Henry Fielding Die Geschichte des Tom Jones eines Findlings. Sechster Theil. 1 Siebzehntes Buch. Umfaßt drei Tage. Erstes Kapitel. Etwas Einleitendes. Hat ein komischer Schriftsteller seine Hauptpersonen so glücklich gemacht als es ihm möglich ist, oder hat ein tragischer Dichter die Seinigen zu dem äußersten Grade menschlichen Elendes gebracht, so halten beide ihr Geschäft für abgethan und ihr Werk für beendiget. Gehörten wir zu den tragischen Schriftstellern, so wären wir, wie der Leser gestehen wird, so ziemlich bei diesem Puncte angekommen, da es für den Teufel oder einen seiner Stellvertreter auf Erden schwer sein möchte, noch größere Leiden für den armen Jones als die zu ersinnen, in welchen wir ihn in dem letzten Kapitel verließen, und was Sophien betrifft, so dürfte ein gutherziges Weib schwerlich einer Nebenbuhlerin größere Angst und Unruhe wünschen, als sie in diesem Augenblicke fühlen mußte. Was bleibt also übrig zur Vervollständigung der Tragödie als eine oder ein Paar Mordthaten und einige wenige Moralsentenzen? Es scheint uns jedoch eine schwerere Aufgabe zu sein, unsere Lieblinge aus ihrer jetzigen Angst und Noth herauszubringen und endlich an der Küste des Glückes an das 2 Land zu setzen. Was Sophien betrifft, so ist es mehr als wahrscheinlich, daß wir ihr zuletzt irgend einen guten Mann verschaffen werden, entweder Blifil oder den Lord oder einen Andern; der arme Jones dagegen ist durch seine Unklugheit in so arge Noth gekommen, so ohne Freunde und von so mächtigen Feinden verfolgt, daß wir fast verzweifeln, ihn wieder herauszuarbeiten und er vielleicht doch an dem Galgen stirbt. Soviel versprechen wir, daß wir trotz der Vorliebe, die wir vielleicht für den Bösewicht haben, den wir unglücklicher Weise zu unserm Helden gemacht haben, ihn nicht mit dem übernatürlichen Beistande unterstützen wollen, der uns unter der Bedingung in die Hände gelegt worden ist, daß wir nur bei wichtigen Gelegenheiten davon Gebrauch machen. Wenn er also keine natürlichen Mittel findet, sich aus seinem Ungemache herauszubringen, so werden wir um seinetwillen der Wahrheit und Würde der Geschichte keine Gewalt anthun, denn eher wollen wir berichten, er sei gehangen worden (was sehr wahrscheinlich geschieht), als dem Glauben unserer Leser zu nahe treten. Darin hatten die Alten einen großen Vorzug vor den Neuern voraus. Ihre Mythologie, die damals einen festern Glauben bei dem gemeinen Volke fand, als irgend eine Religion jetzt, gab ihnen immer Gelegenheit, einen Lieblingshelden zu befreien. Ihre Götter standen immer des Winkes des Schriftstellers gewärtig, seine Absichten auszuführen, und je außerordentlicher die Erfindung war, um so größer war auch die Ueberraschung und die Wonne des gläubigen Lesers. Jene Schriftsteller konnten leichter einen Helden von einem Lande nach dem andern, ja aus einer Welt in die andere versetzen und ihn wieder zurückbringen, als es einem beschränkten neuern möglich ist, ihn aus einem Gefängnisse zu befreien. 3 Die Araber und Perser hatten einen gleichen Vortheil bei der Abfassung ihrer Mährchen durch die Geister und Feen, an die sie glauben als an einen Artikel ihres Glaubens nach der Autorität des Korans selbst. Uns ist keine solche Hilfe zur Seite. Wir sind blos auf natürliche Mittel beschränkt und wir wollen also versuchen, was durch diese Mittel für den armen Jones zu thun ist, ob mir gleich, die Wahrheit zu gestehen, etwas in das Ohr flüstert, er habe das Schlimmste noch gar nicht gekannt und es sei ihm vorbehalten, noch etwas Schrecklicheres zu erfahren, als er bis dahin vernommen. Zweites Kapitel. Das edelsinnige und dankbare Benehmen der Mad. Miller. Herr Allworthy und Mad. Miller hatten sich eben zum Frühstücke niedergesetzt, als Blifil, der an diesem Morgen sehr zeitig ausgegangen war, zurückkehrte, um das Frühstück zu theilen. Er hatte nicht lange Platz genommen, als er anfing: »lieber Gott, theurer Oheim, was, meinen Sie wohl, ist geschehen? Ich gestehe, ich fürchte mich, es Ihnen zu erzählen, weil es Sie unangenehm daran erinnern wird, jemals einem solchen Bösewichte Wohlthaten erzeigt zu haben.« »Was giebt es, Kind?« fragte der Oheim, »ich fürchte, in meinem Leben mehr als einmal Unwürdigen Wohlthaten erzeigt zu haben. Aber die christliche Liebe wird dadurch nicht geschändet.« »Ach,« entgegnete Blifil, »Ihr adoptirter Sohn, jener 4 Jones, jene Schlange, die Sie am Busen nährten, ist einer der größten Schurken und Bösewichte geworden, welche die Erde trägt.« »Bei allem, was heilig ist, das ist nicht wahr,« fiel Mad. Miller ein. »Herr Jones ist kein Bösewicht, sondern einer der achtungswürdigsten Menschen, die leben, und wenn irgend ein anderer als Sie ihn einen Bösewicht genannt hätte, würde ich ihm das ganze heiße Wasser in dem Theekessel da in das Gesicht gegossen haben.« Herr Allworthy erstaunte sehr über dieses Benehmen, aber Mad. Miller ließ ihn nicht zu Worte kommen, sondern wendete sich an ihn und fuhr fort: »ich hoffe, Sie werden mir nicht zürnen; ich möchte Sie um keinen Preis beleidigen, aber wahrhaftig, ich konnte den Herrn Jones nicht so nennen hören.« »Ich muß gestehen, Madame,« entgegnete Allworthy sehr ernst, »ich wundere mich ein wenig, einen Menschen, den Sie nicht kennen, so warm vertheidigen zu hören.« »O, ich kenne ihn, Herr Allworthy,« fiel sie ein, »ich kenne ihn; ich müßte das undankbarste Weib sein, wenn ich es läugnen wollte. Ach, er ist mein und meiner Familie Retter gewesen; wir haben alle Ursache, ihm zu danken und ihn zu segnen so lange wir leben. Ich bitte den Himmel, ihm zu vergelten und die Herzen seiner boshaften Feinde zu bekehren. Ich weiß es, ich sehe es, daß er solche Feinde hat.« »Sie überraschen mich noch mehr, Madame,« sagte Allworthy, »Sie müssen sicherlich einen Andern meinen. Sie können unmöglich gegen den, welchen mein Neffe erwähnt, solche Verpflichtungen haben.« »Gewiß habe ich,« erwiederte sie, »die größten Verpflichtungen gegen ihn. Er ist mein und der Meinigen Retter gewesen. Glauben Sie mir, Herr, er ist verläumdet, 5 schwer verläumdet worden; ich weiß es, sonst würden Sie, ein so rechtliebender, so guter Mann, nach allem dem, was Sie mir von dem armen hilflosen Kinde gesagt, ihn nicht so verächtlich »einen Menschen« genannt haben. Wahrhaftig, mein bester Freund, er verdient eine freundlichere Benennung von Ihnen; hätten Sie nur gehört, was er Gutes, Liebes und Dankbares von Ihnen gesprochen hat. Er erwähnt Ihren Namen nie ohne eine Art Verehrung. Hier in diesem Zimmer hat er auf den Knieen gelegen und den Himmel um allen Segen für Sie angefleht. Ich liebe das Kind hier nicht mehr als er Sie liebt.« »Ich sehe,« fiel Blifil mit einem teuflisch höhnenden Lächeln ein, »daß Mad. Miller ihn wirklich kennt. Nach einigen Andeutungen in ihren Worten hat er über mich schlecht gesprochen; ich vergebe es ihm.« »Und der Herr vergebe Ihnen,« sprach Mad. Miller, »wir haben alle so viele Sünden begangen, daß wir seiner Gnade bedürfen.« »Mad. Miller,« entgegnete Allworthy, »dieses Ihr Benehmen gegen meinen Neffen gefällt mir nicht und ich muß Sie versichern, daß, da Andeutungen gegen ihn nur von jenem schlechten Menschen ausgehen können, Sie meinen Unwillen gegen denselben wo möglich noch höher steigern werden; denn ich muß Ihnen sagen, Mad. Miller, der junge Mann, der da vor Ihnen sitzt, hat den Undankbaren, dessen Sie sich annehmen, immer warm vertheidiget. Dies wird Sie, da Sie es aus meinem eigenen Munde hören, in Staunen versetzen über seine Niederträchtigkeit und Undankbarkeit.« »Sie sind getäuscht,« sprach Mad. Miller, »und wenn es meine letzten Worte wären, die von meinen Lippen gehen sollten, ich würde sagen, Sie sind getäuscht. Ich wiederhole es noch einmal, der Herr vergebe denen, von welchen Sie 6 hintergangen worden sind. Ich will nicht sagen, daß der junge Mann ohne Fehler wäre; aber es sind Fehler des Jugendübermuthes; Fehler, die er sicherlich ablegen wird und die, sollte es auch nicht geschehen, reichlich durch das menschenfreundlichste, liebevollste, theilnehmendste Herz aufgewogen werden.« »Wäre mir es erzählt worden, daß Sie so etwas gesagt, ich würde es nicht geglaubt haben,« fiel Allworthy ein. »Sie werden alles glauben, was ich gesagt habe, gewiß, und wenn Sie die Geschichte gehört haben werden, die ich Ihnen erzählen will (denn ich will Ihnen alles erzählen), so werden Sie zugestehen (ich kenne Ihre Gerechtigkeitsliebe), daß ich das verächtlichste und undankbarste Weib sein müßte, wenn ich anders gehandelt hätte als ich gehandelt habe.« »Nun wohl,« entgegnete Allworthy, »ich werde mich freuen, eine gute Entschuldigung für das Benehmen zu hören, das allerdings einer Entschuldigung bedarf. Jetzt aber lassen Sie meinen Neffen erst weiter erzählen. Er würde etwas Geringfügiges nicht mit einer solchen Vorrede eingeleitet haben. Vielleicht heilt Sie sogar das, was er erzählt, von Ihrem Irrthume.« Mad. Miller deutete an, daß sie sich füge und Herr Blifil begann wie folgt: »wenn Sie es nicht für passend halten, das Benehmen der Mad. Miller zu rügen, ich meines Theils vergebe ihr gern, was mich angeht. Doch glaube ich, daß Ihre Güte eine so unwürdige Behandlung nicht verdient habe.« »Aber Kind,« fiel Allworthy ein, »was hat er neuerdings gethan?« »Was er gethan hat?« entgegnete Blifil, »trotz allem, was Mad. Miller gesagt hat, thut mir es leid, es erzählen 7 zu müssen. Sie würden es von mir nicht erfahren haben, wäre es überhaupt vor der Welt zu verbergen. Um es kurz zu sagen, er hat einen Menschen getödtet, ich will nicht sagen gemordet, denn vielleicht wird es vor Gericht anders ausgelegt und ich hoffe um seinetwillen das Beste.« Allworthy war sehr erschrocken und bekreuzigte sich; dann wendete er sich an Mad. Miller und fragte: »nun, was sagen Sie jetzt?« »Ich sage,« antwortete sie, »daß mich nichts im Leben mehr betrübt hat, aber wenn auch die Sache wahr ist, so bin ich doch überzeugt, der Getödtete trug allein die Schuld. Der Himmel weiß, daß es viele böse Menschen in der Stadt giebt, die ein Geschäft daraus machen, junge Herren herauszufordern. Nichts als die größte Beleidigung kann ihn veranlaßt haben, denn keiner von allen den Herren, die ich in meinem Hause gehabt habe, ist so sanftmüthig und gutherzig gewesen. Er wird von allen im Hause und von allen, die ihn kennen lernten, geliebt.« Während sie so sprach, wurde sie durch ein heftiges Klopfen an der Thüre unterbrochen und verhindert, weiter zu reden oder eine Antwort zu erhalten. Da sie meinte, es komme Jemand, um Herrn Allworthy zu besuchen, so entfernte sie sich schnell und nahm ihre kleine Tochter mit sich, deren Augen von Thränen überströmten bei der traurigen Nachricht von Jones, der sie nicht nur sein Frauchen nannte, sondern ihr auch manches Spielzeug gab und Stunden lang selbst mit ihr spielte. Einigen Lesern gefallen vielleicht diese kleinlichen Umstände, bei deren Erwähnung wir dem Beispiele Plutarchs folgen, Eines der besten unserer Mitgeschichtschreiber; Andere, denen sie trivial vorkommen mögen, verzeihen sie wenigstens, da wir bei solchen Gelegenheiten nie weitläufig sind. 8 Drittes Kapitel. Die Ankunft Westerns nebst Einigem über die väterliche Gewalt. Mad. Miller hatte nicht lange das Zimmer verlassen als Herr Western eintrat, doch nicht ohne einen Wortwechsel zwischen ihm und den Chaisenträgern. Diese Leute, die ihre Last in den »Säulen des Hercules« eingenommen hatten, nicht hofften, für die Zukunft einen guten Kunden an dem Squire zu haben, auch durch seine Freigebigkeit ermuthiget wurden (denn er gab ihnen aus eigenem Antriebe vier Groschen über den bedungenen Lohn), verlangten keck noch weitere acht Groschen, was den Squire so aufbrachte, daß er sie nicht blos mit derben Flüchen regalirte, sondern auch seinen Aerger nicht vergessen konnte, als er schon in das Zimmer getreten war, und betheuerte, alle Londoner wären wie der Hof und dächten an nichts, als den Landedelleuten das Geld aus der Tasche zu nehmen. »Gott verdamm' mich,« sagte er, »wenn ich nicht im ärgsten Regen lieber zu Fuße gehe als wieder in einen solchen Kasten steige. Sie haben mich in zehn Minuten mehr zusammen gerüttelt, als mich mein Pferd auf einer langen Fuchshetze rüttelt.« Nachdem sich sein Zorn darüber endlich ein wenig gelegt hatte, fuhr er gleich heftig über einen andern Gegenstand fort. »Schöne Geschichten gehen vor,« sagte er. »Die Hunde sind von der Fährte und als wir glaubten, wir hätten es mit einem Fuchse zu thun, so ist es ein Dachs.« »Lassen Sie, lieber Nachbar,« entgegnete Allworthy, »die Metaphern weg und reden Sie, wo möglich, deutlicher.« »Ja, ich will es Ihnen deutlich sagen,« fuhr der Squire 9 fort, »wir alle sind durch den Sohn einer Hure eines Bastards von Jemanden, ich weiß nicht von wem, geärgert worden und nun kommt ein verdammter Sohn einer Hure eines Lords, der auch ein Bastard sein kann, meinetwegen, denn mit meiner Bewilligung bekommt er von mir keine Tochter. Sie haben die Nation arm gemacht, mich sollen sie nicht arm machen. Mein Land soll nicht nach Hannover hinübergeschickt werden.« »Sie überraschen mich, werther Freund,« entgegnete Allworthy. »Zum Teufel auch! Ich bin auch überrascht,« unterbrach ihn der Squire. »Ich ging vorigen Abend zu der Schwester Western, weil sie mich bestellt hatte und da kam ich unter einen ganzen Schwarm von Weibern. Da war die Cousine Bellaston und Lady Betty und Lady Katharine und Lady ich weiß nicht; hol' mich der Teufel, wenn man mich noch einmal unter ein solches Rudel Weibsbilder bringt. Lieber will ich mich von meinen eigenen Hunden hetzen lassen wie ein gewisser Acton; er wurde, wie das Historienbuch sagt, in einen Hasen verwandelt, sein eigener Hund fing und fraß ihn. Kein Mensch ist so gehetzt worden wie ich dort; lief ich dahin, so hatte mich die Eine, prallte ich zurück, so packte mich eine Andere. »O, gewiß eine der größten Verbindungen in England,« sagte die eine Cousine (und er versuchte sie nachzuahmen). »Wirklich ein sehr vortheilhafter Antrag,« sagte eine andere (»denn Sie müssen wissen, daß sie alle meine Cousinen sind, ob ich gleich vorher nicht die Hälfte von ihnen gesehen und gekannt habe«). »Ganz gewiß,« setzte die dickar . . . Lady Bellaston hinzu, »Vetter, Sie müssen nicht bei Troste sein, wenn Sie einen solchen Antrag abweisen wollen.« »Ach, ich sehe es nun ein,« sprach Allworthy, »es hat Jemand dem Fräulein Western Anträge gemacht, die von 10 den Damen der Familie gebilliget werden, die Ihnen aber nicht zusagen.« »Mir zusagen!« rief Western, »wie, zum Teufel! sollen sie mir zusagen? Ich sage Ihnen, es ist ein Lord und mit den Lords, das wissen Sie, mag ich nun einmal nichts zu thun haben. Ich habe schon einmal einen vortheilhaften Verkauf ausgeschlagen, zu dem mich Einer veranlassen wollte, blos weil ich die Lords nicht leiden kann; und ich soll Einem meine Tochter zur Frau geben? Und haben Sie nicht mein Wort und bin ich einmal auf die Hinterbeine getreten, wenn ich etwas versprochen hatte?« »Was den Punkt betrifft,« sagte Allworthy, »so entbinde ich Sie jedes Versprechens. Ein Vertrag kann keine bindende Kraft zwischen Parteien haben, welche keine Berechtigung haben, ihn abzuschließen, eben so wenig später die Macht erlangen, ihn auszuführen.« »Ich sage Ihnen, ich habe die Macht und ich will ihn ausführen. Kommen Sie sogleich mit mir in das Gericht; dort will ich mir die Erlaubniß zur Verheirathung meiner Tochter holen; dann gehen wir zu meiner Schwester und nehmen ihr das Mädchen mit Gewalt weg. Sie soll ihn nehmen oder ich sperre sie ein bei Wasser und Brod so lange sie lebt.« »Herr Western,« entgegnete Allworthy, »wollen Sie meine Ansichten über die Sache anhören?« »Gewiß will ich das.« »Ich darf behaupten,« fuhr Allworthy fort, »ohne Ihnen oder dem jungen Mädchen eine Schmeichelei zu machen, daß ich die Verbindung, sobald von ihr die Rede war, von Herzen gern gesehen habe. Eine Verbindung zwischen zwei Familien, die so nahe Nachbarn sind, zwischen denen immer ein freundschaftliches gutes Vernehmen bestanden hat, hielt ich für höchst wünschenswerth, und was 11 das Mädchen betrifft, so gab mir nicht blos die allgemeine Meinung über sie, sondern auch meine eigene Beobachtung die Versicherung, daß sie ein unschätzbares Juwel für einen guten Mann sein würde. Ich will von ihren persönlichen Eigenschaften nichts sagen, die gewiß bewundernswerth sind; ihre Herzensgüte, ihr Mitgefühl, ihre Züchtigkeit sind zu bekannt als daß ich sie zu rühmen brauche; eine Eigenschaft aber besitzt sie, welche in hohem Grade auch das Eigenthum der besten Frau war, die nun unter den ersten Engeln weilt, eine Eigenschaft, die nicht glänzt und deshalb meist übersehen wird, die so wenig bemerkt wird, daß ich nicht einmal ein Wort kenne, um sie zu bezeichnen. Ich muß mich negativer Ausdrücke bedienen. Niemals vernahm ich aus ihrem Munde eine spitzige, schnippische Antwort; sie macht keinen Anspruch auf Witz, noch weniger auf jenes Vielwissen, das Resultat fleißigen Studirens und mannichfacher Erfahrung, eine Affectation, die bei jungen Damen albern und lächerlich ist. Sie sprach keine dictatorischen Ansichten, keine entscheidenden Urtheile, keine tiefsinnigen Betrachtungen aus. So oft ich sie in Gesellschaft mit Männern gesehen habe, hörte sie aufmerksam zu mit der Bescheidenheit eines Lernenden, nicht mit der Voreiligkeit eines Belehrenden. Sie werden mir verzeihen, aber ich ersuchte sie einmal, blos um sie zu prüfen, um ihre Ansicht über einen Punkt, der streitig war zwischen den Herren Thwackum und Square. Sie antwortete sehr bescheiden: »Sie werden mir verzeihen, guter Herr Allworthy, aber Sie halten mich gewiß nicht im Ernst für fähig, über einen Punkt zu entscheiden, über den zwei solche Männer sich nicht vereinigen können.« Thwackum und Square, von denen jeder einen für sich günstigen Ausspruch erwartete, unterstützten mein Gesuch. Da wiederholte sie eben so ruhig: »ich muß nochmals und ernstlich um Entschuldigung bitten, 12 denn ich mag keinen von den beiden Herren dadurch beleidigen, daß ich mich für seinen Ausspruch entscheide.« So bewies sie immer die höchste Achtung vor dem männlichen Verstande, eine Eigenschaft, welche ein Weib durchaus besitzen muß, wenn sie eine gute Frau sein soll. Ich setze nur hinzu, daß diese Achtung keine erheuchelte sein kann, da sie allem Anscheine nach ganz frei von Affectation ist.« Blifil seufzte hier tief, worauf Western, dessen Augen sich bei dem Lobe Sophiens mit Thränen gefüllt hatten, schluchzend einfiel: »nun werden Sie nur nicht kleinmüthig, Sie sollen sie haben, Gott verdamm' mich, Sie sollen sie haben und wäre sie noch zwanzigmal besser.« »Erinnern Sie sich an Ihr Versprechen,« bemerkte Allworthy, »mich nicht zu unterbrechen.« »Ich sage kein Wort weiter.« »Ich habe, werther Freund,« fuhr Allworthy fort, »so lange über die Vorzüge Ihrer Tochter gesprochen, theils weil ich ihren Charakter wirklich liebe, theils damit man nicht glaube, das Vermögen (und in dieser Hinsicht ist die Heirath allerdings für meinen Neffen sehr vortheilhaft) sei der Hauptgrund gewesen, um dessentwillen ich so bereitwillig in den Antrag eingegangen. Ich wünsche von Herzen, ein solches Juwel in meine Familie aufzunehmen, aber wenn ich auch manches Gute wünsche, so mag ich es doch nicht stehlen oder durch irgend eine gewaltthätige oder ungerechte Handlung in meinen Besitz bringen. Ein Mädchen aber zu einer Heirath gegen ihren Willen und ihre Neigung zu zwingen, ist eine so ungerechte und bedrückende Handlung, daß ich wohl wünschte, die Gesetze unseres Landes könnten dagegen in Anwendung gebracht werden. Indessen ein gutes Gewissen ist auch in dem schlecht geordneten Staate nicht ohne Gesetz und wird die Gesetze, welche die Gesetzgeber übersehen haben, sich selbst geben. Der 13 besprochene Fall gehört sicherlich hierher, denn ist es nicht grausam und gottlos, ein Mädchen gegen ihren Willen in einen Stand zu zwingen, in welchem sie wegen ihres Verhaltens dem höchsten Gerichtshofe verantwortlich und der Gefahr ausgesetzt ist, ihre Seele zu verderben? Es ist keine leichte Aufgabe, die Pflichten der Ehe auf angemessene Weise zu erfüllen; sollen wir diese Bürde einem Mädchen auflegen während wir ihr zugleich alle die Beihilfe nehmen, die sie in den Stand setzen kann, sie zu ertragen? Sollen wir ihr das Herz entreißen und ihr doch Pflichten auferlegen, denen kaum ein ganzes Herz gewachsen ist? Ich muß mich hier vollkommen deutlich aussprechen; meiner Meinung nach tragen die Eltern, welche so handeln, einen Theil der Schuld, die ihre Kinder später auf sich laden und müssen deshalb vor einem gerechten Richter erwarten, auch einen Theil der Strafe zu erhalten. Kann aber Jemand den Gedanken ertragen, zu dem Verderben der Seele seines Kindes mitgewirkt zu haben? »Aus diesen Gründen, mein werther Nachbar, und da ich sehe, daß mein Neffe die Zuneigung der jungen Dame leider nicht besitzt, muß ich alle weiteren Gedanken an die Ehre aufgeben, die Sie ihm erweisen wollten und wofür ich Ihnen stets dankbar bleiben werde.« »Nun,« fiel Western ein, dem der Schaum vor die Lippen trat, sobald sie geöffnet wurden, »Sie müssen zugeben, daß ich Sie habe ausreden lassen, und nun erwarte ich, daß Sie mich auch anhören. Wenn ich nicht auf jedes Wort antworte, will ich die Sache aufgeben. Erstlich beantworten Sie mir eine Frage: ist sie nicht mein Kind? ist sie nicht mein Kind? darauf antworten Sie mir. Man sagt zwar, man könne niemals gewiß wissen, wer der Vater eines Kindes sei, aber ich habe gewiß den besten Anspruch darauf, ihr Vater zu sein, da ich sie erzogen habe. Sie 14 werden also zugeben, daß ich ihr Vater bin; kann ich nicht über sie verfügen, wenn sie mein Kind ist? Ich frage Sie, kann ich nicht über sie verfügen, wenn sie mein Kind ist? Und was verlange ich von ihr? Soll sie etwas für mich thun? mir etwas geben? Im Gegentheil, ich wünsche, sie soll die Hälfte meines Vermögens jetzt nehmen und die andere, wenn ich sterbe. Und warum Alles? Will ich sie nicht dadurch glücklich machen? Wenn ich selber wieder heirathen wollte, hätte sie Ursache zu heulen; habe ich mich aber nicht erboten, eine gerichtliche Verfügung wegen meines Gutes zu machen, daß ich nicht heirathen könnte, wenn ich es auch wollte? Was zum Teufel kann ich mehr thun? Ich sie unglücklich machen! Herr Allworthy, nehmen Sie mir's nicht übel, aber ich wundere mich sehr, Sie so reden zu hören und, nehmen Sie es, wie Sie wollen, ich hätte Ihnen mehr Verstand zugetraut.« Allworthy strafte diese Bemerkung nur mit einem Lächeln, in das er, auch wenn er es gewollt, keine Beimischung von Bosheit oder Verachtung legen konnte. Sein Lächeln über eine Albernheit war von der Art, wie die Engel vielleicht über die Thorheiten der Menschen lächeln. Blifil wünschte nun auch einige wenige Worte zu sagen und er begann: »ich werde nie meine Einwilligung dazu geben, irgendwie Gewalt gegen die junge Dame zu brauchen. Mein Gewissen erlaubt mir nicht, gegen irgend Jemanden Gewalt anzuwenden, wie viel weniger gegen eine Dame, die immer meine aufrichtigste Liebe besitzen wird, wie grausam sie auch gegen mich sein mag. Kann ich nicht hoffen, durch solche Ausdauer endlich die Zuneigung zu gewinnen, bei der ich in Zukunft vielleicht keinen Nebenbuhler habe? Dem Lord zieht mich Herr Western vor und Sie werden nicht läugnen, Herr Oheim, daß ein Vater in solchen Dingen wenigstens eine negative Stimme hat. Ich 15 habe Fräulein Sophie selbst dies mehr als einmal aussprechen und erklären hören, daß sie die Kinder nicht entschuldigen könnte, welche sich gegen den Willen ihrer Eltern verheiratheten. Obgleich ferner andere Damen der Familie die Bewerbung des Lords zu begünstigen scheinen, so sehe ich doch nicht, daß das Fräulein selbst sie unterstützt. Ich weiß nur zu wohl, daß sie es nicht thut; ich habe die Ueberzeugung, daß vielmehr der schlechteste Mensch noch immer den ersten Platz in ihrem Herzen einnimmt.« »Ja, ja, so ist's,« bestätigte Western. »Sie wird aber gewiß,« fuhr Blifil fort, »wenn sie von dem Morde hört, den er begangen hat, auch wenn es ihm nicht das Leben kosten sollte . . .« »Was ist das?« fragte Western. »Einen Mord hat er begangen und man kann hoffen, ihn baumeln zu sehen? La! la! la!« Und er fing an zu singen und in dem Zimmer umherzuspringen. »Kind,« fiel Allworthy ein, »Deine unglückliche Liebe geht mir ungemein nahe. Ich bedauere Dich von Herzen und möchte gern alles thun, um Dich an das Ziel zu bringen.« »Mehr wünsche ich nicht,« entgegnete Blifil, »ich bin überzeugt, daß mein werther Onkel eine bessere Meinung von mir hat und mich nicht für fähig hält, mehr anzunehmen.« »Nun,« sprach Allworthy weiter, »Du hast meine Erlaubniß, ihr zu schreiben und sie zu besuchen, wenn sie es erlaubt; nur an Zwang denke nicht. Man sperre sie nicht ein und thue ihr auch sonst nicht Gewalt an.« »Gut! gut!« entgegnete Western, »nichts der Art soll geschehen, wir wollen noch einige Zeit versuchen, wie weit wir durch Güte kommen. Und wenn jener Mensch gehenkt werden sollte – trallara – trallara! In meinem Leben hat 16 mir nichts mehr Spaß gemacht. Lieber Allworthy, kommen Sie mit mir zum Essen nach den »Säulen des Hercules«; ich habe Schöpsenbraten, Schweinebraten und ein Huhn mit Eiersauce bestellt. Außer uns ist Niemand da, wir müßten denn den Wirth mit einladen. Den Pfarrer Supple habe ich nach Basingstoke geschickt, weil ich meine Schnupftabacksdose dort im Wirthshause habe liegen lassen und sie doch nicht einbüßen mag, denn sie ist mir lieb; ich habe sie zwanzig Jahre geführt. Der Wirth, kann ich Ihnen sagen, ist ein drolliger Kerl; er wird Ihnen gefallen.« Herr Allworthy nahm endlich die Einladung an und bald darauf ging der Squire, singend und hüpfend, weil er hoffte, bald das tragische Ende des armen Jones mit anzusehen. Nachdem er sich entfernt hatte, nahm Allworthy das vorige Thema sehr ernst von neuem auf und sagte zu seinem Neffen: »ich wünsche von Herzen, daß Du eine Liebe besiegen mögest, die Dich sicherlich nicht zum Ziele führt. Es ist gewiß ein Irrthum, wenn man glaubt, die Abneigung eines weiblichen Herzens könne durch Ausdauer beseitiget werden. Gleichgültigkeit mag allerdings bisweilen dadurch entfernt werden, ein Liebhaber aber, der durch Ausdauer siegt, triumphirt meist nur über Launenhaftigkeit, Vorsicht, Affectation oder auch über einen überhohen Grad von Leichtfertigkeit, welche Frauenzimmer, die nicht gerade sehr warmblütig sind, antreibt, ihrer Eitelkeit dadurch zu fröhnen, daß sie die Zeit der Bewerbung, des Courmachens verlängern, selbst wenn ihnen der Bewerber recht wohl gefällt, und sich vornehmen (wenn sie sich überhaupt etwas vornehmen), ihm zuletzt Abbitte dafür zu thun. Eine bestimmte Abneigung aber, wie sie, fürchte ich, Sophie gegen Dich hat, wächst vielmehr mit der Zeit, als daß sie durch dieselbe zu beseitigen wäre. Außerdem habe ich eine andere Befürchtung, die Du mir zu gute halten mußt. Ich fürchte 17 nämlich, daß Deine Liebe zu dem schönen jungen Mädchen zu sehr ihrer schönen Person gilt und eigentlich den Namen Liebe nicht verdient, auf die allein das eheliche Glück gegründet werden kann. Ein schönes Mädchen zu bewundern, sie mit Wohlgefallen zu betrachten und ihren Besitz zu wünschen ohne Rücksicht auf die Gefühle, die sie gegen uns hegt, ist, fürchte ich, nur zu natürlich, aber Liebe kann meiner Ansicht nach nur aus Liebe hervorgehen; wenigstens bin ich überzeugt, daß es nicht in der menschlichen Natur liegt, Jemanden zu lieben, der, wie wir wissen, uns haßt. Prüfe also ernstlich Dein Herz, mein Sohn, und wenn es sich ergiebt, daß Du nur den geringsten Argwohn dieser Art findest, so wird Dich gewiß Deine Tugend und Religion veranlassen, eine so tadelnswerthe Leidenschaft aus Deinem Herzen zu verbannen.« Der Leser wird Blifils Antwort leicht errathen; sollte es ihm schwer fallen, so haben wir jetzt keine Zeit, ihm behülflich zu sein, da unsere Geschichte nun zu wichtigern Dingen eilt und wir nicht länger fern von Sophien bleiben können. Viertes Kapitel. Eine außerordentliche Scene zwischen Sophie und ihrer Tante. Die brüllende junge Kuh und das blökende Schaaf können in Heerden sicher und unbeachtet über die Weide schweifen. Zwar fallen sie endlich dem Menschen zur Beute, aber einige Jahre dürfen sie ihre Freiheit ungestört genießen. Sobald aber ein feistes Reh aus dem Walde entwichen ist und sich in einem Felde oder Haine gelagert hat, so kommt 18 alsbald das ganze Dorf in Aufruhr, Jedermann hetzt mit den Hunden hinterdrein und wenn es durch den Squire gerettet wird, so geschieht es blos, weil er sich das Wild für seine eigene Tafel sichern will. Meiner Ansicht nach ist ein schönes junges Mädchen aus guter Familie und mit Vermögen, wenn es sich zum erstenmale hinauswagt in die Welt, so ziemlich in derselben Lage wie das Reh. Die Stadt kommt sofort in Aufruhr; sie wird verfolgt vom Park zum Theater, vom Hofe in die Gesellschaft, von der Gesellschaft in ihr eigenes Zimmer und entgeht selten eine Saison lang den Klauen des einen oder des andern von denen, die Jagd auf sie machen; denn wenn ihre Freunde sie auch vor Einigen schützen, so geschieht es doch blos, um sie einem andern ihrer eigenen Wahl zu überliefern, der ihr oft unangenehmer ist als alle übrigen; während ganze Heerden anderer Mädchen sicher, kaum beachtet, sich im Park, im Theater und in Gesellschaften bewegen, und, wenn sie auch, zum größten Theile wenigstens, endlich auch die Beute eines Mannes werden, doch eine lange Zeit ungestört und ungehemmt ihre Freiheit genießen. Keine litt jemals eine ärgere Verfolgung als die arme Sophie. Ihr böser Stern begnügte sich nicht mit dem, was sie wegen Blifil gelitten hatte; man trieb jetzt noch einen andern Verfolger gegen sie, der sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht weniger quälen sollte, als es der erste gethan hatte, denn obgleich ihre Tante minder heftig und gewaltthätig war, so peinigte sie das Mädchen doch nicht minder als es vorher der Vater gethan hatte. Die Diener waren nach Tische kaum entlassen, als Fräulein Western, welche die Sache Sophien vorgelegt hatte, ihr mittheilte, sie erwarte den Lord noch diesen 19 Nachmittag und habe die Absicht, sie bei der ersten Gelegenheit mit ihm allein zu lassen. »Wenn Sie dies thun,« antwortete Sophie mit großer Bestimmtheit, »so werde ich die erste Gelegenheit benutzen und ihn allein lassen.