seyd der Meinung auch?« »Wir wollen's künftig näher in Erwägung ziehen!« antwortete Thorstein. »Für jetzt aber wollen wir noch Eins meiner and'ren Gestüte mitsammen beseh'n.« Sie ritten hin. 192     Sieben und zwanzigstes Kapitel. Da war ein vorzüglich edler Hengst, jung, ungebändigt, herrlich, von silbergrauer Farbe, ein Abkömmling von Sigurd Schlangentödters Grani. Und Thorstein sagte lächelnd: »Du schaltest Deinen silbergrauen Granis-Enkel, o Gunlaugur, daß er sich damahls habe von einem Knechte bändigen lassen. Ja, Du kannst es überhaupt an dem sanften Thiere nicht leiden, daß es sich allzuleicht jedwedem Menschen unterordnet. Da findest Du an diesem Granis-Enkel hier ein weit and'res Geschöpf. Der läßt sich von Niemanden bändigen, als der ein Held ist, oder doch einer werden soll. Wollt Ihr's einmahl mit ihm versuchen?« »Habt Ihr es schon mit ihm versucht?« fragte Gunlaugur. Da ward der Thorstein vor Unwillen ganz roth, und sagte: »Das bedarf der Frage nicht. 193 Aber ich bin des Rosses Herr, und hab' es gepflegt von seiner Jugend auf, so daß damit für meine Heldenkraft eben gar nichts bewiesen wird. Mir leistet es lieblichen Gehorsam, wie jedes eben nicht undankbare Ding seinem Pfleger zu leisten gewohnt ist. Aber Ihr, mein kecker Jüngling, versucht einmahl Ihr Eure Kraft und Kunst an dem Granis-Enkel. Dort hängen Sattel und Gebiß und Zügel. Wer dieses Pferd zu reiten gedenkt, muß auch selbst verstehen, es zu gürten und zu zäumen.« Gunlaugur machte sich an die edle Arbeit. Das Roß, so wie es den Jüngling in die Koppel treten sah, Hauptgestell und Sattel in den Händen, trabte zornig wiehernd und schnaubend gegen ihn heran. Gunlaugur ließ sich dadurch nicht stören, sondern schritt geradezu vorwärts, weder langsamer, noch schneller; davor stutzte das Pferd, blieb stehen, und sah ihn aus den großen rollenden Augen verwundert an. Jetzt trat Gunlaugur nahe hinzu, legte den Sattel einstweilen auf die Erde, und nahete sich mit Zaum und Gebiß dem Haupte des Rosses so unbefangen, als gelte es das Aufzäumen eines längstgebändigten und vollkommen rittigen Thieres. Und darüber kam es dem silbergrauen 194 Granis-Enkel so vor, als müsse es in der That so seyn. Vor streckte er den zierlichen Kopf mit den Flammenaugen und dampfenden Nüstern, und neigte den schlanken, mähnenumwalleten Hals, so daß Gunlaugur ihm bequem das Hauptgestell anlegen konnte. Aber als er nun die Kinnkette anzieh'n und einhäkeln wollte, fest und sorgsam, wie sich das für einen verständigen Reitersmann gebührt, da hub der Silbergraue zu schäumen und zu wiehern und zu hauen an, daß es darnach aussah, als wolle er sich nun für seine Unabhängigkeit sehr zornig wehren. Dennoch gelang dem Jüngling dieß Geschäft. Aber als er sich nun bückte, den Sattel aufzuheben, stieg das Roß auf den Hinterbeinen riesig hoch empor, und hieb im Wiedervorwärtssprunge gewaltig, daß es der ganzen Ringfertigkeit Gunlaugur's bedurfte, um nicht eine schwere Kopfwunde zu empfangen. Auch rief Thorstein in dem Augenblick: »Laß ihn los, mein Jüngling! Laß ihn los! Was ist an des tollen Gaules Bändigung gelegen? Ich bitte Dich, laß ihn los!« Doch daran war nicht mehr zu denken, und hätte Schön-Helga selbst es gerufen. Den Sattel warf Gunlaugur von sich, die Zügel über des Pferdes Nacken, und eh' sich das zürnende Geschöpf es versah, hatte sich 195 der Jüngling auf dessen Rücken geschwungen. Jetzt ging ein tolles Jagen und Toben los. Denn trotzend gegen Zaum und Gebiß rannte der Silbergraue mit seiner unwillkommenen Last wie rasend in der Koppel umher, und Gunlaugur, fühlend, dieser Wildheit seye für jetzt noch nicht zu widerstehen, hielt sich nur eben fest im Sitz, und bog sich bisweilen mit anmuthiger Leichtigkeit rechts oder links, um dem wüthig werdenden, oft schon halb ausgleitenden Rosse einiges Gleichgewicht zu sichern. Das gab ein so hübsches Schauspiel, daß Thorstein aller damit verbund'nen Gefahr seines jungen Freundes vergaß, und fröhlich aufmunternd in die Hände schlug. Da wandte sich endlich der Silbergraue gegen den hohen Plankenzaun der Koppel, als wolle er mitsammt seinem Reiter hinübersetzen. Und: »Halt!« rief der erschrockene Thorstein. »Um des Himmelswillen, halt!« Auch stand das verwilderte Thier von selber, vor der Höhe des Sprunges erschreckt und wieder zur halben Besonnenheit gebracht. Aber Gunlaugur trieb es zürnend an, und rief dazwischen: »Memme schelt' ich dich, Granis-Enkel, wenn du nicht ausführst, was du gedroht hast! Flieg hinüber, oder heiß eine Memme!« 196 Und von Ruf und Reiterkunst gestachelt, flog das Roß über das Gehäge, jenseit desselben mit seinem Reiter verschwindend. Es mochte in die Kniee gestürzt seyn. Aber bald wieder emporgerissen und emporgestachelt von Zügel und Sporn, erschien es auf's neue am Bohlenzaun, trug seinen Reiter zurück in die Koppel, und dießmahl mit vollkommen glücklichem Sprunge, so daß es, nach aller edlen Sitte gezügelt vor Thorstein Halt machte, Kraft und Gehorsam offenbarend im gleichen Maß. Gunlaugur sprang ab, und sattelte das edelbesiegte Pferd, welches sich von seinem jungen Reiter nun alles in würdiger Nachgiebigkeit gefallen ließ. Da schlug abermahl vor großen Freuden Thorstein in die Hände, und sagte: »Nun, so bitt' ich Dich doch aus ganzem Herzen, behalte Dir das edle Geschöpf, welches Du so trefflich gezähmt hast.« Aber Gunlaugur, statt aller Antwort, sattelte den Silbergrauen wieder ab, und zäumte ihn auch ab, gab ihm dann einen leichten Schlag auf den Rücken, und ließ ihn in die Koppel wieder hinlaufen, wie er ihn gefunden hatte. Ärgerlich biß Meister Thorstein die Zähne übereinander. Gunlaugur schien nichts davon 197 zu bemerken; oder wenigstens beachtete er es nicht. Ruhig ging er nach seinem eignen Pferde, welches er in der Nähe angebunden hatte, saß auf, und sprach ganz unbefangen: »Was steht Ihr denn so in Gedanken? Ihr seyd wohl müde. Wartet, ich will Euch Euer Roß hohlen, und Euch beym Aufsitzen helfen.« Aber Thorstein entgegnete mürrisch: »Müde. von einem so kurzen Ritt! Ich dachte gar. Und mein Roß ist mir gehorsam genug. Das braucht mir Niemand erst vorzuführen; noch minder aber braucht mir Jemand beym Aufsitzen zu helfen.« Damit saß er schon im Sattel, und Beyde ritten in verdrießlicher Schweigsamkeit mitsammen ihres Weges. Endlich fing dennoch Thorstein zuerst zu sprechen an. Er sagte: »Was fiel Dir ein, und warum kamest Du Dir zu vornehm vor, als daß Du den Silbergrauen aus meiner Hand zum Geschenk angenommen hättest?« »Es ist nicht eben das!« entgegnete Gunlaugur. »Es ist nur, weil Ihr im wunderlichen Eigensinn mir immer das versagt, warum ich Euch bitte, und mir dagegen dasjenige aufdringen wollt, was ich nicht haben mag und nicht brauchen kann.« 198 Finster antwortete Thorstein: »Ich glaube wahrhaftig, Du bildest Dir noch immer ein, ich solle Dir meine Tochter Helga verloben.« »Versteht sich!« sagte Gunlaugur. »Und das ist ein sehr hübsches Bild, was ich mir da einbilde. Wenn ein Mensch nicht solche Bilder mit sich herumführte, wäre das Leben ein ziemlich langweilig albernes Ding.« »So!« sagte Thorstein. Aber ohne sich jetzt auf mehr einzulassen, spornte er sein Pferd zum raschen Trabe, Gunlaugur immer neben ihm her. Wie sie an den Fluß Lango kamen, mußte Thorstein langsamer zu reiten anfangen, denn da geht der Weg sehr steinig und schmal stromnieder, so daß ein vorsichtiger Reiter nicht jagen darf, und auch nicht einmahl beym Schrittreiten von aller Gefahr entledigt ist. Da fing Gunlaugur wieder zu sprechen an, und der Beyden Rede gestaltete sich folgendermassen: »Wissen will ich nun, was Du, Meister Thorstein, mir auf mein gutes Wort wegen Deiner Tochter Helga zu erwiedern gedenkst.« »Freund Gunlaugur, ich habe mehr zu thun, als auf Deine Späße zu achten.« »Es ist aber mein voller Ernst, und ich spasse 199 gar nicht. Da mußt Du also wissen, was Du antworten willst.« »Das weiß ich, Gunlaugur. Du aber sollst vorerst wissen lernen, was Du selber willst. Machst Dich ja fertig zur Ausfahrt in die weite Welt hinaus, und stellest Dich dennoch an, als ob Du ein Weib heimführen wolltest! Nimmer kannst Du Dich meiner Helga gleichstellen, wenn Du von so unentschlossener Art und Weise bist. Und überhaupt hat Deine ganze Werbung um eine Jungfrau, wie meine Tochter, weder Geschick noch Hoffnung.« – »Nun, Meister Thorstein, wem denn gedenkest Du nur Deine Tochter zu verloben, wenn Du sie nicht dem Sohn Illugi des Schwarzen verloben möchtest? Gibt es wohl irgend Einen in der Gegend von Borgarfiörde, größeren Nahmens, als ihn?« – »Ey, Gunlaugur, ich will just kein Ausstellen halten von Mann gegen Mann, um den Preis der Würde und Trefflichkeit und Kraft. Man hat das wohl oft so versucht in unseren Nordlanden, wo es entweder einen schönen Preis galt, oder sonst Verlangen nach Ansehen und Ruhm. Aber ich verspüre keine Lust in mir dazu. Nur allzuhäufig hieß es dabey:« 200 »Anfang schön und muthig, Ende grimm und blutig.« »Gott bescher' Euch dennoch solche Lust, Thorstein. Mir wäre nichts lieber, als auf diese Weise um Eure schöne Tochter zu werben. Weit lieber, als so, mit vielen Worten meinerseits, verdrießlichen Worten Eurerseits zu begegnen, oder einem noch verdrießlicheren Stillschweigen gar.« – Und wirklich auch ritt Thorstein wieder ganz verdrossen und schweigsam weiter. Da sagte Gunlaugur: »Siehe, zöge nun ein Mitbewerber um Schön-Helga neben mir her, da würde ich zu ihm sprechen: Thue mir nach, was Du mich thun siehst, wenn Du Schön-Helga's werth seyn willst!« Und damit zwang er sein Pferd auf dem schmalen Pfade fort, durch das Steingerüll hinunter in die schäumige Flussesbahn, und tummelte es drinnen herum, bald schwimmend in der Tiefe, bald klimmend an dem glatten Klippengestein, und kam dann endlich auf einem schroffen Fußsteig, für das Tränken der Ziegenherden bestimmt, wieder zu seinem Gefährten auf den gewöhnlicheren Pfad zurück, er und sein Roß triefend von Wasser und Schweiß. »Glaubst 201 Du, Meister Thorstein,« fragte er, »daß mir viele Jünglinge diesen Ritt nachthäten zu Schön-Helga's Ehre und Preis?« »Wer kann das wissen!« erwiederte Jener. »Hier auf dem Eilande gibt es noch viele der kühnen und trefflichen Jünglinge zur Auswahl. Da hat zum Beyspiel auf Raudamaal ein Hausvater, mit Nahmen Thorfinnur, seinen Sitz. Um den blühen sieben rühmliche Söhne her, Alle schön und gut, und wahrlich gegen keinen Jüngling zurückzustellen in aller Welt.« »Ich weiß nicht, ob ich's den sieben Jünglingen abgewönne;« sprach Gunlaugur. »Doch könnte das wohl geschehen. Das aber weiß ich gewiß, der sieben Jünglinge Vater gewinnt es dem Gunlaugur's Vater nicht ab. Denn beyde Väter hatten schon bess're Gelegenheit, als ihre Söhne, mit Spruch und That zu zeigen, wer sie sind.« Und damit hub er folgenden Gesang an: »Von Thaten will ich Euch singen!     Von Illugi, dem Vater mein!     Gern geben die Klippen ihr Klingen     Des Wiederhalls mit darein. Die Flusseswogen, sie rauschen,     So frisch zu dem Sange gesellt. 202     Die Meereswogen, sie lauschen,     Und tragen ihn fern in die Welt. Merk' du auch auf. Der Killiakur,     Das war ein Kämpfer so groß.     Und wenn er im Zorn durch die Gauen fuhr,     So bebte der Insel Schooß. Er hinterließ ein gewaltig Geschlecht,     Die Killiakungen genannt,     Und wer die jemahls bestand um Recht,     Der fühlt ihre zornige Hand. Ihr mächtigen Killiakungen,     Nicht alles im Land ist Gesträuch.     Wohl Bäume gibt's, herrlich entsprungen,     Und droh'nd mit den Ästen nach euch. Ihr schuldet dem wackern Illugi viel Gold,     Und höhnt: »Das zahlen wir nicht.«     Da sprach er: »Wenn ihr nicht wollt ihr sollt! «     Und mahnte sie keck vor Gericht. Die Tagfahrt sah man begonnen,     Sah hundert Richter bereit,     Recht spähend aus Wahrheitsbronnen,     Nicht Menschen zu Gunst noch zu Leid. Das merkten die Killiakungen,     Und dachten im grimmigen Muth:     Wird Recht nicht durch Schrecken bezwungen,     Bezwingen wir's endlich durch Blut. Ihr hundert Richter, ergrausend     Bald schweigen im Blut eure Zungen! 203     Wir führen in's Richtfeld tausend     Geharnischte Killiakungen. So haben sie sich's mitsammen erdacht     In schweigender Kammern Umfange.     So haben sie manchmahl auch prahlend gelacht –     Und manch einem Richter ward bange. Da sprach der Illugi, und lachte:     »Sie prahlen mit Mannschaft viel.     Ich dachte, sie prahlten was sachte!     Sie sind ja noch gar nicht am Ziel. Wohl sind ihre Richter zur Stelle,     Doch nicht ihre Mannen zumahl.     Dazwischen braust manche Welle,     Und mindert vielleicht die Zahl. Dazwischen weht mancher Sturmeswind.     Wer kennt die Stürme so recht?     Die sind so launig, wie Menschen sind,     Und machen's nicht aller Welt recht.« Da ging der Illugi zum Strand hinaus,     Zum Strand so nächtig und fern.     Man sagt, er hätt' mit dem Wogengebraus     Gered't, und mit Mond und Stern. Wer mag so genau es wissen?     Illugi hat's keinem gesagt.     Doch Wolkenschleier – die rissen.     Und Wellen – die wurden gejagt. Und Sterne – die grinzten durch's Wolkengeflecht     Und Mond – der ward roth, wie ein Brand. – 204     Und die Killiakungen standen zu Recht,     Nicht stärker, als and're bemannt. Da war all ihr Trotzen gebrochen.     Frey hielten die Richter Gericht.     Und frey hat Illugi gesprochen,     Und jegliches Wort war ein Licht. Und klar, wie in Siegesfackeln, stand     Illugi's heiliges Recht.     Und die Stolzen wurden zum Zahlen gebannt,     Und zahlten, und so war's recht. Doch als nun die Becher, geschwungen,     Hoch kreisten am Tagefahrtmahl,     Da waren die Stürme verklungen,     Da trat ein Both in den Saal. Der Bothe rief: »Killiakungen,     Nun rüstig in jede Gefahr!     Wir haben an's Land uns gerungen,     Und Tausend, die zählt uns're Schar. »Wohlauf! Wohlan denn die Tausend!«     So rief es, das stolze Geschlecht.     Die Richter – die standen was grausend.     Illugi – der rief: »In's Gefecht!« Da ward mit Ehren gestritten,     Da ward mit Ehren gerungen.     Illugi hat niedergeritten     Die trotzenden Killiakungen. Er hatte sie ganz und gar zerschellt.     Da trat ein Priester mit ein, 205     Und rief vermittelnd: »Halt, du Held!« –     Da hielt der Kampfesreih'n. Seitdem mit Adlerschwunge     Hält Islands Recht den Sieg.     Denn ruft wer: »Killiakunge!«     Ruft ein Illugi: »Krieg!« »Es ist nicht zu leugnen;« sagte Thorstein. »Euer Vater hat Großes erstritten an jener Tagefahrt! Großes für das gesammte isländische Recht, und zwar mit Zunge sowohl als mit Hand. Aber man darf doch fürwahr nicht anderer wackern und ehrbaren Leute Handelsweise darüber vergessen. – Ich will Dir auch einmahl ein Lied singen.« Und damit stimmte er das folgende an: »Mit Steinar's Au zusammen     Stieß Thorstein's Wiesengrün.     Dem Steinar schwoll in Flammen     Sein Muth oft überkühn.     Der sprach: »Mein Vieh soll weiden     Auf Thorstein's grünem Grund.     Und will es der nicht leiden,     Wird wohl mein Schwert ihm kund.« Der Thorstein wies erst ruhig     Die fremden Herden fort, 206     Und sprach: »Wohl Schlimm'res thu' ich,     Gras't ihr nochmahl am Ort.«     Die Herden kamen wieder.     Da hieb mit keckem Muth     Thorstein den Hirten nieder,     Recht in sein Todesblut. Da blieb es etwas stille,     Da schien zur Ruh' gebracht     Der wilde Steinarswille.     Doch, Thorstein, gib gut Acht!     Steinar nimmt einen Riesen     Zum Hirtendienst derweil,     Schickt ihn auf Thorsteins Wiesen,     Schenkt ihm ein scharfes Beil. Das sollte klar bedeuten,     Auch wohl ward's ihm gesagt:     »Ob wer von Thorsteins Leuten     Dich rückzudräuen wagt,     Hau drein, als wären's Kälber,     Schlag todt sie allzumahl.     Und käm' auch Thorstein selber –     Zeig' ihm, scharf sey dein Stahl!« Sanft ließ ihn Thorstein bitten:     »Du Mensch mit keckem Blick     Und überlangen Schritten –     Die Schritte kehr zurück.«     Der höhnt den Abgesandten.     Thorstein läuft zum Gefecht. 207     Die Kampfesschläge brannten.     Todt lag der Steinarsknecht. Da schickt durch einen Bothen     Ihm Steinar Drohung zu,     Um die zwey blut'gen Todten.     Der Thorstein lacht: »Ey du!     Sag' deinem Herrn – schickt wieder     Auf meine Au zurück     Er seine Hirten – nieder     Streck' ich sie, Stück auf Stück!« Das wollte Keiner wagen,     Auch selbst der Steinar nicht.     Der wollte lieber klagen     Um Recht vor dem Gericht.     Auch da hat überwunden     Der Thorstein seinen Feind. –     Sag, was zu solchen Kunden     Dein kühner Geist wohl meint!« Er hielt inne, vermuthlich eine bewundernde Antwort erwartend. Gunlaugur aber sagte gar nichts. Endlich hub Thorstein wieder an: »Nun? – Wird es? – Deine Meinung will ich wissen.« »Euer Lied war recht regelrecht, Meister Thorstein!« 208 »Ja freylich. Viel regelrechter als Dein wilder Waldgesang.« »Mag seyn. Aber mein wilder Waldgesang gefällt mir besser. Jeder hat nun so einmahl seine Art.« »Gewiß, Freund Gunlaugur. Und Dein und Deinesgleichen Knabenlieder können nur noch von der Väter Thaten handeln. Mein und Meinesgleichen Gesang schallet von eigner Heldenthat.« »Oho, Meister Thorstein, ich bitt' Euch! Heldenthat – das ist schon ein sehr großes Wort. Und dann – aber wollt Ihr mir's auch nicht übel nehmen?« »Nein!« »Gewiß nicht? Denn Euch möcht' ich eigentlich ungern erzürnen.« »Ach nein doch! Nein! Aber wisse nur, das ist ein recht ungeschickter Eingang. Damit kann man seinen besten Freund verdrießlich machen. Frisch heraus, vom Herzen weg!« »Recht gern. Ihr wißt ja auch, es ist eigentlich meine Art so. Seht, erstlich hab' ich es lieber, wenn man es andern Leuten überläßt, daß sie Lieder von unsern Thaten ersinnen und austönen. Die eig'ne Arbeit ist doch dabey nur 209 unnütze Mühe, denn die Leute glauben höchstselten, was man von sich selber absingt. Ich aber, Meister Thorstein, ey, was habt Ihr denn mit Euerm Gaul? Ihr wolltet ja nicht unwirsch werden, und wahrhaftig, nun kommt eben das Beste von meiner Rede. Ich glaub' Euch alles auf's Wort. Nur hab' ich schon sonst von der Geschichte reden und singen hören. Und da weiß ich denn wohl: Euer kühner Vater Eigill, der Skallagrimursohn, lebte damahl noch, und sein Ansehen auf der Insel hatte großen Theil daran, daß der Handel so günstig für Euch ablief. Das hättet Ihr hübsch mit erwähnen sollen im Gesange. Lieber ein Bischen minder sich selbst genannt, und ein Bischen mehr die großen Väter. Das klingt gut.« »Willst Du mir Vorschriften geben, wie ich meinen Ruhm gestalten soll?« »Ey, nicht eben das! Aber natürlich, da Ihr mein Schwiegervater werden sollt, liegt mir auch viel daran, daß die Leute möglichst gut von Euch sprechen. Und zudem bin ich Euch überhaupt von Herzen gut. Sagt, wollt Ihr mir denn wirklich durchaus nicht Schön-Helga zur Braut schenken?« Zürnend wandte sich Thorstein ab und schwieg. 210 Da glüheten Gunlaugur's Augen und Wangen unwillig auf, daß man es sogar durch die Abendfinsterniß hin hätte wahrnehmen mögen, und er sagte: »O es gibt wenig Leute, denen zu rathen wäre, daß sie die Verschwägerung mit mir so hochmüthig verwürfen!« Thorstein aber entgegnete voll edlen Stolzes: »Wenn Du am Drohen Lust findest, so suche Dir Wirthe, wie jenen Oedgill, dessen ungeschlachten Knecht Du erschlugest. Am Herd eines Myramannen aber mit Drohworten zu übernachten, das müßtest Du Dir vergehen lassen, obgleich Du mir sonst immer von Herzen willkommen bist.« Gunlaugur neigte sich, und blieb stille. Er fand für dießmahl keine Lust zu seinem gewöhnlichen trotzigen Wesen in seiner Seele, denn er wollte so aus ganzem Herzen gern Schön-Helga noch an diesem Abende wiedersehen, und da ritten die zwey Gefährten ganz friedlich mitsammen in Thorstein's Gehöfte ein. 211     Acht und zwanzigstes Kapitel. Der häusliche Abend wollte dennoch nicht so schön werden, als es wohl mancher frühere schon geworden war. Es lag etwas Ahnendes, der Gewitterschwüle vergleichbar, auf jeder Brust in der Halle. Mutter und Tochter arbeiteten so sehr fleißig, und Wirth und Gast blickten so sehr ernst auf ihre Becher, ohne sie doch oft zu leeren. Es war, als wöben Jene an einem Schicksalsgewebe, und wollten Diese in dem Tranke magische Bilder erschauen, wie aus Mimer's weissagenden Bronnen herauf. Einzelne Sprüche ließ wohl abwechselnd Jedes dazwischen fallen. Aber sie blieben meist unerwiedert, verhallend wie der sparsame Tropfenfall von der Decke unterirdischer Berghöhlungen, 212 Abgeschiedenheit und Schweigen nur trüblicher noch kund gebend. Vergeblich hoffte Gunlaugur, irgend einen holdseligen Blick Schön-Helga's für sich zu gewinnen. Die lieben Augen blieben gesenkt, ohne auch nur ein einzigesmahl in sonst gewohnter Heiterkeit empor zu tauchen. Selbst bey dem Bewillkommungsgruß, war es nicht besser damit für Gunlaugur ergangen, und so dachte er endlich in seiner trüben Ungeduld: »Ich will nur machen, daß mir der Gutenachtgruß bald zu Theile wird. Vielleicht sieht sie dabey freundlicher aus. Und thut sie das nicht – nun, da reit' ich alsbald von hinnen, und besteige dann rasch meines Schiffes Bord, und sehe nicht Helga, nicht Vater, nicht Mutter, nicht Island, und am allerwenigsten den Meister Thorstein je in meinem Leben wieder. Aus meinen Thaten von fernherüber mag Schön-Helga – nein, so hab' ich sie lange genug im treuen Hoffen geheissen! – mag Helga dann einst bereuend vernehmen, welch einen Helden sie von sich gewiesen hat!« Er stand auf, und wünschte gute Nacht, zugleich erklärend, ihn rufe ein wichtiges Schaffen morgen in aller Frühe aus dem Gehöfte fort. Schön-Helga neigte sich sittig grüßend sammt 213 den Andern. Aber sie sahe nicht auf. Gunlaugur wandte sich noch einmahl an der Thüre um. Schön-Helga suchte nach dem ihr entglitt'nen Weberschiffchen am Boden, und sahe nicht auf. Da murmelte Gunlaugur, die Halle verlassend, unhörbar in sich hinein: »Nun dann! so such' auch ich mein Schiff! Mein Seeschiff! Mein hölzernes Meer-Roß! Und hoffentlich find' ich es eben so schnell auf, als das zimperliche Fräulein dort ihr Weberschifflein finden mag.« Und rasch hatte er seinen Renner bestiegen, und rascher, als noch je er von Thorsteins Gehöfte weggeritten war, spornte er den Gaul von hinnen. Sie hörten von d'rinnen sein wildes Jagen, und Schön-Helga seufzte leise dazu. Thorstein sagte mürrisch: »Der Bursch ist ein Narr!« Gunlaugur aber jagte nicht etwa nach seinem Schiffe, sondern nach seines Vaters Gehöfte; wie es ihm vorkam, unversehens, durch ein ihm sonst gar nicht gewöhnliches Verirren. Und wie er so nach einigen nachtdurchtrabten Stunden seinen Vater schon wach fand unter den Bäumen vor dem Hause, und die erwachenden Morgenlichter so fröhlich durch das Laub funkelten, sprang er vom Rosse, fiel dem Vater um 214 den Hals, und sagte: »Ach, vordem, wenn mich diese Schimmer als Knaben bestrahleten, war ich immer so sehr vergnügt!« »Und warum wärest Du es heute nicht eben so?« fragte Illugi der Schwarze. Da klagte ihm Gunlaugur sein ganzes Leid, und der Vater sagte: »Was wäre denn daran so Schlimmes? Freylich muß es vernünftigern Leuten als Du bist, und dem gemäß auch dem Thorstein, sehr toll vorkommen, daß Du in selber Zeit Dich der See verloben willst und einer Braut! Ein Schiff in die wundersame Ferne hinauslenken, und zugleich daheim Dich ansiedeln zu holder Häuslichkeit! Das freylich auf einmahl kommt sehr verrückt heraus.« »Ich aber,« sagte Gunlaugur trotzig, »will mich durchaus mit Schön-Helga verloben, und auch verheirathen mit ihr, und zu gleicher Zeit will ich auch hinaus segeln in die weite Welt. Kann ja doch Schön-Helga mitfahren, wenn sie Lust hat.« Illugi schüttelte den Kopf. Doch sagte er: »Wohlan! ich will mir ein Pferd satteln lassen, und hinreiten, geziemend für Dich zu werben. Und Du sollst mitreisen. Und was gilt es, ich stelle Dich bey uns'rer Heimkehr als Schön-Helgas Bräutigam der Mutter und den Geschwistern und Hausleuten vor!« 215 Da sahe Gunlaugur seinen Vater voll staunenden Dankes an, und voll seliger Hoffnungen, und sprach endlich: »Was auch immer ein junger Bursch sich Großes einbilden mag, es ist und bleibt doch wahrhaftig wahr: Die Ältern sind um Vieles klüger als die Kinder!« 216     Neun und zwanzigstes Kapitel. Meister Thorstein mochte es sich wohl nicht vorgestellt haben, daß Illugi der Schwarze gleich nach wenigen Stunden als Freywerber für seinen Sohn angeritten kommen würde. Und doch hatte Meister Thorstein seine eig'nen Kinder ausnehmend lieb, und hätte wohl mindestens eben so viel für jedes von ihnen gethan. Aber der Mensch pflegt sich von andern Menschen selten einzubilden, daß sie in vorkommenden Fällen just eben so thun würden, als er. Und eben darum wird man so oft aneinander irre, und verwundert sich dann sehr unnöthigerweise. Meister Thorstein also ward auch von Illugi's Ankunft sehr überrascht; vorzüglich da er den wilden Gunlaugur gleich mit in seines Vaters Gefolge herankommen sahe, welches aus zwölf sehr stark und schön gewappneten Reisigen 217 bestand, gleichsam, als gäbe es nun keine andere Lösung des Verhandelns mehr, als: » Ja! « von der einen Seite, oder: » Krieg! « von allen beyden Seiten. – Thorstein zeigte, wie billig, seinen Gästen ein freundliches Gesicht, und dachte dazu gar ehrbar bey sich: »Zwingen soll mich ein Gast zu gar nichts. Und wär' er mir auch übrigens lieb, wie Helga's und meiner Frau und mein eig'nes Leben zusammengenommen. Doch gäb' es ihrer auch hundert, bewirthen will ich sie, so lange sie sich höflich aufführen, von ganzem Herzen gern!« Die Gäste jedoch hatten nur kaum den Ehrentrunk eingenommen; da fing Illugi schon folgendermassen zu sprechen an: »Gunlaugur hier, der mein Freund und mein Sohn ist, erzählt mir, er sey als Freywerber vor Dich getreten, Dich um Deine Tochter Helga zu bitten. Und nun will ich wissen, wie das Ding ein Ende nehmen soll. Sein Geschlecht und dessen Besitzthum mußt Du kennen. Du weißt: ich hab' ein Gutwort mit d'rein zu reden, wo über irgend wichtige Sachen auf unserem Eilande verhandelt wird, und übe nicht nur Hausvaterrecht an meinem Herd, sondern auch Priesterrecht, sobald es mir einfällt. Das vermag ich 218 so gut, als jener berühmte priesterliche Wehrfester Oenundur auf Mosfelli, dessen kühner Sohn, Rafn der Skalde, jetzt in die Welt hinausgesegelt ist.« Da rasselten ungestüm klirrend Harnischringe in der Halle zusammen. Und wie man sich darnach umsah, kam es vom Gunlaugur her, welcher die Nahmen des Oenundur und des Rafn überhaupt nicht gut vertragen konnte; minder noch in diesem Augenblick. Und da mußten seine mächtigen Panzerstücke in Erz erdröhnen von den stolzen Bewegungen seines zornigen Herzens und seiner kräftigen Glieder. Sein Vater aber winkte ihm gebiethend zu, und Gunlaugur stand wieder still, daß er anzusehen war, wie eine schöne Eisenrüstung, von menschlichem Geiste noch unbewohnt und unbelebt. Illugi, sich zum Thorstein wendend, sprach weiter: »Da soll nun bey diesem Ehebunde meine Hand nichts sparen, und an keiner Würde noch Herrlichkeit soll es fehlen. Sprich also: Hast Du gegen meinen Sohn Gunlaugur etwas einzuwenden? Oder gar wider unser Geschlecht, o stolzer Myramanne? Aber das hoff' ich doch nicht!« 219 Und da klirrten auch Illugi dem Schwarzen seine Harnischringe stark, und ein gleiches Klirren rasselte durch die Eisenschar seiner Geleiter. Aber Thorstein winkte lächelnd ernst, wie etwan ein Beschwörer, welcher die stürmige See zum Schweigen zu bringen wüßte. Und weil er dabey sehr feyerlich aussah, in seinem schon etwas greisenden, zu beyden Seiten der Stirn schön herabwallenden Lockenhaar, empfand Jedermann tief das heilige Recht des Wehrfesters an seinem friedlichen Herde. Die Panzergebilde standen wieder bewegungslos da. Thorstein sagte: »Dein Knab Gunlaugur wäre mir im Ganzen schon recht zum künftigen Schwiegersohn. Aber höchst ungerathen ist er in Einem Dinge. Nähmlich, er hat keinen festen Rath. Bald dieses will er und bald jenes, und dann will er wiederum jenes und dieses zugleich. Kurz, er ist kein Mann wie Du. Und weil er das nicht ist, so weis' ich ihm sein Freywerbergeschäfte zurück.« Da rasselten Gunlaugurs Harnischringe sehr stark. Und Illugi, ohne diesen Kampfeston abermahl zu hemmen, trat selbst in seinen tönenden Waffen einen Schritt gegen Thorstein vorwärts und sagte: 220 »Noch ist Friede zwischen mir und Dir. Mache, daß der Friede bestehe. Ich denke, das soll Dir das Beste und Wünschenswertheste seyn.« »Drohest Du einem Myramannen?« fragte Thorstein. »Drohest Du einem Myramannen mit Fehde, und meinest ihm abzudrohen sein geliebtes Kind? Du schwarzer Illugi, Du stolzer Gunlaugursvater, was verstummest Du? Ich begehre Ja oder Nein von Dir auf meine strenge Frage.« Illugi entgegnete: »Das ist nicht meine noch meines ganzen Stammes Weise, uns ein Ja oder Nein herauspressen zu lassen. Was? Du bist unwirsch bey dem Gedanken, daß man Dich bedrohe, und im selben Athem doch fällt es Dir, mich zu bedrohen, ein! Du wundersam gesinnter Mann? willst Du Dir Fehde in Haus und Hof ziehen, so künde sie uns an, oder dringe auch meinethalben gleich mit Waffen los auf uns. Dann hast Du die Fehde. Oder willst Du Frieden, so rede freundlich mit uns, wie es ja ohnehin Deine Art gegen die mehrsten Menschen ist. Ausschlagen werden wir nicht. Aber gnaden alle Mächte des Himmels Dem, der uns zum Wiederschlagen zwingt. Warum willst Du überhaupt den 221 Frieden der Insel verstören? Waren wir ja doch mild und sanft als freundliche Freywerber zu Dir geritten. Unnützes Gezänk ist echten Nordlandsmannen ein Gräuel. Friede, Freund Thorstein! Schlag ein in meine dargeboth'ne Freundeshand, und verlobe Dein schönes Helgatöchterlein meinem kühnen Gunlaugur!« Thorstein sahe nachdenklich vor sich nieder, und sagte: »Du hast eine seltsame Art zu werben, Illugi. Es ist wohl Freundliches darin, aber auch etwas vom Herben mit dabey.« »Ja, das klingt aus allem Werben auf der Welt hervor!« sagte Illugi mit einem Lächeln, das weit mehr nach Wehmuth aussah, als nach Scherz. »Und selbst in das Sterben drängt es sich noch mit ein. Ja in das Erben sogar! Hast Du schon je eine süße Frucht genossen, ohne herbe Schale?« »Du sprichst nach meinem Sinn;« entgegnete Thorstein. »Wohlan denn! So wollen auch wir dem Süßen das Herbe mischen, Deinem Spruch und unserer aufblühenden Freundschaft zu Ehren. Verheißen will ich meine Tochter Helga Deinem Sohne Gunlaugur, nicht aber sie ihm verloben. Drey Jahre lang soll sie harren, ob der Jüngling wiederkehre von der Fahrt, die er jetzt zu beginnen hat, und auf welcher 222 hoffentlich er so vielerley Menschen begegnen mag, und so mannigfachem Weltgedränge, daß er recht anmuthig heimkehre, vergleichbar einem scharfen, zum blanken Kleinod abgeschliffenen Kieselstein. Kommt er uns aber in dieser Zeit nicht zurück, so will ich sammt meiner Tochter all meines Gelübdes gegen ihn und Dich ledig seyn. Denn alsdann gilt es mir für ausgemacht, er habe sich lieber den wilden Wellen verlobt, als meiner holden Helga, und wolle lieber mit fremden Strandbewohnern in Mord und Kampf und Blutvergießen ringen, als mit mir und meiner Gattinn und meiner Tochter und unserer zahlreichen Sippschaft ein verträglich heimathliches Leben führen.« Da seufzte Gunlaugur sehr schwer, und Thorstein sah ihn verwundert an. Der Jüngling entgegnete dem Blicke mit den Worten: »Ach lieber Meister, Ihr deutet da auf so entsetzlich viel der lieben Leute hin, denen ich zu Gefallen leben soll. Dennoch habe ich Schön-Helga dergestalt lieb, daß ich um ihretwillen auch sogar das versuchen will. Sehet mich nicht so kopfschüttelnd an. Es wird schon gehn. Ihr sagt ja selbst, ich würde bis dahin noch trefflich abgeschliffen in der Fremde. Und wahrhaftig, 223 es ist recht schön und weise von Euch, daß Ihr mich mit der sänftigenden Gewißheit hinausziehen laßt, Schön-Helga sey mir verheißen. Es soll mir gut bekommen in der Schleifanstalt, davon Ihr redet! denn so werd' ich mich wohl in Manches, daraus sonsten nichts geworden wäre, geduldig fügen. Und auch den fremden Küstenlanden mag es gut bekommen. Die haben nun gewiß einen weit verträglicheren Gast an mir, als sie es außerdem zu hoffen hätten.« Da sagte Thorstein mit freundlichem Lächeln: »Du bist mir ein wilder Wunderling, Freund Gunlaugur. Aber ganz eigentlich böse kann Dir wohl nur ein solcher werden, den Du etwa an Ehre, Leib oder Freunden schädigst. Und vollends wer Dich so oft an seinem Herde geseh'n hat, als ich, und bemerken konnte, wie viel der treuen Sterneslichter durch Deines Lebens krause Sturmgewölke ziehen, der thäte ja ärger, als arg, wenn er Dich nicht im Herzensgrunde lieb behielte, was Du auch Seltsames reden oder schaffen magst. Wohlan!« Und er faßte bestätigend Illugi's und Gunlaugur's Hände, und ließ dann Frau Jofridur und Schön-Helga in die Halle bescheiden. Als die beyden schönen Frauengestalten 224 hervortraten, und Thorstein ihnen die Lage der Dinge im leisen Gespräche kund gab, sagte Illugi in seines Sohnes Ohr: »Eine Schwiegermutter hast Du Dir ausgesucht, wie Frigga, und eine Braut, wie Freia, o Knabe! So würde ein Skalde singen, der noch an die alten Götterbilder glaubte, und wie Skaldengesang umtönet es mich vor diesem Anblick.« Gunlaugur flüsterte zurück: »Lieb ist es mir, daß sie Euch gefallen, Vater, und wahrlich, sie verdienen's auch. Aber nehmt Euch mit den Vergleichungen in Acht. Bey der ersten Bekanntschaft wollt' auch ich die zwey schönen Gestalten mit Mond und Sonne vergleichen; natürlich die Tochter mit der Sonne. Aber das wäre mir von Mutter- und Mondesseiten fast übel bekommen. Ein wahres Glück, daß Meister Thorstein mich damahls bey Zeiten mahnte, meine Skaldengedanken für mich zu behalten!« Illugi hätte fast über seinen Sohn gelacht. Aber es sahe doch allzu schön und feyerlich ernst aus, wie der edle Myramanne Thorstein so zwischen den zwey holden Frauengestalten vom Hochsitze der Halle herabgeschritten kam, und nun nach allen schönen Formen des Isländischen Rechtes die Verheißung – aber keinesweges noch die 225 Verlobung – seiner holdseligen Tochter gegen den kühnen Gunlaugur aussprach. Der Bund war geschlossen. Die zwey künftigen Mitväter zechten in der Halle. Frau Jofridur ordnete alles für eine fröhliche Abendmahlzeit an. Gunlaugur und Helga, die zwey einander Verheißenen, saßen beysammen unter einem schattigen Baume des Vorhofes, und ihre seltsam bewegten Seelen erhuben sich, dem Sternenhimmel entgegen, in folgendem Wechselgesange: Gunlaugur . Es tönt – es tönt in mir das Liedeswort, Und will doch nicht aus der Seele fort. Helga . So laß verstummen in der Seele dein Wort, Sieh stumm nach der Sterne seligem Port. Gunlaugur . Wo wär' ich selig, als nur bey dir? Was sollen mir die Sterne! Hier blüh' ich! Hier! 226 Helga . Du blüh'st! Doch giftige Blumen auch Erblühen in des Nachtwindes Elfenhauch. Gunlaugur . Du hältst für eine giftige Blume mich? O brich denn mich tödtend! O Elfe, brich! Helga . Vor Drachen erzittert der Jungfrau'n Hand, Und du bist Drachenzunge genannt. Gunlaugur . Nur Zunge? Das ist noch wenig werth. Im Männerzwist heiß' ich Drachenschwert. Helga . Hu, wie singest du wild! Wie ein Drach' im Streit. Ich weiß nicht: bist du mir lieb oder leid? Gunlaugur . Das weiß ich noch selbst nicht. Im fernen Land Werd' ich dir geschliffen zum Kieseldemant. 227 Helga . Du bist ja so zornig, doch oft auch so hold, Fahr' wohl, kehr' heim als geläutert Gold. Gunlaugur . Leb' wohl, du sprach'st ein recht liebliches Wort. Ich fahre nun hinaus an den waldigen Port.« Und damit war er verschwunden, ohne von irgend sonst Jemanden Abschied zu nehmen, und hatte sein Schiff erreicht. Dort machten die Leute einige Umstände, so rasch in See zu stechen. Aber der Gunlaugur wußte sie schon dahin zu bringen; theils in Güte, theils in Gewalt. Dunkel auf der mondhellen See wogte das Schiff gen Westen hinaus, aber mit Schwanen-weißen Segeln, und silberhell blitzten die über den Bord hinausgereiheten Schilder der Kriegsleute in den Schimmern der Nacht.     Zweytes Buch. Erstes Kapitel. Schon manchen Tag und manche Nacht, bald im günstigen Hauch und bald im Ungewitter, in allen Begegnissen aber frisch und froh und stark, hatten Gunlaugur und seine Gefährten die Fluthen der Nordsee durchschifft. Da sagte eines schönen Mittages der Schiffs-Eigner und Steuermann, der gute Seefahrer Oedun: »Jetzt müssen wir in der Norwegsküste Nähe seyn. Die See indessen geht allzuhoch und schaukelt das Schiff, so daß ich es Niemandem zumuthen mag, den Mast zu erklimmen. Wer aber droben säße, und ein scharfes Auge hätte, und schwindelfreyen Sinn, könnte gewiß in etwa einer Viertelstunde: Land! rufen, und eine Methflasche auf seinem luftigen Sitze leeren, zu 6 Ehren und Vorbedeutung unseres guten Glückes an der Norwegsküste.« »Der will ich seyn!« sprach Gunlaugur, ergriff eine Methflasche, und rannte nach dem Maste zu. Aber da stieß er in seiner heftigen Eil den Fuß gegen einen Schiffesanker, der auf dem Verdecke zum Vorrath lag, und wäre beynahe darüber zu Boden gestürzt. Grimmig sah er umher, wie fragend: »Melde sich der unglückliche Überkühne, welcher mir etwa hier einen Possen gespielt haben mag!« Da er aber sahe, die Sache lag ganz allein zwischen ihm und dem Anker, so riß er diesen von den Tauen, welche ihn umschlungen hielten, so gewaltig los, daß die Planken des Verdeckes erdröhnten, schwang ihn dann mit Riesenkraft hoch über sein Haupt, und schleuderte ihn in die schäumend aufzischenden Fluthen hinab. »Was thust Du, Freund Gunlaugur?« rief Oedun halb zornig, halb erschrocken aus. Aber der Jüngling erklomm vorerst mit Eichhornschnelligkeit den Mast, und rief dann lachend: »Was ich thue? Unnütze Worte! Du sahest es ja mit eignen Augen. In's Meer geschleudert hab' ich den unnützen Anker!« 7 »Unnütz!« wiederhohlte unwillig der Steurer. »Es war ja unser Nothanker.« Gunlaugur sprach keck hinab: »Einstweilen verlaß Dich statt seiner auf mich. Ein frischer Mann ist der beste Nothanker auf aller Welt. Und willst Du durchaus einen andern haben, ey so schmiede Dir auf Norweg einen neuen, und rechne mir die Kosten zu an der Hälfte von Schiff und Schiffsladung, die mein eigen ist. Jetzt aber störe mich nicht weiter, Du sorglicher Nothankermann, und laß mich ungehemmten Sinnes spähen, wo das Heldenland Norweg aus den Fluthen emportauchen wird.« »Drachenzunge! Drachenzunge!« murmelte Steuermann Oedun ärgerlich vor sich hin. Da trat der wack're Thorkill hinzu, jener Anverwandte Illugi's, dem Gunlaugur in frühern Tagen zu seinem Erbschaftsrecht verholfen hatte, und der nun jetzt in dankbarer Liebe den jungen wunderlichen Recken auf seiner Fahrt geleitete. Thorkill legte den Finger auf den Mund, und sahe dazu mit glühenden Zornesblicken den murrenden Oedun an. Der murrte nun zwar um noch etwas leiser, als vorhin, aber gänzlich zu murren hörte er nicht 8 auf. Man konnte etwa die Worte daraus vernehmen: »Eine allerliebste Schiffgenossenschaft, die ich mir ausgesucht habe zu dieser Fahrt!« Da rief mit Einmahl gewaltig jubelnd Gunlaugur von dem Mast hernieder: »Norweg!« Und nach einer Weile wiederhohlte er: »Norweg! Die waldige Küste steigt nun in deutlicher Herrlichkeit aus den Fluthen! Die Haine tiefgrün! Die sonnigen Klippen hochgold! O Norweg! Heldenland Norweg!« Die Mannschaft des Schiffes jubelte den grüßenden Freudenruf nach, während Gunlaugur droben seine Methflasche leerte auf Einen Zug. Steuerherr Oedun hatte auch zu Anfang mitgejubelt, aber wie es nun etwas stiller ward, und er selbst sich eines Genaueren bedachte, sah er wiederum unwillig zu Gunlaugur empor, und sagte: »Ey Fahrtgenoß, mein junger übermüthiger Fahrtgenoß, wer heißt Dich denn den edlen Meth so unnöthig vergeuden! Wenn Du die Flasche nicht austrinken wolltest, konntest Du sie ja lieber zu anderer ehrlichen Leute Labung wieder mit herunter bringen! Aber den Rest so im unnützen Muthwillen auszusprühen! Ey, ey 9 Gunlaugur, gutes Getränk braucht man auf Meerfahrten sehr nöthig, und trachtet oft vergeblich darnach, und möchte dann wohl gern ein halbes Fläschlein mit einer ganzen Mark löthigen Goldes bezahlen, wenn man's nur haben könnte. Ey, ey doch, das nenn' ich mir übermüthige Wirthschaft! Und beschmutzt er mir noch ausserdem Haargelock und Mantel damit!« »Ich glaub', Ihr träumet!« sagte Gunlaugur. »Die Methflasche hab' ich geleert, wie es einem ehrbaren Seemann und Kampfeshelden eignet und gebühret. Kein Tröpflein mehr ist darinnen, und wär' ich ein unhöflicher Mensch, so würf' ich sie Euch nun auf Euern Kopf hinab. Da könntet Ihr merken, daß die Scherben trocken sind. Aber Schön-Helga hat mir ja gebothen, ich solle mich freundlich und lind betragen gegen Jedermann. Drum sag' ich auch für dasmahl, meinem zarten Lieb zu Ehren, nur so viel: »Ihr alter wunderlicher Thor, seyd still mit Euern Fratzen!« »Nun so sehe denn das ganze Schiffsvolk, ob mein Haar und Mantel nicht feucht ist von Meth!« rief der zürnende Schiffmann, und griff mit der Rechten in sein Gelock, und strich mit 10 der Linken über seinen Mantel, und hielt dann beyde Hände hoch empor. Wunderlich! Da sah er's mit eignen Augen; seine beyden Hände waren heißroth von frischdampfenden, nur kaum erst vergossenen Blut. Schaudernd senkte er die Arme gegen den Boden. Gunlaugur aber sagte lustig: »Das kommt ja eben von dem Nothanker, den Ihr Euch da auf das Verdeck hingepflanzt hattet aus übergroßer Vorsichtigkeit. Wie ich fröhlich hinanrannte, nach Eueren Wunsch und Willen zum Schiffesmast; da riß mich der alberne Ankerhaken in's Bein, und aus meiner Wunde nun fielen sonder all meinen Willen die rothen Thauestropfen auf Euer Haargelock und Euern Schiffermantel hinab. Ich hoffe, Beydes soll dadurch eben nicht schlimmer geworden seyn. Vielmehr mag der Mantel davon ein ganz angenehmes Andenken behalten, wann der fernen Zeiten Lieder dereinst vom Gunlaugur klingen, und von mancher durch ihn vollbrachten Heldenthat.« Oedun gestand darauf, Gunlaugur hätte eigentlich dasmahl Recht, und darauf legten sie 11 im guten Frieden um die Zeit des späteren Abendrothes an der Norwegischen Küste bey. Eine schöne, kleine Burg mit geschmückten Zinnen und zierlichem Gethürm, sahe unweit des Strandes von einem der sanfteren Hügel herab. Rings umher standen hübsche Wohnungen von Strandhirten und Fischern. »Was ist das für ein artiges Schwalbennest?« fragte Gunlaugur. Oedun aber erwiederte: »Das ist gar kein Schwalbennest, sondern vielmehr das Jagdschloß Eirekur Jarls, des Hakonsohnes, welcher nebst seinem Bruder Swen jetzt die Herrschaft über ganz Norweg behauptet. Ich hoffe, daß wir ihn hier finden; dann werden wir gewiß ehrenvoll empfangen, und finden auch einen guten Absatz unserer Waaren. Denn auf diesem Landsitze, der Hladi geheissen ist; pflegt er immer absonderlich heitern und sanften Muthes zu seyn.« Gunlaugur sahe den Ort Hladi kopfschüttelnd an, und sagte: »Das soll die Lieblingswohnung eines Heldenfürsten seyn, als wofür Jarl Eirekur in der Welt gehalten ist? Das gefällt mir nur schlecht. Solche Mäuerlein könnte wohl jeder rüstige Mann allenfalls mit ein paar Fußtritten und Faustschlägen durchbrechen, oder 12 höchstens doch, wenn man mit einem gefällten Baume sechs bis siebenmahl dawider anrennte. Das sieht mir nicht nach einer Heldenhalle aus.« Oedun aber entgegnete scharf: »Meint Ihr, daß Helden von Mauerwerken vertheidigt werden, oder Mauerwerke von Helden?« Gunlaugur neigte sich nachgebend, und sprach: »Dießmahl ist wieder einmahl das Rechtbehalten an Euch, und ich gesteh' es nach bester Überzeugung zu. Wir wollen hin, dem Jarl unsern ehrerbiethigen Gruß zu bringen. Auch unsere Waaren mögen sein werden, wenn er vernünftig biethet, und wir dagegen, falls er eben schöne Waffenthaten im Sinne trägt, biethen ihm unsere Waffen und unser Leben.« »Wohl recht!« sagte Oedun. »So hör' ich Dich mit Lust reden, mein junger Genoß. Nur möchte ich da Eines noch gern, nähmlich, daß Du Dich vorher ein Bischen zierlicher herausputztest. Du führst ja recht treffliche Kleider für Dich mit auf dem Schiff, und Eirekur Jarl sieht dergleichen sehr gern. Ich kenne ihn von lange her darauf.« »Der Jarl« sagte Gunlaugur, »kann sich und seinen Söldnern so viel hübsche Kleider machen lassen, als er Lust hat, 13 wenn er dergleichen ausnehmend gern sieht! Das hindert mich nichts.« Dann, sich von oben bis unten besehend, setzte er hinzu: »Aber was fehlt denn endlich nun auch meinem Anzug? Mein grauer Wamms ist von edlem Zeuge – hat es doch meine Mutter selbst am Webestuhle gefertigt! – und schließt sich mir an, wie angegossen. Fest hält ihn über den Hüften zusammen der blanke Metallgürtel; und das Schwert, welches daran hängt, leuchtet es nicht in seiner Eisenscheide, wie ein Lichtstrahl? Und vollends, wenn ich es herausziehe; ich hoffe, der Jarl wird sich so aufführen, daß er seine Freude daran haben kann. Und meine Schifferhosen sind weiß, wie frisch gefallener Schnee.« »I ja, Freund Gunlaugur,« sagte Oedun, »das ist Alles ganz hübsch anzusehen. Aber wo sich die Schifferhose über den Schuh herunterzieht, rechts, wo Euch der Anker verletzt hat, da ist das Blut aus der Wunde durch den Verband gedrungen, und hat das weiße Linnen ganz besudelt.« »Besudelt!« wiederhohlte Gunlaugur ärgerlich. »Ihr würdet wohl thun, höflicher zu reden, wo es sich von dem Blute wackerer Heldensöhne handelt. Konnt' ich das Blut aus meiner 14 Wunde dringen fühlen, ohne daß es mich lähmt, so wird auch wohl der Jarl die Spuren davon erblicken können, ohne verdrießlich zu werden. Eine ehrliche Wunde ist nichts widerwärtiges für einen ehrlichen Kriegsmann. Und überhaupt macht Ihr mit Euerm Jarl Eirekur mir allzuviel Umstände. Haben wir doch auf Island gar keinen Fürsten, als jeder etwa seinen eigenen Vater, oder seinen Haus- und Lehensherrn! Warum ginge uns nur das Wohlgefallen oder Mißfallen der Fürsten an fremden Küsten so sorglich durch die Seele? Will der Jarl unsere Waaren? Er bezahle sie. Will er unsere Lieder? Er höre still und frisch und freudig zu, wenn wir singen; wie sich das für ehrbare Zuhörer schickt. Will er unsere Waffenthat? Er zeige uns ein schönes Ziel, und ziehe freundlich mit feindan. Will er das Alles nicht, so sind wir geschiedne Leute, und ich singe dann im Wiederabsegeln etwa: »Fahr wohl, du Land mir in Träumen gesellt! Ich hab' es mir hübscher hier vorgestellt.« Aber ich hoffe noch immer, es soll besser damit kommen; nicht wahr, Oedun?« »Der Himmel geb' es!« sprach Dieser seufzend. 15 Da suchten sie sich zwölf wackere Männer zu ihrer Begleitung aus, und Thorkill, Gunlaugurs Anverwandter und Schützling, war mit unter ihnen. Allzusammen bestiegen sie nun das Schiffboot, und ruderten sich vollends an den Strand. 16     Zweytes Kapitel. Als die vierzehn Islandsmänner nun an's Ufer traten, und ihr Fahrzeug befestigten, hub Gunlaugur an, ein altes Lied zu singen, und die Andern stimmten alsbald zu der wohlbekannten Weise mit ein. Die Worte klangen ungefähr folgendergestalt: »Aar fliegt!     Ur brüllt!     Flattern die Vögelein lustig drobhin.     Hirsch hüpft!     Eule heult!     Wesen gibt's viel auf der Welt und mannigfach. Schwert schwingt,     Schiff lenkt     Islandsmann in inniger Lust.     Grüß' den Gast,     Fremder Gau!     Grüße den Isländer gut. Das bringt dir Glück.« 17 Und fröhlich schmetterte vom Lande her ein Jagdhorn drein, den Sang dergestalt begleitend, daß man wohl hören konnte, wer so fertig mit in das Lied blies, mußte ein Isländer seyn. Fremde hätten sich nicht so leicht in diese seltsamen Klänge gefunden. Freudig horchte Gunlaugur auf, und sprach zu Oedun: »O künde mir, kennst Du den Landsmann, der sich uns hier in der Fremde so lustig offenbart?« »Wie soll ich eben Den vor Andern kennen?« erwiederte der Steuermann. »Isländer kommen viel in der Welt herum, deren gibt es überall, wo das Meer den Strand bespült, und wo scharfe Klingen und scharfe Sinne gelten.« »Oedun, das ist das beste Wort, welches ich Dich noch je habe sprechen hören!« sagte Gunlaugur. Und indem trabte auf lichtbraunem Norwegsrosse ein schlanker junger Ritter über den nächsten Hügel hervor: goldhell sein Haargelock in den Abendlichtern funkelnd – denn er ritt in leichten, aber glänzenden Waidmannskleidern ohne alle Kopfbedeckung – an seinen Schultern ein silberheller Pfeileköcher klirrend, und eine goldverzierte Armbrust; von seinem Sattelbogen hing die 18 reiche Beute der heutigen Jagd an erlegtem Gefieder und Wildpret zu beyden Seiten hernieder. Er sprengte immer schneller heran, lustig dazu auf seinem blanken Jagdhorn die Töne jenes Liedes wiederhohlend. Und als er nun dicht vor den Isländern seinen Lichtbraunen zügelte, und sie freundlich anlächelte, sein Jagdhorn vom Munde absetzend, und es zum fröhlichen Gruß über das lockige Haupt schwingend – Da sagte Gunlaugur mit einigem Entsetzen: »Also gibt es doch wirklich solche zauberische Quellen, wovon die alte Sage spricht? Quellen, die den älternden Mann verjüngen zum blühenden Jüngling? O, Meister Thorstein, Ihr gabet immer ausnehmend viel darauf, jünger auszusehen, als Eure Jahre! aber daß es Euch dergestalt gelingen möchte, und daß Ihr uns dabey auf Wolken vorauseilen konntet, um hier am Norwegstrande in all Eurer fröhlichen Herrlichkeit uns zu empfangen; nein, schöner Meister, das ist ein Zauberstück, warum ich Euch schier beneide; vorzüglich, da Ihr jetzt Eurer holdseligen Tochter Helga so ähnlich seht, wie das nur immer einem kecken Mannesantlitz mit dem Schnauzbart auf der Lippe möglich ist.« Der schöne Ritterjüngling aber, nachdem er 19 eine Weile ganz verwundert zugehört hatte, lachte freundlich, und sprach: »Ey, Du wunderlicher Landsmann, wie sollt ich denn mein Vater seyn? Und wie sollte meine schöne Schwester Helga meine Tochter seyn? Skuli bin ich, der Thorsteinsohn und der Helgabruder! Wenn ich beyden ähnlich sehe, so ist mir das lieb. Aber werde Du deßwegen nicht irr' an mir. Wohl weiß ich, daß uns Isländern oftmahl gar wundersame Gesichte durch die Seele ziehen, und daß es uns endlich dann kaum behagen will, wenn sich alles auflöset in den ruhigen Gang von Gestern und Vorgestern. Aber für dasmahl mußt Du Dir's schon gefallen lassen, guter Landsmann, daß es hier mit natürlichen Dingen zugeht. Ich leiste fröhlichen Dienst am Hof und im Heer des rühmlichen Eirekur Jarl. Willst Du mit antreten, so kann ich auch Dir eine solche Stelle verschaffen. Es geht schön und herrlich bey uns zu. Aber wie bist Du geheissen? Und wer ist Dein ehrsamer Vater?« »Gunlaugur bin ich, der Illugisohn!« entgegnete der Ankömmling. Und Schön-Helga Deine Schwester, o Skuli, ist mir zugesagt, falls ich nach drey Jahren wieder in Ehren nach Island komme. Ich werde aber gewiß wieder 20 kommen, wenn ich alsdann noch lebe – und in Ehren – ey nun, das versteht sich von selber, und war für dasmahl nur ein thöricht überflüssiger Zusatz von mir.« »Daß er unnöthig war, zeigt Dein ganzes Thun und Wesen!« sagte Skuli fröhlich. »Du solltest mir schon recht seyn als ein kecker, muthiger Schwestermann. Und fürwahr hübsch wäre es, wenn wir gleich Waffengesellen würden in Jarl Eirekurs rühmlicher Schar.« »Du bist ein tüchtiger Werber!« sagte Gunlaugur lachend. »Wenn Jarl Eirekur viele Deinesgleichen hat, kann es ihm so leicht an Zulauf in seinen Geschwadern nicht fehlen.« »Darnach es fällt!« sagte Skuli stolz. »Ich werbe nur Heldenkinder an, oder kühn erprobte Freunde, und, wenn es gelingen will, mitunter auch schon berühmte Helden selbst. Ihr allzumahl aber sollt willkommen seyn an meines Fürsten Herd, Ihr braven Islandsmannen.« Damit grüßte er auch noch den Oedun absonderlich befreundet, als einen seinem Herrn und ihm schon früher Gutbekannten, und Alle machten sich sehr vergnügt mitsammen unter Skuli's Anführung auf den Weg, und sangen Islandslieder in die schon tiefer dunkelnde Luft 21 empor: alte und neue Gesänge durcheinander, wie es eben kam. Aber lauter fröhlich kühne Lieder waren es, und alle im reinsten Zusammenklange der Stimmen und im sichersten Maß, wie das überhaupt die eben so anmuthige als kunstreiche Weise der Isländer zu seyn pflegt, ob auch bisweilen dem Fremden und Uneingeübten sehr geheimnißreich tönend. 