Alexander Dumas Zwanzig Jahre nachher. Dritter Band Historischer Roman aus dem Französischen von Zoller, durchgesehen von M. Pannwitz. Fortsetzung von Die drei Musketiere. Stuttgarter Ausgabe. Heil der gefallenen Majestät Als unsere Flüchtlinge sich dem Hause näherten, sahen sie die Erde zusammengetreten, als ob eine beträchtliche Reitertruppe vor ihnen dagewesen wäre; vor der Tür waren die Spuren noch sichtbarer; die Truppe hatte offenbar hier Halt gemacht. Bei Gott, die Sache ist klar, rief Mousqueton, der König und seine Eskorte sind hier durchgekommen. Teufel! sprach Porthos, sie werden alles verschlungen haben. Bah! entgegnete d'Artagnan, sie haben gewiß noch ein Huhn übrig gelassen. Und er sprang von seinem Pferd und klopfte an die Tür; aber niemand antwortete. Er stieß die Tür auf, die nicht verschlossen war, und fand das erste Zimmer leer und verlassen. Nun? fragte Porthos. – Ich sehe niemand, erwiderte d'Artagnan. Ah, ah! – Was? – Blut! Bei diesem Wort sprangen die drei Freunde ebenfalls von ihren Pferden und traten ins erste Zimmer; aber d'Artagnan hatte bereits die Tür des zweiten geöffnet, und an dem Ausdruck seines Gesichtes konnte man sehen, daß er etwas Außerordentliches wahrnahm. Die drei Freunde näherten sich und erblickten einen noch jungen Menschen, der in einer Blutlache auf dem Boden ausgestreckt lag. Man sah, daß er sein Bett hatte erreichen wollen, aber aus Mangel an Kraft vorher niedergefallen war. Athos war der erste, der zu dem Unglücklichen trat; er glaubte eine Bewegung an ihm bemerkt zu haben. Nun? fragte d'Artagnan. Wenn er tot ist, erwiderte Athos, so kann er es nicht lange sein, denn ich fühle noch Wärme in ihm. Bei Gott, sein Herz schlägt. He! Freund! Der Verwundete stieß einen Seufzer aus; d'Artagnan nahm Wasser in seine hohle Hand und spritzte es ihm ins Gesicht. Der junge Mann öffnete seine Augen, machte eine Bewegung, um seinen Kopf aufzurichten, und fiel wieder zurück. Athos sah, daß der Verwundete am Schädel eine tiefe Wunde hatte, die stark blutete. Er tauchte eine Serviette ins Wasser und legte sie auf die Wunde; die Frische rief den Verwundeten zu sich, und er öffnete zum zweiten Mal die Augen. Erstaunt schaute er die Menschen an, die ihn zu beklagen schienen und ihm, soweit es in ihrer Macht lag, Hilfe zu leisten suchten. Ihr seid bei Freunden, sagte Athos englisch, beruhigt Euch also, und wenn Ihr die Kraft dazu habt, so erzählt uns, was vorgefallen ist. Der König, murmelte der Verwundete, der König ist gefangen. Ihr habt ihn gesehen? fragte Aramis in derselben Sprache. Der junge Mann antwortete nicht. Seid unbesorgt, versetzte Athos, wir sind treue Diener Seiner Majestät. – Ist es wahr, was Ihr mir da sagt? fragte der Verwundete. – Bei unserem adeligen Ehrenwort. – Dann kann ich Euch alles sagen. – Sprecht. – Ich bin der Bruder Parrys, des Kammerdieners Seiner Majestät. Wir kennen ihn, sprach Athos, er verließ den König nie. Ja, so ist es, sagte der Verwundete. Als er den König gefangen sah, dachte er an mich; man kam an diesem Hause vorüber, er bat um Gottes willen, daß man hier anhalten möchte. Die Bitte wurde bewilligt. Der König, sagte man, habe Hunger; man ließ ihn in das Zimmer eintreten, wo ich mich befinde, damit er speisen könnte, und stellte Schildwachen an die Türen und Fenster. Parry kannte dieses Zimmer, denn er hatte mich wiederholt besucht, während sich Seine Majestät in Newcastle aufhielt. Er wußte, daß in diesem Zimmer eine Falltür war, daß diese Falltür in den Keller führte, und daß man aus dem Keller in den Obstgarten gelangen konnte. Er machte mir ein Zeichen. Ich begriff. Aber dieses Zeichen wurde ohne Zweifel von den Wächtern des Königs bemerkt und machte sie mißtrauisch. Da ich nicht wußte, daß man etwas vermutete, so hatte ich nur ein Verlangen, nämlich den König zu retten. Ich stellte mich daher, als ginge ich hinaus, um Holz zu holen, denn ich dachte, es sei keine Zeit zu verlieren, und trat in den unterirdischen Gang, der in den Keller führte, der mit der Falltür in Verbindung stand; ich hob das Brett mit meinem Kopfe auf, und während Parry leise den Türriegel vorstieß, bedeutete ich dem König durch ein Zeichen, er möge mir folgen. Ach! er wollte nicht, man hätte glauben sollen, diese Flucht widerstrebe ihm. Aber Parry faltete flehend die Hände, ich bat ihn ebenfalls, eine solche Gelegenheit nicht entschlüpfen zu lassen. Endlich entschloß er sich, mir zu folgen. Ich ging zum Glück voraus; der König kam einige Schritte hinter mir, als ich plötzlich in dem unterirdischen Gange etwas wie einen großen Schatten sich erheben sah. Ich wollte schreien, um den König zu benachrichtigen, aber ich hatte nicht mehr Zeit dazu. Ich fühlte einen Schlag, als ob das Haus über meinem Kopf zusammenstürzte, und fiel ohnmächtig nieder. Guter, rechtschaffener Engländer! treuer Diener! sprach Athos. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf demselben Platze. Ich schleppte mich bis in den Hof; der König und seine Eskorte hatten sich entfernt. Ich brauchte vielleicht eine Stunde, um vom Hof hierher zu gelangen; hier aber schwanden meine Kräfte, und ich fiel abermals in Ohnmacht. Sie trugen den Mann auf sein Bett. Man ließ Grimaud kommen, der seine Wunde verband. Grimaud hatte im Dienst der vier Freunde so oft Gelegenheit gehabt, Scharpie und Kompressen zu machen, daß ein gewisser Schimmer von Wundarzneikunde an ihm haften geblieben war. Während dieser Zeit kehrten die Flüchtlinge in das erste Zimmer zurück, um zu beratschlagen. Wir wissen nun, woran wir uns zu halten haben, sprach Aramis, der König und seine Eskorte sind tatsächlich hier vorübergekommen; wir müssen die entgegengesetzte Richtung einschlagen. Ist dies auch Eure Ansicht, Athos? Athos antwortete nicht, er dachte nach; dann wandte er sich an d'Artagnan mit der Frage: Was denkt Ihr? Seid Ihr der Meinung von Aramis? – Nein, erwiderte d'Artagnan, ich bin ganz entgegengesetzter Meinung. – Wie? Ihr wollt der Eskorte folgen? rief Porthos erschrocken. – Nein, aber mit ihr marschieren. – Mit der Eskorte marschieren! rief Aramis. – Laßt d'Artagnan reden, Ihr wißt, daß er der Mann des guten Rates ist, sagte Athos. – Allerdings, sprach d'Artagnan, wir müssen dahin gehen, wo man uns nicht suchen wird. Man wird sich aber wohl hüten, uns unter den Puritanern zu suchen; gehen wir also unter die Puritaner! – Gut, Freund, gut; ein vortrefflicher Rat; ich hätte ihn gegeben, wenn Ihr mir nicht zuvorgekommen wäret, sagte Athos. – Es ist also auch Eure Ansicht? fragte Aramis. – Ja, man wird glauben, wir wollen England verlassen, man wird uns in den Häfen suchen; während dieser Zeit gelangen wir mit dem König nach London. Sind wir einmal in London, so kann man uns nicht finden; unter einer Million Menschen ist es nicht schwer, sich zu verbergen, abgesehen von den Aussichten, die uns diese Reise bietet, fügte Athos mit einem Blick auf Aramis bei. – Ja, versetzte dieser, ich begreife. Aber werden wir dem Obersten Harrison nicht verdächtig vorkommen? Ei! Gottes Tod, gerade auf ihn zähle ich, rief d'Artagnan; der Oberst Harrison gehört zu unsern Freunden; wir haben ihn zweimal bei dem General Cromwell gesehen; er weiß, daß wir von Mazarin zu ihm geschickt worden sind, und wird uns als Freunde betrachten. Ist er übrigens nicht der Sohn eines Fleischers? Nun, Porthos zeigt ihm, wie man einen Ochsen mit einem Faustschlag tötet, und ich, wie man einen Stier niederwirft, indem man ihn an den Hörnern packt; dadurch werden wir sein Zutrauen gewinnen. Athos lächelte und sagte: Ihr seid der beste Gefährte, den ich kenne, d'Artagnan, und ich bin glücklich, Euch wiedergefunden zu haben, mein lieber Sohn. In diesem Augenblick trat Grimaud aus dem andern Zimmer. Der Verwundete war verbunden und befand sich besser. Die vier Freunde nahmen von ihm Abschied und fragten ihn, ob er ihnen nicht einen Auftrag an seinen Bruder zu geben hätte. Sagt ihm, erwiderte der brave Mann, er möge den König wissen lassen, daß sie mich nicht ganz umgebracht haben. So wenig ich auch bin, so weiß ich doch, daß Seine Majestät mich bedauern und sich meinen Tod zum Vorwurf machen würde. Seid unbesorgt, sprach d'Artagnan, er soll es vor Abend erfahren. Der kleine Trupp setzte sich wieder in Marsch. Bald sahen sie in einer Entfernung von etwa einer Stunde eine bedeutende Reiterschar vor sich. Liebe Freunde, sprach d'Artagnan, gebt eure Degen Herrn Mousqueton, der sie euch seiner Zeit und gehörigen Orts wiedergeben wird, und vergeßt nicht, daß ihr unsere Gefangenen seid. Dann setzte man die Pferde, die müde zu werden anfingen, in Trab, und bald hatte man die Eskorte eingeholt. Als der König, der auch jetzt noch seine Würde bewahrte, Athos und Aramis erblickte, stieg, obgleich er sie für Gefangene hielt, eine Röte der Freude in seine bleichen Wangen. D'Artagnan erreichte die Spitze der Kolonne, ließ seine Freunde unter Porthos' Bewachung zurück und ritt gerade auf Harrison zu, der ihn wirklich als einen Mann erkannte, den er bei Cromwell gesehen hatte, und ihn so artig empfing, wie ein Mensch seiner Herkunft und seines Charakters irgend jemand empfangen konnte. Man hielt an; bei diesem Halt sollte der König zu Mittag speisen. Nur wurden diesmal Vorsichtsmaßregeln getroffen, um jeden Fluchtversuch zu verhindern. Im großen Zimmer des Gasthauses wurden ein kleiner Tisch für ihn und ein großer für die Offiziere aufgestellt. Speist Ihr mit mir? fragte Harrison d'Artagnan. Teufel! erwiderte dieser, das würde mir großes Vergnügen machen, aber ich habe meinen Gefährten, Herrn du Vallon und meine zwei Gefangenen, die ich nicht verlassen kann, und so würde Euer Tisch gar zu sehr in Anspruch genommen. Doch laßt einen Tisch in irgend einem Winkel hier decken und schickt uns, was Euch beliebt, von dem Eurigen, denn sonst laufen wir Gefahr, zu verhungern. Wir speisen dann immer noch zusammen, insofern wir in einem Zimmer speisen. Es sei! sprach Harrison. Die Sache wurde nach d'Artagnans Wunsch geordnet, und als er zurückkam, fand er den König bereits an seinem Tischchen sitzend und von Parry bedient. Die Tafel, an der die puritanischen Offiziere saßen, war rund, und Harrison kehrte, mochte es nun Zufall oder plumpe Absicht sein, dem König den Rücken. Die vier Edelleute setzten sich an den ihnen vorbehaltenen Tisch und nahmen ihre Plätze so, daß sie niemand den Rücken zukehrten; ihnen gegenüber waren der Offizierstisch und der Tisch des Königs. Um seine Gäste zu ehren, schickte ihnen Harrison die besten Gerichte seiner Tafel. Meiner Treu', Oberst, sprach d'Artagnan, wir sind Euch sehr dankbar für Eure freundliche Einladung, denn ohne Euch liefen wir Gefahr, das Mittagessen entbehren zu müssen, wie wir das Frühstück entbehren mußten, und mein Freund, Herr du Vallon hier, teilt meine Dankbarkeit, denn er hatte großen Hunger. Ich habe noch Hunger, sprach Porthos, sich vor dem Oberst Harrison verbeugend. Und wie hat sich das wichtige Ereignis zugetragen, daß Ihr das Frühstück entbehren mußtet? fragte lachend der Oberst. D'Artagnan erzählte darauf, sie hätten unterwegs alles von der vorausreitenden Eskorte verzehrt gefunden, und verflocht in seinem Bericht mit kluger Berechnung den für den König und Parry berechneten Umstand, daß sie in einem Häuschen statt der erwarteten Hühner einen scheinbar getöteten, aber in Wahrheit nicht lebensgefährlich verwundeten Menschen gefunden hätten. Ein Offizier an des Obersten Seite, namens Groslow, der sich als der Angreifer des jungen Mannes bekannte, war über diese Mitteilung betreten, während Karl I. und Parry, die d'Artagnans Worten atemlos gefolgt waren, erfreut aufatmeten. In der Tat, d'Artagnan, sprach Athos leise, Ihr seid zugleich ein Mann von Wort und von Geist. Aber was sagt Ihr von dem König? Sein Gesicht gefällt mir ungemein, versetzte d'Artagnan; er sieht edel und gut aus. Ja, aber er läßt sich gefangen nehmen, entgegnete Porthos, und darin hat er unrecht. Ich habe Lust, auf die Gesundheit des Königs zu trinken, sagte Athos. Dann laßt mich die Gesundheit ausbringen, sprach d'Artagnan. Tut es, versetzte Aramis. D'Artagnan nahm seinen zinnernen Becher, füllte ihn, stand auf und sprach zu seinen Gefährten: Trinken wir auf den Vorsitzenden bei unserm Mahl, auf unsern Obersten, und er mag wissen, daß wir ihm bis London und noch weiter zu Diensten sind! Und da d'Artagnan bei diesen Worten Harrison anschaute, so glaubte dieser, der Toast gelte ihm; er erhob sich also und trank den vier Freunden zu, die, die Augen auf König Karl geheftet, gleichzeitig tranken. Karl reichte sein Glas Parry, der ihm einige Tropfen Bier eingoß, denn der König wurde gerade wie die andern bedient; dann setzte er es an den Mund, schaute die vier Edelleute an und leerte es mit einem würdevollen Lächeln der Dankbarkeit. Auf, meine Herren, rief Harrison, sein Glas wieder auf den Tisch stellend und ohne irgend eine Rücksicht für den erhabenen Gefangenen, den er führte, vorwärts! Wo werden wir Nachtlager halten, Oberst? In Tirsk, antwortete Harrison. Parry, sagte der König, ebenfalls aufstehend und sich nach seinem Diener umwendend, mein Pferd. Ich will nach Tirsk reiten. D'Artagnan findet einen Plan Bei Einbruch der Nacht gelangte man nach Tirsk. Die vier Freunde schienen vollkommen gleichgültig gegen die Vorsichtsmaßregeln, die man nahm, um der Person des Königs versichert zu sein. Sie zogen sich in ein Privathaus zurück, und da sie jeden Augenblick für sich selbst zu fürchten hatten, so richteten sie sich in einem einzigen Zimmer ein, wobei sie sich für den Fall eines Angriffs einen Ausgang offen hielten. Die Bedienten wurden auf verschiedene Posten verteilt. Grimaud schlief vor der Tür auf einem Bund Stroh. Am andern Morgen war d'Artagnan zuerst auf den Beinen. Er hatte bereits den Stall und die Pferde untersucht und die nötigen Befehle für den Tag gegeben, als Aramis und Athos nicht einmal aufgestanden waren und Porthos noch schnarchte. Um acht Uhr morgens setzte man sich in derselben Ordnung in Marsch, wie am Tage zuvor. Nur ließ d'Artagnan seine Freunde allein reiten und suchte mit Groslow, der etwas Französisch sprach, die bei dem Mittagsmahl Tags vorher angeknüpfte Bekanntschaft weiter fortzuspinnen. In der Tat, mein Herr, sagte d'Artagnan zu ihm, ich bin glücklich, einen Mann zu finden, mit dem ich mich in meiner eigenen Sprache unterhalten kann. Herr du Vallon, mein Freund, ist von äußerst schwermütigem Charakter, so daß man oft den ganzen Tag kaum vier Worte aus ihm herausbringen kann; was unsere Gefangenen betrifft, so begreift Ihr, daß sie keine große Lust haben, sich in ein Gespräch einzulassen. – Es sind wütende Royalisten, versetzte Groslow. – Deshalb grollen sie uns auch so sehr, daß wir den Stuart gefangen genommen haben, dem Ihr hoffentlich ohne weiteres den Prozeß machen werdet? – Gott verdamme mich, erwiderte Groslow, wir führen ihn aus diesem Grunde nach London. – Und ich denke, Ihr werdet ihn nicht aus dem Gesicht verlieren. – Den Teufel! ich glaube wohl, Ihr seht, fügte der Offizier lachend bei, er hat eine wahrhaft königliche Eskorte. – Oh! bei Tag ist keine Gefahr, daß er entkommen könnte, aber bei Nacht... – Bei Nacht werden die Vorsichtsmaßregeln verdoppelt. – – Auf welche Art laßt Ihr ihn bewachen? – Acht Mann bleiben beständig in seinem Zimmer. – Teufel! rief d'Artagnan, er ist gut bewacht, aber neben diesen acht Mann stellt Ihr ohne Zweifel auch außen eine Wache auf? Man kann bei einem solchen Gefangenen nicht behutsam genug sein. – Oh! nein. Bedenkt doch, was können zwei unbewaffnete Menschen gegen acht bewaffnete Männer machen? – Wie, zwei Menschen? – Ja, der König und sein Kammerdiener. – Man hat also dem Kammerdiener erlaubt, bei ihm zu bleiben? – Ja, Stuart hat um diese Vergünstigung gebeten, und der Oberst Harrison willigte ein. Unter dem Vorwand, daß er ein König ist, scheint er sich weder allein ankleiden noch auskleiden zu können. – Aber, sagte d'Artagnan, macht Ihr's Euch auch kurzweilig bei der Wache? Macht Ihr ein Spielchen, wie wir es in Paris bei solchen Gelegenheiten tun? – Nie, sprach der Engländer. – Dann müßt Ihr viel Langeweile haben, und ich beklage Euch. – Ich sehe allerdings mit einem gewissen Schrecken die Reihe an mich kommen. Es währt verdammt lange, wenn man eine ganze Nacht wachen muß. – Ja, wenn man allein oder mit albernen Soldaten wacht; wacht man aber mit einem lustigen Gesellen und läßt das Gold und die Würfel über den Tisch hinrollen, so geht die Nacht wie ein Traum vorüber. Ihr liebt also das Spiel nicht? – Im Gegenteil. – Lanzknecht, zum Beispiel. – Ich liebe es wahnsinnig und spielte es beinahe jeden Abend, als ich in Frankreich war, wohin mich mein Vater auf drei Jahre geschickt hatte. – Und seitdem Ihr in England seid? – Habe ich weder einen Würfelbecher noch eine Karte in der Hand gehabt. – Ich beklage Euch, sprach d'Artagnan mit einer Miene tiefen Mitleids. – Hört! versetzte der Engländer, Ihr könntet etwas tun. – Was? – Morgen bin ich auf der Wache. – Bei Stuart? – Ja, bringt die Nacht bei mir zu. – Unmöglich. – Unmöglich? – Rein unmöglich. – Warum? – Jede Nacht mache ich eine Partie mit Herrn du Vallon; zuweilen gehen wir nicht zu Bette... so spielten wir diesen Morgen noch, als es bereits Tag war. – Nun? – Er würde sich zu sehr langweilen, wenn ich nicht eine Partie mit ihm machte. – Ist er ein guter Spieler? – Ich habe ihn zweitausend Pistolen verlieren und dabei lachen sehen, daß ihm die Tränen kamen. – Bringt ihn mit. – Wie kann ich dies? Unsere Gefangenen? – Ah! Teufel, das ist wahr, sprach der Offizier. Doch laßt sie durch Eure Lakaien bewachen. – Ja, damit sie entfliehen! versetzte d'Artagnan. Ich werde mich wohl hüten. – Es sind also Leute von Stand, daß Euch so viel daran gelegen ist? – Teufel! der eine ist ein reicher Herr aus der Touraine, der andere ein Malteser Ritter aus vornehmem Hause. Wir haben ihr Lösegeld zu 2000 Pfund Sterling für jeden bei der Ankunft in Frankreich festgesetzt und wollen Leute, von denen unsere Lakaien wissen, daß es Millionäre sind, nicht einen Augenblick verlassen. – Ah! ah! rief Groslow. – Ihr begreift also nun, was mich nötigt, Eure höfliche Einladung auszuschlagen, die ich um so mehr zu schätzen weiß, als es im höchsten Grade langweilig ist, immer mit derselben Person zu spielen. – Ah! entgegnete Groslow mit einem Seufzer, es gibt etwas noch Langweiligeres – gar nicht zu spielen. Ich begreife das. – Aber sprecht, sind Eure Gefangenen gefährliche Menschen? – In welcher Beziehung? – Sind sie fähig, ein keckes Wagnis zu unternehmen? D'Artagnan brach in ein Gelächter aus. Herr Jesus! rief er, der eine zittert vor Fieberfrost, denn er kann sich nicht an Euer reizendes Land gewöhnen; der andere ist ein Malteser Ritter, so schüchtern wie ein junges Mädchen, und zu größerer Sicherheit haben wir ihnen sogar ihre Messer und Taschenscheren weggenommen. – Gut, so bringt sie mit, sagte Groslow. – Wie? Ihr wollt? – Ja, ich habe acht Mann, vier bewachen Eure Gefangenen, vier bewachen den König. – So läßt sich die Sache allerdings machen, versetzte d'Artagnan, obgleich ich Euch dadurch sehr beschwerlich fallen muß. – Bah! kommt immerhin, Ihr sollt sehen, wie ich das ordne. – Oh! darüber beunruhige ich mich nicht; einem Manne, wie Ihr seid, überlasse ich mich mit geschlossenen Augen. Aber, wenn ich bedenke, fuhr er fort, was hindert uns, schon diesen Abend zu beginnen? – Was? – Unsere Partie. – Nichts in der Welt, erwiderte Groslow. Sie verabredeten also, daß Groslow an diesem Abend zu den Freunden kommen und diese ihm am nächsten Abend bei seiner Wache Gesellschaft leisten sollten, worauf sie sich voneinander verabschiedeten und d'Artagnan zu seinen Gefährten zurückkehrte. Was zum Teufel hattet Ihr mit dieser Bulldogge zu verhandeln? fragte Porthos. Mein Lieber, sprecht nicht in diesem Tone von Herrn Groslow, er ist einer meiner vertrautesten Freunde. Einer Eurer Freunde! rief Porthos, dieser Bauernschinder? Still, mein lieber Porthos. Jawohl, es ist wahr, Herr Groslow ist etwas lebhaft, aber ich habe doch zwei gute Eigenschaften bei ihm entdeckt; er ist dumm und stolz. Porthos riß seine Augen voll Verwunderung auf. Athos und Aramis schauten sich lächelnd an; sie kannten d'Artagnan und wußten, daß er nichts absichtslos tat. Nun, Ihr sollt ihn selbst beurteilen, sagte d'Artagnan. – Wieso? – Ich stelle ihn Euch diesen Abend vor; er kommt, um mit uns zu spielen. – Oh! oh! rief Porthos, dessen Augen sich bei diesem Wort entflammten, er ist reich? – Er ist der Sohn eines der bedeutendsten Kaufleute in London. – Und er kann Lanzknecht? – Gut, sprach Porthos, wir werden eine angenehme Nacht zubringen. – Eine um so angenehmere, als sie uns eine noch viel bessere Nacht verspricht. – Wieso? – Wir geben ihm diesen Abend eine Spielpartie, er gibt uns morgen eine. – Wo dies? – Ich werde es Euch sagen. Wir haben uns jetzt nur damit zu beschäftigen, daß wir die Ehre, die uns Herr Groslow erzeigt, würdig ausnehmen. Wir halten diesen Abend in Derby an; Mousqueton reitet voraus, und findet sich eine einzige Flasche Wein in der ganzen Stadt, so kauft er sie. Es wäre auch nicht übel, wenn er Vorkehrungen zu einem guten Abendessen träfe, woran Ihr nicht teilnehmt, Athos, weil Ihr das Fieber habt, und Ihr, Aramis, ebenfalls nicht, weil Ihr Malteser Ritter seid und die Späße von Kriegsknechten Euch erröten machen. Hört Ihr wohl? – Ja, erwiderte Porthos, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich es begreife. – Porthos, mein Freund, Ihr wißt, daß ich von väterlicher Seite von den Propheten und von mütterlicher von den Sibyllen abstamme, daß ich nur in Gleichnissen und Rätseln spreche; wer Ohren hat zu hören, der höre; wer Augen hat zu sehen, der sehe. Ich kann für den Augenblick nicht mehr sagen. Gegen fünf Uhr abends ließ man, wie dies verabredet war, Mousqueton vorausreiten, der eine passende Herberge aussuchte. Den ganzen Tag hatten sich die vier Freunde, aus Furcht, Verdacht zu erregen, dem König nicht genähert, und statt an der Tafel des Obersten Harrison zu speisen, wie sie dies den Tag zuvor getan, speisten sie unter sich zu Mittag. Zur bestimmten Stunde erschien Groslow. D'Artagnan empfing ihn, wie einen zwanzigjährigen Freund. Porthos maß ihn vom Scheitel bis zu den Zehen und lächelte, als er erkannte, daß er bei weitem kein Mann von seiner Stärke war. Athos und Aramis taten, was in ihren Kräften lag, um den Ekel zu verbergen, den ihnen diese rohe, plumpe Natur einflößte. Groslow schien mit dem Empfang zufrieden. Athos und Aramis verhielten sich ihren Rollen gemäß. Um Mitternacht zogen sie sich in ihr Zimmer zurück, dessen Tür man unter dem Vorwand der Bewachung offen ließ. D'Artagnan begleitete sie überdies und ließ Porthos im Kampfe mit Groslow zurück. Porthos gewann fünfzig Pistolen von Groslow und fand, als dieser sich entfernt hatte, seine Gesellschaft sei doch angenehmer, als er anfangs geglaubt. Groslow gedachte sich am andern Tag bei d'Artagnan für den Verlust zu entschädigen, den er bei Porthos erlitten hatte, und erinnerte den Gascogner, als er ihn verließ, an das Rendezvous bei seiner Wache. Der nächste Tag ging wie gewöhnlich vorüber; d'Artagnan ritt vom Kapitän Groslow zum Obersten Harrison und vom Obersten Harrison zu seinen Freunden. Für jeden, der ihn nicht kannte, schien d'Artagnan in seiner gewöhnlichen Gemütsverfassung zu sein; für seine Freunde, nämlich für Athos und Aramis, war seine Heiterkeit Fieber. Was kann er vorhaben? sagte Aramis. Wir wollen warten, antwortete Athos. Porthos sprach nichts, er zählte nur mit zufriedener Miene die fünfzig Pistolen, die er Groslow abgenommen hatte, in seiner Tasche. Als man abends in Ryston ankam, versammelte d'Artagnan seine Freunde. Sein Gesicht hatte den Charakter sorgloser Heiterkeit verloren, den es den ganzen Tag hindurch als Maske trug. Athos drückte Aramis die Hand und sagte: Der Augenblick naht. Ja, sprach d'Artagnan, der es gehört hatte, ja, der Augenblick naht; diese Nacht, meine Herren, retten wir den König. Athos bebte, seine Augen entflammten sich. D'Artagnan, sagte er zweifelnd, nachdem er gehofft hatte, nicht wahr, es ist kein Scherz? Es würde mir allzu wehe tun. Es ist seltsam, Athos, daß Ihr an mir zweifelt, sprach d'Artagnan. Wann und wo habt Ihr mich mit dem Herzen eines Freundes und dem Leben eines Königs scherzen sehen? Ich habe Euch gesagt und wiederhole es, daß wir heute nacht Karl I. das Leben retten. Porthos schaute d'Artagnan mit einem Ausdruck hoher Bewunderung an. Aramis lächelte wie ein Hoffender. Athos war bleich wie der Tod und zitterte an allen Gliedern. Sprecht, sagte Athos. Wir sind eingeladen, die Nacht bei Herrn Groslow zuzubringen, ihr wißt dies? – Ja, erwiderte Porthos, er hat uns das Versprechen abgenommen, ihm Revanche zu geben. – Wohl. Aber wißt ihr, wo er uns Revanche geben wird? – Nein. – Bei dem König. – Bei dem König! rief Athos. – Ja, meine Herren, bei dem König. Herr Groslow hat diesen Abend die Wache bei Seiner Majestät, und um sich dabei etwas zu zerstreuen, ladet er uns ein, ihm Gesellschaft zu leisten. – Alle vier? sprach Athos. – Gewiß, bei Gott! alle vier; verlassen wir denn unsere Gefangenen? – Ah! ah! rief Aramis. – Laßt hören, sagte Athos zitternd. – Wir begeben uns also zu Groslow, wir mit unseren Degen, ihr mit euern Dolchen; wir vier überwältigen diese acht Dummköpfe und ihren einfältigen Anführer. Herr Porthos, was sagt Ihr dazu? – Ich sage, das ist nicht schwer, erwiderte Porthos. – Wir kleiden den König als Groslow; Mousqueton, Grimaud und Blaisois halten unsere Pferde an der Wendung der ersten Straße, wir schwingen uns auf, und vor Tag sind wir zwanzig Stunden von hier. Nun, wie ist das angesponnen, Athos? Athos legte d'Artagnan seine Hände auf die Schultern, schaute ihn mit seinem ruhigen, sanften Lächeln an und sprach: Ich erkläre, Freund, daß es kein Geschöpf unter dem Himmel gibt, das Euch an Edelsinn und Mut nahe kommt. Ich wiederhole dir also, d'Artagnan, du bist der Beste von uns, und ich segne und liebe dich, mein teurer Sohn. Daß ich es nicht gefunden habe! sagte Porthos und schlug sich dabei vor die Stirne; es ist doch ganz einfach. Doch wenn ich recht begriffen habe, werden wir alle töten, nicht wahr? fragte Aramis. Athos bebte und wurde sehr bleich. Gottes Tod! rief d'Artagnan, es wird wohl sein müssen. Ich habe lange über ein Mittel nachgedacht, wie man das vermeiden könnte, aber ich gestehe, daß ich keines finden konnte. Es handelt sich nicht darum, mit der Lage der Dinge zu feilschen, versetzte Aramis; wie gehen wir zu Werke? Ich habe einen doppelten Plan entworfen, sagte d'Artagnan. Laßt den ersten hören, versetzte Aramis. Sind wir alle vier vereinigt, so stößt jeder von euch auf mein Signal, dieses Signal ist das Wort Endlich , dem zunächst stehenden Soldaten einen Dolch ins Herz; wir unsererseits tun dasselbe. Dann sind einmal vier Mann tot; die Partie wird also gleich, denn wir sind vier gegen fünf; diese fünf ergeben sich, und wir knebeln sie, oder sie verteidigen sich, und man tötet sie. Sollte zufällig unser Bewirter seine Ansicht ändern und bei seiner Partie nur Porthos und mich zulassen, so muß man bei Gott zu den großen Mitteln greifen und doppelt schlagen, das wird etwas lange und stürmisch werden. Ihr haltet euch außen mit Dolchen und eilt auf den Lärm herbei. Aber, wenn man Euch selbst schlüge? sprach Athos. Unmöglich, erwiderte d'Artagnan; diese Biertrinker sind zu plump und ungeschickt; übrigens schlagt Ihr an die Gurgel, Porthos, das tötet ebenso schnell und hindert die Leute zu schreien. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und es erschien ein Soldat. Der Herr Kapitän Groslow, sagte er in schlechtem Französisch, läßt Herrn d'Artagnan und Herrn du Vallon benachrichtigen, daß er sie erwartet. Wo? In dem Zimmer des englischen Nebukadnezars, antwortete der Soldat, ein eingefleischter Puritaner. Es ist gut, erwiderte in vortrefflichem Englisch Athos, dem bei dieser Beleidigung der königlichen Majestät die Röte ins Gesicht gestiegen war; es ist gut, sagt dem Kapitän Groslow, wir kommen. Als der Puritaner weggegangen war, wurde den Lakaien Befehl gegeben, acht Pferde zu satteln und, ohne daß einer sich von dem andern trennen oder absteigen dürfe, an der Ecke einer Straße zu warten, die ungefähr zwanzig Schritte von dem Hause lag, wo der König einquartiert war. Die Lanzknecht-Partie Es war neun Uhr abends, die Posten waren um acht Uhr abgelöst worden, und seit einer Stunde hatte die Wache des Kapitäns Groslow angefangen. D'Artagnan und Porthos, mit ihren Degen bewaffnet, Athos und Aramis, jeder mit einem Dolch auf der Brust, begaben sich nach dem Hause, das Karl Stuart als Gefängnis diente. Meiner Treu! rief Groslow, als er sie erblickte, ich zählte nicht mehr auf euch. D'Artagnan näherte sich ihm und erwiderte leise: Herr du Vallon und ich zögerten wirklich einen Augenblick, ob wir kommen sollten. Warum? fragte Groslow. D'Artagnan bezeichnete ihm mit dem Auge Athos und Aramis. Ah! ah! wegen der Gesinnung? Daran ist wenig gelegen, sprach Groslow. Im Gegenteil, fügte er lachend bei, wenn sie ihren Stuart sehen wollen, so werden sie ihn sehen. Bringen wir die Nacht im Zimmer des Königs zu? fragte d'Artagnan. Nein, aber im anstoßenden Zimmer, und da die Tür offen bleiben wird, so ist es gerade, als ob wir im Zimmer selbst wären. Ihr habt Euch mit Geld versehen? Ich erkläre Euch, daß ich heute abend höllisch zu spielen gedenke. Hört Ihr? sagte d'Artagnan und ließ das Gold in seinen Taschen klingen. Ah, gut! sprach Groslow. Und er öffnete die Tür des Zimmers. Ich will Euch den Weg zeigen, sagte er und ging voraus. Die acht Wachen waren auf ihrem Posten; vier befanden sich im Zimmer des Königs, zwei an der Verbindungstür, zwei an der Tür, durch welche die vier Freunde eintraten. Beim Anblick der Schwerter lächelte Athos; es handelte sich nicht um eine Schlächterei, sondern um einen Kampf. Von diesem Augenblick an schien seine ganze gute Laune wiederbelebt. Karl, den man durch die offene Tür erblickte, lag ganz angekleidet auf seinem Bett, nur mit einer wollenen Decke bedeckt. Zu seinen Häupten saß Parry und las mit leiser Stimme, doch laut genug, daß es der König, der mit geschlossenen Augen zuhörte, vernahm, ein Kapitel aus einer katholischen Bibel. Ein schlechtes Unschlittlicht, das auf dem schwarzen Tisch stand, beleuchtete das ergebene Antlitz des Königs und das weit weniger ruhige Gesicht seines treuen Dieners. Von Zeit zu Zeit unterbrach sich der gute Parry, im Glauben, der König schlafe wirklich; dann öffnete dieser die Augen und sagte: Fahr fort, mein guter Parry, ich höre. Im ersten Zimmer war ein Tisch bereitet, und auf diesem mit einem Teppich bedeckten Tische befanden sich zwei brennende Lichter, Karten, zwei Becher und Würfel. Meine Herren, sagte Groslow, ich bitte, setzt Euch: ich Stuart gegenüber, den ich so gern sehe, besonders da, wo er ist, Ihr, Herr d'Artagnan, mir gegenüber. Athos wurde rot vor Zorn, d'Artagnan schaute ihn mit gefalteter Stirne an. Gut, sprach d'Artagnan; Ihr, Herr Graf de la Fère, zur Rechten des Herrn Groslow, Ihr, Herr Chevalier d'Herblay, zu seiner Linken, Ihr, Herr du Vallon, neben mir. Ihr wettet auf mich und diese Herren auf Herrn Groslow. D'Artagnan hatte so Porthos neben sich und sprach mit dem Knie zu ihm, zu Athos und Aramis mit seinen Augen. Bei dem Namen Graf de la Fère und Chevalier d'Herblay öffnete Karl seine Augen wieder, erhob unwillkürlich sein edles Haupt und umfaßte mit einem Blick alle Personen dieser Scene. In diesem Moment wandte Parry einige Blätter seiner Bibel um und las ganz laut folgenden Vers des Jeremias: Der Herr spricht: Höret die Worte der Propheten, meiner Knechte, welche ich mit großer Sorge geschickt und zu euch geführt habe. Die vier Freunde wechselten einen Blick. Die Worte, die Parry gelesen, deuteten ihnen an, daß der König sich ihre Anwesenheit recht erklärte. D'Artagnans Augen funkelten vor Freude. Ihr fragtet mich soeben, ob ich bei Geld sei, sagte d'Artagnan, und legte zwanzig Pistolen auf den Tisch. Ja, erwiderte Groslow. Nun wohl, versetzte d'Artagnan, ich aber sage Euch: Nehmt Euern Schatz in acht, mein lieber Herr Groslow, denn ich stehe Euch dafür, wir gehen nicht von hinnen, ohne ihn Euch geraubt zu haben. Das wird nicht geschehen, ohne daß ich ihn verteidige, entgegnete Groslow. Desto besser, rief d'Artagnan. Kampf, mein lieber Kapitän, Kampf! Mögt Ihr nun wissen oder nicht wissen, was wir verlangen. Ah! ja, ich weiß es wohl, erwiderte Groslow, in sein plumpes Gelächter ausbrechend; ihr Franzosen sucht nur Wunden und Beulen. Karl hatte wirklich alles gehört, alles verstanden. Eine leichte Röte stieg ihm ins Gesicht, die Soldaten sahen ihn allmählich seine müden Glieder ausstrecken und unter dem Vorwand einer durch den glühenden Ofen erzeugten übermäßigen Hitze nach und nach die schottische Decke abwerfen, unter der er, wie gesagt, ganz angekleidet lag. Athos und Aramis bebten vor Freude, als sie sahen, daß der König angekleidet war. Die Partie begann. Diesen Abend wandte sich das Glück auf die Seite Groslows; er gewann beständig. Hundert Pistolen gingen von der einen Seite des Tisches auf die andere über; Groslow war von einer tollen Heiterkeit. Porthos, der die fünfzig Pistolen, die er am Tage vorher gewonnen, wieder verloren hatte, und noch über dreißig von den seinigen dazu, war sehr verdrießlich und stieß d'Artagnan mit dem Knie, als wollte er ihn fragen, ob es noch nicht bald Zeit sei, zu einem andern Spiel überzugehen; Athos und Aramis schauten ihn auch von Zeit zu Zeit mit forschenden Augen an, aber d'Artagnan blieb unempfindlich. Es schlug zehn Uhr. Man hörte die Runde vorüberkommen. Wieviel solcher Runden macht Ihr? sagte d'Artagnan, neue Pistolen aus der Tasche ziehend. Fünf, erwiderte Groslow, alle zwei Stunden eine. Das ist klug, versetzte d'Artagnan. Nun warf er Athos und Aramis einen Blick zu, und als man die Tritte der Patrouille sich entfernen hörte, erwiderte er zum erstenmale Porthos' Kniestöße. Angelockt durch den Reiz des Spieles und durch den auf alle Menschen so mächtig wirkenden Anblick des Goldes, näherten sich die Soldaten, die ihrem Befehl gemäß im Zimmer des Königs bleiben sollten, allmählich der Tür, erhoben sich auf den Fußspitzen und schauten d'Artagnan und Porthos über die Schultern; die von der Tür näherten sich ebenfalls und unterstützten auf diese Art die Wünsche der vier Freunde, die lieber alle bei der Hand haben wollten. Die zwei Wachen an der Tür hatten beständig das Schwert entblößt, aber sie stützten sich auf die Spitze und schauten den Spielern zu. D'Artagnan wandte sich um und sah, wie Parry zwischen zwei Soldaten stand und Karl, auf seinen Ellbogen gestützt, die Hände faltete und ein glühendes Gebet an Gott zu richten schien. D'Artagnan begriff, daß der Augenblick gekommen war, daß sich jeder an seinem Posten befand und daß man nur das Losungswort »Endlich« erwartete. Er schleuderte Athos und Aramis einen vielsagenden Blick zu, und beide rückten ihren Stuhl leicht zurück, um sich frei bewegen zu können. Er gab Porthos einen zweiten Kniestoß: dieser stand halb auf, als wollte er seine steifen Beine wieder gelenk machen und versicherte sich beim Aufstehen, daß sein Degen leicht aus der Scheide gehen würde. Sacrebleu! rief d'Artagnan, abermals zwanzig Pistolen verloren. In der Tat, Kapitän Groslow, Ihr habt zu viel Glück, das kann nicht so fortdauern. Und indem er noch zwanzig Pistolen aus seiner Tasche zog, sagte er: Noch einen Coup, Kapitän. Diese zwanzig Pistolen auf einen Satz, auf einen einzigen, den letzten. Es gilt, zwanzig Pistolen, versetzte Groslow. Und er schlug, wie dies gebräuchlich ist, zwei Karten um, einen König für d'Artagnan, ein As für sich. Einen König, sprach d'Artagnan, das ist ein gutes Vorzeichen. Herr Groslow, fügte er bei, gebt auf den König acht! Trotz seiner Selbstbeherrschung vibrierte d'Artagnans Stimme aus eine so seltsame Weise, daß sein Partner bebte. Groslow fing an, die Karten umzuschlagen. Schlug er zuerst ein As um, so hatte er gewonnen, schlug er einen König um, so hatte er verloren. Er schlug einen König um. Endlich! sagte d'Artagnan. Bei diesen Worten erhoben sich Athos und Aramis, Porthos wich einen Schritt zurück. Dolche und Schwerter glänzten. Aber plötzlich öffnete sich die Tür, und Harrison erschien auf der Schwelle mit einem in einen Mantel gehüllten Manne, hinter dem man die Musketen von fünf bis sechs Mann glänzen sah. Groslow schämte sich, mitten unter Weinflaschen, Karten und Würfeln ertappt zu werden, und stand rasch auf. Harrison schenkte ihm aber keine Aufmerksamkeit, trat, gefolgt von seinem Gefährten, ins Zimmer des Königs und sprach: Karl Stuart, es ist der Befehl eingetroffen, Euch ohne den geringsten Aufenthalt bei Tag oder bei Nacht nach London zu führen. Bereitet Euch, sogleich aufzubrechen. Von wem ist der Befehl? fragte der König. Vom General Oliver Cromwell, antwortete Harrison, und hier ist Herr Mordaunt, der ihn überbracht hat und beauftragt ist, ihn vollziehen zu lassen. Mordaunt, murmelten die vier Freunde, sich gegenseitig anschauend. D'Artagnan raffte alles Geld zusammen, das er und Porthos verloren hatten, und steckte es in seine weite Tasche;, Athos und Aramis stellten sich hinter ihn. Bei dieser Bewegung wandte sich Mordaunt um, erkannte sie und stieß einen Schrei wilder Freude aus. Ich glaube, wir sind gefangen, sagte d'Artagnan ganz leise zu seinen Freunden. Noch nicht, erwiderte Porthos. Oberst! rief Mordaunt, laßt dieses Haus umzingeln, Ihr seid verraten. Diese vier Franzosen haben sich aus Newcastle geflüchtet und wollen ohne Zweifel den König entführen. Man verhafte sie. Oh! junger Mann, sprach d'Artagnan, den Degen ziehend, das ist ein Befehl, der sich leichter sagen, als vollstrecken läßt. Dann beschrieb er mit seinem Schwerte einen furchtbaren Kreis und rief: Abgezogen, Freunde! Abgezogen! Zu gleicher Zeit stürzte er nach der Tür und warf zwei Soldaten nieder, ehe sie ihre Musketen anzuschlagen vermochten; Athos und Aramis folgten ihm; Porthos bildete die Nachhut, und bevor Oberst, Offiziere, Soldaten sich einigermaßen gefaßt hatten, waren alle vier auf der Straße. Feuer! rief Mordaunt, schießt auf sie! Zwei oder drei Musketen wurden wirklich abgefeuert, jedoch ohne einen andern Erfolg, als daß man bei dem Feuer die vier Flüchtlinge sich unversehrt um die Straßenecke wenden sah. Die Pferde waren am bezeichneten Orte, die Bedienten hatten nur ihren Herren die Zügel zuzuwerfen, und diese schwangen sich, mit der Leichtigkeit vollendeter Reiter in den Sattel. Vorwärts! rief d'Artagnan, die Sporen gegeben, festgehalten! Und sie sprengten, d'Artagnan folgend, fort und schlugen den Weg ein, den sie bereits am Tage gemacht hatten, das heißt, den Weg nach Schottland. Der Flecken hatte weder Tore noch Mauern, und sie kamen folglich ohne Schwierigkeiten hinaus. Fünfzig Schritte vor dem letzten Hause hielt d'Artagnan an und rief: Halt! Wie, Halt? sprach Porthos; mit verhängten Zügeln, wollt Ihr sagen? Keineswegs, versetzte d'Artagnan, diesmal wird man uns verfolgen; wir wollen sie aus dem Flecken ziehen und uns auf der Straße nach Schottland nachreiten lassen; haben wir sie im Galopp vorüberkommen gesehen, so schlagen wir die entgegengesetzte Straße ein. Einige Schritte von dieser Stelle floß ein Bach, über den eine Brücke gebaut war; d'Artagnan führte sein Pferd unter den Bogen dieser Brücke, seine Freunde folgten ihm. Sie waren kaum zehn Minuten hier, als sie den raschen Galopp einer nahenden Reitertruppe vernahmen. Fünf Minuten nachher zog diese Truppe über ihren Köpfen hin, weit entfernt, zu vermuten, daß sie nur durch die Dicke eines Brückengewölbes von den Gegenständen ihrer Verfolgung getrennt seien. London . Als der Klang der Pferdehufe sich in der Ferne verloren hatte, stieg d'Artagnan wieder an den Rand des Flüßchens hinauf und ritt über die Ebene, wobei er so gut als möglich die Richtung nach London ins Auge zu fassen suchte. Die drei Freunde folgten ihm schweigend, bis sie, nachdem sie einen großen Halbkreis beschrieben, das Städtchen weit hinter sich gelassen hatten. Diesmal, sagte d'Artagnan, als er glaubte, sie seien weit genug, um vom Galopp in den Trab übergehen zu können, diesmal glaube ich, daß entschieden alles verloren ist, und daß wir nichts Besseres tun können, als uns nach Frankreich zu wenden. Was sagt Ihr zu dem Vorschlage, Athos? Findet Ihr ihn nicht vernünftig? Ja, teurer Freund, erwiderte Athos, aber Ihr habt einst ein edleres, vernünftigeres Wort ausgesprochen, Ihr sagtet: Wir werden hier sterben. Ich erinnere Euch an dieses Wort. Wir müssen diesem großen Trauerspiel bis zum Schluß beiwohnen und werden, was auch kommen mag, vor seiner gänzlichen Entwicklung England nicht verlassen. Denkt Ihr wie ich, Aramis? In jeder Beziehung, Graf; dann gestehe ich Euch auch, es wäre mir nicht unangenehm, Mordaunt wiederzufinden; es scheint mir, wir haben eine Rechnung mit ihm in Ordnung zu bringen, und es ist nicht unsere Gewohnheit, ein Land zu verlassen, ohne solche Schulden zu bezahlen. Ja, das ist etwas anderes, sprach d'Artagnan, dieser Grund leuchtet mir ganz ein. Ich bekenne, daß ich, um den fraglichen Mordaunt wiederzufinden, wenn es sein muß, ein ganzes Jahr in London bleibe. Nur müssen wir uns bei einem sichern Mann und so einquartieren, daß kein Verdacht dadurch erregt wird, denn Cromwell muß uns zu dieser Stunde suchen lassen, und soviel ich zu beurteilen vermag, spaßt Cromwell nicht. Athos, kennt Ihr in der ganzen Stadt eine Herberge, wo man weiße Leintücher, vernünftig gekochtes Roastbeef und Wein findet, der nicht von Hopfen oder Wachholder bereitet ist? Ich glaube, erwiderte Athos. Lord Winter hat uns zu einem Manne geführt, von dem er sagte, er sei ein ehemaliger Spanier und nur durch die Guineen seiner Landsleute naturalisierter Engländer. Der Gedanke scheint gut, antwortete d'Artagnan. Aber wir dürfen eine Vorsichtsmaßregel nicht vergessen, nämlich unsere Kleider zu wechseln. Unsere Röcke haben einen Schnitt und eine Farbe, daß man uns von weitem als Franzosen erkennt. Ich will mir einen kastanienbraunen Rock kaufen, denn ich habe gesehen, daß alle diese Dummköpfe von Puritanern diese Farbe wahnsinnig lieben. Aber werdet Ihr Euern Mann wiederfinden, Athos? fragte Aramis. Oh! gewiß, er wohnte Green-Hall-Street, Bedfords Taverne. Die Freunde gaben ihren Pferden von neuem die Sporen und kamen gegen fünf Uhr morgens nach London. Bei dem Tor hielt man sie an, und Athos antwortete in vortrefflichem Englisch, sie seien vom Oberst Harrison abgeschickt, um seinen Kollegen, Herrn Pridge, von der nahe bevorstehenden Ankunft des Königs zu benachrichtigen. Er gab auf weitere Fragen nach der Gefangennehmung des Königs die Umstände so genau und so bestimmt an, daß die Torwächter nicht den geringsten Verdacht hegten. Athos ritt gerade auf Bedfords Taverne zu und gab sich dem Wirt zu erkennen, der so sehr erfreut war, ihn in zahlreicher und seiner Gesellschaft wiederzusehen, daß er sogleich seine besten Zimmer in Bereitschaft setzen ließ. Obgleich es noch nicht Tag war, so hatten die vier Freunde doch die ganze Stadt in größter Bewegung gefunden. Das Gerücht, daß sich der König, vom Obersten Harrison geleitet, der Hauptstadt nähere, hatte sich schon am Abend verbreitet, und viele waren noch nicht zu Bette gegangen, aus Furcht, der Stuart, wie sie ihn nannten, möchte bei Nacht ankommen, und sie könnten seinen Einzug verfehlen. D'Artagnans Vorschlag gemäß ließen die vier Franzosen vom Wirt alle möglichen Kleider herbeischaffen. Athos wählte ein schwarzes Kleid, das ihm das Aussehen eines ehrbaren Bürgers verlieh; Aramis, der sich nicht vom Schwerte trennen wollte, nahm ein dunkelgrünes Kleid von militärischem Schnitt; Porthos ließ sich durch ein rotes Wams und grüne Hosen verführen; d'Artagnan stellte unter dem kastanienbraunen Rock, den er sich aussuchte, ziemlich treffend einen Zuckerhändler vor, der sich vom Geschäfte zurückgezogen. Grimaud und Mousqueton trugen keine Livree mehr und waren auf diese Art völlig verkleidet. Grimaud zeigte den ruhigen, steifen Typus des umsichtigen, Mousqueton den des dickbäuchigen, aufgedunsenen, trägen Engländers. Trotz des lebhaften Sträubens von Aramis setzte d'Artagnan bei seinen Freunden durch, daß sie sich, um Puritanern noch ähnlicher zu werden, ihre Haare kurz schnitten. Nun, da wir uns selbst nicht mehr erkennen, sprach Athos, und folglich nicht fürchten müssen, von andern erkannt zu werden, wollen wir den König einziehen sehen; ist er die ganze Nacht marschiert, so muß er unfern von London sein. Die vier Freunde hatten sich noch nicht zwei Stunden unter die Menge gemischt, als ein gewaltiges