« »Wie?« rief die Tante, »vergiltst Du so meine Güte, Dich aus der Haft bei Deinem Vater befreit zu haben?« »Sie wissen,« entgegnete Sophie, »die Ursache dieser Haft war meine Weigerung, dem Wunsche meines Vaters mich zu fügen und einen Mann anzunehmen, den ich verabscheue; will mich meine gute Tante, die mich aus der einen Noth befreite, in eine andere gleich schlimme bringen?« »Meinst Du denn,« antwortete Fräulein Western, »daß kein Unterschied ist zwischen Lord Fellamor und Herrn Blifil?« »Meiner Meinung nach ein sehr geringer,« sagte Sophie, »und wenn ich verurtheilt wäre, einen von beiden zu nehmen, so würde ich mir wenigstens das Verdienst sichern, mich dem Wunsche meines Vaters aufzuopfern.« »Mein Wunsch gilt Dir demnach sehr wenig,« bemerkte die Tante, »doch das soll mich nicht abhalten. Ich handele aus edleren Beweggründen; ich gehe von der Absicht aus, meine Familie, Dich selbst zu erhöhen. Besitzest Du keinen Ehrgeiz? Reizt Dich der Gedanke nicht, eine Krone am Wagen zu führen?« »Bei meiner Ehre nicht,« entgegnete Sophie. »Ein Nadelkissen an meiner Kutsche wird mir eben so angenehm sein.« »Sprich nicht von Ehre,« fiel die Tante ein. »Das Wort ziemt sich nicht für ein elendes Geschöpf. Es thut mir leid, Nichte, daß Du mich zwingst, solche Worte zu gebrauchen; in Dir fließt das Blut der Western nicht. 20 Wie gemein und niedrig aber auch Deine Gedanken sein mögen, ich werde nie zugeben, daß die Welt von mir sage, ich habe Dich ermuthiget, eine der besten Partieen in England auszuschlagen; eine Partie, die, abgesehen von dem Reichthume, fast jeder Familie zur Ehre gereichen würde.« »Ich bin gewiß von der Natur vernachlässiget,« sprach Sophie, »da ich die Sinne nicht besitze, welche andere Leute haben; es muß offenbar einen Sinn geben, durch den man Wohlgefallen an Glanz und dergleichen empfindet und der mir nicht gegeben ist; sonst wüßte ich nicht, warum die Menschen sich so sehr anstrengen und so viel opfern, um das zu erhalten, was ich für die unbedeutendste aller Kleinigkeiten ansehe, oder sich so stolz blähen über den Besitz derselben.« »Nein, nein,« fiel die Tante ein, »Du hast von der Natur so viele Sinne erhalten als andere Leute, aber das kann ich Dich versichern, daß Du nicht so viel Verstand von der Natur empfangen hast, um mich zum Narren zu haben, und so erkläre ich Dir denn bei meinem Worte, und Du weißt hoffentlich, wie fest meine Vorsätze stehen, daß ich, wenn Du diesen Nachmittag den Lord nicht siehst, Dich morgen eigenhändig meinem Bruder zuführe, mich nie weiter um Deine Angelegenheiten kümmere, noch Dich jemals wieder ansehe.« Sophie stand einige Minuten nach dieser Rede, die in einem gebieterischen, zornigen Tone gesprochen wurde, still da, dann brach sie in Thränen aus und sprach: »thun Sie mit mir, was Ihnen gefällt; ich bin doch einmal das unglücklichste Wesen auf Erden. Wenn meine theure Tante mich verläßt, wo soll ich Schutz finden?« »Meine liebe Nichte,« sprach die Tante, »der Lord wird Dein Beschützer sein, ein Beschützer, den Du nur aus 21 Anhänglichkeit an den gemeinen Menschen, den Jones, von Dir weisen kannst.« »Sie thun mir wahrhaftig Unrecht, liebe Tante,« entgegnete Sophie. »Können Sie nach dem, was Sie mir gezeigt haben, glauben, daß ich, wenn ich jemals solche Gedanken gehegt, sie nicht für immer aus meinem Herzen bannen würde? Wenn Sie es verlangen, will ich das Sacrament darauf nehmen, niemals sein Gesicht wieder zu sehen.« »Aber Kind, liebes Kind,« fiel die Tante ein, »so sei doch nur vernünftig; kannst Du einen einzigen Grund gegen ihn haben?« »Ich habe Ihnen schon einen, wie ich glaube, triftigen Grund genannt,« antwortete Sophie. »Welchen?« fragte die Tante, »ich erinnere mich keines.« »Gewiß, Tante,« entgegnete Sophie, »ich sagte Ihnen, daß er mich auf die roheste und gemeinste Weise behandelt hat.« »Wahrhaftig, Kind,« erwiederte die Tante, »ich hörte niemals etwas davon oder verstand Dich nicht; was verstehst Du unter roher und gemeiner Behandlung?« »Ich schäme mich fast, es Ihnen zu erzählen,« antwortete Sophie. »Er umfaßte mich, zog mich auf das Canape nieder, griff mir in den Busen hinein und küßte ihn so heftig, daß man die Spur davon noch heute sieht.« »Wirklich?« fragte die Tante. »Wahrhaftig,« antwortete Sophie, » zum Glücke kam in diesem Augenblicke mein Vater an, wer weiß, wie weit er sonst seine Rohheit noch getrieben hätte.« »Ich bin ganz erstaunt,« sprach die Tante. »Kein Weib mit dem Namen Western ist jemals so behandelt worden, seit wir eine Familie sind. Ich würde einem Prinzen 22 die Augen ausgekratzt haben, wenn er sich solche Freiheiten gegen mich erlaubt hätte. Es ist unmöglich! Gewiß, Sophie, Du hast mir ein Mährchen erzählt, um meinen Unwillen gegen ihn zu erregen.« »Sie haben hoffentlich,« sprach Sophie, »eine zu gute Meinung von mir, als daß Sie mich für fähig halten könnten, eine Unwahrheit zu sagen. Wahrhaftig, was ich gesagt habe, ist Wahrheit.« »Ich würde ihn erstochen haben, wenn ich zugegen gewesen wäre,« entgegnete die Tante. »Und doch kann er keine ehrlose Absicht gehabt haben, daß ist unmöglich; er durfte es nicht. Sein Antrag beweist es, daß er keine solche hatte, denn dieser Antrag ist nicht blos ehrenvoll, sondern auch edelsinnig. Ich weiß nicht, unsere Zeit gestattet zu große Freiheiten. Ich würde vor der Ceremonie höchstens einen Gruß aus der Ferne gestattet haben. Ich habe auch sonst Liebhaber gehabt und es ist noch nicht so lange her, mehrere Liebhaber, ob ich gleich nie heirathen mochte und ich begünstigte und duldete nicht die geringste Freiheit. Es ist das eine thörichte Sitte, zu der ich meine Zustimmung nie geben würde. Kein Mann hat an mir je mehr geküßt als meine Wange. Das Aeußerste, was man thun kann, ist, daß man seinem Gatten die Lippen reicht, und ich für meine Person glaube, ich würde, hätte ich je vermocht werden können zu heirathen, meinem Manne auch soviel nicht gewährt haben.« »Sie werden mir verzeihen, wenn ich hier eine Bemerkung mache,« fiel Sophie ein; »Sie gestehen, daß Sie viele Liebhaber gehabt haben und die Welt weiß es, wenn Sie es auch läugnen wollten. Sie schlugen sie alle aus und, davon bin ich überzeugt, darunter wenigstens einen Lord.« 23 »Du sagst die Wahrheit, liebe Sophie,« antwortete sie, »es trug mir einmal ein Lord seine Hand an.« »Und warum wollen Sie mir nicht gestatten, einen abzuweisen?« »Ich habe allerdings einen Lord ausgeschlagen, aber der Antrag war nicht vortheilhaft, d. h. kein besonders vortheilhafter.« »Aber Männer von sehr großem Vermögen haben Ihnen Anträge gemacht.« »Allerdings.« »Und warum sollte ich nicht hoffen, daß ich auch noch einen andern vortheilhaftern Antrag erhielte? Ich bin noch ein junges Mädchen und brauche gewiß nicht zu verzweifeln.« »Was aber soll ich sagen, liebe Sophie?« »Ich bitte blos, daß Sie mich wenigstens diesen Abend nicht allein lassen; bewilligen Sie mir dies und ich will nachgeben, wenn Sie nach dem, was geschehen ist, glauben, daß ich ihn in Ihrer Gegenwart sehen kann.« »Nun, ich will das zugestehen,« antwortete die Tante. »Du weißt es, Sophie, daß ich Dich liebe und daß ich Dir nichts abschlagen kann. Du kennst meine Ruhe und Sanftmuth; ich war nicht immer so. Ich bin sonst für grausam gehalten worden, natürlich von Männern. Man nannte mich die grausame Parthenissa. Ich habe manche Fensterscheibe zerbrochen, auf welcher Verse an die grausame Parthenissa standen. Zwar war ich niemals so schön wie Du, Sophie, ich hatte aber sonst etwas von Dir. Ich habe mich ein wenig verändert. Königreiche und Staaten, wie Cicero sagt, erleiden Veränderungen, um wie viel mehr der menschliche Körper.« So sprach sie noch eine halbe Stunde über sich selbst, über ihre Eroberungen und ihre Grausamkeit, bis Lord Fellamor erschien, der nach einem 24 sehr langweiligen Besuche, bei dem Fräulein Western nicht einmal das Zimmer verließ, sich entfernte, mit der Tante eben so wenig zufrieden als mit der Nichte; denn Sophie hatte ihre Tante in so vortreffliche Laune versetzt, daß sie fast alles gut hieß und billigte, was ihre Nichte sagte, und der Meinung wurde, ein etwas fern haltendes Benehmen sei für einen so voreiligen Liebhaber eine ganz gerechte Strafe. So erlangte Sophie durch einige gut gerichtete Schmeicheleien, um derentwillen sie Niemand tadeln wird, einige Ruhe. Da wir so unsere Heldin in einer etwas besseren Lage gesehen haben, als lange vorher, so wollen wir uns nach Jones umsehen, den wir in der allertraurigsten verlassen haben. Fünftes Kapitel. Mad. Miller und Herr Nightingale besuchen Jones im Gefängnisse. Als Herr Allworthy mit seinem Neffen zu Herrn Western ging, machte sich Mad. Miller nach der Wohnung ihres Schwiegersohnes auf, um ihm das Unglück zu melden, das Jones betroffen hatte; er aber hatte es schon längst durch Partridge erfahren (denn Jones hatte bekanntlich, als er von Mad. Miller auszog, eine Wohnung in einem und demselben Hause mit Nightingale erhalten). Die gute Frau fand ihre Tochter sehr betrübt wegen Jones, und um diese zu trösten, ging sie in das Gefängniß, wohin Nightingale bereits vorausgeeilt war. Die Beständigkeit und Ausdauer eines wahren Freundes ist für Personen in Noth ein so höchst erfreulicher Umstand, 25 daß die Noth selbst, wenn sie nur eine temporäre ist und Abhilfe zuläßt, durch diesen Trost mehr als ausgeglichen wird. Auch sind Beispiele dieser Art nicht so selten, als manche oberflächliche und ungenaue Beobachter berichtet haben. Mangel an Mitleiden kann man, wenn man aufrichtig sein will, nicht zu unsern allgemeinen Fehlern zählen. Unser Hauptlaster ist der Neid. Deshalb richtet sich, fürchte ich, unser Auge selten zu denen, die offenbar größer, besser, klüger oder glücklicher sind als wir, ohne einen gewissen Grad von Böswilligkeit empor, während wir gewöhnlich nach unten auf die Niedrigstehenden und Unglücklichen mit hinreichendem Wohlwollen und Mitleiden blicken. Ich habe wirklich bemerkt, daß die meisten Mängel und Gebrechen, die sich bei den Freundschaften zeigten, welche ich beobachten konnte, blos aus dem Neide hervorgingen, einem höllischen Laster, von dem jedoch nur wenige gänzlich frei sind. Doch genug von diesem Gegenstande, der mich sonst zu weit abführen würde. Ob das Schicksal fürchtete, Jones möchte unter der Last seines Unglücks zusammensinken und es könnte dadurch künftig die Gelegenheit verlieren, ihn zu quälen, oder ob es wirklich in seiner Härte und Strenge gegen ihn in etwas nachließ, genug es schien seine Verfolgung ein wenig einzustellen, indem es ihm die Gesellschaft zweier so treuer Freunde und, was vielleicht noch mehr ist, einen treuen Diener sandte; denn es gebrach Partridge, wenn er auch manche Mängel hatte, nicht an Treue und wenn er sich auch aus Furcht für seinen Herrn nicht würde haben hängen lassen, so glaube ich doch, daß die Welt ihn auch nicht vermögen konnte, ihn zu verlassen. Während Jones seine große Freude über die Anwesenheit seiner Freunde aussprach, brachte Partridge die Nachricht, daß Herr Fitzpatrick noch lebe, wenn auch der Arzt 26 nur wenig Hoffnung habe. Jones seufzte tief und Nightingale sprach: »lieber Tom, warum wollen Sie sich über einen Vorfall betrüben, der, welche Folgen er auch haben mag, für Sie keine Gefahr bringen kann und bei dem Sie selbst vor Ihrem Gewissen nicht im mindesten zu tadeln sind? Was ist, wenn auch der Mensch sterben sollte, weiter geschehen, als daß Sie einem Taugenichts bei Nothwehr das Leben genommen haben? Dafür wird es der Ausspruch des Coroners gewiß erklären; dann werden Sie auf Bürgschaft leicht entlassen werden und wenn Sie sich auch der Förmlichkeit eines Verhöres aussetzen müssen, so würden doch viele ein solches Verhör sich leicht gefallen lassen.« »Beruhigen Sie sich, Herr Jones,« setzte Mad. Miller hinzu. »Ich wußte es, daß Sie nicht der Angreifende gewesen und sagte es Herrn Allworthy, der Sie bald für unschuldig soll anerkennen müssen.« Jones antwortete darauf, was auch sein Schicksal sein möge, er werde es immer beklagen, das Blut eines Mitmenschen vergossen zu haben, und dies für das höchste Unglück ansehen, das ihn betroffen. »Aber noch ein anderes Unglück habe ich zu bejammern. Ach, Mad. Miller, ich habe verloren, was mir das Theuerste auf Erden war.« »Das muß eine Geliebte sein,« entgegnete Mad. Miller, »ich weiß mehr, als Sie glauben (Partridge hatte geplaudert), und habe mehr gehört, als Sie wissen. Die Sache steht besser, als Sie denken und ich gebe Herrn Blifil nicht vier Groschen für seine Aussicht, die Dame zu bekommen.« »Sie kennen, liebe Freundin, die Ursache meiner Trauer durchaus nicht,« entgegnete Jones. »Wäre Ihnen die Geschichte bekannt, so würden Sie zugeben, daß kein Trost mehr geblieben ist. Von Blifil fürchte ich nichts. Ich habe mich selbst in das Unglück gestürzt.« »Verzweifeln Sie nicht,« fuhr Mad. Miller fort, »Sie 27 wissen nicht, was ein Weib zu thun vermag und wenn etwas in meiner Macht steht, so werde ich es thun, um Ihnen gefällig zu sein. Es ist meine Pflicht. Mein Sohn, mein lieber Nightingale, der so freundlich ist und sagt, er sei Ihnen aus demselben Grunde Dank schuldig, weiß, es ist meine Pflicht. Soll ich selbst zu der Dame gehen? Ich will ihr Alles sagen, was ich ihr sagen soll.« »Beste der Frauen,« entgegnete Jones, indem er ihre Hand ergriff, »sprechen Sie nicht von Dank gegen mich; aber, da Sie es einmal erwähnt haben, eine Gefälligkeit können Sie mir vielleicht erzeigen. Ich sehe, Sie kennen die Dame (wie Sie es erfuhren, weiß ich freilich nicht), die mir sehr am Herzen liegt. Wenn Sie es möglich machen könnten, ihr dies zu übergeben (er zog ein Papier aus der Tasche), würde ich Ihnen ewig dankbar sein.« »Geben Sie her,« sagte Mad. Miller. »Wenn ich es nicht in ihrer Hand sehe, ehe ich schlafe, so soll mein nächster Schlaf der letzte sein. Trösten Sie sich, guter, junger Mann; nehmen Sie sich frühere Thorheiten zur Warnung und ich stehe dafür, daß alles gut geht und ich Sie noch glücklich sehe mit dem reizendsten Mädchen in der Welt, denn das soll sie sein, wie Jedermann sagt.« »Glauben Sie mir,« entgegnete er, »ich rede nicht die gewöhnliche Sprache derer, die sich in meiner unglücklichen Lage befinden. Ehe dieses schreckliche Ereigniß eintrat, hatte ich mir vorgenommen, ein Leben aufzugeben, dessen Schlechtigkeit und Thorheit ich erkannt hatte. Ich versichere Sie, ich bin trotz den Störungen, die ich unglücklicher Weise in Ihrem Hause verursacht habe und um derentwillen ich Sie von Herzen um Verzeihung bitte, kein sittenloser, ausschweifender Mensch. Ob ich gleich in Laster hineingezogen wurde, bin ich doch nicht lasterhaft und werde es nie werden.« 28 Mad. Miller freuete sich sehr über diese Erklärung, an deren Aufrichtigkeit sie, wie sie versicherte, durchaus nicht zweifelte. Das weitere Gespräch bestand in den vereinten Bemühungen der guten Frau und des Herrn Nightingale, den Muth des armen Jones wieder aufzurichten, was ihnen in so weit gelang, daß sie ihn ruhiger verließen, als sie ihn gefunden hatten. Zu dieser glücklichen Umwandlung hatte nichts so sehr beigetragen, als das freundliche Erbieten der Mad. Miller, den Brief an Sophien zu übergeben, was ihm auf keine andere Weise möglich gewesen sein würde, denn der schwarze Georg hatte, als er Partridge den letzten übergeben, hinzugesetzt, sie habe ihm, bei Strafe, die Sache ihrem Vater anzuzeigen, streng verboten, ihr eine Antwort zu bringen. Auch machte es einen wohlthätigen Eindruck auf ihn, daß er in der Frau, die wirklich eine sehr würdige und achtungswerthe Person war, eine so warme Vertheidigerin bei Allworthy gefunden. Nachdem die Frau etwa eine Stunde bei ihm geblieben (Nightingale war weit länger da gewesen), nahmen sie beide Abschied und versprachen, bald zurück zu kommen. Mad. Miller setzte überdies hinzu, sie hoffe, ihm gute Nachricht von seiner Geliebten zu bringen und Nightingale erbot sich, wegen der Wunde Fitzpatricks Erkundigungen einzuziehen und wo möglich einige Personen ausfindig zu machen, die bei dem Vorfalle zugegen gewesen. Mad. Miller machte sich sogleich auf den Weg zu Sophien, wohin wir sie begleiten wollen. 29 Sechstes Kapitel. Mad. Miller besucht Sophien. Es war keineswegs schwer, Zutritt bei der jungen Dame zu erhalten, denn sie stand jetzt auf vollkommen freundschaftlichem Fuße mit ihrer Tante und konnte jeden Besuch nach Belieben annehmen. Sophie kleidete sich eben an, als man ihr meldete, daß eine Frau sie zu sprechen wünsche. Da sie sich weder fürchtete noch schämte, eine Frau bei sich zu sehen, so erhielt Mad. Miller sogleich die Erlaubniß einzutreten. Nachdem die Knixe und die gewöhnlichen Complimente zwischen Frauen, die einander noch nicht kennen, vorüber waren, sagte Sophie: »ich habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennen, Madame.« »Nein,« antwortete Mad. Miller, »und ich muß deshalb um Verzeihung bitten, daß ich Sie störe. Wenn Sie aber werden erfahren haben, was mich dazu veranlaßt, so hoffe ich . . .« »Was wünschen Sie?« unterbrach sie Sophie einigermaßen verlegen. »Wir sind nicht allein, mein Fräulein,« erwiederte Mad. Miller. »Verlaß uns,« sagte Sophie sogleich zu ihrem Kammermädchen. Nachdem dieses sich entfernt hatte, fuhr Mad. Miller fort: »ein sehr unglücklicher junger Mann bat mich, Ihnen diesen Brief zu übergeben.« Sophie wechselte die Farbe als sie die Adresse sah, da sie die Handschrift recht wohl kannte, und sagte nach einigem Zögern: »nach Ihrem Aussehen konnte ich nicht erwarten, daß etwas der Art Sie zu mir führte. Ich werde 30 den Brief nicht erbrechen, von wem Sie ihn auch bringen mögen. Es würde mir leid thun, einen ungerechten Argwohn von irgend Jemand zu hegen, aber Sie sind mir durchaus unbekannt.« »Wenn Sie einen Augenblick Geduld haben wollen,« antwortete Mad. Miller, »so will ich Ihnen sagen, wer ich bin und wie ich zu diesem Briefe gekommen.« »Ich bin durchaus nicht begierig, etwas zu erfahren,« sprach Sophie, »und muß Sie dringend bitten, den Brief an diejenige Person zurückzugeben, von welcher Sie ihn erhalten haben.« Mad. Miller fiel da auf ihre Knie und bat sie mit den rührendsten Worten um Mitleid, worauf Sophie entgegnete: »es überrascht mich, daß Sie sich so sehr für diese Person interessiren. Ich möchte nicht gern glauben, Madame . . .« »Nein, Fräulein,« fiel Mad. Miller ein, »Sie werden nichts als die Wahrheit glauben. Ich will Ihnen Alles sagen und Sie werden sich dann nicht wundern, daß ich mich für den jungen Mann interessire. Er ist der beste Mensch, den ich kenne.« Sie erzählte darauf die Geschichte von Henderson und setzte hinzu: »das, mein Fräulein, ist seine Gutherzigkeit: aber ich bin ihm noch weit größern Dank schuldig. Er hat mir mein Kind erhalten.« Unter Thränen erzählte sie alles darauf Bezügliche, ließ nur die Umstände weg, welche ein schlimmes Licht auf ihre Tochter geworfen haben würden und schloß mit den Worten: »nun, mein Fräulein, werden Sie beurtheilen können, ob ich jemals genug thun kann für einen so freundlichen, so gütigen, so edeln jungen Mann, der gewiß der beste und ehrenwertheste aller Menschen ist.« Die Veränderung in den Zügen Sophiens hatte bisher ihre Schönheit nicht erhöhet, dem Gesichte vielmehr eine zu 31 große Blässe gegeben; jetzt färbten sich ihre Wangen wieder röther als Zinnober und sie sprach: »ich weiß nicht, was ich sagen soll; was aus der Dankbarkeit hervorgeht, kann sicherlich nicht zu tadeln sein. Aber was kann es Ihrem Freunde nützen, daß ich den Brief lese, da ich entschlossen bin, niemals . . .« Mad. Miller wiederholte ihre Bitten und sagte, die Dame möge ihr verzeihen, aber sie könnte den Brief nicht wieder mit fortnehmen. »Nun wohl,« entgegnete Sophie, »ich kann es nicht hindern, wenn Sie mir ihn aufnöthigen. Sie können ihn gewiß liegen lassen, ich mag es wünschen oder nicht.« Was Sophie damit meinte und ob sie überhaupt etwas dabei dachte, will ich nicht zu ermitteln versuchen; Mad. Miller aber verstand den Wink, legte den Brief sogleich auf den Tisch und entfernte sich, nachdem sie um die Erlaubniß gebeten hatte, ihren Besuch wiederholen zu dürfen, was Sophie weder bewilligte noch abwies. Der Brief blieb auf dem Tische nicht länger liegen, als bis Mad. Miller die Thüre hinter sich zugemacht hatte, denn dann nahm ihn Sophie, erbrach und las ihn. Der Brief erwies der Sache des Schreibers keinen großen Dienst, denn er bestand fast nur in Geständnissen seiner Unwürdigkeit, in bittern Klagen der Verzweiflung, den feierlichsten Betheuerungen seiner unveränderlichen Treue gegen Sophien, von der er sie noch zu überzeugen hoffe, wenn er jemals wieder die Ehre habe sollte, vor ihr zu erscheinen, so wie in Versicherungen, daß er den Brief an Lady Bellaston so erklären könne, daß, wenn es ihm auch nicht ein Recht auf ihre Verzeihung gewähre, er doch hoffen dürfe, diese von ihr zu erhalten. Er schloß endlich mit der Betheuerung, daß ihm niemals etwas weniger in den Sinn gekommen sei, als Lady Bellaston zu heirathen. Obgleich Sophie den Brief zweimal mit großer 32 Aufmerksamkeit durchlas, so blieb die Bedeutung desselben ihr doch ein Räthsel; auch vermochte sie nichts zu erdenken, was Jones wohl zu entschuldigen vermöge. Sie zürnte ihm deshalb fortwährend, wenn auch auf Lady Bellaston soviel von ihrem Unwillen und ihrem Hasse kam, daß sie für eine andere Person wenig übrig behielt. Diese Dame sollte zum Unglück gerade diesen Tag bei der Tante Western speisen und Nachmittags wollten alle drei, einer Verabredung gemäß, in die Oper und später in eine Gesellschaft gehen. Sophie hätte dies gern abgelehnt, aber sie mochte ihre Tante nicht beleidigen und da sie die Kunst, Krankheit zu heucheln, gar nicht verstand, so dachte sie nicht einmal an dieses Auskunftsmittel. Nachdem sie angekleidet war, ging sie hinunter, entschlossen alle Schrecken des Tages zu erdulden, der sich allerdings als ein höchst unangenehmer erwieß, denn Lady Bellaston benutzte jede Gelegenheit, sie mit höchster Artigkeit und Schlauheit zu kränken. Ein anderer übler Umstand, der die arme Sophie traf, war die Gesellschaft Lord Fellamors, den sie im Theater und dann in der Gesellschaft traf. Obgleich an beiden Orten nichts Besonderes vorkommen konnte, so kamen ihr doch am ersteren die Musik und am zweiten die Karten noch mehr zu Hilfe. Die Gesellschaft, die wir hier bereits mehrmals erwähnt haben, hieß damals eine Trommel ( a drum ) und bestand aus einer Anzahl wohlgekleideter Personen beider Geschlechter, von denen die meisten Karten spielten, die andern aber gar nichts thaten, während die Frau vom Hause die Rolle einer Gastwirthin spielte und wie eine solche stolz auf die große Anzahl ihrer Gäste war, ob sie gleich von denselben keinen Vortheil hatte. Sophie befand sich in dieser Gesellschaft sehr unbehaglich 33 und freute sich, als sie endlich in ihrem Bette lag, wo wir sie lassen wollen, wenn wir auch fürchten, daß sie keinen Schlaf findet. Wir setzen unterdeß unsere Geschichte fort, die, wie uns Etwas zuflüstert, an dem Vorabende eines großen Ereignisses angekommen ist. Siebentes Kapitel. Eine pathetische Scene zwischen Herrn Allworthy und Mad. Miller. Mad. Miller hatte eine lange Unterredung mit Herrn Allworthy als dieser von Herrn Western zurückgekommen war; sie theilte ihm dabei mit, daß Jones unglücklicher Weise alles verloren habe, was ihm Herr Allworthy bei der Trennung von ihm gegeben und schilderte ihm die Noth, in welche er durch diesen Verlust versetzt worden sei, was sie ausführlich von dem treuen Partridge erfahren habe. Sie erklärte ihm ferner die Verpflichtungen, welche sie gegen Jones hatte, wobei sie freilich in Bezug auf ihre Tochter nicht ganz aufrichtig war, denn ob sie gleich volles Vertrauen auf Herrn Allworthy setzte und eigentlich nicht hoffen konnte, eine Sache geheim zu halten, die leider mehr als zwölf Personen bekannt war, so konnte sie es doch nicht über sich bringen, diese Umstände zu erwähnen, welche auf die Keuschheit der armen Anna kein eben vortheilhaftes Licht warfen. Allworthy entgegnete darauf, es wären wenige Menschen so durchaus schlecht und verdorben, daß nicht wenigstens etwas Gutes in ihnen liege. »Indessen,« setzte er hinzu, »kann ich nicht läugnen, daß Sie einige Verpflichtungen 34 gegen den Menschen haben, so schlecht er auch ist, und ich will deshalb entschuldigen, was bereits geschehen ist, muß aber darauf dringen, daß Sie seinen Namen in meiner Gegenwart nicht mehr erwähnen, denn ich versichere Sie, daß ich erst nach vollständigen Beweisen mich zu den Maßregeln entschloß, die ich ergriffen habe.« »Ich zweifle nicht im Geringsten,« sprach Mad. Miller dagegen, »daß die Zeit alles in das rechte Licht setzen wird und Sie die Ueberzeugung gewinnen, wie dieser junge Mann Ihre Liebe in höherem Grade verdient als manche andere Leute, die ich nicht nennen will.« »Madame,« fiel Herr Allworthy etwas unwirsch ein, »ich mag keine Anzüglichkeiten gegen meinen Neffen hören und wenn Sie noch ein Wort der Art sagen, werde ich Ihr Haus augenblicklich verlassen. Er ist der beste und ehrenwertheste Mensch und ich wiederhole es nochmals, daß er seiner Freundschaft gegen jenen eine tadelnswerthe Ausdehnung gegeben hat, indem er die schlimmsten Dinge zu lange verheimlichte. Die Undankbarkeit jenes Menschen gegen ihn ist das, was mich am meisten verdrießt, denn ich habe Grund zu glauben, daß er die Absicht hatte, meinen Neffen aus meiner Gunst zu verdrängen und zu bewirken, daß ich denselben enterben möchte.« »Ich werde gewiß,« erwiederte Mad. Miller etwas erschrocken (denn obwohl die größte Freundlichkeit in dem Lächeln Allworthy's lag, so war sein Ernst, sobald er zürnte, doch auch sehr groß), »ich werde gewiß nie mich gegen Jemanden aussprechen, dem Sie wohlwollen. Ein solches Benehmen würde mir wenig ziemen, zumal wenn diese Person nahe mit Ihnen verwandt ist, aber Sie werden mir auch nicht zürnen, wenn ich dem armen Jones alles Gute wünsche. Wie oft haben Sie ihn Ihren Sohn genannt, wie oft in meiner Gegenwart mit der Liebe eines 35 Vaters von ihm gesprochen! Ich kann und werde es nicht vergessen, was Sie mit den zärtlichsten Ausdrücken von seiner Schönheit, seinen guten Anlagen und seinen treulichen Eigenschaften sagten. Ich werde das nie vergessen, zumal ich mich überzeugt habe, daß alles wahr war. Ich habe es zu meinem eigenen Vortheile erfahren. Verzeihen Sie meine Thränen, Herr Allworthy. Wenn ich das Unglück bedenke, das den armen Jüngling betroffen hat, dem ich so viel zu danken habe, namentlich den Verlust Ihrer Zuneigung, die er, wie ich weiß, höher schätzt als sein Leben, so muß ich ihn beklagen. Hätten Sie einen Dolch in der Hand und droheten, mir denselben in die Brust zu stoßen, ich müßte doch das Unglück dessen beklagen, den Sie einst geliebt haben und den ich immer lieben werde.« Diese Rede machte einen großen, doch nicht übeln Eindruck auf Herrn Allworthy, denn nach kurzer Pause nahm er Mad. Miller an der Hand und sagte sehr freundlich zu ihr: »lassen Sie uns wegen Ihrer Tochter einige Worte sprechen. Ich kann Sie darum nicht tadeln, daß Sie sich über eine Heirath freuen, die für Sie von Vortheil zu sein scheint, aber dieser Vortheil hängt zum großen Theil von der Aussöhnung mit dem Vater ab. Ich kenne Herrn Nightingale recht gut und habe früher Geschäfte mit ihm gehabt; ich werde ihm einen Besuch machen und zusehen, ob sich etwas für Sie thun läßt. Ich glaube, er ist ein seltsamer Mann, aber da er nur den einzigen Sohn hat und die Sache nicht ungeschehen zu machen ist, so kann er doch vielleicht zur Vernunft gebracht werden. Ich verspreche Ihnen, Alles zu thun, was ich vermag.« Die arme Frau äußerte hoch erfreut ihren Dank gegen Allworthy wegen dieses freundlichen Anerbietens, konnte aber auch die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen, auch ihrer Dankbarkeit gegen Jones nochmals Worte zu verleihen, 36 »da er die Ursache ist, daß ich Ihnen jetzt diese Mühe mache.