Egon Friedell Kulturgeschichte der Neuzeit Die Krisis der Europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg Zweites Buch Barock und Rokoko Vom dreißigjährigen Krieg bis zum siebenjährigen Krieg   Erstes Kapitel Die Ouvertüre der Barocke Wenn wir geboren werden, weinen wir, Daß wir die große Narrenbühne Welt Betreten müssen. Lear Während die Barockkultur sich anschickt, ihre ersten dunklen Blüten zu entfalten, sieht man in einem östlichen Winkel Mitteleuropas einen wilden Krieg aufflammen, der, an plötzlichen Zufällen entzündet und doch aus den tiefsten Untergründen der Zeitseele hervorbrechend, sogleich gierig weiter rast, sich unaufhaltsam in den halben Erdteil hineinfrißt und, launisch bald hier, bald dort emporlodernd, Städte, Wälder, Dörfer, Felder, Kronen, Weltanschauungen in Asche legt, schließlich aber nur noch seinem eigenen Gesetz gehorcht, indem er wahllos überallhin züngelt, wo er noch Nahrung vermutet, bis er eines Tages ebenso rätselhaft verlischt, wie er entbrannt war, als einzige große Veränderung nichts hinter sich lassend als eine ungeheure gespenstische Leere: zerbrochene Menschen, beraubte Erde, tote Heimstätten und eine entgötterte Welt. Unter den vielen langen und sinnlosen Kriegen, von denen die Weltgeschichte zu berichten weiß, war der Dreißigjährige einer der längsten und sinnlosesten, wahrscheinlich gerade darum so lang, weil er so sinnlos war. Denn er hatte kein festumschriebenes Ziel, das zu erreichen oder zu verfehlen, keinen runden greifbaren »Zankapfel«, der zu gewinnen oder zu verlieren gewesen wäre. Es läßt sich überhaupt beobachten, daß zumeist nur verhältnismäßig kleine Kriege ein deutliches Streitobjekt und infolgedessen eine klare Entscheidung aufweisen. So handelte es sich, um nur einige Beispiele aus der jüngsten Geschichte zu nennen, im Jahr 1866 um die deutsche Hegemonie, im Jahr 1870 um die deutsche Einheit, im russisch-japanischen Krieg um Korea, im Balkankrieg um die europäische Türkei. Die großen, die sogenannten Weltkriege hatten aber in der Regel nur sehr allgemeine Intentionen wie »Vernichtung der Vorherrschaft« einer bestimmten Großmacht, »Wiederherstellung des europäischen Gleichgewichts«, »Befreiung der Völker« und dergleichen; auch endeten sie fast immer als Remispartien: man denke an den Spanischen Erbfolgekrieg, den Siebenjährigen Krieg, die napoleonischen Kriege (und dies ließe sich sogar vom letzten Weltkrieg beweisen, was zu erörtern aber hier nicht der Ort ist). Derartige ungeheure Konvulsionen bedeuten, im Großen, aus der Ferne und von oben gesehen, nichts anderes als geheimnisvolle Vitalitätsäußerungen der menschlichen Gattung, die sich automatisch, vegetativ und ohne ersichtlichen »praktischen« Zweck vollziehen, nicht moralisch, nicht politisch, nicht logisch, sondern bloß physiologisch zu werten sind und »sinnlos« erscheinen wie alles, was über unsere Sinne geht. Es sind gigantische Stoffwechselphänomene unseres Weltkörpers, Elementarereignisse, an denen wir nur das Katastrophale zu erkennen vermögen, vielleicht großartige Selbstreinigungsvorgänge, vielleicht heilkräftige Fiebererscheinungen, vielleicht zyklische Krankheitsprozesse: wir wissen es nicht. Eine gewisse Periodizität kommt ihnen aber ganz zweifellos zu, und eine der Zukunft vorbehaltene Wissenschaft, nämlich die Biologie und Pathologie des Organismus »Menschheit« , deren Aufgabe es bilden wird, die Dynamik dieses mysteriösen Lebewesens auf Grund seiner bisherigen Entwicklungs- und Krankheitsgeschichte zu erforschen, wird hierüber wahrscheinlich einmal exakte Aufschlüsse geben können. Das Unkraut Zu dieser »Sinnlosigkeit«, die dem Dreißigjährigen Krieg mit . «11 den übrigen Riesen unter den Kriegen gemeinsam war, kam aber noch eine zweite Eigenschaft, die im besonderen Charakter der Zeit wurzelte: das eigentümlich Verfilzte, Verholzte, Wuchernde, Unkrauthafte aller Bildungen, die diese Periode, zumal in Deutschland, hervorgebracht hat. Einer der Grundzüge des Geschlechts, das damals lebte, war eine Verzwicktheit und Umständlichkeit, Direktionslosigkeit und Gedankenflucht, die ihresgleichen sucht: wir wissen bereits, daß eine derartige Chaotik und seelische Labilität in einem gewissen Grade das Merkmal aller Zeitalter bildet, in denen sich Neues vorbereitet. Trat hiezu nun noch die wüste Desperadoroheit und hemmungslose Amoralität, die der damaligen Generation ebenfalls in seltenem Maße eigen war, so war es ganz unvermeidlich, daß das schauerlich-groteske Monstrum dieses bestialischen, blindwütigen, endlosen und prinzipienlosen Krieges entstand, der ein Menschenalter lang fraß, um zu fressen, und nicht begreifen läßt, warum er anfing, warum er aufhörte und warum er überhaupt auf der Welt war. Denn er hätte sich noch jahrelang, wenn auch immer armseliger und hungriger, fortschleppen können. Unendliche Verhandlungen gingen dem Friedensschluß voraus und ebenso unendliche hätten ihn noch hinausziehen können. Es war weder auf der schwedisch- französischen noch auf der kaiserlich-bayrischen Seite ein absolut zwingender Grund vorhanden, den Kampf einzustellen. Und daß er erst im Jahr 1618 ausbrach, war ebenfalls keine historische Notwendigkeit. Der Konflikt, den er zu entscheiden suchte und trotz so starker und langer Anspannung der Kräfte nicht im geringsten entschied, wurzelte in der Streitfrage, ob Deutschland ein katholisches oder ein protestantisches Land sein solle; und diese Streitfrage war hundert Jahre alt. Andrerseits aber bestand schon nach einem Jahr die Möglichkeit, die Fehde zu beenden. Matthias Thurn stand Anfang Juni 1619 mit einem starken Aufgebot in Wien, Ferdinand der Zweite hatte fast gar keine Truppen; die niederösterreichischen Stände hätten ihn ohne weiteres gefangennehmen und zum Frieden zwingen können. Aber eine so einfache, rasche und klare Lösung wäre ganz gegen die österreichischen und ganz gegen die Barockusancen gewesen. Im nächsten Jahre, nach der Schlacht am Weißen Berge, ist der Krieg wiederum zu Ende, diesmal zugunsten der kaiserlichen Partei. Die gesamten österreichischen Erblande leisteten, vollkommen niedergeworfen, Ferdinand den bedingungslosen Huldigungseid; die Union der protestantischen deutschen Fürsten löste sich auf. Aber mit diesem unerwarteten und restlosen Siege sich zufriedenzugeben, wäre ganz gegen die habsburgischen und die katholischen Usancen gewesen. Ferdinand trug den Krieg in die Pfalz und damit nach Deutschland; und nun gibt es binnen kurzem kaum ein europäisches Staatswesen, das sich nicht, mutwillig oder gezwungen, leidenschaftlich oder lässig, militärisch oder bloß finanziell und diplomatisch, dauernd oder sporadisch, an dem Kampf beteiligt: Polen, Schweden, Dänemark, Holland, England, Frankreich, Spanien, Italien werden nach und nach in den Wirbel hineingezogen. Gleichwohl ist nach Wallensteins Tod auf keiner Seite mehr ein Anlaß, den Krieg fortzuführen, alle Beteiligten sind erschöpft und saturiert zugleich. Aber obwohl er fast gar keine Lebenskraft mehr hat, kann er sich doch nicht entschließen, zu sterben, und so keucht er fast ebenso lange weiter, als er schon währte, immer asthmatischer, immer anämischer, eine vierzehnjährige Agonie. Als er endlich ausgerungen hat, ist im wesentlichen alles beim alten gebheben: Habsburg ist nicht aus seiner Vormachtstellung verdrängt, aber die Souveränität der deutschen Landesfürsten ist ebensowenig vermindert, ja erhöht; der Papismus hat nichts von seiner Machtfülle eingebüßt, aber die Gleichberechtigung der Evangelischen muß er aufs neue und noch entschiedener als bisher anerkennen; und fast ein jeder muß sich fragen: wofür haben wir diesen Krieg geführt und erlitten, während dieser dreißig langen Jahre alles geopfert, was zu opfern in unserer Macht stand? Manchem freilich hatte er noch immer nicht lange genug gedauert. Als General Wrangel die Nachricht vom Friedensschluß erhielt, bekam er einen Tobsuchtsanfall, schleuderte seinen Generalshut zu Boden, trat ihn mit Füßen und wies dem Unglücksboten unter Flüchen die Tür. Kurz: was den Dreißigjährigen Krieg mehr charakterisiert als jeden anderen, ist seine Zufälligkeit. Alles war an ihm zufällig: seine Entstehung, sein Verlauf, seine Ausbreitung, sein Ende. Aber diese Zufälligkeit selber war nichts weniger als zufällig: sie floß aus der innersten Natur der Epoche, die seinen Namen trägt. Er war so lang und langstielig, so leer und lahm, so unzusammenhängend, geistverlassen und durch das bloße Gesetz der Trägheit weiterrollend wie die Reden und Carmina, Dokumente und Episteln, Allüren und Formalitäten jener Zeit. Er hatte, so paradox es klingen mag, trotz seiner gigantischen Maße und formidabeln Zerstörerkräfte etwas Amorphes, Asyndetisches, Anekdotisches . »Die Helden« Und in der Tat hat die Nachwelt bei allem Schauder, den sie noch nach Menschenaltern vor ihm empfand, ihn immer nur anekdotisch gesehen, ohne jemals zu einem wirklichen Verständnis seines Wesens zu gelangen; aus dem sehr einfachen Grunde, weil an ihm nichts zu verstehen ist. Der Dreißigjährige Krieg hat keine eigentliche Geschichte, er besteht nur aus einer Anzahl von Geschichten, die ein mehr oder weniger lückenhaftes Mosaik ergeben, aber kein komponiertes Gemälde. Was uns von ihm in der Hand geblieben ist, sind ein halbes Dutzend origineller Charakterköpfe, ein paar packende Kulturkuriosa und ein Haufen gruseliger Schreckensmärchen. Dies zeigt sich zum Beispiel gleich an der berühmtesten Einzelheit des Krieges, der Erstürmung Magdeburgs, die in Deutschland durch Schillers virtuose Schilderung jedermann vertraut geworden ist. Der brillante Schlachtkarton, den er entwirft, beruht auf einer Fiktion. Es ist nämlich durch neuere Forschungen sehr wahrscheinlich gemacht worden, daß der Brand nicht von den Soldaten Tillys gelegt wurde, sondern im Gegenteil das Werk des Leiters der Verteidigung war, des von Gustav Adolf entsendeten Hofmarschalls Dietrich von Falkenberg, der, als er sah, daß er die Stadt nicht mehr halten könne, mit Hilfe einer Schar evangelischer Fanatiker diese ungeheure Katastrophe hervorrief; übrigens war die Plünderung Mantuas, der zumeist gar keine Beachtung geschenkt wird, ein ebenso furchtbares Ereignis: sie hat aber keinen Homer gefunden. Indes: obgleich Schiller auch sonst mit ungenügendem oder dubiosem Material arbeitet und sogar oft selber ganz bewußt retouchiert, wird sein Bild des Dreißigjährigen Krieges doch immer eine hohe dichterische Wahrheit behalten. Und ebenso hat er im »Wallenstein« mit genialem Flair erkannt, daß das »Lager«, also wiederum die Anekdote, das Wesentliche und historisch Bedeutsame an diesem Kriege war. Hier haben wir den ganzen Hexenkessel beisammen mit allen seinen gefährlichen und kindischen, kostbaren und ekelhaften, schaurigen und lächerlichen Ingredienzien; bunt, roh und zynisch wie das Kostüm der Zeit ist diese zerklüftete Welt, in der sich alle Stände, Nationen und Lebensformen durcheinander mischten: Adel und Gemeinheit, Gottesstreitertum und Verbrecherwesen, Tollkühnheit und Krämersinn, Todesschauer und Galgenhumor. Und überall nur Genrefiguren und Chargenspieler, Köpfe, die bestenfalls ein Profil haben oder eine gute Maske; aber nirgends volle Menschen. Aus diesem fast unübersehbaren Aufgebot von Episodisten, Figuranten und Komparsen ragen nur zwei ernstliche Protagonisten hervor, die mit einiger Berechtigung als »Helden« des Dreißigjährigen Krieges bezeichnet werden können: der König von Schweden und der Herzog von Friedland. Aber wie sonderbar verzerrt, befleckt und degradiert tritt uns die Gestalt des Helden in diesem unbegreiflichen Zeitalter entgegen! Nur die Führerrolle ist ihm geblieben: alle blicken auf ihn, alle folgen ihm willig, seiner höheren Einsicht und Übersicht, Tatkraft und Festigkeit vertrauend; aber er ist für sie alle nur ein Führer in Dunkel und Wirrnis, in Niederungen und Abgründe. Keine göttliche Idee lebt in ihm, auch keine irdische, überhaupt keine Idee. Keine edle Überzeugung treibt ihn manisch vorwärts, nicht einmal ein sublimes Vorurteil, ein frommer Irrtum. Er ist bloß klüger als die Herde, aber nicht weiser, bloß stärker als sie, aber nicht besser. Sein Himmelsglaube ist die Astrologie und sein Bibelglaube ist Politik. Wallenstein Als Staatsmänner waren Gustav Adolf und Wallenstein einander ebenbürtig, als Feldherr war der Schwedenkönig die größere Potenz, dafür war der Friedländer ein einzigartiger Organisator. Er besaß das Talent, in jener aus den Fugen gegangenen Zeit buchstäblich Armeen aus der Erde zu stampfen. Dies kann nicht allein sein Reichtum, seine Geschicklichkeit und sein militärisches Renommee bewirkt haben, sondern es muß noch eine geheimnisvolle Wirkung seiner Persönlichkeit hinzugekommen sein, die wir uns für die damalige Zeit gar nicht faszinierend genug vorstellen können. Das ruchlose, aber in seiner großzügigen Einfachheit unwiderstehliche Prinzip, daß der Krieg sich selbst ernähren müsse, hat erst er entdeckt und zur vollen Wirksamkeit gebracht. Auch sonst überrascht er nicht selten durch eine Klarheit und Gesundheit des Denkens, die seinem Zeitalter völlig fremd ist; aber er legitimiert sich andrerseits wiederum als Sohn seines Jahrhunderts durch die zögernde und tastende, abwägende und hinausschiebende, stets zwischen mehreren Chancen unsicher schwankende Art seiner Diplomatie und Kriegführung, die ihn keines seiner politischen Ziele ganz erreichen ließ, ihm mehr als einmal seine militärischen Erfolge schmälerte und schließlich zu seinem Untergang führte. Mit großem Scharfblick erkannte er gleich bei Beginn des Krieges den springenden Punkt, auf den alles ankam: der große Religionskampf mit all den innerpolitischen und territorialen Streitfragen, aus denen er stets neue Nahrung zog, konnte nur definitiv entschieden werden, wenn es der habsburgischen Dynastie gelang, einen vollkommenen Absolutismus aufzurichten, wie er in Frankreich und Spanien bereits bestand und in England das stehende Programm der Stuarts bildete: diesen auch in Deutschland mit allen verfügbaren Mitteln zu erzwingen, empfahl er immer wieder aufs nachdrücklichste, und hiebei hatte er sich allem Anschein nach die Rolle des Militärdiktators vorbehalten. Diese Stellung wäre etwa der eines Majordomus gleichgekommen und das eigentliche Zentrum der Macht gewesen, denn wer der Armee befahl, befahl Deutschland; aber eben aus diesem Grunde konnte Ferdinand der Zweite, der seinem Generalissimus vom ersten Tage an mißtraute, sich mit diesem Plan nicht befreunden; auch an dem Widerstand Maximilians von Bayern, des Hauptes der katholischen Liga, wäre er gescheitert. Später hatte dann Wallenstein die Absicht, sich als Herzog von Mecklenburg ein großes nordisches Fürstentum zu schaffen, wobei er weitblickend auch das Dominium über die Ostsee ins Auge faßte: hier kam ihm weniger der Kaiser als Gustav Adolf in die Quere. Dann dachte er an eine Allianz mit den Schweden, und es unterliegt keinem Zweifel, daß er darüber Verhandlungen geführt hat, obgleich schriftliche Dokumente aus naheliegenden Gründen nicht existieren; aber der »Schneekönig« traute ihm ebensowenig wie der Habsburger. Nach Lützen versuchte er dasselbe Spiel mit den evangelischen Reichsfürsten, wobei er vermutlich auf die böhmische Krone aspirierte. Dies wäre wahrscheinlich für ihn die passendste Lösung gewesen, denn in Böhmen hätte seine Herrschaft eine starke Tradition vorgefunden, hier besaß er nicht nur ausgedehnte Liegenschaften, sondern auch große Sympathien, und er hätte als Oberhaupt eines Tschechenreichs sicher eine vorzügliche Figur gemacht. Aber er griff nicht rasch genug zu, und über diesen Vorschlägen und Gegenvorschlägen, die von beiden Seiten ohne volle Aufrichtigkeit und unter steter Sicherung der Rückzugslinie geführt wurden, kam es zu seiner Ermordung. Daß sie mit sehr schlechtem Gewissen anbefohlen wurde, zeigt das nachherige Verhalten des Wiener Hofes, der alles tat, um die Schuld von sich abzuschieben. In allen erwähnten Fällen ist Wallenstein nicht wie ein kaiserlicher Beamter, sondern wie ein Potentat aufgetreten, der er auch war, denn in jener Zeit gab es unter Hunderten von Schein- und Titularsouveränitäten nur eine reelle: die des kriegsgewaltigen Kondottiere mit seiner Geld-, Truppen- und Talentmacht. Gustav Adolf Um die Gestalt Wallensteins liegt ein seltsam düsterer Glanz, der sie interessant und suggestiv macht, aber keine menschliche Teilnahme erweckt. Schon zu seinen Lebzeiten wuchs er ins Überlebensgroße. Man glaubte, er sei »kugelfest«, befehlige unsichtbare Reiterscharen und habe mit dem Teufel einen Pakt geschlossen. Zweifellos gehörte er in die Reihe jener diplomatisch-strategischen Ingenien von weitem Blickfeld und überragender Fähigkeit zur Synthese, an deren Spitze Napoleon steht. Aber sein eisiger Egoismus, seine finstere Herrschsucht, sein Mangel an jeglichen sozusagen privaten Eigenschaften bringt ihn zugleich mit unserer Sympathie um unser Verständnis. Man hat ihm daher mit Vorliebe Gustav Adolf gegenübergestellt: als die Kontrastfigur des sonnigen Helden aus Nordland, der segenspendend ans Land steigt, Duldung, Schutz und Befreiung auf der Spitze seines Schwertes tragend. Aber das ist eine protestantische Legende. In Wirklichkeit war er ein naher geistiger Blutsverwandter Wallensteins, ebenso gierzerfressen und selbstsüchtig, schlangenklug und kaltherzig. Gustav Adolfs Glaube an die lutherische Lehre war zweifellos ebenso echt wie Wallensteins Glaube an die Astrologie; aber sowenig dieser den Sternen zuliebe seine Pläne ins Werk setzte, so wenig hätte jenen die evangelische Sache allein dazu vermocht, sich in den Krieg zu mengen. Vielmehr war für den einen die Bibel, was für den anderen das Horoskop war: ein Instrument der Politik. Was Wallenstein einmal vorübergehend ins Auge gefaßt hatte, war der permanente Leitgedanke Gustav Adolfs: die Herrschaft über die Ostsee. Er kam, um dem bedrängten Protestantismus gegen den Kaiser zu helfen; aber wie hätte er diese Hilfe zu einer dauernd wirksamen machen können, ohne sich bleibend in Deutschland festzusetzen? Die Reformation sollte über Rom siegen; das hieß, ins Schwedische übersetzt: Pommern, Preußen, halb Norddeutschland sollte an die Wasas fallen. Sein Siegeslauf setzte ganz Europa in Staunen und Schrecken. Ein Jahr nach seiner Landung stand er schon in München. Diese Erfolge verdankte er zum Teil seinen Truppen, die ein wirkliches Nationalheer bildeten und nicht einen durch Raubsucht, Abenteuerlust und Aberglauben zusammengetriebenen Haufen wie die übrigen Armeen, in erster Linie aber seinem eigenen Genie. Fast alle Teile des Heerwesens hat er mit einem Scharfblick, der der Zeit weit vorauseilte, entscheidend reformiert: er verbesserte die Feuertechnik, indem er statt der umständlichen Hakenbüchsen leichte Handgewehre und statt der Holzpatronen Papierpatronen einführte, die man in der Tasche tragen konnte; die Taktik, indem er die Infanterie in drei Gliedern aufstellte: das vorderste kniete, das mittlere stand, das dritte lud; die Strategie, indem er seinen Truppeneinheiten eine erhöhte Manövrierfähigkeit verlieh und mitten in der Schlacht Schwenkungen ausführte, was damals für etwas Unerhörtes galt; und er machte, was das Wichtigste war, die Reiterei wieder zur dominierenden Waffe. Aber mit den Siegen steigerte sich auch sein Appetit, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß er am Ende seiner Laufbahn entschlossen war, sich nicht mehr mit einem norddeutschen Küstensaum zufrieden zu geben, sondern sich viel Höheres und Dauerhafteres zu sichern. Höchstwahrscheinlich dachte er an die deutsche Kaiserkrone und an das Herzogtum Bayern, das bei einem entscheidenden Sieg der protestantischen Partei dem katholischen Maximilian verlorengegangen wäre: hiefür ist sehr bezeichnend, daß er dem »Winterkönig« die Pfalz, die diesem vom Kaiser zugunsten Bayerns abgenommen worden war, bei ihrer Wiedereroberung nicht zurückgab. Es war daher kein Wunder, daß auch den Evangelischen vor ihrem Befreier allmählich bange wurde. Aber alle diese Pläne und Befürchtungen wurden bei Lützen unter kroatischen Pferdehufen zertrampelt. Darin war Gustav Adolf, dieser stahlharte nüchterne Realpolitiker, eben doch noch Romantiker, nordischer Seekönig, daß er, obgleich kurzsichtig und fettleibig, stets inmitten seiner Truppen den Kampf ausfocht und eines Tages im wildesten Getümmel wie ein gepanzerter Herzog aus dem grauen Mittelalter seinen Tod fand, spät genug, um die Welt seine überlegene Kraft kennen gelehrt zu haben, früh genug, um noch als reiner Schirmherr der Freiheit und des Glaubens in protestantische Lesebücher und Festspiele eingehen zu können. Übertreibende Beurteilungen Der »Große Krieg«, wie man ihn nannte, hat überhaupt die Nachwelt im Guten wie im Bösen immer wieder zu stilisierenden und übertreibenden Beurteilungen verlockt. Man gewöhnte sich daran, ihn durch ein Vergrößerungsglas zu sehen, und hat bis in die jüngste Zeit auch seine verheerenden Wirkungen sehr überschätzt, indem man sich dabei ausschließlich auf die zeitgenössischen Darstellungen stützte, ohne zu bedenken, daß diese durchwegs polemischen Charakter tragen und daher ebensowenig die natürliche Lebensgröße wiedergeben wie etwa heutige Schilderungen des weißen oder roten Regimes in den einzelnen Ländern und daß außerdem eine Sucht, alles zu verzerren, aufzublasen, ins Abstruse und Monströse zu steigern, zum Grundcharakter der Zeit gehörte. Auch das berühmteste Zeitdokument, Grimmelshausens »Simplizissimus«, hat nur den Wert eines ebenso groben wie starken Farbendrucks, einer phantastischen, obschon sehr eindrucksvollen Karikatur und macht von dem dichterischen Recht, die Dinge komprimierter zu geben als die Wirklichkeit, einen sehr naiven und ausschweifenden Gebrauch. Ferner vergaß man, daß diese Mißgeburt von Krieg eben überhaupt keine zusammenhängende Aktion darstellte, sondern ein amorphes Gemenge von einzelnen isolierten Kriegshandlungen und daher nur wenige Gegenden dauernd von ihm betroffen wurden, die meisten nur vorübergehend oder in großen Intervallen, manche gar nicht. Auch fehlte ihm jede Ähnlichkeit mit den heutigen Kriegen, deren Charakter die Anspannung aller verfügbaren Kräfte bis zum Äußersten ist. Von einer Heranziehung aller Landesteile, aller Volksschichten, aller physischen und materiellen Kampfmittel war nirgends die Rede. Eine Pflicht zum Waffentragen bestand nicht einmal für die Bürger belagerter Städte. Soldat war man nur, wenn es einem gefiel und solange es einem gefiel. Zur Armee ging man aus Beruf, aus Verkommenheit, aus Gewinnsucht, aus Ehrgeiz, aus Sport, und so bestand das Kriegsvolk im wesentlichen aus dreierlei Menschensorten: Professionals, Deklassierten und Sensationslustigen. Infolgedessen waren nach unseren Begriffen die Heere sehr klein, die Schlachten sehr kurz und von geringer Ausdehnung, auch infolge des zaudernden Charakters der ganzen Kriegführung nicht häufig. Während also die Formlosigkeit und Undiszipliniertheit des Zeitalters es zu einem »Weltkrieg« in unserem Sinne gar nicht kommen ließ, führte sie allerdings in Einzelfällen zu den empörendsten Ausschreitungen; doch darf man auch hier nicht glauben, daß Vorgänge, wie sie Grimmelshausen schildert, einfach die Regel waren. Wenn man sich erinnert, was für Geschichten über die Greueltaten der Russen in Polen und die »atrocités« der Deutschen in Belgien seinerzeit verbreitet waren und zum Teil noch heute geglaubt werden, so wird man auch hier die nötigen Reduktionen vornehmen. Gleichwohl kann man sich den Zustand Deutschlands nach dem Krieg gar nicht desolat genug vorstellen. Aber wir haben es hier wiederum mit jener Verwechslung von Ursache und Wirkung zu tun, die uns im ersten Buch bereits einige Male begegnet ist. Nicht weil gegen Ausgang des Mittelalters Gewerbe und Handel emporblühten, entwickelte sich eine neue materielle Kultur, sondern weil damals eine Menschheit mit dieser Wirtschaftsgesinnung lebte, hob sich der internationale Verkehr, entstand die Geldwirtschaft, steigerte sich die Gütererzeugung. Nicht durch die Entdeckung Amerikas, die Buchdruckerkunst, die Reformation ist die »Neuzeit« entstanden, sondern weil um die Wende des fünfzehnten Jahrhunderts eine bestimmte Menschenvarietät, der »Mensch der Neuzeit«, die Bühne der Geschichte betrat, wurden die Küsten Westindiens erforscht, Bücher gedruckt, die Institutionen der römischen Kirche bekämpft. Und ebenso ist das deutsche Volk nicht durch den Dreißigjährigen Krieg heruntergebracht worden, sondern weil es so heruntergekommen war, entstand der Dreißigjährige Krieg. Wirtschaftliche Deroute Dies zeigt sich am deutlichsten auf dem wirtschaftlichen Gebiet. Deutschland verlor schon vor dem Krieg die Führung in der Tuchindustrie durch die überlegene Konkurrenz des Westens, vor allem Hollands, und während es im ganzen sechzehnten Jahrhundert der europäische Markt für die Luxuserzeugnisse des Kunstgewerbes gewesen war, wurde es nunmehr auch auf diesem Felde von den französischen Manufakturen überholt, mit denen es weder in der Mode noch in der Qualität gleichen Schritt halten konnte. Auch war der Mittelmeerhandel, für den Deutschland die natürliche Durchgangsstation nach Norden bildete, längst vom atlantischen Seeweg aus seiner dominierenden Stellung verdrängt worden, zum Teil durch die Verbesserung der Schiffahrt und die großen Entdeckungen, zum Teil aber auch durch Deutschlands eigene Schuld, denn die zahllosen Zollschranken mit ihren Schikanen und Erpressungen und die vielfachen Münzsorten machten den festländischen Handelsverkehr zu einer wahren Tortur. Besonders der letztere Umstand, der Mangel einer einheitlichen Geldwährung, führte zu einer Landplage, die Deutschland noch viel mehr geschädigt hat als der Krieg: dem in zahllosen zeitgenössischen Flugschriften beklagten Unwesen der »Kipper und Wipper«. Dies war der volkstümliche Spitzname für die Münzer und Geldwechsler, der damals ebenso oft und in ebenso schmeichelhaftem Sinne gebraucht wurde wie heutzutage das Wort »Schieber«; und diese Elemente machte man, gewiß nicht ohne einige Berechtigung, für das ganze Elend verantwortlich. Die Hauptschuldigen waren aber eigentlich die Landesherren. Diese hatten bald herausbekommen, daß der Mißstand der verschiedenen Währungen für sie einen großen Vorteil hatte, indem er ihnen ermöglichte, eigenes Geld von geringerem Feingehalt zum vollen Zwangskurs auszugeben: es war dies die damalige primitive Form, sich durch Staatsanleihen zu bereichern. Zuerst hatte die Bevölkerung gar nichts dagegen einzuwenden, denn das vollwertige alte Gold, wovon fast ein jeder Ersparnisse gesammelt hatte, stieg dadurch im Preise; aber im weiteren Verlaufe war die allgemeine Deroute unvermeidlich. Alsbald bemächtigten sich Schmuggel, Zwischenhandel, betrügerischer Tauschverkehr und andere unreelle Praktiken der Geldmanipulation; »leichtes« Geld auszugeben, gutes aufzukaufen wurde eine Spekulation, die dem heutigen Börsenspiel entsprach. Die Landesfürsten, in einen circulus vitiosus geraten (da auch sie jetzt ihre Steuern und Abgaben in ihrem eigenen schlechten Gelde bezahlt bekamen), griffen zu immer verzweifelteren Maßregeln; schließlich bestanden die Münzen nur noch aus versilbertem Kupfer oder noch wertloserem Material und waren zu reinen Rechenmarken geworden: es vollzog sich etwas Ähnliches wie in unseren Tagen, nur statt in Papier in Blech. Die Folge waren auch ganz analoge soziale Erscheinungen: plötzlicher Reichtum und ausschweifender Luxus der glücklichen Spekulanten, Not der Festbesoldeten und der geistigen Arbeiter, Verarmung der kleinen Sparer, rapide Entwertung aller Kapitalforderungen, endlose Streiks, wilde Tumulte. Die »konstituierte Anarchie« Den Ruin vollendete der Westfälische Friede, der Deutschland fast zu einem Binnenlande machte; denn nunmehr war beinahe keine große Strommündung mehr in deutschem Besitz: der Rhein holländisch, die Weichsel polnisch, Oder, Elbe, Weser schwedisch; um die Ostsee stritten Dänen, Schweden und Polen, um die Nordsee Franzosen, Holländer und Engländer: für Deutschland war nirgends Platz. Und zugleich verewigte dieser Friedensschluß den deutschen Partikularismus, indem er sämtlichen Reichsständen die superitas territorialis und damit das Recht zuerkannte, Bündnisse untereinander und mit auswärtigen Mächten zu schließen, »außer gegen Kaiser und Reich«, was aber eine bloße Formel war. Der schwedische Kanzler Oxenstierna, von dem der weise Ausspruch stammt: »An nescis, mi fili, quantilla prudentia regatur orbis? ; aber weißt du denn nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird?«, scheint auch dieses bescheidene Quantum in der deutschen Verfassung vermißt zu haben, denn er bezeichnete sie als eine nur von der Vorsehung erhaltene Konfusion; noch deutlicher war zweihundert Jahre später Hegel, der sie eine »konstituierte Anarchie« nannte. Das Ende des Mittelalters Der Dreißigjährige Krieg, ursprünglich als »Glaubenskrieg« entbrannt. verliert schon während seines ersten Jahrzehnts den religiösen Charakter und politisiert sich während seines weiteren Verlaufs immer mehr. Wie wir gesehen haben, war das Hauptmotiv für das Eingreifen Gustav Adolfs keineswegs konfessionelle Parteinahme: er trieb schwedische Großmachtpolitik und wandte sich gegen die kaiserliche Partei vor allem auch deshalb, weil sie seine Erbfeinde, die Polen, und deren Prätensionen auf den Thron der Wasas unterstützte; außerdem beunruhigten ihn die Pläne Wallensteins, der vom Kaiser zum General des Baltischen Meeres ernannt worden war und alles daransetzte, aus diesem Titel eine Wirklichkeit zu machen. Und dieser selbst hat während seiner ganzen Laufbahn nicht einen Augenblick an die katholische Sache gedacht. Nach der zweiten Schlacht bei Leipzig hindert der protestantische König von Dänemark die Schweden durch seine drohende Haltung an der Ausnützung ihrer Siege. Im Frieden von Prag, der etwa in die Mitte des Krieges fällt, tritt die lutherische Vormacht Kursachen zu den Kaiserlichen über. Und der nun anhebende letzte Abschnitt steht gänzlich unter dem Einfluß Frankreichs, das durch protestantische Fürsten und Feldherren den Krieg gegen die katholische Partei fortsetzt. Das Haupt und der Kopf dieser Politik war ein Kardinal der römischen Kirche, der große Richelieu, der damit das Testament Heinrichs des Vierten vollstreckte, des allerchristlichsten Königs von Frankreich. Nach seinem Tode wurde sein Lebenswerk von Mazarin fortgesetzt und vollendet, der ebenfalls römischer Kardinal war. Nur Ferdinand der Zweite kämpfte für seine »Generalissima«, die Muttergottes; und sein Jugendfreund Maximilian von Bayern war ebenfalls ein papistischer Glaubensstreiter. Aber das Leben schritt über sie hinweg, und schließlich hatte jedermann vergessen, woraus der Krieg entsprungen war: Katholiken kämpften im schwedischen, Protestanten im kaiserlichen Heere. So erwies sich das Gesetz der Zeit stärker als beide Parteien: jener Wille zur Säkularisation aller menschlichen Betätigungen und Beziehungen, den wir als das Wesen der Reformation erkannt haben, ergreift auch die katholische Welt. Und während noch im sechzehnten Jahrhundert konfessionelle Überzeugungen und Leidenschaften in der Seele der Menschen eine solche Alleinherrschaft innehatten, daß sie alle nationalen, sozialen, patriotischen Erwägungen und Gefühle verdrängten, ereignet sich nun genau das Umgekehrte: ganz Europa ist völlig politisiert, säkularisiert, rationalisiert. Das Mittelalter ist zu Ende. Die Vorbarocke Der erste Abschnitt der eigentlichen Neuzeit, der demnach etwa gleichzeitig mit dem Dreißigjährigen Krieg einsetzt, reicht ungefähr bis zum Jahre 1660 und läßt sich als eine Art »Vorbarocke« bezeichnen: das neue Weltbild tritt in teils noch allzu groben, teils noch allzu blassen Zügen langsam ins Blickfeld. Es ist eine Ära der Vorbereitung, in der gleichsam der provisorische Entwurf, die erste Skizze, das Brouillon des Barockmenschen konzipiert wird. Der Anfang der sechziger Jahre macht hier eine ziemlich deutliche Zäsur. Nach dem Tode Cromwells erfolgt 1660 die Restauration der Stuarts; nach dem Tode Mazarins gelangt 1661 Ludwig der Vierzehnte zur selbständigen Regierung. 1660 stirbt Velasquez, 1662 Pascal. Diese vier Daten, um die sich zahlreiche zweiten Ranges von ähnlicher Bedeutung gruppieren, schließen eine geschichtliche Etappe ab und eröffnen eine neue. Die Staatsraison Der politische Zentralbegriff dieses Zeitraums, in dem der Absolutismus heranreift, ist die Staatsraison, die ratio status , von der der deutsche Satiriker Moscherosch sagt: »Ratio status ist ihrem Ursprünge nach ein herrlich, trefflich und göttlich Ding. Aber was kann der Teufel nicht tun? Der hat sich auch zur Ratio status gesellt und dieselbe also verkehrt, daß sie nun nichts mehr als die größte Schelmerei von der Welt ist, daß ein Regent, der rationem status in Acht nimmt, unter derselben Namen frei tun mag, was ihm gelüstet.« Und in einer anderen zeitgenössischen Schrift heißt es: »Es ist ein Augenpulver oder Staub, welchen die Regenten den Untertanen in die Augen sprengen; es ist eins der vornehmsten Kunststücklein, den Pöbel in Ruhe zu halten.« Die führende politische Person wird der allmächtige Staatsminister mit seinen allwissenden Gesandten und Sekretären, der mit allen Ränken, Finten und Finessen der Geheimdiplomatie vertraut ist; an die Stelle des Hoftheologen tritt der Hofjurist, während jener, soweit ihm noch ein bestimmender Einfluß geblieben ist, sich durch besonders gehässige Intoleranz hervortut, und zwar am stärksten im lutherischen Lager und mit gleicher Erbitterung gegen die helvetische und die römische Lehre. Der kursächsische Hofprediger von Hohenegg zum Beispiel äußerte, für die Calvinisten die Waffen ergreifen sei nichts anderes als dem Urheber des Calvinismus, nämlich dem Teufel, Reiterdienste tun; wer nur in der geringsten Einzelheit vom Augsburger Bekenntnis abwich, hieß Synkretist, die furchtbarste Beschimpfung in den Augen der strengen Lutheraner; selbst ein Mann von so echter und persönlicher Frömmigkeit wie Paulus Gerhardt sagte: »Ich kann die Calvinisten quatales nicht für Christen halten«; kurz, es war der Zustand, den Karl von Hase in seiner prachtvollen Kirchengeschichte mit den Worten charakterisiert: »Bei aller Subtilität dachte man doch eigentlich Gott als einen großen lutherischen Pastor, der zur Rettung seiner Ehre mit Fäusten dreinschlägt.« Nur Angelus Silesius, ursprünglich ebenfalls Protestant, später Katholik, macht eine Ausnahme: in seinem »Cherubinischen Wandersmann« entfaltet die deutsche Mystik noch einmal ihre ganze Tiefe und Schöpferkraft. Und sogar dieser reine und starke Geist, der gedichtet hat: »Wer saget, daß sich Gott vom Sünder abewendt, der gibet klar an Tag, daß er Gott noch nicht kennt«, hat in seinen letzten Lebensjahren die Welt mit zelotischen Schriften überschwemmt, worin er den Protestantismus mit demselben engen und harten Fanatismus verfolgte, der diesen so tief herabgewürdigt hatte. Damals erhielt das Wort »politisch« jenen Nebensinn von versiert, gerieben, diplomatisch, weitläufig, den es noch heutigentags in der Volkssprache besitzt. Ein »politischer Kopf«: das war einer, der sich darauf verstand, alle Mitmenschen geschickt zu behandeln und zu gebrauchen, alles pfiffig zu seinem Vorteil zu wenden, sich in alle Verhältnisse charakterlos einzuschmeicheln, kurz, jene Gaben zur Geltung zu bringen, mit denen man in der Welt zu allen Zeiten Karriere zu machen pflegte. Unter »Politesse« hinwiederum verstand man die Kunst der abgeschliffenen Manieren, des schmiegsamen Verkehrs, der flüssigen Konversation: ebenfalls lauter Mittel, in den höheren Kreisen vorwärtszukommen. Auch einige andere Worte erhalten in bezeichnender Weise einen neuen Sinn: was allen gemein ist, nennt man nun gemein ; als gesittet gilt, wer sich höflich , hofmäßig benimmt; schlecht , bisher gleichbedeutend mit schlicht, gerade, heißt jetzt so viel wie gering. Germanische und romanische Kultur Obgleich sich die damaligen Menschen auf ihre gesellschaftlichen Formen und Fertigkeiten besonders viel zugute taten, war doch das deutsche Leben niemals loser, lockerer, unbeherrschter als gerade zu jener Zeit. Eine wirkliche Gesellschaft, wie sie die romanischen Völker fast immer besaßen, hat ja in den germanischen Ländern niemals bestanden, und am wenigsten in Deutschland. Niemals gab es auf deutschem Boden einen allgemeinen Schönheitsstil des öffentlichen Lebens, eine allgemeine Kunst des Betragens, der Urbanität, der Unterhaltung, eine allgemeine Reinheit und Gefälligkeit der Rede, der Schrift, des Geschmacks. Dieser vielgerühmte Vorzug der Romanen hat jedoch auch seine Schattenseiten: er ist begründet in einem Mangel an innerer Freiheit und Individualität. Hohe Gesamtkultur setzt annähernde Gleichförmigkeit der Menschen voraus, nämlich den gemeinsamen Willen, sich auch im Geistigen gewissen Konventionen, Traditionen, Gesetzbüchern, Reglements zu unterwerfen. Hieraus ergibt sich nun ein bemerkenswerter Gegensatz zwischen den germanischen und den romanischen Kulturen. In Italien, in Spanien, in Frankreich herrscht ein höherer Kollektivgeist und dementsprechend gibt es dort kaum die Erscheinung des verkannten Genies; aber dafür sehen wir das Genie dort nicht so oft über die ganze Menschheit hinausragen wie in England, Deutschland, Skandinavien. Diese Länder besitzen ein tieferes Gesamtniveau, ihre großen Geister werden überaus langsam, nicht selten erst nach ihrem Tode begriffen; aber Erscheinungen von allerhöchstem Range wird man auf romanischem Boden weniger häufig begegnen. Und ebenso schwer wird sich dort ein Großer finden lassen, der auf sein eigenes Volk herabgeblickt, sich in seinem Vaterlande wie im Exil gefühlt und seine Versteher im Ausland gesucht hätte, was aber bei den germanischen Genies fast die Regel ist: man denke an Friedrich den Großen, Schopenhauer, Nietzsche, Händel, Beethoven, Strindberg, Ibsen, Shaw, Byron und viele andere. Dante blieb auch verbannt sein Leben lang Florentiner, Voltaire blickte Tag und Nacht aus seinem Schweizer Asyl sehnsüchtig nach Frankreich, Descartes hat in seiner freigewählten »holländischen Einsiedelei« immer nur für seine Pariser Freunde meditiert, Victor Hugo hat auf Guernsey nur für Frankreich und über Frankreich geschrieben, und überhaupt niemals wäre irgendein italienischer, spanischer, französischer Künstler oder Denker auf den für ihn wahnwitzigen Gedanken gekommen, für etwas anderes leben und schaffen zu wollen als für sein Land, seine Hauptstadt, sein Volk, seine Kultur. Dies alles kommt aber eben daher, daß, wie wir schon im Abschnitt über die italienische Renaissance hervorgehoben haben, bei den Romanen der große Mann der zusammengefaßte Ausdruck, die Essenz seines Volkes ist, bei den Germanen aber nicht. Wie aber in Natur und Geschichte nach dem großen Gesetz der Aktion und Reaktion scheinbare Schädigungen und Attacken immer wieder ausgeglichen, ja überkompensiert werden, so steigert sich auch in diesem Falle das Genie bisweilen gerade durch den stumpfen oder aggressiven Widerstand der Umwelt zu Kraftleistungen, die es sonst nirgends erreicht. In Descartes, Calderon, Balzac, Verdi kulminiert die Rasse, in Kant, Shakespeare, Goethe, Beethoven die Menschheit. Das »alamodische Wesen« Es versteht sich von selbst, daß in jener sterilsten Periode, die Deutschland erlebt hat, alle entscheidenden Anregungen in Literatur, Kunst, Luxus, Sitte vom Ausland kamen. Das Ideal der Zeit war der homme du monde , auch homme de cour , honnête homme, monsicur à la mode genannt. Man bezeichnete daher das ganze Treiben mit Vorliebe als »alamodisches Wesen«. Der stärkste fremdländische Einfluß kam aber damals noch nicht von Frankreich, sondern von Holland: die »Kavaliertour« ins Ausland, die für jeden, der mitreden wollte, unerläßlich war, ging zumeist nach den Niederlanden. Andrerseits klagt schon Moscherosch sehr drastisch über die allgemeine Französierung: »O ihr mehr als unvernünftigen Nachkömmlinge! Welches unvernünftige Tier ist doch, das, um andern zu gefallen, seine Sprache und Stimme änderte? Hast du je eine Katze, dem Hunde zu gefallen, bellen, einen Hund der Katze zu Lieb mauchzen hören? Nun sind wahrhaftig in ihrer Natur ein teutsches festes Gemüt und ein schlüpfriger welscher Sinn anders nicht als Hund und Katze gegen einander geartet und gleichwohl wollet ihr, unverständiger als die Tiere, ihnen wider allen Dank nacharten? Hast du je einen Vogel blärren, eine Kuh pfeifen hören?« Die Briefsprache der Adeligen ist bereits durchwegs französisch. Und von Adel war eigentlich jedermann. Denn es war ungemein leicht, sich den Adelstitel zu verschaffen, entweder durch Kauf oder durch Verdienste um irgendeinen kleinen Duodezfürsten. Dieser »Briefadel«, der vom Uradel ebenso heftig wie erfolglos angefochten wurde, umfaßte schließlich alle oberen Zehntausend: von hier datiert die in Österreich bis in unsere Tage festgehaltene Sitte, jeden gutangezogenen Menschen mit »Herr von« anzureden; noch weiter ging man in Italien, wo man jeden Angehörigen der besseren Gesellschaft zum Marchese beförderte. In diesem Streben nach äußerer Nobilitierung bei fortdauernder innerer Vulgarität kündigt sich der Servilismus an, der bald zur hervorstechenden Signatur des sozialen Lebens werden sollte. Die »Reputation«, die »Honnêteté« gilt nunmehr als alleiniger Wertmesser, und ihre Reversseite ist die »Fuchsschwänzerei«, das Kriechen vor dem Hof, der Bürokratie und jedem, der eine Staffel höher steht. Die Kunst des artigen Benehmens und der wohlgesetzten Rede lehrten ganz grob und mechanisch die »Komplimentierbücher«, und was die Franzosen schon damals leicht, anmutig und natürlich trafen, suchte man in Deutschland auf eine sehr plumpe, philiströse und abgeschmackte Weise nachzuahmen. Vor allem huldigt jedermann einem affektierten und in dieser Winkelwelt höchst deplaciert wirkenden Aristokratismus. Das Degentragen wird allgemein: als man es den Studenten in Jena verbot, machten sie den Witz, sich die Degen auf Karren nachfahren zu lassen. Für besonders vornehm galt auch der möglichst häufige Gebrauch des Zahnstochers. Die Konversation war trotz allen diesen Edukationsmitteln höchst trocken und langweilig; in größeren Gesellschaften herrschte die geistlose Methode, ein bestimmtes Thema aufzuwerfen und jeden der Reihe nach seine Ansicht sagen zu lassen; Rede und Gegenrede bestanden zumeist im Austausch einstudierter hochtrabender Redensarten, bei denen niemand etwas dachte oder empfand. Lernte ein Jüngling ein Mädchen kennen, so war sie sogleich eine Pallas Athene, anbetungswürdige Göttin und »hochtugendselige Nymphe«; bei der Verlobung gehörte es zum guten Ton, daß beide Teile einander in endlosen stereotypen Phrasen versicherten, daß sie dieser Ehre nicht würdig seien. Unter diesem betonten Formalismus gewannen die geringfügigsten Umstände eine ungeheure Wichtigkeit. Ein großes Problem war es, ob man einem bestimmten Gast ein Taburett oder einen Fauteuil zum Sitzen anbieten solle, jahrelang wurde darüber gestritten, ob die Kutschen der höheren Gesandten, auch wenn sie leer seien, den Vorrang vor denen der niederen Gesandten hätten, wenn diese in persona darin säßen, und endlose Debatten erfüllten den Reichstag, als die fürstlichen Gesandten den kurfürstlichen das Recht bestritten, als einzige ihre Stühle auf den Teppich des Konferenzsaals zu stellen, bis schließlich entschieden wurde, daß es ihnen gestattet sein solle, wenigstens die Vorderfüße ihrer Sessel auf die Fransen des Teppichs zu setzen. Schon in der merkwürdig verschnörkelten, wie aus lauter Initialen zusammengesetzten Schrift zeigt sich der Charakter der Zeit, ebenso in den Adressen und Briefköpfen: die einfache Anrede »Herr« genügte nicht mehr, man schrieb: »dem hochwohlgeborenen Herrn Herrn«, und die offizielle Adresse des Reichskammergerichts zu Wetzlar lautete: »Denen hoch- und wohlgeborenen, edlen, festen und wohlgelahrten, dann respektiven hochgebornen, hoch- und wohledelgebornen, respektive Ihro kaiserlichen und königlichen katholischen Majestät verordneten wirklichen geheimen Räten, dann des löblich kaiserlichen und Reichskammergerichts zu Wetzlar fachverordneten Kammer-Richter-Präsidenten und Beisitzern, unseren besonders lieben Herren und lieben Besondern, dann hochgeehrtest auch respektive freundlich vielgeliebten und hochgeehrten Herren Vettern, dann hoch- und vielgeehrten wie auch weiteres respektive insonders hochgeneigt und hochgeehrtesten Herren.« Die Freude am Fremdklingenden und Aufgedonnerten zeigt sich auch in der Latinisierung der Namen, die, früher nur von den Humanisten geübt, jetzt allgemeine Mode wird. »Es will keiner mehr Roßkopf heißen, sondern Hippocephalus, nicht Schütz, sondern Sagittarius«, sagt Moscherosch, und damals sind jene vielen Textor, Molitor, Faber, Sartorius entstanden, die ursprünglich ganz schlicht Weber, Müller, Schmidt und Schneider hießen. Der Trompeter von Säckingen Auf das Kostüm hat zunächst natürlich der Krieg eingewirkt. Die spanische Tracht, deren gepreßte Steifheit wir im vorigen Buche kennengelernt haben, war für Soldaten unbrauchbar; da aber in jener Zeit überhaupt das Militär den Ton angab, so wurde die Kleidung allgemein bequemer, handfester, kriegerischer: man trägt weite sackartige Hosen, hohe sporenklirrende Kanonenstiefel, mächtige Stulpenhandschuhe, große herausfordernde Filzhüte mit wippender Feder und breiter, auf einer Seite aufgeschlagener Krempe, flache weiße Umlegkragen und den Degen im rasselnden metallbesetzten Bandelier: es ist im wesentlichen das Kostüm, das noch heute die Chargierten der Studentenverbindungen bei festlichen Anlässen anzulegen pflegen, außerdem jedermann bekannt aus den billigen und süßen Buntdrucken, die die achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Form von Romanen und Opern produziert haben und deren berühmtestes Exemplar wohl Neßlers »Trompeter von Säckingen« sein dürfte. Es ist bemerkenswert, wie es die verklärende Macht des historischen Rückblicks hier verstanden hat, eine der rohesten, poesielosesten und banalsten Kulturperioden mit dem Schimmer der Romantik zu umkleiden. Das Haar, das infolge der spanischen »Mühlsteinkrause« notgedrungen kurz war, trägt man nun wieder in langen freien Locken, den Schnurrbart hochgezwirbelt und dazu anfangs noch den Knebelbart, der aber im Laufe des Krieges aus der Mode kommt. Auch hier ist der entscheidende Gesichtspunkt das Provokante, Schneidige, Martialische; um diese Wirkung möglichst vollkommen zu erreichen, bediente man sich schon damals der Schnurrbartbinden und dunkler Färbemittel, die den drohenden finsteren Eindruck unterstreichen sollten: das Ideal ist, mit einem Wort, der Bramarbas, der aber sehr bald zur lächerlichen Figur wird, von Gryphius im »Horribiliscribifax« nicht ohne einen gewissen schleppenden Humor geschildert, in der französischen Literatur durch die Figur des capitaine Rodomont verewigt, dessen Geburtsort nach Spanien, dem Lande der größten Renommisten und Scharfmacher, verlegt ist, und schließlich der commedia dell'arte als die stehende Maske des capitano einverleibt, dessen Aussehen und Wesen die genaue Karikatur des damaligen Typus ist: er hat einen Bart wie ein Luchs, einen riesigen Stoßdegen, handgroße Sporen und einen schreckenerregenden Federhut und spricht ununterbrochen von Krieg, Duellen, verführten Weibern und abgehauenen Gliedmaßen; in Wirklichkeit interessiert er sich aber nur für Küchengerüche und Weinflaschen und macht sich bei dem geringsten verdächtigen Geräusch aus dem Staube. Die Damen trugen Korsetts mit Stahlschienen, verzichteten aber auf den Reifrock, der einem weiten faltenreichen Schoß weicht: dafür wurde es Mode, mehrere verschiedenfarbige Unterröcke übereinander zu tragen. Das Haar wurde ähnlich wie das männliche getragen, nur in Lockenbündel geteilt und rechts und links über die Ohren fallend. Übrigens wechselte die Frisur in ihren Einzelheiten, in der Anordnung der Stirn- und Schläfenlöckchen und des Scheitels, ungemein rasch, und ebenso die Barttracht der Männer: der Schnurrbart ist zuerst mächtig und ausladend, später nur eine dunkle Linie auf der Oberlippe, schließlich besteht er bloß aus zwei Punkten rechts und links von der Nase. Die Gestalt des Huts änderte sich fast alle Vierteljahre; er sieht abwechselnd aus wie ein Buttertopf, ein Holländerkäse, ein Zuckerhut, ein Kardinalshut. Auch die Farben sind großen Wandlungen unterworfen: anfangs werden die starken und lärmenden bevorzugt, später die zarten und gebrochenen wie bleu-mourant und Isabelle. Eine ebenso große Vielfältigkeit zeigten die Knöpfe, Tressen und Rosetten in ihren oft abenteuerlichen und aufdringlichen Formen und die reichen Spitzeneinfassungen am Kragen und an den Stiefelschäften. Tabak und Kartoffel Zwei andere Modeartikel, wenn man sie so nennen kann, fanden damals in Deutschland ebenfalls Verbreitung: der Tabak und die Kartoffel. Die »Tartuffelfrucht«, von der man zuerst glaubte, das Eßbare an ihr sei die Samenkapsel, wurde von Walter Raleigh nach Irland gebracht, wo sie zuerst wenig Beachtung fand, später aber das bevorzugte und leider nicht selten alleinige Volksnahrungsmittel wurde. In Frankreich galt sie lange Zeit nur als Leckerbissen, was sie ja auch tatsächlich ist. In Deutschland bürgerte sie sich durch die Not des Krieges rascher und widerstandsloser ein als anderwärts, und seither ist sie infolge ihrer Nahrhaftigkeit (obgleich sie bei ihrem relativ großen Stärkegehalt fast gar kein Eiweiß besitzt und daher nur als Zusatzgericht in Betracht kommt), ihres leichten Anbaus und ihrer unerschöpflichen Küchenverwendbarkeit die Lieblingsspeise des Deutschen geworden, die für ihn dieselbe Bedeutung hat wie die Feige für den Kleinasiaten, der Reis für den Japaner und die Tomate für den Italiener. Das »Tabakessen«, wie man das Kauen, das »Tabaktrinken«, wie man das Rauchen damals nannte, und das Schnupfen, das als die feinste Form des Tabakgenusses galt, gelangte von England über Holland und Frankreich nach Deutschland, wo die Pfeife bald zum unentbehrlichen Inventarstück des Soldaten, Studenten und Stutzers wurde und selbst von den Damen geschätzt zu werden begann. Natürlich bemächtigten sich sogleich die Satiriker in ihrer groben und salzlosen Art des aktuellen Themas, während die Ärzte die Krankheiten, die Prediger die Höllenstrafen schilderten, die die neue Unsitte im Gefolge habe; mit dem Erfolg, den solche Warnungen vor modischen Vergnügungen zu allen Zeiten gehabt haben. Urban der Achte erließ gegen das Schnupfen sogar eine Bulle, und in Rußland kam man auf den liebenswürdigen Gedanken, es dadurch zu verhindern, daß man seinen Anhängern die Nase abschnitt. Aber schon während der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts gab es in Europa Tabakkulturen und allenthalben »Tabagien«, besondere Lokale, wo man alle nötigen Einrichtungen vorfand, mit deren Hilfe man das begehrte Kraut ungestört essen, trinken und wieder von sich geben konnte. Und sehr bald versöhnte sich auch der strenge Absolutismus mit dem neuen Höllenlieferanten, indem er ihn durch Steuern und Monopole zu einer sehr ergiebigen Finanzquelle machte. Die Poeterey Ungehobelt und verschnörkelt, lärmend und koloriert, eine Mischung aus Roheit und Geziertheit ist auch die Literatur jener Periode. Zur Reinigung der Sprache von den zahlreichen spanischen, italienischen und französischen Brocken wurden zwei große literarische Vereine gegründet: 1617 die Fruchtbringende Gesellschaft oder der Palmenorden, 1644 die Pegnitzschäfer oder der Gekrönte Blumenorden; aus dem Kreise des letzteren ging der berühmte Nürnberger Trichter hervor: »Poetischer Trichter, die Teutsche Dicht- und Reimkunst in sechs Stunden einzugießen.« Aber der Purismus, den diese Reformer so eifrig betrieben, war nichts als gewendete Kauderwelscherei. Der rabiateste von ihnen, Philipp von Zesen, begnügte sich nicht damit, alle Fremdwörter zu exkommunizieren, sondern wollte auch den griechischen Göttern nicht ihre ehrlichen Namen lassen, indem er Pallas in Kluginne, Venus in Lustinne, Vulkan in Glutfang verdeutschte, und duldete nicht einmal gute deutsche Lehnwörter, indem er Fenster in Tageleuchter, Natur in Zeugemutter und sogar Kloster in Jungfernzwinger übersetzte: eine besonders grausame Maßregel, durch die die ohnehin schon durch ihre Lehnwortbenennung kompromittierten Mönche auf die Straße gesetzt werden. Die Poesie ist von einer gedankenlosen und kunstlosen Bildermechanik beherrscht; sie wird zu einer Art kindischem primitiven Mosaik- und Legespiel. Es bildete sich nämlich eine Dichterei heraus, die für jede Vorstellung eine bestimmte Vokabel als die »poetische« einsetzt und zu jedem Substantivum ebenso automatisch bestimmte Beiwörter als die »schmückenden« hinzutut: eine nur fürs Auge berechnete, konventionelle und äußerliche, leere und gefallsüchtige, im toten Arrangement von Farben, Finessen und Falten aufgehende Wortschneiderei. Die Reimpaare Hans Sachsens und der Meistersinger, für den damaligen noch wenig differenzierten Seelenzustand eine sehr adäquate Ausdrucksform, werden verpönt und als »Knüttelverse« verhöhnt; der französische Alexandriner, im Deutschen ganz unmöglich, stelzt und stolziert wie ein klappernder Storch daher. Die hölzerne Gravität und Wichtigtuerei, verbunden mit der Sucht, durch Überschwang und gemachte Exaltiertheit um jeden Preis Eindruck zu erwecken, hat zur Folge, daß die Produkte jener Zeit für uns großenteils zur humoristischen Literatur gehören. Bei Lohenstein schildert zum Beispiel der Held seine Gemütsverfassung in folgendem Monolog: O hätte je mein Blut des Sinans Durst gestillet! O hätt' ich meine Seel' im Würgen ausgebillet! O war' ein gifftig Pfeil durch Lung und Herz geschlippt! O hätt' ein Persisch Beil mir Hals und Stirn zerkippt! und einer der Pegnitzschäfer besingt den Frühling mit den poetischen Versen: Im Lentzen da glänzen die blumigen Auen, Es grünet das Feld, Es lachet die Welt, Der Gärtner löst Geld. Eine allenthalben aufgeklebte Gelehrsamkeit erhöht noch diese skurrile Wirkung und nimmt der Dichtung den letzten Rest von Ursprünglichkeit. Gryphius nennt daher die einzelnen Teile seiner Theaterstücke mit Recht »Abhandlungen«. Er war ein Nachahmer Senecas, der selber schon ein kalter akademischer Epigone war, und von diesem hat er, wie die ganze Dramatik seiner Zeit, den Hang für das Ungeheuerliche und Gräßliche, den rohen Zirkuseffekt. In den »Mordspektakeln«, die, wie schon der Titel sagt, nichts waren als eine Aneinanderreihung von wüsten und absurden Blutszenen, ist der banausische Realismus auf die Spitze getrieben. Wenn der Held sich umbringen mußte, so rannte er zu diesem Zweck mit Vorliebe den Kopf gegen die Wand, weil das am greulichsten war, wozu die Regiebemerkung zu lauten pflegte: »Er fellt in Verzweiflung, laufft mit dem Kopf an die Wand, daß das Blut unter dem Hut herfür dringet, welches mit einer Blase wohl gemacht werden kan.« Von Mars wird verlangt, er solle auftreten »herausbrausend mit Trommelschall und Büchsenknall, mit einem blutigen Degen in der Faust, brüllend und das Maul voll Tabakrauch, den er herausbläset«. Vossius, einer der berühmtesten holländischen Gelehrten, der in allen Fragen der Kunst und Wissenschaft für ein Orakel galt, schlug sogar vor, man solle in der Tragödie wirkliche Verbrecher hinrichten lassen. Die Komödie beherrschte der »Pickelhering«, der niederländische Ableger des englischen Clowns und Vorläufer des deutschen Hans Wurst, durch ein stehendes Repertoire ebenso alberner wie ordinärer Späße, die ihren Höhepunkt erreichten, wenn er die Hosen verlor. Im übrigen behandelte die Komödie nach Opitzens Einteilung »schlechtes Wesen und Personen, Hochzeiten, Gastgebote, Spiele, Betrug und Schalkheit der Knechte, ruhmrätige Landsknechte, Buhlersachen, Leichtfertigkeit der Jugend, Geitz des Alters, Kupplerey und solche Sachen, die täglich unter gemeinen Leuten vorlaufen«, während die Tragödie »Totschläge, Verzweiffelungen, Kinds- und Vatermorde, Brand, Blutschande, Krieg, Aufruhr, Klagen, Heulen, Seufzen« zum Inhalt hatte. Dieser Opitz, schon deshalb allgemein verhaßt, weil mit ihm auf der Schule die Tortur der Jahreszahlen und Büchertitel anhebt, von seinen Zeitgenossen als princeps poetarum Germaniae gefeiert, war in der Tat nicht mehr als der Häuptling dieser Gilde von ledernen, eingebildeten und blutarmen Pedanten, und auch die geistvolle und tiefdringende Ehrenrettung, die Gundolf erst jüngst an ihm versucht hat, vermag wohl die Kenntnis seiner psychologischen Anatomie zu verfeinern und zu verdeutlichen, dürfte aber im übrigen sein schlechtes Renommee kaum aus der Welt schaffen. Er war, und daher wahrscheinlich die Treue, mit der die Schulmeister noch heute an ihm hängen, in erster und letzter Linie ein Präzeptor: er zeigte, theoretisch und praktisch, wie man dichten müsse, worunter er eine Art ergötzlicher Belehrung verstand (die aber bei ihm nur insoweit ergötzt, als sie unfreiwillig belustigt); er war also ein doppelter Schulmeister: ein Lehrer des Lehrens. Da aber den wirklichen Dichtern zu allen Zeiten beides gleichermaßen zuwider gewesen ist: sowohl Lehrer zu haben wie Lehrer zu sein, so müssen wir in ihm einen der vollkommensten Antipoden erblicken, die jemals in die Poesie hineingeredet haben. Für die Geschichte der deutschen Sprache und Metrik mag er eine gewisse Bedeutung haben; für die Geschichte der europäischen Kultur besteht keine Veranlassung, sich mit dieser Panoptikumfigur näher zu befassen. Comenius Auch auf den übrigen Wissenschaftsgebieten herrschte derselbe starrsinnige intransigente Doktrinarismus. An den Universitäten wurde der Theolog auf die Dogmen vereidigt, der Jurist auf das Corpus iuris, der Philosoph auf den Aristoteles. Eine Gestalt wie die des großen Pädagogen Comenius sucht in dieser Zeit vergeblich ihresgleichen. Es klingt wie eine Rede aus einer anderen Welt, wenn er fordert, daß der Mensch sich nicht von fremder, sondern von eigener Vernunft leiten lassen solle, daß er die Kenntnis der Dinge nicht aus den Büchern, sondern aus den Originalen schöpfen müsse: aus dem Himmel, der Erde, den Eichen und Buchen, allen den Gegenständen, die ihm täglich leiblich vor Augen stehen, daß immer zuvörderst die Sache zu kommen habe und dann erst der Begriff, daß das A und O der Pädagogik nicht die Bibel sei, sondern die Natur. Sein Ideal war die »Pansophia«, eine Synthese aus Frömmigkeit und Naturkenntnis, die alle christlichen Sekten unter der freien Gläubigkeit wissender Humanität vereinigen sollte. Die Naturwissenschaft Nur auf dem Felde der Naturforschung hat auch Deutschland Bedeutendes hervorgebracht. Der Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke erfand die Luftpumpe, das Manometer, die Elektrisiermaschine, das Wasserbarometer und wies nach, daß im luftleeren Raum das Feuer verlischt, Tiere nach kurzer Zeit sterben, der Schall sich nicht fortpflanzt, hingegen das Licht ungehindert weitergeleitet wird; dem fränkischen Arzt Johann Rudolf Glauber gelang die Darstellung des Salmiaks und des schwefelsauern Natrons, das nach ihm Glaubersalz genannt wird und noch heute als Blutreinigungsmittel Verwendung findet; auch sind beide dadurch bemerkenswert, daß sie sich dem Verständnis des Polaritätsphänomens näherten, indem Guericke zeigte, daß gleichnamig elektrisierte Körper sich abstoßen, und Glauber den Begriff der chemischen Verwandtschaft aufstellte, die sich gerade bei verschiedenartigen Stoffen am stärksten äußert. Überhaupt läßt das siebzehnte Jahrhundert schon in dieser seiner ersten Hälfte allenthalben erkennen, daß wir uns dem klassischen Zeitalter der Naturwissenschaften nähern. Die beiden bedeutendsten Forscher dieser Periode sind der Italiener Torricelli und der Engländer Boyle. Evangelista Torricelli bearbeitete mit großem Erfolg ein bis dahin noch wenig beachtetes Gebiet der Physik, die Dynamik der Flüssigkeiten, wobei er unter anderem das hochwichtige Gesetz entdeckte, daß ein Strahl, der aus einem gefüllten Behälter heraustritt, immer die Form der Parabel annimmt und eine Ausflußgeschwindigkeit besitzt, die der Quadratwurzel aus der Druckhöhe proportional ist. Robert Boyle, dem seine Landsleute den Beinamen »the great experimenter« verliehen, kann als der Begründer der modernen Chemie angesehen werden. Sein Hauptwerk, der »Chymista scepticus« ist, wie schon der Titel andeutet, eine Ablehnung der bisherigen chemischen Methoden. »Die Chemiker«, sagt er darin in der Vorrede, »haben sich bisher durch enge Prinzipien leiten lassen, die der höheren Gesichtspunkte entbehrten. Sie erblickten ihre Aufgabe in der Bereitung von Heilmitteln und in der Verwandlung der Metalle. Ich habe versucht, die Chemie von einem ganz andern Gesichtspunkte zu behandeln, nicht als Arzt, nicht als Alchimist, sondern als Naturphilosoph.« Chemie ist für ihn Erkenntnis der Zusammensetzung der Körper. Er definierte zum erstenmal mit voller Klarheit den Begriff des Elements, machte Untersuchungen über die Bestandteile der Luft und das Verhältnis zwischen Druck und Volumen bei Gasen und wies nach, daß beim Rosten der Metalle eine Gewichtszunahme stattfindet. Neben ihm wirkte William Harvey, der den doppelten Blutkreislauf entdeckte und den Satz aufstellte: »Omne animal ex ovo.