Friedrich Gerstäcker Die Vertreibung der Mormonen aus Missouri Vor der Thür eines kleinen Blockhauses, dessen Inneres zu einem Waarenlager und Laden eingerichtet war, hatte sich ein halbes Dutzend Männer, Jäger und Landleute, versammelt, und schien in einem sehr hitzigen Streit über Kirche und Politik, den besonders Zwei von ihnen mit besonderem Eifer fortführten, begriffen. Keiner von diesen wollte nachgeben, und drohende Worte waren schon Beiden entflohen, als ein alter grauhaariger Mann zwischen sie trat und den jüngeren, während er ihm freundlich die Hand auf die Achsel legte, mit sich hinwegzuführen versuchte. – »Kommt, Greenford,« sprach er leise, »laßt den Zank sein, Ihr erntet keine Ehre dabei ein, und überdies hat ja Jeder seine besonderen Meinungen.« »Ich bin nicht streitsüchtig,« entgegnete der junge Mann leicht besänftigt – »möchte auch Keinem wehe thun – es ist aber verdammt hart, daß man es ruhig mit anhören soll, wie diese Mormonen Alles auf der Welt, selbst unsern Präsidenten und die Vereinigten Staaten, herunterreißen, um nur ihre eigene Religion und Staatseinrichtung in die Wolken zu heben. – Sie sollten doch wenigstens bedenken, daß sie hier auf unserem Grund und Boden wohnen und leben und den Schutz unserer Gesetze für sich und ihre Familien genießen.« »Auf Eurem Grund und Boden?« fiel der Mormone spöttisch ein – »den Schutz Eurer Gesetze? Wem gehört denn dies Land, als den wahren Gläubigen, den Heiligen, den Höchsten? Hat uns nicht Gott schon in alten Zeiten die Erde als Eigenthum versprochen, und sollen wir jetzt irgend einem Staate für die erbärmliche Scholle, die wir bewohnen, Dank schulden?« »Hol' Euch der Henker mit Euren Prahlereien!« entgegnete ihm trotzig der junge Missourier – »Schlangen und Eidechsen! Ihr möchtet Euch wohl gern zu Herren der Erde und uns andere Ungläubige zu Euren gehorsamen Sclaven machen? Pest! Aber Ihr kennt die Missourimänner noch nicht, und wenn Ihr Eure Hände noch so fest in den Boden, den Ihr bewohnt, eingeklammert hättet, so giebt's dennoch Mittel, Euch Recht und Sitte zu lehren, sobald Ihr die Gesetze nicht anerkennt, die der Staat Euch und uns vorgeschrieben hat.« »Der Staat!« lachte wieder höhnisch der Mormone – »was ist der Staat? Seht Ihr die dünnen weißen Wolken da oben? Der Ewige haucht sie an und sie vergehen – blau und rein ist der Himmel – so ist es mit Eurem Staat. Bauet und pflügt nur Eure Ländereien, plagt Euch nur im Schweiße Eures Angesichts – das ist gut so – die Heiligen werden die Ernte halten und bald im Besitz der Güter sein, die ihnen von Gott und Rechts wegen zukommen.« »Der Bube droht!« rief Greenford und riß sich von des Alten Hand los – »verdammt will ich sein, wenn ich nicht glaube, daß diese heuchlerischen Schurken irgend einen tückischen Plan im Hinterhalt haben und wir die Schlangen hier am Busen nähren!« »Schurken nennst Du unsere heilige Gemeinde?« rief aber auch jetzt im höchsten Zorn der gereizte Mormone. »Schurken? Fluch Dir und Deinem Stamm, auf den ich dieses Schimpfwort zurückschleudere! Aber Geduld, nur noch kurze Zeit Geduld, denn die letzten Tage sind vor der Thür und die Heiligen werden vom Himmel herabkommen, Euch zu vertilgen! – Ausgerottet sollt Ihr werden – Alle, die Ihr hier in Sünde und Schmach den wahren Gott verlästert, und ein fürchterliches Blutbad wird die Ungläubigen Missouris von der Erde fegen, daß ihre Namen nicht einmal mehr in späteren Zeiten gehört werden sollen!« Er wäre noch lange in seiner Zorn und Bußpredigt fortgefahren, aber Greenford, seiner selbst nicht mehr Meister, schleuderte Alle, die sich ihm in den Weg stellten, zurück, riß seinen Rock herunter und sprang mit wildem Satz auf den zürnenden Redner zu, um ihn für die Lästerung seines Gottes und Volkes zu züchtigen. Der Mormone, keineswegs ein Schwächling und wie der junge Missourier im Walde auferzogen, bebte nicht vor dem Anstürmenden zurück, sondern empfing ihn, seine begeisterte Stellung schnell mit der eines kampfgeübten Boxers vertauschend, festen Fußes, die wüthend nach seinen Schläfen und Augen geführten Stöße eben so schnell und gewandt parirend und kräftig und geschickt wieder zurückgebend. Der Missourier hatte aber schon zu lange den mühsam verhaltenen Groll gegen die Feinde seines Glaubens und seines Staates genährt und mit unersättlichem Haß erneuerte er, zehnmal zurückgeschlagen, eben so oft seinen Angriff, bis die Kräfte des Feindes endlich ermatteten, dieser einen wohlgezielten Stoß seines fast zur grenzenlosesten Wuth getriebenen Gegners nicht mehr kräftig genug pariren konnte und, von dessen Faust getroffen, besinnungslos zu Boden stürzte. »Halt!« rief aber jetzt der Alte, als sich der junge Mann in blinder Rache auf den gefallenen Feind stürzen wollte – »halt, Greenford! – Ihr wollt Euch doch nicht an Einem vergreifen, der machtlos zu Euren Füßen liegt? – Ihr mögt das in Kentucky gesehen haben,« fuhr er milder, aber immer noch verweisend fort, da der junge Mann beschämt von seinem besiegten Feinde zurücktrat, um den sich jetzt die Nachbarn versammelten und ihn in's Leben zurückzurufen versuchten – »es ist aber hier in Missouri nicht Sitte und schickt sich auch, sollt' ich denken, für einen ordentlichen Mann nicht!« »Nun, laßt's nur gut sein, Stevenson,« bat der junge Farmer, indem er dem Alten die Hand hinüberstreckte – »es war nur so ein flüchtiges Gefühl, das mich trieb, an dem Schurken mein Sohlleder zu versuchen – 's ist aber wahr, ich dachte nicht gleich daran, daß er da lag. Doch hol' ihn der Henker – steht er wieder auf und läßt die verdammten gotteslästerlichen Reden nicht, so beginne ich auf's Neue mit ihm – dann halt' ich ihn aber aufrecht, bis ich ganz mit ihm fertig bin.« »Ich wollte, Ihr hättet den Streit nicht gehabt,« unterbrach ihn Stevenson jetzt halb ärgerlich, halb besorgt – »die Mormonen sitzen uns hier dicht auf dem Halse, sind dabei so feindselig wie möglich gegen uns gesinnt und halten zusammen wie die Kletten. Da sollt's mich denn gar nicht wundern, wenn dieser Kampf noch recht böse, häßliche Folgen mit sich führte; denn daß Der da, dem Ihr das ganze Gesicht zerschlagen habt, die Sache nicht ungerächt ruhen läßt, davon könnt Ihr überzeugt sein.« »Mag er zum Teufel gehen – ich fürchte ihn nicht!« rief Greenford – »er hat Das gelästert, was uns Allen das Heiligste ist, überdies böse, unheimliche Drohungen ausgestoßen; da müßte man ja oben am Nordpol geboren sein, wenn man bei solchen Reden kaltes Blut behalten könnte.« Der Mormone hatte sich indessen wieder von seiner Betäubung erholt, schien aber für heute den Streit nicht weiter fortsetzen zu wollen, sondern ging zu seinem Pferd, das angebunden an einem nahen Baume stand, warf sich hinauf und sprengte, ohne den Blick zurückzuwenden, mit verhängtem Zügel landeinwärts. Mehrere Minuten schon waren Roß und Reiter in dem Waldesdunkel verschwunden, und noch immer standen die Männer unbeweglich auf ihren Plätzen und starrten ihm in tiefen Gedanken versunken nach, bis endlich Greenford das Schweigen brach und, seinen Rock anziehend und die Kugeltasche, die er vor dem Kampf abgeworfen hatte, wieder umhängend, ausrief: »Da reitet der Schurke, der hier an einem der Bäume für seine gotteslästerlichen Reden zu hängen verdiente – verdammt will ich sein, wenn es nicht eine wahre Schande ist, auf Onkel Sam's eigenem Grund und Boden von einem Volk verachtet und verspottet zu werden, das schon aus den östlichen Staaten fliehen mußte, weil die Bürger dort Ihre Betrügereien und Schlechtigkeiten nicht länger dulden wollten.« »Es ist nicht so arg,« beruhigte Stevenson den Erzürnten, »und meiner Meinung nach mehr eine heilige Schwärmerei als böse Absicht, die sie zu diesen oft leichtsinnigen, ja schlecht scheinenden Handlungen verleitet. Blind glauben sie Alles, was ihnen ihr Prophet und Gott, dieser Joe Smith, sagt und als unmittelbar empfangene Offenbarung ausgiebt und halten sich als die Auserwählten des Herrn zu mehr berechtigt, als wir armen Verblendeten hier im Sinn haben ihnen zuzugestehen.« »Was können wir aber machen?« wandte Greenford ein, »wenn sie sich mit Gewalt ein Recht verschaffen, das sie zu besitzen fest überzeugt sind? – Vergebens haben wir uns schon mehrere Mal an die Regierung gewandt und diese auf die Gefahr aufmerksam gemacht, der wir bei feindseligen Absichten dieser Schwärmer ausgesetzt wären. Sie glaubt sie jetzt, da sie erst kürzlich von ihren alten Wohnorten vertrieben wurden, eingeschüchtert und verträglich gesinnt – Ihr werdet nächstens das Gegenteil erleben, wenn Blutvergießen und Gewalttaten eine friedliche Scheidung unmöglich gemacht haben.« »Ja, ja, ich stimme ganz mit diesen Ansichten überein!