Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen 2. Band Herausgegeben von seiner Witwe Fürstin Augusta zu Eulenburg-Hertefeld Zwei Kaiser und ein König auf dem Wasser Abbazia und Venedig 1894. Ich war im März 1894 zum deutschen Botschafter in Wien ernannt worden, hatte jedoch noch nicht meinen Posten angetreten, als ich von dem Ministerium in Berlin den Auftrag erhielt, die Regierung bei dem Kaiser während seines Aufenthaltes in Abbazia zu vertreten, wo sich die kaiserliche Familie eine Zeitlang zur Erholung aufhalten sollte. Kaiser Wilhelm wollte mich daselbst auch dem Kaiser Franz Joseph vorstellen, der einen Besuch der Kaiserin und seines Bundesgenossen in Aussicht genommen hatte, und so begab ich mich von meinem bisherigen Posten, München, nach Abbazia, wo ich am Ostermontag, am 26. März 1894, eintraf. Tagebuchnotizen. Abbazia, 26. März 1894. Meine Villa Laura liegt hoch, und ich sehe über die darunterliegenden Gebäude auf die große weite Bucht von Abbazia und auf Fiume in der Ferne. Der Charakter der Landschaft erinnert an die Riviera, doch ist es keineswegs so warm wie dort, es weht unaufhörlich ein kalter Wind. Ich ging gegen 10 Uhr hinunter in die Kaiser-Villa, wo Hofprediger Frommel Gottesdienst hielt. Er ist mein alter Freund von Straßburg her, 1870, da ich als Leutnant und Adjutant des Gouverneurs und er als Garnisonpfarrer nach Übergabe der Stadt amtierte. Ich meldete mich bei den Majestäten und begrüßte das Gefolge. Um 10 Uhr fuhren wir im Yachtanzug auf die »Cristable« (eine englische Privatyacht, die Senden mietete). Die Majestäten, Gräfin Keller, Plessen, Senden, Leuthold, Lippe und ich nahmen an der Fahrt teil. Es wehte ein recht frischer Wind, aber das Schiff machte keine schlimmen Bewegungen, und der Kaiser erzählte mir alles, was ihn in der letzten Zeit in Berlin geärgert und gequält hatte. Um 2 Uhr fand ein sehr heiteres Frühstück in dem Decksalon statt, das der englische Koch der Yacht bereitet hatte. Wir fuhren an den Küsten der Inseln entlang, die recht öde sind. Nach 2 Uhr trafen wir wieder in Abbazia ein. Um 5 Uhr hielt ich dienstlichen Vortrag beim Kaiser. Um 8 Uhr Souper im Frack und schwarzer Krawatte, die Damen halb dekolletiert. Die Kaiserin in hellgelber Seide mit Perlen. Nach dem Abendessen hatte ich à trois , mit dem Kaiser und Frommel, eine Unterhaltung von 1½ Stunden, die durch Frommels reizende poetische Art und durch des Kaisers lebhafte Klugheit außergewöhnlich interessant war. 29. März 1894. Kaiser Franz Joseph traf früh um 9 Uhr in Matuglie ein, wo ihn der Kaiser mit den Adjutanten empfing. Um 10 Uhr kam er zum Besuch der Kaiserin nach Villa Amalie, und wir standen alle in »kleiner Uniform« zum Empfange bereit, die Prinzchen und das kleine Prinzeßchen mit Blumensträußen; die Kleine lief immer hin und her und gab jedem die Hand. Kaiser Wilhelm stellte mich vor, und Kaiser Franz Joseph sagte mir, »daß er sehr glücklich über meine Ernennung nach Wien sei, daß ich dort sehr gut aufgenommen werden würde und daß er mich bäte, in Aufrichtigkeit die Freundschaft zwischen den beiden Ländern zu pflegen«. Um 1 Uhr aßen die Majestäten allein, wozu Erzherzog Josephs, die bei Fiume eine Villa bewohnen, mit Tochter und Sohn Ladislaus kamen. (Die Mutter ist eine Schwester der Herzogin Max Emanuel von Bayern Geb. Coburg (von den katholischen, österreichischen Coburgs, Schwester des Königs von Bulgarien). .) Das Gefolge aß mit den Prinzen in der Nebenvilla. Um ½3 Uhr fuhren die Kaiserin, die beiden Kaiser, Familie Erzherzog Joseph, Fräulein von Gersdorff, Admiral Senden, ich und die drei österreichischen Herren (Graf Paar, Oberst von Lonvay und von Buttlar) zur »Cristable«, mit der bei herrlichem Wetter und spiegelglatter See eine schöne Fahrt an der Küste gemacht wurde. Daß ich in meinem Leben gerade mit Kaiser Franz Joseph in persönlichem Verkehr treten würde, ließ ich mir allerdings in meiner Jugend nicht träumen, als er die Idealfigur meiner Kinderphantasie war. Mein liebster Freund war während meiner ganzen Kindheit mein gleichaltriger Vetter (unsere Mütter waren Schwestern), Fritz Heß-Diller, Adoptivsohn des ruhmgekrönten Feldmarschalls Baron Heß und Sohn meines Onkels Baron Diller, des Vertrauten und Flügeladjutanten des Erzherzogs Franz Karl, Vater des Kaisers Franz Joseph, der erst 1878 starb, denn er verzichtete 1848 zugunsten seines Sohnes auf den Thron, den Kaiser Franz Joseph (geb. 1830) mit 18 Iahren bestieg. Der alte Erzherzog war somit durch 30 Jahre »Untertan« seines Sohnes. Das österreichische Milieu der Familien Diller und Heß, die in Wien eine Rolle spielten (denn der alte Feldmarschall Heß war einer der bedeutendsten Männer, die Österreich besaß), bildete in meiner Phantasie eine Art interessanter Märchenwelt, in die ich 1857 als 10jähriger Knabe bei einer Reise nach Reichenhall, Salzburg und Wien einen Einblick gehabt hatte, der mich begeisterte. Damals galt die österreichische Armee, nach den ruhmvollen Siegen 1848 und 1849 in Italien, als die Quintessenz aller militärischen Tugenden – und Eleganz. Und alles war geschart um die junge Heldengestalt Kaiser Franz Josephs, seines berühmten Feldmarschalls, des alten Radetzky und dessen Generalstabschefs Heß, – dem schon als jungen Offizier Napoleon 1805 persönliche Anerkennung zollte. Eine Welt von glücklicher Kindheit und Jugendphantasie ging nun vor mir auf – und darum konnte keine Persönlichkeit auf der Erde, unter allen Potentaten und Berühmtheiten, denen ich in persönlichem Verkehr begegnete, eine so eigenartige, innerliche Empfindung in mir wachrufen als dieser, jetzt so ehrwürdig gewordene Kaiser. War es wohl ein Hinüberwallen solcher Empfindung, daß der alte, wortkarge, stille und gütige Mann mir merkwürdig zutunlich bei unserer ersten Begegnung entgegentrat und auf der langen Fahrt zwischen den phantastischen Inseln so viel, so eingehend mit mir sprach, daß alles darüber staunte? Vielleicht war es nur, weil er fühlte, daß ich auch mit »hohen« Menschen immer nur als Mensch sprach, daß ich ihm von meinem ersten Besuch in Wien, vom alten Heß, vom Prater, von der Donau erzählte, Kindergeschichten aus Reichenhall, über die er herzlich lachte, – kein Wort Politik, keine leise Andeutung davon. Neben dieser ehrwürdigen Figur fiel die Familie Joseph sehr ab. Der Erzherzog, Sohn des berühmten Erzherzogs »Palatinus von Ungarn«, deutete durch seinen, mit ungarischer Bartwichse spitz neben der Nase wie zwei Stacheln in die Höhe aufgeschwänzten Schnurrbart an, daß er Ungar, nur Ungar sei. Er sprach auch ungarisch-deutsch – wenn er überhaupt sprach. Sein Schweigen war vielleicht weise Einsicht der eigenen Geistlosigkeit. Dafür sprach die Gattin zuviel, neugierig, uninteressant, und alles langsam durch die große, gebogene Nase der Mutter Orleans, Clementine, der hundertfach »gerissenen« Tochter des schlauen französischen Königs Ludwig Philipp. Ihre Tochter Dorothea Sie heiratete 1896 den » Roi de France « Herzog von Orleans, einen eitlen, liederlichen Kerl, den ich flüchtig in Wien in der Burg kennenlernte, als er aus dem Zimmer des Kaisers trat. Er hatte einen hellblauen Frack an und trug den Orden du Saint Esprit . Die Ehe wurde bald getrennt. gefiel mir noch weniger. Das Merkwürdigste aber war der junge Ladislaus, noch langsamer als die Eltern sprechend, ungarisch-deutsch. Ich fragte ihn, in welcher Garnison sein Regiment stehe? Er sagte: »Ich – stehe – bei – der Infonterie. Ober ich werd' mich – zu – der – Kovallerie – transferieren – lossen. Denn – bei – der – der – In–fonterie muß man – laufen, und – bei – der – Kovallerie – reitet mon.« Er war dabei sehr ernst geworden. Später, vor der Insel Veglia, wo viel Adler horsten (und Kaiser Wilhelm natürlich eine Jagdpartie plante), fragte ich den armen Ladislaus, ob er schon einen Adler geschossen habe? (denn Josephs bewohnen zeitweise, wie ich bereits sagte, eine große Villa bei Fiume, ihr eigentlicher Wohnsitz ist Pest und Alcsut). »Nein«, erwiderte der arme junge Ladislaus, »denn – mit – dem – Stutzen - hat – man – eine Kugel, – die fliegt – holt immer – vor – bei. Und – mit der – Flinten - hot's viele, – sser kloane – Kügerln – ober – die fliegen – holt net – hoch – gnug.« »Ja«, sagte ich, »daß ist halt sehr traurig«. Er nickte sehr ernst. Man begegnet nicht alle Tage jungen Leuten, die so gottvoll dämlich sind wie der kleine Ladislaus Bei seiner Anwesenheit in Abbazia fuhr Kaiser Franz Joseph nach Fiume, um der Erzherzogin Joseph einen Besuch zu machen. Ladislaus kam langsam durch den Vorgarten geschritten und der Kaiser fragte ihn. »Ist deine Mama zu Hause?« – »Nein«, sagte Ladislaus, »der Momma ist net zu Haus«. »Man sagt nicht der Mama, sondern die Mama«, korrigierte der Kaiser. – »Aber der Momma ist – doch net zu Haus«, war die Antwort. – »Dummer Bub«, sagte der Kaiser und fuhr davon. Graf Goluchowsky erzählte mir später diese Geschichte, und als ich einst dem Kaiser Franz Joseph zufällig den kleinen Ladislaus nannte, sagte er nur: » Sser ein dummer Bub«. Aber alle hatten ihn doch wegen seiner Freundlichkeit lieb und die Familie betrauerte ihn tief als er noch ganz jung, verunglückte. Auch hierbei trug Torheit die Schuld: auf der Jagd hatte eine angeschossene Wildkatze sich in einem Gebüsch versteckt. Um sie herauszutreiben drehte er das gespannte Gewehr um, stieß den Kolben hinein, das Gewehr entlud sich, und der Schuß traf ihn in das Herz. . Nach der Heimkehr um ½6 Uhr begab man sich hinüber auf das Schiffsjungen-Schulschiff »Moltke«, das reizend dekoriert war – wie ein großer Salon von Flaggen und Blumen. Dort war eine große Gesellschaft aller hier anwesenden notabeln Österreicher und Ungarn mit ihren Damen geladen. Die Majestäten waren sehr liebenswürdig, und ich lernte viele Menschen kennen. Um 7 Uhr hatte man reichlich genug. Die Majestäten verließen das Schiff, und während noch alles an Bord war, liebenswürdig kausierend und lächelnd – wurden plötzlich etwa 50 Kanonenschüsse abgefeuert! Salut für Kaiser Franz Joseph, der von Bord ging. Die Damen rannten wie die Wahnsinnigen hin und her und natürlich immer dahin, wo gerade wieder geschossen wurde, denn abwechselnd fiel ein Schuß an Steuerbord und einer an Backbord. Ein ganzer Haufen Damen lief sogar nach oben auf die Kommandobrücke des Kapitäns. Natürlich war aber doch alles »entzückt« und »geschmeichelt« – denn bei solchen Gelegenheiten sind selbst 50 Kanonenschüsse zu vertragen. Zu Hause zog man sich um und erschien zum Souper bei den Majestäten. Die Unterhaltung war keine sehr lebhafte, da der Kaiser Franz Joseph einsilbig ist. Die Kaiserin trug bei dem Souper ein mattrosa Kleid mit Samtpuffärmeln – dazu sehr hohe Frisur, und den Schmuck, den ihr Kaiser Franz Joseph als Pate von Prinz Joachim geschenkt hat: eine große Schleife von Rubinen und Diamanten. Um 1/2-9 Uhr erfolgte die Abreise. Kaiser Wilhelm brachte seinen Gast bis Matuglie. Alles andere ging schlafen.   30. März 1894. Ausfahrt mit den Majestäten auf der »Cristable« um die Insel Veglia, von früh 3/4-11 bis abends 1/2-7 Uhr. Eine zauberhafte, schöne Fahrt! Nachmittags landeten wir an der dalmatinischen Küste bei der kleinen Stadt Zenk. Ich ging mit der Kaiserin und den beiden Damen an Land, wo die ganze Bevölkerung auf dem hübschen Marktplatz zusammenlief. Es war wie auf dem Theater, so unwahrscheinlich malerisch. Die Kaiserin führte 8 barfüßige Jungen in einen Schuhladen und kaufte ihnen rote Lederschuhe, verteilte auch Brot und Orangen. Sie war so gut und heiter dabei! Gegen Abend kehrten wir heim. Die Küste ist merkwürdig öde und tot. Aber schön sind die Farben der Felsen und des Wassers. Ich hatte unterwegs leider allerhand Politik mit dem Kaiser zu besprechen. Es geht immer der furchtbarste Ernst zwischen den bunten Eindrücken spazieren. 31. März 1894. Morgens stets Vortrag beim Kaiser und viel Arbeit. Nach dem Essen um ½4 Uhr großes »Tennis«. Ich spiele gegen den Kaiser und eine Komtesse Pálffy, die vortrefflich spielt. Daneben die Kaiserin mit den Prinzen. Die Kaiserin geht um 10 Uhr zu Bett. Wir Herren bleiben bis 11 Uhr zusammen. Unbequem ist es für mich, daß ich etwa 5 Minuten zu meiner Villa Laura zu gehen habe. Alle Augenblicke kommen Depeschen, die ich oben erledigen muß, dann wieder muß ich zum Kaiser und dazwischen mich umziehen. Morgens: Promenaden-Kostüm, zum Frühstück: schwarzer Überrock. Geht man zur Yacht: Yachting-dreß, geht man zum Tennis: Tennis-dreß, zum Abendessen: Frack und schwarze Krawatte. Es ist häufig alles so eilig, daß ich, während ich mich wasche, Kistler oder Hofrat Taege die wichtigsten Depeschen in die Feder diktiere. Pola 6. April 1894. Wir hatten uns gestern abend auf die »Tristable« begeben und saßen mit dem Kaiser, Bier trinkend, noch eine Stunde zusammen. Lyncker, Leuthold, Plessen und ich. Vor Tagesanbruch fuhren wir nach Pola. Vorher noch war der Kaiser hinüber auf die »Moltke« gefahren, um als Admiral auf der Kommandobrücke des »deutschen Kriegsschiffes« all den Kanonendonner als Salut in gehobener Stimmung in Empfang zu nehmen, mit dem sich wahrhaftig die Marine bisweilen lächerlich macht. In Pola war es nahezu unerträglich. Ging Se. Majestät an Bord der »Moltke«: 25 Schuß. Nun Besichtigung aller im Hafen liegender Kriegsschiffe. Sobald er ein Schiff bestieg: 25 Schuß. Ging er von Bord dieses Schiffes: 25 Schuß. Mit einer Pinasse zu dem nächsten Schiff: 25 Schuß – von Bord: 25 Schuß usw., usw. So ging es den ganzen Tag. Warum in aller Welt nicht Salut bei Ankunft der »Moltke« und Salut bei Abfahrt von Pola? Wäre das nicht genug?? Ich sah mir währenddessen die Stadt an, die malerisch und interessant ist mit dem Tempel aus der Römerzeit und dem berühmten, gut erhaltenen Amphie-Theater. Auch schöne Brunnen waren zu sehen – aber sobald man sich über etwas Schönes freute: 25 Schuß! Das war wirklich um toll zu werden. Dazu mußte ich auch noch allerhand dienstliche Sachen auf der »Cristable« erledigen, und sobald ich einen komplizierten Satz zu schreiben anfing: 25 Schuß. Natürlich war der Satz weg! Endlich schwieg die Kanonade. Die große Festtafel im Marine-Kasino begann: der Kaiser hatte bald die gesamte österreichische Marine davon überzeugt, daß die Zukunft Österreichs auf dem Wasser läge. Admiral Baron Sterneck, neben dem ich gegenüber vom Kaiser an der Tafel saß, hatte mit Tegetthof 1866 die berühmte Seeschlacht bei Lissa gegen die Italiener gewonnen und höchst eigenhändig das Flaggschiff des italienischen Admirals in Grund gebohrt oder geschossen. Auch hatte er (mit Payer und Graf Wilczek) die Nordpolexpedition geführt und Franz-Joseph-Land in Besitz genommen. Sterneck war also der Seeheld, der sich gern sagen ließ, daß die Zukunft Österreichs auf dem Wasser liege. Jedenfalls war Sterneck in gehobenster Stimmung, und die Unterhaltung mit Sr. Majestät über den Tisch hinüber wäre ganz besonders interessant gewesen, wenn Sterneck sich am Nordpol nicht ein Ohr erfroren hätte und darauf taub war. Aber er war doch begeistert. Mich begrüßte er besonders warm als neuen Botschafter in Wien. »Ich sei musikalisch. Er habe eine Freundin, Baronin Türck-Rohn, die sänge nichts als meine Rosenlieder. Sie habe eine großartige Stimme und sei sehr schön, sehr schön. Jetzt sänge sie in Leipzig.« »In einem Konzert?« fragte ich. »Nein, in etwas anderem«, – er habe vergessen, was es sei. »In einer privaten Aufführung?« – »Nein. Es ist halt – ich hab' den Namen vergessen – sehr eine große Sache, eine berühmte Sache, von –«. »Nun«, sagte ich, »Exzellenz meinen vielleicht ein Oratorium?« »Ja!« – rief er glücklich – »ein Oratorium, von – von« – »Etwa von Haydn?« - »Ja, von Haydn!« – »Vielleicht die Jahreszeiten?« »Nein – nein! – jetzt hab' ich's: die Götterdämmerung!« Ich griff schnell nach einem Glas Champagner und verschluckte mich absichtlich, denn es war nicht möglich, bei dieser Götterdämmerung nicht zu lachen. Das Beste des großen Festes war die Militärmusik, die Kapelle, die im wesentlichen aus Streichinstrumenten bestand und von einem begabten jungen Kapellmeister vortrefflich dirigiert wurde. Ich ließ ihn nach dem Essen rufen und bedankte mich. Sein Name war Léhar!! Erzherzog Stephan ist ein liebenswürdiger Mensch ohne besondere Bedeutung. Ich war recht froh, als wir uns endlich um 10 Uhr auf die »Cristable« begaben, denn das Fest war langweilig. Da mich Schiffe nicht interessieren, so ermüdet mich eine jede Marine-Konversation. Die Götterdämmerung war wenigstens eine Erholung, und Léhar dirigierte ausgezeichnet. Leider war mein Schlaf trotz ruhiger Fahrt diese Nacht miserabel. Ich glaube, daß das infame Salutschießen mich nervös gemacht hatte. Für eine Seeschlacht scheine ich mich nicht zu eignen. Venedig. 7. April 1894. Morgens, nach dem Frühstück, siedelten wir nach unendlichem Signalisieren von der »Cristable« auf die »Moltke« über. Es war ein schöner heller Tag. In der Ferne waren die Berge der Küste sichtbar, dann tauchten auch die Türme Venedigs aus den blauen Fluten auf, zuerst der göttliche Campanile. Als wir uns Malamocco näherten, das mit einem Fort auf Lagunen Venedig vorgelagert ist, zeigten sich allerhand kleine Dampfer und Segelschiffe, die augenscheinlich die Ankunft des Kaisers erwarteten. Darunter befand sich auch eine Pinasse, die Bülow brachte, der zu unser aller Freude glücklich die »Moltke« bestieg, wo dann sofort hundert Fragen an ihn gestellt wurden und die Politik, die unvermeidliche, ihren Dunst entwickelte. Dann aber begann der Salut von den kleinen Forts am Eingang der Fahrrinne nach Venedig und von einigen italienischen Kriegsschiffen. Der aber machte einem anderen Geräusche Platz, das denn doch jeder Beschreibung spottete: Eine ganze Reihe von kleinen Dampferchen, Kopf an Kopf mit neugierigen Venezianern besetzt, hatte ein jedes ein Musikkorps an Bord und jedes Musikkorps dieser Dampferchen, die wie ein Flug schwarzer Krähen die weiße »Moltke« begleiteten, spielte »Heil dir im Siegerkranz« und die galoppschnelle italienische Hymne. Jedes für sich, durcheinander, Musik und Takt wie einen grauenvollen Salat zusammenwirbelnd – ich hörte niemals Ähnliches, hatte mir auch nicht gedacht, mit solchen Mißklängen der göttlichen Piazetta entgegenzudampfen, vor der im Angesicht des Dogenpalastes die »Moltke« vor Anker ging. Fast in demselben Augenblick hatte sich eine königliche Gondel, von sechs in rote Livree gekleideten Gondolieren geführt, mit König Umberto von dem nahen Palazzo reale in Bewegung gesetzt. Die Gondel flog auf die »Moltke« zu. An dem Fallreep hatte der Kaiser sich mit uns aufgestellt, und eilig schritt König Umberto hinauf, um den Kaiser zu umarmen. Unter ihm wurde die erste Salut-Kanone abgeschossen, und zwar in dem Augenblick des Monarchen Kusses. Nun erfolgte die Vorstellung: » Voilà mon ami, l'ambassadeur Comte d'Eulenburg « – Bum! – » L'admiral de Senden « – Bum! – » Le général de Plessen « – Bum, Bum! – usw. Sehr eindrucksvoll. Was mir aber bei dem ersten Schuß jede würdevolle Haltung raubte, war die Wirkung auf zahllose Gondolieri, die, um die Monarchenbegegnung aus nächster Nähe zu sehen, mit ihren schwarzen Gondeln sich an den weißen Schiffsleib der »Moltke« angelehnt hatten. Bekanntlich rudern die Gondolieri hinten auf dem Heck der Gondeln hoch stehend. Sie ahnten nicht, daß geschossen werde. Plötzlich dröhnte der erste Schuß dicht über ihre Köpfe hin, und wie mit einem Schlage sah ich wohl 10-12 Gondolieri von dem hohen Stand in die Gondel fallen, mitten zwischen die Insassen. Ein fürchterlicher Schrei erscholl, – ungeheures Gelächter folgte. Nach der Begrüßung und Vorstellung des Schiffskommandanten und der ersten Offiziere begaben sich der König mit dem Kaiser und dem Gefolge in Gondeln und Pinassen zum Palazzo reale. Der Palazzo, mit seinem grünen Vorgarten auf einer Terrasse, liegt am Eingang des Canale grande, neben der Piazetta. Die Gebäude, die gegenüber der St. Markuskirche an der Piazetta liegen, sind die berühmten Prokuratien, in denen früher die Senatoren und höchsten Beamten der Republik wohnten. Der Palazzo reale ist somit ein Teil der Prokuratien. Er nimmt den Raum zwischen dem Markusplatz und dem Canale grande ein. Der Hofmarschall führte die Majestäten und uns zu den Wohnräumen. Der Kaiser bewohnte die Zimmer im ersten Stock, wo die Prokuratien die Ecke der Piazetta und des Canale grande bilden. Ich hatte mein Quartier daneben, zwei Salons, ein Schlafzimmer und Dienerzimmer. Daß ich jemals an der göttlichn Piazetta wohnen sollte, gegenüber St. Marco, der in tausend Sonnenlichtern glänzte, den herrlichsten Platz der Erde zu meinen Füßen, mit dem Blick zum Meer, auf dem sich Hunderte von Gondeln und Schiffen in festlichem Kleide und festlicher Bewegung tummelten, das hatte ich nicht erwartet und nahm es dankbar als eine ganz besondere Freundlichkeit des Himmels entgegen, der sich dazu auch wohl meinen gütigen Wirt, König Umberto, als Vermittler ausgesucht hatte, – den freundlichen, liebenswürdigen Sohn des durchaus weder freundlichen noch gütigen Re galantuomo Vittorio Emanuele. Um 1 Uhr wurde ein Frühstück auf dem Zimmer serviert. Der König fand sich dazu bei dem Kaiser ein. Ich begab mich nach dem Frühstück hinüber und fand beide gemütlich rauchend auf einem riesengroßen grünseidenen Sofa in dem prächtigen Salon mit der göttlichen Aussicht sitzend. Ich mußte Platz nehmen, eine Zigarette anstecken und in die Unterhaltung tauchen, bei der man sich politisch in den Armen lag: schöne Worte wie bei Geburtstagen und Neujahr. – Mit Österreich ginge es nicht so leicht, – aber mit Nigra Graf Nigra, italienischer Botschafter in Wien. Eine berühmte Persönlichkeit. werde ich alles in schönstem Gleichgewicht halten, – vor Kaiser Wilhelm liege ganz Italien auf den Knien, on l'aime comme un dieu , usw ... (Man kennt das. Aber dem guten Kaiser ging es doch glatt hinunter.) Nachher schlief der Kaiser, und ich machte mit Bernhard Bülow einen langen Spaziergang auf der Riva dei sciavoni, bei dem leider nicht die rosige Stimmung wie oben in den Prokuratien herrschte. Die unerträgliche Lage in Berlin ging hinter uns her wie eine knurrende Dogge. Selbst der vielgewandte Bernhard wußte keine Medizin dafür. Er war doch nicht auf alles gefaßt, was ich ihm zu erzählen hatte. Um 4 Uhr mußte (unvermeidlich!) ein italienisches Kriegsschiff besichtigt werden, worüber Plessen eine derart echte Freude heuchelte, daß ich mir denn doch Gedanken über seine berühmte Ehrlichkeit machte. Ich jedoch hatte die Stirn, Se. Majestät zu bitten, mich zu beurlauben, da ich San Marco »hübscher« fände als ein Kriegsschiff. Das fand der Kaiser berechtigt und ließ mich laufen. Bernhard hatte zu telegraphieren, ich setzte mich in eine Gondel und fuhr den Canale grande entlang – herrlich! Ich nahm auch Kistler und Emanuel Sekretär und Leibjäger. mit, an deren Begeisterung ich mich noch besonders freute. Wie schön ist es doch, alte Freunde wiederzusehen, und da standen sie alle noch aufgereiht: Maria della Salute, die Ca' d'oro, die Rialtobrücke und alles Herrliche. Bei einem Antiquar, der mit Marmorsachen handelte, stieg ich aus und kaufte für Liebenberg einen hohen, runden Wassertrog mit Figuren in Relief aus spätrömischer Kaiserzeit und einen kleinen Brunnen von rötlichem Marmor. Der Kaiser hatte mich um 1/2-6 Uhr ins Arsenal bestellt. Ich fuhr mit ihm und dem König in der offiziellen Gondel zum Palazzo reale und von dort in einer schwarzen Privatgondel von einer »inoffiziellen« Treppe aus mit den beiden Majestäten allein durch lauter kleine Canalettis inkognito durch die Stadt. Der Kaiser wollte gern einmal Venedig »privatim« wiedersehen, und das ließ sich, da die kleinen Kanäle keine Fußsteige an den Häusern haben, leicht bewerkstelligen. Neugierige, die am Canale grande in der Nähe des Palazzo reale standen und wohl die Könige erkannt hatten, vermochten nicht zu folgen. So war denn das Unternehmen wirklich gut geglückt. Der Kaiser in seinem Yachting dreß, der König mit »Interimsmütze« und einfacher Offiziers-Uniform, ich in Zivil. Der König wurde nur einigemal erkannt, wenn wir eine Brücke passierten. Man sah uns kommen, irgendeiner schrie: »Eviva! eviva il re!« , alles klatschte wie toll in die Hände und hing sich über das Geländer, – stürzte zu der andern Seite, wenn wir die Brücke passierten, hing sich wieder über das Geländer, so daß wir die klatschenden schmutzigen Hände dicht über unsern Köpfen sahen. Dann aber ging es weiter auf den stillen, menschenleeren Wasserstraßen, an verfallenen Palästen, herrlichen Details von Architektur, malerischen Winkeln und an einem verlassenen kleinen Gärtchen neben einem Palazzo vorüber, wo eine einsame hohe Zvpresse wie ein Wunder von Schönheit in ihrer Gestalt und Farbe neben dem Schimmer verwitterter Mauersteine stand. Einmal fiel einem zu arg klatschenden und »Eviva il Re!« schreienden Bengel die Mütze von der Brücke in die Gondel, – ich habe niemals ein solches Gekreische vor Vergnügen gehört als bei diesem Ereignis. Wir mußten halten. Der Gondoliere reichte dem Bengel die Mütze wieder und einen 10 Lire-Schein, den ich schnell aus der Tasche zog. Nun wurde bei diesem Halt aber auch der Kaiser erkannt, und da ging das »Eviva l'imperatore« an, mit dem Gekreisch, das man eigentlich nur aus den Kehlen von italienischen Weibern in solcher Schärfe zu hören bekommt, – es mag in der Sprache oder in der Konstruktion südlicher Gaumen liegen. Aber es flogen bei diesem Halt auch Fenster an den alten, steilen hohen Häusern auf. Überall zeigten sich ungekämmte Weiberköpfe, und man schrie, schwenkte mit Windeln und schmutzigen Tüchern, halb nackte kleine Kinder wurden zum Fenster hinausgehalten, um auch die Bambini teilnehmen zu lassen, was sie redlich von oben und unten besorgten, die armen Dinger. Noch weit entfernt von der ominösen Mütze hörten wir das begeisterte »Eviva« und lachten uns halbtot über alles, was da zu sehen war. Auch König Umberto machte es Spaß, – weil es uns Spaß machte. Denn ihm waren derartige Ergüsse von Enthusiasmus als Italiener keine Neuigkeit. Der König gefiel mir stündlich besser. Ich habe niemals einen so wild aussehenden Mann von solcher Gutmütigkeit gesehen. Uber dem großen, kühn zur Seite gestrichenen grauen Schnurrbart, der die zusammengekniffenen Lippen bedeckte, blitzten zwei große, braune Augen, von dunkeln, dichten Brauen beschattet, und wenn er sprach, stieß er immer zwischen den Worten ganz kurz und hart »A« hervor. Doch alles, was er sagte, seine Gedanken, seine Empfindungen, trugen den unverkennbaren Charakter größter Güte, – fast Schwäche. Der wilde Ausdruck war eine ihm zur zweiten Natur gewordene Pose. Er wollte auch der macht- und kraftvolle Mann und König sein, wie sein Herr Vater, und äußerlich war es ihm fast geglückt. Ich sah diesen Vater auch einmal in meinem Leben: das war 1872 in Rom in der Villa Doria Pamphili. Er fuhr Schritt in dem Park spazieren. Rotgeschminkte Backen, böse Augen, kohlschwarz gefärbter breiter schwarzer Schnurr- und Knebelbart, unförmlich dick. Neben ihm die berühmte Gräfin Mirafiori (d. h. auf deutsch etwa »Wunderblume«) – seine Gattin »zur Linken« mit einer Vergangenheit, die auf ihrem dicken aufgedunsenen Gesicht ausgebreitet wie eine Anklage lag. Sie war genau wie der Re galantuomo angestrichen. Wenn der Vater Umbertos Italien – das ganze Italien – mit dem Gesicht einigte, so kann man ungefähr verstehen, daß der Sohn an diesen Vater zu erinnern wünschte. Wir kehrten nach 7 Uhr von der reizenden Fahrt zurück und machten Toilette zu der großen Tafel, die um 8 Uhr im Saal des Palazzo reale stattfand. Ich saß rechts neben dem König, links Bülow, der Kaiser gegenüber mit den obersten Italienern von Marine und Militär. Nach der Festtafel, an der etwa 30 Herren teilgenommen hatten, wurde lange rauchend »gecerclet« . Plötzlich erstrahlen alle Fenster des Saales in hellem Glanze: in geradezu feenhafter Beleuchtung waren San Marco, der Dogenpalast, die Piazetta, alle Säulengänge, die Architektur der Dächer mit Tausenden von elektrischen Flammen besetzt, während bengalisches Licht an den unwahrscheinlichsten Stellen merkwürdige Effekte gab. Es war wie ein phantastischer Traum. Dann zogen sich die Majestäten zurück in die Zimmer des Kaisers, wohin Bülow und ich zitiert wurden. Da ging denn wieder die Politik an, – und ich bewunderte Bülow, wie glänzend er die italienischen Fragen behandelte, und freute mich, wie der berühmte Engelbrecht Der deutsche Militärattaché in Rom. (der als Flügeladjutant des Kaisers auch nach Venedig zitiert war) – die bête noire Bülows, – dabei ins Hintertreffen geriet. Wir saßen wohl bis ½12 Uhr zusammen, und ich verlängerte den Abend noch durch eine lange Zwiesprache mit Bülow in meinem Zimmer, die wohltuend auf mich wirkte, da nichts auf Erden so beruhigend ist als die Möglichkeit einer völlig offenen Aussprache in schwierigen Lagen des Lebens. Es war bald 1 Uhr, als Bernhard ging. Sonntag, 8. April 1894. Als ich erwachte, wurde ich von dem seltsamen Gefühl erfaßt, tatsächlich in einem Gemach der Prokuratien zu liegen, in demselben Raum, in dem zu der Zeit der Größe und des Ruhmes Venedigs einer der Ersten des Staates gelebt, gedacht, geliebt und gehaßt hatte, – einer der »Ersten der Republik«, - denn nur diese Räume empfingen ihr Licht von der Piazetta, und nur von hier konnte man überblicken, was sich an Festtagen, bei großen Ereignissen des meerbeherrschenden Venedigs vor San Marco abspielte, von hier sah man den Dogen auf dem goldenen Buzentaur zum Meer hinausfahren, um Venedig dem Meere zu vermählen, den Ring von dem goldenen hohen Bug hinabzuwerfen, – von hier sah man, wie die Landesverräter zwischen den beiden Säulen der Piazetta hingerichtet wurden (ein häufiges, gern gesehenes Schauspiel, zu dem der Senator wohl seine schönen Freundinnen lud) – hier, in diesen Räumen hatte wohl oft genug der große Tizian geweilt, dem ein Leben von über 90 Jahren beschieden war. Ganz überwältigt von solchen Erinnerungen war ich aus dem Bett gestiegen und hatte mich an das Fenster gestellt, ganz versunken in die Herrlichkeit und den Zauber dieser Piazetta. Da wurde ich höchst unangenehm durch meinen Leibjäger gestört, der mir meldete, daß der Oberst von Engelbrecht fragen ließe, ob ich ihn empfangen könne? – Welcher Gedankensturz! Also Engelbrecht. »Ich lasse den Herrn Obersten bitten, im Salon zu warten.« Im Salon stand das Frühstück: englisch mit allerhand Fleisch. »Was verschafft mir die Ehre dieses frühen Besuches?« Engelbrecht mit seinem süßen Lächeln und seinem beweglichen Rücken, den dunkeln Haaren und der Hyperhöflichkeit glich einem gewissen Kommis bei Gerson in Berlin, der immer meiner Mutter die Honneurs des Geschäftes machte, wenn ich sie dorthin begleitete, um ihr bei der Auswahl von Mänteln behilflich zu sein. Engelbrecht sagte, daß ihm der Gedanke gekommen sei, der Kaiser wolle vielleicht der Kaiserin irgendein Geschenk als Überraschung mitbringen, und da habe er etwas gefunden, was großartig sei, einzig in seiner Art. »Und weshalb wollen Sie die Sache nicht dem Kaiser zeigen?« »Ja«, antwortete er und holte ein großes Etui von Leder hervor, »ich glaubte, daß Ew. Exzellenz vielleicht besser als ich den Kaiser überreden könnten, das Geschenk zu kaufen.« Engelbrecht sagte mir, es sei ein Gelegenheitskauf. Ein großartiges Geschäft. Ich hätte wohl von dem Bankrott des Fürsten Borghese in Rom gehört? Allerhand Kunstwerke seien jetzt in den Handel gekommen. Durch seine ausgezeichneten Verbindungen mit allen großen Häusern in Rom habe er auch einen Schmuckgegenstand in die Hände bekommen, der höchst interessant und ungemein preiswert sei. Es handle sich um ein Diadem der berühmten Fürstin Borghese, Schwester Napoleons, was man »unter der Hand« verkaufen wolle. Er öffnete nun das Etui und zeigte ein sehr schönes Diadem. Diamanten und große Smaragden im reinsten Empire-Stil gefaßt, es sollte zwischen 30 und 40000 Francs kosten. Übermäßig teuer fand ich es nicht, – aber ich sagte sehr rücksichtsvoll, daß die Kaiserin den ganzen Kronschmuck Preußens trage, der ganz auffallend schön und reichhaltig an Diademen jeglicher Art sei. Engelbrecht fing nun an, das Diadem zu preisen. »Abgesehen von der Schönheit der Steine und Form, habe es noch den großen historischen Wert, daß es die berühmte Schwester Napoleons getragen habe.« Nun aber fühlte ich, daß mein Ärger zu groß wurde, um höflich abzulehnen. »Kennen Sie die Fürstin Borghese?« fragte ich. – »Wie meinen Exzellenz? – Die jetzige Fürstin?« – »Nein«, sagte ich, »die Fürstin Pauline Borghese, die ›berühmte‹ Schwester Napoleons, habe ich das Vergnügen zu kennen, und ich habe sie ganz nackt gesehen, denn sie hat sich von Canova – so viel ich mich erinnere, nur mit einem Diadem bekleidet, – vielleicht mit diesem – in Marmor modellieren lassen. Sie fand sich selbst nackt zauberhaft schön, das fanden fast alle, jedenfalls sehr viele Herren. Besonders auch ihr Bruder Napoleon. Wenn Sie das Diadem Sr. Majestät anbieten, Herr Oberst, – da ich leider nicht unter diesen Umständen in der Lage bin, es zu tun, – so könnten Sie vielleicht dem Kaiser von dieser meiner Bekanntschaft mit der schönen Pauline Mitteilung machen.« Er wußte natürlich ganz genau, wer Pauline Borghese war, und ganz genau, daß der Kaiser nicht gerade wünschen könne, daß seine Gattin, die deutsche Kaiserin, Paulinens Diadem trüge. Deshalb ließ er es darauf ankommen, ob ich vielleicht, ohne eine Ahnung von Paulinen zu haben, dem Kaiser das Diadem anschwindeln könnte. Und das war der Engelbrecht, für den der Kaiser sich so sehr einsetzte, als seitens des Auswärtigen Amtes Klagen wegen seiner Intrigen einliefen, um sich zum Botschafter in Rom aufzuschwingen! Der Kaiser schrieb mir damals ganz erregt: Daß er sich die Angriffe gegen Engelbrecht verbäte, denn Engelbrecht sei sein Kamerad und sein Flügeladjutant!! Gott weiß, wie leid mir der Kaiser in seinem totalen Mangel an Menschenkenntnis tut! Es ist rührend, wie er für die Leute eintritt, die seine Adjutantenschnüre tragen. Ich lud Engelbrecht nicht ein, mit mir zu frühstücken, sondern war noch rücksichtsvoll genug, ihm zu sagen, »ich bedauere es in seinem Interesse, daß er das Geschäft nicht abschließen könne«, und machte ihm eine Verbeugung, die er richtig so verstand, daß ich nun allein zu frühstücken wünsche. Ich ließ alles Fleisch und alle Eier stehen und trank zur Beruhigung eine Tasse Tee, – die mich aber auch nicht beruhigte. Dem Kaiser gegenüber schwieg ich natürlich von dieser Diadem-Geschichte. Was wäre dabei herausgekommen? Bülow ist ja nun Botschafter und klug genug, um Engelbrecht im Zaume halten zu können. Um 10 Uhr sollte Gottesdienst auf der »Moltke« sein, zu dem der Kaiser und die militärische Begleitung fuhr. Ich hatte mich dispensieren lassen, da ich viel Depeschen und dienstliche Sachen erledigen mußte – nicht zum wenigsten aber auch, weil es der letzte Tag mit Bernhard Bülow war, mit dem ich noch manches zu bereden hatte. Wir frühstückten um 12 Uhr gemütlich zusammen in meinem Salon. Die gestrige Gondelpartie hatte den Kaiser derartig begeistert, daß sie heute wiederholt werden mußte, unter dem denkbar größten Inkognito. Das gelang auch leidlich gut – bis auf das bekannte Händeklatschen und ein unerhörtes Eviva , als wir in einen größeren Kanal einbogen. Ob sich doch vielleicht die Nachricht von der Spazierfahrt verbreitet hatte, oder ob der Gondoliere dort Freunde hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls wurden wir nun von einigen Gondeln verfolgt, und es galt, dieser Gesellschaft zu entfliehen, die nach allen Fenstern hinaufschrie: »Ecco l'imperatore!« Eine richtige Jagd fand statt, aber es glückte unserem Gondoliere, plötzlich in einen kleinen Seitenkanal einzubiegen und in einem winzigen Hafen an einem alten Palazzo zu verschwinden, er sprang von seiner hohen Stellung herab und ließ mit Genugtuung die anderen Gondeln vorüberfahren. Sobald diese aber von dem Kanal in einen anderen einbogen, verließ er unsern Standort und fuhr eilends den Weg zurück, auf dem wir gerudert waren, – um alsdann eine andere Gegend der Stadt aufzusuchen. Das war ein Versteckspielen für die Majestäten, die sich göttlich dabei amüsierten. Wir hatten wieder Herrlichkeiten und soviel Wunderbares gesehen, daß ich noch lange an diese Fahrt denken werde. Einmal fiel es mir plötzlich ein: was würde mein seliger Vater gesagt haben, wenn ich als Jüngling ihm 1860 einen Traum erzählt hätte, »daß ich mit dem deutschen Kaiser und dem König von Italien allein in einer schwarzen Gondel in Venedig spazierengefahren sei«. Abgesehen davon, daß er uns Kindern stets verboten hatte, Träume zu erzählen, »weil sich Kinder dabei das Lügen angewöhnen«, würde er mit Recht bemerkt haben: »So ein Unsinn!« Das würde allerdings 1860 ein besonderer Unsinn gewesen sein, da es damals weder einen deutschen Kaiser noch einen König von Italien gab, sondern nur einen König von Preußen und einen König von Sardinien. Aber das Sonderbare war, daß, wenn ich erst vor zehn Jahren dasselbe geträumt haben würde, ich es selbst ais einen dummen Traum bezeichnet hätte, denn ich kannte damals noch nicht einmal den Prinzen Wilhelm persönlich. Bisweilen überfällt mich eine höchst überflüssige Betrachtung der Dinge und Vorgänge und verfolgt mich eine ganze Weile. So auch hier plötzlich in einem kleinen schmutzigen Kanal. Es erschien mir als Situation unwirklich. Was hatte ich eigentlich mit diesen beiden Königen, der Gondel und dem schmutzigen Kanal zu tun? Schicksal! – pflegt man zu sagen. Und mir fiel dabei das Sprichwort ein: »Den Dummen gibt's der Herr im Schlaf.« Andrerseits hielt ich mich weder für dümmer noch für klüger als andere, - doch aber für anders als andere. Denn ich hatte stets bei außergewöhnlichen Erlebnissen, merkwürdigen Konstellationen, eigenartigen Begegnungen das Gefühl, daß mich das alles gar nichts anginge, ich fühle mich immer, wie gesagt, anders als die andern. Ohne jeglichen Ehrgeiz in der Form, die die andern quälen und beherrschen, – und dann kommt mir der Gedanke, daß vielleicht gerade deshalb, weil mich meine Sehnsucht lediglich nach Liebenberg zog, in meine stille Heimat, zu meiner Musik, meiner Malerei, zu meinen Büchern, zu meiner Mutter im Kreise meiner Augusta und der lieben Kinder, – instinktiv sich hochgestellte Personen auf allen Gebieten gern an mich anschlossen, weil sie vielleicht empfanden, daß ich tatsächlich nichts von ihnen will, – (und allerdings empfinde ich daneben den Neid so vieler, die alle der Überzeugung leben, daß ich viel will, daß es mir durch Schlauheit und Niedertracht geglückt sei, hohe Persönlichkeiten für mich zu gewinnen!). Bisweilen kommt mir wahrhaftig der Gedanke, daß sich das Schicksal hin und wieder einen schlechten Witz mit der Lebensführung eines Menschen erlaubt. So war denn also auch diese sonderbare Gondelfahrt auf dem schmutzigen kleinen Kanal mit einem Kaiser und einem König – und das Unterschlupfen in einem kleinen Stinkhafen eines verfallenen Palastes wahrscheinlich ein schlechter Witz, eine Unwirklichkeit in einem wirklichen Leben. Abends um 8 Uhr war wieder Festtafel, und ich saß wieder neben König Umberto. Wir waren ganz vertraulich geworden. Ich sprach kein Wort Politik. Ich erzählte allerhand überflüssige, harmlose Geschichten: was ich alles in Italien liebe. Rom, Neapel, die Städte, die ich wie meine Tasche kenne. Turin, wo ich bei Scarampis und Robilants Die alte Gräfin Robilant war eine geborene Gräfin Waldburg-Truchfeß. (Mit deren Familie durch meine Urgroßmutter Eulenburg Verwandtschaft besteht.) Ihr Vater war preußischer Gesandter am Hofe in Turin. Er hatte vier bildschöne Töchter, von denen die Gräfin[* Fußnotentext fehlt?] als junger Mensch ein paar Wochen gelebt habe, die meine lieben Freunde seien und wo ich mit ihnen im Salon einer Dame gewesen sei (nachts 1 Uhr, bei einem roten Lampenschirm, die ich für 35 bis 40 Jahr gehalten habe, die jedoch 85 Jahre gewesen sei). Ich erzählte von Mailand, wo ich sechs Wochen 1864 gewesen sei, weil meine arme Mutter dort an den Pocken erkrankte, daß ich dort für die unerhört schöne Herzogin Litta geschwärmt habe, die jeden Nachmittag auf dem Corso in einer prachtvollen Equipage spazierengefahren sei, – und daß mein kleiner Bruder nicht habe die berühmte Arena sehen wollen, weil er behauptete, »Diarena« sei irgend etwas Schmutziges. Ich fühlte, daß sich der König bei diesem harmlosen Geschwätz gut unterhielt. Vielleicht gab er mir deshalb das Großkreuz des Mauritius- und Lazarus-Ordens mit einem prächtigen grünen Band, das ich wohl selten tragen werde!   Robilant die schönste war, und der König Carlo Alberto (der Großvater König Umbertos) sehr gehuldigt hatte. Sie hatte zwei Kinder. Ihr Sohn war General und italienischer Botschafter in Wien (vor Graf Rigra), verheiratet mit Gräfin Edmée Clary, Tochter des Fürsten. Die Tochter der Gräfin Robilant hatte den Marchese Scarampi di Brunei in Turin geheiratet und mit ihm zwei Söhne, Alberto und Maurizio, mit denen die Großmutter mehrere Wochen 1868 in Kreuznach zur Kur war, wo ich, unzertrennlich von ihnen, mich herrlich unterhielt und von der alten schönen und liebenswürdigen Gräfin als ›Vetter‹ sehr verwöhnt wurde. So kam es, daß ich 1869 einen langen Besuch in Turin machte, um meine Freunde Alberto und Maurizio wiederzusehen. Ich wohnte im Palais Scarampi, wo in dem großen Salon mit den rotseidenen Möbeln und Vorhängen ein Heiligenbild hängt. Ein blasser, unrasierter Mönch, der mit einer unbeschreiblich traurigen Miene eine Apfelsine besieht, die er in seiner krallenartigen Hand hält. Unter dem Bilde steht mit großen Buchstaben: Sanctus Scarampus . Alberto und Maurizio kümmerten sich wenig um diesen heiligen Onkel. Eher die Mutter, die recht fromm war und Protestanten verachtete. Doch hatte sie mich gütig aufgenommen, weil die alte gütige Gräfin, ihre Mutter, behauptete, ich sei ein Engel. 9. April 1894. Wir fuhren heute früh unter Kanonendonner und endlosen Evivas von der Piazetta auf der »Moltke« ab. Bernhard Bülow zu verlassen wurde mir schwer. Ich fühle mich angesichts der Lage in Berlin recht einsam und in Aufgaben verwickelt, die allein zu lösen mühevoll und ein sehr undankbares Geschäft sind, da ich unmöglich allen es recht machen kann, und sich so viele Menschen, die ich gern habe, in feindlicher Haltung gegenüberstehen. Stiergefechte! – und lauter rote Tücher! Abbazia, 11. April 1894. Gestern fand ich eine große Menge Arbeit vor, – aber was half es: ein Vortrag, bei dem im Galopp die Sachen mit dem Kaiser erledigt wurden (die man hübsch im Schritt erwägen müßte!). Dann Essen, Tennis, »Tristable« usw. Ich mußte daher auch wieder, während ich mich wusch und anzog, Staatsdepeschen diktieren und die halbe Nacht Berichte und Briefe schreiben. Heute kam der Kaiser auf den glücklichen Gedanken, nach der Insel Therso mit der »Tristable« zu dampfen. Ich hatte ruhige Stunden in meiner Kabine für Arbeit und die Erledigung von allerhand mehr oder minder fatalen Angelegenheiten, an denen es ja in der Wilhelmstraße niemals fehlt. Der Kaiser macht zum zweiten Male dieselbe Jagdpartie auf den Felsen mit dem bewußten Führer und Jäger, und wieder sah man Geier über dem Rest des toten Pferdes schweben. Der Kaiser kam mit einem großen Geier zurück. Bei dem herrlichen Wetter und der göttlichen Beleuchtung war die Fahrt schön. Auch hatte ich sehr angenehme lange Gespräche mit der Kaiserin und amüsierte mich viel mit den lustigen Prinzen. 12. April 1894. Abends große Abreise in dem kaiserlichen Sonderzug von Matuglie nach Wien. Der Tag war gräßlich! Arbeit, Abschied von zahllosen Menschen, die alle etwas wünschten. Fast jeder will einen Orden haben. Ich wußte nicht, wo mir der Kopf stand – und dabei die hohe Familie! – als ob es gar keine Abreise gäbe. Dasselbe Tagesleben, Tennis usw. – beneidenswert! Nicht einmal eine Handtasche selbst einpacken und niemals ein Billett nehmen – Halbgötter! Daß nun die Tennis-Partien aufhören, tut mir nur wegen der reizenden Lilli Metternich und wegen der braven Linschi Pàlffy leid. Sie gibt sehr scharfe Bälle und warf noch zum Abschied der Kaiserin einen solchen mitten auf den Magen. »Siehste wohl!« rief nur der Kaiser, während die Arme ganz blaß aufstand und Linschi puterrot wurde. Er hatte allerdings schon öfters gesagt, die Kaiserin solle sich nicht immer auf einen Stuhl ganz in der Nähe setzen, um sein Spiel zu beobachten, es könne ihr doch einmal ein Ball an den Kopf fliegen, – nun war er an den kaiserlichen Magen geflogen und wohl nicht weniger schmerzhaft gewesen. So lustig auch bisweilen das Spiel war, das ich sehr gern spiele, so hatte der Platz doch einen unseligen Fehler: es lagen daran drei dreistöckige Häuser, aus deren Fenstern die ganze Zeit mit Ferngläsern »zugeguckt« wurde, – und ebenso leicht konnte ein guter Schütze mit einer kleinen Büchse den Kaiser von dort aus erschießen. Das war um so fataler, als zweimal schon durch meinen Geheimpolizisten, Herrn von Tausch von Berlin, der mir seine Beobachtungen mitteilen mußte, die Meldung an mich gelangt war, es seien italienische Anarchisten auf dem Wege nach Abbazia. Einmal kam sogar ein österreichischer Geheimpolizist (man nennt solche Leute hier »Vertraute«) von Triest gereist, um uns mitzuteilen, daß »ganz a gefährlicher Russ« unterwegs sei. Ich ließ ihn kommen und mir erzählen. »Woran ist der Mann kenntlich?« fragte ich ihn. »Er tragt halt einen Zylinderhut.« »Und hat er nicht etwa auch eine Reisemütze in der Tasche?« fragte ich den Vertrauten. »Wann der Excellenz-Herr befehlen, werde ich Genaueres zu ergründen suchen.« »Nein, lassen Sie das nur sein, – aber wie sah denn der Mann im übrigen aus, also ohne Zylinderhut?« fragte ich nun. – »Grauslich!« antwortete mit kraus zusammengezogener Stirn der Vertraute, den ich aber entließ, – nicht ohne Herrn von Tausch zu sagen, daß er sich bemühen solle, derartige Schafsköpfe nicht vorzulassen. Dennoch – ich muß es zu meiner Schande gestehen – habe ich, wenn ich mit dem Kaiser ging oder Tennis spielte, öfters um mich gesehen, ob etwa ein Mann mit einem Zylinderhut in der Nähe sei. Auch habe ich bisweilen die Leute, die mir begegneten, genau angesehen, ob sie nicht etwa ganz besonders »grauslich« ausschauten. Aber es gab leider deren zu viele, so daß ich es aufgab. Ich fand schließlich, daß alle grauselich aussahen, wenn man sie genau anschaute, – mit Ausnahme von der kleinen Lilli Metternich, die sogar hübsch blieb, wenn sie schwitzte. Herrn von Tausch aber beglückte ich sehr, als ich ihm einen kleinen Franz-Joseph-Orden bei der Abreise überreichen konnte. Er hatte tatsächlich den ganzen Sicherheitsdienst in Abbazia allein besorgt. Die hiesigen Lokalbehörden versagten vollkommen. Ich trete meinen Botschafterposten in Wien an und besuche meine Kollegen (Tagebuchnotizen.) 17. Mai 1894. Ankunft in Wien, Abend. 18. Mai 1894. Ich melde meine Ankunft dem Grafen Kálnoky. 19. Mai 1894. Besuch beim Grafen Kalnoky. Er empfängt mich mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit. Die Besprechung der Lage im Mittelmeer bezüglich der Meerengen habe ich in meinem Bericht Nr. 102 dargestellt. Bezüglich der Unterhaltung über die etwas schwierige Situation, die sich aus Wünschen des Grafen Kálnoky ergibt, mit Frankreich in guten Beziehungen zu sein, habe ich in meinem Briefe an den Kaiser vom 19. Mai ausgesprochen. Besuch bei dem italienischen Botschafter Grafen Nigra und dem russischen Botschafter Fürsten Lobanow. Beide empfangen mich sehr kollegial, beide suchen mich in der Richtung hin zu beeinflussen, daß ich den Ausführungen des Grafen Kálnoky unbedingt vertraue. Besonders ist es Graf Nigra, der in dieser Richtung zu wirken sucht. Es sind entweder Einflüsse meines Vorgängers, oder Graf Kálnoky hat selbst eine Demarche bei ihnen gemacht, was ich jedoch als das unwahrscheinlichere ansehe. Bezüglich Serbiens äußerte sich Fürst Lobanow in ähnlicher Weise wie Graf Kálnoky. Dieser faßte die Lage ernst auf, ohne doch im geringsten anzunehmen, daß daraus eine Komplikation entstehen könne, welche die Nachbarstaaten in Mitleidenschaft zöge. Lobanow sagte mir, daß auch Rußland nicht die Absicht habe, die serbische Lage zum Ausgangspunkt für eine politische Aktion zu machen. 20. Mai 1894. Besuch beim englischen Botschafter Monson, in dem ich einen der seltenen Engländer finde, die lebhaft sind, ich spreche nicht Politik. Ebensowenig bei dem französischen Botschafter Lozé, bisher Polizeipräsident von Paris, der absolut keine diplomatischen Manieren hat. Abends Diner von Lichnowsky im Jockey-Club. Es nimmt daran teil Finanzminister von Plener, bisher der Führer der Deutsch-Liberalen Österreichs; er ist sehr gescheit, aber nicht übermäßig sympathisch. Wir unterhalten uns über englische Politik. 21. Mai 1894. Feierlicher Empfang beim Kaiser Franz Joseph. Spanische Etiquette! Abholung im Galawagen durch Kämmerer Graf Karl Kinsky. Die Wache tritt ins Gewehr. Die Leibwachen von Österreich und Ungarn in Gala präsentieren oben im Vorsaal, die ganzen Hofstaaten in Gala, ich werde allein zum Kaiser eingelassen, nachher stelle ich meine Herren von der Botschaft vor, die in zwei Galawagen folgten. Es ist bei solchen Gelegenheiten wirklich schwer ernst zu bleiben! Ich sage dem Kaiser in meiner Anrede, daß ich es für meine heiligste Pflicht halten werde, die bestehende Freundschaft zwischen den beiden Monarchen und Ländern zu pflegen, und daß ich die friedliche Tendenz, die ich in meinen bisherigen Stellungen verfolgt und zum Ausdruck gebracht habe, in besonderem Maße hier in Österreich werde gelten lassen. Der Kaiser äußerte mir sein besonderes Vertrauen in sehr liebenswürdigen Worten. Im Laufe der Unterhaltung über äußerliche Dinge wendete sich das Gespräch auf die »Strikes« in Mähren. Der Kaiser sah sehr schwarz in bezug auf die sozialen Verhältnisse und stimmte mir bei, daß eine Entscheidung durch Waffengewalt und vereinbarte Gesetzgebung der Monarchie gegenüber der Sozialdemokratie allein nur Klärung in die soziale Frage zu bringen vermöge. 22. Mai 1894. Besuch des Prinz-Regenten von Bayern bei Augusta. Er ist voller Anhänglichkeit, und ich habe mich bemüht, ihm darzutun, daß die landwirtschaftlichen Kalamitäten Bayerns sich durchaus nicht mit den Verlegenheiten messen könnten, welche in Preußen auf die innere Lage drückten. Auch er sprach besorgt über die sozialen Verhältnisse und war erschreckt über die Maifeier, an welcher sich 25000 Sozialdemokraten beteiligten. Besuch beim Grafen Kálnoky. Ich lerne im Vorzimmer den türkischen Botschafter Zia-Pascha und die Gesandten von Serbien, Portugal und Belgien kennen. Graf Kálnoky sprach in viel zuversichtlicherer Weise über eine demnächst glückliche Erledigung der Ehegesetzgebung in Ungarn als die meisten andern Politiker, deren Urteil ich hörte. Ich nehme an, daß es dem Grafen erwünscht ist, nicht bei mir den Schein zu erwecken, als sei seine Stellung im geringsten durch die Lage in Ungarn berührt. Tatsächlich aber ist Graf Kálnoky in Verlegenheit. Finanzminister Herr von Plener äußerte vertraulich sogar, daß Graf Kálnoky »zurückgehe«. Die Behauptung des Grafen, daß das Ehegesetz durch eine »Verzettelung« der Magnaten, welche bisher gegen das Gesetz gestimmt hätten, sichere Annahme finden würde, wird durch die Anschauung anderer Persönlichkeiten, welche Einblick in die bestehenden Verhältnisse haben, widerlegt. Der Kaiser hat sich zu Herrn von Plener in einer Weise geäußert, daß an dem Wunsch des Monarchen, das Ehegesetz zu verhindern, nicht zu zweifeln ist. Das sind offenkundige Gegensätze zwischen dem Kaiser und Kálnoky. Besuch beim Nuntius Agliardi, der mich sehr warm und freundschaftlich begrüßt und auf die Fortsetzung unserer guten Beziehungen in München rechnet. Er scheint sich in Wien nicht übermäßig wohl zu fühlen. Danach Besuch beim bayerischen Gesandten Grafen Bray, der bald 90 Jahr alt und total taub ist. Ich mache mit Augusta bei der französischen und bei der englischen Botschafterin Besuche. Nachher mit Ratibor und Lichnowsky zum Rennen gefahren. Viel Bekanntschaften gemacht. Abends 8 Uhr nehme ich von dem Prinzregenten Abschied auf der Bahn. Fürstin Gabi Hatzfeldt Bei dem Ordnen meiner spärlichen Tagebuch-Notizen lese ich einige Worte, die meinen ersten Besuch in Schloß Leipnick (Mähren) bei meiner alten lieben Freundin Hatzfeldt im Jahre 1894 schildern, und es leuchtet dabei zu vollem Bewußtsein wieder in mir auf, wie groß und wertvoll meine Freundschaft mit dieser originellen, vortrefflichen und klugen Frau nicht nur rein menschlich für mich war, sondern auch zu welcher Bedeutung diese Freundschaft für meine, mir in Österreich gestellten dienstlichen Aufgaben wurde. Ich verdanke ihr sehr wesentlich jenes schnelle Eindringen in die maßgebenden Kreise Österreichs, die immer noch in dem Hochadel zu suchen sind, weil dieser als eine Einheit fest geschart um die »Burg« steht und das Eigentliche der kaiserlichen Regierung darstellt. Nur im engen Zusammenhange mit dieser Kaste wird man in der Lage sein, zu beurteilen, wie der Wind im Lande Österreich weht. Und was vielen deutschen Vertretern erst nach Jahren – oft überhaupt nicht – gelang, wurde mir, dank der Freundschaft Gabi Hatzfeldts, in wenigen Wochen zuteil. Man darf in Wien nicht vergessen, daß der deutschösterreichische Liberale heute noch von der herrschenden Kaste – die auch deutsch spricht wie er – mehr gehaßt wird als alle anderen, unter dem kaiserlichen Zepter vereinigten Nationalitäten: »denn diese, die zu den deutschen Kreisen Österreichs gehören, schielen hinüber zu dem deutschen Reich als Abtrünnige und Hochverräter.« So denkt »die Burg«. Und darum wird es immer für den deutschen offiziellen Vertreter eines gewissen Taktes bedürfen, einerseits die deutschen Liberalen Österreichs freundlich zu behandeln, andererseits durch das Benehmen ihnen gegenüber nicht »die Burg« zu verletzen. In allen solchen und vielen anderen Fragen konnte ich mich stets auf das kluge und sichere Urteil meiner Freundin verlassen. Sie orientierte mich – als treue deutsche Bundesgenossin - über alles, was in gewissen hohen Kreisen vorging, denen sie durch ihre äußerst vornehme Geburt angehörte, und ich war dadurch in der glücklichen Lage, öfters sowohl Mißverständnisse, wie auch ernstere Machenschaften, die dem deutsch-österreichischen Bündnisse hätten schädlich werden können, auszugleichen, ehe sie öffentlich in Erscheinung traten. Bei dieser Bedeutung, die der Verkehr mit meiner alten Freundin, und ihrem, von mir hochverehrten Gatten, während der Dauer meiner amtlichen Tätigkeit in Wien, in den Jahren 1894 bis 1902, hatte, will ich hier Mitteilungen aus einer Aufzeichnung wiedergeben, die in einer meiner familiengeschichtlichen Arbeiten »Die Nachbarin« enthalten sind; sie lauten wie folgt: Die Mitglieder der Hatzfeldt-Wildenburgschen Linie, die mir in meinen späteren Lebensjahren liebe teuere Freunde geworden sind, waren der Chef der zweiten Linie des Hauses Hatzfeldt, Fürst Alfred von Hatzfeldt-Wildenburg (geb. 1825) und seine Gattin Gabriele (Gabi), geborene Gräfin von Dietrichstein, Tochter des letzten Fürsten von Dietrichstein (geb. 1825). Fürst Alfred hatte das typische, häßliche, bartlose Gesicht dieser Linie Hatzfeldt, rötliche Hautfarbe und helles, straffes, blondes Haar, kaum Augenbrauen, da sie zu lichtblond waren, um bemerkt zu werden, dazu graue, etwas matte Augen. Doch rührte mich seine freundliche, angenehme Sprechweise, und begeisterten mich immer sein phänomenales Gedächtnis und sein Verstand. Uber allem ausgebreitet lag ein rührender Zug von Ergebenheit in sein Schicksal, das durch die Lebensführung seines einzigen Sohnes traurig gestaltet war. Dieser, Prinz Franz (Franzi), geb. 1853, war mein Studienfreund von Straßburg aus den Jahren 1874 und 1875. Er glich dem Vater auf ein Haar, doch leider nur äußerlich. Unleugbar war er klug, doch unklug in seinen Sportgelüsten und anglomanen Neigungen. Als er in Aachen das Gymnasium besuchte, hielt er sich, ohne Wissen seines Vaters, Rennpferde und ritt selbst in gelber Jockeybluse und schwarzer Kappe unter dem Namen Captain Yellow. Sein Vater, der sich für Pferderennen soweit interessierte, als er die Berichte in den Zeitungen las, gewann Interesse für die Erfolge eines gewissen, ihm unbekannten Engländers Captain Yellow. Da der Schüler Franzi aber beichten mußte, daß er 100000 Mark Schulden gemacht habe, führte er zu seiner »Entschuldigung« an, daß er Captain Yellow sei. Leider führte der Reichtum der Eltern und die Leidenschaft des Sportes den Captain Yellow immer tiefer in Schulden, die schließlich phantastische Formen annahmen. Er war so vollkommen Engländer geworden, daß er sich nur in England wohl fühlte, sich in London niederließ und sich 1889 mit der sehr hübschen und recht angenehmen Adoptivtochter des amerikanischen Eisenbahn-Milliardärs Huntington, Clara Huntington, vermählte. Sein Fürstenhut dürfte ihr wohl besonders gefallen haben, denn was darunter saß, war schließlich – sonderbar. Für pathologisch konnte es allerdings eine Amerikanerin nicht halten, während ich die Anglomanie, wenn sie in den Formen wie bei Franzi auftritt, unbedingt dazu rechnen muß. Das Ehepaar Franzi mietete den Landsitz Draykothouse, wohin das sehnsuchtsvolle Herz der Mutter Gabi diese bisweilen hinzog, obgleich sie England und die Engländer aus tiefster Seele verabscheute. Ich sah Franzi nach langen Jahren wieder. Wir feierten ein gutes Wiedersehen im Schlosse Talcum, nahe Düsseldorf, bei seinen Eltern, und er war froh und freundlich. Als ich aber am Tage unseres Wiedersehens vor dem Essen Franzi in seinem Zimmer aufsuchte, fand ich ihn fast blaurot im Gesicht mit gläsernen Augen und lallender Zunge: er war total betrunken. Er hatte in England leider auch den Sport des Whiskytrinkens den Engländern abgelauscht – und war zu einem hoffnungslosen Säufer geworden. Ich litt entsetzlich unter diesem Eindruck in Gegenwart der unglücklichen Eltern. Wir schwiegen alle drei. Aber auf den Zügen der beiden Alten lagerte ein Kummer, dessen Eindruck heute noch auf mir lastet. Die interessanten Erzählungen des alten Fürsten Alfred werden mir unvergeßlich sein. Besonders wenn er von seinen Erlebnissen aus dem Jahre 1848 sprach, wo er übrigens nur dank der Beziehungen seiner seltsam berühmten Mutter Sophie zu Ferdinand Lassalle, mit dem Leben davonkam. Das geschah in Berlin bei den Straßenkämpfen. Das Gedächtnis des Fürsten erregte stets meine Bewunderung. Aber er lachte mich aus, wenn ich davon sprach. »Das ist nur Übungssache«, sagte er, »und ein jeder ist in der Lage, für ein gutes Gedächtnis zu sorgen.« Dennoch weiß ich sehr genau, daß nicht ein jeder den ganzen Faust, den ganzen Hamlet und auch noch Romeo und Julia auswendig lernen würde. Stets sah ich den guten Alten in seinem langen dunklen Paletot, ein dickes, weißes Tuch um den Hals und einen kleinen schwarzen Hut über dem schmalen, roten Gesicht mit den weißen Haaren, morgens in den Gärten von Schloß Taleum, Schloß Schönstein oder Schloß Leipnick umherwandern und sich – ganz versunken in irgendeinen Akt dieser herrlichen Werke – einzelne Szenen daraus hersagen. Selten hat mich eine geistige Errungenschaft in größeres Erstaunen gesetzt, es schlug auch niemals eine Probe fehl, die ich mit ihm anstellte. Nur einen Mann kannte ich außer ihm, der allerdings »nur« den Faust vollständig auswendig wußte und berühmte Szenen aus Shakespeares Werken: das war Professor Bernays, ein fürchterlich schielender Jude mit einem klaffenden Maul, aus dem die herrlichen Goetheschen Verse mir nach den braunen, hohlen Zähnen zu riechen schienen, die er scheußlich fletschte, wenn er als schmachtender Faust, Gretchen kosend anredete. Selten aber hat mich auch eine Unterhaltung über Tagesereignisse und Politik mehr angezogen, als wenn ich solche Fragen mit Fürst Hatzfeldt erörterte. Er war vielleicht nicht so genial wie sein Bruder Paul, der bekannte Botschafter in London, doch hatte er auch dessen klaren Blick und das seine Abwägen der Dinge. Mit seiner Gattin Gabriele Dietrichstein hatte der Fürst sich 1852 nicht nur eine treue, kluge, gewissenhafte und herzensgute Frau erheiratet, deren Ehrlichkeit bisweilen vielleicht weh tun konnte, zugleich aber auch eine reiche Erbin, die darum imstande war, die Millionen zu zahlen, die ihr geliebter Franzi auf dem Altar des Sportes mit so vielen anderen Affen niedergelegt hatte. Fürstin Gabriele war eine der vier Töchter des unermeßlich reichen letzten Fürsten Dietrichstein, der ohne männliche Erben 1858 starb. Seine Töchter waren die Gräfin Therese Herberstein (die kurz nach meinem Amtsantritt in Wien starb), Gräfin Clothilde Clam- Gallas, Gräfin Aline Mensdorff (die den Titel einer Fürstin Dietrichstein mit dem Besitz von Nikolsburg erhielt), und schließlich Fürstin Gabriele Hatzfeldt-Wildenburg, Herrin der Herrschaften Leipnick und Weißkirchen in Mähren, – meine alte Freundin. Wir hatten uns schon in Berlin kennengelernt und zwar in den siebziger Jahren, als bei der Fürstin Stolberg-Wernigerode in ihrem Palais in der Wilhelmstraße eine Theateraufführung durch Mitglieder der Hofgesellschaft stattfand. Es war in dem schönen alten Palais, wo ich stets so glückliche Ostertage als Kind verlebte, wenn die damalige Besitzerin, Gräfin Sophie Schwerin, geb. Gräfin Dönhoff, die bildschöne alte Dame und intime Freundin meiner lieben Mutter, uns Kindern in ihrem Garten ein großes Eiersuchen veranstaltete. Das war in den Jahren 1854-1858. Bei der Stolbergschen Theatervorstellung gab Fürstin Gabi Hatzfeldt meisterhaft die Rolle einer rothaarigen, dicken Schustersfrau, deren Äußeres (ich muß es leider gestehen) von täuschender Echtheit war. Mit Graf Ferdinand Harrach (meinem liebenswürdigen, unvergeßlichen Freunde, dem berühmten Maler) war ich Arrangeur, Souffleur und Regisseur. Hatzfeldts besaßen in Berlin am Wilhelmsplatz ein Palais, das sie einige Jahre nach ihrer Verheiratung, die 1852 erfolgte, kauften und glänzend, auch für großen, gesellschaftlichen Verkehr geeignet, herrichteten. Wer in Berlin ein Palais besitzt, wird hochgeachtet, er mag ein Engel, ein Scheusal, ein Lumen mundi oder ein Rindvieh sein. Das lag an der, bis zu dem Ende der siebziger Jahre in Berlin noch stark in Erscheinung tretenden Kleinstädterei und einem Snobismus, der dem Preußen merkwürdig anhaftet. Ich zerbreche mir immer noch den Kopf darüber, ob es der stark slawische Einschlag in dem preußischen Blute ist, oder ob es immer noch Nachklänge aus der Prügelzeit unter den Hohenzollern bis zu der Regierung Friedrich Wilhelms II. sind. Zu einem Fest bei Hatzfeldts geladen zu werden, galt daher als eine »Bevorzugung«, die man in gehobenem Tone mitteilte, wo und wie es irgend angängig war. Bei Hatzfeldts verkehrte auch viel der Berliner Hof, und die Einfälle und Bemerkungen der Fürstin Gabi erregten an dieser hohen Stelle Sensation. Ihr scharfer Verstand und die Urwüchsigkeit ihrer Bemerkungen wurden hier so hoch geschätzt, weil man derartiges in Berlin vor alleruntertänigster, in Demut ersterbender Dienerei der Hofgesellschaft durchaus nicht gewohnt war und »höchst belustigend« fand. Weniger fand man der Fürstin Gabi Bemerkungen in der Berliner »Hofgesellschaft« belustigend. Wohl machten ihre Äußerungen »Spaß«, aber im allgemeinen fand man sie hochmütig, »da sie glaube, sich alles herausnehmen zu dürfen.« Der Fürstin Verkehr im Hause Bismarck und die sonstigen Begegnungen mit dieser Familie trugen den »ungenierten« Charakter, der beide Teile auszeichnete. Doch erlitten diese Beziehungen ernstliche Störungen, je mehr zwischen Österreich und Preußen in den sechziger Jahren Verstimmungen Platz griffen. Bismarck roch stets und überall Feinde. Nicht nur des Staates, sondern besonders seiner eigenen Person: und er hatte wohl auch alle Veranlassung dazu. Immerhin wäre es nicht nötig gewesen, eine Art System daraus zu machen, in dem seine gesamte Familie sich bewegte. Gabi Hatzfeldts Schwester Aline aber war die Gattin des Ministers des Auswärtigen in Wien, des Generals Grafen Mensdorff. »Demnach« war Fürstin Gabi eine Spionin. (So sagte Bismarck.) Arme, ehrliche Gabi! Graf Mensdorff, von Mutterseite (Prinzessin von Coburg) mit Intrige stark behaftet, führte die Politik Österreichs in der bekannten Weise. Je mehr sich aber Bismarck (in der Rolle, die er spielte, von Österreich bedroht zu sein), sich aufzuregen für nötig erachtete (da in seinem Kopfe der Entschluß längst gereift war, mit Österreich den Kampf um die Vorherrschaft zu wagen), um so mehr wurde Fürstin Gabi für »bedenklich und spionenhaft« geschildert, wenngleich gerade diese Frau mit ihren merkwürdig offenen Augen gegenüber den Schwächen ihrer Landsleute eher dazu neigte, die österreichische Politik für ungeschickt zu halten. Doch was sich einmal in dem Kopfe unseres großen Meisters Bismarck bezüglich »Mißtrauen« festgesetzt hatte (mochte es eine Art »Selbsthypnose«, begründet oder unbegründet sein), führte immer zu einer Katastrophe. So ging es auch 1866 mit Fürstin Gabi nicht anders: es wurde ihr nahegelegt, Berlin zu verlassen, was sie und besonders den deutschen Fürsten Alfred mit Recht kränkte, doch mit jenem Humor und jener Offenkundigkeit von ihr in Szene gesetzt wurde, die sie in allen Situationen ihres Lebens auszeichnete. Doch war es weder dem Fürsten Alfred noch ihr übelzunehmen, daß sie in den Jahren nach 1866 ihr Palais in Berlin der dortigen Gesellschaft verschloß und ihren Schwerpunkt nach den rheinischen Besitzungen ihres Gatten verlegte, – bis sie es vorzog, das Palais zu verkaufen und sich ihrerseits für die Winterzeit wiederum in Wien zu etablieren. Als ich nun nach langen Jahren der Trennung 1894 meinen Botschafterposten in Wien antrat, wurde ich von der alten Freundin mit wahrhaft rührender Güte in ihrer prächtigen Wohnung am Parkring empfangen. Mit alter Lebendigkeit und neu aufflammendem Interesse lancierte sie mich nun als »zu ihr gehörig«. So betrat ich denn ohne weiteres alle jene Salons, an deren Wänden immer noch das Jahr 1866 mit der Schlacht von Königgrätz zu kleben schien. Besonders in dem »Olymp«, dem sogenannten Palais am Minoritenplatz der Fürstin Aline Dietrichstein, Gabis Schwester, Witwe des bereits von mir erwähnten Ministers des Äußeren, Grafen Mensdorff, der 1866 seine Rolle ausgespielt hatte. Jeden Abend »empfing« die Fürstin, und ich war schnell bekannt, indem ich versuchte, die unendlich vornehme Langeweile dieses Teetisches durch harmlose Heiterkeit zu vertreiben. Fürstin Aline, in deren Schloß Nikolsburg 1866 der Friede zwischen Preußen und Österreich geschlossen wurde, während ihr Gatte als grollender Minister des Äußeren in Wien regierte, fand mich »sehr angenehm«, wie mir Gabi mitteilte. Ich konnte leider nicht von Fürstin Aline dasselbe sagen. Sie hat mich immer höchst liebenswürdig empfangen und mir gern zugehört, aber ich liebte niemals Damen, die vor Hochmut platzen. Interessant war dort aber die stereotype Versammlung von antideutschen Verschwörern am Teetisch, die sich alle einbildeten, ich durchschaue sie nicht. Ich muß allerdings behaupten, daß sich in diesem »Olymp« eine höchst seltsame Götterversammlung befand! Wenn meine Gedanken dorthin eilen, so tauchen zunächst die politischen Köpfe vor mir auf. Der Kopf des grämlichen Ministers des Äußeren, Grafen Kaxlnoky, der vor allen Dingen und vor aller Politik zu dem »Hochadel« gerechnet werden wollte, was ihm jedoch nicht gelang. Sodann die Köpfe meiner Kollegen, des ungewöhnlich schlauen russischen Botschafters (späteren Ministerpräsidenten) Fürsten Lobanow, ferner des von mir sehr verehrten Freundes, des italienischen Botschafters Grafen Nigra mit seinem spärlichen, so mühsam zurechtgelegten Haar und seinen geistvollen Augen, der nach der Katastrophe von Sedan 1870 die Kaiserin Eugenie in einer Droschke aus den Tuilerien rettete. Sodann die Köpfe einer Serie von besonders unbedeutenden, ganz vornehmen alten Damen und Herren des Namens Liechtenstein, Trauttmansdorff, Kinsky, Schwarzenberg, Schönburg und andere mehr, von denen man beim Hinlauschen zu ihrem Gespräche nur immer die Namen Tini, Toni, Poldi, Rudi, Resi, Pepi, Lintschi hörte, weiter nichts. Alles Verwandte, deren Schnupfen, Halsschmerzen und »mit wem eine Verlobung in Aussicht sei«, die unerschöpfliche Quelle der Aussprache bildete. Sehr anders und sehr viel wohltuender war der Salon der zweiten Schwester, meiner guten Freundin Gabi, der bildschönen, 1828 geborenen Gräfin Clothilde Clam-Gallas. Ihr Palais, das einem Landhaus, in einem großen Garten gelegen, glich (und zwar mitten in der Stadt), enthielt luftige, helle Salons zu ebener Erde und während des ganzen Winters stets eine solche Fülle herrlicher blühender Azaleen und Kamelien, daß man glaubte, in Italien einen Frühling zu erleben. Darin empfing diese sehr liebenswürdige und schöne Frau von hoher Gestalt und meist in schwarzen Samt gekleidet, zwischen den Blütenbäumen sitzend, ihre Besuche. Stets werde ich mich ihrer mit lebhafter Sympathie erinnern, wie eines schönen Bildes, das unendlich viel Liebenswürdiges zu sagen vermochte. Ihr Gatte war jener General Graf Clam-Gallas, der im Feldzug 1866 als kommandierender General in Böhmen recht unglücklich manövrierte, ein Nachkomme jenes Generals Clam-Gallas, der nach mannigfachen Schicksalen pro und contra Wallenstein schließlich nach dessen Sturz als Belohnung die große Herrschaft Friedland in Böhmen, Wallensteins Eigentum, erhielt, die jetzt noch den 32000 Hektar großen Besitz des Sohnes der schönen und gütigen Gräfin Clothilde Clam bildet. Meine Freundin Gabi Hatzfeldt bewohnte die erste Etage des großen Colloredo-Mannsfeldschen Palais am Ring, wo sie zur Winterszeit nachmittags zwischen 2 und 4 Uhr stets Besuche empfing. Abends gab sie mehrfach große Soireen, zu denen sich die ganze Wiener »erste« Gesellschaft drängte. Der Grund dieser sehr eifrigen Besuche und dieses lebhaften Verkehrs bei ihr war ein höchst merkwürdiger: man kam aus Angst zu ihr. Man wollte sich nicht durch Versäumnis irgendeiner gesellschaftlichen Pflicht ihren Zorn zuziehen. Wer aber mit ihr befreundet war, ihr goldenes, edles Herz kannte, ihren ehrlichen Charakter und ihren scharfen Verstand, mußte wahrlich über diese Angst der Wiener lachen. Was sich vor ihr fürchtete, war eben nur die in Wiens hohen Kreisen und Verwandtschaften leider herrschende Torheit und mangelnde Bildung, die sich vor Gabis sehr ehrlicher Aufrichtigkeit und Furchtlosigkeit völlig hilflos und stetig bedroht fühlte. Sie wußte allerdings mit einer Komik und Derbheit allerhand törichte Geschichten aus den Kreisen ihrer Verwandtschaft zu erzählen (und sie war mit der gesamten vornehmsten Gesellschaft Wiens verwandt), die außerordentlich unterhaltend und nicht eben rücksichtsvoll und schonend waren. Das lag in ihrer Natur. Ich aber habe ihr nur für ihren lieben, geraden, aufrichtigen Sinn, für ihre treue Freundschaft von Herzen zu danken. Besonders originell und zugleich voller Aufmerksamkeit war sie, wenn ich sie auf ihrer großen Herrschaft Leipnick in Mähren oder in dem Schlosse Calcum bei Düsseldorf, besonders aber in der alten Hatzfeldtschen Burg Schönstein, hoch über der Sieg im Rheinland gelegen, besuchte, wo kein Zimmer ohne eine besondere Treppe zu erreichen war und sie, mit ihren armen alten Beinen recht wacklig, über jede Stufe schimpfte. Ich schreibe diese Erinnerungen mit Wehmut nieder. Der Verkehr, die Freundschaft mit Gabi Hatzfeldt in Wien, auf ihren Schlössern und wo ich ihr sonst begegnete, gehört zu meinen besten Erinnerungen, an die völlig in Ruhe und in abgeklärter Dankbarkeit zu denken ich immer noch nicht alt genug bin. Denn um in Erinnerung schwelgen zu können, muß man sehr glücklich sein, und dazu trage ich zu viel Leid in der Seele.   