« Auf dem Gebiet der praktischen Mechanik: des Schiffsbaus, des Festungsbaus, des Kanalbaus exzellierte Holland, das überhaupt in jenem Zeitraum die wirtschaftliche und kulturelle Führung innehat. Die Vorherrschaft Hollands Der kühne und opfervolle Kampf der Niederländer gegen die spanische Despotie hatte mit der vollen Anerkennung ihrer Unabhängigkeit geendet. Nun hatte dieses Volk endlich die Freiheit, seine ebenso bewundernswerten wie unsympathischen Gaben voll zu entfalten. Die Holländer sind das erste große Handelsvolk der Neuzeit. Sie erinnern in ihrem harten und platten Materialismus, ihrem listigen und skrupellosen Erwerbsegoismus und ihrer turbulenten verrotteten Oligarchie an die Phönizier; sie verdankten ihre wirtschaftliche Übermacht ebenso wie diese dem Umstande, daß sie in der Entwicklung des merkantilen Denkens den anderen Völkern voraus waren; und sie konnten ihre Vorherrschaft aus den gleichen Gründen nicht dauernd behaupten: ihrem emsigen und zähen Ringen fehlte es an einer höheren Idee und daher an wirklicher Lebenskraft und außerdem waren sie an Kopfzahl viel zu gering, um auf die Länge die halbe Welt beherrschen und aussaugen zu können. Es war dasselbe Mißverhältnis, das auch die schwedische Großmachtstellung zu einer Episode machte: die nationale Basis war zu schmal. Die Kultur stand damals in Holland zweifellos auf einem höheren Niveau als im übrigen Europa. Die Universitäten genossen internationalen Ruf, besonders Leyden galt als die hohe Schule der Sprachforschung, der Staatswissenschaften und der Naturkunde. In Holland lebten und wirkten Descartes und Spinoza, die berühmten Philologen Heinsius und Vossius, der große Rechtsphilosoph Grotius, von dem wir schon gehört haben, der Dichter Vondel, dessen Dramen in der ganzen Welt nachgeahmt wurden. Die Verlegerdynastie Elzevir beherrschte den Buchhandel Europas, und die Elzevirdrucke, Duodezausgaben der Bibel, der Klassiker und der hervorragenden Zeitgenossen waren wegen ihrer erlesenen Schönheit und Korrektheit in jeder Bibliothek zu finden. Während sonst überall der Analphabetismus noch weit verbreitet war, konnte in Holland fast jedermann schreiben und lesen, und holländische Bildung und Sitte waren so geschätzt, daß man in der höheren Gesellschaft nur für voll galt, wenn man von sich sagen konnte, man sei in Holland erzogen, civilisé en Hollande . Die Kolonisationstätigkeit der Holländer setzt ungefähr gleichzeitig mit dem neuen Jahrhundert ein und erfüllt seine beiden ersten Drittel. Es gelang ihnen sehr schnell, in allen Weltteilen Fuß zu fassen. Sie besetzten an der Nordostküste Südamerikas Guayana und gründeten in Nordamerika Neu-Amsterdam, das spätere New York: noch nach Jahrhunderten galten die holländischen Familien, die »Knickerbockers«, dort als eine Art Aristokratie. Sie breiteten sich als »Buren« an der Südspitze Afrikas aus und importierten von dort den vorzüglichen Kapwein. Ein ganzer Weltteil trug ihren Namen: Neu-Holland, das spätere Australien, das Tasman zum erstenmal umsegelte; er drang aber nicht ins Innere und hielt die später Tasmanien genannte Insel für eine Halbinsel. Auch die Südspitze Amerikas wurde von ihnen zuerst betreten und nach der Geburtsstadt ihres Entdeckers Cap Hoorn genannt. Die größten Erwerbungen machten sie aber auf den Sundainseln: Sumatra, Java, Borneo, Celebes, die Molukken gelangten in ihren Besitz. Sie dehnten sich auch auf Ceylon und in Hinterindien aus und gründeten schon 1610 ihren Hauptstützpunkt Batavia mit seinen prachtvollen Handelsgebäuden: sie beherrschten den ganzen indischen Archipel. Sie besaßen sogar eine Zeitlang Brasilien. Sie haben aber niemals im eigentlichen Sinne kolonisiert, sondern überall bloße Handelsemporien angelegt, periphere Niederlassungen mit Forts und Faktoreien, die lediglich der wirtschaftlichen Ausbeutung des Landes und der Sicherung der Seelinien dienten, und nirgends ist es ihnen gelungen, wirkliche Eroberungen zu machen, wofür, wie gesagt, ihre Bevölkerungsziffer zu niedrig war und sie auch, als ein reines Kaufmannsvolk, gar kein Interesse besaßen. Ihre Hauptausfuhrartikel waren kostbare Gewürze, Reis und Tee, an den man sich in Europa nur langsam gewöhnte: am englischen Hof taucht er erst 1664 zum erstenmal auf, man fand ihn aber nicht sehr schmackhaft, denn er kam als Gemüse auf den Tisch; in Frankreich war er schon ein Menschenalter früher bekannt, doch hatte er auch dort gegen große Vorurteile zu kämpfen; zudem wurde sein Konsum durch die Holländer selbst beschränkt, die im Besitze seines alleinigen Exports die Preise aufs ausbeuterischste in die Höhe trieben. Dies war überhaupt ihr durchgängiges System und sie schreckten dabei vor den infamsten Praktiken wie dem Verbrennen großer Pfeffer- und Muskatkulturen und dem Versenken ganzer Schiffsladungen nicht zurück. Auch ihre heimische Produktion beherrschte durch eine Reihe von Spezialitäten den europäischen Markt. Alle Welt bezog von ihnen die Tonpfeifen, eine Fischerflotte von mehr als zweitausend Fahrzeugen versorgte ganz Europa mit Heringen, Delft war der Hauptsitz der Fayenceindustrie: von hier gingen die beliebten blau-weiß glasierten Krüge, Schüsseln und Eßbestecke, Kacheln, Kamine und Nippesfiguren in alle Windrichtungen. Ein allgemein begehrter Artikel waren auch die Tulpenzwiebeln. Es wurde ein Sport und eine Wissenschaft, immer neue Farben, Formen und Muster dieser prächtigen Blume zu züchten, riesige Tulpenkulturen bedeckten den holländischen Boden und es kam damals vor, daß von Liebhabern oder Spekulanten für eine einzige seltene Spielart der Preis eines Landguts bezahlt wurde. Leute, die rasch reich werden wollten, warfen sich nun auf den Terminhandel, das heißt: sie verkauften kostbare Exemplare, die oft nur in der Phantasie existierten, auf Zeit, indem sie bloß die Differenz zwischen dem vereinbarten und dem am Verfallstage notierten Preis entrichteten. Die Holländer haben überhaupt den wenig ehrenvollen Ruhm, das moderne Börsenwesen mit allen seinen heutigen Manipulationen begründet zu haben. Der große »Tulpenkrach« vom Jahr 1637, der sich aus diesen »Windgeschäften« entwickelte, ist der erste Börsenkrach der Welt; die Aktien ihrer Handelskompanien, besonders der ostindischen, die 1602, und der westindischen, die 1621 ins Leben gerufen wurde, waren die ersten börsenmäßig gebändelten Effekten: in kurzer Zeit stiegen die Kurse auf das Dreifache und die Dividenden bis zu zwanzig Prozent und darüber; die weltbeherrschende Börse von Amsterdam wurde die hohe Schule des Hausse- und Baissespiels. Ferner waren die Holländer während der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts die Zwischenhändler von ganz Europa: ihre Handelsflotte war dreimal so groß wie die aller übrigen Staaten. Und obgleich oder vielmehr weil die ganze Welt auf sie angewiesen war, entwickelte sich gegen sie ein allgemeiner erbitterter Haß, seltsam kontrastierend mit der überschwenglichen Bewunderung, die man ihren Sitten und Einrichtungen entgegenbrachte, und gesteigert durch die brutale Hemmungslosigkeit, mit der sie überall in der Wahrung ihres Vorteils bis zum Äußersten gingen. »Frei muß der Handel sein, überall, bis in die Hölle«, lautete ihr höchster Glaubensartikel. Unter Handelsfreiheit verstanden sie aber nur Freiheit für sich selbst, das heißt: rücksichtslos ausgenütztes Monopol. So war es auch gemeint, wenn Grotius in seinem berühmten völkerrechtlichen Werk »Mare liberum« ausführte, die Entdeckung fremder Länder gebe allein noch kein Recht auf ihren Besitz und das Meer entziehe sich seiner Natur nach überhaupt jeder Besitzergreifung, es sei das Eigentum aller. Da das Meer sich aber tatsächlich im Besitz der Holländer befand, so war diese liberale Philosophie nichts als eine heuchlerische Maskierung ihres wirtschaftlichen Terrorismus. Durch ihn wurden die »Vereinigten Staaten« zum reichsten und blühendsten Land Europas. Es war so viel Geld vorhanden, daß der Zinsfuß nur zwei bis drei Prozent betrug. Aber obgleich das Volk sich natürlich in viel besseren Lebensumständen befand als anderwärts, so hatte doch den Hauptprofit eine verhältnismäßig kleine Oligarchie von harten und dicken Geldsäcken, die sogenannten »Regentenfamilien«, die das Land, da alle leitenden Stellen in der Verwaltung, der Judikatur und den Kolonien aus ihnen besetzt wurden, fast absolutistisch beherrschten und auf den einfachen Mann, den »Jan Hagel«, ebenso geringschätzig herabblickten wie die Aristokratien der anderen Länder. Ihnen stand die Partei der Oranier gegenüber, die nach einem ungeschriebenen Gesetz die erbliche Statthalterwürde innehatten und eine legitime Monarchie anstrebten, aber dabei viel demokratischer dachten als die »Hochmögenden« und daher beim Volk sehr beliebt waren. Um sie scharten sich die großen militärischen und technischen Talente: in ihrem Stab befanden sich die ersten Strategen des Zeitalters; sie erzogen eine Generation von Virtuosen des Festungskriegs, des Kaperkriegs, des Artilleriewesens, der Ingenieurkunst; das von ihnen geschaffene Wassernetz, das ganz Holland überzog, galt für ein Weltwunder; auch waren sie Meister der Diplomatie. Das niederländische Bilderbuch Aber wenn man von der damaligen Kultur Hollands spricht, so denkt jedermann zuerst an die Malerei. Sie wurzelt in dem gesunden Tatsachensinn und vorurteilslosen Weitblick, den der weltumspannende Imperialismus dem ganzen Volke verlieh; aber andrerseits darf man sich nicht vorstellen, daß sie durch ein organisiertes und kunstbewußtes Mäcenatentum wesentlich gefördert wurde. Die Prosa und Trockenheit, Phantasiearmut und Herzensenge, die jedes Kaufmannsregime kennzeichnet, war auch die Signatur Hollands, und das Milieu, in dem diese Kunst aufgewachsen ist, hat ihr jenen Charakter von grandioser Alltäglichkeit aufgedrückt, der sie in den meisten ihrer Vertreter zu einem Phänomen zweiten Ranges macht; wo sie sich zu überlebensgroßen, wahrhaft genialen Schöpfungen erhebt, hat sie es in bitterem Kampf gegen ihr Milieu getan. Die Langweiligkeit, Schwunglosigkeit und rechnerische Korrektheit nüchterner und »ehrbarer« Großkrämer, die sich alles recht »ordentlich« und stattlich wünscht, aber alles »Überflüssige« und »Extravagante« ängstlich vermeidet, zeigt sich am deutlichsten in dem öden Geschäftsstil der Architektur, zum Beispiel am Amsterdamer Rathaus, das lange Zeit für ein Meisterwerk der Baukunst galt. Frans Hals, Ruisdael, Rembrandt, um nur drei der bedeutendsten Künstler zu nennen, starben in Not; und andrerseits hat Belgien fast ebenso viele große Namen aufzuweisen wie Holland. In den meisten Kunstgeschichten werden diese beiden Länder in scharfer Trennung behandelt; doch liegt dazu eigentlich kein zwingender Anlaß vor. Zwar sagte schon Grotius, dem Norden und dem Süden sei nichts gemeinsam als der Haß gegen die Spanier, aber es verhielt sich fast umgekehrt, denn gerade die Ungleichheit des Hasses gegen Spanien, der im Süden viel schwächer war als im Norden, führte zur Teilung in die spanischen Niederlande, die unter habsburgischer Herrschaft blieben und ungefähr dem heutigen Belgien entsprachen, und in die republikanische Vereinigung der nördlichen Provinzen, während im übrigen die Bevölkerung beider Gebiete eine große Ähnlichkeit zeigt. Die nördliche Hälfte Belgiens ist von den Flamen bewohnt, die mit den Holländern in Sprache und Abstammung, Charakter und Lebensauffassung fast vollständig übereinstimmen, und in der Tat: was ist zum Beispiel an den Belgiern Jordaens, Brouwer, Teniers, Snyders nicht holländisch? Die südliche Hälfte ist allerdings von den französisch sprechenden romanischen Wallonen bevölkert, die aber auf die Kunst und Kultur des Landes keinen nennenswerten Einfluß ausgeübt haben. Nur in einem Punkte unterscheidet sich auch der nördliche Teil Belgiens sehr wesentlich von Holland: er ist durchwegs katholisch. Dies ist aber eher ein kunstförderndes Moment gewesen, während der holländische Calvinismus mit seiner puritanischen Prüderie und seiner fast mosaischen Bildlosigkeit des Kultus die Malerei der großen Stoffe beraubte, wodurch sie, auf Porträt, Sittenbild und Naturstudie beschränkt, ein genrehaftes Gepräge erhielt. Wie sehr der philiströse Geist in den Publikumsbedürfnissen vorherrschte, zeigt sich daran, daß man selbst historischen Kompositionen, zu denen doch die Vergangenheit des Landes dringend aufgefordert hätte, nur wenig Interesse entgegenbrachte. Die Kunst Hollands ist rein bürgerlich. Der Bürger will in erster Linie sich selbst gemalt sehen, sich und was ihm das Leben lebenswert macht: seine Familie, seine Geschäfte, seine Festlichkeiten, seine Genüsse. Also: Einzelporträts und Gruppenbilder, auf denen die ganze Verwandtschaft halb schüchtern, halb patzig Modell steht; »Schützenstücke«, auf denen der Spießer Soldat spielt; gravitätische Ratskollegien, Vereinssitzungen, Bankette; protzige Interieurs und verführerische Stilleben mit gemütlichem Hausrat, bunten Topfpflanzen, kostbarem Tafelgeschirr, Weinflaschen, Fischen, Schinken, Wildbret und all den übrigen Dingen, womit dieses Volk von fetten Schlemmern sich das Dasein schmackhaft zu machen wußte. Außer diesen Gegenständen, die sich alle auf der Verlängerungslinie seiner eigenen Persönlichkeit befinden, pflegt den Bürger nur noch die Anekdote zu interessieren: saftig erzählte Familienszenen, Raufereien, Sportberichte, rührende, komische oder schauerliche Charaktergemälde, alles nachdrücklich auf die Pointe gestellt, die man möglichst breit und deutlich ablesen will. Daher kommt es denn auch, daß in Holland jene Maler den größten Publikumserfolg hatten, die fleißig und banal genug waren, ihre Produktion auf einen einzigen Artikel einzustellen: Paul Potter war Spezialist für Rinder, Philips Wouwerman für Schimmel, Melchior d'Hondecoeter für Geflügel, Willem van de Velde für Schiffe, Jan van Huysum für Blumen, Abraham van Beijeren für Austern, Hummer, Früchte, Pieter Claesz für feines Silberzeug. Kurz: die ganze niederländische Pinselkunst ist, einige wenige von niemand verstandene Große ausgenommen, ein einziger großer »Hausschatz« und Bilderbogen, ein Unterhaltungsbuch und Familienalbum. DieMythologie des Alltags Aber andrerseits ist die holländische Genremalerei von einer Alltags verschwenderischen Vielfältigkeit und Fülle, lapidaren Sachlichkeit und Unbeteiligtheit, großartigen Roheit und selbstverständlichen Nacktheit, schäumenden Kraft und schwellenden Fruchtbarkeit, wie sie sonst nur die Natur besitzt. Was ausschließlich geschildert, aber mit einem wahren Heißhunger, einer wilden kochenden Gier geschildert wird, ist das Leben sans phrase, ohne Beschönigung, ohne Moral, ohne Auswahl, ohne Sinn-Interpolation, das Leben als Selbstzweck, ein kurzer selbstgenießerischer Augenblick aufzischender hemmungsloser Vitalität. Kunst hat immer die unwiderstehliche Tendenz zur Potenzierung der Wirklichkeit, zur Ideologie in irgendeinem Sinne. Aber diese Holländer befanden sich in einer sehr unglücklichen Situation. Der konventionelle Idealismus der Vergangenheit, die italienische Tradition war ihnen im Innersten zuwider, und einen neuen eigenen Idealismus aus ihrer Zeit und ihrem Volke hervorzubringen, war ihnen in einer Kulturwelt, deren Protagonisten der Pfaffe und der Krämer waren, gänzlich unmöglich gemacht. So blieb nur das Ventil eines ins Dämonische gesteigerten Naturalismus. Auf diesem Wege kamen sie dazu, den Ewigkeitszug im Niedrigsten, die Symbolik im Trivialsten, das Göttliche im Gemeinen zu entdecken. Sie bewiesen, daß der Mensch auch heroisch fressen, saufen, kotzen, unter die Röcke greifen kann, wenn nämlich gezeigt wird, daß hinter alledem geheimnisvoll und majestätisch die schöpferische Natur thront. Indem sie das Dasein in seiner vollen überwältigenden Lebensgröße wiedergaben, haben sie das Wunder zuwege gebracht, eine Art Mythologie des Alltags zu schaffen. Rembrandt In einsamer Superiorität ragt aus ihrer emsigen lärmenden Schar ein Riese hervor, ihren zur Erde gesenkten Blicken entzogen: Rembrandt. Wie Shakespeare und Michelangelo in ihrem Zeitalter, so steht er in dem seinen: als ein Exilierter und Fremder, dem alle ausweichen und den niemand wirklich kennt. Mit Michelangelo ist ihm die Zeitlosigkeit gemeinsam: er gehört überallhin und nirgendhin, denn er hätte ebensogut hundert Jahre früher leben können, als ein unverstanden schaffender Renaissancemeister, und ebensogut zweihundert Jahre später, als ein Führer des Impressionismus. Mit Shakespeare teilt er die Anonymität, denn er verschwindet völlig hinter seinem Lebenswerk, das in seiner Vieldeutigkeit und Gestaltenfülle das Antlitz seines Schöpfers undeutlich und unbestimmbar macht. Und mit beiden ist er aufs tiefste verwandt durch die Kunst seiner letzten Lebensperiode, die sich völlig ins Transzendente verliert und geheimnisvolle Schöpfungen hervorbringt, auf die so grobe und banale Bezeichnungen wie Realismus und Idealismus nicht mehr passen. Die Kunst, um die er zuerst mühsam rang, mit der er auf der Höhe seines Schaffens souverän spielte, hat er am Ende seiner Erdenbahn völlig durchschaut: in ihrer Leere, ihrer Ohnmacht, ihrer Äußerlichkeit, er weiß jetzt, daß sie nicht das Höchste ist, wie er sein Leben lang glaubte, und sie fällt von ihm ab, Tieferem Platz machend, das sich aber, weil es nicht mehr völlig irdisch ist, menschlichem Fassen entzieht. Rubens Er ist daher ebensowenig ein Ausdruck seiner Zeit gewesen wie Michelangelo und Shakespeare, und wie wir damals die Rolle des representative man einem weit Geringeren zuweisen mußten, nämlich das einemal Raffael, das andremal Bacon, so ist auch hier der Held der Zeit ein viel flacherer Meister gewesen: Peter Paul Rubens. In Rubens ist die trunkene Lebensfreude, die triumphierende Bejahung der strotzenden Gegenwart Farbe geworden, sein Werk ist ein einziger großer Hymnus auf die gesunde Genußkraft, den stämmigen Materialismus des niederdeutschen Menschenschlags. Als Katholik und Flame hat er den doppelten Sieg der Gegenreformation und des holländischen Handels in leuchtenden Tinten, groß ausladenden Kompositionen und olympischen Kraftgestalten koloriert und besungen. Der Mensch, wie er ihn sieht, ist eine Art Halbgott, auf die Erde herabgestiegen, um seine unversieglichen Kräfte spielen zu lassen, niemals krank, niemals müde, niemals melancholisch, auch im zerfleischendsten Kampfe heiter, noch als Lazarus ein Athlet, im Grunde ein prachtvolles Raubtier, das jagt, kämpft, frißt, sich begattet und eines Tages auf der Höhe seiner Kraft brüllend verreckt. Seine Weiber sind niemals Jungfrauen, ja nicht einmal Mütter, sondern fette rosige Fleischstücke mit exemplarischen Becken, Busen und Hintern, nur dazu da, um nach wildem Brunstkampf, der den Genuß nur erhöht, aufs Bett geschmissen zu werden. Eine massive Geilheit nach ausschweifender Lebensbetätigung in jeder Form ist das Grundpathos aller seiner Gemälde; es ist, als läge um sie die süße duftende Brutwärme eines summenden Bienenstocks oder die riesige weiße Samenwolke eines laichenden Heringszugs. Auch in ihrer Form sind sie nur zur Erhöhung des Lebensprunks und der Daseinsfreude gedacht, als farbenglühende Dekorationsstücke, geschmackvolle und phantasiereiche Prachttapeten. Im übrigen ist sein Verhältnis zur antiken Vorstellungswelt, der er seine festlichsten Allegorien entlehnt, ein ganz kühles und akademisches, sie sind sein Ausstattungsvokabular, nicht mehr. Man hat Rubens in den Zeitaltern wirtschaftlichen Aufschwungs immer sehr gefeiert. Aus seiner immer jubelnden, immer sinnenfreudigen Animalität spricht das gute Gewissen, das gute Geschäfte verleihen, spricht die Flachheit des Glücklichen, denn Rubens war Zeit seines Lebens ein Liebling des Glücks, und spricht vor allem jener tiefe Atheismus, der allmählich von Europa Besitz ergreift und zuerst in Holland als dem vorgeschrittensten Lande sein Haupt erhebt. Rubens ist zweifellos einer der irreligiösesten Maler, die jemals den Pinsel geführt haben, und darum wird er auch immer der Abgott aller jener bleiben, die Gott beschwerlich oder überflüssig finden. Aber jedes feinere Gefühl wird sich, wenn es ehrlich gegen sich selbst ist, bei aller Bewunderung für seine Maße, seine Farbengewalt und seine grandiose Gabe, die Hülle des Menschen zu erfassen, zu dem Geständnis zwingen müssen, daß er nichts gewesen ist als ein königlicher Tiermaler und Verherrlicher einer dampfenden Übergesundheit, die ebenso unwiderstehlich wie barbarisch ist. King Charles Die Blüte Hollands war ebenso üppig wie kurz, denn es konnte auf die Dauer nicht ausbleiben, daß die wirklichen Großmächte diesen feisten Parvenü aus seiner unorganischen Vormachtstellung verdrängten. Vor allem England mußte es sehr bald unerträglich finden, daß der ganze Nordseeverkehr und sogar sein eigener Handel sich in fremden Händen befand. Wir erinnern uns, daß dieses Land in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts auf allen Gebieten einen überraschend schnellen Aufschwung nahm und daß diesen Fortschritt auch die Regierung Jakobs des Ersten nicht aufzuhalten vermochte, der, obgleich er einer der beschränktesten, ordinärsten und unfähigsten Menschen und überhaupt die Karikatur eines Königs war, von seinem Gottesgnadentum eine so extreme Auffassung hatte wie wenige seines Standes. Schon in seiner Thronrede sagte er: »Gott hat Gewalt, zu schaffen und zu vernichten, Leben und Tod zu geben. Ihm gehorchen Seele und Leib. Dieselbe Macht haben die Könige, sie schaffen und vernichten ihre Untertanen, gebieten über Leben und Tod, richten in allen Dingen, sind niemand verantwortlich als Gott allein. Sie können mit ihren Untertanen handeln wie mit Schachpuppen, das Volk wie eine Münze erhöhen und herabsetzen.« Sein Sohn Karl der Erste war in vielem sein Gegenteil: klug, liebenswürdig, gesittet, ein vollendeter Kavalier und feinnerviger Förderer der Künste und Wissenschaften. Van Dyck hat den ganzen englischen Hof gemalt: den selbstbewußten eleganten König, die dekorative träumerische Königin, die zarten steifen Prinzessinnen, den anämischen femininen Kronprinzen, eine vornehme dekadente Welt in diskreten absterbenden Farben. Aber Karl besaß eine schlechte Eigenschaft, die alle seine guten aufwog: er war nicht imstande, ein gerades Wort und eine gerade Handlung hervorzubringen. Nach ihm sind die noch heute beliebten King-Charles-Hündchen benannt, sehr blaublütige und sensitive, aber ziemlich falsche und eingebildete Geschöpfe. Einen ebensolchen Charakter besaß der König. Es war schlechterdings unmöglich, mit ihm zu verhandeln, er hinterging und belog jedermann, hielt niemals, was er versprochen hatte, und verdrehte seine eigenen Worte ins Gegenteil. Er war so töricht, zu glauben, es sei die beste Kampfmethode, alle Parteien zu täuschen, um dadurch über alle zu herrschen. Es scheint, daß diese grundsätzliche Doppelzüngigkeit und Wortbrüchigkeit bei ihm nicht bloß in der erblichen Perfidie der Stuarts begründet war, sondern auch in der Überzeugung, der König stehe so hoch über seinen Untertanen, daß ihm ihnen gegenüber alles erlaubt sei. So geriet er immer mehr in ein Netz von Finten und Widersprüchen und verlor schließlich das Vertrauen des ganzen Landes. Es ist aber trotzdem eine tendenziöse Unwahrheit demokratischer Geschichtschreiber, wenn sie behaupten, seine Hinrichtung sei der Wille des Volkes gewesen. Sie erregte allgemeines Entsetzen und war überhaupt keine Hinrichtung, sondern ein politischer Mord, denn sie wurde von einer hiezu nicht befugten Jury ausgesprochen und auch von dieser nur unter Pression. Seine Situation war anfangs nichts weniger als ungünstig. Seine Thronbesteigung wurde von dem größten Teil der Bevölkerung mit Jubel begrüßt, und auch als die Lage anfing, kritisch zu werden, hätte er sich durch eine einigermaßen vernünftige und eindeutige Politik leicht behaupten können. Die Majorität des Parlaments war stets auf der Seite der Monarchie, wenn auch nicht des Absolutismus, und selbst beim niedrigen Volk genossen die Royalisten immer noch mehr Sympathien als die Independenten. Er versuchte aber sogleich, gegen und sogar ohne das Parlament zu regieren. Er machte zum leitenden Staatsmann den Grafen von Strafford, der, getreu seiner Devise » Through! «, mit allen Mitteln der Rechtsbeugung und Gewalt die unumschränkte Despotie durchzusetzen suchte, und zum leitenden Kirchenmann den Erzbischof Laud, der bestrebt war, die anglikanische Kirche der römischen bis zur fast vollkommenen Identität anzunähern, was dem größten Teil der Engländer ein Greuel war. Aber der Aufruhr brach nicht in England aus, sondern bei den Schotten. Durch den unklugen Versuch, die Laudsche Liturgie auch bei ihnen einzuführen, aufs äußerste erbittert, schlossen sie den covenant , einen Bund zum Schutze ihrer religiösen und politischen Freiheiten. Gegen sie sandte Karl ein Heer, das, da das mißtrauische Parlament ihm kein Geld für Truppen bewilligen wollte, durch freiwillige Spenden der königlich Gesinnten aufgebracht worden war. Alsbald traten diesen, die die »Kavaliere« genannt wurden, im ganzen Lande die demokratischen »Rundköpfe« entgegen, anfänglich noch Anhänger einer durch das Parlament beschränkten und kontrollierten Monarchie, später immer mehr zur Republik geneigt. Der Bürgerkrieg war unvermeidlich geworden. Cromwell Und nun reckt sich aus dem Dunkel die eherne Gestalt Cromwells, der an der Spitze seiner »Eisenseiter« wie ein Dampfpflug über das Land fegt und alles niederwirft: König und Volk, Hochkirche und Covenant, Oberhaus und Unterhaus, Iren und Schotten. Man kann nicht sagen, daß es während des Jahrzehnts seiner Regierung eine Partei gab, die ihm unbedingt anhing. Den Royalisten war er als Königsmörder verhaßt, den Republikanern als Vergewaltiger des Parlaments, den Episkopalen als brutaler Fanatiker, den Independenten als lauer Kompromißler, den Großgrundbesitzern als Sozialrevolutionär, den Levellers als Schützer des Kapitals und allen zusammen als Diktator und Tyrann. Er stand vollkommen allein, weil er als genialer Politiker, der er war, überhaupt keinen bestimmten vorgefaßten Standpunkt hatte, sondern immer nur den der jeweiligen Situation und Sache. Er paßte nicht, wie alle die engen und kleinen Geister, die ihn umgaben, die Dinge sich, sondern sich den Dingen an. Mit einem Wort: er wußte immer, als Diplomat, als Organisator, als Stratege, worauf es ankam; und das nahmen ihm die Menschen schrecklich übel. Aber er war in der glücklichen Lage, nicht viel danach fragen zu müssen. Denn durch diese ebenso einfache wie seltene Fähigkeit, mit gesundem Blick den Kern jeder Sache zu ergreifen, besiegte er alle, und obgleich die Cromwellpartei eigentlich nur aus ihm selbst bestand, hat er doch über drei Reiche mit einer Unumschränktheit geherrscht, wie sie kein Plantagenet des Mittelalters besessen hat. Großbritannien hat nur ein einziges Mal einem absoluten König gehorcht: dem Lord-Protektor Oliver Cromwell. Das hatte zunächst einen äußerlichen Grund: er war der einzige Regent, der ein stehendes Heer besaß. Aber der wahre und innere Titel seiner Herrschaft beruhte nicht auf seiner Macht, sondern auf seinem Recht, einem ungeschriebenen, »ungesetzlichen«, von keinem Parlament feierlich anerkannten, durch keinen »Volksvertrag« verbrieften und doch dem gegründetsten, legitimsten, ja einzigen Recht auf Königtum: er war der stärkste, der tapferste, der weiseste und, wenn wir die Dinge von einem höheren Standpunkt betrachten als die demokratische Philistermoral, auch der sittlichste Mann seines Landes. Er selber sagte von sich, er wolle der Nation dienen » not as a king, but as a constable «. Aber ist ein guter Konnetabel nicht der beste König und sogar mehr als ein König? Dieser einfache Landvogt hat für sein Land mehr getan als die rabiatesten Lancasters und Yorks, die schlauesten Tudors, die stolzesten Stuarts: er hat Ordnung in die ganze innere Verwaltung gebracht, Irland pazifiziert, die Handelstyrannei des gierigen Rivalen jenseits des Wassers zerbrochen, ein neues Calais gewonnen, eine der schönsten und reichsten Inseln Westindiens erobert und den festen Grund für die glänzende Zukunft gelegt, die England zur ersten Seemacht der Welt machen sollte. Ja wir werden der Bedeutung Cromwells vielleicht am gerechtesten, wenn wir dem Wort Constable seinen heutigen Sinn beilegen: er war nicht mehr und nicht weniger als der treue und unermüdliche, energische und kluge »Schutzmann« seines Landes. Es ist eine alte historische Tradition, in Cromwell einen der größten Heuchler und Ränkeschmiede zu erblicken, die je gelebt haben, den »Fürsten der Lügner«. Demgegenüber behauptet sein großer Apologet Carlyle, er habe überhaupt niemals in seinem Leben gelogen. Im Grunde haben beide Auffassungen recht. Cromwell hatte in seinem Wesen eine Vorliebe für das englisch Verzwickte, Doppelbödige, Hintergründige, für mehrdeutige, verklausulierte, absichtlich dunkle Reden und insoferne etwas Gewundenes, Verfitztes, Verbogenes, aber sicherlich nichts Verlogenes. Die Position des Engländers zur Wahrheit ist eben, wie wir schon im ersten Buch bei der Betrachtung des cant hervorgehoben haben, keine einfache und einsinnige und ergibt niemals eine reine Lösung. Das Verhältnis der einzelnen Nationen zur »Realität« ist überhaupt ein sehr ungleichartiges. Der Franzose benimmt sich zu ihr wie ein passionierter Liebhaber, der aber in seiner Blindheit sehr leicht zu betrügen ist; der Deutsche behandelt sie wie ein grundehrlicher, aber etwas langweiliger und pedantischer Verlobter; und der Engländer spielt ihr gegenüber den brutalen Ehemann, den Haustyrannen. Der genußsüchtige Franzose will nur das Angenehme, einerlei ob es wahr oder falsch ist, der biedere Deutsche will um jeden Preis die Wahrheit, ob sie angenehm oder unangenehm ist, und der praktische Engländer dekretiert, daß das Angenehme wahr und das Unangenehme falsch ist. Die Puritaner Der englische Cant hat seinen Gipfel in den Puritanern erreicht, die damals England beherrschten. Aus ihnen bestand die Armee, die Verwaltung und sogar das neugeschaffene Oberhaus. Jedermann machte sich so schnell wie möglich aus dem Staube, wenn diese ebenso lächerlichen wie gefährlichen neuen Heiligen erschienen, näselnd, augenverdrehend, kurzgeschoren, schwarzgekleidet, von langsamem Gang und gemessenen Bewegungen, überall Verderbtheit, Gottlosigkeit und Ärgernis witternd. Es war selbstverständlich eine Sünde, zu trinken, zu spielen, zu lärmen; es war aber auch eine Sünde, zu tanzen, ins Theater zu gehen, Liebesbriefe zu schreiben, einen gestärkten Kragen zu tragen, sich das Essen schmecken zu lassen; und sonntags war überhaupt alles eine Sünde. An diesem heiligen Tage war es verboten, ein Beet zu begießen, sich rasieren zu lassen, einen Besuch zu machen, ja sogar zu lächeln; und am Samstag und Montag, die dem Sonntag so nahe benachbart sind, waren solche Dinge zumindest suspekt. Aus dieser übertriebenen Sabbatheiligung spricht der Geist des Judentums; und in der Tat: es fällt schwer, die Puritaner überhaupt noch als christliche Sekte anzusehen; sie stützten sich in fast allem auf das Alte Testament. Sie nannten sich nach den israelitischen Helden, Propheten und Patriarchen, sie durchsetzten ihre Rede mit hebräischen Wendungen, Sprüchen und Gleichnissen, sie fühlten sich als militante Diener Jehovahs, die er berufen habe, die Götzenanbeter, Irrgläubigen und verstockten Kanaaniter mit Feuer und Schwert zu vertilgen. Auch er hatte ja sein Volk durch Plagen und Strafen zum rechten Glauben gezwungen und Schrecken und Vernichtung unter den Abgefallenen verbreitet. Die Streiter Gottes, das auserwählte Volk waren sie, die rechtgläubigen Puritaner, und jedes Mittel der List, Gewalt und Grausamkeit war erlaubt zum guten Endzweck: der Niederwerfung der Heiden und der Aufrichtung der Theokratie. Ihr Gott ist der Gott Mosis, ein Gott der Rache, des Zornes, der erbarmungslosen Gerechtigkeit und eifervollen Demütigung der Sünder. Und wiederum rächte sich die unglückliche Verkuppelung der Evangelien mit dem Judenbuche, von der wir schon sprachen, an einem Teile der Christenheit. Die Quäker Nur ein Zweig des Puritanismus kann zum Christentum gezählt werden: die unter dem Spottnamen »Quäker« oder Zitterer bekannte Gesellschaft der Freunde des Lichts, die sich in Pennsylvanien am Delaware ausbreitete und noch heute in Amerika besteht. Sie machten nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis mit den Lehren des Neuen Testaments Ernst, wie die Independenten mit den Geboten des Alten Testaments Ernst gemacht hatten. Sie verweigerten den Kriegsdienst, den Eid, den Sklavenhandel, ja sogar den Verkauf von Kriegsartikeln und erweiterten ihre Kolonien auf völlig friedlichem Wege, ohne mit den Indianern zu kämpfen oder sie auch nur auszubeuten. Sie verschmähten die reguläre Predigt, die sie in ihrem Mutterland als eine Ausgeburt geistloser Routine und selbstgefälliger Unaufrichtigkeit erkannt hatten, und gestatteten jedermann, zu sprechen, aber nur wenn er vom »inneren Licht« inspiriert sei. Sie verwarfen die Liturgie und die Sakramente und auch im täglichen Leben alles Zeremonienwesen, redeten jedermann mit du an und zogen vor niemand den Hut. Sie sind, wenn ihnen auch infolge ihrer Übertreibungen und Schrullen etwas Genremäßiges anhaftet, eine der liebenswürdigsten und erfreulichsten Erscheinungen in der Geschichte der christlichen Bekenntnisse. Milton Der Dichter des Puritanismus ist der große John Milton, zugleich einer der hervorragendsten Publizisten seines Landes, der in seiner berühmten »Defensio pro populo Anglicano« eine wissenschaftliche Verteidigung des Königsmordes geliefert hat. An der grandiosen Rhetorik des Miltonschen Satans hat der jüngere Pitt sich zum Redner geschult; und es ist nichts weniger als ein Zufall, daß dem Dichter gerade der Fürst der Hölle unter den Händen und fast wider Willen zu einer so überwältigenden Figur emporgewachsen ist. Dies kommt eben daher, daß in Milton der Puritanergeist Gestalt geworden ist, ein Geist, der des Teufels ist, weil er durch und durch weltlich ist, in seiner Verwerfung der Welt noch hundertmal weltlicher als der Katholizismus in seiner sinnlichsten Weltbejahung; und der des Teufels ist, weil er rächt und richtet. In Miltons titanischem Epos wird die ganze Weltgeschichte streng und gnadenlos, parteiisch und ohne den geringsten Willen zum Feindesverständnis, geschweige denn zur Feindesliebe vorgerufen, verhört und verurteilt vom Standpunkt des Puritanismus, der die alleinige Wahrheit und Gerechtigkeit ist. Gott schickt gegen die Heerscharen der rebellierenden Engel seinen Sohn, der zehntausend Blitze auf sie schleudert: »wie eine Herde Ziegen, die vom Ungewitter überfallen sind« fliehen sie und stürzen in die Tiefe. Christus als Donnergott: dies ist eine ebenso monumentale Blasphemie wie der Christus Michelangelos, der als Apoll und Herakles in den Wolken thront. Ein Gott, der mit Köcher, Bogen, Blitzen und Streitwagen, mit Scharen von kämpfenden Heiligen siegt: das ist ganz offenbar nicht der Gottessohn der Evangelien, der Christus, an den die Christen glauben, sondern der legitime Sohn Jehovahs. Hobbes Der Gegenspieler Miltons, der scharfsinnige und geistesmächtige Advokat der Monarchie, der Restauration und der Legitimität, war Thomas Hobbes. Seine Philosophie ist nicht niedrig oder böse, wie man bisweilen gemeint hat, sondern bloß pessimistisch. Er sieht überall, wohin er blickt, auf der einen Seite eine Welt wilder und starker, hart und scharf rechnender Herrennaturen und auf der anderen Seite eine Masse stumpfer und sklavischer, nur durch das Gesetz der Trägheit in Bewegung gehaltener Herdenmenschen, beide bloße Automaten ihrer gröberen oder feineren Freß- und Greifinstinkte, und zieht aus diesem Beobachtungsmaterial seine Induktionsschlüsse, aus diesen Prämissen seine Gesetze. Unter diesen Voraussetzungen wird ihm der Staat zum allmächtigen Riesenungeheuer, das alle, die sich ihm feindlich entgegenstellen, erbarmungslos verschlingt. Der Staat ist ein sterblicher Gott und die bestehende Ordnung ist allemal die rechtmäßige, weil sie die Ordnung ist. Freiheit ist, was die Gesetze nicht verbieten, Gewissen ist Privatmeinung, das Gesetz aber das öffentliche Gewissen, dem allein der Bürger zu gehorchen hat. Eine nicht staatlich legitimierte Religion ist Aberglaube. Daß die Könige unmittelbar von Gott eingesetzt seien, lehrt er nicht, vielmehr hat das Volk dem Staatsoberhaupt die höchste Gewalt übertragen; aber von diesem Augenblick an hat es keine Rechte mehr. Die Monarchie ist bloß deshalb die beste Staatsform, weil sie die zentralisierteste ist, und daß sie absolut sein muß, folgt einfach aus der Forderung, daß die Leitung eines Staates unter allen Umständen, auch wenn sie einer Körperschaft anvertraut wäre, absolute Gewalt haben muß. Nimmt man diese Lehren nach dem Buchstaben, so erscheinen sie wie zur Rechtfertigung der Stuarts bestellt: der größenwahnsinnigen Doktrinen Jakobs des Ersten, der Intransigenz Karls des Ersten, der noch auf dem Schafott souveräner Autokrat blieb, der Wiederherstellungspläne Karls des Zweiten, dessen Lehrer Hobbes war. Faßt man aber ihren Geist ins Auge, so erscheint als ihr klügster Schüler und ihre siegreichste Verkörperung niemand anders als der Plebejer, Rebell und Usurpator Oliver Cromwell. Die Fundamente dieser Staatsphilosophie, die in ihrer harten und klaren Unsentimentalität und ihrer rein naturwissenschaftlichen Wertung der politischen Phänomene noch beträchtlich über Machiavell hinausgeht, sind so, wie sie bei einem so konsequenten Denker wie Hobbes nicht anders sein können: eine nihilistische Ethik: an sich ist nichts gut oder böse, ein bestimmter Maßstab der Moral ist erst im Staat gegeben; eine materialistische Ontotogie: alles Sein ist Körper, alles Geschehen Bewegung, auch Empfindungen sind hervorgerufen durch körperliche Bewegungen; eine sensualistische Psychologie: es gibt nur Empfindungen, alles andere ist aus ihnen abgezogen, Gattungsbegriffe und dergleichen sind nichts als verblaßte Erinnerungsbilder früherer Wahrnehmungen; eine mechanistische Erkenntnislehre: Worte sind Noten oder Marken für Vorstellungen, Begründen und Folgern ein Addieren und Subtrahieren dieser Zeichen, alles Denken ist Rechnen. Spinoza Noch viel weiter aber ging Baruch Spinoza, vielleicht der merkwürdigste Denker, der je gelebt hat. In einer Geschichte der Philosophie müßte er nach Descartes behandelt werden, auf dem er fußt; aber da in unserem Zusammenhange nicht die Lehrgebäude von Bedeutung sind, sondern die Weltanschauungen, und auch diese nur, soweit sie als formbildendes Prinzip repräsentativer Persönlichkeiten oder großer Zeitströmungen gewirkt haben, so erscheint uns eine didaktische Anordnung, die der begrifflichen Entwicklung folgt, nicht unerläßlich. In seinem Privatleben war Spinoza weder ein Heiliger, wie das sentimentale achtzehnte Jahrhundert behauptet hat, noch ein Verworfener, wie das zelotische siebzehnte Jahrhundert geglaubt hat. Er hat die Verfolgungen, denen er ausgesetzt war, weder streitbar zurückgewiesen noch als Märtyrer erduldet, sondern sich ihnen kühl und überlegen entzogen. Sein Vater war ein portugiesischer Jude, der schon in früher Jugend vor der Inquisition nach Amsterdam flüchtete, wo zahlreiche seiner Glaubensgenossen ein Asyl gefunden hatten. Kaum genossen aber die jüdischen Gemeinden in dem »neuen Jerusalem«, wie sie es nannten, ihre volle Freiheit, als sie auch schon mit erneuter Kraft jene gehässige Unduldsamkeit zu entwickeln begannen, die ihrer Religion immer eigentümlich war und leider zum Teil auch auf die christliche Kirche vererbt worden ist. Der Geist des Kaiphas, der die ganze Geschichte des Volkes Israel bestimmt hat, solange es noch seine nationale Selbständigkeit besaß, ist später oft infolge äußerer Umstände ohnmächtig gewesen, aber immer wieder zum Leben erwacht, wenn es zur Macht gelangte. So verhielt es sich auch diesmal. Der Fall des Uriel da Costa, der wegen seiner freireligiösen Ansichten von der Amsterdamer Synagoge durch die boshaftesten Peinigungen in den Tod getrieben wurde, ist ein trauriges Beispiel dafür. Spinoza war damals acht Jahre alt. Ein halbes Menschenalter später geriet er selbst in einen ähnlichen Konflikt. Man hatte von seinen philosophischen Neigungen und Beschäftigungen gehört und bemühte sich, ihn zuerst durch Bekehrungsversuche, dann durch Drohungen zur Rechtgläubigkeit zurückzubringen. Als beides fehlschlug, griff man zur Bestechung, indem man ihm ein Jahrgehalt von tausend Gulden anbot, wenn er dem Judentum treu bleiben wolle. Da er auch auf diese Art nicht zu gewinnen war, hielt es ein Mitglied der Gemeinde für angezeigt, ihn zu ermorden; aber das Attentat mißlang. Nun blieb der Synagoge nur noch das Mittel der Exkommunikation. Vor versammelter Gemeinde wurde über ihn der große Bannfluch verhängt, der mit den Worten schloß: »Er sei verflucht bei Tag und sei verflucht bei Nacht! Er sei verflucht, wenn er schläft und sei verflucht, wenn er aufsteht! Er sei verflucht bei seinem Ausgang und sei verflucht bei seinem Eingang! Der Herr wolle ihm nie verzeihen! Er wird seinen Grimm und Eifer gegen diesen Menschen lodern lassen, der mit allen Flüchen beladen ist, die im Buche des Gesetzes geschrieben sind. Er wird seinen Namen unter dem Himmel vertilgen.« So handelte das Judentum an einem Manne, dessen ganze Schuld darin bestand, daß er ein gedankenvolleres, friedfertigeres und weltabgewandteres Leben führte als seine Stammesgenossen. Da es aber von jeher gute jüdische Tradition war, die Propheten zu steinigen, so liegt in diesem Vorgang nichts Auffallendes; und zudem sind wir der Ansicht, daß Spinoza nicht zu den größten Söhnen Israels gehört hat, denen dieses Schicksal widerfuhr, da wir in ihm nur eine, allerdings monumentale und einzigartige, Kuriosität zu erblicken vermögen. Die »Ethik« Spinoza selbst verlor über dem Geschrei der Rabbiner nicht einen Augenblick seine Ruhe und lebte fortan in gänzlicher Zurückgezogenheit nur seinen Studien und Schriften, vollkommen uneigennützig und bedürfnislos, jede Berührung mit den Genüssen und Ehren, Ablenkungen und Strapazen der Welt vermeidend. Die unter den schmeichelhaftesten Bedingungen angebotene Heidelberger Professur lehnte er ab. Sein philosophischer Ruhm, der aber erst ein Jahrhundert nach seinem Tode die Welt zu erfüllen begann, beruht auf seinem »theologisch-politischen Traktat«, dem ersten großen Versuch einer historischen Bibelkritik, und seiner »Ethik«, die sein System erschöpfend zur Darstellung bringt. Indes: niemals hat ein Buch seinen Titel mit geringerer Berechtigung geführt als dieses. Sein Lehrgebäude errichtete Spinoza in einem sehr ungewöhnlichen und etwas marottenhaften Stil. Da er der Überzeugung war, daß sichere Erkenntnis nur gewonnen werden könne, wenn sie sich der mathematischen Methode bediene, so beschloß er, sein ganzes System geometrico modo zu demonstrieren. Jeder Paragraph beginnt zunächst mit den erforderlichen Begriffsbestimmungen oder Definitionen , an diese schließen sich die Grundsätze oder Axiome , aus denen sich die Lehrsätze oder Propositionen ergeben, dann folgen die Beweise oder Demonstrationen und die Folgesätze oder Corrolarien und den Beschluß machen die Erläuterungen oder Scholien . Infolgedessen liest sich das ganze Werk wie ein mathematisches Lehrbuch, wodurch es nicht nur etwas Mazeriertes und Trockenes, sondern auch etwas Gezwungenes und Konstruiertes erhält. Da Gott, schließt Spinoza, nur als ein vollkommen unendliches und daher vollkommen unbestimmtes Wesen gefaßt werden kann, so kann er auch kein Selbst und keine Persönlichkeit besitzen. Und da sowohl Verstand wie Wille ein Selbstbewußtsein voraussetzen, so sind auch diese beiden Fähigkeiten ihm abzusprechen. Außer diesem absolut unendlichen Wesen kann nichts existieren. Folglich ist die ganze Welt identisch mit Gott, und es ergibt sich die berühmte Formel: deus sive natura . Aus dieser Gottnatur gehen alle Dinge mit derselben Notwendigkeit hervor, wie es aus der Natur des Dreiecks folgt, daß die Summe seiner Winkel gleich zwei Rechten ist. Daher gibt es keine Freiheit: ein Mensch, der glaubt, frei zu sein, ist wie ein Stein, der während des Wurfs sich einbildet, zu fliegen. Und da Gott keinen Verstand besitzt, so fehlt ihm auch das Vermögen, Zwecke zu setzen: diese sind ebenfalls eine menschliche Illusion. Ebensowenig gibt es Werte, denn diese bezeichnen nicht die Eigenschaften der Dinge selbst, sondern nur deren Wirkungen auf uns. In seiner Psychologie erklärt Spinoza für die Grundkraft der menschlichen Natur den appetitus , das Streben nach Selbsterhaltung. Was dieses Streben fördert, nennen wir gut; was es beeinträchtigt, böse: wir begehren die Dinge nicht, weil sie gut sind, sondern wir nennen sie gut, weil wir sie begehren (wobei jedoch ignoriert wird, daß alle höheren Religionen, vor allem das Christentum, in der Begierde und deren Objekt, der sinnlichen Welt, stets das Prinzip des Bösen erblickt haben). Alle Affekte lassen sich in zwei Grundformen scheiden: in aktive und passive; die ersteren sind von Lust oder Freude, die letzteren von Schmerz oder Trauer begleitet. In dieser Einteilung gehört das Mitleid zu den schädlichen Affekten, da es Schmerz verursacht; man soll daher den Leidenden zwar helfen, aber ohne Anteilnahme, nur aus vernünftiger Erwägung. Ebenso verhält es sich mit der Reue, da sie zu den schlechten Handlungen, die an sich schon ein Unglück sind, noch den Schmerz der Zerknirschung hinzufügt. Ähnliche amoralische Prinzipien statuiert Spinoza auch für die Politik; so erklärt er zum Beispiel: »Ein Vertrag zwischen Völkern besteht, solange seine Ursache besteht: die Furcht vor Schande oder die Hoffnung auf Gewinn.« Den höchsten Gipfel aber erreicht die Seele im amor Dei intellectualis , der intellektuellen Liebe zu Gott, die nichts anderes ist als die Erkenntnis der ewigen Substanz, also nach gewöhnlichen Begriffen etwas von Gottesliebe sehr Entferntes. Da jeder Mensch nur ein Teil der Gottnatur ist, so hebt Gott in dieser Liebe sich selbst. Die Gleichung aus zwei Nullen Wir stehen nicht an, dieses System, das wir hier nur in ganz aphoristischer Skizzierung wiedergegeben haben, für das Werk eines bewunderungswürdig scharfsinnigen Geistesgestörten zu erklären. Der cartesianische Rationalismus war erträglich durch seine Inkonsequenz, Spinoza jedoch denkt jeden Begriff so folgerichtig und unerbittlich zu Ende, daß er ihn annulliert: die Idee Gottes so folgerichtig, daß er zum nackten Atheismus gelangt; die Kausalität so folgerichtig, daß er zum toten Automatismus gelangt; die Verschiedenheit der Geister und der Körper, daß er zu der Behauptung gelangt, es gebe zwischen ihnen überhaupt keine Beziehung; die wünschbare Herrschaft über die Affekte, daß er zum Postulat der Fühllosigkeit gelangt; den Pantheismus, die Identität von Gott und Natur, daß er zu einem trostlosen Naturalismus gelangt, der die Welt völlig entgeistet und zu einer schaurigen Öde und gespenstischen Wüstenei macht, kurz: er hebt durch sein anomal konsequentes Denken die Objekte dieses Denkens auf, vernichtet sie, zersetzt sie, denkt sie zugrunde. Zurück bleibt als »letzte Wahrheit« eine leere Gleichung aus einem Gott, der ein Nichts ist, und einer Welt, die weniger als ein Nichts ist. Man pflegt Spinozas System unter die pantheistischen zu zählen; aber das ist ein irreführender Vorgang. Der Pantheismus beruht allerdings auf der Gleichsetzung von Gott und Welt: insoweit wäre die Klassifizierung berechtigt. Aber man vergißt, daß der Deus , den Spinoza mit der natura identifiziert, gar kein Gott ist, sondern eben ein blindes totes Nichts, eine ohnmächtige mathematische Chiffre, etwa wie das Zeichen oder die Zahl 0. Es ist eine heillose Verwirrung dadurch entstanden, daß man den Pantheismus der Mystik mit dem spinozistischen in eine Reihe gestellt hat, denn diese kommt zu ihrem Prinzip der Allgöttlichkeit nicht durch logische Schlußfiguren, sondern durch das religiöse Erlebnis; und wenn sie in Gott ebenfalls ein unendliches, unfaßbares, undefinierbares Wesen erblickt, so tut sie es aus tiefster Ehrfurcht und höchster Gläubigkeit und nicht aus Nihilismus und mathematischer Marotte. Mit anderen Worten: der Mystiker gelangt zu seiner Gottesvorstellung durch frommen Agnostizismus, er ist von der Größe Gottes so erfüllt, daß sie seinen Begriffen entschwindet; der Spinozist hiegegen (wenn es außer Spinoza je einen wirklichen gegeben haben sollte) gelangt zu einem ähnlichen Resultat durch selbstherrlichen Rationalismus: er ist so sehr von seiner eigenen Größe und der Unfehlbarkeit seiner Denkoperationen erfüllt, daß ihm die Gottheit unter lauter logischen Begriffen ebenfalls entschwindet. Die Welt ohne Zwecke Die schauerliche Monstrosität dieses Systems, die zugleich seine unvergleichliche Originalität bildet, wird völlig klar, wenn man bedenkt, daß es das einzige ist, das ganz und gar ohne Teleologie auszukommen vermochte. Daß alle spiritualistischen Philosophen den Zweckbegriff an die Spitze gestellt haben, ist nur selbstverständlich. Aber auch die gegnerischen Richtungen konnten ihn nicht entbehren. Kein noch so kompakter Materialismus, kein noch so luftiger Skeptizismus vor oder nach Spinoza hat zu behaupten gewagt, daß die kosmische Kausalität sich in derselben willenlosen und absichtslosen Weise abwickle wie ein Kettenschluß. Man hat sehr häufig mit blinden Kräften, unbewußten Willensimpulsen, intelligenzlosen Instinkten operiert. Aber alle diese Potenzen verfolgen, ob sie es wissen oder nicht, einen bestimmten Zweck. Auch wenn wir uns die Welt aus lauter stupiden Atomen aufgebaut denken, so wollen diese doch noch irgend etwas, vermöge einer dumpfen Zielstrebigkeit, die ihre Anordnung und Bewegung bestimmt. Der Darwinismus, der als die stärkste Antithese gegen alle metaphysischen Welterklärungsversuche gilt, ist sogar ein extrem teleologisches System, indem er den Begriff der Entwicklung zu seinem Kardinalprinzip macht; auch der von ihm hergeleitete Monismus, der sich rühmte, die theologische Weltanschauung für immer entthront zu haben, ist emsig bemüht, an allen Naturerscheinungen die höchste Zweckmäßigkeit aufzuzeigen. Und der ausschweifendste Pessimist glaubt immer noch an böse Zwecke und räumt dem Weltgeschehen zumindest ein Ziel ein: nämlich den Untergang, wie ja auch der vollkommenste Gottesleugner eine Welt bestehen läßt, die ohne Gott bestimmten Absichten gehorcht, und der extremste Phänomenalist die Illusion einer solchen Welt. Aber eine Welt, in der ein Geschehnis aus dem andern in derselben Weise folgt wie die Gleichheit der Radien aus der Natur des Kreises, in der, mit einem Wort, die alleinige Ursache aller Dinge und Erscheinungen ihre Definitionen sind, eine solche Welt hat nur einer ersonnen. Vielleicht ist die Vorstellung der Zwecke wirklich nur ein unvermeidlicher Anthropomorphismus; aber eben daraus ergibt sich, daß, wer sie völlig negiert, außerhalb der Menschheit steht. Ein solches Geschöpf ist entweder weniger als ein Mensch oder mehr als ein Mensch, aber auf jeden Fall ein Unmensch. Die Logik der folie raisonnante Spinoza war von einer exzessiven, penetranten, alles zerfressenden und aufsaugenden, pathologischen Logik und kam daher auch zu vollkommen pathologischen Resultaten. Es ist wahr, daß man, wenn man vollkommen konsequent folgert und ausschließlich geometrico modo denkt, zu solchen Ergebnissen gelangen muß; aber dies eben ist nicht natürlich, nicht menschlich und wahrscheinlich auch nicht göttlich. Denn sowohl die Natur wie der Mensch wie Gott (wenigstens der christliche und der aller höheren Religionen) handeln nicht vollkommen folgerichtig, logisch und mathematisch, sondern paradox und überlogisch. Und in der Tat: »le misérable Spinoza« , wie ihn der edle Malebranche mit einer Mischung von Schauder und Erbarmen nannte, war sicherlich nicht geistig normal. Es ist bekannt, daß gewisse Irrsinnige sich durch tadellose Logizität auszeichnen. Nur die erste Prämisse ist bei ihnen falsch, von da an folgern sie mit einer staunenswerten Schlußfähigkeit, Geistesstärke und Denkschärfe: es ist jene Gehirnkrankheit, die unter dem Namen »folie raisonnante« beschrieben wird. Wir wollen damit natürlich nicht sagen, daß Spinoza wirklich wahnsinnig gewesen sei, sondern nur, daß der Verstand bei ihm zu einer unnatürlichen Ausschließlichkeit, Einseitigkeit und Alleinherrschaft entwickelt war. Chesterton macht in einem seiner Werke die tiefe Bemerkung: »Große Rationalisten sind nicht selten geisteskrank; und Geisteskranke sind in der Regel große Rationalisten ... Wer mit einem Irrsinnigen diskutiert, wird wahrscheinlich den kürzeren ziehen; denn in mancher Hinsicht funktioniert sein Geist nur um so schneller, je weniger er sich bei all den Erwägungen aufhält, die für den gesunden Menschenverstand in Betracht kommen. Er wird durch keine humoristische Anwandlung gehemmt, durch keine Regung der Nächstenliebe, durch keinen Einwand der eigenen Lebenserfahrung. Er ist gerade deshalb logischer, weil gewisse Sympathien bei ihm nicht mehr vorhanden sind. Insofern ist der Terminus irrsinnig irreführend. Der Irrsinnige ist nicht ein Mensch, der die Vernunft verloren hat; vielmehr ist er der Mensch, der alles verloren hat, nur nicht die Vernunft. Die Aussagen, die ein Irrsinniger macht, sind stets erschöpfend und, vom rein rationellen Standpunkt betrachtet, auch einwandfrei... Sein Geist beherrscht einen vollkommenen, aber zu engen Kreis. Die Erklärungen eines Wahnsinnigen sind ebenso vollkommen wie die eines Gesunden, nur sind sie nicht so umfassend ... Das stärkste und unverkennbarste Merkmal des Wahnsinns ist eben jene Vereinigung von fehlerloser Logik und geistiger Kontraktion ... Der Kranke befindet sich in der leeren und grellen Zelle einer einzelnen Idee, auf die sein Geist mit pein voller Schärfe konzentriert ist ... Der Materialismus trägt den Stempel einer gewissen wahnwitzigen Einfachheit, genau wie die Argumente eines Irrsinnigen; man gewinnt sofort den Eindruck, daß hier alles gesagt und zugleich alles ausgelassen ist. Der Materialist versteht alles, aber dieses Alles erscheint zugleich als sehr nichtig.« Diese Charakteristik läßt sich wörtlich auf Spinoza und sein System anwenden. Das luftleere System Von der reinen Verstandesmäßigkeit Spinozas kommt auch die unerträgliche Kälte, die seine Werke ausströmen: aber es ist nicht die Kälte der Höhenregion, wie bisweilen an ihnen gerühmt worden ist, sondern die Kälte des luftleeren Raums. Man hat das erhabene und trostlose Gefühl, als ob man sich in einem der ungeheuern Zwischenraume befände, die die Weltkörper voneinander trennen: in einem Medium, das kein Leben, keine Wärme, kein Atmen, keinen Schall duldet und nichts hindurchläßt als das strenge Licht einer fernen fremden Sonne. Man erfriert, wenn man aus seiner »Ethik« erfährt, daß nichts anders sein könnte oder auch nur anders sein sollte, als es ist, daß alle Dinge gleich vollkommen, alle Handlungen gleich gut sind, weil sie alle gleich notwendig sind, wie ja auch ein mathematischer Lehrsatz nicht vollkommener ist als der andere. »Ich werde«, sagt er in dem Abschnitt »Über den Ursprung und die Natur der Affekte«, »die menschlichen Handlungen und Begierden ganz so betrachten, als ob es sich um Linien, Flächen und Körper handelte«; denn man soll sie, nach einem seiner berühmtesten Aussprüche, »weder beklagen noch belachen noch verabscheuen, sondern begreifen«. Daß man aber in die Seelen seiner Mitmenschen durch Mitleid, durch Humor und sogar durch leidenschaftliche Gegnerschaft eher eine Brücke bauen kann als durch sterile Intelligenz, das wußte er nicht. Spinoza steht als ein Unikum in seiner Zeit, ja in der ganzen Menschheit. Er war natürlich kein Christ: über die Inkarnation schrieb er an einen Freund (indem er wiederum eines seiner schrecklichen mathematischen Beispiele heranzog), was dieses Dogma angehe, so erkläre er ausdrücklich, daß er es nicht verstehe, vielmehr erscheine es ihm ebenso ungereimt, wie wenn jemand behaupten wollte, der Kreis habe die Natur des Quadrats angenommen. Er war aber auch kein Heide, denn der sinnliche naturnahe Pantheismus der Antike und der Renaissance hat eine ganz andere Farbe als der seinige. Am allerwenigsten aber war er ein Jude: niemand hat den Erwählungsglauben, die Gesetzesfrömmigkeit, den versteckten Materialismus der mosaischen Religion schärfer durchschaut und greller durchleuchtet als er. Ja er war nicht einmal das, was man im landläufigen Sinne einen Atheisten nennt, weshalb es ein ganz richtiger Instinkt war, daß man lange Zeit »Spinozist« als eine Steigerung von »Atheist« empfand. Nur in einem könnte man Spinoza als Juden ansprechen: in seinem Extremismus. Denn die Juden sind das Volk der äußersten Polaritäten; keine Nation hat eine solche Spannweite. Sie sind die zähesten Stützen des Kapitalismus und die enragiertesten Vorkämpfer des Sozialismus; sie sind die Erfinder der Kirche und des Pfaffentums und die leidenschaftlichsten Prediger der Freiheit und der Toleranz; sie sind im europäischen Kulturkreis die ersten gewesen, die das Evangelium verbreitet haben, und die einzigen geblieben, die es bis zum heutigen Tage verleugnen. Und so haben sie auch den Schöpfer des Monotheismus hervorgebracht und den stärksten Verneiner des Monotheismus: Moses und Spinoza. Sigmund Freud sagt am Schlusse seines Aufsatzes »Die Widerstände gegen die Psychoanalyse«: »Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß der erste Vertreter der Psychoanalyse ein Jude war. Um sich zu ihr zu bekennen, brauchte es ein ziemliches Maß von Bereitwilligkeit, das Schicksal der Vereinsamung in der Opposition auf sich zu nehmen, ein Schicksal, das dem Juden vertrauter ist als einem anderen.« In einer ähnlichen, nur noch viel krasseren Situation befand sich Spinoza. Er steht völlig isoliert da: ohne Familie, ohne Gemeinde, ohne einen einzigen Gleichgesinnten oder Versteher, ja selbst ohne Hörer. Er spricht völlig ins Leere oder vielmehr mit sich selbst: seine Philosophie ist ein einziger herzbeklemmender Monolog, den ein von der Welt Verstoßener in seiner stillen ärmlichen Kammer führt; und diese völlige Absperrung und Aussperrung hat sicher den pathologischen Zug in ihm noch verstärkt. Hiedurch: durch diesen heroischen Verzicht auf jede antwortende Stimme, über dessen Unvermeidlichkeit er sich von allem Anfang an klar war, durch diesen zähen lautlosen Kampf gegen Mitwelt und Nachwelt, gegen das ganze Menschengeschlecht wächst seine Gestalt ins Tragische und zugleich ins Zeitlose, wo sie sich menschlichem Begreifen und Werten ebenso entzieht wie die Gottheit seiner »Ethik«. Der künstliche Irrationalismus Die werdende Barocke war in der Tat für nichts weniger empfangsbereit als für eine solche Philosophie. Wir haben am Schluß des vorigen Buches in Kürze zu schildern versucht, wie in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts eine asketische, spiritualistische Strömung die katholischen Teile Europas ergriff. Diese Rückkehr zur Strenge und Geistigkeit des Mittelalters war die Antwort auf den Ernst und Purismus der Reformation, weshalb diese Bewegung den sehr bezeichnenden Namen der Gegenreformation erhalten hat. Man verwarf und verfolgte in der Kunst das Nackte und Profane, in der Poesie das Schlüpfrige und Heitere, in der Philosophie das Libertinische und Skeptische. Man bekleidete die Gestalten Michelangelos und »reinigte« die Sonette Petrarcas. Aber diese klerikale Reaktion blieb ebenso eine Episode wie der düstere Reformversuch, den Savonarola auf der Höhe der Renaissance versucht hatte. In dem Maße, als der Papismus seine frühere Macht über die Gemüter zurückgewann, begann er sich wieder der Welt zu öffnen, um so mehr als er einsah, daß gerade sein weitherziges und mildes Verständnis für die sinnliche Hälfte der Menschenkreatur ihm eine große Überlegenheit über den doktrinären und phantasiearmen Protestantismus verlieh. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts rückt an die Stelle der ringenden und leidenden Kirche die herrschende und triumphierende Kirche, die in rauschenden Jubelakkorden ihren Sieg feiert und dem Sensualismus einer Menschheit, die danach begehrte, ihre Kräfte frei auszuleben, wieder vollen Lauf läßt. Der Mensch der Neuzeit, einmal da, ließ sich eben auf die Dauer nicht unterdrücken. Aber es ergab sich hier keine ganz reine Lösung. Der Erbfeind der Kirche war der Rationalismus. Sie macht daher, da sie ihn nicht völlig zu vertilgen vermag, den Versuch, ihn durch die andere gefährliche, aber für sie doch nicht ebenso gefährliche Großmacht der Zeit: durch den Sensualismus auszutreiben; sie will den Rationalismus durch Sensualismus ablösen, auslösen, erlösen. Hiedurch entstand jene merkwürdige Psychose, die man Barocke genannt hat. Die Barocke ist keine natürliche normale Rückkehr zum Irrationalismus, sondern eine ausgeklügelte Therapie, ein stellvertretendes Surrogat, ein aufreizender Exorzismus. Der Mensch, unfähig, zur echten Naivität zurückzufinden, erzeugt in sich eine falsche durch allerlei Drogen, Elixiere, Opiate, Berauschungs- und Betäubungsgifte; er verzichtet nicht auf seine Vernunft, weil das gar nicht in seiner Macht steht, er versucht bloß, sie zu benebeln, zu verwirren, zu ertränken, durch raffinierte Narkotika auszuschalten. Und hieraus, gerade aus ihrer Künstlichkeit erklärt es sich, daß die Barocke einen überwältigenden und vielleicht einzig dastehenden Triumph der Artistik darstellt. Das Welttheater Die Farbenanschauung der tenebrosi , die alles in düsteren Tinten hielten, und der »Kellerlukenstil«, der alles so darstellte, als ob das Licht von oben in einen finsteren Keller fiele, ist nicht bloß für die Malerei, sondern für Weltgefühl und Lebensform der ganzen Generation bestimmend gewesen, die auf das Konzil von Trient folgte. Mit einem Mal aber dringt Musik, Dekoration, Pomp, Weihrauch in die katholische Kirche und von da in die Kunst. Die Architektur bekommt etwas Spektakulöses, Weitausholendes, Beredtes, fast Geschwätziges. Arkaden und Kolonnaden, Loggien und Galerien häufen sich nebeneinander, gewundene und geknickte Säulen, abenteuerliche Ornamente und Dachprofile drängen sich hervor: allenthalben kann die Formensprache nicht ostentativ und eindringlich genug sein. Die Fassaden, die schon in der Renaissance wie aufgeklebt wirkten, erhalten jetzt völlig den Charakter einer prachtvollen, nur für sich selbst geschaffenen Kulisse: sie ragen oft um ganze Stockwerke über das eigentliche Gebäude hinaus; die Innendekoration schwelgt in Spiegeln, Damastblumen, Girlanden, Goldleisten, Stuckaturen. Kurz: es ist ein vollkommener Theaterstil, aber eben darum ein wirklicher Stil, wie man ihn seit der Gotik nicht mehr erlebt hatte: ganz wie im Theater ist alles einem großen Zentralzweck untergeordnet, der alle Künste, alle Lebensbetätigungen tyrannisch in sein Herrschaftsreich zieht; in jeder Pore fiebert der leidenschaftliche Wille zur zauberischen Illusion, die stärker ist als die Wirklichkeit, zur hypnotischen Faszination, die packt und umwirft, zur Magie der »Stimmung«, die alles in den Duft und Schimmer einer farbigeren und aromatischeren Welt taucht. Und wie im Theater neigt man dazu, die Grenzen der einzelnen Künste zu verwischen: man malt Deckengewölbe, die aufs täuschendste wirkliche Architektur nachahmen, man macht die Schatten- und Lichtverhältnisse der Gebäudenischen, worein man die Skulpturen plaziert, zum integrierenden Bestandteil des plastischen Kunstwerks, man stellt dem spröden Stein Aufgaben, die man bisher kaum der Malerei zugemutet hatte, modelliert Blitze, Lichtstrahlen, Flammen, flatternde Bärte, gebauschte Gewänder, die Wolken des Himmels, die Wellen des Meeres, den Glanz der Seide und die Wärme des Fleisches. Säule und Querbalken, die bisher dazu da waren, zu tragen, verlieren ihre Funktion: man verdoppelt und verdreifacht die Pfeiler, setzt sie an Stellen, wo sie nichts zu stützen haben, und bricht die Mauerbogen in der Mitte entzwei: sie sollen ja nicht einen organischen Bauteil bilden oder auch nur vortäuschen, sondern lediglich zum rhetorischen Effekt und lärmenden Schmuck dienen; und drei Säulen reden lauter und energischer als eine, gespaltene Wölbungen origineller und frappanter als geschlossene. Logische und praktische Bedenken können sich nicht erheben, denn es ist ja alles nur ein Theater. Man inszeniert sogar die Natur: künstliche Felsen, Wasserfälle, Fontänen, Schluchten, Brunnen müssen auch ihr den Charakter einer dramatischen Komposition verleihen. Und weil man überall, selbst an dem kalten Marmor und der starren Bronze, bemüht ist, das Zerfließende, Gestaltlose, nicht endgültig und eindeutig Konturierte zu suggerieren, um hiedurch den Stimmungsgehalt, die geheimnisvolle Bühnenwirkung zu erhöhen, wirft man sich mit besonderer Leidenschaft auf Wasserwerke und Feuerwerke, die, aus einem stets Farbe und Form wechselnden Material aufgebaut, sich launisch und ungreifbar jeder Fixierung entziehen. Der geniale Regisseur dieses Theaters war der Cavaliere Bernini, Architekt, Bildhauer, Dichter, Maschinenmeister und Ausstattungschef in einer Person, der durch eine unerschöpfliche Fülle von Einfällen, eine grandiose, vor keiner Kühnheit zurückschreckende Phantasie und einen bei aller Bizarrerie unerbittlich einheitlichen Stilwillen der Kunstdiktator des damaligen Europa geworden ist. Exaltation, Extravaganz, Aenigmatik, latente Erotik Es war, wie man sieht, die äußerste Reaktion gegen die Renaissance. War dort das Ideal die gravità riposata , so herrschte hier die zügellose, ja oft gemacht zügellose Leidenschaft, Bewegung, Exaltation. In Architektur und Plastik, in Malerei und Ornament, in den Schöpfern und den Nachahmern weht uns immer wieder dieses Brausende, Rauschende, Schnaubende und dabei Schmachtende, Schwimmende, Schwebende entgegen. Diese Kunst hält nicht vornehm Distanz wie die Hochrenaissance, sucht nicht sanft zu überreden wie die Frührenaissance, ist nicht andächtig in sich selbst versunken wie die Gotik, sondern treibt ganz unverhohlen Propaganda, deklamiert, schreit, gestikuliert mit einer Leidenschaftlichkeit, ja Schamlosigkeit, die Einwände gar nicht aufkommen läßt. Sie ist immer unerbittlich entschlossen, das Äußerste zu geben. Ob sie mit himmelndem, bis zur Affektation demütigem Augenaufschlag in Sehnsucht und Zerknirschung vergeht, sich in visionären Krämpfen der Ekstase bis zur religiösen Hysterie steigert oder die Wirklichkeit in ihren monströsesten, erschreckendsten Gestaltungen rückhaltlos abschildert: immer ist es das Exaggerierte und Exorbitante, das Schrille und Grelle, wonach sie ihre Produktion orientiert. Sie wählt mit Leidenschaft gerade jene Stoffe, die die kühle Renaissanceästhetik hochmütig vermieden hatte: das Kranke, Geschlagene, Aussätzige; das Alte, Dekrepide, Erschöpfte; das Zerlumpte, Verwitterte, Mißgewachsene; den Tod, das Skelett, die Verwesung; sie läßt die Kreatur heulen, grinsen, zittern, sich in Verzerrungen und Verzückungen winden: sie hebt das Extravagante und das Häßliche, weil es das Stärkere und das Wahrere ist. Und während es der tiefste Wille und das höchste Ziel der Renaissance war, zu umgrenzen und zu erhellen, zu harmonisieren und zu ordnen, ist sie aufs raffinierteste bestrebt, den Duft der ewigen Sehnsucht und Unerfülltheit, den Reiz des Rätsels, der Verwirrung, der Dissonanz um ihre Schöpfungen zu breiten. Ihr artistisches Meisterstück ist es, daß sie sogar das Licht, jene scheidende und klärende Macht, die seit jeher aller Kunst als Verdeutlichungsmittel gedient hatte, in ihre Dienste zieht: durch die Unbestimmtheit, die sie den Übergängen vom Schatten zur Helle verleiht, durch die Betonung der undefinierbaren Aura, die, den Umriß verwischend, alle Objekte umhüllt, versteht sie es, Undurchsichtigkeit und Verschwommenheit zu erzeugen und die Farbenmischung zum Range einer mystischen Kunst zu erheben: eine der gewaltigsten und umwälzendsten Taten, die die Geschichte des Sehens zu verzeichnen hat. Zugleich umgibt sie alles mit einer Atmosphäre des Schwülen und Schwellenden, der latenten Erotik. Man bekleidet die Gestalten, aber die Gewandung wirkt im Verschweigen viel lüsterner als die frühere Nacktheit. Der Mensch, in der Renaissance bloß anatomisch schön, erhält nun eine sexuelle Schönheit; unter der dezenten Drapierung atmet viel wärmeres Fleisch. Bisweilen gibt man den Hüllen eine Anordnung, daß sie jeden Augenblick zu fallen drohen; oder man drängt die ganze Sinnlichkeit ins Gesicht. Grausamkeit und Wollust fließen ineinander. Man schwelgt in Blutszenen, Martern und Wunden, man verherrlicht die Süße des Schmerzes. Schließlich vereinigen sich Erotik, Algolagnie und Sehnsucht nach dem Übernatürlichen zu jener bizarren Mischung, deren überwältigendster Ausdruck Berninis Heilige Theresa ist, ein Werk, das zugleich ewig denkwürdig bleiben wird durch die sublime Kunst der raffiniertesten Illusionswirkungen, wie sie sonst nur die Bühne erreicht. Es ist ganz ohne Zweifel eine tief religiöse Konzeption; und doch spürt man überall, in der Gesamtkomposition wie im Arrangement jeder Einzelheit, geheime Schminke und Rampe. Aber warum sollten Theater und Religion völlig unvereinbare Gegensätze sein? Ist denn nicht das Theater für alle, die ihm ernst und leidenschaftlich dienen, eine Art Religion und ist die Religion in ihrem sinnfälligen Kultus nicht eine Art Theatrum Dei, eine Schaustellung der Größe Gottes? Die natürliche Unnatürlichkeit Es wird immer Menschen geben, die die Renaissance höher stellen als die Barocke. Es sind dies vorwiegend jene Menschen, die glauben, daß man ein Kunstwerk nur dann erhaben finden dürfe, wenn es langweilig ist, wie ja auch viele annehmen, daß ein philosophisches Werk nur dann tief sein könne, wenn es unverständlich ist. Dies sind jedoch Geschmacksfragen, über die unparteiisch zu urteilen fast unmöglich ist. Aber eines scheint uns ganz unwiderleglich, obgleich so oft das Gegenteil erklärt worden ist: daß die Barockkunst naturalistischer war als die Renaissancekunst. Diese Behauptung hätte noch vor wenigen Jahrzehnten wie ein schlechter Witz geklungen, denn man hatte sich im neunzehnten Jahrhundert daran gewöhnt, unter Barocke soviel wie äußerste Unnatur, Verschrobenheit und Verzerrung zu verstehen, wie ja auch im achtzehnten Jahrhundert gotisch soviel bedeutete wie roh, kunstlos, barbarisch. In diesem Bedeutungswandel der Fachausdrücke liegt eine ganze Geschichte der Ästhetik; und es ist nicht ausgeschlossen, daß auch das Wort »klassisch« eines Tages eine solche Metamorphose zum Schimpfwort durchmachen wird. In Wirklichkeit war aber gerade naturalezza das Losungswort der Barocke, und, gehalten gegen die Renaissance, bedeutete sie auch tatsächlich ein Freiwerden der ungebrochenen Instinkte, der quellenden Leidenschaft, der lebensvollen Lust am Spiel mit Formen, Farben, Motiven. Sie ist eine Rückkehr zur Natur sowohl in der Form wie im Inhalt: in der Form, weil sie überall auf elementaren Ausdruck geht, ohne sich durch die einseitigen Regeln einer kalten Kunstetikette binden zu lassen, und im Inhalt, weil sie in die Tiefen des Seelenlebens hinabsteigt und gerade das zu ihrem Lieblingsthema macht, was die Renaissance als unschön perhorreszierte: den Menschen in seiner Qual, seiner Verzückung, seinen Manien und Abgründen; in dieser Sucht, niemals die Norm, die Mitte, die gerade Linie zu geben, streift sie oft bis an die Karikatur. Sie war, um es paradox auszudrücken, gerade deshalb so natürlich, weil sie unnatürlich war. Denn die Normalität ist nicht die Regel, sondern die große Exzeption. Auf zehntausend Menschen kommt vielleicht ein einziger, der genau nach dem anatomischen Kanon gebaut ist, und wahrscheinlich nicht einmal ein einziger, dessen Seele vollkommen normal funktioniert. Der verzeichnete, der monströse, der pathologische Mensch, der Mensch als Verirrung und Fehlleistung der Natur ist der »normale« Mensch, und darum hat nur er unser ästhetisches Interesse und unser moralisches Mitgefühl. Natürlich ist dieser Schönheitsmaßstab ebenso subjektiv wie der klassizistische; aber eines wird an ihm jedenfalls klar: daß nämlich »Naturalismus« ein höchst problematischer Begriff ist. Jede neue Richtung hält sich für naturalistischer als die früheren, gegen die sie reagiert, für einen Sieg der Wahrheit, der Freiheit, des gesteigerten Wirklichkeitssinnes. Die Hegemonie der Oper In jedem Zeitalter hat eine bestimmte Kunst die Hegemonie: in der Renaissance war es die Plastik, im Barock ist es die Musik. Ein überreich besetztes Orchester schmettert uns aus allen seinen Schöpfungen entgegen. Und die Wende des sechzehnten Jahrhunderts ist auch für die Tonkunst selber die Geburtszeit der moderna musica , des stile nuovo . Fast gleichzeitig setzen sich eine Reihe höchst bedeutsamer Neuerungen durch. Die sonata , das Instrumentalstück, tritt in siegreichen Gegensatz zur cantata , dem Singstück: der a-cappella -Stil, der mehrstimmige Gesang ohne Orchester wird überwunden. Wir haben gehört, daß in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts das Prinzip der Polyphonie zur vollen Ausbildung gelangte; jetzt kommt wiederum die Monodie empor, der instrumental begleitete Sologesang. Da nämlich im Vergleich zur führenden Oberstimme die Gesamtheit der übrigen Stimmen nur noch die Bedeutung von akkompagnierenden Akkorden hat, wird sie durch Instrumente ersetzt und diese Begleitung allgemein skizziert im sogenannten basso generale . In der Bevorzugung des Tonwerkzeugs vor der menschlichen Stimme äußert sich das Spielerische und Artistische der Barocke, ihre Vorliebe für das Malerische und die Stimmung, ihr Wille zum gesteigerten künstlerischen Raffinement, zur Farbe und Nuancierung, Wucht und Ausdrucksfülle und zugleich ihr geringes Bedürfnis nach Ursprünglichkeit, Unmittelbarkeit und Einfachheit der Empfindungsäußerung. Und alsbald bemächtigt sich die Musik auch der effektvollsten künstlerischen Ausdrucksform: der dramatischen. Emilio de' Cavalieris »Rappresentazione di anima e di corpo«, 1600 in Rom zur ersten Aufführung gelangt, gilt als das erste Oratorium, und in kurzer Zeit erreichte diese Kunstform, die sich zur Oper etwa verhält wie der Karton zum Gemälde, eine sehr hohe Blüte. Aber die geschichtliche Entwicklung hat sich nicht nach der didaktischen Reihenfolge gehalten, in der das Oratorium dem eigentlichen Musikdrama vorhergehen müßte, denn schon dieses erste Oratorium war mehr das, was man heute eine »Konzertoper« nennen würde (wie denn überhaupt das italienische Oratorium während des ganzen siebzehnten Jahrhunderts eine Hinneigung zur Oper zeigte und noch im achtzehnten Jahrhundert nicht selten in opernmäßiger Inszenierung vorgeführt wurde) und die erste wirkliche Oper ist drei Jahre früher geboren worden: die »Dafne«, zu der Ottavio Rinuccini den Text, Jacopo Peri die Musik geschrieben hatte, erlebte im Karneval 1597 zu Florenz ihre Uraufführung. Das dramma per musica , wie man anfangs sagte, war durch Versuche und Diskussionen eines geistreichen Dilettantenkreises entstanden, die auf die Wiederbelebung der antiken Tragödie abzielten: man dachte sich diese als eine Folge von Rezitationen zur Kithara, durch Chöre unterbrochen. Dementsprechend wählte man allerlei einfache Handlungen vorwiegend mythologischen Inhalts mit sangbaren Situationen und setzte sie in Musik. Diese Art Oper war unserer heutigen noch sehr unähnlich: mehr musikalische Deklamation als Gesang, psalmodierend in der Art der kirchlichen Litaneien des Mittelalters und von einem recht dürftigen Orchester unterstützt, das unsichtbar hinter den Kulissen aufgestellt war, dafür aber von allem Anfang an mit Tanz und verschiedenartigen Ausstattungseffekten verbunden. Man nannte diese neue Art des Sprechgesanges, die immerhin vor der bisherigen Vokalmusik die größere Natürlichkeit und Deutlichkeit voraushatte, da sie der normalen Betonung folgte, den stile rappresentativo oder stile parlante . Einen Fortschritt bedeutete bereits Claudio Monteverdis »Orfeo« vom Jahre 1607: das Rezitativ ist belebter, die Rolle der Musik viel selbständiger, indem ihr schon das Zwischenspiel und die Klangmalerei als eigene Aufgaben zugewiesen werden. Ferner verdankt die damalige Oper diesem ihrem stärksten Talent die Einführung des Duetts und die Erfindung des Geigentremolos, und schon in seinem ersten Werk taucht das Leitmotiv auf. An äußerem Prunk haben die Opernvorstellungen der Barocke alle ihre Nachfolger übertrofFen. Man sah die Zwietracht auf ihrem Drachenwagen und Pallas Athene in ihrer Eulenkutsche durch die Lüfte schweben, Jupiter und Apoll in den Wolken thronen, das Schiff des Paris durch Wogen und Wetter steuern; die Unterwelt spie Geister und Ungeheuer aus ihrem roten Rachen; Pferde und Büffel, Elefanten und Kamele zogen vorüber, Truppenkörper von oft vielen hundert Menschen defilierten, lieferten Gefechte, beschossen Festungen; der Himmel mit Sonne und Mond, Sternen und farbigen Kometen spielte fast ununterbrochen mit. Bernini, der Meister aller dieser Künste, zeigte einmal die Engelsburg und davor den rauschenden Tiber mit Kähnen und Menschen: plötzlich riß der Damm, der den Fluß vom Zuschauerraum trennte, und die Wellen stürzten dem Publikum mit solcher Wucht entgegen, daß es entsetzt die Flucht ergriff; aber Bernini hatte alles so genau berechnet, daß das Wasser vor der ersten Reihe haltmachte. Ein andermal brachte er einen glänzenden Karnevalszug auf die Bühne, an der Spitze Maskierte mit Fackeln: ein Teil der Kulissen geriet in Brand, alles begann davonzulaufen; aber auf ein Zeichen verloschen die Flammen und die Bühne verwandelte sich in einen blühenden Garten, in dem ein feister Esel ruhig graste. Man ermißt an diesen grotesken und glänzenden Coups, wie blasiert und anspruchsvoll das damalige Theaterpublikum gewesen sein muß. Die Oper wurde bald zur Königin des Zeitalters. 