22     Drittes Kapitel. Jarl Eirekur in seiner Norwegshalle hätte freylich guten Bescheid um die Islandslieder wissen sollen. Der jedoch hatte sich in allzuviele Dinge auf einmahl eingelassen. Jedes an und für sich gar herrlich und schön, aber alle mitsammen die Seele viel zu gewaltsam hin- und herreißend und wechselsweise bewältigend, als daß noch ein stiller Raum dort hätte geweiht bleiben mögen, für die heilige Gewalt des Liedes. Und damit hängen wohl oft noch andere heilige und weit höhere Dinge zusammen. So geschah es, daß Eirekur Jarl sich durch den ihn preisenden Ehrengesang der annahenden Isländer einigermaßen gestört fand, und beynahe geärgert. Als sie daher unter Skuli's Geleit in die Halle traten, grüßte sie der Wirth zwar mit 23 höflichen Worten und edlen Geberden, aber doch auch zugleich mit verdrossenem Angesicht. Und weiß doch wohl jeder Ehrenmann, der irgend so etwas Betrübtes erfahren hat: dann ist es mit aller frohen Gastlichkeit unwiederbringlich zu Ende! Auch hatte Gunlaugur, so wie er nur in des Jarl Augen gesehen hatte, und auf dessen gerunzelte Stirn, die beste Lust, sogleich wieder umzukehren, und auf dem Schiffe zu übernachten, oder auf dem Meeressande, oder wo es irgendsonst wo seyn möchte; nur nicht hier. Da aber sahe ihm Skuli freundlich mahnend in's Auge, und ihm ward beynahe, als sähe ihn Schön-Helga so an. Darum blieb er gelassen stehen, und nahm sich blos vor, derweil an sein schönes Lieb zu denken, und überhaupt an andere hübsche Dinge sonst; nur auf keine Weise an Eirekur Jarl. Dieser sprach unterdessen mit Oedun, in ihm einen frühern Bekannten recht freundlich begrüßend. Es war aber, als freue er sich nicht so wohl über den wiederkehrenden Fremdling, sondern vielmehr nur über sein eignes treffliches Gedächtniß. Und die Kriegsmannen, welche um den Jarl 24 herstanden, machten es ungefähr eben so, wie er. Die Fremden anstarrend, kalt und fremd, als wollten sie abnehmen, wie denen etwa zu Muthe sey vor der gewaltigen Ehre, Schloß Hladi wirklich betreten zu haben; bisweilen aber auch huldreich nach einem oder dem Andern hinüberwinkend, dessen Gesicht ihnen bekannt vorkommen mochte. Da nun weder ein Gruß vom Jarl noch auch nur von sonst Jemandem den Gunlaugur, den Neuling in Hladi, traf, und er sich doch wohl bewußt war, nicht minder als Oedun bey der ganzen Fahrt zu gelten, trieb ihm ein plötzlicher Unwille seine hübscheren Gedanken an die Heimath auseinander, wie etwa ein unversehener Windstoß schöne Abendwolken verscheucht. Kühn trat er mit raschen, dröhnenden Schritten bis dicht vor den Jarl in die Mitte der Halle, daß ihm dabey das tapfere Schwert an seiner Hüfte laut erklang. Der stolze Eirekur sah ihn eine Weile starr an; Gunlaugur ihn deßgleichen. Es war fast, als gedächten sie einen Wettkampf darüber zu halten, wer wohl die Augen des Andern mit seinen eigenen niederblitzen könne. Die Mannen Eirekur's standen sehr verwundert umher. 25 Endlich sagte der Jarl: »Du hast ein wundersam keckes Wesen an Dir, junger Mensch. Wie bist Du geheißen?« Gunlaugur gab es mit lauter Stimme kund, ohne einen Blick von dem Jarl zu verwenden. Da wandte sich dieser, und sprach: »Skuli, Du Thorsteinsohn, was gilt dieses Mannes Geschlecht auf Island?« »Viel, o Herr!« entgegnete Skuli. »Und empfange Du ihn wohl. Sein Vater ist einer der Edelsten auf der Insel, und ich schätze mir's zur Ehre, Diesen hier als einen Anverwandten zu begrüßen.« Eirekur sahe wieder nach Gunlaugur, mit leisem Kopfschütteln sprechend: »Einen gewaltigen Schritt hast Du an Dir, junger Fremdling. Das muß man Dir zugestehen. Und doch,« setzte er hinzu, ihn vom Haupt bis zu der Ferse musternd, »und doch – Dein Einer Fuß ist wund, wie ich sehe, und frisches Blut dringt vom harten Auftreten aus der verletzten Stelle vor. Wahrhaftig, Du thätest auf allen Fall besser, ein wenig gelinder einher zu schreiten.« »Nein Herr, da thäte ich nicht besser daran!« sagte ruhig Gunlaugur. »Nicht?« murrte Eirekur. »Ich frage Dich, was hast Du da an Deinem Fuß?« 26 »Eine Wunde hab' ich dran, Herr!« »Und geh'st nicht lahm um einen solchen Schmerz?« »Nie werd' ich lahm gehen, derweil mir Ein Bein so lang ist wie das andre.« Gunlaugur sagte diese Worte mit so dreistem, fast zornigem Blick und Wesen, daß die Kriegsmannen des Jarl über solch ungewohnte Art und Weise, zu ihrem Herrn und Meister zu sprechen, ganz unwirsch wurden, und bey ihrem leisen Gespräch sehr laut mit den Panzerringen und Harnischplatten zu rasseln begannen. Gunlaugur kannte diesen Zornesklang sehr gut, und wandte sich deßhalb mit großen Augen gegen sie hin, wie fragend: »Will etwa dorten Jemand Etwas von mir?« Und da trat auch sogleich ein Kriegsmann des Jarl hervor; der war Thorarin geheissen, und sagte mit unwilliger Stimme: »Nun führt sich doch dieser Isländer wahrlich so keck hier auf, daß es gut wäre, wenn wir ihm etwas auf die Zähne fühlten. Mir kommt es nicht vor, als keimten ihm schon Barthaare drüber hin.« Da kam auf Gunlaugur ein zorniger Liedesgeist, daß er, glühenden Auges den Mannen anschauend, diese Worte hervortönte: 27 »Knapp oder Knecht du,       Kneif' nicht die Lippen so grimm, Lauf, schwarzer Lügner du:       Vor Illugi des Schwarzen Sohn!« Da wollte Thorarin seinen Streithammer fassen. Der Jarl aber sagte: »Laß die Waffen in Ruh! Niemand gedenke für dasmahl an ein solches Spiel. Du aber, Isländer, wie alt bist Du?« »Achtzehn Winter zähle ich bis jetzt;« sagte Gunlaugur. »Nun wahrlich,« entgegnete der Jarl, »da lass' ich es ungesagt, ob Du noch achtzehn andre Winter zählen wirst.« Gunlaugur wollte auffahren. Aber da sah er wieder den Skuli an, und mußte an dessen schöne Schwester gedenken, und an sein eigenes Versprechen, sich sehr mild und artig in der Fremde aufzuführen. Deßwegen drängte er seine kühne Schlachtenstimme zurück, und murmelte bloß in sich hinein: »Dir selbst wohl, nicht aber mir, mögest Du recht nahen Tod verkündigen.« Der Jarl gab auf Gunlaugurs Murmeln Acht, und fragte unwillig: »Was hast Du da geredet, Du Isländer?« Da antwortete dieser: »Wenn Du's so sehr gern wissen willst, wohlan, ich will Dir's nicht nur sagen, ich will Dir's auch 28 singen.« Und darauf stimmte er mit schauerlich dröhnenden Klängen – man hätte fast meinen sollen, es singe ein gewaltiger, schwer bannender Zauberer – folgendes Lied an: »Ich murmelte sacht, was mir selber gefiel!             Du ruf'st es zum lauten Lüftespiel.             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm! Da sitzet ein Jarl hinter Tischesbord.             Sein Vater hieß Hakon. Der fiel durch Mord.             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm! Wie war das Dunkel der Nacht so tief,             Wo der Vater des Jarls auf dem Lager schlief!             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm! Jarl Hakon, hörst das Geflüster, du Mann?             Wohl schwillt es zum Mordruf im Nachtgrau'n an.             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm. 29 Jarl Hakon, hörst du den leisen Tritt!             Leis' geht der Mörder. Sein Messer kommt mit.             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm! Jarl Hakon kränkte den Knecht zu schwer;             Nun kommt der Knecht mit dem Messer daher.             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm! Du schlafender Jarl! Nun gilts einen Schnitt.             Da quoll dein Blut. Dein Leben quoll mit.             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm! Blut rann und Leben dem Jarl in das Grab.             Auch hieb ihm der Knecht den Kopf noch ab.             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm! Und wünscht mir Böses der Hakonsohn,             Wünsch' ich ihm zum Dank seines Vaters Lohn.             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm! 30 Nicht wünsch' ich ihm Tod durch meine Hand:             Meine Hand ist für edel und frey bekannt!             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm! Mit ihm sey's, wie mit dem Vater bewandt!             Knechtshand, die werf' ihn in blutigen Sand!             Dulde den Sturm, wer aufbeschwöret den Sturm!« 31     Viertes Kapitel. Als Gunlaugur die eben vernommenen wilden Liedesworte zu singen anhub, fuhr Jarl Eirekurs Rechte alsbald an seinen mächtigen Schwertesgriff. Aber so blieb er auch wie gebannet still, einer schönen, furchtbaren Bildsäule vergleichbar, aus gewaltigem Erzesguß durch einen zürnenden Künstler geformt. Still blieb er, so lange Gunlaugurs Lied noch edeltönende Drohworte gegen seinen Vater und ihn hervorklang. Als es jedoch leider anders damit ward, und Gunlaugur ihm endlich in seiner Liedeswuth, von Berserkerzorn durchlodert, den Tod aus Knechteshand weissagen wollte – ja sogar sich darüber zu freuen trachtete, daß Eirekurs Vater eines so schmählichen Todes gestorben sey – 32 Da ließ der edelstolze Jarl die tapfere Hand vom Schwert, und sagte kalten Zornes zu seinen Knechten: »Legt mir Hand an diesen Gaukler!« Rasch war nun die Gunlaugurshand am Schwertgriff, und schon leuchtete die furchtbare Waffe ein wenig aus der schönen Scheide hervor. Wäre sie emporgeleuchtet im vollen Zornesblitz, so hätte das hier wohl dem Festmahl ein entsetzliches Ende gegeben. Doch Skuli trat in die Mitte der zwey erzürnten Parten, (Oedun mußte nun freylich auch schon für dasmahl dem Jarl feindlich gegenüberstehen) und sagte lauten und muthig edlen Klanges zu seinem Meister: »Gebt etwas auf mein Wort, mein lieber Herr. Wollet diesem Jünglinge freyes Geleit zugestehen; meinethalb jedoch auf die Bedingung, wenn es Euch also gefällt, daß er augenblicklich von hinnen fahre.« Jarl Eirekur blieb eine Weile scheinbar ruhig, wie es der Nordmannen Art ist, wenn sie stark getreulich mit sich selber ringen. Dann sprach er: »Wohlan denn! Dir zu Lieb und Ehren, Skuli, mag Jener schnell und ungefährdet von hinnen wandern. Aber kein Schutz von mir 33 geleitet ihn in die Fremde, und nie komme er mehr in mein Reich zurück, wenn er auf wirthlichen Empfang zu hoffen gedenkt.« Da führte Skuli den Gunlaugur schnell aus der Halle fort, immer der Hafengegend zu, und aus guter Vorsorge ging Oedun auch noch hinterdrein, obgleich Gunlaugur sich schon ein paarmahl mit den Worten nach ihm zurückgewendet hatte: »Bleib, wo Du hingehörst!« Daß aber Oedun zu allervörderst in eines Freundes Nähe hingehöre, zeigte er eben durch sein treuliches Mitwandeln, auch selbst da noch, wo ihn der Freund auf eine ungerechte Weise mißverstand. Daß Thorkill seinem Anverwandten und Beschützer in so schwieriger Stunde nachging, versteht sich von selbst. Und er war ihm auch von ganz vorzüglichem Nutzen. Denn mit schnellen und klugen Islandsblicken hatte er, indeß die Andern noch von den letztvergangenen Dingen mitsammen handelten, bereits ein Schiff erspähet, das sich eben zum Absegeln bereit machte. Er rief die Seeleute an, und vernahm, sie seyen aus dem Eilande gebürtig, welches man England, bisweilen Britannia, öfters auch wegen seiner 34 kreideweissen Küsten Albion zu nennen pflegt. Und jetzt eben standen sie im Begriff, ihre Heimfahrt anzutreten in angenehm kühler Nachtzeit, hin über des mondbestrahlten Meeres günstig rollende Wogen. Da ward es alsbald ausgemacht, daß Gunlaugur und Thorkill mit übersetzen sollten, gegen ein gutes Fährgeld. Zu Anfang wollte auch Oedun durchaus mit, und lieber Alles hier im Stiche lassen, als es erdulden, daß sein junger, kecker Fahrtgenoß auch nur im mindesten übel von ihm denke. Da zeigte sich aber Gunlaugur plötzlich wiederum klüger oder doch wohlbedachter, als Jener, indem er sagte: »Das wäre für uns alle zwey gar ein schlechter Vortheil, wenn wir unser Schiff und dessen Waaren so zurück ließen, Alles in die Hand des wirbelköpfigen Jarl Eirekur stellend. Zudem ist ja noch eine tüchtige Zahl unserer Mannen am Lande, zechend im Schlößlein des Jarls, ohne daß sie meines Gezänkes inne geworden wären. Und überhaupt, könnten wir auch mit Schiff und Mannschaft und Waaren unangefochten von hinnen, es möchte solch ein heimlicher Rückzug allzusehr nach Davonlaufen aussehen. Und davor schaudert einem ehrlichen Kerl die Haut. Nein, Du guter Oedun, vergiß, was ich vorhin im 35 ersten Ärger Thörichtes gegen Dich gesprochen habe, oder verzeih' es mir doch wenigstens. Und bleib dann hier, als Eirekurs Freund in gutem Frieden, und nimm unsres Schiffes und unsres Vortheiles allzusammen nach Kräften wahr. Sollte sich's aber treffen, daß der Jarl etwa Lust bezeigte, mit mir im Zweykampf zusammenzutreten – nun, daß Du mich es dann mit dem ersten Schiffe nach England hinüber wissen lässest, und daß ich wieder zurück bin, so schnell nur irgend Wind und Wetter dienen – das versteht sich.« »Versteht sich!« entgegnete Oedun als ein getreuer Wiederhall; und sie gaben sich noch einmahl ihre starken Hände. Und auf gleiche Weise nahm auch Gunlaugur von Skuli Abschied. Doch sagte dieser noch: »Wenn Du eben so ungestüm an allen fremden Küsten, o Gunlaugur, verfahren willst, wie hier, da möchte Schön-Helga lange vergeblich harren auf Deine Wiederkehr.« Gunlaugur aber antwortete: »Wenn Schön-Helga mir getreu bleibt, wie meine rechte Hand und mein Schwert, da feyern wir dennoch dereinst ein sehr fröhliches Wiedersehn.« Und bald darauf fluthete er sammt Thorkill auf dem Englandsschiff in die offene See hinaus. 36     Fünftes Kapitel. Der Wind hielt sich günstig, und nach einigen Tagen glücklicher Meerfahrt stiegen eines schönen Morgens die weißen Küsten der Insel Albion vor den Schiffenden aus den Wogen empor. »Es sieht ganz hübsch und ordentlich angenehm von dort herüber aus;« sagte Gunlaugur zu Thorkill, welcher just neben ihm auf dem Verdecke stand. »Aber wozu wird das am Ende helfen! Norweg sah auch hübsch aus, als ich es zuerst vom hohen Mast her aus den Fluthen tauchen sah. Ja schöner, noch viel schöner nahm es sich nachher im funkelnden Abendroth aus. Und als wir endlich zu Nacht von hinnen schifften – o der schönen waldigen Küste unter den Schleyern des Mondes- und Sternenlichtes! dagegen kommt diese kreideweisse Englandküste 37 gar nicht auf. Warum sollten wir eben hier Fröhlicheres erleben, als auf Norweg? Mit den fremden Ländern geht's auch wohl überhaupt, wie manche Skalden es von den Frauen singen: Die Hübschesten, die Herbsten! Die Herrlichsten, die Schmerzlichsten! Wolle Gott, daß ich nicht einstmahlen Ähnliches von Schön-Helga erlebe! Doch gewiß, damit alsdann nicht die Schuld auf meiner Seite bleibe, will ich doch nun endlich anfangen, mich in der Fremde recht lieb und höflich aufzuführen. Mein erster Anfang in Jarl Eirekurs zierlicher Hladiburg – das muß ich nur bekennen: Der Anfang taugte nicht viel.« Und darauf berief er sich den Schiffmeister, und hieß diesen erzählen, wie es eigentlich auf der Insel Albion oder Britannia zugehe, und wie man sich dorten aufzuführen habe. Der Schiffmann kam und sagte: »Gut muß man sich betragen auf Albion, wie allerwärts, wo man es gut haben will.« Da schwoll dem Gunlaugur wieder die Zornesader vor seiner Stirn. Aber weil er sich nun in all seiner starken Kraft vorgenommen hatte, zu Schön-Helga's Ehren mild und freundlich zu 38 seyn, sprach er blos zu dem Schiffmann und zwar mit recht sanfter Stimme: »Wenn ich Dich künftig einmahl fragen sollte, wie Dir mein gesammtes Thun und Lassen gefällt, da wirst Du allenfalls wohl thun, mir in einem Tone zu antworten, wie jetzt. Aber außerdem rath' ich Dir, es zu unterlassen. Unbegehrter Lehr- und Weisheitspruch pflegt wohl seinen Vater um's Leben zu bringen.« Dabey funkelten ihm seine großen blauen Augen recht entsetzlich, und es war, als sträube sich sein dichtes Haargelock. Der Schiffmann sagte freundlich: »Hört an! ich will Euch berichten, wie es auf England aussieht, mein lieber Herr. Und fürwahr zum Rathgeben will ich mich nicht erkühnen. Ich erzähle ja nur.« »Erzähle!« sagte Gunlaugur gebiethend. Und der Schiffmann hub an: »Hier herrscht jetzt über alle Englandsgauen – vor uralten Zeiten waren sie unter sieben Könige vertheilt – in schöner Machtgewalt König Ethelred allein, der Edgarsohn. Der ist ein so freundlicher Mann, daß allen Menschen wohl wird, die in seine Nähe kommen, so etwa wie den Hirschen, wenn sie nach der Jagd an einer 39 sichern und heilsamen Quelle Bord gelangen. Da pflegen denn wohl die Nachtigallen zu singen und andere tonbegabte Vögelein sonst. Und so auch hat es König Ethelred sehr gerne, wenn edle Sänger sich mit schönen Liedern an seinem Hofhalte vernehmen lassen. Aber was seufzest Du, mein edler Schiffesgast so ernst und tief?« »Das kommt davon her,« sagte Gunlaugur, »daß Du mir das Leben an König Ethelreds Hofhalt gar hübsch vor die Seele gestellet hast, und daß auch ich ein Freund von anmuthigen Liedern bin. Denn siehe, in den Sang dorten werde ich wohl nicht mit einstimmen können, weil vermuthlich die Leute auf Albion in andern Zungen reden und singen, als wir in unsern Nordlandsgauen. Und ein Lied, das vom Herzen kommt und nicht wieder zum Herzen dränge, o wehe! das fällt zurück, zermalmend im unendlichen Schmerz, wie ein bergangewälztes und wieder auf unsere Brust herabrollendes Felsenstück. Die Kauffahrer, aus den fernsten mittäglichen Landen kommend, verkünden bisweilen die Sage von solch einem entsetzlichen Jammer, wie ihn dort ein uralter Sangeskönig erlitten habe und noch erleide, welcher Sysiphos geheissen sey.« 40 Dabey hatten sich Gunlaugurs Blicke und Wangen wunderbarlich mild entflammt, und er sang mit wehmüthiger Klage: »Sysiphos! Sysiphos! Sehnender! Felsenwälzender! Winkend lieblich wandelt die Ruhe Ob Wipfeln der Bergeshaine. – Und du unterstämmest dich Übermächtigen Urfels, Hinaufzuheben zu Berges- Höhen, den hallenden Stein. Rasch donnernd rollt er bergan – Rückwärts wieder auf's Haupt dir. Unbeglückter! An selig hohen Ufern Unvernommener du! – Also ergehet wohl Ach und Weh All den Unseligen, Lieder anstimmend im fremden Laut: – Lied, mein Nordlandslied, kühn hallst du – Aber nicht Englands Anfuhrt Antwortet meinem Gesang!« – Der Schiffmann hatte ihm voll tiefer Bewegung zugehört, und konnte sich nicht entschliessen, ihn zu unterbrechen. Um so freudiger aber antwortete er ihm, als nun das Lied verklungen war: 41 »Herr, Ihr höret ja und empfindet, daß ich Euch verstehe. Wie sollte es denn mit andern Englandskindern anders seyn? Gewiß, mein rascher, sangesbegabter Schiffesgast, wenn Ihr nur noch mehr herumkommt in der Welt, da sollet Ihr es schon ganz von selbst inne werden, wie mit Adlerfittigen schwebt Nordlands Sprache über unsern altverbrüderten Reichen allzumahl. Vom Mittag herauf schwebt uns der Roma's-Adler entgegen mit anderem Klang, und will damit hereindringen zu uns, wie er es früherhin umsonst mit dräuenden Waffen versucht hat. Und deßhalb will er uns untereinander entzweyen. Aber wir untereinander, wir Germanenkinder, verstehen uns noch immer gut. Singt Ihr nur freudiglich Eure Nordlandslieder in Lundunaburg. König Ethelred wird sie verstehen und seine edle Freude daran haben. Er hat überhaupt die Nordlandsmannen gern um sich. Sogar sind Leute darunter, denen er allzusehr die Flügel wachsen läßt, und sich dann selbst über ihre Kühnheit ärgern muß. Da ist so ein wilder Bursch, der heißt Thorgrimur –« »Thorgrimur!« unterbrach ihn Gunlaugur mit unwilligem Ton, und Jener fragte: »Kennt 42 Ihr ihn vielleicht? Fürwahr, ich sprach nichts aus, was Euch beleidigen sollte.« »Nun, es beleidigt mich auch eben nicht!« sagte Gunlaugur mit einer Art von düsterer Freundlichkeit. »Ich habe den Mann noch niemahls nennen hören bis heut. Aber sein Nahme klingt nach nordländischer Würde und Hoheit. Und von solchen Leuten hört ein Islandskind nicht gern auf so überhinfahrende Weise sprechen, wie es Euch eingefallen war. Oder hat er gegen Euern König gefrevelt?« »Nicht eben das;« erwiederte der Schiffmann. »Aber dafür, daß er in des Königs Geschwadern reich und würdig gehalten und besoldet wird, zeigt er sich doch nur ausnehmend selten zum edlen Dienst an des Königs Hofhalt. Dagegen fängt er oft ohne alle Noth Händel mit des Königs getreuesten und liebsten Waffnern an, und hat schon Unterschiedliche von ihnen todt oder verstümmelt in den Sand gestreckt. Der König aber, weil der Thorgrimur ihm bey mancher Kampfesfahrt recht Wackeres geleistet hat, und weil noch einige andere tapfere und riesigstarke Nordmannen mit dem unbändigen Streiter nahe verbunden sind, wollte dergleichen schlimme Dinge nicht allzuherbe rügen.« 43 »Da hat König Ethelred Recht!« sagte Gunlaugur. »Was soll sich auch die hohe königliche Gewalt damit abgeben, Leute zu beschirmen – waffenfähige Leute mein' ich – die sich so leicht in Tod und Blut und Sand werfen lassen, wie Jene! Was mich betrifft, mich würd' es freuen, einmahl mit Euerm Thorgrimur ein vernünftiges Wort zu wechseln. Entweder der Mann ist ein echter Held – wohl gut; dann gewinnt man ihn lieb und verträgt sich gut mit ihm, und lernt allerhand von ihm. Oder er ist ein Händelsucher, ey nun, auch nicht übel! dann erprüft man sich gründlich gegen ihn, und sieht, wie weit man kommt, und weiß fortan um so gewisser, was man an sich selber hat.« Indem sie noch so miteinander sprachen, trat der Schiffmann an's Steuer, und wendete das Fahrzeug plötzlich von einer sonst günstig scheinenden Landungsstelle ab, nach einer Gegend hin, wo ein Fluß mit raschem Gestrudel sich in das Meer ergoß. Gunlaugur befragte ihn darüber, und er entgegnete: »Das ist die Mündung des Stromes Thames, und eben dort müssen wir hinein, denn die Lundunburg, die Wohnung des Königs 44 Ethelred, liegt nicht so nahe am Meer, sondern einige Meilen hinauf am Flussesufer.« Gunlaugur sagte: »Das dünkt mich ein wunderlich Ding für einen mächtigen König und Kriegsherrn, so tief in's Land hinein seinen Sitz aufzuschlagen, und vorzüglich, wenn er eines Inselreiches Beherrscher ist. Einem Eilands-Könige ja muß das Meer für seine spröde, aber dennoch liebende Braut gelten, die er durch große Thaten im leuchtenden Schrecken zu bezwingen hat, wenn sie sich nicht voll hochmüthiger Verachtung immerdar von ihm wegwenden soll. Sie spielt das im unwilligen Abwärtsrollen der Ebbe vor. Seinem Feinde aber droht sie einem trägen und scheuen Manne zuzuführen, und zeigt ihm das im gewaltigen Andringen der Fluth.« »Das mag Alles an sich recht wahr und gut seyn, lieber Gast!« sagte der Schiffmann. »Aber, jeder Gedanke zu gehöriger Zeit, und jeder Spruch in's gehörige Ohr. Siehe Du Dir vorerst nur den Thamesstrom recht ordentlich an, und auch die Lundunaburg. Dann wirst Du mir schon von selber eingestehn: Dort ist ein schöner Heldensitz für einen Insel-König, und zwar für Einen, der seine Schiffessegel sieghaft 45 hinaussenden will an alle Küsten der bekannten und auch bisher noch unbekannten Welt.« »Woll'n einmahl sehen!« sagte Gunlaugur. Und somit segelten sie in den breiten Thamesstrom hinein. Zu Anfang blickte der junge Isländer mißvergnügt um sich her auf die ebnen, wohlangebauten Ufer zu beyden Seiten des Flusses. Da war keine Spur einer Burg oder sonst einer tüchtigen Verschanzung anzutreffen, und die Leute bestelleten im tiefsten Frieden ihren Acker, oder gingen sonst geruhig ihren Beschäftigungen nach. »Das sind hier träumerisch sorglose Menschen!« dachte Gunlaugur unzufrieden. Doch sahe sein scharfes Auge bald: unter den langen Kleidern der behaglich Hin- und Herwandelnden leuchteten schöne, scharfe Waffen, und die Pflügenden und Grabenden allzumahl hatten Schwert und Speer und Schild unfern an den frischen Heckenbäumen aufgehangen, welche ihre Äcker begrenzten. Und da mußte ihm zugleich in ernster Erinnerung Oeduns weise Frage beyfallen, während der Landung vor Jarl Hakons zierlichem Schlößlein Hladi. Die Frage: »Meint Ihr, daß 46 Helden von Mauerwerken vertheidigt werden, oder Mauerwerke von Helden?« Und somit gewann er ein Gefühl freundlicher Achtung vor den Bewohnern des Thamesufers. Als er aber nun vollends sah, wie auf edlen Rossen, bald da, bald dort, eine kühne Reitergestalt durch die Ländereyen hintrabte, bisweilen sich in schlanker Eile zwischen den Hecken hinwendend, bisweilen auch sie kühn überspringend, und wie edle Stuten und Füllen auf grünschwellenden Angern weideten, da sprach er in großer Fröhlichkeit zu dem Schiffmann: »Das ist ein edles Land, in welches Du mich hier hereingesegelt hast. Daß mir nun die Lundunaburg und ihr Fürst wohlgefallen muß, versteht sich im voraus von selber. Frage mich aber jetzt nicht nach allzuvielen Dingen, denn ich sinne auf ein Lied für Deinen König. Ungern nur würde ich vor den Beherrscher eines solchen Landes hintreten ohne Kreisgesang. Und die Blüthe des Liedes steigt in mir empor. Willst Du ihr Entknospen vernehmen? Das kann ich Dir einstweilen singen. Es heißt also!« Und mit anmuthig träumerischer Stimme sang er die Worte: 47 »Hier, in heit'rer Hirten Hürden hauche Frieden! Englands Engel walte, Ethelred, der Edle!« »Das ist ein hübscher Liedesanfang!« sagte der Schiffmann. »Und gar seltsam trifft es sich mit uns Beyden. Erst, als Du das Schiff betratest, kamest Du mir ausnehmend viel weiser und stärker vor, als ich. Dann wieder erschien es mir umgekehrt, und ich versuchte es, mich hochmüthig gegen Dich aufzuführen. Jetzt nun ist es abermahls zur Umwandlung gekommen. Ich dächte, wir hielten's künftig überhaupt im Gleichgewicht, und erhüben uns keiner ob dem andern. So gut das nähmlich gehen will, mein' ich!« Und Gunlaugur schlug in seine dargebothene Rechte ein, und sie vertrugen sich von da an sehr gut miteinander. 48     Sechstes Kapitel. Die Lundunaburg sahe so friedlich aus, wie das übrige Inselland: Eine edle Meierey, von vielen andern kleineren Gehöften weit und blühend umkränzt. Man hätte das Alles zusammen fast eine stundenweite Stadt nennen mögen, und in den Liedern einiger ahnungsreichen Sänger war auch wohl schon geweissagt, hier solle dereinst die größte Stadt in allen Abend- und Norderlanden zu stehn kommen. Die ausgeschifften Ankömmlinge wurden alsbald zum König Ethelred geleitet, der in seiner offnen, großen Halle offne, große Tafel hielt, und sie mit würdevoller Freundlichkeit bewillkommte; auch sie sogleich einlud, Platz bey dem Mahle zu nehmen, wo der gastliche Becher bereits recht fröhlich in die Runde ging. Der Schiffherr und Thorkill setzten sich auch sogleich, 49 dem königlichen Wink gehorchend, während Gunlaugur sich noch erst wie fragend in der Halle umsah, und endlich nach einem von der Wand herniederhängenden Saitenspiele faßte. Da sagte König Ethelred lächelnd: »Ey, Du bist mir wohl gar ein Sangesgast? Du mir dann zwiefach willkommner Fremdling!« »Herr,« sagte Gunlaugur, »ich komme aus der Insel der Lieder. Die blühen uns dorten gar reichlich auf, zum Ersatz für viele Blüthen und Früchte, die andern Ländern im reichlicheren Maße beschieden sind. Ein Isländer bin ich, und heisse Gunlaugur der Illugisohn. Weite Meeresfluthen hab' ich durchsegelt, bis ich hier hereintreten konnte in Eure gastliche Halle. Und weil ich unterweges viel Gutes und Schönes von Euch reden hörte, ging mir auch unterweges ein Lied zu Euern und Eures Landes Ehren auf. Deßhalb griff ich nach dem Saitenspiel dort an der Wand oder vielmehr, ich habe es schon herunter genommen – und bitte Euch nun um Vergunst, mein Lied vor Euch zu singen.« »Das gewähr' ich Dir gern;« sagte der freundliche König. »Aber die Eine Bedingung füge ich hinzu: Du leerest noch vor dem Beginn einen Becher, des lautersten und edelsten Trankes voll.« 50 »Biethen und Handeln macht gute Kaufmannschaft, Herr König!« sagte Gunlaugur fröhlich. »Und Euern Vorschlag laß' ich mir gern gefallen.« Damit leerte er das ihm dargeboth'ne Trinkhorn frisch, und schlug nun so machtvoll in die Saiten, daß Alle beynah erschreckt sich nach ihm hinwendeten. Doch sang er dann mit recht anmuthiger, man hätte fast sagen mögen, mit sanfter Stimme folgende Worte in die nun auch milder tönenden Weisen der Harfe: »Hier in heit'rer Hirten       Hürden hauche Frieden!       Englands Engel walte,       Ethelred der Edle! Wunderlich, wie Welt, die alte       Wunderlingin sich gestaltet!       Bald umbrüllen Donner wild ihr       Die zerbroch'nen Brückensteige. Wieder dann in Wies' und Wäldern       Will sie mild wohlthätig walten.       Hoheit eint mit Huld und Muth sie       Hier in heit'rer Hirten Hürden. 51 Hier in heit'rer Hirten       Hürden hauche Frieden.       Englands Engel walte,       Ethelred der Edle! Schön ist edles Schlachtenringen,       Schön sind schwell'nde Meeresfluthen.       Aber auch am stillen Abend       Anmuthvoll haucht süße Ruhe. Inselkind ist edle Ruhe,       Ist durch Meer und Wehr beschirmet.       Halt geschirmt am Strand hier Ruhe!       Hauche Frieden, Englands Engel! Hier in heit'rer Hirten       Hürden hauche Frieden!       Englands Engel walte,       Ethelred der Edle! Rosse, rittig edle Rosse,       Reiter, kühnerfahrne Reiter,       Wappner, festbewehrte Wappner,       Wandeln durch das Friedens Eiland. Friede wohnt und Friedensfreude,       Wo Verfechter froh bereit sind!       Walte lang im würd'gen Wohlstand!       Walte, Ethelred der Edle! 52 Hier in heit'rer Hirten       Hürden hauche Frieden!       Englands Engel walte,       Ethelred der Edle!« »Das ist ein hübsches Lied!« sagte der freundliche König. »Kaum je hat Skalde Rafn mir so schön gesungen, und mich so würdiglich gepriesen.« Da sprang ein grosser, schön gewaffneter Held von der Tafel auf und ging unwillig mit klirrenden Schritten aus der Halle. Kopfschüttelnd und mißbilligend sah ihm der König nach. Gunlaugur fragte, rasch zu dem Schiffmann gewendet: »War das etwa Rafn der Skalde, welcher hier auf so wunderliche Weise von hinnen ging?« »Behüthe!« erwiederte Jener. »Der edle Skalde, nach dem Ihr fragt, ist nicht von so rauhen Sitten. Das hier ist der wilde Thorgrimur, von dem ich Euch schon unterweges erzählt habe. Den ärgert's ohne Zweifel, daß Euer Gesang den Frieden dieser Insel gepriesen hat!« »So!« entgegnete Gunlaugur. »Das ist mir recht lieb, und ich wünsche mir seine nähere Bekanntschaft. Aber lieber noch hätte ich's doch gesehen, wär' es Rafn der Skalde gewesen.« »Warum das?« fragte der Schiffmann. 53 »Ich weiß es nicht so genau zu sagen;« erwiederte Gunlaugur. »Ich habe diesen Skalden Rafn in meinem ganzen Leben nicht gesehen. Auch hat er mir nimmer etwas zu Lieb oder zu Leide gethan. Aber die Leute haben mir so viel von ihm vorgesprochen, daß ich ihn nicht gut ausstehn kann. Ich denke immer, er oder ich, oder wir alle beyde müssen uns einander irgend ein großes Leid zufügen, und so etwas hätt' ich lieber heut als morgen ausgemacht.« »Ja, ja!« sagte der Seemann. »Wohl ähnliche Dinge hab' ich in mir selbst empfunden, und ähnliche von andern Menschen gehört. Aber Euch ist für dasmahl nicht zu helfen. Rafn der Skalde zog schon längst von hier hinaus, und wenn gleich er manche fröhliche Tage an König Ethelreds Hofhalt erlebt hat und gegeben, wissen wir doch nicht, wo er jetzt sein Sanges- und Kampfestreiben hält.« »Schade!« seufzte Gunlaugur aus tiefem Herzen. Aber es sollte ihm jetzt eben etwas Fröhliches begegnen, wie uns denn oftmahl dergleichen nahe bevorsteht, wenn wir gerade recht betrübt oder mißmuthig sind. König Ethelred winkte ihn zu sich heran, und 54 hielt einen schönleuchtenden Scharlachmantel in den Händen; der war auf allen Seiten mit dichten goldnen Borten und Franzen reich besetzt. Und als Gunlaugur, herzutretend, sich in freundlicher Ehrerbiethung tief neigte, hing ihm der König das edle Kleidungsstück auf zierliche Weise über die Schultern, und sagte dazu: »Trage das mir zu Liebe. Und erzeige mir dazu die Liebe, recht lange an meinem Hofhalt zu verweilen.« Gunlaugur sprach: »Ihr seyd der rechte königliche Wirth, der einem ehrbaren Sänger und Kriegesmann Lust zum Verweilen macht. Ich bleibe von ganzer Seele gern, mein edler Englandskönig.« Darüber freuete sich der gastliche Held Ethelred, und das Mahl ging erst nun im recht heitern Leben auf. Mährlein wurden erzählt, Becher zusammengeklungen, schöne Heldenlieder gesungen, und auch Lieder von manch holder Einen, die im stillverschwiegenen Meinen hat ein tapfrer Jüngling treu erwählt; kurz, über all die edlen Mahlesgeister ward Gesang unter Zither- Becher- und Waffenklang ein fröhlicher Meister. Freundlich gab der König endlich Allen gute 55 Nacht. Und Gunlaugur fand in den Lunduna's-Hallen ein Gemach voll edler Pracht für sich bereitet. Und geleitet von holdseligen Träumen, wo der milden Helga süßes Bild erschien, winkend ihn nach Heimathsräumen, sank ein süßer, tiefer Schlummer sanft herab auf ihn. 56     Siebentes Kapitel. Frisch am Morgen erwachend trat der junge Islandsgast an das schöngewölbte, mit buntem Glase geschmückte Fenster seiner Kammer, und sah in die duftige Wiesen- und Waldgegend hinaus, noch jetzt im Spätherbst wunderbarlich grün und jung. »Das müßte sich hübsch durchhintraben auf einem flinken Rosse!« dachte Gunlaugur. »Doch leider, mein schöner silbergrauer Granis-Enkel ist fern auf Island. Ach wie viel Schöneres ist auf Island fern! und um so lieber möchte man Sehnsucht und Wehmuth angenehm vor sich hinjagen, wie sonnenvergoldete Nebel, auf einem flügelschnellen Ritt über das duftige Gefilde! Ey, wer kein Roß hat, versucht zu Fuße, was seine frische Kraft vermag. Haben ja selbst auf Schlachtenfeldern sich kühne Reiter oft eben dann erst recht stark begeistert 57 erwiesen, wenn unter ihnen das treue Roß durch Feindeswaffe erschlagen lag!« Und somit hatte er sein gutes Schwert über die schlanken Hüften gegürtet, und schritt lustig in den morgenlichen Wiesenduft hinaus. Aber da kam ihm ein Reisiger freundlich entgegen, und fragte: »Wollet Ihr ausreiten? Und befehlet Ihr, daß ich Euch nachreiten soll? Oder bedünkt es Euch anmuthiger, Euern ersten Ritt durch die britannischen Gefilde allein zu versuchen? Das Roß, welches der König zu Eurer Verfügung gestellt hat, ist lenksam, edel und schnell.« »Der König hat ein Roß zu meiner Verfügung gestellt?« fragte staunend Gunlaugur. Und eben so staunend sah ihn der Reisige an. Doch sprach endlich dieser nach einigem Besinnen: »Ja so! Ich hab' es freylich auch wohl sonst schon von andern Fremden erwähnen hören, daß nicht allwärts so gastliche Sitte herrschen soll, als hier. Aber Ihr müsset nur wissen, edler Fremdling, auf der Englandsinsel – und wohntet Ihr auch nur in einer Ritterburg statt in einer Königsburg – da ist für Alles gesorgt, was dem Gaste nach seinem Stand und Wesen gebührt. Mich habt Ihr zum Reisigen, so lang' Ihr hier 58 verweilet. Und auf eben so lange, und wäre es auf Jahrzehente, stehen zwey edle Rosse zu Euerm Geboth. Für Euch gehört natürlich und ganz absonderlich der Schönste und Feurigste. Wollt Ihr's aber etwan, durch die langen Seefahrttage verwöhnt, lieber erst mit einem stilleren Gaule versuchen, wohlan, ich führ' Euch den Meinigen vor, und reite auf dem Eurigen mit Euch, damit ich Euch vor allem Schaden behüthen mag.« »Den kühnsten Gaul vor! den Zornigsten!« rief Gunlaugur, selbst zornesroth wie ein Wettergewölk im Juniusmond. Und als der edle Rappe wildschnaubend vor ihm stand, und mit den Hufen in den Boden hieb, schwang er sich federleicht hinauf, und rief, indem er von hinnen jagte, mit stolzem Zurückwinken: »Daß doch ja Niemand sich unterstehe, mir nachzureiten!« Aber er hätte das nicht so strenge zu verbiethen gebraucht. Einige dreiste Sprünge, zu welchen er den kühnen Rappen über Hecken und Gräben und Schlagbäume forttrieb, mochten wohl dem Reisigen und Allen, die ihm von der Burg nachschauten, die Lust benehmen, sich mit ihm in ein Wettjagen einzulassen. So geschah es, daß er ganz allein unversehens am grünen Ufer des Thamesstromes hielt, 59 und von seiner kecken Lust, den Gaul auch dort hindurchzuzwingen, nur darum abgehalten ward, weil ihm die Gestalt seines Schiffmannes in's Auge fiel, wie der so eben bereit stand, die Gepäcke jenes ersten Fahrzeuges durch viele Knechte theils gegen andere Waaren vertauschen, theils Alles in ein anderes segelfertiges Schiff überladen zu lassen, zur neuen Fahrt in das uferlose Meer hinaus. Gunlaugur zügelte sein Pferd, ließ es sanft am grasigen Strande gegen den befreundeten Mann hinabtraben, und sprach ihm treuherzig die Hand biethend: »Wollet Ihr so schnell wieder von hinnen? Und Euch hat ja doch hier ein recht liebes schönes Vaterland empfangen! Aber freylich, da braucht nicht erst ein Inselmann den andern so verwundert zu befragen. Inselleute sind Meeresleute! Jedwedes Eiland treibt seine Kinder in die schöne, heimlich wundersam nach der Ferne lockende Fluth hinaus!« »Ja, ja, Ihr redet mit den rechten Meereszungen!« sagte der Schiffmann. »Ich kenne das. So haben Die oftmahl auch zu mir gesprochen in Wachen und Traum. Selbst tief in das feste Land hinein strecken sie dergleichen 60 träumerische Zauber. Skalden der allerverschiedensten Geschlechter haben davon gesungen, oft in der sandigsten Binnenlande Mitten. Deßhalb vernimmt ein Seefahrer meist an allen Orten einen Nachklang seines Gefühls, und wohl alle Leute hören ihm gern zu, wenn er von seinen kühnen Fahrten erzählt.« Er sah tiefsinnig über den Thamesstrom hin, wie der so in mächtiger Eil und Rastlosigkeit meernieder fluthete, und rief dann begeistert aus: »Das Schönste auf aller Welt ist doch die offenbare See! Das hat schon ein heidnischer Gelahrter in den Griechenlanden gesprochen, wenn gleich mit etwas andern Worten. Platon hieß er. Und wenn er in allen Dingen so Recht hatte, wie darin, war er ein grosser Meister. Ja, die Woge rollt, die Woge schäumt, die Woge schwindet, und alle Wogen bilden liebend das gesammte, heilige Meer!« Bewegt faßte Gunlaugur seine Hand und fragte: »Bey welchem Nahmen soll ich Dich wieder kennen in dem Geschäume der Welt, Du edle Woge?« Der Schiffmann aber erwiederte: »Was ist ein Nahme! Fahr wohl, mein junger Freund! Das heilige Meer führt uns schon wieder einmahl 61 zusammen, wenn nicht an dieser Küste, an einer schöneren doch!« Er drückte noch einmahl des Jünglings Hand, und bestieg dann sein Fahrzeug. Gunlaugur hat in seinem vielbewegten Leben nichts mehr seitdem von dem wunderlichen Schiffsmann vernommen. 62     Achtes Kapitel. Für jetzt aber stand dem jungen Islandsgast noch weit eine andere Bekanntschaft auf dem Eilande Britannia bevor. Denn während er im ernstbewegten Sinnen über des Schiffmannes Verschwinden wieder vom Flussesufer abgelenkt war, und zwischen laubigen Hecken hintrabte, die den Weg von beyden Seiten beengten, ritten ihm unerwartet bey einer plötzlichen Wendung des Pfades drey grosse, wohlgewaffnete Männer auf mächtigen Rossen entgegen, und der Ansehnlichste unter ihnen sagte: »Halt!« Gunlaugur, haltend zwar, aber die Hand an's Schwert legend, fragend: »Warum Halt?« »Weil ich mit Dir zu reden habe,« sprach der Andere, und Gunlaugur antwortete: »Rede!« »Kennst Du mich nicht?« murrte Jener unwillig. »Wir haben 63 uns doch gestern zu Abend in des Königs Halle gesehen, und ich sollte meinen, wer mich Einmahl erblickt hat, vergäße mein im Leben nicht wieder. Ich heiße Thorgrimur.« Und im raschen Übermuth stieß er seinem Rosse dergestalt die Sporen in die Seiten, daß es einen gewaltigen Bogensatz that. Gunlaugur aber zwang sein unruhig werdendes Pferd mit Zaum und Schenkel in die ruhigste Stille, und sagte freundlich: »O ja! jetzt erinnere ich mich. Und Ihr zeigtet ein etwas sehr wunderliches Betragen an des Königs Tisch; oder vielmehr, indem Ihr von des Königs Tische wegliefet. Das Weglaufen aber ist nie meine sonderliche Stärke gewesen, und selbst das unbeholfenste Knäblein könnte mir es leichtlich darin zuvorthun!« »Wollt Ihr mich verhöhnen?« fragte Thorgrimur. »Wollt Ihr Händel an mir suchen?« fragte Gunlaugur. »Das gerade nicht!« entgegnete Thorgrimur, nach einigem Besinnen. »Und Ihr mögt wohl im Ganzen bis jetzt noch kein Unrecht gegen mich haben. Also – Friede zwischen uns! Und damit ich Dir ein ehrbares Vertrauen zeige – die Leute sagen, Du seyest reich an Gold und 64 Gut, und mir fehlt es jetzt an Beyden. Gib mir zehn Goldstücke, Nordmann.« »Siehst Du das für einen Zins an?« fragte Gunlaugur. »Dann sollst Du auch keinen Heller haben.« »Nordmann und also Landsmann,« erwiederte Jener, »Du sollst mir ja nur leihen, was ich Dir am Tage, den Du mir bestimmen magst, wieder zahlen will.« Und Gunlaugur erwiederte freundlich: »Ey, Schmach wäre das ja für einen Nordmann, einem Landesgenossen dergleichen freundlichen Begehr zu verweigern, wenn man's ihm erfüllen kann, und glücklicherweise trag' ich gleich jetzt Gold im Gürtel bey mir. Da, nimm die zehn Stücke hin. Am Tage vor der nächsten Mondeswandlung zahlst Du sie mir wieder. Du hast noch über sieben Nächte Zeit bis dahin. Oder willst Du Dir selbst einen spätern Zahlungstag setzen? Mach' es nach Deinem Willen. Nordmannswort ist Goldeswerth.« »Es ist schon gut so!« sagte Thorgrimur mit häßlich verzerrtem Gesichte, und nachdem er die Goldstücke ohne Bezeigung irgend einer Höflichkeit zu sich gesteckt hatte, sprengte er mit seinen Gefährten lautlachend von hinnen. 65 Gunlaugur aber sagte leise vor sich hin, während er gelassen fürder trabte: »Ob das gut so für diesen Meister Thorgrimur ist, wird die Zeit lehren. Ich aber glaube, er hätte klüger gethan, sich anders aufzuführen.« 66     Neuntes Kapitel. Als Gunlaugur wieder in des Königs Halle zum Frühmahl zurückkam, fragte ihn dieser freundlich, wo er in so junger Morgenzeit schon gewesen sey, und wie ihm das Land gefalle. Gunlaugur lobte es mit hübschen Worten, wie sangbegabten Leuten, wenn sie recht von Herzen froh sind, solche wohl leicht zu Gebothe stehen. Darüber ward König Ethelred noch freundlicher, und fragte, ob er Bekanntschaft mit andern edlen Nordlandsmannen, deren es Viele hier zu Lande gebe, angeknüpft habe »O ja, mit dem Thorgrimur hab' ich Bekanntschaft gemacht!« sagte der Isländer. Da verfinsterte sich Ethelreds Königsangesicht, und er begehrte sehr ernst, Gunlaugur solle ihm Alles berichten, was er mit Jenem verhandelt habe. Gunlaugur thats. Da sahe der König noch unzufriedner aus, blickte 67 eine Zeitlang sinnend vor sich nieder, und dann den jungen Mann näher zu sich heranwinkend, sprach er mit etwas gedämpfter Stimme, so daß es Niemand Anders hören konnte: »Du hast unbedacht gehandelt – unbedacht, wie es Deines jugendlichen Alters Art wohl meist immer zu seyn pflegt. Oder freylich – am Ende gab es hier zum Ausweichen kein andres Mittel mehr, und wir können noch Alles wieder in ein erträgliches Geleise bringen.« »Ich verstehe Euch nicht, Herr König!« sagte der staunende Jüngling. »Ausweichen? Das wollte ich keinesweges, als der Thorgrimur mit seinen zwey trotzigen Gesellen vor mir hielt, und wär' er auch der grimme Donnergötze Thor aus unsern alten Liedern selbst gewesen.« Mit ernstem Lächeln sprach der sanfte König: »Ein Skalde, wie Du, hätte sich doch besser auf die Bildersprache verstehen sollen, in der ich jetzt unabsichtlich zu Dir redete. Ausweichen säh' ich Dich gern dem wilden Thorgrimur auf Deiner ganzen Lebensbahn. Daß er die Goldstücke Dir ablieh, zeigt schon genugsam, daß er eigentlich Händel an Dir sucht. Ich kenne seine Weise aus mannigfachen Verdrießlichkeiten her. Und es wäre mir leid, wenn Ihr zwey aneinander 68 geriethet. Deßhalb stelle Dir vor, Du hättest ihm das Geld gar nicht geliehen, und begehr es nie von ihm zurück. Ich will es Dir gern ersetzen. Auf jedem andern Wege würde ja doch ein blutiger, wohl gar mordlicher Zweykampf daraus.« »Wie denn?« sagte Gunlaugur staunend. »Ist Euch etwa der überkecke Thorgrimur so überaus lieb, Herr König, daß Ihr ihn auf keine Weise meinen scharfen Waffen gegenüber sehen möchtet?« »Nein, Du bist mir lieb,« sprach der König, »und nicht Dich möchte ich gern den scharfen Waffen jenes bis jetzt noch unbezwungenen Fechters gegenüber sehen.« Da lächelte Gunlaugur auf eine wunderliche Weise vor sich hin, wie mit leisem Kopfschütteln fast. Endlich sprach er: »Mein edler und sehr lieber Herr König, es gibt in unsern Nordlanden ein Gericht, aus gutem Wildpret und recht schmackhaften Würzen bereitet, das nennen die Leute Süß und Sauer . Und ungefähr so kommt mir Eure jetzige Rede vor. Süß ist es mir, daß ein Fürst, wie Ihr, mein Leben lieb hat, und es sorglich hegen möchte, aber sauer kommt es mir zu ertragen an, 69 daß Ihr meint, ich müsse durchaus vor Euerm Thorgrimur erliegen. Vergönnt mir doch wenigstens die Probe. Sey er auch etwa um ein Neuntel grösser, als ich, wer weiß, ob ich nicht um Neun Fünfzehntheile besser fechte, als er! Vorausgesetzt, daß er seine Verpflichtung nicht lösen will. Denn thut er das, so bleiben wir als zwey gute Nordmannen gute Freunde mitsammen.« »Es geschehe, wie Du sagst, mein lieber Jüngling!« entgegnete König Ethelred, und faßte Gunlaugurs Hand, sie so feurig und stark drückend, daß dieser wohl merken konnte: hätte es sich um des Königs eigne Kampfesangelegenheit gehandelt, der muthige Herrscher wäre nimmer so ausnehmend friedwillig erschienen. 70     Zehntes Kapitel. Diesen und die nächsten Tage hintereinander ordnete der Englandskönig mancherley Kampfspiele an, die sich um so fröhlicher gestalteten, da der wilde Thorgrimur, welcher dergleichen meist immer durch Zänkereyen oder mitunter gar durch freche Unthaten zu verderben pflegte, sich in dieser Zeit nicht am Hofhalte blicken ließ. Er mochte wohl, wie das so seine Art seyn sollte, dem sittlich zierlichen Kreise in des Königs Nähe ein wildes Lustigleben vorziehen, so lange er sich das mit Gunlaugurs Goldstücken bereiten konnte. Held Ethelred aber hatte grosse Freude an des Islandjünglings Gewandtheit und Stärke. Und als nun der Tag heran kam, an welchem sich es entscheiden sollte, ob Thorgrimur dem Landsmann seine Verpflichtung lösen werde, sprach der König zu Gunlaugur: »Glück auf, 71 mein junger Held! Jetzt hoffe ich zuversichtlich, Du wirst Deinen Gegner nicht nur ehrbar – das verstand sich von Anfang her – sondern auch sieghaft bestehen. Nur Eines ist mir dabey bedenklich.« »Mir auch ist Eines dabey sehr bedenklich, Herr König!« sagte Gunlaugur, und seufzte. »Sehet, ich befürchte, der Thorgrimur wird sich gar nicht wieder an Euerm Hofhalte stellen, so lang' ich hier bin. Daß mir dann zehn Goldstücke verloren gehen, daran ist gar nichts gelegen. Daß ich dabey um die Veranlassung komme, einen Ernstkampf gegen einen zwar nicht edlen, aber doch starken und gefürchteten Mann in Eurer Gegenwart auszufechten, daran ist schon sehr viel gelegen. Daß jedoch vollends ein Nordmann sich nicht nur frech, sondern auch zaghaft betragen könnte, das wäre das Allerabscheulichste. Und einen heissen Schmerz in der Seele, müßt' ich dann aus Eurer sonst so gastlich anmuthigen Burg und Euerm frisch behaglichen Reiche mit fortnehmen. Sehet, das ist das Ding, welches ich befürchte.« König Ethelred erwiederte mit ernstem Lächeln: »Was das betrifft, mein junger Freund, da magst Du Dich aller Sorge entschlagen. Der trotzige Thorgrimur vermeidet kein Gefecht. Meine Sorge 72 ist weit eine andre. Aber sie ist schon gehoben wenn Du mir Dein Ehrenwort darauf gibst, den Kampf gegen ihn nicht ohne mein Wissen zu beginnen, und dann den Rath zu befolgen, welchen ich Dir ertheilen will.« »Das soll geschehn, mein lieber Herr König!« sagte Gunlaugur zutrauungsvoll, und der Fürst lächelte sehr vergnügt. Am folgenden Tage kam Thorgrimur auf einem riesigen Rosse an den Königshof geritten. Allerley Waffen – außer denen, mit welchen er umgürtet war, oder sie in den Händen trug – klirrten noch vom stählernen Sattelbogen seines Gaules herab, und er schaute dazu so grimmig zwischen seinem wilden, fast ineinander gewachsenen Haupt- und Bartgelock hervor, daß einige Mannen des Königs ihre Blicke von ihm abwandten, und lieber etwas zur Seite gingen, als in diesem Augenblicke mit ihm in Streit zu gerathen. Auch Gunlaugur trat auf die Seite, denn der so prachthaft thuende Mann war ihm ein Gräuel recht widerwärtiger Art. Dessen ungeachtet, indem er noch das stolze Jünglingshaupt nach Jenem zurückwandte, kam ihm ein herzliches Lachen an, und er fand auch eben keinen Beruf in sich, es zu unterdrücken. Da trieb der riesige Kämpfer sein hohes Roß 73 rasch gegen ihn hin, und fragte barsch: »Was lachst Du?« Gunlaugur aber trat mit so kecker Wendung vorwärts, daß Thorgrimurs Pferd davor scheute, und dieser genug zu thun hatte, sein Thier wieder in Ordnung und Ruhe zu bringen, während Gunlaugur nach einer recht hübschen alten Weise sang: »Lachen ist ein lust'ges Ding. Laßt Jedwedem Lachens Lust! Wer da weint, wird leicht dein Feind, Weinen ist wohl ernstes Ding Leicht verletzbar, schlimm ergötzbar, Läßt es leicht den Jagdhund Zorn los. Lachen ist ein Lerchentriller! Lacher wird sehr leicht dein Freund!« »Ich indeß habe gar nicht Lust, Du trillernde Lachlerche, Dein Freund zu werden!« erwiederte der zürnende Thorgrimur, noch immerfort sich mit seinem grossen Pferde herumarbeitend. Und Gunlaugur antwortete, voll der kecken Gelassenheit, welche uns das vollendete Unrechthaben des Gegners zu bescheeren pflegt, abermahls singend: 74 »Willst nicht, wunderlicher Zornmann, Wiederhallen mir mein Liedchen? O, wohl hast du Nordlandsordnung Oft gehört, und doch vergessen! Singt man Sang dem sinn'gen Mann zu Singt ein sinn'ger Mann erwiedernd. Und drum rath' ich dir, Unbänd'ger: Nicht unkundig thu' der Sitte.« »Ich frage Dich« – rief mit donnernder Stimme Thorgrimur – »ich frage Dich, ob Du irgend etwas Belachenswerthes an mir findest, und ob Du vermeinst, Du hättest das Mindeste zu fodern an mir.« »Oho!« sprach Gunlaugur. »Das sind zwey große Fragen auf Einmahl, und zu keck sind sie hingeworfen, um sie noch im heitern Liedesklange zu beantworten. Aber an offenherziger Erwiederung sonst soll es nicht fehlen. Ob ich etwas Belachenswerthes an Dir finde? Ja! Und zwar wohl mehr als Eins. Da kommt es mir unter Andern gar spaßhaft vor, daß Du Dich mit Gewehren beladen hast, als wärest Du eine wandelnde Waffenhalle. Wozu das? Einem wackern Manne pflegt sein wohlerprüftes Schwert oder seine starke Streitkolbe getreu zu seyn. Und hat er dann noch höchstens den Speer und den 75 Dolch bereit, zum Angriff von weitem, zur Abwehr in unversehener Nähe – sage mir, Mensch, wozu sich mit Doppelgestalten von Klingen und Kolben und Aexten und was weiß ich sonst noch, belasten! Im Ernste, Thorgrimur, hätt' ich Euch wo unterweges angetroffen, ohne sonst zu vernehmen, wer Ihr seyd – und bis vor ein paar Tagen hab' ich wirklich nie das Mindeste von Euch vernommen – Ihr wäret mir vorgekommen, wie ein armer und deßhalb sehr verdrießlicher Mann, der irgendwo ein Schlachtfeld abgesucht hätte, um mit den herrenlos herumliegenden Waffen einen vortheilhaften Handel anzufangen, und seine jämmerlichen Umstände dadurch einigermaßen zu verbessern. Mag seyn auch, ich hätt' Euch aus Mitleid und freundlicher Meinung ein gutes Geboth gethan.« Thorgrimur, erst jetzt vor wortehemmender Wuth zu Worten kommend, sagte: »Wohlan! Prüfet dieß Schwert hier, das ich am rechten Sattelbogen trage, mein lustiger junger Waffenkäufer! Aber versucht vorerst, ob Ihr es mir aus der Scheide reissen könnet! Ihr, dem es so spaßhaft vorkommt, daß ein Held zu vielen Kämpfen viele Waffen mit sich führe!« Und zugleich ließ er sein Roß einen gewaltigen Satz wider 76 Gunlaugur versuchen. Dieser jedoch, leicht ausweichend, sprang lustig nach der angewiesenen Seite hin, und riß das Schwert so schnell und stark vom Sattelbogen herab, und Haken und Scheide mit, daß beynahe Thorgrimur von des verwilderten Rosses Rücken hinabgestürzt wäre. Doch mühsam noch sein Reiterrecht behauptend, spornte er um so unwilliger sein Thier wieder dicht vor Gunlaugur hin, und sprach: »Wohlan! Da hast Du ein Schwert aus meinem Waffenvorrath. Aber womit zahlest Du mir's?« »Mit gar nichts!« entgegnete Gunlaugur gelassen, und fügte noch gelassener hinzu: »O bitt' Euch, ereifert Euch so um Garnichts nicht, wie es doch wirklich scheint, als empfändet Ihr Zorn um meines Kaufgebothes willen. Vorerst – wollet Ihr mir die zehn Goldstücke zahlen, die Ihr mir schuldet?« »Daß ich ein Narr wäre!« rief Thorgrimur wegwerfend aus. »Nun dann,« sagte Gunlaugur lachend, »so ist ja Euer Ehrenwort gar nichts, denn das verpfändetet Ihr um das bischen Gold, und um Garnichts also behalt' ich mit Rechten das Schwert, wenn ich Lust dazu hätte nähmlich! Aber so – nehmt's hin, und braucht es gegen 77 mich nach Euern besten Kräften.