Fürst Alfred von Hatzfeldt-Wildenburg starb 1911. Fürstin Gabriele Hatzfeldt-Dietrichstein, starb 1909.   Ihr Sohn Franz starb kinderlos 1910, und der große, mütterliche Besitz fiel ihrer Tochter, der Gräfin Antoinette Althann, zu. Der Fürstentitel und die Hatzfeldt-Wildenburgschen Fideikommißgüter gingen in den Besitz des Neffen des Fürsten, des jetzigen Fürsten Hermann, Sohn des bekannten Botschafters Paul Hatzfeldt, über. Frau Malwine von Dutschka Eine Persönlichkeit, die neben der sogenannten »vornehmen Gesellschaft« steht, zu der jedoch sich aus dieser exklusiven Welt einige begeben, die etwas anderes suchen als Hof- und Gesellschaftsklatsch, ist Frau Malwine von Dutschka, eine geborene Russin deutscher Herkunft, nicht mehr jung, als ich sie kennenlernte, doch immer noch eine sehr schöne Frau. Ihr Gatte gehört den Wiener Finanzkreisen an. Ich hatte das Glück, durch unsere gemeinsame Freundin, Marie Bülow Gräfin Marie, spätere Fürstin von Bülow. ihre Bekanntschaft zu machen, und kann wohl sagen, daß mein Verkehr im Salon Dutschka meine stete Erholung war, wenn ich durch Politik oder den Zwang der Formen der Gesellschaft, zu der ich nun einmal durch Geburt und Rang gehöre, in jenen Zustand geistigen Übelbefindens geriet, der mich häufig völlig »umwarf«. Bei Frau von Dutschka verkehrte alles, was geistige Welt und Welt der Kunst in Wien vorstellt. Bedeutende Männer, wie der Kultusminister Hartel und der geistvolle Professor Baron Berger waren die Hausfreunde. Und nicht das allein: jeder in Wien auftretende namhafte Künstler suchte Frau von Dutschka auf. Niemals kehrte ich heim aus diesem Kreise ohne das Gefühl eines wirklichen Genusses, einer wirklichen, meiner Natur völlig homogenen Freude empfunden zu haben. Frau von Dutschka war tatsächlich der künstlerischen Wiener Welt würdiger, kluger, gütiger Mittelpunkt. Niemand vermochte sich dem Zauber dieser edlen, hochgebildeten Frau zu entziehen. So wird ihr Bild auch immer leuchtend vor meinem Geiste und in meinem Herzen stehen, voller Dankbarkeit in Erinnerung dessen, was sie mir, was sie meinem ganzen Hause an hoher, edler Anregung gab, und es erfüllt mich mit Glück, daß die Güte, die sie meinen Kindern, besonders meinem Sigwart und seiner Begabung in Freundschaft erwies, auch noch weiterklingen wird, wenn ich nicht mehr auf dieser mühevollen Erde wallen werde. Bei dem Durchblättern der kurzen Aufzeichnung, die ich ihr widmete, stieg das Bild ihres Salons, der herrlichen Abende, die ich dort verlebte, in Lebendigkeit vor mir auf. Ich sah die Künstler vor mir, – den alten berühmten Leschititzki am Klavier, der sich bis zu seinen 80 Jahren alle drei Jahre von seiner Gattin scheiden ließ, um eine neue Schülerin zu heiraten, und immer zu Geburtstagen die »vergangenen« Frauen mit Handschuhen, Konfitüren oder Bonbons beschenkte, – ich sah zwei Wunderknaben aus Galizien, Violinist und Pianist, die erst 8 Jahre alt waren und entzückend spielten, nachher aber unter ein Sofa krochen, wo sie sich, heulend, gegenseitig die Haare ausrissen, – ich sah so viele reichbegabte jugendliche Gestalten, die dort die »große Welt« nach langem Studium zum erstenmal betreten sollten, und ich lernte dort auch die unsterbliche große Darstellerin der Fides im »Propheten«, der Ortrud im »Lohengrin«, der Kundri im »Parzival«, Marianne Brandt kennen, die von der Bühne geschieden, in Wien junge Talente für die Bühnen-Laufbahn vorbereitete. Marianne Brandt sagte mir eines Tages, daß unter allen Schülerinnen, die sie jemals unterrichtet habe, eine junge Dame sich jetzt befände, die durch ihre herrliche Stimme, ihre schauspielerische Begabung und ihr auffallend schönes Äußere die ganze Welt in Entzücken setzen werde, – bei Frau von Dutschka wolle sie mir dieses »Wunder« vorführen, – wenn die junge Dame hierzu »die Nerven« fände, denn sie werde von einer entsetzlichen Schüchternheit, Verlegenheit, Ängstlichkeit vor fremden Menschen erfaßt. Nach längerer Zeit teilte mir Frau von Dutschka mit, daß es endlich ihr und Marianne Brandt gelungen sei, das Fräulein zu bewegen, in kleinem Kreise eines Abends in dem Salon Dutschka zu singen. An diese »Vorführung« knüpft sich ein Ereignis, dem sich meine Gedanken plötzlich zuwenden, denn es ist mir tief eindrucksvoll geblieben. Die totenbleiche, herrlich edle Erscheinung mit ihren unergründlich dunklen Augen trat – unnahbaren Wesens – an den Flügel, an dem der Pianist Platz genommen hatte, der ihren Gesang begleiten sollte. Sie sang die große Arie der »Elisabeth« im »Tannhäuser«, sie sang sie so ergreifend schön, wie ich sie niemals singen hörte! In ihren Augen, in ihren edeln Zügen, in ihrer Stimme lag ein unnennbarer Zauber. Ich war so ergriffen davon, daß ich kein Wort fand, als ich ihr die Hand drückte. Alle Anwesenden traten lebhaft zusammen, den starken Eindruck gemeinsam empfindend. Die junge Dame aber war durch die Tür bei dem Klavier in das Nebenzimmer getreten, von dort hinausgeeilt und heimgegangen. Zwei Tage darauf trat Frau von Dutschka in meinen Salon der deutschen Botschaft, sehr blaß und ernst. Ich sprach sofort von dem tiefen Eindruck, den mir die junge Sängerin machte, – ich fragte, wie ihr der große Erfolg bekommen sei? »Sie ist tot!« – sagte die Freundin mit Tränen in den Augen. »Tot!« – rief ich entsetzt. »Wir haben sie heute begraben«. Sie hatte in der Nacht nach ihrem Gesang Gift genommen. Es sei ihr, wie sie zu ihren Angehörigen äußerte, klar geworden, daß sie niemals das Entsetzen vor einer Zuhörerschaft überwinden werde – und doch sei ihre Kunst ihr eine Lebensnotwendigkeit, seelisch und materiell. Sie hatte den Ausweg des Todes aus diesem Dilemma gesucht. Dieses Ereignis hatte so stark auf mich gewirkt, daß ich es nicht von der Erinnerung an den Salon Dutschka zu trennen vermag. Es drängt sich mir auch mit seiner tragischen Erschütterung wie ein verwandter Ton auf, wenn ich an Malwine von Dutschka denke: an das, was sie mir künstlerisch in tiefer Freundschaft gab, – und was auch wie mit einem schrillen Klange endete, als schwere Krankheit meinen Wiener Aufenthalt für immer beschloß. Nachschrift. Liebenberg, April 1918. Die Augen unserer Freundin Malwine von Dutschka haben sich für immer geschlossen! Wir sahen sie zuletzt in Liebenberg, kurz vor Ausbruch des fürchterlichen Weltkrieges 1914, der unheilbare Wunden auch unserem glücklichen Familienleben schlug Mein geliebter Sohn Sigwart (bekannt als Komponist ›Botho Sigwart‹) starb den Heldentod am 2. Juni 1915 bei dem siegreichen Durchbruch von Gorlice unter Mackensen. Die Uraufführung seiner Heldenoper »Die Lieder des Euripides« in Stuttgart unter Leitung Schillings, erlebte er nicht mehr. . Die Mutter meiner lieben Schwiegertochter Marie, Gräfin Mathilde Stubenberg, war eng mit Malwine von Dutschka befreundet. Sie hat ihr einen Nachruf gewidmet, der so sehr auch unsere Gedanken wiedergibt, daß ich einen Auszug daraus obigen Worten beifüge, die ich vor Jahren in Wien Malwine von Dutschka widmete. Aus dem Gedenkblatt von Mathilde zu Stubenberg. ... Die rückschauenden Gedanken zaubern ein unvergeßbares Bild vor meine Seele, ein Bild, das ich in dankbarem Erinnern immer festhalten werde. Ein traulicher Raum – von einer breitbeschirmten Hängelampe erleuchtet, welche ihr helles Licht über einen ovalen, weißgedeckten Tisch strahlen läßt, der zu einer gemütlichen »Alt-Wiener Kaffee-Jause« gedeckt ist ... Ein Kreis plaudernder Menschen hat um jenen Platz genommen – und wie verschieden sie in ihrer Lebensstellung, ihrem Charakter, Schaffen und Streben, ja, in ihrer ganzen Veranlagung sein mögen – hier an dieser Tischrunde findet sich alles ganz selbstverständlich zusammen: Literaten, Politiker, Kunstfreunde, Staatsmänner, Künstler, Männer der Wissenschaft u. a. m. Da sieht man alte und junge, fröhliche, nachdenkliche und ernste Gesichter, eifrige Sprecher und stille Zuhörer .... Wenn je eine Menschenseele den Begriff »Freundschaft« in seiner idealsten Auffassung – gelebt hat, so ist es Malwine von Dutschka. Vor Jahren, da sie an der Seite ihres sie in allen künstlerischen und geistigen Interessensphären vollkommen ergänzenden Gatten in Wien ein gastliches Haus führte, wurde der Salon Dutschka der Mittelpunkt eines nicht nur kunstliebenden, sondern auch kunstverständigen Kreises, in welchem neben bester Musik auch Literatur und Konversation in des Wortes feinsinnigster Bedeutung gepflegt wurden. Nach dem Tode ihres Mannes, und weiter nach dem Verluste ihres einzigen Sohnes – verstummten im Hause Dutschka die ernsten und frohen Klänge, die geistvollen Gespräche für manches Jahr. Als sich die Pforten wieder öffneten, gewährten sie nur mehr einem kleinen Kreise besonders Erwählter Einlaß. Diesem Freundeskreise aber lebte die einsame Frau fortan mit einem stetig gütevollen, fördernden, aufbauenden Interesse, mit einer Aufopferung und Selbstlosigkeit, die wenig ihresgleichen haben .... Wieviel junge, unbekannte Talente hat sie erfolgreich gefördert, wie viele Gemüter bereichert, in wie viele mutlosen Seelen wußte sie Licht und Freudigkeit zu bringen. Eine Spezialität ihrer Eigenart war das – wie sie es scherzweise nannte - »Menschen schenken«. Wenn sie mit dem seinen Tastsinn ihrer Seele in ihrem Freundeskreise verwandte Geister zu entdecken glaubte, die sich noch fremd gegenüberstanden, war es eine ihrer größten Freuden, solche Menschen allmählich zu befreunden, und diese »Geschenke« wurden, wie oft für die Beteiligten, zu Lebenswerten, für welche sie der klugen Geberin ewig dankbar blieben. An Malwine von Dutschkas Tischrunde gab es keine Mißhelligkeiten, keinen Stadtklatsch, keine zweideutigen oder den lieben Nächsten zerpflückenden Gesprächsthemen. Kam es vor, daß ein neuer Gast, in Unkenntnis des Milieus, etwa von dieser sich ganz selbstverständlich ergebenden Gepflogenheit abwich, wußte die Hausfrau stets mit feinfühligem Takt dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. In der Friedenshelle, welche die breitbeschirmte Hängelampe über die Anwesenden ergoß, wurde stets das Herz so weit – der Geist so klar! Die Freude, nicht im Sinne lauten Jubels und Trubels, sondern in dem tiefbewußten Empfangen von Gaben, die nur wahre Herzens- und Geisteskultur zu spenden vermag, erfüllte jeden, dem es vergönnt war, inmitten des hastenden, so wenig wahre Befriedigung gewährenden Lebens der Großstadt ein »Plätzchen Welt« zu finden, wo hoher Sinn und edles Menschentum ihm eine Heimstatt der Freundschaft und des Lichtes bereitet hatte. Nun ist auch dieser traute Kreis der Mölkerbastei, welchen der stets mehr und mehr verdämmernde Geist edelsten Alt-Wienertums verklärte, nur noch – eine liebe Erinnerung! Erzherzog Albrechts Tod und ein Kaiserbesuch Erzherzog Albrecht war am 18. Februar 1895 gestorben – wohl der grimmigste Feind, den Preußen besaß. Er war 1817 als ältester Sohn des berühmten Erzherzogs Karl geboren, der für sich das Verdienst in Anspruch nehmen konnte, als der ebenbürtigste Feldherr gegenüber Napoleon genannt zu werden, wenigstens in Österreich. Er besaß unleugbar militärischen Geist, vielleicht auch Talent, jedenfalls aber hatte er »Pech«, was vor allem ein Feldherr nicht haben darf. So verlor er den Feldzug 1866 und wollte 1870 Rache nehmen, indem er durchaus mit den Franzosen gegen uns Deutsche losschlagen wollte. Doch fand er den loyalen Kaiser Franz Joseph in seinem Wege. Der Erzherzog aber grollte sich still durch sein Leben, teils militärisch-wissenschaftlichen Interessen lebend, teils Reichtümer ansammelnd, was ihm als Herzog von Teschen nicht schwer wurde. Er hatte nur ein einziges Kind, eine Tochter, die den Herzog Philipp von Württemberg heiratete (Vater des Herzogs Albrecht, Thronfolger in Württemberg). Wenn diese auch selbstverständlich »eine gute Partie« war, so fielen doch das Majorat Teschen und das sehr große Barvermögen seines Hauses an seinen Neffen Erzherzog Friedrich, der leider nicht auch den Geist des Onkels erbte, dafür aber auch nicht den Preußenhaß desselben. Er »tat« wenigstens immer deutschfreundlich. Besonders auch mit mir, doch war es vielleicht recht unfreundlich von mir, daß ich in dieser Hinsicht von allen Mitgliedern des Hauses Österreich nur dem alten Kaiser unbedingt traute. Als ich mich bei meinem Antritt in Wien bei den Erzherzögen meldete, war ich nicht darauf gefaßt, von dem alten Albrecht empfangen zu werden. Doch geschah das Wunder, und ich weiß heute noch nicht, welcher Geist den grimmigen Hasser beseelte, als er mir sagen ließ, »er werde sich freuen (?), mich zu sehen«. Ich fand zu meinem Erstaunen statt eines schnurrbärtigen, stirnerunzelnden, innerlich grunzenden Generals einen mageren Professor mit einer Brille, spärlichem grauen Haar und Bart in einer lose sitzenden Generalsuniform ohne Orden. Freundlich - wenn auch nicht warm. Ich brachte so schnell wie möglich das Gespräch auf die Albertina – auf die berühmte Kupferstichsammlung, die alle Dürerschen Stiche enthält, die der große Meister jemals auf Kupfer zeichnete. Da taute der alte Professor der Kriegswissenschaften auf, dem die Familienschätze sehr am Herzen lagen. Wir saßen uns schließlich ganz vertraulich gegenüber, und die Adjutanten im Vorzimmer werden kaum begriffen haben, weshalb der Empfang gar so lange dauerte. Bisweilen war es mir, als zupfte mich ein kleines Teufelchen am Ohr und riet mir zu fragen: »Machen Sie eigentlich immer noch Stänkereien gegen Deutschland?« Aber ich schluckte die Frage herunter. Wie mir meine alte Freundin Hatzfeldt erzählte, habe der grimme Erzherzog seiner Kusine, der Erzherzogin Rainer, die eine Jugendfreundin der guten Gabi Hatzfeldt ist, gesagt, »ich sei ein sehr angenehmer Mensch«. So weit ging nun allerdings nicht mein Urteil. Ich hatte nur das Gefühl, daß ich mit der »Albertina« einen glücklichen Griff getan hatte. Die Tage der Beisetzung des Erzherzogs Albrecht. (Aus Briefen an Gräfin Alexandrine Eulenburg [Mutter].) Am 25. Februar abends hatte ich die anwesenden deutschen Fürsten mit Begleitung und ihrem österreichischen Ehrenkommando zu mir gebeten. Es kamen: Prinz Arnulf von Bauern, Prinz Georg von Sachsen, Erbgroßherzog von Baden, Erbgroßherzog von Luxemburg, Herzog Nikolaus von Württemberg, Prinz Friedrich von Meiningen, Fürst zu Schaumburg-Lippe mit zwei Söhnen. Dazu die Militärdeputationen, die deutschen Gesandten, auch Graf und Gräfin Ludwig Lerchenfeld, die hier auf der Durchreise nach Ägypten waren. Eine Riesengesellschaft. Wir waren zuerst im Blauen Salon, wo Tee präsentiert wurde. Dann in meinem Empfangssalon, wo man rauchte und Bier trank, im Eßzimmer ein sehr glänzendes Büfett. Es waren sonderbarerweise so viel taube Menschen dabei, daß man aus Versehen alles anschrie. Um 12 Uhr war es aus. Damen waren außer Augusta nur anwesend Gräfin Wallwitz Gemahlin des sächsischen Gesandten in Wien. , Gräfin Montgelas Gemahlin des bayerischen Legationssekretärs in Wien. , Gisela und Maja Meine Cousine Baronin Heß, geb. Gräfin Gallenberg und deren Schmester Baronin Brenner. und Gräfin Lerchenfeld-Bray. Es wurde ganz heiter gesprochen. Die Fürsten waren alle sehr beflissen und liebenswürdig – selbst Prinz Georg von Sachsen. Am Büfett erlebte ich folgenden Spaß: Auf meiner letzten Fahrt von München nach Wien war ich mittags in den Speisewagen gegangen und hatte mich an einen kleinen Tisch am Fenster gesetzt, einem fremden Herren gegenüber. Ich bestellte mir eine halbe Flasche Rotwein. Mein vis-á-vis hatte vor sich auch eine halbe Flasche Rotwein stehen. Vertieft in eine große Zeitung schenkte ich mir, ohne genau hinzusehen, hin und wieder ein Glas Rotwein ein. Plötzlich bemerkte ich, daß ich meine halbe Flasche ausgetrunken hatte - und bereits (wohl zum zweitenmal) im Begriff stand, mir aus der Flasche meines vis-á-vis mein Glas vollzuschenken. Das war mir höchst fatal. Ich bat den Herrn sehr um Entschuldigung und rief den Kellner, um dem Fremden eine andere halbe Flasche Wein bringen zu lassen. »Nein«, sagte dieser, »ich danke sehr, ich habe genug getrunken, bitte bemühen Sie sich nicht.« »Verzeihen Sie«, erwiderte ich, »Sie werden begreifen, daß es mir peinlich ist, Ihnen Ihren Wein ausgetrunken zu haben!« »Mir aber durchaus nicht«, sagte verbindlich der Herr, während er aufstand, mir eine leichte Verbeugung machte und verschwand. Ich kann nicht leugnen, daß ich mir sehr dumm vorkam. Am Büfett in der Botschaft stehend, tritt der alte taube Fürst zu Schaumburg von Nachod auf mich zu und stellt mir einen gut aussehenden Offizier in Husarenuniform vor. »Ich möchte Ihnen meinen Sohn vorstellen«, sagte er in seinen sehr höflichen Formen, »der etwas verspätet hier eintraf.« Der Sohn und ich sehen uns beide erstaunt an. Plötzlich dämmert es in mir auf: »Sind Sie nicht der Herr, dem ich vor einigen Monaten seinen Rotwein ausgetrunken habe?« »Ja«, sagte der Prinz, »nun fällt es mir ein! – Ich zerbrach mir den Kopf, wo ich Sie gesehen haben konnte!« »Gottlob«, rief ich aus, »daß ich nun doch meine Schuld bezahlen kann, die mich solange drückte!« und ich goß ihm selbst ein Glas Champagner ein. Meine Unterhaltung mit dem Prinzen Georg von Sachsen, dem künftigen König, war weniger angenehm. Wir saßen zusammen auf dem Sofa am Kamin – allein, da alles am Büfett stand und sich auch leider niemand traute, unsere Unterhaltung zu stören. Prinzen aus regierenden Häusern, die ihrem Throne nahestehen, sind meist gekränkt. Sie fühlen sich fast immer zurückgesetzt und beleidigt und schütten dann gern ihr gequältes Herz aus. Dieser Erguß einer bitter-salzigen Seele ging über alle Grenzen. Ganz Europa hatte ihn beleidigt, und der Ausdruck dieser Kränkung in sich stetig steigernder sächsischer Mundart nahm Töne an, die eben nur in einem national-sächsischen Munde zurechtgeknetet werden können – von keiner anderen Kreatur. Es war mir doch eine Art Erlösung, als nun der Erbgroßherzog von Luxemburg kam, seinem gekränkten Herzen Luft zu machen, denn Prinz Georg war ihm entschieden »über«. Am 26. fuhr ich früh 9 Uhr mit Hülsen Der deutsche Militärattaché Graf Hülfen Haeseler. und der österreichischen Begleitung des Kaisers, Fürst Lobkowitz (Korpskommandeur in Pest), Oberst Ströhr (Regiment Kaiser Wilhelm) und Baron Buttlar (Flügeladjutant Kaiser Franz Josephs) bis Gänserndorf. Nach einer viertel Stunde traf der kaiserliche Zug ein. Ich mußte, nachdem die Herren sich gemeldet hatten, zum Kaiser in den Salon kommen, wo wir sofort sehr eifrig allerhand zu besprechen hatten. Der Kaiser war etwas blaß nach der Grippe, die er eben überstanden hatte. Er hatte zwei Tage zu Bett gelegen. In Wien auf dem Bahnhof war großer Empfang. Kaiser Franz Joseph und alle Erzherzöge. Die Mitglieder der deutschen Botschaft. Große Begrüßung. Ich fuhr nach der Burg mit August Eulenburg und nach Besprechung mit Lucanus in die Botschaft zurück. Im Gefolge des Kaisers waren: Generaloberst von Loë, General von Hahnke, General von Plessen, Generalarzt von Leuthold, Vetter August Eulenburg, Exzellenz von Lucanus, Admiral von Senden, Flügeladjutant von Scholl, Flügeladjutant von Arnim (Marinier). Ich hatte nun bis zum Abend frei, weil das Begräbnis und Familiendiner in der Burg war. Um ½3 Uhr fuhren wir mit den Kindern ins Opernhaus, wo man uns zwei Fenster reserviert hatte. Das Begräbnis war sehr großartig. Der goldene, mit Purpur ausgeschlagene Wagen, von sechs Schimmeln gezogen, sah wie ein Märchenwagen aus. Die beiden Kaiser schritten dahinter. Unsere Kinder waren begeistert. Um ½9 Uhr hatte der Kaiser sich bei uns angesagt. Er wollte meine alte Freundin, Fürstin Gabi Hatzfeldt- Wildenburg, wiedersehen, mit deren Kindern er als Knabe viel verkehrt hatte, und Fürstin Pauline Metternich persönlich kennenlernen, mit der er über die Wiener Musik- und Theaterausstellung korrespondiert hatte. Von mir war dazu Baron Berger Professor der Literaturgeschichte, einer der geistreichsten Männer seiner Zeit. in Vorschlag gebracht. Generaloberst Walter von Loë (einen alten Verehrer der Metternich) hatte ich gleichfalls geladen, auch Prinz Lichnowsky Mein Botschaftsrat. und Fritz und Gisela Baron und Baronin Heß (mein Vetter und seine Gattin). gebeten. Der Kaiser kam (gottlob!) ohne Adjutanten. Erst begrüßten ihn die Kinder, mit denen er sich lange unterhielt. Dann gingen wir in mein Arbeitszimmer und setzten uns an das Kaminfeuer. Es gab Tee, Bier, Champagner, Punsch und Faschingskrapfen. Man rauchte, die alten Fürstinnen sogar große Zigarren. An derselben Stelle am Kamin saßen wir ohne Unterbrechung von ½9 bis ¼1 Uhr! Es war eine unerhört interessante Unterhaltung. Berger übertraf sich selbst. Es wurde philosophiert, über Kunst, Theater gesprochen, und die beiden alten Fürstinnen hatten eine so frappante Art, der Unterhaltung eine originelle Wendung zu geben, daß es ein in tausend Farben schillerndes Bild gab. Der Kaiser beteiligte sich lebhaft in seiner ungezwungenen, reizenden Art und trennte sich ungern, nachdem ich ihm ein leises Zeichen gab. Er sagte mir, daß er sich nie in seinem Leben so gut unterhalten habe! Und er hatte vollkommen recht, als er meinte, es sei der Inbegriff dessen gewesen, was man »Konversation« nenne. Etwas, das eigentlich verlorengegangen sei. »Und dazu muß man nach Wien reisen! – in Berlin gibt es das nicht!« - setzte er hinzu. Ich erwiderte ihm, daß es allerdings für den Landesvater schwieriger sei, so vertrauliche Unterhaltung daheim zu führen, aber daß es auch geistreiche Elemente in Berlin gäbe. 27. Februar 1895. Ich ging schon früh um 9 Uhr zum Kaiser in die Burg und fand ihn beim Frühstück. Wir unterhielten uns eine Stunde, dann machte er »Visiten«. Ich hatte mit Lucanus zu sprechen, bei dem ich Generalarzt Leuthold traf. Dieser erzählte mir von dem Resultat der Untersuchung des guten Perlet Mein treuer Forstverwalter und Vertrauensmann, der unheilbar krank war. durch Stabsarzt Ilberg in Liebenberg. Das trostlose Resultat erschütterte mich, und es gehörte viel Aufwand an Selbstbeherrschung dazu, um den Kaiser zu Hause in der Botschaft mit heiterer Miene zu empfangen. Das heißt, er empfing mich. Er war schon fast eine Stunde auf der Botschaft, als ich kam, und saß mit Augusta und dem Fürsten Lobkowitz in ihrem Salon. Ich rief nun die Kinder, die in großer Aufregung waren. Die kleine Tora durfte heute auch kommen. Der Kaiser war rührend freundlich mit ihnen. Dann zog sich Augusta zurück, und Lobkowitz blieb im nordischen Zimmer, das dem Kaiser sehr gefiel. Der Kaiser setzte sich in meinem Schreibzimmer an den Schreibtisch, las einige dienstliche Eingänge und ging dann rauchend mit mir an den Kamin, alles besprechend, was ihn bewegte. Es gab viel zu sagen und zu erzählen: Politik, Familie, Kunst. Nachher kamen einige der Herren. Wir gingen ins nordische Zimmer, wo sich die Kinder ebenfalls einfanden. Sigwart Mein Sohn war damals erst 11 Jahre alt. spielte Klavier, seine neueste Komposition, ein langes sonatenartiges Ding, voller Gedanken und so wunderbar gespielt, mit so merkwürdiger Fertigkeit und mit so tiefem Gefühl, daß der Kaiser ganz außer sich vor Erstaunen war. Er sagte mir ernsthaft: »Lasse dich nicht darauf ein, den Jungen jemals etwas anderes als Musik studieren zu lassen. Offiziere und Beamte gibt es genug. Warum soll ein Eulenburg nicht einmal Musiker von Beruf sein?« Später sagte mir der Kaiser, nochmal darauf zurückkommend, drohend: »Daß du mir den Jungen nicht überanstrengst!« Nun, dafür ist gesorgt. Aber Sigwart macht so staunenswerte Fortschritte, daß man wirklich wie vor einem Rätsel steht. Allmählich fanden sich die Mittagsgäste ein. Zu dem Gefolge des Kaisers (die bereits genannten Herren) kamen die drei österreichischen Herren des Ehrendienstes. Dann von der Botschaft Lichnowskv, Schönburg Prinz Schönburg, II. Sekretär der deutschen Botschaft. , Hülsen und Frau. Dazu Ratibors Prinz Max Ratibor mit Gattin, Generalkonsul in Budapest. ) und Graf Monts Graf Monts, preußischer Gesandter in München, später deutscher Botschafter in Rom. . Schließlich Fürst Constantin Hohenlohe, der Obersthofmeister am Wiener Hof. Um 1 Uhr wurde das Dejeuner gemeldet. Der Kaiser führte Augusta, ich Gräfin Hülsen, wir waren 25 Personen. Nach dem Frühstück langer Cercle. Nachmittags fuhr ich in die Burg und blieb beim Kaiser, der ein wundervolles Quartier mit alten Gobelins auf Goldfadengrund bewohnte. Um ½7 Uhr war Diner von etwa 30 Personen in der Burg. Die beiden Kaiser, einige Erzherzöge und Prinz Arnulf von Bavern. Außerdem der bekannte spanische Marschall Martinez Campos, der im letzten Frühjahr den Krieg gegen Marokko führte. Ich saß dem Kaiser Franz Joseph gegenüber, neben Constantin Hohenlohe. Es war Aschermittwoch. Hohenlohe sagte mir, daß alles streng fastete und daher das Menu schwierig sei. Es gab daher nur etwa 12 Gänge! Wieder ein herrlicher Blumenflor auf dem Tisch. Meist Orchideen in großen, flachen, goldenen Schalen. Um ½8 Uhr Aufbruch zur Bahn. Auf dem Bahnhof waren meine Frau und Gräfin Hülsen die einzigen Damen. Kurze Unterhaltung mit beiden Kaisern und um 8 Uhr Abreise Kaiser Wilhelms. Kaisergeburtstag und ein Duell Tagebuchnotizen. 27. Januar 1896. Am 27. Januar um 1 Uhr findet das übliche prunkhafte Dejeuner dinatoire bei mir statt. Das gesamte Botschaftspersonal mit Damen und alle in Wien anwesenden Reichsdeutschen »von Distinktion« sind geladen. Ich habe dadurch (trotz meiner langen Festrede) doch eine Freude gehabt: neben meiner alten Freundin Fürstin Gabi Hatzfeldt sitzen zu können. Meine Diener und Jäger in Gala, unser schönes Sandelsches Tafelservice und die großen Vermeille-Tafelaufsätze aus der Erbschaft Onkel Fritz Eulenburgs Graf Fritz zu Eulenburg, der erste und langjährige Minister des Innern im Ministerium Bismarck. schmückten den Tisch. Die Tafelmusik machte die Kapelle des Infanterie-Regiments Erzherzog Karl Nr. 3, die über mein Lied »Die Tanne« eine erschreckende Paraphrase spielte. Um 6 Uhr feierliches Herrendiner in der Burg bei Kaiser Franz Ioseph mit einer Anzahl von Erzherzögen. Ich habe den Ehrenplatz neben dem Kaiser, der ein Glas Champagner auf das Wohl unseres Kaisers stehend leert. Ich bemühe mich, die stets bei solchen Kaiserdiners waltende feierliche Stille an der Tafel, die den armen Kaiser noch mehr langweilt als das Diner selbst, heiter zu stimmen und erzähle ihm lustige, harmlose Dinge. (Denn es macht mir fast noch mehr Freude, den armen, gütigen, alten Mann in seinem tragischen Schicksal heiter zu sehen, als ihm selbst vielleicht Heiterkeit wohlzutun vermag!) Mit meiner Erzählung von dem Duell der Prinzessin Karl hatte ich allerdings einen fast zu starken Erfolg, denn der liebe alte Herr hörte nicht mehr auf zu lachen, und die stummen Hofschranzen und feierlichen Generäle wußten gar nicht, wie sie sich angesichts dieser kaiserlichen Heiterkeit zu benehmen hatten. Ich sah ringsum lauter halbverzerrte, stumm grinsende Gesichter, denn ich hatte selbstverständlich die Geschichte in diskretem, leisen Hofton mitgeteilt. So blieb den armen Lauschenden das Duell ein Geheimnis – und sie freuten sich nur neugierig, »Se. Majestät so heiter gesehen zu haben«. Nachschrift. (Zum 27. Januar 1896. Diner in der Burg.) Ich wurde gebeten, meine Erzählung, die den alten Kaiser so sehr erheitert hatte, mitzuteilen und folge der Aufforderung in nachstehendem: Feldmarschall Prinz Friedrich Karl, der Sohn des sehr groben (wohl eigentlich brutalen) Prinzen Karl von Preußen, Bruder Kaiser Wilhelms I., war ein sehr gebildeter Herr und tüchtiger Kavallerieführer – doch maßlos heftig, wie sein Vater. Seine Mutter, Prinzessin Marie von Weimar, geb. 1808, hatte »an Goethes Brüsten Weisheit getrunken«, wie man (sehr irrtümlicher Weise) behauptete, denn die gute Prinzessin war leider, leider – sehr dumm Es wurden einst an dem Berliner Hofe »Lebende Bilder« dargestellt. Der Sinn derselben mußte erraten werden. Prinzessin Marie saß als »Goldschmieds Töchterlein« in des Vaters Laden mit allerhand Silberwerk im Schoß und betrachtete mit ihren sehr schönen Augen einen silbernen Löffel, den sie emporhielt. »Silberblick« bedeutete das Bild. Der sehr witzige König Friedrich Wilhelm IV. sagte sehr laut und ernst. »Löffelgans«. . Goethe hatte im übrigen tatsächlich die Erziehung dieser Prinzessin und ihrer sehr klugen Schwester Augusta, der Gattin Kaiser Wilhelms I., »geleitet«. Die arme Prinzessin Marie bewegte sich meist mit schönen französischen Phrasen und sehr komplizierten deutschen Ausdrücken in der Berliner Gesellschaft, die darin eine Quelle für schlechte Witze hatte, die niemals versiegte. So befand sie sich denn auch in einem ziemlich hilflosen, »beschränkten« Zustand zwischen ihrem groben Gatten und dem heftigen Sohne. Da an dem preußischen Hof die Sitte eingerissen war, Königinnen und Prinzessinnen zu Chefs von Regimentern zu machen (was mir stets verrückt erschien), so hatte schließlich der damalige »König« Wilhelm den höchsten, brennendsten Wunsch seiner Schwägerin, der Prinzessin Karl, erfüllt und sie zum Chef eines reitenden Artillerie-Regiments ernannt. Die arme, alte Prinzessin geriet durch ihre Stellung als Chef in eine Art Ekstase und hing sich, wo es nur irgend möglich war, das Achselstück mit der Nummer ihres Regimentes an. Auch hatte sie sich eine Art Generalschnüre machen lassen, die sie an dekolettierten Kleidern (und wohl auch an malerischen Schlafröcken) trug. Sie sprach nun viel von militärischen Dingen und las die Rangliste abends im Bett. Auch über Taktik und Strategie phantasierte sie. Mit besonderer Vorliebe aber stellte sie Betrachtungen von kolossaler Torheit über »Ehrengerichte« und die »Pflichten des Offiziers« an. Eines Tages hatte sie ihren Sohn, den Prinzen Friedrich Karl, empfangen und sich – wie das öfters der Fall war – mit ihm gestritten. Hierbei geriet der heftige Prinz in eine sich immer steigernde Wut. Er war sehr »ausfallend« gegen die arme Mutter geworden, die völlig hilflos war. Aber als der Prinz sie verließ, bäumte sich in ihr plötzlich der »Chef des Artillerie-Regimentes« auf. Sie fühlte, wieviel Offiziersehre sie im Leibe hatte, die zu schwer gekränkt worden war, um nicht nach Vergeltung, Tilgung der Schmach und Rache zu schreien. Sie ließ ihren Hofmarschall rufen, den alten Grafen Luchesini, teilte ihm mit, daß sie als Chef ihres Artillerie-Regiments von dem General Prinz Friedrich Karl tödlich beleidigt worden sei und es ihrer Offiziersehre schuldig wäre, den Prinzen vor die Pistole zu fordern. Sie beauftragte den Hofmarschall, dem Prinzen diese Forderung zu überbringen. Der Hofmarschall war sprachlos – aber mußte gehen, da der Ehrenzustand des Chefs des Artillerie-Regiments ein unumstößlicher war. Soviel ich mich erinnere, legte sich nun der König als oberster Kriegsherr ins Mittel. Es wurde nicht geschossen. Aber die beiden Generäle »schnitten« sich längere Zeit. Arme Prinzeß! – sie war sonst immer gütig und liebenswürdig – auch zu mir, als ich während meiner Leutnantszeit bei großen und kleinen Festen am Berliner Hofe meinen Pflichten als Tänzer nachkam. Die gütige Prinzeß hinterließ testamentarisch ihr berühmtes Kollier großer grauer Perlen ihrem Artillerie-Regiment, wohl mit der Auflage, daß der Kommandeur das Kollier bei Paraden zu ihrem ewigen Andenken tragen solle! – Ihr Sohn aber zahlte den Wert der Perlen an das Regiment, woraus eine Stiftung gemacht wurde. Millenium in Budapest Budapest, Mai 1896. Die Magyaren, deren reiner Stamm wohl mongolisch ist und die unter ihrem ziemlich mythischen Führer Arpad in der Zeit zwischen 850 und 900 Ungarn erobert hatten, das damals einen Bestandteil des fränkischen Reiches bildete, hatten vor einiger Zeit entdeckt (die Urkunde wird vielfach angezweifelt), daß die Begründung der magyarischen Herrschaft, d. h. also die Gründung des Königreichs Ungarn in das Jahr 896 fällt. Demnach konnte Ungarn 1896 das tausendjährige Bestehen des ungarischen Reiches feiern – eine Gelegenheit, die sich das lebhafte Volk nicht entgehen lassen konnte. Denn viel Glanz konnte entfaltet, viel Reichtum gezeigt, viel Fremde konnten angelockt, viel Zeitungen vollgeschrieben, manche »gute Geschäfte« konnten angeknüpft werden – und vor allen Dingen war ganz Europa dadurch genötigt, von Ungarn, dem »tausendjährigen Reich hoher Kultur und größester Zukunft« Notiz zu nehmen. Daß sich dabei sehr viele Leute in Schulden stürzen und manche Familien sich aus Eitelkeit ruinieren würden, war gewissen Leuten gleichgültig. Mögen diese, nicht übermäßig freundlichen Worte über Ungarn im Hinblick auf die ungeheure Mache des Millenniums hier stehenbleiben! – meine Achtung vor Ungarn soll dadurch nicht gemindert werden. Ich wünschte von Herzen, daß das staatsmännische Empfinden, der opferfreudige Patriotismus und die urwüchsige Kraft, die diesem Volke innewohnt, in gleicher Form Deutschland zu eigen wäre. Denn zerspalten in Parteihader und partikularer Kleinkrämerei steht Deutschland politisch national tiefer als Ungarn. Nicht aber militärisch. Wir führen ein schärferes Schwert, ein Schwert in Erfahrung und Schulung geschliffen. Tapfer aber ist der Ungar auch wie der Deutsche, – soweit er nicht als Slawe oder Jude einen Pseudo-Magyarennamen trägt. Mit den vorstehenden Bemerkungen will ich die ungeheure Millenniumsmache entschuldigen. Sie wird jedenfalls in meiner Erinnerung einen festen Platz behaupten, denn alles, was in mir an Kunst, Schönheitsgefühl und malerischem Empfinden ruhte, wurde durch das, was ich während der Millenniumstage in Pest erlebte, aufgerüttelt und aufgeschüttelt, mich oft zu Bewunderung, ja zu Begeisterung hinreißend. Keine Stadt der Welt eignet sich besser für große Schaustellungen als Pest und Ofen. Die großen, breiten Avenuen und Straßen in Pest, die breite, imposante Brücke über die herrliche Donau und darüber, alles krönend, die kaiserliche Burg, die alte Mathiaskirche und die Palais der Magnaten in Ofen sind einzigartig schön und großzügig. Dazu das lebhafte Farbenbild der Volkstrachten, die mit Pietät gepflegt werden und sich dank ihrer Bequemlichkeit und dem Nationalstolz der Bevölkerung erhalten werden, ebenso wie die glänzenden, in allen Farben und in Gold und Edelsteinen strahlenden Festtrachten des Adels und Bürgerstandes. Denn nur im nationalen Verkehr entstellt sich der Ungar durch einen Frack, in dem er dank seiner schwarzen Haare und der oft kühn geschnittenen Nase in die beneidenswerte Lage gerät, für einen reichen Bankier aus Irgendwo gehalten zu werden. Andererseits sind wieder reiche Bankiers in Budapest in der glücklichen Lage, sich nach ihrer Magyarisierung z. B. Baron Hirz von Nagy Posek nennen zu können (nachdem sie vorher Isaak Hirsch aus Posen hießen) und sich alsdann die prächtige rote, gelbe, blaue oder grüne Atlas-Galatracht mit Goldstickerei anzulegen, auch den krummen Säbel umzuschnallen und auf die glänzenden schwarzen Haare – ein wenig auf das rechte Ohr gedrückt - die hohe Lammfellkappe mit einem Reiherbusch zu setzen. So gleicht sich im Leben alles aus, besonders wirksam in Ungarn, mag es sich auf Säbel, Beine und anderes mehr beziehen. Dem Fremden fallen solche Details nicht auf. Es wirkt auf fremde Augen nur die Farbe, der prächtige Stoff, das Malerische der Tracht, die Gesamtbewegung auf dem großartigen Hintergrund Budapests und der Donau. Ich war am 1. Mai 1896 mit meiner Gattin von Wien nach Pest aufgebrochen. In meiner Begleitung befanden sich Prinz Lichnowskv, Sekretär Kistler, mein Leibjäger, ein Diener und zwei Kutscher nebst Pferden und Galawagen. Alles logierte im Hotel Royal. 2. Mai 1896. Es findet die Eröffnung der auffallend schönen Ausstellung statt, deren Mittelstück die genaue Nachbildung der alten Burg des ersten Königs Ungarns, Stephan, ist, die sich inmitten eines Teiches sehr malerisch ausnimmt. In der Nähe sind dort auch die Gräber sowie die angeblichen Funde nachgebildet, aus denen sich die älteste Geschichte der Magyaren als Eroberer Ungarns ergeben soll. Als Vertreter des Deutschen Reiches wurden mir überall die größten Ehren erwiesen. Bei dem offiziellen Rundgang durch die Ausstellung, die in jeder Hinsicht sehenswert und geschmackvoll arrangiert war, litt man sehr durch die Hitze, und bisweilen entstand unbequemes Gedränge, wobei dann in ungarischen Worten der Vorstand des Komitees entsetzlich schimpfte. Leider verstand ich kein Wort davon, denn bei keiner Gelegenheit lernt man Land und Leute besser kennen, als wenn geschimpft wird. Jedes Volk wendet dabei seine besonders lieben Worte an. Die ungarische Sprache brachte mich häufig in diesen festlichen Tagen zur Verzweiflung, besonders weil die Schriftsprache mit keinerlei anderer europäischen Sprache Verwandtschaft hat. An einem der durch Dejeuners, Diners, Soireen, Bälle und andere Lustbarkeiten und Schaustellungen überreichlich angefüllten Tage fand ich, in mein Hotel zurückgekehrt, auf dem Tisch eine Einladungskarte, natürlich in ungarischer Sprache. Ich studierte daran herum und glaubte zu meinem Schrecken zu entdecken, daß es sich um ein Diner handle, das in kaum einer Stunde stattfinden würde. Auch meine Frau war sehr erschreckt, ich beschloß schnell, zu dem Markgrafen Palavicini, einem ungarischen Großgrundbesitzer, zu gehen, der in demselben Hotel über uns logierte. »Um Gottes willen, lieber Graf«, rief ich ihm zu, »sagen Sie mir, wo wir heute dinieren sollen? Es scheint, daß wir kaum noch Zeit haben, dazu Toilette zu machen!« Ich reichte ihm die Karte. »In diesem Fall brauchen Sie allerdings keine Toilette zu machen«, sagte er, »die Karte zeigt die Eröffnung der Rindviehausstellung an und ladet zum Besuch derselben ein.« »Ach so!« sagte ich laut und setzte hinzu: »Ich bitte vielmals um Entschuldigung, daß mein unerhörter Mangel, die ungarische Sprache nicht zu sprechen, Anlaß zu Verwechslungen geben mußte, die mir nach dem unendlich liebenswürdigen Empfang, der mir zuteil wurde, peinlich sind!« Palavicini war vernünftig genug, diese kleine Spitze lächelnd anzuhören, ohne pikiert zu sein. Da er aber in Wien sein großes Palais hat und dort mehr lebt als in Pest, empfand er selbst den Unfug peinlich, der jetzt mit der »Nationalsprache« getrieben wurde. An einem der Festtage wurde im großen Opernhause die Oper »Tell Wilmosch« gegeben Die Reihenfolge der Namen ist in Ungarn anders als bei uns. Ich heiße hier nicht Graf Philipp Eulenburg, sondern Eulenburg Fülopp grof. . Die Handlung spielte in den Karpathen, und der alte Melchthal starb rührend in einer Pußte, von Hirten, die ihre weißen Hemden als echte Patrioten über die Hosen gezogen hatten, herzlich beweint und besungen. An Gräfin Eulenburg (Mutter). Pest, 4. Mai 1896. Ich denke inmitten dieses unerhörten Trubels so viel an dein stilles Leben in Mühlbad. Aber es ist doch merkwürdig interessant. Das Gala-Theater am 2. Mai, die große Messe in der Mathiaskirche zu Ofen am 3. Mai früh brachten eine solche Entfaltung von prachtvollen Kostümen, Schmuck und Farben, wie man es sich nicht träumen lassen kann. Gestern, am 3. Mai, war die Gala-Auffahrt zu der Mathiaskirche oben in Ofen. Herrlich! Welche Equipagen! Welche Pracht an Wagen, Livreen, Pferden, und welche Farben! In der Kirche waren alle Damen in Nationaltracht, mit Edelsteinen überladen. (Es haben die Kleider bis 10 000 Gulden gekostet!) Gestern, am 3. Mai, war auch ein pompöses Diner bei Graf Géza Szápáry, dann Ball bei Graf Tassilo Festetics. Heute ist Gratulation bei dem Kaiser und der Kaiserin mit Auffahrt im Galawagen zur Burg, Diner bei dem Handelsminister, Rout bei Graf Louis Apponyi – und so geht es weiter! ... Ich habe absolut nicht begriffen, wozu man eigentlich dem Kaiser gratulieren soll? Daß ein gewisser Arpad, von dem er nicht abstammt, vor 1000 Iahren Ungarn erobert hat, kann kein Gratulationsobjekt sein, daß dem alten Kaiser das ganze Millennium ein Greul ist, dürfte ebensowenig zum Gratulieren geeignet sein, und der Kaiserin erst recht nicht, daß sich ganz Ungarn amüsiert und der Kaiser nicht, ist auch kein Grund, gerade ihm zu gratulieren, daß ihm aus seiner Kasse diese Festlichkeiten nebst der Deckung unerhört hoher, daraus hervorgehender Schulden mindestens eine Million kosten, ist schließlich doch auch nicht geeignet, ihm einen Glückwunsch auszusprechen. Genug – man gratulierte dem armen Mann, und er nahm freundlich diesen Glückwunsch entgegen, ohne zu sagen: »Schafskopf«. Mich selbst zog der alte Kaiser in eine so lange politische Konversation, daß alle Gratulanten in weitem Kreise um uns herum wahrscheinlich den Eindruck hatten, es sei unnötig. Leider war es aber durchaus nicht unnötig und auch durchaus keine Gratulation, in keiner Hinsicht eine Gratulation, denn auch mir gegenüber wäre trotz der mir bei dieser festlichen Gelegenheit überall erwiesenen hohen Ehrungen und Auszeichnungen eine Gratulation durchaus nicht angebracht gewesen, denn in Berlin war gerade in diesen Tagen politisch wieder einmal der Teufel los: drohende Minister- und Kanzlerkrise. Zwischen all dem Trubel – essen, trinken, fahren, schwatzen, aus- und anziehen, repräsentieren, gratulieren, hofieren – nahm das Depeschieren und Berichteschreiben überhaupt kein Ende. Ich kann nur sagen, daß ich seither Arpad hasse, der das ganze Millennium verschuldet hat. Und doch gab es wohl kaum etwas Wunderbareres, Schöneres als die große Messe (die wahrscheinlich auch für Arpad zelebriert wurde – für wen sonst?). Von der ungarischen Rede, die der Fürst-Primas von Ungarn, Kardinal Vaszary, hielt, verstand ich natürlich keine Silbe. Der Zauber dieser kirchlichen Feier begann mit der Auffahrt in Galawagen des gesamten ungarischen Hochadels über die Donaubrücke und den steilen Weg hinauf bis zum Portal der uralten, in grauem Stein reich gebauten, gotischen Kirche des heiligen Mathias. Jedem der schönen Wagen in allen Farben und gezogen von reichgeschmückten Pferden, entstiegen, tatsächlich strahlend im Glanz von Edelsteinen, die Kirchgänger, von denen heute wohl kein einziger einen wirklich frommen, andächtigen Gedanken gehabt haben dürfte, und niemals ist wohl auch je in der alten, ehrwürdigen Mathiaskirche derart umhergeguckt und geäugt worden wie heute. Auf der breiten Erhöhung des Hochaltares in den alten, dunklen, gotischen, feierlichen Chorstülen saßen regungslos die Erzbischöfe und Bischöfe des Primates von Gran, die hohe funkelnde Mitra auf den alten ernsten Köpfen und den breiten, von Goldstickerei steifen Mantel um die Schultern. Vor dem mit brennenden Kerzen und Blumen geschmückten goldenen Altare knieten und standen Ministranten und Chorknaben in ihren roten Gewändern. An dem Rand der Erhöhung des Hochaltares aber stand, die in Edelsteinen funkelnde hohe Mitra auf dem Haupt, in seinem reichsten bischöflichen Kleide, die hohe hagere Gestalt des Kardinals Fürst-Primas von Ungarn, Vaszary. Aus dem bleichen, schmalen, bartlosen Gesicht flammten die in Begeisterung glühenden Augen, während er die harten Laute der ungarischen Sprache mit leidenschaftlicher Betonung hervorstieß – dem Nichtverstehenden ein ganz seltsamer Eindruck von nachdrücklicher Gewalt. Er sprach lange: es soll schön gewesen sein, wohl ein Hohes Lied der ungarischen Mission unter den Völkern der Erde. In der erhöhten Hofloge neben dem Hochaltar saß der Kaiser mit allen Erzherzögen, die Kaiserin mit den Erzherzoginnen. Die ersteren alle in ihrer roten, reich mit Gold gestickten ungarischen Generalsuniform, den pelzverbrämten Mantel über der Schulter. Die Erzherzoginnen in ungarischer Nationalfestkleidung der Magnatenfrauen, strahlende Diamantenkronen auf dem Kopf, von dem der lange, weiße Schleier niederwallte. Die Samt- und Goldbrokatkleider mit den langen Ärmeln waren übersät von Edelsteinen. Der Glanz und die Farbenpracht ließen die Gesichtszüge verschwimmen, was durchaus zu verschmerzen war. So, wie der blendende Glanz der erhöhten Hofloge wirkte, so wirkte noch bei weitem stärker das Gesamtbild des Schiffes der Kirche, denn die gleiche strahlende Pracht der Magnaten-Gewänder, der Edelsteine, nach vielen Millionen an Wert, trat hier als eine einzige, funkelnde Masse zwischen den silbergrauen, hochstrebenden Pfeilern des Domes in Erscheinung. Sehr auffallend hob sich daraus das Bild Augustas Seine Gattin. hervor, in ihrem weißen, goldgestickten Kleide, ohne Schleier, aber das hohe Diamanten-Diadem auf dem blonden Haar und das breite, weiße Ordensband mit den blauen Randstreifen des Theresienordens von der rechten Schulter bis zur linken Hüfte tragend – wie ein seltener, edler Vogel zwischen einer bunten, leuchtenden Papageienschar. Doch noch eine andere, einzelne Figur fiel in der bunten Schar auf: der von oben bis unten – mit Kappe, Handschuhen und Schuhen – purpurrote Kardinal Schlauch, mein guter Freund, der neben mir saß. Der Kardinal, der seine Residenz in Großwardein hat, gehörte nicht zu der Gran-Diözese, die heute mit dem Primas Vaszary zelebrierte, so saß er bei den Gästen, und ich erfreute mich an seiner Nachbarschaft. Er ist ein überaus seiner, hochgebildeter Mann, kein Fanatiker, wie Vaszary, eher ein Kirchenpolitiker, doch über den Parteien stehend. Etwa von der Färbung meines berühmten Freundes Xaver Kraus Fr. Xaver Kraus, Professor der Kirchengeschichte in Freiburg i. B. Verfasser der berühmten »Spektator-Briefe«, wohl einer der besten Kenner der offenen und geheimen Gänge der katholischen Kirchenpolitik. von der Universität Freiburg. Mit keinem katholischen Kirchenfürsten vermochte ich so offenherzig zu reden wie mit Schlauch. Wir verstanden uns innerlich, stets ohne Schärfen, Verbindung suchend und findend. Aber der Kardinal, der alles sah, alles beobachtete und doch genötigt war, den kirchlichen Vorschriften während der heiligen Handlung der Messe zu folgen, war heute ein wenig zerstreut. Und wer war es wohl heute nicht während dieser unerhörten Festlichkeit? Meist mußte er neben mir knien, sein rotes Käppchen saß ihm lose auf dem Hinterkopf. Auf der Bank hinter sich hatte er einen jüngeren Geistlichen im lila Gewand postiert, der, wenn es gewisse Momente der Meßhandlung geboten, dem Kardinal das Purpurkäppchen (das an dem Scheitelpunkt ein kleines Zäpfchen hatte, um es fassen zu können) abnehmen und schnell wieder aufsetzen mußte. Schlauch, der oft lange zu knien genötigt wurde, war heute sehr zerstreut. Wohl blickte er während des Kniens in das aufgeschlagene Gebetbuch, aber er stellte doch dabei hin und wieder »weltliche« Beobachtungen an. (Gott wolle es dem wirklich frommen Mann verzeihen!) »Finden Sie nicht, daß die Gräfin Géza Andrassy in der ungarischen Tracht entzückend aussieht?« fragte er mich leise. (Er hatte vollkommen recht, sie war entzückend.) Er sagte auch, daß die Gräfin Franziska Carolyi heute nicht en beau sei. Aber das fand ich nicht. Sie war blaß, aber ihre wunderbar edlen Züge, ihre königliche Gestalt in dem Glanz ihrer Magnatentracht und umleuchtet von einem Meer strahlender Diamanten, war ein Bild, das man nicht vergessen konnte. Nein, hier saßen und standen die eigentlichen Königinnen des alten Ungarn – nicht in der Hofloge, wo die verlegen-ungeschickten Gestalten der Damen des Kaiserhauses verkleidet thronten. In diesem Augenblick aber geschah etwas Merkwürdiges: es schien ein roter Vogel über mir zu fliegen. Ich blickte schnell zurück. Der Begleiter des Kardinals war allzu hastig gewesen, hatte wohl auch den richtigen Augenblick für die Entfernung des Purpurkäppchens verpaßt, kurz, das Käppchen war ihm hoch aus der Hand geflogen. Ich sah, während es eilig dem Verbrecher zurückgereicht wurde, einige schmunzelnde und einige sehr ernste Magnatengesichter. Dann saß das Käppchen wieder still auf dem Hinterkopfe des in sein Andachtsbuch versunkenen Kardinals, der keine Ahnung von dem roten Vogel hatte, während sein priesterlicher Begleiter mit dem bischöflichen Range völlig fassungslos schien. Über allen Eindrücken des Zaubers dieser Messe, die sich wohl kaum jemals zu solchem Bilde der Schönheit und des Glanzes wiederholen wird, bleibt jedoch der tragische Eindruck einer unter tiefem schwarzen Schleier verborgenen hohen Frau bestehen – der Kaiserin Elisabeth. Umgeben von dem bunten strahlenden Glanz des versammelten »Erzhauses« in der erhöhten Loge, saß diese verschleierte, vollkommen schwarze Gestalt. Profan ausgedrückt: wie ein Tintenfleck auf einem sehr schönen bunten Gemälde. Immer wieder zogen die Blicke unwillkürlich zu dem schwarzen, regungslosen Bilde. Die Kaiserin liebte Ungarn (mehr als Österreich), und man liebte sie deshalb hier, wo sie – nur zu viel! – zu Pferde gesessen hatte. Bei dem größten Feste Ungarns wollte sie deshalb als Königin nicht fehlen, und man rechnete es ihr hoch an, daß sie, die kein Fest besuchte, gekommen war. Aber sie kam – schwarz. Seit der furchtbarsten Stunde ihres Lebens, als ihr einziger Sohn, Kronprinz Rudolf, Selbstmord – und Mord beging, waren sieben Jahre verflossen. Sie hatte ein Gelübde getan, die Trauer niemals abzulegen. Und so ragte denn in das hohe bunte Fest, welches jedes Ungarherz höher schlagen ließ, das furchbare Schicksal dieser Kaiserehe wie ein schwarzes Memento hinein. Weder bei dem Diner bei Graf Géza Szápáry, wo man zum Schluß auf goldenen Tellern und mit edelsteinbesetzten Messern und Gabeln aß, noch bei dem prunkvollen Fest auf der Ofener Burg, noch bei dem lukullischen Diner bei dem Ministerpräsidenten Baron Bánffy, noch bei den verschwenderischen Bällen im Parkklub und im National-Kasino, bei Routs, Dejeuners und im Theater wich das schwarze Bild im Zaubergarten der großen Messe zu St. Mathias von mir: das schwarze Memento mit seiner furchtbaren Predigt. Wilhelmshöhe, Ischl und Zarenbesuch in Wien (Tagebuchblätter für die Familie.) Kiel, an Bord der »Hohenzollern«, Wir liefen beim Donner der Kanonen und Nebelwetter im Kieler Hafen ein, während ich unten im Salon der Kaiserin mit Cuno Moltke ein altes Lied von mir durchsah. Kaum vor Anker gegangen, erschienen Prinz Heinrich, der Erbgroßherzog von Oldenburg und der Herzog von Holstein (Schwager des Kaisers). Ein großer Tisch wurde hergerichtet, und man setzte sich zusammen bis 12 Uhr in eifriger Unterhaltung, deren Kern sich um den Untergang des »Iltis« an der chinesischen Küste drehte. – Der Erbgroßherzog von Oldenburg war mit seiner Tochter auf der »Lehnsahn« eingetroffen und wollte eine Fahrt in die Ostsee machen, – dabei in Neuhäuser Augusta einen Besuch abstatten. Ich sagte, daß die Prinzeß gut bei uns wohnen könne. Er – und die Prinzeß, die ich am folgenden Morgen sah – freuten sich sehr darauf und baten mich, sie anzumelden. 31. Juli 1896. Früh erschienen wieder die Prinzen zum Essen um 9 Uhr. Die kleine Prinzessin auch, und ich zeigte ihr das Schiff. Ich sprach viel mit Prinz Heinrich, der charmant sein kann, wenn er will. Sein Naturell ist sehr englisch. Um 11 Uhr war allgemeines großes Lebewohl-Sagen auf dem Schiff, und um ¼12 fuhren wir bei leichtem Regen zum Bahnhof. Um ¾12 begann die Fahrt nach Wilhelmshöhe. Ich war vor dem Essen eine halbe Stunde beim Kaiser in dienstlichen Angelegenheiten. Wir aßen um 1 Uhr bei glühender Hitze, und der Kaiser las mit uns bis ½5 Uhr Zeitungen, dann zog sich jeder zurück. Ich schrieb politische Berichte. Um 8 Uhr trafen wir in Wilhelmshöhe ein. Die Kaiserin und alle Prinzen waren auf dem Bahnhof. Durch eine endlose »Hurrah« rufende Menge ging es hinauf zu dem göttlich schönen Schloß und Park. Ich war hingerissen davon, und wer sich aus dieser wunderbaren Luft, die trotz Hitze erfrischend und kühlend war, fortbegibt, um anderswo noch bessere zu suchen, begeht eine Torheit. Wenn ich Kaiser wäre, ginge ich sicherlich nicht fort von hier. Allerdings würde ich die Grenzen der Absperrung gegen ein zudringliches Publikum etwas weiter stecken. August Eulenburg Oberhofmarschall. und Knesebeck Kabinettsrat der Kaiserin. waren im Schloß. Ich hatte eine prächtige Wohnung mit reizendem Salon und schönem Blick auf den Wald. Diese herrliche Stille! – Um 9 Uhr Souper mit den Majestäten. Wir unterhielten uns über allerhand wichtige Dinge. Ein großer Stuck- und Marmorsaal, von dem man direkt auf die weite Säulenterrasse tritt nach der Seite von Kassel, ist mit Teppichen belegt und mit den schönsten, aus dem Schlosse zusammengesuchten Empire-Möbeln (braun mit Bronze) mit roter, blauer und gelber Seide bezogen, möbliert worden. 1. August 1896. Ich wurde durch den Jubel der kleinen Prinzen geweckt, die auf dem Platz vor dem Schloß Rad fuhren. Um 12 Uhr ging ich mit dem Kaiser allein im Park spazieren. Herrlicher Sonnenschein, wunderbare Bäume – ich war hingerissen von soviel Schönheit. Wir begegneten nur wenig Menschen auf dem Wege zum kleinen Tempel auf der rechten Höhe, also gegenüber der Löwenburg. Mir wird diese Promenade sehr denkwürdig bleiben, sehr entscheidend für vieles wird sie sein. Wie war der Kaiser gütig, klug, einfach und klar. Ich hatte das Gefühl, daß wir uns noch näher traten als zuvor. Um 1 Uhr Diner en famille mit den Prinzen. Der kleine Kronprinz machte eine lebhafte Unterhaltung mit mir. Lustig, kindlich und schnell von Auffassung. Nach dem Essen packte der Kaiser seine Geschenke aus Norwegen für die Kinder aus. Das Prinzeßchen sah reizend in der lappländischen Tracht aus. Auf der Terrasse spielte ich mit den Prinzen Ball, dann schlug die Scheidestunde. Ich fuhr mit Dr. Leuthold zur Bahn nach Kassel und mit Lunker Hausmarschall Freiherr von Lynker. , der zu seiner Frau nach der Schweiz fährt, bis Friedelhausen, wo der Schnellzug für mich hielt. Schwerin Graf Karl Schwerin, der Erbe von Schwerinsburg, wohnte damals in Friedelhausen, dem Besitz seiner Gattin Louise, geb. Freiin von Nordeck Rabenau, einer hochbedeutenden Frau und Dichterin die wir als unsere treueste Freundin liebten und verehrten. Leider erlebte sie nicht, daß ihr jüngster Sohn Eberhard meine liebe Tochter Adine heiratete. war auf der Bahn. Es regnete. Er sah entsetzlich elend aus. Im Schloß fand ich Louise Schwerin und die reizenden drei Kinder. Nach einem leider nur zu kurzen Aufenthalt von wenigen Stunden bei den lieben Freunden in dem schönen Friedelhausen brachten mich beide Schwerins bis Gießen. Dort fuhr ich verspätet ab und hatte in Frankfurt eine große, höchst fatale Aufregung wegen meiner verschwundenen Handtasche mit allen meinen wichtigen politischen Papieren! Im letzten Augenblick fand sie sich. Ich hatte sie beim Umsteigen zwei Beamten übergeben, die damit verschwanden. Ich hatte mir überlegt, daß ich die Nacht in Aschau sein könnte, wo einen Besuch zu machen ich mir längst vorgenommen hatte. Und welche Freude machte ich meinem guten Kistler Geheimsekretär Karl Kistler. (Seit 1886 in meinen, jetzt in Staatsdiensten.) damit. Er holte mich abends von Prien ab und brachte mich in sein reizendes Elternhaus, das an Wiesen unter Birnbäumen in dem von herrlichen Fels- und Waldbergen umrahmten Tal gelegen ist. Ich schreibe diese Zeilen in dem hübschen Fremdenzimmer des ersten Stockwerkes. Vater Kistler ist leider total verändert, er ist ein magerer, kranker, alter Mann geworden. Ich fürchte, daß sein Leiden unheilbar ist. Wir aßen in dem hübschen Eßzimmer zu Abend. 3. August 1896. Ich verlasse morgens Aschau und treffe unterwegs Bülow Bernhard von Bülow, Botschafter in Rom. , der vom Semmering kommt, um mich zu sehen. Wir fahren zusammen nach Hallstadt, wo wir in dem entzückenden Hotel Seeauer, nach nicht endenwollenden politischen Gesprächen, nächtigen. Leider regnet es. 4. August 1896. Morgens fahre ich allein nach Aussee, wo mich die alten Hohenlohes Hohenlohe hatte mit seinem Abgang gedroht. sehr freundschaftlich empfangen. Die Fürstin nicht ohne Stichelei, denn ihr Mann hat ihr natürlich mehr von der scheußlichen Kanzlerkrise Reichskanzler. erzählt, als gut war. Die Unterhaltungen sind ganz unbeschreiblich schwierig, und was ich erreichte, wohl genug, um zufrieden zu sein. – Jedenfalls mehr Konzession an den Kaiser, als ich erwartet hatte, aber ich war wie zerschlagen. Die ewigen Krisen und Schwierigkeiten, durch die ich gegensätzliche Naturen lotsen soll, um Frieden zu halten, – dazu die große Sehnsucht nach den Meinen – das zermürbt mich schließlich ganz, und ich war bei der Rückkehr nach Hallstadt mehr tot als lebendig. Lange kann es so nicht weitergehen, meine Kräfte und Spannkraft lassen sichtlich nach. 5. August 1896. Morgens fahre ich nach Ischl. Aus einem Brief an den Kaiser. Wien, 7. August 1896. ... Kaiser Franz Joseph wollte mich um 12 Uhr am 5. August empfangen, und ich fuhr bei strömendem Regen zur kaiserlichen Villa, wo mich Flügeladjutant Graf Alberti empfing und direkt zum Kaiser führte. Se. Majestät lud mich in seinem Arbeitszimmer sofort ein, Platz zu nehmen, und begann nach Ew. Majestät Ergehen, nach dem Befinden Ihrer Majestät, der Kaiserin und dem Verlauf der Reise zu fragen und sprach mit der innigsten Teilnahme von dem traurigen Schicksal der tapferen Besatzung der »Iltis«. Dann ging der Kaiser sehr schnell auf die Politik über Den politischen Teil dieses Schreibens siehe meine politische Privatkorrespondenz. . – Die übrige Unterhaltung betraf gleichgültige Dinge. Über die russischen Pläne bezüglich des Wiener Besuches habe ich bereits telegraphisch berichtet. Nach der Audienz, die etwa eine Stunde währte, machte ich den anwesenden Mitgliedern der kaiserlichen Familie meine Aufwartung und besuchte Fürstin Dietrichstein (sehr russisch). Sie ist voller Aufregung über die Wiener Entrevue. Da ihr Sohn, Graf Albert Mensdorff, bei der Botschaft in Petersburg ist, weiß sie allerhand Klatsch. Die Anstrengungen des Botschafters Liechtenstein, eine Verständigung mit Rußland herbeizuführen, konnte man aus den Erzählungen der Fürstin herausriechen. Albert Mensdorff, der ein ganz gescheiter Mensch ist, der Augapfel der Mutter, und als Enkel einer Koburg-Gotha in London als Verwandter behandelt wurde (aber als Sohn des Ministers Mensdorff von 1866, Preußen nicht liebt), hat von der Kaiserin Alix auch besondere Gnadenbeweise erhalten, und das macht die alte dicke Dietrichstein halb verrückt vor Russenglück. Ihr ältester Sohn ist mit einer Dolgorouki verheiratet. Übrigens ist in Wien der Gedanke, den Zaren in Schönbrunn zu logieren und zu amüsieren, aufgegeben – wie die Dietrichstein sagt: aus Angst vor einem Attentat – wie ich glaube, weil Lobanow Fürst Lobanow, russischer Minister des Außern. Vorher als russischer Botschafter in Wien intim mit mir. es unbequem findet, hin und her fahren zu müssen. Die Fürstin glaubt, ebenso wie der Kaiser, daß die Zarin nicht guter Hoffnung ist. Um 3 Uhr fand das Diner in der Villa statt. Es geht sehr harmlos bei diesem Sommeraufenthalt zu, denn der Kaiser stand an der Haustür, als ich kam, und plazierte mich auch selbst bei Tisch. Gäste waren Prinz Leopold von Bayern mit Gemahlin (älteste Tochter des Kaisers) und zwei Söhnen. Der älteste 16jährige verlegen im Frack, der jüngere rothaarige verlegen ohne Frack. Erzherzogin Valerie (zweite Tochter des Kaisers) – ganz außerordentlich guter Hoffnung, Hofdame Festetics, Baronin Limpök, Hofdame der Prinzessin Gisela, Graf Paar (Generaladjutant), Graf Bellegarde (Obersthofmeister der Kaiserin) und zwei Flügeladjutanten. Die Kaiserin zeigte sich nicht. Es wurde wieder namenlos schnell serviert. Der Kaiser wird immer ungeduldiger beim Essen. Ich erzählte bei andächtiger Stille unsere Walfischjagd, mußte dann Prinzessin Gisela unterhalten – was mir entsetzlich mühsam war, denn trotz ihrer 40 Jahre ist sie noch immer verlegen wie ein Backfisch aus einem Pensionat und errötet, wenn man ihr sagt, daß man Pflaumen gern ißt. Nach dem Diner amüsierte sich der Kaiser sehr über meine Schilderung unseres Abenteuers mit den Franzosen in Norwegen Ein französischer Passagierdampfer war festgekommen, und das uns begleitende Kriegsschiff rettete Schiff und Besatzung. , dann wurde ich entlassen, das Fest hatte sein Ende. Ich fuhr nun zu der berühmten Frau Kathi Schratt (ich weiß, daß man dafür sehr dankbar ist). Ich unterhielt mich vortrefflich mit der charmanten Dame. »Wie ist jetzt Ihre Tageseinteilung?« fragte ich sie. – »Um 5 Uhr stehe ich auf«, erzählte sie, »dann gehe ich in die Ischl Ein eiskaltes Gebirgswasser! ein Bad nehmen, nachher – gegen 7 Uhr – kommt der Kaiser zum Frühstück und bleibt bis gegen 10 Uhr. Ich begleite ihn bis zur Villa. Darnach ruhe ich und esse, und um 3 Uhr gehe ich mit beiden Majestäten – mag es regnen oder nicht - auf die Berg', 3-4 Stunden lang. Da können Sie glauben, daß ich gern um 8 Uhr zu Bett geh'.« Damit hatte mein Aufenthalt in Ischl sein Ende erreicht ... Tagebuchnotizen. Wien, 13. August 1896. Mein Nervenzustand wird immer bedenklicher. Ich habe abends ein recht nettes Diner bei Goluchowski und erkläre ihm, daß ich morgen abreise, worüber er entsetzt ist, denn die politische Lage ist allerdings nicht rosig. Aber er sieht doch ein, daß ich körperlich nicht weiter kann. 15. August 1896. Ich treffe in Berlin ein und zeige mich niemand. Einer politischen Quälerei auf dem Auswärtigen Amt wäre ich nicht gewachsen. Gott! – Wie ich diese Giftbude hasse! Neuhäuser bei Königsberg, 21. August 1896. Das waren 4 herrliche Tage! Meine Augusta, meine glücklichen Kinder, meine Mutter, am schönen stillen Strande der Ostsee, ohne Bekannte, wir unter uns! Welch ein innerer Abgrund trennt mich von der Welt, in der ich offiziell stehe – stehen muß – einem Gebot der Freundschaft folgend und der Pflicht gegenüber dem Vaterlande. 23. August 1896. Ich treffe nachmittags in Wien ein und habe viel Arbeit. Das verödete Wien mit seinem Staub und Wind auf der Ringstraße und die Gluthitze in der inneren Stadt sind unerträglich – die Heimkehr in die riesige leere Botschaft ohne Frau und Kinder ist noch unerträglicher. Es ärgern mich auch alle die aufgeregten Gesichter der Hofschranzen, die nach der Stadt gefahren sind, um die Ankunft des Zarenpaares vorzubereiten. Aber noch mehr ärgern mich les chers collegues , – alle ihre mit Mist geladenen politischen Flinten, die nicht losgehen, und alle die gespitzten diplomatischen Eselsohren, in die der einzige Schlauberger, Fürst Lobanow, ihnen blauen Dunst blasen wird. 24. August 1896. Nachmittags fahre ich nach Baden, wo ich einen höchst gemütlichen Abend bei Bernhard Bülows verbringe, die voller tiefer Dankbarkeit für mein Beschwören der Krise in Berlin sind Es drohte Bülow Staatssekretär in Berlin zu werden. . Wien, 31. August 1896. Die Zarentage brachten mir unendliche Arbeit. Ich kam gar nicht zur Besinnung. Ich schrieb mich am 27. August beim Zaren ein und besuchte Nigra, wo plötzlich Lobanow erschien. Er bekam eine Art Herzkrampf und war 10 Minuten ganz konfus, sprach von politischen Dingen, die durchaus nicht für meine Ohren berechnet waren – so daß ich gehen wollte. » Mon Dieu, c'est Vous.! « rief er aus, » je croyais voir Radolin «. Er machte mir einen merkwürdigen Eindruck. Ich schrieb sofort nachher einen Bericht darüber nach Berlin und sagte, daß ich ihn für sehr ernst krank hielte – für einen Todeskandidaten, was andere durchaus nicht fanden. Am Abend des 27. August war große Gala-Oper. Eine Überfülle von Diamanten. Alle Fürstinnen Österreichs waren angekommen – neugierig und vergnügungssüchtig. Ich saß mit dem türkischen Botschafter zusammen. Von Botschafterinnen waren die Monson und die Kapnist Englische und russische Botschafterinnen. erschienen. Die Kaiserin sehr reizend, doch vielleicht nicht so hübsch, als ich erwartet hatte, in Rosa mit herrlichen Diamanten und Rubinen, ein hohes, ganz glattes Diadem in Form des russischen Kakoschnik. Am 28. früh hatte ich einen langen Besuch von Lobanow. Es ging ihm besser, aber er hatte einen ganz merkwürdigen Blick. Später kam auch Goluchowski zu mir. Es wurde viele und interessante Politik geredet. Ich aß bei Lichnowsky Prinz, später Fürst Max Lichnowsky, Botschaftsrat bei der deutschen Botschaft. . Abends war Gala-Hofkonzert, wie es Augusta zur Genüge kennt. Ich hatte eine lange Unterhaltung mit dem Zaren, der Kaiserin von Rußland und dem Kaiser Franz Joseph. Alle waren sehr liebenswürdig. Der Zar sagte, daß, wenn er mich auch nicht persönlich, so doch längst gut kenne und knüpfte vieles an diese Bermerkung. Die Kaiserin sprach von meiner Musik, die ihr sehr bekannt sei, sie schien etwas verlegen, sah aber in Hellgrün, übersät mit Diamanten und Perlen und wieder mit einem Kakoschnik-Diadem aus großen Diamanten, die geradezu unheimlich strahlten, sehr schön oder besser besagt, lieblich aus. Es herrschte große Hitze. Das Konzert, auf das, wie immer, niemand achtete, war herrlich. Unsere Musikfreundin Miß Walker sang wunderbar. In der Pause fanden die Vorstellungen statt, bei denen die Fürstinnen, welche in der Erwartung der Vorstellung bei der Kaiserin ehrfurchtsvoll rückwärts traten, alle ohne Ausnahme den Zaren mit der Kehrseite anliefen, was jedesmal eine energische Intervention vom ehrendienstlichen Fürsten Lobkowitz zur Folge hatte. Erzherzog Franz Ferdinand Der Thronfolger Franz Ferdinand Este. hatte es sich in leidenschaftlicher Russenliebe nicht nehmen lassen, zu erscheinen. Kaiser Nikolaus war sehr verlegen, machte aber recht gut Cercle. Seine immer zur Seite ausweichenden Blicke sind nicht angenehm und machen den Eindruck der Falschheit. Sieht er die Menschen wirklich an, so erscheint er freundlich. Sein ganzes Wesen war matt und ermüdet. Kaiser Franz Joseph sprach mir seine besondere Freude über das anscheinende Verbleiben des Fürsten Hohenlohe im Amte aus. Er fand wohl den ganzen Besuch gräßlich (wie ich annehmen muß) und saß wie ein russisches Opferlamm zwischen den Majestäten aus Petersburg. Damit war der Zarenbesuch beendet, dem eine Wolke von politischen Berichten Während der verwickelten Orientkrisen, welche die Interessensphären Englands und Rußlands stark berührten, war der Botschafterposten in Wien, dem deutscherseits die Kontrolle der Orientpolitik oblag, auch in diesen Fragen von besonderer Bedeutung. Von den vielen interessanten Berichten Eulenburgs aus jener kritischen Zeit sind einige in der »Großen Politik der Europäischen Kabinette«, Band 11 und 12 aufgenommen. Herausgeber. folgte. 31. August 1896. Heute früh kommt die Nachricht, daß Lobanow auf dem Wege von Wien nach Kiew im Coupé gestorben ist!! – größte Aufregung in der ganzen politischen Welt. Seine Politik war uns wenig freundlich, und wir sollen daher nicht allzu laut klagen. Ich hatte ihn persönlich gern und stand ihm freundschaftlich nahe – vermochte daher immer noch verhältnismäßig günstig zu wirken. Aber welche Verlegenheit für den jungen Zaren! Wer wird Lobanows Nachfolger? Das ist die Frage! Er ließ übrigens Augusta noch bestens grüßen – das muß ich ausrichten – als seinen letzten Gruß aus seinem geräuschvollen Leben. Mit dem Tode Lobanows, der nach meinem Bericht über seine Gesundheit erwartet werden mußte, hat sich das Bild russischer Politik wesentlich verändert. England verlor an ihm einen unerbittlichen Feind, der bei der Anglomanie der russischen Majestäten ein gutes Gegengewicht war. Das fällt in diesem Augenblick angesichts des Besuches der russischen Herrschaften in England schwer in die Wagschale. Ich bin aus diesem Grunde der Ansicht, daß wir bis auf weiteres alles vermeiden müssen, was die englisch-russischen Beziehungen erleichtern könnte. Fürstin Pauline Metternich Eine Erinnerung Auch enthaltend: Zwei - Kaiser - Manöver in Ungarn. Vorwort Fürstin Pauline Metternich gehört zu den Frauen, von denen in der großen internationalen Welt zu der Zeit der Herrlichkeit Napoleons III. und der Kaiserin Eugenie viel gesprochen wurde. Und das pflegt auf eine Dame kein gutes Licht zu werfen, wenn man sie bei solchen Betrachtungen in den großen Pariser Modekorb schleudert, mit allen den Frauen zusammen, die das Wetter in der Welt der Mode machen: Mehr oder minder Flittergold und Zierpuppen von leichten Sitten. Was aber bedeutet das Urteil der großen Welt? nichts anderes, als wenn kurzsichtige Leute nach einer Scheibe schießen. Fürstin Pauline aber gehörte zu den Erscheinungen der großen Modenwelt nur insofern, als es die von Geist und Lebenslust übersprudelnde junge Dame einst belustigte, auch ihrerseits Mode zu machen. Und warum sollte sie nicht das unermeßliche Talent des Schneiders Worth »entdecken«, der, dank ihrer Intervention zu einer internationalen Größe, gewissermaßen zu dem Herrscher der Modewelt wurde? Es gibt aber in der großen Mode-Welt zwei völlig und scharf voneinander getrennte Arten der Eleganz: Die Eleganz der vornehmen Frau und die Eleganz der Demimonde. Es ist nicht zu leugnen, daß sich diese beiden Frauen-Arten in der Pariser Gesellschaft nahe berühren. Sie sind sich aber niemals in der Fürstin Pauline Metternich begegnet, denn diese war und blieb trotz ihres sprühenden Temperamentes, ihrer Freiheit des Wortes und ihres beweglichen Mienenspiels der Inbegriff einer vornehmen Frau. Es war ihr Verstand und ihr sprudelnder Geist, der die Äußerlichkeiten des Lebens nur zu einem Werkzeug machte. So war und ist diese merkwürdige Frau, mit der mich das Schicksal einst zusammenführte, und der ich in Dankbarkeit als Freund diese Zeilen weihe. Philipp Eulenburg. I. Fürstin Pauline in Meran und die Geburt ihrer Memoiren. 