1637 entstand das erste öffentliche Opernhaus in Venedig, 1650 gab es dort bereits vier. 1627 erschien die erste deutsche Oper, die ebenfalls »Daphne« hieß, komponiert von Heinrich Schütz, dem bedeutendsten Vorläufer Händels und Bachs; den Text hatte der Literaturpapst Opitz höchst persönlich nach Rinuccini bearbeitet. Allmählich gliederte sich vom Rezitativ die Arie ab, der Chor trat fast ganz zurück und aus den Sängern wurden Statisten, die nur von Zeit zu Zeit einige Rufe von sich zu geben hatten wie »viva« , »mori« , »all'armi« und dergleichen. Daß es den neuen Dingen damals nicht anders ging als heutzutage, zeigt das Werk des Kanonikus Giovanni Maria Artusi, eines eingefleischten Kontrapunktisten, »Delle imperfezioni della moderna musica«, worin es heißt: »Die neuen Komponisten sind Ignoranten, die nur ein Geräusch machen und nicht wissen, was man schreiben darf und was nicht.« el siglo de oro Zur höchsten Blüte gelangte die Frühbarocke in Spanien. Wir haben hier wieder einen Beweis, daß politischer und wirtschaftlicher Aufschwung durchaus nicht immer die notwendige Vorbedingung für hohe künstlerische Entwicklung bildet. Denn das siebzehnte Jahrhundert bedeutet für die Spanier den Verlust ihrer Großmachtstellung und den völligen ökonomischen Ruin, und doch nennen sie es mit Recht el siglo de oro , das goldene Jahrhundert. Auf Philipp den Zweiten, den wir bereits näher kennen gelernt haben, folgte um die Wende des sechzehnten Jahrhunderts der phlegmatische energielose Philipp der Dritte, von dem er gesagt haben soll: »Gott, der mir so viele Reiche geschenkt hat, hat mir einen Sohn verweigert, der sie regieren könnte; ich fürchte, daß sie ihn regieren werden.« Die planlose und korrupte Günstlingsherrschaft, unter der sein Regime litt, verschlimmerte sich noch unter seinem Nachfolger Philipp dem Vierten, dessen Interesse den Freuden der Liebe und der Jagd, aber auch dem Theater und der Malerei gehörte. Die unfähige und träge Staatsverwaltung, die gleichwohl jede selbständige Regung der städtischen Kommunen und der Landbevölkerung unterdrückte, und die allgemeine Bestechlichkeit, Rückständigkeit und Protektion führte zu einem vollständigen Niedergang der Volkswirtschaft. Schließlich sah sich die Regierung zu dem verzweifelten Mittel genötigt, jedem Feldarbeiter den erblichen Adel zu versprechen, aber auch dies erwies sich als wirkungslos, denn Arbeit galt jedem freien Spanier als Schande. Von den unklugen und unmenschlichen Bedrückungen der Morisken haben wir schon gehört: im Jahre 1609 kam es zu ihrer völligen Vertreibung, die auf die heimische Industrie ungemein lähmend wirkte; ähnliche Folgen hatte die erzwungene Auswanderung der Juden nach Holland, wo sie viel zu dem großen wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen haben. Auf dem flachen Lande und unter dem städtischen Proletariat, das nirgends zahlreicher und verkommener war als in Spanien, herrschte bitterste Hungersnot; aber auch das Kleinbürgertum befand sich in sehr gedrückter Lage. Die Steuern wurden immer uneinbringlicher, und so wurden auch Adel und Hof in den Bankerott hineingezogen: man konnte nicht selten die königliche Leibwache an den Klostertüren um die Armensuppe betteln sehen. Brot, Zwiebeln, getrocknete Trauben, etwas Schafkäse und ein paar Eier bildeten die tägliche Nahrung des Spaniers; nur selten konnte er sich sein Nationalgericht, die berühmte olla podrida leisten, eine aus Kohl, Rüben, Knoblauch, Hammelfleisch und Speck bereitete Suppe. Einen staatlichen Schulunterricht oder gar Schulzwang gab es nicht; nur die Angehörigen des Adels und des höheren Bürgertums waren imstande zu lesen, und auch diese nur, was ihnen eine streng und fanatisch gehandhabte Zensur gestattete. Das Inquisitionsgericht stand nach wie vor in voller Wirksamkeit, und durch die Bestimmung, daß der Angeklagte die Zeugen und Angeber nicht zu Gesicht bekommen dürfe, war der feigen Rachsucht und hinterlistigen Denunziation der größte Spielraum gewährt. Eine ausgedehnte Verbrecherorganisation, die sogenannte germanía , die mit der Polizei kartelliert war, beunruhigte das ganze Land. Trotz der Verarmung war die Spielsucht bei hoch und nieder allgemein, und der Staat war als Inhaber des Monopols für die Fabrikation von Spielkarten der Nutznießer dieses Lasters. Nur die Trunksucht gehörte nicht zu den spanischen Nationalübeln: das Schimpfwort borracho , Trunkenbold, galt als eine Beleidigung, die nur mit Blut gesühnt werden konnte. Überhaupt war in allen Kreisen der äußerliche Ehrbegriff zu krankhafter Höhe entwickelt. Diese Seite des spanischen Volkscharakters, in der sich seine Härte, Leidenschaftlichkeit und Verbohrtheit am sinnfälligsten ausprägt, ist aus der Dichtung allgemein bekannt, am ergreifendsten geschildert in Calderons »Arzt seiner Ehre«. Lope de Vega sagt: »Ehre ist etwas, das im andern beruht, niemand ist durch sich selbst geehrt, denn durch den andern empfängt er die Ehre.« Das deckt sich merkwürdig mit der Definition Schopenhauers: »Die Ehre ist, objektiv, die Meinung anderer von unserem Wert und, subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung.« Sehr bezeichnend für die fast pathologische Loyalität der Spanier ist es übrigens, daß es für sie trotz ihrer extremen Empfindlichkeit, die lieber den Tod als eine ungestrafte Kränkung ertrug, Beleidigungen durch den König nicht gab, wie sich dies in einer Reihe berühmter Dramen, in Zorillas » Del Rey abajo ninguno « zum Beispiel schon im Titel ausdrückt, der so viel bedeutet wie »Unter dem König darf niemand beleidigen«; auch konnte das Machtwort des Königs jede verletzte Ehre wiederherstellen. Nicht bloß die Dörfer, sondern auch die Städte bestanden mit Ausnahme der Paläste und öffentlichen Gebäude aus Lehmhäusern, es gab keine Trottoirs und für die Beleuchtung sorgten bloß die Öllämpchen, die unter den Muttergottesbildern brannten. Die Reinlichkeit war kaum größer als in Rußland, der Schmutz Madrids sprichwörtlich; Postkutschen waren unbekannt, die Gasthöfe in einem so elenden Zustand, daß man sie gar nicht als solche ansehen kann; von einem geordneten Meldewesen, öffentlicher Sicherheit und dergleichen war keine Rede. Und doch war das Leben nicht ohne Farbe, Poesie und Heiterkeit. Die zahlreichen Feiertage brachten prachtvolle Prozessionen, in denen Kirche und Hof den Glanz ihrer Macht zur Schau stellten, bunte ausgelassene Volksfeste, imposante Stierkämpfe und vor allem Theateraufführungen, wie sie in der ganzen Welt nicht zu sehen waren. Und auch die Dürftigkeit des Alltags war gewürzt durch ewige Liebeshändel, Scherze voll Anmut und Galgenhumor und den berauschenden Duft der Gärten und Mondscheinnächte, die nichts kosteten. Die Königinnen ohne Beine Die Krone und Spitze dieser sonderbaren Welt bildete ein Geschlecht von glänzenden und melancholischen Drohnen, die Granden, die oft in großer Not lebten, aber auch dann noch ihre abgeschabte Capa und ihre stets stichbereite Espada mit einer stilvollen Würde trugen, die bis zum heutigen Tage sprichwörtlich geblieben ist. Ihr Stolz machte nicht einmal vor dem König halt, dem sie mit dem Hut auf dem Kopfe entgegentraten. Den müden Rassenhochmut ihres bis zur Anämie gereinigten Bluts, die zur Leblosigkeit geronnene Exklusivität ihres Standesbewußtseins, ihre ganz Maske und Form gewordene Geistigkeit hat Velasquez ebenso unvergleichlich festgehalten wie Tizian das so ganz anders geartete Selbstgefühl des Renaissancemenschen. Und die Frau, zugleich die Königin und die Sklavin dieser christlich-orientalischen Welt, erstarrt vollends zur Puppe. Eine dicke Schminkschicht aus Eiweiß und kandiertem Zucker verbirgt jede Regung ihres Antlitzes, eine enorme Tonne von Reifrock, guardia de virtud , Tugendwächter genannt, bedeckt ihren Unterkörper. Als die Braut Philipps des Vierten durch eine spanische Stadt reiste und ihr dort von der Cortes als Ehrengeschenk kostbare seidene Strümpfe überreicht wurden, rief der Zeremonienmeister, indem er sie empört zu Boden schleuderte: »Ihr sollt wissen, daß die Königinnen von Spanien keine Beine haben.« Gracian Ein sehr charakteristisches Denkmal hat sich die Weltanschauung jener Gesellschaftsklasse in dem 1653 erschienenen » Oraculo manual y arte de prudencia « des Jesuitenpaters Balthasar Gracian errichtet, das von Schopenhauer vortrefflich ins Deutsche übersetzt worden ist. Darin werden Lebensregeln erteilt wie die folgenden: »Über sein Vorhaben in Ungewißheit lassen: mit offenen Karten spielen ist weder nützlich noch angenehm, bei allem lasse man etwas Geheimnisvolles durchblicken«; »die Hoffnung erhalten, nie aber ganz befriedigen«; »nicht unter übermäßigen Erwartungen auftreten«; »stets handeln, als würde man gesehen«; »denken wie die wenigsten und reden wie die meisten«; »sich verzeihliche Fehler erlauben, denn eine Nachlässigkeit ist zu Zeiten die größte Empfehlung«; »sich vor dem Siege über Vorgesetzte hüten«; »was Gunst erwirbt, selbst verrichten, was Ungunst durch andere«; »nicht abwarten, daß man eine untergehende Sonne sei, die Dinge verlassen, ehe sie uns verlassen«; »weder ganz sich noch ganz den andern angehören, denn beides ist eine niederträchtige Tyrannei«. Und am Schluß gelangen diese Maximen zu dem überraschenden Resümee: »Mit einem Wort: ein Heiliger sein, und damit ist alles auf einmal gesagt. Drei Dinge, die mit S anfangen, machen glücklich: santitad, sanidad, sabidurîa , Heiligkeit, Gesundheit und Weisheit.« El Greco Aber aus dieser seltsamen Atmosphäre erblühten die rauschenden Sprachwunder Calderons; die brennenden Farbenorgien der Dekorationskunst, die mit ihren aneinandergereihten azulejos an die musivische Bilderpracht dieses Dichters erinnern; die in der Kunstgeschichte einzig dastehenden Holzplastiken, die durch grellste Bemalung, natürliche Fleischtönung, Blutgeriesel, Kristallaugen, Dornenkronen, Silberdolche, echte Seidengewänder, Tränen aus Glasperlen und Perücken aus wirklichem Haar die roheste Panoptikumillusion und gleichwohl eben damit eine geheimnisvolle suggestive Wirkung erzeugen, die über alle Kunst hinausgeht. Und in der Malerei hat der wuchtige Ernst und unerbittliche Naturalismus Riberas, die einfache und doch so tiefe Klosterfrömmigkeit Zurbarans die höchsten Schöpfungen vollbracht. Neben ihnen Murillo zu nennen, der dem ganzen neunzehnten Jahrhundert als der größte spanische Maler galt, ist fast eine Blasphemie. Seine auf süßen Parfüm- und Daunenwölkchen einherschwebende Kunst hat den seidigen Optimismus und die billige Beschwingtheit des Allerweltsvirtuosen, der dem großen Publikum immer imponiert, und seine berühmten Szenen aus dem spanischen Volksleben sind gefällige Opernarrangements und glasierte Idyllen, die, durch kolorierende Verfälschung der Wirklichkeit dem Philister schmeichelnd, es nur zu begreiflich machen, daß Murillo der Abgott der Bourgeoisie geworden ist. Murillo ist der spanische Raffael; aber es ist für die spanische Welt des siebzehnten Jahrhunderts bezeichnend, daß diesmal nicht, wie wir dies in Italien bei Raffael und in Holland bei Rubens konstatieren mußten, der flachste unter den bedeutenden Künstlern als der repräsentativste anzusehen ist, sondern der tiefste, nämlich el Greco. Greco hat in Toledo gelebt, dessen Agonie gerade damals begann, obgleich es noch immer die stolze Stadt der Inquisition und der Konzile war; und er hat die Seele Toledos gemalt: den Triumph der römischen Weltkirche und die Todeswehen der spanischen Weltmonarchie. Aber dies allein ist es nicht, was seinen Bildern eine so unvergleichliche Macht verleiht, sondern vor allem jene vollkommene Entrücktheit, Unwirklichkeit und Transzendenz, die aus jeder seiner Gestalten redet: ihren welken Gebärden, ihren seltsam verkrümmten und in die Länge gestreckten Körpern, ihrem visionären, um höhere Geheimnisse wissenden Blick und der ganz unnatürlichen, nämlich magischen Raumverkürzung und Lichtverteilung. Gravitation, Ähnlichkeit, Perspektive: diese und dergleichen Dinge erscheinen uns vor seinen Bildern plötzlich als ungeheuer nebensächlich und flach, ja falsch. Dieser Grieche hat nicht die Wahrheit gemalt, die »verdächtige Wahrheit«, wie sie Calderons Vorgänger Alarcón in dem Titel eines seiner Stücke nennt, und man hat ihn jahrhundertelang für einen Narren angesehen, weil er den Verstand als Narrheit erkannt hatte, als den »Hofharren« der Menschheit, wie Calderon ihn darstellt. Aber eben darum ist er, zusammen mit Loyola und Don Quixote, der stärkste Ausdruck der spanischen Barocke. Die drei Therapien gegen den Rationalismus Es ist jetzt noch nicht der Augenblick, über die Barocke etwas Zusammenfassendes zu sagen; aber einige Züge treten bereits hervor. Die Barocke ist, wie jede geschlossene Weltanschauung, ein Versuch, mit der Wirklichkeit fertig zu werden, deren Widersprüche aufzulösen. Wir haben als das große Thema der Neuzeit den Rationalismus erkannt, den Versuch, alle Erscheinungen der Alleinherrschaft des Verstandes zu unterwerfen. Durch ihn gelangt in die Seele des modernen Menschen ein ungeheurer Hiatus, eine Kluft und Fuge, die ihn auseinanderreißt. Im Mittelalter war noch alles wahr, wirklich, göttlich; die Welt eine Tatsache des Glaubens. Der Rationalismus unterminiert den Glauben und damit die Wirklichkeit. Aber auch in jener Übergangsära und Vorbereitungsperiode, die wir die »Inkubationszeit« nannten, verlor das Leben zwar sehr an Realität, war aber doch noch deutbar, faßbar, bestimmbar. Wir haben gesehen, wie mit dem Sieg des Nominalismus der »Zweiseelenmensch« in die Geschichte trat, der kontrapunktische Mensch, der nichts anderes ist als die fleischgewordene coincidentia oppositorum, die Vereinigung zweier extremer Gegensätze und Widersprüche. Dieser Mensch war zwar nicht mehr einheitlich , aber doch noch eindeutig . Er ist gleichsam eine gebrochene Zahl, aber doch noch eine rationale Zahl. Das ändert sich jetzt. Zum erstenmal erscheinen wirklich komplizierte Menschen auf der Bühne der europäischen Geschichte, die jeder Formel trotzen. Es kommt wiederum etwas Neues. Wir haben den Rationalismus als einen Giftkörper bezeichnet, der zum Beginn der Neuzeit in die europäische Menschheit eintrat. Die ganze Geschichte der folgenden Jahrhunderte ist nun ein bewußter oder unbewußter Kampf gegen dieses Toxin. Ein solcher Kampf kann natürlich verschiedene Formen annehmen. Man kann, was viele für eine besonders glückliche Therapie halten, die Tatsache der Vergiftung einfach leugnen. Man kann versuchen, das Gift aus dem Blut zu entfernen, was meist nur durch Antitoxine gelingt. Und man kann schließlich auch zu dem sehr bedenklichen Mittel greifen, den Körper an das Gift zu gewöhnen. Alle diese Möglichkeiten wurden im Laufe der Neuzeit verwirklicht. Renaissance und Reformation versuchten es mit der Leugnung, die erstere, indem sie behauptete, der Rationalismus sei identisch mit dem, was für sie das Höchste bedeutete, mit der Kunst, die letztere, indem sie erklärte: der Rationalismus kommt von Gott. Die letzte Phase der nunmehr abgelaufenen Neuzeit, die etwa um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mit der sogenannten »Aufklärung« einsetzt, hatte sich an das Gift angepaßt und lehnte sich gegen die Krankheit überhaupt nicht mehr auf, die bereits zu einem Zustand geworden war. Die Barocke hingegen griff zum »Gegenkörper«, zum Antidot. Zunächst sucht sie den Rationalismus durch Sensualismus zu verdrängen. Aber da beide, wie wir im ersten Buche nachzuweisen versuchten, im Grunde dasselbe sind, so war das kein sehr geeignetes Gegengift. Sie begibt sich daher sehr bald auf einen zweiten Ausweg. Da die Wirklichkeit nun einmal rational ist oder vielmehr: da der Mensch der Neuzeit nicht imstande ist, sie anders zu sehen, so verfällt sie auf die List, sie zu negieren, zu einer Realität zweiter Ordnung zu degradieren, indem sie sie entweder nicht ernst nimmt, mit ihr spielt: dies ist die künstlerische Form der Lösung, oder indem sie sie für unwahr und vorgetäuscht, für ein Trugbild erklärt: dies ist die religiöse Form der Lösung. Beide Formen vermögen sich recht wohl miteinander zu vermischen, sie haben sogar eine ausgesprochene Tendenz dazu. Die Welt als Fiktion Vor etwa einem halben Menschenalter erschien ein höchst bedeutsames, bis heute noch nicht genügend gewürdigtes Werk, dem man den Namen geben könnte: »Die Welt als Fiktion«. Tatsächlich heißt es anders, nämlich: »Die Philosophie des Als ob. System eines idealistischen Positivismus, herausgegeben von Hans Vaihinger.« Aber schon dieser Titel ist eine Fiktion, denn in Wirklichkeit war der Kantforscher Professor Vaihinger nicht der Herausgeber, sondern der Verfasser. Nach seiner Grunddefinition ist eine Fiktion nichts anderes als ein gewollter Fehler, ein bewußter Irrtum. Der sprachliche Ausdruck für diese Denkfunktion ist die Partikel »als ob«, eine Wortzusammensetzung, die wir in fast allen Kultursprachen wiederfinden. Merkwürdigerweise gelangen wir nun durch solche bewußt falsche Vorstellungen sehr oft zu neuen und richtigen Erkenntnissen. Denn es gibt nicht nur schädliche Wahrheiten, sondern auch fruchtbare Irrtümer. Wir erreichen durch solche Fiktionen häufig überhaupt erst die Möglichkeit, uns in der Wirklichkeit zurechtzufinden; sie haben daher, trotz ihrer theoretischen Unrichtigkeit, einen außerordentlichen praktischen Wert. Die Annahme der Willensfreiheit zum Beispiel ist die unerläßliche Grundlage unserer sozialen und juristischen Ordnungen, und doch sagt uns unser logisches Gewissen, daß diese Annahme ein Nonsens ist. Wir operieren in der Naturwissenschaft mit »Atomen«, obgleich wir wissen, daß diese Vorstellung willkürlich und falsch ist; aber wir operieren glücklich und erfolgreich mit dieser falschen Vorstellung: wir kämen ohne sie nicht so gut, ja überhaupt nicht zum Ziele. Wir rechnen mit »unendlich kleinen Größen«, einem völlig widerspruchsvollen Begriff (denn etwas, das unendlich klein ist, ist ja eben keine Größe mehr), und dennoch beruht die gesamte höhere Mathematik und Mechanik auf diesem Unbegriff. Die ganze Algebra basiert auf der Fiktion, daß symbolische Buchstaben für wirkliche Zahlen eingesetzt werden. Dies macht vielen Schülern furchtbares Kopfzerbrechen; aber jeder Mensch, der spricht, tut etwas ganz Ähnliches: er setzt symbolische Zeichen, nämlich Worte, für wirkliche Dinge. Die Geometrie arbeitet bereits in ihren einfachsten Grundbegriffen mit Fiktionen, mit unvorstellbaren Vorstellungen: mit Punkten ohne Ausdehnung, Linien ohne Breite, Räumen ohne Ausfüllung. Sie betrachtet den Kreis als eine Ellipse mit zwei Brennpunkten, die keine Distanz haben: ein offenbarer Unsinn, denn zwei Punkte, die keine Distanz haben, sind eben ein Punkt. Auch sämtliche botanischen und zoologischen Systeme, überhaupt alle wissenschaftlichen Klassifikationen sind willkürliche Fiktionen, und doch sind sie vortreffliche Hilfsmittel zur näheren Bestimmung der einzelnen Individuen und zur Übersicht über die verschiedenen Naturgebiete. In der Mechanik wird der Schwerpunkt eines schwebenden Ringes in dessen Mitte verlegt, also völlig ins Leere, was ohne Zweifel falsch ist. Einer der Grundbegriffe des christlichen Glaubens ist die Fiktion der »unsichtbaren Kirche«. Schon in den gewöhnlichen Phrasen des gesellschaftlichen Verkehrs zeigt sich die Herrschaft der Fiktion. Wenn ich zum Beispiel sage: »Ihr Diener«, so heißt das nicht: ich bin Ihr Diener, sondern: betrachten Sie mich so, als ob ich es wäre. Und in der Tat ist ohne diese hunderterlei »als ob« überhaupt keine höhere Kultur möglich. Wenn das Stubenmädchen dem Besucher sagt: »Die gnädige Frau ist nicht zu Hause«, obgleich diese tatsächlich zu Hause ist, so spricht sie, glauben wir, damit keine Lüge aus, denn diese Auskunft will nur so viel besagen wie: die gnädige Frau wünscht so behandelt zu werden, als ob sie nicht zu Hause wäre. Kunst, Philosophie, Religion, Politik, Sittlichkeit, Wissenschaft beruhen alle zum größten Teil auf solchen mehr oder weniger komplizierten Fiktionen. Auch dieses Werk tut ja nur so, als ob es eine Kulturgeschichte wäre, während es in Wirklichkeit etwas ganz anderes ist. In der Barocke wird nun in einer vielleicht einzig dastehenden Weise das ganze Leben in allen seinen Formen und Betätigungen tyrannisch und prinzipiell unter den Aspekt des »als ob« gestellt. Für den Barockmenschen löst sich alles Geschehen in schönen Schein, in Fiktion auf. Er spielt mit der Wirklichkeit wie der souveräne Schauspieler mit seiner Rolle, der Meisterfechter mit seinem Partner: sie kann ihm nichts anhaben, denn er weiß ganz genau, daß sie ein Phantom, ein Maskenscherz, ein falsches Gerücht, eine Lebenslüge ist; er stellt sich nur so, als ob er sie für wirklich hielte. Aus dieser sonderbaren Barockposition versucht Hermann Bahr in seiner bereits erwähnten Studie »Wien«, die auf ihren acht Bogen eine ganze Kulturgeschichte im Extrakt enthält, sogar die zügellose Skrupellosigkeit in Sünde und Genuß herzuleiten, der sich in der Tat nicht wenige Barockmenschen hingaben: »Wer kann uns hemmen? Ein Gefühl des Unrechts? Tun wir es denn? Es träumt uns ja doch bloß ... frei vom Gewissen: du hast keine Schuld, denn du bist es nicht, der tut ... Recht ist hier derselbe Wahn wie Unrecht.« Aber dies kann doch nur für die kleinen Geister Geltung gehabt haben, die es zu allen Zeiten verstanden haben, das jeweils herrschende Weltbild in eine Legitimation für ihre Gier und Selbstsucht umzufälschen. Die Optik der Barocke ist, wie wir sahen, die des Künstlers und des homo religiosus. Aber der Künstler, obgleich er sein Werk, ja das ganze Dasein nur als farbige Illusion und Luftspiegelung ansieht, exzelliert gerade durch das empfindlichste moralische Verantwortungsgefühl und spielt mit einer Gewissenhaftigkeit, Hingabe und Sorgfalt, die man bei den »ernsten« Beschäftigungen des Philisters vergeblich suchen wird; und der religiöse Mensch, wiewohl er die irdische Welt als trügerische Versuchung und lügnerischen Schattenwurf des Teufels erkannt hat, erblickt in ihr gerade darum die schicksalentscheidende Vorbereitung auf jene wahre Welt, deren Zerrbild sie ist. Die legitime Deutung der »Vorbarocke« ist nicht im Jesuitismus zu finden, sondern in dessen vernichtendstem Gegner: Blaise Pascal, einem der wenigen, die als Boten und Erben einer reineren, höheren und unwirklicheren Welt durch das immer kompakter und grauer, immer gottleerer und selbsterfüllter werdende Chaos der Neuzeit schritten. Pascals Lebenslegende Das Einzigartige Pascals bestand darin, daß er zugleich der modernste und der christlichste Geist seines Zeitalters war. Bei ihm stieß eine exzeptionell scharfe Logizität und Denkkraft mit einer exzeptionell leidenschaftlichen und abgründlichen Religiosität zusammen. Er ist der luzideste Kopf, den das Mutterland der clarté hervorgebracht hat, und der feinste Seelenanalytiker seines Jahrhunderts: neben ihm erscheint Descartes als ein bloßer Rechenkünstler und virtuoser Mechaniker. Zugleich aber ist er ein fast hysterischer Religiöser und Gottsucher, ein Theomane. Religiosität, als ein ungeheures verzehrendes Pathos, geschmiedet an einen zerlegenden Forschergeist ersten Ranges: dies war die erschütternde Psychose Pascals, ein pittoreskes und spannendes Schauspiel des Geistes, wie es wenige gibt. Nicht umsonst kommt Nietzsche in seiner Polemik gegen das Christentum immer wieder auf Pascal zurück: auch wenn er ihn nicht nennt und ganz allgemein von der Korruption des europäischen Geistes durch christliche Wertungen spricht, merkt man, daß er insgeheim doch nur an ihn denkt; er hatte das richtige Gefühl, daß man, wenn man die christliche Gedankenwelt bekämpfen wolle, sie vor allem in Pascal bekämpfen müsse, ja man gewinnt fast den Eindruck, als habe er gespürt, daß man sie in Pascal gar nicht bekämpfen könne . Schon in der Lebensgeschichte Pascals zeigt sich sein Doppelgesicht: sie ist zur einen Hälfte die glänzende Laufbahn eines modernen Gelehrten, zur andern Hälfte eine zarte mittelalterliche Heiligenlegende. Mit zwölf Jahren entdeckte er ganz selbständig, ohne andere Hilfsmittel als etwas Kohle und Papier, einen großen Teil der Lehrsätze des Euklid; mit sechzehn Jahren verfaßte er eine Abhandlung über die Kegelschnitte, von der die Zeitgenossen sagten, seit Archimedes sei nichts dergleichen geschrieben worden; mit neunzehn Jahren erfand er eine Rechenmaschine, mit der man alle arithmetischen Operationen ohne Kenntnis der Regeln fehlerfrei ausführen konnte; mit dreiundzwanzig Jahren überraschte er die Gelehrtenwelt durch seinen epochemachenden Traktat über den horror vacui und die berühmten Experimente zur Höhenmessung des Luftdrucks, die seinen Namen tragen. Schon um diese Zeit jedoch begann er zu erkennen, daß die Wissenschaft mit allen ihren Fortschritten für uns im höheren Sinne wertlos sei und die wahre Aufgabe des Geistes in der Hingabe an Gott bestehe. Er trat in nähere Beziehung zu den Jansenisten, einer Vereinigung von frommen und gelehrten Männern, die sich den Lehren des Bischofs Jansenius von Ypern anschlossen. Dieser hatte in einem nachgelassenen Werk »Augustinus« bewiesen, daß Papsttum und Scholastik der ketzerischen Lehre des Pelagius näher gestanden hätten und noch stünden als der augustinischen: dies ging vor allem gegen die Theorie und Praxis der Jesuiten; und aus diesem Gedankenkreise sind auch Pascals »Provinzialbriefe« hervorgegangen, jenes Meisterwerk satirischer Prosa, von dem wir bereits gesprochen haben. Die Kongregation lebte in der Nähe von Port-Royal des Champs in klösterlicher Zurückgezogenheit, aber ohne einen wirklichen Orden zu bilden: aus ihr erwuchs die berühmte Schule von Port-Royal, die später auch eine Filiale in Paris hatte und der Brennpunkt des ganzen wissenschaftlichen und religiösen Lebens jener Zeit war. Die zweite Hälfte seines Lebens, das nur neununddreißig Jahre währte, hat Pascal unter den größten körperlichen Heimsuchungen verbracht, die er aber mit der edelsten Geduld und Fassung, ja fast mit Heiterkeit ertrug. Obgleich durch beständige Kolik, Kopfneuralgie, Zahnfleischentzündung und Schlaflosigkeit geplagt, verzichtete er doch auf jede Bequemlichkeit, machte sich alle Handreichungen selber und nahm sogar noch einen kranken Armen zu sich, den er bediente und pflegte. Er pries Gott für seine Krankheiten, denn Kranksein, pflegte er zu sagen, sei der einzige eines Christen würdige Zustand, ja er hatte eine förmliche Angst davor, wieder gesund zu werden. Und seine Leiden haben ihn in der Tat in Höhen entrückt, die dem gewöhnlichen Sterblichen verschlossen sind: durch die Schwerelosigkeit, die sie ihm verliehen, gelang es ihm, mitten in der profanen gierigen Welt des mazarinischen Frankreich und beim hellen Tageslicht seines rationalistischen Jahrhunderts ein magisches und mystisches Dasein zu führen. Um seine letzten Lebensjahre liegt ein überwirklicher Astralglanz. Pascals Seelenanatomie Pascals philosophische Methode ist in dem Satz enthalten: »Man muß dreierlei sein: Mathematiker, Skeptiker und gläubiger Christ.« Er gelangt, und dies ist das Besondere und Zeitgemäße an ihm, zum Glauben nicht durch das Dogma, sondern durch die Skepsis; und er zeigt, worin er sich als der äußerste Antipode Spinozas erweist, daß die Mathematik den Glauben nicht zerstört, sondern begründet. Man könnte sagen: die religiösen Wahrheiten nehmen bei ihm dieselbe Stelle ein wie die Wahrheiten der höheren Mathematik: der niedere Verstand hält sie so lange für ungereimt, als er sie nicht begreift; aber in dem Augenblick, wo er sie begreift, muß er sie als notwendig, bewiesen und unwiderleglich anerkennen. Diesem Gegenstand sind die »Pensées« gewidmet, vermutlich das tiefste Buch der französischen Literatur. Sie befassen sich mit dem »Studium des Menschen«. Für den Naturforscher Pascal ist die menschliche Seele ein einziges großes Experimentierfeld, und mit den subtilsten Präzisionsinstrumenten der Analyse tritt er an sie heran, legt ihre geheimsten und zartesten, dunkelsten und widerspruchsvollsten Regungen bloß, mißt alle ihre Höhen und Tiefen aus, erhellt und fixiert ihre schwimmendsten Nuancen, kurz: er hat die von ihm begründete Wahrscheinlichkeitsrechnung auch auf die Psychologie angewandt, und wie er die Schwere der Luft maß, so hat er auch hier als erster das scheinbar Imponderable gewogen und zum Objekt exakter Untersuchung gemacht. Das Endresultat ist gleichwohl ein ungeheurer »amas d'incertitude «. »Denn schließlich, was ist der Mensch in der Natur? Ein Nichts, gehalten gegen das Unendliche, eine Welt, gehalten gegen das Nichts, ein Mittelding zwischen Null und All. Er ist unendlich weit entfernt von beidem und sein Wesen ist dem Nichts, woraus er emporgetaucht ist, ebenso fern wie dem Unendlichen, worein er geschleudert ist ... Dies ist unser wahrer Zustand. Dies bannt unsere Erkenntnis in bestimmte Grenzen, die wir nicht zu überschreiten vermögen, unfähig, alles zu wissen, und unfähig, alles zu ignorieren. Wir befinden uns auf einer weiten Mittelebene, immer unsicher, immer schwankend zwischen Unwissenheit und Erkenntnis ... Wir brennen vor Begierde, alles zu ergründen und einen Turm zu errichten, der sich in die Unendlichkeit emporreckt. Aber unser ganzes Gebäude kracht zusammen und die tiefe Erde öffnet ihren Abgrund.« »Wir sind ohnmächtig im Beweisen: das kann kein Dogmatismus widerlegen; wir tragen in uns die Idee der Wahrheit: das kann kein Skeptizismus widerlegen. Wir ersehnen die Wahrheit und finden nur Ungewißheit. Wir suchen das Glück und finden nur Elend ... Aber unser Elend ist die Folge unserer Größe und unsere Größe ist die Folge unseres Elends ... Denn der Mensch weiß, daß er elend ist. Er ist elend, weil er es weiß; aber er ist groß, weil er weiß, daß er elend ist. Was für eine Chimäre ist also dieser Mensch! Wunder, Wirrnis, Widerspruch! Richter über alle Dinge, ohnmächtiger Erdenwurm, Schatzkammer der Wahrheit, Dunkelkammer der Ungewißheit, Glorie und Schmach des Weltalls: wenn er sich rühmt, will ich ihn erniedrigen; wenn er sich erniedrigt, will ich ihn rühmen; und so lange will ich ihm widersprechen, bis er begreift, daß er unbegreiflich ist.« (Wozu Voltaire, der die »Pensées« mit Noten versehen hat, die Bemerkung macht: »Echtes Krankengerede«; und wozu wir bemerken möchten, daß es zwar völlig begreiflich ist, wenn Voltaire, der glänzende Herold und Dolmetsch des achtzehnten Jahrhunderts, hier nur »Gerede« hört, hingegen völlig unbegreiflich, wie er Pascal Krankheit vorwerfen kann, denn woher hatte denn er selber seine Genialität, wenn nicht aus seiner »physiologischen Minderwertigkeit«, seiner Rückgratsverkrümmung, seiner abnorm schwächlichen Konstitution, seiner pathologischen Reizbarkeit?) Die Summe der Pascalschen Anthropologie dürfte in dem Satz enthalten sein: »Der Mensch ist nur ein schwaches Rohr, aber ein denkendes Rohr.« »Ainsi toute notre dignité consiste dans la pensée ... Travaillons donc à bien penser: voilà le principe de la morale.« Der gute Gebrauch der Denkkraft muß aber unausbleiblich zu Christus führen. »Alle Körper, das Firmament, die Sterne, die Erde und die Naturreiche zählen nicht so viel wie der kleinste der Geister; denn er weiß von alldem und von sich selbst, und der Körper von nichts. Und alle Körper und alle Geister zusammen und alle ihre Werke zählen nicht so viel wie die geringste Regung der Liebe; denn die Liebe gehört einer unvergleichlich erhabeneren Ordnung an. Aus allen Körpern zusammen könnte man nicht den kleinsten Gedanken bilden: das ist unmöglich, er ist von anderem Range. Alle Körper und alle Geister zusammen vermögen nicht eine einzige Regung wahrer Liebe hervorzubringen: das ist unmöglich, sie ist von anderem, durchaus übernatürlichem Range.« Der Überwinder Wir haben bereits gelegentlich beobachten können und werden bald genauer erkennen, daß das siebzehnte Jahrhundert den Sieg des wissenschaftlichen Geistes bezeichnet: in alle Gebiete hält er seinen triumphierenden Einzug; er ergreift die Naturforschung, die Sprachforschung, die Geschichtsforschung, die Politik, die Wirtschaft, die Kriegskunde, ja sogar die Moral, die Poesie, die Religion. Alle Gedankensysteme, die dieses Jahrhundert hervorgebracht hat, haben entweder von vornherein die wissenschaftliche Betrachtung sämtlicher Lebensprobleme zu ihrem Fundament oder sie sehen in ihr das höchste und letzte Endziel. Aber nur einer hat einen anderen Weg genommen, den Weg des gotterleuchteten Genies, indem er die Wissenschaft nicht bloß suchte wie alle, nicht bloß fand wie die wenigen Auserlesenen, sondern überwand: Pascal, der größte Geist, den die gallische Rasse geboren hat. Der wahre Sonnenkönig Der größte, aber nicht der wirksamste. Dies war ein anderer Denker, ihm an Weite ebenbürtig, aber nicht an Tiefe, an Helle, aber nicht an Erleuchtung. Es war der Mann, der das glänzende Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten geschaffen hat, das Grand Siècle, dem wir uns nunmehr zuwenden, und darüber hinaus den ganzen modernen Franzosen bis in die Revolution und den Weltkrieg hinein und der daher, obschon sein Leben unter den grauen Nebeln Hollands still und einsam dahinfloß, der wahre Sonnenkönig gewesen ist, während jener Ludwig nicht mehr war als eine vergoldete Dekorationspuppe und von ihm erfundene Theaterfigur: ein sehr merkwürdiger Vorgang, der eine um so genauere Betrachtung verdient, als er eine sehr wertvolle und überraschende Lektion enthält, nämlich die Erkenntnis, daß das Bleibende und Fortwirkende, das im wahren Sinne Historische immer von einigen wenigen Personen getan worden ist, die ihrer Zeit als unwesentliche und überflüssige, ja schädliche Grübler erschienen und die uns in demselben Lichte erscheinen würden, wenn sie heute lebten: von einigen Phantasten und Sonderlingen, deren Wirkungssphäre sich völlig abseits von dem befand, was ihre Zeitgenossen für beachtenswert und zentral hielten; und daß umgekehrt all dieses Wichtige, das so viel Glanz und Geschrei verbreitete, heute versunken, dem Fluch der Vergessenheit oder gar der Verachtung und Lächerlichkeit anheimgefallen ist. Kurzum: wir werden die Lehre empfangen, daß alles Große unnützlich und nichts Nützliches groß ist und daß die wahre Welthistorie in der Geschichte einiger weltfremder Träumereien, Visionen und Hirngespinste besteht. Das Wunder, von dem wir reden, eine Art Schöpfung zweiten Grades, hat, ohne es selber zu ahnen, ein versponnener Begriffsdichter und menschenscheuer Aristokrat vollbracht: der chevalier René Descartes, seigneur de Perron .   Zweites Kapitel Le grand siècle Aimez donc la raison! Boileau Richelieu Das goldene Zeitalter Frankreichs beginnt mit Richelieu. Dieser großartige und nichtswürdige, ideenreiche und geistesenge Staatslenker, der in sich nicht nur alle bewundernswerten und abscheulichen Eigenschaften eines eminenten Politikers, sondern auch alle strahlenden Vorzüge und häßlichen Untugenden seiner Rasse vereinigte, gilt als der eigentliche Begründer des bourbonischen Absolutismus, und in der Tat: an dem imposanten Bau, den der geniale unglückliche Heinrich der Vierte begonnen hatte und der mehr glückliche als geniale Ludwig der Vierzehnte nur zu vollenden brauchte, hat er das meiste geschaffen. Wenn man aber anderseits bedenkt, daß er nicht nur die Königin-Mutter Maria von Medici, die anfangs für ihren unmündigen Sohn regierte, mit allen Mitteln der List und Gewalt beiseite gedrängt hat, sondern auch Ludwig den Dreizehnten selber, einen pathologischen Taugenichts, an dem nichts menschlich wertvoll war als seine blinde Unterwerfung unter den überlegenen Geist des Kardinals, wie eine als König kostümierte Attrappe behandelt hat, so gelangt man zu dem Schluß, daß das treibende Pathos in Richelieus gewaltiger Politik nicht der Royalismus gewesen ist, sondern der typisch französische Zentralisationswille, der alles, Staat, Kirche, Wirtschaft, Kunst um einen einzigen leuchtenden Mittelpunkt zu organisieren strebt; und darin: in dieser tiefen Erkenntnis des Volkscharakters und der Zeitströmung lag das Geheimnis seines Sieges. Der aristokratische Feudalismus lag im Sterben, der bürgerliche Liberalismus noch nicht einmal in den Geburtswehen: so blieb als einziger brauchbarer Träger der Macht die Krone. Dies war der Sinn der Zeit; und darum war Richelieu einer der ersten modernen Politiker im doppelten Sinne: zugleich einer der frühesten und größten. Wenn wir ihn »modern« nennen, so bedeutet dies freilich nichts weniger als ein Lob im Geiste unserer Geschichtsauffassung, wohl aber ein Lob im Geiste der profanen Historie: er verstand, was die Menschheit seines Jahrhunderts wollte, ehe sie selbst es recht wußte, und er besaß genug Klugheit und Tatkraft, um diese Einsicht in Wirklichkeit verwandeln zu können. Dieser Fürst, liebenswürdig und brutal, nobel und rachsüchtig, wie es nur ein Kavalier seiner Zeit sein konnte, hatte außerdem erkannt, daß Politik die Kunst der unerlaubten Mittel und das System der Prinzipienlosigkeit ist. Er befolgte daher in seiner inneren und seiner äußeren Diplomatie ganz verschiedene Grundsätze. Es dürfte wohl selten ein merkwürdigerer Kardinal den roten Hut getragen haben. Daß der Dreißigjährige Krieg nicht mit einem Sieg des Kaisers endete, war hauptsächlich ihm zu verdanken; daß die katholische Vormacht Spanien zu einer Potenz zweiten und selbst dritten Ranges herabsank, war sein Werk. Er nahm zwar den Hugenotten ihre Festungen, gewährte ihnen aber volle Religionsfreiheit und Zulassung zu den öffentlichen Ämtern und unterdrückte die zentrifugalen Bestrebungen des papistischen Klerus mit derselben Strenge, nach seinem Leitsatz: die Kirche ist im Staat, nicht der Staat in der Kirche; überhaupt war er, obgleich der Vertreter der Macht und Majorität, von einer für die damaligen Verhältnisse fast unfaßbaren religiösen Toleranz, während die Geduldeten merkwürdigerweise sehr unduldsam auftraten. Ebenso »vorurteilslos« verhielt er sich bei der Einmischung in die inneren Verhältnisse der Nachbarstaaten. Verfechter der königlichen Allmacht war er nur als Franzose, hingegen unterstützte er die katalonischen und portugiesischen Insurgenten gegen die spanische Herrschaft, die deutschen Fürsten gegen Kaiser und Reich und die Schotten gegen die englische Krone. Auch darin zeigte er sich als durchaus moderner Politiker, daß er versuchte, an den Kolonisationsbestrebungen kräftigen Anteil zu nehmen. Er begründete die Compagnie de l'Orient , um sich Madagaskars zu bemächtigen, was jedoch nur sehr unvollständig gelang. Später stiftete Colbert zu demselben Zweck die ostindische Kompagnie, vermochte aber ebenfalls nur einige Randplätze zu besetzen. An der Westküste Afrikas wurde Senegambien, das Land zwischen Senegal und Gambia, erobert und das Fort Saint Louis errichtet; in Südamerika erstand Französisch-Guayana mit der Hauptstadt Cayenne; das größte Interesse brachte man aber Canada entgegen, der France-Nouvelle , während Louisiana erst gegen Ende des Jahrhunderts in französischen Besitz gelangte. Im ganzen haben die Franzosen als Kolonisatoren damals wenig Erfolge gehabt, denn auf diesem Gebiete versagte das zentralistische System Richelieus, das jede selbständige Regung unter falscher staatlicher Bevormundung verkümmern ließ und bei der Art höherer Seeräuberei, in der das ganze europäische Kolonisationswesen bestand, besonders unangebracht war. Richelieu war übrigens auch auf anderen Gebieten ein Vorläufer Colberts. Er suchte die heimische Industrie, besonders die blühende Tuchmacherei, durch Zölle zu schützen, rief neue Branchen ins Leben, förderte den Ackerbau und erleichterte den Verkehr durch prachtvolle baumbepflanzte Chausseen, die für ganz Europa vorbildlich wurden. Das Hotel Rambouillet Man würde jedoch Richelieu sehr unvollständig gerecht werden, wenn man ihn nur als Politiker würdigen wollte. Wie alle bedeutenden Staatslenker hat er nicht nur der Verwaltung und Diplomatie, sondern auch dem ganzen geistigen und gesellschaftlichen Leben seine Physiognomie aufgedrückt. Er verfolgte hier dieselben Prinzipien wie in seiner Politik: straffste Zusammenfassung, Übersicht und Ordnung. Er erbaute zur Verherrlichung seiner Macht das Palais Cardinal , das später als Palais Royal eine so interessante historische Rolle gespielt hat, begründete zur Leitung der öffentlichen Meinung die Gazette de France , an der er selbst mitarbeitete, und stiftete zur Reinigung und Vervollkommnung der französischen Sprache die Académie française , die von nun an souverän feststellte, wie man richtig zu schreiben und zu reden habe, wodurch das Französische erst seine volle Klarheit, Feinheit und Korrektheit, aber zugleich eine gewisse mechanische Regelmäßigkeit und unfreie Uniformität erhielt; auch die »drei Einheiten«, die er im Drama durchsetzte, erkauften eine größere Präzision und Durchsichtigkeit des Baues mit einem empfindlichen Verlust an Farbigkeit, Natürlichkeit und poetischem Leben. Unter Richelieu ist auch der erste große Salon entstanden: im Haus der schönen, geistreichen und liebenswürdigen Marquise de Rambouillet, wo sich die hohe Aristokratie mit der geistigen Creme ihre Rendezvous gab, und es begann sich jene sublime Verbindung von Adel und Literatur zu entwickeln, die für das französische Gesellschaftsleben der nächsten zwei Jahrhunderte typisch geblieben ist. Das Ideal jenes Kreises war »le précieux« , das Erlesene, Kostbare in Sprache, Denken und Sitte, und hieraus ist später, als diese Bestrebungen in Zimperlichkeit, Verzierlichung und Vornehmtuerei ausarteten, der Spottbegriff des Preziösen entstanden. Aber ursprünglich zielten die Tendenzen gerade auf das Entgegengesetzte: auf edle Einfachheit, künstlerische Sparsamkeit, geschmackvolle Zurückhaltung: ordre, économie, choix waren die Grundeigenschaften, die von einem guten Stil gefordert wurden. Kurz: wir spüren im Zeitalter Richelieus bereits allenthalben die kühle und helle, dünne und reine Luft des Grand Siècle. Mazarin Als Richelieu und der König fast gleichzeitig gestorben waren, führte wiederum eine Ausländerin, Anna von Österreich, die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn und wiederum hatte ein Kardinal die eigentliche Herrschaft inne, aber diesmal nicht als der Gegner der Königin, sondern als ihr Liebhaber. Im übrigen war Mazarin eine Art schwächere Doublette und »zweite Besetzung« Richelieus; seine äußeren Erfolge waren aber fast noch größer: er warf den Aufstand der Fronde, in dem sich die feudalen Elemente zum letztenmal gegen die Alleinherrschaft des Königtums erhoben, vollständig nieder, erreichte für Frankreich durch den Westfälischen Frieden die langersehnte Rheingrenze und durch den Pyrenäischen Frieden im Süden die Pyrenäengrenze und im Norden mit der Einverleibung einiger sehr wertvoller südbelgischer Festungen ein starkes Einfallstor nach den beiden Niederlanden, errichtete den Rheinbund, der, ganz unter französischem Einfluß, den Westen Deutschlands fast zu einem bourbonischen Schutzgebiet machte, und schloß vorteilhafte Allianzen mit Schweden, Polen, Holland und England, so daß sich Frankreich damals auf einer diplomatischen Machthöhe befand, die es selbst unter Ludwig dem Vierzehnten nicht wieder erreicht hat. Gleichwohl nimmt er sich neben dem großen Richelieu nur wie eine Genrefigur aus. Geradezu molièrisch grotesk war seine unersättliche Geldgier, zu deren Befriedigung ihm kein Mittel schmutzig oder abenteuerlich genug war. Als zur Zeit der Fronde eine Unmenge gehässigster Pamphlete gegen ihn erschienen, die wegen seiner Unbeliebtheit reißenden Absatz fanden, ließ er alle konfiszieren und verkaufte sie selber unter der Hand zu hohen Preisen; ja sogar sterbend beschäftigte er sich noch damit, Goldstücke abzuwägen, um die nicht vollwertigen als Spieleinsatz zu verwenden. Das cartesianische Zeitalter Dies war im Jahre 1661. Nach dem Tode Mazarins glaubten viele, daß nun ein dritter Kirchenfürst, der begabte und intrigante Kardinal von Retz, zum Lenker Frankreichs avancieren werde, aber zur allgemeinen Überraschung erklärte der dreiundzwanzigjährige Monarch, daß er von nun an selbst regieren werde. Mit diesem Tage begann das Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten, das wir auch die Hochbarocke oder vielleicht am richtigsten das cartesianische Zeitalter nennen könnten. Das Leben des merkwürdigen Mannes, der den Geist des Grand Siècle geformt hat, steht in einem scheinbaren Widerspruche zu der ungeheuern Wirkung, die er hervorgerufen hat, denn es bewegte sich äußerlich in sehr anspruchslosen und fast konventionellen Formen. Descartes nahm den normalen Entwicklungsgang eines damaligen Adeligen: er besuchte die Jesuitenschule, wurde Lizentiat der Rechte, tat Kriegsdienste in Deutschland, Böhmen und Holland und machte eine Wallfahrt nach Loretto; die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte er in völliger Abgeschiedenheit in den Niederlanden, nur durch eine umfangreiche Korrespondenz mit dem Mittelpunkt der Welt, dem Paris Richelieus und Mazarins, verbunden. Er fühlte, wie er selber sagte, gar keine Lust, in der Welt berühmt zu werden, ja er hatte geradezu Angst davor: »Die Wilden«, schrieb er an einen seiner Verehrer, »behaupten, daß die Affen sprechen könnten, wenn sie wollten, aber es absichtlich nicht tun, damit man sie nicht zwinge, zu arbeiten. Ich bin nicht so klug gewesen, das Schreiben zu unterlassen: darum habe ich nicht mehr so viel Ruhe und Muße, als ich durch Schweigen behalten hätte.« Er wollte überhaupt mit der Welt, die er nur als Störung empfand, möglichst wenig zu schaffen haben und vermied daher jederlei Konflikte mit den herrschenden Mächten. Er unterdrückte sein Werk über den Kosmos, das, wenn auch nicht auf galileischer, so doch auf heliozentrischer Grundlage ruhte, als er erfuhr, in welche Differenzen mit der Kirche Galilei durch seine neuen Theorien gebracht worden war. Oberflächliche Menschen haben darin einen Mangel an Wahrheitswillen und persönlichem Mut erblicken wollen, aber diese vergessen, daß Descartes als Mensch niemals aufgehört hat, der französische Altaristokrat und Sohn der heiligen römischen Kirche zu sein: wenn er nichts gegen die bestehenden Ordnungen unternahm, so folgte er der Stimme seines Blutes. Und im übrigen war es ihm wichtiger, seinen großen Gedanken unbehelligt nachhängen zu können als sie unter Behelligungen und Kämpfen in die Welt zu tragen; er wollte daher nicht einmal eine Schule. Das magische Koordinatenkreuz Gleichwohl konnte er nicht verhindern, daß er schon zu seinen Lebzeiten zahlreiche Gegner und Anhänger fand. Denn schon allein seine Leistungen als Mathematiker und Naturforscher hätten genügt, ihm Weltruf zu verschaffen. Er fand das Gesetz der Lichtbrechung, entdeckte die Funktion der Kristallinse im menschlichen Auge und löste das Rätsel des Regenbogens; auch seine Wirbeltheorie, durch die er die Bewegungen der Himmelskörper zu erklären versuchte, hat, obgleich von der späteren Forschung wieder verlassen, für seine Zeit eine hervorragende Bedeutung gehabt. Seine größte Leistung aber ist die Begründung der analytischen Geometrie, durch die es bekanntlich ermöglicht wird, die Eigenschaften jeder ebenen Kurve in einer Gleichung auszudrücken, deren Hauptbestandteile aus zwei veränderlichen Größen, den Koordinaten, gebildet werden. Dies war nicht nur eine ganz neue Wissenschaft, die sich in der Folgezeit als außerordentlich fruchtbar erweisen sollte, sondern noch etwas viel Bedeutsameres: es war nicht mehr und nicht weniger als der gigantische Versuch, die Algebra, das heißt: das reine Denken auf die Geometrie, das heißt: das reale Sein anzuwenden, die Eigenschaften und Existenzgesetze der wirklichen Dinge zu finden, ehe diese Dinge selbst da sind , die Realität in ein feststehendes Liniennetz einzufangen, an dem sie sich zu orientieren hat und von dem aus sie durch den souveränen Verstand jederzeit bestimmt und vorausbestimmt werden kann: ein höchster Sieg des Rationalismus über die Materie, wenn auch nur ein Scheinsieg. Der irrationalen Wirklichkeit hält der cartesianische Mensch sein magisches Koordinatenkreuz entgegen; und damit bannt er sie gleichsam in seine Gefolgschaft. Die symbolische Bedeutung dieses Vorgangs ist unermeßlich: in ihm ruht der Schlüssel der ganzen französischen Barocke. Der deduktive Mensch Wie die Mathematik soll nun auch die Metaphysik aus unmittelbar durch sich selbst gewissen Prinzipien deduktiv ihre Sätze entwickeln. Wahr ist alles, was ich klar und deutlich vorstelle: wir dürfen daher nur dem folgen, was wir entweder selbst einleuchtend zu erkennen oder aus einer solchen Erkenntnis mit Sicherheit abzuleiten vermögen. In einer streng geprüften und geordneten Reihe derartiger fortschreitender und entdeckender Folgerungen besteht die cartesianische Methode. Der oberste Grundsatz, den Descartes aufstellt, lautet nun: alles ist zweifelhaft; de omnibus dubitandum . Die Sinneseindrücke, aus denen wir unser Weltbild aufbauen, täuschen uns sicherlich zuweilen, vielleicht sogar immer. Indes, selbst in dem Falle, daß wir berechtigt sein sollten, an allem zu zweifeln, wäre eines ganz unbezweifelbar: nämlich dieser unser Zweifel. Auch wenn alle unsere Vorstellungen falsch sind, bleibt als positiver Rest die Tatsache übrig, daß sie Vorstellungen sind; auch wenn alles Irrtum ist: die Existenz unseres Irrtums selbst ist keiner; auch wenn ich alles leugne, so bin doch immer noch ich es, der leugnet. So gelangt Descartes von seinem Ausgangspunkte: de omnibus dubito unmittelbar zu der Folgerung: dubito ergo sum oder, da alles Zweifeln Denken ist: cogito ergo sum . Diesen Satz identifiziert er aber sofort mit einem dritten: sum cogitans , indem er die Behauptung aufstellt, daß der Mensch nicht nur ein Wesen sei, dessen Existenz aus seinem Denken erhellt, sondern daß das ganze Sein seiner geistigen Hälfte im Denken bestehe. Die Welt zerfällt für Descartes in zwei Substanzen: die Körper, deren Grundeigenschaft die Ausdehnung ist, und die Geister, deren wesentliches Attribut das Denken bildet. Der Körper ist nie ohne Ausdehnung, der Geist nie ohne Denken: mens semper cogitat . Dies führt Descartes zu zwei merkwürdigen Folgerungen, die aber für ihn und seine Zeit ungemein charakteristisch sind, erstens nämlich: daß der Mensch, wenn er die cartesianische Methode mit der nötigen Vorsicht anwendet und nur dem zustimmt, was er klar und deutlich erkannt hat, niemals irren kann, daß der Irrtum seine eigene Schuld ist, der er nur dadurch verfällt, daß er von der göttlichen Gabe der Erkenntnis nicht den richtigen Gebrauch macht, und zweitens: daß, da denkende Substanzen nie ausgedehnt, ausgedehnte nie denkend sein können, der menschliche Körper eine Maschine ist, die mit der Seele nichts gemeinsam hat, und die Tiere, da sie nicht denken, überhaupt keine Seele besitzen und sich in nichts von komplizierten Automaten unterscheiden. Versuchen wir nun, diese Philosophie, die Descartes in einer kristallenen und bisweilen fast dramatisch bewegten Sprache vorgetragen hat, etwas näher ins Auge zu fassen. Ihr hervorstechendster Grundzug ist zunächst eine strenge und allseitige Methodik und der leidenschaftliche Glaube an den Sieg dieser Methodik. Es gibt eine Methode, einen logischen Universalschlüssel: wer ihn besitzt, besitzt die Welt; habe ich die Methode, die »wahre Methode«, so habe ich die Sache: dies ist die cartesianische Kardinalüberzeugung, die sich bis zum gebietenden und beherrschenden Lebenspathos steigert und den ganzen ferneren Entwicklungsgang der lateinischen Seele bestimmt hat, von Descartes über Voltaire und Napoleon bis zu Taine und Zola. Diese Methode ist die analytische. Sie zerlegt die gegebene Realität oder ihre zur Untersuchung gestellten Ausschnitte zunächst in ihre »Elemente«, um von da an deduktiv auf dem »richtigen« Wege wieder zu ihr zurückzukehren. Sie korrigiert die Welt und deren Betrachtung oder vielmehr: sie korrigiert die Welt durch deren Betrachtung. »Um die Wahrheit methodisch zu finden, muß man die verwickelten und dunklen Sätze stufenweise auf einfachere zurückführen und dann von der Anschauung dieser ausgehen, um ebenso stufenweise zu der Erkenntnis jener zu gelangen.« Erst seziert man, dann konstruiert man: beides sind extrem rationalistisch-mechanische Funktionen. Mathematik ist die Universalwissenschaft, weil sie allein jene Anforderungen restlos zu erfüllen vermag. Nur sie hat die Möglichkeit, ihre Objekte in ihre letzten Bestandteile zu zerlegen, und nur sie ist imstande, an der Hand einer lückenlosen Kette von Beweisen und Schlüssen zu ihren letzten Erkenntnissen emporzusteigen. Im Grunde ist daher alles ein mathematisches Problem: die gesamte physische Welt, die uns umgibt, unser Geist, der sie aufnimmt, und sogar die Ethik, das charakteristischste und merkwürdigste Stück des cartesianischen Systems: in seiner Abhandlung »les passions de l'âme« hat nämlich Descartes in sehr geistvoller und scharfsinniger Weise eine erschöpfende analytische Darstellung der menschlichen Leidenschaften und zugleich eine Anleitung zu ihrer Lenkung und Bekämpfung gegeben; dieser berühmte Essay, der von den Zeitgenossen aufs höchste bewundert wurde, ist nichts anderes als der Versuch, die Gesamtheit der Affekte auf eine Reihe allgemeiner Grundformen zurückzuführen und so eine Art Algebra der Passionen zu liefern. Kurz: alles ist ein Problem der Analysis, der analytischen Geometrie. Was nun ist analytische Geometrie? Wir sagten es bereits: nichts anderes als die Kunst, Gesetz und Gestalt einer Sache zu finden, ohne hinzusehen: die Gleichung des Kreises, der Ellipse, der Parabel, ehe diese da sind, denn sie folgen ganz von selber aus der Gleichung, sie müssen folgen, logisch-mathematischen Gehorsam leisten. Descartes wußte auch sein eigenes Leben nach dieser algebraischen Methode einzurichten: zuerst entwarf er sich sozusagen die Gleichung seiner Biographie und dann konstruierte er ganz exakt die Kurve seines Lebens nach dieser theoretischen Formel. In seinem Entwicklungsgang war nichts zufällig oder von außen aufgedrängt, sondern alles von ihm selbst vorherbestimmt: mit vollem Bewußtsein begab er sich während der ersten Hälfte seines Daseins in die große Welt, um »in ihrem Buche zu lesen«, und ebenso bewußt schloß er sich während des Restes seiner Erdenbahn von ihr ab, um über sie zu philosophieren. Mit Descartes betritt der deduktive Mensch die Bühne der Geschichte. Die Sonne der Raison Die erste Grundüberzeugung dieses deduktiven Menschen lautet: nur was man denkt, ist wirklich; und nur was man geordnet denkt, ist wirklich gedacht. Was ich klar und deutlich einsehe, ist wahr: die clara et distincta perceptio ist das untrügliche Kriterium des Richtigen. Descartes gebraucht auch in seinem Stil mit Vorliebe Metaphern, die in diesem Vorstellungskreise liegen, wie Tag, Licht, Sonne; er beschäftigte sich als Naturforscher besonders gern mit optischen Problemen, und in seinem verlorengegangenen großen Werk, das wahrscheinlich den Titel »le monde« führte, hatte er den ganzen Kosmos vom Standpunkt seiner Theorie des Lichts behandelt. Das Ziel seiner gesamten Philosophie ist »la recherche de la vérité par les lumières naturelles« , wie er eine seiner nachgelassenen Schriften genannt hat. Für dieses natürliche Licht des Verstandes gibt es nichts, was es nicht zu erhellen vermöchte: was nicht in seiner Sonne liegt, ist nicht wert, beschienen zu werden, ja noch mehr: es existiert nicht; und was es bescheint, ruht in vollem Tagesglanze, klar und gleichmäßig erhellt, ohne Schatten und Nuancen, ohne Dunkelheiten und Widersprüche, denn für den reinen seiner selbst bewußten und sicheren Verstand gibt es nur eine einzige große Gewißheit ohne Grade: es ist eine Art Mittagshöhe, die der menschliche Geist hier erklimmt, einseitig, aber heroisch. Dieser Zenith kann natürlich nur erreicht werden, indem alles vernachlässigt und sogar geleugnet wird, was nicht im Strahlenkegel der klaren Ratio liegt. Es gibt daher für diese Weltanschauung nichts Unterbewußtes und nichts Halbbewußtes, keine undefinierbaren Seelenregungen, keine dunkeln Triebe, keine geheimnisvollen Ahnungen, auch Empfindungen nur, soweit sie der Ausdruck klarer Gedanken sind. Etwas begehren heißt: etwas für wahr halten, etwas verabscheuen: es für falsch halten; gute Handlungen sind jene, denen eine adäquate Erkenntnis zugrunde liegt, böse Handlungen solche, die aus unrichtigen Vorstellungen fließen. Tiere und Pflanzen sind, wie wir bereits gehört haben, bloße Automaten; ihre Empfindungen sind nichts als körperliche Bewegungen, die rein mechanischen Gesetzen gehorchen, denn alles, was ohne Denken vor sich geht, ist ein bloß physikahscher Vorgang. Descartes scheut nicht davor zurück, zu erklären, daß sie weder sehen noch hören, weder hungern noch dürsten, weder Freude noch Trauer fühlen: sie wissen, sagt er, von ihren Lebensäußerungen nicht mehr als eine Uhr, die sieben oder acht schlägt. Er geht konsequenterweise noch weiter und zählt auch die menschlichen Empfindungen nicht unter die seelischen Vorgänge: sie sind für ihn ebenfalls nur Bewegungserscheinungen. Die Leidenschaften sind nichts als falsche Urteile, verworrene, unrichtige, dunkle Vorstellungen, sie sind daher nicht existenzberechtigt und können und müssen besiegt werden durch die Vernunft, die das Vermögen der klaren Begriffe und deutlichen Vorstellungen ist. Wir erkennen hier jene der griechischen Stoa verwandte, aber ins Weltmännische gewendete Geisteshaltung, wie sie dem siebzehnten Jahrhundert als ethisches Ideal vorschwebte: der Mensch, der alle seine Triebe gebändigt, rationalisiert hat durch klare Methodik, die ihm Lebensform geworden ist, der alles, was aus den elementaren Instinkten, der unregulierten Willenssphäre fließt, als unzivilisiert und plebejisch, geschmacklos und barbarisch, unphilosophisch und unästhetisch unter sich sieht, alles, was nicht der Raison unterworfen ist, als subaltern und mauvais genre empfindet. Aber hier kündigt sich auch schon achtzehntes Jahrhundert an, nämlich die Überzeugung, daß alles, was mit der Vernunft in Widerspruch steht, eine unreife Bildung und Verirrung der Natur darstellt, die dazu bestimmt ist, im Gange des Fortschritts überwunden zu werden. Die Seele ohne Brüder Das cartesianische System hat auf allen einzelnen Gebieten nur die natürlichen Folgerungen gezogen, die ihm von seinem obersten Grundsatz vorgezeichnet waren: dem cogito ergo sum . Aus dem Denken erhellt für Descartes die Tatsache des menschlichen Ich und der ganzen Welt. Allerdings hat Descartes auf den Einwand Gassendis, daß der Mensch seine Existenz auch aus jeder seiner anderen Tätigkeiten folgern und daher zum Beispiel auch sagen könne: » ambulo ergo sum , ich gehe spazieren, also bin ich«, mit Recht erwidert, daß der Mensch der Tatsache, daß er spazieren gehe, nur dadurch gewiß werde, daß er sie vorstelle, also sein Spazierengehen denke; aber Descartes hat Denken und Sein nicht nur in die Beziehung von Obersatz und Untersatz gebracht, sondern in das Verhältnis der Identität, indem er feststellte, daß das Wesen der Seele ausschließlich im Denken bestehe und daher nur das Gedachte wirklich sei. Hätte ihm Gassendi als Beispiel den Satz »volo ergo sum , ich will, also bin ich« entgegengehalten, auf dem die Philosophie Schopenhauers fußt, so hätte Descartes nicht dieselbe Replik vorbringen können, denn wenn ich auch meines Willens nur dadurch bewußt werde, daß ich ihn vorstelle, so bleibt doch noch immer die Frage offen, ob dieser Wille nicht trotzdem die Ursache meiner Existenz sein könnte. Durch die Tatsache meines Denkens wird mir mein Ich bloß bewiesen ; aber Descartes machte den logischen Grund zum metaphysischen. Zu diesem Trugschluß war er jedoch gleichwohl berechtigt. Denn die Aufgabe des großen Philosophen besteht nicht darin, korrekt zu schließen, sondern die Stimme seiner Zeit zu sein, das Weltgefühl seiner Epoche in ein System zu bringen. Und der damalige Mensch war aufs tiefste überzeugt, daß nur jene Tätigkeit, von der er wisse, seine Tätigkeit sei: quod nescis, quomodo fiat, id non facis , sagt der Cartesianer Geulinx. Nur wer denkt, hat eine Seele, und wer eine Seele hat, muß denken: l'âme pense toujours , sagt der Cartesianer Malebranche. Diese Seele, die immer denkt, hat keine Brüder. Es zeigt sich am Cartesianismus in besonders starkem Maße die starre Isolation, in die jeder konsequente Rationalismus den Menschen einschließt. Es ist die heroische Öde und selbstherrliche Einsamkeit des reinen Denkens, aus der heraus Descartes sein furchtbares »cogito ergo sum« aufstellt. Der von ihm konzipierte Mensch befindet sich auf der ganzen weiten Welt allein mit seinem cogito , der erhabenen Kraft, zu denken, zu ordnen, zu klären, die ihm den ganzen Kosmos: Gott, Mensch und Natur; Weltaufgänge und Weltuntergänge; Soziologien, Astronomien, Physiken; Atome, Wirbel, Planeten; Staaten, Leidenschaften, Tugenden aufbaut. Wirklich ist im Grunde doch nur, obgleich sie es nicht wahr haben will und vielleicht selbst nicht weiß, diese Monas Cartesius, die denkt, denkt ... Die Sinneswahrnehmungen sind nicht wahr, wahr ist nur das Denken dieser Wahrnehmungen. Wie ja auch in der analytischen Geometrie die reale Kurve nicht wahr, jedenfalls nicht das Wesentliche ist, sondern ihre durch den Verstand gefundene allgemeine Formel. Die sinnlichen Vorstellungen haben geringere Realität, weil sie »unklar« sind. Und wer verbürgt uns, daß nicht die ganze Sinnenwelt ein Traum ist? »Wenn ich mir die Sache sorgfältig überlege, finde ich nicht ein einziges Merkmal, um den wachen Zustand vom Traum sicher zu unterscheiden. So sehr gleichen sich beide, daß ich völlig stutzig werde und nicht weiß, ob ich nicht in diesem Augenblick träume.