« Und er schleuderte es wild empor, daß es in den Aesten eines Baumes hängen blieb, von wo es Thorgrimur mühsam herabhohlte, während Gunlaugur sang: »Du, Fechter, der jetzt so im Grimme lacht,     Du hattest auf schlimmen Rathschlag Acht, Als dir's ein toller Kobold gab ein,     Was mein ist, werde durch Trotz auch dein. Ey Mann, das war ein schlimm Koboldswort;     Und rath' ich dir, schicke den Kobold fort!« Er hielt einen Augenblick inne, wie Antwort erwartend, und zwar begütigende. Aber Thorgrimur schwieg, und ein trotziges Hohnlächeln lag wie gebannt auf seinen Zügen. Er war jetzt fast wie ein halbverwittertes, häßlich in Stein gehauenes Götzenbild anzusehen. Da erhob Gunlaugur seine Stimme stolzer und sang: »Weißt du meinen Nahmen am Islandstrand?     Sie haben mich Drachenzunge benannt! Und auf Island – kennst ja das Island-Geschlecht!     Da benennen die Leute die Leute recht! Da sehn Leute den Leuten in's Herz hinein!     Nicht reize des Drachen Zunge! Laß seyn!« »Daß Du Drachenzunge heißen magst,« sagte Thorgrimur stolz, »will ich Dir nicht 78 abstreiten. Aber fürwahr, nicht mit der Zunge soll unser Streit abgemacht werden, wie das wohl auf Euern Isländischen Dingstätten oftmahlen der Fall zu seyn pflegt.« »Schmähest Du mir die Isländischen Dingstätte und Islands heiliges Recht und Gericht?« rief Gunlaugur zornlodernd aus. Doch bald setzte er gelassenen Stolzes hinzu: »So mag denn Drachenzunge sich Dir als Drachenschwert gestalten und erweisen. Drey Nächte von jetzt an, schlafe meinethalb so ruhig, wie Du kannst und magst. In der Morgenröthe nach der Dritten stelle Dich auf diesen Platz, und dann will ich kommen, und Dir zeigen, was Gunlaugur Drachenzunge vermag. – Was siehest Du mich darüber so verwundert an?« »Ich verwundre mich billig!« entgegnete Thorgrimur. »Es ist gar nicht zu glauben, wie nun schon so ausnehmend vielen Leuten ich Schmach und Schimpf und Unrecht angethan habe. Wie sie es nannten, mein' ich nur! Ich that so, weil es mir so gefiel. Aber von ihnen allzumahl ist mir noch kein Einziger auf den Einfall gekommen, mich zum Gerichtskampf in die Schranken zu fodern! So ordentlich Mann gegen Mann auf Tod und Leben! Hab' ich Dich recht 79 verstanden, junger Mensch?« »O ja freylich!« sagte Gunlaugur. »Und ich will nur gleich jetzt gehen, den König um freyes Feld für unser Gefecht zu bitten.« Damit sagten sie als einiggewordene Handelsleute einander unterweilen Fahrwohl. 80     Eilftes Kapitel. Als nun Gunlaugur vor dem Könige Ethelred stand, sich und seinem Gegner Vergunst für den beschlossenen Kampf zu erwerben, nickte der Fürst einigemahl nachdenklich bejahend mit dem Kopfe, und hatte nun eigentlich schon in Alles gewilligt. Denn nie, auch nur das leiseste Zeichen seiner Gewährung, hatte er in seinem ganzen schönen Herrscherleben je zurückgenommen. Endlich sprach er laut und vernehmlich: »Es mag das Wesen seinen Lauf nehmen, wie es ihn anfing. Frau Ehre schifft nun einmahl auf dem Strom dieser wilden Geschichten. Wer könnte ihn gewaltsam hemmen, ohne die zarte Gestalt dabey zu gefährden! Es gilt. Über drey Nächte geb' ich den zwey Kämpfern freyes Feld auf meinem Burgplatz hier, und zwar in der frühesten Morgensonne Lichtern. Geh' Einer hin, und sag' es 81 dem Thorgrimur an.« Zugleich aber auch winkte er den übrigen Mannen, die in der Halle ihn umstanden, daß sie ihn verließen, und nur den Gunlaugur hielt er vertraulich und in tiefer Bewegung an der Hand bey sich zurück. Als sie nun allein miteinander waren, sagte der König leise: »Schade wär' es für die Welt, und für mich ein wohl immerfort nagender Schmerz, wenn Du mir so früh in den jungen Lichtern des anberaumten Tages untergehen solltest, Du selbst ein jugendliches, vielverheissendes Morgenlicht!« »Es sind schon viele edle junge Helden in ihrer Jugendblüthe gefallen, o mein gütiger Herr König!« erwiederte Gunlaugur, auf eine so anmuthig milde Weise bewegt, als man es wohl selten an ihm zu schauen gewohnt war. Schöne, doch schroffe Felsen mögen etwan im strahlenden Morgenglanze so aussehen, wo sie sich in klar vorüberrauschenden mächtigen Strömen spiegeln. Der König faßte des Jünglings Rechte nun mit seinen beyden Händen, als wolle er ihn sich auf alle Weise festhalten, und sagte dazu: »Trotze Du nur dem heranziehenden Donnergewölk. Es ist Deines Gleichen Art so, und ich kann und will nichts dawider haben. Nur 82 das Eine wisse und nimm es Dir zu Herzen: der böse Thorgrimur kämpft nicht nur mit der Waffen Gewalt. Auch Hexen- und Koboldskünste führt er dazu in seinem Geleit. Jeglichen Schwertes Schneide, darauf er seine häßlichen Wolfsblicke heften kann, stumpft er durch einen ihm inwohnenden abscheulichen Zauber. Dann beut er seine Glieder gegen die machtlos gewordne Waffe seines Feindes keck und höhnisch dar, weil er weiß, es gilt nur den Schlag eines geknickten Halmes oder den Stoß einer gedorrten Binse. Und dann haut Thorgrimur nach, und sein Gegner liegt gespaltnen Hauptes am Boden.« »Das ist freylich ein schlimmes Ding, Herr König!« sagte Gunlaugur nachdenklich. »Und Schade wär' es, wenn mein frisches Leben just vor so tollen Hexenstücken schon so sehr früh zu Grunde ginge. Wißt Ihr also ein hübsches Mittel dagegen, so sagt mir's nur in Gottes Nahmen an.« Da ging König Ethelred nach der Hallenwand, von wo viel köstliche Waffen herniederhingen, nahm ein herrliches Schwert, und sprach, indem er es dem Isländer gab: »Das schenk' ich Dir, mein lieber Jüngling. Das gürte Du Dir unter Deinen Waffenrock, so daß er es mit seiner weiten, blankverzierten 83 Pracht, wie wir Englandsmannen das bey feyerlichen Todes- und Siegeskämpfen zu tragen pflegen, überhülle. Das Schwert aber, welches Du jetzt an der Seite führest, trage gezückt in Deiner Hand. Begehret nun, wie ich nicht zweifle, Thorgrimur es vor dem Gefechte zu beschauen, so gib es nur geruhig in seine schlimme Hand. Dann aber, wann die Kampfeshörner zum Angriff blasen, schleudre es von Dir, und zücke dieses Schwert, welches Du jetzt von Königshand empfängest. Dann sind die Parthen gleich, und kein Zauber mehr darf Deine gute Klinge stumpfen zum Siegesschlage für Dein gutes Recht!« Da dankte Gunlaugur dem guten Könige tiefbewegt, wohl wie ein Sohn dem Vater für eine schöne Gabe dankt; ja, inniger gerührt noch gar. Denn in der lieben Heimath und von den lieben Ältern empfängt man ja der schönen und guten Gaben so viele, daß man sich etwas allzusehr daran gewöhnt. Ach, aber unter fremden Leuten, gar selten kommt dergleichen vor! Und seltner noch kommt es aus solch einem Herzen, wie das, womit jetzt der Englandskönig dem Gunlaugur seine schöne Klinge gab! 84     Zwölftes Kapitel. Der dritte Morgen seit jenem Streitestage sahe jung und klar und frisch vom Himmel. Die beyden Kämpfer in prächtigen Wappengewanden hatten sich auf dem Hof der Lundunaburg gestellt, und ringsumher leuchtete dessen Gehäg von Männern in blanken Rüstungen und schönen Waffenröcken und hohen Helmen. Denn was irgend an edlen und rüstigen Mannen in der Nähe war, hatte sich zusammengedrängt, um Zeuge zu werden, wie der junge Islandsfremdling gegen den furchtbarlichen Thorgrimur bestehe. Auch lauschten hinter den Vorhängen der hohen Burgfenster wohl zarte Frauengestalten, bey jedem ernsteren Aufleuchten der Waffen zurückbebend, und doch alsbald sich wieder an die Scheiben drängend. Sie befürchteten sehr, es werde sich etwas Entsetzliches vor ihren Blicken 850 kund geben, und hätten dennoch um keinen Preis das Mindeste davon versäumt. König Ethelred war auf dem für ihn errichteten Hochsitz erschienen, und beyde Kämpfer begrüßten ihn, ihre Schwerter senkend. Dann sagte Thorgrimur zu seinem Widersacher höhnisch: »Du thust ja so stolz und kalt, als ränne schon mein Todesblut vor Deinem Schwertschwung über diese Quadersteine hin! So laß mich denn doch vorher die entsetzliche Waffe beschauen, durch die ich sterben muß. Gib mir Dein Schwert, Du Riese, in die Hand, auf so lange nur, als Du sechse zählen kannst, und laß mich's ein bischen in der Nähe betrachten.« »Warum denn?« fragte Gunlaugur zögernd. »Mir wär' es lieber, wir gingen ohne solche Wunderlichkeiten frisch aufeinander los. Und gewißlich, auch Dir wäre das besser und rühmlicher. Thue mir den Einen Gefallen, und lasse für dießmahl von solchen wunderlichen Possenspielen ab, wie man sagt, daß Du sie in jedes Ernstkampfes Beginn anzustellen pflegst. Laß seyn, o Landsmann Thorgrimur! Laß seyn!« Aber der wilde Mensch antwortete höhnend: »Ich gebe Dir ja derweilen mein eignes Heldenschwert zum Pfand. Oder fürchtest Du etwa, Dein 86 Schwertlein möge in meinen starken Fäusten zerbrechen?« Da sagte Gunlaugur gesetzt: »Hab', wie Du's haben willst!« und reichte ihm die Waffe hin, einstweilen des Gegners Schwert dafür zurückempfangend, auf welches er sich im nachlässigen Ausruhen, ohne es näher zu betrachten lehnte, wie ruhiger Wandersmann auf seinen von dem nächsten Haselbusche geschnittenen Stab. Dicht beugte dagegen Thorgrimur sich über den blanken Stahl seines Feindes. Es war, als spiegle er sich darin. Dann wandte er dessen zweyschneidige Schärfe nach sich zu, zwey bis dreymahl damit wechselnd, reichte sodann, der Klinge Spitze fassend, und mit so zierlicher Sitte, als man es sonsten nicht leicht an ihm sah, die Waffe dem Eigner zurück, indem er die Seinige auf gleiche Weise wieder empfing, und rief dann wildlachend: »Nun haue Dein Bestes an mir! Du junger Gesell, Du weißt doch wohl, beym dritten Hornesgrusse fallen wir einander rücksichtlos an?« Gunlaugur nickte fröhlich bejahend mit dem Kopfe, und Thorgrimur rief laut und wild: »Ihr Kampfeshörner blast!« Der erste Hornesruf schmetterte über den Fechtplatz. Gunlaugur warf sein Schwert von sich. Hohnlachend wollte Thorgrimur sprechen. 87 Aber Gunlaugur winkte, das zweyte Kampfeszeichen zu geben. Und während die Hörner jubelnder bliesen, zog er sein leuchtendes Fürstenschwert unter den Gewanden hervor, und versuchte damit einen mächtigen Schwung durch die Luft, daß man den schneidenden Klang durch das Schmettern hin deutlich vernahm. »Was beginnst Du, mein Gegner?« rief staunend Thorgrimur. »Keine Hexerey beginn' ich!« erwiederte freudig Gunlaugur. »Schwert gilts an Schwert! Und Arm an Arm! Und Muth an Muth!« Und seine kampfeslustige Stimme schmetterte selbst schon wie Kriegsklang, und als abermahl die Kampfhörner drein bliesen, waren bereits die zwey zürnenden Helden zusammen, Schwertesschlag und Schildeston in rüstiger Fechterlust austauschend, und einander hin und wiederdrängend, daß es eine schauerlich schöne Lust war, das Wechselringen anzusehen. Da rasselte plötzlich Thorgrimurs Schwertschwung auf Gunlaugurs Schildrand hernieder, und die schöne, silberhelle Waffe klirrte tönend, in zwey Stücke zerspalten, auf den Quaderboden hin. Ein heller Schreckensruf ward aus den hohen verhangnen Schlossesfenstern vernehmbar. Die schönen Jungfrauen dort mochten wohl 88 dem jungen Isländer Sieg gewünscht haben über den wilden Thorgrimur. Auch König Ethelred auf seinem Hochsitze zuckte unwillig zusammen. Man konnte ihm anmerken, er hätte lieber zum Schutz des nun wohl mehr als halb überwundnen Jünglings auf den Kampfplatz eilen mögen; nur daß seine Würde ihn hielt und überhaupt die edle Fechtersitte jegliche Einmischung verboth. Starr sah der König vor sich nieder, als wolle er den Ausgang dieses Kampfes nicht erschauen. Da plötzlich tönte ein gewaltiger Schwertesschlag. Der Kampf war still. Ethelred sahe treu gefaßt empor, und mochte in seinem Herzen wohl seufzen: »Fahr wohl, du junge, frühgemähete Ritterblume!« Aber als nun die Kampfeshörner zum gewaltigen Siegesjubel ineinanderklangen, einem ganzen Meere des edelzürnenden und dennoch freudigerschallenden Wohllautes gleich, und König Ethelred den Kampfplatz klar überschaute, da stand Jüngling Gunlaugur stolz und hoch vor ihm da, und der böse Thorgrimur lag leblos starr auf das Quaderpflaster hingestreckt. Die linke Brust und mit ihr das überstolze Herz war ihm von einem ungeheuern Hiebe des Isländers gespalten. »Er hat sich das durch seine schlimme 89 Hexenkünste selbst verdient!« sagten einstimmig vier alte, vielerprüfte Englandshelden laut, welche auf König Ethelreds Wink zu dem Leichnam hinabgestiegen waren. »Da meinte er,« so fügte der Älteste von ihnen, sein Wort erläuternd, dem Spruche feyerlich hinzu, »da meinte er, sein Zaubergespinst solle ihm allerwärts sieghaftiglich hindurchhelfen, alle Waffen stumpfend wider seine freche Brust. Und so hat er die echten edlen Fechterkünste verabsäumt; o er war so mächtig darin in seinem Knabenalter schon, und die Seele thut mir weh, wenn ich an sein nachher verwildertes Treiben gedenke! Und nun both er in toller Verwirrung, als heut seine Koboldstücke ihm verunglückt waren, dem Hiebe dieses jungen Helden die linke Seite dar, die Herzensseite! Gerade, als müsse noch immerdar jegliche Klinge zurückprallen von dort, wie von einer Klippe! Da liegt er, gespaltnen Herzens und albern grinzenden Angesichtes, als verhöhne er noch im Tode sich selbst über sein gespenstig ihn selbst belügendes Hoffen! Und Ihr, des Königs junge Helden und Edelknaben, kommt heran, im Nahmen des Kampfgerichtes gebieth' ich Euch das! und grüsset den fröhlichen Sieger, und erbebet vor dem entsetzlichen Erlieger, damit Ihr 90 Euch daran eine Lehre nehmt für alle Zeiten Eures Lebens hinaus, und – will es Gott also – für alle Zeiten der künftig aus Euch jungen Ritterknospen fürderblühenden Geschlechter!« Die Helden und Edelknaben König Ethelreds gingen, dem Winke fast im Erbeben gehorchend, um Thorgrimurs häßliche Leiche hin, und die vier Kampfrichter wiederhohlten: »Er hat sich das durch seine schlimmen Hexenkünste selbst verdient!« Dann zeigten die Kampfrichter auf den Gunlaugur, und sangen dazu: »So ringet, so sieget ein schuldloser Mann! Frisch, junger Epheu! da ranke dich an!« 91     Dreyzehntes Kapitel. Der Gunlaugur verlebte von da an sehr schöne Tage in der Lundunaburg, und blieb auch während des ganzen nächsten Winters dort, weil es daselbst allerley Rühmliches zu schaffen gab, theils auf kühnen Waidmannsfahrten, theils gegen Seeräuber, die bisweilen an den Küsten zu landen wagten, theils auch gegen manchen überkecken Menschen auf dem Eilande selbst. Dabey lernte der edelkühne Jüngling immer mehr an seiner Sitte, und vielleicht wär' es möglich geworden, daß die zarte Liebe ihn aus Jungfrauenaugen gegrüßt hätte, welche früher hinter den Fenstervorhängen Zeugen seines Siegerkampfes über den wilden Thorgrimur wurden. Daß jedoch die züchtig ernste Frauenweise des Nordlandes dergleichen nie vernehmlich werden läßt, bevor ein edler Rittersmann darnach 92 werbe mit Wort und Gesang und That – wem braucht es erst verkündet zu werden, dem jene edelstolze Sitte auch nur Einmahl erschien! – Aber zuweilen gestalteten wohl sich Träume zu leisen Hoffnungen in Gunlaugurs glühender Skalden- und Jünglingsseele. Wenn dann indessen Schön-Helgas Bild vor ihm emporstieg, wie sie, in ihre schneeigen Schleyer gehüllt, auf der schneeigen Heimathinsel stand, und über die Meereswogen hinsahe, mit den sanftstrahlenden Augen, wie fragend: »O Wellen, o Wogen, was sahet Ihr fern? Wie wallt durch die Welt hin mein dienender Stern?« Da pflegte er im Gesange zu erwiedern: »Die Wellen und Wogen im wechselnden Schein, Sie winken: Er wechselt nicht! Er ist Dein!« Und dann stieg oftmahlen so eine freudige Liedesbegeisterung in seiner Brust empor, daß er wünschte, nun möge der vielgerühmte Skalde Rafn vor ihn hintreten, und sich mit ihm in den allerkunstreichsten und kühnsten Flügen des Gesanges versuchen. Ihm seye – so kam es ihm vor – ein herrlicher Sieg alsdann gewiß. Aber Skalde Rafn erschien nicht während des 93 ganzen Winters in der Lundunaburg, und als nun der Frühling über die Lande hereinleuchtete, und die Schiffe hin und wieder segelten im lustigen Wechselverkehr, von Osten gen Westen, von Mittag gen Norden, da konnte Gunlaugurs rascher Seefahrergeist nicht länger rasten, und der Jüngling trat eines schönen Tages vor König Ethelreds Thron, folgende Worte zum Harfenklange singend: »Die Schwäne fliegen, die Schwalben kommen,     Die ganze Welt ist in Freud entglommen!         Der Skalde muß reisen! Die Lieder erwachen vom Winterschlaf,     Wie der eisige Bach, den ein Sonnenpfeil traf.         Der Skalde muß reisen! Die Waffen in den Kammern, die klirren auch.     Es ist, als spürten sie Frühlingshauch!         Der Skalde muß reisen! Die Skaldenharfe, sie bebt vor Lust;     Mehr noch die Harf' in der Skaldenbrust.         Der Skalde muß reisen! Und bliebe der Skald am Englandsport,     Da riß ihn die Sehnsucht gen Himmel fort!         Der Skalde muß reisen!« 94 »Freylich, freylich!« sagte König Ethelred lächelnd. »Zudem so bist Du ein freyer Mann, und Niemand hat Recht Dich zurückzuhalten, wenn Du selbst nichts findest, was Dich hier hält. Aber hält Dich denn wirklich so gar nichts an unserm Inselufer? Und wo willst Du eigentlich hin?« Der Jüngling rührte abermahl seine Harfensaiten, und sang: »Es blühen wohl Blumen in Lenzeslicht     Am Englandsport! Für den Skalden nicht!         Der Skalde muß reisen! Wohin er will? Wer's ihm zu sagen weiß,     Dem setzt er Waffen und Harfe zum Preis!         Der Skalde muß reisen! Es gibt der Fürsten und Grafen viel!     An manchem Strande manch Waffenspiel!         Der Skalde muß reisen! Er hat sich verlobet zu mancher That,     Nur noch geahnt in des Herzens Rath.         Der Skalde muß reisen! Einst blüht in der Heimath ihm stilleres Glück.     Jetzt singt er nur immer das lustige Stück;         Der Skalde muß reisen!« 95 »Da hat der Skalde Recht!« sagte der Englandsherrscher freundlich. »Absonderlich, wenn er noch so jung ist, wie Du, Freund Gunlaugur. So fahre denn frisch hinaus, mein fröhlicher Lenzesvogel, aber kehre mir auch dereinst wieder zurück, mich zu grüssen in meiner Halle. Willst Du das thun?« – »Dafern ich lebe, und nicht irgend ein heiliges Gelöbniß mich abwärts reißt«, sagte Gunlaugur, »so komm' ich von Herzen gern wieder, mein Herr König!« Der König besann sich einige Augenblicke lang. Dann sprach er: »Der grosse Julius Cäsar, von dem geschrieben steht, daß er einstmahlen Lust hatte, diese schöne Insel Britannia zu erobern, und wenn ihm das auch nicht sonderlich wohl bekam, so hat er doch sonst manch schönes Land auf Gottes Erdboden wirklich erobert; der liebte die Falken sehr, und wollte von dem edlen Geflügel gern den kühnsten Lüftebothen als sein recht liebes Eigenthum auszeichnen. Da ließ er seinen besten Falken mit einem goldnen Halsbande schmücken, und den Nahmen Julius Cäsar drauf eingraben. Weil nun die Falken sehr lange leben, weit länger als ein Mensch, ward auch spät, sehr spät nach seines Heldenmeisters Tode – denn nach 96 dem Tode ihres Herrn erachten sich diese Thiere allemahl für frey – der Juliusfalke wieder eingefangen. Die spätgebornen Menschen aber hatten Ehrfurcht vor des grossen Julius Nahmen auf dem Halsbande, und ließen den Falken wieder fliegen. Er mag wohl noch umherschweben bis auf diese Stunde, als ein Bothe an die Welt aus jener Heldenzeit! Du lieber Gunlaugur, mein Nahme ist nun freylich bey weitem so groß nicht und so fern verbreitet, als jener Kaisernahme. Aber gönne mir dennoch, daß ich Dich als meinen tapfern Liebling bezeichne durch ein goldnes Armband, und damit die Versicherung von Dir nehme, Du werdest mir auf Deiner Abentheurerfahrt wieder kommen, ehe Du nach der Heimathinsel zurücksegelst! Du kühner Fechter, und munterer Jäger, und edler Sänger, an allerhand fröhlichen Spielen so reich!« Da nahm der Gunlaugur das goldne Band von Herzen gern an seinen tapfern rechten Arm, und segelte bald darauf mit einem nordischen Kaufmannschiff, zu neuen Ereignissen und Thaten in das Meer hinaus, sein getreuer Thorkill ihm zur Seite. 97     Vierzehntes Kapitel. Der Kaufherr, mit welchem Gunlaugur schiffte, hatte seine Richtung nach der Insel Irland genommen, und eben deßhalb hatte sich auch der Islandsjüngling dieses Schiff ausgesucht. Nach Eilanden stand ihm nun einmahl der ganze Sinn. Ihm war oftmahl in Träumen, als müsse an Inselstranden ihm ein Bild auftauchen, wie Schön-Helga, das er beschützen und verfechten dürfe, oder wohl gar Schön-Helga selbst, durch irgend ein wundersames Geschick dorthingetrieben. »Und findest du auch Schön-Helga nicht dort« – so flüsterten bisweilen wildere Gedanken ihm zu – »da findest du doch wohl Rafn, den Skalden, und magst ihn besiegen mit Zitherschlag und mit Schwertesschlag, den wunderlichen Gegner, der immer vielgepriesen und 98 noch nie gesehen vor dir hinschwebt, als fodre er dich zum Wettkampf heraus, und verschmähe doch im neckenden Übermuth, sich dir zu stellen!« Wenn dann Gunlaugur von seinen starken Träumen erwachte, pflegte er wohl zu ihnen und zu sich selbst zu sprechen: »Ihr nächtigen Lüftegaukler, was wollt Ihr von mir? Und du wachend Bethörter, was vertrauest du ihnen?« Aber er wußte dennoch in Wachen und Schlaf sich ihrer nicht zu erwehren. Dießmahl, als er nun auf Irland aus dem Schiffe stieg, und sich einer edlen Burg, Duflinnur geheissen, nahete, hatten ihn schon wieder die Träume betrogen. Er fand dort weder Schön-Helga, noch Eine, die ihr ähnlich gesehen hätte, noch auch den Skalden Rafn, oder irgend einen Sänger, mit welchem er sich hätte in Wettkampf einlassen mögen. Da droben herrschte in selbigen Tagen ein alter König, Sigtryggur geheissen, und weil man eben nicht viel anderes an ihm zu loben wußte, als sein ehrwürdiges Alter, hieß man ihn Sigtryggur Seidenbart. Denn, gleich weisser, schön gebleichter Seide hingen ihm die ehrsamen Barthaare über Lippen und Kinn bis auf den Gürtel herab. 99 »Der sieht fürwahr sehr hübsch aus! Ja möchte man beynahe sprechen: sehr herrlich!« dachte Gunlaugur bey sich, während er in König Sigtryggurs Halle trat, und der alte freundliche Mann ihn von dem Hochsitze so feyerlich und gütig ansah. Deßhalb, als der Greis ihn huldreich befragte, aus welcher Absicht er hierhergekommen sey, entgegnete Gunlaugur: »Dir ein Lied zu singen zu Deinem Preise, kam ich hierher, und, o König Sigtryggur, vergönne mir das!« »Ey, von ganzem Herzen gern!« sagte der alte freundliche König. »Ein Skaldenlied zu meinem Preise anzustimmen, das ist – aufrichtig gesagt – noch Niemanden eingefallen, seitdem ich diese Lande beherrsche. Und darüber ist doch schon eine ziemliche Zeit vergangen. Singe, mein junger Gast! Und möchte ich Dich mit so vielen Freuden begrüssen und belohnen können, als schon Dein Erbiethen in mir erweckt!« Seltsam bewegt von des alten, unberühmten Mannes Freude, sang der Skaldenjüngling folgendes Lied: 100 »Wallet Ihr Träume, wallende Liederträume,     Wallet, wie schaurige Winterflocken!     Schönes gelüstet Euch, schaurig zu singen?     Schauet schöngreisenden Königesbart an! Herrliches Greisen Haupthaar blickt an!     Hochher funkelts in Silberlichtern!     Lockende Träume lauern in Locken;     Lauern ja nicht nur in Mägdleinslocken! Schüttelt die schöngewaltigen Locken     Schneeweiß und schaurig ein Fürst, – nicht wißt Ihr     Was unter weissem Gewebe gereift ist!     Wendet vertrauend zum weissen Geweb' Euch! Seidenbart! Du, seidnes Gespinst auch     Senkend vom Kinn, Sigtryggur, dich grüß' ich!     Räthsel reihen sich reich dir im Haupt wohl     Reich, wie um's Haupt dir die Silberlocken!« »Das ist ein sehr lobenswerthes Lied!« sagte König Sigtryggur. »Seit sehr langer Zeit hab' ich kein so anständiges Lied vernommen; absonderlich von herumziehenden Skalden nicht. Dieser Sänger soll an meinem Hofe verharren, und mein Heldensänger bleiben für alle Zeit, so lang' ich das Leben habe! Denn selbst ich bin nie dazu gekommen, über meinen weissen Seidenbart etwas so ausnehmend Klares und Sinnreiches mit Worten auszusprechen, als dieser!« 101 »Klar?« wiederhohlte staunend Gunlaugur. »Klares hätt' ich mit Worten ausgesprochen, mein hoher Herr? Weiß es der Himmel, mir schwebte nur etwas sehr Dunkles bey meinem Liede vor der Seele! Etwas Geheimnißreiches, das in Euerm vielerfahrnen Herzen ruhen müßte, und der Welt urplötzlich eine andere Gestalt gäbe, wenn es unversehens hervorbräche an das Licht –« Er hielt schaudernd inne. König Sigtryggur Seidenbart aber sprach mit sehr wohlgefälligem Lächeln: »Ey, so versuche einmahl, ob Du es in Deine Saiten zu singen vermagst, was in mir vorgeht. Ich wäre selbst begierig darauf, ob Du es triffst.« Gunlaugur regte zu ahnungsvollen Akkorden leise seine Harfe an, und sang mit sehnsuchthauchender Stimme dazu: »Ist es ein innig In tiefster Seele Lieb gehaltnes Erdenleben? Entschwunden ehmahls, Ein flücht'ger Hauch, Aus deinem aufquellenden Lebensaufgang? 102 Ein Leben, nun lieblich Lispelnd in Träumen Weissagende Worte Deiner Wallfahrt? Siehe, sie neigt sich Süß deinem Geist zu, Warnend und wendend, Weckend selige Wehmuth.« »Das ist es nicht!« sagte König Sigtryggur kopfschüttelnd. »Ich habe nur ein einzigesmahl geheirathet, und die Königinn lebt noch.« Gunlaugur schlug rascher in die Saiten, und sang: »Auf ferne Kriegsthat schiffet hinaus Ein König in Meeres Wechselgebraus. Und wie eine Sonne steigt's auf ihm aus Meeres Schäumen! Der König war jung, war stark wie Stahl! Ihm schien das Erdrund ein Kampfessaal. Und wie eine Sonne steigt's auf ihm aus Meeres Schäumen! Der König vollbrachte manch rettende That. Da wurden ihm dankende Geister zu Rath. Und wie eine Sonne steigt's auf ihm aus Meeres Schäumen! 103 Und seit er nun alt ist im Silberbart, Hat glänzend Erinnern um ihn sich geschaart, Und wie eine Sonne steigt's auf ihm aus Meeres Schäumen!« »Das ist es auch nicht!« sagte König Sigtryggur. »Ich bin wohl unterweilen zur See gewesen; aber nicht eben auf sehr ferne Kriegsthat. Höchstens nach England hinüber, oder um unsere Inselküsten her.« Gunlaugur versenkte sich in tiefes Sinnen. Dann sang er zu einer seltsam feyerlichen Weise folgendes Lied: »Uralt unterird'sche Wunder,     Unter Zauberschutz behüthet,     Wanken wohl in wüsten Grotten,     Winken schaurig: Komm herunter!«     Und nach unbekannter Lockung     Unterwärts klimmt muth'ger Jüngling.     Aufgeblüht im Jugendhaupthaar     Folgt er, taucht herauf als Greis dann!« »Nein!« sagte König Seidenbart freundlich. »Mein hellgelbes Knabengelock hab' ich mir wohl bewahrt bis in die sechziger Jahre meines Lebens. Und dann sind mir Locken und Bart so nach und nach in behaglicher Friedlichkeit weiß 104 geworden, ohne daß ich tiefer in den Abgrund geschaut hätte, als in die schönen Keller dieses Schlosses, welche den Meth und Wein, daran wir uns jetzt erquicken, in trefflicher Verwahrung halten.« Dazu lachte er herzlich, und Gunlaugur hätte fast im wilden Ingrimm seine Harfe gegen den Boden geschmettert. Einzig und allein um Schön-Helga's Andenken willen hielt er sich artig und still. König Sigtryggur sagte nach einigem Besinnen sehr nachdenklich: »Seltsam! Errathen hat es der Islandssänger eigentlich nicht mit seinen drey Liedern. Und doch, wenn sie allzumahl zusammenklingen könnten in ein einziges wundersames Lied, da hätte er es errathen. Denn der Mensch lebt ja auch nach Innen, nicht nach Aussen nur ganz allein. Und tief in meinem Innern –?–Doch jenes Lied müßte ja nur wiederum zu einem noch unauflöslicheren Räthsel gedeihen. Und vielleicht ist es mit der Liedeskunst überhaupt so. Wohl deßhalb sang vor Zeiten Einer aus der tönenden Schaar: Skaldenleben, Schmerzensreigen! Süße Schmerzen! Sel'ges Seufzen! 105 Sieghaft Sehnen! So erfüllt sich Skaldenleben, Schmerzensreigen!« Er hatte die Worte mit wohllautender Stimme feyerlich leise vor sich hingesungen, und wie besiegt von träumerischer Zaubergewalt nahm Gunlaugur auf des Königs ernsten Wink seinen Platz gegen ihm über, und dachte heimlich in sich: »Wenn nur der alte Seidenbart kein Hexenmeister ist, mich festbannend zu einem ruhm- und thatenlosen Träumen in seinen wunderlichen Irland-Hallen!« 106     Fünfzehntes Kapitel. Und wie aus seltsamen Traumesbildern gewoben, nahm das Gespräch beym Festmahle seinen Gang. Da handelte sich es von Elfen, die aus Bäumen den Wanderer grüßen mit flüsternden Minneliedern, wortlosen zwar, aber wenn er augenblicklich stille steht, gestaltet es sich zu bittenden Liebesworten, und wenn er sich dann darnach umsieht, schwebt der süßbethörende Reigen hervor, und umwindet ihn mit Laubgeflechten, und er wird hinfüro nicht mehr in der äussern Welt gesehen. Es seye dann, daß ein Frevler sich an dem Elfenhaine vergreifen wolle! Dann lodert der Verzauberte im herrlichen Salamanderharnisch hervor, wunderbar schön, aber wunderbar schrecklich. Denn die Salamander – die Feuergeister dieser Erde – lieben die schönen Elfen, und vernichten sie nur, wenn Eifersucht 107 gegen die gaukelnd liebkosenden Lüftegeister ihren Zorn anfacht. Und wenn dann die Armen, nur kaum noch so blühenden, reichlockigen, schlanken Elfen zerstoben sind in feindlicher Gluth Umfang, dann sinken auch die Salamander bereuend im Aschenmantel todt über die Gemordeten hin, und kein Hauch erweckt sie wieder. Was hilft aber das den zerloderten Elfen alsdann? Auch sie erweckt nicht Frühlings-Luft, nicht Frühlings-Duft aus ihrem Staube wieder! Deßhalb locken sie sich lieber menschliche Helden herein in den Wald, die den Salamandern ihre flammigen Goldwaffen abgewinnen, nachher darin auflodernd gegen den Feind, aber mit luftiger Geister süßem Seufzerhauche mildkosend die Freundinn. Die flammengezüngelten Ritterschwerter, welche man auch in der alten Nordlandssprache Flammberge zu benennen pflegt, die sollen die Erbwaffen der Salamander seyn, von menschlichen Elfenkämpfern ihnen abgerungen, und dann im Hauche der Lüftegeister gekühlt, und von dem festen Willenspruche der Rittermenschen und Elfenbräutigame gehärtet. Diese und ähnliche seltsame Geschichten und Behauptungen wurden an des Irland-Königes Tafel hererzählt, und zwar so wie es Euerm 108 Schreiber unversehens auch hier in die Feder kam: als verhalte sich das Alles zuverlässig so, und könnten sich viele Leute an solche Erlebnisse deutlich erinnern. Wer freylich je mit Feuer und Baumesleben und Lufthauch und Waffenschmiedekunst nur irgend liebevoll zu schaffen hatte, kann sich wohl des Gedankens nicht entschlagen, daß er ungefähr ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Aber solche Berichte davon an einem königlichen Tische! Dem Gunlaugur kam Alles um ihn her ganz verhext vor. Dann klangen wieder dazwischen so unverkennbar süße Herzenstöne hinein. Und als nun immer zartere Lieder erwachten, ward es ihm, als lausche leise, leise Schön-Helga über seine Schulter, in ganz wundersam feyerlicher Lieblichkeit, einen grünlichblinkenden Sternenkranz um ihre goldnen Locken gewunden, und sie flüstre ihm mit Nachtigallklängen zu: »Geh zur Ruh! geh zur Ruh; Sehnsuchtvoller Skalde du! Laß dich fah'n in Traumesnetzen! Laß vom Ahnungsthau dich netzen! Hüth' dich! Welt will dräu'n und hetzen! Sehnsuchtvoller Skalde du, Geh' zur Ruh! geh zur Ruh!« 109 Gunlaugur dachte tief in sich selbst: »Und wäre denn wirklich hier meiner irdischen Hoffnungen Ziel schon bereitet? Und wäre vielleicht hier eine neu erwachende Zauberwelt unter dem König Sigtryggur in lieblich räthselhaften Tröstungen emporgestiegen?« Er hatte indessen seine Harfensaiten zu schönen Gängen angeregt, und König Sigtryggur sagte freundlich: »O gewiß, mein Isländer, Du kannst uns irgend einen wunderbaren Traum verkünden, welcher unsere Geister zu einem Wettringen mit den unbekannten Mächten erwecken mag. Sprich ihn aus, Deinen Traum!« »Es ist nicht mein Traum, was jetzt in mir emporsteigt!« sagte Gunlaugur. »Es ist eines anderen sehr edlen, viel weiseren Islandsmannes Traum! Aber wollt Ihr ihn hören, und könnt Ihr ihn deuten, wohlan!« Und er sprach in's wechselnde Geschwirr seiner Harfensaiten: »Ein edler Wirth am Islandstrand hat auf seines Hauses Giebel einen Schwan im Traume gesehen – gar einen schönen wunderweissen Schwan – ein Schwanenweib vielmehr!« Und wie der Jüngling diese Worte redete, kam es ihm auf einmahl vor, als sähe er des 110 edlen Thorstein, ihm einst so gastlich vertrauete Wohnung vor seiner Seele, ja vor seinen leiblichen Augen! Und als sitze Schön-Helga weinend vor der Thür, und winke mit weißen Schleyern zu ihm herüber. Nur konnte er nicht recht unterscheiden, ob sie ihm winke: »Fleuch fern!« oder: »komm bald!« Und darüber verstummte seine Rede. Aber sein Harfenklang tönte noch immer in sehnsuchtsvollen Schwingungen fürder, und doch dröhnten bisweilen ernste Gänge, wie dumpfes Donnergeroll durchhin – Vor denen auch versann er sich endlich wieder, und erzählte nun fürderhin deutlich Meister Thorsteins Traum, wie die beyden Adler sich zu beyden Seiten des Schwanenweibes gesetzt hatten und um sie geworben mit freundlichem Kosen, und wie sie dann, im Kampf gegeneinander entbrennend, zu des Hauses Seiten hinuntergetaumelt waren in ihr Blut! Auch wie nachher das Schwanenweib mit einem Sperber von hinnen flog! Er schwieg, und auch sein Saitenspiel. Da erhub sich unter den Mahlesgenossen ein heimlich eifriges Flüstern, beynahe den leisen, und doch fast ängstlich raschen Lauten vergleichbar, die bisweilen im Gewirr der Fieberträume 111 uns durch die tiefste Seele dringen. Dem Gunlaugur ward es, als verstreueten die Kerzen ein bläulicheres Licht, als begönnen einige alte Gebilde an den Mauern der Halle sich zu regen, und als sähe König Seidenbart immer bleicher drein, und mit einem Kopfschütteln, an die leise Bewegung hoher Waldeswipfel im heranziehenden Sturm erinnernd, derweil die niedrigeren Bäume und Gebüsche noch ahnungsfrey und stille sind. Endlich sagte der alte Sigtryggur: »Tritt ein wenig in die Vorhalle hinaus, mein edler junger Gast. Sehr Ernstliches hast Du uns zu deuten aufgegeben, und um sehr Vieles näher geht es Dich an, als Du es wohl vermeinst. Bald soll meine Stimme Dich wieder berufen. Aber diese Berathung muß frey seyn.« Da neigte Gunlaugur sich voll ehrerbiethigen Schauders, und trat in die Vorhalle. Knappen und Reisige sassen dort beym heitern Mahle an einzelnen Tischen; mit ihnen sein getreuer Thorkill. Als dieser seinen jungen Herrn und schützenden Anverwandten so nachdenklich aus dem Saale kommen, und sich in die Thüre 112 des Hauses lehnen sah, nach den Sternen blickend, trat er zu ihm hinan, und sagte leise: »Mir ist, als müßten wir nun hier bleiben auf dieser Irlandsinsel, mein lieber Meister, und hätte es mit unsern weiteren Fahrten durch die Welt ein für allemahl ein Ende!« »Du hast seltsame Gedanken!« entgegnete Gunlaugur. »Und sie kommen mir um so seltsamer vor, als sie im Grunde meine eignen sind, und mich nun so unerwartet aus Deinem Munde anreden.« Da blieben sie Beyde voll unverstandner Ahnungen nebeneinander stehen, und wie durch die Stille der Nacht das ferne Meeresgebraus herandrang, war es ihnen, als locke sie das zur weiteren Fahrt, aber als schüttelten die Bäume ihre thauschweren Häupter dazu, und flüsterten: »Nichts, nichts! Die Zweye weilen nun hier! Die Zweye sind nun geborgen in unsern Schatten!« 113     Sechzehntes Kapitel. »Komm herein, mein lieber kühner Sänger!« rief König Sigtryggurs Stimme aus dem Saale. Und wie sich Gunlaugur schnell und gehorsam dorthin wendete, mußte Thorkill um so bestimmter in sich selbst denken: »Ja, ja, er ist bezaubert! denn das geht gradezu wider seine sonstige Weise an, dieß demüthige Gehorchen, und dieß leise Wandeln. Bezaubert ist er, und ich bin es auch. Aber eigentlich bekommt es uns Beyden gut, und viel Glücklicheres hätte uns auf Erden wohl nicht begegnen können.« Damit setzte er sich sehr fröhlich zu dem Tische nieder, an welchem sein lustiger Festesplatz ihm schon früher angewiesen war. Nachdenklich jedoch schritt Gunlaugur zu dem Königstische in die Halle zurück. 114 Der ehrwürdige Sigtryggur Seidenbart sagte zu ihm: »Weile bey uns. Die Liedesklänge – wie man ihre Loose aus jener Traumesdämmerung auch fallen läßt, nach allen Weltgegenden hin, und in den Tönen jedes wunderbar wechselnden Maßes – die Liedesklänge verkünden nicht Dir, nicht jenem süßen Schwanenweibe Glück!« »Nicht jenem süßen Schwanenweibe Glück!« wiederhohlte träumerisch Gunlaugur, und seine Augen funkelten von wunderbar sanften Thränen. »Nicht jenem süßen Schwanenweibe Glück!« So klagte er nochmahls, wie ein schmerzlich jammernder Wiederhall. Aber dann setzte er keck und freudiglich hinzu: »O König, so lehre mich, was ich beginnen soll zu des Schwanenweibes Heil. Die Welt soll mir einmahl aufstehen mit irgend einem Begehr, was ich nicht um der holden Erscheinung willen vollbringen möchte!« Und alsbald griff er in die Saiten und sang: »Sie haben mich gewonnen In ihre stillen Schatten! Ich soll nun hier verweilen In Traumes Dämmerzelt, In wolk'ger Ahnung Welt! 115 Nun ist mir Streit verronnen! Der Ruh' soll ich mich gatten, Soll nicht mehr fürder eilen, Dem heitern Ruhm gesellt, Durch die bewegte Welt. Ward ich so still gesonnen? Ist's Weisheit? Ist's Ermatten? Ihr fernen Wandermeilen, Zweykampfs- und Schlachtenfeld, Was ist es, das mich hält? O Sonne weisser Sonnen, O Schwan! mit and'rem Gatten Willst du die Seele theilen? Mein Glück, mein Preis zerfällt. Sie haben mich gewonnen In ihre stillen Schatten! Ich soll nun hier verweilen In Traumes Dämmerzelt!« »Willkommen!« sagte König Sigtryggur, und reichte ihm die Hand, wie zum geschloßnen Vertrage, und fast wollte Gunlaugur einschlagen, denn er dachte bey sich: »Mensch, Roß, Zeit, Bach, Sturm hat sein Ziel. Steht's vor uns da – warum sperrt man sich viel!« Ja, es ward ihm, als müsse dem Menschen etwa in den letzten verrinnenden Augenblicken seines 116 Lebens doch eben so zu Muthe werden, wie jetzo ihm, und, je früher es mit solcher Entsagung abgemacht sey, je besser. Der Mensch erschafft sich überhaupt oft gar seltsame Begriffe vom Leben. Das macht, weil er eigentlich das Leben selber ist, und das Leben er, und weil Einer eben so wenig sich selber begreifen kann, als er etwa sich selber aufzuheben vermag. Diese und vielleicht noch seltsamere Gedanken, rannen durch Gunlaugurs Seele, als flüstre ein fremder, Räthsel aufgebender Geist sie ihm zu, einem mährchenhaften Pförtner an neu zu betretender Lebensstaffel vergleichbar. Aus dem Jünglinge wollte die Frage hervorblitzen: »Wer bist du, König Seidenbart? Dein werd' ich nun wohl. Aber ich muß die Wahrheit wissen: Bist du das Leben, oder bist du der Tod?« Doch wie er noch in Kraft und Demuth die Beschwörungsworte an sich hielt, vernahm er, daß König Seidenbart zu einem sehr kleinen, sehr alten und sehr häßlich grinzenden Manne flüsterte: »Also zwey beladne Kaufmannschiffe zum Geschenk für diesen edlen jungen Skalden und 117 Kriegsmann – o Schatzmeister, das will Euch wirklich zu viel bedünken?« »Versteht sich!« sagte der kleine Befragte, und schlug vor Freuden in die Hände darüber, daß er wirklich zu einer so wichtigen Entscheidungssache berufen ward. »Versteht sich! denn seht, mein hoher Herr, wenn ein Mensch sich über das Geschenk zweyer Waarenschiffe freuen kann, so kann er sich auch gar wohl über das Geschenk Eines derselben freuen. Oder warum auch nur ein ganzes Schiff? Ein Beschenkter kann auch eben so gut mit einem blanken Waffenrock oder einem hübschen Armringe dankbar fürlieb nehmen. Und so erreichen wir mit sehr verminderter Ausgabe denselben Zweck, welches mir um so wünschenswerther scheint, da grade zu dieser Frist nur wenig Vorräthe in Euern Hallen vorhanden sind, und auch nur wenige Schiffe im Hafen.« Da trat Gunlaugur näher heran, und sprach: »Ich habe nicht gehorcht. Aber in meine Ohren ist dieses höchstwundersame Gespräch hier gedrungen. Das bekenn' ich frey. So bitt' ich Euch, o König Seidenbart, verkündet mir: Sollte das nur etwa einen prüfenden Scherz gegen 118 mich bedeuten? Oder gibt es wirklich in Euerm wunderbaren Lande Dinge wie Noth, und Beschränktheit, und Sorge um das Wieviel oder Wiewenig, wo es an ein Schenken geht?« »In allen Reichen der Welt,« sagte der König, »kommt mitunter dergleichen vor. Warum also nicht auch in dem meinigen?« Staunend entgegnete Gunlaugur: »Also gehört Euer Reich zu den so ganz gewöhnlichen Reichen der Welt mit, und nicht etwa zu den verzauberten? Ihr stelltet Euch doch wahrlich auf die letztere Weise an.« Mit einem etwas verlegnen Lächeln sagte König Sigtryggur: »Verzaubert! Ey nun, mein junger Freund, das wäre allzuviel gesprochen. Aber daß hier allerhand Künste und Deutungen und wundersame Wirkungen im Schwunge gehen, wovon die übrige Welt nichts oder nur wenig weiß, das ist Dir ohne Zweifel schon deutlich genug in Deiner eignen Empfindung aufgegangen.« »Ja so!« entgegnete Gunlaugur, sehr herabgestimmt; nachdenklich – beynahe lachend. – »Ja so! – Nun das ist eben keine große Kunst, wenn Einer unterweilen einen Luftsprung versucht. Nur muß er den Leuten nicht darüber einreden wollen, er könne fliegen. Nein, lieber Herr, wenn Ihr nicht vermögt, fortdauernd zu 119 athmen, in jener wundersamen Räthselwelt, die uns den gewöhnlichen Sorgen und dem ganzen gewöhnlichen Treiben enthebt, dann ist es nichts Wundervolles mit Euch, und auch nichts Außerordentliches einmahl. Auf Augenblicke und Stunden, und allenfalls auf Tage dorten zu wohnen und aus den Wunderquellen der Ahnung meinen Durst zu löschen, oder mich und meine Schicksale darin zu spiegeln, dazu bedarf es für mich keiner fremden Hülfe. Gehabt Euch wohl in Eurem friedlich bedürftigen Lande. Mir aber muthet nicht zu, daß ich dafür aus meiner kühnen Heldenlaufbahn hinauswanken soll. Gute Nacht, guter Herr. Mein Weg ist der weiteste.« Somit ging er mit unzufriednem Lächeln aus dem Saal, und rief draussen in der Vorhalle seinem Geleiter zu: »Laß Dir nichts Wunderliches einreden, Thorkill! Von andern Leuten nicht, und minder noch von Dir selbst! Stehe nur auf von Deinem lustigen Mahl, und komm mit mir. Auf's Treuwort eines sagenkundigen Isländers; wir sind nichts minder, als verzaubert!« »O!« sagte Thorkill sehr verwundert. Aber zu fürdern Erläuterungen gewann er nicht Zeit. Denn als er seinen jungen Meister so keck aus der Burg 120 wandeln sah, galt es auch für ihn keine Säumniß mehr. Die Waffen schnell zusammenraffend schritt er dem Gunlaugur nach, seine bisherigen Mahlesgenossen zum Abschiede grüßend, die ihm beynahe noch staunender nachsahen, als er selber staunend von hinnen ging. 121     Siebenzehntes Kapitel. Gunlaugur hatte bald am Irlandsufer ein Schiff gefunden, welches nach den Orkney-Inseln hinauf segelte. Nordwärts ja ging es, wohin ihn sein liebstes Sehnen trieb; für sich und seinen Thorkill brauchte er wenig Raum; und Abentheuer können für kühne Menschen an jeglichem Strande aufblühen. Was hätte er da noch lang erst wählen sollen! Als man aber in der aufleuchtenden Morgenfrühe die Anker so eben lichten wollte, kam des Königs kleiner Schatzmeister an den Strand herabgegangen, winkte nach dem Schiffe, und da man ihn an Bord ließ, meldete er mit großer Beschämung: »Mein König ist mir gar unhold geworden über mein gestriges Einreden, als welches ihm Deine Gegenwart so schnell entzogen hat, Du trotziger Sänger. Er will aber 122 durchaus nicht, daß Du gänzlich unbeschenkt von hinnen scheidest. Denn das ja – spricht er – seye ihm für sein schönes, bis dahin freygebig unbescholtnes Alter eine Schmach. Und ob er so etwas um Dich verdient habe? fragt er!« Darauf hielt er inne, Gunlaugurs Antwort zu vernehmen. Dieser sagte nach kurzem Bedenken freundlich: »Nein fürwahr, verdient hat so Schlimmes Dein Herrscher keinesweges um mich. Was kann doch er dafür, daß er nicht verzaubert ist, und daß ich dergleichen mir einbildete! Du freylich, o kleiner Wunderling, hättest schon eher Schlimmes um mich verdient, mit Deinem Mäkeln und Abhandeln gestern Abend. Aber erstlich bleibt es doch allemahl an Dir zu loben, daß Du mich, ob auch ohne Deinen Willen, entzaubert hast. Und dann, ich glaube, ich kann Dir keine größere Buße auferlegen, als wenn ich Dir kleinem Geizhals gebiethe: gib her, was Dein guter König mir an Geschenken bestimmt hat! Ich nehm es ihm zu Ehren in Freud' und Frieden an.« Der Schatzmeister seufzte schwer, und winkte dann seinen Geleitern, die Gaben hervorzubringen. Während sie sich damit beschäftigten, sagte er ächzend: 123 »Seht nur, Herr Sänger, was Ihr auch beschlossen hättet, unter diesen Umständen, es hätte mir immer Schmerz und Noth gebracht. Daß Ihr die Königsgabe annehmt – ja, ja, mich ärgerts, und ich sag' es unverhohlen: es ist ein Jammer, daß unsere Vorräthe so rasch gemindert werden sollen! Nähmt Ihr es aber nicht an, da dürft' ich mich vor dem Könige Seidenbart gar nicht wieder sehen lassen. Also besinnt Euch um des Himmels- und um Meinetwillen nur ja nicht auf andere Sprünge, und behaltet den Euch bescheerten Glückesregen!« Damit hatten die Knechte des Schatzmeisters einen Rock von feingeschornem Scharlachtuch ausgelegt, einen himmelblauen Mantel mit prächtigen goldnen Franzen, und einen schweren Armring aus lauterm Golde. Verachtend sahe Gunlaugur auf das Gemenge hinab. Da winkte der Schatzmeister abermahl seinen Knechten, und sie befestigten die Gewande und den Goldring an das Tauwerk des Schiffes. Und nun sahe Gunlaugur ehrerbiethig dahin empor, und es war beynahe sogar, als beuge er davor sein stolzes Haupt. »Nicht wahr,« sagte der Schatzmeister 124 selbstzufrieden, »so nehmen sich die königlichen Gaben sehr herrlich aus?« »O ja!« erwiederte Gunlaugur sehr ernst. »Und zwar, weil sie an den König selbst erinnern. Wie? Trug nicht gestern zu Nacht Euer Sigtryggur diesen Scharlachrock und diesen himmelblauen Mantel? Und funkelte nicht dazu dieser Goldring an seinem wie zur Weissagung emporgehobenen Arm?« »So war es;« entgegnete unsichern Tones der Schatzmeister. »Und wenn – ich dachte das wohl im Voraus von Eurem stolzen Gemüth – wenn es Euch störend vorkommt, daß die Sachen schon getragen sind, ich will es auf mich nehmen, und andere funkelnagelneue Dinge dafür herbeyschaffen.« »Königsgaben sind Königsgaben!« sagte Gunlaugur feyerlich, und sahe mit Wohlgefallen nach den Gewanden und dem Goldring empor. »König Sigtryggur bleibt ein huldreicher Herr, und Du bleibst ein erbärmlicher Schatzmeister. Das ist mein Abschiedsgruß! Den hören Deine Knechte! und wehe dem, welcher ihn seinem Könige nicht bestellen möchte. Ein unauflösliches Waffengeweb ringet sich von Nordlands-Helden über Europa hin durch Land und 125 Meer. Was dem Einen unausgerichtet bliebe, würde der Andere ausrichten für seinen Waffenbruder, und zwar mit ernstem Schrecken. Verstehet Ihr mich?« »Verstehen Euch, und wollens ausrichten!« entgegnete der Schatzmeister. Und seine Knechte sprachen's nach. Dann stiegen sie wieder in ihr Boot zurück, und während sie mit etwas ängstlicher Eile landeinwärts ruderten, schwebte das Schiff, welches den Gunlaugur trug, stolz und segelstark gen Norden in die freye See hinaus. 126     Achtzehntes Kapitel. Gunlaugur hatte seinen Thorkill geheissen, die Geschenke des König Sigtryggur Seidenbart von dem Tauwerk abzunehmen, und sie sorgfältig einzupacken, daß sie keinen Schaden litten. Auch ging er ihm selbst dabey – ganz wider seine sonstige Gewohnheit – achtsam zur Hand. Da lachte ihn endlich während des Geschäftes Thorkill mit fröhlichem Kopfschütteln an, und entgegnete auf Gunlaugurs Frage darüber: »Ey nun, Ihr seyd gut, kühn und stark, aber wunderlich dabey über alle Maßen! Bedenkt nur, als der Schatzmeister Euch diese bunten und blanken Sachen vor den Füßen ausbreitete, machtet Ihr ja doch ein so verachtendes Gesicht dazu, als wolltet Ihr sprechen: Was soll mir der Plunder!« »Ich dachte auch damahls nicht viel besser 127 davon;« sagte Gunlaugur. »War doch nur kaum erst die ganze Träumerey von Sigtryggur Seidenbarts Zauberleben vor meiner getäuschten Seele vergangen. Da mußten mir ja die blinkenden Dinge zu meinen Füßen vorkommen, wie abgetragnes Zeug, womit sich Kinder zu einem albern verunglückten Possenspiele herausgeputzt haben!« Thorkill fragte lächelnd: »Und als sie am Takelwerke hingen, warum denn waren sie da so sehr viel schöner vor Eurer Seele geworden?« »Weil meine Seele die Seele des alten Königs unversehens in die Kleider hineinbannte, und seinen Weissagerarm in den goldnen Reifen!« erwiederte Gunlaugur mit wachsendem Ernst und Eifer. »Gottlob, es hat nie König Sigtryggur oder sonst ein greisender Mann zu meinen Füßen gelegen. Wie also die Kleider dorten lagen, kamen sie mir ganz albern und bedeutungsleer vor. Wie sie nachher am Takelwerke schwebten, ward es mir zu Sinne, als grüße und neige sich zu mir der feyerliche Seidenbart von seinem Hochsitze herab. Und da auch ward ich erst inne, daß es dieselben Kleider seyen, die er gestern zu Abend trug! O Thorkill, die Gewande eines greisenden Fürsten! Und er sendet sie mir nach, wie zur Abbitte. Das ist eine wundersame 128 Ehrenbezeugung! Wenn man nähmlich zu erwägen versteht: Das Kleid ist des Leibes Kleid, und der Leib das Kleid der Seele!« »Das klingt bedeutsamlich;« sprach Thorkill. »Aber aufrichtig gesagt, lieber Herr und Vetter, aus dem eigentlichen Sinn Eurer Worte kann ich doch nicht so recht klug werden.« »Ich kann's für dasmahl nicht deutlicher geben;« erwiederte Gunlaugur. »Nicht all und jede Stunde, wie der räthselhafte Reigen an uns vorüberzieht, hat auch allemahl den räthsellösenden Schlüssel mit zur Hand. Vielmehr sind sie oft mit so wunderlichen Dingen reich belastet, daß Räthsel aus Räthseln entspriessen, und von Schlüsseln gar die Rede nicht mehr ist!« Er sahe wehmüthig scharfblickend in das Meer hinaus, als wallete dort der wundersame Zug vor seinen leiblichen Augen vorüber. Thorkill unterbrach den Sinnenden mit der Frage: »Sagt mir's nur lieber ganz grade heraus: Ihr seyd wohl dennoch verhext?« »Wär' ich es,« sagte Gunlaugur, »da würd' ich mich nicht so sehr über die Welt verwundern, als es mir jetzo begegnet. Überleg' es nur selbst, Thorkill: was läge denn eben so Unerhörtes darin, daß eine seltsam verschlungne Zeichnung, ein 129 halb verstandnes und halb unverstandnes Wort, ein Blick, Dich bedräuend und dennoch Dir winkend; oder was es von diesen schauerlich närrischen Mischungen noch unendlich Vieles geben mag; was läge denn so Unerhörtes darin, daß dergleichen uns bannen möchte in mancherley ängstig anmuthige Kreise, die man nicht mehr zu lösen verstände! Man könnte sich drin ergeben, wie in so unendlich viel des Unbegreiflichen auf dieser Welt! In diese Meeresströmung zum Beyspiel, die jetzt eben unser Schiff ganz unerwartet, statt gen Norden, gen Westen treibt! Von wannen sie kommt, wer weiß es? Nicht Steuermann, nicht Matrose! Aber sie kennen sie aus vielfacher Erfahrung als ein wirksames Ding. Und so lauschen sie ihr den Vortheil ab, und kommen endlich zu Rande mit ihr. Nur, daß man sich einbilden kann, von irgend einem Getriebe unwiderstehlich ergriffen zu seyn – wie Du und ich in der vergangnen Nacht von einer verzauberten Welt – und es ist dann am Ende solch ein Getriebe gar nicht vorhanden, das ist das Wundersame an der Sache. Und da könnte man ganz irre darüber werden, was denn eigentlich wirklich sey in der Welt und in uns, oder was eitel Traum sey und Trug!« 130 Er versank in tiefes Nachdenken. Da sagte Thorkill nach einer Weile ganz fröhlich: »Lieber Herr und Vetter, ich habe mir's überlegt, und das, womit Ihr Euch jetzt in Eurem Geiste herumschlagt, sind Grillen, oder wohl böse Geister gar. Hört einmahl geduldig an, was mir darüber in meinem Geist aufgegangen ist. Es wird vermuthlich auf eine ziemlich einfältige Weise herauskommen, denn ich bin weder ein Skalde noch ein Hexenmeister. Aber dafür stecken auch weder Grillen, noch böse Geister in meinem Spruch. Der heißt also: »Trifft mich ein Schlag, so schlägt mich wer. Trifft mich ein Kuß, so küßt mich wer. Nicht allemahl weiß man, woher! Doch ob's von da, von dorten wär', Es gab's 'ne Sie, es gab's ein Er, Ich weiß, es that es irgend wer. Man nehm' es eben nicht zu schwer, Doch nicht auch, als ob's gar nichts wär'! Und käm' ein ganzes Klüglingsheer, Und schrie auf mich die Kreuz, die Quer, Mir leistet doch mein Spruch Gewähr: Trifft mich ein Schlag, so schlägt mich wer! Trifft mich ein Kuß, so küßt mich wer!