Ludwig Ganghofer Fliegender Sommer »Goldi-Goldi« Der blinde Passagier Der Wildbach Die Blüten des Lebens . Ein Märchen Der Letzte Hans Donnerstag . Ein Ostermärchen Der Herrgottspfänder Das rote Licht Der Kamerad des Frühlings . Ein modernes Ostermärchen Sag' mir... Die Zitherspieler Frierende Blumen Die Liebe Gottes An Bord der »Möwe« Die verliebten Brüder Es klirrt... Das sprechende Buch Der tote Wald Das neue Leben Eine Frühlingsnacht Das Truden-Auge Der Sonnenstrahl Das Hagelwetter Wasser... Gedicht in Prosa Das Grab der Mutter . Eine Allerseelengeschichte Eine alte Geschichte Das Schaukelpferd . Ein Weihnachtsmärchen Der neue Leonhardt »Goldi-Goldi«. Der farbige Sonnenschein des späten Nachmittags erfüllte das behagliche Zimmer. Am gedeckten Tische, der inmitten des Raumes unter der Hängelampe stand und mit blinkendem Kaffeegeschirr bestellt war, saß die junge Hausfrau in Gesellschaft einer Freundin. Die beiden Frauen hatten sich viel zu erzählen, von ihrem Jammer mit den Dienstboten, von den neuen Wintertoiletten, von den Verlobungen, Hochzeiten und Todesfällen in den Kreisen ihrer Bekannten, sie plauderten so unermüdlich und laut darauf los, daß man nur ab und zu von der Straße herauf das gedämpfte Geräusch der vorüberrollenden Fuhrwerke vernahm. Sogar der Kanarienvogel, der sich zuweilen hören ließ, hatte Mühe, mit seinem zwitschernden Gesang den Klang der beiden Stimmen zu übertönen. Und wenn es ihm glückte, dann mahnte ihn die Hausfrau mit unwilligem Zischen zum Schweigen. »Ein unausstehliches Tier! Man hört ja kaum sein eigenes Wort...« Nach solcher Mahnung verstummte wohl der Vogel und blickte mit erstaunten Äuglein unruhig umher, doch über die ihm zugefügte Kränkung schien ihn das zarte Stimmchen rasch zu trösten, das ihm durch die Drähte des Bauers zärtlich und leise zulispelte: »Goldi-Goldi! Mein süßes, süßes Goldi!« In dem kleinen Erker, den die Sonne mit leuchtenden Strahlen durchwob, stand der aus seinen Drähten geflochtene Käfig auf dem Nähtisch. Vor ihm, in einem schwerfälligen Rohrfauteuil, kauerte mit aufgezogenen Füßchen ein etwa sechsjähriges Mädchen. Es war ein hageres Figürchen mit schwächlichen Gliedern und von beinahe kränklichem Aussehen. Braune Löckchen umschatteten das feine Gesicht, ein beständiges Zucken und Zittern ging um die schmalen Lippen des Mündchens und um die dünnen Flügel der feinen Nase, und aus den großen, feuchtglänzenden Augen sprach ein frühreifer Geist, eine empfindsame Kinderseele. Die mageren Ärmchen hatte das Kind um den Käfig gelegt, das Köpfchen lag seitwärts geneigt auf der Schulter, und so schaute es mit heißen, zärtlichen Blicken zu dem Vöglein empor, das hurtig über die Stäbchen hüpfte und die kleinen Flügel spreizte, deren gelbe Federchen in der Sonne wie Gold erglänzten. Und immer wieder flüsterte das Kind mit gespitztem Mäulchen: »Goldi- Goldi! Mein süßes, gutes Goldi!« »Mimmi!« klang vom Tische her die Stimme der Mutter. »Laß doch einmal den Vogel in Ruhe!« Erschreckt fuhr das Kind mit dem Köpfchen in die Höhe und stammelte mit schüchternem Stimmlein: »Aber ... Mama ... ich thu' ihm ja nichts.« »Ja, das weiß ich, daß du dem Vogel nichts thust!« erwiderte die Mutter halb im Ernst und halb im Scherz. »Ich glaube, du thätest eher mir etwas!« Die beiden Frauen lachten und plauderten weiter. Auf den Zügen des Kindes aber, das in den Stuhl zurückgesunken war, lag der Ausdruck eines tiefen Schrecks. Mit angstvollen Augen blickte es zur Mutter hinüber, und wenn es auch zuweilen mit einem scheuen, heimlichen Blick das hüpfende, leise zwitschernde Vöglein streifte, so glitten die feuchten, furchtsamen Kinderaugen doch immer wieder hinüber zum Tische und starrten die Mutter an, wie ein großes, unfaßbares Rätsel. Und dabei zupften und nestelten die zitternden Händchen unablässig an dem Saum des gehäkelten Tuches, das über den Nähtisch gebreitet war. Nun hörte man vom Flur herein die Glocke; die Mutter sprang auf, ihre Freundin erhob sich, und auch Mimmi machte eine Bewegung, als wollte sie den Stuhl verlassen. Aber der jubelnde Laut, mit welchem die Mutter ihren "Prinzen" begrüßte, der auf dem Arm seiner Amme unter der Thür erschien, mochte Mimmis Absicht geändert haben; mit finsterem Gesichtchen preßte sie sich in den Stuhl zurück, zog die Schulterchen in die Höhe und begann an den Nägeln zu kauen, während sie keinen Blick von der Mutter verwandte, die ihren Buben mit überschwänglicher Zärtlichkeit herzte und küßte. Und bei jedem Kusse, bei jedem zärtlichen Namen und Koselaut, der vom Tisch herüberklang in den Erker, wurde die Röte auf Mimmis Wangen immer tiefer und heißer, der sehnende, dürstende Ausdruck der weit geöffneten Augen immer begehrlicher. Und endlich glitt sie vom Stuhl herab, kam zögernd an die Seite der Mutter geschlichen, umklammerte ihren Arm mit beiden Händchen und stammelte: »Mama!« »Laß mich!« Und mit dem Ellbogen schob die Mutter das Kind beiseite. »Geh' du nur zu deinem Goldi!« Die Thränen schössen in Mimmis Augen, die Lippen fielen ihr auseinander, und langsam hob sie das Händchen an den Hals, als empfände sie einen plötzlichen Schmerz in der Kehle. So stand sie noch eine Weile, während ihr Brüderchen von den beiden Frauen geherzt, bewundert und gehätschelt wurde; dann wandte sie sich ab, schlich dem Erker zu, kauerte sich auf den Stuhl, legte wieder die Armchen um den Käfig und ließ das Köpfchen auf die Schulter sinken, mit dem Gesichte gegen das Fenster, um die Thränen zu verbergen, die aus ihren Augen niederrieselten über die heißen Wangen. Und als verstünde der Vogel den Kummer seiner kleinen Freundin, so kam er über die Stäbchen herabgehüpft, klammerte sich an die Drähte des Käfigs, wendete forschend das Köpfchen hin und her und pickte mit seinem Schnäbelchen nach den zuckenden Lippen des Kindes. Da versiegten Mimmis Thränen, ihre Augen leuchteten auf, noch näher drückte sie ihr Gesichtchen an die Drähte des Bauers, und lautlos bewegten sich ihre Lippen ... sie sagte es nicht ... sie dachte nur, was sie sagen wollte: »Goldi! Mein gutes, liebes Goldi- Goldi!« Und das "Goldi" hüpfte und flatterte, zwitscherte ein Gesätzlein ums andere, und nun schwang es sich zu oberst im Käfig in den schwebenden Ring und schaukelte sich mit abwärtshängendem Körper, als hätt' es das Turnen von einem Papagei gelernt. Mimmi klatschte vor Freude in die Hände und jubelte: »Mama, sieh doch her, was das "Goldi" treibt...« »Jetzt hab' ich es aber satt, das Gethu' mit dem Vogel,« schalt die Mutter, welche von Mimmis Jubel in einer drastischen Schilderung der Amme und ihrer tyrannischen Ansprüche unterbrochen wurde. »Entweder du gehst aus dem Zimmer, oder ich trage den Käfig hinaus.« »Aber ich bitte,« fiel die Freundin begütigend ein, »lassen Sie dem Kinde doch sein unschuldiges Vergnügen.« »So unschuldig ist das Vergnügen nicht! Mir gefällt das schon lange nicht mehr ... diese übertriebene Zärtlichkeit für ein Tier! Das Kind hat ja den dummen Vogel lieber als mich.« Das war kein Scherz mehr; aus diesem Worte klang wirklicher Ärger, fast etwas wie Eifersucht. Dieser Laut drang in die Seele des Kindes, und wieder war in seinen Augen jener starre, furchtsame, fast entsetzte Blick. Regungslos saß es eine lange Weile und starrte nur immer vor sich hin ins Leere. Und plötzlich löste sich, was im Herzen des Kindes nagte, was in seinem Köpfchen stürmte und wirbelte, in ein heftig erströmendes Schluchzen. »Aber Mimmi!« fuhr die Mama auf. »Was hast du denn? Weshalb weinst du jetzt? Du weißt, diese grundlose Weinerei ist mir unausstehlich! Geh' aus dem Zimmer ... geh'!« »Ich bitte ... Mama ... ich will ... nicht weinen!« stammelte das Kind und suchte sein Schluchzen gewaltsam zu unterdrücken. Wieder legte sich die Freundin ins Mittel, und Mimmi durfte bleiben. Aber ehe die Mutter weiterplauderte, streifte sie noch das Kind mit einem unwilligen Blick. Unter diesem Blick schauerte das Kind zusammen, und da saß es nun still und lautlos, nur manchmal hob es die Hand, um die Thränen von den Wangen zu wischen, und dann erschütterte wohl ein unterdrücktes Schluchzen das zarte Körperchen in allen Gliedern. Mit nassen Augen hing Mimmi an dem Käfig und verfolgte jede Bewegung ihres zwitschernden Lieblings. Ihre Blicke und Züge nahmen einen sinnenden, grübelnden Ausdruck an, und dann – wie unter einem plötzlichen Einfall – zitterte ein verträumtes Lächeln um ihre Lippen ... Die beiden Frauen hatten sich ausgeplaudert, und als die Freundin sich zum Abschied erhob und nach dem Erker kam, um dem Kinde die Hand zu reichen, schaute Mimmi mit verlorenen Blicken zu ihr auf und wußte kein Wort hervorzubringen. Doch während die Frauen zur Thür gingen, wandte Mimmi langsam das Gesichtchen, und mit einem heißen Blick voll kindlicher Zärtlichkeit folgten ihre Augen der Mutter. Und dann ... scheu und hastig, als begänne sie etwas Verbotenes und fürchtete, überrascht zu werden ... kletterte sie auf den Stuhl und öffnete mit gewaltsamer Anstrengung das Fenster. Mit zitternden Händen schob sie den Käfig zum Gesimse, zerrte das Thürchen auf, und unter rinnenden Thränen stammelte sie: »Flieg' fort, Goldi ... flieg' fort ... flieg' fort!« Weinend kauerte sie sich in den Stuhl zurück, starrte mit nassen, ängstlichen Augen auf den Käfig und erzitterte bei jeder Bewegung, die sie das Vöglein machen sah. Das »Goldi« hatte schon wahrgenommen, daß der Käfig offen stand; es flatterte über die Stäbchen nieder, hüpfte zögernd unter das offene Thürchen, dann hervor auf den Rand des Gestelles, und hier stand es mit trippelnden Füßchen und wendete mit neugierigem Geschau das Köpflein nach allen Seiten. Ein paarmal hob es die Flügel ... Mimmi zitterte und schluchzte ... und plötzlich flatterte es hinüber auf das Gesims des offenen Fensters. Hier aber dachte es an alles andere, nur nicht ans Davonfliegen; lustig hüpfte es auf und nieder und pickte nach den winzigen Staubkörnchen, die auf dem weißgestrichenen Brette lagen. Da klang von draußen das Geräusch einer sich schließenden Thür, und Schritte näherten sich durch den Flur. Erschrocken fuhr Mimmi auf. »Fort ... du!« stammelte sie, beinahe zornig, und mit scheuchendem Zischen und schlagenden Ärmchen jagte sie das »Goldi« aus dem offenen Fenster. Pispernd flatterte der Vogel hinaus ins Freie, umschwirrte mit ängstlichem Gezwitscher das Fenster und verschwand dann seitwärts hinter der Mauer. Da brach es jählings aus dem Kinde hervor, mit Weh und Thränen, es streckte die Ärmchen und schluchzte: »Goldi-Goldi ... mein süßes Goldi!« Die Thür ging auf und die Mutter betrat das Zimmer. Ein kühler Luftstrom fuhr ihr entgegen. Sie gewahrte sofort das offene Fenster und eilte erschrocken nach dem Erker. »Aber Mimmi! Du ungezogenes Kind! Wie kannst du dich nur unterstehen, jetzt am Abend das Fenster zu öffnen! Du wirst dich erkälten!« So zornig auch diese Worte klangen – es sprach doch aus ihnen die wirkliche Sorge des mütterlichen Herzens. Hastig schloß die Mutter das Fenster, und als sie sich zurückwandte, um die kleine Sünderin noch tüchtig auszuschelten, sah sie plötzlich den leeren Käfig und sah das verstörte, von Thrännen überronnene Gesicht ihres Kindes. »Mimmi!« fuhr sie erschrocken auf, »was hast du gethan!« Unter Schluchzen und Schluchzen, nur mühsam, kam es über Mimmis Lippen: »Mein Goldi ... mein Goldi ... hab' ich fliegen lassen ... damit du ... nicht glaubst ... daß ich das Goldi ... lieber hab'... als dich!« Die Augen der Mutter wurden feucht, und als ihr der reine Strahl entgegenleuchtete, der aus den Augensternen ihres Kindes brach, da kam es jählings über ihr Herz wie eine Offenbarung: das Bewußtsein ihrer eigenen Schuld und die Erkenntnis des kostbaren Schatzes, der verzaubert lag in der Tiefe dieses jungen Gemütes. »Kind! Kind! Mein gutes, mein liebes Kind!« so stammelte sie, umschlang in ungestümer Zärtlichkeit mit beiden Armen das zitternde Geschöpfchen und überströmte sein zuckendes, thränennasses Mündchen mit Küssen und Küssen. Und Mimmi schlug die Ärmchen um der Mutter Hals, und unter Lachen und Schluchzen schmiegte sie das Gesichtchen an ihre Wange. Da ließ sich vom Fenster her ein Klirren, Picken und Schwirren vernehmen, und als die Mutter das Gesicht erhob, sah sie das Vöglein, dem die Freiheit nicht gefallen wollte, über die geschlossene Scheibe ängstlich hin- und widerflattern. »Mimmi! Sieh doch her! Dein Goldi ist wieder da, es hat dich zu lieb, es will nicht fort von dir!« so lachte sie, und ohne das Kind aus ihrem Ann zu lassen, riß sie das Fenster auf. Und geraden Weges flatterte der Vogel dem offenen Thürchen des Käfigs zu, schlüpfte hinein, schwang sich auf das oberste Stäbchen, setzte sich bequem zurecht und schüttelte die Federn. »Mimmi! So sieh doch her! Sieh doch her! Dein Goldi ist wieder da!« Doch Mimmi wollte nicht sehen und hören. Nur noch enger krampfte sie die Ärmchen um der Mutter Hals, drückte das Gesichtchen am ihre Brust und weinte ... und weinte ... Der blinde Passagier. Wir hatten uns über das unerschöpfliche Thema wieder einmal müde geredet und saßen mit heißen Köpfen um den Tisch. Nur ein einziger war bei all dem Spektakel, den wir erhoben hatten, als stummer Zuhörer dabeigesessen. Er hatte nur zuweilen gelächelt und sich ab und zu mit der Spitze seiner kleinen Holländerpfeife hinter dem Ohr getraut. Das war unser alter Kapitän Claas Petersen. Nun aber, da wir alle schwiegen, legte er sich mit breiten Ellbogen in den Tisch, paffte eine dicke Wolke vor sich hin und sagte: »Na ja, so seid ihr Stadtratten! Was ihr mit Zahlen nicht beweisen könnt, das existiert nicht für euch. Ihr seid wie der Blinde, der von der Farbe redet, und was ihr nicht greifen könnt, das wollt ihr nicht glauben. Nu ja, was erlebt man auch in der Stadt! Einen Tag um den anderen! Aber setzt euch 'mal auf 'n braves Schiff und laßt euch so an die dreißig und vierzig Jahre herumblasen auf allen Meeren, dann sollt ihr Dinge erleben zwischen Himmel und Erde ... na, ihr wißt wohl, wie der olle Prinz von Dänemark sich auszudrücken pflegte.« »Hoho!« lachte Steffen Sundag, der jüngste unter uns allen. »Ihr habt wohl mit dem Klabautermännlein Bruderschaft getrunken und den Fliegenden Holländer jeden Sonnabend zum Thee geladen?« »Nee, dummer Jung'!« brummte Claas Petersen. »Aber Dinge hab' ich erlebt, bei denen dir das Herz nur deshalb nicht in die Hose gefallen wär', weil du die Hose vorher verloren hättest.« Helles Gelächter erhob sich rings um den Tisch. Dann blickten wir alle in Spannung auf die bärtigen Lippen des alten Seemannes; eine stille Pause trat ein; aber wir drängten ihn nicht zum Erzählen; wir alle wußten aus Erfahrung, daß Claas Petersen das Drängeln nicht liebte. Schweigend saß er da, paffte langsam ein Wölklein um das andere vor sich hin, und dabei hatten seine stahlgrauen Augen einen so verlorenen Blick, als wären seine Gedanken in vergangener Zeit und weiter Ferne. Nun lehnte er sich in seinen Winkel zurück, streifte uns der Reihe nach mit einem wägenden Blick und leerte langsam sein Glas. »Heda, Käthe, mach' mir doch 'mal mein Glas wieder flott!« Und als das Mädchen mit dem Glas nach der Küche segelte, sagte Claas Petersen: »Na also, Jungens, ich will euch die Geschichte erzählen, es ist die merkwürdigste von allen, die ich erlebt habe, und wenn sie nicht wahr ist Wort für Wort, dann dürft ihr den ollen Claas Petersen einen ranzigen Fisch heißen.« Noch einen tiefen Zug aus seinem Pfeiflein, einen tüchtigen Schluck aus dem frisch gefüllten Glas, dam begann er: »Im heurigen Sommer werden es an die zweiundzwanzig Jahre. Ich führte in dem dritten Winter das Kommando auf der ›Mary Anne‹. Eine Schoonerbark von vierzehnhundert Tonnen mit zwölf Passagierskajüten ... ein schmuckes, lustiges Schiff, flink wie eine Möve und wasserfest wie ein Seehund ... Gott hab' sie selig, die gute ›Mary Anne‹, jetzt liegt sie seit sieben Jahren bei Far Öer ein Paar hundert Faden tief unter Wasser. Aber damals, zu meiner Zeit, da war sie noch schmuck auf, wie eine Dirn' auf dem Tanzplatz. Ich hatte allerlei Zeug nach Boston geladen und acht Passagiere an Deck. Durch den Kanal hatten wir leidlich gute Fahrt; kaum aber schwammen wir ein paar Tage draußen auf offener See, da fiel das Wetter über uns her, daß uns Hören und Sehen auf drei Tage verging. Die ›Mary Anne‹ verlor den Kurs, und als sie am vierten Tage das Steuer wieder zu fühlen begann und das Wetter mit sich reden ließ, saßen wir droben über dem einundsechzigsten Grad, ein paar hundert Seemeilen von Island. Ich war in einer Laune, wie ein Häring, wenn er im Salz liegt, und fluchte den ganzen Tag wie ein Türke. Bis ich meinen Kurs wieder aufholte, waren ja zehn Tage Fahrt verloren. Dazu eine Kälte, daß einem das Herz im Leibe fror. Jede halbe Stunde ließ ich mir einen festen Grog aufs Heck bringen, aber es half nicht. Der steife Nordwest, unter dem wir segelten, blies mir bis in die Knochen, und dazu sangen die Wanten, Etage und Pardunen im Winde durcheinander wie die Chorbuben, wenn sie aus dem Takt kommen. Da war's nun um die vierte Wache. Wir hatten gelogt, und ich gehe hinunter in meine Kajüte, um die Eintragung ins Logbuch zu machen. War auch froh, daß ich mich ein wenig auswärmen konnte. Und nun denkt euch, Jungens: Wie ich in meiner Kajüte unter die Thür trete, seh' ich hinter dem Tisch, auf dem die Seekarte ausgelegt ist, einen Menschen sitzen, den ich nicht kenne. Ein langer hagerer Kerl, so um die dreißig Fahre herum, mit einem weiß-blonden Bart. »Holla!« sag' ich, und da blickt er auf, und aus einem totenblassen, verkümmerten Gesicht sieht er mich mit seinen großen, wasserblauen Augen starr und durchdringend an und fährt dabei mit gestrecktem Finger über die Seekarte, als wollte er mir einen Kurs bezeichnen. Ich spüre, wie es mir so merkwürdig über den Rücken läuft, als striche eine eiskalte Hand darüber. Aber gleich wieder schüttle ich den Kopf, unwillig über mich selbst. Na, denk' ich, es wird wohl einer von den Passagieren sein! Hatte ja die Tage her blutwenig Zeit, mich um sie zu kümmern und gute Bekanntschaft zu machen. Und da hat sich nun einer in meine warme Kajüte gesetzt und treibt seinen Ulk mit mir. Aber wie ich noch so denke, fällt mir auf, daß der Mensch da über seinen Haaren eine Kapitänsmütze sitzen hat, und daß er ein Zeug am Leibe trägt, wie ein richtiger Seemann. Ich mache einen Schritt in die Kajüte ... »Sie, Herr!« will ich sagen ... aber das Wort bleibt mir im Halse stecken. Denn die Bank, auf der ich ihn sitzen sah, zum Greifen wirklich, ist plötzlich leer ... und ich bin allein. Ich fasse mich an der Stirn, ich wische die Hände über die Augen ... aber die Bank ist leer! Eine Gänsehaut fährt mir über den Rücken. Aber ich war doch kein Narr, ich war doch ein vernünftiger Mensch mit gesunden Sinnen. Oder ... zum Teufel, denk' ich mir hast du dir doch vielleicht ein paar Gläser zu viel hinter die Binde gegossen? Aber nein, ich stand ja so fest und gerade wie mein Hauptmast, und meine Augen hatten ihren richtigen, sicheren Blick. Freilich, in meinen Händen fühlte ich ein leichtes Zittern. Eine Weile stand ich noch wie angewurzelt, dann nahm ich das Logbuch vor und machte meine Eintragung. Und wie ich nun die Kajüte verlassen und wieder auf Deck steigen will ... ich war schon unter der Thür ... da dreh' ich den Kopf, um noch einmal zurückzuschauen ... und glaube, daß mir vor Schreck alles Blut gerinnt. Dort, auf drei Armlängen vor mir, saß der Mensch wieder am Tische, genau so wie zuvor, den gestreckten Finger auf der Karte, den starren, durchdringenden Blick auf mich gerichtet. Jetzt war es aber auch zu Ende mit meiner Ruhe und Besinnung. Als wäre der leibhaftige Teufel hinter mir her, so schlug ich die Thüre zu, rannte hinauf auf Deck und rief meine beiden Offiziere. Sie sahen mir's gleich am Gesichte an, daß irgend etwas geschehen wäre. »Jungens,« sag' ich, »wir haben einen blinden Passagier an Bord.« Und dabei war ich meiner Sprache kaum mächtig. Als ich dann erzählte, was mir begegnet war, lachten sie ... gerade so, wie ich euch jetzt lachen sehe. Aber als ich das dumme Gelächter ein wenig krumm nahm und mich, zitternd an allen Gliedern, an die Beting lehnte, wollten sie mir einreden, daß ich krank und im Fieber wäre. Und ich war doch so gesund wie ein Fisch im Wasser. Sie suchten mich zu beruhigen und schlugen mir vor, mit mir hinunter zu gehen in die Kajüte, um die Sache zu untersuchen. Das geschah nun auch; die Kajüte fanden wir leer ... Das ganze Schiff, vom Oberdeck bis hinunter zum Kielschwein wurde durchsucht ... es sind ja Fälle vorgekommen, daß sich solch' ein eingeschlichener Hallunke durch lange Wochen in der Last verborgen hielt, um schließlich durch einen Zufall entdeckt zu werden ... aber nichts, nichts wurde gefunden. Und als wir dann wieder in meiner Kajüte saßen und über die merkwürdige Geschichte so hin und her reden ... Hanse Kollins, mein erster Steuermann, liegt mit den Armen über dem Tisch ... noch heute seh' ich ihn vor mir sitzen ... und da beugt er sich plötzlich über die Karte, so merkwürdig betroffen, deutet mit dem Finger auf eine Stelle und sagt: »Käpt'n Petersen, habt Ihr das gemacht?« »Was?« sag' ich. »Was soll ich gemacht haben?« »Hier,« sagt er, »von unserem Kurs, genau von dem Platz, an dem wir stehen mit der ›Mary Anne‹, ist auf der Karte gegen Nord-Nordost ein Strich gemacht, wie von einem Fingernagel eingedrückt.« Ich sehe zu ... und es war richtig! Und geschworen hätt' ich, daß dieser Strich vor einer Stunde noch nicht auf der Karte war. Eine Weile schauten wir uns schweigend an, und dann sagt' ich: »Jungens,« sagt' ich, »das hat 'was zu bedeuten! Und jetzt weiß ich, was ich thue!« Nehme den Mäntel um, drücke mir die Mütze in die Stirn ... und hinauf an Deck. Ich gebe das Kommando, in zweieinhalb Minuten hatte die ›Mary Anne‹ das Manöver ausgeführt, und wir segelten den Kurs an, den der unheimliche Passagier auf der Karte vorgezeichnet hatte. Zu allen Einwendungen meiner Offiziere schüttelte ich nur den Kopf. »Ich will wissen, was das zu bedeuten hat,« das war mein einzig Wort. Ich hatte in meinem innersten Herzen die Überzeugung, daß uns etwas Außergewöhnliches bevorstände. Die Nacht verging, und dann bei grauendem Morgen ... ich war schon wieder an Deck ... da meldet plötzlich der Lugaus: »Eisberg in Sicht!« Ein paar Minuten und in gerader Linie vor unserem Kurse taucht eine bläulich schimmernde Masse über die breitrollende See herauf. Ich schaute mir das Auge fast blind durch das Fernrohr, aber der Tag dämmerte noch zu trüb, ich vermochte nicht scharf genug zu unterscheiden. Da nimmt mir Hanse Kollins – der Bursch hatte Augen wie ein Fischgeier – das Glas aus der Hand, und kaum hatte er einen Blick durchgeworfen, so schreit er: »Käpt'n Petersen, ich seh' was!« »Was siehst du, min Jung',« sag' ich, zitternd vor Aufregung. »Eine Steng' seh' ich, und an der Steng' ist eine rote Notflagg' gehißt!« Jetzt möcht' ich euch sagen können, Jungens, wie es auf der ›Mary Anne‹ lebendig wurde. Alles rannte auf dem Vordersteven zusammen, Mannschaft und Passagiere, bald schrie man durcheinander, und dann wieder war lautlose Stille. Immer näher kamen wir dem Eisberg und jetzt konnten wir schon mit freien Augen die Notflagg sehen, eine rote, vom Winde zerfetzte Blouse. Die ›Mary Anne‹ drehte bei vor dem Wind, wir ließen ein Boot in See ... Hanse Kollins am Steuer, acht Mann an den Riemen, ich selbst mit dem Glas am Steven ... so ging's auf den Eisberg zu. An einer vorspringenden Scholle legten wir an, und aus vollem Halse schrie ich: »Boot ahoi!« Doch keine Antwort! Hanse Kollins aber ... der Bursch hatte Glieder wie eine Katze ... war schon über eine zackige Eiswand emporgeklettert, und mit einmal schreit er zu uns herunter: »Da liegen sie ... drei Mann!« Im Hui waren wir droben bei ihm, und in einer Mulde des Eisgrundes sahen wir sie liegen, eingehüllt in Mantel und Kotzen, starr und leblos, drei Mann ... und unter ihnen ein Gesicht, das ich schon einmal im Leben gesehen hatte ... um die vierte Wache tags zuvor, hinter dem Tisch in meiner Kajüte. Das war das gleiche totenblasse, kummervolle Gesicht, der gleiche weißblonde Bart ... nur die Augen sah ich nicht, denn die Lider waren geschlossen. Eine halbe Stunde, und die drei armen, auf den Tod erstarrten Jungen lagen wohlgeborgen in unserem Boot. Den Kopf des Weißblonden hielt ich in meinem Schoß; ich rieb ihm das Gesicht mit Branntwein, goß ihm Branntwein auf die Lippen, und da plötzlich fing er zu schlucken an, und zwischen meinen Knien spürt' ich es, wie ihm die Brust langsam auseinander ging. Ganz sachte schlug er die Augen auf ... es waren die gleichen wasserblauen Augen ... mit einem langen Blick sah er mich an und murmelte: »Der Kapitän ... der ›Mary Anne‹!« »Ja, Freund,« sag' ich, und ich brachte die Worte vor Aufregung kaum aus der Kehle. »Habt Ihr mich denn im Leben schon einmal gesehen?« Er schüttelte den Kopf. »Niemals ... doch ja ... wann es war weiß ich nicht ... doch als ich zu erstarren begann und die letzte Hoffnung aufgab, da sah ich plötzlich ganz nahe vor mir eine Schoonerbark ... und deutlich könnt' ich an der Galjon den Namen lesen: ›Mary Anne‹. Und dann wieder war es mir, als saß' ich in einer fremden Kajüte hinter dem Tisch ... und ... und ...« Weiter kam er nicht, er hatte das Bewußtsein wieder verloren. Als wir eine halbe Stunde später die Geretteten an Bord der ›Mary Anne‹ brachten, wurde alles Nötige unternommen, um die Erstarrten und Halbverhungerten ins Leben zurückzurufen. Und Gott sei Dank, es gelang uns. Freilich konnte sich keiner auf den Beinen halten, und schwach waren sie, daß sie kaum ein paar Schluck' und einen armseligen Happen hinunterbrachten. In der warmen Roof schliefen sie bis zum nächsten Morgen. Als sie dann erwachten und tüchtig gefuttert hatten, erzählte mir der Weißblonde, daß er Kapitän auf dem Walfischfänger ›Holfest‹ gewesen und vor drei Tagen im Sturm sein Schiff mit vierzehn Mann verloren hätte. Als ich ihm aber sagte, er möchte mir jetzt genauer erzählen, wie denn das gewesen wäre, als er im Erstarren plötzlich die ›Mary Anne‹ gesehen hätte ... da wußte er sich auf nichts mehr zu besinnen, rein auf gar nichts. Und steif und fest behauptete er, daß er mich zum erstenmal gesehen hätte, als er an Bord der ›Mary Anne‹ aus seiner Ohnmacht erwachte.« Claas Petersen that einen tiefen Zug aus seiner Pfeife, sah uns der Reihe nach an und sagte: »Na also, Jungens, was jetzt?« Wir alle schwiegen. Nur Steffen Sundag wagte eine ungläubige Bemerkung. Kapitän Petersen strich sich mit dem Rücken der Hand den grauen Bart auseinander und sagte: »Steffen Sundag! Habt Ihr schon erfahren, daß Claas Petersen ein einzigmal in seinem Leben gelogen hat? Na also! Und daß Ihr es wißt ... der Weißblonde heißt Jürgen Folding und sitzt heute mit Frau und Kindern zu Lönborg am Stavninger Haff in einem schmucken Häuschen. Und Hanse Kollins lebt auch noch und fährt auf der ›Denderab‹ zwischen Hamburg und Valparaiso. Die beiden könnt' Ihr fragen, Steffen Sundag ... was der eine nicht weiß, das weiß der andere. Und somit gute Nachtfahrt!« Kapitän Petersen leerte sein Glas und kreuzte mit gerefften Segeln, das heißt mit den Händen in den Hosentaschen, zur Thür hinaus. Der Wildbach. Unablässig strömte der Regen aus den grauen Wolken, welche drückend niederhingen über das Bergthal und alle Höhen verschlossen hielten. Kein Laut des Lebens ließ sich in weiter Runde vernehmen, man hörte nur das grollende Rauschen des hoch angestiegenen Thalbaches und das dumpfe Toben der Regenstürze und Wildbäche, welche von den Berggehängen thalwärts stürmten, Felsbrocken und Baumstrünke vor sich herwälzend in weißschäumender Flut. Unablässig strömte der Regen, ununterbrochen schon in die dritte Woche, und wieder ging mit Strömen und Gießen ein Tag zu Ende, ohne daß sich ein Wechsel zum Besseren erhoffen ließ. Auf allen Wiesen ging das Heu zu Grunde. Die Feldfrucht faulte auf den Halmen, und in den Wäldern stürzte Baum um Baum, da in dem ausgeschwemmten Erdreich die Wurzeln ihren Halt verloren. Unablässig strömte der Regen und immer lauter tönte von überall das tobende Rauschen, während die langsam ziehenden Wolken sich dunkler und dunkler färbten im sinkenden Abend. Das alte Weiblein, welches abseits von der Straße unter den triefenden Ästen einer mächtigen Fichte kauerte, die zitternden Hände in die blaue Schürze gewickelt, hatte schon Mühe, mit den Blicken die Dämmerung und den Regenschleier zu durchdringen. In brennender Sehnsucht irrten die alten Augen über die öde Landstraße dahin, deren Grund sich in einen fließenden Bach verwandelt hatte. Endlich kam der Erwartete, ein alter Mann, in triefenden Zwilch gekleidet; unter dem mürben Filzhut quollen ein paar weiße Strähne hervor und klebten an den furchigen Wangen des steingrauen Gesichtes. Der Regen schien den Alten nicht zu kümmern; mit gesenktem Kopfe zur Erde starrend, kam er in gleichmäßigem Schritt die Straße einhergewatet; am einem Stricklein trug er die Holzaxt, deren Schneide mit einem hölzernen Klötzchen versichert war, und über den Schultern schleppte er ein großes Bündel, dessen Inhalt eine dicke Lodenkotze vor dem strömenden Regen zu schützen suchte. Als die alte Frau den Näherkommenden gewahrt hatte, war sie aufgesprungen. Nun eilte und watete sie ihm entgegen. »Steffel! Grüß' dich Gott, Steffel! Schier hab' ich nimmer g'meint, daß ich dich heut noch derwarten kann!« »Aber Sephi, geh', was treibst denn!« schmollte der Alte; doch als er die angstvollen, thränennassen Augen seines Weibes sah, verstummte er, und ein Zucken und Zittern ging über seine steinernen Züge. Und dann, scheu und leise, als hätte er Furcht, zu fragen, kam es über seine welken Lippen: »Was macht er denn?« »O mein Gott, Steffel, o mein ...« und Sephi brach in helles Schluchzen aus, »heut treibt er's arg! So Hab' ich ihn noch nie net g'seh'n! So net, Steffel ... so net!« »No schau, geh', thu' dich net sorgen,« tröstete der Alte mit schwankender Stimme, »er is halt einer von die Wilden, gleich in der Höh', voller Hitz' und Zorn! Aber thu' dich net sorgen ... es legt sich schon wieder! Ich weiß ja, wie er is! Wie oft schon is er g'wesen, daß ich g'meint Hab', jetzt und jetzt is' aus ... und allweil wieder hat er mit ihm reden lassen und hat nachgeben als der G'scheitere! Ah na, wir Zwei, wir kennen uns, ich furcht' ihn net ... drum thu' dich net sorgen, Sephi, geh', und komm' jetzt, komm'!« Er zog dem schluchzenden Weib die Hände vom Gesicht und versuchte ein sorgloses Lächeln, das ihm freilich nicht ganz gelingen wollte. Dann schritt er voran auf einem schmalen, steilen Waldpfad, über dessen Stufen das gesammelte Regen- Wasser in weißen Wellen niederplätscherte. Es wurde dunkler und dunkler, während die beiden den Wald durchschritten ... und je mehr sie zur Höhe kamen, desto näher klang das stürmende Rauschen, das Beben und Tosen eines Wildbaches, vermischt mit dem Rollen und Krachen der Steinklötze, die er vor sich hertrieb in seinem uferlosen Bette. »Hörst ihn, Steffel,« schluchzte das Weib, »hörst ihn, wie er thut!« »Ja, ja,« murmelte der Alte, »heut thut er schon sakrisch wild!« - Nun traten sie unter den Bäumen hervor in ein schmales Thal, das zwischen steile Waldgehänge gelagert war. Jeder Pfad vor ihnen war verschwunden – die ganze Breite des Thales füllte das tosende, von sprühendem Gischt überdeckte Wasser des Wildbaches. Weiß leuchteten die springenden Wellen aus der Dämmerung, und zwischen ihnen, gleich fliegenden Schatten, schossen die Klötze und gebrochenen Stämme der Tiefe zu. Mühsam suchten sich die Beiden einen Weg zwischen Wasser und Wald. Da schimmerte ihnen aus der Höhe ein mattes Licht entgegen. »Aber, Sephi ... in der Stuben brennt ja a Licht! Geh ... für was denn?« »Ah na, kein Licht net ... es is g'rad 's Lamperl im Herrgottswinkel ... ich hab's halt an'zünd't ... weißt... wann der nimmer hilft, so hab' ich mir denkt, nachher ... nachher ...« Sie brachte es nicht über die Lippen, was sie noch weiter sagen wollte. Wieder stiegen sie bergan, und nun erreichten sie das kleine Blockhaus, das auf einem vorspringenden Hügel hinausgebaut war bis hart an das Gerinne des Wildbaches. Den Weg zur Thür hielt das Wasser schon versperrt; von der Waldseite her mußten sie die hölzerne Galerie besteigen, welche das Haus umzog. Der Boden schwankte und zitterte unter ihren Füßen, und springende Wellen schlugen über das Geländer. Wenn sie sprachen, konnte eines das andere nicht verstehen, so lärmte und tobte der Bach. Es war eine armselige Stube, die sie betraten, aber zwischen diesen kahlen, rauchgeschwärzten Wänden hatten sie treu zusammengehalten durch vierzig lange Jahre, hier hatten sie all' das viele Leid und all' die wenige Freude ihres stillen Lebens geteilt, hier hatten sie die Kinder geherzt, die Gott ihnen geschenkt und wieder genommen ... eine armselige Stube, aber eine Stube des Hauses, das ihr einziges Eigen war, der ganze Reichtum ihrer Armut, jeder Splitter dieser morschen Balken verwachsen mit ihrem Dasein, mit all' ihrem Fühlen und Sinnen. Schweigend hatte Steffel die Schwelle überschritten und das schwere Bündel niedergelegt. Das Lichtlein, das im Herrgottswinkel unter dem großen, plump geschnitzten Kruzifix brannte, warf nur einen matten Schimmer. Sephi entzündete eine Kerze, und als sie beim Schein derselben das verstörte, kalkweiße Gesicht ihres Mannes sah, überkam sie ein Schreck, daß ihr die Knie zu brechen drohten. »Steffel ... gelt ...« stammelte sie, »thust dich selber schon sorgen?« Er schüttelte wortlos den Kopf. Mit zitternder Hand schob sie den Leuchter auf das Fensterbrett, ging zum Ofen, nahm aus der Röhre die Schüssel mit der kalt gewordenen Suppe und trug sie zum Tisch. Wieder schüttelte Steffel den Kopf. »Später, Sephi, später ... z'erst muß ich schauen, was er macht ... der da draußen!« Er brachte aus dem Bündel mehrere Kienscheite hervor, die in lange Späne zerschlissen und mit Harz getränkt waren. »Gelt, Steffel, hast dir schon 'denkt, daß du a Leuchten brauchst heut in der Nacht,« stotterte Sephi, während ihr die Zähren über die furchigen Backen kollerten. Er nickte nur und steckte an der Kerzenflamme eine der Fackeln in Brand. Als er die Stube verließ, wollte sie ihm folgen. Er aber sagte: »Geh', Alte, bleib' herin, helfen kannst mir ja nix ... und ... und g'schehen könnt' dir auch 'was.« So blieb sie. Vor dem Tisch warf sie sich auf die Knie, kämpfte die Hände ineinander, und unter Schluchzen fing sie zu beten an. Während sie unablässig die Namen des dreifaltigen Gottes und aller Heiligen stammelte, zitterte und schwankte der Boden, auf dem sie kniete, es rauschte und tobte der Bach, und zuweilen durchfuhr ein dumpf krachender Ruck das ganze Haus und den Hügel, von dem es getragen wurde. Wohl eine Stunde verging, ehe Steffel zurückkehrte. Und als er kam, mit dem verkohlten Fackelstumpf in der geschwärzten, blutigen Hand, mit zerrissenem Kittel und triesenden Haaren, da brauchte er seinem Weibe nicht zu sagen, daß es in dieser Stunde um sein Leben hergegangen war ... sie las es von seinem fahlen, starren Gesicht. Er brauchte ihr nicht zu berichten, wie schlimm es da draußen stand: daß der Pfahlrost, der den Hügel gegen die Gewalt des Baches schützen sollte, von den im Wasser treibenden Felsblöcken schon zerschnitten und zerschmettert wäre, und daß an dem schutzlosen Erdreich schon das Wasser nage, jede Welle ein scharfer Biß ... das alles las sie, und noch Schlimmeres, aus seinen verzweifelten Augen. »Steffel!« Nur diesen einen kreischenden Laut, mehr brachte sie nicht über die Lippen. Er nickte und ließ sich keuchend auf die Holzbank sinken. Und als er den Atem wieder fand, sagte er: »Wann noch 'was z'helfen is, muß g'holfen werden in der nächsten Stund'.« Da irrten ihre Blicke über die Wände hin, und sie streckte die beiden Hände, als könnte sie all den kleinen, armseligen Kram mit diesem einzigen Griff noch fassen und halten. Dann wieder schluchzte sie: »Jesus Maria, Steffel, laß' mich fort, ich lauf' ins Ort 'nunter um Leut'! ...« Er schüttelte den Kopf. »Da helfen keine Leut' nimmer, wann ich selber net helfen kann.« Mit diesen Worten erhob er sich und griff nach seiner Holzaxt. »Komm, Sephi, du mußt mir d'Leuchten halten!« Eine neue Fackel wurde in Brand gesteckt, und dann verließen sie durch die Hinterthüre das Haus; nur wenige Schritte hatten sie bis zur Höhe des Hügels, welche mit alten Fichten bestanden war; die Bäume traten bis dicht an die Böschung heran, welche steil zum Bette des Wildbaches niederfiel. Auf diese Bäume, welche im zuckenden Licht der lodernden Fackel sich tanzend zu bewegen schienen, deutete Steffel: »Von denen da könnt' einer noch helfen ... wann er möcht'.« Nun stand er auch schon neben dem mächtigsten der Stämme, und während sich Sephi mit hocherhobener Fackel an seiner Seite hielt, führte der Alte mit allem Aufgebot seiner Kräfte Schlag um Schlag. Aber es währte langer als eine Stunde, bis der Stamm sich zu neigen begann; und als er krachend stürzte, riß Steffel die Fackel aus Sephis Händen, sprang an die Böschung vor und verfolgte mit brennenden Augen den sinkenden Koloß. Mit Klatschen und Krachen schlug der Baum querüber in das Bett des Wildbaches, aber nur eine Minute lag er regungslos, dann begann er sich zu drehen, begann zu rollen, mit gesteigerter Macht faßten ihn die gestauten Wellen, schoben ihn zur Seite, man hörte, wie er mit dumpfem Stoß wider die ausgewaschene Narbe des Hügels rannte, und dann verschwand er in Wasser und Nacht. Steffel und Sephi sprachen kein Wort; mit verzweifeltem Blick nur schaute eines in das Auge des anderen ... und von neuem begannen sie die Arbeit. Wieder stürzte ein Baum, und wieder rissen ihn die Wellen mit sich fort. Der Morgen begann zu dämmern, als der dritte Baumstamm krachend niederschlug, um den gleichen Weg zu suchen, den die anderen gefunden. Da ließ der alte Mann die Axt aus den zitternden Händen sinken. »Jetzt kann ich nimmer, Sephi ... mit meiner Kraft is' gar!« »Jesus Maria!« schrie Sephi auf, »um tausendgotteswillen thu' ich dich bitten, Steffel, lass' net aus ... lass' net aus! G'rad noch ein einzig'smal probir's!« Keuchend richtete sich Steffel auf, wischte mit dem Ärmel den Schweiß von der bleichen Stirn und griff zur Axt. Noch aber hatte er sie nicht zum Schlag erhoben, da klang aus der Tiefe ein Ächzen und Knirschen, ein dumpfes Krachen und donnerndes Gepolter ... sie wandten die erblaßten Gesichter ... und da sahen sie den Hügel verschwunden, sahen ihr Haus inmitten des Wassers, überstürzt und übersprudelt von den schäumenden Wellen, unter deren Druck und Gewalt alle Balken sich lösten, alle Blöcke aus ihren Fugen sprangen. Der Schrei, der sich von den Lippen der beiden Menschen löste, ging unter in dem wilden Lärmen und Toben des Baches, der in wirrem Wust die Trümmer des zerstörten Hauses mit sich fortriß in die Tiefe. Sephi hielt das Gesicht mit den Händen bedeckt und schluchzte, Steffel stand wortlos, noch die Axt in der Hand, und hing mit starren, toten Augen an der Stelle, die sein Haus getragen. Wie lange sie standen, sie wußten es nicht. Dann nahm der Alte sein Weib bei der Hand. »Komm, Alte!« sagte er, und nun rannen auch ihm die Zähren über die Backen. Mit wankenden Schritten stiegen sie zum Waldsaum nieder, und dem Gerinne des Waldbaches folgend, suchten sie zwischen den Trümmern, die er ausgespült, nach den Resten ihrer Habe. Das erste, was sie fanden, war das Kruzifix aus dem Herrgottswinkel; unversehrt lag es zwischen Schutt und Geröll ... auch die geweihten Palmzweige fehlten nicht, mit denen das Kreuz durchflochten war. Schluchzend hob Sephi das Schnitzwerk von der Erde; Steffel aber lachte zornig auf: »Schau, schau, ... der hat sich 'tummelt, daß er aussi kommt! An ihm selber hat er denkt, daß ihm nur ja nix g'schieht ... auf uns aber hat er vergessen!« »Um Gotteswillen,« stammelte Sephi, »thu dich net versündigen. Mann! Schau, das is ja wie a Wunder ... wie wann er hätt' sagen mögen, daß er bei uns bleiben will und weiterhelfen ...« »So? Meinst?« Und mit nickendem Kopfe stieg der Alte weiter. Verstohlen küßte Sephi das hölzerne Bild in ihren Armen und folgte mit murmelnden Lippen ihrem Manne ... Als die beiden Heimatlosen im Thal die Landstraße erreichten, beladen mit dem armseligen Kram, den sie aus dem Wasser gelesen, begegneten sie einer gedeckten Kutsche, deren Weg durch den tobenden Wildbach versperrt war. Die Insassen des Wagens fluchten über die »elende Gebirgsstraße« und jammerten über die verpfuschte Reise und den verregneten Urlaub. Die Blüten des Lebens. Ein Märchen. Wie ein verschwommener Hall, wie ein Laut aus weiter Ferne war es in seinen Ohren, als hätte eine weiche, mahnende Stimme ihm nachgerufen: »Bleibe, bleibe!« Er aber hörte nicht mehr. Mit heißer Stirn und brennenden Wangen eilte er über seines Hauses Schwelle und stürmte hinaus in die frostige Nacht. Planlos irrte er durch die Straßen der schlummernden Stadt, und als er das offene Land erreichte, wanderte er queraus über die fahlen Wiesen und brachen Felder, in deren Furchen ein letzter Schnee noch seine kleinen Nester hielt. Die bleiche Sichel des Mondes tauchte über den Wald empor der in dämmerumsponnener Ferne gleich einer schwarzen Mauer sich dehnte; zwischen kahlen, rührsamen Weiden gurgelte ein müder Bach, Staub und morsche Blätter, ein Spiel des Windes, glitten raschelnd über die Erde, und durch die hohen Lüfte zogen in lautlos eilendem Flug die wandelsüchtigen Wolken, so daß die wenigen Sterne bald erstickten, bald wieder aufleuchteten in zitterndem Glanz, um abermals zu erlöschen hinter treibendem Gewölk. Er wanderte und wanderte... er hörte nicht, was aus dem Gurgeln des Baches, aus dem Raunen des Windes zu ihm sprach, er sah nicht, was rings um ihn die klare Nacht nur halb verschleierte... nach einwärts waren seine Augen gekehrt und tauchten in die Tiefen seiner Seele. Und was da emporstieg vor seinen Blicken an gaukelnden und lockenden Bildern, das schien ihm ersehnenswerte Wirklichkeit, das wollte er fassen und halten mit beiden Händen ... doch immer wieder zerflossen sie in wirrem Nebel, alle Bilder seiner träumenden Wünsche ... und seine Arme griffen mit zuckenden Fingern in die leere Luft, als könnte er noch einen letzten Schimmer des verschwimmenden Glanzes erhaschen, und mit bebenden Lippen schrie er auf: »Ich will, ich will!« »Wollen mußt du ... und du wirst können!« schlug jählings eine Stimme an sein Ohr. Woher? Aus seiner nächsten Nähe ... aus unermeßlich weiter Ferne? Er konnte den geisterhaften Klang nicht fassen. Mit wirren Augen sah er empor, und Grauen faßte seine Sinne. Vor seinen Blicken stand ein Etwas . . . nicht Mensch und auch nicht Tier, nicht fester Stoff und auch nicht luftiges Gebilde . .. und dennoch alles zugleich. Bald riesengroß, mit seinem Scheitel in die Wolken ragend, bald winzig, wie ein kriechendes Insekt. Bald strahlend in Gewändern von gleißendem Gold und übersäet mit blitzendem Gestein, bald grau von Lumpen und von starrenden Fetzen, die im Kothe schleiften. Dichte Schleier lagen vor dem Gesicht, dessen Züge keinem Blick erfaßbar waren . . . durch alle Schleier aber brannten mit heißer Gut zwei unergründlich tiefe Rätselaugen. Einen Becher trug es in der einen Hand, eine Geißel in der anderen. Seine Lenden waren gegürtet mit einem ehernen Dorngeflecht, und von jedem Dorn hing eine Kette nieder, deren Glieder anzusehen waren wie zwergenhafte menschliche Gestalten, welche mit in Schmerz verschlungenen Armen ineinander griffen. Und mit einer Stimme, welche klang wie ferner Donner, den der Sturm verwehte, fragte das Wesen: »Wer bist du?« Er stammelte: »Ein Mensch!« »Was abertausende von sich glauben ... und so wenige sind? Auch du nicht! Und dein Name?« Er stammelte: »Valens!« »Valens? Der seine Kräfte fühlt? Und wohin dein Weg?« Er stammelte: »Zur Höhe des Lebens!« »So komm'! Ich will dir die Wege weisen. Sie alle hab' ich ausgegangen in meiner Zeit. Und wählen sollst du unter ihnen.« Mit der Geißel gab es ihm die Richtung an. Er ging voraus, das Wesen folgte, und wenn im Schreiten die Ketten klirrten, die es an den Lenden über die Erde schleifte, das klang wie dumpfes Ächzen und Stöhnen, wie erlöschende Seufzer und ersticktes Schluchzen. Durch wüste Heide ging der Weg, durch öden Wald und dann empor über steiles, wild zerklüftetes Felsgehäng, aus dessen Fugen nur ab und zu ein grüner Strauch seine mageren Ranken streckte. An diese Ranken klammerte sich Valens, um sich emporzuziehen, Schritt um Schritt. In keuchenden Zügen ging sein Atem, seine Glieder zitterten, und in dicken Perlen rann ihm der Schweiß von den Schläfen. Mit starren Blicken waren seine Augen zur Höhe gerichtet, denn er wagte keinen Blick mehr in die zu allen Seiten gähnende Tiefe, aus deren bodenlosen Schlünden ungeheuerliche Gestalten ihre Zangenarme, ihre Sauger und Fänge emporstreckten nach seinem Herzen. Wenn ein Schwindel seine Sinne überkam und seine Kräfte zu erlahmen drohten, reichte ihm das Wesen den erquickenden Becher und trieb ihn weiter mit klatschenden Geißelhieben. Und nun erreichten sie die Höhe. Tief atmend hielt Valens inne, und neue Kräfte begannen in ihm aufzuleben. Er stand in heller Sonne, und als er die Blicke nach rückwärts kehrte, lag ihm zu Füßen das Thal im grauen Morgenschatten ... Wälder, Wiesen und Flüsse, Dörfer und Städte durcheinander gewürfelt wie Kinderspielwerk. »Komm!« sagte das Wesen. »Wohin? ... Ich bin am Ziel!« »Auf ödem Gestein ... mit leeren Händen? Komm. Und wähle deinen Preis!« Sie schritten auf der Höhe dahin, und da lag vor ihnen, unabsehbar wie das Meer, ein blühender Garten; bewehrte Zinnen umschlossen ihn und einer Porta triumphalis glich sein Thor. Sie traten ein, Trompetenschall begrüßte ihr Kommmen, und das Wesen sagte: »Hier stehen sie alle, die bunten Blüten, welche sprossen auf der Höhe des Lebens. Wähle dir, als Dank deines Weges, die Blüte, welche dich lockt.« Und Valens griff nach der Sonnenblume des Reichtums. Seine Hand berührte die leuchtende Blüte.., und in Strömen rollte das Gold um seine Füße, Paläste stiegen vor ihm empor, seines Rufes gewärtig stand eine Schar von Dienern, Wohlleben umschmeichelte seine Glieder, und jedem seiner Wünsche winkte die Erfüllung. Schon wollte er die Blüte brechen ... da wurden seine Augen sehend für allen Schweiß und Jammer, für alles Blut und Elend, das am Golde klebte. Aus den rollenden Schätzen stieg es empor an seine Ohren wie Seufzer und Flüche. . Angst und furchtsame Sorge umklammerten seine Seele, schnürten ihm die Kehle zu und erstickten die Gier seiner Wünsche. Valens taumelte zurück in Grauen und Entsetzen, und mit erblaßten Lippen schrie er auf: »Nein, nein... ich habe schlecht gewählt!« Und das Wesen lächelte: »So wähle besser!