« Hier demaskiert sich Descartes plötzlich als echter Barockphilosoph, indem er die Sinnenwelt zu einer Wirklichkeit zweiter Ordnung degradiert, sie, wenn auch nur in der Hypothese, als Traum konzipiert und jedenfalls dem Ganzen aufs höchste mißtraut. Er war auch darin eine Barocknatur, daß er mit seinem grundsätzlichen Skeptizismus und seinem höchst revolutionären Rationalismus eine bedingungslose Anerkennung des Wirklichen in seiner Machteigenschaft verband. Er war, wie wir bereits andeuteten, als Mensch streng konservativ, fast reaktionär, im Innersten gegenreformatorisch gesinnt. Denn die Reformation war individualistisch, demokratisch, »fortschrittlich«, freiheitlich in der Praxis , wovon Descartes niemals etwas wissen wollte. Bossuet sagte von ihm, daß seine Vorsicht gegenüber der Kirche bis zum Äußersten ging, und er selbst empfahl in einer seiner Schriften, unter allen Umständen die Gesetze und Gewohnheiten des Landes zu beobachten, in dem man lebe, an der Religion festzuhalten, in der man erzogen sei, im Verkehr die gemäßigtesten und verbreitetsten Maximen zu befolgen, und vermied es überhaupt, über ethische Gegenstände zu handeln, weil es nur Sache mächtiger Personen sei, sittliche Normen für andere aufzustellen. Er war Aristokrat und Katholik und hat niemals »protestiert«; gleichwohl oder wahrscheinlich eben deshalb hat kein Bürgerlicher und kein Reformierter seines Landes eine so voraussetzungslose Philosophie geschaffen. Es weht in ihr die Luft eines Geistes, der so frei ist, daß er selbst die Freiheit verachtet. Übergang der Vorbarocke in die Vollbarocke Und tatsächlich erhoben sich auch die ersten Gegner seiner Philosophie in der protestantischen Republik der freien Niederlande. Aber dreizehn Jahre nach seinem Tode traten auch die Jesuiten gegen ihn auf und setzten es durch, daß seine Bücher auf den Index kamen, und nicht lange darauf wurde seine Lehre von den französischen Universitäten verbannt. Aber seine Schule breitete sich trotzdem unaufhaltsam aus. Nicht bloß durch die »Okkasionalisten«, wie man seine nächsten Nachfolger und Fortbildner in der Geschichte der Philosophie nennt, nicht bloß durch die berühmte Logik des Port-Royal »L'art de penser« und die tonangebende »Art poétique« Boileaus; vielmehr war ganz Frankreich seine Schule, an der Spitze der Sonnenkönig selbst, der seine Werke verboten hatte. Der Staat, die Wirtschaft, das Drama, die Architektur, die Geselligkeit, die Strategie, die Gartenkunst: alles wird cartesianisch. In der Tragödie, wo die Begriffe der Leidenschaften miteinander kämpfen; in der Komödie, wo die algebraischen Formeln der menschlichen Charaktere entwickelt werden; in den Anlagen von Versailles, die abstrakte Gleichungen von Gärten sind; in der analytischen Methode der Kriegführung und der Volkswirtschaft; in dem sozusagen deduktiven Zeremoniell der Gebärden und Manieren, des Tanzes und der Konversation: überall herrscht als unumschränkter Gebieter Descartes. Und man kann sogar sagen, daß fast bis zum heutigen Tage jeder Franzose ein geborener Cartesianer ist. Die Französische Revolution hat den Absolutismus der Bourbonen so gründlich beseitigt, als es nur denkbar war; aber Descartes hat sie nicht vom Thron gestürzt, sondern in seiner Macht aufs ausschweifendste bestätigt. Mit Ludwig dem Vierzehnten vollzieht sich der Übergang der Vorbarocke in die Vollbarocke. Seine selbständige Regierung umfaßt ungefähr fünfeinhalb Jahrzehnte; mit seinem Tode setzt die Spätbarocke ein, die unter dem Namen Rokoko bekannt ist. Wir haben im vorigen Kapitel erwähnt, daß die Zeit, wo er zur Alleinherrschaft gelangt, auch sonst eine Anzahl entscheidender Daten enthält; und ebenso verhält es sich mit dem Ende seiner Regierungsperiode. Er selbst stirbt 1715, und in demselben Jahre Malebranche, der bedeutendste Cartesianer. 1713 gelangt Friedrich Wilhelm der Erste in Preußen, 1714 das Haus Hannover in England auf den Thron: zwei gewichtige politische Wendepunkte. Und 1716 stirbt Leibniz, in dem, wie wir später sehen werden, der Barockgeist seine höchste Konzentration gefunden hat. Der Tod des Sonnenkönigs bedeutet somit in mehr als einem Sinne das Ende einer geschichtlichen Epoche. Der König als Mittelpunkt des irdischen Koordinatensystems Der extreme Absolutismus, den Ludwig der Vierzehnte aufrichtete, folgte ganz von selber aus der Allherrschaft der cartesianischen Raison, die ein Zentrum fordert, wovon aus alles einheitlich und methodisch beherrscht und gelenkt wird. Das » l'état c'est moi « hatte für die Menschen jener Zeit nichts weniger als jene frivole Bedeutung, die spätere Beurteiler diesem Worte beigelegt haben. Der König ist der von Gott und der Vernunft eingesetzte Mittelpunkt des irdischen Koordinatennetzes: an ihm hat sich alles zu orientieren; wer anders empfunden hätte, wäre dem Zeitgefühl nicht etwa bloß als ein Staatsverräter und Majestätsverbrecher, sondern als etwas viel Schlimmeres erschienen: als ein Mensch, der nicht methodisch zu denken vermag. Erst ist der König da, dann der Staat, aus ihm entwickelt sich der Staat, wie zuerst das Koordinatenkreuz da ist und dann erst die realen Punkte, Linien und Flächen. Der König beherrscht nicht nur den Staat, er macht den Staat. Hieraus ergaben sich selbstverständlich radikal absolutistische Theorien, am klarsten und eindringlichsten dargelegt in den Schriften Bossuets, des »Adlers von Meaux«, der einer der packendsten Kanzelredner und glänzendsten Historiker seiner Zeit war. In seiner »Politik nach den Lehren der Heiligen Schrift« erklärt er, der König sei der Statthalter und das Bild Gottes auf Erden, seine Majestät der Abglanz der göttlichen; der ganze Staat, der Wille des gesamten Volkes sei in ihm beschlossen, nur wer dem König diene, diene dem Staat. Dies war Bossuets tiefste Überzeugung und keine gefällige Hoftheologie und Hofpolitik. Und wenn wir beobachten, wie nicht nur die große Masse, sondern auch die edelsten und kühnsten Geister der Zeit von denselben Gefühlen durchdrungen waren, so müssen wir zu der Ansicht gelangen, daß Ludwig der Vierzehnte kein größenwahnsinniger Autokrat war, sondern nur nahm, was die öffentliche Meinung ihm entgegenbrachte, ja aufdrängte. Er herrschte nicht bloß mit den Mitteln äußerer Gewalt, sondern als legitimer Mandatar des Zeitgeists. Er war wirklich, was bei Hobbes der Staat ist: ein »sterblicher Gott«. Seine Gnade beseligte, seine Ungnade tötete. Nicht bloß der »große Vatel«, der übrigens ein Genie unter den Köchen gewesen sein muß (Madame de Sévigné sagt, sein Kopf hätte hingereicht, alle Sorgen einer Staatsverwaltung in sich zu fassen), stürzte sich in sein Küchenmesser, als ein Festessen, das Condé dem König gab, nicht vollkommen geriet. Auch Colbert verfiel in ein todbringendes nervöses Fieber, weil ihm, als er gegen die allzu kostspieligen Versailler Bauten Einspruch erhob, der erzürnte König andeutete, es müßten Unterschleife vorgekommen sein. Vauban hatte eine sehr einsichtsvolle Schrift über Steuerreformen veröffentlicht, die aber das königliche Mißfallen erregte und daher beschlagnahmt und vernichtet wurde; elf Tage später war er eine Leiche. Und einen vierten, der in der haute tragédie ebenso groß war wie Vatel in der Kochkunst, Colbert im Finanzwesen und Vauban im Festungsbau, ereilte dasselbe Schicksal: Racine, der sich aus Zerstreutheit eine grobe Taktlosigkeit hatte zuschulden kommen lassen. Eines Abends unterhielt er sich bei Frau von Maintenon mit Ludwig dem Vierzehnten, der gern und häufig seinen Verkehr suchte, über die Pariser Theater. Der König fragte, woher es komme, daß die Komödie von ihrer einstigen Höhe so tief herabgesunken sei. Racine antwortete, der Hauptgrund liege nach seiner Ansicht darin, daß zu viele Stücke von Scarron gespielt würden. Bei dieser Äußerung errötete Madame de Maintenon, die einmal Madame Scarron gewesen war, es entstand ein peinliches Schweigen, der König brach die Unterredung ab und richtete seitdem nie wieder ein Wort an Racine, der darüber in Trübsinn verfiel und starb. Kurz: die Empfindungen, die man dem König entgegenbrachte, sind in nicht allzu übertriebener Weise in der Antwort ausgedrückt, die der Frau von Maintenon von ihrem Bruder gegeben wurde, als sie erklärte, das langweilige Leben an der Seite Ludwigs nicht mehr ertragen zu können: »Sie haben also die Aussicht, Gott Vater zu heiraten?« Innere Verwaltung Ludwigs des Vierzehnten Die äußeren Instrumente, durch die Ludwig der Vierzehnte seine allgegenwärtige Herrschaft ausübte und befestigte, waren Bürokratie, Polizei und stehendes Heer, drei Elemente, die das moderne Staatswesen in hervorragendem Maße charakterisieren und unter seiner Regierung zur höchsten Ausbildung gebracht worden sind. Über das ganze Land zog sich das Netz einer sorgfältig abgestuften und organisierten Beamtenhierarchie. Die Besteuerung wurde prompt und unerbittlich gehandhabt, als eine stets offene, aber schließlich doch versiegende Quelle für die ungeheuern Ausgaben des Staatshaushalts. Die Kopfsteuer; la taille , war sehr hoch und dabei ungerecht verteilt, da Adel und Geistlichkeit von ihr befreit waren; dazu kamen noch drückende indirekte Abgaben von einer Reihe der notwendigsten Gebrauchsartikel, vor allem die berüchtigte Salzsteuer, la gabelle . Ebenso verhaßt und gefürchtet waren die lettres de cachet , mittels deren der König jede beliebige Person ohne Prozeß auf unbestimmte Zeit internieren konnte. Den selbstbewußten und selbstherrlichen Feudaladel verwandelte Ludwig der Vierzehnte in eine Hofaristokratie, die nur noch den Zweck hatte, den Glanz des Königtums zu erhöhen. Er gab zwar bei der Besetzung der öffentlichen Ämter und vor allem bei der Vergebung der höheren Offiziersstellen den Edelleuten den Vorzug, aber sie waren aus kleinen Souveränen Beamte der Krone geworden, die sich nur durch äußere Ehren und Abzeichen von gewöhnlichen Untertanen unterschieden. Übrigens zog der König auch zahlreiche Bürgerliche in seinen Dienst, wenn sie Talent und Unternehmungsgeist zeigten, und besetzte mit ihnen nicht selten die höchsten Posten, zumal in der Verwaltung, weshalb ihn der Herzog von Saint-Simon in seinen Memoiren » le roi des commis « nannte. So entstand eine neue sehr einflußreiche Kaste der nouveaux riches , die durch Länderkauf, nachträgliche Nobilitierung, glückliche Spekulationen und vornehme Heiratsverbindungen rasch emporkamen. Seine größte Aufmerksamkeit richtete er auf das Heerwesen. Er war selber nicht das, was man einen »Militaristen« nennt, aber er erkannte in fortwährenden Kriegen, die der patriotischen Eitelkeit schmeichelten und zugleich den Betätigungsdrang nach außen ablenkten, das sicherste Mittel, sich bei einer so ruhmgierigen, unruhigen und herrschsüchtigen Nation wie der seinigen in dauerndem Ansehen zu erhalten: es ist das System, das seither alle französischen Regierungen angewendet haben, einerlei, ob sie bourbonisch, jakobinisch oder napoleonisch waren. Es gelang ihm denn auch binnen kurzem, seine Armee zur stärksten, geschultesten, bestausgerüsteten und bestgeführten Europas zu machen. Turenne, Condé, Luxembourg und Catinat waren Meister der Strategie, denen niemand gleichkam. Vauban, der größte Kriegsingenieur des Jahrhunderts, umgab Frankreich mit einem bewundernswerten Festungsgürtel, brachte die Belagerungskunst auf eine bis dahin unerreichte Höhe und vervollkommnete das Artilleriewesen durch die Einführung der bombenwerfenden Mörser und des Rikoschettierschusses, des ersten Versuches indirekten Feuers. Sein Kriegsminister Louvois, der berüchtigte Verwüster der Pfalz, reformierte das gesamte Heerwesen. Er ersetzte die schwerfällige Luntenflinte durch das handliche Steinschloßgewehr und die Pike durch das Bajonett, eine sowohl für die Fernwirkung wie für den Nahkampf geeignete Waffe, und machte das Fußvolk wieder zur Haupttruppengattung, denn auch die Dragoner waren nur eine Art berittene Infanterie, die, mit Karabiner und Säbel ausgerüstet, zum Gefecht absaß, so daß das Pferd bei ihnen nur die Rolle eines Beförderungsmittels spielte, wie etwa bei den heutigen Truppenkörpern die Eisenbahn. Ferner war er der erste, der die allgemeine Uniformierung einführte, während bisher die Soldaten nach freier Wahl selber für ihre Kleidung gesorgt hatten. Auch in diesem Zuge zeigt sich der neue Geist der rationellen Ordnung, der alle Lebensgebiete ergreift. Das Militär wird zum erstenmal exakt . Der Soldat ist keine lebendige einmalige Individualität mehr, sondern eine gleichgültige Ziffer, für die das algebraische Symbol der Uniform eingesetzt wird; statt eines bestimmten Soldaten gibt es nur noch den Begriff Soldat, mit dem man nach Beheben zu operieren vermag, wie es in den Alleen von Versailles keine einzelnen Bäume mehr gibt, sondern nur noch eine Anzahl von identischen Proben der Gattung Baum, eine schnurgerade Reihe gleichförmig geschnittener, unter eine allgemeine Schablone subsumierter Exemplare. Von demselben Einheitswahn war Ludwig der Vierzehnte auch in seiner Religionspohtik geleitet. Wenn er gegen die Jansenisten, denen die Literatur seines Zeitalters einen großen Teil ihres Glanzes verdankt, mit großer Strenge vorging, so tat er dies nur aus seinem Willen zur Uniformität und Korrektheit. Sein Widerstand gegen den Papst hatte dieselben Motive wie sein Einschreiten gegen die Häretiker. Er berief eine Kirchenversammlung nach Paris, die erklärte, Petrus und seine Nachfolger hätten von Gott nur Macht im Geistlichen, nicht im Weltlichen, und auch diese Macht sei beschränkt durch die höhere Autorität der allgemeinen Konzilien und durch die Vorschriften und Gebräuche der gallikanischen Kirche. Diese gallikanische Kirche ist eine französische Nationalkirche, die dem Papst keinerlei Einfluß auf die Besetzung der Pfründen einräumt und daher als politischer Körper von der englischen Hochkirche nicht allzuweit entfernt ist. Leider ließ sich der König in diesem Kampf gegen alle zentrifugalen Bestrebungen auch zur Aufhebung des Ediktes von Nantes bewegen, wodurch alle Hugenotten entrechtet und der gehässigsten Verfolgung preisgegeben wurden. Durch diesen ebenso unmenschlichen wie unklugen Akt hat er sich und seinem Lande den größten Schaden zugefügt und alle Billigdenkenden in Europa gegen sich aufgeregt: von hier datiert sein Abstieg. Während der zweiten Hälfte seiner Regierung beginnt seine Sonne immer deutlicher ihre häßlichen Flecken zu offenbaren, um alsbald langsam zu verbleichen und schließlich in grauer trauriger Dämmerung unterzugehen. Man hatte den Hugenotten zwar verboten, das Land zu verlassen, aber ein großer Bruchteil, etwa eine halbe Million, konnte trotz strengster Bestimmungen nicht an der Auswanderung verhindert werden. Dieser Verlust bedeutete für Frankreich weit mehr als eine Verminderung der Bevölkerungsziffer, denn die Hugenotten zählten zu den geschicktesten und fleißigsten Untertanen des Sonnenkönigs: die Brokat-, Seiden- und Samtweberei, die Herstellung feiner Hüte, Stiefel und Handschuhe, die Fabrikation von Borten, Bändern und Tapeten, die Uhrmacherei, die Spitzenklöppelei, die Tabakbereitung, die Kristallschleiferei lag fast ganz in ihren Händen. Sie entzogen nicht nur diese Industrien ihrem Vaterland, das sie erst sehr allmählich und nicht mehr mit derselben Vollkommenheit wiederherstellen konnte, sondern trugen sie auch ins Ausland, das sie dadurch konkurrenzfähiger machten. Sie wirkten dort auch mit großem Erfolg als Seeleute und Ingenieure und organisierten, wo sie konnten, vor allem in Holland, eine freie Presse, die die ganze Welt über den egoistischen und brutalen Charakter der bewunderten Regierung Ludwigs des Vierzehnten aufklärte und aufs nachteiligste gegen sie Stimmung machte. DasTheater von Versailles Das tägliche Leben war demselben Prinzip unterworfen wie das religiöse und politische: es sollte alles »erhaben«, großartig, pompös, effektvoll und zugleich »einfach«, korrekt, geordnet, überschaubar sein. Unter Ludwig dem Vierzehnten wird die place royale mit ihren Nebenstraßen in vollkommenster geometrischer Regelmäßigkeit erbaut. Lenôtre ist der Schöpfer des französischen Gartenstils, der den Anlagen die Form mathematischer Figuren gibt und ihr Wachstum mit Zirkel und Lineal beaufsichtigt. Ebenso symmetrisch waren die »Wasserkünste« angelegt, zum Beispiel das bassin de Latone in Versailles, wo in regelmäßigen Abständen Frösche im Kreise sitzen, die genau die gleichen tadellosen Kurven spritzen. Denselben Geist atmet das Menuett, vielleicht der merkwürdigste Tanz, der jemals erfunden wurde, denn in ihm ist das Kunststück zuwege gebracht, lähmendste Gezwungenheit, Abgemessenheit und Marionettenhaftigkeit mit bezauberndster Anmut, Lebendigkeit und Leichtigkeit zu vermählen. Im Grunde war jedoch das ganze Salonleben jener Zeit ein Menuett. Es war genau vorgezeichnet, wie viel Schritte man machen müsse, bis man sich verbeugen dürfe, welche Linie diese Verbeugung zu beschreiben habe und wie tief sie in jedem einzelnen Falle sein solle. Es gibt in dieser Welt nichts, das nicht einem minutiösen und wohldurchdachten Reglement unterworfen, nichts, das dem Zufall überlassen wäre; das ganze Leben ist ein Reißbrett mit einem Millimeterquadratnetz, ein Schachbrett, auf dem bestimmte gleichartige Figuren ihre vorschriftsmäßigen Züge machen. Dieser strengen Geistesetikette durfte sich auch der große König nicht entziehen, sie war die einzige Macht, die stärker war als er. Seine Tagesordnung war genau geregelt: jede Stunde hatte ihre bestimmte Beschäftigung, Kleidung und Gesellschaft. Der unumschränkte Herrscher ist im Grunde nicht mehr als eine große Puppe, die von gewissen hiezu ausgewählten Personen angekleidet, umgekleidet, gefüttert, spazierengefahren und zu Bett gebracht wird. Niemand darf ihm ein Taschentuch präsentieren als der Vorsteher der Taschentücherabteilung; die Prüfung seines Nachtstuhls ist Sache einer eigenen Hofcharge; um ihm ein Glas Wasser zu überreichen, sind vier Personen nötig. Sein ganzes Leben ist ein lästiger und langweiliger Empfang immer derselben Gesichter, die immer dasselbe ausdrücken. Als man Friedrich dem Großen das französische Hofzeremoniell beschrieb, sagte er, wenn er König von Frankreich wäre, so würde es seine erste Regierungshandlung sein, einen Vizekönig zu ernennen, der für ihn Hof zu halten hätte. Das Leben des Hofs ist ein ewig gleiches Repertoirestück, das um acht Uhr morgens beginnt und um zehn Uhr abends endet, um am nächsten Tage von vorne anzufangen, noch mehr: das Leben ganz Frankreichs ist eine solche Komödie. Es bedurfte einer bewundernswerten Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung, um die heikle und aufreibende Rolle des Titelhelden dieser Komödie würdig durchzuführen, aber Ludwig der Vierzehnte hat diese schwierige Aufgabe mit so souveräner Meisterschaft gelöst, daß man nicht einmal die Mühe spürte; er hat Europa vierundfünfzig Jahre lang ein großes Theater vorgespielt: ein sehr geschmackvolles, sehr pompöses, sehr geistreiches Theater und ein sehr äußerliches, sehr brutales, sehr verlogenes Theater. Ludwig der Vierzehnte wollte imponieren, aber mit Grazie. Er ließ sich mit Vorliebe als Imperator abbilden; Berninis prachtvolle Reiterstatue zeigt vielleicht am besten, wie er sich aufgefaßt sehen wollte. Sie stellt ihn auf einem ungezäumten Pferd dar, das im Begriff ist, den Hügel des Ruhmes zu erklimmen. Der französische Bildhauer Girardon meißelte auf den Hügel marmorne Flammen, die andeuten sollten, daß Ludwig der Vierzehnte sich als ein neuer Curtius für sein Vaterland geopfert habe: eine schamlose Speichelleckerei, die das Werk auch künstlerisch ruiniert hat. In seinen Manieren betonte der König jedoch niemals den Autokraten. Er war immer taktvoll, immer beherrscht, auch bei schlechter Laune liebenswürdig und zornig nur in der maßvollen Rolle eines Jupiter tonans. Er war besonders gegen Damen von der ritterlichsten Zuvorkommenheit und zog vor dem letzten Küchenmädchen tief den Hut. Er verstand die Kunst, zu schenken, ohne zu demütigen, und zu verweigern, ohne zu verletzen. Wie weit sein Zartgefühl ging, zeigt sein Benehmen gegen Jakob den Zweiten von England, der nach seiner Entthronung bei ihm Zuflucht gefunden hatte. Er behandelte ihn nicht nur als gleichgestellten Souverän, sondern gestattete ihm sogar, sich König von Frankreich zu nennen und die Lilien im Wappen zu führen, welche beiden Rechte die englischen Könige noch aus der Zeit herleiteten, wo sie Besitzer eines großen Teiles von Frankreich gewesen waren. Er warf seinen Stock aus dem Fenster, um nicht in die Versuchung zu geraten, den sehr hochmütigen Marschall Lauzun, der ihn beleidigt hatte, zu schlagen. Als ein höherer Offizier, der in einem Gefecht einen Arm verloren hatte, einmal zu ihm sagte: »ich wollte, ich hätte auch den zweiten verloren, dann brauchte ich Eurer Majestät nicht mehr zu dienen«, erwiderte er bloß: »das würde mir sowohl Ihretwegen wie meinetwegen leid tun« und machte ihm ein bedeutendes Geschenk. Er besaß eine vorzügliche Konstitution, die allein es ermöglicht hat, daß er so viele Jahre den Strapazen seiner Position gewachsen war. Sein Mittagessen bestand für gewöhnlich aus vier Tellern verschiedener Suppen, einem ganzen Fasan, einem Rebhuhn, einer großen Schüssel Salat, Hammelfleisch mit Knoblauch und Sauce, Schinken, einem Teller Backwerk, Früchten und Marmelade. Auf sexuellem Gebiet entwickelte er eine ebenso große Vitalität. »Dem König war alles recht, wenn es nur einen Unterrock anhatte«, schrieb Liselotte. Sein Hofstaat umfaßte nicht nur die jeweilige erklärte Mätresse, die maîtresse en titre , sondern auch eine Anzahl dames du lit royal , die ebenfalls offiziellen Charakter trugen und in eine bestimmte Rangordnung eingereiht waren. Er hat überhaupt fast alle Frauen seiner Umgebung besessen und war der Vater einer Legion legitimer, halblegitimer und illegitimer Kinder: allein von der Königin, der Lavallière und der Montespan hatte er im ganzen sechzehn. Äußere Politik Ludwigs des Vierzehnten Die Politik Ludwigs des Vierzehnten hat sowohl bei seinen Zeitgenossen wie bei späteren Beurteilern großen Tadel erfahren: sie gilt als das Musterbeispiel der Rücksichtslosigkeit und Brutalität, Widerrechtlichkeit und Perfidie. Der Überfall auf Holland, der Raub Straßburgs, die chambres de réunion , die die Ansprüche Frankreichs auf deutsche Gebiete bis auf Pipin den Kleinen und König Dagobert zurückverfolgten und unter diesem Rechtstitel zahlreiche Städte für den König einzogen, die Einäscherung Heidelbergs und Mannheims: dies und noch vieles andere hat die Entrüstung der Mitwelt und Nachwelt erregt. Indes: solange die Politik nichts anderes sein wird als die Kunst, seinen Gegner zu täuschen und zu überlisten, und die Frechheit, seine Macht so lange zu mißbrauchen, bis eine noch stärkere Macht Einhalt gebietet, wird es immer lächerlich bleiben, staatsmännische Handlungen vor ein juristisches oder gar ein ethisches Tribunal zu zitieren. Wir wollen daher mit den Untaten des Sonnenkönigs nicht allzusehr ins Gericht gehen, sondern in ihnen bloß den Ausdruck ihrer Zeit und der allgemein menschlichen Roheit und Verblendung erblicken. Sein politisches Programm war nicht minder großartig als das Philipps des Zweiten und ist ebensowenig erfüllt worden. Er dachte zunächst daran, Belgien, Holland und die Herrschaft über die Nordsee zu gewinnen: ein ewiger Traum des französischen Volkes, bis in die Tage Napoleons des Dritten hinein, der aber nur einmal vorübergehend, unter Napoleon dem Ersten, verwirklicht worden ist; außerdem begehrte er Spanien mit allen seinen Dependenzen: Westindien, Mailand, Sardinien, Neapel, der Franche Comté, wozu noch zur Abrundung Savoyen kommen sollte. In Deutschland wollte er den ganzen Westen an sich reißen, teils durch unmittelbare Einverleibung, teils durch Errichtung abhängiger Fürstentümer; gegen die Habsburger mobilisierte er die Türken, mit denen er verbündet war: er wünschte ihnen die Eroberung Wiens und Österreichs, um im letzten Moment als rettender Vermittler zwischen dem bedrängten Deutschland und der Pforte erscheinen zu können und als Lohn dafür die Kaiserkrone zu empfangen. Dies alles zusammen hätte das Reich Charlemagnes wiedererstehen lassen, den die Franzosen bekanntlich ebenso für sich reklamieren wie die Deutschen. Aber die Zeit der Universalmonarchien war ebenso unwiederbringlich vorbei wie die Zeit der Universalkirchen: er erhielt am Schluß nur die Franche Comté, Teile des Elsaß und einige belgische Grenzfestungen. Der letzte Abschnitt seiner Regierung ist durch einen dreizehnjährigen Weltkrieg ausgefüllt, den Spanischen Erbfolgekrieg, in dem fast ganz Europa Partei ergriff. Ludwigs Hauptgegner war Kaiser Leopold der Erste, ein echter Habsburger mit glanzlosem Blick und hängender Unterlippe, in dessen Naturell Schlamperei und Eigensinn keine sehr vorteilhafte Mischung eingegangen hatten: beide erhoben Anspruch auf den spanischen Thron, für den jeder einen Prätendenten aus seiner Familie aufgestellt hatte. Auf der Seite Frankreichs standen Bayern, Köln und Savoyen, das später zum Kaiser übertrat; mit diesem waren Portugal, Preußen, Hannover und vor allem Wilhelm von Oranien verbündet, der damals in Personalunion Holland und England regierte und sein ganzes Leben lang der gefährlichste und hartnäckigste Gegner des Sonnenkönigs gewesen ist. Die Hauptkriegsschauplätze waren Süddeutschland, die Niederlande, Italien und Spanien. In diesem Krieg war Ludwig von Anfang an unglücklich. An der Spitze der Gegenkoalition standen die beiden hervorragendsten Feldherren des Zeitalters, Marlborough und Prinz Eugen, die in fast allen Schlachten siegreich blieben; außerdem war Frankreich durch den jahrzehntelangen Steuerdruck, Mißwachs und Hungersnot vollkommen erschöpft. Der König entschloß sich zu Friedensverhandlungen, in denen er sich zu den größten Zugeständnissen bereit erklärte; er willigte in die Wiederherstellung des im Westfälischen Frieden festgesetzten Besitzstandes, die Herausgabe der niederländischen Grenzfestungen und die Verleihung der spanischen Krone an Karl, den zweiten Sohn Leopolds des Ersten. Aber die Alliierten waren beschränkt und übermütig genug, noch schärfere, unannehmbare Bedingungen zu stellen. Hätten sie damals Frieden geschlossen, so hätte Leopolds Sohn Karl, im Besitz der gesamten spanischen und österreichischen Länder und der deutschen Kaiserwürde Habsburg zur europäischen Weltmacht erhoben, da er kurz darauf als Karl der Sechste die Nachfolge seines Bruders antrat. Aber gerade diese Tatsache bewirkte einen vollkommenen Umschwung, denn eine solche Machtfülle in der Hand eines einzigen Herrschers war auch nicht in den Wünschen der mit Habsburg verbündeten Staaten. Dazu kam der Fall des Whigministeriums in England, der einen politischen Frontwechsel und die Abberufung Marlboroughs zur Folge hatte. Infolgedessen gelangte Frankreich zu einem verhältnismäßig vorteilhaften Friedensschluß, worin die spanische Herrschaft in der Weise geteilt wurde, daß der Enkel Ludwigs des Vierzehnten auf dem spanischen Thron und in dem Besitz der Kolonien bestätigt wurde, Karl der Sechste Belgien, Mailand, Neapel und Sardinien, England das hochwichtige Gibraltar und Savoyen Sizilien erhielt. Aber es war gleichwohl eine tiefe Niederlage des französischen Hegemoniewillens und ein unverkennbares Zeichen, daß die Zeit Ludwigs des Großen vorüber war. Schon während der ganzen zweiten Hälfte seiner Regierung begannen sich die Übeln Wirkungen der egalisierenden Raison empfindlich bemerkbar zu machen. Unter der Sonne des Einheitsregimes wird allmählich alles zur leeren Wüste und dürren Einöde verbrannt. Der Hof, und durch ihn die Welt um ihn, wird frömmelnd, senil, moros und, was für französische Begriffe das Unverzeihlichste ist, langweilig. Der Goldglanz von Versailles wird stumpf, der bunte Lack springt ab: man beginnt zu beten und zu gähnen. Selbst das Volk fängt an, zu erkennen, daß alles nur die trügerische Schaustellung einer aufgebauschten Talmigröße ist, hinter der sich nichts als blinde Gier und Selbstsucht verbirgt. Als der große König tot war, jubelten nicht bloß seine Feinde, sondern auch seine Untertanen, die Mauern von Paris bedeckten sich mit Pasquillen, die Menge verfolgte seinen Leichenzug mit Schimpfreden und Steinwürfen und in den Provinzen wurden Dankgottesdienste abgehalten. Aber schon ein Menschenalter früher mußte Colbert unter militärischer Bedeckung beerdigt werden. Der Colbertismus Und doch war Colbert einer der größten Organisatoren des Jahrhunderts, dessen einzige Schuld es war, daß er die Irrtümer seiner Zeit auf grandiose Weise in die Realität übersetzt hat. Seine rastlose Tätigkeit umfaßte alle Teile der Verwaltung: er reformierte die Rechtspflege und das Steuerwesen, brachte die Handelsflotte und die Kriegsmarine auf eine gebietende Höhe, gründete die Akademie der Wissenschaften und die Bauakademie, errichtete eine Sternwarte und einen botanischen Garten und schuf den Canal du midi , der den Atlantischen Ozean mit dem Mittelmeer verbindet. Seine bedeutendste Leistung aber war das von ihm geschaffene Wirtschaftssystem, das unter dem Namen Merkantilismus das ganze Zeitalter beherrschte und dessen Prinzipien so sehr sein geistiges Eigentum waren, daß man es oft schlechthin als Colbertismus bezeichnet hat. Der Merkantilismus geht von dem Grundsatz aus, daß der Reichtum eines Landes in seinem Vorrat an Edelmetall bestehe und man daher bestrebt sein müsse, so viel wie möglich davon hereinzubekommen und so wenig wie möglich davon abzugeben: dies ist die Theorie von der aktiven Handelsbilanz. Rohstoffe sollen tunlichst im Lande bleiben, weil sie ein Kapital darstellen, Industrieprodukte dagegen tunlichst exportiert werden, weil man an ihnen verdient, das Eindringen fremder Industrieerzeugnisse aber soll verhindert oder doch möglichst erschwert werden: also hohe Ausfuhrzölle auf Rohmaterialien, hohe Einfuhrzölle auf Fertigfabrikate. In der Verfolgung dieser Prinzipien wurden die Kolonien zu bloßen Konsumenten herabgedrückt, man verbot ihnen den selbständigen Handel und jegliche Warenerzeugung und drängte ihnen im Austausch gegen ihre Rohstoffe, die sie nirgend andershin liefern durften, die eigenen Industrieprodukte auf. Im Mutterlande wurden umgekehrt die Manufakturen mit allen erdenklichen Mitteln unterstützt: durch Exportprämien, Monopole, Steuerbefreiungen, unverzinsliche Staatsdarlehen, unentgeltliche Bauplätze, Verleihung des Adels an rührige Unternehmer und ähnliche Begünstigungen. So entstanden in Frankreich unter staatlicher Fürsorge und Beaufsichtigung eine Reihe blühender Industrien, die halb Europa versorgten; die Hauptspezialitäten waren Seidenstoffe, Spitzen, Tapeten, Galanteriewaren und überhaupt Modeartikel aller Art: Ziermöbel, Kleider, Perücken, Parfüms. Man suchte auch fleißig bei anderen Nationen zu lernen und betrieb die Strumpfwirkerei nach englischem, die Blechwarenerzeugung nach deutschem, die Spiegelfabrikation nach venetianischem und die Tuchmacherei nach holländischem Muster. Das logische Korrelat zur möglichsten Abschließung nach außen war die Aufhebung der Binnenzölle, die Colbert zum großen Teil durchgesetzt hat und die allein genügt hätte, Frankreich einen wirtschaftlichen Vorsprung vor Deutschland zu verschaffen. Um den Gewerbefleiß möglichst rege zu er*halten, richtete er auch sein Augenmerk auf Erhöhung der Arbeitszeit, Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch polizeiliche Maßnahmen gegen Bettler und Vagabunden, Vermehrung der Bevölkerung durch Prämien für Kinderreiche und besondere Steuern für Unverehelichte und Versorgung des Landes mit geschickten Arbeitern, indem er deren Auswanderung verbot, deren Einwanderung begünstigte. Der Merkantilismus gelangte, indem er das System der staatlichen Bevormundung immer starrer und einseitiger ausbaute, später zu den absonderlichsten Praktiken: er organisierte den Schmuggel, um mehr Waren ins Ausland abzusetzen, versuchte die Löhne künstlich niedrig zu halten und wurde überhaupt zu einer lästigen und nicht selten lächerlichen Tyrannei. Friedrich Wilhelm der Erste verbot die Holzschuhe, um die Ledermanufaktur zu heben, Friedrich der Große bestellte eigene »Kaffeeriecher«, die überall herumschnüffeln mußten, ob sich jemand gegen das Staatsmonopol des Kaffeebrennens vergehe, und unter Friedrich dem Ersten gab es sogar ein Schweineborstenmonopol, wonach jeder Besitzer von Schweinen verpflichtet war, deren Haare alljährlich um Johanni an die Behörde abzuliefern. Schon John Locke hat sich gegen diesen Wohlfahrtsstaat gewendet, weil er die Freiheit des Individuums beeinträchtige, während doch die Menschen den Staatsvertrag nur zur Sicherung ihrer von Natur aus unzerstörbaren Rechte auf Freiheit geschlossen hätten. Man muß allerdings bedenken, daß damals alle Staaten Europas noch vorwiegend Agrarländer waren, fast den ganzen Getreidebedarf selber deckten und die wichtigsten Verarbeitungsstoffe wie Wolle, Seide, Flachs in genügender Menge im eigenen Lande hervorbrachten und daß Colbert sich, wie er selbst sagte, seine Maßnahmen nur als Krücken dachte, an denen man lernen solle, so bald wie möglich die eigenen Füße zu gebrauchen. Aber die Krücken blieben nicht einmal Krücken, sondern wurden zu unerträglichen Stelzen, und das Endresultat des Colbertismus war nach einer anfänglichen kurzen Scheinblüte Verschuldung und Elend. Die »aktive Handelsbilanz« bot eine große theoretische Befriedigung; aber die Masse hungerte dabei. Der Staat Ludwigs des Vierzehnten war buchstäblich zum Leviathan geworden; die Kriege dienten, selbst wenn sie siegreich waren, nicht dem Volkswohl und der großzügige Export bereicherte nur eine kleine Oberschicht. Die deduktive Methode, die es unternimmt, aus einigen wenigen Axiomen ein Weltsystem aufzubauen und mit einer abstrakten Formel die Wirklichkeit zu vergewaltigen, hat auch auf dem Gebiet der Wirtschaft ihren Glanz und ihre Ohnmacht enthüllt. Dramatische Kristallographie Es ist aber ein wirklicher Ruhm Ludwigs des Vierzehnten, daß er sich nicht damit begnügt hat, Kriege zu führen und Hof zu halten, sondern auch den höheren Ehrgeiz hatte, seine Regierungszeit zu einer goldenen Ära der Kunst zu machen. Man hat ihn daher gerne mit Augustus verglichen, was in gewisser Beziehung zutreffend, aber lange nicht so schmeichelhaft war, wie seine Zeitgenossen glaubten. Denn was unter ihm entstand, war in der Tat nicht mehr als eine prunkvoll arrangierte und geschmackvoll vergoldete Hofkunst und raffinierte Artistik, in der die Etikette die Phantasie erwürgt. Ihr großer Zeremonienmeister war Nicolas Boileau, der législateur du goût , der ebenso diktatorisch festsetzte, was und wie man zu dichten habe, wie die Académie française den Umfang und Gebrauch des Wortschatzes bestimmt hatte. Den Ausgangspunkt seiner Ästhetik bildet wiederum die cartesianische clara et distincta perceptio . Was nicht klar und deutlich ist, ist auch nicht schön, die erhellende und ordnende Vernunft ist auch die Gesetzgeberin der Poesie: »tout doit tendre au hon sens« . Die Kunst hat bei Boileau dasselbe Ziel wie die Philosophie bei Descartes: la vérité . Der oberste Leitsatz seiner Poetik lautet: »rien n'est beau que le vrai.« Auch Nicole, ein namhaftes Mitglied des Port-Royal, bezeichnet als die drei künstlerischen Grundprinzipien ratio, natura, veritas . Dies klingt ganz naturalistisch und war doch das völlige Gegenteil davon. Wir stoßen hier wieder einmal auf die Erkenntnis, wie problematisch der Begriff des Naturalismus ist. Die Künstler des Grand Siècle erblickten in ihren Schöpfungen einen Sieg der Natur, während diese doch eine ebenso sublime wie absurde Vergewaltigung der Natur darstellten. Das Rätsel löst sich aber sehr leicht, wenn wir uns daran erinnern, daß sie eben Cartesianer waren. Sie setzten Natur gleich Vernunft. Diese Prämisse eingeräumt, waren ihre Werke wirklich die natürlichsten, die man bisher erblickt hatte, denn sie waren die vernünftigsten. Unter Wahrheit verstanden sie nicht Übereinstimmung mit der Erfahrung, sondern Übereinstimmung mit der Logik. Diese gibt die Gesetze des Lebens, des Schauens, des Gestaltens: wer sie befolgt, handelt »natürlich«. Aus dieser Geisteshaltung ergibt sich das Ideal des grand facile , des großartig Einfachen, wie Fénelon es aufgestellt hat, der »Schwan von Cambrai« und Verfasser der »aventures de Télémaque«, die bezeichnenderweise für das größte Epos der Zeit, ja der Welt galten, obgleich sie ein ausgesprochenes Lehrgedicht sind, geschrieben zur Unterweisung des Herzogs von Burgund in den Pflichten und Aufgaben eines Herrschers. Aus der Forderung der leichten Überschaubarkeit flössen auch ganz von selber die irrtümlich aus Aristoteles hergeleiteten drei Einheiten. Hier bildet gewissermaßen die Einheit des Orts die Ordinate, die Einheit der Zeit die Abszisse und die Einheit der Handlung eine ideale Kurve. Ferner müssen, da überall die Raison herrscht, auch die Leidenschaften gemäßigt und zivilisiert, überhaupt alle Äußerungen einer ungebundenen elementaren Vitalität vermieden und auch die extremsten Situationen mit Verstand und Anstand bewältigt werden: noch im Sterben wissen die Helden der Tragödie, was sie sich, dem Hof und Descartes schuldig sind. Die Vorgänge entwickeln sich nicht in wilden Eruptionen und plötzlichen Sprüngen wie bei Shakespeare, der ein Barbar ist, sondern wie die Glieder eines Kettenschlusses oder die Kolonnen einer Gleichung. Diese Dichter sind in ihrer Darstellung vorzügliche Kristallographen, niemals Mineralogen. Wir erfahren sehr erschöpfend und anschaulich, genau und übersichtlich die allgemeine Formensprache der Dinge, aber nichts über ihren Härtegrad, ihre Farbe, ihren Glanz, ihre Dichtigkeit, ihr Vorkommen, ihre Abweichungen vom Modell, kurz: über ihre Individualität. Der Hofnarr des Zeitgeistes »Le grand Corneille« ist noch der Dichter der Fronde: heldisch, bisweilen fast heiß, aber dabei doch schon Akademiker, Raisonneur. Seine Ethik ist ein erhabener Stoizismus, der im Sieg des Menschen über sich selbst und in der Aufopferung des Individuums für eine Idee, die meistens das Staatswohl ist, seine höchste Befriedigung findet. In seiner Abhandlung über die Passionen bezeichnet Descartes als die höchste Tugend, »gleichsam den Schlüssel aller Tugenden und das Hauptmittel gegen den Taumel der Leidenschaften« die großherzige Gesinnung, la magnanimité oder générosité : diese ist auch der eigentliche Held in den Trauerspielen Corneilles. Wollte man die drei großen Dramatiker jenes Zeitalters mit den drei großen griechischen Tragikern vergleichen, wobei natürlich nicht die dichterische Qualität, sondern nur das gegenseitige Verhältnis in Parallele gestellt werden soll, so würde dem in mancher Beziehung noch archaischen Corneille Aischylos entsprechen, dem weiblicheren und differenzierteren Racine Sophokles, dem problematischen und seelenkundigen Molière aber Euripides, der fast ebenfalls ein Komödiendichter war und einen ebenso zähen und vergeblichen Kampf gegen die ihm aufgezwungene Theaterform geführt hat. Denn die demokratischen und skeptischen Griechen um Perikles waren in Fragen der äußeren Form ebenso unerbittlich konservativ wie die aristokratischen und dogmatischen Franzosen um Ludwig den Vierzehnten. Euripides, der reiche müde Erbe einer Kultur, die in Lebensweisheit, Ausdruckstechnik, Kunst des Sehens und Hörens nahezu bis an die letzten Grenzen gelangt war, sah sich genötigt, seine psychologischen Differentialkalküle mit äußeren Mitteln zur Darstellung zu bringen, die für einen Indianertanz oder einen Dorfzirkus gerade noch fein genug gewesen wären; und Molières zappelnde Lebendigkeit, misanthropische Zerrissenheit und opalisierende Laune wurde in einen langweiligen vergoldeten Salon gesperrt, unter Menschen, deren höchster Ehrgeiz es war, das Aussehen und Gefühlsleben einer Drahtpuppe zu erlangen. Darum ist Molière, obgleich scheinbar der Lustigmacher unter den Dreien, in Wahrheit die tragische Figur unter ihnen. Daß er auch der größte war, hatten schon einige seiner urteilsfähigsten Zeitgenossen erkannt. Als Boileau von Ludwig dem Vierzehnten gefragt wurde, wer der wertvollste Dichter des Zeitalters sei, antwortete er: »Majestät, das ist Monsieur Molière«. »Das hätte ich nicht gedacht«, erwiderte der König, »aber Sie müssen es ja besser wissen.« Strindberg sagt im Nachwort zu »Fräulein Julie«: »Die Lust, die Menschen einfach zu sehen, ist noch bei dem großen Molière vorhanden. Harpagon ist nur geizig, obwohl Harpagon nicht bloß ein Geizkragen, sondern auch ein ausgezeichneter Finanzier hätte sein können, ein prächtiger Vater, ein gutes Gemeindemitglied.« Wiewohl diese Kritik im Prinzip vollkommen recht hat, tut sie Molière dennoch unrecht, indem sie übersieht, daß dieser gar nichts anderes geben durfte als die Gleichungen des Geizigen, des Hypochonders, des Heuchlers, des Parvenus, der frechen Kammerzofe, des treuen Liebhabers. Er mußte mit Schablonen malen, weil es die Kundschaft so wünschte, und es ist doppelt bewundernswert, daß er mit dieser groben und geistlosen Technik so abwechslungsreiche und pikante, originelle und lebensprühende Muster zustande brachte. Er mußte seine chaotische Zwiespältigkeit und Unruhe in Gestalten ausleben, die uns heute in ihrer künstlichen Primitivität gespenstisch anmuten, denn er war der Hanswurst eines großen Herrn, eines noch mächtigeren, selbstherrlicheren und eigensinnigeren, als es selbst Ludwig der Vierzehnte war; er war der Hofnarr des Zeitgeists! Er war aber doch noch etwas mehr: nämlich ein moralischer Gesetzgeber, wenn auch nur versteckt und sozusagen anonym. Dies ist im Grunde die Mission jedes genialen Komödiendichters: sie ist von Shakespeare so gut erfüllt worden wie von Shaw, von Ibsen so gut wie von Nestroy; sie alle waren heimliche Lehrer der Sittlichkeit und Sitte. Malerei und Dekorationen Auch die Maler waren von cartesianischen Prinzipien erfüllt, Poussin sogar so sehr, daß er selbst seinen Zeitgenossen zu streng erschien. Es ist charakteristisch für ihn, daß er sich an den antiken Reliefs zum Zeichner gebildet hat. Seine Figuren haben nur typische Gesichter, sie sind bloße Gattungsexemplare wie die Pflanzen in einem Herbarium, man hat, im Gegensatz zu so vielen Gestalten der Renaissancekunst, bei keiner von ihnen den Eindruck persönlicher Bekanntschaft. Poussin war ein gelehrter Maler, ein genauer Kenner des Altertums; er hat das große Verdienst, die Landschaft ins Bild gebracht zu haben, aber er tat es als Archäologe: was er malt, ist immer eine antike Gegend. Während auf der Bühne die toten Römer in Reifrock und Perücke auftreten, trägt auf der Leinwand die lebende Natur Toga und Kothurn: beides Äußerungen eines modischen Klassizismus, nur mit entgegengesetzten Vorzeichen. Alles ist bei Poussin mathematisch gesehen: die Bäume mit ihren wunderbar feinen, aber geometrischen Silhouetten, die Felsen mit ihren prachtvoll klaren und harmonischen, aber wie nach Kristallsystemen gebildeten Kanten und Flächen, die kreisrunden Seen, die scharf gewinkelten Bergzüge, die ebenmäßigen Wolken und die Linien des menschlichen Körpers, die in ihrer systematischen Anordnung ein kunstvolles Ornament bilden. Aber bei alledem war er merkwürdigerweise doch ein gewaltiger Meister der Stimmung: ein echter Barockmaler und der stärkste Wegbereiter der subtilen Kunst Claude Lorrains, des Virtuosen der Lichtbehandlung und des Vordergrunds. Bei diesem ist die Natur wirkliche Natur, aber er malt sie nur in ihren domestizierten, wohlerzogenen, salonfähigen Momenten. Sie ist niemals wild und ungebärdig, vergißt sich nie so weit, überlebensgroß zu werden, zu kochen oder zu brüllen. Es ist jener Grad von »Natur«, der mit der Raison und der Hofsitte noch vereinbar ist. Rigaud hinwiederum ist gleichsam der Hofmeister und Obergarderobier des Zeitalters. Er malt die Menschen in der »richtigen« Art des Gesichtsausdrucks und der Körperhaltung, der Haartracht und Bekleidung. So haben sie zu stehen, zu lehnen, zu sitzen, die Hand auszustrecken, den Degen zu halten, den Mantel zu raffen: effektvoll und maßvoll, mit Majestät und Selbstzucht, Selbstherrscher im doppelten Sinne des Wortes, jeder ein kleiner Louis Quatorze. Die Palastbauten tragen eine ganz ähnliche Physiognomie. Sie wirken nach außen nur imposant und distanzierend, die Königspose markierend und machen in ihrer hochmütigen Einfachheit einen fast dürftigen Eindruck. Die Fassade ist schmucklos gehalten, weil sie sich dem gemeinen Volke zeigt; die Innenräume aber waren von verschwenderischer Pracht. Die Fußböden waren kunstvoll parkettiert, die Plafonds mit erlesenen Malereien bedeckt, von den Wänden strahlte kostbarer farbiger Marmor, reichster Stuck, Samt und Brokat, Silber und Bronze und vor allem Gold, das Symbol der Sonne. Mächtige Spiegel vervielfachten den Glanz. André Charles Boulle, ébéniste du roi , füllte die Säle mit Konsoltischen, guéridons für Armleuchter und Ebenholzmöbeln, die mit »Marketeriearbeiten«: Einlagen aus Metall, Schildpatt, Perlmutter und Elfenbein geschmückt waren. Die »Manufacture royale des meubles de la couronne« in Paris entwickelte sich unter der Leitung des Hofmalers Lebrun zu einer Musterfabrik für Kunsttischlerwaren. 1680 erfand Jacquin ein Verfahren zur Erzeugung künstlicher Perlen, die nun weiteste Verwendung fanden. Den ausgedehnten Parkanlagen wurde durch marmorne Hermen, Tritonen, Najaden, Atlanten, Weltkugeln ein stolzes Aussehen verliehen, brausende Kaskaden stürzten über breite Steintreppen, die Bäume und Hecken erhielten die Form von Vasen, Prismen, Pyramiden, Tiersilhouetten und bildeten manchmal förmliche Zimmer. Es ist übrigens nicht uninteressant, daß schon damals die ascenseurs erfunden waren, die ungefähr unseren heutigen Lifts entsprachen, aber nur in den großen Palais benutzt wurden. Hier zeigt sich ein einschneidender Unterschied zwischen der damaligen und der heutigen Kultur: sie war im innersten unsozial, niemand wäre auf den Gedanken gekommen, daß eine neue praktische Erfindung zu etwas anderem dienen könne als zur Bequemlichkeit einer höchsten Oberschicht. Lully Die Musik stellte sich vorwiegend in den Dienst des Theaters. Jean Baptiste Lully, ein Florentiner, der eigentlich Lulli hieß, ist der Schöpfer der tragédie lyrique , der Großen Oper; sein Textdichter war Philippe Quinault, der in seiner Verskunst über die großen Tragiker gestellt wurde. Lully verstand es, die Oper förmlich für sich zu monopolisieren, indem er einen königlichen Erlaß erwirkte, der allen Theatern außer dem seinigen verbot, mehr als zwei Sänger und sechs Streichinstrumente zu halten, und war nicht bloß Komponist, sondern auch Intendant, Dirigent, Vortragsmeister und Regisseur und überhaupt ein von seiner Kunst Besessener, der sogar an seiner Theaterleidenschaft starb, indem er bei einer Aufführung mit dem Rohrstock so wütend den Takt stampfte, daß er sich eine tödliche Verletzung am Fuß zuzog. Er brachte den Chor, der zu einer bloßen Staffage herabgesunken war, wieder zu voller Geltung und verlieh dem rhythmischen Element den Primat vor dem melodischen; die Musik will bei ihm nur die Wirkung des Worts verstärken und gefühlsmäßig bereichern und vertiefen. Seine Kunst ist Deklamation und Rhetorik in schönster und korrektester Form, das vollkommenste Gegenstück zu Corneille und Racine, mit denen sie in bewußte und erfolgreiche Konkurrenz tritt, und arbeitet im Grund rein rezitatorisch, ohne Koloraturen, ohne eigentliche Arien, dagegen mit großartiger Ausstattung durch Szenerie, Ballette, Aufzüge, vielstimmige Frauen- und Männerchöre, auch hinter der Szene, musikalische Schilderung von Seestürmen, Schlachten, Gewittern, Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Höllenschrecken. Ist schon die tragédie classique eine Art Musik, ganz vom Rhythmus durchströmt, getragen und geknechtet, so zeigt sich hier der Stilwille des Zeitalters auf seinem Gipfelpunkt: alles ist erfüllt von strenger Ordnung und Klarheit, Klangfülle und Klangreinheit, lichtvoller, angenehm fallender Kadenz. Der Musik mußte es naturgemäß am vollkommensten gelingen, sich ganz zu mathematisieren, mit dem cartesianischen Geiste der Symmetrie zu erfüllen. La Rochefoucauld Wenn man das Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten nur nach seinen Opern und Trauerspielen, Bauten und Gemälden, Abhandlungen und Predigten beurteilen wollte, so müßte man zu der Ansicht gelangen, daß damals eine Menschheit von grandiosen, aber langweiligen, überlebensgroßen, aber seelenlosen Heroen über die Erde geschritten sei. Wie sie wirklich waren, erfährt man nur aus der Kunst und Literatur zweiter Garnitur: aus Karikaturen, Flugschriften und Satiren, Memoiren, Anekdoten und Aphorismen. Dies war nur eine natürliche Folge der damals herrschenden Weltanschauung. Da die ausschließliche Tätigkeit der menschlichen Seele nach Descartes im Denken besteht, ihr wahres Leben sich aber gerade in jenen Regungen zeigt, die entweder mit der reinen Verstandestätigkeit gar nichts zu tun haben oder zu ihr im Widerspruch stehen, so vermochte dieses Zeitalter in seinen großen repräsentativen Schöpfungen keine Psychologie zu entwickeln: sie war sozusagen offiziell verboten und konnte höchstens als Konterbande eingeschmuggelt werden, unter der harmlosen Emballage der losen Gelegenheitsbetrachtung und unverbindlichen Privatliebhaberei. Sie wurde zum Wirkungsfeld einiger bewundernswerter Dilettanten, deren Werke bis zum heutigen Tage lebendig geblieben sind: jedermann kennt die Portäts La Bruyères, die Erinnerungen des Herzogs von Saint-Simon, die Briefe der Madame de Sévigné. Wir wollen aus der Fülle dieser Äußerungen echten Lebens nur eine einzige herausgreifen, die für alle spricht: die »Maximen« des Herzogs von La Rochefoucauld. La Rochefoucauld ist der erste wirkliche Aphoristiker der Neuzeit. Seine kurzen Sätze sind komprimierte moralische und psychologische Abhandlungen. Der ésprit géometrique lebt auch in ihnen: in ihren messerscharfen Antithesen, ihrer kristallographischen Schreibweise. Daneben aber ist er Weltmann, Salonmensch schon in seinem Stil; seine Aperçus sind nicht bloß geistreich, sondern auch angenehm, anmutig, elegant wie wohlriechende Tropfen eines erlesenen Parfüms: sie sind der starke Extrakt aus dem Duft, den viele tausend kleine Lebenserfahrungen hinterlassen haben. Sein philosophisches System ist sehr einfach. Wie die Psychoanalyse alles sexuell erklärt, so führt er alle menschlichen Handlungen auf einen einzigen Grundtrieb zurück: die Eitelkeit oder Eigenliebe, l'orgueil, la vanité, l'amour-propre : »so viele Entdeckungen man auch im Reich der Eigenliebe gemacht hat, es bleiben darin noch viele unbekannte Länder«; »die Selbstsucht spricht alle Sprachen und spielt alle Rollen, selbst die der Selbstlosigkeit«; »auch die Tugend käme nicht so weit, wenn ihr nicht die Eitelkeit Gesellschaft leistete«. Indem er nun überall nach dem geheimen Bodensatz von Eitelkeit forscht, gelingt es ihm, sie in ihren letzten Schlupfwinkeln aufzustöbern und in ihren zartesten Nuancen festzuhalten: »man redet immer noch lieber Böses von sich als gar nichts«; »Lob ablehnen heißt: zweimal gelobt werden wollen«; »wir verzeihen oft denen, die uns langweilen, aber niemals denen, die wir langweilen«; »ob die Philosophen dem Leben mit Liebe oder mit Gleichgültigkeit gegenüberstanden: es war beides nichts als eine Geschmacksrichtung ihrer Eitelkeit«. Auch die Tugend ist nur eine Form des Lasters: »die Tugenden verlieren sich in der Selbstsucht wie die Flüsse im Meer«; »wir werden oft nur deshalb verhindert, uns einem einzelnen Laster hinzugeben, weil wir deren mehrere haben«; »wenn die Laster uns verlassen, so schmeicheln wir uns mit dem Glauben, daß wir sie verlassen«; »alte Leute geben gute Lehren, um sich darüber zu trösten, daß sie nicht mehr imstande sind, schlechte Beispiele zu geben«; »die Laster sind eine Ingredienz der Tugenden wie die Gifte eine Ingredienz der Heilmittel, die Klugheit mischt und mildert sie und verwendet sie mit Nutzen gegen die Übel des Lebens.« »Beurteilt man die Liebe nach der Mehrzahl ihrer Wirkungen, so ähnelt sie mehr dem Haß als der Freundschaft«, denn »mit der wahren Liebe ist es wie mit den Geistererscheinungen: alle Welt spricht von ihnen, aber die wenigsten haben sie gesehen«. Gleichwohl ist La Rochefoucauld kein Zyniker, sondern ein Skeptiker voll geheimer Herzensregungen, der überzeugt ist, daß der Esprit nicht lange die Rolle des Gemüts spielen kann und die wahre »politesse de l'esprit« darauf beruht, »Nobles und Zartes zu denken«, daß List und Verrat nur aus Mangel an Gewandtheit entspringen und das sicherste Mittel, betrogen zu werden, darin besteht, sich für gerissener zu halten als die anderen. Eine große Anzahl seiner Bonmots atmet die höchste Delikatesse, zum Beispiel: »es ist eine größere Schande, seinen Freunden zu mißtrauen als von ihnen betrogen zu werden«; »zu große Hast, eine Schuld abzutragen, ist eine Art Undankbarkeit«; »wir trösten uns leicht über das Unglück unserer Freunde, wenn es uns Gelegenheit gibt, ihnen unsere Liebe zu zeigen«. In dieser Mischung aus Frivolität und Edelmut, schroffstem Materialismus und empfindlichstem Takt ist er die feinste Blüte der gesamten Geistesflora, die um Ludwig den Vierzehnten aufschoß; in dem Ausspruch »Lächerlichkeit schändet mehr als Schande« spiegelt sich die ganze Welt von Versailles mit ihren Lichtern und Schatten, und einmal hat er die Summe dieser Kultur gezogen, als er sagte: »In jedem Stande nimmt jeder eine bestimmte Miene und Haltung an, um das zu scheinen, wofür er angesehen werden will. Also kann man sagen, daß die Welt aus lauter Mienen besteht.