« bekräftigte ein alter sonngebräunter Jäger, der bis jetzt, auf seine Büchse gelehnt, ruhig und scheinbar theilnahmlos sowohl dem Kampfe zugeschaut, als den späteren Verhandlungen gehorcht hatte. – »Ich war in »Independence«, wie wir sie von dort vertrieben, und weiß, was sie alles unter dem Deckmantel ihres Glaubens und ihrer Religion gewagt haben. – Nichts war ihnen heilig, als die Ausführung jener Pläne, die sie ihrem Ziele näher brachten, und theils durch Gewalt, theils durch List hatten sie sich so fest in unserer Mitte eingenistet, daß es der ganzen Kraft des County bedurfte, ihrem nachtheiligen Wirken Einhalt zu thun.« »Pest und Gift! Und da schicktet Ihr sie uns hierher, nicht wahr – um sie nur dort los zu werden? – wahrhaftig, echt christlich!« fiel Greenford bitter lachend ein. »Und was sollten wir anders mit ihnen machen? sie vertilgen? – Hättet Ihr Eure Hände dazu hergegeben, Greenford, das Blut von Leuten zu vergießen, die einen andern Glauben haben als Ihr?« Greenford stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Nun, nein doch,« rief er endlich ärgerlich aus; »aber wolltet Ihr sie nicht länger in Independence dulden, so seh' ich nicht ein, warum wir uns hier in Caldwell ihren Abgeschmacktheiten und Anmaßungen unterwerfen sollen. Fort mit ihnen – ich hab' es satt, alle Tage hören zu müssen, daß jetzt bald der jüngste Tag nahen würde, an welchem die »Heiligen des Herrn« in ihre alten Rechte eingesetzt und die ungläubigen Kinder der Sünde und Verdorbenheit in Verbannung und Schmach geschleudert werden sollen. Ich hab' es satt, von unseren Gräbern reden zu hören, aus denen jener »geistige, die Erde ausfüllende Tempel« ersteigen soll. – Wer, zum Henker, steht uns denn dafür, daß es nicht in diesen Tagen dem alten Smith einmal einfällt, einen Kreuzzug gegen seine ungläubigen Nachbarn zu predigen, und was hilft es uns später, wenn wir mit abgeschnittenen Kehlen unter dem Rasen liegen, daß unsere Landsleute den Tod ihrer gefallenen Brüder rächen und die gestohlenen Weiber aus Gefangenschaft und Schande befreien! Fort mit ihnen, sag' ich, fort! Schickt sie westlich zu den Indianern, mit denen mögen sie sich herumschlagen und die Rothhäute bekehren, oder doch wenigstens so beschäftigen, daß sie uns für's Erste an den Grenzen mit ihren Einfällen verschonen.« »Der Staat wird sich,« wandte Stevenson ein, »ohne ernstliche Ursache nie dazu verstehen, eine solche, wenn auch nur scheinbare Ungerechtigkeit an ihnen zu begehen; denn ohne daß wir gegründete Ursachen –« »Gegründete Ursachen?« unterbrach ihn ärgerlich der junge Mann. – »Hol's der Henker, Stevenson, was versteht Ihr denn eigentlich unter gegründeten Ursachen? Sollen sie uns erst am hellen Tage überfallen und unsere Weiber fortschleppen? sollen sie uns die Häuser niederbrennen und die Felder zerstören? Gift und Schlangen! stehlen sie nicht schon von unseren Feldfrüchten, was sie heimlich bekommen können? schlachten sie nicht jedes Stück Vieh der »Ungläubigen«, das sich unglücklicher Weise auf ihre Besitzungen verläuft, und schwören die zu dem schändlichen Stamm der Daniten Gehörenden, den sie erst kürzlich gebildet haben, nicht – von ihrem Propheten selbst dazu aufgemuntert – die gräßlichsten Meineide, ehe sie Einen von ihrer Schaar verrathen? Nein, Ihr, Stevenson, und Harvard und Ihr anderen Alle, die Ihr Euch Männer Missouris nennt – Schimpf und Schande ist's, daß wir es so lange geduldet haben, und Zeit wär' es, das schmähliche Joch abzuschütteln, ehe es uns unter seiner Last erdrückt. – Die östlichen Staaten lachen uns aus, wenn sie in ihren Zeitungen die fast unglaublichen, aber wahren Berichte über die Anmaßungen des Sectengeistes lesen, und spotten nicht mit Unrecht, daß es aussähe, als ob die alten kräftigen Pionniere Missouris Büchse und Messer mit dem Gebetbuch vertauscht hätten und statt dem Panther an der Salzlecke aufzulauern, die Erscheinung der lieben Engelein vom Himmel erwarteten. Pfui – pfui! – wir müssen uns bald vor den Kindern schämen.« »Nun, ich denke, Ihr werdet nicht lange über Mangel an Ursachen zu klagen haben,« meinte kopfschüttelnd der andere Jäger, Harvard; »nach Allem, was ich je von den Mormonen gesehen habe, so sind sie gerade nicht feige, und der Bursche, der da mit wundgeschlagenem Gesichte und vor Zorn und Wuth glühenden Augen fortsprengte, könnte uns leicht in einigen Tagen mehr von ihnen auf den Hals ziehen, als sich gerade mit unserer Sicherheit und Behaglichkeit vertragen möchte.« »Laßt sie kommen, die Hunde!« rief Greenford, den Kolben seiner langen Büchse auf die Erde stoßend; »laßt sie kommen, wenn sie uns auch an Zahl überlegen sind. – Höll' und Teufel, ich sehne mich ordentlich danach, mir an einem von ihren verhaßten Körpern den Platz auszusuchen, wo das Herz sitzen muß, um das Tageslicht hindurchscheinen zu lassen!« »Greenford,« rief Stevenson verweisend, »Ihr macht es schlimmer als Die, die Ihr tadelt! Nein, Gott verhüte, daß es zum Blutvergießen kommen sollte; aber aufrichtig gestehen muß ich's, mit dabei wär' ich auch, wenn wir die Großprahler und Frömmler verjagen dürften. Doch kommt, Kinder – es wird spät und wir haben noch vier Meilen bis nach Hause; also gute Nacht – und Ihr, Harvard, wenn Ihr Lust habt, so machen wir morgen früh die verabredete Bärenjagd. Die Fährte bekommen wir frisch in dem kleinen Bache, der etwa eine Viertelmeile von meinem Hause vorbeiströmt. Seit den letzten acht Tagen ist der alte Bursche dort jede Nacht durchgekommen; aber mit Tageslicht geht's fort!« »Und wo treffen wir uns?« fragte Harvard dagegen. »An der Platane, von der wir neulich die beiden wilden Katzen herunterschossen,« rief Stevenson zurück, warf den Zügel seines Pferdes diesem über den Nacken, sprang in den Sattel, und nach einem herzlichen Gutenachtgruß ritten die Männer ihren verschiedenen Wohnungen zu, den eben noch so belebten Platz seiner tiefen, stillen Einsamkeit überlassend. Erst nach Sonnenuntergang erreichten die beiden Reiter, Stevenson und Greenford, das Haus des Ersteren, aus dem ihnen schon in weiter Ferne, da sie einen kleinen Hügel hinabritten und die kleine Lichtung, welche die Hütte des alten Mannes umgab, übersehen konnten, der Glanz des hellen Feuers entgegenschimmerte. Freudiges Hundegebell begrüßte sie, als sie sich endlich dicht am Hause von den Pferden schwangen, welche des Alten Söhne, ein paar kräftige Burschen von sechzehn und achtzehn Jahren, sogleich in Empfang nahmen. »Laßt sie nur nicht wieder in den Wald,« rief der Alte, »und gebt ihnen ein gutes Futter; bringt auch einen halben Bushel Mais mit in's Haus, wenn Ihr wieder zurückkommt, den Ihr nachher schälen und einsacken müßt; – wir wollen morgen früh unser Glück mit dem Bären versuchen.« »Hallo!« rief Jim, der Aelteste, »da geh' ich mit.« »Meinetwegen,« lachte der Alte, – »Einer von Euch mag mitgehen, der Andere muß aber das Haus hüten. Wir dürfen in diesen Zeiten die Frauen nicht ganz ohne Schutz lassen.« Mit den Worten trat er in die Thür, und ängstlich eilte ihm sein Weib entgegen. »Was ist geschehen, Stevenson – warum dürft Ihr die Frauen nicht ohne Schutz lassen? Seid Ihr doch schon so oft Alle auf die Jagd geritten und Ihr habt nie daran gedacht –« »Aengstige Dich nicht,« erwiderte gutmüthig lächelnd Stevenson – »Greenford hier hat einen Streit mit einem Mormonen gehabt, der später gerade nicht in der freundlichsten Stimmung schied. Es hat aber nichts zu sagen, es war ein ehrlicher Kampf – Mann gegen Mann – und der Besiegte darf sich nicht beklagen.« »Aber, Greenford!« flüsterte Anna, des Alten Tochter, ein liebliches, blühendes Mädchen von neunzehn Jahren und die Braut des jungen Pionniers, indem sie an diesen herantrat und ihm schmeichelnd die dunkeln Locken aus der Stirn schob – »Du hast schon wieder Streit gesucht und mir doch so fest versprochen, Dich zu mäßigen und das wilde, trotzige Wesen abzulegen – Du wirst uns noch Alle einmal recht unglücklich machen!« »Laß es gut sein, Anna!« bat der Jäger, »ich konnt' es wahrhaftig nicht ändern – der schlechte Bursche verhöhnte fast Alles, was uns heilig ist, und – Du weißt, ich habe nicht das ruhigste Blut – mir lief die Galle über – doch will ich mich bessern. – Ich will jedesmal, sollte ich wieder in Händel gerathen, an Dich denken und – wenn's nur irgend möglich ist, recht ruhig und ehrbar werden!« »Rührt Euch, Ihr Frauen – rührt Euch!« rief jetzt der Alte dazwischen, »setzt Eure Töpfe und Kessel zum Feuer, denn wir sind gewaltig hungrig; nachher könnt Ihr schwatzen, soviel's Euch beliebt, und Du, Anna, magst uns gleich etwas mehr Teig für Brode auf morgen früh anmengen und später backen, denn wenn wir einmal auf der Fährte des alten Burschen sind, den wir mit Sonnenaufgang zu jagen und unsere Schweine von dem gefährlichen Feinde zu befreien gedenken, so kann es wohl vorfallen, daß wir, so wir ihn morgen nicht finden, Abends im Walde bleiben. Vergiß auch nicht, ein tüchtiges Stück Speck dazu zu stecken, denn Harvard wird ebenfalls dabei sein und – häng' ihn – der verläßt sich stets auf seine Büchse und nimmt nie einen Bissen zu essen mit. 