« Allworthy unterbrach sie milde, da er ein zu guter Mann war, als daß er im Ernst die Wirkungen eines so edeln Grundsatzes, nach welchem Mad. Miller handelte, hätte tadeln sollen. Ja, wenn nicht der neue Vorfall seinen frühern Aerger über Jones neu angeregt hätte, so wäre es wohl möglich gewesen, daß er überhaupt milder gegen ihn gestimmt worden wäre durch die Erzählung einer Handlung, die doch durchaus nicht aus üblem Beweggrunde abgeleitet werden konnte. Herr Allworthy und Mad. Miller waren über eine Stunde bei einander gewesen, als ihr Gespräch durch die Ankunft Blifils und einer andern Person unterbrochen wurde, welche andere Person Herr Dowling, der Advokat war, der ein Freund Blifils geworden und von Allworthy auf den Wunsch seines Neffen zu seinem Geschäftsführer ernannt, auch dem Herrn Western empfohlen worden war, von dem der Advokat ebenfalls das Versprechen erhielt, bei der ersten Gelegenheit Geschäftsführer zu werden und für den er bereits in London eine Angelegenheit besorgte. Das war die Hauptangelegenheit, welche Herrn Dowling nach der Stadt geführt hatte, er benutzte die Gelegenheit, einiges Geld an Allworthy zu überbringen und ihm Bericht über einige andere Angelegenheiten abzustatten, die so uninteressant waren, daß wir sie nicht in diese Geschichte aufnehmen, sondern Oheim, Neffen und Rechtsfreund verlassen und uns zu andern Angelegenheiten wenden wollen. 37 Achtes Kapitel. Enthält Verschiedenes. Bevor wir zu Jones zurückkehren, wollen wir Sophien noch einen Besuch machen. Obgleich sie ihre Tante durch die besänftigenden Mittel, welche wir früher angegeben haben, in recht gute Laune versetzt hatte, so hatte sie dieselbe doch nicht vermögen können, in ihrem Eifer für die Heirath mit Lord Fellamor nachzulassen. Dieser Eifer wurde noch mehr durch Lady Bellaston angefacht, die ihr am vorigen Abende gesagt hatte, nach dem Benehmen Sophiens und ihrem Verhalten gegen den Lord halte sie jeden Verzug für gefährlich; man könne auf keinem andern Wege zum Ziele kommen, als wenn man die Sache so schnell betriebe, daß das Mädchen keine Zeit zum Nachdenken habe und ihre Einwilligung geben müsse, während sie kaum wisse, was sie thue. Auf diese Weise würden, sagte sie, die Hälfte der Ehen unter Personen von Rang geschlossen, was ich allerdings auch für wahr halte und welchem Umstande wahrscheinlich auch die Zärtlichkeit zuzuschreiben ist, welche später unter so vielen glücklichen Ehepaaren herrscht. Ein ähnlicher Wink wurde von der Dame dem Lord Fellamor gegeben und beide benutzten den Rath so bereitwillig, daß auf den Antrag des Lords von Fräulein Western d. ält. schon der nächste Tag zu einer Zusammenkunft des jungen Paares festgesetzt wurde. Dies theilte die Tante ihrer Nichte mit und sie bestand so fest darauf, daß Sophie, nachdem sie vergebens alles vorgebracht hatte, was möglicherweise dagegen gesagt werden konnte, endlich einwilligte, den höchsten Beweis von Gefälligkeit zu geben, den ein junges Mädchen geben kann und den Lord zu sehen versprach. 38 Da Gespräche dieser Art nicht sehr unterhaltend zu sein pflegen, so wird man uns entschuldigen, wenn wir nicht alles mittheilen, was bei dieser Zusammenkunft vorkam, bei welcher Sophie, nachdem der Lord vielfach seine reinste und feurigste Liebe betheuert hatte, endlich allen Muth zusammen nahm und mit leiser bebender Stimme sprach: »Mylord, Sie müssen selbst wissen, ob Ihr früheres Benehmen gegen mich Ihren jetzigen Betheuerungen entsprochen hat.« »Kann ich,« entgegnete er, »meinen Wahnsinn auf keine Weise abbüßen? Das, was ich gethan habe, muß Sie leider nur zu sehr überzeugt haben, daß mir die Heftigkeit der Liebe den Verstand genommen hatte.« »Es steht allerdings in Ihrer Macht,« fuhr sie fort, »mir einen Beweis von einer Zuneigung zu geben, die ich gern ermuthige.« »Nennen Sie ihn,« fiel der Lord eifrig ein. »Mylord,« entgegnete sie, während sie auf ihren Fächer blickte, »Sie müssen fühlen, wie unruhig mich diese Ihre angebliche Leidenschaft gemacht hat.« »Können Sie so grausam sein und sie »angeblich« nennen?« »Allerdings,« sprach Sophie, »alle Betheuerungen von Liebe gegen die, welche wir verfolgen, sind beleidigende Vorgaben. Diese Ihre hartnäckige Verfolgung bereitet mir große Noth und Sie benutzen dabei auf sehr unedele Art meine jetzige unglückliche Lage.« »Liebenswürdigste, anbetungswerthe Zauberin,« fiel er ein, »beschuldigen Sie mich nicht, daß ich unedel einen Vortheil benutze, da ich nur an Ihre Ehre und Ihr Interesse denke und keine Absicht, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz habe, als mich, Ehre, Vermögen und Alles Ihnen zu Füßen zu legen.« 39 »Gerade dieses Vermögen, diese Ehre geben Ihnen den Vortheil, über den ich klage. Das sind die Reize, welche meine Verwandten verlockt haben, während sie mir ganz gleichgültig sind. Wenn Sie sich meine Dankbarkeit erwerben wollen, so ist dies nur auf einem Wege möglich.« »Verzeihen Sie mir, Angebetete, es giebt gar keinen. Alles, was ich für Sie thun kann, gebührt Ihnen in dem Maße und wird mir selbst soviel Vergnügen gewähren, daß von Dank bei Ihnen gar keine Rede sein kann.« »Allerdings können Sie sich meinen Dank erwerben und meine besten Wünsche für Sie; es wird Ihnen sehr leicht werden, denn einem edeln Herzen muß es leicht sein, meine Bitte zu erfüllen. Stellen Sie eine Verfolgung ein, durch die Sie niemals etwas erreichen werden. Um Ihret-, wie um meinetwillen bitte ich Sie um diese Gunst, denn sicher denken Sie zu edel, als daß Sie Vergnügen daran finden könnten, ein unglückliches Mädchen zu quälen. Und was können Sie sich selbst anders als Unruhe erwerben durch eine Ausdauer, die, bei meiner Ehre schwöre ich es Ihnen, mich niemals vermögen kann und vermögen wird, in welche Noth sie mich auch versetzen mag.« Der Lord seufzte tief und sprach sodann: »bin ich so unglücklich, der Gegenstand Ihres Widerwillens und Ihrer Verachtung zu sein oder verzeihen Sie mir, wenn ich annehme, daß ein Anderer –?« Er unterbrach sich und Sophie antwortete: »Wegen der Gründe meines Benehmens bin ich Ihnen sicherlich keine Rechenschaft schuldig. Ich danke Ihnen für den edelsinnigen Antrag, den Sie mir gemacht haben und ich gestehe, daß er meine Wünsche und Erwartungen übertroffen hat, aber ich hoffe, daß Sie nicht darauf dringen werden, meine Gründe zu erfahren, wenn ich Ihnen sage, daß ich ihn nicht anzunehmen vermag.« 40 Der Lord kam nochmals auf seine früheren Worte zurück, sagte aber zuletzt, wenn sie früher einem achtbaren Manne ihr Wort gegeben habe, so würde er sich, wie unglücklich es ihn auch mache, für verpflichtet halten, zurückzutreten. Vielleicht legte der Lord eine zu auffallende Betonung auf die Worte »einem achtbaren Manne«, denn außerdem würden wir uns den Zorn nicht erklären können, der sich auf Sophiens Gesicht aussprach, die in ihrer Antwort sehr deutlich merken ließ, daß sie beleidiget worden sei. Während sie noch sprach und zwar lauter und stärker als gewöhnlich, trat ihre Tante mit glühenden Wangen und funkelnden Augen in das Zimmer. »Ich schäme mich, Mylord,« sagte sie, »des Empfanges, den Sie gefunden haben. Ich versichere Sie, daß wir alle die Ehre zu schätzen wissen, die Sie uns erzeigt haben und ich muß Dir sagen, Sophie, daß die Familie ein ganz anderes Verhalten von Dir erwartet.« Der Lord verwendete sich für Sophien, aber vergebens; die Tante ließ nicht nach, bis Sophie ihr Taschentuch nahm, auf einen Stuhl sank und heftig zu weinen begann. Das weitere Gespräch zwischen Fräulein Western und dem Lord, bis derselbe sich entfernte, bestand in bittern Klagen von seiner Seite und in den stärksten Versicherungen von der ihrigen, daß ihre Nichte in Alles, was er wünsche, willigen würde und müßte. »Freilich,« setzte sie hinzu, »hat das Mädchen eine verkehrte Erziehung genossen, die sich weder für ihr Vermögen noch für ihre Familie ziemte. Ihr Vater trägt an Allem die Schuld, es thut mir leid, daß ich es sagen muß. Das Mädchen hat alberne Dorfbegriffe von Züchtigkeit. Weiter ist es, bei meiner Ehre, nichts und ich bin überzeugt, daß wir sie endlich noch dahin bringen, wohin wir sie haben wollen.« 41 Diese letztern Worte wurden in der Abwesenheit Sophiens gesprochen, welche kurz vorher das Zimmer verlassen hatte und zwar aufgeregter, als man sie je vorher gesehen. Der Lord seiner Seits verabschiedete sich darauf nach vielen Dankesäußerungen gegen Fräulein Western, den wärmsten Betheuerungen der Liebe, die durch nichts zu unterdrücken sei und vielen Versicherungen unveränderlicher Ausdauer, welche Fräulein Western vollkommen billigte und ermuthigte. Ehe wir erzählen, was nun zwischen Fräulein Western d.. ält. und Sophien vorging, müssen wir den unglücklichen Vorfall erwähnen, welcher die Rückkehr der Tante in dem erwähnten aufgeregten Zustande veranlaßte. Der Leser muß also wissen, daß das Mädchen, welches jetzt Sophien bediente, von der Lady Bellaston empfohlen worden war, bei der sie eine Zeit lang gewesen war. Sie hatte die gemessensten Befehle erhalten, Sophien sorgfältig zu beobachten. Diese Befehle wurden ihr durch Mamsell Honour mitgetheilt, in deren Gunst Lady Bellaston dermaßen gestiegen war, daß die große Zuneigung, welche das Mädchen früher für Sophien gehegt, durch die Anhänglichkeit an die neue Gebieterin völlig verdrängt und verwischt worden war. Nachdem Mad. Miller sich entfernt, war Betty (so hieß das Mädchen) zu ihrer jungen Gebieterin zurückgekehrt und hatte gesehen, daß dieselbe aufmerksam einen langen Brief las. Die sichtbare Bewegung, welche sie bei dieser Gelegenheit verrieth, rechtfertigte allerdings gewissermaßen die Vermuthung, welche das Mädchen hegte und welche allerdings einen guten Grund hatte, da sie das Gespräch zwischen Sophie und Mad. Miller vollständig mit angehört hatte. Fräulein Western erfuhr alles dies durch Betty, welche nach einiger Belobung und Belohnung für ihre Treue den 42 Befehl erhielt, jene Frau, sobald sie wieder komme, zu Fräulein Western selbst zu führen. Unglücklicher Weise kam Mad. Miller eben als der Lord sich bei Sophien befand. Betty schickte sie der erhaltenen Anweisung gemäß sogleich zu der Tante, welche bei ihrer Kenntniß von so vielen Umständen, welche am Tage vorher geschehen waren, die arme Frau leicht beredete, Sophie habe ihr alles mitgetheilt und so von ihr alles erfuhr, was sie von dem Briefe und von Jones wußte. Die arme Frau konnte die Einfalt selbst genannt werden. Sie gehörte zu jener Art der Sterblichen, die gern alles glauben, was man ihnen sagt, denen die Natur weder die Schutz- noch die Angriffswaffen der List und des Betrugs gegeben hat und die deshalb von jedem hintergangen werden können, der zu diesem Zwecke einige Falschheit aufbieten will. Nachdem Fräulein Western von Mad. Miller alles erfahren hatte, was dieselbe wußte und was allerdings nur wenig war, aber doch hinreichte, um auf noch mehr schließen zu lassen, entließ sie die Frau mit der Versicherung, Sophie möge sie nicht sehen, auch weder eine Antwort auf den Brief geben noch einen andern annehmen; auch ließ sie dieselbe nicht gehen ohne eine tüchtige Lection über die Verdienste eines Amtes, das sie nicht anders als Kupplerei nennen könnte. Diese Entdeckung hatte sie bereits sehr aufgebracht und als sie in dem Zimmer neben jenem, in welchem der Lord sich bei Sophien befand, Sophien warm gegen die Bewerbungen des Lords protestiren hörte, brach ihr Zorn in helle Flammen aus und sie stürzte hinein zu ihrer Nichte, wie wir bereits erzählt haben. Sobald Lord Fellamor sich entfernt hatte, kehrte Fräulein Western zu Sophien zurück, die sie in den härtesten Ausdrücken wegen des Mißbrauches schalt, den sie von dem Vertrauen gemacht, welches man in sie gesetzt habe, so wie wegen der Hinterlist, mit einem Manne zu correspondiren, ob sie gleich den Tag vorher sich erboten, den feierlichsten Schwur abzulegen, nie wieder in irgend einen Verkehr mit ihm zu treten. Sophie äußerte ihre Verwunderung und die Tante fuhr fort: »hast Du nicht gestern einen Brief erhalten?« »Einen Brief, Tante?« antwortete Sophie noch verlegener. »Es schickt sich nicht, meine Worte zu wiederholen,« fiel die Tante ein. »Ich sage, Du hast einen Brief erhalten, und ich verlange, daß Du mir ihn sogleich zeigst.« »Ich verschmähe zu lügen,« entgegnete Sophie, »ich erhielt einen Brief, aber ohne und gegen meinen Wunsch, ja ich darf wohl sagen gegen meinen Willen.« »Du solltest Dich schon des bloßen Geständnisses schämen, ihn überhaupt erhalten zu haben; aber wo ist der Brief; ich will ihn sehen.« Sophie schwieg nach diesem peremptorischen Verlangen einige Zeit bevor sie eine Antwort gab und endlich entschuldigte sie sich blos mit der Erklärung, sie habe den Brief nicht bei sich, was allerdings die Wahrheit war, worauf die Tante die Geduld völlig verlor und ihrer Nichte die unumwundene Frage vorlegte, ob sie sich entschließen wolle, Lord Fellamor zu heirathen oder nicht. Sophie verneinte die Frage eben so unumwunden. Die Tante betheuerte darauf mit einem Eide oder etwas dergleichen, sie würde sie am nächsten Morgen ihrem Vater wieder übergeben. Sophie sagte nach dieser Erklärung zu ihrer Tante: »warum soll ich denn überhaupt gezwungen werden zu heirathen? Bedenken Sie, für wie grausam Sie einen solchen Zwang gehalten haben würden und um wie viel gütiger Ihre Eltern waren, da sie Ihnen völlige Freiheit ließen. Wodurch habe ich den Anspruch auf dieselbe Freiheit 44 verloren? Ich werde mich nie gegen den Willen meines Vaters und ohne Ihre Einwilligung verheirathen; ersuche ich Sie um diese Einwilligung in einem unpassenden Falle, dann dürfte es Zeit genug sein, mir eine andere Heirath aufzuzwingen.« »Soll ich dies von einem Mädchen geduldig anhören, die einen Brief von einem Mörder in der Tasche hat?« fiel Fräulein Western ein. »Ich habe keinen solchen Brief,« entgegnete Sophie, »und wenn er ein Mörder ist, wird er bald außer Stand gesetzt sein, Ihnen Sorge und Noth zu machen.« »Treibst Du die Keckheit so weit, in solcher Art von ihm zu sprechen und Deine Liebe zu einem solchen Menschen mir in das Gesicht zu gestehen?« »Sie geben meinen Worten einen seltsamen Sinn,« sprach Sophie. »Ich kann diese Behandlung nicht länger ertragen; Du hast diese Art, Dich gegen mich zu benehmen, von Deinem Vater gelernt; er hat es Dich gelehrt, mich der Lüge zu beschuldigen. Durch sein falsches Erziehungssystem hat er Dich völlig ruinirt, und will's Gott, er soll die Früchte davon genießen, denn ich erkläre noch einmal, daß ich Dich morgen früh wieder zu ihm bringe. Ich ziehe alle meine Hilfstruppen aus dem Felde zurück und verhalte mich von nun an wie der weise König von Preußen vollkommen neutral. Ihr seid beide zu klug, als daß Ihr durch meine Maßregeln geleitet werden könntet; mache Dich also bereit, morgen früh mein Haus zu verlassen.« Sophie sagte dagegen, was sie sagen konnte, aber ihre Tante blieb gegen Alles taub. Bei diesem Entschlusse müssen wir sie vor der Hand lassen, da keine Hoffnung da zu sein scheint, sie von demselben abzubringen. 45 Neuntes Kapitel. Was Jones in dem Gefängnisse widerfuhr. Jones verbrachte vierundzwanzig traurige Stunden allein, höchstens durch die Gesellschaft des treuen Partridge zerstreut, bevor Nightingale zurückkehrte; nicht daß dieser würdige junge Mann seinen Freund verlassen oder vergessen hatte, denn er war den größten Theil dieser Zeit über für denselben thätig gewesen. Nach den Erkundigungen, die er eingezogen, waren die Leute, welche den Anfang des unglücklichen Zusammentreffens gesehen hatten, Matrosen von einem Kriegsschiffe gewesen, das in Deptford lag. Er begab sich also nach Deptford, um diese Matrosen ausfindig zu machen und erfuhr, daß dieselben sämmtlich an das Land gegangen wären. Er suchte sie hier und da und fand endlich zwei derselben, die mit einer dritten Person in einer Winkelschenke tranken. Nightingale wünschte mit Jones allein zu sprechen. (Partridge war in dem Gefängnisse als er ankam.) Sobald sie allein waren, nahm Nightingale Jones bei der Hand und sagte: »lassen Sie sich durch das, was ich zu sagen habe, nicht zu sehr niederbeugen, lieber Freund; es thut mir leid, daß ich schlimme Nachrichten bringe; aber ich halte es für meine Pflicht, Alles zu sagen.« »Ich errathe bereits, welche schlimme Nachricht es ist,« entgegnete Jones, »der Arme ist gestorben?« »Das hoffe ich nicht,« antwortete Nightingale. »Diesen Morgen lebte er noch, aber ich will Ihnen nicht mit trüglicher Hoffnung schmeicheln, denn nach dem, was ich gehört habe, ist seine Wunde wirklich tödtlich. Wenn aber alles genau so gewesen ist, wie Sie es angeben, so haben Sie sicherlich nichts als Ihr eigenes Gewissen zu fürchten, es 46 mag geschehen was da will; aber ich bitte Sie, theilen Sie selbst das Schlimmste Ihren Freunden mit. Wenn Sie uns etwas verheimlichen, schaden Sie sich am meisten.« »Welche Veranlassung habe ich Ihnen jemals gegeben, mir den Dolch eines solchen Argwohns in das Herz zu stoßen?« entgegnete Jones. »Nur Geduld,« erwiederte Nightingale, »und ich will Ihnen Alles sagen. Nach den sorgfältigsten Nachforschungen traf ich endlich zwei der Männer, welche Zeugen des unglücklichen Vorfalles waren und leider erzählen sie die Sache keinesweges in einer für Sie so günstigen Weise wie Sie selbst dieselbe darstellen.« »Was sagen Sie?« fragte Jones. »Es thut mir leid, daß ich es wiederholen muß, weil ich die Folgen davon für Sie fürchte. Sie behaupten, sie wären in zu großer Entfernung gewesen, als daß sie hätten hören können, was Sie und der Verwundete gesprochen, aber sie behaupten, Sie hätten den ersten Stoß geführt.« »Dann thun Sie mir wahrhaftig Unrecht,« fiel Jones ein. »Er griff mich nicht blos zuerst an, sondern sogar ohne alle Veranlassung. Was kann die Schurken veranlassen, mich fälschlich zu beschuldigen?« »Das kann ich freilich nicht errathen,« sprach Nightingale, »und wenn Sie selbst keinen Beweggrund ausfindig zu machen wissen, warum sie lügen, welchen soll ein unparteiischer Gerichtshof ihnen unterlegen? Ich wiederholte ihnen die Frage mehrmals und auch ein anderer Herr, der zugegen war, ein Seemann zu sein schien und wirklich sich Ihrer Sache sehr annahm, denn er bat die Leute oft, ja zu bedenken, daß das Leben eines Menschen auf dem Spiele stehe, fragte sie wiederholt, ob sie ihrer Sache gewiß wären. Um des Himmels willen, lieber Freund, besinnen Sie sich genau. Ich möchte Sie nicht betrüben, aber Sie 47 kennen wahrscheinlich die Strenge des Gesetzes, wie schwer Sie auch durch Worte gereizt worden sein mögen.« »Glauben Sie, Freund, daß ich mit dem Rufe eines Mörders leben möchte? Würde ich, wenn ich Freunde hätte (wie ich leider keine habe), das Selbstvertrauen besitzen und sie auffordern, für einen Mann zu sprechen, der wegen des schlimmsten Verbrechens verurtheilt wurde? Glauben Sie mir, ich hoffe nichts der Art, setze mein Vertrauen aber auf ein noch höheres Gericht, das mir sicherlich den Schutz gewähren wird, den ich verdiene.« Er schloß damit, daß er aufs feierlichste nochmals betheuerte, alles sei so gewesen, wie er es im Anfange angegeben habe. Der Glaube Nightingales wankte nun von neuem und wendete sich wieder seinem Freunde zu, als Mad. Miller. kam und einen traurigen Bericht von dem Erfolge ihrer Sendung abstattete. Sobald Jones denselben vernommen hatte, rief er aus: »nun ist mir gleichgiltig, was geschehen mag, wenigstens was mein Leben betrifft; ist es der Wille des Himmels, daß ich mit meinem Leben für das Blut büßen soll, das ich vergossen habe, so hoffe ich, die göttliche Güte werde einst meine Ehre rein erscheinen lassen und zugeben, daß man den Worten eines Sterbenden glaube.« Es folgte nun eine sehr traurige Scene zwischen dem Gefangenen und seinen Freunden, der gewiß wenige Leser gern beigewohnt haben würden, wie auch wenige wünschen dürften, daß ihnen dieselbe genau beschrieben werde. Wir wollen also darüber hingehen bis zum Eintritte des Kerkermeisters, der Jones anzeigte, es sei eine Dame draußen, welche mit ihm zu sprechen wünsche. Jones war über diese Anzeige nicht wenig überrascht und sagte, er kenne keine Dame in der Welt, die er hier erwarten könnte. Da er indeß keinen Grund haben konnte, 48 den Besuch irgend einer Person abzulehnen, so verabschiedeten sich Mad. Miller und Herr Nightingale und Jones sagte dem Kerkermeister, er möge die Dame eintreten lassen. Wenn Jones sich schon über die Anmeldung des Besuches einer Dame wunderte, um wie viel mehr mußte er erstaunen, als er sah, daß diese Dame keine andere war als Mad. Waters! Bei seinem Staunen müssen wir ihn denn vor der Hand auch lassen, um die Verwunderung des Lesers zu beseitigen, der wahrscheinlich ebenfalls nicht wenig durch die Ankunft dieser Dame überrascht worden sein wird. Wer diese Mad. Waters war, weiß der Leser, was sie war, darf ihm eben so wenig unbekannt sein. Er wird sich also erinnern, daß die Dame Upton in demselben Wagen wie Herr Fitzpatrick und der andere irische Herr verließ und in deren Gesellschaft nach Bath reisete. Nun hatte Herr Fitzpatrick ein damals erledigtes Amt zu vergeben, nämlich das einer Gattin, denn die Dame, welche dasselbe bis dahin bekleidet, hatte es niedergelegt oder war wenigstens von ihrem Posten entwichen. Herr Fitzpatrick, der Mad. Waters unterwegs genau prüfte, fand sie für diese Stelle vollkommen geeignet, weshalb er ihr dieselbe nach der Ankunft in Bath sofort antrug. Auch nahm die Dame das Amt unbedenklich an. Als Mann und Frau lebten denn beide zusammen so lange sie in Bath blieben und als Mann und Frau kamen sie nach London. Ob Herr Fitzpatrick so klug war, um etwas Gutes nicht aus der Hand zu lassen, bevor er sich etwas Anderes gesichert oder ob Mad. Waters ihre Stelle so gut ausgefüllt hatte, daß er sie als Hauptfrau beizubehalten und seine Gattin (wie das oft der Fall ist) nur zur Stellvertreterin machen wollte, will ich nicht untersuchen, gewiß 49 ist, daß er seine Frau gegen sie nie erwähnte, auch ihr den Brief nicht mittheilte, den er von Fräulein Western erhalten hatte, ja niemals seine Absicht andeutete, seine Frau sich wieder zu erwerben. Viel weniger noch erwähnte er jemals den Namen Jones. Ob er gleich die Absicht hatte sich mit demselben zu schlagen, wo er ihn auch treffen würde, so ahmte er doch die klugen Leute nicht nach, welche eine Frau, eine Mutter, eine Schwester, wohl gar eine ganze Familie für die sichersten Secundanten in solchen Fällen halten. Das erste also, was sie von allem dem hörte, vernahm sie von ihm, als man ihn aus dem Wirthshause, in welchem seine Wunde verbunden worden war, nach Hause gebracht hatte. Da jedoch Herr Fitzpatrick durchaus kein Meister in der Kunst war, eine Sache deutlich darzustellen und in seinem jetzigen Zustande noch verworrener war als gewöhnlich, so dauerte es ziemlich lange, ehe sie entdeckte, daß der Mann, der ihn verwundet hatte, derselbe sei, welcher ihrem Herzen eine Wunde versetzt, die, wenn auch nicht tödtlich, doch so tief war, daß sie eine ansehnliche Narbe zurückgelassen hatte. Sobald sie erfahren hatte, daß Jones es sei, der wegen des angeblichen Mordes in das Gefängniß gebracht worden, benutzte sie die erste Gelegenheit, Fitzpatrick der Pflege der Krankenwärterin zu überlassen und beeilte sich, dem Besieger ihres Herzens einen Besuch zu machen. Sie trat in dem Gefängnisse mit heiterer Miene ein, die indeß durch das traurige Aussehen des armen Jones, der bei ihrem Anblicke aufsprang und sich bekreuzigte, einen Stoß erlitt. Sie sprach: »ich wundere mich nicht über Ihr Staunen; ich glaube es, daß Sie mich nicht erwarteten, denn wenige werden hier von Frauen besucht. Sie erkennen daraus, welche Macht Sie über mich haben, Herr Jones. Ich glaubte freilich nicht, als wie in Upton schieden, 50 daß wir uns an einem solchen Orte zuerst wieder sehen würden.« »Ich muß allerdings diesen Besuch, Madame, für einen freundschaftlichen halten; Wenige suchen den Unglücklichen, namentlich an einem solchen Aufenthalte.« »Ich kann mich kaum selbst überreden, daß Sie noch derselbe liebenswürdige junge Mann sind, den ich in Upton sah. Ihr Gesicht sieht finsterer und trübseliger aus als irgend ein Kerker in der Welt. Was fehlt Ihnen?« »Da Sie wußten, daß ich hier bin, so werden Sie auch die unglückliche Veranlassung kennen.« »Sie haben Jemanden im Duell gespießt, weiter nichts,« sprach sie. Jones sprach seine Verwunderung über diese Leichtfertigkeit aus und äußerte die tiefste Reue über das Geschehene. Sie antwortete darauf: »wenn Sie es sich so sehr zu Herzen nehmen, so will ich Sie beruhigen; der Mann ist nicht todt und auch, wie ich fest glaube, gar nicht der Gefahr zu sterben ausgesetzt. Der Chirurg, der ihn zuerst verband, war ein junger Mann und schien zu wünschen, den Fall so gefährlich als möglich darzustellen, damit ihm die Heilung um so größere Ehre bringe; seitdem hat aber der königl. Leibchirurg den Verwundeten besucht und er sagt, er fürchte nichts für das Leben, wenn nicht ein Fieber eintrete, von dem sich aber noch keine Symptome zeigten.« In dem Gesichte Jones' malte sich die Freude über diese Nachricht, die Dame betheuerte die Wahrheit dessen, was sie gesagt und setzte hinzu: »in Folge des außerordentlichsten Zufalles wohne ich in demselben Hause und ich habe den Verwundeten gesehen. Er läßt Ihnen völlig Gerechtigkeit widerfahren und sagt, was auch die Folgen sein möchten, er sei der Angreifende gewesen und auf Sie falle durchaus kein Tadel.« 51 Nachdem Jones nochmals seine Freude ausgesprochen hatte, theilte er ihr Vieles mit, was sie freilich schon wußte, nämlich wer Fitzpatrick sei, die Ursache des Hasses desselben \&c. Auch erzählte er ihr Einiges, was sie nicht kannte, z. B. das Abenteuer mit dem Muffe und Anderes und verschwieg nur den Namen Sophiens. Darauf beklagte er die Thorheiten und Vergehen, deren er sich schuldig gemacht und deren jede so schlimme Folgen nach sich gezogen hätte, daß es unverzeihlich sein würde, wenn er sich nicht warnen ließe und künftig ein anderes Leben beginne. Endlich schloß er mit der Versicherung, daß er nicht mehr sündigen würde, damit ihn nicht noch Schlimmres treffe. Mad. Waters machte dies alles lächerlich und wollte darin nichts als die Wirkung der Niedergeschlagenheit und der Haft sehen. Sie zweifele nicht, sagte sie, ihn bald frei und so lebhaft wie früher zu sehen, »und dann,« setzte sie hinzu, »wird Ihr Gewissen bald auch von den Qualen frei sein, die es jetzt peinigen.« Sie sprach noch mehr der Art und manches davon würde ihr in der Meinung mancher Leser nicht eben zur Ehre gereichen, wie wahrscheinlich auch die Antworten, die Jones gab, von andern lächerlich gefunden werden dürften. Wir werden deshalb den Rest dieses Gesprächs unterdrücken und nur bemerken, daß es in vollkommner Unschuld endigte und mehr zur Zufriedenheit Jones' als der Dame, denn der erste war sehr erfreut über die Nachrichten, die sie ihm brachte, während ihr das bußfertige Benehmen eines Mannes nicht eben behagte, von dem sie bei dem ersten Zusammentreffen eine ganz andere Meinung gefaßt hatte als die war, welche sie jetzt mit sich nahm. So wurde die Traurigkeit, welche der Bericht Nightingales hervorgerufen hatte, so ziemlich verwischt; nur die Niedergeschlagenheit, in welche ihn Mad. Miller versetzt, 52 dauerte noch fort. Ihre Erzählung stimmte so gut mit den Worten Sophiens in ihrem Briefe überein, daß er nicht im mindesten zweifelte, sie habe seinen Brief ihrer Tante mitgetheilt und sei fest entschlossen, ihn aufzugeben. Der Schmerz, den in ihm dieser Gedanke erregte, konnte sich nur mit der Neuigkeit messen, welche das Schicksal für ihn noch bereit hatte und die wir in dem zweiten Kapitel des nächstfolgenden Buches mittheilen werden. 53 Achtzehntes Buch. Umfaßt etwa sechs Tage. Erstes Kapitel. Abschied von dem Leser. Wir sind nun, lieber Leser, an der letzten Station unserer langen Reise angekommen. Da wir eine so lange Zeit mit einander gewandert sind, so wollen wir handeln wie Reisegefährten in einem Postwagen, die mehrere Tage bei einander waren und trotz kleinen Animositäten, die unterwegs vorgekommen sein mögen, doch zuletzt meist sich aussöhnen und zum letzten Male heiter und gut gelaunt in den Wagen steigen, da, nach dieser letzten Station, wie es bei jenen Reisenden meist der Fall ist, wir einander vielleicht nie wieder sehen. Da ich einmal diesen Vergleich gebraucht habe, so erlaube man mir, ihn noch ein wenig auszudehnen. Ich habe also die Absicht, in diesem letzten Buche die erwähnte gute Gesellschaft auf ihrer letzten Fahrt nachzuahmen. Bekanntlich werden zu dieser Zeit alle Späße und alle Neckereien bei Seite gelegt; welche Rolle auch einer der Reisenden des Scherzes wegen unterwegs gespielt haben mag, jeder fällt aus der seinigen und die Unterhaltung ist meist ernst. In gleicher Weise will ich den Scherz einstellen, wenn 54 ich mir einen solchen im Verlaufe dieses Werkes bisweilen zur Unterhaltung erlaubt habe. Die große Stoffmenge, welche ich in diesem Buche werde zusammendrängen müssen, wird keinen Raum für jene spaßhaften Bemerkungen übrig lassen, die ich sonst wohl gemacht habe und die Dir, lieber Leser, vielleicht bisweilen den Schlaf verscheuchten, der Dich zu beschleichen begann. In diesem letzten Buche wirst Du nichts oder doch sehr wenig dieser Art finden; alles wird einfache Erzählung sein und wenn Du die vielen Ereignisse erfahren, welche dieses Buch bringen wird, glaubst Du vielleicht, die Seitenzahl desselben reiche kaum hin, die Geschichte zu erzählen. Und nun, lieber Freund, benutze ich diese Gelegenheit (da sich mir keine andere darbieten wird), Dir von Herzen alles Glück zu wünschen. Bin ich Dir ein unterhaltender Gesellschafter gewesen, so kann ich versichern, daß ich dies zu sein wünschte. Manches, was gesagt wurde, hat vielleicht Dich oder Deine Freunde verletzt, aber ich erkläre feierlich, daß ich weder auf Dich noch auf sie zielte. Ich zweifle nicht, daß man Dir unter andern von mir auch gesagt haben wird, Du hättest mit einem sehr leichtfertigen Menschen zu reisen; aber wer dies auch sagte, er that mir Unrecht. Niemand verachtet und verabscheut die Leichtfertigkeit mehr als ich und Niemand aus bessern Gründen, denn Niemand ist leichtfertiger behandelt worden. Zweites Kapitel. Enthält einen sehr tragischen Vorfall. Während Jones sich mit solchen unangenehmen Gedanken trug, mit denen wir ihn allein ließen, stolperte Partridge 55 in das Gefängniß mit leichenblassem Gesichte und stieren Augen; das Haar stand ihm zu Berge, er zitterte an allen Gliedern, kurz er sah aus wie er ausgesehen haben würde, wenn er ein Gespenst erblickt hätte oder selbst ein Gespenst gewesen wäre. Jones, der nicht sehr furchtsamer Natur war, erschrak dennoch etwas über dieses plötzliche Erscheinen. Er wechselte wirklich selbst die Farbe und seine Stimme zitterte ein wenig, während er fragte, was es gäbe. »Sie werden mir hoffentlich nicht zürnen,« sagte Partridge. »Ich horchte gewiß nicht, aber ich mußte in dem Vorzimmer bleiben. Ich möchte lieber hundert Meilen weit gewesen sein als das gehört haben, was ich gehört habe.