Geschrei und eine große Bewegung die Ankunft des Königs verkündigten. Man hatte ihm einen Wagen entgegengeschickt, und der riesige Porthos, der alle Köpfe überragte, kündigte an, er sehe die königliche Karosse kommen; d'Artagnan erhob sich aus den Fußspitzen, während Athos und Aramis horchten, um die öffentliche Stimmung zu erforschen. Man erblickte Harrison an einem Kutschenschlag und Mordaunt am andern. Das Volk ergoß sich in tausenderlei Verwünschungen gegen den König, so daß Athos voll Verzweiflung zurückkehrte. Mein Lieber, sagte d'Artagnan zu ihm, Eure Beharrlichkeit ist vergeblich, ich schwöre Euch, die Lage der Dinge ist sehr schlimm. Ich meinerseits halte nur Euretwegen und in dem Gedanken bei der Sache aus, es wäre gar zu lustig, allen diesen Brüllern ihre Beute zu entreißen und eine Nase zu drehen. Ich werde mir die Sache überlegen. Schon am andern Morgen hörte Athos, am Fenster stehend, den Parlamentsbeschluß ausrufen, der den Exkönig Karl I. wegen Verrats und Mißbrauchs der Gewalt vor die Schranken zog. D'Artagnan war in seiner Nähe, Aramis betrachtete eine Karte, Porthos wurde von den letzten Leckerbissen eines saftigen Frühstücks in Anspruch genommen. Das Parlament! rief Athos, das Parlament kann unmöglich einen solchen Beschluß gefaßt haben, und wenn sie es je wagen sollten, ihren König zu verurteilen, so werden sie ihn höchstens zur Verbannung oder zum Gefängnis verurteilen. D'Artagnan machte ein sehr ungläubiges Gesicht. Wir werden es wohl sehen, sprach Athos, denn ich denke, wir gehen in die Sitzungen. – Ihr habt nicht lange zu warten, versetzte der Wirt, der hinzugetreten war, sie beginnen morgen. – Ah! rief Athos, der Prozeß wurde also vorbereitet, ehe der König gefangen war? – Allerdings, man fing an dem Tage an, wo man ihn erkauft hatte. – Ihr wißt, sagte Aramis, daß unser Freund Mordaunt, wenn auch nicht den Vertrag abgeschlossen, doch wenigstens die ersten Unterhandlungen in dieser Angelegenheit eröffnet hat. – Ihr wißt, sprach d'Artagnan, daß ich diesen Herrn Mordaunt töte, wo er mir in die Hände fällt. – Pfui! rief Athos, einen so elenden Menschen. – Gerade weil er ein Elender ist, töte ich ihn, entgegnete d'Artagnan. Ah, lieber Freund, ich füge mich genugsam Eurem Willen, daß Ihr etwas nachsichtig gegen den meinigen sein müßt. Übrigens erkläre ich diesmal, mag es Euch gefallen oder nicht, daß er nur von mir getötet werden soll. – Und von mir, sagte Porthos. – Und von mir, versetzte Aramis. – Rührende Einhelligkeit, rief d'Artagnan, wie es sich für gute Bürger unserer Art geziemt. Laßt uns einen Gang durch die Stadt machen; Mordaunt wird uns selbst aus drei Schritte bei diesem Nebel nicht erkennen. Laßt uns ein wenig Nebel trinken. – Ja, sprach Porthos, das ist eine Abwechslung nach dem Bier. Und die vier Freunde gingen wirklich aus, um, wie man gewöhnlich sagt, Luft zu schöpfen. Der Prozeß Am andern Tag führte eine zahlreiche Wache Karl I. vor den hohen Gerichtshof, der sein Urteil fällen sollte. Das Volk belagerte die Straßen und füllte die Häuser in der Nähe des Palastes; die vier Freunde wurden daher bei den ersten Schritten, die sie machten, durch das beinahe unüberwindliche Hindernis lebendiger Mauern aufgehalten; einige stießen sogar Aramis so heftig zurück, daß Porthos seine furchtbare Hand aufhob und auf das mehlige Gesicht eines Bäckers fallen ließ, das, zerquetscht wie eine reife Weintraube, sogleich die Farbe veränderte und sich mit Blut bedeckte. Die Sache machte großen Lärm; drei Männer wollten sich auf Porthos stürzen; aber Athos beseitigte den einen, d'Artagnan den andern, und Porthos warf den dritten über seinen Kopf. Einige englische Liebhaber des Faustkampfes würdigten die rasche und leichte Weise, wie dieses Manöver ausgeführt wurde, und klatschten Beifall. Es fehlte nicht viel, so wären Porthos und seine Freunde, statt niedergeschlagen zu werden, wie sie zu fürchten anfingen, im Triumph umhergetragen worden. Jedenfalls gewannen sie eins bei dieser herkulischen Kundgebung: die Menge öffnete sich vor ihnen, und sie konnten bis zum Palast vordringen. Ganz London drängte sich an den Türen der Tribünen; als die vier Freunde aber endlich Eintritt erlangten, fanden sie daher die ersten Bänke bereits besetzt. Das war nicht schlimm für Menschen, die nicht erkannt sein wollten; zufrieden setzten sie sich daher auf ihre Plätze, mit Ausnahme von Porthos, der sein rotes Wams und seine grünen Beinkleider zeigen wollte und sehr bedauerte, daß er nicht in der ersten Reihe erscheinen konnte. Die Bänke waren amphitheatralisch geordnet, und die vier Freunde übersahen von ihrem Platze aus die ganze Versammlung. Der Zufall hatte es gefügt, daß sie auf der mittleren Galerie eingetreten waren und sich gerade dem für Karl I. bestimmten Lehnstuhl gegenüber befanden. Gegen elf Uhr morgens erschien der König auf der Schwelle des Saales. Er trat, umgeben von Wachen, aber mit bedecktem Haupte und mit ruhiger Miene ein und ließ in allen Richtungen einen Blick voll Sicherheit umherschweifen, als sollte er bei einer Versammlung ergebener, demütiger Untertanen den Vorsitz führen, nicht aber auf die Anklagen eines meuterischen Gerichtshofes antworten. Parry, der ihn begleitete, stand hinter ihm. Währenddessen betrachtete d'Artagnan seinen Freund Athos, auf dessen Antlitz sich alle Gemütsbewegungen ausprägten, die der König durch Selbstbeherrschung von dem seinigen zu verbannen vermochte. Diese Aufregung des so kalten und ruhigen Mannes erschreckte ihn. Ich hoffe, sagte er ihm ins Ohr, Ihr werdet ein Beispiel an Seiner Majestät nehmen und Euch nicht albernerweise in diesem Käfig umbringen lassen. Seid unbesorgt, erwiderte Athos. Ah! ah! fuhr d'Artagnan fort, es scheint, man fürchtet irgend etwas, denn seht, die Posten verdoppeln sich und tragen jetzt nicht nur Partisanen, sondern auch Musketen. Dreißig, vierzig, fünfzig, siebenzig Mann, sagte Porthos, die Ankommenden zählend. Ei! versetzte Aramis, Ihr vergeßt den Offizier, Porthos; es lohnt sich jedoch, scheint mir, wohl der Mühe, ihn mitzuzählen. Ho! ho! sprach d'Artagnan und wurde bleich vor Zorn, denn er erkannte Mordaunt, der mit entblößtem Degen die Musketiere hinter den König, das heißt, den Tribünen gegenüber, führte. Der Präsident Bradshaw ergriff jetzt das Wort und sagte zu dem erhabenen Angeklagten: Stuart, hört die Verlesung der Namen Eurer Richter und sagt dem Tribunal, was Ihr etwa zu bemerken habt. Der König wandte, als wären diese Worte nicht an ihn gerichtet, seinen Kopf nach einer andern Seite. Ich schreite zum Aufruf, sagte Bradshaw, ohne daß er die Abwesenheit von 88 unter 161 Mitgliedern, das heißt von drei Fünfteln der Versammlung zu beachten schien. Die Anwesenden antworteten mit starker oder schwacher Stimme, je nachdem sie den Mut ihrer Meinung besaßen oder nicht besaßen. Ein kurzes Stillschweigen folgte stets auf die zweimal wiederholten Namen der Abwesenden. Als die Reihe an den Namen des Obersten Fairfax kam, rief eine spöttische Stimme, an deren Silberklang man eine Frau erkannte: Fairfax, er ist zu gescheit, um hier zu sein. Ein ungeheures Gelächter empfing diese Worte, die mit jener Kühnheit ausgesprochen wurden, welche die Frauen aus ihrer Schwäche schöpfen, die sie vor jeder Rache sichert. Es ist Lady Fairfax, versetzte d'Artagnan; Ihr erinnert Euch, Porthos? Wir haben sie mit ihrem Gatten bei General Cromwell gesehen. Nach einem Augenblick war die durch diese sonderbare Episode gestörte Ruhe wiederhergestellt, und der Aufruf dauerte fort. Als er endlich beendigt war, gab der Präsident Befehl, zur Verlesung der Anklageakte überzugehen. Athos erbleichte; er sah sich abermals in seiner Erwartung getäuscht. Obgleich die Zahl der Richter unzulänglich war, sollte gegen seine Erwartung der Prozeß dennoch vor sich gehen; der König war also zum voraus verurteilt. Ich habe es Euch gesagt, Athos, sprach d'Artagnan, die Achseln zuckend; aber Ihr zweifelt immer. Nun faßt Euren Mut in beide Hände und hört, ohne Euer Blut zu sehr in Aufwallung geraten zu lassen, die Abscheulichkeiten an, die jener Herr im schwarzen Gewand seinem rechtmäßigen König ins Gesicht sagen wird. Karl I. hörte die Rede des Anklägers mit besonderer Aufmerksamkeit, ließ die schändlichen Beleidigungen über sich ergehen, beschwerte sich nicht und lächelte verächtlich, wenn der Haß zu sehr überströmte und der Ankläger sich im voraus zum Henker machte. Es war eine furchtbare Anklage, die alle Unklugheiten des Königs als heimtückische Streiche, alle seine Irrtümer als Verbrechen darstellte. Feuer im Gesicht, mit geballten Fäusten und blutig gebissenen Lippen, schäumte Athos auf seiner Bank. Die Erbitterung und Wut über das empörende Vorgehen des Parlaments, über diese unerhörte Langmut des Königs hatten diesen unbeugsamen Arm, dieses unerschütterliche Herz in eine zitternde Hand, in einen bebenden Körper verwandelt. In diesem Augenblick endigte der Ankläger mit den Worten: Gegenwärtige Anklage wird von uns im Namen des englischen Volkes vorgebracht. Aus diese Worte folgte ein Gemurmel auf den Tribünen, und eine andere Stimme, keine Frauenstimme, sondern eine wütende Männerstimme, donnerte hinter d'Artagnan. Du lügst! rief diese Stimme, neun Zehntel des englischen Volkes verabscheuen, was du sagst! Diese Stimme kam von Athos, der, außer sich, hoch aufgerichtet, mit ausgestrecktem Arm, dem öffentlichen Ankläger so entgegentrat. König, Richter, Zuschauer, alle wandten bei diesem kühnen Wort die Augen nach der Tribüne, auf der sich die vier Freunde befanden. Mordaunt machte es wie die übrigen und erkannte den Edelmann, um den sich die drei andern Franzosen bleich und drohend erhoben hatten. Seine Augen flammten vor Freude. Er hatte die wiedergefunden, deren Aufsuchung und Tod er sein Leben weihte. Eine wütende Bewegung rief rasch zwanzig von seinen Musketieren in seine Reihe, und mit dem Finger auf die Tribüne deutend, wo seine Feinde waren, rief er: Feuer! Feuer auf diese Tribüne! Aber schnell wie der Gedanke faßte d'Artagnan Athos um den Leib, Porthos packte Aramis, und sie sprangen von den Stufen hinab, stürzten in die Korridore, eilten über die Treppen und verloren sich in der Menge, während im Innern des Saales die angeschlagenen Musketen dreitausend Zuschauer bedrohten, deren Angstgeschrei und Hilferuf der bereits entfachten Mordlust Einhalt taten. Karl hatte die vier Franzosen ebenfalls erkannt. Er legte eine Hand auf sein Herz, um die Schläge zurückzudrängen, die andere auf seine Augen, um seine treuen Freunde nicht erwürgen zu sehen. Bleich und zitternd vor Wut stürzte Mordaunt, den bloßen Degen in der Faust, mit zehn Hellebardieren aus dem Saal, durchwühlte fragend und keuchend die Menge und kehrte sodann zurück, ohne etwas gefunden zu haben. Es herrschte eine unbeschreibliche Bewegung, und es verging mehr als eine halbe Stunde, bis die Ruhe wiederhergestellt war. Was habt Ihr zu Eurer Verteidigung zu sagen? fragte Bradshaw den König. Das Haupt beständig bedeckt, erhob sich der König, nicht aus Demut, sondern im Bewußtsein seiner Herrscherwürde, und sprach mit dem Tone eines Richters, nicht eines Angeklagten: Ehe Ihr mich fragt, antwortet mir. Ich war frei in Newcastle, ich schloß einen Vertrag mit den zwei Kammern. Statt Eurerseits diesen Vertrag zu erfüllen, den ich meinerseits erfüllte, habt Ihr mich den Schotten abgekauft, ich weiß, um keinen hohen Preis, und das macht der Sparsamkeit Eurer Verwaltung Ehre. Hofft Ihr aber, daß ich aufgehört habe, Euer König zu sein, weil Ihr den Preis eines Sklaven für mich bezahltet? Euch antworten hieße die Königswürde vergessen; ich werde Euch also nicht eher antworten, bis Ihr das Recht, mich zu befragen, nachgewiesen habt. Euch antworten hieße Euch als meine Richter anerkennen, und ich erkenne in Euch nur meine Henker. Und mitten unter einer Todesstille setzte sich Karl ruhig, stolz und stets bedeckten Hauptes wieder in seinen Lehnstuhl. Nun wohl, sprach der Präsident, als er Karl zu einem unüberwindlichen Schweigen entschlossen sah, es sei, wir werden Euch trotz Eures Stillschweigens richten. Ihr seid des Verrats, des Mißbrauchs der Gewalt und des Mordes angeklagt. Die Zeugen werden diese Anklage beglaubigen. Geht, und eine nächste Sitzung mag in Erfüllung bringen, was Ihr in dieser zu tun verweigert. Karl stand auf und entfernte sich, seinen Wachen folgend, mit Parry, der entsetzlich bleich hinter ihm ging. Links von der Tür glänzte in düsterem Schimmer auf einem roten Teppich das weiße Beil mit dem langen, von der Hand des Nachrichters geglätteten Stiele, das die Henker des Königs in unglaublicher grausamer Rohheit und um sich an des Königs erwarteter Angst zu werden, dort hatten hinlegen lassen. Als Karl sich dem Tisch gegenüber befand, blieb er stehen, wandte sich um und sagte lächelnd: Ah! ah! das Beil! O wie geistreich und ganz würdig der Menschen, die nicht wissen, was ein Edelmann ist. Du machst mir nicht bange, Henkerbeil, fügte er bei und schlug darauf mit dem dünnen, biegsamen Rohr, das er in der Hand hielt, und ich schlage dich, in christlicher Geduld wartend, bis du es mir zurückgibst. Mit königlicher Verachtung die Achseln zückend, setzte er sodann seinen Weg fort und verließ die verdutzte Masse, die sich um den Tisch gedrängt hatte, um das Gesicht des Königs zu sehen, wenn er dieses Beil erblicken würde, das seinen Kopf von seinem Leib trennen sollte. Als der König zur Tür kam, sah er dort eine Volksmasse zusammengedrängt, die, da sie keinen Platz auf den Tribünen fand, wenigstens das Ende des Schauspiels genießen wollte, dessen interessantester Teil ihr entgangen war. Der Anblick dieser zahllosen Menge, in deren Reihen man nur drohende Gesichter erblickte, entriß dem König einen leichten Seufzer. Wie viele Menschen, dachte er, und nicht ein ergebener Freund! Als er aber diese Worte der Entmutigung und des Zweifels in seinem Innern sprach, antwortete eine Stimme in seiner Nähe: Heil der gefallenen Majestät! Der König wandte sich mit Tränen in den Augen und im Herzen rasch um. Es war ein alter Soldat von seinen Leibwachen, welcher den König nicht wollte vorübergehen lassen, ohne ihm diese letzte Huldigung darzubringen. Aber sofort mußte er sehen, wie man den Unglücklichen mit Schwertknopfschlägen bearbeitete. Ach! sprach Karl, das ist eine schwere Strafe für einen sehr kleinen Fehler. Mit beklommenem Herzen ging er weiter, hatte aber noch nicht hundert Schritte gemacht, als ein Wütender, sich zwischen zwei Soldaten vorbeugend, dem König ins Gesicht spuckte, wie einst ein schändlicher, verfluchter Jude dem Herrn Jesus von Nazareth ins Gesicht gespieen hatte. Karl wischte sich das Gesicht ab und sagte mit einem traurigen Lächeln: Der Unglückliche! für eine halbe Krone würde er dasselbe seinem Vater tun. Gewaltiges Gelächter und finsteres Gemurmel erschollen gleichzeitig; die Menge zog sich zurück, drängte sich wieder herbei, wogte wie ein stürmisches Meer, und es war dem König, als sähe er mitten in der lebendigen Welle Athos' funkelnde Augen glänzen. Der König hatte sich nicht getäuscht, er hatte wirklich Athos und seine Freunde gesehen, die mitten unter der Volksmenge den königlichen Märtyrer mit einem letzten Blick geleiteten. Als der Soldat Karl begrüßte, zerschmolz Athos' Herz vor Freude, und der Unglückliche fand, als er wieder zu sich kam, in seiner Tasche zehn Guineen, die der französische Edelmann hatte hineingleiten lassen. Als jedoch der feige Beleidiger dem gefangenen König in das Gesicht spie, fuhr Athos mit der Hand an den Dolch. Aber d'Artagnan hielt diese Hand zurück und sprach mit rauhem Tone: Warte! und Athos hielt inne. Sie folgten darauf dem Frechen, der ein Fleischergeselle zu sein schien, durch mehrere Gassen, worauf sie ihn stellten und Athos ihm in entsetzlichem Tone zurief: Du bist feig gewesen, du hast einen wehrlosen Mann beschimpft, du hast das Gesicht deines Königs befleckt, du mußt sterben!... Porthos hob hierauf seinen furchtbaren Arm, ließ ihn wie den Stiel einer Schleuder durch die Luft pfeifen, und die gewichtige Masse fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Schädel des Feiglings, den sie zerschmetterte. Der Kerl stürzte nieder wie der Ochs unter dem Hammer. Whitehall Das Parlament verurteilte, wie vorhergesehen, Karl Stuart zum Tode. Politische Gerichte sind beinahe immer leere Förmlichkeiten; denn dieselben Leidenschaften, welche die Anklage veranlassen, veranlassen auch die Verurteilung. Obgleich unsere Freunde die Verurteilung erwarteten, so waren sie doch tief gebeugt darüber. D'Artagnan, dessen Geist nie mehr Hilfsquellen besaß, als in der äußersten Not, schwur abermals, er würde alles versuchen, um die Entwicklung dieser blutigen Tragödie zu verhindern; doch durch welche Mittel? Dies sah er noch nicht klar vor sich. Mittlerweile mußte man, um Zeit zu gewinnen, um jeden Preis verhindern, daß die Hinrichtung am zweiten Tag, wie dies die Richter beschlossen hatten, stattfand. Das einzige Mittel war, daß man den Henker von London entfernte; denn zum mindesten dauerte es einen Tag, bis man den Henker aus der nächsten Stadt holen ließ, und ein Tag bedeutet unter solchen Umständen vielleicht die Rettung. D'Artagnan übernahm dieses äußerst schwierige Geschäft. Nicht minder wesentlich war es, Karl Stuart davon in Kenntnis zu setzen, daß man ihn zu retten versuchen wollte, damit er seine Verteidiger unterstützte oder wenigstens ihren Bemühungen nicht entgegenarbeitete. Aramis übernahm diesen gefährlichen Auftrag. Karl Stuart hatte verlangt, daß man dem Bischof Juxon erlauben sollte, ihn in seinem Gefängnis in Whitehall zu besuchen. Mordaunt war an demselben Abend bei dem Bischof erschienen, um ihm das religiöse Verlangen des Königs, sowie der Erlaubnis Cromwells zu eröffnen. Aramis beschloß, den Bischof durch Einschüchterung oder Überredung dahin zu bringen, daß er ihn an seiner Stelle und mit seinen priesterlichen Insignien angetan nach Whitehall gehen ließe. Athos übernahm es, für den Fall des Mißlingens oder des Gelingens die Mittel zur Abreise aus England in Bereitschaft zu halten. Der Palast von Whitehall wurde durch drei Regimenter und besonders durch Cromwells beständige Sorge bewacht, der beständig kam und ging und jeden Augenblick seine Generäle und Agenten schickte. Allein in seinem gewöhnlichen und von zwei Kerzen beleuchteten Zimmer, schaute der zum Tode verurteilte Monarch traurig auf den Luxus seiner vergangenen Größe, wie man in seiner letzten Stunde das Bild des Lebens glänzender und holder sieht, als je. Parry hatte seinen Herrn nicht verlassen und seit seiner Verurteilung nicht aufgehört zu weinen. Mit dem Ellbogen auf einen Tisch gestützt, betrachtete Karl Stuart ein Medaillon, auf dem die Porträts seiner Gemahlin und seiner Tochter nebeneinander waren. Er näherte das Porträt seinen Lippen und murmelte dabei nacheinander die Namen seiner Kinder. Manchmal war es ihm, als müsse dies alles nur ein böser Traum sein, dann wieder sehnte er sich nach dem versprochenen Priester und wünschte, dieser möchte ein Mann von edlem und großem Geist sein. Er erwartete zuerst Juxon und nach Juxon das Märtyrertum. Es war eine nebelige, kalte Nacht. Die Glocke schlug langsam im Turme der benachbarten Kirche. Die bleiche Helle zweier Kerzen ließ in dem großen, hohen Gemach Phantome erscheinen, die von seltsamen Reflexen beleuchtet waren. Diese Phantome waren die Ahnen König Karls, die sich aus ihren goldenen Rahmen lösten. Die Reflexe rührten von dem letzten bleichen, spiegelnden Schimmer eines Kohlenfeuers her, das im Erlöschen begriffen war. Eine unsägliche Traurigkeit bemächtigte sich des Königs. Er begrub seine Stirn in seinen Händen, dachte an die Welt, die so schön ist, wenn man sie verläßt, oder vielmehr wenn sie uns verläßt, an die Liebkosungen der Kinder, die so süß und zart sind, besonders wenn man von diesen Kindern getrennt ist, um sie nie mehr zu sehen, dann an seine Gattin, ein edles, mutiges Geschöpf, das ihn bis zu seinem letzten Augenblick unterstützt hatte. Plötzlich schreckte ihn das Geräusch von Tritten auf, die Tür öffnete sich, Fackeln füllten das Gemach mit ihrem rauchigen Licht, und ein Geistlicher in bischöflichem Gewande trat ein, gefolgt von zwei Wachen, denen Karl mit der Hand ein gebieterisches Zeichen machte. Die zwei Wachen entfernten sich, das Gemach versank abermals in Dunkelheit. Juxon! rief Karl. Juxon! ich danke, mein letzter Freund, Ihr kommt zu gelegener Zeit. Der Bischof warf einen unruhigen Seitenblick auf den Menschen, der in einem Winkel des Kamins schluchzte. Auf! Parry, sagte der König, weine nicht. Gott kommt zu uns. Wenn es Parry ist, versetzte der Bischof, so habe ich nichts zu fürchten. Erlaubt mir also, Sire, Eure Majestät zu begrüßen und ihr zu sagen, wer ich bin und aus welchem Grund ich komme. Bei diesem Anblick, bei dieser Stimme war Karl ohne Zweifel im Begriff zu rufen; aber Aramis legte den Finger auf die Lippen und verbeugte sich tief vor dem König von England. Der Chevalier! murmelte Karl. Ja, Sire, unterbrach ihn Aramis, die Stimme erhebend, ja, der Bischof Juxon, ein getreuer Ritter Christi, der sich den Wünschen Eurer Majestät fügt. Karl faltete die Hände; er hatte Aramis erkannt, und eine tiefe Rührung ergriff ihn gegenüber diesen Fremdlingen, die ohne einen andern Grund, als eine Gewissenspflicht, so gegen den Willen eines Volkes und das Geschick eines Königs ankämpften. Ihr seid es, sprach er, Ihr! Wie seid Ihr bis hierher gelangt? Mein Gott, Ihr wäret verloren, wenn sie Euch erkennen würden. Denkt nicht an mich, Sire, sagte Aramis, dem König abermals durch eine Gebärde Stillschweigen empfehlend, denkt nur an Euch, Eure Freunde nahen. Was wir tun werden, weiß ich noch nicht; aber vier entschlossene Männer sind viel zu tun im stande. Schließt indessen das Auge nicht, erschreckt über nichts, seid auf alles gefaßt. Karl schüttelte den Kopf und erwiderte: Freund, wißt Ihr, daß Ihr keine Zeit zu verlieren habt, daß Ihr Euch beeilen müßt, wenn Ihr handeln wollt? Wißt Ihr, daß ich morgen um zehn Uhr sterben soll? Sire, es wird bis dahin etwas geschehen, was eine Hinrichtung unmöglich macht. In demselben Augenblick vernahm man unter dem Fenster des Königs ein Geräusch, wie von einem Holzwagen, der abgeladen wird. Hört Ihr? sprach der König. Auf dieses Geräusch folgte ein Schrei des Schmerzes. Ein Schrei ... ich weiß nicht, wer ihn ausstoßen konnte, aber das Geräusch will ich deuten, sagte der König. Wißt Ihr, daß ich vor diesem Fenster hingerichtet werden soll? fügte er bei, die Hand nach dem düstern, öden, nur von Soldaten und Schildwachen besetzten Platze ausstreckend. Ja, Sire, ich weiß es. Nun, das Holz, das man bringt, besteht aus den Balken und Brettern, aus denen mein Schafott errichtet werden soll. Es wird sich ein Arbeiter beim Abladen verwundet haben. Aramis bebte unwillkürlich. Ihr seht, daß Ihr vergeblich auf Eurem Willen beharrt, sprach Karl; ich bin verurteilt, laßt mich meinen Tod erleiden! – Sire, antwortete Aramis, der seine einen Augenblick gestörte Ruhe wiedergewann, sie mögen ein Schafott errichten, aber sie können keinen Henker finden. – Was wollt Ihr damit sagen? – Daß der Henker zu dieser Stunde entführt ist; morgen wird das Blutgerüst bereit sein, aber der Henker wird fehlen, und man muß die Hinrichtung auf übermorgen verschieben. – Und dann? – Morgen in der Nacht retten wir Euch. – Ihr seid in der Tat wunderbare Menschen, sprach der König, und ich würde nicht daran geglaubt haben, wenn man mir solche Dinge erzählt hätte. – Nun hört mich an, Sire, sprach Aramis. Vergeht keinen Augenblick, daß wir für Euer Heil wachen; beobachtet alles, horcht auf alles, erklärt Euch alles, den geringsten Gesang, das kleinste Zeichen. – Oh! Chevalier, was soll ich Euch sagen? rief der König. Kein Wort, und käme es aus der tiefsten Tiefe meines Herzens, vermöchte meine Dankbarkeit auszudrücken. Aramis wollte dem König die Hand küssen, aber der König ergriff die seinige und drückte sie an sein Herz. Um jeden Verdacht zu vermeiden, entfernte sich Aramis bald; der König geleitete ihn bis zur Tür. Hier erteilte der Franzose aufs würdevollste den Segen, worauf er zum erzbischöflichen Palast zurückkehrte. Juxon erwartete ihn voll Angst, doch Aramis beruhigte ihn mit den Worten: Alles ging gut; jeder hielt mich für Euch, und der König segnet Euch, bis Ihr ihn segnen werdet. Aramis wechselte seine Kleider und verließ den Bischof. Kaum hatte er zehn Schritte auf der Straße gemacht, so bemerkte er einen verhüllten Menschen, der ihm folgte. Es war Porthos, der den Auftrag erhalten hatte, seinerseits Aramis bei seinem kühnen Unterfangen nach Kräften zu bewachen. Beide eilten zum Gasthof, wo die vier Freunde sich um elf Uhr zu treffen verabredet hatten. Aramis und Porthos waren die ersten; nach ihnen kehrte Athos zurück. Alles geht gut, sagte er, ehe seine Freunde Zeit hatten, ihn zu befragen. Was habt Ihr getan? sprach Aramis. Ich habe eine kleine Feluke gemietet, die so schmal ist wie eine Piroge und so leicht wie eine Schwalbe. Sie erwartet uns in Greenwich mit einem Patron und vier Mann, die gegen eine Bezahlung von fünfzig Pfund Sterling drei Nächte hintereinander zu unserer Verfügung sind. Einmal mit dem König an Bord, benutzen wir die Flut, fahren die Themse hinab und sind in zwei Stunden in offener See. Als wahre Piraten folgen wir sodann der Küste, verbergen uns an den unzugänglichen Ufern und steuern, wenn das Meer frei ist, nach Boulogne. Für den Fall, daß ich getötet würde, bemerke ich Euch,, daß der Patron des Schiffes Roger ist und daß die Feluke der Blitz heißt. Ein an den vier Enden geknüpftes Taschentuch ist das Erkennungszeichen. Einen Augenblick nachher kam d'Artagnan ebenfalls. Leert Eure Taschen, sagte er, bis die Summe von hundert Pfund Sterling voll ist; denn die meinigen (d'Artagnan kehrte seine Taschen um) sind ganz leer. Die Summe war in der Sekunde beisammen. D'Artagnan ging hinaus und kehrte sogleich wieder zurück. Das ist abgemacht, sagte er; aber es hat Mühe gekostet. – Der Henker hat London verlassen? fragte Athos. – Jawohl. Aber es war dies nicht sicher genug; er konnte zu einem Tor hinausgehen und zum andern wieder hereinkommen. – Wo ist er jetzt? sprach Athos. – Im Keller. – In welchem Keller? – Im Keller unseres Wirtes. Mousqueton sitzt auf der Schwelle, und hier ist der Schlüssel. – Bravo, sagte Aramis. Aber wie habt Ihr ihn vermocht, zu verschwinden? – Womit man alles in dieser Welt vermag, mit Geld. Es kostete mich viel, aber er willigte ein. – Wieviel hat es Euch gekostet, Freund? fragte Athos; denn Ihr begreift nun, da wir nicht mehr ganz arme Musketiere ohne Hab und Gut sind, müssen alle Ausgaben gemeinschaftlich sein.– Es hat mich zwölftausend Livres gekostet, erwiderte d'Artagnan. – Wo habt Ihr diese gefunden? Besaßet Ihr denn eine solche Summe? – Der berühmte Diamant der Königin, antwortete d'Artagnan mit einem Seufzer. – Mit dem Henker selbst ist also die Sache gut abgelaufen, sagte Athos; leider aber hat jeder Henker seinen Knecht, seinen Gehilfen, was weiß ich? – Dieser hatte auch einen; aber das Glück war uns günstig. – Wie dies? – In dem Augenblick, wo ich glaubte, ich hätte ein zweites Geschäft abzumachen, brachte man den Burschen mit gebrochenem Schenkel zurück. Aus übermäßigem Eifer begleitete er den Wagen, der die Bretter und Balken führte, bis unter die Fenster des Königs. Einer von diesen Balken fiel ihm auf das Bein und zerschmetterte es. – Ah, sprach Aramis, er hat also den Schrei ausgestoßen, den ich im Gemach des Königs vernahm. – Das ist wahrscheinlich, sagte d'Artagnan; da er aber ein Mensch von Überlegung ist, so versprach er bei seiner Entfernung, an seiner Stelle vier erfahrene, geschickte Arbeiter zu senden, um die andern zu unterstützen, und als er bei seinem Herrn angelangt war, schrieb er sogleich an Tom Lowe, einen ihm befreundeten Zimmermann, er möge sich zur Erfüllung seines Versprechens nach Whitehall begeben. Hier ist der Brief, den er durch einen Expressen abschickte, der ihn um zehn Pence besorgen sollte, aber um einen Louisd'or an mich verkaufte. – Was, zum Teufel, wollt Ihr mit dem Brief machen? sagte Athos. – Ihr erratet es nicht? versetzte d'Artagnan mit glänzenden Augen. – Bei meiner Seele, nein. – Wohl, mein lieber Athos, Ihr, der Englisch spricht wie John Bull, Ihr seid Meister Tom Lowe, und wir sind Eure drei Gesellen. Begreift Ihr es nun? Athos stieß einen Schrei der Bewunderung und Freude aus, lief in ein Kabinett und nahm Arbeiterkleider, welche die vier Freunde alsbald anzogen, worauf sie, Athos mit einer Säge, Porthos mit einer Zange, Aramis mit einer Axt und d'Artagnan mit einem Hammer und Nägeln den Gasthof verließen. Der Brief des Henkerknechtes diente bei dem Zimmermeister zur Beglaubigung, daß sie die Erwarteten seien. Die Arbeiter Gegen Mitternacht vernahm Karl ein starkes Geräusch unter seinem Fenster. An verschiedenartigen Tönen ließen sich Hammer und Axt, Zange und Säge unterscheiden. Er hatte sich ganz angekleidet auf sein Bett geworfen und fing an zu entschlummern, als ihn dieses Geräusch plötzlich erweckte, und da es außer seiner physischen Unannehmlichkeit ein furchtbares moralisches Echo in seiner Seele fand, so erfaßten ihn die gräßlichen Gedanken des vorhergehenden Tages abermals. Allein in der Finsternis und Einsamkeit, hatte er nicht die Kraft, diese neue Marter zu ertragen, und ließ durch Parry der Schildwache sagen, sie möge die Arbeiter bitten, minder stark zu klopfen und Mitleid mit dem letzten Schlafe dessen zu haben, der ihr König gewesen sei. Die Schildwache wollte nicht von ihrem Posten gehen, ließ aber Parry hinaus. Am Fenster bemerkte Parry auf gleicher Höhe mit dem Balkon, dessen Gitter man weggenommen hatte, ein breites Schafott, um das man schwarze Sarsche zu nageln anfing. Dieses ungefähr zwanzig Fuß hohe Schafott hatte zwei innere Stockwerke. Parry suchte, so verhaßt ihm der Anblick war, unter den acht bis zehn Arbeitern, welche die unselige Maschine erbauten, die, deren Geräusch für den König am unangenehmsten sein mußte, und erblickte auf einem Brette zwei Männer, die mit Hilfe einer Brechstange die letzten Fischbänder des eisernen Balkons losmachten. Der eine derselben, ein wahrer Koloß, arbeitete wie ein römischer mauernbrechender Widder. Bei jedem Schlag seines Instrumentes flog der Stein in Stücke. Der andere war niedergekniet und zog die erschütterten Steine an sich. Diese machten offenbar den Lärm, über den sich der König beklagte. Parry stieg auf die Leiter und sagte zu ihnen: Meine Freunde, wollt ein wenig stiller arbeiten. Ich bitte Euch, der König schläft, er bedarf des Schlafes. Der Mensch, der mit der Brechstange arbeitete, hielt inne und wandte sich um. Weil er aber aufrecht stand, so konnte Parry sein Gesicht in der Finsternis nicht erkennen. Der Knieende aber wandte sich um, und da sein Gesicht von der Laterne beleuchtet wurde, so vermochte ihn Parry zu sehen. Dieser Mensch schaute ihn fest an und legte einen Finger an seinen Mund. Parry wich erstaunt zurück. Es ist gut, es ist gut, sagte der Arbeiter in vortrefflichem Englisch, kehrt zurück und sagt dem König, wenn er heute nacht schlecht schlafe, so werde er morgen nacht desto besser schlafen. Diese Worte, die, buchstäblich gedeutet, einen so furchtbaren Sinn hatten, wurden von den Zimmerleuten, die an den Seiten und dem inneren Gerüste arbeiteten, mit einem Ausbruche gräßlicher Freude aufgenommen. Parry glaubte zu träumen und kehrte zurück. Karl erwartete ihn mit Ungeduld. Parry schloß die Tür, ging mit freudestrahlendem Gesicht auf den König zu und sagte leise: Sire, wißt Ihr, wer die Arbeiter sind, die ein solches Geräusch machen? Nein, antwortete Karl, schwermütig das Haupt schüttelnd, wie soll ich es wissen? Kenne ich diese Menschen? – Sire, sagte Parry noch leiser und sich aus das Bett seines Gebieters neigend, Sire, es ist der Graf de la Fère und sein Freund. – Sie errichten mein Schafott? sprach der König erstaunt. – Ja, und während sie es errichten, machen sie ein Loch in die Mauer. – Still, versetzte der König, ängstlich um sich her schauend; du hast sie gesehen? – Ich habe mit ihnen gesprochen. Der König faltete die Hände, schlug die Augen zum Himmel auf und verrichtete ein kurzes, inbrünstiges Gebet. Dann verließ er sein Bett und ging auf das Fenster zu, dessen Vorhänge er auf die Seite schob. Die Wachen des Balkons waren immer noch da; jenseit des Balkons aber breitete sich eine düstere Plattform aus, auf welcher Schatten umhergingen. Karl vermochte nichts zu unterscheiden, aber er fühlte unter seinen Füßen die Erschütterung infolge der Schläge seiner Freunde. Und jeder dieser Schläge hallte in seinem Herzen wieder. Parry hatte sich nicht getäuscht, er hatte Athos erkannt. Er war es wirklich, der, unterstützt von Porthos, ein Loch aushöhlte, in dem einer der Querbalken ruhen sollte. Dieses Loch lief in eine unter dem Boden des königlichen Zimmers angebrachte Öffnung. War man einmal in dieser Öffnung, die einem sehr niedrigen Zwischenstock glich, so konnte man mittelst einer Brechstange und guter Schultern eine Platte des Bodens sprengen. Der König schlüpfte sodann durch die Öffnung, erreichte mit seinen Rettern eine der Abteilungen des ganz mit schwarzem Tuch bedeckten Schafotts, zog ebenfalls ein Arbeitergewand an, das man für ihn bereit hielt, und ging ganz furchtlos mit den vier Freunden hinab. Die Schildwachen, die, ohne irgend einen Verdacht zu haben, die Arbeiter vom Schafott kommen sahen, ließen sie vorübergehen. Die Feluke war, wie gesagt, bereit. Dieser Plan war umfassend und zugleich einfach und leicht auszuführen. Athos zerriß seine zarten, weißen Hände, um Steine herauszuheben, die von Porthos aus ihren Basen gebrochen wurden. Bereits konnte er den Kopf unter die Zieraten stecken, die den untern Kranz des Balkons schmückten. Noch zwei Stunden, und er brachte den ganzen Körper durch. Vor Tag sollte das Loch fertig sein und völlig unter den Falten einer innern Tapete verschwinden, die d'Artagnan zu legen hatte. D'Artagnan hatte sich für einen französischen Arbeiter ausgegeben und brachte die Nägel wie der geschickteste Tapezier an. Aramis schnitt das überflüssige der Sarsche ab, die bis zur Erde herabhing und hinter der sich das Blutgerüst erhob. Der Tag erschien an den Gipfeln der Häuser. Ein großes Torf- und Kohlenfeuer hatte den Arbeitern über die kalte Nacht vom 29. auf den 30. Januar hinweggeholfen. Jeden Augenblick unterbrachen sich selbst die Eifrigsten bei der Arbeit, um sich am Feuer zu wärmen. Athos und Porthos allein hatten ihr Werk nicht verlassen. Beim ersten Schimmer des Tages war auch das Loch vollendet. Athos drang hinein und nahm dabei die in ein Stück schwarzer Sarsche gewickelten, für den König bestimmten Kleider mit. Porthos gab ihm seine Brechstange, und d'Artagnan nagelte innen eine Tapete von Sarsche an, hinter der das Loch und der, den es verbarg, verschwanden. Athos brauchte nur noch zwei Stunden zu arbeiten, um sich mit dem König in Verbindung zu setzen, und nach der Voraussicht der vier Freunde hatten sie den ganzen Tag vor sich, da man in Ermangelung des Henkers von London den von Bristol holen mußte. D'Artagnan legte sein kastanienbraunes Kleid wieder an, und Porthos nahm sein rotes Wams. Aramis begab sich zu Juxon, um womöglich mit ihm zu dem König zu gelangen. Alle drei sollten sich um die Mittagsstunde auf dem Whitehall-Platz zusammenfinden, um zu sehen, was vorginge. Ehe Aramis das Schafott verließ, näherte er sich der Öffnung, wo Athos verborgen war, um ihm mitzuteilen, er wolle Karl zu sehen suchen. Gott befohlen, also und guten Mut, sprach Athos; berichtet dem König, wie die Sachen stehen, sagt ihm, sobald er allein sei, möge er auf den Boden klopfen, damit ich meine Arbeit sicher fortsetzen kann. Wollte mir Parry vorher die innere Platte des Kamins, die ohne Zweifel aus Marmor ist, losmachen helfen, so wäre schon etwas geschehen. Ihr, Aramis, trachtet danach, den König nicht zu verlassen. Sprecht laut, sehr laut, denn man wird Euch von der Tür aus belauschen. Befindet sich eine Wache im Innern des Zimmers, so tötet sie, ohne Euch lange zu bedenken; sind zwei da, so mag Parry die eine töten, und Ihr fertigt die andere ab; sind es drei, so laßt Euch töten, aber rettet den König. Seid unbesorgt, ich nehme zwei Dolche mit, um einen davon Parry zu geben. Eure Hand, denn vielleicht sehen wir uns nicht wieder. Athos schlang seinen Arm um den Hals von Aramis, küßte ihn und sprach: Gehabt Euch wohl, Aramis. Sterbe ich, so sagt d'Artagnan, daß ich ihn liebe, wie mein Kind, und umarmt ihn in meinem Namen. Umarmt auch Porthos, unsern guten, braven Porthos. Gott befohlen. Gott befohlen, erwiderte Aramis. Ich bin jetzt so fest überzeugt, daß der König entkommen wird, als ich überzeugt bin, daß ich in diesem Augenblick die redlichste Hand der Welt drücke. Aramis verließ Athos, stieg ebenfalls von dem Schafott herab und kehrte, die Melodie eines Lobliedes auf Cromwell pfeifend, in das Hotel zurück. Er fand die zwei andern Freunde, die in der Nähe eines guten Feuers am Tische saßen, eine Flasche Portwein tranken und ein kaltes Huhn verzehrten. Porthos aß und stieß zugleich tausend Verwünschungen gegen die heillosen Parlamentsmitglieder aus. D'Artagnan saß stillschweigend da, baute aber in seinen Gedanken die kühnsten Pläne. Aramis erzählte ihnen, was verabredet war. D'Artagnan billigte mit dem Kopfe, Porthos mit lauter Stimme. Aramis aß schnell ein Stück Fleisch, trank ein Glas Wein und wechselte die Kleider. Nun begebe ich mich zu Seiner Herrlichkeit, sagte er. Ihr haltet die Waffen bereit, Porthos. Überwacht Euern Henker gut, d'Artagnan. Gleichviel; verdoppelt die Wachsamkeit und bleibt keinen Augenblick untätig. Untätig, mein Lieber? fragte Porthos. Ich raste nicht, ich bin unablässig auf meinen Beinen, ich sehe aus wie ein Tänzer. Gottes Tod! wie liebe ich Frankreich in diesem Augenblick, und wie gut ist es, ein eigenes Vaterland zu haben, wenn man so schlimm im fremden Lande daran ist. Aramis verließ sie, wie er Athos verlassen hatte, das heißt, indem er beide umarmte. Dann begab er sich zu dem Bischof Juxon und stellte ihm sein Verlangen vor. Juxon entschloß sich um so leichter, Aramis mitzunehmen, als man ihn bereits benachrichtigt hatte, man würde eines Priesters bedürfen für den Fall, daß der König das Abendmahl nehmen und eine Messe zu hören wünsche. Im gleichen Ornat wie Aramis am vorhergehenden Tage, stieg der Bischof in seinen Wagen; mehr verkleidet durch seine Blässe und durch seine Traurigkeit, als durch sein Diakonengewand, stieg Aramis zu ihm ein. Der Wagen hielt vor dem Tor von Whitehall. Es war ungefähr neun Uhr morgens. Nichts schien verändert. Die Vorzimmer und Gänge waren, wie am Tage vorher, mit Wachen angefüllt. Zwei Schildwachen standen vor der Tür des Königs, zwei andere gingen vor dem Balkon auf der Plattform des Blutgerüstes auf und ab, auf dem man bereits den Block befestigt hatte. Der König war voll Hoffnung; als er Aramis wiedersah, verwandelte sich diese Hoffnung in Freude. Er umarmte Juxon und drückte Aramis die Hand. Der Bischof sprach mit dem König absichtlich laut und vor aller Welt von ihrem gestrigen Zusammensein. Der König antwortete ihm, die Worte, die er ihm gesagt, hätten Frucht getragen, und er wünsche noch eine ähnliche Unterredung. Juxon wandte sich nach den Anwesenden um und bat sie, ihn mit dem König allein zu lassen. Alle entfernten sich. Sobald die Tür wieder geschlossen war, sagte Aramis rasch: Sire, Ihr seid gerettet! Der Nachrichter von London ist verschwunden. Sein Gehilfe hat sich gestern unter den Fenstern Eurer Majestät den Schenkel gebrochen. Der Schrei, den wir hörten, rührte von ihm her. Ohne Zweifel hat man das Verschwinden des Henkers bereits wahrgenommen; doch es gibt erst in Bristol einen zweiten, und man braucht Zeit, um ihn zu holen. Wir haben also wenigstens 24 Stunden für uns. Aber der Graf de la Fère? fragte der König. Er befindet sich zwei Fuß unter Euch, Sire. Nehmt das Schüreisen von der Glutpfanne und klopft dreimal! Ihr werdet hören, daß man Euch antwortet. Der König nahm mit zitternder Hand das Instrument und klopfte dreimal in gleichmäßigen Zwischenräumen. Sogleich erschollen, als Erwiderung des Signals, dumpfe, behutsame Schläge unter dem Boden. Also der, welcher mir antwortet, ... sagte der König. Ist der Graf de la Fère, Sire, antwortete Aramis. Er bereitet den Weg, auf dem Eure Majestät zu fliehen im stände sein wird. Parry mag diese Marmorplatte aufheben, und der Gang ist völlig geöffnet. Aber ich habe kein Werkzeug, sagte Parry. Nehmt diesen Dolch, versetzte Aramis, nur hütet Euch, denselben zu sehr abzustumpfen, denn Ihr könntet seiner bedürfen, um etwas anderes auszuhöhlen, als den Stein. Oh, Juxon, sprach Karl, sich gegen den Bischof umwendend und seine beiden Hände fassend, hört die Bitte dessen, der Euer König war. Der es noch ist und immer sein wird, sprach Juxon, dem Fürsten die Hand küssend. Betet Euer ganzes Leben für diesen Edelmann, den Ihr hier seht, für einen andern, den Ihr unter unsern Füßen hört, und für noch zwei, die irgendwo, ich bin es fest überzeugt, zu meinem Heile wachen. Sire, antwortete Juxon, es soll geschehen. Jeden Tag, solange ich lebe, soll ein Gebet für die Eurer Majestät getreuen Seelen zum Himmel emporsteigen. Der Gräber setzte noch einige Zeit seine Arbeit fort, die man immer näher kommen fühlte. Plötzlich aber erscholl ein unerwartetes Geräusch in der Galerie. Aramis ergriff das Schüreisen und gab das Signal zur Unterbrechung. Das Geräusch von regelmäßigen Schritten näherte sich. Die vier Männer blieben unbeweglich. Aller Augen waren auf die Tür geheftet, die sich langsam und mit einer Art von Feierlichkeit öffnete. Wachen waren in Reih und Glied im Vorzimmer des Königs aufgestellt. Schwarz gekleidet und mit einem Ernst von schlimmer Vorbedeutung trat ein Kommissar des Parlaments ein, grüßte den König, entrollte ein Pergament und las ihm seinen Spruch vor, wie man dies gewöhnlich bei den Verurteilten tut, die das Blutgerüst besteigen sollen. Was soll das bedeuten? fragte Aramis den Bischof. Juxon erwiderte ihm durch ein Zeichen, daß er ebensowenig wisse, als er. Also heute? sagte der König mit einer nur für Juxon und Aramis bemerkbaren Bewegung. Wart Ihr nicht davon in Kenntnis gesetzt, Sire, daß es heute geschehen sollte? fragte der Mann in dem schwarzen Gewande. Und ich soll wie ein gemeiner Verbrecher von der Hand des Henkers von London sterben? sagte der König. Der Henker von London ist verschwunden, Sire, antwortete der Kommissar des Parlaments; aber es hat sich ein Mensch statt seiner angeboten. Die Hinrichtung wird also nur um so viel Zeit verzögert werden, als Ihr fordert, um Eure zeitlichen und geistigen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Ein leichter, an Karls Haarwurzeln perlender Schweiß war die einzige Spur von Aufregung, die diese Mitteilung bei ihm hervorbrachte. Aramis aber wurde leichenbleich. Sein Herz schlug nicht mehr. Er schloß die Augen und stützte seine Hand auf einen Tisch. Als Karl diesen tiefen Schmerz wahrnahm, schien er den seinigen zu vergessen. Er ging auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand, umarmte ihn und sprach mit sanftem, traurigem Lächeln: Auf, mein Freund, Mut gefaßt! Dann sich gegen den Kommissar wendend, sagte er: Mein Herr, ich bin bereit und verlange nur zwei Dinge. Erstens, das Abendmahl zu nehmen, und dann, meine Kinder zu umarmen und ihnen das letzte Lebewohl zu sagen. Wird mir dies gestattet werden? Ja, Sire, antwortete der Kommissar des Parlaments und entfernte sich. Als Aramis sich wieder gefaßt hatte, preßte er sich die Nägel ins Fleisch. Ein furchtbarer Seufzer entstieg seiner Brust. Oh, hochwürdiger Herr! rief er, Juxons Hände ergreifend, wo ist Gott? Wo ist Gott? Mein Sohn, sprach der Bischof mit Festigkeit, Ihr seht Gott nicht, weil die Leidenschaften der Erde ihn verbergen. Mein Sohn, sagte der König zu Aramis, verzweifle nicht. Du fragst, was Gott mache? Gott sieht deine Ergebenheit und mein Märtyrertum, und glaube mir, beides wird seine Belohnung finden. Halte dich also bei dem, was geschieht, an die Menschen und nicht an Gott. Die Menschen bewirken meinen Tod, die Menschen veranlassen deine Tränen. Ja, Sire, erwiderte Aramis, Ihr habt recht, an die Menschen muß ich mich halten, und an sie werde ich mich auch halten. Setzt Euch, Juxon, sprach der König niederknieend, Ihr habt mich noch zu hören, ich habe noch zu beichten. Bleibt, mein Herr, fügte er gegen Aramis bei, der eine Bewegung machte, um sich zurückzuziehen; bleibt auch Ihr, Parry, ich habe selbst bei den Geheimnissen der Beichte nichts zu sagen, was sich