's ist uns schon oft so gegangen, daß wir draußen lagen und nicht ein Maul voll zu beißen und zu brechen hatten.« »Wann habt denn Ihr und Harvard die beiden wilden Katzen geschossen?« frug jetzt Greenford; »ich hörte doch, wie ihr ihm dadurch den Baum bezeichnetet.« »Ja, das ist eine sonderbare Geschichte,« lachte der Alte; »doch, Tom, Du hast sie schon wenigstens dreimal gehört,« wandte er sich jetzt, kurz abbrechend, zu dem jüngsten Sohne – »Du kannst indessen immer ein wenig Holz zum Feuer tragen – es sitzt sich behaglicher, wenn es recht hell im Zimmer ist. – Also Harvard und ich gingen vor etwa acht Tagen am Wolfscreek hinauf, und die Hunde waren schon lange einem Gang Truthühner, der dort herum den ganzen Wald zerscharrt und zerkratzt hatte, auf der Fährte gewesen, als wir sie plötzlich, nicht so gar weit entfernt, laut werden hörten und nun die Rüden hetzten, die auch bellend und jauchzend den wohlbekannten Tönen zuflogen. Wir folgten, so schnell uns unsere Knochen trugen, und vernahmen bald das Aufflattern der schweren Thiere in die Baumwipfel des Thallandes, wie das freudige Gekläff der sie verfolgenden und bewachenden Hunde. Nichts Anderes erwartend, als sie in den höchsten Bäumen hinter den Stämmen versteckt und an die dicken Aeste angeschmiegt zu finden, wie es so gewöhnlich ihre Art ist, kamen wir mit gehobenen Büchsen heran; Ihr mögt aber über unser Erstaunen urtheilen, als wir, gerade da, wo der Bach bei den zwei umgestürzten Bäumen den Weg durchschneidet, unsern alten Hector, der sonst kaum noch mit den anderen Hunden fortkommen kann, emsig beschäftigt fanden, einen kolossalen Truthahn, den neidisch knurrend drei der jüngeren Hunde umstanden, auf den Weg zu schleppen, damit wir ihn ja nicht verfehlen sollten. Uns Beiden war die Sache unerklärlich, denn äußerst selten fällt es, wie Ihr wohl selber wißt, vor, daß ein Hund selbst ein im Neste sitzendes Huhn überrascht. Wir konnten uns daher auf keine Weise erklären, wie dieses alte steife Thier den großen schönen Hahn, der wohl an zwanzig Pfund wiegen mochte, überlistet oder eingeholt haben konnte, denn daß er ihn eben erst gefangen, war ganz klar, da er sogar noch, als wir zu ihm kamen, mit den Flügeln zuckte. »Nun, sagte Harvard, und nahm ihn am Nacken in die Höhe, wir wollen uns hierüber nicht lange den Kopf zerbrechen; der Truthahn ist da und der Alte hat ihn erwischt – auf welche Art ist gleichgültig; ich will ihn aber indessen hier oder irgendwo aufhängen, daß wir ihn wiederfinden, wenn wir erst aus dem andern Gang noch einen oder zwei herausgeschossen haben. Unser Fleisch zu Hause geht auf die Neige und ich möchte gern ein paar der fetten Burschen mit heim nehmen. – Damit schauten wir Beide aufwärts, um irgendwo nahe bei der Hand zwei dicht nebeneinander stehende kleine Zweige zu finden, um den Kopf des Truthahns dazwischen einzuhängen, als wir, kaum zwanzig Fuß vom Boden, auf einer alten verdorrten Platane, die dicht neben uns am Rand des Baches stand, eine wilde Katze erblickten, die ruhig und lauernd, an einen der verdorrten, ziemlich schwachen Aeste angeschmiegt, mit ihren großen, funkelnden Augen wild und zornig auf uns herabsah. Er war jetzt außer allem Zweifel, daß die Katze und nicht der Hund den Truthahn gefangen haben mußte, und schnell hob ich die Büchse, um die tückische Bestie herunterzuholen. Harvard aber hielt mich zurück, und einen Stein aufhebend, sagte er: Laßt mich machen, wenn ich den morschen Ast treffe, auf dem sie sitzt, so muß sie fallen, und unsere Hunde können sich einen Spaß mit ihr machen. »Da ich wußte, daß er ein ausgezeichneter Steinwerfer war, und die Hunde, durch mein rasches Zielen aufmerksam gemacht, heulend den Baum umsprangen, der ihnen ihren grimmigsten Feind vorenthielt, nahm ich meine Büchse wieder herunter und in demselben Augenblick traf auch, von Harvard's sicherer Hand geschleudert, der Stein den Ast, der, überhaupt schon morsch und faul, ganz wie mein Kamerad vorhergesehen hatte, von dem plötzlichen Wurf und dem Zusammenzucken des Thieres herunterbrach. Aber die Katze kam nicht mit, sondern umklammerte noch im Stürzen, und kaum mehr zwei Fuß von den Hunden entfernt, die sie alle schon mit offenem Rachen und atemlosem Schweigen in fieberhafter Aufregung erwarteten, den Stamm, an welchem sie mit Blitzesschnelle in die Höhe lief. Wer beschreibt da unser Erstaunen, als wir, ihr mit den Augen folgend, noch eine zweite gewahrten, die oben, fast in der äußersten Spitze der Platane, kauerte. »Harvard machte nun zwar den Vorschlag, eine Axt von hier zu holen, denn es ist gar nicht weit; ich traute aber den Bestien nicht recht. In Kentucky haben wir einmal eine wilde Katze, die wir ebenfalls durch das Fällen einer Eiche zu erwischen gedachten, über sechs Stunden mit den Hunden gehetzt, ehe wir sie wieder aufbäumen konnten, und mußten sie nachher immer noch schießen. Ich rief ihm also kurz zu, die rechte zu nehmen, während ich die linke besorgte, und bei unseren Schüssen, die so zu gleicher Zeit fielen, daß sie hier im Hause nur einen einzigen Knall gehört haben, stürzten die Bestien zwischen die Hunde hinein, die sich nun eine Güte thaten und nicht eher ruhten, bis sie die beiden Thiere in Gott weiß wie viele Stücke zerrissen hatten.« Noch über Vieles plauderten die Männer zusammen und erzählten sich Jagdabenteuer und Anekdoten, bis die einfache Mahlzeit bereitet und der Tisch gedeckt war, wo dann die alte Mrs. Stevenson sie bat: »ihre Stühle herumzurücken und zu essen, was da wäre.« Sie ließen sich auch nicht lange nöthigen; das warme, in kleinen Kuchen gebackene Maisbrod, der saftige gebratene Speck und die dünnen Schnitten Hirschfleisch, mit einem Becher guter Buttermilch hinuntergespült, mundeten vortrefflich, und das allmähliche Verschwinden sämmtlicher Lebensmittel war der beste Lobspruch für der Frauen Kochkunst. Nach dem Essen wurde eine andere Schüssel voll Brod, die unterdessen gebacken war, nebst mehreren Stücken Speck und Hirschfleisch, in einen Sack gesteckt; der junge Stevenson schälte den Mais für ihr Pferdefutter auf den nächsten Tag aus, und der Alte und Greenford sahen nach ihren Büchsen, daß diese auch in guter Ordnung wären und ihnen nicht im entscheidenden Moment einen Streich spielten. »Wir werden wohl ein paar Kugeln gießen müssen,« meinte Greenford endlich, »ich habe nur noch fünf im Ganzen!« »Das sind zwei mehr, als mir, nachdem ich geladen, übrig bleiben,« erwiderte der Alte, »ist aber auch Blei genug zum Umherschleppen. Wenn wir nach neun Schüssen nicht so viel Fleisch haben, als unsere Pferde tragen können, dann dürfen wir immer die Arbeit an den Nagel hängen.« »In meiner Tasche ist auch noch ein halbes Dutzend,« sagte der junge Stevenson, »und ich will zufrieden sein, wenn ich zwei davon verschießen kann.« »Jetzt ist's aber Zeit zum Zubettegehen, Kinder,« rief der Alte, »wir müssen morgen früh heraus – habt Ihr denn eine Matratze oder so etwas für Greenford?« »Gebt Euch um mich keine Mühe,« entgegnete dieser, »ich liege hier weich genug, und meine Vorbereitungen sollen bald getroffen sein.« Damit hüllte er sich in seine Decke, schob den Sattel, den er als Kopfkissen benutzen wollte, an's Kamin und bewies bald durch sein ruhiges, regelmäßiges Athemholen, daß er allerdings keines weichen Lagers bedurfte, um sanft und schnell einzuschlummern. Seinem Beispiel folgten die Uebrigen, die sich in ihre Betten – alle in demselben Zimmer – niederlegten, nachdem der jüngere Stevenson die Kohlen im Kamin noch mit Asche bedeckt hatte, um am nächsten Morgen schnell und leicht Feuer machen zu können. Beim ersten Hahnenschrei waren Alle munter, die Pferde wurden gefüttert, eine kleine Mahlzeit schnell eingenommen, und ehe die Sonne die Gipfel der höchsten Bäume vergolden konnte, erreichten die drei Männer, von ihren fröhlich nebenherspringenden Hunden begleitet, den bezeichneten Platz, von welchem ihnen schon die grüßende Stimme Harvards's entgegenschallte. »Brav, Alter! Ihr habt mich nicht lange warten lassen – bin kaum gekommen. – Und den Jungen auch mitgebracht? das ist schön – nun, wir werden überdies nicht lange zu suchen brauchen, bis wir die Bestie einholen, ich habe sie eben am Bache gespürt. Sie ist richtig wieder hinüber, es war Alles, was ich thun konnte, meine Hunde vom Folgen abzuhalten – sie schienen so hitzig wie rother Pfeffer.« Damit ritt er an die Freunde heran und schüttelte ihnen die Hand, während seine Hunde sich knurrend und mit hochgehobenen Schwänzen (um ihre gänzliche Gleichgültigkeit über die Mehrzahl der anderen auszudrücken), aber doch ein wenig mit ihnen wedelnd, da sie die alten Jagdgenossen, in deren Gesellschaft sie schon mancher Fährte gefolgt waren, erkannten, zwischen dieselben hineindrängten. »Ruhig, ihr Hunde – ruhig, Leihk – schäm' dich, altes Vieh – Frieden da zwischen euch!