« In der Tat: in dieser Menschheit suchen wir vergeblich nach Gesichtern und Gebärden; überall stoßen wir nur auf Mienen und Gesten. Die Allonge Das Kostüm des Zeitalters bringt dies deutlich zum Ausdruck. Es ist eine ausschließliche Salontracht, auf dauernde Repräsentation, Parade und Pose berechnet. Das Wams verschwindet unter dem justaucorps , einem reichgestickten Galarock mit weiten Ärmeln, langen Aufschlägen und riesigen Knöpfen, der bis zum Knie reicht; das Damenkleid ist die große Robe mit der Schnürbrust, der Schleppe, deren Länge, je nach dem Range, zwei bis dreizehn Meter betrug, und dem cul de Paris , der durch Auspolsterung eine abnorme Entwicklung des Gesäßes vortäuscht; der Stiefel weicht dem Schnallenschuh, der Handschuh aus feinem weißen Leder wird für beide Geschlechter unerläßlich. Das Hauptstück der äußeren Erscheinung aber bildete die Allonge oder große Staatsperücke, die um 1625 aufkam und um 1655 bereits allgemein war; sie machte, wie der Kanzler Herr von Ludwig sagte, »den Menschen dem Löwen gleich«, und ihre bevorzugte Farbe war daher hellbraun oder blond. Ungefähr um dieselbe Zeit verschwand auch die letzte Andeutung des Bartes, die »Fliege«, und alle Welt ging rasiert. Das weibliche Gegenstück zur Allonge ist die Fontange, ein aus Spitzen, Bändern, Krausen und falschen Haaren getürmter Kopfschmuck, der sich nicht selten bis zu einer Höhe von anderthalb Metern erhob. Die landläufige Ansicht geht dahin, daß die perruque durch die Kahlköpfigkeit Ludwigs des Dreizehnten entstanden sei, die Damen, die auch nicht zurückstehen wollten, zur Fontange griffen und ganz Europa dies dann aus »Lakaienhaftigkeit« nachgeahmt habe. Es gibt nun wohl kaum etwas Platteres und Falscheres als diese Auffassung. Zunächst hat, wie wir gehört haben, zu jener Zeit noch nicht die französische Mode Europa beherrscht, sondern die holländische, und zumal eine Nullität wie Ludwig der Dreizehnte wäre zuallerletzt imstande gewesen, seinem Zeitalter eine Tracht zu diktieren. Die kulturelle Hegemonie Frankreichs beginnt erst mit Ludwig dem Vierzehnten, und gerade dieser hat sich gegen die Perücke jahrzehntelang gesträubt, da er selbst sehr schönes langes Haar besaß, und sie erst im Jahr 1673 aufgesetzt. Überhaupt ist kein Monarch imstande, eine Mode zu schaffen; er kann es nur versuchen und sich damit lächerlich machen. Die Barttracht »es ist erreicht« und der österreichische »Kaiserbart« haben ihre Träger nur stigmatisiert : als Weinreisende und Mitglieder von Veteranenvereinen. Der um nichts schönere »Kaiser-Friedrich- Bart« hingegen hat nicht degradiert, weil er damals wirklich die vom Zeitgeist geforderte Mode war. Ferner muß man im Auge behalten, daß die Perücke keinen Augenblick den Zweck hatte, den Mangel eigenen Haares zu verdecken, wie die heutigen »Toupets«, sondern von allem Anfang an als Kleidungsstück gedacht war, als Zierde und Vervollkommnung der äußeren Erscheinung wie Federhut oder Schärpe. Und schließlich und vor allem ist es eine Albernheit, ein Weltereignis wie die Perücke von der Glatze eines einzelnen Zeitgenossen herleiten zu wollen. Die Perücke ist das tiefste Symbol der Menschheit des siebzehnten Jahrhunderts. Sie steigert und isoliert: wir werden später sehen, daß dies die beiden Grundtendenzen des Zeitalters waren. Und sie stilisiert: gerade durch ihre Unnatürlichkeit. Sie war übrigens keine Novität in der Geschichte. Schon die vorderasiatischen Völker kannten sie und vor allem die Ägypter, deren Kultur ebenfalls von höchstem Stilgefühl getragen war; sie bedienten sich sogar künstlicher Bärte. Derselbe Geist der Abstraktion, der ihre Pyramiden und Sphinxe schuf, hat ihnen die ornamental geflochtenen Haargebäude und die viereckig geschnittenen Umhängebärte aufgezwungen. Das flache neunzehnte Jahrhundert hielt die ägyptische Kunst für »primitiv«; jetzt beginnen wir langsam einzusehen, daß neben der unfaßbaren Größe und Tiefe dieser Schöpfungen die gesamte abendländische Kunst primitiv erscheinen muß. Und auf demselben Wege müssen wir zu der Erkenntnis gelangen, daß auch die Sitten dieses Volkes nichts weniger als »barbarisch« und »kindisch« waren, sondern der Niederschlag eines Weltgefühls, das dem unsrigen zwar fremd ist, aber gleichwohl überlegen gewesen sein könnte. Zweifellos ist sowohl die ägyptische wie die cartesianische Perücke »paradox«; aber jedes Kostüm ist paradox, weil es der bis zur Karikatur gesteigerte Ausdruck des Idealbilds ist, das sich die Menschheit in jedem einzelnen Zeitalter von ihrer physischen Erscheinung macht. Und paradox ist überhaupt jede Kultur, denn sie ist der Gegensatz der »Natur«, auch wenn sie, wie dies sehr oft, ja zumeist geschieht, mit ihr übereinzustimmen glaubt. Alle Kulturschöpfungen, von den Visionen des Künstlers und den Hirngespinsten des Philosophen bis zu den alltäglichen Formen des menschlichen Verkehrs, sind paradox oder, mit einem anderen Worte, »unpraktisch«. Eine Lebensordnung, in der alles Überflüssige und Zwecklose, alles Widernatürliche und Unlogische ausgeschaltet wäre, wäre nicht mehr Kultur, sondern »reine Zivilisation«. Aber eine solche reine Zivilisation ist eine fast unvorstellbare Monstrosität, sie ist in der ganzen uns bekannten Geschichte der Menschheit niemals erblickt worden und es besteht die bestimmte Hoffnung, daß sie auch in der Zukunft niemals in die Welt treten wird. Der Kaffee Das »Charaktergetränk« der Hochbarocke ist der Kaffee, der von den Arabern und Türken, die ihn schon lange kannten, um die Mitte des Jahrhunderts eingebürgert wurde. Das erste europäische Kaffeehaus war das Virginia Coffee-House, das 1652 in London eröffnet wurde und allmählich überall Nachahmung fand. In London entstand auch zuerst die Sitte, daß alle Parteien, Klassen und Berufe ihre bestimmten Kaffeehäuser hatten: es gab papistische, puritanische, whiggistische, royalistische Kaffeehäuser, Kaffeehäuser für Stutzer, für Ärzte, für Dirnen, für Handwerker. Wills berühmtes Kaffeehaus war das Literatencafé, in dem Dryden Cercle zu halten pflegte: ein Dichter, dessen Verse er dort gelobt hatte, war für die nächste Saison gemacht. Erst zwei Jahrzehnte später entstanden die ersten Kaffeehäuser in Frankreich, die ersten deutschen sogar erst zu Anfang der Achtzigerjahre, aber sie fanden dann überall sofort den größten Zulauf; besonders renommiert war zum Beispiel das erste Wiener Kaffeehaus, das der serbische Kundschafter Kolschitzky gleich nach der Belagerung mit den erbeuteten türkischen Kaffeeschätzen gegründet hatte. Um 1720 gab es in Paris bereits dreihundert Kaffeehäuser. Schon damals wurde in besonderen Zimmern gespielt: am beliebtesten waren Billard und l'Hombre; hingegen war das Rauchen nur in den ordinären Lokalen gestattet. Man kann sogar sagen, daß der Kaffee damals als allgemeines Tonikum eine noch größere Rolle gespielt hat als heutzutage. Er ist für jene rationalistische Zeit sehr bezeichnend, denn er stellt ein Anregungsmittel dar, das sozusagen nüchterne Räusche bewirkt. Voltaire zum Beispiel war ein leidenschaftlicher Kaffeetrinker. Wenn er auch nicht gerade fünfzig Tassen im Tage oder vielmehr in der Nacht zu sich nahm, wie man behauptete, so konnte er doch ohne dieses Getränk nicht leben und arbeiten, und dies spiegelt sich in seiner nervösen und durchsichtigen, überreizten und gleichsam überbelichteten Schreibweise sehr deutlich wider. Neben den Kaffee traten noch einige andere neue Genußmittel: das Fruchteis, der Schaumwein, erst ein Jahrhundert später »Champagner« genannt, dessen Herstellung durch die Erfindung des Korkverschlusses ermöglicht wurde, und die Schokolade, das Lieblingsgetränk der Mexikaner, an das man sich aber in Europa erst gewöhnte, als man auf den Gedanken kam, es mit Zucker zu versetzen: es wurde besonders in dem verarmten Spanien zu einem Volksnahrungsmittel, das nicht selten die ganze Mahlzeit bestreiten mußte. Der Alkohol wurde aber durch Tee, Kaffee und Schokolade durchaus nicht verdrängt, zumal die Deutschen waren als wüste Säufer noch immer bewundert und berüchtigt, aber auch die Franzosen und Engländer standen nicht erheblich hinter ihnen zurück, während die Südländer von jeher relativ mäßiger waren. Endlich wird auch die Gabel, der wir schon einige Male begegnet oder vielmehr nicht begegnet sind, als nützliches Eßgerät anerkannt; ihr Gebrauch, der noch in der ersten Hälfte des Jahrhunderts von den Satirikern als affektiert verspottet wurde, setzt sich um 1650 am französischen Hofe durch, um daraufhin allgemein akzeptiert zu werden. Bis dahin hatte man das Fleisch entweder mit der Hand oder, was für das Feinere galt, mit dem Messer zum Munde geführt. Eine neue Sitte ist auch das Hutabnehmen: vorher hatte man beim Gruß die Kopfbedeckung entweder gar nicht berührt oder bloß in den Nacken zurückgestoßen. Die Reinlichkeit ließ auch in den höchsten Kreisen sehr viel zu wünschen übrig: hier ist ein entschiedener Rückschritt zu verzeichnen. Die öffentlichen Bäder, die im ausgehenden Mittelalter und auch noch in der Reformationszeit allgemein verbreitet waren, verschwinden vollständig; aber auch an privaten Badegelegenheiten herrschte fast gänzlicher Mangel. Die Toilette bestand gewöhnlich darin, daß man die Hände in Wasser tauchte und sich das Gesicht mit ein wenig Eau de Cologne betupfte; die Unterwäsche wurde erschreckend selten gewechselt, und selbst im Bett des Sonnenkönigs gab es Wanzen. Der verschwenderische Gebrauch aller Arten von Parfüms, Haarsalben und wohlriechenden Schminken ist unter diesen Umständen nur allzu begreiflich. Die Post Die Beförderungsmittel sind noch recht primitiv. Erst gegen Ende des Jahrhunderts tritt der Wagen ebenbürtig neben das Reitpferd, nicht ohne heftigen Widerstand, da viele fanden, er wirke verweichlichend und schädige die Pferdezucht. Immerhin gab es in den großen Städten schon Droschken, in Paris fiacres genannt, aber der Mittelstand bediente sich hauptsächlich der Portechaise oder Sänfte, obgleich auch diese anfangs aus dem Gefühl heraus, daß es unwürdig sei, Menschen als Tragtiere zu benutzen, vielfach mißbilligt wurde; die höheren Stände hielten sich prachtvolle Karossen, die von Läufern begleitet und mit mindestens vier Pferden bespannt waren, was nicht nur in der allgemeinen Großtuerei und Prunksucht, sondern auch in dem schlechten Zustand der Straßen begründet war. In jenem Zeitraum kommt es auch allmählich zur Ausbildung der »Fahrpost«, der regelmäßigen Stellwagenverbindung, die entweder von Staats wegen oder durch Großunternehmer wie die Taxis in der Form hergestellt wird, daß an bestimmten Orten, den Relais, frische Pferde bereitstehen. Diese Stationen boten zumeist auch ermüdeten Reisenden Unterkunft, und so entstand das »Gasthaus zur Post«, die Keimzelle des Hotels. Der erste bequeme Reisewagen, die leichte zweisitzige »Berline«, wurde 1660 in Berlin gebaut und in ganz Europa nachgeahmt. Die Beförderungsgeschwindigkeit war sehr gering: die Fahrt von London nach Oxford, die heute mit der Eisenbahn in einer Stunde zurückgelegt wird, dauerte zwei Tage, und als eine neu eingerichtete Linie dazu nur noch dreizehn Stunden brauchte, erhielt sie wegen ihrer exorbitanten Schnelligkeit den Namen » flying-coach «. Daß die Wagen umwarfen oder überfallen wurden, war etwas ganz Gewöhnliches. Noch beschwerlicher und unsicherer war der Verkehr zu Wasser. Eine größere Seefahrt galt für ein Abenteuer, Schiffbrüche und Kämpfe mit Piraten wurden fast als eine Selbstverständlichkeit angesehen und bildeten den Hauptinhalt aller damaligen Reiseromane. Die Unterbringung in den engen finsteren Räumen war sehr unhygienisch; auch die Verpflegung, die ausschließlich in Pökelfleisch, Mehl und getrocknetem Gemüse bestand, führte zu häufigen Erkrankungen. Ob man überhaupt eine Verbindung bekam, war Sache des glücklichen Zufalls. Erst zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wurden die packet-boats eingerichtet, regelmäßig zwischen England und dem Festland verkehrende Schiffe, die zuerst Pakete und Briefe, später auch Personen beförderten. Die Zeitung An die Einrichtung der Post knüpfte sich auch die Entstehung der Zeitungen. Sie waren zuerst nur handschriftliche Mitteilungen, die einzelne hochgestellte Personen von besonderen Korrespondenten bezogen und dann als »Gazetten« in den Handel brachten. Die ersten gedruckten Zeitungen wurden von den Postmeistern verbreitet, bei denen alle Neuigkeiten zusammenliefen, erschienen meist wöchentlich und enthielten bloß Tatsachenmaterial, ohne jede Reflexion oder Kritik, da sie unter sehr strenger Zensur standen. Eine um so freiere Sprache herrschte in der Flugschriftenliteratur, die bis in die Zeit der Reformation zurückgeht und, heimlich verbreitet, eine politische Macht darstellte: besonders die holländischen Pasquillanten waren bei allen europäischen Regierungen gefürchtet. Das erste Wochenblatt erschien 1605 in Straßburg, die erste Tageszeitung, der »Daily Courant«, erst nahezu ein Jahrhundert später in London. Von großer Bedeutung waren auch die gelehrten Zeitschriften: das Pariser »Journal desSavants«, die Londoner »Philosophical transactions«, das römische »Giornale dei Letterati« und die Leipziger »Acta eruditorum«. Bayle Das wissenschaftliche Leben des Zeitalters nahm überhaupt eine staunenswerte Entwicklung. Von den außerordentlichen Leistungen Pascals haben wir schon gehört. Die bibelkritischen Forschungen Spinozas fanden in dem Pariser Oratorianer Richard Simon ihren Fortsetzer, der sich zwar äußerlich durchaus auf den Boden der Tradition stellte, aber in der historischen Erklärung der einzelnen Texte die größte Kühnheit zeigte und deshalb nicht nur von den katholischen, sondern fast noch mehr von den protestantischen Theologen aufs heftigste angefeindet wurde. Eine ebensolche Unabhängigkeit und kritische Überlegenheit entwickelte Mézeray in seiner »Histoire de France«; sein Programm ist die Boileausche Vereinigung des Wahren mit dem Schönen. Jean Mabülon wurde der Begründer der »Diplomatik«, der wissenschaftlichen Erforschung historischer Urkunden. Pierre Bayle verfaßte seinen gelehrten und scharfsinnigen »Dictionnaire historique et critique«, wohl das amüsanteste und geistreichste Wörterbuch, das jemals geschrieben worden ist. Alle Phänomene des Staats, der Kirche, der Sitte, der Kunst, der Wissenschaft werden darin, wie Bayle es mit Vorliebe bezeichnet, »anatomiert«: also auch in diesem verwegenen Skeptiker, auf den fast die ganze französische Aufklärung zurückgeht, waltet die cartesianische Methode der Analyse. Zugleich wird in diesem Werk noch einmal und für längere Zeit zum letztenmal der Versuch gemacht, zum »credo quia absurdum« zurückzufinden. Zunächst deckt Bayle allenthalben die Widersprüche auf, die zwischen Philosophie und Religion, Vernunft und Offenbarung bestehen: die Gestalten der Bibel, besonders des Alten Testaments, waren nicht immer heilige Personen, während sich andrerseits unter den Heiden und selbst unter den Gottesleugnern Männer von fleckenloser Größe befanden; die Tatsache des Sündenfalls ist eine für den Verstand unauflösbare Paradoxie, denn entweder ist der Mensch nicht frei, dann ist sein Handeln nicht Sünde, oder er ist frei, dann wollte Gott die Sünde, was mit seiner Güte im Widerspruch steht; hat er sie aber nicht gewollt, sondern bloß nicht verhindern können, so ist er nicht allmächtig, was ebenfalls seinem Begriff widerstreitet. Aber aus allen diesen Bedenken schließt Bayle nicht auf die Nichtigkeit des Glaubens, sondern auf die Nichtigkeit der Vernunft. Die Vernunft hat sich der Religion zu unterwerfen, sie hat kritiklos zu glauben und gerade aus der Erkenntnis ihrer Unvereinbarkeit mit der Offenbarung zur Einsicht ihrer Ohnmacht zu gelangen. Bayle ist also in der Tat Skeptiker, aber nicht in Ansehung der Religion, sondern der Philosophie. Er hatte jedoch ein so ungeheures Material von vernünftigen Einwänden gegen das positive Christentum zusammengetragen, um den blinden Glauben zu stützen, daß eine gegenteilige Wirkung nicht ausbleiben konnte. Das reiche und scharfe Rüstzeug blieb, auch wenn man die Folgerungen umkehrte. Und diesen Frontwechsel hat denn auch in der Tat das achtzehnte Jahrhundert vollzogen. Voltaire sagt von Bayle sehr treffend, es finde sich bei ihm zwar keine Zeile, die einen Angriff gegen das Christentum enthalte, aber auch keine, die nicht zum Zweifel führe; er selbst sei nicht ungläubig, aber er mache ungläubig. Das Mikroskop Den eigentlichen Ruhm des siebzehnten Jahrhunderts bildet aber der Ausbau der exakten Disziplinen: es ist das Heldenzeitalter der Naturwissenschaften, weniger auf dem Gebiete der Praxis als in der Konzeption genialer und umfassender Theorien. Die Medizin war verhältnismäßig am wenigsten entwickelt. Die Pariser Schule, von Molière verspottet, kannte im wesentlichen nur zwei Universalmittel: Aderlaß und Irrigation, deren häufige Anwendung jedoch nicht ganz unberechtigt war, da die höheren Stände infolge des Mangels an Bewegung und des reichlichen Essens und Trinkens fast durchwegs an Hyperämie litten. Die holländische Schule huldigte der »Polypharmazie«, dem Gebrauch großer Mengen verschiedenartigster Medikamente, die oft von der entgegengesetzten Wirkung, im übrigen aber fast lauter harmlose Kräuter waren. Es zeigt sich selbst in diesen Dingen der Schwulst der Barocke, ihre Neigung zur Überladung, zum Schnörkel, zur erdrückenden Quantitätswirkung. Weiter gelangten schon die beschreibenden Naturwissenschaften: John Ray wurde der Schöpfer einer umfassenden zoologischen Systematik; er teilte die Tiere in Wirbeltiere und Wirbellose, die ersteren in lebendig gebärende Lungenatmer, eierlegende Lungenatmer und Kiemenatmer und die letzteren in Weichtiere, Krustentiere, Schaltiere und Insekten. Von großer Bedeutung war die Vervollkommnung des Mikroskops, das, obgleich früher erfunden als das Fernrohr, erst jetzt ausgedehnte Verwendung fand: mit ihm entdeckte Nehemia Grew die Spaltöffnungen in der Blattoberhaut, Leeuwenhoek die Infusorien, die Stäbchenschicht in der Netzhaut, das Facettenauge der Insekten, die Querstreifung der willkürlichen Muskeln und Malpighi die roten Blutkörperchen sowie eine ganze Reihe anatomischer Einzelheiten, die noch heute nach ihm genannt sind: das malpighische Netz, eine Schleimschicht unter der Oberhaut, die malpighischen Knäuel, eigentümliche Verzweigungen der Blutgefäße in der Niere der Säugetiere, die malpighischen Körper, kleine Lymphbläschen in der Milz, und die malpighischen Gefäße, als Nieren funktionierende Darmanhänge der Insekten. Nikolaus Stenonis erkannte, daß das Herz das Zentrum des Blutkreislaufs sei, wofür man bisher die Leber gehalten hatte, und fand den ductus Stenionanus , den Ausführungsgang der Ohrspeicheldrüse. Eine Art Zeitmikroskopie unternahm Olaf Römer, indem er als erster die Lichtgeschwindigkeit maß. Christian Huygens erklärte die Doppelbrechung des Lichts im isländischen Kalkspat, entdeckte den Saturnring, dessen Beobachtung schon Galilei begonnen, aber wegen widersprechender Wahrnehmungen wieder aufgegeben hatte, erfand die Pulvermaschine und die Pendeluhr und machte abschließende Untersuchungen über die Zentrifugalkraft, als deren Formel sich ihm m v 2 /r ergab, wobei m die Masse eines im Kreise sich bewegenden Körpers bezeichnet, v dessen Geschwindigkeit und r den Halbmesser des Kreises; vor allem aber ist er der Schöpfer der Undulationstheorie, die erst zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts den Sieg über die Newtonsche Emissionstheorie davongetragen hat. Er nahm nämlich an, daß das Licht durch die Schwingungen einer besonderen Materie fortgepflanzt werde, nicht derselben, die zur Ausbreitung des Schalles diene. Denn diese sei nichts anderes als die Luft; es zeige sich aber, daß im luftleeren Raum zwar keine Schallbewegung stattfinde, das Licht aber ungehindert weitergeleitet werde; dieser von der Luft verschiedene Stoff, der »Äther«, erfülle das ganze Weltall, sowohl den unendlichen Himmelsraum wie die Spatien zwischen den wägbaren Teilchen der Körper; er verhalte sich vollkommen elastisch, besitze keine Schwere und sei somit dem Gravitationsgesetz nicht unterworfen. Newton hingegen betrachtete das Licht als eine feine Materie, die von den leuchtenden Körpern ausgesendet werde. Huygens erklärte sich auch gegen die Newtonschen Fernkräfte, die er durch Druck- und Stoßwirkungen ersetzt wissen wollte. Newton In Newton selbst schenkte das Zeitalter der Menschheit eines der größten spekulativen Genies, die jemals ans Licht getreten sind. Er bedeutete sowohl als Mathematiker wie als Physiker und Astronom eine Revolution. Er zeigte in seiner »Optik«, daß durch die Vereinigung sämtlicher Spektralfarben das weiße Sonnenlicht entsteht und daß die Eigentümlichkeiten der Farben auf der Verschiedenheit der Lichtstrahlen beruhen, machte mit seinem eigenhändig erbauten Spiegelteleskop eine Reihe folgenschwerer astronomischer Entdeckungen und wurde durch die von ihm geschaffene Methode der Fluxionen der Erfinder des Infinitesimalkalküls: die unendlich kleinen Größen und deren unmerkliche Veränderungen wurden damit zu einem Gegenstand exakter Berechnung gemacht. Die Summe seiner Forschungen zog er in seiner allumfassenden Gravitationstheorie. Durch einen fallenden Apfel wurde er auf die allgemeine Anziehungskraft des Erdmittelpunkts aufmerksam gemacht; und die Vermutung, daß dieselbe Kraft auch die Ursache der Mondbewegung, des Kreislaufs der Erde um die Sonne, ja sämtlicher mechanischen Vorgänge im Weltall sei, wurde ihm im Laufe langjähriger Studien allmählich zur Gewißheit. Das von ihm in seinem Hauptwerk »Philosophiae naturalis principia mathematica« aufgestellte Gravitationsgesetz lautet: die anziehende Kraft ist den Massen direkt, dem Quadrat der Entfernung umgekehrt proportional. Da alle Monde gegen ihre Planeten und alle Planeten gegen ihre Sonnen gravitieren, so gilt dieses Gesetz für den ganzen Weltraum. Mit Hilfe dieser neuen Theorie erklärte sich auch eine Reihe kosmischer Erscheinungen, die bisher rätselhaft gewesen waren: die Störungen der elliptischen Planetenbahnen, die Ungleichheiten der Mondbewegung, die Ebbe und Flut. Newton war jedoch ein viel zu großer Denker, als daß er aus seinen Forschungsergebnissen materialistische Schlüsse gezogen hätte. Gerade die bewundernswerte Gesetzmäßigkeit des Weltalls befestigte ihn in seinem Glauben an einen göttlichen Urheber und Lenker. Er versuchte sich sogar als Theologe und schrieb eine Abhandlung über den Propheten Daniel und die Apokalypse; in seinen letzten Lebensjahren beschäftigte er sich fast ausschließlich mit religiösen Problemen. Die fast übermenschlichen Leistungen seiner spekulativen Schöpferkraft und die außerordentlichen Ehrungen, die ihm dafür im Laufe seines langen Lebens zuteil wurden, vermochten ihm nicht seine Bescheidenheit zu rauben: die vom Evangelium geforderte Einfalt, heißt es in seiner Grabschrift in der Westminsterabtei, bewies er durch seinen Wandel. Karl der Zweite England befand sich damals an der Spitze der wissenschaftlichen Entwicklung. Das System Cromwells war mit dessen Tode zusammengebrochen. Der Sohn Karls des Ersten kehrte aus der Verbannung zurück und bestieg als Karl der Zweite unter allgemeinem Jubel den Thron. Er zeigte großes Interesse für die Wissenschaften, war Mitglied der Royal Society , der die hervorragendsten Naturforscher des Zeitalters angehörten, beschäftigte sich viel mit Astronomie und gründete die berühmte Sternwarte in Greenwich. Er war taktvoll, gutmütig, leutselig, hochintelligent; seine Artigkeit ging so weit, daß er noch am Morgen nach der Nacht seines Todeskampfes zu den Umstehenden äußerte, er liege eine ungebührlich lange Zeit im Sterben, aber er hoffe, sie würden es entschuldigen. Er war ein brillanter Tänzer, Ballspieler und Anekdotenerzähler und ein großer Freund der Künste, besonders des Theaters. Aber er war bei allen seinen liebenswürdigen und zum Teil blendenden Eigenschaften im innersten ein kalter und seelenloser, träger und frivoler Mensch ohne alle Grundsätze, auf nichts bedacht als auf die Befriedigung seiner stets wachen Genußsucht. Er ging sogar ins Parlament nur zum Vergnügen und pflegte zu sagen, eine politische Debatte sei so unterhaltend wie eine Komödie. Die Ausschweifungen seines Hofs bildeten das Londoner Tagesgespräch und die Engländer nannten ihn, nicht ohne einen verächtlichen Unterton, »the merry monarch« . Als er vom Grafen Shaftesbury eines Tages besucht wurde, sagte er lachend: »Ah, da kommt der liederlichste unter allen meinen Untertanen.« Shaftesbury verneigte sich tief und erwiderte: »Jawohl, Majestät; unter den Untertanen.« Er war nichts weniger als ein rachsüchtiger Fanatiker, aber auch nichts weniger als ein Mann edler leidenschaftlicher Überzeugungen. Er hatte nichts von dem sinnlosen Machtdünkel der Stuarts, aber auch nichts von ihrem lebhaften Ehrgeiz. Er fühlte sich nicht als absoluter Gottesgnadenkönig, aber auch nicht als verantwortlicher Lenker der Volksgeschicke. Er war im Grunde nichts. Er war friedfertig, aber aus Indolenz; er war duldsam, aber aus Oberflächlichkeit. Er hatte nur eine Passion: die harmloseste, aber zugleich die niedrigste von allen: die Geldgier. Für Geld war alles von ihm zu haben: Allianzen, Glaubensänderungen, Zugeständnisse an die Freiheit des Volkes, Zugeständnisse an den Despotismus einer Partei, Toleranzedikte, Terrorakte, Kriegserklärungen, Friedensschlüsse. Er verkaufte Dünkirchen, seine Neutralität, seine Bundesgenossen, seine königlichen Privilegien: was man von ihm wollte. Er war verschwenderisch nur für seine platten und zügellosen Lustbarkeiten, hingegen knauserig, wenn es sich um vernünftige Ausgaben für den Staatshaushalt handelte; seine Beamten ahmten ihm nach und waren von einer Bestechlichkeit, wie sie bis dahin in England unbekannt gewesen war: besonders die Minister erwarben sich in ihrer Amtsführung ungeheure Vermögen. Auch sonst war seine Regierung unglücklich: unter ihr geschah das Unerhörte, daß eine feindliche Flotte, die holländische unter Admiral Ruyter, die Themse hinaufsegelte und England mit einer Invasion bedrohte; ein neuer furchtbarer Ausbruch der Pest verseuchte das Land und eine ungeheure Feuersbrunst legte die ganze City von London in Asche. Gerade damals setzte sich die schon früher von Filmer vertretene Lehre vom »passiven Gehorsam« allgemein durch: der König habe die Macht des Vaters über seine Kinder, er sei nur Gott, nicht seinen Untertanen verantwortlich, und diese seien durch keine wie immer geartete Handlung ihres Monarchen zum Widerstand berechtigt. Aber niemals ist eine so absolute Unterwerfung einem Fürsten entgegengebracht worden, der sie weniger verdient hätte, weniger begehrt hätte und weniger mit ihr anzufangen wußte. Die »glorious revolution« Auf Karl den Zweiten folgte sein Bruder Jakob der Zweite. Er war ein zelotischer Anhänger des Papismus, zu dem jener sich erst auf dem Sterbebette bekannt hatte, und der Autokratie, zu der jener niemals geneigt hatte. Er besaß alle schlechten Eigenschaften seines Vorgängers, aber keine von seinen guten, denn er war außergewöhnlich bösartig, dumm und eigensinnig. Gegen Andersgläubige und politische Gegner verfuhr er mit grausamer Strenge, worin ihn der Oberrichter Jeffreys unterstützte, ein groteskes Untier von rohem blutgierigem Trunkenbold, das wegen seiner Untaten noch heute, nach mehr als zweihundert Jahren, in England berüchtigt ist: er rühmte sich, daß er allein mehr Verräter habe hinrichten lassen als seine sämtlichen Vorgänger seit Wilhelm dem Eroberer. Jakob der Zweite war allem Anschein nach ein Sadist wie Heinrich der Achte, übrigens auch sonst sexuell pervers: er hatte nur Mätressen von ausgesuchter Häßlichkeit, eine von ihnen, Catharine Sedley, die daneben sehr geistreich war, sagte einmal von ihm: »Ich weiß nicht, was ihn an mir reizt. Von meiner Schönheit kann er nichts bemerken, weil ich keine besitze, und von meinem Verstand kann er nichts bemerken, weil er keinen besitzt.« Seine Polemik bestand darin, daß er, wenn man ihm Einwendungen machte, dieselbe Behauptung noch einmal mit den gleichen Worten wiederholte und nun glaubte, in der Debatte gesiegt zu haben. Ebenso machte es seine Tochter, die spätere Königin Anna, und Marlborough sagte, sie habe es von ihrem Vater. Doch braucht man, da sie eine Frau war, hier wohl nicht gerade hereditäre Belastung zur Erklärung heranzuziehen. Nachdem er drei Jahre lang alles getan hatte, um auch die ergebensten und geduldigsten seiner Untertanen zu erbittern, kam es zur »glorious revolution« , und sein Schwiegersohn Wilhelm von Oranien, von Wighs und Tories einmütig ins Land gerufen, bestieg den Thron. Dem englischen cant machte es keine Mühe, das Recht auf Revolution und die Pflicht des passiven Gehorsams miteinander in Einklang zu bringen. Die Theologen erklärten, die Religion verbiete allerdings jeden Widerstand gegen den König, aber die Gebote der Bibel seien nicht ausnahmslos gültig; es sei erlaubt, sie in gewissen Fällen zu übertreten. Es sei untersagt, zu töten, aber dieses allgemeine Gesetz erleide eine Ausnahme im Kriege; ebenso sei es untersagt, zu schwören, aber vor Gericht sei der Zeuge verpflichtet, zur Bekräftigung der Wahrheit einen Eid abzulegen. Und ebenso sei es in gewissen Fällen gestattet, sich gottlosen Fürsten zu widersetzen: das Alte Testament habe selber dafür Beispiele. Andere wieder bewiesen, daß nicht das Volk sich gegen Jakob empört habe, sondern dieser sich gegen Gott, indem er seine Gesetze verletzte; er sei es gewesen, der dem Kaiser nicht geben wollte, was des Kaisers ist. Wilhelm von Oranien wäre jedoch gleichwohl nie zum Ziel gelangt, wenn ihn nicht Jakob selber durch seine unglaubliche Borniertheit und Ungeschicklichkeit aufs wirksamste unterstützt hätte. Der neue König war übrigens bei den Engländern als Fremder und auch wegen seines nüchternen und verschlossenen Wesens nicht viel beliebter als sein Vorgänger; indes der Umstand, daß seine Gattin, als Tochter Jakobs in den Augen des Volkes die eigentliche legitime Herrscherin Englands, ihm völlig ergeben war, erleichterte ihm seine heikle Stellung, und zudem war er einer der größten Diplomaten und Feldherren seiner Zeit. Er erblickte als Holländer, der er sein ganzes Leben lang blieb, in Ludwig dem Vierzehnten den Erbfeind, bewirkte einen völligen Wechsel in der englischen Politik, die bisher infolge der steten Geldbedürftigkeit Karls und der absolutistischen und katholisierenden Tendenzen Jakobs unter französischem Einfluß gestanden hatte, und brachte jene große Koalition gegen Frankreich zustande, von der wir bereits gesprochen haben. In Dingen der äußeren Zivilisation war England damals noch nicht viel weiter als die übrigen Länder Europas. Von den schlechten Reiseverhältnissen haben wir schon gehört. Die Wagenfahrten waren wegen des Morastes langsam und beschwerlich und infolge der notwendigen starken Bespannung kostspielig; rasch kam man nur beritten vorwärts. In den Städten waren die Straßen so eng, daß Kutschen kaum passieren konnten, weshalb der Warentransport zumeist durch Rollwagen besorgt werden mußte, die von Hunden gezogen wurden. Die Wirtshäuser dagegen waren ausgezeichnet und in der ganzen Welt berühmt, auch die Briefbeförderung funktionierte für damalige Verhältnisse auffallend pünktlich, schnell und zuverlässig. Der Adel lebte noch zum größten Teil als gentry auf dem Lande in ganz bäurischen Verhältnissen. Wie die Beleuchtung außerhalb der Hauptstadt beschaffen war, kann man daraus entnehmen, daß erst im Jahre 1685 ein Privatunternehmer namens Edward Heming sich gegen eine jährliche Vergütung verpflichtete, in London vor jedes zehnte Haus bis Mitternacht ein Licht zu stellen. Die meisten Landhäuser waren noch Holzbauten, die Zimmer ohne Tapeten und Teppiche, mit einer Mischung von Kienruß und Bier gestrichen. In starkem Bier bestand auch das gewöhnliche Getränk des Landgentleman. Wie viel er davon zu sich zu nehmen pflegte, erhellt aus einer damaligen Bestimmung, nach der Kriegsgerichte nur von sechs Uhr morgens bis ein Uhr mittags berechtigt waren, auf Todesstrafe zu erkennen: man nahm offenbar an, daß die Herren sich nach dem Mittagessen nicht mehr in der Verfassung befänden, so verantwortungsvolle Urteile fällen zu können. Die Männer hatten wenig geistige Interessen und beschäftigten sich vorwiegend mit Jagd, Spiel und Politik; die Bildung der Frauen stand noch niedriger und war im Vergleich zur elisabethinischen Zeit sehr zurückgegangen: während sie damals vielfach in Musik, Mathematik und alten Sprachen Bescheid wußten, konnten sie jetzt kaum orthographisch schreiben und befaßten sich bestenfalls mit Handarbeiten und Romanen. London London hingegen war damals bereits eine vollkommene Großstadt, die eine halbe Million Menschen beherbergte, den zehnten Teil der Bevölkerung ganz Englands, während die beiden nächstgrößten Städte Bristol und Norwich nicht ganz dreißigtausend Einwohner zählten. Nach dem großen Brand wurde die City unter der Leitung Christopher Wrens in einem weichen und originellen Renaissancestil viel prächtiger und komfortabler wieder aufgebaut. Im übrigen war England damals nicht bloß politisch, sondern auch künstlerisch eine Art französischer Vasallenstaat. William Davenant, Dramatiker und Theaterunternehmer, reformierte die Bühne zum pompösen illusionistischen Barocktheater im klassischen Geschmacke Ludwigs des Vierzehnten unter starker Heranziehung der Musik, indem er auch die Stücke Shakespeares zu dramatic operas , Dramen mit zahlreichen Musikeinlagen, umarbeitete. John Dryden, der poeta laureatus des Zeitalters, ahmte mit virtuoser und kalter Wortkunst, die immer sehr geschickt den jeweiligen Wünschen des Publikums entgegenzukommen wußte, Boileau, Corneille und Racine nach. Noch Samuel Johnson sagte von ihm, er habe gleich Augustus eine Ziegelstadt vorgefunden und eine Marmorstadt hinterlassen. Aber im Laufe der Zeit haben die rohen Ziegel Shakespeares doch eine größere Schönheit und Haltbarkeit erwiesen als der leere unsolide Marmorprunk Drydens. Damals jedoch erklärte Rymer, der Historiograph Wilhelms: »Ein Affe versteht sich besser auf die Natur und ein Pavian besitzt mehr Geschmack als Shakespeare. Im Wiehern eines Pferdes, im Knurren eines Hundes ist mehr lebendiger Ausdruck als in Shakespeares tragischem Pathos.« Die Puritaner hatten das Theater immer beargwöhnt und schließlich überhaupt verboten. Als nun die Stuarts zurückkehrten, trat eine sehr natürliche Reaktion ein. Man drängte sich nicht nur zu allen Belustigungen, die bisher verpönt waren, sondern verlangte auch, daß sie so ausgelassen und zügellos wie möglich seien. Man verließ nicht nur die bisherige Prüderie und Bigotterie, sondern hielt Ehrbarkeit und Frömmigkeit geradezu für eine Schande und das sicherste Merkmal der Heuchelei. Infolgedessen nahm die englische Komödie sehr sonderbare Formen an. Die Frauen, die sogar in der lustigen elisabethinischen Zeit nicht als Schauspielerinnen auftreten durften, übernahmen nun die weiblichen Rollen und es wurde ein besonderer Reiz, gerade ihnen die derbsten Zoten in den Mund zu legen. Eine ganze Generation von Lustspieldichtern überschwemmte die Bühne mit den gewagtesten Cochonnerien. Der Held fast aller dieser Stücke ist der Wüstling, der von einer Verführung zur andern jagt. In Wycherleys »Countrywife« zum Beispiel ist die Hauptfigur ein Mann, der sich für einen Kastraten ausgibt, um dadurch das Vertrauen der Ehemänner zu erwerben, und es wird nun in zahlreichen Variationen gezeigt, wie ihm von allen Seiten junge Frauen zugeführt werden, die natürlich sehr entzückt sind, als sie bemerken, daß er durchaus nicht an den physischen Mängeln leidet, die er vorgetäuscht hat. Die Literaturgeschichte, die bekanntlich ausnahmslos von Philistern geschrieben wird, hat jedoch das Lustspiel der Restaurationszeit wegen seiner Obszönitäten sehr ungerecht beurteilt: es ist voll echter Laune, geistreicher Intrige und brillanter Konversation; von ihm stammt die englische Gesellschaftskomödie ab, die in ihrer ganzen Entwicklung, über Sheridan und Goldsmith bis zu Wilde und Shaw, einen der größten internationalen Ruhmestitel Englands bildet. Locke Der Philosoph der »glorious revolution« war John Locke, der in der Theologie den Standpunkt der liberalen »Latitudinarier«, in der Politik die Sache des parlamentarischen Konstitutionalismus vertrat. In seinen »Letters for toleration« erklärte er die Religion für eine Privatangelegenheit; in seinen »Treatises of civil government« forderte er die Teilung der Staatsgewalt zwischen Volk und König, wie sie tatsächlich in der von Wilhelm dem Dritten erlassenen »Bill of rights« zum Ausdruck gelangt war; in seinen »Thoughts concerning education« plädierte er für eine naturgemäße Erziehung als praktische Vorbereitung auf das Leben im Dienste der Gesellschaft. In seinem berühmten »Essay concerning human understanding« hat er ein bis in die letzten Konsequenzen durchgeführtes System des Empirismus entworfen: »Woher der gesamte Stoff der Vernunft und Erkenntnis stammt? Darauf antworte ich mit einem Worte: aus der Erfahrung.« Es gibt keine angeborenen Ideen, das sieht man an der Entwicklung beim Kinde, das erst langsam durch Einzelerfahrungen abstrahieren lernt. Die menschliche Seele ist nichts als die Fähigkeit, Eindrücke zu empfangen, ein Stück Wachs, eine unbeschriebene Tafel, ein dunkler Raum, der durch einige Öffnungen Bilder von außen aufnimmt und die Kraft besitzt, sie in sich festzuhalten. Die Wahrnehmung ist entweder eine äußere oder eine innere, je nachdem sie sich auf unsere Gegenstände oder auf unsere Zustände bezieht: die erstere nennt Locke sensation oder Empfindung, die letztere reflexion oder Selbstwahrnehmung. Alle Wahrnehmungen, innere und äußere, sind bloße Vorstellungen, daher vermögen wir nur die Eigenschaften, nicht die Substanz der Dinge zu erkennen, ihre Erscheinungen, aber nicht ihr Wesen. Indes genügt auch dieses relative Wissen für die Bedürfnisse des Lebens und die Regelung unseres Handelns. Das Dasein Gottes wird unmittelbar aus der Existenz und Beschaffenheit der Welt erschlossen; die Sätze der Sittenlehre sind einer ebenso exakten Beweisführung zugänglich wie die Sätze der Zahlenlehre. Locke hat zum erstenmal eine echt englische Philosophie geschaffen, in der alle entscheidenden Nationalzüge versammelt sind; sie ist deistisch und moralistisch, demokratisch und praktisch, ein Sieg des »gesunden Menschenverstandes«, der »goldenen Mitte« und der »Wahrheit der Tatsachen«; wir werden ihr in ihren verschiedenen Abwandlungen noch oft wiederbegegnen. Thomasius England war der einzige europäische Großstaat, der sich vom zeitgenössischen Absolutismus emanzipierte; hingegen wurde dieser in Deutschland fast kritiklos hingenommen. Die Devotion der Deutschen auch vor ihren kleinsten Potentaten war grenzenlos. Ein Publizist schrieb an den Duodezfürsten Ernst Ludwig von Hessen: »Wenn Gott nicht Gott wäre, wer sollte billiger Gott sein als Eure hochfürstliche Durchlaucht?«; auch vor den Beamten, von denen Christian Wolff lehrte, daß sie als Gehilfen des Monarchen »Fürsten im Kleinen seien«, erstarb man in Demut. Infolge der Theorie von der Omnipotenz des Staates hielt der Herrscher sich für berechtigt, ja verpflichtet, sich in alles einzumischen, das ganze Privatleben des Bürgers wie ein tyrannischer Hausvater oder Klassenlehrer zu beaufsichtigen und zu korrigieren. Selbst die »Acta eruditorum«, die einzige wissenschaftliche Zeitschrift des damaligen Deutschland, kündigten an, daß sie nichts ihrer Kritik unterziehen würden, was die Rechte und Handlungen der Fürsten betreffe. Man begrüßte den Monarchen durch Kniefall und kniete sogar vor seinem leeren Wagen nieder, wenn man ihm auf der Straße begegnete. Damals kamen auch die zahlreichen Hofchargen auf: Kämmerer, Kaplan, Medikus, Stallmeister, Jägermeister, Zeremonienmeister; auch die Gewerbetreibenden schätzten es sich zur höchsten Ehre, zum Hofbäcker, Hofschneider, Hofschuster oder Hofgärtner ernannt zu werden. Alle Nichtadeligen, Bürgertum und Volk, wurden als »Roture« verachtet, die nur dazu gut schien, dem Hof Geld, Soldaten und Handlanger zu liefern. Man war nicht eigentlich »grausam« gegen sie: man hielt sie bloß für Geschöpfe von einer anderen Gattung, die dementsprechend auch andere Pflichten und andere oder vielmehr gar keine Rechte hätten. Macaulay sagt sehr zutreffend, daß Ludwig der Vierzehnte sich keine Skrupel daraus machte, seine Untertanen aufzuopfern, weil er sie höchstens mit den Empfindungen betrachtete, die man einem abgetriebenen Postpferd oder einem hungrigen Rotkehlchen entgegenbringt. Daß diese Anschauungen auch in Deutschland durchdrangen, war eine der Folgen der Französierung, über die Christian Thomasius bemerkte: »Französische Kleider, französische Speisen, französischer Hausrat, französische Sprache, französische Sitten, französische Sünden, ja gar französische Krankheiten sind durchgehends im Schwange.« Dieser Thomasius bedeutete einen der wenigen Aktivposten des damaligen deutschen Geisteslebens. Er war einer der frühesten und leidenschaftlichsten Gegner der Folter und der Hexenprozesse, der erste Gelehrte von Rang, der deutsch schrieb und deutsche Vorlesungen hielt, und der Herausgeber der ersten populären deutschen Zeitschrift, der »Freimütigen, lustigen und ernsthaften, jedoch Vernunft- und gesetzmäßigen Gedanken oder Monatsgespräche über alles, fürnehmlich über neue Bücher«, in denen er in einer zwar immer noch schwülstigen, ungelenken und mit zahllosen französischen Brocken vermengten Sprache, aber mit viel Witz und Anschaulichkeit und staunenswerter Kühnheit fast ein halbes Jahrhundert lang alle Mißstände seines Volkes und Zeitalters bekämpfte: die Pedanterie und Aufgeblasenheit der Professoren, die Intoleranz der Geistlichen, die Charlatanerie der Ärzte, die Rabulisterei der Juristen, die Sittenroheit der Studenten, die Unredlichkeit der Kaufleute, die Trägheit der Handwerker, die Liederlichkeit des Adels und noch vieles andere. Seine Hauptforderung ist, »daß man sich auf honnêteté , Gelehrsamkeit, beauté d'esprit, un bon goût und Galanterie befleißige«; sein ausschließlicher Wertmesser ist »Nützlichkeit und Brauchbarkeit fürs Leben«. Er ist damit der Vater der deutschen Aufklärung geworden, zu einer Zeit, wo noch Mut und Originalität dazu gehörte, solche Prinzipien zu verfechten, und zugleich der Vater des deutschen Journalismus, indem er es zum erstenmal unternahm, geistige Fragen in einer Form zu behandeln, die für jedermann verständlich und anregend war. Neben ihm ist kaum etwas anderes erwähnenswert als die Bestrebungen der Pietisten, die mit Erfolg bemüht waren, den Theologengeist des Zelotismus und der Wortspalterei zu bekämpfen und ein praktisches Christentum der Brüderlichkeit und Einfalt ins Volk zu tragen, und die prachtvollen Predigten Abraham a Sancta Claras, dieses Kabarettiers auf der Kanzel. In ihm lebt noch der ganze Dreißigjährige Krieg mit seinem Plündern, Totschlagen und Weiberschänden und seinem primitiven Mutterwitz brutaler Augenblicksmenschen; er hielt es mit der Sitte der Zeit und hat die deutsche Sprache in seinen Bildern gebrandschatzt, in seinen Gleichnissen genotzüchtigt und in seinen Strafreden zum Totschläger gemacht. Der Große Kurfürst In jenen Zeitraum fällt auch der erste Aufstieg des brandenburgisch- preußischen Staats, den der Große Kurfürst zu einer europäischen Macht erhob. Er befreite durch kluge und perfide Politik das Herzogtum Preußen von der polnischen Lehenshoheit und begründete in seinen Ländern durch Niederwerfung der Stände die unumschränkte Monarchie, wobei er vor großen Brutalitäten und Rechtsbrüchen nicht zurückscheute; zur Befestigung seiner Herrschaft im Innern und zum Schutz vor der stets drohenden schwedischen Großmacht schuf er das stehende Heer, den miles perpetuus . Er erbaute den Friedrich-Wilhelm-Kanal, der die Elbe mit der Oder verband, richtete eine eigene Post ein, die viel schneller fuhr als die Taxissche, reformierte das Steuerwesen und den Unterricht, auch den höheren durch Stiftung der Universität Duisburg, förderte den Ackerbau, die Viehzucht und die Moorkultur, vergrößerte und verschönerte seine Hauptstadt, unter anderem durch die Schloßbibliothek und die Baumanlagen vor der Schloßbrücke, die den Namen »Unter den Linden« erhielten, unterhielt eine kleine Kriegsmarine, die jedoch schon unter seinem Nachfolger wieder verfiel, und gründete sogar eine Handelskolonie mit einem Fort an der Goldküste von Guinea. In seiner Religionspolitik war er von der größten Toleranz geleitet: obgleich selber reformiert, gewährte er nicht bloß Lutheranern und Katholiken, sondern selbst Sozinianern und Menoniten völlige Freiheit, und sein »Potsdamer Edikt« lud alle Verfolgten ein, unter seinen Schutz zu kommen, wodurch vor allem viele Hugenotten ins Land gezogen wurden, die sich als Ingenieure und Architekten, Fabrikanten und Finanziers sehr nützlich betätigten. Der Prinz Eugen Er war zweifellos eine der stärksten politischen Persönlichkeiten seines Zeitalters. Aber das damalige Staatsleben war überhaupt reich an markanten Erscheinungen. Eine solche war vor allem der Prinz Eugen, der, ursprünglich wegen seiner unansehnlichen Gestalt und seines schüchternen Wesens zum Geistlichen bestimmt, einer der glänzendsten Feldherren seines Jahrhunderts wurde. Seine Siege bei Zenta und Peterwardein, Höchstädt und Turin, Oudenarde und Malplaquet erregten das Staunen Europas und erwarben der habsburgischen Monarchie Italien und die Niederlande, Ungarn und Siebenbürgen, Serbien und die Walachei. Zugleich war er einer der gewandtesten und weitblickendsten Diplomaten: hätte man seinen maßvollen Vorschlägen gefolgt, so wäre es im Spanischen Erbfolgekrieg vor dem großen politischen Umschwung zu einem Friedensschluß mit Ludwig dem Vierzehnten gekommen, der für den Kaiser noch viel vorteilhafter gewesen wäre als der spätere; er war auch der einzige österreichische Staatsmann, der erkannte, daß das Habsburgerreich sich nur dauernd als Großmacht behaupten könne, wenn es Kolonien und Seegeltung besitze, und wünschte daher den Bau einer großen Flotte mit Ostende und Triest als Haupthäfen. Daneben war er ein wirklicher Freund der Künste und Wissenschaften, nicht aus leerer Prunksucht wie die meisten anderen Machthaber seiner Zeit, sondern aus echtem Bedürfnis und tiefem Verständnis. Seine Sammlungen wertvoller Münzen und Gemmen, Gemälde und Kupferstiche zeugten von reifster Sachkenntnis und erlesenem Geschmack; das Hauptwerk Leibnizens, die »Monadologie«, ist ihm nicht nur gewidmet, sondern überhaupt erst auf seine Anregung entstanden; die beiden genialsten Architekten der österreichischen Barocke haben für ihn gebaut: Fischer von Erlach das noble und heitere Stadtpalais und Lukas von Hildebrand das kokette und geistreiche, wundervoll in Park und Teich komponierte Sommerschloß Belvedere. Er war ein echter Barockmensch: von jener sublimen Nüchternheit, die stets das Merkmal großer Schicksalslenker ist, und voll heimlicher Sehnsucht nach jenen bunten, verwirrenden und narkotischen Dingen, die das Leben erst begehrenswert und interessant machen; ein starker, wissender und steuerkundiger Geist und doch umwittert von dem Aroma der problematischen Natur. Christine von Schweden Eine sehr originelle Erscheinung war auch die Königin Christine von Schweden; sie gehörte zu jenen Persönlichkeiten, von denen im siebzehnten Jahrhundert am meisten gesprochen wurde. Ihr Äußeres war nicht schön, aber interessant; ihre forciert männlichen Manieren und Neigungen erregten überall Aufsehen und gaben sogar zu der Vermutung Anlaß, daß sie ein Zwitter sei: infolgedessen warf sie einmal beim Kutschieren absichtlich um, blieb mit aufgehobenen Röcken liegen und rief den herbeieilenden Dienern zu: »Geniert euch nicht, kommt nur näher und überzeugt euch, daß ich kein Hermaphrodit bin.« Sie war eine leidenschaftliche Reiterin, Fechterin und Jägerin, trug das Haar stets kurzgeschoren und verglich sich gern mit der Königin von Saba. Für die Wissenschaften, besonders für Mathematik und Astronomie, hatte sie das größte Interesse: sie beherrschte acht Sprachen, stand in Korrespondenz mit Pascal, berief Descartes an ihren Hof, um mit seiner Hilfe eine Akademie zu gründen, und schrieb selber zahlreiche Pensees. Sie war die erste Herrscherin, die die Hexenprozesse abschaffte, verzichtete aber bald auf ihren Thron, um nach Rom zu gehen, wo sie zum Katholizismus übertrat. Das Gefühl ihrer Stellung nahm bei ihr so größenwahnsinnige Formen an, daß selbst ihre Zeitgenossen davon überrascht waren. Ihr Buch »Histoire de la Reine Christine« ist Gott gewidmet, da auf Erden niemand dieser Ehre würdig sei; in ihren Briefen erklärte sie wiederholt, daß sie größer sei als irgend ein Sterblicher und alle irdischen Wesen als tief unter sich stehend empfinde; eine der Medaillen, die sie prägen ließ, zeigte auf der Vorderseite ihren Kopf, auf der Rückseite eine Sonne mit der Inschrift: » Non sit tamen inde minor «, was bedeuten sollte, daß sie durch die Entfernung von ihrem Königreich so wenig etwas von ihrer Größe einbüße wie die Sonne durch ihre Entfernung von der Erde. Dieses ans Pathologische streifende Selbstgefühl hat sich in Karl dem Zwölften wiederholt und zum Schaden Schwedens,die phantastischsten Folgen getragen. Peter der Große Eines der bedeutendsten Ereignisse der Zeit ist der Eintritt Rußlands in die Weltgeschichte, und auch dieses geht auf eine einzelne Persönlichkeit zurück. Bis auf Peter den Großen ist Rußland ein christlich-orientalischer Staat; beim Übergang zum Monotheismus soll übrigens hauptsächlich das mohammedanische Alkoholverbot für das Christentum entschieden haben. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken verlegt die griechische Kirche ihr Zentrum nach Moskau, und Rußland tritt das Erbe Ostroms an; aber schon vorher war es in seiner Vergöttlichung des Herrschers, seiner rigorosen und absurden Hofetikette, seinen ständigen Palastrevolutionen und tumultuarischen Thronwechseln, seiner Popenherrschaft und seiner bizarren und großartigen Baukunst ein im wesentlichen byzantinisches Reich. Zugleich hatte die Mongolenherrschaft, die ein Vierteljahrtausend währte, im Volke jenen Geist der Unterwürfigkeit und Sklaverei gezüchtet, der durch alle späteren Phasen bis zum heutigen Tage seine Geschichte bestimmt hat. Denn auch die Sowjetherrschaft ist nichts als ein linker Zarismus. Die Richtung auf den Bolschewismus war übrigens im russischen Bauern von jeher vorbereitet, da das Ackerland jahrhundertelang Gemeindeflur war; auch in der Einförmigkeit und Einheitlichkeit des russischen Flachlandes findet sowohl die duldende Passivität wie die kommunistische Veranlagung des Russen ihr Symbol und ihre Begründung. Gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts setzt die große politische Expansion ein. Im Jahre 1480 gelingt es Iwan dem Großen, das Tatarenjoch abzuschütteln; etwa zwei Menschenalter später besetzt Iwan der Schreckliche Kasan und Astrachan; in demselben Jahrhundert beginnt die Eroberung Sibiriens; um 1650 ist bereits der Große Ozean erreicht; 1667 gelangt der größte Teil der Ukraine von Polen an Rußland. Diesem Volk, das dazu geschaffen schien, sich langsam, aber unaufhaltsam nach Süden und Osten auszubreiten und allmählich die Türkei, Persien, Indien, ja vielleicht selbst China zu verschlucken, hat nun Peter der Große gewaltsam das Antlitz nach Westen gedreht. Sein Lebensziel war ein »Fenster nach Europa«. Es gelang ihm, in dem langen und wechselreichen Nordischen Krieg, in dem Schweden, Dänemark, Sachsen-Polen und er selbst um das dominium Balticum rangen, Livland, Estland, Ingermanland und Karelien zu erwerben, womit er die Ostsee erreichte und Schweden zu einer Seemacht zweiten Ranges herabdrückte. Noch während des Krieges gründete er Sankt Petersburg, das er zu seiner Hauptstadt bestimmte und mit Fabriken, Spitälern, Kasernen, Bibliotheken, Theatern und anderen westlichen Erfindungen ausstattete. Indem er die Aufstände der Strelitzen, die sich unter seinen Vorgängern zu einer allmächtigen Prätorianergarde emporgeschwungen hatten, und die Konspirationen seiner Familie und des unzufriedenen Adels blutig unterdrückte, wurde er der Begründer des eigentlichen Zarismus. Mit ebensolcher Gewaltsamkeit suchte er im ganzen Lande europäische Kultur durchzusetzen. Er berief fremde Offiziere und Kaufleute, Gelehrte und Künstler, verbot die Bärte und die orientalische Kleidung, führte den julianischen Kalender ein, während man bisher von der Erschaffung der Welt gerechnet hatte, erbaute den Ladogakanal, beschränkte die Zahl der Klöster, zog die Frauen aus ihrem bisherigen Haremsdasein, kommandierte den Adel zu Studienreisen ins Ausland und zwang das Volk zum Besuch der neueingerichteten Schulen. Bei all seiner Größe, Weitsichtigkeit und Schrecklichkeit hatte er doch mit seinen steten Tobsuchtsanfällen und epileptischen Krämpfen, seiner nicht ganz stilreinen europäischen Kleidung, die er immer nur wie ein Kostüm trug, und seinen drei ständigen Begleitern: dem Affen auf seiner Schulter, dem grimassenschneidenden Hofnarren und der Flasche mit selbstdestilliertem Schnaps viel von einer grotesken Genrefigur. Die russische Psychose Die überstürzte Reform Peters ist, im großen gesehen, für die Russen kein Glück gewesen: sie waren ein Volk, das eben erst sein Mittelalter erreicht hatte, und wurden nun gewaltsam und unvorbereitet in die Lebensbedingungen einer hochentwickelten Barockwelt geschleudert. Es war im Grunde wiederum ein Sieg des cartesianischen Geistes, den der Petrinismus errang, indem er nach einer vorgefaßten Formel in einem Menschenalter eine europäische Großstadt aus der Erde stampfte, einen theokratischen Bauernstaat in einen bürokratischen Seestaat verwandelte und ein Volk von barbarischen Orientalen zivilisierte und verwestlichte. Katharina die Große und die meisten späteren russischen Selbstherrscher haben dieses verkehrte Programm der unorganischen Europäisierung fortgeführt: seine letzte Vollendung aber ist der Bolschewismus. Lenin hat das selber sehr wohl erkannt, indem er Peter den Großen als seinen politischen Ahnherrn bezeichnete und von ihm sagte, er sei der erste Revolutionär auf dem Throne gewesen; aus diesem Grunde widersetzte er sich auch der Umbenennung der Stadt Petrograd. Petrinismus und Leninismus bezeichnen den Auftakt und das Finale eines einzigen großen Vergewaltigungsaktes, der an der russischen Seele verübt worden ist. Hiedurch ist in die Entwicklung dieses Volkes ein tiefer und wahrscheinlich unheilbarer Bruch gekommen. Man überspringt nicht ungestraft ein Jahrtausend. Noch heute ist der Russe innerhalb der europäischen Völkerfamilie der mittelalterliche Mensch. Deshalb gibt es nur in Rußland echten Expressionismus, nur in Rußland echten Kollektivismus und nur in Rußland noch Propheten wie Tolstoj und Heilige wie Dostojewski. Aber da es außerdem in Rußland von Peter dem Großen an auch alle »Modernitäten« der Neuzeit gab, so ist das Leben der russischen Seele seitdem eine einzige große Psychose. In der dumpfen Erkenntnis dieser erschütternden Tatsache haben die Bolschewisten zu dem sonderbaren Mittel gegriffen, daß sie die Seele einfach abschafften: was wiederum echt russisch ist, aber natürlich nur den Anfang einer neuen noch furchtbareren Tragödie bedeutet. Cartesianische und berninische Barocke Blicken wir noch einmal zurück, so ergibt sich in großen Zügen folgendes Bild: etwa ein halbes Jahrhundert lang hegt Europa im Schatten des Sonnenkönigs; aber an den Rändern: in Rußland, Preußen, England erstarken insgeheim neue Kräfte, und als Ludwig der Große sein Tagewerk vollendet hat, ist die Welt völlig verändert. Man muß jedoch auch während der Zeit der absoluten französischen Kulturhegemonie zwischen der Barocke Frankreichs und der des übrigen Europa einen Unterschied machen. Wir haben schon im ersten Buch hervorgehoben, daß Frankreich das einzige europäische Land ist, das die Stilprinzipien der italienischen Hochrenaissance, die man auch die lateinischen oder die klassizistischen nennen kann, voll übernommen und dauernd bewahrt hat. Im Cartesianismus, der dazu bestimmt war, fortan unter gewissen zeitgemäßen Abwandlungen die legitime französische Geistesform zu bleiben, erreichte diese auf Maß, Klarheit und Proportion eingeschworene Lebensrichtung ihren vollendetsten Ausdruck. Indes, die Barocke ist, wie wir im vorigen Kapitel gehört haben, nichts weniger als ein ungebrochener Rationalismus: in ihr lebt ein anonymer Wille zum Rausch und Nebel, zum Zwielicht und Dunkel, eine heimliche Sehnsucht nach den unterirdischen Welten der Seele, in die die Sonne der Raison nie hinableuchtet. Infolgedessen ist die französische Barocke keine reine Barocke und der außerfranzösische Cartesianismus kein reiner Cartesianismus. Frankreich ist und bleibt von der Hochrenaissance an vier Jahrhunderte lang in seiner Grundfaserung klassizistisch: im Calvinismus und im Jesuitismus, in Barock und Rokoko, in Revolution und Romantik; allemal siegt die clarté . Daher ist im Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten der Cartesianismus auf französischem Boden die echte Lokalfarbe des Geisteslebens, in den anderen Ländern aber nur eine feine durchsichtige Lasur. Oder, anders ausgedrückt: in Frankreich bildet durch den Wandel der Zeiten hindurch und daher auch in der Barocke der Cartesianismus den Generalnenner und die Zeitrichtung den variierenden Zähler, im übrigen Europa aber repräsentierte umgekehrt der Barockgeist den Generalnenner, dem der herrschende Cartesianismus nur als modischer Zähler aufgesetzt war. Das Weltgefühl ist in Frankreich ein barock gefärbter Klassizismus, in den anderen Ländern ein cartesianisch imprägnierter Irrationalismus, wir könnten auch sagen: Berninismus. Der Fall war aber noch viel komplizierter, als ihn diese Formel ausdrückt, denn einerseits waren auch die damaligen Franzosen in einem Winkel ihrer Seele echte Barockmenschen und andererseits war allen Zeitgenossen der Rationalismus nicht bloß durch die französische Kulturherrschaft aufgeprägt, sondern von vornherein eingeboren als eine der stärksten Seelenkomponenten des Menschen der Neuzeit. Die Weltfiktionen Es lassen sich einzelne Völker und Zeitalter geradezu nach dem Gesichtspunkt unterscheiden, inwieweit sie die Welt als Realität oder als Schein konzipieren. Das erstere tun alle Naturvölker: für sie ist die Welt etwas, das man teils überwältigt, teils erleidet; und ebenso reagierten die Römer, die aber vielleicht das einzige vollkommen realistische Kulturvolk waren. Bei der zweiten Gruppe gibt es natürlich vielerlei Abarten. Man kann die Welt als Kunstwerk, als schönen Schein konzipieren: als verklärte, enthäßlichte, entschwerte Welt; dies taten die Griechen. Oder als logischen Schein: als vereinfachte, schematisierte, linierte Welt; dies taten möglicherweise die Ägypter. Oder als bloße Halluzination, als pathologischen Schein; dies war der Fall der Inder. Oder als magischen Schein: als Schauplatz übernatürlicher und transzendenter Kräfte; dies war, wie wir im vorigen Buche gesehen haben, die Weltanschauung des Mittelalters. Alle diese Varianten finden sich in der Barocke bis zu einem gewissen Grade vereinigt. Sie hat, wie wir bereits hervorgehoben haben, das ganze Dasein ästhetisiert, indem sie es als ein Spiel lebte, sie hat den Versuch gemacht, die Realität der Herrschaft der reinen Logik zu unterwerfen, sie hat die Welt in einen Traum aufgelöst und sie hat sie als theatrum Dei empfunden. Und so völlig heterogen diese einzelnen Aspekte erscheinen mögen, so hat sie doch aus ihnen eine Kultur komponiert, die einheitlich war wie wenige. Das Ideal der Fettleibigkeit Eine der stärksten Klammern, die diese Kultur in allen ihren Lebensäußerungen streng zusammenhielt, war zunächst ihr extremer Kultus der Form, in dem sowohl ihr geometrischer Geist wie ihr Wille zur Illusion zum Ausdruck gelangt. Hier ist der Punkt, wo cartesianischer Rationalismus und berninischer Irrationalismus sich schneiden: in beiden lebt der leidenschaftliche Wille, die Form über die Materie triumphieren zu lassen, ja die Materie auf bloße Form zu reduzieren. Die Barocke ist nicht nur eines der formfreudigsten und formgewaltigsten, sondern auch eines der formhörigsten und förmlichsten Zeitalter der Weltgeschichte. Schon in der äußeren Erscheinung zeigt sich das Streben nach steifer Distanz, dessen stärkstes Symbol die Perücke ist; rasche Bewegungen, impulsive Handlungen sind in diesem Kostüm einfach unmöglich: alles, Schritt und Gebärde, Gefühlsausdruck und Körperhaltung, ist in ein geheimes Quadratnetz gebannt. Ebensowenig gibt es ein improvisiertes Reden und Schreiben: die einzelnen möglichen Anlässe sind gegeben und für diese Anlässe sind bestimmte Worte gegeben; andere zu gebrauchen, hätte man nicht für Originalität, sondern für einen Mangel an Geschmack und künstlerischem Takt angesehen. Im Gegenteil: wer am vollkommensten die vorgeschriebenen Regeln erfüllt, gilt als der Geistreichste; denn Geist haben heißt: der Form zum Siege verhelfen. Der Stöckelschuh, die lange Weste, die riesigen Ärmel und Knöpfe: alle diese und ähnliche Details der Kleidung sind dazu da, den äußeren Eindruck der Würde und Gravität zu steigern; aus diesem Grunde kommt damals sogar die Fettleibigkeit in Mode. Betrachten wir die typische Erscheinung des Fettleibigen: den mächtigen geröteten Kopf mit den Backentaschen und dem Doppelkinn, den faßförmigen Unterleib, die langsamen Armbewegungen, den bedächtigen Gang mit hochgehobenem Kopf und nach hinten geworfenem Oberkörper, den ermüdeten und leidenschaftslosen Gesichtsausdruck, so haben wir genau den körperlichen Habitus, der dem Barockmenschen als Ideal vorschwebte. Das Benehmen dicker Menschen wirkt oft, ohne daß sie es beabsichtigen, affektiert; diese Menschen aber wollten affektiert wirken oder vielmehr: wo bei uns die Manieriertheit anfängt, begann in ihren Augen erst die Manierlichkeit. Eine ähnliche Rolle wie Perücke, Staatsrock und gespreizte Körperhaltung spielte der von einem mächtigen Knopf gekrönte Stock, der kein Utensil, sondern ein Ausstattungsstück war und auch im Salon nicht abgelegt wurde. Das isolierte Individuum Da die Form in einem gewissen Grade erlernbar ist, so setzte sich damals die Ansicht fest, daß alles durch Fleiß und Studium erworben werden könne oder doch zumindest zum Gegenstand einer höchst bewußten, streng wissenschaftlich fundierten Virtuosität gemacht werden müsse. Es ist die Blütezeit der Poetiken und der »korrekten« Kunstwerke, der Gemälde, Gärten, Dramen, Abhandlungen, die wie mit Zirkel und Lineal entworfen sind. Die stärkste und wesentlichste Funktion des Verstandes besteht aber darin, daß er analysiert, und das heißt: auflöst, trennt, scheidet, isoliert . Und in der Tat kann man bemerken, daß es in jener Zeit eigentlich nur einzelne Individuen gibt. Die Menschen bilden untereinander bloße Aggregate, keine wirklichen Verbindungen. Die Zünfte sind aufs äußerste detailliert und aufs strengste voneinander gesondert: der Brotbäcker darf keine Kuchen backen, der Schmied keine Nägel fabrizieren, der Schneider keine Pelze verkaufen; Sattler und Riemer, Schuster und Pantoffelmacher, Hutmacher und Federnschmücker sind getrennte Gewerbe. Die Hierarchie der Stände wird aufs peinlichste betont. Der Hof ist von den übrigen Menschen vollständig abgeschlossen. Und über diesem steht, wiederum gänzlich losgelöst, absolut der Herrscher. Diese Verhältnisse bringt auch die Gesellschaftstheorie zum Ausdruck, die den Staat durch freiwilligen Zusammenschluß vollkommen selbständiger Einzelpersonen entstehen läßt. Ferner gelangt die atomistische Naturerklärung zur allgemeinen Anerkennung, die das gesamte physische Geschehen in eine Bewegung isolierter kleinster Massenteilchen auflöst. Und auch die gewaltigste Leistung des Zeitalters, die Gravitationstheorie, ist im höchsten Maße repräsentativ für das damalige Lebensgefühl: die Newtonschen Weltkörper berühren sich nicht, sondern ziehen, durch geheimnisvolle Fernkräfte gelenkt, einsam durch den leeren Weltraum; denn wenn Newton auch die actio in distans nicht ausdrücklich gelehrt hat, so hat doch der Glaube an sie seine ganze Schule beherrscht, die diesen Begriff aus seinem System ganz folgerichtig ableitete, ja es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß Newton sich auch die Atome durch unendlich kleine, aber unüberbrückbare Zwischenräume getrennt dachte. Von der Malerei könnte man glauben, daß sie ein entgegengesetzes Weltgefühl zum Ausdruck bringt; aber es scheint nur so. Wir sagten im vorigen Kapitel: die Barocke verwischt die Kontur. Sie macht sie unbestimmt und undeutlich; aber sie löst sie noch nicht auf. Man kann die Figuren nicht mehr mit dem Messer aus dem Bild herausschneiden, aber die Lichtaura, in der der Umriß verschwimmt, isoliert noch immer: als Grenz zone , wenn auch nicht mehr als Grenzl inie . Das Licht der Barockmaler ist noch immer an die Objekte gebunden, die es umspielt, es ist noch kein völlig gelöstes, selbständiges, freies Licht, noch kein Freilicht. Jedes Objekt lebt als Monade in seinem geheimnisvollen Strahlenkegel, unbestimmt, unendlich, »infinitesimal«, ein kleines All, aber für sich. Seine Harmonie mit den anderen Objekten ist noch ganz so wie in der Renaissance von außen prästabiliert durch den Künstler, nur schwankender, schwebender, problematischer, mystischer: »religiöser«. Die Marionette als platonische Idee Eine Disziplin ist überhaupt erst damals zum Range einer Wissenschaft emporgestiegen: die Mechanik. Das ist sehr bezeichnend, eine Sache vollkommen verstandesmäßig erklären, heißt, sie mechanisch erklären. Das Ideal, das der Zeit vorschwebte, bestand nun darin, das mechanische Prinzip auf das Leben und den gesamten Weltlauf auszudehnen, um auch diesen ganz wie eine Maschine auseinandernehmen, in allen seinen Teilen erklären und in allen seinen Bewegungen ausrechnen zu können. Hiemit hängt es zusammen, daß für jene Menschen das Benehmen und Aussehen einer mechanischen Drahtpuppe zum Vorbild diente. Dies ist zunächst ganz wörtlich zu nehmen: die Reifröcke, Schöße, Westen, Ärmelaufschläge, Perücken waren mit Draht ausgesteift. Und damit stoßen wir auf eine Tatsache, die vielleicht den Schlüssel zur Barockseele enthält: ihre platonische Idee ist die Marionette . Die starren Gewänder, die den Eindruck des dreidimensionalen Menschenkörpers auf die Linienwirkung zu reduzieren suchen, die tiefen abgezirkelten Verbeugungen, die gewollt eckigen Bewegungen, die geometrische Haltung beim Stehen und Sitzen, die stets nach der Winkelform tendiert, die ungeheure tote Perücke, die dem Kopf etwas Grimassenhaftes verleiht: dies alles führt uns unwillkürlich zur Vorstellung einer Gliederpuppe. Descartes hatte die Behauptung aufgestellt, daß der menschliche Körper eine Maschine sei. Und Molière hat diese mechanistische Psychologie dramatisiert: seine Figuren sind gespenstische Automaten, die er von außen in Bewegung setzt. Dies geht bis zur Behandlung des Dialogs, der sich mit Vorliebe in kurzen Sätzen und Gegensätzen, in einem unerbittlichen Staccato, einer scharfen gehackten Klöppelmanier bewegt; diese überaus wirksamen Rededuelle erinnern an die allbekannten zwei Blechwurstel, die an einer Pumpe ziehen: drückt man den einen hinunter, geht der andere in die Höhe und umgekehrt. Und auch die Handlung gehorcht einer vollkommen mechanischen Kausalität, die phantastisch und grotesk wirkt, gerade weil sie so prompt und exakt funktioniert, wie es die des Lebens nie tut: es ist eine arithmetische, eine abgekartete, eine Schachkausalität. Es wäre nun, wie man schon an dem Beispiel Molières sieht, höchst verkehrt, mit dem Begriff der Marionette ohne weiteres den der Geistlosigkeit und Seelenlosigkeit zu verbinden. Kleist hat das Problem des Marionettentheaters in einer ungemein geistreichen kleinen Abhandlung vom Jahre 1810 »Über das Marionettentheater« in sehr aufschlußreicher Weise behandelt. Er sagt darin, die Marionette besitze mehr Ebenmaß, Beweglichkeit, Leichtigkeit als die meisten Menschen, weil sich bei ihr die Seele immer im Schwerpunkt der Bewegung befinde: »da der Maschinist vermittelst des Drahtes keinen anderen Punkt in der Gewalt hat als diesen, so sind alle übrigen Glieder, was sie sein sollten, tot, reine Pendel und folgen dem bloßen Gesetz der Schwere«; in einem mechanischen Gliedermann könne mehr Anmut enthalten sein als in dem Bau des menschlichen Körpers, ja es sei dem Menschen schlechthin unmöglich, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen; und er schließt mit den Worten: »Wir sehen, daß in dem Maße, als in der organischen Welt die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt. Doch so, wie ... das Bild des Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt, so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so daß sie zu gleicher Zeit in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten scheint, der entweder gar keins oder ein unendliches Bewußtsein hat, das heißt, in dem Gliedermann oder auch in dem Gott.« Solche Götter begehrten die Barockmenschen zu sein; aus ihrem »unendlichen Bewußtsein«, aus einer fast schmerzhaften Schärfe und Überhelle des Denkens schufen sie sich das Ideal der Marionette, in der, wie Worringer einmal hervorhebt, »Abstraktion einerseits und stärkster Ausdruck andrerseits« vereinigt sind. Die Marionette ist zugleich das abstrakteste und das pathetischste Gebilde: in dieser Paradoxie sammelt und löst sich das Rätsel des Barockmenschen. Der Infinitesimalmensch Aber weil nun jeder Mensch damals vollkommen solitär lebte, bildete er auch sein Eigenleben zu einer bis dahin unerhörten Feinheit und Kompliziertheit aus. Jeder war zwar nur eine Welt für sich, aber eben eine Welt, ein Mikrokosmus. Es ist nichts weniger als ein Zufall, daß gerade damals das Mikroskop zu einer solchen Bedeutung gelangte. Ein neues Reich des unendlich Kleinen tat sich auf, eine Fülle der erstaunlichsten Perspektiven, alle gewonnen durch die hebevolle Versenkung ins unendliche Detail. In denselben Zusammenhang gehört die Infinitesimalrechnung. Und was noch wichtiger war: auch auf dem Gebiet der Psychologie erwarb man sich das Witterungsvermögen für Differentiale. Wie die Kugel begriffen wird aus der Summe unzähliger Kegel, so begann man damals die menschliche Seele zu begreifen als den Inbegriff zahlloser kleiner Vorstellungen: eine Art Seelenmikroskopie entstand, die freilich nicht selten auch in geistige Myopie ausartete. Etwas Tüfteliges und Mikrophiles, eine übertriebene Vorliebe für die Miniatur und Niaiserie hegt dem Barockmenschen im Blute. Mit einer beispiellosen Beseelung gerade der starrsten und monumentalsten Kunst: der Plastik, die zum Ausdrucksmittel für leidenschaftlichste Verzückungen, zärtlichste und subtilste Erregungen wird, verbindet sich ein fast pathologischer Hang zur Kleinkrämerei: wohin man blickt, ein Gewirr von Säulen, Knöpfen, Kartuschen, Girlanden, Muscheln, Fruchtschnüren. Auch die Natur wird verkräuselt und verzierlicht: die Gärten sind angefüllt mit Kaskaden, Terrassen, Grotten, Urnen, Glaskugeln, »Vexierwässern«; das Kostüm strotzt von Passamenterien, Spitzen, Tressen, Brokat; die Umgangssprache bewegt sich in künstlich gefeilten Wortspielen und spitzfindigen Antithesen. Sogar im Gesicht findet sich ein Ornament: das unentbehrliche Schönheitspflästerchen. Das ganze Weltbild der Zeit ist ein Mosaik aus » perceptions petites «, aus unendlich kleinen Vorstellungen, und jeder Mensch ist eine Monade, in sich abgeschlossen, ohne Fenster, allein auf seinem Sonderplatz in einem sorgfältig abgestuften Kosmos, der, in allem prästabiliert, vorherbestimmt, seinen mechanischen Lauf nimmt wie ein Uhrwerk und darum für die beste aller Welten gilt. Denn man war tief innerlich überzeugt: das Bewundernswerteste und Prächtigste, das Kunstvollste und Geistreichste sei eben doch eine gutgehende Uhr. Leibniz Wie man bereits bemerkt haben wird, haben wir uns einiger Ausdrücke bedient, die der Philosophie Leibnizens entnommen sind. Und in der Tat: niemand hat den Sinn der Barocke tiefer und vollständiger zum Ausdruck gebracht als Leibniz in seiner Monadenlehre. Hier steht der Mensch der Zeit vor uns, losgelöst von äußeren Zufälligkeiten, in seinem innersten Wesenskern erfaßt. Leibniz war der vollkommenste Barockmensch schon in seiner schriftstellerischen Form, ein philosophischer Pointillist, der eine Art Spitzengeklöppel des Geistes betrieb, und in seinem Charakter, der bizarr, schrullenhaft, genrehaft, »barock« im heutigen Wortsinn war, ja sogar in seiner äußeren Gestalt, die von einem riesigen Kahlkopf mit einem Gewächs in der Größe eines Taubeneis gekrönt war. Auch seine in einer einzigartigen Vielseitigkeit begründete Vielgeschäftigkeit, die ihn niemals dazukommen ließ, seine Kräfte in einem großen Hauptwerk zu sammeln, ist echt barock. Diderot sagte von ihm: dieser Mann bedeutet für Deutschland so viel Ruhm wie Platon, Aristoteles und Archimedes zusammengenommen für Griechenland, und Friedrich der Große erklärte, er sei für sich allein eine ganze Akademie gewesen, hierin, wie in so vielem, anderer Meinung als sein Vater, der äußerte, Leibniz sei ein Kerl, der zu gar nichts tauge, nicht einmal zum Schildwachestehen. Er erfand, unabhängig von Newton, die Differentialrechnung zum zweitenmal, verbesserte sie erheblich in ihrer Anwendung und gelangte mit ihrer Hilfe zu der Formel m v 2 /2 für die Bewegungsenergie, von welcher er bereits erkannte, daß ihre Quantität im Weltall immer dieselbe bleibe, beschäftigte sich mit Bergbau und Geognosie und schrieb eine Urgeschichte der Erde, beteiligte sich an der Darstellung des Phosphors, arbeitete an der Verbesserung der Taschenuhren und der Erfindung von Schiffen, die gegen den Wind und unter Wasser fahren können, begann eine kritische Geschichte des Welfenhauses und edierte große Sammlungen mittelalterlicher Geschichtsquellen und völkerrechtlicher Urkunden. Außerdem verfaßte er eine Reihe hervorragender politischer Denkschriften, darunter eine an Ludwig den Vierzehnten, worin er ihm mit bewundernswertem historischen Weitblick den Plan zur Eroberung Ägyptens unterbreitete, der erst fünf Vierteljahrhunderte später von Napoleon zur Ausführung gebracht worden ist, und bemühte sich in umfangreichen Briefen und Programmen um die Vereinigung der lateinischen und der griechischen, der katholischen und der protestantischen, der lutherischen und der reformierten Kirche und um die Stiftung gelehrter Sozietäten in Berlin, Dresden, Wien und Petersburg, womit er seinen höchsten Traum, die Begründung einer europäischen Gelehrtenrepublik, zur Verwirklichung zu bringen hoffte. Man kann sagen, daß es schlechterdings nichts gab, dem er nicht sein belebendes Interesse zugewendet hätte. Er sagte selbst einmal von sich: »Es klingt wunderbar, aber ich billige alles, was ich lese, denn ich weiß wohl, wie verschieden die Dinge gefaßt werden können.