« Und Valens griff nach der feuerglühenden Schwertlilie der Heldengröße. Seine Hand berührte die Blüte . .. und da sah er sich auf wieherndem Rosse über die dampfende Erde reiten, der Sturmschritt der ihm folgenden Kolonnen machte den Grund erbeben, aus ihren Feuerschlünden flammte der Tod, es wehte der Sieg aus ihren flatternden Fahnen, und röchelnd sanken die Reihen des Feindes in den Staub, wie unter des Schnitters Sense die Schwaden des Getreides. Unter den Hufen seines Pferdes sproßte der Lorbeer auf, mit blitzendem Schwerte schnitt er sich die höchsten Zweige, und seine stolze, siegestrunkene Seele wiegte sich auf den Wogen brausenden Jubels und auf den Klängen dröhnender Fanfaren. Schon wollte er die Blüte brechen ... da sah er in stiller Nacht sich einsam liegen auf dem Lager seines Zeltes. Er atmete den Rauch verbrannter Dörfer, und wenn ihn dürstete, verwandelte das Wasser sich in Blut. Ohne Schlummer wälzte er sich auf seinem Pfühl, und wenn ihm die müden Lider sanken, sah er im Traum die Witwen und verwaisten Kinder an sein Lager treten, und ihre brennenden Zähren fielen auf sein Herz. Bleichende Gebeine sah er sich beleben, die Massengräber thaten sich auf, in unabsehbarem Zuge kamen sie heran, die Geister der Erschlagenen, Freund und Feind ... ihre bleichen Lippen waren stumm, doch ein Jeder deutete mit starrem Arm nach oben... Valens taumelte zurück in Grauen und Entsetzen. »Nein, nein, ich habe schlecht gewählt!« »So wähle besser!« lächelte das Wesen. Valens griff nach der Aloë des Künstlerruhmes, und an seine rauschenden Erfolge sah er die Scheelsucht und den Neid gekettet; das Gift der Schmähung verbitterte ihm die Weihe seiner schaffenden Stunden, Unverstand zerstörte seine Werke, es überholte ihn die jagende Zeit, in ohnmächtigem Zorne stand er an der Grenze menschlichen Könnens, und in nagender Pein erkannte er das Erlöschen seiner Kraft. Er wollte besser wählen, griff nach der Blume der Macht... und sah sich einsam stehen auf kalter Höhe, im Busen einen Stein und die Verachtung für das niedere Gewürm, das um die Purpursäume seines Mantels kroch. Er wollte besser wählen, griff nach der Blüte der Gelehrsamkeit , ... und hinter all den stolzen Freuden, die ihm das Wissen bot, kam das Schaudern vor dem gähnenden Nichts, dessen ehernes Thor die Schlüssel der Erkenntnis ihm erschlossen hatten. »Was möcht' ich noch ... was noch!« so schrie er auf und griff mit gierigen Händen nach der glühenden Rose des Genusses. Und aus dem Herz der Rose stieg es auf mit weißen Brüsten und schwellenden Gliedern, in klingenden Kelchen perlte der Wein, im Fluge riß es ihn von Land zu Land, von süßem Taumel zu bakchantischem Rausch, bis die Ernüchterung kam, die Stumpfheit aller Sinne, bis ihm der Ekel auf die Lippen quoll und das schleichende Gift in seinen Knochen brannte. Und wieder lächelte das Wesen: »Wähle besser!« Valens aber stürzte nieder auf seine Knie, und stehend rang er die Hände. »Eine Wahl noch, nur eine vergönne mir! Führe mich zurück und laß mich heimwärtskehren in die Tiefe, aus der ich emporgestiegen!« Und siehe ... von den Lenden des Wesens fielen alle Ketten ab, von seinem Anblick lösten sich alle Schrecken, es stand verwandelt, in leuchtendem Gewande, mit lächelndem Mund und träumerischen Augen ... der gute Genius des Lebens! Ein brausender Sturm ging über die Höhe hin, und welk zerfielen alle Blüten des prangenden Gartens. Valens fühlte, daß es um seine Sinne sich legte wie sanfter Schlummer ... und erwachend sah er sich im füllen Thal, zu Füßen einer Eiche. Die warme Morgensonne löste sein Herz, die Blätter flüsterten, und die Vögel sangen in allen Zweigen. Der Frühling war gekommen über Nacht. Valens erhob sich lächelnd, und da sah er am Rain ein Veilchen blühm. Er pflückte die Blume und schlürfte , den wundersamen Duft, der ihrem Kelch entstieg. In stillen Träumen wanderte er heimwärts über die sprossenden Felder. Am Straßenrande kauerte ein Bettler und streckte die zitternde Hand ... und Valens gab, was er zu geben hatte. Ein altes Mütterchen quälte sich mit der Last des gesammelten Holzes ... und Valens trug ihr die Bürde bis zur Hütte. Auf dem Felde traf er hinter dem Pflug einen weinenden Knaben, dem die störrigen Rinder nicht gehorchen wollten ... und Valens ergriff den treibenden Stab und ging in seinem Schweiße hinter dem Pflug einher, bis die letzte Furche gezogen war. Dann wanderte er der Stadt entgegen, und immer fröhlicher wurde sein Herz. Ein Träumender, wandelte er durch den Lärm der Straßen, staunend blickte er empor an der prunkvollen Zier der schimmernden Paläste, mit genießendem Bewundern stand er vor den ragenden Monumenten, und als ein Trupp Soldaten mit klingendem Spiel seine Straße kreuzte, sang er mit trällemder Stimme die heitere Weise mit. Dann zog es ihn heimwärts in eilendem Gange. Nun war sein Haus erreicht. Er trat in die helle, sonnige Stube, mit liebevollem Gruße hieß ihn sein junges Weib willkommen, und mit jubelnden Stimmen drängten seine Kinder sich um ihn her. Er wollte der Mutter die Blume reichen, die er gepflückt... aber die Blüte hatte sich vom Stengel gelöst und war verschwunden. Und als er die verlorenen Blätter suchte, fand er sie wieder in den blauen Augen seiner Kinder. Der Letzte. Das war vor wenigen Jahren noch ein stattlicher Kreis gewesen, lauter lustige Junggesellen – ja, lustig, bis auf jenen einen, der das Lachen verlernt zu haben schien, um dessen Mundwinkel kaum ein müdes Zucken ging, wenn die anderen hell aufschrien über irgend einen tollen Scherz. Kaum wußten sie noch, wie er denn eigentlich in ihren Kreis gekommen war, in welchen er so wenig paßte – das heißt man konnte auch nicht gerade sagen, daß er störte. Wenn es heiter zuging, war allerdings wenig von ihm zu haben; da lehnte er so still, so in sich selbst zurückgezogen in einer Ecke, daß keiner durch seine stille Gegenwart sich belästigt fühlen konnte. Gut aber führte sich ein ernstes Gespräch mit ihm; er war überall zu Hause, und nicht leicht stellte einer seiner Freunde eine Frage an ihn, auf die er die Antwort schuldig blieb. Und dann noch eines hatte er, was ihn den anderen nach und nach fast unentbehrlich machte: der Verkehr mit ihm entwickelte ihr Selbstbewußtsein, seine stille Schwermut war eine hebende Folie für ihre sorglose Heiterkeit, und ihm gegenüber erschien sich jeder als der besondere Günstling eines freundlichen Schicksals – schien doch der trübe verlangende Blick seiner dunklen Augen einem jeden zu sagen: »Du Glücklicher, wie beneide ich dich!« Weshalb er so wäre, darnach fragten sie nicht. So hatten sie ihn kennen gelernt, so war er zu ihnen gekommen, und da stieg ihnen kaum einmal der Gedanke auf, ob es etwa jemals eine Zeit gegeben hätte, in welcher er anders gewesen. Auch trafen sie sich zumeist nur des Abends, und da hatten sie es allzu nötig, nach des Tages Arbeit die paar Stunden heiter zu verjagen, als daß sie Lust und Muße gehabt hätten, sich gegenseitig mit Charakterstudien zu belästigen. Ja, sie kannten sich, aber wohl nur bis unter die erste Schichte der Epidermis. Und das genügte für ihre Zwecke und für die Zeit, die sie bei einander aushielten. Alljährlich fiel der eine und andere ab; der übersiedelte, jener gründete sich einen eigenen Herd, einer starb wohl auch – es kamen zwar neue Teilnehmer wieder dazu, aber der Kreis schmolz immer mehr zusammen, so daß am Ende nur zwei noch übrig blieben, und merkwürdigerweise gerade die beiden Gegensätze: der Ausgelassenste von allen – und jener andere. Diese beiden hatten ein schweres Plaudern miteinander, und so kam es, daß jener Stille gar manchen Abend einsam hinter dem verödeten Tische saß, während sein letzter Genosse sich irgendwo in Gesellschaft umhertrieb. Und dann eines Abends kam er, eine Rose im Knopfloch und strahlenden Gesichtes, streckte seinem ernsten Freund die Hände hin und sagte: »Nun ist es entschieden. Du bist der Letzte. Ich habe mich heute verlobt.« »Ich gratuliere dir von ganzem Herzen! Aber – »der Letzte?« Nein. Der Letzte bist du gewesen – ich habe niemals gezählt.« Das wollte der andere nicht gelten lassen; lachend ging er über dieses ernste Wort hinweg, und dann verplauderten sie, so gut sie es bei ihrer verschiedenen Natur und Stimmung eben vermochten, den kurzen Abend, bis sie gemeinsam den Heimweg antraten. Draußen auf der Straße empfing sie eine laue mondhelle Sommernacht. Eine kurze Strecke hatten sie den gleichen Weg. Wo ihre Gassen auseinander gingen, schüttelten sie sich die Hände, und noch einmal bekam der frischgebackene Bräutigam die Glückwünsche seines Freundes zu hören – und diese Wünsche klangen so warm und herzlich, so offen aus einer tiefbewegten Seele, daß jener, dem sie galten, unwillkürlich die Hände des anderen fester drückte. »Ich danke dir, lieber Freund, und trotz deiner achtunddreißig Jahre hoff' ich, daß auch ich dir über Tag und Wochen so ehrlich und aufrichtig gratulieren darf. Warte nur, dir wird es noch gehen wie mir – die Liebe wird über dich kommen, ohne daß du es ahnst.« »Die Liebe? Ich brauche auf die Liebe nicht mehr zu warten. Ich liebe schon längst – aber ich liebe, was ich verlor, und was ich nicht liebte, als ich es besaß. Komm, das ist gerade eine Nacht, wie geschaffen zum Erzählen. Auch damals war es eine solche Nacht, so lau, so mondhell und sternenklar – und wenn ich das fahle, vom Mondlicht übergossene Pflaster sehe, mein' ich auch das dunkle Blut zu sehen ... ach ...« Erschauernd verstummte er. Seite an Seite gingen sie eine Welle schweigend dahin, und leise widerhallten ihre langsamen Schritte an den hohen Mauern der stillen, nächtigen Gasse. »Was diesen trüben, unlösbaren Flor über mein ganzes Leben geworfen hat, es war ein Abenteuer, welches toll und übermütig begann, um mit Entsetzen zu enden. Zwölf Jahre sind es her, ich hatte damals mein Staatsexamen mit glänzender Note gemacht, und mein Vater steckte mir in der Freude darüber ein paar schwere Banknoten in die Tasche, damit ich mich auf einer fröhlichen Reise von der aufreibendm Arbeit der letzten Monate erholen könnte. Ich ging nach dem Süden, wollte geraden Weges nach Rom, aber in Florenz überkam mich die Lust, vorerst Venedig zu besuchen. Ich saß allein in einem Coupé erster Klasse, als ich kurz vor Abgang des Zuges zwei Reisegefährten erhielt, einen ältlichen Herrn, der mit seinem verlebten Gesicht, seinen gläsernen Augen und seinem schwarzgefärbten Bart einen widerlichen Eindruck auf mich machte, und ein junges Mädchen, welches durch seine eigenartige Schönheit sofort meine Blicke fesselte. Ich mußte die Beiden trotz ihres ungleichen Äußeren für Vater und Tochter halten, und zwar ihn für einen Vater, der sein Kind mit einer aus Affenliebe fließenden Zärtlichkeit umgab, sie für eine Tochter, welche sich diese Zärtlichkeiten bald mit der Gleichgültigkeit eines verwöhnten Kindes gefallen ließ, bald wieder mit eigensinnigem Trotze sich dagegen auflehnte. Sie sprachen italienisch, sprachen ungemein hastig, und bei meiner mangelhaften Kenntnis dieser Sprache vermochte ich nur ab und zu ein nichtssagendes Wort auszufangen. Mehrere Stunden vergingen; ich saß, einen Halbschlummer heuchelnd, in meine Ecke eingedrückt und studierte dabei unter blinzelnden Lidern hervor den zierlichen, fast schlangenhaft geschmeidigen Wuchs meiner jungen Reisegefährtin und ihr südlich schönes, von schweren blauschwarzen Flechten umrahmtes Gesicht mit den flinken, glutvollen Augen und dem kirschroten Munde, über dessen volle Lippen unablässig jenes leise Zittern ging, welches immer der Verräter eines ungestümen, leidenschaftlichen Temperamentes ist. Sie schien es zu merken, daß ich nicht schlief, und daß ich sie insgeheim beobachtete, denn so oft sie mich mit ihren schwarzen Augen streifte, zuckte ein halb spöttisches, halb ärgerliches Lächeln um ihren Mund. Als sie einmal vergebens das Fenster zu öffnen suchte, spielte ich ein Erwachen und war ihr behilflich. Sie errötete leicht und sagte etwas ungemein höflich klingendes, worauf ich französisch erwiderte, daß ich ihre Sprache leider nicht verstünde. In einem nicht sehr korrekten, aber fließenden Französisch antwortete sie, und da waren wir auch schon mitten im lebhaftesten Geplauder. Dieses vorerst ganz harmlos tändelnde Gespräch schien ihr ein wahres Ergötzen zu bereiten. Ihre Wangen röteten sich, ihre Augen glänzten noch heller, alles an ihr wurde Leben und Bewegung, und so oft der Alte, der kein Französisch zu verstehen schien, mit seiner näselnden Stimme das Gespräch zu unterbrechen suchte, brachte ihn Ghita – so hieß sie, wie ich später erfuhr – durch ein paar unwillig klingende Worte ihrer Muttersprache zum Schweigen. Daß sie ihren Vater so geringschätzend behandelte, war das einzige, was mir an ihr mißfiel. Daran aber vergaß ich, wenn ich in ihre offen leuchtenden Augen schaute; es schien kein Falsch an ihr zu sein – Alles zwar ungestüme, aber echte Natürlichkeit. Sie lachte wie ein Kind zu jedem lustigen Wort, und nach jeder galanten Wendung blickte sie mich halb erzürnt, halb dankbar an. Während ich äußerlich, des Vaters wegen, die scheinheiligste Ruhe zu bewahren suchte, wurde ich Ghita gegenüber immer wärmer – und ich mag ihr wohl mehr gesagt haben, als ich nach meinem wirklichen Empfinden verantworten konnte. Es muß sie auch eines meiner Worte verletzt haben, denn ganz plötzlich verlor sie ihre Laune, zeigte ein finsteres Gesicht und vergrub sich schweigend in den Polster. Aber gerade dieser Umschwung der Stimmung reizte mich, und als wir Venedig erreichten, nahm ich mit ihnen im gleichen Hotel Quartier. Wir wurden, wenige Thüren von einander entfernt, im zweiten Stock einquartiert; während wir gleichzeitig die Treppe hinaufgeleitet wurden, nahm ich eine günstige Gelegenheit wahr, erhaschte Ghita's Hand und drückte einen Kuß auf ihre zitternden Finger. Sie erblaßte und schloß wie in einer Anwandlung von Ohnmacht die Augen ...« Schwer atmend verstummte der Erzähler, um nach kurzem Schweigen mit erregter Summe weiter zu sprechen. »Abenteuerliche Träume füllten mir die Stunden der folgenden- Nacht; mir ahnte, daß die Sache mit jenem kecken Handkuß noch nicht zu Ende wäre. Ach ja – hätt' ich gewußt, wie es sich entwickeln würde, dieses Abenteuer, mich hätte der Morgen nicht mehr in Venedig gesehen. Frühzeitig stand ich auf und machte eine Rundfahrt durch die Kanäle. Als ich gegen die neunte Morgenstunde ins Hotel zurückkehrte, begegnete mir Ghitas Vater; er sah meinen Gruß nicht und schien, seinem Gesicht nach zu schließen, in der abscheulichsten Laune zu sein. Droben in meinem Zimmer sann ich noch darüber nach, wie ich mich Ghita nähern könnte, da wird die Thür aufgerissen, und sie selbst stand vor mir, reisefertig, mit blassem, verstörtem Gesicht und unheimlich funkelnden Augen. Ich kann dir den Blick nicht beschreiben, mit welchem sie auf mich zutrat und ihre Hand auf meinen Arm legte. »Sie haben mir gestern versichert, daß ich Ihnen gefiele?« sagte sie mit bebender Stimme. »Nun gut, und mir ist niemand auf der Welt so lieb wie Sie – und wenn Sie Mut haben – – ich gehe mit Ihnen, wohin Sie wollen – aber wir müssen noch in dieser Stunde fort, in dieser Minute noch.« Was soll ich dir sagen? Mir war, als stürze die Decke über mich ein – ein Paar stammelnde Worte sprachen wir noch hin und her, dann überredete mich der Reiz ihrer Schönheit und der tolle Übermut meiner Jugend – – und eine Stunde später waren wir auf einem Dampfer in Sicherheit, der nach Triest in See stach. Der Dampfer war überfüllt, wir blieben kaum eine Sekunde ungestört, und so fanden wir während der Überfahrt keine Gelegenheit, uns auszusprechen. In Triest angelangt, bezogen wir unter falschem Namen, als Bruder und Schwester, in einem gegen den Hafen gelegenen Hotel zwei ineinandergehende Zimmer – und von dem Augenblick an, wo wir uns selbst überlassen waren, schien es, als hätten wir uns, ohne es selbst zu wissen, verabredet, weder die Vergangenheit, noch die Zukunft mit einem Worte zu berühren. Ghita schien sich an ihrer Freiheit völlig zu berauschen, sie war so allerliebst vergnügt, so schattenlos heiter – und ich – – du lieber Gott, ich war eben jung. Ohne Frage, blinden Auges und ohne einen Gedanken, wohin das führen würde, genoß ich das betäubende Glück, das der Zufall mir in die Arme gelegt hatte. Aber die Ernüchterung blieb nicht aus. Sie begann, als Ghitas mit jedem Tage wachsende Leidenschaft mich zu drücken anfing – und war vollendet, als ich meine letzte Banknote wechselte. Die Sache mußte ein Ende nehmen, das sah ich ein; aber ich hatte nicht den Mut, offen und ehrlich mit Ghita zu reden, denn ich hätte ihr zugestehen müssen, wie gewissenlos ich ihren vertrauensseligen Leichtsinn mißbraucht hatte. Ich sagte ihr also, daß ich nach Hause zu reisen gedächte, um in der Heimat alles für unsere Verbindung zu ebnen; sie aber müsse, bis das geschehen wäre, zu ihrem Vater zurückkehren; weinend warf sie sich an meinen Hals und flehte mich an, ich möchte sie nicht verlassen, möchte sie nicht von mir stoßen – und ehe sie zurückginge zu den Ihren, spränge sie lieber ins Meer – und dann gestand sie mir, daß jener Alte, dem sie entflohen, nicht ihr Vater, sondern ihr Gatte gewesen wäre. Ihr bejahrter Vater hatte vor kurzem eine zweite Frau genommen, und die Stiefmutter hatte, um das Haus zu räumen, das junge Mädchen gezwungen, jenem Alten die Hand zu reichen. Und eben jener Tag, an welchem der unselige Zufall uns zusammenführte, war ihr Hochzeitstag. Was ich da hörte, versetzte mich in tiefe Bestürzung, aber auch in maßlosen Ärger, da ich jetzt keinen glatten Ausweg mehr aus meiner Lage sah. Und während ich so schalt, muß die Liebe den Augen des Mädchens Sehergabe verliehen haben, mit entgeisterten Blicken starrte Ghita mich an – ich fühlte, daß sie mit diesem Blick in meinem Herzen las – und da erschien in ihren Zügen der Ausdruck wilder Verzweiflung, laut schrie sie auf und stürzte bewußtlos vor mir zu Boden. Als sie wieder zur Besinnung kam, suchte ich sie mit hundert Worten zu beschwichtigen und auf ruhigere Gedanken zu bringen. Sie aber starrte nur immer mit verlorenen Blicken vor sich hin, und erst gegen Abend gelang es mir, sie ein wenig aufzuheitern. Ich führte sie ins Theater, und da lachte sie oft und laut, und während des Soupers, bei welchem wir ihren Lieblingschampagner tranken, war sie fast so ausgelassen, wie in vergangenen Tagen. Schließlich küßte sie mich und schob mich lachend in mein Zimmer. Ich traute diesem Lachen und konnte schlafen. Bevor ich einschlief, kamen mir doch bessere Gedanken – weshalb sollte ich sie nicht zu meinem rechtlichen Weibe machen können? Sie war so schön und herzensgut, und sie liebte mich aus tiefster Seele. Mit diesem Entschlusse wollt' ich ihr am anderen Morgen ihr Glück und ihre Ruhe wiedergeben – so schlief ich ein – mitten in der Nacht aber erwachte ich, und es war mir, als hätte mich irgend ein Geräusch geweckt. Eine sonderbare Angst befiel mich, ich machte Licht, eilte in Ghita's Zimmer – und fand es leer. Auf dem Tische lag ein Brief, in welchem sie mir von ihrer grenzenlosen Liebe schrieb, und daß sie mir verziehen hätte – – ich stürzte zur Thür, die ich von innen verschlossen fand, und nun erst fiel mir auf, daß eines der Fenster weit offen stand. Ich taumelte darauf zu – – es war eine mondhelle Nacht, so hell wie heute – und deutlich sah ich auf dem grell erleuchteten Pflaster der nachtstillen Straße ihren regungslosen Körper liegen – und sah die dunklen Bäche, die von ihm ausgingen nach allen Seiten...« In einem schweren Seufzer erlosch die Stimme des Erzählers. Sein Freund erwiderte kein Wort. Schweigend gingen sie mit einander noch bis zur nächsten Ecke, dann reichten sie sich die Hände und schieden. Der eine verschwand im Thor eines naheliegenden Hauses; der andere wanderte gegen die Stadt zurück; eine Weile hielt er sich auf dem mondhellen Trottoir der Straße, um sich dann plötzlich mit hastigen Schritten gegen die finstere Häuserseite zu wenden – es war, als möchte er nicht allein sein mit seinem eigenen Schatten, der so dunkel auf dem hellen Pflaster lag. Hans Donnerstag. Ein Ostermärchen. Es war einmal, vor grauen Jahren, eine arme, hochbetagte Wittib. Mutter Nänni, so nannten sie die Leute; sie wohnte ganz am Ende des Dorfes in einem kleinen Häuschen und hatte einen großgewachsenen Sohn, mit Namen Lebrecht. Dieser Name paßte wie gesucht für ihn, denn er lebte recht und brav, wie es einem armen, ehrlichen Burschen zukommt. Er war von schlankem Wuchs, kräftig und behend, und hatte ein freundliches, von dunklen Haaren umrahmtes Gesicht mit haselnußbraunen Augen, die mit stillem Ernst in die Welt schauten, sinnend und träumend, nur manchmal ein wenig gar zu traurig. Das hatte nun freilich einen guten Grund ... und dieser Grund hieß Maragret. »Hab' mir's aber gleich gedacht, daß wieder so ein verflixtes Mädel dahintersteckt!« So hat bis heute noch jeder gesagt, der diese Geschichte zu hören bekam. Ja, ein verflixtes Mädel war sie, die Maragret. Sie that sich auf ihren reichen Vater, den alten Müller, gar viel zu gute, war hoffärtig und eingebildet wie eine Elster, die das Plappern kann, zu Possen und Streichen immer aufgelegt, und ihre Röcke flogen, auch wenn der Wind nicht ging – so flink und fahrig war die Maragret. Aber sauber war sie auch, bildsauber, das mußte man ihr lassen. Sie konnte mit ihrem roten, lachenden Mund und ihren blitzenden Kirschaugen einem das Herz im Leib umdrehen ... davon wußte der Lebrecht ein Liedlein zu erzählen. Das war nämlich so gekommen. Der Mann der alten Nänni hatte, als es mit ihm ans Sterben ging, seinen Jungen gerufen und zu ihm gesagt: »Schau, Lebrecht, mach' es mir nicht nach! So ein Vogelsteller hat nichts als Plag' und Sorgen all seiner Lebtag', armen Verdienst und sauren Lohn. Da sieh dir doch lieber den dicken Müller an! Der hat den Verstand doch auch nicht mit Löffeln gegessen; als ein armer Teufel ist er ins Dorf gekommen und heute sitzt er mitten drin zwischen Mehl- und Geldsäcken. Sei gescheit, Lebrecht, und werd' ein Müller, dann kannst du es dir wohl sein lassen auf deine späten Tage.« So sprach der Alte, und darauf starb er. Mutter Nänni und Lebrecht weinten bitterlich um ihn, und als sie ihn am Waldsaum unter einer alten Tanne begraben hatten, von deren Ästen die langen grau-grünen Moosfaden wie Trauerfähnlein wehten, da machte sich Lebrecht auf den Weg zum Müller. Wohl hätte ihm das freie Leben in Wald und Heide besser zugesagt, aber er wollte als guter Sohn seinem toten Vater den Willen thun. »Ich möchte fragen, ob Ihr in der Mühle nicht einen Knappen brauchen könnt?« Mit diesen Worten betrat er die Müllerstube. »Wir wollen sehen,« schmatzte der Müller, der hinter dem Tische saß, während vor ihm auf blinkendem Zinnteller ein fetter Schweinebraten dampfte. Er begann mit Lebrecht zu reden, der ihm so kluge Antworten gab, daß der Müller bald seinen Vorteil ersah und den starken, umsichtigen Burschen eindingte als seinen Knappen. Darüber kam die Maragret in die Stube, um dem Vater das gefüllte Kännlein zu bringen; und als da der Bursche das schöne Mädchen sah, wurde er bis über die Ohren rot und brachte kein Wort mehr über die Lippen. Lachend schickte ihn der Müller zu den Gesellen, und da fragte die Maragret, was das für ein Mensch wäre. »Der neue Mühlknappe!« »Ach so,« meinte sie und warf das rote Mäulchen auf, »hab' schon gedacht, es wär' ein Stockfisch, den der Vater aus dem Mühlbach gezogen hat!« Das hörte Lebrecht, als er unter der Thüre stand, und noch dunkler färbte sich sein Gesicht. Von diesem Tag an blieb er in der Mühle. Vor der Sonne stand er auf und nach der Sonne ging er schlafen; mit dem einen Aug' war er bei der Arbeit, mit dem andern bei der Maragret. Und jedes dieser zwei Augen gab aus für ein ganzes Dutzend. Die Leute hatten noch niemals so feines Mehl bekommen, und niemals hatte der Müller so viele Kunden gehabt, als seit der Lebrecht den Mühlgang führte. Und niemals hatten in der Maragret Gärtlein und vor ihrem Fenster so schöne Blumen geblüht, und niemals noch so seltene Singvögel in zierlichen Häuschen in der Maragret Kammer gehangen, als seit ihr der Lebrecht zu Gefallen ging. Aber vom »Gefallen gehen« bis zum »Gefallen finden« ist noch ein gut Stück Weg. Wenn die Maragret den Lebrecht nur zu Gesicht bekam, verzog sie schon das Näslein und that, als wäre sie auf eine Blindschleiche getreten. Sie sprengte den armen Burschen in Haus und Hof umher, wie der Schäfer im Feld seinen Pudel, und keiner vom Gesinde hatte so viel vom Hochmut, von den Launen und Possen der Maragret zu leiden, als wie der Lebrecht. Das Alles ertrug er und beschwerte sich nie; nur manchmal sah er sie mit ganz eigenen Augen an, groß und traurig. Dann kehrte sie ihm wohl den Rücken und ging mit lautem Lachen davon. Er aber schlich durch das Mühlwerk in den Garten, wo der Bach mit Rauschen und Plätschern das moosige Schaufelrad im Kreise trieb. Die sprühenden Tropfen glitzerten in der Sonne, aus den tänzelnden Wellen sprangen die schimmernden Fischlein, in den Hecken sangen die Vögel und süßer Duft stieg auf aus allen Blumen. Und Lebrecht saß und starrte vor sich nieder, und mit den Tropfen, die von dem plätschernden Rade stäubten, mischte sich zuweilen ein Tropfen, der aus heißen Augen fiel. Der Sommer verging, es kam der Herbst, es wurde Winter, und dann nahm es jählings ein Ende mit Lebrechts Geduld. In der finsteren Christnacht war es, da ging er mit einer brennenden Fackel zur Kirche, um der Engelmesse beizuwohnen. Es fiel ihm wohl auf, daß die Leute, die er auf dem Kirchweg traf, bald laut, bald heimlich kicherten und lachten. Er meinte, daß er vielleicht mit seinem Feiertagsgewand im dunklen Flur den Mehlsäcken zu nah gekommen wäre... aber sein Wams war rein und sauber. Da hörte er eine Stimme: »Seht doch das Wunder an! Die Esel sind gute Christen worden ... da kommt schon einer zur Kirche!« Und der Bursche, der diese lachenden Worte rief, deutete mit ausgestrecktem Arm nach Lebrechts Kappe. Dieser griff nach seinem Kopf, riß die Mütze herunter, und er wurde blaß bis in die Lippen, als er die zwei wirklichen Eselsohren erblickte, die seiner Kappe zu beiden Seiten angenäht waren. Ein schallendes Gelächter erhob sich rings um ihn, er wollte sich auf die Spötter stürzen, wollte die Mütze zu Boden schleudern ... da trafen sich seine Blicke mit Maragrets spottenden Augen ... und nun wußte er, wem er diese Schande zu danken hatte. Sein ganzer Zorn schien jählings verraucht; wohl wurden seine Wangen noch blässer, aber stolz richtete er sich empor, und während ein bitteres Lächeln um seine Lippen zuckte, drückte er die Kappe wieder mit samt dem grauen Schmucke über sein krauses Haar. Dazu blitzten seine Augen, daß unter all den Burschen keiner mehr zu lachen wagte. Auch der Maragret war das Lachen vergangen. Mit der Eselskappe auf dem Kopf hörte Lebrecht vor dem Kirchenthor die Engelmesse, und als die Glocken zur Heimkehr läuteten, ging er nicht wieder den Weg zur Mühle, sondern zum Häuschen seiner Mutter. Anderen Tages kam der Müller, der den tüchtigen Gesellen nicht missen wollte; doch wie er auch reden und bitten mochte – Lebrecht sah ihn mit finsteren Augen an, sprach kein Wort und schüttelte nur den Kopf. Dann suchte er die rostigen Fangeisen und Fallen seines Vaters hervor, säuberte sie und zog in den winterlichen Wald hinaus, um Wölfe, Füchse und Marder zu fangen. Als der Schnee zerrann und die gefiederten Sänger aus dem Süden kehrten, stellte er die Vogelherde und baute Dohnenstiege, und als der Falkenzug begann, brachte er auf den Wipfeln der höchsten Bäume seine Habichtskörbe und Falkennetze an, so daß er manch einen edlen Beizvogel um teueres Geld an die reichen Burgherren verkaufen konnte. Doch was er that und schaffte, das that er ohne Freude, still und traurig. Oft saß er ganze Tage lang an einer Stelle im Wald, dessen Bäume schon leise zu knospen begannen. Die neugierigen Nußhäher belauschten seine Gedanken, und wenn er sich regte und die Hände vor die Augen drückte, flogen sie mit lautem Gackern davon, und dann klang ihre Stimme wie: »Maragret! Maragret!« Da nahm er wohl die Mütze vom Kopf und betrachtete mit schmerzlichem Lächeln den grauen Schmuck seiner Kappe. Er hatte sie Tag um Tag getragen seit der Christnacht, und die Leute im Dorf nannten ihn nicht anders, als den »Graumann.« Ihm ins Gesicht wagten sie diesen Namen freilich nicht zu brauchen; aber der Maragret trugen sie ihn zu, und wenn sie ihn hörte, wurde sie rot und blaß. Gesehen hatte sie den Lebrecht nicht wieder seit der heiligen Nacht; denn sie mied die Nähe des Nänni-Hauses, wie er die Nähe der Mühle. Nun war es in der Karwoche, am grünen Donnerstag. Da sagte die alte Nänni zu ihrem Sohn: »Du, Lebrecht, unser letztes Scheitlein Holz ist verbrannt.« »Morgen und übermorgen ist heiliger Tag,« gab er zur Antwort, »und da soll kein Feuer auf dem Heide brennen.« »Und keine Arbeit darf geschehen,« lächelte Mutter Nänni. »Aber deinen Osterbraten sollst du haben ... und wenn du nicht heute noch in den Wald gehst, um Holz zu schlagen, dann wird uns der Ofen auch kalt bleiben am Ostertag!« Lebrecht nickte nur, nahm seine Graumannskappe, warf die Axt über die Schulter und ging dem Walde zu. Er wählte einen dürren Stamm; doch als er die Axt zum Schlag erhob, fühlte er seinen Arm gehalten wie von unsichtbaren Händen. Staunend schüttelte er den Kopf und ließ die Arme sinken. So oft er sie aber von neuem erhob, immer wieder fühlte er jene geheimnisvolle Macht, welche den bedrohten Baum zu hüten schien. Da nun der Lebrecht das Gruseln nicht kannte, dachte er sich: »Warte, du, dir komm' ich!« ... ließ plötzlich die Axt zu Boden fallen und griff mit beiden Händen aufs Geratewohl in die Luft. Sonderbar kam es ihm vor, als er unter seinen Händen etwas fühlte wie ein seidenes Tüchlein, und eh' er sich noch recht bedachte, sah er vor sich ein winziges Männlein stehen, kaum drei Spannen hoch, mit feuerrotem Haar und Bart, mit rotem Röcklein und roten Hosen. Und weil es in seinem Zorn mit beiden Füßen strampelte, war es anzusehen wie ein springendes Flämmlein. Lebrecht mußte lachen, zum ersten Mal wieder seit der Christnacht, und lachend sagte er: »Ei, Gott zum Gruß, Euer Gnaden, wie heißt Ihr denn?« »Hans Donnerstag heiß' ich,« piepste der Zwerg, »und ich will nicht leiden, daß du Bäume fällst und Holz spaltest an meinem heiligsten Tag.« »Gut, so will ich es lassen, dir zu Gefallen,« sagte Lebrecht. Da ward das Gesicht des Kleinen mit einemmale ganz freundlich, er zwinkerte mit seinen winzigen Äuglein zu Lebrecht auf und kicherte: »Das soll dir gelohnt sein. Aber nun gieb mir mein Käpplein wieder!« Bei diesen Worten merkte Lebrecht erst, daß er zwischen den Fingem ein winziges Mützlein von roter Farbe hielt. »Gieb mir mein Käpplein wieder, ich will dir dafür einen Wunsch erfüllen! Soll ich dir einen Schatz in der Erde zeigen? Oder willst du lernen, wie man Steine in Gold verwandelt?« »Ach,« seufzte Lebrecht, »wüßt' ich doch lieber, wie man der Maragret Gemüt verwandelt!« »Wirf sie ins Osterfeuer,« kicherte Hans Donnerstag, »wirf sie ins Osterfeuer!« Und flink wie ein Wiesel haschte das Männchen nach seinem Käpplein, zog es über die Ohren und war im Nu verschwunden. Staunend blickte Lebrecht ins Leere. »Wirf sie ins Osterfeuer!« murmelte er vor sich hin. Wen? die Maragret? Und ein Schauer ging ihm über den Rücken und durch die Seele. Aber er brachte das Wort nicht mehr aus seinen Ohren – wie die Flocken im Schneesturm, so wirbelten die Gedanken in seinem Kopf. Er wußte kaum, daß er die Holzaxt über die Schulter nahm und den Heimweg suchte. Als er das Feld erreichte, schallten ihm alle Glocken aus dem Dorf entgegen. Lebrecht hörte sie nicht, er ging in Träumen seinen Weg. Allmälig begannen die Glocken zu verstummen, eine nach der anderen, bis endlich der letzte Klang dahinschwellte über das Land, wie ein banger, schmerzvoller Seufzer... es waren die Glocken gestorben, um erst mit dem Heiland wieder zu erwachen am heiligen Ostertag. Und als die Glocken schwiegen, stieg aus allen Dächern des Dorfes ein weißer Rauch ... der Dampf des Wassers, mit dem sie die Feuer löschten auf jedem Herde. Lebrecht sah es nicht, er ging in Träumen seinen Weg, und als er das Häuschen seiner Mutter erreichte, bemerkte er gar nicht das viele, schön gespaltene Holz, das am Gartenzaune aufgeklaftert stand. Da mag ja wohl der kleine Hans Donnerstag im Spiel gewesen sein. Und wie im Traum verging dem Lebrecht der andere Tag, und auch der nächste. Als aber dann am Karsamstag Abend Mutter Nänni das schwere Bündel mit den geweihten Holzscheiten zusammenpackte, die sie zum heiligen Osterfeuer spenden wollte, da fuhr Lebrecht auf. »Gieb mir das Holz, Mutter,« sagte er, und eine brennende Röte überflog sein Gesicht. »Laß mich das Feuer holen!« Er warf das Bündel auf den Rücken und griff nach der langen Fackel, welche vom Osterfeuer die auferstandene Flamme heimtragen sollte für Mutter Nännis Herd. Just als die Sonne sank, weit in der Ferne und blutig rot, erreichte Lebrecht den Hügel, auf welchem das Osterfeuer lodern sollte die ganze Nacht hindurch. Und just kam auch von der anderen Seite die Maragret. Er blickte nicht auf zu ihr; sie aber streifte mit scheuem Blick seine Graumannskappe, und ihre Hände zitterten, als sie auf dem mächtigen Holzstoß, der schon gesammelt stand, ihre Scheite neben die seinen legte. Während der letzte Schein der Sonne erlosch, war Alles stille ... und Alle beteten. Dann traten die Ältesten des Dorfes zusammen, um jenen zu wählen, der das heilige Feuer zünden, die schlafende Flamme erwecken sollte. Auf Lebrecht Graumann fiel ihre Wahl ... es war die größte Ehre, die einem widerfahren konnte; das hieß so viel, als: das ist der Tüchtigste, der Bravste unter uns, er hat die reinste Hand und das reinste Herz! Und dem Lebrecht brannten auch die Wangen vor stolzer Freude, als er hervortrat aus dem Kreis. Da legte einer der Ältesten die Hand auf seinen Arm. »Ich meine, Lebrecht,« sagte er, »du solltest doch dein Käpplein abnehmen.« Lebrecht aber schüttelte den Kopf. »Nein, meine Kappe will ich tragen. Mag lieber ein anderer das Feuer zünden.« So ließen sie es zu, daß er das Feuer weckte, mit der Graumannskappe auf seinem Haupt. Er schlug den Funken aus Stahl und Stein, in dürrem Moose blies er ihn an zu roter Glut; den glühenden Zunder schob er in eine Weizengarbe und blies, bis aus den gelben Halmen die helle Flamme schlug. Ein hundertstimmiger Jubelruf erscholl aus allen Kehlen ... schon fingen die Spähne Feuer und bald war die Nacht in Tag verwandelt, denn baumhohe Flammen loderten aus dem brennenden Stoß. Uralte heilige Gebräuche wurden geübt, man briet einen mächtigen Widder am Spieß, jeder aß von diesem Fleisch, dann nahm Gesang und Tanz und fröhliches Gelage seinen Anfang. Nur zwei thaten nicht mit dabei ... Lebrecht Graumann, der als Wecker und Wächter still versunken neben dem Feuer saß ... und die Maragret, die sich unter den Nachtschatten einer alten Tanne geflüchtet hatte. Als dann im Osten ein falber Schein erwachte und das erste Morgenlüftchen über den Hügel strich, da war die Lustbarkeit zu Ende, und Männer und Weiber, eines nach dem anderen, trat an den Holzstoß heran, um die Fackel zu entzünden und vom heiligen Feuer eine Flamme heimzutragen für das kommende Jahr. Auch die Maragret kam herbei, still, mit gesenktem Köpfchen – und da war es dem Lebrecht, als höre er neben sich die piepsende Stimme eines Unsichtbaren: »Ich will sie stolpern machen – gieb ihr noch einen tüchtigen Stoß!« Dem Lebrecht schoß vor jähem Schreck alles Blut zum Herzen. »Um Christi Liebe willen, thu es nicht, Hans Donnerstag,« so stammelte er. Aber da sah er die Maragret schon wanken, sie drohte zu stürzen, mitten hinein in die Flamme – doch Lebrecht Graumann streckte die Hände, just noch erfaßte er sie, riß sie zurück vom Feuer und hielt sie geborgen in seinen Armen. Sie wand sich los von ihm, schlug weinend die Hände vor das Gesicht und drängte sich hinweg durch die Leute. Und wieder kamen sie, eines nach dem anderen, um Feuer zu holen und heimzutragen. Als letzter entzündete Lebrecht seine Fackel, und kaum daß sie brannte, erlosch auf der Erde das letzte züngelnde Flämmchen. Und als er nun heimwärts schreiten wollte, sah er unter der Tanne die Maragret sitzen. »Maragret,« sagte er, und seine Stimme klang sanft und ruhig, »wo hast du deine Fackel? Wenn du nicht Feuer bringst, das wäre Unglück für Euer Haus, und was würde dein Vater sagen?« Sie nickte nur, trocknete ihre Thränen, erhob sich, suchte die Fackel und ging zur Feuerstatt. Es lag aber nur noch eine schwache Glut in der Asche. »So nimm Feuer von dem meinigen,« sagte Lebrecht und hielt ihr die Fackel hin. Da schaute sie zu ihm auf, und Zähren traten ihr in die Augen. »Lebrecht,« stammelte sie, »könntest du mir wohl verzeihen?« »Ich habe dir lange verziehen. Denn was du mir zur Schande thatest, das ist mir zur Ehre geworden!« »Was aber müßt'ich thun, daß du es auch vergessen könntest? Sprich, Lebrecht! Ich thät es so gerne.« Er blickte sie an, und als er ihre flehenden Augen sah und ihren sanften Mund, da wallte ihm das Blut im Herzen, und er sagte mit bebender Stimme: »Da müßtest du mit mir zur Kirche gehen, Hand in Hand!« »Ach, Lebrecht, ich thät es ja so gerne,« lächelte sie, »vom Herzen gerne!« Er hätte am liebsten die Fackel von sich geworfen und das Mädchen umschlungen mit beiden Armen. Doch er bezwang sich und sagte: »Doch wenn du mein Weib wärest, dann ließ' ich einen Steinmetz kommen und er müßte mir eines Graumännleins Kopf ausmeißeln über meiner Thür. Und Lebrecht Graumann wollt ich mich nennen alle meiner Lebtage!« »Thu' es doch, Lebrecht, thu' es doch!« lächelte sie unter Thränen. »Und noch eines, Maragret – diese Kappe will ich tragen an meinem Hochzeitstag!« »Ja, Lebrecht, thu' es nur!« sagte sie, und dazu blickte sie ihn an mit seligen Augen. Nun sah er, daß ihr Gemüt verwandelt war, wie Stein zu Gold, und mit einem hellen Jauchzer riß er die Graumannskappe von seinem Haupte und warf sie in die erlöschende Glut. Und sieh, da schlug ein Flämmlein aus den Kohlen und verzehrte die Kappe, während man nahebei das lustige Kichern eines winzigen Stimmleins vernahm. An der kleinen Flamme steckte Maragret ihre Fackel in Brand, dann legte Lebrecht den Arm um seiner Liebsten Nacken, und so wanderten sie niederwärts den Hügel und heimwärts in das Dorf. Als ihre Wege sich schieden, küßte Lebrecht die Maragret herzinnig auf Augen, Mund und Wangen. Seltsam, wahrhaftig! Zwei Feuerlein, die brennenden Fackeln, sah man nun auseinanderwandern in der grauen Dämmerung des Morgens ... und hier waren doch zwei Flammen ineinander geschmolzen zu einer einzigen Glut Der Herrgottspfänder. Er war gezeichnet an der Stirne. Freilich, man konnte für gewöhnlich dieses Mal nicht sehen, denn er verstand es gar geschickt, seine dichten, schwarzen Haare wie ein undurchsichtiges Netz über die verräterische, unvergängliche Narbe zu streichen. Aber wenn ihm ein unerwarteter Windstoß das Haar aus der Stirne fegte, und wenn er just auf den Schleichwegen, die er zu gehen liebte, den Weg eines braven, ehrlichen Mannes kreuzte, dann konnte er den forschenden Blick solch eines Mannes nicht ertragen, er mußte die Augen, niederschlagen, und das häßliche Mal auf seiner Stirne brannte in rotem Feuer. Er war gezeichnet ... Einsam hauste er, abgesondert und gemieden von den anderen, in einem entlegenen Hause. Nur selten wagte er einen Gang ins Dorf. Denn die Leute wichen ihm aus auf Schritt und Tritt, auch jene, die einst auf ihn geschworen und zu ihm gehalten hatten wie Stein und Eisen. Die Kinder, die vor den Häusern umhertollten, unterbrachen ihre fröhlichen Spiele, wenn er auf der Straße vorüberschritt, und mit Fingern zeigten sie hinter ihm her und schrien: »Herrgottspfänder! Herrgottspfänder!« Auch die Alten nannten ihn nicht anders, denn sein Name war untergegangen in Vergessenheit und Mißachtung, und nur ein einziges Wort noch war für ihn geblieben ... »Herrgottspfänder!« Er war gezeichnet an der Stirne ... Und er, der Gemiedene, der von allen Verlassene, war einst der angesehenste Mann im Dorfe. Ob Herr oder Bauer, er wußte jeden für sich zu gewinnen, denn er hatte eine so treuherzige Manier, den Leuten ins Gesicht zu schauen, und er hatte eine so biedere, ehrenfeste Art, zu reden. Er verstand es, sich in die Brust zu werfen. »Ein braver Kerl, wie ich« ... »ein Ehrenmann, wie ich« ... so schloß und endigte jede Wendung seiner Gespräche, und das wiederholte er so lange, bis es die Leute glaubten, bis sie es ihm nachzureden begannen. Er hatte ein Herz für die Menschen, er war die verkörperte Nächstenliebe, er war der ehrliche Freund aller Welt ... und das beschwor er auf der Straße, hinter der Bierbank und im Gemeindehaus; weshalb also hätten die guten Leute daran zweifeln sollen? Er war als feiner, geschmeidiger Gast willkommen im Schlosse er war ein Herz und eine Seele mit dem aufgeklärten freidenkenden Dorfarzt, er räsonnierte mit dem demokratischen Förster um die Wette, im Pfarrhof that er wie zu Hause, er machte sich gern in den Höfen der reichen Bauern zu schaffen, und er that sich groß damit, daß er auf offener Straße Arm in Arm ging mit jedem Kleinhäusler und Tagewerker. Ja, die armen Teufel, die Bedrängten und Bedrückten, sie alle, die Stiefkinder des dörflichen Lebens, sie hatte der brave Mann besonders in sein Herz geschlossen. Freilich war bei ihnen nicht viel zu holen, man hätte ihnen denn das letzte Hemd vom Leibe ziehen müssen. Aber Nächstenliebe ist ja ohne Eigennutz, das Mitleid bezahlt sich selbst, und menschliches Erbarmen fragt nicht lange nach Sporteln. Wen unter diesen Armen nur ein Ungemach bedrängte oder eine schwere Sorge drückte, für den hatte der Mann ein Schlagwort des Trostes bereit. Es sagte zwar wenig, dieses Wort, und es half zu nichts; aber den armen Teufeln that es wohl. In jeder Not kamen sie zu ihm, und wenn ihnen auch nicht geholfen wurde, so gingen sie doch getröstet von dannen. »Ja, der Dokter« – so nannten sie ihn – »der versteht halt mit unsereinem zu reden, der meint's ehrlich mit uns, der weiß, wo unsereinen der Schuh drückt!« Das sagte einer dem anderen nach, und als der alte Steffelbauer, der durch zwanzig Jahre allsonntäglich sein Mittagsschläfchen im Gemeinderat gehalten hatte, eines seligen Todes verschied, da thaten sich die Kleinhäusler zusammen und wählten den »Dokter« in den hohen Rat. Sie hatten ihre Freude daran, wie ihr »Mann« in der Gesellschaft der braven Dorfväter aufmischte! Da war es vorbei mit dem Schlafen, denn der Doktor hatte nicht nur die redlichsten Absichten, sondern auch eine gar laute Stimme, mit welcher er so lange und überzeugungsvolle Reden hielt, daß den Dorfvätern nicht nur der Schlaf, sondern zuweilen auch Hören und Sehen verging. In herzzerbrechenden Worten konnte er das Elend der Armen im Dorfe schildern, er konnte wirkliche Thränen weinen über ihr bitteres Los, in flammendem Zorne schalt er auf die drückenden Steuern, auf den erbärmlichen Lohn und die schwere Arbeit ... und dann schlug er immer mit der Faust auf den Tisch und donnerte: »Das muß anders werden, und ich will sorgen dafür, daß es anders wird, denn ich bin ein Ehrenmann, der ein Herz im Leib hat.« Es wurde deshalb freilich nicht anders, die Gemeindeumlage nicht niedriger, der Lohn nicht höher, die Arbeit nicht leichter. Aber was lag daran? Die guten Leute nahmen den zwecklosen Spektakel für die mangelnde That, sie glaubten an ihren Mann, und wenn zuweilen böse Jungen etwas davon zu wispern hatten, daß es mit der uneigennützigen Nächstenliebe doch hin und wieder ein Häkchen hätte, dann schüttelten sie die Thomas-Köpfe und wiederholten seine eigenen Worte: »Unmöglich – so ein braver Kerl, wie er, ein Ehrenmann, wie der Dokter!« In diesem Vertrauen machten sie ihm nicht einmal einen Vorwurf daraus, daß er »Einer vom Gerichte« war – und das will viel heißen, denn der Bauer hat für gewöhnlich so seine eigene Meinung von Gesetz und Recht, er fügt sich allem gerne, nur nicht dem Zwang. Und wenn es geschah, daß der »Dokter« manchmal in Gesellschaft des Exekutors Einkehr hielt in einer armen Hütte, dann schalt und jammert wohl der eine, den es traf, aber alle die anderen sagten: »Mein Gott, er muß halt – 's is ihm selber net recht, thut ihm selber 's Herz weh!« Einmal aber, da blieb auch all' diesen anderen das gewohnte Wort im Halse stecken. Es war in einem harten Winter, um die Weihnachtszeit, um jene selige Zeit, in welcher Freude und Liebe wandern von Haus zu Haus und auch noch Einkehr halten an jener Stelle, von welcher sie verbannt waren ein ganzes, langes Jahr. Um diese Zeit war dem Bachmichl, dem ärmsten Teufel des Dorfes, die einzige Kuh gefallen. Erst im Frühjahr hatte der Michl das Tier vom Händler gekauft und hatte während des Sommers den Kaufpreis Gulden um Gulden abgetragen bis auf einen kleinen Rest. Nun war die Kuh dahin, an einer Seuche gefallen, der Michl durfte das Fleisch nicht verwerten, er mußte die Kuh verscharren ... und sie war noch nicht bezahlt ... und das lederne Beutelchen des Bachmichl war so leer, wie der Magen seiner Kinder. Dem Händler, der im Dorf als harter Mann bekannt war, wurde bange um sein Geld, er that, was er gewohnt war in solchen Fällen, er ging zum »Dokter« und trug ihm die Sache vor. Natürlich rührte sich im Busen des guten »Dokters« das warme Herz und die Nächstenliebe. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und jammerte: »Der arme, arme Michl! Mein Gott! Mein Gott!« Dann ließ er sich von dem Händler Vorschuß geben und versprach, die Sache in seine barmherzige Hand zu nehmen. Das that er denn auch. Der Michl wurde verklagt und zur Zahlung verurteilt ... neun Gulden Rest für die Kuh, dreizehn Gulden achtunddreißig Kreuzer für die »Kosten«. Mit nassen Augen kam der Michl zum »Dokter« gerannt, zu seinem guten Freund, zum Mann der christlichen Nächstenliebe. Der sprach vom Zwang des Gesetzes, jammerte über die Not der Zeit, schalt auf den hartherzigen Händler, und vor Mitgefühl kamen ihm sogar die Thränen, als er dem Bachmichl schonend mitteilte, daß er ihn anderen Tages pfänden müsse. »Herr Dokter,« schluchzte der Michl, »morgen is der heilige Abend!« »So? Der heilige Abend? Richtig, richtig! Ja, Michl, ja, da mußt du als guter Vater schon dazu schauen, daß das Christkindl noch vor der Pfändung kommt ... Deine armen Kinderln müssen doch auch eine Freud' haben!« Der Michl schaute den »Dokter« mit starren Augen an. Und der legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Ja, siehst du, Michl, so bin ich! So handelt ein Ehrenmann!« Dem Michl fiel das Kinn auf die Brust, und er ging. Ein paar Stunden später saß der »Dokter« im Wirtshaus, der hochwürdige Herr Pfarrer an seiner Seite, und am langen Tisch die stillen Bauern. Er sprach von seinen felsenfesten Überzeugungen, hielt eine schöne Rede über die Verderbnis der Zeit, schlug mit der Faust auf den Tisch und donnerte: »Das muß anders werden.« Begeistert hob der hochwürdige Herr das frisch gefüllte Glas und rief: »Lieber, lieber Freund, Sie haben mir aus der Seele gesprochen!« Die Bauern aber stießen sich mit den Ellbogen an und zwinkerten sich mit den Augen zu: »Der kann's!