« rief Stevenson und lenkte sein Pferd unter sie – es bedurfte aber schon weiter keiner Beruhigung; dem Stolz und Selbstgefühl der ersten Begegnung war genügt, und spielend und kläffend sprangen sie in wenigen Minuten mit einander herum. Ueber den Plan der Jagd hatten sich die Männer bald verständigt, und zu der Stelle zurücktretend, wo Harvard die Fährte an diesem Morgen gefunden, witterten die Hunde kaum die erst vor wenigen Stunden hinterlassene Spur, als sie kläffend und bellend derselben folgten und, bald den Lauf des Baches verlassend, mit den Jägern dicht auf den Fersen, ihren Weg gegen eine Reihe von steilen Hügeln einschlugen, die sich von Norden nach Süden hinabzogen. »Hört nur, Harvard! rief der alte Stevenson, als sie, eine kleine Prairie benutzend, um weniger durch das dichte Unterholz der Waldung aufgehalten zu werden, neben einander hinsprengten, »hört nur, wie Eure beiden Hounds immer vornweg suchen – es sind mir die liebsten Hunde auf einer Hetze!« »Ja, so lange die Hetze dauert,« entgegnete Harvard, sein Thier etwas mehr an des Alten Seite lenkend, »beginnt aber erst einmal der Kampf, dann lob' ich wir Euren Leihk. – Hol's der Henker, der Hund hat ordentlichen Menschenverstand – er packt die Bestie hinten an den Keulen, und wenn sie sich umdreht und mit der Tatze ausholt, ist er schon drei oder vier Schritt fort, wo er sich hält, bis der Schwarze wieder Fersengeld giebt!« »Nun, Eure Hounds sind doch auch nicht gerade zu bissig, wenn's an den Mann geht!« lachte Stevens. »Zu bissig? Verdamm' die Canaillen! Bei der letzten Hetze rührten sie den Bär, wie er sich stellte, gar nicht an und bekümmerten sich nicht mehr um ihn, als ob er ein abgebranntes Baumende gewesen wäre, ich will mit meiner nächsten Kugel vorbeischießen, wenn sie nicht, wählend sich meine beide jungen Hunde mit ihm auf Tod und Leben mit ihm herumschlugen, eine frische Hirschfährte annahmen und zwei Minuten später Gott weiß wo waren. Aber, hallo! sie müssen die Fährte verloren haben,« rief er, »es ist ja Alles ruhig.« Die Prairie verlassend und etwas weiter links den Wald wieder betretend, aus dem sie noch vor wenigen Secunden die Stimme der verfolgenden Hunde gehört hatten, erreichten die Männer bald den Platz, wo die Meute, suchend und leise winselnd, in toller Verwirrung hin- und herlief; fast in derselben Minute sprengten auch der junge Stevenson und Greenford auf den Platz. Unstreitig hatte sich hier der Bär eine lange Zeit herumgetrieben und seine Fährten mehrere Male gekreuzt, denn selbst die älteren Hunde waren irre geworden, und Leihk setzte sich endlich, zur Verzweiflung getrieben, nieder und heulte, den Kopf in die Höhe haltend, auf eine jämmerliche Weise. »Schäm' dich, Vieh! schäm' dich!« rief der alte Stevenson ärgerlich, »ist das eine Manier für einen verständigen Hund, die Nase in die Luft zu halten, wenn er sie auf der Erde haben sollte? – Aber, Harvard – was hat das Thier? – seht nur, wie es den Kopf hebt und umherdreht, meiner Seel', Harvard – es windet! Pätz ist doch nicht hier in der Nähe zu Bett gegangen? und dennoch! seht den Hund an! ich wette ein Pfund von Dupont's Schießpulver, daß er den Bär wittert.« »Das wäre ein Hauptspaß, grinste der alte Jäger, sich hoch im Sattel aufrichtend; »bekommen wir einen jumping start Wenn der Bär in seinem Lager von Hunden überrascht und dicht verfolgt wird, was immer eine schnellere Jagd hoffen läßt, als das lange Verfolgen der kalten Fährte. , so haben wir die Bestie in einer Stunde, das ist sicher, und – bei Allem, was da lebt – Leihk wittert etwas; der Hund ist zu klug, die Luft nach gar nichts einzuschnüffeln, überdies hat er den besten Wind.« Leihk schien aber jetzt auch mit sich selber einig zu sein, denn langsam und mit hochgehobenen Pfoten verließ er die übrigen Hunde, und folgte vorsichtig und behutsam einer kleinen Lichtung im Holze, bald links, bald rechts hinüber windend. Die anderen Rüden, schon daran gewöhnt, seiner Leitung zu folgen, umsprangen ihn bald, mit den Nasen auf dem Boden, und Harvard's Hounds fanden hier plötzlich die verlorene, so lange vergebens gesuchte Fährte wieder, die sie mit fröhlichem Winseln und Kläffen beibehielten und dem ruhigeren Schweißhund vorauseilten, der jetzt, da er seine Anzeichen bestätigt fand, eben so schnell hinterher stürmte. Dicht auf ihren Fersen hielten sich im raschen Galopp die vier Jäger; aber kaum mochten sie noch eine halbe Meile von da, wo Leihk zuerst den Bären spürte, zurückgelegt haben, als die ersten der Meute ein wildes Geheul ausstießen; gleich darauf sahen die schnell herbeisprengenden Männer die dunkle Gestalt des in seinem Bett überraschten und jetzt flüchtig davoneilenden Feindes in den Büschen verschwinden. Wenn er aber auch in rasender Schnelle durch das Dickicht brach, und zwar mit der Nase auf dem Boden, damit die vielen ihm im Weg liegenden Schlingpflanzen über ihn hinwegglitten; wenn er sich auch mehrere steile Abhänge mit gänzlicher Nichtachtung seiner eigenen Knochen und Gliedmaßen hinabstürzte: zu dicht waren die schnellen Hunde hinter ihm, und kaum zwei Meilen konnte er, nach seinem ersten Aufspringen, durchrast haben, als ihn die nachhetzenden Rüden in einer kleinen Schlucht, überall von steilen Felsen umgeben, stellten. Die vier Jäger waren bis jetzt dicht zusammen geblieben, und der junge Stevenson wollte auch diesmal – als Harvard, dem Getobe der Hunde zu, eine gerade Richtung einschlug – dem erfahrenen Jäger folgen, sein Vater verrannte ihm aber den Weg und brach, ihm ein Zeichen gebend, zu folgen, etwas links ab. Greenford schloß sich den Beiden an. Der alte Stevenson kannte jede Schlucht, jede Bergkuppe im ganzen Walde und zog daher den einige hundert Schritt weiteren, aber zugänglicheren Weg dem näheren vor, um mit den Pferden dicht an die in die Enge getriebene Bestie heranzukommen, da in der geraden Richtung, welche Harvard verfolgte, der Boden zu rauh und steinig war. Dieser fand auch bald, daß er mit dem Pferde unmöglich weiter vorwärts konnte; als er daher auf der Kuppe eines Hügels angekommen war, in dessen Nähe der Kampf zu toben schien – denn dicht unter sich hörte er das Bellen und Anschlagen der Hunde –, sprang er aus dem Sattel und lief in vollem Rennen, mit der Büchse in hochgehobener Hand, dem Wahlplatz zu; kaum aber mochte er hundert Schritt zurückgelegt haben, als er sich an einer steilen, mit kleinen lockeren Steinen bedeckten, abschüssigen Bergseite fand, an deren Fuße der Bär mit mächtigen Schlägen die Hunde zurückzutreiben versuchte. Die Gefahr, in der er schwebte, bemerkend, wollte er sich nun im Laufen stemmen, doch die bröcklige Steinmasse gab unter seinen Füßen nach, ein paar dürre Büsche, die er ergriff, brachen von seinem Gewicht, die Büchse entfiel seiner Hand und entlud sich im Stürzen, und mitten in den Knäuel der Kämpfenden hinein rannte oder fiel vielmehr der zum Tode erschreckte Jäger, unter diesen Verhältnissen sein Verderben vor Augen sehend. Was aber sein Unglück zu befördern schien, war seine Rettung, denn das von den Hunden arg bedrängte Thier, welches den Schuß hörte und den scheinbar in grimmiger Wuth und Kampfgier auf sich losstürmenden Feind gewahrte, machte, dieser neuen Gefahr zu entgehen, einen letzten, verzweifelten Versuch zur Flucht und sprang, sich für einen Augenblick den Hunden entreißend, wenige Schritte an der gegenüberliegenden, eben so steilen Felswand hinauf. In demselben Moment fielen zwei Schüsse, der zum Tode Verwundete, dem die eine Kugel das Rückgrat zerschmettert hatte, während die andere sein Herz durchbohrte, hielt wenige Secunden zusammenzuckend in seinem Lauf ein und stürzte dann zwischen die wild aufjubelnde Meute zurück, unter der sich eben mit vieler Mühe, aber außerordentlicher Geschwindigkeit, Harvard hervorgearbeitet hatte. Wenige Minuten darauf war der Bär verendet und keuchend, mit heraushängenden Zungen, lagerten sich die erschöpften Hunde um ihn her, während Leihk die Kugelwunden leckte und sich dann, als ob er wisse, wer das beste Recht auf ihn habe, neben ihn setzte. Jetzt traten auch die beiden Stevensons und Greenford heran und begrüßten lachend den armen Harvard, der mit ernst-komischem Gesicht sich die Glieder rieb und an dem Hügel hinauf zurücksah, von dem herab er mit so ganz unfreiwilliger Schnelle und Kühnheit zum Kampf geeilt war. Der junge Stevenson schlug nun zwar vor, das Fleisch aufzuhängen und zu versuchen, ob sie nicht einen zweiten auftreiben könnten. Keiner der Uebrigen stimmte ihm aber bei, denn erstlich behauptete der Alte, daß es ihnen sehr schwer werden würde, eine andere warme Fährte im Umkreise von fünf Meilen aufzufinden und dann trieb auch Greenford nach Hause, denn, wie er versicherte, war's ihm in der letzten halben Stunde gar nicht mehr heimlich im Walde gewesen. Also wurde der Bär geviertheilt und bald darauf trabten die Männer, sich nicht einmal Zeit nehmend, eine Mahlzeit zu kochen, der nicht über fünf Meilen entfernten Wohnung des alten Stevenson wieder zu. Harvard hatte sich schnell über seinen Unfall getröstet und lachte jetzt selbst recht herzlich über die sonderbare Figur, die er gespielt haben mußte, als er so ganz unfreiwillig bergab tobte, was der Alte, der gerade zur rechten Zeit am Eingang der Schlucht angelangt war, um das Ganze übersehen zu können, nicht komisch genug beschreiben konnte. Greenford jedoch war einsilbig und ritt schweigend nebenher. Auf diese Weise hatten sie den größten Theil des Weges zurückgelegt und erreichten eben eine kleine Anhöhe, die kaum noch eine Meile von Stevenson's Haus entfernt war und von der man eine weite Strecke Landes überblicken konnte, als sich der junge Greenford plötzlich hoch im Sattel aufrichtete, mit starker Hand sein Pferd auf die Hinterbeine zurückriß und, während er den Uebrigen mit erhobener Hand zuwinkte, einige Secunden in dieser Stellung verharrte. »Nun, Greenford – was ist Euch? Ihr werdet ja so weiß wie ein Schneeball – was habt Ihr – was stiert Ihr da so gerade vor Euch hinaus?