« »Nun, was giebt es?« fragte Jones nochmals. »Was es giebt? Ach, du lieber Gott!« antwortete Partridge; »war die Frau, die eben fort ging, die Frau, welche in Upton bei Ihnen war?« »Allerdings, Partridge.« »Und Sie schliefen wirklich bei der Frau?« fragte er zitternd weiter. »Ich fürchte, daß das, was zwischen uns geschah, kein Geheimniß ist,« sagte Jones. »Ich bitte Sie um's Himmels Willen, antworten Sie mir,« fuhr Partridge fort. »Du weißt es ja, daß ich es that,« sprach Jones. »Dann sei Gott Ihrer Seele gnädig und verzeihe Ihnen,« setzte Partridge hinzu, »denn so wahr ich lebendig hier stehe, Sie haben bei Ihrer eigenen Mutter geschlafen.« Jones wurde nach diesen Worten ein noch grauenvolleres Bild des Entsetzens als Partridge selbst. Eine Zeit lang benahm ihm das Staunen die Sprache ganz und gar und beide blickten einander stier an. Endlich fand er 56 wieder Worte und mit halbgebrochener Stimme fragte er: »was? was sagst Du mir da?« »Ja,« antwortete Partridge, »ich habe jetzt nicht Athem genug, um es Ihnen zu erzählen, aber was ich gesagt habe, ist vollkommen wahr. Die Frau, die jetzt hinaus ging, ist Ihre Mutter. Welch' Unglück für Sie, daß ich sie damals nicht sah und ich es nicht verhindern konnte. Der Teufel selbst muß diesen Streich gespielt haben.« »Das Schicksal scheint nicht ablassen zu wollen, bis es mich zum Wahnsinn getrieben hat. Aber warum tadele ich das Schicksal? Ich selbst bin die Ursache aller meiner Noth. Alles das Unglück, das mich betroffen hat, ist nur die Folge meiner eigenen Thorheit und meines Lasters. Was Du mir gesagt hast, Partridge, hat mich fast um den Verstand gebracht. Mad. Waters also – doch warum frage ich? denn Du mußt sie doch kennen. Wenn Du mich liebst, ja wenn Du nur Mitleiden mit mir hast, so laß Dich erbitten, geh und hole diese unselige Frau wieder hierher zurück. Guter Gott, wozu hast Du mich bestimmt?« Dann verfiel er in die heftigsten Anfälle von Gram und Verzweiflung, so daß Partridge sagte, er könne ihn so nicht verlassen; endlich jedoch kam er ein wenig wieder zu sich; er sagte Partridge, daß er die Frau in dem Hause finden würde, in welchem der Verwundete wohne, und schickte ihn fort, sie dort aufzusuchen. Wenn der Leser sich an die Scene in Upton, im neunten Buche, erinnern will, so wird er die vielfachen seltsamen Zufälle bewundern, die unglücklicher Weise ein Zusammentreffen zwischen Partridge und Mad. Waters verhinderten, als sie dort einen ganzen Tag bei Jones verbrachte. Vorfälle dieser Art können wir häufig im Leben beobachten, in welchem die größten Ereignisse durch eine Reihe kleiner Umstände herbeigeführt werden und ein scharfblickendes Auge 57 wird auch in dieser unserer Geschichte mehr als ein Beispiel dieser Art entdecken. Nach einem fruchtlosen Suchen von zwei bis drei Stunden kam Partridge zurück, ohne Mad. Waters gesehen zu haben. Jones, der unterdeß eine Beute der Verzweiflung gewesen, wurde fast wahnsinnig, als er diesen Bericht erhielt. Nicht lange darauf indeß erhielt er folgendes Briefchen: »Mein Herr, »Seit ich Sie verlassen, habe ich einen Herrn gesehen, von dem ich etwas über Sie erfuhr, das mich sehr überrascht und mir sehr nahe geht; da ich jedoch in diesem Augenblicke nicht Zeit habe, Ihnen eine so wichtige Sache mitzutheilen, so muß ich Ihre Neugierde unbefriedigt lassen, bis wir einander wieder sehen, was sobald als möglich geschehen soll. Ach, Herr Jones, wie wenig dachte ich, als ich den glücklichen Tag in Upton verbrachte, an den ich nun mein ganzes Leben hindurch nur mit Schmerz werde denken können, wer derjenige sei, der mich so ganz glücklich machte. Glauben Sie mir, daß ich immer aufrichtig sein werde Ihre unglückliche J. Waters.« NS. »Trösten Sie sich so viel als möglich, denn Herr Fitzpatrick befindet sich durchaus nicht in Gefahr, so daß, was Sie auch sonst zu bereuen haben mögen, Blutvergießen nicht zu der Zahl Ihrer Verbrechen gehört.« Jones ließ den Brief aus der Hand fallen, denn er hatte die Kraft nicht ihn zu halten, wie ihn überhaupt fast jede Kraft verließ. Partridge hob den Brief auf, las ihn ebenfalls, da er stillschweigend die Erlaubniß dazu erhielt und er machte auf ihn einen nicht minder gewaltigen Eindruck. Nur der Pinsel vermag den Schrecken zu schildern, der sich 58 in den Zügen der beiden Männer aussprach. Während beide so sprachlos dastanden, trat der Kerkermeister ein und zeigte, ohne auf das zu achten, was in dem Gesichte beider lag, Jones an, daß ein Mann draußen sei, der mit ihm zu sprechen wünsche. Der Eintretende war Niemand als der schwarze Georg. Da grausige Scenen dem schwarzen Georg minder gewöhnlich waren als dem Kerkermeister, so erkannte er sogleich die große Bestürzung in dem Gesichte Jones'. Er schrieb dieselbe dem Unfalle zu, der ihn betroffen hatte und der in dem schlimmsten Lichte in Westerns Familie erzählt worden war; er schloß deshalb, der Verwundete sei todt und Jones auf dem besten Wege, ein schmachvolles Ende zu finden, welcher Gedanke ihm viele Sorge machte, denn Georg war ein mitleidiger Mensch und trotz dem schlimmen Freundschaftsstückchen, zu dem ihn die starke Versuchung getrieben, im Ganzen nicht undankbar für die Verpflichtungen, die er gegen Herrn Jones hatte. Der arme Teufel konnte sich deshalb kaum der Thränen enthalten. Er sagte Jones, das Unglück thue ihm herzlich leid, und bat ihn nachzudenken, ob er ihm vielleicht irgend wie dienen könne. »Vielleicht,« sagte er, »brauchen Sie bei der Gelegenheit Geld und wenn dies der Fall ist, so steht Ihnen das wenige, das ich habe, gern zu Diensten.« Jones drückte ihm herzlich die Hand und dankte ihm für das freundliche Anerbieten, antwortete aber, er bedürfe nichts der Art. Georg drang ihm trotz dem noch eifriger seine Dienste auf. Jones dankte nochmals und versicherte, daß er nichts brauche, was ihm irgend ein Mensch geben könnte. »Nun, lieber, guter Herr, nehmen Sie sich die Sache nicht so sehr zu Herzen. Es kann besser gehen, als Sie glauben. Sie sind nicht der Erste, der einen Menschen erstochen hat und doch davon gekommen ist.« 59 »Georg, Sie sind weit vom rechten Punkte,« sagte Partridge; »der Mann ist nicht todt und wird wohl auch nicht sterben. Stören Sie den Herrn jetzt nicht, denn es betrübt ihn eine andere Sache, bei der Sie ihm gar nicht helfen können.« »Sie wissen nicht, was ich thun kann, Partridge,« antwortete Georg, »wenn es mein junges Fräulein betrifft, so habe ich dem Herrn etwas zu sagen.« »Was sagen Sie, Georg?« fiel Jones ein. »Ist meiner Sophie wieder etwas geschehen? Meiner Sophie? Wie kann ich Elender sie so zu nennen wagen?« »Ich hoffe noch immer, daß sie die Ihrige wird,« sagte Georg. »Ja, Herr Jones, ich habe Ihnen etwas über das Fräulein zu sagen. Die Tante hat das Fräulein eben wieder zu dem Alten gebracht und da ging es erschrecklich zu. So recht konnte ich die Sache nicht erfahren, aber mein Herr war sehr wild und auch die Tante und ich hörte, daß sie sagte, als sie fortging, sie würde niemals einen Fuß wieder in das Haus meines Herrn setzen. Was es gegeben hat, weiß ich nicht, aber alles war still, als ich ging und Robin, der bei Tische aufwartete, sagt, er habe den Alten lange nicht so freundlich mit dem Fräulein gesehen, er habe sie mehrmals geküßt und gesagt, sie solle ihre eigene Herrin sein und es werde ihm nicht wieder einfallen, sie einzusperren. Ich dachte, diese Nachricht würden Sie gern hören, deshalb schlich ich fort, um sie Ihnen zu bringen, ob es gleich schon spät ist.« Jones versicherte Georg, daß ihm die Nachricht große Freude mache, denn ob er gleich niemals mehr wagen dürfe, seine Augen nach dem unvergleichlichen Mädchen zu erheben, so könnte ihm doch in seiner Noth nichts trostreicher sein als die Ueberzeugung, daß es ihr wohl ergehe. Der übrige Theil des Gespräches bei diesem Besuche ist 60 nicht so wichtig, daß wir es mitzutheilen hätten. Der Leser wird uns deshalb verzeihen, wenn wir schnell abbrechen, um ihm zu berichten, wie es zuging, daß der Squire so freundlich gegen seine Tochter wurde. Fräulein Western d. ält. hob gleich nach ihrer Ankunft in der Wohnung ihres Bruders die große Ehre und die Vortheile heraus, welche die Familie durch die Verbindung mit Lord Fellamor erhalten würde, welche ihre Nichte durchaus von sich weise. Als der Squire bei dieser Abweisung die Partei seiner Tochter nahm, gerieth seine Schwester in so heftigen Zorn und reizte den Squire so sehr, daß weder seine Geduld noch seine Klugheit länger Stich hielten und ein so hitziger Wortwechsel erfolgte, wie er vielleicht selbst unter den Fischweibern nie vorgekommen ist. Mitten in dem hitzigsten Streite entfernte sich Fräulein Western und hatte folglich keine Zeit, ihrem Bruder von dem Briefe zu erzählen, den Sophie erhalten und der vielleicht eine übele Wirkung hervorgebracht hätte. Wahrscheinlich dachte sie in diesem Augenblicke gar nicht daran. Nachdem Fräulein Western sich entfernt hatte, entgegnete Sophie, welche bis dahin geschwiegen hatte, das Compliment, das ihr ihr Vater gemacht, als er ihre Partie gegen ihre Tante nahm und nahm die seinige gegen die Dame. Es war dies das erste Mal, daß es geschah und freute deshalb den Squire im höchsten Grade. Er erinnerte sich zwar, daß Allworthy durchaus die Einstellung aller Zwangsmittel verlangt hatte und da er überdies fest glaubte, daß Jones gehenkt werden würde, so zweifelte er nicht im mindesten, daß er durch gute Worte seinen Zweck bei seiner Tochter erreichen würde. Er überließ sich deshalb nochmals seiner natürlichen Liebe gegen sie und dies machte einen solchen Eindruck auf das pflichtgetreue, dankbare, zärtliche und liebevolle Herz Sophiens, daß sie in diesem 61 Augenblicke vielleicht sich sogar einem Manne geopfert hätte, den sie nicht liebte, um ihrem Vater gefällig zu sein. Sie versprach ihm, alles aufzubieten, um ihm gefällig zu sein, und keinen Mann gegen seine Einwilligung zu heirathen, was den alten Mann so glücklich machte, daß er völlig betrunken zu Bette ging. Drittes Kapitel. Allworthy besucht den alten Nightingale und macht bei dieser Gelegenheit eine seltsame Entdeckung. Am Morgen, nachdem dies alles geschehen war, ging Herr Allworthy seinem Versprechen gemäß aus, um dem alten Nightingale einen Besuch zu machen, auf den er so großen Einfluß hatte, daß er ihn nach drei Stunden zu der Einwilligung vermochte, seinen Sohn zu sehen. Hierbei ereignete sich ein höchst außerordentlicher Zufall, Einer von denen, wonach gute und ernste Männer geschlossen haben, daß die Vorsehung selbst zur Entdeckung der geheimsten Bubenstücke mitwirke, damit die Menschen nicht von dem Pfade der Tugend weichen möchten. Herr Allworthy sah bei seinem Eintritte in das Zimmer Nightingales den schwarzen Georg. Er achtete indeß nicht auf ihn und Georg glaubte, nicht gesehen worden zu sein. Nachdem das Hauptgespräch zu Ende war, fragte Allworthy doch den alten Nightingale, ob er den Georg Seagrim kenne und was derselbe bei ihm gesucht habe. »Ja,« antwortete Nightingale, »ich kenne ihn sehr wohl und er ist ein ganz außerordentlicher Mann, dem es 62 in dieser Zeit möglich geworden ist, 500 Pfd. St. durch den Pacht eines kleinen Gutes zu ersparen.« »Diese Geschichte hat er Ihnen erzählt?« fragte Allworthy. »Sie ist gewiß wahr,« entgegnete Nightingale, »denn ich habe das Geld hier in Händen, in fünf Bankbillets, die ich entweder gut ausleihen oder zu einem Ankaufe in dem Norden von England verwenden soll.« Allworthy wünschte die Bankbillets zu sehen, und als er sie erblickte, bekreuzigte er sich vor Verwunderung. Er sagte Nightingale, diese Bankbillets wären früher sein Eigenthum gewesen, und theilte ihm die ganze Geschichte mit. Wenn Niemand mehr über Betrug in Geschäften klagt, als Räuber, Spieler und andere Diebe der Art, so declamirt Niemand bitterer gegen die Betrügereien der Spieler \&c., als Wucherer, Pfandleiher und andere Diebe dieser Art, und Nightingale hatte von der Geschichte kaum gehört, als er sich gegen den Mann in härtern Ausdrücken aussprach als der gerechte und redliche Allworthy es gethan hatte. Allworthy ersuchte Nightingale, das Geld und das Geheimniß zu behalten, bis er weiter von ihm hören würde, bat ihn auch, dem Manne, falls er ihn wieder sähe, nichts von der Entdeckung merken zu lassen. Dann kehrte er in seine Wohnung zurück, wo er Mad. Miller sehr niedergeschlagen antraf wegen der Nachricht, die sie von ihrem Schwiegersohne erhalten hatte. Herr Allworthy sagte ihr mit großer Freundlichkeit, er habe ihr gute Neuigkeiten mitzutheilen und erzählte ihr nach einer kleinen weiteren Vorrede, daß es ihm gelungen sei, Herrn Nightingale zu bewegen, seinen Sohn zu sehen und daß er nicht im mindesten an einer völligen Aussöhnung zweifele, ob er gleich den Vater erbitterter gefunden habe, weil schon ein ähnlicher Vorfall in seiner Familie vorgekommen, nämlich 63 die Tochter seines Bruders durchgegangen sei, was Mad. Miller und ihr Schwiegersohn noch nicht wußten. Der Leser kann sich denken, daß Mad. Miller diese Mittheilung mit großem Danke und nicht minderm Vergnügen empfing, aber ihre Freundschaft gegen Jones war so ungewöhnlich, daß ich nicht gewiß weiß, ob die Sorge, die sie seinetwegen fühlte, ihre Freude über die günstige Nachricht nicht überwog, oder ob diese Nachricht, da sie durch dieselbe an die Verpflichtung erinnert wurde, die sie gegen Jones hatte, sie nicht eben so sehr schmerzte als freute, ob nicht ihr dankbares Herz sprach: »wie bedauernswerth ist bei dem Glücke meiner Familie der Arme, dessen Edelmuth wir den Beginn dieses ganzen Glückes verdanken!« Allworthy, der sie auf eine kurze Zeit verlassen hatte, damit sie, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, die Nachricht verdaue, begann darauf von neuem, er habe ihr noch etwas mitzutheilen, was ihr wahrscheinlich ebenfalls Freude machen würde. »Ich habe, denk' ich, einen ziemlich ansehnlichen Schatz gefunden, welcher dem jungen Herrn, Ihrem Freunde, gehört; freilich dürfte die Lage desselben jetzt von der Art sein, daß er keinen Gebrauch davon machen kann.« Der letztere Theil der Rede deutete der Mad. Miller an, was gemeint sei und sie antwortete mit einem Seufzer: »das hoffe ich nicht, Herr.« »Ich hoffe es auch nicht,« sprach Allworthy, »aber mein Neffe sagte mir diesen Vormittag, er habe gehört, daß die Sache sehr schlecht stehe.« »Guter Gott!« fiel sie ein, ». . . nun . . . aber ich darf nichts sagen. Es ist freilich recht hart, schweigen zu müssen, wenn man hört . . .« »Madame,« entgegnete Allworthy, »Sie dürfen sagen, was Ihnen beliebt; Sie kennen mich zu gut, als daß Sie glauben könnten, ich hätte ein Vorurtheil gegen Jemanden, 64 und was den jungen Mann betrifft, so gebe ich Ihnen mein Wort, daß mich es sehr erfreuen würde, wenn er sich bei allem, besonders aber in der letzten traurigen Sache schuldlos erweisen könnte. Sie können bezeugen, wie sehr ich ihn früher geliebt habe. Die Welt hat mich, ich weiß es, dieser Liebe wegen sehr getadelt. Ich entzog sie ihm nicht ohne die triftigsten Gründe meiner Ansicht nach. Glauben Sie mir, Mad. Miller, ich würde mich sehr freuen, wenn ich mich geirrt hätte.« Mad. Miller wollte eben antworten, als man ihr anzeigte, es sei ein Herr draußen, der sogleich mit ihr zu sprechen wünsche. Allworthy fragte darauf nach seinem Neffen und man sagte ihm, derselbe befände sich seit einiger Zeit in seinem Zimmer mit einem Herrn, der öfters zu ihm käme, und in dem Herr Allworthy mit Recht Dowling errieth. Er ließ diesen sogleich zu sich bescheiden. Dowling kam, Allworthy trug ihm den Fall mit den Banknoten vor, ohne aber einen Namen dabei zu nennen und fragte, auf welche Weise ein solcher Mensch gestraft werden könnte. Dowling antwortete, er könne nach der »schwarzen Acte« verklagt werden, setzte jedoch hinzu, eine solche Sache sei schwierig und es dürfte zweckmäßig sein, sich noch Raths zu erholen; er habe in einer Sache des Herrn Western einen Gang zu thun und würde sich der Sache wegen zugleich mit erkundigen. Allworthy gab seine Einwilligung dazu, worauf Mad. Miller die Thüre öffnete, den Kopf hereinsteckte und sagte: »ich bitte um Verzeihung, ich wußte nicht, daß Sie Gesellschaft haben.« Allworthy forderte sie indeß auf herein zu treten, da sein Geschäft bereits beendiget sei. Dowling ging und Mad. Miller führte ihren Schwiegersohn, Herrn Nightingale den jüngern, ein, damit derselbe selbst für die freundliche Verwendung Allworthys danke. Sie hatte aber kaum so viel Geduld, den 65 jungen Mann ausreden zu lassen, als sie ihn mit den Worten unterbrach: »ach, Herr Nightingale bringt wichtige Nachrichten über den armen Jones mit. Er hat den verwundeten Herrn gesehen, der außer Gefahr ist und, was noch mehr ist, erklärt, er habe angefangen und Herrn Jones geschlagen. Gewiß möchten Sie nicht, daß Herr Jones eine feige Memme sei. Ich würde gewiß auch, wenn ich ein Mann wäre und es schlüge mich jemand, meinen Degen ziehen. Erzähle dem Herrn Allworthy alles selbst, mein Sohn.« Nightingale bestätigte, was Mad. Miller gesagt hatte und schloß mit vielen Lobeserhebungen des Herrn Jones, der, sagte er, einer der besten Menschen in der Welt und durchaus nicht streitsüchtig sei. »Uebrigens bin ich überzeugt,« setzte er hinzu, »Ihr Mißfallen ist die größte Last, die ihn drückt. Oft hat er gegen mich darüber geklagt und oft auf das feierlichste betheuert, er habe sich niemals absichtlich einer Beleidigung gegen Sie schuldig gemacht; ja er hat geschworen, lieber tausendmal zu sterben, als sich den Vorwurf machen zu müssen, unehrerbietig, undankbar oder pflichtwidrig gegen Sie gehandelt zu haben. Doch, ich bitte um Verzeihung, ich fürchte, in diesem zarten Punkte zu weit zu gehen.« »Du hast nicht mehr gesagt, als ein Christ sagen muß,« fiel Mad. Miller ein. »Allerdings, Herr Nightingale,« antwortete Allworthy, »ich freue mich über Ihre edele Freundschaft und wünsche, daß er sie verdiene. Ich gestehe, daß ich mich über die Nachricht freue, die Sie von dem unglücklichen Verwundeten bringen und wenn sich die Sache so ausweisen sollte, wie Sie dieselbe darstellen (und ich zweifle an keinem Ihrer Worte), so gelingt es mir vielleicht einst wieder eine bessere Meinung von dem jungen Manne zu fassen als jetzt, denn 66 die gute Frau da, so wie alle die, welche mich kennen, wissen, daß ich ihn geliebt habe wie meinen Sohn. Ich habe ihn immer für ein Kind angesehen, das mir das Schicksal zugesandt. Noch erinnere ich mich der hilflosen Lage, in welcher ich das unschuldige fand. Ich fühle noch den zärtlichen Druck seiner Händchen. Er war mein Liebling, wirklich er war es.« Und als er aufhörte zu sprechen, standen ihm die Thränen in den Augen. Da die Antwort, welche Mad. Miller gab, uns zu neuem Stoffe führen könnte, so wollen wir hier inne halten und die sichtbare Veränderung in der Stimmung Herrn Allworthys und die Abnahme seines Verdrusses über Jones erklären. Umwandlungen dieser Art kommen freilich oft bei Romanschreibern und Bühnendichtern vor aus keinem andern Grunde, als weil die Geschichte oder das Bühnenstück zu Ende geht und blos in Folge der Machtvollkommenheit der Dichter; aber wenn wir auch auf diese Machtvollkommenheit so viel halten als irgend ein anderer, so mögen wir sie doch nur sparsam benutzen und nur, wenn uns die Noth dazu treibt, was, soviel wir voraussehen können, in diesem Werke der Fall nicht sein wird. Die Veränderung in der Stimmung des Herrn Allworthy war durch einen Brief veranlaßt worden, den er eben von Herrn Square erhalten hatte und den wir den Lesern mit Vergnügen im Anfange des nächsten Kapitels mittheilen. 67 Viertes Kapitel. Enthält zwei Briefe von sehr verschiedener Art. »Mein würdiger Freund, »Ich zeigte Ihnen in meinem Letzten an, daß mir der Gebrauch der Quellen verboten worden ist, weil die Erfahrung gelehrt hat, daß sie das Uebel, an welchem ich leide, eher verschlimmern als verbessern. Jetzt muß ich Ihnen eine Nachricht mittheilen, die, wie ich glaube, meine Freunde mehr betrüben wird als sie mich betrübt hat. Dr. Harrington und Dr. Brewster haben mir angezeigt, daß ich nicht auf Genesung rechnen dürfe. »Ich habe irgendwo gelesen, der Hauptnutzen der Philosophie liege darin, daß sie sterben lehre. Ich will die meinige deshalb nicht so weit benachtheiligen, daß ich eine Ueberraschung bei einer Lehre verrathe, die ich, wie man glauben wird, so lange studirt habe. Eine Seite in der Bibel lehrt diese Lehre besser als alle Bücher der alten und neuen Philosophen. Die Ueberzeugung von einem andern Leben, die sie giebt, ist eine bessere Stütze eines frommen Gemüthes als alle Tröstungen, die man aus der Naturnothwendigkeit, aus der Leere und Nichtigkeit aller Freuden hienieden oder aus andern solchen Declamationen ableitet, die bisweilen dem Geiste bei dem Gedanken an den Tod eine eigensinnige Geduld geben, ihn aber nie dahin bringen können, den Tod wirklich zu verachten oder gar ihn für etwas Gutes zu halten. Ich will damit keineswegs alle die, welche Philosophen genannt werden, des Atheismus beschuldigen oder behaupten, daß sie die Unsterblichkeit der Seele läugneten. Viele aus der Secte, alte sowohl als 68 neuere haben durch das Licht des Verstandes einige Hoffnungen von einem künftigen Leben entdeckt, aber das Licht war doch so schwach und matt und die Hoffnung so ungewiß und unsicher, daß man mit Recht zweifelhaft sein kann, auf welche Seite sich ihr Glaube wendete. Plato selbst schließt seinen Phädo mit der Erklärung, seine besten Beweise dienten blos dazu, die Sache wahrscheinlich zu machen und selbst Cicero scheint mehr eine Neigung zu dem Glauben als den wirklichen Glauben an die Lehre der Unsterblichkeit zu verrathen. Ich selbst, um es aufrichtig zu gestehen, meinte es mit dem Glauben nicht recht ernstlich, als ich ernstlich ein Christ wurde. »Dieser letztere Ausdruck wird Sie vielleicht in einige Verwunderung versetzen, aber ich versichere, daß ich mich erst seit kurzem der Wahrheit gemäß so nennen kann. Der Stolz der Philosophie hatte meine Vernunft berauscht und die erhabenste aller Weisheit schien mir, wie sonst den Griechen, thöricht zu sein. Gott ist indeß so gnädig gewesen, mir bei Zeiten meinen Irrthum zu zeigen und mich auf den Weg der Wahrheit zu bringen, bevor ich für immer in gänzliches Dunkel versank. »Ich fühle, daß ich schwach werde und eile deshalb zu dem Hauptzwecke dieses Schreibens. »Wenn ich die Handlungen meines Lebens überdenke, so fällt mir nichts schwerer auf mein Gewissen als die Ungerechtigkeit, deren ich mich gegen den armen Menschen, Ihren angenommenen Sohn, schuldig gemacht habe. Ich ließ nicht nur die Böswilligkeit Anderer geschehen, sondern habe selbst an der Ungerechtigkeit gegen ihn thätigen Antheil genommen. Glauben Sie mir, werther Freund, wenn ich Ihnen als Sterbender sage, er ist schändlich benachtheiliget und höchst ungerecht behandelt worden. Was die Hauptsache anbetrifft, die Ihnen falsch dargestellt wurde und um derentwillen Sie ihn verstießen, so ist er unschuldig, wie ich feierlich versichere. Als Sie angeblich auf Ihrem Sterbebette lagen, war er der Einzige im Hause, der wirklich Trauer zeigte und was später geschah, war die Folge seiner übergroßen Freude über Ihre Genesung und, es thut mir leid, es sagen zu müssen, der Niederträchtigkeit einer andern Person. (Aber es ist mein Wunsch, den Unschuldigen zu rechtfertigen, nicht den Schuldigen anzuklagen.) Glauben Sie mir, werther Freund, der junge Mann besitzt das edelste Herz, die höchste Redlichkeit und wirklich jede Tugend, welche einen Menschen adeln kann. Er hat Fehler, aber darunter gehört nicht der geringste Mangel an Pflichtgefühl oder Dankbarkeit gegen Sie. Im Gegentheile, ich weiß, daß, als Sie ihn verstießen, sein Herz mehr Ihret- als seinetwegen blutete. »Weltliche Beweggründe waren die schlechte Veranlassung, daß ich dies so lange vor Ihnen geheim hielt; es jetzt kund zu thun kann mich nichts anderes veranlassen, als der Wunsch, der Wahrheit die Ehre zu geben, dem Unschuldigen sein Recht widerfahren zu lassen und mein Unrecht so viel als möglich wieder gut zu machen. Ich hoffe deshalb, diese Erklärung möge den gewünschten Erfolg haben und dem verdienstlichen jungen Mann Ihre Gunst wieder zuwenden. Höre ich dies, während ich noch lebe, so wird es der größte Trost sein für »Ihren ganz ergebensten und unterthänigen Diener Thomas Square.«         Der Leser wird sich nach diesem Briefe über die sichtbare Umwandlung in Herrn Allworthy kaum wundern, ob er gleich mit derselben Post von Thwackum einen andern ganz verschiedenen Brief erhielt, den wir gleich anfügen wollen, da es wahrscheinlich das letzte Mal ist, daß wir 70 den Namen dieses Mannes zu erwähnen Gelegenheit haben. »Geehrter Herr, »Ich wundere mich durchaus nicht, von Ihrem würdigen Neffen ein neues Bubenstück des Herrn Jones zu erfahren. Ich werde mich über keinen Mord wundern, den er begeht und bete zu Gott, daß nicht Ihr Blut ihn endlich an den Ort bringen möge, wo Heulen und Zähneklappern sein wird. »Obgleich es Ihnen nicht an genügender Aufforderung zur Reue über die mancherlei unverantwortliche »Schwäche« in Ihrem Benehmen gegen jenen Menschen zum Nachtheile Ihrer eigenen rechtmäßigen Familie und Ihres Charakters fehlen kann, ich sage, obgleich diese hinreichen müssen, jetzt Ihr Gewissen aufzustacheln, so würde ich doch meine Pflicht versäumen, wenn ich ermangeln wollte, Sie zu ermahnen, um Sie zur richtigen Erkenntniß Ihrer Irrthümer zu bringen. Ich ersuche Sie deshalb ernstlich, das Urtel zu bedenken, das jenen schlechten Buben wahrscheinlich treffen wird; möge es wenigstens eine Warnung für Sie sein, in Zukunft den Rath eines Mannes nicht zu verschmähen, der so unermüdlich für Ihr Wohlergehen betet. »Wäre meine Hand nicht zurückgehalten worden von der gebührenden Züchtigung, so würde ich einen großen Theil des teuflischen Geistes aus seinem Leibe ausgetrieben haben, von dem, wie ich schon früh erkannte, der Böse völlig Besitz genommen hatte. Indessen solche Betrachtungen kommen jetzt zu spät. »Es thut mir leid, daß Sie die Pfarre von Westerton so übereilt vergeben haben. Ich selbst würde mich bei dieser Gelegenheit früher gemeldet haben, wenn ich geahnt hätte, daß Sie nicht mit mir vorher davon sprächen. Ihr Widerwille gegen den Besitz mehrerer Pfründen ist übertriebene 71 Rechtlichkeit. Wenn etwas Verbrecherisches darin läge, so würden nicht so viel gottselige Männer sich dafür erklären. Sollte der Geistliche von Aldergrove sterben (und ich höre, daß es schlecht mit ihm steht), so werden Sie, hoffe ich, an mich denken, da Sie sicherlich von meiner aufrichtigen Theilnahme an Ihrem Wohle überzeugt sind, gegen welches alle weltlichen Rücksichten so unbedeutend sind wie die geringen Zehnten, welche die heilige Schrift erwähnt, verglichen mit der schweren Masse des Gesetzes. Ich bin, geehrter Herr,                                 Ihr ergebener Diener                 Roger Thwackum.« Es war das erste Mal, daß Thwackum in einem solchen fast gebieterischen Style an Allworthy schrieb und er hatte später hinreichende Ursache, Reue darüber zu fühlen, wie es gewöhnlich denen zu gehen pflegt, welche den höchsten Grad der Gutmüthigkeit für den tiefsten Grad der Schwäche ansehen. Allworthy hatte in der That niemals an diesem Manne Gefallen gefunden. Er wußte, daß derselbe stolz und von schlechtem Charakter war, wußte auch, daß seine religiösen Ansichten viel von seinem Temperamente hatten und er viele derselben nicht billigen konnte. Thwackum war dagegen ein ausgezeichneter Gelehrter und unermüdlich im Unterrichten der beiden Knaben. Dazu kam sein streng tadelloses Leben, erprobte Rechtlichkeit und tiefe Religiösität, so daß Allworthy im Ganzen, wenn er den Mann auch weder achten noch lieben konnte, sich nicht zu entschließen vermochte, den Knaben einen Lehrer zu entziehen, der sowohl wegen seiner Gelehrsamkeit als seines Fleißes zu diesem Amte vortrefflich paßte und er hoffte, da sie in seinem eigenen Hause und unter seiner Aufsicht erzogen wurden, das zu ändern, was in der Erziehungsweise Thwackums seiner Ansicht nach falsch war. 72 Fünftes Kapitel. Die Geschichte geht weiter. Herr Allworthy hatte in seiner letzten Rede sich einiger zärtlichen Gedanken gegen Jones erinnert, die Thränen in die Augen des guten Mannes gebracht hatten. Mad. Miller, die dies bemerkte, sagte darauf: »ja, ja, guter Herr, Ihre Güte gegen den armen jungen Mann ist bekannt, welche Mühe Sie sich auch geben, sie zu verbergen; aber es ist keine Sylbe wahr in dem, was diese schlechten Menschen sagen. Herr Nightingale hat jetzt die ganze Sache ergründet. Jene Bösewichter wurden, wie es scheint, durch einen Lord, der ein Nebenbuhler des armen Jones ist, gedungen, ihn zu pressen und auf ein Schiff zu bringen. Nightingale hat den Offizier selbst gesehen, der ein sehr braver Mann ist, ihm Alles sagte und bedauerte, was er unternommen hat. Er sagte ferner, er würde dies nie gethan haben, wenn er gewußt hätte, daß Herr Jones ein anständiger gebildeter Mann ist; man habe ihm gesagt, derselbe sei ein gemeiner Vagabond.