« In dieser weitherzigen, humanen und im Grunde künstlerischen Billigung alles Seienden wurzelte seine unvergleichliche Universalität und seine ganze Philosophie. Er stand in Korrespondenz mit zahlreichen hervorragenden Zeitgenossen, unter anderen mit Arnauld, Bossuet, Malebranche, Bayle, Guericke, Hobbes, und in diesen Briefen, die er mit der größten Sorgfalt, oft dreimal ausarbeitete, sowie in Aufsätzen, die er in die führenden gelehrten Zeitschriften, besonders in die »Acta eruditorum« und in das »Journal des Savants«, schrieb, ist seine Philosophie niedergelegt. Zu seinen Lebzeiten ist nur ein einziges Buch von ihm erschienen, die »Essais de théodicée sur la bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal«. Friedrich der Große hat in geistreicher Übertreibung Leibnizens System einen philosophischen Roman genannt. Es ist ein vielteiliges, umfangreiches und völlig durchkomponiertes Gebäude, aber übersät mit Schnörkeln und Ornamenten; ein tiefsinniger Irrationalismus, aber ein aus dem Verstand geborner. An die Spitze der Leibnizischen Philosophie könnte man das faustische Wort stellen: »Im Anfang war die Kraft.« Kraft ist das Grundwesen aller Geister und Körper. Es liegt aber in der Natur der Kraft, daß sie tätig und immer tätig ist und daß sie durch diese Tätigkeit sich selbst, ihre Eigenart ausdrückt: also ist Kraft Individualität; daß sie Leben ist: also gibt es in der Welt nichts Unfruchtbares und Totes. Jedes Stück Materie kann als »ein Garten voller Pflanzen oder ein Teich voller Fische« angesehen werden, und »jeder Zweig der Pflanze, jedes Glied des Tieres, jeder Tropfen Feuchtigkeit ist immer wieder ein solcher Garten und ein solcher Teich«. Jede solche Welteinheit, von Leibniz »Monade« genannt, ist » un petit monde«, »un miroir vivant de l'univers«, »un univers concentré «: sie hat keine Fenster, durch die etwas in sie hineinscheinen könnte, vielmehr ist sie ein Spiegel, der das Bild des Universums aus eigener Kraft, » actif « hervorbringt. Diese Monaden bilden ein Stufenreich. Es gibt so viele Monaden, als es Unterschiede des klaren und deutlichen Vorstellens, Grade der Bewußtheit gibt. In dieser durch unendlich kleine Differenzen ansteigenden Reihe gibt es keinen Sprung und keine Wiederholung. »Wie eine und dieselbe Stadt, von verschiedenen Seiten betrachtet, immer ganz anders und gleichsam perspektivisch vervielfältigt erscheint, so kann durch die zahllose Menge der Monaden der Schein entstehen, als gäbe es ebenso viele verschiedene Welten, die doch nur Perspektiven einer einzigen Welt sind, nach den verschiedenen Gesichtspunkten der Monaden.« Diese leibnizischen » points de vue « hat die Barockmalerei mit ihrer neuen Technik des Abschattierens, der Perspektivik und des Helldunkels zum erstenmal auf die Leinwand gebracht. Die großartigste und fruchtbarste Konzeption Leibnizens ist aber seine Theorie von den bewußtlosen Vorstellungen. Er unterscheidet zwischen bloßer und bewußter Vorstellung, zwischen » perception « und » apperception «, und erläutert diesen Unterschied am Wellengeräusch. Das Brausen des Meeres setzt sich aus den einzelnen Wellenschlägen zusammen. Jedes dieser Einzelgeräusche ist für sich zu klein, um gehört zu werden, es wird von uns zwar empfunden, aber nicht bemerkt, perzipiert, aber nicht apperzipiert. Die Empfindung, die von der Bewegung der einzelnen Welle hervorgerufen wird, ist eine schwache, undeutliche, unmerklich kleine Vorstellung, » une perception petite, insensible, imperceptible «. Ebenso gibt es in unserem Seelenleben zahllose verhüllte, dunkle, gleichsam schlafende Vorstellungen, die zu klein sind, um in den Lichtkreis des wachen Bewußtseins treten zu können, sie spielen dieselbe Rolle wie die winzigen Elementarkörper, aus denen die sichtbare Natur aufgebaut ist, sie sind gewissermaßen die Atome unseres Seelenlebens. Gerade diese » perceptions petites « sind es aber, die jedem Individuum das Gepräge seiner Eigentümlichkeit verleihen, sie sind es, wodurch sich ein Mensch von allen anderen unterscheidet. Eine jede von ihnen läßt in unserer Seele eine leise Spur zurück, und so reiht sich in geräuschloser Stille, von uns unbemerkt, Wirkung an Wirkung, bis der einmalige Charakter da ist. Der Schritt, den die leibnizische Psychologie hier über die cartesianische hinaus tut, ist ungeheuer. Die Welt als Uhr In einer Welt, die sich derart schrittweise vom Kleinsten zum Größten, vom Niedersten zum Höchsten entwickelt, kann es nichts Überflüssiges, nichts Schädliches, nichts Unberechtigtes geben: darum leben wir in der »besten der Welten«. Gott, dessen Wesen Wahrheit und Güte ist, hat sie eben darum unter allen möglichen gewählt. Da die Welt aus Monaden, und das heißt: aus Individuen zusammengesetzt ist, das Wesen des Individuums aber in der Beschränktheit besteht, so folgt daraus nicht nur die Existenz, sondern sogar die Notwendigkeit des Übels, das nichts anderes ist als eine Beschränktheit oder Unvollkommenheit, entweder eine physische oder eine moralische. Ohne Unvollkommenheit wäre die Welt nicht vollkommen, sondern sie wäre überhaupt nicht. Die Übel in der Welt lassen sich den Schatten in einem Gemälde, den Dissonanzen in einem Musikstück vergleichen. Was als Einzelheit verworren und mißtönend erscheint, wirkt als Teil des Ganzen schön und wohlklingend: eine Argumentation, die sich, wie wir uns aus dem ersten Buche erinnern, schon bei Augustinus findet. Da Gott vollkommene Wesen nicht schaffen konnte, so schuf er Wesen, die von Stufe zu Stufe vollkommener werden: nicht perfekte, sondern perfektible. Auch der größte Künstler ist an sein Material gebunden: statt einer absolut guten Welt, die schlechterdings unmöglich ist, schuf Gott die beste Welt, das heißt: die bestmögliche. In dieser Welt ist alles durch die göttliche Weisheit vorherbestimmt und durch die göttliche Schöpferkraft in Harmonie gesetzt: durch diese alles durchwaltende prästabilierte Harmonie enthüllt sich die Welt als Kunstwerk. Aber Leibniz gibt diesem Gedankengang eine echt barocke Wendung, indem er das Kunstwerk einem Uhrwerk gleichsetzt. So versucht er auch eines der Hauptprobleme der zeitgenössischen Philosophie, die Korrespondenz zwischen Leib und Seele zu erklären: sie verhalten sich wie zwei Uhren, die so vorzüglich gearbeitet sind, daß sie immer genau die gleiche Zeit angeben. Der Maskenzug Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ob die Barocke, die in Leibniz kulminiert, einfach die Tendenzen der Renaissance fortsetzen würde, indem sie bemüht ist, das Dasein immer mehr zu logisieren. Und in der Tat: sie geht sogar noch einen beträchtlichen Schritt weiter, indem sie mechanisiert. Aber die Barocke ist ein viel verschränkteres, zwiespältigeres, änigmatischeres Problem als die Renaissance: ihr Seelenleben ist ungleich labyrinthischer, versteckter, mehrbodiger, hintergründiger, man möchte fast sagen: hinterhältiger. Sie flieht ruhelos und unbefriedigt zwischen zwei Polen hin und her: dem Mechanischen und dem Unendlichen, das sie sich als Korrelat erfindet zu einer rein mechanischen Welt, in der sie es nicht aushielte. Sie, und sie zuerst, empfindet infinitesimal. »Es ist«, sagt Wölfflin in seinen entscheidenden Untersuchungen über »kunstgeschichtliche Grundbegriffe«, »als hätte der Barock sich gescheut, jemals ein letztes Wort auszusprechen.« Er getraut es sich nicht, er fürchtet, sich damit irgendwie zu binden, seine Scheu vor endgültigen Zusammenfassungen ist ein Produkt sowohl seines Freiheitsdranges wie seiner Frömmigkeit, denn wie der Jude den Namen Gottes nicht auszusprechen wagt, so schreckt auch der Barockmensch davor zurück, die letzten Rätsel der Natur, des Lebens, der Kunst in eine eindeutige Formel zu bannen. Hinter seinen scheinbar so klaren und scharf umrissenen Formulierungen steht immer noch ein Unausgedeutetes, Nieauszudeutendes. Das Weltall ist ein Mechanismus, nach streng mathematischen Gesetzen bewegt; aber durch mysteriöse Fernkräfte. Die menschliche Seele ist ein Uhrwerk; aber aufgebaut aus den irrationalen perceptions petites , die sich unserer wachen Beobachtung entziehen. Die menschliche Gestalt erscheint auf der Leinwand so lebenswahr erfaßt wie noch nie vorher; aber umspült von einem Astralschimmer, der sie wieder unfaßbar und tausenddeutig macht. Das äußere Gehaben des Menschen erlangt die Präzision eines Puppentheaters; aber zugleich dessen magische Unwirklichkeit. So zieht die Barockmenschheit an uns vorüber wie ein wohlgeordneter hellerleuchteter Maskenzug, der aber sein wahres Gesicht verbirgt, vor uns und vor sich selbst. Hierauf beruht der hohe ästhetische Reiz, der die Barocke umwittert und über die früheren und späteren Entwicklungsperioden der Neuzeit hinaushebt. Sie weiß trotz ihrer hochgespannten Intellektualität, daß das Leben ein Geheimnis ist. Drittes Kapitel Die Agonie der Barocke Le présent est chargé du passé et gros de l'avenir. Leibniz Watteau Antoine Watteau, der 1684 geboren wurde und schon 1721 an der Schwindsucht starb, hat in fast achthundert Bildern das Parfüm jener wissenden und infantilen, heitern und müden Welt, die man Rokoko nennt, mit einer solchen Kraft und Delikatesse, Unschuld und Virtuosität festgehalten, daß man an diese Zeit nicht denken kann, ohne sich zugleich an ihn zu erinnern, und Rokoko und Watteau fast austauschbare Begriffe geworden sind. Vielleicht keinem zweiten Künstler ist es so restlos gelungen, das flüchtige Leben seiner Umwelt in all seinem sprühenden Glanz in tote Zeichen zu übertragen: diese Menschen, deren seelische Entfernung von uns noch weit mehr beträgt als die zeitliche, hier schlafen sie, in Farbe gebannt, einen unsterblichen Zauberschlaf als unsere Zeitgenossen und Vertrauten. In der Bemühung, diese seltsame Tatsache psychologisch zu erklären, hat man bisweilen darauf hingewiesen, daß Watteau ein Ausländer und ein Proletarier war. In der Tat läßt sich bisweilen beobachten, daß »Zugereiste« in ihrer Kunst das Wesen ihrer zweiten Heimat eindringlicher und leuchtender verkörpern als der Eingeborene. Um nur ein Beispiel zu nennen: es dürfte schwer fallen, zwei echtere Repräsentanten des Wienertums zu finden als Nestroy und Girardi, und doch weisen beide Namen auf fremden Ursprung. Daß Watteau ein armer Dachdeckerssohn vom Lande war, hat sicher ebenfalls seinen Blick für den flimmernden Reiz und die narkotische Schönheit des damaligen Paris geschärft. Es pflegen ja auch die saftigsten und innigsten Naturschilderungen nicht von Bauern und Gutsbesitzern zu stammen, sondern von Großstädtern und Kaffeehausmenschen, und die Dichter der leidenschaftlichsten und empfundensten Liebeslyrik sind selten Don Juans gewesen. Auch Watteau war verliebt, und zwar unglücklich, also doppelt verliebt in die Welt der schwerelosen Anmut und des selbstverständlichen Genusses, die kühle und zarte, aromatische und durchsonnte Gipfelluft, in der diese privilegierten Wesen ihre göttliche Komödie spielten: er wußte, daß er kein legitimer Teilhaber dieser Feste sein könne, nur ihr Zuschauer und Chroniqueur, und so ist er der unvergleichliche peintre des fêtes galantes geworden. Dazu kam noch ein Drittes: Watteau war auch physisch und seelisch ein »Enterbter«: kränklich und häßlich, schwächlich und unansehnlich, linkisch und melancholisch. Wir haben schon am Anfang des ersten Buches an einer Reihe von Beispielen darzulegen versucht, daß körperliche und geistige Defekte bisweilen die Quelle außerordentlicher Leistungen zu bilden vermögen: daß Kriegshelden wie Attila und Karl der Große, Napoleon und Friedrich der Große eine kleine Figur besaßen, daß Byron hinkte, Demosthenes stotterte, Kant verwachsen, Homer blind und Beethoven taub war. Aus einer solchen »physiologischen Minderwertigkeit« heraus hat auch Watteau seine Farbenwunder geschaffen. Er konnte die Grazien nicht besitzen, und so blieb ihm nichts übrig als sie zu gestalten. In seinen Kunstwerken hat er seine Naturmängel kompensiert und überkompensiert. Er hat als ein hoffnungslos Dahinschwindender lachenden Frohsinn, als ein zum Grabe Taumelnder tanzende Lebensbejahung, als ein von Krankheit Ausgesogener trunkenen Daseinsgenuß gepredigt. Es ist die Kunst eines Phthisikers, der mitten im grauesten Siechtum den rosenfarbigsten Optimismus aufrichtet. Und damit gelangen wir zur eigentlichen Lösung des Problems. Watteau war ein so vollkommener Spiegel seiner Zeit, weil er in seinem Schicksal und seiner Persönlichkeit ihr sprechendstes Symbol war. Er war ein Sterbender und sein ganzes Leben und Schaffen die Euphorie des Schwindsüchtigen. Und auch das Rokoko war eine sterbende Zeit und ihre Lebensfreude nichts als eine Art Tuberkulosensinnlichkeit und letzte Sehnsucht, sich über den Tod hinwegzulügen: das heitere Rot auf ihren Wangen ist aufgelegtes Rouge oder hektischer Fleck. Das Rokoko ist die Agonie und Euphorie der Barocke, ihr Sonnenuntergang, jene Tagesstunde, die auch Watteau am liebsten gemalt hat. Liebend und sterbend: das ist die Formel für Watteau und das gesamte Rokoko. La petite maison Das Rokoko ist, im Gegensatz zum Barock, ein zersetzender Stil, der, rein malerisch und dekorativ, spielerisch und ornamental, alles mit einem Rankenwerk von Flechten, Muscheln, Schlinggewächsen überwuchert: es sind Sumpfmotive, die hier zur Herrschaft gelangen; die bisherigen großen Formen beginnen sich in aparte Fäulnis aufzulösen. Alles ist von weicher Abendkühle durchweht, in ein sterbendes Blau und zartglühendes Rosa getaucht, das das Ende des Tages ankündigt. Eine fahle Herbststimmung breitet sich über die Menschheit, die auch ganz äußerlich die Farben des Verwelkens bevorzugt: honiggelb und teegrün, dunkelgrau und blaßrot, violett und braun. Dieser Décadencestil par excellence ist müde, gedämpft und anämisch und vor allem prononciert feminin: raffiniert kindlich und naiv obszön, wie die Frau es ist; verschleiert und boudoirhaft; parfümiert und geschminkt; satiniert und konditorhaft; ohne männliche Tiefe und Gediegenheit, aber auch ohne virile Schwere und Pedanterie; schwebend und tänzerisch, wodurch ihm das Wunder gelungen ist, eine fast von den Gravitationsgesetzen befreite Architektur hervorzubringen; immer vielsagend lächelnd, aber selten eindeutig lachend; amüsant, pikant, kapriziös; feinschmeckerisch, witzig, kokett; anekdotisch, novellistisch, pointiert; plaudernd und degagiert, skeptisch und populär, komödiantisch und genrehaft: selbst die Karyatiden des Zeitalters, wie Friedrich der Große, Bach und Voltaire, sind gewissermaßen überlebensgroße Genrefiguren. Diese Spätbarocke ist nämlich intim, was die Hochbarocke nie war: sie ist, im edelsten Sinne, ein Tapeziererstil, der bloß gefallen, ausschmücken, verfeinern will und große Worte ebenso skurril wie unbequem findet. Das Charaktergebäude, dem alle Erfindungskraft und Sorgfalt gewidmet wird, ist nicht mehr das pompöse Palais, sondern la petite maison , das mit allen Reizen eines weniger repräsentativen als privaten Luxus ausgestattete Lusthäuschen, das, mit den früheren Bauten verglichen, etwas Reserviertes, Verschwiegenes, Persönliches hat. Unter Ludwig dem Vierzehnten lebte der Mensch nur in der Öffentlichkeit, nämlich für und durch den Hof: man zählte nur mit, wenn man beim König erschien und solange man beim König erschien; daher war jede Lebensäußerung, vom tiefsten Gedanken bis zur leichtesten Verbeugung, für die Parade zugeschnitten, auf den Effekt in Versailles berechnet. Jetzt beginnt man, ermüdet von dieser fünfzigjährigen Galavorstellung, die Freuden der Zurückgezogenheit, des Sichgehenlassens und Sichselbstgehörens, des petit comité zu schätzen. Schon die Namen dieser Schlößchen, wie »Eremitage«, »monrepos«, »solitude«, »sanssouci« , deuten auf die veränderte Geschmacksrichtung. Ihr Antlitz ist nicht mehr jupiterhaft, distanzierend und in schwere Falten gelegt, sondern einladend, liebenswürdig und entspannt. In den Innenräumen stehen nicht mehr steife Prunksessel mit hohen harten Lehnen und würdevolle Dekorationsstücke aus wuchtigem Material, sondern bequeme Polsterstühle, mit Seidenkissen bedeckte Kanapees und weiß lackierte Miniaturtische mit zarten Goldleisten. Und auch diese ruhigen Wirkungen sucht man noch abzuschwächen, indem man das Gold entweder durch das diskretere Silber ersetzt oder durch Tönung matter erscheinen läßt, wie man überhaupt jedem Geradezu möglichst aus dem Wege geht und überall den gebrochenen, abgewandelten, gemischten Farben, den zärtlichen und delikaten Materialien, wie Rosen-, Veilchen-, Tulpenholz, den Vorzug gibt. Die Inventarstücke beginnen das subjektive Gepräge ihrer Besitzer zu tragen und deren persönlichen Zwecken zu dienen: eine Reihe neuer Möbel, die damals aufkamen, bringen dies zum Ausdruck, zum Beispiel die »boîtes à surprises« , Sekretäre mit witzig konstruierten Geheimfächern und überraschenden Mechanismen, und die Damenschreibtische, die den hübschen Namen »bonheur du jour« führten. Alle Gebrauchsgegenstände waren mit wohlriechenden Essenzen imprägniert und emaillierte Räucherpfannen durchdufteten die Räume mit exquisiten Parfüms. Die führenden Künstler kümmerten sich um jedes dieser Details, durch deren Zusammenklang sie eine aufs feinste abgestimmte Gesamtatmosphäre des künstlerischen Genusses und Behagens zu schaffen wußten: Watteau hat Modeskizzen und Firmenschilder gemalt und Boucher zeichnete Entwürfe für Briefbillets, Tischkarten und Geschäftspapiere. Pastell und Porzellan Eine besondere Note erhielten die Rokokointerieurs durch das Dominieren der Pastell- und der Porzellankunst. In der Tat konnte keine Art der Malerei die Seelenhaltung des ganzen Zeitalters, seinen zarten und zerfließenden, blassen und verhauchenden, auf einen weichen Samtton gestimmten Charakter besser ausdrücken als das Pastell; dazu kam noch die besondere Eignung dieser Technik für das intime Porträt. Das europäische Porzellan wurde zum erstenmal im Jahr 1709 von dem Sachsen Johann Friedrich Böttcher hergestellt, den August der Starke als Alchimist bei sich in Haft hielt; und diese Erfindung wurde tatsächlich zu einer Art Goldmacherei, denn der neue Stoff eroberte den ganzen Erdteil. Die bald darauf gegründete Meißener Porzellanmanufaktur versorgte alle Welt mit wohlfeilem, schönem und praktischem Eßgeschirr und verdrängte nicht nur das Steingut und Zinn, sondern auch das Silber von den Tafeln. Der Klassiker der deutschen Porzellankunst ist Joachim Kändler, dessen verliebte Schäfer und Schäferinnen und lebensgroße Vögel, Affen und Hunde das Entzücken der vornehmen Welt bildeten. August der Starke war von seiner Liebhaberei für die neue Kunst so besessen, daß er ihr sein halbes Vermögen opferte und ein ganzes Schloß mit Porzellanarbeiten füllte. Auch in Wien entstand schon 1718 eine staatliche Porzellanfabrik. Eine mächtige Konkurrentin der deutschen Manufakturen wurde später die auf Anregung der Pompadour ins Leben gerufene Fabrik in Sèvres. In England wurde Josiah Wedgwood der Erfinder des nach ihm benannten Materials, das er vornehmlich zu meisterhaften Nachahmungen antiker Vasen verarbeitete. Schließlich wurde Europa von einer wahren Porzellanmanie ergriffen. Man verfertigte nicht nur Leuchter und Lüster, Uhren und Kamine, Blumensträuße und Möbeleinlagen aus Porzellan, sondern es wurden auch ganze Zimmer und Kutschen damit ausgeschlagen und überlebensgroße Denkmäler daraus hergestellt. Hiedurch entfernte sich diese subtile Kunst von der Bestimmung, die ihr durch ihr Material vorgeschrieben war und sie zugleich zu einem so lebendigen und prägnanten Ausdruck ihrer Zeit gemacht hatte: denn gerade ihre außergewöhnliche und ausschließliche Eignung für die polierte und elegante, kokette und aparte, fragile und spröde Miniatur sprach zur Rokokoseele. Chinoiserie Man hatte vor der Entdeckung Böttchers das Porzellan aus China bezogen und auch nachher wurden noch lange die Meißener Waren für chinesisch ausgegeben. Dies war kein bloßer Geschäftstrick, sondern wiederum im Zeitgeist begründet. Denn China galt dem Rokokomenschen als das Musterland der Weisheit und Kunst. Zu Anfang des Jahrhunderts kamen die »Chinoiserien« in Mode: ostasiatische Bilder, Vasen und Skulpturen, Papiertapeten, Lackwaren und Seidenarbeiten; zahlreiche Romane entführten den Leser in jenes Märchenreich, wo ein glückliches heiteres Volk unter gelehrten Führern ein paradiesisches Dasein genoß; Historiker, an der Spitze Voltaire, verherrlichten China als das Dorado vortrefflicher Sitte, Religion und Verwaltung; in den Gärten errichtete man Pagoden und Teehäuschen, Glockenpavillons und schwebende Bambusbrücken; selbst der Zopf wird auf chinesischen Einfluß zurückgeführt. Auch der Pfau, der sich damals besonderer Beliebtheit erfreute, hat etwas Chinesisches und zugleich ist er ein echtes Rokokotier: dekorativ und bizarr, selbstgenießerisch und theatralisch, endimanchiert und genrehaft. Le siècle des petitesses Vom ganzen Rokoko gilt, was Diderot 1765, als bereits ein neuer Geist zu herrschen begann, von Boucher gesagt hat: es hatte »zu viel kleinliches Mienenspiel«. Schon Voltaire hatte sein Zeitalter » le siècle des petitesses « genannt. Es hat auf allen Gebieten eigentlich nur charmante Nippes hervorgebracht. Der Barock schreit und plakatiert, das Rokoko flüstert und dämpft. Schnörkelhaft sind beide; aber der Schnörkel, im Barock eine leidenschaftliche Exklamation, wird im Rokoko zum diskreten zierlichen Fragezeichen. In der französischen Hochbarocke herrschte tyrannisch die Regel, Normwidrigkeit galt als eine Versündigung am Geist: jetzt gehen umgekehrt die Begriffe bizarr und geistreich eine Verbindung miteinander ein. Im cartesianischen Zeitalter war der souveräne Maßstab aller Werte die Korrektheit und Symmetrie: für das » genre rocaille « ist eine bis zur Kaprice getriebene Vorliebe für das Unerwartete, Willkürliche, Paradoxe richtunggebend und formbildend. Diese Menschen waren in ihrer Philosophie vielleicht erst halbe, in ihrer Kunst aber schon ganze Atheisten. Was sie reizt, ist immer nur die Abweichung, der Sprung, die Diversion. Als eine vornehme italienische Dame einmal ein köstliches Fruchteis verzehrte, sagte sie: »Wie schade, daß es keine Sünde ist.« Diese Passion für das Illegitime und Abnorme steigerte sich nicht selten bis zur Perversität. Vielleicht in keinem Zeitalter war der aktive und passive Flagellantismus so verbreitet wie damals; er war geradezu zur Massenpsychose ausgeartet. Man muß sich jedoch bei dieser und ähnlichen Erscheinungen daran erinnern, daß sämtliche hohen und späten Kulturen zur Perversität neigen, ja daß in aller Kultur ein Element des Perversen verborgen liegt. Kultur ist und bleibt nun einmal das Gegenteil von Natur: wir haben auf diese Tatsache schon im vorigen Kapitel, beim Problem der Perücke, hinzuweisen versucht. Bei alternden Kulturen zeigt sich dies natürlich in verstärktem Maße: der Kreis der »normalen« Möglichkeiten ist erfüllt, die Phantasie strebt über ihn hinaus. Weder die Ägypter des Neuen Reiches noch die Griechen der Alexandrinerzeit und die Römer der Kaiserzeit erfreuten sich »gesunder« Verhältnisse. Besonders die »Sittenlosigkeit« des alten Rom erinnert an die Rokokozeit. »Ich frage schon lange in der ganzen Stadt herum«, sagt Martial, »ob keine Frau nein sagt: keine sagt nein. Also ist keine keusch? Tausende sind es. Was tun denn nun die Keuschen? Sie sagen nicht ja, aber sie sagen auch nicht nein«; und Juvenal meint, manche Frauen ließen sich schon wieder scheiden, ehe die grünen Zweige abgewelkt seien, die beim Einzuge der Neuvermählten die Haustüre schmückten. Analog schrieb Voltaire unter dem Artikel » Divorce «: »Die Scheidung stammt wahrscheinlich aus derselben Zeit wie die Ehe. Ich glaube trotzdem, daß die Ehe einige Wochen älter ist.« Selbst zu den sadistischen Zirkusvergnügungen der Römer findet sich ein Pendant in der Sitte, daß in Paris Angehörige der höchsten Kreise den Hinrichtungen wie einem sensationellen Gesellschaftsereignis beizuwohnen liebten, wobei, wie Zeugen versichern, zahlreiche Damen in Orgasmus gerieten. Der Esprit Man wollte sich vor allem um keinen Preis langweilen. Hiedurch kommt ein ganz neuer Elan in die französische Kultur; erst im achtzehnten Jahrhundert wird der wahre esprit geboren, der Champagnergeist, der Schaum und Wein zugleich ist. Aber mit dieser fast krankhaften Sucht, unter allen Umständen »anregend«, brillant, aromatisch, moussierend zu sein, verliert sich auch die Monumentalität und Würde, der Ernst und die Tiefe: ganz große Gebiete der Seele verdorren, werden hochmütig gemieden oder leichtfertig ignoriert. Der Glanz, der von der scheidenden Barocke ausströmt, ist die Phosphoreszenz der Verwesung. Man denkt nicht mehr in mühsam getürmten und gegliederten Systemen und schweren schleppenden Schlußketten, sondern in gedrängter pikanter Polemik, in facettierten Bonmots, kurzweiligen Satiren, gepfefferten Pamphleten und messerscharfen Aphorismen, oder auch in » poésies fugitives «: lyrisch-epigrammatischen Niaiserien, die nur den schimmernden Dünnschliff irgendeines Ideengangs geben; man macht den Dialog, den Roman, die Novelle zum Gefäß der Philosophie: selbst der gewissenhafte und tiefgründige Montesquieu zieht durch seine »Lettres Persanes« das buntfarbige Band einer lüsternen Haremsgeschichte. Man will von jedermann verstanden werden, auch vom Halbgebildeten, vom Salonmenschen, vom »Publikum« und vor allem von den Damen. Dies spricht auch aus den Porträts. Die Gelehrten lassen sich nicht mehr mit Buch, Feder und Brille abbilden, sondern als lächelnde nonchalante Weltleute: nichts soll an die desillusionierenden technischen Behelfe ihrer Produktion erinnern, wie diese selbst nicht mehr nach Öl, Tinte und Stube riechen darf und nichts anderes sein will als ein leichter, geschmackvoller und komfortabler Galanterieartikel, eine der vielen unentbehrlichen Überflüssigkeiten des luxuriösen und genießerischen Lebens der großen Gesellschaft. Die Gärten der Wissenschaft, im Mittelalter als geheiligter Bezirk den Blicken der Profanen entzogen, in der Renaissance durch das Stachelgitter lateinischer Gelehrsamkeit abgezäunt, werden im achtzehnten Jahrhundert der allgemeinen Benutzung übergeben und zur öffentlichen Einrichtung gemacht, wo jedermann Erheiterung, Erholung und Belehrung suchen kann: Adel und Bürgerschaft, Mann und Frau, Geistlichkeit und Laienwelt. Das Volk hat noch keinen Zutritt; nicht weil man es verachtet, sondern aus einem noch sonderbareren Grunde: man hat nämlich seine Existenz überhaupt noch nicht bemerkt. Es wird aber ein Tag kommen, wo auch diese Gesellschaftsschichte von den Gärten ihren Gebrauch machen wird, und einen sehr seltsamen: es wird sie weder zur höheren Ehre Gottes kultivieren wie die Kirche noch erweitern, bereichern und sorgfältig parzellieren wie die strenge Wissenschaft noch in einen allgemeinen Belustigungsort verwandeln wie die Philosophen für die Welt, sondern berauben und demolieren. Es wird das dort angesammelte Material zuerst als hölzerne Waffe benutzen, um seine Widersacher zu bedrohen, und schließlich als riesigen Brennstoff, um die Welt in Flammen zu setzen. Die Liebe als Liebhabertheater Wenn diese Zeit es verstanden hat, sogar die Wissenschaft und Philosophie zu einem erlesenen Reizmittel zu machen, das man einschlürft wie ein gaumenkitzelndes Apéritif, so versteht es sich von selbst, daß sie auch auf allen übrigen Gebieten nicht anders verfuhr. Man hat nur den einen Wunsch, das Leben zu einem ununterbrochenen Genuß zu machen; »der Sicherheit halber«, sagte Madame de la Verrue, »bereitet man sich bereits auf Erden das Paradies«. Und man will sich delektieren, ohne die Kosten zu bezahlen. Man will die Früchte des Reichtums genießen ohne die Strapazen der Arbeit, das Glanzlicht der sozialen Machtstellung ohne ihre Pflichten und die Freuden der Liebe ohne ihre Schmerzen. Man flieht daher die große Passion, die als nicht chic gebrandmarkt wird, und schöpft von der Liebe nur die süße luftige Creme ab. Man ist immer amourös, aber niemals ernstlich verliebt: »man nimmt einander«, heißt es bei Crébillon fils, »ohne sich zu lieben; man verläßt einander, ohne sich zu hassen.« Liebe und Haß sind Leidenschaften, und Leidenschaften sind unbequem und außerdem ein Zeichen von Mangel an Esprit. Man will die Liebe ohne viele Umstände genießen wie ein pikantes Bonbon, das rasch auf der Zunge zergeht, nur dazu bestimmt, durch ein zweites von anderem Geschmack ersetzt zu werden. Die Erotik wird ein graziöses Gesellschaftsspiel, das die Liebe amüsant nachahmt und bestimmten Regeln unterworfen ist. Die Liebe wird zum Liebhabertheater , zu einer abgekarteten Komödie, in der alles vorhergesehen und vorausbestimmt ist: die Verteilung der Fächer, die der Dame immer die Partie der kapriziösen Gebieterin, dem Herrn die Rolle des ritterlichen Anbeters zuweist; die Reden und Gebärden, mit denen man die einzelnen Stationen: Werbung, Zögern,Erhörung, Glück, Überdruß, Trennung zu markieren hat. Es ist ein komplettes, durch lange Tradition und Kunst geschaffenes Szenarium, worin alles seinen konventionellen Platz hat und alles erlaubt ist, nur keine »Szenen«; denn seinem Partner ernstliche Erschütterungen bereiten zu wollen, hätte einen bedauerlichen Mangel an Takt und Erziehung bewiesen. Auch die Eifersucht durfte nur einen spielerischen Charakter tragen: » la gelosia è passione ordinaria e troppo antica « sagt Goldoni. Aber selbst diese Treibhausliebe gedeiht nur in der schwülen Atmosphäre der Illegitimität. Alles, was an »Familienleben« erinnert, rangiert als mauvais genre. Schwangerschaft macht unfehlbar lächerlich, wird daher möglichst vermieden und, wenn eingetreten, möglichst lange verheimlicht. Liebe in der Ehe gilt für altfränkisch und absurd, noch schlimmer: für geschmacklos. In der guten Gesellschaft titulieren sich die Ehepaare auch zu Hause mit »Monsieur« und »Madame«. Eheliche Treue sowohl des Mannes wie der Frau wird geradezu als unpassend angesehen; allenfalls toleriert man noch viereckige Ehen, bei denen die Paare changieren. Eine Frau, die keine Liebhaber hat, gilt nicht für tugendhaft, sondern für reizlos, und ein Ehemann, der sich keine Mätressen hält, für impotent oder ruiniert. Es gehört so vollständig zum guten Ton für eine Dame von Welt, unerlaubtes Glück genossen zu haben, daß sie gezwungen ist, die Spuren ihrer Liebesnächte von Zeit zu Zeit öffentlich zur Schau zu tragen, sich schwarze Ringe um die Augen zu schminken, einen abgespannten Gesichtsausdruck anzunehmen, den ganzen Tag zu Bett zu bleiben, während es andrerseits für jeden Menschen von Lebensart de rigueur ist, diesen angegriffenen Zustand mit ironischem Erstaunen zu konstatieren. Dem Gatten ist hiebei die Aufgabe zugewiesen, mit Verstand und Anstand über der Situation zu stehen, und je mehr Witz, Liebenswürdigkeit und Anmut er an diese Rolle wendet, desto sicherer sind ihm alle Sympathien. Voltaire lebte bekanntlich ein halbes Menschenalter lang mit der Marquise du Châtelet auf deren Schloß Cirey in Lothringen, aber niemals hören wir etwas von irgendeiner Verstimmung des Marquis. Seine Toleranz ging aber noch viel weiter. Eines Tages wurde auch Voltaire von Emilie betrogen, die zu dem jungen Schriftsteller Saint-Lambert eine leidenschaftliche Neigung gefaßt hatte, was aber Voltaire nicht hinderte, an ihrer Seite zu bleiben und sogar der väterliche Freund seines Nebenbuhlers zu werden. Das Verhältnis blieb jedoch nicht ohne Folgen, und nun entwickelte sich eine charmante Rokokofarce, die das Sujet einer der besten Novellen Maupassants bilden könnte. Voltaire erklärte: » Pater est, quem nuptiae declarant . Wir werden das Kind in Madame du Châtelets gemischte Werke einreihen.« Man lud sogleich Herrn du Châtelet nach Cirey, der auch alsbald eintraf und dort eine Reihe sehr angenehmer Tage verbrachte. Madame du Châtelet war gegen ihn ungemein liebenswürdig und er zog daraus seine Konsequenzen. Kurz nach seiner Abreise konnte er seinen Gästen mitteilen, daß er ein Kind erwarte. Die Hauptpikanterie der ganzen Geschichte besteht darin, daß höchstwahrscheinlich alle Beteiligten sich gegenseitig eine Komödie vorgespielt haben. Solche Vaudevilles des Lebens ereigneten sich damals täglich. So dürfte es zum Beispiel kaum einen brillanteren Lustspielaktschluß geben als die Bemerkung, die ein französischer Kavalier machte, als er seine Gattin in flagranti betrat: »Aber wie unvorsichtig, Madame! Bedenken Sie, wenn es ein anderer gewesen wäre als ich!« Der Cicisbeo Jede Frau muß mindestens einen Liebhaber haben, sonst ist sie gewissermaßen gesellschaftlich kompromittiert. In Italien pflegten viele Damen sich im Ehekontrakt einen bestimmten Cicisbeo auszubedingen, bisweilen auch zwei. Der Bräutigam, der selbst schon längst in einem anderen Kontrakt als Cicisbeo figurierte, hatte nichts dagegen einzuwenden. Lady Montague berichtet in ihren bekannten Briefen aus Wien, daß man es dort für eine schwere Beleidigung angesehen hätte, wenn jemand eine Dame zum Diner gebeten hätte, ohne ihre beiden Männer, den Gatten und den offiziellen Liebhaber, mit einzuladen. Ihr Erstaunen hierüber zeigt, daß diese Sitte offenbar nicht über den Kontinent hinausgedrungen war. Die viel frühere Vorherrschaft des bürgerlichen Elements in England, auf die wir noch zu sprechen kommen, gestattet es überhaupt nicht, von einem englischen Rokoko im eigentlichen Sinne zu reden. Der erklärte Liebhaber, der in Frankreich »petit maître« , in Italien »cavaliere servente« hieß und nicht selten ein Abbé war, begleitete seine Herrin wie ein Schatten: auf Visiten und Promenaden, ins Theater und in die Kirche, zum Ball und zum Spieltisch, er saß bei ihr im Wagen und schritt neben ihrer Sänfte, hielt ihr den Sonnenschirm und betreute ihr Hündchen, seinen gefährlichsten Nebenbuhler im Herzen der Dame. Des Morgens weckte er sie, zog die Jalousien in die Höhe und brachte die Schokolade, später assistierte er ihr sachkundig bei der Toilette und geleitete die Besuche an ihr Bett. Auch Fernerstehende wurden nämlich von den Damen mit Vorliebe beim Lever empfangen, später sogar bisweilen beim Morgenbad. Diese Sitte erscheint um so sonderbarer, als man in der Rokokozeit von der Wanne sonst fast gar keinen Gebrauch gemacht hat. In Versailles gab es keine einzige Badegelegenheit und noch in Goethes Jugend, hielt man das Schwimmen für eine Verrücktheit. Die zahlreichen Bilder badender Frauen und Mädchen, die aus jener Zeit stammen, sind kein Gegenbeweis, da sie lediglich dem Zweck dienten, die erotische Phantasie anzuregen. Wenn man bedenkt, welche lächerlich kleinen Dimensionen die damaligen Waschbecken hatten, die etwa so groß und so tief waren wie Suppenteller, so möchte man fast auf die Vermutung kommen, daß sich in jenen pikanten Deckelwannen, die alles Mögliche ahnen ließen, kein Wasser befand. Noch viel öfter als die Wanne findet sich auf den lasziven Bildern jener Zeit, die man mit der größten Unbefangenheit überall aufstellte, ein anderes Requisit: nämlich die Schaukel. Sie kam erst damals allgemein in Mode und bringt in der Tat eine Reihe typischer Rokokoelemente zum Ausdruck: das Spielerische, die vorgetäuschte Infantilität, den erwachenden Sinn für »Freiluft«, die Galanterie des Mannes und die Koketterie der Frau, und sie wirkt durch den kitzelnden Schwindel, den sie erzeugt, als eine Art Aphrodisiakum. Übrigens machte man damals auch ganz unbedenklich von viel weniger harmlosen Stimulantien einen oft ausschweifenden Gebrauch: alle Welt nahm »Liebespillen«, »spanische Fliegen« und ähnliche Anregungsmittel. Es ist unbegreiflich, wie man aus diesen und verwandten Erscheinungen schließen konnte, das Rokoko sei ein besonders stark erotisches Zeitalter gewesen; es war vielmehr eher unerotisch und wollte nur um keinen Preis auf die Genüsse der Liebe verzichten. Gerade aus der Tatsache, daß alles Sinnen und Trachten des Rokokomenschen dem Problem der Liebe und der Bereicherung, Verfeinerung und Intensivierung ihrer Technik gewidmet war, erhellt unzweideutig, daß ihm auch auf diesem Gebiete die schöpferische Kraft abhanden gekommen war. Der Augenblick, wo nicht mehr der Inhalt, sondern die Form, nicht mehr die Sache, sondern die Methode zum Hauptproblem erhoben wird, bezeichnet immer und überall den Anfang der Décadence. Erst als das Mittelalter die ganze Fülle seiner Gottesanschauung ausgelebt hatte, entwickelte die Scholastik ihre höchste Subtilität und Schärfe; erst als die griechische Philosophie alle ihre großen Würfe getan hatte, erschienen die klassischen Systematiker. Aischylos und Shakespeare waren keine Dramaturgen; dies blieb erst den Alexandrinern und den Romantikern vorbehalten. Aber andrerseits muß man gerechterweise auch anerkennen, daß gerade die Niedergangszeiten in Kunst, Wissenschaft, Lebensordnung eine Feinheit, Kompliziertheit und psychologische Witterung zu entwickeln pflegen, die nur ihnen eigen ist. Und so hat es denn auch im Rokoko zwar keine erotischen Genies gegeben, wohl aber große Amouröse, unvergleichliche Artisten der Liebeskunst, die damals zu einer ungemein geistreichen und gründlichen Wissenschaft ausgebildet wurde. An der Spitze dieser Virtuosen beiderlei Geschlechts stehen die Pompadour, deren Leben zur Legende, und Casanova, dessen Namen zum Gattungsbegriff erhöht worden ist, während eine Gestalt wie die des Herzogs von Richelieu als Repräsentant einer ganzen Spezies gelten kann: er erhielt, obgleich er ein Alter von zweiundneunzig Jahren erreichte, bis zu seinem Tode täglich ein dickes Paket Liebesbriefe, das er oft gar nicht öffnete, und erlitt die erste und wahrscheinlich einzige Niederlage seines Lebens mit Sechsundsechzig Jahren, als er auf Schloß Tournay vergeblich um die schöne Madame Cramer warb, was ihn aber als Kuriosität so amüsierte, daß er es selbst aller Welt erzählte; und einmal war er sogar Gegenstand eines Pistolenduells, das zwei Damen der höchsten Aristokratie um ihn ausfochten. Das Häßlichkeitspflästerchen Auch die Tatsache, daß das Rokoko ein Zeitalter der Gynokratie war, ist nicht aus besonders stark entwickelter Erotik herzuleiten. Dies ist vielmehr in zwei anderen Momenten begründet. Zunächst in der Feminisierung des Mannes, die sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigerte. »Die Männer«, sagt Archenholz, »sind jetzt mehr als in irgendeinem Zeitraum den Weibern ähnlich.« Sodann aber hatte in den romanischen Ländern das Gesellschaftsleben allmählich die grandiosesten Formen angenommen, und wo eine höchstentwickelte Kultur der Geselligkeit herrscht, dort herrscht auch immer die Frau. Aus derselben Ursache stammt auch in der Renaissance der soziale Primat des weiblichen Geschlechts. Nur war die Renaissance eine ausgesprochen virile Zeit und ihr Frauenideal daher die Virago. Ganz umgekehrt kann im Rokoko die Frau gar nicht weiblich und kindlich genug aussehen: es herrscht das Fragilitätsideal, das sich mit voller Bewußtheit an der Porzellanpuppe orientiert. Gesundheit gilt für uninteressant, Kraft für plebejisch. Das aristokratische Ideal, dem noch zur Zeit Corneilles und Condés eine Art Kalokagathie entsprach, wandelt sich zum Ideal der »Feinheit«, der Hypersensibilität und vornehmen Schwäche, der betonten Lebensunfähigkeit und Morbidität. Das Schönheitspflästerchen, das schon unter Ludwig dem Vierzehnten aufgetaucht war, aber erst jetzt zum dominierenden Bestandteil der mondänen Physiognomie wird und eigentlich Häßlichkeitspflästerchen heißen sollte, verfolgt den Zweck, die Regelmäßigkeit des Antlitzes pikant zu unterbrechen, und dient damit dem Hang zur Asymmetrie, der dem Rokoko eingeboren ist, hat aber zugleich die Aufgabe, einen Schönheitsfehler, nämlich eine Warze vorzutäuschen, jede Frau zur belle-vilaine zu machen und ihr damit einen neuen perversen Reiz zu verleihen: also auch hier ein Zug zum Krankhaften. Später hat man darin sogar bis zur Geschmacklosigkeit exzediert, indem man der Mouche die Gestalt von allerlei Sternen, Kreuzen und Tierfiguren gab und die Ränder mit Brillanten besetzte. Die majestätische Fontange kommt schon 1714 aus der Mode; um 1730 verdrängt der Haarbeutel, le crapaud , die Perücke, die seit Beginn des Jahrhunderts immer kleiner geworden war: die männlichen Locken stecken jetzt nur noch in einem zierlichen Säckchen, das von einer koketten Seidenschleife zusammengehalten wird; der Zopf, la queue , wird um die Mitte des Jahrhunderts allgemein, beim Militär schon früher. Das Pudern, das zur vornehmen Toilette unerläßlich war, ob es sich um eigenes oder um falsches Haar handelte, war eine äußerst schwierige Prozedur: man schleuderte gewöhnlich den Puder zuerst gegen die Zimmerdecke und ließ ihn von da auf den Kopf herabrieseln, das Gesicht schützte man dabei durch ein Tuch. Kaunitz pflegte des Morgens durch ein Spalier von Lakaien zu schreiten, die ihn möglichst gleichmäßig bestäuben mußten. Graf Brühl besaß fünfzehnhundert Perücken, die dauernd unter Puder gehalten wurden: »viel für einen Mann ohne Kopf« sagte Friedrich der Große. Auch das Antlitz mußte stets von einer starken Puderschicht bedeckt sein. Die tragische Maske des Rokokos Der Puder des Rokokos war so wenig wie die Allonge der Barocke eine »Modetorheit«, sondern dessen beredtestes Symbol. Im Rokoko galt der Mann, wenn er das vierzigste Jahr überschritten hatte, für ausgelebt, die Frau noch viel früher; man heiratete auch viel zeitiger als heutzutage: die Mädchen oft mit vierzehn oder fünfzehn Jahren, die Jünglinge mit zwanzig. Voltaire nennt sich von seinem fünfundvierzigsten Lebensjahr an in seinen Briefen einen Greis; seine Freundin Frau von Châtelet empfand sich als unmögliche Figur, als sie noch mit vierzig Jahren ein Kind erwartete. Es sind dies Maßstäbe, die großen Wandlungen unterworfen, aber stets im Zeitgeist tief begründet sind. Noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts war eine Frau von dreißig Jahren Ballmutter, heute geht sie mit fünfzig in die Tanzschule; in den französischen Sittenstücken der Achtziger Jahre war der Raisonneur, der das Leben und die Liebe mit den Augen des resignierten Zuschauers betrachtet, selten älter als vierzig, in den heutigen Filmen wird der gewissenlose Verführer mit Vorliebe als Fünfziger dargestellt. Das Rokoko fühlte sich alt; und zugleich war es von der verzweifelten Sehnsucht des Alters erfüllt, die entschwindende Jugend dennoch festzuhalten: darum verwischte es die Altersunterschiede durch das gleichmäßig graue Haar. Das Rokoko fühlte sich krank und anämisch: darum mußte der Puder die Blässe und Bleichsucht gleichsam zur Uniform machen. Das junge oder jung geschminkte Gesicht mit dem weißen Kopf ist ein erschütterndes Sinnbild der Rokokoseele, die tragische Maske jener Zeit, denn jede Zeit trägt eine bestimmte Charaktermaske, in der sie alle ihre Velleitäten sammelt, ob sie es weiß oder nicht. Die männliche Kleidung ist das Kostüm eines verwöhnten Knaben: mit ihren zarten Seidenröcken, Kniehosen und gebänderten Schuhen, reichen Jabots und Spitzenmanschetten, glitzernden Goldpailletten und Silberstickereien und dem Galanteriedegen, der ein bloßes Spielzeug ist. Die Tönung der Gewänder ist delikat, diskret, weiblich: man wählt die Farbe der Pistazie, der Reseda, der Aprikose, des Seewassers, des Flieders, des Reisstrohs und gelangt bisweilen zu ganz abenteuerlichen Nüancen: ein neues Gelbgrün hieß Gänsedreck, merde d'oie , ein Braungelb dem neugeborenen Thronfolger zu Ehren » caca Dauphin « und in puce , flohfarbig, gab es eine Menge Abstufungen: Flohkopf, Flohschenkel, Flohbauch, sogar Floh im Milchfieber. Der Bart war während des ganzen achtzehnten Jahrhunderts so vollständig verschwunden, daß man die Schauspieler nicht an der Bartlosigkeit erkannte, wie das in unserer Zeit bis vor kurzem der Fall war, sondern in gewissen Fällen gerade am Schnurrbart, wenn es nämlich ihre Spezialität war, Räuber darzustellen. Im Exterieur der Frau ist das Wichtigste die dünne mädchenhafte Taille. Sie wurde durch das Fischbeinmieder erzwungen, das als »Schnebbe« in einen langen spitzen Winkel auslief, wodurch der Eindruck der zerbrechlichen Schlankheit noch erhöht wurde. Schon am frühen Morgen begannen die unglücklichen Damen mit dem Schnüren, das sie von Viertelstunde zu Viertelstunde verstärkten, bis sie die ersehnte Wespenfigur hatten. Auch der wuchtige Reifrock, wegen seiner mächtigen Dimensionen panier , Hühnerkorb, genannt, hatte nur den Zweck, durch Kontrast den Oberkörper noch zarter wirken zu lassen. Er war ebenfalls mit Fischbein ausgesteift, und der enorme Bedarf an diesem Material war für die Holländer, die Walfischfänger Europas, ein neues gutes Geschäft. Wir sind ihm bereits in Spanien als »Tugendwächter« begegnet, aber diesmal ist er fußfrei und dient, als kokette Verhüllung, die aber nicht selten wie unabsichtlich den nackten Unterkörper sehen läßt (denn Damenhosen waren im Rokoko verpönt), durchaus nicht der Tugend. Über dem Reifrock befand sich die seidene Robe, die mit einem reichen Besatz von Girlanden, Passamenterien, Spitzen, Bändern, echten oder künstlichen Blumen und bisweilen auch mit Malereien geschmückt war: so erblickte man zum Beispiel auf dem Kleid der Königin von Portugal den ganzen Sündenfall mit Adam, Eva, Apfelbaum und Schlange. Der Reifrock, der um 1720 Europa eroberte und von aller Welt, auch von Bäuerinnen und Dienstmädchen, getragen wurde, nahm allmählich so kolossale Formen an, daß seine Trägerinnen nur seitwärts zur Tür hereinkommen konnten. Ebenso unbequem war der abenteuerlich hohe Stöckelschuh, der das Gehen fast unmöglich machte. Zu Hause und im kleinen Kreis trug man statt des Reifrocks die Adrienne, ein loses bauschiges Gewand, zu dem aber ebenfalls die Schnürbrust gehörte. Zu Anfang des Jahrhunderts wird es bei den Damen Sitte, graziös bebänderte Spazierstöcke zu tragen; ein unentbehrliches Requisit der Koketterie ist auch der Fächer, der erst jetzt als Faltfächer sein volles Spiel entwickelt. Eine neue Erfindung war auch der zusammenklappbare Regenschirm, das parapluie , während der offene Sonnenschirm, das parasol , etwas älter ist. Das ganze Kostüm wurde in der Kleidung der Kinder genau nachgeahmt, die nicht nur Haarbeutel und Panier, Mouche und Galanteriedegen, Fächer und Dreispitz trugen, sondern auch geschminkt und gepudert waren, als Dame dem Herrn den Hofknix machten und als Herr der Dame die Hand küßten. Spiegelleidenschaft Man liebt auf Denkmälern die komische Sitte, dem Verewigten einen Gegenstand in die Hand zu drücken, der seine Tätigkeit charakterisieren soll: dem Dichter eine Papierrolle, dem Erfinder ein Rad, dem Seehelden ein Fernrohr. In analoger Weise könnte man auch für jede Kulturperiode ein bestimmtes Utensil als besonders repräsentativ ansehen: so müßte man sich zum Beispiel den Menschen der anbrechenden Neuzeit mit einem Kompaß vorstellen, den Barockmenschen mit einem Mikroskop, den Menschen des neunzehnten Jahrhunderts mit einer Zeitung, den heutigen Menschen mit einer Telephonmuschel; den Rokokomenschen aber mit einem Spiegel . Er begleitete die damalige Gesellschaft durchs ganze Leben. Die Repräsentationsräume füllten sich mit mannshohen venezianischen Tafeln, die dem Besucher sein volles Porträt entgegen warfen; an einer Menge täglicher Gebrauchsgegenstände waren kleine Taschenspiegel angebracht; von allen Wänden glitzerten, durch reiche Kronleuchter und eine Fülle kleinerer Lüster unsterstützt, Spiegelgläser in allen Größen und Formen; sogar ganze Zimmer waren mit ihnen austapeziert, die ungemein beliebten Spiegelkabinette, die das Bild des Beschauers ins Unendliche vervielfachten. Aus dieser Spiegelleidenschaft spricht mancherlei. Nicht bloß, was am nächsten Hegt, Eitelkeit, Eigenliebe, Narzißmus, sondern auch Freude an Selbstbeschau, Autoanalyse und Versenkung ins Ichproblem, die sich in der Tat oft bis zu einer wahren Introspektions manie steigerte. Das Rokoko ist das anbrechende Zeitalter der klassischen Brief- und Memoirenliteratur, der Selbstdarstellungen und großen Konfessionen, der Psychologie. Diese neue Wissenschaft ist eine Errungenschaft des achtzehnten Jahrhunderts, und wir werden sehen, wie der Trieb zur Selbstzerfaserung und Seelenergründung sich im Laufe der Generationen immer mehr steigerte, bis er gegen Ende des Jahrhunderts eine schon fast moderne Höhe erreichte. Und noch ein zweites symbolisiert der Spiegel des Rokokomenschen: die Liebe zum Schein, zur Illusion, zur bunten Außenhülle der Dinge, was aber nicht so sehr »Oberflächlichkeit« als vielmehr extremes Künstlertum, raffinierte Artistik bedeutet. »Am farbigen Abglanz haben wir das Leben« lautet die Devise Fausts, die, wenn wir Nietzsche glauben dürfen, auch das Leitmotiv der griechischen Kultur war: »Oh, diese Griechen! Sie verstanden sich darauf, zu leben: dazu tut not, tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehen zu bleiben, den Schein anzubeten ... diese Griechen waren oberflächlich aus Tiefe!« Theatrokratie Es gibt eine Berufsklasse, für die der Spiegel ein ebenso unentbehrliches Instrument bedeutet wie die Retorte für den Chemiker oder die Tafel für den Schullehrer: es sind die Schauspieler. Und damit kommen wir zum innersten Kern des Rokokos: es war eine Welt des Theaters. Niemals vorher oder nachher hat es eine solche Passion für geistreiche Maskerade, schöne Täuschung, schillernde Komödie gegeben wie im Rokoko. Nicht nur war das Dasein selber ein immerwährender Karneval mit Verlarvung, Intrige und tausend flimmernden Scherzen und Heimlichkeiten, sondern die Bühne war der dominierende Faktor im täglichen Leben, wie etwa im klassischen Altertum die Rednertribüne oder heutzutage der Sportplatz. Überall gab es Amateurtheater: bei Hofe und im Dorfe, auf den Schlössern und in den Bürgerhäusern, an den Universitäten und in der Kinderstube. Und fast alle spielten ausgezeichnet. In dieser Theaterleidenschaft zeigt sich am stärksten und deutlichsten, was der tiefste Wille des Zeitalters war: die Sehnsucht nach letzter Decouvrierung der eigenen Seele. Man hat die Schauspielkunst nicht selten als eine Art »Prostitution« bezeichnet, und mit Recht. Hierin liegt aber der Hauptgrund, warum das Theater auf so viele Menschen eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt. Die »Prostitution« ist nämlich ein ungeheurer Reiz. Der Mensch hat einen tiefen eingeborenen Hang, sich zu prostituieren, aufzudecken, nackt zu zeigen: nur kann er ihn fast nirgends befriedigen. Dies war schon die Wurzel der uralten Dionysoskulte, bei denen die Männer und Frauen sich im Rausche die Kleider vom Leibe rissen, was aber die Griechen nicht als schamlose Orgie, sondern als »heilige Raserei« bezeichneten. Übertragen wir dies ins Psychologische, so stoßen wir auf den merkwürdig suggestiven Hautgout, den aller Zynismus an sich hat. Im täglichen Leben wird dem Menschen von Staat und Gesellschaft die Aufgabe gestellt, möglichst geschickt nicht er selber zu sein, sondern immer Hüllen, Draperien, Schleier zu tragen. Immer ist der Vorhang unten, nur einmal ist er oben: eben im Theater. Gerade dort also, wo sich nach der falschen Ansicht des Laien der Herrschaftsbereich der Maske, Verkleidung und Verstellung befindet, springt der Mensch unvermummter, echter, ungeschminkter hervor als sonst irgendwo. Dies ist der wahre Sinn jener »Prostitution«, die das Wesen der Schauspielkunst ausmacht: das Seelenvisier fällt, das innerste Wesen wird manifest, es muß heraus, ob der Träger des Geheimnisses will oder nicht. Das Theater ist eben mehr, als die meisten glauben: keine bunte Oberfläche, kein bloßes Theater, sondern etwas Entsiegelndes und Erlösendes, etwas schlechthin Magisches in unserem Dasein. Die Régence Gynokratie und Theatrokratie bestimmen das Rokoko während seiner ganzen Lebensdauer. Über die Periodisierung des Zeitalters herrscht aber nicht vollkommene Klarheit und Einigkeit. Man pflegt für die Zeit der Regentschaft, die von 1715 bis 1723 währte, von Style Régence zu sprechen, dann bis zur Mitte des Jahrhunderts und noch weiter darüber hinaus von einem Style Louis Quinze und schließlich vom Style Louis Seize, der im wesentlichen mit dem Zopfstil identisch ist. In seinem ersten Abschnitt trägt das Rokoko einen zügellosen, kühn auflösenden Charakter, der in seiner Heftigkeit noch etwas von der siegreichen Barockvitalität hat, dann werden seine Lebensäußerungen immer müder, blutleerer, filigraner, bis sie im antikisierenden »Zopf« zu völliger Gliedersteife und Altersschwäche erstarren. Früher hat man die Begriffe Zopf und Rokoko einfach gleichgesetzt, was völlig unberechtigt ist; viel eher läßt sich fragen, ob der Zopf überhaupt noch zum Rokoko gehört. Wir haben gehört, mit welcher unverhohlenen Freude der Tod Ludwigs des Vierzehnten begrüßt wurde. Alle Welt, der Hof und der Adel so gut wie die Roture und die Canaille, atmete auf, als der doppelte Druck des Despotismus und der Bigotterie vom Lande genommen war. »Gott allein ist groß, meine Brüder«, begann Massillon seine Leichenrede auf Louis le Grand, »und groß besonders in diesen letzten Augenblicken, wo er den Tod verhängt über die Könige der Erde.« Wie nach dem Sturz der Puritanerherrschaft in England wollte man nun auch in Frankreich sich für die langen Entbehrungen und Bevormundungen des alten Régimes schadlos halten, indem man den Genuß zum Alleinherrscher des Lebens erhob und alle Tugend für Heuchelei, alle gute Sitte für Prüderie erklärte. Ludwig der Vierzehnte hatte während seiner letzten Jahre auch in seiner Familie viel Unglück gehabt: nacheinander starben ihm alle direkten Thronerben bis auf seinen unmündigen Urenkel, und zur Regentschaft gelangte sein Neffe, der Herzog Philipp von Orléans, der Sohn der »Liselotte«, die am Theater von Versailles die Rolle der »Ingénue« spielte und sich durch ihre urwüchsigen Briefe einen noch heute lebendigen Nachruhm verschafft hat. Der Volkswitz empfahl nicht ohne Berechtigung für sie die Grabschrift: »Hier ruht die Mutter aller Laster«, denn der Herzog war der Typus des »Wüstlings«, wie er noch heute in Kolportageromanen vorkommt, glänzend begabt, bestechend liebenswürdig, aber von einer rasanten Skepsis und Frivolität, die im eigenen Vergnügen die einzige Richtschnur alles Handelns erblickte. Ludwig der Vierzehnte pflegte ihn sehr bezeichnend »fanfaron de vice« zu nennen, und er trieb in der Tat mit dem Laster eine Art bizarren Kultus, was nicht nur echter Rokokostil, sondern auch echt französisch war, denn der Franzose liebt es, sowohl seine Vorzüge wie seine Untugenden zu unterstreichen und sozusagen überchargiert zu spielen; und eben deshalb hat das Volk dem Regenten alles verziehen und ihm nicht einmal ein schlechtes Andenken bewahrt. Auf ihn geht der Ausdruck »roué« zurück: er bezeichnete damit die Genossen seiner Orgien als »Galgenvögel« und »von allen Lastern Geräderte«. Das Raffinement, mit dem diese Kompagnie stets neue Ausschweifungen ersann, bildete das bewundernde Stadtgespräch von Paris, und zu den »fêtes d'Adam« , die in Saint-Cloud veranstaltet wurden, Zutritt zu erhalten, war der Ehrgeiz aller Damen. Mit seiner Tochter, der schönen und temperamentvollen Herzogin von Berry, verband den Regenten ein leidenschaftliches Liebesverhältnis, aber auch daran fand man nichts besonders Anstößiges, wie denn überhaupt der Inzest damals gerade in den höchsten Kreisen nichts Seltenes war: so hatte zum Beispiel auch der Herzog von Choiseul, der im Siebenjährigen Krieg als Premierminister eine große Rolle spielte, eine allgemein bekannte Beziehung zu seiner Schwester, der Herzogin von Gramont. Auch in anderer Hinsicht wurden die üblichen Grenzen des Geschlechtsverkehrs wenig beachtet, und es entspricht dem greisenhaften Charakter des Zeitalters, daß vielleicht niemals die Kinderschändung so verbreitet war wie im Rokoko. Bei einer dieser Orgien wurde dem Regenten ein Schriftstück zur Unterschrift gebracht. Er war aber schon so betrunken, daß er nicht mehr signieren konnte. Er gab daher das Papier Frau von Parabère mit den Worten: »Unterschreib, Hure.« Diese erwiderte, das käme ihr nicht zu, worauf er zum Erzbischof von Cambrai sagte: »Unterschreib, Zuhälter.« Als auch dieser sich weigerte, wandte er sich an Law mit der Aufforderung: »Unterschreib, Gauner.« Aber auch dieser wollte nicht unterzeichnen. Da sagte der Regent: »Ein herrlich administriertes Reich: regiert von einer Hure, einem Zuhälter, einem Gauner und einem Besoffenen.« Aber es scheint, daß er auch hier ein wenig den Fanfaron gespielt hat, denn seine Regierung war in mancher Beziehung besser als die seines Vorgängers und seines Nachfolgers. Er verdrängte die Jesuiten vom Hofe und begünstigte die Jansenisten, tilgte ein Fünftel von den zweitausend Millionen Livres Staatsschulden, die Ludwig der Vierzehnte hinterlassen hatte, näherte sich den Seemächten und verfolgte mit Hilfe seines Lehrers, des lasziven und klugen Kardinals Dubois, eine friedliebende Politik. Die Zensurbedrückungen und die willkürlichen Verhaftungen hörten unter ihm fast ganz auf, zumal da er wie alle wirklich vornehmen und die meisten geistreichen Menschen gegen persönliche Angriffe unempfindlich war. Als Voltaire in seinem ersten Drama »Oedipe« die unglaubliche Kühnheit hatte, bei der Schilderung der blutschänderischen Beziehung zwischen dem König und Jokaste auf den Herzog und seine Tochter anzuspielen, saß dieser, obgleich er natürlich alles verstand, unbewegt in seiner Loge, klatschte Beifall und bewilligte dem jungen Autor ein bedeutendes Jahrgeld. Der Lawsche Krach Die Affäre des soeben erwähnten Law war allerdings eine der größten öffentlichen Katastrophen, die Frankreich vor der Revolution erlebt hat. John Law, ein reicher Schotte, schön, gewandt, elegant und zweifellos ein finanzielles Genie, hatte den produktiven und an sich richtigen Gedanken gefaßt, daß das Kapital der staatlichen und der großen privaten Banken sich nicht lediglich in ihrem Vorrat an Edelmetall ausdrücke, sondern auch in den Naturwerten und Arbeitskräften, die ihnen bei ihren Transaktionen zur Verfügung ständen; infolgedessen seien sie berechtigt, an den Kredit des Publikums zu appellieren und Bankbillets auszustellen, für die nicht die volle Deckung durch Bargeld vorhanden sei. Seine im Jahr 1716 auf diese Prinzipien gegründete Privatnotenbank, die später in eine königliche umgewandelt wurde, verteilte schon im dritten Jahr ihres Bestandes vierzig Prozent Dividende. Die von ihm ins Leben gerufene »Compagnie des Indes«, die zur Exploitierung Kanadas und Louisianas bestimmt war, zog die Ersparnisse ganz Frankreichs an sich, und als ihre »Mississippiaktien« auf das Zwanzigfache und Vierzigfache ihres Nennwertes stiegen, überschritt die Spekulationswut alle Grenzen. Damals wurde der Typ des »chevalier d'industrie« geboren, des abenteuernden Industrieritters, dessen Vermögen in lauter Papier besteht. 1719 erbot sich Law, den Staat mit einem Schlage zu sanieren, indem er sämtliche Steuern in Pacht nahm, 1720 wurde er zum Finanzminister ernannt. Schließlich setzte er so viele Scheine in Umlauf, daß sie das Achtzigfache alles in Frankreich befindlichen Geldes repräsentierten. Aber die Kolonien brachten nichts ein, das Publikum wurde mißtrauisch, es erfolgte ein allgemeiner Run auf die Staatsbank, ihre Billets sanken auf den zehnten, die indischen Aktien auf den fünfundzwanzigsten Teil ihres Ausgabekurses. 1721 blieb nichts übrig, als den Bankerott zu erklären, Law mußte nach Venedig fliehen, wo er acht Jahre später in größter Armut starb, eine ungeheure Teuerung brach aus, ganz Frankreich war ruiniert. Der Lawsche Krach hat bekanntlich im zweiten Teil des »Faust« Verwendung gefunden: dort wird er als mephistophelischer Handel geschildert, denn nicht Faust, sondern Mephisto ist der Urheber des Zettelschwindels, durch den der Kaiser sich rangiert; und die leichtgläubige Menge, die sich Papier für gutes Geld anhängen läßt, ist im Narren personifiziert: »Zu wissen sei es jedem, der's begehrt: der Zettel hier ist tausend Kronen wert. Ihm liegt gesichert als gewisses Pfand Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland. Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz, sogleich gehoben, diene zum Ersatz.« Indes waren die Pläne Laws nichts weniger als schwindelhaft und teuflisch, denn die Deckung für seine Scheine bestand nicht in erlogenen Märchenschätzen, sondern in sehr reellen Boden- und Sachwerten, nur wurden diese von unfähigen Kräften nicht entsprechend fruktifiziert und die an sich gesunden Kreditprinzipien von einer gedankenlosen und habgierigen Staatsregierung in maßloser Weise überspannt, und zudem überstieg das ganze System die wirtschaftliche Fassungskraft des damaligen Publikums, das dafür noch nicht reif war und sich in der Tat kopflos und närrisch benommen hat. Louis Quinze In seiner Art war auch Ludwig der Fünfzehnte ein echter Rokokofürst: übersättigt und lebenshungrig, leichtfertig und schwermütig, von Jugend an senil. Seine Selbstregierung währte fast ebenso lange wie die Ludwigs des Vierzehnten, nur überließ er die Leitung fast gänzlich seinen Staatsräten und Mätressen, in den beiden ersten Jahrzehnten dem Kardinal Fleury, dem dritten Kirchenfürsten, der in Frankreich allmächtig war. In Louis Quinze wandelt sich die kraftvolle Orgiastik der Régence in eine welke Verruchtheit. Er war intelligent, aber lange nicht so geistvoll wie der Herzog, zudem waren in seiner Seele Libertinage und Bigotterie seltsam gemischt: obgleich völlig gewissenlos, litt er doch an fortwährender Angst vor der Hölle, was die Jesuiten zur Wiedererlangung ihrer Hofstellung ausnutzten. Zuerst errangen die fünf Schwestern Mailly nacheinander das Glück, von ihm zu ersten Favoritinnen erhoben zu werden; 1745 lernte er die Pompadour kennen, die damals in der vollen Blüte ihrer Jugend und Schönheit stand. Obgleich sie, der bürgerlichen Hochfinanz entstammt, von der Hofkamarilla aufs heftigste angefeindet wurde, gelang es ihr doch, den blasierten König zwei Jahrzehnte lang zu fesseln. Sie ritt und tanzte, zeichnete und radierte, sang und deklamierte mit der größten Vollendung, las und beurteilte alle bedeutenden Neuerscheinungen: Dramen, Philosophien, Romane, Staatstheorien mit dem feinsten Verständnis, und vor allem verstand sie die Kunst, täglich neu zu sein und den Vergnügungen, mit denen sie ihren Lebensgefährten umgab, immer wieder eine überraschende und faszinierende Pointe abzutrotzen. Mit der Königin, die selber sanft und liebenswürdig, aber etwas langweilig war, stand sie auf dem besten Fuß, ja sie gab ihr sogar Liebesunterricht; später führte sie dem König in dem berühmten Parc aux Cerfs junge Schönheiten zu. Ihre Nachfolgerin war Jeanne Dubarry, eine dumme und gewöhnliche Person, die aber, vielleicht gerade durch den Hautgout ihrer Ordinärheit, einen unbeschreiblichen sexuellen Reiz besessen haben muß: besonders ihre Art, lüstern mit den Augen zu blinzeln, soll unwiderstehlich gewesen sein. Die noblesse de la robe Während der Hof sich auf diese Art amüsierte und der Bürger sich von Jahr zu Jahr mehr bildete und bereicherte, lebte das Landvolk in Lumpen und Lehmhütten und befand sich, wie ein englischer Ökonom feststellte, auf dem Standpunkt der Agrikultur des zehnten Jahrhunderts. Von der Höhe der Steuern und der Härte, mit der sie eingetrieben wurden, kann man sich heutzutage nur schwer eine Vorstellung machen: sie waren so sinnlos, daß der Bauer es oft vorzog, den Boden unbebaut zu lassen oder seine Ernte zu vernichten. Der Adel lebte noch immer wie eine höhere Rasse mit eigenen Rechten und Lebensgewohnheiten mitten unter der übrigen Bevölkerung Frankreichs, untätig, unbesteuert, keinen Pflichten unterworfen als dem Dienst der Repräsentation und keinem Gesetz gehorchend als der Laune des Königs. Ihm gehörten alle Güter, alle Ehren, alle Frauen des Landes. Als der Marschall Moritz von Sachsen, der Sohn Augusts des Starken und der schönen Aurora von Königsmark, erfolglos um die Schauspielerin Chantilly warb, die es vorzog, den Operndichter Favart zu heiraten, erwirkte er eine königliche Kabinettsordre, die ihr befahl, seine Mätresse zu werden. Dieser glänzende Kavalier, der sonst nicht über Mißerfolge bei Frauen zu klagen hatte, war übrigens noch in eine zweite für die damaligen Zustände ebenso charakteristische Skandalaffäre verwickelt, deren Mittelpunkt wiederum eine Schauspielerin war, die große Adrienne Lecouvreur. Sie hatte ein langjähriges Liebesverhältnis mit ihm und wurde von der Herzogin von Bouillon, die ebenfalls in den späteren berühmten Feldherrn verliebt war, allem Anschein nach vergiftet: der Polizeidirektor, der den Befehl erhalten hatte, jede Untersuchung über die Todesart der Künstlerin unmöglich zu machen, ließ die Leiche ohne Sarg in eine Grube werfen und mit Kalk bedecken. Indes zeigten sich doch schon damals auch einige Zeichen der beginnenden Auflösung des allmächtigen Absolutismus. Seit Franz dem Ersten hatte Paris als Residenz der Könige eine immer zentralere Stellung erlangt: schließlich waren »la cour et la ville« identisch mit ganz Frankreich. Dies blieb auch während der Regierung der beiden letzten Ludwige unverändert; aber die beiden Machtfaktoren, Hof und Stadt, beginnen zu Anfang des Jahrhunderts sich voneinander zu lösen und in eine immer feindlichere Rivalität zu treten. Unter Ludwig dem Vierzehnten dient die Stadt mit allen ihren geistigen Ressourcen: ihrer Kunst und Beredsamkeit, ihrer Dramatik und Philosophie, ihren Staatslehren und Wirtschaftstheorien dem Hof: Racine und Molière, Boileau und Bossuet sind eine Art von Kronbeamten; unter Ludwig dem Fünfzehnten wird sie zum Herd der Emanzipation, des Freigeistes und der Auflehnung. Sie hat ihren oppositionellen Kern im Pariser Parlament, der Vereinigung der Richter, deren Posten infolge der steten Geldbedürftigkeit der französischen Könige käuflich und erblich und damit vom Hof völlig unabhängig geworden waren: diese bildeten als »nohlesse de la robe« eine gegen die Krone und die Jesuiten gerichtete mächtige Clique und zugleich, infolge ihrer zahlreichen Heiraten mit reichen Kaufmannstöchtern, eine bürgerlich gefärbte Plutokratie. Nach dem Tode Fleurys verlor der Hof vollends alles Ansehen sowohl in der inneren wie in der äußeren Politik. Friedrich der Große charakterisierte das französische Regierungssystem ebenso treffend wie geistreich, als einmal in der Oper der Vorhang nicht ganz herunterging und die Füße der Tänzerinnen sichtbar blieben: »Ganz das Pariser Ministerium: Beine ohne Kopf!