« rief der alte Stevenson. »Hörtet Ihr den Schuß? – seht Ihr den Rauch dort?« frug der junge Jäger mit leiser, kaum hörbarer Stimme, aber zitternden Lippen und krampfhaft zuckender Gestalt. »Nun, haben wir denn nicht eben auch geschossen?« wandte Harvard kopfschüttelnd ein, »und der Rauch –« »Ist meine Wohnung,« knirschte Jener, krampfhaft mit der Rechten seine Büchse umklammernd, als wenn er die Eisenfinger in den Lauf pressen wollte; »dort liegt, oder dort lag mein Haus – die Mormonen sind in der Ansiedelung.« Und ohne nur eine Antwort der Gefährten abzuwarten, ergriff er das Fleisch, das über seinen Sattel zu beiden Seiten herunterhing, schleuderte es vom Pferde und diesem die Hacken in die Seite bohrend und mit fester Hand den Zügel ergreifend, sprengte er in so rasendem Galopp den steilen Hügel hinunter, daß die Zurückbleibenden entsetzt ihre Thiere anhielten und in jedem Augenblick fürchteten, des Tollkühnen Hals und Beine im unvermeidlichen Sturze brechen zu sehen. Der erreichte aber glücklich den Fuß des Hügels und war mit Gedankenschnelle im Dickicht verschwunden. Der alte Stevenson hatte jedoch indessen auch nicht müßig da gehalten, und er sowohl als Harvard entledigten sich schnell ihrer Last, die Jim, wie ihm sein Vater mit wenigen Worten zurief, zum Hause nachbringen sollte, während die beiden Männer ebenfalls, zwar etwas vorsichtiger als der junge Greenford, doch auch ohne Zeitverlust dem Vorangeeilten in gerader Richtung, nach des alten Stevenson Wohnung zu, folgten. Jim sah sich nun kaum allein, als er einen Augenblick auf seinem Pferde hielt und die ihm überlassenen Fleischstücke mit prüfenden, überlegenden Blicken betrachtete. Er ging augenscheinlich mit sich selbst zu Rathe, ob er dem Befehle seines Vaters gehorchen oder den Anderen folgen sollte. Da schallte aus dem Thal herauf ein Schuß, und der entschied augenblicklich die Handlung des jungen Hinterwäldlers. Anstatt sein Pferd mit der Jagdbeute zu belasten und langsam nach Hause zu ziehen, erfaßte er ebenfalls das auf der linken Seite seines Thieres hängende Fleisch und warf es mit kräftigem Ruck über die rechte zu dem andern hinab, stieß seinem also erleichterten und freudig aufwiehernden Pferde, das schon unwillig gestampft hatte, als es sich von den übrigen verlassen sah, die Hacken ein und sprengte, ganz dem Beispiel des vorausgeeilten Vetters folgend, in wilder Hast der eigenen Wohnung zu. Greenford durchflog indessen in rasender Schnelle die Strecke, die ihn von Stevenson's Hause trennte – ein niederhängender Ast riß ihm seine Mütze vom Kopfe – er achtete es nicht – unter einer Weinrebe dahinsausend, ergriff diese die auf seinem Rücken mit dünnem Bast befestigte Jagddecke – einen leisen Fluch nur stieß er aus und stärker preßte er die Seiten des sich auf das Aeußerste anstrengenden Thieres, das jetzt, als es einen schmalen, nach des alten Mannes Hause hinführenden Fahrweg erreichte, auf diesem dahinbrausend kaum den Boden zu berühren schien. Da schimmerten ihm von ferne die hellen Schindeln des kleinen Hauses entgegen, das sein Liebstes auf dieser Welt in sich faßte, und schon wollte er, da Alles ruhig und friedlich zu sein schien, seinem gepreßten Herzen mit einem fröhlichen »Gott sei Dank!« Luft machen, als er in nicht großer Entfernung – nur seitwärts von der Wohnung – mehrere Schüsse fallen hörte. Zwei Minuten darauf hielt er auch mit dem schnaubenden, zitternden Roß vor der bekannten Thür – aber – allmächtiger Gott! – Verderben und Zerstörung schien überall zu herrschen, und mit stieren, weit aufgerissenen Augen starrte er, selbst keinem Gedankens, keiner Bewegung fähig und das Aergste fürchtend, die sonst so freundliche, jetzt wüst und öde aussehende Wohnung an. Da erschien plötzlich die schlanke, ehrwürdige Gestalt von Anna's Mutter in der Thür und, den jungen Mann erkennend, rief sie aus: »Oh, rettet – rettet meine Tochter!« »Wo?« war das einzige Wort, das der Unglückliche im fürchterlichsten Entsetzen ausstoßen konnte, als wieder ein Schuß fiel und die alte Frau, selbst sprachlos vor innerem Seelenschmerz, nur eine stumme, flehende Bewegung nach jener Gegend zu machen konnte. Keine Silbe erwiderte der Jäger, aber der Rappe fühlte den Sporn und zur Seite gerissen, mit wildem Sprunge einige im Wege liegende Baumstämme überfliegend, trug ihn das durch den rasenden Reiter fast zu gleicher Wuth aufgereizte Thier der geraubten Geliebten nach. Der am gestrigen Tage von dem jungen Greenford besiegte Mormone war mit Zorn und Wuth im Herzen hinweggeeilt, fest entschlossen, die ihm widerfahrene Beleidigung fürchterlich zu rächen. Da, noch mit sich selbst berathend, auf welche Art er dies am besten bewerkstelligen könnte, begegnete ihm der Prophet Joe Smith selbst. Dieser kam mit einigen seiner Anhänger aus der schon erwähnten Gesellschaft der Daniten, gerade von einem Gerichtstag des benachbarten Districts, wohin er wegen mehrfach verübter Diebstähle der Seinigen citirt und trotz dem beharrlichen Leugnen seiner Genossen, trotz seinem eigenen Meineid, der vorliegenden kräftigen Beweise wegen mit bedeutender Strafe belegt und überdies bedroht worden war, daß das Gericht seine Eide untersuchen wolle, und ihn, so er es gewagt habe, falsch zu schwören, das Zuchthaus bedrohe. Mit den Zähnen knirschend hörte er den Bericht des gemißhandelten Bruders, der, um seiner Rache gewiß zu sein, Ihm erzählte, wie eine Mehrzahl ihn zu Boden geworfen und geschlagen und dabei drohende, gotteslästerliche Reden gegen ihn, den Propheten selber, wie gegen die heilige Religion, der sie huldigten, ausgestoßen habe. Zitternd vor verhaltener Wuth stand die kräftige Gestalt dieses merkwürdigen Mannes, seine Fäuste ballten sich, seine Zähne knirschten; aber er gewann augenblicklich die ganze ihm so schnell zu Gebote stehende Gewalt über sich selber wieder und mit zum Himmel aufgeschlagenen Augen, mit emporgereckten Armen schien er plötzlich in ein tiefes, brünstiges Gebet versunken, während dessen sich seine Gesichtszüge glätteten und seine Mienen eine fast friedliche, ruhige Heiterkeit annahmen. Zwei Minuten mochte er so gestanden haben, während deren keiner seiner Begleiter ein Wort zu sprechen wagte; da auf einmal überflog ein triumphirendes Lächeln seine dunkeln Züge – seine Augen blitzten – die ganze Gestalt hob sich, und wie von einem Gott begeistert rief er aus: »Zum Kampf – zur Rache! Die Hand der Gerechten schmettere Vernichtung nieder auf die Häupter der Gottlosen – der Herr der Heerschaaren wird die Kinder Zions beschützen und seine Heiligen werden Sieger bleiben. Fluch Denen, die den Stamm verachten, den der Herr auserwählt hat, aber siebenmaligen Fluch und fürchterliche Strafe Denen, die ihre Hand an die Lieblinge des Höchsten legen!« In jubelndem Triumphgeschrei stimmten seine Begleiter ein, und in fröhlicher Hast flogen sie auf schnellen Pferden, von dem Propheten abgesandt, zu den benachbarten Glaubensgenossen, um augenblicklich, auf frischer That, die Schuldigen zu strafen und die Ungläubigen zu überführen, wie schnell die Rache der Heiligen einer erlittenen Beleidigung folge. Noch in derselben Nacht versammelten sie sich in einer unbewohnten Hütte an der Straße nach St.-Louis und der Prophet hielt eine Rede voll glühender Begeisterung, in der er sie aufforderte, am wahren Glauben festzuhalten und mit starker Hand die Feinde desselben zu züchtigen. »Fürchtet nicht die Schaaren der Feinde!« rief er unter Anderem, »fürchtet nicht ihre Drohungen, mit denen sie Euch einschüchtern wollen; laßt sie ihre Truppen sammeln – ihre Bajonnette werden stumpf werden, wenn sie die Luft berühren, die uns umgiebt, und ihre Kugeln schmelzen, ehe sie das Rohr verlassen. Glaubt Ihr, Jene könnten den Sieg davontragen, wenn der Herr mit Euch ficht? Glaubt Ihr, die Schaaren der Sünder vermöchten Euch zu unterjochen, wenn die Engel selbst in Euren Reihen kämpfen? Fort zum Sieg, und Rache und Beute lohne Eure That!