« Am anderen Tag, als es schon zu dämmern begann, saß der Bachmichl in seiner Stube, stumm die Fäuste über den Tisch gestreckt. Sein Weib war außer Haus, im Kreister schliefen die zwei jüngsten Kinder, und der Sepp und die Mierl, die mit der Nase schon über die Tischplatte reichten, hockten flüsternd in einem Winkel; ihre Wangen brannten, und manchmal hörte man sie leise kichern, wie in versteckter Freude ... die kleinen Schelme wußten ja, was ihnen die nächste Stunde bringen mußte. In der Stube brannte kein Licht, und es wurde dunkler und dunkler. Nur der Schnee, der auf der Straße lag, warf noch ein mattes Zwielicht durch die Fenster herein. Dann plötzlich quoll ein heller Schimmer in die Stube ... er leuchtete aus den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses. Mit zitternden Händchen packte Sepp die Schwester am Arm und stammelte: »Mierl, da schau, beim Lentner zünden s' an!« Dann wieder Stille ... von draußen aber hörte man die sanften, schwebenden Klänge der Glocken, die »zum Segen« läuteten. Und nach einer Weile streckte Mierl das Köpfchen aus dem Winkel und fragte mit schüchternem Stimmchen: »Vaterl ... wann kommt's denn?« Der Bachmichl gab keine Antwort; nur ein dumpfer, schluchzender Laut kam über seine Lippen. Und wieder nach einer Welle jubelte Mierl: »Vaterl ... jetzt hör' ich's kommen!« Auch der Bachmichl hatte die Schritte gehört, die im Hausflur laut geworden. Die Thür ging auf, und in die Stube trat der gute Freund des Volkes, der wohlbekannte »Dokter«, begleitet von einem Manne, der ein Aktenbündel unter dem Arm, in der Hand eine Laterne trug. Draußen auf der Straße hörte man ein paar Leute reden; nur wenige waren gekommen – es war ja um diese Stunde die lachende Freude zu Besuch in jedem Hause. Ein stummer, flehender Blick des Bachmichl, ein Achselzucken des Exekutors, und die Amtshandlung begann. Es war nicht viel zu finden in Haus und Stube, aber auch der armseligste Kram, auch das Elend der Menschen findet noch seine Käufer. Und wieder einmal fiel der Hammer: »Ein halbes Bett mit Kotze, Schätzungswert 5 fl., um ... fünf Kreuzer zum drittenmal!« Da stürzt ein Weib in die Stube, lachend und weinend, das Weib des Bachmichl. Einen letzten Versuch hatte sie gewagt ... und er war geglückt. Der Händler hatte ihr den Rest der Schuld erlassen. Nun ist es vorbei mit Pfändung und Exekution! Nein! Wer zahlt denn die »Kösten«? Das Gesetz muß seinen Lauf nehmen, und der »arme Dokter« muß auch leben. »Aber Bachmichl! Du bist doch sonst so ein gescheidter Mensch! Das mußt du doch begreifen! Aus reiner Nächstenliebe bin ich ein Gegner des sogenannten Fallenlassens von Feilbietungen, weil dadurch nur die Kosten erhöht werden! Ich handle also nur in deinem eigenen Interesse, als dein bester Freund und wahrer Ehrenmann, wenn ich die Exekution fortsetze! ... Weiter um eine Nummer!« Der Hammer fällt, und immer wieder. Die Stube leert sich, die Wände werden kahl. Hinter dem Ofen steht das schluchzende Weib, die beiden Jüngsten auf den Armen, denn das Bett ist fort ... in einem anderen Winkel der stumme Mann, er hallt den Sepp und die Mierl umschlungen und drückt ihre Gesichtchen in die Falten seines Kittels, damit sie nicht sehen sollten, was geschieht. Mit jedem Hammerschlage sinkt er mehr in sich zusammen, mit jedem Stücklein, das sie hinaustragen zur Stube, bricht ihm ein Stück Leben von seinem Herzen. Und jetzt das Letzte! Alles kahl und leer. Die Augen des »Dokters« gleiten über die Wände, er hebt die Laterne, und ihr trüber Schein fällt auf den »Herrgott« – auf das Kruzifix, das in einer Mauerecke hängt, umgeben von dürren Palmzweigen. »Halt ... dort oben ist noch ein Herrgott Er streckt die Hand, und die gemalten Augen des geschnitzten Bildes sehen ihn an ... versteht er denn ihre Sprache nicht? Es sind ja nur zwei Worte, die sie ihm sagen: »Erbarmen, Liebe!« ... Er, der sich doch sonst so gut auf Worte versteht ... weshalb versteht er denn jetzt nicht? Er streckt die Hand, und der Exekutor ruft aus: »Ein Herrgott, Schätzungswert ...« er stockt und besinnt sich. Wie hoch soll er schätzen? Der »Dokter« hat schon das Kreuz gefaßt, das er mit der Hand kaum noch zu erreichen vermochte, er zerrt, das schwere Schnitzwerk gleitet aus dem Haken, fällt nach vorne, streift im Fallen das Gesicht des Mannes und splittert auf den Dielen in Trümmer auseinander. Der Bachmichl will auf den Dokter losstürzen, doch er kann nicht, schreiend hält ihn sein Weib umklammert ... aber seine geballten Fäuste strecken sich, und in keuchendem Zorne ringt sich ein Wort von seinen zuckenden Lippen: »Herrgottspfänder!« Mit blassen, erschrockenen Gesichtern drücken sich die Leute aus der Stube ... und die kleine Mierl zupft den Vater am Kittel, deutet mit dem Finger nach der Stirn des »Dokters« und stottert: »Vaterl ... schau ihn an ... der Herrgott hat ihn g'schlagen!« Die Stirne blutet ... zwei scharfe Risse laufen über einander, wie die Linien eines Kreuzes. Dicke, rote Tropfen rinnen nieder ... mit zitternden Händen zerrt der Getroffene sein Tuch hervor und wischt über die Wunde ... er kann das Blut nicht stillen ... Wortlos verläßt er die Stube und das Haus. Scheu weichen im Hof die Leute vor ihm zurück ... Er war gezeichnet. Das rote Licht Der Zug war überfüllt. Dennoch hatte Georg ein Coupé für sich und seine Familie erobert. Der Zug war allerdings noch nicht in Gang, und einzelne Reisende eilten noch scheltend von Waggon zu Waggon, um ein halbwegs bequemes Plätzchen für sich ausfindig zu machen. Georg aber wußte sie auf raffinierte Weise von seinem Coupé fortzuscheuchen. Er nahm seinen zweijährigen Jungen auf die Knie, tollte und scherzte mit ihm und kniff ihn in die runden Backen, so daß der kleine Knirps ein fideles Geschrei erhob, das sich nur durch ganz feine Nuancen von einem schmerzvollen Gezeter unterschied. Dazu ahmte Georg mit verblüffender Natürlichkeit die quieksenden Laute eines Wickelkindes nach, und um die abschreckende Wirkung dieser für die Ohren aller Reisenden so unheimlichen Töne zu verschärfen, mußte das Kindermädchen in unmittelbarer Nähe der Thüre ein leeres Kissen auf den Armen schaukeln. Selbstverständlich war auch der vierjährigen Nelly eine Rolle in dieser Intriguen-Komödie zuerteilt worden; man hatte sie an das Fenster postiert, und hier kam sie auf den geradezu genialen Einfall, unter herzbrechendem Gesänge mit beiden Fäustchen auf die Scheibe loszutrommeln. Georgs junge, reizende Frau spielte in diesem meisterhaft inscenierten Lustspiel das Publikum. Sie stand im Fond des Coupes und lachte aus vollem Herzen, so oft ein Gesicht mit forschender Miene vor der Coupéthüre auftauchte, um jählings mit dem Ausdruck starren Entsetzens wieder zu verschwinden. Endlich! Das letzte Zeichen wurde gegeben, der Pfiff der Lokomotive schrillte durch die Halle, und schnaubend dampfte der Zug aus dem lichterhellten Bahnhof hinaus in die sternhelle Nacht. »Viktoria!« schrie Georg jubelnd auf und schwang mit beiden Armen sein Bürschlein, das vor Entzücken mit den Füßchen strampelte. Er hatte aber auch alle Ursache, sich seines gelungenen Streiches zu freuen. Eine zehnstündige Fahrt in der Nacht, in einem angepfropften Coupé, mit Kind und Kegel, das wäre in der That ein Los gewesen, »schwerer zu ertragen, als eine Reihe von schönen Tagen«. O, diese Dichter! Die Weisheiten und tiefsinnigen Gleichnisse, die sie in unterschiedlichen Versfüßen aus dem Ärmel schütteln, hinken zuweilen ganz bedenklich. Der sechswöchentliche Urlaub, den Georg mit den Seinen in einem entzückenden Gebirgsthal verbracht hatte, was war das eine »Reihe von schönen Tagen« gewesen! Und wie leicht zu ertragen! Nur schade, daß sie nun vorüber waren, wie weiland die »schönen Tage von Aranjuez«! »Aber daheim ist's auch wieder schön,« meinte Georg, zog sein junges Weibchen an sich und küßte den roten Mund, der ihm entgegenlachte. Das Bürschlein aber schien eine Zärtlichkeit, die nicht ihm galt, absolut nicht dulden zu wollen; es fuhr dem Vater zausend in den braunen Bart und schlug ihm das feiste Händchen – patsch! – mitten auf die Nase. Georg lachte, daß ihm die Thränen kamen. Die kleine Nelly wurde eifersüchtig und kletterte auf den Schoß der Mutter, wo sie, anknüpfend an das Rollen und Rasseln der Räder, eine endlose Reihe von Fragen jener Art eröffnete, welche nach dem Sprichwort zehn Weise nicht zu beantworten vermögen. Ganz besonders interessierte sie sich für die Art ihrer Fortbewegung im Coupé. Daß die Waggons von der Lokomotive gezogen werden, das begriff sie sofort; aber . . . »Wer zieht die Lokomotive?« »Der Dampf, mein Kind.« »Ist der Dampf ein Pferd.« »Nein, Schatz. Der Dampf ... der Dampf ... weißt Du, das ist eine Kraft.« »Ist die Kraft ein Pferd?« »Nein, aber das Pferd hat eine Kraft, verstehst Du?« »Ja, Mama, aber wo hat das Pferd die Kraft?« »In den Füßen.« »Hab' ich auch eine Kraft in den Füßen?« »Ja, ja, ja!« »Darf ich dann auch die Lokomotive ziehen?« Die Mutter verzweifelte, und Georg lachte. Er strich mit der Rechten über das lockige Haar seines neugierigen Mädchens und hielt mit der Linken das Bürschlein fest, das sich am Fenster aufgestellt hatte, das Näschen an das Glas drückte, die kühle Scheibe beleckte und dabei mit staunenden Augen auf die vorüberhuschenden Lichter guckte. Inzwischen wurde vom Kindermädchen die eine Hälfte des Coupés für die Kleinen häuslich eingerichtet, mit Kissen und Decken. Als es dann hieß: Schlafen gehen! – gab es freilich von Seite Nellys einen weinerlichen Protest, den aber das zärtliche Zureden der Mutter rasch beschwichtigte. Die Kinder wurden halb entkleidet, von Vater und Mutter tüchtig abgeküßt, unter die gestickten Decken geschoben – und dann mußten sie beten. Zuerst faltete Nelly die Hände und sagte mit rührender Einfalt ihr frommes Sprüchlein her. Darauf kam der Prinz an die Reihe: »Esudindlein domm' zu mir, Mach' ein frommes Dind aus mir...« so plapperte das Bürschlein unter mehrmaligem Gähnen, wobei es nicht verfehlte, wie allabendlich, am Schluß des Versleins zum Entzücken von Vater und Mutter die naive Pointe anzubringen: »Mein Herz ist dein, kann niemand 'nein, Als du mein liebes Esulein!« Es wurde nach Gebühr gelacht, dann legte die junge Mutter die Kinder bequem in die Kissen, und Georg zog an der Decke des Coupés den blauen Vorhang über die Lampe. »So! Jetzt nicht mehr gemuckst und fest geschlafen!« Die Kleinen benahmen sich so manierlich, wie gute Lämmchen, sie rührten sich nicht mehr, und bald hatten alle beide die Augen geschlossen. Freilich, je bequemer es die Kleinen hatten, desto knapper war der Raum für die drei Großen bemessen. Die eine halbe Bank wurde dem Kindermädchen überlassen, Georg drückte sich in die Ecke am Fenster, die junge Frau setzte sich an seine Seite und lehnte den Kopf an seine Brust. Ein halbes Stündchen plauderte sie noch leise mit ihm, dann fielen auch ihr die müden Lider zu. Georg wachte. Er hielt den Arm um die Schulter seines Weibes geschlungen und wagte sich nicht zu rühren, um die Schlafende nicht zu wecken. In stillen Gedanken blickte er vor sich hin. Doch immer wieder glitten seine Blicke hinüber zu den schlummernden Kindern, deren frische Gesichtchen in dem blauen Dämmerschein sich ansahen wie verschleierte Rosen. Ein seliges Lächeln umspielte Georgs Lippen, und er drückte einen leisen Kuß auf das wellige Haar der jungen Mutter, wie zum stummen Danke für das süße Glück, das sie ihm geschenkt hatte mit ihrer Liebe und ihren Kindern. Zwei Stunden hatte die Fahrt gewährt, da erwachte die junge Frau. Der kurze Schlaf auf dem engen, unbequemen Sitze hatte sie noch mehr ermüdet. Georg strengte all' seinen Scharfsinn an, um Hilfe zu schaffen. Aber den Kindern war an Raum nichts abzuzwacken, und das Mädchen, das den ganzen Tag geräumt und gepackt hatte, mußte auch sein leidliches Plätzchen haben. Hier gab es nur einen Ausweg. In der nächsten Station verließ Georg das Coupé und suchte in einem anderen Waggon unterzukommen. Das war nun freilich nicht so leicht. Atemlos rannte er von Thür zu Thür, und endlich, im letzten Wagen des Zuges, fand er für sich noch ein Winkelchen. Er selbst hatte es nun freilich schlechter getroffen – er war der achte im Coupé – aber er dachte an seine kleine Frau und war zufrieden. Wie gut sie nun schlafen konnte! Er sah sie ganz deutlich vor sich ... sie schlummerte, behaglich ausgestreckt, und atmete in tiefen Zügen durch die leicht geöffneten Lippen. Zarte Röte färbte ihre Wangen, und um die Mundwinkel spielte ein feines Lächeln, als sähe sie im Traume fröhliche Bilder ... Ein dreifacher, gellender Pfiff der Lokomotive schreckte Georg aus seinen Gedanken auf. Ein jähes Angstgefühl durchschoß ihm das Herz... er fuhr auf die Thür zu, riß das Fenster nieder und starrte am Zug entlang. Es war im freien Felde, keine Station in der Nähe. Weit vorne auf der Strecke sah Georg ein rotes Licht, das von einem unsichtbaren Jemand hastig im Kreis geschwungen wurde. An den Rädern hörte er die Bremsen knirschen, immer langsamer ging der Zug, und kreischende Stimmen ließen sich vernehmen. »Weshalb halten wir? Was ist geschehen?« schrie Georg in die Nacht hinaus. Niemand antwortete ihm. Weit vorne hörte er eine rauhe Stimme fluchen, dann pfiff die Lokomotive, ein rasselnder Stoß durchfuhr die Wagenreihe und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Kopfschüttelnd schloß Georg das Fenster und kehrte zu seinem Platze zurück. Die anderen Passagiere waren ebenfalls munter geworden und redeten eine Weile hin und her, was wohl den Aufenthalt inmitten des offenen Feldes verursacht hatte. Unverständlich summten ihre Stimmen um Georgs Ohren, er saß in seine Ecke gedrückt und schaute ins Leere; die Hände zitterten ihm von der Nachwirkung des plötzlichen Schrecks. Er hätte doch wohl besser gethan, wenn er bei seiner Frau und seinen Kindem geblieben wäre – so meinte er nun. Es wäre ja möglich, daß ihnen eine ernste Gefahr gedroht hätte ... und dann wären sie allein gewesen, schutzlos, verlassen. Aber Gott Lob! Was ihm das Herz im ersten Augenblick zusammengekrampft hatte wie mit eisiger Hand ... es war nur blinder Lärm gewesen. Vielleicht ein völlig harmloser Vorgang, den er in der Sorge um seine Lieben mit übertriebener Ängstlichkeit gedeutet hatte. Er lächelte und schloß die Augen. Langsam rann es durch seine Glieder, wie bleierne Müdigkeit. Aber er kämpfte gegen den Schlaf, er dachte an sein Weib, an seine Kinder ... er sah das dunkle Coupé, sah aus dem blauen Dämmerschein die süßen, rosigen Gesichtchen leuchten, er hörte die leisen, ruhigen Atemzüge der jungen Mutter ... und unter ihm, da rasselten und schlugen die Räder im schnatternden Takt... die Fenster zitterten und klirrten ... Da plötzlich ... wieder der gleiche Pfiff, dreimal nacheinander, kurz und gellend. Wieder stürzte Georg zum Fenster, wieder sah er das rote Licht... jetzt aber wollte der Zug nicht halten... das rote Licht aber wuchs und wuchs, es wurde zu einer mächtigen Flamme, welche gleich einem feurigen Ungetüm wie besessen auf- und niedersprang. Georg wollte schreien, aber die Zunge war ihm wie gelähmt, er wollte die Thür öffnen und vermochte kein Glied zu rühren. Und jetzt... ein donnerähnliches Krachen, ein Schwanken und Sinken, als klüfte sich die Erde, ein Schmettern, Dröhnen und Zischen ... und herzzerreißendes Geschrei! In Grausen und Entsetzen schwanden ihm die Sinne. Als er wieder zur Besinnung kam, sah er sich auf offenem Felde liegen. Alle Glieder waren ihm wie zerbrochen, aber stöhnend raffte er sich auf. Doch als er das grauenvolle Bild erfaßte, das sich seinen Augen bot, war ihm, als müsse sein Herz zerspringen vor Weh und Wahnsinn. Zerschmettert lag der ganze Zug, Trümmer und Leichen überall, und alles blutigrot erleuchtet von der mächtigen Flamme, die aus dem geborstenen Kessel der Lokomotive emporloderte gegen den schwarzen Himmel. Ächzen und Wimmern, gräßlicher Jammer und schrille Hilferufe füllten die Luft. Aus Georgs Kehle rang sich ein gurgelnder Laut, er stürzte vorwärts, vorüber an Trümmern und Trümmern ... und jetzt ... »Georg, Georg!« so klang es mit herzzerbrechendem Stöhnen an sein Ohr. Wie zu Stein verwandelt stand er, seine Lippen klafften, seine zuckenden Finger griffen ins Leere. Ein Wust von Holz und Eisen lag vor seinen Füßen ... aber seine starrenden Blicke drangen durch all' diese Trümmer ... er sah seine süßen Kinder, sein schönes, junges Weib, mit bleichen Zügen und brechenden Augen ... von seinen Lippen tönte ein gellender Schrei, und ... Und da erwachte er. Der Morgen dämmerte und eben hielt der Zug in der Halle eines Bahnhofes. Georg fuhr mit beiden Händen an die Stirne, auf der ihm der kalte Schweiß in dicken Tropfen stand. Jetzt wurde die Thür geöffnet, und da sprang er auf, stürzte ins Freie, rannte am Zug entlang, suchte mit irrenden Blicken das Coupé... nun fand er die Thüre, und als er sie aufriß, streckte die junge Frau ihm lächelnd die Hand entgegen. Wie erschrak sie aber, als sie sein blasses Gesicht und seine brennenden Augen sah. Doch ließ er ihr keine Zeit zu einer Frage – mit zitternden Armen umschlang er sie und überströmte ihr Gesicht mit glühenden Küssen. Da hörte er die Stimme seiner Nelly – die Kinder waren erwacht – aufschluchzend riß er die Kleinen an seine Brust, küßte ihnen Mund und Augen, immer und immer wieder, dann sank er zurück in die Polster, und seine fassungslose Erregung löste sich in Lachen und Thränen. Der Kamerad des Frühlings. (Ein modernes Ostermärchen.) Ein brausender Sturm war ihm vorangeflogen, hatte die Bäume gezaust und die weiße Last von ihren Ästen geschüttelt, hatte mit Heulen die Dächer umfahren und den Schnee davon geweht. Dann hatte sich die Macht des Sturmes zu einem lauen, leisen Lüftchen gedämpft, und da wußten nun die Leute, daß er kommen würde. Mit leichten Sohlen stieg er, von Süden her, über den Grat des Gebirges, ein schöner Jüngling in wallendem Blondhaar. Einen blühenden Lilienstengel führte er als Wanderstab, sein Gewand war aus duftenden Blüten mit Sonnenstrahlen genäht, und bunte Schmetterlinge umgaukelten ihn als sein Geleit. Singend wandelte er über die Berggehänge nieder, und wo er ging, da schmolz in weiter Runde der Schnee hinweg, es färbte sich der welke Rasen grün, die Blumen sproßten auf, um ihre Kelche summten die Bienen, die Blätter sprangen aus den Bäumen, und zwitschernd suchten sich in allen Büschen die verliebten Vögel. Nun hatte er das ebene Land erreicht und wanderte singend die weiße Straße dahin. Erschrocken aber hielt er plötzlich inne, denn der holde Zauber, der von ihm ausging, schien jählings gebrochen. In weitem Umkreis sah er das Land verwüstet, den Rasen verkohlt, die Gesträuche niedergestampft, die Bäume gefällt. Kein singender Vogel war zu hören, zwei schwarze Raben nur durchflatterten mit heiserem Krächzen die von Rauch und Dunst erfüllte Luft. Und inmitten dieser Verwüstung, auf dem qualmenden Schutte einer niedergebrannten Hütte, sah er einen riesengroßen Mann gelagert; ein blitzender Stahlhelm deckte das Haupt und die Stirne, ein brauner, blutbefleckter Mantel mit verbrannten Säumen verhüllte die Gestalt und das Gesicht, so daß allein die düster glühenden Augen zu sehen waren. Als der Unheimliche den schönen Jüngling erspähte, rief er ihm mit dröhnenden Worten zu: »Bist du der Frühling?« »Ja, ich bin der Frühling,« antwortete der Jüngling mit glockenweicher Stimme. »Weshalb nur säumtest du so lange?« »Mich hielt der Eisriese gefangen; doch als ich die Osterglocken läuten hörte, hab' ich meine Fesseln mit Gewalt gebrochen und meine frohe Fahrt begonnen. Wer aber bist du?« »Ich bin der Krieg. Doch komm', ich habe nur auf dich gewartet. Unser Weg ist der gleiche, geh' du voran, ich will dir folgen als dein Kamerad.« Er sprang empor und schlug den Mantel auseinander. Bläuliches Erz umschloß den riesigen Leib, am Kettengürtel hing ein blitzendes Schwert und eine blutige Geißel, bleich und hager starrte das schreckliche Gesicht, Schlangen waren die Locken, die es umringelten, und sein Bart war eine rote Flamme, die zur Erde züngelte. Knatternde Blitze fuhren aus den Schienen seines Panzers, Rauch qualmte unter seinen Sohlen hervor, und wo er stand, ging ein Regen von zahllosen Tropfen nieder, die sich zu rinnenden Bächen sammelten. »Was sollen diese Bäche, die ich zu deinen Füßen rinnen sehe?« »Es sind die Thränen, die um meinetwillen fließen.« Schaudernd wandte sich der Frühling ab und schritt voran; er hörte, wie der Krieg ihm folgte mit Tritten, welche klirrten, wie fallendes Eisen und schleifende Ketten. Und wo der Frühling ging, da blühte im Glanz der Sonne das weite Land, um unter den Schritten des Krieges in Wüstenei sich zu verwandeln. So waren sie eine Weile gewandert, als der Frühling am Straßenrain ein junges Mädchen sitzen sah, das mit beiden Händen sein Gesicht verhüllte und bitterlich weinte. »Schließe deinen Mantel,« sagte der Frühling zum Krieg, »vor deinem Anblick möchte das arme Kind zu Tod erschrecken!« Dann ging er auf die Weinende zu und streute Blumen in ihren Schoß. Und als sie dieser Gabe nicht achtete, frug er sie: »Warum weinest du?« »Ich weine, weil ich so verlassen bin seit langen Jahren. Wie ich noch ein Kind war, hat der Krieg meinen Vater getötet, und meiner Mutter ist darüber das Herz gebrochen.« Traurig blickte der Frühling dem Krieg in die glühenden Augen. »Willst du nicht umkehren? Rührt dieser Jammer nicht dein Herz?« »Mein Herz ist Stein und Eisen,« sagte der Krieg. »Den ganzen langen Winter hab' ich auf dich gewartet, nun will ich dir auch folgen.« Sie wanderten weiter und kamen zu einem schmucken Dorf. Hart an der Straße stand die Kirche, an deren hohen Fenstern die Sonne sich spiegelte. Wundersame Glockenklänge schwebten vom Turm hernieder, die Orgel rauschte, und von hundert frommen Stimmen gesungen erscholl das heilige Osterlied vom Heiland, der aus Tod und Grab erstanden. »Willst du nicht umkehren?« bat mit sanften Worten der Frühling. »Beuge dich vor ihm, der den Menschen den Frieden und die Liebe brachte.« »Mein Recht ist älter als das seine,« murrte der Krieg, »denn ich wurde geboren, als Kain den Abel erschlug.« Während sie noch sprachen, war die Messe zu Ende und die Leute strömten aus dem Thor der Kirche. »Verhülle dein Gesicht,« so bat der Frühling seinen Begleiter. Und kaum daß er gesprochen hatte, eilten schon die Burschen und Mädchen herbei; sie hatten gesehen, daß der Frühling gekommen war, und begrüßten den lang Erwarteten mit Tanz und Liedern. Der Frühling aber konnte sich ihres Jubels nicht von Herzen freuen, und dann auch schien es ihm, als klänge ihr Lachen nicht so frei und heiter, ihr Gesang nicht so hell und jubelnd wie sonst, wenn er zu kommen pflegte. »Weshalb begrüßt Ihr,« frug er sie, »mein Kommen in diesem Jahr mit so gedrückter Freude?« »Weil bange Sorge auf unseren Herzen lastet,« gaben sie zur Antwort, »und weil wir fürchten, daß du nicht allein kommst und daß ein böser Kamerad dir folgen wird.« Da lachte der Krieg und ließ den Mantel fallen. Jählings verstummten die Lieder, im Tanz erstarrte jeder Fuß, ein gellender Wehschrei hallte von jeder Lippe, die Weiber umklammerten ihre Männer und Söhne, die Mädchen ihre Liebsten ... der Krieg aber streckte die eherne Hand, riß die Schluchzenden aus einander, hauchte Tod und Vernichtung aus seinem Munde und schüttelte den Bart, daß Feuer auf alle Dächer flog. Klagend eilte der Frühling von dannen, doch er hörte hinter sich den Schritt des Krieges, klirrend wie fallendes Eisen und rasselnd wie schleifende Ketten. So kamen sie in einen dunklen Wald. In diesem lag, dicht an der Straße, ein kleiner See mit klarem Spiegel. Quer über die Straße schien die Grenze eines Landes zu ziehen, denn ein in Streifen bemalter Schlagbaum sperrte den Weg. »Geh' nur voran,« sagte der Krieg und zog sein blitzendes Schwert, »dort drüben ist mein Ziel.« »Willst du nicht umkehren?« bat der Frühling. »Dort drüben liegt mein schönstes Land, darin ich am liebsten meinen Einzug halte! Soll ich es verwüstet sehen unter deinen Schritten? Sollen sie alle, die meiner in Sehnsucht harren, meinem Kommen fluchen, weil du mir folgst?« »Verliere keine Zeit,« murrte der Krieg, »sie wissen, daß ich komme.« »Wie bist du schrecklich!« sagte der Frühling. »Hast du schon einmal dein eigenes Antlitz gesehen? Komm – ich will es dir zeigen.« Er führte den Krieg dicht an den See heran und hieß ihn niederblicken in das stille, tiefe Wasser. Und als der Krieg in dem glatten Spiegel nun sein grauenvolles Abbild sah, von Flammen umlodert und von Blut umronnen, erschrak er so heftig vor sich selbst, daß seiner Hand das Schwert entfiel. Zischend fuhr es in die Flut – doch als es schimmernd niedersank zur Tiefe, da zitterte durch die Lüfte ein wundersamer Laut – es war, als hätte die Erde freudig aufgeseufzt, jählings erlöst von banger Sorge. Wie zu Stein verwandelt kauerte der wehrlose Krieg am Ufer – der Frühling aber umwandelte singend den ganzen See, und hinter seinen Schritten stiegen Rosen in dichter Hecke aus dem Grunde, höher und höher wuchs die grüne, blühende Mauer und hielt den Krieg gefangen mit ihren Dornen. Sanft aus der Ferne tönten die Osterglocken, im Walde rauschten die Wipfel, und zwitschernd schwangen sich die kleinen Sänger von Zweig zu Zweig. Singend zog der Frühling von dannen, das Land, in dem er Einzug hielt, mit Blüten überstreuend. Sag' mir ... Die Langeweile hatte ihn fortgetrieben aus der Stadt. Aber er pflegte auch auf Reisen zu gähnen. Das flache Land mit seinen monotonen Pappelalleen, mit seinen stillen Dörfern und den endlosen Getreidefeldern ... wie langweilig! Die großen Städte mit ihrem Fremdentrubel, ihrem Staub und ihren Ausstellungen ... wie langweilig! Und erst das Gebirgsnest, in das ihn nach zielloser Fahrt der Zufall verschlagen hatte ... wie langweilig! Und er that doch als Reisender seine Pflicht und Schuldigkeit. Er kaufte sich den »Führer durch X und Umgebung«, bestaunte das blaue »Meerauge« mit den zu fetter Trägheit aufgefütterten Forellen, untersuchte die Pfahlbautenreste am See und die Burgruine auf der Höhe des Waldberges, in dem einsam gelegenen Forsthaus ließ er sich Gemsbraten auftischen, in der Meierei aß er Butterbrot und schlürfte warme Kuhmilch, sogar die Dorfkirche besuchte er und unternahm jeden als »reizend« geschilderten Ausflug, jede als »interessant« empfohlene Tour. Aber ihn langweilte jeder Schritt, den er that, das leere Geschwätz seiner Führer, die kostümierten Dorfpuppen, die auf allen Wegen und Stegen umherlungerten, die müden verschwitzten Gesichter der Touristen, der Sonnenschein und das Regenwetter, sogar die findige, immer neue Art, in welcher er überall und von jedem geprellt und geschnitten wurde. Und nach langweiligem Tag der Abend im Speisesaal des Hotels! Zwei-, dreihundert Gäste an langen Tafeln; die Teller überklapperten das spärlich rinnende Geplauder der Menschen, die sich fremd waren, und in gleichmäßigen Zwischenräumen produzierte eine »heimische Sängergesellschaft«, kostümiert natürlich, mit gezierter »Urwüchsigkeit« eines ihrer dutzendmal gehörten Stücklein. Entsetzlich! Noch einen letzten Tag, dann wieder weiter! Ein vorschriftsmäßiger Ausflug war ja noch abzufrohnen, der obligate Spaziergang in die »Klamm«. Die Hände in den Taschen des leichten Sakko vergraben, ohne Blick nach rechts oder links, so wanderte Egon den Weg dahin, dessen erste Hälfte über sonnige Wiesen führte. Dann begann ein breites Waldthal, welches enger und enger wurde. Ein reißender Bach schäumte zwischen felsigen Ufern, und aus der Tiefe der Schlucht hauchte eine erfrischende Kühle. Immer steiler wurde das Gehäng, immer näher trat es an den Bach heran, kahle Felsen, von dünnen Wasserfäden überronnen, schoben sich zwischen den Bäumen hervor, und dann verschwand alles Wachstum, und zwischen engen, wild zerklüfteten Steinwänden, so hoch getürmt, daß der Himmel nur noch herniederschimmerte als ein schmaler, lichtblauer Streif, tobte und rauschte das weiße Wasser, schoß durch finstere Schachte, stürzte sich in tiefe Kessel, gurgelte über Kies und Klötze und bildete stille Becken, auf welche sich der zarte Wasserstaub der zerschellten Tropfen niedersenkte gleich einem von Elfenhänden gewebten Schleier, der in den Farben des Regenbogens schillerte, wenn ihn ein Sonnenstrahl aus der Höhe traf. Auf dem Balkensteg, der mit eisernen Klammern an der Felswand festgehalten war, durchwanderte Egon die Klamm. Was er sah, das alles war ja ganz hübsch, aber er hatte das alles schon zu dutzendmalen gesehen, noch großartiger, noch wilder und romantischer. Als er die Klamm durchschritten hatte und die Höhe der Schlucht erreichte, trug er aus dem dämmerigen Felsengrunde keinen anderen Gewinn empor unter den freien Himmel, als Langeweile und Ermüdung. Zwischen schattigen Büschen warf er sich in das blumige Gras und starrte hinunter in das Zwielicht der tiefen Schlucht. Ihm war so öd, so leer zu Mute. Felsen und Wasser, Himmel und Wald, Welt und Leben, alles widerte ihn an. Er stützte das Haupt auf die Hände und begann zu grübeln. Wenn es nur eines noch gäbe, nur ein einziges, um seine schläfrige Seele aufzurütteln, um diese ertötende Langeweile zu verscheuchen. Er sann und sann. Was war dieses eine, wo war es zu finden? Was ihm das Leben bieten konnte, das hatte er ausgekostet bis zur Neige. Ein Elternpaar, das ihn verzogen und verzärtelt, und dann die Reichtümer, die er geerbt – sie hatten ihm jeden Wunsch, den er nur empfinden konnte, längst gewährt, hatten ihn alles genießen lassen, was ein Menschendasein an Genuß nur zu finden vermag. Was also noch? Er sann und sann, und seine irrenden Gedanken wiegten sich auf dem eintönigen Rauschen und Gemurmel, das emporquoll aus der Tiefe. Diese dumpfen geheimnisvollen Laute schlichen sich tiefer und tiefer in sein Ohr, das Denken erlosch in ihm, und er lauschte nur noch, lauschte und lauschte, bis es ihm war, als würde dieses dumpfe Tönen zu klar verständlicher Stimme, welche zu ihm sprach wie aus einer anderen Welt. Aus einer anderen Welt? Er lächelte, und wie ein süßer Reiz überkam ihn die Empfindung, daß es ein Neues war, was jetzt in seinen wieder erwachenden Gedanken keimte. Das rauschende Gewässer sprach zu ihm wie verheißungsvolles Locken, wie freundliches Rufen: Komm, komm, komm! Er lauschte ... und wieder lächelte er. »Wenn ich es thäte?« Und weshalb nicht? Er war ja Herr seiner selbst, er ließ ja keine Seele zurück, die um ihn hätte jammern und klagen müssen. Es blieben hinter ihm nur lachende Erben, und er konnte die Genugthuung mit sich hinunternehmen, daß seine letzte Laune doch wenigstens einem halben Dutzend Menschen eine wirkliche Freude gemacht hatte. Weshalb also nicht? Was ihm das Leben seiner fünfunddreißig Jahre geben konnte, das hatte er genommen mit beiden Händen ... nur eines stand ihm noch aus: das Letzte, das einzig Neue noch, der Tod. Lächelnd rückte er bis an den Rand des Abgrundes und beugte das Gesicht über die Tiefe. Ihn schauderte nicht. Was er sann, was er sich ausmalte von den Empfindungen des letzten Augenblicks, das ergötzte ihn. Er fühlte, wie sein Blut in Wallung kam, wie sein Herz in raschen Schlägen pochte, wie es glühte und sprühte in seinem Innern. Seltsam! Jetzt, da er sterben wollte, spürte er nach langer Zeit zum ersten male wieder, daß er lebte. Und dieses köstliche Empfinden sollte ihm zerrinnen in die alte Langeweile? Nie und nimmer! Es galt ja nur einen raschen Schritt, nur einen kurzen Schmerz, und er nahm diesen reizvollen Augenblick unzerstört mit hinüber in die schmerzlose Ruhe, in eine Ruhe ohne Langewelle, ohne Ekel und ohne Bitterkeit. Tiefer und tiefer neigte sein Haupt sich über den Rand der Schlucht, und schon wollten seine Hände sich öffnen und den Halt verlieren. Da plötzlich schlug aus nächster Nähe der Wechsel zweier Stimmen an sein Ohr. Er horchte auf, und wie Neugier überkam es ihn ... er wollte die letzten Menschen sehen. Lautlos drückte er die Zweige des Gebüsches zur Seite. Nur wenige Schritte vor ihm, auf einer Moosbank, saß ein junges Paar; die Ähnlichkeit der beiden verriet ihm, daß sie Geschwister waren. Egon betrachtete die Züge des jungen Mannes; es war ein schmales, feines Gesicht von blasser Farbe, ein wenig entstellt durch die blaue Brille, welche die Augen bedeckte; die schmalen Lippen lächelten, die Hände waren auf einen Stock gestützt, der Kopf lag etwas in den Nacken gedrückt ... es war die Haltung eines Blinden. Seine Schwester schien um wenige Jahre älter zu sein. Ihre Gestalt war zart und von weichem Ebenmaß; aber aus jeder Bewegung sprach ein fester Wille. Ernste Sanftmut redete aus jedem Zuge des durchgeistigten Gesichtes, aus dem ruhigen Glanz der dunklen, schönen Augen. Sie schien soeben erst von einem Gange zurückgekehrt, denn Egon hörte sie sagen: »Ich wäre gerne noch länger geblieben, aber ich hatte Sorge um dich.« Der Blinde schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich habe mich nicht von der Bank gerührt und habe ruhig gewartet, bis du kamst. Wärst du doch länger geblieben!« »Ich habe mich schwer getrennt ... es war so schön!« Der Blinde atmete tief auf. »Sag' mir, was du gesehen hast.« Nun schilderte die Schwester ihre Wanderung durch die Klamm. Es war ein Malen mit Worten. Man hörte aus ihrer Sprache, wie tief und mächtig die Schönheit des Erschauten auf ihre Seele gewirkt hatte, wie sie ganz erfüllt war von dem wundervollen Reiz des genossenen Bildes. Und was sie empfunden, das teilte sich aus ihren Worten dem Bruder mit, der in Spannung lauschte. Seine Wangen begannen sich zu röten, es lag auf seinem Gesicht wie ein begeistertes Schauen nach innen, und mit glücklichem Lächeln sprach er vor sich hin: »Wie schön! Wie schön!« Dann legte er die Hand auf den Arm der Schwester: »Sag' mir ... wie war es weiter?« »Ich kam an eine Stelle, an welcher hoch über meinen Häupten die Felsen sich schlossen, so daß mir der Himmel entschwand. Rings um mich her war tiefe Dämmerung. Ich sah an den Felsen keine Farbe mehr. Alles grau und dunkel; nur in der Tiefe schimmerte der weiße Schaum des Wassers, und die Tropfen, die von der Höhe fielen, leuchteten noch ein wenig, als hätten sie in ihrem kleinen Herzen ein Stäubchen Sonne aus dem hellen Tag mit heruntergestohlen in die Finsternis.« »Ich sehe sie ... ich sehe sie, wie sie fallen und leuchten,« stammelte der Blinde. »Sie fallen in mich hinein, wie ein Gruß von der Sonne ... sag' mir, wo die Sonne steht?« »Dort oben steht sie, gerade über dir.« Der Blinde hob das Gesicht, er lächelte, und mit einem tiefen Zuge sog er die Sonnenwärme in seine Brust. Dann wieder: »Sag' mir, wie dir zu Mute war?« »Ich stand ... und da überfiel es mich plötzlich wie ein Bangen und Fürchten, wie ein Sehnen nach dem hellen Tag. Und ich dachte an dich und sorgte mich, meine Hände, mit denen ich mich festhielt am Geländer, zitterten, ich eilte vorwärts, und als ich über mir den blauen Himmel wieder sah, da war mir, als käm' ich aus dem Grab gestiegen, als wär' ich erwacht zu neuem Leben. Mir war so wohl, und alles, was ich sah, so voller Farbe, so sonnig und so schön! Die grünen Büsche neigten sich über den Rand der Felsen und griffen wie mit hundert kleinen Fingerchen in den blauen Himmel. Saftiges Moos und üppiges Flechtwerk spann sich über die steilen Wände hernieder, kleine Quellen sprudelten über die Stufen und flossen dann über die letzten schrägen Steine ganz sachte in ein großes Becken, in welchem das Wasser stille stand und mir zu Füßen lag wie ein blauer Spiegel, aus dem mein Gesicht mir entgegenlächelte wie mitten aus dem Himmel heraus. Hätt' ich nicht an dich gedacht, hier wär' ich gerne noch ein Weilchen geblieben ... es war so schön!« »So schön! So schön! Wie du es sagst, so seh' ich es vor mir ... Gott ist so gut, daß er mich leben läßt und sehen mit deinen Augen.« Mit glückseligem Lächeln neigte der Blinde das Haupt gegen die Schulter der Schwester. »Und sag' mir, wie ist der Platz, vor dem wir sitzen?« »Einige Schritte vor dir gehen die Stufen hinunter in die Schlucht. Von hier aus siehst du über ihren Rand hinweg. Drüben steigen die Hügel an, auf denen dunkler Wald mit hellen Wiesen wechselt; und hinter ihnen siehst du die hohen Berge; die kahlen Felsen sind von zartem Duft überflossen, der Schnee, der noch auf ihren Spitzen liegt, schimmert wie mattes Silber, und über allem der weite Himmel, blau und wolkenlos ...« »Mit seiner Sonne! Ich sehe sie nicht ... aber wenn ich so das Gesicht hebe, dann fühl' ich die Wärme auf meinen Augen, auf meinem ganzen Gesicht ... als hätte sie Hände, um mir die Wangen zu streicheln.« So plauderten sie weiter ... und Egon saß regungslos, die Hände waren ihm in den Schoß gesunken, er starrte mit feuchten Augen ins Leere und lauschte nur immer. Und als er hörte, daß die beiden den Platz verlassen wollten, ging es ihm wie ein Schmerz durch die Seele. Hastig sprang er auf und drückte die Zweige auseinander. Dort drüben im sonnigen Walde sah er sie dahin schreiten Arm in Arm, und er hörte noch die Stimme des Blinden: »Sag' mir, wie ist der Weg, den wir gehen?« »Wir gehen im Walde. Wenn du hineinblickst zwischen die Bäume, siehst du ein zitterndes Gemisch von goldigem Licht und bläulichem Dunkel, denn der leichte Windhauch, den du fühlst, rührt die Blätter, und ihre Schatten spielen über das Moos. Die Rinde der Buchen glänzt wie graue Seide, und wenn du vor uns durch die lichter stehenden Bäume zur Höhe blickst, dann siehst du ...« Die Stimme erlosch, und Egon war allein. Doch immer noch starrte er der Richtung zu, in welcher die Beiden seinen Blicken entschwunden waren. »Er ... und ich?« so stammelte er mit zuckenden Lippen. »Er dankt seinem Schöpfer für ein Leben, welches ich von mir werfen will, wie ein wertloses Ding. Mich widert an, was meine Blicke finden ... und ihn entzückt, was er nicht sehen kann mit Augen.« Die Hände fielen ihm nieder, er hob das Gesicht und ließ die Blicke langsam in die Runde gleiten. Und was er sah, erschien ihm wie eine neue Welt. »Er ist der Sehende ... ich war der Blinde!« Und während er diese Worte murmelte, sah er das Antlitz des Blinden vor sich, mit geschlossenen Lidern, und dennoch mit Augen, groß und leuchtend. Mit ernstem Blicke waren diese Augen auf ihn gerichtet, und er hörte die Stimme des Blinden fragen: »Sag' mir, was willst du beginnen?« »Sterben will ich.« »Sag' mir, weshalb du sterben willst?« Er suchte nach einer Antwort und fand sie nicht. Was hätte er sagen können wider das Leben, wider die Menschen, wider alles ... wie konnte es Geltung haben vor diesem einen, den er hatte sagen hören: »Gott ist gut, daß er mich leben läßt und sehen mit fremden Augen.« Und während er so stand, nach Worten ringend, die er nicht finden konnte, erschien ihm die »Laune«, die ihn angewandelt hatte an dieser Stelle, so häßlich und erbärmlich, daß ihn Scham und Reue überkamen. Mit hastigen Schritten floh er den Rand der Schlucht und eilte dem Walde zu, in welchem er die beiden hatte verschwinden sehen. Und es war ihm, als ginge er nicht allein, er glaubte an seiner Seite einen leisen Schritt zu hören, er fühlte eine weiche Hand auf seinem Arme, die ihn führte, und zwei große, schöne Augen sahen ihn an in Mitleid und Erbarmen. Dieser Blick verließ ihn nicht mehr; auf dem ganzen Wege sah er vor sich nur immer dieses Antlitz mit den sanften stillen Zügen ... und als er das Dorf erreichte und dem Blinden und seiner Schwester begegnete, schoß ihm jählings eine heiße Blutwelle aus dem Herzen in die Wangen. Er war ein Neues suchen gegangen. Und was hatte er gefunden? Das ewig Alte. Die Zitherspieler. Der Abend sank über die Berge, ein dämmerig blauer, vom letzten Sonnenlicht durchflirrter Himmel spannte sich über die weißen Zinnen und grünen Kuppen, leise klang das Murmeln und Glucksen der in langer Hitze fast versiegten Bäche, und das sanfte Läuten der fernen Almenglocken mischte sich in das sachte Flüstern und Rauschen des dunkelnden Waldes. Von dem Steige, der die Höhe des Waldes quer durchzog, klang ein fester, eilender Schritt und das Klirren ein Bergstockes. Nun trat der einsame Wanderer unter den Bäumen hervor auf den freien Pfad. Es war ein dreißigjähriger Bursche in sonntäglichem Gewand, mit einem verwitterten Rucksack hinter den Schultern. Der schlanke, sehnige Körper war leicht gebeugt von schwerer Arbeit. Unter dem breiten Rande des blumenbesteckten Filzhutes sah ein sonngebräuntes, erhitztes Gesicht hervor, mit freundlichen Zügen, mit zwei blauen, stillen Augen und einem lächelnden Munde, darüber ein weißblondes, zerzaustes Bärtchen saß. Einen Augenblick hielt der Bursche inne, atmete tief auf und schaute mit zerstreuten und verträumten Blicken um sich. Dann stieg er weiter auf dem schmalen, nicht ungefährlichen Pfad, der sich zwischen ansteigenden Felsen und abstürzendem Geschröff über den steilen, nur von magerem Gras, kümmernden Latschensträuchern und zerstreuten Almrosenbüschen bewachsenen Hang hinüberwand. Da waren zuweilen hohe Felsstufen zu überklimmen, und wenn der Bursche von ihrer Höhe wieder niedersprang auf den gesenkten Pfad, dann klirrte leise die Zither, die er im Rucksack trug. Nach etwa einer Viertelstunde erreichte er eine breite, aufwärtssteigende Waldzunge, und als er sie durchschritten hatte und die offenen Almfelder betrat, lag schon tiefe Dämmerung über dem Gehänge, und am tiefblauen Himmel blitzten die ersten Sterne. Scharf zog der Wind thalabwärts, mit weißlichem Schimmer leuchteten die zerstreuten Steine aus dem kurzgeweideten Rasen, hier und dort im Grase lag ein wiederkäuendes Rind, dessen Glocke sacht erklang, wenn es in behäbiger Neugier den dicken Grind nach dem späten Wanderer drehte. Raschen Ganges stieg der Bursch empor über das dunkle Hügelfeld und ihm voraus eilten seine sehnsüchtigen Blicke. Nun plötzlich verhielt er den Schritt und richtete lauschend den Kopf empor ... aber die unklaren Töne, die der Wind von der Höhe herab ihm zugetragen hatte, waren schon wieder verklungen und verweht. Er stieg weiter mit eilig überhasteten Schritten, als wäre eine Sorge hinter ihm her, die ihn trieb. Als er die Höhe des nächsten Hügels erreichte, funkelte ihm der matte, rötliche Lichtschein einer Hütte durch das Dunkel entgegen ... und da trug ihm nun auch der Wind verständlich und klar den Schall eines mehrstimmigen Gelächters zu, den Hall einer singenden Stimme, die Klänge einer Zither. »Wieder der andere! ... Wieder!« glitt es in stammelnden Lauten über die Lippen des Burschen. Lange stand er regungslos und starrte zu der dunklen Hütte und ihrem lockenden Feuerschein empor. Unschlüssig neigte er das Gesicht und zwirbelte mit zitternden Fingern an seinem Schnurrbart. Dann plötzlich warf er den Kopf zurück, stieg mit raschen Schritten vollends über den Hang empor und trat in die Hütte. »Grüß Gott bei'nander!« Er hatte die niedere, geräumige Sennstube betreten, an deren schwarzen Holzwänden die Kupfergeschirre im Wiederschein des Feuers funkelten, welches auf dem offenen Herd in hoher Flamme loderte und seinen dünnen Rauch in das berußte Sparrenwerk des Daches emporschickte. Zwischen den zwei kleinen Fenstern war in einem eisernen Ring an der Wand eine brennende Kienfackel befestigt; sie warf ihr zuckendes Licht über den Klapptisch, zu dessen Seite die junge Sennerin saß, die nackten Arme über der Brust gekreuzt, eine schmuckgewachsene, bildsaubere Dirn mit fröhlichen Augen und lachendem Mund; gleich einem Krönlein ruhte das Nest der braunen Flechten über ihrer Stirne, die von lockigen Zaushärchen halb verschleiert war. Ihr gegenüber saß ein Bursche mit blitzendem »G'schau« und keck aufgedrehtem Schnurrbart, ein Urbild derber Kraft und strotzender Gesundheit. Er hatte vor sich die Zither stehen, die er mit seltener Gewandtheit spielte; im Takt der schwirrenden Tanzweise, die aus den Saiten klang, drehten sich zwei junge Paare jauchzend und stampfend im Kreise. »Grüß Gott bei'nander!« Der Spieler blickte auf, und als er den Burschen gewahrte, brach er mitten im Takte ab, schob die Zither von sich und musterte den neuen Gast mit spöttischem Lächeln und zwinkernden Augen. Die beiden Paare standen still, und einer der Tänzer lachte: »Je, da kommt gar noch einer daher!« »Ein Überzähliger,« meinte seine Tänzerin. »Wir sind schon unser Sechse auf g'rade Füß'.« »Hörst es, Pauli?« lachte der andere Tänzer. »Wie g'fallt dir denn der Zenzl ihr' Rechnung?« »Na ja, an' einschichtigen Platz wird's ja dengerst noch geben für mich? ... Oder net, Nannei!« Und mit heißen Blicken hingen Paulis Augen an dem Gesichte der Sennerin. Das Mädchen nickte, und ein leises Lächeln zuckte um die roten Lippen. »Freilich, Platz is g'nug. Es gehen viel geduldige Schaf' in ein' Stall.« Lautes Gelächter folgte diesen Worten; und während Pauli, an seinem Schnurrbart nagend, den Bergsack abnahm und an einen Wandnagel hängte, erhob sich Nannei, um neues Holz über das Feuer zu legen. Dann schlug sie die Hand auf die Schulter des Burschen, der am Tische saß, und sagte: »Geh' zu, Toni, spiel weiter!« »Ah na! Für an' jeden spiel' ich net. Er kann 's ja selber – soll sich selber ein' aufspielen.« Diese Antwort war nun freilich nicht nach dem Geschmack der beiden tanzlustigen Paare, und als der Bursche trotz aller Bitten auf seiner Weigerung beharrte, wandte sich ihr ganzer Groll gegen Pauli. »No mein, wann ich Schuld bin, will ich's ja gut machen,« meinte Pauli. Er nahm den Platz ein, welchen Nannei verlassen hatte. »Mit Verlaub?« sagte er, zog Tonis Zither an sich und begann zu spielen. Es war ein fröhlicher Ländler, den er anstimmte ... aber sei es, daß ihn der Empfang bedrückte, den er gefunden hatte, oder daß sich die fremde Zither den gewohnten Griffen seiner Hand nicht fügen wollte, oder sei es, daß ihn der Gedanke an die Meisterschaft seines Gegners störte, der ihm mit spöttischen Blicken auf die Finger sah und zu jedem unklaren Ton die Lippen verzog ... Pauli spielte schlecht und war so unsicher im Takte, daß die Tanzenden immer wieder aus dem Schritt gerieten. Und als ihm nun gar das Unglück passierte, einen falschen Akkord zu nehmen, griff Toni mit beiden Armen über den Tisch herüber und riß ihm die Zither unter den Händen weg ... »Gieb her, du Lapp – kannst ja nix!« Eine brennende Röte flog über Paulis Gesicht, doch bevor er noch ein Wort der Erwiderung fand, hatte Toni die Zither vor sich zurechtgestellt, und als er zugriff mit seinen geübten, kecken Händen, da gab es ein Schwirren und Klingen, als wären alle Saiten mit einem Schlag ins Tanzen geraten. »Kreuzsaxen, da is halt a Schneid drin!