nicht vor aller Welt sagen ließe. Bleibt, ich bedaure nur, daß mich nicht die ganze Welt wie Ihr und mit Euch hören kann. Juxon setzte sich, und der König begann, vor ihm knieend, wie der geringste Gläubige, seine Beichte. Remember! Als die Beichte vollendet war, nahm Karl das Abendmahl; dann verlangte er, seine Kinder zu sehen. Das Volk hielt sich indessen schon bereit; da es wußte, daß zehn Uhr die für die Hinrichtung bestimmte Stunde war, so scharte es sich jetzt in den Straßen und beim Palast zusammen. Die Kinder des Königs langten an: zuerst die Prinzessin Charlotte, dann der Herzog von Glocester, – ein kleines, blondes Mädchen, die Augen in Tränen gebadet, und ein Knabe von acht bis zehn Jahren, dessen trockenes Auge und verächtlich aufgeworfene Lippe den aufkeimenden Stolz verrieten. Das Kind hatte die ganze Nacht hindurch geweint, aber vor diesen Leuten weinte es nicht. Karl fühlte, wie sein Herz beim Anblick der beiden Kinder schmolz, die er seit zwei Jahren nicht gesehen hatte und jetzt nur in der Stunde seines Todes wiedersah. Eine Träne trat in seine Augen, und er wandte sich und trocknete sie, denn er wollte stark sein vor denjenigen, denen er ein so schweres Erbe von Leid und Unglück hinterließ. Er sprach zuerst mit dem jungen Mädchen, zog sie zu sich, empfahl ihr Frömmigkeit, Demut und kindliche Liebe; dann nahm er den jungen Herzog von Glocester und setzte ihn auf seinen Schoß, damit er ihn zugleich an sein Herz drücken und aus das Gesicht küssen könnte. Er forderte ihn auf, ihm einen Eid zu leisten, daß er sich niemals wolle bei Lebzeiten seiner älteren Brüder, des Prinzen von Wales und des Herzogs von York, auf den Thron setzen lassen. Das Kind streckte seine kleine Hand in die seines Vaters aus und sprach: Sire, ich schwöre Eurer Majestät... Karl unterbrach ihn und sagte: Heinrich, nenne mich deinen Vater. Mein Vater, versetzte das Kind, ich schwöre Euch, daß sie mich eher töten, als zum König machen sollen. Gut, mein Sohn. Nun umarme mich, und Du auch, Charlotte, und vergeßt mich nicht! Oh! nein! nein! riefen die Kinder, ihre Arme um den Hals des Königs schlingend. Gott befohlen! sprach Karl, Gott befohlen, meine Kinder. Führt sie weg, Juxon, ihre Tränen würden mir den Mut zum Sterben rauben. Als man die Kinder fortgeführt hatte, öffnete man die Pforten, und jedermann konnte eintreten. Als sich der König unter der Menge der Wachen und Neugierigen, die das Zimmer zu füllen begannen, allein sah, erinnerte er sich, daß der Graf de la Fère dicht unter dem Boden des Gemaches war und, da er ihn nicht sehen konnte, vielleicht immer noch hoffte. Er zitterte, das geringste Geräusch könnte Athos als Signal erscheinen, und dieser möchte sich durch Wiederaufnahme seiner Arbeit selbst verraten. Er hielt sich deshalb geflissentlich völlig ruhig und unbeweglich und nötigte dadurch alle Anwesenden zur Ruhe. Der König täuschte sich nicht, Athos war wirklich in gespannter Erwartung; er horchte, er verzweifelte, da er kein Signal hörte; er fing mehrmals möglichst geräuschlos seine Arbeit wieder an; da er aber gehört zu werden fürchtete, hielt er bald wieder inne. Diese furchtbare Untätigkeit dauerte zwei Stunden. Eine Todesstille herrschte im Zimmer des Königs. Nun entschloß sich Athos, die Ursache dieser düstern, stummen, nur von dem ungeheuren Lärm des Volkes gestörten Ruhe zu erforschen. Er öffnete die Tapete, die das Loch des Spaltes verbarg, ein wenig und stieg auf den ersten Stock des Schafotts hinab. Kaum vier Zoll über seinem Kopfe war der Boden, der sich in einer Höhe mit der Plattform ausdehnte und das Schafott bildete. Das Geräusch, das er bis jetzt nur dumpf gehört hatte und das nun düster und bedrohlich an sein Ohr drang, ließ ihn vor Schrecken beben. Er ging bis an den Rand des Schafotts, öffnete das schwarze Tuch in der Höhe seines Auges ein wenig und sah Reiter, die an der furchtbaren Maschine ausgestellt waren, weiterhin eine Reihe Partisanenträger, sodann Musketiere, endlich die ersten Reihen des Volkes, das einem erregten Ozean ähnlich brauste und tobte. Was ist denn vorgefallen? fragte sich Athos, heftiger zitternd als das Tuch, dessen Falten er zerknitterte; das Volk drängt sich, die Soldaten stehen unter den Waffen, und unter den Zuschauern, die insgesamt die Augen nach dem Fenster gerichtet haben, erblicke ich d'Artagnan! Was erwartet er? Was betrachtet er? Großer Gott, sollte er den Henker haben entwischen lassen! Plötzlich erscholl die Trommel dumpf und düster auf dem Platze; ein Geräusch schwerer, langsamer Tritte machte sich über seinem Kopfe hörbar. Es kam ihm vor, als ob eine ungeheure Prozession das Parkett über ihm beträte; bald hörte er sogar die Bretter des Blutgerüstes krachen. Er warf einen letzten Blick nach dem Platz, und die Haltung der Zuschauer lehrte ihn, was eine im Grunde seines Herzens zurückgebliebene Hoffnung zu erraten bis jetzt verhindert hatte. Das Geräusch aus dem Platze hatte gänzlich aufgehört. Aller Augen waren nach dem Fenster von Whitehall gerichtet; die aufgesperrten Mäuler und der zurückgehaltene Atem der Menge verrieten, daß sie einem furchtbaren Schauspiel entgegensah. Das Getöse der Tritte, das Athos auf dem Platz, den er unter dem Boden des königlichen Zimmers einnahm, über seinem Kopfe gehört hatte, wiederholte sich auf dem Schafott, das sich dergestalt unter dem Gewichte bog, daß die Bretter beinahe den Kopf des unglücklichen Edelmanns berührten. Offenbar waren es zwei Reihen Soldaten, die den ihnen zugewiesenen Platz besetzten. In demselben Augenblicke sprach eine Athos wohlbekannte Stimme, eine edle Stimme, über seinem Kopfe: Herr Oberst, ich wünsche zu dem Volk zu reden. Athos bebte vom Scheitel bis zu den Zehen: es war der König, der auf dem Blutgerüste sprach. Nachdem Karl ein paar Tropfen Wein getrunken und etwas Brot gebrochen, hatte er sich wirklich, um den Tod nicht allzulange erwarten zu müssen, plötzlich entschlossen, ihm entgegenzugehen, und das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Dann hatte man die beiden Flügel des nach dem Platze gehenden Fensters geöffnet, und das Volk sah schweigend aus dem Hintergrunde des Zimmers einen verlarvten Mann hervortreten, in dem man an dem Beile, das er in der Hand hielt, den Scharfrichter erkannte. Dieser Mann näherte sich dem Block und legte sein Beil darauf. Nach diesem Menschen erblickte man Karl Stuart, der ruhig und festen Schrittes zwischen zwei Priestern ging, gefolgt von einigen Oberoffizieren, die der Hinrichtung beizuwohnen hatten, und von zwei Gliedern Partisanenträgern, die sich auf beiden Seiten des Schafotts aufstellten. Der Anblick des verlarvten Mannes hatte ein lange anhaltendes Geräusch hervorgebracht. Jedermann war neugierig, zu erfahren, wer der unbekannte Henker wäre, der sich noch zur rechten Zeit angeboten hatte, damit das dem Volk verheißene Schauspiel stattfinden konnte, während man bereits geglaubt hatte, es müsse auf den andern Tag verschoben werden. Jeder verschlang ihn gleichsam mit den Augen, aber man konnte nichts sehen, als daß es ein schwarz gekleideter Mann von mittlerem Wuchse war, der bereits ein gewisses Alter erreicht zu haben schien, denn das Ende eines grau werdenden Bartes stand unter der Larve hervor, die sein Gesicht bedeckte. Doch beim Anblick des so ruhigen, so edlen, so würdigen Königs stellte sich die Ruhe wieder her, und jedermann konnte es hören, als er sein Verlangen aussprach, mit dem Volk zu reden. Dieses Verlangen hatte der, an den es gerichtet war, ohne Zweifel mit einem bejahenden Zeichen beantwortet, denn der König fing an, mit fester, wohlklingender, unserem Athos bis in die Tiefe seines Herzens dringender Stimme zu sprechen. Er rechtfertigte vor dem Volke, was er getan hatte, und gab ihm Ratschläge zur Wohlfahrt Englands. Oh! sprach Athos zu sich selbst, ist es denn möglich, daß ich höre, was ich höre? Ist es möglich, daß Gott seinen Stellvertreter auf Erden so sehr verlassen hat, daß er so elendiglich sterben muß?... Und ich habe ihn nicht gesehen ... habe ihm kein Lebewohl gesagt! Man vernahm ein Geräusch, als würde das Todeswerkzeug auf dem Blocke bewegt. Der König unterbrach sich und sprach: Berührt das Beil nicht. Und er setzte seine Rede fort; als sie zu Ende war, trat eine furchtbare Stille über dem Kopfe des Grafen ein. Er hielt seine Hand vor die Stirn, aber zwischen seiner Hand und seiner Stirn rieselten Schweißtropfen durch, obgleich die Luft eiskalt war. Diese Stille deutete die letzten Vorbereitungen an. Nachdem der König seine Rede geschlossen, ließ er einen Blick voll Mitleids über die Menge hinschweifen. Dann machte er den Orden, den er trug, eben jenen Demantstern, den die Königin ihm geschickt hatte, los und übergab ihn dem Priester, der Juxon begleitete. Hierauf zog er aus seiner Brust ein kleines Kreuz, ebenfalls von Diamanten. Dieses kam, wie der Stern, ebenfalls von Frau Henriette. Mein Herr, sagte er, sich an den Priester wendend, der Juxon begleitete, ich werde dieses Kreuz bis zu meinem letzten Augenblick in der Hand behalten; aber nehmt es von mir, wenn ich tot bin. Ja, Sire, sprach eine Stimme, in der Athos die von Aramis erkannte. Karl, der bis dahin seinen Kopf bedeckt gehabt hatte, nahm nun seinen Hut ab und warf ihn von sich. Dann löste er die Knöpfe seines Wamses, zog es aus und warf es neben seinen Hut. Da es aber sehr kalt war, forderte er seinen Schlafrock, den man ihm reichte. Alle diese Vorbereitungen waren mit furchtbarer Ruhe vor sich gegangen. Man hätte glauben sollen, der König sei im Begriff, sich zu Bett und nicht in seinen Sarg zu legen. Endlich hob er seine Haare mit der Hand in die Höhe und sagte zu dem Henker: Werden sie Euch hinderlich sein? In diesem Fall könnte man sie mit einer Schnur aufbinden. Karl begleitete diese Worte mit einem Blick, der unter die Larve des Unbekannten dringen zu wollen schien. Der so edle, so ruhige, so sichere Blick nötigte diesen Menschen, den Kopf abzuwenden. Aber hinter dem tiefen Blicke des Königs begegnete er dem glühenden Blicke Aramis'. Als der König sah, daß er nicht antwortete, wiederholte er seine Frage. Es wird genügen, wenn Ihr sie vom Halse entfernt, antwortete der Mann mit dumpfer Stimme. Der König sagte hierauf, den Block anschauend: Dieser Block ist sehr niedrig; sollte sich kein höherer finden? Es ist der gewöhnliche Block, antwortete der Verlarvte. Glaubt Ihr mir den Kopf mit einem Streiche abzuhauen? fragte der König. Ich hoffe es, antwortete der Scharfrichter. In den Worten: Ich hoffe es , lag eine so seltsame Betonung, daß alle Anwesenden, den König ausgenommen, bebten. Es ist gut, sprach der König, und nun, Henker, höre. Der Verlarvte machte einen Schritt gegen den König und stützte sich auf sein Beil. Du sollst mich nicht überraschen, sprach Karl zu ihm. Ich werde niederknien, um zu beten; dann schlage noch nicht. Wann soll ich schlagen? fragte der Verlarvte. Sobald ich den Hals auf den Block gelegt habe, die Arme ausstrecke und Remember (Gedenke) rufe. Der Mann mit der Larve machte eine leichte Verbeugung. Der Augenblick, von der Welt zu scheiden, ist gekommen, sprach der König zu seiner Umgebung. Meine Herren, ich lasse Euch mitten im Sturme und gehe Euch in jenes Vaterland voran, das kein Ungewitter kennt. Gott befohlen. Er schaute Aramis an und nickte ihm noch besonders zu. Nun entfernt Euch, fuhr er fort, und laßt mich leise mein Gebet verrichten. Entferne du dich auch, sagte er zu dem Verlarvten; ich weiß, daß ich dir gehöre; aber erinnere dich, daß du erst bei meinem Signal schlagen sollst. Karl kniete nieder, machte das Zeichen des Kreuzes und näherte seinen Mund den Brettern, als wollte er die Plattform küssen. Dann stützte er sich mit der einen Hand auf den Boden, mit der andern auf den Block, und sagte in französischer Sprache: Graf de la Fère, seid Ihr da, und kann ich sprechen? Diese Stimme schlug gerade in Athos' Herz und durchdrang es, wie ein kaltes Eisen. Ja, Majestät, erwiderte er zitternd. Treuer Freund, edles Herz, sprach der König, ich konnte nicht von dir gerettet werden, ich sollte es nicht werden. Nun aber, und sollte ich eine Entheiligung begehen, sage ich: Ja, ich habe zu den Menschen, ich habe zu Gott gesprochen, ich spreche zuletzt zu dir. Um eine Sache aufrechtzuhalten, die ich für heilig hielt, habe ich den Thron meiner Väter verloren und das Erbe meiner Kinder verschleudert. Eine Million in Gold bleibt mir. Ich habe sie in den Kellern des Schlosses von Newcastle in dem Augenblick vergraben, wo ich diese Stadt verließ. Du allein weißt, daß dieses Geld vorhanden ist. Mache Gebrauch davon, wenn du es zum Wohle meines ältesten Sohnes für zeitgemäß hältst. Und nun, Graf de la Fère, nimm Abschied von mir. Gott befohlen, heilige Majestät, Märtyrer-Majestät! stammelte Athos, vor Schrecken zu Eis geworden. Es trat nun ein Stillschweigen ein, währenddessen es Athos vorkam, als stände der König auf und wechselte seine Stellung. Dann rief der König mit voller, klingender Stimme, so daß man es nicht nur auf dem Schafott, sondern auch auf dem ganzen Platze hörte: Remember! Kaum war dieses Wort aus seinem Munde, als ein furchtbarer Schlag den Boden des Blutgerüstes erschütterte. Der Staub drang aus dem Tuche hervor und blendete den unglücklichen Edelmann. Plötzlich hob er mechanisch die Augen und den Kopf empor, und ein warmer Tropfen fiel auf seine Stirn. Athos wich mit einem Schauer des Schreckens zurück, und in demselben Augenblick verwandelten sich die Tropfen in einen dunklen Erguß, der auf dem Boden aufprallte. Athos fiel auf die Knie und blieb einige Augenblicke wie vom Wahnsinn erfaßt. An dem abnehmenden Gemurmel bemerkte er bald, daß das Volk sich entfernte. Er verharrte noch einen Moment unbeweglich, stumm und bestürzt. Dann tauchte er, sich umwendend, das Ende seines Taschentuches in das Blut des Märtyrer-Königs, und als das Volk immer mehr den Platz verließ, stieg er hinab, schlitzte das Tuch, drängte sich zwischen zwei Pferde, mischte sich unter das Volk und gelangte in die Taverne. Als er in sein Zimmer trat, beschaute er sich im Spiegel, sah auf seiner Stirn einen breiten roten Fleck, fuhr mit der Hand danach, zog sie voll vom Blute des Königs zurück und fiel in eine Ohnmacht. Der Verlarvte Obgleich es erst vier Uhr war, herrschte doch schon finstere Nacht. Der Schnee fiel dick und eisig. Aramis kehrte ebenfalls zurück und fand Athos, wenn auch nicht mehr ohne Bewußtsein, so doch aufs tiefste herabgestimmt; aber bei den ersten Worten seines Freundes erwachte der Graf aus der Lethargie, in die er versunken war. Nun, sagte Aramis, wir sind besiegt durch Mißgeschick! – Besiegt, sprach Athos, edler, unglücklicher König! – Seid Ihr denn verwundet? fragte Aramis. – Nein, dieses Blut ist das seinige. Der Graf trocknete seine Stirn. Wo wart Ihr denn? – Wo Ihr mich gelassen hattet, unter dem Schafott. – Und Ihr habt alles gesehen? – Nein, aber alles gehört. Gott bewahre mich vor einer zweiten Stunde, der ähnlich, die ich soeben durchmachen mußte! Habe ich nicht weiße Haare? – Dann wißt Ihr, daß ich ihn nicht verlassen habe. – Ich hörte Eure Stimme bis zum letzten Augenblick. – Hier ist der Stern, den er mir gegeben, sprach Aramis, hier ist das Kreuz, das ich aus seiner Hand genommen. Er wünschte, daß beides der Königin zugestellt werde. – Und hier ein Taschentuch, um beides darein zu wickeln, sagte Athos und zog das Tuch hervor, das er in des Königs Blut getaucht hatte. Was hat man mit der armen Leiche gemacht? fragte Athos. Auf Cromwells Befehl sollen ihr die königlichen Ehren erwiesen werden. Wir haben den Körper in einen bleiernen Sarg gelegt. Die Ärzte beschäftigen sich damit, die unglücklichen Überreste einzubalsamieren. Ist ihr Werk getan, so wird der König auf ein Trauergerüste gesetzt werden. Hohn! murmelte Athos düster; die königlichen Ehren dem, den sie ermordet haben! Dies beweist, versetzte Aramis, daß zwar der König stirbt, das Königtum aber nicht. Ach! rief Athos, das ist vielleicht der letzte ritterliche König, den die Welt haben wird. Verzweifelt nicht, Graf, sprach eine mächtige Stimme von der Treppe her, auf der Porthos' schwere Tritte erschallten. Wir sind alle sterblich, meine armen Freunde. Ihr kommt spät, mein lieber Porthos, sagte der Graf de la Fère. Ja, erwiderte Porthos, es waren Leute auf meinem Weg, die mich aufhielten. Die Elenden tanzten! Ich nahm einen beim Halse und erdrosselte ihn, glaube ich, 'so ziemlich. Gerade in diesem Augenblick kam eine Patrouille. Zum Glück war der, mit dem ich es hauptsächlich zu tun hatte, ein paar Minuten außer stande, zu sprechen. Ich benutzte dies, um mich in eine kleine Straße zu werfen. Diese kleine Straße führte mich in eine noch kleinere; dann verirrte ich mich. Ich kenne London nicht, ich verstehe nicht Englisch und glaubte, ich würde mich nie mehr zurechtfinden; aber endlich bin ich doch hier. Aber d'Artagnan, sagte Aramis, habt Ihr ihn nicht gesehen? Sollte ihm etwas begegnet sein? Wir wurden durch die Menge getrennt, erwiderte Porthos, und ich konnte trotz allen Anstrengungen nicht wieder zu ihm gelangen. In diesem Augenblick trat der Vermißte herein und setzte sich mit den Worten: Ich bin müde! zu den Freunden. Trinkt ein Glas Portwein, sagte Aramis, nahm eine Flasche vom Tisch und füllte ein Glas; trinkt, das wird Euch erquicken. Ja, trinken wir, rief Athos. Laßt uns trinken und dann aus diesem abscheulichen Lande eilen. Die Feluke erwartet uns, wie ihr wißt; reisen wir diesen Abend, denn wir haben hier nichts mehr zu tun. Ihr seid eilig, Herr Graf, sagte d'Artagnan. Dieser blutige Boden brennt mir unter den Füßen, erwiderte Athos. Ich denke, es bleibt uns noch ein kleines Unternehmen auszuführen. Der Gedanke dazu kam mir, während ich das Schauspiel betrachtete. – Welcher? sagte Porthos. – Ich wollte wissen, wer der verlarvte Mann wäre, der sich zuvorkommend angeboten hatte, dem König den Hals abzuschneiden. – Ein verlarvter Mann! rief Athos, Ihr habt also den Henker nicht entfliehen lassen? –Der Henker, sagte d'Artagnan, ist immer noch im Keller, wo er ohne Zweifel ein paar Worte mit den Flaschen unseres Wirtes sprechen wird. Aber Ihr erinnert mich eben daran... D'Artagnan ging an die Tür und rief: Mousqueton! – Gnädiger Herr? erwiderte eine Stimme, die aus der Tiefe der Erde zu kommen schien. – Laßt Euren Gefangenen los, alles ist vorbei. – Aber wer ist der Elende, der Hand an den König gelegt hat? sprach Athos. – Ein Henker aus Liebhaberei, der übrigens das Beil mit großer Leichtigkeit handhabt, denn er bedurfte, wie er hoffte , nur eines Streiches, sagte Aramis. – Ihr habt sein Gesicht nicht gesehen? fragte Athos. – Er hatte eine Larve, erwiderte d'Artagnan. – Aber Ihr, der Ihr in seiner Nähe wart, Aramis? – Ich sah nur einen gräulichen Bart, der unter der Larve hervorkam. – Es ist also ein Mensch von etwas vorgerückterem Alter? fragte Athos. – Oh, das ist kein Beweis, versetzte d'Artagnan; nimmt man eine Larve, so kann man auch einen Bart nehmen. – Es tut mir leid, daß ich ihm nicht folgte! rief Porthos. – Nun, mein lieber Porthos, das ist gerade der Gedanke, der mir kam, sagte d'Artagnan. Nun? sprach Aramis. Nun, versetzte d'Artagnan, während ich hinschaute, kam mir das sehnsüchtige Verlangen zu erfahren, wer es wäre. Wie ich um mich her schaute, sah ich zu meiner Rechten einen Kopf, der gespalten und so gut als möglich wieder zusammengeflickt worden war. Bei Gott, sagte ich, zu mir selbst, das ist eine Naht von meiner Art, und ich habe diesen Schädel wohl irgendwo zusammengeflickt. Es war in der Tat der unglückliche Schotte, der Bruder Parrys, der Mensch, an dem, wie ihr wißt, Herr von Groslow seine Kräfte versuchte, und der nur noch einen halben Kopf hatte, als wir ihn trafen. Ganz richtig, der Mann mit den schwarzen Hühnern, sprach Porthos. Er selbst. Er machte einem andern Menschen, der sich zu meiner Linken befand, Zeichen. Ich wandte mich um und erkannte den ehrlichen Grimaud, der, wie ich, damit beschäftigt war, meinen verlarvten Henker mit den Blicken zu verschlingen. Oh! oh! rief ich ihm zu, und Grimaud und der Schotte bemerkten mich und gesellten sich zu mir. Als dann alles in der entsetzlichen Weise zu Ende war und das Volk sich verlief, zogen wir uns in einen Winkel des Platzes zurück und beobachteten von da aus den Henker, der sich in das königliche Zimmer begeben hatte und die Kleider wechselte. Die seinigen waren ohne Zweifel blutig geworden. Er setzte sodann einen schwarzen Hut auf den Kopf, hüllte sich in einen Mantel und verschwand. Ich erriet, daß er herauskommen würde, und lief vor die Tür. Nach fünf Minuten sahen wir ihn dann die Treppe herabsteigen. Ihr folgtet ihm? rief Athos. Bei Gott, erwiderte d'Artagnan, aber es geschah nicht ohne Mühe. Er wandte sich jeden Augenblick um; dann waren wir genötigt, uns zu verbergen oder ein gleichgültiges Wesen anzunehmen. Ich wäre ihm zu Leibe gegangen und hätte ihn getötet, aber ich bin nicht selbstsüchtig, und es war ein Vorrecht, das ich Euch vorbehielt, Aramis, und Euch, Athos, um Euch ein wenig zu trösten. Endlich nach einem Marsche von einer halben Stunde durch die krummsten Straßen der Altstadt gelangte er zu einem kleinen, einzelstehenden Hause, wo kein Tritt, kein Licht die Gegenwart eines Menschen andeutete. Der Verlarvte blieb vor einer niedrigen Tür stehen und zog einen Schlüssel hervor. Aber ehe er ihn in das Schloß steckte, wandte er sich um, ohne Zweifel, um zu sehen, ob man ihm nicht folgte. Ich war hinter einen Baum gekauert, Grimaud hinter einen Weichstein. Der Schotte legte sich mit dem flachen Leibe auf den Weg. Wahrscheinlich glaubte sich der Verfolgte allein, denn ich hörte das Klirren des Schlüssels. Die Tür öffnete sich, und er verschwand. Der Elende! rief Aramis; während Ihr zurückkehrtet, wird er entflohen sein, und wir finden ihn nicht mehr. Still, Aramis, sprach d'Artagnan, Ihr verkennt mich. Doch in Eurer Abwesenheit ... sagte Athos. Hatte ich nicht in meiner Abwesenheit an meiner Stelle den Schotten und Grimaud? Ehe er Zeit fand, zehn Schritte im Innern zu tun, hatte ich die Runde um das Haus gemacht. An eine der Türen, an die, durch die er eingetreten war, stellte ich den Schotten, dem ich bedeutete, wenn der Mann mit der schwarzen Larve herauskomme, solle er ihm folgen, wohin er gehe, während Grimaud ihm selbst folgen und dann zurückkommen sollte, um uns da zu erwarten, wo wir waren. Grimaud stellte ich an den zweiten Ausgang mit demselben Austrag, und hier bin ich nun! Das Wild ist umstellt, wer will zum Hallali? Athos stürzte in die Arme d'Artagnans, der sich seine Stirn trocknete. Freund, sagte er, Ihr seid in der Tat der Beste von uns. Reist Ihr nun immer noch, Athos? fragte d'Artagnan. Nein, ich bleibe, antwortete der Graf mit einer drohenden Gebärde, die dem, welchem sie galt, nichts Gutes verhieß. Die Degen also, und keine Minuten verloren! rief Aramis. Die vier Freunde zogen rasch wieder ihre gewöhnlichen Kleider an, gürteten ihre Schwerter um, ließen Mousqueton und Blaisois kommen und befahlen ihnen, die Rechnung bei dem Wirt in Ordnung zu bringen und alles für die Abreise bereitzuhalten, da man aller Wahrscheinlichkeit nach London noch in derselben Nacht verlassen würde. Die Nacht war noch düsterer geworden, der Schnee fiel ohne Unterlaß und sah aus, wie ein großes, über die königsmörderische Stadt ausgebreitetes Leichentuch; es war ungefähr sieben Uhr abends, man sah kaum ein paar Menschen durch die Straßen gehen; alle sprachen ganz leise und nur zu Vertrauten über die furchtbaren Ereignisse des Tages. In ihre Mäntel gehüllt, durchwanderten die vier Freunde die am Tage so volkreichen, diese Nacht aber so öden Straßen und Plätze der City. D'Artagnan führte sie, wobei er von Zeit zu Zeit Kreuze zu erkennen suchte, die er mit seinem Dolch an den Mauern gemacht hatte; aber die Nacht war so finster, daß sich diese Spuren nur mit Mühe auffinden ließen. D'Artagnan hatte jedoch seinem Kopfe jeden Weichstein, jeden Brunnen, jedes Schild so gut eingeprägt, daß er nach Verlauf eines Marsches von einer halben Stunde mit seinen drei Gefährten vor dem einzelnen Hause anlangte. D'Artagnan glaubte einen Augenblick, Parrys Bruder sei verschwunden; er täuschte sich. An das Eis seiner Gebirge gewöhnt, hatte sich der kräftige Schotte an einem Weichstein ausgestreckt und, unempfindlich gegen die Ungunst der Witterung, vom Schnee bedecken lassen; aber bei Annäherung der vier Männer stand er auf. D'Artagnan näherte sich dem Schotten und gab sich ihm zu erkennen. Dann machte er den andern ein Zeichen, herbeizukommen. Wie steht es? fragte Athos in englischer Sprache. Niemand ist herausgekommen, antwortete Parrys Bruder. Gut, bleibt bei diesem Manne, Porthos, und Ihr auch, Aramis, d'Artagnan wird mich zu Grimaud geleiten. Dieser, der sich in eine hohle Weide gedrückt und sie als Schilderhaus benutzt hatte, gab auf d'Artagnans Frage, ob jemand herausgekommen sei, zur Antwort: Nein, aber es ist jemand hineingegangen. – Ein Mann oder eine Frau? – Ein Mann. – Ah! sprach d'Artagnan, sie sind also zu zwei. – Ich wollte, sie wären zu vier, versetzte Athos, dann wäre die Partie doch gleich. – Vielleicht sind sie zu vier, versetzte d'Artagnan. – Wieso? – Konnten nicht andere Menschen vor ihnen in diesem Hause sein und sie erwarten? – Man kann sehen, sprach Grimaud und deutete auf ein Fenster, durch dessen Läden einige Lichtstrahlen drangen. – Das ist richtig, sagte d'Artagnan, rufen wir die anderen. Sie wandten sich um das Haus, um Porthos und Aramis zu bedeuten, sie sollten kommen. Diese liefen eilig herbei und fragten: Habt ihr etwas gesehen? Nein, aber wir werden etwas erfahren, antwortete d'Artagnan, und deutete auf Grimaud, der, sich an die Mauervorsprünge anklammernd, bereits fünf bis sechs Fuß über der Erde war. Alle vier näherten sich. Grimaud stieg mit der Gewandtheit einer Katze aufwärts; endlich gelang es ihm, einen der Haken zu fassen, die zum Festhalten der Läden dienen, wenn diese offen sind; zu gleicher Zeit fand sein Fuß ein Gesims, das ihm einen hinreichenden Stützpunkt zu geben schien, denn er machte ein Zeichen, durch das er andeutete, er habe sein Ziel erreicht. Dann näherte er sein Auge der Spalte des Ladens. Wie ist es? fragte d'Artagnan. Grimaud zeigte seine Hand, die bis auf zwei Finger geschlossen war. Sprich, sagte Athos, man sieht deine Zeichen nicht. Wieviel sind es? Grimaud tat sich Gewalt an und erwiderte: Zwei; der eine ist mir gegenüber, der andere wendet mir den Rücken zu. – Gut. Wer ist der dir gegenüber? – Der Mensch, den ich an mir vorübergehen sah. – Kennst du ihn? – Es ist Oliver Cromwell. Die vier Freunde schauten sich an. Und der andere? – Mager und schlank gewachsen. – Es ist der Henker, sagten Aramis und d'Artagnan. – Ich sehe nur seinen Rücken, versetzte Grimaud; doch halt, er macht eine Bewegung, er dreht sich um, wenn er seine Larve abgelegt hat, kann ich sehen ... Ah! ... Grimaud ließ, als wäre er im Herzen getroffen, den eisernen Haken los und sank mit einem dumpfen Seufzer zurück. Porthos fing ihn in seinen Armen auf. Hast du ihn gesehen? sagten die vier Freunde. – Ja, sprach Grimaud, mit emporgesträubten Haaren und Schweiß auf der Stirn. – Und wer ist es? sprach Porthos. – Er! er! stammelte Grimaud, bleich wie ein Toter und mit seinen zitternden Händen die Hand seines Herrn ergreifend. – Wer, er? fragte Athos. – Mordaunt! ... erwiderte Grimaud. D'Artagnan, Porthos und Aramis stießen einen Freudenschrei aus. Athos machte einen Schritt rückwärts, fuhr mit der Hand über die Stirn und murmelte: Verhängnis! Das Haus Cromwells Es war in der Tat Mordaunt, den d'Artagnan, ohne ihn zu erkennen, verfolgt hatte. In das Haus eintretend, hatte er seine Larve und den gräulichen Bart, den er, um sich unkenntlich zu machen, angelegt, wieder abgenommen, war die Treppe hinausgegangen, hatte die Tür geöffnet und befand sich in einem durch den Schimmer einer Lampe erleuchteten und mit einer dunkelfarbigen Tapete ausgeschlagenen Zimmer einem Manne gegenüber, der an einem Tische saß und schrieb. Dieser Mann war Cromwell, der bekanntlich in London mehrere solche, selbst dem größeren Teile seiner Freunde unbekannte Schlupfwinkel besaß. Mordaunt konnte aber, wie man sich erinnert, zu der Zahl seiner Vertrautesten gerechnet werden. Habt Ihr genaue Nachricht erhalten? fragte Mordaunt im Laufe eines eifrigen Gespräches sein Gegenüber. – Keine; ich bin seit diesem Morgen hier und weiß nur, daß ein Komplott stattfand, um den König zu retten. – Ah, Ihr wußtet dies? – Es ist nichts daran gelegen. Vier als Arbeiter verkleidete Männer sollten den König aus dem Gefängnisse bringen und nach Greenwich führen, wo eine Barke ihrer harrte. – Und von alldem unterrichtet, hielt sich Eure Ehren hier entfernt von der City ruhig und untätig? – Ruhig, ja; aber wer sagt Euch untätig? – Wenn das Komplott gelungen wäre? – Ich hätte es gewünscht. – Ich dachte, Eure Ehren betrachte den Tod Karls I. als ein für England notwendiges Unglück. – Ich denke immer noch so; aber wenn er nur aus dem Leben schied, mehr bedurfte es nicht; es wäre vielleicht besser gewesen, es wäre nicht auf dem Schafott geschehen. – Aber warum dies. Eure Ehren? Cromwell lächelte. Vergebt, sprach Mordaunt; Ihr wißt, General, ich bin ein Lehrling in der Politik und wünsche unter allen Umständen Lektionen zu benutzen, die mein Meister mir zu geben die Güte haben will. – Weil man gesagt hätte, ich habe ihn durch das Gericht verurteilen und dann aus Barmherzigkeit entfliehen lassen. – Wenn er aber entflohen wäre? – Unmöglich. – Unmöglich? – Ja, meine Vorsichtsmaßregeln waren getroffen. – Und Eure Ehren kennt die vier Männer, die den König zu retten unternommen hatten? – Es sind die vier Franzosen, von denen zwei durch Madame Henriette an ihren Gatten und zwei von Mazarin an mich abgeschickt wurden. – Glaubt Ihr, Herr, Mazarin habe sie beauftragt, zu tun, was sie getan haben? – Möglich, aber er wird sie verleugnen. – Warum dies? – Weil sie scheiterten. – Eure Ehren schenkten mir zwei von diesen Franzosen, weil sie schuldig waren, die Waffen zu Gunsten Karls I. getragen zu haben, will mir Eure Ehren nun, da sie eines Komplottes gegen England schuldig sind, alle vier schenken? – Nehmt sie, sagte Cromwell. Mordaunt verbeugte sich mit einem Lächeln triumphierender Wildheit. Doch kommen wir auf den unglücklichen Karl zurück, fuhr Cromwell fort, als er sah, daß Mordaunt sich anschickte, zu danken. Hat man im Volke geschrien? Sehr wenig, außer: Es lebe Cromwell! Es scheint, der improvisierte Henker habe seine Schuldigkeit sehr gut getan, sagte Cromwell; der Schlag wurde, wenigstens wie man mir gemeldet hat, mit Meisterhand geführt. – In der Tat, sprach Mordaunt mit ruhiger Stimme und unempfindlichem Gesicht, ein einziger Streich genügte. – Vielleicht war es einer vom Handwerk, sagte Cromwell. Glaubt Ihr, Herr? – Warum nicht? – Dieser Mensch sah nicht wie ein Henker aus. – Und wer anders als ein Henker hätte dieses furchtbare Geschäft verrichten wollen? fragte Cromwell. – Vielleicht ein persönlicher Feind Karls, der das Gelübde der Rache getan und dieses Gelübde in Erfüllung gebracht hat. Vielleicht irgend ein Edelmann, der gewichtige Ursachen hatte, den entsetzten König zu hassen, und da er wußte, daß er entfliehen und entkommen sollte, sich ihm mit verlarvtem Antlitz und dem Beil in der Hand, nicht als Stellvertreter des Henkers, sondern als Bevollmächtigter des Verhängnisses in den Weg stellte. – Das ist möglich, sprach Cromwell. – Wenn dem so wäre, würde Eure Ehren seine Handlung verdammen? – Es ist nicht meine Sache, zu richten, es ist dies Sache zwischen Gott und ihm. – Wenn aber Eure Ehren diesen Edelmann kennen würde? – Ich kenne ihn nicht, mein Herr, antwortete Cromwell, und will ihn nicht kennen. – Ohne diesen Menschen war der König gerettet. Cromwell lächelte. Allerdings. Ihr habt selbst gesagt, man entführte ihn. Man entführte ihn bis Greenwich. Dort schiffte er sich auf einer Feluke mit seinen vier Rettern ein. Aber auf der Feluke waren vier Männer, die mir, und vier Tonnen Pulver, die der Nation gehörten. Auf der See stiegen die vier Männer in die Schaluppe herab, und Ihr seid bereits ein zu gewandter Politiker, als daß ich Euch das übrige zu erklären brauchte. Ja, auf der See wurden sie insgesamt in die Luft gesprengt. Richtig. Die Explosion tat, was das Beil nicht hatte tun wollen. Der König Karl verschwand und war vernichtet. Man hätte gesagt, der menschlichen Gerechtigkeit entgangen, sei er von der himmlischen Rache verfolgt und erreicht worden; wir waren nur seine Richter, und Gott hat die Strafe an ihm vollzogen. Diesen Vorteil habe ich durch Euren verlarvten Edelmann verloren, Mordaunt. Herr, sprach Mordaunt, ich neige mich wie immer in Demut vor Euch. Ihr seid tiefer Denker, und Euer Plan mit der Feluke ist wahrhaftig erhaben. Ihr werdet also diesen Abend nach Greenwich abgehen, sprach Cromwell aufstehend; Ihr fragt nach dem Patron der Feluke » der Blitz « und zeigt ihm ein an den vier Enden geknüpftes Taschentuch ... dies war das verabredete Signal; Ihr sagt den Leuten, sie sollen wieder an das Land steigen, und laßt das Pulver in das Arsenal bringen, wenn nicht anders ... diese Feluke, so wie sie ist. Euren persönlichen Zwecken dienlich sein kann. – Ah! Herr! rief Mordaunt, indem Euch Gott zu seinem Auserwählten machte, gab er Euch seinen Blick, dem nichts entgehen kann. Cromwell nahm seinen Mantel. Ihr entfernt Euch? fragte Mordaunt. Ja, ich habe gestern und vorgestern hier übernachtet, und Ihr wißt, daß es nicht meine Gewohnheit ist, dreimal in demselben Bette zu schlafen. Eure Ehren gibt mir also jede Freiheit für die Nacht? Und sogar für den morgigen Tag, wenn es nötig ist. Ihr habt seit gestern abend genug für meinen Dienst getan, sagte Cromwell lächelnd, und wenn Ihr Privatangelegenheiten abzumachen habt, so ist es billig, daß ich Euch Zeit dazu lasse. Ich danke, Herr, sie wird, wie ich hoffe, benutzt werden. Cromwell machte Mordaunt ein Zeichen mit dem Kopfe; dann wandte er sich um und fragte: Seid Ihr bewaffnet? – Ich habe meinen Degen. – Und niemand, der Euch vor der Tür erwartet? – Niemand. – Dann solltet Ihr mit mir gehen, Mordaunt. – Ich danke; die Umwege, die Ihr machen müßt, um durch den unterirdischen Gang zu gelangen, würden mir Zeit rauben, und nach dem, was Ihr mir sagtet, habe ich vielleicht bereits zu viel verloren. Ich gehe durch eine andere Tür. – Geht also, sprach Cromwell, und seine Hand auf einen verborgenen Knopf legend, öffnete er eine Türe, die so gut unter der Tapete versteckt war, daß auch das geübteste Auge sie nicht zu erkennen vermochte. Während des letzten Teiles dieser Szene hatte Grimaud durch eine Öffnung des nicht zugezogenen Vorhangs die zwei Männer wahrgenommen und Cromwell und Mordaunt erkannt. Man hat die Wirkung gesehen, welche diese Kunde auf die vier Freunde hervorbrachte. D'Artagnan war der erste, der wieder zur vollen Besinnung kam. Mordaunt! sagte er, ah! beim Himmel, Gott selbst schickt ihn uns. Ja, laßt uns die Tür eintreten und über ihn herfallen, sprach Porthos. Im Gegenteil, erwiderte d'Artagnan, treten wir nicht ein ... keinen Lärm, der Lärm führt Leute herbei, denn wenn er, wie Grimaud sagt, bei seinem würdigen Herrn ist, so muß fünfzig Schritte von hier ein Posten verborgen sein. Holla! Grimaud, steigt noch einmal hinauf und sagt uns, ob Mordaunt noch Gesellschaft hat, ob er auszugehen oder sich zu Bette zu legen im Begriff ist. Geht er aus, so fassen wir ihn vor der Tür; bleibt er, so brechen wir das Fenster ein; das ist immer noch weniger geräuschvoll und schwierig, als eine Tür. Grimaud fing an, schweigend das Fenster zu erklettern. Bewacht den andern Ausgang, Athos und Aramis, ich bleibe mit Porthos hier. Die Freunde gehorchten. Nun, Grimaud? fragte d'Artagnan. – Er ist allein. – Bist du dessen sicher? – Ja. – Wir haben seinen Gefährten nicht herausgehen sehen. – Vielleicht ist er durch die andere Tür hinausgegangen. – Was tut er? – Er hüllt sich in seinen Mantel und zieht seine Handschuhe an. So gehört er uns! murmelte d'Artagnan. Still, flüsterte Grimaud; er ist im Begriff zu gehen. Er nähert sich der Lampe, er bläst sie aus; ich sehe nichts mehr. Herab zu Boden! Grimaud sprang rückwärts und fiel auf seine Beine. Der Schnee dämpfte das Geräusch. Man hörte nichts. Benachrichtige Athos und Aramis, sie sollen sich auf jede Seite der Tür stellen, wie Porthos und ich es hier machen; wenn sie ihn fassen, sollen sie in die Hände klatschen; wir klatschen, wenn wir ihn fassen. Porthos drückte sich an die Mauer, daß man hätte glauben sollen, er wolle hineindringen. D'Artagnan tat dasselbe. Man hörte nun Mordaunts Tritt auf der schallenden Treppe. Eine kleine unbemerkbare Klappe an der Tür wurde geöffnet. Mordaunt schaute heraus, aber gewahrte nichts. Dann steckte er den Schlüssel ins Schloß, die Tür tat sich auf, und er erschien auf der Schwelle. In demselben Augenblick fand er sich d'Artagnan gegenüber. Er wollte die Tür wieder zustoßen. Porthos näherte sich dem Knopfe, riß sie weit auf und klatschte dreimal in die Hände. Athos und Aramis liefen herbei. Mordaunt wurde leichenblaß, aber er gab keinen Schrei von sich, er rief nicht um Hilfe. D'Artagnan ging gerade auf Mordaunt zu, stieß ihn gleichsam mit seiner Brust zurück und trieb ihn rückwärts die ganze Treppe hinauf, die durch eine Lampe beleuchtet war, die dem Gascogner gestattete, die Hände Mordaunts nicht aus dem Auge zu verlieren; Mordaunt aber begriff, daß er sich, wenn er d'Artagnan getötet, noch seiner drei andern Feinde zu entledigen hätte. Er machte also nicht die geringste Bewegung, um sich zu verteidigen, nicht eine einzige drohende Gebärde. Zur Tür gelangt, fühlte sich Mordaunt mit dem Rücken an dieselbe gepreßt, und er glaubte wohl, hier würde alles mit ihm zu Ende gehen. Aber er täuschte sich, d'Artagnan streckte die Hand aus und öffnete die Tür; Mordaunt und er befanden sich also in dem Zimmer, in dem der junge Mann zehn Minuten vorher mit Cromwell gesprochen. Porthos und Aramis erschienen an der Tür, die sie sodann verschlossen. Habt die Güte und setzt Euch, sprach d'Artagnan, dem jungen Mann einen Stuhl reichend. Dieser nahm den Stuhl und setzte sich, bleich, aber ruhig. Drei Schritte von ihm stellte Aramis drei Stühle für sich, d'Artagnan und Porthos. Athos setzte sich in den entferntesten Winkel des Zimmers und schien entschlossen, ein unbeweglicher Zuschauer dessen, was vorgehen sollte, zu bleiben. Er sah niedergeschlagen aus. Porthos rieb sich die Hände mit fieberhafter Ungeduld. Aramis biß sich, obgleich er lächelte, bis aufs Blut in die Lippen. D'Artagnan allein mäßigte sich, wenigstens scheinbar. Herr Mordaunt, sagte er zu dem jungen Mann, da der Zufall, nachdem wir uns so viele Tage vergeblich nachgelaufen sind, uns endlich zusammenführt, so wollen wir ein wenig plaudern, wenn es Euch gefällig ist. Unterredung Mordaunt war so unvermutet überrascht worden, er war unter dem Eindruck eines so verwirrten Gefühls die Treppe hinangestiegen, daß er noch zu keiner vollständigen Überlegung hatte kommen können. Seine erste Empfindung war nur ein unüberwindlicher Schrecken, eine Bestürzung gewesen, wie sie jeden Menschen ergreift, den ein an Kraft überlegener Todfeind in dem Augenblick, wo er diesen Feind an einem andern Ort und mit ganz andern Dingen beschäftigt glaubt, am Arme faßt. Sobald er aber merkte, daß ihm, gleichviel in welcher Absicht, eine Frist gegönnt war, so raffte er alle seine Gedanken und Kräfte zusammen. D'Artagnans feuriger Blick elektrisierte ihn gleichsam, statt ihn einzuschüchtern; denn dieser Blick war, so drohend er ihn anflammte, wenigstens ehrlich in seinem Haß und in seinem Zorn. Mordaunt sprach nichts. Er kreuzte nur, als er sich versichert hatte, daß sein Schwert stets zu seiner Verfügung stand, ganz gelassen seine Beine und wartete. Dieses Stillschweigen konnte nicht länger andauern, ohne lächerlich zu werden. D'Artagnan begriff dies und begann das Gespräch: Es scheint mir, mein Herr, sagte er mit seiner tödlichen Höflichkeit, Ihr wechselt die Trachten beinahe so rasch, wie ich dies bei den italienischen Schauspielern gesehen habe, die der Kardinal von Mazarin aus Bergamo kommen ließ und Euch ohne Zweifel bei Eurer Reise nach Frankreich zeigte. Mordaunt antwortete nicht. Soeben, fuhr d'Artagnan fort, waret Ihr als Mörder verkleidet oder vielmehr gekleidet, und nun ... Und nun sehe ich im Gegenteil aus, als trüge ich das Gewand eines Menschen, den man ermorden will, nicht wahr? erwiderte Mordaunt mit seinem ruhigen, kurzen Tone. Oh! mein Herr, versetzte d'Artagnan, wie könnt Ihr so etwas sagen, da Ihr Euch in Gesellschaft von Edelleuten befindet und ein gutes Schwert an Eurer Seite habt? Kein Schwert ist so gut, mein Herr, daß es vier Schwertern und vier Dolchen gleichkäme, die Schwerter und Dolche Eurer Spießgesellen, die Euch vor der Tür erwarten, nicht zu rechnen. Verzeiht, mein Herr, sprach d'Artagnan, Ihr seid im Irrtum; die Menschen, welche uns vor der Tür erwarten, sind nicht unsere Spießgesellen, sondern unsere Lakaien. Mordaunt antwortete nur mit einem Lächeln, das seine Lippen ironisch verzog. Doch es handelt sich nicht darum, versetzte d'Artagnan, und ich komme auf meine Frage zurück. Ich gebe mir also die Ehre, Euch zu fragen, warum Ihr Euer Äußeres verändert habt; die Larve war Euch ziemlich bequem, wie es mir scheint. Der graue Bart stand Euch vortrefflich, und was das Beil betrifft, mit dem Ihr einen so ausgezeichneten Streich geführt habt, so glaube ich, daß es Euch in diesem Augenblick auch nicht schlecht lassen würde. Warum habt Ihr also gewechselt? Ich erinnerte mich der Szene von Armentières und dachte, ich würde vier Beile statt eines finden, da ich unter vier Henker geraten sollte. Mein Herr, antwortete d'Artagnan mit der größten Ruhe, obgleich eine leichte Bewegung seiner Augenbrauen andeutete, daß er warm zu werden anfing, damals lag die Sache ganz anders als hier. Wir konnten Eurer Mutter keinen Degen anbieten und sie bitten, mit uns zu fechten. Aber von Euch, mein Herr, von einem jungen Kavalier, der mit dem Dolch und der Pistole spielt, wie wir dies gesehen, und ein Schwert von solcher Länge an der Seite trägt, kann man wohl die Gunst eines Zweikampfs erwarten. Ah, ah! sagte Mordaunt, Ihr verlangt also ein Duell? Und er erhob sich mit funkelndem Auge, um die Herausforderung sogleich anzunehmen. Stets zu solchen Abenteuern bereit, stand Porthos ebenfalls auf. Verzeiht, sprach d'Artagnan mit derselben Kaltblütigkeit; übereilen wir uns nicht, denn jeder von uns muß wünschen, daß die Dinge in aller Ordnung vor sich gehen. Setzt Euch also wieder, Porthos, und Ihr, mein Herr Mordaunt, wollt gefälligst ruhig bleiben. Wir werden diese Angelegenheit auf das beste ordnen, und ich will offenherzig gegen Euch sein. Bekennt, Herr Mordaunt, daß Ihr große Lust habt, den einen oder den andern von uns zu töten? Einen und die andern, antwortete Mordaunt. Lieber Herr Mordaunt, ich habe Euch zu sagen, daß diese Herren Eure guten Gefühle für sie erwidern und sehr erfreut wären, Euch zu töten. Ich sage noch mehr, sie werden Euch wahrscheinlich töten. Doch es soll in der Weise redlicher Edelleute geschehen, und ich gebe Euch den besten Beweis für meine Worte. Damit warf d'Artagnan seinen Hut auf den Boden, rückte seinen Stuhl an die Wand zurück, winkte seinen Freunden dasselbe zu tun, begrüßte Mordaunt mit französischer Artigkeit und sprach: Ich stehe zu Euren Befehlen, mein Herr; denn wenn Ihr nichts gegen die Ehre, die ich fordere, einzuwenden habt, so fange ich an; mein Degen ist zwar kürzer als der Eurige, aber basta, ich hoffe, der Arm wird den Degen ergänzen. Es bedurfte aber erst der entschiedensten Willensäußerung d'Artagnans, ehe er seine Freunde bestimmen konnte, ihm das Erstlingsrecht der Rache zu überlassen. Hierauf wandte er sich wieder Mordaunt zu und sagte: Mein Herr, ich erwarte Euch. Und ich, meine Herren, bewundere Euch. Ihr streitet, wer von Euch sich zuerst mit mir schlagen soll, und fragt mich nicht um meine Ansicht, während doch die Sache mich auch ein wenig angeht, wie mir scheint. Ich hasse Euch alle, das ist wahr, aber in verschiedenen Graden. Ich hoffe, Euch alle zu töten, habe aber mehr Hoffnung, den ersten, als den zweiten, den zweiten als den dritten, den dritten, als den letzten zu töten. Ich nehme also das Recht in Anspruch, meinen Gegner zu wählen. Verweigert Ihr mir dieses Recht, so tötet mich, ich schlage mich nicht. Die vier Freunde schauten sich an. Das ist richtig, sprachen Aramis und Porthos, in der Hoffnung, die Wahl würde auf sie fallen. Athos und d'Artagnan sagten nichts. Nun wohl, sprach Mordaunt mitten unter der tiefen, feierlichen