« 131 Und Gunlaugur sang lachend: »Den Spruch zerreißt nicht Wolf nicht Bär, Ob Bär und Wolf auch wüthig wär! Frischauf damit durch Land und Meer!« »Segel auf, Schiffmann!« rief er dann kühnjubelnd. »Segel auf! denn es erhebt sich ein Sturm von Mittag her, kühn fördernd unsere Fahrt. Und nicht ist das edlen Nordmanns Sitte, die Segel ängstlich einzureffen, wenn Sturmesgunst unser Schiff kühnlich vorwärts treiben will. Kühn war der Väter Sitte! Kühn soll auch unsere Sitte seyn. Die Segel allsammt auf!« Und sie gehorchten ihm – obgleich wohl Einigen dabey schwindlich ward – als ob er ihr Schiffshauptmann wär', ja fast, als ob er ihr junger König wär'. Und mit fliegenden Segeln schwebte das Schiff, wie eine recht wilde Schwalbe vor dem Sturme dahin, lustig auf den höchsten Wogenspitzen tanzend. 132     Neunzehntes Kapitel. Auf den Orkney-Inseln wurden die Schiffenden freudig empfangen vom Jarl, der dorten regierte. Auch die Lieder Gunlaugurs fanden offnes Ohr und offnes Herz, und der edle Wirth schenkte ihm ein großes, silberleuchtendes Kampfesbeil. Das nahm Gunlaugur freudig an, aber als vom Dortverweilen die Rede war, sang er: »Fürder gen Nordostlands Fluren Fahr' ich! Hin, wo Sonne blutroth Winkt aus Wolken wilden Sturmes! Was mir dort winkt, läßt nicht Rast mir.« Und als der Jarl ihn befragte, ob das etwa eine edle Freundinn sey, sang er abermahl: »Viele Nächte, viele Tage Flieh'n und wall'n, bis ich die Freundinn Find' in ihren Vaterhallen. Viel verschiednen Gruß jetzt such' ich.« 133 »Ist es Freund oder Feind, den Du suchest?« fragte der Jarl. Gunlaugur sang: »Freund wird Feind, und Feind wird Freund oft! Findet oft der flinkste Jäger Freud'ge Finken statt des Wolfes, Statt der freud'gen Finken Wölfe. Den ich suche, sah ich niemahls. Suchen muß ich doch ihn rastlos. Ruh gibt mir der Ruhm, ob ihm nur, Ob dem Rafn, dem Skaldenjüngling!« »Da helf' Euch lieber ein günstiges Geschick zu Ruh und Frieden mit ihm!« sagte der Jarl der Orkney-Inseln. »Rafn der Skalde, wie zart an Sitten er sich auch offenbart, und wie lieblich seinen Freunden; seinen Feinden ist er ein verderbliches Feuer. Einen Hekla unter Blumengefilden möchte man ihn heissen, oder – wie in dem südländischen Eilande Sicilia wirklich ein solcher blühender Flammenberg heissen soll – einen Aetna.« »Aetna!« wiederhohlte der Jüngling nachdenklich. »Der Nahme klingt schön! Und himmlisch hold und reich mögen Blumen und Bäume blühen und grünen und Rasenstellen funkeln, wo 134 unterirdische Gluthen sie einem viel schöpferischeren Sonnenlicht entgegen treiben, als es über unserm Hekla herniederstrahlt. Aber Herr, der starrende Hekla ist mir lieber, als solch ein lügenhaft lockendes Blumen- und Blüthengebirg mit dem Flammenzorn im Herzen.« »Hüthe Dich, Hekla, Du stolzer Berg,« sagte der Jarl der Orkney-Inseln zu Gunlaugur, »hüthe Dich vor dem blühenden Aetna! Wenn etwa einmahl ein zornigeres Walten der Sterne – noch jetzt hält es liebend und schonend Euch von einander fern – aber wenn es dereinst Euch gegeneinander drängte im wundersamlichen Streit, o Hekla, Du wärest verloren!« »Dann Aetna mit!« sagte Gunlaugur trotzig, und beeilte nur um so mehr seine Fahrt gen Nord-Osten hinaus, als von wo die Liedestöne, welche auf seines Gegners Bahnen immer vernehmlicher und bezeichnender aufklangen, ihm die Erfüllung seines strengen Verlangens verhiessen. Aber im nördlichen Schwedenlande fand er ihn dennoch nicht, und nicht auch, wie er doch gewiß gehofft hatte, in einem Kaufmannhafen des westlichen Gothlandes, welcher Skörum geheissen war. Und darüber stieg nun wieder der ernste Winter am Nordlandhimmel auf, und 135 begann die Schiffahrt zu hemmen, und den Fahrten zu Lande Schneegruben und Schneeverwallungen entgegenzuwerfen, die oft auch der entschlossenste Wille und die rüstigste Kraft nicht zu bewältigen vermag. Wehmüthigen Zornes voll sahe Gunlaugur seinen Thorkill an, sprechend: »Wir haben schon wieder den Rafn verfehlt!« Und Thorkill erwiederte ganz lustig: »Vielleicht desto besser, Herr Vetter!« Darüber mußte Gunlaugur lachen und dennoch sich sehr ärgern zugleich. Das ist auch Eins von den wunderlichen Gefühlen, die im Leben weit öfter vorkommen, als man es sich einzubilden pflegt, wenn man noch um sehr Vieles näher am Eingange steht, als an der Ausgangsschwelle. Man erfährt nach und nach das und viel Anderes sonst, worüber man sich ausnehmend wundern würde, wenn es uns um etwa zehn bis zwanzig Jahre früher in deutlich vernommenen Bildern durch die Seele ziehen könnte. 136     Zwanzigstes Kapitel. Wie noch so Gunlaugur und Thorkill nachdenklich mitsammen am Strande auf und nieder gingen, hörten sie auf einer dem Kaufmannshafen nahe gelegenen schönen Burg Festesmusik ertönen und Becherklang und das Singen und Jubelrufen fröhlicher Gäste. Gunlaugur hatte jetzt am allerwenigsten Lust nach einem solchen Gelage. Abgewendet von dem Kerzenschein, welcher durch's Abenddunkel aus den Schlossesfenstern drang, setzte er sich auf einen alten Runenstein nieder, Thorkill auf einen andern, denn es gab ihrer dort viele am hohen Meeresufer. Welche davon auch standen grad' emporgerichtet, und nahmentlich Einer dem Gunlaugurssitze ziemlich nahe, und war wunderlich anzusehen mit seiner Kappe von Moos, und wie er sich so vornüberneigte, fast einem verdrießlich drohenden alten Mann 137 im unförmlich langen, rings einhüllenden Mantel vergleichbar. Der Festeslärm aus der Burg jubelte in recht schönen Sangesweisen. Halb darauf hinhorchend, halb in sich selbst versunken, hatte Gunlaugur sein schönes, silberleuchtendes Kampfesbeil erfaßt, und hämmerte damit gegen den vor ihm ragenden Denkstein das Sangesmaß. Der Stein klang dumpf, das Beil klang hell, es gab ein hübsches Zusammentönen. Und dazu blitzte die versilberte Schneide der Axt im jetzt heraufwandelnden Mondesglanze so recht anmuthig blank bey jedem wiederhohlten Schwunge. Gunlaugur fand eine seltsam träumerische Lust daran, wie das wohl oft mit ähnlichen Dingen ergeht, einigermaßen nach Kindermanier, und was grade nicht das Schlimmste an uns seyn mag, falls es uns nicht wichtigere Dinge zur wichtigen Stunde aus den Gedanken treibt. Dem Gunlaugur machte sein Spiel auf eine wunderliche Weise mit jedem Augenblicke mehr zu schaffen. Denn die vom Schlosse her angestimmten Reigen wurden nicht nur immer schneller und wilder, sondern wechselten jetzt auch bey jeglicher Wendung rasch in Schwung und Maß. Es mußten wohl zwey entgegengesetzte Parten 138 einander in Liedern bekämpfen wollen, oder gar schon im Beginn eines zornigeren Ringens. Zwar ward endlich der Klang droben wieder leiser. Aber nur Dämpfung des Streites schien es anzudeuten; keinesweges Frieden. Gunlaugur kümmerte sich darum nicht sonderlich. Aber dem Gange des hin- und herwogenden Sanges mit seinen maßhaltenden Beilschlägen treu zu bleiben, das lag ihm um so mehr am Herzen, jemehr die Schwierigkeit der Aufgabe stieg. Je undeutlicher nun die Wechselreigen im stets leiseren Ton erklangen, je lauter und je gewaltiger tönten Gunlaugurs Waffenschläge an den Stein, bis endlich der Klang davon wie ein stürmendes Geläute durch Land und See hin zu ertosen begann. Da sprach mit Eins eine ernste Stimme: »Wer hämmert denn hier so entsetzlich zwischen den Runensteinen?« »Ich!« sagte Gunlaugur gelassen, und hub sich langsam von seinem Grabessitz empor, in aller stolzen Höhe seiner mächtigen Kämpfergestalt. Und auch Thorkill stand von seinem Hügel auf, und der Fremde sagte schauernd: »Was ist das? Kommen hier Grüftebewohner wieder in's Leben?« 139 »Nein!« sagte Gunlaugur. »Für dasmahl noch nicht.« Und damit gab er sich nach Nahmen und Abstammung und Reisefahrt kund, wie das rüstige und rühmliche Männer meist immer gern ohne alle Nöthigung zu thun pflegen. »Wohlan!« sprach der Fremde, oder vielmehr an diesem Strand der Einheimische. »So hat unser edler Jarl Sigurdur doch wiederum Alles so gut errathen, als es seinem hohen, waffen- und reiseberühmten Heldenalter geziemt. Willkommen, Du Skalde vom Liedeseiland der Nordermeere! Du kommst zur rechten Zeit. Denn wissen sollst Du: da droben hat sich ein Sangeswettkampf erhoben, und es wäre wohl endlich ein Wettkampf mit Waffen daraus geworden, hätte nicht Dein schauerliches Schwertesklopfen gegen den Runenstein dazwischen getönt. Die Augen und Sinne Vieler wandten sich staunend dorthin. Und als es darüber etwas stiller im Saale ward, sagte Jarl Sigurdur: »Das kann nur Eines von Zweyen bedeuten. Entweder alte Heldengeister sind am Strande aufgestiegen, zürnend in ihrer Waffen- und Töne-Gewalt, um den Sangeshader hier in der Halle, oder ein liedeskundiger Isländer ist gelandet, und schlägt nun das Maß gegen die Grabessteine mit seiner 140 starken Waffe. Andern Leuten kommt dergleichen so leicht nicht ein, und sie würden's auch nicht dergestalt ausführen; nicht so gewaltig dröhnend und doch so maßgerecht zugleich. Da will ich nun, wenn es ein Sohn der Hekla-Insel ist, daß er heraufkomme, und Euern Sangesstreit entscheide. Seinem Richterspruche dann sollt Ihr Euch unterwerfen, und Frieden halten. Ist es aber ein Bewohner der Grabesburg, welcher zu Eurem Liede hammert; da werdet Ihr Euch wohl von selbsten bescheiden, daß der Zorn der Wiederkehrenden aus den Grüften zu fürchten sey, und werdet Frieden halten mitsammen.« Diesem Worte, mein edler Islandssohn, fügten sich Alle, und mir erkor man die Ehre, mich nach Deinem wunderlichen Räthselklange hinauszusenden. Im Nahmen Sigurdur Jarls lade ich Dich nun als einen Schiedsrichter des Gesanges in seine Hallen.« »Da komm' ich gern!« sagte Gunlaugur, und die Drey wandelten mitsammen burgan. »Erzähle mir doch, Du guter Abgesandter,« sprach Gunlaugur unterweges, »was ist es denn eigentlich mit Wettgesang und Wettezorn da droben in Deines edlen Meisters Burg?« 141 Der Wappner berichtete Folgendes: »Da sind Ehrenbothen zu unserm Jarl herangeschifft von den Norwegküsten her, und sie brachten ihm Geschenke. Der kühne Eirekur Jarl hat sie herübergesendet, und heute, als am Vorabende des Juelfestes, lud unser Sigurdur Jarl die edlen Norwegmannen zum Becherfest in seine Halle. Nun, wie es dann wohl zu kommen pflegt bey solcher Gelegenheit; das Trinkhorn kreisete frisch, die Herzen wurden groß, und manches kühne Wort sprang über die Lippen. Die Worte wurden zum Klange, die Klänge zum Sange. Da weiß ich nun nicht recht, wer es eigentlich angefangen hat; die Eirekursmannen, oder wir Sigurdursmannen, aber eine oder die andere Schar, erhub zuerst den Preis ihres Herrn in stolzen Liedesreigen, als geb' es auf aller Welt keinen Helden, der ihrem Herrn sich vergleichen dürfe. Und darauf stimmte natürlich die andere Part für ihren Herrn noch kühneren Liedesreigen an, und das stieg im stets entflammten Wechselgesange, bis –« Er hielt einige Augenblicke nachdenklich inne, dann setzte er freyen Muthes hinzu: »Bis, um Euch die ehrliche Wahrheit nach 142 Pflicht und Gewissen herauszusagen, wir uns beyderseits dergestalt verstiegen hatten, daß wir den Rückweg nun nicht mehr gut anders zu finden wissen, als mit gezückten Schwertern. Und obgleich das an und für sich eine gar hübsche Art des Bahnbrechens gibt, hätte sich es doch zwischen Wirthen und Gästen abscheulich mißstaltet. Wer aber sollte schlichtender Obmann werden zwischen den zweyen Parten der Reigensänger? Unser Jarl gehörte ja in den Kampf mit hinein. Sich unterordnen, hätte für Schwachmuth gelten mögen; sich erheben dagegen, für Hochmuth. Und dem echt hohen Muthe steht Eines so wenig, als das Andere an. Drum berief er Dich, Du unpartheyischer Obmann!« »Unpartheyisch!« sagte Gunlaugur. »Es kommt darauf an, ob die Bothen des Eirekur Jarl sich meine Obmannschaft werden gefallen lassen, und ob ich selbst mir so recht partheylos dabey vorkommen kann. An dem Hofe des Eirekur hab' ich schon einmahl Händel für mich aufblühen sehen, und sehr unliebliche fast! Doch eben deßhalb möcht' ich eher noch Euern Wettsingern rathen, meiner Entscheidung zu mißtrauen. Denn auf Widersacherseite neigt sich 143 gar zu leicht ein ehrlicher Mann, aus großer Besorgniß dem Widersacher nicht Unrecht zu thun.« »So ist es Recht!« sagte der Wappner freundlich. »So wird uns der Obmann Allen recht seyn, und vorzüglich unserem lieben Jarl Sigurdur wird das gefallen. Seht! da stehen wir nun an seiner Schwelle. Viele Augen warten verlangend auf Euch!« 144     Ein und zwanzigstes Kapitel. Die Pforte that sich auf. Drinnen in dem Saale sah es wundersam aus. Da standen von der einen Seite in dem hohen Gewölbe die Gothlandsmannen, von der andern die Norwegsmannen, in der Rechten die Becher, die Harfen und Zithern im Arm, in der Linken die Schwerter und Speere. Heimliches Gerede ging von Nachbar zu Nachbar. Jedem Gegenüberstehenden aber wandte jegliches Auge flammende Blitze zu. Oben auf dem Hochsitze in Beyder Mitten stand Jarl Sigurdur in blanken Festeswaffen, ein bleicher, hoher, schöner Greis, dem der schneeweiße Bart, zwiefältig getheilt, bis auf den Gürtel in langen, sanftgekräuselten Wellen hinabwallete, nicht sowohl wie ein Seidenbart, 145 als vielmehr wie ein mächtiger Silberbart. Flußgötter sollen sich bisweilen mit solchen mächtig strahlenden Wellenbärten schauen lassen, wenn sie vor einsamen Wanderern im Süden emportauchen; vorzüglich an Orten, wo noch Niemand bis dahin ihrer Quellen-Urnen Ursprung, oder deren Erguß in das heilige Meer zu belauschen vermocht hat. Still vor dem wundersamen Herrscher, und sehr tief sich vor ihm verneigend, blieb Gunlaugur stehen, auf die andern Leute, welche fragend ihre Blicke nach ihm richteten, eben nicht sonderlich achtend. Sigurdur Jarl aber grüßte ernst, winkte ihn nach seinem Hochsitze herauf, und sagte sodann mit feyerlich anmuthigem Laut zu den Übrigen: »Da steht Euer Sanges- und Heldenrichter! Ich habe ihn dazu erkoren, und Wer in dessen edles Island-Angesicht schauen mag, wird nicht erst fragen, warum!« Die beyderseitigen Wettkämpfer neigten sich vor dem Ausspruche des Jarls, wohl auch mit vor der Heldengestalt Gunlaugurs, und Dieser faßte darauf eine auf dem Hochsitz lehnende Goldharfe, griff in ihre Silbersaiten, und sang dazu: 146 »Kling', Harfe, liebes Sangeshaus, Kling' meiner Seele Hauch hinaus! Kling' ihn durch edle Seelen fort, Versammelt hier an edlem Ort! Nur da, wo Sanges Leben wohnt Im Busen deß, der Kränze spendet, Fühlt Sänger, daß ihn gottgesendet Des Kranzes Ruhm und Schmuck belohnt!« Nach diesem Liede neigte er sich freundlich vor der Versammlung, aber so erhaben freundlich, wie etwa ein König vor seinen Vasallen. Und sie nahmen es auch allesammt so an. Auf seinen Wink begannen die Eirekurs-Mannen ihren Preisgesang zuerst. Sie sangen ein schönes, wildes Lied, ein Lied, ertönend wie Wassersturz in Donnerhall, und wunderbare Geisteslichter durchhinzuckend, wie Blitz über flammende Kriegesburgen fährt in dunkler Nacht, und bisweilen wohl da hinabzuckt und die Lohe noch grimmiger anfacht. Von ihres Herrn Siegsthaten an vielen fremden Küsten sangen sie, und auf Inseln von denen andere Seefahrer kaum den Nahmen nach wüßten! Und wie er dort bald als ein leuchtender Erretter und Schirmheld erschienen sey, und bald als ein donnernd zermalmender Verderber, je 147 nachdem es ihm das stolze gottbegeisterte Herz in der kühnen Brust geboth! Zwischen Jammer und Jubel, und Trauerklage und Festeslust, und Wintersturm und Nachtigallenflöten scholl inmerdar gleich herrlich der Nahme hervor: Jarl Eirekur von Norweg! Mit einem allgemeinen Siegesruf und hallendem Harfengestürm beschlossen die kühnen Gäste ihren Sang. Glühenden Blickes begegnete Gunlaugur den glühenden Blicken der Norwegsmannen, die ihn zum Theil wieder erkannten von jenem unfreundlichen Zusammentreffen auf der Hladiburg her. Aber auf keine Weise – das sahe man ihren treuherzig kühnen Gesichtern an – milderte das ihr keckes Siegesvertrauen, sich auf ihr stolzes Recht und des Obmannes Unpartheylichkeit gründend. Gunlaugur, als der letzte Nachhall des dröhnenden Norweg-Chores in den hohen Gewölben verklungen war, aber nicht eher, denn er lauschte dahin mit stillbegeisterter Lust! winkte den Sigurdursmannen, daß auch sie ihr Lied zu den Harfen beginnen möchten. Das lautete nun viel anders, aber auch sehr schön. Feyerlich und still und stark erklang es, daß 148 man beynahe hätte denken mögen, nun werde sich aus dem kunstreich gediegenen Gange der Saiten und Stimmen ein edler Burg- und Tempelbau von neuer, wundersamer Art erheben, die alten Mauerbogen auseinander drängend und sie dann in großer, nie bis dahin gesehener Schönheit wieder vereinend. Sie sangen, wie Jarl Sigurdur in unerschütterlich fester Heldengestalt da stehe unter allen Licht- und Flammengebilden des räthselgebährenden Norderlandes. Hinter mir Nacht! Vor mir Tag! Das seye der Wahlspruch des mächtigen Jarl Sigurdur. Da kamen unter Anderem folgende Wendungen des Liedes vor, die nach nordischer Sangesweise immer wieder zwischen den einzelnen Abtheilungen durchklangen: »Hinter mir Nacht, vor mir Tag! Hinter mir Abgrund, Höhe vor mir! Winde dich klar du Wandlersbahn, Winde dich stark und stät bergauf. Bricht der Mond durch braune Wolken Braut er vor sich stürmige Nebel. Hebt sich heiter die Sonne, heißt es, Hinter mir Nacht, vor mir Tag!« Die Norwegmannen schienen ein Murren erheben zu wollen, daß ihr Jarl Eirekur dem 149 bleichen Monde verglichen werde; Jarl Sigurdur hingegen der sieghaft aufstrahlenden Sonne. Ein in diesen Geschichten uns schon kundgewordnes Rasseln der Harnischringe und Waffen, von innern Zornesschüttern ihrer Herrn erweckt, ließ sich bereits deutlich dorten vernehmen, mitten durch das Singen und Harfen der Gothlandsmannen gegenüber. Aber ein Wink Gunlaugurs, als des erkornen Obmannes, und Alles gab sich zufrieden. Als die Gothlandsänger ihren Reigen vollendet hatten, blieb Gunlaugur eine Weile tief nachsinnend still. Aller Augen hefteten sich an seine stolzen, dichtgeschlossenen Lippen. Er saß da, einem solchen Steinbilde gleich, wie die Weltumsegler berichten, daß es in den afrikanisch-uralten Landen eines gebe, harrend auf den ersten Strahl der Morgensonne. Wann dieser es berührt, so tönt es. Gunlaugur hätte vielleicht noch lange die zwey vernommenen Heldenreigen stumm gegeneinander abgewogen, ohne zu entscheiden, welchem er den Siegeskranz ertheilen solle. Da erhub sich ein ganz leises Gespräch in der Nähe, von zwey Leibwächtern des Jarls, die eine ziemlich gleichgültige Bothschaft zu melden 150 hatten, und die erwartungsvolle Stille damit noch nicht zu stören wagten. Auch trieben sie ihre Berathung so vorsichtig, daß Niemand etwas davon vernahm, Gunlaugur am wenigsten. Aber endlich flüsterte Einer von Beyden: »Aus Helgaland kommt der Kahn?« Und der liebe Klang, Helga! säuselte heilig belebend in Gunlaugurs tiefstes Wesen herein. Da wußte er auf Einmahl, was er thun und singen solle. Heitern Wesens nahm er die Harfe in seinen Arm, rauschte feyerlich holde Weisen darauf hin und wieder, dann sang er diese Worte in den wohllautenden Strom: »O Jeder, was er mag und kann!     Und Jedes ist so schön     In der Natur liebsel'gem Bann,     Wenn man's nur kann versteh'n! Schiltst du den Schwan, der silberklar     Auf see'gen Fluthen schwimmt?     Ein Schutz den Seinen in Gefahr,     Der Keinem je was nimmt! Schiltst du den Aar, der sich nach Sieg     Zum Kampf im Luftraum hebt? 151     Ist And'rer schwach und bang vor Krieg     Warum, daß er dort schwebt? Wer sich mit Adlern messen will     Der wiß' um Adlerkraft!     Auch Schwanenleben, hold und still     Heischt edle Meisterschaft. Der Schwan fleugt nicht zum Adler auf,     Der Aar sucht nicht den See!     Ich dächte: Jedem seinen Lauf,     Und Keinem thut man weh!« Da rauschten die Harfen von beyden Seiten in freudiger Lust und Eintracht. Der Vertrag war geschlossen. Das Fest nahm seinen fröhlichen Gang. Und gäbe es an den Nordlandsufern Lorberzweige, so hätten vielleicht die zwey vorhin streitenden Parten ihrem freundlichstarken Obmann eine Lorberkrone geflochten. 152     Zwey und zwanzigstes Kapitel. Tages darauf ward das Juelfest gar fröhlich unter allen Versammelten gefeyert. Und sie sagten untereinander bey den hellklingenden und freudefunkelnden Bechern: »War es doch Anfangs, als hätte dieß Glühauge des Isländers nur eine schaurige Richtergewalt mit sich in diese Hallen gebracht! Und nun hat er dagegen lauter Freude und Frieden hier erweckt. Wohl nennen manche Lieder die Helden aus unsern höchsten Nordlanden her mit Recht schaurige Freudenbringer und kriegerische Pfleger der Eintracht!« Gunlaugur wäre vielleicht den ganzen Winter hindurch an diesem edlen Strande geblieben. Aber er wollte nun einmahl durchaus den Rafn, den Skalden finden, sey es im Frieden oder im Unfrieden. Und dieß Verlangen ließ 153 ihm nicht im Schlafen und nicht im Wachen und an keinem Gestade Ruh. Da sagten ihm einige Leute wohl, Rafn seye dazumahl in den Marken, welche Tiundaland geheissen waren, und darinnen die edle Burg Upsala sich erhub. Olaf, der Schwedenkönig, hatte dort seinen Haus- und Hofhalt. Gunlaugur sprach: »Was gilt die Wette, daß ich dorten den Rafn wieder eben sowenig finde, als ich ihn hier gefunden habe! Er und ich kommen mir in meinem Geiste vor, wie Nacht und Morgen. Die treiben sich auch immerdar, und nun schon durch so viele, viele hundert Jahre, hinter einander herum. Jedes wohl möchte das Andere gern einhohlen, und eben deßhalb ist Jedes immer schon wieder von hinnen, wo das Andere erscheint. Mag seyn, Rafn der Skalde sucht mich eben so emsig, als ich ihn; just deßhalb wird aus unserem Frieden nichts. Und dennoch, ich vermag nicht Ruhe zu halten auf Einem Fleck, und es abzuwarten, bis er mich etwa einhohlen könnte. Es ist eine tolle Jagd mit uns Beyden. Oder manchmahl hab' ich auch schon gedacht, daß er bloß ein tolles Spuckbild sey, von schwarzen Alfen vor meiner flammigen Seele emporgehext, damit 154 die immer wilder und wilder lodre, wie eine Fackel gewaltig zischender brennt, je eiliger man mit ihr durch den Sturm über die Felder läuft. Aber dann wieder denk' ich: Es gibt doch ehrbare Isländer genug, die den Rafn gesehen haben, von seiner frühesten Kindheit an. Also ein Kobold, ein Feuermann, ein Irwisch; irgend solch ein wesenloses Ding nun kann er doch auf keine Weise seyn. Ja, auch andern Norderküsten gilt er für einen gehörigen Menschen, und für einen ganz allerliebsten noch obendrein. Seye dem, wie ihm wolle! mit Rast und Ruhe und behaglichem Herdesleben ist es schwach für mich bestellt, bis ich ihn gefunden habe.« Nicht lange nach beendetem Juelsfeste bath er den Jarl Sigurdur um Bothen durch die schneeige Klippengegend hinüber, nach Upsala zu. Die wurden ihm freundlich bewilligt, und eines schönen, hellen Wintermorgens schritt Gunlaugur, von seinem wackern Thorkill geleitet, hinter den Wegweisern her, auf großen Schneeschuhen rasch die ihn von Upsala trennenden Berge hinauf. Als sie so einige Stunden mitsammen fortgewandelt waren, hörten sie mitunter ein gewaltiges Tönen von den Gipfeln der Höhen über die Thäler hin, das sich im Wiederhalle gar seltsam 155 vervielfachte. Man hätte es für einen Donnerhall oder für ein Sturmesgesaus halten können, oder auch für das Gerolle stürzender Schneegewalten. Aber theils war die heitere Winterluft so ganz ausnehmend lustighell und rein, daß man nicht an ungestüme Wetter denken konnte. Theils auch hallte zwischen das mächtige Getöse bisweilen ein Sangeswort mit durch, unverkennbar aus Menschenbrust entsprungen, und in den Klängen edler Nordlandsprache sich verlautbarend. Ja, es war, als höre man bisweilen den Nahmen, » Gunlaugur Drachenzunge! « erschallen. Das ward nun endlich dem Gunlaugur allzu merkbar, und zuletzt sang er im Weitersteigen aus rüstig voller Brust seinen Wegweisern zu: »Lang' hab' ich geschwiegen und zugehört,     Weil oft der Nachhall das Ohr verstört. Und zu viel nach sich selbst zu fragen, das taugt auf keinerley Weise. Lang' hab' ich geachtet, und lang' gelauscht,     Weil Wiederhall Klang um Klang oft tauscht, Und zu viel nach sich selbst zu fragen, das taugt auf keinerley Weise. 156 Doch hör' ich Gunlaugur! von Bergen schrey'n.     Und donnerts auch, Drachenzunge! darein. Und zu wenig sich achten, das taugt auf keinerley Weise. Ich bin hier fremd; Ihr seyd hier zu Haus!     Gebt Kunde mir, lobt oder schmäht mich der Braus? Denn zu wenig sich achten, das taugt auf keinerley Weise.« » Gunlaugur heiß ich! auch Drachenzunge!« So wollte er eine neue Liedeswendung anheben. Aber da glitt er einen Abhang unwillkührlich rasch hinab, und hielt sich nur kaum noch an seinem eingestemmten Speer vor schlimmerem Sturze fest, während von droben Einer der Wegweiser halb staunend, halb lachend ihm nachsang: » Gunlaugur heißt ihr! auch Drachenzunge!     Gunlaugur, ihr habt 'ne gewaltige Lunge. Doch im Klettern laut singen, das taugt auf keinerley Weise!« »Da hast Du Recht!« entgegnete Gunlaugur lustig. »Und fürwahr ein wenig bin ich ausser Athem gekommen über das Singen und Klettern und Gleiten, vorzüglich, wie alles Dreyes 157 in selbem Augenblick zur Sprache kommen will. Tausend, das war ein rascher Tanz!« Doch hatte er sich damit schon wieder nach dem Fußsteige droben emporgerungen, und schritt nun ein wenig langsamer vorwärts, indem er zu den Wegweisern sprach: »Aber kündet mir das auch hübsch, warum Euch mein Sang befragte. Könnt Ihr's nicht im Sang erwiedern, Schade! denn Sang und Klang ist des Lebens beste Lust. Doch meinethalb auch mögt Ihr's sagen, ohne zu singen.« Und Einer der Wegweiser hub diesen Spruch an: »Das sind ja die Bothen des Eirekur Jarl! Die fahren auf seinen starken Wink weithin durch die Lande, auch über die Grenzen von Norweg hinaus. Und auf daß man allwärts vernehme, was sie zu künden haben, sind ihnen große, weitausklingende Sprachröhre mitgegeben. Daraus donnern sie über die Thäler hin, was ihnen ihr hochgewaltiger Meister gebiethet. Und solchen Gebothen leisten alle Menschen gern Folge, die je von dem hochmächtigen Eirekur Jarl haben reden gehört. Welcher Mensch aber lebt wohl im Nordland, welcher nichts von diesem Helden vernommen hätte, und der nicht sein Haupt vor ihm beugen möchte, wenn Ehr' und Pflicht es 158 vergönnet! Deßhalb, o Gunlaugur Drachenzunge, wünschen wir Dir von Herzen, es seye Gutes und Liebes, was der Norwegs Jarl mit Dir zu schaffen hat. Sahest Du ihn schon sonst einmahl, bevor Du mit seinen Bothen in unseres Herrschers Halle zusammentrafest?« »O freylich wohl!« entgegnete Gunlaugur. »Auf seiner zierlichen Hladiburg traf ich einmahl mit ihm zusammen, und da schieden er und ich in großem Unfrieden auseinander. Aber Ihr müßt nicht darüber erschrecken, Ihr Bothen. Mich, und auch noch Einige drüber, getraue ich mir gegen Jedermann zu vertheidigen. Und wahrhaftig, hierbey ist noch obenein das allerbeste Recht auf meiner Seite.« »Gotthelf!« sagte dazu ein Wegweiser. »Es thut nöthig damit. Denn unfern vor uns steht schon sichtbarlich so ein Ausrufer des Eirekur Jarl. Und es gibt eben keine Gelegenheit, links oder rechts, ihm auszuweichen.« »Da sey auch Gott vor, daß jemahls ich irgend einem Gegner ausweichen wolle!« sagte Gunlaugur mit einem unzufriednen Gelächter. »Vorwärts, Ihr Wegweiser, und bergan! Und wenn es etwa nicht Euch auf dasmahl gefällt, mir die Bahn zu weisen, so will ich von Herzen 159 gern vorangehen, und auch die Bahn Euch brechen, wo es Noth thun sollte.« Darauf schritt er rüstig vorwärts. Von der nächsten Bergeshöhe sahe die Gestalt des Eirekursbothen in den Morgennebeln, die aus den Thälern emporwalleten, recht riesig groß zu ihnen hernieder, wie er da stand, auf eine mächtige Hallebarde gelehnt, rechts und links um sich her schauend, als wolle er fragen: »Habt Ihr's vernommen, Ihr Nachbarsleute in den Niederungen, was der mächtige Jarl Eirekur gebothen hat? Daß Ihr Euch gern drin ergebet, versteht sich von selber!« Und wiederum setzte er das gewaltige Sprachrohr an den Mund, ausrufend: »Für Gunlaugur, den Islandsohn, Drachenzunge benannt, gilt dieser Spruch!« »Hier ist er!« rief Gunlaugur, eifrig berganklimmend. »Hier ist er! Hier kommt er! Noch nimmer hat er sich vergeblich rufen lassen, wo es Ehre galt und Gefahr!« Aber das Sprachrohr des nebelumwalleten Bothen hatte derweil schon wieder im starken Rufen selbst Gunlaugurs mächtige Stimme überdonnert. Und nun rief Jener mit vernehmlichen Worten durch das dröhnende Horn: 160 »Im Nahmen Jarl Eirekurs, des Helden von Norweg, und für Gunlaugur den Islandsohn, Drachenzunge benannt! Friede und Freude allwärts dem tapfern Illugisohn Gunlaugur, so weit die Macht des Jarl Eirekur reicht! Im Norwegschutze wandelt der junge Held Gunlaugur! Friede und Ehre mit ihm! Wer es anders begönne: Krieg würde das heissen und Schmach dem Jarl Eirekur! Wahre sich also jegliches Menschenkind darnach, und halte Frieden! Frieden! Frieden!« Da sagte Gunlaugur, unerwartet neben dem Bothen stehend: »Du hast eine tüchtige Art an Dir, den Frieden einzudonnern, und wenn das die Leute nicht verstehen, ist es allerdings nur ihre eigne Schuld.« Der Eirekursbothe sah ihn groß an, verwundert über eine so kecke Sprache zu Seinesgleichen. Doch bald sagte er: »Du bist ja wohl der Gunlaugur, Drachenzunge selber, dem zu Ehren wir an den Grenzen umherziehen und unseres Herrn Gebothe ausrufen?« »Ja freylich!« entgegnete der Isländer. »Und mir kann also der Lärmen schon recht seyn. Aber erzähle mir doch, wenn es Deiner Verpflichtung 161 nicht entgegen ist, warum der Eirekur Jarl mich mit Eins so ausnehmend liebgewonnen hat, und sich ordentlich zartbesorgt für mein Ergehen und Wohlbefinden erweiset?« »Das macht,« erwiederte der Bothe, »jener schöne Skaldenspruch, mit welchem Du unsern grossen Jarl in der Sigurdurhalle vertreten und seinen Abgesandten zum edlen Frieden verholfen hast. Wie? Vermeinest Du denn etwa, einem echten Helden liege so wenig daran, auf welche Weise von Skalden sein Nahme gesungen wird? Und ob in einem Liedeswettstreit ihm sein Ruhm hinuntergerungen werde, oder erhöhet? Die Burgen des Eirekur Jarl sind Dir offen fortan, wie eigne Burgen zu Schutz und Labung und aller Freundlichkeit, und seine Waffen sind Dir wie Deine eignen Waffen. Ganz Nordland aber weiß, wie so gar Schönes und Großes das zu bedeuten hat.« »Und ich empfind' es!« sagte Gunlaugur, sich ehrerbiethig neigend, und seine beyden starken Hände fest zusammendrückend auf seine tapfre Brust. Dann, sich wieder erhebend, setzte er hinzu: »Und Jarl Eirekur soll Friede und Ehre haben, wenn er einmahl auf Island landet oder 162 strandet, so weit alsdann die Macht des Illugi und seines Sohnes Gunlaugur reicht. Und diese Macht reicht weit. Auch wo ich noch auf meinen Fahrten irgend hingelange, will ich den Nahmen des Eirekur Jarl mit Liedesklängen schmücken, wie man ein edles Kleinod mit Gold und blankem Gesteine schmückt; und mit Schwertesschwüngen will ich ihn vertheidigen, wie den Nahmen eines holden Vaters und Herrn. Denn wahrlich, und ob ich auch nun und nimmer wieder in Jarl Eirekurs Hallen träte, und nie auch vielleicht seines Schutzes bedarf – wie Adlerfittige mir in der Brust schwellt freudiglich der Gedanke: »Dich hat ein Held recht lieb und werth!« diese verwandte kühne Seele empor. Willst Du mir Deinen hohen Herrn auf solche Weise grüßen, o Bothe?« »Das will ich,« entgegnete Der. »Und ich weiß, daß es dem hohen Jarl von ganzer Seele recht seyn wird.« Sie schüttelten einander stark die Hände auf ihrem hohen Nebelhügel, daß man beynahe hätte vermeinen sollen, wenn man so von unten hinauf zugesehen hätte, zwey Riesen hielten ein Schwingespiel mitsammen, wie es die Bergvölker Mann gegen Mann an der Art haben. 163 Dann schieden sie voneinander in großer Freudigkeit und Liebe. Jarl Eirekur soll dem Bothen, als er ihm diese Freudenkunde brachte, eine Art von köstlich güldnem Kranz geschenkt haben, in den griechischen Südlanden durch einen Seekönig erobert, und dorten Diadema genannt. 164     Drey und zwanzigstes Kapitel. Es war um die Zeit, wo Frühling und Winter einen ganz anmuthigen Kampf gegeneinander zu beginnen pflegen, im leisen Getröpfel schmelzenden Schnees rieselnd, und im blanken Strahl sonnendurchblitzter Eiszapfen funkelnd. Die Bäche fangen dann an, etwas wild einher zu gehen, wie unartig lustige Burschen, zwischen dem Knaben- und Jünglingsalter schäumend, und die Frostmassen hemmen sie noch von beyden Seiten ein, alten, schon ziemlich überlebten Meistern vergleichbar, die sich noch in einigem Ansehn zu halten bestrebt sind, und es auch durchsetzen zu günstigen Stunden. Aber man sieht wohl, die Jugend und der Frühling wachsen heran, und behaupten endlich ihr fröhliches Recht, allen verdrießlichen Winterbedenklichkeiten zum Trotz. In dieser wunderlichen Jahreszeit schritt auch 165 der muntere Gunlaugur eines Abends zu König Olafs von Schweden Hofhalt auf dem alten Schlosse Upsala über die Berge hinab. Er sahe, daß sich dorten viele Leute rings um die Burg her Wohnungen erbauet hatten; theils solche, die man wohl in der gewöhnlichen Menschensprache begründet zu nennen pflegt für alle Zeit; theils aber auch welche, denen man es ansehen konnte, ihre Bewohner hegeten selbst nicht größere Erwartung davon, als die eines vorübergehenden, fast nur augenblicklichen Schutzes gegen Wind und Wetter. Gunlaugur dachte an die leicht aufgerichtete Wohnung Thorsteins auf dem Wahlfelde in Island, wo einstmahlen der wunderliche Ostmann Bardur Jenem einen schauerlichen Traum gedeutet haben sollte. Er hatte so dunkel davon gehört. Schon vor Schön-Helga's Geburt sollte Traum und Traumesdeutung emporgestiegen seyn, aus der gemischten Fluth der innern und äussern Begebenheiten. Wer diese Geschichten bisher mit Achtsamkeit gelesen hat, weiß die Erinnerungen festzuknüpfen, deren hier Erwähnung geschieht. Wer nur so hinein gesehen hat, und wieder hinaus, der weiß ungefähr so viel davon, als eben jetzt 166 Gunlaugur, welcher nähmlich damahls nur noch ein Knabe gewesen war. Freylich, was in sein werdendes Jünglings- oder gar Mannes-Alter fiel, war er gewohnt, mit festen und klaren Geistesblicken deutlich anzuschauen, ob es nun scheinbar wichtig oder scheinbar unwichtig aussah. Jetzt that ihm die dämmernde Erinnerung an irgend ein Islandverhältniß und gar an Thorstein, den Helga'svater, wohl, und er dachte sehr heiter in sich: »Ja, ja, die Menschen versammeln sich hier, wie dorten, zu Gericht und Festlichkeit!« So schritt er freudiglich in die Halle des Königs Olaf, die natürlich, wie jedes edle Nordlandhaus, allen Fremden offen stand. Viele Helden saßen beym fröhlichen Mahl auf den Bänken umher im schimmernden Saale, den eine wärmende, großmächtige Herdesgluth in der Mitten erhellte, und von dessen Wänden hohe Kerzen und lodernde Fackeln herniederblitzten, sich nicht nur in den reichen Gold- und Silber- und Stahlwaffen der edlen Gäste spiegelnd, sondern auch in vielen prachtvollen Harnischen und Schwertern und Schildern und andern blanken Wehrstücken, die ringsher aufgereihet standen, theils als Denkmahle großer, bereits vorlängst ausgefochtner Heldenthaten, theils als 167 leuchtende Mahnung zu künftigem Schaffen ähnlicher Art. So kühn das Gunlaugurs Auge sonst wohl in Waffenblitz und Waffenschimmer zu schauen geübt war, mußte es sich doch vor dieser überraschenden Lichterpracht ein wenig gegen den Boden senken. Aber König Olaf, scharf geübten Blickes, war des Fremden alsbald inne geworden in dem strahlenden Gewirr, und rief mit lauter, anmuthig tönender Heldenstimme: »Es ist ein Gast in unsere Hallen getreten. Er seye willkommen! Genügt es ihm an Speise und Trank und anderer edlen Lust des Mahles, so nehme er seinen Platz an den Tischen, wo es ihm beliebt. Hat er aber sonst mit mir, seinem Wirth, dem Olaf von Schwedenland, etwas Absonderliches zu reden, so trete er freudiglich hier vor meinen Hochsitz heran!« Und freudiglich schritt der dunkle Gunlaugur durch die leuchtenden Gestalten hin, neigte sich mit edler Sitte vor dem hohen Königsbilde, und sprach in tönenden Lauten, so zwischen Rede und Gesang: 168 »Ich bin ein fahrender Islandmann,     Und ziehe die Lande hinab, hinan.     Denn wo der Frühling leuchtet, da kommen die Schwäne. Hin zieh' ich, wo Edles mir ward bekannt.     Drum zog ich auch jetzt in das Schwedenland.     Denn wo der Frühling leuchtet, da kommen die Schwäne. Was sonst mir webt und lebt in der Brust,     Steigt künftig auf zu Leid oder Lust.     Denn wo der Frühling leuchtet, da kommen die Schwäne. Ich bin Gunlaugur, Illugi's Kind.     Und Ruhm bringt's, wo meines Gleichen sind.     Denn wo der Frühling leuchtet, da kommen die Schwäne.« »Der fremde Jüngling hat ein stolzes Lied gesprochen,« sagte König Olaf, »aber dennoch auch zugleich ein höfliches Lied. Und ausnehmend wohl sollte mir das gefallen, wenn Jemand hier beym Festmahl als vollgültiger Bürge einträte, des Fremden Geschlecht seye edel und rein genug auf Island, um so stolze Worte zu rechtfertigen.« 169 Da erhub sich ein Mann aus der Mahlesgenossenschaft, von Ansehn ritterlich und jünglingskräftig; sein Angesicht hold und freundlich, aber doch auch voll kriegerischer Hoheit und Kraft. Wie er aufstand von seinem Sitz, und seine schönen Waffen sorgfältig an die Wand der Halle lehnte, bemerkte Gunlaugur staunend, daß er neben eines Fußkämpfers manneshohem Schilde, und einem Langbogen, wie ihn gleichfalls solche Fechter zu führen pflegen, auch zugleich ein langes Reiterschwert an der Hüfte trug, und einige schöne, kurze Wurflanzen, wie dazumahl Roßbändiger sie im Kampfe zu versenden pflegten, mit zu dem andern Gewaffen stellte und ordnete. »Der ist wohl gewiß in allen Sätteln gerecht!« mußte Gunlaugur bey sich denken. »Oder vielmehr nicht nur in Sätteln, sondern auch auf jeglicher Stelle zu Berg oder Thal, zu Strand oder Schiff, wo es muthigen Fußkampf gilt.« Und dabey kam es ihm gar nicht in den Sinn, über die Menge von verschiedenartigen Waffen zu lächeln, die jener Unbekannte bey sich führte. Dennoch hatte er ja früher so sehr lachen müssen, damahls auf der Englandsinsel, als jener stolze Kämpfer mit mehr als Einem Schwerte vor ihn hingeritten kam. Aber alsbald machte er sich den 170 Unterschied durch einen still in sich selber gedachten Spruch klar, wie denn einem Sangesbegabten – die Leute nennen es auch zuweilen, wenn sie grade Mißgunst wider den Sang empfinden: Sangesbesessenen – dergleichen wohl aufzugehen pflegt in entscheidenden Augenblicken ihres Lebens. In ihm nähmlich klangen hell und lieb – wie vielleicht die Alfen singen mögen, welche man auf Island Lieblinge nennt – folgende Worte: »Ein ungestümer Unglücksmann Hatt' ungeschickte Waffen an, Und dacht', Ein Schwert sey minder viel, Als etwa Fünf zum Waffenspiel. Hier, dieser heiter flinke Mann Nimmt sich verschiedner Waffen an, Zu Roß und Fuß im Waffenspiel. Frisch trifft da Einer vielfach Ziel.« Gunlaugur fand Freude an den in ihm aufgeblüheten Liedeszeilen. Er hätte sie vielleicht ohne Weitres laut abgesungen – denn Liedesklang hatte bey allen nordischen Heldenfesten vordem sehr freye und ehrenvolle Bahn – aber doch überlegte er, es seye schicklicher und zierlicher, kein Lied eher zu singen, als bis er mit einem 171 Gesange den Schwedenkönig gegrüßt habe. Und Schön-Helga wollte ja so gern, daß er sich als ein recht zierlicher Rittersmann zu Land und See erzeigen solle. Derweil er das in sich selber bedachte, erfüllte es ihn mit fast neidesähnlicher Bewunderung, wie so gar anmuthig jener fremde Jüngling in seinem dunkel purpurnen mit Silber reichverbrämtem Wappenrock zu dem Hochsitze des Königs hinanging, und sich leicht und wohlbekannt verneigte, als sey er hier seit hundert Jahren zu Haus. Der König horchte auch mit sichtlicher Achtsamkeit auf dessen Rede, die im stillwerdenden Saale also klang: »Herr, dieser edle Islandsmann, welcher eben jetzt Deine weitberühmten Hallen betreten hat, stammt aus einem der schönsten unserer Geschlechter, und sein eignes Schwert ist in manchen herrlichen Kämpfen berühmt.« Und somit nannte er feyerlich, Abstammung und Nahmen des Fremdlings. »Da seye Du mir herzlich willkommen,« rief der König, »Du kühner Gunlaugur, Du Illugiskind, der solch einen Bürgen fand, wie diesen hier.« 172 Und damit hieß er ihn Platz an einem der Tische nehmen, dem königlichen Hochsitze zunächst, und das Mahl ging wiederum seines fröhlichen Ganges fürder. Je höher aber Fest und Becher die Herzen schwellten, je mehr auch fühlte Gunlaugur ein Lied zu Ehren des Schwedenkönigs aus seiner Seele hervorleuchten. Und König Olaf, der vielen Umgang mit Skalden hatte, merkte ihm das auch ganz wohlgefällig an. Doch sagte er endlich: »Es geht schon ziemlich tief in die Nacht. Was Gesang heissen mag, werde auf Morgen verspart. Morgen ist auch noch ein Tag. Freylich auch mit und hinter diesem nächsten Morgen kommen noch viele andere Morgen, die ausschließlich meiner heiligen Herrscherpflicht für die hier zum Gerichthalten versammelte Menge angehören. Aber wenn das nur erst zu Ende ist, dann wollen wir singen hören, und allenfalls selber singen nach Herzenslust.« Damit grüßte er sehr huldreich zum Abschiede, und absonderlich grüßte er, aus der Halle schreitend, nach Gunlaugur hin. Wer aber jemahls Anwandlungen von begeisterter Sangeslust hatte, und darin durch ein höfliches, » gute Nacht, 173 guter Freund! « unterbrochen wurde, mag sich vorstellen, wie verdrießlich jetzt dem Gunlaugur zu Muthe war. Die andern Genossen schienen es nicht sonderlich zu beachten, daß Gunlaugur in sich versenkt in der Halle stehen blieb, indem Alles auseinander ging, sich nach seinen Ruhestätten zu begeben. Und das war ihm auch ganz recht. Denn er dachte die Nacht hier einsam unter den Heldenwaffen zu verweilen, mitunter Träume von ihnen zu empfangen, mitunter auch seine eignen Träume ihnen wieder vorzusingen. Da regte sich aber unerwartet etwas neben ihm mit frischen Tritten und fröhlich hellem Waffenklange. Und als er angenehm überrascht emporsah, stand neben ihm jener edle Bürge von vorhin in seinem dunkel purpurfarbigen Wappenrock mit den silbernen Zierrathen, und in seinem ganzen reichblinkenden Waffenschmuck. Dabey aber hatte er sich behaglich auf eine zierliche Goldharfe gelehnt. »Wer bist Du?« fragte Gunlaugur voll seltsam aufsteigender Ahnung. »Ich bin Rafn der Skalde;« sagte sehr freundlich der Andere. 174     Vier und zwanzigstes Kapitel. Gunlaugur sahe ihn regungslos an, den Langegesuchten, den oft Gescholtnen, den bisweilen recht herb Gehaßten, der ihm nun auf Einmahl so unerwartet entgegen getreten war, und zwar in anmuthig kriegerischer Huld und Schönheit, ja in edel vermittelnder, landsmännischer Freundlichkeit und Güte, vor des fremden Herrschers gewaltigem Thron. Und wie freundliche Sonnenpfeile trafen noch immer die Blicke des schweigenden, sanft lächelnden Jünglings in Gunlaugurs trotzige – man mußte wohl manchmahl, eben wenn vom Skalden Rafn die Rede war, sprechen – winterlich-starr umeisete Brust. Gunlaugur indessen konnte noch immer kein Wort aus seinem tiefen, seltsam bewegten Innern an das Tageslicht heraufbeschwören. Und auch in seinem 175 dunkelflammenden Auge mochte sich wohl nichts Freundliches spiegeln. Denn als die beyden Jünglinge einander in der nächtigstillen Waffenhalle so eine Zeitlang stumm angesehen hatten, rührte mit nachlässig leichter Hand Rafn der Skalde die Saiten der Goldharfe, auf die er sich lehnte, ohne dabey seine behagliche Stellung im mindesten zu verändern, und sang seinem Landsmann folgende Worte mit sehr anmuthiger Stimme entgegen: »Du suchtest mich, den Skalden Auf öden Burgeshalden, In strahlenden Pallästen, Bey räthselhaften Festen, In heißen Kampfesstunden, In stiller Thalesruh! Hat's dich an ihn gebunden? Was willst du? Lieder? Wunden? Den Skalden hast gefunden! Was willst, mein Bruder, Du?« Und damit legte er zwar die rechte Hand mit einer kecken Bewegung an die linke Hüfte, als gedenke er, sein schönfunkelndes Schwert aus der Scheide zu ziehen. Ja, das edle Gewaffen klirrte bereits vor der Heldenberührung seines Herrn 176 aus der Scheide. Aber gleich darauf ließ dieser Klinge und Goldharfe zurück sinken, breitete beyde Arme aus, und sagte: »Den Skalden hast gefunden! Was willst, mein Bruder, du?« Da lagen die zwey Isländer einander in den Armen, und hatten sich unaussprechlich lieb, und wußten von gar keinem Zorn und keiner Verdrießlichkeit auf Erden mehr. »So bist Du wirklich Rafn, der Skalde, von dem sie mir vorsprachen, als wolle er mir jeglichen Kranz des Ruhmes und der edlen Sitte abgewinnen?« rief Gunlaugur erstaunt, und setzte dann glühend hinzu: »Nimm hin, Skalde Rafn, o nimm hin, was Dich von meinen Kränzen auf Erden freuen kann. Ich will mir dann schon andere wieder gewinnen. Aber fortan, wie Du mir jetzt erscheinest, so bleibe mir immer! Bleibe mir ein edelbrüderlicher, freundlicher Genoß!« Und Rafn der Skalde entgegnete: »Bist Du der Gunlaugur Drachenzunge, von dem sie mir vorsprachen, als könne er keines Menschen Freuden und Dichterkränze in seiner Nähe dulden, ohne sie hinabzureissen in den Staub der alltäglichen Rennbahn? Es ist unmöglich, 177 Du freudiglichlächelnder Gunlaugur. So Einer bist Du nicht. Wahrlich, kein zerrüttender Eisstachel kann in so glühender Seele wohnen, als in Deiner. Nicht wahr? Du verstummest aber. Nun, so sprich doch wenigstens: Ja! zu meiner Frage.« Vielleicht hatte Rafn ein wenig allzuheftig seine Worte vorgedrängt, und eben deßhalb sagte Gunlaugur ausnehmend kaltblütig: »Da willst Du nun ein Ja! Und weißt doch eigentlich nicht worauf . So seltsam wunderlich hast Du Deine Fragen gehäuft. Nein, Rafn, auf diese wunderliche Weise, Du rascher Skalde, blieben wir wohl nimmer einig auf dieser Welt.« »Ja, das ist wohl eben das Drehen und Drohen dieser wilden Welt!« entgegnete Rafn. »Da steht man bald oben, bald unten, bald rechts und bald links, und fragt auf jedem Standpuncte vergeblich nach der rechten Bahn. Aber für echte Männer heisset die echte Magnetenkraft: Hand in Hand fest! Das schneidet – wenn nähmlich zwey ordentliche Hände zusammenkommen – alles tolle Umwälzen der Zeit mitten durch, und hemmt es, und hält es zum sittlichen Anstande fest. Wollen wir auf solche Weise zusammenhalten in Leben und Tod, Gunlaugur?« 178 »Ja!« sagte Gunlaugur. »Gut!« sagte Rafn. »Das Übrige – wie wir nähmlich alle Beyde sind, oder nicht sind – das wird sich dann schon aus Erfahrung von selber finden.« Und der Bund zwischen den beyden Isländern stand fest. So fest nähmlich überhaupt Etwas auf Erden stehen kann! Je trotzender die Grundsteine thun, je gefährlicher sind die Erschütterungen, wenn der Boden irgend einmahl in Schrecken oder Unfrieden wild wird. 179     Fünf und zwanzigstes Kapitel. Rafn und Gunlaugur erzählten sich manche Tage hindurch, wie sie einander mondenlang gesucht hätten, und doch immer einander seltsam aus dem Wege gereiset wären. Sie gewannen sich während dieser Gespräche immer lieber. Denn Jedem von den Zweyen war es zu Sinne, als seye der Andre ein unschätzbares Kleinod, welches er, auf dem Punkt gestanden habe, zu verlieren, und das ihm nur auf gar wunderbarliche Weise wiederum zu Theil geworden sey. Deßhalb gingen sie auch eine Zeitlang sehr schonend neben einander her. Jeder vermied gern und sorgsam, was ihn zu einer herben Reibung mit dem Andern hätte bringen können. Denn Jeglichem hätte es allzuwehe gethan, von 180 dem Andern durch eine Störung getrennt zu werden. Schön wäre es, und auch wahrhaftig unmöglich nicht, wenn wir Menschen allzumahl ein solches Verkehr miteinander führten. Ach, wir sind ja doch in der That solche Rafn's und Gunlaugur's, die einander lange Zeit hindurch vergeblich suchten – wenn auch nur im sehr unbewußten Lieben oft – und die, wenn wir nach dem Finden uns abermahl verlieren, ein unaussprechlich edles und theures Kleinod verlieren! Eines, das sich zum zweytenmahle nicht so leicht in seiner vollen Schönheit wieder gewinnen läßt! Wie es den beyden Helden dieser Sage damit erging, wollen wir jetzt betrachten. Wenn doch Einer von ihnen vor der Hand irgend einmahl über die wohl erkannten Schranken flog im ungestümen Adlerschwung, so war das meist immer nur der Gunlaugur; doch er selber war dann auch der Erste, das zu merken. Deßhalb fragte er eines recht heitern Tages im frohen Beysammengehen an dem schönen Meergestade seinen lieben Bruder Rafn, wie das wohl komme, daß immer die heftige Gluth auf seiner eignen Seite auflodere, und Rafn dabey so still bleibe und so gesetzt. 181 Da ging plötzlich ein wunderbares Zucken und Leuchten durch Rafn's sanftfreundliche Züge, und wie mit gewaltsamer Zurückdrängung seines eigentlichsten, innerlichsten Lebensstromes sagte er: »Miß die Heklagluth nicht nach dem stillen, weißleuchtenden Schnee auf dem Heklagipfel. Und bist Du Sonnengluth, und bist Du Regenguß, und bist Du Blitzesstrahl; o hüthe Dich, den Schnee zu schmelzen, und aufzustören, und an das Licht der jetzt noch freudigen Oberwelt zu rufen, was drunten brauset und lodert in Höllenkammern, unvernommen von aller Oberfläche des grünenden Erdbodens!« »Siehe, Gunlaugur,« setzte er nach einigem Schweigen hinzu; »es gibt allerhand in der Welt, wovon die Welt gar keinen Begriff hat. Und darauf besteht zum Theil die Sicherheit und Ruhe des Lebens. Aber von der andern Seite verbreitet doch eben das auch das Untergehen der Welt. Wundre Dich nicht, wenn mein Gerede darüber einigermaßen, wie Stammeln herauskommt, und wie das Geschwätz unmündiger Kinder.« »All' Menschenwort, wenn es sich bestrebt, das Höchste zu erklimmen, oder das Tiefste zu ergründen, gestaltet sich auf ähnliche Weise, damit wir erinnert werden mögen, wie feyerlich 182 hoch der Himmel sey, und wie fürchterlich tief der Abgrund. Mit Dir aber möchte ich gern Alles recht Hohes und Tiefes theilen, was in mir lebt, und eben deßhalb – o  meine Sprache verstummt – o habe Geduld mit mir, mein Gunlaugur!« Und wie ihn darüber Gunlaugur verwundert ansah, vielleicht sogar ein wenig kopfschüttelnd, sagte Rafn, plötzlich abgekühlt: »Auch Du ja kennst die alten Sagen. Aus einem Eschenstamm, künden die Heidenlieder, habe ein wundersamer Asageist das Mannesbild geschnitzt, und aus einem Espenstamm das Bild des Weibes! Und gewiß, die alte, gute träumerische Sage hat so Unrecht nicht. Holz sind wir, sag' ich Dir, Gunlaugur, und die auflodernde Gluth ist unsere Verzehrung. Laß uns die Flammen ersticken, derweil es noch Zeit damit ist. Lodert es los, so sind wir Gluth und Dampf und Funkengesprühe, und andere hölzerne Menschenkinder, nur vielleicht um ein kleinbischen grüner noch als wir, klappen die Hände darüber staunend zusammen, und werden doch endlich gleichfalls von unserer tollen Funkenwirthschaft ergriffen, und dann hat die Freude ein Ende mit ihnen, wie mit uns!« 183 »Es ist recht Schade um Dich, Rafn, daß Du in tolle Elfengewalt gefallen bist!« sagte scherzend Gunlaugur. Und wehmüthig entgegnete Rafn: »Bist Du weiser, als ich? Es wäre mir wahrhaftig von ganzem Herzen lieb! So gib es mir kund, warum verstehen sich Freunde oft einander so wenig? Und warum verstehen sich Feinde oft so fürchterlich scharf?« Gunlaugur konnte nichts darauf antworten. Da sagte Rafn schaudernd: »Uns Beyden steht etwas Entsetzliches bevor, und nehme sich in den nächsten Tagen Jeglicher vor dem Andern in Acht.« Da reichte Jeder dem Freunde die tapfere Hand. Aber Jeder fühlte die Hand des Freundes kalt wie Eis. Sie wandten sich für dasmahl stumm und sehr betrübt auseinander. 184     Sechs und zwanzigstes Kapitel. Die Versammlung des Volkes zum Gericht auf der Ebne um die Upsalaburg her war auseinander gegangen, und es ward nun allenfalls wieder Zeit zum Singen und Singenhören. Es schien auch, als hätten Rafn und Gunlaugur jenes trübe Morgengespräch auf der Seeküste ganz und gar vergessen, und ihre Herzen wären abermahl innig und einig wie zuvor. Gunlaugur erzählte dem Rafn gar Manches von Schön-Helga, und sang ihm Lieder in die Seele, wie Helga ihm auf aller Welt sein Liebstes und Edelstes und Höchstes sey, und wie er nur eben deßhalb die Welt durchfahre, um sich dem holdseligen Edelstein als ein edles Wesen darzustellen, mit Recht leuchtend in dem Abglanze der wunderseligen Erscheinung. »Es muß hübsch seyn und ehrebringend, wenn 185 man ein schönes Frauenbild auf diese Weise liebt und im Gedanken trägt!