« lachte der eine der beiden Tänzer, warf den Hut in einen Winkel und faßte Nannei mit einem hellen Jauchzer um die Mitte. Der andere Bursche that es ihm nach, zwischen den beiden Paaren drehte sich Zenz mit fliegenden Röcken ... und jauchzender Wirbel, Klatschen und Gestampf, Schnalzen und schwirrender Saitenklang erfüllten die Stube. Als Nannei endlich des Tanzes müde wurde, trat sie hinter Tonis Stuhl, legte die eine Hand auf die Lehne, stemmte die andere in die Hüfte, und so stand sie mit glühenden Wangen, mit leuchtenden Augen und wiegte den hübschen Kopf im Rhythmus der schwingenden Töne. Mit blinzelnden Augen schaute Toni zu ihr auf; er wußte, was es galt – und nun erst gab er sein Bestes. Seine Hände gaukelten und sprangen über das Griffbrett und die Saiten, daß es scheinen wollte, als hätte jede Hand zehn Finger; die schwierigsten Griffe warf er hin mit spielender Leichtigkeit, und je staunender Nanneis Augen an seinen Händen hingen, desto beflügelter schienen seine Finger. Unter schnatternden Akkorden schwirrten und wirbelten die Dreieinander, wie Schwalben im Sonnenschein, wie Blätter im lustigen Winde. Die beiden Paare hatten das Tanzen eingestellt und drängten sich um den Tisch ... das war ja auch kein »Tanz« mehr, was aus den dreißig Saiten dieser Zither klang ... es war ein ganzer, toller Kirchtag mit seinem Gelächter und Gekicher, mit seinen Tänzen, Liedern, Märschen und Jauchzern. In dieser ganzen Zeit saß Pauli regungslos in seiner Ecke, die eine Faust auf dem Tisch, die andere auf den Knien. Mit unverwandten Blicken hing er an Nanneis Antlitz, und was er von ihren glühenden Wangen, aus ihren leuchtenden Augen las, das trieb ihm alle Farbe aus dem Gesicht und legte sich mit bitterem Zug um seine herb geschlossenen Lippen. Und als nun Toni den tollen Wirbel seiner jauchzenden Weisen mit einem vollen, schwirrenden Akkord schloß, als die lauschende Stille in Jubel, Lachen und Geplauder sich löste, erhob sich Pauli und nahm die Zither aus dem Rucksack. Auf den Knien stimmte er sie mit bebenden Händen, dann legte er sie auf den Tisch und dabei war ein Ausdruck in seinen Zügen und Augen, als gelte es für ihn einen Kampf um Glück und Leben. Er begann zu spielen ... aber niemand achtete seiner, ungehört verklangen die zarten, schwebenden Töne seiner Saiten unter all dem Gelächter und Geplauder. Er spielte und spielte ... und da war es Nannei zuerst, welche aufmerksam den Kopf erhob. Dann wurde eines nach dem anderen still ... nun standen sie alle lauschend ... und hätte nicht das niederglimmende Feuer leise geknistert, es wäre außer dem Klang der Saiten in der Hütte kein Ton gewesen. Nur von draußen hörte man zuweilen den gedämpften Laut einer Glocke, und hörte, wie der Nachtwind mit sachtem, geheimnisvollem Rascheln über die Schindeln des Daches strich. Und diese Laute fügten sich zu den Klängen der Saiten fast wie ein unentbehrlicher Akkord. Es war ein weichgetragenes, schwermutsvolles Lied, was Pauli spielte, eine schmucklose, volkstümliche Weise ... und was an diesem Lied auf die Lauschenden wirkte und ihre Herzen ergriff, das war nicht die Weise selbst und nicht die Kunst des Spielers, es war die redende Sprache des einzelnen, leise schwebenden Tones, aus der es überquoll von Sehnsucht, Schmerz und Liebe ... Nannei hatte den Platz hinter Tonis Stuhl verlassen, es hatte sie näher und näher gezogen, nun stand sie dicht am Tisch, und als sie eine der Dirnen flüstern hörte: »Es is ja g'rad, wie wann a arme Seel' drin wär' im Holz, die unsern Herrgott anbettelt um Gnad' und Erlösung« ... da nickte sie mit verlorenem Lächeln vor sich hin, und ihre Blicke tauchten in Paulis Augen. Und während die weichen, süßen Töne ihr Ohr umschmeichelten, begannen diese blauen, tiefen, stillen Augen plötzlich redend zu werden für ihre Blicke. Was sie erzählten von Hoffen und Sehnen, von Treu' und Liebe, das alles, alles verstand sie ... die Saiten klangen es nach in zitternden Tönen ... und was sie sangen, das schlich ihr so warm in das Herz, so traulich in die Seele. Liebliche Bilder gaukelten vor ihr empor ... sie sah sich heimwärtsziehen von der Alm mit brüllenden Rindern und läutenden Glocken ... aus herbstlichen Bäumen sah sie ein freundliches Häuschen aufwärtstauchen mit rotem Dach und weißen Mauern ... und aus all den blinkenden Fenstern guckte das lachende Glück. Zwei schimmernde Zähren rannen über ihre glühenden Wangen, um ihre Lippen aber spielte ein fröhliches Lächeln. Da störte ein grobes Wort das Spiel und die Stille. Toni hatte sich erhoben: »Jetzt hab' ich 's aber g'nug ... die ewige Dudlerei!« Nannei streifte den Burschen mit einem zornigen Blick, dann legte sie die Hand auf Paulis Hände, und sagte: »Hörst es Pauli ... der Toni hat g'nug. Thu' ihm halt den G'fallen und wart', bis er fort is!« Toni stand mit verdutztem Gesicht und offenem Munde. Nun sprang auch Pauli auf. »Nannei!« stammelte er, und aus seinen Augen leuchtete die Freude des jähen Glückes. Frierende Blumen. Über dem weitgedehnten Friedhof dämmerte der herbstliche Abend. Der Himmel war von langsam ziehendem Gewölk bedeckt, das der letzte Nachglanz der gesunkenen Sonne mit mattem Purpur umsäumte. Über die kahlen Felder, welche den Friedhof rings umgaben, strich ein frostiger Wind und trieb den Staub in schweren Wolken gegen die roten Mauern der Gräberstadt. Eine überflüssige Mühe: Staub tragen ... in die Schatzkammer des Staubes. Aus dem offenen Thor ergoß sich ein dunkler Strom von Menschen; sie alle redeten mit halben Stimmen; ihre Bewegungen waren gemessen; es lag wie ein Schleier über ihrem Wesen. Sogar die Wagenrufer, welche vor der langen Front der Equipagen und Mietwagen hin und her rannten, dämpften ihre Stimmen. Nur wenn ein Pferd zuweilen wieherte, oder wenn ein Gefährt davonstob mit klapperndem Hufschlag und rasselnden Rädern ... das klang genau wie sonst, genau so wie an einem Tag, an welchem zwei selige Menschen Hochzeit halten. Innerhalb des Thores sammelte sich – wie ein Fluß aus Bächen und Quellen – der ins Freie drängende Menschenstrom aus den strahlenförmig auseinanderlaufenden Gräberstraßen, aus hundert Wegen und Pfaden. Doch immer spärlicher wurde dieser Zufluß gegen das Thor; jetzt nur noch getrennte Gruppen; dann nur noch einzelne Menschen, welche, fröstelnd eingehüllt in ihre Mäntel, bald hastig dahinschritten, bald zögernd sich entfernten und immer wieder stehen blieben, um noch einmal und noch ein letztesmal zurück nach der Stelle zu blicken, die sie verlassen mußten. Hier vor einem frischen Grabe verhielt sich noch ein Mann mit kummervollen Zügen, dort vor einem verwitterten Hügel noch eine gebeugte Frau, tief in sich versunken ... bis der Friedhofwächter sie erinnerte, daß die Glocke schon geläutet hätte. Dann schauten sie wohl mit verstörten Blicken auf, diese letzten, und wie erwachend aus schweren Träumen, streiften sie mit zitternder Hand über die Stirne, über die Augen ... dann gingen auch sie. Am Thore wartete der Pförtner schon ungeduldig der Säumenden, und als sie nun hinausgetreten waren auf die Straße, gab er dem schweren Thorgitter einen derben Stoß. Es bewegte sich knarrend und fiel mit dumpfem Hall ins Schloß. Wie eine Stimme lag es in diesem zitternden Hall, und diese Stimme schien zu sagen: »Vor mir das wachende Leben und hinter mir der schlummernde Tod; zwischen beide bin ich gestellt als scheidende Wand; und ihr alle, in denen das Herz noch schlägt, danket es mir, daß ich euch gewaltsam trenne von der ewigen Stille zwischen diesen Mauern; gehet heim, ringet euch mutig los vom Schmerze, denket in jeder Stunde, wie kurz die Spanne der flüchtigen Zeit gemessen ist für euer Leben, auf daß ihr keinen Tag verlieret bis zu jenem letzten, an dem die zeichnende Hand auch euch berührt; dann will ich mich öffnen eurem letzten Gang!« ... Durch die starren Eisenstäbe des geschlossenen Thores strich der kalte Wind. Ein Mann und ein Weib standen noch draußen; der Mann richtete sich tief atmend auf und ging mit festen Schritten seines Weges; das Weib aber warf sich schluchzend gegen das Thor, umklammerte mit zitternden Händen die eisig kalten Stäbe des Gitters und starrte durch die Lücken mit brennenden Augen in das sinkende Dunkel über den Gräbern. Und als sie ging, da war es nicht ihr Wille, der sie führte, sondern der Zwang des Lebens, der sich in Erschöpfung äußerte. Das Leben liebt seine Kinder, und damit die Freude ihr Herz nicht sprenge, erfand es das befreiende Lachen, und damit der Schmerz ihre Seele nicht zerdrücke, erfand es die erlösenden Thränen und das Weinen, welches müde macht; und für die Müden kommt der Schlaf mit seinen tröstenden Träumen, und nach dem Schlaf ein stiller Morgen und ein neuer Tag.. Tiefer und tiefer war der Abend gesunken; fast lautlose Stille lag über dem Hain der Toten; nur einzelne Wächter gingen noch zwischen den Gräbern umher und löschten hier und dort ein niedergebranntes Licht; dann ließen sie auf einsame Bänke sich nieder, zogen die Mäntel fester um den Leib und nickten im beginnenden Halbschlaf, durch Gewohnheit abgestumpft gegen die Schauer dieser Umgebung. Kein Schimmer mehr am Himmel; alle Sterne verhüllt von dichter Wolkendecke, so schwarz wie ein Grabtuch, das sich hinbreitet über ein erloschenes Leben, nur in der Ferne noch der rötliche Nachtglanz der Stadt, von welcher der Windhauch leisgedämpfte Geräusche einhertrug, wie Atemzüge des vom Tagwerk ermüdeten Lebens. Schärfer und kälter strich der Wind. Zwischen den Gräbern und auf allen Wegen trieb er raschelnd die welken Blätter vor sich her, sang mit klagenden Tönen um die scharfen Kanten der Grabsteine und zog mit flüsterndem Rauschen durch die Zweige der Cypressen und Trauerweiden; er spielte mit den Kränzen, die auf den Gräbern lagen, bewegte knisternd ihre Bänder und blies seinen frostigen Hauch in die frischen, blühenden Blumenbüsche, welche die trauernde Erinnerung vor wenigen Stunden erst herbeigetragen hatte, um die kahlen Deckel der Grüfte und das welke Gras der Hügel schmückend zu bedecken. Blüten und Blätter schauerten vor dieser tötenden Kälte, und wie von Seufzern und lispelnden Stimmchen quoll es aus all' den frierenden Kelchen. »Ach! welch eine bitterkalte Nacht,« flüsterte eine rote, halberschlossene Rosenknospe. »Es dringt mir bis ins Mark, es geht mir ans Leben, all' meine Säfte stocken und meine zarten Blättchen krümmen sich vor Schmerz.« Und ihr zur Seite klagte eine Nelke: »Mir geht es auch nicht besser, Schwesterlein Rose. Sieh' nur, wie der böse Wind mich zaust! Mein Stengel ermattet schon und läßt mich sinken, immer tiefer! Wer uns hierhergebracht in diese kalte, häßliche Nacht, hat es übel mit uns vermeint!« »Erfrieren müssen wir und sterben,« meinte eine weiße Hyazinthe, »statt zu blühen in warmer Sonne, statt der Menschen Sinne zu erfreuen mit süßem Duft und zarten Farben.« Ein häßliches Kichern mischte sich in diese Worte; es kam aus den von Blüten strotzenden Zweigen eines Kamelienstrauches. »Was wimmert ihr? Nehmt euch an mir ein Beispiel! Fühl' ich die Kälte weniger als ihr? Zaust mich der Wind gelinder als euch? Seht nur, wie die Flocken hinwegstieben von meinen Blüten. Aber ich trage das Unvermeidliche mit Geduld. Ich lache, well ich die Thränen hasse. Freilich ... ihr alle seid wohl zum erstenmale hier? Gewöhnt es nur! Ich habe das schon fünfmal mitgemacht. Es ist gewiß eine böse Nacht, und ich werde sie noch wochenlang in allen Gliedern spüren. Aber morgen kommt ja mein Herr und holt mich wieder zurück ins Treibhaus. Ach, wie ich mich sehne nach der Wärme. Sie wird mich wieder heilen ... und wenn dann auch die Schere über mich kommt, so weiß ich doch, es geht zu rauschenden Festen, und die Schönste der Schönen wird meine Blüten tragen im duftenden Haar und an stolzer Brust!« »Ja, du,« stöhnte die Nelke, »du hast leicht zu reden, dir sitzt die Kraft im Holze. Wir aber, wir zarten Kinder des Sommers, wie sollen wir diese böse Nacht überstehen? Wenn der Morgen kommt, dann liegen wir geknickt und welk ... und nimmer wird ein Frühling uns erwecken zu neuem Leben.« »Nun, dann tröstet euch mit dem Gedanken,« spottete die Kamelie, »daß ihr gefallen seid als Opfer liebender Erinnerung!« »Wie meinst du das?« fragte die Hyazinthe. »Ich verstehe dich nicht.« »Weißt du, was Menschen sind?« »Ich glaube wohl ... große Blumen, die an keinem Stocke hängen, sondern so frei sich bewegen, wie unsere welken Blätter, wenn sie der Wind entführt.« »Richtig! Und wenn der tötende Reif über eine solche Menschenblume fällt, dann bleibt sie nicht welkend liegen, wie unsere gefallenen Blüten. Von ihren Geschwistern wird sie tief in die Erde gesenkt, so tief, daß die Kälte des Winters nicht hinunterdringt zu ihr. Dort liegt sie dann im stillen, ungestörten Schlummer, bis der Menschenfrühling kommt und sie erweckt zu neuem, schönerem Blühen.« »Was kümmert das uns?« jammerte die Nelke und schüttelte sich fröstelnd. »Ja, siehst du,« spottete die erfahrene Kamelie, »das hast du nun von deinem Duft und deiner Schönheit! Hier unter diesem Hügel, auf dem wir frieren, liegt solch' eine schlafende Menschenblume. Ihre Geschwister kommen von Zeit zu Zeit ... und weil wir in unserem Duft und unseren Farben das Schönste sind, was ihnen die Erbe bietet, so tragen sie uns hierher, damit wir in ihrem Namen niederflüstern sollen bis an das Ohr der stillen Schläferin: »Wir grüßen dich und denken dein, warte nur ... bald kommen auch wir!« »Und deshalb soll ich hier welken müssen und sterben!« grollte die Nelke mit fast schon erlöschendem Stimmchen. »Ich liebe das Leben und will es nicht verlieren um anderer willen! Das ist unrecht, das ist grausam, uns dem Tode zu weihen, weil andere starben. Hab' ich nicht recht, Schwester Rose?« Die rote Rose weinte ... aber sie schwieg. »Recht so, Röslein,« sagte die Kamelie, die nun auch vor Kälte schon zu zittern begann, »trage dein Schicksal mit Ergebung. Komm, drücke dich recht nahe zu mir, meine Staude schützt dich vor dem Winde ... wer weiß, vielleicht überdauerst du die böse Nacht. Sieh nur umher ... andere haben es noch viel schlimmer; wir können uns doch trösten und schützen. Aber deine weiße Schwester dort drüben auf dem frischen Hügel ... sie steht allein und hilflos, sie wird den Morgen nicht erleben.« Die rote Rose wandte das zittemde Köpfchen, und durch das Dunkel schimmerte ihr eine weiße Blüte entgegen, die auf frisch gehäufter Erde stand, gezaust vom kalten Winde, schon halb beraubt ihres grünen Blätterkleides. Da fühlte die rote Rose tiefes Mitleid und rief hinüber: »Armes Schwesterlein, wie mußt du frieren!« Und die weiße Rose erwiderte leise: »Ich friere nicht, denn ich fühle noch den warmen Hauch eines Mundes, der mich küßte.« »Ach, du Arme, schutzlos stehst du im Winde, der die Erde dörrt zu deinen Füßen.« »Ich dürste nicht, denn feucht von heißen Thränen ist die Erde, in die ich meine Wurzeln schlage, tiefer und immer tiefer, bis hinunter zu den sanften Händen, die mich treu gepflegt durch viele Jahre.« »Ach, du Arme, wie der böse Wind dich schlägt mit seiner kalten Hand!« »Ich spür' es nicht ... und du, laß mich, störe mich nicht, ich habe zu thun!« »Was zu thun?« »Ich muß eine Mutter grüßen von ihrem Kind!« Und im wehenden Winde beugte die weiße Rose ihr Blütenhaupt bis auf die Erde und lispelte in die Schollen: »Mütterlein! Mütterlein! Dein Kindlein läßt dich grüßen. Es hat mich hierhergetragen an seinem pochenden Herzen, es hat mich auf dein Grab gepflanzt mit zitternden Händchen. Hörst du? Hörst du? Dein Kindlein läßt dich grüßen ...« Da wurden die Blumen stille rings umher ... und aus der Erde quoll es empor, ein leiser Hauch nur, aber tief und lange, so, wie die Freude atmet nach drückendem Schmerz. Die Liebe Gottes. Wer auf fröhlichcr Sommerreise nach dem grünen Königssee das malerisch gelegene Gebirgsstädtchen Berchtesgaden berührte, hat wohl auch einen Blick in die alte gotische Kirche und in die schönen Kreuzgänge des ehemaligen Stiftes geworfen. Dieses Kloster, welches 1803 säkularisiert wurde, hatte eine große, bunt bewegte Vergangenheit. Wer in den alten Chroniken und Urkunden Berchtesgadens blättert, glaubt Romankapitel zu lesen, in denen auch dramatische Aktschlüsse nicht fehlen. Um die Mitte des zwölften Jahrhunderts wurde die bescheidene »Martinsklause« gegründet und nahm vorerst nur einen langsamen Aufschwung. Als aber durch einen Zufall die reichen Salzlager entdeckt wurden, begann in dem stillen Thal ein reges Leben und Treiben. In dem als Lehen zum Stifte gehörigen Markte Schellenberg wurde ein Sudhaus errichtet, das sich gar bald als Goldschmiede des Klosters bewährte und die Dukaten in so schöner Menge lieferte, daß sich die arme Augustinerklause in kaum zweihundert Jahren zum reichsten Kloster weit und breit entwickelte. Alle Fürsten zankten sich um die Hoheitsrechtc über die reiche Probstei. Berchtesgaden war kein Kloster im landläufigen Sinne des Wortes, sondern ein freies Chorherrnstift, dessen adelige Mitglieder es nicht gar zu genau mit der Regel des heiligen Augustinus nahmen. »Sie beobachteten den gebührenden Gehorsam gegen den Probst und eine anständige Klausur,« schrieb der Salzburger Domherr Kaspar v. Stubenberg im Jahre 1473 an Papst Sixtus, »und führten bei gemeinschaftlichem Schlafhaus und Speisesaal ein ordnungsgemäßes Leben ( in communi dormitorio et refectorio regularem vitam ducunt ).« Im Übrigen hatte jeder Chorherr im Stift, späterhin auch außerhalb desselben, seine eigene Wohnung, welche aus einer guten Stube und einer Schlafkammer bestand. Auch war es den Kapitularen unbenommen, an Feiertagen Gäste in ihrer Wohnung zu empfangen und zu bewirten. Diese, der Klosterregel nicht ganz entsprechende Sitte führte zu einem tragischen Vorfall, welcher vom Chronisten des Stiftes ausführlich berichtet wird. Da kam im Jahre 1583, zur Sommerszeit, ein Laienpriester aus Ebersberg in der Freisinger Diözese, der Kaplan Kaspar Pritzner, als Gast in das Chorherrnstift Berchtesgaden. Das war ein junger Mann von lebhaftem Temperament und flammendem Gotteseifer, hoch gewachsen, mit dunklen feurigen Augen und einem kühngeschnittenen Gesicht. Er war im Kloster gar wohl gelitten, und namentlich der Kapitular Georg v. Weissenburg, Georg v. Weissenburg verwaltete das Amt eines Bergmeisters und machte sich um die Hebung des Salzbaues so verdient, daß ihm ein Denkstein im Salzwerk errichtet wurde. ein schon bejahrter Herr, schloß innige Freundschaft mit dem jungen Kaplan. Lange Stunden oft wanderten die Beiden durch das herrliche Bergthal und führten geistliche Disputationen, bei denen sie sich zuweilen heiß ereiferten; aber sie kamen schließlich doch immer wieder zu einem Punkte, bei welchem ihre auseinandergehenden Meinungen sich versöhnen konnten. Nun wurde am 24. August, am Tage des heiligen Bartholomäus, das Fest des Schutzheiligen der Bartholomäer Klause gefeiert. Dem Gast des Klosters wurde die Ehre zugedacht, an diesem Tage die Predigt zu halten. Am frühen Morgen fuhr Kaspar Pritzner, begleitet von Georg v. Weissenburg und einigen anderen Kapitularen, über den herrlichen Königssee. Die steigenden Frühnebel begannen just die ringsum ragenden Berge zu entschleiern, deren Zinnen umfunkelt waren vom goldenen Glanz der Sonne. Weihevolle Stille lag auf dem regungslosen, wie matte Seide schimmernden Wasser; man hörte nur das sachte Plätschern der Ruder und das leise Rauschen der von allen Felshöhen weiß herniederrinnenden Quellen. »Wovon willst du predigen?« fragte Herr Georg v. Weissenburg. »Von der Liebe Gottes!« erwiderte der Kaplan, der mit leuchtenden Augen umherschaute in all der Pracht und Herrlichkeit, mit welcher die Hand des Schöpfers diesen Fleck Erde gesegnet hatte. Zustimmend nickte der Chorherr. »Ja, Kaspar, sag' es unseren Bauern nur, wie groß, wie unerschöpflich Gottes Liebe ist. Das Völklein, das in unseren Bergen haust, ist arm und hat ein gar hartes Leben. Ohne Gottes Liebe wäre da kein Auskommen. Sag' es ihnen nur, weißt du, so recht warm aus dem Herzen heraus, damit sie heimgehen können mit einem guten Trost. Sieh nur, wie viele gekommen sind!« Er deutete nach dem nahen Ufer, welches von Kähnen und Menschen wimmelte. Aus allen Thälern waren die Bauersleute herbeigeströmt, Männer, Weiber und Kinder. Von den Almen waren die Senner und Sennerinnen niedergestiegen, und auch die Jäger in ihren verwilderten Trachten und mit den plumpen Radbüchsen fehlten nicht. Auf der großen Wiese vor dem Klösterlein waren Buden errichtet, in denen es Heiligenbilder, geweihte Wachsstöcke und allerlei weltlichen Kram zu kaufen gab. Im Schatten der Bäume stand auch eine Wirtsbude, denn an die kirchliche Feier schloß sich ein fröhliches Volksfest. Das altersgraue Kirchlein, welches zur Zeit unserer Geschichte bereits vierhundert Jahre stand, faßte die Menge der Andächtigen nicht. So war unter freiem Himmel eine Kanzel errichtet worden. Das gab nun ein wundersames Bild: der grüne See und rings umher die schwindelnd hohen Wände, der dunkle, sanft rauschende Bergwald, hoch über allem der blaue Himmel mit seiner leuchtenden Sonne, auf der weiten Wiese Mensch an Mensch gedrängt, alle mit entblößten Häuptern und andachtsvoll dem Prediger lauschend, dessen Wort wie eine helle Glocke von der Kanzel tönte. Im Schatten der Kirche saßen die anwesenden Chorherren auf einer mit rotem Sammet überdeckten Bank. Herr Georg v. Weissenburg hielt das Kinn in die Hand gestützt und folgte mit aufmerksamer Spannung jedem Worte der Predigt. Oft nickte er, zufrieden lächelnd, vor sich hin, dann wieder schien er verwundert zu lauschen und schüttelte mißbilligend den Kopf. Einmal wurde er ganz unruhig, seufzte und murmelte: »Die Jugend! Ach, die Jugend! Da brennt allweil das Herz mit dem Verstande durch!« Als Predigt und Messe vorüber waren, wurde im Klösterlein das Festmahl gehalten, zu welchem See und Berge mit Fisch und Wild die seinsten Bissen steuerten. Auch edle Weine zierten die Tafel, denn das Stift zu Berchtesgaden besaß in der Gegend von Krems und Klosterneuburg ausgedehnte Weinberge. Herr Georg verhielt sich während des Mahles merkwürdig stille; er begleitete auch die anderen Chorherren nicht, als sie mit dem Prediger nach Tisch ins Freie traten, um dem jungen Volke zuzuschauen, das sich bei den Klängen einer Sackpfeife in luftigem Tanze wirbelte. Ehe der Abend zu dämmern begann, brachen die Herren auf. Bei sinkendem Dunkel wurde das Stift erreicht. »Willst du nicht noch ein Stündlein bei mir einkehren?« fragte Herr Georg den Kaplan. »Du kannst das Nachtmahl bei mir nehmen, und für einen Krug Wein Eine vom 28. Juli 1567 datierte Verfügung des Probstes Jakob II. sicherte jedem Chorherrn täglich »fünf berchtesgadische Maß Wein«. ist auch gesorgt.« Der Kaplan nahm die Einladung nur zögernd an, denn er hatte wohl gemerkt, daß der Chorherr mit seiner Predigt nicht einverstanden war. Aber er wollte ihn nicht verletzen und sagte zu. Bald darauf saßen sie am gedeckten Tisch in der freundlichen Stube, welche mit geschnitzten Möbeln aus rötlichem Zirbenholz ausgestattet war. Eine Weile führten sie ein immer wieder versiegendes Gespräch über gleichgültige und fern liegende Dinge. Aber je länger sie um die Sache herumgingen, welche unausgesprochen zwischen ihnen blieb und doch nach Aussprache drängte, desto erregter wurden sie. Und dabei griffen sie häufiger nach dem Becher, als es sonst wohl ihre Gewohnheit war. Sie saßen sich schon mit heißen Köpfen gegenüber, als Herr Georg endlich losplatzte: »Sag' mir, Kaspar, wie hast du denn das heute gemeint ... mit der Liebe Gottes?« »Weshalb fragt Ihr? Da Ihr doch mit eigenen Ohren gehört habt, wie ich es meinte!« »Freilich, freilich hab' ich es gehört. Und da hab' ich mir gedacht: es ist nur gut, daß unsere Bauern nicht alles verstanden haben, was du sagtest!« »So glaubt Ihr, ich hätte Unrechtes gesagt?« erwiderte der Kaplan gereizt. »Laß' meinen Glauben aus dem Spiel,« sagte Herr Georg unwillig, »hier handelt es sich nur um deine Worte.« »Nein, nicht um meine Worte, nur um die Liebe Gottes, an deren ewigem Wesen weder meine, noch Eure Worte etwas ändern.« »Da hast du Recht. Und deshalb war es in den Wind gesprochen, als du in deiner Predigt sagtest, daß auch die Liebe Gottes ein Ende haben könne.« »Ja, das hab' ich gesagt und das glaub' ich auch!« »Ich aber sage und glaube, daß die Liebe Gottes unerschöpflich ist, unversiegbar, allgegenwärtig über all unserem Denken und Fühlen, Thun und Lassen.« »Nein, nein! Das wäre ein Widerspruch Gottes in sich selbst; er ist die ewige Harmonie, er ist das Gute in seiner höchsten Vollkommenheit und Reine, und was er ausgeschlossen hat aus seinem eigenen Wesen, alles Böse und Schlechte, das kann auch nie und nimmer Anteil haben an seiner Liebe!« »Falsch, Kaspar, falsch! Gottes Liebe ist wie die Sonne, welche ihr Licht und ihre Wärme niederstrahlt, auf Gerechte und Ungerechte.« »Falsch, falsch! Denn Gott ist nicht allein die Liebe, er ist auch die Allgerechtigkeit. Und er kann nicht lieben, wo er zürnen und strafen muß!« Herr Georg schlug entsetzt die Hände in einander: »Kaspar! Besinne dich! Wie darfst du sagen, daß die Liebe Gottes nicht auch in das Herz des Sünders quillt, wie Balsam in brennende Wunden.« »Nur in das Herz des Reuigen.« »Nein, Kaspar ...« »Ja, ja und tausendmal ja!« schrie der Kaplan und schlug die Faust auf den Tisch, daß die zinnernen Schüsseln und Becher klirrten. »Nur über dem reuigen Sünder waltet die Liebe Gottes. Denn er verlor sie nie, Gott entzog sie ihm nicht, denn seine Allwissenheit sah nicht nur des Sünders Sünde voraus, sondern auch die folgende Reue!« »Und dem Verstockten wäre die Liebe Gottes ganz entzogen?« »Ja, ja, ja, vom Anbeginn! Denn Gott sah voraus, daß dieser Sünder verstockt sein würde und mußte seine Liebe von ihm wenden, noch eh' er geboren war!« »Das ist Irrlehre, Kaspar!« »Nein, das ist reiner, tiefer Glaube!« »Wenn du solches glaubst, dann bist du kein Sohn der Kirche!« »Ja, ja, ich bin ein Sohn der Kirche, und einer, der getreuer ist, als Ihr!« »Nein, dann bist du ein Lutheraner, noch schlimmer: ein Calvinist!« »Das lügt Ihr!« schrie der Kaplan mit zuckenden Lippen. Herr Georg v. Weissenburg sprang erblassend auf: »Ein Priester und Edelmann lügt nicht! Nimm dieses Wort zurück!« »Nein, nein, und tausendmal nein! Die Liebe Gottes ...« Da traf ein klatschender Schlag seine Wange. Kaspar Pritzner stand einen Augenblick wie versteinert. Dann aber, in höllisch aufflammendem Zorne ... »ex instinctu diabolico,« sagt der Chronist ... ergriff er ein auf dem Tische liegendes Brotmesser und stieß es dem Chorherrn in die Brust. »Die Liebe Gottes ...«, stammelte Herr Georg, dann sank er blutüberströmt zu Boden und war eine Leiche. »Der Mörder wurde festgenommen,« erzählt der Chronist, »und man sendete über diese causa sacrilega einen Bericht an den Papst, der das Gericht über Kaspar Pritzner dem Erzbischof von Salzburg übertrug. Der Kaplan wurde der geistlichen Würde entkleidet und zu fünfjährigem Kerker mit schweren geistlichen Bußübungen verurteilt. Nach dreijähriger Haft gelang es Kaspar Pritzner, aus dem Kerker zu entfliehen.« Über die weiteren Schicksale des Flüchtigen schweigt die Chronik. An Bord der »Möwe«. Ein dünner Schnee rieselte unablässig aus dem grauen Himmel hernieder, und ein schneidender Wind fuhr um alle Häuserecken und durch alle Gassen. Aber das hinderte mich nicht, stundenlang mit schauenden Augen in den Straßen umherzubummeln. Sah ich doch die gewaltige Hafenstadt, die einstige Königin der Hansa, zum erstenmale. Alle historischen und literarischen Reminiszenzen, die sich so tausendfältig an die Mauern Hamburgs knüpfen, kamen mir zu Sinne, während ich die Alster-Arkaden durchwandelte und auf dem von Heinrich Heine so verfänglich gerühmten »Jungfernstieg« den Ausblick über das von weißem Eis verschlossene Alsterbassin genoß. An alles andere dachte ich eher, als an die geschäftigen Menschen, welche eilenden Ganges an mir vorüberschossen. Und so war ich doppelt überrascht, als sich jählings eine schwere Hand auf meine Schulter legte. Ich schaute auf und sah vor mir eine stämmige, von Kraft und Gesundheit strotzende Gestalt in etwas nachlässiger Kleidung, ein sonnverbranntes Gesicht mit lichtbraunem Vollbart und zwei klugen, klaren Augen, die mir mit fröhlichem Zwinkern entgegenblickten. Lachend nannte der Mann meinen Namen, und als er meine hilflose Verlegenheit gewahrte, rief er: »Aber Jung', kennst du mich denn nicht mehr? ... Christl Baumann!« Wo hatte ich nur meine Augen gehabt! Dieses Lachen, diesen Blick nicht wieder zu erkennen! Freilich, zwanzig Jahre lagen dazwischen, seit wir auf der Schulbank Seite an Seite gesessen. Wir waren unzertrennlich gewesen damals. Der Kitt unserer Freundschaft war allerdings nicht die Liebe zur Wissenschaft. Was uns zusammenhielt, war der gleiche, leidenschaftliche Hang zu Streichen und Abenteuern, die Lust zu freiem Streifen in Wald und Feld, der ungezügelte Eifer für alles, was mit Sport und Natur nur irgendwie Zusammenhang besaß. Jeder von uns beiden hatte seinen Helden, der mit der ganzen Inbrunst eines begeisterten Knabenherzens verehrt und vergöttert wurde. Mein Held war Coopers »Pfadfinder« mit dem niemals fehlenden Rifle, Christls Held eine phantastische Vermischung von Robinson, dem weltberühmten Einsiedler, und Nelson, dem Sieger von Trafalgar. Welch' merkwürdige Blüten diese Freundschaft trieb, das läßt sich denken. Eines Tages, als wir auf einer von Weidengestrüpp überwucherten Isar-Insel biwakierten, faßten wir den Plan, miteinander nach Hamburg durchzubrennen und als Schiffsjungen auf einem Amerikafahrer Dienste zu nehmen. Christl war in der glücklichen Lage, aus seiner Sparbüchse das Reisegeld für uns beide requirieren zu können. Der Plan wurde genau besprochen und sollte am nächsten schulfreien Nachmittage ausgeführt werden. Alles war bereit, alles schien zu glücken ... im letzten Augenblick aber störte eine kleine Ursache die große Schicksalswendung meines Lebens. Um vier Uhr sollte der Zug nach Hamburg abgehen. Nach einer ausgiebigen Mahlzeit hatte ich mich, um mich für die aufregungsvolle Nachtfahrt zu stärken, für eine Stunde schlafen gelegt. Und als ich erwachte, knapp noch zu rechter Zeit, erfuhr ich zu meinem Entsetzen, daß meine gute Mutter den schulfreien Nachmittag benützt hatte, um mein einziges Paar Stiefel dem Schuster zur Reparatur zu schicken. Adieu, du schönes Meer, adieu, du freies Amerika mit deinem wildreichen Urwald! Ohne jene geplatzte Stiefelnaht wär ich heute wohl Kapitän auf einem braven Schiffe oder ... wer weiß ... vielleicht ein stiller Inwohner des tiefsten Meeres. Und Christl Baumann? Als ich anderen Tages mit geflickten Sohlen und zerrissenem Herzen in die Schule kam, empfing mich die Nachricht, daß Christl Baumann verschwunden wäre. Er hatte die Schiffe hinter sich verbrannt, er konnte nicht mehr zurück, sei es aus Stolz, sei es aus Furcht vor Schlägen ... und so war er allein in die blaue Weite gezogen, wohl mit einem Fluch auf den treulosen Kameraden. Und jetzt, nach zwanzig Jahren, standen wir uns wieder gegenüber, Hand in Hand, mit lachendem Munde, er als wohlbestallter erster Offizier auf dem Schnelldampfer »Möwe«, ich als sorgenvoller Autor, der einer Premiere im Hamburger Stadttheater entgegenbangte. Straße um Straße durchwanderten wir Arm in Arm, und in sprudelndem Geplauder wurde die Vergangenheit rekapituliert. »Jung', wir müssen den Abend zusammen verbringen! Ich habe wohl Dienst, aber komm' mit an Bord ... Du sollst bei mir ein Leben haben wie Gott in Frankreich.« Ich schlug ein, und Christl rief eine Droschke, die uns zur Gasanstalt, an das Ufer der Elbe brachte. Eine drängende, schreiende Menge füllte den Landeplatz. Es waren Auswanderer, welche für Amerika eingeschifft wurden ... zumeist Süddeutsche und Österreicher. Hier der lange Flügelrock des Schwaben, dort der kurze Flaus oder der weiße Lodenmantel des Böhmen und Kroaten. Männer, Weiber und Kinder durcheinander, mit bleichen, abgespannten Zügen und fieberhaften Augen; dazwischen Karren und kleine Gefährte mit armseliger Habe, alten Truhen und neuen blinkenden Blechgeschirren ... Alles zusammen ein erschütterndes Bild jener Tragödie, die sich »der Kampf ums Dasein« nennt. Wir bestiegen einen kleinen Fährdampfer, der uns quer über die Elbe führen sollte. Von Wasser keine Spur zu sehen; der ganze Stromlauf war überdeckt von weißem, langsam treibendem Eise. Gackernde Krähen durchwühlten den Unrat, der auf den Schollen lag, und Hunderte von Möwen glitten mit gemächlichem Fluge durch die graue, von Dunst und Rauch erfüllte Luft. Die Maschine des Dampfers ächzte und schnaubte, in der wirbelnden Schraube polterten die Schollen, und unter dem auf- und niedertauchenden Bug des Schiffes knirschte und krachte das brechende Eis. Strom auf und ab zählte ich wohl an dreißig ähnlicher Fährboote und Schleppdampfer: einzelne lagen im aufgestauten Treibeis verfangen und wurden von größeren Dampfern wieder freigeschleppt, während die Dampfpfeifen von allen Seiten mit ihren tiefen, wimmernden Stimmen zu einem unheimlichen Konzerte zusammentönten. Vom Ufer her, auf welchem die gewaltigen Lagerhäuser in unabsehbarer Kolonne sich hinstreckten, quoll über den Strom der summende Lärm von tausend arbeitenden Menschen, und ein unablässiges Gerassel und Gepolter klang von den Schiffkolossen, welche den Dämmen entlang zu hunderten in Reih und Glied verankert lagen, mit qualmenden Schloten, mit ragenden Masten, mit ihren wirr durcheinander gesponnenen Raaen und Tauen. Wir standen auf dem Vorderdeck des Dampfers. Christl an meiner Seite, und er zeigte mir alles Sehenswerte, erklärte mir alles Große und Kleine in diesem imposanten Bild eines rastlos treibenden Lebens. Dann plötzlich verstummte er, und als ich zu ihm aufblickte, sah ich das fröhliche Lachen seiner Züge in tiefe schmerzvolle Schwermut verwandelt. Wir fuhren gerade an der von hohen Dämmen eingeschlossenen Mündung eines Hafenkanals vorüber. Mir schien es, als riefe diese Stelle eine trübe Erinnerung in ihm wach. Seine Lippen zuckten, und seine Blicke hingen an dem Eis, als wollten sie die starren Schollen durchbohren und tief niedertauchen auf den Grund des Stromes. Er sprach auch weiter kein Wort mehr, so lange wir auf dem Dampfer waren. Als wir auf dem Krahnhöft ... einem langgestreckten, breiten Damme, der seinen Namen von einem Riesenkrahn erhielt, welcher in seinem hochragenden, luftigen Eisenbau sich ansieht wie ein Junges vom Eiffel- Turm ... als wir auf dem Krahnhöft ans Land stiegen, atmete Christl tief auf und schüttelte den Kopf, wie um einen schweren, drückenden Gedanken von sich abzuwerfen. Er schlang seinen Arm in den meinen und führte mich quer über den Damm. Gerade dem Riesenkrahn gegenüber lag die »Möwe« vor Anker, in schmucker Sauberkeit. Ein stolzes Lächeln flog über Christls Lippen, als er sagte: »Mein Schiff!« »Ein gutes Schiff?« »Hab' noch nie ein besseres unter den Füßen gehabt!« Über eine schwankende Balkenbrücke traten wir an Bord. Christl rief den Steward, sandte ihn mit einem Auftrag davon, und eine Minute später knallte der Propf einer Champagnerflasche. »Willkommen an Bord,« sagte Christl, und unsere Gläser klangen zusammen. »Und nun komm, ich will dir mein Schiff zeigen.« Es war eine interessante Wanderung, die wir unternahmen, über das weite Deck und die Kommandobrücke, durch alle Kajüten und Kojen, durch die Unterräume des Schiffes und durch den Maschinenraum, in welchem ich merkwürdige Dinge zu hören bekam. Ein afrikanischer Sklave führt ein wahres Schlemmerleben im Vergleich zu den Maschinisten eines Schnelldampfers, welche während der Fahrt zwei bis drei Monat hindurch Tag für Tag in einer Temperatur von 110 bis 115 Grad Fahrenheit auszuhalten und zu arbeiten haben. Und für diese Höllenqual bezieht solch' ein armer Teufel ein Monatgehalt von 75 bis 100 Mark. Als wir aus der Tiefe wieder an Deck kamen, war Sonnenuntergang, und auf Christls Kommando wurden die drei Flaggen gleichzeitig eingeholt. Dann ging's in die wohldurchwärmte Offizierskajüte, auf deren Tisch der heiße Thee schon in den Schalen dampfte. Nach dem Imbiß, der dem feinsten Hotel Ehre gemacht hätte, hielt ich mich an eine Flasche Pilsener, Christl jedoch befahl für sich »einen Grog, aber etwas nördlich« – das heißt zu deutsch: viel Rum mit wenig Wasser. Dann ging es an ein Plaudern und Schwatzen. Christl verstand sich prächtig aufs Erzählen, und mit staunendem Lauschen folgte ich der farbigen Schilderung seiner Weltfahrten und seines bewegten Seelebens. Wenn ihm das Glas leer, und die Zunge trocken wurde, dann hieß es wieder: »Steward, einen Grog, aber etwas nördlicher!« Und wieder ging es ans Erzählen. Alle Weltteile hatte er besucht, mit seinem Schiff durch tobende Stürme sich durchgekämpft, in Hongkong Opium geraucht, in den Kordilleren das Guanako gejagt und in den Rockey Mountains den Grislybär erlegt. Auf Madagaskar hatten ihn eines Abends, als er von Land zu Bord gehen wollte, drei Malayen überfallen ... aber sein guter Revolver hatte ihm sauberen Weg gemacht. »War eine verwünschte Stunde das! ... Steward! Einen Grog, aber noch etwas nördlicher!« Der Steward schmunzelte, als er das Glas brachte. »Melde, am Nordpol angelangt!« ... zu deutsch: Das ist reiner Rum, ohne einen Tropfen Wasser. Christl lachte, und wir stießen an. Als ich ihn fragte, ob er die Flucht aus der Heimat niemals bereut hätte, ob ihm sein Beruf und sein jetziges Leben denn wirklich von Herzen lieb wäre, da nickte er mir fröhlich zu und faßte mit festem Druck meine Hand. »Weißt du, min Jung' ... meine Seele steckt nicht mehr in mir, sie steckt in diesem Schiff« ... nun schwankte seine Stimme ... »und liegt tief drunten im Wasser.« »Und hast du in diesen zwanzig Jahren niemals daran gedacht, dir einen eigenen Herd zu gründen?« Christl sah mich mit großen, tiefernsten Augen an, seine Lippen wurden schmal ... dann schüttelte er den Kopf, zog die Uhr und sagte mit heiserer Stimme: »Ich muß dich fortschicken, min Jung' ... Glock' zehn geht das letzte Fährboot über die Elbe.« Wir leerten die Gläser und traten auf Deck. Der Himmel hatte sich geklärt, und gleich einem duftigen Silberschleier hing die kalte Mondnacht über dem Hafen. Regungslos und stille ragte rings umher der Wald der Masten. Auf allen Raaen lag ein dünner Schnee, der im Mondschein mit zartem Schimmer glänzte. Gedämpft klang aus der fernen Stadt ein verworrenes Geräusch, von einem Nachbarschiffe hörte ich die trägen Schritte der Deckwache, von irgendwo eine halblaut singende Stimme, und leise knirschte das Eis, unter welchem die Ebbe das Wasser sinken machte. Da legte Christl seinen Arm um meine Schulter. »Ich will es dir sagen ... weißt du ... was du da vorhin gefragt hast ... ja, min Jung' ... ich hab' ein Mädel geliebt, ein Hamburg'sch Kind. Jule hat sie geheißen, schmuck wie mein Schiff und ein Herz von Gold ... ich hab' sie lieb gehabt, wie ... wie das Meer. Vor drei Jahren war es ... auch im Winter ... ich lag im Hafen und wir wollten Hochzeit machen. Am Vorabend hatt' ich Dienst an Bord, und da kam sie mit ihrer Mutter, mich besuchen. Wie jetzt, um die gleiche Stunde gingen sie ... und ich hab' sie niemals wieder gesehen. Ein Schleppdampfer hat das Fährboot überrannt ... das Eis ging so wie heute ... und da war kein Retten mehr.« Er hielt das Gesicht abgewandt, nach der Elbe zu, ich konnte seine Augen nicht sehen, aber ich hörte die Thränen aus seiner Stimme. Langsam und schweigend gingen wir über Deck der Brücke zu. Als sich zum Abschied unsere Hände faßten, murmelte er, wie verloren, vor sich hin: »Sag', min Jung' ... glaubst du ... an ein Wiedersehen?« Ich verstand sein Wort – es galt nicht mir. »Ja, Christl!« Und noch fester schlossen sich unsere Hände ineinander. Dann ging ich. – – – – Jahre sind verflossen seit jener Nacht. Ich habe nichts mehr gehört von Christl Baumann. Aber ich glaube, er fährt wohl noch mit der »Möwe« zwischen Hamburg und Californien. Glückliche Fahrt, min Jung'! Die verliebten Brüder. Es ist eine seltsame Erscheinung, daß starke, tiefwirkende Eindrücke, welche durch Jahre hindurch in unserem Gedächtnis haften mit festen Angeln, aus der Erinnerung plötzlich entschwinden, um nach langem Schlummer in uns jählings wieder, ohne sichtliche oder fühlbare Ursache, zu erwachen in verschärfter Klarheit und Helle. Es gleicht diese Erscheinung einem Phänomen, das wir zuweilen in den Bergen an einem trüben, regnerischen Tage zu gewahren vermögen. Der Morgen war leidlich klar, dann plötzlich, fast ohne Übergang, ist der Himmel mit Wolken überzogen, tiefer und tiefer senken sich die grauen Schleier, alle Kuppen und Höhen verhüllend, ein dünner, monotoner Regen rieselt Stunde um Stunde hernieder, Dunst und Nebel füllen unter dem tief hängenden Gewölk die Thäler, und in dem trüben Bilde scheinen alle Linien gebrochen, alle Farben verwaschen und zerflossen; erst mit dem Einbruch der Dämmerung versiegen die fallenden Tropfen, aufatmend treten wir ins Freie, ein würziger Duft entsteigt der feuchten Erde, ein frischer Lufthauch fächelt um unsere Stirn, das Auge sucht den verschlossenen Himmel – und da vollzieht es sich wie ein Wunder – jählings spaltet sich, wie von mächtiger Geisterhand entzwei gerissen, das drängende Gewölk, und offen liegt vor unseren Blicken die Höhe eines Berges, übergossen vom leuchtenden Glanz der in weiter Ferne unsichtbar sinkenden Sonne. Das ist eine Helle so rein, so scharf und klar, wie sie uns kein Tag noch zeigte mit der Sonne im Zenith. Lange Stunden hättest du zu steigen bis dort hinauf – und dennoch scheint deinen Blicken alles so nahe, wie mit Händen zu greifen. In satter Tiefe leuchten alle Farben, jeder Baum, jeder Fels, jede Almenhütte scheint mit haarfeinen, silberglänzenden Strichen umrissen, und im samtweichen Grün der Matten glaubst du jedes einzelne Blättchen, jeden Grashalm scharf zu unterscheiden. Über das alles ist ein unbeschreiblicher Himmel gespannt, dunkel wohl, aber von rätselhaftem Schein übersponnen, von stahlblauem Schimmer in seiner Tiefe, und weit, weit ... beinahe schwindelt dir vor dem Gefühl dieser Ferne ... taucht mit zitterndem Gefunkel der erste Stern hervor aus der Unendlichkeit ... In solcher Klarheit und Helle tauchte, nach langem Schlummer jählings ein vergessenes Bild empor in meinem Gedächtnis. Ich sehe einen engen, unfreundlichen, dumpfen Saal. Durch die trüben Scheiben der hohen Fenster quillt die matte Helle eines grauen Wintertages. Eine hölzerne Barriere teilt den Raum in zwei Hälften; in der einen Hälfte sitzen auf langen Holzbänken die Zuschauer in unruhigem Gewisper, in der anderen stehen die Geschworenen in leise plaudernden Gruppen umher. Überall gedrückte Bewegung – nur ein einziger sitzt regungslos, wie aus Stein gemeißelt – der Angeklagte. Ein junger Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren, in ländlicher Tracht. Aus dieser gebrochenen Gestalt errät kein Auge mehr den schmucken, stramm und sehnig gewachsenen Burschen von einst, strotzend von urwüchsiger Kraft und Lebensfrische. Er hält die Hände im Schoße verschlungen, wie in stiller Ergebung. In glatten Strähnen hängt das lichtbraune Haar über Stirn und Schläfen des geneigten Kopfes. Die Züge des Gesichtes sind erdfahl und zerstört von Schmerz und Jammer; aber nicht abstoßend wirkt dieses Gesicht, es weckt Erbarmen; um die dünnen, farblosen Lippen spielt ein ruhiges Lächeln, und die feuchten, tiefblauen Augen leuchten in träumerischem Schimmer. Was mag er träumen und sinnen? Es kann nicht Freiheit und Erlösung sein, wovon er träumt, denn dieses Lächeln begann auf seinen Lippen, dieser sehnende, träumende Ausdruck erwachte in seinen Augen, als die Geschworenen ihren Spruch verkündeten: Schuldig des Mordes! ... Nun öffnet sich eine Thür und die Richter treten ein. Tiefe Stille lagert sich im Saal. Langsam hebt sich der Angeklagte von der Bank empor, eine fliegende Röte huscht über sein bleiches Gesicht und seine Augen leuchten, als hätte er eine freudige Botschaft zu hören. Der Vorsitzende des Gerichtes beginnt zu sprechen, mit einförmiger Stimme verliest er das Urteil – es lautet auf lebenslängliche Kerkerstrafe. Da bricht von den Lippen des Angeklagten ein gellender Schrei, einige Sekunden steht er, zitternd am ganzen Leib, dann stürzt er dem Richtertisch entgegen, bricht in die Knie, flehend streckt er die Arme, und in schluchzenden Lauten stammelt es von seinem Munde: »Leben soll ich, leben! Ich und leben! Na, na, so hab' ich's net verdient! So hart und grausam! Sterben, laßts mich sterben! In aller Herrgottsnamen thu' ich bitten ... laßts mich sterben!« Einen Augenblick atemloses Schweigen, dann wilder Aufruhr im ganzen Saal. Zwei Gerichtsdiener faßten den Angeklagten bei den Armen und rissen ihn empor, um ihn fortzuführen. Doch hatten sie mit ihm die Thür noch nicht erreicht, da brach er ohnmächtig zusammen. Außerhalb des Dorfes, einsam am Rande des dunklen, rauschenden Fichtenwaldes, stand das kleine Haus der beiden Brüder. Sie waren noch Knaben, als sie den Vater verloren, den bei der Holzarbeit eine stürzende Tanne erschlug. Von dieser Zeit an kränkelte auch die Mutter, doch in aller Not und Mühsal fand sie einen stützenden Trost in der zärtlichen Liebe ihrer Buben, die mit ihrer jungen Kraft und mit rührendem Fleiße der Mutter das Nötigste zum Leben erkämpfen halfen. Wieder einmal, nach hartem Winter, ging es dem Frühjahr zu; da wurde es mit der Kranken schlimmer von Tag zu Tag. Es war ein lauer, wundersamer Frühlingsabend, an dem sie für immer die Augen schloß. Draußen im Garten zwitscherten die Stare und schlugen die Drosseln, und drinnen in dem stillen Stäbchen saßen die verwaisten Brüder mit verschlungenen Armen am Totenbett der Mutter, und Wang' an Wange gelehnt, weinten sie ihre Thränen. Zwei Tage später, als sie vom Friedhof heimkehrten in ihr einsames Häuschen und die Stube betraten, in der man noch den Wachsgeruch und den Duft des Weihrauchs spürte, faßte Jörg die Hände seines jüngeren Bruders und sagte: »Gelt, Toni, gelt, es soll umsonst net 's letzte Wort von unser'm Mutterl g'wesen sein: Thuts z'samm'halten, Büab'ln, z'samm'halten!« »Ja, Jörgl, ja, so fest als einer kann!« Sie saßen auf der Bank, hielten sich umschlungen, und ihr Schluchzen erstickte jedes weitere Wort. Sie hörten nicht, wie draußen der Abendwind durch die Tannen rauschte, sie sahen nicht, daß vor den Fenstern die Nacht herniedersank und mit finsteren Schatten das Stübchen füllte ... ohne daß sie es merkten, war auf ihre heißen, schmerzmüden Augen der Schlummer gefallen. Jörg lehnte im Herrgottswinkel, Tonis Kopf lag an der Brust seines Bruders, und so schliefen sie bis zum Morgen. Gegen Mittag kam der Pfarrer; er wollte für die verwaisten Buben sorgen, wollte den Jörg beim Schlosser, den Toni beim Schreiner als Lehrling unterbringen; hartnäckig aber widersetzten sich die Brüder diesem Ansinnen; um alles in der Welt hätte sich einer vom anderen nicht getrennt. Jörg zählte fünfzehn, Toni vierzehn Jahre, sie hatten junge, gesunde Arme, sie waren an Fleiß und Arbeit gewöhnt – da meinten sie, ihr Auskommen in der Welt auch allein noch finden zu können. Ein glücklicher Zufall wollte, daß ein reicher Bauer, der eine große Herde zur Alm schickte, zwei Hüterbuben suchte; in Jörg und Toni fand er, was er brauchte. Nun kam für die Brüder ein herrlicher Sommer, hoch oben im luftigen Bergrevier, wo vom Rande des ewigen Schnees hernieder die Gießbäche schäumend ihren Weg zur Tiefe suchten, wo unter steilen Wänden durch Tag und Nacht die fallenden Steine knatterten, wo auf überhängenden Felsen das Edelweiß seine wundersamen Sterne aus dem Wildgras hob, wo die Almenglocken läuteten und die hellen Jodler über die Thäler klangen von Hütte zu Hütte. Als die Heimfahrt und der Winter kam, schlossen sie ihr versperrtes Häuschen wieder auf, suchten durch Korbflechten und Schindelschneiden ein paar Kreuzer zu verdienen und zehrten, soweit der neue Verdienst nicht reichte, von den Ersparnissen des Sommers. In gleicher Weise verging ihnen ein zweites und drittes Jahr; dann glaubten sie sich alt und stark genug, um in der bescheidenen Laufbahn des Dorflebens einen Schritt nach vorwärts zu machen. Sie wurden Holzknechte. Eine Woche wie die andere, vom Montag Morgen bis zum Samstag Abend hausten sie im Wald bei ihrem lustigen Handwerk. Nach der arbeitsvollen Woche kam die fröhliche Sonntagsruhe drunten in ihrem Häuschen. Am Morgen gingen sie in das Dorf zur Kirche; nach dem Hochamt ging es wieder heim zu ihrem Häuschen, zum selbstbereiteten Sonntagsbraten. Am Abend schlenderten sie wieder ins Dorf, um einen frischen Trunk zu suchen, und wenn sie dann nach ein paar lustigen Stunden heimzu wanderten, sangen sie ihre zweistimmigen Lieder in die stille Nacht hinaus. Niemals hörte man von einem Streit zwischen ihnen. Keiner machte einen Schritt ohne den andern, keiner that, was dem anderen nicht gefiel, und so hielten sie treu und herzlich zusammen, wie sie es der Mutter ins Grab geschworen. Bei allen Leuten im Dorfe waren sie wohl gelitten, und es war im freundlichsten Sinne gemeint, wenn man sie nicht anders nannte, als die »verliebten Brüder«. Während der lustigen Wirtshausstunden setzte es zuweilen auch kleine Neckereien. Lachend stritt man darüber, wie es wohl werden möchte, wenn einer der Brüder einmal an ein schmuckes Dorfkind sein Herz verlöre. Ob da der andere wohl recht eifersüchtig würde? Ob er sein »Heimatl« verlassen müßte, um Platz zu machen für das junge Paar, oder trotz der Schwägerin mit dem Bruder in Eintracht weiter hausen würde unter dem gleichen Dach? Einmal geschah es auch, daß einer sagte: »Gebt's obacht, die heiraten amal heilig eine miteinander, damit keiner vom anderen lassen muß! Da wird nachher 's Busselgeben ein'teilt auf die g'raden und ung'raden Tag'.