Stille, die in dem geheimnisvollen Hause herrschte, nun wohl, ich wähle zu meinem ersten Gegner denjenigen von Euch, der sich, da er sich nicht mehr für würdig hielt, Graf de la Fère zu heißen, Athos nannte. Athos erhob sich von seinem Stuhl, als ob ihn eine Feder auf die Beine geschnellt hätte; aber zum großen Erstaunen seiner Freunde sprach er nach kurzem Schweigen, den Kopf schüttelnd: Herr Mordaunt, jeder Zweikampf unter uns ist unmöglich; erweist also einem andern die mir bestimmte Ehre. Und er setzte sich wieder. Ah! sagte Mordaunt, bereits einer, dem bange ist. Tausend Donner! rief d'Artagnan, auf den jungen Mann zuspringend, wer sagt, Athos sei bange? Laßt ihn sprechen, versetzte Athos mit einem traurigen, verächtlichen Lächeln. Ist dies Euer Entschluß? fragte der Gascogner. Unwiderruflich. Gut, sprechen wir nicht mehr davon. Dann sich gegen Mordaunt umwendend: Ihr habt gehört, mein Herr, der Graf de la Fère will Euch nicht die Ehre antun, sich mit Euch zu schlagen. Sucht unter uns einen Stellvertreter für ihn. Schlage ich mich nicht mit ihm, so ist mir wenig daran gelegen, mit wem ich mich schlage. Legt eure Namen in einen Hut, und ich werde auf den Zufall herausziehen. Das ist ein Gedanke, sprach d'Artagnan. Sie taten nach diesem Vorschlag, und d'Artagnan stieß einen Freudenschrei aus, als sein Name zuerst gezogen wurde, und rief: Es gibt noch eine Gerechtigkeit im Himmel. Seid Ihr bereit, Herr? Ich erwarte Euch, sprach Mordaunt, den Kopf erhebend und d'Artagnan mit einem Auge anschauend, dessen Ausdruck sich nicht beschreiben läßt. Dann nehmt Euch in acht, mein Herr, sagte der Gascogner, ich führe den Degen ziemlich gut. Ich auch, erwiderte Mordaunt. Desto besser, das beruhigt mein Gewissen. Legt aus! Einen Augenblick, sagte der junge Mann; gebt mir Euer Ehrenwort, meine Herren, daß ihr mich nur einer nach dem andern angreifen werdet. Um das Vergnügen zu haben, uns zu beleidigen, forderst du das von uns, kleine Schlange? rief Porthos. Nein, sondern um ein ruhiges Gewissen zu haben, wie dieser Herr soeben sagte. Dahinter muß ein anderer Grund stecken, murmelte d'Artagnan und schaute mit einer gewissen Unruhe um sich her. Auf Edelmanns Wort! sprachen Aramis und Porthos gleichzeitig. Dann stellt euch in eine Ecke, meine Herren, sagte Mordaunt, wie es der Herr Graf de la Fère getan hat, der, wenn er sich auch nicht schlagen will, doch wenigstens die Gesetze des Zweikampfes kennt, und laßt uns freien Raum, wir brauchen ihn. Porthos und Aramis stellten sich, um jeden Vorwand zu weiterer Verzögerung abzuschneiden, in die Ecke Athos gegenüber, so daß die Fechtenden die Mitte des Zimmers einnehmen konnten und somit in vollem Licht standen, da man zwei Lampen, welche die Szene beleuchteten, auf Cromwells Schreibtisch gesetzt hatte. Vorwärts, sprach d'Artagnan; seid Ihr endlich bereit, mein Herr? Ich bin es, erwiderte Mordaunt. Beide machten zu gleicher Zeit einen Schritt vorwärts, und durch diese einzige Bewegung waren die Schwerter gebunden. D'Artagnan war ein zu ausgezeichneter Degen, um seinen Gegner, wie die Fechter sagen, lange zu befühlen. Er machte eine rasche, glänzende Finte; sie wurde von Mordaunt pariert. Ah! ah! rief er mit einem Lächeln der Zufriedenheit. Und da er eine Öffnung zu sehen glaubte, tat er einen geraden Stoß, rasch und flammend, wie der Blitz. Mordaunt parierte eine unnachahmliche Kontrequarte. Ich fange an zu glauben, daß wir uns unterhalten werden, sprach d'Artagnan. Statt jeder Antwort suchte Mordaunt den Degen d'Artagnans mit einer Kraft zu binden, die der Gascogner in einem scheinbar so gebrechlichen Körper nicht vermutet hätte, aber mit einer Parade, welche nicht minder geschickt ausgeführt wurde, als die seines Feindes, begegnete er zu rechter Zeit dem Eisen Mordaunts, das an dem seinigen abglitt, ohne seine Brust zu treffen. Mordaunt machte rasch einen Schritt rückwärts. Ah! Ihr weicht? sagte d'Artagnan, Ihr dreht? Wie es Euch beliebt; ich gewinne sogar etwas dabei, ich sehe Euer abscheuliches Lächeln nicht mehr. Nun bin ich gänzlich im Schatten, desto besser. Ihr habt keinen Begriff, wie falsch Euer Blick ist, besonders wenn Ihr Euch fürchtet. Auf diesen Redefluß erwiderte Mordaunt kein Wort; aber beständig weichend und drehend, gelangte er dahin, daß er mit d'Artagnan den Platz wechselte. Mordaunt lächelte immer mehr. Dieses Lächeln fing an, d'Artagnan zu beunruhigen. Vorwärts, es muß ein Ende gemacht werden, sprach d'Artagnan; der Bursche hat eiserne Kniebeugen. Nun zu den großen Stößen! Er drang auf Mordaunt ein, der zu weichen fortfuhr, aber offenbar aus Taktik, ohne einen Fehler zu machen, den d'Artagnan hätte benutzen können, und ohne daß sein Degen sich einen Augenblick von der Linie entfernte. Da jedoch, der Kampf in einem Zimmer stattfand und es den Fechtenden an Platz mangelte, so berührte Mordaunts Fuß bald die Wand, an welche er seine linke Hand stützte. Ah! rief d'Artagnan, diesmal weicht Ihr nicht mehr, mein schöner Freund! Meine Herren, fuhr er, den Mund verziehend, fort, habt Ihr je einen Skorpion an die Wand genagelt gesehen? Nein? Wohl, Ihr sollt es sehen. Und in einer Sekunde führte d'Artagnan drei furchtbare Stöße gegen Mordaunt. Alle drei berührten ihn, aber nur streifend. D'Artagnan begriff diese Gewalt nicht. Die Freunde schauten sich, schwer atmend, mit Schweiß auf der Stirn, an. Seinem Gegner zu nahe, machte d'Artagnan ebenfalls einen Schritt rückwärts, um einen vierten Stoß vorzubereiten. Aber in dem Augenblick, wo er erbitterter als je auf seinen Gegner eindrang, im Augenblick, wo er, nach einer raschen Finte, wie der Blitz angriff, schien sich die Mauer zu spalten; Mordaunt verschwand durch die gähnende Öffnung, und zwischen den zwei Füllungen gefaßt, zerbrach der Degen d'Artagnans, als ob er von Glas gewesen wäre. D'Artagnan machte einen Schritt rückwärts. Die Wand schloß sich wieder. Mordaunt hatte, während er sich verteidigte, so manövriert, daß er an die geheime Tür kam, durch die wir Cromwell haben hinausgehen sehen. Sobald er sich hier befand, suchte er mit der linken Hand den Knopf und drückte daran; dann verschwand er, wie auf dem Theater die bösen Geister verschwinden, welche die Gabe besitzen, durch die Mauern zu gehen. Der Gascogner stieß eine wütende Verwünschung aus, die auf der andern Seite der eisernen Füllung von einem wilden, unheimlichen Gelächter erwidert wurde, wobei sogar die Adern des skeptischen Aramis ein Schauer durchlief. Herbei, meine Herren! rief d'Artagnan, stoßen wir diese Türe ein. Das ist der leibhaftige Teufel! sprach Aramis und lief zu seinem Freunde. Gottes Blut, er entkommt uns! brüllte Porthos und stemmte sich mit seiner breiten Schulter gegen den Verschlag, der, durch eine geheime Feder gehalten, unerschütterlich blieb. Desto besser, murmelte Athos mit dumpfer Stimme. Ich vermutete es, Mord und Tod! rief d'Artagnan, vergeblich seine Kräfte erschöpfend; ich vermutete es, als der Elende sich im ganzen Zimmer herumdrehte; ich sah irgend ein schändliches Manöver voraus; ich ahnte, daß er etwas im Schilde führte, aber wer konnte hierauf gefaßt sein? Es ist ein furchtbares Unglück, das uns der Teufel, sein Freund, zusendet! rief Aramis. Der Elende wird uns hundert eiserne Männer schicken, stieß d'Artagnan hervor, die uns wie Getreide im Mörser Cromwells zerstampfen. Auf! auf! abgezogen; wenn wir nur fünf Minuten hier verweilen, ist es um uns geschehen! Ja, Ihr habt recht, vorwärts! riefen Athos und Aramis. Wohin gehen wir? fragte Porthos. In den Gasthof, lieber Freund, um unsere Pferde zu holen; dann, wenn es Gott gefällt, auf dem Blitz nach Frankreich, wo ich wenigstens die Bauart der Häuser kenne. Unser Schiff erwartet uns, das ist meiner Treu noch ein Glück. Rasch steckte d'Artagnan seinen Degenstumpf in die Scheide, hob seinen Hut auf, öffnete die Tür der Treppe und stieg mit seinen drei Freunden hinab. Die Feluke » der Blitz « D'Artagnan hatte richtig erraten: Mordaunt hatte keine Zeit zu verlieren und hatte keine verloren. Er kannte die rasche Entschlossenheit und Tätigkeit seiner Feinde und wollte demgemäß handeln. Diesmal hatten die Musketiere einen ihrer würdigen Feind gefunden. Nachdem Mordaunt die Tür sorgfältig hinter sich geschlossen, stürzte er in den unterirdischen Gang; doch sobald er seinen unnötig gewordenen Degen wieder in die Scheide gesteckt und das benachbarte Haus erreicht hatte, blieb er einen Augenblick stehen, um sich zu betasten und Atem zu schöpfen. Gut, sagte er, nichts, beinahe nichts, nur Schrammen; zwei am Arm, eine an der Brust. Die Wunden, die ich mache, sind besser! Man frage den Henker von Bethune, meinen Oheim Winter und den König Karl! Nun ist keine Sekunde zu verlieren, denn eine verlorene Sekunde rettet sie vielleicht, und sie müssen alle vier miteinander mit einem einzigen Schlage, in Ermangelung des göttlichen Blitzes, von dem Blitze der Menschen verzehrt, sterben. Gebrochen, zerstreut, vernichtet sollen sie verschwinden. Ich will also laufen, bis mich die Beine nicht mehr tragen können, bis das Herz in der Brust aufschwillt, aber vor ihnen muß ich ankommen. Und Mordaunt fing an, raschen, aber festen Schrittes nach der ersten, ungefähr eine Viertelmeile entfernt liegenden, Reiterkaserne zu eilen. Er legte diesen Weg in vier bis fünf Minuten zurück. In der Kaserne angelangt, gab er sich zu erkennen, nahm das beste Pferd aus dem Stall, schwang sich auf und eilte nach der Straße. Eine Viertelstunde nachher war er in Greenwich. Hier ist der Hafen, murmelte er. Dieser düstere Punkt da unten ist die Hundeinsel. Gut! ich bin ihnen eine halbe Stunde voraus... eine Stunde vielleicht. Nun, fügte er hinzu und erhob sich auf den Steigbügeln, als wollte er fernerhin durch alle die Taue und Masten sehen; der Blitz ? Wo ist der Blitz ? In dem Augenblicke, wo er im Geist diese Worte sprach, erhob sich, als wollte er seine Gedanken beantworten, ein Mann von einer Rolle Kabeltaue und machte einige Schritte auf Mordaunt zu. Mordaunt zog sein Taschentuch hervor und ließ es in der Luft flattern. Der Mann schien aufmerksam, blieb aber an derselben Stelle, ohne einen Schritt rückwärts oder vorwärts zu tun. Mordaunt machte einen Knoten an jede Ecke seines Taschentuches; der Mann schritt bis zu ihm vor; er war in einen weiten wollenen Kaban gehüllt, der seine Gestalt und sein Gesicht verbarg. Kommt der Herr zufällig von London, um eine Spazierfahrt auf dem Meere zu machen? fragte der Mann. Allerdings, sprach Mordaunt, zur Hundeinsel. Gut. Ohne Zweifel würde der Herr dann einem Schiffe den Vorzug vor den andern geben? Er hätte vielleicht gern einen Schnellsegler, ein Fahrzeug so rasch ... Wie der Blitz, erwiderte Mordaunt. Dann ist es gut, der Herr sucht mein Schiff. Ich bin der Patron, dessen er bedarf. Ich will es glauben, sagte Mordaunt, besonders, wenn Ihr ein gewisses Zeichen der Erkennung nicht vergessen habt. Hier ist es, Herr, sprach der Seemann und zog aus der Tasche seines Kabans ein an den vier Enden geknüpftes Taschentuch. Gut! gut! rief Mordaunt, vom Pferde springend. Es ist nun keine Zeit zu verlieren. Laßt mein Pferd in die nächste beste Herberge führen und bringt mich zu Eurem Schiff. Aber Eure Gefährten? entgegnete der Seemann. Ich glaubte, Ihr wäret ohne die Lakaien zu vier. Hört, sprach Mordaunt, sich dem Seemann nähernd, ich bin nicht der, den Ihr erwartet, wie Ihr nicht der seid, den sie zu finden hofften. Ihr habt Kapitän Rogers' Stelle eingenommen, nicht wahr? Ihr seid hier auf Befehl des Generals Cromwell, und ich komme in seinem Auftrag. In der Tat, ich erkenne Euch, versetzte der Patron, Ihr seid der Kapitän Mordaunt. Mordaunt bebte. Oh! fürchtet Euch nicht, sprach der Patron, seinen Kaban niederlassend und seinen Kopf entblößend, ich bin ein Freund. Kapitän Groslow! rief Mordaunt. – Er selbst. Der General erinnerte sich, daß ich einst Marine-Offizier gewesen bin, und beauftragte mich mit dieser Expedition. Hat sich etwas verändert? – Nein, alles bleibt wie verabredet. – Ich dachte einen Augenblick, der Tod des Königs ... – Der Tod des Königs hat ihre Flucht nur beschleunigt; in einer Viertelstunde, in zehn Minuten vielleicht werden sie hier sein. – Was wollt Ihr aber tun? – Mich mit Euch einschiffen. – Ah! sollte der General an meinem Eifer zweifeln? – Nein, aber ich will meiner Rache selbst beiwohnen. Habt Ihr nicht irgend einen Menschen, der mir mein Pferd abnehmen kann? Groslow pfiff, es erschien ein Matrose. Patrick, sagte Groslow, führt das Pferd in den Stall der nächsten Herberge. Wenn man Euch fragt, wem es gehöre, so sagt: Einem irischen Edelmann. Der Matrose entfernte sich, ohne eine Bemerkung zu machen. Fürchtet Ihr jetzt nicht, von ihnen erkannt zu werden? sprach Mordaunt. – Es ist keine Gefahr in dieser Tracht, in meinen Kaban eingehüllt, in der finstern Nacht. Überdies habt Ihr mich nicht einmal erkannt, um so weniger werden sie mich erkennen. – Das ist wahr, sie werden auch gar nicht an Euch denken. Alles ist bereit, nicht wahr? – Ja. – Die Ladung ist eingenommen? – Ja. – Fünfzig volle Tonnen? – Und fünfzig leere. – Gut. – Wir führen den Portwein nach Antwerpen. – Vortrefflich. Nun bringt mich an Bord und kehrt an Euren Posten zurück! Sie müssen bald kommen. – Ich bin bereit. – Es ist von Wichtigkeit, daß mich keiner von Euren Leuten hineingehen sieht. Ich habe nur einen Mann an Bord und kann mich auf ihn verlassen, wie auf mich selbst. Überdies kennt Euch dieser Mann nicht und ist, wie seine Kameraden, bereit, uns zu gehorchen, weiß aber gar nichts. Gut, gehen wir. Sie stiegen gegen die Themse hinab. Eine kleine Barke war mittelst einer eisernen an einen Pfahl befestigten Kette an das Ufer gebunden. Groslow zog die Barke an sich, hielt sie fest, während Mordaunt hineinstieg, sprang dann selbst hinein, ergriff die Ruder und handhabte sie fleißig. Nach Verlauf von fünf Minuten war man aus der Welt von Schiffen befreit, die in jener Zeit den Fluß in der Nähe Londons bedeckten, und Mordaunt konnte die kleine Feluke wie einen dunkeln Punkt auf vier bis fünf Kabellängen von der Hundeinsel am Anker sich wiegen sehen. Als man sich dem Blitz näherte, pfiff Groslow auf eine besondere Weise, und man sah den Kopf eines Menschen über der Wand erscheinen. Seid Ihr es, Kapitän? fragte dieser Mann. Ja, wirf die Leiter herab. Rasch und leicht wie eine Schwalbe fuhr Groslow unter dem Bugspriet hin und legte sich Bord an Bord mit dem Schiffe. Steigt hinauf, sprach Groslow zu seinem Gefährten. Mordaunt ergriff, ohne zu antworten, das Seil und kletterte mit einer bei Landratten ungewöhnlichen Behendigkeit an der Seite des Schiffes hinauf. Die Rachgier ersetzte bei ihm die Gewohnheit und machte ihn zu allem fähig. Der Matrose an Bord der Feluke schien, wie Groslow vorhergesagt hatte, nicht einmal zu bemerken, daß sein Kapitän in Begleitung eines Fremden zurückkam. Mordaunt und Groslow gingen in die Kapitäns-Kajüte, die nur einstweilen von Brettern auf dem Verdeck erbaut worden war. Das Ehrenzimmer hatte Kapitän Rogers seinen Passagieren abgetreten. Und sie, fragte Mordaunt, wo sind sie? – Am andern Ende des Schiffes, erwiderte Groslow. – Haben sie nichts auf dieser Seite zu tun? – Durchaus nichts. – Gut. Ich halte mich bei Euch verborgen. Kehrt nach Greenwich zurück und bringt sie hierher. Ihr habt eine Schaluppe? – Die, in der wir gekommen sind. – Sie scheint mir leicht und gut gezimmert. – Wie eine Piroge. – Bindet sie mit einem hänfenen Strick an das Hinterteil an, legt ein Ruder daraus, damit sie im Kielwasser folgt und daß man nur den Strick abzuschneiden hat. Verseht sie mit Rum und Zwieback. Sollte das Meer unruhig werden, so dürfte es Euren Leuten nicht unangenehm sein, eine Herzstärkung bei der Hand zu finden. – Es soll geschehen, wie Ihr sagt. Wollt Ihr die Pulverkammer in Augenschein nehmen? – Nein, bei Eurer Rückkehr. Ich will die Lunte selbst legen, um meiner Sache gewiß zu sein. Verbergt vor allem Euer Gesicht gut, damit sie Euch nicht erkennen. – Seid unbesorgt. – Geht, es schlägt in Greenwich zehn Uhr. Groslow schlug die Tür wieder zu, die Mordaunt von innen verschloß, und stieg, nachdem er dem Matrosen Befehl gegeben hatte, mit der größten Aufmerksamkeit zu wachen, in die Barke hinab, die sich rasch entfernte. Der Wind war kalt und der Hafendamm verlassen, als Groslow in Greenwich landete; im Augenblick, wo er ans Ufer stieg, hörte er etwas wie das Geräusch galoppierender Pferde auf dem mit Strandsteinen gepflasterten Wege. Oh! oh! sagte er, Mordaunt hatte recht, daß er mir Eile empfahl. Es war keine Zeit zu verlieren, sie kommen. Es waren in der Tat unsere Freunde oder vielmehr ihre Vorhut, aus d'Artagnan und Athos bestehend. Als sie in der Nähe des Ortes anlangten, wo sich Groslow befand, hielten sie an, als hätten sie erraten, daß der Mann da sei, mit dem sie es zu tun haben sollten. Athos stieg ab, entrollte langsam ein Taschentuch, dessen vier Enden geknüpft waren, und ließ es im Wind flattern, während d'Artagnan, stets klug, halb über sein Pferd herabgeneigt und eine Hand am Halfter, wartete. Groslow, der sich, im Zweifel, ob die Reiter wirklich die von ihm Erwarteten wären, hinter eine der zum Aufrollen der Kabeltaue dienenden, in den Boden gepflanzten Kanonen gekauert hatte, stand auf, als er das verabredete Zeichen wahrnahm, und ging gerade auf die Edelleute zu. Er war so in seinen Mantel vermummt, daß man sein Gesicht unmöglich sehen konnte. Übrigens war die Nacht so finster, daß diese Vorsichtsmaßregel überflüssig erschien. Athos' durchdringendes Auge erriet indessen trotz der Dunkelheit, daß er nicht Rogers vor sich hatte. Was wollt Ihr von mir? sagte er zu Groslow und machte einen Schritt rückwärts. Ich will Euch sagen, Mylord, erwiderte Groslow mit irischem Akzente, daß Ihr den Patron Rogers sucht, aber vergebens sucht. Wieso? Er ist diesen Morgen vom Mastkorb herabgefallen und hat das Bein gebrochen. Doch ich bin sein Vetter; er hat mir die ganze Angelegenheit mitgeteilt und mir den Auftrag gegeben, für ihn aufzupassen und die Edelleute, die mir ein an den vier Enden geknüpftes Taschentuch geben würden, wie Ihr eins in der Hand haltet und wie ich eines in der Tasche habe, überallhin zu führen, wohin sie wünschen. Bei diesen Worten zog Groslow das Tuch hervor, das er bereits Mordaunt gezeigt hatte. Ist das alles? fragte Athos. Nein, Mylord. Es sind auch fünfundsiebenzig Pfund zugesagt, wenn ich Euch wohlbehalten nach Boulogne oder nach irgend einem andern von Euch zu bestimmenden Punkte Frankreichs bringe. Was denkt Ihr hiervon, d'Artagnan? fragte Athos in französischer Sprache, nachdem er die Worte des Mannes ins Französische übersetzt hatte. Dies klingt mir sehr wahrscheinlich, sagte d'Artagnan. Mir auch, sprach Athos. Überdies, fügte d'Artagnan bei, überdies können wir den Menschen, wenn er uns betrügt, über den Haufen schießen. Und wer wird uns führen? Ihr, Athos, Ihr wißt so viele Dinge, daß ich nicht daran zweifle, Ihr seid auch im stande, ein Schiff zu lenken. Meiner Treue, Freund, erwiderte Athos lächelnd, Ihr habt ziemlich richtig erraten; ich war von meinem Vater für den Marinedienst bestimmt und habe einige unklare Begriffe von der Steuermannskunst. Seht Ihr! rief d'Artagnan. Holt also unsere Freunde und kehrt bald zurück; es ist elf Uhr, wir haben keine Zeit zu verlieren. D'Artagnan überbrachte Porthos und Aramis sowie den drei Lakaien die Aufforderung, ihm zu folgen, und die kleine Truppe stieß bald zu Athos. Bereits aber hatte d'Artagnan sein natürliches Mißtrauen wieder angenommen; er fand die Straße zu öde, die Nacht zu schwarz, den Patron zu leicht. Er erzählte Aramis, daß der Mann nicht Rogers sei, und nicht minder mißtrauisch als er selbst, trug Aramis nicht wenig dazu bei, seinen Argwohn zu vermehren. Ein kurzes Schnalzen mit der Zunge verriet Athos die Unruhe des Gascogners. Wir haben keine Zeit, mißtrauisch zu sein, sprach er; die Barke erwartet uns, steigen wir ein. Wer hindert uns übrigens, mißtrauisch zu sein und dennoch einzusteigen? Man wird den Patron bewachen, sprach Aramis. Und wenn er nicht geradeaus geht, schlage ich ihn tot, fügte Porthos bei. Gut gesagt, Porthos, versetzte d'Artagnan. Steigen wir ein. Vorwärts Mousqueton. D'Artagnan hielt seine Freunde zurück und ließ die Bedienten zuerst gehen, damit sie das Brett probierten, welches vom Hafendamm nach der Barke führte. Die drei Lakaien schritten ohne Unfall hinüber und nach ihnen ihre Herren. Sobald das Brett zurückgezogen war, setzte sich der Patron an das Steuerruder und machte einem seiner Matrosen ein Zeichen; mit einem Bootshaken bewaffnet fing dieser an zu manövrieren, um aus dem Irrsal von Schiffen, zwischen denen die kleine Barke eingezwängt war, herauszukommen. Der andere Matrose befand sich bereits, sein Ruder in der Hand, am Backbord. Als man sich der Ruder bedienen konnte, kam sein Kamerad zu ihm, und die Barke fing an rascher zu gehen, und es dauerte nicht lange, so war man an der Feluke. Der Blitz , sprach der Patron. Wir sind also an Ort und Stelle? fragte Athos auf englisch. Wir kommen eben hin, antwortete der Kapitän. Nach drei Ruderstößen befand man sich dicht neben dem kleinen Fahrzeug. Der Matrose wartete, die Leiter war bereit, er hatte die Barke erkannt. Athos stieg zuerst hinauf und zwar mit seemännischer Gewandtheit. Aramis folgte ihm wie ein Mann, der längst an Strickleitern und ähnliche mehr oder minder ungewöhnliche Mittel zur Erreichung verbotener Räume gewöhnt ist. D'Artagnan kletterte mit der Geschicklichkeit eines Gemsenjägers hinauf; Porthos entwickelte die Kraft, die bei ihm alles ersetzte. Der Kapitän führte die Passagiere in die für sie bestimmte Wohnung, bestehend aus einem einzigen Zimmer, das sie gemeinschaftlich innehaben sollten. Dann suchte er sich unter dem Vorwand, einige Befehle geben zu müssen, zu entfernen. Einen Augenblick, sagte d'Artagnan. Wieviel Mann habt Ihr am Bord, Patron? Ich verstehe nicht, antwortete dieser englisch. Fragt ihn in seiner Sprache, Athos. Athos wiederholte die Frage d'Artagnans. Drei, antwortete Groslow, wohl verstanden, mich nicht gerechnet. D'Artagnan begriff, denn der Patron hatte bei seiner Erwiderung drei Finger aufgehoben. Oh, drei! sprach d'Artagnan; ich fange an, ruhiger zu werden; doch gleichviel, während Ihr Euch einrichtet, mache ich einen Gang durch das Schiff. Und ich, sagte Porthos, ich werde mich mit dem Abendessen beschäftigen. Dieses Vorhaben ist schön und edelmütig, Porthos; bringt es daher in Ausführung. Ihr, Athos, leiht mir Grimaud, der in Gesellschaft seines Freundes Parry etwas Englisch kauderwelschen gelernt hat. Er soll mir als Dolmetscher dienen. D'Artagnan hob eine Laterne mit einer Hand auf, nahm mit der andern eine Pistole und sagte zu dem Patron: Come , was nebst Goddam alles war, was er von der englischen Sprache hatte behalten können. D'Artagnan kam zu der Luke und stieg in das Zwischendeck hinab. Das Zwischendeck hatte drei Abteilungen; einmal die, in welche d'Artagnan hinabstieg, und die sich vom Hinterteil des Schiffes bis gegen die Mitte desselben ausdehnte, folglich durch den Boden des Zimmers bedeckt war, in dem Athos, Porthos und Aramis die Nacht zuzubringen sich anschickten; die zweite, welche die Mitte des Schiffes bildete und zur Wohnung für die Diener bestimmt war; die dritte unter dem Vorderteil, d. h. unter der für den Kapitän improvisierten Kajüte, worin sich Mordaunt verborgen hielt. Oh! sprach d'Artagnan, die Treppe hinabsteigend, während er seine Laterne in der ganzen Länge seines Armes vor sich ausstreckte, wie viele Tonnen! Was sagt Ihr? fragte der Kapitän englisch. Ich wünsche zu wissen, was in diesen Tonnen ist, erwiderte d'Artagnan und setzte seine Leiter auf eines der Fässer. Der Patron machte unwillkürlich eine Bewegung, um die Leiter wieder hinaufzusteigen; aber er hielt sich zurück. Porto, antwortete er. Ah, Portwein, erwiderte d'Artagnan, das dient zur Beruhigung, wir werden nicht verdursten. Dann wandte er sich wieder zu Groslow, der schwere Schweißtropfen an seiner Stirn abtrocknete, und fragte: Und sie sind voll? Grimaud übersetzte die Frage. Die einen sind voll, die andern leer, antwortete Groslow mit einer Stimme, in der sich seine Unruhe verriet. D'Artagnan klopfte mit dem Finger an die Tonnen und bemerkte, daß fünf voll und die andern leer waren. Dann hielt er, beständig zum großen Schrecken des Engländers, seine Laterne in die Zwischenräume der Fässer und sah, daß diese Zwischenräume nichts enthielten. Vorwärts! rief er und schritt auf die Tür zu, die nach der zweiten Abteilung führte. Wartet, sprach der Engländer, der fortwährend in derselben Aufregung, welche wir vorhin bezeichnet haben, zurückgeblieben war. Und rasch vor d'Artagnan und Grimaud tretend, steckte er mit zitternder Hand den Schlüssel in das Schloß, und man befand sich im zweiten Gelasse, wo Mousqueton und Blaisois eben zu Nacht speisen wollten. In dieser Abteilung war offenbar nichts zu suchen und zu fragen. Man sah alle Winkel beim Schimmer der Lampe, die diese würdigen Kameraden beleuchtete. Man ging also rasch durch und besuchte die dritte Abteilung. Drei bis vier am Plafond befestigte Hängematten, ein Tisch, der durch ein doppeltes, an jedem seiner Enden angebrachtes Seil gehalten wurde, zwei wurmstichige, hinkende Bänke bildeten die ganze Ausstattung. D'Artagnan hob ein paar alte an den Wänden hängende Segeltücher auf, und da er nichts Verdächtiges wahrnahm, kehrte er durch die Luke auf das Verdeck des Schiffes zurück. Und dieses Zimmer? fragte d'Artagnan. Es ist das meinige, sprach der Patron auf Grimauds Übersetzung. Wollt Ihr eintreten? Öffnet die Tür, versetzte d'Artagnan. Der Engländer gehorchte. D'Artagnan hielt seine Laterne vor sich hinaus, streckte den Kopf durch die halb geöffnete Tür und sagte, als er sah, daß dieses Zimmer eine erbärmliche Spelunke war: Gut, wenn eine Armee an Bord ist, so ist sie wenigstens hier nicht verborgen. Wir wollen nun sehen, ob Porthos ein Abendessen gefunden hat. Und er dankte dem Patron mit einem Nicken des Kopfes und kehrte in das Eßzimmer zurück, wo seine Freunde waren. Porthos hatte, wie es schien, nichts gefunden, oder hatte er auch etwas gefunden, so war doch die Müdigkeit Meister über den Hunger geworden, denn er lag in tiefem Schlaf, als d'Artagnan zurückkehrte. Durch die sanften Bewegungen der ersten Meereswellen gewiegt, fingen Athos und Aramis ebenfalls an, die Augen zu schließen. Sie öffneten sich wieder bei dem Geräusch, das ihr Gefährte machte. Wie ist es? fragte Aramis. Alles geht gut, erwiderte d'Artagnan, und wir können ruhig schlafen. Auf diese Versicherung ließ Aramis sein Haupt wieder zurückfallen, Athos machte mit dem seinigen ein liebevolles Zeichen, und d'Artagnan, der wie Porthos mehr des Schlummers als der Speise bedurfte, beurlaubte Grimaud und legte sich mit bloßem Schwert in seinem Mantel so nieder, daß sein Leib den Weg versperrte und man unmöglich in das Zimmer eintreten konnte, ohne an ihn zu stoßen. Der Portwein Nach Verlauf von zehn Minuten schliefen die Herren; nicht aber die ausgehungerten Diener. Blaisois und Mousqueton schickten sich an, ihr Bett zu machen, das aus einem Brette und einem Felleisen bestand, während auf einer Tafel beim Schwanken des Schiffes ein Laib Brot, ein Bierkrug und drei Gläser sich wiegten. Verfluchtes Schwanken! sprach Blaisois. Ich fühle, daß es mich wieder packen wird, wie bei unserer ersten Überfahrt. Und gar nichts zur Bekämpfung der Seekrankheit haben, als Gerstenbrot und Hopfenwein! Puh! Aber Eure Weidenflasche, Herr Mouston, fragte Blaisois, der die Vorkehrungen zu seinem Lager getroffen hatte und sich wankend dem Tische näherte, an dem Mousqueton bereits saß; aber Eure Weidenflasche, habt Ihr sie etwa verloren? Nein, erwiderte Mousqueton, und Ihr, Grimaud, fragte er seinen Gefährten, der eben zurückkehrte, nachdem er d'Artagnan bei seiner Runde begleitet hatte, habt Ihr Durst? Wie ein Schotte, antwortete Grimaud lakonisch. Und er setzte sich neben Blaisois und Mousqueton, zog eine Schreibtafel aus der Tasche und fing an, die Rechnung der Gesellschaft aufzuschreiben, deren Ökonom er war. Oh! la! la! rief Blaisois, in meinem Leib fährt alles durcheinander. Wenn dem so ist, erwiderte Mousqueton, so nehmt ein wenig Speise zu Euch. Ihr nennt das Speise? sagte Blaisois, mit einer kläglichen Miene die verächtliche Gebärde begleitend, womit er auf das Gerstenbrot und den Bierkrug deutete. Blaisois, erwiderte Mousqueton, erinnert Euch, daß das Brot die wahre Speise des Franzosen ist ... und der Franzose hat es nicht einmal immer; fragt nur Grimaud. Ja, aber das Bier, versetzte Blaisois, ist das sein wahres Getränk? Was das betrifft, sagte Mousqueton, so muß ich gestehen, nein, das Bier ist ihm ebenso zuwider, als der Wein den Engländern. Portwein, sagte Grimaud, und streckte die Hand in der Richtung des Gelasses aus, das d'Artagnan und er in Begleitung des Patrons besucht hatten. Wie! diese Fässer, die ich durch die halbgeöffnete Tür wahrgenommen habe? Portwein, wiederholte Grimaud. Ich habe sagen hören, versetzte Blaisois, der Portwein sei ein vortrefflicher spanischer Wein. Vortrefflich, wiederholte Mousqueton, mit der Zungenspitze über die Lippen fahrend, vortrefflich; es findet sich solcher im Keller des Herrn Barons de Bracieux. Wenn wir die Engländer bäten, eine Flasche an uns zu verkaufen? fragte der ehrliche Blaisois. Kaufen! versetzte Grimaud, dessen alte Maraudeurinstinkte wiederkehrten, man sieht wohl, junger Mann, daß Ihr noch keine Erfahrung in den Dingen des Lebens habt. Warum kaufen, wenn man nehmen kann? Hierauf erhob sich Mousqueton, nahm den Bierkrug, leerte ihn bis aus den letzten Tropfen durch eine Stückpforte und ging majestätisch nach der Tür, die in den Raum führte, wo der Portwein verwahrt sein sollte. Ah! ah! geschlossen, sagte er. Diese Teufel von Engländern, wie mißtrauisch sie doch sind! Geschlossen! wiederholte Blaisois in nicht minder verdrießlichem Tone. Ah! Pest! das ist ein Unglück, denn ich fühle, daß es in meinem Magen immer mehr durcheinander geht. Mousqueton wandte sich mit einem so kläglichen Gesicht zu Blaisois, daß es ganz offenbar wurde, wie sehr er den Ärger des braven Burschen teilte. In dieser Notlage kam der arme Blaisois, den die Not erfinderisch machte, auf den Gedanken, man könnte doch ein paar Bretter abheben, und Grimaud stellte dazu einen von ihm in Verwahrung gehaltenen Bohrer zur Verfügung; als Meißel konnte ein Dolch dienen. Mousqueton suchte einen Winkel, wo die Bretter etwas klafften, und ging sogleich ans Werk. Nach einem Augenblick hatte Mousqueton drei Bretter gesprengt. Mousqueton war das Gegenteil von dem Frosch in der Fabel, der sich für dicker hielt, als er war. War es ihm auch gelungen, seinen Namen um ein Drittel zu verkürzen, so ließ sich leider nicht dasselbe mit seinem Bauche tun. Er suchte durch die Öffnung zu schlüpfen, die er gemacht hatte, und sah zu seinem Schmerz, daß er wenigstens noch zwei bis drei Bretter ausheben mußte, wenn die Öffnung seinem Umfang entsprechen sollte. Er stieß einen Seufzer aus und zog sich zurück, um wieder ans Werk zu gehen. Aber Grimaud, der inzwischen seine Rechnungen vollendet hatte, stand in diesem Augenblick auf, näherte sich mit inniger Teilnahme an der Operation, in deren Ausführung man begriffen war, seinen zwei Gefährten und betrachtete die vergeblichen Anstrengungen Mousquetons, in das gelobte Land zu gelangen. Ich, sagte Grimaud. Mousqueton wandte sich um und fragte: Was, Ihr? Ich werde durchschlüpfen. Das ist wahr, sprach Mousqueton mit einem Blick auf den langen dünnen Körper seines Freundes, Ihr könnt durchkommen und zwar leicht. Das ist richtig, sagte Blaisois; er kennt die vollen Fässer, da er schon einmal mit dem Herrn Chevalier d'Artagnan in dem Keller gewesen ist. Laßt Herrn Grimaud durch, Herr Mouston. Schwenke die Gläser, versetzte Grimaud. Dann machte er Mousqueton eine freundliche Gebärde, als wollte er ihn um Verzeihung bitten, daß er eine Expedition vollende, die ein anderer so glänzend begonnen hatte, schlüpfte wie eine Schlange durch die Öffnung und verschwand. Ihr werdet sehen, sprach Mousqueton, indem er Blaisois mit einer Überlegenheit anschaute, der dieser sich nicht einmal zu entziehen versuchte, Ihr werdet sehen, wie wir alte Soldaten trinken, wenn wir Durst haben. – Den Mantel, jagte Grimaud aus dem Keller hervor. – Das ist richtig, erwiderte Mousqueton. – Was verlangt er? fragte Blaisois. – Daß man die Öffnung mit dem Mantel verstopfe. – Aber er wird nicht gut sehen? – Grimaud sieht immer gut, antwortete Mousqueton, bei Nacht wie bei Tag. – Da ist er sehr glücklich, versetzte Blaisois; wenn ich kein Licht habe, kann ich nicht zwei Schritte machen, ohne anzustoßen. – Ihr habt auch nicht gedient, sonst hättet Ihr eine Nadel in der größten Finsternis aufheben gelernt. Aber still, mir scheint, man kommt. Mousqueton ließ einen kleinen Alarmpfiff vernehmen, mit dem die Lakaien aus den Tagen ihrer Jugend vertraut waren, setzte sich wieder an den Tisch und winkte Blaisois, dasselbe zu tun. Die Tür öffnete sich. Es erschienen zwei Männer, in ihre Mäntel gehüllt. Oh! oh! sagte der eine, es ist ein Viertel auf zwölf Uhr, und Ihr habt Euch noch nicht niedergelegt? Das ist wider die Vorschrift. In einer Viertelstunde muß alles ausgelöscht sein und jedermann schnarchen. Die Männer gingen auf die Tür des Raumes zu, in den Grimaud geschlüpft war, öffneten diese Tür, traten ein und schlossen sie hinter sich. Ah! flüsterte Blaisois bebend, er ist verloren! Grimaud ist ein feiner Fuchs, murmelte Mousqueton. Und sie warteten mit gespanntem Ohr und angehaltenem Atem. Es vergingen zehn Minuten, während deren man kein Geräusch vernahm, das vermuten ließ, daß Grimaud entdeckt sei. Nach Ablauf dieser Zeit sahen Mousqueton und Blaisois die Tür wieder ausgehen, und die zwei Männer kamen heraus, verschlossen die Tür so vorsichtig, wie vorher, und entfernten sich, nachdem sie noch einmal strengstens anbefohlen hatten, sich niederzulegen und die Lichter auszulöschen. Werden wir gehorchen? fragte Blaisois; diese ganze Geschichte kommt mir verdächtig vor. – Sie sagten eine Viertelstunde; wir haben noch fünf Minuten. – Wenn wir die Herren benachrichtigen würden? – Wir wollen auf Grimaud warten. – Aber wenn sie ihn umgebracht haben? – Grimaud hätte geschrien. – Ihr wißt, daß er beinahe stumm ist. – Wir hätten den Schlag gehört. – Aber wenn er nicht kommt? – Hier ist er. In demselben Moment drückte Grimaud den Mantel zurück und schob durch diese Öffnung einen leichenbleichen Kopf, dessen durch den Schrecken gerundete Augen einen kleinen Augenstern in einem großen, weißen Kreise sehen ließen. Er hielt in der Hand den Bierkrug, angefüllt mit irgend einem Stoffe, näherte sich dem Lichte, das die rauchige Lampe von sich gab, und murmelte die einzige Silbe: Oh! mit einem Ausdruck so tiefen Schreckens, daß Mousqueton bestürzt zurückwich und Blaisois beinahe in Ohnmacht fiel. Beide warfen nichtsdestoweniger einen neugierigen Blick in den Bierkrug: er war voll Pulver. Sobald er die Überzeugung gewonnen hatte, daß das Schiff mit Pulver statt mit Wein beladen war, stürzte Grimaud nach der Luke und machte nur einen einzigen Sprung bis an das Zimmer, worin die vier Freunde schliefen. Hier drückte er sacht die Tür auf, die bei ihrem Aufgehen sogleich d'Artagnan aufweckte, der unmittelbar hinter ihr lag. Kaum hatte dieser Grimauds entstelltes Gesicht erblickt, als er begriff, daß etwas Außerordentliches vorging, und ausschreien wollte; aber mit einer Gebärde, schneller; als das Wort, legte Grimaud einen Finger auf seine Lippen und löschte mit einem Hauch, den man in einem so schwächlichen Körper nicht vermutet hätte, die Nachtlampe auf drei Schritte aus. D'Artagnan erhob sich auf den Ellbogen, Grimaud setzte ein Knie auf die Erde und flüsterte ihm so, den Hals vorgestreckt, etwas ins Ohr. Während dieser Erzählung schliefen Athos, Porthos und Aramis wie Menschen, die seit acht Tagen nicht geschlafen haben, und auf dem Zwischendeck knüpfte Mousqueton aus Vorsicht seine Nesteln, während Blaisois, vom Schrecken erfaßt, mit zu Berge stehenden Haaren dasselbe zu tun versuchte. Man vernehme, was sich ereignet hatte. Kaum war Grimaud durch die Öffnung verschwunden und in den ersten Raum gedrungen, als er zu suchen begann. Er schlug an das erste Faß; es war leer. Er ging an ein anderes; es war ebenfalls leer; aber das dritte, an dem er den Versuch wiederholte, gab einen so matten Ton von sich, daß man sich nicht täuschen konnte. Grimaud erkannte, daß es voll war. Er blieb bei diesem Faß, suchte eine taugliche Stelle, um es anzubohren, und brachte seine Hand, während er diese Stelle suchte, an einen Hahn. Gut! sagte Grimaud, das erspart mir das Geschäft. Und er näherte seinen Bierkrug, drehte den Hahn um und fühlte, daß der Inhalt ganz sacht aus einem Gefäß in das andere überging. Grimaud setzte, nachdem er behutsamerweise den Hahn wieder geschlossen hatte, den Krug an seine Lippen, denn er war zu gewissenhaft, um seinen Gefährten einen Trank zu bringen, für den er ihnen nicht hätte stehen können, als er das Signal hörte, das ihm Mousqueton gab; er vermutete eine Nachtrunde, schlüpfte in den Raum zwischen zwei Tonnen und verbarg sich hinter einem Fasse. Einen Augenblick nachher öffnete sich plötzlich die Tür und schloß sich wieder, nachdem zwei Männer in Mänteln eingetreten waren, die wir mit dem Befehle, die Lichter auszulöschen, an Blaisois und Mousqueton vorübergehen sahen. Der eine trug eine sorgfältig geschlossene Glaslaterne, die so hoch war, daß die Flamme die Oberfläche nicht erreichen konnte. Die Gläser waren überdies mit einem Blatte weißen Papiers bedeckt, das das Licht und die Wärme milderte oder vielmehr einschluckte. Dieser Mensch war Groslow. Der andere hielt in seiner Hand etwas Langes, Biegsames, Zusammengerolltes, einem weißlichen Stricke ähnlich. Sein Gesicht war von einem breitkrempigen Hute bedeckt. Da er glaubte, daß diese Männer von derselben Neigung wie er in den Keller geführt worden seien und dem Portwein einen Besuch machen wollten, kauerte sich Grimaud immer tiefer hinter das Faß, wobei er sich sagte, wenn er auch entdeckt würde, so wäre sein Verbrechen doch nicht so groß. Sobald die Männer zu der Tonne gelangt waren, hinter der Grimaud verborgen lag, blieben sie stehen. Habt Ihr die Lunte? fragte englisch der, welcher die Stocklaterne trug. Hier ist sie, sagte der andere. Bei der Stimme des letztern bebte Grimaud; er fühlte, wie ein Schauer bis in das Mark seiner Knochen drang; er erhob sich aber langsam, bis sein Kopf über den hölzernen Kreis ging, und erkannte unter dem großen Hut das bleiche Gesicht Mordaunts. Wie lange dauert's, bis diese Lunte zündet? fragte der letztere. Ungefähr fünf Minuten, antwortete der Patron. Diese Stimme war Grimaud ebenfalls nicht unbekannt. Seine Blicke gingen von dem einen auf den andern über, und er erkannte nun auch Groslow. Heißt Eure Leute sich bereit halten, sprach Mordaunt, jedoch ohne ihnen zu sagen, wozu. Folgt die Schaluppe dem Schiff? – Wie ein Hund seinem Herrn am Koppelriemen folgt. – Wenn Ihr auf der Pendeluhr ein Viertel nach Mitternacht schlagen hört, so versammelt Eure Leute und steigt geräuschlos in die Schaluppe hinab. – Nachdem ich Feuer an die Lunte gelegt habe? – Das ist meine Sorge. Ich will meiner Sache gewiß sein. Die Ruder sind im Boote? – Alles ist vorbereitet. – Gut. – Abgemacht also. Mordaunt kniete nieder und befestigte ein Ende seiner Lunte an den Hahn, wonach er nur noch Feuer an das andere Ende zu legen hatte. Grimaud hatte alles gehört, wenn auch nicht alles verstanden; aber der Blick ersetzte bei ihm den Mangel der Sprachkenntnis; er hatte die beiden Todfeinde der Musketiere erkannt und gesehen; er hatte Mordaunt die Lunte anlegen sehen. Er rüttelte den Inhalt des Kruges, den er in der Hand hielt, hin und her, aber statt der erwarteten Flüssigkeit rollten durch seine Finger die Körner eines groben Pulvers. Mordaunt entfernte sich mit dem Patron. An der Tür blieb er horchend stehen. Hört Ihr, wie sie schlafen? sagte er. Man hörte in der Tat Porthos durch den Boden schnarchen. Gott überliefert sie Euren Händen! sprach Groslow. Und diesmal würde sie der Teufel nicht mehr retten! versetzte Mordaunt. Grimaud wartete, bis sie fort waren und der Riegel ins Schloß geschnappt hatte. Dann richtete er sich langsam auf. Ah! sagte er, sich mit dem Ärmel große Schweißtropfen von der Stirn wischend, ah! welch ein Glück, daß Mousqueton Durst hatte. D'Artagnan hörte diese Erzählung, wie man sich denken kann, mit wachsendem Interesse, und ohne zu warten, bis Grimaud geendigt hatte, erhob er sich, näherte seinen Mund dem Ohr von Aramis, der zu seiner Linken schlief. Chevalier, sagte er, erhebt Euch und macht nicht das geringste Geräusch. Aramis wachte auf. D'Artagnan wiederholte seine Aufforderung, ihm die Hand drückend. Aramis gehorchte. Ihr habt Athos zu Eurer Rechten, benachrichtigt ihn, wie ich Euch benachrichtigt habe. Aramis weckte ohne Mühe Athos auf; aber Porthos zu wecken war schwieriger. Er wollte nach den Ursachen und Gründen der unangenehmen Unterbrechung seines Schlafes fragen, als ihm d'Artagnan statt jeder Erklärung die Hand auf den Mund legte. Dann streckte unser Gascogner die Arme aus und zog sie wieder an sich, indem er auf diese Art die drei Köpfe seiner Freunde umschloß, so daß sie sich gleichsam berührten. Freunde, sagte er, wir müssen sogleich das Schiff verlassen, oder wir sind insgesamt tot. – Bah! entgegnete Athos, schon wieder? – Wißt Ihr, wer der Kapitän des Schiffes ist. – Nein. – Der Oberst Groslow. Ein Beben der drei Musketiere belehrte d'Artagnan, daß seine Rede einigen Eindruck auf die Freunde zu machen anfing. Und wißt Ihr, wer sein Leutnant ist? – Sein Leutnant? Er hat keinen! erwiderte Athos. Auf einer Feluke mit vier Mann gibt es keinen Leutnant. – Allerdings, aber Herr Groslow ist kein gewöhnlicher Kapitän. Er hat einen Leutnant, und dieser Leutnant ist Herr Mordaunt. Diesmal war die Wirkung der Worte noch furchtbarer. Die unbesiegbaren Männer fühlten sich durch diesen unseligen Namen wie gebannt. Was ist zu tun? fragte Athos. – Wir müssen uns der Feluke bemächtigen, erwiderte Aramis. – Und ihn töten, fügte Porthos bei. – Die Feluke ist unterminiert, sprach d'Artagnan. Die Tonnen, die ich für Fässer mit Portwein hielt, sind Pulverfässer. Sieht sich Mordaunt entdeckt, so wird er alles in die Luft sprengen, Freund und Feind, aber er ist, bei meiner Treue! ein zu schlimmer Kamerad, als daß ich mich in seiner Gesellschaft im Himmel oder in der Hölle zeigen möchte. – Ihr habt also einen Plan? fragte Athos. – Ja. – Welchen? – Habt Ihr Zutrauen zu mir? – Befehlt, erwiderten gleichzeitig die drei Musketiere. – Nun, so kommt. D'Artagnan ging an ein Fenster, das so niedrig war, wie ein Speigatt, aber doch Raum genug bot, daß ein Mann durchschlüpfen konnte; er öffnete es sacht. Das ist der Weg, sagte er. – Teufel! murmelte Aramis, es ist sehr kalt, lieber Freund. – Bleibt hier, wenn Ihr wollt, aber ich sage Euch, daß es sogleich sehr heiß werden wird. – Wir können das Land nicht schwimmend erreichen! – Die Schaluppe folgt an einem Tau, wir erreichen die Schaluppe und schneiden das Tau ab. Vorwärts, meine Herren! – Einen Augenblick, sagte Athos, die Lakaien. – Wir sind hier, sprachen Mousqueton und Blaisois, die Grimaud herbeigeholt hatte. Die drei Freunde waren indessen unbeweglich von dem furchtbaren Schauspiel geblieben, das sie durch die Öffnung erblickten, als d'Artagnan den Laden aufhob. Wer nur einmal in seinem Leben dieses Schauspiel gesehen hat, weiß in der Tat, daß es nichts Ergreifenderes gibt, als ein stürmisches Meer, das mit dumpfem Gemurmel seine schwarzen Wogen beim bleichen Schimmer eines Wintermondes hin- und herwälzt. Bei Gott, es scheint, wir zögern, sagte d'Artagnan, und schlüpfte entschlossen durch die Öffnung. Wenn wir zögern, was werden dann die Lakaien tun? – Auf, Athos! rief er, Ihr folgt mir. Ihr, Aramis, setzt die Lakaien in Kenntnis; Ihr, Porthos, schlagt alles tot, was uns ein Hindernis bereitet. Und nachdem er Athos die Hand gedrückt hatte, glitt er in dem Augenblick, wo die Feluke durch eine schwankende Bewegung nach hinten tauchte, ins Wasser. Athos folgte ihm, ehe die Feluke sich wieder erhoben hatte; nach Athos hob sie sich, und man sah das Kabel, mit dem die Schaluppe befestigt war, sich spannen und aus dem Wasser hervorkommen. D'Artagnan schwamm danach und wartete hier, mit einer Hand an dem Tau hängend und den Kopf über dem Wasserspiegel haltend. Nach Verlauf einer Sekunde holte ihn Athos ein. Dann sah man an der Wendung der Feluke zwei andere Köpfe erscheinen. Es waren Aramis