« Ein wilder Wahnsinn mußte den Geist des tollen Priesters umnachtet haben, der in entsetzlicher Verblendung die Seinigen einem Kampfe mit einer ihnen unzählige Mal überlegenen Macht entgegentrieb. Aber die bisherige grenzenlose, fast unverzeihliche Nachsicht des Staates mit seinem und der Seinigen Treiben – da der Gouverneur sowohl als die Gesetzgebung von Missouri mehr eine religiöse Schwärmerei, als wirkliche Bosheit und Schlechtigkeit in allen Vergehungen dieses Frömmlers sah – hatte ihn kühn gemacht und in wildem Trotz, der durch die gemachten bitteren Erfahrungen noch nicht gedemüthigt war, glaubte er mit dem Beistand des Himmels und der Engel, die er für seine festen Bundesgenossen ausgab, »das Reich Zions erweitern« und die »Heiligen des letzten Tages« zu den alleinigen Herren der Erde oder wenigstens für jetzt zu denen Missouris machen zu können. In derselben Stunde nun, da Stevenson, Greenford und Harvard zur Jagd aufbrachen, rüsteten sich diese »Männer der guten Sache«, wie sie sich nannten, um eine vermeinte Beleidigung an Unschuldigen zu rächen, die kaum davon reden gehört, und Schrecken und Verwirrung in eine Ansiedelung zu tragen, in welcher bis jetzt nur Ruhe und Frieden geherrscht hatte. Ihr erster Zug war zu dem Hause Greenford's, weil der gemißhandelte Mormone diesen als den Haupträdelsführer bezeichnete. In aller Stille wurde Feld und Wohnung desselben umzingelt, indem sie den jungen Mann auf seinem Eigenthum zu finden hofften; in ihrer Erwartung aber getäuscht, erbrachen sie das Haus und zündeten es aus Wuth, daß sie nicht einmal etwas des Forttragens Werthes darin gefunden hatten, an, ihren Haß sogar soweit treibend, daß sie Feuer unter die Fenz legten, um auch die Umzäunung seiner Felder zu vernichten und, für dieses Jahr wenigstens, seine Ernte zu zerstören. Von hier aus theilten sie sich, und die größere Hälfte zog nach Stevenson's Wohnung, auf den sie ebenfalls erbittert waren, weil er sich ihren Anmaßungen stets fest und stark entgegengestellt und ihre Drohungen verlacht hatte. Auch diesen nicht zu finden, steigerte ihre Wuth immer mehr; sie brachen, die flehenden Bitten der Weiber nicht beachtend, in sein Haus ein, warfen alles Geräth und Geschirr hinaus, zertrümmerten, was zertrümmert werden konnte, und wollten eben den Feuerbrand auch in diese friedliche Hütte werfen, als sich das junge Mädchen dem Propheten, der in dem Augenblick mit seinem andern Trupp herankam, entgegenwarf und ihn flehentlich bat, nicht das Obdach ihrer alten Eltern zu zerstören. Der Bube, durch die Reize der Jungfrau entzündet, befahl seinen Leuten, im Namen des Herrn einzuhalten, legte aber zu gleicher Zeit seine Hand auf die Schulter des zitternden Mädchens, erhob sie mit emporgehobener Rechte in den Rang der »Cyprischen Heiligen«, da sie werth wäre, eine »Kammerschwester der Mildthätigkeit« zu werden, und rief Zweien seiner Helfershelfer zu, sich derselben zu bemächtigen und sie auf ein Pferd zu nehmen. Vergebens sträubte sich das hülflose Wesen und rief wild nach Rettung; vergebens beschwor die alte, von Allen verlassene Frau Fluch und Verderben auf die Häupter der Nichtswürdigen herab. das Mädchen, in der Faust der kräftigen Männer schwach und widerstandsunfähig, ward auf ein Pferd gehoben, auf welches sich hinter sie der Ankläger und die Ursache dieses ganzen Ueberfalls schwang, und fort ging's im scharfen Galopp den eigenen Ansiedelungen zu. Mehrere der Nachbarn hatten sich aber indessen, durch den jüngsten Stevenson aufgerufen, gesammelt und stürmten mit Büchse und Messer dem Ort der Gefahr zu, um die Ruhestörer mit kräftiger Hand zurückzutreiben; doch war die Uebermacht der Mormonen zu groß. Obgleich die kühnen Missourier, mit dem Knaben Tom an der Spitze – der sich in wilder Todesverachtung auf die Buben warf, um seine Schwester zu befreien – ihr Aeußerstes versuchten, obgleich sie mehrere der Feinde verwundeten, wurden sie doch bald zurückgeschlagen und konnten nur zähneknirschend den Siegern nachsehen. So standen die Sachen, als Greenford auf schäumendem Rosse der Spur der sich Zurückziehenden folgte und bald die unter den Hufen ihrer Rosse aufwirbelnde Staubwolke gewahrte. »Oh, nur jetzt halte noch aus!« rief er, in unsäglicher Aufregung den Hals seines wild dahinbrausenden Renners klopfend – »nur noch wenige Minuten halte aus, mein treues Thier, bis ich des Schurken Herz getroffen, der mein Lieb gestohlen, dann magst du mit oder über mir zusammenbrechen; nur bis dahin noch zeige deine alte, so oft erprobte Kraft.« Näher und näher kam er jetzt dem sich in schnellem Trabe fortbewegenden Zuge, schon konnte er die einzelnen Pferde, die einzelnen Menschen erkennen, und dort – dort – mitten in der Schaar schimmerte das weiße Kleid des geraubten Mädchens. Einen Schrei der Angst und Freude stieß er aus, und die hochgeschwungene Büchse in der Faust, da er, aus Furcht seine Braut zu treffen, nicht wagen durfte zu schießen, folgte er mit wildem Herausforderungsruf den sich bestürzt nach ihm umschauenden Feinden. Nicht hundert Schritt mehr war Greenford von der Geliebten entfernt, die, ihn erkennend, flehend und Hülfe suchend ihre Arme ausbreitete, noch einmal trieb er mit bewaffneten Hacken das treue Thier zu größerer Anstrengung. Dessen Kräfte aber waren erschöpft, und gerade jetzt, so nahe seinem Ziel, als sich der wilde Reiter im Sattel hob, den Sprung über einen im Wege liegenden umgestürzten ungeheuren Baumstamm zu wagen, stürzte das ermattete Thier und schleuderte im gewaltigen Satz den jungen Mann weit über sich hinweg auf die Straße. Wildes Hohngelächter schallte triumphirend aus der Mitte der Mormonen, als sie den Fall ihres Feindes beobachteten; da erkannte der Bube, welcher die jetzt ohnmächtige Anna vor sich auf dem Pferde trug, den jungen Jäger, der sich mit Mühe unter dem Pferde hervorarbeitete. Die bewußtlose Gestalt des Mädchens in seinen linken Arm lehnend, riß er mit der Rechten eine Pistole aus dem Gürtel und verließ die Schaar der Freunde, das Rachewerk zu vollenden und seinen Feind zu vernichten. Es war aber seine letzte Bewegung; fast in demselben Augenblick durchbohrte eine Kugel den Schulterknochen seines Pferdes, daß es zusammenbrach, als eine zweite sein Hirn zerschmetterte, und mit geschwungenen Büchsen und brennender Kampfbegier in den zornfunkelnden Augen stürzten gleich darauf die drei Jäger aus dem Dickicht auf die Feinde. Diese, der geringen Anzahl Trotz bietend, rüsteten sich, sie zu empfangen, zu gleicher Zeit aber wurden auf dem Wege die früher zurückgeschlagenen und jetzt wieder herbeieilenden Ansiedler sichtbar, und doch nun den Zorn der auf das Aeußerste gereizten Missourier fürchtend, wandten sich die Mormonen, von ihrem Propheten dazu aufgefordert, zur Flucht und waren bald – von den Männern nicht weiter verfolgt, die sich um das ohnmächtige Mädchen und den schwer verletzten jungen Mann sammelten – im Dickicht verschwunden. Nur nach und nach erholte sich das arme, zum Tod erschreckte Kind wieder, und die beiden Brüder hoben sie in Harvard's Sattel, der sie sorgsam und vorsichtig zum Hause zurückführte. Auch Greenford, durch den fürchterlichen Sturz an vielen Stellen des Körpers verwundet und an allen Gliedern wie gelähmt, konnte nur mit Mühe auf des jungen Stevenson Pferd nach dessen Hause zurückreiten, wo ihn ein heftiges Fieber Wochen lang an sein Lager fesselte. Das ganze Land war aber jetzt in Aufruhr und Alles griff zu den Waffen, um die Mormonen, die sich übrigens nach diesen Vorfällen eine Zeit lang sehr ruhig verhielten, zu vertreiben oder zu vernichten; doch verhinderten die älteren, besonnenen Männer einen gewaltsamen eigenmächtigen Angriff auf die Stadt der »Heiligen«, der auch vielleicht für die geringe Zahl der Landleute von übeln Folgen hätte sein können. Mehrere Gesandte aber, unter ihnen Harvard, wurden nach St.-Louis geschickt. um sowohl Bericht über den gewaltsamen Einfall und Friedensbruch der Secte abzustatten, als auch den Gouverneur zu ernstlichen Maßregeln gegen diese Schwärmer zu veranlassen, welche die Bewohner von Missouri unter keiner Bedingung länger in ihrer Nähe dulden wollten. Der ganze Staat war über die schändliche Gewaltthat entrüstet, und der Gouverneur sandte endlich, drei Wochen nach dem eben erzählten Vorfall, eine bewaffnete Macht gegen die Ruhestörer, um sie mit Güte oder Gewalt aus dem Staat zu vertreiben und ihnen im indianischen Gebiet einen Platz anzuweisen. Greenford hatte sich indessen wieder vollkommen von den Folgen seines Sturzes wie der damaligen Aufregung erholt und war gerade beschäftigt, mit Hülfe der hinzugerufenen Nachbarn sein neues Hans aufzurichten und im nächsten Monat Hochzeit und Einzug zu halten, als die kriegerische Musik der sich nähernden Truppen an ihr Ohr schlug und Alle, Haus und Aexte im Stich lassend, den lang' ersehnten Lauten entgegeneilten. Herzlich wurden die Soldaten von den Ansiedlern begrüßt und in jeder Hütte Vorbereitungen getroffen, nicht allein den Willkommenen so viel Bequemlichkeiten, als ihnen ihre Lage erlaubte, zu bieten, sondern auch den Zug am nächsten Tag zu begleiten und die Militärmacht, im Fall die Mormonen ernstlichen Widerstand wagen sollten, mit kräftiger Hand zu unterstützen. In Stevenson's Hause waren die jungen Leute emsig mit Kugelgießen beschäftigt, während die Frauen buken und brieten. »Ich wollte aber doch, Ihr ginget endlich einmal mit Euren Löffeln und Zangen fort und ließet uns ungestört am Feuer,« zürnte zuletzt die alte Frau; »es ist ja doch meiner Seel', als ob Ihr Euch auf einen jährigen Kriegszug rüstetet. Greenford, Ihr müßt schon über fünfzig Kugeln gegossen haben!