« Die Brüder lachten, sie konnten lachen, noch war ja keine Gefahr in Sicht, welche störend hätte eingreifen können in ihr treues Zusammenhalten. So gingen zwei Jahre dahin, Jörg war in die Zwanzig hineingewachsen, und es kam die Zeit, an die sie schon lange mit Sorge gedacht hatten – die Zeit der Trennung. Jörg mußte seiner Soldatenpflicht genügen. Es war für die beiden ein trauriger Morgen, an welchem Toni den Bruder zur Bahn begleitete. Ihre Hände wollten kaum auseinander lassen, und als der Zug davondampfte, stand Toni und schaute ihm mit feuchten Augen nach, bis in der Ferne das letzte sichtbare Dampfwölkchen der Lokomotive in der Luft zerflossen war. Die nächsten Monate ging er umher wie ein Verlorener, verdrießlich und verschlossen. Die Arbeit der Woche machte ihm keine Freude, der Sonntag brachte ihm keine Ruhe. Diese unerträgliche Einsamkeit bedrückte ihm das Herz, es trieb ihn öfter und öfter ins Dorf, und so geschah es nun eines Sonntags, daß er zum erstenmal ein junges Mädchen sah, welches, aus einem anderen Dorf gebürtig, bei einem reichen Almbauern in Dienst getreten war. Beim ersten Blick, den er in diese braunen, fröhlichen Augen that, wußte Toni, wie es stand um ihn. Das Nannei ... oder keine! Und um so heißer schlug die Liebe in ihm empor, je mehr sein Herz in diesen Wochen sich vereinsamt und verlassen fühlte. Und wie hätte er nicht hoffen sollen, da er liebte! Aber all' seine still verschwiegene Hoffnung kreuzte der Tag, der auch ihn zum Regiment berief. Wohl stand er die ganze letzte, lange Nacht vor Nanneis kleinem Fenster, aber er fand den Mut nicht, an die dunkle Scheibe zu pochen. Als der Morgen zu grauen begann, wanderte er davon mit doppelt schwerem Herzen – war ihm doch auch der Trost versagt, mit dem Bruder in der gleichen Stadt zu dienen. Zwei schwere Jahre folgten für ihn, geteilte Sehnsucht im Herzen. Wohl schrieben sich die Brüder zuweilen, doch in ihren schweren, schwieligen Händen war die Feder ein ungefüges Ding, das die tausend drängenden Worte nicht fassen wollte, die so gerne dem weißen Blatte sich anvertraut hätten. So kamen ihre Briefe zumeist nicht über die paar kindlichen Sätze hinaus: »Mir gets gutt, wie gets den dir, hoffentlich auch gutt und bist auch xund und das ich dich bald widder siech und gries dich dausendmahl, dein lüber Brudder.« Aber je schlimmer es dem Toni mit dem Schreiben ging, desto leichter ging es ihm mit dem Denken. Er that seinen Dienst wie ein Körper ohne Seele, denn all' sein Sinnen und Sehnen war bei seinem Bruder Jörg – und zu Hause bei der Nannei. Und je langer die Trennung währte, desto tiefere Wurzeln schlug diese träumende Liebe in seinem Herzen. Der Gedanke, was der Bruder dazu wohl sagen möchte, brachte ihm freilich manch' eine bange Stunde. Aber der Jörg, der ihn so lieb hatte, würde dem Glück des Bruders sicher nicht im Wege stehen! Diese Meinung führte ihn über alle Bedenken immer wieder hinweg zu neuen Träumen. Und als nach Ablauf des zweiten Jahres ein Brief von Jörg kam, in welchem er dem Bruder seine Rückkehr in die Heimat meldete, da gab es für den Toni Strafen über Strafen, weil er seinen Kopf so gar nicht mehr bei der Sache hatte und allzu häufig das »Linksum!« mit dem »Kehrt!« verwechselte. In einem der Briefe, die Jörg aus der Heimat schrieb, stand ein Satz, der dem Toni das Blut zum Sieden brachte: »Weist schon, das beim Bachpauer ein neuche Dirn' eintingt is und Nannei heißt, ißt ein sauberes brafs Madl.« Aber in der Antwort auf diesen Brief brachte es Toni über diesen Gegenstand nur zu den Worten: »Di Nanei kenn' ich schon und Duh mirs recht freindlich grißen und wies ihr get?« Und in dem Briefe des Bruders hieß es dann wieder: »Der Nanei gets gutt und sie last dich schön griessen.« Was brauchte Toni der Worte mehr! Er war der Seligkeit voll, daß die Geliebte vor dem Auge des Bruders gut bestanden. So begrüßte er mit doppelter Freude den Tag, der auch ihn erlöste und der Heimat wiedergab. In rosigen Träumen verbrachte er die Stunden der Bahnfahrt. Spät am Abend war es, als er den Zug verließ und durch die sinkende Dämmerung seinem Dorf entgegeneilte. Brennende Sehnsucht und fröhliche Bilder kürzten ihm den stundenlangen Weg. Fern aus dem finsteren Walde scholl der klagende Ruf eines Käuzleins, neben der Straße gurgelte ein hurtig fließender Bach, und zwischen ziehenden Wolken leuchtete der Mond hernieder auf den weißbestaubten Pfad. Gegen zwei Uhr morgens erreichte Toni das heimatliche Dorf, das er durchschreiten mußte, bevor er zu seinem Häuschen gelangen konnte. Alle Fenster waren dunkel, alles schlief, nur die Hunde schlugen an, wenn er vorüberging. Nun zweigte von der Straße ein schmaler Weg sich ab, der emporführte zu einem Bauernhaus, dessen mächtiges Dach hervorlugte aus finsteren Bäumen. Toni zögerte ... geradeaus führte der Weg, den er zu gehen hatte ... aber gewaltsam zog es ihn hinweg von seiner Straße. Achtsam schwang er sich über einen Zaun, und lautlos, heißpochenden Herzens, schlich er den Garten entlang, in welchem das liegende Heu einen süßen Duft verbreitete. Es war finster um ihn her, eine mächtige Wolke hatte sich über den Mond gelegt ... aber auch mit blinden Augen hätte Toni den Weg gefunden, den er gegangen war in jener letzten Nacht. Dort stand das Haus; noch einen Schritt um die Ecke, dann mußte er das kleine Fenster sehen ... nun that er diesen Schritt ... und da jagte über seinen Nacken ein kalter Schauer und aus dem Herzen schoß es ihm zu Kopf wie glühende Flut. Dort drüben am offenen Fenster, in zärtlichem Gewisper, stand ein langer Bursche, und um seinen Hals geschlungen lagen zwei nackte Arme ... Toni wankte und griff, um einen Halt zu suchen, nach dem Zaun, doch unter dem Druck seines taumelnden Körpers löste sich knirschend der lockere Pfahl und blieb ihm in der zuckenden Hand. Die beiden am Fenster hörten das Knirschen ... »Jesus Maria,« zischelte eine Mädchenstimme, »ich hab' wen g'hört, geh', Bua, geh' weiter, geh'« ... ein leiser Kuß, das sachte Klirren eines Fensters, das geschlossen wurde ... und nun kam in langen Sprüngen eine finstere Gestalt einhergeschossen. Vor Tonis Augen war es wie Feuer und Nacht, wie ein siedender Wirbel in seinem Kopf ... und da kam er an ihm vorübergehuscht, der Mörder seiner Liebe, der Räuber seines Glückes ... jählings zuckte sein Arm empor, und mit dumpfem Schlag fiel der Pfahl auf das Haupt des anderen. Lautlos stürzte der Getroffene zu Boden, kein Seufzer, kein Stöhnen kam mehr über seine Lippen ... rücklings lag er auf der Erde und seine Arme sanken schlaff zur Seite. Toni stand wie versteinert, erfaßt vom Grausen vor seiner That. Aus seinen zitternden Fingern fiel der Pfahl zur Erde ... die ziehenden Wolken gaben das Mondlicht frei ... und mit bleichem, blutüberronnenem Gesichte starrte ihm sein Opfer entgegen ... sein Bruder Jörg! Von Tonis Lippen fuhr ein gellender Schrei in die Nacht hinaus, dann stürzte er bewußtlos über den Toten. So fand man sie bei grauendem Morgen. Den Jörg begruben sie, den Toni lieferten sie ins Gericht. So ist es gekommen. Was aber an Jammer, Wahnsinn und Verzweiflung zwischen dieser Nacht und jenem Tage lag, an dem ich den Mörder vor seinen Richtern sah – wer mag es nachempfinden, wer mag es ahnen! Es klirrt... Weit draußen, wo die Mauern der Vorstadt zu Ende gehen, liegt inmitten eines mächtigen Gartens ein kleines, freundliches Haus. Das Haus eines Gärtners. Auf dem ganzen weiten Raum des Gartens ist die rohe Erde in längliche Vierecke eingeteilt, welche der Bepflanzung warten, und auf deren schmalen Wegen noch kleine, trübe Pfützen an die vergangenen Regentage erinnern. Links und rechts vom Hause liegen mehrere Reihen langgestreckter Glashäuser. Ein alter, grauköpfiger Mann geht in geschäftiger Eile zwischen ihnen hin und her, und so oft er eine der Thüren öffnet, quillt aus dem verschlossenen Raum ein intensiver Geruch von Rosen und Veilchen hervor ins Freie. Kommt der Alte nah am Hause vorüber, so tritt er wohl auch an eines der niederen Fenster, drückt die Stirne gegen das Glas und lächelt durch die Scheibe. Es ist ein gar behagliches Stübchen, welches da drinnen hinter den Fenstern liegt, und das der zarte, süße Duft von Sämereien und getrockneten Pflanzen erfüllt. Der große, grüne Kachelofen ist schon erkaltet, aber in dem Stübchen liegt noch die sanfte Wärme, die er ausgestrahlt. Hinter dem Ofen steht ein altes Ledersofa und darüber an der Wand hängt ein Zapfenbrett mit allerlei Kleidungsstücken. Neben dem Ofen führt eine Thür in die anstoßende Kammer, aus welcher die frisch gescheuerten Dielen und das mit einer gehäkelten Decke überbreitete Bett schneeweiß hervorblinkten. Hier, neben der Thür, steht ein hoher Schrank in der Stubenecke, in der anderen Ecke schräg gegenüber ein altmodischer Schubladkasten, darauf ein wächsernes Jesukind unter blitzendem Glassturz und rings darum eine ganze Sammlung von Schachteln und Schächtelchen. Entlang den beiden Fensterwänden zieht sich eine hölzerne, in die Mauer eingelassene Bank. Die Ecke zwischen den Fenstern nimmt ein massiver Eichentisch ein, vor welchem in einem alten Lehnstuhl ein junges, blasses Mädchen sitzt. Sie trägt ein leichtes, dunkles Hauskleid, und ihr Schoß ist von einer warmen Decke umhüllt. Sie mag sich vor wenigen Tagen erst vom Krankenbett erhoben haben. Die Wangen des schönen, sanften Gesichtes sind noch so schmal und in den großen, dunklen, träumerischen Augen liegt noch der müde Nachglanz des vergangenen Fiebers. Kaum scheint der zarte Hals die Last der schweren Flechten tragen zu können. Die schlanken Hände sind von durchsichtigem Weiß, und leise zitterten die Finger bei der mühelosen Beschäftigung, mit der sich das Mädchen die einsame Zeit verkürzt. Sie hält im Schoß eine hölzerne Schale, welche mit dünnen, langen Schoten angefüllt ist, aus denen das Mädchen durch einen leichten Druck der Finger die kleinen Samenkerne hervorschält. Doch scheinen ihre Gedanken nicht sonderlich achtsam an dieser Beschäftigung zu haften. Immer wieder läßt sie die Hände ruhen, immer wieder hebt sie die Augen und blickt in zielloser Sehnsucht durch die Fenster empor zum Himmel, über welchen mit flinker Eile die weißen, hochliegenden Wolken ziehen, zuweilen sich klüftend, so daß ein lachendes Stücklein Blau herniederblickt aus ihrem Rahmen oder ein breiter Sonnenstrahl sich gleich einem feurigen Bande vom Himmel zur Erde schlingt. Vor den Fenstern schlägt eine Amsel in den Zweigen der knospenden Linde, und immerwährend tönt ein sachtes Rauschen, das übers Haus und rings um die Mauern geht wie eine schaukelnde Woge. Dem süßen Amselschlag und diesem Rauschen lauscht das Mädchen; die zitternden Hände streicht sie über die blassen Wangen und atmet tief auf ... ach, daß es der Frühling wäre, den sie nahen und rauschen hört! Es wäre an der Zeit, daß er käme, weiß Gott, an der Zeit ... denn das war ein trauriger, leidvoller Winter! Da klirrt das Fenster. Das Mädchen blickt auf. Wer klopfte nur? Der Vater kann es nicht gewesen sein – – – sie sieht ihn ja weit draußen im Garten über einem Beet beschäftigt. Und außer ihm ist kein Mensch in der Nähe! Wer klopfte nur? Es klang aber auch so sanft und leise ... gar nicht wie von einer menschlichen Hand ... just als wäre ein Schmetterling wider die Scheibe geflogen. Aber die Schmetterlinge muß ja der Frühling erst bringen, der noch immer säumt ... noch immer ... immer. Was klopfte nur? Die Lippen des Mädchens beginnen zu beben, und mit scheuem Blick richten sich ihre Augen nach aufwärts. War es ein Gruß von drüben ... ein Gruß von Mutter und Bruder? Ihre Augen werden feucht, und in wehmutsvolle Gedanken verloren, mustert sie die leeren Plätze rings um den Tisch. Vor einem halben Jahr, da saßen sie noch alle beisammen! Und jetzt! Der Bruder und die Mutter ... das war in der gleichen Woche gekommen! Und das hatte der arme Vater allein tragen müssen. Sie konnte ihn nicht trösten, sie lag ja selbst im bösen, ansteckenden Fieber. Und wenn die gute Mutter schon gehen mußte ... hätte der liebe Herrgott dem Vater doch wenigstens den Bruder erhalten und an seiner Statt die Schwester genommen. Der Bruder wäre dem Vater ein tüchtiger Helfer bei der schweren Arbeit und ein Kamerad im Geschäft gewesen. Aber sie! Was konnte sie dem Vater nützen und helfen! Wozu denn lebt sie noch? Wozu nur? ... Da klirrt das Fenster. Beinah' erschrocken blickt das Mädchen auf, starrt die blinkenden Scheiben an und schüttelt den Kopf. Wieder versinkt sie in ihre Gedanken, bis sie mit einemmal lauschend den Kopf erhebt. Drüben bei den Treibhäusern hört sie die Stimme des Vaters ... und eine andere, eine junge, weichklingende Männerstimme dazu. Aufmerksamer lauscht sie ... ein schwaches Rot überhuscht ihre Wangen, und ein leises, verlorenes Lächeln spielt um ihre Lippen. Halb freudig lauscht sie, und halb wehmutsvoll ... wie einem Klang aus vergangener Zeit. Schritte kommen näher, und zwei wandelnde Schatten fallen über die Fenster. »Wahrhaftig, ich habe so herrliche Rosen in meinem Leben noch nicht gesehen,« sagt jene fremde Stimme, »aber ich bitte ... hätten Sie nicht ein kleines Körbchen, oder sonst etwas Hübsches, um die Blumen gleich für den Tisch zu ordnen?« Natürlich – so hört sie den Vater sagen – aber das Zeug läge noch unter dem Dach droben, in irgend einem Winkel; er wolle schnell hinaufsteigen ... der junge Herr möchte nur einstweilen in die Stube treten. Erschrocken stößt sie die hölzerne Schale auf den Tisch und greift nach den Stuhllehnen, als möchte sie sich erheben ... Aber da öffnet sich schon die Thür, und über der Schwelle erscheint ein junger Mann, mit einem Strauß von selten schönen Rosen in der Hand, eine schlanke, gesunde Gestalt mit einem hübschen Kopf, mit einem flaumig sprossenden Bart um die Wangen und mit einem Paar guter, treuherziger Augen unter der weißen Stirn. Sie sehen sich nicht zum erstenmal, diese beiden. Freilich, das ist lange her ... seit dem Herbste. Da liegt dieser böse, traurige Winter dazwischen, in welchem das eine vom andern nichts wußte und hörte. Viel mit einander gesprochen haben sie wohl auch damals nicht... nur so ab und zu ein schüchternes Wörtchen. Aber mehr als ihre Lippen, so mag es scheinen, wußten sich ihre Augen zu sagen. Und jetzt ... dieses plötzliche Wiedersehen! Sie hält die Blicke niedergeschlagen, und gleich zwei dunklen Sicheln liegen die langen Wimpern auf ihren blassen Wangen. Auch er ist überrascht, verlegen. Zögernd drückt er hinter sich die Thür zu und stammelt: »Sie, Fräulein Gertrud! ... Sie!« Sie rührt sich nicht und bringt keine Silbe über die Lippen. »Sie, Fräulein Gertrud!« wiederholt er stammelnd. »Und ... und ...« Er deutet in wortloser Frage nach der Thür. »Ja ... mein Vater!« nickt sie leise. »Welch ein glücklicher Zufall!« sprudelt es nun aus ihm heraus. »Ich habe den freundlichen Tag benützt, einen Spaziergang vor die Stadt gemacht ... und als ich im Vorübergehen die großen Treibhäuser sah, dachte ich an den Geburtstag meiner Mutter und glaubte ein paar schöne Rosen ...« Betroffen verstummt er. Während er gesprochen, ist er näher getreten, und nun sieht er die Blässe ihrer schmalen Wangen, steht ihre weißen, durchsichtigen Hände. »Fräulein Gertrud! ... Sie waren krank!« »Ja, Herr Berger, krank ... schwer und lange!« »Deshalb! Deshalb also ...« murmelte er. Dann tritt er zu ihrem Stuhl und reicht ihr die Hand. Beider Augen begegnen sich und ihre Blicke halten sich gefangen. Da klirrt das Fenster ... und ein rauschender Windstoß umfährt das kleine Haus. Gleichzeitig blicken die beiden auf und hängen mit den Augen an der Scheibe, die noch leise zittert. »Es war der Wind,« flüstert sie und lächelt zu ihm auf. »Nein, Fräulein Gertrud, es war der Frühling. Er hat an Ihr Fenster geklopft ... man spürt ihn schon recht in der Luft ... über acht Tag' ist alles grün ... alles ... alles!« »Alles grün!« wiederholt sie ganz leise, und dabei überglüht eine sanfte Röte ihre Wangen. Draußen auf der Treppe hört man niederpolternde Schritte. Unmutig hebt der junge Mann den Kopf; hastig drückt er die Hand des Mädchens und stammelt: »Fräulein Gertrud! Werden Sie böse sein, wenn ich ... wenn ich wiederkomme ... um Rosen zu kaufen?« Sie schlägt die Augen nieder und schüttelt ganz sachte den Kopf. Die schönste Rose sucht er aus seinem Strauß hervor und legt sie auf ihren Schoß. Jetzt öffnet der Vater die Thür ... da klirrt das Fenster ... klirrend springt es auf, und ein lauer Luftzug flutet in das Zimmer – – – – – – Das sprechende Buch. Inmitten des weiten Tannenwaldes lag eine kleine Laubinsel. Ein Dutzend herrlicher Buchen standen hier im Kreise und wölbten ihre Zweige und Blätter zu einem prächtigen Laubdach ineinander, welches die leuchtende Sonne kaum in haarfeinen Strahlen zu durchdringen vermochte. Goldige Schatten zitterten über dem Grunde, auf welchem einzelne blühende Gräser schlank emporstiegen aus dem weichen, tiefgrünen Moos. Glitzernde Fliegen summten in der Runde, ein Trauerfalter gaukelte zwischen den Bäumen umher, und ein Schwarzblättchen, das irgendwo im Laube versteckt saß, zwitscherte so leise, als wär es in der Mittaghitze schläfrig geworden und sänge sich nun selbst in Traum und Schlummer. Das war so recht ein Plätzchen, um jenes Buch zu lesen, welches aufgeschlagen vor dem jungen Mädchen lag, das hier in dieser lauschigen Waldesstille mit wohliger Behaglichkeit im Moose ruhte. Ein lichtes Sommerkleid, das freilich nicht vom elegantesten Schnitte war und auch unter mancher Wäsche schon bedenklich gelitten hatte, verhüllte die knospenden Formen der zierlichen Gestalt. Auf schmalen Schultern wiegte sich ein allerliebstes Köpfchen, um welches die gelösten Haare ihre blonden Wellen gossen; wo immer die feinen Sonnenstrahlen, die sich durch das dichte Netz der Blätter zu stehlen wußten, dieses Haar erreichten, weckten sie ein Funkeln und ein Schimmern, als schlänge sich eine Kette gleißender Goldperlen durch die weichen Strähne. In dem sanften, von der Sonne leicht gebräunten Gesichte lächelten die frischen Lippen, und mit ziellosen Blicken schauten die blauen, träumerischen Augen in den grünen Dämmerschein des Waldes, um immer zurückzukehren zu den weißen Blättern des Buches. Das waren die »Juniuslieder« Emanuel Geibels. Seit Franzi in einem Schranke ihres Vaters dieses Buch gefunden, hatte sie es wohl schon zu hundertmalen mit sich hinausgetragen in den stillen Wald. Wie ein süßer Rausch war es aus diesen Blättern über ihre junge Seele gekommen, und ein unsagbares Sehnen füllte ihr Herz, das bislange nichts anderes umschlossen hatte, als die Liebe zu den Eltern, die Liebe zum Walde und eine dunkle Erinnerung an die große, schöne Stadt, die der Vater vor langen Jahren verlassen. Von den schönen, seelenvollen Liedern, die in dem Buche zu lesen waren, hatte sie eines besonders liebgewonnen. Es kam ihr vor, als wäre dieses Lied ganz allein um ihretwillen gedichtet worden. Es paßte auch gar zu gut auf all' das Leben, welches sie führte. Wohl hieß sie nur Franzi und nicht »Melusine«, wie das Lied überschrieben war. Auch hielt sie allzu wenig von ihrer kleinen Person, um in sich das »Mädchen wunderhold« zu sehen, von welchem da gesungen wird. Aber wie diese Melusine, so lebte auch sie »Mitten im Walde; Was da webet und grünt und blüht, Gehorcht ihr balde. Und tritt sie früh aus ihrer Thür Auf leichten Füßen, Flattern die Vögel um sie her, Die blauen Blumen zu grüßen. Das fleckige Rehlein hält ihr still, Lässet sich streicheln mit Nicken; Sie hat gezähmt den jungen Wolf Mit ihren holdseligen Blicken.« Seit einigen Wochen stimmt auch diese Strophe, denn der alte Förster, der draußen am Waldsaum wohnte, hatte ihr ein wirkliches, lebendiges junges Reh geschenkt, das nun in einer kleinen Umfriedung sein verhätscheltes Dasein führte. Und für »den jungen Wolf« pflegte sie »den wilden Schnauz« zu substituieren, den Kettenhund, der bei Tag und Nacht ihres Vaters Haus bewachte, und der sie bei der Heimkehr immer so schmeichelnd umsprang, während er gegen jeden Fremden so grimmig knurrte wie ein richtiger Wolf. »Singend über das tauige Moos Schreitet die Holde, Die Morgensonne wirft ihr um Den Mantel von Golde.« So heißt es in dem Liede weiter, und es paßte auch die folgende Strophe, in welcher von dem »klaren Brunn« erzählt wird, »Den sie zum Spiegel wählet, Sie lacht hinein mit rotem Mund, Wenn ihr Haar sie strählet. »Sie lacht hinein und singt dazu: O lustig Schweifen! Mein Sinn ist wie der Wind, Wind, Wind, Wer kann ihn greifen! Und wie ein Schrein, so ist mein Herz, Nur fester, feiner. Wo liegt der Schlüssel? Ich weiß es wohl, Doch find't ihn keiner!« Diese letzten Worte gaben ihr so viel zu sinnen und zu träumen. Sie hatte sich eine eigene Melodie dafür zurecht gelegt, und die sang sie bald mit lauter Summe hinein in den lauschenden Wald, bald summte sie dieselbe leise vor sich hin – so, wie jetzt gerade – und immer wieder, immer leiser und feiner: »Wo liegt der Schlüssel? ich weiß es wohl, Doch find't ihn keiner ...« Da hob sie plötzlich verwundert das Köpfchen. Es war ihr vorgekommen, als hätte einer der Bäume, die hier im Kreise standen, hörbar aufgeatmet. Aber atmen denn die Bäume? Oder hatte sie am Ende selbst so tief geseufzt? Das mochte sie doch wohl nicht glauben – und da ward ihr so seltsam bang zu Mut; und mit scheuen Augen blickte sie umher, um jählings zu erschrecken bis ins innerste Herz. Wenige Schritte vor ihr, angelehnt an den Stamm einer Buche, stand ein fremder Mann mit gekreuzten Armen, den Hut in der einen Hand. Ein graues Gewand umschloß die hohe, stolze Erscheinung. Tiefschwarze Haare und ein gekräuselter Bart umrahmten das männlich schöne, aber krankhaft blasse Gesicht, dessen Züge die Spuren tiefer Schmerzen trugen, welche wohl nicht allein von der schweren Wunde gekommen sein mochten, als deren bleibender Zeuge sich eine frische Narbe quer über die bleiche Stime zog. Und wie seine großen Augen blickten! So wehmutsvoll und doch so freundlich! Es war dem Mädchen, als ginge ihr dieser Blick bis auf den Grund der Seele. Ein dunkles Rot überhuschte ihre Wangen, zitternd raffte sie ihr Buch von der Erde und erhob sich mit verlegener Scheu. Da trat er näher und sagte mit weicher Stimme: »Verzeihen Sie, mein liebes Kind, wenn ich Sie störte. Aber ich habe mich im Walde verirrt, ihre Stimme hat mich hiehergelockt, und ...« Nun stockte er; denn wie hätte er gestehen dürfen, daß er seit langen Minuten schon in ihrer Nähe stand, versunken in ihren lieblichen Anblick, gerührt von ihrer kindlich reinen Schönheit. Sein Schweigen verwirrte sie noch mehr, und mit schüchternen Worten erwiderte sie: »Ich will Ihnen gern den Weg zum Dorfe zeigen.« »Aus dem Dorfe komm' ich gerade. Ich suchte ein Haus, das hier im Walde liegen soll – das Haus des Malers Bertolan.« Nun wußte sie, wer der Fremde war. Er nannte sich Konrad v. Ziel, war aus der großen Stadt, hatte lange Monate schwer krank darniedergelegen, kam nun, um in der ungestörten Ruhe und würzigen Luft des Waldes völlige Genesung zu finden – und das Haus, das er suchte, war das Haus ihres Vaters. »Kommen Sie, ich will Sie führen,« sagte sie leise und schritt ihm unter den Bäumen voran. Nur wenige Minuten hatten sie zu gehen, bis sie inmitten des dunklen Tannenwaldes zu einer mit morschen Stangen umzäunten und von blühenden Obstbäumen durchsetzten Wiese kamen. Zur Seite eines sorgsam gepflegten Blumengärtchens erhob sich hier ein freundliches Bauernhaus, in dessen kleinem Stalle freilich seit langen Jahren kein Rind mehr brüllte. Der gewölbte Raum, der sonst den gutmütigen Wiederkäuern zur Herberge gedient, war mit einem großen Fenster versehen worden, und hatte sich so in das »Atelier« des Malers Bertolan verwandelt. Der hatte sich in seinen jungen Jahren wohl auch eine andere Zukunft erträumt als dieses einsame Leben im Walde. Er hatte große Dinge von seinem Talent erwartet, hatte mit rechtem Künstlerleichtsinn in den Tag hinein geheiratet, und dann war die Zeit der schmerzlichsten Enttäuschungen, die Zeit der bittersten Sorgen über ihn gekommen. Um mit dem Wenigen, was sein halbes Können ihm einbrachte, doch ohne Not noch leben zu können, hatte er die große, teuere Stadt verlassen und hatte das kleine Haus im Walde gekauft, das er im Laufe der Jahre mit wenig Kosten, aber vieler Mühe zu einem freundlichen Heim zu gestalten wußte. Der Winter brachte wohl immer harte Tage; aber wenn auch die Sonne oft durch lange Wochen hinter unfreundlichen Wolken verborgen lag, so hatte das alternde Paar doch eine liebliche, lachende Sonne bei sich unter dem Dache wohnen. So sehr aber auch Franzi die ganze Freude ihrer Eltern war, so war sie auch deren ganzer Kummer. Wie sollte Franzi hier im Walde eine Zukunft finden, was sollte aus ihr werden, wenn der Vater einst die Augen schloß? Brachten ihm doch die kleinen Bildchen, die er mit emsigem Fleiß malte und allmonatlich in die Stadt zum Verkauf schickte, kaum das Nötigste zum Leben ein! Da war nun seine Frau bei dem unermüdlichen Grübeln, wie ihre Einnahmen zu steigern wären, auf den Gedanken verfallen, die zwei leerstehenden Dachzimmerchen wohnlich einzurichten und an Sommergäste zu vermieten. Bertolan hatte an einen seiner Jugendfreunde, einen Arzt in der Stadt, geschrieben, hatte ihm die freundliche und gesunde Lage des Hauses geschildert, und schon nach wenigen Tagen war die willkommene Nachricht eingetroffen, daß sich ein Gast für das Waldhaus gefunden hätte. Das war ein langer Brief gewesen und es mußten merkwürdige Dinge in ihm gestanden sein, so meinte Franzi, weil die Eltern so viel darüber zu flüstern hatten. Das machte sie natürlich neugierig, und sie schmollte eine ganze Minute mit dem Vater, weil er all' ihren Fragen nur immer das Sprichwort vom Kopfweh und dem vielen Wissen entgegenhielt. In rechter Spannung erwartete sie den Gast – und da war er nun gekommen, und von ihr selbst geführt, betrat er den blinkenden Kiesweg, der sich durch die Wiese zum Hause schlängelte. Kläffend umsprang der »wilde Schnauz« den Fremden und machte in seiner blinden Wachsamkeit einen so fürchterlichen Spektakel, daß Mimmi, das kleine Rehkitzlein, welches mit bimmelndem Glöcklein seiner jungen Herrin entgegentrippeln wollte, in scheuen Sätzen hinter eine Hecke flüchtete. Nun kamen die Eltern; herzlich begrüßten sie ihren Gast, und in unverhehlter Bewegung streckte ihm Bertolan die beiden Hände hin; er wußte, daß er hier einen Genossen seiner selbst vor sich hatte, wenn auch von anderer Art, einen, dessen Glück und Hoffen auch zersprungen war wie sprödes Glas. Was half da dem Armen sein Reichtum und sein klingender Name? Die Mutter führte den Gast hinauf in die Stübchen, die schon für ihn bereitet waren. Der Vater aber zog das »Kind« an sich, strich ihm die vom Winde zerzausten Haare glatt und sagte: »Gelt, Franzi, du wirst recht lieb und freundlich mit ihm sein? Und wirst ihn mit deinem Lachen und Tollen nicht stören – er braucht Ruhe und Einsamkeit. Er ist so krank, das siehst du ja – und sehr, sehr unglücklich ...« Da schossen ihr die Thränen in die Augen, und sie vermochte kein Wort zu erwidern. Sie ging in den Garten hinaus, lockte ihr Mimmi und den »wilden Schnauz«, und zwischen den beiden Tieren saß sie regungslos und lugte verstohlen zu einem offenen Fensterchen empor, durch welches sie den Hall von rastlos auf- und niederwandelnden Schritten hören konnte. Wochen und Wochen vergingen. Er war ein guter Arzt, der stille grüne Wald. Der alte Bertolan lächelte zufrieden, so oft er seinen Gast betrachtete. Der war genesen, ganz und gar, das zeigten die einst so bleichen Wangen, die jetzt überhaucht waren von der frischen Röte der Gesundheit. Nur eines wollte Herr Konrad noch immer nicht finden – die Ruhe. Fast stand es in diesem Punkte jetzt noch schlimmer um ihn, als in den ersten Tagen. Das kam oft so plötzlich und so verwunderlich aus ihm heraus. Wenn er bei Bertolan im »Atelier« verweilte, während der Alte seine kleinen Bilder strichelte, und Franzi kam zur Thüre hereingeflogen – oder an den Abenden auch, wenn sie alle vor dem Hause beieinander saßen, dann kam diese Unruhe über ihn, dann stand er oft hastig von seinem Sessel auf und ging ohne Wort davon. Daß sie aber auch diese quecksilberne Beweglichkeit und dieses störend helle Lachen sich gar nicht abgewöhnen konnte, diese Franzi! Der Vater hatte so viel darüber zu schelten – denn es war ja ersichtlich: Herr Konrad vertrug das nicht. Es war nur gut, daß Franzi ihr Unrecht einsah. Sie ließ zur Schelte des Vaters ihr Köpfchen gar trüb und traurig hängen, und ging darnach oft Tage lang so still und gedrückt umher, daß es Herr Konrad selbst für nötig fand, sie wieder ein wenig aufzuheitern. Da saß er oft viele Stunden plaudernd mit ihr im Schatten auf der Hausbank oder drüben am Waldsaum, in Gesellschaft Mimmis und des wilden Schnauz. Von der Stadt erzählte er, von seinen Reisen in fremden Ländern, und sie lauschte ihm so andächtig, als höre sie das Evangelium predigen. Einmal, er hatte von sich selbst erzählt, von seiner Jugend und seinen Soldatenjahren, da deutete sie nach seiner Stirne und fragte leise: »Wer hat Ihnen das gethan?« Er schüttelte dm Kopf: »Niemand! Das hab' ich mir selbst gethan.« Dann atmete er schwer auf, und seine Züge wurden so ernst, seine Augen so finster. Er dachte des berückenden Weibes, das ihn mit gleißenden Reizen in ihr Netz gesponnen und dann betrogen; er dachte des falschen Freundes, der ihn verraten und dann im Zweikampf mit scharfer Waffe noch auf den Tod getroffen hatte. Und während er so dachte, hingen seine Blicke an Franzis lieblichen Augen, und da löste sich nach und nach die Härte seiner Züge und um die Lippen spielte ihm ein träumerisches Lächeln. Stumm griff er nach dem Buche, das sie geschlossen im Schoße hielt, blätterte darin und verweilte bei einem Liede, das er nicht zum erstenmal zu lesen schien: »Ach, nach dem Trauern, Dem dumpfen Schmerz, Wie löst dies Schauern Selig mein Herz! O rastloses Drängen, Willst du gewaltsam Die Brust zersprengen? Ich kenne dich – Liebe, Liebe, du kommst unaufhaltsam Noch einmal, Herrliche, über mich!« Seufzend schloß er das Buch, reichte es ihr schweigend hin und ließ sie allein. Mit feuchten Augen schaute sie ihm nach. Und als er hinter den Büschen verschwunden war, versuchte sie mit zitternden Händen, ob nicht das Buch von selbst an einer gewissen Stelle sich wieder öffnen möchte Sie hätte gar zu gerne gewußt, welch ein Lied er gelesen ... Wochen um Wochen waren vergangen, die Blumen, standen verblüht, und schon begann das Laub der Bäume sich gelb zu färben. Da kam Franzi eines Mittags aus dem Walde heim, in welchem sie während der letzten Zeit oft halbe Tage verbrachte, so daß sich der alte Bertolan häufig um das Verbleiben seines Kindes ernstlich sorgte. Am Zaunthor begegnete ihr die Magd, die es recht eilig zu haben schien. »Wohin, Lena? Wohin?« »Hinein ins Dorf, einen Wagen holen, der nach der Stadt fahren soll.« Hastig rannte die Dirne davon und sah nicht mehr, wie Franzi erblaßte und wie ein so heftiges Zittern sie überkam, das sie am nächsten Baum eine Stütze suchen mußte. So stand sie eine Weile – dann ging sie mit wankenden Schritten zurück in den Wald, warf sich auf die Erde, drückte das Gesicht ins falbe Moos und schluchzte – und schluchzte ... Sie hörte den Wagen einherrollen und rührte sich nicht – Franzi! Franzi! hörte sie den Vater ein dutzendmal rufen und rührte sich nicht – – und wieder rollte der Wagen. Da sprang sie auf und flog wie in verstörter Angst dem Hause zu. Der Vater wollte schelten – erschrocken aber starrte er in das vergrämte Gesicht seines Kindes. Wortlos eilte Franzi an ihm vorüber, hinauf in das Stübchen, als wollte sie mit eigenen Augen sehn, ob er denn wirklich, wirklich gegangen – er, den sie liebte – so liebte, daß sie sterben mußte, wenn er nicht wiederkam. Leer – alles leer – und hier auf seinem Tische lag noch ihr Buch – geöffnet – und neben dem Buche lag der Stift, mit dem er seinen Namen unter das aufgeschlagene Lied geschrieben hatte. Sie las – und da war es ihr, als müßte das jammernde Herz die Brust zersprengen, denn dieses Lied verriet ihr, was sie ihm gewesen – »Festklarer Stern im irren Weltgetriebe, Lust meines Lebens – ach, und siehst es nicht, Und ahnst es nicht einmal, daß ich dich liebe!« Ein schluchzender Aufschrei löste sich von ihren zuckenden Lippen, mit fliegenden Händen blätterte sie in dem Buche, und da fand sie nun die Stelle, welche sie suchte: »Die Vögelein hüpften von Ast zu Ast Und sangen nur eins ohne Ruh' und Rast, Nur eines, das mir baß gefiel: Der schönste Mann ist Kurt von Wyl! O Klingen, o Singen so wundersam! Nicht weiß ich, wie aus dem Wald ich kam; Mein Trutz und Lachen ist all dahin, Mir will das Lied nicht aus dem Sinn. O Kurt von Wyl und merkst du es nicht An meinem glühenden Angesicht, Und siehst du es nicht an den Augen mir an, Daß ich weiß, was da singen die Vögel im Tann?« Unter Lachen und Weinen griff sie nach dem Stifte – zwei kecke Striche machte sie – und »Kurt von Wyl« war umgetauft in Kurt von Ziel. Hastig bog sie eine Ecke des Blattes ein, eilte aus dem Stübchen, schob den Vater bei Seite, der mit besorgten Mienen just unter der Thür erschien, und flog in den Hof hinunter. »Lena! Lena!« »Ja Franzi, mein Gott, wo brennt es denn?« »Hier, Lena, um Gotteswillen, ich bitte dich, nimm das Buch und laufe, was du laufen kannst – quer durch den Wald nach der großen Straße – der Wagen muß den weiten Umweg machen über das Dorf – du holst ihn noch ein – lauf, Lena, ich bitte dich – und wenn du ihn findest – ihn – so gieb ihm das Buch und sage, das wäre die Antwort – lauf, Lena, lauf, – ich bitte dich –« Thränen erstickten ihre Worte, während die Dirne stotternd nach dem Buche griff und über Hals und Kopf davonrannte. Und sie hatte flinke Füße, die gute Lena; denn ehe noch eine Stunde verstrichen war, rollte wieder ein Wagen in den Hof – und der mit ihm gekommen, eilte glühenden Gesichtes und mit leuchtenden Augen in das Haus, um das »Kind« zu suchen, das drinnen in der Stube an des Vaters Seite saß, zitternd in seliger Scham, schluchzend vor Weh' und Freude. Der tote Wald. Den Morgen und Vormittag hatte ich dazu verwendet, alle Sehenswürdigkeiten, die das kleine Städtchen innerhalb seiner Mauern zu bieten wußte, getreulich nach dem Reisehandbuch zu bestaunen. Der Nachmittag aber sollte der Anregung geopfert werden, die mein rotlivrierter Cicerone mir durch die Bemerkung zuführte: »Weitaus das Interessanteste, was die Stadt ihrem Besucher zu zeigen hat, ist der eine halbe Stunde vor dem Thor gelegene sogenannte »tote Wald«, ein durch Sturm und Brand verwüstetes Gehölz.« Die langweilige Stunde der Table d'hote war vorüber, der Schwarze mit Gemächlichkeit genommen und die schlimmste Glut des heißen Sommertages in einem kleinen Mittagsschläfchen übertaucht. Die brennende Zigarre im Munde, den grauen Schattenspender nachlässig geschultert, so wanderte ich zum Thor hinaus. Zwischen blumigen Wiesen und reifenden Kornfeldern schlängelte sich die Straße mit ihrer Allee von krüppelhaften Obstbäumen dahin. Graue Wolkenschatten huschten gespenstergleich über den Staub der Straße und machten mich immer wieder zum Himmel aufblicken. Ein Gewitter schien im Anzug, doch ich meinte, daß es wohl schwerlich vor dem späten Abend niedergehen würde. Ein von Unkraut überwucherter Seitenweg, der einst eine wohlgeplegte Fahrstraße gewesen sein mochte, lenkte zwischen die Äcker und umkreiste einen von wirrem Buschwerk bestandenen Hügel. Als ich denselben umschritten hatte, lag eine breite Thalmulde vor mir geöffnet, welche sich in langsamer Steigung gegen die Ferne erhob und auch zu beiden Seiten mit sanfter Hebung gegen den Kamm zweier langgestreckter Hügelreihen emporstieg, so daß sich meinen Augen eine stundenweite Rundschau bot. Und dieses ganze weite Land war »toter Wald«. Einem Weinberg, spät nach der Lese – noch stehen die Rebstangen, aber das Weinlaub ist zertreten, von Menschenhänden und vom Herbstwind niedergerissen, von Unkraut durchwachsen – solch einem Weinberg, nur ins Riesenhafte vergrößert, glich dieser Wald auf den ersten Blick. Ein Wirbelsturm von grauenhafter Gewalt mußte vor Jahren über dieses Waldgehänge hinweggefahren sein. Die mächtigen Fichtenbäume waren nicht an der Wurzel gebrochen und umgestürzt, sondern in halber Manneshöhe abgedreht, als wären sie für die Kraft des kreisenden Sturmes nadeldünne Spähne gewesen. Und diese kahlen Stümpfe standen zu Hunderttausenden bis in weite Ferne – gleichsam als graue, verwitterte Kreuze auf den zahllosen Gräbern der vom Sturme hingemordeten Kinder des Waldes. Nur an wenigen Bäumen war die Vernichtung barmherzig vorübergegangen – aber sie standen nun mit gelben Nadeln, dürr bis in den Wipfel. Die Milliarden von Rüsselkäfern, welche unter den Rinden der zerschmetterten Bäume gewachsen sein mußten, diese winzigen Totengräber des Waldes, sie hatten im Übereifer auch die Rinde und das Mark der wenigen Überlebenden zerfressen. Der Anblick dieser furchtbaren Zerstörung wirkte unsagbar schmerzvoll und herzbeklemmend, er wirkte fast wie ein Griff an die Kehle. Man spürte ein Grauen vor all den unheimlichen Mächten, die hier gewaltet, und hätte am liebsten die wüste Stätte fliehen mögen – und dennoch wieder zog das Mitleid den Wanderer näher, der gerne geweint hätte über die Fülle blühender Natur, die hier zu Grunde gegangen. Weshalb hatte sich aber da die helfende, praktische Hand des Menschen nicht bethätigt? Wie konnte inmitten eines Kulturlandes, in welchem jeder Holzspahn seinen Geldwert hat, dieses Bild der Verwüstung lange Jahre überdauern? Weshalb nur hatte man die gebrochenen Stämme faulen und vermodern lassen, statt sie zu verarbeiten und zu verwerten – weshalb nur hatte man diese weiten Flächen, in deren Erde das bare Gold vergraben lag, von all dem Wuste nicht gesäubert und aufs neue wieder aufgeforstet? Kopfschüttelnd legte ich mir diese Fragen vor, während ich mich mit zögernden Schritten dem Saum des toten Waldes näherte. Ein leises Knacken machte mich aufblicken, und als ich der Richtung des eigentümlichen Geräusches folgte, gewahrte ich einen Mann mit dunklem, struppigem Bart. Unter einem wilden Rosenbusche saß er am Waldsaum im hohen Haidegras. Mit dem Lappen, der neben ihm lag, hatte er wohl das Gewehr geputzt, das er quer über dem Schoße hielt und an welchem er nun die Spannkraft der Hähne prüfte. Er mochte wohl ein Jagdaufseher oder Waldhüter sein, obwohl ich weder an seinem mürben Filzhut, noch an seiner verwitterten Joppe irgend ein Abzeichen bemerken konnte. Auch schien sich dieser Bursche, dem ich auf den ersten Blick etwa fünfzig Jahre gab, nicht sonderlich zu pflegen; sein Aussehen war im Ganzen ein recht verwildertes. Sein Gewehr aber, das konnte ich im Nähertreten erkennen, war eine fein gearbeitete, kostbare Waffe. Ich wollte ihm jene Fragen vorlegen, die meine Gedanken beschäftigten. Doch bevor ich ihn erreichte, hörte er meinen Schritt, blickte hastig auf, runzelte die buschigen Brauen und erhob sich. Für meinen Gruß hatte er nicht einmal ein leises Kopfnicken zum Dank. Er schob den schmutzigen Lappen in die Tasche, warf das blitzende Gewehr hinter den Rücken und wandte sich zum Gehen, wobei mich seine unstät flackernden Augen mit einem feindseligen Blicke streiften. Der edle Schnitt des Gesichtes hatte mich befremdet – doch waren die Züge schon zerstört, und wie mir schien, weit mehr durch Leidenschaften, als durch Strapazen. Auch in seiner Haltung und seinem Gang war etwas Vornehmes, Herrisches. Ich schaute ihm nach, bis er hinter dem wuchernden Dorngestrüpp verschwunden war; dann kehrte ich auf das Sträßchen zurück und betrat den Wald. Hier, aus der Nähe betrachtet, milderte sich einigermaßen das Bild der Verwüstung. Der weite Ausblick fehlte, und somit auch die Vorstellung des ganzen, gewaltigen Zerstörungswerkes. Die ragenden, morschen Stümpfe sahen sich in der Nähe wohl nicht weniger traurig an, aber man sah nun auch den grünen, zierlich geblätterten Epheu, der die trockenen Wurzeln umspann, man sah die blühenden Brombeergebüsche, welche ihren zitternden Schatten über die auf der Erde modernden Stämme warfen, die üppigen Farnkräuter, das von Schlinggewächsen aller Art durchzogene, saftig grüne Moos und die niederen, zu kleinen Dickungen aneinander gerückten Bäumchen: das aus dem Tode neu ersprießende Leben. Die zahllosen violetten Dolden der Wohlmutblume erfüllten die schwülen Lüfte mit einem schweren, bedrückenden Duft. Nirgends ließ sich das Lied eines gefiederten Sängers vernehmen. Nur das emsige Ticken und Tacken der kleinen Baumläufer hörte man, die an den grauen Baumstümpfen Jagd machten auf die Larven des Rüsselkäfers – und manchmal klang, bald näher, bald wieder ferner, der langgezogene Ruf eines Hohlspechtes, anzuhören wie die seufzende Klage einer in den toten Wald gebannten Seele. Diese schwermütige Stimmung der Landschaft schlich sich mit eigenartiger Beklemmung in mein Herz. Dazu kam noch, daß ich bald neben, bald hinter mir das Geräusch gedämpfter, schleichender Tritte oder ein leises Rascheln im Gebüsch zu hören vermeinte. Einmal wurde dieses Rascheln so deutlich, daß ich mich umwandte und mit lauter Stimme in den Wald hineinrief: »Ist jemand hier?