« Es ist für den langmütigen Royalismus der Franzosen bezeichnend, daß dieser liebloseste und wertloseste König, den sie jemals besessen haben, gleichwohl volle dreißig Jahre lang, seit seiner Genesung von einer lebensgefährlichen Krankheit im Jahre 1744, den Beinamen le Bien-Aimé , der Vielgeliebte, geführt hat. Das Konzert der Mächte In der europäischen Geschichte spielt Frankreich während jenes Zeitraums nur noch die Rolle eines lüsternen und impotenten Intriganten. Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg beginnen in der Diplomatie die Begriffe »europäisches Gleichgewicht« und »Konzert der Mächte« in Mode zu kommen: man gibt sich den Anschein, als betrachte man das bestehende Staatensystem als ein wohlbesetztes Orchester, in dem es keine dominierende Hauptstimme geben dürfe. Da diese Schlagworte aber selbstverständlich nicht von wahrer Friedensfreundschaft und Gerechtigkeitsliebe diktiert waren, sondern von bloßer Mißgunst und Eifersucht, die den andern nicht zu groß werden lassen will, verhinderten sie die Kriege nicht, sondern erweiterten bloß die Kriegsschauplätze, indem der Koalitionskrieg nun noch mehr als früher die typische Form wurde: es kämpften selten Einzelstaaten gegeneinander, sondern fast nur noch Allianzen, die sich aber sofort auflösten, wenn einer der Teilhaber entscheidende Erfolge errang. Der große Gegensatz Frankreich-Habsburg blieb bestehen, Spanien und Schweden schieden aus der Reihe der Großmächte, an ihre Stelle traten Rußland und Preußen, England war schon damals infolge seiner längeren diplomatischen Schulung und höheren politischen Reife der Schiedsrichter Europas. Die territorialen Veränderungen während der beiden ersten Drittel des Jahrhunderts sind, wenn wir von dem Besitzwechsel Schlesiens absehen, durchwegs zufällig und uninteressant, ein geistloses und willkürliches Changieren von Ländern und Länderfetzen. Österreich gewann im Frieden von Passarowitz Neuserbien mit Belgrad und die Kleine Walachei, mußte aber zwanzig Jahre später alles wieder zurückgeben, überließ damals Neapel und Sizilien, das es vom Herzog von Savoyen gegen Sardinien eingetauscht hatte, einer selbständigen Linie des Hauses Bourbon und erhielt dafür Parma und Piacenza, verlor aber auch diese Gebiete bald darauf an eine neugegründete dritte bourbonische Dynastie. Der Herzog Franz von Lothringen, der Gatte der österreichischen Thronfolgerin Maria Theresia, wurde Großherzog von Toscana, während sein eigenes Reich dem polnischen Thronprätendenten Stanislaus Lesczinski und nach dessen Tode Frankreich zufiel. Ein Versuch Philipps des Fünften von Spanien, die im Utrechter Frieden verlorenen Nebenländer wiederzugewinnen, scheiterte an der Quadrupelallianz Englands, Frankreichs, Österreichs und Hollands. Kaiser Karl der Sechste hatte den größten Teil seiner Regierungstätigkeit darauf verwendet, die Pragmatische Sanktion zur Anerkennung zu bringen, durch die er die unangefochtene Nachfolge seiner Tochter als Beherrscherin aller Erbländer zu sichern hoffte. Er verhandelte mit allen europäischen Mächten und erhielt überall Zusagen, die sofort nach seinem Tode gebrochen wurden. So entstand der achtjährige sogenannte Österreichische Erbfolgekrieg, der den habsburgischen Staat in eine der gefährlichsten Krisen versetzte, die er jemals durchzumachen gehabt hat. Es ging um nichts weniger als die fast vollständige Aufteilung des Reiches. In dem geheimen »Partagetraktat«, den die Gegner miteinander schlossen, sollte Bayern Böhmen und Oberösterreich, Sachsen die Markgrafschaft Mähren und Niederösterreich, Frankreich Belgien, Spanien die italienischen Gebiete erhalten und der habsburgische Besitz im wesentlichen auf die östliche Reichshälfte mit der Residenz Ofen zusammengedrängt werden. Nur Preußen aber, an das man am wenigsten gedacht hatte, bekam beim Friedensschluß etwas heraus. Anfangs verlief der Krieg für Österreich katastrophal: die Verbündeten besetzten Linz und Prag, der Kurfürst von Bayern empfing die Huldigung der böhmischen Stände und wurde als Karl der Siebente zum deutschen Kaiser gewählt. Aber alsbald trat eine Wendung ein: er wurde von den Österreichern und Ungarn nicht nur aus den eroberten Gebieten, sondern auch aus seinem eigenen Lande vertrieben und man sagte jetzt von ihm: »et Caesar et nihil.« Nach seinem Tode entsagte sein Sohn allen Erbansprüchen auf Österreich und ein Habsburger, der Gemahl Maria Theresias, erhielt wieder die deutsche Kaiserkrone. Der Duodezabsolutismus Bei allen diesen politischen Vorgängen spielen die Gefühle und Wünsche der Völker nicht die geringste Rolle: es handelt sich sozusagen nur um Privatauseinandersetzungen der einzelnen Potentaten untereinander, um ihre Heiratsbeziehungen, Arrondierungsgelüste, Verträge und Vertragsbrüche, persönlichen Ambitionen und Velleitäten. Wir haben bereits erwähnt, daß der französische Absolutismus auf dem ganzen Kontinent von Fürsten und Untertanen nachgeahmt wurde. Besonders in Deutschland entwickelte sich eine hemmungslose Servilität, die um so grotesker war, als es sich fast durchwegs um Kleinstaaten handelte. Ein württembergischer Pfarrer meldete seinem Herzog: »Dero allerhöchste Säue haben meine alleruntertänigsten Kartoffeln aufgefressen.« Jeder Duodezfürst hatte den lächerlichen Ehrgeiz, Versailles zu kopieren, und mußte seine italienische Oper, sein französisches Lustschlößchen, seine Fasanerie, seine Paradetruppen haben. Ebenso unerläßlich war der Besitz anspruchsvoller Favoritinnen: er war ein so striktes Erfordernis der Sitte, daß manche, wie zum Beispiel Friedrich der Erste von Preußen, es für notwendig hielten, sich eine Scheinkonkubine zu halten. »Nun fehlt unserem Fürsten nichts mehr als eine schöne Mätresse« sagte gerührt ein Bürger einer kleinen Residenzstadt, als er den Landesherren mit seiner eben getrauten jungen Gemahlin vorüberfahren sah. August der Starke, der seinen Beinamen nicht bloßer Hofschmeichelei verdankte, hatte über dreihundert uneheliche Kinder; eines davon, die Gräfin Orselska, war seine Geliebte. Der Herzog Leopold Eberhard von Württemberg war noch vorurteilsloser, indem er die dreizehn Kinder, die er von seinen fünf Mätressen hatte, untereinander verheiratete. Niemand wagte an derartigen Vorgängen Kritik zu üben, sondern man fand alles in Ordnung, was an den Höfen dieser kleinen Gottkönige geschah, feierte den Namenstag der jeweiligen illegitimen Landesmutter wie ein Volksfest und empfand es als hohe Ehre, wenn der Fürst sich zu einer Bürgerstochter herabließ. Auch die übrigen Eingriffe ins Leben des Untertanen wurden willenlos hingenommen. Die zahlreichen Jagden richteten unermeßlichen Feldschaden an und verwüsteten oft ganze Ernten, die Vorbereitungen zu den höfischen Lustbarkeiten zogen bisweilen die halbe Bevölkerung in ihren Dienst und die Kosten für all diesen Aufwand wurden nicht selten durch Rekrutierung und Verkauf der Landeskinder bestritten. Für eine wirkliche Hebung der Arbeitskraft geschah aber nichts. Man rechnete im achtzehnten Jahrhundert in Deutschland auf zwanzig Menschen einen Geistlichen und fünf Bettler. Pleiß-Athen Die geistige Hauptstadt Deutschlands war damals Leipzig, das sich als Sitz der großen Messen und der vornehmsten deutschen Universität, als Metropole der kunstsinnigen polnisch-sächsischen Könige und des Buchhandels und als modische und mondäne »galante Stadt« zum vielgerühmten »Pleiß-Athen« emporgeschwungen hatte. Gleichwohl ist alles, was damals aus Sachsen hervorgegangen ist, pure Korrepetitorenliteratur , unterrichtet und methodisch, verkniffen und verprügelt, pedantisch und korrekturwütig und unermüdlich im ermüdenden Wiederholen derselben wohlfeilen Primitivitäten. Eine liebenswürdige Erscheinung ist Christian Fürchtegott Gellert, Pfarrerssohn und Professor, von schwächlicher Körperkonstitution und Gestaltungskraft, aber fleckenlos reinem Stil und Charakter, wirksam nicht nur durch seine Romane und Lustspiele, Lieder und Erbauungsschriften, sondern auch durch seine vielbesuchten »moralischen Vorlesungen« und seine ausgedehnte Korrespondenz, in der er alle Welt als ein lehrhafter und gefühlvoller Beichtvater betreute. Friedrich der Große sagte von ihm: »das ist ein ganz anderer Mann als Gottsched« und: »er hat so was Coulantes in seinen Versen.« Damit ist er vorzüglich charakterisiert: seine außerordentliche Popularität verdankte er der weichen, einschmeichelnden, eingängigen Form, in der er seine harmlosen Weisheiten vortrug; die spinöse Zärtlichkeit, mit der er dem Leser entgegenkam, machte ihn zum idealen Frauenschriftsteller. Sein Humor wirkt ein wenig frostig: es ist die Art, wie ein Großpapa in der Kinderstube scherzt, und seine Fabeln, das einzige, was von ihm übrig geblieben ist, machen den Eindruck, als seien sie von vornherein fürs Lesebuch geschrieben worden, als ausgesprochene »Stücke für die Unterstufe«. Der Grundzug seines Wesens war eine rührende, aber etwas ermüdende Altjüngferlichkeit, so wie Gleim mit all seinen Liebesliedern den Typus des alten Junggesellen verkörperte. Die um »Vater Gleim« gescharten »Anakreontiker« waren alles eher als amourös, dazu waren sie viel zu linkisch und sittsam, und nicht einmal richtig verliebt, sondern bloß verliebt in eine ganz nebelhafte und schülerhafte Idee von Verliebtheit, die von ihren Kinderseelen Besitz ergriffen hatte; sie waren auch nie richtig betrunken, sondern ebenfalls nur berauscht von der bloßen Idee und Möglichkeit des Rausches, die schon der Anblick rosenbekränzter Weinflaschen in ihnen zu erzeugen vermochte. Weshalb Kant nicht so unrecht gehabt haben dürfte, wenn er äußerte, anakreontische Gedichte seien gemeiniglich sehr nahe dem Läppischen. Seit etwa 1730 bekleidete Gottsched die Stellung eines absoluten Literaturdiktators, nachdem sein theoretisches Hauptwerk »Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen« erschienen war, worin er die aristotelische Doktrin von der Nachahmung der Natur und die horazische Forderung des »delectare et prodesse« lehrte, beides so platt und eng wie nur möglich gefaßt. Aber schon nach einem Jahrzehnt wurde er von den Schweizern Bodmer und Breitinger gestürzt, die den Hauptgegenstand der Poesie im Außerordentlichen und Wunderbaren erblickten, »das aber immer wahrscheinlich bleiben müsse«; dieses Ideal fanden sie am vollkommensten verkörpert in der äsopischen Fabel. Im Grunde waren die Standpunkte beider Parteien nicht so verschieden, als es nach ihrer erbitterten Polemik den Anschein hatte, sie waren vielmehr feindliche Brüder, uneinig in ihren Einzelurteilen und näheren Ausführungen, völlig verwechselbar jedoch in ihrer Kunstfremdheit, Besserwisserei und sterilen Philistrosität. Ein unbestrittenes Verdienst der Schweizer war es jedoch, den selbstgefälligen, bornierten und intriganten Kunsttyrannen Gottsched gestürzt zu haben: 1765 konnte der junge Goethe über ihn berichten: »ganz Leipzig verachtet ihn«. Eine Zeitlang war Gottsched auch das literarische Gewissen der Neuberin, die in der deutschen Theatergeschichte eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat; später überwarf sie sich mit ihm und brachte ihn sogar in einer Parodie aufs Theater, mit einer Sonne aus Goldpapier auf dem Kopf und einer Blendlaterne in der Hand, womit er Fehler suchte. Die Neuberin war hübsch, gescheit, temperamentvoll, nicht ungebildet, aber wie alle Stars, wenn sie noch dazu Direktorinnen sind, ungemein herrschsüchtig und rechthaberisch; sie spielte nicht nur auf der Bühne am liebsten Hosenrollen. Als Gründerin der sogenannten Leipziger Schule hielt sie auf fleißiges und pünktliches Probieren, »Ehrbarkeit« ihrer Mitglieder, sorgfältige Versdeklamation und runde, gepflegte, »anmutige« Posen. Berühmt ist ihre symbolische Verbrennung des Harlekins auf offener Bühne. Sie brachte außer Gottscheds zahlreichen Kopien und Bearbeitungen französischer Stücke auch Gellert, Holberg und die Erstlingsdramen Lessings zur Aufführung. Ihre Truppe hatte aber mit der Zeit immer weniger Zulauf, sie zerschlug sich mit ihren zugkräftigsten Mitgliedern, ihr Spiel wurde unmodern und sie beschloß ihr Leben nur durch die Sorge ihrer Freunde ohne äußerste Notdurft. Währenddessen gelangte durch die Hanswurstdynastie Stranitzky, Prehauser und Kurz die barocke Stegreifposse in Wien zur höchsten Blüte. Diese große Tradition, künstlerischer, menschlicher und sogar ehrwürdiger als die leere aufgeblasene Gottsched-Neuberische, hat sich in der Wiener Theaterkunst im Grunde bis zum heutigen Tage erhalten und alles überlebt, indem sie alles absorbierte: Klassizismus, Romantik, Naturalismus; sie fand ihre Fortsetzung in Erscheinungen wie Raimund und Nestroy, Girardi und Pallenberg. Klopstock Jene Zeit sah auch noch den ersten Ruhm Klopstocks, dessen Gesänge die gefühlvollen »Seraphiker« zur Raserei entflammten. Schon beginnt man dem schwärmerischen Kult der Liebe und Freundschaft zu huldigen und unter Küssen und Tränen »heilige« Seelenbündnisse zu schließen, in denen sich die ersten Regungen der Empfindsamkeit ankündigen. Und in der Tat war kein Poet berufener, dem noch halb unterbewußten Drängen der sich langsam wandelnden Zeit Ausdruck zu verleihen. Seine Dichtungen sind heroische Landschaften, vor die ein Wolkenvorhang gespannt ist. Die Umrisse sind nur undeutlich sichtbar, bisweilen zuckt in der schwefelgeladenen Luft ein greller Blitz auf, zumeist liegt alles in einem unwirtlichen Nebelregen. Das war verwirrend und irritierend, ja auf die Dauer lähmend, aber es war völlig neu. Denn zum erstenmal seit langer Zeit trat ein Dichter auf, dessen Atmosphäre das Unwirkliche und Unartikulierte, Unbestimmte und Irrationale war. Die Späteren empfanden nicht mehr das Neue, nicht mehr die geheimnisvolle Suggestion, sondern nur noch die graue Monotonie und Unschärfe dieser Gesichte, die sehr oft in Unverständlichkeit und noch öfter in Langweile zerrinnt. »Ich bekenne unverhohlen«, sagt Schiller in seiner Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung, »daß mir für den Kopf desjenigen etwas bange ist, der wirklich und ohne Affektation diesen Dichter zu seinem Lieblingsbuch machen kann ... Nur in gewissen exaltierten Stimmungen des Gemütes kann er gesucht und empfunden werden.« Man kann sich die allgemeine Klopstockmanie, von der auch der junge Schiller noch ergriffen war, nur aus einer Kontrastwirkung erklären, aus der Reaktion gegen die unerträglich kahle und doktrinäre Literaturanschauung Deutschlands in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Christian Wolff Was Gottsched für die Poesie und Poetik unternommen hatte, leistete Christian Wolff für alle Teile der Gelehrsamkeit und Philosophie. Er machte die Gedanken Leibnizens, mit Ausschluß der tiefsten und originellsten, dem großen Publikum mundgerecht, indem er sie in breiter und flüssiger, dünner und salzloser Breiform vortrug, zugleich aber auch in ein wohlgegliedertes geschlossenes System brachte, wofür Leibniz sowohl zu unruhig wie zu genial gewesen war. Keines von beiden konnte man Wolff zum Vorwurf machen. Sein selbstsicheres Phlegma, seine Unbedenklichkeit, alles zu sagen und alles zu erklären, sein ordnungsliebender Schachtelgeist, seine spießbürgerliche Vorliebe für die goldenen Mittelwahrheiten machten ihn zum gefeierten und gefürchteten Klassenvorstand ganz Deutschlands. Ein Menschenalter lang, etwa von 1715 bis 1745, gab es auf den Kathedern fast nur Wolffianer; aber auch die Ärzte und Juristen, die Prediger und Diplomaten, die Damen und die Weltleute hielten es für zeitgemäß, zu »wolffisieren«, es entstanden Gesellschaften »zur Ausbreitung der Wahrheit« nach wolffischen Grundsätzen und eine zeitgenössische Satire auf die wolffische Modephilosophie führte den Titel: »Der nach mathematischer Methode, als der allerbesten, neuesten und natürlichsten, getreulich unterrichtete Schustergeselle.« Wolff verfaßte zahlreiche dicke Bände, im ganzen mehr als dreißig, über Logik und Metaphysik, Teleologie und Moral, Physik und Physiologie, Naturrecht und Völkerrecht, empirische und rationelle Psychologie: die erstere schildert die Seele, wie sie der äußeren Erfahrung erscheint, die letztere erkennt sie, wie sie wirklich ist. Er schrieb seine Lehrbücher zuerst deutsch, später auch lateinisch, um ihnen als »praeceptor universi generis humani« internationale Verbreitung zu sichern. Um die Reinigung der deutschen Sprache und die Ausbildung einer philosophischen Terminologie hat er sich nicht unerhebliche Verdienste erworben: Ausdrücke wie Verhältnis, Vorstellung, Bewußtsein sind erst von ihm geprägt worden. Es gibt in England und zum Teil auch auf dem Kontinent sogenannte »outfitter«, die ihre Kundschaft vom Kopf bis zum Fuß tadellos modern equipieren; etwas ähnliches hat Wolff auf geistigem Gebiet für den deutschen Bürger seines Zeitalters geleistet, nur daß dieser von ihm nicht sehr elegant ausstaffiert wurde: zwar komplett, aber recht bescheiden, langweilig und unvorteilhaft und auch nicht eigentlich modern, etwa in der Art gewisser Vorstadtgeschäfte, die den Besucher, ohne daß er viel aufzuwenden braucht, doch so herausputzen, daß er sich auf der Straße sehen lassen kann. Die leitenden Grundgedanken der wolffischen Philosophie sind von einer stupenden Plattheit. Der letzte Zweck aller Dinge liegt nach ihr im Menschen: durch ihn erreicht Gott die Hauptabsicht, die ihn bei der Erschaffung der Welt geleitet hat, nämlich als Gott erkannt und verehrt zu werden. Dementsprechend werden alle Erscheinungen auf geradezu groteske Weise nur von dem Gesichtspunkt aus gewertet, daß und inwieweit sie für den Menschen nützlich sind. An der Sonne zum Beispiel wird gerühmt, daß man mit ihrer Hilfe Mittagslinien finden, Sonnenuhren verfertigen, die Breite eines Ortes bestimmen kann; das Tageslicht bietet den Vorteil, »daß wir bei demselben unsere Verrichtungen bequem vornehmen können, die sich des Abends teils gar nicht, oder doch wenigstens nicht so bequem, und mit einigen Kosten vornehmen lassen«. Die Sterne gewähren uns den Nutzen, daß wir des Nachts auf der Straße noch etwas sehen können; »die Abwechslung des Tages und der Nacht hat den Nutzen, daß sich Menschen und Tiere des Nachts durch den Schlaf erquicken können, auch dient die Nacht zu einigen Verrichtungen, die sich bei Tage nicht wohl vornehmen lassen, wie Vogelfang und Fischfang.« Und der ganze Gedankengang wird in dem tiefsinnigen Satz zusammengefaßt: »Die Sonne ist da, damit die Veränderungen auf der Erde stattfinden können; die Erde ist da, damit das Dasein der Sonne nicht zwecklos sei.« Gleichwohl gelang es den Gegnern Wolffs, diese kindische Philosophie bei dem noch viel naiveren Preußenkönig als staatsgefährlich zu verleumden: sie redeten ihm ein, sie lehre das Fatum und infolgedessen dürften die »langen Kerle« straflos desertieren, wenn es das Fatum so wolle. Daraufhin erhielt Wolff, der damals Professor in Halle war, von Friedrich Wilhelm den Befehl, »die sämtlichen königlichen Lande binnen achtundvierzig Stunden bei Strafe des Stranges zu räumen«. Sogleich nach der Thronbesteigung Friedrichs des Großen kehrte er im Triumph zurück, aber schließlich wurde, wie Steinhausen sich treffend ausdrückt, »alles so wolffianisch, daß er selbst vor leeren Bänken las«. Der Pietismus An Wolffs Vertreibung war der Pietismus nicht unbeteiligt, der ebenfalls in Halle den Schwerpunkt seiner Wirksamkeit gefunden hatte. Er bildete während des ganzen Zeitalters eine halb irrationalistische Neben- und Unterströmung, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mächtig anschwellen sollte. Er nahm innerhalb des herrschsüchtigen und verknöcherten Protestantismus eine analoge Oppositionsstellung ein wie die Mystik innerhalb des verrotteten und verrosteten Kirchenglaubens des fünfzehnten Jahrhunderts, ihr auch darin ähnlich, daß er zu einem guten Teil eine Frauenbewegung war und eine religiöse Literatur der Tagebücher und »Erweckungen«, Seelenbekenntnisse und »erbaulichen correspondancen« hervorbrachte. Doch läßt er sich an Tiefe nicht mit ihr vergleichen. Seine stärkste Ausprägung verlieh ihm auf deutschem Boden die Sekte der Herrnhuter, so genannt nach einer frommen Vereinigung vertriebener Hussiten, der »mährischen Brüder«, die sich auf dem Hutberge, einer Besitzung des Grafen Zinzendorf in der Lausitz, angesiedelt hatten. In der von diesem geschaffenen »Kreuz- und Bluttheologie« wird der blutige Kreuztod des Erlösers zum ausschließlichen Inhalt des religiösen Erlebnisses gemacht und in Gefühlen von einer exaltierten und verwaschenen Sentimentalität gefeiert, die sich nicht selten bis zur äußersten Geschmacklosigkeit steigert und sogar vor Bildern, die vom ehelichen Beischlaf hergenommen sind, nicht zurückschreckt. Die englische Sektion des Pietismus wurde durch die Methodisten gebildet, die die Frömmigkeit methodisch zu üben und zu lehren suchten und sich unter den Brüdern John und Charles Wesley von Oxford aus in Amerika verbreiteten, wo sie durch die phantasievolle und energische, ja wilde Art ihrer Predigt vor allem auf die unteren Massen sehr eindrucksvoll gewirkt haben. Der bel canto Von allen diesen geistigen Bewegungen blieben die österreichischen Länder fast unberührt. Karl der Sechste war friedfertig und gutmütig, aber von stumpfem, kaltem und schwerfälligem Geist und Temperament; in der Politik zögernd, unzuverlässig, immer auf zwei Seiten; als Verwalter fleißig, aber denkfaul: auf unbequeme Fragen pflegte er mit einem unverständlichen Gemurmel zu antworten. In Sitte, Religion und Verfassung hielt er an den alten Überlieferungen mit großer Zähigkeit fest: an seinem Hofe herrschte noch immer die schwarze spanische Tracht und das devote spanische Zeremoniell, auch die höchsten Würdenträger begrüßten ihn auf den Knien und bedienten ihn kniend bei Tisch. Der »Pragmatischen Sanktion«, der fixen Idee seines Lebens, widmete er alle Kräfte, während er die Finanzen und das Heerwesen in den desolatesten Zustand verfallen ließ; vergeblich hatte ihn der alte Prinz Eugen ermahnt, lieber hunderttausend Mann auf die Beine zu stellen als mit aller Welt zu verhandeln. Er war ein großer Theaterliebhaber, ließ die prachtvollsten Ausstattungsstücke aufführen, die Europa vielleicht jemals gesehen hat, war selber Musiker und Komponist und wirkte bei seinen Hauskonzerten und Opernvorstellungen häufig mit. Natürlich dominierte am Wiener Hofe, wo das Italienische sogar als Umgangssprache herrschte, die damals allmächtige italienische Musik, und dort lebten lange Jahre der größte Musiktheoretiker und der größte Operndichter des Zeitalters: Johann Josef Fux, der in seinem berühmten »Gradus ad Parnassum« eine streng kontrapunktische und fugierte Schreibweise lehrte, und Pietro Metastasio, der drei Generationen von Komponisten die Texte geliefert hat. Metastasio war ein Librettist von einer eminenten Musikalität, dessen Dichtungen bereits selber Melodramen waren und das begleitende Orchester souverän kommandierten: Text und Ton sind daher bei ihm nicht im Kampfe um die Vorherrschaft, auch nicht parallel koordiniert, sondern zwei Seiten derselben Sache, eine ideale Einheit. Hierauf beruhte seine einzigartige Stellung, zumal in einer Zeit, die alle Kunst musikalisch empfand und das ganze Leben als eine Art Spieloper konzipierte. Alles ist bei ihm mit einem uniformen schillernden Salonlack überzogen, glatt und rund, abgeschliffen und sanft geglänzt, süß und absichtlich verschwommen. In seinen Opern erscheint zum erstenmal die Dreigliederung in das deklamierende, nur von einzelnen Cembaloakkorden begleitete recitativo secco , das gesungene und vom Orchester verstärkte recitativo accompagnato , zu dem sich die Musik an den dramatischen Stellen erhebt, und die abschließende lyrische Arie, die im Geschmack der Zeit oft auch »philosophisch« wird. Diese ist ihm weitaus die Hauptsache, Ensemblesätze spielen eine auffallend geringe Rolle. Die Handlung, meist Liebesintrigen und Staatsaktionen, ist in ihrer künstlichen Zersplitterung und Verästelung höchst kompliziert und zugleich in der Gewaltsamkeit ihrer Führung und Lösung höchst primitiv. Die italienische Mode war so stark, daß viele Musiker es für opportun hielten, ihre Namen zu italianisieren: so hieß zum Beispiel Rosetti eigentlich Rösler und stammte ganz schlicht aus Leitmeritz, während der gefeierte Virtuose Venturini ursprünglich auf den Namen Mislivecek hörte. Überall herrschte, vornehmlich auf titillazione degli orecchi , Ohrenkitzel ausgehend, der bel canto , die aus Italien importierte Kunst der Bravourarie, mit seinen italienischen Konzertmeistern, Primadonnen und Kastraten, und die Namen Amati, Guarneri und Stradivari bezeichneten eine seither nicht wieder erreichte Meisterschaft des Geigenbaus. 1711 erfand der Florentiner Bartolomeo Cristofori das piano e forte oder Hammerklavier, das allmählich alle anderen Saiteninstrumente in den Hintergrund drängte. Neben die opera seria trat die opera buffa , deren berühmtestes Exemplar Pergolesis »Serva padrona« ist. Unter dem Einfluß der »Buffonisten« schrieb Rousseau die erste komische Oper: »Le devin du village«, die ihm einen glänzenden Erfolg brachte. Er und der Neapolitaner Duni, der ebenfalls in Paris lebte, sind die Begründer dieses neuen Genres, in dem das gefrorene Pathos des dramma per musica in spielerische Grazie aufgelöst und die steife großsprecherische Arie durch das kokette beschwingte Chanson ersetzt wird. Auch auf dem Gebiet der ernsten Oper kam Jean Philippe Rameau als Orchesterkolorist der Vorliebe des Rokokomenschen für das Bunte und Schillernde mehr entgegen, wenn auch sehr gemäßigt durch die in Frankreich unüberwindliche Lullysche Tradition, deren Richtung auf die Programmusik er übernahm und mit viel Phantasie und Anmut bereicherte. Bach und Händel; Friedrich der Große Selbst Händel hat sich bekanntlich erst im reifsten Alter vom italienischen Einfluß emanzipiert. Er hat die Kunstform der Fuge auf vokalem Gebiet auf ihren höchsten Gipfel geführt, wie Bach dies auf dem instrumentalen Gebiet vollbrachte; und in seinen reichen Chören, besonders im »Israel«, der fast nur aus ihnen besteht, wird zum erstenmal ein Objekt künstlerisch gestaltet, das die Dichtung noch lange übersah: die Masse, das Volk; erst im »Tell«, ja genau genommen erst in den »Webern« wird von einem Dramatiker der Versuch gemacht, die Kollektivseele als Helden auf die Bühne zu bringen. Bach hingegen hat die erwachende Kraft des deutschen Bürgertums, die tiefe Innigkeit und herzhafte Gottesliebe des Pietismus tönend und unsterblich gemacht; in seiner monumentalen Kammerkunst vermählen sich Schwung und Schwere der Barocke mit der Intimität und Introspektion des Rokokos. Von den beiden ist Händel der unproblematischere, aber kantablere, der Psycholog, Bach der Metaphysiker. Sie ließen sich daher vielleicht mit Leibniz und Kant in Parallele stellen, auch darin, daß Händel als gesuchter und gefeierter Großmeister den Makrokosmos seiner Schöpfung für alle errichtete, während Bach, in kleinbürgerlicher Enge lebend, sein noch gewaltigeres Universalreich in seinem Innern aufbaute: Leibniz und Händel zwangen der ganzen Welt die ihre auf, Kant und Bach umspannten in ihrer Welt die ganze. Gemeinsam aber war Bach und Händel das tiefe germanische Ethos, das alle ihre Werke erfüllte. Diese riesige Doppelsonne bildet den einen der beiden unvergänglichen Ruhmestitel, die sich Deutschland damals im Reiche des Geistes errungen hat. Der andere ist Friedrich der Große. Der König »Finde in einem Lande den fähigsten Mann, den es gibt«, sagt Carlyle, »setze ihn an die erste Stelle und schenke ihm Gehorsam und Verehrung, und du hast in diesem Lande die ideale Regierung.« Ein ebenso vortreffliches wie einfaches Rezept, aber wie fast alle guten und einfachen Rezepte höchst selten befolgt! Zweifellos wäre es das Natürlichste, wenn allemal der Beste an der Spitze stünde, der Klügste und Wissendste, der Stärkste und Gewappnetste, das Auge, das am weitesten voraus und zurück zu blicken vermag, der leuchtende Fokus, in dem sich alle Strahlen der Welt versammeln: wenn mit einem Wort das Hirn kommandierte, wie wir das bei jedem einfachsten menschlichen Individuum sehen können! Aber dieser selbstverständliche Normalfall ist vielleicht ein dutzendmal in den uns genauer bekannten Abschnitten der Menschheitsgeschichte in die Erscheinung getreten. Ein dutzendmal in drei Jahrtausenden! Einer dieser wenigen Fälle war Friedrich der Große. Der Vater Das Jahr 1740 war das Jahr des Regierungswechsels nicht nur für Preußen und Österreich, sondern auch für Rußland und Rom: auf die Zarin Anna folgte ihr unmündiger Großneffe Iwan der Sechste, auf Clemens den Zwölften Benedikt der Vierzehnte, »il papa Lambertini« , der populärste Papst des achtzehnten Jahrhunderts, grundehrlich und grundgelehrt, heiter, bescheiden, an der zeitgenössischen Literatur leidenschaftlich interessiert und so vorurteilslos, daß Voltaire es wagen durfte, ihm seinen »Mahomet« zu widmen. Man hat bisweilen behauptet, daß Friedrich den größten Teil seiner Erfolge dem sonderbaren Manne verdankte, den er damals in der Herrschaft ablöste, und die beiden in dieser Rücksicht mit Philipp und Alexander verglichen. Diese groteske Ansicht wird von zwei Richtungen vertreten, die einander im übrigen völlig entgegengesetzt sind: von der offiziellen preußischen Historiographie, die alle Hohenzollern zu Genies machen möchte, und von der ebenso beschränkten sozialistischen Geschichtschreibung, die unter den Königen überhaupt kein Genie dulden will. In Wirklichkeit aber hat Friedrich Wilhelm der Erste seinem Sohne nur das Instrument der Politik an die Hand gegeben, nämlich die Armee, aber nicht einen einzigen politischen oder gar philosophischen Gedanken, während Philipp, der höchstwahrscheinlich sogar der Größere war, dem großen Alexander das ganze Konzept seiner Taten entworfen hat: er war gewissermaßen der Dichter des Alexanderzuges und der »König von Asien« nur dessen großartiger Heldendarsteller. Aber auch von denen, die Friedrich Wilhelm seinen angemessenen Platz in der preußischen Geschichte zuweisen, sind zu allen Zeiten die widersprechendsten Urteile über ihn gefällt worden: dieselben Menschen haben ihn durcheinander als fürsorglich und brutal, klarsichtig und borniert, boshaft und aufopfernd bezeichnet. Man wird ihm vielleicht am ehesten gerecht werden, wenn man in ihm eine schrullenhafte und paradoxe Genrefigur erblickt. Es ist sicherlich für ihn charakteristisch, daß er den Zopf bereits ein Menschenalter, bevor ganz Europa ihn annahm, bei seinem Heere eingeführt hat. Die Idee des patriarchalischen Absolutismus hat er zweifellos bis zur Karikatur gesteigert. Er kümmerte sich nicht bloß um Steuerleistung und Kriegsdienst, Volkswirtschaft und Hygiene seiner Untertanen, sondern auch um ihre Kleidung und Wohnung, Lektüre und Unterhaltung, Brautwahl und Berufswahl, Kücheneinteilung und Kirchenfrequenz, er war der wohlmeinende und strenge, pflichttreue und lästige Vater seines Landes und machte von dem Recht des Vaters, seine Kinder mißzuverstehen und zu mißhandeln, einen sehr ausgiebigen Gebrauch. Kein Wunder, daß sich in diesen ein starker »Vaterhaß« entwickelte. Er besaß weder viele böse noch viele gute Eigenschaften und diese wenigen in mittelmäßigem Grade. Aber seine geringen Fehler, nämlich seine Roheit, sein Geiz und sein Haß gegen alle geistigen und künstlerischen Bestrebungen gehörten zu denjenigen, die die Menschheit weniger zu verzeihen pflegt als große Sünden; und seine bescheidenen Tugenden, seine Ordnungsliebe, sein Fleiß, seine persönliche Bedürfnislosigkeit taten niemand wohl. Auch daß er das Heerwesen auf eine imposante Höhe erhob, hat ihm niemand gedankt. Denn auch hier handelte er nur aus einer Marotte. Die Armee war ihm nicht Mittel, sondern Selbstzweck. Er betrachtete sie als sein ganz persönliches Privateigentum, als eine Art Riesenspielzeug und sammelte lange Kerle wie August der Starke Porzellansachen und der Papst Lambertini schöne Drucke. Die preußischen Werbemethoden waren wegen ihrer besonderen Niederträchtigkeit berüchtigt. Hier kannte der sonst so redliche Fürst keine Hemmungen; mit allen erdenklichen Lockmitteln mußten immer neue Grenadiere herbeigeschafft werden: durch Weiber, Spiel, Alkohol, falsche Vorspiegelungen und, wenn das alles nicht half, durch brutale Gewalt. Die Truppenbewegungen waren von vorbildlicher Exaktheit, der preußische Gleichschritt hatte die Präzision eines Uhrwerks. Die Einführung des eisernen Ladestocks, verbunden mit dieser eisernen Disziplin, ermöglichte schließlich die Abgabe von zehn Schüssen in der Minute. Ohne diese Leistungen des »Gamaschendienstes« hätte Friedrich der Große seine virtuose Strategie und seine großzügige Politik in der Tat niemals entfalten können. Der Antimonarchist Dieser war in nahezu allem das Gegenteil seines Vaters, sogar in seinem Verhältnis zum »Militarismus«. Zahlreiche intime und daher zweifellos ehrliche Bekenntnisse zeigen, daß er den Krieg verabscheute, was ihn aber nicht hinderte, ihn zu führen, wenn er ihn für notwendig hielt, und in diesem Falle sogar energischer und aggressiver als alle anderen. Er nennt ihn eine »Geißel des Himmels« und bedauert, die Zeit nicht mehr erleben zu können, wo die Menschheit von ihm befreit sein werde. Ja er war nicht einmal ein Monarchist. Das mag von einem König des achtzehnten Jahrhunderts, und noch dazu dem stärksten und siegreichsten, sehr sonderbar und fast unglaublich klingen; aber es kann nicht der geringste Zweifel darüber herrschen. Er hat sein ganzes Leben lang auf seine sämtlichen gekrönten Kollegen mit einer geradezu ausschweifenden Verachtung herabgeblickt, alles, was mit höfischen Sitten und Einrichtungen zusammenhing, aufs beißendste verspottet und seine eigene Krone ohne das geringste Gefühl der höheren Erwählung, ja auch nur der juristischen Berechtigung getragen. Er wußte natürlich, daß er mehr sei als die meisten anderen Sterblichen; aber gerade darum wollte er nicht als König verehrt werden. Friedrich Wilhelm war zeitlebens ein frommer Mann im Sinne des orthodoxen Kirchenglaubens, ein Verächter aller Finessen der Diplomatie und aller Feinheiten der Literatur, knorrig, robust, primitiv gesund und primitiv ehrlich, extrem einfach in seinen Lebensansprüchen, eindeutig bis zur Einfältigkeit; Friedrich verachtete alle positiven Religionen mit einer souveränen Skepsis, die vom Atheismus nur noch durch eine schmale Grenze getrennt war, stellte die Werke der Kunst und Philosophie hoch über alle Taten des praktischen Lebens und war ein unerreichter Meister der diplomatischen Falschmünzerei und raffinierter Feinschmecker aller höheren Lebensgenüsse, dabei nichts weniger als »gesund« im Sinne des Normalmenschen, vielmehr eine außerordentlich reizbare, komplizierte, widerspruchsvolle Natur von sehr labilem inneren Gleichgewicht, auch körperlich zart und sensibel. Wie alle Genies war er »physiologisch minderwertig« und psychopathisch und wie alle Genies ist er seiner Psychose Herr geworden durch die hypertrophisch entwickelte Kraft seiner moralischen und intellektuellen Fähigkeiten. Man hat oft gesagt, er habe von seinem Vater die Arbeitsfreude und das Pflichtgefühl geerbt; aber der Fleiß des Genies ist ein ganz anderer als der des Durchschnittsmenschen: dieser erwächst aus einem mechanischen Ordnungssinn und Tätigkeitstrieb, einem primitiven bienenhaften Lebensinstinkt, jener aus einer fast manischen Hingabe an eine erlauchte Mission, einem sublimen Verantwortungsgefühl gegenüber dem eigenen magischen Schicksal. Der Philosoph Daß Friedrich der Große sein ganzes Leben lang von einem großen Leitgedanken getragen war, machte ihn zum unüberwindlichen Helden des Zeitalters und bewirkte zugleich, daß auch alle seine Einzelhandlungen, im Gegensatz zu denen seiner gekrönten Rivalen, ideenreich, geistvoll und sinnerfüllt waren. Dieser Grundgedanke bestand in nichts anderem als in der platonischen Forderung, daß die Könige Philosophen und die Philosophen Könige sein sollen. Walter Pater sagt in seinem Buche über Plato: »Gerade weil sein ganzes Wesen von philosophischen Gesichten erfüllt war, hat der Kaiser Marc Aurel, der leidenschaftlich Philosophie und zwar die Philosophie Platos betrieb, dem römischen Volke im Frieden und im Kriege so vortrefflich gedient.« Ein solcher Herrscher war auch Friedrich der Große. Das allein war auch der wahre Sinn des »aufgeklärten Absolutismus«, des Modeschlagworts jener Zeit, das nur er in seiner tieferen Bedeutung verstanden und nur er zu einer lebendigen Wirklichkeit verdichtet hat. Absolutismus bedeutet unumschränkte Herrschaft, Aufklärung bedeutet Ausbreitung des Lichts, also will diese Formel nichts anderes besagen, als daß das Licht herrschen, der stärkste Geist gebieten, der hellste Kopf anordnen soll. Über die äußeren Formen, unter denen ein solches Ideal in die Realität übersetzt wird, wollen wir nicht streiten: sie sind völlig gleichgültig und bloße Kostümfragen. Ob sich ein solcher Regent Caesar oder Oberpriester, Reichspräsident oder Volkskommissär nennt, immer wird er der legitime König sein, weil er der philosophische König ist. Das Genie Als echter Philosoph zeigte sich Friedrich der Große schon allein durch seine Toleranz. Wir verstehen darunter weder Freidenkertum noch Liberalismus. Man kann ein Freigeist sein und dabei einen sehr unfreien Geist haben, in dem, wie dies bei den meisten Freidenkern der Fall ist, das Verständnis für andersgeartete Weltanschauungen keinen Platz hat. Diese Art Aufklärer sind ebenso Gefangene ihrer engen und einseitigen Doktrin wie die von ihnen verachteten Reaktionäre. Dasselbe gilt vom landläufigen Liberalismus. Er ist liberal nur gegen die Liberalen, alle anderen Menschen sind in seinen Augen verstockte Ketzer und verblendete Toren, denen gegen ihren Willen die bessere Weltansicht aufgedrängt werden muß. Dies war denn auch die typische Art, wie im Zeitalter Friedrichs des Großen Aufklärung betrieben wurde. Das achtzehnte Jahrhundert sah allenthalben an den führenden Stellen derartige Diktatoren des Fortschritts, die es für ihre Mission hielten, die rückständige Menschheit zu ihrem Glück zu zwingen. Peter der Große und Karl der Zwölfte, Katharina die Zweite und Josef der Zweite, Kardinal Fleury und Robespierre und noch viele andere waren von dieser fixen Idee geleitet, die bis nach Portugal drang, wo der Marquis von Pombal ein wahres Schreckensregiment der Aufklärung errichtete. Diese Machthaber waren also nichts anderes als gewendete Finsterlinge und erhärteten nur von neuem die psychologische Tatsache, daß Toleranz dem Durchschnitt der Menschheit ganz wesensfeindlich ist. Friedrich der Große jedoch war tolerant nicht in seiner Eigenschaft als Freidenker, sondern als Genie. Das Genie toleriert alles, weil es alle erdenklichen Menschenexemplare und Seelenregungen latent in sich trägt, weiß sich allem anzupassen, weil es schöpferische Phantasie besitzt. Friedrich der Große übte die echte Toleranz, die ganz einfach darin besteht, daß man jede fremde Individualität und ihre Gesetze anerkennt. Daher tolerierte er auch die Reaktion. Er war, als Oberhaupt der protestantischen Vormacht Deutschlands, gegen die Jesuiten viel duldsamer als der römische Kaiser. Während dieser Klöster aufhob, ließ er abgebrannte katholische Kirchen wieder aufbauen. Er war dabei durchaus nicht etwa ohne persönliche Voreingenommenheiten, aber trotz diesen sehr hart ausgeprägten, sehr subjektiven, sehr einseitigen Überzeugungen, die seiner Persönlichkeit eben ihr scharfumrissenes, weithin leuchtendes Profil gaben, hatte er doch genügend Verständnis für alle anderen Ansichten und ließ sie auch in der Praxis tatsächlich gelten. Er war sicher eine Art Spiritualist und Ideologe, indem er immer von gewissen abstrakten Prinzipien, unmittelbaren seelischen Grunderlebnissen ausging; aber das Gegengewicht dazu bildete seine hochentwickelte geistige Elastizität, seine Fähigkeit, sich den »Versuchsbedingungen«, die ihm die Wirklichkeit bei seinen Experimenten auferlegte, jederzeit zu akkommodieren. Er war ungemein zäh und konservativ in Dingen der Theorie und ebenso beweglich und fortschrittsfähig in der Anwendung seiner Theorien auf das Leben; und diese Doppeleigenschaft ist in der Tat die Grundvoraussetzung alles fruchtbaren Denkens und Handelns. Ein eminent genialer Wesenszug war auch seine hemmungslose Aufrichtigkeit, eine Eigenschaft, die, beim Menschen schon an sich etwas Seltenes, auf einem Thron fast wie eine Unmöglichkeit erscheint. Auch in seinem Verhältnis zur Wahrheit zeigte sich das Widerspruchsvolle und doch in einem höheren Sinne sehr Einheitliche seines Wesens. Er schreckte als Politiker nicht davor zurück, die ganze Welt hinters Licht zu führen, und setzte sogar einen Ehrgeiz darein, an Taschenspielerei und Doppelzüngigkeit alle seine Gegner zu übertreffen. Und doch war er inmitten eines Zeitalters der hohlen Lügen und leeren Masken einer der unverlogensten Menschen, die je gelebt haben. Denn die Unwahrheit war für ihn nur eine Art Fachsprache, die er bei der Ausübung seiner Berufstätigkeit meisterhaft handhabte; in allen Dingen jedoch, die ihm wirklich ernst und wichtig waren, war er von der unbestechlichsten Wahrheitsliebe und unbarmherzigsten Selbstkritik geleitet. Daher rührt es, daß er, obgleich durch Geburt und Stellung, Gaben und Taten so hoch über die übrige Menschheit hinausgehoben, dennoch in der Erinnerung der Nachwelt fast als eine Privatgestalt fortlebt, frei von jedem historischen Nimbus. Dazu kommen noch eine Reihe liebenswürdiger kleiner Züge, die ihn uns naherücken. Es hat zum Beispiel etwas Skurriles und zugleich Rührendes, daß dieser große Souverän und Schlachtenlenker erklärte, der einzige Ruhm, der diesen Namen verdiene, sei der des Schriftstellers, daß er mitten in seinen Feldzügen eifrig an seinen Versen feilte und sich gegenüber allen Literaten von Rang als Schüler empfand, der von ihrer Kunst zu profitieren sucht. Alles, was er tat und unterließ, sichert ihm unser persönliches Attachement: wie anziehend unköniglich wirkt es zum Beispiel, daß er die Jagd verabscheute! Ganz »privat« wirkt auch das betont und sogar ambitiös Geistreiche seines Wesens, das wie eine feine Essenz alle seine Lebensäußerungen, von den großen Regierungshandlungen bis zu den alltäglichsten Unterhaltungen, imprägnierte. Selbst seine Erlässe waren glitzernde Bonmots, eines Swift oder Voltaire würdig, so zum Beispiel, als er einmal unter das Urteil über einen Kirchenräuber; dessen Verantwortung, die Muttergottes habe ihm das Silber selbst gegeben, von katholischen Autoritäten als nicht unglaubwürdig bezeichnet wurde, einen Freispruch schrieb, jedoch mit dem Zusatz, er verbiete ihm für die Zukunft bei harter Strafe, von der heiligen Jungfrau irgendwelche Geschenke anzunehmen, und ein andermal den Untersuchungsakt über einen Soldaten, der mit seinem Pferd Sodomie getrieben hatte, mit den Worten erledigte: das Schwein ist zur Infanterie zu versetzen. Ungemein anheimelnd wirkt auch der lebhafte Sinn für Bübereien aller Art, der ihn bis ins reife Mannesalter begleitete. Macaulay erzählt von ihm, nicht ohne ihm dafür eine schlechte Sittennote zu erteilen: »Wenn ein Höfling eitel auf seine Kleider war, wurde ihm Öl über seinen reichsten Anzug geschüttet. Hing er am Gelde, so wurde ein Trick ersonnen, durch den er gezwungen war, mehr zu zahlen, als er zurückbekam. Wenn er hypochondrisch veranlagt war, wurde ihm eingeredet, er habe die Wassersucht. Hatte er sich fest vorgenommen, nach einem bestimmten Ort zu fahren, so wurde ein Brief fingiert, der ihn von der Reise abschreckte.« Mit diesen Dingen befaßte sich Friedrich der Einzige, während er im Begriffe stand, sein Heer zum schlagkräftigsten, seine Verwaltung zur leistungsfähigsten und seinen Staat zum gefürchtetsten im damaligen Europa zu machen. Der respektable Macaulay schließt daraus auf eine böse Gemütsart. Wir möchten aber eher finden, daß durch solche Züge menschliche Größe erst menschlich und erträglich wird, wie sie denn auch fast niemals bei wahrhaft genialen Naturen zu fehlen pflegen, und daß sich in ihnen nichts weniger als Bösartigkeit äußert, sondern eine unverwüstliche Kindlichkeit und ein souveräner, künstlerischer Spieltrieb, der alles und nichts ernst nimmt. Hierin wie in so vielem war Friedrich der Große Voltaire ähnlich. Die sonderbare Freundschaft dieser beiden Männer, dokumentiert in ihrem Briefwechsel, ist eines der geistreichsten Kapitel der Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts: hier gingen französischer Pfeffer und preußisches Salz, aufeinander angewiesen und sich gegenseitig hebend, eine innige Mischung ein, die aber so scharf und beißend geriet, daß seither jeder Philister von ihr zu bitteren Tränen gereizt wird. Der Held aus Neugierde An dem so verwickelten und paradoxen und doch so klaren und durchsichtigen Charakter dieses Königs bleibt dem demokratischen Historiker nichts zu »entlarven« übrig. Er ist in seiner Selbstkritik so weit gegangen, daß er sich bisweilen sogar schlechter machte, als er war. Er gibt ganz offen zu, daß das treibende Motiv seiner Politik Ehrgeiz war. Er erzählt, daß ihm, wenn er als Kronprinz vom Türkenkrieg hörte, das Herz gepocht habe wie dem Schauspieler, der darauf zittert, daß die Reihe an ihn kommt. Und alsbald trat er aus der Kulisse, und es zeigte sich schon in den ersten Szenen, daß er entschlossen war, nicht die kleine Episodenrolle zu spielen, die das europäische Regiekollegium ihm zugewiesen hatte, sondern als Protagonist und Titelheld des Zeitalters einen ganz neuen Text zu improvisieren. »Meine Jugend«, schrieb er 1740 an seinen Freund Jordan, »das Feuer der Leidenschaften, das Verlangen nach Ruhm, ja, um dir nichts zu verbergen, selbst die Neugierde, mit einem Wort, ein geheimer Instinkt hat mich der Süßigkeit der Ruhe, die ich kostete, entrissen, und die Genugtuung, meinen Namen in den Zeitungen und dereinst in der Geschichte zu lesen, hat mich verführt«; und lange nachher, in seinen historischen Denkwürdigkeiten, wiederholt er, bei seinen Entschlüssen von 1740 sei »das Verlangen, sich einen Namen zu machen« mitbestimmend gewesen. Das sind wiederum ganz die Gedankengänge eines Schauspielers. Ein König, der in den Krieg zieht aus psychologischer Neugierde, aus einer Art Theaterleidenschaft und aus dem brennenden Wunsch, in die Zeitung zu kommen, und dies offen eingesteht: dieser degagierte Freimut, diese bizarre Koketterie, diese raffinierte und naive Glanzsucht ist echtestes Rokoko. Der tragische Ironiker So sonderbar es klingen mag: Friedrich der Große war kein ernster Mensch. Unter einem »ernsten« Menschen haben wir nämlich nichts anderes zu verstehen als den Menschen, der in der Realität befangen ist, den »praktischen« Menschen, den Materialisten; und unter einem unernsten Menschen den geistigen Menschen, der imstande ist, das Leben von oben herab zu betrachten, indem er es bald humoristisch, bald tragisch nimmt, aber niemals ernst. Beide, der humoristische und der tragische Aspekt, haben nämlich einunddieselbe Wurzel und sind zwei polare und eben darum komplementäre Äußerungen desselben Weltgefühls. Zur tragischen Optik gehört ganz ebenso das Nichternstnehmen des Daseins wie zur humoristischen: beide fußen auf der tiefen Überzeugung von der Nichtigkeit und Vanität der Welt. Und daher kommt es, daß die Gestalt Friedrichs des Großen zu den wenigen wahrhaft tragischen seines Zeitalters gehört und zugleich von einer sublimen Ironie umwittert ist. Am Schlusse seines Lebens aber, als Alter Fritz, wird er, wie alle ganz Großen: Goethe und Kant, Ibsen und Tolstoj, Michelangelo und Rembrandt, völlig unwirklich und gespenstisch, transzendent und transparent, zur Hälfte bereits Bürger einer anderen Welt. Eine ungeheure Einsamkeit breitet sich um ihn aus, er ist es müde, »über Sklaven zu herrschen«, und will neben seinen Windspielen begraben sein. Zweifellos hatte er große Fehler; aber die Lieblinge der Menschheit sind nun einmal nicht die Korrekten. Das ganze Zeitalter jubelte ihm zu, weil er der Stärkste und Menschlichste, Weiseste und Närrischste von allen war, Caesar und Don Quixote, Hamlet und Fortinbras in einer Person. In der Schweiz gab es Leute, die vor Ärger krank wurden, wenn er eine Schlacht verlor; in England, das zwar mit ihm verbündet war, aber kontinentale Machtentfaltung nie gern gesehen hat, wurden seine Siege als Nationalfeste gefeiert; in Paris machte man sich gesellschaftlich unmöglich, wenn man gegen ihn Partei ergiff; in Rußland war unter der Führung des Thronfolgers Peter eine große Hofpartei für ihn begeistert; selbst in Neapel und Spanien wurden seine Bilder feilgeboten. Der Politiker Der dänische Minister Bernsdorff nannte das vorfriderizianische Preußen einen jungen mageren Körper mit der ganzen Eßlust dieser physischen Entwicklungsstufe, und Voltaire hatte es als ein »Grenzenreich« verspottet. In der Tat lehrt ein Blick auf die historische Karte, daß der Staat, der im wesentlichen aus zwei getrennten Küstengebieten und einigen kleineren Länderfetzen im Westen bestand, in dieser Form nicht lebensfähig war. Nur wenn man einem politischen Organismus überhaupt das Recht abspricht, sich gewaltsam auszudehnen, wird man es Friedrich dem Großen verübeln dürfen, daß er nach Schlesien griff. Durch diesen Zuwachs, der den Landesumfang um ein Drittel, die Volkszahl um die Hälfte vergrößerte, erhielt Preußen erst jene Stabilität und Solidität der territorialen Basis, ohne die eine Großmacht undenkbar ist. Es ist nur zu begreiflich, daß Friedrich dieser Versuchung nicht widerstand. Aber von dem Augenblick an, als er Schlesien dem hungrigen Körper Preußens einverleibt hatte, betrachtete er diesen als gesättigt. Er äußerte 1745 in Dresden, er werde fortan keine Katze mehr angreifen, es sei denn, daß man ihn dazu zwinge, er betrachte seine militärische Laufbahn als abgeschlossen; und das war sicher ehrlich gemeint. Daß er den Siebenjährigen Krieg, einen Krieg gegen drei Großmächte, anders als gezwungen geführt hat, kann nur ein Schwachsinniger behaupten; da er selbst aber nichts weniger als schwachsinnig war, so hat er ihn natürlich in dem Augenblick begonnen, der ihm als der verhältnismäßig günstigste erschien. Unendliches Gerede ist geschrieben und gedruckt worden über den »brutalen Überfall« und »perfiden Vertragsbruch« von 1740. Daß Friedrich durch die Pragmatische Sanktion gebunden war, ist eine österreichische Lüge. Der Kaiser hatte Friedrich Wilhelm als Lohn für seine Zustimmung die Erbfolge im rheinischen Herzogtum Berg garantiert. Aber zehn Jahre später unternahm er gegen ihn mit Frankreich, England und Holland einen diplomatischen Kollektivschritt, der den Zweck hatte, ihn zum Verzicht auf diese Ansprüche zu zwingen. Daß Friedrich nicht wartete, bis Österreich vollständig gerüstet war, sondern Schlesien mitten im Winter besetzte, was nach den Prinzipien der damaligen Kriegführung etwas Unerhörtes war, ist nur ein Beweis für seine Courage und Originalität, die nicht in den hergebrachten Geleisen dachte, und die österreichische Schwerfälligkeit und Geistesträgheit. Seine einfache und darum schlagende Logik war: sich erst in den Besitz des Landes zu setzen und dann über seine Abtretung zu unterhandeln. »Ich gebe Ihnen ein Problem zu lösen«, schrieb er an seinen Minister Podewils, »wenn man im Vorteil ist, soll man ihn für sich geltend machen oder nicht? Ich bin bereit, mit meinen Truppen und mit allem; mache ich mir das nicht zunutze, so halte ich ein Gut in meinen Händen, dessen Bestimmung ich verkenne; nütze ich es aus, so wird man sagen, daß ich die Geschicklichkeit besitze, mich der Überlegenheit, die ich über meine Nachbarn habe, zu bedienen.« Und 1743 sagt er rückblickend im Vorwort zum ersten Entwurf seiner Memoiren: »Ich beanspruche nicht, die Verteidigung der Politik zu führen, die der feststehende Brauch der Nationen bis auf unsere Tage legitimiert hat. Ich lege nur in einfacher Weise die Gründe dar, die, wie mir scheint, jeden Fürsten verpflichten, der Praxis zu folgen, die den Trug und den Mißbrauch der Gewalt autorisiert, und ich sage freimütig, daß seine Nachbarn seine Rechtschaffenheit übervorteilen und daß ein falsches Vorurteil und ein Fehlschuß das der Schwäche zuschreiben würden, was doch nur Tugendhaftigkeit bei ihm wäre. Solche Betrachtungen und viele andere haben, wohl erwogen, mich bestimmt, mich der Gewohnheit der Fürsten anzupassen ... Man sieht sich am Ende gezwungen, zwischen der schrecklichen Notwendigkeit zu wählen, seine Untertanen oder sein Wort preiszugeben ... Darin opfert sich der Souverän für das Wohl seiner Untertanen.« Welcher zweite Fürst hätte es vermocht, über dieses ungeheure moralische Dilemma, das aber leider eine unleugbare Realität ist, mit einer so tiefen und klaren, edeln und phrasenlosen Objektivität zu sprechen, welcher hatte diesen tragischen Konflikt auch nur bemerkt? Aus solchen und zahlreichen ähnlichen Bekenntnissen seiner verschiedensten Lebensperioden weht uns der Atem einer erschütternden Lebenstragödie entgegen: ein Genius, durch seine Geistesform für die Welt der reinen Anschauung vorbestimmt, als Märtyrer in die trübe Sphäre des Handelns geschleudert, der er sich, demütig vor dem Schicksal, zum Opfer bringt. So sah die Seele dieses treulosen Ränkeschmieds und skrupellosen Realpolitikers in Wirklichkeit aus. Aber die Menschen sind sehr sonderbar: wenn unter ihnen einer aufsteht, der zwar ihre Schuld teilt, aber um sie weiß und unter ihr leidet, so sagen sie nicht, daß er größer und besser sei als sie, sondern erwidern ihm mit dem Vorwurf, daß er kein Heiliger ist. Man hat übrigens nicht bloß das innere Wesen Friedrichs des Großen, sondern auch das System seiner äußeren Politik sehr oft ganz falsch beurteilt. Er war gar nicht der »Erbfeind« Österreichs. Wir haben gehört, in welche furchtbare Krise die habsburgische Monarchie zu Beginn des Österreichischen Erbfolgekriegs geraten war; damals war er es, der sie durch seinen Separatfriedensschluß rettete. Durch das Abkommen von Klein-Schnellendorf wurde die einzige starke Armee, die Österreich ins Feld zu stellen hatte, gegen die Bayern und Franzosen disponibel. Er konnte die völlige Zertrümmerung Österreichs, durch die Frankreich ein unerträgliches Übergewicht erhalten hätte, auch gar nicht ernstlich wollen. Er wollte immer bloß Schlesien, auf dessen Besitz aber Maria Theresia eigensinnig bestand. Daß er mit dieser Annexion im Recht war vielleicht nicht vor dem Phantom eines zweideutigen »Völkerrechts«, das übrigens immer nur von den Besiegten angerufen zu werden pflegt, wohl aber vor dem höheren Tribunal der Kulturgeschichte wird völlig klar, wenn man den späteren geistigen und moralischen Zustand Preußisch-Schlesiens mit dem der österreichisch gebliebenen Teile vergleicht. Eine der größten Taten seiner äußeren Politik, ebenbürtig der in drei Kriegen behaupteten Erwerbung Schlesiens und zumeist nicht genügend gewürdigt, war auch die unblutige Eingliederung Westpreußens, durch die er sein Königreich erst zu einer wirklichen nordischen Großmacht erhob. Es war dies eine der bedeutsamsten »Arrondierungen« der neueren europäischen Geschichte. Der Administrator Diese Länder hat er auf mustergültige Weise verwaltet. Auf alle Gebiete erstreckte sich seine energische und maßvolle Reformtätigkeit. Er wurde der Schöpfer des Allgemeinen Preußischen Landrechts und förderte den Unterricht durch die Durchführung des General-Landschul-Reglements, die Bodenkultur durch Trockenlegung großer Sumpf- und Moorstrecken und den Handelsverkehr durch bedeutende Kanalbauten. Hingegen ließ er keine neuen Chausseen anlegen, um die Fuhrleute dadurch zu zwingen, sich länger im Lande aufzuhalten und mehr zu verzehren. Hierin opferte er dem Zeitgeist. Wir haben schon im vorigen Kapitel gehört, welche Übertreibungen sich der Merkantilismus in Preußen und anderwärts zuschulden kommen ließ. Friedrich Wilhelm der Erste verbot das lange Trauern, damit nicht dadurch der Absatz bunter Wollstoffe geschädigt werde, und bedrohte die Trägerinnen der bedruckten englischen KattunstofFe, die damals sehr in Mode waren, mit dem Halseisen. Auch Friedrich der Große sagt in seinem »Politischen Testament« vom Jahre 1752: »Beim Handel und bei Manufakturen muß grundsätzlich verhindert werden, daß das Geld außer Landes geht, indem man alles im Lande herstellt, was man früher von auswärts bezog.« Infolgedessen verbot er seinen Beamten, fremde Heilbäder aufzusuchen, und gestattete seinen Untertanen bei Auslandsfahrten nur eine bestimmte Geldsumme als Reisekasse. Jeder Haushalt hatte die sorgfältig kontrollierte Verpflichtung, eine gewisse Mindestmenge an Salz zu verbrauchen, und Heiratskonzessionen wurden nur gegen Entnahme von Waren aus der königlichen Porzellanmanufaktur erteilt. Doch hatte diese Tyrannei auch ihre wohltätigen Seiten: zur Erzeugung inländischer Seide wurden riesige Maulbeerplantagen angelegt und die Hopfen- und Kartoffelkultur nahm unter staatlicher Fürsorge eine ausgezeichnete Entwicklung. Napoleon hat gesagt: »Genie ist Fleiß.« Auch diese Definition des Genies paßt auf Friedrich den Großen in hervorragendem Maße. Es klingt unglaublich, ist aber trotzdem wahr, daß in diesem Lande das Hirn und die Arbeitskraft dieses einen Menschen buchstäblich alles vollbrachte, vom Größten und Gröbsten bis zum Kleinsten und Diffizilsten. Es muß ein lehrreiches und paradoxes, bestrickendes und beängstigendes Schauspiel für die Zeitgenossen gewesen sein, das ganze Staatswesen von diesem tausendäugigen Intendanten bis in seine letzten Fäden geleitet zu sehen. Hierin erwies der König nicht nur den Fleiß, sondern auch die Allseitigkeit des Genies. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man ihn in dieser Hinsicht mit Julius Caesar vergleicht. Der geniale Mensch vermag alles, weiß alles, versteht alles. Er ist niemals Spezialist. Er ist vorhanden und kann, was die gegebenen Umstände gerade von ihm fordern. Er hat sich auf nichts Bestimmtes »eingestellt«, er ist ein Polyhistor des Lebens. Was er ergreift, durchdringt er mit seiner Kraft, die, immer dieselbe eine und unteilbare, nichts braucht als ein beliebiges Anwendungsgebiet, um sich sogleich siegreich zu entfalten. Der Stratege Deshalb sind auch die strategischen Leistungen Friedrichs des Großen, die selbst seine gehässigsten Gegner als außerordentlich anerkennen, von seiner Gesamtpersönlichkeit nicht zu trennen. Man hat sich daran gewöhnt, die Tätigkeit des Feldherrn als den Ausdruck eines bestimmten Fachwissens und begrenzten Fachtalents anzusehen, für das es genüge, einige Kriegsschulen absolviert zu haben. Aber so wenig es etwa für den bedeutenden Arzt genügt, Medizin studiert zu haben, oder für den großen Maler, in der Anwendung der Farben Bescheid zu wissen, so wenig ist ein großer Feldherr denkbar ohne tiefere Kenntnis der menschlichen Seele, des Laufs der Welt und überhaupt aller wissenswerten Dinge. Er muß eine Art Künstler sein, vor allem ein Philosoph. Wir haben im vorigen Kapitel gehört, daß Prinz Eugen ein solcher war: für ihn hat der größte Denker des Zeitalters sein Hauptwerk geschrieben; er hat es ihm nicht etwa »dediziert«, was noch gar nichts bedeuten würde, sondern es buchstäblich nur seinetwegen verfaßt. Julius Caesar war nicht nur der Freund Ciceros (obgleich dieser sein politischer Gegner war), sondern übertraf ihn an schriftstellerischer und philosophischer Begabung. Was Moltke anlangt, so brauchen wir nur seinen Schädel anzusehen, um zu erkennen, daß wir es mit einem eminenten Denker zu tun haben. Und wer vermag zu sagen, wie viel Alexander der grandiosen Tatsache verdankte, daß sein Vater ihm Aristoteles, den geräumigsten und gefülltesten Kopf ganz Griechenlands, zum Lehrer bestimmte? Es hat keinen Sinn, zwischen der Tätigkeit eines Napoleon und eines Shakespeare einen prinzipiellen Unterschied zu machen. Aber freilich: wer wird nicht lieber eine Art Shakespeare sein wollen als eine Art Napoleon? Wer wird es vorziehen, über stumpfe langweilige Armeen von Grenadieren zu befehlen, wenn er die ganze Weltgeschichte in all ihrer Farbigkeit und Fülle zu seinem Operationsheer machen kann? Wer wird versuchen, seine innere Bewegung auf häßliche, obstinate und in jedem Falle enttäuschende Realitäten zu übertragen, wenn seinem Kommando leuchtende Idealitäten gehorchen, die niemals enttäuschen? Wer wird die Leiber der Menschen lenken wollen, wenn er ihre Seelen leiten kann, wenn er statt Fußmärschen Gedankenmärsche zu dirigieren vermag? Die Tragödie der großen Handelnden ist die Tragödie der im Leben steckengebliebenen Dichter. So müssen wir uns den großartigen Lebensekel erklären, der Julius Caesar in seinen letzten Lebensjahren erfüllte und bewirkte, daß er fast wissend in den Tod ging. So ist die sonderbare Eifersucht des großen Alexander auf den kleinen Achill zu begreifen, denn in Wahrheit galt sein Neid ja gar nicht Achill, sondern Homer! Und Friedrich der Große hätte auf seinen Thron und sein Heer und alle seine Eroberungen und Siege mit Freuden verzichtet, wenn er dafür nicht etwa ein Voltaire, sondern bloß ein bescheidener Maupertuis hätte sein dürfen. Er billigte den Krieg nicht. Er ertrug ihn mit Wehmut als das ihm vom Schicksal bestimmte Feld seiner schöpferischen Tätigkeit. Und im Grunde seines Herzens billigt ihn ja niemand. Aber die bisherige Geschichte, die allerdings nur als eine Art Prähistorie wahren Menschentums anzusehen ist, lehrt, daß er offenbar zu den biologischen Funktionen unserer Spezies gehört. Und da er nun einmal unter allen Umständen geführt werden muß, so ist es schon am besten, wenn er von Genies geführt wird. Die Strategie jener Zeit war allmählich, ganz ähnlich wie die Theologie, die Arzneikunst, die Poesie, zu geistloser Schablone und steifer Routine erstarrt. Noch im Jahre 1753 lehrte das kursächsische Dienstreglement, man solle die Bataille vermeiden und den Kriegszweck durch »scharfsinniges Manövrieren« erreichen. Natürlich kam es schließlich doch zu Schlachten, aber gewissermaßen durch Zufall und auf mechanischem Wege, wie ein genügend lang angehäufter Zündstoff eines Tages fast durch sich selbst explodiert. Auch Friedrich der Große betrachtete die Schlacht nur als ein »Brechmittel«, das lediglich in den äußersten Notfällen anzuwenden sei; aber er machte die Anwendung dieses Mittels zum Gegenstand tiefer und kühner Spekulation. Ebenso hat er im Prinzip an der damals üblichen Lineartaktik festgehalten, die das gesamte Fußvolk in eng geschlossenen Kolonnen und gleichmäßigem Taktschritt wie auf dem Exerzierplatz vorrücken ließ und dem einzelnen Kämpfer keinerlei persönliche Initiative ermöglichte. Die Schlacht bestand ganz einfach darin, daß die beiden feindlichen Truppenkörper aufeinanderstießen. Der Begriff der Reserve im Sinne der modernen Kriegführung war noch unbekannt. Friedrich der Große kam nun auf den Gedanken, eine Art Reserve dadurch zu bilden, daß er einen Flügel zunächst zurückhielt, »refüsierte«, um mit ihm im geeigneten Momente die Entscheidung herbeizuführen. Diese Methode war für die Zeit Friedrichs höchst originell, gleichwohl aber in der Geschichte kein völliges Novum: sie knüpfte, zwei Jahrtausende überspringend, an Epaminondas an. Vor diesem hatte die griechische Taktik, in der die Spartaner unerreichte Meister waren, darauf beruht, daß der Kampf auf der ganzen Linie gleichzeitig eröffnet wurde, Epaminondas aber stellte seine Truppen nicht in gleicher Tiefe auf, sondern verstärkte sie in der Art eines Keils auf der rechten oder linken Seite. Hierdurch gewann er gegen die Lakedämonier bei Leuktra eine der größten und folgenreichsten Schlachten, die je zwischen Hellenen geschlagen worden sind. Diese »schiefe Schlachtordnung« sichert dem Feldherrn die Initiative, indem sie ihm gestattet, den Punkt des Angriffs zu wählen, hat aber ihre volle Wirksamkeit nur, wenn sie durch das Moment der Überraschung unterstützt wird, weshalb sie nur von einem so geistesmächtigen und charakterstarken Schnelldenker wie Friedrich dem Großen und auch von diesem nicht immer mit Erfolg gehandhabt werden konnte. Zur Unterstützung dieser Methode diente ihm auch die Kavallerieattacke, die er aufs meisterhafteste zu entwickeln verstand, und die Konzentrierung des Artilleriefeuers an den entscheidenden Punkten. Das Wesentliche, ja geradezu Revolutionäre an allen diesen Reformen aber war der rasante Offensivgeist, der in ihnen zum Ausdruck gelangte: es wurde nicht mehr Krieg geführt, um allerlei schwerfällige und verzwickte Operationen auszuführen, sondern um zu siegen: dieser einfache und selbstverständliche Gedankengang war dem Zeitalter abhanden gekommen und man kann mit geringer Übertreibung sagen, daß es überhaupt erst seit Friedrich dem Großen in der neueren Geschichte Angriffsschlachten gibt. Und dazu kam noch die verblüffende Schnelligkeit seiner Truppenbewegungen, die ihn zum Mirakel seines Jahrhunderts und an dessen Schlusse zum bewunderten Vorbild Napoleons machte. »Das sind meine drei Artikel: nachdrücklich, schnell und von allen Seiten zugleich« sagte er zum Marquis Valory; in diesen Worten ist eigentlich seine ganze Strategie enthalten. Durch diesen mit kalter Überlegung und souveräner Beherrschung der Umstände gepaarten Elan besiegte er seine Gegner, die alle mehr oder weniger dem ewig zögernden Daun glichen. Diesen Schwung vermochte er auch auf seine Regimenter zu übertragen, die nicht eigentlich patriotisch, höchstens »fritzisch« gesinnt waren, aber von Anfang an einen zwingenden Rhythmus besaßen; mit ihnen hat er bei Roßbach und Leuthen einen weit mehr als doppelt so starken Gegner besiegt, was in der modernen Kriegsgeschichte fast ein Unikum ist. Schon im fünften Jahre seiner Regierung, seit Hohenfriedberg hieß er der Große. Phlogiston, Irritabilität und Urnebel In Friedrich dem Großen erscheinen Barocke und Aufklärung seltsam gemischt, und diese Signatur trägt das ganze Zeitalter: es ist dies eben jener Seelenzustand, den man als Rokoko bezeichnet. Auch auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften herrschte noch im wesentlichen die große Barocktradition einer halb spielerischen Freude an vorwiegend theoretisch orientierten Experimenten und Entdeckungen. Wir wollen nur einige der wichtigsten Leistungen, lediglich in ihrer Eigenschaft als charakteristische Beispiele, hervorheben. 