und Grimaud. Blaisois beunruhigt mich, sagte Athos. Er sagt, er könne nur im Flusse schwimmen. Wenn man schwimmen kann, so schwimmt man überall, erwiderte d'Artagnan; zur Barke! zur Barke! Aber Porthos? Ich sehe ihn nicht. Seid unbesorgt, Porthos wird kommen; er schwimmt wie ein Leviathan. Porthos erschien erst nach einer Weile, denn er hatte den beiden wasserscheuen Lakaien, Blaisois und Mousqueton, erst mit dem Erdrosseln drohen müssen, bis sie sich ins stürmische Meer wagten, wo sie sofort untertauchten. Aber Porthos war nicht der Mann, der seine treuen Gefährten im Stiche ließ, und als Mousqueton ganz geblendet wieder auftauchte, fand er sich durch Porthos' breite Hand unterstützt und konnte so ohne Anstrengung zum Tau gelangen. In demselben Augenblick sah Porthos etwas im Bereich seines Armes wirbeln. Er nahm dieses Etwas beim Haare: es war Blaisois, dem Athos entgegenkam. Fort, fort, Graf, sagte Porthos, ich bedarf Euer nicht. Und mit einem kräftigen Stoße der Kniebeuge erhob sich Porthos wie der Riese Adamastor über der Welle, und durch drei Bewegungen war er mit seinen Freunden vereinigt. D'Artagnan, Aramis und Grimaud halfen Blaisois und Mousqueton einsteigen; dann kam die Reihe an Porthos, der, als er sich an Bord schwang, das kleine Fahrzeug beinahe umwarf. Und Athos? fragte d'Artagnan. Hier bin ich, erwiderte Athos, der, wie ein General den Rückzug deckend, erst zuletzt einsteigen wollte und sich am Rande der Barke hielt. Seid ihr beisammen? Alle, antwortete d'Artagnan. Und Ihr, Athos, habt Ihr Euren Dolch? Ja. Dann schneidet das Tau ab und kommt. Athos zog einen scharfen Dolch aus seinem Gürtel und schnitt das Tau ab, die Feluke entfernte sich, die Barke blieb schaukelnd auf der Stelle. Kommt, Athos, sagte d'Artagnan. Er reichte dem Grafen de la Fère die Hand, und dieser nahm ebenfalls in dem Fahrzeuge Platz. Es war Zeit, sagte der Gascogner, und ihr werdet etwas Seltsames sehen. Mißgeschick D'Artagnan hatte kaum ausgesprochen, als ein Pfiff auf der Feluke ertönte, welche im Dunkel zu verschwinden anfing. Das bedeutete etwas, wie ihr wohl begreift, sprach der Gascogner. In diesem Augenblick sah man auf dem Verdecke eine Stocklaterne erscheinen und Schatten auf dem Hinterteil hervortreten. Plötzlich durchdrang ein schrecklicher Schrei, ein Schrei der Verzweiflung, den Raum, und als ob dieser die Wolken vertrieben hätte, entfernte sich der Schleier, der den Mond verbarg, und man sah an dem von blassem Licht versilberten Himmel das graue Segelwerk und die schwarzen Taue der Feluke abgezeichnet. Schatten liefen auf dem Schiffe mit kläglichem Geschrei hin und her. Zugleich erblickte man Mordaunt, der mit einer Fackel in der Hand aus dem Heckbord erschien. Die auf dem Schiffe umherlaufenden Schatten waren Groslow und seine Leute, welche er zu der von Mordaunt bezeichneten Stunde versammelt hatte, während der letztere, nachdem er an der Tür der Kajüte gehorcht, ob die Musketiere noch schliefen, durch ihr Stillschweigen beruhigt, in den Raum hinabgestiegen war. Mordaunt hatte die Tür geöffnet und war zu der Lunte gelaufen. Glühend, wie ein Mensch, der nach Rache dürstet und ihrer ganz sicher zu sein glaubt, legte er Feuer an den Schwefel. Währenddessen hatten sich Groslow und seine Leute aus dem Hinterteil versammelt. Holt das Tau an, sprach Groslow, und zieht die Schaluppe her. Einer der Matrosen schwang sich auf den Rand des Schiffes, nahm das Kabel und zog es an; es folgte ohne jeden Widerstand. Das Kabel ist abgeschnitten! rief der Matrose, kein Boot mehr! Wie? kein Boot mehr! rief Groslow, und stürzte nach der Schanzkleidung vor, das ist unmöglich! Seht nur selbst. Nichts mehr im Kielwasser, und hier ist das Ende des Taues. Da hatte Groslow das Gebrüll ausgestoßen, das von den Musketieren gehört worden war. Was gibt es denn? rief Mordaunt, der mit seiner Fackel in der Hand aus der Luke kam und ebenfalls nach dem Hinterteil lief. Unsere Feinde entkommen uns; man hat das Tau abgeschnitten, und sie fliehen mit dem Nachen. Mordaunt machte nur einen Sprung bis in die Kajüte, deren Tür er mit dem Fuß eintrat. Leer! rief er. Oh! die Teufel! Wir verfolgen sie, sagte Groslow; sie können nicht ferne sein, und wenn wir sie erreichen, bohren wir die Schurken in den Grund. Ja, aber das Feuer! erwiderte Mordaunt; ich habe Feuer angelegt. Woran? An die Lunte. Tausend Donner! brüllte Groslow, nach der Luke eilend, vielleicht ist es noch Zeit. Mordaunt antwortete nur durch ein furchtbares Lachen, und die Züge mehr vom Haß, als vom Schrecken verstört, suchte er den Himmel mit seinen wilden Augen, um ihm eine Lästerung zuzuschleudern. Zuerst warf er seine Fackel ins Meer, dann stürzte er sich selbst nach. In demselben Augenblick und als Groslow den Fuß auf die Treppe der Luke setzte, öffnete sich das Schiff wie der Krater eines Vulkans, eine Feuergarbe warf sich mit einem Getöse, als donnerten hundert Kanonen zugleich, zum Himmel empor, die Luft entzündete sich, durchfurcht von ebenfalls entzündeten Trümmern; dann verschwand der gräßliche Blitz, die Trümmer fielen hintereinander zischend in den Abgrund, in dem sie erloschen, und ohne ein Beben in der Luft hätte man nach einem Augenblick glauben können, es sei nichts vorgefallen. Die Feluke war von der Oberfläche des Meeres verschwunden, und Groslow und seine drei Leute hatten dabei ihren Untergang gefunden. Die vier Freunde hatten alles gesehen; kein Moment dieses furchtbaren Dramas war ihnen entgangen. Einen Augenblick übergossen von dem blendenden Lichte, das die See auf mehr als eine Meile erhellte, konnte man sie, jeden in einer andern Stellung, erblicken und sehen, wie jeder einzelne den Schrecken ausdrückte, den sie alle, trotz ihrer fühllosen Herzen, unwillkürlich empfanden. Bald fiel der Flammenregen um sie hernieder; dann erlosch, wie erzählt, der Vulkan, und alles kehrte in Dunkelheit zurück. Die Barke schwamm, und das Meer brauste. Sie verharrten einen Augenblick in tiefem Stillschweigen. Porthos und Aramis, die jeder ein Ruder genommen hatten, hielten es mechanisch über dem Wasser und preßten es mit ihren Händen krampfhaft zusammen. Meiner Treue, sprach Aramis, zuerst das Stillschweigen brechend, diesmal, glaube ich, ist alles vorbei. Zu Hilfe, Mylord, zu Hilfe! rief eine klägliche Stimme, deren Töne wie die eines Meergeistes zu den vier Freunden drangen. Alle schauten sich an, selbst Athos bebte. Er ist es, es ist seine Stimme, sagte er. Alle beobachteten ein tiefes Stillschweigen, denn alle hatten, wie Athos, diese Stimme erkannt. Nur wandten sie ihre unheimlich sich dehnenden Augensterne in der Richtung, wo das Schiff verschwunden war, um die Dunkelheit zu durchdringen. Nach einem Augenblick unterschieden sie einen Menschen, der sich, kräftig schwimmend, näherte. Athos streckte langsam den Arm gegen ihn aus und zeigte ihn seinen Gefährten mit dem Finger. Ja, ja, sagte d'Artagnan, ich sehe ihn wohl. Abermals er! sprach Porthos, der wie der Blasebalg eines Schmiedes schnaufte. Ah! ist er denn von Eisen? Oh, mein Gott! murmelte Athos. Mordaunt machte noch ein paar Klafter, erhob eine Hand als Notzeichen über das Meer und rief: Habt Mitleid, meine Herren, um Gotteswillen, meine Kräfte verlassen mich; ich muß sterben! Die flehende Stimme war so beweglich, daß sie im Grunde von Athos' Herzen Mitleid erregte. Der Unglückliche, murmelte er. Gut, sprach d'Artagnan, es fehlte nichts mehr, als daß Ihr ihn beklagtet! In der Tat, ich glaube, er schwimmt auf uns zu. Denkt er vielleicht, wir werden ihn aufnehmen? Rudert, Porthos, rudert! Und ein Beispiel gebend, tauchte d'Artagnan sein Ruder in das Meer. Zwei Ruderstöße entfernten die Barke auf zwanzig Klafter. Oh! ihr werdet mich nicht umkommen lassen, ihr werdet nicht mitleidlos sein! rief Mordaunt. Oh, oh! sprach Porthos zu Mordaunt, ich glaube, wir halten Euch endlich, mein Braver, und um Euch zu retten, habt Ihr keinen andern Hafen mehr, als den der Hölle. Oh, Porthos, murmelte der Graf de la Fère. Laßt mich in Ruhe, Athos. Ihr werdet in der Tat lächerlich mit Eurer ewigen Großmut. Ich erkläre Euch, daß ich ihm mit einem Ruderschlage den Schädel zerschmettere, wenn er sich der Barke auf zehn Schritte nähert. Oh, Gnade! flieht mich nicht, meine Herren! Habt Mitleid mit mir! rief der junge Mensch mit keuchendem Atem. D'Artagnan, der mit dem Auge jede Bewegung Mordaunts verfolgt und sein Gespräch mit Aramis beendigt hatte, stand auf und rief, sich an den Schwimmer wendend: Mein Herr, ich bitte, entfernt Euch. Eure Reue ist zu neu, als daß wir ein großes Zutrauen zu ihr haben sollten. Bedenkt wohl, daß das Schiff, in dem Ihr uns rösten wolltet, einige Fuß unter dem Wasser raucht, und daß die Lage, in der Ihr Euch befindet, ein Rosenbett ist in Vergleich mit der, worein Ihr uns zu versetzen gedachtet, und worein Ihr Herrn Groslow und seine Gehilfen versetzt habt. Meine Herren, erwiderte Mordaunt mit verzweiflungsvollem Ton, ich schwöre euch, daß meine Reue wahr ist. Meine Herren, ich bin so jung, bin kaum dreiundzwanzig Jahre alt! Meine Herren, ich ließ mich durch einen sehr natürlichen Groll hinreißen, ich wollte meine Mutter rächen, und ihr hättet alle dasselbe getan. Bah! sprach d'Artagnan, als er sah, daß Athos immer weicher wurde, jenachdem. Mordaunt hatte kaum noch drei bis vier Klafter zu machen, um die Barke zu erreichen. Das Herannahen des Todes schien ihm übermenschliche Stärke zu verleihen. Ach! rief er, ich soll also sterben! Ihr wollt den Sohn töten, wie ihr die Mutter getötet habt! Und dennoch war ich nicht schuldig; nach allen göttlichen und menschlichen Gesetzen muß ein Sohn seine Mutter rächen. Wenn es ein Verbrechen ist, fügte er, die Hände faltend, bei, so muß es mir vergeben werden, da ich es bereue, da ich um Verzeihung bitte. Dann schien er sich nicht mehr über dem Wasser halten zu können, und es ging eine Welle über seinen Kopf hin, die seine Stimme erstickte. Oh! das zerreißt mir das Herz, sprach Athos. Mordaunt erschien wieder. Und ich, versetzte d'Artagnan, ich sage, daß ein Ende gemacht werden muß. Mörder Eures Oheims, Henker des Königs Karl, Brandstifter, ich fordere Euch auf, in den Grund zu fahren, oder wenn Ihr Euch der Barke noch um eine einzige Klafter nähert, zerschmettere ich Euch den Kopf mit meinem Ruder. Mordaunt schwamm in Verzweiflung eine Klafter. D'Artagnan nahm sein Ruder mit beiden Händen. Athos stand auf. D'Artagnan! d'Artagnan! rief er; mein Sohn, ich flehe Euch an! Der Unglückliche wird sterben, und es ist furchtbar, einen Menschen sterben zu lassen, ohne ihm die Hand zu reichen, wenn man nichts anderes zu seiner Rettung zu tun braucht. Oh! mein Herz verbietet mir eine solche Handlung. Ich kann nicht widerstehen, er muß leben. Mord und Tod! erwiderte d'Artagnan, warum überliefert Ihr uns nicht an Händen und Füßen gebunden diesem Elenden? Das wäre schneller geschehen. Oh, Graf de la Fère! Ihr wollt durch ihn umkommen! Wohl, ich, Euer Sohn, wie Ihr mich nennt, ich will es nicht. Aramis zog kalt seinen Degen, den er schwimmend zwischen den Zähnen gehalten hatte. Wenn er seine Hand an den Rand des Schiffes legt, sagte er, so haue ich sie ihm ab, wie einem Königsmörder. Und ich, sprach Porthos, wartet! Was wollt Ihr machen? fragte Aramis. Ich stürze mich in das Meer und erdroßle ihn. Oh, meine Herren! rief Athos mit überwältigendem Gefühl, laßt uns Menschen, laßt uns Christen sein. D'Artagnan stieß einen Seufzer aus. Aramis senkte sein Schwert, Porthos setzte sich wieder. Seht, fuhr Athos fort, seht, der Tod ist auf seinem Antlitz ausgeprägt. Seine Kräfte verlassen ihn, noch eine Minute, und er sinkt in den Abgrund. Oh, verschont mich mit so furchtbaren Gewissensbissen. Nötigt mich nicht, ebenfalls vor Scham zu sterben; meine Freunde, bewilligt mir das Leben dieses Unglücklichen. Ich werde euch segnen, ich werde ... Ich sterbe, murmelte Mordaunt, zu Hilfe! ... zu Hilfe! Laßt uns eine Minute gewinnen, sagte Aramis, sich links gegen d'Artagnan wendend. Einen Ruderschlag, fügte er bei, sich rechts gegen Porthos neigend. D'Artagnan antwortete nicht. Er fing an, halb durch die Bitten von Athos, halb durch das Schauspiel, das er vor Augen hatte, bewegt zu werden. Porthos allein gab einen Ruderschlag, und so drehte sich die Barke, und diese Bewegung brachte Athos dem Sterbenden näher. Herr Graf de la Fère! rief Mordaunt, Herr Graf de la Fère, an Euch wende ich mich, Euch flehe ich an! Habt Mitleid mit mir! ... Wo seid Ihr, Herr Graf de la Fère! Ich sehe nichts mehr ... ich sterbe! ... Herbei! zu Hilfe! Hier bin ich, mein Herr, sprach Athos, sich vorbeugend und mit der ihm eigentümlichen Gebärde voll Adel und Würde seinen Arm gegen Mordaunt ausstreckend; hier bin ich, nehmt meine Hand und steigt in unsere Barke. Ich will lieber nicht zuschauen, sprach d'Artagnan, diese Schwäche widerstrebt mir. Er wandte sich gegen die zwei Freunde, die sich nach dem Hintergrund des Schiffes drängten, als fürchteten sie die Berührung eines Menschen, dem Athos allein die Hand zu reichen sich nicht fürchtete. Mordaunt machte eine äußerste Anstrengung, erhob sich, ergriff die Hand, die sich nach ihm ausstreckte, und klammerte sich mit der Heftigkeit der letzten Hoffnung daran. Gut, sprach Athos, legt Eure andere Hand hierher. Und er bot ihm seine Schulter als zweiten Stützpunkt, so daß sein Kopf beinahe den Kopf Mordaunts berührte und die zwei Todfeinde sich wie zwei Brüder umarmt hielten. Mordaunt zerdrückte mit seinen krampfhaften Fingern Athos' Kragen. Gut, mein Herr, sprach der Graf, nun seid Ihr gerettet. Beruhigt Euch. Ah! meine Mutter, rief Mordaunt mit einem flammenden Blick und einem unbeschreiblichen Ausdruck des Hasses, ich kann dir nur ein einziges Opfer bieten, aber es soll wenigstens das sein, das du gewählt hättest! Und während d'Artagnan einen Schrei ausstieß, Porthos das Ruder erhob und Aramis eine Stelle aussuchte, um zuzustoßen, riß ein furchtbarer Stoß an die Barke Athos in das Wasser. Mordaunt erhob ein Triumphgeschrei, preßte den Hals seines Opfers zusammen und umschloß, um jede Bewegung zu hemmen, die Beine des Unglücklichen mit den seinigen, wie es nur eine Schlange hätte tun können. Einen Augenblick suchte sich Athos, ohne einen Ton von sich zu geben, auf der Oberfläche des Meeres zu halten, aber das Gewicht zog ihn hinab, und er versank allmählich. Bald sah man nur noch seine langen Haare schwimmen; dann verschwand alles, und ein breiter Gischt, der sich ebenfalls nach und nach verlor, deutete allein noch die Stelle an, wo beide in die Tiefe gesunken waren. Stumm vor Schrecken, unbeweglich vor Grauen, verharrten die drei Freunde mit gähnendem Munde und mit weit aufgerissenen Augen, die Arme ausstreckend. Sie schienen Statuen zu sein, und dennoch hörte man ihre Herzen schlagen. Porthos kam zuerst zu sich selbst und rief, indem er sich mit vollen Händen die Haare ausraufte, mit herzzerreißendem Schluchzen: Oh, Athos, Athos! edles Herz! wehe, wehe über uns, die wir dich haben sterben lassen! Ja, ja, wiederholte d'Artagnan, wehe, wehe! Wehe! murmelte Aramis. In demselben Augenblick erschien mitten in dem weiten von den Strahlen des Mondes beleuchteten Kreise, vier bis fünf Klafter von der Barke, wieder ein Wirbel, und man sah zuerst Haare, dann ein bleiches Gesicht mit offenen, aber toten Augen und endlich einen Körper erscheinen, der, nachdem er sich bis unter die Brust über das Meer erhoben hatte, sich, der Bewegung der Wellen folgend, langsam aus den Rücken legte. In der Brust des Körpers stak ein Dolch, dessen goldener Griff im Monde funkelte. Mordaunt! Mordaunt! Mordaunt! riefen die drei Freunde, es ist Mordaunt! Aber Athos? sprach d'Artagnan. Plötzlich neigte sich die Barke unter einem neuen und unerwarteten Gewichte nach links, und Grimaud stieß einen Freudenschrei aus. Alle wandten sich um, und man sah Athos leichenbleich, mit erloschenen Augen und zitternder Hand sich am Rande des Bootes halten. Acht nervige Arme hoben ihn sogleich empor und legten ihn in die Barke, wo Athos, in einem Augenblick erwärmt, unter den Liebkosungen seiner freudetrunkenen Freunde wiederauflebte. Ihr seid doch nicht verwundet? fragte d'Artagnan. Nein, antwortete Athos. Und er? Oh, er ist diesmal, Gott sei Dank! wirklich tot. Seht! Und d'Artagnan nötigte Athos, in der Richtung zu schauen, die er ihm andeutete, und zeigte ihm den Leichnam Mordaunts, der, auf den Wellen schwimmend, bald untertauchte, bald sich wieder erhob und die vier Freunde mit einem Blick voll tödlichen Hasses zu verfolgen schien. Endlich sank der Tote in den Abgrund. Athos war ihm mit einem schwermütigen, mitleidigen Blicke gefolgt. Bravo, Athos! sprach Aramis. – Ein schöner Stoß! rief Porthos. – Ich hatte einen Sohn, sagte Athos, ich wollte leben. – Endlich, rief d'Artagnan, hier hat Gott gesprochen. – Ich habe ihn nicht getötet, das Geschick hat es getan, murmelte Athos. Nach Frankreich Nach der furchtbaren Scene, die wir soeben erzählt haben, herrschte lange Zeit tiefe Stille in der Barke. Der Mond, der sich einen Augenblick gezeigt hatte, verschwand hinter den Wolken; alles versank wieder in gräßliche Dunkelheit, und man hörte nichts mehr, als das Pfeifen des Westwindes über der Oberfläche der Wellen. Porthos brach das Schweigen zuerst. Ich habe viele Dinge gesehen, sagte er, aber nichts hat mich so sehr bewegt, als das, was ich soeben mit anschaute. So sehr ich aber auch ergriffen worden bin, so erkläre ich euch doch, daß ich mich unendlich glücklich fühle. Es ist eine Zentnerlast von meiner Brust gefallen, und ich atme endlich frei, denn nun ist er mausetot. Porthos atmete wirklich mit einem Geräusch, das dem gewaltigen Spiele seiner Lungen alle Ehre machte. Singt nicht so rasch Viktoria, Porthos, sagte d'Artagnan, denn nie waren wir größerer Gefahr preisgegeben. Ein Mensch wird mit einem andern Menschen fertig, aber nicht mit einem Element. Wir sind aber mitten auf der See, mitten in der Nacht, ohne Führer, in einem gebrechlichen Fahrzeug; wirft ein Windstoß unsere Barke um, so sind wir verloren. Mousqueton stieß einen tiefen Seufzer aus. Ihr seid undankbar, d'Artagnan, sagte Athos; ja undankbar, daß Ihr an der Vorsehung in dem Augenblick zweifelt, wo sie uns alle auf eine so wunderbare Weise gerettet hat. Glaubt Ihr, sie habe uns an ihrer Hand durch so viel Gefahren geleitet, um uns sodann zu verlassen? Nein, wir sind mit einem Westwind abgefahren, und dieser weht immer noch. Athos orientierte sich nach dem Polarstern. Dort ist der Himmelswagen, sagte er weiter, und folglich ist Frankreich da. Überlassen wir uns dem Wind, der uns, wenn er sich nicht ändert, nach der Küste von Calais oder Boulogne treibt. Schlägt die Barke um, so sind wir fünf zusammen so gute Schwimmer, daß wir sie umkehren oder, wenn dies unsere Kräfte übersteigt, uns an sie anhängen können. Wir befinden uns auf dem Weg aller Schiffe, die von Dover nach Calais und von Portsmouth nach Boulogne gehen. Wir werden zweifellos am Tage eine Schifferbarke finden, die uns aufnimmt. Finden wir aber keine und der Wind dreht sich nach Norden? Dann wäre es etwas anderes, sagte Athos, wir würden nur auf der andern Seite des Atlantischen Meeres Land finden. Das heißt, wir würden verhungern, sprach Aramis. Das ist mehr als wahrscheinlich, versetzte der Graf de la Fère. Mousqueton stieß einen zweiten Seufzer aus, der noch schmerzlicher klang als der erste. Als man ihn nach der Ursache seiner Seufzer fragte, erzählte er, er habe einmal in einem Reisebuche gelesen, daß ausgehungerte Reisende den fettesten unter ihnen verzehrt hätten, und daß er selbst wegen seines Wanstes in diesem Falle das erste Opfer zu sein fürchte. Man kann sich denken, daß diese Befürchtung viel dazu beitrug, die Freunde in eine heitere Stimmung zu versetzen. Des fetten Burschen Besorgnis war übrigens schon deshalb unbegründet, weil bald nach Anbruch des Tageslichtes eine Flüte aus Dünkirchen in Sicht kam. Die vier Herren, Blaisois und Mousqueton vereinigten ihre Stimmen in einem einzigen Schrei, während Grimaud, ohne etwas zu sagen, seinen Hut an das Ende seines Ruders steckte. Eine Viertelstunde nachher bugsierte sie das Boot der Flüte. Sie bestiegen das Verdeck des kleinen Fahrzeuges. Grimaud bot dem Patron im Auftrage seines Herrn zwanzig Guineen, und bei gutem Winde setzten um neun Uhr morgens unsere Franzosen den Fuß auf den Boden ihres Vaterlandes. Donner und Teufel! wie stark fühlt man sich auf diesem Boden, sagte Porthos, mit seinen breiten Füßen tief in den Sand tretend. Nun soll mir einer kommen, mich schief ansehen oder mich verspotten, und er wird sehen, mit wem er es zu tun hat. Bei Gott! ich würde einem ganzen Königreich Trotz bieten. Und ich, sagte d'Artagnan, ich fordere Euch auf, Eure Herausforderung nicht so laut klingen zu lassen, Porthos, denn es scheint mir, man betrachtet uns hier gar sehr. Bei Gott! sagte Porthos, man bewundert uns. Darauf bin ich nicht eitel, das schwöre ich Euch, Porthos, versetzte d'Artagnan; ich sehe nur Leute in schwarzen Röcken und gestehe Euch, daß mich in unserer Lage Schwarzröcke erschrecken. Es sind die Warenschreiber des Hafens, sagte Aramis. D'Artagnan überzeugte die Freunde, daß es für sie vorteilhafter sei, nicht in die Stadt zu gehen, sondern sich vorerst mehr verborgen zu halten. Trotz Porthos' Drang nach einem Wirtshaus drang des klugen Gascogners Rat durch, und die kleine Schar verschwand bald hinter den Sandhügeln, jedoch nicht, ohne die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben. Nun laßt uns sprechen, sagte Aramis, als man ungefähr eine Viertelmeile zurückgelegt hatte. Nein, laßt uns fliehen, versetzte d'Artagnan. Wir sind Cromwell, Mordaunt, dem Meere, drei Abgründen, die uns verschlingen wollten, entkommen; wir werden Mazarin nicht entkommen. Ihr habt recht, d'Artagnan, sprach Aramis, und ich rate sogar, daß wir uns zu größerer Sicherheit trennen. Ja, ja, Aramis, trennen wir uns, versetzte d'Artagnan. Porthos wollte sprechen, um sich diesem Entschlusse zu widersetzen, aber d'Artagnan machte ihm durch einen Händedruck begreiflich, er solle schweigen. Porthos war äußerst gehorsam gegen diese Zeichen seines Gefährten, dessen geistige Überlegenheit er mit seinem gutmütigen Charakter stets anerkannte. Er drängte also die Worte zurück, die aus seinem Munde gehen wollten. Aber warum uns trennen? sprach Athos. Weil wir, Porthos und ich, von Mazarin an Cromwell abgeschickt worden sind, erwiderte d'Artagnan, und, statt Cromwell zu dienen, dem König Karl I. gedient haben. Kommen wir mit den Herren de la Fère und d'Herblay zurück, so ist unser Verbrechen erwiesen. Kommen wir dagegen allein, so bleibt unser Verbrechen zweifelhaft, und mit dem Zweifel führt man die Menschen sehr weit. D'Artagnan wußte auch dem Einwände Aramis' zu begegnen, wie sie sich in Kenntnis setzen wollten, wenn eine Partei unterwegs festgenommen würde. Nichts leichter als dies, sagte er. Wir wollen eine bestimmte Marschroute verabreden. Ihr begebt euch nach Saint-Valery, von da nach Dieppe und verfolgt sodann den geraden Weg von Dieppe nach Paris. Wir gehen über Abbeville, Amiens, Peronne, Compiegne und Senlis, und in jeder Herberge, in jedem Hause, wo wir anhalten, schreiben wir mit der Spitze eines Messers an die Wand oder mit einem Diamanten an das Fenster eine Nachricht, welche die von uns, die frei sind, in ihren Nachforschungen zu leiten vermag. Ist es also abgemacht, Athos? Es ist abgemacht. Dann teilen wir das Geld, versetzte d'Artagnan; es müssen ungefähr zweihundert Pistolen vorhanden sein. Grimaud, wieviel ist übrig? Hundertundachtzig Halb-Louisd'or, gnädiger Herr. Gut. Ah! Vivat! da ist die Sonne. Guten Morgen, liebe Sonne. Obgleich du nicht die Gascogner Sonne bist, so erkenne ich dich doch. Guten Morgen. Ich habe dich sehr lange nicht gesehen. Ei, ei, d'Artagnan, sprach Athos, spielt nicht den starken Geist, Ihr habt Tränen in den Augen. Wir wollen unter uns stets offenherzig sein, und sollte diese Offenherzigkeit auch unsere guten Eigenschaften ans Licht bringen. Glaubt Ihr denn, Athos, entgegnete d'Artagnan, man könne in einem Augenblick, der nicht ohne Gefahr ist, zwei Freunde, wie Euch und Aramis, mit kaltem Blut verlassen? Nein, sprach Athos, kommt in meine Arme, mein Sohn. Bei Gott! ich glaube, ich weine, rief Porthos schluchzend, wie albern das ist! Und die vier Freunde umarmten sich in einer Gruppe. Blaisois und Grimaud sollten Athos und Aramis folgen. Mousqueton genügte für Porthos und d'Artagnan. Man teilte, wie man dies immer getan, das Geld brüderlich. Nachdem man sich sodann noch einmal die Hand gedrückt und gegenseitig die Versicherung einer ewigen Freundschaft erneuert hatte, trennten sich die vier Edelleute, um die verabredeten Wege einzuschlagen, nicht ohne sich zu wiederholten Malen umzuwenden und einander liebevolle Worte zuzurufen, welche die Echos der Dünen zurückgaben. Endlich verloren sie einander aus dem Gesicht. Die Rückkehr Athos und Aramis hatten den ihnen von d'Artagnan bezeichneten Weg eingeschlagen und waren so schnell als möglich gereist. Es schien ihnen besser, in der Nähe von Paris, als fern von der Hauptstadt verhaftet zu werden. Da sie fürchteten, dies könnte bei Nacht geschehen, machten sie jeden Abend das verabredete Wiedererkennungszeichen an die Wand oder an die Fensterscheiben; aber jeden Morgen erwachten sie zu ihrem großen Erstaunen noch frei. Je näher sie Paris kamen, desto mehr verschwanden die großen Ereignisse, denen sie beigewohnt hatten, und durch die eine Umwälzung in England vorgegangen war, wie im Traume, während im Gegenteil die, welche in ihrer Abwesenheit Paris und die Provinz in Bewegung gesetzt hatten, ihnen immer mehr entgegentraten. In den sechs Wochen ihrer Abwesenheit hatten sich in Frankreich so viele kleine Dinge begeben, daß diese beinahe ein großes Ereignis bildeten. Als die Pariser eines Morgens ohne Königin und ohne König erwachten, waren sie gar sehr aufgebracht, daß sie auf diese Weise verlassen wurden, und die so lebhaft gewünschte Entfernung Mazarins entschädigte durchaus nicht für die Abwesenheit der zwei erhabenen Flüchtlinge. Im ersten Gefühl des Schreckens beschloß das Parlament, eine Abordnung zu senden, die die Königin um ihre Rückkehr bitten sollte. Die Königin antwortete mit gesteigertem Hochmut, wenn das Parlament sich nicht vor der königlichen Majestät demütige und in allen Fragen, welche den Zwiespalt herbeigeführt, nachgebe, so werde Paris am andern Tage belagert werden. Diese drohende Antwort beleidigte den Stolz des Parlaments, das im Gefühl einer kräftigen Unterstützung von seiten der Bürgerschaft das Ultimatum des Hofes dahin beantwortete, daß es Mazarin als den notorischen Urheber aller dieser Unruhen betrachten müsse, ihn als Feind des Königs und des Staates erkläre und ihm befehle, sich noch an demselben Tage von dem Hof und im Verlauf von acht Tagen aus Frankreich zu entfernen; würde er nach Ablauf dieser Frist nicht gehorchen, so wären dadurch alle Untertanen des Königs verpflichtet, ihm an den Leib zu gehen. Durch diese energische Antwort, die der Hof entfernt nicht erwartet hatte, waren Paris und Mazarin zugleich bedroht. Es fragte sich jetzt nur, wer den Sieg davontragen würde, das Parlament oder der Hof. Der Hof traf nun seine Vorkehrungen zum Angriff, Paris zur Verteidigung. Die Bürger waren guten Muts, als sie sahen, daß ihnen, unter Anführung des Koadjutors, der Prinz von Conti, Bruder des Prinzen von Condé, und der Herzog von Longueville, sein Schwager, zu Hilfe kamen. Von nun an waren sie beruhigt, denn sie hatten Prinzen von Geblüt und überdies den Vorteil der Zahl auf ihrer Seite. Diese unerwartete Hilfe war den Parisern am 10. Januar zugekommen. Nach einer stürmischen Verhandlung wurde der Prinz von Conti zum Generalissimus der Armee von Paris ernannt, mit den Herzögen Elboeuf und Bouillon und dem Marschall de la Mothe als Generalleutnants. Der Herzog von Longueville begnügte sich, ohne Titel und Amt seinem Schwager beizustehen. Herr von Beaufort war aus Vendome angelangt und hatte, wie die Chronik sagt, seine vornehme Miene, schöne lange Haare und jenes volkstümliche Wesen mitgebracht, das ihm das Königtum der Hallen eintrug. So kamen die ersten Tage des Februar heran, und am ersten dieses Monats geschah es, daß unsere vier Gefährten in Boulogne landeten und auf verschiedenen Wegen ihre Reise nach Paris antraten. Gegen das Ende des vierten Marschtages vermieden Athos und Aramis vorsichtig Nanterre, um nicht in die Hände der Partei der Königin zu fallen, da sie zunächst den am Fuße des Schafotts empfangenen Auftrag zu Füßen der Königin Henriette auszuführen sich verpflichtet fühlten. Unsere Reisenden fanden die Vorstädte sehr gut bewacht; ganz Paris war bewaffnet. Die Schildwache weigerte sich, die zwei Edelleute einzulassen, und rief ihren Sergeanten. Der Sergeant kam sogleich heraus und fragte sie mit aller Wichtigkeit aus, welche Bürger anzunehmen pflegen, wenn sie durch Zufall eine militärische Würde erhalten haben. Als sie erklärten, an die Königin Henriette eine Botschaft zu haben, sagte der Sergeant, es seien bereits drei Edelleute im Wachzimmer, deren Pässe man visiere. Auch unsere Freunde wurden, da sie gar keine Pässe besaßen, und der Sergeant den Fall dem Anführer des Postens vorlegen wollte, in die Wachstube geführt. Diese war ganz voll von Bürgern und Leuten aus dem Volke. Die einen spielten, die andern tranken, und wieder andere hielten Reden. In einer Ecke und, wie es schien, streng bewacht, waren die drei zuerst angekommenen Edelleute, deren Pässe der Offizier visierte. Dieser Offizier befand sich in einem anstoßenden Zimmer. Die Neuangekommenen und die drei Edelleute in der Ecke warfen einander einen raschen, forschenden Blick zu. Die letzteren waren mit langen Mänteln bedeckt, in deren Falten sie sich sorgfältig hüllten. Der eine von ihnen, der kleiner als die beiden andern war, hielt sich im Schatten zurück. Als der Sergeant bei seinem Eintritt meldete, er bringe wahrscheinlich Mazariner, horchten die drei Edelleute aufmerksam. Der Kleinste, der zwei Schritte vorwärts gemacht hatte, machte sofort einen zurück und befand sich wieder im Schatten. Auf die Mitteilung, daß die Neuangekommenen keine Pässe hatten, schien die einstimmige Meinung der Wachtmannschaft dahin zu gehen, sie würden keinen Eintritt erlangen. Meine Herren, sagte Athos, die Sache ist auf einfachstem Wege zu ordnen: man schicke unsere Namen Ihrer Majestät der Königin von England, und wenn sie sich für uns verbürgt, werdet ihr hoffentlich keinen Anstand nehmen, uns freien Durchgang zu gestatten. Bei diesen Worten verdoppelte sich die Aufmerksamkeit des im Schatten verborgenen Herrn, und er machte sogar eine so ungestüme Bewegung des Erstaunens, daß sein Hut, von dem Mantel gestreift, in den er sich noch sorgfältiger als zuvor hüllte, auf den Boden fiel; er bückte sich und hob ihn rasch auf. Oh! mein Gott, sprach Aramis, Athos mit dem Ellenbogen stoßend, habt Ihr gesehen? Was? fragte Athos. Das Gesicht des kleinsten von den drei Edelleuten. Nein. Es kam mir vor ... aber das ist unmöglich. In diesem Augenblick kam der Sergeant, der in das Nebenzimmer gegangen war, um die Befehle des Offiziers einzuholen, wieder heraus und sagte, die drei Edelleute bezeichnend, denen er ein Papier übergab: Die Pässe sind in Ordnung. Laßt diese drei Herren ihres Wegs gehen. Die drei Edelleute machten ein Zeichen mit dem Kopfe und beeilten sich, die Erlaubnis und den Weg zu benützen, der sich auf den Befehl des Sergeanten vor ihnen öffnete. Aramis folgte ihnen mit seinen Blicken, und im Augenblick, wo der Kleinste an ihm vorüberkam, drückte er Athos lebhaft die Hand und sagte dabei zum Sergeanten: Sagt mir, kennt Ihr die drei Herren, die soeben weggegangen sind? Ich kenne sie nur nach ihrem Passe; es sind die Herren von Flamarens, von Chatillon und von Bruy, drei Edelleute von der Fronde, die den Herzog von Longueville aufsuchen. Das ist seltsam, sagte Aramis, mehr seinem eigenen Gedanken, als dem Sergeanten antwortend, ich glaubte Mazarin selbst zu erkennen. Der Sergeant brach in ein Gelächter aus. Er sollte sich unter uns wagen, um gehenkt zu werden? So dumm ist er nicht! Ich kann mich getäuscht haben, murmelte Aramis. Ich habe nicht das unfehlbare Auge d'Artagnans. Wer spricht hier von d'Artagnan? fragte der Offizier, der in diesem Augenblick selbst auf der Schwelle des Zimmers erschien. – Ah? rief Grimaud, die Augen weit aufreißend. – Was? fragten Aramis und Athos gleichzeitig. – Planchet! versetzte Grimaud. Planchet mit dem Offizierskragen. – Die Herren de la Fère und d'Herblay wieder in Paris! rief der Offizier, oh, welche Freude für mich, denn ohne Zweifel tretet ihr in Verbindung mit den Herren Prinzen. – Wie du siehst, mein lieber Planchet, erwiderte Aramis, während Athos lächelte, da er sah, welchen hohen Grad der ehemalige Kamerad von Mousqueton, Bazin und Grimaud in der Bürger-Miliz einnahm. – Und Herr d'Artagnan, von dem Ihr soeben spracht, Herr d'Herblay, habt Ihr Kunde von ihm? – Wir verließen ihn vor vier Tagen, und alles ließ uns glauben, er werde vor uns in Paris angekommen sein. – Nein, mein Herr, ich weiß gewiß, daß er nicht in die Hauptstadt zurückgekehrt ist; er mag wohl in Saint-Germain geblieben sein.– Ich glaube nicht, wir haben uns in die Rehziege zusammenbestellt. – Ich bin selbst heute dort gewesen. – Und die schöne Madeleine hatte keine Nachricht von ihm? fragte Aramis lächelnd. – Nein, mein Herr, und ich kann Euch sogar nicht verbergen, daß sie sehr in Unruhe war. – Im ganzen, sprach Aramis, ist noch keine Zeit verloren, denn wir haben uns sehr beeilt. Erlaubt mir also, mein lieber Athos, daß ich, ohne mich weiter nach unserem Freund zu erkundigen, Herrn Planchet mein Kompliment mache. – Ah, Herr Chevalier, sprach Planchet, sich verbeugend. – Leutnant? versetzte Aramis. – Leutnant mit der Aussicht auf Kapitänsrang. – Das ist sehr schön, sprach Aramis; und wie sind Euch alle diese Ehren zu teil geworden? – Ihr wißt vor allem, meine Herren, daß ich die Rettung des Herrn von Rochefort bewerkstelligt habe. – Ja, bei Gott, er soll uns diese Geschichte erzählen. – Und wie ist's mit Herrn Raoul von Bragelonne? fragte Athos mit bewegter Stimme. D'Artagnan sagte mir, er habe ihn Euch, mein guter Planchet, bei seiner Abreise empfohlen. – Ja, Herr Graf, als ob es sein eigener Sohn wäre, und ich darf wohl sagen, daß ich ihn nicht einen Augenblick aus dem Gesicht verloren habe. – Er befindet sich also wohl? sagte Athos, vor Freude bebend. Es ist ihm kein Unfall begegnet? – Keiner, Herr. – Und er wohnt? – Immer noch im Grand-Charlemagne. – Er verbringt seine Tage ... – Bald bei der Königin von England, bald bei Frau von Chevreuse. Er und der Graf von Guiche verlassen sich nicht. – Ich danke, Planchet, ich danke, sagte Athos, ihm die Hand reichend. – Und nun, meine Herren, erwiderte Planchet, was gedenkt ihr zu tun? – Wir wollen nach Paris hinein, wenn Ihr uns die Erlaubnis dazu gebt, mein lieber Planchet, sprach Athos. – Wenn ich euch die Erlaubnis dazu gebe? Ihr spottet meiner. Ich bin nichts, als euer Diener. Und er verbeugte sich. Dann sich gegen seine Leute umwendend, sprach er: Laßt diese Herren passieren, ich kenne sie, es sind Freunde des Herrn von Beaufort. Es lebe Herr von Beaufort! rief einstimmig der ganze Posten und öffnete Athos und Aramis den Weg. Der Sergeant allein näherte sich Planchet und murmelte ihm zu: Nehmt Euch in acht, Kapitän, einer von den drei Männern, die soeben weggegangen sind, sagte mir leise, ich solle diesen Herren mißtrauen. Und ich, sprach Planchet majestätisch, ich kenne sie und verbürge mich für sie. Nach diesen Worten drückte er Grimaud die Hand, der sich durch diese Auszeichnung sehr geehrt zu fühlen schien. Auf Wiedersehen also, Kapitän, sagte Aramis mit seinem spöttischen Tone; wenn uns etwas begegnen sollte, so würden wir unsere Zuflucht zu Euch nehmen. Mein Herr, hierin, wie in allen Dingen, bin ich Euer Diener, erwiderte Planchet. Der Bursche hat Witz und zwar viel, sagte Aramis, zu Pferde steigend. Wie könnte er keinen Witz haben, versetzte Athos, sich ebenfalls in den Sattel schwingend, nachdem er so lange die Hüte seines Herrn gebürstet hat? Die Gesandten Die zwei Freunde begaben sich sogleich auf den Weg und bemerkten bald zu ihrem großen Erstaunen, daß die Straßen von Paris in Flüsse und die Plätze in Seen verwandelt waren. Infolge der großen Regen, die im Monat Januar stattgefunden hatten, war die Seine ausgetreten, und der Strom hatte zuletzt die halbe Stadt überschwemmt. Athos und Aramis drangen mutig mit ihren Pferden in das Gewässer. Bald aber ging es den armen Tieren bis an die Brust, und die zwei Edelleute mußten sich entschließen, sie zu verlassen und eine Barke zu nehmen, nachdem sie den Lakaien Befehl gegeben hatten, sie in den Hallen zu erwarten. Sie gelangten also zu Schiff an den Louvre. Es war finstere Nacht. So beim Schimmer einiger bleichen, zitternden Laternen gesehen, mit seinen Barken, die von Patrouillen mit glänzenden Waffen besetzt waren, mit dem Geschrei der Wachen, die sich in der Finsternis an den Toren anriefen, bot Paris einen Anblick, von dem Aramis bei seiner großen Empfänglichkeit für kriegerische Empfindungen geblendet wurde. Bei der Königin mußten sie im Vorzimmer warten, da Ihre Majestät in diesem Augenblick Edelleuten, die Nachrichten von England brachten, Audienz erteilte. Auch wir, sagte Athos zu dem Diener, der ihm diese Antwort gab, wir bringen nicht nur Nachrichten von England, sondern wir kommen gerade daher. Wie heißt ihr denn? fragte der Diener. Der Herr Graf de la Fère und der Chevalier d'Herblay, erwiderte Aramis. Ah, dann, meine Herren, versetzte der Diener, als er diese Namen hörte, welche die Königin so oft in ihrer Hoffnung ausgesprochen hatte, dann ist es etwas anderes, und ich glaube, Ihre Majestät würde mir nie vergeben, wenn ich euch nur einen Augenblick hätte warten lassen. Folgt mir also, ich bitte euch. Und er ging Athos und Aramis voran. Als man zu dem Zimmer gelangte, in dem sich die Königin aushielt, bedeutete er ihnen durch ein Zeichen, sie möchten warten. Dann öffnete er die Tür und sprach: Madame, ich hoffe, Eure Majestät wird mir vergeben, daß ich gegen ihre Befehle ungehorsam gewesen bin, wenn sie erfährt, daß die, welche ich zu melden habe, der Graf de la Fère und der Chevalier d'Herblay sind. Bei diesen Namen stieß die Königin einen Freudenschrei aus, den die Edelleute auf der Stelle, wo sie standen, hören konnten. Arme Königin! murmelte Athos. Sie mögen hereinkommen! rief die junge Prinzessin, nach der Tür eilend. Das arme Kind verließ seine Mutter nie und suchte sie durch seine kindliche Sorge für die Abwesenheit seiner zwei Brüder und seiner Schwester zu entschädigen. Tretet ein, tretet ein, meine Herren, sprach die Prinzessin, selbst die Tür öffnend. Athos und Aramis erschienen. Die Königin saß in einem Lehnstuhl, und vor ihr standen zwei von den drei Edelleuten, die sie in der Wachtstube getroffen hatten. Es waren die Herren von Flamarens und Gaspard von Coligny, Herzog von Chatillon, Bruder dessen, der sieben oder acht Jahre vorher in einem Duell, das wegen Frau von Longueville stattfand, auf der Place Royale getötet worden. Als man die zwei Freunde meldete, traten sie einen Schritt zurück und wechselten mit sichtbarer Unruhe leise ein paar Worte. Nun, meine Herren, rief die Königin von England, als sie Athos und Aramis erblickte, endlich seid ihr hier, treue Freunde! Aber die Staatskuriere gehen noch schneller, als ihr. Der Hof war von den Londoner Ereignissen in dem Augenblick unterrichtet, wo ihr die Tore von Paris erreichtet. Und hier sind die Herren von Flamarens und Chatillon, die mir im Auftrag Ihrer Majestät der Königin Anna von Österreich die neuesten Nachrichten bringen. Aramis und Athos schauten sich an. Die Ruhe, ja die Freude, die in den Augen der Königin glänzte, versetzte sie in Erstaunen. Habt die Güte fortzufahren, sprach sie, sich an die Herren Flamarens und Chatillon wendend. Ihr sagtet also, man habe Seine Majestät Karl I., meinen Gemahl, trotz der Wünsche der Mehrzahl seiner Untertanen zum Tode verurteilt? Ja, Madame, stammelte Chatillon. Athos und Aramis schauten sich immer erstaunter an. Und auf das Schafott geführt? fuhr die Königin fort, auf das Schafott! Oh, mein Herr! Oh mein König! ... Und vom Schafott sei er von dem entrüsteten Volke gerettet worden? Ja, Madame, antwortete Chatillon, aber mit so leiser Stimme, daß die beiden Edelleute die Bestätigung kaum hören konnten. Die Königin faltete die Hände mit edler Dankbarkeit, während ihre Tochter einen Arm um den Hals ihrer Mutter schlang und sie, die Augen in Freudentränen gebadet, küßte. Nun haben wir nur noch Eurer Majestät unsern untertänigen Respekt zu bezeigen, sprach Chatillon, der, wie es schien, von dieser Rolle gepeinigt wurde und unter dem festen, durchdringenden Blicke Athos' sichtbar errötete. Noch einen Augenblick, meine Herren, erwiderte die Königin, sie mit einem Zeichen zurückhaltend, einen Augenblick, ich bitte; denn hier sind die Herren de la Fère und d'Herblay, die, wie ihr gehört habt, von London ankommen und euch vielleicht als Augenzeugen einzelne Umstände angeben werden, die euch nicht bekannt sind. Ihr meldet diese Umstände der Königin, meiner guten Muhme. Sprecht, meine Herren, sprecht, ich höre. Verbergt mir nichts, verschweigt nichts. Da Seine Majestät noch lebt und die königliche Ehre gerettet ist, erscheint mir alles übrige als gleichgültig. Athos erbleichte und legte eine Hand auf sein Herz. Nun, sprach die Königin, als sie diese Bewegung und seine Blässe wahrnahm, sprecht doch, mein Herr, da ich Euch darum bitte. Verzeiht, Madame, sprach Athos, ich will der Erzählung dieser Herren nichts beifügen, ehe sie selbst bekennen, daß sie sich vielleicht getäuscht haben. Getäuscht! rief die Königin voll Schrecken. Oh! mein Gott, was ist denn geschehen? Meine Herren, sprach Herr von Flamarens, haben wir uns getäuscht, so kommt der Irrtum von seiten der Königin, und Ihr werdet wohl nicht die Absicht haben, ihn zu berichtigen, denn das hieße Ihre Majestät Lügen strafen. Von der Königin, mein Herr? versetzte Athos mit seiner ruhigen, klangvollen Stimme. Ja, murmelte Flamarens, die Augen niederschlagend. Athos seufzte traurig. Sollte dieser Irrtum nicht vielmehr von seiten dessen kommen, den wir mit euch in der Wachtstube der Barriere du Roule gesehen haben? sprach Aramis mit seiner verletzenden Höflichkeit; denn wenn wir uns nicht täuschten, so waret ihr zu drei, als ihr nach Paris kämet. Chatillon und Flamarens bebten. Ei, so erklärt euch doch! rief die Königin, deren Angst von Augenblick zu Augenblick zunahm. Auf eurer Stirn lese ich Entsetzliches. Euer Mund zögert, mir eine traurige Nachricht mitzuteilen, Eure Hände beben. Oh! mein Gott, mein Gott, was ist denn vorgefallen? Herr Gott, habe Mitleiden mit uns, sprach die junge Prinzessin und fiel neben ihrer Mutter auf die Knie. Mein Herr, sagte Chatillon, überbringt Ihr eine traurige Nachricht, so ist es grausam von Euch, sie der Königin zu melden. Aramis trat so nahe zu Chatillon, daß er ihn beinahe berührte, und sprach mit funkelndem Blick: Mein Herr, ich denke, Ihr werdet nicht so anmaßend sein, den Herrn Grafen de la Fère und mich belehren zu wollen, was wir hier zu sagen haben. Während dieses kurzen Schrittes hatte sich Athos, immer noch die Hand auf dem Herzen und den Kopf gesenkt, der Königin genähert und sprach zu ihr: Madame, die Fürsten, die über die anderen Menschen gestellt sind, haben vom Himmel auch ein größeres, widerstandsfähigeres Herz empfangen. Man darf also, wie mir scheint, gegen eine große Königin, wie Eure Majestät, nicht auf dieselbe Weise zu Werke gehen, wie gegen eine Frau von unserem Stande. Königin, die Ihr bestimmt seid zu jeglichem Märtyrertum aus Erden, hört den Erfolg der Sendung, mit der Ihr uns beehrt habt. Und Athos kniete vor der in Eis verwandelten Königin nieder, zog aus seinem Busen den Orden in Diamanten, den sie Lord Winter vor seiner Abreise zugestellt, und den Ehering, den König Karl vor seinem Tode Aramis übergeben hatte. Seitdem er sie empfangen, hatten diese beiden Gegenstände Athos nicht mehr verlassen. Er überreichte sie der Königin mit stummem, tiefem Schmerz. Die Königin ergriff den Ring, drückte ihn krampfhaft an ihre Lippen, und ohne einen Seufzer auszustoßen, ohne ein Schluchzen von sich geben zu können, streckte sie die Arme aus, erbleichte und fiel bewußtlos in die Arme ihrer Frauen und ihrer Tochter. Athos küßte den Saum des Kleides der unglücklichen Witwe und sprach, sich mit einer Majestät erhebend, die einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden hervorbrachte: Ich, Graf