1896. Fürstin Pauline Metternich war als die einzige Tochter und Erbin des berühmten ungarischen Grafen Sandor, dessen Reitkunststücke und Abenteuer in der ganzen Welt bekannt waren, 1836 geboren und hatte 1856 den Fürsten Richard Metternich, Sohn und Erben des berühmten Staatskanzlers geheiratet, der fast während der ganzen Dauer des zweiten napoleonischen Kaiserreichs Österreich als Botschafter in Paris vertrat. Fürstin Pauline, voll Verstand und geistreicher Beobachtungsgabe, hatte sich in Paris durch ihren Geist und Witz, vielleicht auch durch ihre Toiletten – und vielleicht auch durch eine Art Exzentrizität – schnell eine derartige Stellung an dem napoleonischen Kaiserhofe gemacht, daß bald ohne sie gesellschaftlich nichts unternommen wurde. Alles war originell, was sie erdachte, dazu stand ihr eine ganz ungewöhnliche Energie für die Ausführung ihrer Unternehmungen zu Gebote. Es gab tatsächlich eine Zeit, da in Paris – und darum fast überall in der großen Welt – von Fürstin Pauline gesprochen wurde. Schön war sie nicht. Doch sah man immer nur ihre leuchtenden, großen, braunen Augen, die voller Übermut und Spott, fragend und durchbohrend dem Menschen bis tief in sein Innerstes blickten. In ihnen lag der ganz ungewöhnliche äußere ausdrucksvolle Reiz ihres Wesens, der durch die zündende Art ihrer Konversation und die Treffsicherheit ihrer Bemerkungen ganz außerordentlich wirkte. Als ich sie in Wien kennenlernte, kamen wir uns schnell nahe. Es wurde eine gute Freundschaft daraus, und ich habe durch sie viel gehört und viel erfahren, und zwar nicht nur aus politischen Zeiten der Vergangenheit, denn ihre Mutter war die Tochter des berühmten Staatskanzlers Metternich Fürstin Pauline hatte demnach ihren Onkel geheiratet, doch stammte er aus der zweiten Ehe des Staatskanzlers, ihre Mutter aus der dritten Ehe desselben. , in dessen Hause die junge Pauline aufwuchs, sondern auch von dem Hofe Napoleons III. Am lebhaftesten waren immer ihre Pariser Erzählungen. Bald nach dem Antritt meines Wiener Postens, 1894, hatte Fürst Richard einen Schlaganfall gehabt. Die Fürstin ging nur wenig aus, doch suchte ich sie an ihren Empfangstagen im Palais Metternich auf. Als 1895 der Fürst starb, hatte sie für den Winter die Villa »Praderhof« in Meran-Obermais gemietet, da sie um ihrer Trauer willen nicht in Wien bleiben wollte. In ihrer Villa Praderhof langweilte sie sich entsetzlich, und als ich am 6. Januar 1896 in Meran erschien und mich, statt sie zu besuchen, krank in mein Bett legte, war sie fassungslos. Wir schrieben uns Billetts – doch das genügte nicht. Kaum, daß ich mich auf einem Sofa befand, erschien sie und erfrischte nicht nur mich, sondern auch meine Mutter, die den Winter in Meran verlebte, durch ihre Lebhaftigkeit und Originalität. Damals schlug ich ihr vor, die stille Zeit im Praderhof zu benutzen, um ihre Memoiren zu schreiben. Sie lachte mich aus, behauptete, das hätten ihr schon andere Leute geraten. Sobald sie aber mit ernstem Gesicht begonnen habe: »Ich, Pauline, geboren 1836« – sei sie von einem Schauder der Langeweile überfallen worden und habe endgültig darauf verzichtet, die Welt »anzureden«. Ich sagte ihr, daß man es anders anfangen müsse: man solle Episoden aus seinem Leben schreiben, deren Erinnerung Freude mache, oder die so interessant seien, daß man kaum erwarten könne, das Ereignis, das Problem, den gehabten Eindruck niederzuschreiben. Sie habe mir oft spaßhafte, geistvoll lustige und zugleich interessante Erlebnisse derart packend erzählt, daß, wenn ich Zeit gehabt hätte, ich diese selbst niedergeschrieben hätte. Das sei nun ihre Aufgabe: die Episode zuerst, dann die Episoden gesammelt aneinandergefügt nach den Jahren der Erlebnisse oder nach anderen Gesichtspunkten, etwa gruppiert um Persönlichkeiten oder um historische Ereignisse. Denn beginnt man mit Lust eine Erinnerung niederzuschreiben, so folgt mit Lust die zweite und dritte – und schließlich sei die Form gefunden, um auch Notwendig-Alltägliches ohne Unlust zu schreiben und einzureihen, wo es unumgänglich erscheint. Die Fürstin wurde nach diesem Vorschlag sehr nachdenklich und versprach mir schließlich auf meine dringende Bitte, einige solcher »Episoden« niederzuschreiben und sie mir zur Einsicht zu schicken. Sie möge deutsch oder französisch schreiben, – wie es ihr in die Feder flösse – ich wolle ihr ehrlich mein Urteil sagen, doch dürfe sie weder die Audienz bei der Königin Christine von Spanien in Paris Von der ungeheuer dicken Mutter ihrer ebenso dicken Tochter Isabella, d. h. der Königin Marie Christine von Spanien wurden die Botschafter und Botschafterinnen in Paris empfangen. Die Königin saß auf einem goldenen Fauteuil, alle zur Audienz Geladenen ihr gegenüber. Die Königin, tödlich verlegen, kein Wort findend und die Gesellschaft sich nicht erlaubend, die Königin anzureden. Verlegene Stille. Plötzlich bekommt die dicke Königin ein lautes, nicht zu bändigendes Bauchkullern; im großen, bald hohen, bald tiefen Rouladen rollen die Töne. Die Königin dreht und wendet sich – alles vergebens – sie steht schließlich gütig lächelnd auf, macht eine Verbeugung und zieht sich zurück. Sie hatte die Hoffnung aufgegeben, sich anders äußern zu können. [* fehlt Text?] bekommt die dicke Königin ein lautes, nicht zu bändigendes Bauchkullern, in großen, bald hohen, bald tiefen Rouladen rollen die Töne. Die Konigin dreht und wendet sich – alles vergebens – sie steht schließlich gütig lächelnd auf, macht eine Verbeugung und zieht sich zurück. Sie hatte die Hoffnung aufgegeben, sich anders äußern zu können. noch andere Erlebnisse, die schließlich durch ihre Komik das Verdienst hätten, den Leser heiter zu stimmen, in ihren Aufzeichnungen vergessen. Die Fürstin begann, sich über meinen Vorschlag zu amüsieren. Ganz allmählich nahm der einsame »Praderhof« eine neue Färbung an. Sie sah sich in Gedanken an ihrem Schreibtisch sitzen, von dem sie weit über das herrliche Merantal blickte, formend und bildend, was ihr lebhafter Geist und das wunderbare Gedächtnis ihr zu schreiben gebot – und versprach mir, zu beginnen. Und die Fürstin hielt treulich ihr Versprechen. Hin und wieder schickte sie mir oder gab sie mir Episoden, die zum Teil ungewöhnlich reizvoll geschrieben waren. Aus der reichhaltigen Korrespondenz mit meiner Freundin Metternich will ich hier einige Briefe anfügen, die ihre »Memoiren« betreffen und zugleich eine bessere Charakteristik der merkwürdigen – von Bismarck so gehaßten Frau - (die es ihm mit gleicher Münze zurückzahlte) – darstellen, als ich sie in den vorstehenden Worten zu geben vermochte. Briefe der Fürstin Pauline Metternich-Sandor an Graf Philipp Eulenburg Obermais-Meran, den 3. Februar 1896 Besten, allerbesten Dank, lieber Graf, für die gütige Erinnerung und Zusendung des »armen Hopser« Eine meiner Kindergeschichten. ! Wenn Karl und Thora wüßten, daß die dereinst im Himmel oder in der Hölle thronenden und wohnenden Frösche zuerst von gewissen Leuten verspeist werden – von mir in erster Reihe –, was für erstaunte Gesichter würden sie erst da machen! Ich habe öfters mein Glück bei Ihrer lieben Mutter versucht, leider war sie und ist sie bis jetzt nicht wohl genug, um Besuche empfangen zu können. – Wir sind aber in Korrespondenz, und gestern erst erhielt ich zu meiner Freude ein liebenswürdiges Billettchen aus dem Leichterhof, in welchem sich die gute, vortreffliche Gräfin entschuldigte, daß sie die beiden Exemplare vom »Hopser« mir zu schicken vergessen hatte. Ich weiß auch, daß Sie Diners bei schönen Schauspielerinnen mitmachen und daß man reizende Erzählungen, welche aus Ihrer Feder geflossen sind, nach einem solchen Diner zu hören bekommen hat! Ich glaube, bester Graf, daß Sie mir deshalb geraten haben, meine Erlebnisse aufzuzeichnen, weil Ihnen nichts leichter erscheint, als allerhand hübsche Geschichten aufs Papier zu bringen und Sie nicht begreifen können, daß es Menschen gibt, die dumm genug sind, das, was sie mit eigenen Augen gesehen und was sie in ihrem Leben erfahren haben, nicht ganz einfach erzählen können, wo es Ihnen doch ein leichtes ist, gleich so mir nichts, dir nichts eine Geschichte zu erfinden! – Ich glaube, meine Memoiren würden allen Leuten eine furchtbare Enttäuschung sein – man würde sagen: » Elle a très mal vu, elle a très mal entendu et très mal raconté !« Nun, ich will es im Laufe des Sommers versuchen, einige Aufzeichnungen zu machen. Vielleicht gelingen mir einige – (nicht wohlwollende) – Porträts, denen ich aber dann jene meiner Freunde folgen lassen würde, die in einem Brillant-Feuerwerk erglänzen würden! Sehen Sie, lieber Graf, das hält mich davon ab, meine Eindrücke niederzuschreiben, daß, wenn ich nicht von der Leber frei heraussprechen kann, diese Eindrücke keineswegs meine Eindrücke sind! ... Ich will Hiebe und Lob austeilen, wie es mir gefällt – dann erst bin ich es, die spricht! – Und spreche ich frei, so verletze ich und dagegen sträubt sich mein christlicher Sinn sowie mein Anstandsgefühl! – Zwischen Memoiren oder Eindrücken und einem Pamphlet ist die Demarkationslinie schwer festzustellen! Ich schreibe Ihnen bei einer herrlichen Witterung! Gestern hatten wir 27 Grad in der Sonne! Wir sind gebraten von der Gilf-Promenade zurückgekommen! Bitte grüßen Sie mir herzlichst die Gräfin, empfehlen Sie mich Ihrer Schwiegermutter und bleiben Sie mir treu freundschaftlich gesinnt. (gez.) P. Metternich. Obermais-Meran, 18. Februar 1896. Das war wieder so einmal recht liebenswürdig und aufmerksam von Ihnen, mein bester Graf, daran gedacht zu haben, mir die Nachricht vom Tode Constantin Hohenlohes sogleich mitzuteilen Aus den Tagebuchnotizen des Grafen Ph. Eulenburg: ! Ich sage Ihnen tiefgerührten Dank für Ihre liebe, gütige Erinnerung. 14. Februar 1906. Der erste Obersthofmeister des Kaisers, Prinz Constantin Hohenlohe (Bruder des Herzogs von Ratibor, des Reichskanzlers und des Kardinals) stirbt. Ein schwerer Verlust für Kaiser Franz Joseph, dessen Freund er durch alle traurigen Zeiten seiner Regierung war. Auch ich verliere mit ihm einen sehr guten Bekannten, der mir stets mit vollem Vertrauen entgegenkam und mir auch in politischer Hinsicht oft gefällig war. 15. Februar 1896. Ich besuche die Fürstin Constantin und begebe mich allein in das Sterbezimmer, wo der Fürst still und friedlich in seinem Bett mit dem großen, rotseidenen Vorhang den letzten Schlaf schläft. Glücklich lächelnd, als habe er niemals in seinem Leben gelitten, als träume er von irgendeiner großen Seligkeit. Ich war plötzlich so tief von diesem Anblick des Friedens ergriffen, daß mich eine unsagbare Sehnsucht ergriff, es möge nun auch mein Leben entsetzlicher, qualvoller Unruhe und erschütternder Verantwortung enden – ich möge nun auch so still schlafen können wie er. Ich vermochte mich kaum von diesem Bilde tiefen Friedens zu trennen und riß mich gewaltsam los, um nicht in dem mir immerhin nicht eng befreundeten Hause der Dienerschaft aufzufallen. Als ich wieder hinaustrat und in meinem Wagen durch die hastende Menge fuhr, legte sich mein Leben und Schicksal in seiner ganzen Schwere wie eine fürchterliche Last auf mich – mein beneidetes Leben! Ach, wüßten sie alle, die mich beneiden, daß ich sie beneide, die solchem Glanz Fernstehenden, still Abgegrenzten.) Der Dahingeschiedene war ein Ehrenmann – seinem Kaiser treu ergeben. Leider hatte die Seele nicht Platz, in dem kleinen Körper groß zu werden! Auf diese, Ihnen gegenüber offen gemachte Bemerkung frage ich mich nochmals, ob ich denn wirklich daran gehen soll, meine Memoiren zu schreiben? ... Und nun zum Schluß die Frage: wann sieht man Sie wieder in Meran? – Vielleicht im kommenden Monat? Dann machen Sie einmal mit uns die reizende, himmlische Promenade von hier nach Labers durch einen entzückenden Kastanienhain, durch welchen man auf samtweichem Moose dahinschreitet und die prächtige Luft in vollen Zügen einatmet! Nein, Sie glauben gar nicht, wie es da oben schön ist, ich bilde mir ein, den Weg entdeckt zu haben und fürchte mich nur immer zu erfahren, daß ihn vor mir irgendein Pfadfinder schon begangen hat! Ich verschweige die Entdeckung bis zu Ihrer Ankunft! Bitte empfehlen Sie mich herzlichst der lieben guten Gräfin und empfangen Sie, lieber Graf, die gern erneuerte Versicherung meiner freundschaftlichen Gesinnungen. (gez.) P. Metternich. Meran, 16. April 1896. Sie werden es bitter bereuen, mein bester Graf, mich zur Schriftstellerin haben machen wollen, denn heute sende ich Ihnen wieder einen Aufsatz. Nur wird diesmal Ihr deutsches Herz erbeben, denn er ist in französischer Sprache verfaßt – und wenn ich hinzufügen werde, daß ich lieber französisch als deutsch schreibe, dann sehen Sie mich am Ende gar nicht mehr an, d. h. nein – Sie verbitten sich einfach die Fortsetzung meiner schriftstellerischen Tätigkeit! Nun, der nächste Aufsatz wird wieder deutsch sein und will ich in demselben vom König Ludwig von Bayern erzählen und Ihnen sagen, wie es kam, daß wir uns kannten, ohne uns zu kennen, und wie merkwürdig mein Verhältnis zu dem unglückseligen königlichen Träumer war! – Im Anhange werde ich die Briefe des Königs hinzufügen, das kann ich aber erst tun, wenn ich bei mir in Ungarn auf dem Lande bin, weil ich daselbst meine Autographen-Sammlung habe. Wäre es Ihnen möglich, mir anzugeben, auf welche Weise ich meine kleinen Notizen und Erinnerungen kopieren lassen könnte, ohne mich etwa der Gefahr auszusetzen, daß der Kopist indiskret wäre und ich eines schönen Morgens eine meiner Aufzeichnungen im »Tagblatt« zu lesen bekäme! – Ich kann diese flüchtig hingeworfenen Aufsätze nicht a la longue in losen Bogen herumliegen lassen, obendrein ist das große schwarzgeränderte Briefpapier miserabel und bricht – also bitte, geben Sie mir einen Rat, an wen soll ich mich wenden? Wo finde ich den verläßlichen Kopisten? Die Geschichte, welche in Fontainebleau passierte, ist authentisch – sie ist ein wenig zweideutig, aber dumme Prüderie ist nie meine Sache gewesen, und wenn ich mich einmal entfalten werde, da wird es fürchterlich werden! Ich muß Ihnen ein bißchen Angst machen, damit Sie meiner Schreibseligkeit halt gebieten, sonst folgt eine Aufzeichnung der andern und Sie Unglücklicher sind das Opfer eines Blaustrumpfes geworden! Entsetzlich! Sie haben jetzt eine furchtbar bewegte Zeit durchgemacht, bester Graf, und fürchte ich, daß Ihre Gesundheit darunter zu leiden gehabt haben mag! Jetzt geht es aber demnächst wieder los, und Sie müssen »Millennium Die »Tausendjahrfeier in Ungarn«. schwindeln«. – Ich beneide Sie nicht darum, das weiß Gott. Den 28. d. Mts. dampfe ich nach München ab und halben Mai treffe ich in dem geliebten Paris ein, welches ich, trotz Bourgois, Combes, Mesureur und allen offiziellen Schuften, wie sie auch heißen mögen, noch immer in mein Herz schließe, – denn das Wort bleibt ewig wahr: « On végète partout mais on ne vit qu'à Paris !« Da pulsiert ewig frisches Leben, da hört und sieht man stets Neues und Anziehendes, da thront der Geschmack, da lernt man Rede und Antwort stehen, dort entdeckt man sein klein bißchen Verstand und findet Mittel und Wege, daraus Kapital zu schlagen. Und nun leben Sie wohl, bester Graf! – Hier steht alles in vollster Blüte – ich fürchte, daß dem in unserm Wien nicht so ist! Treu freundschaftlich ergeben (gez.) P. Metternich. Meran, 27. April 1896. Diesmal ist es kein »Sträußchen«, sondern nur der wärmste und herzlichste Dank für Ihre lieben Zeilen. Dieser Dank wendet sich in erster, ja allererster Reihe dem treuen, aufrichtigen Freunde zu, welcher mir mit den so unendlich klugen und wohlgemeinten Ratschlägen zur Seite steht. Ich werde dieselben pünktlich und gehorsamst befolgen. Wie können Sie glauben, daß ich Ihnen nicht die Berechtigung zugestehe, mit mir offen und frei zu sprechen? Offen und frei über alles – ich bitte Sie selbst darum und würde es geradezu als einen Verrat an der Freundschaft ansehen, wenn Sie es nicht tun würden. Sehr stolz bin ich, daß Sie, bester Graf, meine bescheidenen Aufsätze nicht zu unbedeutend und schlecht finden! – Wenn ich von Politik sprechen soll, da finden Sie mich aber ratlos! Vielleicht zeigt mir Lady Blennerhasset Lady Charlotte Blennerhasset, geb. Gräfin Leyden, ist die sehr bekannte Schriftstellerin, die sich durch viele Arbeiten, besonders durch ihr großes Werk »Madame de Staël« nicht nur einen guten Namen, sondern auch den Dr. phil. erwarb. Sie ist mir und meinem Hause eine liebe Freundin gerworden. den Weg, den ich einschlagen soll. – Obwohl Fürst Bismarck mir die Ehre angetan hat, mich als politisch einflußreiche Persönlichkeit zu hassen, so kann ich Sie versichern, daß ich mich niemals mit Politik anders als parlando befaßt habe und deshalb wenig oder selbst gar nichts weiß von allem, was unter meiner »Regierung« als Botschafterin vorgefallen ist. Ich wollte nichts wissen, um ohne Rückhalt sprechen zu können und meinen Sympathien und Antipathien freien Lauf zu lassen. – So habe ich mir erlaubt, die Italiener immer zu verachten und den Fürsten Bismarck zu hassen – christlich zu hassen, denn wäre er unter meinen Augen dem Ertrinken nahe gewesen, hätte ich ihn zu retten getrachtet – und wenn ich über Ereignisse sprechen sollte, welche politischer Natur wären, so würde ich mich nicht zurechtfinden können! Ich habe mir meine Erinnerungen etwa so gedacht: Ein Kunterbunt von Erzählungen, Anekdoten und Porträts von Zeitgenossen. Ich werde mir Lady Charlottes Rat erbitten und Ihnen dann darüber schreiben. Gestern machte ich meinen Abschiedsbesuch im Leichterhof Bei meiner Mutter. und fand die Damen im Garten gemütlich Kaffee trinkend. Ihre Tante geht also nach Pistyan – das ist ein prächtiger Gedanke – sie kann nichts Besseres tun, denn meines Erachtens ist Pistyan ein Wunderbad im vollsten Sinne des Wortes. Baronin Heß Meine sehr schöne Kusine Baronin Gisela Heß-Diller, geb. Gräfin Gallenberg. war als Muse entzückend in Erscheinung und Sprache. Der Erfolg unserer Feste war ein in jeder Beziehung glänzender. Die Rein-Einnahme wurde endlich festgestellt und beläuft sich auf rein 17600 fl. Die Ausgaben dagegen belaufen sich auf 4400 fl., so daß die Proportion eine ganz gute ist. Die Meraner sind überglücklich ... (gez.) P. Metternich. 9. Mai 1896. ... Dürfte ich Sie ersuchen, mir die beiden Aufsätze nach Paris zu schicken, wohin ich morgen abreise? Hotel Métropolitain rue Cambon. – Ich muß sie dem Freunde Bussiére, der ein Purist ist, unterbreiten, denn ganz sicherlich wimmeln sie an Fehlern in der Sprachwendung. – Würde mein guter unvergeßlicher Mann noch leben, so wäre er der berechtigtste Korrigierer, denn wenig Franzosen beherrschen so ihre Sprache, wie er es tat. Denken Sie nur, daß einmal des Abends in den Tuilerien ein dicté gemacht wurde: das sogenannte »dicté de l'Académie« , das unglaublich schwer ist und an der alle Akademiker selbst scheitern! Kaiser Napoleon machte 47 Fehler, Kaiserin Eugenie an die 60, ich etliche 40, Octave Feuillet 23, Alexander Dumas 19 und mein Mann 3! - - Alles war sprachlos, und er wurde als » le plus français des français« proklamiert. Sie sind gewiß von den Pester Festlichkeiten ebenso ermüdet als entzückt heimgekehrt! – Ich bedaure Sie, noch einmal hinabdampfen zu müssen – das ist denn doch des Guten ein bißchen zuviel! Also morgen geht's nach Paris. Ich gedenke bis gegen halben Juni dort zu verweilen und werde vielleicht von da aus nach England hinüberfahren, um Kaiserin Eugénie zu besuchen. Schreiben Sie mir nach Paris – nicht wahr? Tausend herzliche Grüße in Eile. Die nächstfolgenden Aufsätze gehen wieder direkt an Sie ab! (gez.) P. Metternich. Bajna, 6. September 1897. Also nicht zu sehr enttäuscht? – Das eine freut mich unendlich, nämlich, daß Sie meinem geliebten, unvergeßlichen Großpapa Der berühmte »Regierer« Deutschlands, Kanzler Fürst Metternich. durch meinen armseligen Aufsatz näher gekommen sind und begreifen, was er für ein edler, lieber, treuer, ehrlicher, famoser, gemütlicher, vornehm -denkender Mann war! – Das weiß ich, daß, wenn Sie ihn kennengelernt hätten, Sie ihn geliebt und verehrt haben würden, so wie es übrigens alle getan haben, die mit ihm jemals zusammengekommen sind. Denken Sie sich, bester Graf, der Glückliche, er war unwiderstehlich einnehmend und nie – ich sage nie ist es geschehen, daß jemand, der mit ihm verkehrt hatte, von ihm nicht entzückt gewesen wäre! Und doch gab er sich, weiß Gott, keine Mühe zu gefallen! – Daß ich zu oft den Namen des »Großpapa« nenne, wundert mich nicht im mindesten, denn erstens schreibe ich, ohne schreiben zu können, und zweitens habe ich die abscheuliche Gewohnheit, das Geschriebene nicht zu überlesen, und das aus dem einfachen Grunde, weil ich es dann gewiß zerreißen würde. – Bitte, bitte, korrigieren Sie! – Sie sind ja »der Mitschuldige«! Folglich ist es an Ihnen, meine Fehler gutzumachen. Denken Sie sich, daß Kardinal Schönborn, welcher mir ein gnädiger Gönner und Freund ist, vor einigen Tagen in einem Briefe á propos eines ihm von mir empfohlenen, sehr interessanten Buches »Le royaume de la rue St. Honoré (Mme. Geoffrie et ses amis)« schreibt: »Haben Sie denn nie Porträts geschrieben – Sie sollten es tun ...« Wie merkwürdig, daß nun auch ihm die Idee gekommen ist, welche Sie vor 2 Jahren mir bekanntgegeben haben und der ich, dank Ihres Zuredens, gefolgt bin. Und bei meinem letzten Aufenthalte in Paris, da kam eines Abends Graf d´Haussonville zu mir, und als wir über allerhand Dinge sprachen und uns miteinander unterhielten, stellte er an mich die Frage: »Au fait pourquoi n'écrivez-vous pas vos souvenirs?« Und so geschieht es denn oft im Leben, daß ein Gedanke plötzlich in mehreren Köpfen beinahe zu gleicher Zeit auftaucht – woher mag das kommen? Ist das am Ende auch mit »Mystizismus« verwandt? Was mystische Vorkommnisse im Leben meines verstorbenen Vaters betrifft, so habe ich diesbezüglich nie etwas erfahren. Nur die Geschichte der durchgehenden Pferde ist allerdings geheimnisvoll. Ich werde den Kanonendonner von Totis herüber hören und mich freuen, Sie in der Nähe zu wissen. Vergessen Sie nicht die Telegraphen-Station oder vielmehr die Adresse »Sarisap Fürstliche Verwaltung« und sagen Sie mir, wann Sie kommen und von wo aus Sie kommen, ob von Bieske oder von Gran! Auch bitte ich um Angabe der Stunde. Legen Sie mich Ihrem allergnädigsten Herrn und Kaiser zu Füßen. (gez.) P. Metternich. Der vorstehende Brief, der mich bereits versenkt in ein Meer von Depeschen in Wien erreichte, die sich auf das große ungarische Kaisermanöver bezogen, zu dem auch Kaiser Wilhelm geladen war, bildet den Übergang zu geräuschvollen Tagen, die ich in Ungarn auf der bekannten Herrschaft Totis des Grafen Franz Esterhazy mit den beiden Kaisern verlebte. Die Nähe von Bajna, des großen Sandorschen Besitzes der Fürstin Pauline, aber ließ in mir den Wunsch wach werden, sie nun auch als ungarische Magnatin in ihrem Heim kennenzulernen, und so stellte ich ihr meinen Besuch in Aussicht. Bevor ich jedoch hiervon Mitteilung mache, schalte ich die Schilderung meiner Erlebnisse während der ungarischen Manövertage ein, die eine Folie für die Heimat meiner Freundin bilden sollen: Ungarn mit allen seinen Reizen, das trotz der hohen Kultur seiner hohen herrschenden Klassen, ein Abgrund von deutscher Wesensart und Volkskultur trennt. Ich lasse hier zunächst als allgemeine Übersicht über die sehr geräuschvollen Tage, die ich nunmehr in Gesellschaft der beiden Kaiser, Wilhelm und Franz Joseph in Ungarn verlebte, ein Telegramm und den Wortlaut eines »offiziellen« Programmes folgen, das jeder Teilnehmer an den Manövern in Ungarn erhielt. Von Oberhofmarschall Graf August zu Eulenburg. Schloß Homburghöhe, 6. Sept. 1897. Telegramm: Seine Majestät erwartet Dein Einsteigen in Wien, Staatsbahnhof, am 12. September, mittags 12 Uhr 20 Minuten. Ankunft in Totis erfolgt erst nachmittags 4 Uhr. Wegen Hirschpürsche in Totis ist bejahend geantwortet, doch zweifle ich, ob es dazu kommt. Ein Dejeuner beim Generalkonsul besser zu eliminieren, da Hitze zu groß. Hier guter Verlauf bei zweifelhaftem Wetter. (gez.) A. Eulenburg. Programm. Manöver bei Totis im September 1897. Sonntag, den 12. September. Totis. Nachmittags 4 Uhr: Allerhöchste Ankunft Seiner Majestät des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen. Empfang am Bahnhofe durch Seine kaiserliche und königlich apostolische Majestät, die dienstfreien Herrn Erzherzöge, den zugeteilten Ehrendienst, den Obergespan und Vizegespan und die Spitzen der Lokalbehörden. (Marsch-Adjustierung, Zivil: Gala.) Fahrt ins Allerhöchste Absteigequartier (Schloß Totis). Vor demselben versammeln sich die in loco befindlichen dienstfreien Offiziere und Militärbeamten. Aufstellung einer Ehrenkompanie. (Marsch-Adjustierung.) Montag, den 13. September. Totis. Manöver des 4. und 5. Korps. Dienstag, den 14. September. Totis. Manöver des 4. und 5. Korps. Mittwoch, den 15. September. Totis-Mohács. Manöver des 4. und 5. Korps. Nachmittags 4 Uhr: Abreise Seiner kaiserlichen und königlich apostolischen Majestät nach Mohács, woselbst die Allerhöchste Ankunft am 16. September um 2 Uhr 30 Minuten früh erfolgt. Nachmittags 4 Uhr 15 Minuten: Abreise Seiner Majestät des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen nach Mohács. Allerhöchste Ankunft daselbst am 16. September um 2 Uhr 45 Minuten früh. Ihre Majestäten haben außer den vorstehenden Empfängen jeden weiteren Empfang und jede Abschiedsaufwartung Allergnädigst abzulehnen geruht. Das Gefolge Kaiser Wilhelms bestand ziviliter aus: Oberhofmarschall Graf August Eulenburg Stabsarzt Dr. Ilberg Geheimer Kabinettsrat Dr. von Lucanus Geheimer Hofrat Abb Botschafter Graf Philipp Eulenburg Kanzleisekretär Kistler. Das militärische Gefolge: Chef des Hauptquartiers General von Plessen. Flügeladjutanten: Oberst von Scholl Oberst Graf Klinkowström Major Graf Cuno Moltke Major von Boehn. Chef des Militärkabinetts: General von Hahnke. Abteilungschef: Oberst von Villaume. Geheime Hofräte: Mielenz Schulz. Chef des Generalstabes: General Graf Schliefen. Hauptmann im Generalstab von Volkmann. Oberstallmeister: Graf von Wedel. Militärattaché bei der Botschaft in Wien: Oberst Graf von Hülsen-Häseler. Ehrendienst bei Kaiser Wilhelm: General Graf Üxküll Kommandierender General in Wien Oberst Pfeiffer Major Fürst Schönburg-Hartenstein. Ordonnanzoffiziere: Rittmeister Graf Starhemberg Hauptmann Graf Stürgkh Oberleutnant Graf Meran. Die »Sitzliste« des Diners in dem großen Kaiserzelt an den Abenden 12., 13., 14., 15. September liegt mir vor: es sind 65 Personen! Es bedarf nun zur Vervollständigung des Bildes meines Verkehrs während der genannten Tage der Aufzählung der österreichisch-ungarischen Notabilitäten, die sich in der Begleitung und dem Gefolge Kaiser Franz Josephs befanden. An Erzherzögen waren anwesend: 1. Der alte Erzherzog Rainer (ganz unzweifelhaft der gebildetste, klügste und liebenswürdigste aller Erzherzöge überhaupt), den ich während dieses meines Aufenthaltes in Totis viel zu sprechen die Freude hatte. 2. Der Erzherzog Eugen, bezüglich dessen ich in Verlegenheit komme, ein Urteil zu fällen, da ich nicht weiß, ob ich sagen soll: schön – aber dafür unbedeutend, oder: unbedeutend – aber dafür schön. 3. Der alte Erzherzog Joseph (Sohn des berühmten Erzherzogs Palatin, der 1848 bei dem ungarischen Aufstand eine große Rolle spielte). Er ist weder berühmt, noch Palatin, noch überhaupt in der Lage, eine Rolle zu spielen, da ihm jegliche Fähigkeiten hierzu fehlen. Er ist nur Ungar, was er durch einen mit ungarischer Bartwichse in die Höhe gedrehten Schnurrbart äußerlich markiert. Sein Dialekt ist (wenn man ihn überhaupt und nach großen Bemühungen zu hören bekommt), ungarisch-deutsch; gehackt gesprochen, herausgestoßen. (Der Inhalt ist auch danach, und man tut klüger, den Erzherzog nicht zum Sprechen zu bringen.) Aus dem Gefolge des Kaisers sind als sehr liebenswürdige und kluge Leute zu nennen: Der Generaladjutant Graf Paar (der allerdings wenig spricht, was in seinem mitteilsamen Vaterlande auffällt), der Feldzeugmeister, Vorstand der Militärkanzlei Baron Bolfras und der Chef des Generalstabes Baron Beck. Eingeladen war – (und erregte einiges Erstaunen) – der Chef des russischen Generalstabes General Obrutschew. Natürlich hatten sich auch alle Militärattachés der fremden Mächte zu der großen Schaustellung der ungarischen Streitkräfte eingefunden, unter denen besonders der Serbe, Oberstleutnant Maschin durch seine Eleganz auffiel Er verkehrte in Wien bei mir. Jedoch nicht mehr, nachdem er eigenhändig seinen König Alexander ermordet hatte. , während der Japaner Major Ohara weniger durch seine O-Haare als durch seine O-Beine Aufsehen erregte. Eine der wichtigsten Persönlichkeiten bei dieser militärischen Zusammenkunft war unzweifelhaft – der Wirt. Das war der Majoratsherr von Totis, Graf Franz Esterházy, vermählt mit einer Prinzessin Lobkowitz. Er ist ein höflicher und liebenswürdiger Mann. Ein wunderbar schöner und interessanter Besitz ist sein Totis, das er 1885 von seinem Onkel, dem auf allen Rennplätzen Europas bekannten Grafen Niky Esterházy, ererbt hatte. An Gräfin Augusta Eulenburg – (Sandels). Totis (Ungarn), 13. September 1897. Hoffentlich treffen Dich diese Zeilen wieder bei bester Gesundheit an. Wäre nur erst das Manöver in Liebenberg vorüber und Ihr hättet Ruhe. (Ein Wunsch, den auch Graf Esterházy stumm in seinem Herzen trägt.) Büdi Mein ältester Sohn Fritz-Wend. schrieb mir einen sehr lieben Brief, für den ich herzlichst danke. Er schreibt mir jetzt immer so schön gründlich über allerhand Sachen, die mich interessieren. Gestern also stieg ich mit Hülsen und Kistler, nebst Emaunel Mein vortrefflicher Leibjäger Bartsch. , in den Kaiserzug. Der Kaiser war frisch und sah so wohl aus, wie ich ihn lange nicht gesehen habe. Er war gütig wie immer. Ich mußte sofort bei ihm allein bleiben und allerhand erzählen. Das Frühstück im Hofwagen fand um 1 Uhr statt. Das ganze Hauptquartier, dazu der (uns sehr gefährliche) Generalstabschef der Russen, Obrutschew, als Gast des Kaisers und des Kaisers Franz Joseph. (!) Nach dem Frühstück hatte ich wieder ein Gespräch mit dem Kaiser allein. Um 4 Uhr: Ankunft in Totis. Schönstes, warmes Wetter. – Zum Empfang Kaiser Franz Joseph und die Erzherzöge Reiner, Eugen und Joseph auf dem Bahnhof. Tausende von Menschen in den reich geschmückten Straßen. Totis selbst ist über alle Begriffe großartig und schön, an einem blauen, schönen See liegend. Ein altes Kastell krönt den Ort. Außerdem ein Schloß mit vielen Nebengebäuden, ein Theater, ganze Straßen von kleinen Beamtenhäusern (ein solches, sehr elegantes, bewohne ich). Auch ein entzückendes kleineres Schloß in dem riesigen Park – kurzum, dieses Totis ist ein ganz merkwürdiger Ort. Ich legte mich recht ermüdet bald für eine Stunde nieder und besuchte dann Cuno Moltke, der sehr glücklich über seine Kommandierung nach Wien ist. Später fuhr ich mit meiner Hofequipage zu der Schloßherrin, Gräfin Esterházy, geb. Prinzessin Lobkowitz. Um 7 Uhr war großes Diner in einem Zelt am See. Lauter Militärs. Lucanus und ich wie 2 Raben unter lauter – (ich hätte fast gesagt: Papageien). Ich saß zwischen Erzherzog Rainer – meinem alten Gönner – und General von Kriegshammer vom Generalstab. Nach dem Essen, das einen sehr »feldmäßigen« Anstrich hatte, fand großer Kriegsrat statt, von Beck geleitet. Dann Besichtigung des riesigen, mit Jagdtrophäen geschmückten Saales, der zugleich Reitbahn ist; eine Schöpfung von Onkel Niky Esterhazy, der in die Klasse der »pathologischen Rennonkels« gehörte. Auch die andern Räume des Schlosses wurden besichtigt, sowie das Theater, das ganz reizend ist. Schließlich blieb ich mit Kaiser Wilhelm, Erzherzog Eugen und etwa 12 Herren bis 1 Uhr zusammen am Tisch biertrinkend sitzen. 13. September 1897. Heute vormittag ist alles hinaus zum Manöver gefahren oder geritten. Ich werde jetzt mit Lucanus die leidigen Ordensverleihungen besprechen. Ein ganzer Koffer voll solchen »Glückes« ist mitgenommen worden, und wieviel leere Knopflöcher und Soldatenbrüste hoffen, bangen, zittern jetzt »in schwebender Pein« in dem Gedanken an diesen Koffer. Eitelkeit - dein Name ist Mensch! Aber sie wird nicht eingestanden. Um 1 Uhr frühstücke ich elender Zivilist bei Gräfin Esterházy en famille . Sie ist wirklich freundlich und gut. – Mit tausend Grüßen den geliebten Kindern Dein alter treuer Philipp. 13. September 1897. Am Nachmittag kehrten die beiden Kaiser mit dem ungeheuerlichen Gefolge vom Manöver zurück, innerlich und äußerlich schwitzend. Ich suchte nach der Rückkehr den Kaiser auf, da mir allerhand Depeschen zugegangen waren, die einer schnellen Erledigung bedurften. Dann fand allgemeine Ruhe und allgemeines Baden statt, für das Totis ein Paradies ist. Denn der ganze Untergrund dieser Gegend ist warm. Fast alle Quellen enthalten warmes Wasser von der Temperatur, die man für ein warmes Wannenbad braucht. So befinden sich auch fast in jedem Haus Steinwannen oder sogar Bassins, in die das warme Wasser wie eine Quelle rinnt und daraus abläuft. In meiner Villa (dem Haus eines höheren Beamten von Totis, das, wie fast alle Gebäude nur aus dem Parterregeschoß besteht), befindet sich an einem hübschen, von einer Mauer umgebenen Gärtchen eine Art Sommersalon. In der Mitte dieses Salons ist ein kleines Bassin von rötlichem Marmor eingelassen, das mit silberklarem Wasser angefüllt ist. Es plätschert Tag und Nacht das angenehm laue Wasser hinein – geradezu herrlich! Doch hat diese Wasserfülle in dem Hause den Nachteil, daß es dieses recht feucht macht. Auch das Wasser des schönen blauen Sees, der etwa so groß ist wie »die Lanke« in Liebenberg ohne die Bucht am Borgwall, ist nicht kalt. So gedeihen denn darin die Fische vorzüglich. Friert daher einmal ein Fisch, so braucht er nur an eine warme Quelle zu schwimmen. Ich denke mir, daß im Paradiese ähnliche Vorrichtungen angebracht gewesen sind. Abends fand wieder das große »feldmarschmäßige« Diner auf einfachen weißen Tellern und mit Zinnbechern in dem großen Zelte am See statt. Wieder hörte man am Schluß des Bratens (es gibt leider keine Mehlspeise) plötzlich die Stimme des alten Kaisers Franz Joseph laut: »Ich bitt' um Ruhe!« – und nach dem plötzlichen Verstummen des großen militärischen Gemurmels, breitete wieder der Chef des Generalstabes vor dem Platz der beiden Kaiser eine große Manöverkarte aus, auf der so viel ungarische Ortsnamen stehen, daß einem fast schwindlig wird. Es begann die Disposition für den nächsten Tag, von der kein Deutscher – das Geringste verstand. Gottlob blieb der deutsche Kaiser nach Schluß dieses interessanten Vortrags heute abend nur kurze Zeit mit Erzherzog Eugen und einigen Herren sitzen, er war müde. Der österreichische Kaiser hatte bereits während Becks »Disposition« öfters genickt. Ob das Zustimmung bedeutete, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ging er »unmittelbar« nach Schluß zu Bett. 14. September 1897. Auch dieser Tag brachte allerhand Kurzweil – denn auch Langeweile bringt bei gewissen Konstellationen eine Kurzweil zutage. Doch wurde die Fahrt nicht zur Kurzweil, die ich mit meinem verehrten und verschlagenen Freunde und Gönner Lucanus um 10 Uhr in das Manöverterrain unternahm. Wir kehrten nach 12 Uhr zurück, nachdem wir ungefähr da gewesen waren, wo sich das Manöver nicht abspielte, denn als wir endlich jenseits eines Flusses allerhand wild aufgeregte Adjutanten herumreiten sahen und einige ungarische Soldaten in fürchterlich engen hellblauen Hosen sich vor den Adjutanten hinter Büschen versteckten – fanden wir keine Brücke. Heimgekehrt, hatte ich kaum Zeit, mir meinen schwarzen Überrock anzuziehen, um noch rechtzeitig in das kleine Schlößchen im Park zu gelangen, wo ein »intimes Dejeuner dinatoire « bei Esterhazys stattfinden sollte. Die beiden Kaiser hatten das sehr berechtigte Gefühl, den »Wirten« von Totis (die sich in geradezu ungeheuerliche Unbequemlichkeiten gestürzt hatten), eine »Höflichkeit« zu erweisen. Das Schlößchen ist im Grunde nichts anderes als ein runder, ziemlich kleiner Eßsaal mit ein paar kleinen Zimmerchen daneben und darüber. Es liegt in reizender Lage in dem schönen Park bei alten Bäumen und ist in der Zeit Louis XVI. erbaut. An den Wänden des runden Sälchens befinden sich auf Konsolen Vasen. Durch große Glastüren blickt man hinaus in den Park. In dem runden Sälchen steht nur ein runder Tisch, der fast ebenso groß ist wie das Sälchen selbst und nur Platz für die Stühle läßt. Die Gesellschaft war, wie man bei solchen Gelegenheiten zu sagen pflegt, »klein, aber gewählt«: das Ehepaar Esterházy, die beiden Kaiser, die Erzherzöge Rainer und Joseph, der russische Chef des Generalstabes Obrutschew und ich – 8 Personen. Für diese 8 Personen war aber der runde Tisch zu groß. Die Vis-à-vis saßen ungefähr an der gegenüberliegenden Wand, und ohne daß die Diener auf allen Vieren auf dem unendlich breiten runden Tisch herumgekrochen wären, hätte derselbe unmöglich dekoriert werden können, denn ein Hinüberreichen der Blumenvasen- und körbe bis zu dem Zentrum des Tisches war schlechterdings ausgeschlossen. Die zu Tod verlegene Gräfin (der ich gestern völlig vergebens Mut zugesprochen hatte), saß zwischen den 2 Kaisern und trug zugleich die volle Verantwortung für jedes aufgetragene Gericht. Die arme gute Seele! – wie leid tat sie mir in ihrer ungeheuren Ehrung. Ich bin überzeugt, daß am Schluß dieser fürchterlichen Aufregung sie »weinte vor Schmerz und vor Freude.« Ich saß zwischen Erzherzog Joseph und Obrutschew, der eine gewisse reservierte Haltung einnahm und sich wohl immer nur überlegte, »wie, wo und warum« man die Österreicher am besten »verdreschen« könne. Kaiser Wilhelm und ich machten – soweit es bei der Entfernung über den Tisch möglich war – die Konversation ganz allein. Gräfin Esterházy antwortete stets freundlich »ja« oder »nein«, Graf Esterházy aber wurde von blauen und roten Ängsten gehoben, daß irgendein fürchterlicher Zwischenfall eintreten könne. Er erhob sich mit einem tiefen Atemzug der Erleichterung, als die Tafel beendet war und er den Majestäten die Zigarren anbieten konnte. Der alte Kaiser Franz Joseph gehört zu den stummsten und daher weisesten Monarchen, Erzherzog Joseph aber zu den so tiefen Schweigern, daß er jedesmal erschrickt, wenn man ihn anredet. Doch nicht etwa, weil er tiefen Problemen gedankenreich nachspürte, sondern weil er an nichts denkt. »Wo liegt Ew. Kaiserlichen Hoheit Schloß Alesuth?« fragte ich z. B.... Er sah mich erschreckt an und sagte nach einigem Nachdenken: »Szehr weit!« »Aber doch an der Bahn?« fragte ich unerschrocken weiter. »Szehr wenig«, sagte er mit einer Betonung und einem Blick, als habe Galilei von der Erde gesagt: »und sie bewegt sich doch!« »Ich höre, daß Sie viel und sehr gute Hirsche in Alesuth haben«, fuhr ich fort, um ihm eine Freude durch meine Wissenschaft zu machen. »Szehr!« sagte er und nickte eine Weile befriedigt mit seinem erzherzoglichen Kopfe. Ich bemerkte, daß Kaiser Wilhelm mit lachenden Augen zu mir hinübersah. Er hatte schon seinerseits zuviel vergebliche Konversationsangriffe auf den Erzherzog gemacht, um sich nicht darüber zu amüsieren, wenn ich immer von neuem versuchte, diesen bombensicheren Gehirnkasten zu stürmen. Das kleine Dejeuner war trotz solcher Intermezzos ganz gemütlich. Auch Obrutschew nicht übel, – wenn man von den Pariser Theatern sprach. Das Essen war vortrefflich, das Schlößchen reizend, der Park schön und Esterházys trotz aller Sorgen und Verlegenheiten sympathische und natürliche Menschen. Aber über den Erz-Joseph habe ich noch manchesmal mit dem Kaiser lachen müssen – mein Gott, welcher Geist! Nachmittags hatte ich wieder einen längeren Vortrag bei Kaiser Wilhelm - nebst Unterhaltung über die Tageseindrücke. Abends fand das übliche große Souper in dem Zelt am See statt, doch nicht ganz ohne Konvulsionen. Ich saß links vom Kaiser Franz Joseph, Kaiser Wilhelm rechts von ihm und zu meiner Linken Graf Esterházy. Dieser hatte sich, verlockt von dem köstlichen Mondschein über dem See, eine musikalische Überraschung ausgedacht. Vier seiner Jäger (in der ungarischen Nationaltracht als grüne Husaren mit gelben Stiefeln und kühner Mütze mit Adlerfeder geschmückt) bliesen auf Waldhörnern Lieder-Quartette, während sie in einer mit Lampions geschmückten Gondel auf dem See hin- und hergerudert wurden. Das klang sehr reizend, besonders wenn sie sich, wie anfangs, in der Ferne hielten. Bei den Wendungen des Bootes schwollen oder schwanden die Töne und schwebten sehr lieblich über dem See. Selbstverständlich lauschte die große militärische Manövergesellschaft nicht einen Augenblick auf diese Musik, sondern schwatzte unentwegt. Ich glaube, der gute Esterházy war erfreut, daß ich ihm öfters über den Zauber dieser Waldhörner auf dem Wasser sprach. Jetzt flüsterte ein Offizier dem Kaiser Franz Joseph ins Ohr, daß die »Befehlsempfänger der Korps angelangt seien.« Der Kaiser nickte, und es traten, mit den Notizbüchern in der Hand, die vier Hauptleute (oder Majors) nebeneinander mit militärischem Gruß in das Zelt. »Meine Herren, ich bitte um Ruhe«, sagte der alte Kaiser. Alles verstummte, der Generalstabschef Baron Beck erhob sich, breitete die Karte auf dem Tisch aus, und begann. Aber was war in die Quartett-Bläser gefahren? Sie kamen langsam – immer blasend – näher. »Ge–stern – noch auf – ho–hen Ro-o-ssen« – bliesen sie langsam und laut, »heu–te durch – die Brust – ge–scho–o–ssen« – (noch langsamer und noch lauter). Baron Beck verstärkte nun auch seine Stimme, aber es half nichts. Die Jäger bliesen. Der arme Esterházy geriet in Fieber. Dann aber sprang er auf, seine Tischserviette in der Hand, und zwei ungarische Hausfreunde – Offiziere – schlossen sich ihm an. Sie stürzten fort an das Ufer und winkten mit den Servietten in der Richtung »fort von dem Zelt«. Aber die Bläser sahen nur eine kaiserliche Anerkennung in dem Winken und kamen blasend immer näher. Gottlob, jetzt schweigen sie! – doch nein, nur eine Minute, und es ertönt (wohl alles zu Ehren Kaiser Wilhelms) wiederum das deutsche Volks-Soldaten-Lied! »Mor–gen–ro–ot! – Mor–gen–ro–ot!« klang es ganz langsam und noch lauter als vorher. »Der rechte Flügel«, schrie Baron Beck, den Zeigefinger heftig auf die Karte drückend, »steht bei Felsö-Galla.« »Leuch–test – mir–ir – zum frü–hen To–od«, blies das Quartett. Ich konnte mich nicht halten vor der Komik dieser Situation. »Der Becksche Parademarsch«, sagte ich zu Kaiser Franz Joseph ziemlich laut, um verstanden zu werden, »ist im Tempo etwas zu langsam genommen.« Der alte Kaiser, dem die Situation nicht angenehm war, lachte auf diese Bemerkung zu meiner Freude. Kaiser Wilhelm aber, der meine ziemlich freche Bemerkung auch gehört hatte, verlor darüber ganz die Fassung, bückte sich vornüber und lachte, daß er sich schüttelte. Jetzt sah ich den Grafen Esterházy in ein kleines Boot springen, das in der Nähe lag. Ein ungarischer Bauer ruderte ihn, sich hin und her werfend, als hinge sein Leben davon ab. Im Mondschein sahen die beiden Insassen wie schwarze Silhouetten aus, nur die große weiße Serviette leuchtete hin und wieder hell auf, wenn der ganz verzweifelte Graf einen neuen Versuch machte, das Quartett zu bändigen. Dann hörte man auf dem See fürchterlich schimpfen – und dann war alles still. Die Lampions verlöschten– es stand nur der weiße Mond über dem stillen See. »Meine Herren«, sagte der alte Kaiser laut mit ziemlich starker Betonung, »ich bitte um Ruhe.« Und, als habe Gott-Vater aus den Wolken gesprochen, so plötzlich entstand eine lautlose Stille. »Der rechte Flügel«, wiederholte nun Exzellenz Beck in ruhigem Ton, »steht bei Felsö, und ...« usw. (Es folgte der Kriegsplan.) Graf Esterházy hatte sich leise wieder neben mir auf seinen Stuhl geschoben, und ich drückte ihm zulächelnd unter dem Tisch verständnisvoll die Hand. Er erwiderte den Druck, sah aber noch ganz erschüttert aus. Erst nachdem der alte Kaiser sich am Schluß des gewaltigen Kriegsplanes erhoben, der gesamten Gesellschaft eine Verbeugung gemacht und von Kaiser Wilhelm bis an seinen Wagen begleitet worden war, fand ich Gelegenheit, dem armen Grafen zu sagen, daß der Kaiser keineswegs ergrimmt gewesen, sondern sogar »gelächelt« habe, als das »Morgenro–ot« begonnen hatte. Ich könne ihm nur versichern, daß der reine Klang des Quartetts der Waldhörner auf dem Wasser geradezu entzückend gewesen sei.« »Sie sind halt ein Musiker«, sagte der Arme wehmütig, »aber ich hatte mir die Sach' doch anders gedacht!« Kaiser Wilhelm winkte mir. Sein Wagen war vorgefahren, und ich sollte ihm noch im Schloß Vortrag halten. Aber sobald der Wagen davonrollte, brach er in ein lautes Gelächter aus. »Du bist doch ein unglaublicher Mensch«, rief er aus. »Daß du dem alten Herrn, der gar nicht wußte, was er angesichts der blasenden Gondel machen sollte, den »Beckschen Parademarsch« versetztest, hat mir beinahe einen Erstickungsanfall verursacht. Denn ich konnte doch nicht – sowieso schon mit dem Lachen ringend – neben dem alten Kaiser laut herausplatzen! – es war fürchterlich!« »Doch aber wunderschön«, erwiderte ich. »Denn solche Situationen wie der feierliche Kriegsrat vor dem obersten Kriegsherrn in Verbindung mit dem traurigen Morgenrot-Quartett, das Esterházy mit einer Serviette vergeblich im Mondschein von einem See verjagen will, schickt uns nur ein gütiger Gott. Ich werde dieses Ouartett niemals vergessen.« »Ich auch nicht«, sagte der Kaiser. 15. September 1897. Ich kam gestern abend nach meinem Vortrag bei dem Kaiser erst gegen 1/2 12 Uhr nach Hause und legte mich todmüde in mein feuchtes Bett neben der plätschernden Bassinstube. Aber ich schlief herrlich – leider nur bis 3 Uhr morgens, denn es erschien der nette Esterházysche Güterdirektor Schmidt, ein Reichsdeutscher, ziemlich geräuschvoll bei Emanuel, und beide bemühten sich, mir den Schlaf zu vertreiben, um die verabredete Pirschfahrt auf Rothirsche zu machen. Zunächst fuhren wir in einer Esterházyschen Equipage, dann in einem Bauernwagen über Stock und Stein, dann gingen wir zu Fuß. Ein Revierjäger hatte sich dazu eingefunden, und ich fragte Herrn Schmidt, ob es einer der Bläser vom gestrigen Abend sei. Als er bejahte, bat ich Schmidt, ihm zu sagen, daß ich begeistert gewesen sei. Ich selbst sei Musiker und wisse zu beurteilen, was sie geleistet hätten. Die beiden Kaiser seien ganz beglückt gewesen. Der Mann strahlte über sein ganzes gebräuntes Gesicht mit dem hochgewichsten Schnurrbart und stammelte einen ungarischen Dank, der so klang, als ob er Holz hackte. Das Jagdterrain ist ein mit Eichenwald bedecktes Gebirge. Drei Hirsche waren zu hören, eine sehr gute Stimme dabei. Es gelang, diesen anzupirschen, ich hatte einmal sogar schon angelegt, als ein Schuß in einiger Entfernung fiel und der Hirsch absprang. Mein Jäger fuhr zusammen und sprang mit einem ungarischen rauhen Fluch gleichfalls ab und verschwand. »Das ist das verdammte Manöver«, sagte der nette Schmidt wütend. »Wie soll man sich vor all den Soldaten mit ihrer Jagdpassion schützen? – ja, unsere Pirsche ist natürlich aus. Der Graf wird schön böse sein, es lag ihm soviel daran, Sie zu Schuß zu bringen!« Kurz darauf, während wir durch das Gehölz an einem weiten Abhang mit großen Lichtungen schritten, fiel wieder ein Schuß in einiger Entfernung. Wir blieben stehen und äugten aufmerksam nach dem Tal hin, wo der Schuß gefallen war. Einen Augenblick nur sahen wir, weit unten, einen blauen Soldaten durch die Büsche springen. »Na, gesund ist er«, sagte Schmidt – »zu schade!« Aber ich war doch leidlich zufrieden, daß wir ohne Mordtat aus dem Revier kamen. Dem Jäger – Waldhornisten – bestellte ich einen Gruß mit einem fürstlichen Geldgeschenk und gelangte nach einer guten halben Stunde in mein feuchtes Bett. 16. September. Ich halte Vortrag bei dem Kaiser, der mich schimpfend über eine vergebliche Pirsche auf starke Hirsche empfing. »Statt eines gewissen, ganz starken Hirsches trafen wir eine Infanterie-Patrouille in dem Walde an! So etwas kann wirklich nur hier passieren!« »Ach nein!« antwortete ich, »bei einem Manöver in Liebenberg formierten sich die Patrouillen – und sonstige Teilnehmer – zu einer regelrechten Schützenkette und trieben den Häsener Wald, während die Liebenberger Schonungen an den Lankebergen von den Gegnern ebenso behandelt wurden. Ein Offizier erzählte mir lustig: »Auf dem Feld dazwischen sah es aus wie im zoologischen Garten.« Bei dieser Gelegenheit seien (wie meine Jäger erzählten) verschiedene Hasen (und anderes) geschossen worden, was mir nicht leid tat, da sie den Herren Offizieren gut geschmeckt haben werden. Ich fragte mich nur, wo die scharfen Patronen herkamen? Denn bei einem Manöver pflegte nicht scharf geschossen zu werden.« Der Kaiser wurde sichtbar sehr ärgerlich. »Weshalb hast du mir das nicht gemeldet?« sagte er schnell. »Weil Ew. Majestät noch gar nicht regierten. Es war 1886 oder 1887.« »Ach so!« sagte er mit Erleichterung. »Na, unter meiner Regierung käme so etwas auch nicht vor.« (Der arme Kaiser! – ich war im Begriff, ihm zu erzählen, daß sich fast derselbe Vorgang unter seiner Regierung vor einigen Jahren wiederholt habe, als sich eine große Manöver-Schlacht auf demselben Terrain abspielte!) Nach diesem »Vortrag« begab ich mich zu Kaiser Franz Joseph, um mich für die Verleihung des Großkreuzes des St. Stephans-Ordens zu bedanken. Daß der sonst so ordenskarge alte Kaiser mir schon jetzt seinen höchsten Orden, den er zu geben hat, verlieh, war ein Zeichen seiner ganz besonderen Huld, und darum war es mir auch Bedürfnis, ihm schnell persönlich meinen Dank auszusprechen. Er war reizend in seiner Güte und Freundlichkeit und sagte mir viele nette Sachen. Des Morgens während des Manövers war er sehr schlimm mit dem Pferde gestürzt. Aber der alte, nun 67 Jahre zählende Herr ist gewandt wie ein junger Mann. Er lachte nur darüber, als ich davon sprach. Um ½2 Uhr fand das Diner in dem gestern abend so freundlich »angeblasenen« Zelte statt, und hierauf erfolgte die große Abreise mit einem Abschiednehmen von so viel Menschen, daß sich meine Hand unter soviel Druck näßte. Kaiser Franz Joseph reiste nach Pest, Kaiser Wilhelm nach Bellye zur Hirschjagd bei Erzherzog Friedrich. Da Hofstaatssekretär Schwerin erkrankt war, mußte mein Sekretär Kistler zur Aushilfe mit dem Kaiser nach Bellye fahren. Letzterer sagte mir scherzend: »Das ist mir lieb, dann kann ich alle politischen Sachen mit ihm besprechen.« Kistler war beglückt. Esterházys baten mich, noch einige Tage zu bleiben. Aber das hätte noch gefehlt, den Armen nach diesen anstrengenden Tagen auf dem Halse sitzen zu wollen, während sie doch nur die Sehnsucht hatten, sich auf ihre Sofas zu legen und in Dankbarkeit, daß es nun zu Ende war, »Uff!« zu sagen. Ich fuhr mit dem Gefolge Kaiser Franz Josephs bis zu der Station Biczké, um bis zu der Ankunft Kaiser Wilhelms in Pest am 20. September bei meiner Freundin Fürstin Pauline Metternich in ihrem Schloß Bajna zu bleiben. Schloß Bajna. Die Fürstin schrieb mir: Bajna, 13. September 1897. Das ist herrlich! – Sie kommen! – Ich kann Ihnen nicht genug sagen, wie unendlich ich mich freue, Sie hier zu begrüßen, und wie dankbar ich Ihnen bin, daß Sie Ihr Versprechen halten! – Also die Herfahrt: .... entweder Biczké oder über Füretö-Almás. Wenn es bis übermorgen stark regnen sollte, dann müßte ich raten, letzteren Weg zu nehmen, da der von Biczké bis Pusta Gyarmath geradezu miserabel und unfahrbar wird, so daß selbst die ungarischen Beamten, welche auf ihre Wege stolz sind, erklären, »da sei es gefährlich!« Es liegen keine Kommoden Der Landweg von Waldburg (dem Besitz meines lieben Vetters Eberhard Dohna) nach Kilgis (dem Besitz meines Schwagers Kalmein) in Ostpreußen war bei anbrechendem Frühjahr derart unfahrbar und unergründlich, daß man einst nach fortgetautem Schnee eine Kommode in dem Geleise fand, die eine Bauernfamilie bei ihrem Umzug verloren hatte. in den Geleisen, aber es gibt dafür Löcher, die mehr Abgründen ähnlich sehen! Nachts dürfen Sie keineswegs fahren. Ich schicke Ihnen einen kleinen Jagdwagen mit ungarischem Kutscher. In Gyarmath, d. h. an der Grenze meines Besitzes, werde ich Sie empfangen »weather permitting« . Für Ihr Gepäck wird ein uneleganter Leiterwagen in Bereitschaft stehen. Den Diener – d. h. Ihren Diener – nehmen Sie auf den Bock zu sich. – Selbstverständlich bringen Sie die obligate Mordwaffe mit, denn vielleicht gelingt es, Sie mit einem Kapital-Hirsch zusammenzubringen! – Bitte machen Sie sich auf kein Liebenberg gefaßt – Bajna ist nicht schön und recht altmodisch eingerichtet. ... (gez.) P. Metternich. Die Fahrt nach Bajna war allerdings unglaublich! Diese Wege! Und in einem rasenden Tempo über alles hin. Ich mußte mich festhalten, um nicht aus dem leichten Jagdwagen hinausgeschleudert zu werden, und wunderte mich, daß nicht alles in Trümmer ging. Es mag wohl noch etwas von der Tradition des seligen Grafen Sandor in den Kutschern und Pferden sitzen. Der Kutscher, ein älterer Mann mit Schnurrbart, die buntbestickte schwarze Weste über dem breiten weißen Hemd mit den flatternden Ärmeln und dem kleinen, schwarzen, flachen, runden Hut auf die Seite gedrückt, hielt die 4 Dunkelbraunen ganz kurz, und seine Aufmerksamkeit war großartig. Als wir durch ein Loch sausten, so daß ich fast aus dem Wagen flog und rief: »Das ist gerade noch einmal so abgegangen!« antwortete er, ohne sich umzuwenden, in seinem harten Ungarisch-Deutsch: »Mocht nix, Euer Gnaden Exzellenz-Herr! – kenn ich alle Löcher auf Herrschaft gaanz genau.« Auf der Pusta Gyarmath, in einem reizenden Jagdschlößchen, begrüßten mich die Fürstin und Tochter Clementine (Clemy) auf das herzlichste, und nachdem ich einen kleinen Imbiß eingenommen hatte, ging es weiter – in demselben Tempo. Ich hatte das Gefühl, daß es der Fürstin gar nicht schnell genug ging! – aber sie hatte recht, als sie mir schrieb: »Nachts dürfen Sie keinesfalls fahren.« Ich wäre nachts allerdings lebendig nicht in Bajna angelangt. Heute aber landeten wir heil vor dem Schlosse mit den 4 dampfenden, schweißübergossenen Braunen. Das Schloß trägt, wie alle älteren ungarischen Schlösser, die ich gesehen habe (wenn sie nicht eine mittelalterliche Burg sind), einen nüchternen, kahlen, aber vornehmen Charakter. Es ist groß, und eine imposante Treppe führt zu dem ersten Stockwerk, wo (im Treppenhaus) das Reiterbild des Vaters der Fürstin, des berühmten Grafen Sandor, in Lebensgröße prangt. Von hier tritt man in die Wohnräume, die gleichfalls den Charakter der dreißiger Jahre tragen. Nur ihren eigenen Salon hat die Fürstin mit dem Sinne der Behaglichkeit, die sie verbreitet, wenn man sich um sie schart, hergerichtet. Der Garten ist nicht groß, doch immerhin der Größe des Schlosses entsprechend. Man fährt durch ein Portal in diesen Garten, um zu dem Schlosse zu gelangen. Das Portal ist jenes, an das sich eine unvergleichliche Erinnerung an die beste und intimste Freundin der Fürstin, Gräfin Melanie Pourtalès, geb. de Buissière (aus dem Elsaß) knüpft. Sie möge hier einen Platz finden, um so mehr, da uns der Schwiegersohn der schönen Gräfin Melanie, Baron Berckheim (Militär-Attaché bei der französischen Botschaft in Wien) empfing, der in Bajna zum Besuch weilte und die Gedanken auf die schöne Gräfin Melanie lenkte. Diese war nach jahrelangem Bitten und immer gestörten Verabredungen endlich nach Bajna gekommen, und Fürstin Pauline hatte in dem genannten Portale ein großes weißes Schild anbringen lassen, auf dem die lakonische Inschrift prangte: »Endlich!« Als aber Gräfin Melanie längere Zeit in Bajna geweilt hatte, und zwar länger, als sie ursprünglich beabsichtigte, erfolgte die Abreise. Der ungarische Gärtner, der kein Deutsch verstand, hatte von der Abreise der Gräfin vernommen und als besondere Aufmerksamkeit den Willkommen- Gruß wieder an dem Portal angebracht, was bei der Abfahrt die Fürstin mit Entsetzen bemerkte. Baron Berckheim (aus einer badischen Familie stammend, die im Elsaß begütert ist) beißt (wohl gerade, weil er einen deutschen Namen trägt) den Franzosen mehr heraus, als nötig, doch ist er unleugbar liebenswürdig und wurde bald ganz gemütlich badisch-elsässisch, als er sah, daß es mir auch nicht im Traume jemals einfiel, ein Botschafter-Gesicht zu machen. Außer Berckheim war nur der Hausarzt der Fürstin, ihr Sekretär Janichary (ein recht angenehmer, gebildeter Mensch), und der gute, alte Herr von Marcowich anwesend. Marcowich hat den Vorzug, von jedermann sympathisch gefunden zu werden, ohne daß er es nötig hat, seinen alten Mund zu öffnen. Mir sind in meinem Leben hin und wieder solche gesellschaftlichen Glückspilze begegnet, und es taucht vor solchen Erscheinungen in meinem Gedanken immer das Wort der Heiligen Schrift von den Vögeln unter dem Himmel auf: »Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und unser himmlischer Vater ernähret sie doch.« Marcowich trifft man überall bei Diners, Soupers und in angenehmen Salons, aber wenn die Vögel unter dem Himmel »piep« sagen, so hält auch das Marcowich nicht einmal für nötig. Wie gesagt: Jeder findet ihn angenehm und sympathisch – und so auch ich. Man drückt ihm die Hand, er lächelt gütig, und man freut sich, ihm die Hand gedrückt zu haben. Wir machten eine Promenade durch den Garten und die grandiosen Sandor-Ställe (in denen allerdings nicht in jedem Stand ein Pferd wieherte wie zu Sandors Zeiten und auch keines wie damals zitterte und erschrak, als wir eintraten), immerhin waren es genug, um durch alle Löcher der Herrschaft Bajna geschleppt werden zu können. Das Diner war vortrefflich und der Tisch mit Blumen so reizend und elegant geschmückt, daß man sich daran hätte satt sehen können, wenn nicht die weichen, zarten, grünen Maiskolben, mit frischer Butter serviert, zum ersten Male in meinem Leben vor mir erschienen wären – die höchste Delikatesse Ungarns – und meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätten. Bis um 11 Uhr saßen wir schwatzend in dem gemütlichen Salon meiner gütigen Freundin zusammen. Es waren angenehme, sanfte Ruhetage nach der stürmischen Bewegung und dem Menschengewirr in Uniform, das sich in Totis um zwei Kaiser wie um zwei Sonnen zu bewegen schien. Auch Sternschnuppen hatten nicht gefehlt – von der Sonne losgelöste Erzherzöge, die mir (berlinisch gesprochen) sehr »schnuppe« waren. Graf Sandor. Nicht darf ich jedoch Bajna verlassen, ohne ein Wort über den berühmten Vater seiner berühmten Tochter Pauline zu sagen, denn der Name des Grafen Moritz Sandor (1805–1878), des letzten männlichen Sprosses seines uralten Magyarischen Stammes, und seiner Herrschaft mit dem Schlosse Bajna, ist untrennbar mit der Geschichte Ungarns verknüpft. Wenn auch Graf Sandor nicht als großer Staatsmann oder Kriegsheld gefeiert werden kann, so doch in einem Sinn, der dem ritterlichen, tapferen Charakter, mit einem Zug in das Abenteuerliche, Phantastische, dieses Volkes entsprach, das durch Jahrhunderte im Kampfe mit den Türken gelebt hatte und sich dadurch persönlichen Mut und ritterliche Eigenschaften erwarb, die es über alles stellte, unleugbar verbunden mit einem, dem Orientalen sich nähernden Charakterzug. Graf Sandor hatte keine Gelegenheit, an einem Kriege teilzunehmen. Er lebte in der großen, friedlichen Pause nach den napoleonischen Kriegen. So entwickelte sich seine Eigenschaft größter Unerschrockenst zu einer Waghalsigkeit und Tollkühnheit, wenn er zu Pferde saß, die man fast mit Wahnsinn bezeichnen könnte. Ganz Ungarn belachte ihn jedoch nicht um seiner phantastischen, oft auch theatralischen Streiche willen. Der Deutsche würde ihn lediglich einen »verrückt gewordenen Kunstreiter« genannt haben. Dem Ungarn aber war er ein Held. Mir war er noch etwas anderes. Denn es handelt sich in diesem Fall nach meiner Ansicht um die Einwirkung gewisser, dem Grafen innewohnender Kräfte auf das Pferd, die ich magnetisch nennen will, da mir der entsprechende Ausdruck für das fehlt, was sich in der Gewalt des Grafen über das Pferd darstellt, nämlich einer Macht, die über das hinausgeht, was die sogenannte »hohe Schule« in der Reitkunst bedeutet, d. h. die vollkommene Erziehung des Pferdes zu absolutem Gehorsam. Über den Vater meiner Freundin Metternich ein Wort zu sagen, wenn ich seine Tochter zu schildern mich bemühte, schien mir aber auch aus dem Grunde angezeigt, weil sich vieles in dem Wesen und der Eigenart der Tochter – in erster Linie ihre furchtlose Energie und schnelle Entschlußfähigkeit – aus dem Charakter des Vaters herleiten läßt Der Wiener, der den Scherz liebt, hatte das Wort erfunden: »Was der Vater zu Pferde war, ist die Tochter zu Fuß!« . Ich sagte, daß die Reiterkunststücke und Abenteuer des Grafen in der ganzen Welt bekannt waren. Darum wäre die Aufzählung gewisser Reit-Abenteuer hier vielleicht überflüssig, um so mehr, als sich in der Liebenberger Bibliothek ein Album bildlicher Darstellungen aus dem Reiterleben Sandors befindet, die von einem ihn begleitenden Maler historisch festgelegt wurden. Doch hier will ich zwei seiner »Kunststücke« erwähnen, die mir durch Personen bestätigt wurden, die sie in ihrer Jugend erlebten – und auch seine Tochter sich des Eindrucks, den diese tollkühnen Abenteuer auf sie machten, sehr wohl aus ihren Jugendjahren zu erinnern wußte. Das eine dieser »Kunststücke« war das Reiten des Grafen über die Donau bei Eisgang. Das Eis, das in einem sehr harten Winter die Donau bei Pest überzogen hatte, brach auseinander und setzte sich, in große und kleine Schollen auseinanderberstend, langsam in Bewegung. Graf Sandor ließ einen Rappen satteln, der besonders »geschickt« war und ritt neben der großen Schiffsbrücke her, die damals Ofen mit Pest verband, von Scholle zu Scholle springend über den Fluß! Auf der Brücke hatten sich Hunderte von Menschen eingefunden, die mit Entsetzen dem tollkühnen Schauspiel folgten und zum Schluß dem »Nationalhelden« brausend zujubelten. Ein zweites »Kunststück« vermag das erste noch dramatisch zu ergänzen. In dem Palais Sandor auf dem Burgplatz in Ofen (heute das ungarische Ministerium des Äußeren) führt eine breite Treppe von dem Flur in das erste Stockwerk, wo sich ein saalähnlicher Raum in der Mitte befindet. Von diesem führt eine Glastür auf einen schmalen langen Balkon. Ich habe öfters in dem Raume bei meinen Besuchen des ungarischen leitenden Staatsministers geweilt. Graf Sandor sagte eines Tages seinen Freunden, er werde sie mittags auf dem Burgplatz begrüßen. Man fand sich zahlreich ein, da man irgendein »Kunststück« erwartete – doch wohl kaum eine Begrüßung in der Form, wie sie stattfand. Er kam auf den Burgplatz gesprengt, das große Portal seines Palais wurde geöffnet, und er verschwand hoch zu Roß darin. Plötzlich erschallte oben vom Balkon eine Stimme. Auf seinem Rappen sitzend, von dem schmalen Balkon aus, auf dem er kaum mit dem Pferde Platz findet, schwenkt er grüßend den Hut. Alles jubelt ihm zu. Wie aber kommt er von dem Balkon, auf dem er das Pferd nicht wenden kann, hinaus und die Treppe hinunter, die man zur Not wohl zu Pferd hinaufklettern kann? Da erschallt ein allgemeiner Schreckensruf auf dem Platz. Sandor läßt sein Pferd hoch aufbäumen – und während es, gleichsam in der Luft über dem Balkon schwebend auf den Hinterbeinen steht, wirft er es in dieser Stellung herum und verschwindet durch die Tür in dem Zimmer. Es vergehen nur wenige Minuten. Das Portal wird geöffnet, und Sandor, freundlich die jubelnde Menge grüßend, galoppiert über den Platz und die stille Straße hinab zur Donau, um spazierenzureiten. Diese Beispiele mögen genügen, um den Mut, die Entschlossenheit – und die waghalsige Reitkunst Sandors kennenzulernen. Es blieb für mich jedoch immer die Frage offen, welche Kräfte mitwirkten, um die unerhörte Gewalt des Grafen über das Pferd zu erklären, denn mit Geschicklichkeit und Gewalt allein ist es nicht getan, was Sandor wagen konnte. Es könnte mich fast auf den Gedanken an eine Überleitung seiner momentanen Willensabsichten auf das Pferd bringen – was ich natürlich für Unsinn halte. Aber daß irgendeine Kraft hierbei im Spiele war, die ich, da mir eine andere Bezeichnung fehlt, mit dem landläufigen Ausdruck bezeichnen wollte, unterliegt keinem Zweifel. Weshalb gehen unter gewissen Reitern alle Pferde, und warum unter gewissen anderen Reitern, die sich größere Mühe geben und alle Gesetze der Reitkunst befolgen, »gehen« sie nicht? Aus meiner kavalleristischen Zeit erinnere ich mich eines Leutnants von Freier, der bei den I. Garde-Ulanen stand, er bändigte jedes noch so unbändige Pferd in allerkürzester Zeit, ja, brachte solche Pferde dahin, sich auf sein Zureden und Berühren niederzulegen. Auf eine gelegentliche, diesbezügliche Frage antwortete mir Fürstin Pauline in ihrem Briefe vom 6. September 1897: ... »Was mystische Vorkommnisse im Leben meines verstorbenen Vaters betrifft, so habe ich diesbezüglich nie etwas erfahren. Nur die Geschichte der durchgehenden Pferde ist allerdings geheimnisvoll.« Ich komme auf diese geheimnisvolle Geschichte zurück, will jedoch vorher noch erwähnen, daß mir die Fürstin in Bajna, gelegentlich eines Besuches der dortigen Stallungen, eine sonderbare Tatsache mitteilte. Diese großen Stallungen waren zur Lebenszeit ihres Vaters mit Pferden angefüllt – jetzt bargen sie nur Gespanne, die die Fürstin während ihres Sommeraufenthaltes benötigte. Sie erzählte mir, daß, sobald ihr Vater in den Stall trat, sämtliche Pferde nicht nur stets zu zittern begannen, sondern auch ein »gewisses Geschäft« verrichteten. Blieb der Graf längere Zeit in dem Stalle, so beruhigten sich die Tiere allmählich, aber sie gerieten alle in Transpiration. Diese höchst merkwürdige Einwirkung, die bis zu einem gewissen Grade die Bestätigung dessen ist, was mir Nachdenken verursachte, steht nun wohl auch mit dem Ereignis in Zusammenhang, das die Fürstin in ihrem Brief erwähnte, und das sie mir in Bajna nicht ohne Widerstreben und sehr ernst mitteilte. »Der schwarze Wagen«, so begann die Fürstin, »der den Sarg meines Vaters bei seiner Beisetzung zu der Gruft führen sollte, stand vor dem Schlosse. Sechs schwarzbehangene Rappen waren davorgespannt. Man trug den Sarg aus dem Schloß und hob ihn auf den Wagen. Wir standen tieftraurig dabei. Doch in dem Augenblick, als der Sarg auf dem Wagen niedergestellt war, bäumten sich alle sechs Pferde zugleich hoch auf, und zu unserem namenlosen Entsetzen stürmten sie in rasender Karriere mit dem Wagen und dem Sarg auf der Straße dahin! – Niemand vermochte zu folgen, bis auf einige Reiter, die im Wirtschaftshofe hielten und herbeigerufen wurden. Die sonst vollkommen ruhigen Pferde waren wie von einem furchtbaren Schrecken ergriffen, kein Aufhalten war möglich – nach einer rasenden Fahrt von länger als einer halben Stunde brach alles in einer Waldlisiere zusammen. Die Pferde gestürzt, der Wagen in Trümmer – Gottlob, der Sarg unversehrt!« Die Fürstin war, trotz ihrer Tapferkeit und Energie sehr bleich geworden, und wir schwiegen beide eine Zeitlang bei unserm Gang im Garten. Ich will nun gewissermaßen als Quittung über meine gesellschaftliche Tätigkeit in Bajna – einen lieben Brief meiner Freundin folgen lassen, der einen beredten Ausdruck für die Gesinnung, die Liebenswürdigkeit der seltenen Frau darstellt, die in der großen Welt während einer langen Reihe von Jahren eine sehr bedeutende Rolle spielte und nun hier als das Ideal einer liebenswürdigen Hausfrau, fernab von allem Getriebe dieser Welt in tiefer ungarischer Abgeschiedenheit, ihre Wesenheit enthüllt. Bajna, 19. September 1897. »Die schönen Tage von Aranjuez sind vorbei« ... Nach all der Fülle von Güte, Liebenswürdigkeit, Freundschaft und Geist, welche Sie, bester Graf, wie aus einem Füllhorn auf uns herausschüttend zurückgelassen haben, kommen wir uns heute sehr arm und vereinsamt vor. Es drängt mich, es Ihnen zu sagen und Ihnen zu danken für all das, was Sie uns gewesen sind! – Ihr leider nur zu kurzer Aufenthalt wird mir unvergeßlich bleiben und erweckt nur den lebhaften Wunsch, daß solches Zusammensein bald wieder ermöglicht werde. Es versteht sich von selbst, daß Sie mir nicht auf diese Zeilen antworten, denn in dem Trubel, in welchem Sie jetzt leben, verlangt meine Freundschaft, daß Sie mich genug kennen, um überzeugt zu sein, daß Ihr Schweigen jetzt nicht als Gleichgültigkeit ausgelegt werden wird, Sie schreiben mir, wenn Sie an einem Orte angelangt sind, wo Sie der Ruhe pflegen können. An die entfernte Freundin zu denken und oft zu gedenken, darum bitte ich Sie aber. Nochmals Dank – tausendfachen Herzensdank! (gez.) P. Metternich. Kaiserfeste in Budapest. 1897. Tagebuchnotizen. 19. September 1897. Bei Tagesgrauen verließ ich das gastliche Schloß und wurde auf dem Weg nach Station Biczké bei dem »Überfahren« des ersten großen Loches, das der Viererzug galoppierend »genommen« hatte, derart in die Höhe geschleudert, daß mir der Schlaf verging und mich meine schmerzenden Lippen, in die ich mich bei dem Anprall gebissen hatte, warnte, das nächste Loch nicht im Halbschlaf zu »nehmen«. In Pest empfing mich Bernhard Bülow auf dem Bahnhof, und wir tauchten sofort in das Schlammwasser der Politik hinein, in dem sich doch wohl eigentlich nur Krebse und Blutegel wohl fühlen können. Bülow ist allerdings nicht ganz dieser Ansicht. Hoffentlich wird er bei den seiner wartenden Aufgaben nicht allzubald zu dieser meiner Ansicht bekehrt werden. Es begann für uns in Pest sofort die Erfüllung gesellschaftlicher Formen durch Visiten bei den zum Empfange der beiden Kaiser zusammengeströmten Staatsmännern und Mitgliedern des ungarischen Hochadels: Recht mühsam war es und schließlich doch nur ein verlorener Tag, soweit nicht dazwischen die Unterhaltungen mit Bülow eingeschaltet waren. 20. und 21. September 1897. Ich lasse die Unruhe dieser beiden Tage in der Form des Programmes der Feierlichkeiten folgen, wie mir solches zugegangen war. Auf Schritt und Tritt hatte ich als hier akkreditierter Botschafter dem Kaiser zu folgen und meine Augen und Ohren überall offen zu halten. Programm für den Aufenthalt Seiner Majestät des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen in Budapest. (Aufgestellt von dem K. ungarischen Oberhofmarschallamt.) 20. September 1897. Vormittags: Ankunft Seiner Majestät des Deutschen Kaisers aus Bellye am Ostbahnhofe. Empfang am Bahnhof durch Seine K. und K. apostolische Majestät und die durchlauchtigsten Herren Erzherzöge usw. Empfang in der Hofburg durch die durchlauchtigsten Frauen Erzherzoginnen usw. Adjustierung: Gala (preußische Uniform) mit dem Bande des preußischen Ordens-Großkreuzes. Toilette der Damen: Morgentoilette ohne Hut. Nachmittag: Besichtigungen. 5 Uhr: Allerhöchste Tafel. (Die Herren vom Militär: Dienst- oder Inhaber-Uniform: Herren vom Zivil: im Frack. Toilette der Damen: demi montant. 8½ Uhr abends: Soiree bei Hofe. (Die Herren in Gala ohne Bänder, ohne Dienstabzeichen; die Damen in Balltoilette.) 21. September 1897. Vormittags: Besichtigungen. Mittag: Fahrt zur Margarethen-Insel. Dejeuner dortselbst. 5 Uhr nachmittags: Gala-Diner. Die Herren in Gala (preußische Uniform) mit Dienstabzeichen, mit Band; Damen: dekolletiertes Kleid mit Schmuck. 8 Uhr abends: Fest-Vorstellung im Operntheater. (Herren: Parade-Kopfbedeckung, Damen: Soiree-Toilette.) 9½ Uhr abends: Rundfahrt zur Besichtigung der Beleuchtung. 