« Allworthy verwunderte sich darüber nicht wenig und sagte, ihm sei von allem dem kein Wort bekannt. »Ja, Herr,« fuhr sie fort, »ich glaube es, daß Sie nichts davon wissen. Die Sache ist gewiß ganz anders, als jene Menschen sie dem Advokaten erzählt haben.« »Welchem Advokaten, Madame? Was meinen Sie?« fragte Allworthy. »Nun, es sieht Ihnen ganz ähnlich, Ihre eigene Güte abzuleugnen; aber Herr Nightingale sah ihn hier.« »Wen sah er hier, Madame?« »Ihren Advokaten, Herr,« antwortete sie, »den Sie 73 ausschickten, um Erkundigungen wegen der Sache einzuziehen.« »Ich weiß wahrhaftig noch immer nicht, was Sie meinen,« sagte Allworthy. »Ich sah,« erzählte Nightingale, »denselben Advokaten, der von hier fortging, als ich hereintrat, in einem Wirthshause in Aldersgate mit zwei von den Leuten, welche Lord Fellamor gedungen hatte, Herrn Jones zu pressen, und die deshalb bei dem unglücklichen Zweikampfe zwischen ihm und Herrn Fitzpatrick zugegen waren.« – »Ich gestehe, Herr,« fiel Mad. Miller ein, »daß ich der Meinung war, Sie hätten den Advokaten ausgeschickt, um Erkundigungen wegen der Sache einzuziehen.« Man sah es Herrn Allworthy an, daß er sich über das, was er eben gehört hatte, sehr verwunderte. Endlich wendete er sich an Herrn Nightingale und sagte: »ich muß gestehen, daß ich über das, was Sie mir erzählen, mehr erstaunt bin als über sonst etwas in meinem Leben. Wissen Sie es gewiß, daß es der Herr war, der sich hier bei mir befand?« »Ich bin meiner Sache vollkommen gewiß,« antwortete Nightingale. »In Aldersgate?« fragte Allworthy weiter. »Und Sie waren mit bei dem Advokaten und den beiden Männern?« »Allerdings; ich saß fast eine halbe Stunde bei ihnen.« »Wie benahm sich der Advokat? Hörten Sie alles mit an, was zwischen ihm und jenen Männern vorging?« »Nein,« antwortete Nightingale, »sie hatten schon früher bei einander gesessen. In meiner Gegenwart sprach der Advokat wenig, aber nachdem ich die Männer mehrmals gefragt hatte, die bei einer Aussage blieben, welche von der Erzählung Jones' ganz abwich und die, wie ich durch 74 Herrn Fitzpatrick erfuhr, ganz falsch ist, forderte der Advokat die Leute auf, durchaus nichts zu sagen, als was die Wahrheit sei und er schien so sehr zu Gunsten des Herrn Jones zu sprechen, daß, als ich den Mann bei Ihnen sah, ich auf den Gedanken kam, Sie hätten ihn dahin geschickt.« »Sie schickten ihn also nicht?« fragte Mad. Miller. »Wahrhaftig nicht,« antwortete Allworthy, »ich wußte bis jetzt nicht einmal, daß er einen solchen Gang gemacht hat.« »Ich errathe den Zusammenhang,« fiel Mad. Miller ein, »wahrhaftig, ich errathe ihn. Deshalb also schlossen sie sich so lange mit einander ein. Lieber Sohn Nightingale, suchen Sie geschwind jene Männer wieder auf . . . oder ich gehe selbst.« »Gute Frau,« sprach Allworthy, »gedulden Sie sich und erweisen Sie mir die Gefälligkeit, Herrn Dowling, wenn er im Hause ist, sonst Herrn Blifil hierher rufen zu lassen.« Mad. Miller ging hinaus, während sie mit sich selbst sprach und kam bald darauf mit der Antwort zurück, Herr Dowling sei fortgegangen, »der Andere« aber komme. Allworthy war ruhiger als die gute Frau, die sich für die Sache ihres Freundes ganz erhitzt hatte, indessen hegte auch er einigen Argwohn, der mit dem ihrigen so ziemlich zusammen traf. Als Blifil in das Zimmer trat, fragte er ihn sehr ernst und mit einem weit weniger freundlichen Blicke als sonst gewöhnlich, ob er nicht wisse, ob Herr Dowling Einen von den Männern gesehen habe, die Augenzeugen von dem Zweikampfe zwischen Jones und dem andern Herrn gewesen. Es ist nichts so gefährlich als eine Frage, die einen Mann unvermuthet überrascht, der es sich zur Aufgabe 75 gemacht hat, die Wahrheit zu verheimlichen und die Lüge zu vertheidigen. Aus diesem Grunde geben sich die würdigen Männer, deren edeles Amt es ist, das Leben ihrer Mitmenschen vor Gericht zu retten, so viele Mühe, jede Frage, die ihren Clienten an dem Tage des Verhöres vorgelegt werden dürfte, zu errathen, damit sie die passenden Antworten bereit halten. Ueberdies veranlaßt der plötzliche und heftige Andrang des Blutes, den solche Ueberraschungen herbeiführen, häufig eine solche Veränderung in dem Gesichte, daß der Mensch gegen sich selbst zeugen muß. Auch erlitt jetzt das Gesicht Blifils bei dieser unerwarteten Frage eine solche Veränderung, daß wir die Voreiligkeit der Mad. Miller kaum tadeln können, die sogleich ausrief: »schuldig, bei meiner Ehre! schuldig.« Herr Allworthy gab ihr wegen ihrer Heftigkeit einen scharfen Verweis, wendete sich dann gegen Blifil, der in die Erde sinken zu müssen schien und sagte: »warum zögerst Du, mir auf meine Frage zu antworten? Ohne Zweifel hast Du ihn geschickt, denn aus eigenem Antriebe hätte er sicherlich einen solchen Gang nicht gemacht, besonders ohne mir etwas davon zu sagen.« Blifil antwortete endlich: »ich gestehe, daß ich mich eines Vergehens schuldig gemacht habe, aber ich darf gewiß auf Verzeihung hoffen!« »Auf Verzeihung?« wiederholte Allworthy sehr ernst. »Ja,« antwortete Blifil. »Ich wußte, daß Sie es übel nehmen würden, aber sicherlich verzeiht auch mein theurer Oheim das, was in Folge der liebenswürdigsten menschlichen Schwäche geschah. Mitleid mit denen, die es nicht verdienen, ist ein Verbrechen, ich weiß es, aber ein Verbrechen, von dem Sie selbst nicht ganz frei sind. Ich weiß, ich habe mich desselben mehr als einmal gegen denselben Menschen schuldig gemacht, und ich gestehe, daß ich 76 Herrn Dowling veranlaßte, nicht aus eitler Neugierde, sondern um die Zeugen zu ermitteln und wo möglich deren Aussagen zu mildern. Das ist der wahre Hergang der Sache, den ich nicht läugnen will, ob ich ihn gleich vor Ihnen verheimlichte.« »Ich gestehe,« sagte Nightingale, »daß ich die Sache nach dem Benehmen des Herrn auch in diesem Lichte betrachtet habe.« »Nun, Madame,« setzte Allworthy hinzu, »Sie werden gestehen müssen, daß Sie einen ungerechten Argwohn hegten und meinem Neffen ohne Veranlassung zürnen.« Mad. Miller schwieg, denn ob sie gleich mit Blifil sich nicht so schnell aussöhnen konnte, den sie für die Ursache des Unglücks des armen Jones hielt, so hatte er sie doch diesmal wie alle übrigen zu täuschen vermocht. Wie die Unterdrückung eines Aufstandes einer Regierung neue Kraft giebt oder wie die Gesundheit nach einer Krankheit meist mehr befestiget wird, so steigert die Entfernung von Zorn und Unwillen sehr häufig die Liebe. Auch bei Allworthy war dies der Fall, denn da Blifil den stärkern Argwohn zu beseitigen gewußt hatte, sank auch der geringere, den Square's Brief veranlaßt hatte, allmälig und wurde endlich ganz vergessen. Doch auch der Zorn gegen Jones begann bei Herrn Allworthy sich allmälig zu legen. Er sagte zu Blifil, er vergebe ihm nicht blos die außerordentlichen Bemühungen seiner Gutherzigkeit, sondern würde sogar dem Beispiele folgen. Dann wendete er sich an Mad. Miller mit einem Lächeln, das einem Engel wohl anständig gewesen sein würde und sagte: »was meinen Sie, Madame? Wollen wir eine Miethkutsche nehmen und Ihrem Freunde mit einander einen Besuch machen? Es ist nicht das erste Mal, daß ich in ein Gefängniß gehe.« 77 Jeder Leser wird für die würdige Frau antworten können, wer aber mitfühlen will, was sie in diesem Augenblicke empfand, muß ein sehr gutes Herz haben. Wenige dagegen werden sich hoffentlich eine Vorstellung von dem machen können, was in dem Herzen Blifils vorging; diejenigen, welche es vermögen, werden dagegen zugestehen, daß es ihm unmöglich war, irgend einen Einwurf zu machen. Das Glück, oder wenn man will, sein guter Freund, der Böse, stand ihm jedoch auch diesmal bei, denn eben als man nach dem Wagen schickte, kam Partridge an, der Mad. Miller heraus rufen ließ und ihr den schrecklichen Umstand mittheilte, mit dem er vor kurzem bekannt geworden war, und, als er von Allworthys Absicht hörte, dringend bat, ihn von diesem Besuche abzubringen, »denn,« sagte er, »die Sache muß jedenfalls vor ihm geheim gehalten werden; geht er aber jetzt, so wird er Herrn Jones und die Mutter desselben, die eben bei ihm ankam, das schreckliche Verbrechen bejammern hören, das sie unbewußt begangen haben.« Die arme Frau, die in Folge dieser schrecklichen Nachricht fast ihren Verstand verlor, war in diesem Augenblicke durchaus nicht fähig, irgend einen Vorwand zu erdenken. Da indeß Frauen weit mehr Geistesgegenwart besitzen als die Männer, so erdachte sie doch nach einiger Zeit eine Entschuldigung, kehrte zu Allworthy zurück und sagte: »Sie werden sich wundern, wenn Sie hören, daß ich einen Einwurf gegen Ihren Vorschlag mache, aber ich fürchte die Folgen desselben, wenn er sogleich zur Ausführung gebracht wird. Sie können sich denken, daß der arme junge Mann durch das Unglück, das ihn so schnell hinter einander betroffen hat, in die größte Muthlosigkeit und Verzweiflung gestürzt worden ist; bereiten wir ihm jetzt unerwartet eine so große Freude, wie es Ihre Gegenwart gewiß thun wird, 78 so könnte es sehr nachtheilige Folgen für ihn haben, zumal sein Diener, der draußen ist, mir eben sagt, daß er sich gar nicht wohl befinde.« »Sein Diener ist hier?« fragte Allworthy, »lassen Sie ihn hereinkommen. Ich möchte ihn Einiges über seinen Herrn fragen.« Partridge scheute sich anfangs, vor Herrn Allworthy zu erscheinen, wurde aber endlich vermocht, nachdem Mad. Miller, der er seine ganze Geschichte oft erzählt, ihn einzuführen versprochen hatte. Allworthy erkannte Partridge sobald derselbe in das Zimmer trat, obgleich mehrere Jahre vergangen waren, seit er ihn gesehen hatte. Mad. Miller hätte sich deshalb eine förmliche Rede ersparen können, in der sie jedoch vielmehr ziemlich weitläufig war, wie denn der Leser wahrscheinlich schon bemerkt hat, daß die gute Frau namentlich ihre Zunge im Dienste ihrer Freunde nicht schonte. »Und Sie sind,« sagte Allworthy zu Partridge, »der Diener des Herrn Jones?« »Ich kann eigentlich nicht sagen, daß ich ein ordentlicher Diener sei,« antwortete er, »aber ich befinde mich jetzt bei ihm. Non sum qualis eram , wie Ew. Gnaden wohl wissen.« Herr Allworthy legte ihm dann mancherlei Fragen vor über Jones in Bezug auf das Befinden desselben und Anderes, worauf Partridge stets antwortete nicht wie die Sachen standen, sondern wie er sie darzustellen wünschte, denn ein strenges Verharren bei der Wahrheit gehörte nicht zu den Glaubensartikeln des ehrlichen Mannes. Während dieser Gespräche entfernte sich Herr Nightingale und bald darauf verließ auch Mad. Miller das Zimmer, worauf Allworthy auch Blifil fortschickte, weil er der Meinung war, Partridge würde, wenn er mit ihm allein sei, 79 unverhohlener sprechen. Sobald sie allein waren, begann Allworthy wie man in dem nachstehenden Kapitel lesen wird. Sechstes Kapitel. Die Geschichte schreitet ferner weiter fort. »Sie sind, lieber Freund,« sagte der gute Mann, »der seltsamste Mensch. Sie haben Unglück gehabt, weil Sie hartnäckig bei einer Unwahrheit verharrten, bleiben noch immer bei derselben und geben sich sogar für den Diener Ihres eigenen Sohnes aus! Welches Interesse können Sie dabei haben? Was kann Sie dazu bewegen?« »Ich sehe,« sagte Partridge, der auf seine Knie sank, »daß Sie gegen mich eingenommen sind und sich vorgenommen haben, durchaus nichts von dem zu glauben, was ich sage; was helfen mir also alle meine Betheuerungen? Doch der im Himmel weiß, daß ich der Vater des jungen Mannes nicht bin.« »Wie!« fiel Allworthy ein, »Sie läugnen noch immer, ob Sie gleich früher durch ein unwiderlegliches Zeugniß überführt wurden? Und ist nicht der Umstand, daß Sie noch immer bei dem Manne sich befinden, eine Bestätigung dessen, was vor zwanzig Jahren gegen Sie vorgebracht wurde? Ich glaubte, Sie hätten das Land verlassen oder wären längst schon gestorben. Auf welche Weise erfuhren Sie etwas von dem jungen Manne? Wo trafen Sie ihn, wenn Sie nicht immer in Verbindung mit ihm standen? Läugnen Sie nicht; es wird Ihren Sohn in meiner Meinung um Vieles höher stellen, wenn ich finde, daß er seiner 80 Sohnespflicht immer so eingedenk war, daß er seinen Vater viele Jahre im Stillen unterstützte.« »Wenn Sie die Geduld haben wollen mich anzuhören,« sagte Partridge, »so will ich Ihnen Alles sagen.« Allworthy forderte ihn auf zu reden und er fuhr demnach fort: »als ich mir Ihre Ungnade zugezogen hatte, war die Folge davon meine gänzliche Verarmung, denn ich büßte meine kleine Schule ein und der Pfarrer nahm mir auch mein anderes Amt, wahrscheinlich um sich Ihnen angenehm zu machen, so daß ich blos auf mein Barbierbecken gewiesen war, was auf dem Lande sehr wenig einbringt, und als meine Frau starb (denn bis zu dieser Zeit erhielt ich eine jährliche Pension von 12 Pf. St. von unbekannter Hand, die, wie ich glaube, die Ihrige war, denn kein anderer Mensch thut so etwas), hörte auch diese Unterstützung auf, so daß ich, da ich überdies einige kleine Schulden hatte, die lästig für mich wurden, eine zumal, die ein Advokat durch Prozeßkosten von 15 Pf. St. auf fast 30 Pf. St. gesteigert hatte, und ich nicht mehr wußte, wie ich mich ernähren sollte, meine kleine Habe zusammen packte und davon ging. »Zuerst kam ich nach Salisbury, wo ich in den Dienst eines Advokaten trat, der Einer der besten Menschen war, die ich kennen gelernt habe, denn er war nicht nur gütig gegen mich, sondern ich erfuhr auch tausend wohlthätige Handlungen von ihm während ich in seinem Hause war, und er wies oftmals Geschäfte von sich, wenn sie seinem Gefühle widersprachen.« »Ich kenne diesen Mann,« unterbrach ihn Allworthy, »er ist ein sehr würdiger Mann und macht seinem Stande große Ehre.« »Von da,« fuhr Partridge fort, »begab ich mich nach Lymington, wo ich über drei Jahre in dem Dienste eines 81 andern Advokaten fand, der ebenfalls ein recht guter Mann und dabei gewiß einer der lustigsten in ganz England war. Nach diesen drei Jahren eröffnete ich eine kleine Schule und es würde mir wieder recht wohl ergangen sein, wäre nicht ein Unfall eingetreten. Ich hielt mir ein Schwein. Eines Tages nun wollte es das Unglück, daß dieses Schwein ausbrach und Schaden in dem Garten eines meiner Nachbarn anrichtete, der ein stolzer rachsüchtiger Mann war, die Sache einem Advokaten übergab und dieselbe so schlimm darstellen ließ, als wäre ich der größte Schweinehändler in England und triebe meine Thiere absichtlich auf anderer Leute Grund und Boden.« »Fassen Sie sich kurz,« fiel Allworthy ein, »noch habe ich nichts von Ihrem Sohne gehört.« »O, es vergingen viele Jahre,« antwortete Partridge, »ehe ich meinen Sohn sah, wie Sie ihn zu nennen belieben. Ich ging später nach Irland und hielt eine Schule in Cork, denn jener Prozeß ruinirte mich von neuem und ich lag sieben Jahre im Gefängnisse.« »Gehen Sie darüber hin und kehren Sie nach England zurück.« »Ich kam also wieder nach Bristol. Dort blieb ich einige Zeit, weil ich aber nichts zu thun fand und hörte, daß der Barbier in einem Orte zwischen dem und Gloucester gestorben sei, begab ich mich dahin und ich war dort etwa zwei Monate gewesen, als Herr Jones dahin kam.« Dann schilderte er ausführlich sein erstes Zusammentreffen mit diesem, erzählte alles, was bis diesen Tag geschehen war, schmückte seine Geschichte häufig mit Lobeserhebungen des Herrn Jones aus und vergaß nicht hervor zu heben, wie sehr er denselben liebe und achte. Er schloß mit den Worten: »nun habe ich Ihnen die ganze Wahrheit gesagt,« wiederholte mit der feierlichsten Betheuerung, daß er eben 82 so wenig der Vater des Herrn Jones sei als des Papstes von Rom und beschwur die ärgsten Strafen auf sich herab, wenn er eine Unwahrheit sage. »Was soll ich davon denken?« entgegnete Allworthy. »Warum sollten Sie eine Sache so hartnäckig läugnen, da es doch mehr in Ihrem Interesse liegen müßte, sie zu gestehen?« »Nun, Herr,« antwortete Partridge (denn er konnte nicht länger an sich halten), »wenn Sie mir nicht glauben wollen, werden Sie bald überzeugt werden. Ich wollte, Sie hätten sich in der Mutter des jungen Herrn eben so sehr geirrt als in seinem Vater.« Als ihn Allworthy darauf fragte, was er damit meine, erzählte er mit allen Symptomen des Schauders in der Stimme und im Gesichte die ganze Geschichte, ob er gleich kurz vorher Mad. Miller gebeten hatte, sie zu verheimlichen. Allworthy schauderte über diese Entdeckung fast eben so sehr als Partridge während der Erzählung derselben. »Guter Gott!« rief er aus, »in welche Noth bringen doch Laster und Unvorsichtigkeit die Menschen! Wie weit über unsere Absichten hinaus gehen die bösen Folgen der Schlechtigkeit!« Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als Mad. Waters unangemeldet in das Zimmer trat. Partridge hatte sie kaum erblickt, als er ausrief: »da, Herr, kommt die Frau selbst. Das ist die unglückliche Mutter des Herrn Jones; sie wird es gewiß in Ihrer Gegenwart gestehen. Ich bitte, Madame . . .« Mad. Waters trat, ohne irgend wie auf das zu achten was Partridge sagte, ja ohne Notiz von ihm zu nehmen, auf Allworthy zu und sagte: »es ist so lange her, seit ich Sie gesehen, Herr, daß Sie mich schwerlich wieder erkennen werden.« 83 »Sie haben sich allerdings in vieler Hinsicht so sehr verändert,« entgegnete Allworthy, »daß ich mich Ihrer wahrscheinlich nicht sogleich erinnert haben würde, wenn mir der Mann da nicht eben gesagt hätte, wer Sie sind. Führt Sie irgend ein besonderer Umstand zu mir?« Allworthy sagte dies mit vielem Ernst, denn der Leser wird es wohl glauben, daß ihm die Lebensweise dieser Frau durchaus nicht gefiel, weder die frühere noch das, was ihm Partridge erzählt hatte. Mad. Waters antwortete: »es führt mich allerdings ein ganz besonderer Umstand zu Ihnen, welcher von der Art ist, daß ich Ihnen denselben nur unter vier Augen mittheilen kann. Ich bitte Sie deshalb, mir eine geheime Unterredung zu gönnen, denn was ich Ihnen zu sagen habe, ist von der äußersten Wichtigkeit.« Partridge erhielt die Weisung hinaus zu gehen, ersuchte aber, ehe er ging, die Frau, Herrn Allworthy von seiner völligen Unschuld zu überzeugen. Sie antwortete darauf: »Sie brauchen nichts zu fürchten; ich werde Herrn Allworthy über diesen Punkt völlig aufklären.« Partridge schritt darauf hinaus und was zwischen Herrn Allworthy und Mad. Waters vorging, wird in dem nächsten Kapitel zu lesen sein. Siebentes Kapitel. Fortsetzung der Geschichte. Da Mad. Waters einige Augenblicke schweigend da saß, konnte Herr Allworthy die Bemerkung nicht unterdrücken: »es thut mir leid, Madame, daß Sie nach dem, was ich gehört habe, einen so schlechten Gebrauch von . . .« 84 »Herr Allworthy,« unterbrach sie ihn, »ich habe Fehler, ich weiß es, aber die Undankbarkeit gegen Sie gehört nicht dazu. Niemals kann und werde ich Ihre Güte vergessen, die ich allerdings wenig verdient habe, doch unterlassen Sie gütigst vor der Hand mir Vorwürfe zu machen, da ich Ihnen über den jungen Mann, dem Sie meinen Mädchennamen Jones gegeben haben, eine sehr wichtige Mittheilung machen muß.« »Habe ich wirklich,« fiel Allworthy ein, »unwissentlich einen Unschuldigen in dem Manne gestraft, der uns eben verließ? War er nicht der Vater des Kindes?« »Er war es sicherlich nicht,« antwortete Mad. Waters. »Sie werden sich erinnern, daß ich Ihnen früher versprach, Sie sollten alles erfahren, und ich gestehe, daß ich mich großer Nachlässigkeit schuldig gemacht habe, weil ich Ihnen nicht früher alles entdeckte. Ich wußte freilich nicht, wie nöthig es sei.« »Fahren Sie gefälligst fort, Madame,« unterbrach sie Allworthy. »Sie werden sich,« sagte sie, »eines jungen Mannes erinnern, eines gewissen Summer.« »Allerdings,« entgegnete Allworthy, »er war der Sohn eines sehr gelehrten und tugendhaften Geistlichen, mit dem mich die innigste Freundschaft verband.« »So schien es,« fuhr sie fort, »denn Sie ließen, glaube ich, den jungen Mann erziehen und erhielten ihn auf der Universität. Als er dort seine Studien beendiget hatte, kam er in Ihr Haus. Einen schönern Mann, das muß ich gestehen, hat die Sonne nie beschienen; überdies war er so artig, so geistreich, so wohlgebildet . . .« »Leider,« fiel Allworthy ein, »raffte ihn ein frühzeitiger Tod hinweg und ich hätte nie geglaubt, daß er Sünden solcher Art zu verantworten habe, denn ich merke wohl, 85 daß Sie mir sagen wollen, er sei der Vater Ihres Kindes.« »Er war es nicht,« antwortete sie. »Nicht? Wozu also diese Vorrede, Madame?« »Um eine Geschichte einzuleiten, Herr Allworthy, die ich Ihnen leider eröffnen muß. Bereiten Sie sich vor, etwas zu vernehmen, was Sie überraschen und bekümmern wird.« »Sprechen Sie,« sagte Allworthy, »ich bin mir keiner Schuld bewußt und kann mich also nicht fürchten, irgend etwas zu vernehmen.« »Jener Herr Summer,« fuhr Mad. Waters fort, »der Sohn Ihres Freundes, der auf Ihre Kosten erzogen worden war, der ein Jahr in Ihrem Hause lebte wie Ihr eigener Sohn, da an den Blattern starb, von Ihnen beweint und begraben wurde wie Ihr eigener Sohn, dieser Summer war der Vater dieses Kindes.« »Wie!« rief Allworthy, »Sie widersprechen sich.« »Nein,« antwortete sie, »er war der Vater des Kindes, ich aber bin nicht die Mutter desselben.« »Sehen Sie sich vor, Madame,« fiel Allworthy ein, » machen Sie sich keiner Unwahrheit schuldig, um der Bezüchtigung eines Verbrechens zu entgehen. Bedenken Sie, daß es Einen giebt, vor welchem Sie nichts verbergen können und vor dessen Gerichte eine Lüge Ihre Schuld nur erschweren wird.« »Ich bin wahrhaftig nicht seine Mutter,« fuhr sie fort, »auch möchte ich mich jetzt um keinen Preis dafür gehalten wissen.« »Ich kenne den Grund,« sagte Allworthy, »und werde mich eben so freuen wie Sie, wenn ich finde, daß es anders ist. Sie müssen sich aber erinnern, daß Sie es mir selbst gestanden haben.« 86 »So viel als ich gestand,« fuhr sie fort, »war allerdings wahr, daß nämlich diese Hände das Kind in Ihr Bett trugen. Ich trug es dahin auf Geheiß seiner Mutter; auf deren Geheiß gestand ich später und ich hielt mich durch ihre Güte reichlich belohnt sowohl für das Geheimniß als für die Schande, die mich traf.« »Wer konnte dieses Frauenzimmer sein?« fragte Allworthy. »Ich fürchte mich, den Namen zu nennen,« antwortete Mad. Waters. »Nach allen diesen Vorbereitungen muß ich annehmen, daß sie eine Verwandte von mir war,« fiel Allworthy ein. »Sie war allerdings eine nahe Verwandte.« Allworthy fuhr bei diesen Worten auf und sie setzte hinzu: »Sie hatten eine Schwester, Herr.« »Eine Schwester!« wiederholte er und sah die Frau verwundert an. »So wahr ein Gott im Himmel ist,« fuhr sie fort, »Ihre Schwester war die Mutter des Kindes, das man in Ihrem Bette fand.« »Kann das möglich sein?« rief er aus. »Gütiger Gott!« »Geduldigen Sie sich,« entgegnete Mad. Waters, »und ich will Ihnen die ganze Geschichte mittheilen. Gerade nach Ihrer Abreise nach London kam Miß Brigitte eines Tages in das Haus meiner Mutter und hatte die Freundlichkeit zu sagen, sie habe von meiner außerordentlichen Gelehrsamkeit und von meinem Verstande gehört, durch den ich alle junge Mädchen überträfe. Dann ersuchte sie mich, zu ihr zu kommen in das große Haus, wo ich ihr, als ich mich einfand, vorlesen mußte. Sie sprach sich darüber sehr zufrieden aus, zeigte überhaupt große Freundlichkeit gegen 87 mich und machte mir viele Geschenke. Endlich fing sie an mich über das Kapitel der Verschwiegenheit auszufragen und ich gab ihr darüber so befriedigende Antworten, daß sie endlich die Thüre ihres Zimmers verschloß, mich in ihr Schlafzimmer führte, auch da die Thüre verschloß und sagte, sie wollte mir einen Beweis von dem großen Vertrauen geben, das sie auf mich setze, indem sie mir ein Geheimniß mittheile, bei welchem ihre Ehre und folglich ihr Leben betheiliget wäre. Sie hielt darauf inne und fragte nach einer Pause von mehreren Minuten, während welcher sie oft Thränen aus den Augen wischte, ob ich glaube, daß meiner Mutter sicher zu trauen sei. Ich antwortete, ich würde mit meinem Leben für die Treue derselben bürgen. Darauf endlich theilte sie mir das große Geheimniß mit, das ihr Herz beschwerte und dessen Enthüllung ihr wahrscheinlich mehr Schmerzen machte als später die Entbindung. Es wurde verabredet, daß nur meine Mutter und ich zu dieser Zeit bei ihr sein sollten, indeß sie Jungfer Wilkins nach dem fernsten Theile von Dorsetshire schicken wollte, um sich da nach einem Dienstmädchen zu erkundigen, denn ihr Mädchen hatte die Dame schon vor drei Monaten entlassen. Während dieser Zeit war ich auf Probe, wie sie sagte, bei ihr, ob sie gleich später erklärte, ich sei für die Stelle nicht gewandt genug. Dies und manches andere, was sie über mich sagte, sollte allen Verdacht entfernen, den Jungfer Wilkins später haben könnte, wenn ich das Kind für das meinige anerkennen würde. Sie können glauben, daß ich für diese übeln Nachreden und Schmähungen gut bezahlt wurde und dies stellte mich zufrieden. Vor der Jungfer Wilkins fürchtete sie sich mehr als vor irgend einer andern Person, nicht daß sie ihr abgeneigt war, sondern weil sie glaubte, dieselbe würde kein Geheimniß bewahren können, namentlich vor Ihnen. Oftmals äußerte Miß Brigitte, und wenn 88 die Jungfer Wilkins einen Mord begangen hätte, würde sie Ihnen ihr Verbrechen gestehen. Endlich kam der erwartete Tag und Jungfer Wilkins, die sich schon eine Woche bereit gehalten hatte, wurde zeitig fortgeschickt. Dann kam das Kind zur Welt in meiner und meiner Mutter Gegenwart und es wurde von meiner Mutter in unser Haus gebracht, wo wir es versteckt hielten, bis Sie zurückkehrten. Dann legte ich es auf Geheiß der Miß Brigitte in Ihr Bett, wo Sie es fanden. Aller Verdacht wurde später durch das kunstreiche Benehmen Ihrer Schwester entfernt, die Uebelwollen gegen den Knaben heuchelte und nur aus Rücksicht auf Sie Rücksicht auf ihn nahm.« Mad. Waters betheuerte darauf vielfach die Wahrheit dieser Geschichte und schloß mit den Worten: »so habe Sie endlich Ihren Neffen entdeckt; als solchen werden Sie ihn sicherlich behandeln und er wird Ihnen gewiß Ehre und Freude machen.« »Ich brauche mein Staunen über das, was Sie mir erzählt haben, nicht auszusprechen, und doch können Sie unmöglich so viele Umstände geschickt zusammengestellt haben, um einer Unwahrheit einen Anschein von Wahrheit zu geben. Ich gestehe, ich erinnere mich einiger Vorfälle in Bezug auf Summer, die mich auf den Gedanken brachten, meine Schwester habe ihn gern. Ich sagte ihr dies auch, denn ich achtete den jungen Mann so sehr sowohl um seiner selbst willen als wegen seines Vaters, daß ich eine Heirath gern gesehen haben würde, aber sie sprach sich sehr verächtlich über meine Muthmaßung aus und ich erwähnte deshalb nichts wieder davon. Guter Gott! der Herr lenkt alle Dinge. Aber unverzeihlich war es von meiner Schwester, das Geheimniß mit in das Grab zu nehmen.« »Ich kann versichern,« entgegnete Mad. Waters, »daß sie immer eine andere Absicht gehabt und mir oft gesagt 89 hat, sie sei fest entschlossen, Ihnen dasselbe einmal mitzutheilen. Sie freuete sich sehr, daß ihr Plan so gut gelungen war, und daß Sie aus eigenem Antriebe so große Liebe zu dem Kinde gehabt, daß es unnöthig sei, noch eine Erklärung über dasselbe zu geben. Ach, Herr, wenn sie es hätte erleben sollen, daß er wie ein Vagabund aus Ihrem Hause getrieben würde, ja, hätte sie es nur erfahren, daß Sie einen Advokaten in Dienst genommen, um ihn eines Morses wegen zu verfolgen, den er nicht begangen hat . . .! Verzeihen Sie, Herr Allworthy, ich muß es aussprechen,. das war grausam . . . Sie sind getäuscht worden; er hat es nie um Sie verdient . . .« »Allerdings, Madame,« entgegnete Allworthy, »hat die Person, die Ihnen dies gesagt, eine Unwahrheit berichtet.« »Ich behaupte auch nicht, daß Sie sich eines Unrechtes schuldig gemacht haben. Der Mann, der zu mir kam, machte mir keinen derartigen Antrag; er sagte blos, da er mich für Herrn Fitzpatricks Frau hielt, wenn Herr Jones meinen Mann umgebracht hätte, so würde man mir alles Geld geben, das ich bedürfe, um die Klage durch einen Mann kräftig führen zu lassen, der wohl wisse, mit welchem Bösewicht ich zu thun hätte. Durch diesen Mann erfuhr ich, wer Herr Jones ist und dieser Mann, Dowling mit Namen, ist, wie mir Herr Jones sagte, Ihr Geschäftsführer. Ich entdeckte den Namen auf eine seltsame Weise, denn er selbst wollte mir ihn nicht nennen; Partridge aber, der ihn in meiner Wohnung traf, als er das zweite Mal da war, hatte ihn in Salisbury gekannt.