« pflegte Rafn bisweilen auf solche Reden zu erwiedern, und versank dann wohl in ein sehr tiefes Sinnen, aus dem ihn oft kaum der Klang des Hornesrufes zum Kampf- und Ringenspiel, oder das Wiehern edler Rosse, oder das Klirren seiner vom Knappen ihm dargereichten schönen Waffenstücke wieder zu erwecken vermochte. Um diese Zeit kam ein Festestag heran, wo Gunlaugur und Rafn, allezwey mit ihren Harfen vor dem Hochsitze des Königs standen. Und Gunlaugur sagte: »Die Gerichtstage sind gehalten. Der Friede schwebt mit seinen Schwanenfittigen über den Landen weit umher. Ich dächte, o König, es wäre nun eben recht an der Zeit, daß Du jenes Lied anhören möchtest, welches ich schon längst zu Deinen Ehren anstimmen wollte; gleich damahls, als ich in diese Deine Upsalaslande kam.« »Ja wohl!« sagte König Olaf freundlich. »Wie mich die Welt eben jetzt ansieht, scheint mir eine Zeit der Lieder heraufzugehen. Denn das, wie jegliches Andere auf Erden hat seine Zeit. Nicht zwar, als könnten die Lieder je ganz verschwinden aus der Zeit. Aber sie halten 186 es, wie die lieben, schönen Sterne mit ihrem süßen Licht. Auch das wird ja nur vernehmlich den Menschen, wo weder die glühende Sonne vom Himmel brennt, noch auch verhängnißschwere Wetterwolken ziehen. Und auch die Nachtigallen singen am liebsten in solcher Zeit. Singet denn, o meine Nachtigallen, Ihr meine lieben Sänger.« »Herr König,« sagte Gunlaugur sehr freundlich, »damahls in Eurer Halle, wo ich zum erstenmahle vor Euch stand, und Euch mein Lied zu Euren Ehren anstimmen wollte, auf ein andermahl schobet Ihr es hinaus, und es hat mich schwer verdrossen in selbiger Stunde. Denn ich dachte, das käme Euch von wegen einer Mißachtung der edlen Sangeskunst so in den Sinn, als dürfe sich nähmlich die nur da vernehmlich machen, wo es eben nichts sogenannt Besseres in der Welt zu thun gebe. Und Leuten von solcher Gesinnung scheint eben Alles und Jedes wichtiger, denn die Sangeskunst, so daß ein Menschenkind dieser Art sich endlich nur da ihr in die Arme wirft, wo es schon halbtodtgehetzt ist von Arbeit oder Langweil, und nicht mehr dazu taugt, ein Kaninchen zu fangen, ach kaum nur noch, ein solches zu verspeisen. Und alsdann den 187 schläfrigen Ohren und matten Herzen etwas vorzusingen, ja das ist eine Art von Sänger-Wonne, die seye Gott geklagt!« »Und Du, Gunlaugur, hältst Du mich für einen solchen Zuhörer?« fragte König Olaf, und seine Augen begannen zu lodern. Gunlaugur aber sahe still und ruhig dahinein, wie er denn gewohnt war, mit seinen Adleraugen in jegliches Feuer zu blicken, selbst das Sonnenfeuer nicht ausgenommen, und sprach: »Herr König, wenn ich Euch zu heutiger Stunde noch für einen solchen Zuhörer ansähe, wie hätte ich Euerm Ohr denn da überhaupt zum zweytenmahle meinen Sang dargebothen! Und nun vollends Deine lieben Worte vorhin von Nachtigallensang und Deiner Sänger Sang, hindeutend auf die holde Ruh, oder mächtige Lust, in welcher man Sänger eigentlich hören soll, die entzünden mir das ganze Herz zu einem Liede für Dich.« Und damit hub er an, die Saiten seiner Harfe rasch und kunstgerecht in anmuthigen Gängen zu stimmen. Rafn aber stimmte sein Harfenspiel zugleich mit, und das gab einen sehr herben Mißklang. Staunend sahe König Olaf nach den zweyen 188 Skalden; zürnend blickte Gunlaugur nach seinem Genossen. Da sagte Rafn: »Wenn es überhaupt nun Zeit zum Harfenliede geworden ist, warum denn soll nicht ich mit meinem Tönen und Singen beginnen? Bin ja doch ich von uns Zweyen hier der ältere Skalde vor des Königs Thron.« »Auch Du magst singen, Rafn!« erwiederte der Schwedenkönig. »Jeder in seiner Reihe. Auch Dich werde ich gern vernehmen.« Und Rafn hub an, die Saiten lauter zu schlagen, als wolle nun er zuvörderst sein Lied beginnen. Aber Gunlaugur sahe darüber aus wie ein zorniger Adler, und sprach mit donnernden Worten: »Bevor Du zu tönen beginnest, o Rafn, so rede noch Eines mit ganz dürren und einfältigen Worten. Rede und verkünde, wo kamen je wohl meine Väter mit den Deinigen zusammen, so daß sie diesen nachgestanden hätten? Wo geschahe das, als im Nimmermehrslande? So, fürwahr, wollen auch wir Zwey es mitsammen auf unsern Fahrten durch die Welt halten, wo wir einander begegnen!« Da ward das Antlitz des kühnen Rafn roth, wie Purpur. Doch drängte er mit grosser Willensgewalt die lodernde Gluth wiederum zurück, und sahe nun kalt und 189 weiß aus, wie ein Gebilde, von kecken Jünglingshänden um strenge Winterzeit aus Schnee geformt. Zugleich sagte er: »Laß uns höfliche Leute bleiben hier gegeneinander, o Landesgenoß Gunlaugur! Nicht uns geziemt das Zanken um den Vorrang. Entscheide der König!« Da sagte König Olaf: »Dem Fremden gebühret der Vortritt. Du Fremdester sollst den Sang beginnen. Und Du, mein schier heimathlich gewordener Skalde Rafn, zürne nicht deßhalb mit mir. Dein ist ja die Kunde der edelsten Sitte, und Du erfüllest ihre Gebothe gern und sonder alles Staunen. Gunlaugur also gehe vor!« Und Gunlaugur begann den Sang. Ist Euch wohl aus Wachen oder Traum der Klang erinnerlich, womit Fluthen, lange schon durch Frost oder Dämme oder Klippen gehemmt, urplötzlich ihre Fesseln brechen, und mächtig dahinrasen über die Gefilde? Kaum weiß man, geschieht es in überquillender Liebe? Geschieht es im übergewaltigen Zorn! Denkt Euch ein Lied aus diesem Ton, und Ihr ahnet ein solches, wie Gunlaugur es zu Olafs Preise absang, vor des staunenden Königs Thron! 190 Vielleicht möchte Euer Erzähler kühn genug seyn, das Lied nachzusingen. Aber es würde doch auf's Mindeste dabey an den erschütternden Klängen der alten Islandsprache fehlen, die unser heutiges Geschlecht beynahe vergessen hat, und an den Donnerstürmen der alten Nordlandsharfen, Beydes wunderbar gemässigt von den überaus kunstreichen Wendungen des Liedes, wie unsere alten Skalden dergleichen sich oftmahl aufzulegen gewohnt waren, ahnend, ihre gewaltige Kraft bedürfe unerläßlich eben so strenger, als edler Fesseln. Man könnte dabey an die Cimbernheere denken, wie sie sich mit Ketten aneinander banden, um ihren stürmigen Siegesmuth gegen die wohlgereiheten Italier zusammen zu pressen. Aber die Skalden hatten sich schönere Ketten und gelenkigere geschmiedet, als die Cimbern, und errangen auch da noch herrliche Siege, wo Jene erlagen. Absonderlich schön bewegte sich Gunlaugurs überschwängliche Kraft in solchen schwierigen Sätzen des Gesanges. Der Schwedenkönig hörte ihm staunend zu, und sagte, als das kunstreich wilde Lied verklungen war, zu Rafn dem Skalden: »Du mußt Dich besser auf Deines Landes- 191 und Kunstgenossen Lied verstehen, als ich o Rafn, obgleich meine Seele davor in der Lust kühner und großer und erfreulicher Gedanken schwimmt, wie ein Kriegesschiff vor günstigen Winden im frühlingsbrausenden Meer. Aber ein Kunsturtheil bleibt allemahl ein Kunsturtheil. Sag' uns an, mein Rafn der Skalde, was hältst Du von diesem Gunlaugursgesange?« Die Wangen des edlen Rafn erglüheten. Seine Augen funkelten ihm stolz und mild. »Dieß hier ist,« sprach er, »ja, dieß hier ist Eines der echten, schönen Heldenlieder, wodurch unsere Sangesheimath Island einen so tönenden Ruf gewinnt durch die ganze Norderwelt hinaus, und auch wohl zum Theil bis in des Südlands würzig duftende Gauen! Ja, Herr König, dieß hier ist ein Lied, so frey und stolz wie das Meer, und so regelrecht wie das Meer, wo es ebbet und fluthet. Freylich trägt es dabey etwas Herbes und Wunderliches in sich. Aber das ist nun so einmahl mit dem Gunlaugursgeiste beschaffen, und wo gäbe es in aller Welt ein echtes Lied, das seinen Vater verläugnen könnte!« Freudiglich reichte ihm Gunlaugur die Hand, und sagte: »Rafn, Du hast gesprochen, wie ein sehr 192 kunstverständiger, aber auch zugleich wie ein sehr liebevoller Mann.« »Wohlan nun!« sagte König Olaf, erfreut über seiner Skalden Einigkeit, »so beginne jetzt Du Deinen Gesang, o Rafn!« Und Rafn der Skalde hub ein anmuthiges Lied an. Es handelte von des Schwedenlandes heiterem Aufblühen unter Olafs Regierung, und rann so leise lieblich hin, wie ein Bach durch heitere Lenzesflur, daß ein anmuthiges Lächeln sich über des Königs Angesucht und über aller Umstehenden Angesichter legte. Nur einzig das düstere Gunlaugursantlitz ausgenommen. Das sahe noch strenger und finsterer, als gewöhnlich, drein, und endlich senkte der Islandsfremdling seine Augen schwer zu Boden, etwa wie Einer, der merkte, daß sein Schiff zu Grunde gehen müßte, indem es ein anderes übersegelt, und der dennoch keinen Raum zum Ausweichen vor dem stürmigen Zusammentreffen mehr finden könnte. Und als der Gesang verklungen war, und der König fragte: »Nun, edler Gunlaugur, was ertheilst Du von diesem Liede?« Da sahe der trübe Jüngling empor, und sprach: »Das Lied ist recht gut und macht so freundliche Gesichter, als Rafn der Skalde selbst. Aber 193 so schwach ist es, daß sein Meister es nicht einmahl der Mühe werth fand, seine Höflichkeiten in die Bande eines zierlich strengen Maßes zu legen.« Und sich gegen seinen Landesgenossen voll zorniger Wehmuth wendend, rief er aus: »Rafn, wer vor Königen singen will, suche sich dazu edle und zierlich kunstgerechte Weisen! Nicht aber mache er es sich dergestalt bequem, wie der Hirt, welcher dudelnd vor seiner Heerde hingeht, sie recht behaglich in den Stall zu leiten. Ein Heldensänger ist kein Schäfer, und ein König ist keine Heerde, und eine Burg keine Hürde, und Dudeln ist nicht Singen!« Auf Rafn's Zügen lag wiederum die eisige Kälte und die Farbe des Schnees. Er sagte mit gesetzter Stimme: » Dudeln – wenn Du die Buchstaben wechselst – heisset's auch Dulden . Ich dudle nicht, aber ich dulde . Und das zwar der Gegenwart dieses grossen Königs zu Ehren. Im Übrigen steht zu hoffen, daß wir unsern Wettkampf irgend einmahl wo anders von vorn wieder aufnehmen können.« Der König entließ sie beyde. Im Hinausgehen aus der Halle wollte Gunlaugur die Hand Rafn's ergreifen, zu einem 194 Zeichen der heitern, alles versöhnenden Brüderlichkeit. Es war aber fast, als hätte Rafn keine Hände, so dicht hielt er sie über seine gepanzerte Brust unter dem Pelzmantel zusammengepreßt. Und so hatte er auch fortan keinen Blick für Gunlaugur mehr, weder im Frieden noch im Unfrieden. Es war, als seye Gunlaugur gar nicht mehr für ihn da. König Olaf mochte wohl auf das verletzte Gemüth Rafn des Skalden Acht geben, und vermeinen, daß er ihn heilen könne, wenn er ihm eine neue Ehrenbezeigung erwiese: Deßhalb sagte er eines Tages beym Feste: »Rafn, Du sollst mir Einer meiner vornehmsten Herdesmannen und Ehrenwächter seyn. Nimmst Du das gern und willig an?« »O ja, Herr König!« sagte Rafn. »Es gilt! Und zwar um so williger und lieber, als Ihr solchen Ehrenleuten gern einen langen Urlaub von Euerm Hofe zu bewilligen pflegt. Den fordere ich hiermit als von Euch ernannter Herdesmann und Ehrenwächter. Ihr werdet Euer königliches Wort nicht zurücknehmen; mir aber liegt eine lange und sehr ernsthafte Reise im Sinn.« König Olaf sahe unzufrieden drein, und 195 sagte nach einigem Besinnen: »So scheint es also wirklich, o Skalde Rafn, Du habest die Bestallung als mein Herdesmann und Ehrenwächter nur angenommen, um Dich möglichst bald in Ehren recht weit von meinem königlichen Herde zu entfernen. Ziehe denn, wohin es Dich treibt. Aber gib mir Dein feyerliches Ehrenwort darauf, daß Du wiederum an meine Hofhaltung dereinst zurückkehren willst.« Und damit hielt er ihm freundlich seine königliche Rechte zum Einschlagen hin. In Rafn des Skalden Seele war indessen eine tiefe Wehmuth über dieses huldreiche Bezeigen aufgewacht, davor alles Stolze in seinen Gesichtszügen verrann, so daß er fast anzusehen war, wie ein hübsches, sehr freundlich lächelndes Kind. Er sang auch mit sehr anmuthiger Stimme, indem er leise, ganz leise die Saiten seiner Harfe bewegte, als flüstere Abendwind, mit blühenden Gesträuchen spielend, durchhin: »Wer kann voraus denn melden,     Wohin ihn Schicksal zieht?     Gar Mancher uns'rer Helden     Lebt hoch im Skaldenlied, 196 Der ernst sich vorgenommen     Rückkehr zum Heimathland.     Allein er ist verglommen     Am fernen, fernen Strand. Ernst ist das Loos des Helden!     Dunkel, was ihn berieth!     Wer kann, wer darf es melden,     Wohin ihn Schicksal zieht?« Der Saitenklang verhallte in wundersüßen Schwingungen durch die Hallen des Pallastes weit umher. Und stolz blickte Rafn der Skalde darein, und sprach endlich dazu: »Ihr seht nun wohl, wie selbst die stummen Steine meine Liedesgewalt verstehen, und sie mir anerkennend wiedersenden, als grüßten mich die Geister alter Tage aus ihnen herzinniglich, wie Freunde den längst erwarteten Freund. So ging's mit den Geschichten von dem Griechensänger Amphion, vor dessen Saiten eine herrliche Burg emporgestiegen ist. Komm ich selbst auch sehr lange nicht wieder, da sollen meine Klänge, tönend über Land und Meer, Euch Eure Upsalaburg verschönern helfen. Ja, kehr' ich vielleicht Euch nimmermehr zurück, o so denket von mir, daß ich Euch liebe und Euer schönes Upsalaleben, aber 197 daß irgend ein seltsamer Zauber mich an fernen Küsten gebunden hält: heisse der Zauber nun Glück oder Tod, Lust oder Rache!« Wehmüthig lächelnd reichte ihm König Olaf den scheidenden Handgruß. Gunlaugur ging dem Rafn nach, als Der aus der Königshalle schritt, mit Befehlshaberruf sprechend: »Halt!« Und als nun Rafn mit edlem Trotze stehen blieb, sagte Gunlaugur: »Durchaus will ich wissen, wie wir Beyde miteinander daran sind, und flink heraus sage mir Du, was Du auf Deinem wunderlichen Herzen hast!« Da entgegnete Rafn: »Es ist nichts Wunderliches dabey; es ist einmahl meine Art so. Hab' ich Dir ja meine Warnung kund gegeben, daß Du nimmer die Heklagluth nach dem Schnee zu messen versuchest, der auf des Berges Gipfel ruht! Schnee von aussen! Flamme von innen! Das ist die Losung aller Nordmannen, welche sich dem Treiben ergeben haben, dem heut zu Tage in einer seltsamen Dämmerung das gesammte Westland, Europa geheissen, sich ergibt.« »Mich schwindelts vor Deinen Worten!« 198 sagte Gunlaugur. »Und obenein noch redest Du von Dämmerung. Wäre denn jetzt wirklich schon die allgeweissagete Götterdämmerung begonnen? Der abendliche Untergang aller bisher bestandenen Weltherrlichkeit, davon die heidnischen Asalieder vorausverkündend tönen?« »Es mag auch wohl Aufgang heißen, davon sie tönen!« entgegnete Rafn. »Dämmerung an und für sich stehet dem Aufgang nicht minder nahe, als dem Untergang, wo es sich von dem Verhältniß der Erde zur Sonne handelt, oder gar zu allen Himmeln.« »Du redest so wunderlich klug, Rafn!« sagte Gunlaugur. »Beynahe wie Menschen, die im weissagenden Traume reden. Es liegt Ahnung darin, aber auch Entsetzen.« »Die Wachenden haben's zu deuten!« sagte Rafn, und sahe schmerzlich in sich hinein, und sprach nach kurzem Besinnen: »Fahre Du wohl, mein ehemahls geliebter Gunlaugur. Es ist an Glück und Freude gewiß noch zwischen vielen Menschen zu denken, denn jene uralt geahnte Götterdämmerung ist doch wohl noch lange nicht herauf. Aber zwischen uns Beyden fortan gibt es nur Zorn und Schmerz. Du kennest die alte grimmige Nordlandsflamme welche 199 Berserwuth geheissen ist. Die entloderte in meinem Herzen gegen Dich, als Du mein Lied vor dem König Olaf tadeltest. Und ich hatte doch Dein Lied vor ihm gelobt, nach besten Kräften. Halte Dich still! Ich weiß wohl, daß Du Sühnungsworte reden willst. Aber ich künde Dir es im Voraus, dergleichen Worte stehen Dir nicht fürder zu Gebothe, mir gegenüber. Die Berserkerflamme lodert in meiner blutig gerizten Brust. Hüthe Dich vor ihr, Gunlaugur! denn ich habe sie eingezäunet mit überzarter Sitte, und davor kann sie auch jetzt noch nicht so recht heraus, und treibet deßhalb in meinem Innern ein überaus entsetzliches Heklaspiel. Zum letztenmahl warne ich Dich, o mein einst so recht innig lieber Gunlaugur, nimm Dich in Acht vor der schon gräßlich züngelnden Schlange in meiner Brust!« »Wir wollen ihr Luft gönnen!« sagte Gunlaugur. »Wir wollen uns gleich jetzt gegeneinander schlagen auf Leben und Tod!« Aber Skalde Rafn entgegnete mit trübem Lächeln: »Das ist ja eben das Schlimme bey der Sache, o Gunlaugur, daß es der Welt vorkommen will, als seye sie gar zu sanft und sittig geworden, für solche frisch rüstige Auswege. Nein, 200 wahrlich, diese zahme Genossenschaft beschwört die Götterdämmerung der Dinge noch nicht herauf. Und was willst Du, daß ich Dir gegenüber beginnen soll? Zweykampf auf Leben und Tod? Mag seyn, das wäre von Anfang her das beste gewesen für uns Beyde. Vielleicht gleich im Augenblick, wo wir uns Auge in Auge sahen! Aber da ist betrügerische Ruhe eingetreten, und je tiefer solch eine falsche Ruhe sich setzt, je schlimmer ist es. Nun ward es viel zu spät zum schönen rüstigen Entscheidungskampf. Viel zu viel haben Du und ich Einer den Andern gewonnen, um Einer auf den Andern loszuhauen, wenn es nicht im allerentsetzlichsten Zorne geschieht. Und solch einen Zorn, ach Gunlaugur, möchtest Du ihn aufbeschwören?« Zugleich breitete er die Arme weit aus, und Gunlaugur wäre fast innig und liebevoll dahineingestürzt. Aber da trat Rafn gleich wieder in ernster Fechterstellung zurück, und sagte: »Wie es Euch gefällt, Meister Gunlaugur. Auf Eure Gefahr! Denn ich schädige Euch, wo ich weiß und kann. Euch wahrlich gilt mein Busen als kein Ruhekissen mehr, mein Herz gilt Euch als kein beschirmender Schildrand hinfort! Ach unglücklicher Gunlaugur, der Du den Rafn 201 also zum Zorne gereizet hast gegen Dich! Du thust mir ordentlich leid, aber Du bist nun einmahl nicht mehr zu retten. Denn das Leben Desjenigen ist an allen Freuden verarmt, welcher den Skalden Rafn gegen sich aufbeschworen hat.« Aber da erhub sich Gunlaugur in feurigem, freudigem Zorn, und sprach: »Siehe, Rafn, Du hast uns nun Beyde zu Feinden gestellt, und das gefällt mir an Dir. Deine Drohungen, die mich erschrecken sollten, machen mich lustig, als seye von meiner Brust eine entsetzliche Last gefallen, und eingezogen seye dagegen die Freude mit ihrem allerlieblichsten und allerfröhlichsten Gefolg, wie es die blühendsten Sagen des Südlandes nur immer zu verkündigen wissen. Aber noch Einmahl, o Rafn, weil so freundliche Frühlingsbilder meine Seele durchziehen, bieth' ich Dir es an, wollen wir uns dennoch einander liebhaben, allem Vorgefallenem zum Trotz?« Rafn wandte sich trotzig ab. Da sagte Gunlaugur, oder vielmehr er sang es im stolzen Nordlandsgrimme: »Kuckuk ruft: kuck' auf zum Frühling, Kuck' empor, o kühne Maywelt! 202 Und die unschuldvollen Blumen Und die unbewußten Knospen Schwellen, schmiegen froh empor sich Vor der schmeichelnd süßen Sonne, Und der Kuckuk wähnt, der Kecke, Sein: »Kuck auf!« hab' das berufen. Doch wenn Wetterwolken donnern Wunderlich und wildverworren, Wenn Orkan die Wolken umtreibt, Zu verwirr'n die wüste Seefluth, Kuckuk, ey du kühner, schrey nur! Keine Blumen blüh'n dir, Kuckuk!« »Wohlan denn!« sagte Rafn. »So laß uns proben gegeneinander, wer von uns Beyden der Kuckuk ist, welchem keine Blumen blühen. Was mich betrifft, mir gefallen fortan nur einzig die Blumen, die ich Dir entreissen kann.« »Und was mich betrifft,« entgegnete Gunlaugur: »Ich weiß, daß wo ich je mit Dir zusammentreffen mag, es allemahl der schönere Kranz seyn muß, der mir die Locken umkränzen wird.« Rafn sagte: »O ja! Recht blutrothe Rosen hält man an vielen Arten für die schönsten Blumen. Und außerdem kann ein Mensch ja auch wohl blutige Thränen weinen. Aber blutiger Kranz, oder blutige Thränen, o Gunlaugur, 203 beklage Dich fortan nicht über mich. Du bist gewarnt.« Damit wandten sie einander trotzig den Rücken, und wie weh auch Jeglichem dabey im Herzen seyn mochte – denn sie hatten sich mitsammen sehr lieb gehabt – es wäre ihnen doch wohl noch weit minder weh gewesen, hätten sie sich nie einander seit diesem schmerzhaften Augenblicke wiedergesehen. 204     Sieben und zwanzigstes Kapitel. »Die Sage steht, fast wie verschüchtert, still. Sie weiß nicht, wem von Zwey'n sie folgen will, Dem Rafn in seinem starren Racheschwung? Wie, oder dem Gunlaugur, trotzig jung? Die Zweye waren jüngst noch so sehr Eins, Daß Jeder meinte: » Freundesglück ist mein's! « Und sind doch Beyde nun so grimm entzweyt, Daß Jeder meint: » Lust gibt mir Feindesleid! « Wem gehn wir nun von den Getrennten nach? Wer ist es, der die Bahn zum Hader brach? Am Bessern gern halt unser Blick sich fest, An mildrer Tage schönerm Überrest. Doch ach, wie schwer sich das ermitteln läßt! Bricht Fluth die Mauer, weißt du, welch ein Stein Zuerst, aus Fugen weichend, ließ herein Den unheilbringenden gewalt'gen Strom, Zertrümmernd dann Burg, Pallast oder Dom? Drum dünkt es besser mir, wir richten nicht, Und wenden lieber unser Angesicht 205 Zur Islandinsel, wohin sehnsuchtvoll Rafn und Gunlaugur wiederkehren soll. Und fänden sie auch dort sich nur zum Tod, Im Mutterschooß wird milder jede Noth! Ja, eh' es kommt zum letzten herben Streit, Halt Mutterarm noch manchen Kranz bereit, Um uns den ernsten Übergang zu mildern. Das letzte Buch soll streng' und mildes schildern!«     Drittes Buch. Erstes Kapitel. Thorstein saß an seinem Herde. Die Nacht war schon tief herauf, und er befand sich für dasmahl mit seinem Weibe, der edlen Frau Jofridur, und mit seinem Töchterlein, der schönen Helga, allein in der Halle. Die zwey Frauen hatte über den feinen Geweben, an welchen sie arbeiteten, ein leiser Schlummer beschlichen, und das kam wohl mit von den sanften, tiefwehmüthigen Wohllautklängen her, die Thorstein ahnungsvoll aus den Saiten seiner großen, schönen Harfe gelockt hatte, ohne den wunderbaren Hall mit einem Worte zu begleiten. Gesang, in begeisternden Worten erhoben, vertreibt jegliche Betäubung aus dem Gemüthe des Menschen. Sanfte Klänge dagegen sonder Worte, wiegen den Menschen ein. Klang wird 6 ja so leicht zum Träumen, und Träumen wird so leicht zum Schlaf. Die Frauen hatten ihre lockigen Häupter seitwärts gegen die Lehnen ihrer hohen Sessel geneigt, und athmeten sanft und tief. Und auch Thorstein's Hände sanken nach und nach von den immer leiser berührten Harfensaiten herab, und sein schönes, jetzt nun schon von einzelnen Silberlocken etwas greisendes Haupt senkte sich vornüber auf das Gestell der Harfe. Er träumte von räthselhaften Dingen, und seine Harfe schwieg vor fremden Ohren. Aber in seinem Innern klang es in sehr wundersamen Wiederhallesklängen nach; ja, in Walhallaklängen zog es ihm durch den ahnungsbewegten Sinn. Es waren Todesklänge und Lebensklänge zugleich. Da trat ein Mann rasch und unversehens in die Halle, und sprach mit lauter, fröhlicher Stimme: »Er ist heimgekehrt!« »Herr Gott!« sagte Schön-Helga, aus ihrem Schlummer freudiglich aufgeschreckt, und faltete ihre zarten Hände ineinander, sie dankend emporhebend gen Himmel, und dann stolz durch die Halle umherblickend, einer schönen Königinn an einem Siegesfeste vergleichbar, sagte 7 sie: »Das wußte ich ja wohl, daß er nicht lange mehr ausbleiben dürfe!« Staunend sahe der fremde Bothe nach der schönen Gestalt empor, wie sie so still und fromm und glücklich von dem Hochsitze aufgerichtet gen Himmel sah. Thorstein indessen und seine Hausfrau Jofridur, nichts eben Ungewöhnliches ahnend, gingen dem raschen Gaste freundlich entgegen, und der Wirth des Herdes, sagte: »Ey willkommen, Skapti, Du vielerfahrner Rechtsgelahrter! Willkommen, was es auch Fröhliches sey, das Du dieser Hofstelle und vermuthlich zugleich dem ganzen Islande zu verkünden hast. Aber, wenn Du vorerst – das versteht sich – einen gastlichen Becher geleert haben wirst, so gib es uns in deutlicheren Worten kund, über wessen Heimkehr wir uns mit Dir freuen sollen.« Skapti neigte freundlich bejahend sein Haupt, und leerte behaglich den ihm dargebothenen Becher, während Schön-Helga leise in die zart berührten Saiten ihrer Zither summte: »Nur Einem kann es gelten! Frag' nicht so zwischen Schmerz Und Freude, liebes Herz! 8 Und ob sich ganze Welten, Und Welten, ganz von Erz, Dem Wunsch entgegenstellten, Und zorn'ge Meere schwellten, Der Freund kam heimathwärts. Nur Einem kann es gelten, Schlag fröhlich liebes Herz!« Skapti sahe staunend umher vor Schön-Helga's Gesangesflüstern, und sagte: »Haltet Ihr Bienen in Eurer Halle, die mit ihren Flügelein und lieblichem Gesumme gegen die Saiten der Harfen antönen? Nun, was es auch sey, es gibt einen gar lieblichen Klang! Aber für jetzt wollte ich Euch eine viel dauerhaftere Freude verkünden. Ein edler Skalde ist gelandet auf unserer Insel! Ein weiser Kundiger des Rechtes zugleich.« »Das wußte ich ja!« flüsterte Schön-Helga, und ihre Wangen erglüheten im ungewohnten Roth, und ihre Augen funkelten wie Sternlein, die den Aufgang des Morgens anmelden wollen. Und Skapti, mit wohlgefälligem Lächeln nach ihr hinblickend, sagte: »Ja wohl, das sind ihm herrlich günstige Zeichen. Ja, Rafn ist gelandet auf Island! Rafn, der Oenundurssohn, mein kühner Anverwandter, der edle Skalde, 9 freundlich, wie die Nachtigall, und stark, wie der Adler!« Aber da rief Schön-Helga: »O wehe um die Adler! Die stürzen einander ja in ihr edles Blut!« Und zurück sank sie in ihrer Mutter Arme wie ein ohnmächtiges Kind. Als aber Vater und Gast und die Mägde in der Halle besorgt sie umstanden, erhub sie sich hoch und stark, obgleich ganz todtenbleich, und sagte kopfschüttelnd: »Ihr bildet Euch wohl ein, die Helga seye schon an dem Schatten des Adlerunheils gestorben? O nein! die Helga gehört auch noch mit in das zukünftige Adlerunheil. Und sie ist ja Deine Tochter, edler Thorstein, und Deine Tochter, weise Jofridur. Nicht so allzuleicht wird sie erliegen. Länger wird sie leben, weit länger, als es ihr lieb ist.« Und zugleich fuhr sie schaudernd zusammen, und sagte dann nach einigem Besinnen: »Länger, als es ihr lieb ist? Ey, da hat ja die arme Helga ein gar entsetzliches Wort ausgesprochen! Es ist nur gut dabey, daß ich dieses schrecklichste aller Worte über mich selbst ausgesprochen habe. Wenn Eines etwa sich 10 ungeschickterweise in's Haar rauft, da kann und muß der Schmerz schon zu ertragen seyn, und geht beynah' in's Lachen über. Griffe uns aber ein frecher Fremdling in die Locken, und thäte er es auch aus Weissagergabe und Weissagerberuf, ha!« Sie fuhr schnell empor, nach der Wand hin, wo ihres Vaters Waffen hingen. Bald aber, sich wieder klar besinnend, neigte sie sich gegen den Gast, mit freundlichen Worten ihr wunderliches Benehmen entschuldigend, wünschte ihm vieles Glück zu der Ankunft seines rechts- und sangeskundigen Neffen, und ging mit ihrer Mutter zur Ruhe, nicht duldend, Hülfe von ihr zu empfangen, sondern vielmehr selbst die erschreckte Frau sorgsam unterstützend. Thorstein und Skapti sahen einander eine Zeitlang staunend an. Als der Wirth den Gast zu seinem Lager führen wollte, sagte dieser ganz verwirrt: »O nein! O laßt! Die Adler fliegen so wild in dieser stürmigen Zeit, und machen Einem die Rosse scheu. Ich muß mich beeilen, daß ich zu Hause komme.« Sie erschauerten Beyde vor diesen Worten, und wußten nicht recht warum. Und während Skapti verwildert von hinnen 11 sprengte, vernahm Thorstein Adlerschwung und Adlerruf, wie von kämpfenden Lüftekönigen, um seines Hauses Giebel her. Er spürte aber keine Lust, nachzuforschen, was für Adler es seyen, die da miteinander Streit hielten. 12     Zweytes Kapitel. Am andern Morgen kam es dem Hausvater beynahe vor, als habe er nur geträumt. Wenigstens von dem Adlerkampf in den nächtlichen Lüften, dachte er das zuversichtlich, und sprach dazu in sich selber: »Ey ja freylich war das ein Traum! War jenes Traumes Nachhall, der vor nun schon vielen Jahren in meine Seele kam, von den zwey Adlern, wie sie um das schöne Schwanenweib stritten, welches auf meines Hauses Giebel thronte!« Und in diesen Gedanken sah er an seinem Hause empor, nach dem blauröthelnden Frühhimmel, als wolle er sich die Träume vollends aus den Augen und aus der Seele fortleuchten lassen, durch das erwachende Morgenlicht. Da stand seine Tochter, Schön-Helga droben auf einem hohen Vorsprunge, in weisses 13 Pelzwerk gegen die Kühle des erwachenden Tages gehüllt. Aber sie mochte wohl nur erst kaum von ihrem Lager unruhig erstanden seyn, denn die Gewande, eilig und regellos umgeworfen, umweheten sie wild, gleich Fittigen. Sie gewahrte ihres Vaters nicht, und gewahrte überhaupt in diesen Augenblicken wohl keiner andern Erscheinung, als des Morgensternes, der so eben vor dem heller werdenden Tage zu erbleichen begann, und den sie in schmerzlicher Begeisterung mit diesen Worten ansang: »Du hast zu lang gesäumet In ferner kühler See! Mir hat von dir geträumet; Mir war mein Herz so weh. Ich weiß nicht, was du säumtest, Nicht, was du, Meer, so schäumtest! Nicht weiß ich, was ihr Augen So schwammt in heißen Laugen, Als ich vom Schlaf erwachte, Und an den Frühstern dachte! Das Eine nur, das weiß ich: Mir ist mein Herz so weh!« Darauf hüllte sie sich, bitterlich weinend, noch tiefer in ihre Gewande, und schlich in das Gehöfte zurück. Aber der erwachende 14 Morgenwind entriß ihr, ohne daß sie es bemerkte, ihren Hauptschleyer, und führte ihn dicht über Thorstein's Scheitel hin, so daß dieser sich unwillkührlich davor bückte, als greife wildes Geflügel nach seinen Locken. »Wehe, das Schwanenweib!« seufzte er, ohne gleich zu wissen, was er sprach, und schlug sich unwillig vor die Stirn, bemerkend, was er gesprochen hatte. Dann rief er alsbald nach seinem schnellesten Rosse, und trabte an den Seestrand hinaus. 15     Drittes Kapitel. Um diese selbe Stunde hatte Rafn der Skalde sich an das Lager gestellt, auf welchem sein Vetter, der berühmte Rechtsgelahrte Skapti, als Gast in seines Vaters Oenundur Hallen schlief. »Es ist unrecht,« dachte Rafn in sich selber, »den süßen Schlummer eines Gastes zu verstören. Und dennoch muß ich diesen weisen Skapti durchaus sprechen, bevor ich einen recht freyen Athemzug in meiner väterlichen Heimath zu thun vermag, und einen recht entschlossenen Schritt auf meine wunderliche, vielleicht sehr furchtbar endende Bahn hinaus. Aber je furchtbarlicher die sich gestalten kann, je unrechtmässiger ist es, den Gast allzufrühe dafür zu erwecken.« Er wandte sich auch ab, als wolle er von hinnen gehen. Doch zugleich ließ er seine vielen 16 schönen Waffen dergestalt mächtig aneinander klirren, daß der im Schlummer gestörte Skapti sich unwillig zu regen begann. »So ein Allzugelahrter,« sagte Rafn, sich lachend nach ihm zurückwendend, »hat doch auch einen Schlaf, wie eine Eidechse. Kaum darf man zwanzig Schritte neben ihr durch das Gras hinschreiten, und thät' es der leiseste Mädchenfuß, so fährt sie auf und raschelt von dannen.« Skapti aber fuhr nicht auf. Noch weniger eilte er von dannen. Vielmehr legte er sich, ohne die Augen zu öffnen, wieder zu einer bequemeren Stellung in den Schlaf zurück. Rafn stand, und kam nach einigem Besinnen wieder näher. »Nein,« sprach er, mühsam seine Stimme zügelnd, »nein! nicht wie eine Eidechse, schläft der hochgelahrte Mann, sondern wie ein Eisbär im Winter. O du überkluger Vetter, wenn du wüßtest, wie in meiner sturmbewegten Brust –!« Und da er fühlte, seine Stimme nicht länger zügeln zu können, drängte er sie lieber ganz und gar zurück, und ließ kaum nur einen Athemzug aus seiner glühenden Brust hervor. Aber seine funkelnden Augensterne ließ er fest und scharf auf seines schlafenden Gastes geschlossene 17 Augenlieder blitzen, und dieser fuhr endlich mit dem Schreckensruf empor: »O mir, was gibt es! O, wer schüttelt mich so gräßlich aus dem süßesten Schlummer!« »Wer Euch schüttelt?« sagte lächelnd Rafn. »Ein Fiebertraum auf's allerhöchste. Ich wenigstens – das könnt Ihr ja merken – ich stand ganz regungslos, und sonder Athem fast, an Euerm Bett.« »Hüthet Euch,« entgegnete Skapti, wild emporfahrend, »daß nicht einst auf ähnliche Weise der Tod an Euerm Lager stehe, still und starr und athemlos, aber Euch die gesenkten Augenlieder durchbohrend mit den glühenden Flammenpfeilen seiner Blicke.« »Fluche nicht!« sagte Rafn, und trat erbleichend zurück. »Fluche nicht, Skapti. Ich komme ja in guten Frieden.« Da versann sich erst der aus dem Schlummer geschreckte Rechtsgelahrte vollends, und sprach: »Frieden und Freundschaft, mein edler, vielgereiseter Vetter! Und halte mir Du doch ja mein wunderliches Benehmen zu Gut. Hab' ich mich doch so von Herzen über Deine Heimkehr gefreut, daß ich noch gestern Abends durch einige Gehöfte herumsprengte, den Landsleuten die 18 Freude mitzutheilen. Und daher lag ich heute noch in so tiefem wunderlichen Morgenschlaf, und kann mich noch kaum recht besinnen. Zuletzt – ja zuletzt, da war ich – da war ich auf Thorstein's Gehöft zu Borgarfiörde. Und da kam mich ein so wunderliches Elfengrausen an, daß ich kaum weiß, wie ich wieder hierher gekommen bin.« »Ein Elfengrausen!« wiederhohlte Rafn im tiefen Sinnen. »Ey, Freund und Vetter, die Elfen pflegen doch sonst, wie ich aus alten Sagen weiß, eben auf Borgarfiörde ihre Ringe nicht zu ziehen. Sie müssen etwas Absonderliches in ihren krausen Sinnen gewittert haben, wenn sie Dir eben dort in Deinen Sinn gedrungen sind, mit ihren listigen Schrecken und grauenvollen Warnungen und neckendem Gewimmer!« »O still!« sagte Skapti. »Deine Worte tönen schon selbst wie Elfentanz.« »Es geht allemahl so, wenn man von ihnen spricht und Ahnungssinn in der Brust hegt!« entgegnete Rafn. »Dießmahl aber kann ich es ihnen am wenigsten verdenken, wenn sie sich mit Dir auf Borgarfiörde zu thun machten, o rechtskundiger Skapti, und zwar absonderlich um Thorstein's Gehöft her. Denn dort sollst Du mir ein Freywerber – aber nein! Das will ich noch 19 nicht so bestimmt herausgesagt haben. Das weiß ich noch selbst nicht recht gewiß. Vorerst nur führe mich hin, wo ich Schön-Helga sehen kann, ohne daß sie selber es weiß.« »Schön-Helga, Thorstein's Tochter?« »Ey ja nun! Welche Schön-Helga wohl gäb' es auf Island noch sonst, mit ihr zu wetteifern?« »Keine. Aber diese ist Gunlaugur Drachenzunge's Braut.« »Nicht Braut! Verlobte nur. Ein Rechtskundiger, o Skapti, wie Du, sollte seine Ausdrücke besser wählen.« »Nun, Braut für ihn, wenn er in der angesetzten Zeit wiederkehrt. Und er wird nicht ausbleiben.« »Weißt Du das?« »O Rafn, Du lächelst so fürchterlich. Du hast doch den Gunlaugur nicht etwan irgend an fremden Küsten erschlagen?« »Nein. Aber wenn das Ding so vorwärts geht, wie es angefangen hat, mag es an der heimischen Küste auf diese Weise sich lösen. Weil aber mir selbst das im heimlichsten Herzensgrunde zuwider wäre, so – ja Skapti – so muß ich vor allen Dingen Schön-Helga sehen, ohne daß für dieses Erstemahl sie mich sieht.« 20 Skapti sahe nachdenklich und kopfschüttelnd vor sich nieder. Da sagte nach einer Weile Rafn: »Ey wahrlich, Vetter, Du trauest mir doch wohl zu, daß nicht von Raub oder sonst irgend etwas Unedlem dabey die Rede seyn kann. Was will mir denn Dein hoch- und tiefgelahrtes Kopfschütteln bedeuten?« Skapti erwiederte: »Aus kleinem Samenkorn keimt hoher Baum. Es ist eben so eigentlich nichts Böses dabey, daß man ein Mägdlein fernher belausche, ohne ihre Vergunst und ohne ihr Wissen. Denn edle Magd wird allwärts edel erscheinen; und vorsichtig obenein, sobald sie aus ihren Kammern tritt. Aber Lauschen bleibt Lauschen. Und wehe dem Armen, der einen edlen Fruchtbaum erziehen will, und sich in dem Saamenkorn vergriff, einen Giftbaum hegend, wie es deren in den südlichen Landen gibt, Jammer und Tod über ganze Hausgenossenschaften verbreitend!« Rafn sahe seinen Vetter mit einem sehr stolzen Lächeln an, und sagte: »Nun das muß ich gestehen, die so recht gründlich Rechtskundigen sind ausnehmend vorsichtige Leute. Ich habe mir bisher auch wohl eingebildet, ich verstände mich im geziemenden Maß auf das Recht. Aber so 21 alle möglichen Gefahren vorauszusehen und ihnen aus dem Wege zu weichen, die etwa aus der an sich gleichgültigsten Handlung erwachsen möchten; nein, guter, weiser Vetter, darin habt Ihr mich bey Weitem überflügelt in dieser stillen Inselheimath, während mein Leben kühnere Fittige durch fremde Meere und über niegesehene Küsten schwang.« Skapti fuhr zornig in die Höhe, und faßte nach seinem guten Schwerte, das zu seines Lagers Haupt-Ende hing. Rafn der Skalde trat einige Schritte zurück, um dem Vetter und Gaste Raum zu geben für Alles, was er etwa beginnen wolle. Doch legte er zugleich seine Rechte kampf- und schlagfertig an den Schwertgriff. Skapti hatte seine Klinge erfaßt, und sagte nun, rund heraus: »Rufest Du mich von meinem Lager, um mich zum Gefechte zu reizen, da treibst Du vergebliche Mühe, insofern ich mich irgend in Frieden vergleichen kann, und mich also aus des heiligen Rechtes Vortheil geben müßte, um Dich anzufallen. Willst aber Du der angreifende Theil werden, auf Deine Seele der Erfolg dort oben! Auf Deinen Leib der 22 Erfolg hienieden! Ich schlage mich eben so gern, wie ein anderer muthiger Isländer sonst.« »Versteht mich doch, Vetter!« entgegnete Rafn, und lachte. »Es ist wahrhaftig kaum zu glauben, daß ein Rechtsgelahrter so muthwillig und ganz ohne alle Veranlassung Schwerthändel suchen sollte, wie in diesen Augenblicken Ihr. Doch sollt Ihr für dasmahl dergleichen nicht finden. Könnet nicht Ihr Schön-Helga mir zeigen, ohne daß Schön-Helga mich sieht, wohlan, ich werde meinen Weg auch so zu treffen wissen. Könnet Ihr ihn aber vielleicht milder und freundlicher für mich bahnen, auch da: wohlan!« »Wohlan!« wiederhohlte Skapti, aber in einem sehr ernsten und wehmüthigen Tone. Dann setzte er hinzu, während er, sich vollends vom Lager erhebend, sein Schwert rüstig umgürtete: »So sey es nun!« »Waffe schneidet! Getroffener leidet! Aber weit minder Schaden die Waffen, Wenn Männer sie raffen, 23 Als wenn die Kinder Im kindischen Schaffen Sie schwingen! Und minder Schlimmes ist minder!« »Ich will Dich hinführen,« sagte er, »wo Du Schön-Helga sehen kannst, ohne daß sie Dich erblickt. Allmorgens, seitdem Gunlaugur Drachenzunge hinausgeschifft ist in die weite Welt, pflegt sie von unserem Islandstrande hinauszublicken in die weite See.« »Und nach wem blickt sie denn in die weite See?« fragte Rafn der Skalde. »Ey nun,« entgegnete der Rechtsgelahrte, »da solltest Du Dich auch gar nicht den Skalden heißen lassen, wenn Du so schwaches Sehergefühl in Deiner Seele spürst, und nicht einmahl die allerneuesten Saga's auf unserem Eilande kennst. Und obenein hab' ich Dir's ja nur kaum erst ausgesprochen, nach ihrem Verlobten, dem Gunlaugur Drachenzunge, schauet allmorgens Schön-Helga in die See.« Über Rafn's Wangen flog eine helle Gluth, und er seufzte vor sich hin, wie ein schmerzlicher Nachhall: »Nach ihrem Verlobten, dem Gunlaugur Drachenzunge, schauet allmorgens Schön-Helga 24 in die See!« Dann setzte er noch leiser hinzu: »O selig spiegelnde See! O noch unaussprechlich Beseligterer, auf den ein Engel wartet!« Dann sprach er laut mit nur kühner gesteigerter Sehnsucht zu Skapti: »Führe mich hin, wo ich Schön-Helga sehen kann. Leben und Sterben hänget an diesem Schritt. Aber an welchem menschlichen Schritt, über die weite Erde hin, hinge das nicht!« »Da hast Du wieder einmahl vollkommen Recht!« sagte der Rechtsgelahrte. »Komm!« Und Rafn und er machten sich mitsammen auf den Weg. 25     Viertes Kapitel. Es steht von Island eine weisse Klippe in die See. Um die grünten dazumahl schöne, frische Buchenbäume her, und dunkle Schwarztannen, lauter hohe, gewaltige Stämme, wie sie heutzutage die gealterte Insel nicht mehr zu erzeugen vermag. Und die lichte Klippe leuchtete dazwischen anmuthig hell hervor; fast wie ein schönes Frauenbild zwischen edlen, dunkelgewappneten Heldengestalten. Aber eine wirklich holdselige Frauengestalt zeigte sich an diesem Morgen oben auf dem Gestein. Das war eben Schön-Helga, angeleuchtet und verklärt von dem lieblichsten Frühroth. Und sie blickte sehnsuchtsvoll in die Meeresfluthen hinaus, und sang: 26 »Wie geh'n die Meeresschäume     So weiß, fluthaus, fluthein!     Das sind wohl lichte Träume?     Geträumt, ach, muß es seyn!     Die lichten Träume wallen     Heran vom Ahnungsland,     Die Schäume leuchten, fallen,     Und finden nie den Strand. Der Schaum entsteigt den Wellen,     Der Wunsch entsteigt dem Traum.     Und Wog' und Wünsche schwellen,     Und sind nur Traum und Schaum.     Es winken süße Lügen     Dem Menschen allerwärts.     Und doch soll Keinen trügen,     Mensch, dein betrognes Herz! Wohl ist's ein rechter Jammer,     Wenn sich die Brust erhebt,     Vor dem selbeignen Hammer,     Der kühn zu bauen strebt,     Und doch nicht kann vollbringen     Das Werk der Meisterschaft!     O unbeglücktes Ringen!     O Kämpfen sonder Kraft! 27 O Meeresschaum an Klippen!     O Fluthen ohne Rast,     Die ihr mit weichen Lippen     Nur schroffen Tod erfaßt!     Die ihr mit lautem Streben     Verhallt in's stumme Naß!     Das ist des Menschen Leben,     Des Menschen Hoffnung das!« Rafn stand unten am Felsengestad, und hatte Lust, ihr diese letzten Worte nachzusingen. Aber weil er eben voll schmerzender Wahrheit in sich empfand, Schön-Helga seye ja nun wirklich sein Leben und seine Hoffnung geworden, verstummten ihm die Liedesklänge im tiefen Schmerz. Er wandte sich, als die Jungfrau, ohne ihn zu bemerken, die Klippe verlassen hatte, zu dem Rechtsgelahrten, und sagte: »Das ist nun erst das rechte Elend für uns Alle, und der rechte tiefe Jammer für mich. Siehe, früher hab' ich Schön-Helga nur deßhalb zu erringen getrachtet, weil sie Gunlaugur's höchster Wunsch war auf aller Welt, und weil ich ihm Fehde angesagt habe, wider all sein liebstes Hoffen. Aber es blieb noch immer möglich dabey, daß Helga mir nur wenig gefiele. Und 28 dann hätte ich doch wohl endlich dem Gunlaugur seine thörichte Liebe zu ihr gegönnt, nach einigen ihm zugefügten Plagen der Eifersucht und des kindisch auflodernden Unwillens. Aber nun –!« Er verstummte. Denn es stieg ein Wogen des zornigen Schmerzes und der überkühnen Sehnsucht in seiner Seele auf, die ihm alle seine Worte zurückwarf und vernichtete, wie etwa eine Sturmesfluth die aussegelnden Schiffe an den Strand zurücke schleudert und zerschellt. Skapti sagte: »Wie Dir in diesem Augenblicke zu Sinne ist, wage ich nicht zu ermessen. Wie Du aber schon früher Schön-Helga erringen wolltest, einzig deßwegen, weil sie des Gunlaugur liebste Freude seyn mag, das verstehe ich nicht von Dir, Du edles, sittiges Gemüth!« »Du solltest es dennoch!« sagte Rafn. »Wollet Ihr Gesetzeskundigen uns ja dahin bringen, daß wir uns selber so bezähmen, wie etwan ein kunstreicher Südlandsmann ein Tigerthier, daß es auf seinen Wink Sprünge vor und rückwärts macht, oder sich zahmer Weise niederlegt, und allenfalls den Kopf seines Züchtigers in den Rachen nimmt, ohne ihn abzubeissen! Aber bildet Ihr Euch etwa ein, damit seye nun der wilde 29 Wunderling in seinem tiefsten, zorneslustigen Herzen umgewandelt? O da kocht es um so entsetzlicher, je aussenher friedlicher sich der kunstvoll Gebändigte erweisen muß. Ja, Ihr habt uns gebändigt nach Eurer Weise, aber Ihr müßt Euch nicht verwundern, wenn wir dennoch nach unserer Weise auf der Lauer liegen und nach der Beute springen, wo irgend die Gelegenheit es verstattet. Ach, trätet Ihr nicht mit Eurer lähmenden Weisheit alle Augenblicke und an allen Küsten dazwischen, da hätten Gunlaugur und ich unsern Unfrieden längst ausgefochten mit lieben scharfen Klingen, und Alles stände gut!« »Die isländischen Gesetze verbiethen den Zweykampf nicht so durchaus!« sagte Skapti. »Nicht unmittelbar die!« entgegnete Rafn. »Aber viele Hemmungen haben sie ihm doch schon in den Weg gelegt. Und dann habt Ihr uns überhaupt zu so rücksichtsvollen Leuten erzogen, und absonderlich mich, und Lobpreisungen darüber sind mir dergestalt hier und an fremden Küsten zu Theil geworden, daß ich dem armen Gunlaugur eine recht häßliche Fehde, statt einer recht ritterlichen, angesagt habe, bloß weil ich aus lauter angelernter Sittlichkeit den Augenblick versäumt hatte, wo es ihm und mir geziemt, zu 30 rufen: Aug' in Auge! Schwert an Schwert! Mann an Mann! Und darnach hätte entweder der Tod einen rühmlichen Frieden geschlossen, oder wir hätten als Überlebende wie in einem neuen, gereinigten Daseyn, uns wieder einander ausnehmend liebgewonnen. Aber jetzt! Und vollends seitdem ich sie gesehen habe! Meine Braut muß Schön-Helga seyn, oder ich renne mir ein Schwert in meine verwilderte Brust, blitze es nun mir oder einem anderen kühnen Wappner in der Hand!« »Das ist eine wunderliche Geschichte!« sagte der Rechtsgelahrte. »Weil es nun aber einmahl so geworden ist, und ich den starren isländischen Sinn kenne, will ich trachten, das Beste daraus zu machen, was vor der Hand daraus zu machen ist, nähmlich eine Heirath zwischen Dir, mein Vetter, und Schön-Helga!« »Du hast gesprochen, wie ein weiser Mann!« sagte Rafn mit düsterem Lächeln. Und darauf gaben sie einander die Hände, und gingen heim. 31     Fünftes Kapitel. Es blieb darnach eine Zeitlang sehr still auf Island, unterschiedliche Wetterstürme abgerechnet, welche bisweilen aus den See- und Landnebeln auftauchten, und mit entsetzlichem Brausen über die Insel hinraseten. Das Wetterleuchten wollte dann gar nicht aufhören, und spiegelte sich in den Meeresfluthen und in den Nebeln auf eine höchst räthselhafte, und für einen Fremden sinnverwirrende Weise. Die Isländer aber sind an diese und ähnliche staunenweckende Erscheinungen vorlängst gewöhnt, und haben es schier an der Art, die Fremden etwas auszulachen, wenn die sich über dergleichen verwundert bezeigen. Man hat dieß Inselland mit großem Rechte das Land der Sagen genannt. Man könnte es auch wohl das Land des Staunens heissen. Selbst Eingeborne, wenn sie einige Zeit lang von dem 32 Eilande fern gelebt haben, können sich öfters nicht der Verwunderung über manches Seltsame, welches dorten vorgeht, erwehren. So ging es auch dem Skalden Rafn um diese Zeit. Eines Spät-Abends unter Andrem, als er noch einsam vor der Hausthür seines Vaters stand, und auf Skapti den Rechtsgelahrten wartete, von welchem er meinte, Bescheid über seine immer noch aufgeschobene Werbung um Schön-Helga zu erhalten, sahe er, früher unbemerkt von ihm, ein hochgewaltiges Leuchten am nächtigen Himmel aufgegangen. Gelbliche Lichter flammten empor, anmuthig in Roth und Grün spielend, oder auch in andere verwandte Farben hinüber, und ihm ward es, als hätten Engelskindlein Blumengärten im Himmel angebaut, welche nun so schauerlich anmuthig herniederfunkelten in die Welt, als wollten sie den menschlichen Geist anmahnen: »O ranke Dich empor zu uns! Hier wohnen die rechten Lichter und Farben und Freuden! Hier ganz allein! Was treibst Du Dich um in dem wirren Dunkel da drunten, wo Du Schiffbrüchiger Dich an Felsenspitzen anklammern mußt, welche Deine Glieder zerbrechen oder mindestens doch aus 33 Deiner zerrissenen Haut einen Quell Deines Lebens in rothen Tropfen hervorreissen. O komm Du lieber herauf! Hier oben ist es kühl und dennoch glühend auch zugleich. Die Palmen, welche nach uralten Sagen einst auf Island geschattet haben und nun noch als versteinte Gerippe von Euern Bergleuten tief unter der Erde gefunden werden, sie grünen und rötheln und glänzen hier wiederum frisch und hold über Euerm veraltenden Eiland durch die Sturmesgewölke, und winken nach Euch, wie nach dem verarmten Bräutigam die reiche, schöne und noch immer unaussprechlich liebende Braut!« Rafn schlug beyde Hände vor seine Augen, und stöhnte: »O weh. Nicht also ist es mit meiner Werbung um Schön-Helga bestellt.« »Warum denn wär' es damit nicht gut bestellt?« sagte Skapti, welcher jetzt eben von Borgarfiörde her auf seinem bequemen Pferdchen herangetrabt kam. »Warum denn nicht?« wiederhohlte er fröhlich. »Zwar das Jawort eben bringe ich noch nicht so ganz bestimmt, aber doch die besten Anzeichen dazu.« »Beste Anzeichen!« rief in wilder Wehmuth der Skaldenjüngling aus, indem er zugleich wieder die Hände von seinen Augen fortriß. »Beste 34 Anzeichen! Siehest Du denn nicht, wie der ganze Himmel in fröhlichen Lichtflammen über Island herableuchtet? Und das Meer auch möchte gern ihn abspiegeln. Aber das hat keinen rechten Muth dazu, und zuckt nur so scheuend auf und nieder in all seinen Wogen, die tiefe, grausige Nacht vor den geahneten Himmelslichtern um desto schauriger offenbarend! Und dann vollends dieß starre Island, sich hüllend in tiefe, schwarze Wolkenschleyer zum bleischweren Todesschlaf. Skapti, auch uns laß schlafen! Und keine Rede von Verlobung und Hochzeit wollen wir aufkommen lassen für heute. Wahrhaftig, der Himmel sieht allzufurchtbarlich prangend darein, und allzu schwärzlich verschleyert bergen sich Meerfluth und Insel vor ihm.« »Das ist so bräutlich-blöde Weise!« sagte Skapti, etwas verwildert von Rafn's wunderlichen Worten. »Wenn Meer und Island blöde thut, weil unversehens der buntstrahlende vielgereiste Bräutigam emporsteigt am Kreise der endlos wechselnden Zeit, weil Nordlicht kommt, anstatt der Sonne oder des Mondes; was thut dem leuchtenden Nordlicht das?« »Nordlicht?« wiederhohlte Rafn in ernstem Nachsinnen, und setzte dann hinzu: »Aber horch! 35 Wie brauset und rauschet es so wunderbarlich in der Luft? Und was knistert so seltsam ringsumher, wie funkendurchzucktes Reisig kurz vor der erwachenden Flammengluth? Das sind mir wunderliche Bräutigamsgrüsse! Das sind mir Brautlieder von entsetzlicher Art!« Skapti entgegnete, wieder nun ganz ruhig und besonnen: »Ja so! Du bist freylich sehr jung von Island ausgezogen, und zwischen vielen wechselnden Eindrücken der Fremde mochte Dir manche Erinnerung der Heimath verlöschen. Sonst würdest Du von selbst bedacht haben, daß die Menschen in den minder nordlich hohen Landen nur den matten Abglanz jenes reich in Gluth und Farben strahlenden Lichtes kennen. Auch streiten sie dorten mit sehr weislichen und vielverschlungenen Reden darüber, ob das Nordlicht wirklich ein feyerliches Brausen in der Luft mit sich bringe, wie doch schon jegliches waffenleuchtende Heer einen feyerlichen Liedes- und Hörnerklang mit sich bringt! Und dieses wunderbare Knistern, wie von erwachender, noch leise vor sich selbst warnender Feuersbrunst; das hören die Südermannen freylich gar nicht, weil sie so weit aus 36 dem Schwunge dieser drohend leuchtenden Nordlandsflammen wohnen.« »Ganz recht! ganz recht!« sagte Rafn mit nachdenklichem Kopfnicken, und seine Wangen rötheten sich höher, und seine stolzen Blicke flammten kühner auf, und feuriger fuhr er in seiner Rede fort: »Wie ein Zaubertraum war das Alles in meiner Seele noch wach! Aber in den zahmen, glattgeschliffnen Landen, und vor der zierlichen, niemahls widersprechenden Art und Sitte, die Ihr mir schon von frühauf eingeflößt hattet, machte ich am Ende mir selber weiß, das seye wirklich nur ein Traum gewesen. Und darüber kam es mir nun heute vor, als wolle jenes bedrohliche Kampfesgesaus in den Wolken; jenes unsichtbar zuckende Funkengeknister rings um mich her, als wolle das allzumahl mich abmahnen von der Werbung um Schön-Helga. Nun aber! – sind es ja doch nur lustige Scherze der alten Mutter Island – nun –« Aber Skapti unterbrach ihn sehr ernst mit den Worten: »Lustige Scherze? Nein, Rafn, fürwahr! Nicht also frevelhaft hab' ich zu Dir gesprochen. Island ist freylich unsere liebe Mutter, aber eine 37 sehr ernste Mutter ist sie dennoch. Und wenn an einer Solchen die Kinder absonderlich gestrenge Mienen sehen – wie oft auch dergleichen vorkommen mag – soll Jegliches immerdar bey sich gedenken und erwägen: Mag seyn, daß es eben mir vorzüglich gelten soll!« Rafn wiederhohlte leise: »Mag seyn, daß es eben mir vorzüglich gelten soll!« Doch bald wieder kecken Muthes rief er aus: »Was hilft es nun, Altmutter Island. Was hilft es selbst, o du Hochvater Himmel, daß ihr Zweye mich schaurig anflüstert und flammige Blicke durch meine staunende Seele schießt. Der entscheidende Würfel ist gefallen. Das Schachtafelspiel muß seines kühnen Ganges fürdergehen. Schach der Königinn! so habe ich gesprochen. Denn, Skapti, sagtest Du nicht selbst, Du hättest meine Brautwerbung bey Schön-Helga schon ausgerichtet?« »Gott verhüthe, daß ich so etwas gesagt hätte!« entgegnete Skapti. »Ein Rechtsgelahrter weiß seine Zunge besser zu hüthen, aber eben deßwegen läßt er sich auch von Niemanden etwas aufreden, was er so oder so gesprochen haben soll. Gute Anzeichen verhieß ich Dir, und weiter nichts.