de la Fère, Edelmann, der nie gelogen hat, schwöre vor Gott zuerst und dann vor dieser armen Königin, daß wir alles, was zur Rettung des Königs zu tun möglich war, auf dem Boden Englands getan haben. Nun, Chevalier, fügte er, sich gegen d'Herblay wendend, bei, nun laßt uns gehen, unsere Pflicht ist erfüllt. Noch nicht, erwiderte Aramis, wir haben noch ein Wort mit diesen Herren zu sprechen. Und er wandte sich gegen Chatillon und sagte: Mein Herr, wäre es Euch nicht gefällig, auf einen Augenblick hinauszukommen, um ein Wort zu hören, das ich vor der Königin nicht aussprechen kann? Chatillon verbeugte sich zum Zeichen der Einwilligung. Athos und Aramis gingen zuerst hinaus, Flamarens und Chatillon folgten ihnen. Sie durchschritten, ohne ein Wort zu sprechen, die Vorhalle. Als sie aber zu einer Terrasse gelangt waren, welche gleiche Höhe mit einem Fenster hatte, trat Aramis auf diese ganz einsame Terrasse, blieb jedoch am Fenster stehen und sagte, sich gegen den Herzog von Chatillon umwendend: Mein Herr, Ihr habt Euch soeben, wie mir scheint, herausgenommen, uns auf eine sehr hochmütige Weise zu behandeln. Das war in keinem Fall schicklich, am wenigsten aber von Leuten, die der Königin eine lügenhafte Botschaft überbracht haben. Mein Herr! rief Chatillon. Was habt Ihr denn mit Herrn von Bruy gemacht? fragte Aramis ironisch. Sollte er zufällig sein Gesicht gewechselt haben, das große Ähnlichkeit mit dem von Mazarin hatte? Es sind bekanntlich im Palais-Royal viele italienische Masken vorrätig, vom Arlequin bis zum Pantalon. Es scheint, Ihr fordert uns heraus? sagte Flamarens. Ah! es scheint euch nur, meine Herren? Chevalier, Chevalier! sagte Athos. Ei, laßt mich doch machen, erwiderte Aramis. Ihr wißt Wohl, daß ich es nicht liebe, die Dinge halb zu tun. Vollendet also, mein Herr, versetzte Chatillon mit einem Stolz, der in keiner Beziehung dem von Aramis nachgab. Aramis verbeugte sich und erwiderte: Meine Herren, ein anderer als ich oder der Graf de la Fère würde euch verhaften lassen, denn wir haben einige Freunde in Paris. Aber wir bieten euch ein Mittel, abzugehen, ohne beunruhigt zu werden. Plaudert mit uns fünf Minuten lang, den Degen in der Hand, auf dieser einsamen Terrasse. Gern, sprach Chatillon. Einen Augenblick, meine Herren! rief Flamarens, ich weiß wohl, daß der Vorschlag lockend ist; aber zu dieser Stunde ist es uns unmöglich, ihn anzunehmen. Und warum? versetzte Aramis mit seinem spöttischen Tone, macht Euch die Nähe Mazarins so klug? Oh! Ihr begreift, Flamarens, sprach Chatillon, wenn ich nicht annähme, so wäre dies ein Flecken für meinen Namen und meine Ehre. Das ist auch meine Ansicht, sagte Aramis mit kaltem Tone. Ihr dürft dennoch nicht annehmen, und diese Herren werden, ich bin überzeugt, sogleich meiner Meinung sein. Herzog, sprach Flamarens, vergeßt Ihr, daß Ihr morgen eine Expedition von der höchsten Wichtigkeit befehligt, und daß Ihr, von den Prinzen dazu ausersehen, von der Königin bestätigt, nicht Euch gehört? – Es sei. Übermorgen also, sprach Aramis. – Übermorgen, erwiderte Chatillon, das ist sehr lange, mein Herr. – Nicht ich, entgegnete Aramis, habe diese Frist festgestellt, diesen Verzug gefordert; zumal da man sich, wie mir scheint, gerade bei der Expedition finden könnte. – Ja, mein Herr, Ihr habt recht, rief Chatillon, mit großem Vergnügen, wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, bis zu den Toren von Charenton zu kommen. – Ei, mein Herr, um die Ehre zu haben, Euch zu begegnen, gehe ich bis ans Ende der Welt. – Morgen also. – Ich zähle darauf. Begebt euch nun wieder zu eurem Kardinal. Zuvor aber schwört uns bei eurer Ehre, daß ihr ihn nicht von unserer Rückkehr in Kenntnis setzen werdet. – Bedingungen? – Warum nicht? – Weil nur Sieger solche machen. – Dann sogleich den Degen gezogen. Uns ist das gleichgültig, denn wir haben die Expedition von morgen nicht anzuführen. Chatillon und Flamarens schauten sich an. Es lag so viel Ironie in Aramis' Worten und in seiner Gebärde, daß Chatillon besonders große Mühe hatte, seinen Zorn im Zaum zu halten. Aber auf ein Wort von Flamarens hielt er an sich. Nun wohl, es sei, sprach er. Unser Gefährte, wer es auch sein mag, soll nichts von dem Vorfall erfahren. Aber Ihr versprecht uns, mein Herr, Euch morgen gewiß in Charenton einzufinden? Die vier Edelleute begrüßten sich; doch diesmal gingen Chatillon und Flamarens voran, als sie den Louvre verließen, und Athos und Aramis folgten ihnen. Laßt uns auch gehen, Athos, sagte Aramis. – Wohin? – Zu Herrn von Beaufort oder zu Herrn von Bouillon; wir werden ihnen sagen, wie sich die Sache verhält und daß Mazarin in Paris ist. – Ja, aber unter der Bedingung, daß wir zuerst beim Koadjutor anfragen. Er ist ein Priester, er versteht sich auf Gewissensfälle, und wir werden ihm den unsern vorlegen. – Ah! sagte Aramis, er wird alles verderben, alles sich zueignen; gehen wir lieber zuletzt als zuerst zu ihm. Athos lächelte. Man sah, daß sich in seinem Innern ein Gedanke regte, den er nicht aussprach. Gut, es sei, sagte er; bei welchem fangen wir an? – Bei Herrn von Bouillon, wenn Ihr wollt; ihn finden wir zuerst auf unserem Wege. – Nur erlaubt Ihr mir eines, nicht wahr? – Was? – Daß ich einen Augenblick im Gasthof zum Grand-Empereur-Charlemagne anhalte, um Raoul zu umarmen. – Ich gehe mit Euch, wir umarmen ihn zusammen. Die Freunde nahmen das Schiff wieder, das sie gebracht hatte, und ließen sich nach den Hallen führen. Hier fanden sie Grimaud und Blaisois, welche ihre Pferde hielten, und alle vier wanderten nach der Rue Guenegaud. Aber Raoul war nicht im Gasthof zum Grand-Charlemagne; er hatte am Tag eine Botschaft vom Prinzen erhalten und hatte sich mit Olivain sogleich nach Empfang derselben entfernt. Die drei Leutnants des Generalissimus Verabredetermaßen begaben sich Athos und Aramis, als sie den Gasthof zum Grand-Empereur-Charlemagne verließen, ins Hotel des Herzogs von Bouillon. Die Nacht war rabenschwarz, wiederhallte aber beständig von dem tausendfachen Geräusche einer belagerten Stadt. Auf jedem Schritt traf man Barrikaden, an jeder Biegung der Straßen ausgespannte Ketten, auf jedem Kreuzweg Biwaks. Die Patrouillen zogen, das Losungswort austauschend, aneinander vorbei; die von den verschiedenen Chefs abgeschickten Boten durchzogen die Plätze; lebhafte, die Aufregung der Geister bezeichnende Gespräche wurden zwischen friedlichen Bürgern, die an den Fenstern standen, und ihren kriegerischen Mitbürgern gepflogen, die mit der Partisane auf der Schulter oder der Büchse im Arm in den Straßen umherliefen. Athos und Aramis machten keine hundert Schritte, ohne von den an den Barrikaden aufgestellten Wachen angehalten und nach dem Losungswort gefragt zu werden; aber sie erwiderten, sie gingen zu Herrn von Bouillon, um ihm eine wichtige Nachricht zu überbringen, und man begnügte sich, ihnen zur Bewachung einen Führer mitzugeben. Als sie in die Gegend des Hotels Bouillon kamen, begegneten sie drei Reitern, in denen sie unschwer die drei Edelleute aus dem Wachtzimmer wiedererkannten. Wie zum Teufel, fragte Aramis, können sie sich so in die Nähe des Hotels Bouillon wagen? Athos lächelte, antwortete aber nicht. Fünf Minuten nachher klopften sie an die Tür des Prinzen. Es stand eine Schildwache davor, wie dies bei Leuten, die mit einem höheren Grade bekleidet sind, der Fall ist; ein kleiner Posten befand sich sogar im Hofe, bereit, den Befehlen des Leutnants des Prinzen von Conti zu gehorchen. Herr von Bouillon hatte die Gicht, weshalb man damals auf den Gassen sang: »Herr von Bouillon, der brave Mann, Ist mit der Gicht gar übel dran.« Er lag im Bette, aber trotz dieser Krankheit, die ihn seit einem Monat, das heißt seit der Belagerung von Paris, am Reiten verhinderte, ließ er nichtsdestoweniger sagen, er sei bereit, den Herrn Grafen de la Fère und den Herrn Chevalier d'Herblay zu empfangen. Die Freunde trafen den Kranken in seinem Zimmer im Bett, aber von militärischem Apparat umgeben. Überall an den Wänden hingen Schwerter, Pistolen, Panzer und Büchsen. Ah! meine Herren, rief der Herzog, als er die beiden Besucher erblickte, und machte dabei, um sich in seinem Bett zu erheben, eine Anstrengung, die ihm eine Grimasse des Schmerzes entriß. Ihr seid sehr glücklich! Ihr könnt zu Pferde steigen, kommen, gehen, für die Sache des Volkes kämpfen. Ich aber bin, wie ihr seht, an das Bett gefesselt. Ah! die verdammte Gicht! murmelte er mit einer neuen Grimasse, die verdammte Gicht! Monseigneur, sprach Athos, wir kommen von England, und bei unserer Ankunft in Paris war es unser erstes Geschäft, hierher zu gehen, um uns nach Eurer Gesundheit zu erkundigen. Großen Dank, meine Herren, großen Dank! versetzte der Herzog. Schlecht steht es mit meiner Gesundheit, wie ihr seht ... Die verdammte Gicht! Oh! Ihr kommt von England! Und der König Karl befindet sich wohl, wie ich gehört habe? – Er ist tot, Monseigneur, erwiderte Aramis. – Bah! rief der Herzog erstaunt. – Gestorben auf dem Blutgerüste, verurteilt vom Parlament. – Unmöglich. – Hingerichtet in unserer Gegenwart. – Was sagte mir denn Herr von Flamarens? – Herr von Flamarens? fragte Aramis. – Ja, er geht soeben von hier weg. Athos lächelte. Mit zwei Gefährten? sagte er. Mit zwei Gefährten, ja, antwortete der Herzog, dann aber fügte er mit einer gewissen Unruhe bei: Solltet ihr ihnen begegnet sein? Ja, auf der Straße, wie mir scheint, sprach Athos. Die verdammte Gicht! rief Herr von Bouillon, dem offenbar gar nicht wohl war. Monseigneur, versetzte Athos, es bedarf in der Tat Eurer ganzen Anhänglichkeit an die Sache der Pariser, um leidend, wie Ihr seid, an der Spitze der Armee zu bleiben, und diese Beharrlichkeit nötigt mir und Herrn d'Herblay unsere vollste Bewunderung ab. Was wollt ihr, meine Herren, man muß sich der öffentlichen Sache opfern. Ich opfere mich auch, wie ihr seht, aber ich gestehe, mit meinen Kräften geht es zu Ende. Der Kopf ist gut, das Herz ist gut, aber diese verdammte Gicht bringt mich um, und ich spreche es offen aus, wenn der Hof meinen Forderungen, meinen billigen Forderungen Gerechtigkeit widerfahren ließe, wenn man mir Domänen im Werte des mir genommenen Fürstentums Sedan gäbe und einige andere Kleinigkeiten gewährte, so zöge ich mich sogleich auf meine Güter zurück und ließe den Hof und das Parlament die Sache unter sich ausmachen. Und Ihr hättet sehr recht, Monseigneur, sprach Athos. Nicht wahr, das ist Euer Rat, Herr Graf de la Fère? Ganz und gar. Und der Eurige auch, Herr Chevalier d'Herblay? Vollkommen. Nun wohl, ich gestehe euch, meine Herren, versetzte der Herzog, daß ich ihn höchst wahrscheinlich befolgen werde. Der Hof macht mir in diesem Augenblick Anerbietungen; es hängt nur von mir ab, sie anzunehmen. Bis zu dieser Stunde habe ich sie zurückgewiesen; da mir aber Männer, wie ihr seid, sagen, ich habe unrecht, und besonders, da mich diese verdammte Gicht in die Unmöglichkeit versetzt, der Pariser Sache Dienste zu leisten, so habe ich meiner Treue große Lust, euern Rat zu befolgen und den Antrag anzunehmen, den mir Herr von Chatillon gemacht hat. Nehmt ihn an, Prinz, nehmt ihn an, sagte Aramis. Meiner Treue, ja, es ärgert mich auch, daß ich ihn diesen Abend beinahe von mir gewiesen habe, aber morgen findet eine Konferenz statt, und wir werden sehen. Die Freunde verbeugten sich vor dem Herzog und entfernten sich. Aber die schmerzlichen Ausrufungen des Herrn von Bouillon folgten ihnen bis in das Vorzimmer. Der arme Prinz litt offenbar wie ein Verdammter. Als sie zu der Haustür gelangt waren, sagte Aramis zu Athos: Nun, was denkt Ihr? – Wovon? – Von Herrn von Bouillon. – Mein Freund, ich denke, was das Volk singt, erwiderte Athos: »Herr von Bouillon, der brave Mann, Ist mit der Gicht gar übel dran.« Ich habe deshalb auch nicht das geringste von dem Gegenstand erwähnt, der uns hierher führte, sprach Aramis. Und daran habt Ihr wohl getan, denn Ihr hättet einen neuen Anfall veranlaßt. Gehen wir zu Herrn von Beaufort. Die Freunde wanderten nach dem Hotel Vendome. Es schlug zehn Uhr, als sie daselbst anlangten. Es war offenbar eine zum Zusammentreffen ganz besonders geeignete Nacht, denn auch hier begegneten sie den Herren von Chatillon und Flamarens im Schloßhof. Sie wechselten mit ihnen ein paar Worte, in denen sie der Hoffnung auf Wiedersehen am nächsten Tage Ausdruck gaben, und stiegen ab. Kaum hatten sie den Zügel ihrer Pferde ihren Lakaien zugeworfen und sich ihrer Mäntel entledigt, als sich ihnen ein Mann näherte, der, nachdem er sie einen Augenblick betrachtet hatte, einen Schrei des Erstaunens ausstieß und sich ihnen in die Arme warf. Graf de la Fère! rief dieser Mann. Chevalier d'Herblay! Wie kommt ihr hierher nach Paris? Rochefort! riefen die Freunde in einem Atem. Allerdings. Wir sind, wie ihr Wohl erfahren habt, vor vier oder fünf Tagen von Vendome hierhergekommen, und schicken uns an, Mazarin Arbeit zu geben. Ich setze voraus, ihr gehört immer noch zu den Unseren. Mehr als je. Und der Herzog? Ist wütend über den Kardinal. Kennt ihr die Erfolge dieses teuern Herzogs? Er ist der wahre König von Paris. Er kann nicht ausgehen, ohne daß man ihn beinahe erdrückt. Desto besser, sprach Aramis. Aber sagt mir, sind nicht die Herren von Flamarens und Chatillon soeben von hier weggeritten? Ja, sie haben Audienz bei dem Herzog gehabt. Ohne Zweifel kommen sie im Auftrag Mazarins. Aber ich stehe euch dafür, sie werden eine schlimme Aufnahme gefunden haben. Gut, sagte Athos; könnte man nicht die Ehre haben, Seine Hoheit zu sehen? Warum nicht? sogleich. Für euch ist er immer sichtbar, wie ihr wißt. Folgt mir; ich bitte mir die Ehre aus, euch vorstellen zu dürfen. Rochefort ging voraus. Alle Türen öffneten sich vor ihm. Sie fanden Herrn von Beaufort im Begriffe, sich zu Tische zu setzen. Kaum hatte er aber die zwei Namen, die Rochefort ankündigte, gehört, als er vom Stuhle aufstand, den er gerade dem Tisch näherrücken wollte, und den zwei Freunden entgegenging, indem er lebhaft rief: Seid willkommen, meine Herren, ihr soupiert doch mit mir, nicht wahr? Boisjoli, sagt Noirmont, ich habe zwei Gäste. Ihr kennt Noirmont, nicht wahr, meine Herren? Es ist mein Haushofmeister, der Nachfolger von Vater Marteau, der die vortrefflichen Pasteten macht, wie ihr wißt. Boisjoli, er soll eins seiner Produkte schicken, aber keins, wie er sie für la Ramée gemacht hat. Gott sei Dank, wir bedürfen der Strickleitern, der Dolche und Maulbirnen nicht mehr. Monseigneur, sagte Athos, belästigt unsertwegen Euern vortrefflichen Haushofmeister nicht, dessen zahlreiche und verschiedenartige Talente wir kennen. Diesen Abend werden wir mit Erlaubnis Eurer Hoheit nur die Ehre haben, uns nach ihrer Gesundheit zu erkundigen und ihre Befehle entgegenzunehmen. Ah, was meine Gesundheit betrifft, so seht ihr, meine Herren, daß sie vortrefflich ist. Was jedoch meine Befehle betrifft, so gestehe ich, daß ich sehr in Verlegenheit bin, euch solche zu geben, indem jeder die seinen gibt, und ich am Ende, wenn es so fortgeht, gar keine mehr geben werde. Wirklich? sprach Athos, ich glaubte doch, das Parlament rechne auf eure Einhelligkeit? Ah, ja, unsere Einhelligkeit, sie ist gar schön. Mit dem Herzog von Bouillon geht es noch; er hat die Gicht und verläßt sein Bett nicht; mit ihm kann man sich noch verständigen; aber mit Herrn von Elboeuf und seinen Elefanten von Söhnen niemals. Sie schreien und prahlen auf öffentlichen Plätzen; sobald es aber zum Schlagen kommt, dann gute Nacht, kriegerischer Mut. Doch bei dem Koadjutor ist es hoffentlich nicht so? Ah! jawohl, bei dem ist es noch schlimmer. Gott bewahre euch vor streitsüchtigen Prälaten, besonders wenn sie einen Panzer über dem Talar tragen. Wißt ihr, was er tut, statt sich ruhig zu verhalten und Tedeum für die Siege zu singen, die wir nicht davontragen, oder für die Siege, wo wir geschlagen werden? Nein. Er bildet ein Regiment, dem er seinen Namen gibt: das Regiment Korinth. Er macht Leutnants, Kapitäne, nicht mehr und nicht weniger, als ein Marschall von Frankreich, und Oberste, wie der König. Ja, sprach Aramis; aber wenn man sich schlägt, wird er hoffentlich in seinem erzbischöflichen Palast bleiben? Keineswegs. Ihr täuscht Euch, mein lieber d'Herblay. Wenn man sich schlägt, schlägt er sich auch, so daß man ihn, da er durch den Tod seines Oheims Sitz im Parlament erhalten hat, beständig zwischen die Beine bekommt ... im Parlament, im Rate, in der Schlacht. Der Prinz von Conti ist ein Phantasie-General, und was für eine Phantasie ist dies! Ein buckeliger Prinz, ein Nußknacker wäre ebensoviel wert. Ah, es geht alles schlecht, meine Herren, alles geht sehr schlecht. Monseigneur, Euere Hoheit ist also unzufrieden? sprach Athos, einen Blick mit Aramis austauschend. Unzufrieden, Graf? sagt lieber wütend und zwar dergestalt, daß ich, wenn die Königin alles Unrecht, welches sie gegen mich gehabt hat, anerkennen würde, wenn sie meine verbannte Mutter zurückrufen wollte, wenn sie mir die Anwartschaft auf die Admiralswürde, die meinem Vater gehörte und die mir nach seinem Tod versprochen worden ist, erteilte, keinen Anstand nehmen würde, Hunde abzurichten, die sprechen müßten, es gebe in Frankreich noch größere Diebe, als Herr von Mazarin. Athos und Aramis tauschten jetzt ein noch viel bezeichnenderes Lächeln aus, und wären sie auch den Herren von Flamarens und von Chatillon nicht begegnet, so hätten sie doch erraten, woher Herrn von Beauforts so sehr geänderte Stimmung komme. Monseigneur, wir sind nun befriedigt, sprach Athos. Als wir zu dieser Stunde zu Eurer Hoheit kamen, hatten wir keinen andern Zweck, als ihr unsere Ergebenheit an den Tag zu legen und zu sagen, daß wir als ihre gehorsamsten Diener ganz und gar zu ihrer Verfügung stehen. Als meine treuesten Freunde, meine Herren, als meine treuesten Freunde ... Ihr habt es mir bewiesen, und wenn ich mich je mit dem Hof aussöhne, so werde ich euch beweisen, daß ich euer Freund, sowie der Freund jener Herren geblieben bin ... wie nennt ihr sie doch? D'Artagnan und Porthos. Ah, ja, so ist es. Ihr begreift also, Graf de la Fère, Ihr begreift, Chevalier d'Herblay, ganz und immer euer Freund. Athos und Aramis verbeugten sich und verließen das Zimmer. Mein lieber Athos, sprach Aramis, Gott verzeihe mir, ich glaube, Ihr habt mir Eure Begleitung nur geschenkt, um mir eine Lehre zu geben? Wartet doch, mein Lieber, sprach Athos, es ist noch Zeit zu dieser Bemerkung, wenn wir vom Koadjutor kommen. Gehen wir also in den erzbischöflichen Palast! erwiderte Aramis. Und beide wanderten der Altstadt zu. Bei dem Koadjutor sahen sie im Vorzimmer ein ganzes Dutzend vornehmer Herren warten. Sie riefen einen Bedienten und drückten ihm eine halbe Pistole in die Hand, um sofort gemeldet zu werden. Als sie aber erfuhren, es sei soeben der Herr von Bruy beim Koadjutor – unter diesem Namen verbarg sich, wie unseren Lesern bekannt ist, Mazarin selbst–, verzichten sie auf eine Unterredung, schritten durch den Hausen der Lakaien hindurch und verließen den erzbischöflichen Palast. Nun, fragte Athos, als Aramis und er wieder in der Barke waren, fangt Ihr an zu glauben, daß wir mit der Verhaftung des Herrn von Mazarin diesen Leuten einen sehr schlimmen Streich gespielt haben würden? Ihr seid die eingefleischte Weisheit, Athos, erwiderte Aramis. Den zwei Freunden war ganz besonders das geringe Gewicht aufgefallen, das der Hof von Frankreich auf die furchtbaren Ereignisse legte, die sich in England zugetragen hatten, während die Hinrichtung des Königs ihrer Ansicht nach die Aufmerksamkeit von ganz Europa in Anspruch nehmen mußte. Die zwei Freunde verabredeten, am nächsten Morgen um zehn Uhr wieder beisammen zu sein, denn obgleich die Nacht sehr weit vorgerückt war, als sie an den Gasthof gelangten, behauptete doch Aramis, er habe einige sehr wichtige Besuche zu machen, und ließ Athos allein. Als es am andern Morgen zehn Uhr schlug, waren sie beisammen. Schon um sechs Uhr morgens war Athos ebenfalls ausgegangen. Nun, habt Ihr irgend eine Nachricht? fragte Athos. – Keine; man hat d'Artagnan nirgends gesehen, und Porthos ist auch noch nicht erschienen. Und Ihr? – Nichts. – Teufel! rief Aramis. – In der Tat, sprach Athos, dieses Zögern ist nicht natürlich. Sie haben den geradesten Weg eingeschlagen und sollten daher vor uns eingetroffen sein.– Bedenkt dabei noch, daß wir d'Artagnans Hurtigkeit kennen, und wissen, daß er nicht der Mann ist, eine Minute zu verlieren, wenn er weiß, daß wir auf ihn warten. – Er gedachte, wie Ihr Euch erinnert, am fünften hier zu sein. – Und wir haben heute den neunten. Diesen Abend läuft die bestimmte Frist ab. – Was beabsichtigt Ihr zu tun, fragte Athos, wenn wir diesen Abend keine Nachricht haben? – Bei Gott, wir müssen nachforschen. – Gut, versetzte Athos. – Aber, Raoul? fragte Aramis. Eine leichte Wolke zog über die Stirne des Grafen. Raoul macht mir große Unruhe, sagte er. Er hat gestern eine Botschaft vom Prinzen von Condé erhalten, ist zu ihm nach Saint-Cloud gegangen und nicht wieder zurückgekehrt. – Habt Ihr Frau von Chevreuse nicht gesehen? – Sie war nicht zu Hause. Aber Ihr, Aramis, Ihr müßt wohl bei Frau von Longueville vorübergekommen sein? – In der Tat, so ist es. – Nun? – Sie war auch nicht zu Hause; aber sie hatte wenigstens die Adresse ihrer neuen Wohnung zurückgelassen. – Wo war sie? – Ratet. – Wie soll ich erraten, wo man um Mitternacht ist? denn ich setze voraus, daß Ihr Euch, als Ihr mich verließet, zu ihr begeben habt. Wie soll ich erraten, wo sich um Mitternacht die schönste und tätigste aller Frondeusen befindet? – Im Stadthause, mein Lieber. – Wie, im Stadthause? Ist sie zur Sekretärin der Handelsleute ernannt worden? – Nein, aber sie hat sich zur interimistischen Königin von Paris gemacht. Und da sie es nicht wagte, sich sofort im Palais-Royal oder in den Tuilerien zu installieren, so quartierte sie sich einstweilen im Stadthause ein, wo sie demnächst diesem lieben Herzog einen Erben oder eine Erbin geben wird. – Ihr habt mir diesen Umstand nicht mitgeteilt, sprach Athos. – Wirklich? eine Vergessenheit; entschuldigt. – Nun sprecht, was wollen wir von jetzt bis zum Abend machen? Es scheint mir, wir sind sehr müßig. – Ihr vergeßt, mein Freund, daß wir ein ganz bestimmtes Geschäft haben. – Wo dies? – Bei Charenton. Ich habe Hoffnung, versprochenermaßen einen gewissen Herrn von Chatillon dort zu treffen, den ich seit langer Zeit hasse. – Und warum? – Weil er der Bruder eines gewissen Herrn von Coligny ist. – Ah, das ist wahr, ich vergaß es ... der auf die Ehre Anspruch gemacht hat, Euer Nebenbuhler zu sein. Er ist sehr grausam für diese Kühnheit bestraft worden, mein Lieber, und in der Tat, das müßte Euch genügen. – Ja, aber was wollt Ihr, das genügt mir nicht. Ich bin streitsüchtig, das ist der einzige Punkt, in dem ich kirchlich bin. Ihr begreift übrigens hiernach, Athos, daß Ihr keineswegs genötigt seid, mir zu folgen. – Still, erwiderte Athos, Ihr scherzt. – Gut, mein Lieber; wenn Ihr also entschlossen seid, mich zu begleiten, so haben wir keine Zeit zu verlieren. Man hat die Trommel gerührt, ich begegnete den abziehenden Kanonen und sah die Bürger sich in Schlachtordnung vor dem Stadthause aufstellen. Man wird sich sicherlich bei Charenton schlagen, wie gestern der Herzog von Chatillon gesagt hat. – Ich hätte geglaubt, die Unterredungen in dieser Nacht würden die kriegerische Stimmung ändern. – Allerdings, man wird sich aber dessenungeachtet schlagen, und wäre es nur, um diese Unterredungen zu maskieren. – Arme Leute! versetzte Athos, die sich töten lassen, damit man dem Herrn von Bouillon Sedan zurückgibt, Herrn von Beaufort die Anwartschaft auf die Admiralswürde verleiht, und damit der Koadjutor Kardinal wird. – Stille, stille, mein Lieber, sagte Aramis; gesteht, daß Ihr nicht so sehr Philosoph wäret, wenn Euer Raoul nicht in diesen ganzen Streit verwickelt sein könnte. – Ihr sprecht vielleicht die Wahrheit, Aramis. – Nun, so laßt uns dahin gehen, wo man sich schlägt. Es ist ein sicheres Mittel, d'Artagnan, Porthos und vielleicht sogar Raoul wiederzufinden. – Ach! seufzte Athos. – Mein lieber Freund, sagte Aramis, jetzt, da wir in Paris sind, müßt Ihr durchaus Euer beständiges Seufzen aufgeben. Frisch auf in den Kampf, Athos! Seid Ihr nicht mehr der Mann des Schwertes? Habt Ihr Euch zur Kirche gewendet? Seht, da kommen hübsche Bürger vorüber. Das ist bei Gott lockend. Und dieser Kapitän, er hat beinahe eine militärische Haltung. – Sie kommen aus der Rue du Mouton. – Trommeln voraus, wie wahre Soldaten. Es macht mir kein Vergnügen, mit diesen Leuten hier Kameradschaft zu halten. Wollen wir nicht vorausmarschieren? Wir werden dann alles besser sehen. Und dann würde Euch Herr von Chatillon auch nicht auf der Place Royale aufsuchen, nicht wahr? Vorwärts, mein Freund. Habt Ihr Eurerseits nicht ein paar Worte mit Herrn von Flamarens zu sprechen? Freund, erwiderte Athos, ich habe den Entschluß gefaßt, den Degen nicht mehr zu ziehen, wenn ich nicht durchaus dazu genötigt werde. Seit wann? Seitdem ich den Dolch gezogen habe. Ah! gut, noch eine Erinnerung an Herrn Mordaunt. Es fehlte nur noch, mein Lieber, daß Ihr Gewissensbisse bekämt, weil Ihr diesen Menschen getötet habt. Stille, sagte Athos, mit dem traurigen Lächeln, das nur ihm eigentümlich war, einen Finger auf seinen Mund legend. Sprechen wir nicht mehr von Mordaunt; das würde uns Unglück bringen. Und Athos ritt in der Richtung nach Charenton, zuerst an der Vorstadt hin und dann durch das Tal von Fecamp, das von bewaffneten Bürgern ganz schwarz war. Es versteht sich von selbst, daß ihm Aramis auf eine halbe Pferdelänge folgte. Das Gefecht von Charenton Während Athos und Aramis vorrückten und die verschiedenen auf der Straße aufgestellten Korps hinter sich ließen, stießen sie hinter verrosteten und fleckigen Panzern und Partisanen auf glänzende Rüstungen und funkelnde Musketen. Ich glaube, hier ist das wahre Schlachtfeld, sagte Aramis; seht die Reiter dort mit der Pistole in der Faust vor der Brücke halten. Gebt acht, hier kommt schweres Geschütz. Ei, mein Lieber, erwiderte Athos, wohin habt Ihr uns geführt? Es scheint mir, ich sehe rings um uns her Gesichter, die zu den Zierden der königlichen Armee gehören. Erscheint dort nicht Herr von Chatillon selbst mit seinen zwei Brigadiers? Und Athos nahm den Degen in die Faust, während Aramis, welcher glaubte, er habe nun wirklich die Grenzen des Pariser Lagers überschritten, die Hand an seine Halfter legte. Guten Morgen, meine Herren, sprach der Herzog, sich nähernd; ich sehe, daß ihr nicht begreift, was hier vorgeht. Aber ein Wort wird euch alles erklären. Wir haben in diesem Augenblick Waffenstillstand; es findet eine Konferenz statt, der Prinz, Herr von Retz, Herr von Beaufort und Herr von Bouillon verhandeln in dieser Minute über Politik. Entweder werden die Angelegenheiten nicht in Ordnung gebracht, und wir treffen uns, Chevalier, oder die Sache wird beigelegt, ich werde meines Kommandos überhoben, und wir treffen uns ebenfalls. Mein Herr, sagte Aramis, Ihr sprecht vortrefflich. Erlaubt mir, eine Frage an Euch zu richten. Immerhin. Wo sind die Bevollmächtigten? In Charenton selbst, im zweiten Hause rechts, wenn man von Paris kommt. Und diese Konferenz war nicht vorhergesehen? Nein, meine Herren, sie ist, wie es scheint, das Resultat der Vorschläge, die Herr von Mazarin den Parisern gestern abend hat machen lassen. Athos und Aramis schauten sich lachend an. Sie wußten besser, als irgend jemand, was für Vorschläge dies waren, wem sie gemacht worden und wer sie gemacht hatte. Und das Haus, wo die Bevollmächtigten versammelt sind, fragte Athos, gehört... – Herrn von Chanleu, der Eure Truppen in Charenton befehligt. Ich sage Eure Truppen, weil ich annehme, daß die Herren Frondeurs sind. – Beinahe, erwiderte Aramis. – Warum beinahe? – Allerdings, mein Herr; Ihr wißt besser, als irgend jemand, daß man in diesen Zeitläuften nicht genau sagen kann, was man ist. – Wir sind für den König und für die Prinzen, sprach Athos. – Der König ist bei uns, versetzte Chatillon, und hat zu Obergeneralen die Herren von Orleans und Condé. – Ja, sprach Athos, aber sein Platz ist in unseren Reihen mit den Herren von Conti, Beaufort, Elboeuf und Bouillon. – Das kann sein, sagte Chatillon, und ich für meine Person habe sehr wenig Sympathie für Herrn von Mazarin. Meine Interessen sind in Paris; ich habe dort einen großen Prozeß, von welchem mein ganzes Vermögen abhängt, und ich bin, so wie Ihr mich seht, soeben bei meinem Advokaten gewesen, um mich mit ihm zu beraten. – In Paris? – Nein, in Charenton, bei Herrn Viole, den Ihr dem Namen nach kennt ... Ein vortrefflicher Mann, etwas eigensinnig, aber nicht ohne Bedeutung im Parlament. Ich hoffte ihn gestern abend zu sehen, unser Zusammentreffen verhinderte mich jedoch, mich mit meinen Angelegenheiten zu beschäftigen. Da diese aber abgemacht werden müssen, so benutzte ich den Waffenstillstand, und so kommt es, daß ich mich in Eurer Mitte befinde. – Und wenn die Konferenzen abgebrochen werden, ohne einen Erfolg herbeizuführen, sagte Athos, so werdet Ihr Charenton zu nehmen suchen? – So lautet der Befehl. Ich kommandiere die Angriffstruppen und werde mein möglichstes tun, um zu siegen. – Mein Herr, sagte Athos, da Ihr die Reiterei befehligt... – Um Vergebung, ich befehlige als Chef. – Noch besser. Ihr müßt alle Eure Offiziere kennen? Ich meine die ausgezeichneten. – O ja, so ziemlich. – Habt die Güte, mir zu sagen, ob unter Euren Befehlen nicht der Chevalier d'Artagnan, Leutnant bei den Musketieren, steht? – Nein, er ist nicht bei uns. Vor mehr als sechs Wochen hat er Paris verlassen, und er befindet sich, wie man sagt, auf einer Sendung in England. – Ich wußte dies; aber ich glaubte, er wäre zurückgekehrt. – Nein, es ist mir auch nicht zu Ohren gekommen, daß ihn irgend jemand gesehen hat. Ich kann Euch um so eher hierüber Antwort erteilen, als die Musketiere zu den Unsrigen gehören und Herr von Chambon einstweilen die Stelle des Herrn d'Artagnan einnimmt. Die zwei Freunde schauten sich an. Ihr seht, sagte Athos. – Das ist seltsam, sprach Aramis. – Es muß ihm ein Unglück widerfahren sein. – Wir haben heute den achten, diesen Abend läuft die bestimmte Frist ab. Bekommen wir diesen Abend keine Nachricht, so reisen wir morgen früh. Athos machte ein bestätigendes Zeichen mit dem Kopf, wandte sich sodann um und fragte: Herr von Bragelonne, ein junger Mensch von fünfzehn Jahren, in der Umgebung des Prinzen, hat er vielleicht die Ehre, Euch bekannt zu sein, Herr Herzog? Ja gewiß, erwiderte Chatillon, er ist diesen Morgen mit dem Herrn Prinzen zu uns gekommen; ein herrlicher junger Mann! Gehört er zu Euern Freunden, Herr Graf? Ja, mein Herr, versetzte Athos sanft bewegt, weshalb ich ihn sogar zu sehen wünsche. Ist das möglich? Sehr möglich, mein Herr. Wollt mich begleiten, ich führe Euch ins Hauptquartier. Holla! sprach Aramis sich umwendend. Was ist das für ein gewaltiges Geräusch hinter uns? In der Tat, ein Reiterhaufen kommt auf uns zu, sagte Chatillon. Ich erkenne den Koadjutor an seinem Frondehut. Und ich Herrn von Beaufort an seinen weißen Federn. Sie kommen im Galopp. Der Prinz ist bei ihnen. Ah, seht, er verläßt sie. Man schlägt Rappell! rief Chatillon, wir müssen uns erkundigen. Man sah in der Tat die Soldaten zu ihren Waffen laufen und die Reiter, die zu Fuß waren, sich aus ihre Pferde schwingen. Die Trompeten erklangen, die Trommeln rasselten. Herr von Beaufort zog seinen Degen. Der Prinz machte ein Rappellzeichen, und alle Offiziere der königlichen Armee, die sich unter die Pariser Truppen gemengt hatten, eilten auf ihn zu. Meine Herren, sagte Chatillon, der Waffenstillstand ist offenbar aufgehoben; man wird sich schlagen. Kehrt also nach Charenton zurück, denn ich greife binnen kurzem an; seht, der Prinz gibt mir das Signal. Ein Kornett hob wirklich dreimal die Standarte des Prinzen in die Lust. Auf Wiedersehen! rief Chatillon und sprengte im Galopp davon, um zu seiner Eskorte zu gelangen. Athos und Aramis wandten ihre Pferde ebenfalls und begrüßten den Koadjutor und Herrn von Beaufort. Herr von Bouillon hatte am Ende der Konferenz einen so furchtbaren Gichtanfall bekommen, daß man ihn in einer Sänfte nach Paris hatte zurückbringen müssen. Dagegen ritt der Herzog von Elboeuf, von seinen vier Söhnen wie von einem Generalstab umgeben, durch die Reihen des Pariser Heeres. Dieser Mazarin ist eine wahre Schmach für Frankreich, sprach der Koadjutor, den Gürtel seines Degens fester schnallend, den er nach Art der alten militärischen Prälaten unter seinem erzbischöflichen Talar trug. Er ist ein Knauser, der Frankreich gern wie einen Meierhof regieren möchte. Frankreich kann auch nicht eher zu Ruhe und Glück kommen, als bis er das Land verlassen hat. Meine Herren, fuhr er fort, seht, der Feind rückt auf uns zu; ich hoffe, wir werden ihm den halben Weg ersparen. Und ohne sich darum zu bekümmern, ob man ihm folgte oder nicht, sprengte er fort. Sein Regiment, das nach dem Namen seines Erzbistums Regiment Korinth hieß, setzte sich hinter ihm in Bewegung und begann den Kampf. Herr von Beaufort ließ seine Reiterei unter der Anführung des Herrn von Noirmoutiers gegen Etampes vorrücken, wo sie einen Wagenzug mit Lebensmitteln abfangen sollte, die von den Parisern ungeduldig erwartet wurden. Herr von Chanleu hielt sich mit dem Kern seiner Truppe bereit, Widerstand zu leisten, und nach einer halben Stunde hatte der Kampf an allen Enden begonnen. Der Koadjutor, den der Ruhm des Herrn von Beaufort in Verzweiflung brachte, warf sich vor und tat persönlich Wunder der Tapferkeit. Sein Beruf war bekanntlich das Schwert, und er fühlte sich ungemein glücklich, so oft er vom Leder ziehen konnte, gleichviel für wen oder für was. Wenn er aber hier einen guten Soldaten abgab, so gab er zugleich einen schlechten Feldherrn ab. Er wollte mit sieben- bis achthundert Mann dreitausend überwinden, die sich in einer Masse in Bewegung gesetzt hatten; seine Soldaten wurden aber zurückgeschlagen und langten in völliger Unordnung auf den Wällen an. Aber Chanleus Artilleriefeuer hielt die königliche Armee plötzlich auf, und diese schien einen Augenblick erschüttert zu sein. Dies dauerte jedoch nicht lange, und sie formierte sich wieder hinter einer Gruppe von Häusern und einem kleinen Gehölze. Chanleu glaubte, der Augenblick sei gekommen. Er rückte an der Spitze von zwei Regimentern hinaus, um die königliche Armee zu verfolgen; aber sie hatte sich, wie gesagt, wieder formiert und kehrte, von Herrn von Chatillon in Person geführt, zum Angriff zurück. Dieser Angriff war so ungestüm und geschickt gelenkt, daß Chanleu und seine Leute fast umzingelt wurde. Chanleu gab Befehl zum Rückzug, und dieser wurde, Fuß für Fuß, Schritt für Schritt, ausgeführt. Unglücklicherweise fiel Chanleu, tödlich getroffen, nach wenigen Augenblicken. Herr von Chatillon sah ihn fallen und verkündigte laut seinen Tod, der den Mut der Truppen des königlichen Heeres verdoppelte und die zwei Regimenter, mit denen Chanleu seinen Ausfall gemacht hatte, völlig entmutigte. Demzufolge dachte jeder nur an seine eigene Rettung und trachtete nur danach, die Verschanzungen wiederzuerreichen, an deren Fuß der Koadjutor sein halb aufgeriebenes Regiment zu sammeln suchte. Plötzlich kam eine Schwadron Kavallerie den Siegern entgegen, die mit den Flüchtlingen zusammen in die Verschanzungen eindrangen. Athos und Aramis ritten an der Spitze, Aramis, das Schwert und die Pistole in der Hand, Athos das Schwert in der Scheide, die Pistole im Halfter. Athos war ruhig und kalt, wie auf einer Parade, nur trübte sich sein edler Blick, als er so viele Menschen um unwürdiger Zwecke und Personen willen sich erwürgen sah. Aramis dagegen wurde wie gewöhnlich kampfestoll. Seine lebhaften Augen glühten; sein fein geschnittener Mund lächelte unheimlich; jeder seiner Schwertstreiche traf, und der Kolben seiner Pistole machte dem Verwundeten, der sich zu erheben suchte, den Garaus. Auf der entgegengesetzten Seite und in den Reihen des königlichen Heeres griffen zwei Reiter, der eine mit einem vergoldeten Panzer, der andere durch ein einfaches Koller beschützt, aus dem die Ärmel eines Leibrockes von blauem Samt hervorsahen, in der ersten Linie an. Der Reiter mit dem vergoldeten Küraß sprengte auf Aramis zu und führte einen Schwertstreich nach ihm, den Aramis mit seiner gewöhnlichen Geschicklichkeit parierte. Ah, Ihr seid es, Herr von Chatillon! rief der Chevalier; seid willkommen, ich erwartete Euch. Ich hoffe, ich habe Euch nicht zu lange warten lassen, mein Herr, erwiderte der Herzog; in jedem Fall bin ich jetzt hier. Herr von Chatillon, sprach Aramis und zog aus dem Halfter eine zweite Pistole, die er für diese Gelegenheit aufgespart hatte, ich glaube, Ihr seid ein Mann des Todes, wenn Eure Pistole nicht geladen ist. Gott sei Dank, mein Herr, rief Chatillon, sie ist geladen. Der Herzog hob seine Pistole, zielte und schoß. Aramis aber bückte sich in dem Augenblick, wo er den Herzog den Finger an den Drücker legen sah, und die Kugel flog, ohne ihn zu berühren, über ihn hin. Ah, Ihr habt mich gefehlt, sagte Aramis; aber ich, das schwöre ich bei Gott, ich werde Euch nicht fehlen. Wenn ich Euch Zeit dazu lasse! rief Herr von Chatillon, gab seinem Pferde die Sporen und sprengte mit gezücktem Degen auf ihn zu. Aramis antwortete dem Herzog mit seinem bei solchen Gelegenheiten ihm eigentümlichen Lächeln, und Athos, der Herrn von Chatillon mit der Geschwindigkeit eines Blitzes auf Aramis vorrücken sah, öffnete den Mund, um zu rufen: Schießt! schießt doch! als der Schuß losging. Herr von Chatillon öffnete die Arme und fiel auf das Kreuz seines Pferdes. Die Kugel war ihm durch den Ausschnitt des Panzers in die Brust gedrungen. Ich bin tot! murmelte der Herzog. Und er glitt von seinem Pferde auf die Erde herab. Ich sagte es Euch, mein Herr, und es tut mir nun leid, daß ich mein Wort so gut gehalten habe. Kann ich Euch in irgend einer Beziehung nützlich sein? Chatillon machte ein Zeichen mit der Hand, und Aramis schickte sich an, abzusteigen, als er plötzlich einen heftigen Stoß in die Seite erhielt, es war ein Degenstich, aber der Panzer hatte ihn pariert. Er wandte sich rasch um und ergriff diesen neuen Gegner beim Faustgelenke; aber zu gleicher Zeit wurden zwei Schreie laut, von Athos und Aramis zugleich ausgestoßen. Raoul! Der junge Mann, der zugleich das Gesicht des Chevalier d'Herblay und die Stimme seines Vaters erkannte, ließ seinen Degen fallen. Mehrere Reiter der Pariser Armee kamen in diesem Augenblick auf Raoul zu, aber Aramis deckte ihn mit seinem Schwerte. Mein Gefangener! Sucht also das Weite! rief er. Athos nahm während dieser Zeit das Pferd seines Sohnes beim Zügel und führte es aus dem Gemenge. Der junge Mann wurde von einem Freudenschauer ergriffen, als er seinen Herrn wiedersah. Sie galoppierten nebeneinander, die linke Hand des Jünglings ruhte in Athos' Rechter. Was wolltest Du denn so weit vorn im Treffen machen, mein Freund? fragte Athos den Jüngling; da du nicht besser bewaffnet warst, so warst du, wie mir scheint, hier auch nicht an deinem Platze. Ich sollte mich heute auch nicht schlagen, Herr; ich war mit einer Sendung an den Kardinal beauftragt und begab mich nach Rueil, als ich Herrn von Chatillon angreifen sah und Lust bekam, an seiner Seite mitzufechten. Da sagte er mir, daß zwei Kavaliere vom Pariser Heere mich suchen, und nannte mir den Grafen de la Fère. Wie, du wußtest, daß wir hier waren, und wolltest deinen Freund, den Chevalier, töten! Ich hatte den Herrn Chevalier unter seiner Rüstung nicht erkannt, entgegnete Raoul errötend; aber ich hätte ihn an seiner Geschicklichkeit und Kaltblütigkeit erkennen sollen. Ich danke für das Kompliment, mein junger Freund, versetzte Aramis; man sieht, wer Euch Unterricht in der Höflichkeit gegeben hat. Doch Ihr geht nach Rueil, sagt Ihr? Ja. Zu dem Kardinal? Allerdings. Ich habe eine Depesche vom Prinzen für Seine Eminenz. Er muß sie überbringen, sagte Athos. Keine falsche Großmut, Graf. Was, zum Teufel! unser Schicksal und, was noch wichtiger ist, das Schicksal unserer Freunde ist vielleicht in dieser Depesche enthalten. Aber dieser junge Mann soll sich nicht gegen seine Pflicht verfehlen, entgegnete Athos. Einmal ist dieser junge Mensch Gefangener, was Ihr zu vergessen scheint; was wir tun, ist also dem Kriegsbrauch gemäß; und dann dürfen Sieger in Beziehung auf die Wahl ihrer Mittel nicht so heikel sein. Gebt die Depesche, Raoul. Raoul zögerte und schaute Athos an, als wollte er einen Verhaltungsbefehl in seinen Augen suchen. Gib die Depesche, Raoul, sagte Athos; du bist der Gefangene des Chevalier d'Herblay. Raoul fügte sich mit Widerstreben; aber weniger bedenklich in dieser Hinsicht, als der Graf de la Fère, griff Aramis hastig nach der Depesche, durchlief sie und sagte, sie Athos hinreichend: So lest, und Ihr werdet in diesem Briefe bei näherer Überlegung einen Umstand finden, den uns die Vorsehung will wissen lassen. Athos nahm den Brief, seine schöne Stirn faltend, aber der Gedanke, daß in dem Schreiben von d'Artagnan die Rede sei, half ihm seinen Widerwillen gegen das Lesen besiegen. Der Brief lautete: Monseigneur, ich werde diesen Abend Eurer Eminenz zur Verstärkung der Truppe des Herrn von Comminges die zehn Mann schicken, die Ihr verlangt. Es sind gute Soldaten, ganz geeignet, den zwei gewaltigen Gegnern standzuhalten, deren Gewandtheit und Entschlossenheit Eure Eminenz so sehr fürchtet. Oh! oh! rief Athos. Nun, fragte Aramis, was dünkt Euch von den zwei Gegnern, zu deren Bewachung man außer den Leuten des Herrn von Comminges zehn gute Soldaten braucht? Sieht das nicht ganz nach d'Artagnan und Porthos aus? Wir streifen den ganzen Tag in Paris umher, sagte Athos, und wenn wir diesen Abend keine Kunde haben, schlagen wir wieder den Weg nach der Picardie ein, und ich stehe dafür, mit Hilfe der Einbildungskraft d'Artagnans werden wir bald irgend eine Andeutung finden, die uns alle Zweifel benimmt. Die Straße nach der Picardie Vollkommen sicher in Paris, verhehlten sich Athos und Aramis doch nicht, daß sie große Gefahr liefen, sobald sie den Fuß aus der Stadt setzten; aber man weiß, welche Bedeutung für solche Männer die Gefahr hatte. Überdies ließ sie der Gedanke an ihre Freunde nicht ruhen. Übrigens war Paris selbst nicht ruhig. Die Lebensmittel begannen zu fehlen, und jenachdem einer von den Generälen des Prinzen von Conti seinen Einfluß wiedergewinnen zu müssen glaubte, veranlaßte er eine kleine Meuterei, die er beschwichtigte, und die ihm für einen Augenblick den Vorrang vor seinen Kollegen verlieh. Bei einer dieser Meutereien ließ Herr von Beaufort das Haus und die Bibliothek des Herrn von Mazarin plündern, um, wie er sagte, dem armen Volk etwas zu nagen zu geben. Athos und Aramis verließen Paris nach diesem Staatsstreich, der an dem Abend des Tages stattfand, an dem die Pariser in Charenton geschlagen wurden. Von Furcht erschüttert, von Parteiungen zerrissen, war Paris, als sie sich entfernten, bereits in größter Not und der Hungersnot nahe. Pariser und Frondeurs, glaubten sie, dasselbe Elend, dieselbe Furcht, dieselben Intriguen im feindlichen Lager zu finden. Ihr Erstaunen war daher groß, als sie, durch Saint-Denis reitend, erfuhren, in Saint-Denis lache und singe man und führe ein lustiges Leben. Die Edelleute wählten Umwege, anfangs um nicht in die Hände der in der Isle de France zerstreuten Mazariner zu fallen, sodann aber um den Frondeurs zu entgehen, welche die Normandie besetzt hielten und nicht verfehlt haben würden, sie zu Herrn von Longueville zu führen, damit er in ihnen Freunde oder Feinde erkenne. Sobald sie diesen Gefahren entgangen waren, zogen sie auf dem Weg von Boulogne nach Abbeville und folgten ihm Schritt für Schritt, Spur für Spur. Ihr Suchen war jedoch eine Zeit lang vergebens. Zwei bis drei Herbergen waren bereits besucht worden, zwei bis drei Wirte hatte man bereits befragt, ohne daß irgend eine Andeutung ihre Zweifel erleuchtete oder ihre Nachforschungen leitete, als Athos in Montreuil auf dem Tische, den seine zarten Finger berührten, etwas Rauhes fühlte. Er hob das Tischtuch auf und las auf dem Holz folgende mit einer Messerklinge tief eingegrabene Hieroglyphen: Porth. – d'Art. – den 2ten Februar. Vortrefflich, sagte Athos, indem er Aramis die Inschrift zeigte, wir wollten hier über Nacht bleiben; aber es ist unnötig, reiten wir weiter. Sie stiegen wieder zu Pferd und erreichten Abbeville. Hier hielten sie an, waren aber sehr in Verlegenheit wegen der großen Menge von Gasthöfen. Man konnte nicht in allen einkehren; wie sollte man aber erraten, in welchem ihre Freunde gewohnt hatten? Glaubt