10 Uhr abends: Abreise Seiner Majestät des Deutschen Kaisers. (Keine Aufwartungen.) Ein solches Programm lautet selbstverständlich und einfach, aber in Wirklichkeit ist es hart durchzukämpfen, wenn man sein eigenes Ich noch nicht verloren hat. Der Anblick solcher Festes-Serien blendet zuweilen als Schaustück. Erlebt man sie oft – wie ich – so wirken sie auf den nachdenklichen Menschen, der sich selbst nicht verlor, wie ein Narrenstück. Und zwar deshalb, weil man, in amtlicher Figur mitwirkend, völlig als Individualität verschwindet. Es bleibt eben nur das Kleid und die Form, und das Bewußtsein dieser Transformation beleidigt das Selbstgefühl, d. h. den natürlichen Menschen. Nur der Monarch selbst empfindet als der Mittelpunkt, als der Ausgangspunkt der gesamten Schaustellung seine Individualität als solche. Aber die zur Schau gestellte Unterordnung in entsprechender Kleidung, Haltung und Gruppierung hat etwas Herabwürdigendes. Man muß jedoch solche Reflexionen während eines Hof-Gala-Festes strengstens vermeiden, denn tauchen sie auf, so muß man als überzeugungstreuer Mann nach Hause gehen. Daß man mir von allen Seiten zu dem Stephan-Orden gratulierte, war mir fatal. Mir behagte nur der Gedanke, daß diese ungewöhnliche, hohe Auszeichnung ein Ausdruck dafür war, daß der alte, mich stets rührende Kaiser mich persönlich gern hatte, mir volles Vertrauen schenkte und ich dadurch meinem Vaterlande zu nützen vermochte. Die Art, wie er mir in Totis darüber sprach, mußte mich tief rühren, und das war meine Freude an diesem Orden. Aber ich sah weit genug, daß mir der Neid nur Feinde durch diese Auszeichnung machte. Oh, welch ein Glatteis ist ein Hofparkett! Zur Charakteristik der Kaisertage in Pest füge ich schließlich noch einige Zeilen aus einem Briefe hinzu, den ich an meine Gattin richtete: »Am 19. September 1897, nach der Ankunft in Pest, frühstückte ich mit Bernhard Bülow und Lichnowskv im Hotel. Dann machten wir eine Spazierfahrt und Visiten, und um 5 Uhr fand ein entsetzlich heißes und wenig angenehmes, rein militärisches Diner bei dem kommandierenden General, Prinz Lobkowitz statt. Nachher machte ich einen kurzen Besuch bei Ratibors und fuhr dann in den Klub. Fanny Ratibor Gattin des Generalkonsuls Prinzen Max Ratibor, geb. Gräfin d'Orsay – eine sehr intrigante Dame, die ihren Gatten vollkommen beherrschte. war aufgeregt, falschfreundlich. Er machte sich hier wenig beliebt als Generalkonsul. Sie gehen im Oktober auf ihren neuen Posten als Gesandter nach Weimar. Das arme Weimar – wie wird es Fanny durcheinander hetzen! Bernhard ›als Staatssekretär‹ war ganz in seinem Fahrwasser: klug, geschickt, angenehm. Der Kaiser, froh ihn zu haben, kam während des Aufenthaltes in der Burg mehreremal hinauf zu ihm und mir, alles fröhlich besprechend. Wie groß ist der Unterschied zwischen Bülow und Marschall – aber wie ungerecht war die Beurteilung Marschalls durch den Kaiser! – das darf man nicht vergessen. Bernhard wird sich bald – sehr bald – an das Neue gewöhnen, nur nicht die armen Frauen: Marie Bülow und ihre Mutter. Am 20. September 1897, nach dem großen Empfang des Kaisers, seinen Besuchen und einigen Besichtigungen, frühstückte ich mit dem Gefolge bei ihm in der Burg. Dann mußte ich Orden austragen an die Minister usw. Ich kam mir wie ein glückspendender Engel des Himmels vor! Um 5 Uhr fand eine kleinere, ziemlich langweilige Hoftafel statt. Von ½7 bis ½8 Uhr saß ich, in Politik versenkt, mit dem Kaiser bei Bülow. Um 8 Uhr begann das große Hoffest in dem Saal, den du kennst. Es war entsetzlich heiß! Der Kaiser machte Cercle bis ½11 Uhr, sprach wohl mit 100 Menschen und begeisterte alles durch seine Liebenswürdigkeit. Ich hatte eine lange, unendlich interessante Unterhaltung mit meinem verehrten Kardinal Schlauch. Der Anblick des Festes mit den prächtigen ungarischen National-Kostümen war sehr schön. Graf Louis Appony (der ungarische Oberhofmarschall) hatte einen Tag vor den Festen seine alte Mutter verloren und erschien nur »im Dienst« und ohne Gattin. Der Kaiser besuchte die Gräfin Geborene Gräfin Seherr aus Dobrau in Schlesien, eine gute Freundin von uns. sowie Gräfin Goluchowska. Nach dem Fest war »Bier-Abend« bei unserem Kaiser in kleinem Kreis. Alles war aufgelöst vor Hitze. Erst um ½1 Uhr kamen wir zu Bett. Der Anblick der erleuchteten Stadt, oben von der Burg aus, mit der Spiegelung der vielen 1000 Lichter in der breiten Donau war ein zauberhafter Eindruck. Am 21. September 1897 wurde der schöne Parkklub schon früh um ½10 Uhr besichtigt. Dann das Parlamentsgebäude. Ich fuhr mit Bülow und drückte mich unterwegs nach Haus, um zu arbeiten. Das Wetter am 21. war Gott sei Dank etwas kühler und darum der Verkehr in Uniformen weniger unappetitlich. Um 5 Uhr fand ein riesiges Galadiner in dem großen Saale der Burg statt. Ich saß zwischen Gräfin Aladár Andrássy-Wenckheim und Gräfin Tassilo Festetics-Hamilton – rechts vom Kaiser Franz Joseph. Das waren sehr angenehme Nachbarinnen. Die Rede des Kaisers war tatsächlich ein Meisterwerk. Er erregte unerhörte Begeisterung. Die Ungarn weinten vor Rührung und Stolz, und der alte Kaiser war so bewegt, daß er sich kaum fassen konnte. Wie begabt ist der Kaiser! Er diktierte mir und Bülow diese Rede (weil man durchaus den Toast vorher zum Druck haben wollte), ohne ein Wort zu ändern, ganz fließend – und hatte sich nichts aufgeschrieben. Dabei enthält die Rede sehr feine und abgepaßte Wendungen. Wir waren beide voller Anerkennung, und der Kaiser freute sich über unsern Enthusiasmus wie ein Kind, so einfach nett und schlicht. Diese Mischung von glänzendem Verstand und schlichtem Wesen ist eine seltene Erscheinung. Nach der Galatafel wieder langer Cercle – dann, um 8 Uhr, Fahrt durch die herrlich erleuchtete Stadt zu der Oper. Einzelne Akte aus ungarischen Opern wurden leidlich gut gegeben. Der Zuschauerraum bot einen prächtigen Anblick. Die Fahrt nach der Galaoper zur Bahn war großartig. Herrliche Beleuchtung und unendliche »Eljen«! Wir waren alle recht müde, als wir endlich gemütlich im Kaiserlichen Sonderzug beim Abendessen saßen, um die weite Fahrt direkt nach Rominten (!) zu unternehmen. (gez.) Philipp. Fürstin Pauline und Kaiser Wilhelm. 1895. Es führt mich der ungarische Erfolg Kaiser Wilhelms in meinen Gedanken zu seiner ersten Begegnung mit der Fürstin Pauline, deren Urheber ich war. Denn der Kaiser war neugierig. Er hatte viel von der berühmten Frau gehört – hielt sie für eine gefährliche »Preußenhasserin« und war einigermaßen erstaunt, sie in meinem Freundeskreise zu wissen. Die Gelegenheit bot sich, als Kaiser Wilhelm zu dem Begräbnis des Erzherzogs Albrecht 1895 in Wien erschien (was viele Leute erstaunte), und er bei der »tiefen Trauer« des Hofes es vorzog, den Abend bei seinem Botschafter zu verbringen. Ich habe diesen interessanten Abend in dem Kapitel »Erzherzog Albrechts Tod« geschildert. Ich greife hier nur zurück auf einige Briefe, die ich 1895 an Kaiser Wilhelm schrieb, nachdem die Bekanntschaft mit der Fürstin bei mir gemacht war. Der Kaiser war begeistert von ihr und überschüttete sie mit Liebenswürdigkeiten. Die Briefe berühren aber auch den Tod des Fürsten Metternich, der für die Fürstin in vieler Hinsicht schmerzlich war. Besonders auch wegen ihrer Schwägerin, der Gattin des »neuen« Fürsten Lothar, geb. Gräfin Zichy, die sich nun als die »Regierende« in der Familie ausspielt und der gehaßten Pauline jeden denkbaren, unfreundlichen Schabernack antat. Aus Briefen an Kaiser Wilhelm. 1.März 1895. ... Ew. Majestät können sich denken, daß Fürstin Pauline Metternich außer sich vor Glück über die Photographie Ew. Majestät ist. Sie stand ganz unter dem Eindruck von dem Verkehr mit Ew. Majestät und konnte nicht genug in ihrer originellen, akzentuierten Art davon erzählen. Sie war eben entzückt von Ew. Majestät! Daß der Abend bei mir so gut abgelaufen war, beglückte sie, aber sie hatte gar nicht das Bewußtsein, »Besonderes« geleistet zu haben, Fürstin Hatzfeldt behauptete, »Pauline hat sich sehr gemäßigt«. Ich fand sie gerade amüsant genug. Leider wurde die arme Fürstin heute nacht von dem Unglück betroffen, ihren Mann zu verlieren. Man fand ihn tot im Bett. Ich sah den Fürsten noch gestern an unserer Tür, wo er seit 3 Monaten täglich im Vorbeigehen Erkundigungen nach dem Befinden meiner schwerkranken Schwiegermutter Gräfin Augusta Sandels-Tersmeden hatte auf der Reise einen schweren Unfall gehabt. einzog. Abends war ich mit der Fürstin noch bis 12 Uhr bei einem Diner bei Baron Nathanael Rothschild. Er hat ein herrliches Haus und Kunstschätze, die sich ein Christ natürlich nicht anschaffen kann. Das Diner war fabelhaft und doch ohne protzig zu sein – es gab allerdings so komplizierte Gerichte, daß ich nicht weiß, was es war. Nach dem Essen fand ein Konzert der Hauskapelle auf lauter berühmten Instrumenten statt: Amati, Stradivari usw. Ein geradezu entzückender Klang. Fürstin Metternich war ausgelassen lustig, und wir amüsierten uns köstlich. Dann ging sie nach Haus – und zwei Stunden darauf starb der Fürst. 8 Monate später. Wien, 17. November 1895. Euerer Majestät beehre ich mich anliegend einen Brief der Fürstin Pauline Metternich zu überreichen, den sie unmittelbar, nachdem ich ihr das Bild Ew. Majestät gab, verfaßte. Sie war in Ungarn und kehrte vor einigen Tagen nach Wien zurück. Ew. Majestät hätten sich unterhalten, wenn Sie den Eindruck gesehen hätten, den dieses Geschenk machte. Mit ihrer ganzen amüsanten Lebhaftigkeit erging sie sich in Entzücken über den Gedanken, den das Bild enthält und sprudelte über in Freude. Am Abend traf ich sie noch einmal bei Goluchowskis Graf Agenor Goluchowsky, Minister des Äußern. Seine liebensvürdige Gattin ist eine Prinzessin Murat. , wo ich mit meiner Frau war. Nur Ministerpräsident Graf Badeni war außer uns anwesend. Da wurde die Unterhaltung über das Bild fortgesetzt, das sie stolz mitgebracht hatte. Dieser Abend war sehr spaßhaft. Die Fürstin erzählte von dem französischen Hof und einem Besuch schottischer Herzöge, die im Nationalkostüm nach dem Diner in Compiègne Billard spielten, während die Kaiserin und sie auf dem niedrigen Sofa gesessen und zugesehen hätten. Die Fürstin machte die Stellungen nach, welche die Schotten in ihrem Nationalkostüm bei dem Spiel und bei einer schwierigen Lage der Bälle eingenommen hätten, es war unwiderstehlich komisch. Badeni, ein ernster, aber sehr sympathischer Mann, dem ich zum ersten Male begegnete, kämpfte erst würdevoll gegen den Ton ausgelassener Heiterkeit, bis er schließlich rettungslos in unser Gelächter einstimmen mußte. Zum Schluß erklärte die Fürstin, es sei ein Unglück für Österreich, daß sie kein Mann geworden sei, ihre Rednergabe würde die Welt in Erstaunen gesetzt haben. Sie illustrierte diese Ansicht durch eine Rede gegen Lueger Erster Bürgermeister Wiens, Führer der »christlich sozialen« Partei. Ein sehr begabter Mann mit großem Anhang im Wiener Volk. , die sie mitten in der Stube stehend, improvisierte. Die Einfälle, die sie hatte, waren unglaublich – aber schließlich wurde ihr die Sache ernst, und mit flammenden Augen und mit lauter Stimme sprach sie so erstaunlich gut und politisch richtig, daß Badeni ganz nachdenklich wurde. Leider verläßt die Fürstin in diesen Tagen wieder Wien für den ganzen Winter. Sie will nicht in »tiefer« Trauer hier bleiben und geht in den Süden. Ich bin sehr betrübt darüber.... Fürstin Pauline über Bismarcks Tod. – Ungarische Räuber! 1898. Ich kehre mich nun – wiederum ein Jahr später meiner Freundin Metternich zu, für deren Charakteristik der nachfolgende Brief ein sehr wertvolles Dokument bildet. Oettingen Die schöne, liebenswürdige älteste Tochter der Fürstin ist mit dem Fursten zu Oettingen Spielberg vermählt. , 2. August 1898. Nachdem ich weiß, daß Sie jetzt heimgekehrt sein müssen, lieber Graf, halte ich es nicht länger aus – ich muß wissen, was Sie treiben, was Sie machen, wie es Ihnen geht. Seit meiner und Ihrer Abreise von Wien habe ich kein Sterbenswörtchen auch nur von Ihnen gehört – doch eines habe ich erfahren, daß Sie mit dem Kaiser, envers et contre tous, die Nordlandreise mitgemacht haben: offen gestanden hat mich diese Nachricht nicht erfreut, weil ich hoffte, daß Sie nach der Karlsbader Kur längere Zeit der Ruhe in Liebenberg pflegen würden! Sie hätten sich die Reise ärztlich verbieten lassen sollen und einmal wirklich ausspannen! Jetzt ruft Sie Bismarck Der Fürst starb am 30. Juli. Ich kehrte mit dem Kaiser aus Norwegen zurück und begab mich mit ihm nach Friedrichsruh an den Sarg des Fürsten. (Siehe meine Aufzeichnung. »Bismarck stirbt«.) zurück. – »Ich hätte nicht daran gedacht« (wie es im Liede heißt), daß Bismarck das je tun würde! Daß ich ihn nicht beweine, glauben Sie mir aufs Wort – und daß viele meinem Beispiel folgen werden, ist auch unzweifelhaft. Er war eine Geißel Gottes. – Was mich an diesem Manne empört, das ist sein kolossaler Zynismus. In den jetzt erscheinenden zahllosen Nekrologen zitiert man so manches von ihm, was geradezu verabscheuungswürdig ist – so z. B. eine Geschichte von einer Quinze-Partie mit dem Grafen Blome. An und für sich ist vielleicht nichts daran, aber es gibt Einblicke in den Charakter des Betreffenden, die keineswegs denselben als schön und edel erscheinen lassen. – Haben Sie das Porträt gelesen, welches Bismarck von Graf Thun, seinem einstigen Kollegen beim Bundestag in Frankfurt gemacht hat? Rücksichtslos über alle Maßen. Solche Porträts werde ich nicht schreiben. Apropos von Schreiben bin ich eben daran, meine Eindrücke während des Krieges (im Jahre 1870) zu notieren, besser gesagt, meine Erlebnisse. Ich glaube nicht, daß ich sie Ihnen zu lesen geben werde. Sie sind wohl sehr objektiv – allein doch nicht objektiv genug, um gewisse Dinge zu hören ... ich bin es nicht und würde es einem Freunde sehr verargen, wenn mir derselbe etwas vorlesen wollte, worin er Kritik über Österreich übt. Sie sollen mir nichts verargen, und nachdem Sie wissen, daß ich diese bescheidenen Aufzeichnungen für mich und für den engsten Freundeskreis aufbewahre, so können Sie mir auch nicht böse sein, wenn ich mich frei äußere. Eigentlich hätte ich es gar nicht nötig gehabt, Ihnen zu erzählen, daß ich jetzt diese Aufzeichnungen gemacht habe, allein ich finde, es wäre ein Verrat an Ihnen gewesen, es Ihnen zu verheimlichen, und so wissen Sie es und machen nichts dergleichen. Mein Freund Nat ist in Cowes bei den Regatten und wird sich demnächst mit einigen Freunden auf der »Veglia« nach Petersburg begeben! – Diese Idee wäre mir nie gekommen! – Den Sommer will ich in Gottes freier Natur, nicht aber in Städten verbringen. Den 30. bis 31. gehe ich nach Bajna, wo Sie mich hoffentlich mit Ihrem Besuche wieder erfreuen und diesmal einen Kapitalhirsch schießen werden! Zum Schlusse soll ich Ihnen alles Schöne von Oettingens ausrichten und gleichfalls von Clementine, welche, wie Sie wissen, zu Ihren großen Freundinnen zählt. Tausend herzliche Grüße von Ihrer treuen Freundin (gez.) P. Metternich. An Fürstin Pauline Metternich. Wien, 12. August 1898. Verehrte liebe Fürstin, Ihr Brief ist ein Strom von Freundlichkeit, der sich auf den eben erst wieder genesenen Freund erfrischend und belebend ergießt! Ich will Ihnen auch sagen, weshalb er mich so ganz besonders freudig stimmte: Ich bin kränker gewesen, als ich es sagen mochte. Nicht nur habe ich körperlich schwer gelitten, sondern mehr noch moralisch durch viel Sorgen und Verdruß.... Nach eisigkalter Nordfahrt traf uns in Bergen die Nachricht vom Tode Bismarcks – und wir eilten in grausiger Schnellfahrt nach Kiel und Friedrichsruh an den Sarg des merkwürdigen Mannes - vor dessen Tod ich verstumme. Aber einer guten Freundin, die selbst ehrlich schrieb (und mir in aller Ruhe die Aufzeichnungen von 1870 geben kann), will auch ich ehrlich sagen, daß mir der Tod des großen Mannes keinen Schmerz verursachen konnte. Ich habe um seinetwillen viel Leid erfahren. Darum schweigt das persönliche Herz. Aber ich wäre kein Deutscher, wenn ich nicht stolz auf das wäre, was er leistete. Ihn gekannt zu haben, bleibt mir daher eine große Erinnerung. Wenn ich im September irgend Zeit habe, komme ich natürlich zu Ihnen in Ihr herrliches Bajna. Vielleicht glückt es uns dann doch noch einige »arme Leut'« – penje lenje – zu begegnen, die nichts von uns verlangen als einen Hammel und einen Gulden .... Notiz zu vorstehendem Brief. Ich hatte bei meinem letzten Besuch bei der Fürstin auf ihrem Schloß Bajna verschiedene Ausflüge mit ihr auf ihre Güter gemacht und öfters auf meine Frage, ob sich wohl in ihren Wäldern oder auf ihrem Besitz noch bisweilen Räuber zeigten, die sehr ausweichende Antwort erhalten, »daß das Märchen seien«. Eines Tages fuhren wir nach einem am Walde gelegenen Vorwerk, wo uns der Inspektor, ein braver alter Ungar in herrlichem Ungarisch-deutsch die Honneurs machte, während wir Kaffee tranken. Ich tat wieder die Frage nach Räubern. »Reiber!« rief der brave Alte lachend aus, »sind keine Reiber, – sind penje lenje – arme Leute.« »Inwiefern arme Leute?« – kommen solche armen Leute öfters her?« fragte ich in gleichgültigem Ton. »Vor paar Monate letztes Mal. Saßen dort, unter Brücke.« »Unter der Brücke? – weshalb unter der Brücke?« fragte ich einigermaßen erstaunt. »Waren drei mit Flinten«, fuhr der unverbesserliche Ausplauderer fort, »kam einer dann sehr bitten, wollte einen Hammel haben – waren hungrig, sehr hungrig.« »Und Sie gaben ihm den Hammel?« – »Natürlich gab ich Hammel. Waren so dankbar – haben mich immer von Brücke gegrüßt. Sind arme Leite, sehr arme Leite«, fügte er mit einem kummervollen Gesicht hinzu. Die Fürstin saß wie auf Kohlen und trank schnell ihren Kaffee aus. »Sehen Sie«, sagte sie mir französisch, als wir auf dem leichten Pirschwagen mit vier ungarischen »Juckern« bespannt und von einem Kutscher im Nationalkostüm mit fliegenden weißen Hemdärmeln über alle tiefen Löcher des Weges dahinflogen, »so sind diese Alten! Aber er ist ein braver Mann mit Familie, der auch wohl ehrlich ist. Ich kann ihn doch wohl wegen eines Hammels nicht fortjagen! Diese penje lenje sind Deserteure, die sich ihr Essen suchen. Das kommt wohl vor – hat aber kaum etwas zu bedeuten.« Ich setzte diese Konversation nicht fort. Die Fürstin Metternich fühlte sich als Gräfin Sandor in ihrem Nationalstolz ein wenig verletzt. Wir fuhren nun auch bald wieder durch das Tor in den Schloßpark von Bajna, wo sich sicherlich keine penje lenje aufhielten. Wiener Karneval Wien, Januar 1898. Karneval ist überall der gleiche: dieselben zerstreuten Mienen, dieselben Toiletten, dasselbe Geschwatze und Geschwitze. Der Luxus ist international. Die gesellschaftlichen Formen sind es auch. Will man ein Charakteristikum herausziehen aus dieser sich so absolut gleichenden Gesellschaft der großen Städte, so würde man die Wiener »Hof-Gesellschaft« etwa »vornehm – aber entsprechend mittelmäßig« nennen können. Eine vornehme Gesellschaft wie die hiesige, wo die großen Herren es chic finden, halb nonchalant, halb töricht zu erscheinen, vielleicht, um durch einen (vorher präparierten) plötzlichen Geistesblitz denjenigen zu verblüffen, von dem sie annehmen können, daß er sie durchschaut haben könnte, ist sonderbar. Wird es einmal chic werden, etwas gelernt zu haben? Das erleben wir sicherlich nicht. Diese vornehme Nonchalance hat jedoch etwas Gemütliches und ist nicht mühsam. Ich erfrische mich nach solchem Verkehr an Freund Berger, an Graf Wilczek, Fürstin Pauline Metternich, Frau Malwine von Dutschka, an der urwüchsigen Klugheit der alten Fürstin Gabi Hatzfeldt – und Gott sei Dank bietet mir mein eigenes Heim vorläufig noch das sicherste Refugium vor Verflachung.... Ball bei mir. Die Saison begann am 6. Januar 1898 mit einem Ball bei mir. Man fand ihn »glänzend, elegant und animiert«. Ich fand ihn »lustig«, weil meine älteste Tochter Adine – nun ballfähig geworden – ihn eröffnete und sich göttlich amüsierte. Die Geschwister saßen oben in der Loge des Saales und folgten mit kritischen Blicken der Schwester, deren Aussehen, Haltung und Wesen jedoch der schärfsten Kritik widerstand und der gesamten Wiener Welt einen vortrefflichen Eindruck machte. Alles kam, »mir zu meiner Tochter zu gratulieren« – (als ob der erste Ball das Leben bedeute!!) – und ich wurde damit offiziell in das Register der »alten Papas« geschoben. Aus diesem Grunde ließ ich mich nicht erweichen, länger als bis 1 Uhr tanzen zu lassen, denn ich gebe vier Bälle und sehe nicht ein, wozu ich bis um 5 oder 6 Uhr als nächtliche Jammergestalt über das Parkett schleichen soll? Die Erzherzöge Rainer und Ludwig Victor Vetter und Bruder Kaiser Franz Josephs. kamen. Die vier neu auftauchenden Erzherzoginnen sollten erst auf dem Hofball ihren Einzug in die »Welt« halten. Vortänzer sind auch bei mir die netten jungen Leibgardisten, Graf Ceschi a Santa Croce und Graf Meran. Beide machen ihre Arbeit recht flott und geschickt. Meine, zum Besuch bei mir weilende Mutter schrieb in ihr Tagebuch: 6. Januar 1898. Die obere Festwohnung wird mit Blumen dekoriert. An 400 Einladungen sind ergangen für 4 Donnerstage. Wer kommt, ist ungewiß. Ich gehe abends um 9 Uhr hinauf, die Säle zu sehen. Die Attachés sind schon im Tanzsaal und die zwei Vortänzer. Adine sieht niedlich aus, weiß, mit Rosen vorgesteckt; Brillantenhalsband. Der Büffettisch ist mit Rosen dekoriert, alles sehr festlich. Dann gehe ich mit Fräulein von Prittwitz und den Kindern hinauf in die Loge. Es kommen viele Gäste und es wird sehr eifrig getanzt. Unzählige Herren. Um 11 Uhr gehe ich herunter mit Karl und Tora und Mademoiselle. Am Schluß des Balles um 2 Uhr kommt Filly noch zu mir. Hofball. 11. Januar 1898. Es sieht in Wien stets bunt und lustig aus. Heute aber soll ein Posten in Schönbrunn in der Nacht auf die weiße Frau (!!) – geschossen und der von ihm gerufene Offizier nach ihr mit dem Säbel gestochen haben. Mehr kann man wirklich nicht verlangen! Die Stadt Wien erzählt es sich, und die tanzende Jugend zittert im Gedanken an die deshalb drohende Hoftrauer. (Ich wußte bisher nicht, daß auch hier diese weiße Dame bisweilen spazierengeht.) Es zitterten bei diesem Ereignis auch fünf Erzherzoginnen, die gestern zum erstenmal auf dem Hofball tanzten: zwei Töchter Karl Ludwigs, zwei Toskanas, davon eine Tochter Immaculata (Schwester des verschollenen Orth), eine Tochter Friedrichs, dazu eine kleine Cumberland. Keine besonders hübsch, aber alle frisch und appetitlich. Manche schöne Frau war zu sehen – weniger hübsche Mädchen und der Durchschnitt der Offiziere ist mangelhaft. Die Garde in Berlin sieht ganz anders aus Österreich besitzt kein Armeekorps Garde in Wien. Überhaupt keine Garde. Die Armeekorps wechseln ihre Garnison nach einigen Jahren, so daß auch die Wiener Garnison nicht durch eine äußerlich glänzende Truppe wie in Berlin ausgezeichnet ist. . Die hiesigen Offiziere tanzen »mittelmäßig«, denn die Haltung ist etwas zu »leicht«. Der Kaiser machte mir eine abfällige Bemerkung darüber. Er sagte, daß man zu seiner Zeit besser getanzt habe. Ich bemerkte dazu, daß in Berlin der Kaiser schlecht tanzende Offiziere nach Hause schicke, was Kaiser Franz Joseph sehr praktisch fand. Er machte eine Bemerkung, aus der hervorging, daß nach solchen Prinzipien der Ball hier hätte abgebrochen werden müssen. Ich hatte eine ganz konfuse Quadrille mit der Kronprinz- Rudolf-Witwe Stephanie zu tanzen, vis-à-vis der Herzogin von Cumberland. Es ist sehr angenehm, daß durch die Vorstellung des Herzogs von Cumberland an Kaiser Wilhelm bei dem Begräbnis Erzherzogs Albrechts 1895 das Eis gebrochen und nun, nach 32 Jahren, ein Modus vivendi geschaffen wurde. Man braucht sich um das Haus Hannover nicht mehr herumzudrücken. Ich erfülle die »Gesellschaftspflichten« gegenüber diesen Herrschaften, – ohne intim zu werden. Zu essen gab es nichts. Zu trinken nur jene berühmte Bouillon der Kaiserin Maria Theresia – und Tee, den man mühevoll in einem weit abgelegenen Salon erhält. Ich muß gestehen, daß mir die Genügsamkeit der hiesigen jungen Herren wirklich imponiert. Sie verlangen nichts als »einen Tee« und »eine Limonad'« Bei den Engländern. Der englische Botschafter gab als nächster einen Ball in den zu engen Räumen des Botschafterpalais, und man stieß sich erhitzt herum. Bei dem Souper gab es Konfusionen. Der baumlange Sekretär, Mr. Findlay Später englischer Gesandter in Norwegen, der bei der Verhaftung des Irenführers Sir R. Casement eine bedeutsame Rolle spielte. , fragte mich: »Weshalb haben Sie sich hergesetzt?« »Weil Sie mir gesagt haben, daß ich mich rechts von der Erzherzogin Otto setzen soll.« »Wo sitzt die Erzherzogin Otto?« fragte er weiter. »Links von mir.« »Ooh!!« rief er. Die Herzogin mußte laut lachen. Ball am Hof. Es folgte der »Ball am Hof«, die zweite der einzigen großen Festlichkeiten, welche alljährlich in der Burg veranstaltet werden. Dabei ist die Gesellschaft kleiner und die Damen zeigen ihre größte Eleganz. Man soupiert an kleinen Tischen. Meine Tochter Adine amüsierte sich herrlich. Der Kaiser machte Cercle und hatte lange Unterhaltungen mit mir über Kreta, die Dreyfuß-Sache und anderes mehr. Erzherzog Otto fehlte, da er krank an Influenza war. Die Erzherzöge Rainer, Eugen und Sohn Toskana waren anwesend. Schon um 12 Uhr wurde der Ball abgeblasen. Ball bei mir. Zu dem zweiten Ball bei mir am 20. Januar 1898 fanden sich von hohen Herrschaften Kronprinzessin Stephanie, Erzherzog Ludwig Victor, Großherzogin von Toskana mit Tochter und zwei Söhnen, der Herzog und die Herzogin von Cumberland mit Tochter ein. Das Fest begann um 9 Uhr und schloß um 2 Uhr, etwa 300 Personen, 80 Paare. Die Anwesenheit der Cumberlands bei mir auf der deutschen Botschaft war das Ereignis des Tages. Daß ich in dieser Hinsicht den Ton von gesellschaftlicher »Schieberei« beseitigen konnte, war wohl gut. Aber ich muß mich sehr scharf auf der Grenze halten, um nicht unrealisierbare Hoffnungen zu erwecken. Sie waren sehr höflich und freundlich, gingen aber vor dem Souper fort, – ich vermute aus Angst, nicht als »Majestäten« bei dem Souper placiert zu werden. Denn diesen Rang gibt man ihnen am hiesigen Hofe durchaus. Die Tochter ist sehr hübsch und scheint ein allerliebstes Mädchen zu sein. Kronprinzessin Stephanie, die in den Räumen der Botschaft zuletzt den Kronprinzen Rudolf gesehen hat, tanzte wie ein Wasserfall von Anfang bis zu Ende und jagte den tobenden Schlußgalopp mit Graf Larisch derartig im Saal herum, daß ich mich energisch weigerte, sie vor einer halben Stunde Abkühlung herauszulassen. Eine merkwürdige Frau! Sie gab uns bald darauf einen charmanten musikalischen Abend in dem Salon, in dem der Kronprinz seinerzeit aufgebahrt wurde. Als Wirtin ist sie sehr liebenswürdig; versteht es auch gut, die Künstler freundlich zu stimmen. Mr. Ben Davis, ein bekannter englischer Sänger, sang auffallend gut. Sie setzte ihn und die hübsche Sängerin Frau Forster mit mir an ihren Tisch zum Souper. Als Obersthofmeister hat sie jetzt Graf Koloniewski, einen recht liebenswürdigen Galizier mit einer Riesenfrau, die wie ein eingeheizter roter Kachelofen aussieht. Ordensschmerzen. Graf Casimir Leyden (der stets unglücklich verliebte), einzige Bruder meiner verehrten Freundin Lady Charlotte Blennerhasset, ist ein recht kluger Mensch, wenn auch nicht auf der Höhe seiner Schwester – (was allerdings keine Herabminderung seiner tüchtigen Fähigkeiten bedeutet, da ich nicht viele Männer kenne, die bezüglich Verstand und Kenntnissen sich mit Lady Charlotte hätten messen können). Casimir, der ein liebenswürdiger, guter Mensch ist, war unlängst deutscher Gesandter in Bukarest geworden. Seine alte, einst berühmt schöne Mutter (geb. von Weling), wollte die Freude haben, ihren über alles geliebten Casimir als Chef der Mission in seiner Amtstätigkeit zu sehen, und rastete nun, auf dem weiten Wege von München nach Bukarest, bei uns in Wien mit Tochter Charlotte und ihrem Casimir. Nun wollte der Zufall, daß gerade während der kurzen Anwesenheit der Familie Leyden bei uns ein sehr großer Rout stattfand, bei dem, wie bei allen solchen Veranstaltungen, »ganz Wien« sich einfand. Ich machte dem guten Casimir, der bei mir wohnte, selbstverständlich den Vorschlag, sich die Wiener Gesellschaft anzusehen, worauf er jedoch nur zögernd einging, – obgleich ihn die Begegnung mit allen »Größen« Wiens interessieren mußte. »Ich habe«, sagte er mir, »während meiner Urlaubsreise keine Orden mitgenommen, und ohne Orden...« Aber ich schlug seine Bedenken mit den Worten nieder: »Das tut nichts zur Sache. Suchen Sie sich aus meinem Ordenskasten irgendein Großkreuz heraus, da Sie als Gesandter doch wohl ein solches besitzen, ist der kleine ›Irrtum‹ zu entschuldigen.« Casimir lachte und suchte sich abends aus meinem großen Kasten einen Stern heraus. Es war der Stern »Heinrich des Löwen« aus Braunschweig, dessen himmelblaue Emaille ihn bestochen hatte. Jedoch richtete er an meinen Leibjäger nicht die Frage, welchen Landes der Orden sei. Casimir unterhielt sich vortrefflich auf dem Rout – und mein guter Vetter und Freund, Graf Eberhard Dohna, der zu derselben Zeit wie Familie Leyden unser Hausgast war, gleichfalls. Dieser hatte sich – selbst ziemlich fremd in Wien – viel mit Casimir beschäftigt und sagte mir nach der Abreise der Familie Leyden: »Ich finde Casimir recht angenehm, aber ich hätte ihn nicht für so albern gehalten, mir weiszumachen, daß er so viel Orden besitze, daß er nicht einmal wisse, welchen Ordensstern er trage!« »Halt!« - rief ich lachend aus, »Casimir hat nur gesagt: er wisse nicht, welchen Orden er angesteckt habe. Mehr hat er nicht gesagt.« »Nun«, gab Eberhard zu, »das mag sein. Aber man kann doch nur behaupten, daß man nicht wisse, welchen Orden man trage, wenn man geradezu zahllose Orden besitzt.« »Wie kommst du überhaupt auf Casimirs Orden?« fragte ich Eberhard. »Ich stand bei Leyden, und da mir sein merkwürdiger blauer Ordensstern aufgefallen war, den ich niemals früher gesehen hatte, so fragte ich ihn danach. Er guckte herunter, faßte den Stern an und sagte dann: »Der Orden? Ach ja, der Orden. Ich weiß wirklich nicht, welcher Orden es ist.« Dann sprach er von anderen Dingen und tat so, als ob es ihm völlig gleichgültig sei. Ich muß gestehen, es ist doch nicht gerade gleichgültig, ob man ein Großkreuz hat oder nicht Mein guter Eberhard »hielt auf Orden« und befand sich in der »glücklichen« Lage, ein italienisches Großkreuz mit schönem rot-weißem Bande zu besitzen das ich ihm durch Vermittlung meines verehrten Kollegen des Grafen Nigra besorgt hatte. Das aber ging auf sehr natürlichem Wege vor sich. Eberhard als Erbe seines Großvaters, des Gesandten Graf Waldburg am Hofe zu Turin, der der intime Freund König Carlo Albertos war, besaß das Original-Tagebuch dieses Königs. Ich erzählte es Nigra, der mich dringend bat, das Tagebuch für König Umberto zu gewinnen. Eberhard ging darauf ein, – und das Großkreuz flog ihm an seine glückliche Brust. . Ich muß wirklich sagen, daß ich diese Geschichte mindestens »albern finde«. Nun aber war es mit meiner Zurückhaltung zu Ende. Ich klärte Eberhard auf, und wir lachten beide über Heinrichs des Löwen blauen Emaille-Stern. Aber ich mußte auch über die Verlegenheit des guten Casimir lachen, der Eberhard nur ganz oberflächlich kannte und dem einzugestehen, daß er sich mit einem fremden Orden schmücke, peinlich gewesen war. Mir würde es nicht peinlich gewesen sein, einen kleinen Ordensbetrug einzugestehen, da ich bezüglich der Orden sehr »freie« Ansichten habe. Ich erinnere mich nur einmal, bezüglich eines Ordens, einen Wunsch ausgesprochen zu haben. Das war, als ich an einem preußischen Halsorden »krankte«. Ich gebrauche dieses Wort, weil mit dem ewigen Anlegen eines Halsordens derartige Unbequemlichkeiten verbunden sind, daß ich geradezu wütend über den Zeitverlust durch derartige Lächerlichkeiten wurde. Als daher einst der allmächtige Kabinettsrat Herr von Lucanus meiner eiligen Toilette unterwegs in der Bahn mit dem Kaiser anwohnte, und immer wieder das Band rutschte, und immer wieder die Sache schief wurde, sagte ich ihm verzweifelt, er möge mir bald die höhere Klasse dieses roten Vogels besorgen, denn ich würde noch verrückt werden, wenn ich mit diesen Bändern am Halse weiter zu tun hätte! Er lachte sehr über meine Wut und muß wohl dem Kaiser etwas gesagt haben, was diesen amüsiert hatte, denn ich erhielt bei irgendeiner nächsten Gelegenheit die »höhere« Klasse, was mich nun andererseits wieder verstimmte, denn bei meiner Abneigung gegen derartige »Auszeichnungen« war es mir unangenehm, infolge meines »Wutanfalles« selbst ein Wort für einen Orden gesprochen zu haben! Meine Verachtung für diese menschliche Eitelkeit war infolge von Erfahrungen eingetreten, die ich auf dem Ordensgebiete gemacht hatte. Hier einige Beispiele: Ich traf einst den Zeremonienmeister Herrn von R.... in Berlin Unter den Linden, der wie eine schiefe Bohnenstange vor mir auftauchte. »Sie sehen leidend aus«, sagte ich, »waren Sie ernstlich krank?« – »Haben Sie nichts davon gehört?« lautete die Gegenfrage, »die Geschichte mit dem Braunschweigischen Orden hat mich ganz entsetzlich mitgenommen!« – Da er anzunehmen schien, daß jedermann diese Ordensgeschichte kenne, fragte ich nicht weiter, erkundigte mich aber an anderer Stelle: Der unglückliche Mann hatte die dritte Klasse dieses Ordens erhalten und nicht die zweite. Auch waren seine starken Bemühungen, diese zweite Klasse eingetauscht zu erhalten, gescheitert. Das gab ihm den Rest – er lag einige Wochen krank. Der zweite Fall war vielleicht noch eindrucksvoller. Ich ritt im Feldzug 1870 als Leutnant einsam im Norden von Paris, um einen Befehl zu überbringen, und holte einen Rittmeister der Landwehr, Herrn von P ... ein, der den gleichen Weg ritt wie ich. Nach stundenlangen, sehr langweiligen Gesprächen begann er von Orden zu sprechen. »Der vornehmste Orden, den ich kenne«, sagte er, »ist der Malteser-Orden, ich hoffe ihn zu erwerben.« »Sind Sie nicht Protestant?« fragte ich, da nur Katholiken den Malteser-Orden erhalten dürfen. »Allerdings«, antwortete er völlig ruhig, und setzte, wie selbstverständlich hinzu: »Ich bin Protestant, aber ich habe natürlich die Absicht überzutreten.« Der dritte Fall war ein Kuriosum in anderer Beziehung. Ein Herr von X., das älteste Mitglied des österreichischen Landtages, 92 Jahre alt, ließ sich bei mir in der Botschaft melden. Er war allerdings noch merkwürdig rüstig, aber sein Anliegen setzte mich in Erstaunen: er hatte gelegentlich der Ordenregulierung einst den Kronen-Orden 3. Klasse erhalten; sein höchster Wunsch sei die 2. Klasse dieses Ordens. Ob ich ihm diese wohl verschaffen könne? Ich fragte ihn natürlich nicht, ob er diesen Halsorden im Himmel tragen wolle, sondern sagte, daß ich mir Mühe geben wolle, ihm diese Auszeichnung zu verschaffen. Als er freundlich grinsend hinaushumpelte, erfaßte mich ein Gefühl des Entsetzens: 92 Jahre lang Ordensschmerzen! – welcher Dornenweg! Friedensorden betrachte ich als Unfug. Nur der Krieg und die persönliche Tapferkeit im Feuer darf ein Wahrzeichen erhalten. Bei den Spaniern Die spanische Botschaft ist noch unendlich viel enger als die englische. Darum konnten die liebenswürdigen Marquis' Hoyos, die nun leider dem neuen Regime in Madrid zum Opfer fallen, nur einen Rout mit Musik geben. Es war haarsträubend heiß, und eine Sängerin schrie wie am Spieß. Aber für Jeden fanden die liebenswürdigen Leute ein freundliches Wort. Der Marquis hat eine merkwürdige Art, mit großer Geschwindigkeit französisch zu sprechen, ohne diese Sprache zu beherrschen, und hat sich daher durch allerhand lustige Entgleisungen in der Wiener Gesellschaft beliebt gemacht. Ich fragte ihn einst, ob seine Familie in Spanien, so wie seine Vettern in Österreich, großen Grundbesitz hätte? » Ah non «, antwortete er mir schnell, » car en Espagne les femelles héritent aussi «. (Er wollte sagen, daß in Spanien auch die Frauen bei der Erbschaft von Grundbesitz des Adels beteiligt sind.) Auf dem Eise ließ er sich der Fürstin Montenuovo, die Schlittschuh lief, vorstellen, obgleich er ihr bereits vorgestellt war. Die liebenswürdige Frau sagte ihm, daß sie bereits die Freude gehabt habe, ihn kennenzulernen. » Ah pardon, Madame «, rief er aus, » je vous avais seulement vue en grande costume de la nuit .« Das war (wie ich hoffe) die Ball-Toilette gewesen. Zum Souper sollte ich eine junge Erzherzogin führen – eine Immaculata –; der türkische Botschafter war in derselben Lage bezüglich einer Annunciata, der er jedoch noch nicht vorgestellt war. Ich sagte ihm, er solle sich dicht hinter mir halten, und wir würden uns dann durch das Gedränge der Gesellschaft bis in die Nähe der hohen Dame quetschen, wo ich die Vorstellung über nehmen könne. Nach einer Viertelstunde waren wir dicht bei den Erzherzoginnen angelangt. Ich machte eine Verbeugung und sagte zu der Erzherzogin Annunciata: »Permettez – moi, Madame, de vous présenter l'Ambassadeur de la Turquie« , – mit einer Handbewegung halb hinter mich weisend, da ich Nedim-Bei dort wähnte. Plötzlich aber stand der dicke Nuntius Taliani neben mir, der mit einer abwehrenden Handbewegung rief: »Pas ça! pas ça"« Ich hatte in dem entsetzlichen Gedränge den Türken verloren. Nun gab ich das Gefecht auf und führte die arme Erzherzogin, die mit ihren frommsten Empfindungen und dem Herausplatzen kämpfte, schnell davon. Wir setzten uns an einen kleinen Tisch, und es erschien dazu die riesengroße Herzogin von Beaufort, geb. Princesse de Ligne . Freundlich lächelnd ließ sie sich auf ein goldenes Rohrstühlchen nieder, das sofort unter ihrem so bedeutenden Körpergewicht in tausend kleine goldene Stückchen zerbrach. Es erdröhnte der Saal. Sie blieb lächelnd am Boden sitzen, denn sie wußte, daß sie ohne Hilfe nicht aufstehen konnte. Vier Lakaien unter Führung des vor Verlegenheit spanisch sprechenden Hausherrn, Don Isidor Hoyos, griffen ihr unter die ungeheuren Arme und setzten sie blaurot auf einen Fauteuil. Diese Herzogin gab am nächsten Abend einen sehr schönen Ball. Der Herzog (der Franzose, Belgier und Österreicher zugleich ist) hat ein Palais und lebt den Winter hier, weil ihm die anderen Vaterlande zu demokratisch sind. Er ist Antisemit und glaubt deshalb auch an die Schuld des unglücklichen Dreyfuß. Seine Tochter ist ein nettes, aber wenig hübsches Mädchen. Im vorigen Jahre hatte sie auf dem Ball der Eltern niemand zum Kotillon engagiert. Das ist leider für den Genre der hiesigen jungen Herren sehr bezeichnend. Nonchalance! Diners Die Diners bei den Erzherzögen Ludwig Victor und Otto nehmen auch einen Platz in der Gesellschaft ein. Ludwig Victor zerfließt in Liebenswürdigkeit für meine Frau und mich. Ich weiß wahrhaftig nicht, wodurch wir diese Aufmerksamkeiten hervorgerufen haben, – ich weiß auch nicht, wie lange sie dauern werden. Denn er ist wie eine alte nervöse Dame, die plötzlich schnappt, nachdem sie lange freundlich gelächelt hat. Erzherzog Otto gibt sich entschieden Mühe, die Last seiner hohen Stellung würdig und freundlich zu tragen. Bei dem Diner von 40 Personen, das er heute gab, war er wirklich sehr liebenswürdig. Die gute Erzherzogin (Tochter des Königs Georg von Sachsen) ist über jedes Lob erhaben und würde als Kaiserin das Glück des Landes machen. Fürstin Pauline Metternich hat ihr neues, kleines Palais bezogen und gibt gemütliche Diners. Vor einigen Tagen hatten wir das »Einweihungsdiner«: Berger. Wilczek, Rothschild und Maler Felix. Sie war klassisch amüsant – etwas scharf im Urteil über die hiesige Gesellschaft, was diese ihr gelegentlich wiedergibt. Alles war entzückt von dem Prinzen Heinrich von Preußen, der liebenswürdig war, so gut aussieht und sich anerkennenswerte Mühe beim Cercle gab. Das fiel allerdings sehr auf gegenüber den jungen Erzherzögen, die nebeneinander stehen und, als einzige Betätigung ihres Zusammenhanges mit der Hofgesellschaft, befreundeten Damen Gesichter schneiden – (was natürlich auch andere Sterbliche bemerken müssen). Fürstin Pauline Metternich ist so wütend über diesen Mangel an Formen und Erziehung, daß sie mir mit einer Art Wutgeschrei sagte: »Kaiser Wilhelm und ich, wir sollten einmal die Höfe in Ordnung bringen! In 8 Tagen wäre alles geschehen – und ich versichere Sie, hier würde weder die Affäre Chotek Der Thronfolger Franz Ferdinand heiratete die Hofdame Gräfin Chotek. , noch die Heirat der Kronprinzessin Die Kronprinzessin-Witwe Stephanie heiratete den Grafen Lonvay. , noch das Gesichterschneiden der Erzherzöge auch nur eine Stunde andauern. Auch flögen 200 Beamte mit 10000 vertrockneten Pasteten, die man uns seit Jahren bei den Hofbällen die Unverschämtheit hat, zu servieren, zu den Fenstern der Burg heraus!« Ich habe der Fürstin gesagt, daß Kaiser Wilhelm gern mittäte, aber daß die Nonchalance und der Mangel an Pflichtgefühl der modernen Zeit eine Hydra sei, mit der selbst ein Herkules - (auch wenn er Pauline hieße), – heute schwer fertig werden könnte. Die Amerikaner Der hiesige amerikanische Gesandte heißt Mr. Tripp. Er hat eine blasse, kleine, alte Frau mit einem Diamanthalsband und eine blasse Stieftochter mit vielen Zähnen. Es sind brave Leute. Er spricht nicht eine Silbe französisch oder deutsch und ist der Schrecken Goluchowskis, welcher nicht englisch versteht und jeden Mittwoch handelspolitische Auseinandersetzungen von Mr. Tripp während des diplomatischen Empfanges anhören muß, die er mit Lächeln beantwortet, während Tripp nicht eine Miene verzieht. Nimmt der Tonfall Tripps den Charakter einer Frage an, so sagt Goluchowski sehr laut: »Bitte schriftlich«, was dann Tripp zu verstehen scheint. Die Familie Tripp sitzt bei allen diplomatischen Diners nur pagodenhaft am Tisch und ist deshalb nicht leicht zu plazieren. Nun hatte sie auch der belgische Gesandte, le Baron de Borchgrave, zu Tisch geladen. Er gibt vorzügliche Diners und erzählt nachher immer eine gewisse Anekdote von Äpfeln, über die auch stets wieder gelacht wird, obgleich sie gar nicht komisch ist. Als er aber, einige Tage vor dem Diner, tief in sein Placement versank, wurde ihm klar, daß es unmöglich sei, die Familie Tripp einzureihen. Überall stieß er an Nachbarn, welche seinem Diner fluchen würden, wenn sie sich neben der Familie Tripp langweilen müßten. Schließlich wurde ihm klar, daß nur eine Sache möglich sei: die Familie Tripp wieder auszuladen. Er nahm deshalb seinen Zylinderhut und fuhr zu den Amerikanern, die er schweigsam zusammensitzend fand. Mr. de Borchgrave war bezaubernd liebenswürdig – auf französisch, denn er spricht nicht englisch – er erzählte sogar die Geschichte »mit den Äpfeln« und bat dann in den schönsten Wendungen der französischen Sprache die Familie Tripp, ein anderes Mal zu kommen. »Durch ein unglückliches Zusammentreffen könne er ihr nur so unangenehme Nachbarn geben, daß er sich erlauben würde, sie demnächst einmal besser zu plazieren.« Die Familie, welche freundlich verständnisvoll zugehört hatte, sagte sehr gütig lächelnd: »Very well« und sogar »Merci« , begleitete Mr. de Borchgrave bis an die Treppe und soll nachher eine lange Beratung darüber abgehalten haben, was eigentlich der Gesandte gewollt habe? Soviel die Familie überhaupt verstanden hatte, schien es sich um Äpfel gehandelt zu haben. Dieses versicherte wenigstens die Tochter, die sich früher einmal mit der französischen Sprache beschäftigt hatte. Mr. de Borchgrave aber, stolz über seine diplomatische Gewandtheit, lud eilends noch drei Gäste ein, machte ein neues, sehr glückliches Placement, und der Abend des Diners nahte. Er stand in der Nähe des Eingangs. Einige Gäste waren erschienen, da öffnete sich die Tür und – freundlich lächelnd trat die Familie Tripp ein. Mr. de Borchgrave war zumute, als rühre ihn der Schlag. Der Tisch, ja der Saal war so eng besetzt, daß nicht daran zu denken war, die Familie zu setzen. Die Amerikaner aber, welche nicht die Worte des Wirtes verstanden, begriffen doch sehr wohl, daß ihm bei ihrem Anblick schlecht geworden sei. Es dämmerte ihnen auf, daß »p ommes « doch vielleicht etwas anderes als Äpfel bedeute, und während noch der erschütterte Wirt mit dem Sekretär nach der Möglichkeit rang, einen Katzentisch für die Tochter und zwei Sekretäre zu beschaffen, machte die Familie Tripp vor der Blässe und Erstarrung des Wirtes kurz kehrt und schritt sehr betrippst die Treppe hinunter, abweisende Gebärden gegen den Hausherrn machend, welcher oben die Hände rang, so betrippst, daß die ankommenden Gäste, denen die ernste Familie begegnete, den sehr berechtigten Eindruck hatten, daß oben etwas Fürchterliches oder der Familie Tripp selbst etwas Unsagbares passiert sei. Unten war aber der Wagen mit dem Diener und den Mänteln der Familie Tripp bereits fortgefahren. Erst nach längerem dekoltierten Aufenthalt in der Portierloge war es möglich, Wagen und Mäntel per Telephon herbeizuschaffen. Oben aber sah der Baron de Borchgrave bereits im Geist Antwerpen durch die Amerikaner besetzt und sein blutiges Haupt bei dem Festmahl der Eroberer durch Miß Tripp auf einer goldenen Schüssel der Mutter darreichen. Nach Verhandlungen, welche sich der Öffentlichkeit entzogen haben, soll die Sache durch Vermittlung eines befreundeten Dolmetschers aufgeklärt worden sein, und man spricht nun von einem Diner bei Mr. de Borchgrave, wo rechts von ihm Mrs. Tripp, links Miß Tripp und ihm gegenüber Mr. Tripp gesessen haben. Botschafter Graf Nigra Als ich 1894 meinen Posten in Wien antrat, fand ich als ältesten Kollegen – sowohl an Jahren als an Dauer der Vertretung seines italienischen Vaterlandes in Wien – den Grafen Constantin Nigra. Er war 1827 in Villa Castelnova bei Turin geboren und Botschafter in Wien seit dem Jahr 1885. Wir waren uns von unserem ersten Begegnen an gegenseitig sympathisch, und ich meine, daß es der künstlerische Zug unseres Wesens war, der darin anklang. Politisch war Nigra eine viel zu markante, erfahrungsreiche, ja, berühmte Persönlichkeit, um mich, der dem Alter nach sein Sohn hätte sein können, für vollwertig ansehen zu können. Wenn er dieses nach einer gewissen Zeit tat, so wird es wohl das Intuitive in meiner Natur gewesen sein, das ihn dazu bewog, mich »ernst« zu nehmen. Denn wie sollte ich mich jemals in bezug auf Erfahrung mit ihm messen können? Alles war glänzend, was er äußerte und arbeitete. Klug, abgeklärt, präzis – und doch der künstlerischen Freiheit nicht entbehrend. Sein politisches Schicksal war allerdings reich genug, um mit Erfahrung, Geist und Charakter einen »ganzen Mann« gestalten zu können. Schon 1848, als Student, hatte Nigra – einer Savoyer Familie entsprossen, und eng mit dem Königshause (damals sich »Sardinien« nennend) verbunden – gegen Österreich gefochten. Infolge der durch König Carlo Alberto seinem Lande gegebenen Verfassung (ein Beispiel, das der Kirchenstaat und Toskana nachahmten), war in den österreichischen Kronländern Norditaliens eine Revolution ausgebrochen, die 1849 die österreichische Armee unter Feldmarschall Radetzky in der Schlacht bei Custozza niederwarf. König Carlo Alberto, der das gesamte Italien »befreien« wollte, wurde gezwungen, abzudanken, und sein Sohn Victor Emanuel trat an seine Stelle. Unmittelbar nach Beendigung dieser Krisen, d. h. seit Beginn der fünfziger Jahre, war bereits Nigra in Beziehungen zu seinem berühmten Landsmann aus Savoyen, dem Grafen Cavour, getreten. Zunächst hatte sich Nigra als junger Mann journalistisch und auch belletristisch betätigt, und es waren besonders die Volkslieder seines engeren Vaterlandes, die ihn anzogen. Damals schon begann er sie zu sammeln und zu erklären, bis sie in seinem Alter, und während der Ruhe seines Wiener Aufenthaltes in jenem, für sein Vaterland bedeutsamen Werk »Canti popolari del Piemonte« ihre Kodifizierung erhielten. Es rührte mich, wie er mir mit jener Wärme, die der Künstler nach Vollendung eines großen Werkes für dieses Kind empfindet, diese Lebensarbeit überreichte. Ich fühlte mich bewegt, denn ich bemerkte, daß er mein tiefes Verständnis für die Tatsache empfand, daß er dieses Werk höher einschätzte, als alles, was er politisch geleistet hatte. Und das war wahrlich viel! Hatte er wohl unrecht? – Das werden spätere Generationen zu beurteilen haben, denn wenn auch Nigras Name in der Zeitgeschichte der Aufrichtung des Königreichs Italien stets genannt werden wird, so dürfte er doch immer erdrückt durch die Namen Victor Emanuel und Cavour erscheinen, und vielleicht gar durch den Namen des Abenteurers Garibaldi. Ich meine darum, daß seine »Canti popolari del Piemonte« seinen Namen fester halten werden in der Kulturgeschichte seines Vaterlandes, als seine politischen Berichte aus der Zeit seiner politischen Tätigkeit es vermögen. Cavour aber hatte bald die außergewöhnlichen Fähigkeiten Nigras erkannt, die sich bei den Verhandlungen, die zu dem Friedensschluß in Paris 1856 (nach der Liquidierung des Krimkrieges) führten, besonders glänzend bewährten. Seitdem blieb er Cavours »rechte Hand«, und nahm an der Einigung Italiens, die infolge des Krieges Napoleons und Victor Emanuels gegen Österreich 1859 nach der Schlacht bei Solferino und dem Frieden von Zürich erfolgte, politisch tätigsten Anteil. Österreich verlor damals die Lombardei, die mit den Monarchien von Neapel, Toskana, Parma und Modena in dem geeinigten italienischen Königreiche aufging. Ich wiederholte hier allbekannte Dinge, doch nur, um meines verehrten Freundes Nigra Wirksamkeit zu beleuchten, die mit dem gewaltigen Erfolge der Politik Cavours untrennbar verschmolzen war. Daß aber Cavour nach dem Friedensschlusse 1860 seinen begabtesten Mitarbeiter als Gesandten nach Paris schickte, wo von dem großen »Helfer« Italiens, Napoleon III., die europäische Politik gemacht wurde, ist begreiflich. Es war auch natürlich, daß Napoleon nach seinen Erfolgen in Italien Nigra in sehr bemerkenswerter Weise auszeichnete, wie es auch nicht wieder verwunderlich war, daß Kaiserin Eugenie an der geistvollen Unterhaltung des interessanten Italieners ganz besonderen Gefallen fand, der, groß, schlank und blond, mit seinen brennenden Augen den Menschen in die Seele sah. Langobardenblut von den Savoyer Bergen, das in Italien für die schönste Rasse gilt. Die Jahre 1860 – 1876, die Nigra in Paris verlebte, zählen zu den interessantesten seines reichen Lebens, und so führte uns oft unsere Unterhaltung an den Seinestrand. Eines Tages erzählte ich Nigra ein Abenteuer aus Paris während des Krieges 1870: Ich war während der Kämpfe der Versailler Truppen mit der Kommune im Frühling 1871 – sehr leichtsinniger Weise! – in Zivilkleidung von unsern Vorposten aus in die brennende Stadt während der Bürgerkämpfe geschlichen. Diese Erzählung veranlaßte Nigra, mir seine Erlebnisse bei dem Zusammenbruch des Kaiserreiches nach der Kapitulation von Sedan mitzuteilen. In der fürchterlichen Kopflosigkeit, die nach dieser Katastrophe in Paris eintrat erfolgte die Proklamation der Republik. Merkwürdigerweise aber hatte dabei niemand an die Kaiserin Eugenie gedacht, die sich in den Tuilerien befand. Dort nun hatte man völlig den Kopf verloren – alles war auf und davon in der Angst, von dem erregten Volke massakriert zu werden. Nigra erzählte: »Mir kam plötzlich der Gedanke: was wird aus der Kaiserin? Die unglückliche Frau wird nicht wissen, was sie nach dem Verlust des Thrones, der Gefangenschaft des Kaisers und bei der drohenden Gefahr seitens der aufgebrachten Bevölkerung für ihre Sicherheit tun soll. Ich nahm einen Fiaker, fuhr sofort nach den Tuilerien, und zwar zu einem Seiteneingang, durch den man zu den Gemächern der Kaiserin gelangen konnte. In dem Korridor angelangt, war alles wie ausgestorben. Dann sah ich ein weibliches Wesen, dem ich mich bemerkbar machte. Es war eine Kammerjungfer der Kaiserin, die mich erkannte. Ich sagte ihr, sie solle mich der Kaiserin melden, die mich auch sofort allein empfing. Sie trug ein einfaches Promenadenkleid und suchte kleine Sachen zusammen, die sie einpacken wollte. Ich sagte ihr, sie müsse sofort die Tuilerien verlassen, man könne nicht wissen, was sich von einem Augenblick zum andern ereignen werde. Die Kaiserin antwortete ziemlich ruhig und gefaßt. Ich sagte ihr, daß mein Fiaker unten bereit sei und sie nur zu befehlen habe, wohin sie fahren wolle. Ich gab ihr den Arm, als wir die Treppe hinabschritten. Der Kutscher erkannte sie nicht, da sie nicht nur sehr einfach gekleidet war, sondern auch einen dichten Schleier trug. Ihr war bei dem Gedanken an eine Flucht nach England nur ihr Zahnarzt Mr. Evans eingefallen. Ein ruhiger, anständiger Mann, der sie seit Jahren behandelte und ihr, wie sie meinte, sehr ergeben sei. In seiner Wohnung könne sie sich vorläufig verbergen. Wohl ging es in der Stadt unruhig her, aber niemand wendete den Kopf nach dem Fiaker. Wir stiegen unerkannt aus, ich zahlte den Kutscher und begleitete die Kaiserin hinauf zu Evans, der gottlob zu Hause war und einigermaßen erschreckt, die Kaiserin zu sehen, die er in seinen Salon geleitete. Ich hatte meine Mission erfüllt – eine Menschenpflicht wie eine andere, und bat die Kaiserin, mich zu entlassen.« Das war die Erzählung Nigras. Es ist bekannt, daß Evans die Kaiserin an die Küste brachte und sie in einer englischen Schaluppe über den Kanal nach einem kleinen Küstenplatz Südenglands geleitete. Meine letzte Erinnerung an die Tuilerien war eine andere: Als ich jenen abenteuerlichen Besuch während der Kommune in Paris machte, stand das herrliche Gebäude als eine rauchende Ruine vor mir. Die hohen grauen Dächer eingestürzt, die geschwärzten Essen ragten empor, und durch die starrenden Fensteröffnungen qualmte Rauch. Der Eindruck war sehr ergreifend, denn, als ich mich im Herbst 1869 auf dem Wege nach Biarritz in Paris aufhielt, stand ich auch vor den Tuilerien auf demselben Platz. Vor dem hohen Gittertor, das die Tuilerien von dem öffentlichen Jardin des Tuileries trennte, hielten zwei Posten zu Pferde Wache – in der prächtigen Uniform der Gardes à Cheval , und auf der dahinter liegenden Gartenterrasse, die sich an das Schloß lehnte, ging der Kaiser in eifrigem Gespräch mit einem Begleiter, beide in Zivil, auf und nieder. Doch noch eine andere Episode wurde zwischen Nigra und mir erörtert. Eine viel besprochene, kommentierte, schließlich sagenhaft umwobene Episode: Der Auftakt zu dem Kriege 1870. Nigra erzählte mir, er habe aus dem Munde des alten Kaisers eine ganz genaue Darstellung des Vorganges mit Benedetti in Ems erhalten, als er, 1876 zum Botschafter in Petersburg ernannt, Kaiser Alexander II. in Ems aufsuchte, und bei dieser Gelegenheit äußerst liebenswürdig auch von Kaiser Wilhelm aufgenommen worden sei. Er hatte sich unmittelbar nach der genauen Darstellung des Vorganges an Ort und Stelle durch den Kaiser, eine Aufzeichnung gemacht, und war nun gern bereit, mir eine Kopie davon zu geben. Ich ließ diese Aufzeichnung (die von Nigra m. p. gezeichnet ist,) in dem Liebenberger Archiv deponieren. Sie wird auch jetzt noch ihren historischen Wert behaupten Dies historische Dokument gehört wegen seines hochpolitischen Inhalts nicht in den Rahmen dieser Veröffentlichungen. Im übrigen ist eine fast gleichlautende schriftliche Aufzeichnung Kaiser Wilhelms I. von seinem Urenkel Kronprinz Wilhelm, in dessen Buch »Ich suche die Wahrheit« der Öffentlichkeit zugängig gemacht worden. Die Herausgeberin. . Eine Kopie, die ich meinerseits außerdem anfertigen ließ, sandte ich am 1. März 1895 an den Kaiser. Waren die Anknüpfungspunkte auf politischem Gebiete schon reichhaltig genug, wenn Nigra und ich uns sahen, so waren sie kaum minder zahlreich auf literarischer Basis. Meist suchte ich ihn in seiner Botschaft auf, weil ich bei mir zu leicht Störungen erlitt. Der Betrieb in meiner Botschaft war ein sehr wesentlich stärkerer als bei meinem Freunde Nigra. Abgesehen von dem größeren gesellschaftlichen Kreise, in dem ich lebte, und den Anforderungen, die meine Familie mit Frau und sechs sehr lebhaften Kindern an mich stellten, jagten sich Depeschen und Eingänge aller Art vom Morgen bis zum Abend. Der einsame Nigra aber, der getrennt von seiner Gattin lebte, hatte damals wohl Grenzreibereien zwischen Tirol und Italien und einige andere Kalamitäten auszugleichen, sich sonst jedoch in den neunziger Jahren leidlich ruhiger politischer Stimmung bezüglich Österreichs zu erfreuen. Ich fand ihn daher meist in dem Palais Lobkowitz am Josephsplatz (das Italien als Botschaftspalais gemietet hatte), behaglich in seinem Arbeitszimmer arbeitend, doch zufrieden, wenn ich ihn stören kam, um mit ihm über tausend und abertausend Dinge zu sprechen, die oft sehr fern von unseren dienstlichen Aufgaben lagen. Zu den vielen Studien, denen sich Nigra hingab, gehörte auch die Genealogie der regierenden Häuser. Er verfolgte durch Generationen die Allianzen der herrschenden Familien, sie nach ihren geistigen Fähigkeiten und ihrer körperlichen Beschaffenheit auf die Wirkung von »Inzucht« prüfend. Es ist Tatsache, daß Nigra auf die Töchter des »Königs« von Montenegro hinwies, um jegliche Inzuchtfragen im Hause Savoyen auszuschalten und frisches Blut einer jungen Bergrasse herbeizuführen. Ob er damit Glück haben wird? Die Zukunft soll es uns lehren. Eines Tages fand ich Nigra vertieft in alte Stammtafeln. »Regardez bien, cher ami« , rief er mir zu, »voilà la filiation de l'Empereur François Joseph du Pape Alexandre Borgia constatée!« »Durch das Haus Ferrara, via Lucrezia Borgia, wie ich annehme«, erwiderte ich. »Ja, auch noch auf anderem Wege kann ich es nachweisen«, fuhr er fort. »Glauben Sie, daß der Kaiser es weiß?« »Vielleicht, aber wir können ihn danach fragen. Meinerseits finde ich den Titel ›Apostolischer König‹ fast darauf hinweisend«, sagte ich scherzend. Nigra lächelte in seiner feinen Art. »Auf diesen Einfall kann tatsächlich nur ein Protestant kommen! Aber sagen Sie mir: würde es den Kaiser interessieren?« »Dem Kaiser dürften nur Sie davon sprechen. Und zwar als Katholik. Würde ich als Protestant ein solches Thema berühren, so würde man es als grimmen Spott betrachten und meine Abberufung wegen »Unverschämtheit« verlangen. Sie aber können als Katholik und akademischer Forscher die Sache ernst behandeln und bei einem langweiligen Hoffest den armen Kaiser dadurch auf ›bessere‹ Gedanken bringen.« Ich erinnere mich, daß bei einer solchen genealogischen Erörterung der Leibjäger Nigras den Fürsten Lobkowitz meldete, den Besitzer des Palais. Der gutmütige Fürst trat ein, und ich konnte es mir nicht versagen, im Laufe unserer Unterhaltung die Frage an ihn zu richten, ob ihn der Gedanke verletzen könnte, daß ein Monarch unter seinen Ahnen einen Papst habe? Der sehr päpstliche Fürst sah mich mit grenzenlosem Erstaunen an und sagte, etwas verletzt: »Das könnte doch höchstens Garibaldi sein!« Auf diese wunderliche Rechtfertigung – (oder was sonst ihm in seinem Kopf herumgespukt haben mochte) – war keine Erwiderung zu finden. Ich erklärte nur bescheiden, daß ich mich soeben mit Papst Alexander VI. Borgia beschäftigt habe, der, bevor er Papst wurde, »weltlich« und auch verheiratet gewesen sei. Nigra unterbrach die Unterhaltung, um sich nach dem »Biliner Wasser« – einer Quelle mit ganz leichter Karlsbader Wirkung – (und einer großen Einnahmequelle für Lobkowitz als Herren der Herrschaft Bilin) zu erkundigen. Nigra trank seit Jahren jeden Morgen sein Glas Biliner und hatte zu seinem Verdruß gehört, daß die Quelle plötzlich versiegt sei. »Wie sieht es damit aus?« fragte er den Fürsten, »ist es Tatsache, daß die Quelle verloren ist?« »Nein, nicht ganz«, sagte der gute Mann, »wir haben das Glück gehabt, unmittelbar daneben eine andere Quelle zu finden, so daß der Betrieb keine Störung erleidet.« »Mit denselben Bestandteilen wie die alte Quelle?« fragte ich. »Nein«, antwortete er, »aber sehr ein gutes Trinkwasser.« Dieses Bekenntnis einer reinen Seele rührte mich tief, und Nigra sagte, als Lobkowitz ging: »Ce bon prince est d'une simplicité céleste; – mais je crois pourtant faire mieux de renoncer dorénavant à mon bon verre de Bilin le matin. La proximité de cette nouvelle source excellente pourrait avoir des effets surprenants – ou bien aucun effet.« Zum Tode des Kronprinzen Rudolf Die Personen, welche bei dem Tode des Kronprinzen Rudolf in Meierling Kaiserliches Jagdschloß in der Nähe Wiens. anwesend waren, sind – soweit sie den höheren Kreisen angehören – durch Wort gebunden, über den wahren Sachverhalt nicht zu sprechen. Den wenigen Dienern wurde durch viel Geld Schweigen auferlegt. Sie wurden zum Teil ins Ausland geschickt, wie der vielgenannte, Wiener Lieder singende Fiakerkutscher des Kronprinzen. Ich konnte daher nur von einem intimen Freunde eines Beteiligten etwas erfahren, der diesem gegenüber in einer schwachen Stunde das Geheimnis gelüftet hatte. Wie ich erwartete, war die Katastrophe viel einfacher gewesen, als die Phantasie der aufgeregten Bevölkerung sie ausmalte. Der Kronprinz hatte allein um 1 Uhr mit Graf Josef Hoyos gefrühstückt. Er war aufgeregt, klagte über Kopfschmerzen und zog sich bald zurück. Für den nächsten Morgen 8 Uhr war eine Jagd angesagt. Die junge Baronin Vetzera Die Geliebte des Kronprinzen. befand sich bereits in Meierling, was jedoch die Herren der Begleitung erst nachmittags erfuhren. Am nächsten Morgen um 7 Uhr kam der Kammerdiener des Kronprinzen zu Graf Hoyos mit der Mitteilung, daß die Türe des Schlafzimmers verschlossen sei und er vergeblich klopfe. Es müsse ein Unglück geschehen sein. Um 6 Uhr habe der Kronprinz noch geläutet und ihn mit einer Bestellung für den Fiaker fortgeschickt. Er bäte den Grafen, zu kommen und seinerseits zu klopfen und zu rufen. Graf Hoyos kam nach einiger Zeit mit Widerstreben. Dann fand sich Prinz Philipp Coburg dazu. Man brach die Türe auf und fand die beiden Leichname entkleidet zusammen im Bett. Prinz Coburg brach ohnmächtig zusammen. Man berührte die Toten nicht. Der Leibjäger des Kronprinzen behauptete, sie seien beide vergiftet, denn wenn er Raubzeug vergiftet habe, so sei auch den Tieren soviel Blut aus dem Mund geflossen. Man schloß die Türen, und Graf Hoyos fuhr nach Wien, wo er dem General-Adjutanten Graf Paar die Nachricht brachte. Dieser ging zum Hofmarschall der Kaiserin, Baron Nopcza, welcher ihr die fürchterliche Mitteilung machte. Die Kaiserin sagte dem Kaiser, was geschah, und dieser rief Graf Hoyos zu sich. Bis dahin glaubte man, daß sich beide Tote vergiftet hätten. Jetzt bekam der Leibarzt Widerhofer den Auftrag, sofort nach Meierling zu fahren und den Befund festzustellen. Unterdessen drangen Gerüchte nach Wien, es sei ein Totschlag an dem Kronprinzen verübt, während bisher von Vergiftung geredet worden war. Graf Hoyos hatte dem Kaiser das Anerbieten gemacht, auszusagen, er habe den Kronprinzen aus Versehen auf der Jagd erschossen. Widerhofer konstatierte, daß der Kronprinz zuerst die Vetzera durch einen Schuß aus der Pistole in den Kopf getötet habe. Der Kronprinz hielt dabei den Kopf des Mädchens, und die Kugel zerschlug ihm, aus dem Kopf heraustretend, zwei Finger seiner linken Hand. (Deshalb wurden seine Hände bei der Aufbahrung gegen allen Gebrauch unter der Decke verborgen.) Erst nach längerer Zeit – wahrscheinlich nach einigen Stunden – hat der Kronprinz sich selbst durch einen Schuß aus der Pistole in den Mund getötet. Daß der Kronprinz längere Zeit vorher den Mord beging, ist an dem Zustande der Leichen festgestellt worden. Widerhofer ordnete die Einsargung an. Der Onkel des Mädchens, Alexander Baltazzi, und dessen Schwager, Graf Stockau, wurden telegraphisch nach Meierling gerufen und brachten in der Nacht die Leiche des Mädchens in einem Wagen fort zur Beerdigung. Widerhofer brachte die Nachricht an den Kaiser, daß Mord und Selbstmord vorläge. Deshalb ließ man dem Gerücht von der Vergiftung freien Lauf und machte auch keine Anstalten, den unglaublichen Legenden entgegenzutreten, die sich bildeten. Mit der vorstehenden Darstellung schrumpfen Legenden zusammen, die allerdings wohl selten in der Geschichte geeigneteres Terrain für phantastische Blüten gefunden haben dürften, wie Blüten ohne Wasser. Aber es blieben immer noch seltsame Dinge übrig, die keine Legende waren. Zwei Gerüchte hielten sich lange genug und wollten immer nicht weichen, obgleich eine ganze Reihe von Jahren ins Land gezogen sind seit jenem fürchterlichen Ereignis vom 30. Januar 1889. Der Kronprinz sollte einem Attentat aus Eifersucht zum Opfer gefallen sein. Ein kaiserlicher Revierjäger aus Meierling, dessen Gattin der Kronprinz verführte, sei durch das Fenster eingestiegen und habe den Kronprinzen, der sich zur Wehr setzte, erschossen. Bei diesem Kampf habe der Kronprinz auch jenen »Schuß in die Hände erhalten, der die Veranlassung war, daß bei der Aufbahrung die Hände versteckt worden seien«. »Die Vetzera sei bei diesem Kampf aus Versehen erschossen worden oder habe sich aus Verzweiflung selbst entleibt.« Die zweite seltsame Legende ist die Behauptung, daß der Kronprinz ein Opfer des Vatikans oder auch der Jesuiten geworden sei. Wäre der Vatikan der Anstifter gewesen, so stehe es damit im Zusammenhang, daß der Kronprinz Atheist gewesen sei und eine große Gefahr für die katholische Kirche werden mußte. Von seiten der Jesuiten würde er aber umgebracht worden sein, wenn er sein Programm in einem Anfall von Reue verraten hätte. »Jedenfalls habe sich ein Leichenwagen auf dem Wege nach Meierling unterwegs befunden, der vor dem Mord bestellt sein mußte; im Ort Meierling aber sei niemand gestorben.« Zu der ersten Legende gab der Kronprinz genügend Anlaß. Sein ausschweifendes Leben ebnete dergleichen Gerüchten den Weg. Die zweite Legende findet ihre Begründung in der Tatsache, daß der Kronprinz ein »Freigeist« war und mit seinen Ansichten über die Kirche nicht hinter dem Berge hielt – wenn er mit intimen Freunden sprach. Und die mögen nicht immer diskret gewesen sein. In Ergänzung der authentischen Tatsachen möchte ich noch einiges andere »Tatsächliche« hinzufügen. Der Kronprinz war geistig nicht normal. Seine Liederlichkeit und seine Ausschweifungen überschritten die Grenzen der Vernunft, und in diese Extravaganzen spielten seltsame Selbstmordgedanken hinein. Er hatte nicht nur einer, sondern meines Wissens zwei Damen der Halbwelt, mit denen er verkehrte, ganz ernsthaft den Vorschlag gemacht, zusammen aus dem Leben zu scheiden – sich zu erschießen, was diese Damen mit einigem Erstaunen ablehnten. In diesen seltsamen Ausschreitungen lag unzweifelhaft eine erbliche Belastung von Mutterseite. Die Mutter der Kaiserin, Ludowika von Bayern, war die Schwester der Mutter des Kaisers Franz Joseph, Sophie von Bayern. Und nicht genug: Der Vater der Ludowika, König Max I. und die Großmutter ihres Mannes (des Herzogs Max von Bayern) waren Geschwister. Das stellt sicherlich einen Herd der Inzucht dar, der bis zu einem gewissen Grad das Drama von Meierling beleuchtet. Aber anscheinend hatte die katholische Kirche bei allen diesen Ehen wohl weidlich das tonsierte Haupt geschüttelt, aber schließlich doch immer Dispens erteilt. Der Vater der Kaiserin war der Chef der herzoglichen Linie und ein derartig »sonderbarer« Herr durch sein ganzes langes Leben hindurch, daß man sich über die »Sonderbarkeiten« seiner zahlreichen Kinder durchaus nicht wundern darf. Ich unterstreiche diese bayerische Erbschaft, die sich auf das Gehirn des österreichischen Enkelsohnes niedersenkte, aus dem Grunde, weil sie bei der furchtbaren Katastrophe von Meierling erdrückend auf die unglückliche Kaiserin Elisabeth wirkte Was die unglückliche Frau und Mutter quälte und sie momentan in Anfälle von Verzweiflung stürzte, war der Vorwurf, den sie sich machte, schuld an der Katostrophe des Sohnes zu sein, »da sie durch das Haus Bayern das grauenhafteste Unglück über das Haus Österreich gebracht habe«. Sie trug bis zu ihrem Tode durch Mörderhand schwarze Trauerkleider. Was nun zunächst die kaiserlichen Eltern nach der Kenntnis der Katastrophe in größte Bestürzung versetzte, war der Umstand, daß Mördern und Selbstmördern das kirchliche Begräbnis verwehrt ist – und dieser Selbstmörder und Mörder war der Erbe des Kaiserhauses Österreich!! Es blieb dem armen Kaiser nichts anderes übrig, als an den Papst ein endloses Telegramm zu richten, in dem er ihm von allem Kenntnis gab. Die Annahme von geistiger Umnachtung während der schrecklichen Tat veranlaßte den Papst, sofort Dispens zu erteilen. Doch noch ein Anderer, von dem in diesem Drama wenig die Rede ist, hatte eine schwere, ja grauenvolle Aufgabe zu erfüllen – und er trug wenig Schuld an der fürchterlichen Entwicklung einer Liebesgeschichte, die in ihren Anfängen nicht anders war als tausend und abertausend andere. Das war der mütterliche Oheim Mary Vetzeras, Alexander Baltazzi. Die Baltazzis, Söhne aus guter griechischer Familie, sehr reich, und auf dem Gebiet des Rennsports in Österreich und Ungarn und darüber hinaus bekannt, waren von der Kaiserin Elisabeth stark protegiert worden. Sie hatte sie in Ungarn (das sie stets bevorzugte) viel bei den Reitjagden gesehen und nach Wien gezogen. Sie kauften deshalb wohl auch den schönen Besitz des Grafen Stockau (der eine Schwester Baltazzi heiratete), Napajedl bei Wien, wo sie eine bedeutende Rennpferdezucht einrichteten. Ich habe die Brüder Baltazzi kennengelernt, doch berührten sich unsere Interessen so wenig, daß die Unterhaltung niemals in Fluß kommen konnte. Auch traten sie nach der Katastrophe von Meierling sehr zurück und mieden Wien. Baronin Vetzera, die Mutter des schönen jungen Mädchens mit den großen braunen Augen und dem unleugbar griechischen Typus, das es Kronprinz Rudolf »angetan« hatte, war eine zweite Schwester der Brüder Baltazzi. Nachdem nun Dr. Widerhofer die Todesursache und Todesart der beiden unglücklich Liebenden festgestellt hatte, wurde Alexander Baltazzi nach Meierling gerufen, und man beriet, was mit der Leiche seiner Nichte zu geschehen habe. Denn es sollte verschwiegen werden, daß überhaupt ein weibliches Wesen in die Katastrophe verflochten sei, und es handelte sich darum, die Leiche unbemerkt von Meierling fortzuschaffen. Aber wohin? Wie und wo sollte und konnte sie begraben werden? Es wurde beschlossen, daß Alexander Baltazzi in einem Mietswagen oder Fiaker, dessen Kutscher durch eine bedeutende Geldsumme zum Schweigen gebracht werden müsse, in der Nacht die Leiche seiner Nichte nach dem einige Stunden von Meierling entfernten kleinen Kloster Heiligenkreuz bringen sollte, wo die Mönche den Auftrag von dem Kardinalerzbischof erhalten würden, die Tote sofort zu beerdigen. Alexander Baltazzi sprach kaum jemals von der grauenvollen Fahrt mit der Leiche seiner Nichte in dem Wagen, die angekleidet darin saß, um bei etwaiger Beobachtung des Wagens für lebend gehalten zu werden. »Kein Entsetzen gäbe es, das an das heranreichte, was er gelitten habe«, so hatte er sich damals ausgesprochen. Graf Josef Hoyos, der zur Berichterstattung in der Burg erschienen war, flehte den Kaiser an, ihm zu gestatten, daß er die Legende verbreiten dürfe, er habe den Kronprinzen auf der Jagd erschossen. »Er würde Österreich verlassen und niemals wiederkehren, um den Eindruck seiner vermeintlichen Tat zu bestätigen. Der Kaiser wies dies edle Anerbieten zurück mit dem Hinweis auf die Unmöglichkeit, ein Geheimnis zu bewahren, das so viele Zeugen gehabt habe. Aber er zeichnete den Grafen für seinen Opfermut aus, machte ihn zum Geheimen Rat und verlieh ihm hohe Orden. Ein seltsames Geschehnis will ich schließlich hier mitteilen, das gewissen Leuten wohl nur ein Lächeln entlocken wird. Da es sich jedoch meiner Erinnerung aufdrängt, während ich von Kronprinz Rudolfs Ende »Authentisches« berichte, soll es dennoch seinen Platz hier erhalten. Ich besuchte meinen Freund Graf Hans Wilczek auf seiner Burg Kreuzenstein und wir hielten uns nach der Besichtigung seiner dortigen Sammlungen in seinem, zu der Herrschaft Kreuzenstein gehörenden Schlosse Seebarn auf. In einem Salon bemerkte ich auf einer Kommode einiges Stückwerk chinesischer Art und fragte, was es zu bedeuten habe, denn in der hochkünstlerischen Umgebung Wilczeks war ich gewohnt, nur Wertvolles zu sehen. »Das hat seine eigene Geschichte«, sagte Wilczek ernst, »doch will ich sie dir als meinem verständnisvollen Freunde mitteilen. Und er begann: »Du weißt, daß ich mit Kronprinz Rudolf eng befreundet war. Ich stellte ihn als ›Begabung‹ sehr hoch, denn er war klug und durchaus befähigt, ein bedeutender Monarch zu werden. Unter seiner Sinnlichkeit stand er leider wie unter einer Tyrannis – aber das geht ja vielen so und erklärt ebenso die zahllosen Dummheiten, die kluge Leute oft begehen, – also auch bisweilen uns selbst Vorkommnisse, die uns unerklärlich dünken. Ich stand, wie du weißt, dem Kronprinzen besonders nahe nach einer Jagdreise mit ihm in Spanien, als wir herrliche Sumpfjagden am Guadalaquivir machten, die aber schließlich in Studien spanischer und maurischer Kunst aufgingen. Du weißt auch, wie schwer ich unter seinem schrecklichen Tode litt! Als ich ihn in der Burg tot wiedersah, – ich war ganz allein im Zimmer, in dem man ihn nach der Überführung von Meierling niedergelegt hatte, – stand ich händeringend, ganz verzweifelt vor ihm und in meinem Schmerze klagte ich laut und sagte schließlich: »Ach, kannst du mir kein einziges Wort mehr sagen?