« Ein verschwommenes Echo gab mir Antwort von allen Seiten – aber in dieses Echo mischte sich ein halbunterdrücktes, häßliches Gekicher und das Geräusch enteilender Schritte. Da hatte sich wohl ein Beerensammler mit mir einen Spaß gemacht – denn dem ernsten, fast unheimlichen Manne von da draußen vermochte ich solch einen kindischen Scherz nicht zuzutrauen. Ärgerlich schritt ich weiter. Eine halbe Stunde mochte ich so gewandert sein, als der tote Wald um mich her ein noch seltsameres Ansehen gewann. Der bunte, malerische Untergrund verschwand vollständig; nur spärlicher Gras- und Kräuterwuchs zeigte sich auf dem Boden, der von einer verwitterten Aschen- und Rußschichte überkrustet war, aus welcher die gebrochenen Baumstümpfe als halbverkohlte Säulen emporragten. Weiter und weiter schritt ich, bis der Weg auf einen öden Platz einlenkte, der einst von einem eisernen Gitter umzogen war; die stürzenden Bäume hatten es zerschlagen, der Rost die Stangen zerfressen. Inmitten des Platzes erhoben sich die Brandruinen eines villenartigen Gebäudes. Nur einen Teil des Erdgeschosses hatten die Flammen verschont, und hier schien auch noch ein Eckzimmer bewohnt, dessen Fenster offen standen und einen Teil der weißen, mit zahlreichen Rehgehörnen bedeckten Wände gewahren ließen. Ich wollte nähertreten, aber aus irgend einem Mauerloche kam ein großer, fuchsroter Hund auf mich zugefahren, mit gefletschten Zähnen und so wütendem Gekläff, daß ich die Vorsicht als das bessere Teil der Tapferkeit erkannte. Aber ein schleuniger Rückzug schien mir auch noch aus anderem Grunde geraten. In die Betrachtung der seltsamen Landschaft vertieft, hatte ich nicht gewahrt, wie das drohende Gewitter mit finsteren Wolken schon über den Himmel emporgezogen war. Da schritt ich nun tüchtig aus, wenngleich ich nicht hoffen durfte, das Stadtthor noch trocken zu erreichen. Die Hälfte des Waldweges hatte ich zurückgelegt, als es plötzlich mir zur Rechten in den niederen Tannenbüschen rauschte. Ein Rehbock setzte in langen Fluchten über den Weg – unwillkürlich hob ich den geschlossenen Schattenspender gleich einer Flinte an die Wange – im gleichen Augenblick aber krachte hinter mir ein Schuß, das Tier überschlug sich, und mit zuckenden Läufen blieb es am Wegrand liegen. Als ich mit verdutzten Augen mich umblickte, sah ich jenen sonderbaren Gesellen inmitten der Straße stehen. Er ging an mir vorüber, ein grinsendes Lächeln auf den Lippen, packte das verendete Tier am Gehörn und schleifte es hinter sich her ins Dickicht. Und da hörte ich nun wieder jenes halb unterdrückte, häßliche Gekicher – und zugleich den ersten, dumpf rollenden Donnerschlag. Nun trieb's mich in Eile heimwärts – über mir das Gewitter, hinter mir die unheimliche Nähe dieses Menschen. Die Luft wurde finster, ein pfeifender Wind zog über das Gehäng hernieder, und immer dichter ballte sich das treibende, gährende Gewölk. Das war erst die richtige Luftstimmung für den »toten Wald« – sahen doch die in der Ferne aufsteigenden Wolken sich an, als wären sie Qualm und Rauch, aufwirbelnd von einer Brandstätte, in die ein Blitzstrahl von Neuem die zündende Fackel geworfen. Bald fielen die ersten Tropfen, und als ich meine Herberge erreichte, rann das Wasser von meinen Kleidern. Doch ein Viertelstündchen später saß ich schon trocken in dem gemütlichen Herrenstübchen hinter dem Tisch, und an meiner Seite saß der freundliche, plauderlustige Wirt. Und was er mir auf meine Fragen erzählte? Ich hätte ein kleines Buch zu schreiben, wollt ich die Geschichte mit all der Umständlichkeit berichten, mit der ich sie zu hören bekam. Zwanzig Jahre mag es her sein. Damals gehörte das schmucke Landgut, durch dessen Äcker und Wiesen ich bei meinem Spaziergang zum »toten Wald« gekommen war, dem Freiherrn Roderich von Klingen. Der edle Freiherr hatte eine an Manie grenzende Leidenschaft für die Jagd. Über dieser Leidenschaft vernachlässigte er die Wirtschaft auf seinem Gut – und seine junge, hübsche Frau. Diese tröstete sich schließlich mit einem anderen, und eines Tages war sie verschwunden – natürlich auch der andere. Als der Freiherr an jenem Abend von der Jagd nach Hause kehrte und diese Nachricht zu hören bekam, sagte er kein Wort. Aber die Büchse schoß er auf das Ölbild seines Weibes ab – just an der Stelle des Herzens schlug die Kugel in die Leinwand ein. Wenige Wochen später verkaufte er sein Gut. Nur seinen Wald behielt er, kaufte alle angrenzenden Gehölze dazu und baute sich inmitten des Reviers sein Jagdhaus. Nun strich er Tag und Nacht mit der Flinte im Wald umher, inzwischen bestahlen ihn seine Diener und Jäger, seine Mittel erschöpften sich, und schließlich bildete der Erlös seiner Jagdbeute den ganzen Unterhalt seines Lebens. Dennoch war er nicht zu bewegen, auch nur einen einzigen Baum in seinem Walde fällen zu lassen – er wollte sein geliebtes Jagdgehege nicht schädigen. Aber sein Verhängnis war stärker als sein Wille und seine Leidenschaft. Der letzte seiner Jäger, den er mit Schlägen aus dem Hause gejagt, setzte ihm den roten Hahn auf das Dach, der Brand ergriff den Wald, und was die Flammen verschonten, zerstörte ein Wirbelsturm. Seit jener Zeit, so erzählte mein Wirt, hause der Freiherr einsam in der Ruine seines Jagdschlößchens, halbgestörten Geistes, und er hätte für nichts anderes Sinn, als für die Jagd auf das spärliche Wild, das jene Sturmnacht überdauert, und in dem zerstörten Gehölz sich noch zu halten vermöchte. Kein Beerenpflücker, kein Holzsammler dürfe den »toten Wald« betreten. Die Verwandten des Freiherrn hätten schon allerlei Versuche gemacht, den »Betteljäger« in das Irrenhaus zu spedieren; aber so närrisch wäre er noch immer nicht, daß ihnen dieses wohlgemeinte Werk verwandtschaftlicher Liebe hätte gelingen können. In der Umgegend aber, besonders bei den Bauern, wären die abenteuerlichsten Gerüchte über den »Betteljäger« im Umlauf. Man erzähle sich, daß es im toten Walde nicht geheuer wäre. Viele Leute hätten den festen Glauben, daß der Freiherr damals in den Flammen umgekommen, und der »Betteljäger« nichts anderes wäre, als als »umgehende« Gespenst des Verbrannten. \> Das neue Leben. Ein Herbsttag, leuchtend in allen Farben, lag über den Lorbeerwäldern von Abbazia. Wie Goldsand flimmerte der rötliche Staub der Straße, die Hotelgebäude ragten empor gleich riesigen Erzblöcken, daran die in der Sonne sich spiegelnden Fenster wie blitzender Glimmer sich ausnahmen, und der weiße Kies des Parkes blendete die Augen, als wären die Wege bestreut mit Körnern von gediegenem Silber. Der Duft von späten Blumen würzte die Luft, welche so lind und stille war, daß die Fächer der Palmen und die mächtigen Schwertblätter der Dracänen kaum ein leises Zittern ihrer feinen Spitzen gewahren ließen. Und hingedehnt in reiner, wellenloser Bläue lag das Meer, in der Ferne umsponnen von einem zarten Duft, hinter welchem die Felsgestade von Cherso und Veglia in farbige Luft verschwammen. Einzelne Kähne, aus denen weiße Gewänder und rote Schirme leuchteten, glitten langsamen Zuges über die stille, blaue Flut, und draußen, auf der Höhe des Quarnero, zog ein stolzer Dampfer gegen Westen, vorüber an den zerstreuten Chioggiotenbooten, welche unbeweglich mit schlaffen Segeln lagen, einer Brise wartend. Dicht an der steinernen Ballustrade, welche der Park der Villa Angiolina vom klippigen Ufer des Meeres scheidet, stand ein weich gepolsterter Fahrstuhl. In ihm saß, die schmalen Schultern von einem weißen Dunenpelz umhüllt, ein Mädchen, das die Blütezeit der Jugend kaum überschritten haben konnte. Wo aber waren sie hingesunken, die Blüten dieser jungen Wangen? In krausen Löckchen fiel das goldbraune Haar über die weiße Stirn dieses Gesichtes, welches trotz der hohlen farblosen Wangen, trotz der tief liegenden, krankhaft glänzenden Augen und der müden, bleichen Lippen noch von der süßen, engelhaften Schönheit erzählte, die jenes schleichende Übel zerstört hatte, dessen Keim den unaufhaltsamen Tod bedeutet. Einst ein Schoßkind des Glückes, umgeben von Glanz und Reichtum, bezaubernd und gefeiert ... und dann ein kurzes Jahr in jähem Siechtum ... und jetzt? Eine welke Blüte, die vom Stengel fallen, ein Leben, das erlöschen will. Jählings war es über sie gekommen, mitten in rosiger Freude, ohne Vorzeichen, ohne Warnung, und hatte sich unverjagbar eingenistet in ihrer jungen Brust. Die Ärzte hatten getröstet und geraten, man hatte sie nach Nizza geschickt, von Nizza nach Meran, dann über das Meer unter die Palmen von Kairo, dann wieder zurück in die Heimat, und von der Heimat an die schönen Ufer des Quarnero, nicht mehr, um zu genesen, nur um zu sterben unter blauem Himmel, in linder Luft, im Duft der Blumen. Und nun plötzlich ... dieses Undenkbare, dieses Wunder, das alle tote Hoffnung neu belebte! Was jetzt mit einem Mal aus diesen großen glänzenden Augen sprach, es war nicht mehr der starre Blick des Todes, es war der leuchtende Aufblitz eines neuen Lebens. Gestern noch das nahe Sterben, ein unerbittliches Los, in welches sie mit Pein, mit Schmerzen und Entsagung sich schon gefunden hatte – und heute, seit einer Minute, die winkende Rettung, das sichere Genesen! War es denn glaubhaft, war es denn faßbar? In zitternder Erregung kämpften sich die schlanken, wachsbleichen Finger in die blaue Seidendecke, welche den Schoß der Kranken überbreitet hielt. Mit traumhaft strahlenden Blicken hingen ihre Augen an den Lippen des Vaters, der vor seinem Kinde stand, seiner Bewegung nicht mächtig, halb lachend, halb in Thränen, in der Hand noch das Zeitungsblatt mit der Messiasbotschaft, die an einem einzigen Tage von Berlin aus hinging über die ganze Welt, wie eine mächtige Welle von Heil und Segen. Auf den sonst so blassen Wangen der Kranken brannte die Röte der jähen Freude, und während ihre halb geöffneten Lippen zuckten unter dürstenden Atemzügen, stammelte sie mit erstickter Stimme: »Glaubst du an die Nachricht, Vater ... glaubst du?« »Ja, mein Kind, ja, ja, ja! Ich glaube! Das ist ja kein Charlatan, der die Sensation in die Welt setzt! Das ist ein ernster Mann der Wissenschaft, der nicht redet, bevor er seiner Sache nicht sicher ist! Lili, mein Kind, das ist Wahrheit, ein Wunder Wohl, aber ein wirkliches! Du sollst nicht sterben, nein, nein, mein Schatz, leben sollst du! Wir wollen reisen, Kind, noch heute ... und dann zwei Tage ... und wir sind in Berlin, bei ihm, bei deinem Retter!« »Vater ...« Die Sprache versagte ihr, ein jubelndes Schluchzen erschütterte ihre Brust, und während die heißen Thränen der Freude niederrieselten aus ihren Augen, drückte sie die zitternden Hände über das brennende Gesicht. Dann plötzlich wieder griff sie nach der Hand des Vaters: »Weiß es die Mutter schon?« »Nein, Kind. Du weißt ja, sie schläft. Sie hat die ganze Nacht bei dir gewacht und war so müde ...« »Geh', Vater, geh', ich bitte dich, wecke sie, sag' es ihr ... wie wird sie sich freuen ... mit mir ... mit mir!« Er wollte sie nicht allein lassen, aber sie bat und flehte, sie lachte und weinte, und da that er ihr den Willen und eilte davon mit hastenden Schritten. Und Lili saß, das zarte Köpfchen zurückgelehnt in die weichen Polster. Sie wehrte ihren Thränen nicht mehr. Die bebenden Hände im Schoß gefaltet, so schaute sie mit schimmernden Augen ... wohin? ... sie sah nicht den lichten Himmel mit seiner Sonne, nicht das weitgestreckte Ufer mit seinen bunten Farben, nicht der Palmen Grün und nicht das blaue Meer, das mit sachten Wellen an die Klippen schwankte, da eine leichte Bora die Flut zu schüren begann ... Das alles sahen ihre träumenden Augen nicht, die nur immer hineinsahen in ein einziges, Wundersames: in ihr wiederkehrendes, schönes, neues Leben! Und ihre Seele flog ... ihr war, wie weit da draußen dem Chioggiotenboot, welches tot gelegen in der Stille und jetzt, da der neubelebende Hauch durch seine Masten strich, die weißen Segel spannte wie ein Schwan, der fliegen will. Die Fächer der Palmen, die Zweige der Lorbeerbüsche und die Wipfel aller Baume schwankten im frischen Winde, immer flinker stiegen die Wellen des Meeres, und ihr Rauschen und Geplätschcr in den Klippen des Gestades schlug an Lilis Ohr wie schmeichelnde Musik, auf deren sanften Rhythmen ihre gaukelnden Träume sich wiegten. Sie achtete des stechenden Schmerzes nicht, der jählings ihre Brust durchzuckte ... es war ja nur der Schmerz der Freude, den sie zu fühlen meinte ... und es ging auch rasch vorüber ... und ihr wurde so wohl und leicht ums Herz, als hätte die winkende Hoffnung, die Gewißheit ihrer nahen Rettung schon genügt, um sie zu heilen. Ihr war so leicht, so wohl ... ihr war zu Mut, als wandle sie beflügelten Schrittes über frühlingsgrüne Wiesen, weit hinter ihr die kalte, finstere Nacht, der sie entronnen, vor ihr nur Licht und warme Sonne, und rings umher nur Blumen, Blumen, deren Blüten sie brach mit unersättlichen Händen ... und aus jeder dieser Blüten duftete ein Reiz des Lebens ihr entgegen. Was sie längst in ihrem Herzen begraben hatte, sie alle, die in Entsagung abgestorbenen Erinnerungen, sie wurden wach und neu lebendig, gewannen Wesen und Gestalt ... das schöne traute Heim, der Freundinnen Geplauder, der Rausch der winterlichen Feste, der bunte Lärm des städtischen Lebens, gesellige Freuden, Musik, Theater ... Glück und Liebe. Jede Fiber zitterte in ihrer Seele, in heißer Wonne schlug ihr das Herz, als er plötzlich vor ihren träumenden Augen stand, in seiner stolzen, männlichen Gestalt, den edlen Kopf, so wie es seine Gewohnheit war, ein wenig zur Seite geneigt, mit den klugen, ruhigen Augen und dem sinnenden Lächeln ... »Georg!« Sie sprach den Namen nicht aus, sie dachte und fühlte ihn nur, denn ihre Lippen waren wie versteinert ... sie wollte die Arme nach ihm strecken, doch über ihrem Körper lag es wie ein unlösbarer Bann, wie seliges Erschlaffen ... Er steht an ihrer Seite, sie spürt den lauen Hauch seines Atems, verschüchtert schaut sie zu ihm auf, und durch ihre Augen senken sich seine Blicke tief, tief in ihr Herz ... wie damals an jenem ersten Abend. Und alles fühlt sie wieder, was sie mit Scheu und süßem Zagen empfunden in jener schlummerlosen Nacht, in all' den folgenden Tagen, da er wieder und wieder kam. Und dann ... dann war jenes andere gekommen, das Grausame, das Entsetzliche, das sie trennte von einander, im keimenden Frühling ihrer Liebe. Durch peinvolle Monate hatte sie die Trennung ertragen, dann hatte sie als liebste Weihnachtsgabe seinen Besuch an der Riviera sich erbeten. Er kam ... und wieder fühlt sie das brennende Weh, welches damals durch ihre Seele fuhr, als er vor ihr stand, mit erschrockenen Augen und erblaßtem Gesicht, keines Wortes mächtig. Dann sprach er wohl ... leere Worte, die doch so seltsam klangen, so beängstigend. Und als er sie verlassen, schwer atmend, mit feuchten Augen, da hatte sie sich an der Mutter Hals geworfen: »Mutter! Er liebt mich ja doch, ich weiß es, ich fühl' es an dem Druck seiner Hand, in seinen Augen steht es geschrieben ... weshalb nur spricht er nicht?« Und die Mutter hatte sie schluchzend mit beiden Armen umschlungen: »Er kann nicht, Kind, er darf ja nicht!« Da war die Erkenntnis über sie gekommen ... und wenn sie auch heute noch lebte, in jener Stunde war sie gestorben! Und jetzt ... jetzt! Sie liegt im Grab mit lebenden Sinnen ... und in der Todesstille plötzlich ein Schritt ... der Schritt des Heilands, der zu dem schlafenden Kinde des Jaïrus kommt, um es aufzuwecken aus der ewigen Nacht zu neuem Tage. Sie liegt zurückgelehnt in ihre Polster, starr und regungslos, mit erlöschendem Atem, doch Lachen und Weinen ist in ihrer Seele, Jubel und Schluchzen. Wie ein wonniger Taumel überfällt es ihre Sinne, in wirrem Fluge rasen die Bilder an ihrem schwankenden Geist vorüber ... der ächzende Reisewagen, welcher schneckengleich emporkriecht zum Bahnhof von Matuglie, das untersinkende Abbazia, das verschwindende Meer, der Karst mit seinem Schnee, die fliegende Fahrt auf sausenden Schienen ... und jetzt eine mächtige Stadt ... alle Straßen angefüllt mit drängenden Menschen, jeder den Tod in seinen Augen, und sie alle folgen dem gleichen Zug, wie auf der Wallfahrt ... sie selbst nun mitten unter tausenden ... und dort, wie auf dem Katheder eines Hörsaales, nein, auf der Marmorstufe eines Tempels steht ein Mann mit bärtigem Antlitz, dem Greisenalter nahe ... zwei Sonnen gleich, so leuchten seine Augen ... und mit der Hand berührt er alle, die an ihm vorüberwanken ... nun tritt auch sie hinzu, nur mit dem Finger streift er sie, und weggelöscht von ihrer Stirn ist das Todeszeichen, sie atmet auf, so tief, und fühlt schon, wie es quillt und glüht in ihr: das neue Leben, das neue Glück, die alte Liebe. Lachend und weinend in überseliger Freude windet sie sich los aus all' den jubelnden Menschen, und da fängt sie einer auf in seinen Armen, ein Jauchzender, er reißt sie an die Brust, er schließt sie an sein Herz, so fest, so eng ... »Ach, nicht so stürmisch, Liebster! Du erdrückst mich ... meine Brust ... die Brust ...« Und alles geht ihr unter in Schmerz und Wonne. Leise rascheln die Fächer der Palmen, wenn der Wind sie aneinander schlägt. Es rauscht und plätschert das Meer, auf dessen wachsenden Wellen kein Segel mehr sichtbar ist. Das Chioggiotenboot? Wohin nur hat es der Wind getragen? In die Weite? In die Heimat? Eilende Schritte nähern sich über den Kies des Parkes. »Ist es denn möglich, darf ich es denn glauben?« stammelt eine Frauenstimme in sorgender Freude. »Glaube nur, glaube, und wenn dir der Mut zu glauben fehlt, so lass' uns doch dem armen Kind die Hoffnung wiedergeben!« So nahe schon klingt diese Stimme, daß Lili sie hören müßte; aber stille liegt sie in ihren Polstern, mit gebrochenen Augen, auf den kalten Lippen ein verklärendes Lächeln. Leise, unfühlbar ist es über sie gekommen ... das neue Leben! Eine Frühlingsnacht. Die Thür, welche von seinem Zimmer in die Bureaux seiner Konzipienten und Schreiber führte, stand offen. Durch diese Thür klang ein halblautes Geplauder herein, und durch die Fenster, vor denen der Abend dämmerte, tönte von der Straße herauf ein dumpfes Rollen und Gerassel. Er stand vor seinem Stehpult, unter den Händen ein leeres Blatt, mit den Zähnen an der Feder kauend. Seine Augen hatten einen starren Blick, und über seinen Zügen lag eine müde Blässe, welche durch den schwarzen, nur wenig angegrauten Vollbart noch gehoben wurde. Seine schmalen Lippen bebten, und ein nervöses Zucken war in den kleinen Fältchen, die sich strahlenförmig um die Augenwinkel reihten. Eine Uhr schlug die sechste Stunde. Er hörte, wie draußen die Stühle gerückt wurden; schwer atmend richtete er sich auf und begann zu schreiben, nicht Sätze von Sinn und Inhalt, nur Worte, wie sie ihm gerade aus der Feder liefen. Er wollte beschäftigt scheinen, wenn die Herren seines Bureaus unter die Thür traten, einer nach dem anderen, um ihrem Chef den üblichen guten Abend zu wünschen. Für jeden solchen Gruß dankte er, ohne die Feder ruhen zu lassen, mit einem Kopfnicken und einem Lächeln, nicht wie sonst ... halb gezwungen, halb wieder spöttisch, beinahe frivol. Und als er den letzten das Vorzimmer verlassen hörte, warf er die Feder unter den Tisch, zerriß das beschriebene Blatt, schleuderte die Fetzen in den Papierkorb und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne. Mit zitternden Händen öffnete er die eiserne Kasse, legte drei versiegelte Briefe in ein leeres Fach ... und als er nun die eiserne Thür wieder versperrte, da zuckte von neuem jenes gezwungene, spöttische, frivole Lächeln um feine Lippen. Den Schlüssel der Kasse ließ er stecken ... weshalb auch nicht? ... er hatte ja gesorgt dafür, daß sie nichts mehr enthielt, was einen Dieb hätte reizen können. Langsam trat er zum Kleiderstock, drückte den Hut über die Stirn und zog den Paletot über die Schultern. Dabei fühlte er an die Tasche, ob sie auch noch enthielte, was er in ihr seit Tagen schon verborgen umhergetragen hatte. Ja ... er fühlte den hölzernen Griff und den eisernen Lauf. Da fiel sein Blick auf den Tisch, auf welchem in zierlichen Bronzerahmen die Bilder seiner Frau und seiner Kinder standen. Er streckte mit einem dumpfen Laut die Arme aus, ein Wanken überkam ihn ... aber gewaltsam raffte er sich auf und eilte, Thür um Thür hinter sich offen lassend, hinaus in den Korridor. Eine breite, teppichbelegte Treppe führte von hier empor zur Wohnung seiner Familie. Ein letztes, kurzes Zögern, ein letzter Blick nach oben, dann kehrte er sich ab und verließ das Haus. An der Straßenecke trat er auf einen Fiaker zu und sprang in den Wagen. Er nannte den Namen eines nahen Dorfes. Der Kutscher riß die Decken vom Rücken der Pferde, faßte die Zügel und schnalzte mit der Zunge. Rasselnd flog der Wagen über das Pflaster. Es wurden wohl die Laternen schon entzündet, aber im Zwielicht des Abends waren die Straßen doch immer noch so hell, daß der im Wagen Sitzende vom Trottoir aus leicht zu erkennen war. Bald hörte er einen kordialen Zuruf, bald sah er einen ehrerbietigen Gruß ... es kannten und ehrten ihn ja so viele, den reichen Mann, den berühmten Anwalt und glänzenden Redner, die »Zierde des Barreaus«. Und auf jeden Gruß und Zuruf dankte er mit einer stolzen Neigung des Kopfes und mit jenem leisen spöttischen Lächeln ... es war fast, als hätte dieses Lächeln sagen wollen: Ihr Dummköpfe, morgen werdet ihr ja den Gruß bereuen, den ihr mir heute noch gespendet ... morgen! ... Diese Gesichter, die sie machen werden zu der Überraschung, die ich ihnen bereiten will! Und mit diesem Lächeln versank er in sich selbst, als der Wagen die Vorstadt erreichte, durch die enger werdenden Straßen dahinsauste und endlich das offene Land gewann. Ein kühler Wind umfuhr die Wangen des Lächelnden, und ihm zu Häupten dunkelte der klare Frühlingshimmel, an welchem zwischen kleinen Sternen der Sirius wie eine Fackel leuchtete. Am Horizont aber begannen die Sterne schon wieder zu erlöschen, denn über die schwarze Wellenlinie der bewaldeten Hügel zog eine finstere Wolkenwand empor. Als der Wagen die ersten Häuser des Dorfes erreichte, wandte sich der Kutscher zu seinem Fahrgast zurück: »Wohin, Euer Gnaden?« »Nur vorwärts!« »Vorwärts?« ... Er mußte lächeln über das sinnlose Wort. Vorwärts? Wie lange noch währte sein Weg? Eine Stunde noch, dann war es zu Ende ... zu Ende in pfadloser Nacht. Bei den letzten Häusern ließ er den Wagen halten, reichte dem Kutscher eine Banknote und hieß ihn umkehren. Regungslos stand er inmitten der Straße und blickte dem heimeilenden Gefährt nach, bis es verschwunden war. Dann verließ er die Straße und stieg über einen sandigen Pfad dem Wald entgegen, den er bald erreichte. Stumm und kahl umringten ihn die Bäume, und unter seinen Füßen raschelte das morsche Laub. Es wurde dunkler und dunkler, das eilende Gewölk hatte schon den ganzen Himmel überzogen ... dann jählings zuckte ein mattes Leuchten über den blätterlosen Wald, wie von einem Blitz, der hoch in den Wolken sich entladen, ein kurzer, dumpfer Donner folgte, und in schweren Strömen rauschte der Regen nieder. Ein Gewitter im Frühling? ... Er lächelte wieder. Wie jetzt dieses unerwartete Gewitter ... so mußte morgen die Nachricht von seinem Ende niederfallen über die verblüffte Stadt. Er trat vom Pfad hinweg, lehnte sich an den dicken Stamm einer Buche und grub die Fäuste in die Taschen seines Überrockes. Und während seine Augen hinausstarrten in die Nacht und in den strömenden Regen, zogen vor seinem inneren Blicke die Bilder seines Lebens vorüber: die Kinderzeit, die Studentenjahre, und dann die ersten Monate des jungen Advokaten, jene Monate voll Harren, Sorgen und Bangen. Und da stand es plötzlich vor ihm, das unvergessene Gesicht seines ersten Klienten ... der struppige Kopf eines dreißigjährigen Burschen, eines Waldhüters, Andreas Berger mit Namen. Der Zufall war dem jungen Anwalt günstig gewesen und hatte ihm einen »interessanten Fall« beschert. Mord aus Eifersucht ... so lautete die Anklage. Schwerwiegende Thatsachen sprachen gegen den Angeklagten, aber der Bursche leugnete hartnäckig, und in der Reihe jener Thatsachen war eine Lücke, in welche sich ebensowohl die Schuld wie die Nichtschuld fügen ließ. In diese Lücke bohrte sich der scharfe, schneidende Geist des jungen ehrgeizigen Advokaten. Tage und Nächte vergrübelte er über diesen Fall, der Eifer, mit dem er die Arbeit erfaßte, ließ ihn selbst an seine »gute Sache« glauben ... und als er endlich vor den Geschwornen stand und sprach, da beherrschte sein Wort und Wesen den ganzen Saal, der sprühende Geist seiner Rede, das überzeugende Feuer seiner Sprache schlug zündend ein, und frei verließ der vermeintliche Mörder den Saal. Und Dr. Josef Siegmann, der junge Anwalt, dessen Namen vor einer Woche noch niemand genannt und gekannt, war über Nacht berühmt. Die Klienten strömten ihm zu. Erfolg um Erfolg knüpfte sich an seinen Namen, in den schwierigsten Fällen siegte sein findiger Geist und sein zündendes Wort mit spielender Leichtigkeit, und zu seinem Ruhm als Anwalt gesellte sich ein großer Erwerb und eine reiche Frau. Nun konnte er die Früchte seiner Arbeit genießen, und er that es mit vollen Zügen. Luxus und Wohlleben wurden ihm zum Bedürfnis, die nervöse Hast in der Arbeit bedingte in ihm eine nervöse Unersättlichkeit im Genuß, sein Bedarf steigerte sich ins Ungemessene, und so kam eine Zeit, in welcher er die Grenze überschritt, die durch Erwerb und Besitz für ihn gezogen war. Er, der schärfste Rechner im Gerichtssaal, war ein schlechter Zähler in seinem Haushalt ... bald auch ein schlechter Zahler. Mit zwanzig Händen streute er aus, was er mit zweien nur erwarb. Seine Schulden wuchsen ihm über den Kopf, und um sich Luft zu schaffen, griff er nach einem Mittel, das er selbst, mit all seinem sprühenden Geist und allem Feuer seiner Rede, vor dem Richter nicht mehr beschönigt hätte. Und jetzt, nach einem Jahrzehnt, das mit fliegendem Anstieg ihn emporzuführen schien zur Höhe des Lebens ... jetzt stand er vor seinem Ende, vor dem Lauf der Pistole. Ein kalter Schauer jagte über seinen Rücken. Er fühlte, daß er am ganzen Körper durchnäßt war, und mit verlorenen Blicken starrte er zu den blätterlosen Ästen empor. Und wieder zuckte jenes Lächeln um seine Lippen. Dieser kahle Baum, unter welchem er mit einem letzten, treibenden Instinkt Schutz gesucht hatte vor dem strömenden Regen ... glich er nicht dem entblätterten Baume seines Lebens, unter welchem nicht langer seines Bleibens war? »Ein Ende machen ... rasch!« Seine Hand zuckte nach der Tasche ... und fiel wieder nieder. So stand er und starrte unter wirren Gedanken ins Leere. Der Regen versiegte, die ziehenden Wolken gaben den Himmel frei, und falber Mondschein ergoß sich über den triefenden Wald und alle Pfade. Da weckte ein Geräusch, wie von klatschenden Tritten, den Regungslosen aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf, blickte den Weg entlang und sah die dunkle Gestalt eines Mannes näherkommen, der wie mit prüfendem Blick die Bäume am Wegrand zu mustern schien. Nun sah ihn Siegmann vor einem Baume stehen bleiben ... der Mann mochte gefunden haben, was er suchte. Es war ein alter Stamm, an dessen Fuß ein knorriger Wurzelstock sich lehnte ... und diesen Stock bestieg der Mann, schlang mit gestreckten Händen einen Strick um den untersten Ast, schob den Kopf in die Schlinge und warf sich mit dem Körper vorwärts in die Luft. Von Siegmanns Lippen schüttelte eine gellende Lache. Dann plötzlich wieder verstummte er ... ob er wollte oder nicht, er mußte helfen ... mit fliegenden Schritten eilte er hinzu, sprang auf den Stock und suchte den Strick zu lösen. Aber die Last des Mannes war zu schwer ... eine ratlose Sekunde verging ... dann zuckte ein rettender Gedanke durch Siegmanns Kopf, er riß den Revolver aus der Tasche, spannte den Hahn und drückte den Lauf an den Strick. Ein Schuß durchhaute den nachtstillen Wald, und der Körper des Erhenkten klatschte auf den nassen Boden. Siegmann löste dem Bewußtlosen die Schnur von der Kehle und schleuderte ihm das kalte Regenwasser, daß sich auf der Erde in kleinen Pfützen gesammelt hatte, mit vollen Händen in das Gesicht. Eine Minute ... und der Mann erwachte aus seiner Ohnmacht. Wie mit trunkenen Blicken schaute er um sich her, und dann blieb er mit halb erschrockenen und halb verblüfften Augen an dem Gesichte seines Retters hängen, der im vollen Mondlicht stand. Mit stockenden Lauten kam es von seinen Lippen: »Jetzt weiß ich net, bin ich wach, oder ...« Langsam streckte er den Arm gegen Siegmann. »Sie, Herr Doktor!« »Mensch! Sie kennen mich?« stammelte Siegmann. »Ob ich Ihnen kenn'! ... So schauen S' doch her!« Der Mann drehte das Gesicht dem Monde zu und streifte mit dem Arm die struppigen Haare aus der Stirne. Und da fiel das Erkennen über Siegmann, wie ein Blitz: der Mensch, den er gerettet hatte ... zum zweitenmal gerettet ... Andreas Berger war es, sein erster Klient. Siegmann brachte kein Wort über die Lippen, aber in der Art, wie er die beiden Hände nach dem Manne streckte, lag eine stumme Frage, die der andere verstand. »Es hat mir kein Glück net 'bracht, daß Sie mich freig'macht haben ... denn in mir drin hat's g'wurmt . . die Freud' am Leben war beim Teufel ... Tag und Nacht hat 's mir kein' Ruh' net 'lassen ... allweil hab' ich ihn liegen sehen vor mir im Blut ...« »Sie waren schuldig ?« schrie Siegmann auf. Berger nickte nur und starrte vor sich nieder. Dann wieder murmelte er: »Und ... länger hab' ich 's nimmer ausg'halten ... seit Jahr und Tag schon is mir's allweil vor'gangen im Kopf: Entweder Du machst ein End' ... oder ... oder Du giebst Dich an. Und das da ...« Dabei raffte er den zerrissenen Strick von der Erde und hielt ihn Siegmann entgegen auf der flachen Hand ... »Das da, so hab' ich g'meint auf d'Letzt, das da wär' allweil noch leichter wie 's andere.« Siegmann wankte, und seine Arme suchten einen Halt am Stamm der Buche. In seinem Innern tobte ein wilder Sturm. Mit einer Lüge hatte er seine Laufbahn begonnen, die er nun enden wollte mit einer Feigheit. »Und jetzt ...« langsam erhob sich Berger von der Erde und stand mit gesenktem Kopfe, »jetzt muß ich's halt probieren ... mit dem anderen, denn Ruh' will ich haben ... so oder so!« Da fühlte er eine Hand, welche mit zuckenden Fingern seinen Arm umkrampfte. »Kommen Sie, Berger ... wir gehen zusammen!« Und wortlos schritten sie Seite an Seite dahin, der Stadt entgegen. Es dämmerte ein neuer Morgen, als sie das graue Haus erreichten, dessen Thor sich hinter ihnen schloß. Das Truden-Auge. In einem stillen Bergwinkel war's, genau drei Tage vor Lichtmeß, und an einem Sonntag dazu. Die Mierl hatte drinnen im »Markt« das Hochamt besucht, hatte darnach ein paar kleine Einkäufe besorgt, und nun kam sie zwischen entblätterten Kastanienbäumen die beschneite Straße einhergegangen. Ein recht sonntäglicher Ernst lag auf ihrem gesunden Gesicht, das von der Kälte etwas bläulich angehaucht war. Der leichte Wind spielte mit ihren grünen Hutquasten, mit den bunten Fransen ihres seidenen Fürstecktuches, mit den glitzernden Schaumünzen ihrer silbemen Miederkette, und recht ungezogen pluderte er die dunkelbraunen Röcke auf, als hätte er den kahlköpfigen Straßensteinen verraten wollen, wie viele, viele Hasenwolle die Mierl zu ihren Wadenstrümpfen brauchte. Auf ihrem Gesichte lag, wie schon bemerkt, ein gar sonntäglicher Ernst – nachdenklicher Ernst, das wäre schon etwas zu viel gesagt, denn ihre Haselnußaugen schauten weniger mit gedankenvoller Klugheit, als mit hülfloser Traurigkeit, mit richtigen Dulderblicken in den schönen Wintertag, an dem die weißen Berge im Sonnenscheine funkelten, als hätte sie der liebe Herrgott aus purem Silber gegossen, als hätte er sie eben erst aus der Form genommen und so glänzend und gleißend zur Freude der Menschen hingestellt unter den blauen Himmel. Von all dieser winterlichen Herrlichkeit aber schien die Mierl kaum ein Schimmerchen zu sehen; sie schnitt zu ihren trübseligen Blicken mit den roten Lippen ein Schnoferl, als wäre ihr irgend etwas, an das sie gerade recht langsam dachte, aber auch schon gar nicht recht, und als wären ihr dabei die gleißenden Reize der Natur so zuwider wie »Dampfnudeln in der Schleifersbrüh'« – denn mit diesen konnte man die Mierl, seit sie sich an der schönen Gottesgabe einmal krank gegessen, von jedem Tische treiben. Jetzt ging sie an dem langgestreckten Wiesengarten des Försters vorüber und näherte sich dem Gatter, das den sauber gekehrten, zum Forsthause führenden Kiesweg versperrte. An dieser Stelle war vor langen Jahren der Vater des jetzigen Försters von einem meuchlerischen Wilddieb erschossen worden, und zum Gedächtnis des Ermordeten hatte man hier ein »Marterl« errichtet, ein steinernes Kreuz mit einem hölzernen Betstuhl davor. Als nun die Mierl an dem heiligen Bilde vorüberschritt, machte sie ein paar fromme Augen und bekreuzigte sich das blaue Näschen. Einige Schritte ging sie noch weiter, dann blieb sie plötzlich stehen, schaute nachdenklich über die Schulter zurück, kehrte um, ließ sich auf den verwetzten Schemel nieder und begann zu beten. Dazu seufzte sie ein um das andere Mal tief aus dem Herzen, als wäre das heimliche Anliegen, um dessentwillen sie die Hände faltete, ein gar bedenkliches. Wohl rührte sie nur wortlos die Lippen; aber droben über den Wolken ist Einer, der allhörende Ohren hat, und so konnte er auch deutlich vernehmen, was die Mierl im stillen betete. Und das lautete ungefähr folgendermaßen: »Du lieber, guter Herrgott du, schau, ich thu' dich bitten, sei doch ein bisl gescheidt und mach', daß es mit mir und dem Bichler-Steffel bald richtig wird. Freilich bin ich nur eine arme Dirn', und er hat Haus und Hof, aber wir thäten halt doch so gut zusammenpassen – weißt, im G'müt – ja, und weil ich ihn halt gar so viel gern haben thu' – gar so viel! Und weißt es ja, lieber Herrgott, daß mich der Steffel auch net ungern sieht – das hab' ich ja lang schon g'merkt – aber 's Reden wird ihm halt gar so schwer, so fürchtig schwer. Ja, schau, lieber Hergott, da könnt'st dein' Güt' jetzt grad einmal recht schön beweisen, wenn du halt dem Steffel sein' Zung' ein bisl heben thät'st – denn daß ich dir's sag' – schau, wann er net bald zum Reden kommt – ich halt's ja nimmer aus. Gewiß wahr, bevor ich den Kummer noch lang in mir umeinandertrag', da thu' ich schon lieber meinem Bauern an Lichtmeß kündigen und such' mir einen andern Dienst, weit fort, ja, weiß Gott wo in der Welt. Und schau', lieber Himmelvater, so was wirst ja doch net wollen ...« So ähnlich betete die Mierl weiter und bewies ihrem Herrgott auf ein Haar, daß er aus diesen und jenen Gründen eigentlich verpflichtet wäre, diesem stockstummen Steffel je eher je lieber die schwere Zunge zu lösen. Mit einem lauten, energischen »Amen« erhob sie sich endlich, getröstet von der sicheren Hoffnung, daß ihrem Herrgott so schlagenden Gründen gegenüber doch wohl nichts anderes übrig bleiben werde, als eben »ein bisl gescheit« zu sein. Schon wollte sie heimzu wandern, als ihr plötzlich ein funkelndes Etwas, das hart am Zaune halb im Schnee vergraben lag, den Schritt verhielt. Sie bückte sich, hob das kleine Ding von der Erde und reinigte es mit der Schürze; je länger sie es dann betrachtete, desto ratloser schüttelte sie den Kopf, desto weiter fielen ihr die Lippen auseinander, desto staunender öffneten sich ihre Lider. Was sie in ihren Händen hielt, sah sich an wie eine kleine, gläserne Kugel – und dennoch war es unverkennbar ein richtiges, wirkliches Auge. Das schaute ihr inmitten eines bläulichen Weiß aus dem schiefen Schlitz des rostfarbenen Sternes so grünlich funkelnd, so schielend, falsch und feindselig entgegen, daß ihr völlig unheimlich zu Mute wurde. Ein Frösteln packte sie bei den Schultern, und bereits erhob sie die Hand, um das unheimliche Ding zurückzuschleudern in den Schnee, als knirschende Tritte sie aufblicken machten. Auf der Straße kam ihr ein altes, gebücktes, ruppig gekleidetes Weiblein entgegengehumpelt, dem trotz des Sonntags das Grauhaar in zerzausten Büscheln über die Schläfen hing. Das war die Kohlenbrenner-Margaret, die »weise Frau« des Dorfes, von der die Rede ging, daß sie so klug wäre, als hätte sie dem lieben Herrgott bei Erschaffung der Welt über die Schultern geguckt, das sie alles wüßte, was Menschenverstand nur zu wissen vermöchte, und daß sie sogar in finsterer Nacht die Mondstäubchen fliegen sähe – denn am hellen Tage die Sonnenstäubchen tanzen zu sehen, dazu gehört kein ausnahmsweiser Grad von Gescheitheit. Das »Viehdoktern« verstand sie wie niemand im Lande, und besonders bewandert war sie im Geisterfach – wer in Bezug auf Hexen, Wechselbälge, Billwizschneider, Holimänner, Grenzsteinrücker und sonstige Haus-, Wald- und Wiesengeister ein Anliegen hatte, fand bei der alten Margaretl immer den besten Rat. Nun standen die beiden vor einander, und eh' es noch zu einem Gruße kam, streckte Mierl schon der Alten die Hand mit dem seltsamen Ding entgegen und flüsterte: »Du, da schau Margaretl, was ich gefunden hab'!« Die Alte machte ein wichtiges Gesicht, griff zu, hob die Glaskugel dicht vor die rotunterlaufenen Augen, betrachtete sie von allen Seiten, kratzte mit den Fingernägeln daran und beschloß ihre Untersuchung damit, das sie an der Kugel roch. »Ah ja! Ahan!« meinte sie und nickte dazu vielsagend mit dem Kopfe. »Geh', du, was kann denn das jetzt sein?« »Ja bist denn gar so dumm?« flötete die Alte durch ihre Zahnlücken. »Kannst denn das nicht selber sehen, daß das ein Aug' ist?« »Ein Aug'? Ja freilich! Aber von wem denn?« »Von wem? No ja, von wem denn anders, als wie von einer Trud!« »Jesus, Maria – von einer Trud!« stotterte Mierl und bekreuzigte sich erblassend. »So? Gelt? Das weißt, was eine Trud ist?« »Und ob ich's weiß! So eine hat mich weiters nicht allweil druckt in der letzten Zeit – g'rad da am Herzen, weißt im Schlaf!« Die Margaretl kicherte, und das klang, wie wenn der Buntspecht an einer hohlen Fichte hämmert. »No schau, da ist vielleicht gar das Aug' da von der deinigen. Wo hast es denn gefunden?« »G'rad da, beim Kreuz!« »No also, da ist ja nachher gar kein Zweifel mehr. Weißt, die dumme Trud, die hat sich halt beim Drucken versäumt, hat in der Eil' den falschen Weg troffen, und wie 's ans Kruzifix angerumpelt ist, da ist ihr vor Schrecken das Aug' ausgefallen und ist versteinert. Ja, so was kann ihnen passiren, den Truden, wann 's nicht Obacht geben.« Daraufhin erging sie sich in einer detaillirten Schilderung der Lebensweise, der Beschäftigung und des Aussehens der Truden, und erzählte der mit offenem Munde staunenden und mit Gruseln lauschenden Mierl, daß die Truden nur ein einziges Auge mitten auf der Nase hätten, und daß sie an den Stellen, an denen bei den Menschen die Augen lägen, gleich den Maikäfern zwei lange Fühler trügen, mit denen sie sich in der Nacht zum Bette ihres Opfers tasten. Der Umstand, daß Mierl von einer Trud als von einer Hexe sprach, entrüstete sie ordentlich. Aufs genaueste erklärte sie dem unwissenden Mädchen den Unterschied, wobei sie von dem Haupt- und Kardinalsatz ausging, daß man das Hexen lernen könne, während das Truden angeboren sein müsse. Weiterhin verbreitete sie sich über die Hilfsmittel, welche den Menschen gegen diese Quälgeister zu Gebote stünden – und wie wirksam diese Mittel wären, das wußte sie an einem Beispiele zu erweisen. Ihr Seliger wäre einmal Nacht für Nacht von einer Trud geplagt worden, und auf seine Klagen hätte sie ihm geraten, sobald er den Druck wieder verspüre, mit einem in Weihwasser getauchten Hölzchen das Schlüsselloch zu verstopfen, durch das die Trud ihren Weg in die Kammer genommen. Das hätte er gethan, und so wäre die Trud von ihm gefangen worden. Wie er sie dann greifen wollte, hätte sie sich in ein bildsauberes Dirnlein verwandelt, um sein Mitleid zu erregen; er aber wäre »kein solcher« gewesen, sondern hatte sich kurz entschlossen der Trud auf den weißen Rücken geschwungen, hätte sie zur Schmiede geritten und sie hufgerecht auf allen Vieren beschlagen lassen. »Und von der Stund' an hat er seine Ruh' gehabt,« berichtete die Margaretl. »Und auch sonst hat's ihm gar viel geholfen, denn er hat der Trud ihr Haar abgeschnitten – und wer von Geistern 'was in Händen hat, der kann sich g'rad' wünschen, was er mag. Ja, Mierl, darfst mir's glauben, du kannst von Glück sagen, daß du so 'was gefunden hast. Aber verschwiegen mußt sein, keinem Menschen darfst 'was sagen davon – ja, schau – wer weiß, leicht kannst am End' gar noch einen Schatz damit finden!« »Einen Schatz?« stammelte Mierl, während sie bis hinter die Ohren errötete. »Ich – ich thät' mir schon einen wissen.« »Was? Geh'! Ja wo denn? Sag'!« »Droben im Bichlerhof – den Steffel!« Die Margaretl machte ein dummes Gesicht; dann aber platzte sie los und lachte, daß ihr die Schultern wackelten. Weiter konnten die beiden nicht miteinander reden; ein paar Leute, die des Weges gekommen, hatten sich zu ihnen gesellt und wollten durchaus wissen, weshalb die Margaretl so lustig wäre. Die kluge Alte erzählte ihnen irgend ein kleines Geschichtlein, machte der Mierl noch ein geheimes Zeichen des Stillschweigens und humpelte kichernd davon. Als hätte dieses Zeichen der Dirne Feuer unter die Sohlen gelegt, so eilig rannte sie nun heimzu, dem Bauernhof entgegen, in dem sie bedienstet war. Stirn und Wangen brannten ihr in heller Glut, und wie ein Hammer schlug ihr das Herz unter dem Mieder. Jetzt kam ihr der Steffel nicht mehr aus, jetzt hatte sie ihn in der Tasche – beim Truden-Auge, das seine Zauberkraft an ihm erweisen mußte. Aber – – ja, dieses verflixte Aber! Wie ein eisiger Frost fuhr ihr die Wirkung dieses einzigen Wörtleins durch alle Glieder. Sie marterte ihr Gehim, sie grübelte sich ordentlich in Schweiß, aber es gähnte doch immer eine böse Lücke in den Antworten, die sie auf die erschöpfenden Fragen des bekannten lateinischen Spruches zu geben wußte: Quis, quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quando ? Da war ihr Alles klar, bis auf eines – das Wichtigste. Quis (wer)? Der Steffel natürlich. Quid (was)? Ihm die Zunge lösen. Ubi (wo)? Auf dem bewußten Bänklein hinter dem Bühel. Quibus auxiliis (durch welche Mittel)? Durch die Zauberkraft des Truden-Auges. Cur (warum)? Weil sie es länger nicht mehr aushielt. Quando (wann)? Noch heute Abend. Das quomodo aber, das Wie – das war und blieb ihr dunkel. Und sie konnte auch niemand um Rat fragen, da sie ja zu niemand mehr von ihrem Funde sprechen durfte, wenn er seine Wirkung nicht verlieren sollte. Ob es wohl das richtige wäre, wenn sie dem Steffel die Zauberkugel in der Herzgegend hinter die Weste schmuggeln würde? Oder sollte sie das Truden-Auge im Mörser zerstoßen und dem Steffel das Pulver in den Maßkrug schütten? Schließlich gab sie das Fragen auf und tröstete sich mit ihrem Herrgott, den sie helfend an ihrer Seite wußte; er war es ja gewesen, der ihr Gebet so stracks erhört und sie gleich einem Wunder das kostbare Kleinod hatte finden lassen. Der würde ihr das Wie schon eingeben im rechten Augenblick. Der Abend kam – und mit ihm der Steffel zum gewissen Bänklein hinter dem Bühel, auf dem die Mierl schon seiner harrte. Es war ein hübscher, gut gewachsener Bursche, dem man es an den harmlosen wasserblauen Augen aus den ersten Blick schon ansah, daß er »im G'müt« vortrefflich zur Mierl paßte. Diese staunte pflichtschuldigst über den Zufall des Zusammentreffens, obwohl sich derselbe seit langen Wochen allsonntäglich wiederholte. Sie rückten hart aneinander und fingen nun zu reden, oder richtiger gesagt, zu schweigen an. Die Worte fielen so spärlich, wie die Tröpflein von einem Dache, fünf Stunden nach einem Regen. Und wenn sie sprachen, so sprachen sie vom Wetter, darauf von den Kühen, und dann fingen sie wieder von vorne an. Dabei war Steffel eigentlich noch schweigsamer als sonst; Mierls Benehmen machte ihn stutzig und gab ihm zu denken, und das Denken natürlich, das ist eine »stade Sach'«. Sie rückte aber auch so seltsam unruhig hin und her, in ihren Augen war ein eigentümlich scheuer Blick, manchmal zitterte sie, und Röte und Blässe wechselten auf ihrem Gesichte. Einmal schon hatte er sie gefragt: »Bist denn marodi, Mierl?« Sie aber hatte zur Antwort so heftig den Kopf geschüttelt, daß ihr fast die Zöpfe losgegangen waren. Nun schielte er schweigend schon eine Weile nach ihrer linken, festgeschlossenen Faust, und als er sah, daß sich unter diesen Blicken Mierls Unruhe noch steigerte, raffte er sich zu der Frage auf: »Hast dich am End' heut' Mittag beim Tränken überhoben, weil dir die Finger gar so krämpfig sind?« Erschrocken schaute sie auf und barg die Faust in den Falten ihres Rockes. »Geh, laß anschauen, was hast denn?« sagte er, und streckte die Hände. »Jesus, Maria – Steffel!« stotterte die Dirne in Heller Angst. »Laß gut sein – schau – ich hab' ja nichts – und ich darf dir's ja nicht sagen!« Er aber hielt schon mit allen zehn Fingern ihre Faust gefangen, und je heftiger sie sich wehrte, desto fester griff er zu und suchte ihr mit Gewalt die Hand zu öffnen. Dieses Ringen, bei dem sich immer wieder die Wangen berührten und die Schultern so fest aneinanderwuchsen, schien ihm zu gefallen, und er lachte dazu mit einem etwas dümmlich verlegenen Gesichte. Vor seinem Ungestüm sah Mierl bald keinen Ausweg und keine Hilfe mehr. Der Versuch, die Faust in die Tasche zu retten, war ihr mißglückt. Dem Steffel aber war es schon gelungen, zwei ihrer Finger aufzuzwingen. Mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft befreite Mierl ihre Hand und fuhr damit, um das zaubermächtige Kleinod vor Steffel's tappenden Händen in Sicherheit zu bringen, unwillkürlich nach dem Munde! Kaum aber fühlte sie die glatte Kugel auf der Zunge, als ihr einfiel, was sie eigentlich im Munde hielt: ein Gespensterauge, das eine Trud in der Nase getragen – und da überkam sie jählings ein haarsträubender Ekel. Sie wollte das abscheuliche Ding ausspucken, verschluckte sich dabei, und schlupp, rutschte ihr die Kugel in den Hals. Bis in die Lippen erblaßte sie, riß sperrangelweit die Augen auf, griff mit den zuckenden Händen in die Luft und rang unter gurgelnden Lauten nach Atem. Auch dem Steffel war das Lachen vergangen, auch er war in Schreck und Sorge erblaßt. »Ja mein Gott, Schatzerl, ja um Gotteswillen, was ist dir denn, sag', was hast denn!« stammelte er, schüttelte Mierl heftig am Arme und bearbeitete dazu mit der anderen Faust ihren Rücken. Damit hatte er das beste Mittel gefunden; ein heftiger Hustenanfall überkam die Dirne, ein paar Augenblicke würgte sie noch, daß ihr die Backen dunkelblau anliefen, dann plötzlich schoß ihr die Glaskugel zwischen den Zähnen hervor und beschrieb einen Bogen durch die dunkelnde Luft, um irgendwo im Schnee zu versinken. »Ah!« seufzte Mierl unter Thränen auf und schlang, als wäre sie so schwach geworden, das sie einer Stütze bedurfte, die Arme um Steffel's Hals. »Jetzt wär' ich aber schier erstickt.« »Aber so was!« stotterte er und drückte sie noch fester an seine Brust. »Was da jetzt passiren hätt' können! Du lieber Herrgott, ich wär' ja selber gestorben dazu, wann dir was geschehen wär' – kannst es glauben – so gern thu' ich dich mögen, so arg viel gern! Aber so sag' doch, geh', was hat dich denn eigentlich anpackt – so auf einmal?« »Ich kann's ja nicht sagen!« lachte und weinte Mierl. »Und du kannst dir ja gar nicht de ... denk ...« Weiter brachte sie das Wort nicht heraus, denn seine zweite Hälfte hatte Steffel in des Wortes wirklichster Bedeutung aufgeschnappt. Da war es nun freilich zu Ende mit allem Reden, denn eines hielt mit seinen Lippen den Mund des anderen fest geschlossen. So saßen sie eng umschlungen und halsten und küßten sich, bis jählings irgend ein verdächtiges Geräusch sie aus ihrem Liebestaumel aufscheuchte und nach verschiedenen Seiten in die Flucht trieb. Nun stand das Bänklein leer, hinter den verschneiten Büschen aber klang es hervor wie das Hämmern eines Spechtes. Oder war es das Kichern der alten Margaret? Gleichviel, Steffel hörte nichts mehr. Der sprang schon hinter dem Bühel mit brennendem, glückselig verklärtem Gesichte über die Straße. Als er dann auf dem Heimweg den Hof des Försterhauses kreuzte, vernahm er aus der erleuchteten Stube eine scheltende Männerstimme und ein jämmerliches Weinen. »Was ist denn? Beutelt der Förster seine Buben?« fragte er die Magd, die gerade mit einem Eimer zum Brunnen kam. »Ja, weißt, über Tag ist er fortgewesen, und wie er jetzt heimgekommen ist, hat er gemerkt, daß ihm seine Buben ein paar von den Glasaugen vertragen haben, die er zum Tierausstopfen braucht.« Drinnen in der Stube wurde das Weinen zu lautem Geheul. »Geschieht ihnen ganz recht, sie sollen ihrem Vater seine Sachen in Ruh' lassen!« meinte Steffel, und wanderte lachend in die sinkende Nacht hinein. Vielleicht aber würde seine Meinung anders gelautet haben, wenn er hätte ahnen können, wie sein junges Liebesglück mit den feuerroten Ohrwascheln der Förstersbuben in so innigem Zusammenhange stand. Der Sonnenstrahl. Rauschende Musik erfüllte die von strahlendem Kerzenglanz durchfluteten Räume. Lachen und Geplauder mischte sich in den Wirbel der Töne, und vom Büffet hörte man das Knallen der Champagnerpfropfen. Auf allen Wangen glühte der Abglanz heiteren Genusses, und die Freude leuchtete aus jedem Auge. Nur einer von allen Gästen zeigte ein ernstes, beinahe finsteres Gesicht. Einsam stand er, in eine Fensternische gelehnt, mit gekreuzten Armen, und seine brennenden Blicke folgten einem tanzenden Paare. Ein stolzer, stattlicher Mann. In den fünfzig Jahren, die er hinter sich hatte, waren ihm wohl schon die dichten Haare ein wenig ergraut; aber aus den festen Zügen seines Gesichtes und aus dem scharfen Blick seiner Augen sprach noch die ungebrochene Kraft des Lebens. Und dennoch stand er in sich zusammengesunken, fast gebeugt, als läge eine Sorge drückend auf seinen Schultern. Eine Sorge? Konsul Eduard Rottenbach, der reichste Mann der Stadt, der Chef eines Welthauses ... und eine Sorge? Auf goldenen Säulen ruhte sein Besitz, auf ehernen Pfeilern sein Haus. Was konnte ihn so sehr bedrücken, daß es ihm aus den Mauern seines Comptoirs in die Lichtfülle dieses Saales folgte und ihn nicht verließ inmitten der rauschenden Freude dieses Abends, welcher, halb schon ein Frühlingsfest, die Geselligkeit des Winters beschließen sollte. Eduard Rottenbach ... und eine Sorge! Fast schien es unglaublich. Aber diese Sorge sprach allzu deutlich aus dem leisen Beben seiner farblosen Lippen, aus der erregten Spannung seiner Züge und aus dem heißen, trockenen Glanz seiner Augen. Und diese Augen suchten immer das gleiche Ziel ... ein junges Weib von blühender, mädchenhafter Schönheit. Auf einem schlanken, geschmeidigen Körper von entzückendem Ebenmaß und wundersam zarten Formen saß ein Köpfchen von sonnigem Liebreiz, mit einem Blondhaar, das in schimmernden Wellen über den weißen Nacken floß, mit einem Gesichte, wie in Farben auf Marmor gehaucht. Aber dieser Marmor hatte Leben, sprühendes Leben. Diese roten, feingeschwungenen Lippen lachten und lachten, wie trunken vor Freude und Genießen leuchteten diese großen schwärmerischen Augen, und als wäre der Tanz der höchste aller Genüsse, so hing die junge, schöne Frau mit willenloser Hingebung in den Armen ihres Tänzers. Das war ein junger Künstler, dessen Name seit einem Jahr von aller Welt genannt wurde. Auch seine Augen und Wangen glühten, und wahrend des Tanzes sprach er in fliegenden Worten zu seiner Tänzerin nieder. Rastlos folgten diesem Paare die finsteren Blicke des stillen einsamen Mannes. Zuweilen aber auch die Blicke anderer Gäste. Zwei junge Männer, die an der Säule standen, schienen nur von diesem Paar zu sprechen; und auf ein Wort des einen mußte der andere so laut auflachen, daß ihn alle Umstehenden mit erstaunten Augen betrachteten. Da zog er den Freund am Arme mit sich fort, und so wollten sie unter lachendem Geplauder in eine Fensternische treten. Nun plötzlich verstummten sie ... Eduard Rottenbach stand vor ihnen ... alle beide wurden verlegen, und der eine errötete sogar, während er sich und den Freund unter einem stammelnden »Pardon!