« »Eben die dreiundsiebzigste, Mutter,« lachte der junge Mann; »ich höre aber jetzt auf, all' mein Blei ist verbraucht.« »Wozu nur diese entsetzliche Menge Kugeln? es kommt doch nicht zum Fechten!« entgegnete Anna, obgleich sie ihren eigenen Worten nicht recht traute und besorgt dem Geliebten in's Auge sah. »Wer weiß!« rief Greenford dagegen, mit vor Kampflust funkelnden Augen; » mir wär's zum Beispiel wahrhaftig kein Gefallen, wenn die Mormonen ohne Weiteres –« »Greenford!« bat flehend das Mädchen, »hast Du mir nicht versprochen –?« »Nun ja, Anna,« sagte der junge Jäger, ihr gutmüthig lächelnd die Hand reichend, »ich weiß ja wohl – soll ich aber etwa den Buben nicht zürnen, die Dich mir entführen wollten?« »Hat denn jenen Mann nicht schon die fürchterlichste Strafe erreicht? verscharrtet Ihr nicht seinen blutigen Leichnam im Walde?« fragte bebend die Jungfrau. »Ja, ja,« rief Greenford, »es war ein verdammt guter Schuß von Harvard – und kam sehr zur rechten Zeit – nun, Anna – ich hege auch keinen Groll weiter gegen die Schurken – aber« – fuhr er, die Kugeln in seine Ledertasche schüttend, fort, »aber –« »Du möchtest doch gern das Blei nach ihren Köpfen verschießen, nicht wahr, Junge?« lachte der alte Stevenson dazwischen, »nun, laß es gut sein, Anna, wir werden keinen unnützen Streit und Kampf suchen, das versprech' ich Dir, aber fort müssen die Ruhestörer, denn so lange sie im Land leben, wird kein Friede. Diese Daniten rauben und plündern auf eine wirklich schauderhaft freche Weise, und das »Waarenhaus des Herrn«, das sie in Far West errichtet haben, birgt einen wahren Schatz gestohlener Gegenstände. Doch auch ohne den Namen Dan's sind diese Frömmler eine Pest, sowohl für unsere constitutionellen Gerechtsame, als auch für die Ruhe und den Frieden unserer Familien. Wir haben schon genug des religiösen Unsinns hier mit Methodisten, Quäkern, Baptisten und wie sie alle heißen mögen – also fort mit diesen Frömmlern, die das Wort Gottes auf der Zunge und Gift und Zwietracht im Herzen tragen.« Im »Lager der Heiligen« herrschte indessen Angst und Verwirrung, denn keineswegs waren ihnen die kriegerischen Vorbereitungen ihrer gekränkten Nachbarn unbekannt geblieben, und ausgesandte Kundschafter kehrten mit der nichts weniger als ermutigenden Nachricht zurück, daß eine große Truppenzahl in die Ansiedelungen, und zwar, wie es schien, mit feindseligen Absichten, eingerückt wäre. Zum ersten Mal wieder, seit sie sich in diesem abgelegenen Landstrich niedergelassen hatten, schien den Verblendeten die Möglichkeit vor Augen zu treten, von den Ungläubigen und Gottlosen besiegt und vertrieben zu werden, und Angst und Verzweiflung trat an die Stelle des sonstigen stolzen Trotzes; da schritt der »Prophet« unter sie, und ihren Kleinmuth bemerkend, warf er ihnen mit Donnerworten ihren Unglauben, ihre Wankelmüthigkeit vor. »In unzähligen Beweisen hat Euch der Herr seine Gnade und seinen Schutz kund gethan,« schloß er endlich seine begeisterte Rede, »sein heiliges Waarenhaus ist gefüllt! Ihr habt Eure Feinde gezüchtigt und geht jetzt einem neuen, dem letzten Siege entgegen, denn in stiller Nacht ward mir die Kunde, daß morgen die heiligen Schaaren uns mit ihren himmlischen Waffen zu Hülfe eilen und den Feind schlagen werden. – Dann aber hält keine enge Grenze mehr die Glieder unseres Glaubens zusammen, dann umschließt kein fremdes, unheiliges Gesetz mit drohenden, höhnischen Worten unsere Städte – frei und unbegrenzt fliegen unsere Prediger in die Welt hinaus, und das All soll Euch, als den Glaubensrettern der einzig wahren Religion, huldigen.« Mit tausend Fragen wurde der Prophet jetzt von den Seinigen bestürmt, um etwas Näheres über die Erscheinung der Engel und die so sehr nöthige Hülfe von Oben zu erfahren; dieser verwies sie jedoch auf die in seiner Verwahrung befindlichen, mit heiligen Hieroglyphen beschriebenen Platten, welche er unter dem Beistand und der Anleitung des Höchsten übersetzt und dadurch das Schicksal seines Volkes vorausgesehen habe. Für den nächsten entscheidenden Tag aber befahl er ihnen einzig und allein, eine Brustwehr von zolldicken Planken um das Lager her aufzuschlagen. »Von zolldicken Planken?« entgegnete Einer aus dem Stamm der Daniten verwundert; »aber, Herr, das wäre ja kaum ein Schutz gegen den Pfeil eines Indianers, wie soll er die Kugeln der Feinde abhalten?« »Ungläubiger,« zürnte der Prophet, »bekehre Dich und baue auf den Höchsten – die Wunder von Jericho werden sich wiederholen – das Heer der Engel wird unsere Schaar umschweben, und im Harnisch der Gerechtigkeit liegt allein unsere Stärke! Bedürfen die Krieger des himmlischen Königreichs eines kräftigeren Schutzes? Glaube , durch Glauben erschuf der Herr das Weltall, und durch Glauben werden wir siegen.« Seinen Befehlen wurde gehorcht; Alles, was eine Axt oder einen Hammer schwingen konnte, legte Hand an's Werk, und in zauberhafter Schnelle stieg eine vier Fuß hohe Brustwehr empor, die das »Lager der Heiligen« von allen Seiten umzog. Dicht daneben erhob sich das große, backsteinerne Gebäude, das größtenteils zum Waarenhaus des Herrn bestimmt war, aber auch zu gleicher Zeit mehrere Gemächer für die »Kammerschwestern der Mildthätigkeit« und die »Klosterheiligen« enthielt, während sich die »Cyprischen Heiligen« – drei verschiedene Frauenorden, größtenteils nur darum errichtet, um eine schändliche Unsittlichkeit zu heiligen – in einem andern Gebäude befanden. In diesem Hause wurde der sogenannte »Schatz des Höchsten« bewahrt, der in all' den Gütern und Waaren bestand, welche die Daniten sich heimlich oder öffentlich zueignen konnten, und nicht Unrecht hatte der alte Stevenson, wenn er behauptete, daß Raub und Plünderung in fast unglaublich schneller Zeit diese Räume mit allen nur erdenkbaren Gegenständen, werthvoll oder gering, gefüllt hatte. Wie sich aber am andern Morgen der Himmel im Osten röthete und die goldene Scheibe endlich langsam und glühend am klaren, wolkenlosen Firmament emporstieg, versammelten sich die »Krieger der heiligen Sache« in ihrem von den dünnen Planken umgebenen Lager, und erwarteten unter Gebeten und ermutigenden Reden des Propheten das Nahen der Feinde. Da rasselte in der Ferne ein kurzer, herausfordernder Trommelschlag, und Trompeten und Hörner schmetterten den wilden Kriegsruf darein, so daß selbst die, jetzt mit wirklicher Inbrunst die Engel herabflehenden Mormonen einen Augenblick ihre Gesänge und Gebete verstummen ließen und in athemlosem Schweigen den drohenden Tönen lauschten. Das feste, freudige Vertrauen aber, das ihr Führer und Prophet bewies, die unerschütterliche Sicherheit, mit der er das baldige Nahen der himmlischen Hülfstruppen verkündete, und der klare, fast triumphirende Blick, mit welchem er die Seinigen überschaute, gab auch diesen größtenteils das alte Gefühl der Sicherheit und der frohen Hoffnung zurück. Näher und näher kam indessen die kriegerische Musik der heranrückenden Schaaren, und aus dem Wald heraustretend, beleuchtete die Morgensonne die blitzenden Bajonnette der Soldaten, hinter denen, auf ihren kleinen, rauhhaarigen, indianischen Ponies, Hunderte von dunkeln, in Jagdhemden und Leggins gekleidete Gestalten sichtbar wurden, die, die Büchsen auf den Schultern, die Messer an der Seite, wild und zornig nach den verschanzten Feinden hinüberblickten, in ein lautes Gelächter aber ausbrachen, als sie der dünnen Bretterwand ansichtig wurden, welche die Vorsorge des Propheten zum Schutz der Seinigen errichtet hatte. Der Offizier der Schaar jedoch, eine kräftige, schlanke Gestalt, band als Zeichen der friedlichen Annäherung ein weißes Tuch an einen Zweig und ritt, von zwei Soldaten begleitet, an die Brustwehr heran, um den Mormonen das über sie ausgesprochene Urtheil: die Anführer auszuliefern, augenblicklich und ohne die geringste Gegenwehr den Staat zu verlassen und sich nach den indianischen Gebieten zu verfügen – kund zu thun und sie aufzufordern, die Waffen zu strecken. Voll Trotz und Hohn war aber die Antwort von des Propheten Lippen, und drohend warnte er den