1709 ließ Pater Lorenz Gusman in Lissabon den ersten Luftballon steigen, der aber gegen eine Ecke des Königspalastes anfuhr und verunglückte. 1716 edierte Johann Baptist Homann seinen berühmten »Großen Atlas«, der Europa, Asien, Afrika und Südamerika bereits vollständig, von Australien und Nordamerika etwa die Hälfte enthielt. Um dieselbe Zeit konstruierte Fahrenheit das Quecksilberthermometer, dem etwa zehn Jahre später Réaumur das Weingeistthermometer folgen ließ. 1727 publizierte Stephan Hales seine »Statik der Gewächse«, ein für die Pflanzenphysiologie grundlegendes Werk, worin die Phänomene des Wurzeldrucks und der Saftbewegung bereits klar erkannt sind und auf Grund genauer Messungen die Flüssigkeitsmenge bestimmt wird, die die Pflanze vom Boden aufnimmt und wieder an die Luft abgibt. 1744 erregte Trembley durch seine Experimente an Süßwasserpolypen großes Aufsehen, indem er nachwies, daß diese Geschöpfe, die man bisher für Pflanzen gehalten hatte, nicht nur als Tiere anzusehen seien, sondern auch die merkwürdige Fähigkeit der Reproduktion in einem fast unglaublichen Maße besitzen: er zerschnitt sie in drei bis vier Stücke, halbierte sie der Länge nach, ja kehrte sie wie einen Handschuh um, und alle diese Prozeduren verhinderten sie nicht,, sich wieder zu kompletten und lebensfähigen Exemplaren zu regenerieren. Ein Jahr später beschrieb Lieberkühn den Bau und die Funktion der Darmzotten. 1752 erfand der Drucker und Zeitungsherausgeber Benjamin Franklin auf Grund seiner Untersuchungen über elektrische Spitzenwirkung den Blitzableiter, so daß d'Alembert später von ihm sagen konnte: » eripuit coelo fulmen sceptrumque tyrannis ; dem Himmel entwand er den Blitz und das Zepter den Tyrannen.« Auf seiner Forschungsreise in die arktischen Länder hatte Maupertuis die polare Abplattung der Erde entdeckt. Lambert begründete die Photometrie, bestimmte die Kometenbahnen und reformierte die Kartographie. Der Kupferstecher Rösel von Rosenhof entdeckte und beschrieb die sonderbaren Bewegungen der Amöben, die er »Wasserinsekten« nannte, und veranschaulichte sie in prachtvollen farbigen Kupfertafeln. Borelli bezeichnete die Knochen als Hebel, an denen die Muskeln befestigt sind, Baglioni verglich die Blutzirkulation mit der Tätigkeit einer hydraulischen Maschine, die Respirationsorgane mit Blasebälgen, die Eingeweide mit Sieben. Auch Friedrich Hoffmann, der Begründer vorzüglicher Diätkuren und noch heute berühmt durch die nach ihm genannten Magentropfen, betrachtete den menschlichen Körper als eine Maschine, während Georg Ernst Stahl den entgegengesetzten Standpunkt des »Animismus« einnahm. Dieser ist auch der Schöpfer der »Phlogistontheorie«, die auf der Annahme fußte, daß bei der Verbrennung und auch bei der Fäulnis und der Gärung ein »brennbares Prinzip«, das Phlogiston, aus den Körpern entweiche und sie leichter mache, obgleich schon Boyle, wie wir uns erinnern, den Nachweis erbracht hatte, daß bei dem Vorgang, den man später Oxydation nannte, eine Gewichtszunahme stattfinde, ohne jedoch die Ursache dieses Phänomens erkannt zu haben, da der Sauerstoff erst 1771 von Priestley und Scheele entdeckt wurde. Infolgedessen fand er keine Anerkennung und die Grundsätze der »Pyrochemie« herrschten unangefochten fast das ganze Jahrhundert hindurch. Der führende Physiologe des Zeitalters, Albrecht von Haller, gründete die gesamte Medizin auf die Theorie von der Irritabilität, indem er lehrte, daß sämtliche Krankheiten aus der Steigerung oder Herabsetzung der normalen Reizfähigkeit zu erklären und dementsprechend mit schwächenden oder erregenden Mitteln zu behandeln seien. Die Physik blieb auch weiterhin unter dem Einfluß Newtons. Ein Newtonianer war auch der junge Privatdozent der Philosophie Doktor Immanuel Kant, der 1755 seine nachmals als »Kant-Laplacesche Theorie« allgemein akzeptierte Erklärung der Entstehung des Sonnensystems publizierte. Nach ihr bestand die Welt ursprünglich nur aus einem kosmischen Nebel; allmählich bildeten sich infolge der Dichtigkeitsunterschiede gewisse Klumpen, die vermöge ihrer größeren Masse auf die leichteren Elemente eine Anziehungskraft ausübten und sich dadurch fortwährend vergrößerten. Durch die Reibung wurde andauernd Feuer erzeugt, und so entstand die Sonne. Die Körper, die sich im Wirkungskreis der Sonne befanden, vermehrten diese entweder durch ihren Fall oder, wenn ihre eigene Schwungkraft der Anziehungskraft die Waage hielt, umkreisten sie sie. Ganz analog verhalten sich die Monde zu den Planeten, indem sie durch ihre Schwungkraft die Bewegung des Falles ebenfalls in die des Umlaufs verwandeln. Der Anfangszustand aller Weltkörper ist der feuerflüssige, der durch fortgesetzte Wärmeausstrahlung in den tropfbarflüssigen und schließlich in den festen übergeht. Auch unser Zentralkörper ist nur das Glied einer höheren Sternenwelt, die auf dieselbe Weise entstanden ist. Die Weltentwicklung ist von ewiger Dauer, die Lebenszeit der einzelnen Weltkörper aber begrenzt. Eines Tages werden die Wandelsterne in die Sonne stürzen, und auch diese wird einmal erlöschen. Diese mechanische Kosmogonie begründet für Kant aber keineswegs den Atheismus, vielmehr ist sie dessen schlagendste Widerlegung: gerade durch ihre strenge Gesetzmäßigkeit wird das Dasein Gottes aufs einleuchtendste bewiesen. Unsittliche Pflanzen Der fruchtbarste Naturforscher dieses Zeitraums ist der Schwede Karl von Linné, der ein komplettes »Systema naturae« entwarf. Sein Hauptverdienst besteht darin, daß er die »binäre Nomenklatur« streng durchführte, indem er sämtliche Pflanzen und Tiere mit je zwei lateinischen Namen bezeichnete, von denen der erste die Gattung, der zweite die Art angab: so heißen zum Beispiel Hund, Wolf und Fuchs canis familiaris , canis lupus und canis vulpes , Gurke und Melone cucumis sativus und cucumis meto ; den Namen fügte er vorzüglich klare und knappe Diagnosen bei. Auch die Minerale beschrieb er nach ihrer äußeren Gestalt und inneren Struktur, ihrem Härtegrad und optischen Verhalten. Die Flora (auch der Ausdruck stammt von ihm) gliederte er in zwitterblütige Pflanzen, an denen er die Zahl, Länge und Anordnung der Staubfäden zur weiteren Klassifizierung benützte, in getrenntgeschlechtige, bei denen er unterschied, ob sich die männlichen und weiblichen Blüten auf derselben Pflanze, auf verschiedenen Pflanzen oder mit Zwitterblüten gemischt vorfanden, und in Cryptogamia oder verborgenblütige, worunter er solche verstand, deren Blüten und Früchte ihrer Kleinheit wegen nicht deutlich wahrgenommen werden können. Diese Einteilungsmethode hat ihm wegen ihres schlüpfrigen Charakters viele Angriffe zugezogen. Man fand es höchst anstößig, daß hier von Pflanzen geredet wurde, auf denen mehrere Staubgefäße mit einem gemeinsamen Fruchtknoten im Konkubinat lebten und erklärte die Annahme so skandalöser Zustände für eine Verleumdung nicht nur der Blumen, sondern auch Gottes, der nie eine solche abscheuliche Unzucht zulassen würde. Ein so unkeusches System, schrieb ein Petersburger Botaniker, dürfe der studierenden Jugend nicht mitgeteilt werden. Großes Befremden erregte Linné auch, als er den Menschen zusammen mit den Affen in die Gruppe der Primaten versetzte. Im übrigen aber war er durchaus nicht darwinistisch orientiert, sondern bekannte sich zum Standpunkt der biblischen Schöpfungsgeschichte mit dem Satz: »Tot numeramus species, quot creavit ab initio infinitum ens.« Erwachender Natursinn Der Hauptsitz des »aufgeklärten« und »praktischen«, naturwissenschaftlich fundierten und liberal gerichteten Denkens war schon damals England. Von dort nahm die hochbedeutsame Institution der Freimaurerorden ihren Ausgang. 1717 gründeten die freemasons ihre erste Großloge; ihr Name knüpft an die Tatsache an, daß sie aus gewerkschaftlichen Verbindungen hervorgegangen waren. Ihr ideales Ziel war die Aufrichtung des salomonischen Tempels der allgemeinen Duldung und tätigen Menschenliebe. Ferner ist England, was noch viel wichtiger ist, das Geburtsland des modernen Naturgefühls. Im Jahre 1728 entwarf Langley in seinen »Neuen Grundsätzen der Gartenkunst« das erste Programm des »englischen Gartens«. Er wendet sich darin aufs entschiedenste gegen die geometrische Parktradition von Versailles, die die Natur verkrüppelt und entseelt hatte, und will überhaupt keine geraden Baumreihen mehr dulden, sondern nur irreguläre Anlagen: wild wachsende Sträucher, kleine Waldpartien, Hopfenanpflanzungen, Viehweiden, Felsen und Abgründe. Alles dieses soll aber und hierin spricht sich noch immer echtes Rokokogefühl aus künstlich erzeugt werden: Hirsche und Rehe in Einhegungen sollen freies Naturleben, eingebaute Ruinen, ja sogar auf Leinwand gemalte Berge sollen Wildromantik vortäuschen; es herrscht noch immer, wenn auch mit verändertem Vorzeichen, das Barockprinzip, aus der Natur eine Theaterdekoration zu machen. Diese Ideen wurden zum Teil von William Kent in seinen »fermes ornées« verwirklicht. Montesquieu, der erste große Anglomane in Frankreich, verwandelte zu Anfang der Dreißigerjahre nach seiner Rückkehr aus England den Park seines Stammschlosses in einen englischen Garten. Für den erwachenden Natursinn zeugen auch die damals beliebten »bals champêtres« und die sogenannten »Wirtschaften«, bei denen vornehme Damen und Herren sich als Weinschenker, Bauern, Jäger und Fischer kostümierten und »einfaches Landleben« spielten. Man findet Freude am Schlittenfahren und Klopstock besingt den »Eislauf«. Im Sommer gewöhnen sich die eleganten Damen an den breiten strohernen Schäferhut. Es handelt sich vorläufig erst um ein Kokettieren mit der Natur, und im wesentlichen ist es, trotz Bergprospekten und Ruinenkultus, noch nicht die romantische Natur, die man meint, sondern die idyllische, gastliche, rührende, die Lämmer-, Bächlein- und Wiesennatur, die sich sanft zu den Füßen des Menschen schmiegt; das höchste Lob, das jene Zeit einer Naturszenerie zu spenden weiß, ist die Bezeichnung »angenehm«. Zudem ist die Auffassung noch stark vom wolffischen Rationalismus und Utilitarismus durchsetzt. Man liebt die ländliche Natur vor allem als Spenderin schmackhafter Gemüse, nahrhafter Milch und frischer Eier. Das Hochgebirge ist verhaßt. Samuel Johnson nennt noch 1755 in seinem »Dictionary«, den die Engländer als ein Weltwunder anstaunten, die Berge »krankhafte Auswüchse und unnatürliche Geschwülste der Erdoberfläche« und schrieb nach seiner Reise in die schottischen Hochlande: »Ein an blühende Triften und wogende Kornfelder gewöhntes Auge wird durch diesen weiten Bereich hoffnungsloser Unfruchtbarkeit zurückgeschreckt«: mit Behagen vermag eben der Blick nur auf Gegenden zu ruhen, die Brot und Butter liefern; die Hochlande sind unfruchtbar, also können sie nicht schön sein. Auch Hallers Gedicht »Die Alpen«, das ungeheure Sensation machte, bringt mit Anschaulichkeit nur die menschliche Staffage der schweizerischen Landschaft, dazu noch moralisierend und politisierend. Bibel und Hauptbuch Um jene Zeit ist der moderne Engländer bereits fix und fertig: in seiner Mischung aus spleen , cant und business , seiner Weltklugheit und Nüchternheit, die, hie und da gepfeffert durch fixe Ideen, Tiefe durch Gründlichkeit und Bedeutung durch Klarheit ersetzt; didaktisch, idiosynkratisch und pharisäisch und ebenso fromm wie geschäftstüchtig. Er glaubt an den Feiertagen an Gott und die Ewigkeit und während der Woche an die Physik und den Börsenbericht, und beidemale mit der gleichen Inbrunst. Am Sonntag ist die Bibel sein Hauptbuch, und am Wochentag ist das Hauptbuch seine Bibel. Nach dem Tode der Königin Anna war die Krone an den Kurfürsten von Hannover gefallen, wodurch abermals eine Personalunion zwischen England und einer Kontinentalmacht entstand. Georg der Erste, geistig ebenso unbedeutend wie seine drei Namensvettern, die ihm folgten, beherrschte nicht einmal die Landessprache und verständigte sich mit seinen Beamten im Küchenlatein, so daß er nicht imstande war, einem Ministerrat beizuwohnen. Sein Premierminister war Robert Walpole, der schon vorher für die hannoverische Sukzession sehr wirksam tätig gewesen war und ihm die Mehrheit im Unterhause durch ein kunstgerechtes Bestechungssystem dauernd sicherte. Das Korruptionswesen jener Zeit ist in John Gays »Beggar's opera« satirisch verewigt worden, die zugleich eine Parodie auf die damalige italienische Modeoper darstellte. Aber als bei der Premiere ein Couplet über Bestechungen nach demonstrativem Applaus wiederholt wurde, hatte Walpole Geist genug, eine zweite Repetition zu verlangen, was ihm selber den Beifall des ganzen Hauses eintrug. Im Parlament, in dessen Händen die Leitung der gesamten auswärtigen Politik übergegangen war, stützte er sich auf die Whigs. Er behauptete seine Stellung auch unter Georg dem Zweiten. The comfort Während dessen Regierung fand ein außerordentliches Ereignis statt, vielleicht das folgenschwerste der ganzen englischen Geschichte: Robert Clive begründete die britische Herrschaft in Ostindien. Ein unerschöpflicher Strom von Reis und Zucker, Spezereien und Pflanzenölen ergoß sich über England. »Bis zu Clives Auftreten«, sagt Macaulay, »waren die Engländer bloße Hausierer gewesen.« Die Jagd nach dem Geld begann, das kleine, genügsame, exklusive Inselvolk wurde mit einem Schlage ein Volk von Welthändlern, Kauffahrern und Riesenspekulanten. Aus Indien kamen die »Nabobs«, die ihre dort errafften Reichtümer parvenühaft zur Schau trugen und eine neue Gesellschaftsklasse von ebenso verachteten wie beneideten Selfmademen bildeten. Die Merkantilisierung des ganzen öffentlichen Lebens machte reißende Fortschritte. Es beginnt der Handel auf Grund von Warenproben und es entwickelt sich das Verlagswesen , organisiert von Geldmännern, die die Arbeitsprodukte des Handwerks bloß vertreiben, indem sie sich sie durch Vorschüsse zu niedrigen Preisen sichern: und dies sind in der Tat die beiden typisch modernen Wirtschaftsformen. Zugleich erzeugt der üppige Zufluß des Bargeldes den Komfort, der ebenfalls ein der bisherigen Neuzeit unbekannter Begriff ist. Die Entstehungsgeschichte dieses Wortes ist charakteristisch. Es heißt ursprünglich im Englischen so viel wie »Trost«, »Ermutigung« und gewinnt erst jetzt die Bedeutung von »Behagen«, »Wohlbefinden«, Bequemlichkeit«, in der es ins Deutsche übergegangen ist. Für den Engländer liegt eben tatsächlich die höchste Tröstung und Ermutigung, die letzte Legitimation seiner Existenz darin, daß es ihm wohlergeht. Der kalvinistische Geistliche Richard Baxter, der zur Zeit der Restauration und der wilhelminischen Revolution in England lebte, sagt in seinem »Christlichen Leitfaden«: »Für Gott dürft ihr arbeiten, um reich zu sein!« Geschäftserfolg gilt als Beweis der Erwählung: dies ist seine und die allgemein englische Auffassung von der Prädestination. An die Stelle der christlichen Rechtfertigung tritt die bürgerliche, praktische, eudämonistische: wem es wohlergeht auf Erden, der ist gerecht, die Unseligen und Verdammten sind die Armen; eine Umkehrung der evangelischen Lehre von beispielloser Kühnheit und Flachheit. Franklin und Robinson Taine sagt in seiner unvergleichlich plastischen Art über das damalige England: »Ein Prediger ist hier nur ein Nationalökonom im Priesterkleide, der das Gewissen wie Mehl traktiert und die Laster wie Einfuhrverbote bekämpft.« Dieser Typus erscheint im Leben am konzentriertesten verkörpert in dem Lesebuchhelden Benjamin Franklin, dem Schöpfer des Wortes: »Time ist money« , in der Literatur am komplettesten ausgestaltet in Daniel Defoes »Life and strange surprising adventures of Robinson Crusoe of York«. Robinson ist der tüchtige Mensch, der sich in allen Situationen zu helfen weiß: praktischer Nationalökonom, Politiker und Techniker; und Deist, der an Gott glaubt, weil er dies ebenfalls als ziemlich praktisch erkannt hat. Es ist bezeichnend, was Defoe außer seinen mehr als zweihundert Büchern noch geschaffen hat: er gründete die ersten Hagel- und Feuerversicherungsgesellschaften und Sparbanken. Der Extrakt seiner Philosophie findet sich in den Worten, mit denen der Vater Crusoe seinen Sohn auf die Reise entläßt: »Der Mittelstand ist die Quelle aller Tugenden und Freuden, Friede und Überfluß sind in seinem Gefolge, jedes anständige und wünschenswerte Vergnügen sehen wir an seine Lebensweise geknüpft; auf diesem Wege fließt unser Dasein angenehm dahin, ohne Ermattung durch körperliche oder geistige Anstrengungen .« Familienroman und comédie larmoyante Neben Defoe und Franklin trat Richardson, der Schöpfer des englischen Familienromans, der ebenfalls im Hauptberuf Ladenbesitzer war. Sein erfolgreichstes Werk, das über viertausend Seiten umfaßt, führt den schönen Titel: »Clarissa, oder die Geschichte eines jungen Mädchens, die wichtigsten Beziehungen des Familienlebens umfassend und insbesondere die Mißfälle enthüllend, die daraus entstehen, wenn Eltern und Kinder in Heiratsangelegenheiten nicht vorsichtig sind.« Ein anderer ebenso berühmter Roman gibt in der Überschrift eine Selbstcharakteristik, der nichts mehr hinzuzufügen ist: »Pamela, oder die belohnte Tugend, eine Reihe von Familienbriefen, geschrieben von einer schönen jungen Person an ihre Angehörigen und zu Druck gebracht, um die Grundsätze der Tugend und der Religion in den Geistern der Jugend beider Geschlechter zu fördern, ein Werk mit wahrem Hintergrund und zugleich voll angenehmer Unterhaltung des Geistes durch vielfältige, merkwürdige und ergreifende Zwischenfälle und durchaus gereinigt von allen Bildern, die in allzu vielen nur zur Ergötzung verfaßten Schriften das Herz entflammen, statt es zu bilden.« Der Vater des »bürgerlichen Trauerspiels«, des noch süßlicheren und verlogeneren dramatischen Pendants zum Familienroman, George Lillo, war Juwelier. Diese Gattung verbreitete sich rasch nach Frankreich als comédie larmoyante , was die Anhänger mit »rührend«, die Gegner mit »weinerlich« übersetzten; ihr erster Vertreter war Nivelle de la Chaussée, den die Schauspielerin Quinault darauf hingewiesen hatte, daß mit sentimentalen Szenen beim Publikum mehr Glück zu machen sei als mit echt tragischen. Auch Voltaire, stets wachsam auf fremde Erfolge, betätigte sich alsbald in diesem Genre. Das erste deutsche Werk dieser Art waren Gellerts »Zärtliche Schwestern«. Nur Holberg, dem »dänischen Molière«, wie man ihn etwas überschwänglich genannt hat, gelang es, seinen Landsleuten ein Nationallustspiel, ein Nationaltheater und, was noch mehr ist, einen Nationalspiegel zu schenken, in dem sie sich, nicht übermäßig geschmeichelt, aber doch liebenswürdig karikiert, erkennen und betrachten konnten. Er war Schnelldichter wie alle echten Komödientemperamente, daneben ein sehr fleißiger Journalist, Historiker und Popularphilosoph. Er begann als Wandergeiger und Bettelstudent, hatte jahrzehntelang die aufreibendsten Kämpfe mit zelotischen Pfaffen, unwissenden Philistern und gelehrten Eseln zu bestehen und endete als Grundbesitzer und Baron, zur damaligen Zeit für einen verachteten Schauspielschreiber und armseligen Hungerprofessor eine unerhörte Karriere. Aber seine verdiente Karriere hat er erst nach seinem Tode gemacht, als man zu erkennen begann, was man an seinen bis zur Ordinärheit kraftvollen und bis zur Banalität lebensvollen Stücken besaß: bis zu den Tagen Andersens und Ibsens hat Skandinavien keinen so scharfen und reichen Wirklichkeitsbeobachter von so freier Souveränität und machtvoller Ironie mehr hervorgebracht. Die Wochenschriften Das bedeutsamste literarische Ereignis für das erwachende Bürgertum war aber das Entstehen der englischen Wochenschriften, 1709 begründete Steele mit seinem Hauptmitarbeiter Addison den »Tatler«, dem 1711 der »Spectator« und 1713 der »Guardian« folgte. Das Programm dieser Revuen hat Addison mit den Worten ausgesprochen: »Man hat von Sokrates gesagt, daß er die Philosophie vom Himmel herabgeholt habe, damit sie unter den Menschen wohne; ich habe den Ehrgeiz, daß man von mir sage: er hat die Philosophie aus den Akademien und Schulen geholt, damit sie in den Klubs und Gesellschaften, am Teetisch und im Kaffeehaus, im Heim, im Kontor und in der Werkstatt Platz nehme.« Sehr bald fand er überall Nachahmer. Der große Samuel Johnson edierte den »Idler« und den »Rambler«, der graziöse Lustspieldichter Marivaux den »Spectateur français«, und der Abbé Prévost, der Verfasser der »Aventures du chevalier des Grieux et de Manon Lescaut«, in denen der englische Sittenroman ohne lästiges Moralisieren und mit echter Leidenschaft fortgebildet wird, war sieben Jahre lang Herausgeber der Zeitschrift »Le Pour et le Contre«. In Italien begründete der ältere Gozzi den »Osservatore«. Die erste deutsche Publikation dieser Art, die »Discourse der Mahlern«, herausgegeben von Bodmer und Breitinger, erschien in der Schweiz, ihr folgte drei Jahre später der »Patriot« in Hamburg, Gottsched schrieb die »Vernünftigen Tadlerinnen« und den »Biedermann« und eine dieser zahllosen Zeitschriften führte sogar den leicht mißzuverstehenden Titel: »Die Braut, wöchentlich an das Licht gestellt«. Über Addison, der der unerreichte Klassiker dieses Genres geblieben ist, sagt Steele: »Leben und Sitten werden von ihm nie idealisiert, er bleibt immer streng bei der Natur und der Wirklichkeit, ja er kopiert so getreu, daß man kaum sagen kann, er erfinde.« Er war in der Tat nicht mehr und nicht weniger als der geschickte und beflissene, banale und kunstreiche Salonphotograph seines Zeitalters, dem er ein stattliches wohlassortiertes Porträtalbum schuf, ein ebenso wertvolles und ebenso wertloses, wie es alle derartigen Arbeiten zu allen Zeiten gewesen sind. Hogarth Der Maler William Hogarth erzählte in Bilderserien satirisch, aber ohne eigentlichen Humor den Lebenslauf einer Buhlerin, das Schicksal einer Modeehe, die Geschichte eines Wüstlings, das Los des Fleißes und der Faulheit. Seine Schilderungen waren in zahlreichen Kupferstichen verbreitet und somit nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Form eine Art malerischer Journalismus; sie bilden daher scheinbar eine Art Gegenstück zu den Wochenschriften und moralischen Romanen. Aber in Wirklichkeit kann man diese beiden Erscheinungen gar nicht miteinander vergleichen. Denn Hogarth ist Moralist und Didakt nur im Nebenamt, in erster Linie aber Künstler: ein wirklichkeitstrunkener Schilderer voll Wucht und Schärfe, ein Farbendichter von höchstem Geschmack und Geist. Er opferte in seinen Predigten nur der Zeit, und er wäre größer ohne seine Philosophie; Richardson und Addison aber besaßen in ihrem bürgerlichen Moralpathos ihre stärkste Lebensquelle, von der ihr ganzes Schaffen gespeist wurde: ohne dieses wären sie nicht größer, auch nicht kleiner, sondern überhaupt nicht. Sie wollten Maler sein und gelangten kaum bis zum Literaten, Hogarth wollte, in sonderbarer Verkennung seiner Mission, Literat sein und blieb trotzdem ein großer Maler. Die Dichter des Spleen Indes hat in all dieser Nüchternheit doch auch der Einschlag von Spleen nicht gefehlt, der eine stete Ingredienz der englischen Seele bildet. Er ist verkörpert in der Gruft- und Gespensterpoesie. 1743 ließ Robert Blair das Gedicht »The Grave« erscheinen, das in suggestiven Blankversen Variationen über das Thema: Tod, Sarg, Mitternacht, Grabesgrauen, Geisterschauer anschlug. Aus derselben Zeit stammen Edward Youngs »Night Thoughts on Life, Death and Immortality« und Thomas Grays »Elegy, written in a Country Churchyard«, voll finsterer Beklemmungen und Gesichte und zugleich durchhaucht von dem ersten sanften Säuseln der Empfindsamkeit. Das Genie des Spleen aber ist, einsam in pathologischer Dämonie und grimassenhafter Überlebensgröße, Jonathan Swift, der Dechant von Sankt Patrick. Die freethinkers Jedes Zeitalter hat ein Schlagwort, von dem es bis zu einem gewissen Grade lebt: das damalige hieß »Freidenkertum. Die Vorläufer der Freidenker waren die »Latitudinarier« des siebzehnten Jahrhunderts, die alle konfessionellen Unterschiede der christlichen Sekten für unwesentlich erklärten und nur die in der Heiligen Schrift niedergelegten »Grundwahrheiten« als bindend erachteten. John Toland, der in seinem 1696 erschienenen Werk »Christianity not mysterious« nachzuweisen suchte, daß in den Evangelien nichts Widernatürliches, aber auch nichts Übervernünftiges enthalten sei, sprach zuerst von freethinkers, worüber Anthony Collins dann in seiner Schrift »A discourse of freethinking« vom Jahre 1713 ausführlicher handelte. Woolston erklärte die Wunder des Neuen Testaments allegorisch. Matthew Tindal vertrat in der Abhandlung »Christianity as old as the creation« den Standpunkt, daß Christus die natürliche Religion, die von jeher bestanden habe und von Anfang an vollkommen gewesen sei, nur wiederhergestellt habe. Seit 1735 verfaßte auch in Deutschland Johann Christian Edelmann antiklerikale Schriften, worin er die positiven Religionen als »Pfaffenfund« bezeichnete, erregte aber mit ihnen nicht so viel Aufsehen wie mit seinem langen Bart. Hutcheson versuchte als erster eine wissenschaftliche Analyse des Schönen und verteidigte die Kunst gegen die Theologie. Nach ihm wird sowohl das Gute wie das Schöne durch die Aussprüche eines untrüglichen inneren Sinnes erkannt. Von ähnlichen Gesichtspunkten war schon zu Anfang des Jahrhunderts der Graf von Shaftesbury ausgegangen, indem er eine Art Ästhetik der Moral schuf. Für ihn ist das Schöne mit dem Guten identisch; der gemeinsame Maßstab ist das Wohlgefallen: »Trachtet zuerst nach dem Schönen, und das Gute wird euch von selbst zufallen.« Auch die Sittlichkeit beruht auf einer Art feinerem Sinn, einem moralischen Takt, der ebenso ausbildungsfähig und ausbildungsbedürftig ist wie der Geschmack. Es ist die Aufgabe des Menschen, eine Art sittliche Virtuosität zu erlangen, und der »Böse« ist in diesem Sinne nur eine Art Stümper und Dilettant. Das Wesen sowohl der Kunst wie der Ethik besteht in der Harmonie, der Versöhnung der egoistischen und der sozialen Empfindungen. In demselben Sinne verglich der Dichter Pope in seinem berühmten »Essay on man« das Verhältnis zwischen den selbstsüchtigen und den altruistischen Seelenbewegungen sehr anschaulich mit der Rotation unseres Planeten um seine eigene Achse und um die Sonne. Was Shaftesbury lehrt, ist die Philosophie eines feinnervigen Aristokraten und Lebensartisten: er ist einer der ersten »Ästheten« der neueren Geschichte und von ihm geht eine gerade Linie zu Oskar Wilde, der gesagt hat: »Laster und Tugend sind für den Künstler nur Materialien.« Eine fast groteske Logisierung der Ethik findet sich hingegen bei Wollaston, der in jeder unmoralischen Handlung nichts als ein falsches Urteil erblickt: zum Beispiel im Mord die verkehrte Meinung, daß man dem Getöteten das Leben wiedergeben könne, in der Tierquälerei die Fehlansicht, daß das Tier keinen Schmerz empfinde, im Ungehorsam gegen Gott den irrigen Glauben, daß man mächtiger sei als er, während sich Mandeville in seiner Schrift »The fable of the bees, or private vices made public benefits« auf den bereits im Titel angedeuteten Standpunkt des modernen Staatszynismus stellte, daß der egoistische und skrupellose Wettbewerb der Einzelnen die Triebkraft für das Gedeihen des Ganzen bilde. Hume Die charakteristischste Erscheinung der damaligen englischen Philosophie ist aber David Hume. Seine epochemachende Tat ist die Auflösung des Kausalitätsbegriffs, den er aus der Gewohnheit, aus der häufigen Wiederholung derselben Erfahrung erklärt. Unsere Empirie berechtigt uns nur zu dem Urteil: erst A, dann B; dem post hoc . Unser Geist begnügt sich aber nicht hiermit, sondern sagt auf Grund dieser immer wieder beobachteten Sukzession: erst A, darum B; er macht aus dem post hoc ein propter hoc . Auch die Idee der Substanz stammt nur aus unserer Gepflogenheit, mit denselben Gruppen von Merkmalen immer die gleichen Vorstellungen zu verbinden. Ebenso ist das Ichbewußtsein zu erklären: indem wir unsere Eindrücke regelmäßig auf dasselbe Subjekt beziehen, bildet sich der Begriff eines unveränderlichen Trägers dieser Eindrücke, der aber in Wirklichkeit nichts ist als ein »Bündel von Vorstellungen«. Ganz im Sinne dieser Anschauungen erklärt sich Hume auch gegen die Vertragstheorie: ehe die Menschen einen Staatskontrakt schließen konnten, hatte sie schon die Not vereinigt, und der durch die Not zur Gewohnheit gewordene Gehorsam bewirkte ohne Vertrag, daß Regierungen und Untertanen entstanden. Dies alles ist echt englisch: die ebenso vorsichtige wie kurzsichtige Betonung der Alleinherrschaft der Empirie, das Mißtrauen gegen alle Metaphysik und Ideenlehre, der tiefgewurzelte Konservativismus, der alles aus Gewohnheit erklärt, und die unerbittliche Flachheit, die in ihrer bewunderungswürdigen Schärfe und Energie fast zum Tiefsinn wird. Berkeley Weininger macht in »Geschlecht und Charakter« die sehr feine Bemerkung: »Die Entscheidung zwischen Hume und Kant ist auch charakterologisch möglich, insoferne etwa, als ich zwischen zwei Menschen entscheiden kann, von denen dem einen die Werke des Makart und Gounod, dem anderen die Rembrandts und Beethovens das Höchste sind«, und an einer anderen Stelle sagt er, daß Hume allgemein überschätzt werde; es gehöre zwar nicht viel dazu, der größte englische Philosoph zu sein, aber Hume habe nicht einmal auf diese Bezeichnung Anspruch. Was uns anlangt, so möchten wir diesen Ruhm Humes »Vorläufer«, dem Bischof Berkeley, zuerkennen, der, aus englischem Geschlecht stammend, aber in Irland geboren und erzogen, als einer der glänzendsten Vertreter des vom englischen so sehr verschiedenen irischen Geistes anzusehen ist: er hat eine Philosophie geschaffen, die wahrhaft frei, höchst originell und schöpferisch paradox ist. Nach seinem Ausgangspunkt könnte man ihn für einen typisch englischen Erfahrungsphilosophen halten, denn er lehrt den strengsten Nominalismus; die abstrakten Ideen sind für ihn nichts als Erfindungen der Scholastiker, Staubwolken, die, von den Schulen aufgewirbelt, die Dinge verdunkeln; sie sind nicht einmal in der bloßen Vorstellung vorhanden und daher nicht nur unwirklich, sondern unmöglich. Dinge wie Farbe oder Dreieck gibt es nicht, sondern nur rote und blaue Farben, rechtwinklige und stumpfwinklige Dreiecke von ganz bestimmtem Aussehen; wenn von »Baum« im allgemeinen gesprochen wird, so denkt jeder doch heimlich an irgendein konkretes Baumindividuum. Es gibt nur die Einzelvorstellungen, die sich aus den verschiedenen Sinnesempfindungen zusammensetzen. »Ich sehe diese Kirsche da, ich fühle und schmecke sie, ich bin überzeugt, daß sich ein Nichts weder sehen noch schmecken noch fühlen läßt, sie ist also wirklich. Nach Abzug der Empfindungen der Weichheit, Feuchtigkeit, Röte, Süßsäure gibt es keine Kirsche mehr, denn sie ist kein von diesen Empfindungen verschiedenes Wesen.« Farbe ist Gesehenwerden, Ton ist Gehörtwerden, Objekt ist Wahrgenommenwerden, esse est percipi . Was wir Undurchdringlichkeit nennen, ist nichts weiter als das Gefühl des Widerstandes; Ausdehnung, Größe, Bewegung sind nicht einmal Empfindungen, sondern Verhältnisse, die wir zu unseren Eindrücken hinzudenken; die körperlichen Substanzen sind nicht nur unbekannt, sondern sie existieren gar nicht. Das Einzigartige und höchst Geistreiche dieser Philosophie besteht aber nun darin, daß sie durch diese Feststellungen nicht wie alle anderen Nominalismen zum Sensualismus und Materialismus geführt wird, sondern zu einem exklusiven Spiritualismus und Idealismus. Alle Erscheinungen sind nach Berkeley nichts als Vorstellungen Gottes, die er in sich erzeugt und den einzelnen Geistern als Perzeptionen mitteilt; das zusammenhängende Ganze aller von Gott produzierten Ideen nennen wir Natur; die Kausalität ist die von Gott hervorgerufene Reihenfolge dieser Vorstellungen. Da die Gottheit absolut und allmächtig ist, so ist sie auch jederzeit imstande, diese Anordnung zu verändern und das Naturgesetz zu durchbrechen; in diesem Falle sprechen wir von Wundern. Es gibt demnach nichts Wirkliches auf der Welt als Gott, die Geister und die Ideen. Montesquieu und Vauvenargues Aber nicht das System Berkeleys, sondern der Empirismus eroberte England und von da aus Europa. Der erste große Vertreter der englischen Philosophie auf dem Kontinent war Montesquieu, der 1721 in seinen »Lettres Persanes« zunächst vorwiegend Kritik übte, indem er die öffentlichen Einrichtungen und Zustände des damaligen Frankreich: Papstkirche und Klosterwesen, Beichte und Zölibat, Ketzergerichte und Sektenstreitigkeiten, Verschwendung und Steuerunwesen, Geldkorruption und Adelsprivilegien, den Verfall der Akademie, den Lawschen Bankschwindel und überhaupt das ganze Régime des Absolutismus, auch des aufgeklärten, sehr witzig, aber mit verborgenem tiefen Ernst bloßstellte. Sieben Jahre später folgten die »Considérations sur les causes de la grandeur des Romains et de leur décadence«, ein überaus geistvolles und gründliches Geschichtswerk, worin mit deutlichem Hinblick auf das demokratische England und das absolutistische Frankreich gezeigt wurde, wie das römische Reich zuerst der Freiheit seine Größe und später dem Despotismus seinen Niedergang zu verdanken hatte. Auch sein drittes Werk »De l'esprit des lois«, in dem Recht und Staat als Produkt von Boden, Klima, Sitte, Bildung und Religion dargestellt sind und die konstitutionelle Monarchie als die beste Staatsform gepriesen wird, ist ganz von englischem Geist erfüllt. Neben ihm wirkte, von den Zeitgenossen nicht genügend gewürdigt, der Marquis Vauvenargues, der trotz seiner zarten Konstitution Offizier wurde und schon zweiunddreißigjährig starb. Voltaire war einer der wenigen, die seinen hohen Geist sofort erkannten, und schrieb an den um zwanzig Jahre jüngeren obskuren Kollegen: »Wären Sie um einige Jahre früher auf die Welt gekommen, so wären meine Werke besser geworden.« Die höchsten Eigenschaften des Schriftstellers sind für Vauvenargues clarté und simplicité : die Klarheit ist der »Schmuck des Tiefsinns«, der »Kreditbrief der Philosophen«, das »Galagewand der Meister«, die Dunkelheit das Reich des Irrtums; ein Gedanke, der zu schwach ist, einen einfachen Ausdruck zu tragen, zeigt damit an, daß man ihn wegwerfen soll. In seiner unbestechlichen Kunst der Seelenprüfung erinnert er bisweilen an Larochefoucauld: er sagt, daß die Liebe nicht so zartfühlend sei wie die Eigenliebe, daß wir viele Dinge nur verachten, um uns nicht selbst verachten zu müssen, daß die meisten Menschen den Ruhm ohne Tugend lieben, aber die wenigsten die Tugend ohne Ruhm, er erklärt die Kunst zu gefallen für die Kunst zu täuschen und findet es sonderbar, daß man den Frauen die Schamhaftigkeit zum Gesetz gemacht hat, während sie an den Männern nichts höher schätzen als die Schamlosigkeit. Aber daneben lebt in ihm noch der soldatische Geist des siebzehnten Jahrhunderts, eine heroische Begeisterung für den Ruhm, die Tapferkeit und die nobeln Leidenschaften der Seele, sein Lieblingswort ist » l'action «. Und zugleich weist er in die Zukunft, ins Reich der Empfindsamkeit: er erklärt, daß niemand zahlreichern Fehlern ausgesetzt sei als der Mensch, der nur mit dem Verstand handelt, und von ihm stammt das unsterbliche Wort: »Les grandes pensées viennent du coeur.« Er ist der früheste Prophet des Herzens; aber noch in einer männlichen, unsentimentalen Form, die einem stärkeren und zugleich weniger komplizierten Geschlecht angehört. Alle diese Lichter verblassen aber neben dem Stern Voltaires, der, allerdings in einem prononcierten dix-huitième-Sinn, der Heros des Jahrhunderts gewesen ist. Der Generalrepräsentant des Jahrhunderts Goethe hat in seinen Anmerkungen zu Diderot den oft zitierten Ausspruch gemacht: »Wenn Familien sich lange erhalten, so kann man bemerken, daß die Natur endlich ein Individuum hervorbringt, das die Eigenschaften seiner sämtlichen Ahnherrn in sich begreift und alle bisher vereinzelten und angedeuteten Anlagen in sich vereinigt und vollkommen ausspricht. Ebenso geht es mit Nationen, deren sämtliche Verdienste sich wohl einmal, wenn es glückt, in einem Individuum aussprechen. So entstand in Ludwig dem Vierzehnten ein französischer König im höchsten Sinne, und ebenso in Voltaire der höchste unter den Franzosen denkbare, der Nation gemäßeste Schriftsteller.« Wir haben schon in der Einleitung dieses Werkes hervorgehoben, daß der Genius nichts anderes ist als der Extrakt aus den zahllosen kleinen Wünschen und Werken der großen Masse. Man kann für jedes Volk, für jedes Zeitalter einen solchen Generalrepräsentanten finden, aber auch für kleinere Segmente: für jeden Stamm, jede Stadt, jede Saison. Der Kreis, den Voltaire vertrat, hatte den denkbar größten Radius: Voltaire ist die Essenz ganz Frankreichs und des ganzen achtzehnten Jahrhunderts. Und infolgedessen war er auch ein Kompendium aller Mängel und Irrtümer, Untugenden und Widersprüche seines Volkes und Zeitalters. Wenn er, wie Goethe in seinem schönen Gleichnis andeutet, wirklich alle verstreuten Familienmerkmale in seiner Physiognomie zusammengefaßt hat, so ist es vollkommen unsinnig, ihm einen Vorwurf daraus zu machen, daß sich darunter auch Schönheitsfehler befanden. Goethe sagt an einer anderen Stelle, in »Dichtung und Wahrheit«: »Voltaire wird immer betrachtet werden als der größte Name der Literatur der neueren Zeit und vielleicht aller Jahrhunderte; wie die erstaunenswerteste Schöpfung der Natur.« Dies empfanden, ein seltener Fall in der Geistesgeschichte, seine Zeitgenossen in fast noch höherem Maße als die Nachwelt, was eben daher kam, daß sie in ihm ihren unvergleichlichen Dolmetsch erblicken mußten. Er war eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges; man reiste von weither nach seinem Landsitz Ferney wie zum Anblick eines Bergriesen oder einer Sphinx. Als er einmal einen Engländer, der sich durchaus nicht abweisen lassen wollte, mit einem Scherz loszuwerden suchte, indem er ihm sagen ließ, die Besichtigung koste sechs Pfund, erwiderte dieser augenblicklich: »Hier sind zwölf Pfund und ich komme morgen wieder.« Wenn er auf Reisen war, verkleideten sich junge Verehrer als Hotelkellner, um in seine Nähe gelangen zu können. Als er kurz vor seinem Tode von der Pariser Aufführung seiner »Irène« nach Hause fuhr, küßte man seine Pferde. Der Märtyrer des Lebens Und obgleich seitdem schon fünf Generationen vorübergegangen sind, sind uns noch heute wenige Gestalten der Literaturgeschichte so nah vertraut und intim bekannt wie er. Seine Biographie ist eine Geschichte aus unseren Tagen; aus allen Tagen. Nirgends spürt man eine Distanz, weil er, in Größe und Schwäche, immer ein warmer lebensprühender Mensch war. Er war eine sonderbare Mischung aus einem Epikuräer und einem Asketen der Arbeit. Schon als Knabe hatte er eine große Vorliebe für elegante Kleider und gutes Essen und sein ganzes Leben lang war er bestrebt, sich mit einem grandseigneuralen Luxus zu umgeben, zu dem er sich aber mehr durch seine Leidenschaft für schöne Form und großartige Verhältnisse als durch wirkliche Genußsucht hingezogen fühlte. Als er auftrat, war ein homme de lettres ein gesellschaftlich unmöglicher Mensch, ein Desperado, Taugenichts und outlaw, Schmarotzer, Hungerleider und Trunkenbold. Voltaire war der erste Berufsschriftsteller, der mit dieser festgewurzelten Tradition brach. Er führte von allem Anfang an ein Leben im vornehmen Stil und brachte es zumal in der zweiten Hälfte seines Daseins zu fürstlichem Reichtum. Er besaß zwanzig Herrschaften mit zwölfhundert Untertanen und einem Jahresertrag von 160000 Francs, herrliche Villen und Schlösser mit Äckern und Weinbergen, Gemäldegalerien und Bibliotheken, kostbaren Nippes und seltenen Pflanzen, einen Stab von Lakaien, Postillonen, Sekretären, einen Wagenpark, einen französischen Koch, einen Feuerwerker, ein Haustheater, auf dem berühmte Pariser Künstler gastierten, und sogar eine eigene Kirche mit der Inschrift: » Deo erexit Voltaire.« Diesen Wohlstand verdankte er zum Teil Pensionen und Büchererträgnissen (die Henriade zum Beispiel hatte ihm allein 150000 Francs eingebracht, während er die Honorare für seine Theateraufführungen regelmäßig an die Schauspieler verschenkte), zur größeren Hälfte allerlei dubiosen Geldgeschäften, die er mit großem Geschick betrieb: Börsenspekulationen, Kaufvermittlungen, Korntransaktionen, Grundstückschiebungen, Armeelieferungen, hoch verzinsten Darlehen. In Berlin erregte er durch einen derartigen zweideutigen Handel, der ihn in einen skandalösen Konflikt mit dem jüdischen Bankier Abraham Hirschel verwickelte, das Mißfallen Friedrichs des Großen. Lessing fällte sein Urteil über diese Affäre in dem Epigramm: »Und kurz und gut den Grund zu fassen, warum die List dem Juden nicht gelungen ist; so fällt die Antwort ohngefähr: Herr Voltaire war ein größrer Schelm als er.« Es kann als nachgewiesen gelten, daß er damals einige Worte in den Verträgen mit Hirschel nachträglich geändert hat. Auch sonst nahm er es im Privatleben mit der Wahrheit nicht sehr genau. Um an die Stelle des Kardinals Fleury in die Akademie gewählt zu werden, schrieb er an verschiedene Personen Briefe, in denen er versicherte, er sei ein guter Katholik und wisse nicht, was das für »Lettres philosophiques« seien, die man ihm zuschreibe; er habe sie nie in der Hand gehabt. Als er sich später ein zweites Mal, und diesmal erfolgreich, um diese Ehre bewarb, die seinem Ruhme nicht das geringste hinzugefügt hat, verglich er Ludwig den Fünfzehnten mit Trajan. Beim Erscheinen des »Candide« schrieb er an einen Genfer Pastor: »Ich habe jetzt endlich den Candide zu lesen bekommen, und ganz wie bei der Jeanne d'Arc erkläre ich Ihnen, daß man von Vernunft und Sinnen sein muß, um mir eine derartige Schweinerei anzudichten.« In die »Pucelle« mischte er absichtlich Unsinn, damit man sie ihm nicht zutraue. Über seine »Histoire du Parlement de Paris« schrieb er in einem offenen Brief im »Mercure de France«: »Um ein solches Werk herausgeben zu können, muß man mindestens ein Jahr lang die Archive durchwühlt haben, und wenn man in diesen Abgrund hinabgestiegen ist, ist es noch immer sehr schwierig, aus ihm ein lesbares Buch herauszuholen. Eine solche Arbeit wird eher ein dickes Protokoll werden als eine Geschichte. Sollte ein Buchhändler mich für den Verfasser ausgeben, so erkläre ich ihm, daß er nichts dabei gewinnt. Weit davon entfernt, dadurch ein Exemplar mehr zu verkaufen, würde er umgekehrt dem Ansehen des Buches schaden. Die Behauptung, daß ich, der ich länger als zwanzig Jahre von Frankreich abwesend war, mich derartig in das französische Rechtswesen hätte hineinarbeiten können, wäre vollkommen absurd.« Über das Wörterbuch schrieb er an d'Alembert: »Sowie es die geringste Gefahr damit hat, bitte ich Sie sehr, mir davon Nachricht zu geben, damit ich das Werk in allen öffentlichen Blättern mit meiner gewohnten Ehrlichkeit und Unschuld desavouieren kann.« Und in einem Brief an den Jesuitenpater de la Tour erklärte er sogar, wenn man je unter seinem Namen eine Seite gedruckt habe, die auch nur einem Dorfküster Ärgernis geben könnte, so sei er bereit, sie zu zerreißen; er wolle ruhig leben und sterben, ohne jemand anzugreifen, ohne jemand zu beschädigen, ohne eine Ansicht zu vertreten, die jemand anstößig sein könnte. Man wird wohl sagen dürfen, daß er die Absicht, nirgends anzustoßen, nur sehr unvollkommen erreicht hat. Man muß allerdings bedenken, daß es zu jener Zeit für einen Schriftsteller äußerst gefährlich war, sich zu Werken zu bekennen, die bei der Kirche oder der Regierung Mißfallen erregen konnten, und daß nahezu alle Kollegen Voltaires in solchen Fällen dieselbe Taktik des Ableugnens und der Anonymität beobachteten. »Ich bin«, sagte er zu d'Alembert, »ein warmer Freund der Wahrheit, aber gar kein Freund des Märtyrertums.« Wir müssen in Voltaire gleichwohl eine neue Form des Heldentums erblicken: an die Stelle der Märtyrer des Todes waren die Märtyrer des Lebens getreten und die Läuterung durch Askese wird nicht mehr in den Klostermauern, sondern mitten im Drängen der Welt gesucht; der Tod erscheint nicht mehr als Glorifikation des Lebens und als Held gilt nicht mehr, wer dem Leben entsagt, sondern wer im Leben entsagungsvoll weiterkämpft. Voltaires Charakter Aus Voltaires überreiztem und hyperaktivem Kämpfertum erklären sich auch seine vielen kleinen Bosheiten, für die sein Verhältnis zu Friedrich dem Großen, der ihm hierin ähnlich war, besonders charakteristisch ist. Durch unvermeidliche Reibung haben diese beiden Genies einander ununterbrochen Funken des Hasses, der Liebe und des Geistes entlockt. Schon die Art, wie sie sich zusammenfanden, war sehr sonderbar. Um Voltaire in Frankreich zu kompromittieren und ihn dadurch an seinen Hof zu bekommen, ließ Friedrich der Große einen sehr ausfälligen Brief des Dichters bei den zahlreichen einflußreichen Personen verbreiten, die darin angegriffen waren; Voltaire wiederum suchte aus der Schwäche, die der König für ihn hatte, möglichst viel Geld herauszuschlagen. Friedrich der Große, der nachträglich fand, daß er Voltaire überzahlt habe, beschränkte ihn im Verbrauch von Licht und Zucker; Voltaire steckte im Salon Kerzen ein. Lamettrie teilte Voltaire mit, der König habe über ihn gesagt: »man preßt die Orange aus und wirft sie fort«; Maupertuis teilte dem König mit, Voltaire habe über ihn gesagt: »ich muß seine Verse durchsehen, er schickt mir seine schmutzige Wäsche zum Waschen.« Voltaire richtete gegen Maupertuis einen anonymen und verletzenden Angriff; Friedrich verfaßte eine ebenso anonyme und ebenso verletzende Antwort. Friedrich ließ Voltaire bei seiner Rückreise nach Frankreich in Frankfurt verhaften und auf kompromittierende Schriftstücke untersuchen; Voltaire schrieb, enthaftet, gleichwohl in Frankreich kompromittierende Enthüllungen. Wir haben absichtlich gerade die bedenklichsten Punkte in der Lebensgeschichte Voltaires hervorgehoben, weil man lange Zeit, und bisweilen noch heute, aus diesen und ähnlichen kleinen Zügen das Bild eines zweideutigen, tückischen, ja schmutzigen Charakters zu kombinieren versucht hat. Von den schlechten Eigenschaften, die man Voltaire vorzuwerfen pflegt, kann ihm nur die Eitelkeit in vollem Maße zugesprochen werden; hierin unterschied er sich sehr unvorteilhaft von Friedrich dem Großen. Aber diese teilte er mit den allermeisten Künstlern und überhaupt mit den allermeisten Menschen, und zudem hatte sie bei ihm eine liebenswürdige, kindliche, ja oft geradezu kindische Note, die versöhnend wirkt. Daß er boshaft und verlogen war, ist schon eine Behauptung, die nur zur Hälfte wahr ist; denn das erstere war er nur im Verteidigungszustand, das letztere nur in kleinen Dingen, wenn seine Eitelkeit oder seine Ängstlichkeit, beide begründet in seiner fast pathologischen Reizbarkeit, mitredeten; in allen großen Fragen war er von der lautersten Aufrichtigkeit. Und daß er maßlos egoistisch gewesen sein soll, ist vollkommen und ohne jede Einschränkung falsch: er war habgierig nur während der Zeit, wo er seine Reichtümer sammelte, von dem Augenblick an, wo er sie besaß, verwendete er sie in der uneigennützigsten und großartigsten Weise für andere, und was die inkorrekte Art angeht, auf die er sie erwarb, so dürfen wir nicht vergessen, daß wir uns im Rokoko befinden, dessen Decadencecharakter sich unter anderem auch darin äußerte, daß es alle moralischen Maßstäbe verloren hatte: wenn man so oft die Frage aufgeworfen hat, wie es kam, daß dieser große Geist nicht integer war, so lautet die Antwort: weil der Geist des Rokoko nicht integer war. Zu jenen überlebensgroßen Heroen der Sittlichkeit, die, als Gegenspieler der großen Verbrecher, außerhalb der Moralgesetze ihrer Zeit stehen, indem sie sich aus den zeitlosen Tiefen ihrer Seele eine eigene Ethik aufbauen, hat aber Voltaire nicht gehört und niemals gehören wollen. Für junge aufstrebende Schriftsteller hatte er immer Rat und Geld übrig, trotz fast regelmäßig empfangenem Undank; vermutlich aus einer Art zärtlicher und wehmütiger Pietät gegen seine eigene Jugend. Er ließ die Nichte Corneilles auf seine Kosten erziehen, verschaffte ihr durch die von ihm besorgte und kommentierte Neuausgabe Corneilles eine reiche Mitgift und schenkte ihr bei der Geburt ihres ersten Kindes zwölftausend Livres: »es gehört sich«, sagte er, »für einen alten Soldaten, der Tochter seines Generals nützlich zu sein.« Als Grundherr übte er die großzügigste Wohltätigkeit; er kämpfte gegen die Leibeigenschaft, trocknete Sümpfe aus, ließ weite Heidestrecken bebauen und rief eine blühende Seiden- und Uhrenindustrie ins Leben, indem er den Arbeitern aus eigenem Besitz Häuser und Betriebskapital zur Verfügung stellte. In den durch ihn berühmt gewordenen religiösen Tendenzprozessen gegen die Hugenotten Jean Calas und Peter Paul Sirven, die beide fälschlich beschuldigt worden waren, eines ihrer Kinder ermordet zu haben, weil es zum Katholizismus übertreten wollte, entwickelte er eine fieberhafte Agitation durch Flugschriften, Essais, Veröffentlichung von Dokumenten und Zeugenaussagen, Verwendung bei allen ihm erreichbaren Machthabern, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Das Grundpathos seines ganzen Lebens war überhaupt ein flammendes Rechtsgefühl, ein heißer, verzehrender, fast trunkener Haß gegen jede Art öffentlicher Willkür, Dummheit, Bosheit, Parteilichkeit. «Wenn die Welt heute nur noch zu zwei Fünfteln aus Schurken und zu drei Achteln aus Idioten besteht, so ist das zu einem guten Teil Voltaire zu verdanken. Voltaires Werk Er sagt einmal, der Mensch sei ebenso zur Arbeit geschaffen, wie es in der Natur des Feuers hege, emporzusteigen. Als eine solche Feuersäule der Arbeit und des Geistes erhob er sich über der staunenden Welt, immer höher emporschwelend und alles Finstere und Lichtscheue mit seinem unheimlichen Rotlicht erhellend. Er arbeitete oft achtzehn bis zwanzig Stunden im Tage, diktierte so schnell, daß der Sekretär kaum nachkommen konnte, sagte noch in seinem vierundsechzigsten Lebensjahr von sich: »ich bin schmiegsam wie ein Aal, lebendig wie eine Eidechse und unermüdlich wie ein Eichhörnchen« und ist es noch zwanzig Jahre geblieben. Friedrich der Große schrieb an ihn: »Ich zweifle daran, daß es einen Voltaire gibt, und ich bin im Besitz eines Systems, mit dessen Hilfe ich seine Existenz zu bestreiten vermag. Es ist unmöglich, daß ein einzelner Mensch die ungeheure Arbeit vollbringen kann, die Herrn von Voltaire zugeschrieben wird. Offenbar gibt es in Cirey eine Akademie, aus der Elite der Erde zusammengesetzt: Philosophen, die Newton übersetzen und bearbeiten, Dichter heroischer Epopöen, Corneilles, Catulls, Thukydidesse, und die Arbeiten dieser Akademie werden unter dem Namen Voltaire herausgegeben, wie man die Taten eines Heeres auf den Feldherrn zurückführt.« Kurz vor seinem Tode machte ihm ein Schriftsteller seine Huldigungsvisite und sagte: »heute bin ich nur gekommen, um Homer zu begrüßen, das nächstemal will ich Sophokles und Euripides begrüßen, dann Tacitus, dann Lucian«; »mein Heber Herr«, erwiderte Voltaire, »ich bin, wie Sie sehen, ein ziemlich alter Mann, könnten Sie nicht alle diese Besuche auf einmal abmachen?« Er war nicht allenthalben schöpferisch wie Leibniz, aber er durchdrang alles und gab vielem durch seine künstlerisch runde und scharfe, lichte und leichte Darstellung erst die klassische Form, was man auch als eine Art Schöpfertätigkeit ansehen muß. Nicht, wie so oft behauptet wird, sein Witz war seine schriftstellerische Kardinaleigenschaft, sondern seine Klarheit und Formvollendung, seine sprudelnde Farbigkeit und federnde Aktivität. Er war, gleich einem Zitterrochen, der bei der geringsten Berührung einen Hagel lähmender Schläge austeilt, voll aufgespeicherter Elektrizität, die nur der Auslösung harrte, um in einem Strom von gefährlichen Kraftentladungen ihre siegreiche Wirkung zu erproben. Sein literarisches Werk ist mit seinen Büchern, die allein eine Bibliothek bilden, noch nicht erschöpft; es umfaßt auch seine zahllosen Briefe, die infolge der damaligen Sitte, interessante Mitteilungen kursieren zu lassen, zu einem großen Teil Öffentlichkeitscharakter hatten. Er zeigte Casanova 1760 in Ferney eine Sammlung von etwa fünfzigtausend an ihn gerichteten Briefen; da er die Gepflogenheit hatte, alle irgendwie bemerkenswerten Zuschriften zu beantworten, läßt sich daraus schließen, welchen Umfang seine Korrespondenz gehabt haben muß. Und dazu kam noch seine Konversation, die nach dem Zeugnis aller, die jemals in seiner Nähe weilen durften, von der bezauberndsten Wirkung gewesen sein muß: »er ist und bleibt selbst die beste Ausgabe seiner Bücher«, sagte der Chevalier von Boufflers. Voltaire als Dicher Seinen ersten großen Erfolg hatte Voltaire mit dem Epos »La Ligue ou Henri le Grand«, das er zur Hälfte in der Bastille verfaßt hatte, indem er den Text mit Bleistift zwischen die Zeilen eines Buches schrieb, und das fünf Jahre später in einer erweiterten Umarbeitung als »Henriade« die Welt eroberte. Gewohnt, bei allen seinen künstlerischen Plänen von verstandesmäßigen Erwägungen auszugehen, hatte er sich gesagt, daß den Franzosen ein großes Epos fehle und er daher verpflichtet sei, ihnen ein solches zu schenken; und seine Landsleute nahmen das Geschenk an. Die Wirkung des Werkes läßt sich nur aus der damaligen geistigen Situation Frankreichs und Europas erklären. Es ist das kühle und blasse Produkt eines virtuosen Kunsthandwerkers und geistreichen Kulturphilosophen, das mit den leeren Attrappen allegorischer Personifikationen wie Liebe, Friede, Zwietracht, Fanatismus arbeitet und sich nicht etwa an Homer, Dante oder Milton orientiert, sondern an Virgil, was aber zu jener Zeit, wo man gelacht hätte, wenn jemand Homer über Virgil gestellt hätte, nur als Vorteil angesehen wurde. Friedrich der Große erklärte, jeder Mann von Geschmack müsse die Henriade der Iliade vorziehen. Sein zweites Epos »La Pucelle d'Orléans«, eine Parodie auf Jeanne d'Arc, ist eine private Lausbüberei, die er gar nicht für die Veröffentlichung bestimmt hatte; aber der Gedanke, ein Werk Voltaires nicht zu kennen, wäre der damaligen gebildeten Welt unerträglich gewesen und man wußte sich durch seine Sekretäre heimliche Abschriften zu verschaffen. Das Gedicht besaß übrigens alle Eigenschaften, die es für ein Rokokopublikum zu einer Ideallektüre machen mußten: es war witzig, schlüpfrig und antiklerikal. Als Dramatiker hat Voltaire vor allem das Verdienst, daß er mit der pseudoantiken Tradition gebrochen hat: er brachte amerikanische, afrikanische, asiatische Stoffe auf die Bühne. Von Shakespeare war er nicht ganz so unbeeinflußt, wie man nach Lessings überstrenger Kritik glauben sollte; von ihm hat er das Geistreiche, Bunte, in einem höheren Sinne Aktuelle; in seinen »Briefen über England« rühmt er ihn denn auch als kräftiges, fruchtbares, natürliches und erhabenes Genie von seltsamen und gigantischen Ideen, als alter Mann nannte er ihn allerdings einen Dorfhanswurst, gotischen Koloß und trunkenen Wilden. Als Charakterzeichner und Kompositeur steht er so tief unter Shakespeare, daß er nicht einmal als dessen Schüler angesprochen werden kann. Seine Stärke lag auch bei seinen Dramen in der vollendeten Form. Der Alexandriner, in seiner Eigenschaft als zweigabelig antithetisches und auf den Reim zugespitztes Versmaß, bewirkt, daß alles, was durch ihn gesagt wird, sich unwillkürlich in eine Pointe, ein Epigramm, ein dialektisches Kreuzfeuer, ein melodisches Plaidoyer verwandelt. Hier war nun Voltaire in seinem ureigensten Element, und es ist kein Wunder, daß der souveräne Beherrscher dieser Tiradenpoesie der Lieblingsdramatiker eines Volkes von Rhetorikern und eines Jahrhunderts der Philosophie geworden ist. Zweck und Hauptthema ist in der Henriade der Kampf gegen Fanatismus und Intoleranz, in der Pucelle die Verhöhnung der Wundersucht und des Aberglaubens, und ebenso dominiert in Voltaires Dramen überall die Tendenz. »Alzire« schildert die Grausamkeit und Unduldsamkeit der Christen, die Peru erobern, »Le Fanatisme ou Mahomet, le prophète« zeigt schon im Titel die polemische Absicht an und in der Tat ist der Held, wie Voltaire selbst sagt, ein bloßer »Tartuffe mit dem Schwert in der Hand« und sein offen eingestandenes Ziel »tromper l'univers« . Selbst in der »Zaire«, einem der wenigen Stücke Voltaires, in deren Mittelpunkt die Liebe steht, handelt es sich in der Hauptsache doch wiederum um den Fluch der religiösen Vorurteile. Voltaire bezeichnet selber einmal die Bühne als Rivalin der Kanzel. Sie ist für ihn immer nur das Megaphon seiner Ideen: Rostra, Tribunal, Katheder, philosophischer Debattierklub oder pädagogisches Hanswursttheater; aber niemals schafft er Menschen und Schicksale bloß aus dem elementaren Trieb, zu gestalten. Darum ist diesem stärksten satirischen Genie des Jahrhunderts auch kein Lustspiel gelungen. Jener geheimnisvolle Vorgang, durch den dem dozierenden Dichter seine Abstraktionen sich unter der Hand mit Blut füllen, seine Zweckgeschöpfe sich plötzlich vom Draht der Tendenz lösen und selbständig machen, trat bei ihm nie ein. Dieser Kaffeetrinker war zu wach, zu luzid, zu beherrscht, um sich von seinen Kreaturen unterkriegen zu lassen. Voltaire als Historiker »Ich möchte etwas behaupten, was Ihnen wunderlich erscheinen wird«, schrieb Voltaire 1740 an d'Argenson, »nur wer eine Tragödie schreiben kann, wird unserer trockenen und barbarischen Geschichte Interesse verleihen. Es bedarf, wie auf dem Theater, der Exposition, Verwicklung und Auflösung.« Sein Doppeltalent des Betrachtens und Gestaltens, das ihn auf der Bühne nur zu zeitgebundenen Schöpfungen gelangen ließ, hat ihn als Historiker zu Leistungen befähigt, die der Zeit weit vorauseilten. Während seine Tragödien in Geschichtsphilosophie zerrinnen, verdichten sich seine historischen Darstellungen zu wahren Dramen. Sein »Siècle de Louis Quatorze« und sein »Essai sur les moeurs et l'esprit des nations« sind die ersten modernen Geschichtswerke. Statt der bisher beschriebenen langwierigen und langweiligen Feldzüge, Staatsverhandlungen und Hofintrigen schilderte er zum erstenmal die Kultur und die Sitten, statt der Geschichte der Könige die Schicksale der Völker. Die stupende Beweglichkeit und Energie seines Geistes, die sich für alles interessierte und alles interessant zu machen wußte, kam ihm auf diesem Gebiete besonders zu Hilfe. Allerdings dient auch hier die Darstellung der Polemik gegen den Erbfeind, die Kirche; aber diese tendenziösen Absichten wirken in seinen historischen Gemälden der Natur der Sache nach viel weniger störend als in seinen dramatischen und epischen und sie treten in ihnen merkwürdigerweise auch viel weniger aufdringlich hervor. Diesem ruhmvollsten Zweig seiner literarischen Tätigkeit hat er sich erst in der zweiten Hälfte seines Lebens mit voller Intensität gewidmet. In seinen jüngeren Jahren gehörte sein wissenschaftliches Hauptinteresse den exakten Disziplinen. Er schrieb eine klassische Darstellung der Philosophie Newtons, die diesen auf dem Kontinent erst populär machte, und hatte in Cirey ein großes Laboratorium, wo er mit Madame du Châtelet, die ein außergewöhnliches Talent für die mathematischen und physikalischen Fächer besaß, fleißig experimentierte. Lord Brougham sagte von ihm: »Voltaire würde auf der Liste der großen Erfinder stehen, wenn er sich länger mit Experimentalphysik befaßt hätte.« Voltaire als Philosoph Im Bewußtsein des achtzehnten Jahrhunderts figurierte er auch als großer Philosoph, obgleich er selbständige Gedanken nicht produziert hat, sondern auch hier wiederum nur das Verdienst der glänzenden Formulierung für sich in Anspruch nehmen kann. Wenn man versucht, seine vielfältigen philosophischen Äußerungen auf ein größtes gemeinschaftliches Maß zu bringen, so dürfte sich die Forderung nach möglichster Freiheit aller Lebensbetätigungen als generelle Grundstimmung ergeben. Er kämpfte gegen den Despotismus, wo immer er ihn fand oder zu finden glaubte, und verteidigte die unbeschränkte Selbstbestimmung des Individuums in allen geistigen und physischen Dingen, sogar das Recht auf Homosexualität und Selbstmord. Die Revolutionsmänner haben ihn daher für sich reklamiert und ließen 1791 an seinem Geburtstag seinen Leichnam unter ungeheuerm Gepränge ins Pantheon überführen. Aber wenn er die Jakobiner noch erlebt hätte, so wäre er vermutlich zur Feier seines hundertsten Geburtstags guillotiniert worden. Er dachte nämlich, wenn er von Freiheit redete, immer nur an die oberen Zehntausend; vom Volke aber sagte er: »Es wird immer dumm und barbarisch sein; es sind Ochsen, die ein Joch, einen Stachel und Heu brauchen.« Er erwartete die Reform von oben, durch eine aufgeklärte Regierung. 1764 schrieb er: »Alles, was ich rings um mich geschehen sehe, legt den Keim zu einer Revolution, die unfehlbar eintreten wird, von der ich aber schwerlich mehr Zeuge sein werde. Die Franzosen erreichen ihr Ziel fast immer zu spät, endlich aber erreichen sie es doch. Wer jung ist, ist glücklich; er wird noch schöne Dinge erleben.« Gibt man den letzten Worten eine falsche Betonung, so können sie in der Tat als Prophezeiung der Revolution gelten. Da er in allem, was er sprach und schrieb, die Essenz seiner Zeit war, so hat er auch als Religionsphilosoph deren Platitüden geteilt. Er erblickt in Jesus einen »ländlichen Sokrates«, an dem er vor allem den Kampf gegen die Hierarchie schätzt, und in den Wundern, die ihm zugeschrieben werden, teils spätere Erfindungen, teils Täuschungen, die er sich erlaubte, um das abergläubische Volk für seine Lehre zu gewinnen: »Je genauer wir sein Benehmen betrachten, desto mehr überzeugen wir uns, daß er ein ehrlicher Schwärmer und guter Mensch war, der nur die Schwachheit hatte, von sich reden machen zu wollen.« Die Evangelienkritik gehört zu den wenigen Gebieten, wo Voltaire tatsächlich der Banalität seines biederen Biographen David Friedrich Strauß nahegekommen ist, der im übrigen von ihm so viel Ahnung hat wie ein Oberlehrer von einer Satansmesse. Im kürzesten Auszug hat Voltaire seine Weltanschauung in seiner »Profession de Foi des Théistes« mitgeteilt: »Wir verdammen den Atheismus, wir verabscheuen den Aberglauben, wir lieben Gott und das Menschengeschlecht.« Anfänglich neigte er auch dem leibnizischen Optimismus zu; aber nach dem Erdbeben von Lissabon, das zwei Drittel der Stadt zerstörte und dreißigtausend Menschen tötete, änderte er seine Meinung: in dem Gedicht »Le désastre de Lisbonne« polemisierte er gegen Popes Satz: »whatever is, is right« und sprach die bloße Hoffnung aus, daß eines Tages alles gut sein werde; wer aber glaube, daß schon heute alles gut sei, befinde sich in einer Illusion. Die Willensfreiheit hat er ebenfalls anfangs bejaht, später geleugnet; über die Unsterblichkeit hat er sich oft, aber schwankend und widersprechend geäußert. Die Existenz Gottes hat er an keiner einzigen Stelle seiner Schriften in Abrede gestellt, wohl aber seine Erkennbarkeit: »Die Philosophie zeigt uns wohl, daß es einen Gott gibt«, sagt er in seinem »Newton« und ähnlich an vielen anderen Orten, »aber sie ist außerstande, zu sagen, was er ist, warum er handelt, ob er in der Zeit und im Raum ist. Man müßte Gott selbst sein, um es zu wissen.« Sein berühmter Ausspruch »wenn Gott nicht existierte, so müßte man ihn erfinden« scheint eine skeptische Pointe zu enthalten, weil er fast immer falsch, nämlich halb zitiert wird; aber die zweite Hälfte des Satzes lautet: »mais toute la nature nous crie quil existe« . Le jardin Indes ist es bei einem so sensibeln und desultorischen Geist, der so sehr der künstlerischen Stimmung und dem persönlichen Eindruck jedes Augenblicks unterworfen war, sehr schwer zu sagen, was seine wahre Meinung über diese Dinge war. Und zudem ist alles, was er öffentlich geäußert hat, nur exoterische Lehre; in den Geheimkammern seines Hirns befanden sich möglicherweise ganz andere und viel radikalere Gedanken. Vielleicht ist sein wahres Glaubensbekenntnis in den Worten an die Marquise du Deffand enthalten, die er sechs Jahre vor seinem Tode schrieb: »Ich habe einen Mann gekannt, der fest überzeugt war, daß das Summen einer Biene nach ihrem Tode nicht fortdaure. Er meinte mit Epikur und Lukrez, daß es lächerlich sei, ein unausgedehntes Wesen vorauszusetzen, das ein ausgedehntes Wesen regiere, und noch dazu so schlecht. ... Er sagte, die Natur habe es so eingerichtet, daß wir mit dem Kopfe denken, wie wir mit den Füßen gehen. Er verglich uns mit einem musikalischen Instrument, das keinen Ton mehr gibt, wenn es zerbrochen ist. Er behauptete, es sei augenscheinlich, daß der Mensch, wie alle anderen Tiere, alle Pflanzen und vielleicht alle Wesen der Welt überhaupt, gemacht sei, um zu sein und nicht mehr zu sein. ... Auch pflegte dieser Mann, nachdem er so alt geworden war wie Demokrit, es ebenso zu machen wie Demokrit und über alles zu lachen.« Und schon neun Jahre früher, an der Schwelle seines achten Jahrzehnts, gab er seiner tiefen Resignation in einem Briefe an d'Argenson Ausdruck: »J'en reviens toujours à Candide: il faut finir par cultiver son jardin; tout le reste, exepté l'amitié, est bien peu de chose; et encore cultiver son jardin n'est pas grande chose.« Cultiver son jardin : diesen Garten, den Voltaire gepflanzt hatte, immer dichter und üppiger zu bebauen, war das Pensum, das die sogenannte »Aufklärung« sich stellte und löste. Voltaire hielt es für eine kleine Sache, sie aber hielt es für eine große.