« »Und dieser Dowling sagte,« fragte Herr Allworthy, auf dessen Gesichte sich große Verwunderung aussprach, »ich würde die Klage und Verfolgung unterstützen?« »Nein, Herr Allworthy,« antwortete sie, »ich will ihn 90 nicht falsch beschuldigen. Er sagte blos, ich würde unterstützt werden; einen Namen nannte er nicht. Sie müssen mir verzeihen, Herr, wenn ich aus den Umständen schloß, die Unterstützung könnte nur von Ihnen herrühren.« »Aus den Umständen schließe ich, Madame, daß es ein anderer war. Guter Gott! Durch welche wunderbaren Mittel wird bisweilen die schwärzeste Niederträchtigkeit an den Tag gebracht! Darf ich Sie bitten, Madame, zu verweilen, bis der Mann, den Sie erwähnt haben, kömmt? Ich erwarte ihn jede Minute; vielleicht ist er sogar schon in dem Hause.« Allworthy trat in die Thüre, um einen Diener zu rufen, als, nicht Herr Dowling, sondern der Mann hereintrat, den wir im nächsten Kapitel finden werden. Achtes Kapitel. Weitere Fortsetzung. Der Mann, welcher ankam, war kein anderer als Herr Western. So bald er Allworthy erblickte, polterte er, ohne im Geringsten auf die Anwesenheit der Mad. Waters zu achten, folgende Worte heraus: »Schöne Dinge in meinem Hause! Eine prächtige Geschichte habe ich heraus bekommen! Wen der Teufel plagen will, dem giebt er eine Tochter!« »Was ist geschehen, Nachbar?« fragte Allworthy. »Uebergenug,« antwortete Western, »und ich dachte, sie würde nun zu Verstande kommen – als sie gewissermaßen versprochen hatte, das zu thun, was ich haben wollte, als ich hoffte, ich würde nichts weiter zu thun haben, 91 als nach einem Notar zu schicken, was finde ich da? Daß die kleine Canaille die ganze Zeit über mit mir Comödie gespielt und mit Ihrem Bastard correspondirt hat. Meine Schwester, mit der ich mich wegen des Mädchens gezankt habe, ließ mir das sagen und ich ließ die Taschen Sophiens visitiren, als sie schlief. Da fand sich denn die Geschichte. Ich habe nicht die Geduld gehabt, den Brief von dem Kerl, dem Jones, halb zu lesen, denn er ist länger als eine Predigt von Supple; aber soviel hab' ich weg, es ist nichts als von Liebe die Rede; wovon könnte er auch sonst schreiben? Ich habe sie wieder in ihrem Zimmer eingeschlossen und morgen früh geht es fort auf's Land, wenn sie nicht auf der Stelle heirathen will; auf meinem Gute soll sie in einer Dachkammer hausen lebenslänglich, bei Wasser und Brot; je eher eine solche H. von der Erde wegkommt, desto besser. Aber ich glaube, sie wird lange genug zu meiner Qual leben.« »Herr Western,« antwortete Allworthy, »Sie wissen, daß ich immer gegen Gewaltmaßregeln protestirt habe und Sie willigten selbst ein und versprachen, keine dergleichen in Anwendung zu bringen.« »Ach,« rief Western, »das war nur unter der Bedingung, daß sie ohne Zwangsmaßregeln gehorche. Der Teufel und Dr. Faust! Soll ich mit meiner eigenen Tochter nicht vornehmen können, was ich will, besonders wenn ich nichts wünsche als ihr Glück?« »Nun, Nachbar,« fiel Allworthy ein, »wenn Sie erlauben wollen, will ich einmal mit der jungen Dame sprechen.« »Wollen Sie das?« entgegnete Western, »sehen Sie, das ist freundschaftlich und freundnachbarlich; vielleicht vermögen Sie mehr über sie als ich, denn sie hielt immer große Stücke auf Sie.« »Wenn Sie nach Hause gehen und das Mädchen aus 92 ihrer Haft erlösen wollen, so werde ich nach einer halben Stunde bei Ihnen sein.« »Wenn sie aber unterdeß davonläuft?« fiel Western ein. »Der Advokat Dowling sagte mir, es sei keine Hoffnung, den Kerl hängen zu sehen, denn der Mann lebt und befindet sich wohl und er meint, Jones würde nächstens aus dem Gefängnisse entlassen werden.« »Sie also schickten Dowling nach Erkundigung aus und trugen ihm auf, in der Sache zu handeln?« »Ich nicht,« antwortete Western, »er erzählte mir es von freien Stücken und zwar eben jetzt.« »Eben jetzt?« fragte Allworthy, »wo sahen Sie ihn? Ich habe mit ihm zu sprechen.« »Sie können ihn, wenn Sie wollen, in meiner Wohnung sehen, denn dort soll diesen Morgen eine Berathung von Advokaten wegen eines Pfandes stattfinden. Ich werde zwei- bis dreitausend Pfund durch den ehrlichen Nightingale verlieren.« »In einer halben Stunde werde ich bei Ihnen sein,« sprach Allworthy. »Nehmen Sie noch einen Rath von mir an,« setzte der Squire hinzu, »bilden Sie sich nicht ein, durch gute Worte bei ihr etwas auszurichten; verlassen Sie sich darauf, daß es damit nicht geht; ich habe es lange genug versucht. Sie muß durch die Furcht dazu gebracht werden, einen andern Weg giebt es nicht. Sagen Sie ihr, daß ich ihr Vater bin, reden Sie von der schrecklichen Sünde des Ungehorsams und von der entsetzlichen Strafe dafür in der andern Welt; sagen Sie ihr, daß sie ihr Leben lang in einer Dachkammer eingesperrt werden und nichts als Wasser und Brot erhalten würde.« »Ich werde thun, was ich kann,« sagte Allworthy, 93 »denn ich wünsche nichts mehr als eine Verbindung mit dem liebenswürdigen Mädchen.« »Ja, das Mädchen ist dazu ganz gut,« sagte der Squire, »es kann Einer weit gehen, ehe er ein solches Mädchen findet; das kann ich von ihr sagen, wenn sie gleich meine Tochter ist. Und wenn Sie nur gehorsam sein will, so ist hundert Meilen in der Runde kein Vater, der eine Tochter mehr liebt als ich sie; – doch ich sehe, daß Sie Geschäfte mit der Dame da haben, ich will also wieder nach Hause gehen und Sie erwarten. Gehorsamer Diener!« Sobald Western fort war, sagte Mad. Waters: »ich sehe, daß der Squire sich meines Gesichtes nicht erinnerte. Ich glaube, Herr Allworthy, Sie würden mich auch nicht erkannt haben. Ich habe mich sehr verändert, als Sie mir den Rath gaben, den ich leider nicht befolgt habe.« »Es betrübte mich allerdings sehr, Madame,« entgegnete Allworthy, »als ich das Gegentheil hörte.« »Ich wurde durch arge Bosheit in das Unglück gestürzt; wäre sie Ihnen bekannt, so würde ich in Ihren Augen zwar nicht gerechtfertiget dastehen, Sie würden aber meine Schuld nachsichtiger beurtheilen und mich bemitleiden. Jetzt haben Sie nicht Muße, meine ganze Geschichte anzuhören, aber das kann ich sagen, daß ich durch das feierlichste Eheversprechen betrogen wurde; vor Gott war ich mit dem Manne sogar verehelicht, denn ich habe viel über den Gegenstand gelesen und bin überzeugt, daß besondere Ceremonien nur erforderlich sind, um der Ehe eine gesetzliche Sanction zu geben und nur einen weltlichen Nutzen haben, indem sie einer Frau die Vorrechte einer Gattin geben, daß dagegen diejenige, welche einem Manne treu bleibt nach einer feierlichen Privatverlobung, von ihrem Gewissen nichts zu fürchten hat, was auch die Welt sagen mag.« »Es thut mir leid, Madame, daß Sie einen so übeln Gebrauch von Ihrer Gelehrsamkeit gemacht haben,« entgegnete Allworthy. »Es wäre besser gewesen, wenn Sie noch größere Gelehrsamkeit erlangt hätten oder ganz unwissend geblieben wären. Ich fürchte, Sie haben mehr als eine Sünde zu verantworten.« 94 »So lange er lebte, über zwölf Jahre lang, habe ich nicht gesündiget. Und bedenken Sie, was ein Weib vermag, das ihren guten Ruf verloren hat und arm ist, und ob die gutmüthige Welt ein solches verirrtes Schaf auf den Pfad der Tugend zurückkehren läßt. Ich würde ihn sicherlich wieder betreten haben, wenn es in meiner Macht gestanden hätte; aber die Noth trieb mich in die Arme des Capitain Waters, bei dem ich als seine Frau, wenn auch nicht getraut, viele Jahre lebte und dessen Namen ich führte. Ich schied von ihm in Worcester, als er gegen die Rebellen marschiren mußte, und traf da zufällig mit Herrn Jones zusammen, der mich aus den Händen eines Bösewichtes befreite. Er ist der achtungswertheste Mann, den ich kenne. Kein junger Mann in seinem Alter ist, glaube ich, freier von Lastern und wenige besitzen den zwanzigsten Theil seiner Tugenden. Welche Fehler er aber auch gehabt haben mag, ich bin fest überzeugt, daß er sich jetzt entschlossen hat sie abzulegen.« »Das hoffe ich,« entgegnete Herr Allworthy, »und daß er bei diesem Vorsatze beharre. Dieselbe Hoffnung hege ich auch von Ihnen. Die Welt ist, ich gebe das zu, in solchen Fällen zu hart und unbarmherzig; aber Zeit und Ausdauer überwinden die Abneigung und erzeugen Mitleiden; denn wenn die Menschen auch nicht bereit sind, wie der Himmel einen reuigen Sünder aufzunehmen, so findet doch ausdauernde Reue auch zuletzt Gnade bei der Welt. Das verspreche ich Ihnen, Mad. Waters, daß, verharren Sie bei 95 Ihren guten Vorsätzen, an Unterstützung es Ihnen nicht fehlen soll.« Mad. Waters sank vor ihm auf ihre Knie nieder und sprach unter einer Flut von Thränen ihren Dank gegen seine Güte aus, die, wie sie bemerkte, mehr göttlicher als menschlicher Art war. Allworthy hob sie auf, sprach sehr freundlich mit ihr und wendete alles an, was er erdenken konnte, um sie zu trösten und zu beruhigen, bis er durch die Ankunft des Herrn Dowling unterbrochen wurde, der, als er Mad. Waters erblickte, zurück prallte und verlegen wurde. Er sammelte sich indeß bald so viel als möglich und sagte, seine Zeit sei sehr beschränkt, da er sich zu einer Berathung in die Wohnung des Herrn Western begeben müßte, er habe es jedoch für seine Pflicht gehalten, vorzusprechen und ihm die Meinung eines Rechtsfreundes wegen des ihm vorgelegten Falles mitzutheilen. Allworthy antwortete nicht darauf, sondern verriegelte die Thüre, trat mit einem ernsten Blicke auf Dowling zu und sagte: »wie große Eile Sie auch haben mögen, erst muß ich eine Antwort auf einige Fragen erhalten. Kennen Sie diese Dame?« »Diese Dame?« antwortete Dowling mit großem Zögern. Allworthy sprach darauf in höchst feierlichem Tone: »Herr Dowling, wenn Ihnen an meiner Gunst und an einer Geschäftsverbindung mit mir gelegen ist, so zögern Sie nicht, sondern antworten Sie mir treu und wahr auf jede Frage, die ich Ihnen vorlege. – Kennen Sie diese Dame?« »Ja, Herr Allworthy,« antwortete Dowling, »ich habe die Dame gesehen.« »Wo?« 96 »In ihrer Wohnung.« »In welchem Geschäfte gingen Sie dahin und wer sandte Sie?« »Ich ging, um mich wegen des Herrn Jones zu erkundigen.« »Und wer gab Ihnen den Auftrag, Erkundigungen einzuziehen?« »Wer? Herr Blifil.« »Und was sagten Sie über die Sache zu der Dame?« »Ich kann mich unmöglich jedes Wortes erinnern.« »Wollen Sie dem Gedächtnisse des Herrn gefälligst zu Hilfe kommen, Madame?« »Er sagte zu mir,« entgegnete Mad. Waters, »wenn Herr Jones meinen Mann getödtet habe, würde ich mit dem nöthigen Gelde unterstützt werden, um die Klage gegen den Mörder durch einen sehr würdigen Mann betreiben zu lassen, der wohl wisse, mit welchem Bösewichte ich zu thun habe. Das waren, wie ich beschwören kann, genau die Worte, welche er zu mir sagte.« »Waren dies Ihre Worte, Herr Dowling?« fragte Allworthy. »Ich kann mich nicht genau erinnern,« entgegnete Dowling, »aber ich glaube, daß ich in dieser Art gesprochen habe.« »Und Herr Blifil gab Ihnen Auftrag, so zu sagen?« »Ich würde schwerlich aus eigenem Antriebe gegangen sein oder meinen Auftrag in einer solchen Angelegenheit überschritten haben. Wenn ich so gesagt habe, muß ich Instructionen dieser Art von Herrn Blifil erhalten haben.« »Herr Dowling,« fiel Allworthy ein, »ich verspreche Ihnen in Gegenwart dieser Dame, alles, was Sie in dieser Sache auf Blifils Befehl gethan haben, zu verzeihen, wenn Sie mir genau die Wahrheit sagen, denn ich glaube, 97 wie Sie sagen, daß Sie weder aus eigenem Antriebe gehandelt, noch Ihren Auftrag in einer solchen Sache überschritten haben würden. Herr Blifil sandte Sie also aus, um die beiden Männer in Aldersgate auszuhorchen?« »Er that es.« »Und welche Weisung gab er Ihnen? Erinnern Sie sich derselben so genau als möglich und wiederholen Sie mir die Worte, deren er sich bediente.« »Herr Blifil gab mir den Auftrag, die Personen ausfindig zu machen, die Zeugen des Duells gewesen. Er sagte, er fürchte, sie möchten durch Jones oder durch Freunde desselben gewonnen werden. Blut, sagte er, fordert Blut und nicht blos die wären Mitschuldige, welche einen Mörder versteckt hielten, sondern auch die, welche etwas unterließen, ihn vor Gericht zu bringen. Er sagte, er habe erkannt, daß Sie sehr wünschten, den schlechten Menschen vor Gericht gebracht zu sehen, ob es sich gleich nicht zieme, daß Sie offen dabei mitwirkten.« »Das sagte er?« fragte Allworthy. »Ja, Herr,« antwortete Dowling, »ich würde keines andern Menschen wegen so weit gegangen sein. Was ich that, that ich um Ihnen gefällig zu sein.« »Wie weit gegangen, Herr?« fragte Allworthy. »Ich hoffe, Sie werden mich nicht für fähig halten, einen falschen Eid zu erkaufen, aber Zeugnisse lassen sich auf zweierlei Art geben. Ich sagte den Männern also, wenn man ihnen von der andern Seite her Anerbietungen machen sollte, so möchten sie dieselben ausschlagen, sie könnten überzeugt sein, daß sie nichts verlieren würden, wenn sie ehrlich blieben und die Wahrheit sagten. Ich sagte, wir hätten erfahren, daß Herr Jones den andern Herrn zuerst angegriffen habe und sie möchten das aussagen, wenn 98 es die Wahrheit sei. Auch deutete ich ihnen an, daß sie dabei nicht zu kurz kommen würden.« »Ich glaube nun allerdings, daß Sie weit gingen,« fiel Allworthy ein. »Ich habe die Leute keineswegs aufgefordert, eine Unwahrheit zu sagen,« fuhr Dowling fort, »aber auch das, was ich sagte, würde ich nicht gesagt haben, hätte ich nicht geglaubt, Ihnen damit einen Dienst zu erzeigen.« »Ich glaube, Sie würden nicht der Meinung gewesen sein, mir einen Dienst zu erzeigen,« erwiederte Allworthy, »wenn Sie gewußt hätten, daß dieser Herr Jones mein eigener Neffe ist.« »Es ziemt mir nicht,« antwortete Dowling, »Notiz von dem zu nehmen, was Sie verbergen zu wollen schienen.« »Wie?« fiel Allworthy ein, »und Sie wußten es?« »Ja,« antwortete Dowling, »wenn Sie mich auffordern die Wahrheit zu sagen, so werde ich es thun. Ich wußte es allerdings, denn es waren fast die letzten Worte, welche Mad. Blifil sprach, als ich allein an ihrem Bette stand und sie mir den Brief gab, den ich Ihnen von ihr überbrachte.« »Welchen Brief?« fragte Allworthy. »Den Brief,« entgegnete Dowling, »den ich von Salisbury brachte und Herrn Blifil übergab.« »Himmel!« rief Allworthy. »Nun, und was sagte sie? Was sagte meine Schwester zu Ihnen?« »Sie faßte meine Hand,« antwortete er, »übergab mir den Brief und sagte: »ich weiß kaum, was ich geschrieben habe. Sagen Sie meinem Bruder, daß Jones sein Neffe ist, – mein Sohn. Gott segne ihn!« fügte sie hinzu und dann sank sie zurück. Ich rief sogleich die Leute herein; sie sprach nichts mehr und wenige Minuten darauf verschied sie.« 99 Allworthy stand eine Minute schweigend da und blickte gen Himmel, dann wendete er sich an Herrn Dowling und sagte: »warum übergaben Sie mir den Brief nicht selbst?« »Sie werden sich erinnern,« antwortete er, »daß Sie damals krank im Bette lagen und da ich von Geschäften sehr gedrängt war, wie ich es immer bin, so übergab ich den Brief Herrn Blifil, sagte ihm auch die Worte seiner sterbenden Mutter und er versprach, diese Ihnen nebst dem Briefe mitzutheilen. Seitdem hat er mir gesagt, daß er dies gethan, Sie aber theils aus Liebe zu Jones, theils aus Achtung für Ihre Schwester, nicht wünschten, daß jemals etwas davon erwähnt werde. Da Sie nun niemals etwas von der Sache gegen mich erwähnten, so hielt ich es für unziemlich, davon zu sprechen.« Wir haben irgendwo bemerkt, daß Jemand eine Lüge in den Worten der Wahrheit sagen könnte; dies war hier der Fall, denn Blifil hatte Dowling wirklich gesagt, was dieser jetzt erzählte, aber ihn damit nicht hintergangen, auch nie sich eingebildet, daß er dies im Stande sein könnte. Das Versprechen, welches Blifil Dowling gegeben, war der Beweggrund, der ihn zur Geheimhaltung veranlaßte, und da er jetzt deutlich sah, Blifil würde nicht im Stande sein, das Versprechen zu halten, hielt er es gerathen, das Geständniß zu machen, zumal er ganz unversehens darum angegangen wurde und keine Zeit hatte Ausreden zu ersinnen. Allworthy schien durch den Bericht befriediget zu sein, empfahl Dowling das strengste Stillschweigen über das Geschehene und begleitete ihn selbst bis an die Thüre, damit er Blifil nicht sehen könnte, der in sein Zimmer zurückgekehrt war, wo er sich über die letzte Täuschung seines Oheims freute und nicht im mindesten ahnte, was seitdem geschehen war. 100 Als Allworthy in sein Zimmer zurück ging, begegnete er Mad. Miller, die mit Entsetzen in dem bleichen Gesichte zu ihm sagte: »ach, Herr, die schlechte Frau ist bei Ihnen gewesen und Sie wissen Alles? Verlassen Sie aber darum den armen jungen Mann nicht. Bedenken Sie nur, er wußte nicht, daß sie seine Mutter sei und die Entdeckung wird ihm wahrscheinlich das Herz brechen, ohne daß Sie unfreundlich gegen ihn verfahren.« »Madame,« sagte Allworthy, »ich bin so erstaunt über das, was ich gehört habe, daß ich Ihnen jetzt nicht antworten kann; kommen Sie mit in mein Zimmer herein. Ja, Mad. Miller, ich habe seltsame Entdeckungen gemacht und Sie sollen Kenntniß davon erhalten.« Die arme Frau folgte ihm zitternd. Allworthy trat zu Mad. Waters, nahm sie bei der Hand, wendete sich dann an Mad. Miller und sagte: »welchen Lohn soll ich nun der Dame geben für die Dienste, die sie mir erwiesen hat? Ach, Mad. Miller, Sie haben mich tausendmal den jungen Mann, dem Sie so treue Freundin geblieben sind, meinen Sohn nennen hören. Sie ahnten damals nicht, daß er wirklich mit mir verwandt sei. Ihr Freund, Madame, ist mein Neffe, der Bruder jener Schlange, die ich so lange an meinem Busen genährt habe. Die Dame da wird Ihnen die ganze Geschichte selbst erzählen und wie es zuging, daß er für ihren Sohn galt. Ich bin jetzt überzeugt, Mad. Miller, daß ihm Unrecht geschehen ist und daß man mich hintergangen hat. Ja, ich wurde von Einem hintergangen, den Sie mit Recht in Verdacht hatten. Er ist wirklich einer der größten Schurken.« Mad. Miller konnte vor übergroßer Freude nicht sprechen und würde vielleicht auch in Ohnmacht gefallen sein, wenn nicht ein Strom von Thränen ihr Erleichterung verschafft hätte. Endlich als sie sich von ihrem Entzücken so weit 101 erholt hatte, daß sie wieder zu sprechen vermochte, rief sie aus: »Mein lieber Herr Jones ist also Ihr Neffe und nicht der Sohn dieser Dame? Es sind Ihnen endlich die Augen geöffnet worden? Und ich werde ihn doch noch so glücklich sehen als er es verdient?« »Er ist allerdings mein Neffe,« entgegnete Allworthy, »das Uebrige hoffe ich.« »Und der lieben Dame da verdankt man die ganze Entdeckung?« »Ja,« antwortete Allworthy. »Nun,« rief Mad. Miller aus, indem sie auf ihre Knie sank, »so möge der Himmel seine Segnungen über sie ausschütten und ihr dieser einzigen guten That wegen alle ihre Sünden vergeben, wären ihrer auch noch so viele.« Mad. Waters zeigte ihnen darauf an, daß Jones, wie sie glaube, bald seine Freiheit wieder erhalten würde, denn der Arzt sei mit einem Edelmanne zu dem Richter gegangen, um zu bescheinigen, daß Herr Fitzpatrick vollkommen aus aller Gefahr sei, und dem Gefangenen seine Freiheit zu verschaffen. Allworthy äußerte darauf, er würde sich freuen seinen Neffen nach seiner Zurückkunft hier zu finden, jetzt müßte er aber wegen wichtiger Geschäfte ausgehen. Dann rief er einen Diener, daß ihm derselbe eine Portechaise hole und verließ die beiden Frauenzimmer. Als Blifil hörte, daß eine Portechaise bestellt wurde, kam er herunter zu seinem Oheim, um ihm bei dem Einsteigen behilflich zu sein, denn eine solche Pflicht der Artigkeit versäumte er nie. Er fragte seinen Oheim, ob er ausgehe, was mit artigern Worten desselben heißt wie: wohin gehst Du? Da Allworthy nicht antwortete, so fragte Blifil, wann er zurückkommen würde. Der Oheim antwortete 102 auch darauf nicht, bis er in der Portechaise saß; da drehete er sich um und sagte: »vor allem rathe ich Dir, ehe ich zurückkomme, den Brief zu finden, den mir Deine Mutter auf ihrem Sterbebette sandte.« Darauf entfernte sich Allworthy und Blifil stand da in einem Zustande, der höchstens von einem Menschen beneidet werden kann, welcher eben zum Galgen abgeführt wird. Neuntes Kapitel. Eine weitere Fortsetzung. Allworthy las in der Portechaise den Brief von Jones an Sophien, den ihm Western übergeben hatte und in welchem sich einige Ausdrücke über ihn selbst befanden, die ihm Thränen in die Augen brachten. Endlich kam er bei Western an und wurde zu Sophien geführt. Nach den ersten Ceremonien und nachdem beide sich gesetzt hatten, folgte eine Pause von einigen Minuten, in welcher Sophie, die durch ihren Vater auf diesen Besuch vorbereitet worden war, mit ihrem Fächer spielte und in ihren Zügen, wie in ihrem Benehmen ihre Verlegenheit zu erkennen gab. Endlich begann Allworthy, der selbst einigermaßen Verlegenheit fühlte: »ich fürchte, Fräulein, meine Familie hat Ihnen einige Unruhe gemacht und ich habe vielleicht mehr als ich beabsichtigte dazu beigetragen. Glauben Sie mir, daß, wenn ich gleich anfangs gewußt hätte, wie unangenehm Ihnen der Antrag gewesen ist, ich nicht zugegeben haben würde, Sie so lange damit zu verfolgen. Sie werden deshalb hoffentlich nicht erwarten, daß ich bei meinem Besuche jetzt die Absicht habe, Ihnen mit weiterem 103 Andringen solcher Art beschwerlich zu fallen, da ich Sie vielmehr gänzlich davon befreien will.« »Geehrter Herr,« antwortete Sophie mit einiger Zögerung, »dies ist sehr freundlich und edelmüthig, ganz so, wie ich es nur von Herrn Allworthy erwarten konnte; da Sie aber so freundlich gewesen sind, die Sache zu erwähnen, so werden Sie mir auch verzeihen, wenn ich sage, daß sie mir allerdings viel Noth und Kummer gemacht hat, daß sie Gelegenheit gewesen ist zu einer grausamen Behandlung von einem Vater, der bis zu dieser unglücklichen Angelegenheit im höchsten Grade zärtlich und liebevoll war. Ich bin überzeugt, daß Sie zu edelherzig sind, als daß Sie mir wegen meiner Weigerung zürnen. Unsere Neigungen stehen nicht in unserer Gewalt und welches Verdienst auch Ihr Neffe haben mag, ich kann ihn nicht lieben.« »Ich versichere Sie, mein liebenswürdiges Fräulein,« entgegnete Allworthy, »daß ich nicht fähig bin, Ihnen deshalb zu zürnen, wäre auch die Person mein eigener Sohn gewesen und ich achtete ihn sehr hoch. Wir können, wie Sie mit Recht sagen, unseren Neigungen keinen Zwang anlegen, noch viel weniger lassen sie sich durch Andere leiten.« »Jedes Wort, das Sie sprechen, beweißt, daß Sie mit Recht jenen guten, großen, wohlwollenden Charakter verdienen, den Ihnen die Welt beilegt. Ich versichere Sie, daß nur die gewisse Aussicht auf künftiges Unglück mich bewegen konnte, den Befehlen meines Vaters zu widerstehen.« »Ich glaube Ihnen,« antwortete Allworthy, »und wünsche Ihnen von Herzen Glück wegen Ihrer klugen Voraussicht, da Sie durch ein vollkommen gerechtfertigtes Widerstreben allerdings Noth und Unglück entgangen sind.« 104 »Sie sprechen, Herr Allworthy,« sagte Sophie, »mit einem Zartgefühle, dessen wenige Menschen fähig sind; aber es muß meiner Ansicht nach wirklich das größte Unglück sein, mit Jemandem leben zu müssen, gegen den wir keine Liebe fühlen. Vielleicht wird das Unglück sogar vergrößert, wenn man weiß, die Person, die man nicht lieben kann, besitzt wirklich Vorzüge. Hätte ich Herrn Blifil geheirathet . . .« »Verzeihen Sie mir, daß ich Sie unterbreche,« fiel Allworthy ein, »aber ich kann die Annahme nicht ertragen. Glauben Sie mir; Fräulein, ich freue mich von Herzen darüber, daß Sie frei geblieben sind. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß der Mensch, um dessentwillen Sie die grausame Behandlung von Ihrem Vater erlitten haben, ein Schurke und Bösewicht ist.« »Wie, Herr Allworthy? Sie überraschen mich.« »Es hat mich auch überrascht und wird Alle überraschen; aber ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt.« »Ich weiß, daß über Ihre Lippen nur Wahrheit gehen kann, Herr Allworthy. Und doch, eine so plötzliche, so unerwartete Nachricht! Möge die Bosheit immer so an den Tag kommen!« »Sie werden die Sache bald genug erfahren; jetzt wollen wir einen so verhaßten Namen nicht weiter erwähnen. Ich habe Ihnen eine andere ernste Sache vorzulegen. Ich kenne Ihren Werth, Fräulein, und möchte dem Ehrgeize nicht gern entsagen, in nähere verwandtschaftliche Verbindung mit Ihnen zu kommen. Ich habe einen nahen Verwandten, Fräulein, einen jungen Mann, dessen Charakter, wie ich überzeugt bin, gerade das Gegentheil von dem des Elenden ist und dessen Vermögen ich dem gleichstellen werde, was jener erhalten sollte. Dürfte ich hoffen, daß Sie ihm einen Besuch bei Ihnen gestatten?« Sophie antwortete nach einer kurzen Pause: »Ich will ganz aufrichtig gegen Sie sein, Herr Allworthy. Sein Charakter und die Verpflichtung, die Sie mir eben auferlegt haben, verlangen es so. Ich bin entschlossen, jetzt durchaus keinen Antrag anzunehmen. Mein einziger Wunsch geht dahin, die Liebe meines Vaters wieder zu erlangen und von nun an in seinem Hause die Wirthin zu machen. Dies wünsche ich Ihrer guten Vermittelung zu verdanken. Ich bitte, ich beschwöre Sie bei der Güte, die Sie mir und so vielen Andern erwiesen haben, erregen Sie mir, nachdem Sie mich eben von einer Verfolgung erlöset haben, nicht wieder eine andere, die eben so traurig und eben so erfolglos sein würde.« »Ich bin dessen nicht fähig, Fräulein, was Sie da fürchten,« entgegnete Allworthy, »wenn dies Ihr fester Entschluß ist, so muß sich der junge Mann fügen, wie viel er auch darunter leiden mag.« »Sie zwingen mich zu lächeln, Herr Allworthy, wenn Sie von den Leiden eines Mannes sprechen, den ich nicht kenne und der also auch mich nur wenig kennen kann.« »Ich bitte um Verzeihung, liebes Mädchen, ich fange an zu fürchten, daß er Sie für die Ruhe seiner Zukunft zu sehr kennt, denn wenn Jemand einer aufrichtigen, innigen, edeln Liebe fähig ist, so fühlt sie mein unglücklicher Neffe für Fräulein Western.« »Ein Neffe von Ihnen, Herr Allworthy? Habe ich doch nie vorher von ihm etwas gehört.« »Allerdings, weil Sie nicht wußten, daß er mein Neffe ist und ich das Geheimniß selbst erst heute erfahren habe. Jones, der Sie so lange geliebt hat, er ist mein Neffe.« »Herr Jones Ihr Neffe?« fragte Sophie, »wie ist dies möglich?« »Er ist es, denn er ist meiner Schwester Sohn und als solchen werde ich ihn immer anerkennen, auch schäme 106 ich mich dessen nicht. Weit mehr schäme ich mich meines früheren Benehmens gegen ihn; freilich war mir sowohl sein trefflicher Charakter als seine Geburt unbekannt. Ich habe ihn grausam behandelt, Fräulein, sehr grausam.« Der gute Mann wischte sich bei diesen Worten die Thränen aus den Augen und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »ich werde nie im Stande sein, ihn ohne Ihren Beistand für seine Leiden zu entschädigen. Ich weiß, daß er sich mancherlei hat zu Schulden kommen lassen; aber im Grunde besitzt er doch ein sehr gutes Herz, gewiß, mein Fräulein.« Er hielt inne und schien eine Antwort zu erwarten, die er denn auch von Sophien erhielt, nachdem sie sich von der Verlegenheit ein wenig erholt hatte, in die sie durch diese seltsame und plötzliche Nachricht gerathen war: »ich wünsche Ihnen von Herzen Glück über die Entdeckung, deren Sie sich so sehr zu freuen scheinen und ich zweifle nicht, daß sie Ihnen allen den Trost gewähren wird, den Sie sich davon versprechen können. Der junge Herr besitzt gewiß tausend vortreffliche Eigenschaften, nach denen er sich gegen einen solchen Oheim nur tadellos benehmen kann.« »Ich hoffe, mein Fräulein, daß er auch die Eigenschaften besitzt, welche ihn zu einem guten Ehemanne machen. Er müßte der ruchloseste aller Menschen sein, wenn ein Mädchen wie Sie sich geneigt finden sollte . . .« »Verzeihen Sie mir, Herr Allworthy, aber ich kann einen Antrag dieser Art nicht annehmen. Herr Jones besitzt, ich bin davon überzeugt, viele Verdienste, aber er wird nie mein Gemahl werden, – bei meiner Ehre, niemals.« »Verzeihen Sie mir, wenn mich dies nach dem, was ich von Herrn Western gehört habe, etwas überrascht. Ich hoffe, der junge Mann hat nichts gethan, was ihn in 107 Ihrer guten Meinung herabgesetzt hat, wenn er jemals das Glück hatte, dieser guten Meinung sich zu erfreuen. Vielleicht hat man ihn gegen Sie verläumdet, wie gegen mich. Er ist kein Mörder, versichere ich Sie, wie man ihn genannt hat.« »Herr Allworthy, ich habe Ihnen meinen Entschluß mitgetheilt. Ueber das, was Ihnen mein Vater gesagt hat, wundere ich mich nicht; was er aber auch gefürchtet haben mag, ich habe, wenn ich mein Herz kenne, keine Veranlassung dazu gegeben, da es immer mein Grundsatz gewesen ist, mich nie ohne seine Einwilligung zu verheirathen. Das ist, glaube ich, ein Kind seinen Eltern schuldig und ich würde niemals dagegen gehandelt haben, wenn ich auch nicht glaube, daß die Macht eines Vaters so weit geht, sein Kind gerade gegen seine Neigung zu verheirathen. Um einem solchen Zwange zu entgehen, den ich fürchten mußte, verließ ich meines Vaters Haus und suchte anderswo Schutz. Das ist die Wahrheit meiner Geschichte und wenn die Welt oder mein Vater mir andere Absichten unterlegen, so spricht mich mein Gewissen davon frei.« »Ich höre Sie, Fräulein, mit Bewunderung an. Ich bewundere Ihr treffendes Urtheil, aber es liegt offenbar mehr darin. Ich möchte Sie nicht gern kränken, aber soll ich alles das, was ich bisher gesehen und gehört habe, für einen Traum halten? Und haben Sie so große Grausamkeit von Ihrem Vater eines Mannes wegen ertragen, der Ihnen immer durchaus gleichgültig gewesen ist?