« In diesem Augenblick, wie eine Antwort, gab es in dem kleinen chinesischen Schränkchen, neben dem ich stand, einen lauen Krach, so daß ich mich erschreckt danach umsah. Dann war alles still, und ich verließ das Zimmer mit dem seltsamen Gefühl, als habe ich eine Art Antwort erhalten – einen Laut der Verbindung zwischen ihm und mir vernommen. Bald nach der Beisetzung des Kronprinzen in der Kapuzinergruft wurde an die intimen Freunde des Verstorbenen auf Befehl des Kaisers die Frage gerichtet, ob sie irgendeinen besonderen Gegenstand aus dem Nachlasse des Kronprinzen wünschten? Mir fiel sofort das chinesische Schränkchen ein, und ich bat darum – gleichviel ob es dem Kronprinzen gehörte oder kaiserliches Eigentum sei. Man gewährte mir die Bitte ohne viel zu fragen und ich stellte das Schränkchen in meinem Zimmer in Seebarn auf. Doch ereignete sich der seltsame Vorgang, daß das erstemal, als ich in dem Raume, in dem das Schränkchen stand, von Kronprinz Rudolf sprach, bei Nennung seines Namens derselbe Laut wie damals an seinem Totenlager so energisch und plötzlich ertönte, daß wir uns erschreckt anblickten. Nun aber setzte sich dieses Phänomen fort! Auch im Beisein anderer Persönlichkeiten – besonders aber in Gegenwart meiner Frau, und dieser wurde es so unheimlich, daß sie es vorzog, nicht mehr das Zimmer zu betreten, in dem das »verzauberte« Schränkchen stand. Ich gestehe, daß mir selbst die Sache unheimlich wurde. Wie sollte ich mir den rätselhaften Vorgang erklären? Nicht etwa aus Furcht, sondern aus Rücksicht für meine Damen, und besonders, um zu vermeiden, daß sich an meinen Freund Rudolf eine Legende von Teufelsspuk und dergleichen mysteriösen Dingen knüpfen könnte, beschloß ich, das Schränkchen in Flammen aufgehen zu lassen. Ich brachte es in den Park, errichtete einen kleinen Scheiterhaufen und nach kurzem Bemühen sank es unter Krachen und Prasseln in Asche und Schutt. Hier vor dir liegen einige kleine Metallreste, – die nicht mehr krachen.« »Willst du etwa davon etwas nehmen?« fragte er mich? Und ich steckte ein verkohltes kleines Bronzefigürchen zu mir, das sich nun unter meinen Liebenberger Andenken befindet und wohl in die Vergessenheit so vieler Dinge sinken wird, die sich an alte Gegenstände knüpft. Wer wird, wenn er das Figürchen in seine Hand nimmt, ahnen können, daß es neben dem toten Kronprinzen Rudolf stand und daß der alte Wilczek die zierliche Behausung, an der es befestigt war, angesichts der berühmten Burg Kreuzenstein an der Donau verbrannte, so wie man einst Hexen verbrannte? Im Geiste sehe ich vor mir, wie mein alter Freund Wilczek, sich dabei in seiner feierlichen Art verbeugend ein Kreuz schlägt – doch nicht um des Spukes willen, sondern in Erinnerung an seinen Freund Rudolf, der tot und stumm bei seinen Ahnen in der Kapuzinergruft ruht. »Mord« (Kaiserin Elisabeth) Gastein, 10. September 1898. Ich befand mich seit dem 23. August mit meiner Mutter in Gastein, wo wir, wie schon seit einer Reihe von Jahren, in dem »Weißen Hirschen« wohnten. Ich ruhte am 10. September nachmittags in meinem Zimmer, als mein Leibjäger eintrat und mir meldete, daß der hiesige Post- und Telegraphenverwalter mich in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünsche. Das war mir unangenehm, denn was konnte die dringende Angelegenheit anders sein als eine traurige oder meine Kur störende Nachricht. Er würde sicherlich nicht selbst gekommen sein, wenn es nicht irgendwie »brannte«. Der Mann trat blaß und aufgeregt ein und begann eilig sprechend: »Ew. Exzellenz wollen gnädigst verzeihen – aber es ist schrecklich! – ich kann es gar nicht sagen – Ew. Exzellenz werden begreifen, es ist eine so entsetzliche Geschichte! – man kann nicht glauben, daß es möglich ist ...« »Mein Gott!« rief ich außer mir, »so sagen Sie doch, was geschehen ist!« »Ermordet! – ermordet! – ja ist es denn möglich! ...« »Ja, wer denn? – der Kaiser? – der deutsche Kaiser?« »Ihre Majestät die Kaiserin ist ermordet!« – kam es endlich heraus, und er blieb mit einem weitaufgerissenen Mund plötzlich verstummt vor mir stehen und starrte mich an. »Die Kaiserin Elisabeth?« rief ich entsetzt. Er nickte nur und sagte dann ruhiger: »Grad' ist die Nachricht eingelaufen, und ich hab' geglaubt, Ew. Exzellenz als dem zunächst beteiligten in Gastein eigenhändig die Trauernachricht untertänigst überbringen zu müssen.« »Was wissen Sie Näheres?« fragte ich. »Ihre Majestät ist in Genf von einem Italiener erstochen worden – mehr weiß ich nix.« Wien, 11. September 1898. Schon am nächsten Morgen um 10 Uhr, am 11. September, verließ ich mit meiner Mutter Gastein, traf gegen 3 Uhr im Wagen in Lend ein und befand mich abends ¾10 Uhr in der Botschaft in Wien. Die Aufregung in Wien war eine ungeheure. Überall wehten schwarze Fahnen, und auf den Gassen der inneren Stadt wogten die Menschen hin und her. Mir war nur bekannt gewesen, daß sich die Kaiserin in Caux (auf der Höhe über Montreux am Genfer See) befand, und zwar in Gesellschaft der Hofdame Gräfin Sztáray und des Sekretärs Christomanos, eines sehr gebildeten Griechen, für den sie (wie man sagte) ein »kleines Tendre« hatte. (In der Hauptsache war er es gewesen, der die Kaiserin in Korfu zu dem Bau des »Achilleion« veranlaßt hatte.) Von Caux aus war der Ausflug nach Genf unternommen worden, doch befand sich leider Christomanos nicht bei der Kaiserin, sondern nur die Hofdame. Immerhin wäre es möglich gewesen, das Attentat des Anarchisten Lucheni zu verhindern, wenn ein Mann sich in der Begleitung der Kaiserin befunden hätte. Was mir über den entsetzlichen Vorfall in Wien bekanntgeworden war, berichtete ich telegraphisch an den Kaiser. Nähere Nachrichten liefen erst an den folgenden Tagen ein, und ich teilte diese schriftlich mit. So auch in folgendem Briefe an den Kaiser. Wien, 13. September 1898. Ew. Majestät Entschluß, zu der Leichenfeier der Kaiserin hierherzukommen, begrüße ich wärmstens. Das ganze Volk vom Höchsten bis zum Niedrigsten ist so tief erschüttert, daß ich in allen Augen die Frage las: Wird der beste Freund unseres armen Kaisers auch kommen?« Ich habe schon Ew. Majestät alle Details telegraphiert, erlaubte mir auch zu sagen, daß der Empfang am Bahnhof, solange die Kaiserin noch nicht begraben ist, vielleicht besser vermieden würde. Es scheinen ziemlich viel Gäste zu kommen. Man plant nach dem Begräbnisse ein kleines Familiendiner, aber fürchtet dabei für den Kaiser, unmittelbar nach der erschütternden Feier, die Anstrengung. Da wäre in Wien wohl die Zeit, daß Ew. Majestät den alten Herren bitten, sich vertreten zu lassen. Den Vorschlag, daß Ew. Majestät bei mir ein Essen einnehmen, vermag ich nicht zu machen, aus Rücksicht für Kaiser Franz Joseph, der bei der kurzen Anwesenheit Ew. Majestät es doch vielleicht peinlich empfinden würde, wenn der deutsche Kaiser die Hauptmahlzeit nicht in der Burg einnähme. Über den entsetzlichen Mord bringen die Zeitungen so viel Details, daß ich nichts Neues darüber berichten kann. Die gestern eingetroffene Urkunde über den Befund der Todeswunde ergibt tatsächlich, daß das spitze Instrument das Herz von oben nach unten vollständig durchbohrt hat. Die Wunde war neun Zentimeter lang. Daß die Kaiserin und Gräfin Sztáray davon nichts gemerkt haben, klingt geradezu unglaublich und ist doch wahr. Die Kaiserin hat nur die Empfindung gehabt, mit der Faust geschlagen zu sein und überhaupt nicht empfunden, das Opfer eines Mordes zu sein. Der Tod der Kaiserin hat für das Land insofern jetzt gerade eine politische Bedeutung, weil durch die Einstellung aller Jubiläumsfeierlichkeiten, welche noch das ganze Jahr fortdauern sollten Das 50jährige Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs. , die dadurch geförderte Stärkung und Kräftigung des monarchistischen Gedankens Einbuße erleidet. Ich lasse dahingestellt, ob der anarchistische Mord etwa diesen Zweck verfolgt hat. .... (gez.) Philipp Eulenburg.   Die Tage nach meiner Rückkehr waren nicht gerade geeignet, als Nachkur nach Gastein gelten zu können. Aus der Götterluft der Berge, bei dem wunderbar erfrischenden Wasserfall, war ich in die Staubatmosphäre und Hitze des sommerlichen Wiens plötzlich versetzt. Dazu erwartete mich bei der durch das entsetzliche Ereignis sehr gespannten innerpolitischen Lage nicht nur gehäufte Arbeit, sondern auch ein Kaiserbesuch im eigenen Hause! Meine Erwägung, daß es bei dem kurzen Aufenthalt des Kaisers am 17. September – dem Tage der Beisetzung der armen Kaiserin – kaum möglich sein werde, den Kaiser als Gast in der Botschaft zu sehen, hatte nicht gefruchtet. (Und ich gestehe, daß diese Erwägung nicht vollkommen selbstlos ausgesprochen war. Denn mein ganzer Hausstand war für den Sommer aufgelöst. Nicht nur befand sich meine Familie in Liebenberg, sondern mit ihr Diener, Kutscher, Pferde – und, was in diesem Fall das Schlimmste war: mein fast weltberühmter Koch, der Römer Herr Cechi, war beurlaubt und hielt sich tief in Ungarn auf einem mir unbekannten Schlosse auf, wo er eine Gastrolle gab und nicht aufzufinden war.) Die Benachrichtigung, »daß Se. Majestät am 17. mittags in Wien eintreffen, sich in die Burg begeben, sodann an den Beisetzungsfeierlichkeiten teilnehmen und alsdann mit Gefolge bei Ew. Exzellenz um 6 Uhr speisen würden«, traf mich in einer sehr hilflosen Lage und erinnerte an den völlig überraschenden Besuch beider Majestäten in Liebenberg im Oktober 1896, als das ganze Schloß mit Gästen angefüllt war, die die Hochzeit meines Neffen Kalnein mit meiner Nichte Eulenburg feierten. Damals war alles voll – und dieses Mal war alles leer. Aber gottlob war meine Dienerschaft und Umgebung an derartige Überraschungen gewöhnt. Mein tüchtiger Haushofmeister und mein treuer, ruhig überlegender Leibjäger, in Verbindung mit dem als Aushilfsdiener fungierenden Kanzleidiener, traten sofort in die Schranken, während mein gewandter Sekretär Kistler für die Bestellungen sorgte. Jedenfalls war ohne Ausnahme meine ganze Umgebung eifrig beflissen, mich angesichts meiner sehr angegriffenen Gesundheit mit allen Kräften zu unterstützen, auch zeigten sich die Herren meiner Botschaft, besonders in seiner großen Anhänglichkeit der gute Lichnowsky, sehr hilfsbereit. So wurde denn der Ausweg gefunden, das meine gesamten Privaträume des Parterres der Botschaft eingemottet und verschlossen bleiben und der Empfang in den großen offiziellen Räumen des ersten Stockwerkes stattfinden sollte. Es wurde gebohnert und geputzt und aus einem der ungemütlichen seidenen Prachträume durch Verschieben der Möbel ein gemütlicher Rauchsalon hergerichtet. Das Diner aber wurde bei dem berühmten Restaurant Sacher bestellt, das ein paar Köche in meine Küche zu schicken hatte. Die bewußte Benachrichtigung von dem »kaiserlichen Überfall« war am 15. September eingetroffen. Es blieben also für die angegebenen Vorbereitungen nur knappe zwei Tage, doch fesselte mich soviel Arbeit an mein Arbeitszimmer, daß ich dem Getobe und Gescheuere äußerlich und innerlich fernblieb und am 17. morgens das fertige Werk meiner Getreuen, die es mir mit stolzem Lächeln zeigten, eine »angenehme Überraschung« darstellte. 16. September 1898. Das nachfolgende kaiserliche »Handschreiben« vom heutigen Tage an den Ministerpräsidenten Graf Thun gebe ich um seines ergreifenden Inhaltes willen hier wieder. Es geht durch dieses Dokument (dessen Verfasser mir unbekannt ist, denn der alte Kaiser dürfte wohl nur einige Ausdrücke daran verändert haben) ein Zug von süddeutscher Wärme, der mich tief berührt. An meine Völker! »Die schwerste und grausamste Prüfung hat Mich und Mein Haus heimgesucht. Meine Frau, die Zierde Meines Thrones, die treue Gefährtin, die Mir in den schwersten Stunden Meines Lebens Trost und Stütze war, an der Ich mehr verloren habe, als Ich auszusprechen vermag, ist nicht mehr. Ein entsetzliches Verhängnis hat sie Mir und Meinen Völkern entrissen, eine Mörderhand, das Werkzeug des wahnsinnigsten Fanatismus, der die Vernichtung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung sich zum Ziel setzt, hat sich wider die edelste der Frauen erhoben und in blindem, ziellosem Hasse das Herz getroffen, das keinen Haß gekannt und nur für das Gute geschlagen hat. Mitten in dem grenzenlosen Schmerze, der Mich und Mein Haus erfaßt hat, angesichts der unerhörten Tat, welche die ganze gesittete Welt in Schauder versetzt, dringt zunächst die Stimme Meiner geliebten Völker lindernd zu Meinem Herzen. Indem Ich Mich der göttlichen Fügung, die so Schweres und Unfaßbares über Mich verhängt hat, in Demut beuge, muß Ich der Vorsehung Dank sagen für das hohe Gut, das mir geblieben ist: für die Liebe und Treue der Millionen, die in der Stunde des Leidens Mich und die Meinen umgibt. In tausend Zeichen von nah und fern, von hoch und niedrig hat sich der Schmerz und die Trauer um die gottselige Kaiserin und Königin geäußert .... Aus der unwandelbaren Liebe Meiner Völker schöpfe Ich nicht nur das verstärkte Gefühl der Pflicht, auszuharren in der Mir gewordenen Sendung, sondern auch die Hoffnung des Gelingens. Ich bete zu dem Allmächtigen, der Mich so schwer heimgesucht hat, daß er Mir noch die Kraft gebe, zu erfüllen, wozu Ich berufen bin. Ich bete, daß er Meine Völker segne und erleuchte, den Weg der Liebe und Eintracht zu finden, auf dem sie gedeihen und glücklich werden mögen. Schönbrunn, 16. September 1898. Franz Joseph.« Zum Andenken an die Kaiserin stiftet der Kaiser den »Elisabethorden«, der nur an Frauen verliehen werden soll. Tagebuch. 17. September 1898. Mittags 1 Uhr traf Kaiser Wilhelm auf dem Nordbahnhof ein. Ich war ihm bis Lundenburg entgegengefahren. Einen Empfang seitens des hiesigen kaiserlichen Hauses hatte unser Kaiser in Rücksicht auf die Trauer abgelehnt. Es waren hier nur die ihm zugeteilten österreichischen Offiziere anwesend: Feldzeugmeister Prinz Lobkowitz (aus Budapest), Flügeladjutant Oberstleutnant Fürst Dietrichstein und der Chef des österreichischen Husarenregiments Kaiser Wilhelm, Oberst Ströhr. Nach sehr freundschaftlicher Begrüßung fuhr der Kaiser mit Prinz Lobkowitz in die Burg, ich in die Botschaft zurück. Die feierliche Überführung der toten Kaiserin in die Kapuzinergruft hatte um 3 Uhr begonnen. Ich brauchte nicht anwesend zu sein, da Kaiser Wilhelm selbst erschienen war und ich ihn daher nicht zu vertreten hatte. Doch fuhr ich zu meinem französischen Kollegen, dem Marquis de Reverseaux, von dessen Palais aus ich den Trauerzug sah, der allen Pomp der altspanischen Etikette zeigte, die immer noch seit Kaiser Karl V. am hiesigen Hofe gilt. Unbeschreiblich großartig, schwarz und trauerhaft. Nicht minder ernst die Haltung des Volkes: man sah fast nur schwarze Kleider und Schleier. Wer sollte aber auch nicht ergriffen werden, wenn der auf hohem, schwarzem Katafalk mit wehenden, schwarzen Straußenfedern ruhende Sarg nahte, in dem eine so elend ermordete Kaiserin lag? Sie stand lebhaft vor mir in ihrer Schönheit, ihrer Freundlichkeit, wenn sie in ihrer flüsternden Art so liebenswürdig mit mir sprach. Ihr war es schlimmer ergangen als der bayerischen Prinzessin Elisabeth, ihrer Tante, nach der sie ihren Namen erhielt, der Gattin Friedrich Wilhelms IV. Denn als der böse Sepheloge am Schloßportal in Berlin auf den König schoß, der neben der Königin Elisabeth im Wagen saß, flog die Kugel durch ihren Hut, ohne sie und den König zu verletzen. Die Berliner sangen nachher ein Leierkastenlied, das die Schandtaten des Attentäters schilderte. Das Lied enthielt auch die denkwürdige Strophe: »Und er schoß der Landesmutter Durch des Hutes Unterfutter.« Als der Attentäter in Begleitung eines Polizeioffiziers in einem Wagen nach Spandau fuhr, um hingerichtet zu werden, und Herr Sepheloge schauernd sagte: »Mich friert«, gab der liebenswürdige Berliner Offizier ihm die vielbesprochene Antwort: »Sie haben gut reden! – Sie brauchen wenigstens nicht zurückzufahren.« (Ich möchte wohl wissen, weshalb mir diese dumme Geschichte in einem Augenblick einfällt, wo ich tiefernst bin? Wohl dieselbe körperliche Reaktion, wie das »Lachen am unrechten Platz«.) 18. September 1898. Kaiser Wilhelm traf gestern um 6 Uhr in der Botschaft ein, begleitet von seinem Gefolge und den zu ihm kommandierten österreichischen Offizieren. Wir betraten das Vestibül, wo sich auch der alte Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, eingefunden hatte, der es sich nicht hatte nehmen lassen, dem alten Kaiser Franz Joseph sein Mitgefühl zu zeigen. Er war gestern von Aussee eingetroffen. Auch Bernhard Bülow war vom Semmering gekommen. Das Diner verlief vielleicht »zu munter« im Verhältnis zu der Trauer, die alle Anwesenden zusammengeführt hatte. Über den Tisch ging die Konversation hin und her, als ob wir ein Fest feierten. Wahrscheinlich benahmen sich die alten Deutschen schon ebenso bei ihren Totenmahlen. Um 8 Uhr meldete man mir, daß einige der deutschen Fürsten angelangt seien, denen ich für den Abend meine Salons zur Verfügung gestellt hatte. Ich schickte eilend zwei meiner Sekretäre zum Empfang derselben hinunter. Das Placement war folgendes: Legationssekretär von Stumm Graf Eltz, Attaché Flügeladjutant Freiherr von Berg Stabsarzt Dr. Ilberg Österreichischer Oberst Ströhr Flügeladjutant von Böhn Chef des Militär-Kabinetts von Hahnke Chef des Zivil-Kabinetts von Lucanus Österreichischer Botschafter (in Berlin) von Szögyeny Feldzeugmeister Prinz Lobkowitz Der Kaiser Ich Minister des Äußern Graf Goluchowski Fürst Hohenlohe, Reichskanzler Staatssekretär Bernhard von Bülow Österreichischer Flügeladjutant Fürst Dietrichstein Chef des Hauptquartiers General von Plessen Graf August Eulenburg, Oberhofmarschall Botschaftsrat Prinz Lichnowsky Flügeladjutant Graf Cuno Moltke Legationssekretär Prinz Schönburg Freiherr von Romberg, Legationssekretär Es waren so viele hohe Herren von allen Ländern Europas zur Kondolenz in Wien erschienen, daß die ganze Burg besetzt war. Das ganze Haus Bayern zählte zur Familie, der König von Sachsen als intimer Freund und Vetter Kaiser Franz Josephs ebenfalls. Die Könige von Rumänien und Serbien waren bei ihren Gesandten, wie auch die Kronprinzen von Italien und Griechenland und der Großfürst Alexis. Die anderen hohen Herren erschienen aber fast alle bei mir, soweit sie nicht schon abends Wien wieder verlassen wollten, und das waren wenige. Es erschienen nach und nach, von den Herren der Botschaft gemeldet: Herzog Nicolaus von Württemberg, Erbgroßherzog von Baden, Erbgroßherzog von Oldenburg, Erbgroßherzog von Sachsen-Weimar, Christian, Herzog von Schleswig-Holstein, Erbgroßherzog Adolf von Mecklenburg-Strelitz, Erbprinz von Hohenzollern, Herzog von Sachsen-Altenburg, Prinz Reuß XXIV., Prinz Wilhelm zu Schaumburg-Lippe, Prinz Albrecht zu Schaumburg-Lippe. Alle waren mir gut bekannt, zum Teil sogar gute Freunde, doch war es nicht leicht, allen besonders freundlich zu begegnen, da ich zunächst die Pflicht hatte, mich dem Kaiser zu widmen. Aber sie begriffen das, ebenso mein Verschwinden mit dem Kaiser, den ich zur Bahn begleiten mußte. Er kehrte um 9 Uhr mit dem gesamten Gefolge nach Potsdam zurück. Als ich heimkehrte, fand ich die ganze Fürstengesellschaft rauchend an dem schönen Büfett, das ich für sie hatte richten lassen, und alle sehr gut gestimmt. Ein einzelner regierender oder erbprinzlicher Herr ist schon bis zu einem gewissen Grade (wenn man nicht eng mit ihm befreundet ist) mühsam, aber als Dutzendware auftretend, mehr als ermüdend. Doch will ich mit diesen Bemerkungen den Herren nicht zu nahe treten, die sich gegen mich stets liebenswürdig benahmen. Gott segne sie und ihr Land! Aus einem Schreiben an Kaiser Wilhelm. (Geheim.) Wien, 19. September 1898. ... Ich mußte in diesen traurigen Tagen auch Frau Kathi Schratt Die bekannte Freundin des Kaisers und der Kaiserin, Hofschauspielerin Kathi Schratt. ein Wort der Teilnahme sagen und benutzte den gestrigen Abend, um eine Spazierfahrt nach Hitzing zu machen. Dort hatte ich mich telephonisch angesagt und fand die liebenswürdige Wirtin allein. Die Villa, die soviel Reize birgt, macht an der Straßenseite der Gloriettgasse einen schlichten Eindruck. Durchschreitet man das Tor, so glaubt man in einem Schlößchen auf dem Lande zu sein. In Hufeisenform, nur aus Parterregeschoß bestehend, ist der Garten durch ein hohes eisernes Gitter von dem Gebäude getrennt. Herrliche alte Bäume neigen sich über das alte schöne Eisenwerk in den sauber gehaltenen Hof. Frau Kathi hatte mir einen Tee bereitet, und ich mußte mich in den Stuhl setzen, »in dem Se. Majestät immer sitzt«. Sie war in Trauer und sah reizend aus. Als ich ihr sagte, es sei mir ein Bedürfnis, ihr auszusprechen, daß ich innigsten Anteil an dem Verlust nähme, der auch sie so besonders hart getroffen hatte, brach sie in Tränen aus. Es waren keine Schauspielertränen, sondern echte, gute Tränen. »Sie wissen ja nicht, was ich verloren habe«, sagte sie. Dann begann eine lange vertrauliche Unterhaltung, in der sie mir ein sehr klares Bild des Privatlebens des Kaisers und der Familie nach der eingetretenen Katastrophe gab. »Ich spreche sehr aufrichtig zu Ihnen«, sagte sie mir, »weil ich weiß, daß Sie es gut mit mir meinen und daß Sie den Kaiser wirklich lieb haben.« »Mir ist es so entsetzlich hart ergangen, nachdem wir uns einige Tage vor dem Tode der Kaiserin oben in Naßfeld (bei Gastein) trafen. Ich war von dort nach Zell am See gekommen, wo ich mit meiner Freundin Eisenlechner übernachtete. In dieser Nacht vom 9. zu dem schrecklichen 10. September hatten wir beide den furchtbaren Traum, von einer schwarzen Gestalt mit einem Dolch verfolgt zu werden. Auch wurde ich das Bild eines großen Leichenwagens nicht los. Meine Freundin, von bösen Ahnungen geängstigt, reiste ab. Ich blieb und wollte den Aberglauben niederkämpfen – aber es war vergeblich. Gegen Abend erhielt ich das Telegramm von dem Morde und reiste noch in der Nacht nach Wien. Den Kaiser sah ich vormittags – es war ein furchtbares Wiedersehen! Er hatte mir so lieb geschrieben – ich will Ihnen den Brief zeigen.« Sie holte mir zwei Briefe. Der erste, den der Kaiser mit merkwürdig klarer, fester Hand am Abend des 10. geschrieben hatte, lautete (wohl wörtlich, da ich ihn mir genau merkte) : Schönbrunn, 10. September 1898. »Theuerste Freundin, daß auch Sie nach Wien geeilt sind, freut mich sehr. Mit wem könnte ich besser über die geliebte Verklärte sprechen als mit Ihnen? Ich bin morgen um 11 Uhr vormittag frei. Kommen Sie nicht durch den Garten, sondern durch die Kammer. Ihr aufrichtig ergebener Franz Joseph.« Der zweite Brief war von der bekannten Freundin und Vorleserin der Kaiserin, Frau von Ferenczi. In demselben jammert die arme Person über ihr beiderseitiges Schicksal. »Ich wende mich in meinem Schmerz an die geliebte ›Wahlschwester‹ der unvergeßlichen Kaiserin« – so schreibt die Ferenczi. (Frau Kathi sagte mir, daß die Kaiserin sie so zu nennen pflegte.) Noch vor dem Kaiser war Frau Kathi den Erzherzoginnen Valerie und Gisela begegnet. Beide waren ihr weinend in die Arme gesunken (was mir auch von anderer Seite bestätigt wurde). »Die geliebte Kaiserin hatte noch über mich mit den Töchtern gesprochen«, sagte sie, »und der Kaiser wiederholte mir, daß ich das ›Vermächtnis‹ der armen Kaiserin sei! Wohl wollte die Erzherzogin Valerie den Kaiser gleich ganz zu sich nach Wallsee nehmen, die Minister sollten stets hinaus zum Vortrag kommen, aber Se. Majestät sagte mir: ›Das ertrüge ich nicht! Was soll ich in Wallsee machen?‹ – Es hätte vielleicht der Familie der Erzherzogin besser so gepaßt, aber die denken nicht an den armen Kaiser.« Dann ging die Unterhaltung auf die letzte Lebenszeit der Kaiserin über. »Sie wollte durchaus den Tod«, erzählte Frau Kathi. »Sogar die Ermordung, denn als ich einst von der Notwendigkeit polizeilicher Bewachung sprach, sagte die Kaiserin: ›Was täte es denn, wenn man mich umbrächte? Das wäre mir lieb und kein Schade!‹ - Gar nicht lange vor ihrer letzten Abreise ging ich mit den Majestäten im Garten spazieren. Da fing die Kaiserin scherzend an, von ihrem Tode zu sprechen. ›Ach, da wäre niemand so, als der Ritter Blaubart froh‹ sagte sie. Der Kaiser war ganz ärgerlich und sagte: ›Geh, red' nicht so.‹« »Dann hat die Kaiserin auch alles Schreckliche aufgezählt, was in der Familie geschehen war.« Kronprinz Rudolph, der Sohn des Kaiserpaares. (Selbstmord.) Kaiser Maximilian von Mexico, Bruder des Kaisers. (Von den Rebellen zum Tode verurteilt und erschossen.) König Ludwig II. von Bayern, rechter Vetter der Kaiserin. (Selbstmord.) Herzogin von Alençon, Schwester der Kaiserin. (Verbrannte bei einem Wohltätigkeitsbasar in Paris.) Von den letzten Augenblicken der Kaiserin erzählte Frau Kathi die genauen Details, die ihr der Kaiser und Gräfin Sztáray mitgeteilt hatten. »Als der schreckliche Mensch stach, fiel sie wie ein Stock gerade hintenüber an die Erde. Aber niemand hatte den Stich bemerkt. Gräfin Sztáray und der Fiakerkutscher hoben die Kaiserin auf und putzten ihr das Kleid ab. ›Es ist nichts‹, sagte die Kaiserin und verlangte zum Schiff weiterzugehen. Dort sank sie sofort zu Boden und blieb auch am Boden liegen, bis sie der Kapitän und andere die Treppe hinauf auf das Promenadendeck trugen und auf eine Bank legten. Dort erst machte die Gräfin Sztáray die Taille auf und entdeckte auf dem Hemde einen lichten Blutfleck, nicht größer als ein halber Gulden: im Fleisch eine ganz kleine Wunde. Sie sagte dem Kapitän jetzt, daß die Kranke die Kaiserin sei, und man wendete zurück. Die Kaiserin erwachte und fragte nur: ›Was ist denn geschehen?‹ Dann fiel sie wieder in Ohnmacht. Man trug sie, als das Dampfboot wieder am Kai angelegt hatte, auf einer Tragbahre von Kissen nach dem Hotel. Unterwegs röchelte sie zweimal. Das war der Tod. Arzt und Priester kamen zu spät! Sie lebte nicht mehr, als sie im Hotel eintraf!« Meines Dafürhaltens ist es jetzt das beste, daß der Verkehr des Kaisers mit seiner Freundin nicht gestört werde. Wenn man versuchte, den alten Herren in seinen Gewohnheiten zu stören, so würde er einfach körperlich und geistig versagen. Es wäre nach allen diesen Erschütterungen ein gefährliches Experiment. Der Einfluß Frau Kathis ist kein gefährlicher. Sie ist den Deutschen warm und gut gesinnt. Psychologisch ist die hiesige Kaiserfamilie allerdings interessant. Wer die Persönlichkeiten nicht alle in ihrer Eigenart kennt, wird dieses eigentümliche Verhältnis zwischen Kaiserpaar, Schauspielerin und Töchtern nicht begreifen. »Die Schratt« Ein kaiserliches Freundschaftsidyll. Von der »Schratt« ist während der Dauer von nun mehr als 15 Jahren in Wien mehr die Rede gewesen als von irgendeiner anderen Persönlichkeit, welchem Stande und welcher Stellung sie auch angehört haben mochte. Kathi Schratt war ein liebes bildhübsches Naturkind aus kleinbürgerlichem oberösterreichischen Hause, das mit seiner lieblichen Art zu sprechen als Darstellerin bäuerlicher Rollen zu den ersten Künstlerinnen ihres Berufes gezählt werden konnte. Sie gewann das Herz der Kaiserin Elisabeth bei allerhand Wohltätigkeitsvorstellungen, und diese zog sie zunächst als Vorleserin in ihren Verkehr. Um dieses Faktum zu erklären, bedarf es des Hinweises, daß die Kaiserin mit ihren Schwestern und Brüdern fast ohne Erziehung und ohne besondere Schulbildung in Oberbayern zu Possenhofen am Starnberger See und in Tegernsee aufgewachsen war. Daß ferner ihr infolge des ungezwungenen Verkehrs in ihrer Kinder- und Jugendzeit der Umgang mit der gemütlichen, gutherzigen Landbevölkerung als etwas Selbstverständliches erschien. Es ging so weit, daß sie sich im Grunde nur behaglich in solchen Kreisen fühlte und daß daher die Art des Verkehrs der Geschwister untereinander, ihrer Sprechweise, auch diese Formen trug. Kaiser Franz Joseph hatte sich selbst so sehr daran gewöhnt, daß sogar Persönlichkeiten, die durch Zufall Gespräche en famille zwischen dem Kaiser und der Kaiserin und seinen Schwägerinnen im Gasthof von Straubinger zu Feldafing belauscht hatten, nicht im mindesten einen Unterschied in Ton und Inhalt mit der Art der Landleute des Gebirges entdecken konnten. So kann es mir auch nicht auffallen, daß die Kaiserin einen besonderen Gefallen an »der Kathi« fand. Ich verstehe es durchaus. Denn Kathi war, abgesehen von dem Zauber ihrer kindlichen Schönheit, ihrer herrlichen Farben, ihres wundervollen glänzenden Goldhaares, ihrer großen gütigen, blauen Augen, ein »herzensguter Kerl«, immer freundlich, heiter, harmlos, half jedem, soviel sie konnte, und wußte allerhand Geschichten originell zu erzählen. Ihrem Ruf aber war nicht das geringste Böse nachzusagen. Da sich die Kaiserin allmählich mit dem Kaiser und seinen Staatsgeschäften zu langweilen begann, kam sie auf den Einfall, mit Kathi zum Kaiser zu gehen – und schließlich oft und öfters à trois mit dem Kaiser zu speisen. Das ist die Geschichte des Entstehens der rührenden Freundschaft zwischen »Der Schratt« und dem alten Kaiser, dem sie die Zeit bei Tisch und Spaziergängen im Park von Schönbrunn durch ihr freundliches Geplauder vertreibt. Kathi hatte jedoch einmal eine Dummheit gemacht. Das war, als sie ihre Hand einem ungarischen Baron Kiß, der ihr anscheinend gut gefallen hatte, zum Ehebund reichte. Denn dieser stürmische Ungar verwickelte sich und sie in allerhand törichte Spekulationen und wurde ihr immer unbequemer. Er fand eines Tages eine entsprechende Anstellung als Konsul in einem überseeischen Lande. Kathis Sohn glich mit seinem schwarzen lockigen Haar dem Vater, war aber ein guter harmloser Junge. Als ich 1894 nach Wien kam, war die Freundschaft mit Frau Kathi so weit vorgeschritten, daß sie ein hübsches Haus in Hitzing bei dem Schönbrunner Park besaß und eine kleine Villa bei Ischl. Der Kaiser, der jeden Morgen zwischen 2 und 3 Uhr aufsteht und um ½5 Uhr frühstückt, kommt häufig zu dieser Stunde zu der Baronin, wo er seinen Kaffee und seine warme Speise findet. Alle Leute müssen dann sauber angezogen sein, und Frau Kathi erzählt ihm beim Frühstück, was es Neues gibt. Die Tageseinteilung des Kaisers ist allerdings für andere Sterbliche schwer zu ertragen. Für den Nichteingeweihten trägt ein Umstand den Charakter einer gewissen Komik, daß der Kaiser bei Frau Schratt ihren, sie in finanziellen Fragen beratenden Freund, einen älteren Mann, Herrn Palmer, kennenlernte (jüdischen Ursprungs), der als Vorstand einer großen Bank die Geldgeschäfte der Frau Baronin besorgte – und daß der Kaiser mit diesem und Frau Kathi gern eine Partie Tarock spielte. Palmer hatte bei einer Begegnung dem Kaiser gut gefallen. Weshalb eigentlich sollten diese drei nicht eine Partie Tarock miteinander spielen? Allerdings glaube ich, daß die Zusammensetzung der Teilnehmer ein Kuriosum genannt werden kann. Übrigens waren die Beziehungen Palmers zu Frau Kathi völlig einwandfrei. Der ältere Mann, der sich ihrer väterlich annahm, trug, wie ich glaube, richtig beobachtet zu haben, eine sentimentale, treue, hoffnungslose Liebe für Kathi in seinem alten Herzen. Er gehörte überhaupt zu den sentimentalen Vertretern seiner Stammesgenossen. Kathi verkehrte achtungsvoll scherzend mit ihm, und er lächelte traurig, wahrscheinlich auch dann, wenn er wieder einmal die in Unordnung geratenen Finanzen Kathis zu ordnen hatte. Ich lernte Palmer bei Frau Schratt kennen, der, seit er mit dem Kaiser Tarock spielte, eine gewisse geheimnisvolle politische Miene aufgesetzt hatte, die mich oft lachen machte, denn der Kaiser sprach niemals Politik mit ihm. Mit Frau Kathi hingegen öfters, und ich gestehe, daß ich bisweilen durch sie mit dem Kaiser sprach – in kurzen Fragen und Antworten: ob ihm dies und jenes lieb oder nicht lieb sei. Frau Kathi hingegen bat mich stets, wenn ich sie besuchte oder sonst traf: »Bitte schön, schaun's, erzählen's mir a lustige Geschichten für Se. Majestät!« und ich gab mir Mühe, ihr den Gefallen zu tun, denn bei den täglichen Spaziergängen ging wohl oft genug der guten Frau der Atem aus. Wie sehr vertraut aber das Verhältnis zwischen den Dreien: Kaiser, Kaiserin und Kathi war, wird wohl am deutlichsten durch die Tatsache beleuchtet, daß in der schrecklichsten Stunde dieses kaiserlichen Ehelebens, als Kronprinz Rudolf Mord und Selbstmord beging, die Kaiserin Frau Kathi zum Kaiser holte, weil ihre Kraft allein versagte. Und als die arme Kaiserin Elisabeth ermordet wurde, war es wieder die Schratt, die dem unglücklichen alten Kaiser als treue Stütze zur Seite stand, – von den Töchtern herbeigeholt. Das ist »die Schratt« – auf die ich mein Leben lang kein böses Wort werde kommen lassen. Sie war der Tvpus eines ehrlichen braven oberösterreichischen Naturkindes. Deshalb wirkte sie auch auf der Bühne so überaus stark in solchen Rollen. Ich will aber noch mehr zu ihrem Ruhme sagen: In ihrem Charakter lag unleugbar auch ein edler vornehmer Zug. Ich habe nicht häufig bei Damen der sogenannten »großen Welt« diesen Zug so sein vertreten gesehen, als bei »der Schratt«.   Aus Privatbriefen an Kaiser Wilhelm II. Wien, 29. Dezember 1896. ... Der Kaiser feierte das Fest bei der Erzherzogin Valerie und der Prinzessin Leopold. – Frau Kathi Schratt hatte Ferien, denn die Kaiserin ist in Biarritz. Die Freundschaft zwischen letzterer und ihr ist eigentlich noch fester als die zwischen dem Kaiser und Frau Kathi. Wenn jetzt Dinge an sie herantreten, – und es tritt vieles an sie heran! – (Dinge, welche der Kaiser erfahren soll, und Frau Kathi hat den Animus, daß es ihn ärgern könnte), so spricht sie erst mit der Kaiserin darüber und berät, wann und wie es gesagt werden kann. Es ist ein ganz sonderbarer Zustand! Wie ich höre, drängen sich alte Freunde der Frau Kathi mehr und mehr vor, und dieser Einfluß macht sich bei der Hofverwaltung unangenehm fühlbar. Baron Kiß – Kathis Mann – ist auch eine Unbequemlichkeit. Man hat ihn nach Venezuela gebracht, wo er sich entsetzlich langweilt. Er hat den dringenden Wunsch, nach Europa zurückzukommen, was um so erklärlicher ist, als man ihm alle Schulden bezahlt hat. Es wäre klüger gewesen, dieses zu unterlassen. Ich sehe die Schratt selten, um nicht in den Verdacht zu kommen, Politik »hinten herum« zu machen. Sie ist wirklich eine ganz charmante, einfache, nette Person. Im Theater herrscht sie natürlich unumschränkt, und man kriecht auf allen Vieren, wenn sie kommt, der Intendant nicht ausgeschlossen. Leider hat sie einen Zahn auf die berühmte Hohenfels, die Gattin Baron Bergers Baron Alfred Berger, Professor der Literaturgeschichte, Intendant des Burgtheaters. . Darunter leidet der arme Mensch sehr und hat die Idee, Wien den Rücken zu kehren. Die Kaiserin macht in letzter Zeit dem Kaiser und Frau Kathi Sorgen. Man hat heimlich einen Arzt nach Biarritz gesandt, weil sie nichts ißt, lahm wurde, dabei immer am Strande spazierte und schließlich erklärte, nicht nach Cap Martin Die Kaiserin besitzt dort eine Villa, wo sie der Kaiser zu besuchen pflegte. kommen zu wollen. Das war dem Kaiser zu arg. Ietzt hat man sie aber für eine gewisse Sorte von Beefsteaks begeistert, und seitdem lauten die Nachrichten besser. Sie will nun auch Mitte Januar nach Cap Martin fahren. Wien, 4. Februar 1897. ... Während die Politiker rechnen – bzw. sich verrechnen – und die Gesellschaft in einen Karnevalstaumel geraten ist, der mir stärker als üblich erscheint, spielt hinter den Kulissen der Politik und Gesellschaft die Idylle weiter, die man »Frau Kathi« nennen kann. Es hat sich in dem äußeren Verkehr des Kaisers mit seiner Freundin nichts geändert. So trägt derselbe auch immer noch den Charakter außerordentlicher »Anständigkeit«. Der platonische Charakter der Beziehungen hat durch nichts eine Änderung erfahren. Immer noch beginnen die Briefe mit der Anrede »Hochgeehrte, gnädige Frau«. Und doch hat das Verhältnis seit einiger Zeit eine andere Form angenommen. Wenn der Kaiser auch in Frau Kathi nicht das besitzt, was man im allgemeinen unter dem Begriffe einer Maitresse zu verstehen pflegt, so ist die Wirkung dieses Verhältnisses doch eine ähnliche nach außen geworden. Die gutmütige Frau Kathi, die sich sonst nach Möglichkeit dem Andrängen ihrer Umgebung erwehrte, ist darin müde gemacht, und es treten Einflüsse auf, die früher nicht zu bemerken waren. In ganz direktem Zusammenhange hiermit aber steht das »Altwerden« des Kaisers, das mir seine nächste Umgebung (wie Graf Paar und andere) berichtete. Auch ich habe es in einem Nachlassen der Haltung bemerkt. Die Widerstandsfähigkeit des Kaisers hat nachgelassen, und er merkt es nicht, daß er mehr unter den Einfluß der Frau Kathi gekommen ist als früher. Die politischen Kreise munkeln von Einflüssen, die sich sogar in dieser Hinsicht Geltung verschaffen, und zwar scheint Ungarn den Weg zu Frau Kathi gefunden zu haben .... Ich habe konstatiert, daß Herr von Doezy, Sektionschef im Auswärtigen Ministerium, ein Ungar, bei ihr mehr aus- und eingeht als früher. Ob er die Vermittlung ungarischer Interessen besorgt, weiß ich nicht genau. Aber er steht in engen Beziehungen zu dem berühmten Redakteur Falk des Pester Lloyd – dem gräßlich wie eine Wasserleiche ansehenden Manne. Aus einer sehr guten Quelle erfuhr ich zu meiner Uberraschung, daß die ungarische Hofdame der Kaiserin, Gräfin Festetics, jenen Zusammenhang herstellt und Frau Kathi in die gewünschte Richtung schiebt. Die Gräfin ist eine sehr gescheite Person und lebt still in der Burg. Der Zusammenhang zwischen der Kaiserin und Frau Kathi ist ein sehr enger. Bei der Kaiserin holt sich Frau Kathi oft Rat, wenn eine schwierige Bitte an den Kaiser gebracht werden soll. Das dürfte sich wohl in der Hauptsache auf Ungarn beziehen. Die Kaiserin überhäuft dafür Frau Kathi mit kleinen Aufmerksamkeiten. Da aber Frau Kathi sehr abergläubisch ist, so spielen kleine Amulette, kleine und große Schweine von Metall und Porzellan dabei eine große Rolle. ... An den kleinen Essen bei Frau Kathi mit Sr. Majestät nehmen neuerdings bisweilen die beiden hübschen Schauspielerinnen, Frau Reinhold-Devrient und Fräulein Kallina, teil, pour varier les plaisiers . Frau Kathi ahnt nicht, welche Schlangen sie an ihrem Freundschaftsbusen pflegt! Beide jungen Damen waren, ehe sie an die Hofbühne kamen, also fast noch Kinder, Geliebte von Greisen. Sie müssen für die hohen Jahre eine besondere Anziehungskraft haben. Ich scheine noch nicht in den richtigen Jahren zu sein: ich finde sie ganz niedlich, aber zu frech und abgefeimt. Bei den kleinen Diners denke ich sie mir wie zwei junge Katzen, während Frau Kathi als eine etwas alternde, edle, englische Hühner -Hündin dabei sitzt. Es kann nur langweilen, wenn ich von dem Burgtheater erzähle, das gänzlich von Frau Kathi, bzw. von Frau Devrient und Fräulein Kallina, geleitet wird. Da geht wirklich alles drunter und drüber. Georg Hülsen, der zu meiner Freude einige Tage hier war, konnte sich nicht darüber beruhigen. Leider wird unser guter, geistvoller Baron Berger stark davon betroffen, weil seine Gattin, Frau von Hohenfels, von Frau Kathi und ihrem Anhang verfolgt wird. Allerdings ist die Hohenfels eine fatale Person: launisch, arrogant und intrigant. Der arme Berger leidet sehr unter dieser »großen Künstlerin«. Die sich steigernde Stimmung in hohen und aristokratischen Kreisen gegen Frau Kathi ist bemerkenswert, als Symptom dafür, daß es nicht mehr ist wie es war – und das der Kaiser alt wird.   Wien, 20. Juni 1897. ... Hier drängt leider die Lage langsam immer mehr dem klerikalen Fahrwasser zu. Ich habe darüber berichtet, konnte aber nicht folgendes schreiben, daß ich ganz geheim erfuhr ... Die Erzherzogin Valerie hat allmählich den Verkehr mit Frau Schratt aufgegeben. Sie hat diesen Verkehr aber erst fallen lassen, als sie sicher fühlte, den Vater sich dadurch nicht etwa zu entfremden. Der Grund, der Schratt entgegenzutreten, ist in dem Beichtvater der Erzherzogin, dem sehr genialen, aber sehr gefährlichen Pater Abel, zu suchen, der Jesuit ist. Da Frau Schratt (auch die Kaiserin) ungarische Attachen haben und deshalb gegen Lueger, d. h. gegen die Christlich-Sozialen sind, hat Pater Abel versucht, die Erzherzogin von der Schratt zu trennen und durch sie auf den Kaiser zu wirken, wenn er allein bei ihr ist, was jetzt häufig der Fall ist. Es führen die Fäden der zunehmenden Wendung des Kaisers zu den Klerikalen auf diesen Verkehr mit der Tochter. Pater Abel feiert heimliche Triumphe. Natürlich bedeutet eine solche Wendung keineswegs eine Abwendung von der Schratt, die dem Kaiser für den persönlichen Verkehr unentbehrlich ist. Es zeigt sich nur darin, daß der alte Herr mehr und mehr in Abhängigkeit gerät und in diesem Falle der Einfluß der Tochter stärker geworden ist als derjenige der Freundin. Diese Dinge haben sogar auf das sonst so zärtliche Verhältnis der Kaiserin zu ihrer Tochter eingewirkt. Die Kaiserin ist intimer denn je mit der Schratt, und es geht nicht mehr gut zwischen ihr und der Erzherzogin Valerie. Ein sonderbares Leben in diesem apostolischen Kaiserhause!...   Wien, Dezember 1897. ... Das einzige Mal, daß sich Frau Kathis Einfluß politisch und tatsächlich sehr bedeutend bemerkbar machte, war bei Veranlassung der bösen »Sprachenverordnung« in Böhmen, die durch den Ministerpräsidenten Grafen Badeni erlassen war. Diese Frage nahm allerdings bedenkliche und aufregende Formen an, und ich will hier nur kurz das Folgende darüber sagen: Am 5. April 1897 war eine »Sprachen-Verordnung« in Böhmen erlassen, die den Zweck hatte, die Feindseligkeiten zwischen Deutschen und Tschechen zu verhindern oder doch zu mildern. Hiernach sollten bei den Behörden und Gerichtsstellen die Verhandlungen in derjenigen Sprache geführt werden, in welcher die erste Eingabe gemacht war. Es ergab sich also daraus, daß in tschechischer Sprache verhandelt werden muß, wenn in den absolut deutschen Teilen Böhmens ein Tscheche irgendeine Eingabe macht. Die Gegensätze zwischen den Nationalitäten hatten sich sofort nach dieser Sprachenverordnung sehr verschärft und die Verhandlungen in dem Abgeordnetenhaus zu Wien wurden andauernd stürmischer. Besonders hervorgerufen durch den Deutsch-Böhmen Wolf, der der ganz linksstehenden deutschen Partei angehört und ein bösartiger Debatter ist. Ende Juli versuchte Ministerpräsident Graf Badeni vergeblich, eine Einigung herbeizuführen, und die Unruhe in ganz Böhmen wächst seitdem. Im September findet ein Duell zwischen Badeni und Wolf statt, weil letzterer von Badenis »Schufterei« sprach. Im Oktober wird der Antrag von den Nationaldeutschen gestellt, Badeni in Anklagezustand zu versetzen. Am 26./27. November kommt es zu wilden Prügelszenen im Abgeordnetenhause und zu heftigen Zusammenstößen auf den Straßen in Wien und Graz. In Wien muß am 27. November Militär einschreiten. Am 28. November entläßt der Kaiser den Grasen Badeni und ernennt Baron Gautsch zum Ministerpräsidenten. Es spielt in diese politische Situation Frau Kathi hinein, Herr Palmer ist ein Gegner Badenis. Darum hat in dem Augenblick, als der Kaiser von Wallsee (dem Schloß an der Donau, das er der Erzherzogin Valerie schenkte), zurückkehrte und hier totale Zerfahrenheit fand, Frau Kathi gewirkt und den Rat Goluchowskis und Bánffys Der ungarische Ministerpräsident. ) unterstützt, sich von Badeni zu trennen. Ich möchte glauben, daß der Rat der beiden Minister nicht darauf hinzielte, die sofortige Entlassung Badenis zu befürworten (denn beide Herren hatten politisches Einsehen genug, um eine Kapitulation vor der Gasse vermeiden zu wollen), sondern das Haus zu schließen und durch einige Handlungen des Grafen Badeni der kommenden Regierung die Möglichkeit einer Existenz zu geben. Aber der Kaiser war bereits umgestimmt und überstürzte den Abschied, weil er in starke Unruhe versetzt war – und zwar durch Frau Kathi Schratt. Er hatte schon, vom Westbahnhof kommend, nicht den gewohnten Weg durch die Mariahilfer-Gasse genommen, sondern war über den Maria-Theresien-Platz gefahren. Ich lasse dahingestellt, von welcher Seite ihm dieser ängstliche Rat kam. Tatsächlich war in der Mariahilfer-Gasse keine Volksansammlung, und niemand wußte, daß er kam. Frau Schratt aber saß zitternd zu Hause, während die Tumulte immer größer wurden. Sie wußte sehr wohl, daß in der Menge die Auffassung mehr und mehr Boden gefunden hatte, daß der Kaiser alt und schwach geworden und eigentlich nur noch auf sie höre. Sie sah bereits im Geiste das Volk ihre Wohnung stürmen und schielte unruhig nach den Laternen-Pfählen auf der Straße. Sie erinnerte sich vielleicht auch der Episode des Jahres 1848, wo das wütende Volk von der Kamarilla hörte, die an allem Schuld sei und in der Überzeugung, daß die »Kamarilla« die Maitresse des Kaisers Ferdinand sei, einen Sturm auf die Burg unternahm. Frau Kathi hatte wohl nur den einen Gedanken: jene aufgeregte Menge zu beschwichtigen. Und ein Mittel, das augenblicklich wirken mußte, war die sofortige Entlassung Badenis. So sahen wir ihn denn plötzlich verschwinden, in einem Augenblick, wo er sicherlich nicht verschwinden durfte. Das verhinderte aber nicht einmal, daß der Mob und die Sozialdemokraten in den Vorstädten »Herrn Schrattenbach« Pereats brachten. Wer nun nach der Entlassung Badenis an den groben Ungeschicklichkeiten schuld ist, die auf der Straße begangen wurden, weiß ich nicht. Ich vermute, daß auch Statthalter Graf Kielmannsegg einigermaßen den Kopf verlor. Er sagte mir selbst, daß er eine Revolution befürchtet habe und dieser Ansicht bei Badeni Ausdruck gegeben habe. Das heißt mit anderen Worten, daß mit allen Mitteln abgewiegelt werden sollte. Hierdurch erklären sich allein die fast unglaublichen Vorgänge, daß die Polizisten den Verkauf von Extrablättern unterstützten, welche die Entlassung Badenis meldeten und Sorge trugen, daß sie im Volke richtige Verbreitung fanden. Der Menge, welche nach dem Landgericht zog, um den Abgeordneten Wolf, der dort inhaftiert war, zu befreien, wurde auch von den Polizeiorganen sofort mitgeteilt, daß bereits Order eingetroffen sei, Herrn Wolf zu entlassen. Daß ein unglücklicher Gendarm zu Pferde, das auf dem Asphalt zu Fall kam, von der Menge buchstäblich mit Steinen totgeschlagen wurde, ist verschwiegen worden. Frau Kathi hatte allerdings in diesem Fall ein leichtes Spiel gegenüber dem Kaiser, weil dieser sein Leben lang die fixe Idee hatte: durch eine Revolution sein Ende zu finden – »weil er durch eine Revolution zum Kaiser erhoben worden sei«. Die jetzt recht bedenklich gewordenen Gegensätze in Böhmen (die im übrigen stets vorhanden sein werden), waren allerdings das törichte Werk Badenis, d. h. wohl eigentlich nur seiner törichten Berater, denn er selber war weder dumm noch antideutsch. Für die Tschechen hatte er jedenfalls keine Sympathien –, denn die Polen wollen in der Burg herrschen und finden dort stets den tschechischen Hochadel auf ihrem Wege. Momentan aber war nun Badeni der » Croc mitaine « für alle Deutschen geworden, besonders die liberalen Deutschen, zu denen Herr Palmer und Frau Kathi gehören. Wien, 25. März 1898. ... Die Taktik der Frau Kathi, nach der ungarischen Intrige auf den Semmering zu flüchten und selbst bei Rückkehr des Kaisers nach Wien nicht anwesend zu sein, hat sich als richtig bewährt. Es scheint, daß der Verkehr mit der Erzherzogin Valerie, welche ihrem Vater gegenüber stets ein etwas befangenes, fast verlegenes Wesen zeigte, dem hohen Herrn auf die Dauer nicht genügte. Das lustige Geplauder von Frau Kathi über die großen und kleinen Miseren der Kulissenwelt, über die Hunderln und die Vögerln und die Haushaltsereignisse seiner Freundin hat ihm gefehlt. Weder die Dichtungen noch die ewigen Kinderstubenangelegenheiten der Tochter fesseln ihn. Er braucht auch die Attraktion der schönen Weiblichkeit Frau Kathis, über die er in unschuldvollster Weise gebietet. Kurz und gut: es ging nicht länger ohne sie. Das scheint auch die Kaiserin behauptet zu haben, die bereits zweimal Ärgernisse ähnlicher Art, wie die jetzt eingetretenen, ausgeglichen hat. Das Resultat ist, daß die kleinen Diners bei Frau Kathi, die Spaziergänge und das Hin und Her von Billets wieder nach alter Weise begonnen haben. Der Sturm hat sich gelegt. Wien, 6. Januar 1899. ... Hier hat nach dem stillen Intermezzo der Weihnachtswoche der Kampf »Aller gegen Alle« wieder begonnen, und aus der tosenden See ragt nur als ruhige Insel die Idylle des kaiserlichen Privatlebens hervor. Es ist eine alte Wahrheit, daß in den hohen Jahren menschlichen Lebens einerseits die Empfindungsfähigkeit sich abstumpft, andererseits der Gedanke den Greis beherrscht: es kann ja lange nicht mehr dauern. So ist denn auch Kaiser Franz Joseph so völlig über den Verlust der Kaiserin Siehe meine Aufzeichnungen »Mord«. hinaus, daß sich die Umgebung wun*dert, wie dieses grauenvolle Ereignis so wenig Spuren hat hinterlassen können. Aber Spuren hat es dennoch hinterlassen, nur eben nicht eine zerbrochene Existenz oder trostlosen Schmerz und fassungsloses Hinbrüten. Denn in das behagliche Leben des Kaisers, das sich zwischen der Tochter mit ihren Kindern und der Freundin Kathi teilt, hat sich der alte kirchliche Geist geschlichen, der durch alle Zeiten die alternden Fürsten des Hauses Österreich in der Burg gefangennahm. Die Werkzeuge, deren sich die Kirche bedient, sind sehr verschiedenartige. Katharina von Österreich – wie man die gute Frau Kathi nennt, – ist es nicht. Im Gegenteil. Sie gehört nach Tradition und Naturell in das liberale deutsche Lager, zu dem gemütlichen, künstlerischen Wien, das deutsch redet, denkt und alles Ausländische (wozu auch die unbequemen ungarischen, tschechischen, italienischen und sonstigen Dialekte gehören), perhorresziert. Die bedrohliche Nähe der frommen, klerikalen Gesellschaft, welche jetzt mit dem Ministerium Thun am Ruder ist, läßt Frau Kathi nur um so fester an ihrer gemütlichen bürgerlichen Wiener Art hängen. Aber – sie wagt sich gegenüber dieser Art politisch nicht hervor. Damit zeigt sie viel Klugheit, denn es fragt sich, ob sie nicht bei der in der Burg und bei der Regierung herrschenden Stimmung unterliegen würde, wenn sie als »Gegenströmung« bemerkbar würde. So hat sich auch ihr alter Freund Palmer, der Tarockpartner des Kaisers, vorsichtig zurückgezogen und weder er noch Frau Kathi sind den dringenden Bitten, im Interesse der Deutschen Österreichs zu intervenieren, zugänglich gewesen, die in letzter Zeit von verschiedenen Personen ausgesprochen worden sind. Es ist diese schroffe Ablehnung symptomatisch sehr interessant: sie spricht für die Bedeutung, die jene feudal-tschechisch -polnische Richtung angenommen haben muß. Denn es ergäbe sich, wie früher, so leicht die Gelegenheit für Frau Kathi oder Herrn Palmer, dem Kaiser Dinge aus dem Alltagsleben Wiens oder Böhmens zu erzählen, welche die Lage grell beleuchten und den alten Herrn zum Nachdenken anregen könnten. Denn der Kaiser nimmt fast immer noch das erste Frühstück in der Villa Schratt ein. Von Schönbrunn geht er nur 10 Minuten durch den Park bis an die Pforte, die das Gärtchen von diesem trennt. Auch macht er täglich seine Nachmittagspromenaden mit der Freundin. Bisweilen, gegen Abend, findet sich dann wohl auch Herr Palmer in dem eleganten Salon Frau Kathis ein. Aber, wie gesagt: »Man will den armen Herrn, der soviel Ärger und Sorgen hat, nicht auch bei diesem gemütlichen Verkehr mit Politik langweilen.« Von unzweifelhafter Bedeutung für die »andere« politische Richtung ist der viel weniger harmlose Verkehr des Kaisers mit der Tochter geworden. Erzherzogin Valerie mit Gatten und Kindern hat das Schloß von Schönbrunn bezogen, um dem Vater nahe zu sein. Aber merkwürdigerweise ist der Umgang der Tochter mit dem Vater gar nicht der harmlose, kindliche, wie man anzunehmen geneigt ist. Trotz aller Begabung und trotz allen Verstandes, den die Erzherzogin unzweifelhaft besitzt, die sie zu einer anziehenden Erscheinung machen, kann sie ein Gefühl der Scheu nicht überwinden, das ihr der Kaiser als solcher einflößt. Sie wird dadurch nicht amüsanter – und da der alte Herr nicht zu den Unterhaltenden gehört, so trägt dieser Verkehr den Stempel größter Langeweile. Es dürfte diese Langeweile nicht dadurch gemindert werden, daß die Erzherzogin ihren Vater durch allerhand Sorgen, das ewige Seelenheil der ermordeten Kaiserin betreffend, quält. Das nicht fortzuschaffende Faktum, daß die Kaiserin auf dem Wege vom Dampfboot zum Gasthaus starb und weder beichten konnte, noch versehen wurde, ängstigt die fromme Tochter auf das Furchtbarste und dürfte wohl von dem Jesuiten-Pater Abel, dem Beichtvater, benutzt werden, um auch auf den Kaiser zu wirken. Allerhand fromme Unternehmungen, die mir als Protestanten in ihren Zwecken und Wirkungen schleierhaft sind, werden in Szene gesetzt. Ein ganzer Apparat ist losgelassen, der den alten Herrn teils beschäftigt, teils nachdenklich macht, teils langweilt, der aber schließlich wohl den Zweck der Kirche erreicht, ihn stärker in Anspruch zu nehmen als bisher. Es ist mir bekannt, daß sogar recht streng-kirchliche Herren diese Geschichten für »zu viel« halten. Die Damen meinen natürlich, daß es noch nicht genug sei, und dazu dürfte wohl Pater Abel auch gehören. Aus zwei Briefen an den Staatssekretär B. v. Bülow. Wien, 10. Januar 1899. ... Gestern war ich zum Diner bei Frau Kathi Schratt geladen. Ich ging nur für eine Stunde am Abend hin und traf Oberhofmeister Fürst Rudolf Liechtenstein, Marquis Baqueham (den letzten Statthalter in Graz), Herrn Palmer, Hofkapellmeister Mahler, Komiker Tewele, Ehepaar Devrient, Gräfin Nora Fugger-Hohenlohe, Gräfin Westphalen (eine geborene Schauspielerin) und Komtesse Bubna – die unter anderem Namen am Burgtheater spielt. Frau Kathi war in Hoftrauer mit prachtvollen Perlen, machte reizend die Honneurs in ihrer schönen Wohnung. Ich benutzte ein Tête-à-tête mit ihr, um sie auf die gegenwärtige Lage anzureden. Sie war außer sich über die Haltung des Kaisers, der rund heraus erklärte, nur mit Thun Graf Thun, der neue Ministerpräsident. die politische Situation besprechen zu können. Er höre nur diesen, – Beck, Goluchowski bisweilen – und diese alle seien erfüllt von Haß gegen die Deutsch-Nationalen und redeten nur in der Richtung, in der ja leider der Kaiser selbst sich bewege. Sie wisse nicht, wie sich diese Lage ändern könne und sei äußerst besorgt. Sie erzählte mir auch, daß Doczy bei ihr die größten Anstrengungen gemacht habe, um sie zu bewegen in deutschem Sinne zu wirken, aber sie habe ihm nur sagen können, daß die Lage ganz aussichtslos sei und sie leider nichts vermöge. Ich stellte ihr nunmehr sehr deutlich die Gefahren dar, welche bei einer Fortführung des jetzigen Systems drohten und gab ihr einige Schlagwörter mit auf den Weg, den sie ja so häufig an der Seite des alten Herrn im Schönbrunner Park wandelt – aber ich erwarte leider nicht viel Wirkung davon.   1. Februar 1899. ... Ich erfahre soeben aus sonst stets zuverlässiger Quelle, daß eine Wiedervermählung des Kaisers Franz Joseph angebahnt sei. Die zukünftige Kaiserin soll die jüngere Schwester der Königin von Portugal und der Herzogin von Aosta sein. Im März, nach Ablauf der Trauer, soll die Absicht des Kaisers bekanntgegeben werden und die Hochzeit noch vor dem 70. Geburtstage des hohen Herrn gefeiert werden. Bis jetzt traten alle diese Heiratspläne nur als Gerücht auf. Jetzt gewinnen sie anscheinend mehr Hintergrund...   Aus Briefen an Kaiser Wilhelm II. Wien, 20 Februar 1899. ... Da mein Verkehr, meine Gesellschaft, meine Äußerungen usw. überwacht werden Durch den deutschfeindlichen Ministerpräsidenten Graf Thun. , so muß ich auch danach handeln und meine Rede in die Form kleiden, die nötig ist, um diejenige Wirkung zu erzielen, die wir haben wollen – und leider nicht erreichen, weil die Herren Kaizl Tschechenführer , Kramarz Tschechenführer und Genossen das große Wort – und die Intrige führen! Ich kann daher noch weniger als sonst die gute Schratt besuchen. Man würde den Verkehr in einer Weise ausbeuten, die weder uns noch Kaiser Franz Joseph dienlich wäre. Daß ich aber gestern Frau Kathi einen Besuch abstattete, nachdem sie mich letzthin eingeladen hatte, war völlig unverfänglich, weniger aber unsere Unterhaltung. Die gute Frau klagte in allen Tönen: es sei unerträglich, die ärgerliche Politik verstimme den Kaiser entsetzlich, niemals eine gute Nachricht, er sei so unglücklich, daß er schon öfters gesagt habe: »Es wird erst besser, wenn es mit mir aus ist.« »Jessas Maria«, hat Frau Kathi gesagt, »das ist aber a Red! – da wirds ja grad toll!« – aber der Kaiser sagt, »es sei gar nicht mehr auszuhalten, und er gäbe sich doch soviel Mühe und arbeite soviel. Er könnte halt niemand recht machen!« Frau Kathi hat dann von der Notwendigkeit gesprochen, daß der Kaiser doch auch hin und wieder einen anderen höre als Thun allein und immer nur Thun. Er habe wohl einmal zugehört, was der Palmer ihm sagte, aber alles bliebe doch beim alten. Nachher brach sie gegen Thun los, »der nicht einmal das täte, was der Kaiser ihm austrage«. So habe der Kaiser ihm schon vor 4 Wochen gesagt, er solle einmal mit Singer (von der »Neuen Freien Presse«) sprechen (der ihr, Frau Kathi, gesagt habe, daß er alles tun wolle, was der Kaiser befehle), aber Thun habe ihn noch nicht gesehen. Das hätte nicht geschehen können, wenn die Kaiserin noch lebte, da hätte auch nicht die ungarische Krise eintreten können. Von den Besuchen des Fürsten Schwarzenberg beim Kaiser sprach Frau Kathi nicht. Der sieht aber tatsächlich den Kaiser öfters, und in manchen Kreisen legt man diesen Audienzen eine gewisse Bedeutung bei. Ich glaube nicht, daß viel Ernsthaftes dabei gesprochen wird, doch schwimmt Schwarzenberg in dem Thunschen Fahrwasser und dürfte daher dessen Richtung verstärken. Ich erwähnte nun das Familienleben in Schönbrunn, Erzherzogin Valerie und ihre Kinder. Frau Kathi sagte, daß dieser Verkehr dem Kaiser gerade die Zeit seiner Spaziergänge am Nachmittag raube, aber er ließe sich nicht bestimmen, dieses zu ändern, obgleich Professor Wiederhofer Leibarzt des Kaisers. ganz unglücklich deswegen sei. »Man hat's halt gewollt«, sagt der Kaiser, »da ist nix zu machen.« »Der Kaiser ist halt zu gut«, meint Frau Kathi. »Statt daß er seinen Tag wieder anders richtet, trägt er lieber die Last.« In der Tat steht der Kaiser unter dem Zwang dieses Familien-Verkehrs, der ihn ebenso langweilt wie die anderen. Nichts Fürchterlicheres soll es geben, als die Familiendiners, wo alles feierlich herumsitzt, niemand den Mund aufmacht und nachher ein steifer Cercle stattfindet wie unter Fremden. Der Kaiser kann gar nicht erwarten, daß er wieder hinauskommt. Ähnliche Empfindungen hat er im engeren Kreise der Familie seiner Tochter. Aber »er tuts halt«. »I glaub net«, sagt Frau Kathi, »daß's mi weg hab'n wollen«. Sie meint, daß sie gar nichts von Intrigen gegen sie bemerkt habe. Aber Palmer wisse davon etwas und darum habe sie kürzlich dem Kaiser davon gesprochen. Der wollte gleich den Palmer fragen. »Aber«, hat er gesagt, »möglich is schon, daß die was wollen, aber i will nix«. »Passens auf« – fuhr Frau Kathi fort – »hat der Palmer mir gesagt, wenn's recht freundlich wer'n – die andern – dann is halt recht z'gfärlich.« »Und, passens auf«, erzählte sie weiter, »letzthin hat der Ludwig Victor Erzherzog Ludwig Victor, der jüngere jetzt einzige Bruder des Kaisers. mir g'schrieben, weil er ein Gedicht von mir habn wollt, und dann hat er mir eine Broschen g'schickt! Als i des Sr. Majestät verzählt hob, hat er glei gsagt: ›Mei Bruder!!? – Jesses, i setz mi untern Tisch!‹ – und i hob gsagt, da setz i mi glei auch zu Eu'r Majestät!« Frau Kathi glaubt nicht an die Wirkung der Intrigen, die sie hauptsächlich bei Erzherzog Franz Salvator Gatte der Erzherzogin Valerie. sucht – mehr wie bei der Erzherzogin Valerie. Doch darin irrt sie. Daß der Einfluß der Tochter und der Schwägerin Marie Therese Witwe des Erzherzogs Karl Ludwig, Bruder des Kaisers, geb. Prinzessin von Braganza. vorhanden ist, scheint mir unumstößlich. Doch weniger jetzt in der Gegnerschaft zu Frau Kathi als in klerikalem Sinne. Die Schratt in ihrer stets mir gegenüber zunehmenden, offenen, vertraulichen Art (denn sonst ist sie sehr vorsichtig!) erzählte mir, daß der Kaiser unter diesem »frommen Druck« zu leiden habe. Dreimal hat er bereits in diesem Jahre gebeichtet (jetzt sind wir im Februar), und sonst beichte er nur dreimal während des ganzen Jahres! »Mein Gott«, rief sie, »und was wollns denn beichten, Majestät?« hob i gfragt. »So ein lieber guter Herr hat ja gar nix zum beichten! Hab'ns denn so viel Sünd'?« – »Ja«, hat der Kaiser gsagt, »wollns denn nit, daß i mi bess'r auf meine alten Tag?« – I hob gsagt, »das wohl – aber Eu'r Majestät hab'n ja halt gar nix zu beichten!« Diese kleine Episode zeigt mehr als die gute Frau Kathi ahnt – und gibt auch manche Erklärung für den Zusammenhang mit Thun, der sich gesellschaftlich ganz zurückzieht, nicht mehr in den Klub geht und auch mehr beichtet als früher. Die große Frage blieb für mich das Heiratsprojekt. Frau Kathi sprach nicht davon; ich wartete lange. So begann ich denn im Zusammenhang mit den Palmerschen Sorgen davon zu sprechen und fragte, was sie davon wisse? »Nichts«, sagte sie. »Man wird Ihnen auch zuletzt davon sagen«, erwiderte ich. »Ja, das schon«, sagte sie, »aber ich merke halt doch. Wenn Se. Majestät was druckt, da gehts halt immer beim Redn so im Kreis herum – bis's halt raus ist. Und bis jetzt hat er halt noch gar net herumgedruckt.« Frau Kathi glaubt eben nicht daran, vielleicht auch nicht, weil es ihr fatal ist. Aber ich habe auch Näheres nicht gehört. Daß irgend etwas in dieser Hinsicht geschmiedet wird, steht fest. Doch mag es wohl damit sein, wie mit den Intrigen gegen die Schratt, wozu der Kaiser sagte: »Möglich is schon, daß die was wolln – aber i will nix!« Und dennoch kann, wenn die tatsächlich an Einfluß zunehmenden Beichtväter sich mit der Familie verschwören und eine Frage der Pflicht und des Wohles des Vaterlands daraus machen, der Kaiser schwach werden – trotz Frau Kathi. Daß aber der Kaiser vorläufig nicht »herumdruckt«, ist allerdings ein gutes Zeichen. Ich habe dabei natürlich die Ehe Orleans oder eine solche Ehe im Auge, die den alten Herrn in totale Abhängigkeit der Kirche oder uns Feindlicher Strömungen bringt. Sonst hätte ich ja durchaus nichts dagegen, wenn der hohe Herr schließlich noch der Linie Karl Ludwig Die Söhne des Erzherzogs Karl Ludwig sind 1. der Thronfolger Franz Ferdinand, 2. Erzherzog Otto. ein Schnippchen schlüge. Kann letzteres aber nicht geschehen, so ist Frau Schratt für uns bei weitem das Beste. Ich habe aus diesem Grunde auch meine Beziehung zu ihr so freundschaftlich gestaltet, und der Kaiser nimmt das sehr hoch auf....   Wien, 8. März 1899. ... Frau Schratt teilte mir gestern auf einem Feste bei mir folgendes mit: Sie hatte am Morgen den Kaiser gesehen und ihren gewohnten Spaziergang mit ihm gemacht. Die Unterhaltung streifte das Thema »Stadtklatsch«, und Frau Kathi sagte, daß der Glaube an eine beabsichtigte Wiederverheiratung des Kaisers in immer weitere Kreise dringe. Der Kaiser lachte und meinte, es sei wohl ein Witz, den sie erzähle. »Nein«, habe sie gesagt, »auch ganz ernsthafte Kreise sprechen davon: sogar Graf Eulenburg hat mir erzählt, wie sehr man sich mit dieser Frage beschäftigt.« Der Kaiser sagte ihr: »Da Sie heute den Grafen sehen, so sagen Sie ihm ganz im Vertrauen, in meinem Auftrage, daß ich mich nicht wieder verheiraten werde.« Diese Mitteilung hat natürlich angesichts der nicht zur Ruhe kommenden Gerüchte großen Wert – (auch das Faktum, daß der Kaiser Frau Kathi mit dieser Mitteilung beauftragte, entbehrt nicht des Interesses!). Natürlich kann man nun mit größerer Ruhe der Entwicklung dieser Frage entgegensehen, die allerdings wohl trotz der Äußerung des Kaisers bestehen bleibt. Ich bemerke eine immer stärkere Tätigkeit in dieser Richtung seitens der Kirche und des Kaiserhauses. Der Gesichtspunkt der Nachkommenschaft ist mehr in den Hintergrund getreten. (Ich weiß nicht, welche Erwägung plötzlich hierin Wandel geschaffen hat, nachdem noch vor kurzem die Möglichkeit im Vordergrund stand!) Man betont die Notwendigkeit einer Kaiserin, welche repräsentiert und Menschen sieht, die Notwendigkeit eines stärkeren Hervortretens des Hofes als Gesellschaftsmittelpunkt. Ich möchte bei dieser Betonung doch Erzherzogin Marie Therese und Erzherzog Ludwig Victor vermuten.   ... Das Fest, welches die Veranlassung wurde, mir die so interessante Mitteilung Frau Kathis zu bringen, fand zu Ehren der Künstler statt, die sich an dem großen Konzert zugunsten des deutschen Hilfsvereins beteiligten. Ich lud dazu alles ein, was mir sonst aus Künstlerkreisen bekannt war. Dazu eine Anzahl Damen der hohen Aristokratie, welche Fühlung zu ihnen haben, wie Fürstin Croy, Fürstin Hatzfeldt, Gräfin Wydenbruck usw. Es waren wohl 80–100 Personen anwesend, die zuerst herumstanden, wie die Götzenbilder auf einem siamesischen Kirchhof. Dann aber goß der Champagner Leben hinein, und es entstand eine für Wien ganz ungewöhnliche Vertraulichkeit des Verkehrs zwischen den Kasten, welche die hiesige Gesellschaft trennen und die wahrhaftig an Indien erinnern. Man hörte das volltönende Organ des alten Sonnenthal durch das Lachen der Damen hindurch, und kleine jüdische Klavierspieler rauchten mit Fürstin Croy lange braune Zigarren. Dann hatte sich Herr Sistermann mit dem Studium meiner Lieder in einem leeren Zimmer beschäftigt und erklärte mir, er wolle trotz des eben absolvierten Konzertes davon singen. Es klangt wirklich schön. Dann trat Miß Walker, die Altistin der hiesigen Oper, ein und sang zur Begeisterung der Gesellschaft ebenfalls Lieder von mir. Sie hat eine wunderbare Stimme. Mich störte nur ein schwarzes Schönheitspflästerchen auf ihrem Busen, auf das man, wie auf einen Magnet, hinblicken mußte. Erst nach 1 Uhr war der Schluß des Festes.   Wien, 13. Oktober 1900. ... Von besonderem Interesse ist die Entwicklung der Dinge, welche man hier »den Bruch zwischen dem Kaiser und der Schratt« nennt. Die Dinge liegen so, wie ich vermutete: Frau Kathi hat durch das Burgtheater, das sich bettelnd und quälend an ihre Gutmütigkeit hing, durch das täglich früh um 6 Uhr »fertig zum Empfang des Kaisers beim Frühstück sein« und durch kontinuierliche Geldverlegenheiten die Nerven total verloren. Sie konnte nicht weiter. So gab sie das Burgtheater auf und reiste zu längerer Erholung in die Schweiz, aber ihr hoher Gönner schreibt ihr täglich einen Brief und hat ihr erlaubt, um sich zu schonen, stets nur telegraphisch darauf zu antworten! Also wird das klatschsüchtige Wien, das jetzt die lächerlichsten und dümmsten Dinge über die »Trennung« erfunden hat, in einiger Zeit wohl wieder von einer Versöhnung sprechen müssen. Ich höre, daß Prinzeß Gisela, auch Rudolf Liechtenstein und die nächste Umgebung des Kaisers alles tun, um Frau Kathi zu halten, welche die einzige Erholung für den alten Herrn bedeutet. Erzherzogin Valerie soll allerdings grollen, aber, auch sie hat jetzt keine Trennungsversuche gemacht, so wird mir aus guter Quelle versichert. Inwieweit eine sehr lange Trennung psychologisch auf den alten Herrn wirken könnte, lasse ich dahingestellt. Dazu wird es aber Frau Kathi wohl nicht kommen lassen.... Wien, 22. Oktober 1900. ... Das anliegende Inserat aus der Neuen Freien Presse: Kathi kehre zurück – alles geordnet – zu Deinem unglücklich verlassenen Franzl . macht viel Gerede. Es ist in der Tat sehr frech. übrigens wird Frau Kathi in nächster Zeit hier zurückerwartet...   Tagebuchnotiz. 6. Dezember 1900. Da Baron Berger in seiner Eigenschaft als Dramaturg des Burgtheaters eine Dienstreise nach München gemacht hatte, und ich erfahren hatte, daß Frau Kathi dort eingetroffen sei, schrieb ich ihm eilend dorthin, er solle mir die eigentlichen Gründe ihrer Verstimmung mitteilen und versuchen, sie zu einer Rückkehr nach Wien zu bewegen. Ich erhielt darauf von ihm den nachfolgenden Brief: München, 4. Dezember 1900. Euer Durchlaucht! In größter Eile fasse ich das Ergebnis der Unterredung mit der bewußten Dame zusammen. Über die Ursache der Kränkung, die sie empfindet, sprach sie sich in folgender drastischer und urwienerischen Weise aus: »Jeder kleine Bub' läßt sich gutwillig den Wurschtl (Hanswurst), an dem er seine Freude hat und mit dem er spielt, nicht wegnehmen, er schlagt wenigstens nach denen, die ihm sein geliebtes Spielzeug wegnehmen. Er aber tut das nicht.« Verstimmt ist sie, wie sie aus dem Theater entfernt wurde. Sie hatte ihr Entlassungsgesuch eingebracht, hielt es aber für abgetan nach einer Besprechung mit dem Fürsten Liechtenstein, der ihr gesagt haben soll: »Also, Ihr Gesuch existiert nicht mehr, Sie kommen zurück, wann Sie wollen....