« 38 » Beste Anzeichen hast Du gesagt!« erwiederte Rafn trotzig. »Ach, meinethalb auch das!« sprach unwillig der Gelahrte. »Aber soll das etwan heissen, ich hätte für Dich um Schön-Helga geworben?« »Nun, so erzähle denn nach der Ordnung, was geschehen ist und was nicht!« sagte Rafn, und sahe flammenden Auges in das flammende Nordlicht hinein, während Skapti folgendes berichtete: »Vorgestern Abends kam ich in Thorstein's Gehöft auf Borgarfiörde an, und übernachtete dort. Beym Becher des Mahles gaben der edle Wirth und ich einander unterschiedliche Rechtsfragen auf zur kunstreichen Lösung, denn Du weißt ja, er ist in diesem edlen Wissen berühmt auf unserer Insel. Und wie zwey Kämpfer, wenn sie fröhlich mitsammen sind, nur selten unterlassen, einander ihre Waffen zu zeigen, auch wohl sie gegenseitig zu prüfen, und vollends wie zwey Skalden, sich ihre Lieder vorzusingen, also haben auch wir Forscher des Rechtes es dann in der Art, unser Wissen gegenseitig durch manch' eine klugerdachte Aufgabe zu prüfen. Da gedachte ich, o Vetter, Deines Wunsches wegen Schön-Helga, und meinte so vorläufig der Ältern und 39 des Mägdleins Sinn zu erforschen. Frau Jofridur nähmlich und ihre Tochter sassen zwar etwas fern von uns, die wir auf den Bänken in der Halle Platz genommen hatten, oben auf dem Hochsitz, webten, und sangen alte Liebes und Heldenlieder dazu, bald mit hellem Klange, bald mit träumerisch leisem Gesumme. Aber sie lauschten doch auch bisweilen auf unser Gespräch, vorzüglich wenn etwas von Brautstand, Entführung oder sonstigen wunderbaren Minnesagen dabey vorkam.« »Da brachte nun ich es in unsere Fragen, wie fest wohl eine Verlobung auf Bedingung ohne eigentlich erklärten Brautstand halte, wenn etwa der Verlobte schon lange in der Fremde sey, und man daheim keine Kunde von ihm vernehme. Schön-Helga ward todtenbleich. Frau Jofridur lächelte ernst. Beyde stellten ihr Gesinge und ihr Gewebe ein, und lenkten die schönen Augen achtsam scharf nach uns hernieder. Thorstein aber entgegnete kopfschüttelnd: »Vor Ablauf der Gelobungszeit ist nicht davon zu sprechen, seye der ferne Freyer auch noch so verschollen. Und auch nachher noch muß man eine ganze Zeit darüber hinauswarten. Denn der wunderlichen Zufälle, die einen fahrenden Abentheurer zurück halten 40 können, gibt es viel, und die Grundlage nordischen Rechtes ist Billigkeit. Das siehest Du ja schon daraus, wie bey jeder Vorladung man auf Tage Stunden, auf Monden Tage zulegt, und so weiter. Deine Frage ist also gar keine Frage. Denn kommt nach vollständig abgelaufenem Zeitraum und großmüthig zugelegter Frist ein anderer Brautwerber und ein willkommner, ey nun da!« Und siehe, Rafn, er sahe dazu so freundlich aus, daß mich Alles trügen müßte, oder Meister Thorstein hat sich zusammengereimt, worauf der Pfeil meiner angelegten Rede zielte, und will zum Schwiegersohn eigentlich lieber Dich, als den wilden Gunlaugur Drachenzunge. Ich hätte auch wohl noch Deutlicheres darüber an's Licht gebracht. Aber wunderlich rauschte da unversehens Fittigschlag um den Giebel des Gehöftes her, und Schön-Helga rief im kindisch-mägdlichen Erschrecken. »O Vater, das sind nächtige Adler! Das deutet auf kein Glück!« Und seltsam bestürzt sahen Frau Jofridur und Thorstein sich an, und thaten dem verzognen schönen Kindlein den Willen, Mahl und Gespräch abbrechend; und der Hausvater geleitete mich stumm zu meiner Ruhestätte. Morgens aber trieb mich ein 41 Geschäft zum ganz frühen Aufbruch, und es kam die Rede vom gestrigen Abend nicht mehr auf.« »Und das nennest Du gute Anzeichen?« sagte Rafn, zornig lächelnd. »Oder vielmehr beste Anzeichen gar?« »Warum nicht!« erwiederte Skapti. »Ein Umstand, der so gut steht, als er nach der Lage der Sachen stehen kann, mag billig der beste heissen. Ich meine doch fürwahr nicht, Du könnest Dir einbilden, Schön-Helga habe ihre Seele in dem Augenblicke vom Gunlaugur abgewendet, wo sein Schiff die Segel von der Islandsküste abwendete. Oder möchtest Du das wirklich glauben, was hättest Du für Gewinn an einem solchen Sommervogelherzen? Du könntest ja gar nicht einmahl sagen, daß Du es dem Gunlaugur abgerungen hättest. Und davon handelte sich es doch Anfangs allein in Deinem stolzen Herzen.« »Ja,« entgegnete Rafn schmerzlich, »Anfangs! das heißt: bevor ich Schön-Helga gesehen hatte. Aber nun! Dennoch hast Du Recht, mein Rechtsgelahrter. Wie ich Schön-Helga liebe, darf sie ja nicht als ein leichtsinnig wankelmüthiges Wesen jeglichem neuen Bewerber die wunderholde Engelshand reichen, weil etwa der Früherverlobte um einige Wochen später 42 heimkehrte, als es sein sehnsuchtsvoll gegebenes Wort ihr verhieß. O nein! Sie soll, sie muß den wilden Gunlaugur lieben. Treu lieben muß sie ihn. Und nur meine Liebesgewalt, unendlich glühender, als die seine, und meine Sangesgewalt, unendlich herrlicher, als die seine – in den Waffen mögen wir etwa gleich wiegen gegeneinander – nur solch eine Siegesmacht muß ihre Treue zu mir herüberzwingen, daß er selbst, der trotzige Jüngling, welcher nach ihr zu ringen wagte, gestehen soll, die Sterne gehören den Sternen an, nicht aber können sie sich etwa zu den Funken eines wildsprühenden und unsinnigflackernden Lagerfeuers gesellen.« »Freund, wenn Du auf solch ein Geständniß Gunlaugurs warten willst,« entgegnete Skapti lächelnd, »da kannst Du ziemlich lange mit Deiner Verlobung warten.« Doch Rafn entgegnete zürnend: »Welch ein toller Elfe schrillt Dir in's Ohr, daß ich darauf mit meiner Verlobung warten will! Ich will nur, daß Schön-Helga auf diese Weise mir ihre Hand gebe, von Liebesgluth und Sangestönen süß bezwungen. Mag dann der unbeglückt heimkehrende Gunlaugur in seiner stolzen Seele tief 43 zerreissend empfinden, was er sich nicht mehr abläugnen kann. Und den Waffenkampf zwischen ihm und mir, ey nun, versteht sich, daß ich den voraussehe. Was hindert das? Das wird, den Ausgang betreffend, über den Wolken abgewogen; das Ziel meiner Sehnsucht und Rache jedoch habe ich dann auf alle Weise schon lange vorher erreicht.« Skapti sagte bedächtig: Wozu den Menschen treibt die Lust, Das, denkt er, hat er just gemußt. Und keines And'ren Spruch und Schreyn Gilt ihm für ein vernünft'ges Nein. Ermiß denn selbst, was du beginnst. Das Tuch ausbieth' ich, das du spinnst, Doch dein sey, was du draus gewinnst!« »Versteht sich!« sprach der glühende Rafn mit wildem Lachen. »Nun wohlan!« sagte Skapti. »Vorwärts also!« »Vorwärts!« wiederhohlte Rafn, und wandte sich nächstenweges zu der Richtung nach Thorsteins Gehöfte, und wollte seinen Vetter rasch mit sich fortziehen. Der Rechtsgelahrte jedoch leistete ernstlichen Widerstand, und sagte in Einem fort dazu: »Was willst Du denn? Was fällt Dir denn ein? Wo soll denn Dein Weg hingehen?« »Ey nun,« sprach endlich Rafn ungeduldig, »zu meinem künftigen Brautvater Thorstein soll mein Weg hingehen. Hast ja Du selbst nur eben erst gesprochen, vorwärts!« »Ja so!« entgegnete Skapti kopfschüttelnd. »Aber, Vorwärts , das heißt nicht allemahl, Gerade drauf los . Das heißt auch bisweilen, in Geduld abwarten, bis es besser wird! Und dennoch ist und bleibt es, Vorwärts! Hier aber heißt es vollends, sich nicht von der Stelle rühren, bis die Zeit abgelaufen ist, in welcher der wilde Gunlaugur heimzukehren verhieß .« »Ein allerliebstes Vorwärts! « sprach ingrimmig lächelnd Rafn. »Das Einzige, welches zum Ziele verhelfen kann!« entgegnete gelassen Skapti. »Aber es ist ja nur eben eine unsinnige Förmlichkeit damit!« sagte Rafn. »Ich kenne ja diesen unbändigen Gunlaugur. Innerer Sturm muß ihn fort und fort in äussern Sturm 45 verflechten, und vor diesen Stürmen mannigfachster Art ist es ihm rein unmöglich, zu irgend einer fest bestimmten Zeit wieder an der heimathlichen Küste zu landen.« »Ey nun, desto besser für Dich!« sagte Skapti. »Aber ist denn schon je ein guter Jäger aus dem Anstand vorgesprungen, weil er etwa mit Gewißheit abnehmen konnte, nun komme das Wild ihm bis auf wenige, ganz wenige Schritte nah' in die Schußweite heran?« »Nein!« entgegnete Rafn, und schien etwas verwundert darüber, daß er so sehr Unrecht hatte. Da sagte Skapti: »So warte, bis wir uns das nächstemahl auf der Dingstätte zum allgemeinen Rechthalten versammeln. Dann ist die Zeit für Gunlaugurs verheißne Rückkehr abgelaufen. Und dann beginnt die Zeit für Deine Werbung und für Dein zukünftiges Recht. Die Ältern sind Dir gewogen, mehr Dir, als dem Gunlaugur; das geben all ihre Worte und Blicke mir deutlich kund. Das Mägdlein – ey Freund, Du bist ja ein Skalde. Laß Deine Saiten klingen, Laß Deine Träume lauschen, das schafft – wenn's rechter Art 46 ist – das schafft im Waffenstillstand Dir schon vorläuf'gen Sieg!« »Mir ist, als hättest Du Recht!« sagte Rafn, und ging in das Haus zurück. Man hörte gleich darauf wundervolle Saitenklänge aus den Fensterlucken seiner Kammer über die Thäler hinströmen. 47     Sechstes Kapitel. Seit dieser Stunde fühlte Schön-Helga sich allerwärts auf eine recht wundersame Art von Liedesweisen und Saitenklängen umtönt, und Worte hallten darein von seltsam lockendem und ihr doch sehr schauerlichem Inhalt. So, wenn sie Frühmorgens auf den Klippen des Meeresstrandes wandelte, spähend, ob des heimkehrenden Gunlaugurs Segel sich noch immer nicht aus der Fluth emporheben wollten – und seit jenem wunderlichen Besuche Skapti's, that sie das wohl noch emsiger und sorglicher, als sonst – hörte sie oftmahlen aus den Uferhöhlungen folgendes Lied erklingen: »Frage nicht die Wogen Nach dem wilden Ritter! Der ist fortgezogen, Weiter stets hinaus, 48 Der sprengt Schlossesgitter, Ringt nach andern Frauen Frech im Kampfgewitter Und im Sturmgebraus. Allen weckt er Grauen Doch die sanfte Zither Tönt ob Meer und Auen Treu landein, landaus.« Und wenn sie dann vor dem Klange floh, der ihren Verlobten schelten wollte, und etwa Mittags im kühlen Thal am Brunnen saß und spann, erhub sich ein Gesang in dieser Weise aus dem nahen Gebüsch: »O spinne nicht die goldnen Flocken         Zum Brautgeweb dem wilden Mann!         O nimm du nicht auf goldne Locken         Von roher Hand den Brautkranz an. Es gibt wohl Wen! Nach süßern Rechten         Und in des heil'gen Liedes Glanz,         Weiß der in dein Gelock zu flechten         Den sel'gen, frommen Liebeskranz. Er weiß so gut das Schwert zu führen,         Als Jener, der im Zorne ficht.         Doch zarten Sinns die Saiten rühren         Kann dieser nur, und Jener nicht.« 49 Ja selbst in Schön-Helga's Träume säuselten bisweilen von einem nahegelegnen Hügel, welchen man auch wohl den Elfenhügel benannte, Lieder, wie dieses: »Träume! Doch träume du hold!     Träume du nicht von Meeresschäumen!     Träume von heimisch traulichen Bäumen,     Träume von Klängen,     Von Harfengesängen     Rein und edel wie lautres Gold! Träume! Doch träume du lind!     Träume du nicht von blutigem Streiten!     Träume von Liedern, die lieblich gleiten,     Bis friedliche Räume     Goldlicht umsäume,     Das nimmer im Strom der Zeiten verrinnt. Träume! Doch träume du hoch!     Träume du nicht von Zank und Sorgen!     Träume, wie jeglicher neue Morgen     Dich preise, du Schöne,     Im Garten der Töne,     Wie sie für dich dein Sänger erzog!« Schön-Helga's Herz schlug bisweilen höher vor diesen wunderlich sie umschwebenden Klängen, 50 und es ward ihr dann in schauerlich süßer Verwirrung, als sinke das Bild Gunlaugurs unter, und aus dem Tönemeer tauche eine neue Gestaltung auf, deren Nahmen sie vor sich selbst nie auszusprechen wagte. Sie schalt sich sehr über solche Gedanken, ohne doch ihrer ledig werden zu können. Aber da kam ihr endlich wie ein Gegengift – sie wußte selbst nicht woher – ein Reim in den Sinn, den sie laut auszusprechen pflegte, wenn die Klänge ihr wieder naheten, und davor wurden diese fast jedesmahl, wie in scheuer Beschämung, still. Der Reim hieß folgendergestalt: »Der du von Gottes Gnaden Viel Lieder weißt zu singen, Laß Andern nie zum Schaden Gesang und Wort erklingen. Du bist ja keine Schlange, Die gift'ge Weisen zischt. Thust du's, da währt's nicht lange! Aus geht's mit dem Gesange, Und Kraft und Lust verlischt.« Sie hätte mit diesen Worten vielleicht den unsichtbaren Sänger auf immer von sich bannen können, aber sie hatte zu deren Aussprechen leider nicht immer die rechte Kraft und Lust. 51     Siebentes Kapitel. Abermahl war es Sommer geworden auf Island, und abermahl hatten sich viele Isländer an der Dingstätte, Wahlfeld geheissen, versammelt, wo sie gemeinschaftlich über große allgemeine Angelegenheiten und auch über besondere Streitsachen, Wünsche oder Hoffnungen der Einzelnen zu verhandeln pflegten. Eines schönen Morgens in diesen Tagen trat Rafn zu seines Vetters, des Rechtsgelahrten Skapti, Gemach, klopfte stark an, und als derselbe öffnete, sahe der Skalde ihn mit blitzenden Augen an, daß beynahe Skapti zu Anfang gedacht hätte, die junge blitzende Morgensonne selbst habe ihn so wunderlich ungestüm aus seinen Träumen erweckt; feuerroth, wie sie es an der Art hat, wenn sie aufsteigende Stürme vorbedeuten will. 52 Doch bald sich vollständig versinnend, sagte Skapti: »Wohl sehe ich Dir an, daß Du sehr Ernstes und Strenges im Sinne trägst, o mein Vetter, Du wunderlicher Skalde. Muß es denn aber nun wirklich also gethan seyn, und ohne alle mildernde Bedingung? Siehe, da flammt mir Dein glühendes Antlitz ein furchtbarliches Ja in die Seele! Und meine Seele erschrickt davor, und entsetzliche Gestalten steigen ihr auf, den Bildern vergleichbar, die der kalte Vollmond erweckt, wann er in die strahlend ausbrechende Hekla'sflamme scheint.« »Das gibt dann gräßliche Gespenster!« entgegnete Rafn. »Und zwar solche, die bey hellem, lichtem Tage umgehen. Du siehest ja, auch ich gehe wirklich um als ein solches gräuliches Ding.« »Wie kannst Du mir nur mit so schauervollen Gleichnissen kommen!« sagte Skapti, scheu auf die Seite tretend. »Und zudem, es geschieht nur höchst selten, daß grade der Vollmond in die ausbrechende Hekla'sflamme scheint.« Rafn entgegnete gelassen: »Es geschieht auch nur höchst selten, daß ein Mensch in so ganz verzweifelte Stimmung kommt, den Andern zu einem Gang aufzurufen, wie 53 jetzt eben ich zu Dir gekommen bin. Erwiedre mir nichts, gelahrter Skapti. Es muß nun durchaus so ergehn. Wirb Du jetzt für mich bey Thorstein um Schön-Helga, denn Gunlaugurs Zeit ist abgelaufen, binnen deren er heimkehren sollte, sein wunderherrliches Lieb als Eheweib in sein väterliches Erb zu führen. Bringe mir nichts in Erinnerung von zarter Billigkeit, oder von ehemahliger holder Freundschaft zwischen Gunlaugur und mir. Von alledem will ich nichts mehr wissen. Ich stemme mich ausdrücklich und allein auf das strenge Islandsrecht, wie es in Euern Büchern und Tafeln aufgeschrieben steht.« »Das strenge Recht?« sagte Skapti mit begütigendem Kopfschütteln. »Ey Freund, wenn das die einzige Gesetzauslegerinn wäre, wer dürfte wohl dann noch irgend hoffen, mit Ehren und Frieden in der Welt zu bestehen.« »Niemand!« entgegnete der Sänger kalt. »Aber warum habt Ihr so vieles verpönt oder doch mit Weitläuftigkeiten umdornt, Ihr Weisen, wodurch sonst Euer mangelhaftes Ordnen und Wissen sich in rascher That hätte ausgleichen lassen unter göttlicher Leitung und Geduld. O, wahrhaftig, Ihr kommt und kamet Euch so ausnehmend witzig vor, daß Ihr uns Andern, die 54 doch im Grunde auch Euresgleichen sind, einreden wolltet, eine Schlinge um unseren Nacken seye eben nur ein artiges Halsband, und dagegen seye das edelblitzende Schwert in unserer rechten Hand ein Mord- und Jammerwerkzeug! Habt es denn, wie Ihr es haben wollt. Und Skapti, Du Rechtsgelahrter, ich mahne Dich nach der hergebrachten Sitte, gehe Du mit mir zu der Wohnung, welche der Thorstein auf dieser Dingstätte inne hat, und wirb bey ihm um seine Tochter, Schön-Helga, für mich.« »Das ist ein bewältigender Bannspruch!« erwiederte Skapti achselzuckend. Er beschied darauf alsbald die gesetzmäßige Zahl freyer Männer für eine solche Werbung, und machte sich in dieser Begleitung sammt seinem Vetter auf den Weg nach Wahlfeld. Sie fanden den Thorstein vor der Thür seiner Dingwohnung stehen; vor demselben Hause, welches er einst in seines längst verschollnen Gastes Bardur Gesellschaft vor manchen Jahren besucht und auf dessen Schwelle wunderliche Träume gehabt hatte. Auch in der vergangenen Nacht mochte Thorstein bedeutsammliches geträumt haben, wie das den Isländern wohl öfters begegnet. Denn er 55 sahe die zwey Heranschreitenden mit einem wunderlichen Blick an, und sagte: »Einen guten Morgen bescheer' uns allesammt der ewige Tag! Was Ihr mir bringt, das ahn' ich wohl. Daß es uns Allen fromme, darüber walte Gott!« »Darüber walte Gott!« wiederhohlte Skapti, und ein ahnungsvoller Schauer rieselte durch der drey Männer Herzen und Gebeine. Und auch den anwesenden Zeugen ward auf ähnliche Weise zu Sinn. Der Rechtsgelahrte blickte seinen Vetter an, wie fragend: »Bleibt es denn wirklich dabey, daß ich Deinen wunderlichen Auftrag in's Werk richten soll?« Rafn's kühnloderndes Auge flammte: »Ja!« Da begann Skapti seinen Spruch, und somit erging folgende Rede zwischen ihm und Thorstein, dem Myramannen: »Rafn hier, mein Vetter, will um Schön-Helga, Deine Tochter, werben. Dir ist sein Geschlecht kund, sein reiches Vermögen, seine eigne Trefflichkeit und wie viel der Anverwandten und edlen Freunde ihm bereit stehen zu Schutz und Trutz.« Thorstein entgegnete: 56 »Sie ist vorlängst dem Gunlaugur verheissen, und dem will ich mein Wort halten, wie das einem Ehrenmann eignet und gebührt.« Da sagte Skapti: »Sind denn nicht schon die drey Winter vergangen, die Ihr unter Euch zum Ziel der Verpflichtung aufgestellt hattet?« »Ja!« sagte Thorstein. »Aber der Sommer ist nicht vorüber, und im Laufe dieses Sommers kann Gunlaugur noch immer kommen.« Skapti sprach: »Kommt der nun aber auch in diesem Sommer nicht wieder, welch eine Hoffnung gebt Ihr alsdann unserem Spruch?« Thorstein erwiederte: »Dann muß erst noch ein anderer Sommer aufgehen. Denn nicht ist es Nordlandssitte, einen Vertrag zu brechen, weil etwa der Bundesfreund gehemmt ward, sich sogleich auf Stunde, Tag oder Monath einzustellen. Und fürwahr, das soll auch nun und nimmer Nordlandssitte werden, so lange es Männer meinesgleichen auf Island gibt, und Island der edle Brunnquell bleibt, von wo alle schönen Rechte und Sitten der Väter sich rein ergießen durch das gesammte Norderland. Überhaupt jedoch, was geschehen 57 könne und nicht geschehe, falls ein Ehrenmann sein Wort hielte oder nicht, das ist ein unersprießliches und obenein oft sehr gefährliches Geschwätz. Hiermit habt, Ihr edlen Werber und Zeugen, für dießmahl Dank, aber keinen Bescheid. Oder gefällt es Euch, einen Becher mit mir zu leeren?« Dazu empfanden sie indessen für dießmahl keine Lust, sondern gingen verdrießlich von hinnen. Als sie aber nachher von der Dingstätte wieder nach Hause ritten, sagte Rafn trotzig zu seinem Vetter Skapti: »Und Schön-Helga wird dennoch dereinst mein Eheweib!« 58     Achtes Kapitel. Es wollte sich das Lied     Auf Islands Borde setzen,     Und dort am Herde netzen     Mit Thau manch Augenlied.     Doch, wie es oft geschieht,     Man blieb daheim so wohl gerne,     Indeß der Gang der Sterne     Doch unverseh'ns zur Ferne     Mit Zauberkraft uns zieht. Das mag dem Nordlandsmann     Vor Allen oft begegnen!     Wann just der Wehmuth Regnen     Von seiner Wange rann,     Just dann, wie Zauberbann.     Faßt kühne Lust ihn heftig,     Reißt ihn zur Irrfahrt kräftig!     Die Saga tönt! Kühn heft' ich     Gunlaugurs Fahrt mich an. 59 Gefällts Euch noch Einmahl,     Dem Jüngling nachzuringen,     Mit ihm sich fortzuschwingen,     Ob Meer und Strand und Thal.     Auf all der Meilen Zahl,     Drauf wir ihn jetzt begleiten,     Bleibt treu er der Geweihten,     Und zählt im letzten Gleiten     Doch herb mit Seelenqual! Habt denn immer noch ein wenig Geduld mit dem armen wilden Gunlaugur, und wendet Euern Blick nicht von ihm, so viel ihr diese Geschichten leset, ihr lieben holdseligen Frauen, und ihr muthbegabten, sinneskräftigen Männer. Gunlaugur Drachenzunge wäre gewiß mit seinen Geschenken zur rechten Zeit nach Island heimgekehrt, um sein schönes Lieb heimzuführen. Aber da sah er die feyerlich weißen Küsten der Angelsachsen-Insel, auch sonst Albion geheissen, mit Eins aus der See emporsteigen, und es ward ihm, als mahne ihm der greise, freundliche König Ethelred: »Ey, Du! Willst Du mir wirklich so ohne Gruß vorüberfahren? Und ich hatte Dich ja doch so lieb!« Zugleich auch kam es in des Seefahrers Sinn, ob nicht der edle Herrscher dort vielleicht seines 60 kräftigen Arms zu irgend einer That bedürfen möge. Und so wendete er rasch das Steuer nach der Thamesströmung ihm wohlbekannter Einfahrt hin. Denn ob man gleich nicht ohne Grund ihn Drachenzunge benannte, hätte man ihn doch gewiß nimmer mit Recht Drachenherz heissen mögen, sondern vielmehr–wie später in die Welt einen König eben dieser Albions-Küsten mit grossem Rechte benannte – Löwenherz . – Als nun für dasmahl Gunlaugur an der Lunduni-Burg landete, sah er mit Erstaunen, daß Alles sich hier so kampfbereit anstellte, wie er es vormahl in dieser Landschaft nie gewohnt gewesen war. Nicht etwan, als hätte man ihm selbst seine Landung verhindern wollen. Man erkannte den raschen Nordlandjüngling sogleich wieder, indem sein Schiff mit vollen Segeln, einem kühn, die Fittige blähenden Schwane vergleichbar, fluthan zog, und der junge Held auf dem Verdecke stand, das Steuer regierend, an seine goldleuchtende Hellebarde gelehnt, von dunkelwilden Locken umflattert, vom prächtigen Waffenmantel umwallt, mit gebiethendem Wink umherschauend, als sey es er, welcher über die Wogen der Tiefe und über die Stürme der Wolken 61 feste zu gebiethen habe. Laut jubelte ihm die Menge entgegen: »Gunlaugur! Willkommen, Drachenzunge Gunlaugur! Schrecklicher Blitz unsern Feinden! Fröhliches Licht unsern Heeren!« Wäre Gunlaugurs hölzernes Seeroß – die Nordländer benennen ja oftmahlen ein Meerschiff also – ein wirklich lebendiges Roß gewesen, es hätte wohl scheuen müssen vor dem unbändigen Jubel der bewaffneten Menge. Aber auch dann gewiß hätte der kühne Isländer es zu bändigen gewußt. Und jetzt wandte er durch seine Steurergewalt das ungestüm treibende Schiff rasch an den Ankerplatz, und ließ es so kühn dahinanlaufen, daß viele der Mannen auf dem Verdeck zu Boden stürzten, vor dem gewaltigen Stoß, in ihren Waffen zusammenklirrend, Fahrzeug und Ufer erdröhnten davor. Gunlaugur aber stand lachend fest. Als der Anker geworfen war, sprang er in's Wasser, schwamm mit all seinem Gewaffen vollends uferan, während seine Gefährten sich noch vergeblich beeilten, für ihn und sich das Boot hinabzulassen, und am Thamesufer stehend, sagte er mit stolzfreudigen Blicken: »Nun, was gibt es denn hier, lieben Leute, daß Ihr so in Waffen seyd, auch solch eine 62 ausnehmende Freude zu meiner Ankunft habt? Krieg muß im Anzuge seyn. Das begreift sich aus Allem. Aber wer zieht gegen Euch? Wo ist Euer Feind? Wie bald können wir ihn anfassen? Je eher, je lieber, sage ich Euch. Denn ich möchte Euch gern recht von Grund aus helfen, und habe wenig Zeit dazu.« »O Gunlaugur,« entgegneten ihm die Wortführer der jubelnden Menge, »Du wirst auch gar nicht überlange auf unsern Feind zu warten brauchen. Im Dänenland ist König Kanut der Reiche, des alten abgeschiednen König Swend Sohn, zu Thron und Herrschaft gekommen, und weil aus Jenes Tagen her noch einige Albionsburgen in dänischer Kriegsleute Händen sind, meint nun der junge, übermüthige Herr, es solle ihm ein Leichtes werden, diese ganze schöne Englandsinsel zu erobern. Mag seyn, daß er es mit in seiner jugendlichen Hoffnung Wagschaale wirft, wie unser guter König Ethelred nun schon so sehr alt geworden ist. Nun, deßwegen sollte ihm die Albions-Eroberung noch immer Blut genug kosten und auch manchen mühsamen Arbeitstag. Aber schaden kann es doch wahrhaftig auch gar nicht, sondern sehr viel helfen, wenn ein junger Held, wie Du, o Gunlaugur, an die Spitze 63 unserer Schaaren tritt. Du, dem Könige lieb und vertraut, Jedwedem unserer Kriegsmannen hochverehrt und in allen Norderlanden als ein gewaltiger Fechter berühmt!« Das freute den Gunlaugur bis in die tiefste Seele herein, und er dachte: »Was sie hier wissen, wird ja auch zu Schön-Helga's Ohren kommen. Fahren doch so viele Isländer in der Welt umher, welche nach der Heimath-Insel schöne neue Kunden heimbringen, und auch vorzüglich von Ruhmeskränzen wackerer Islandsöhne gern erzählen!« Und während er das so recht frisch empfand, hatte er auch schon den Englandsmannen mit lauter Stimme die fröhliche Verheissung gegeben, er wolle nicht eher wiederum von hinnen ziehen, als bis keine Kriegsgefahr das Eiland mehr bedrohe. Da hätte man erst den Jubelruf der Albionskrieger hören sollen, und das schöne Zusammentönen ihrer wohlgeschmiedeten Waffen! Denn sowohl in der Kunst, dergleichen zu fertigen, als auch in der Gabe ihre Bewunderung aus recht freyem Herzen und mächtiger Kehle auszuströmen, mochten sie schon dazumahl für Meister gelten. Als man den Gunlaugur in König Ethelreds Hallen geleitete, schritt der alte Fürst in voller, schwerer Waffenrüstung seinem 64 jugendlichen Gast entgegen. Aber sobald er ihm die Hand geschüttelt hatte, und ihm ganz nahe in's Auge gesehen, winkte er seinen Knappen, und sagte lächelnd: »Entwappnet mich, und bringt mir ein Ruhebett herbey, wie sich das Alles wohl für mein hohes Königsalter geziemt. Gunlaugur Drachenzunge wird ja nun wohl dafür zu sorgen wissen, daß meine Schaaren kampfbereit sind und meine Küsten wohlbewacht. Ich danke dem Herrn der Himmel und Erden, daß er mir altem Königsmann einen so feurigen Engel zum Verfechter meiner Helden und zum Lichtstern meiner dunkelnden Augen gesendet hat.« Und als nun Alles geschehen war nach seinem Geboth, und er so behaglich in Purpur- und Hermelin-Decken vor seinem jungen Freunde da lag, winkte er mit heiterem Lächeln seinen Mannen, ihre Blicke nach dem Isländer zu richten, und flüsterte: » Der wird nun einstweilen sorgen. « Dann senkte er seine grossen ernsten Augen zu einem seit lange schon entbehrten, recht tiefen und stillen Erhohlungsschlummer, während ein wundersam holdes Lächeln um des Greisen träumerisch bewegte Lippen zog. 65     Neuntes Kapitel. Tages darauf ward genau und klar besprochen, wie man es mit dem Kampfe zu halten habe. Gunlaugur meinte nach seiner raschen Weise: gleich gegen die Burgen, welche die Dänen noch auf der Insel besetzt hielten, drauf und dran. Aber das wollte der alte König nicht, erwägend die Tapferkeit jener Nordmannen und die Übermacht ihrer Schiffgeschwader. »Fangen sie den Lärmen an,« sprach er, »so geziemt es meinen wackern Eiländern ihn als Männer, und mit Gottes Hilfe sieghaft zu bestehen. Nicht mir aber geziemt es, Krieg in muthwilliger Übereilung auf diese Marken heranzuziehen. Da mußt Du mir nichts einreden wollen, Freund 66 Gunlaugur. Dem Feinde laß' ich die Verantwortung des ersten Schlages, und derweile magst Du meine Kriegsleute um so tüchtiger in den Waffen üben, und um so besser meine Burgen in Stand setzen. Merk Dir's, mein Freund! Zum Heerführer mag wohl manch ein Ehrenmann gedeihen, aber Krieg-Anfangen steht nur den Königen zu.« Da fiel es dem Gunlaugur auf die Brust, wie ein schwerer Stein. Hatte er ja doch vermeint, nach schnell errungenem Siege schnell mit neuen schönen Kränzen zu Schön-Helga heimzusegeln. Und nun sollte er abwarten, ob es überhaupt noch Krieg gebe oder nicht, und derweile Waffenübungen halten! Er hatte große Lust, alsbald auf und davon zu gehen. Aber er gedachte seines gegebnen Wortes am Thamesstrande, das ihm laut vor allem Volke aus der Brust gesprungen war. Und dann auch hätte er's wohl überhaupt nur schwer über's Herz gebracht, die große Freude Aller über seine Ankunft und des alten Königs Heldenzuversicht auf ihn so bitterlich zu täuschen. »Es muß nun gehn, wie es kann!« dachte er bey sich. »Und ausserdem, es pflegen ja 67 Nordlandsmannen nur selten lange mit Kampf auf sich warten zu lassen. Die Dänmarkskrieger werden grade nicht mir einen so wunderlichen Possen spielen wollen!« Und somit gab er sich mit ganzer muntrer Seele an Alles, was seines jetzigen Amtes war. 68     Zehntes Kapitel. Schön und immer schöner mit jedem Tage schwangen die Angelnkrieger unter Gunlaugurs Anleitung ihre Speere und schwenkten sie Klinge und Schild. Die Rosse hatten sie zwar von jeher zu tummeln verstanden; aber doch lehrte sie der Nordmann die edelschlanken Thiere fester zwischen Zaum und Schenkel halten, sie zum plötzlicheren Stehn aus vollem Lauf bändigen, und sie vom Stillstehn zum plötzlicheren Lauf ansprengen. Wo Mann und Roß tüchtig sind, wie bey den Englandsgeschwadern, ist dergleichen Übung für den tüchtigen Führer eine große Lust, und so wäre dem Gunlaugur die Zeit wohl in edler Kampfeserwartung fröhlich genug verstrichen, nur daß ihn Helga's Liebe an die Heimkehr nach dem gesangreichen Island mahnte. 69 Und eben damahl, vielleicht das Einemahl nur, ließen die Dänen mit dem Kampf auf sich warten. Wer mag ermessen, welch eine wundersame Schickung ihre kühnen Schwerter in den Scheiden hielt, während sie dennoch, bedrohlichen Wetterwolken vergleichbar, theils in den Burgen festhielten, theils an den Küsten umherkreuzten. Mond auf Mond nahm ab und zu, und wie ein von Zaubersprüchen Festgebannter sahe Gunlaugur die thatenleere Zeit an seiner ungeduldigen Kämpfer- und Bräutigams-Seele vorüberziehen. Einstmahlen griff er beym Festgelag zur Harfe, trat vor den lieben, alten König hin, und sang folgendes Lied, während die Saiten dröhnten, wie ein fernaufdonnerndes Frühlingsgewitter: »Du hast den Harnisch ausgezogen       Und thatst dran gut, du edler Greis!       Mich aber, mich hast du umzogen       Mit allzu engen Bannes Kreis. Du hältst am raschgegebnen Worte       Mich von ersehnter Heimath fern.       Erschleuß, erschleuß die heil'ge Pforte!       Du bist mein Fürst, doch nicht mein Stern. 70 Will dir der Däne kommen, komm' er       In nächster Monde Vollmondslicht.       Doch kommt er nicht in diesem Sommer,       Dann, König, wart' ich langer nicht.« Der König sprach zur Antwort: »Das Alter nahm die Liedesstimmen     Mir aus der Kehl' und aus dem Arm     Die Kraft, durch's Kampfesmeer zu schwimmen;     Doch glüht mein Geist noch frisch und warm! Und tönt dich an mit ernster Frage:     Mein Kriegsmann du, geziemt es dir     Davon ziehn vor dem Kampfestage?     Zieh, hält nicht eigner Geist dich hier!« Da ward Gunlaugur feuerroth, wie eine Flamme, und verstummte, und blieb. Als aber wiederum eine Zeit verlaufen war, ohne daß die Dänen angriffen, setzte er sich eines Morgens vor die Pforte der königlichen Pfalz, stieß wiederhohlt in sein mächtiges Heerhorn, und sang dazwischen folgende Worte: »Feind herbey! Feind herbey! Mach gebannten Adler frey! Hört mich euch rufen, euch rufen, ihr muthigen Dänen! 71 Feind rück an! Feind rück an! Lös' mir strengen Wortes Bann! Hört mich euch rufen, euch rufen, ihr muthigen Dänen! Ach mich lockt auf ferne Bahn, Ein geliebter, weißer Schwan! Hört mich euch rufen, euch rufen, ihr muthigen Dänen! Bleib' mein Lieb auch lang' mir fern; Aber flamm', o Kampfesstern! Hört mich euch rufen, euch rufen, ihr muthigen Dänen! Ferne Lieb und Kampfesrast, O der Last! o der Last! Hört mich euch rufen, euch rufen, ihr muthigen Dänen!« Da sprach König Ethelred aus dem Bogenfenster seiner Burg mit ernstfreundlichem Lächeln hinab: »Ruf' nicht so nach der Gefahr, Du gebannter Kampfesaar! Rufst mir ja endlich noch her in die Pfalz alle Dänen! 72 Zeuch nur, zeuch dir ferne Bahn Zum geliebten weissen Schwan! Wir sind gerüstet, und kämen auch wirklich die Dänen! Adlermann! Adlermann! Los ist deines Wortes Bann. Fleuch du zum Schwan, und denke nicht mehr an die Dänen!« Da hätte man sehen sollen, wie der Gunlaugur aufsprang, nun wirklich einem Adlermanne vergleichbar, dem ein zauberisch unsichtbares Band plötzlich von den starken Fittigen gefallen wäre. Er streckte seine Arme weit und feurig aus, dem flammenden Morgenroth entgegen, und einen dankenden Feuerblick nach dem Könige emporsendend, eilte er von hinnen, sich ein Schiff zu erkunden und zu bereiten. Es lag eines fertig zur Fahrt gen Norweg, und von da gab es wohl meist immer schwellende Segel, nach allen Gegenden der Welt hin, und vorzüglich auch nach dem stammverwandten Island bestimmt. Noch am selbigen Abende schied Gunlaugur vom König Ethelred, mit edlen Gastgeschenken reichlich begabt. Der alte Herrscher legte ihm 73 segnend die ehrwürdige Hand auf das dunkelwilde Lockenhaupt und sprach: »Es reißt Dich so stürmig fort, junger Freund. Ach möge doch das nur einmahl ein Zug des Glückes seyn! Aber Stürme geleiten selten zu dem erwünschten Port.« Da sagte Gunlaugur etwas unwillig: »Stürme! Die ließe man sich wohl noch gefallen, und würd' auch schon fertig mit ihnen. Wenn nur die langen Windstillen nicht wären!« »Bist Du mir böse, Gunlaugur?« fragte voll milden Ernstes der Greis. Der Jüngling aber entgegnete freundlich: »Meine Braut ist Schön-Helga; Eure Braut ist Schön-England. Und Jeglicher sorgt billig für das Seine zunächst.« »Gott segne uns und unsere Bräute!« sprach König Ethelred, und somit sind die Zweye in großer Liebe und Freundschaft vonsammen geschieden. 74     Eilftes Kapitel. Als man sich den Küsten des edlen Norweglandes näherte, ward Gunlaugur zwiefach froh, denn er sahe mit seinen hellen Falkenaugen deutlich; der Schiffmann steuerte grade auf die Bucht los, in welcher des edlen Eirekur Jarl zierlich edle Hladiburg zu finden war. »So ist es recht von den Sternen!« sagte Gunlaugur laut. »Ehrenleute, wie der Jarl dort, und ich, können einander wohl einmahl sehr ernsthaftiglich, ja zornflammend entgegentreten. Ja, Männer müssen vielleicht mehrentheils so eine Art von strenger Bekanntschaft machen, um einander recht aus ganzen, kühnen Herzen lieb zu gewinnen. Aber schön ist es, wenn man alsdann sich in voller, heiterer Versöhnung wieder sieht. Gewißlich, dieser jetzt 75 mild und stolz herniederschwebende Abend, fast wie ein Adler auf seine Felsenburg herniederschwebt, er soll dem Eirekur und mir gar edle Freude bringen.« Und so ward es auch. Kaum hatte man auf der Hladiburg vernommen, der Gunlaugur Drachenzunge sey am Bord des in der Bucht geankerten Schiffes, da bliesen auch schon Hörner von dem zierlichen Schlößlein zum freudigen Gruß, und ritten schön geharnischte Ritter mit lautem Jubelsingen dem edlen Ankömmling entgegen, an ihrer Spitze, Allen weit voraus, der edle Jarl Eirekur. Und da er den Gunlaugur bereits am Strande stehen sah, ließ er sein brausendes Roß zügellos laufen, beyde Arme dem rühmlichen Sänger weit entgegengebreitet, fast wie noch vor Kurzem Gunlaugur an Ethelreds Königsburg seine Arme der aufsteigenden Morgensonne entgegenhob. Wer es nicht besser gewußt hätte, möchte fast auf den wunderlichen Gedanken gekommen seyn, der Jarl wolle den Fremdling überreiten. Aber dafür war von beyden Seiten gesorgt. Mit rascher und dennoch ruhiger Wendung trat Gunlaugur dem schon ganz dicht 76 heranschäumenden Gaul um einen Schritt weit aus dem Wege, grade nicht zu wenig und nicht zu viel. Eben so rasch und ruhig rief Eirekur dem Rosse zu: »Steh, Bursch!« und flog leicht und absichtlich vom Rücken des stark sich zügelnden Thieres in des erfreulichen Gastes Arm. »O Himmel,« rief er aus, ihn fest an sich drückend, »wie viel der schönen Ritterspiele wir nun mitsammen halten wollen, und wie viel der fröhlichen Gastmahle feyern!« »Damit müßten wir uns wohl sehr beeilen, mein gastlicher Held;« sprach Gunlaugur zurück. »Denn wie herzlich gern auch ich bey Euch in Festen und edlen Kämpfen verweilen möchte: es werden nur wenige Nächte herniederdunkeln und wiederum verdämmern, so muß ich in See stechen, um auf Island meine Herzgeliebte und Verlobte heimzuhohlen. Was aber schauet Ihr mich nur so gar beweglich – und beynahe möcht' ich sprechen, mitleidvoll – an? Mein harret ja ein großes Glück. Die engelschöne Helga, die Thorsteintochter, ist mir ja verlobt. Und somit weiß ich in starker Zuversicht, sie schauet mit holdgetreuen Blicken nach mir über die stürmige See hinaus.« 77 »Weißt Du das so gar gewiß?« fragte Eirekur Jarl. Doch Gunlaugur entgegnete: »O mein edler Herr und Wirth, nicht abermahl müsset Ihr es darnach anfangen wollen, daß uns Euer Benehmen in Unfrieden auseinanderrisse. Wir haben uns ja so schön zusammengefunden, über Mißverstand und Meeresgewog hinaus, so schön durch Liederklang und Waffenklang! Nun möget Ihr uns nicht abermahl die Freude verderben; kann es doch ohnehin freylich nur eine kurze Freude seyn!« »Eine kurze Freude!« wiederhohlte nachdenklich Eirekur Jarl. »Nun freylich, das haben die Erdenfreuden so an der Art, und Männer, wie sie seyn müssen, halten sich auf dergleichen gefaßt. Aber eben jetzt, da Deine tapfere Hand, sich stark in die meine drückend, mir verkündet, just so meint Deines Herzens Schlag es auch! da freu' ich mich meinerseits, daß die Buchen und Eichen umher uns schon mit gelbröthelndem Laub überstreuen. Siehe den Schmuck des Spätherbstes an, und wundre Dich nicht, daß keine Schiffe in unsern Häfen mehr vor Anker liegen, die vor dem nächsten Frühlinge noch dem Seegestürm auf der Fahrt gen Island trotzen wollen. 78 Wer dahin abzusegeln gedachte, ist abgesegelt vorlängst. Du mußt nun schon bey mir überwintern, und vielleicht, daß es Dir ein desto fröhlicherer Winter wird.« »Ein Winter mehr oder weniger thut's grad einem Nordmann nicht!« erwiederte Gunlaugur. »Ich meine, falls einmahl ein nothwendiges Nein sich zwischen ihn und seine liebsten Wünsche drängt. Durchschwimmen kann ich das Meer nicht zwischen hier und Island. So viel haben mich meine mannigfachen Seefahrten freylich gelehrt. Aber ob es denn durchaus gar kein segelfertiges Schiff mehr gibt, nach der lieben Heimath, da muß ich vorerst die Buchten der Norwegküste noch genauer durchforschen.« Auf diese Worte trat aus dem indessen herzugekommenen Gefolge des Jarls ein wunderlicher Mensch hervor. Trüb, schwermuthvoll, trotzig sah er unter frühgreisendem Gelock aus funkensprühenden Augen in die Welt hinein, und es war, als solle jeden Augenblick sein scharfgeschweifter Mund in ein Lachen ausbrechen, oder doch sich zu einem Lächeln verziehen! Aber Lachen sowohl als Lächeln ließ immer und immer vergeblich auf sich warten, 79 weßhalb viele Menschen vor ihm ein geheimes Grausen anwandelte. Der sagte jetzt, den schwermuthvollen Blick starr auf Gunlaugur gerichtet: »Wenn Du durchaus nach Island zurücke willst, noch in diesem Herbst, ich kann Dir hinüberhelfen. Der Jarl wähnte, mein Schiff seye schon vor drey Nächten in See gestochen; oder vielmehr, er hatte Recht; aber mich haben die Stürme wieder in den Sund von Agda-Nes zurücke getrieben. Da liegt mein Kiel noch jetzt vor Anker, bis zum nächsten günstigen Segelhauche. Und wie ich das Jubeln hörte, womit alle diese Helden Dir entgegengeritten sind, da bin ich aus wunderlicher Neugier mit herzugerannt unter dieß Reitergeschwader. Doch die Reiter und selbst der Jarl scheinen seltsam scheu von mir zurückzuweichen. Was will das wieder einmahl?« »Ja, was will das?« rief Gunlaugur. »Wer ist dieser Mensch? Und was hat er mit der Welt und Euch?« »Laß es ihn selbst sagen!« murmelte Eirekur Jarl, sich tiefer in seinen Pelzmantel hüllend. Der Fremde sprach gelassen: »Hallfredur nennen sie mich; Hallfredur, den wirren Skalden. 80 Ich mag ihnen ihre seltsamen Beyworte willig auf meinen Nahmen gönnen; denn, o Gunlaugur, hält diese kluggewordne Welt nicht jedweden echten Sänger einigermaßen für verwirrt? Es seye denn, daß er den Leuten ausnehmend spaßhafte Späßchen vorbringe, und obenein zum Lachen darüber den Grundton selbst mit angebe. Oder daß er das Heilige und Schöne und Edle in den Abgrund zu reissen suche! Da freut sich dann mindestens der Pöbel, und jauchzt: Hussah! Doch selbst Männerthaten, aus Geist und Schwert eines Skalden erblühend, ach darauf hab' ich mir und unseresgleichen schon früherhin ein Lied gemacht. Das heißt, gib Acht!« Und mit wohllautender, aber sehr schmerzdurchbebter Stimme sang er: »Hilf löschen ihm sein brennend Haus, Flicht ihm manch duft'gen Blüthenkranz, Weih ihm dein Leben frisch und ganz! Machst du nicht Spässe kribbelkraus, So sieht er doch verdrießlich aus.« Gunlaugur faßte sich schauernd in sich zusammen und blieb still, keines Wortes mächtig. Nach einigem Schweigen sagte der wirre 81 Skalde mit sanftem Wehmuthslaut: »Thut es Dir weh? Ach warum sollt ich es besser haben, als Andere meinesgleichen und Du auch, junger Abentheurer! Ich weiß wohl, dem Gunlaugur ward die schönlastende Gabe des Gesanges von frühauf zu Theile, und da kann es ihm nicht viel anders ergehen, als mir. Denn nicht ist es etwa Der und Jener, von dem ich meine Zeilen gesungen habe; es ist vielmehr der gesammte große Welt-Riese, welchen die alten Saga's Ymer nennen, und dem mein schmerzliches Liedlein gilt. Deßhalb dürfen weder Du noch ich, noch irgend Einer, der sich mit der seltsamen Schmerzenslust des Gesanges abgibt, uns in einzelnen Fällen darüber verwundern, wenn das Liedlein Recht behält.« »Er faselt wieder einmahl wild!« sagte der Jarl, sich mit sanfter Schonung zu Gunlaugur wendend. »Er hat aber auch wohl sehr starken Schmerz in seinem innersten Leben auf Erden erlitten. Da muß man Eins gegen das Andere billigermaßen aufheben. Und für einen tüchtigen Steuermann muß er wahrhaftig gelten, wie überhaupt für tüchtig in allem ehrbaren Thun und Schaffen. Willst Du Dich also seinem 82 Schiffe nach Island hin anvertrauen, so darf ich Dir nach bestem Gewissen nicht entgegen seyn.« »Danke, Jarl!« sagte wehmüthig Hallfredur und hielt ihm die Hand hin. Eirekur erfaßte sie freundlich, und sprach: »Gunlaugur mag günstigen Landwind auf meiner Hladiburg erwarten. Willst Du mit hinkommen?« Aber: »Danke, Jarl!« sagte abermahl der trübe Sänger, hinzufügend: »Bildest Du Dir ein, ich merke es nicht, wie ein Schauer vor den wirren Skalden durch Deine sonst so starke Seele zieht? Ich würde Dir nur all Deine Lust am Fest und an dem beglückterem Gaste dort verderben. Nein, laß. Wolle mir nicht einreden. Ich gehe jetzt nach meinem Schiffe zurück. Sobald der Wind sich günstig wendet, schleudre ich einen Drachen griechischen Feuers durch die Lüfte, der krachend in den Wolken zerplatzt. Dann eile Dich, Gunlaugur, und komm an Bord.« »Es gilt!« erwiederte Gunlaugur, und man schied. Die Einen dem fröhlichen Festmahle zu, der Andere zur öden Meeresbucht hinab. 83     Zwölftes Kapitel. Unterweges war noch viel von dem wirren Skalden die Rede. Eirekur Jarl berichtete, wie eine dunkle Saga gehe, Hallfredur habe vor vielen Jahren im Provenzalenlande eine wunderschöne Maid gesehen, vergeblich um deren Liebe werbend, und daher seye dieser verwirrende Schatten in sein Leben hereingeweht. »Es soll nähmlich,« fuhr er fort, »ein sehr fröhlicher Frankenritter sich ihm als beglückter Mitwerber gesellt haben. Und daher sein Unwille gegen Lachen und Spaß. Denn nicht nur in der Liebe, sondern vielmehr allerwärts kam ihm der lustige Frank als Nebenbuhler entgegen, unabsichtlich meist, die Beyde nur immerdar wie durch tolle Stürme zusammengeweht, und stets gewann der lachende Gegner über den ernstsinnigen Nordmann den Preis. Und das Tollste war, 84 Hallfredur mußte oft mitlachen über des Widersachers Spässe, wenn ihm just das Herz recht tief über das Wehe des Erliegens blutete. Davon auch soll sein Gesicht den starrgewordnen Ausdruck eines nie freywerdenden Lächelns angenommen haben. Aber genug für jetzt von dem schauerlichen Wunderling. Ich seh', es hat Euch trübe gemacht, mein edler Gast.« Gunlaugur entgegnete nachdenklich: »Es war da Etwas in Eurer Rede, mein edler Wirth, das mich mahnte, wie Ahnungsklang aus unberührten Skaldensaiten um Mitternacht. Von den Zweyen mein' ich, die sich immer als Nebenbuhler trafen; o wartet; wie hieß es doch? Unabsichtlich meist, die Beyden nur immerdar wie durch tolle Stürme zusammengeweht! Klang es nicht so?« »Mag es geklungen haben, wie's kann!« entgegnete unwillig der Jarl. »Laßt uns die Rosse spornen. Zum Mahle! Zum Freudebringenden Mahle!« Und rüstig sprengten Alle mitsammen bergan. Doch mitten unter dem Roßgewieher und dem raschen Durchjagen entgegensausender Lüfte und dem Gedonner der erzbeschlagenen Hufe über den Steinweg hin, fragte Gunlaugur den Jarl: »Woher kamen Euch jene Kunden von den 85 Schickungen des wirren Skalden? O sagt es mir gleich! Als Gastgeschenk muß ich es von Euch begehren.« Und Eirekur entgegnete nachgiebig, doch düster: »Wenn Ihr durchaus fürder von ihm hören wollt, und freylich, Ihr habt Euch ja sogar entschlossen, mit ihm zu schiffen über das herbstliche wilde Meer hinaus! da sollt Ihr wissen: Er singt sein früheres, schmerzgebärendes Leben den Wäldern und den Fluthen und den Bergen so oftmahlen vor, daß auch die Menschen Vieles davon vernehmen. Und dann hat er auch Pergamente mit schöner Runenschrift davon vollgeschrieben, o viele Bücher und Rollen! und die liegen unter alten Grabeshallen und Burgtrümmern und Strandhöhlen mannigfach verstreut. Bisweilen findet dann Einer oder der Andere solch ein Bruchstück, zerreißt es, oder bewahrt es, oder bildert spielend darin; je nachdem nun eben des Finders Natur es mit sich bringt. Aber die Spuren von vielen dieser Dinge möchtest Du wohl noch auffinden, wenn – doch, o Gunlaugur, Du willst Dir ja keine Zeit mehr nehmen, an diesem Sagastrande zu verweilen. 86 »Nein, nein!« rief schmerzhaft der Jüngling aus, und seine Rede ward ihm zum Gesange: »Mich treibt ja eigne Liebe! Mich treibt ja eignes Leid! Und ob mir dunkel bliebe, Bis an den letzten Streit, Der wirren Skalden Leid, Mich treibt ja eigne Liebe! Mich treibt ja eignes Leid!« Zugleich spornte er das Rost zu noch kühnerem Laufe an. Eirekur Jarl und seine Ritter, um sich in keiner Reiterkunst beschämen zu lassen, thaten dasselbe, und so brauste der Zug in Kurzem durch das Hofthor der schönen Hladiburg hinein, und Fest und Sang und Mahl verbreitete Freude durch die Hallen. Wie man nun in bester Lust bey den Bechern saß, und mehr und mehr die Herzen aufgingen, fragte endlich Gunlaugur seinen edlen Wirth: »O lieber Herr, woher mag es doch kommen, daß ich Euch so durchaus verwandelt wiederfinde?« »Wie meinest Du das eigentlich, mein Gastfreund?« »Offen heraus, mein Wirth: Ich meine es so. Einen starren, stolzen, kaltverdrießlichen 87 Klugmann hatt' ich in der Hladiburg damahls verlassen; einen frischen, frohen, freundlichen Herzensmann find' ich wieder. Wer hat Euch das angethan?« »Du selbst, mein Gunlaugur, und dann auch der Weltlauf mit. Siehe, ich wollte mehr und mehr erreichen auf Erden. Es war mit meinem Begehr und dem Erfolg, wie etwa mit einem überweitem, seltsamlich gefeieten Kinderkleide, das sich allemahl noch weiter dehne und strecke, sobald das Kindlein hineinwüchse; und wäre der Knab auch endlich zum Riesen geworden von Thurmesgröße, das Hexenkleid hätte sich zu Bergeshöhe und Bergesumfang ausgedehnt. Da würde es dann endlich dem erwachsenen Manne zu toll, fort und fort in so verdrießlich weiten Falten und Schleppen einherzutaumeln, und er schleuderte von sich mit raschem Entschlusse das hemmend lästige Zeug, und fühlte nun erst sich als frischer Held in seiner ganzen Vollkraft. Die Bothschaft von jenem edlen Liedesspruch, womit Du meinen Ruhm in der Sigurdurhalle vertheidigt hast, sie lenkte zuerst wieder meine Sinne in Ehrfurcht und Liebe auf den Gesang, dem ich mich bis dahin überhaupt sehr fern gehalten 88 hatte, vermeinend, er hindere mich zerstreuend an dem, was ich meine grossen Entwürfe nannte. Wer nur aber erst dem Liede seine Seele frey und stark aufthut, dem thauen schon nach und nach von selbst Weisheit und Freude mit herein. Dazu ließ der Weltlauf mir hinlänglich viel mißlingen, um mich aus dem abgöttischen Traumvertrauen auf meine Klugheit zu erwecken; und doch hinlänglich viel ließ er mir gelingen, um mich bey frischer Thatkraft und Lust und Liebe zur Gegenwart zu erhalten. Ey, mein Gunlaugur, wir leben jetzt ein gar fröhliches Leben hier. Verlebe den nahenden Winter mit uns! Wer weiß, ob auf Island –« Er hielt nachdenklich inne, und sahe ernst zu Boden. »Wisset Ihr Etwas von dorten?« rief Gunlaugur aus. »Ist Schön-Helga todt?« »Sie lebt!« sagte beruhigend der Jarl. »Und wisset Ihr sonst?« fragte der Jüngling! oder vielmehr, er wollte es nur fragen. Denn in diesem Augenblick sah er des wirren Skalden griechischen Feuerdrachen in's dunkelnde Gewölk emporsteigen, und hörte gleich darauf dessen zerprasselndes Donnergekrach. 89 »Wohlan!« rief er. »Mit eignen Augen soll ich schauen. Island ruft und mein Schicksal!« Damit drückte er Jarl Eirekurs Hand voll freundlicher Heldenkraft, und eilte nach der Meeresbucht hinunter. 90     Dreyzehntes Kapitel. Sie fuhren nun mitsammen von hinnen durch das herbstlich bewegte Meer, der kühne Gunlaugur und der wirre Skalde. Während das Schiffsvolk die nöthige Arbeit ausrichtete, und Skalde Hallfredur mit ernster Besonnenheit am Steuer stand, hielt sich Gunlaugur neben ihm, auf seinen Speer gelehnt, und hatte seine düstere Freude daran, wie der bleiche Mond hinter den Wolkengebilden dahinglitt, bald sie mit seinen Lichtern prachtvoll säumend, bald doch auch wieder ihre schwachen Gebilde durchbrechend, als wolle er den nachtwandelnden Menschen zu Land und See offenbaren: »Sehet und merket! Es ist ja doch Alles nur nichtiger Schatten und verdampfender Hauch!« Wenn nun so die Mondesschimmer auf 91 Gunlaugurs und Hallfredurs Angesichter fielen, trafen sie freylich auf zwey Heldenangesichter, aber zugleich doch auch auf etwas sehr Verschiedenes: Das Eine Bild so frisch und stark zum Lebensmahl! Das And're stark, doch müde von der Lebensqual. Sie waren ziemlich die ganze Nacht hindurch mitsammen so stumm und wunderlich durch's Meer gefahren. Da sagte endlich, als schon das unheimlichere Morgengeflügel, halb auf- halb abziehend von der zweydeutigen Wacht, um der Beyden thaubereifte Locken herzuziehen begann, der wirre Skalde zu Gunlaugur im dumpfen Liedeston: »Ward dir die neueste Islandssage kund?« Gunlaugur. »Gerüchte streifen, wie Dämmergeflügel im Rund.« Hallfredur. »Und gibst du auf dieß Dämmergeflügel nichts?« Gunlaugur. »Das verschwimmt machtlos im Siege des Morgenlichts.« 92 Hallfredur. »Und wenn's dich da noch in Kraft und Macht umweht?« Gunlaugur. »Dann würden's wohl Drachen die man im Kampf besteht!« »Ganz recht!« entgegnete Hallfredur. »Und so wird es auch vermuthlich kommen!« Aber von da blieb er den ganzen Tag und die nächste Nacht hindurch für Gunlaugur stumm. Als wiederum der Morgen heraufdämmerte, und sich Hallfredur an's Steuer gestellt hatte, Gunlaugur neben ihm, hub der wirre Skalde von neuem zu singen an. Und das ward ein anderes Lied, als das vorigemahl. Etwan also ungefähr hat es geklungen, und das höher aufschäumende Meer und der geheimnißreich flüsternde Morgenwind spielten eine seltsame Begleitung dazu: Ich hört' eine Kunde, Weiß nicht, ob Traum oder Wachen es sey, Die drang mir durch's Herz! Und ließ mich doch jammersfrey. 93 Was geht es mich an, Wie beschaffen es sey Mit der Kunde! Was geht es mich an, Mich, mit dem längst ausgeblutetem Schmerz Mich längst erstorbenen Freyersmann! Mich Ausgeschiednen aus Reigens-Runde! Und dennoch steht hier Einer zur Stunde Mit bey, Den hielt ich gerne vom Natterstich frey Zerreissender Liebeswunde! Ach Himmel, er ist ja noch jung, wie der May! Jedoch die Klänge quillen mir wild vom Munde. Halt zu deine Ohren! Den Klang laß vorbey! Du willst nicht? Siehst mich im Trübsal groß noch an, Du starker Mann! Wohlan!