« »Ich bitte Sie, Herr Allworthy, bestehen Sie nicht darauf, meine Gründe zu erfahren. Ja, ich habe gelitten, ich will es nicht verbergen, Herr Allworthy – ich will ganz aufrichtig gegen Sie sein, – ich gestehe, ich hatte eine hohe Meinung von Herrn Jones, – ich glaube, ich weiß, daß ich meiner Meinung wegen gelitten habe . . . Ich bin von 108 meiner Tante und von meinem Vater grausam behandelt worden, aber das ist vorüber; ich bitte, dringen Sie nicht weiter in mich, denn was auch gewesen sein mag, mein Entschluß steht fest. Ihr Neffe, Herr Allworthy, hat viele gute Eigenschaften, er besitzt große Tugenden . . . Ich zweifle nicht daran, daß er Ihnen in der Welt Ehre und Sie glücklich machen wird.« »Ich wünsche, ich könnte ihn glücklich machen,« entgegnete Allworthy, »aber dies steht, wie ich weiß, allein in Ihrer Macht. Weil ich davon überzeugt bin, bat ich so dringend bei Ihnen für ihn.« »Sie irren sich, Herr Allworthy, Sie irren sich. Ich hoffe, daß nicht er Sie täuschte, aber Sie irren sich, Herr Allworthy; ich wiederhole meine Bitte nochmals, dringen Sie nicht weiter in mich. Es sollte mir leid thun, – nein, ich will ihm in Ihrer Gunst nicht schaden. Ich wünsche dem Herrn Jones alles Gute, ich wünsche ihm aufrichtig alles Gute und wiederhole Ihnen nochmals, daß er gewiß viele gute Eigenschaften besitzt, was er mir auch zu Leide gethan haben mag. Ich läugne meine frühern Gedanken nicht, aber sie sind nicht wieder zurückzubringen. Jetzt lebt kein Mann in der Welt, dem ich entschlossener meine Hand verweigern würde, als dem Herrn Jones; nicht einmal die Bewerbungen des Herrn Blifil würden mir unangenehmer sein.« Western hatte lange ungeduldig auf den Ausgang dieser Unterredung gewartet und war eben jetzt an der Thüre angekommen, um zu horchen. Als er die letzten Worte seiner Tochter hörte, verlor er alle Ruhe, riß wüthend die Thüre auf und schrie: »Lügen! verfluchte Lügen! Alles liegt an dem verdammten Jones und wenn sie ihn bekommen könnte, nähme sie ihn zu jeder Stunde des Tages.« 109 Allworthy trat dazwischen und sagte ziemlich unwillig zu dem Squire: »Herr Western, Sie haben mir Ihr Wort nicht gehalten. Sie versprachen mir, durchaus nichts Gewaltsames zu unternehmen.« »Das that ich auch, so lange als es möglich war; aber wie kann ich von einem Mädchen solche Lügen anhören? Denkt sie, sie kann mich auch zum Narren haben wie andere Leute? Nichts da, ich kenne sie besser.« »Es thut mir leid,« entgegnete Allworthy, »daß ich Ihnen sagen muß, Sie haben das Mädchen nach Ihrem Benehmen gegen sie gar nicht gekannt. Ich bitte um Entschuldigung dieser meiner Worte, aber unsere Freundschaft, Ihr eigener Wunsch und die besondere Gelegenheit werden mich rechtfertigen. Sie ist Ihre Tochter, Herr Western, und sie macht, glaube ich, Ihrem Namen Ehre. Wenn ich des Neides fähig wäre, würde ich Sie eher um diese Tochter beneiden als irgend ein anderer Mann.« »Ich wünsche von ganzem Herzen, sie wäre die Ihrige; Sie würden bald froh sein, sie wieder los zu werden.« »Lieber Freund,« antwortete Allworthy, »Sie allein sind die Ursache aller der Unruhe, über die Sie sich beklagen. Schenken Sie dem Mädchen das Vertrauen, das sie verdient und Sie werden gewiß der glücklichste Vater auf Erden sein.« »Ich ihr Vertrauen schenken!« rief der Squire. »Welches Vertrauen kann ich ihr schenken, da sie nicht thun will, was ich von ihr verlange? Wenn sie einwilliget so zu heirathen wie ich es gern sehe, will ich ihr so viel Vertrauen schenken als nur möglich.« »Sie thun Unrecht, Nachbar,« entgegnete Allworthy, »auf der Einwilligung Ihrer Tochter zu bestehen. Eine 110 negative Stimme gestattet Ihnen Ihre Tochter und mehr hat Ihnen Gott und die Natur nicht gegeben.« »Eine negative Stimme!« rief der Squire. »Na, ich will Euch zeigen, was für eine negative Stimme ich habe. Geh in Dein Zimmer, marsch, Du Eigensinn!« »Herr Western,« fiel Allworthy ein, »Sie behandeln sie wirklich grausam; ich kann das nicht mit ansehen. Sie werden, Sie müssen freundlicher gegen sie sein. Sie verdient die beste Behandlung.« »Ja, ja,« entgegnete Western, »ich weiß, was sie verdient. Sehen Sie, da ist ein Brief von meiner Cousine, der Lady Bellaston, in welchem sie mir anzeigt, der Mensch, der Jones, sei wieder aus dem Gefängnisse entlassen, und mir räth, das Mädchen nicht aus den Augen zu lassen. Nachbar Allworthy, Sie wissen nicht, was es zu bedeuten hat, ein Mädchen zu hüten.« Der Squire beschloß seine Rede mit einigen Lobsprüchen auf seine Klugheit und Allworthy theilte ihm darauf nach einer geeigneten Vorrede alles mit, was er in Bezug auf Jones entdeckt hatte, seinen Unwillen gegen Blifil und überhaupt alles, was der Leser im vorigen Kapitel erfahren hat. Sehr heftige Menschen sind meist sehr wetterwendisch. So hatte Western kaum erfahren, daß Allworthy die Absicht habe, Jones zu seinem Erben einzusetzen, als er den Oheim wo möglich in Lobeserhebungen des Neffen noch übertraf und sich so sehr für die Heirath seiner Tochter mit Jones begeisterte, als er vorher für die Verbindung derselben mit Blifil geeifert hatte. Allworthy mußte von neuem sich in das Mittel schlagen und erzählen, was zwischen ihm und Sophien vorgegangen war, worüber Western sich nicht wenig verwunderte. 111 Einen Augenblick schwieg er und sah sich wild um. Endlich rief er laut aus: »was kann dies bedeuten, Nachbar Allworthy? Verliebt ist sie in ihn gewesen, das will ich beschwören. Sapperment! Jetzt hab' ich's; jetzt hab' ich's gefunden. Sie will den Lord haben. Ich fand sie bei meiner Cousine, der Lady Bellaston, bei einander. Er hatte den Kopf über sie gebogen, das ist ausgemacht, ich hab's gesehen; aber der Teufel soll mich holen, wenn er sie kriegt. Ich mag keine Lords und Hofleute in meiner Familie.« Allworthy hielt eine lange Rede, in welcher er seinen Vorsatz wiederholte, alle gewaltsamen Maßregeln zu vermeiden und dem Herrn Western ernstlich Milde empfahl, da er durch diese sicher am besten mit seiner Tochter zum Ziele kommen würde. Darauf nahm er Abschied und kehrte zu Mad. Miller zurück, mußte aber vorher den Bitten des Squire nachgeben und versprechen, Jones noch den Nachmittag zum Besuche zu ihm zu bringen, damit er, wie er sagte, »die Sache mit dem jungen Herrn in's Reine bringen könne.« Dagegen versprach Western auch, dem Rathe Allworthy's in seinem Verfahren gegen Sophien zu gehorchen, und er sagte: »ich weiß nicht, wie es zugeht, aber der Teufel soll mich holen, Allworthy, wenn Sie mich nicht zu allem bringen, was Sie haben wollen. Und ich besitze doch ein eben so schönes Gut als Sie und bin eben so gut Friedensrichter.« Zehntes Kapitel. Die Geschichte nähert sich dem Ende. Als Allworthy in seine Wohnung zurück kam, hörte er, Jones sei eben vor ihm angekommen. Er eilte deshalb sogleich in ein leeres Zimmer und befahl, Jones allein dahin zu senden. Eine zärtlichere und rührendere Scene als die Zusammenkunft des Oheims und Neffen (denn Mad. Waters hatte ihm, wie sich der Leser wohl denken kann, bei ihrem letzten Besuche das Geheimniß seiner Geburt mitgetheilt) läßt sich nicht denken. Die ersten Ausbrüche der Freude, welche beide empfanden, vermag ich nicht zu beschreiben und werde es deshalb gar nicht versuchen. Nachdem Allworthy Jones, der vor ihm auf die Knie gesunken war, aufgehoben und in seine Arme geschlossen hatte, rief er aus: »ach, mein Sohn, wie Unrecht habe ich Dir gethan! Wie sehr bin ich zu tadeln! Wie vermag ich jemals den ungerechten Verdacht, den ich hegte, und alle die Leiden, die er Dir verursachte, wieder gut zu machen?« »Ist nicht alles wieder gut gemacht?« entgegnete Jones, »bin ich nicht für meine Leiden, und wären sie zehnmal größer gewesen, jetzt reichlich entschädiget? Ach, theurer Oheim, diese Güte, diese Liebe überwältiget mich, drückt mich zu Boden. Ich kann das Entzücken nicht ertragen, das meine Brust erfüllt. Wieder von Ihnen und in Ihre Gunst aufgenommen, freundlich wieder aufgenommen zu sein von meinem edeln, meinem großen Wohlthäter!« »Ich habe Dich wirklich grausam behandelt, Kind,« entgegnete Allworthy. Und er setzte ihm dann die Verrätherei Blifils auseinander und wiederholte die Ausdrücke 113 seines Bedauerns darüber, daß er sich habe durch solchen Verrath verleiten lassen, ihn so schlecht zu behandeln. »Sprechen Sie nicht so,« entgegnete Jones, »Sie haben sehr edel an mir gehandelt. Der weiseste Mensch hätte können hintergangen werden, wie Sie es wurden und bei solcher Täuschung müßte der Beste so gehandelt haben, wie Sie handelten. Ihre Güte zeigten Sie bei allem Ihrem Unwillen, so gerecht er damals auch zu sein schien. Ich verdanke alles dieser Güte, der ich mich völlig unwürdig gezeigt habe. Gehen Sie in Ihrem Edelmuthe nicht zu weit, Sie zwingen mich sonst, mich selbst anzuklagen. Ach, ich bin nicht härter gestraft worden als ich es verdiente, und mein ganzes Bestreben in der Zukunft soll dahin gerichtet sein, das Glück zu verdienen, das Sie mir jetzt gewähren, denn, glauben Sie mir, theurer Oheim, die Strafe, die mich getroffen hat, ist nicht nutzlos gewesen. Wenn ich auch ein großer Sünder gewesen bin, so war ich doch kein verstockter; Gott sei Dank, ich habe Zeit gehabt, über mein früheres Leben nachzudenken, in welchem ich mich zwar keines groben Verbrechens schuldig gemacht habe, wohl aber Thorheiten und Vergehen mehr als genug, die ich zu bereuen, deren ich mich zu schämen habe, Thorheiten, die schreckliche Folgen für mich selbst gehabt und mich an den Rand des Verderbens gebracht haben.« »Ich freue mich, mein lieber Sohn, Dich so verständig reden zu hören, denn da ich überzeugt bin, daß Heuchelei (guter Gott, wie bin ich durch die Heuchelei Anderer getäuscht worden!) zu Deinen Fehlern nicht gehört, so kann ich alles, was Du sagst, bereitwillig glauben. Du siehst nun, Tom, in welche Gefahren Unklugheit allein die Tugend bringen kann (ich bin überzeugt, daß Du die Tugend in hohem Grade liebst). Klugheit ist eine Pflicht, die wir uns selbst schuldig sind, und wenn wir so sehr unsere eigenen 114 Feinde sind, daß wir sie vernachlässigen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Welt ihre Pflicht gegen uns nicht oder lässig erfüllt, denn wenn jemand den Grund zu seinem eigenen Unglücke legt, bauen leider Andere gar zu gern darauf fort. Du sagst indeß, Du hättest Deine Fehler eingesehen und willst sie ablegen. Ich glaube Dir, mein lieber Sohn, und deshalb sollst Du von diesem Augenblicke an durch mich nie wieder daran erinnert werden. Gedenke Du ihrer insoweit, daß Du in Zukunft sie vermeidest; vergiß aber auch nicht, daß ein großer Unterschied ist zwischen den Fehlern, welche man vielleicht Unklugheit nennen kann, und jenen, die nur aus schlechtem Herzen hervorgehen. Die ersteren stürzen den Menschen vielleicht häufiger und leichter in das Unglück, wenn er sie aber ablegt, so kann er mit der Zeit sie gänzlich vergessen machen; die Welt wird sich, wenn auch nicht augenblicklich, mit ihm wieder aussöhnen und er kann nicht ohne eine Beimischung von Vergnügen an die Gefahren zurückdenken, denen er entgangen ist; Schlechtigkeit aber und Bosheit ist, wenn einmal entdeckt, nicht wieder gut zu machen; die Flecken, welche sie zurückläßt, wischt die Zeit nicht rein. Der Tadel der Menschen verfolgt den Elenden, ihre Verachtung drückt ihn nieder, wo er öffentlich erscheint und wenn ihn die Schaam in die Einsamkeit treibt, findet er dort alle Schrecken, vor denen sich ein Kind scheut, das nicht allein zu Bett zu gehen wagt. Sein gemordetes Gewissen verfolgt ihn überall hin. Die Ruhe weicht von ihm wie ein falscher Freund. Wohin er seine Augen wendet, überall erblickt er Schrecken; schaut er rückwärts, so erblickt er nutzlose Reue hinter sich; schaut er vorwärts, so stiert ihm unheilbare Verzweiflung in das Gesicht, bis er gleich einem verurtheilten Gefangenen in dem Kerker seinen gegenwärtigen Zustand verabscheut und doch die Folgen jener Stunde fürchtet, 115 die ihn davon befreien soll. Tröste Dich, mein Sohn, damit, daß Du nicht in diesem Falle bist, und freue Dich mit dankerfülltem Herzen gegen den, welcher Dich Deine Verirrungen erkennen ließ, bevor sie jenes Verderben über Dich brachten, in das Dich ein Verharren selbst in jenen Verirrungen nothwendig zuletzt hätte stürzen müssen. Du hast sie abgelegt und die Aussicht vor Dir ist jetzt von der Art, daß das Glück in Deiner Hand zu ruhen scheint.« Bei diesen Worten seufzte Jones tief und als Allworthy ihn über den Grund befragte, antwortete er: »Ich will Ihnen nichts verheimlichen; ich fürchte, eine Folge meiner Vergehen ist nicht wieder gut zu machen. Ach, theurer Oheim, ich habe einen großen Schatz verloren.« »Du brauchst nicht mehr zu sagen,« antwortete Allworthy, »und ich will offen gegen Dich sein; ich weiß, was Du beklagst; ich habe die junge Dame gesehen und mit ihr über Dich gesprochen, und ich muß darauf bestehen, daß Du, zum Beweise der Aufrichtigkeit alles dessen, was Du gesagt hast, und der Festigkeit Deines Entschlusses, mir in dem einen Falle gehorchst, – Dich nämlich ganz in den Entschluß der jungen Dame fügst, er mag zu Deinen Gunsten sein oder nicht. Sie hat bereits genug durch Bewerbungen gelitten, an die ich ungern denke; sie soll durch meine Familie nicht weiter belästiget werden, zumal da ihr Vater sie Deinetwegen gewiß eben so peiniget, als er sie früher wegen eines andern gepeiniget hat; aber ich bin entschlossen, sie keine weitere Einsperrung, keinen Zwang leiden zu lassen.« »Ach, lieber Oheim,« antwortete Jones, »geben Sie mir einen Befehl, durch dessen Befolgung ich mir ein Verdienst erwerbe. Glauben Sie mir, der einzige Fall, in welchem ich Ihnen ungehorsam sein würde, wäre der, daß 116 ich meiner Sophie einen Augenblick Unruhe und Angst bereiten sollte. Wenn ich so beklagenswerth bin, mir ihr Mißfallen in dem Maße zugezogen zu haben, daß ich auf Verzeihung nicht mehr hoffen kann, so überwältiget mich schon dies und der Gedanke, ihr weh zu thun. Sophien mein zu nennen, ist das größte Glück, was mir der Himmel noch gewähren kann, aber ein Glück, das ich ihr allein verdanken muß.« »Ich will Dir keine Hoffnungen machen, mein Sohn,« sagte Allworthy, »ich fürchte, Deine Sache steht schlecht; ich sah niemals stärkere Zeichen eines unabänderlichen Entschlusses an einer Person als die, welche sich in ihrer heftigen Erklärung gegen eine Bewerbung von Deiner Seite aussprach, was Du Dir wahrscheinlich leichter erklären kannst als ich.« »Ich kann mir es nur zu wohl erklären,« antwortete Jones, »und so schuldig ich bin, so kommt ihr meine Schuld leider noch zehnmal größer vor als sie wirklich ist. Ach, theurer Oheim, die Folgen meiner Thorheit sind nicht wieder gut zu machen und Ihre Güte, so groß sie auch ist, kann mich vom Verderben nicht retten.« Ein Diener zeigte ihnen jetzt an, daß Herr Western unten sei; seine Sehnsucht, Jones zu sehen, ließ sich nicht bis zum Nachmittage beschwichtigen. Jones, in dessen Augen Thränen standen, ersuchte seinen Oheim, Western einige Minuten hinzuhalten, bis er sich wieder ein wenig gesammelt haben würde, was der gute Mann gern versprach. Nachdem er befohlen hatte, Herrn Western in das Gesellschaftszimmer zu führen, ging er selbst hinunter zu ihm. Kaum hatte Mad. Miller gehört, daß Jones allein sei (sie hatte ihn seit seiner Freilassung aus dem Gefängnisse nicht gesehen), so kam sie in das Zimmer, trat auf Jones zu, gratulirte ihm herzlich zu dem neugefundenen Oheime 117 und der glücklichen Aussöhnung und setzte hinzu: »ich wünschte, ich könnte Ihnen auch noch wegen eines andern Umstandes gratuliren; aber ich habe nie eine unerbittlichere Person gesehen.« Jones fragte mit anscheinender Verwunderung, was sie meine. »Nun,« antwortete sie, »ich bin bei Ihrer Dame gewesen und habe ihr alles erklärt, wie mein Sohn Nightingale mir die Sache erzählte. Ueber den Brief kann sie nicht länger in Zweifel sein, denn ich sagte ihr, mein Sohn Nightingale sei bereit, zu schwören, wenn sie es wünsche, daß alles seine Erfindung gewesen sei und er den Brief angegeben habe. Ich sagte, gerade das Uebersenden des Briefes müsse Sie ihr noch lieber machen, da es ihretwegen geschehen und ein deutlicher Beweis sei, daß Sie in Zukunft Ihre Ausschweifungen meiden wollten und Sie hätten sich, seit sie in der Stadt sei, keiner einzigen Untreue gegen sie schuldig gemacht. Dabei bin ich nun wohl, wie ich fürchte, zu weit gegangen; der Himmel verzeihe mir; Ihr künftiges Benehmen aber wird mich rechtfertigen. So habe ich ihr alles gesagt, was ich sagen konnte; aber es half nichts. Sie bleibt unerbittlich. Sie sagte, sie habe viele Fehler der Jugend wegen vergeben, äußerte aber solchen Abscheu vor dem Charakter eines Wollüstlings, daß ich durchaus nichts gegen sie sagen konnte. Ich versuchte oftmals Sie zu entschuldigen, aber gegen ihre Anklage vermochte ich nichts. Sie ist wahrhaftig ein höchst liebenswürdiges Mädchen. Für einen Ausdruck, den sie brauchte, hätte ich sie küssen mögen. »Ich glaubte einmal,« sagte sie, »große Herzensgüte an Herrn Jones entdeckt zu haben und deshalb achtete ich ihn hoch, ich gestehe es: aber Sittenlosigkeit verdirbt auch das beste Herz und ein gutmüthiger Wüstling kann weiter nichts erwarten, als daß wir einiges Mitleiden 118 in unsere Verachtung und unsern Abscheu mischen. Sie ist ein wahrer Engel.« »Ach, Mad. Miller,« antwortete Jones, »und kann ich den Gedanken ertragen, einen solchen Engel verloren zu haben?« »Verloren! Nein,« entgegnete Mad. Miller, »ich hoffe noch immer, daß Sie das Mädchen nicht verloren haben. Lassen Sie ab von Ihrer lasterhaften Lebensweise und Sie dürfen noch hoffen, und wenn sie unerbittlich bleiben sollte, so kenne ich eine andere junge Dame, eine sehr hübsche junge Dame mit einem großen Vermögen, die zum Sterben in Sie verliebt ist. Ich hörte es diesen Morgen und sagte es dem Fräulein Western; ja, ich ging auch etwas über die Wahrheit hinaus, denn ich setzte hinzu, Sie hätten die Hand derselben ausgeschlagen; aber ich weiß, daß Sie dieselbe ausschlagen würden. Und hier kann ich Ihnen etwas Tröstliches melden; als ich den Namen der jungen Dame erwähnte, die hübsche Wittwe Hunt nämlich, wurde sie blaß, und als ich sagte, Sie hätten die Hand derselben ausgeschlagen, erröthete sie über und über und sagte sodann: »ich will nicht läugnen, daß ich glaube, er liebt mich.«« Hier wurde das Gespräch durch Western unterbrochen, der selbst nicht durch Allworthy länger zurückgehalten werden konnte, obgleich dieser, wie wir oft gesehen haben, einen bewundernswürdigen Einfluß auf ihn hatte. Western ging sogleich auf Jones zu und sagte: »alter Freund Tom, ich freue mich, Gott straf' mich, daß ich Dich wieder sehe. Was geschehen, ist vergessen. Beleidigen wollte ich Dich nicht, weil ich, wie Allworthy da weiß und wie Du es selbst weißt, Dich für eine ganz andere Person hielt; und wenn man's nicht so böse meint, sieht man auf ein Paar unbedachte Worte nicht so genau. Ein Christ muß vergeben und vergessen.« 119 »Ich werde,« entgegnete Jones, »niemals die vielen Verbindlichkeiten vergessen, die ich Ihnen schuldig bin; daß Sie mich aber beleidiget haben, weiß ich nicht.« »So gieb mir die Hand; Du bist ein lieber und ehrlicher Kerl. Komm mit mir, ich führe Dich gleich zu Deinem Schatze.« Allworthy trat hier dazwischen und der Squire mußte, da er weder den Oheim noch den Neffen überreden konnte, nach einigem Streite nachgeben und einwilligen, daß Jones Sophien erst am Nachmittage vorgestellt würde, zu welcher Zeit Allworthy sowohl aus Mitleiden mit Jones als um den eifrigen Wunsch Westerns zu erfüllen, zum Thee zu kommen versprach. Das Gespräch, das darauf folgte, war allen recht angenehm und wir würden es unsern Lesern mitgetheilt haben, wenn es früher in unserer Geschichte vorgekommen wäre; da wir jetzt aber nur Zeit haben, auf das zu achten, was wesentlich ist, so wird es genug sein zu erwähnen, daß Western wieder nach Hause ging, nachdem man über den Nachmittagsbesuch völlig ins Reine war. Elftes Kapitel. Die Geschichte kommt dem Schlusse noch näher. Nachdem Western sich entfernt hatte, theilte Jones seinem Oheime und der Mad. Miller mit, daß er seine Freiheit durch zwei Lords erhalten, die in Verbindung mit zwei Aerzten und einem Freunde Nightingales sich zu dem 120 Richter begeben hätten, der ihn auf den Eid der Aerzte, daß der Verwundete außer aller Gefahr sei, entlassen habe. Nur einen der Lords habe er früher einmal gesehen, der andere aber habe ihn sehr überrascht als er ihn um Verzeihung gebeten wegen einer Beleidigung, deren er sich gegen ihn schuldig gemacht, aber blos, weil er ihn durchaus nicht gekannt habe. Die Sache, welche Jones erst später erfuhr, hing so zusammen: der Lieutenant, den Lord Fellamor auf den Rath der Lady Bellaston aufgefordert hatte, Jones als Vagabonden für den Seedienst zu pressen, sprach sich, als er dem Lord den Vorfall berichtete, welchen wir schon abgehandelt haben, sehr günstig über das Benehmen des Herrn Jones in jeder Hinsicht aus und versicherte, der Lord müsse sich in der Person geirrt haben, denn Jones sei ein gebildeter anständiger Mann, und der Lord, ein Mann von Ehre, der sich um keinen Preis einer Handlung schuldig wissen wollte, welche die Welt verurtheilen würde, wurde sehr besorgt darüber, daß er den Rath der Lady befolgt hatte. Ein Paar Tage später speisete Lord Fellamor zufällig mit dem irischen Peer, der bei dem Gespräche über das Duell der Gesellschaft den Charakter Fitzpatricks schilderte, ihm aber nicht ganz Gerechtigkeit widerfahren ließ namentlich in dem, was die Frau betraf. Er sagte, sie sei die unschuldigste und gekränkteste Frau auf Erden und er habe blos aus Mitleiden sich ihrer Sache angenommen. Dann setzte er hinzu, er habe die Absicht, den nächsten Morgen in die Wohnung Fitzpatricks zu gehen, um denselben wo möglich zu einer Trennung von seiner Frau zu vermögen, die, wie der Peer sagte, für ihr Leben fürchte, wenn sie jemals wieder zu ihrem Manne zurückkehren müßte. Lord Fellamor willigte ein mitzugehen, um sich noch genauere 121 Auskunft über Jones und das Duell zu verschaffen, denn die Rolle, die er selbst dabei gespielt hatte, war ihm durchaus nicht gleichgültig. Sobald Lord Fellamor seine Bereitwilligkeit andeutete, zur Befreiung der Dame mitzuwirken, griff sie der andere schnell auf, weil derselbe glaubte, Fitzpatrick würde so eher zum Nachgeben gezwungen werden. Vielleicht hatte er dabei nicht Unrecht, denn sobald der arme Irländer erkannte, daß die edeln Peers sich der Sache seiner Frau annahmen, gab er nach und die Artikel der Scheidungsurkunde wurden entworfen und von beiden Theilen unterzeichnet. Fitzpatrick war durch Mad. Waters von der Unschuld seiner Frau bei dem, was in Upton geschah, so vollkommen überzeugt worden, oder die Sache war ihm aus andern Gründen so gleichgültig, daß er sehr vortheilhaft von Jones gegen Lord Fellamor sprach, alle Schuld auf sich nahm und sagte, der Andere habe sich benommen wie es einem Manne von Ehre gezieme. Als der Lord weiter über Jones fragte, erzählte ihm Fitzpatrick, derselbe sei der Neffe eines sehr angesehenen und reichen Mannes, was ihm selbst Mad. Waters erzählt hatte. Lord Fellamor war hierdurch zu der Ansicht gekommen, daß er alles thun müsse, was in seiner Macht stehe, um dem jungen Herrn, den er so schwer beleidiget, Genugthuung zu geben und er nahm sich deshalb vor (zumal er jetzt jeden Gedanken aufgegeben hatte, Sophiens Hand zu erhalten), ihm die Freiheit zu verschaffen. Er vermochte den irischen Peer, ihm in das Gefängniß Jones' zu begleiten, gegen den er sich benahm, wie bereits erzählt worden ist. Als Allworthy wieder in seiner Wohnung erschien, nahm er Jones mit in sein Zimmer und theilte ihm Alles mit, sowohl das, was er von Mad. Waters gehört, als was er durch Dowling erfahren hatte. 122 Jones äußerte großes Erstaunen und nicht weniger Betrübniß, erlaubte sich aber keine Bemerkung darüber. In diesem Augenblicke ließ Blifil fragen, ob sein Oheim Zeit habe, da er mit ihm zu sprechen wünsche. Allworthy fuhr auf, erblaßte und trug in gereizterem Tone als jemals dem Diener auf, er möge Blifil sagen, daß er ihn nicht kenne. »Ueberlegen Sie, was Sie thun,« fiel Jones mit zitternder Stimme ein. »Ich habe bereits alles überlegt,« entgegnete Allworthy, »und Du sollst dem Bösewichte die Antwort überbringen. Niemand ist besser geeignet, ihm seinen Urtheilsspruch zu melden, als der, welchen er zu verderben suchte.« »Verzeihen Sie mir, lieber Oheim,« antwortete Jones, »wenn Sie die Sache nochmals überlegen, werden Sie eine andere Ansicht erlangen. Was vielleicht nur Gerechtigkeit wäre, wenn ein Anderer es ausspricht, würde aus meinem Munde wie Kränkung, wie Hohn klingen und – er ist doch mein Bruder, Ihr Neffe. Es würde dies weit weniger zu entschuldigen sein als alles, was er gegen mich unternommen hat. Reichthum kann Menschen von nicht gerade schlechtem Charakter zu Ungerechtigkeiten verleiten, Kränkungen und Beleidigungen aber gehen nur aus schlechtem Herzen hervor und lassen sich durchaus nicht entschuldigen. Ich beschwöre Sie, unternehmen Sie bei Ihrem jetzigen Zorne nichts gegen ihn. Bedenken Sie, daß ich selbst ungehört verurtheilt wurde.« Allworthy schwieg einen Augenblick, dann umarmte er Jones und sagte mit Thränen in den Augen: »ach, mein Sohn, wie lange bin ich blind gegen Dein edles Herz gewesen!« Mad. Miller trat jetzt nach leisem Klopfen, das man nicht gehört hatte, ein und als sie Jones in den Armen seines Oheims sah, sank die gute Frau vor Freuden auf 123 ihre Knie und sprach inbrünstig gegen Gott ihren Dank aus für das, was geschehen. Dann eilte sie zu Jones, umarmte ihn ebenfalls und sagte: »mein bester Freund, ich wünsche Ihnen tausendmal Glück zu diesem Freudentage.« Allworthy erhielt dann gleichen Glückwunsch und er antwortete: »ich bin wirklich über alle Beschreibung glücklich.« Endlich forderte Mad. Miller die beiden Männer auf, zum Essen herunter zu kommen, wo, wie sie sagte, eine Anzahl glücklicher Menschen versammelt wären, nämlich Nightingale mit seiner jungen Frau und seine Cousine mit ihrem Bräutigam. Allworthy lehnte es ab mit der Gesellschaft zu speisen, indem er für sich und seinen Neffen etwas auf sein Zimmer bestellt habe, damit sie über Privatangelegenheiten sprechen könnten, doch mußte er der guten Frau versprechen, mit Jones zum Abendessen zu kommen. Mad. Miller fragte darauf, was mit Blifil geschehen solle. »Ich werde nicht ruhig, so lange ein solcher Bösewicht in meinem Hause ist.« Allworthy antwortete, daß es ihm eben so ergehe und Mad. Miller sprach darauf: »wenn dem so ist, so überlassen Sie die Sache mir, ich will ihm gleich zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Es sind ein Paar Männer mit tüchtigen Fäusten unten.« »Es wird nicht nöthig sein, Gewalt zu brauchen,« antwortete Allworthy, » wenn Sie ihm ein Paar Worte von mir sagen wollen, wird er sich gewiß selbst entfernen.« »Ob ich es will!« fiel Mad. Miller ein, »in meinem Leben habe ich nichts lieber gethan.« Hier schlug sich Jones in das Mittel und sagte, er habe sich die Sache anders überlegt und würde selbst zu Blifil gehen, wenn es Allworthy erlaube. »Ich kenne Ihren Plan,« sagte er, »erlauben Sie mir, ihm denselben mit 124 meinen eigenen Worten zu melden. Bedenken Sie die schrecklichen Folgen, wenn Sie ihn zur Verzweiflung treiben. In seiner jetzigen Lage kann er unmöglich sterben.« Diese Andeutung machte auf Mad. Miller durchaus keinen Eindruck; sie verließ vielmehr das Zimmer mit den Worten: »Sie sind zu gut, Herr Jones, viel zu gut für diese Welt.« Um so größer war der Eindruck auf Allworthy. »Mein guter Sohn,« sagte er, »ich wundere mich eben so sehr über Dein gutes Herz als über Deinen Verstand. Der Himmel verhüte, daß es jenem Menschen an Mitteln und an Zeit zur Reue fehle. Gehe zu ihm und thue, was Du willst; schmeichle ihm aber nicht mit der Hoffnung auf meine Verzeihung, denn Bosheit werde ich nicht weiter verzeihen, als es die Religion verlangt.« Jones ging in das Zimmer Blifils, den er in einem Zustande fand, welcher sein Mitleiden erregte, ob er gleich in vielen Andern ein weniger liebenswürdiges Gefühl geweckt haben würde. Er hatte sich auf sein Bett geworfen, wo er sich seiner Verzweiflung überließ und in Thränen schwamm, nicht in Thränen, welche die Reue giebt, und welche die Schuld von Gemüthern abwaschen, die zu derselben verleitet worden sind gegen ihre eigentliche Neigung, aus menschlicher Schwäche, er vergoß vielmehr solche Thränen, wie sie der Dieb auf dem Karren vergießt und welche die Wirkung jener Trauer sind, die selbst die rohesten Naturen ihrer selbst wegen fühlen. Es würde unangenehm und langweilig sein, diesen Auftritt vollständig auszumalen und wir sagen deshalb blos, daß das Benehmen des Herrn Jones übermäßig freundlich war. Er vernachlässigte nichts, um den sinkenden Muth Blifils wieder aufzurichten, bevor er ihm den Entschluß seines Oheims mittheilte, daß er das Haus noch diesen 125 Abend verlassen müsse. Er erbot sich, ihm das Geld zu geben, das er brauche, sicherte ihm vollkommene Verzeihung für alles das zu, was er gegen ihn unternommen hatte, versprach ihm, sich stets als Bruder gegen ihn zu zeigen und nichts unversucht zu lassen, um eine Aussöhnung mit dem Oheim herbei zu führen. Anfangs schwieg Blifil hartnäckig und ungewiß, ob er noch immer alles läugnen sollte; da er aber einsehen mußte, daß die Zeugnisse zu laut gegen ihn sprachen, so gestand er endlich. Er bat seinen Bruder in der ungestümsten Weise um Verzeihung, warf sich vor ihm nieder und küßte ihm die Füße, kurz er war jetzt eben so kriechend, wie er vorher boshaft gewesen war. Jones konnte seinen Abscheu und seine Verachtung nicht ganz unterdrücken, so daß sie sich in seinem Gesichte erkenntlich aussprachen. Er hob seinen Bruder auf sobald er es vermochte, rieth ihm, seinen Schmerz zu tragen wie ein Mann und wiederholte ihm seine Versprechung, daß er alles thun würde, denselben zu lindern, worauf Blifil seine Unwürdigkeit betheuerte und seinen Dank aussprach. Als er endlich erklärt hatte, er würde sogleich eine andere Wohnung suchen, kehrte Jones zu seinem Oheime zurück. Unter anderm theilte Allworthy jetzt Jones die Entdeckung mit, die er in Bezug auf die 500 Pf. St. gemacht hatte. »Ich habe,« sagte er, »bereits mit einem Advokaten darüber gesprochen, der mir zu meiner großen Verwunderung sagt, für eine solche Art von Betrug gebe es keine Strafe. Wenn ich den schwarzen Undank dieses Menschen gegen Dich bedenke, muß ich einen Straßenräuber in Vergleich mit ihm für unschuldig halten.