« von der Nische zurückzog. Kichernd gingen sie davon, blickten noch einmal zurück und verschwanden zwischen den Gästen, welche das Büffet umdrängten. Der Einsame erblaßte, und seine geballten Hände sanken. Hatte er ein böses Wort gehört ... oder hatte er geahnt, was diese beiden gesprochen! Ungestüm richtete er sich auf und trat aus der Nische hervor. Soeben war der Tanz zu Ende, und als der Konsul seine Blicke an den Wänden entlang über die gepolsterten Sitzreihen gleiten ließ, sah er in einer Ecke des Saales die schöne, junge Frau – und an ihrer Seite wieder jenen Anderen; er sprach und lachte und sie schaute zu ihm auf mit strahlenden Augen. Es zuckte etwas über das Gesicht des Konsuls, als möchte er auf diese beiden zustürzen und sie auseinanderreißen mit zornigen Fäusten. Aber nur ein herbes Lächeln flog um seine schmalen Lippen; dann wandte er sich ab und verließ den Saal, als ginge es über seine Kräfte, den quälenden Anblick länger zu ertragen. Erst kam ein großer, von plaudernden Gruppen erfüllter Salon, dann zwei Räume, in denen gespielt wurde, dann das nach türkischem Geschmacke ausgestattete Rauchzimmer; eine kleine Gesellschaft älterer Herren war hier in lebhaftem Gespräch versammelt; die Ankunft des Konsuls schien ihnen willkommen, und bevor er noch Platz genommen hatte, war er schon in eine Debatte über irgend eine wichtige Erscheinung des geschäftlichen Lebens verwickelt. Er sprach mit lauter Stimme und mit unermüdlichem Eifer, als hätte er so betäuben und ersticken können, was in ihm tobte mit schmerzender Gewalt. Ob in solchem Gespräch eine Minute oder eine Stunde vergangen war ... er wußte es nicht ... er fühlte nur plötzlich, wie eine Hand sich auf seine Schulter legte. Da sprang er auf und starrte in das verdrossene, harte Gesicht seines Bruders. »Ich will dir einen guten Rat geben,« hörte er den Bruder flüstern, »es wäre besser, wenn du Renate nach Hause führen würdest. Sie benimmt sich ... ich will es nicht mehr länger mit anhören, wie schon alle Mäuler darüber sprechen!« »Robert!« flog es mit einem scharfen, zornigen Laut über Eduards Lippen; doch als seine Augen dem kalten Blick des Bruders begegneten, fiel ihm das Kinn auf die Brust; er nickte nur und ging schweigend davon, um Renate zu suchen. Im Salon fand er sie nicht, auch nicht im großen Saal ... weder sie, noch ihn. Er eilte durch eine Reihe offener Gemächer, aus deren letztem eine kleine, von Palmfächern überdachte Treppe in den Wintergarten führte. Nun hörte er die leidenschaftlich bebende Stimme jenes anderen: »Sprechen Sie, Renate, sprechen Sie!« Atemloses Schweigen füllte den kühlen, feuchten Raum. »Sprechen Sie, Renate, sprechen Sie!« Ihre Wangen glühten, ihr Busen hob und senkte sich unter glühenden Atemzügen ... schon lag ein Wort auf ihren Lippen, da hörte sie im Sand die knirschenden Tritte. Sie schaute empor; ein jähes Erblassen flog über ihre Züge, und ein Schauer rann ihr über die nackten Schultern. Was sie erblassen und schaudern machte ... war es der brennende Blick ihres Gatten, oder war es die kalte Nachtluft, welche durch ein offenes Fenster ihr glühendes Gesicht überhaucht hatte? »Renate,« stieß der Konsul mit heiserer Stimme hervor, »ich wünsche nach Hause zu fahren.« Sie erwiderte keine Silbe, aber in das bleiche Wachs ihrer Wangen schoß ein zorniges Rot. Doch gleich wieder lächelte sie, und während sie ihrem Tänzer die Hand zum Kusse reichte, nickte sie ganz leise mit dem Kopfe und ließ die Lider über ihre strahlenden Augen sinken. Das Gesicht des Konsuls wurde fahl; aber schweigend reichte er seiner Frau den Arm. In dem schaukelnden Coupé fuhren sie durch die stille Nacht ihrem Hause zu. Keines von ihnen sprach ein Wort. Nur als Renate unter einem ungestümen Atemzuge den weichen Pelz von ihren Schultern streifte und hastig, als würde ihr zu schwül in dem engen Raum, das Fenster niederließ, mahnte er sie, der kühlen, gefährlichen Nachtluft zu denken. »Lass mich!« stieß sie hervor. Dann befiel sie ein Hustenreiz, den sie mit ihrem Spitzentuch erstickte. Da griff er über ihren Schoß hinweg und schloß das Fenster. Sie rührte sich nicht; und auch er lehnte sich wieder in seine Ecke zurück ... und dachte ... an alles... Wechselnde Bilder flogen vor seinen brennenden Augen vorüber, all' die Pein dieser Nacht, all' die bangenden Zweifel dieser letzten Wochen, alles Glück des vergangenen Jahres. Hatte er dieses Glück denn auch verdient? Was hatte er gethan, um es zu gewinnen. Ein Scherflein von seinem Reichtum hatte er hingegeben, um einen ruinierten Mann zu retten – um der Tochter willen. Und wie war ihm Renate so dankbar gewesen. Nach diesem Dank zu greifen mit seinen Händen ... wohl hatte man ihn gewarnt, der Bruder und auch eine Stimme in der eigenen Brust. Aber sie war so schön, so unsagbar lieblich. Wie ein warmer leuchtender Sonnenstrahl war sie in sein dunkles einsames Haus gekommen; sein Reichtum bekam erst Wert für ihn, als er die Freude sah, die es der jungen Frau bereitete, dieses Gold zu verschleudern, mit beiden Händen. Sie wußte so wundersam zu lachen ... und sie verstand es so gut, aus seinem Herzen hinauszulachen, was sich kalt und schleichend darin schon einzunisten drohte ... das Alter. Und dieses Lachen sollte nun ausgeklungen haben ... für ihn! Nun sollte kommen, »was kommen mußte« ... wie der Bruder sagte! Nein! Nein! Das würde er nicht überleben. Alles lieber verlieren, Haus und Besitz, das Leben, Alles, Alles ... nur nicht sein Weib, nicht seine Sonne! »Renate!« »Lass' mich!« Mit dumpfem Knattern rollte der Wagen unter ein hellerleuchtetes Thor. Als der Konsul die Schwelle seines Hauses betrat, flog Renate schon die teppichbelegte Treppe empor. Er wollte, er mußte mit ihr sprechen; doch ihre Thür blieb verschlossen. Noch lange Stunden wanderte er in seinem Gemache auf und nieder; der Morgen graute schon, als endlich der Schlaf auf seine brennenden Augen fiel. Es war heller Tag, als der Konsul geweckt wurde. Und zu Tod erschreckte ihn die Nachricht, die ihm der Diener brachte: Die gnädige Frau wäre erkrankt, sie scheine im Fieber zu liegen. Zugleich mit dem Arzte betrat er das Krankenzimmer, und niederschmetternd wirkte auf ihn, was er hörte: eine Lungenentzündung im Anzug. Kaum einen Schritt mehr wich er von ihrem Bette. Sie lag schon in Fieberphantasien und erkannte ihn nicht mehr. Im Fieber sprach sie ... von jenem anderen; im Fieber lachte sie ... jenem anderen galt es; und er saß dabei, hielt ihre glühenden Hände gefaßt und betete zu Gott um ihre Genesung. Drei Tage und drei Nächte rang sie um ihr junges, schönes Leben. Dann erlosch es. Eine Stunde zuvor hatte sie noch einmal das Bewußtsein gefunden und hatte erkannt, wie es um sie stünde. Da hatte sie die Arme um den Hals ihres Gatten geschlungen und in Verzweiflung aufgeschrien: »Hilf mir, Eduard, hilf mir!« Wenn er es nur gekonnt hätte, er hätt' es gethan, auch um den Preis seiner Seele und seiner Ehre. Nun lag sie aufgebahrt zwischen brennenden Kerzen. Und die ganze Nacht saß er an ihrer Seite und starrte auf das kleine, stille, wächserne Gesichtchen und auf die dünnen Lider, durch welche die großen, dunklen Augensterne noch leise hindurchschimmerten. Als es Morgen wurde, ging er an die Arbeit ... um zu vergessen. Unter den hundert Briefen, welche gehäuft auf seinem Schreibtisch lagen, fand er einen ... der Stempel war schon zwei Tage alt ... und der Brief war an Renate gerichtet. Ein zierliches Couvert und ein Apiskopf als Siegel. War jener Andere nicht ein Jahr in Egypten gewesen? ... ja ... man erzählte sich von dem Kram, den er von dort mit heimgebracht. Er zitterte, daß ihm das Blatt schier aus den Fingern fiel, und es kam ihm die Lust an, diesen Brief mit Händen und Zähnen zu zerreißen ... Dann aber richtete er sich auf, schwer atmend stieg er die Treppe empor und schob den Brief unter die bleichen, kalten Hände, für die er bestimmt war. Lange stand er vor ihr, bis sich eine Hand auf seine Schulter legte. »Tröste dich, Eduard,« klang die harte, kühle Stimme des Bruders ... »es ist besser so!« Er aber schüttelte den Kopf ... und als gerade am trüben Himmel das ziehende Gewölk die Sonne freigab und durch das Fenster ein goldiger Streif in das Zimmer und über die Bahre fiel, da griff er mit beiden Händen nach dem leuchtenden Strahl und brach in heftiges Schluchzen aus. Das Hagelwetter. Zu höchst im Dorfe, auf einem aus dem sanft geneigten Berghang vorspringenden Grashügel, den nur wenige Obstbäume beschatteten, stand sein kleines Häuschen. Innerhalb der vier rissigen Wände gab es nicht viel des Sehenswerten; ein wahrer Schatz an Reichtum und Schönheit aber war die Aussicht, welche man von der Hausbank über das liebliche Waldthal, über den tiefblauen See und das am Ufer freundlich hingelagerte Dorf mit seinen weißblinkenden Häusern genoß. Um dieser Aussicht willen stiegen die Sommergäste gerne zu dem kleinen, hochgelegenen Häuschen hinauf. Und wenn der Naz nicht gerade auf der Wanderung war, dann machte er gerne den Wirt und bot seinen Gästen ein Glas Geißmilch zur Erfrischung an. Fragte man ihn, was man für den Trunk zu bezahlen hätte, dann drehte er den Rücken und brummte: »Ah, lassen S' mich aus, was wird's denn kosten!« Doch wehe dem Gast, der nach diesen Worten nicht auf den Einfall kam, ein ausgiebiges Trinkgeld auf die Hausbank ober auf das Gesims des immer offenen Fensters zu legen. Ihm wußte der Naz mit seiner gewetzten Zunge gar übel zuzusetzen. Denn auf das Geld ging er aus, wie der Teufel auf eine arme Seel'. Wo es nur auf eine Meile weit einen Groschen zu riechen gab, da war der Naz gleich unterwegs. Das war ihm nun freilich nicht zu verdenken. Denn der Verdienst, den sein »Geschäft« ihm abwarf, hatte kaum die Mäuse in seinem stillen, einsamen Haus ernährt. Unser Naz ... seinen vollen Namen habe ich niemals nennen hören, zuweilen nur geschah es, daß er zum Unterschied von irgend einem Namensbruder der »Glaser-Naz« genannt wurde ... unser Naz also war wohlbestallter Glasermeister für das Dorf und eine weite Umgegend; an die vier Stunden hätte er wohl wandern dürfen, um einem Konkurrenten ins Gehege zu kommen. Daraus mag auch zu schließen sein, daß sein Geschäft alles andere eher war, als eine Goldgrube. Was Wunder also, daß innerhalb der zwanzig Jahre, seit denen Naz die Glaserei betrieb, im Dorfe und all den umliegenden Gehöften kein noch so häßliches Dirnlein sich gefunden hatte, welches der Versuchung, Frau Glasermeisterin zu werden, nicht leichten Herzens entronnen wäre. Einsamkeit zehrt. Und da der Naz auch außerdem wenig zu beißen hatte, so wurde mit der Zeit aus dem heiteren Burschen ein zaundürres, eingetrocknetes Männlein mit einem welken, furchigen Gesicht, das schon ein recht greisenhaftes Ansehen zeigte, obwohl der Naz die Fünfzig noch lange nicht erreicht hatte. Die saure Gurkenzeit seines Geschäftes war der Winter. Vom ersten Schneefall bis zum letzten Tauwettertag brauchte der Naz keine Hand zu rühren. Die Leute im Dorfe lieben es nicht, im Winter ihre Zimmer zu lüften, denn die Ofenwärme hat flinke Füße. Und wo die Fenster nicht »strabbeziert« werden, da zerschlägt man wenig Scheiben. Und wenn das Unheil dennoch einmal ein Fenster klirren machte, dann wurden die Sprünge mit Papier verklebt, das that schon seine Dienste bis zum Frühjahr. Wenn aber der Föhn die Berge freigeblasen hatte vom drückenden Schnee, und die Zeit der Märzenstürme vorüber war, dam kam für den Naz eine harte Zeit. Da mußte er an jedem grauenden Morgen die schwere Glaskraxe auf den Rücken nehmen und über hohe Bergpässe aus- und einwandern, um in den weit zerstreuten Gehöften die Schäden zu heilen, welche Winter und Föhn unter den Fensterscheiben angerichtet. Ein schwerer, saurer und dabei recht kärglicher Verdienst. Aber je knapper dem Naz die Freuden des Lebens zugeschnitten waren, um so bockbeiniger ward seine Zuversicht, daß auch ihm noch einmal bessere Tage blühen müßten. Wenn er, mit seiner zentnerschweren Kraxe beladen, in der brennenden Sonne über rauhe Wege dahinstolperte, war es ihm wohl zu verzeihen, wenn er von angenehmeren Zeiten träumte, von einem sorglosen Alter, von einem »Schäfchen im Trockenen«, und wenn er sich sonst noch mit allerlei freundlichen Luftschlössern die Länge des Weges kürzte und die Mühsal erleichterte. Und wer weiß, ob seine bescheidenen Träume sich nicht in Wirklichkeit verwandelt hätten, wenn das Glück nicht über ihn hergefallen wäre, jäh und verwirrend, wie ein Unglück. Es war an einem Abend im Hochsommer. Zwei Damen saßen vor dem Häuschen des Naz und schlürften die frische Geißmilch. »Wir dürfen eilen,« meinte die eine, »hinter den Bergen steigt es ganz finster herauf, wir bekommen vor Nacht noch ein schweres Gewitter!« Gewitter! Der Klang dieses Wortes goß einen hellen Glanz über das Gesicht des Naz. »Sieh nur,« sagte die andere Dame, »die Wolken nehmen eine so seltsam gelbliche Farbe an. Das pflegt auf Hagel zu deuten.« »Hagel.« Dieses »Schlagwort« zauberte einen ganzen Sonnenaufgang über die Züge des Naz. Was für gewöhnliche Menschenkinder ein gezogener Terno ist, das ungefähr bedeutete ein ausgiebiger Hagelschauer für den Glaser-Naz. Er achtete kaum mehr des freundlichen Grußes, mit dem sich die beiden Damen entfernte. Breitspurig stellte er sich unter die Hausthür und blickte den dickaufsteigenden Wolken mit so freundlichen Augen entgegen, wie ein Hirte seinen fetten Schafen. Und je finsterer der Himmel wurde, desto heller stieg die Hoffnung im Herzen des Naz empor. Als die ersten schweren Tropfen fielen, trat er in sein Stübchen und schloß alle Scheiben. Er war mit diesem Geschäfte noch kaum zu Ende, da begann schon der Regen niederzuklatschen, schwer und grau, Naz wanderte von einem Fenster zum anderen und blickte erwartungsvoll zu den wirbelnden, fahl gefärbten Wolken empor. Der erste Blitzstrahl zuckte nieder gegen den See, und ein rasselnder Donnerschlag machte die Lüfte beben und alle Fensterscheiben zittern. Das Klirren des Glases schien Musik in den Ohren des Naz, denn ein vergnügtes Schmunzeln spielte über seine welken Lippen. Nun plötzlich hob er den Kopf mit einer Bewegung, als möchte er die Ohren spitzen. Es klang und klirrte so seltsam an den Fensterscheiben, und immer rascher folgten diese klirrenden Töne aufeinander – dann jählings wurde die dämmernde Abendluft ganz weiß vom dicht fallenden Hagel. Als die erste Fensterscheibe zerschmettert in die Stube fiel, rieb sich Naz vergnügt die Hände und lachte: »So is recht! So is recht! Nur einig'haut, daß alles kracht! Nur einig'haut! Einig'haut!« Es war, als hätte der böse Geist des Unwetters diese Worte vernommen und als wollte er so recht nach der Meinung des Naz sein unheimliches Geschäft erfüllen. Denn rings um das Haus erhob sich ein Knattern und Prasseln, ein Schmettern und Dröhnen, ein Toben und Stürmen, daß ein abergläubisches Gemüt hätte fürchten können, das Ende der Welt sei gekommen. In allen Häusern des Dorfes, in allen Gehöften weit umher, mochte wohl in dieser sturmvollen Stunde Schreck und bange Sorge die Gemüter der Menschen bedrücken. In der Seele des Naz aber herrschte heller Jubel. Und als unter der schlagenden Wucht des Hagels, der in wallnußgroßen Körnern und in ungeheuren Massen fiel, eine Fensterscheibe um die andere, bis auf die letzte, zerschmettert vor den Füßen des Naz auf die Dielen klirrte, da überkam ihn ein völliger Freudenrausch. Er sprang und tanzte wie ein Narr in der Stube umher und schrie und lachte: »Jetzt krieg' i Arbeit! Kruzitürken! Dös giebt aber z'schaffen! So is recht! Nur einig'haut! Einig'haut!« Durch die zerschlagenen Fenster peitschte der Sturm den Hagel in die Stube, daß der graue Bretterboden weiß übersät wurde. Aber darum kümmerte sich der Naz nicht mehr. Er begann die Arbeit. Hinter dem Ofen schleppte er seinen ganzen Glasvorrat zusammen und machte einen Überschlag. Für etwa hundert zerschlagene Scheiben mochte wohl sein Vorrat reichen – und vierzig Pfennige reiner Gewinn an jeder Scheibe – das waren vierzig Mark an sicherem Profit! Für den Naz das große Los! Das Ungestüm der Freude machte seine Hände zittern, die Erregung machte ihn hastig, und so geschah es, daß eine der großen Glasscheiben in Scherben ging. Naz erblaßte und unter wirrem Stottern las er die Stücke zusammen. Das waren ja schon vier Fensterscheiben weniger! Und wenn der Hagelstunn an jedem Hause gewütet hatte, wie am Hause des Naz, dann waren wohl mehr als hundert Scheiben zerschlagen, mehr als zwei-, drei-, vierhundert, mehr als tausend! Was gab es da zu verdienen! Aber woher das Glas nehmen, das Glas, das Glas! Und woher die Zeit! Eine halbe Stunde für jedes Fenster mit vier Scheiben gerechnet – und wenn er vom frühen Morgen bis zum späten Abend schaffte, volle fünfzehn Stunden ... das machte etwas über hundert Scheiben jeden Tag! Aber der Weg von einem Haus zum andern kostete wieder Zeit, wertvolle Zeit! Und die Leute würden mit ihm reden, ihm vorjammern, ihn stören in der Arbeit! Nein, er durfte nicht mehr als achtzig Scheiben rechnen auf jeden Tag. Und wenn es tausend Scheiben einzuschneiden gab – vierhundert Mark Gewinn an tausend Scheiben, ein Vermögen! ... da hätte er schwere Arbeit durch vierzehn Tage! Würden denn die Leute sich so lange gedulden? Würden sie nicht aus der nächsten Stadt einen »Glaserer« kommen lassen? Nein, nein, das thäten ihm die Leute doch wohl nicht an, sie waren ihm ja gut, er war ja ein Kind des Dorfes! Das dürfen sie nicht ... es war ja sein Recht, es war sein Glück! Aber woher das Glas nehmen, das Glas, das Glas ... Es wurde dem Naz ganz wirr im Kopfe. Wo er hingriff mit seinen Händen, zerdrückte er eine Scheibe, wo er hintrat mit seinen Füßen, da gab es Scherben ... und dann, noch ehe das Unwetter zu Ende war, in sinkender Nacht, rannte er aus dem Hause, rannte durch alle Straßen des Dorfes, und als er Haus um Haus kaum mehr eine einzige unversehrte Fensterscheibe fand, da lachte er, und lachte, lachte ... Die Leute, die ihn sahen und erkannten, riefen ihm jammernd zu: »Nazi, Nazi, da schau, dös Unglück, alles is hin, alles, alles! Komm' nur gleich in aller Fruh, gelt, komm' nur gleich!« Er aber rannte davon und lachte nur und lachte, so daß ihm die Leute kopfschüttelnd nachschauten: »Was hat er denn, der Naz, was hat er denn?« Am anderen Morgen gab es eine völlige Wallfahrt nach dem Häuschen des Naz. Jeder rief seinen Namen, jeder wollte ihn und seine Arbeit zuerst haben. Im Häuschen aber blieb alles stille. Und als die Leute schließlich in ihrer Ungeduld die Thür eindrückten, fanden sie Scherben überall umher. Und vom Geländer der Treppe, die zum Bodenraum emporführte, hing ein regungsloser Körper nieder ... der Körper des Naz. Er hatte sich erhenkt. Das Glück, das ihm der Sturm gebracht, war zu groß für ihn gewesen. Wasser... Gedicht in Prosa. Weithin über die ebene Fläche, aus welcher zuweilen nur ein niederer Hügel sich emporwölbt, zuweilen nur ein rötlicher Steinklotz aufragt aus dem gelben Sande, weithin, schier endlos, dehnt sich der Himmel. Kein Lufthauch regt sich, keine Wolke zieht. Ein roter Feuerball, so steht die Sonne im Zenith. Unter den zuckenden Strahlen, welche ausschießen von ihrem lohenden Kerne, verschwindet das Blau der Lüfte, verwandelt in alle Farben des Feuers. Die Sonne brennt, und der ganze Himmel scheint in Flammen zu stehen. Feuer stießt nieder auf die Erde, und Feuer steigt wieder empor aus allem Grunde. Denn aus dem regungslosen Sande, der leise knistert unter der Glut, die ihn durchsetzt, geht ein Zittern und Weben, ein Zucken und Züngeln, wie von Myriaden farbloser Flammen. Und dieses Zucken und Zittern, der siedende Wellentanz des Äthers, es ist das einzige, was sich bewegt, was lebt in dieser toten Stille. So weit die Augen reichen, kein grünes Blatt, kein Strauch, kein Baum, nur Sand, glühender Sand. Kein Falter gaukelt über den Grund, um die einsamen Steine pispert kein Laut und flattert kein Vogel. Tot die Lüfte, ohne Leben die Erde. Und dennoch war eine Zeit, in welcher das Leben wandelte an dieser Stätte, nur wandelte, um hier seinen Weg zu enden in Graus und Qualen. Auf einer felsigen Platte, welche gleich einer hohen Stufe sich emporhebt aus der öden Fläche, liegt, vom Sande schon halb verweht, ein Haufen bleichender Gebeine. War es ein Tier, das hier verröchelte? War es ein Mensch, der einsam und verlassen, im letzten Atemzug, mit letzter Kraft noch diesen Fels erstieg, um mit brennenden Augen auszublicken nach Rettung und Hilfe? Oder ist diese Stätte das Reich des Todes, der diesen Fels erkor zu seinem Thron, darauf er nun sitzt und herrscht, eine Feuerkrone auf dem kahlen Schädel, ein Flammenschwert in der knöchernen Faust, die bleichen Glieder halb eingehüllt in das gelbe Leichentuch der Wüste? Er sitzt und starrt mit leeren Augenhöhlen und wartet seines Opfers ... Fern am Horizont der Wüste, wo der brennende Sand und der flammende Himmel verschwimmen zu einem einzigen Glutmeer, taucht ein dunkles Etwas auf. Es scheint an der Erde zu kleben und scheint zu kriechen. Es nähert sich und wächst, es wird zu einem Wesen mit Haupt und Gliedern. Inmitten der Wüste ... ein Mensch. Seine Hand führt einen Stab, ein brauner Mantel umhüllt die Schultern und schützt das Haupt vor der Glut der Sonne. Mit keuchendem Atem und wankenden Ganges schreitet er durch den heißen Sand darein seine Füße versinken bis über die Knöchel. Zuweilen hält er inne und hebt das Haupt. Aus den Falten des Mantels blickt ein Antlitz hervor, bleich, zerfallen und verzehrt, mit welken Lippen und fiebernden Augen. Seine Blicke irren ins endlos Leere. Wo ist der Weg, den er gehen soll? Wo liegt das Ziel, nach dem er sich sehnt mit Sehnen und Dürsten? Vor ihm kein Pfad und keine Straße ... nur Sand, endloser, glühender Sand. Und dennoch weiter, nur immer weiter! Denn hinter ihm liegt Tod und Grauen. Kaum wagt er die Blicke zurückzuwenden nach jener Ferne, in welcher der erste seiner Schar verschmachtend niedersank. Und einer um den anderen fiel; er sah das Leben erlöschen in ihren Augen und konnte nicht retten, nicht helfen. Es fiel das Tier, das ihn getragen ... und das warme Blut, das er in Gier und Ekel schlürfte, löschte nicht seinen glühenden Durst, mehrte nur den Brand in seiner Kehle. Und jetzt ... verlassen, auf sich allein gestellt, und dennoch nicht allein, denn Schritt um Schritt geleitet ihn ein grinsendes Gespenst. Wohin er sich wendet, es wandert an seiner Seite. Wohin er blickt, es fällt ihm in die Augen. Wenn seine Hoffnung es verschwinden macht für die Dauer eines Herzschlages, seine Furcht beschwört es wieder in tausendfältiger Gestalt. Er taumelt weiter, immer weiter, bis seine letzte Kraft verrinnt, wie ein Tropfen im Sande. Die Sprache ist ihm längst erloschen ... wer auch sollte in dieser toten Öde seinen Hilfeschrei vernehmen? Nur stumm bewegen sich seine welken Lippen, wie von einem einzigen, immergleichen Worte. Es wird nicht laut, obwohl er es aufzuschreien glaubt aus verzweifelter Seele: »Wasser ... Wasser ...« Dort ... eine schattige Stelle für kurze Rast! Er wankt dem Felsen entgegen, der sich schräg hervorschiebt aus dem Sande. In den spärlichen Schatten will er sich lagern und ruhen ... Da fällt sein glühender Blick auf die bleichen Gebeine, die so still vor seinen Augen liegen und dennoch eine Sprache reden, furchtbar und entsetzlich. In Grausen will er sich wenden ... doch ihm fehlt die Kraft, seufzend bricht er in die Knie, seine Glieder versinken im heißen Sand, und an den Fels gelehnt, zerrt er mit müden, langsamen Händen noch den Mantel über das Antlitz ... Die Sonne glüht, es zittern alle Lüfte, und leise rinnen die Stunden dahin über den stillen, regungslosen Schläfer. Kein Zucken mehr in seinen Gliedern. Aber noch immer schlagt sein Herz, noch träufelt das Blut in seinen Adern, noch im Erlöschen spinnen seine Gedanken ein schimmerndes Netz, und seine Träume leben und weben ... Da steigt es auf vor seinen Augen in prangendem Grün, aus allem Grunde wuchert das schwankende Gras, dieser Teppich Gottes, mit schlanken Stämmen heben sich die Palmen, und ein sanfter Windhauch rührt die grünen Fächer, damit ihr Schatten wandere von Platz zu Platz. Und durch das leise Rauschen der mächtigen Blätter quillt ein Laut, bald silbern hell, dann wieder mit geheimnisvollem Raunen ... die murmelnde Stimme einer Quelle. Der Träumer hört sie, aus seiner jubelnden Seele fießt es wie neues Leben durch seine Glieder, mit schlürfenden Lippen richtet er sich auf, mit sehnenden Augen sucht er umher im Kreise ... dort ... weiß und schimmernd blinkt es ihm entgegen wie ein Silberspiegel, von grünen Flechten umrankt, von kühlem Tau umhaucht. Mit zitternden Händen reißt der Träumer das Gewand von seinem Leibe ... nicht trinken nur, nein, er will zugleich genießen mit Mund und Gliedern, zugleich den verzehrenden Durst seiner Kehle füllen, den glühenden Brand seines Körpers löschen. Ach, schon dieses Vorgefühl ist Wonne, dieses Denken: wie der zögernde Fuß sich niedertaucht in die krystallene Welle, wie die kalten Tropfen aufwärts sprühen über die erschauernden Glieder, wie die erfrischende Kühlung jede Fiber umschmeichelt, jeden Nerv belebt, wie sie höher und höher steigt, bis an die Brust, bis ins Herz, bis in die Seele, wie die Arme das plätschernde Naß umschlingen, als wäre jeder Tropfen eine Perle von unermeßlichem Wert, und wie die gierigen Lippen sich neigen, wie sie schlürfen, schlürfen und schlürfen . .. So träumt der stille Schläfer, im Traume wankt er dem rettenden Quell entgegen, er streckt die Arme ... und da flieht vor ihm das trügerische Bild zurück in endlose Fernen. Zwei brechende Augen folgen ihm, sie sehen das Bild verharren in unerreichbarer Weite ... erst nur wie eine winzig leuchtende Scheibe, doch sie beginnt sich zu dehnen und wächst, sie wird zum rinnenden Bache, zum rauschenden Strom, zum flutenden See. Unermeßlich weit sind seine Ufer gezogen, und in schäumenden Wogen wälzen sich seine Wasser. Aus jeder Welle steigt es auf in seinen Dünsten, sie kräuseln sich empor und sättigen die Lüfte, sie spinnen sich aus zu langen, breiten Schleiern, den Himmel verhüllend und seine Sonne, sie ballen sich zu schwerem, finsteren Gewölk und ziehen näher, näher, immer näher ... Mit dürstenden Blicken starrt der Träumer ihrem Flug entgegen, er breitet die Arme nach ihnen und verwünscht den lahmen Sturmwind, der sie treibt. Und näher kommen sie und füllen schon den ganzen Himmel zu seinen Häupten. Da geht ein Rauschen durch die Lüfte, ein Tropfen fällt, der erste, dem tausend andere folgen, es rieselt hernieder wie zarter Staub, dann stürzt es aus den Wolken zur Erde mit Gießen und Strömen. Mit gespannten Armen steht der Träumende, jede Perle sucht er aufzufangen, er fühlt das Fallen der Tropfen auf seinen Händen und Armen, auf seiner Brust und seinem Haupte, doch keine Kühlung, keine Nässe. »Wasser, Wasser!« schreit er auf mit gellender Summe, er schlürft und saugt, was seine Lippen trifft, er fühlt das Rinnen der Tropfen in seiner Kehle, doch keine Stillung seines glühenden Durstes, kein Versiegen des Feuers, das in seinem Innern brennt. »Wasser, Wasser!« gellt es von seinen Lippen, er sieht, wie der Regen sich wandelt zu stürzender Flut, er fühlt, daß es herfällt über seinen Körper, wie aus tausend Eimern, bald rauscht und gurgelt es rings um seine Füße, es schwillt und steigt, die ganze Wüste ist verwandelt in ein Meer mit donnernden Wogen, die sich türmen und überschlagen, und immer noch schreit der Träumende in unersättlicher Gier und unstillbarem Dürsten: »Wasser ... Wasser!« Die Wogen rauschen und fluten, sie heben ihn empor und tragen ihn, eine Welle wirft ihn der anderen zu, und auf den lebenden Wassern gleitet er dahin, ins Endlose, ins Unermeßliche. Sein Traum geht unter in Flut und Wogen, allmählich schleicht es über seine ringenden Glieder wie sanfte Ruhe, seine Lippen stehen offen, und all diese Wasser ergießen sich, rauschend und unaufhaltsam, in seine schmachtende Seele. Sie bringen ihm das Ende, er fühlt es kommen, doch er trinkt und trinkt, mit jedem Zuge fühlt er den Brand erlöschen und den Durst versiegen, der ihn gemartert ... dieses trinkende Sterben ist ihm Wonne, Wollust dieser Tod ... Die Sonne wandert, und mit glühender Röte taucht sie nieder in den Dunst der Ferne. Über die Wüste zieht die Nacht einher, die Sterne blitzen auf, und mit schleichenden Tritten sucht der Schakal seinen Weg und seine Beute. Die Sonne wandert ... sie steigt empor über waldige Berge, über schneebedeckte Felsenhäupter, und da sie den jungen Tag, der ihrem Wege voraneilt auf rosigen Schwingen, aussendet über ein herrliches Land, sieht sie den Traum der Wüste verwandelt in schreckensvolle Wirklichkeit. Aus drängenden Wolken flutet der Regen, durch Tage und Wochen. Von allen Bergen strömt es nieder in die Thäler, jedes Wehr und jede Mauer sinkt vor dem tosenden Wildbach, die Bäche sammeln sich im brausenden Strom, der alle Dämme bricht und alle Ufer überflutet. Nach allen Seiten senden die Wasser ihre grauen, unheimlichen Polypenarme; sie jagen das Wild aus Wald und Dickung, verheeren die Flur mit ihrer Saat; jeden Baum umgurgeln die Wellen, aufgreifend bis zu den Ästen, und um bedrohte Häuser führen sie ihren Totentanz. In Grauen und Jammer fliehen die Menschen, Hab und Gut verlassend, um das nackte Leben zu retten. In den Zweigen der Bäume suchen sie Zuflucht, auf den Dächern der wankenden Häuser, in Verzweiflung ausspähend, ob nicht endlich der rettende Kahn sich nahe. Und die Wasser wachsen und steigen; tobend und brausend ziehen sie ihres Weges, hier eine Mauer fällend, dort eine Brücke brechend und ein Haus verschlingend mit allem, was es barg an Gut und Leben. Ihn verschlingen sie, der um Hilfe schreit, und ihn, der Hilfe bringen will. Und wenn die Opfer niedersinken, erstickt von den alles umschlingenden Armen des Wassers, wenn ihr letzter Schrei erlosch im Gurgeln der Wellen, und wenn im letzten Seufzer vor ihren brechenden Augen noch ein Bild emporsteigt wie ein tröstender Traum ... was ist es dann, wovon sie träumen. Ein sonniger Himmel ohne Wolken? Ein Land, das keinen Regen kennt? Die Wüste ohne Wasser? ... Das Grab der Mutter. Eine Allerseelengeschichte. Die ganze Nacht hatte Betty geopfert, am Morgen kam sie mit der halbvollendeten Arbeit eine Stunde früher ins Geschäft und blieb über die Mittagstunde, damit sie die dringende Arbeit nur ja bis vier Uhr nachmittags abzuliefern vermöchte. Außerdem hätte sie es niemals wagen dürfen, sich von ihrem strengen Chef für den Rest des Nachmittags freizubitten. Daß draußen im Friedhof das kaum überwachsene Grab ihrer Mutter noch ohne Schmuck war für den Tag der Toten – was kümmerte das den Mann, der nichts anderes kannte, als sein Geschäft und seinen Vorteil. Als Betty nun zu ihm kam mit der fertigen Arbeit, nickte er wohl auf ihr Ersuchen ein verdrossenes Ja, doch als sie mit scheuen, stammelnden Worten die Bitte vorbrachte, der Herr möchte ihr den halben Verdienst der Woche ausbezahlen, war ein kurzes Nein die Antwort. Zahltag wäre übermorgen. Die Thränen schossen ihr in die Augen – aber sie schwieg und ging. Sie hatte ja vorausgewußt, daß es so kommen würde, und da war nur gut, daß sie sich in den letzten Tagen den Bissen vom Munde abgespart hatte. Als sie aus die Straße trat, überkam es sie in ihrer Erregung und Übermüdung wie ein Schwindel. Einige Sekunden stand sie an die Mauer gelehnt, dann raffte sie sich auf und eilte mit hastigen Schritten einer langen, laut belebten Straße entgegen. Sie durfte ja keine Minute verlieren, wenn sie den Friedhof vor Thorschluß noch erreichen wollte. Auf halbem Wege trat sie in einen kleinen Blumenladen und erstand für die paar Kreuzer, die ihr vom Verdienst der letzten Woche noch geblieben waren, einen armseligen Kranz. Mit ängstlicher Sorgfalt behütete sie die spärlichen Blätter, während sie auf dem von Menschen erfüllten Trottoir ihrem Ziel entgegeneilte. Mit der einen Hand hielt sie den Kranz an sich gedrückt, mit der anderen deckte sie zur Not die Flügel ihres Mäntelchens darüber, und so eilte sie dahin, in sich versunken, und sah die Leute nicht, die sich an ihr vorüberdrängten, und am allerwenigsten gewahrte sie die zudringlichen Männeraugen mit den neugierigen und begehrlichen Blicken, die der schlanken, jugendlichen Gestalt und dem hübschen Köpfchen galten, dessen sanfte Züge umrahmt waren von schimmerndem Blondhaar. Nur einmal, als sie ihrem Ziel schon nahe war, blickte sie auf. Da ging sie gerade an dem Hof eines Steinmetz vorüber, und hinter dem luftigen Holzgitter sah sie in Reih und Glied die schimmernden Grabsteine und die weißen Monumente stehen, die eines Käufers warteten. Ein Seufzer stieg aus ihrer Brust. Wie lange, lange müßte sie sparen, bis sie das Grab ihrer lieben Mutter mit solch einem Steine schmücken konnte – und wenn es auch nur der kleinste wäre von all den vielen Steinen, die sie da drinnen stehen sah. Ihre Schritte verzögerten sich, nun kam sie am offenen Thor vorüber, an dessen Pfosten gelehnt ein junger Steinmetz stand, eine gesunde, jugendlich-kräftige Gestalt, mit verstaubtem Schurzfell angethan, in der einen Hand den Meißel, in der anderen den hölzernen Schlegel. Als er das Mädchen gewahrte, richtete er sich auf und machte zwei große Augen. Die Blicke der beiden begegneten sich – und Betty verstand das herzliche Wohlgefallen, das aus diesen zwei blauen, freundlichen Augen sprach. Eine feine Röte überhuschte ihre Wangen, und mit gesenktem Köpfchen eilte sie hastig vorüber. Ihre Hände zitterten, denn sie empfand es wie einen bitteren Vorwurf, daß auf dem Wege, den sie ging, in ihrem Innern sich auch noch Raum fand für einen anderen Gedanken, als nur für den Gedanken an ihre tote Mutter. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, hastiger und hastiger wurden ihre Schritte. Es dämmerte schon, als sie den Friedhof erreichte, aus dessen steinernem Thor die Menschen in schwarzer Schar hervorströmten; sie alle hatten die Pflicht gegen ihre Toten schon erfüllt, und nun traten sie den Heimweg, die einen mit ernsten, verweinten Gesichtern, die anderen mit gleichgültigen Mienen, und wieder andere mit lautem Geplauder und mit einem Lachen, das dem einsamen Mädchen in die Seele schnitt. Wie kann man lachen, wenn man von den Gräbern seiner Lieben kommt! Betty hatte Mühe, durch das Thor sich hindurch zu drängen, und als sie sich seitwärts zwischen die Gräber wenden wollte, wurde sie von einem Wächter angerufen: »Sie! Junges Fräulein! sie müssen sich eilen! In einer halben Stunde wird das Thor geschlossen.« Betty nickte nur und eilte davon. Zwischen reich geschmückten Gräbern ging ihr hastiger Weg dahin, bis sie endlich in einer verlorenen Ecke vor einem kleinen, schmucklosen Hügel stand. Ein schwarzes Holzkreuz, aus plumpen Pfosten gefügt, stak in der Erde, und über dem verwelkten Gras – dem ersten, das den frischen Hügel überwachsen hatte – lagen die dürren Reste weniger Kränze. »Mutterl!« brach es mit schluchzendem Laut von Bettys Lippen, und die hellen Thränen fielen über ihre Wangen, während sie in die Knie sank und mit zitternden Händen den bescheidenen Kranz, den sie gebracht, auf dem Hügel zurecht legte. Dann kauerte sie sich auf die Erde nieder, lehnte das Köpfchen an das hölzerne Kreuz – und die Hände im Schoß gefaltet, mit nassen Augen an dem Hügel hängend, begann sie zu beten. Und während ihre Lippen leise raunten, Gebet um Gebet, schauten die Augen ihrer Seele zurück in die vergangene Zeit, zurück in die Kindheit, in der sie den Vater verloren, zurück in die stillen Jahre, in denen die Mutter ihr einziges Kind mit der Arbeit ihrer Hände ernährt und mit der schlummerlosen Sorge ihres liebenden Herzens behütet hatte. Dann war sie groß gewachsen, die kleine Betty, und hatte den müden Händen der Mutter die Arbeit abgenommen. Wohl mußte sie vom frühen Morgen an den ganzen langen Tag von der Mutter ferne sein – doch nach dem Tagewerk kamen die lieben, freundlichen Stunden des Abends. An diese Stunden dachte sie nun, und da sah sie das arme, kleine Stübchen vor sich, welches doch so traulich war, denn zwischen den kahlen Wänden wohnte die Liebe und das zufriedene Genügen. Dort in der Ecke stand der Tisch, erleuchtet von der kleinen Hängelampe, und bestellt mit dem bescheidenen Mahl. Plaudernd aßen sie zusammen, dann nahm die Mutter den Strickstrumpf in die welken Hände, und Betty holte das alte dicke Legendenbuch herbei und las der Mutter vor. Versunken in dieses Bild, vergaß sie, daß sie in dunkelnder Nacht dem hölzernen Kreuz zu Füßen saß, sie hörte nicht den Schall der mahnenden Glocke, ihre Lider waren geschlossen, in trautem Erinnern spielte ein sanftes Lächeln um ihre Lippen, sie sah die Mutter vor sich, wahrhaftig und lebend, sie hörte leise die emsigen Nadeln klappern, die eigene Stimme glaubte sie zu hören, mit der sie die Geschichte der heiligen Genofeva las ... die Lieblingsgeschichte der Mutter ... in den Singsang ihrer Stimme mischte sich der tickende Pendelschlag der kleinen Uhr, das sachte Knistern des im Ofen erlöschenden Feuers, all' diese traulichen Töne vereinigten sich in ihrem Ohr zu einem schmeichelnden Summen, welches sanfter und sanfter klang ... wie ein Wiegen und Schaukeln befiel es ihre schweren Glieder ... Müdigkeit und Erschöpfung griffen nach ihrem Rechte ... und über Bettys Augen senkte sich der Schlaf, ein fester, traumloser, dumpfer Schlaf. Der Morgen des Allerseelentages graute, als Anton Berger, der junge Steinmetz, den Friedhof betrat, um die Arbeit nachzusehen, die seine Gesellen am verwichenen Abend vollendet hatten. Während er, den Weg zwischen den Gräbern suchte, hörte er plötzlich in seiner Nähe eine grobe, scheltende Männerstimme und die schluchzende Stimme eines Mädchens. Horchend blieb er stehen, und aus den Worten, die er hörte, glaubte er zu verstehen, daß es sich um die Verhaftung einer Blumendiebin handle. Hastig wand er sich zwischen den reichgeschmückten Grabsteinen hindurch, jetzt sah er den scheltenden Wächter und die vermeintliche Diebin ... und das erschrockene Aufleuchten seiner Augen bewies, daß er das Mädchen wieder erkannte. Auch Betty erkannte ihn, und da riß sie sich mit aller Kraft von den Fäusten los, die sie gefaßt hielten, stürzte ihm entgegen, und während sie in verzweifelter Angst mit zitternden Händen seinen Arm umkrampfte, schluchzte sie: »Helfen Sie ... helfen Sie mir!« »Um Gotteswillen,« stammelte er, »was ist denn geschehen?« Betty brachte kein Wort mehr über die Lippen, die Knie versagten ihr und weinend preßte sie das zuckende Gesicht wider den Arm des jungen Mannes. Nun trat der Wächter heran. »Lassen Sie sich mit Der nicht ein, Herr Berger, wenn ich Ihnen raten darf.« »Aber Mensch, wie kommen Sie denn dazu ... was hat denn das Mädchen gethan?« »Die ganze Nacht ist sie im Friedhof gewesen ...« »Die ganze Nacht?« »Ja, und was wird sie wollen haben: Blumen und Kränze stehlen!« »Nein, nein ... das ist nicht wahr!« schluchzte Betty mit versagender Stimme. »Nein, liebes Fräulein, nein, das glaub' ich auch nicht!« sagte der junge Mann mit herzlichen Worten, während er die schwielige Hand wie schützend über Bettys Haar streifte. »Und Sie ... lassen Sie das arme Mädchen in Ruhe.« »Na, meinetwegen, Herr Berger,« brummte der Wächter, »gefunden hab ich ja nichts bei ihr ... und wenn Sie für die Person einstehen wollen ...« »Ja, ich stehe ein, für alles! Kommen Sie, Fräulein, kommen Sie, ich will Sie zu einem Wagen führen. Sie können ja nicht mehr stehen vor Schwäche ...« Und er griff mit seinen zwei gesunden Armen zu, richtete sie empor und führte sie dem Thor entgegen. »Aber sagen Sie mir nur, ums Himmelswillen, was ist Ihnen nur eingefallen ... die ganze Nacht ...« »Ich weiß es ja selbst nicht, wie es gekommen ist,« stammelte sie unter Thränen. »Ich habe einen Kranz gebracht ... für das Grab meiner Mutter ...« »Ja, ja, ich weiß,« sprudelte es über seine Lippen, »und es ist mir auch aufgefallen, daß Sie nicht mehr zurückgekommen sind. Aber ich dachte mir, daß Sie vielleicht einen anderen Weg genommen hätten.« In ihrer Schwäche und Erschöpfung fiel ihr der verräterische Sinn dieser Worte gar nicht auf. Sie schüttelte nur den Kopf. »Nein ... es war so spät am Abend ... ich habe mich ein wenig niedergesetzt ... ich war so todmüde von der Arbeit ... und ... « Nein! Daß sie zwei Tage kaum einen Bissen genossen hatte, das wollte sie ihm doch nicht gestehen, »... und ... und da bin ich eingeschlafen, ohne daß ich es merkte ... und als ich erwachte, mitten in der Nacht ...« Sie verstummte. Ein Schauer überflog sie bei der Erinnerung an die grauenvollen Stunden, die sie zwischen den Gräbern verbracht hatte, in dunkler Nacht, eingeschlossen im Friedhof. Schwerer und schwerer stützte sie sich auf den Arm ihres Führers, und als sie das Thor erreichten, war es zu Ende mit ihrer Kraft. »Jesus Maria!« stammelte der junge Mann, aber mit entschlossenen Armen griff er zu, hob die Ohnmächtige an seine Brust empor, und unbekümmert um das Gaffen und Lachen der Leute, trug er sie quer über die Straße hinüber seinem nahen Hause zu. Unter der Thüre kam ihm seine Mutter entgegen, eine behäbige, freundliche Frau. Sie machte wohl große Augen, als sie den Gast gewahrte, den der Sohn ihr über die Schwelle trug. In fliegenden Worten erklärte er der Mutter alles, während er die Bewußtlose in die Stube trug und auf das Sofa legte. Dann mußte er das Zimmer verlassen. Als er nach einer Weile wieder eintreten durfte, hatte sich Betty erholt und streckte ihm mit dankbarem Lächeln die blasse, zitternde Hand entgegen. Frau Berger humpelte geschäftig davon, um heißen Thee zu bereiten; den mußte Betty trinken und dazu mußte sie ausführlich berichten, wie alles gekommen war, mußte von ihrer Mutter erzählen, von ihrem Leben ... Wortlos und lauschend hing der große, lange Mensch an ihren Lippen; aber jede Zähre, welche über Bettys Wangen rieselte, brachte eine merkwürdige Unruhe über ihn. Und was Frau Berger zu allem dachte, was sie hörte und sah, das ließ sich ohne Mühe von ihrem freundlichen, zwischen Lachen und Thränen zwinkernden Gesichte lesen. Als dann Frau Berger einmal abgerufen wurde, saßen die beiden allein und wußten kein Wort zu reden. Betty hob wohl in einer mutigen Anwandlung die Blicke, aber als sie zwei gewissen, blauen Augen begegnete, wandte sie das Gesicht dem Fenster zu. Durch die blinkenden Scheiben sah sie den weiten Hof und die ernste, steinerne Gesellschaft, die da draußen stand in Reih' und Glied. »Das sind so wunderschöne Steine ... da draußen,« lispelte sie mit dünner Stimme. »Ja, ja, es ist schon was Ordentliches darunter... tüchtige Arbeit.« »Und ... so ein Stein ist wohl ... sehr teuer?« »Ja ... das heißt ... mit Unterschied.« »Was würde wohl einer kosten ... so einer ... von den billigsten?« Da legte sich eine schwere, aber warme Hand über ihre Finger; sie zuckte wohl ein klein wenig, aber sie zog ihre Hand nicht zurück. »Sie möchten wohl so einen Stein haben ... für Ihr Mutterl?« Sie nickte. Gleich aber fügte sie mit hastigen Worten bei: »Nicht jetzt ... in zwei, drei Jahren einmal.« Der Meister Steinmetz überlegte. Dann plötzlich rückte er näher, legte zu der einen Hand die andere und sagte: »Wissen Sie was, Fräulein: Ich schlag' Ihnen etwas vor. Machen wir ein Geschäft, ich setze Ihrem Mutterl den Stein ... gleich morgen ... den schönsten aus meiner Werkstatt, ja, und den zahlen Sie mir so nach und nach ab ... wissen Sie... auf Raten ... so ... zum Beispiel... fünfzig Kreuzer jede Woche. Was meinen Sie?« Jetzt schaute sie ihn mit großen Augen an. »Fünfzig Kreuzer ... jede Woche ... aber ... aber das würde sehr lange dauern?« »Ja, ja, ...« und der Meister Steinmetz rückte wiederum näher, »ja ... da müßten Sie schon sehr oft zu uns herauskommen.« Das war nun doch gar zu deutlich, als daß es nicht hätte verstanden werden müssen. Über Bettys Wangen flog eine brennende Röte ... und es war nur gut, daß in diesem Augenblick Frau Berger das Zimmer betrat. Da konnte sich Betty erheben, um sich mit stammelndem Danke zu verabschieden. Fast hätte sie dabei vergessen, dem Meister Steinmetz eine Antwort auf seinen Vorschlag zu geben. In ihm aber war der Geschäftsgeist nun einmal erwacht, und er wollte sich den lockenden Vorteil so leicht nicht mehr entschlüpfen lassen. Das merkte man an der auffälligen Hast, mit welcher er Bettys Hand ergriff und sagte: »Na also, Fräulein, unser Geschäft ist gemacht! Wenn Sie wieder Zeit haben ... übermorgen ... oder morgen ... dann gehen wir miteinander hinüber, und Sie zeigen mir den Platz!« Betty brachte kein Wort hervor, sie schaute nur mit zagenden Blicken zu ihm auf, nickte ihm zu, und dann eilte sie hastig davon, um die Thränen zu verbergen, mit denen sich ihre Augen füllten. Als ihre leichten Schritte verhallten, begann Frau Berger den Tisch zu räumen, und dazu sagte sie mit verstecktem Lächeln: »Du, Toni ... soviel ich da noch gehört hab' ... das ist ja ein recht gutes Geschäft, das Du heut gemacht hast!« Wie merkwürdig sie dieses »gut« betonte. »O, die zahlt schon,« erwiderte der Meister Steinmetz, während er das Gesicht an die Fensterscheiben drückte, um besser auf die Straße sehen zu können. »Das muß ein gutes, kreuzbraves Mädel sein!« »Ja, kreuzbrav ... das muß wahr sein.« Eine kleine Pause trat ein. »Und ... sauber ist sie auch.« »Ja, bildsauber!« Wieder eine Pause. Dann klang es vom Fenster her, mit etwas diplomatischem Ton: »Die thät mir gefallen!« »Mir auch!