« usw. Nach einiger Zeit aber war das Gesuch – zustimmend erledigt. Seit dem Tode einer allerhöchsten Dame hätte überdies eine Nuance gefehlt, die bis dahin alles anders, vornehmer gestaltet hatte. – Sie würde, wenn ihr gewisse Genugtuungen geboten würden, wohl sogleich zurückkehren. Aber man würde ihr von 4 Personen, die sie mir genannt hat, wohl keine opfern. Auf meine Bemerkung, Gott habe sich statt des Isaak mit einem Schaf als Opfer begnügt, und irgendein Schaf würde man ihr gern opfern, meinte sie, ein Schaf tue es nicht, sie wolle den Isaak. Nennen kann ich die 4 Isaaks nicht, deren eine Person eine Dame ist. Sie hält die 4 für beteiligt an der gegen sie gerichteten Intrige. Resultat: Die Aufopferung eines Gegners würde sie zurückführen. Dieses Resultat entnehme ich einem Wirrsal von ernst- und scherzhaften Hin und Widerreden. Die Äußerung Ew. Durchlaucht, die ich ihr hinterbrachte, hat sichtlich Eindruck auf sie gemacht. Ich würde es mir zutrauen, wenn ich Zeit und ein Mandat hätte, sie zurückzubringen. In tiefer Ergebenheit (gez. Berger.   Wien, 22. Dezember 1900. Frau Schratt boudiert immer noch, und zwar hauptsächlich, weil der Kaiser ihr durch seine Haltung nicht genug Freundschaft gezeigt habe, als der Ansturm der Schwarzen stattfand. Sie verlangt jetzt als Bedingung der Rückkehr vier Opfer. Ich weiß nur zwei davon: eine bösartige, schwarze Hofdame der Erzherzogin Valerie und einen Hofrat im Obersthofmeisteramt. Vielleicht begnügt sie sich mit einem. Die Bemühungen, sie zur Rückkehr zu bewegen, sind sehr große, und es interessieren sich immer mehr mächtige Leute dafür, weil der Kaiser augenscheinlich schwer darunter leidet, traurig und verstimmt ist. Die Umgebung macht mir Andeutungen, die recht kummervoll lauten. Paar Graf Paar, Generaladjutant des Kaisers. sagt mir, daß die Melancholie, die auf dem Verkehr mit dem Kaiser ruhe, geradezu niederdrückend sei. Er nannte mir nicht die Affäre Schratt als Grund, aber Liechtenstein sprach ganz offen mit mir. Er spricht auch mit dem Kaiser davon, der ganz sonderbar hilflos gegenüber dieser Wendung der Dinge ist. Er scheut sich wohl vor jener gewünschten Abschlachtung, aber ich glaube, daß, wenn er nur guten Willen zeigte, und sich nicht hinter allerhand Rücksichten verkröche, die gekränkte Schratt sich mit einem Ziegenbock als Opfer begnügen würde. So aber verbringt er seine Zeit zwischen der Arbeitsmappe und einem tödlich langweiligen, konventionellen Verkehr mit dem Hofe. Eine wahrlich entsetzliche Existenz! Unterdessen ist Frau Kathi von der Schweiz nach München gefahren, wo Prinzessin Leopold sie sehr freundlich empfing und im Sinne des »Ausgleichens« mit ihr verhandelte. Besonders warm aber tritt für die Rückkehr Gräfin Trani Die Schwester der verstorbenen Kaiserin Elisabeth. Vermählt mit dem Bourbon-Prinzen, Graf von Trani. ein. Diese hat mir aber durch ihren Eifer einen Plan verdorben. Ich hatte einen beliebigen Vorwand gesucht, um nach München zu fahren. Dort wollte ich der bösen Frau Kathi sehr ernst ins Gewissen reden. Als ich im Hotel vorsprach, war der Vogel ausgeflogen! Gräfin Trani hatte sie schleunigst nach Rom zitiert, um ihr bei der Zumauerung der heiligen Jubiläumstür zu helfen. Ich habe darauf einen Brief geschrieben – ein Meisterstück von Überredungskunst zu schmieden versucht! Unter anderem sagte ich, daß ich darauf rechnete, sie im Januar in Wien zu sehen, da ich es für unmöglich hielte, daß sie ihren lieben, alten Kaiser, dem sie soviel Dank schulde, das neue Jahr ohne Gratulation beginnen lasse. Mit Frauen ist ja im allgemeinen nicht leicht verhandeln, mit Schauspielerinnen fast unmöglich. Wie ernst man diese Dinge ansieht, zeigt die Haltung der Erzherzogin Valerie. Liechtenstein erzählt mir, daß sie angesichts der Wirkung der Trennung auf den Vater jetzt ganz für die Rückkehr der Schratt sei. Das wäre der augenblickliche Stand dieser Sache, die tatsächlich ebensoviel Bedeutung für unser Bündnis durch die Wirkung auf die Gesundheit des Kaisers hat, als auf die gesamte politische Lage in Österreich. Davon hatte ich eingehend berichtet. Die vertrauensvolle Aussprache des Kaisers Franz Joseph mit mir enthält doch manches, was uns beruhigen kann. Doch ist man niemals in diesem Lande vor Überraschungen sicher, und zwar vor unangenehmen.   Aus Briefen an Kaiser Wilhelm ll. Wien, 18. Januar 1901. ... Frau Kathi ist zu der größten Freude des Kaisers vor einigen Tagen eingetroffen, und ich habe ihr einen Besuch gemacht, der unter ihren Tränen und ihrem Lachen abwechslungsvoll verlief. Die Dame ist noch immer schwer gekränkt und Argumenten von Vernunft schwer zugänglich, denn sie sagt zum Schluß, wie die meisten Frauen: »Aber es ist doch so, wie ich gesagt habe!« Im wesentlichen zürnt sie dem Kaiser selbst. Er hebe nicht den Arm, um sie zu schützen. Früher sei die Kaiserin für sie eingetreten, jetzt habe sie keinen Schutz. Der Kaiser könne sich nicht entschließen, ein einziges energisches Wort für sie zu sprechen. Ich habe ihr erwidert, daß ich ihr Empfinden verstünde. Eine temperamentvolle Frau, welche liebt, verlange absolut das gleiche Temperament von dem Objekt ihrer Liebe und gerate in Raserei über den sogenannten Mangel an Liebe des andern. Ich nehme nach ihren Äußerungen an, daß sie den Kaiser wirklich »liebe«, aber sie könne mit dieser Liebe den Kaiser nicht zu einem feurigen Jüngling machen. Der Schrank, der dort stehe, könne z. B. nicht gehen, denn er ist eben ein Schrank. Der Kaiser täte sicherlich alles für sie, soweit es seine Individualität vermöchte, aber was solle er eigentlich tun, da sie gar nicht klar wisse, was sie wolle. Sie solle mir präzisieren, was sie wünsche? Frau Kathi gab mir recht – sie wisse eigentlich nicht, was sie wolle, denn daß der Kaiser »anders« werde, sei leider nicht möglich. Ich erwiderte, sie könne wohl Schutz verlangen gegen Angriffe und Beleidigungen durch Personen, die zu dem Hofe gehörten. Das werde man gewähren, aber sie müsse ihre Wünsche präzisieren. Wie sollten der Kaiser und die kaiserliche Umgebung wissen, was sie zu tun haben, wenn sie nur »brumme« und sich in Schweigen hülle? Ich wisse, daß man nach der schlechten Wirkung ihrer Abwesenheit selbst in Kreisen, die sonst feindlich waren, ihr Bleiben wünsche. Man habe Angst vor einem Regierungswechsel und wolle alles tun, um das kostbare Leben des Kaisers soweit Menschen es vermögen, zu verlängern und ruhig zu gestalten. Frau Kathi machte hierauf die Bemerkung: »Ich will nicht ins Theater zurück, aus dem man mich hinausgeärgert hat, ich will auch sonst gar nichts - mich haben überhaupt im Leben nur die Überraschungen gefreut.« Ich sagte ihr, daß dieses ja immerhin ein Wunsch sei, über den sich reden ließe. Dann sprach ich ihr sehr ernst ins Gewissen und schonte sie nicht, sprach von Undankbarkeit und Rücksichtslosigkeit, die einer treuen Landestochter nicht zieme. Sie klagte mir dann unter Tränen all das Unrecht vor, das ihr durch den Hof, die Erzherzogin Valerie und die Geistlichkeit zugefügt sei und rief aus: »Er (der Kaiser) schaut zu und läßt sich das gefallen – und ich soll nix dazu sagen!« Von dem Wiedersehen mit dem Kaiser erzählte sie mir alle Details: »Gut und lieb wie immer war er, aber immer hat er gesagt: »Sein Sie aber bös'!« – »Ja«, ha' ich gesagt, »bös bin i und ich werd' auch sag'n warum«. - »Lassen's doch das!« hat er immer g'sagt, aber i hab g'sagt: »Nein, Majestät, wenn zwei Freunde miteinander reden, so müssen's sich halt aussprechen, und i geb' net nach!« Ich habe Frau Kathi gesagt, daß sie den alten Herrn nicht gar zu sehr mit solchen Aussprachen »sekkieren« möge. Im übrigen würde sie an mir einen guten Freund behalten, denn ich hätte nur das Interesse des Kaisers im Auge. Ich vermöge ihr auch zu sagen, daß mein allergnädigster Kaiser, der stets ein Bewunderer ihrer Kunst auf der Bühne gewesen sei, durchaus mein Auftreten im Interesse des Kaisers billige. Sie brach darauf erneut in Tränen aus und sagte: »Bitte schön, küssen's Sr. Majestät die Händ' von mir. Ja, i weiß genau, daß solche G'schichten in Berlin gar net möglich wär'n!« Ich konnte auf diesen Entrüstungsschrei nur zustimmend antworten – allerdings in einem etwas anderen Sinne als die gute Frau Kathi. Von der Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit der kaiserlichen Umgebung kann man sich allerdings keinen Begriff machen. Liechtenstein war bereits bei mir und hat verschiedentlich gefragt, was man um Gottes willen machen solle? Er sehe ein, daß, wenn Frau Kathi sich nicht halten ließe, der Kaiser binnen allerkürzester Zeit den Jesuiten völlig in die Arme fiele. Rudolf Liechtenstein ist »Freidenker« und den Jesuiten sehr feind, doch zeigt er dieses Antlitz nicht jedem. Ich vermochte nur als guter Freund zu sagen, daß keine Summe hoch genug sei, um die bös' gewordene Frau zu beschwichtigen. Er solle sich der Geschichte des berühmten geistreichen Prince de Ligne erinnern, welcher vor der Kaiserin Katharina in Petersburg behauptete, jede Frau ohne Ausnahme sei durch Geld zu kaufen. » J'espère que vous faites une exeption pour moi !« sagte die Kaiserin. » Représentez-vous, Madame, la somme de 3 Millions roubles en argent «, erwiderte Ligne, und die Kaiserin sagte lachend: » C'est beaucoup !« Ich werde nun jetzt, nachdem ich die Freude Frau Kathis an Überraschungen festgestellt habe, Liechtenstein einen entsprechenden kostspieligen Vorschlag in diesem Sinne machen, denn er war bei ihr völlig ratlos. Es sei wirklich kaum zu glauben. Ich würde mich anheischig machen, die Sache in einigen Stunden zu regeln, aber ich bin bis an die äußerste Grenze meiner Einflußnahme gegangen und kann nicht weiter gehen. Jedenfalls halte ich die Sache für eine wesentliche und wichtige politische Angelegenheit, da der Schrecken des Kaisers über den Ausfall der Wahlen in radikaler Hinsicht ein großer ist. Treten die Jesuiten in den Vordergrund, so nützen sie die »veränderte« Stimmung im Lande aus und treiben den alten Herrn ganz sicher so tief in den Beichtstuhl, daß er nicht mehr hinausfindet... Wien, 13. März 1901. ... Der Eigensinn von Frau Kathi Schratt macht dem alten Kaiser viel Sorgen. Sie fährt unruhig herum, gibt vor, hier und dort zu tun zu haben. Wünscht allerhand Stellungen, wie Vorleserin Sr. Majestät« (was ja Maitresse en titre bedeuten würde), und spielt sich auf die gekränkte Freundin. Immerhin ist sie klug genug, den Kaiser nicht zu langweilen. Sie macht sich nur »rar« und kommt immer wieder her. Das ist schließlich nicht so schlecht, denn der arme alte Herr freut sich dann bei jeder Rückkehr »unbändig«. Man hat hier in der Stadt behauptet, daß dieses »Sichrarmachen« bedeute, den Kaiser zu einer Ehe zu bewegen. Das ist natürlich Unsinn. Aber in Rom war der Vatikan in größter Aufregung, als Frau Schratt mit Gräfin Trani erschien. Man hat zuerst die Audienz beim Heiligen Vater unter allerhand Ausflüchten hingehalten. Der Papst glaubte ernsthaft an eine Bitte für definitive Lösung der getrennten Ehe Kiß–Schratt, um den Kaiser heiraten zu können. Als man erfuhr, daß nichts als eine gewöhnliche Audienz verlangt wurde, hat man Frau Kathi sehr gnädig empfangen. So erzählte mir kürzlich Obersthofmeister Rudolf Liechtenstein....   Wien, 30. November 1901. ... Es wird erzählt, daß Frau Kathi Schratt ein Engagement in Amerika angenommen hat. Wie sie sagt: aus unüberwindlichem »Berufsgefühl«. Man will ihr anscheinend viel Geld zahlen. und sie ahnt nicht, wie die Reklame für sie ausfallen wird. Ich nehme an, daß auf Riesenaffichen in New York das Bildnis des guten Kaisers neben dem ihren zu sehen sein wird. Hoffentlich wird man hier das Verständnis für die Gefahr einer solchen Reise haben und lieber die Kosten auf die Promenaden in Schönbrunn umschreiben, die nach wie vor stattfinden. Aber das Tempo ist langsamer geworden. Dazu ist Frau Kathi noch eigensinnig und spielt sich immer noch als die Gekränkte auf. Doch muß es wohl nicht zu schlimm sein, da der Kaiser nicht die Laune verlor. Die früher fast täglich stattfindenden Frühstücke, morgens um 6 Uhr bei der Freundin sind allerdings abgestellt, weil sie bestimmt erklärte, nicht vor 9 Uhr freundlich sein zu können. Das begreife ich ...   Schlußbemerkung. Frau Kathi ist nicht nach Amerika gefahren. Der große Gelderwerb, der mit allerhand neuen Schulden in Zusammenhang stand, konnte schließlich auf andere Weise bewirkt werden – und wurde bewirkt. Denn als ich, nach erneuter schwerer Erkrankung, 1902, meinen Wiener Posten verließ, war sie die glückliche Eigentümerin eines großen vierstöckigen Hauses am Eingang der Mariahilferstraße, das ein »Millionen- Objekt« war. Man darf bei ihren Schuldennöten jedoch nicht vergessen, daß sie Baronin Kiß war, einen herangewachsenen, großen, schwarzhaarigen Sohn Kiß besaß, der ein feueriger Ungar mit allen Passionen dieses seltsamen Landes war, hinter dem noch (wenn auch ziemlich verborgen, so doch noch sehr lebendig und bedürfnisvoll) dessen Vater stand, also zwei Herren, die den Geldbeutel Kaiser Franz Josephs mit Recht für sehr groß hielten. Allerdings liebte Frau Kathi nur den Sohn, aber war dieser von seinem Vater zu trennen? Es waren also nicht nur die Bibelots der Auktionen, wo alte Kommoden, Uhren und Kanapees gekauft werden mußten, die an dem Geldbeutel Frau Kathis zehrten, es stand auch »die Familie« hinter ihr, und es standen neben ihr auch die Freundinnen vom Theater, die Kolleginnen, welche der »berühmten Schauspielerin Katharina Schratt« Lorbeerkränze flochten in vielen Worten und Gedichten, unter Tränen der Rührung und Begeisterung, und auch Lorbeerkränze in natura , oft von einer Größe, die fast den Eingang ihrer Haustür versperrte, wie ich mich öfters selbst überzeugen konnte. Frau Schratt, die unleugbar »eine Größe« in ländlichen Stücken nach Art der »Lorle« von Charlotte Birchpfeifer war, versagte in anderen Rollen, die sie aber mit Vorliebe spielte. Es ging so weit, daß sie in einem Stück auftrat, in dem sie die Rolle der Kaiserin Maria Theresia gab. (Es ging das Gerücht, Kaiserin Elisabeth habe ihr dazu ein echtes Prunkkleid der berühmten Kaiserin geliehen.) Diese Ausführung (die sich nicht im Burgtheater bewerkstelligen ließ, sondern in einem anderen Theater Wiens), war trotz der Lorbeerkränze ein großer Mißerfolg, und die »Taktlosigkeit« empörte den Hof, der im Grunde doch selber dahinter stand. Wie sollte sich zu diesen Schwierigkeiten die Intendanz – und schließlich der Kaiser selbst stellen? Die entstandenen Gegensätze im Burgtheater waren geradezu unüberbrückbar. Unser freundschaftlicher Verkehr aber blieb nunmehr auf die guten Grüße beschränkt, die unsere gemeinschaftliche alte liebe Freundin, Frau Aline Bach, Schwägerin des einst so berühmten Schauspielers Döring in Berlin, vermittelte. Mein Nachfolger auf dem Wiener Botschafterposten 1902 vermochte den vertrauensvollen Verkehr, den ich in Frau Kathis sympathischem Hause aufrecht gehalten hatte – (trotz der Überwachung durch das Ministerium Thun) – nicht fortzusetzen. Daß ich jemals mit Frau Kathi große auswärtige Politik gemacht hätte, trifft nicht zu, das verbot sich schon aus dem Grunde, weil ihr das Verständnis hierzu völlig fehlte. Es handelte sich für mich auch lediglich nur darum, dem alten Kaiser den Rücken zu stärken, gegenüber der stets drohenden Gefahr, die ich katholische Politik nennen will und gegenüber jener Politik, die die mächtigste feudale österreichisch-böhmische Partei vertritt. In dem alten gütigen Kaiser aber erweckte ich durch meinen vertraulichen Verkehr mit Frau Kathi gewissermaßen ohne jeglichen Druck das Gefühl, daß Deutschland diese seine Freundschaft nicht mißverstand. Der Tod der Kaiserin Elisabeth war für diese Fragen eine gefährliche Klippe, die ich aber doch zu bewältigen vermochte. Sodann wurde »die Krise im Burgtheater« zu einer zweiten Klippe. Beide Ereignisse nahmen schließlich eine für uns friedliche Wendung.   Nachschrift 1918. Bis zu seinem am 21. November 1916 erfolgten Tode hat uns Kaiser Franz Joseph seine Bundestreue bewahrt. Seine »fixe Idee«, daß er, der durch eine Revolution zum Kaiser erhoben wurde, auch durch eine Revolution seinen Thron verlieren werde, hat den Charakter einer gewissen Berechtigung erhalten. Sein Tod war mit dem Weltkrieg und der Revolution eng verbunden – der Zusammenbruch erfolgte sehr bald, nachdem er seine Augen für immer schloß. Der junge Kaiser Karl war nur ein flüchtiger Schein über dem Thron seines edlen Vorgängers gewesen, über dem Thron, der unter furchtbaren Konvulsionen der Völker des alten Habsburger Zepters, nun tatsächlich unter der von Kaiser Franz Joseph geahnten Revolution zusammenbrach. Der junge Kaiser Karl aber zeigte einen edlen Charakterzug, als er an das Todesbett des alten Kaisers, das seine Familie umgab, die treue Freundin Kathi rief, die dem alten Herrn in den schweren Jahren des Weltkrieges unwandelbar in der besten Art oberösterreichischen Volkstums treu zur Seite geblieben war. Pest in Wien! Mehr als alles regt die Wiener begreiflicherweise jetzt die Pest auf, die infolge der Bazillen-Experimente verschiedene Opfer forderte. Ich aber möchte wohl wissen, weshalb man für schweres Geld auf Staatskosten Ärzte nach Indien zu Forschungen schickt, wenn diese hier in Wien Pestbazillen-Kulturen anlegen? Hoffentlich wird die Krankheit lokalisiert. Es fehlte nur noch für dieses ominöse Jubiläumsjahr, daß die Pest sich hier weiterverbreitete! Es ist geradezu haarsträubend, daß man einen im Laboratorium an der Pest erkrankten Mann nicht dort an Ort und Stelle internierte, sondern ihn in das allgemeine Krankenhaus brachte!! Aber was man hier tut, ist oft unüberlegt. Auch folgendes ereignete sich dieser Tage: Ein Arzt geht ein Mikroskop kaufen. In dem Laden befinden sich die üblichen kleinen Gegenstände, zwischen zwei Glasplatten, um die Schärfe zu prüfen: das Hinterbein einer Fliege, das Vorderbein eines Flohes usw. Plötzlich schreit er auf: »Das ist ja ein Pestbazillus! wie kommen Sie dazu?« Der Käufer war ein Spezialist für Bazillenforschung. Der Händler sagt, daß das sein Geheimnis sei, worauf der Arzt erklärt, er werde ihn zur Anzeige bringen. Die Polizei erscheint und der Kaufmann sagt, daß der Aufseher des Laboratoriums ihn mit dergleichen Dingen versehe. Der Aufseher gesteht und die Anklage wird erhoben. Das Gericht erhebt Anklage auf Diebstahl. Einer der Richter erklärt, man müsse bei Diebstahl den Wert des Objektes feststellen. Es ergeht die Anfrage an den Direktor des Laboratoriums: »Welchen Wert hat ein Pestbazillus?« Die Antwort lautet: »Keinen«. Die Verhandlung wird aufgehoben, da kein Diebstahl vorläge, denn ein wertloser Gegenstand entbehre der Begründung für den Begriff Diebstahl. Wohl wird der Aufseher entlassen, aber alles bleibt beim alten. Auch die Tatsache, daß mit Pestbazillen in Wien gehandelt wird. Ich las die Verhandlungen im Beiblatt der »Neuen Freien Presse«, doch fand sich von keiner Seite irgendein Kommentar dazu. Anscheinend waren die Wiener durchaus mit ihren Richtern, Ärzten und Aufsehern einverstanden. Ich war in den Tagen, als eine Krankenwärterin an Pest gestorben war, mit dem Statthalter Graf Kielmannsegg in den Donauauen zur Jagd. Er erzählte mir, daß man den an Pest erkrankten Aufseher in einem Zimmer des Hospitals niedergelegt habe, das zwischen zwei Hörsälen liegt. Sämtliche junge Studierende haben den Kranken besichtigt, bevor sie das Hospital verließen!! Der gute Graf lachte über die kolossale Dummheit, die in dem Hospital herrsche. Ich war rücksichtsvoll genug, ihn nicht daran zu erinnern, daß ihm selbst seit der vielen Jahre seiner Statthalterschaft das Hospital und dessen Organisation unterstellt sei. Die Aufregung über die Pest teilt sich auch bereits anscheinend den Nachbarländern mit. Ich erhielt heute ein Telegramm aus Breslau des Inhaltes: »Ich wollte meine Hochzeitsreise nach Wien machen. Kann die geehrte kaiserliche Botschaft mir dazu raten? Antwort bezahlt.« Ich mußte natürlich antworten: »Durchaus ratsam«, denn hätte ich als offizielle Behörde abgeraten, so würde sogar in Breslau eine Panik ausgebrochen sein. Allerdings war ich auch innerlich überzeugt, daß er nicht jetzt an der Pest sterben werde. Graf Tassilo Festetics Unter den Persönlichkeiten, denen ich nach Antritt meiner Stellung als deutscher Botschafter in Wien bald näher trat, nahm Graf Tassilo Festetics einen von mir bevorzugten Platz ein. Einer der reichsten und größten Grundbesitzer Ungarns, hatte er sich in internationalem Verkehr vielseitige Kenntnisse erworben, die seine natürlich liebenswürdigen Umgangsformen in angenehmster Weise vertieften. Sein Äußeres war eher das Bild eines Engländers. Schlank und blond, mit freundlichem Lächeln und gütigen Augen, erschien er mir wahrscheinlicher in seinem eleganten Gesellschaftsanzug, als in der reichen ungarischen Magnatentracht von braunrotem Samt mit der Goldstickerei und den wundervollen Edelsteinen auf Mantelagraffe, Säbelgehänge und glitzernden Knöpfen, in der ich ihn bei Hofe sah. Graf Tassilo hatte, abgesehen von der Schwäche für England und englischen Rennsport, dem er mit einem erstaunlichen Luxus an Pferden und ihren Stallungen huldigte, – Stallungen, die an fürstliche Schlösser erinnerten, – eine zweite Schwäche, das war – der erste, vornehmste und eleganteste Mann Ungarns sein zu wollen. Und das war ihm ungefähr gelungen. Mich aber störte beides nicht, denn Tassilo Festetics war viel zu fein gebildet, um in dem genannten Sport untergehen zu können. Wohl erfreute ich mich auch an seinem herrlichen Schloß Keszthely am Plattensee, an seinen schönen Sachen, an seinem eleganten Palais in Pest und Wien, seinen Jagden – aber der Schwerpunkt blieb die Unterhaltung mit ihm über die weltbewegenden Fragen, die politischen Persönlichkeiten Europas – und schließlich über die Politik Ungarns und Deutschlands, die uns beide sehr lebhaft berührte. Es ist selbstverständlich, daß Tassilo eine vornehme Frau heiratete. Ich möchte hinzufügen: selbstverständlich eine vornehme Engländerin. Das aber vollzog sich nicht ohne Schwierigkeiten. Lady Mary war die einzige Tochter des Herzogs von Hamilton, ersten Pairs von Schottland, auch Herzogs von Brandon in England und Herzogs von Chatelherault in Frankreich, der 1843 die Tochter des Großherzogs Karl von Baden und der schönen und berühmten Stephanie geheiratet hatte. Stephanie Beauharnais war die Nichte der Josephine Beauharnais, die in zweiter Ehe Kaiser Napoleon l. heiratete. Es ist bekannt, daß der Kaiser für die Nichte Stephanie eine besondere Vorliebe hatte, sie adoptierte und mit allen Rechten und Vorteilen einer kaiserlichen Prinzessin ausstattete. So war denn ohne Zweifel Lady Mary eine der vornehmsten Töchter Englands, deren Äußeres auch dieser Vornehmheit entsprach: ein edler englischer Tvpus mit französischem Einschlag – sehr anziehend, wohl schön zu nennen, und liebenswürdig, angenehm in ihrem Wesen. Es war durchaus erklärlich, daß Tassilo Festetics Mary liebte, die er auf dem Rennplatz zu Baden-Baden bei ihren Verwandten und im Palais ihrer Mutter daselbst kennenlernte. Es war auch durchaus erklärlich, daß er sie heiraten wollte. Die Schwierigkeit lag jedoch darin – daß sie bereits verheiratet war! Und zwar mit dem Erbprinzen von Monaco. Dazu waren beide Eheleute katholisch und die Ehe daher nicht zu trennen, wenn nicht irgendein Auskunftsmittel dafür gefunden werden konnte. Die Erbprinzessin glaubte es durch heimliche Flucht aus Monaeo bewerkstelligen zu können. Sie bestieg, von einer Freundin begleitet, den Pariser Schnellzug – als habe sie die Absicht, nur einen kleinen Ausflug zu machen, und der Kondukteur hatte ihr die Tür eines Kupees geöffnet. Als aber der Pfiff der Lokomotive ertönte und der Zug sich in Bewegung setzte – blieb der letzte Wagen, in dem die Fürstin sich befand, stehen! Der Fürst schien von der beabsichtigten Flucht Kenntnis erhalten und Vorsorge dagegen getroffen zu haben. So ging es denn nicht auf diesem Wege, auf dem Wege über den Papst ging es aber besser. Die Kirche annullierte die Ehe. Auf diese Weise war man denn allen Wünschen gerecht geworden, auch dem Wunsch, die Hindernisse zwischen einer Ehe Tassilo-Mary fortgeräumt zu haben. Ich kann nicht leugnen, daß ich die von mir sehr verehrte Gräfin Mary bis zu einem gewissen Grade verstanden habe, daß sie Tassilo dem nun regierenden Herrn von Monaco, Carlo III. Honorius, vorgezogen hatte. Ich lernte diesen im Eismeer kennen, wo er nördlich der Lofoten mit seiner, für Tiefseeforschung eingerichteten Nacht »Alice« (der er diesen Namen zu Ehren seiner zweiten Gattin, geb. Alice Heine, Tochter des großen Pariser Bankhauses, verwitwete Herzogin von Richelieu gab), aus 5000 Meter Tiefe unwahrscheinliche Krabbentiere heraufzog. Er hatte zu dieser Forschung einen französischen, einen englischen, einen deutschen und einen italienischen Gelehrten an Bord und sah selbst unendlich gelehrter und professoraler, trockener und unschöner als seine Kollegen aus. Verehre ich auch persönlich den Professor Carlo III. Honorius sehr, so meine ich doch, daß die Ehe mit meinem Freunde Tassilo in jeder Hinsicht mehr den Empfindungen der verehrten Gräfin Mary entsprechen mußte. Und sie bewährte sich darin als ausgezeichnete Gattin und treue Mutter. Den immer wiederholten Bitten des liebenswürdigen Paares hatte ich endlich nachgegeben, als ich mich im November 1897 entschloß, sie in ihrem Schloß Keszthely in Ungarn zu besuchen und dort zu jagen. Das am Plattensee gelegene großartige Schloß entzückte mich – nicht etwa, weil es die Dimensionen eines königlichen Sitzes hat, sondern weil es eine Fülle interessanter Dinge birgt und der Empfang, der mir zuteil wurde, überaus herzlich war. Dort fand ich während langer Fahrten mit dem Grafen Tassilo zur Jagd und bei Besichtigung des herrlichen Besitzes Gelegenheit, mich wieder einmal gründlich mit ihm auszusprechen. Aus einem Brief an Kaiser Wilhelm vom 30. November 1899. ... Ich mußte mit Szell angesichts der trotz aller Bemühungen des Kaisers noch unendlich schwierigen Lage in Österreich sprechen. Da man in Wien meinen Besuch in Pest nicht übermäßig liebt, fuhr ich schon am nächsten Morgen nach Keszthely zu Tassilo Festetics, um zu jagen. Es ist wirklich ein herrlicher Besitz. Ich lege alleruntertänigst eine Postkarte mit einer Ansicht des Schlosses bei. Dazu sind die Besitzer mit ihren netten Kindern unendlich liebenswürdig und angenehm. Natürlich würde ein Besuch Ew. Majestät die größte Freude erregen. Wenn Ew. Majestät denselben mit einem Besuch in Wien verbinden, so würde dieser Aufenthalt auf dem Lande in Ungarn (unter Vermeidung eines Besuches in Pest, wo der Empfang vielleicht zu stürmisch warm ausfallen könnte), gerade das Rechte sein, eine kleine Anregung in Freundschaft. Vorher würde, wenn Erzherzog Friedrich, der große Verluste an Hirschen durch die letzte Überschwemmung hatte, Gödöllö ganz ensprechend sein. Doch das ist cura posterior . Tassilos sind, wie gesagt, glücklich – werden aber zu niemandem davon sprechen, ehe nicht die Sache eine bestimmte Form angenommen hat. Wir jagten in kleinem Kreise (5 Schützen – lauter Ungarn) auf Fasanen, Hasen und Hühner. Das Wetter war herrlich, wie die Jagd, so daß man noch einigermaßen den Zustand völliger Nacktheit der braunen Zigeunerbuben begriff, die ihre Winterquartiere in Erdhöhlen bezogen haben und wie eine Rotte Indianer mit Gekreisch hinter den Juckerzügen herstürzten, wenn wir vorüberfuhren. Auch sollen dort in der Nähe noch »arme Leute« sein, die mit Flinten herumlaufen und Hammel verlangen. Abends, nach dem vortrefflichen Diner, spielten die Zigeuner, und die Jugend tanzte. Die jüngste Tochter stellte sich mitten unter die braunen Leute und spielte das Cymbal mit einer erstaunlichen Meisterschaft. Ein reizendes Bild! Schließlich behauptete Gräfin Mary, die Zigeuner müßten gehen, es finge an, schlecht zu riechen. Ich hatte es noch nicht gemerkt. Dafür aber war mir ein Floh auf die Hand gesprungen, den ich schnell in einem Glase Limonade ersäufte. Ich hütete mich, Gräfin Mary den Mord zu gestehen. Sie würde die Zigeuner sofort aus dem Schlosse gejagt haben – und die netten Töchter, die eben Czardas tanzten, wären untröstlich gewesen. Diese Gegensätze von musizierenden Floh-Zigeunern und dem musterhaft und großartig – im englischen Stil und Luxus – gehaltenen Schlosse sind höchst originell und anziehend. Baden – Cumberland Eine politische Hochzeitsgeschichte mit Schwierigkeiten. Prinz Max von Baden tritt plötzlich in meinen dienstlichen und persönlichen Interessenkreis durch seine Absicht, die Tochter des Herzogs von Cumberland zu heiraten, und ich bin doppelt gespannt zu sehen, wie sich die komplizierte Frage lösen wird. Das heißt, wie ich sie lösen werde. Dem Prinzen bringe ich viel Sympathie entgegen. Ich lernte ihn in Karlsruhe und Baden-Baden kennen. Er ist der Vetter meiner Freundin, der Kronprinzessin von Schweden, die ihn wie einen Bruder liebt – er ist der einzige Vetter den sie hat und dieser ist, da des Erbgroßherzogs Ehe kinderlos blieb, der einzige Erbe des Hauses Baden. Natürlich war meine Freundschaft mit der Kronprinzessin das Band, das sich nun auch zwischen dem Prinzen und mir knüpfte. Die Schwierigkeit für des Prinzen Absicht lag in dem Umstand, daß sich das Haus Hannover seit 1866 immer noch im Kriegszustand mit Preußen befand! Wohl hatte die Zeit so weit glättend gewirkt, daß der Herzog von Cumberland bei einer Begegnung mit dem Kaiser in dem Palais des Erzherzogs Albrecht (als dieser alte Feind begraben werden sollte), die Höflichkeit zeigte, sich dem deutschen Kaiser – (ich will ausdrücklich sagen: nicht dem König von Preußen) – vorzustellen. Aber das bewies durchaus nicht soviel, wie der Kaiser glaubte – denn nach wie vor blieb der ganze Verwandten- und Freundeskreis der Cumberlands, das Haus Dänemark, England und Rußland (da die Schwester dieser Herrscherinnen die Herzogin ist), dem Hause Preußen feindlich. Es blieb also der Familienkreis bestehen, der seine politische Nahrung von der größten Feindin Preußens, der im vorigen Jahr verstorbenen Königin von Dänemark, geb. Prinzessin von Hessen erhielt: denn ihre Kinder waren der König von Dänemark, die Kaiserin von Rußland, die Prinzessin von Wales und die Herzogin von Cumberland. Die Allgemeinheit pflegt über den Verlust von Ländern lediglich politisch zu denken, und ich habe niemals bis auf den heutigen Tag von Deutschen über die 1866 entthronten Familien von Hannover, Hessen und Nassau anders als giftig sprechen hören. »Das sind unsere Feinde«, heißt es. Ich möchte wohl wissen, was alle diejenigen, die gehässig über jene Familien reden, sagen und tun würden, wenn ein Stärkerer ihnen ihr Landgut, ihr Haus, auf dem sie und ihre Vorfahren durch Jahrhunderte saßen, fortgenommen hätte? Jedenfalls bleibt es ein guter Charakterzug des Kaisers, eine Versöhnung mit den vom Schicksal schwer betroffenen Familien anbahnen zu wollen, und ich werde gern alles tun, um eine Ehe zwischen Prinz Max und der kleinen Cumberland zustande zu bringen, wenn ich ein Entgegenkommen von Cumberlands bemerken sollte. Davon ist jedoch bei der schroff ablehnenden Haltung des Herzogs in jeder politischen Frage, oder bei solchen, die auch nur einen politischen Beigeschmack haben, keine Rede. Eine Verbindung mit dem Preußen eng verbundenen Hause Baden, (der Großherzog stand 1866 mit Preußen gegen Hannover) trägt aber sogar einen starken politischen Anstrich, und große Vorsicht ist geboten, um nicht durch eine Ablehnung den Bruch zu vergrößern, statt ihn zu mildern.   Von Prinz Max von Baden. Karlsruhe, 26. Oktober 1899. Hochverehrter, lieber Graf! Empfangen Sie meinen besten Dank für Ihr freundliches Telegramm. Gern hätte ich Sie gebeten, mich bei sich zu empfangen, ich halte es aber unter den obwaltenden Umständen für geeigneter, Ihnen zuerst zu schreiben und Ihnen mit der Bitte um absolute Diskretion eine Frage vorzulegen. Wenn ich auch nicht das Glück gehabt habe, oft mit Ihnen zusammenzutreffen, so glaube ich doch, daß wir uns besser kennen und verstehen, als manche, mit denen wir täglich zu tun haben. Und dann besteht ja ein Bindeglied zwischen uns, welches allein schon zu gegenseitigem Vertrauen rechtfertigt. Die Kronprinzessin von Schweden hat mir gesagt, wie freundschaftlich Sie Anteil genommen haben an meinen letzten Schicksalen, und wie Sie sich wohl gefreut haben, daß ich frei geworden bin von einer Schlimmes verheißenden Verbindung. Um über eine neue mit Ihnen zu reden, komme ich heute zu Ihnen, sicher, bei Ihnen Verständnis zu finden für die Lage, in der ich mich befinde. Von Tullgarn Sommersitz des schwedischen Kronprinzenpaares. kommend, habe ich mich einen Tag in Kopenhagen und vier Stunden in Bernsdorff aufgehalten. Dort traf ich die Familie des Herzogs von Cumberland, und eine seiner Töchter hat mir gut gefallen, wie mir überhaupt die dänische Familie, namentlich in den Kindern der Töchter des Königs sehr sympathisch ist. Ich habe hiervon mit den großherzoglichen Herrschaften gesprochen, und diese sehen nur Schwierigkeiten, politische Verwicklungen und Nachteile für mich daraus. Der Großherzog geht so weit, einen solchen Schritt als Bruch meinerseits mit Sr. Majestät dem Kaiser zu charakterisieren. Uber meine Gefühle diesem gegenüber brauche ich mich wohl nur auf unser letztes Gespräch zu berufen und füge hinzu, daß ich seitdem nur Gutes, weit über Verdienst – denn Liebe und Anhänglichkeit zählen nicht darunter – von ihm erfahren habe, und daß die Kette der Dankbarkeit, die mich an ihn fesselt, unzerreißbar geworden ist. Auch würde es meine erste Sorge sein, mit dem Kaiser über meine Absicht zu reden und mich seiner Unterstützung zu versichern. Treu kann ich ihm ja doch nur dienen und wertvoll ist ja meine Anhänglichkeit doch nur dann, wenn ich frei bin und frei erzählen kann. Meine Bitte an Sie ist nun folgende: Würden Sie die große Güte haben mir zu schreiben, was Sie über die Möglichkeiten einer Verbindung mit dem hannöverschen Hause denken, welche Garantien in den Persönlichkeiten liegen, und ob Sie denken, daß ich den Kaiser freundlich zu stimmen vermag. Ich kenne die Schwierigkeiten der Lage ziemlich vollständig, ich sehe aber auch die Möglichkeit versöhnlicherer Wirkung. Warum den alten Groll auf die junge Generation ausdehnen, warum nicht durch Verbindungen der Töchter in Deutschland weiteren Racheplänen der Welsen eine Berechtigung mehr entziehen, und das Haus Hannover auf diese Weise versöhnen. Wenn der Herzog sich entschließen könnte, erst eine seiner Töchter nach Deutschland zu verheiraten, so wäre der Weg zu einer Verständigung angebahnt und die persönliche Liebenswürdigkeit Sr. Majestät würde hierin der Hauptfaktor sein. Einer so bereiten, das Gute liebenden Natur, wie die unseres Kaisers ist, müßte eigentlich eine Versöhnung dieser Art lieb sein, denn die Härten des Jahres 1866 sind doch für den Sieger leichter zu vergessen als für den Vertriebenen und Entthronten. Das ist meine Möglichkeitsrechnung. Vielleicht rechne ich mit idealen Zahlen. Mich auf den rechten Weg zu führen, vertraue ich mich Ihnen an. Als Botschafter in Wien werden Sie die Persönlichkeiten und die bewegenden Faktoren kennen, als Freund des Kaisers wissen, ob Aussicht auf Erfolg vorhanden ist, und Ihr Wohlwollen für mich wird Ihnen sagen, ob Sie mir zureden oder abraten sollen. Wenn ich mir überlege, ob ich Sie bitten sollte, mit Sr. Majestät von dieser Angelegenheit zu sprechen, so hält mich der Gedanke davon zurück, daß ich ihm am besten mein Vertrauen beweise, wenn ich zuerst und als Einzigster in dieser Sache das Wort ihm gegenüber ergreife. Ihre Orientierung wird mir aber vom höchsten Wert sein. Zu besonderem Dank würden Sie mich aber verpflichten, wenn es Ihnen möglich wäre, bald zu schreiben, da meine Entscheidungen über Reisen usw. davon abhängen, was Ihr Brief enthalten wird. Ich weiß, ich verlange sehr viel und muß mich wohl sehr auf die Kronprinzessin berufen, um mich zu entschuldigen. Ihr geht es nicht gut. Sie leidet beständig am Arm, an der Gicht oder den Nerven, und ihre Stimmung ist die traurigste. Wer da helfen könnte?! Wir haben fast alle Ihre Lieder zusammen durchgenommen, und in den mir gänzlich unbekannten Weihnachtsliedern entdeckte ich zwei herrliche: »Jesaias« und »Die Heiligen Drei Könige«. Doch nun zum Schluß. Ich weiß, ich verlange viel und nehme Ihre Güte ungebührend in Anspruch. Warum ich es zu tun wage, werden Sie besser fühlen, als ich es zu sagen vermag. Wie dem auch sein mag, ob etwas daraus wird oder nicht, Sie werden zu dem beigetragen haben, was man als mein Schicksal bezeichnen kann, und dieses muß sich ja erfüllen. »Was ist, muß sein, was wird, muß werden. – Ein jedes Ding hat seine Zeit. Und was Du wirkst auf dieser Erden – Das wirkst Du für die Ewigkeit«. Leben Sie wohl, mein lieber Graf, und erhalten Sie mir Ihr freundliches Wohlwollen, wie ich es bisher empfunden habe, und seien Sie versichert der herzlichen Anhänglichkeit Ihres ganz ergebenen (gez.) Prinz von Baden.   Notiz. November 1899. Nachdem Prinz Max – zu seinem Heil – der Großfürstin- Braut den Laufpaß gab, jammert das ganze Haus Baden in Todesangst, daß es erlöschen könnte. Prinz Max will unter dem Eindruck dieses Jammers (besonders seiner Mutter), schnell durch eine andere Verlobung das Unglück wieder gutmachen. Das ist unzweifelhaft »nett« von ihm. Da aber nach dem russischen Schrecken die Zukünftige 1. eine deutsche Prinzeß, 2. hübsch, 3. klug, 4. angenehm und 5. reich sein soll, so hat er kein leichtes Spiel. Da die sehr nette Prinzeß Feo – bei weitem die angenehmste Schwester der Kaiserin – keine Gnade vor seinen Augen gefunden hat, so ärgert sich der Kaiser über Prinz Max und erschwert diesem die Situation.   Aus einem Brief an den Kaiser. Wien, 15. November 1899. ... Daß mein harmloser Freundschaftsbesuch in Baden Veranlassung zu einem Sturm in der Presse wurde, kennzeichnet zur Genüge die Torheit – auch die Boshaftigkeit – dieser Presse-Familie, die sich und andere mit Dreck bewirft, und deren Mitglieder alle unter einer Decke schlafen. Zuvörderst fuhr ich von Berlin nach Köln, sprach dort auf dem Bahnhof meinen Rendanten aus Hertefeld, aß bei Fürst Hatzfeldts im Schloß Schönstein a. d. Sieg – einem merkwürdig interessanten, alten Räubernest – und langte dann in Baden an, wo ich im Schlosse abstieg. Die Herrschaften waren sehr munter und wirklich rührend gut für mich. Die Großherzogin von einer solchen Geschäftigkeit, daß sie mich während eines Vormittags, einmal im Parterre, einmal im zweiten, einmal im dritten Stock und einmal im Garten empfing. Der Großherzog in seinem langen, schwarzen, predigerartigen Zivilrock sah dazu noch ernster aus als gewöhnlich – und sprach deshalb vielleicht noch düsterer als sonst. Ich war aber glücklich, die lieben, gütigen Herrschaften so wohl zu finden, die wahrhaftig ein leuchtendes Beispiel für Pflichterfüllung und Wohlwollen sind. Ich wünschte, daß andere Fürstenhäuser nach diesem Vorbild handelten, statt darüber zu spotten. Prinz Max, der sehr offen mit mir ist, geht auf Freiers Füßen und will durchaus bald heiraten. Ich habe, was ich konnte, für Prinzessin Feo Die jüngste Schwester der Kaiserin, Feodora. Künstlerisch begabt und sehr liebenswürdig, doch etwas kränklich. gewirkt, aber wenn auch keine Ablehnung, doch vorläufig allerlei Überlegungen gefunden. Jedenfalls wird er demnächst einmal nach Dresden Die Mutter der Kaiserin wohnt in Dresden. fahren. Seine Mutter Geborene Leuchtenberg (Enkelin Kaiser Nikolaus I.) hatte eine Nichte, Großfürstin, für Max ausgesucht, die sich aber entschloß, die Verlobung aufzuheben. Er war klug genug sich zu sagen, daß man mit den Anschauungen einer sehr liebenswürdigen Großfürstin dennoch wohl kaum in einer Ehe glücklich sein kann. P. E. war noch ganz auseinander über das Scheitern der russischen Projekte und verhält sich gegenüber allen anderen Gedanken des Sohnes völlig passiv....   Von Prinz Max von Baden. Karlsruhe, 25. Januar 1900. ... Ich bin vor Weihnachten in Berlin gewesen, habe Se. Majestät den Kaiser, den Reichskanzler und Bülow gesprochen und weiß das was man dort für möglich und wünschenswert hält. Ich bin mit meinem dortigen Aufenthalt und mit dem Ergebnis meiner Gespräche zufrieden, mehr hatte ich nicht zu erwarten gewagt, und das große Vertrauen, das man mir entgegenbrachte, hat mich überaus wohltuend berührt. Andererseits ist auf meine durch die Großfürstin Constantin Geborene Prinzessin von Altenburg, eine reizende Frau. gestellte politische Anfrage Vorsichtiges Anklopfen bei Cumberlands. eine rein menschliche Antwort geworden, die darin gipfelt, daß es selbstverständlich sei, daß die Frau dem Manne folgt, wohin ihn seine Pflicht ruft, daß ferner eine deutsche Heirat als möglich und nur von einer Neigung abhängig angesehen werde. Mir genügt dies auch wieder, und ich fühle etwas wie Beschämung, daß die Antwort so menschlich klang und von Menschen kam, die wirklich so empfinden. Hier glaube ich nun, genügte dieser Ton nicht. Drum will ich eben selbst sehen und urteilen, und dann kann die politische Frage von anderen gestellt werden. Dies ist die Lage. Was das Persönliche betrifft, so brauche ich wohl nicht zu sagen, wie sehr es mich freut, Sie in Ihrem Heim wiederzusehen, und wie ich hoffe, eine oder die andere stille Stunde bei Ihnen verleben zu dürfen. Ich treffe Mittwoch früh ein und will im Hotel Imperial absteigen. Da ich doch überall hingehen muß, wo Begegnungen D. h. mit Familie Cumberland. möglich sind, so werde ich eben offiziell auftreten müssen und mich beim Kaiser melden. Mein Wunsch wäre, eben nur das Nötigste mitzumachen und womöglich nicht jede Nacht bis zum frühen Morgen zu festen. Mit Ausnahme meiner Kusine Festetics Gräfin Tassilo F., Tochter des Herzogs von Hamilton. Ihre Mutter war eine Prinzessin von Baden. kenne ich nur die Kronprinzessin, Erzherzog Otto und Frau, Erzherzog Franz Ferdinand und Eugen und Erzherzogin Marie Therese. Ich weiß, daß ich an Ihnen einen wohlwollenden und weisen Mentor haben werde, was mir das Gefühl angenehmer Sicherheit gewährt. Das einzige, was meine jetzige Abreise trübt, ist der Umstand, daß ich die Kronprinzessin von Schweden verfehle, welche am 3. hier eintrifft. Sie hat Enormes geleistet, und ich bin überzeugt, daß ihre Überwindung gesegnet sein wird, denn sie hat sich durch ihr mütterliches Gefühl leiten lassen. Und nun leben Sie wohl für heute und auf baldiges gutes Wiedersehen. Ich bleibe stets in herzlicher Verehrung Ew. Durchlaucht treu ergebener (gez.) Prinz Max.   Karlsruhe, 29. Januar 1900. Verehrter, lieber Fürst! Das ist wirklich schade, daß Sie gerade in den ersten Tagen meines Wiener Aufenthaltes nicht da sind. Ich hoffe von Herzen, daß es kein schweres Leiden ist, das Sie verursacht, Ihre verehrte Mutter nach Meran zu begleiten, und wünsche von Herzen, daß ihr der Aufenthalt guttun möge. Gesellige Verpflichtungen halten mich bis Mittwoch hier fest, an welchem Tage ich abreisen will, um am Donnerstag früh 6 Uhr 45 in Wien anzukommen. Gern hätte ich meine Abreise Ihretwegen verschoben, aber da ich höre, daß am 6. ein Hofball ist, so möchte ich die Gelegenheit nicht versäumen, diesen mitzumachen. Sie würden mich daher zu großem Dank verpflichten, wenn Sie das Notwendige vorher mit Prinz Lichnowsky verabredeten, damit ich mich bei S. M. dem Kaiser melden könnte und die erforderlichen Besuche abmachte. Dies zeitraubende Geschäft wird meine ersten Tage in Anspruch nehmen. Da ich die Cumberlandschen Herrschaften schon kenne, denke ich, daß ich ihnen einfach meinen Besuch machen kann oder Karten in ihrer Abwesenheit hinterlassen. Wenn Sie nicht andere Bestimmungen treffen, so werde ich die Uniform nur offiziell, sonst Zivil tragen. Ich wäre sehr dankbar, wenn keiner Ihrer Herren sich inkommodierte, mich von der Bahn abzuholen. Die unhöflich frühe Stunde verbietet das schon von selbst. Ich bin begleitet von meinem Jugendfreund und jetzigen Ordonnanzoffizier Freiherrn von Holzing- Bergstätt, dem Sohn des Oberstallmeisters und der Oberhofmeisterin, und solcher Eltern wert. Sollte es Ihre Abreise erlauben, würde ich sehr gern auf einen Augenblick zu Ihnen kommen und bitte, mir eine Weisung in das Hotel Imperial zukommen zu lassen. Ich bedauere, der freundlichen Einladung mit Festetics nicht folgen zu können und möchte Ihnen für diese Liebenswürdigkeit besonders danken. In freudiger Erwartung, Sie bald wiederzusehen, bin ich stets Ew. Durchlaucht herzlich ergebener (gez.) Prinz Max. Aus einem Brief an den Kaiser. Wien, 17. Februar 1900. ... Einen anderen Schwärmer für Ew. Majestät sehe ich jetzt viel, den Prinzen Max von Baden. Er, der offen eingesteht, früher viel gegen Ew. Majestät gesprochen zu haben, ist ein tiefer und überzeugter Freund geworden, der nicht nur mir gegenüber, sondern überall für Ew. Majestät mit einer Herzenswärme eintritt, die mich geradezu beglückt. Ich habe den Eindruck, daß er die älteste Tochter Cumberland heiraten wird und will mich angesichts der Wichtigkeit, einen Erben für die Krone Baden zu erhalten, nicht zu sehr in die mancherlei Schwierigkeiten versenken, die diese Allianz mit sich bringen wird. Wir haben diese Frage öfters erörtert. Nachdem ich im Herbst in Baden die politische Seite in krassesten Farben geschildert hatte (denn ich wünschte mir den Prinzen als Gatten der Prinzeß Feodora), so lasse ich jetzt angesichts einer Ehe im allgemeinen die Sache laufen. Die junge charmante Prinzessin aus dem Hause Hannover wird völlig korrekt gegenüber Berlin sein und jeglicher Intrige fern bleiben, dafür möchte ich einstehen. Cumberlands sind in ihrer Häuslichkeit wahrhaft vornehme und ruhige Leute. Prinz Max hat allerdings allerhand Rosinen im Kopf in bezug auf Versöhnung mit Preußen, Verzicht usw. Dieser Optimismus dürfte sich legen. Eine Art Modus vivendi amicalis ist alles, was zu erwarten ist. Heute besuche ich einen Ball bei Cumberlands. Das ist ungefähr die einzige Berührung, welche die Botschaft hat....   An Graf Bülow. Wien, 28. Februar 1900. Liebster Bernhard, die Zeitungen sprechen von Besuchen Sr. Majestät in Wilhelmshaven usw. Da es mir daran liegt, den Inhalt dieser Zeilen möglichst bald an Se. Majestät gelangt zu sehen, schreibe ich an Dich mit der Bitte um Mitteilung bei nächster Gelegenheit. Es handelt sich um Prinz Max von Baden, dessen Verlobung unmittelbar bevorstehend zu sein scheint. Du weißt, daß ich seinerzeit in Baden alle nur denkbaren Argumente gegen diese Heirat vorgebracht habe – nicht weil mir die Schwierigkeiten unüberwindlich erschienen, sondern weil ich wollte, daß mir Prinz Max, den ich sehr gern habe, bei einem etwaigen Festhalten an dem Plane nicht einst den Vorwurf machen könnte, ich hätte ihn nicht eindrucksvoll genug auf die tatsächliche Sachlage aufmerksam gemacht. In dieser Weise habe ich auch hier weitergesprochen – angesichts des sichtlich zunehmenden Interesses an der charmanten Prinzessin. Nachdem nun bei den letzten Bällen Prinz Max vier Kotillons mit der Prinzessin getanzt hat und er mir versichert, daß er jeden Tag mehr den Eindruck gewinne, daß man mit der jungen Dame glücklich werden müsse, meine ich, daß der Entschluß zur Verlobung so gut wie gefaßt ist. Gestern besprachen wir wieder eingehend die Lage der Dinge, und dabei wurde folgendes festgelegt: eine Ehe mit der Tochter Cumberland ist nur denkbar, wenn die Prinzessin fest entschlossen ist, absolut – auch in politischer Hinsicht – der Richtung des Prinzen zu folgen: wenn ein volles Einverständnis auch bezüglich der Beziehungen des Prinzen zu Sr. Majestät herrscht und jegliches Hervortreten in welfischem Sinne vermieden wird. Ich habe dem Prinzen gesagt, daß, ehe seine Anfrage erfolgt, ich durch eine Mittelsperson diese politische Basis an den Herzog in seinem Namen gelangen lassen könne. (Durch den Statthalter Grafen Kielmannsegg, den ich intim kenne und durch den ich bisweilen schon Fragen, den Verkehr zwischen der Botschaft und Cumberlands betreffend, geordnet habe.) Natürlich ist dem Prinzen die entstehende politische Lage nicht gemütlich. Großherzog und Großherzogin klagen in allen – ihnen ja sehr geläufigen – Trauertönen. Die Mutter hat die russische Braut noch nicht verschmerzt und hält sich völlig gleichgültig, der deutsche Botschafter – d. h. ich – nimmt eine Haltung voller Reserven ein – kurz, dem guten Prinzen hängt der Himmel nicht voller Geigen, sondern voller Baßposaunen. – Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß bei der häufigen Erörterung der Braunschweigischen Erbfrage – in der der Prinz gewisse Hoffnungen für eine schließliche Einigung der Cumberlands mit Preußen zu haben scheint – ich einen sehr ablehnenden Standpunkt eingenommen habe unter Hinweis auf die Notwendigkeit eines Verzichtes auf die Krone Hannover (woran Cumberlands nicht denken) und auf die tatsächlichen Schwierigkeiten für Preußen. Diese gipfeln darin, daß einerseits durch einen welfischen Herzog in Braunschweig die welfische Propaganda in dem nahen Hannover unbequeme Formen annehmen würde, andererseits die liebe Verwandtschaft in England trotz aller Loyalität des Herzogs, an der ich wahrhaftig nicht zweifle, festeren Fuß fassen würde, als uns das lieb sein könnte. Wir haben gerade genug unfreundliche Höfe in Deutschland. Der Prinz versteht diesen Standpunkt durchaus. Aber er glaubt, verheiratet, in bezug auf den Verzicht gut wirken zu können, und hat allerdings dabei den Gedanken, daß sich nach einem Verzicht die Lage der Cumberlands bezüglich der Erbfolge in Braunschweig ändern müsse. Er hat auch noch einen anderen Gedanken: die pekuniäre Lage, die sich für den Herrn Schwiegersohn sehr günstig bei einem solchen Verzicht gestalten würde. Natürlich sprach er dieses nicht aus. Der Herzog hat mit ihm von seinem Verkehr mit den preußischen Beamten in Hannover gesprochen und dabei geäußert, daß er die Rücksicht und Höflichkeit derselben nur rühmen könne und nicht die geringste Klage habe. Dann ist die Frage des Verzichts gestreift worden. Der Herzog hat dabei bemerkt, daß die Krone Preußen für diesen Fall eine Anzahl von Millionen herauszahlen werde, was natürlich nicht bestimmend auf seine Entschlüsse im Hinblick auf den Verzicht sein könne – im Gegenteil. Prinz Max hat erwidert er begriffe, daß der Herzog, ebenso wie Kaiser Wilhelm, Träger der Geschichte seines Hauses bleiben müsse. Ich habe vermieden – und werde natürlich weiter vermeiden – jemals mit dem Herzog dieses heikle Thema zu berühren, obgleich er mich und meine Frau mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt, wo wir uns treffen. Die beiliegende Notiz (Prinz Max von Baden.) Auch in Gmunden, dem ständigen Sitze der Herzoglich-Cumberlandschen Familie zirkulieren Gerüchte über eine bevorstehende Verlobung des gegenwärtig in Wien weilenden Prinz Max von Baden mit der ältesten Tochter Marie Louise des Herzogs von Cumberland. Unterstützt werden diese Gerüchte durch die gleichfalls auftauchende Meldung, daß der deutsche Botschafter Fürst Eulenburg in den letzten Tagen häufig im Penzinger Schlosse der Familie Cumberland verkehrt habe. aus der »Neuen Freien Presse« ist natürlich unwahr. Ich war mit Frau und Töchtern und den Herren der Botschaft (natürlich in Zivil) zum Ball. Damit ist mein Verkehr wohl abgeschlossen. Falls ich noch später einen großen » rout « oder im Frühling einen Ball gebe, so werde ich Cumberlands dazu einladen. Ich bitte Dich nun, falls Se. Majestät oder Du noch etwa Wünsche in der Frage der Verlobung hätten, mir telegraphisch dieselben zugehen zu lassen, denn Freitag ist der Prinz bei mir, und ich vermute, daß er bis dahin ziemlich entschlußreif sein wird. Erhalte ich keine Nachricht, so nehme ich an, daß Se. Majestät mit meiner Haltung einverstanden ist und den guten Prinzen in die Arme der wirklich charmanten Prinzessin laufen lassen will....   Von Prinz Max von Baden. (Notiz) Wien, 3. März 1900. Freundlichstes persönliches Entgegenkommen des Herzogs von C., bei absolut unbeeinflußter Wahlfreiheit der Tochter, die nichts weiß. Politisch verweist er den Großherzog auf den Brief mit Promemoria, den er bei Regelung des Welfenfonds nach Berlin schrieb, wo stehen soll, daß er nichts gegen den preußischen Staat unternehmen werde. Besuch in Berlin für Tochter selbstverständlich, als Garnisonstadt anfänglich nicht erwünscht, aber Tochter anheimstellen. Selbstverständlich ist, daß ich in Braunschweig-Hannoverscher Frage meiner Pflicht folgen soll, stets unbeeinflußt. Gesamtresultat also wohl gut. Auf morgen Wiedersehen. Herzlich grüßend dankbarst Ihr (gez.) Prinz Max.   Von Graf Bülow. (Telegramm in Ziffern.) Privat. Berlin, 3. März 1900. Besten Dank für interessanten Brief. Hinsichtlich der Heiratsangelegenheit Baden – Cumberland betonte unser allergnädigster Herr, daß er festhalten müsse an seinem von Anfang an eingenommenen Standpunkt, nämlich, daß die Prinzessin unter entschiedener Abwendung von allen welfischen Velleitäten auch hinsichtlich Braunschweig sich voll und ganz auf den Standpunkt des neuen Reiches, der Integrität der preußischen Monarchie wie der persönlichen Beziehungen des Prinzen zum Kaiser stellen müsse. Herzlichen Gruß (gez.) Bülow.   Von Admiral von Eisendecher (Preuß. Gesandter in Baden). Karlsruhe, 5. März 1900. Die Angelegenheit des Prinzen Max v. B. beschäftigt hier die Gemüter natürlich sehr. Alles, was man von der jungen Prinzessin und deren Familie hört, klingt außerordentlich günstig. Wenn in persönlicher Beziehung alles stimmt, wäre es sehr bedauerlich, falls die Sache an politischen Bedenken scheitern sollte. Bei den hiesigen Herrschaften stehen solche Bedenken anscheinend immer noch im Vordergrunde, während die Prinzessin Wilhelm in dieser Richtung kaum Besorgnisse hegt. Das mir in engstem Vertrauen mitgeteilte Gerücht, nach welchem die Absicht bestehen soll, vor einer eventuellen Heirat den Herzog zu gewissen schriftlichen Erklärungen oder Versprechungen zu veranlassen, kann ich nicht glauben. Es wäre das meines Erachtens für den Prinzen eine höchst fatale Verlegenheit. Wenn die Prinzessin ja sagt und der Vater zustimmt, so sind damit, meine ich, die nötigen Garantien gegeben, denn beiden können die Voraussetzungen und Konsequenzen der Verbindung nicht verborgen sein. Es würde mich im höchsten Grade interessieren, zu hören, wie Sie jetzt nach Ihren persönlichen Eindrücken über die Angelegenheit denken, vielleicht finden Sie Zeit zu einer kurzen Antwort, für die ich Ihnen aufrichtig dankbar wäre. Sie wissen, der Prinz steht mir als wirklicher Freund nahe, er erzählte mir s. Zt., wie Se. Majestät der Kaiser in sehr huldvoller, wohlwollender Weise die Wiener Reise sanktioniert habe, daraufhin hielt sich der Prinz berechtigt, diesen ersten wichtigen Schritt zu unternehmen, und allem Anschein nach liegt jetzt die Wahrscheinlichkeit eines gegenseitigen persönlichen Einverständnisses mehr und mehr vor, man möchte deshalb doppelt lebhaft wünschen, daß nicht noch unvorhergesehene politische Weiterungen entstehen, wie es z. B. das eben erwähnte Gerücht andeuten würde. Nun, jedenfalls ruht die ganze Angelegenheit bei Ihnen als dem Eingeweihten und Vertrauten nach beiden Seiten, in den allerbesten Händen, das ist auch für den Großherzog und die Großherzogin hier eine sichere Beruhigung. Mit besten Grüßen meiner Frau und der Bitte, uns der Frau Fürstin, leider noch als Unbekannte, empfehlen zu wollen, bin ich in alter Verehrung Ihr ganz ergebener (gez.) v. Eisendecher.   An den Großherzog von Baden. Wien, 7. März 1900. Ew. Königliche Hoheit wollen mir gnädigst vergeben, daß ich mir jetzt erst über die Angelegenheit des Prinzen Max ein Wort zu sagen erlaube. Genau orientiert über die Ansichten Ew. Königlichen Hoheit und der Frau Großherzogin und wissend, daß Ew. Königliche Hoheit über meine eigene Stellungnahme seit meiner Aufwartung in Baden – die mir in leuchtendem Andenken geblieben ist – Bescheid wußten, habe ich angenommen, daß Ew. Königliche Hoheit von dem Ernst überzeugt seien, mit dem ich die Führung der Angelegenheit als Vertreter des deutschen Reiches – und damit auch im Besonderen Ew. Königlichen Hoheit betrieben habe. Dem Prinzen habe ich wahrlich an nüchterner, fast harter Darstellung der politischen Seite der Angelegenheit nichts erspart! Ich war ihm dieses auch menschlich schuldig. Ich empfinde sehr warm für diesen selten begabten und liebenswürdigen Herrn. Darum durfte ich mich nicht der Chance eines Vorwurfs aussetzen, wenn etwa in Zukunft sich ernstere Dinge politisch einstellen sollten, als ich es in Erwägung gezogen hätte. Ich habe mit dem Prinzen genau die Schritte und Worte überlegt, ehe er sie tat und sprach. Ich habe mit ausdrücklicher Genehmigung des Prinzen – alle diese Schritte und Worte nach Berlin und Sr. Majestät dem Kaiser gemeldet. Alles, was geschehen ist, entsprach genau den Anschauungen, die Se. Majestät über die Behandlung der Angelegenheit haben, und ich kann Ew. Königlichen Hoheit die Versicherung geben, daß die bezüglichen Akten für alle Zeit ein glänzendes Zeugnis für die Loyalität, die deutsche Gesinnung und das reife, überlegte Wesen des lieben Prinzen ablegen werden. Sie werden aber auch ein Zeugnis ablegen von der loyalen Gesinnung und dem vornehmen Wesen des Herzogs von Cumberland. Nachdem anscheinend die Ehe des Prinzen mit einer Tochter dieses Hauses nicht zu vermeiden war – (und ich glaube, daß man aus psychologischen Gründen nicht in der Lage war, den Widerstand über eine gewisse Stärke hin auszudehnen, denn glücklich und gesegnet ist meistens eine Ehe nur bei einer starken Willensbetätigung der Gatten) – so möchte ich doch nun auch die guten Seiten hervorheben, die diese Ehe haben wird. Davon ist zwischen Ew. Königlichen Hoheit und mir, angesichts der politischen Schwierigkeiten, bis jetzt nicht die Rede gewesen. Die Prinzessin ist, wenn auch vielleicht die weniger hübsche der drei Schwestern, doch die anziehendste. Ihr schönes, gütiges und kluges Auge, ihre vornehme Gestalt und Art, nehmen einen jeden unwillkürlich für sie ein. Ihr einfacher, häuslicher Sinn und der Zusammenhang mit einem Elternhaus, an dem gute deutsche Sitte und Art heimisch ist, geben dem lieben Prinzen eine Garantie für häusliches Glück und für Anerkenntnis in der engeren Heimat. Das sind große und wichtige Errungenschaften! Was aber den Verkehr und die Beziehungen zwischen den Häusern Baden und Cumberland betrifft, so hege ich nicht den geringsten Zweifel, daß die Diskretion, die vornehme, zurückhaltende Art der herzoglichen Familie Ew. Königlichen Hoheit keinerlei Ungelegenheiten bereiten wird. Mit der Bitte, Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzogin meine untertänigste Empfehlung gnädigst ausrichten zu wollen, verharre ich in Dankbarkeit und treuester Anhänglichkeit ... (gez.) Fürst Philipp Eulenburg-Hertefeld. An Prinzessin Wilhelmine von Baden Mutter des Prinzen Max. , Herzogin von Leuchtenberg. Wien, 8. März 1900. Ew. Kaiserlichen Hoheit darf ich untertänigst ein Wort über Prinz Max sagen: der Verkehr mit der so liebenswürdigen, reizenden Prinzessin Marie Louise hat den lieben Prinzen in eine immer zufriedenere, sichere Stimmung gebracht. Ich habe – psychologisch gesprochen – den Eindruck, daß der Prinz gefunden hat, was er suchte. Hinter diesem menschlichen Glück müssen wohl alle Bedenken zurücktreten, die sich politisch etwa noch erheben sollten. Doch auch diese Seite geht einer leichteren Lösung entgegen als man erwarten konnte. Ich habe das Gefühl, daß das Mutterherz Ew. Kaiserlichen Hoheit eine reiche Befriedigung nach soviel Leid und Sorge Die Auflösung der Verlobung des Prinzen Max mit der russischen Großfürstin betreffend. haben wird, und ich bin voller Glück darüber. ...... (gez.) P. Eulenburg-Hertefeld.   Aus einem Brief an den Kaiser. Wien, 9. März 1900. ... Die Verlobung des Prinzen Max wird kaum sofort nach Verständigung mit den Eltern proklamiert werden. Diese verlangen die Entscheidung der Tochter nach längerer Bekanntschaft. Ich meine, die Sache wird verhältnismäßig glatt gehen. Prinz Max hat sich als loyaler deutscher Prinz und treu zu Ew. Majestät stehend benommen. Das muß man rühmend anerkennen. Nicht jeder hätte den Mut gehabt, so offene Sprache mit dem Herzog von Cumberland zu führen, da man leicht gewärtig sein konnte, ihn zu verletzen. Die junge Prinzessin ist ganz charmant und hat alle Eigenschaften, den Prinzen glücklich zu machen. So muß man wohl bonne mine zu diesem Spiel machen... (gez.) Philipp Eulenburg. Von Großherzog Friedrich von Baden. (Eigenhändiger Brief.) 17. März 1900. Mein verehrter Fürst. Von ganzem Herzen danke ich Ihnen für Ihren werten Brief, dessen so späte Beantwortung. Ich Sie bitte mit Nachsicht beurteilen zu wollen. Ja, Dank sage ich Ihnen ganz besonders für die Veranlassung Ihres Briefes; denn Sie haben als wahrer Freund gehandelt mit Rat und Tat, mit Voraussicht und Fürsorge. Diese Hilfe hat viele Sorgen gehoben und manche Hemmnisse geebnet bis zu einem Maße, das nur wir in kleinem Kreise in der ganzen Bedeutung des Wertes beurteilen können. Die Dankesworte erscheinen mir ungenügend gegenüber der Freundschaft, die Sie uns bekundet haben – aber Sie fühlen mit mir, was ich damit sagen will, das innige Verständnis zwischen uns ist entscheidend. Der Beistand, den Sie meinem Neffen gewidmet haben, ist zum Glück auf fruchtbaren Boden gefallen, und hat Kraft und Entschlossenheit hervorgerufen. Ich bin sehr erfreut von Ihnen zu vernehmen, daß Sie den lieben jungen Mann so günstig beurteilen. Er hat in der Tat erfolgreich gehandelt, und nunmehr wünschte ich nur, daß die letzte Entscheidung bald nachfolgen möge. – Diese Entscheidung nehmen wir nun ganz von dem Gesichtspunkt des persönlichen Glücks und hoffen, daß dies den Liebenden in reichem Maße zuteil werde. – Die politische Seite ist durch das sehr schätzenswerte Verhalten des Herzogs von Cumberland und durch die Bekundung seiner Gesinnung wesentlich erleichtert. Er hat die sehr positiven und rückhaltlosen Fragen in einer Weise beantwortet, welche sogar Hoffnung gibt, mit der Zeit eine engere Vereinigung mit den beliebenden Verhältnissen zu erreichen. Freilich ist das Entgegenkommen unseres Kaisers ein so schätzenswertes Gut, daß der Herzog mit Zuversicht erfüllt sein muß. Ich habe inzwischen alle die Dokumente gelesen, deren ich mich nicht erinnern konnte, und daraus neue Zuversicht geschöpft. Auch bezüglich der öffentlichen Auffassung sind diese Dokumente eine werte Hilfe zu weiterer Aufklärung. Ihre Schilderung, vereint mit derjenigen meines Neffen bezüglich der Persönlichkeit der Prinzessin und des Familienlebens des Cumberlandschen Hauses, sind prächtige Bilder von Herzengüte und edler Gesinnung die schönsten Garantien für die Zukunft. Ich darf Sie heute zum erstenmal schriftlich als »Fürst« ansprechen! Die hohe Auszeichnung, welche unser Kaiser Ihnen dadurch gewährte, und das Vertrauen, welches er damit öffentlich bekundete, erfüllen mich mit besonderer Freude und Genugtuung. Sie dafür zu beglückwünschen, ist mir eine werte Pflicht, und ich tue es mit dem damit verbundenen Dank für die erfolgreiche Tätigkeit, mit der Sie als deutscher Botschafter meinem Hause treu und liebevoll beigestanden sind. Bewahren Sie auch ferner diese freundschaftlichen Gesinnungen Ihrem sehr ergebenen (gez.) Friedrich Gr. v. Baden.   Schlußbemerkung. Wien, 30. März 1900. Es hat wohl selten ein Diner größeres Aufsehen erregt, als das Verlobungs-Diner Baden – Cumberland, das ich in der deutschen Botschaft am 30. März 1900 gab. Seit der für Hannover so unglücklichen Schlacht von Langensalza 1866 (an der der Herzog von Cumberland – damals Kronprinz von Hannover – teilnahm), war es das erstemal, daß der Kronprätendent von Hannover auf deutschem Boden (in der deutschen Botschaft) bei dem Vertreter des deutschen Kaisers und Königs von Preußen als freundlicher Gast mit Gattin, Sohn und Tochter ein freundschaftliches Mahl an einem preußischen Tische einnahm. Ich hatte dem Prinzen Max von Baden, der es brennend wünschte, daß das Haus Cumberland mir eine höfliche Dankbarkeit erweise, gesagt, wie sich solches vielleicht ermöglichen ließe: ich würde das Diner in meinem Privat-Eßsaal und in meinen Privaträumen geben, nicht in den offiziellen Festräumen der Botschaft, wo das große Kaiserbild hängt. Keinerlei Österreicher – mit Ausnahme der badischen Verwandten Fürstenberg und Festetics – würden eingeladen werden, und außer meinen Töchtern nur die Herren meiner Botschaft, die nichts anderes als meine Adjutanten seien. Im übrigen aber bäte ich, daß meine Dienerschaft in Gala erscheinen dürfe (denn diese trüge meine Farben und Wappen), es wäre also alles inoffiziell. Mit diesen Modalitäten fand man sich gern ab. Man fühlte sich sogar außerordentlich gemütlich, die Herren rauchten und schwatzten, die Damen lachten und freuten sich – und so war tatsächlich dieses Verlobungsdiner ein sehr gelungenes Familienfest geworden. Ich brachte die Gesundheit des »hohen« Paares sehr herzlich und ohne jeden Redeschwung aus. Man stieß fröhlich die Gläser aneinander, und das Brautpaar sah sich dabei glücklich-verlegen an. Der Herzog hat sich sehr wohl bei mir gefühlt, wie mir Max von Baden versicherte, und ich wurde in dem Gefühl froh, daß, wenn das rein Menschliche in freundlichem Sinne und innerlich zum Ausdruck kommen darf und kann – alle politischen Flöten verstummen. Hier aber endete ein schwieriges, politisches, mühevolles Problem nunmehr auf gut deutsch: mit einem kolossalen Mahle. Möge es nun auch meinem lieben Hause Baden »wohl bekommen«! »Umsonst« Eine politische Arbeit gegen und für den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand Einführung. In einem von mir an Kaiser Wilhelm II. am 21. August 1897 gerichteten Brief sage ich am Schluß meiner Betrachtungen über die komplizierte innere Lage Österreichs und die schwankende Gesundheit des nun 67 Jahre alten Kaisers Franz Joseph: »Ich möchte auch – im Hinblick auf eine Überraschung, die uns der plötzliche Tod Kaiser Franz Josephs bereiten könnte – in Erwägung stellen, einen Kurier stets fertig zu halten, der sofort nach Petersburg fahren könnte. Wir hätten, wenn ein solches Ereignis einträte, keine Minute Zeit zu verlieren, um das Prävenire zu spielen – vor Erzherzog Franz Ferdinand, der bis in die tiefsten Knochen Russe ist ....« Angesichts dieser drohenden Möglichkeit, die unsere gesamte bisherige Bündnispolitik über den Haufen werfen müßte, sah ich meine wesentlichste politische Aufgabe darin, den »russischen« Erzherzog dem deutschen Bündnis zu gewinnen, bevor der alte Kaiser die Augen für immer schloß.   