« Darauf blieb Hallfredur lange ganz stumm und blickte doch auf solch eine Weise nach Gunlaugur, daß sich abnehmen ließ, er bilde sich ein, Vieles und sehr Erschütterndes zu sprechen. Als nun auch Gunlaugur erwartungsvoll stille blieb, nicht ohne tief innern Schauder, sprach endlich der wirre Skalde: »Verzeih' mir Gutfreund! Es war gewiß nur wiederum einer meiner wunderlichen Träume, 94 der allzugewaltig über mich gekommen ist, und den ich Dir jetzt eben erzählen mußte: Nein, Alles mag im Ganzen erträglich gut stehen für Dich, oder auch wohl höchst erfreulich gar. Halt mir's zu Gute, Du Glücklicher, daß ich Dir so unversehens Deine gewiß recht lustigen Träume verstört habe. Warum sind aber auch die Träume von so wankelmüthiger Art und Gestalt? Ach, wer heisset sie denn so scheu und wild und unwiederbringlich von hinnen fliehen, vor jeglichem Gegen- oder Quer-Hauche der irdischen Windrose?« »Wer?« fragte Gunlaugur wehmuthvoll. »Armer Genosse, da forsche bey Dir nach, und bey uns Allen. Doch wer es deutlich sagen könnte, der müßte schon außerhalb des Träume-Reviers wohnen, und deßhalb verständen die Leute ihn hier drinnen wiederum nicht. Und wer dagegen in dieser Art von Binnenlande über die Sache mitreden will – was weiß denn eben der von dem großen Aussenlande, welches man Ewigkeit nennt, und wovor uns Herz und Gebeine schaudern, wenn man eines so gewaltigen Weltmeeres gedenkt! – Wie, Hallfredur, Weltmeer nur hab' ich gesprochen? Nein! Weltmeer schrumpft zu einer wassergefüllten Nußschale zusammen, wenn Du es gegen das Meer der 95 Ewigkeit antönen lässest. Oder kommt Dir das dießseitige Spielwerk grösser vor?« »Nein,« sagte der Skalde. »Und eben deßhalb auch wollen wir uns über die Nußschale und über das Weltmeer die Köpfe nicht zerbrechen, sondern mitsammen umgehen, wie es sich für lustige Reisegesellen ziemt, welche die Welt laufen lassen nach Belieben, und sich selber mit. Warte! Was läßt sich doch gleich von Island her Lustiges erzählen? Ja, richtig! Rafn, der Skalde, führet Schön-Helga als Hausfrau heim – die Thorsteintochter, mein' ich. Du entsinnest Dich wohl vielleicht des schönen Mägdleins noch?« Gunlaugur aber sagte mit furchtbarer Gelassenheit: »Es ist auf dasmahl ein großes Glück für Deine Sicherheit und für meine Seele, Hallfredur, daß Du eigentlich toll bist, und daß ich es weiß.« Da lachte der wirre Skalde schmerzlich, und erzählte ihm Folgendes: »Auf der Dingstätte Wahlfeld sind sie beysammen gewesen, all die Klugen aus Island; im vergangnem Sommer war es. Du kennst ja ihre Art. Da streuen sie viel der weisen Worte 96 zur Saat, und es wachsen dann thörichte Thaten daraus und erschleußt sich oft eine gar überreichliche Aernte von Thränen und Flammen und Blut. Nun kamen der Rechtsgelahrte Skapti, und sein tönender Neffe, Skald Rafn zum Thorstein gegangen, und der Gelahrte warb für den Tönenden um Schön-Helga, das Thorsteinkind. Sie hatten's wohl sonst schon auf diese Weise versucht, aber Thorstein hatte den Engel weit früher verlobt an einen Sturm, der fernaus im zornigen Wohllaut umhertosete auf unbekannten Meeren. Rafn sagte unter Andrem zu Thorstein: »Sturm ras't fern Mir den Stern!« Und weil Sturm auch wirklich so überlange hatte auf sich warten lassen, fragte endlich Thorstein den dunkeln Sturmesvater; sie heissen ihn auch auf der Insel, Illugi den Schwarzen: »Sturmvater, wo verweilt dein wilder Sohn? Zu lang' harrt sein, mein Engelskindlein schon.« Der Dunkle antwortete: »Nicht weiß ich von dem wilden Sohn. Vielleicht stürmt er zum Abgrund schon.« 97 Da wurden sie Alle einig mitsammen, Engel solle des Sturmes noch harren bis Winters Anfang. Aber der Sturm raset ja immer noch auf den Meeren umher; und Winters Anfang steigt nahe herauf; und alle Welt sagt: »Nun kommt der Sturm zu spät herein, Und Engel wird des Skalden seyn.« »Nein!« Donnerte Gunlaugur fürchterlich, und erfaßte den wirren Sänger, und hätte ihn in's Meer gestürzt, wäre der nicht in schauerlicher Kraft wie eingewurzelt gewesen auf dem Verdeck. So starrten die zwey Ringenden einander unbeweglich, machtvoll angespannt ihre Glieder, aus grossen furchtbar rollenden Augen an, die wild von dunkeln Locken umflatternden Stirnen dicht gegen einander geneigt. Urplötzlich brausete eine aufsteigende Windsbraut über das Meer, und drohete des Schiffes Bahn zu hemmen. Da ließen die Zornig-Verstrickten voneinander ab. Hallfredur erfaßte voll düsterer aber starker Besonnenheit das Steuer des Schiffes. Gunlaugur sahe stolz in die dunkelheranwehenden Wolkenzüge empor, und sang: 98 »Raum gebt! Raum gebt uns zum Meerdurchwandern, Nebelwitwen ihr des Firmamentes! Jagt verdrießlich euch mit tausend Andern! Hier trotzt euch ein Herz; im Herzen brennt es! Weckt die Flamme nicht aus einem Herzen Das verderblich euch entgegenlodert. Bin ich doch zum Brautfest heimgefodert, Oder auch zum Fest von tausend Schmerzen! Rafn erhebt der Ruf voll dreisten Hohnes! Ruft: »Gunlaugur! Weilst du, Drachenzunge?« Lacht beym Brautfest des Illugisohnes! O du Schiff, hindurch im kühnen Schwunge! Und ihr Nebelwitwen spielt mit Andern, Ihr, umhüllend das Rund des Firmamentes! Rath euch Gutes! Hier im Herzen brennt es! Lasset frey dieß Herz das Meer durchwandern!« Und wirklich war es, als ob auf den seltsamen Gesang die Windhauche sich wendeten, die Wolken ihre umdunkelnden Züge zertheilten. Wohl stürmte es noch stark über die See hin, aber die Segel des Schiffes anschwellend, und dessen Fahrt, ob auf kühn gefahrvolle, dennoch sehr herrliche Weise fördernd. Dabey hielten die zwey seltsamen Genossen am Steuer folgendes Gespräch mitsammen: 99 Gunlaugur. Wir müssen vor Winters Beginn auf Island seyn. Hallfredur. Gern sag' ich Ja . Herbststürme vielleicht sagen Nein . Gunlaugur. Die zwing ich doch – du sah'st es – mit Willen und Lied. Hallfredur. Manch Heer hält morgen den Platz, das heut noch flieht. Gunlaugur. Nun, ich versuch's mit den Stürmen, Mann an Mann! Hallfredur. Doch Sturm bleibt Sturm! du bleibst im sterblichen Bann. Gunlaugur. Du nanntest vorhin mich selbst einen wilden Sturm. Hallfredur. Der Stürme Meister entscheidet vom höchsten Thurm. 100 Gunlaugur. Thu, Sturm, dein Bestes! du wirst Gunlaugurs Knecht. Hallfredur. Sturm gegen Sturm. Es walte das höchste Recht!« Da hielt Gunlaugur nachdenklich inne mit Reden. Doch sprach er bald darauf mit trotziger Stimme: »Recht? Das Recht auf Schön-Helga's weisse Engelshand ist mein.« » War Dein, o Gutfreund Sturm!« entgegnete der wirre Skalde. »Wie es jetzt damit stehen mag, frage nicht Deinen dunkeln Sturmesvater. Frage nach bey dem lichten Beherrscher aller Stürme und aller Sonnen!« Gunlaugur verstummte. Die Fahrt ging ihres Weges kräftig fürder. Da sagte Hallfredur einstmahlen zu Gunlaugur: »Gutfreund, wie es nun auch um Deine Gewalt über den Sturmwind aussehen mag, läuft's Dir nur halb so gut mit dem Rafn aus, so hast Du von Glück zu sagen. Schau, ich hatte vor Monden einen Streit mit ihm um ein halb Mark Silbers, das Einer seiner Dienstbothen 101 vermeinte von mir nach Rechten fodern zu können, und ich meinte anders. Just lag ich in der Meer-Bucht Leyruwog an den Nordbergen Eurer Insel vor Anker. Kommt da nicht der zornige Jüngling mit vierzig Mannen geritten, haut ohne weitre Verhandlung meine Ankertaue durch, und läßt mich auf dem ungerüsteten Fahrzeuge in den Meerschwall hinaustreiben, so, daß ich nur mit großer Noth dem Schiffbruch und völligem Untergang entrann! Und mühsam zurückgelangt in die Bucht, hab' ich noch obenein seinem Knechte das halbe Mark Silber bezahlen müssen. Mit dem kommt sich's schlimm von der Fechtschule!« Gunlaugur aber entgegnete, ganz in träumerisches Sinnen versunken: »Deine verwilderten Lebensgeister irren Dich abermahl, guter Hallfredur. Niemahls – obgleich manches Unbändige mit Hand und Mund durch mich geschehen seyn mag – niemahls hab' ich ein so überaus tolles Stück auslaufen lassen, als das, von welchem Du da erzählst.« »Wer redet doch nur von Dir?« sagte Hallfredur. »Der Rafn ist also mit mir verfahren! Rafn der Skalde!« »Rafn der Skalde!« wiederhohlte wildauflachend Gunlaugur. »Und war das nicht 102 derselbe Musterjüngling, von dem ich lernen sollte, o du Helga'svater Thorstein, so beriethest du mich einst an deinem trauten Herde, und schöne, schöne Tage zogen dazumahl durch den Himmel! War der es nicht, von dem ich lernen sollte, ein Sängerschwan zu werden, königlich stark und königlich mild zugleich? O des sanften, wohlgezogenen Jünglings!« »Ich will Dir was sagen;« sprach Hallfredur. »Seitdem er um Schön-Helga wirbt, ist er so hochfahrend geworden. Schon der Gedanke, ein solches Engelsbild gewinnen zu können, hat ihm die inneren Fittige zum alfenkühnen Trotz gehoben. Wie wird er nicht erst als ihr Verlobter stark und fürchterlich seyn! Und wohl muß ein Verlobter Schön-Helga's recht stolz werden und sich vorkommen wie ein beglücktes Odinskind aus dem alten Sagenreigen herüber. O ich sahe sie! O ich sehe sie heute noch vor mir! So sonnig funkelnd ihr goldnes Gelock; so still und ernst und groß ihre Blicke, und doch so kindlichhold erblühend der kleine Rosenmund! Wenn sie lacht, möchte man sprechen: »Zierliches Kindchen!« Wenn sie ernst fleht, möchte man sprechen: »Königlicher Stern!« Aber Gunlaugur rief mit Schmerzenslaut 103 dazwischen: »Wehe, was schneidest Du eben jetzt mit diesen Preisesworten so scharf mir in das blutende Herz herein!« Hallfredur, ohne sich stören zu lassen, sprach fürder, wie ein reiner, starker Strom sich ergeht, achtlos des Klagens oder Jubelns an seinen Ufern: »Ja, wäre des königlichen Sternes Hauptgelock nächtig dunkel, statt sonnig hell, da möchte man meinen, aus dem blühenden Süden sey eine wunderbare Erscheinung –« »Wehe!« rief nun plötzlich er selbst, mit Schmerzenslaut sich unterbrechend. »Wehe! Was ruf' ich die südlichen Flammen auf's neue in mein ach! schon ohnehin so schmerzlich glimmendes Herz herauf! O die Provence und ihre Erscheinung!« Er verstummte. Gunlaugur stimmte mit trauernden und zugleich seltsam zornigen Tönen folgendes Lied an: »Sassest gegenüber,     Holde Feindinn, mir,     Beym Schachtafelspiel?     Ach wie meine Feindinn,     Reich an aller Zier,     Mir so hold gefiel!     Und doch ward es trüber! 104 Wirst jetzt nie wohl Freundinn,     Holde Feindinn, mir?     Trübes Lebensspiel     Süße Hoffnungsbilder     Schwanden dir und mir,     Nur am Lebensziel,     Ach, sey nicht mehr Feindinn! Stürm' nur, Weltfluth, wilder     Zwischen ihr und mir,     Der ich einst gefiel!     Alles ist verfallen!     Nun heißt's nicht mehr: wir!     Dich und mich vom Ziel     Drängen Wolkenschilder!« »Ich dachte, Ihr könntet die Wolken beschwören?« fragte Hallfredur düster. »Aber seht nicht so ärgerlich drein. Ihr müßtet mich für einen schlechten Skalden ansehen, wenn Ihr wähntet, ich wisse das Kunstreiche in Euerm Verzweiflungsgesange nicht zu bewundern. Er war schön abgefaßt, und nach aller Ordnung des Einmahl erwählten Maßes.« »Willst Du mich toll machen, Mensch, mit Deinem unsinnig höhnenden Lobe?« rief Gunlaugur aus. 105 »Keinesweges!« erwiederte der wirre Skalde. »Mag zwar ich selbst unter die Banner des Wahnwitzes gerathen seyn, wie denn allerdings viele Menschen es von mir behaupten, so folgt daraus doch keinesweges noch, daß ich als Werber für meinen scheuslichen Kriegsherren durch die Welt zöge. Und wahrhaftig – am wenigsten Dich jungen, kraftbegabten Gunlaugur möcht' ich zu solch einer nebelgrauen Spinnenfahne werben. Besinn' Dich nur! In meinem Lobe war für dasmahl nicht Unsinnigkeit, nicht Hohn. Was, junger Mensch, Du rühmest Dich der Sangesgabe, und rühmest Dich ihrer sogar mit edlem Recht, und dennoch weißt Du noch nichts von der Wohlthat jenes an goldnen Zügeln uns regierenden Maßes der Worte und Töne? Einen Weheschrey des Schmerzes, den hat die räthselhafte Waltung sogar vielen sonst unbegabten Thieren verstattet, und allen Menschen auch. Aber das ist noch kein eigentlicher Klang, und dringt auch nur um Hülfe oder Erbarmung an andre Geschöpfe. Wird er da nicht vernommen, oder findet wohl gar eine schlimme Stätte, so prallt er zerreissend und zerfleischend in die beängstete Brust zurück, die ihn ausstieß, einem Pfeile vergleichbar, von undurchdringlichem Erze 106 rückgeschleudert zu des Schützen eigenem Verderben. Wo wir uns aber fügen in Maß und Sangesweise, oder vielmehr, wo wir uns drin fügen können; – denn ich denke immer: wenn ihnen Allen die Wahl frey stände, thäten sie es auch Alle von Herzen gern – ja, wo wir das können , und keine absichtlich ungezogenen Kinder sind, keine Solche, die da mit wüster Geberde und tollem Geschrey von sich stossen und verschmähen, was ihnen die ewige Älternliebe zum süßen Linderungsmittel einzuflössen gedachte; o mein Gunlaugur, da werden uns Reim und Maß und Klang zu goldenen Laufbändern, zu goldenen Königsbinden sogar, die uns schmücken und im Gleichgewicht halten, und uns mahnen an ein himmlisches Herrscherrecht; an ein unverlierbares! Ach, ich Ungezogner hab' es dennoch großentheils verloren, durch eigne Empörerschuld! Begehrte ich doch durchaus nur das Eine, Eine mir, ach auf immer in den höheren Rathschlüssen versagete Gut! Laß uns singen, mein Gunlaugur, auf daß ich den bösen Geist von mir banne, der wiederum aufsteigen will. Ist mir doch manch Tröpflein von der herrlichen Gabe, der süß bindenden und 107 zähmenden, aus zärtlichem Mitleiden unsichtbarer Gewalten noch zurückgeblieben.« Und es erhub sich zwischen Beyden folgender Wechselgesang: Hallfredur .         »Sie nennen mich den wirren Sänger!     Sie haben Recht, und Unrecht auch.     Ach wirds nun Einem bang und bänger     In Lebens hergebrachtem Brauch,     Und schwindelts ihn, weil sich der Reihen     Ihm unbegreiflich toll verschlingt,     Da müßt er ja am Ende schreyen.     Nun thut er besser doch, er singt!« Gunlaugur . »Zum Liede treibt's und zu den Waffen.     Die Heldenbrust will weitern Raum,     Als ihr des Lebens Marken schaffen.     Soll sie versprüh'n im blut'gem Schaum?     Sie trotzt der dunkeln Schicksalswage,     Sie ringet kühn durch Nacht und Licht.     Eh' ihre Kraft sich selbst zernage,     Ists besser, daß ein Kampf sie bricht!« 108 Beyde . »Wir sind Allzwey wohl nicht hienieden     Auf unsern besten Platz gestellt.     Doch haucht uns Etwas an, wie Frieden,     Aus ferner, wundersamer Welt.     Ob man einander nicht verstehe     In trüber Wandrung wirrem Streit,     Einst blüht doch aus dem Räthselwehe     Das Lösungswort der Herrlichkeit!« 109     Vierzehntes Kapitel. Die Wolken und Stürme jedoch wollten sich nicht fortdauernd von dem Gunlaugur befehligen lassen. So ward das Schiff denn eine ganze Zeitlang auf dem Meere umgetrieben, und als man endlich in einer Islandsbucht vor Anker ging, erkannte Gunlaugur alsbald, er müsse noch tagereisenweit von seines Vaters Wohnung zu Gilsbacka sowohl, als von Thorsteins schönem Hofhalte, Borg geheißen, entfernt seyn. Und Winters Anfang war so nahe vor der Thür, und zugleich auch Helga's Vermählungstag mit Rafn dem Skalden! Das gab denn freylich ein trübes Wiedersehen der Heimath-Insel. Zudem auch sahe die alte Mutter Island den rückkehrenden Sohn an diesem entlegnen und ihm wenig bekannten Landungsplatze so gar fremd 110 aus hohen Bergeswarten an; Höhlen, wie erstorbene Augen darin, frühe Schneelagen wie zerrißne Schleyer auf einzelne Stellen der Berge verstreut. Der wirre Skalde schüttelte während des Ausschiffens mehrmahl trübe sein Haupt, und Gunlaugur konnte in tiefer Schwermuth kein Wort hervorbringen. Ihm ward beynahe zu Muth, als ob er sich selbst zu Grabe begleite, und sich so nach und nach in den Hügel hinuntersenken sehe, und hohe Bautasteine drüber thürmen, zum düstern Andenken aus den Nebeln der zur Vergangenheit eindunkelnden Gegenwart für künftig heller lachende Zeiten. Hallfredur sang dazu: »Es gibt manch schwer Getriebe Für dieses Erdenspiel! Jetzt führt uns glüh'nde Liebe Und Wahnwitz an das Ziel. O, allzuschwer Getriebe! O, viel zu ernstes Ziel!« »Singe doch nicht so wunderlich!« hätte Gunlaugur wohl fast bittweise zu seinem trüben Geleitsmann gesprochen. Aber da erschien plötzlich auf einem nahen Hügel ein riesig hoher und 111 starker Jüngling, schlug kraftvoll in die Hände, daß es weit durch Land und Meer hindröhnte, und sang mächtig dazu, fast wie der zornige Ruf eines Adlers durch wüste Gebirge dringt: »Welcher der Wand'rer, Wogendes Meer hindurch, Kühn seinen Schiffkiel Klemmt in die Klippen hier, Wage den Wettkampf auch Mit mir Gewaltigem! Bangend bekenn' er sonst, Daß er besiegt sey!« Da ward dem Gunlaugur wieder ganz frisch und fröhlich zu Sinn, und er sang dem Ausfordrer mit lauter Stimme entgegen: »Wagstück, willkommen Wogendem Wandrer! Steig an den Strand herab, Stolzer Ausfordrer Du! Trüb sah der Tag mich an; Traut nun grüßt Abend mich. Dank hab! Den drück ich dir Dicht auf das Herz bald!« Jener trotzige Jüngling kam mit hirschesschnellen Sprüngen freudiglich von den Bergen 112 herniedergelaufen, und bey näherem Gespräch ergab es sich, daß er Thordur hieß, Sohn eines Wehrfesters in dieser Gegend. Dieweil nun sein Vater ihn nicht in's Ausland auf Abentheuer ziehen lassen wollte, hielt er es für billig, einigen Ersatz an den hier Landenden zu suchen, indem er sie zwar nicht zum Kampf mit tödtlichen Waffen, aber doch zum kraftvollen, selten ohne schwere Verletzung abgehendem Ringerspiel aufrief. Und bis jetzt hatte er noch von Jeglichem, der ihn zu bestehen wagte, den Sieg gewonnen. Gunlaugur nannte ihm seinen Nahmen, und wollte sodann nach seiner gewohnten Weise gleich frisch an's Werk. Aber da meinte Thordur, der Abend dunkle schon zu tief; man wolle lieber einander morgen in den frischen und klaren Lichtern des aufsteigenden Tages erfassen. Und Gunlaugur war auch das zufrieden, während es sich Thordur gern gefallen ließ, Nachtkost und Strandlager der Gelandeten zu theilen. Man hatte fröhlich einige Becher mitsammen geleert, und sich zum Schlummer auf das Moos niedergestreckt, Thordur zunächst seinem morgenden Gegenkämpfer. Gunlaugur aber schlief unruhig. Auf Island, und doch von Schön-Helga noch so fern! Das war es, was seine 113 tiefbewegte Seele nicht zur Ruhe kommen ließ, und ihm wunderliche Traumbilder vorgaukelte, deren Keines sich von ihm festhalten und deutlich betrachten lassen wollte. Sie flogen dahin, wie Abendwolken im herbstlichen Gestürm, von immerfort andeutender, nimmer zu errathender Gestalt. Da rollte plötzlich ein Getos, wie ein ferner Donner dazwischen, daß Gunlaugur davor erwachend in die Höhe fuhr. Und wie ihn denn stets in dieser Zeit der Gedanke an den ganz nahen, für ihn so ernst entscheidenden Winters Anfang erfüllte, sprach er laut: »Was war das? So sehr spät schon in's Jahr hinein, und dennoch steigt ein Gewitter auf?« Er blieb ohne Antwort. Hallfredur und die übrigen Schiffsgenossen schliefen fest, und Thordur war ihm von der Seite verschwunden. »Das wäre ja abscheulich,« dachte Gunlaugur, »wenn der erste Landsmann, mir auf Island wiederbegegnend, sich als ein furchtsamer Prahler bewiese, vor dem begehrten Ringerkampf sich unter nächtige Schatten verkriechend!« Doch schalt er alsbald sich selbst über einen so unwürdigen Gedanken, und schob die Schuld davon nur auf sein wirres Geträum, indem er sich die kraftvoll 114 kühne Erscheinung Thordurs und dessen wildes aber nicht unedles Benehmen zurückrief. Was aber konnte den wackern Jüngling so lautlos ihm von der Seite fortgeführt haben? Da vernahm er abermahl jenes donnerähnliche Geroll, und bemerkte nun deutlich, wie es aus einem nahen, dicht mit dunkeln Fichten und Tannen bewachsenem Klippenthale heraufdrang. Er gürtete sein gutes Schwert fester um sich, und ging schweigend dorthin. Aus dem Thale scholl noch immerfort ein dumpfer Klang wie Donner empor. Aber jetzt merkte Gunlaugur in seinen erwachten Sinnen deutlich, es war nicht der himmelshohe und auch nicht der abgrundstiefe Gruß wunderlicher Naturgewalten. Es war das Geroll einer wohl sehr riesigen Trommel oder Pauke, von Menschenhand geschlagen. In kecker Neubegier trat er auf den buschigen Rand des kleinen Thales vor, und sah in die Tiefe hinab. Drunten knieete Thordur, sein Wettkämpfer auf morgen, vor einem kleinen, vom Winde halbverweheten Feuerlein, und sahe mit über die Brust gekreuzten Händen, zugleich viele unverständliche Worte murmelnd, nach einem schier 115 entsetzlich grossen Manne empor, der vor ihm stand. »Ich hätte in meinem Leben nicht gemeint, daß es noch heut zu Tage so überaus riesenhohe Leute gäbe!« dachte Gunlaugur bey sich. Aber da wehete ein aufsteigender Lufthauch das Feuerlein rasch hin und wieder, und vor dessen flackernden Lichtern sahe Gunlaugur deutlich, das, welches er für einen lebenden Riesen gehalten hatte, war nur ein uralt bemoosetes Götzenbild, in Stein unförmlich und abscheulich ausgehauen; und dennoch neigte sich Thordur jetzt mit häßlich demüthigen Beugungen davor unaufhörlich hin und her. Und dazu tönte nun der Flehende etwas wie Lied oder Zauberspruch zwischen seinen zitternden Lippen; ja, es kam dem Gunlaugur endlich sogar vor, als höre er seinen eignen Nahmen vernehmlich zwischen dem Geflüster nennen. Da ward ihm, halb vor Entsetzen, und halb vor Zorn, diese Nachtwirthschaft unerträglich, und er rief mit männlich scheltender Stimme den Hügelhang hinunter: »Du! Das ist keine schöne Vorbereitung zum Wettkampf!« Thordur sprang verwildert in die Höhe, 116 indem er ausrief: »Gestört! Gehemmt! O Du Überlästiger, nun kann ich den ganzen Bittgang noch Einmahl beginnen, und wahrhaftig, das ist nicht eben leichtes Werk.« »So laß davon!« entgegnete Gunlaugur. »Das wird ohnehin besser für Dich seyn.« »Ja, besser für Dich!« sagte höhnend der Andere. Doch setzte er, sich besinnend, ernst hinzu: »Was schiltst Du mir meinen Bittgang und willst mir ihn hindern, Mensch? Da ist nichts Arges drin, den alten Asahelden Thor um seinen Beystand anzurufen, wenn Einem der Wettkampf bevorsteht, mit solchem Helden, wie Du. Jedoch hindert Dich Niemand, das Spiel nach Kräften wieder gleich zu machen. Thu mir nach, was Du mich thun siehst, und vielleicht daß Asathor alsdann Dir neuem Knecht so huldvoll lächelt, als mir, der ihm schon seit Jahren vor jedem ernsteren Wetteringen dieses Werk dargebracht hat.« Und damit hub er an, ein mächtiges Erzbecken, neben dem Steinbilde aufgestellt, gewaltigen Schwunges mit seinem Streithammer zu treffen, und dazu im gräßlichen Tanz umherzuschreiten; langsam feyerlich erst, dann immer wilder und wilder, nach jedem Schlage, mit 117 welchem er dem ehernen Kessel das Donnergebrüll entrang, bis er endlich in schwindlicher Eil umherrannte, und den Wiederhall die schmetternden Töne zu einem endlos fortgesetzten Rollen ineinander riß. Gunlaugur rief mit aller Kraft seiner mächtigen Stimme durchhin: »Thordur, was thust Du! Thordur, halt inne! Das ist fürwahr nicht Asathor, der liebe, starke Sagenheld, von dem sie so manche kräftig fröhliche That erzählen! Verhext hat hier der Heidenzauber ihn in ein gräßliches Bild, und zum Knechte gibst Du Dich einem unedlen Geiste dahin. Thordur, besinne Dich, und steh! Thordur, ein neues, schöneres Licht dämmert ja schon seit Jahren über unsere Nordlande herauf! O laß ab von dem wüsten Hexentanze, der Dich abscheulich verzerrt. Thordur, was thust Du? Ach Thordur, halt inne!« Aber sey es, daß die mächtige Stimme doch nicht durch den Donnerschall des Erzes in das Thal hinabzudringen vermochte, sey es, daß den heidnischen Bittgänger ein wahnsinnig betäubender Schwindel erfaßt hatte, schneller nur und immer schneller kreisete Thordur seine tolle Bahn. Da, von Grausen ergriffen, wandte sich 118 endlich Gunlaugur ab, ging wieder nach dem Strand hinunter, und streckte sich dort zum Schlafen nieder. Und ungeachtet des fernen Donnergetöses kam ein süßer, kräftiger Schlummer über ihn, und ihm war, als leuchteten noch durch seine geschloßnen Wimpern die lieblichen Gestirne der Nacht, und führten im holden Getöne, im stark und mild das Donnergetos überhallendem Getöne wunderbar herrliche Reigen vor seiner sanfthindämmernden Seele auf. 119     Fünfzehntes Kapitel. Der Morgen stieg empor. Lichte Funken warf er in Gunlaugurs Augen, wie in seine Seele, und der Jüngling sprang fröhlich in die Höhe, sich zum Kampfe rüstend, und keck nach seinem Ausfordrer umschauend. Der kam düster aus jener nächtigen Bergschlucht emporgewandelt, langsam, zornige Blicke rechts und links hinversendend, daß Manche der Zuschauer sehr scheu davor zurückwichen. Es hatte sich nähmlich eine ganze Menge von Leuten aus der Umgegend eingefunden, von dem Gerücht herbeygerufen, der sieghafte Ringer Thordur werde mit dem heimgekehrten Gunlaugur Drachenzunge, dem weitberühmten Helden, einen Wettkampf halten. Gunlaugur sahe seinen Gegner nicht mit der Freudigkeit herannahen, die ihn wohl sonst vor 120 beginnenden Kämpfen als ein fröhliches Feuer zu durchglühen pflegte. Die Erinnerung an Thordurs nächtlichen Götzen- oder Gespensterdienst erweckte ihm eine edle Scheue, sich mit dem düstern Wunderling so Arm in Arm und Auge dicht vor Auge zu messen. Hätte es einen Kampf mit Schwertern gegolten, oder lieber noch mit ferntreffenden Speeren! Aber es half nun einmahl nichts. Der Gegner hatte den Kampf erbothen, und auf seine vorgeschlagne Weise mußte ihm willfahret seyn. Zwängtet Ihr schon je ein edles Roß einem unedlen Thier entgegen, vor welchem die schönere Natur des Gaules im zürnenden Abscheu erbebte? Dann werdet Ihr wissen, was Gunlaugur in diesen Augenblicken für einen Vorkampf zu bestehen hatte, und wie das ihm schwerer fiel, als manch ernsterer Augenblick seines gesammten, an Kämpfen eben nicht armen Lebens. Er biß die Lippen kräftig zusammen, legte die schönen Waffen ab, und sprach, sich in Ringerstellung auslegend, zu dem verabscheueten Gegner: »Du hast mein begehret. Hier bin ich. Wohlan!« Die beyden Jünglinge rangen eine Zeitlang gewaltsam miteinander hin und her. Jeglicher 121 – das sahe man wohl – setzte seine allerbeste Kraft daran. Vorzüglich war Gunlaugur anzusehen, wie ein eilfertig kräftiger Wandrer, dem etwan ein unversehens in den Weg gerollter Baumstamm oder Klippenstein die Bahn sperre, und der nun Alles daran setze, die Hemmung rasch aus dem Wege zu werfen. Es gelang ihm. Thordur stürzte besiegt zu Boden. Aber über ihn hin stürzte auch der Sieger Gunlaugur, und wieder emporgerichtet stand er mit ausgerenktem Knöchel da, einem Zugvogel vergleichbar, der sein aufgehobnes Bein ruhen läßt, ermüdet auf der Fahrt zu den schönen Goldfruchtbäumen des lockenden Südlandes. Ein Jubelruf des Schiffsvolkes erscholl über den Sieg ihres Genossen, und auch die Mehrsten der Inselzuschauer jubelten mit. Denn der Besiegte hatte sich mannigfach durch frechen Übermuth verhaßt gemacht, und indem der Sieger gleichfalls ein Isländer war, verlor ja auch der sehr hochgehaltne Ruhm des Eilandes nichts bey diesem Ausgange des Kampfes. Thordur, sich mühsam vom Boden erhebend, sahe verdrießlich auf seinen Bezwinger. Doch wie er diesen so verletzt erblickte, sprach er ihn mit höhnischem Lachen an: »Siehe Du zu, daß 122 eine andere Angelegenheit nicht schmerzhafter noch für Dich ablaufe, als diese!« »Welche meinst Du?« fragte Gunlaugur. »Ey nun,« entgegnete Thordur, »Dein Ringen gegen Rafn, den Oenundursohn, wenn er Schön-Helga nun am ersten Wintertage zu seinem Ehelieb gewinnt. Ich hörte wohl im Sommer auf der Dingstätte Wahlfeld, wie das besprochen ward. Und der erste Wintertag schauet Dir nahe, ganz nahe schon über die Schulter herein, und Thorsteins Herd zu Borga ist fern von hier, und sehr verrenkt und gelähmet ist Dir, o Gunlaugur, der Fuß, auf welchem Du wandern sollst.« Stumm blieb Gunlaugur, die Flamme des zornigen Schmerzes in seinem Antlitz. Mit gewaltiger Anstrengung renkte er sich alsbald den Fuß wieder ein, umwand ihn dicht mit Binden, und schritt, so gut es gehen wollte, mit Hallfredur nach der ersehnten Richtung von hinnen, zwölf ihrer Schiffsgenossen ihnen nach. 123     Sechzehntes Kapitel. Das ward eine trübe Reise. Denn ob auch Gunlaugur bisweilen ein Roß bestieg, wie die Leute aus den Gehöften es gern dem berühmten und geliebten Jüngling darbothen; die Schmerzen des verletzten Fußes mehrten sich nur, wenn der so von dem Rossesrücken herniederhing, und das Blut da hineinschoß; wie denn schon mancher kühne, von Unfällen betroffne Reiter Ähnliches erfahren hat. Dann sprang der Gunlaugur wieder vom Gaul, sich den Fuß auf der Wanderung festzutreten. Doch eine ohnmachtähnliche Schwäche wandelte ihn dabey an, und er sprach am vierten oder fünften Tage der Fahrt zu Hallfredur: »Ich war doch ein überaus hochmüthiger Thor, als ich beym ersten Zusammentreffen mit dem 124 edlen Eirekur Jarl, damahls just durch einen Ankerstoß mich wund fühlend, sagte, nie würd' ich hinken, derweil mir Ein Bein so lang blieb als das andere. Nun sind sie mir Beyde gleichlang, und nun hink' ich dennoch, und vermag nicht recht zu reiten, und vermag nicht recht zu gehen. Und fürwahr, ich meine, wenn ich mich auf einen Wagen heben ließe, gleich dem sehnsuchtkranken Halbgott Baldur aus unserer alten Sagenwelt, das Haupt würde mir dennoch schwindeln, und die Seele mir taumeln vor wunderlichen Schmerzen. Ach, Hallfredur, ist das die Heldenstärke, auf die wir uns oftmahlen so sehr viel einbilden?« Der wirre Skalde sang: »Wir sind so weise, Wir sind so witzig; Wir wähnen, zu spähen Was spenden die Nornen! Und schmerzet ein Zahn uns, Und schüttelt ein Fieber uns, Nur wenig wissen von Nornen wir! Nur kaum von uns selber mehr!« »Das soll dennoch nicht wahr bleiben an mir!« sagte Gunlaugur trotzig, und riß sich, schon halb zusammensinkend, empor, und zwang 125 sich vorwärts. Dergestalt reiseten sie mitsammen noch ein paar Nächte und Tage fürder. Als die siebente Nacht hereinbrach, sagte Gunlaugur: »Bilde Dir nicht ein, Hallfredur, mein treuer Gefährt, es seye Schwäche, die mich etwa jetzt so viel langsamer gehen ließe, als vorhin. Es ist etwas Schöneres; es ist etwas Schmerzlicheres. Siehe, dort aus dem Gebüsche steiget der stille Giebel von Gilsbacka, meines Vaters Gehöft, empor. Wie mich da so wunderliche Erinnerungen anwehen, von Liebe und Streit, und Zank und Versöhnung, von Kinderspiel und Jünglingslust –« Er verstummte, und schritt eiliger fürder. »Wie denn?« sagte Hallfredur. »Und doch wendest Du Deinen Gang seitwärts ab von der geliebten Heimath, als wolltest Du fliehen vor ihr!« »Hast Du vergessen, Du edler, wirrer Skalde, wo ich hin muß?« entgegnete Gunlaugur. »Ach, dorthin ja, wo es mich hinruft mit gewaltigerer Sehnsucht, als Heimath, Herd, und Vater und Vaterland, ja wohl selbst, als der Ruhm zu entzünden vermag in einer muthigen Brust! Und doch, mir kommt hier Alles so anlockend vor; mir wird fast wie sonst, wenn als Knabe 126 mich meine wilde Laune erfaßte, und die freundlichen Geschwister zu mir sprachen: »Was treibt dich denn von uns, Gunlaugur? Wir sind ja so vergnügt. So spiele doch mit, und sey auch vergnügt.« Trüb dann und stumm rannte ich von hinnen, ohne selbst zu wissen, was mir fehle. Sie mochten mich dann wohl für einen recht trotzigen Burschen halten. Ach und in meinem Innern quoll ja doch eine ganze Fluth von Thränen, und wenn ich recht einsam war, weinte ich sie auch wohl hin und wieder einmahl reichlich aus. Waren das Ahnungsthränen? Ich weiß nicht. Es ist sehr, sehr lange her, seit ich das Letztemahl geweint habe. Weg damit! Laß uns lieber zuhören, wie dorten der wackere Bauer, von seinem Acker heimkehrend, ein so überaus fröhliches Lied anstimmt. Es ist doch ein gar sangbegabtes Land, unser liebes altes Island. Horch!« Und der Bauersmann sang folgende Worte in die frische Abendluft hinein: »Ein Gast hat Abschied genommen, An Gaben reich und mannigfalt. Ein Andrer ist wieder gekommen, Der ist ein wenig karg und kalt. 127 Doch müssen auch solche Gäste seyn, Und gastlicher Wirth spricht niemahls: Nein, Wann Einer anklopft, »laß mich ein!« Hei Winter! Winters Anfang, Auch du sollst schön willkommen seyn! Heut kamst du uns herein!« »Winter! Winters Anfang heut!« schrie Gunlaugur, und strengte sich zum gewaltigsten Lauf an. Aber die furchtbar überreizte Natur versagte endlich auch diesem Starken ihren Beystand. Taumelnd stürzte er zu Boden, und Hallfredur und die übrigen Genossen trugen den Ohnmächtigen nach Gilsbacka zu seinem Vater hinein. 128     Siebenzehntes Kapitel. Illugi der Schwarze, den ein Vorauseilender von der Heimkehr und dem Unfalle seines Sohnes benachrichtigt hatte, freute sich über jene, und in seinem kecken Muth erschrack er eben nicht über diesen. »Der Gunlaugur wird sich schon wieder besinnen!« sprach er zu der zagenden Gattinn. »Der vergeht nicht so leicht.« Und somit veranstaltete er ein fröhliches Mahl. Wirklich hatte sich Gunlaugur auch bald wieder erhohlt, Vater und Mutter begrüßend, und saß jetzt mit in der Halle bey den Bechern. Doch blieb er sehr still und nachdenklich, und unversehens stand er auf, und ging, sich an einen Speerschaft stützend, schweigend nach der Thür. Da begann zwischen seinem Vater und ihm folgendes Gespräch: 129 »Wo willst Du hin mein Sohn Gunlaugur?« »Nach Borgarfiörde will ich.« »Und was suchest Du dort?« »Fragt Ihr noch erst, Vater? Den Thorstein such' ich dort an seinem Herde, und will mir meine Verlobte von ihm fodern.« »Mein Sohn, Du bist um viele Monde zu lange ausgeblieben. Ich selbst habe den Thorstein seines Dir gegebenen Wortes los und ledig erklären müssen, denn es war recht so. Und heute ist Winters Anfang. So lange hat der edle Thorstein gewartet. Doch heute nun wird Schön-Helga's und Rafn des Skalden Hochzeitfeyer in der Wehrfeste Borg auf Borgarfiörde gehalten. Möchtest Du gern dabey seyn?« »Ja Vater, ich will. Denn ich muß.« »Und was denkst Du dorten anzufangen?« »Ich will in Schön-Helga's weinende Augen sehen. Denn gewißlich, ihre blauen Himmelsaugen stehen heute Abend voll Thau. Daraus werd' ich dann lesen, was ich zu thun oder zu lassen habe. Mag seyn, daß ich das ungültige Hochzeitfest im rasenden Jubel zersprenge; ich spüre so etwas in mir! Mag seyn aber auch, daß ich voll süßen Schmerzes wieder friedlich heimwärts ziehe; auch dergleichen spür' ich in mir. 130 »O laßt!« fügte er im sanftesten, ja im bittenden, an ihm ganz ungewöhnlichen Tone hinzu. »O wolle doch Niemand mich hemmen. Den blauen, thauperlenden Himmeln – bitt' Euch – überlasset mein und Euer und aller Andern Heil.« Es war etwas in dieser milden Gewalt, welchem Niemand zu widerstehen vermochte. Sie hätten ihn ziehen lassen, und Hallfredur begann schon, wehmüthig kühne Klänge auf der Harfe zu wecken, um den wundersamen Zug des unbeglückten Freundes zu sänftigen und zu segnen. Aber da hemmte eine trübe Macht den Weg Gunlaugurs; vielleicht damit nicht am Ziele noch weit Trüberes erwache. Der Wundenwahnsinn überwältigte fiebernd plötzlich den bisher allen Schmerzen an Seel' und Leib so ungeheuer trotzenden Jüngling. Zur Festestafel sich wieder hinsetzend, sagte der arme Verstörte: »Nicht so fern ist es von hier nach Borgarfiörde, als man es denken sollte. Guten Abend, Meister Thorstein! Da bin ich ja schon. Wie ein Wolkenriese durch die nächtigen Himmelsräume schreitet, bin ich herübergeschritten zu Euch. O glaubt mir, hätt' ich auch an Norwegsküste 131 gestanden, oder am Thamesstrand, oder auf den Orkney-Inseln, Ein Wort wie das: »Heut ist Winters Anfang da, Heute spricht Schön-Helga Ja! Spricht nicht, »Ja!« zum Gunlaugur, Sieh, der Gunlaugur wär' nah! Sieh, der Gunlaugur ist da!« Er schaute ingrimmig um sich her. Alle, selbst seinen Vater, überkam der Graus des Wunden- und Herzensfiebers in des Jünglings Blicken. Selbst der wirre Skalde fühlte seinen eignen Wahnsinn vor dem stärkern des unglücklichen Gunlaugur weichen, und mußte im tiefsten Innern vor Jenem wie ein gänzlich Besiegter erbeben. Gunlaugur aber lächelte plötzlich sehr mild, und flüsterte, nach einer leeren Stelle des Hochsitzes hinaufschauend: »O still! O sacht! O Alles still, wie die heilige Mondnacht auf Meeresfluth! Schön-Helga hat geweint. – Nein, weinen müsset Ihr nicht, Ihr blauen Himmel. Dann stumpfen sich die schönen, hellen Klingenschneiden, und überziehn sich wie mit Nebelschleyern. O weinen nicht, Ihr blauen, sanften Himmel! Ach, und Ihr habt wohl schon sehr viel geweint? Denn 132 ein morgenröthlicher Dämmerschein webt sich um Eure Lilienränder und schattigen Wimpern her. Wie? Kann es ein liebender Mann denn auch ertragen, daß weine – ja daß Spuren schon vielgeweinter Thränen im Engelsauge trage sein geliebtes Bild? O Helga, aber da lässest du die Schleyer vor dein Auge herunterwallen, du Schweigende! Und nicht ich, und Niemand schauet dein süßes Angesicht mehr. Ja, nun ist es aus mit dem Leben!« Und er sank in volle Ohnmacht zurück, und Vater und Freunde brachten ihn seufzend zur Ruhe, und es war ihnen fast, als feyerten sie sein Begräbniß. Hallfredur sang in gedämpfte Saiten: »Wende sich zur Schlafesnacht, Wer zu bang im Leben wacht. Gelt es Schlummer, Ohnmacht, Tod, Schlaf ist süß vor Morgenroth.« 133     Achtzehntes Kapitel. Es war an Thorsteins Herde bey Schön-Helga's Hochzeitfeyer wirklich ungefähr so zugegangen, wie Gunlaugur es in seinen kranken Traumgesichten erschauet hatte. Stumm und trüb, mit verweinten Augen, saß die holde Gestalt auf dem Hochsitze, und öfters, wenn neue Thränen ihr unaufhaltsam aus dem Herzen empordrangen, ließ sie die Schleyer vor das liebliche Antlitz herniederwallen. Manch Einer der Gäste mußte bey ihrem Anblicke des Spruches gedenken: » Frühe Liebe rostet nicht. « Rafn, in all seinem Glücke sich unbeschreiblich elend fühlend, saß gesenkten Antlitzes schweigend neben seiner Braut. Auch Thorstein und die Brautmutter 134 Jofridur waren nachdenklich still. Als einmahl mit hereinbrechender Nacht Adler lauten Rufes über das Gehöft hinzogen, fuhren Beyde erschrocken auf, sahen einander kopfschüttelnd an, und blieben nur noch stummer seitdem. Das Fest ging trüb und früh zu Ende. Tages darauf führte Rafn seine junge Frau nach seiner Heimath, Mosfelli, heim, und wohnte dort ein paar Tage sehr einsam und stille mit der trauernden Neuvermählten. Eines Morgens in der ersten Dämmerfrühe hatte sich Schön-Helga wachend und weinend auf ihrem Lager emporgerichtet, wie sie das in dieser Schmerzenszeit auch wohl ganze Nächte hindurch so zu halten pflegte. Da sahe sie, wie der schlummernde Rafn sich in ängstlich schreckendem Geträume zu regen anhub, und endlich mit einem Ruf des Entsetzens emporfuhr, nach Schwert und Mantel greifend. Erst dann schien er sich deutlich zu versinnen, und so, wie zur Reisefahrt, in den Mantel gewickelt und auf das gezückte Schwert gelehnt, stand er gespenstisch bleich vor Helga, und sprach in Liedesgetön folgende Worte: 135 Er soll von hinnen, Er soll mir von hinnen durchaus, Der lügende, gauckelnde, gräßliche Traum! Hinaus mit ihm! Tönender Skaldengabe mir stolz bewußt, Scheuch ich im Sang sie fort, die Gespenster der Nacht! Siehe, da schlüpfet er scheu hinaus Durch das kleinste der Fenster! Aber mein Skalden-Auge, Gefeiet vom Reigen der Elfen, Es erspähet ihn doch. Häßlicher, kleiner, bärengestalteter, Röchelnder Alp, Hu, wie du aussiehst! Ich höhne dich, Gräßlicher! Will dir das Wiederkommen verleiden Mit lautschallendem Spottgelächter; Nun ist er fort. Und, Helga, nun laß dir verkünden, Was er mir brachte, Der Häßliche, lügende, gräßliche Alp. Siehe, der May war gekommen, Und deine süße Liebe, Sie war mir erwacht mit dem May. Ein Blumenbett hatt' ich bereitet dir, Draußen unter den Buchen des Hains, 136 Und – schönere Blume – Saßest du auf den Blumen hold, Zu deinen Füßen ich gelagert, Mein selig träumendes Haupt dir in deinen Schooß gelehnt.« Da tönte Helga ihm mit leiser, schauerlich flüsternder Stimme die Anfangsworte seines Liedes nach: »Er soll von hinnen, Er soll mir von hinnen durchaus, Der lügende, gauckelnde, gräßliche Traum!« Rafn jedoch, jetzt milderen Erscheinungen hingegeben, hörte nicht darauf, sondern blieb eine Weile still mit sanftverzücktem Lächeln, sich selber ähnlich in schöneren Tagen. Dann aber fuhr er erschreckt zusammen, und rief im Gesange: »Wehe! Da kommt der Drache! Grausen! Da bricht er aus Blumen Zornig ringelnd empor! Und er traf mich mit tödtlichem Stoß, Und mein Blut quoll wild, Entsetzlich unhemmbar Aus der Wunde mir! 137 Und deine Hand nicht vermocht es zu stillen, Und alle Becher des Festes Unseres Hochzeitfestes, Wurden gefüllet, Überfüllet mit meinem Blut Und schäumten es auf den Boden hin, Und gierig getrunken hat es Altmutter Erde. O Helga, mich fassen ahnende Schauer, Indem ich die Worte dir künde. Der Traum, der warnende Traum, Er hat wohl dennoch Mir Wahres verkündet, Und vor der Thüre der Zukunft Steht nahe dem Rafn, dem Skalden, Blutiger Tod!« Er konnte ein tiefes Erbeben seiner Glieder nicht ganz zurückdrängen. Helga jedoch blieb, einem Steinbilde vergleichbar, ohne Bewegung auf ihrem Lager sitzen, nur daß sie die Lippen kaum merklich rührte, um diese Worte hervorzubringen: »Den Tod Rafn des Skalden, welchen sie meinen Ehegatten nennen, den werde ich nimmer beweinen. Du und Ihr Alle, Ihr habt mich betrogen. Ich fühl' es durch meine weissagende 138 Seele hinziehen. Gunlaugur ist heimgekehrt nach Island!« Sie schien noch etwas Strenges hinzufügen zu wollen. Aber plötzlich brach sie in sänftige, reichquillende Thränen aus, und weinte noch sehr lange so fort. Ein paar Tage später kam die Kunde nach Mosfelli, Gunlaugur seye wirklich heimkehrend auf der Insel gelandet, und habe just am Tage des Winter-Anfangs die Schwelle seines väterlichen Hauses betreten. Seit dieser Bothschaft hat Schön-Helga vollends den unglücklichen Skalden Rafn keines freundlichen Blickes mehr gewürdigt. Sie begehrte streng nach Borgarfiörde in ihres Vaters Wehrfeste zurück. Rafn willfahrte ihr und geleitete sie dorthin. Aber das half ihm zu nichts. Fremd blieb sie und kalt gegen ihn, wie ein unerfreulicher Traum, und er nannte sie auch wohl öfters seitdem nur: meine Todes-Norne.« Und doch behielt er sie noch immer im tiefsten Herzen auf eine seltsame Weise unaussprechlich lieb, so daß man ihn bisweilen wohl hat vor sich hinsingen hören: 139 »Und hätt' ich all meinen Jammer vorausgesehn, Doch ließ ich, was geschah, auf's neu geschehn. Und hätt' ich, Schön-Helga, dich gleich so zornig erschaut, Als jetzt du mir dräuest, ich grüßte dich dennoch: Braut! Und wüßt' ich: All das wird mir nun ein blutiger Tod, Doch würb' ich wieder um Liebes- und Todesnoth. So ficht es denn aus, mein ritterlicher Geist, Und fahre hin im Sange, wohin dich Schicksal reißt!« 140     Neunzehntes Kapitel. Es blieb seitdem Alles still und friedlich auf Island, bis nach dem winterlichen Juelfest. Bis dahin nehmlich krankte Gunlaugur noch immer an seinem ausgerenkten Fuß, und mehr noch an den wilden Schmerzen seiner fast aus allen Fugen und Banden gekommenen Seele. Zwar hatte er wohl bald eingesehen, er seye damahls nicht wirklich mit zugegen gewesen bey Schön-Helga's Hochzeitfeste, sondern es habe ihm nur davon Wunderliches geträumt. Doch um so trüber ward seine edle und tief liebende Seele. Und dazu war ihm Hallfredur, der wirre Skalde von hinnen gezogen, gleich am Morgen nach jener trüben Heimkehr in Gilsbacka. Hallfredur hatte gesungen: 141 »Hier laß ich einen Kranken In seiner Lieben Rund. Mich treiben die Gedanken, Ach, wie so wirr und bunt! Mich dünkt: mir lebt ein Bruder Noch hier am Islandstrand. Faß er mein Geistesruder Mit hülfreich tapfrer Hand. Kann der vielleicht mich retten, Mich lösen vom Jammerbund? Wohlan! Sonst will ich mich betten, Zu Trümmern auf Meeresgrund!« Und so ging der wirre Skalde von hinnen, und Gunlaugur blieb an seinem Herdeslager mit seinen wechselnden Geistesgebilden nur um destomehr allein. Doch fand er das eigentlich nicht sehr zu bedauern, denn der Mensch und sein Jammer verstehen und vertragen sich meist um so besser, je mehr man sie mitsammen allein läßt. Aber es kam anders. Als kaum das Juelfest vorüber war, trat Illugi der Schwarze vor seinen trauernden Sohn hin, und sagte: »Freund, warum schmückest Du Dich nicht, und sattelst nicht Dein Roß?« 142 »Zu welch einem Ritt soll ich satteln, Vater?« fragte Gunlaugur. »Ey, Sohn,« entgegnete Illugi, »hast Du es denn vergessen? Oder hast Du wieder einmahl nicht hingehört? Die schöne Hungerda, Jofridurs Tochter aus deren erster Ehe, ist dem edlen Swertingur verlobt, und auf Skaney wird ihre Hochzeit gefeyert. Der edelste Wehrfester dorten, der Wallbrand-Sohn, ist ja Hungerda's nächster Anverwandter von Vaterseite, und hat sich's drum bey ihrem Stiefvater Thorstein ausbedungen, daß er das Fest an seinem eignen Herde ausrichten dürfe. Alle edlen Wehrfester der Gegend sind geladen, und natürlicherweise auch wir.« »Ich weiß, Vater. Ich habe gehört, und nichts vergessen;« sprach düster Gunlaugur. »Aber ich will dort nicht hin.« Da rief Illugi mit wehmüthigem Unwillen aus: »Ey lieber Sohn, mein Freund, wahr und wahrhaftig sollst Du mit mir dorthin! Ein Mägdlein ist nicht so ein gar seltnes Ding, daß man sich darob in Sehnsucht verzehren sollte. Faß Dich wie ein Mann zusammen, und laß dergleichen jenes hochmüthige Wesen nicht merken! 143 Dir wird schon irgend ein anderes schönes Weib zu Theil.« Gunlaugur schwieg. Er rüstete sich zur Fahrt, und nahm die edelsten Kostbarkeiten mit sich, die ihm auf seinen Kampfesreisen als Geschenk oder Beute zugefallen waren. Tages darauf zog Illugi mit seinen Söhnen zur Festlichkeit hinaus. 144     Zwanzigstes Kapitel. Auf Skaney, in des Wallbrand-Sohnes schöner Wehrfeste, haben sie mitsammen beym Hochzeitmahle gesessen, obenan, auf einer Seite der Tafel, Illugi und seine Söhne; ihnen gegenüber Thorstein und sein Schwiegersohn Rafn, der Skalde. Die Sitte und die hausväterlichen Verhältnisse auf Island bestimmten Alles sehr genau bey solchen Gelegenheiten, und hatte da der Hochzeitwirth nichts abzuändern Macht. Man kann wohl denken, wie Illugi und seine Söhne von der Einen, und Thorstein und Rafn von der andern Seite sich wechselseitig nicht allzufreundlich ansahen. Das jedoch galt nicht für Gunlaugur mit. Der blickte nur immer, alles Andre auf der Welt vergessend, nach dem Hochsitze empor, wo 145 Schön-Helga neben der Braut zwischen den andern edlen Frauen saß. Immerfort funkelten Gunlaugurs Blicke da hinauf, und bisweilen ward es ihm zu Sinne, als ob Schön-Helga's Augen ihm wehmuthvoll aber unaussprechlich lieblich entgegenfunkelten, so daß er an einen Skaldenspruch denken mußte, der heißt: »Wenn durch Wolken Sonne bricht, Meinst du, Wiese merk' es nicht?« Gunlaugur hatte sich so köstlich geschmückt, daß auch wohl noch andere Frauenblicke, als Schön-Helga's Augen, sich nach dem weitberühmten, obgleich nicht eben schönheitglänzenden Kämpfer hinwenden mochten. In dem köstlichen Scharlachmantel, den ihm vormahlen König Sigtryggur verehrt hatte, war er erschienen, und dabey leuchteten seine Waffen von reicher Pracht, und er selbst erwies sich in seiner tiefen und starken Seelentrauer gar edelstolz und still. Durch keinen wilden Ausbruch verstörte er die Freude des Festes, und sprach kein Wort zu Schön-Helga während all der Feyertage, wie er denn überhaupt nicht mehr dabey sprach, als er mußte. 146 Aber am Morgen, wo die Festgesellschaft auseinander gehen sollte, und die Frauen sich trennten, um Jedwede ihr Gepäck für die Heimfahrt zu ordnen, geschah es, daß Gunlaugur – nicht durch seinen, nicht durch der Geliebten Willen, sondern wie durch ein räthselhaftes Geschick eingefangen – plötzlich an einer entlegnen Stelle des Baues der schönen Gattinn seines Feindes allein gegenüber stand. Da haben sie lange und weichmüthig zueinander gesprochen, alle die Wonnen und alle den Jammer einer auf Erden geschiedenen und für die Ewigkeit unverlierbar fortblühenden Liebe süßschmerzlich empfindend. Endlich, schon dem Scheiden nahe, sang Gunlaugur: »Ach du, des Sängers Freude     Im reinen Liedesgeist,     Was will das Dorngestäude,     Das schmerzlich dich umkreis't?     Könnt es ein Schwert durchhauen,     Da gält' es freud'gen Krieg!     Doch heil'ge Wolken thauen,     Und hemmen Schlacht und Sieg.« 147 Er verstummte einige Augenblicke hindurch, bald nach dem Himmel und bald nach dem Boden schauend. Helga weinte still, und winkte ihm mit der wunderschönen Hand, daß er von hinnen gehen solle. Und er wollte auch gehen, wie sich das auf einen solchen Wink von selbst versteht. Aber da kamen die Gunlaugursknechte mit seinem Gepäck aus der Halle, um die Saumrosse damit für die Heimfahrt zu beladen, und obenauf schimmerte das leuchtende Goldkleid, ihm ehemahl durch den lieben greisen König Ethelred von Britannia verehrt. Das nahm er von dem Gepäck, breitete es zu Schön-Helga's Füßen aus, und sang, nachdem er die Knechte von hinnen gewinkt hatte, selbst vor der Herrinn niederknieend, folgendes Lied: »Ich hatte dich erkoren,     Du wunderholdes Bild!     Ich habe dich verloren     Durch Stürme wirr und wild.     Doch wie auch Stürme walten,     Hüll' du am Herdeslicht     Dich still in diese Falten,     Und – Lieb! vergiß mein nicht!« 148 Sie nahm das Kleid, und warf es mit anmuthiger Gewandtheit über ihre Schultern, so daß es um die schöne Gestalt herfloß, als sey es gar eigen und kunstreich für sie gefertigt. Dann nickte sie noch Einmahl wehmüthig dankend dem Gunlaugur zu, und verließ die Halle. 149     Ein und zwanzigstes Kapitel. Wenn ein Jüngling von seinem liebsten und schönsten Hoffen hienieden auf immer scheidet, und dennoch ein edelstolzes Andenken an die reine Huld der Geliebten mit sich davon tragen mag, ist er zu kühnen Fechtergedanken absonderlich geneigt. Und sogar Männern – vielleicht unter gewissen Umständen sogar auch Greisen – mag Ähnliches begegnen. Was Wunder denn, daß der rasche Jüngling Gunlaugur für dasmahl der emporflammenden Morgensonne mit sehr kühn flammenden Gedanken entgegen ritt. Es wollte sich aber nicht gleich Gelegenheit zu Kampf oder sonst etwas ernst Gewagtem zeigen, und so spornte er nur einstweilen sein brausendes Roß wild über Hecken und Gräben fort, den Seinen weit voraus. 150 Da fügte es sich, daß auch Rafn den Seinen vorausgezogen war, aber zu Fuß; düster träumerisch sinnend über die Erfüllung seiner Wünsche, daraus ihm sein Elend erblüht war. Er stand auf einem dicht von hochdornigen Hecken eingehegtem Ackerstück, und kam sich vor wie ganz allein auf der Welt, oder doch von allen Lebenden still vergessen, wobey er das Unglück herb empfand, nicht auch seinerseits wiederum Alles vergessen zu können. Als er dabey starr auf die hartgefrornen, dicht überreiften Erdfurchen niederblickte, rasete plötzlich Gunlaugurs wildgesporntes Roß mit seinem Reiter im hohen Schwunge über die Hecken herein, und prellte grad auf den Skalden los. Der trat in seiner Überraschung schnell zur Seite. Da zügelte Gunlaugur das schäumende Thier so gewaltsam, daß es bäumend in die Höhe stieg, und sprach zugleich, mit düsterm Hohn auf Rafn herniederschauend: »Du hier, alter Freund? Aber was sprangest Du mir so scheu aus dem Wege? Weißt Du ja doch wohl, daß ich Niemanden überreite, den ich nicht überreiten will. Oder denkst Du vielleicht daran, was Du um mich verdient hättest?« Rafn, aus seinem 151 trüben Nachdenken verstört, erwiederte dumpfsingend: »Speereschwinger du, Speereschwinger ich, Stört's uns aus der Ruh, Daß ein Püppchen blank und säuberlich Mich zum Herrn bekam, nicht dich? Laß uns Beyd' in Ruh! Wohl in Ost und Süden findest du Mehr der Püppchen blank und säuberlich! Nicht darob den Islandsfrieden brich, Speereschwinger du! Speereschwinger ich!« »Darfst Du so reden, Du Überbeglückter!« rief Gunlaugur im wachsenden Zorn aus. »Mag es Dir so erscheinen; mir erscheint es viel anders, und das will ich Dir mit der That kund geben.« Damit sprang er vom Rosse, band es an die Hecken, und beyde Jünglinge bereiteten sich zum Kampfe. Derweile aber hatten sowohl Illugi, als Thorstein, Böses ahnend von dem Verschwinden beyder Nebenbuhler, sich beeilt, ihnen nachzukommen, und trafen auch just noch zu rechter Zeit ein, um das Gefecht zu verhindern. 152 Düster gingen die zwey Feinde für dasmahl auseinander. Aber es war Allen dabey zu Sinne, wie etwa dem Landmann im hohen Sommer, wenn schwer heraufziehende Gewitter sich wieder hinter die Berge senken, ohne daß darum die wetterdrohende Schwüle des Firmamentes nachgelassen hätte. Gunlaugur summte während des Heimrittes folgende Worte vor sich hin: »Kampfesehre, Kampfeshoffen Hielt so fern mich und mein Schwert. Da ist Glück ihm eingetroffen, Ihm, dem Schwätzer hier am Herd! Und nun darf so frech er plaudern! Schmäh'n den Engel, wie er will! Wart' nur! Mag auch Kampf noch zaudern, Bald mach' ich den Schwätzer still!