« »Guter Gott,« entgegnete Jones, »ist es möglich? Diese Nachricht verletzt mich sehr. Ich glaubte, es gäbe keine ehrlichere Seele in der Welt. Die Versuchung war zu groß 126 für ihn, als daß er hätte widerstehen können, denn unbedeutendere Dinge sind mir getreulich durch ihn zugekommen. Sie müssen mir erlauben, lieber Oheim, das, was er that, mehr Schwachheit als Undank zu nennen, denn ich bin überzeugt, daß der arme Mensch mich liebt und er hat für mich Manches gethan, was ich niemals vergessen werde; ja, ich glaube, er hat auch diese That bereut, denn noch vor wenigen Tagen, als meine Lage höchst verzweifelt war, besuchte er mich im Gefängnisse und bot mir Geld an, wenn ich dessen bedürfe. Bedenken Sie, wie groß die Versuchung für einen Mann, der in so bitterer Noth war, gewesen sein muß, eine Summe zu besitzen, die ihn und seine Familie in Zukunft vor der Möglichkeit bewahrte, wieder in solche Noth zu gerathen.« »Kind,« entgegnete Allworthy, »Du gehst in Deiner Bereitwilligkeit zu verzeihen, zu weit. Solche mißverstandene Nachsicht ist nicht blos Schwäche, sondern grenzt an Ungerechtigkeit und ist sehr verderblich, da sie das Laster begünstiget. Die Unehrlichkeit des Menschen hätte ich auch verzeihen können, nie aber kann ich seine Undankbarkeit vergeben. Wenn wir Versuchungen zugestehen, um Unehrlichkeit zu entschuldigen, sind wir so nachsichtig und barmherzig als wir sein müssen und so weit bin ich gegangen, denn ich habe oft das Schicksal eines Straßenräubers bemitleidet, wenn ich in der großen Jury saß, auch mich mehr als einmal an den Richter gewendet, wenn sich mildernde Umstände geltend machen ließen; aber wenn Unehrlichkeit in Verbindung mit einem größern Verbrechen vorkommt, wie Grausamkeit, Mord, Undank u. dergl., dann wird Mitleid und Verzeihung Sünde. Ich bin überzeugt, jener Mensch ist ein Bösewicht und er soll bestraft werden, wenigstens in so weit, als ich ihn strafen kann.« Allworthy sprach dies in so strengem Ernste, daß es 127 Jones nicht gerathen hielt, darauf zu antworten, übrigens kam auch die von Western festgesetzte Stunde so nahe heran, daß er nur noch Zeit hatte, sich anzukleiden. Er beendigte hier also das Gespräch und Jones begab sich in ein anderes Zimmer, wo ihn Partridge mit seinen Kleidungsstücken erwartete. Partridge hatte seinen Herrn seit der glücklichen Entdeckung kaum gesehen. Der arme Teufel konnte seine Freude weder bergen noch aussprechen, benahm sich wie toll und machte alles verkehrt während er Jones ankleidete. Sein Gedächtniß aber hatte ihn nicht verlassen. Er erinnerte sich an viele Anzeichen und Andeutungen von diesem glücklichen Ereignisse, von denen er manche zu ihrer Zeit schon bemerkt hatte, während ihm weit mehrere erst jetzt deutlich wurden; auch vergaß er den Traum nicht, den er in der Nacht vor seinem Zusammentreffen mit Jones gehabt hatte und er schloß endlich mit den Worten: »ich sagte Ihnen immer, es zeige mir etwas an, daß es Ihnen früher oder später möglich sein würde, mein Glück zu machen.« Jones versicherte darauf, seine Ahnung solle, was ihn selbst angehe, gewiß sich bestätigen, und dies trug nicht wenig zur Erhöhung der Freude bei, die der arme Partridge über die glückliche Wendung der Angelegenheiten seines Herrn fühlte. 128 Zwölftes Kapitel. Die Geschichte kommt dem Schlusse noch näher. Nachdem Jones vollständig angekleidet war, begleitete er seinen Oheim zu Western. Er war wirklich einer der schönsten Männer, die man jemals gesehen und seine Persönlichkeit schon würde die meisten Frauenzimmer bestochen haben, wir hoffen indeß, wie es sich aus unserer Geschichte bereits ergeben hat, daß die Natur, als sie ihn schuf, sich nicht blos, wie es bisweilen geschieht, auf dieses Verdienst beschränkte. Sophie hatte sich, so zornig sie auch war, ebenfalls auf das vortheilhafteste gekleidet, was ich meinen Leser innen zu erklären überlasse, und war so schön, daß selbst Allworthy, als er sie erblickte, nicht umhin konnte, Western zuzuflüstern, er halte sie für das schönste Mädchen im Lande. Darauf antwortete Western in einem Flüstern, das alle Anwesende verstehen konnten: »um so besser für Tom, denn der Teufel soll mich reiten, wenn er sie nicht bekommt.« Sophie wurde über und über roth bei diesen Worten, während Jones leichenblaß dastand und sich kaum aufrecht erhalten konnte. Kaum war der Thee getrunken, als Western Allworthy aus dem Zimmer hinauszog und ihm sagte, er habe über wichtige Angelegenheiten mit ihm zu reden und müsse dies sogleich thun, damit er nichts vergesse. Die Liebenden waren nun allein und manche Leser werden es ohne Zweifel seltsam finden, daß die, welche einander so viel zu sagen hatten, als es ihnen so schwer gemacht wurde und als so große Gefahren damit verbunden waren, 129 und die einander in die Arme zu sinken strebten, als ihnen so viele Hindernisse entgegen standen, jetzt, da sie in aller Ruhe und Sicherheit sagen und thun konnten, was ihnen beliebte, eine ziemliche Zeit lang schweigend und bewegungslos dasaßen, so daß ein Fremder hätte glauben können, sie wären einander völlig gleichgültig. Aber es war so, wie seltsam es auch scheinen mag; beide saßen mit niedergeschlagenen Augen da und sagten einige Minuten lang gar nichts. Jones versuchte zwar einigemale zu sprechen, aber es war ihm völlig unmöglich und er murmelte oder seufzte vielmehr nur einige unverständliche Worte, bis Sophie, theils aus Mitleiden mit ihm, theils um das Gespräch von dem Gegenstande abzubringen, den er, wie sie wohl wußte, berühren wollte, endlich begann: »Sie sind gewiß der glücklichste Mensch in der Welt nach dieser Entdeckung.« »Können Sie mich wirklich für so glücklich halten,« entgegnete Jones seufzend, »da ich mir Ihr Mißfallen zugezogen habe?« »Sie wissen am besten, ob Sie dies verdient haben.« »Sie kennen meine Schuld eben so wohl. Mad. Miller hat Ihnen die ganze Wahrheit gesagt. Ach, theuerste Sophie, darf ich nie auf Vergebung hoffen?« »Ich glaube, Herr Jones, ich kann es auf Ihre eigene Gerechtigkeit ankommen lassen, das Urtel über Ihr Betragen zu sprechen.« »Ich bitte Sie ja um Gnade, nicht um strenges Recht. Die Gerechtigkeit müßte mich verdammen, ich weiß es, aber nicht wegen des Briefes, den ich an Lady Bellaston schrieb. Ueber diesen haben Sie, wie ich feierlich betheuere, die richtige Erklärung erhalten.« Er sprach sich dann darüber aus, wie ihn Nightingale sicher gestellt habe, mit ihr doch zu brechen, wenn die Dame 130 gegen ihre Erwartung seinen Antrag angenommen hätte, doch gestand er, daß er sich einer großen Indiscretion schuldig gemacht habe, ihr einen solchen Brief in die Hände zu geben, »für den ich durch den Eindruck, den er auf Sie gemacht hat, schwer genug büßen muß.« »Ich will und kann über den Brief nicht anders urtheilen, als wie Sie es wünschen. Mein Verhalten, denke ich, beweist Ihnen deutlich, daß ich nicht glaube, es liege viel daran. Und doch, Herr Jones, habe ich nicht Ursache genug zu zürnen? Nach dem, was in Upton geschehen, so schnell ein neues Liebesverhältniß mit einer andern Frau anzuknüpfen, während ich glaubte und Sie versicherten, Ihr Herz blute meinetwegen! Kann ich hiernach Ihre Liebe zu mir für aufrichtig halten? Oder, wenn ich es kann, welches Glück darf ich mir von einem Manne versprechen, der solcher Unbeständigkeit fähig ist?« »Zweifeln Sie nicht, theure Sophie, an der Aufrichtigkeit der reinsten Liebe, die jemals in einer menschlichen Brust gewohnt hat. Bedenken Sie meine unglückliche Lage, meine Verzweiflung. Hätte ich mir nur mit den entferntesten Hoffnung schmeicheln können, jemals wieder Gelegenheit zu finden, so wie jetzt vor Ihren Füßen nieder zu sinken, kein anderes Weib würde im Stande gewesen sein, mir einen Gedanken einzuflößen, den die strengste Keuschheit hätte verwerfen können. Unbeständigkeit der Liebe gegen Sie! Sophie, wenn Sie so viele Güte besitzen, das Vergangene zu verzeihen, so lassen Sie Ihre Gnade durch grausame Besorgniß wegen der Zukunft nicht ausschließen. Keine Reue kann aufrichtiger sein als es die meinige ist. Lassen Sie mich meinem Himmel in Ihrem Herzen wieder gewinnen.« »Aufrichtige Reue, Herr Jones, wird dem Sünder Verzeihung erwerben, aber nur bei dem, welcher diese Reue 131 vollkommen beurtheilen kann. Der Mensch kann getäuscht werden und diese Täuschung läßt sich nicht unmöglich machen. Sie müssen deshalb erwarten, daß, wenn Ihre Reue mich bewegen soll, Ihnen Verzeihung zu gewähren, ich wenigstens die stärksten Beweise von Ihrer Aufrichtigkeit verlangen werde.« »Nennen Sie irgend einen Beweis, den ich Ihnen geben kann,« fiel Jones eifrig ein. »Die Zeit,« erwiederte sie, »nur die Zeit, Herr Jones, kann mich überzeugen, daß Sie wirklich Reue fühlen und entschlossen sind, von dem Laster zu lassen, um dessentwillen ich Sie verachten müßte, wenn ich Sie für fähig hielte, dabei zu verharren.« »Glauben Sie das nicht,« sprach Jones. »Auf meinen Knien bitte und beschwöre ich Sie um Ihr Vertrauen, das zu verdienen ich mich stets bestreben werde.« »Bestreben Sie sich eine Zeit lang, mir zu beweisen, daß Sie es verdienen. Ich glaube, Ihnen deutlich genug gesagt zu haben, daß Sie dies Vertrauen erhalten werden, sobald ich sehe, daß Sie es verdienen. Können Sie nach dem, was geschehen ist, erwarten, daß ich Ihnen auf Ihr Wort glaube?« »Glauben Sie mir nicht auf mein Wort; ich habe eine bessere Bürgschaft, ein Pfand für meine Beständigkeit.« »Und welches wäre dies?« fragte Sophie etwas verwundert. »Das will ich Ihnen zeigen,« entgegnete Jones, indem er ihre Hand ergriff und sie vor den Spiegel führte. »Da, sehen Sie es in dieser lieblichen Gestalt, in diesem Gesichte, in diesen Augen, in der Seele, die aus diesen Augen spricht! Kann der Mann, der diese besitzt, unbeständig und untreu sein? Unmöglich, theure Sophie, und Sie würden 132 nicht zweifeln, wenn Sie diese Reize mit andern als Ihren eigenen Augen sehen könnten.« Sophie erröthete und lächelte halb, bald aber gab sie ihrem Gesichte wieder einen ernsten Ausdruck und sagte: »Wenn ich die Zukunft nach der Vergangenheit beurtheilen soll, so wird mein Bild in Ihrem Herzen nicht fester haften, sobald ich aus Ihren Augen bin, als in diesem Spiegel, wenn ich aus dem Zimmer gehe.« »Beim Himmel, bei allem, was heilig ist, es ist nie aus meinem Herzen gewichen; das zarte Gefühl Ihres Geschlechtes kann das grobe des unserigen nicht begreifen und nicht einsehen, wie wenig eine Art Liebe mit unserm Herzen zu schaffen hat.« »Ich werde meine Hand nie einem Manne geben,« sprach Sophie sehr ernst, »der nicht eben so unfähig ist, wie ich, einen Unterschied zwischen Liebe und Liebe zu machen.« »Ich bin bereits so weit gekommen,« entgegnete Jones. »In dem Augenblicke, da ich hoffen konnte, meine Sophie könnte meine Gattin werden, erkannte ich es und alle übrigen Frauen machten eben so wenig Eindruck auf meine Sinne als auf mein Herz.« »Die Zeit muß dies beweisen. Ihre Lage hat sich jetzt geändert, Herr Jones, und ich versichere Sie, daß ich mich sehr darüber freue. Es wird Ihnen jetzt nicht an Gelegenheit fehlen, mich zu sehen und mich zu überzeugen, daß auch Ihr Sinn sich geändert hat.« »Wie soll ich Ihnen, Engel, für Ihre Güte danken! Und Sie gestehen, daß Sie sich über mein Glück freuen? Glauben Sie mir, es hat Werth für mich, seit Sie mir diese Hoffnung gegeben haben. Lassen Sie diese Hoffnung nicht zu fern sein. Ich werde Ihren Befehlen Folge leisten und nicht weiter in Sie dringen, als Sie erlauben. Aber 133 setzen Sie eine kurze Prüfungszeit; wann werde ich hoffen dürfen, daß Sie von dem, was wirklich wahr ist, überzeugt sind?« »Wenn ich freiwillig so weit gegangen bin, Herr Jones, so erwarte ich auch, nicht gedrängt zu werden.« »Ach, blicken Sie mich nicht so unfreundlich an. Ich werde, ich darf Sie nicht drängen; aber bestimmen Sie wenigstens eine Zeit. Bedenken Sie die Ungeduld der Liebe!« »Ein Jahr vielleicht,« sagte Sophie. »Ach, theure Sophie, Sie haben eine Ewigkeit genannt.« »Vielleicht wird es früher. Und wenn Ihre Liebe zu mir der Art ist, wie ich Sie wünsche, so werden Sie sich dabei beruhigen.« »Beruhigen, Sophie! Nennen Sie mein Entzücken nicht mit einem so kalten Namen. O, wonnereicher Gedanke! Bin ich nicht versichert, daß jener gesegnete Tag kommen wird, an dem ich Sie mein nennen darf?« »Dieser Tag liegt allerdings in Ihrer Hand.« »Engel meines Lebens, diese Worte können mir durch die Freude den Verstand rauben und ich muß, ich werde diesen theuren Lippen danken, die mir so süßes Glück verheißen.« Und er umschlang sie und küßte sie mit einer Wärme, wie er nie vorher gewagt hatte. In diesem Augenblicke polterte Western, der eine Zeit lang draußen gehorcht hatte, herein und jubelte: »so ist's recht. Und die Sache ist abgemacht? Hat sie einen Tag genannt? Morgen oder heute noch? Eine Minute länger als bis morgen warte ich nicht.« »Erlauben Sie mir, Herr Western . . .« fiel hier Jones ein. 134 »Erlauben hin, erlauben her,« rief Western, »ich glaubte, Du hättest mehr Feuer im Leibe, als daß Du Dich durch Mädchenziererei abhalten ließest. Ich sage Dir, Flausen. nichts als Flausen! Heute lieber als morgen feiert sie die Brautnacht. Nicht wahr, Sophie? Komm, gesteh' es und sei ein gutes Mädchen. Du hörst nicht? Warum sprichst Du nicht?« »Warum soll ich gestehen, da mein Vater meine Gedanken so genau zu kennen scheint?« »So bist Du ein gutes Mädchen, und Du willigst also ein?« »Nein,« antwortete Sophie, »eine solche Einwilligung gebe ich nicht.« »Du willst nicht morgen oder übermorgen?« »Das ist mein Wille allerdings nicht.« »Ich will Dir sagen, warum Du nicht willst; weil Du gern ungehorsam bist und nichts lieber thust, als Deinen Vater zu ärgern.« »Herr Western, ich bitte . . .,« fiel Jones ein. »Du bist eine Memme, sag' ich Dir. Als ich es ihr verbot, da seufzete und jammerte und ächzte und schrieb sie den ganzen Tag, und da ich nun will, mag sie nicht. Eigensinn ist es, nichts als Eigensinn. Sie will nicht, blos um mir zu widersprechen.« »Was soll ich denn thun?« fragte Sophie. »Was Du thun sollst? gleich den Augenblick sollst Du ihm die Hand geben.« »Das thue ich gern,« antwortete Sophie. »Hier ist meine Hand, Herr Jones.« »Und Du willst ihn morgen früh heirathen?« »Ich werde Ihnen gehorchen.« »Also morgen früh. Abgemacht!« rief Western. 135 »Ja, morgen früh, weil Sie es wünschen,« antwortete Sophie. Jones sank auf seine Knie und küßte ihre Hand mit Entzücken, während der alte Western in dem Zimmer herumtanzte und sprang und endlich fragte: »wo zum Teufel ist denn Allworthy? Draußen steht er und schwatzt mir dem verfluchten Advokaten Dowling, während er sich um andere Dinge bekümmern sollte.« Darauf eilte er hinaus, um ihn zu holen und ließ zu recht gelegener Zeit die Liebenden für einige Minuten allein. Bald aber kam er mit Allworthy zurück und sagte: »wenn Sie mir nicht glauben wollen, so fragen Sie selbst. Hast Du nicht Deine Einwilligung gegeben, Sophie, morgen Dich mit ihm trauen zu lassen?« »Sie haben so befohlen,« antwortete Sophie, »und ich wage nicht ungehorsam zu sein.« »Ich hoffe,« sprach Allworthy, »mein Neffe wird so große Güte verdienen und gleich mir nie vergessen, welche große Ehre Sie unserer Familie erzeigt haben. Eine Verbindung mit einer so reizenden und vortrefflichen jungen Dame würde eine Ehre für die größte Familie in England sein.« »Ja,« fiel Western ein, »wenn ich ihr aber ihren Willen gelassen hätte, würden Sie die Ehre doch noch nicht gehabt haben. Ich mußte meine väterliche Gewalt brauchen, um sie dazu zu bringen.« »Das hoffe ich nicht,« entgegnete Allworthy, »ich hoffe vielmehr, sie hat ihre Einwilligung ohne allen Zwang gegeben.« »Sie wird gleich widerrufen, wenn Sie es verlangen,« sagte Western. »Du bereust Dein Versprechen, nicht wahr, Sophie?« 136 »Ich bereue es nicht und glaube es nie bereuen zu müssen.« »So wünsche ich Dir von Herzen Glück, lieber Neffe,« sagte Allworthy, »denn ich halte Dich nun für den glücklichsten Menschen. Und erlauben auch Sie mir, mein Fräulein, Ihnen meinen Glückwunsch darzubringen? Ich bin überzeugt, Sie haben einen Mann gewählt, der Ihren Werth erkennen und wenigstens alles aufbieten wird, um dankbar dafür zu sein.« »Alles aufbieten!« fiel Western ein, »das wird er gewiß. Allworthy, ich wette 50 gegen 1, daß wir morgen über neun Monate einen Jungen haben; aber nun sag' mir, Alter, was willst Du trinken? Burgunder? Champagner oder was sonst? Denn heute kaufe ich mir einen Haarbeutel.« »Sie werden mich entschuldigen,« antwortete Allworthy, »ich war aber nebst meinem Neffen versprochen, ehe ich ahnte, daß sein Glück so nahe sei.« »Versprochen! Nichts davon. Heute wirst Du mich nicht los. Du mußt bei uns essen.« »Verzeihen Sie mir, werther Nachbar,« antwortete Allworthy, »ich habe mein Wort gegeben und das breche ich, wie Sie wissen, niemals.« »Wem hast Du es gegeben?« fragte Western, und Allworthy nannte den Wirth wie die Gäste. »Ich gehe mit,« fiel Western sogleich ein, »und Sophie geht auch mit, denn ich weiche heute nicht von Dir und ich bin auch nicht so grausam, Tom und das Mädchen jetzt zu trennen.« Der Vorschlag wurde von Allworthy sogleich angenommen und Sophie willigte ein, nachdem ihr vorher ihr Vater versprochen hatte, von ihrer bevorstehenden Heirath nichts zu erwähnen. Letztes Kapitel. Die Geschichte wird beschlossen. Der junge Nightingale war diesen Nachmittag zu seinem Vater beschieden worden, der ihn freundlicher aufnahm, als er erwartet hatte. Auch seinen Oheim traf er dort, der in die Stadt zurückgekommen war, um seine verheirathete Tochter zu suchen. Diese Heirath war das glücklichste Ereigniß, das dem jungen Manne begegnen konnte, denn die beiden Brüder lebten in fortwährendem Streite über die Erziehung und Behandlung ihrer Kinder und jeder verachtete die Methode des andern aufs tiefste. Jeder versuchte also jetzt so viel als er vermochte das Vergehen zu bemänteln, das sein Kind begangen hatte und die Heirath des andern um so schlimmer darzustellen. Dieser Wunsch über den Bruder zu triumphiren neben den vielen Gründen, welche Allworthy gebraucht hatte, wirkte so stark auf den alten Herrn, daß er seinen Sohn lächelnd empfing und wirklich versprach, den Abend mit ihm bei Mad. Miller zu speisen. Der andere Bruder, der seine Tochter wirklich fast übermäßig liebte, konnte ohne Mühe zu einer Versöhnung gebracht werden. Kaum hatte er durch seinen Neffen erfahren, wo seine Tochter mit ihrem Gatten sei, als er erklärte, er würde sogleich zu ihr gehen. Als er dort erschien, ließ er sie kaum auf die Knie sinken, sondern hob sie sogleich auf und küßte sie so zärtlich, daß alle, die es sahen, gerührt wurden.. In weniger als einer Viertelstunde war er mit ihr und ihrem Gatten so vollkommen ausgesöhnt, als hätte er selbst ihre Hände in einander gelegt. So standen die Sachen als Allworthy und seine Gesellschaft erschien, um das Glück der Mad. Miller vollständig 138 zu machen, die, als sie Sophien erblickte, alles errieth, was geschehen war, und ihre Liebe zu Jones war so groß, daß ihre Freude über das Glück ihrer Tochter nicht wenig erhöht wurde. Es dürfte wenige Beispiele gegeben haben, daß unter einer Anzahl Menschen jeder so glücklich gewesen, als in dieser Gesellschaft. Der Vater des jungen Nightingale war noch am wenigsten zufrieden, denn trotz seiner Liebe zu seinem Sohne, trotz dem Ansehen und den Gründen Allworthys nebst den bereits erwähnten Umständen, befriedigte ihn die Wahl seines Sohnes doch nicht ganz und vielleicht erhöhete gerade die Anwesenheit Sophiens seine Verstimmung, weil er bisweilen dachte, sein Sohn hätte dieses Mädchen auch oder ein anderes erhalten können. Nicht die Reize, welche Sophiens Körper und Geist schmückten, erregten seine Unbehaglichkeit, sondern das Geld ihres Vaters; diesen Reiz hatte sein Sohn der Tochter der Mad. Miller geopfert und dies kränkte ihn. Die Bräute waren beide hübsch, wurden aber durch die Schönheit Sophiens so verdunkelt, daß sie Neid empfunden haben würden, wenn sie nicht die gutherzigsten Mädchen von der Welt gewesen wären, denn beider Männer konnten die Blicke von Sophien kaum abwenden, die an der Tafel saß wie eine Königin, die Huldigungen empfängt, oder wie ein höheres Wesen, das von allen Geschöpfen umher angebetet wird. Es war indeß eine Verehrung, die man ihr darbrachte, nicht die sie verlangte, denn sie zeichnete sich eben so wie durch andere Eigenschaften durch ihre Bescheidenheit und Huld aus. Der Abend verging in ächter Fröhlichkeit. Alle waren glücklich, am meisten die, die vorher am unglücklichsten gewesen waren. Ihre frühern Leiden und Besorgnisse gaben ihrem Glücke einen solchen Reiz, wie ihn Liebe und Vermögen 139 allein ohne jenen Umstand nicht würden haben geben können. Wie aber große Freude, namentlich nach plötzlich wechselnden Umständen, keine Worte hat und mehr im Herzen wohnt als auf der Zunge sitzt, so schienen auch Jones und Sophie die am wenigsten Fröhlichen zu sein, was Western mit großem Unwillen bemerkte, der ihnen häufig zurief: »warum sprichst Du nicht, Tom? Warum siehst Du so ernsthaft aus? Hast Du die Zunge verloren, Mädchen? Trink noch ein Glas Wein, trink noch ein Glas Wein!« Um sie aufzuheitern, sang er bisweilen ein lustiges Lied, das eine Anspielung auf die Heirath enthielt. Ja, er würde in seinen Reden so weit gegangen sein, daß Sophie das Zimmer würde haben verlassen müssen, wenn ihn nicht Allworthy durch Blicke und auch einigemal durch: »Pfui, Western!« im Zaume gehalten hätte. Einmal fing er sogar an darüber zu streiten und behauptete, er habe ein Recht, gegen seine Tochter zu reden, wie er wolle, aber Niemand unterstützte ihn und so schwieg er bald wieder. Trotz diesem geringen Zwange freuete er sich über die Heiterkeit und gute Laune der Gesellschaft so sehr, daß er darauf bestand, am nächsten Tage wieder alle in seiner Wohnung zu sehen. Alle versprachen es und kamen, und die liebenswürdige Sophie, die im geheimen auch junge Frau war, machte freundlich die Honneurs. Sie hatte am Morgen ihre Hand Jones gegeben nur im Beisein Allworthys, Westerns und der Mad. Miller. Außer diesen wußte Niemand etwas davon und es blieb auch verschwiegen bis Western, der bei der zweiten Flasche saß, seine Freude nicht länger zügeln konnte, sondern sein Glas füllte und die Gesundheit der jungen Frau trank. Ueberrascht wurde nur Sophie, denn Mad. Miller hatte die Sache ihrer Tochter vertraut, die Tochter ihrem Manne, dieser seiner Cousine und so fort. 140 Sophie benutzte die erste Gelegenheit, mit den Damen sich zu entfernen, der Squire aber blieb bei der Flasche sitzen, obgleich ihn allmälig alle verließen, bis auf den Oheim des jungen Nightingale, der die Flasche eben so liebte wie der alte Western. Beide hielten also tapfer aus den ganzen Abend und bis lange nach der glücklichen Stunde, welche die reizende Sophie in die Arme des entzückten Jones geführt hatte. So, lieber Leser, haben wir denn endlich unsere Geschichte zu Ende gebracht, bei welcher zu unserer großen Freude, vielleicht aber gegen Deine Erwartung, Jones der glücklichste aller Menschen zu sein scheint, denn ich weiß wirklich nicht, welches Glück die Welt bieten kann, das sich mit dem Besitze eines Weibes gleich Sophien vergleichen läßt. Was die andern Personen betrifft, die eine bedeutende Rolle in dieser Geschichte gespielt haben, so wollen wir noch einige Worte über dieselben hinzufügen, um so viel als möglich die Neugierde derer zu befriedigen, die wohl etwas von ihnen zu wissen wünschen. Allworthy hatte nicht vermocht werden können, Blifil wieder zu sehen, aber den Bitten Jones' nachgegeben und ihm 200 Pf. St. des Jahres ausgesetzt, denen Jones im Geheimen ein drittes Hundert hinzufügte. Von diesem Einkommen lebt er in einer der nördlichen Grafschaften, ungefähr 200 M. von London und legt jährlich 200 Pf. St. davon zurück, um sich einen Sitz im nächsten Parlemente von einem benachbarten Flecken zu kaufen. In der letzten Zeit ist er auch Methodist geworden, weil er Hoffnung hat, eine reiche Witwe dieser Secte zu heirathen, deren Güter in diesem Theile des Königreiches liegen. Square starb bald nachdem er den oben erwähnten Brief geschrieben hatte und Thwackum ist noch Landprediger. 141 Er hat viele vergebliche Versuche gemacht, das Vertrauen Allworthys wieder zu gewinnen oder sich selbst in die Gunst des Herrn Jones zu schleichen, denen er beiden in das Gesicht schmeichelt, während er sie hinter dem Rücken schmäht. Mad. Fitzpatrick ist von ihrem Manne geschieden und besitzt die geringen Ueberreste ihres Vermögens. Sie lebt geachtet in dem modischen Theile der Stadt und ist eine so gute Wirthin, daß sie dreimal so viel ausgiebt, als ihr Vermögen ihr einbringt, ohne Schulden zu machen. Sie steht auf vertrautem Fuße mit der Gattin des irischen Peers und gleicht durch Freundschaft gegen sie aus, was sie ihrem Gatten verdankt. Fräulein Western hat sich mit Sophien bald ausgesöhnt und blieb zwei Monate bei ihr auf dem Lande. Lady Bellaston machte der letzteren einen Besuch, als sie in die Stadt kam, benahm sich gegen Jones wie gegen einen ganz Fremden und wünschte ihm sehr artig Glück zu seiner Heirath. Herr Nightingale hat ein Gut für seinen Sohn in der Nähe von Jones gekauft, wo der junge Mann und seine Frau, Mad. Miller und deren jüngste Tochter wohnen und in inniger Freundschaft mit Jones und Sophien leben. Mad. Waters kehrte auf das Land zurück. Allworthy setzte ihr einen Jahrgehalt von 50 Pf. St. aus und sie verheirathete sich mit dem Pfarrer Supple, dem Western, auf Sophiens Bitten, eine ansehnliche Stelle gegeben hat. Der schwarze Georg entfloh, als er hörte, daß sein Diebstahl entdeckt sei, und man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Jones gab das Geld der Familie, doch nicht in gleichen Theilen, denn Molly erhielt das meiste. Dem Partridge setzte Jones 50 Pf. St. jährlich aus und er hat wieder eine Schule eröffnet. Eben jetzt wirbt 142 er um die Hand der Molly Seagrim und die Heirath kommt durch Sophiens Vermittelung wahrscheinlich zu Stande. Nun wenden wir uns wieder zu Jones und Sophien, die zwei Tage nach ihrer Heirath Western und Allworthy auf das Land begleiteten. Western übertrug sein Gut und den größeren Theil seines Vermögens seinem Schwiegersohne und bezog ein kleineres Haus in einer andern Gegend der Grafschaft, das für die Jagd besser liegt. Oft aber besucht er Jones, der wie Sophie alles aufbietet, um dem Alten Freude zu machen. Dies gelingt ihnen auch dermaßen, daß der alte Herr erklärt, er sei in seinem Leben nie so glücklich gewesen. Er hat auf dem Gute ein Zimmer für sich, wo er sich betrinkt, wann es ihm beliebt, und seine Tochter ist so bereitwillig wie sonst, ihm vorzuspielen, wenn er es wünscht, denn Jones hat sie versichert, sein größtes Glück neben dem, ihr zu gefallen, sei, den alten Mann glücklich zu machen. Sophie hat ihm bereits zwei hübsche Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, geschenkt, in die der alte Herr so vernarrt ist, daß er den größten Theil seiner Zeit in der Kinderstube zubringt, denn er versichert, das Schwatzen seiner Enkelin, die jetzt anderthalb Jahr alt ist, klinge ihm angenehmer als der schönste Anschlag aller Hunde in England. Auch Allworthy hat sich sehr freigebig gegen Jones gezeigt und keine Gelegenheit versäumt, seine Liebe gegen denselben und Sophien zu beweisen, die ihn beide lieben wie einen Vater. Jede Neigung zum Laster, die in Jones lag, ist durch den Umgang mit diesem guten Manne und seine Verbindung mit der liebenswürdigen und tugendhaften Sophie unterdrückt worden. 143 Es kann kein glücklicheres Paar auf Erden geben als Jones und Sophie. Sie haben noch immer die zärtlichste und reinste Liebe zu einander, eine Liebe, die täglich wächst durch gegenseitige Achtung. Auch ihr Benehmen gegen ihre Verwandten und Freunde ist nicht minder liebenswürdig. Ihre Freundlichkeit, ihre Herablassung und ihre Wohlthätigkeit gegen die unter ihnen Stehenden ist so groß, daß jeder Nachbar, jeder Pächter, jeder Diener dankbar den Tag segnet, an welchem Jones mit Sophien vermählt wurde.   Ende .