Diese Aufgabe schien mir zunächst unüberwindlich, denn der Erzherzog wich mir geflissentlich aus. Er glaubte in Berlin Kränkungen erfahren zu haben, die ihm absichtlich, nicht etwa versehentlich, zugefügt seien, um ihm zu markieren, »daß wir mit seiner Haltung unzufrieden seien«. Wir waren allerdings mit ihm »unzufrieden« – und hatten allerdings auch allen Grund dazu, denn es hängt sich an jeden Thronfolger die Partei der Mächtigen, d.h. der mit der Politik des Herrschers Unzufriedenen, der Ehrgeizigen, Ruhmsüchtigen, Eiteln, Mißgünstigen, die mit dem vorschreitenden Alter des Herrschers selbst älter werden und ungeduldig feststellen, daß ihre Zeit der Wünsche verstreicht, ihre besten Lebensjahre, ihre Kraft im Warten sich verzehrt und sich schon die jüngere Generation hinter ihnen ansammelt, um zu ernten, was sie als ihr »Recht auf Ernte« beanspruchen. Das habe ich unter dem »alten Kaiser« in Berlin erlebt, wo hinter der Maske grenzenloser Verehrung in manchen Kreisen sich der Haß ansammelte. In Wien war es nicht anders, und das Berliner Schreckgespenst mit dem Kaiser, der es fertiggebracht hatte, 91 Iahre alt zu werden, stellte sich immer drohender vor die Phantasie der Wiener Wartenden, da Kaiser Franz Joseph sich unleugbar einer guten Gesundheit erfreute und unter Umständen, ebenso wie der alte Kaiser Wilhelm, die Nachfolger noch 25 Jahre lang an der Nase herumführen konnte. Stand jedoch in Berlin hinter dem Thronfolger »nur« die liberale Partei, die deutsch war und deutsche, »wenn auch liberale« Wünsche hatte, so berührte in Wien die Frage der Erbschaft nicht nur politische Parteien, sondern Sonderbestrebungen von Völkern . Es rangen in Wien Deutsche, Ungarn und Slawen um die Macht der Zukunft, und der Thronfolger bildete, je nach der Seite, der er sich zuwendete, gegenüber Deutschland einen Feind oder einen Freund. So war er, gekränkt durch unvorsichtige Äußerungen Kaiser Wilhelms, noch mehr, noch fester an die Seite der Tschechen gedrängt worden, als er ohne dieses zu ihnen mit seiner »privaten Sympathie« gehörte. Das bedeutete also nichts mehr und nichts weniger als die Tatsache, daß der Thronfolger Österreich- Ungarns nach Rußland orientiert war und zugleich Deutschland, nach der Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages im Jahre 1890, die Brücken nach Petersburg abgebrochen hatte. Unser Bündnis mit Österreich schwebte daher auf den Atemzügen des alten Kaisers Franz Joseph. Eine furchtbare Gefahr drohte uns von seinem Thronfolger, und ich sah keine Verbindung, die ich zu einem Erzherzoge finden konnte, der dem deutschen Botschafter nun schon durch mehrere Jahre auswich, ihn nur bei den beiden, von mehr als tausend Personen besuchten Hofbällen im Winter durch eine kühle Verbeugung beehrte. Ich wußte sehr wohl, welche Gefahr uns mit dem Augenblick drohte, da Kaiser Franz Joseph seine Augen für immer schloß: die Koalition Österreich-Rußland- Frankreich mußte uns erwürgen. Alles stand für uns auf dem Spiel , wenn ich nicht diesen harten, bösen und klugen Erzherzog gewann, der unnahbar, ja feindlich dem Vertreter des deutschen Kaisers gegenüberstand, des Kaisers, von dem er, in seiner nervösen Empfindlichkeit und maßlosen hochmütigen Eitelkeit, sich tödlich beleidigt fühlte. Und um so mehr war es notwendig, ihn zu gewinnen, als für ihn durch seine Stiefmutter, die intrigante »Deutschhasserin« Erzherzogin Marie Therese, Eheverbindungen gesucht wurden, die uns auch feindlich waren. Das Projekt einer Ehe mit der Prinzessin Helene von Orleans war gottlob schon 1894 an dem starken Eigenwillen des Erzherzogs gescheitert. Aus Briefen des deutschen Botschafters Fürsten Philipp zu Eulenburg und Hertefeld. An Kaiser Wilhelm ll. Wien, 6. Januar 1899. ... Die Beziehungen des Kaisers zu seinen Neffen Franz Ferdinand und Otto haben sich in der letzten Zeit eher verschlechtert als verbessert. Er kann beide nicht leiden. Die schlechte Meinung, die er von ihnen hat, ist so weit in das Publikum gedrungen, daß vor einigen Tagen wieder das törichte Gerücht durch Wien lief, der Kaiser habe die Erbfolge zugunsten seiner Tochter (!), der Erzherzogin Valerie, tatsächlich geändert. Erzherzog Otto tritt, nachdem sein Bruder sich wieder zu den Gesunden zählen läßt, auffallend zurück. Da ihm jedwedes ernstere Gespräch oder alles, was auch nur im Entferntesten an einen Zwang erinnert, ein Greuel ist, so ist ihm dieses Zurücktreten ein wahrer Genuß. Erzherzog Franz Ferdinand spielt eine allgemein verstimmende Rolle. Niemand weiß genau, wie er denkt, aber man hat eine schlechte Meinung von ihm – nach wie vor. Die Ungarn hassen ihn, und die (von Wien ausgehenden) Versuche, das schlechte Verhältnis als gebessert darzustellen, haben keine Wirkung. Jetzt soll er auch plötzlich deutsch-freundlich geworden sein. Daran glaube ich noch nicht, wenn es auch Probst Marschall, der Beichtvater des Hauses Karl Ludwig, einem Bekannten von mir gesagt hat. Höchstens könnte diese vermeintliche Änderung eine prinzipielle Wendung gegen alles das bedeuten, was der Kaiser tut. Andererseits ist der Erzherzog jetzt wieder eng mit Franz Thun Graf Thun, Tscheche, Statthalter des Königreichs Böhmen. befreundet, nachdem diese Freundschaft während der Zeit des Amtierens des Grafen als Obersthofmeister des Erzherzogs infolge der beliebten Wutausbrüche des hohen Herrn gelitten hatte. Während der letzten Lebenstage der Gräfin Franz Thun hat der Erzherzog noch à trois häufig dort gegessen und nachher Tarock gespielt. So dürfte vielleicht der Gedanke, den Grafen Thun einst an die Stelle Goluchowskis Graf Goluchowsky, Minister des Kaiserlichen Hauses und des Äußern. , des Verhaßten, zu setzen, wieder in dem Kopfe des Erzherzogs lebendig geworden sein. Wenn ich nun schließlich melde, daß die Erzherzöge mit dem größten Teil der reichen Wiener Gesellschaft die Flucht ergriffen haben, um in Abbazia, Meran oder an der Riviera die ihrer Komplexion zusagende Zerstreuung zu finden und der unerträglichen schwarzen Trauer Kaiserin Elisabeth war am 12. September 1898 in Genf ermordet worden. (Siehe meine Aufzeichnung »Mord«.) in Wien den Rücken zu wenden, so habe ich über die Personalia, die hier die erste und entscheidende Rolle spielen, alles gesagt, was wohl zu sagen wäre. Daß Erzherzog Ludwig Victor Der jüngste unvermählte Bruder des Kaisers. der hiesigen Gesellschaft den Wunsch ausgesprochen hat, täglich irgendwo mit sechs älteren Damen zum Essen geladen zu werden, solange die Trauer dauert, dürfte wenig in Erstaunen setzen. Seine Gedanken sind so absolut alten Damen homogen, daß man sich nur immer von neuem über seinen Schnurrbart und die Generalsuniform wundern kann ... An Staatssekretär B. von Bülow. Wien, 26. Mai 1899. Mein lieber Bernhard, es erscheint mir notwendig, dich vor Ankunft des österreichischen Thronfolgers in Potsdam über alles das aufzuklären, was dieser Fahrt vorangegangen ist. Du hast wohl die Güte, Sr. Majestät das mitzuteilen, was allerhöchstdenselben interessieren könnte. Ich weiß nicht, wo ein Brief von mir den Kaiser in diesen Tagen erreichen würde. Der beabsichtigte Besuch des Erzherzogs in Potsdam wurde in ein gewisses geheimnisvolles Dunkel gehüllt. Das lag daran, daß Franz Ferdinand die Absicht hatte, incognito zu seiner Schwester Württemberg zu fahren. Da aber der Erzherzog genötigt war, seine Reise anzuzeigen, erklärte Kaiser Franz Joseph, daß der Erzherzog nur nach Potsdam fahren könne, wenn er sich bei Sr. Majestät melde Herzog Albrecht von Württemberg, der Gatte der Erzherzogin, hatte damals ein militärisches Kommando in Berlin-Potsdam. . Da dieses ganz und gar nicht der Zweck dieser Fahrt war, so ventilierte der Erzherzog nun die Möglichkeit, überhaupt nicht nach Potsdam zu reisen. Hierin wurde er auf das Lebhafteste von der Erzherzogin Marie Therese Die Stiefmutter des Erzherzogs, geb. Prinzessin von Braganza. unterstützt, während die zufällig aus Anlaß der Enthüllung des Albrecht-Monuments anwesende Schwester Württemberg für den Besuch plädierte. Der Grund einer deutschen Gegnerschaft der Erzherzogin Marie Therese ist in erster Linie in religiösen Fragen zu suchen. Sie ist, wie bekannt, fanatisch katholisch und konstruiert sich in ihrer Scheuklappenpolitik einen großen Kampf, der durch die Gegensätze des verbissenen, leidenschaftlichen, streng-katholischen Franz Ferdinand zu unserem protestantischen Kaiser eingeleitet, einen Triumph des katholischen Österreich herbeiführen soll. Die recht gescheite und durch den Verkehr mit dem sehr vernünftigen Manne in deutsche Interessen gezogene Schwester (Württemberg) des Erzherzogs gleicht nach Möglichkeit die Schwierigkeiten aus, ohne sie doch überwinden zu können. Ich zweifle nicht daran, daß sie, politisch von uns benutzt, Gutes wirken kann; doch darf man hierbei niemals vergessen, daß sie, sehr katholisch und im Grunde ihres Herzens österreichisch, nur mit großer Vorsicht und unter Schonung ihrer angeborenen Heiligtümer verwendet werden kann. Der Gegensatz zwischen dem Erzherzog Franz Ferdinand und unserm Herrn ist deshalb ein kaum zu überwindender, weil maßloser Hochmut die alte Weltanschauung des Erzherzogs niemals in Einklang zu der modernen Anschauung unseres Kaisers bringen kann. Das tief religiöse Gefühl unseres Kaisers, welches eine Art Brücke zu einer mehr objektiven katholischen Natur, wie sie sich in Kaiser Franz Joseph darstellt, bildet, stellt sich dem Erzherzog mehr als das Ketzertum eines Philipp von Hessen gegenüber Karl V. dar. Der Erzherzog äußert deshalb in vertrautem Kreise unverhohlen seine antipathischen Empfindungen gegen das Wesen unseres Kaisers, zollt jedoch der geistigen Befähigung desselben Anerkennung, und auf dieser letzteren Basis wäre eine Art Verständigung denkbar, wenn man dem Erzherzog zugleich die größtmöglichen Ehren in Berlin erweist. Er hat eine Bemerkung unseres Herrn noch nicht vergessen, die ihn fürchterlich tief verletzte. Es war jener Empfang auf dem Bahnhof in Berlin vor einigen Jahren, wo Se. Majestät dem Erzherzog sagte: »Bilde dir nicht ein, daß ich zu deinem Empfang gekommen bin – ich erwarte den Kronprinzen von Italien.« In der außergewöhnlich hochmütigen Natur des Erzherzogs ist der Stachel dieser »Beleidigung« geblieben. Herzog Albrecht von Württemberg, sein Schwager, sagte mir hier, daß diese Geschichte jetzt vergessen sei – »so gut wie vergessen«. Eine andere Bemerkung des Kaisers hat ebenso getroffen und ist augenscheinlich benutzt worden, um die Kluft zwischen den beiden Herren zu erweitern. Seine Majestät hatte bei der letzten Anwesenheit in Pest nach dem vertrauten Verkehr mit dem Erzherzog die Bemerkung gemacht: »Ich habe gar nicht geglaubt, daß Franz Ferdinand so gescheit wäre.« Der Erzherzog, dem man diese Bemerkung wiedererzählte, ist blaß vor Wut geworden und sagte: »Hielt er mich denn für einen Trottel?« Ich kann nur konstatieren, daß Seine Majestät nach einer Familientafel in Pest zu mir sagte: »Ich wußte gar nicht, daß der Erzherzog so amüsant erzählen konnte – er war wirklich ganz charmant.« Aber leider sitzt die erste Version noch immer ganz fest, und ich fürchte, daß meine eifrigen Bemühungen, jene Worte als eine böswillige Verdrehung darzustellen, fruchtlos geblieben sind. Ich zähle diese beiden Geschichten auf, weil sie symptomatisch für die eigentliche Stimmung sind. Nicht diese Geschichten vermochten diesen Gegensatz hervorzurufen: Hochmut und Neid sind die eigentlichen Krankheitserreger, und die Tatsachen werden diese Bazillen nicht beseitigen. Ein starkes Deutschland mit einem genial beanlagten Herrscher sind ein zu gutes Kulturfeld für die bösen Charakter-Bazillen, die den Erben der Habsburger Krone beherrschen. Alle Bemühungen, ihn zu gewinnen, werden daher nur eine schwache Wirkung haben. Aber eine Art praktische Beurteilung aller Fragen wird an dem recht gescheiten Erzherzog nicht ganz abgleiten, und hierzu gehört auch der Weihrauch eines sehr glänzenden Empfanges. An die Schilderung der Persönlichkeit des Thronfolgers möchte ich noch ein paar Worte über seine Politik anknüpfen. In den Rahmen aller frondierenden Thronfolger gehört auch Franz Ferdinand. Wie er niemals das vergißt, was seine Eitelkeit verletzte, so wird er niemals vergessen, daß törichte Ärzte und ungeschickte Hofbeamte ihn während seiner letzten Krankheit zu den Toten legten, während er noch Lebenskraft genug besaß, um sich zu erholen. Er vergißt niemals Goluchowski, daß dieser ihn damals als quantité négligeable behandelte. Deshalb ist Franz Ferdinand politisch immer da zu finden, wo die Gegner Goluchowskis stehen. Während Goluchowski seine Reden für eine Annäherung an Rußland hielt, also im Sinne des Erzherzogs, schwieg Franz Ferdinand in politischer Hinsicht und machte den Grafen nur persönlich lächerlich. Letzteres setzt er auch jetzt unentwegt fort. Er hat deshalb nicht nur lediglich seinem Schwager Albrecht von Württemberg mit Genugtuung erzählt, daß unser allergnädigster Herr ihm gesagt habe: »Goluchowski ist ein Esel.« Diese Äußerung war – wenn überhaupt gemacht – unvorsichtig. Als die Schwenkung der hiesigen inneren Politik nach der tschechischen Seite eine Fülle von Schwierigkeiten in der Monarchie zeitigte, stellte sich der Erzherzog auf die deutsche Seite, und Graf Thun, sein alter Freund, wußte es sehr geschickt einzurichten, daß die Schuld der politischen Wirrnis von seinen Schultern auf Goluchowski abgelenkt wurde. Jetzt, wo die Politik des Kaisers Franz Joseph sich von den übermütig gewordenen Tschechen abwendet, sucht Franz Ferdinand dieses Faktum gleichfalls gegen Goluchowski auszubeuten, indem dieser als unselbständig und unter deutschen (meinen) Einfluß geraten hingestellt wird. Hierzu hilft Thun, der mich unbequem findet. Von hier geht auch eine gegen mich gerichtete Aktion aus, welche bezweckt, die Kluft zwischen Franz Ferdinand und Deutschland zu verbreitern, nachdem man sich von der Vergeblichkeit der Erschütterung des Vertrauens des Kaisers Franz Joseph zu mir überzeugt hatte. Thun lehnt sich, sinkend, mehr an den Thronfolger an. Aehrenthal, der ganz im Fahrwasser Thuns schwimmt – wenn er auch dessen Fähigkeit als Staatsmann verurteilte –, hat z.B. das Märchen verbreitet, ich spräche mich hier ungünstig über Franz Ferdinand aus. Dieses Märchen ist Franz Ferdinand hinterbracht worden. Ich brauche wohl nicht erst zu erklären, daß ich mich gehütet habe, zu Österreichern meine Meinung über den Thronfolger zu äußern! Die Mißerfolge, die Goluchowski bei seinen Bestrebungen hatte, sich Rußland zu nähern, und die allein darin liegen, daß ein polnischer Ministerpräsident Österreichs in Rußland niemals ehrlich genommen wird, haben die Partei seiner Gegner vergrößert und gefestigt. Denn Goluchowski findet, trotz seiner katholischen Frömmigkeit, die Ultramontanen auf seinem Wege, die gegen den Dreibund Sturm laufen. Was ihn hält, ist das Vertrauen seines Kaisers. Wir würden einen Fehler begehen, wenn wir ihn trotz seiner verschiedenen Schwächen jetzt nicht unterstützten, wo die russische, antideutsche Partei ziemlich stark ist. Der Vorteil für uns liegt darin, daß Goluchowski wegen des Hasses von Franz Ferdinand nicht vor dieser russisch-feudalen-antideutschen Partei kapitulieren kann. Um die komplizierte und nicht immer leicht zu durchschauende Lage noch zu verwirren, hat Franz Ferdinand die Südslawen (Slowenen, Kroaten, Dalmatiner) während seiner letzten Reise im Süden, wenn auch nicht gerade aufgehetzt, so doch sehr aufgeregt. Es zeigen sich dort seitdem starke russische Sympathien, und das »Königreich Slowenien« tritt mehr und mehr in den Vordergrund. Mit dieser Reise hat Franz Ferdinand Ungarn einen perfiden Streich gespielt. Ich weiß nicht, ob das in Pest richtig gewürdigt wird. Er hat eigentlich damit die slawische Frage in Ungarn aufgerollt Seinem Charakter traue ich zu, daß er dieses mit Bewußtsein tat. Ob er den Gedanken an die slawische Transformation der Habsburgischen Monarchie - worüber ich gelegentlich berichtet habe - in sich trägt, lasse ich dahingestellt. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß er derartigen Plänen zugänglich gewesen ist, indem man ihm die Rache für 1866 in dem slawischen Kleide als aussichtsvoll im Anschluß an Rußland und Frankreich dargestellt hat. Ich habe dir, lieber Bernhard, zugleich mit der hohen Persönlichkeit, die du in diesen Tagen in Berlin sehen wirst, die gesamte politische Lage in Österreich-Ungarn – mit der Franz Ferdinand so eng verknüpft ist – dargestellt. Es ist damit vielleicht mein Zweck erfüllt, die Bedeutung des Thronfolgers genau zu schildern. Nach nun bald fünfjähriger Anwesenheit in Wien stehen mir so intime und so mannigfache Quellen zu Gebot, daß ich dir das vorstehende Bild wohl ganz genau geben konnte. Es ist ernst genug, und die Bedeutung des alten Kaisers Franz Joseph tritt uns – kaum in diesen Zeilen erwähnt – deutlicher daraus entgegen, als aus der eingehendsten Schilderung seiner eigenen Persönlichkeit, seines Denkens und Wirkens ...   An Kaiser Wilhelm ll. Wien, 30. November 1899. ... Tassilo Festetics Mein Freund, Graf Tassilo Festetics, ist einer der größten Grundbesitzer Ungarns. Sein Wohnsitz ist Schloß Keszhely. Vermählt mit Mary, Tochter des Herzogs von Hamilton und der Prinzessin von Baden. erzählte mir viel Interessantes. Die drohende Ehe des Erzherzogs Franz Ferdinand mit Gräfin Chotek Gräfin Sophie Chotek. Hofdame der Erzherzogin Friedrich, geb. Prinzessin Croy. regt die Leute fürchterlich auf. Eigentlich glaubt jeder, daß sie zustande kommt. Zu Tassilo hat der Erzherzog im Frühjahr in Keszthely (wo er in drei Tagen 75 starke Böcke geschossen hat) gesagt: »Wenn ich die Ehe meines Bruders Otto sehe, so will ich nur eine Herzensehe oder gar keine schließen.« Nachher im Sommer ist seine Liebe zu einer Leidenschaft geworden (was ihn aber durchaus nicht abgehalten hat, in Pest sich alle schönen Tingel-Tangel-Damen kommen zu lassen, so daß selbst die Pester » jeunesse dorée « entsetzt war!). Letzteres erzählte mir der nette älteste Sohn von Louis Apponyi (und der Gräfin Margarete Seherr). Dieser war zwei Jahre Adjutant in Wien bei Erzherzog Ludwig Viktor gewesen und behauptet, es sei unbeschreiblich, wie verhaßt alle Erzherzöge in Ungarn seien. Man achte und liebe nur den alten Kaiser – und ließe Erzherzog Josef sein törichtes Leben. Sonst niemand. Die Möglichkeit, daß Erzherzog Franz Ferdinand die Chotek einst zur Kaiserin machen wolle, ziehen alle gleichfalls ernsthaft in Erwägung, während ich aus der Nähe des Erzherzogs Otto (seines Adjutanten) weiß, daß dieser wieder mehr mit der Eventualität, Kaiser zu werden, rechnet, und daraufhin nachdenklich immer ein Glas Kognak nach dem andern trinkt. Gräfin Mary sagte mir mit einem ziemlich scharfen Gesicht: »Huldigen werden wir einer Kaiserin Chotek nicht!« Ich begreife das.... Notiz. Wien, Februar 1900. Die Gefahr, den Thronerben Österreichs, der völlig von russischen Sympathien erfüllt war, in schroffstem Gegensatz zu Kaiser Wilhelm zu sehen, war immer noch groß. Schlösse jetzt der alte Kaiser seine Augen, so würden wir uns sofort gegenüber einer Koalition Österreich – Rußland – Frankreich sehen. So stand es – und es galt, den Thronfolger mit Kaiser Wilhelm ernstlich und tatsächlich zu versöhnen, womöglich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Naturen herzustellen, die beide von einer übermäßig hohen Einschätzung ihrer Macht, ihres Geistes, ihrer Befähigung auf allen Gebieten erfüllt waren, ja, von ihren Anschauungen in einem Maße überzeugt waren, daß sie, im Gegensatz zueinander, nur unheilvoll wirken mußten, wenn der alte Kaiser starb. Aber wie war der Erzherzog »anzupacken«, der mir sehr absichtlich auswich? Er vermied meine Nähe bei den Hoffesten, und wo sich sonst eine Gelegenheit fand, ihm zu begegnen. Eine Mittelsperson war nicht zu finden. Meine Freunde, die ich mit einer Mission zur Herstellung besserer Beziehungen hätte betrauen können, befanden sich in der Umgebung und bei der »Partei« des Kaisers Franz Joseph. Dieser Partei aber stand der Erzherzog feindlich gegenüber, denn er wußte nur zu genau, daß der Kaiser ihn nicht liebe. Das waren für mich fast unüberwindliche Schwierigkeiten, und doch war ich mir bewußt, daß die Aufgabe dieser Versöhnung zur Zeit wichtiger war als alle andern, recht komplizierten Fragen der Politik, die durch die verschiedenen Strömungen in der Wilhelmstraße mir überdies nicht gerade leicht gemacht wurden. So stand es seit einigen Jahren und quälte mich noch bei Beginn 1900. Sollte es mir nicht in der gegenwärtigen Saison gelingen, den Erzherzog bei irgendeiner Gelegenheit zu »stellen«, so mußte ich wohl alle Hoffnung aufgeben, denn die Intrigen seiner Freunde gegen mich nahmen stetig zu. Würde mir jedoch die Möglichkeit geboten, ein einziges Mal den Erzherzog in eine Unterhaltung zu verwickeln, so war ich meiner Sache gewiß. Mir ist selten ein Fisch durch meine Netze gegangen, der eitel war. Und Eitelkeit ist die unbewußte lange Nase vieler Fürsten und Herrn aus regierendem Hause. Aber es stand in den Sternen geschrieben, daß diese Stunde schlagen sollte. Es war auf dem großen Hofball in der Burg im Januar. Eine Welle von bediademten Fürstinnen, denen ich mich conversando : widmete, warf mich, gedeckt durch einen dicken Pfeiler des Saales, plötzlich neben den Erzherzog, der, ziemlich eingedrängt durch eine Gruppe Tänzer, an der anderen Seite des Pfeilers stand. Ich machte ihm eine ehrfurchtsvolle Verbeugung, die er höflich erwiderte, – und sagte ihm, »daß ich glücklich sei, ihm zu begegnen, da es mich lange schon drücke, ihm nicht sagen zu können, wie unendlich mich das von ihm veröffentlichte Werk über seine Weltreise interessiert, ja begeistert habe«. Das genügte, das Eis war gebrochen. Er sprach – er sprach sogar viel. Ich schwärmte von seinem Aufenthalt in Indien – er noch mehr und schüttelte mir freundschaftlich die Hand, als das Fest schloß. P. E.-H.   An Staatssekretär B. von Bülow. Wien, 15. Januar 1900. Lieber Bernhard! Es ist Dir vielleicht erinnerlich, daß ich Dir von Treibereien in Wien sprach, die darauf gerichtet waren, einen Gegensatz zwischen mir und Erzherzog Franz Ferdinand zu konstruieren. Ich kann mir sehr wohl denken, daß einer gewissen deutschfeindlichen Partei, die in Böhmen bei den Feudalen ihren Hauptsitz und ihre Freunde in dem Triumvirat Nuntius, Kapnist Graf Kapnist, russischer Botschafter. und Reverseaux Marquis de Reverseaux, französischer Botschafter. hat, meine feste Stellung Bei den beiden Kaisern. unbequem ist. Die Kundgebungen aufrichtiger Freude über den hohen Gnadenbeweis Sr. Majestät für mich am Neujahrstage Meine Erhebung in den Fürstenstand. , die immer noch nicht ruhen und wirklich sehr unerwartete Dimensionen angenommen haben, geben vielleicht die Erklärung, weshalb jene Gesellschaft mir übel will. Es war nicht ungeschickt, mir womöglich in dem Erzherzog und allen denjenigen, die sich bei der Häufung der Jahre des alten Kaisers Franz Joseph der neuen Sonne bereits zugewendet haben, eine Gegenpartei zu konstruieren. Es gelangte sogar einmal an mich das Gerücht, man habe dem Erzherzog hinterbracht, daß ich mich in abfälliger Weise in Wien über ihn geäußert habe. Wenn ich auch eine so kolossale Ungeschicklichkeit niemals begangen habe, so wäre ja bei dem sehr eitlen und über seine Stellung als Thronfolger empfindlich wachenden hohen Herrn die Wirkung solcher Mitteilung ziemlich eindrucksvoll gewesen. Ein gewisses Ausweichen des Erzherzogs, der von allen Botschaftern nur Kapnist zu kennen schien, mußte mir auffallen. Es war mir deshalb lieb, bei dem letzten Hofball eine Gelegenheit gefunden zu haben, den Erzherzog durch ein Gespräch zu fesseln und ihn durch den Inhalt desselben aus einem Ideenkreise zu ziehen, der ihn möglicherweise gefangenhielt. Das ist mir vollkommen gelungen. Der Brief des Erzherzogs, den ich heute erhielt – zu meiner großen Überraschung – zeigt mir, daß jedes Mißtrauen gewichen ist, ... aber der Brief zeigt auch, daß jene Mißverständnisse, die eine Zeitlang den Erzherzog in eine, unserem allergnädigsten Herrn entgegengesetzte Richtung trieben, nun definitiv beseitigt sind. Ich halte das für eine glückliche Wendung, weil es uns möglicherweise eine Überraschung erspart, wenn Kaiser Franz Joseph einmal plötzlich die Augen für immer schließen sollte. Der leidenschaftliche, aufbrausende und zu unüberlegten Handlungen neigende Charakter des Erzherzogs hätte uns bei andauernder Verstimmung gegen Se. Majestät vor ein ganz plötzliches Abschwenken vom Dreibund nach Rußland und Frankreich stellen können. Jetzt liegt die Sache anders. Der Erzherzog empfindet, wenn auch nicht Liebe, so doch Bewunderung für Se. Majestät. Ich habe den Erzherzog auf seine Weltkenntnis, seine überseeischen Erfahrungen angeredet und diese Eigenschaften in Parallele zu der Weltpolitik unseres Herrn gebracht. Das Band, das auf dieser Basis fortgesponnen wird, reißt nicht so leicht. Ihn »groß« zu fassen, ist das Sesam zum Öffnen der Tür des Hauses, welches so viel explosible, gefährliche Stoffe enthält. Den Erzherzog nach Möglichkeit heranzuziehen und ihn mit Ehren, Aufmerksamkeiten zu überschütten (leider ist er hier nicht Admiral, denn alles, was auf dem Seegebiet für ihn in Berlin geschehen könnte, würde am meisten wirken!), das ist wohl vom Standpunkt unserer Politik richtig und nötig, so lange wir noch an die österreichisch-ungarische Monarchie glauben. Ein Thronerbe, dessen Charakter unzuverlässig (und dazu rachesüchtig) ist, kann nur durch das gefesselt werden, was seiner Eitelkeit schmeichelt und ihm Spaß macht. Mit anderen Argumenten kann man nicht operieren. P.S. Leider ist bezüglich der Affaire Chotek immer noch dieselbe Unklarheit wie bisher. Der Erzherzog will die Gräfin nicht aufgeben, der Kaiser wird täglich empfindlicher. Selbst gute Freunde des Erzherzogs wissen nicht mehr, was sie glauben sollen. Ich hoffe, daß die Sache sich, wie so viele andere, lösen wird. ... Das Ministerium Körber ist soeben gebildet worden und soll am nächsten Sonnabend vereidigt werden. Ich habe es unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit ( nota bene! ) erfahren. Witek, Hartel, Welsersheim sind dabei ...   I. Anlage zu dem Brief an Bülow vom 15. Januar 1900. An Erzherzog Franz Ferdinand. Wien, 11. Januar 1900. Ew. Kaiserliche Hoheit hatten die Gnade, mir zu gestatten, die Reisebriefe meines verstorbenen Onkels, des Ministers Graf Fritz Eulenburg aus Ost-Asien überreichen zu dürfen. Es gewährt mir dieses eine ganz besonders große Freude, nicht nur, weil ich aus Ew. Kaiserlichen Hoheit interessantem Reisewerke das Bewußtsein geschöpft habe, daß eine so fein beobachtende und weitsehende Natur Freude aus dem Beginn der Handelsverbindungen zwischen Mittel-Europa und Ost- Asien haben wird, sondern weil unsere letzte Unterhaltung in glänzender Weise den Geist bestätigt hat, der durch Ew. Kaiserlichen Hoheit interessantes Werk weht. Ich gestehe, daß es lange schon mein Wunsch gewesen ist, Ew. Kaiserlichen Hoheit meine Bewunderung für das Werk auszusprechen, welches dem Geiste desjenigen entsprossen ist, der einst berufen sein wird, eines der mächtigsten und schönsten Reiche der Erde zu leiten, und darum werde ich mich auch stets jener Unterhaltung mit Freude erinnern. Aber noch etwas anderes hat mich glücklich gemacht: das verständnisvolle Zusammenklingen auf dem Gebiete der großen Weltinteressen zwischen Ew. Kaiserlichen Hoheit und Sr. Majestät dem Kaiser Wilhelm, jener weite Zug, der sich nicht irremachen läßt durch die kleinen Miseren elender Interessen- und Partei- Politik. Ich erblicke darin ein gutes Wahrzeichen für das neue Jahrhundert – vielleicht das beste der neuen Zeit! In diesem Sinne bitte ich Ew. Kaiserliche Hoheit, an meine treue Förderung zu glauben und mir die Bitte zu gestatten, daß Ew. Kaiserliche Hoheit stets über meine Kräfte verfügen mögen. ... (gez.) Fürst Eulenburg-Hertefeld.   II. Anlage zu dem Brief an Bülow vom 15. Januar 1900. Von Erzherzog Franz Ferdinand. (Eigenhändig.) Eckartsau, 13. Januar 1900. Ew. Durchlaucht! Gestern erhielt ich das Reisewerk, sowie Ihren so freundlichen Brief und beeile mich, Ew. Durchlaucht hierfür meinen herzlichsten und wärmsten Dank auszusprechen. Schon beim ersten flüchtigen Durchblättern konnte ich mit Freude konstatieren, daß so viele Plätze, die ich von meiner Weltreise aus kenne, von Ihrem Onkel berührt wurden und die Beschreibung seiner Reise eine äußerst interessante und lebhafte ist. Ich war ungemein geschmeichelt, daß sich Durchlaucht für mein Reisewerk interessierten und dasselbe gelesen haben, es ist ja nur ein ganz anspruchsloses Tagebuch, ich wollte es ursprünglich gar nicht der Öffentlichkeit übergeben, und nur dem Drängen einiger Freunde gab ich endlich nach, diese Notizen auch dem großen Publikum zugänglich zu machen. Sehr glücklich bin ich auch, daß Durchlaucht bei unserem kurzen Gespräche Gelegenheit hatten zu bemerken, daß ich in allen Fragen, welche die großen Weltinteressen berühren, mich in vollkommener Übereinstimmung mit Ihrem allergnädigsten Herrn, dem Kaiser, befinde. Se. Majestät, Kaiser Wilhelm, dessen Energie und Tatkraft mir immer die größte Bewunderung einflößt, ist aber auch stets besonders gnädig und herablassend für mich, und bei den Gesprächen, die er die Gnade hatte, mit mir zu führen, erfüllte es mich mit besonderer Freude, daß Höchstdieselben sich so eingehend mit mir aussprachen. Meinen Dank wiederholend, verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen Ew. Durchlaucht aufrichtig ergebener (gez.) Eh. Franz. III. Anlage zu dem Brief an Bülow vom 15. Januar 1900.] An Erzherzog Franz Ferdinand. Wien, 14. Januar 1900. Ew. Kaiserliche Hoheit wollen mir gnädigst vergeben, wenn ich meiner großen Freude über Ew. Kaiserlichen Hoheit so gütiges Schreiben einen vielleicht etwas breiteren Ausdruck gebe, als die kostbare Zeit Ew. Kaiserlichen Hoheit es verträgt. Ew. Kaiserliche Hoheit sprechen Sich so offen und der Beziehungen zwischen Ew. Kaiserl. Hoheit und Sr. Majestät dem Kaiser, meinem allergnädigsten Herrn, so warm gedenkend aus, daß ich es wage, auch ganz offen in meinen tiefgefühlten und aufrichtigen Dank ein Wort einzuflechten, welches dazu beitragen kann, fördernd zu wirken. Fördernd dasjenige, was ich als treuster – ja leidenschaftlicher – Freund des herrlichen Österreich auch mit Leidenschaft vertrete: die Freundschaft zwischen dem mächtigen Erben der habsburgischen Krone und Kaiser Wilhelm – zwischen den zwei selten aufgeklärten und weitblickendsten Fürsten, die Europa besitzt. Es gibt in Österreich (auch in Deutschland) Leute, die ein Interesse gezeigt haben, trennend auf die Beziehungen Ew. Kaiserl. Hoheit und mir, dem Vertreter des deutschen Kaisers, einzuwirken. Ich wage es, Ew. Kaiserl. Hoheit zu bitten, Insinuationen in dieser Hinsicht stets auf das richtige Niveau der Verleumdung hinunterdrücken zu wollen, wenn solche an Ew. Kaiserl. Hoheit herantreten sollten. Als Edelmann wäre es unwürdig, Politik gegen einen hohen Herrn in Ew. Kaiserl. Hoheit Stellung zu machen. Als Diplomat so ungeschickt, daß man mich fortjagen müßte. Nein, ich wiederhole meine ausgesprochene Bitte mit großer Wärme: Betrachten Ew. Kaiserl. Hoheit mich als jemand, der es für eine seiner schönsten Pflichten hält, den Interessen Ew. Kaiserl. Hoheit im Interesse seines kaiserlichen Herrn und seines Vaterlandes dienen zu können. ... (gez.) Fürst Eulenburg-Hertefeld.   An Kaiser Wilhelm II. Wien, 17. Februar 1900. ... Die leidige Angelegenheit Franz Ferdinand – Chotek ist immer noch in der Schwebe. Nachdem ich in der letzten Zeit eher den Eindruck hatte, die Sache verliefe sich im Sande, erfahre ich jetzt, daß der Kaiser und Erzherzog Rainer (letzterer wohl nur aus allgemeinem Interesse) sich eingehende Gutachten über die Thronfolgerfrage im Hinblick auf eine solche Ehe von den namhaftesten Juristen eingefordert haben. Dieses ist ein Faktum. Der Erzherzog ist, nachdem er in persönlichen Kontakt mit mir getreten ist, von größter Liebenswürdigkeit und Offenheit. Wünschen möchte ich nur, daß der hohe Herr mehr Vertrauen verdiente. Aber er redet jeden Tag anders und steckt überall seine Finger hinein, so daß niemand auf ihn baut und niemand ihn ernst nehmen will. Die Hauptsache für uns ist, ihn für die Eventualität und den Augenblick des Thronwechsels zu gewinnen. Ew. Majestät haben dieses ja nun glänzend gelöst. Der Erzherzog schwärmt jetzt für Ew. Majestät ... Der Kaiser ernannte ihn zum deutschen Admiral, was ich dringend geraten hatte. Wien, 22. März 1900. ... Ich hatte die Gelegenheit, nach langer Pause Frau Kathi Schratt Die bekannte Freundin des Kaisers und der Kaiserin Elisabeth. Hofschauspielerin. Von ihrem Gatten Baron Kiß getrennt. vertraulich zu sprechen. Da mir bekannt geworden war, daß mich das Ministerium Thun als »gefährlich« überwachen ließ und ich mir dachte, daß diese Überwachung vielleicht zu einer Gewohnheit der hohen Polizei geworden sein konnte, so hatte ich ein sehr langes Intermezzo in meinem Verkehr mit Frau Kathi eintreten lassen. Es war besser so für mich und für sie. Ich fand die gute Frau recht nervös, aber tiefer eingeweiht in alle den Kaiser betreffenden Dinge als jemals zuvor. Sie weiß, daß ich in Anbetracht der deutschen Richtung, der sie angehört, ihren Verkehr mit dem armen alten Herrn billige und ihm von Herzen diese einzige Erholung gönne. Darum ist sie von einer grenzenlosen Offenheit mit mir. Sie sagte mir über die Vorgänge im Kaiserhaus folgendes: »Der Kaiser ist durch die Heirat der Kronprinzessin Die Kronprinzessin-Witwe, Erzherzogin Stephanie heiratete den Grafen Elimer Lonay. sehr nervös geworden. Die Sache war ihm äußerst unangenehm, dann war ihm die Trennung leid, – aber schließlich wurde ihm das ewige Hinausschieben, das Getratsch und Gerede ganz unerträglich. Es ist gut, daß die Sache tant bien que mal jetzt ein Ende hat. Mit Erzherzog Otto geht es trotz aller kleinen Ärgernisse noch leidlich. Er ist wenigstens gutmütig und rücksichtsvoll gegen den Kaiser. Bezüglich des Erzherzogs Franz Ferdinand ist der Zustand völlig unerträglich. Nachdem die häufigen Versuche, den Kaiser zu einer Zustimmung zu der Ehe mit Gräfin Chotek zu bewegen, immer fehlschlagen, hat der Erzherzog neuerdings fromme Seiten aufgezogen. ... Der Kaiser ist noch fest, aber er fängt an zu schwanken. Wenn man immer wieder kommt, so sagt er schließlich ja. Das war das Prinzip der Kaiserin Elisabeth. Und mit der Frömmigkeit kann man jetzt mehr bei ihm ausrichten als bisher.« »Ich habe«, fuhr Frau Kathi fort, »dem Kaiser erzählt, daß der Propst Marschall Der Erzieher und Beichtvater des Erzherzogs Franz Ferdinand. mir stets gesagt habe, dem Erzherzog sei nicht zu trauen, wenn er den Frommen spiele.... Der Kaiser fängt aber an, den frommen Faxen Glauben zu schenken, und er quält sich Tag und Nacht mit der Sache.« Soweit die Schratt. Ich muß nun folgendes dazu ergänzen: Vor einigen Tagen hat der Erzherzog der alten Hofdame aus dem Karl Ludwigschen Hause, Gräfin Stolberg, gesagt, er werde noch in dieser, jedenfalls aber in der nächsten Woche die Gräfin Chotek zu Dresden morganatisch heiraten. Sie werde wohl, wie seine eventuellen Nachkommen, den Titel einer Herzogin von Konopich bekommen. (Der Name seiner Herrschaft in Böhmen.) Auf den Thron verzichte er nicht . Die Söhne Ottos würden sukzedieren. Er habe nichts dagegen, wenn die Gräfin Stolberg dieses erzähle. Auch von anderer Seite erfahre ich, daß in der Tat der Erzherzog jetzt heiraten wolle. Ich halte mich für verpflichtet, Ew. Majestät vorstehendes zu melden, ohne jedoch die Garantie für die Wahrhaftigkeit der Mitteilung des Erzherzogs an Gräfin Stolberg übernehmen zu können. Kein Mensch traut dem Erzherzog ein wahres Wort zu. Aber nach den Mitteilungen der Frau Schratt scheint jedenfalls die Sache in eine ernstere Phase getreten zu sein, und wenn er eingewilligt haben sollte, die Gräfin morganatisch zu heiraten, so ist damit vielleicht der Widerstand des Kaisers beseitigt worden. Ich bin allerdings vollkommen davon überzeugt, daß der Erzherzog sich innerlich, in dem Falle einer solchen Ehe, vorbehält, die Gräfin nach seiner Thronbesteigung entweder zur Kaiserin zu machen – oder fortzujagen, falls ihm etwas anderes in den Sinn käme. Kurz und gut – es kann einem bei dem Einblick in diese Interna der kaiserlichen Familie, welche der einzige Kitt zwischen allen Nationalitäten der Habsburger Monarchie bildet, übel und angst und bange werden. In einem dienstlichen Bericht hatte ich gestern eine Bemerkung über die stark zunehmende kirchliche Richtung des Kaisers gemacht....   30. März 1900. ... Gestern besuchte mich Ministerpräsident Körber. Ministerpräsident Körber, ein Beamter deutschliberaler Färbung. Er begegnet mir stets vertrauensvoll und schüttete mir nun sein Herz über die schwierige innere Lage Österreichs aus. Zum Schluß sagte er mir, daß ihn auch die Eheprojekte des Erzherzogs Franz Ferdinand quälten. Das sei eine Beunruhigung aller Kreise, die in geradezu erschreckender Weise das dynastische Gefühl untergrabe und verletze. Er, Herr von Körber, sei zu der Überzeugung gekommen, daß es notwendig geworden sei, ein Ende zu machen, wie dieses auch ausfallen möge. »In eine morganatische Ehe, die als fait accompli dem Lande mitgeteilt werde, würde sich die Bevölkerung leicht finden, da die Succession durch die Söhne des Erzherzogs Otto feststehe. Wenn also der Erzherzog in seinem entsetzlichen und gefährlichen Eigensinn bei der Absicht beharre, die Gräfin zu heiraten, so sei eben eine Sinnesänderung nicht mehr zu erwarten. Ein Verbot des Kaisers werde daran nichts ändern, höchstens die Ehe aufschieben und den unerträglichen Zustand verlängern. Noch eine andere Erwägung käme in Frage: Schlösse Kaiser Franz Joseph – was Gott noch lange verhüten möge – die Augen, ehe die Sache geregelt sei, so werde ohne jeden Zweifel der Erzherzog die Gräfin zur Kaiserin machen, während nach eingegangener morganatischer Ehe bis zum Regierungsantritt manches andere geschehen sein würde. Jedenfalls werde aber die Erhebung der morganatisch angetrauten Frau zur Kaiserin gar nicht mehr in Erwägung gezogen werden. Der nahe Termin der Hochzeit, den der Erzherzog einigen alten Damen mitgeteilt habe, sei wohl ausgeschlossen. Aber man würde jetzt mit gewissen Eventualitäten rechnen müssen.« Ich habe natürlich eine völlig passive, zuhörende Rolle bei diesen Mitteilungen gespielt, die mir – wenn auch ganz vertraulich gemacht – aus dem Munde des Ministerpräsidenten einerseits wie eine Vorbereitung auf ein zu erwartendes Faktum, andererseits wie ein Hinhorchen auf meine Meinung aussahen. Interessant dabei ist folgendes: Propst Marschall, der Beichtvater und – so erfolgreiche! – Erzieher des Erzherzogs, hat gestern unseren Sekretär Baron Romberg gefragt, ob er authentisch wisse, wie Ew. Majestät über eine eventuelle Ehe des Erzherzogs mit Gräfin Chotek dächten? Er, Propst Marschall, wolle nicht gern direkt an mich gehen, aber es sei ihm wertvoll zu wissen, wie Kaiser Wilhelm wirklich darüber dächte. Romberg hat gesagt, »daß er nicht orientiert sei«. Ich habe ihm folgendes zur Mitteilung an Marschall gesagt: »Der Propst könne sich an seinen zehn fetten Fingern abzählen, wie Kaiser Wilhelm dächte. Aber unter keinen Umständen könne der deutsche Kaiser in einer so heiklen Familienangelegenheit des Habsburger Hauses und des Habsburger Staates eine Meinung äußern, welche als Einflußnahme gedeutet werden könne.« Ich habe Romberg diesen Auftrag mit den Worten motiviert: »daß, wenn der Erzherzog trotz alledem heirate, er eine entgegenstehende Kundgebung des deutschen Kaisers diesem niemals vergessen werde. Das aber könne von weittragenden Folgen für die späteren Beziehungen der beiden Reiche sein. Würde aber der Erzherzog nicht heiraten oder daran verhindert werden, so würde er ein gutes Teil der Schuld dem deutschen Kaiser zurechnen und auch dann diese Haltung nicht vergessen. Es käme also nur Schädliches heraus, wenn der Kaiser sich irgendwie äußere.« Der Fühler des dicken Marschall ist nicht weniger interessant als die Mitteilung Körbers. Es unterliegt somit keinem Zweifel, daß die Sache in ein »brenzliches« Stadium eingetreten ist ...   ... den 2. April 1900. ... Ich kann leider nur berichten, daß die Eheangelegenheit des Erzherzogs Franz Ferdinand sich anscheinend den Formen der Unabwendbarkeit nähert. Propst Marschall wirft die Flinte ins Korn und hat die für seine geistliche Stellung sonderbare Äußerung getan: »Wenn der Erzherzog immer von Heiraten oder Totschießen spricht, so solle er lieber zur Pistole greifen!« Der gute Propst hat allerdings für den Fall dieser Ehe wenig Freundlichkeit als Erzieher zu gewärtigen. Die Wünsche, Ew. Majestät zu einer Meinungsäußerung, beziehungsweise zu einer Einflußnahme auf den Erzherzog zu bewegen, werden von verschiedenen Seiten laut, aber von Kennern des Erzherzogs als eine äußerst gefährliche Maßregel im Hinblick auf die Zukunft angesehen. So, wie ich bereits in meinem letzten Brief Ew. Majestät meine Ansicht darüber aussprach. Ich lasse nirgends einen Zweifel bestehen, daß Ew. Majestät, wie ein jeder zur Monarchie gehörende Mann, die morganatische Eheschließung eines Thronfolgers nur verurteilen könne ...   Botschafter Fürst Eulenburg-Hertefeld an Ministerpräsident von Körber. Wien, 25. April 1900 Hochverehrte Exzellenz. Als Sie die Güte hatten, mich kürzlich aufzusuchen, berührten Sie die Möglichkeit einer morganatischen Eheschließung des Erzherzogs Franz Ferdinand und sprachen die Ansicht aus, daß, wenn diese Ehe stattfinden sollte, eine baldige Heirat der Unruhe vorzuziehen wäre, in welcher man sich diesbezüglich jetzt hier allgemein bewege. Ich habe nun diese Ansicht auch von anderer Seite aussprechen hören und halte es demnach für nicht ausgeschlossen, daß in der Tat die Sache diese Wendung nimmt. Angesichts solcher Lage möchte ich Sie nochmals ausdrücklich bitten, meine Ihnen diesbezüglich vertraulich und objektiv gemachten Äußerungen als ganz persönliche zu betrachten. Ich vermag als Vertreter meines allergnädigsten Herrn ebensowenig wie Allerhöchstderselbe selbst eine Stellung zu der Angelegenheit zu nehmen, die eine viel zu interne österreichische, ja habsburgische ist, um eine offizielle oder auch nur offiziöse Äußerung eines fremden – wenn auch befreundeten – Monarchen oder seines Vertreters dulden zu können. (gez) Philipp Eulenburg. An Kaiser Wilhelm ll. Wien, 22. Mai 1900. ... Je näher diese Katastrophe rückt, desto unheimlicher wird die Stimmung in der Gesellschaft und im Lande. Ein jeder empfindet den Schlag, der der Monarchie versetzt werden soll. Zum erstenmal sprach Goluchowski ernsthaft und sehr aufrichtig mit mir über diese Frage, deren Berührung ich absichtlich vor ihm vermieden hatte. Er leugnete früher gegenüber jedermann alles, um Diskussionen aus dem Wege zu gehen, die nur peinlich gewesen wären. Dabei mußte mir nun seine in tiefstem Vertrauen gemachte Äußerung auffallen, daß das aufgeregte Benehmen des Erzherzogs ihn und die Minister Körber und Szell beunruhige. Ein normaler Mensch im Alter des Erzherzogs könne sich nicht so maßlos und sinnlos gebärden. Selbst bei großer Liebe und Leidenschaft hielte man doch gewisse Schranken ein. Er, der Minister, wolle mir als guter Freund (um Gotteswillen nicht amtlich!) zugestehen, daß er an den Beginn einer tuberkulösen Gehirnkrankheit glaube. Das hat mir natürlich einen gewissen Eindruck gemacht. ... »Man kann nur Gott auf Knien bitten, daß dieser Mensch sterbe«, sagte mir Fürstin Pauline Metternich, »damit die Schmach Österreich erspart bleibe, die er der Monarchie und dem Lande zufügt.« So denken die meisten. Daß der Kaiser aber nicht die Energie gefunden hat zu erklären: »Du hast die Wahl: entweder die Krone oder die Chotek!« – bleibt mir ein Rätsel. Hätte dann der Erzherzog die Krone darangegeben, so hätte er sich nicht umgebracht, weil er für das geliebte Weib leben wollte. Hätte er die Chotek geopfert, so hätte er sich auch nicht umgebracht, denn er will ja leben, um Kaiser zu werden. Es ist ganz sonderbar, »aus Angst vor einer Katastrophe nach Art des Kronprinzen Rudolf« nachzugeben und das Mittel in der Hand zu haben, die Ehre der Krone zu retten. In diesem Lande ist eben alles anders wie bei uns, und für die Erziehung ist dieses Land und diese Dynastie zu alt....   Notiz für mich. 26. Mai 1900. Die Ehe Franz Ferdinand. Die staats- und familienrechtlichen Folgen für das Haus Österreich bezüglich einer Ehe des Thronfolgers mit der Gräfin Chotek trugen einen so komplizierten Charakter, daß bei einem plötzlichen Ableben des bejahrten Kaisers Vorgänge zu erwarten waren, die auch unser Bündnis tiefer berühren mußten, als die Allgemeinheit sie erwarten konnte. Davon war ich überzeugt und wendete deshalb den Vorgängen, die diese Liebesgeschichte zeitigte, eine viel eingehendere Aufmerksamkeit zu, als sie der unbeteiligte Politiker für erforderlich geachtet hätte. Es lag dieser meiner Aufmerksamkeit eine ähnliche Veranlassung zugrunde als diejenige, die ich der Frau Kathi Schratt zuwendete, denn auch dieser Einfluß – ob er blieb oder ging – warf Schatten oder Licht auf unser Bündnis, über das ich zu wachen hatte. Mehr noch als mich mußte der erste Beamte Österreichs, d. h. der Ministerpräsident Herr von Körber, durch diese Vorgänge beunruhigt werden, denn ihm fiel die Rolle des Wächters über das Staatswohl zu, nachdem der Kaiser, ermüdet und dauernd belästigt, die Genehmigung zu der Eheschließung erteilt hatte – unter der Bedingung, daß die Krone Österreich dadurch in keiner weise tangiert oder alteriert werde. Der Ministerpräsident allein hatte daher die staatsrechtlichen Wirkungen der Sache zu prüfen, von denen weder der Hof selbst noch die hohen Hofchargen eine Ahnung hatten. Es hat mich oft belustigt, die Urteile aus diesen Kreisen zu hören, Unsinn, der mir in salbungsvoller »unumstößlicher« Form vorgetragen wurde. Ich befand mich bei alledem in der schwierigen Lage, als Botschafter – wenn auch einer verbündeten, so doch fremden Macht – nicht in die Interna Österreich-Ungarns eingreifen zu sollen. Doch warf ich eines Tages solche Gepflogenheiten über Bord, da ich glaubte, das Vertrauen des klugen Herrn von Körber genügend erworben zu haben, um nicht durch »indiskrete« Fragen zu verletzen oder gar mich einem Refus auszusetzen. Ich stand ihm politisch nahe, er gehörte der deutsch-liberalen Partei an, die ohne jeden Rückhalt fest zu dem deutschen Reiche stand. Unsere Besprechung in dem Ministerium des Innern – (dem von Prinz Eugen von Savoven, »dem edlen Ritter«, erbauten herrlichen Palais) – trug einen ebenso offenherzigen als vertraulichen Charakter, und Herr von Körber teilte mir alle Details der Verhandlungen mit, die zwischen den Regierungsorganen und dem Erzherzog stattgefunden hatten. Anscheinend hatte der Erzherzog stark mit Drohungen operiert. Sich selbst totschießen war noch das Geringere. Bei der Zügellosigkeit seiner Leidenschaften und der Heftigkeit, die den Verkehr mit ihm sehr erschwerten, war es keine Kleinigkeit, einerseits ihm gegenüber Maß zu halten, andererseits zu erreichen, was dem Staat kein Unheil zufügen konnte. Auf die Krone zu verzichten, kam für den ehrgeizigen Mann, der sich das Reich nach seiner Laune modeln wollte, nicht in Frage. Aber nun die Stellung seiner, des einstigen Kaisers, Gattin? Weshalb wollte der Kaiser nicht die uralte tschechische Familie der Chotek zu einer ebenbürtigen erheben? Die ungarische Verfassung sah überdies Ebenbürtigkeit der Königin nicht vor, usw. Der Kaiser war von dem Verzicht auf den Thron allmählich abgegangen. Er wollte sich mit der morganatischen Ehe abfinden. Doch unter keinen Umständen sollten die Nachkommen ein Anrecht auf den Thron haben. Darin lag schließlich jetzt die größte Schwierigkeit und der härteste Kampf, den der unglückliche Körber auszufechten hatte. Nicht etwa, weil der Erzherzog sich nicht einverstanden mit der morganatischen Ehe erklärt hätte, sondern weil die Form der schriftlichen Verpflichtung derart geschickt verklausuliert war, daß sich allerhand Hintertüren darin befanden, durch die er schlüpfen konnte. Es war der katholische Klerus, der in dieser Hinsicht mit äußerst geschickten Jesuiten arbeitete, um sich die unvergängliche Dankbarkeit des einstigen Kaisers zu sichern. Aber Körber blieb hart und war in diesem Punkt nicht zu erweichen. »Die Urkunde, in der der Erzherzog auf alle Rechte seiner Nachkommen bezüglich des Thrones verzichtet«, sagte mir der Minister, »ist so unumstößlich, daß ihm die Hände völlig gebunden sind. Er kann vielleicht einmal seine Gattin und seine Kinder zu Herzögen machen – niemals aber ihnen einen Thron geben.« »Und Ungarn?« fragte ich. »Ungarn kann nur pragmatisch von dem Hause Österreich beherrscht werden, und das Haus Österreich bedarf der Ebenbürtigkeit, um zu regieren oder auch nur, um Erzherzog zu werden.« »Und wenn sich Ungarn staatlich von Österreich trennt - eine Personalunion eintritt und die Gattin des Königs von Ungarn eine Chotek sein darf?« »Das ist ein Fall, der sich praktisch schwer durchführen ließe«, antwortete Herr von Körber, dem sichtlich die ungarische Frage nicht behagte. »Übrigens hat der Erzherzog seine Verzichterklärung für Gattin und Kinder eidlich bekräftigt im Beisein von gewichtigen Zeugen. Er würde in eine schlimme Lage kommen, wenn er in irgendeiner Form dem Eide entgegentreten wollte.« »Das gebe ich zu«, erwiderte ich, »doch würde die Aufrollung der ungarischen Selbständigkeit eine Erschütterung von sehr schwerwiegendem Charakter sein. Das deutsche Bündnis z. B. wäre dadurch bedroht. Ich möchte Ihnen auch noch andere Fragen vorlegen, die mich bedrücken – und die ich selbstverständlich gegen niemand in Erwägung gezogen habe, sie Ihnen gegenüber zu erwähnen, erscheint mir jedoch als eine Pflicht. Was würde eintreten, wenn der Erzherzog, Kaiser geworden, den Papst anruft und ihm sagt: Ich fühle mein Gewissen bedrückt. Ich habe heilige Versprechungen meiner Gattin gegeben und bin unter den Zwang gestellt worden, ein Dokument zu unterschreiben und eidlich zu bekräftigen, durch welches ich dem heiligen Eide gegenüber meiner Gattin eidbrüchig geworden bin. Ich bitte den Heiligen Vater, mich von dem Eide zu entbinden, den ich unter einem Zwang geleistet habe. Oder noch etwas anderes: Was würde eintreten, wenn der Erzherzog, Kaiser geworden, mit einer großen liberalen Geste erklärte: es bedrückt mich, daß das Kaiserliche Hausgesetz niemals der gesetzlichen Volksvertretung vorgelegt worden ist. Ich lege es hiermit zur Sanktion vor. Wenn er aber zugleich durch eine (arrangierte) Interpellation verschiedene Paragraphen als »antiagiert« und »fast ungesetzlich« darstellen läßt, dem Volk seinen Willen unterordnen will und erklärt: Ich hebe hiermit das Hausgesetz auf (wozu er das Recht hat) und werde ein neues vorlegen. In diesem Hausgesetz ändert er alsdann die Ehebestimmungen in einer seinen Wünschen entsprechenden Weise.« Herr von Körber war so aufrichtig, mir zu sagen, daß er an einen solchen Schritt allerdings nicht gedacht – überhaupt niemand gedacht habe. Darum müsse er hoffen, daß auch bei einem Thronwechsel niemand daran denken werde, »denn wir sind hier nicht so nachdenklich wie Sie.« Ich lachte und meinte, daß es mich eitel machen könne, auf Dinge aufmerksam gemacht zu haben, die einer Persönlichkeit wie ihm nicht in den Sinn gekommen seien, doch könne ich aus vollem Herzen ihm die Versicherung geben, daß ich glücklich sei, einen Mann von seiner Bedeutung in diesen für die Monarchie so schwierigen Zeiten an der Spitze der Regierung zu sehen. Ich hätte früher andere Herren auf seinem Posten gesehen, mit denen ich wahrlich nicht gern die gegenwärtige Krise durchlebt haben würde. Im übrigen hätte ich die Absicht, dem Erzherzog nach Erledigung der Hemmnisse seiner Eheschließung einen chaleureusen Gratulationsbrief zu schreiben, um nicht nur meinen, sondern besonders auch Kaiser Wilhelms freundschaftlichen Standpunkt ihm gegenüber festzulegen. Das staatsrechtliche Faktum der durch Kaiserliche Bestätigung rechtskräftig gewordenen Ehe des Thronfolgers nähme auch für uns die Form eines österreichischen inneren Staatsaktes an, gegen den selbst die leiseste Einwendung zu erheben eine grobe politische Ungeschicklichkeit darstellen müsse. Die Regierung werde daher mit unserer Haltung zufrieden sein können. P. E.-H. An Erzherzog Franz Ferdinand vor seiner Vermählung mit Gräfin Sophie Chotek. Wien, 26. Juni 1900. Ew. Kaiserliche Hoheit haben mir gnädigst gestattet, mich bei besonderen Gelegenheiten in aller Offenheit an Hochdieselben zu wenden. Das tue ich heute unter dem Eindruck einer Entscheidung, welche dasjenige zu glücklichem Abschluß bringt, was Ew. Kaiserliche Hoheit Herz und Gemüt so lange tief erfüllte und Ew. Kaiserliche Hoheit wahrlich schwere Prüfungen auferlegt hatte. Ich würde es für zudringlich halten, wenn ich lediglich Ew. Kaiserlichen Hoheit das Mitgefühl für Ew. Kaiserlichen Hoheit Kampf, Ringen und Sieg aussprechen wollte – ich denke mir, daß viele auf einen solchen Gedanken verfallen könnten. Nein, es liegt mir daran, vor Ew. Kaiserlichen Hoheit offenherzig den Standpunkt festzustellen, den ich während der vielen Kämpfe der letzten Zeit einzunehmen allein für richtig hielt und der von Sr. Majestät dem Kaiser, meinem allergnädigsten Herrn, ausdrücklich gebilligt worden ist. Ich habe bei mehrfachen Versuchen, die auf Umwegen und ohne den Ursprung klar erkennen zu lassen, an mich herantraten, mich zu einer Meinungsäußerung in bezug auf die Pläne Ew. Kaiserlichen Hoheit zu bewegen, in sehr entschiedener Weise erklärt, daß ich es als einen Eingriff in die Rechte Ew. Kaiserlichen Hoheit und der Krone Österreichs betrachte, igendeine Stellung zu der Angelegenheit zu nehmen. Ich habe daher auch in Berlin, gelegentlich des Besuches Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph, in so positiver Weise ausgesprochen, daß jegliche Besprechung der Frage durchaus inopportun sei, daß in der Tat nicht ein Wort darüber gefallen ist. Es war allein meine größte Sorge, Ew. Kaiserlichen Hoheit nicht, in welcher Form es auch sei, in den Weg zu treten, sondern ängstlich über das zu wachen, was ein kostbares Gut nicht nur der verbündeten Völker, Österreichs und Deutschlands, sondern ganz Europas ist: die Freundschaft zwischen Ew. Kaiserlichen Hoheit und Kaiser Wilhelm. Ich hoffe, daß diese meine Haltung nicht entstellt worden ist, denn ich habe leider in dieser Hinsicht schon merkwürdige Dinge erleben müssen. Das Glück aber, das Ew. Kaiserliche Hoheit gewonnen haben, kann nur wärmstes Mitgefühl und innige Wünsche bei denen erzeugen, welche Ew. Kaiserlichen Hoheit Wert erkannten und Ew. Kaiserlichen Hoheit Wohl im Auge haben. In diesem Sinne wage ich es, Ew. Kaiserlichen Hoheit meine Huldigung und meinen Glückwunsch untertänigst darzubringen. Haben aber auch Erwägungen prinzipieller Art meinen kaiserlichen Herrn bisweilen besorgt gemacht, so können doch Ew. Kaiserliche Hoheit versichert sein, daß das edle große Herz Kaiser Wilhelms niemals einen anderen Standpunkt als den meinen einnehmen wird, wenn es sich um Ew. Kaiserliche Hoheit Glück und Ruhe handelt. (gez.) Philipp Eulenburg.   Von Erzherzog Franz Ferdinand. (Eigenhändig.) Wien, 28. Juni 1900. Empfangen Ew. Durchlaucht meinen lebhaften Dank für die herzlichen Worte, die Sie in Ihrem Schreiben vom 26. anläßlich eines Ereignisses an mich richteten, welches für mich den Inbegriff des Glückes bedeutet. Besonderen Wert verleiht Ihren Worten der Umstand, daß Sie volles Verständnis für das bekunden, was ich zu ertragen hatte und was mich geleitet hat. In der Tat ist es mir nur nach jahrelangem Ringen, nach schweren Kämpfen, nach Erduldung manch bittrer Stunde, dank der Gnade Gottes und der väterlichen Güte Sr. Majestät des Kaisers beschieden gewesen, an das Ziel meiner Wünsche zu gelangen. Wenn mich die unerschütterliche Ausdauer, mit der ich dem selbstgesteckten Ziele zugesteuert bin, auch nicht einen Augenblick verlassen hat, so schreibe ich dies der Zuversicht zu, daß ich in der Verbindung, deren Eingehung mir nunmehr ermöglicht ist, nicht nur die Befriedigung des innigsten Herzenswunsches, sondern auch eine Bürgschaft für jene dauernde innere Ruhe und Zufriedenheit finden werde, welche ich für unentbehrliche Voraussetzung eines, der Erfüllung ernster und verantwortungsvoller Pflichten gewidmeten Lebens halte deshalb ist, was ich mir errungen, so unendlich kostbar. Daß meine Pläne nicht von vornherein auf allseitiges Verständnis und auf ungeteilte Zustimmung zu rechnen haben würden, habe ich, als in der Natur der Sache gelegen, vorhergesehen, ebenso, daß mannigfache Versuche von den verschiedensten Seiten gemacht würden, auf die Entscheidung über mein Schicksal unzukömmlichen Einfluß zu nehmen. Immerhin hat mich, was ich in dieser Hinsicht erfahren mußte, mitunter überrascht, ohne daß ich mich jedoch hätte dadurch von meinem Wege abbringen, oder auch nur in meinem Urteile beirren zu lassen. Es gereicht mir zu ganz besonderer Genugtuung, in den Worten Ew. Durchlaucht die volle Rechtfertigung jener Erwartungen finden zu können, die ich Ew. Durchlaucht von Anfang an entgegengebracht habe. Tatsächlich habe ich keinen Augenblick einen Zweifel in mir darüber aufkommen lassen, daß Ew. Durchlaucht in einer mich so nahe berührenden Angelegenheit stets den allein richtigen Standpunkt einnehmen und auch vertreten werden. Es verpflichtet mich dies Ihnen gegenüber zu lebhaftem Danke. Die Glückwünsche Ew. Durchlaucht gewinnen für mich außerordentlich an Bedeutung, weil Sie dieselben in Verbindung bringen mit der für mich so überaus wertvollen Freundschaft, welche Se. Majestät Kaiser Wilhelm und mich verbindet. Ich schätze mich glücklich, die gnädige Gesinnung Sr. Majestät gegen mich, sowie dessen edlen, ritterlichen Sinn genau zu kennen; ich habe daher auch mit Zuversicht darauf gebaut, daß eine Angelegenheit, welche für mich Glück und Zukunft bedeutet, bei Sr. Majestät dem gnädigen Interesse begegnen würde. Ich nehme die dankbaren Gefühle, welche ich bisher für Se. Majestät empfunden, in mein neu zu begründendes Heim hinüber, in welchem jene Gefühle eine Stätte treuer Pflege finden werden. Indem ich meinen herzlichen Dank wiederhole; bleibe ich mit den herzlichsten Grüßen Ew. Durchlaucht aufrichtiger (gez.) Erzherzog Franz. Nach der Eheschließung. An Kaiser Wilhelm II. Wien, 22. Oktober 1900. ... Von hier kann ich Ew. Majestät berichten, daß der Einfluß der Fürstin Hohenberg sich zum ersten Male in sehr prägnanter Weise gezeigt hat. Erzherzog Franz Ferdinand, der völlig mit Franz Thun gebrochen hatte, und zwar so, daß er einem Vetter Thuns die Bemerkung machte: »Die Kluft zwischen mir und Franz Thun ist für alle Zeit unüberbrückbar«, hat sich mit ihm ausgesöhnt auf Betreiben der Fürstin Hohenberg, deren Schwester mit dem Bruder des Grafen Franz verheiratet ist. Es soll demnächst ein Besuch des Erzherzogs und der Fürstin in Teschen stattfinden, wo der böhmische Adel der letzteren besondere Huldigungen bereiten will. In diesen Kreisen ist infolge der Wendung der Dinge bereits das Programm für die Zukunft fertig: Krönung als König von Böhmen und eine Art Sonderstellung der Gemahlin, welche aus altem böhmischen Geschlechte stammt. Das kann ja recht hübsch werden! ...   Notiz. Wien, 14. April 1901. Kronprinz Wilhelm machte dem Kaiser Franz Joseph seinen ersten offiziellen Besuch. Bezüglich seines hiesigen Auftretens und geselligen Verkehrs war mir von seinem Vater völlig freie Hand gegeben. So veranlagte ich den Kronprinzen, nach seinem Besuch bei Kaiser Franz Joseph direkt und zuerst zum Belvedere zu fahren und den Erzherzog Franz Ferdinand zu besuchen. Daselbst sich aber auch persönlich bei der Fürstin Hohenberg melden zu lassen. Ich schrieb abends nach der großen Galatafel in der Burg an Kaiser Wilhelm, um ihm den Erfolg seines Sohnes mitzuteilen. Ein Erfolg, der sich besonders darin äußerte, daß er bei dem großen Ball, den ich gab und zu dem auch Kaiser Franz Joseph und die ganze kaiserliche Familie erschien, der Kronprinz jeder tanzenden jungen Dame bei dem Kotillon einen Strauß brachte, denn alle Mütter Wiens gerieten darüber in helle Begeisterung. Von dem andern und wohl bedeutsamsten Erfolge teilte ich in dem Brief an Kaiser Wilhelm diesem folgendes mit: »Wegen des Besuches bei der Fürstin Hohenberg kam abends unmittelbar nach der Galatafel Erzherzog Franz Ferdinand mit den Worten auf mich zugestürzt: ›Ich bin tief gerührt und dankbar für den Besuch, den der Kronprinz meiner Frau abgestattet hat! – und vergesse ihm das nicht. Ja, er weiß, was recht ist, – ein Fremder! – und hier versteht man es nicht! Ich bin sehr, sehr dankbar!‹« Ich wußte genau, daß dieses die von mir so mühevoll hergestellte Freundschaft zwischen Kaiser Wilhelm und dem Erzherzog für alle Zeit sichern werde. P. E.-H. An Reichskanzler Graf Bülow. Karlsbad, 11. Mai 1901. ... Der Ausfall, den der Abgeordnete Kramarcz Tschechenführer. in der Reichsrats-Sitzung machte, die sich mit der Eheschließung des Erzherzogs Franz Ferdinand zu beschäftigen hatte, ist in vieler Hinsicht interessant. Es wird allerdings dem gewandten Tschechen nicht glücken, den Erzherzog zu irgendeiner öffentlichen Betätigung seiner russischen Sympathien zu bewegen. Durch den glänzenden und freundschaftlichen Empfang, der ihm jetzt in Deutschland durch den Kaiser bereitet wird, sind diese in letzter Zeit mehr in den Hintergrund getreten. Doch wird die Auslassung des Herrn Kramarcz den Erzherzog zu allerhand Betrachtungen anregen, die besser unterblieben wären. Jedenfalls wird die tschechische Zustimmung zu seinem, ihm von seiten der Regierung so sehr verübelten Auftreten in der Los-von-Rom-Bewegung unvergessen bleiben und einen Eindruck hinterlassen, den Dr. Kramarcz beabsichtigt. Es ist mir aufgefallen, daß einige Tage vor der bewußten Reichsratssitzung von privater Seite eine Mitteilung an mich gelangte, wonach sich der Erzherzog (der gern und viel Briefe schreibt) auf Kosten Deutschlands in bewundernder Weise über Rußland zu einem Bekannten geäußert haben soll. Ich will dieser Mitteilung jedoch keine allzu große Bedeutung zumessen, weil ich den Zusammenhang nicht kenne und die Mitteilung mir auch darauf berechnet schien, den Erzähler in interessantem Lichte erscheinen zu lassen. Von größerem Interesse war es mir, zu hören, daß eine politische Persönlichkeit sich kurz vor jener Sitzung über meine Tätigkeit in Wien sehr abfällig geäußert habe, indem sie mir den Vorwurf machte, ich mischte mich zu sehr in die inneren Verhältnisse Österreichs und meine Abberufung könne nicht lange auf sich warten lassen. Ich erkenne daraus dieselbe Clique, welche, fast gleichzeitig mit den Äußerungen des Herrn Kramarcz im Reichsrat, meine Ernennung zum Botschafter in Paris in die Wiener Presse lancierte. Da die böhmischen Feudalen den Fall Thuns immer noch nicht verschmerzen können, bringen sie allerhand alte Geschichten in einem Augenblick vor, wo die Klerikalen, dank der Initiative des Thronfolgers, Vorstöße machten...   An Kaiser Wilhelm II. Wien, 30. November 1901. ... Die Fürstin Hohenberg begleitete den Erzherzog Franz Ferdinand bis Dresden. Ich sprach sie bei der Abfahrt des Erzherzogs nach Berlin, der anscheinend sehr glücklich über die Einladung nach der Göhrde war. Massentötungen liebt ja der hohe Herr über alles, und die Jagd spielt in diesem Leben eine große Rolle. Fast so groß wie die Messe. Ich erinnere mich dabei des gemeinschaftlichen Kirchenliedes, das König Friedrich Wilhelm I. vor dem Aufbruch zur Jagd mit seinen Gästen sang. Das ist 170 Jahre her. Aber ich höre, daß die Messe hier auch häufig vor dem Aufbruch zur Jagd besucht wird. ... Fürstin Hohenberg gewinnt an Ansehen und Einfluß. Ich schrieb vor langer Zeit, daß ich sie, trotz gegenteiliger Ansicht der Wiener Gesellschaft, für sehr schlau hielte. Das Prototyp der Frau als solche. Darin habe ich mich nicht geirrt. Sie operiert mit »Bescheidenheit« und hat großartige Erfolge. Man beginnt überall von ihrer »korrekten Haltung«, von ihrer »rücksichtsvollen Art«, von ihrer »einfachen Freundlichkeit« zu sprechen, – und von den Beichtvätern, die ich nicht die Ehre habe zu kennen, dürfte sie warm empfohlen werden... Ich war zwei Tage bei Betka und Roman Potocki zur Jagd in Lançut (Galizien). Dort war das Ehepaar Franz Ferdinand-Hohenberg soeben gewesen und hatte alle Herzen gewonnen. Betka Geborene Prinzessin Radziwill, Tochter des Fürsten Anton Radziwill, der in Berlin lebte), und der Gräfin Castelane. , die eine kluge Dame ist, konnte mir nicht genug die »Geschicklichkeit« der Fürstin rühmen, deren Bescheidenheit und Einfachheit alles begeistert habe. Ich glaube, daß Fürstin Hohenberg jetzt schwankt, ob sie Kaiserin oder Heilige werden will. Vorderhand hat sie wohl das letztere in Aussicht genommen... In Lançut machte das schlechte Wetter einen Strich durch die Rechnung, es war unmöglich, in dem tiefen Boden zu jagen. Wir fuhren hinaus, gaben aber dann alles auf. Dafür habe ich mir zwei Tage lang herrliche Sachen angesehen, die eine Urgroßmutter, Fürstin Lubomirska, der französischen Revolution und Paris entfliehend, in Lançut angehäuft hat. Bronzen, Bilder, Porzellan in großen Massen. Alles aber mehr mit dem Verständnis des Luxus als der Kunst hübsch aufgestellt und gruppiert. Die Fremdenzimmer äußerst bequem. Ein jedes mit einem Bad versehen. Die alte Mutter Potocki hat gesagt: »Ich bewohnte immer ein großes, schönes Schloß, – ich verstehe nicht, weshalb Roman daraus eine Badeanstalt gemacht hat.« ... Schlußwort. Nachdem die Ehe Franz Ferdinands » tant bien que mal « in Wien verdaut war, redete mich Körber darauf an, daß die Freundlichkeiten in Berlin für den Erzherzog Franz Ferdinand und die Fürstin Hohenberg eine wahre Beruhigung auch für ihn, den Minister, seien. Ich sagte ihm, daß sein mir während der Schwierigkeiten bewiesenes Vertrauen Erwiderung verdiene und führte folgendes aus: Drei bedeutende Gefahren verkörperten sich in der zu Brutalität neigenden Figur des Erzherzogs Franz: 1 . sein Haß gegen Kaiser Wilhelm, 2. seine Neigung zu Rußland und für ein Bündnis mit dem Zaren gegen Deutschland, 3. seine Abhängigkeit von der katholischen Kirche und daher seine Zugänglichkeit für vatikanische Politik. Wenn es mir glückte, Nr. 1 in Liebe und Vertrauen zu wandeln, so werde Nr. 2 keine Gefahr mehr darstellen und Nr. 3 abgeschwächt werden. Ich könne dem Minister versichern, daß es eine Art Kunststück gewesen sei, zunächst eine Verbindung zwischen dem Erzherzog und mir (der ihm als Vertreter Kaiser Wilhelms widerwärtig war) herzustellen und sodann das gute Einvernehmen zwischen den beiden hohen Herren zu schaffen. Ich wolle ihm auch gestehen, daß ich dieses ganz wesentlich der Fürstin Hohenberg verdanke, die ich als ein Objekt dem Kaiser Wilhelm darstellte, das, mit Freundlichkeit und Rücksicht behandelt, zu einer engen Verbindung zwischen ihm und dem Erzherzog führen müsse. Herr von Körber wisse, daß diese Politik glänzende Früchte getragen habe. Es sei jetzt, komme nun was wolle, bis auf weiteres unser Bündnis festgefügt, denn der Erzherzog, früher mir fast den Rücken wendend, begegne mir jetzt mit einer geradezu »berückenden« Freundlichkeit und schwärme für Kaiser Wilhelm. Herr von Körber sagte mir soviel angenehme Dinge über die Verdienste, die ich mir durch diese erfolgreiche Operation für Österreich erworben habe, daß ich feige genug war, ihm nicht zu sagen, daß ich alles nur für Deutschland tat. Das Ende. Liebenberg 1915. Mit meinem Austritt aus dem Dienst waren auch meine persönlichen Beziehungen zu dem Erzherzog- Thronfolger beendet. Hatte ich das Bewußtsein, während der Dauer meiner amtlichen Tätigkeit in Wien politisch erfolgreich im Interesse meines Vaterlandes gewirkt zu haden, so gipfelte doch in meinem Versöhnungswerk zwischen Kaiser Wilhelm und dem feindlichen Erzherzog gewissermaßen dieser Erfolg. Ich glaube aussprechen zu dürfen, daß der Erfolg einem anderen nicht beschieden worden wäre, denn es spielte zuviel »Beiwerk« in dieser überaus schwierigen Lösung hinein, das der Zufall in meiner Persönlichkeit vereinigt hatte. Dauernd waren sich nach meinem Versöhnungswerk die beiden hohen Herren nähergekommen. Ihr gegenseitiges Vertrauen schloß jegliche Verstimmung zwischen Deutschland und Österreich aus, und russisch-französische Einflüsse waren seitdem in Wien völlig geschwunden. Aber, wie so oft im Leben schwindet, was Menschengeist in Vermessenheit eigener hoher Einschätzung für »vollkommen« betrachtet, vor dem Eingriff dämonischer Gewalten. So sind die Namen des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gattin in fürchterlicher Tragik für alle Zeiten der Weltgeschichte eingereiht worden, und all ihr Ringen um das »Glück«, wie all mein Ringen, das Vaterland vor Gefahren zu bewahren, war nichts als ein aufflammendes Strohfeuer, das schnell in ein kleines unscheinbares Aschenhäufchen zusammensank. Verweht sind alle Spuren großer menschlicher Leidenschaften sowie treuer, mühevoller Arbeit. Wahrlich, es dürfte weniges so eindrucksvoll die absolute Nichtigkeit jeglicher menschlicher Bemühungen darstellen als der Inhalt der hier wiedergegebenen Notizen und Briefe. Die nachfolgende kurze Depesche, die der Signalruf für die unsagbare Qual des Völkerringens war, sagt mehr als ich mit Tausenden von Worten zu sagen vermöchte. Sie schließt das hier geschilderte Drama und hebt den Vorhang für die große Tragödie der Menschheit. Philipp Eulenburg-Hertefeld. Wolffsches Telegramm-Bureau. Sarajewo, 28. Juni 1914. Der bei den Manövern in Bosnien weilende Erzherzog -Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin, die Herzogin von Hohenberg, sind heute vormittag bei der Abfahrt vom Rathause von einem älteren Gymnasiasten Princip aus Crahovo durch mehrere Schüsse aus einer Browningpistole ermordet worden. Das erste, von einem Mann namens Gabrinowitsch aus Tochinze bei der Fahrt des Erzherzogpaares zum Rathause durch eine Bombe versuchte Attentat war mißglückt. Es handelt sich zweifelsohne um Anschläge politischer Natur, die ihren Ursprung aus der in Bosnien betriebenen großserbischen Propaganda genommen haben. Graf Hans Wilizek Hans Graf von Wilczek, geb. 7. Dezember 1837. Fideikommißherr, erbliches Mitglied des österreichischen Herrenhauses und Reichsrates, Dr. jur. hon. c., Geh. Rat, Ehren-Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Ritter des Goldenen Vlieses und des Schwarzen Adlerordens, Ehrenbürger der Stadt Wien usw. usw. vermählt 1858 mit Emma, Gräfin Emo-Capodilista, geb. 18. August 1833.   Wenn ich den Namen Wilczek höre, schreibe oder lese, so überkommt mich stets ein Gefühl des Stolzes – den Grafen Hans Wilczek meinen Freund nennen zu können. Unter vielem, das mir mein Leben in Wien an wertvollen Errungenschaften brachte, steht die gute Erfahrung vornan, einer Persönlichkeit ins Herz blicken zu dürfen, an der ich nichts auszusetzen habe. Will ich hier auch Dinge erwähnen, die den Namen Wilczek in allen Ländern der Donaumonarchie bekannt gemacht haben, so kann ich berichten, daß er in der Schlacht von Königgrätz 1866, da er als Freiwilliger in seinem Regiment diente, seinen schwerverwundeten Hauptmann weit vor der Front im ärgsten preußischen Kugelregen holte, ihn auf seine Schulter lud und zu der Truppe brachte. Ich will auch erwähnen, daß er die Nordpolexpedition von Payer mitmachte, Eisbären schoß und Franz-Joseph-Land in Besitz nahm, daß er in Wien die berühmte »Rettungsgesellschaft« gründete (und fast ganz mit eigenen Mitteln erhielt), ich will vor allem erwähnen, daß er die weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannte Burg Kreuzenstein wiederherstellte, und zwar nach eigenen Forschungen und Plänen. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn ich Wilczek als einen der besten Kenner der Gotik bezeichne. Der Wiederaufbau dieser herrlichsten aller Burgen auf einem Berggipfel an der Donau bei Korneuburg wird durch alle Zeiten ein Schulbeispiel für gotische Baukunst bleiben, sowohl als Profanbau, als auch kirchlicher Bau, sowohl was Festräume, als auch was Wohnräume nebst allem Zubehör betrifft. Es gehört zu meinen schönsten Erinnerungen, wenn ich mit Wilczek von Wien nach Kreuzenstein fuhr und mich mit ihm in die Schätze der Burg vertiefte, andachtsvoll in der zauberhaften Schloßkapelle weilte und seinen Erzählungen lauschte, unter welchen Abenteuern er die angehäuften gotischen Schätze in allen Ländern Europas erworben hatte, was allerdings nur ihm als eindrucksvolle Persönlichkeit und zugleich als Herr eines sehr großen Vermögens möglich war. Denn vieles vermochte er nur zu erwerben, wenn er z. B. Klöstern fromme Stiftungen machte, die irgendeinen gotischen Gegenstand besitzen, der, wie er sagte, zu irgendeiner besonderen Stelle der Burg »gehörte«. Kann ich jemals vergessen, wenn ich mit Wilczek in der unbeschreiblich stimmungsvollen Kapelle dem Orgelspiel seiner Tochter, Gräfin Elisabeth Kinsky, lauschte – und wir dann hinauf in das kleine Türmerzimmer stiegen, wo man, wie in einer Laterne, über der Burg und dem herrlichen Donautale schwebt und wir dort oben ein Frühstück einnahmen, auf uralten Tellern, mit gotischen zweizackigen Gabeln die Fleischbrocken balancierend? Kann ich es vergessen, wenn wir nach seiner Besitzung Seebarn bei Kreuzenstein fuhren und in dem schönen alten Herrenhause bei der gütigen alten Gräfin und Tochter Elisabeth rasteten und durch die Gänge und Räume schritten, an deren Wänden wohl alle alten Kupferstiche, die der selige Riedinger jemals von sämtlichen jagdbaren Tieren – zu vielen Hunderten zeichnete oder verzeichnete, hängen? Wenn wir dann hinüber zur Burg durch das fruchtbare Land und durch die Höfe fuhren, in deren großen Gebäuden die gotischen Vorräte lagerten, die Wilczek in aller Herren Länder gesammelt hatte? Da war das eine Haus angefüllt nur mit gotischen Bettstellen, ein anderes nur mit Türschlössern usw. Ich fragte ihn, was er mit diesen unerhörten Massen von Türschlössern und Beschlägen zu machen beabsichtigte, denn soviel Türen würden zehn Kreuzensteins nicht aufweisen, um alles anzuwenden, »Jede Tür«, antwortete er mir, »hat ihren ganz eigenen Charakter. Der Raum, in dem sie angebracht ist, desgleichen. Die Schlösser und Beschläge müssen sich der Stimmung absolut anschließen, die in dem Raume herrscht. Da muß man häufig 50 probieren, ehe das Gefühl der Einheit befriedigt wird.« Diese »zarte« Empfindung ist nun allerdings durch solche Möglichkeiten zu wählen in der ganzen Burg zum Ausdruck gebracht. Die »Echtheit« ist durch das ungeheuerliche Material zu einer fast zwingenden Gewalt des Eindrucks einer herrlichen, großen, gotischen Einheit erhoben worden. Das aber war es auch, was mein künstlerisches Innere zu einer Begeisterung für Kreuzenstein erhob, wie sie kaum durch irgendeinen anderen Eindruck jemals entfacht worden ist. Ich glaube, daß Wilczek sich freuen müßte, wenn er genau wüßte, was er mir mit Kreuzenstein gegeben hat. Etwas wirklich Vollkommenes wird immer ein fühlendes Herz und einen kultiviertem Geist begeistern. Hier trägt nun noch meine Spezial-Leidenschaft dazu bei: eine interessante Burg, das Kleid höchster Vollendung – und der Herr dieser Burg und Herrschaft, die von Baner im 30jährigen Krieg zerstört, nun zu unsagbarer Schönheit wiedererstand, ist mein Freund. Und welcher Freund! – in seinem Verkehr empfand ich stets den Eindruck einer Stärkung und einer Erquickung zugleich. Wilczek gehört zu den seltenen Männern, die niemals eine Empfindung verschleiern, weil sie sich deren keiner zu schämen haben. In ihm geht Freundschaft und Kraft Hand in Hand: ethische Empfindung, Kunst-Enthusiasmus und hohes künstlerisches Können, geeint mit kraftvollem, energischem Leben – und trotz aller Ideale tiefe Achtung, ja Bewunderung für den Geist, der Maschinen schafft. Ein Mann, der in der Kapelle zu Kreuzenstein seinen Kopf und seine Knie in schlichter Frömmigkeit vor seinem Gott beugt, – und darüber gar vergißt, daß er selbst der Schöpfer dieses herrlichen Denkmals war. Ein Tvpus für den »ausgeglichenen Menschen«, der beste Mann, den Österreich hat. Gäbe es einen Staat wie Wilczek ist: ausgeglichen, stark und gut, tapfer und weich, klug und gerecht, Künstler und Krieger, so wäre es wert, für diesen Staat zu leben. So wie es mir wert dünkt, zu leben, wenn man einen solchen Freund besitzt.   