« Zwei ellenlange Schritte – und der Meister Steinmetz stand am Tische, faßte mit beiden Händen den grauen Kopf der Mutter und drückte einen schallenden Kuß auf ihre faltige Wange. Eine alte Geschichte. Bei welchem Anlaß ich die beiden kennen lernte, ich weiß es nicht mehr. Fünf oder sechs Jahre mag es wohl her sein. Auch blieb meine Bekanntschaft mit ihnen eine recht oberflächliche. Sah ich sie in einer Theaterloge oder begegnete ich ihnen auf der Straße, so grüßte ich höflich, und höflich wurde mein Gruß erwidert. Traf ich sie in Gesellschaft oder auf einem Balle, so wechselte ich mit dem bejahrten, kränklichen Mann ein paar konventionelle Redewendungen und verplauderte einige Minuten mit der jungen schönen Frau. Was hätte ich mit ihm auch reden sollen? Für all jene geschäftlichen Dinge, die sein einziges Interesse bildeten, fehlte mir das Verständnis, und er hinwieder hatte keinen Sinn für dasjenige, was mir aus Beruf und Neigung geläufig ist. Da hatte ich mit der schönen Frau noch immer ein besseres Plaudern. Ihre feine Bildung und ihr reifes Urteil konnte fesseln und anregen. Und ihre Schönheit weckte Bewunderung in jedem Auge. Eine herrliche Gestalt von seltenem Ebenmaß; unbewußte Grazie in jeder Bewegung, besonders in der Art, wie sie das stolze Haupt gegen die linke Schulter zu neigen liebte, als wäre es leicht ermüdet unter dem Druck der schweren, goldroten Haare. Ihr Gesicht war von zartem, durchsichtigem Weiß; dazu dieser rote Mund, dessen sinnliche Fülle ein leiser, herber Zug um die Lippen dämpfte, und diese stillen, großen, tiefschwarzen Augen. Und dennoch gewährte ihr Anblick, der Verkehr und das Plaudern mit ihr keinen rechten Genuß, keine rechte Freude. Ein eigenartiger Hauch von Kälte wehte um dieses schöne Weib. Es schien keine Seele in ihr zu sein – oder diese Seele lag in einem schmerzvollen, Innern tief verschlossen, wie mit eisernen Banden gefesselt. Nur manchmal schien die Gefangene sich in ihrer Haft zu regen, bei irgend einem unscheinbaren Vorfall, und dann ging mit flüchtiger Hast eine zitternde Bewegung über den ganzen Körper des schönen Weibes und über die sonst so ruhigen Züge – das war ... wie soll ich nur sagen! ... ja, ich wüßte wohl ein Bild: man steht bei völliger Windstille im herrlichen, schattenkühlen, geheimnisvollen Hochwald – und da geht durch die stillen Bäume unerwartet ein kurzes, eigentümliches Rauschen, alle Zweige bewegen sich, auf dem Grunde rühren sich alle Gräser, das währt nur wenige Sekunden, dann plötzlich herrschte wieder Stille rings umher. Ein alter Jäger, in dessen Gesellschaft ich einmal diesen Vorgang erlebte, meinte dazu: Der Wald hätte »aufgeschnauft«, weil die schwere, gewitterschwüle Luft ihn drückte. Wie diese beiden, welche so wenig zu einander paßten, wohl zu einander kamen? Die Leute meinten, sie hätte ihn um seines Reichtums willen genommen, der nach hunderttausenden zählte. Aber das vermochte ich nicht zu glauben, es war kein unedler Zug in ihrem Wesen. Auch sonst hätte sich die Klatschsucht gerne an die schöne Frau gewagt. Aber ihr Leben war ein tadelloses, es fand sich nicht der leiseste Anlaß, an den ein Gerede sich hätte knüpfen können. Und so schrie man sie schließlich aus als ein »Bild ohne Gnade«. Für ihren Gatten, der seinen Jahren nach ihr Vater hätte sein können, hatte sie, soweit die Außenwelt das beobachten konnte, eine immer gleiche, ruhige Freundlichkeit. Er wieder umgab sie mit einer Galanterie von beinahe kindischer Geschäftigkeit, schaute mit scheuer Verehrung zu ihr empor und schien glücklich und stolzzufrieden, wenn auf der Straße alle Augen, im Theater alle Gläser sich nach der herrlichen Erscheinung richteten, oder wenn auf einem Balle stumme Bewunderung den Platz umringte, auf welchem die schöne Frau – sie tanzte niemals einen Schritt – durch lange Stunden geduldig ausharrte. Was man von ihrer Vergangenheit wußte, war wenig genug – und dennoch alles, was von dieser Vergangenheit dem Anscheine nach überhaupt zu wissen war. Sie hieß mit ihrem Geburtsnamen Rosa Klopfer und war die Tochter eines angesehenen Kaufmanns in einer kleinen Universitätsstadt, von welchem man allerdings sagte, daß seine Vermögensverhältnisse eine Zeit lang nicht die besten gewesen. Mit neunzehn Jahren hatte sie geheiratet und noch während des ersten Jahres ihrer Ehe einem Knaben das Leben geschenkt. Das Kind starb wenige Tage nach seiner Geburt, und bald darauf verließ die junge Frau, nachdem sie eine schwere Krankheit überstanden, die Heimat, und zog mit ihrem Manne in die Residenz. Sechs Jahre war sie schon vermählt, als ich sie und ihren Gatten kennen lernte. Wie diese beiden, welche so wenig zu einander paßten, wohl zu einander kamen? Das hatte ich mich häufig schon gefragt ... Eines Tages erhielt ich nun den Besuch eines Jugendgenossen, mit dem ich mein letztes Studienjahr gemeinsam in einer Norddeutschen Universitätsstadt verbracht und den ich seit einem Jahrzehnt nicht wieder gesehen hatte. Ich fand ihn wenig verändert. Nur sein blonder Bart war dichter geworden, sein Gesicht noch ernster und furchiger. Furchen – bei seinen zweiunddreißig Jahren! Aber ich wunderte mich nicht darüber. Er war von je ein ernster, schwermütiger Bursche gewesen, der eine Jugend mit tollen Streichen und ausgelassenem Frohsinn niemals gekannt zu haben schien. Eine Prozeßangelegenheit – Freund Benno war Advokat – hatte ihn hiehergebracht, und als die paar Tage vorüber waren, die er zur Erledigung seiner Geschäfte brauchte, nahm ich seinen Arm unter den meinen und durchwanderte mit ihm die Stadt, ihm alles Schöne zeigend, was es da zu sehen und zu bestaunen gab. Und schließlich, damit er neben den Herrlichkeiten der Stadt auch den Prunk ihres gesellschaftlichen Lebens und die Schönheit ihrer Frauen kennen lernen möchte, beredete ich ihn, einen der großen Elitebälle mit mir zu besuchen. Wir trafen in dem von Menschen erfüllten, von Lichtwogen überfluteten Saal gerade zu rechter Zeit ein, um die Ankunft des Hofes sehen zu können. Als das Gedränge ein wenig sich zerteilte, führte ich meinen Freund die Kreuz und Quer im Saal umher und zeigte ihm nach bestem Wissen alle Persönlichleiten von politischer, künstlerischer und gesellschaftlicher Bedeutung. Und da ich auf einem der roten Polster, welche den Saal umringten, Frau Rosa mit ihrem Manne gewahrte, sagte ich: »Komm, ich will dich mit einer schönen Frau bekannt machen, mit der schönsten dieser Stadt!« Doch ehe wir Frau Rosa noch erreichten, sah ich sie erschrocken aufspringen. Alles Leben wich aus ihren schönen Zügen, mit weit offenen Augen starrte sie uns entgegen, nun tastete sie mit den Händen in die Luft, wie nach einer Stütze suchend, und ohnmächtig sank sie in die Arme ihres Mannes. Sofort bildete sich um sie ein Kreis von Hilfsbereiten und Neugierigen, ich wollte hinzueilen, – da fühlte ich auf dem Arme die zitternde Hand meines Freundes. »Fort, fort – laß uns gehen!« hörte ich ihn mit heiseren Worten stammeln, und sah sein Gesicht von einer fahlen Blässe überzogen, seine Augen in Thränen schwimmen. Ich wußte kaum, wie wir das Freie erreichten. Benno zog mich hinter sich her, Schritt um Schritt, und als wir auf der Straße standen, murmelte er: »Komm, führe mich irgendwohin, ich will trinken – betrinken muß ich mich, wenn ich nicht sterben soll in dieser Nacht – nach diesem Wiedersehn!« Wenig später saßen wir einsam in einem kleinen Zimmer, Benno trank in gierigen Zügen den perlenden Sekt, und dazu sprach er unaufhörlich, hastig, von hundert ferneliegenden Dingen, als möchte er durch seine lauten, sprudelnden Worte die schreiende Stimme seines Herzens übertäuben. Dann plötzlich verstummte er, warf sich über den Tisch, drückte das Gesicht in die Arme und brach in schmerzvolles Schluchzen aus. Ich suchte ihn zu beruhigen, aber zu all meinem Troste schüttelte er wortlos den Kopf. Ich brachte keine Silbe aus ihm heraus, doch als wir endlich gingen, als wir durch die stillen Straßen dahinwanderten in sternenheller Winternacht, da stieg ihm das Herz auf die Zunge. Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie ewig neu ... Studentenzeit! Du schöne Zeit mit deinen Tollheiten und Schwärmereien, deinen Hoffnungen und deiner ersten traumseligen Liebe! Wer vermag es in Worten zu sagen, was alles in dieser Zeit die fliegende Seele füllt, wer weiß es zu schildern, das erste süße Regen und trunkene Stammeln des erwachenden Herzens! Welch ein wonnevoller Reiz, welch ein Vorgefühl des kommenden, höchsten Glückes: dieses schüchterne, hoffende Sichsuchen, dies errötende Sichfinden, der scheu gewagte erste Gruß, dies bange Stammeln und Verstummen, und dies traute Spiel der mutigeren Augen. Und dann der erste heimliche Kuß – dieses Aufstürmen in des Himmels Räume, dieses Untergehen in einem Meer voll Seligkeit! Das war bei diesen beiden die gleiche alte und ewig neue Geschichte, wie bei tausend anderen. In der Tanzstunde hatten sie sich kennen gelernt, mein Benno, der das rote Käpplein so keck über dem blonden Kraushaar trug, und »Prinzessin Rothaar«, wie Rosa Klopfer von den Idealisten der Tanzstunde, die »schöne Jüdin«, wie sie von den Realisten genannt wurde – und als der Winter zur Neige ging, da waren sie eins in ihren Herzen. Und mitten in ihrem seligen Hoffen, ohne Übergang, ohne Fürchten und Bangen, kam das Ende ihres verschwiegenen Glückes. Eines Abends erhielt Benno, nachdem er Rosa durch mehrere Tage nicht gesehen, die heimliche Nachricht, daß sie im »Stadtwäldchen« an einer ihm wohlbekannten Stelle seiner warte. Als er den Platz erreichte, fand er eine geschlossene Kutsche vor. »Hier bin ich!« hörte er Rosa mit leiser Stimme rufen. »Steig' ein!« Nun saß er an ihrer Seite und der Wagen rollte davon. Es war so dunkel, daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte, aber der Klang ihrer Stimme erschreckte ihn, als sie auf seine Frage bitter auflachte: »Ich entführe dich.« Weiter sprach sie kein Wort, sie preßte ihn mit zittemden Armen an sich und schloß seinen stammelnden Mund mit ihren heißen Lippen. Nach halbstündiger Fahrt hielt der Wagen vor einem kleinen Landhaus. Durch den beschneiten Garten führte Rosa den Geliebten, der in stummer Verwirrung folgte, in das dunkle Haus, Thüre um Thüre öffnete sie vor ihm, und endlich traten sie in ein matt erleuchtetes, wohnliches Zimmer, dessen Tisch gedeckt und bestellt war, als hätte jemand die beiden zu einem behaglichen Nachtmahl erwartet. »Da sind wir, Benno! Nun komm' und setze dich zu mir, wir wollen plaudern und wollen essen und trinken, als wären wir zu Hause – als wären wir in dem lieben Heim, das wir uns ersehnt haben für Glück und Leben!« So sagte sie mit schwankender Stimme, er aber starrte wortlos in ihr bleiches, verstörtes Gesicht – und da zog sie ihn an ihre Seite und strich ihm die Haare aus der Stirne. »Was bist du nur gar so stumm? Da muß ich mit dem Plaudern wohl den Anfang machen – ich weiß dir ja auch eine Neuigkeit zu sagen. Seit einer Woche bin ich Braut, und morgen, um diese Stunde schon, trag' ich einen anderen Namen.« »Rosa!« schrie er auf, und preßte ihre Hände, daß sie vor Schmerz die Stirn furchte. Schweigend ließ sie den ersten Sturm seiner Thränen und seines Zornes vorübergehen, dann gestand sie ihm, daß ihr Vater vor dem Bankerott stünde und daß ihre Hand der Kaufpreis seiner Rettung wäre. »Ich mußte ihn retten!« sagte sie, und wie sie es sagte, daraus konnte Benno wohl ahnen, daß für Rosas Vater mit dem Bankerotte noch Schlimmeres verknüpft sein möchte als nur der Verlust seines Vermögens. »Wie sehr ich dich liebe, Benno, das ahnst du kaum. Ich schließe mein Leben ab mit dieser Nacht. Aber ich liebe auch meinen Vater, ich, als sein Kind, habe kein Recht, sein Thun und Handeln zu richten, nur lieben darf ich ihn – er hat mir das Leben geschenkt, und so kann er es wieder fordern von mir, gleichviel, ob ich es willig gebe oder mit brechendem Herzen.« Das schneidende Weh, das aus dem Ton dieser Worte sprach, machte jede Klage, jeden Vorwurf auf Bennos Lippen verstummen. Er schlang die Arme um ihren Leib, drückte das Gesicht in ihren Schoß und schluchzte. Mit zitternden Händen streichelte sie sein zuckendes Haupt und blickte mit schmerzlichem Lächeln auf ihn nieder, während flimmernde Thränen über ihre bleichen Wangen rollten. Und als sein Schluchzen verstummte, als er wieder Worte fand, sein Leben verloren und zerrissen nannte und in seinem Schmerze zu einer harten Rede wider ihren Vater sich hinreißen ließ, legte sie die Hand auf seinen Mund und sagte: »Schilt ihn nicht – er hat geweint über mich. Und er weiß auch, daß ich hier bin – und bei dir. Er sprach kein Wort dagegen, als ich ihm sagte, daß ich lebendigen Leibes nicht sterben will, bevor ich gelebt habe, und war' es auch nur eine einzige Stunde! Daß ich dieses häßliche, freudlose Dasein nicht beginnen will, ohne einen Trost, ein Gedenken an mein zerstörtes Glück mit hinüberzunehmm in diese tode Zeit! Ich weiß, es ist ein Betrug an jenem anderen, aber er betrügt ja auch mich um mein Leben. Und von dir, Benno, von dir konnte ich nicht Abschied nehmen für ewig, ohne dir zu geben, was dem eigen ist, um unserer Liebe willen. Weißt du –« und flüsternd neigte sie ihren Mund zu seinem Ohr, »diese Nacht soll unser Leben sein ...« Sie verging, diese Nacht, und als der Morgen graute, huschte ein blasser Mensch mit verstörten Zügen und taumelnden Sinnen aus dem stillen Haus und durch den einsamen Garten, um dessen Mauern der laue Südwind fegte. Der Föhn war gekommen mitten in der Nacht, um den Schnee zu sengen, um alle Dächer und Bäume triefen zu machen – gekommen als erster Bote des nahenden Frühlings. In den lenzblühenden Herzen zweier Menschen aber war es Winter geworden – Seltsames Zusammentreffen! Als Benno in jener Winternacht, in welcher wir durch die stillen Straßen wanderten, mit seiner Geschichte zu Ende kam, da graute auch der Morgen, und von den Häusern ging ein leises Tropfen nieder, als wäre der warme Frühling nicht mehr ferne. Wir schieden, ohne von einander Abschied zu nehmen. Er sagte kein Wort, daß er mit dem kommenden Tage schon die Stadt zu verlassen gedenke. Doch als ich ihn zu Mittag im Hotel besuchen wollte, erfuhr ich, daß er abgereist wäre. Wirklich abgereist? Eine Woche später meinte ich an dieser Nachricht zweifeln zu dürfen. Ein planloser Spaziergang hatte mich in einen entlegenen Stadtteil geführt und da rasselte in einer engen Straße ein Coupé an mir vorüber, und in dem Herrn, der in die Kissen zurückgelehnt saß, glaubte ich Benno zu erkennen. Wohl kann ich mich getäuscht haben – denn gerade in jenem Augenblick, in welchem der Wagen an mir vorüberfuhr, waren meine Gedanken bei dem Freunde und seiner Geschichte. Frau Rosa habe ich seit jenem Eliteball nicht gesprochen. Nie wieder traf ich sie in einem der Salons, in denen ich ihr sonst zu begegnen pflegte. Ein einzigesmal nur sah ich sie im Theater, und da schien sie meinen Gruß nicht zu gewahren – mit ruhigen Augen blickte sie über mich hinweg ins Leere. Das Schaukelpferd. Ein Weihnachtsmärchen. Der Vater war etwas früher als sonst aus dem Bureau nach Hause gekommen; in Eile hatte die kleine Familie ihr bescheidenes Mahl verspeist; und nun standen sie alle rings um den Tisch: der Vater schweigsam und mit kummervollen Zügen, die Mutter mit verweinten Augen, die drei Kinder in Neugier und heißer Erregung. Der Vater öffnet eine leere hölzerne Schachtel, die er mit heimgebracht. »Meinst, sie wird groß genug sein?« fragte er, und blies mit vollen Backen in die Schachtel, um die Holzsplitter und Sägespähne zu entfernen. Die Mutter seufzte: »Wenn sie nur voll wird!« Dann zog sie aus einem kleinen, wackeligen Kasten eine Lade hervor und trug sie zum Tisch. Die drei Kindermäulchen öffneten sich zu einem einstimmigen »Aaah« – und sechs kleine Hände streckten sich nach der Lade, um auf einem Mahnruf des Vaters hurtig unter dem Tisch zu verschwinden. Während Mutter und Vater berieten, ob man das Backwerk zu unterst oder zu oberst in die Schachtel packen solle, wisperten die drei Stimmchen mit geheimnisvoller Wichtigkeit durcheinander. Jedes Stücklein in der Lade war ja für die drei kleinen Köpfe ein Rätsel, welches gelöst werden mußte. Ob das alles der Hansi bekäme? Ob das alles das Christkindl gebracht hätte? Und wie es möglich wäre, daß das Christkindl das alles heute schon hatte bringen können, da es doch eigentlich erst morgen käme? Und warum es dem Hansi nicht auch einen Baum gebracht hätte, mit goldenen Nüssen und brennenden Lichtern? Und ob denn das Christkindl nicht gewußt hätte, daß der Hansi ja gar nicht daheim wäre, sondern weit, weit fort, in einem Lande, wo der Himmel immer blau ist, wo die Leute nicht frieren im Winter, und wo es ein großes, großes Meer giebt, das alle Kranken gesund macht, alle, alle, und den armen Hansi natürlich auch! Vater und Mutter hatten sich geeinigt: zu unterst sollte das Backwerk kommen, in die Mitte das Bilderbuch, die Mundharmonika und das Geduldspiel, zu oberst die Kleidungsstücke. So wurde eins ums andere sorgsam in die Schachtel gepackt, und aus den Augen der Mutter fielen die heißen Thränen dazwischen; sie machten die Schachtel nicht schwerer, aber auch das Herz der Mutter nicht leichter. Nun wurde der Spagat geknüpft und alle Vorbereitung zum Siegeln getroffen. Ein Augenblick der höchsten Spannung für die Kinder war der Moment, in dem die Siegellackstange zu brennen begann. Ein flammender Tropfen fiel dem Vater auf den Finger. Ja, das Siegeln ist eine schwierige Sache ... wenn die Hände zittern. »Thut's weh?« fragte die Mutter erschrocken. Er schüttelte den Kopf. »Wenn ich an den Buben denk',« sagte er mit schwankender Stimme, »das thut weher!« Sie nickte und legte schwer aufatmend den Arm um seine Schulter. »Schau, das wird ihm jetzt gut thun, in der Seeluft ... wirst sehen, er wird wieder gesund! Dort hat er ja Alles besser, als er es bei uns haben kann ... Kost und Pfleg' ... und schau, wenn er wieder heimkommt, frisch und gesund, haben wir ja die doppelte Freud'.« Der Vater wandte das Gesicht zur Seite; es zuckt so seltsam um seine Lippen, und seine Augen wurden feucht. Er holte das Schreibzeug, setzte sich und begann in schöner Rundschrift die Adresse auf den Deckel der Schachtel zu malen: »Wohlgeboren ...« Er hielt inne und blickte zur Mutter auf: »Soll ich »Herrn« schreiben?« »Ja, ja,« nickte sie mit trübem Lächeln, »das freut ihn, schreib' nur!« »Wohlgeboren ...« murmelte er, sich wieder über die Schachtel beugend, und schrieb weiter, mit einem großen Schnörkel beginnend: »Herrn Hansi Wiedemann, z. Z. im Seehospiz zu Grado !! Vorsicht!! bei Görz.« Prüfend überlas er noch einmal die Adresse, wobei ihn die drei Kinder umdrängten und in neugierigem Staunen die Hälschen streckten. Dann warf er einen Blick auf die Wanduhr und erhob sich hastig. »Jetzt darf ich aber laufen, sonst komm' ich am End' noch zu spät ins Bureau.« Die Mutter brachte ihm Hut und Überrock und half ihm, sich fertig machen. »Meinst, daß er die Schachtel schon hat bis morgen Abend?« »Ich hoff'!« sagte er und küßte der Reihe nach die Kinder. Die Mutter geleitete ihn bis zur Flurthür und strich noch einmal zärtlich mit der Hand über die Wölbung der Schachtel, die er vorsichtig unter dem Arme trug. Mit einem Seufzer gingen sie auseinander, er zur Post, sie in die Küche, um sich auszuweinen. Und während sie in ihrem Winkel schluchzte, daß sie meinte, das Herz müsse ihr brechen, lärmten und lachten in der Stube die Kinder und guckten in die Schlüssellöcher aller Kasten und Schränke. Jetzt wurde an der Flurthür die Glocke gezogen. Hastig trocknete sich Frau Wiedemann die Augen mit der Schürze und ging, um zu öffnen. Ein Dienstmann brachte ein sonderbar geformtes Packet von riesigem Umfang. Und auf einer Karte, die er abzugeben hatte, stand geschrieben: »Dem lieben, kleinen Hansi – von seinem Taufpaten«. »So ... und jetzt ist die Schachtel fort!« stotterte Frau Wiedemann, ohne daran zu denken, daß man die Schachtel zehnmal leichter in dieses Packet, als das Packet in die Schachtel hätte stecken können. Achtsam löste sie die Papierumhüllung ... und brach wieder in Thränen aus: »Nein, nein, jetzt hat er's und soll keine Freud' dran haben!« Ein Schaukelpferd! Das war ja immer Hansis höchster Wunsch gewesen! Frau Wiedemann kniete vor dem schmucken Spielzeug auf der Erde, die Hände im Schoß gefaltet, das Gesicht von heißen Zähren überronnen. Es kam ihr vor, als sähe sie ihren herzlieben Buben im Sattel sitzen, wie er mit der einen Hand den Zügel faßt und mit der anderen die rote Peitsche schwingt, lachend und jauchzend: »Hüo! Hüo!« ... Über dem Seehospiz zu Grado dunkelte der Abend. Gleich zur Erde gefallenen Sternen flimmerten weithin an der Küste die Hafenlichter und die Laternen der vor Anker liegenden Fischerbarken; mit sanftem Hauche strich der Wind über die flachen Dünen, die kleinen Sandhäufchen verwehend, welche die spielenden Kinder aufgeschichtet hatten; und melancholisch rauschte, in langen Wellen flutend, das finstere Meer. Wie ein betäubendes Schlummerlied, das die Natur einem ihrer leidenden Geschöpfe sang, quoll dieses Rauschen durch das offene Fenster einer Krankenstube. Der Raum enthielt nur eine einzige Bettstelle. Also ein schwerer, ein hoffnungsloser Fall! Ein matt brennendes Öllicht gab der Stube nur trübe Helle; vor dem Lichte war auch noch, um das Bett zu überschatten, der Deckel einer Schachtel aufgestellt, welche, noch angepackt mit ihrem Inhalt, auf einem Stuhl zu Füßen des Bettes stand. In den Kissen lag ein fünfjähriger Knabe, das hagere, zerfallene Gesicht so weiß wie die Leinwand, auf der es ruhte. Vor wenigen Tagen noch hatte man eine Besserung hoffen dürfen; dann plötzlich war die Auflösung gekommen, unaufhaltsam, jäh zerstörend. Neben dem Bette saß in einem Lehnstuhl, die Wärterin; sie hatte sich bei der Pflege des Kindes übermüdet und wider Willen waren ihr die Augen zugefallen. Da scholl gedämpfter Lärm von jubelnden Kinderstimmen; eine Weile wieder Stille: und dann die rührenden Klänge eines Weihnachtsliedes. Langsam schlug der Knabe die Augen auf, wie in einer letzten Wiederkehr des Bewußtseins; er schien zu lauschen, zu verstehen, was er hörte. Er wollte die Arme heben ... und vermochte es nicht; er wollte sprechen ... und fand keinen Laut. Nur noch aus den in Sehnsucht brennenden Blicken sprach der letzte Wunsch seines erlöschenden Lebens. Und ihm war, als fülle sich jählings die dunkle Stube mit schimmerndem Glanz. In weißem, wallendem Gewande, leise rauschend mit den leuchtenden Schwingen, und die goldenen Locken bekränzt mit funkelnden Lichtern, so trat der Engel der Weihnacht an das Lager des sterbenden Kindes; er trug in der Hand einen duftenden Tannenzweig und senkte ihn gewährend auf die Brust des Knaben ... In zitternder Freude, bald in einem Winkel miteinander flüsternd, bald wieder um Tisch und Stühle tollend, harrten die drei kleinen Flachsköpfe des seligen Augenblicks, in welchem die Thür der »Christkindlstube« sich öffnen sollte. Endlich klang die Glocke, die Thür ging auf, und der weiße Lichterglanz strömte den sechs funkelnden Äuglein entgegen. »Aaaaah!« Es war ein kleiner Baum; aber in den Augen der Kinder gab es keinen schöneren; und waren die Gaben auch bescheiden, so weckten sie doch eine Freude, als lägen alle Reichtümer der Erbe rings um den Baum gebreitet, Vater und Mutter standen still dabei; das einzige Geschenk, das diese beiden miteinander tauschten, war ein Kuß in Thränen. Auf einem Wandtisch brannte noch ein zweites, kleineres Bäumchen, und ihm zu Füßen stand das Schaukelpferd. So oft die Mutter dorthin blickte, fielen ihr zwei dicke Tropfen über die Backen. Dafür weckte der Anblick des stolzen Rößleins bei den drei Kindern umso helleren Jubel. Fannerl wollte das Recht ihrer Erstgeburt geltend machen und sich als tapfere Amazone in den Sattel schwingen. Schützend aber stellte sich die Mutter vor das Schaukelpferd. »Das gehört dem Hansi! Daß mir keiner das Rösserl anrührt, bevor nicht der Hansi wieder daheim ist!« »Kommt er bald?« fragte der kleine Peperl. »Ja, Burschi, ja, ich hoff, recht bald!« »Du, Mutterl!« sagte Fannerl, »ich möcht' dem Hansi auch was schenken!« Und ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie ein großes Lebkuchenherz unter das kleine Bäumchen. Nun rannten auch die beiden anderen Kinder zu ihren Schätzen, um ein Scherflein für den Hansi zu steuern; Peperl war freilich eine Weile im Zweifel, ob er den rotbackigen Apfel, den er brachte, unter Hansis Bäumchen legen oder ob er mit ihm das Rößlein füttern sollte. In Thränen lächelnd, schauten die Eltern zu. »Nein, nein,« sagte die Mutter, »was gäb' ich drum, wenn der Bub jetzt da sein könnt'! Was er wohl macht? Meinst, er hat die Schachtel schon?« Da knirschte die Thürklinke, die Thür öffnete sich, als hätte eine unsichtbare Hand sie aufgestoßen, und ein kalter Lufthauch strich in die Stube; am Christbaum rührten sich die Zweige und die Lichter begannen zu flackern. »Mann!« stammelte die Mutter, von eisigem Schreck befallen, und ihre angstvollen Augen starrten nach der offenen Thür. »Was hast denn?« Sie warf sich an seine Brust und brach in krampfhaftes Schluchzen aus. »Ich spür's ... in mir drin spür' ich's ... der Hansi hat sich angemeldet ... o mein Gott, mein Gott!« »Aber geh'! so ein Aberglauben!« erwiderte er fast unwillig; aber auch ihm zitterte die Stimme. »Wird halt im Schlafzimmer ein Fenster offen stehen ... das hat den Zug gemacht!« Er schloß die Thür und ging in die angrenzende Stube; richtig, das Fenster stand offen. Aber Mutter und Vater blieben schweigsam; jedes saß in einer Ecke, mit feuchten Augen ins Leere blickend; ihr Schweigen legte sich auch über die Freude der Kinder wie ein Schleier. Früher, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre, wurden die Lichter am Baume gelöscht und die Kinder zu Bett gebracht. Nun war es still in der kleinen Wohnung; nur noch die Wanduhr sang ihr leises eintöniges Liedlein: Tick, tack, tick, tack ... und manchmal stöhnte ein Bett, als hätte sich jemand schlaflos auf die Seite geworfen. In der Christkindlstube webte der Tannenduft. Und seltsam! Man hatte doch am Baum die Lichter gelöscht ... und dennoch brannten sie, mit hellerem, fast überirdischem Glanz. Alles in der Stube leuchtete, als war' es umflossen vom flimmernden Goldglanz der Morgensonne; neben dem Baume stand der lächelnde Engel der Weihnacht, in seinem weißen, wallenden Gewand, mit den schimmernden Flügeln, mit der Lichterkrone, in der Hand den rotblühenden Tannenzweig; durch die Stube tanzte das Schaukelpferd, und wenn es im lustigen Schwunge mit den Enden der Speichen auf die Diele schlug, dann machte es: Rum, bum, rum, bum! Und im Sattel saß der kleine Hansi, mit dem einen Händchen die Zügel schüttelnd, mit dem anderen die Peitsche schwingend, lachend und jauchzend: »Hüo! Hüo!« Immer lustiger gaukelte das Rößlein, immer flinker schwang es seine Beine, und wenn es an die Wand geriet, dann bäumte es sich aus und machte Kehrt. Und immer größer schien es zu werden, und wie das Rößlein wuchs, so wuchs der kleine Hansi, und während er jauchzte und die Peitsche knallen ließ, während ihm die Stube enger und enger wurde mit jedem Schwung des Rößleins, sang der Engel der Weihnacht: »Hopp, hopp, hopp, hopp, Reiterlein! Hopp, hopp, hopp! Reite in die Welt hinein! Hopp, hopp, hopp! Durch des Lebens dunkle Tage, Durch der Menschheit Qual und Plage! Halte fest die Zügel! Fall' nicht aus dem Bügel! Hopp, hopp, hopp, hopp, Reiterlein! Hopp, hopp, hopp! Und als das Liedlein zu Ende war, schwang bei Engel der Weihnacht den Tannenzweig. Da fielen die Wände der Stube auseinander und das buntscheckige Pferdlein verwandelte sich in ein wildes schwarzes Roß, dessen Mähne im nächtigen Sturmwinde flatterte, dessen Augen glühten wie feurige Kohlen, aus dessen Nüstern der Dampf des keuchenden Atems qualmte. In jagendem Saus, mit schlagenden Hufen, flog das schnaubende Roß dahin über die kalte, finstere Erde, hinweg über Dächer und Türme, daß dem Reiter Hören und Sehen verging. In Schreck und Grauen klammerte er sich an den röchelnden Hals des furchtbaren Tieres und stammelte: »Wohin? Wohin?« »In das Leben, das du verlieren sollst!« sagte der Engel der Weihnacht, der dem zitternden Reiter im Fluge zur Seite blieb. »Blicke hinunter!« Der Reiter folgte dem Geheiß, aber ein Schwindel befiel ihn; da berührte ihn der Engel mit dem Zweige, und nun schaute er furchtlos in das dunkle Gewirr unter ihm, wie der Erwachende in die zerrinnenden Schreckbilder eines herzbeklemmenden Traumes. Erst sah er nur ein trübes Fluten und Durcheinanderwallen, und seine Augen konnten noch das einzelne nicht unterscheiden. An sein Ohr aber quoll es empor aus der Tiefe: ein unablässiges Seufzen und Wimmern, ein Rasseln von Ketten und ein Klatschen, als fielen tausend Peitschen auf tausend nackte Rücken. Und jetzt gewahrten seine Augen einen Streif festen Landes, in unendliche Weite hingezogen, aber so schmal, daß er kaum genügte für die Breite eines menschlichen Fußes. Und dem Streif zur Linken ein finster flutendes Meer, ihm zur Rechten ein mit schwarzen Wellen rauschender Strom. Und auf den Streif, bis in unabsehbare Ferne, stand Mensch an Mensch gereiht, der eine in prunkendem Gewande, der andere in grauen Lumpen. Sie alle thaten das Gleiche: sie beugten sich, schöpften mit hohlen Händen Wasser aus dem Meer und ließen es durch die Finger niederrinnen in den Strom. Millionen von Händen schöpften und schöpften – und dennoch wollte das Meer nicht sinken, der Strom nicht steigen. Und bückte sich einer zu tief und wollte einer zu hastig schöpfen, dann wankte er, es brachen ihm die Knie, er stürzte und die schwarze Flut verschlang ihn. Über dem Meere blitzte es zuweilen funkelnd auf ... ein Glücklicher hatte eine Perle gehoben, ein schimmerndes Kleinod aus den Wellen gefischt. Man hörte sein fröhliches Jauchzen, sein seliges Lachen, sein trunkenes Lallen ... und dann seinen Schmerzensschrei. Denn kaum, daß in der glücklichen Hand das Kleinod leuchtete, kam's aus dem Strom emporgestiegen wie ein vielgestaltiges Ungeheuer mit schlingendem Rachen und greifenden Polypenarmen, und wo es hingriff, da starb eine Freude und wurde ein Schmerz geboren, da setzte die Sorge sich fest, der Kummer, das Elend, Siechtum und brennende Pein, unstillbare Gier und nagende Reue, Haß und Neid, Treulosigkeit und Undank ... Und keiner blieb verschont und für jeden kam der Augenblick, in welchem der würgende Arm ihn faßte. Ein einziger nur war sicher ... der fliegende Reiter in den Lüften. Denn wenn das Ungeheuer der Tiefe nach ihm die gierigen Arme hob, dann streckte der Engel der Weihnacht schützend seinen Zweig und lenkte das jagende Roß in höhere Bahnen. Und immer höher, höher ging die Reise, bis das Bild der Tiefe in sich selbst zerfloß, wie ein Schmerz, der überstanden und verwunden ist ... und bis das Dunkel der irdischen Nacht sich wandelte zum reinen Schimmer eines ewigen Morgens. Der neue Leonhardt. Sieben lange Jahre hatt' ich das kleine Bergdorf nicht gesehen, in dem ich einst so manche lustige Stunde verlebt, in dessen steilen Revieren ich auf Hirsche und Gemsen so manch' einen glücklichen Schuß gethan. Als nun im verwichenen Sommer ein Jagdausflug mich wieder in den weltentlegenen Winkel führte, staunte ich ordentlich über die Veränderung, die das liebe Nest in der Zwischenzeit erfahren. Von dem alten Kirchlein grüßte mich ein neuer, schlanker Turm, manch eine der altersmorschen, malerischen Hütten hatte sich in ein nüchternes, weißes Häuschen mit knallrotem Ziegeldach verwandelt, Kinder waren zu Leuten, und Leute wieder zu alten, gebrechlichen Kindern geworden, die lustigen »Rogler«, mit denen ich einst die Nächte bei Zitherklang und schneidigen Vierzeilern durchlacht hatte, trugen jetzt den langgeflügelten Ehemannsrock und duckten sich vor ihren »verstandsamen« Hausfrauen, in denen ich kaum mehr die frischen, munteren Dirnen erkannte, die ich einst im Ländler gedreht und geschwenkt. Völlig erschrak ich, als ich das Forsthaus sah, das von der Erde bis unter das weit vorspringende Dach, mit einer springgiftig grünen Farbe frisch angestrichen war, und als ich drinnen erst den Förster fand, über dessen struppigen Kopf ein Schnee gefallen, den keine Julisonne mehr zum Schmelzen brachte. Was mir aber am meisten leid that, war die Nachricht, daß der alte Jäger-Hiesl, der einst mein Begleiter im rauschenden Hochwald, mein Führer in der pfadlosen Felsenwildnis gewesen, inzwischen den letzten »Schnaufer« gethan. An seine Stelle war ein junger, strammer Jäger getreten, der mir, hätte nicht die wehmütige Erinnerung an den ehrlichen knorrigen Alten meine Augen umflort, wohl auf den ersten Blick schon würde gefallen haben. Es stimmte mich auch ein wenig verdrießlich, als ich hörte, daß der Sepp erst seit einem halben Jahr im Dienste stünde. Als ich aber gegen den Förster die Befürchtung äußerte, daß ich mit dem frischgebackenen Jäger wohl ziemlich schlecht beraten wäre, schmunzelte der Weißkopf so eigentümlich, winkte mit den Augen zum Sepp hinüber und legte, in leichtverständlicher Bildersprache, die beiden Fäuste hinter die Ohren. Und richtig, schon auf dem ersten Pirschgang sollte ich erfahren, daß es der Sepp in Wahrheit faustdick hinter den Lusern hatte. Er kannte das Revier wie seine Joppentasche, und brachte mich auf einen alten Gemsbock, dem die erfahrene Schlauheit aus allen Haaren guckte, in einer Weise zu Schuß, daß ich über diese raffinierte Verschlagenheit nur so die Augen aufriß. Da bat ich ihm denn mit offenen Worten meine schlechte Meinung ab – und als hätte er mir daraufhin erst richtig zeigen wollen, was für ein Kerl er wäre, so verging von nun an fast kein Tag, an dem nicht eine frische Wildleber in unserer Pfanne schmorte. Und wenn wir dann am Abend vor der einsamen Jagdhütte unter den rauschenden Bäumen unsere Pfeifen schmauchten, wenn er unermüdlich plauderte und ebenso unermüdlich eine Flasche um die andere leerte, während sein rabenschwarzer Bart im Winde seine nackte Brust umflatterte und seine Augen durch die Dämmerung funkelten wie zwei glühende Kohlen, dann mußte ich mir oft die Seiten halten vor Lachen über die Schwänke und Streiche, die er zum besten gab. Er hatte aber auch sein Teil erlebt, zuerst als Bub, der weder den Vater, noch Lehrer und Pfarrer fürchtete, darauf als junger Holzknecht, dann wieder als Soldat in der Kaserne und im Felde, und schließlich als richtiger, leidenschaftlicher Wildschütz. Fünf Jahre lang hatte er die heimischen Berge unsicher gemacht und die Forstleute genarrt und krankgeärgert, so daß ihnen schließlich gegen ihn kein anderes Mittel übrig blieb, als ihn selbst zum Jäger und Hüter zu nehmen. Seinen Eintritt in den »Staatsdienst« hatte er dadurch gefeiert, daß er einen wildernden Tiroler wie ein Kälblein gebunden auf den Schultern ins Forsthaus getragen brachte – und von diesem Tage gab es im weiten Umkreis keinen Jäger, der es dem Sepp an Eifer und Pflichttreue gleichthat. Wie im Fluge verging mir die Woche, die ich mit ihm in der Hütte droben verlebte, und selten bin ich so ungern zu Thal gestiegen, wie damals. Diese leidige Stimmung ließ mich auf dem Heimweg zu keinem rechten Geplauder kommen, und ihm hinwieder machte die schwere Last zu schaffen, die er auf dem Rücken trug. So ging ich ihm oft lange Strecken schweigend voran. Wir waren dem Dorfe schon nahe und schritten auf einem schmalen Pfade dahin, zu dessen einer Seite der Wildbach rauschte, während auf der anderen Seite die steilen Felsen aufwärts stiegen. Nun machte der Weg eine Biegung – und da blieb ich verwundert stehen. Mir war diese Stelle von früher her noch im Gedächtnis – aber wie verändert fand ich sie. Damals hatte ein zerfallener Betstuhl hier gelegen, und in der hohen, natürlichen Felsennische darüber war ein lebensgroßes, verwittertes, von Sonne und Regen völlig entfärbtes Heiligenbild gestanden, das man nur mit Mühe noch aus seinen Attributen als eine Statue des heiligen Leonhardt zu erkennen vermochte. Jetzt aber sah ich eine völlige Kapelle vor mir. Ein rot bemaltes Blechdach war über die Nische gespannt, und ein eisernes Gitter schützte das in Gold, Silber und bunten Farben gleißende Standbild, zu dessen Füßen zwei Leuchter standen, während die halbe Nische mit verwelkten und frischen Kränzen und Blumensträußen angefüllt war. Rings um das Gitter war die Felswand mit Votivtäfelchen behängt, unter deren naiven Malereien der fromme Dank für die Wohlthaten zu lesen war, mit denen der Heilige in den beiden letzten Jahren sein gutes Herz an Menschen und Vieh erwiesen hatte. Während ich diese Inschriften zu entziffern versuchte, hörte ich den Sepp hinter mir sagen: »Was? Der neue Leonhardt! Gelten S' – der steht jetzt da im Glanz! Ja, der hat halt amal 'zeigt, was er kann!« Der eigentümliche Ton dieser Worte fiel mir auf, doch als ich mich nach dem Jäger umsah, begegnete er meinen forschenden Blicken mit einem gläubig ernsten Gesichte. Und dennoch war es mir, als hätten seine Züge bei allem Ernste den leisen Ausdruck einer heimlichen Verschmitztheit, als zucke irgend ein undefinierbares Etwas um seine bärtigen Lippen und in den Fältchen seiner Augenlider. Er hielt auch meinen Blick nicht allzu lange aus, sondem machte sich mit seiner erloschenen Pfeife zu schaffen, während er mit gezogenen Worten vor sich hin plauderte: »Ja, da kann man sehen, wie's einen Heiligen kränken muß, wann sich d'Leut' gar nimmer um ihn kümmern. Ganz vergessen is er da drinn g'standen, niemand hat mehr a Vertrauen zu ihm g'habt, kaum daß noch einer a Vaterunser hat beten mögen, den der Weg da vorbeig'führt hat. Das hat sich halt der Lenhardi auf d' Läng' nimmer g'fallen lassen. No ja, und zwei Jahr' mag's her sein, da is dem Mühlbauer sein' schönste Kuh verkrankt. In sei'm Jammer hat der Bauer a Verlöbnis g'macht, wenn ihm nur g'rad das liebe Stückl Vieh wieder gesunden möcht', so thät' er den Lenhardi neu herrichten lassen. Hat auch gleich 's Bildstöckl holen lassen und zum Vergolder g'schickt. Und was g'schieht? Die Kuh wird g'sund – und der Bauer? – no ja, der war z'frieden, hat an den Heiligen weiter nimmer denkt, und 's Bildstöckl is vergessen beim Maler in der Werkstatt g'legen. Natürlich, so a Behandlung hat sich der Lenhardi net g'fallen lassen – man kann's ihm auch net verargen – und da hat er sich halt g'rührt.« Je ernster und getragener Sepp im Erzählen wurde, desto sengericher schien mir die Sache. Wenn den Hochlandsjägern unter dem Zwange der rätselvollen Natur auch der Aberglauben fest im Nacken sitzt, so sind sie doch keine blindgläubigen Frömmler, und mein Sepp war es am allerwenigsten, das hatte ich in den letzten Tagen zur Genüge erfahren. Ich war also fest überzeugt, daß die Geschichte auf einen sogenannten »Aufsitzer« hinauslaufen würde – hatte er mich doch im Laufe der Woche ein paarmal schon tüchtig »hereinfallen« lassen. Ich hütete mich also, eine Frage zu stellen. »Und amal in der Früh',« plauderte er, während er die frischgestopfte Pfeife in Brand steckte, mit rührend frommer Miene weiter, »amal in der Früh' wird 's ganze Dorf rebellisch. Da is die Resl vom alten Bichler drunten umeinander g'rennt im ganzen Ort, vom Kaplan zum Lehrer, von ei'm Haus zum andern – ja völlig närrisch is 's Deandl g'wesen – und überall hat's verzählt, sie wär' in der Nacht da heroben g'wesen – ich denk' mir halt, sie wird a heimlich's Anliegen g'habt haben –« Dabei schmunzelte Sepp so deutlich, daß ich mit Gewalt die naheliegende Frage unterdrückte, die mir schon über die Lippen wollte, »ja, und da wär' ihr der Lenhardi in leibhaftiger G'stalt erschienen, und a Wachskerzel, wo's ihm hing'stellt hat zu die Füß', hätt' er aufg'hoben in seine Händ'; 's Deandl natürlich hat Reu' und Leid, bet' vor lauter Schrecken und is davong'schossen. Aber 's ganze Dorf hat's lebendig g'macht – und da können S' Ihnen denken, wie sich der Mühlbauer jetzt 'tummelt hat – über a paar Tag' is der neue Lenhardi schon da heroben g'standen. Und was der jetzt für ein Anseh'n hat! Von überallher kommen d' Leut' zu ihm, und wer von ihm was zu verbitten hat für sich selber oder fürs Vieh, dem hilft er, der Lenhardi – ja, is schon wahr!« Bei diesem letzten Worte nahm er den Hut vom Kopfe und schaute mit freundlichen Blicken zu dem Heiligenbild empor. Mit zweifelnden Augen musterte ich sein zwinkerndes Gesicht, rückte ebenfalls den Hut und marschierte weiter. »Mir scheint, Sie glauben gar net an mein' G'schicht'?« so fragte Sepp, als er mich mit raschen Schritten einholte. Ich wußte noch immer nicht, wie ich mich zu der Sache stellen sollte, zog mich also diplomatisch aus der Affaire, zuckte nur die Achseln und lachte dazu. Nun brauste er ordentlich auf: »Was! Jetzt is schön! So was net glauben! Aber warten S' nur, drunten im Ort, da kann ich Zeugen aufrufen, so viel wie S' wollen!« Und er hielt sein Wort, denn als wir drunten im Wirtshaus bei rotem Tiroler rasteten, rief er die Kellnerin, dann die Wirtin und schließlich den dicken Wirt herbei, und alle drei erzählten mir nacheinander die Geschichte von der Bichler-Resl so ziemlich in der gleichen Weise. »No also? Glauben Sie's jetzt?« so triumphierte mein Sepp nach jedem Zeugnis, das ich da zu hören bekam. Aber gerade die Hartnäckigkeit, mit welcher er mir den Glauben an seine Geschichte aufzwingen wollte, ließ mich mit doppelter Sicherheit vermuten, das irgend ein lustiger Streich hinter der Geschichte steckte, und zwar ein Streich, bei welchem Sepp in eigener Person die Hauptrolle gespielt hatte. Das mußte ich herausbringen. Ich stellte mich also nach Möglichkeit überzeugt – merkte an seinem blinzelnden Gesichte, wie viel Vergnügen ihm mein Glaube machte – und dabei ließ ich eine Flasche um die andere bringen. Als endlich der Wein ein wenig in ihm zu rumoren begann – freilich währte das geschlagene fünf Stunden – fing er an, mich um meiner »Frömmigkeit« willen zu hänseln. Und wie ich nun gar seinen stichelnden Reden gegenüber mich zum Verteidiger seiner eigenen Geschichte auswarf, lachte er, daß ihm die Thränen über die braunen Backen kugelten; dann duckte er den Kopf zwischen die Schultern, rückte näher, und puffte mit dem Ellenbogen in die Seite. »Jetzt passen S' auf – jetzt muß ich Ihnen dengerst was verzählen. Aber da im Ort, gelten S', da dürfen S' fein g'wiß nix verraten davon. Die Leut' da heraußen, die thäten ja sakrische Köpf hinmachen an mich.« Und nun ging's los, mit Wispern und Kichern. »Zwei Jahr' is her – ich war noch kein Jäger selbigsmal – aber mein, ich hab' mir halt diemal gern' an Gamsbock 'druckt. Du lieber Gott, es is halt so schön, wann's kracht, und es wirft ihn hin, den Teufelskerl, daß er alle vier Lauf g'radauf streckt. No ja, und da war ich halt amal im Hinderberg droben – abends auf der Birsch aber hab' ich g'merkt, daß der Förstersohn net weit is, und so hab' ich mich halt schön vernünftig 'neing'setzt in einen Graben, hab' mich stad g'halten, und wie's finster 'worden is, bin ich abg'schoben. Aber wie's schon der Teufel will – herunt' am Steig merk' ich auf amal, daß der Jäger wieder hinter mir is. Umkehren hab' ich nimmer können – vom Verstecken war auch kein' Red', denn rechts hab' ich 's Wasser g'habt und links die g'rade Wand – und weiter hab' ich mir sagen müssen, wann ich davonspring' auf dem steinigen Weg, so muß er meine Schritt' hören und stutzig werden, der hinter mir. So hab' ich mir halt in der G'schwindiakeit die g'nagelten Schuh' 'runter g'rissen und bin in die Barfüß' drauflos marschiert. Wie ich aber ums Eck 'rum komm' – Sie wissen ja, wo ich mein' – da hör' ich den Zweiten bergaufwärts tappen. Jetzt is schön – jetzt steck' ich drinn in der Mitt'! Aber wie a Blitz geht's mir durch'n Kopf; springst da 'nauf, wo allweil der Lenhardi d'rinng'standen is. An Satz hab' ich g'macht, wie a Katz, wann's den Daxl merkt – und droben bin ich g'standen, hab' mein langen Wettermantel über'zogen und hab' kein Rührer nimmer 'than.« Schnaubend blies er die Backen auf, stärkte sich' durch einen langen Zug und lachte eine Weile vergnüglich vor sich hin. »Stockfinster is g'wesen, und da hab' ich natürlich denkt, die Zwei, die marschieren jetzt vorbei an mir, nix Schöner's giebt's ja net! Wie ich aber noch so denk', da hör' ich von unt' 'rauf a Deandl fragen: »Andredl, bist Du's?« Und der Förstersohn ruft herwärts: »Ja, Resl, ich bin's schon.« 's Deandel wieder jammert: »Mein Gott, Andredl, drei Stund' schon wart' ich drunten auf dich, und weilst halt gar so lang aus'blieben bist, hab' ich g'meint, ich geh' dir a Stückl entgegen.« Der Andredl aber hat g'meint, das hätt' sich jetzt g'rad recht schön 'troffen, denn da heroben könnten's plauschen miteinander g'rad g'nug. »Ja – und hart vor meine Füß' haben sie sich niederg'setzt auf den alten Betstuhl. Uijegerl – da hab' ich jetzt weiters a Süßigkeit zum anhör'n kriagt, daß mir 's Wasser schier z'samm'g'laufen is zwischen die Zähn'. Ja. 's Abschiednehmen is halt so a Sach' – denn wissen S', am andern Tag hat er fort müssen zu die Soldaten, der arme Lapp. Auf d'Letzt nacher hat er ihr a silbern's Ring'l g'schenkt – 's Deandl aber fangt auf amal zum Jammern an: »Jessas Maria, jetzt hab' ich's fallen lassen!« Gut, hab' ich mir denkt – wann Die noch a paar Stund' da umeinander suchen – mir haben ja so wie so schon d'Füß' zum zittern ang'fangt, daß ich's g'rade Steh'n schier nimmer vermocht hab'. A Zeit lang tappen s' mit die Hand' so aufm Boden hin und her, und auf amal, da sagt der Andredl: »Wart' du, ich mein', ich hab' a Kerzl bei mir!« Und da hat er auch auf der Stell' schon Feuer g'macht – und ich natürlich – ich hab' g'meint, mich trifft der Schlag.« Diese Worte platzten meinem Sepp so komisch heraus, daß ich hellauf lachen mußte. »Ja – Sie – mir is fein selbigsmal gar net zum Lachen g'wesen! Aber warten S' nur; es kommt schon noch besser! Denn kaum hat der Andredl 's Kerzl anzündt g'habt, so greift 's Deandl schon darnach. »Geh',« hat's g'sagt, »der Wind könnt's ja verlöschen – wart', ich stell's da 'rein ins Lenhardiwinkerl.« Und wie sich 's Deandel jetzt aufricht', schaut's so flüchtig in d'Höh an mir und sagt: »Jeh du, jetzt hat der Mühlbauer den Lenhardi dengerst schon renavieren lassen!« Und akrat, als hätt's kein' bessern Platz net g'funden, so pickt's mir ihr Kerzl mit'n heißen Wachs g'rad mitten 'nauf auf mein' nacketen Fuß. Aufschreien hätt' ich mögen vor Wehdam , aber lieber hätt' ich mir die Zung' abbissen, ehvor ich einen Muckser g'macht hätt'. No – die zwei, die suchen am Boden umeinander – mir aber fallt ein heißer Wachstropfen um den andern auf'n Fuß – g'merkt hab' ich schon, wie's mir a nußgroße Blasen aufzieht in der Haut – und bald hab' ich auch 's Lichtl g'spürt, wie's alleweil tiefer und tiefer brennt – und z'letzt – meiner Seel', ich hab's nimmer ausg'halten – und da hab' ich mich halt in Gottsnam' 'buckt, hab' 's Kerzl pack mit der Hand und hab' mir denkt, jetzt blas ich's aus. Da sind aber die Zwei schon in d'Höh' g'fahren wie b'sessen, ang'stärrt haben's mich mit aufg'rissene Augen, an Schrei und Gurgler hab' ich g'hört, und Hand in Hand sind s' in der Finstern davon g'rumpelt, daß d' Steiner g'rad so g'flogen sind. Ich aber hab's Kerzl ins Wasser g'worfen, bin 'nunter g'sprungen auf'n Steig und bin bergauf, wie wann der leidige Teufel hinter mir her wär'. No ja – und am andern Morgen – da is halt 's Wunder fertig g'wesen!« Er lachte, leerte sein Glas, blitzte mich mit listigen Augen an und kicherte mir dann ins Ohr: »Wissen's, manchmal hat mich schon 's Gewissen 'plagt – aber no – wann ich mir so richtig denk', so mein' ich, der liebe Lenhardi selber kann mir ja g'wiß net harb sein wegen mein'm Stückl, denn so in Ehren, wie seit die letzten zwei Jahr', is er ja noch nie net g'standen bei uns im Dorf.« Hievon hatt' ich ja vor Stunden die Beweise gesehen – wie hätt' ich also der lachenden Meinung des Burschen widersprechen können?