mir, Athos, sagte Aramis, wir dürfen nicht daran denken, in Abbeville etwas zu finden. Sind wir in Verlegenheit, so waren es unsere Freunde auch. Handelte es sich nur um Porthos, – er hätte den prachtvollsten Gasthof gewählt. Aber d'Artagnan hat keine solche Schwäche. Porthos mochte ihm immerhin bemerken, er sterbe vor Hunger, d'Artagnan setzte seinen Weg fort, unerbittlich wie das Geschick, und wir müssen ihn anderswo suchen. Sie ritten also weiter, aber nichts bot sich ihnen dar. Die Freunde hatten sich eine äußerst schwierige und peinliche Aufgabe gestellt, und ohne den auf ihr Herz wirkenden dreifachen Hebel der Ehre, der Freundschaft und der Dankbarkeit würden die zwei Reisenden hundertmal darauf Verzicht geleistet haben, den Sand zu durchwühlen, die Vorübergehenden zu befragen, die Zeichen zu deuten und die Gesichter zu erforschen. So kamen sie bis Peronne. Athos fing an zu verzweifeln. Er machte sich den Vorwurf, nicht sorglich genug geforscht zu haben. Schon waren sie bereit, auf ihrem Wege wieder umzukehren, als Athos in der Vorstadt, die zu den Toren der Stadt führte, an einer weißen Mauer, welche die Ecke einer um den Wall laufenden Straße bildete, eine außerordentlich naive Zeichnung mit Kohle erblickte, die zwei Reiter darstellte, welche wie wahnsinnig galoppierten. Der eine von diesen Reitern hielt in der Hand einen Zettel, worauf in spanischer Sprache die Worte geschrieben waren: Man folgt uns. Oho! sagte Athos, das ist klar wie der Tag. Obgleich verfolgt, hat d'Artagnan fünf Minuten hier angehalten. Dies beweist übrigens, daß ihm seine Verfolger nicht sehr nahe waren, und es ist ihm vielleicht gelungen, ihnen zu entkommen. Aramis schüttelte den Kopf. Wäre er entkommen, so würden wir ihn gesehen oder etwas von ihm gehört haben. Ihr habt recht, Aramis, wir wollen weiterreiten. Es ist nicht möglich, die Unruhe und Ungeduld der zwei Edelleute zu schildern. Sie galoppierten drei bis vier Stunden mit demselben Ungestüm, wie die Reiter an der Wand. Plötzlich sahen sie an einer engen, zwischen zwei Böschungen eingeschlossenen Schlucht die Straße halb durch einen ungeheuren Stein versperrt. Sein ursprünglicher Platz war auf einer Seite der Böschungen angedeutet, und die Höhlung, die er zurückgelassen hatte, bewies, daß er nicht allein hatte rollen können, während seine Schwere anzeigte, daß es der Arme eines Goliath bedurft hatte, um ihn in Bewegung zu setzen. Aramis hielt an. Oho! sagte er, den Stein anschauend, hier ist Ajax von Telamon oder Porthos an der Arbeit gewesen. Steigen wir ab, Graf, und untersuchen wir diesen Felsen. Beide stiegen ab. Der Stein war in der offenbaren Absicht herbeigewälzt worden, Reitern den Weg zu versperren. Man hatte ihn daher querüber gelegt. Aber die Reiter hatten dieses Hindernis gefunden und waren abgestiegen, um es zu beseitigen. Die Freunde untersuchten den Stein von allen Seiten, die dem Licht ausgesetzt waren, er bot nichts Außerordentliches. Sie riefen nun Blaisois und Grimaud, und allen vieren gemeinschaftlich gelang es, den Felsen umzudrehen. Auf der Seite, welche die Erde berührte, war geschrieben: Acht Chevaulegers verfolgen uns. Gelangen wir bis Compiegne, so kehren wir im Bekränzten Pfauen ein. Der Wirt ist ein Freund von uns. Das ist etwas Bestimmtes, sagte Athos, und wir werden jedenfalls erfahren, woran wir sind. Gehen wir also. Ja, sprach Aramis! aber wenn wir dahin gelangen wollen, müssen wir unsern Pferden einige Rast gönnen; denn sie sind fast hin. Aramis sprach die Wahrheit. Man hielt bei der ersten Schenke an, ließ jedes Pferd ein doppeltes Maß mit Wein befeuchteten Hafer fressen, gönnte den Tieren drei Stunden Ruhe und setzte sich wieder in Marsch. Die Männer selbst waren vor Müdigkeit gelähmt, aber die Hoffnung hielt sie aufrecht. Sechs Stunden nachher erreichten Athos und Aramis Compiegne und erkundigten sich nach dem Bekränzten Pfauen. Man zeigte ihnen ein Schild, das den Gott Pan mit einem Kranz auf dem Haupte darstellte. Die Freunde stiegen ab und fragten den Wirt, einen braven Mann, dickbauchig und kahlköpfig, ob nicht vor mehr oder minder langer Zeit zwei von Chevaulegers verfolgte Edelleute hier gewohnt hätten. Der Wirt holte, ohne zu antworten, aus einer Truhe die Hälfte einer Degenklinge. Kennt Ihr das? sagte er. Athos warf nur einen Blick auf die Klinge und sprach: Das ist der Degen d'Artagnans. – Des Großen oder des Kleinen? fragte der Wirt. – Des Kleinen, antwortete Athos. – Ich sehe, daß Ihr Freunde dieser Herren seid. – Nun, was ist ihnen begegnet? – Sie sind mit verschlagenen Pferden in meinem Hof angekommen, und ehe sie Zeit hatten, das große Tor zu verschließen, erschienen acht Chevaulegers, welche sie verfolgten, hinter ihnen. – Acht, sprach Aramis. Ich wundere mich sehr, daß d'Artagnan und Porthos, zwei Tapfere dieser Art, sich von acht Mann haben verhaften lassen. Ei, mein Herr, die acht Mann wären auch nicht zu ihrem Ziel gekommen, hätten sie nicht in der Stadt etwa zwanzig Soldaten vom Regiment Royal-Italien, das hier in Garnison liegt, mitgebracht, so daß Eure Freunde buchstäblich durch die Zahl überwältigt worden sind. – Verhaftet also, sagte Athos; weiß man warum? – Nein, mein Herr, man hat sie sogleich weggeführt, und sie hatten nicht einmal Zeit, mir etwas zuzuflüstern. Nur fand ich, als sie abgegangen waren, dieses Stück von einem Degen auf dem Schlachtfeld, als ich zwei Tote und fünf bis sechs Verwundete wegbringen half. – Und ihnen ist nichts widerfahren? fragte Aramis. Ich glaube nicht. – Das ist noch ein Trost. – Wißt Ihr, wohin man sie geführt hat? fragte Athos. – Man hat sie in der Richtung von Louvres weggeführt. – Wir wollen Blaisois und Grimaud hier lassen, sagte Athos; sie sollen morgen mit den Pferden, die uns nicht mehr weiter bringen können, nach Paris zurückkehren. Wir aber nehmen die Post. – Nehmen wir die Post, versetzte Aramis. Man schickte nach Pferden. Während dieser Zeit speisten die Freunde in Eile zu Mittag. Sie wollten, wenn sie in Louvres irgend welche Auskunft fänden, ihren Weg sogleich fortsetzen. Sie erreichten Louvres. Dort gab es keine Herberge. Man trank aber in einer Wirtschaft einen Likör, der durch den Ort schon damals berühmt war. Wir wollen hier absteigen, sagte Athos; d'Artagnan wird diese Gelegenheit nicht versäumt haben, nicht um ein Glas Likör zu trinken, sondern um uns eine Andeutung zu hinterlassen. Sie traten ein und verlangten zwei Gläser Likör am Schenktisch, wie d'Artagnan und Porthos sie verlangt haben mußten. Der Schenktisch, auf dem man gewöhnlich trank, war mit einer Zinnplatte bedeckt. Auf diese Platte hatte man mit der Spitze einer dicken Nadel geschrieben: Rueil, D. Sie sind in Rueil, sagte Aramis, der diese Inschrift zuerst wahrnahm. Gehen wir also nach Rueil, sprach Athos. Das heißt uns in den Rachen des Wolfes stürzen, versetzte Aramis. Wäre ich der Freund von Jonas gewesen, wie ich der Freund d'Artagnans bin, so würde ich ihm in den Bauch des Walfisches gefolgt sein. Und Ihr hättet dasselbe getan, wie ich, Aramis. Wahrhaftig, mein lieber Graf, ich glaube, Ihr macht mich besser, als ich bin. Wäre ich allein, so weiß ich nicht, ob ich mich ohne große Vorsichtsmaßregeln nach Rueil begeben würde; aber wohin Ihr geht, gehe ich auch. Sie nahmen Pferde und ritten nach Rueil. Athos hatte, ohne es zu ahnen, Aramis den besten Rat gegeben, der sich befolgen ließ. Die Abgeordneten des Parlaments waren soeben in Rueil zu den berüchtigten Konferenzen angelangt, die drei Wochen dauern und den hinkenden Frieden herbeiführen sollten, infolgedessen der Prinz verhaftet wurde. Rueil war voll von Pariser Advokaten, voll Präsidenten, Räten und Rechtsverdrehern aller Art. Der Hof hatte Edelleute, Offiziere und Garden geschickt, und inmitten dieser bunten Gesellschaft war es leicht, so unbekannt zu bleiben, als man nur immer wollte. Überdies hatten die Konferenzen einen Waffenstillstand herbeigeführt, und eine Verhaftung von Edelleuten hätte man in diesem Augenblick, wären sie auch Frondeurs ersten Ranges gewesen, als eine Verletzung des Völkerrechts betrachtet. Die zwei Freunde wähnten, alle seien mit dem Gedanken beschäftigt, der sie quälte. Sie mischten sich unter die Gruppen, in der Hoffnung, sie würden etwas von d'Artagnan und Porthos hören; aber niemand hatte für anderes Sinn als für Artikel und Amendements. Athos war der Meinung, man müsse geradeswegs zum Minister gehen. Mein Freund, warf Aramis ein, was Ihr da sagt, ist sehr schön; aber nehmt Euch wohl in acht! Unsere Sicherheit rührt von unserer Verborgenheit her. Wenn wir uns auf irgend eine Weise zu erkennen geben, so werden wir unmittelbar zu unseren Freunden in ein Kerkerloch geworfen, aus dem uns der Teufel nicht mehr herausziehen wird. Überlassen wir nichts dem Zufall, sondern überlegen wir alles recht wohl. In Compiegne verhaftet, wurden sie nach Rueil gebracht, hierüber haben wir in Louvres Gewißheit erlangt; in Rueil sind sie von dem Kardinal verhört worden, der sie nach dem Verhör bei sich behalten oder nach Saint-Germain geschickt hat. In der Bastille sind sie nicht, denn die Bastille ist in den Händen der Frondeurs, und der Sohn Broussels befehligt daselbst. Tot sind sie auch nicht, denn d'Artagnans Tod hätte Lärm gemacht. Was Porthos betrifft, so halte ich ihn für ewig, wie Gott, obgleich er minder geduldig ist. Wir wollen also nicht verzweifeln, sondern warten und in Rueil bleiben, denn ich bin fest überzeugt, sie sind noch in Rueil. Aber was habt Ihr denn? Ihr erbleicht! Da fällt mir ein, sprach Athos mit beinahe zitternder Stimme, da fällt mir ein, daß Herr von Richelieu im Schlosse von Rueil eine abscheuliche Fallgrube hat anlegen lassen. Oh! seid unbesorgt, sagte Aramis; Herr von Richelieu war ein Edelmann. Er konnte wie ein König die Größten unter uns am Kopf berühren und durch diese Berührung den Kopf auf den Schultern zum Wanken bringen. Herr von Mazarin aber ist ein Knauser, der uns höchstens am Kragen packen kann. Beruhigt Euch, mein Freund; ich bleibe bei meiner Behauptung: d'Artagnan und Porthos sind ganz gewiß noch am Leben und befinden sich in Rueil. Gleichviel, sagte Athos, wir sollten vom Koadjutor die Erlaubnis auswirken, den Konferenzen beiwohnen zu dürfen. Mit all diesen abscheulichen Rechtsverdrehern! Ist das wirklich Euer Gedanke, mein Lieber? Glaubt Ihr, es werde auch nur mit einem Worte von der Freiheit oder der Gefangenschaft d'Artagnans oder Porthos' die Rede sein? Nein, meiner Ansicht nach müssen wir ein anderes Mittel suchen. Ich komme auf meinen ersten Gedanken zurück, versetzte Athos, ich kenne kein anderes Mittel, als das, offen und gerade zu handeln. Ich werde nicht Mazarin, sondern die Königin aufsuchen und ihr sagen: Madame, gebt uns Eure Diener und unsere Freunde zurück. Aramis schüttelte den Kopf. Das ist ein letztes Mittel, dessen Anwendung Euch immer noch frei steht, Athos; aber glaubt mir, bedient Euch seiner nur im äußersten Fall; es wird immer noch Zeit sein, seine Zuflucht dazu zu nehmen. Mittlerweile setzen wir unsere Nachforschungen fort! Sie fuhren also fort zu suchen, zogen so viele Erkundigungen ein, brachten so viele Menschen unter allen erdenkbaren Vorwänden zum Plaudern, bis sie endlich einen Chevauleger fanden, der ihnen gestand, er sei bei der Eskorte gewesen, die d'Artagnan und Porthos von Compiegne nach Rueil gebracht habe. Ohne diesen Chevauleger hätte man nicht einmal etwas von ihrer Ankunft erfahren. Athos kam immer wieder auf seinen Gedanken zurück, sich zu der Königin zu begeben. Um zu der Königin zu gehen, sagte Aramis, muß man zuvor zu dem Kardinal gehen; erinnert Euch aber, was ich Euch gesagt habe, wir hätten den Kardinal nicht so bald gesehen, so würden wir auch mit unseren Freunden vereinigt, aber nicht in der Art, wie wir wünschen. Diese Art von Wiedervereinigung hat ganz und gar nichts Verlockendes für mich, das muß ich gestehen. Wir wollen in Freiheit handeln, um gut und rasch handeln zu können. – Ich werde die Königin aufsuchen, sprach Athos. – Wohl, mein Freund, seid Ihr entschlossen, diese Torheit zu begehen, so benachrichtigt mich gefälligst einen Tag zuvor davon. – Warum dies? – Weil ich diesen Umstand benutzen werde, um einen Besuch in Paris zu machen. – Bei wem? – Was weiß ich? Vielleicht bei Frau von Longueville. Sie ist dort allmächtig und wird mich unterstützen. Laßt es mir nur durch irgend jemand sagen, wenn Ihr verhaftet seid. – Warum wollt Ihr die Verhaftung nicht mit mir wagen, Aramis? – Nein, ich danke. – Alle vier verhaftet und vereinigt, sind wir, glaube ich, keiner Gefahr ausgesetzt. Nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden haben wir alle wieder die Freiheit erlangt. – Mein Lieber, seitdem ich Herrn von Chatillon, den Liebling der Damen von Saint-Germain, getötet habe, ist zu viel Glanz um meine Person verbreitet, als daß ich das Gefängnis nicht doppelt fürchten sollte. Die Königin wäre imstande, den Rat Mazarins bei dieser Gelegenheit zu befolgen, und Mazarin würde ihr raten, mich richten zu lassen. – Glaubt Ihr denn, Aramis, sie liebe diesen Italiener so, wie man sagt? – Sie hat auch einen Engländer geliebt. – Ei, mein Lieber, sie ist Frau! – Nein, Ihr täuscht Euch, Athos, sie ist Königin! – Teurer Freund, ich opfere mich auf und verlange eine Audienz bei der Königin. – Gott befohlen, Athos; ich sammle ein Heer. – Wozu? – Um zurückzukehren und Rueil zu belagern. – Wo finden wir uns wieder? – Unter dem Galgen des Kardinals. Und so trennten sich die zwei Freunde: Aramis, um nach Paris zurückzukehren, Athos, um sich durch einige vorbereitende Schritte einen Weg bis zu der Königin zu bahnen. Die Dankbarkeit Annas von Österreich Athos fand viel weniger Schwierigkeiten, als er erwartet hatte, um zu Anna von Österreich zu dringen. Beim ersten Schritt ebnete sich im Gegenteil alles, und die von ihm gewünschte Audienz wurde aus den andern Tag nach dem Lever, dem er durch seine Geburt beizuwohnen berechtigt war, bewilligt. Eine Menge von Menschen füllte die Gemächer von Saint-Germain. Nie hatte Anna von Österreich im Louvre oder im Palais Royal eine größere Anzahl von Höflingen gehabt, wenn sich auch der vornehmste Adel Frankreichs aus der andern Seite befand. Aber mitten unter dieser allgemeinen Heiterkeit und dem scheinbaren Leichtsinn verbarg sich eine große Unruhe. Würde Mazarin Minister und Liebling bleiben, oder sollte er, der gleich einer Wolke aus dem Süden gekommen war, von dem Winde, der ihn gebracht, wieder fortgetragen werden? Jeder hoffte, jeder wünschte das letztere, und der Minister fühlte, daß all die Huldigungen, all die höfischen Kriechereien um ihn her einen unter der Furcht und dem Interesse schlecht verborgenen Bodensatz von Haß bedeckte. Es war ihm nicht wohl dabei, denn er wußte nicht, worauf er rechnen, auf wen er sich stützen konnte, denn selbst der Prinz ließ ihn öfters seine innere Abneigung und Verachtung fühlen, ja seine einzige Stütze, die Königin, schien manchmal zu wanken. Als die Stunde der Audienz gekommen war, meldete man dem Grafen de la Fère, sie werde stattfinden, aber er müsse einige Augenblicke warten, da die Minister mit der Königin Rat zu pflegen hätten. Es war dies die Wahrheit. Paris hatte soeben eine neue Deputation abgeschickt, die bemüht sein sollte, den Angelegenheiten irgend eine Wendung zu geben, und die Königin beriet sich mit Mazarin über den Empfang, den man den Abgeordneten bereiten sollte. Athos konnte also keinen schlimmern Augenblick wählen, um von seinen Freunden zu sprechen. Aber er war ein unbeugsamer Mann, der mit seinem einmal gefaßten Entschluß nicht feilschte, wenn ihm dieser Entschluß aus seinem Gewissen hervorgegangen und von seiner Pflicht diktiert schien. Er bestand darauf, eingeführt zu werden, indem er äußerte, wenn er auch weder ein Abgeordneter des Herrn von Conti, noch des Herrn von Beaufort, noch des Herrn von Bouillon, noch des Herrn von Elboeuf, noch des Koadjutors, noch der Frau von Longueville, noch des Herrn Broussel, noch des Parlaments sei und auf eigene Rechnung komme, so habe er darum nichtsdestoweniger Ihrer Majestät wichtige Dinge mitzuteilen. Sobald die Konferenz vorüber war, ließ ihn die Königin in ihr Kabinett rufen. Athos wurde eingeführt und nannte sich. Es war ein Name, der zu oft in den Ohren Ihrer Majestät geklungen, zu oft in ihrem Herzen vibriert hatte, als daß ihn Anna von Österreich nicht hätte wiedererkennen sollen. Sie blieb indessen unempfindlich und begnügte sich, den Edelmann mit festem, königlichem Blick anzuschauen. Ihr erbietet Euch also, uns einen Dienst zu leisten, Graf? fragte Anna von Österreich nach kurzem Stillschweigen. Ja, Madame, abermals einen Dienst, sprach Athos, ärgerlich darüber, daß ihn die Königin nicht zu erkennen schien. Anna runzelte die Stirn. Mazarin, der, an einem Tische sitzend, in Papieren blätterte, schaute empor. Sprecht, sagte die Königin. Madame, versetzte Athos, zwei meiner Freunde, zwei der unerschrockensten Diener Eurer Majestät, Herr d'Artagnan und Herr du Vallon, von dem Kardinal nach England abgeschickt, sind plötzlich in dem Augenblick verschwunden, wo sie den Fuß wieder auf den Boden Frankreichs setzten, und man weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Nun? sprach die Königin. Nun, erwiderte Athos, ich wende mich an das Wohlwollen Eurer Majestät, um das Schicksal dieser zwei Edelleute zu erfahren, wobei ich mir vorbehalte, mich später nötigenfalls an Ihre Gerechtigkeit zu wenden. Mein Herr, antwortete Anna von Österreich mit jenem Hochmut, der gewissen Menschen gegenüber zur Impertinenz wurde, darum stört Ihr uns mitten unter großen Geschäften, die uns ganz und gar in Anspruch nehmen! Eine Polizei-Angelegenheit! Ei, mein Herr, Ihr müßt wohl wissen, daß wir keine Polizei mehr haben, seitdem wir nicht mehr in Paris sind. Ich glaube, sprach Athos, sich mit kalter Achtung verbeugend, Eure Majestät hätte nicht nötig, sich bei der Polizei zu erkundigen, um zu erfahren, was aus den Herren d'Artagnan und du Vallon geworden ist. Wenn sie den Herrn Kardinal in Betreff dieser zwei Edelleute befragen wollte, so könnte ihr der Herr Kardinal antworten, ohne etwas anderes, als seine eigenen Erinnerungen ins Verhör zu nehmen. Aber Gott vergebe mir, versetzte Anna von Österreich mit der ihr eigentümlichen verächtlichen Bewegung der Lippen, ich glaube, Ihr verhört selbst. Ja, Madame, ich habe beinahe das Recht dazu; denn es handelt sich um Herrn d'Artagnan, hört Ihr wohl, Madame, um Herrn d'Artagnan, sagte er auf eine solche Weise, daß sich unter den Erinnerungen der Frau die Stirn der Königin beugen mußte. Mazarin begriff, daß es Zeit war, Anna von Österreich zu Hilfe zu kommen. Mein Herr Graf, sagte er, ich will Euch wohl etwas mitteilen, was Ihre Majestät nicht weiß, ich will Euch mitteilen, was aus diesen zwei Edelleuten geworden ist. Sie sind ungehorsam gewesen und befinden sich im Arrest. Ich bitte also Eure Majestät, sprach Athos gleich ruhig und ohne Mazarin zu antworten, ich bitte Eure Majestät, diesen Arrest zu Gunsten der Herren d'Artagnan und du Vallon aufzuheben. Was Ihr von mir verlangt, ist eine Disziplin-Angelegenheit und geht mich nicht an, mein Herr, erwiderte die Königin. Herr d'Artagnan hat dies nie geantwortet, wenn es sich um den Dienst Eurer Majestät handelte, sprach Athos mit einer würdevollen Verbeugung. Und er machte zwei Schritte rückwärts, um die Tür wieder zu erreichen. Mazarin hielt ihn auf. Ihr kommt auch von England? sagte er mit einem Zeichen gegen die Königin, die sichtbar erbleichte und einen heftigen Befehl zu geben im Begriff war. Und ich habe den letzten Augenblicken des Königs Karl beigewohnt, sprach Athos. Armer König! höchstens der Schwäche schuldig, wurde er von seinen Untertanen so streng bestraft; denn die Throne sind zu dieser Stunde gewaltig erschüttert, und für aufopfernde Herzen ist es nicht gut, wenn sie den Interessen der Fürsten dienen. Es war das zweite Mal, daß Herr d'Artagnan nach England ging; das erste Mal geschah es für die Ehre einer großen Königin, das zweite Mal für das Leben eines großen Königs. Mein Herr, sprach Anna von Österreich zu Mazarin, mit einem Ton, dessen wahren Ausdruck sie trotz ihrer Verstellungsgabe nicht zu verbergen vermochte, seht, ob sich etwas für diese Edelleute tun läßt. Madame, erwiderte Mazarin, ich werde alles tun, was Eurer Majestät beliebt. Tut, was der Herr Graf de la Fère verlangt. Nicht wahr, so heißt Ihr, mein Herr? Ich habe noch einen andern Namen, Madame, ich nenne mich Athos. Madame, versetzte Mazarin mit einem Lächeln, das andeutete, daß er auch ein halbes Wort mit größter Leichtigkeit auffaßte, Ihr könnt ruhig sein, Eure Wünsche sollen erfüllt werden. Ihr habt gehört, mein Herr? sagte die Königin. Ja, Madame, und ich erwartete nichts anderes von der Gerechtigkeit Eurer Majestät. Ich werde also meine Freunde wiedersehen, nicht wahr, Madame? So versteht es doch Eure Majestät? Ihr werdet sie wiedersehen, ja, mein Herr. Doch sagt, Ihr gehört zur Fronde? Madame, ich diene dem König. Ja, auf Eure Weise. Meine Weise ist die aller wahren Edelleute, antwortete Athos stolz. Geht, mein Herr, sprach die Königin, Athos mit einer Gebärde entlassend; Ihr sollt erhalten, was Ihr zu erhalten wünschtet, und wir wissen, was wir zu wissen wünschten. Dann sich zu Mazarin wendend, nachdem der Türvorhang wieder hinter Athos herabgefallen war, sprach sie: Kardinal, laßt diesen frechen Menschen verhaften, ehe er den Hof verlassen hat. Ich dachte bereits daran, sagte Mazarin, und bin glücklich, von Eurer Majestät einen Befehl zu erhalten, den ich mir erbitten wollte. Diese Klopffechter, welche die Überlieferungen aus einer andern Regierung in unsere Zeit herüberbringen, belästigen uns mächtig, und da bereits zwei festgenommen sind, so wollen wir nun auch den dritten hinzufügen. Athos hatte sich nicht ganz von der Königin betören lassen. Es fiel ihm in ihrem Tone etwas auf, was ihn trotz ihres Versprechens zu bedrohen schien. Aber er war nicht der Mann, sich auf einen einfachen Verdacht zu entfernen, besonders, da man ihm deutlich gesagt hatte, er solle seine Freunde wiedersehen. Er erwartete also in einem der Zimmer, die an das Kabinett stießen, worin er Audienz gehabt hatte, daß man d'Artagnan und Porthos dorthin bringen oder ihn selbst zu ihnen führen werde. In dieser Erwartung näherte er sich dem Fenster und schaute mechanisch in den Hof. Er sah die Deputation der Pariser hereinkommen, welche erschien, um den bestimmten Ort für die Konferenzen festzusetzen und die Königin zu begrüßen. Es waren dabei Räte vom Parlament, Präsidenten, Advokaten und auch ein paar Männer vom Schwerte. Ein imposantes Geleite harrte ihrer vor dem Gitter. Athos schaute aufmerksamer, denn mitten unter dieser Menge glaubte er jemand zu erkennen, als er fühlte, daß man leicht seine Schultern berührte. Er wandte sich um. Ah! Herr von Comminges, sagte er. – Ja, Herr Graf, und zwar mit einer Sendung beauftragt, wegen deren ich meine Entschuldigung anzunehmen bitte. – Was ist Euer Auftrag? fragte Athos. – Wollt mir Euren Degen geben, Herr Graf. – Athos lächelte, öffnete das Fenster und rief: Aramis! Ein Edelmann wandte sich um; es war Aramis. Er grüßte den Grafen freundschaftlich. Aramis, sprach Athos, man verhaftet mich. Gut, antwortete Aramis phlegmatisch. Mein Herr, sagte Athos, sich gegen Comminges umwendend und mit aller Höflichkeit seinen Degen überreichend, hier ist mein Degen. Habt die Güte, ihn sorgfältig zu bewahren und mir ihn zurückzugeben, wenn ich das Gefängnis verlasse. Ich halte große Stücke darauf; Franz I. hat ihn meinem Großvater geschenkt. Jetzt sagt, wohin führt Ihr mich? Zuerst in mein Zimmer, sprach Comminges, die Königin wird sodann Eure Wohnung bestimmen. Athos folgte, ohne ein Wort beizufügen. Das Königtum des Herrn von Mazarin Athos' Verhaftung hatte kein Aufsehen erregt und war sogar beinahe unbekannt geblieben. Sie hatte also in keiner Beziehung den Gang der Ereignisse gehemmt, und die von der Stadt Paris abgesandte Deputation wurde feierlich benachrichtigt, sie solle vor der Königin erscheinen. Die Königin empfing sie stumm und stolz wie immer. Sie hörte die Beschwerden und Bitten der Deputierten; als sie aber ihre Reden geendigt hatten, hätte niemand sagen können, ob sie von ihr gehört worden waren, so gleichgültig war ihr Gesicht geblieben. Dagegen hörte Mazarin, welcher der Audienz beiwohnte, jedenfalls sehr gut, was die Deputierten verlangten: es war einfach und deutlich in klaren Worten seine Entlassung. Als die Königin, nachdem die Reden gehalten waren, immer noch stumm blieb, sagte Mazarin: Meine Herren, ich werde mich mit euren Bitten vereinigen, um die Königin zu veranlassen, den Leiden ihrer Untertanen ein Ende zu machen. Ich habe zu ihrer Linderung alles getan, was ich vermochte, und dennoch sagt Ihr, es herrsche allgemein die Ansicht, sie rührten von mir her, dem armen Fremdling, dem es nicht gelungen ist, den Franzosen zu gefallen. Ach, man hat mich nicht begriffen, und das war natürlich. Ich folgte auf den erhabensten Mann, der je dem Szepter der Könige von Frankreich als Stütze gedient hat. Da ich nicht so ehrgeizig bin, ihm gleichkommen zu wollen, so erkläre ich mich für besiegt und werde tun, was das Volk von Paris verlangt. Es steht mir, dem einfachen Privatmann, nicht zu, mir eine solche Wichtigkeit beizulegen, daß ich eine Königin mit ihrem Reich veruneinige. Ihr verlangt, daß ich mich zurückziehe; nun wohl, ich werde mich zurückziehen. Herr Kanzler, sagte die Königin, sich gegen Seguier umwendend, Ihr werdet die Konferenzen eröffnen; sie finden in Rueil statt. Der Herr Kardinal hat Dinge gesprochen, die mich sehr bewegen mußten; deshalb antworte ich euch nicht ausführlicher. Was das Bleiben oder Gehen betrifft, so bin ich dem Herrn Kardinal zu allzugroßem Dank verpflichtet, um ihm nicht in jeder Beziehung Freiheit in seinen Handlungen zu lassen. Der Herr Kardinal wird tun, was ihm beliebt. Eine flüchtige Blässe zog sich über das geistreiche Gesicht des ersten Ministers hin. Er schaute die Königin unruhig an. Ihr Gesicht war so unempfindlich, daß man unmöglich darin lesen konnte, was in ihrem Herzen vorging. Aber, fügte die Königin bei, bis Herr von Mazarin seinen Entschluß kundgegeben hat, sei, ich bitte Euch, nur von dem König die Rede. Die Abgeordneten verbeugten sich und traten ab. Wie! rief die Königin, als der letzte von ihnen das Zimmer verlassen hatte, Ihr wolltet diesen Rechtsverdrehern nachgeben? Madame, sprach Mazarin, sein durchdringendes Auge auf die Königin heftend, es gibt kein Opfer, das ich nicht für das Glück Eurer Majestät mir aufzuerlegen bereit wäre. Anna neigte das Haupt und versank in eine jener Träumereien, welche bei ihr so gewöhnlich waren. Die Erinnerung an Athos kehrte in ihren Geist zurück. Die kühne Haltung des Edelmannes, seine festen und zugleich so würdigen Worte, die Geister, die er heraufbeschworen hatte, riefen eine Vergangenheit von berauschender Poesie in ihr zurück; die Schönheit, die Jugend, der Glanz einer Liebe mit zwanzig Jahren und die harten Kämpfe ihrer Bundesgenossen, das blutige Ende Buckinghams, des einzigen Mannes, den sie wirklich geliebt hatte, der Heldenmut ihrer ruhmlosen Verteidiger, die sie vor dem doppelten Hasse Richelieus und des Königs gerettet hatten, alles dies tauchte vor ihr auf. Mazarin schaute sie an, und jetzt, da sie sich allein glaubte und nicht mehr eine ganze Welt von spähenden Feinden um sich hatte, vermochte er ihren Gedanken aus ihrem Gesicht zu folgen, wie man auf den durchsichtigen Seen die Wolken hinziehen sieht. Man müßte also, murmelte die Königin, dem Sturm weichen, den Frieden erkaufen, geduldig und andächtig auf bessere Zeiten warten? Mazarin lächelte bitter bei diesen Worten, aus denen er sah, daß sie den Vorschlag des Ministers ernstlich genommen hatte. Anna hielt den Kopf gesenkt und gewahrte dieses Lächeln nicht. Als sie aber sah, daß sie keine Antwort auf ihre Frage erhielt, schaute sie empor. Nun, Kardinal, Ihr antwortet mir nicht, was denkt Ihr? Ich denke, Madame, daß der freche Edelmann, der auf unsern Befehl durch Comminges verhaftet worden ist, auf Herrn von Buckingham, dessen Ermordung Ihr nicht hindertet, auf Frau von Chevreuse, die Ihr in die Verbannung schicken ließt, und auf Herrn von Beaufort anspielte, der auf Euer Geheiß eingekerkert wurde. Spielte er auf mich an, so geschah dies nur, weil er nicht weiß, was ich für Euch bin. Anna bebte, wie sie dies tat, wenn man sie in ihrem Stolz verletzte; sie errötete und drückte, um nicht zu antworten, ihre spitzen Nägel in ihre schönen Hände. Er ist ein Mann von gutem Rat, von Ehre und Geist und dabei auch ein Mann von Entschlossenheit, fuhr Mazarin fort. Ihr wißt etwas davon, nicht wahr, Madame? Ich will ihm also sagen, und das ist eine persönliche Gnade, die ich ihm erweise, worin er sich in Beziehung auf mich getäuscht hat. Das, was man mir nämlich vorschlägt, ist in der Tat so gut wie eine Abdankung, und eine Abdankung verdient, daß man darüber nachdenkt. Eine Abdankung? sprach Anna, ich glaubte, nur die Könige könnten abdanken. Wohl versetzte Mazarin, bin ich nicht so gut wie König, und sogar König von Frankreich? Am Fuße eines königlichen Bettes, Madame, gleicht mein Ministergewand bei Nacht täuschend einem Königsmantel. Das war eine Demütigung, wie er sie ihr häufig auferlegte. Nur Elisabeth und Katharina II. blieben zugleich Geliebte und Königinnen für ihre Liebhaber. Anna von Österreich schaute daher erschreckt auf das drohende Gesicht des Kardinals und sagte: Habt Ihr nicht gehört, daß ich diesen Leuten sagte, Ihr würdet tun, was Euch beliebte? Dann glaube ich, daß es mir belieben muß, hier zu bleiben; es ist dies nicht allein mein Interesse, sondern, ich wage dies zu behaupten, es gereicht auch zu Eurem Heil. Bleibt also, mein Herr, ich verlange nichts anderes; aber dann laßt mich nicht beleidigen. Ihr sprecht von den Anmaßungen der Meuterer und von dem Tone, in dem sie sich ausdrückten? Nur Geduld! Sie haben ein Terrain gewählt, auf dem ich ein geschickterer General bin, als sie: die Konferenzen. Wir werden sie schon durch bloßes Hinhalten bezwingen. Sie haben Hunger; in acht Tagen wird es noch schlimmer stehen. Ei, mein Gott, ja, ich weiß, daß wir hierdurch zum Ziele gelangen werden; aber es handelt sich nicht um sie allein, nicht sie allein erlauben sich die verletzendsten Beleidigungen gegen mich. Ah! ich begreife Euch. Ihr meint die Erinnerungen, die diese drei oder vier Edelleute beständig zurückrufen. Aber wir halten sie gefangen, und sie sind schuldig genug, daß wir sie so lange, als es uns zusagt, in Gefangenschaft lassen. Ein einziger ist noch nicht in unserer Gewalt und trotzt uns. Aber den Teufel! es wird uns bald gelingen, ihn seinen Gefährten beizugesellen. Es scheint mir, wir haben schwierigere Dinge vollbracht, als dies. Ich habe vor allem und aus Vorsicht in Rueil, das heißt, in meiner Nähe, unter meinen Augen, im Bereich meiner Hand, die zwei Störrigsten einsperren lassen. Noch heute kommt der dritte dort zu ihnen. Solange sie Gefangene sind, mag es gut sein, sprach Anna von Österreich; aber sie werden eines Tages herauskommen. Ja, wenn Eure Majestät sie in Freiheit setzt. Ah! fuhr Anna von Österreich, ihre eigenen Gedanken beantwortend, fort, in solchen Fällen sehnt man sich nach Paris zurück. Warum dies? Nach der Bastille, mein Herr, die so stark und so verschwiegen ist. Madame, mit den Konferenzen haben wir den Frieden; mit dem Frieden haben wir Paris; mit Paris haben wir die Bastille! Unsere vier Prahler werden darin verfaulen. Anna von Österreich runzelte leicht die Stirn, während Mazarin zum Abschied ihre Hand küßte. Mazarin entfernte sich nach diesem halb untertänigen, halb galanten Akte. Anna von Österreich folgte ihm mit dem Blick, und je mehr er sich entfernte, desto deutlicher konnte man ein verächtliches Lächeln auf ihren Lippen hervortreten sehen. Ich habe, murmelte sie, die Liebe eines Kardinals verachtet, der niemals sagte: Ich werde tun! sondern: Ich habe getan! Dieser kannte sicherere Gewahrsame, als Rueil, düsterere, als die Bastille ... Oh! die entartete Welt! ... Vorsichtsmaßregeln Mazarin kehrte, nachdem er Anna von Österreich verlassen hatte, nach Rueil zurück, wo sein Haus war. Er marschierte in diesen stürmischen Zeiten mit sehr starker Eskorte und zuweilen auch verkleidet. Im Hof des alten Schlosses stieg er in seinen Wagen und erreichte die Seine in Chatou. Der Prinz hatte ihm ein Geleite von fünfzig Chevaulegers gestellt. Von Comminges scharf bewacht, zu Pferd und ohne Degen, folgte Athos dem Kardinal, ohne ein Wort zu sagen. Grimaud hatte von der Verhaftung seines Herrn vernommen, als dieser Aramis davon benachrichtigte, und begab sich auf ein Zeichen des Grafen ohne weiteres in Aramis' Nähe, der mit den andern Pariser Abgeordneten wieder den Weg nach der Hauptstadt einschlug, ohne sich scheinbar um Athos, der zunächst denselben Weg geführt wurde, zu kümmern. Jedoch bei der Abzweigung der Rueiler Straße von der Pariser wandte sich Aramis um. Seine Vermutung hatte ihn nicht getäuscht. Mazarin zog rechts, und Aramis konnte den Gefangenen hinter den Bäumen verschwinden sehen. In demselben Augenblick schaute Athos, durch einen ähnlichen Gedanken bewogen, ebenfalls zurück. Die Freunde wechselten ein einfaches Zeichen mit dem Kopfe, und Aramis legte seinen Finger wie zum Gruße an den Hut. Athos verstand, daß ihm sein Freund anzeigte, er habe einen Gedanken. Zehn Minuten nachher gelangte Mazarin mit seinem Gefolge in den Hof des Schlosses, das der Kardinal, sein Vorgänger, in Rueil hatte einrichten lassen. Im Augenblick, wo er den Fuß auf die unterste Stufe der Freitreppe setzte, näherte sich ihm Comminges mit der Frage: Monseigneur, wo beliebt es Eurer Eminenz, daß wir Herrn de la Fère einquartieren? Im Pavillon der Orangerie, dem Pavillon gegenüber, wo sich der Posten befindet. Man soll dem Grafen de la Fère Ehre erweisen, obgleich er der Gefangene der Königin ist. Monseigneur, bemerkte Comminges, er bittet um die Gunst, zu Herrn d'Artagnan gebracht zu werden, der nach dem Befehl Eurer Eminenz im Jagdpavillon der Orangerie gegenüber wohnt. Mazarin dachte einen Augenblick darüber nach. Comminges sah, daß er mit sich zu Rate ging. Es ist ein sehr starker Posten, fügte er bei, vierzig sichere Leute, erprobte Soldaten, beinahe lauter Deutsche und folglich ohne Verbindung mit den Frondeurs. Wenn wir diese drei Menschen zusammenbrächten, Herr von Comminges, sagte Mazarin, so müßten wir den Posten verdoppeln, und wir sind nicht reich genug an Verteidigern, um uns eine solche Verschwendung zu erlauben. Comminges lächelte. Mazarin sah dieses Lächeln und verstand es. Ihr kennt sie nicht, Herr von Comminges, aber ich kenne sie, einmal durch sie selbst und dann durch ihren Ruf. Ich hatte sie beauftragt, dem Könige Karl Hilfe zu bringen, und sie haben zu seiner Rettung wunderbare Dinge vollbracht. Das Schicksal mußte sich darein mischen, daß der gute König Karl nicht zu dieser Stunde in Sicherheit unter uns weilt. Aber warum hält Ew. Eminenz sie im Gefängnis, wenn sie so gute Dienste geleistet haben? Im Gefängnis! sprach Mazarin, seit wann ist Rueil ein Gefängnis? Seitdem Gefangene hier sind, erwiderte Comminges. Diese Herren sind nicht meine Gefangenen, sprach Mazarin mit seinem verschmitzten Lächeln, sie sind meine Gäste, so teure Gäste, daß ich ihre Fenster vergittern und Riegel an die Türen ihrer Zimmer machen ließ, so sehr fürchte ich, sie könnten es müde werden, mir Gesellschaft zu leisten. So viel aber ist gewiß, daß ich sie, obgleich sie Gefangene zu sein scheinen, doch sehr hochschätze; zum Beweis mag dienen, daß ich dem Herrn de la Fère einen Besuch zu machen wünsche, um unter vier Augen mit ihm zu plaudern. Damit wir bei dieser Plauderei nicht gestört werden, führt Ihr ihn, wie ich gesagt habe, in den Pavillon der Orangerie; Ihr wißt, das ist mein gewöhnlicher Spaziergang. Mache ich wieder einen Spaziergang, so trete ich bei ihm ein, und wir plaudern. Obgleich er, wie man behauptet, mein Feind ist, so habe ich doch eine Sympathie für ihn. Benimmt er sich vernünftig, so läßt sich vielleicht etwas tun. Comminges verbeugte sich und kehrte zu Athos zurück, der mit scheinbarer Ruhe, aber mit wahrer Unruhe den Erfolg dieser Besprechung erwartete. Nun? fragte er den Leutnant der Garden. Mein Herr, erwiderte Comminges, es scheint, es ist unmöglich. Herr von Comminges, sprach Athos, ich bin mein ganzes Leben hindurch Soldat gewesen; ich weiß also, was ein Befehl bedeutet; aber außerhalb dieses Befehls könntet Ihr mir einen Dienst leisten. Von Herzen gern, mein Herr, sprach Comminges. Ich liebe Mazarin nicht mehr als Ihr, und seitdem ich weiß, wer Ihr seid und welche Dienste Ihr einst Ihrer Majestät geleistet habt, seitdem ich weiß, wie nahe Euch der junge Mensch berührt, der mir so mutig am Tag der Verhaftung des alten Schlingels von Broussel zu Hilfe gekommen ist, erkläre ich mich ganz für den Eurigen, soweit ich nicht einem Dienstbefehl zu folgen habe. Da es nichts ausmacht, daß ich von der Anwesenheit des Herrn d'Artagnan unterrichtet bin, so kann es meiner Ansicht nach ebensowenig schaden, wenn er erfährt, daß ich mich auch hier befinde. Ich habe in dieser Beziehung keinen Befehl erhalten. Nun wohl, so habt die Güte, ihm tausend Grüße von mir zu sagen und ihm mitzuteilen, ich sei sein Nachbar. Sagt ihm zugleich, daß ich von Herrn von Mazarin in den Pavillon der Orangerie einquartiert worden bin, damit er mir einen Besuch machen kann, und daß ich die Ehre, die er mir erweisen will, benutzen werde, um einige Erleichterung in unserer Gefangenschaft zu erlangen. Welche nicht lange dauern kann, fügte Comminges bei, denn der Herr Kardinal hat mir selbst gesagt, es sei hier kein Gefängnis. Wohl aber gibt es hier Fallgruben, sprach Athos lächelnd. Nein, nein! erwiderte Comminges, das würde der Italiener nicht wagen; die Fallgruben von Rueil sind seit zehn Jahren Sagen geworden. Bleibt also unbesorgt an diesem Ort; ich meinerseits werde Herrn d'Artagnan von Eurer Ankunft unterrichten. Werdet Ihr mir übrigens die Ehre erweisen, mit mir zu Nacht zu speisen? Ich danke; ich bin schlechter Laune und würde Euch den Abend verderben. Comminges führte nun den Grafen in ein Zimmer des Erdgeschosses in einem Pavillon, der noch zur Orangerie gehörte und auf gleicher Höhe mit dieser lag. Man kam dorthin durch einen mit Soldaten und Höflingen angefüllten Hof. Dieser Hof bildete ein Hufeisen; im Mittelpunkt lagen die von Herrn von Mazarin bewohnten Zimmer und an den beiden Flügeln der Jagdpavillon, in dem sich d'Artagnan befand, und der Pavillon der Orangerie, wohin man Athos einquartiert hatte. Hinter diesen Flügeln dehnte sich der Park aus. Als Athos in das Zimmer gelangte, das er bewohnen sollte, gewahrte er durch das sorgfältig vergitterte Fenster Mauern und Dächer. Was für ein Gebäude ist dies? Der hintere Teil des Jagdpavillons, wo Eure Freunde gefangen gehalten werden, sprach Comminges. Leider sind die Fenster, die auf diese Seite gehen, zur Zeit des andern Kardinals verstopft worden; sonst hättet Ihr den Trost, mit Euren Freunden eine Verbindung durch Zeichen zu unterhalten. Ihr habt da etwas schwierige Gefangene zu bewachen, Herr von Comminges, sagte Athos in der Richtung nach d'Artagnans Gefängnis weisend. Schwierig! erwiderte Comminges lächelnd, Ihr wollt mir bange machen. Am ersten Tag seiner Gefangenschaft hat Herr d'Artagnan alle Soldaten und alle Unteroffiziere herausgefordert, ohne Zweifel, um einen Degen zu bekommen. Dies dauerte den ganzen zweiten, ja auch noch den dritten Tag; dann wurde er aber sanft und ruhig wie ein Lamm. Gegenwärtig singt er gascognische Lieder, über die wir uns beinahe zu Tode lachen. Und Herr du Vallon? fragte Athos. Ah, bei dem ist's etwas anderes. Ich gestehe, das ist ein furchtbarer Mann. Am ersten Tag hat er alle Türen mit einem einzigen Druck seiner Schulter gesprengt, und ich war darauf gefaßt, daß er aus Rueil hinausgehen würde, wie Simson aus Gaza. Aber seine Laune nahm denselben Gang, wie die seines Gefährten, des Herrn d'Artagnan. Jetzt hat er sich nicht nur an seine Gefangenschaft gewöhnt, sondern er scherzt sogar darüber. Desto besser, sprach Athos, desto besser! Erwartetet Ihr denn etwas anderes? fragte Comminges, der, als er Mazarins Bemerkungen über seine Gefangenen mit der Äußerung des Grafen de la Fère zusammenhielt, einige Unruhe zu verspüren anfing. Athos seinerseits überlegte, daß die verbesserte Stimmung seiner Freunde ohne Zweifel aus einem von d'Artagnan entworfenen Plane entsprang. Er wollte ihm deshalb nicht durch zu große Anpreisung schaden. Ei? sagte er, es sind leicht entzündbare Köpfe; der eine ist ein Gascogner, der andere aus der Picardie. Beide entflammen leicht, erlöschen aber bald. Ihr habt den Beweis davon gehabt, und was Ihr mir erzähltet, dient zur Bestätigung dessen, was ich sage. Dies war auch Comminges' Ansicht. Er entfernte sich ruhiger, und Athos blieb allein in dem großen Zimmer, wo er gemäß dem Befehl des Kardinals mit der einem Edelmann schuldigen Rücksicht behandelt wurde. Der Geist und der Arm Wenden wir uns nun von der Orangerie zum Jagdpavillon. Im Hintergrund des Hofes, wo man durch einen von jonischen Säulen gebildeten Portikus die Hundeställe erblickte, erhob sich ein längliches Gebäude, das sich, wie ein Arm dem andern Arme, dem Pavillon der Orangerie, einem den Ehrenhof einschließenden Halbkreise, entgegenzustrecken schien. Im Erdgeschoß dieses Pavillons waren Porthos und d'Artagnan eingesperrt, welche die für solche Temperamente höchst widerwärtige Gefangenschaft miteinander teilten. D'Artagnan ging wie ein Tiger mit starrem Auge auf und ab und gab zuweilen ein dumpfes Knurren an den Gitterstangen eines großen Fensters von sich, das nach dem Gesindehofe ging. Porthos verdaute in der Stille ein vortreffliches Mittagsmahl, dessen Überreste man soeben abgetragen hatte. Der eine schien der Vernunft beraubt und sann nach, der andere schien in tiefes Nachsinnen versunken und schlief. Nur war sein Schlaf ein Alp, was sich aus der unzusammenhängenden, unterbrochenen Art und Weise seines Schnarchens entnehmen ließ. Der Tag neigt sich, sprach d'Artagnan, es muß ungefähr vier Uhr sein. Bald sind wir hundertunddreiundachtzig Stunden eingeschlossen. – Hm, murmelte Porthos, um sich das Ansehen zu geben, als antworte er. – Hört Ihr, ewiger Schläfer? rief d'Artagnan, ungeduldig darüber, daß sich ein anderer am Tage dem Schlaf hingeben konnte, während er selbst die größte Mühe hatte, bei Nacht zu schlafen. – Was? fragte Porthos. – Was ich sage? – Was Ihr sagt? – Ich sage, versetzte d'Artagnan, wir seien bald hundertunddreiundachtzig Stunden hier. – Ihr seid selbst schuld daran, sprach Porthos. – Wieso? – Ja, ich habe Euch unsere Befreiung angeboten. – Durch das Losmachen einer Gitterstange oder durch das Sprengen einer Tür? – Allerdings. – Porthos, Leute, wie wir sind, gehen nicht so ganz einfach fort. – Meiner Treue, ich würde mit der Einfachheit gehen, die Ihr so sehr zu verachten scheint. D'Artagnan zuckte die Achseln. Und dann, sagte er, ist damit, daß wir dieses Zimmer verlassen, noch nicht alles getan. – Lieber Freund, sprach Porthos, Ihr scheint mir heute etwas besserer Laune zu sein, als gestern. Erklärt mir, warum mit dem Weggehen aus diesem Zimmer nicht alles getan ist. – Weil wir ohne Waffen und Parole keine fünfzig Schritte im Hof machen würden, ohne auf eine Schildwache zu stoßen. – Wohl, sprach Porthos, wir schlagen die Schildwache tot und haben Waffen. – Ja, aber ehe sie völlig totgeschlagen ist – ein Schweizer hat ein hartes, sehr hartes Leben – wird sie einen Schrei, oder wenigstens einen Seufzer ausstoßen und der Posten dadurch herausgerufen werden. Man umstellt uns, man fängt uns wie Füchse, während wir doch Löwen sind, und wirft uns in ein tiefes Kerkerloch, wo wir nicht einmal den Trost haben, den abscheulichen Himmel von Rueil zu sehen, der dem Himmel von Tarbes nicht mehr gleicht, als die Sonne dem Monde. Als die zwei Gefangenen so weit in ihrem Gespräch gekommen waren, trat Comminges ein. Ihm gingen ein Sergeant und zwei Soldaten voran, welche das Abendessen in einem mit Schüsseln und Platten gefüllten Tischkorb trugen. Gut, sagte Porthos, abermals Hammelfleisch. – Mein lieber Herr von Comminges, sprach d'Artagnan, Ihr müßt wissen, daß mein Freund, Herr Du Vallon, entschlossen ist, zu den äußersten, gewaltsamsten Mitteln zu greifen, wenn Herr von Mazarin hartnäckig darauf besteht, uns mit dieser Fleischsorte zu füttern. – Ich erkläre sogar, sprach Porthos, daß ich nichts anderes essen werde, wenn man das Hammelfleisch nicht wegnimmt. – Nehmt das Hammelfleisch weg, sagte Herr von Comminges. Herr Du Vallon soll um so angenehmer zu Nacht speisen, als ich ihm eine Neuigkeit mitzuteilen habe, die ihm, ich bin fest überzeugt, Appetit machen wird. – Sollte Herr von Mazarin verschieden sein? fragte Porthos. – Nein, ich bedaure sogar, Euch sagen zu müssen, daß er sich sehr wohl befindet. – Desto schlimmer, versetzte Porthos. – Und worin besteht diese Neuigkeit? fragte d'Artagnan. Eine Neuigkeit im Gefängnis ist eine so seltene Frucht, daß Ihr meine Ungeduld hoffentlich entschuldigen werdet, nicht wahr, Herr von Comminges? Um so mehr, als Ihr uns zu verstehen gegeben habt, die Kunde sei gut. – Sollte es Euch wirklich angenehm sein, zu erfahren, daß sich der Graf de la Fère wohl befindet? erwiderte Comminges. D'Artagnans kleine Augen öffneten sich übermäßig weit. Ob es mir angenehm wäre! rief er. Es wäre mir mehr als angenehm; es würde mich glücklich machen! Wohl, ich bin von ihm beauftragt, Euch seine besten Komplimente zu überbringen und Euch zu sagen, er erfreue sich einer guten Gesundheit. D'Artagnan wäre beinahe vor Freuden in die Höhe gesprungen. Ein rascher Blick überbrachte Porthos seinen Gedanken; wenn Athos weiß, wo wir sind, sagte dieser Blick, so wird er binnen kurzem handeln. Porthos war nicht sehr geschickt im Begreifen der Blicke. Diesmal aber begriff er, weil er bei dem Namen Athos denselben Eindruck gehabt hatte. Aber, fragte der Gascogner schüchtern, der Herr Graf de la Fère hat Euch, wie Ihr sagt, mit seinen Komplimenten an Herrn du Vallon und mich beauftragt? – Ja, mein Herr. – Ihr habt ihn also gesehen? – Allerdings. – Wo denn? – Sehr nahe von hier, antwortete Comminges lächelnd. – Sehr nahe von hier? wiederholte d'Artagnan mit funkelnden Augen. – So nahe, daß Ihr ihn, wenn die Fenster, die in die Orangerie gehen, nicht verstopft wären, von der Stelle aus, wo Ihr seid, sehen könntet. – Herr de la Fère wohnt also im Schlosse? – Ja. – Unter welchem Titel? – Unter demselben Titel, wie Ihr. – Athos ist Gefangener? – Ihr wißt wohl, versetzte Comminges lachend, daß sich in Rueil keine Gefangenen befinden, da es hier kein Gefängnis gibt.