Nachschrift. Liebenberg, Juni 1920. Es sind viele Iahre vergangen, seit ich die vorstehende Erinnerung meinem teuern Freunde Wilczek widmete. Jahre des Krieges – und Jahre des Umsturzes. Es steht eine fremde Welt vor mir, und die Marksteine der Tradition, zu der ich gehöre, sind zerbrochen – denn ich bin 1847 geboren. Ich blicke mit Wehmut zurück zu dem Aufstieg Preußens, das ich als mein tapferes, wenn auch kleines – königliches Vaterland von Kindheit an bis zu dem Kriegsjahre 1866 verehrte, ich blicke auch mit tiefer Wehmut zurück auf Preußens Aufstieg bis zum deutschen Kaiserreich und mußte nun den Abstieg des Jahres 1918 erleben – ihn mit meinen alten Augen sehen, die einst im Glanz seines Ruhmes leuchteten. Und mein treuer Freund Wilczek, der noch 10 Jahre weiter zurückblicken kann als ich, der seinen Kaiser von Österreich in Glanz und Ruhm noch vor dem Jahre 1848, noch als Herr über die Lombardei und Venetien sah, blickt nun auf ein Trümmerfeld des großen Reiches auf zahllose Sprachengebilde kleiner Staaten, die sich befehden und neiden. Von dem alten österreichischen Kaiserstaat ist nichts geblieben als eine seltsame Erinnerung, von der die Väter nun den Kindern erzählen. Das hat ihn getroffen mit 81 Jahren, wie es mich mit 71 Iahren in Deutschland traf! Doch hatte ihn vorher noch etwas anderes getroffen, das ihn tief erregen mußte: ein Brand zerstörte im zweiten Jahre des Weltkrieges, 1915, einen Teil seines herrlichen Kreuzenstein! Dohlen hatten sich Nester in einem der zahlreichen Rauchfänge über den Dächern gebaut, und von dem Reisig dieser Nester war Geäst hinunter auf eine Feuerstelle gefallen. Der Brand in dem Raum wurde erst entdeckt, als es schwierig war, Herr des Feuers zu werden. Die unersetzliche Bibliothek mit ihrem herrlichen Tafelwerk und den angrenzenden Räumen gingen in Flammen auf, ehe Rettung nahte. Ich hatte meinen Freund Wilczek seit Jahren nicht gesehen, und ich dachte mir, daß es ihn doch wohl erfreuen würde, zu lesen, was ich ihm zu Ehren schrieb – ehe der Sensenmann an sein Bett trat. So gab ich denn meiner »Gegenschwieger«, der Gräfin Mathilde Stubenberg, Mutter meiner lieben Schwiegertochter, als sie Liebenberg nach einem längeren Besuch 1920 verließ, meine Aufzeichnung nach Österreich mit. Sie sollte diese an die Tochter Wilczeks, Gräfin Elisabeth Kinsky, für den Vater geben. Es verging manche Woche, ehe bei den unerhört schwierigen Postverhältnissen, die den Briefverkehr zwischen Deutschland und dem in einzelne Teile zerfallenen Österreich hemmen, die Sendung landete und die Antwort eintraf. Das war ein Brief der Gräfin Elisabeth Kinsky, sodann eine Anzahl großer Photographien aus Kreuzenstein, die die Brandstellen wiedergeben, und schließlich ein Brief von der Hand meines alten Freundes. Ich lasse hier die beiden Briefe folgen, die nun den Abschluß meines Erinnerungsblattes bilden und die Gestalt meines treuen, alten Freundes lebendig vor unsere geistigen Blicke stellen.   Von Gräfin Elisabeth Kinsky, geb. Gräfin Wilczek. Smolenice, Slowakei (ehemals Ungarn), 17. Mai 1920. Lieber Fürst Eulenburg. Ihre inhaltsschwere Sendung wurde mir hierher nachgeschickt, wo ich mich von schwerer Pflege meiner teuren Mutter, der es gottlob wieder gut geht, erhole. Es war sehr lieb von Ihnen, daß Sie mir die Freude geben wollten, Papa Ihre Aufzeichnung zu senden, und danke ich Ihnen vielmals dafür, ebenso wie für die unverdient lieben Worte, die Sie über mich darin erwähnen. Ja, was ist alles geschehen, seitdem wir uns zum letztenmal gesehen! – Wenn wir auch den Kopf hoch halten und uns nicht niederdrücken lassen, unsere Herzen sind ja doch gebrochen! Papa ist tätig und fleißig wie immer und gibt uns ein herrliches Beispiel. Der Zusammenbruch hat aber auch diesen Riesen erschüttert, mehr als seine Jahre. – Durch die mißlichen Verkehrsmöglicheiten kann er auch sein Kreuzenstein viel seltener besuchen. Dort ist Gott sei Dank alles in Ordnung. Die Spuren des Brandes sind verwischt und nur mehr dem Kenner bemerkbar. Das Interesse für die Burg steigt beim Publikum von Jahr zu Jahr. Sogar der Bolschewismus würde dort vielleicht haltmachen. Bitte, lieber Fürst Eulenburg, sagen Sie der Fürstin meine herzlichsten Grüße. Mit nochmaligem herzlichen Dank Ihre ergebene (gez.) Elisabeth Kinsky.   Von Graf Wilczek. Wien, 9. Juni 1920. Lieber, edler Freund. Ich erinnere mich nicht, daß mich ein Schreiben je so erfreut hat als das Deinige vom 13. Mai, welches deine liebe Gegenschwieger mir aus Liebenberg zu bringen die Güte hatte. Nur kann ich die Empfindung nicht bekämpfen, daß ich den Inhalt Deines Briefes noch höher stellen würde, wenn er nicht mir gälte. Mir sagt er zuviel Gutes und stellt mich zu hoch, denn ich denke und fühle und wirke stets so, wie alle von gleicher Art, und Du stellst mich um einen Grad höher als die anderen. Um auf Deinen Brief zurückzukommen und auf die alten schönen Zeiten auf Burg Kreuzenstein, – so tritt die Genauigkeit deines Gedächtnisses in fast unwahrscheinlicher Form zum Ausdruck. Daraus kann ich auch wohl ersehen, welch tiefen Eindruck die Arbeit meines Lebens Dir dort gemacht haben muß. Ich gebe ja zu, daß sie mir im großen ganzen gelang, doch hätte ich manches anders und besser machen können. »Man arbeitet nur dann richtig, wenn man von Uberschätzung fern bleibt und nie ganz zufrieden ist mit seiner Arbeit.« Das hat auch das Gute mit sich gebracht, daß ich noch in der Lage bin, Hand an die Arbeit zu legen und zu verbessern, – eine große Hilfe in schweren Augenblicken der jetzigen Zeit, über dieselben hinüberzukommen. Ich glaube, daß ich das letztemal die Freude hatte, bald nach der Rückkunft meiner Hilfsaktion in Messina Dich zu sehen – und das sind schon viele Jahre. Gar oft dachte ich an dich und gar wenig nur hörte ich von Dir und den Deinen. Es kamen die schweren Zeiten, und ich hoffte, wenn die besseren kommen würden, Dir wieder einmal nähertreten zu können. In den Leidens- und Umsturzzeiten öffnet oft ein Wiedersehen, eine Begrüßung, alte Wunden. Jedenfalls sind unsere Wunden in Österreich tiefer, – Deutschland ist stärker, geeinter und wird gewiß wieder erstehen. Österreich ist ganz zerstückt und wird sich nicht wiederfinden können. Die Menschen sind schwach und klein – gedanken- und energielos. Ich schäme mich, ein Österreicher, ein Wiener zu sein. Wir haben alle unsere Ideale verloren, ein Chaos von Begriffen und Anschauungen umgibt uns. Wenn ich den Kopf hoch halte, so ist es mir nur dadurch möglich, daß ich in der Vergangenheit lebe, auch bin ich zu alt, um für die Gegenwart zu leben und in derselben zu kämpfen. Bald wird ja das Jenseits kommen, und dort die Ruhe. Im Jenseits kann sich ja nichts verändert haben. Zu diesen Zeilen gebe ich eine traurige Beilage. Einige Aufnahmen der Brandzerstörung von Kreuzenstein. 5000 Gegenstände, mit der Burg lebende Teile derselben, und ihre Sammelgeschichte gingen dabei im Jahre 1915 verloren, - sie zogen als Flamme und Rauch himmelwärts. Ich hatte so viele Gegenstände gesammelt, daß das Verlorene ersetzt und die Lücken ausgefüllt werden konnten. – Doch ich werde mein ganzes Leben des Verbrannten nie vergessen, immer noch sehen und fühlen. Meiner Familie geht es Gott sei Dank physisch ziemlich gut und vermehrt sie sich stattlich. Wir sind schon an die 23 Urenkel angelangt. Vor dem Feinde hatte ich einige Verwundete und Gefangene, doch kamen sie durch Gottes Gnade wieder alle zurück. Ich selbst fuhr mit einem Spitalzug, den die Wiener Rettungsgesellschaft aufstellte, während des Krieges an die Fronten. Darf ich Dich nun bitten, der für mich stets so ausnehmend guten und gnädigen Fürstin meine wärmsten Grüße zu Füßen zu legen und allen Deinen lieben Kindern, die meinem Herzen so wie Du nahestehen, alles Gute und Liebe zu vermelden. Dich sein ganzes Leben warm verehrender Freund (gez.) Wilczek. Kaiser Wilhelm II. und Houston Stuart Chamberain Oktober 1901. Nachdem Kaiser Wilhelm »Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts« Houston Chamberlains kennengelernt hatte, beherrschte ihn mehr noch als bisher die durch den geistig so hervorragenden Mann verkündete »Mission des Deutschtums«. Es erhielt aber dadurch seine schon vor der Thronbesteigung in ihm ausgeprägte Überzeugung von einer geistigen Mission des deutschen Kaisers auf der Basis persönlicher Macht neue Nahrung. Die geistige Welt des Kaisers hatte uns einst zusammengeführt und bildete das Band, das uns zu Freunden machte. Die persönliche Macht desselben, als er Kaiser geworden war, hatte mich jedoch an seinen Reichswagen gespannt, und was von meinen Gaben dem Kaiser und dem Reich als Arbeit dienen konnte, machte er nutzbar: das war die »künstlerische Intuition«, wie ich es nennen will, und diese, praktisch in einem Amt verwertet, war wohl in dem diplomatischen Berufe an ihrem Platz. Rein menschlich empfunden wurde jedoch meine Künstlernatur aus der Möglichkeit freier Entwicklung in eine Art Knechtschaft gezwungen, wie ich es auch niemals anders betrachtet und empfunden habe. Und menschlich blieb trotz dieser Knechtschaft die aufrichtige Freundschaft, die, durch die reiche Natur des Kaisers befestigt, sich in die Ketten des Staatsdienstes zwingen ließ. Rein geistig betrachtet blieb jedoch dieser Zwang dauernd ein seelisches Leiden, das mit der Zunahme körperlicher Erschöpfung unter der Last der realen Arbeit für Kaiser und Reich sich häufig zu Formen der Unerträglichkeit steigerte. Immer blieb mir, als dem so gearteten Freunde, die Pflicht, dem Kaiser dennoch geistig und künstlerisch »etwas zu sein«. War es meine Musik und mein dichterisches Können gewesen, solange nicht die politische Arbeit sich als ein Mehltau auf diese Blumenwelt langsam niedersenkte, war es später doch stets noch mein Bestreben, dem mehr und mehr mit einer Art explosiver Leidenschaft sich den persönlichen Machtfragen zuwendenden Kaiser seine geistigen Ideale zu erhalten. Aber schließlich, fast erstickt in der Umklammerung des grimmen Tintenfisches »Politik«, vermochte ich eigentlich nur noch der in dem Andrange der Macht- und Tagesfragen sich erschöpfenden Kaisergestalt durch meinen von Vaterseite ererbten Humor die Wolken von der Stirn und dem Gemüt zu streichen. Und das schien mir gegenüber meiner tiefempfundenen Freundesmission herzlich wenig zu sein. Immerhin blieb ich wachsam und verfehlte niemals die Gelegenheit, um meiner »geistigen Mission« treu zu bleiben. Hatte ich z. B. bemerkt, daß dem Kaiser eine abseits des immer steiniger und rauher werdenden Pfades der Politik stehende geistige oder künstlerische Gestalt durch ihr Werk Eindruck gemacht hatte, so suchte ich diesen Eindruck nach Möglichkeit zu verstärken. Die Anregung, die der Kaiser durch Houston Chamberlains »Grundlagen« empfangen hatte, war eine starke gewesen, so erschien es mir wichtig, die Funken des Interesses für eine geistig und sittlich so hochstehende Gestalt, wie sie Chamberlain darstellte, zu einer brennenden Flamme zu schüren. Chamberlain hielt sich damals in Wien auf. Ich teilte ihm mit, daß der Kaiser eine besonders große Freude an seinen »Grundlagen« habe und daß es mich freuen würde, mit ihm darüber zu sprechen. Er suchte mich bald auf und ich erwiderte seinen Besuch. Hierbei trat deutlich in Erscheinung, daß ihm die Gestalt des Kaisers und seine Förderung deutschen nationalen Lebens sehr interessierte, und meine Anregung, eine persönliche Begegnung zwischen ihm und dem Kaiser zu ermöglichen, fand lebhaften Widerhall. Ich beschloß, Chamberlain für einen Besuch in Liebenberg während der Anwesenheit des Kaisers zu gewinnen und machte ihm diesen Vorschlag brieflich, als die Tage des kaiserlichen Besuches festgestellt waren. Der Kaiser stimmte meinem Vorschlag natürlich begeistert zu. Houston Stewart Chamberlain an Fürst Philipp Eulenburg-Hertefeld. Schloß Schorn, 18. Oktober 1901. Erlaucht! Seit einigen Wochen zu Besuch bei Graf und Gräfin Zichy in Schorn bei Berchtesgaden, erhielt ich Ihr so sehr gütiges Schreiben vom 13. Oktober erst aus Wien nachgeschickt, und zwar mit weiterer Verspätung, da ich den Brief erst bei meiner Rückkehr von einem Ausflug ins Gebirge vorfand. Die Verzögerung der Antwort wollen Sie freundlichst entschuldigen. Erlauben Sie mir, Ihnen zunächst, hochgeehrter Herr Fürst, meinen wärmsten Dank auszusprechen sowohl für die Ehre Ihrer Einladung, wie auch ganz besonders für die liebenswürdigen Worte, in die Sie sie kleiden. Fast beschämen Sie mich, da ich nur allzu gut weiß, welche Kluft den Künstler von seinen Werken scheidet, wogegen Sie – und auch Se. Majestät der Kaiser – auf mich persönlich übertragen, was zum Teil Über- und Außerpersönliches ist. Trotz Ihrer großen Güte hätte ich in diesem Augenblick Ihrer Einladung nicht zu folgen gewagt, wenn ich nicht den Wunsch des Monarchen als einen Befehl empfände, dem man unter jeder Bedingung gehorcht. Nicht allein ist das »Eremitische« in mir stark entwickelt, so daß ich Gesellschaft nur in kleinen Dosen vertrage, sondern es hat sich in den letzten Monaten eine gichtische Erkrankung gezeigt, gegen deren weiteres Fortschreiten ich ein sehr strenges Regime gebrauche und die mir den gezwungenen Aufenthalt in Gesellschaft unter Umständen zu einer physischen Qual und Gefahr gestaltet. Es handelt sich um eine, die Nieren betreffende Affektion und ich sage Ihnen das ganz freimütig schon heute, Herr Fürst, da ich überzeugt bin, daß Sie mit freundlichem Feingefühl es verstehen werden, einige Rücksicht auf diese Tatsache zu nehmen. Im übrigen beabsichtige ich - deo volente – gesund und munter und mit sorgfältigem Verstecken aller physischen Gebrechen an Ihrer gastlichen Tafel zu erscheinen. Sollten Sie die Gelegenheit haben, Se. Majestät den Kaiser schon im Voraus meines ehrfurchtsvollen Dankes zu versichern, so wäre ich Ihnen sehr verpflichtet. Darf ich Sie bitten, der Frau Fürstin den Ausdruck meiner Verehrung zu übermitteln. Empfangen Sie bitte, hochverehrter Herr Fürst, den Ausdruck meiner verehrungsvollen Ergebenheit. (gez.) Houston Stewart Chamberlain. Von Houston Stewart Chamberlain. Wien, Blümelgasse 1, 23. Oktober 1901. Erlaucht! Mit dem ergebensten Dank bestätige ich den Empfang Ihrer beiden gütigen Briefe vom 17. und 22. dieses Monats. Deo volente , und falls keine Gegenmeldung von Ihnen eintrifft, werde ich also Montag, den 28. Oktober, 4,46 nachmittags, auf der Station Löwenberg eintreffen. Wenn das Fuhrwerk meinen Koffer aufnehmen kann, ist das die Hauptsache, ich selber nehme freudig mit jedem Beförderungsmittel fürlieb. Daß ich von meinem Leiden sprach, tut mir fast leid, es gibt eben schmerzhafte Krisen, wo man sich schwach und mutlos fühlt. Doch mein Arzt war heute sehr optimistisch und hatte gegen die Reise nichts einzuwenden, und ich selber fühle mich trotz häufiger Schmerzen recht munter. Reden wir also nicht mehr davon. Bei Zichys hat ja auch nie die mindeste Störung stattgefunden. Mit dem wiederholten Ausdruck meines wärmsten Dankes verbleibe ich, hochverehrter Herr Fürst, Ihr verehrungsvoll und ganz ergebener (gez.) Houston S. Chamberlain.   Es begannen nun die Vorbereitungen für den Kaiserbesuch in Liebenberg, dem sich einige Jagdtage anschließen sollten, auch wenn sich der Bestand des Wildes nach den Manövern, die sich auf Häsener und Liebenberger Terrain abgespielt hatten, nicht genau feststellen ließ. Die Störungen durch das Manöver waren ganz ungeheuerliche gewesen. Meine Mutter, die nun ihr 77. Lebensjahr erreicht hatte, erklärte, nicht die Kräfte zu haben, um diesen Trubel im Schlosse zu ertragen und begab sich nach Berlin, wo sie stets in dem Hospiz St. Michael in der Wilhelmstraße abstieg, das ein vortrefflicher und ruhiger Gasthof ist. Denn das Wort »Christliches Hospiz« verscheuchte jedweden Gast, der sich in Berlin amüsieren wollte und auch diejenigen, die sich für zu »hohe« Geister hielten, um sich auf derartigen »christlichen Unsinn« einlassen zu können. Meinerseits kann ich (die Letzteren besonders) nicht anders als mit dem Prädikat »Schafskopf« bezeichnen. Denn so oft ich in St. Michael abstieg, wenn meine gute Mutter dort wohnte, habe ich mich daselbst vortrefflich gut versorgt und gebettet befunden – auch wohltuend das Verbot jedes Trinkgeldes und die mäßigen Preise bemerkt. An den Andachten, die besonders Sonntags für die Gäste stattfanden, teilzunehmen, lag keine Veranlassung vor, wenn der Gast nicht einen solchen Wunsch in sich verspürte. Die Hauptfrage für den erwarteten hohen Besuch in Liebenberg bildete die Unterkunft der Gäste, die alle mit den Jahren in Rang und Stellung erhoben und auch mit den Jahren bequemer geworden waren, ohne Diener nicht mehr leben zu können behaupteten. Das verdoppelte fast die Anzahl der Betten. Doch auch die Beköstigungsfrage trat dieses Jahr stark hervor, da, unmittelbar an den Kaiserbesuch angeschlossen, noch die erwartete Jagdgesellschaft logiert, gefüttert und getränkt werden mußte. Die »Bespeisung« der zu erwartenden 70 Personen würde nicht allzu schwierig gewesen sein, wenn eine Tafel für die »Herrschaften«, eine für die Beamten und eine für die Dienerschaft zu richten gewesen wäre. Davon aber war natürlich keine Rede. Wurde die herrschaftliche Tafel in zwei aufgelöst, da die jüngsten Kinder nebst Erzieherin und Hauslehrer nicht an der großen Tafel mit dem Kaiser teilnehmen sollten, so lösten sich die beiden anderen in etwa 7–8 Tafeln auf. Denn ich habe die traurige Erfahrung gemacht, daß die Rangordnung bei Beamten und Dienerschaft eine bei weitem kompliziertere und empfindlichere ist als an irgendeinem Hofe. Die feinen Unterschiede zwischen Chiffreur, Sekretär, Privat-Sekretär, Rendant, Haushofmeister, – sowie Kammerdiener, Leibkutscher, Jäger, Leibjäger usw. usw. bilden eine Welt von erschütternden Feinheiten, die ich in ihrer ganzen Tiefe erst begriffen habe, als ich einst die Etiquettenfrage am Hofe der byzantinischen Kaiser studierte. Krieg, Friede, Gift, Totschlag und ewige Rache brütet über diesen Fragen und mir ist die Psychologie der Dynastien zu Byzanz wiederum erst zu völliger Klarheit geworden, als ich hören mußte, weshalb von meinen Untergebenen z. B. Nr. 1 nicht mit Nr. 7, 6 hingegen mit 2, 3 aber unter keinen Umständen mit 12, ebenso wie 5 nicht mit 8, 11 nicht mit 4 verkehren oder gar sprechen kann oder darf – auch bezüglich des Grüßens. (Wer zuerst die Hand hebt, wie tief man den Hut eventuell abnehmen, heben oder nur lüften darf.) Ja, das Leben ist ein sehr komplizierter Vorgang!   Tagebuch. 27. Oktober 1901. Nach der Ankunft des Kaisers in Löwenberg, wo ich ihn erwartete, fuhren wir im Halbwagen nach Liebenberg. Der Schloßhof war hübsch erleuchtet. Große Begrüßung im Flur. Ich führte den Kaiser hinauf in seine Zimmer. Um ½ 8 Uhr begaben wir uns zum Souper. Bei Tisch sehr lebhafte Unterhaltung. Dann wurde im Saal Billard gespielt, bis gegen 10 Uhr. Später wurde Musik gemacht, der der Kaiser mit gespannter Aufmerksamkeit zuhörte. Tora Meine Kinder. und Sigwart Meine Kinder. spielten Klavier und Harmonieflöte. Dann sang Fritz-Wend Meine Kinder. hübsch wie immer, von Tora begleitet, meine Lieder »Liebessehnsucht« und »Adlerlied«. Zum Schluß improvisierte Sigwart sehr schön. Um ½ 12 Uhr geleitete ich den Kaiser in seine Zimmer. 28. Oktober 1901. Nach dem ersten Frühstück, das wir gemeinsam mit dem Kaiser (ohne Damen) im Eß-Saal einnahmen, wurde eine Reihe von Lyckis[R4] Ölbildern, Studien nach der Natur, betrachtet, die mit Recht die Bewunderung des Kaisers erregten. Sodann machte der Kaiser den Vorschlag, bei dem schönen klaren Wetter einen Spaziergang zu unternehmen, und es freute mich, ihm und den Gästen den neuen »Parkweg« zu zeigen. Wir gingen bis zur Lanke und kehrten auf dem Parkwege durch die Kappe zurück. In der schönen Herbstfärbung war das ein Genuß, der die ganze Gesellschaft, besonders auch den Kaiser erfreute. Nach der Rückkehr waren dienstlich-politische Sachen eingetroffen, die ich mit dem Kaiser zusammen oben in seinem Zimmer erledigte. Dann fand das zweite Frühstück um 1 Uhr statt, bei dem es sehr lustige Konversation gab. Das Placement bei jeder Mahlzeit zu variieren, ist nicht leicht, denn unter den Gästen gibt es häufig Leute, die ängstlich über ihre Würde wachen und einen tödlichen Haß gegen den Hausherrn in ihrem empfindsamen Herzen aufsteigen lassen, wenn nicht ihrer »Bedeutung« die entsprechende Würdigung zu Teil wird.   Von Reichskanzler Graf Bülow. Telegramm. Berlin, 28. Oktober 1901. Ich treffe um 4,46 in Löwenberg ein. Leider kann meine Frau mich nicht begleiten, da ihre Mutter mit Fieber zu Bett liegt und sie dieselbe nicht verlassen darf. (gez.) Bernhard.   Es tat mir sehr leid, Marie Bülow vermissen zu sollen, auch daß die Hoffnung, meine berühmte Freundin Donna Laura Minghetti Mutter der Fürstin Bülow. mit ihr in Liebenberg begrüßen zu können, scheiterte. Immerhin war die Kehrseite vielleicht die nützlichere, denn die Ankunft Chamberlains mußte so sehr das Interesse des Kaisers in Anspruch nehmen, daß schließlich die Damen vielleicht nicht genügend von der Huld des Kaisers bestrahlt worden wären. Und für wenige Dinge auf Erden sind Frauen so empfindlich, als wenn ihnen, nach ihrer Ansicht, zu wenig Beachtung durch eine anwesende notable Persönlichkeit erwiesen wird, – ich muß allerdings bezweifeln, daß es nicht der glühenden Beredsamkeit und glänzenden Begabung Donna Lauras geglückt wäre, den Kaiser vorübergehend aus den geistigen Armen Chamberlains zu reißen. Nach einer Stunde Ruhe, die sich der Kaiser nach dem Essen gönnte, fuhren die Wagen vor, um eine gemeinsame, längere Spazierfahrt zu machen. Alle Damen begleiteten uns und wir verteilten uns in 8 Wagen, die letzteren drei von meinen Kindern kutschiert. So fand die ganze Gesellschaft Platz und fuhr in bester Stimmung durch das Dorf und den alten Fahrweg zu der Lanke, wo wir den Borgwall umkreisten und dann zu der Alexandrinenhöhe hinaufstiegen. Das Wetter war herrlich und die Beleuchtung auf dem See sehr schön. Oben fanden wir ein großes Feuer von Wacholderstrauch vor, das die Jägerei angezündet hatte, darin waren Kartoffeln in der Asche gebraten. Dazu gab es guten Punsch. Es war ein malerisches, hübsches Waldfest. Nach langem Aufenthalt und vielen Scherzen fuhren wir zurück. Während unserer Abwesenheit war der Reichskanzler eingetroffen, und zwar mit Chamberlain. Er empfing uns im Flur, Chamberlain wurde in der Bibliothek vom Kaiser begrüßt. Das war für beide ein großer Augenblick, und der Kaiser rührte mich in seiner Dankbarkeit, daß ich ihm diese Bekanntschaft vermittelt hatte. Zunächst aber gab es eine längere politische Besprechung zwischen dem Kaiser, Bülow und mir, oben in dem Salon des Kaisers. Dann wurde Toilette gemacht, und das Diner begann. Unser Wiener Küchenchef »Signore Cecci« hatte sich wieder selbst übertroffen wie die Feinschmecker August Eulenburg, Eberhard Dohna, Moltke und Varnbüler behaupteten. Die Unterhaltung war sehr lebhaft und ging meist über den Tisch von dem Kaiser hinüber zu Bülow, Chamberlain und mir. Nach dem Essen wurde zunächst wieder von den Kindern musiziert. Doch war die Dauer nicht so lang wie gestern, denn der Kaiser, brennend in Spannung, sich mit dem so grenzenlos und mit vollem Recht von ihm bewunderten Verfasser der »Grundlagen des 19. Jahrhunderts« auszusprechen, stellte sich rauchend mit ihm abseits von der übrigen Gesellschaft und hörte und sah nun während des ganzen Abends nichts anderes als Chamberlain. Ich hatte mich anfangs an der Unterhaltung beteiligt, aber ich wurde nach einer Stunde zerstreut: die gänzliche Ausschaltung der anderen Gäste war mir nicht angenehm. Ich bemerkte bei einigen sogar ein »militärisches Mißbehagen« gegenüber der kaiserlichen Vertiefung mit einem »beliebigen Zivil- Schriftsteller (noch dazu Engländer)«, den ich nach Liebenberg geschleppt hatte, »wohin er, Gott weiß, nicht gehörte«. Schließlich sah ich, daß Müdigkeit und eine gewisse Lahmheit sich auf die vor dem großen Kamin versammelten Herren senkten – es war fast 12 Uhr geworden. So trat ich zu dem Kaiser, der sich gerade tief in der Erörterung einer verwickelten religiösen Frage befand, und dabei immer noch auf seinen festen Hohenzollern- Beinen stand, – (genau die Beine des alten Kaisers und die Beine seines Vaters, mit dem ich in meiner Münchener Zeit einmal von Nürnberg bis München in seinem Salonwagen stehend über Politik sprach!) – und ich sah Chamberlain leise wanken. »Ew. Majestät wollen mir verzeihen, wenn ich Sie bitte, den Damen und Herren gestatten zu wollen, daß sie sich zu Bett legen«, sagte ich. – Er blickte schnell auf die Uhr. »Oh! – es ist ja bald 12 Uhr!« rief er aus, »da ist es allerdings Zeit schlafen zu gehen! – Nun, wir haben morgen noch Zeit, unsere Unterhaltung fortzusetzen«, sagte er, zu Chamberlain gewendet, und empfahl sich in seiner liebenswürdigen Art der Gesellschaft. »Noch etwas«, sagte er mir, als ich ihn die Treppe hinauf zu seinen Zimmern begleitete, »telegraphiere bitte an Harnack, daß er morgen kommt. Chamberlain kennt ihn nicht, und unser Gespräch führte uns auf ein paar Fragen, über die uns Harnack Aufklärung geben kann.«   Den 29. Oktober 1901. Der Kaiser erschien wieder pünktlich um ½9 Uhr zum Frühstück, aber Chamberlain fehlte. Ich erkundigte mich nach seinem Befinden, da er gestern abend recht blaß war. Er war im Begriff hinunterzugehen, machte mir aber einen so kläglichen Eindruck, daß ich ihn bat, sein Frühstück oben in seinem Zimmer einzunehmen. »Ich habe es niemals ertragen können, lange zu stehen, so hat mich der gestrige Abend etwas angegriffen«, sagte er. »Ich würde allerdings dankbar sein, wenn ich noch ein wenig ruhen dürfte.« »Das soll so gründlich sein, daß Sie einer neuen kaiserlichen Konversation getrost entgegengehen können – dafür werde ich sorgen«, erwiderte ich, und Chamberlains große Augen leuchteten in Dankbarkeit. »Sie haben unendlich viel studiert, aber noch keine königlichen Beine«, fuhr ich fort. »Züchtung und Vererbung liegt auf diesem Körperteile auch. Durch eine lange Reihe von Generationen haben die Fürsten und Herrscher mehr gestanden als andere Sterbliche. Bei jeglichem Verkehr stehen sie. Nur ganz en famille und bei Tisch sitzen sie. Keinem Menschen ist es angenehm, der einzige zu sein, der sitzt. Das Leben der Fürsten besteht aber daraus, unaufhörlich Menschen zu empfangen, – es ist ihnen eine Gewohnheit geworden, Feierlichkeit um sich zu verbreiten, und dazu ist das Stehen notwendig, – im Sitzen liegt eine gewisse Gemütlichkeit, die dem Herrscher-Wesen nicht ansteht. Dieses »Stehen- Können« ist tatsächlich angezüchtet, und ich habe an allen Höfen, ohne Ausnahme, diese Dauerbeine angetroffen.« Chamberlain lachte über mein Studium und blieb einen Teil des Vormittags in seinem Zimmer. Dem Kaiser sagte ich, daß ich Chamberlain durch die lange stehende Konversation ermüdet gefunden und ihm einen Vortrag über die Kraft kaiserlicher Beine gehalten habe. »Mein Gott«, rief der Kaiser in seiner ihm angeborenen Freundlichkeit aus, »weshalb hat er mir denn nicht gesagt, daß er müde sei?« »Hat Ew. Majestät wohl jemals ein Mensch gesagt: ›Wollen wir uns nicht lieber setzen?‹« erwiderte ich. »Darauf besinne ich mich nicht – aber ich werde jetzt dafür sorgen, daß Chamberlain sich setzt.« Nun schlug der Kaiser vor, einen Spaziergang in die Kappe zu machen. Das Wetter war wiederum klar und schön. Professor Harnack traf vormittags ein, während Reichskanzler Bülow und ich mit dem Kaiser in die hohe Politik getaucht waren. Um 12 Uhr fand sich alles in der Bibliothek zusammen, und mit der dem Kaiser eigenen Lebhaftigkeit begann er sofort nach der Begrüßung Chamberlains und Harnacks die Erörterung der dogmatischen Fragen, um derentwillen Harnack zitiert worden war – natürlich wieder ohne sich zu setzen. Dieses Mal aber trat ich mit der Meldung hervor, »daß das Essen angerichtet sei« – und man sprang von der Dogmatik zu den Leistungen der Küche über. Der Nachmittag gestaltete sich in dem Rahmen einer gemeinsamen Unterhaltung bei dem Kamin in der Bibliothek sehr interessant, – doch ging es zwischen den Beteiligten: dem Kaiser, Chamberlain, Harnack, Bülow und mir zu hochwissenschaftlich, historisch, politisch, dogmatisch usw. her, um nicht einen Teil der übrigen Gesellschaft aus der Nähe verschwinden zu sehen. Es wurde ihnen »ungemütlich« dabei – und ich bedauerte, daß nicht ein Stenograph diese Unterhaltung fixieren konnte. Der Kaiser führte, wie gewöhnlich, das Wort – und zwar recht gut, denn er spricht immer eindringlich und sicher. In Harnack entstand ihm der scharf und logisch dozierende Professor als ein Gegner, dessen geistreiche Bemerkungen und tiefes Wissen – doch in einer geschmeidigen Form gesprochen – eindrucksvoll wirkten. Chamberlain ist mehr mit seinem Feuergeist und seinen eine Welt ausdrückenden Augen und Blicken die Natur des Gelehrten, der sich lieber schreibend mitteilt als auf einem Katheder. Er war – wenn auch der Tiefste, und dessen Bemerkungen das Innerste und Wesentlichste trafen, doch eher der Schweigsamste in dieser Runde. Bülow hatte wenig Gelegenheit, um als Redner zu glänzen, aber sein vieles Wissen trat doch genug in Erscheinung. Es ging, wie gesagt, ganz ungewöhnlich interessant her an dem alten Kamin, der schon so manches erlauscht hat. Es wurde bei diesen Gesprächen fast die Nachmittagsruhe vergessen. Doch lehrte mich nach einiger Zeit ein Blick auf Chamberlain, daß es Zeit sei, diese anzuregen. Ich erhielt von ihm einen dankbaren Blick, als ich den Kaiser mahnte, an seine (des Kaisers) Ruhe zu denken und dieser dem Appell folgte. Die Ruhe dauerte eine gute halbe Stunde. Die große Spazierfahrt zu dem Papensee war aufgegeben. Es sollte ein gemeinsamer Spaziergang um 4 Uhr unternommen werden, zu dem sich die gesamte Gesellschaft einfand. Der Kaiser hatte eine Vorliebe für den neuen Parkweg gewonnen. Dorthin wurden die Schritte gelenkt und er zog dabei, was mir sehr lieb war, die Herren in sein Gespräch, die, wie Varnbüler, Eberhard Dohna, Werthern usw. wohl nicht zu seinem Gefolge gehörten, doch aber hinter der in diesen Tagen herrschenden Wissenschaft zurückgetreten waren. Etwa um ½6 Uhr waren wir heimgekehrt, und in dem Bibliotheksaal mußten die Kinder musizieren. Dann aber war der Kaiser wieder zu Chamberlain und Harnack getreten, und nochmals wurde »die Mission des Deutschtums« von den verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchtet, bis ich dem Kaiser meldete, daß die Uhr ½7 geschlagen habe und das Diner um 7 Uhr von ihm gewünscht sei. Hiermit nahte der Kaiserbesuch seinem Ende, der, durch die Begegnung des Kaisers mit Chamberlain eine ganz besondere Weihe trug und mich sehr zufriedengestellt hatte –(was allerdings nicht die Meinung der Umgebung – auch nicht der Jugend war, denen die ethische Mission Deutschlands weniger wichtig war als die Gegenwart des Kaisers – wie er redete, lachte, rauchte, saß und stand). Das interessierte auch besonders Fritz-Wends vortrefflichen Instruktor, Professor Kabisch, dem ich die Freude gemacht hatte, ihn zu dem letzten Kaiserdiner zu laden und der in gehobenster Stimmung von Johannisthal nach Liebenberg geeilt war. Nach dem Abendessen gab es noch eine ruhige halbe Stunde am Kamin mit dem Kaiser und den Meinen, denn die Andern, die für ihre Abreise sorgen mußten, hatten den Saal verlassen. Ich fuhr mit dem Kaiser später zur Bahn. Vor dem Schloß und bis zur Chaussee glänzte Fackelbeleuchtung. Zwei berittene Gendarmen begleiteten den Wagen. Der Kaiser konnte mir nicht genug danken für die Freude, die ich ihm durch die Vermittlung der Bekanntschaft Chamberlains bereitet hatte. Er stand vollkommen unter dem Zauber dieser Persönlichkeit, die er durch das gründliche Studium seiner »Grundlagen des 19. Jahrhunderts« genauer kannte als irgendein anderer der Anwesenden. Und Chamberlains persönlicher Eindruck hatte das Bild gerechtfertigt, das sich der Kaiser in seinen Gedanken von ihm gemacht hatte, auch wenn dieser in dem Verkehr mit ihm bei weitem nicht so mitteilsam gewesen war als der Kaiser selbst. Ich hatte zur Erinnerung an diese Begegnung Beide gebeten, ihre Namen in das der Liebenberger Bibliothek gehörende Exemplar der »Grundlagen« einzuzeichnen, was mir gern gewährt wurde. Nach der Beendigung dieses besonders bedeutungsvollen kaiserlichen Besuches trat nun meine Kinderschar gewissermaßen in ihr Recht. Es schlossen sich an die Kaisertage unmittelbar, d. h. nach einem »Ruhetag«, drei Jagdtage, die ich sehr genossen habe, denn es war das erstemal, daß mein lieber Ältester, Fritz-Wend, die Leitung und Anordnung der Jagd auf sich genommen hatte und mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und Umsicht durchführte. Auch waren zu meiner eigenen Freude liebe treue Jugendfreunde erschienen, deren Kinder zum Teil nun auch zu der Freundschaft der meinigen gehörten. Unter ihnen leider nicht mein lieber Georg Hülsen, der vortreffliche Intendant des Hof-Theaters in Wiesbaden, der schon zum Kaiserbesuch erwartet worden war. Er war recht ernsthaft erkrankt, und zwar wohl hauptsächlich infolge der unerhörten Intrigen, die seitens meiner alten »Freunde«, des Fürsten Richard Dohna und des Generalintendanten Graf Bolko Hochberg gegen ihn in Szene gesetzt waren. Intrigen, die sich sogar gegen mich richteten in der abenteuerlichen Annahme, daß ich Hochberg zu stürzen beabsichtige, um Hülsen an dessen Stelle zum Generalintendanten zu machen. (!) Und sie mußten doch wissen, daß es der Kaiser war, der den ungewöhnlich für den Beruf des Intendanten begabten Georg Hülsen nach Berlin an diese Stelle setzen wollte. Es waren harte Erfahrungen, die ich in jener Zeit machen mußte, denn nichts lag mir wohl ferner, als meine Hand zu Machenschaften gegen Freunde zu bieten, mit denen ich seit Jugendzeit eng verbunden war. Das sind eben Begleiterscheinungen eines so reichen Lebens wie das meine es war. An dem folgenden Tage lief eine Depesche Chamberlains an mich ein, der, von dem Kaiser nach dem Neuen Palais eingeladen, dort einen Abend verbracht hatte.   Von H. St. Chamberlain. Berlin, 31. Oktober 1901. Soeben aus Potsdam zurück nach herrlichen Abendstunden gestern mit beiden Majestäten und gnädigster Verabschiedung heute früh. Nochmals Ihnen und der Frau Fürstin innigsten Dank. (gez.) Houston Chamberlain. Nachschrift Im engsten Zusammenhang mit der Begegnung des Kaisers und Chamberlains in Liebenberg am 28. und 29. Oktober 1901 stehen die nachfolgenden Briefe. Sie sind untrennbar von dem interessanten Verkehr und den Gesprächen zwischen den beiden genannten Persönlichkeiten, an denen teilzunehmen mir ein Genuß war. Als ich auf meinen Posten Anfang November nach Wien zurückgekehrt war, brachte mir Chamberlain zwei Briefe an den Kaiser, die er mich bat, an dessen Adresse gelangen zu lassen. Die sehr unleserliche Handschrift Chamberlains veranlaßte mich, ihn zu bitten, eine Kopie in Maschinenschrift dem Originale beifügen zu dürfen. Auch bat ich ihn, eine mich besonders interessierende Stelle für mich zurückbehalten zu dürfen, was mir freudigst bewilligt wurde. Später, als ich die Antwort des Kaisers Chamberlain überbrachte, bat ich ihn, mir als Andenken und zu der Vervollständigung seiner mir überlassnen schriftlichen Bemerkungen auch von diesem Briefe eine Abschrift anfertigen lassen zu dürfen. Er ging gern darauf ein, um so mehr, als ich den Kaiser von meiner Bitte verständigt hatte. Diese Korrespondenz enthält sehr viel Wertvolles. Mich persönlich erfreute es auch, dies Schriftstück des Kaisers im Wortlaut zu besitzen, nachdem sich bei der Überlastung seines Lebens der briefliche Verkehr zwischen uns schließlich – und zwar schon seit einer Reihe von Jahren – fast nur in der Form abspielte, daß ich schrieb und er telegraphisch antwortete. Die Depeschen wurden schließlich auch ganz generell zu seinem Ausdrucksmittel im Fernverkehr. Ich möchte fast sagen, sein Leben überhaupt gestaltete sich depeschenartig. Immer habe ich das bedauert, denn der Kaiser vermag, – ebenso wie er eine glänzende Rednergabe besitzt, auch gut zu schreiben. Und davon gibt uns sein nachfolgender Brief ein wertvolles Beispiel, trotz der charakteristischen Ausdrucksweise, die vielleicht an einigen Stellen als »Schönheitsfehler« zutage tritt. Andererseits dürfen aber gerade charakteristische Merkmale in einem Stil nicht fehlen, so daß man hier auch von Schönheitsfehlern nicht sprechen sollte. Der Inhalt dokumentiert jedenfalls eine Gesinnung, die eines deutschen Kaisers würdig ist und ihn in dem Lichte zeigt, das mir, seinem Freunde, wohltut. Auf diesen Briefwechsel bezieht sich ein Brief, den ich meinerseits an den Kaiser richtete. Ich lasse diesen zunächst hier folgen, da der Inhalt auf eine Persönlichkeit Bezug nimmt, die nicht viel genannt und bekannt ist: Chamberlains erste Gattin.   An den Kaiser. Wien, 30. November 1901. Ew. Majestät beehre ich mich – den Bitten Chamberlains nachgebend – zwei Briefe anliegend zu überreichen, die er mir vor einigen Tagen brachte. Er las mir den langen Brief vor, weil er nicht wußte, ob er es wagen dürfe, ein so umfangreiches Schriftstück an Ew. Majestät zu senden. Es enthält der Brief so große Schönheiten und Wahrheiten, daß Ew. Majestät große Freude daran haben werden – nachdem er abgeschrieben sein wird. Denn die Handschrift ist, gelinde gesagt, mühsam. Ich habe gestern Chamberlain in seinem unendlich bescheidenen Heim besucht. Vier Treppen hoch wohnt er, von Büchern umgeben und von einer weißhaarigen alten Frau bewacht, die seine eigene ist, aber eigentlich an Fafner erinnert, der vor dem Nibelungenhort lagert. Doch ist sie anscheinend intelligent. Von Freunden Chamberlains wird sie sehr geachtet und verehrt. Ich kann ihr vor der Hand nur die Verehrung einer Antiquität weihen. Sie sprach mit einer Bewunderung von ihrem »Schatz«, die den geistigen Unterschied der beiden Naturen nur um so deutlicher hervortreten läßt. Frau eines berühmten Mannes oder Mann einer berühmten Frau zu sein, ist eine ziemlich mühsame Kunst. ... (gez.) Philipp Eulenburg.   Aus einem Briefe Houston Stewart Chamberlains an Kaiser Wilhelm II. Veröffentlicht 1928 in »Houston Steward Chamberlain-Briefe«. II. Band. S. 137. F. Bruckmann. München. . Wien, 15. November 1901. ... Ew. Majestät und alle ihre Untertanen sind in einem Heiligtum geboren, die meisten unter ihnen ahnen es freilich nicht, weil man das Tägliche – wie die Strahlen der alles Leben spendenden Sonne – nicht beachtet. Ich aber mußte einen langen, mühsamen Weg zurücklegen, ehe ich das Heiligtum auch nur von weitem erblickte, und dann noch kostete es Jahre heißer Arbeit, ehe ich seine Stufen betreten durfte. Darum schaue ich nur mit Schrecken auf meine Vergangenheit zurück; denn habe ich auch das, was man eine glückliche Kindheit nennen muß, gehabt, für meine Anlagen konnte es kein wahres Glück außerhalb des Deutschtums geben, und ich zittere, wenn ich daran denke, wie spät ich mit der deutschen Sprache in Berührung kam und daß ich sie leicht gar nicht kennengelernt hätte. Denn es ist meine innige Überzeugung – gewonnen durch jahrelange Studien, gewonnen in jenen feierlichen Stunden, wo die Seele mit dem Göttlichen um Erkenntnis ringt, wie Jakob mit dem Engel – daß das moralische und geistige Heil der Menschheit von dem abhängt, was wir das Deutsche nennen können. In jener »moralischen Weltordnung«, von der Ew. Majestät in Liebenberg öfters sprachen, bildet augenblicklich das deutsche Element den Angelpunkt, le pivot central . Die Sprache ist es, die uns unwiderleglich davon überzeugt, denn Wissenschaft, Philosophie und Religion vermögen heute keinen Schritt weiter zu machen, außer in der deutschen Sprache. Und das Dasein dieser Sprache belehrt uns über etwas, woran die Erscheinungen des täglichen Lebens uns sonst nicht immer glauben lassen möchten: daß in diesem Volke die höchsten Fähigkeiten vereint sind, höhere als anderwärts. Sprache und Volksseele sind gegenseitig bedingend – bedingt; jede wächst aus der andern hervor, hier ist weiteres Emporblühen möglich, solange beide leben und ineinander greifen; bei den Romanen sind beide tot; bei den andern Germanen (ich denke namentlich an England) hat schon seit lange eine Entzweiung begonnen, dank welcher die Sprache nach und nach stumm wird, (das heißt, ein bloßes Medium für die praktische Verständigung, nicht ein Element, aus welchem neue Gebilde geprägt werden könnten) und die Seele infolgedessen nach und nach ihre Schwingen einbüßt und sich nur mehr wie ein Wurm auf dem Bauche weiterschleppt. Und weil die deutsche Seele unlösbar an die deutsche Sprache geknüpft ist, so ist denn auch die höhere Entwicklung der Menschheit an ein mächtiges, sich weit über die Erde hinausstreckendes, das heilige Erbe seiner Sprache überall behauptendes und andern aufzwingendes Deutschland gebunden. Die positive Realpolitik des deutschen Reiches, welche gewiß gar nicht zu nüchtern und matter of fact sein kann, bedeutet darum doch – wenigstens in meinen Augen – etwas anderes als die Politik anderer Länder. Der Angelsachse hat, von jenem Standpunkt einer moralischen Weltordnung aus betrachtet, sein Erbe verwirkt – ich spreche nicht von heute, ich schaue in die Jahrhunderte hinaus; der Russe ist nur die neueste Verkörperung des ewigen Tamerlanreiches, nimmt man ihm sein deutsches Kaiserhaus, so bleibt nur eine in sich zerfallende matière brute ; auf den Deutschen allein baut heute Gott. Das ist die Erkenntnis, die sichere Wahrheit, die schon seit Jahren meine Seele erfüllt, um ihr zu dienen, habe ich meine Ruhe geopfert, für sie will ich leben und sterben. »Richard Wagner«, die »Grundlagen des 19. Jahrhunderts« und das »19. Jahrhundert« (wenn ich mich dazu entschließen kann), die »Worte Christi«, »Immanuel Kant«, – und manches, was – so Gott will – folgen soll, der – nicht von Haß gegen die Semiten, sondern von Liebe gegen die Germanen eingegebene – Kampf gegen das zerfressende Gift des Judentums, der Kampf gegen den Ultramontanismus, gegen den Materialismus, der Versuch, die transzendentale Erkenntnislehre aus dem Besitz einer Gelehrtenkaste in einen Besitz jedes gebildeten Deutschen zu verwandeln, das Bestreben, die Religion aus syrisch-ägyptischen Fetzen loszuwinden, damit die reine Kraft des Glaubens uns eine, wogegen das Nachgeplappere sklavischer Superstitionen uns heute nur trennt; dazu später – wenn ich's erlebe – die völlige Umwandlung unserer Auffassung des Lebensproblems, wodurch sich unsere Naturwissenschaft auf einmal und zum erstenmal in Harmonie mit unserer deutschen Philosophie und Religion finden wird, das heißt, daß wir endlich eine wahre Weltanschauung besitzen werden – – – das alles bedeutet für mich ein Schaffen und ein Kämpfen im Dienste des Deutschtums. Denn wahrlich, es handelt sich um gar wichtige Dinge, und hat der moralische Weltordner den Deutschen zu seinem Werkzeug erwählt, so muß dieser in der Erfüllung der gottgegebenen Pflicht ganz aufgehen, sich ganz darin verzehren. Und ist »das Deutsche«, wie ich vorhin sagte, der Angelpunkt, auf dem die Zukunft des Menschengeistes ruht, so ist der jetzige Augenblick, das jetzige Jahrhundert – ich meine es – der Angelpunkt der Weltgeschichte. Jetzt heißt es: to make or to mar. Es gibt Epochen, wo Geschichte gleichsam auf dem Webstuhle weiter gewoben wird, gerade oder schief, geschickt oder ungeschickt, doch immerhin so, daß Kette und Schuß gegeben und im wesentlichen gebunden sind; dann aber kommen Zeiten, wo zu einem neuen Gewebe die Fäden erst eingetragen, die Art des Stoffes und das Muster erst bestimmt und durch zweckmäßige Anordnung gesichert werden. In einer solchen Zeit stehen wir heute. Die Bildung des Deutschen Reiches im Jahre 1870 bedeutet zunächst nicht einen Anfang, sondern ein Ende. Jetzt kommt entweder ein »neuer Kurs« (wie Ew. Majestät vorlängst erkannte), oder gar nichts; und in letzterem Falle hat Deutschland versagt und geht langsam unter, von den Wellen eines yankeyisierten Angelsachsentums und eines tatarisierten Slawentums ereilt und ertränkt. Jetzt ist der Augenblick, wo Zukunft aufgebaut wird. – – – Wie steht aber ein armer, machtloser, vereinzelter Privatmann solchen Erkenntnissen gegenüber da? Und gar ein sogenannter »Ausländer«! Wollte er in politische Konjunkturen sich leitartikelnd mischen, so würde er sich zu den vom Grafen Bülow so trefflich verhöhnten Bierbankpolitikern gesellen. In das Schweigen der Studierstube ist er verbannt, seine einzige Waffe die Feder. Und andererseits, wie konnte ein solcher Geschichte studieren, ohne die Überzeugung zu gewinnen, daß die Zukunft der deutschen Sache an das Geschlecht der Hohenzollern gebunden ist? Wie wäre es möglich, das politische Chaos des heutigen reichstäglichen Reiches zu erblicken, ohne zu fühlen, daß nur hier seine Hoffnung Boden findet? Wohl ist das ganze deutsche Volk mit seiner unvergleichlichen Sprache der Quell jener Kraft, ohne welche die Hohenzollern selber nichts wären, doch das politische Heil, jenes Gestalten der äußeren Geschichte, ohne welche die innere Bestimmung nicht zur Erfüllung gelangt, kann nicht vom Volke bewirkt werden. In einer äußerst schwierigen Weltlage ist der einzige Trumpf, den das deutsche Volk in den Händen hält, der Besitz des Hohenzollernhauses. Nur die planmäßige Organisation bis ins letzte Detail, nicht – wie bei den Angelsachsen – die ungebundene Freikultur des losgelösten Individuums, kann Deutschland zum Siege verhelfen. Die politische Massenfreiheit hat abgewirtschaftet; dagegen kann Deutschland mit der Organisation noch alles erreichen, alles! Hierin vermag es ihm keiner gleich zu tun. Und an der Spitze dieser Organisation steht als erster Deutscher der König von Preußen. Können Ew. Majestät sich nun vorstellen, mit welchen Gefühlen ein Mann, der solche Überzeugungen als freie Errungenschaft, als seines Lebens Leben im Busen trägt, die Hand dieses ersten Deutschen in der seinen gehalten hat. Auch hier mag ich keine Worte mehr beifügen; was ich fühlte, war mehr als Dank und etwas anderes als Glück. ...... (gez.) H. St. Chamberlain. Kaiser Wilhelm an Houston Stewart Chamberlain Veröffentlicht 1928 in »Houston Stewart Chamberlain-Briefe«. II. Band S. 141. . Neues Palais, 31. Dezember 1901. Mein lieber Herr Chamberlain! Sie haben leider vollkommen recht, wenn Sie in dem Anfange Ihres packenden und ergreifenden Briefes der Vermutung Raum geben, daß ich wohl nicht über die »Upanischads« und andere Indo-Arische Bücher Bescheid wisse, noch über die in denselben enthaltenen schönen Aussprüche der Weisen über die Herrscher! Ich gestehe meine Unwissenheit offen ein und bitte um Gnade! Here you have me at a disadvantage! Aber es war auch Anfang der 70er Jahre kein Mensch vorhanden, gerade unter meinen Lehrern nicht, der auch nur im entferntesten solche Kenntnisse aufgewiesen, kurz, solche »Kultur« gehabt hätte! Wir quälten uns durch 1000 Seiten Grammatik, wir wandten sie an, und gingen mit ihrer Lupe und Seziermesser an alles heran von Phidias bis Demosthenes, von Perikles bis Alexander und gar an unsern lieben großen Homer! Und während aller der hundertfachen Zerlegungsoperationen, die ich an den Erzeugnissen der Hellenen vornehmen mußte, von wegen der »klassischen Bildung«, da bäumte sich mein Herz in mir auf, das auch in mir so lebendige Gefühl für Harmonie schrie in mir auf: »Das ist es doch nicht, das kann es nicht sein, was wir aus dem Hellenentum für die Förderung des Germanentums brauchen!« – Und das noch dazu unmittelbar nach und unter dem gewaltigen Eindruck des Krieges 1870, der Siege des Vaters und Großvaters! Diese hatten das Deutsche Reich zusammengeschmiedet, da hätten wir Jungens, das fühlte ich instinktiv, einen anderen Lauf unserer Vorbereitung bedurft, um nun die Arbeit in dem neuen Reich fortzusetzen. Da wäre unserer schwerbedrückten Jugend ein Befreier wie Sie vonnöten gewesen!, der die Indo-Arische Quelle uns erschloß, aber niemand kannte sie! Und nun mußte all das Urarische-Germanische, was in mir mächtig geschichtet schlief, sich allmählich in schwerem Kampfe hervorarbeiten. Kam in offene Gegnerschaft zum »Althergebrachten«, äußerte sich oft in bizarrer Form, oft formlos, weil es mehr als dunkle Ahnung oft unbewußt in mir sich regte und sich Bahn brechen wollte. Da kommen Sie, – mit einem Zauberschlage bringen Sie Ordnung in den Wirrwarr, Licht in die Dunkelheit, Ziele, wonach gestrebt und gearbeitet werden muß, Erklärung für dunkel Geahntes, Wege, die verfolgt werden sollen zum Heil der Deutschen, und damit zum Heil der Menschheit! Sie singen das hohe Lied vom Deutschen und vor allem von unserer herrlichen Sprache und rufen dem Germanen bedeutsam zu: »Laß ab von deinen Streitigkeiten und Kleinlichkeiten, Deine Aufgabe auf der Erde ist: Gottes Instrument zu sein für die Verbreitung Seiner Kultur, Seiner Lehren! Darum vertiefe, hebe, pflege Deine Sprache und durch sie Wissenschaft, Aufklärung und Glauben!« Das war eine Erlösung! So! nun wissen Sie, mein lieber Mr. Chamberlain! was in mir vorging, als ich Ihre Hand in der meinen fühlte! Lassen Sie mich Ihnen von tiefster Seele danken für dieses kostbare Juwel, welches Sie mir in Briefform übersandten! Wer bin ich, daß Sie mir danken? Doch nur ein armselig Menschenkind, das versucht, ein gutes Instrument für unsern Herrgott da droben zu werden. Das hat zur Folge, daß man das Menschenkind nicht verstehen will, kann oder mag und ihm daher vor allem das Leben so sauer zu machen sich bemüht als möglich, weil es eben ganz anders ist und ganz anderes will, wie bisher die und das »Althergebrachte« und »Landläufige«! Nein! Fürwahr, danken wir Ihm dort oben, daß Er es mit unsern Deutschen noch so gut meint, denn Ihr Buch dem deutschen Volke und Sie persönlich mir sandte Gott, das ist bei mir ein unumstößlich fester Glaube. Sie sind von Ihm zu meinem Bundesgenossen erkoren und ewig danke ich Ihm, daß Er es getan. Denn Ihre gewaltige Sprache packt die Leute und bringt sie zum Denken und natürlich auch zum Streiten, Angreifen! Was schadet es! – Der deutsche Michel wird wach, und das ist für ihn gut, dann paßt er auf und leistet etwas, und wenn er einmal zu arbeiten angefangen, dann leistet er eben mehr wie alle andern. Seine Wissenschaft in seiner Sprache ist eine Riesenwaffe, und es muß immer daran gemahnt werden! Denn »Vernunft« – i. e. common sense – und »Wissenschaft« sind unsere gefährlichsten Waffen, zumal im Kampfe gegen die Totenmacht von »Ubiquitous« Rom. Dann, wenn durch Sie die germanischen Katholiken erst in den offenen Konflikt zwischen Germanen und dem »Katholem«, also »Römer«, bekommen sind, dann sind sie »erwacht« und »Wissende« geworden, dessen, was die Beichtväter ihnen verbergen möchten, daß sie in schmachvoller Knechtschaft gehalten sind für »Rom« als Instrument gegen »Deutschland«. Also »Eritis sicut deus, scientes bonum et malum« . In dieser Hinsicht ist doch eine Bewegung zu bemerken, und Ihr Buch hat rasenden Absatz in den Kreisen gefunden, gottlob! Erst für mich allein, dann an die um den Weihnachtstisch versammelten Meinigen habe ich Ihren herrlichen Brief vorgelesen unter lautlosem Schweigen und tiefer Ergriffenheit aller Stände und Geschlechter, und die Kaiserin läßt Ihnen auch innigen Dank und Gruß sagen! Und nun Gottes Segen und unseres Heilands Stärkung zum neuen Jahr 1902 wünsche ich meinem Streitkumpan und Bundesgenossen im Kampf für Germanen gegen Rom, Jerusalem usw. Das Gefühl, für eine absolut gute, göttliche Sache zu streiten, birgt die Gewähr des Sieges! Sie schwingen Ihre Feder, ich meine Zunge, schlage auf meinen Pallasch und sage trotz aller Angriffe und Nörgeleien: Dennoch! Ihr treu dankbarer Freund (gez.) Wilhelm II. R . P.S. Der Verkehr Harnacks bei mir hat »orthodoxe« protestantische Pfarrer und Kreise arg geängstigt. Das ist unseren Damen zu verstehen gegeben worden: diese haben denn auch Soireen, wo »positive« Herren waren, besucht! Mein Grundsatz »Nur keine Voreingenommenheit« ist den Leuten unbequem. Übrigens hat Harnack seine »Liegezeit«, um Ihr Werk zu lesen, als eine erzwungene hingestellt! Ich bezweifle es, die Idee ist zu professorenhaft wahrscheinlich! Houston Stewart Chamberlain an Philipp Eulenburg-Hertefeld. Wien, Blümelgasse 1, 5. Januar 1902. Hochgeehrter Herr Fürst, eine Pflicht der Courtoisie erfülle ich, indem ich Ihnen den Brief Sr. Majestät des Kaisers mitteile, zugleich werden Sie darin ein Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit erblicken. Nur Ihnen aber teile ich ihn mit, sonst keinem Menschen. Sobald ich den Brief gelesen hatte, entschloß ich mich, nicht allein ihn streng für mich zu behalten, sondern auch meinen intimsten Freunden gegenüber von seiner Existenz kein Wort zu erwähnen. Sie sehen, in welchen warmen Ausdrücken Se. Majestät zu mir spricht und von mir spricht: daß mich dies innig beglückt und hebt, daß er alles Beste in mir weckt und ermuntert – warum sollte ich es leugnen? Doch Sie, mein hochverehrter Gönner, Sie wissen genau, wie ich der Welt gegenüberstehe und wie unendlich schwer – fast unmöglich – es mir wird, mit ihr auszukommen, wobei seit früher Jugend jener Gedanke mir immer verführerisch nahe steht: »Du brauchst sie nicht – sie braucht höchstens Dich.« Was ich seit Berlin an Gemeinheit seitens der lieblichen Presse und an Vulgarität und Indiskretion seitens sonst distinguierter Leute erfahren habe, hat mich in einen Abgrund hineinblicken lassen. Die Begegnung konnte ich ja nicht verheimlichen, es lag nicht bei mir. Doch jetzt beabsichtige ich, mich mit aller Energie zu schützen. Mein Verhältnis zum Kaiser ist mir ein heiliges, und ich will es innerhalb jener dreifachen Ringmauern des Herzens hüten, wo ich mit Stolz und Argwohn das mir Heilige als Unnahbares bewache. Gleichviel, ob es bei diesem einmaligen Briefwechsel bleibt oder ob der allerhöchste Herr mich auffordert oder auffordern läßt, ihm wieder zu schreiben. Des Kaisers Vertrauen will ich nicht bloß innerlich, sondern auch äußerlich würdig sein, damit wehre ich mich zugleich meiner eigenen Haut. Ich hoffe, mein Dankschreiben ist nicht zu lang? Das Briefschreiben ist halt bei mir von jeher eine Leidenschaft, ich kann's besser als das Sprechen. Jetzt habe ich's aus Zeitmangel so ziemlich aufgegeben, doch fällt's mir immer noch schwer, sobald ich auf Sympathie rechnen zu können glaube, die Feder nicht mit mir nachschleppen zu lassen. In der Hoffnung, daß diese Zeilen Sie wieder wohlauf antreffen, mit den verbindlichsten Grüßen Ihr verehrungsvoll ergebener (gez.) Houston S. Chamberlain.   P. S. – Ich hielt mich für verpflichtet, den kaiserlichen Brief sofort zu beantworten, d. h. dafür zu danken; doch liegt es bei Ihnen natürlich, meine Zeilen zurückzubehalten, bis Sie die Mitteilung für opportun halten. Es tat mir neulich so leid, auf Ihr Befragen: wie ich es fertig gebracht hätte, meine sehr despotischen Nerven zu bändigen, den Witterungseinflüssen z. B. nicht mehr so unterworfen zu sein usw. – nichts antworten zu können. Seither dachte ich manchmal darüber nach. Unter anderem scheint mir dieses eine beachtenswert: ich habe früher viel Musik getrieben, mindestens täglich ein paar Stunden, – dazu Oper und Konzert. Nach und nach hab' ich's ganz ausgegeben und glaube, daß dies sehr beruhigend gewirkt und namentlich die Qualität des Schlafens gebessert hat. Musik regt an, aber auch ab. Die angespannte Erregung des Pathos stellt große Ansprüche an die Physis. Wogegen Goethe und Naturwissenschaft wie lindernder Balsam auf das Nervensvstem wirken. Dazu käme bei Ihnen noch ein weiterer Umstand: der plötzliche Übergang aus größter Selbstbeherrschung des kühl und scharf beobachtenden Diplomaten in den vollen Rausch des freien und wahrhaftigen – dazu ganz eigenen und um so hinreißenderen – Affektes. Solche plötzlichen »Temperaturänderungen« sind besonders anstrengend Chamberlain machte diese Beobachtung, nachdem er meine Musik und meinen Gesang gehört hatte. . (gez.) H. S. Chamberlain. Houston Stewart Chamberlain an Philipp Eulenburg-Hertefeld. Wien, Blümelgasse 1, 25. Januar 1902. Hochgeehrter Herr Fürst, mein Aufsatz über »katholische Universitäten« dürste für Sie nicht ganz ohne Interesse sein, ich überreiche ihn als Eisenbahnlektüre für irgendeine sich bietende Gelegenheit. Ein zweites Stück lege ich bei, weil ich aus sehr vielem, was Se. Majestät der Kaiser zu mir sprach, fast voraussetzen zu können glaube, daß gerade diese neue Arbeit auch für ihn Wert haben könnte. Einige von den bezogenen Texten aus Evangelien u. dgl. sind doch nicht dem Laienpublikum gegenwärtig, auch die genauen Zahlenangaben bezüglich des französischen »Instituts catholiques« sind, glaube ich, noch nicht in die Öffentlichkeit gelangt. Doch können nur Sie – nicht ich – beurteilen, ob eine Mitteilung möglich und wünschenswert ist. Ich lege nur für alle Fälle ein Exemplar bei. – (Da diese Nummer nur meinen Aufsatz enthält, ist Anstößiges jedenfalls nicht vorhanden!) Übrigens habe ich Ihre gütige Warnung betr. »Die Fackel« durchaus nicht vergessen, nur war ich dem Verleger gegenüber verpflichtet, nach dem ersten Artikel auch diesen zweiten zu geben. Jetzt aber hat die Sache ein Ende. Für die mir durch Graf Kayserling übermittelten Grüße usw. sage ich aufrichtigen Dank. Ich meinerseits lebe in emsigster Zurückgezogenheit. Ich bitte – als Beweis Ihrer freundschaftlichen Gesinnung – ja keine Beantwortung dieser Sendung für nötig zu halten. Höchstens wenn Sie meinem Boten den Brief des Kaisers an mich übergeben wollten, wäre ich sehr verpflichtet ... (gez.) Houston S. Chamberlain. Mein Onkel, der Feldmarschall, liegt in hoffnungslosem Zustand. Das Geschenk des Kaisers wird die letzte große Freude seines tatenreichen Lebens gewesen sein. H. S. Ch. Nach siebzehn Jahren Fürst Philipp zu Eulenburg an Houston Stuart Chamberlain Dieser Brief und nachfolgende Antwort wurden von mir nachträglich der abgeschlossen Aufzeichnung meines Mannes beigefügt. (Die Herausgeberin.) . Liebenberg, 18. März 1919. Verehrter Herr Chamberlain, es gibt wenige Menschen in Deutschland, zu denen meine Gedanken soviel in der entsetzlichen Zeit eilen, die wir jetzt durchleben, als zu Ihnen. Wenn auch der Verkehr zwischen uns seit Jahren unterbrochen ist, so wurde doch in mir ein so tiefes Mitgefühl mit Ihren seelischen Leiden wachgerufen, daß ich – wenn auch krank und elend – mich zu diesen Zeilen aufraffen mußte. Ich gehörte stets zu denen, die tiefinnerlich mit Ihnen verbunden sind und daher auch die Wandlung, die sich in Ihnen von der angelsächsischen Geburt zu der »fine fleur« des Deutschtums vollzogen hat, nur als einen durch Ihre Natur bedingten Vorgang ansehen konnten. Ich will es präziser ausdrücken: indem ich Sie empfinde als den Kristall, der sich elementar aus einem allgemeinen Grundstoff herausbildete. Denn Ihre Erkenntnis formte sich aus einem internationalen Empfinden. Wer aber so gerungen hat wie Sie, muß unter dem Erleben dessen, was wir jetzt tragen sollen, zu einem Märtyrer im tiefsten Sinne des Wortes werden. Man spricht von einer Krone des Märtyrers – Sie tragen sie. Mögen Sie den Glanz, der von einer edelsteingeschmückten Krone ausgeht, auch innerlich empfinden, denn das Ewige leuchtet darin. Aus dem ersten Briefe, den Sie an den unglücklichen Kaiser Wilhelm schrieben und der durch meine Hand ging, habe ich mir als ein Andenken eine Stelle kopiert, die mich besonders tief bewegte. Sie sprechen darin von der deutschen Sprache und gelangen zu folgendem Ausspruch: Wien, 15. November 1901. ... »Und ist ›das Deutsche‹, wie ich vorhin sagte, der Angelpunkt, auf dem die Zukunft des Menschengeistes ruht, so ist der jetzige Augenblick, das jetzige Jahrhundert – ich meine es – der Angelpunkt der Weltgeschichte. Jetzt heißt es: to make or to mar . Es gibt Epochen, wo Geschichte gleichsam auf dem Webstuhle weitergewoben wird, gerade oder schief, geschickt oder ungeschickt, doch immerhin so, daß Kette und Schuß gegeben und im wesentlichen gebunden sind, dann aber kommen Zeiten, wo zu einem neuen Gewebe die Fäden erst eingetragen, die Art des Stoffes und das Muster erst bestimmt und durch zweckmäßige Anordnung gesichert werden. In einer solchen Zeit stehen wir heute. Die Bildung des Deutschen Reiches im Jahre 1870 bedeutet zunächst nicht einen Anfang, sondern ein Ende. Jetzt kommt entweder ein ›neuer Kurs‹ (wie Ew. Majestät vorlängst erkannte) oder gar nichts, und in letzterem Falle hat Deutschland versagt und geht langsam unter, von den Wellen eines yankeyisierten Angelsachsentums und eines tartarisierten Slawentums ereilt und ertränkt. Jetzt ist der Augenblick, wo Zukunft aufgebaut wird.« ... Als ich vor kurzer Zeit bei dem Ordnen alter Briefe auch diese Notiz fand, wurde ich durch Ihr seherisches Wort tief ergriffen, und meine Gedanken, die in dem jetzigen Erleben mich mehr denn je in einem grenzenlosen Mitleiden zu Ihnen zogen, zwangen mich zu diesen Zeilen. Die »Organisation«, die sich Ihnen als die Mission der Hohenzollern in Preußen-Deutschland darstellt, scheint schließlich an dem totalen Versagen des Deutschen auf dem Gebiete der Politik gescheitert zu sein. Das, was seinen Ausdruck in der »deutschen Sprache« fand – deren Wert Sie so meisterhaft in jenem Briefe an den Kaiser schilderten –, liegt in seinem Wesen zu weit ab von dem Begriff der Politik – die lediglich der Ausdruck spekulativen Verstandes ist –, um nicht in der Entscheidungsstunde zu versagen. Doch ist andererseits auch die Organisation an der Gestalt Wilhelms II. gescheitert. Sein stets edles Wollen zerbrach an dem Mangel der klaren Bewertung des »Tatsächlichen«, und eine Lücke in seiner unleugbaren Genialität zeigt sein völliger Mangel an Menschenkenntnis. Denn mehr oder minder ist er an seiner Umgebung gescheitert, die ihn klug beherrschte, indem sie ihm niemals widersprach. Die auch diejenigen beseitigte, die gegenüber dem Herrscher den Mut besaßen, ihm offen entgegenzutreten, wo es die Pflicht erheischte. Seine Umgebung sah die Mission des deutschen Kaisers lediglich in der Entfaltung von Macht, deren Anreizung auf eine kraftvolle Natur nur wirken konnte wie das Überheizen einer Maschine ohne Ventil. Ich selbst habe jener Organisation der Hohenzollern bewundernd – niemals feindlich, wohl aber leidend – gegenübergestanden. Das militärische Gewand dieser Organisation, das mehr und mehr gespanntere Formen annahm, mußte eine Natur wie die meine zugrunde richten, denn diesem Räderwerk war mein Rad ein Hemmnis. Die Mittel, dasselbe zu entfernen, trugen den Stempel einer mittelalterlichen Folter und Hexenverbrennung. Es fehlte dabei auch nicht die Unschuld des »Verbrechers«. Er starb – weil er schwieg. Aber es gibt ein »Schweigen für das Vaterland«, das viel härter ist als das Sterben für dasselbe. Meine Henkersknechte waren das Judentum, das mit meinen Neidern ein Bündnis schloß, um den Lindwurm »Idealismus« zu erschlagen. Auch Sie, mein hochverehrter Herr Chamberlain, werden nun für das Deutschtum schweigend leiden – doch nicht sterben. Denn wenn eine Auferstehung des Deutschtums noch einmal über den Sternen beschlossen werden sollte, so waren Sie sein Prophet! Der Prophet eines Deutschlands, das der gepanzerten Organisation der Hohenzollern entwachsen, aus einem Schmelzofen der Schande als Phönix aufsteigt. Glauben Sie daran in Ihrem seltsam seherischen Geiste – oder nicht mehr? Ich vermag es kaum. Ich hoffe nur noch auf eine Wiederbelebung von etwas geordnetem, engen Politischen, doch zugleich weitem, geistig Innerlichen, das mir gewissermaßen als ein Vermächtnis blieb. Denn ich stand in meiner Kinderzeit und frühen Jugend noch in dem Kreise meiner hochgebildeten Großeltern und deren Freundschaft – nach den Freiheitskriegen. Es war noch das Leben der Goethe- und Schiller-Zeit, das mich erhebend in dieser Generation umflutete und jetzt sehnsuchtsvoll anlächeln will in der Wildnis der Gegenwart. Meine Phantasie malt mir wieder ein äußerlich beschränktes und innerlich weites Deutschtum geistigen Lebens, befruchtet aus dem Blütenstaub der deutschen Kultur, deren äußere Form nur einen Wechsel erlitt. Denn wenn wir eine Blume welken sahen, ging doch nicht ihre Art verloren. Ihre Werke, ihr Geist, sind solche unvergänglichen Keime, und in Ihren schweren Leiden wird Sie dieses Bewußtsein über das Grauen der Tage ohne Sonnenstrahl erheben. Damit tragen Sie jetzt ein desseres Los als diejenigen, die nur über den Untergang Deutschlands zu klagen vermögen. Der Tod ist doch nur die Trennung der Materie von dem Geist. Ich sehe hier wohl auch einen Tod – doch auch hier die Trennung der Materie von dem Geist, dem Sie sichtbar, fühlbar angehören werden über das hinaus, was jetzt sich Ihnen als Hemmung in der bittersten Gestaltung entgegenstellt. Doch ich meine, daß ich nun genug schrieb. Ich weiß Sie auch körperlich leidend und habe wohl über Gebühr Ansprüche an Ihre Kräfte gestellt – so wie ich auch meine Kräfte überspannte, die mir nur in kurzen Zeitabschnitten noch zur Verfügung stehen. Meine Familie, die Ihnen gegenüber von denselben Gefühlen des Mitleidens und der Bewunderung getragen wird, trägt mir sehr herzliche Grüße für Sie und Ihre verehrte Gattin Eva Wagner, Tochter Richard Wagners. auf. Wir leben eng vereint in dem alten Liebenberg – das Ihnen ein treues Andenken bewahrt hat –, eng vereint schwer leidend unter dem Verlust unseres herrlichen Sigwart Unser gefallener Sohn. , dessen Genius uns immer noch erscheint, als wolle er trösten. Ich vermag mich – auch noch von anderen Todeswunden getroffen, die der furchtbare Krieg mir schlug – schwer zu erheben. Doch vermochte mein grausames Schicksal mich nicht zu zerbrechen. Es gibt einen Gott, der über allem Leid und aller Freude, über Recht und Unrecht steht und richtet! Schließlich darf ich Sie wohl bitten, Ihrer verehrten Gattin meine besten Grüße ausrichten zu wollen. Ich denke mich oft in die hohen Aufgaben hinein, die sie in so edler Form erfüllt – Ihnen helfend und tröstend zur Seite stehend und ihrer Mutter hilfreich die Beschwerden des Alters erleichternd. Wollen Sie bitte auch Ihrer Frau Schwiegermutter Cosima Wagner. sagen, daß es zu dem Besten gehört, was mir das Leben gewährte, in einem freundschaftlichen Verkehr mit ihr gestanden zu haben und daß ich mich bis an mein Lebensende stets ihrer in Dankbarkeit erinnern werde. Auch Ihrem Schwager Siegfried Wagner. bitte ich einen herzlichen Gruß von mir bestellen zu wollen. (gez.) Philipp Eulenburg-Hertefeld. Houston Stewart Chamberlain Der Brief, in Maschinenschrift, ist seiner Gattin diktiert. an Fürst Philipp zu Eulenburg. Bayreuth, 29. März 1919. Eure Durchlaucht haben mir eine ebenso große Überraschung wie Freude gemacht durch das ausführliche und so sehr gütige Schreiben vom 18. d. M., ich bitte meinen wärmsten Dank annehmen zu wollen. Leider befinde ich mich in einer noch schlimmeren Lage als Sie, mein Fürst, da ich nicht allein unfähig bin, Bleistift und Feder zu handhaben, sondern auch nur mit beträchtlicher Mühe zu sprechen vermag, wodurch das Diktieren sehr beschränkt wird. Es ist mir daher unmöglich, eine entsprechende Erwiderung auch nur ins Auge zu fassen, vielmehr müssen diese Zeilen auf eine nachsichtige Aufnahme als bloßes Zeichen der dankbaren Übereinstimmung rechnen dürfen. Wie Sie, so denke auch ich voll tiefster Teilnahme an unseren gemeinsamen hohen Freund und Gönner. Sehr häufig träume ich von Ihm und sehe Ihn stets voll Pläne und Tätigkeit zur Beförderung von wissenschaftlichen und industriellen Unternehmungen – also vollkommen lebenswahr. Sein tragisches Schicksal hat Er vor Gott sicher nicht verdient, da Er immer nur das Beste gewollt und sein verhängnisvollster Fehler – die Unfähigkeit, Menschen zu beurteilen – kein moralischer ist. Ich selber habe mich infolge meines Leidens veranlaßt gefunden, Zuflucht in weiter Ferne zu suchen – nämlich in den allerersten Anfängen christlicher Zeitrechnung. Äußerlich herrschten den unserigen diametral entgegengesetzte Zustände, nämlich ununterbrochene Ordnung und Sicherheit der Person und des Besitzes – es ist eigentlich beschämend für unsere Zeit, wenn man bedenkt, daß damals ein unbewaffneter Mann unbehelligt von Kleinasien durch Mazedonien und Illyrien nach Rom und zurück reisen konnte, was bei uns schon seit Jahrhunderten undenkbar wäre –, aber innerlich näherte sich der chaotische Zustand merklich dem heutigen, und es wirkt großartig, ja überwältigend, wenn man die Macht eines bloßen Gedankens, eines Traumes erlebt, wie er aus kleinen Anfängen emporwächst und den Zusammenbruch eines Riesenreiches nicht bloß überlebt, sondern auch dessen Besieger besiegt. Wir Heutigen besitzen keinen Maßstab, um das zu beurteilen, was unmittelbar vor uns vorgeht, der Tag macht uns blind für das Gestern und das Morgen. Aus jenen Fernen aber gewinnt man die Überzeugung, daß viel größere Dinge im Werden sich befinden mögen, als die heutigen Machthaber sich träumen lassen. Unsere Feinde haben das geordnete Europa zerschlagen und zu einem Chaos umgewandelt. Mit teuflischem Instinkt haben sie die unruhvollsten Elemente, die niemals haben Staaten bilden können – die Polen und die Tschechen – begünstigt und damit ein Ferment ewigen Aufruhrs in das Herz Europas gesenkt. Doch Gott wird noch mächtiger als sie sich erweisen, und niemand kann voraussagen, wie teuer dieser Frevel den Feinden Deutschlands zu stehen kommt. Hier muß ich heute unterbrechen, da die Ermüdung mich dazu zwingt, und füge nur nebst meinem wiederholten innigsten Dank die Bitte hinzu, allen hochverehrten Ihrigen empfohlen zu werden, als stets eingedenk der in Wien und Liebenberg genossenen Stunden. Womit ich verbleibe Euer Durchlaucht gehorsamer und herzlichst ergebener (gez.) Houston Stewart Chamberlain. Mein Mann wünscht, daß ich Ihnen, verehrter Fürst, persönlich sage, wie herzlich uns alle Ihr gütiges Gedenken bewegt und erfreut hat. Meine Mutter trägt mir die treueste Erwiderung in dankbarer Erinnerung auf, und mein Bruder und ich schließen uns verehrungsvoll an. (gez.) Eva Chamberlain.