jungen Soldaten vor den schrecklichen Folgen, die es für ihn und die Seinigen haben müsse, wenn er wagen wolle, Hand an auch nur den Geringsten der Auserwählten des Herrn zu legen. Der Officier zuckte die Achseln und wandte sich, um mit bewaffneter Hand die Befolgung seiner Befehle zu erzwingen; noch einmal aber kehrte er mitleidig zu den Verblendeten zurück, machte sie auf ihre vertheidigungslose Lage aufmerksam und beschwor sie, ihr Leben nicht aus Trotz und Eigensinn zu opfern, sondern der Uebermacht zu weichen und ihn nicht zu Maßregeln zu zwingen, deren Erfüllung seinem Herzen wehe thun müßte. Verächtlich wies ihn der Prophet zurück und verkündete, zum Himmel emporzeigend, die nahe Ankunft der Beschützer und Rächer. Mitleiden mit der grenzenlosen Verstocktheit dieses Schwärmers bewegte die Brust des jungen Soldaten, als er langsam den Seinigen wieder zu ritt, und noch immer konnte er sich nicht entschließen, den Befehl zum Angriff zu geben, so lange ihm die Hoffnung blieb, ohne Blutvergießen seine Sendung zu erfüllen. Durch den Mund eines ehrwürdigen alten Mannes wurden daher auf's Neue gütige Vorstellungen versucht, es blieb aber vergebens; die Mormonen, durch die Nachsicht der Feinde, die sie für Furcht hielten, ermuthigt, stimmten jubelnde, herausfordernde Siegeslieder an, und der Officier sah sich genöthigt, den Verblendeten zu zeigen, daß er im Stande sei, sich mit kräftiger Hand Gehorsam zu erzwingen. Die Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten und an beiden Seiten schlossen sich jetzt die Jäger und Landleute dem in dichten Colonnen vorrückenden Centrum an. Immer noch war kein Schuß gefallen, und etwa fünfzig Schritt vor der Verschanzung commandirte der Führer wiederum Halt, um den Feinden die letzte Gelegenheit zu verstatten, die milden ihnen vorgeschriebenen Bedingungen anzunehmen. Joe Smith beharrte aber in seinem festen, unerschütterlichen Trotz, wozu er selber auch wohl die gegründetste Ursache hatte, da der Staat seine Auslieferung besonders verlangte; doch war der Glaube der Heiligen, selbst der Daniten, schon bedeutend durch das schnelle Heranrücken der Truppen wankend geworden, da sie sich vergebens an dem klaren, reinen Himmel nach einer Gewitterwolke umgeschaut hatten, die Tod und Verderben in die Reihen der Feinde schleudern oder wenigstens in ihrer Umhüllung die versprochene und verheißene »Englische Verstärkung« mit sich führen sollte. Still und ruhig blieb die Natur, und kein Lüftchen regte sich, das dem Rauschen eines Engelflügels hätte gleichen können. In diesem kritischen Moment, wo die Mormonen, auf der einen Seite von ihrem Führer angefeuert, auf der andern von den glänzenden Bajonnetten und den keineswegs freundlichen Gesichtern und Blicken der Ansiedler bedroht, zwischen Ergebung und Widerstand schwankten, näherte sich, mit einer Spitzhacke in der Hand, der alte Stevenson, der den rechten Flügel anführte, dem backsteinernen Waarenhaus und rief lachend seinen Söhnen und dem jungen Greenford zu, heranzukommen und ihm zu helfen. »Hol's der Henker!« rief er fröhlich, indem er die aufgefundene Hacke in der Hand schwang, »die guten Leute reden da drüben so viel hin und her, daß Einem ordentlich die Zeit lang währt. – Kommt, Jungens, wir wollen uns indessen die Zeit vertreiben und die Wände hier einhacken – nieder mit dem Nest! Ich habe so eine Ahnung, daß Mancher da drinnen alte, bekannte Sachen wiederfinden wird!« Mit diesen Worten näherte er sich dem Gebäude und war eben, weit ausholend, im Begriff, den ersten Schlag zu führen, als plötzlich auf dem flachen Dach eine weiße, verschleierte, von fliegende Gewändern umhüllte Gestalt emportauchte, drohend die Arme gegen den Greis ausstreckte, der in stummer Verwunderung die Hacke sinken ließ, und mit hohler Stimme rief: »Halt ein, Unglücklicher! Die Hand, die sich gegen dieses Haus des Herrn erhebt, wird verdorren, ehe der Schlag geführt ist – also spricht der Höchste durch meinen Mund und also hat es sein heiliger Prophet verkündet.« Eine abergläubische Scheu durchschauerte die Herzen der Umstehenden und selbst Greenford blickte wild und unruhig im Kreise umher; der alte Stevenson war jedoch der Erste, der sich wieder sammelte und, um die Gestalt besser betrachten zu können, einige Schritte zurücktrat, während Mormonen sowohl als Soldaten für den Augenblick ihre gegenseitige Stellung zu vergessen schienen und den Ausgang der Scene erwarteten, die, wie sie wohl fühlten, für beide Theile entscheidend sein mußte. Stevenson, zwischen Gefahren aufgewachsen und nicht gesonnen, sich jetzt durch ein verschleiertes Frauenzimmer schrecken zu lassen, übersah schnellen Blicks die Lage der Dinge; die Spitzhacke aber mit der linken Hand ergreifend, denn so ganz traute er dem Frieden doch nicht, rief er fröhlich der verhüllten Gestalt zu: »Sieh hier, mein gutes Mädchen, ich will gerade nicht sagen, daß Du gelogen hast – die Sache kommt mir aber etwas unwahrscheinlich vor; ich bin übrigens ein alter Mann und werde meine Gliedmaßen so nicht mehr lange gebrauchen können, daher will ich den einen, den linken Arm einmal dranwagen, also – mit Gott!« Und bei dem letzten Ausruf das Werkzeug in der Linken um seinen Kopf schwingend, hieb er mit kräftig geführtem Schlag auf die Ecke des Gebäudes, daß der zerbröckelte Backstein weit umherspritzte. »Hallo!« rief er jetzt einhaltend und seine Hand mit anscheinender Verwunderung betrachtend – »sie lebt noch? Ei, da nehmen wir's doppelt;« und mit beiden Händen die schwere Hacke rasch emporhebend, schlug er, unter dem rauschenden Beifallsjubel der Seinigen, mit kräftiger Gewandtheit auf den weichen, wenig widerstehenden Backstein ein. Die heilige Schwester war gleich nach dem ersten, mit glücklichem Erfolg geführten Streich verschwunden, und mit wildem Jauchzen stürzte sich jetzt der größte Theil der Ansiedler, Alles als Werkzeug benutzend, was ihnen unter die Hände kam, auf das verhaßte Gebäude, dessen Mauern eingeschlagen und die Güter herausgeschleppt wurden. Nur die Soldaten standen still und finster unter den Waffen und schauten dem Treiben des Landvolkes zu, das, Büchsen und Messer bei Seite werfend, als ob ihnen von Seiten der Feinde auch nicht die geringste Gefahr drohen könne, wirklich in diesem Augenblick nur daran zu denken schien, das Gebäude so rasch als möglich der Oeffentlichkeit preis zu geben und die darin von den Feinden aufgespeicherten Waaren zu Tag zu fördern. Es dauerte auch gar nicht lange, so kamen sie, wie beim Ausgraben eines Hamsterbaues, auf die eingeschleppten und aufgespeicherten Güter und ein förmlicher Jubel brach unter dem Volk aus, als sie hier eine Masse Gegenstände zu sehen bekamen, die sie kannten und deren rechtmäßige Eigenthümer sie anzugeben wußten. Als die Mormonen nun die Zerstörung ihres Waarenhauses sahen, ohne daß eine himmlische Einmischung, die, ihrer Ansicht nach, doch hier sehr am Platze gewesen wäre, erfolgte, streckten sie die Waffen und übergaben die Anführer den Händen des Militärs. Nun hatte zwar der Staat die Absicht, diese unruhigen Köpfe in die Nähe gleicher Genossen, der Indianer, zu schaffen, doch beschlossen die Mormonen einstimmig, wieder über den Mississippi zurück nach Quincy in Illinois auszuwandern, da ihnen, wie sie behaupteten, von jener Gegend Schutz und freundliche Aufnahme zugesichert worden wäre. Den Missouriern war ihr künftiger Aufenthaltsort ziemlich gleichgültig, wenn sie nur von ihnen befreit wurden, und sie überließen es den Einwohnern von Illinois, mit ihren neuen Nachbarn fertig zu werden. Joe Smith wurde mit den übrigen Anführern nach St.-Louis geführt, entwischte aber bald darauf aus seiner Haft und schloß sich den Seinigen wieder an; später aber anderer Vergehungen wegen auf's Neue vor Gericht gefordert und eingekerkert, sollte ihn hier ein weit traurigeres Loos treffen, als der Staat wohl je über ihn verhängt haben würde. Ein wilder Haufe gesetzloser Amerikaner stürmte das Gefängniß und ermordete den Priester und Heiligen der Mormonen und der Stamm wanderte später aus, um über den Felsengebirgen drüben eine neue Heimath zu suchen – und zu finden. Dort haben sie sich am großen Salzsee, unfern der Sierra Nevada, niedergelassen, aber von dem starren Führer befreit, der oft den blinden Fanatismus der Schaar zum Bösen gelenkt zu haben scheint – auch dort in der Wildniß der Versuchung enthoben, zum Besten der Heiligen ihre Nachbarn mehr als »Werkzeuge«, denn als irgend etwas Anderes anzusehen – haben sie jetzt einen förmlichen Staat gegründet und blühen und wachsen. Aber es ist vorauszusehen, daß die Vereinigten Staaten nicht Jahre lang mehr eine Gesellschaft dulden werden, die einen Staat im Staat bildet. – Außerdem wird in der Union Bigamie mit Zuchthaus bestraft, und das gerade, was den Mormonen einen solchen Zufluß an Mitgliedern zugeführt hat, ist die fast unbeschränkte Vielweiberei der »Heiligen«.