« 153     Zwey und zwanzigstes Kapitel. Den Rest des Winters hindurch aber verhielt sich Gunlaugur ruhig. Ja, selbst im aufwachsenden Frühling hielt er sich so; obgleich sonst mit den aufbrechenden Knospen auch wohl die Schwerter der Helden in ihren Scheiden locker zu werden, und sich kampflustig zu rühren pflegen. Gunlaugur wußte bestimmt, was er thun wolle, und berieth sich deßhalb mit Niemanden. Wenn etwa Vater, oder Mutter, oder Brüder ihn darüber befragten, lächelte er still vor sich hin, und sprach: »Gönnt der Zeit nur etwas Zeit! Zeit genug kommt Lust und Leid.« Als aber im Sommer die Isländer sich nach ihrer Gewohnheit auf der Dingstätte Wahlfeld 154 versammelt hatten, zum Austrag aller Rechtshändel und Feststellung aller Ordnung auf der Insel, da erstieg unerwartet Gunlaugur den Stein des Gerichtes, von wo herab man öffentlich zu reden pflegte, und rief mit seiner mächtigen Stimme durch das Gesumm der Menge: »Vergönnet man hier dem schwergekränkten Gunlaugur Drachenzunge, daß auch er einmahl seinen Spruch vorbringen darf?« Und Alles ward still umher, wie bisweilen die bewegte See nach einem recht kräftigen Donnerschlage. Da sagte Gunlaugur: »Ist Rafn, der Oenundursohn, hier zur Stelle?« »Hier!« entgegnete Rafn laut, und schritt keck in die Mitte des Kreises. Gunlaugur sprach zu ihm: »Nun weißt Du wohl, daß Du mein verlobtes Mägdlein als Deine Ehefrau heimgeführt hast, und daß Feindschaft deßhalben zwischen uns ist. Dieß wüste Nagen und Treiben muß zu Ende kommen. Da bieth' ich Dir den Zweykampf nach uralt edler Sitte des Holmganges, Mann gegen Mann auf meer- oder fluß- oder seeumflutheter Insel. Ich bieth' ihn Dir hier 155 vor Gericht, nach allen unsern schönen alten Islandsrechten, so wie ich sie vom Thorstein mit gutem Fleiß erlernt habe in glücklichen Tagen. Nach dreyen Nächten erwart' ich Dich zum Gange der Entscheidung auf der Insel Auxar-Holm, in Mitten des Auxarstromes. Oder willst Du Dir ein andres Eiland dazu erwählen?« Da entgegnete Rafn: »Du erbiethest mir's recht, so wie ich es längst erhofft habe von Dir, und gern stell' ich mich zu Deinem edlen Willen. Das Werk ist nun fest.« Von beyden Seiten hätten wohl gern die Verwandten abwehrend mit drein gesprochen. Aber da Gunlaugur dergleichen Geflüster zu ahnen begann, erhub er sich abermahl hoch auf dem Steine des Gerichts, lautfragend: »Thorstein, Du mein Meister in aller isländischen Rechtslehre! Es spricht unser Gesetz aus: »Litt Unrecht Mann von Mannes Hand, So gönnt das Gericht ihm Waffenstand. Da werd' im Zweykampf Recht erkannt.« »Spricht das Gesetz so? Oder spricht es anders, o Thorstein?« 156 »Es spricht so;« entgegnete Thorstein düster. Und der Holmgang auf der Auxar-Insel ward zwischen den zweyen feindlichen Jünglingen rechtlich auf den Früh-Morgen über drey Nächte bestimmt. 157     Drey und zwanzigstes Kapitel. Hell und frisch ging das Morgenroth über der Kampfesinsel auf. In funkelnden Waffen schiffte von Einer Seite des Stromes Gunlaugur, von der andern Rafn, Jedweder in reicher Begleitung der Seinigen, schöngewaffnet heran. Dem Gunlaugur trug sein Bruder, Hermundur den Schild, dem Rafn sein neuer Blutsfreund, der jüngst verehlichte Swertingur. Gunlaugur tönte das Auxar-Eiland mit diesen Worten an: »Ich grüß dich froh, du Eiland!     Begrüß' du froh auch mich!     Man kannte kaum dich weiland;     Inskünft'ge preist man dich. 158     Siehst du mein Schwert, erglühend     Zur Rach' um Helga's Raub?     Den Skalden, jetzt noch blühend,     Wirfts bald in deinen Staub. Dann wird er da begraben,     Wo ich den Tod ihm gab,     Und Bautasteine haben     Soll hoch und schön sein Grab.     Du, ganz vergessen weiland     Wie unter Nebelduft,     Bald strahlst du, Auxar-Eiland,     Als edlen Sängers Gruft.« Rafn sang ihm entgegen: »Skalden läßt oft Ahnung wissen,     Was die Zukunft birgt im Schooß.     Doch ich schiff' im Ungewissen     Inselan heut, ahnungslos.     Doch durch Zukunftnebel leuchtet     Meiner scharfen Klinge Schwung.     Eines weiß ich: Thräne feuchtet     Bald zwey Augen schön und jung. Wird ihr der Gemahl erschlagen,     Weint die Spröde doch wohl laut!     Wenn zu Grab sie Jenen tragen,     Weint sie als verlobte Braut. 159     Helga, Helga, dir gibt Trauer     Dieser Tag zum Eigenthum.     Doch dich grüß' aus Todesschauer     Tröstend deiner Kämpfer Ruhm!« »So ist's recht!« rief Gunlaugur, aus dem Nachen springend, und dem landenden Rafn entgegeneilend. Er schüttelte ihm freudig die Hand, wie in den Tagen ihrer brüderlichsten Freundschaft, und so blieben sie eine Zeitlang stehen, einander mit seltsamen Blicken sehr genau betrachtend. Die Verwandten und Freunde besprachen sich derweil gegenseitig über Art und Ordnung des bevorstehenden Zweykampfes. Thorstein, als der Beste aller Rechtskundigen auf Island, übte dabey eine Art von Vorsitz. Da ward nun Folgendes von Allen beliebt, und den zwey Widersachern folgendermaßen als Gesetz angekündigt durch Thorsteins Mund: »Rafn hat nach altem Islandsrechte den ersten Hieb, sintemahl dem zum Kampf Gefordertem keine Wahl um Streit und Frieden bleibt, dem Ausfordrer es aber freygestellet war, zum Kampf zu fordern oder nicht. Dünkt Euch das Beyden recht so?« 160 Die Jünglinge neigten sich schweigend, der alten Sitte wohl kundig und ihr ergeben. Da sprach Thorstein weiter: »Der Kampf soll nicht zum Tode gehen, sondern zur Sühne. Wenn also wir: Halt! rufen, sollet Ihr unweigerlich inne halten, Ihr jungen Fechter. Und der sodann für überwunden gilt, zahlt als Buße für gestörten Frieden und erweckte Unruh' drey Mark löthigen Goldes an die sämmtliche Genossenschaft. Und damit sey alsdann Euer Streit für ewige Zeiten abgethan. Habt Ihr es vernommen, Ihr Jünglinge?« »Vernommen?« entgegnete Rafn, und seine Gesichtszüge zuckten verwildert. »Vernommen, o freylich ja, mein gesetzkundiger Herr Schwiegervater und Ihr friedelustigen Anverwandten allzumahl! Vernommen haben wir Euern klingenstumpfenden Vertrag sehr deutlich. Aber ob wir uns vornehmen, drauf einzugehen, das ist eine andere Frage. Nicht wahr, Freund Drachenzunge?« Da trat Gunlaugur, der schon auf Kampfesweite von seinem Gegner abgeschritten war, mit lächelndem Munde wieder dicht an ihn heran, und flüsterte ihm leise zu: »Laß sie doch immerhin dingen und marken 161 nach ihrer schadenverhüthenden Weisheit, wie es ihnen beliebt. Wir haben unsere zugestandenen Hiebe zu führen nach erprobter Fechterkraft. Wähnst Du, es könne damit so leichtfertig abgehen?« Rafn entgegnete warnend: »Du! Erwäge das wohl. Mein ist der erste Hieb, und am wenigsten dießmahl gedenk' ich ihn unnütz zu vergeuden.« »Schmach Dir, wenn Du das könntest!« sprach der zornaufglühende Gunlaugur. »Aber ich weiß, das kannst Du kühner Fechter nicht. Aber mein Schild und all mein Gewaffen hält fest. Kommt es demnach zum zweyten Hiebe, zum Hiebe von der Gunlaugurs-Hand, da seye Du ganz unbesorgt. Schön-Helga soll alsdann fürwahr nicht länger unter zweyen Werbern zu wählen haben.« »Wie?« sprach der Skalde mit aller Bleichheit des furchtbarsten Zornes; »so bildest Du Dir noch immer ein, über meine Leiche hin den Weg nach Schön-Helga's Hand und Liebe zu gewinnen? Ich künde Dir bey meiner Nordmanns-Ehre: dergleichen soll Dir nun und nimmermehr gelingen.« »Schwöre doch nicht so unvorsichtig!« sagte 162 Gunlaugur begütigend. »Wenn ich Dich nun in den Sand des Streitfeldes todt niederstrecke, geschieht es ja doch.« »Du hast ein schlimmes Wort gesprochen;« erwiederte Rafn der Skalde. »Nun hast Du selbst Dich mir verfehmt. Hüthe von diesem Augenblick an, Dich vor dem Schwunge meines Schwertes auf alle Weise. Nun treff' ich hinfürder Dich wo und wie ich kann!« »Deßwegen sind wir hier auf Auxar-Holm zusammengetreten;« sagte Gunlaugur, ging etwa drey Schritte von dem Gegner zurück, und legte sich dann in Fechterstellung aus, seinen Schild über sein Haupt, zum Theil auch vor sein Antlitz gestreckt, ausrufend: »Nun haue Dein Bestes, Du Schlimmer!« Da wirbelte Rafn sein leuchtendes Schwert mächtigen Schwunges empor, daß die Lüfte davor zischten, und im Niederfahren traf es Gunlaugurs Schild gewaltig. Aber das Schild blieb unversehrt; die Klinge sprang in Stücken. Ein Splitter derselben flog wieder Gunlaugurs Wange an, und ritzte sie blutig. »Nun kommt der Tanz an mich;« sagte Gunlaugur gelassen. »Und ich hoffe, das Schwert, welches mein lieber König Ethelred mir geschenkt 163 hat, soll sich besser bewähren, als die Waffe in meines Gegners Hand.« Aber da erhub sich ein Gerede und Gestreite von Vettern und Vätern und Schwiegervater, und wer weiß, was noch Alles, daß es dabey heraus kam, als seye wirklich der Zweykampf durch jenen Erstlingshieb für alle Zeiten entschieden. Die Einen sprachen für Rafn, weil er seinen Gegner verwundet habe; die Andern für Gunlaugur, weil ja dessen Gegner nach zersprungner Schwertesklinge für waffenlos zu achten sey. Gunlaugur, zornsprühend aus Augen und Seele, rief durch die tosende Menge: »Weitergefochten!« Und Alles ward still, und es wär' auch wohl nach Gunlaugurs Willen geschehen, aber Illugi der Schwarze trat dazwischen, und verboth nach väterlicher Ober- und Priestergewalt seinem Sohn das fürdere Kämpfen. Da neigte sich Gunlaugur in trüber Ehrerbiethung vor seinem Vater. Doch sprach er gleich darauf laut vor der ganzen Versammlung: »Die Welt hat mich scheiden können von 164 meiner holden Freundinn. Aber nicht für immer soll sie mich scheiden können, von meinem tapfern Feinde! Nicht wahr, Du kühner Rafn, da bist Du gleichen Sinnes mit mir?« »Da bin ich gleichen Sinnes mit Dir!« entgegnete feyerlich Rafn, und sie schlugen ihre starken Hände ineinander, und schieden. 165     Vier und zwanzigstes Kapitel. Die Anverwandten der zürnenden Jünglinge hatten deren Handschlag und Scheidegruß wohlbeachtet, und faßten gemeinsamlich einen Beschluß, den Frieden unter beyden Geschlechtern und den zwey raschen Kämpfern dennoch zu behüthen. Deßhalben brachten sie Tages nachher auf der Dingstätte Wahlfeld ein Gesetz in Vorschlag, man solle den Zweykampf vor Gericht ganz und gar abschaffen, und allen Zweykampf überhaupt für widerrechtlich erklären. Weil nun Alles, was friedlich klingt und freundlich, den Leuten billig angenehm vorkommt, versäumen sie oft sehr unbilligerweise, zu untersuchen, ob auch unter solchen Klängen der wirkliche Frieden und die echte Freundlichkeit wohne, oder nur ein trüglich verschleyerter Wechselbalg. Auf Island 166 machten sie es dasmahl eben so, und dazu kam noch, daß Thorstein der Myramanne und Illugi der Schwarze, wie auch Oenundur, der priesterliche Vater Rafn des Skalden, für die angesehensten und mächtigsten Hausväter auf Island mit vollem Rechte galten. Das Gesetz ward erlassen, und dessen Urheber schieden in großen Freuden von der Dingstätte, vermeinend, etwas gar Schönes und Treffliches für sich und Alle ausgerichtet zu haben. Gunlaugur und Rafn aber sahen einander mit Blicken an, welche deutlich verkündeten: »Wir finden uns dennoch.« Um so vorsichtiger beschloß dagegen sämmtliche Sippschaft, die Zweye zu beobachten und auseinanderzuhalten. Auf der Rückfahrt von der Dingstätte nach Gilsbacka war Eines von Illugi's Saumrossen stark vom Sattel gedrückt worden. Als man daheim über dessen Heilung rathschlagte, sprach Gunlaugur: »Man muß nur trachten, daß die Wunde sich recht bald schließe; wo möglich in den nächsten Stunden schon. Dann ist des guten Thieres Rücken alsbald wieder so glatt wie zuvor.« Voll unwilligen Staunens entgegnete Illugi: »Und dazu kann ein Reitersmann rathen, 167 wie Du einer bist, o Gunlaugur? Da müßte ja der Wunden-Eiter das arme Geschöpf im Innern ganz zu Schanden nagen, ob seine Haut auch gänzlich eben aussähe und glatt wie ein Spiegel!« »So?« erwiederte Gunlaugur auf gleichgültige Weise. »Nun, wohl bekomm' unserm edlen Inselvolk die Heilung, mit welcher Ihr Weisen Euch allzumahl an ihm auf der letzten Dingstätte versucht habt. Es ist Ein und dasselbe Kunststücklein, und mir bekommt es einstweilen sehr schlecht. So viel kann ich Euch versichern.« Damit begab er sich in seine Kammer, und kam fortan nur sehr selten von da heraus, sich weder um Waffen noch Rosse noch Jagd noch Ackerbau mehr kümmernd, ganz in sein schmerzdurchbohrtes Innere versunken, starr und stumm. Das konnte sein Lieblingsbruder Hermundur endlich nicht länger ertragen. In einer recht sonnenhellen Abendstunde trat er zu ihm in die Kammer, und sprach: »Mein Gunlaugur, ich möchte gern des Vaters junge Rosse im Auxar-Flusse baden. Wolltest Du mir nicht dabey zur Hand gehen?« »Hättet Ihr es Euch nicht allzumahl in den Kopf gesetzt,« entgegnete Gunlaugur düster, 168 »dem Rafn und mir auf dem Auxar-Holm zur Hand zu gehen, oder vielmehr uns die Hände zu binden, da stände jetzt Alles besser. Nun lastet ein unausgefochtner Zweykampf mir auf der Seele, und das benimmt einem ehrbaren Manne die beste Lust an Rossen, wie an Waffen. Doch will ich Dir einstweilen recht gern behülflich seyn, Du Herzensbruder. Du kannst ohnehin am wenigsten dafür. Du trugest mir ja meinen schönen, blanken Schild so freudiglich nach, damahls, indem die junge Morgensonne –« Er verstummte, und hüllte sein Antlitz in den Mantel. Es war fast, als ob er weine. Doch sprang er gleich darauf hellen Auges frank und frisch empor, und rief nach den Rossen. Die zwey Brüder ritten mitsammen hinunter an den Flusses-Strand, und badeten die edlen Thiere in der lauteren Fluth. Doch da war abermahl der schlimme Geist des Trübsinnes schwer über Gunlaugur gekommen, so daß er zwar ganz rüstig that, was seines übernommenen Amtes war, dabey indessen sein gesenktes Auge nur kaum vom Stromgefluth und von den Füßen der Rosse emporhub. Das konnte wiederum Hermundur nicht ertragen. Als er nun am jenseitigen Ufer ein 169 siegreich anmuthiges Licht aufleuchten sah – denn Schön-Helga wandelte dort einsam im nachdenklichen Schweigen, die wunderholden Blicke, ähnlich dem armen Gunlaugur, tief gegen den Boden gesenkt – da dachte der gute Hermundur bey sich: »Sey Leben auch ein herber Schmerz, Doch besser ist ein glühend Erz, Als ein im Gram erstarrend Herz!« Und somit rief er seinen Bruder an: »Siehest Du denn nicht, wer dort am jenseitigen Ufer wandelt?« Gunlaugur erhob sanftlächelnd seine stolzen Augen, und sang: »Meinst du, ich seh' sie nicht, Weil sich mein Blick zum Strome senket? Beschau' nur, wie ihr Licht Mit Wiederschein die Fluth beschenket! Mit sel'gem Wiederschein! O allwärts seh' ich sie, und allwärts dennoch mein, Und hold und rein!« Damit hatte er sich rasch auf ein Roß geschwungen, und so durchschwamm er die breite, von 170 Klippengestein zu mannigfachen Wirbeln damahls angeregte Fluth. Schön-Helga blieb still und ernst am Ufer stehen, ihn erwartend, fast jenen todesgeweiheten Jungfrauen der alten Sage vergleichbar, die einem aus Wogen auftauchenden Zauberwesen ihr Leben opfern sollten. Doch zart und sittig trat Gunlaugur zu ihr heran, während sein Waffenrock noch von dem Silber der Stromfluth, wie von tausendfachen sonnendurchblitzten Perlen, träufelte. Wenige Worte sprachen sie mitsammen, und Beyder Augen mochten wohl von thauigen Perlen leuchten, wie des Jünglings Ritterkleid. Dann sprang Gunlaugur wieder zu Roß, und maß als kühner Schwimmer den Strom zurück, während Helga regungslos stehen blieb, keinen Blick von dem scheidenden Freunde verwendend. Auf dem dießseitigen Ufer angekommen, wandte sich Gunlaugur nochmahls nach Helga zurück, und sang ihr folgende Liedesworte zu: »Durch Wolken zieh'n im Schimmer, Im eignen Schönheitlicht Die reinen Mondesflimmer, Viel Menschen merken's nicht. 171 Der Eine schläft! Ein Andrer Jauchzt wild im Festeslauf. Nur einsam blickt ein Wandrer Zum fernen Licht hinauf. Auch hier steht Einer ferne, Sieht fern ein Liebeslicht. Wie naht' er ihm so gerne, Der Strom vergönnt es nicht! Der Zeitenstrom, sie scheidend In aufbeschworner Macht! Doch sey auch Lieb' oft leidend, Einst blühet Tag aus Nacht!« Als er ausgesungen hatte, sprengte er kühn die Klippen hinan. Schön-Helga wandelte sanft in die Thäler zurück. 172     Fünf und zwanzigstes Kapitel. Eines Frühmorgens, bald nach dieser Zusammenkunft, war Illugi und seine ganze Hausgenossenschaft zu mannigfachem Schaffen und Arbeiten aus dem Hause gegangen; nur den trüben Gunlaugur ausgenommen. Der lag noch in seiner Kammer wachend auf dem Lager, und dachte an Schön-Helga, und an den unausgefochtnen Zweykampf, und überschaute so still bey sich sein ganzes Unglück. Da klang es vom Gange Bewaffneter in der Halle; der trübe Gunlaugur vernahm es nicht. Jetzt aber sprang die Kammerthür auf, und herein trat Rafn der Skalde in Waffen, zwölf kampfrüstige Männer hinter ihm. Rasch fuhr Gunlaugur in die Höhe, und erfaßte Schwert und Schild. Rafn aber sah ihn freundlich an, und sprach mit sanfter Stimme: »Laß ruhen für 173 dasmahl Schwert und Schild. Du bedarfst ihrer heute noch nicht. Höre mich an. Wir allezwey können ja doch nimmer das Weh unseres unausgefochtnen Krieges ertragen. Da laß uns noch in diesem Sommer hinausfahren gen Norweg, und dort unsern gestörten Holmgang freudiglich vollbringen, wo es weder Väter noch Vettern noch Muhmen noch Basen gibt, uns zu hemmen. Willst Du?« »Ob ich will!« rief Gunlaugur freudiglich aus. »Heilbringende Kunde hast Du gesprochen, wie sie einem Heldensänger Deinesgleichen geziemt. Hier hast Du meine Hand auf den Vertrag. Und nun laß uns mitsammen fröhlich seyn. Du bist mir ein lieber Gast sammt Deinem wackern Gefolge, und was das Haus vermag, ist Euer.« Rafn erwiederte: »Du erbiethest mir's edel und schön, mein Gunlaugur, und wärest Du der Herdeswirth, so nähm' ich Deine Ladung willig an, und wir könnten zu guter Letzt noch einmahl recht traulich mitsammen bey den Bechern singen. Aber dann hätt' ich auch ohne dieß Gefolge zu Dir kommen können. Und überhaupt, dann wär' unsere Sache ja schon auf Auxar-Holm ausgefochten worden.« »Freylich wohl!« erwiederte Gunlaugur. »Aber ich hoffe doch nicht, Du trauest meinem 174 Vater so Häßliches zu, er könne einen Feind beleidigen wollen, der als Gast an seinem Herde sässe.« »Nicht eben, daß er es wolle!« sagte Rafn. »Aber unsere Nordlandsherzen sind rasch zum Zorn, und unsere Nordlandsbecher beym Mahle weit und tief. Ja, wenn unsere zwey Väter selbst ihre Lust an unserem Holmgang fänden, da hätt' es nichts mit dem Zorn und mit den Bechern zu sagen. Aber seitdem sie beliebt haben, sich auf die friedliche Seite zu werfen! Laß mich reiten, mein Gunlaugur. Es ist wohl uns Allen besser so.« Er saß auf, und trabte mit den Seinigen von hinnen. Noch aus der Ferne winkten die beyden Jünglinge einander grüßend zu, ihres geschloßnen Vertrages froh. 175     Sechs und zwanzigstes Kapitel. Wie es ehrbaren Kämpfern geziemt, verschlossen nicht etwa Gunlaugur und Rafn ihre Herzen, als wären es Mördergruben, sondern indem sie frisch und froh sich zur Fahrt bereiteten, bekannten sie Jedweden, der es hören wollte, auch frey, sie wollten, von diesen allzufriedlich gewordnen Islandsküsten fern, auf Norweg ihrem Zank und ihrem Jammer ein Ende machen, durch ehrbar rüstigen Entscheidungskampf. Die Anverwandten waren freylich sehr dawider. Doch ihre Gewalt über die selbstständigen jungen Männer ging nicht so weit, ihnen das Hinaussegeln auf das freye Meer zu verbiethen, und eben so wenig konnten sie etwan auf der Dingstätte abermahl ein neues Gesetz zu Stande bringen, vermöge dessen ein freyer Isländer nicht anders den Anker seines Schiffes lichten dürfe, 176 als mit Bewilligung sämmtlicher Vettern und Basen. Zuerst schiffte sich Rafn ein, am Strande von Leyruwagum. Unter seinen Fahrtgenossen befanden sich zwey tapfere Schwestersöhne seines Vaters Oenundur; Einer hieß Grimur, der andere Olaf. Bald darauf folgte Gunlaugur; mit ihm fuhr Hallfredur, der wirre Skalde, und eine edle Schaar anderer kühner Genossen. Natürlich war auch sein Schützling und Anverwandter dabey, der treue Thorkill. Beym Absegeln sang Hallfredur ahnungsvoll: »Wohl möge bald nun uns erscheinen, Was als Entscheidung wird beschert: Sey's Schlummer unter Bautasteinen, Sey's hochgeschwungnes Siegesschwert! Doch drängt sich allzuviel dazwischen An eitlen Wünschen, bangem Fleh'n. Der Sturmwind braust, die Wogen zischen, Und nichts recht Schönes mag ergeh'n!« War es doch wirklich auch, als hätten die Anverwandten auf Island mit ihren Wünschen und Verwünschungen Wind und Wellen und mannigfach seltsame Ereignisse sonst noch 177 aufbeschworen, die jungen zürnenden Helden einander fern zu halten. Oder vielmehr, schien es doch insgesammt Beyder trübschmerzliche Lebensaufgabe zu seyn, sich einander zu suchen im Zorn, und sich fast nur augenblicklich in Liebe zu finden, um, abermahl im Zorn auseinander gerissen, in Todeslust zusammenzustreben, lange vergeblich dem letzten, tödtlich befriedenden Umfassen entgegenringend. Wetter und Jahreszeit und Irrungen rissen die Zweye wiederum mondenlang vergeblich hintereinander her. Schwer hielt es oft in jenen Zeiten einfacher Selbstständigkeit, durch Land- und Meeresfahrt zu bestimmten Tagen nach bestimmten Gegenden hinzudringen; schwer, wie den griechischen Siegeshelden über Ilion ihre Heimkehr fiel. Auf seinen jetzigen Irrfahrten kam Gunlaugur im Spätjahr auch wieder zum edlen Jarl Sigurdur, dem Herrscher der Orkney-Inseln. Der strenge Nordlandswinter bannte ihn dorten fest, und manche schöne Heldenthat zu Land und zu Eise kränzte sein kühnes Haupt mit Ruhm. Doch wie mochte das ihn erquicken, so lange noch der unausgefochtne Kampf mit Rafn aus seiner flammenden Seele lag. Rasch segelte er mit 178 Frühlingsanfang hinaus; zu rasch, um irgend seinen Gegner durch geduldiges Erwarten anzutreffen. Mit abermahl eintreffender Winterzeit kam er an diejenige Norwegsküste, wo Jarl Eirekur im Strandschlosse Hladi Haus hielt. Eirekur Jarl aber wußte vorlängst um diese Angelegenheit, und hoffte, selbige nun friedlich ehrenvoll beyzulegen, da Rafn abermahl an entlegnen Orten nach Gunlaugur forschte, und die Eisdecke am Meeresstrande von neuem die Gegner auf Monde lang am Schiffen hindern mochte. Wie viel der dort edelstill verlebte Winter und die sänftigenden Ermahnungen eines Helden, wie Eirekur Jarl auf Gunlaugur vermochten, oder vermocht hätten, können wir nicht genau ermessen. Aber wir wissen, daß Folgendes geschah. Um Frühlingsanfang, als der Schnee noch hoch auf den Bergen lag, und das Meer noch unter abschiednehmenden Winterstürmen brauste, während die Sonne schon Gräser und Frühblumen aus dem Thalesboden weckte, stand Gunlaugur eines schönen Mittags nachdenklich vor dem Thore der Hladiburg. Was ihm Eirekur Jarl Alles zu Gemüthe geführt hatte, wie nehmlich es Unrecht sey vor Gott und Menschen, irgend Wem seine Hausfrau 179 abringen zu wollen; und wie ja auch Schön-Helga nicht ihre Hand dem Manne reichen werde, der ihr den Ehegatten erschlagen habe; und, ob die frühgehegte Liebe sie vielleicht so weit verblende, würden Vater und Mutter es ihr auf keine Weise zulassen; erliege dagegen Gunlaugur dem Todeslose der Waffen, so habe er ja die ehemahls Verlobte und die endlos Geliebte vollends für ihr ganzes Leben in ihrem eignen Herzen elend gemacht. Das Alles von einem so grossen Helden und Ehrenrichter, wie Eirekur, vorgebracht, zog in mannigfachen Schwingungen durch Gunlaugurs Seele, und Gedanken an Frieden und Sühne stiegen darin empor. Sein gesänftigter Blick wandte sich auf ein Trüpplein fröhlicher Knaben, die sich so eben zum Spiel auf der lichtgrünenden Aue versammelten. »Was wollen wir spielen?« fragten Einige: »Krieg!« riefen Andere. »Ja, das versteht sich!« entgegneten noch Andere. »Aber was für Krieg? Zweykampf oder andere Kämpfe?« »Wißt Ihr was?« sagte der Eine. »Wir wollen Rafn und Gunlaugur spielen.« »Ja, ja! Rafn und Gunlaugur! Gunlaugur und Rafn!« scholl es aus dem blühenden Gewimmel, und bald hatte das 180 lustige Abzählen eines Sprüchleins entschieden, wer Held Drachenzunge seyn solle, und wer dessen Gegner, der Skalde. Nicht unfreudig klopfenden Herzens hatte Gunlaugur bis hieher unerkannt und unbemerkt zugesehen, und meinte nun in seinem Sinne, es solle ihm vielleicht durch dieses fröhliche Kinderspiel eine Weissagung zu Theil werden, welch ein Ausgang dem Kampfe bevorstehe. Dafern er selbst dabey als Sieger erscheine, fühlte er sich um so mehr zur Sühne geneigt. Aber wie ward ihm, als die Knabenschaar Hand in Hand einen Kettenreigen bildete, zwischen welchen hindurchschlüpfend bald der kleine Rafn vor dem kleinen Gunlaugur floh, bald wieder vor dem kleinen Rafn der kleine Gunlaugur, während sie einander mit den unbändigsten Drohworten herausforderten, wobey sich immer der eben Fliehende als der Allerzornigste anstellte. Vergeblich strebten die Uebrigen im Kreise, die Zwey aneinander zu drängen. Sie wußten sich jedesmahl sehr geschickt auszuweichen. Man sahe wohl, dieß Spiel mußte schon sehr oft in der lustigen Schaar geübt worden seyn. Und mit lautem Gelächter tönte dazwischen der Rundgesang: 181 »Auf Island ist verbothen Der Kämpfergang recht friedsamlich! Zwey, die sich dort bedrohten, Die suchen dennoch dräuend sich: Der Ein' an dieser Ecke der Welt Der Andr' an jener hingestellt! Dazwischen liegt die ganze Welt. Niemand fällt zu den Todten! Sie dräu'n recht friedsamlich.« Gunlaugur ging schweigend in die Burg. Dort erzählte er seinem edlen Wirth, was er gesehen und gehört hatte. Da konnte der nicht mehr daran denken den Zweykampf zu hindern. »Ich habe vernommen, daß Rafn jetzt in Schweden nach Dir sucht;« sprach er. »Zieh' ihm entgegen. Ich gebe Dir zwey Bothen mit über die Schneeberge.« »Thue das, und habe Dank!« sagte Gunlaugur. Da sind sie voneinander noch in selbiger Stunde geschieden; mit treuer Freundlichkeit und zum letztenmahl. 182     Sieben und zwanzigstes Kapitel. Gunlaugur hatte außer dem getreuen Thorkill noch drey Waffengenossen mit sich. Die zwey Bothen des Jarls schritten rüstig voran. So ging es über Schneeberge hin, und durch erblühende Thäler weiter. Immer Eins um das Andre. Sie kamen endlich nach einem Orte, der hieß Lifangur. Von dorten war erst am vorigen Morgen mit vier Gefährten Rafn von hinnen gezogen. Sie ruheten wenige Stunden, ließen sich Richtung und Spur bezeichnen, und folgten. Nach dem Wera-Thal richtete sich ihr Gang. Um die Abenddämmerung waren sie dort. Rafn hatte die vorige Nacht hier gerastet, und war frühmorgens nach einem Thal-Orte, Sulo geheißen, aufgebrochen. Ingrimmig sahe Gunlaugur den wirren Skalden an, und sang: 183 »Einmahl schon hab' ich's gesagt, Und so wird's wohl endlos bleiben: Wie die Nacht den Tag verjagt, Nacht entflieh'n muß, wenn es tagt, Müssen Rafn und ich uns treiben! Soll das dauern, bis die Welt Selbst einst auseinander fällt?« Hallfredur erwiederte singend: »Frag' mich nicht! Ich weiß es nicht! Aber mich durchzieht die Mahnung: Bald entlodert Kampfeslicht, Das all unsern Jammer bricht. Frisch drum fort im Licht der Ahnung! Wär' es auch nur Mondenglanz, Schön auch winkt ein Elfenkranz!« Gunlaugur drückte ihm dankbar die Hand, denn eine süße Erquickung fühlte er mit diesen Klängen durch seine seither nur allzuoft verstörten Gedanken rinnen. Holdselige Träume wollten ihn umschweben, und ihm schmeicheln, daß er ihnen durch kurzen Nachtschlummer Einkehr und Herberge in seiner Seele gönne. Doch Gunlaugur sagte, rasch zu Thorkill sich wendend: »Ja, Du treuer Genoß, Hallfredur hat Recht. Nun leb' ich der guten Zuversicht: es 184 wird kein Schlaf mehr auf meine Wimpern drücken, bis ich mit Rafn gefochten habe, und all dieß ängstende Wehe mir abgewälzt ist von meinem arbeitenden Herzen.« »So mein' ich's für Dich und für mich!« entgegnete Thorkill. Da bestiegen sie allesammt flinke Rosse, und ritten die Nacht hindurch gar stark und frisch, und sangen viel der fröhlich ernsten Lieder unterweges. 185     Acht und zwanzigstes Kapitel. Gäims-Weller hieß damahls eine Gegend im Schwedenlande. Das war eine Ebne zwischen zwey Seen; in die Gewässer des Einen erstreckt sich eine Landzunge; die nannte man Dyngiu-Nes. Einzelne Bäume und Gesträuche schmückten sie recht anmuthig. Als jetzt das Morgenlicht blutroth hell über Erd' und Fluth heraufstrahlte, ruheten sich auf Dyngiu-Nes fünf Gewaffnete; das war der Skalde Rafn mit vier Genossen. Zugleich kamen sieben andere Männer über die Ebne zu Roß heran. Das war Gunlaugur Drachenzunge mit seinen Kampfgefährten und den zwey Wegweisern. Die zwey Parthen erkannten einander mit Falkenblicken von fern. Rafn und seine Gefährten sprangen auf, 186 sich zum Gefechte rüstend. Die Andern trabten frisch heran, stiegen von den Rossen, und banden sie an's Gesträuch. Als man nun von beyden Seiten zusammentrat, sagte Gunlaugur: »Wohlan, da haben wir uns endlich gefunden. Mich freut's.« »Mich auch!« entgegnete Rafn. »Sprich nun: wie willst Du's gehalten haben? Treten wir allzusammen, die hier gegenwärtig sind, in den Kampf? Oder fechten wir Beyde es allein aus?« »Mir Eins so recht, wie das Andre!« sagte Gunlaugur. »Uns aber nicht!« riefen wie aus Einem Munde Grimur und Olaf, jene zwey Schwestersöhne Oenundurs und die Edelsten unter Rafn des Skalden Fahrtgenossen. »Wir wollen nicht müssig zuschauen, wo Helden ringen.« »Ich auch nicht;« sprach Gunlaugurs treuer Thorkill, und Hallfredur summte in sich hinein: «Mir wirrem Skalden winkt ein Ziel, Ein schönes Ziel im Waffenspiel. Mir winkt ein Glück, sie nennen's Tod, So purpurn wie dieß Morgenroth.« Da wurden sie zumahl einig, die Sache solle 187 durch alle Kampfgenossen zugleich ausgefochten werden, wie eine Schlacht. Den zwey Bothen Eirekur Jarls aber sprach Gunlaugur ernsthaft zu: »Ihr sollt hier Niemanden zu Liebe mit anstehen und Niemanden zu Leid. Nicht als Kriegsleute hat Euer Herr Euch mit mir gesendet, sondern als Bothen. Zudem ist unsrer beyden Parthen Zahl just gleich, und Ihr würdet doch weder den Einen Theil zum unbilligen Mehr verstärken, noch auch getrennt und widereinander fechten wollen. Setzt Euch also dorthin, wo der alte Denkstein noch an der Seefluth emporragt, und sehet als ehrbare Zuschauer mit an, was wir beginnen. Und wenn Ihr es der Mühe werth achtet, so erzählt davon bey Eurer Heimkehr, und helfet überhaupt sorgen, daß nicht vergessen werde, was jetzt auf Dyngiu-Nes geschehen soll.« Die Eirekursbothen neigten sich und thaten nach Gunlaugurs Geboth; theils, weil ihm sich's überhaupt etwas schwer widersprechen ließ; theils aber auch, weil er wirklich für dasmahl vollkommen recht hatte. Die Fünf, die fechten sollten von jeglicher Seite, stellten sich einander gegenüber, ihre breiten und scharfen Klingen von mächtiger Länge 188 gezückt zur Hand, ihre großen, erzbeschlagenen Schilde stark vor Brust und Haupt gehalten. Rafn sprach den Gunlaugur tönend an: »Durch wen von uns wird Kriegsbeginn entbothen?« Gunlaugur sprach zurück: »Siehst Du nicht dorten die Eirekursbothen?« Und Rafn sang diesen Beyden zu: »Wohlan! So rufet dreymahl: »Drauf!« Und mit dem dritten Ruf beginnt der Lauf Den bald'gen Siegern, oder bald'gen Todten!« »Gilt's?« fragte er, umherschauend. Und von allen Zungen scholl es ihm entgegen: »Es gilt!« Da riefen die Eirekursbothen zum Erstenmahle: »Drauf!« Und die Kämpfer huben ihre Klingen hoch, und senkten sie wiederum tief, die spiegelblanken Flächen gegeneinander gewendet statt der Schneiden, wie um sich zum letztenmahle noch recht leuchtendhell und freundlich zu begrüßen. »Drauf!« – ließen zum Zweytenmahle die Eirekursbothen ihren mahnenden Ruf erschallen. 189 Und die Kämpfer erhuben die zweyschneidigen Klingen abermahl, Jedweder die Schneide so scharf nach dem Gegner zugekehrt, daß dem Einen die Waffe des Andern im klaren Luftraume fast verschwunden schien. Nun schöpften die Bothen tief Athem. Dann riefen sie zum Dritten- und Letztenmahle aus schweren Herzen aber mit gewaltiger Stimme: »Drauf!« und das Kampfgewirr der Zornigen rasselte zusammen. Da fügte sich's, daß Grimur und Olaf gegen Gunlaugur zugleich anrannten im wilden Getümmel der Heldenschlacht. Das war ein ernsthaftes Stück für den Gunlaugur. Aber im Stoß ausfallend kam er dem Schwerthieb des Einen mit tödtlicher Wunde zuvor, während er den des Andern mit dem Schilde aufgefangen hatte. Und dann wandte er sich blitzschnell wider Jenen, und durchbohrte ihm mit gleich raschem Stosse, wie dem nur eben erst niedertaumelnden Bruder, die Brust. Während dessen stöhnte Hallfredur der wirre Skalde, wildsingend im Sterben mit gespaltnem Haupte vom Boden herauf: 190 »Wehe! Wehe nicht mir um Wundenbrand! Aber vor dunkler Hand, Nimmer im Liede genannt, Küß' ich im Tode den Sand, O darum: wehe!« Zugleich sahe Gunlaugur, wie sein treuer Anverwandter und Schützling, wie der fröhlich muthige Thorkill vor Rafn's schmetternder Klinge in den Tod sank, und sterbend noch ausrief: »Lebe hoch, Gunlaugur!« Auch die andern Mitkämpfer lagen, durch wechselseitige Wunden darniedergestreckt, verscheidend oder todt am Boden. Da gingen Gunlaugur und Rafn mit geschwungnen Waffen inmitten der Leichen aufeinander los, daß die Eirekursbothen nachher gestanden haben, es sey ihnen ein Grausen davor angekommen. Sie stritten eine Zeitlang mit gleichem Erfolg mächtig hinüber und herüber, und drängten einander hart mit den Schilden. Endlich waren sie wieder etwas auseinandergetreten. Da schwang Gunlaugur das herrliche Schwert, welches ihm der gute König Ethelred auf Britannia vormahlen verehrt hatte, in wirbelnden 191 Schwingungen hoch über sein stolz emporgehobnes Haupt. Und die leuchtende Waffe funkelte im Strahl der aufsteigenden Sonne, wie ein Blitz. Rafn deckte mit dem Schilde, weitvorn übergebeugt sein Haupt, wie früherhin Gunlaugur beym Zweykampf auf Auxar-Holm es that, und hielt seine scharfe Klinge zum tödtlichen Nachstoß in des Hauenden Antlitz oder Brust bereit. Aber Gunlaugurs wirbelnde Waffe zielte nicht nach des Gegners Haupt. Urplötzlich erdwärts gewendet, zischte sie von unten empor, und Rafn's linker Schenkel flog blutend ab, auf den zischenden Rasen hin, und mühsam zurückwankend stemmte sich der halbohnmächtige Sänger an seinem Schwert und an eines gefälleten Erlenbaumes Wurzelstamm noch fest. »Du bist verloren!« sagte Gunlaugur. Und die Eirekursbothen wollen behaupten, es hätten ihm dabey helle Thränen in den Augen gestanden. Rafn blutete still. »Du bist verloren und besiegt!« wiederhohlte Gunlaugur mit sehr weicher Stimme. »Nicht wahr, das erkennest Du an?« Doch Rafn entgegnete düster: »Verloren mag ich seyn; besiegt bin ich nicht, so lange noch ein Fünklein des edlen Lebens in mir 192 sprüht. Was mich allein um's Leben bringen mag, noch vor der Zeit, das ist mein heisser Durst nach jenem Seegefluth, wie es dorten so sonnig und doch so kühlig blau in labenden Morgenschimmern vor uns funkelt. O Gunlaugur, nur Einen Trunk daraus, und ich vermöcht' es wahrhaftig noch, Dich sieghaft zu bestehen!« »Ich will Einen der Eirekurbothen dorthin senden!« sagte Gunlaugur. Doch Rafn, wildfieberisch zusammenzuckend, erwiederte: »Nicht, nicht doch! Das sind ja dorten nur hölzerne geschnitzte Bilder, die Beyden! Wer still beym Gefecht saß, vermag nicht, die Fechter zu laben. Nein, schick' Einen unsrer Mitkämpfer zur See, o Gunlaugur!« Der aber entgegnete: »Todt ja liegen so Deine als meine Mitkämpfer hier auf Dyngiu-Nes, o Rafn! Wer von den Fechtern allein Dir Labung zu schöpfen vermag aus dem See, das ist nur der Gunlaugur allein.« »So schöpfe, Gunlaugur; denn ich verschmachte!« seufzte der Skalde. »Und willst Du mir auch kein Leid zufügen, derweil ich Dir den Trank bringe?« fragte Gunlaugur. 193 »Kein Leid!« erwiederte Rafn. Und Gunlaugur nahm seinen Helm vom Haupte, ihn als Schöpfgefäß zu gebrauchen, und ging nach dem Seestrand hinab. Hell perlte alsbald in dem goldnen Ritterhelme die klare Fluth, und Rafn sah ihr verlangend entgegen. Aber im Augenblicke wo Gunlaugur sich dem Todwunden näherte, stieß dieser ein wildes Schlachtgeschrey aus, und seine Klinge sausete durch die Luft. Mit blutübergoßnem Haupte taumelte Gunlaugur zurück. Der Goldhelm stürzte aus seiner Hand zu Boden, die labungskräftige Seefluth darin verrann zwischen dem Haidemoose. Voll Entsetzen schrieen die Eirekursbothen drein, und Sterbende begannen noch einmahl in furchtbaren Schauern zu zucken. Der blutende Gunlaugur sahe starr auf den blutenden Rafn, und sagte: »Schlimm hast Du mich nun betrogen. Und ich vertrauete Dir ja doch!« Rafn wiederhohlte schmerzlich: »Und Du vertrautest mir ja doch!« Aber bald setzte er voll düstrer Fassung hinzu: »Ich warnte Dich längst vor mir. Weißt 194 Du noch? Damahls, als Du sprachest, Schön-Helga solle Dein werden nach meinem Tode. Das hat mich oftmahl wirr gemacht, und ist vor mir aufgestiegen, wie ein höhnendes Gespenst, und jetzt wieder. O Gunlaugur, als Du mir die Seefluth schöpftest und sie mir brachtest, da wahrlich, gedachte ich nur an die nahende Labung und an den nahenden rühmlichen Tod. Aber als Du nun so unweit von mir standest, den Labungs-Helm mir darbiethend, da verschwand der Helm vor meinen Augen, und ich sahe Schön-Helga's Hand sich in die Deine legen, und in Deinem dunkeln Haargelock sah ich einen frischgrünenden Kranz – Siegerkranz oder Festeskranz – hei, den mußte ich Dir abhauen! Nicht wahr, Gunlaugur? Und ich hab' ihn Dir abgehauen, und nun sind wir einander wiederum gleich. Und nun rasch den Todeskampf zu Ende gebracht, o Du Freund und Du Feind!« Die Klingen schwirrten auf's neue. Aber nicht lange. Denn Gunlaugur hieb dem Rafn die Todeswunde. Lautlos sank der Skalde zu Boden. Er hatte ausgesungen und ausgerungen für diese Welt. Nun war es ganz still geworden auf Dyngiu-Nes. 195 Gunlaugur setzte sich ermattet zwischen die Leichen der Erschlagenen nieder. Da kamen die zwey Bothen Eirekur Jarls hinzu, und verbanden ihm seine schwere Kopfwunde. Gunlaugur, theils um den Schmerz zu bezwingen, theils um sich stark und muthvoll zu erzeigen, sang dazwischen: »Wer nun Schön-Helga's Huld gewinnt? Es kommt auf's stolze Mägdlein an, Ob lieber sie den Todten nimmt, Ob lieber den todtwunden Mann.« Er verstummte eine Zeitlang. Dann sang er wieder mit sinkender Stimme: »Sie flüstern über meinem Haupt, Die Zwey, bestellt mir zum Verband, Gunlaugur sey zwar siegumlaubt, Doch schon umstrickt von Todeshand. Drum wähle Du, mein schönes Lieb, Nicht Rafn und auch Gunlaugur nicht. Soll Dich wegfahn ein Minne-Dieb, Nimm wen im freud'gen Lebenslicht. Das Lebenslicht ist frisch und hell, Das Sterben ist so düsterschwer. Und doch – wär' Tod nicht sein Gesell – Das Leben würde matt und leer. 196 Man weiß, Schön-Helga, wahrlich nicht, Wozu man noch dir rathen soll. Mir stockt das Wort, mein Leben bricht, Und ist im Tod doch liebevoll.« Damit schwieg er. Aber er starb noch nicht. Die Bothen, nachdem sie während seines trüben Liedes die Erschlagnen beerdigt hatten, huben ihn auf sein Roß, und führten ihn nach Leifangur zurück. 197     Neun und zwanzigstes Kapitel. Er hat in Leifangur noch drey Nächte gelebt und drey Tage. Wenig hat er gesprochen während seiner Abschiedstunden von der Welt, denn er lag meist immer im tiefen, schweren Wundenschlaf. Und das Wenige, was er vorbrachte, kam vielen Umstehenden wie ein wahnsinniges Geträume vor, weil es immer nur von Liebe und Frieden handelte; nicht nur zu Schön-Helga, um die er Glück und Leben in so blühender Jugend verloren hatte, sondern auch zu dem durch ihn erschlagnen Rafn dem Skalden. Andere jedoch sahen es grade umgekehrt, vermeinend, erst in diesen schweren Augenblicken gehe dem armen Gunlaugur sein bis dahin so trüb umdüstertes Leben recht mild und freudenreich und wohlverstanden auf. 198 Zu dieser zweyten Ansicht bekannte sich ein frommer, freundlicher Christenpriester, welchen bey seinen Wanderungen durch das noch damahls kaum halbgläubige Nordlandsvolk sein Beruf just in diese Gegend geleitet hatte. Der bethete über dem sterbenden Gunlaugur, und man sahe sowohl des Bethers, als des Sterbenden Angesicht sich immer mehr und mehr verklären. Endlich war es auch, als wolle Gunlaugur zu guter Letzt noch einmahl recht wunderschön singen; so anmuthig leuchteten seine Augen, so lieblich lächelnd öffneten sich seine Lippen; aber er konnte nicht mehr singen. Das Lächeln jedoch blieb über die todesbleichen Züge des Gestorbenen anmuthig ausgegossen. Sie haben ihn ehrenvoll zu Leifangur begraben, und das schöne Schwert, die Gabe des alten freundlichen Königes Ethelred von Britannien, womit der arme Drachenzunge seinen letzten Kampf gehalten hatte, ward ihm feyerlich in das letzte Bette nachgesenkt. 199     Dreyßigstes Kapitel. Als Illugi der Schwarze eines Nachts auf seinem Lager zu Gilsbacka schlafend lag, träumte es ihm, die Thüre seiner Kammer gehe sehr langsam und schwer auf, nachdem Einer davor lange, mit den Händen suchend, herumgetappt habe, wie ein Blinder und wie ein Halbohnmächtiger. Mehrmahl wollte dabey Illugi rufen: »Herein!« oder auch aufzuspringen gedachte er, und dem schauerlich Suchenden die Pforte zu öffnen. Aber im Traume kann man nicht immer wie man will. Dadurch vermehrte sich Illugi's Grausen, als nun endlich der unheimliche Gast hereintappte, in der Gestalt eines ganz blutübergossenen Menschen, und dicht vor dem Bette des Träumenden stehen blieb, und sich ein paarmahl ängstlich räusperte, um seine Todtenstimme vernehmbar zu machen. Dem Illugi ward, als seye das sein Sohn Gunlaugur. Doch gedachte er wieder bey sich: »Der 200 würde dich ja gewiß nicht so schlimm erschrecken wollen. Denn wild ist der Gunlaugur freylich oft, wie ein Sturm. Aber nimmer ist er lauernd und tückevoll, wie ein giftiger Schwadendampf in den Höhlen der Gebirge. Nein, das ist nur ein schlimmer Kobold, und meines lieben Gunlaugur häßliches Gegenbild!« Derweilen ächzte und stöhnte das Gespenst folgende Worte in einer Art von Sangesweise heraus: »Dein Gunlaugur hat gehalten Holmgang mit dem bösen Skalden! Beyder Waffen dröhnten, schallten! Beyde ruh'n in Grabeshalten, Böser Skalde hat erschlagen Lauernd deinen Sohn, den Sieger! Island wird um Beyde klagen! Beyde, Beyde sind Erlieger!« Schaudernd hüllte sich Illugi tiefer in seine Decken. Der Spuck beugte sich über ihn, und träufelte heißes Blut auf seine Schläfe hinab. Da flog ein Morgenglanz durch die Kammer, und Gunlaugurs tönende Heldenstimme klang von droben herein: »Fort, du nächtiger Lügenkrieger Rafn und ich sind beyde Sieger!« 201 Heulend verschwand das Gespenst, und Illugi rief erwachend: »Lasset doch meinen lieben Sohn Gunlaugur zu mir herein! Doppelt lieb ist mir seine Heimkehr, da sie mir einen recht abscheulichen Traum verscheucht hat. Komm herein, Gunlaugur! Oder vielmehr, komm herab! Denn von droben ja sangest Du mich wach; ob ich gleich noch nicht begreifen kann, weßhalb Du wunderlicher, hier stets willkommener Gast lieber das Dach des Hauses erklettern wolltest, als behaglich hereintreten durch die auch Fremden gastlich geöffnete Pforte!« Er rief es, und Alles schwieg. Nur einige erwachende Knechte antworteten ihm endlich, es seye ja tiefe Mitternacht, und Niemand noch zur Arbeit fertig, und auch weder Gast noch Bothe sey erschienen. Da streckte sich Illugi schmerzlich still auf sein Lager zurück, fast wie ein Sterbender, und seinen Geist quälten furchtbare Gedanken über das Schicksal seines lieben wilden Sohnes Gunlaugur. In selbiger Nacht geschahe bey dem Oenundur, dem Hausvater auf Mosfelli, Aehnliches. Dem ward es im Traume, als trete sein blutiger Sohn Rafn zu ihm herein, und singe in Schmerzenstönen: 202 »Nun lieg' ich todt und blutig Im edlen Norwegland, Erst focht ich schön und muthig, Dann hieb zu rasch die Hand. Ich kann mich noch nicht finden; Die Wahrheit scheint mir Traum. Man glaubt fürwahr es kaum, Wenn man aus Weltgewinden Erwacht im ew'gen Raum.« Damit lachte er auf eine etwas weinerliche, fast kindischfreundliche Weise, und sahe dennoch beynahe so glänzend aus, wie der Vollmond, wenn er durch Wolken bricht; aber dann verschwand er, und Oenundur erwachte weinend, und rief aus: »O wehe, mein Sohn Rafn ist umgekommen, und alle die Klugheiten, welche man mir angerathen hat, seinem Tod zu verhindern, gleichen wohl nur Zeltgewanden, die etwa ein alberner Hauswirth über seine Aecker und Gärten breiten möchte, um sie vor dem Mehlthau zu beschirmen. Ach, allerwärts dunstet der Mehlthau durch, und nur die heilenden Lüfte des Morgens und Abends und die segnenden Strahlen der Mittagssonne wehret unsere dünkelvolle Ueberweisheit von uns ab!« 203     Letztes Kapitel. Auf Island erhuben sich seit dieser Zeit böse Fehden zwischen den Stämmen Oenundurs und Illugi des Schwarzen. Thaten des dumpfen Grimmes stiegen auf; im rasenden Wahnwitz müheten sich die Geschlechter, Gräuel zu tilgen durch noch erhöhtere Gräuel. Wir wenden uns davon weg, und suchen Schön-Helga, das trauernde Schwanenbild auf, die in ihres Vaters Thorstein Halle ein stilles, wehmuthdurchhauchtes Leben führte, den Gestalten ähnlich sehend, die kunstbegabte Meister uns in Stein von tiefumhüllten Frauen an Grabmählern bisweilen vor die Seele führen. So sahe sie einst ein Mann, Thorkill geheißen und zu Hraundal ansässig, welchen Reisefahrt und Unwetter an Thorsteins gastlichen Herd geleitet hatten. 204 Er sahe sie, und sein edles Herz ergab sich der schönen Trauernden, welcher er noch erneuerte Frühlingszeiten über ihre jugendlichen Tage heraufzuführen hoffte. Bey Thorstein und Jofridur um die Tochter werbend, erhielt er ein freudiges Ja. Doch reihete sich die Sorge daran, ob Schön-Helga aus ihren Witwenschleyern hervor wieder in das Leben werde treten wollen. Die Aeltern bathen sie sehr darum. Sie erwiederte Tage lang gar nichts. Endlich geschah es eines Abends, daß Thorstein, von der Jagd heimkehrend, als er den Hochsitz zu Jofridur und Helga hinaufsteigen wollte, ermattet an eine Stufe stieß und niedersank, wobey ihm der Waidmannshut vom Haupte fiel, während seine dichten, nun schneeweiß gewordnen Locken weit über Stirn und Antlitz herniederrollten. »Der schöne Thorstein!« sagte Helga schmerzlich, und seufzte tief. »Ach wer hat ihm sein prangendes Haupthaar so frühe gebleicht? Die Leute werden sprechen, seine schlimme Tochter Helga habe das gethan. Und sie haben auch gar nicht Unrecht daran. Dennoch, o Vater« – und sie faßte zärtlich des nun wieder 205 emporgerichteten und sich neben sie setzenden Thorstein Hand – »dennoch ist Deine arme Helga nur eben unglücklich, nicht aber schlimm! Nicht wahr?« Thorstein erwiederte: »Soll etwa die Tochter ein gutes Kind heißen, die den Vater und die Mutter tagelang bitten und werben hört, ohne auch nur ein einziges Wort zu erwiedern?« Da fuhr Schön-Helga erschreckt zusammen, und sprach: »Ihr habt Recht. Euer Spruch hat mich erweckt, wie ein Donnerschlag einen Ohnmächtigen. Dergleichen ist kein fröhliches Erwachen; aber in's Leben reißt es uns dennoch zurück. Wollt Ihr denn so gern, daß ich den Thorkill heirathen soll?« »Und Du, o Thorkill,« fuhr sie fort, zu dem eben jetzt auch in die Halle tretenden Brautwerber sich wendend, »möchtest Du mein bräutliches Ja empfangen, wenn ich Dir dabey gestehen müßte, das Liebste an Dir seye mir Dein Nahme? Thorkill auch hieß jener wackre Schützling und Anverwandter, welcher dem edlen Gunlaugur treu durch das stürmige Leben gefolgt ist, und treu ihm vorangegangen in den blutigen Tod!« Sie weinte still, ohne dasmahl ihre Thränen unter den Schleyern bergen zu wollen. 206 Thorkill sahe eine Zeitlang ernst vor sich nieder; dann gen Himmel. Dann sagte er: »Sey es, wie Du es gesprochen hast, Du schönes, bleiches, weinendes Bild. Ein Thorkill will ich Dir seyn und bleiben; ein treulicher Genoß in allen Stürmen und Wechselfahrten des Lebens, wie Jener dem Gunlaugur es war. Aber nicht als Dein Schützling ich, sondern als mein holder Schützling Du, und wär es auch nur, damit Du desto sanfter und ungestörter weinen könntest.« Darauf haben sie einander die Hände zur Verlobung gereicht, und Thorstein und Jofridur haben sie eingesegnet. Bald nachher ward die Hochzeitfeyer still und edel begangen, und Thorkill führte seine Gattinn heim. Still und edel auch lebten sie mitsammen, und auch liebevoll. Denn Thorkill störte die sanfte Trauer Schön-Helga's nie. Auch dawider nicht wandte er das Mindeste ein, daß sie jenes ihr vom Gunlaugur geschenkte Purpurkleid oft vor sich auslegen ließ, und dann wohl mit dem leuchtenden Gewande sprach, gleich als mit einem lebenden Menschen. 207 »Es ist nun nichts unbegreiflicher damit,« sagte Thorkill einstmahlen, »als daß, wie die Lieder begeisterter Skalden es verkünden, der edle Gunlaugur sich vordem sehr freute, da er das Königs-Kleid des alten Seidenbart, vor sich am Tauwerk seines Fahrzeuges schweben sah.« »Ganz Recht, mein edler Gatte und Schutzherr!« sagte Schön-Helga, und sah ihn mit Einem jener Blicke an, welche nur Seelen, die gemeinschaftlich auf das Ewige gerichtet sind, verstehen. Eines stillen Abends hatte sie abermahl das Purpur-Gewand vor sich ausbreiten lassen. Da lächelte sie unter Thränen sehr lieblich, legte ihr müdes Haupt wie zum Schlummer in Thorkill's Schooß zurück, und starb. Im ersten christlichen Dom auf Island, welcher just damahls fertig erbauet stand, ward sie begraben. Thorkill erklärte sich seitdem zu des Gotteshauses Schirmvogt, und wohnte fort und fort ganz nahe dabey. Ueber Schön-Helga's Grab hat et mit Runen-Schrift Worte eingegraben, die etwa zu 208 Deutsch in unsern Tagen folgendergestalt heissen möchten: »Du lieblich Bild der Erdenfreude, Stets nahe blieb das Leiden dir. Nun strahl'st du hold im Palmgestäude, Vom Leiden fern, denn das blieb hier. Heil dir, du stillgewordne Freude! Dein Palmengruß winkt einst auch mir.« 209     Nachwort. Das so eben beendete Werk ist folgendermaßen entstanden. Vor einigen Jahren kam mir ein Bücherpacket von unbekannter Hand zu, mancherley des Wichtigen und Seltnen für altisländische Literatur enthaltend. Vergeblich suchte ich nach einem Briefe des freundlichen Senders. Nur die zum Einpacken verwandten Bruchstücke eines in Dänischer Sprache abgefaßten handschriftlichen Schifferberichtes gaben mir mit Wahrscheinlichkeit kund, die edle Gabe stamme aus unsrem altverwandtem Dänenlande her. Weitere Nachforschungen führten mich nur so weit: Ein unbekannter Reisender habe wenige Meilen von hier das an mich überschriebne Packet abgegeben. 210 Meine Danksagung und Bitte um nähere Bezeichnung und Mittheilung, durch die Hamburger Zeitung bekannt gemacht, blieb bis heute unerwiedert. Lange rang ich in mir, wie ich die zu der nun vorliegenden Arbeit benutzte, in jener Sendung mitbefindliche Saga verwenden solle. Denn zum dichterischen Weitersagen derselben fühlte ich mich auf alle Weise kräftig angeregt. – Sie heißt auf Isländisch: »Sagan of Gunnlaugi Ormstunge ok Skalldi Rafni.« In der lateinischen Version lautet der Titel: » Gunnlaugi vermilinguis et Rafnis poetae vict. Ex Manuscriptis Legati Magnoeani etc. Hafniae 1775. « Zu einer ähnlichen Behandlung, wie die meiner frühern nordischen Heldenspiele (Sigurd der Schlangentödter u. s. w.) eignete sich der mehr epische als dramatische Gang der gegebenen Sage keinesweges. Ein Epos daraus in metrischem Klange zu bilden, fehlte es dem Wiedererzähler nicht an Lust, vielleicht auch nicht an Kraft. Aber was würden die Leihbibliotheken dazu gesagt haben, vermöge der an prosaische Uebersetzungen 211 gewöhnten Lesewelt? Und der Dichter mochte doch am wenigsten dießmahl in die wiederhallsleere Wüste hinaussingen, nur auf die ferne Möglichkeit einer künftig neu erwachenden metrischen Empfänglichkeit der Leser hoffend. Zur bloßen Uebersetzung dagegen wollte sich nun sein Einmahl angeregter Sinn nicht verstehen. Da sagte ihm die innere Stimme, die bisher sein dichterisches Leben geleitet hat: »Erzähle du, wie so viele romantische Dichter erzählt haben, seit dem frühesten Beginne dessen, was ihr jetzt Romane nennt: mit Liebe und Treue sich an die Urschrift haltend, aber auch den innern Eingebungen das Ausmahlen und Muthmaßen verstattend.« Es ist geschehen. Und nach langer, ernster Prüfung tritt nun die sogestaltete Arbeit an's Licht. Möge sie vorzüglich Dir genehm seyn, Du edler, unbekannter Spender der Saga, ob Du nun noch dießseit, oder, wie Dein Schweigen mich es beynahe vermuthen läßt, schon jenseit wandelst!