– Wir wollen nicht mit Worten spielen, mein Herr. Athos ist verhaftet worden? – Gestern in Saint-Germain, als er die Königin verließ. D'Artagnans Arme fielen träge an seiner Seite herab. Man hätte glauben können, er wäre vom Blitz getroffen. Die Blässe lief wie eine weiße Wolke über sein gebräuntes Gesicht, verschwand aber in demselben Augenblick wieder. Gefangen? sprach er. Gefangen? wiederholte Porthos ganz traurig. Plötzlich erhob d'Artagnan das Haupt, und man sah in seinen Augen einen unmerklichen Blitz glänzen. Aber dieselbe Niedergeschlagenheit, die ihm vorhergegangen war, folgte auf den flüchtigen Schimmer. Auf, auf, sprach Comminges, verzweifelt nicht. Ich war weit entfernt, Euch eine traurige Nachricht bringen zu wollen. In diesen Kriegskünsten sind wir alle unsicher. Lacht also über den Zufall, der Euch und Herrn Du Vallon Euren Freund nahe bringt, statt darüber trostlos zu sein. Aber diese Aufforderung hatte keinen Einfluß auf d'Artagnan, der seine düstere Miene beibehielt. Und wie sah er aus? fragte Porthos, der, als er sah, daß d'Artagnan das Gespräch fallen ließ, dies benutzen wollte, um ein Wort anzubringen. Sehr gut, sprach Comminges. Anfangs schien er, wie Ihr, in Verzweiflung zu geraten. Als er aber erfuhr, daß der Herr Kardinal ihm noch diesen Abend einen Besuch machen wollte ... Ah! sprach d'Artagnan, der Herr Kardinal wird dem Grafen de la Fère einen Besuch machen? Ja, er hat ihn davon in Kenntnis setzen lassen, und als der Herr Graf de la Fère dies erfuhr, beauftragte er mich, euch zu sagen, er würde diese Gunst des Herrn Kardinals benutzen, um eure und seine Lage zu verbessern. Ah, dieser liebe Graf! sagte d'Artagnan, aber ich glaube, Herr von Comminges täuscht sich. Wie, ich täusche mich? Herr von Mazarin wird nicht den Grafen de la Fère besuchen, sondern der Graf de la Fère wird zu Mazarin gerufen werden. D'Artagnan suchte einen der Blicke von Porthos aufzufangen, um zu erfahren, ob sein Freund die Wichtigkeit dieses Besuches begriff. Aber Porthos schaute nicht einmal auf seine Seite. Der Herr Kardinal hat also die Gewohnheit, in seiner Orangerie spazieren zu gehen? fuhr d'Artagnan fort. Jeden Abend schließt er sich darin ein, erwiderte Comminges. Es scheint, er denkt dort über Staatsangelegenheiten nach. Dann fange ich doch an zu glauben, daß Herr de la Fère den Besuch Seiner Eminenz empfangen wird, versetzte d'Artagnan. Übrigens wird er sich ohne Zweifel begleiten lassen? Ja, von zwei Soldaten. Und er wird somit vor zwei Fremden sprechen? Die Soldaten sind Schweizer aus den kleinen Kantonen und sprechen nur Deutsch. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie auch vor der Tür warten. D'Artagnan preßte sich die Nägel in die flache Hand, damit sein Gesicht nichts anderes ausdrücke, als was er ausdrücken wollte. Ah, mein Herr, sprach d'Artagnan, als wollte er die ganze Unterhaltung in ein einziges Wort zusammenfassen, wenn nur Seine Eminenz sich erweichen läßt und Herrn de la Fère unsere Freiheit bewilligt. Ich wünsche es von ganzem Herzen, sprach Comminges. Wenn er aber diesen Besuch vergäße, würdet Ihr nichts Unpassendes darin finden, wenn man ihn daran erinnerte? Durchaus nichts, im Gegenteil. Ah, das beruhigt mich ein wenig. Diese geschickte Veränderung des Gespräches hätte jedem, der in der Seele des Gascogners hätte lesen können, als ein vortreffliches Manöver erscheinen müssen. Nur noch eine letzte Bitte, fuhr er fort, mein lieber Herr von Comminges. – Ich stehe ganz zu Diensten, mein Herr. – Ihr werdet den Herrn Grafen de la Fère wiedersehen? – Morgen früh. – Wollt Ihr ihm in unserm Namen guten Morgen wünschen und sagen, er möge für mich um dieselbe Gunst bitten, die er erhalten hat? – Ihr wünscht, daß der Herr Kardinal hierher komme? – Nein; ich kenne mich und bin nicht so anspruchsvoll. Seine Eminenz erweise mir nur die Ehre, mich zu hören. Das ist alles, was ich wünsche. – Oho, murmelte Porthos, den Kopf schüttelnd, ich hätte das nie von ihm geglaubt. Wie doch das Unglück einen Menschen niederbeugt! – Es soll geschehen, sprach Comminges. – Versichert auch dem Grafen, ich befinde mich sehr wohl, und Ihr habt mich zwar traurig, aber in mein Schicksal ergeben gesehen. – Gott befohlen, meine Herren, sprach Comminges. So gefallt ihr mir! Gute Nacht. Comminges entfernte sich mit einer Verbeugung. D'Artagnan folgte ihm mit den Augen. Kaum aber war die Tür hinter dem Kapitän der Garden geschlossen, als er auf Porthos zustürzte und ihn mit einem unverkennbaren Ausdruck der Freude in die Arme schloß. Oh! oh! sagte Porthos, was gibt es denn? Werdet Ihr ein Narr, mein lieber Freund? Wir sind gerettet! rief d'Artagnan. Das sehe ich durchaus nicht ein, sprach Porthos; ich sehe im Gegenteil, daß wir alle gefangen sind, mit Ausnahme von Aramis, und daß unsere Hoffnungen auf Befreiung sich vermindert haben, seitdem noch einer in die Mausefalle des Herrn von Mazarin gegangen ist. Keineswegs, mein Freund; diese Mausefalle war genügend für zwei, sie wird zu schwach für drei. Ich begreife das gar nicht. Es ist auch nicht nötig; setzen wir uns zu Tische und sammeln wir Kräfte, wir werden ihrer für die Nacht bedürfen. Was werden wir denn diese Nacht tun? fragte Porthos, immer neugieriger. Wir werden ohne Zweifel reisen. Aber ... Setzen wir uns zu Tisch, lieber Freund; die Gedanken kommen mir während des Essens. Nach dem Abendessen, wenn meine Ideen zur vollen Reife gelangt sind, werde ich sie Euch mitteilen. Das Abendessen war still, aber nicht traurig, denn das feine Lächeln, das d'Artagnan in den Augenblicken seiner guten Laune eigentümlich war, erleuchtete sein Gesicht. Beim Nachtisch warf sich d'Artagnan auf seinem Stuhl zurück, kreuzte ein Bein über das andere und wiegte sich mit der Miene eines vollkommen selbstzufriedenen Menschen. Porthos stützte sein Kinn auf seine beiden Hände, legte seine Ellenbogen auf den Tisch und schaute d'Artagnan mit dem vertrauensvollen Blicke an, der diesem Koloß einen so bewundernswürdig gutmütigen Ausdruck verlieh. Nun, sagte d'Artagnan zu dem seine Neugierde nur mit Mühe bezwingenden Freunde, um welche Stunde ungefähr haben wir die Schweizer Wachen gestern auf- und abgehen sehen? – Ich glaube, eine Stunde nach Einbruch der Nacht. – Wenn sie also heute kommen, wie gestern, so werden wir nicht über eine Viertelstunde auf das Vergnügen, sie zu sehen, warten müssen. – Höchstens eine Viertelstunde. – Ihr habt immer noch Euren guten Arm, nicht wahr, Porthos? Porthos knöpfte seinen Ärmel auf, streifte das Hemd zurück und betrachtete mit Vergnügen seinen nervigen Arm, der wohl so dick war, als der Schenkel eines gewöhnlichen Mannes. Ja, ja, sagte er, ziemlich gut. – Somit würdet Ihr, ohne Euch zu sehr anzustrengen, einen Reif aus dieser Zange und einen Pfropfenzieher aus dieser Schaufel machen? – Gewiß, erwiderte Porthos. – Laßt sehen. Der Riese nahm die bezeichneten Gegenstände und bewerkstelligte mit der größten Leichtigkeit und ohne scheinbare Anstrengung die von seinem Freunde gewünschten Wandlungen. Hier, sagte Porthos. Herrlich, rief d'Artagnan; Ihr seid in der Tat reich begabt. Nun hört mich recht aufmerksam zu, mein lieber Simson. Nähert Euch dem Fenster und bedient Euch Eurer Kraft, um eine Fensterstange loszumachen! Wartet, bis ich die Lampe ausgelöscht habe. Porthos trat ans Fenster, nahm eine Stange mit beiden Händen, klammerte sich daran, zog sie an sich und bog sie wie eine Sehne, so daß die beiden Enden aus der steinernen Lade herausgingen, in der sie seit dreißig Jahren festgekittet waren. Seht, mein Freund, sagte d'Artagnan, das hätte der Kardinal mit all seinem Genie nie tun können. Soll ich noch andere ausreißen? fragte Porthos. Nein, diese wird genügen; ein Mann kann nun durchschlüpfen. Porthos versuchte es und drang mit dem ganzen Oberleibe durch. Ja, es geht, sagte er. – In der Tat, das ist eine ziemlich schöne Öffnung. Nun streckt Euern Arm durch. – Durch was? – Durch die Öffnung. – Warum? – Ihr werdet es sogleich erfahren, streckt ihn immerhin durch. Porthos gehorchte, folgsam wie ein Soldat, und streckte seinen Arm durch das Gitter. Vortrefflich, sagte d'Artagnan. – Es scheint mir, das geht. – Wie auf Röllchen. – Gut. Was soll ich nun tun? – Nichts. – Es ist also beendigt? – Noch nicht. – Ich wünschte übrigens doch zu begreifen ... – Hört, lieber Freund, und mit zwei Worten werdet Ihr im klaren sein. Die Tür des Postens öffnet sich, wie Ihr seht. – Ja, ich sehe es. – Man wird die beiden Wachen, die Herrn von Mazarin nach der Orangerie begleiten, in unsern Hof schicken. – Sie kommen eben heraus. – Wenn sie nur die Tür der Wachtstube schließen! Gut, sie schließen sie. – Hernach? – Stille, sie könnten uns hören. – Ich werde also nichts erfahren? – Doch, denn während der Ausführung werdet Ihr begreifen. – Ich hätte jedoch vorgezogen ... – Es wird Euch das Vergnügen der Überraschung zu teil werden. – Ah! das ist wahr. – St! Porthos blieb stumm und unbeweglich. Die zwei Soldaten gingen gerade auf das Fenster zu und rieben sich dabei die Hände, denn man war im Monat Februar, und es herrschte eine ziemlich scharfe Kälte. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür der Wachtstube abermals, und man rief einen Soldaten zurück. Der Soldat verließ seinen Kameraden und ging in die Wachtstube. Geht es immer noch? fragte Porthos. – Besser als je, antwortete d'Artagnan. Hört nun. Ich will diesen Soldaten rufen und mit ihm plaudern, wie ich es gestern getan habe, Ihr erinnert Euch? – Ja; nur habe ich nicht ein Wort von dem verstanden, was er sagte. – Er hatte allerdings einen etwas starken Accent. Aber verliert kein Wort von dem, was ich Euch sage, Porthos, alles hängt von der Ausführung ab. – Gut, die Ausführung, das ist meine Stärke. – Ich weiß es, bei Gott, wohl und zähle auch auf Euch. – Sprecht. – Ich will also den Soldaten rufen und mit ihm plaudern. – Das habt Ihr bereits gesagt. – Ich drehe mich auf die linke Seite, so daß er im Augenblick, wo er auf die Bank steigt, auf Eurer rechten sein wird. – Aber wenn er nicht steigt? – Er wird es tun, seid unbesorgt. Im Augenblick, wo er auf die Bank steigt, streckt Ihr Euern Arm aus und ergreift ihn beim Halse. Dann hebt Ihr ihn bei den Ohren auf, wie Tobias den Fisch, und zieht ihn in unser Zimmer herein, wobei Ihr ihn jedoch so stark drücken müßt, daß er nicht schreien kann. – Ja, sprach Porthos; aber wenn ich ihn erwürge? – Am Ende ist es nur ein Schweizer, aber Ihr werdet ihn hoffentlich nicht erwürgen. Ihr setzt ihn ganz sacht hier nieder, und wir knebeln ihn und binden ihn irgendwo an. Das verschafft uns vor allem eine Uniform und ein Schwert. – Vortrefflich, sprach Porthos, indem er d'Artagnan mit tiefer Bewunderung anschaute. Doch eine Uniform und ein Schwert sind nicht genug für uns zwei. – Nun, hat er nicht seinen Kameraden? – Das ist richtig, versetzte Porthos. – Wenn ich huste, so ist es Zeit, daß Ihr Euern Arm ausstreckt. – Gut. Die Freunde gingen jeder an seinen bezeichneten Posten. Porthos blieb gänzlich im Winkel des Fensters verborgen. Guten Abend, Kamerad, sagte d'Artagnan mit seiner freundlichsten Stimme und mit dem ruhigsten Ton. – Guten Abend, Herr, antwortete der Soldat in seinem grausamen Schweizerdialekt. – Es ist heute eben nicht sehr warm zum Spazierengehen, sagte d'Artagnan. – Brrr! machte der Soldat. – Und ich glaube, ein Glas Wein wäre Euch nicht unangenehm. – Ein Glas Wein wäre sehr willkommen. – Der Fisch beißt an, der Fisch beißt an! flüsterte d'Artagnan Porthos zu. – Ich begreife, erwiderte Porthos. – Ich habe da eine Flasche, sagte d'Artagnan. – Eine Flasche? – Ja. – Eine volle Flasche? – Ja, ganz voll, und sie gehört Euch, wenn Ihr sie auf meine Gesundheit trinken wollt.– Recht gern, versetzte der Soldat sich nähernd. – Nehmt sie, mein Freund, sprach der Gascogner. – Sehr gern; ich glaube, es ist eine Bank hier. – Oh, ja doch, man sollte glauben, man hätte sie zu diesem Zweck hierhergestellt. Steigt herauf. So ist es gut, mein Freund. D'Artagnan hustete. In demselben Augenblick senkte sich Porthos' Arm. Seine stählerne Faust packte rasch wie ein Blitz und fest wie eine Zange den Hals des Soldaten, preßte ihn fest zusammen, zog ihn durch die Öffnung an sich, auf die Gefahr, ihn beim Durchziehen zu ersticken, und setzte ihn auf den Boden, wo ihn d'Artagnan, indem er ihm gerade nur Zeit ließ, um Atem zu holen, mit seiner Schärpe knebelte, und daraus mit unglaublicher Geschwindigkeit auszukleiden anfing. Nun haben wir einmal ein Schwert und ein Kleid, sagte Porthos. Ich nehme beides, sprach d'Artagnan. Wollt Ihr ein anderes Schwert und ein anderes Kleid, so müßt Ihr die Geschichte noch einmal anfangen. Aufgepaßt! Ich sehe gerade den zweiten Soldaten aus der Wachtstube hervortreten und auf uns zukommen. Ich glaube, es wäre unklug, dasselbe Manöver zu wiederholen, sagte Porthos. Man kommt, sagen die Leute, nicht zweimal mit denselben Mitteln ans Ziel. Wenn ich ihn verfehlte, wäre alles verloren. Ich will hinaussteigen, ihn in dem Augenblick, wo er nicht darauf gefaßt sein wird, packen und wohl geknebelt Euch hereinreichen. Das ist besser, antwortete der Gascogner. Haltet Euch bereit, sprach Porthos und schlüpfte durch die Öffnung. Die Sache ging planmäßig vor sich. Der Riese verbarg sich am Weg des Soldaten, und als dieser an ihm vorüberkam, faßte er ihn beim Halse, knebelte ihn, stieß ihn wie eine Mumie zwischen den Gitterstangen durch und kehrte hinter ihm zurück. Hierauf entkleideten sie auch den zweiten Soldaten und banden ihn am Bett fest. Das geht vortrefflich, sagte d'Artagnan; nun probiert einmal das Kleid dieses Burschen an, Porthos. Ich zweifle, daß es Euch gut paßt; doch wenn es zu eng ist, so seid deshalb unbesorgt, das Wehrgehänge und besonders der Hut mit den roten Federn werden genügen. Da der zweite Soldat zufällig ein riesiger Schweizer war, paßte alles aufs beste. Nachdem sich die beiden Freunde angezogen hatten, sagte d'Artagnan zu den Schweizern: Was euch betrifft, Kameraden, so könnt ihr versichert sein, daß euch nichts widerfährt, wenn ihr euch vernünftig benehmen wollt. Rührt ihr euch aber, so seid ihr des Todes. Die Soldaten verhielten sich ganz still; sie hatten an Porthos' Faust bemerkt, daß die Sache sehr ernster Natur war. Nun steigen wir, Porthos, in den Hof hinab. – Ja. – Wir nehmen den Platz der zwei Burschen ein. – Gut. – Wir gehen auf und ab. – Das wird nicht übel sein, da ohnehin keine bedeutende Wärme herrscht. – In einem Augenblick ruft der Kammerdiener, wie gestern und vorgestern, nach den Leuten vom Dienste. – Wir antworten? – Im Gegenteil, wir antworten nicht. – Wie Ihr wollt, es liegt mir nichts am Antworten. – Wir antworten also nicht; wir drücken nur unsere Hüte in den Kopf und geleiten Seine Eminenz. – Wohin? – Wohin sie geht: zu Athos. Glaubt Ihr, es werde ihm unangenehm sein, uns zu sehen? – Oh, oh! ich begreife, rief Porthos. – Wartet noch, ehe Ihr schreit. Porthos; denn bei meinem Wort, Ihr seid noch nicht am Ende, versetzte der Gascogner mit spöttischem Ton. – Was soll denn noch geschehen? sprach Porthos. – Folgt mir, erwiderte d'Artagnan; Ihr werdet schon sehen. Und er schlüpfte durch die Öffnung und glitt leicht in den Hof hinab. Porthos folgte ihm auf demselben Wege, obgleich mit mehr Mühe und mit weniger Eile. Kaum hatten d'Artagnan und Porthos die Erde berührt, als eine Tür sich öffnete und ein Kammerdiener rief: Die Leute vom Dienst! Zu gleicher Zeit öffnete sich die Wachtstube, und eine andere Stimme rief: La Bruyère und Du Barthois, vorwärts! Es scheint, ich heiße La Bruyère, sagte d'Artagnan. Und ich Du Barthois, versetzte Porthos. Wo seid ihr? sagte der Kammerdiener, dessen durch das Licht geblendete Augen unsere zwei Helden nicht zu unterscheiden vermochten. Hier, antwortete d'Artagnan. Und sich gegen Porthos umwendend, fügte er hinzu: Was sagt Ihr hierzu, Herr Du Vallon? Meiner Treu! wenn das so fortgeht, sage ich, es ist hübsch. Die Fallgruben des Herrn von Mazarin Die zwei improvisierten Soldaten marschierten mit ernster Haltung hinter dem Kammerdiener. Er öffnete ihnen die Tür eines Vorplatzes, dann eine zweite, die in eine Vorhalle zu führen schien, deutete auf zwei Schemel und sagte: Der Befehl ist ganz einfach: Ihr laßt nur eine einzige Person herein, versteht ihr, nur eine einzige; nicht mehr. Dieser Person gehorcht ihr in allem. Was die Rückkehr betrifft, so wartet ihr, bis sie euch ablösen. Diesen Kammerdiener kannte d'Artagnan ganz genau. Es war kein anderer, als Bernouin, der ihn seit sechs bis acht Monaten wenigstens zehnmal beim Kardinal eingeführt hatte. Er begnügte sich also, statt aller Antwort so wenig als möglich gascognisch und so gut als möglich deutsch ja zu brummen. Was Porthos betrifft, so hatte ihm d'Artagnan das Versprechen abgenommen, nichts zu sagen. Sollte er bis aufs äußerste getrieben werden, so durfte er statt jeder Antwort »der Teufel« brummen. Bernouin entfernte sich, die Tür schließend. Oh! oh! sagte Porthos, als er den Schlüssel drehen hörte, es scheint hier Mode zu sein, die Leute einzuschließen. Mir kommt es vor, als hätten wir nur das Gefängnis vertauscht, und ich weiß nicht, ob wir dabei gewonnen haben, daß wir jetzt in der Orangerie sind. Porthos, mein Freund, sprach d'Artagnan ganz leise, zweifelt nicht an der Vorsehung und laßt mich nachsinnen und überlegen. Sinnt nach und überlegt, erwiderte Porthos in sehr schlimmer Laune, als er sah, daß sich die Dinge so und nicht anders gestalteten. Wir sind achtzig Schritte gegangen, murmelte d'Artagnan, wir sind sechs Stufen hinaufgestiegen; das ist also hier, wie soeben mein erhabener Freund Du Vallon gesagt hat, der andere Pavillon, der parallel mit dem unsern steht, und den man mit dem Namen Pavillon der Orangerie bezeichnet. Der Graf de la Fère kann folglich nicht fern von hier sein; nur sind die Türen geschlossen. Das ist eine schöne Schwierigkeit, sprach Porthos, und mit einem Schulterstoß ... Um Gottes Willen, Porthos, mein Freund, sagte d'Artagnan, spart Eure Kraftstücke, oder sie haben bei vorkommender Gelegenheit nicht mehr den ganzen Wert, den sie verdienen; habt Ihr nicht gehört, daß jemand hierher kommen wird? Allerdings. Nun, dieser Jemand wird uns die Türen öffnen. Horch, er kommt bereits. Man hörte im Vorsaal das Geräusch eines leichten Trittes. Die Angeln der Tür ächzten, und es erschien ein Mann in Reitertracht, in einen braunen Mantel gehüllt, einen großen Filzhut in die Stirn gedrückt und eine Laterne in der Hand. Porthos drückte sich an die Wand, aber er konnte sich nicht so unsichtbar machen, daß der Mann im Mantel ihn nicht bemerkt hätte. Dieser gab ihm seine Laterne und sagte: Zündet die Lampe am Plafond an. Dann sprach er zu d'Artagnan: Ihr habt den Befehl? Ja! erwiderte der Gascogner, entschlossen, sich auf dieses Muster der deutschen Sprache zu beschränken. Tedesco, murmelte der Mann in der Reitertracht. Va bene. Dann wandte er sich nach der Tür, der gegenüber, durch die er eingetreten war, öffnete sie und verschwand hinter derselben, indem er sie wieder verschloß. Und was machen wir nun? fragte Porthos. Nun bedienen wir uns unserer Schultern, wenn diese Tür geschlossen ist, Freund Porthos. Jedes Ding hat seine Zeit, und wer zu warten weiß, findet immer den rechten Augenblick. Aber zuerst verrammeln wir die erste Tür, und dann wollen wir dem Mann folgen, der soeben weggegangen ist. Die zwei Freunde schritten sogleich zur Arbeit und verrammelten die Tür mit allem Geräte, das sich im Saale fand, wodurch das Eindringen um so schwieriger wurde, als sich die Tür nach innen öffnete. Hier sind wir sicher, nicht von hinten überfallen zu werden, sagte d'Artagnan; nun wollen wir weitergehen. Sie gelangten an die Tür, durch die Mazarin verschwunden war, und fanden sie verschlossen. Vergeblich versuchte d'Artagnan, sie zu öffnen. Hier ist Gelegenheit, Euern Schulternstoß anzubringen, sagte d'Artagnan. Stoßt zu, mein Freund Porthos, aber sacht, ohne Geräusch. Zerbrecht nichts, drückt nur die Flügel auseinander. Porthos stützte seine kräftige Schulter gegen einen der Flügel, der sich bog, und d'Artagnan schob sodann die Spitze seines Schwertes zwischen die Feder und die Schließklappe des Schlosses. Die Feder gab nach, und die Tür öffnete sich. Ich sage Euch, Freund Porthos, man erhält von den Frauen und von den Türen alles, wenn man sie sanft anfasse. Ihr seid allerdings ein großer Moralist, versetzte Porthos. Laßt uns nun eintreten, sprach d'Artagnan. Sie traten ein. Hinter einem Fensterwerk, beim Schimmer der Laterne des Kardinals, die mitten auf dem Boden stand, sah man die Orangen- und Granatbäume des Schlosses Rueil in langen Reihen aufgestellt, eine große Allee und zwei kleine Seitenalleen bildend. Kein Kardinal, sagte d'Artagnan, nur seine Laterne allein. Wo zum Teufel ist er denn? Als er dann eine der Seitenalleen durchforschte, nachdem er Porthos durch ein Zeichen bedeutet hatte, dasselbe zu tun, sah er plötzlich zu seiner Linken einen aus seiner Reihe geschobenen Baumkübel und an seiner Stelle ein gähnendes Loch. Zehn Männer hätten Mühe gehabt, den Kübel von seiner Stelle zu bewegen, aber durch irgend einen Mechanismus hatte er sich mit der Platte gedreht, auf der er stand. D'Artagnan sah, wie gesagt, ein Loch und in diesem Loch die Stufen einer Wendeltreppe. Er winkte Porthos mit der Hand herbei, zeigte ihm das Loch und die Stufen. Die zwei Männer schauten sich erstaunt an. Wenn wir nichts wollten, als Gold, sprach d'Artagnan leise, so hätten wir unsere Sache gefunden und wären für immer reich. Wie dies? Begreift Ihr nicht, Porthos, daß am Fuße dieser Treppe aller Wahrscheinlichkeit nach der berühmte Schatz des Kardinals liegt, von dem man so viel spricht, und daß wir nur hinabzusteigen, eine Kasse zu leeren, den Kardinal einzuschließen, was wir an Gold schleppen könnten, fortzunehmen, diesen Orangenbaum wieder an seinen Platz zu stellen hätten, und daß niemand in der Welt uns fragen würde, woher unser Vermögen rührte, nicht einmal der Kardinal? Das wäre ein schöner Streich für gemeine Leute, sagte Porthos, aber, wie mir scheint, zweier Edelleute unwürdig. Das ist auch meine Meinung, versetzte d'Artagnan; deshalb sagte ich auch, wenn wir nur Gold wollten; aber wir wollen etwas anderes. In demselben Augenblick und als d'Artagnan seinen Kopf gegen die Höhle hinabbeugte, um zu horchen, traf ein metallischer, dumpfer Ton, wie der eines Goldsackes, den man bewegt, an sein Ohr; er bebte. Alsbald schloß sich eine Tür, und die ersten Reflexe eines Lichtes erschienen auf der Treppe. Mazarin hatte seine Lampe in der Orangerie gelassen, damit man glaube, er gehe spazieren; aber er hatte eine Wachskerze, mit der er seine unterirdische Kasse untersuchte. Ha! sagte er, während er langsam, einen rundbauchigen Sack Goldrealen betrachtend, die Stufen heraufstieg, damit könnte man fünf Parlamentsräte und zwei Pariser Generäle bezahlen. Ich bin auch ein großer Feldherr; nur führe ich den Krieg auf meine Weise. D'Artagnan und Porthos hatten sich jeder in einer Seitenallee hinter einem Kübel verborgen und warteten. Mazarin kam auf drei Schritte an d'Artagnan vorüber und stieß an eine in der Mauer verborgene Feder. Die Platte drehte sich und der von ihr getragene Orangenbaum kam von selbst wieder an seinen Platz. Dann löschte der Kardinal seine Kerze aus, steckte sie in seine Tasche, nahm seine Lampe und sprach: Nun wollen wir nach Herrn de la Fère sehen. Gut! das ist unser Weg, dachte d'Artagnan, wir gehen miteinander. Alle drei setzten sich in Marsch. Herr von Mazarin schlug die mittlere Allee ein, Porthos und d'Artagnan die gleichlaufenden an den Seiten. Der Kardinal gelangte zu einer zweiten Glastür, ohne zu bemerken, daß man ihm folgte; denn der weiche Sand machte die Tritte seiner zwei Begleiter unhörbar. Dann wandte er sich nach der linken Seite und schlug den Weg nach dem Korridor ein, den Porthos und d'Artagnan noch nicht bemerkt hatten; aber in dem Augenblick, wo er öffnen wollte, blieb er nachdenklich stehen. Ah, Diavolo! sagte er, ich vergaß, was mir Comminges empfohlen hat. Ich muß die Soldaten nehmen und an diese Tür stellen, um mich nicht der Willkür dieses verdammten Teufels preiszugeben. Und mit einer ungeduldigen Bewegung wandte er sich um, in der Absicht, auf demselben Weg zurückzugehen. Gebt Euch nicht die Mühe, Monseigneur, sagte d'Artagnan, einen Fuß vor und den Hut in der Hand, mit freundlichem Gesichte; wir sind Eurer Eminenz gefolgt und stehen nun hier. Ja, wir sind hier, sagte Porthos und machte dieselbe Gebärde eines freundlichen Grußes. Mazarin schaute ganz verwirrt den einen und den andern an, erkannte beide und ließ mit einem Seufzer des Schreckens seine Laterne fallen. D'Artagnan hob sie auf, zum Glück war sie beim Fallen nicht erloschen. Oh! welche Unklugheit! sagte d'Artagnan. Es ist nicht gut, hier ohne Licht zu gehen; Eure Eminenz könnte sich an irgend einem Kübel stoßen oder in irgend ein Loch stürzen. Herr d'Artagnan! murmelte Mazarin, der sich von seinem Erstaunen nicht erholen konnte. Ja, Monseigneur, ich selbst, und ich habe die Ehre, Euch Herrn du Vallon, diesen vortrefflichen Freund, vorzustellen, für den sich Eure Eminenz einst zu interessieren die Güte gehabt hat. Bei diesen Worten richtete d'Artagnan das Licht der Lampe nach dem heiteren Gesichte Porthos', der zu begreifen anfing und ganz stolz darauf war. Ihr wart im Begriff, zu Herrn de la Fère zu gehen, fuhr d'Artagnan fort; laßt Euch nicht durch uns abhalten, Monseigneur. Habt die Güte, uns den Weg zu zeigen; wir werden Euch folgen. Mazarin kam allmählich zur Besinnung. Seid ihr schon lange in der Orangerie, meine Herren? fragte er mit zitternder Stimme, indem er an den Besuch dachte, den er soeben seinem Schatze gemacht hatte. Porthos öffnete den Mund, um zu antworten. D'Artagnan machte ihm ein Zeichen, und Porthos' stummgebliebener Mund schloß sich wieder. Wir kommen in diesem Augenblick, Monseigneur, sagte d'Artagnan. Mazarin atmete auf; er fürchtete nicht mehr für seinen Schatz, er fürchtete nur noch für sich selbst. Ein eigenes Lächeln schwebte über seine Lippen. Vorwärts, sagte er, ihr habt mich in der Falle gefangen, und ich erkläre mich für besiegt. Ihr wollt mich um eure Freiheit bitten, nicht wahr? Ich gebe sie euch. Oh! Monseigneur, sagte d'Artagnan, Ihr seid sehr gut; aber unsere Freiheit haben wir, und wir würden Euch lieber um etwas anderes bitten. Ihr habt eure Freiheit? sprach Mazarin ganz erschrocken. Allerdings, und Ihr, Monseigneur, habt im Gegenteil die Eurige nun verloren; was wollt Ihr, Monseigneur? Es geht nach dem Kriegsgesetz, Ihr müßt sie wieder erkaufen. Mazarin fühlte einen Schauer bis in die Tiefe seines Herzens. Sein durchdringender Blick heftete sich vergebens auf das spöttische Gesicht des Gascogners und auf das seines Freundes. Beide waren im Schatten verborgen, und die Sibylle von Cumä hätte nicht darin zu lesen vermocht. Meine Freiheit wieder erkaufen? wiederholte Mazarin. Ja, Monseigneur. Und wieviel wird dies kosten, Herr d'Artagnan? Verdammt, Monseigneur, ich weiß es noch nicht. Wir werden den Grafen de la Fère darüber fragen, wenn es Eure Eminenz gütigst erlaubt. Eure Eminenz wolle daher die Gnade haben, die Tür zu öffnen, die zu ihm führt, und in zehn Minuten wird sie im klaren sein. Mazarin bebte. Monseigneur, sagte d'Artagnan, Eure Eminenz sieht, mit welchen Förmlichkeiten wir zu Werke gehen; darum sind wir aber auch genötigt, noch zu bemerken, daß wir keine Zeit zu verlieren haben. Öffnet also, Monseigneur, und erinnert Euch ein für allemal, daß Ihr in Anbetracht unserer ganz eigentümlichen Lage uns nicht grollen dürft, wenn wir bei der geringsten Bewegung, die Ihr macht, um zu entfliehen, bei dem kleinsten Schrei, den Ihr ausstoßt, um zu entkommen, zum Äußersten schreiten. Seid unbesorgt, meine Herren, erwiderte Mazarin, ich werde nichts versuchen, darauf gebe ich euch mein Ehrenwort. D'Artagnan winkte Porthos, er möge seine Wachsamkeit verdoppeln, und sprach dann, sich zu Mazarin umwendend: Wir wollen nun hineingehen, Monseigneur, wenn's Euch beliebt. Konferenzen Mazarin ließ den Riegel einer Doppeltür spielen, auf deren Schwelle Athos auf Comminges' Rat seinen erhabenen Gast zu empfangen bereit stand. Als er Mazarin erblickte, verbeugte er sich und sprach: Eure Eminenz hätte sich jeder Begleitung überheben können, denn die Ehre, die mir zu teil wird, ist zu groß, als daß ich sie vergessen sollte. Mein lieber Graf, sagte d'Artagnan, Seine Eminenz wollte uns auch nicht gerade haben. Herr du Vallon und ich bestanden jedoch, vielleicht etwas unbescheiden darauf, so groß war unser Verlangen, Euch zu sehen. Bei dieser Stimme, dem spöttischen Ton, der wohl bekannten Gebärde, die Ton und Stimme begleitete, machte Athos einen Sprung des Erstaunens. D'Artagnan! Porthos! rief er. In Person, lieber Freund. In Person, wiederholte Porthos. Was soll das bedeuten? fragte der Graf. Das soll bedeuten, antwortete Mazarin, indem er zu lächeln versuchte und sich während des Lächelns in die Lippen biß, das soll bedeuten, daß sich die Rollen verändert haben, denn statt daß diese Herren meine Gefangenen sind, bin ich der Gefangene dieser Herren, und Ihr seht mich genötigt, hier das Gesetz zu empfangen, statt es zu machen. Aber, meine Herren, ich sage euch zum voraus, wenn ihr mich nicht erwürgt, wird euer Sieg von kurzer Dauer sein. Die Reihe ist bald wieder an mir; man wird kommen ... Ah! Monseigneur, sprach d'Artagnan, droht nicht, das gibt ein schlechtes Beispiel. Wir sind doch so sanft und so artig gegen Eure Eminenz! Setzen wir alle üble Laune beiseite, entfernen wir jeden Groll und sprechen freundlich miteinander. Das ist mir ganz lieb, meine Herren, sagte Mazarin; aber in dem Augenblick, wo wir über mein Lösegeld verhandeln, sollt ihr eure Lage nicht für besser halten, als sie wirklich ist; indem ihr mich in der Falle finget, habt ihr euch mit mir gefangen. Wie wollt ihr von hier wegkommen? Seht die Gitter, seht die Türen, seht oder erratet vielmehr, wieviel Schildwachen diese Höfe füllen, und laßt uns dann einen Vergleich treffen. Ich will euch zeigen, daß ich loyal bin. Gut, dachte d'Artagnan, wir wollen uns vorsehen, er gedenkt uns einen Streich zu spielen. Ich habe euch eure Freiheit angeboten, fuhr der Minister fort, ich biete sie euch noch einmal an; wollt ihr sie? Vor einer Stunde werdet ihr entdeckt, verhaftet oder genötigt sein, mich zu töten, was ein furchtbares Verbrechen und loyaler Edelleute, wie ihr seid, ganz unwürdig wäre. Er hat recht, dachte Athos. Und wie alles, was in dieser nur von edlen Gedanken bewohnten Seele vorging, so spiegelte sich auch dieser Gedanke in seinen Augen ab. D'Artagnan aber sagte, um die Hoffnung herabzustimmen, die Athos' stillschweigendes Beipflichten in Mazarin erregt hatte: Wir werden auch nur in der äußersten Not zur Gewalt greifen. Wenn ihr dagegen, fuhr Mazarin fort, wenn ihr mich gehen laßt und eure Freiheit annehmt ... D'Artagnan unterbrach ihn mit den Worten: Wie sollen wir unsere Freiheit annehmen, da Ihr sie, wie Ihr selbst sagt, fünf Minuten, nachdem Ihr sie gegeben habt, wieder nehmen könnt? Und wie ich Euch kenne, werdet Ihr sie uns wieder nehmen, Monseigneur. Mazarin versprach hoch und teuer bei seinem Kardinals- und Ministerwort, die Freunde freizulassen. Als er damit nur den Spott des Gascogners herausforderte, versetzte er: Wohl, ich leiste Euch auf eine untrügliche, handgreifliche Weise Sicherheit. – Ah! das ist etwas anderes, sagte Porthos. – Laßt hören, sprach Athos. – Laßt hören, wiederholte d'Artagnan. – Vor allem, nehmt ihr an? sagte der Kardinal. – Erklärt uns Euern Plan, Monseigneur, und wir werden sehen. – Zieht wohl in Betracht, daß Ihr eingeschlossen, gefangen seid. – Ihr wißt, Monseigneur, entgegnete d'Artagnan, es bleibt uns immer noch ein letztes Mittel. – Welches? – Miteinander zu sterben. Mazarin bebte. Hört, fuhr er fort, am Ende des Ganges ist eine Tür, wozu ich den Schlüssel habe; diese Tür führt in den Park. Geht mit dem Schlüssel, ihr seid flink, ihr seid kräftig, ihr seid bewaffnet, und in einer Entfernung von hundert Schritten, wenn ihr euch links wendet, findet ihr die Mauer des Parks; ihr steigt darüber und seid mit drei Sprüngen auf der Straße und frei. Ich kenne euch nun hinreichend, um zu wissen, daß es, wenn man euch angreift, kein Hindernis gegen eure Flucht sein wird. Ah! bei Gott, Monseigneur, sagte d'Artagnan, das ist gut, das heiße ich sprechen. Wo ist der Schlüssel, den Ihr uns bieten wollt? Hier. Aber Monseigneur, fügte d'Artagnan bei, Ihr werdet uns wohl zu der Tür führen? Sehr gern, sprach der Minister, wenn es dessen zu eurer Beruhigung bedarf. Mazarin, der nicht so leichten Kaufes durchzukommen gehofft hatte, wandte sich ganz strahlend nach dem Gange und öffnete die Tür. Sie ging allerdings nach dem Park, was die drei Flüchtlinge an dem Nachtwind wahrnahmen, der sich im Gange fing und ihnen den Schnee ins Gesicht trieb. Teufel! Teufel! sagte d'Artagnan, es ist eine furchtbare Nacht, Monseigneur. Wir kennen die Örtlichkeiten nicht und werden nie unsern Weg finden. Da nun Eure Eminenz so viel getan hat, daß sie uns bis hierher führte ... nur noch einige Schritte, Monseigneur, geleitet uns bis zur Mauer. Es sei, sprach der Kardinal. Und gerade ausgehend, schritt er mit raschem Schritte auf die Mauer zu, an deren Fuß bald alle vier waren. Seid ihr zufrieden, meine Herren? fragte Mazarin. – Ich glaube wohl, wir müßten sonst sehr schwieriger Natur sein. Teufel, welche Ehre! Drei arme Edelleute von einem Kirchenfürsten geleitet! Doch, Monseigneur, Ihr sagtet soeben, wir wären mutig, flink und bewaffnet? – Ja. – Ihr täuscht Euch; nur ich und Herr du Vallon sind bewaffnet; der Herr Graf ist es nicht, und wenn wir irgend einer Patrouille begegneten, so könnten wir uns verteidigen müssen. – Das ist nur zu richtig. – Aber wo werden wir ein Schwert finden? – Monseigneur, sagte d'Artagnan, wird dem Grafen das seinige leihen, das ihm unnütz ist. – Sehr gern, sprach der Kardinal, ich bitte sogar den Herrn Grafen, es als Andenken von mir behalten zu wollen. – Das ist doch äußerst artig, Graf, versetzte d'Artagnan. – Ja, erwiderte Athos, ich verspreche auch, mich nie davon zu trennen. – Ein rührender Austausch! sprach d'Artagnan. Habt Ihr keine Tränen in den Augen, Porthos? – Ja, erwiderte Porthos, doch weiß ich nicht, ob dies mir die Tränen erpreßt oder der Wind. – Nun steigt hinauf, Athos, und macht geschwind. Athos gelangte, von Porthos unterstützt, der ihn wie eine Feder aufhob, auf den Kamm der Mauer. Nun springt hinab, Athos. Athos sprang und verschwand auf der andern Seite der Mauer. Seid Ihr unten? fragte d'Artagnan. – Ja. – Ohne einen Unfall? – Ganz unversehrt. – Porthos, beobachtet den Herrn Kardinal, während ich hinaufsteige; nein, ich bedarf Euer nicht, ich werde wohl allein hinaufkommen. Beobachtet nur den Herrn Kardinal. – Ich beobachte ihn, erwiderte Porthos. – Nun? ... – Ihr habt recht, es ist schwieriger, als ich glaubte. Leiht mir Euern Rücken, aber ohne von dem Herrn Kardinal abzulassen. – Ich lasse nicht von ihm ab. Porthos bot d'Artagnan seinen Rücken, und dieser war bald mit Hilfe seiner Stütze rittlings auf dem Kamm der Mauer. Mazarin gab sich den Anschein, als müßte er lachen. Seid Ihr oben? fragte Porthos. – Ja, mein Freund, und nun ... – Was nun? – Nun gebt mir den Herrn Kardinal herauf, und bei dem geringsten Schrei, den er ausstößt, erstickt ihn. Mazarin wollte schreien, aber Porthos preßte ihn mit seinen Händen zusammen und hob ihn bis zu d'Artagnan hinauf, der ihn am Kragen faßte, zu sich setzte und mit drohendem Ton zu ihm sagte: Mein Herr, springt sogleich zu dem Grafen de la Fère hinab, oder ich bringe Euch um, so wahr ich ein Edelmann bin. – Herr, Herr! rief Mazarin, Ihr brecht Euer Wort. – Ich? Wo habe ich Euch irgend etwas versprochen, Monseigneur? Mazarin stieß einen Seufzer aus und erwiderte: Ihr seid frei durch mich, mein Herr; Eure Freiheit war mein Lösegeld. Aber das Lösegeld für den ungeheuren, in der Galerie vergrabenen Schatz, zu dem man hinabsteigt, indem man an eine in der Mauer verborgene Feder drückt, wodurch ein Kübel fortgerückt und eine Treppe sichtbar wird? Sagt, Monseigneur, ist das nicht auch etwas wert? Jesus, mein Gott! versetzte Mazarin, beinahe erstickt und die Hände faltend, ich bin ein verlorener Mann. Aber ohne sich an seine Klagen zu kehren, nahm ihn d'Artagnan unter dem Arm und ließ ihn sacht in Athos' Hände hinabgleiten, der ruhig unten an der Mauer geblieben war. Sodann sagte d'Artagnan zu Porthos: Nehmt meine Hand, ich halte mich an der Mauer. Porthos machte eine Anstrengung, daß die Mauer erbebte, und gelangte ebenfalls auf die Höhe. Ich hatte nicht ganz begriffen, sagte er, aber nun begreife ich; das ist komisch. Findet Ihr? erwiderte d'Artagnan, desto besser? aber damit es bis zum Ende komisch bleibt, wollen wir keine Zeit verlieren. Und er sprang von der Mauer herab. Porthos tat dasselbe. Begleitet den Herrn Kardinal, meine Herren, sprach d'Artagnan, ich sondiere unterdessen die Gegend. Der Gascogner zog den Degen und marschierte in der Vorhut. Monseigneur, sagte er, wohin müssen wir uns wenden, um die Landstraße zu erreichen? Denkt wohl nach, ehe Ihr antwortet; denn wenn sich Eure Eminenz täuschte, so könnte dies große Unannehmlichkeiten nach sich ziehen, nicht allein für uns, sondern auch für den Herrn Kardinal. Geht an der Mauer hin, sprach Mazarin, und ihr lauft keine Gefahr, euch zu verirren. Die drei Freunde verdoppelten ihre Schritte, aber nach einigen Augenblicken waren sie genötigt, wieder langsamer zu gehen; der Kardinal vermochte ihnen, trotz des besten Willens, nicht zu folgen. Plötzlich stieß d'Artagnan an etwas Warmes, was eine Bewegung machte. Halt! ein Pferd! sagte er, ich habe ein Pferd gefunden, meine Herren. – Und ich auch, sprach Athos. – Und ich ebenfalls! rief Porthos, der dem Befehle getreu den Kardinal beständig am Arme hielt. – Das nenne ich Glück, Monseigneur, sagte d'Artagnan, gerade in der Minute, wo Eure Eminenz sich beklagte, zu Fuß gehen zu müssen. Aber in dem Augenblick, wo er diese Worte sprach, senkte sich ein Pistolenlauf auf seine Brust, und er hörte mit ernstem Tone sagen: Rührt nicht an! – Grimaud! rief d'Artagnan, Grimaud! schickt dich der Himmel? – Nein, gnädiger Herr, antwortete der ehrliche Diener, Herr Aramis hieß mich die Pferde bewachen. – Aramis ist also hier? – Ja, gnädiger Herr, seit gestern. – Und was macht ihr? – Wir lauern. – Was! Aramis ist hier? wiederholte Athos. – An der kleinen Schloßpforte. Dort war sein Posten. Ihr seid also zahlreich? – Wir sind zu sechzig. – Laß ihm melden, daß wir hier sind. – Sogleich, gnädiger Herr. Mazarin in Pierrefonds Nach Verlauf von zehn Minuten erschien Aramis, den Grimaud schnell benachrichtigt hatte, mit acht bis zehn Edelleuten. Er war ganz strahlend und warf sich seinen Freunden um den Hals. Ihr seid also frei, Brüder, frei ohne meine Hilfe? Ich habe also trotz meiner Bemühungen nichts für euch tun können? Beruhigt Euch darüber, teurer Freund; aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Es gibt noch genug zu tun. Meine Maßregeln waren doch so gut getroffen, sprach Aramis. Ich habe sechzig Mann vom Koadjutor bekommen; zwanzig bewachen die Mauern des Parks, zwanzig die Straße von Rueil nach Saint-Germain, zwanzig sind im Walde zerstreut. Auf diese Art und infolge meiner strategischen Anordnungen habe ich zwei Kuriere Mazarins an die Königin aufgefangen. Mazarin horchte. Aber Ihr habt sie doch hoffentlich ehrlicherweise an den Herrn Kardinal zurückgeschickt? fragte d'Artagnan. Selbstverständlich hat Mazarin solche Rücksicht verdient. In einer von diesen Depeschen erklärte er der Königin, die Kassen seien leer und Ihre Majestät habe kein Geld mehr; in der andern meldet er, er werde die Gefangenen nach Melun bringen lassen, da ihm Rueil nicht sicher genug scheine. Ihr begreift, lieber Freund, daß dieser letzte Brief mir gute Hoffnung gegeben hat. Ich legte mich mit sechzig Mann in den Hinterhalt, umstellte das Schloß, ließ Handpferde bereithalten, die ich Grimaud anvertraute, und erwartete euer Erscheinen. Vor morgen früh rechnete ich nicht hierauf, und ich hoffte auch nicht, euch ohne Scharmützel zu befreien. Nun seid ihr schon heute frei. Wie habt ihr es gemacht, um diesem Knauser Mazarin zu entkommen? Ihr habt euch sicher sehr über ihn zu beklagen. Im Gegenteil, sagte d'Artagnan; er hat sich sehr verbindlich gezeigt; wir verdanken ihm unsere Freiheit. Ihm? Ja; er ließ uns durch Herrn Bernouin, seinen Kammerdiener, in die Orangerie führen. Von da folgten wir ihm bis zum Grafen de la Fère. Dann bot er uns unsere Freiheit an. Wir nahmen sie an, und er trieb die Gefälligkeit so weit, daß er uns den Weg zeigte und bis zur Mauer des Parkes führte, die wir mit dem größten Glück erstiegen hatten, als wir Grimaud trafen. Ah! gut, sagte Aramis, das söhnt mich mit ihm aus, und ich wollte, er wäre da, damit ich ihm sagen könnte, ich hätte ihn einer solchen Handlung nicht für fähig gehalten. Monseigneur, sprach d'Artagnan, außer stande, länger an sich zu halten, erlaubt, daß ich Euch den Herrn Chevalier d'Herblay vorstelle, der Eurer Eminenz seine Ehrfurcht zu bezeugen wünscht. Und er zog sich zurück und machte dadurch den verwirrten Kardinal für Aramis sichtbar. Oho! rief dieser, der Kardinal! ein guter Fang! Holla! holla! Freunde! Die Pferde! die Pferde! Einige Reiter sprengten herbei. Bei Gott! rief Aramis, ich werde doch zu etwas nütze gewesen sein. Monseigneur, möge Eure Eminenz die Gnade haben, meine Huldigung in Empfang zu nehmen. Ich wette, das ist der heilige Christoph von einem Porthos, der diesen Schlag getan hat! Doch beinahe hätte ich vergessen ... Und er gab ganz leise einem Reiter einen Befehl. Ich glaube, es wäre klug, wenn wir abzögen, sagte d'Artagnan. Ja, aber ich erwarte jemand ... einen Freund von Athos. Einen Freund? sprach der Graf. Seht, dort kommt er im Galopp durch das Gesträuch. Herr Graf! Herr Graf! rief eine jugendliche Stimme. Raoul! Raoul! rief der Graf de la Fère. Einen Augenblick vergaß der junge Mann seine gewöhnliche Ehrfurcht und warf sich seinem Vater um den Hals. Seht, Herr Kardinal, wäre es nicht schade gewesen, Leute zu trennen, die sich lieben, wie wir uns lieben? Meine Herren, fuhr Athos fort, indem er sich an die Reiter wandte, die sich jeden Augenblick in größerer Zahl einstellten, meine Herren, umgebt Seine Eminenz, um ihr die schuldige Ehre zu erweisen. Der Herr Kardinal will die Ehre haben, uns seine Gesellschaft zu gönnen. Ihr werdet ihm hoffentlich dafür dankbar sein. Porthos, verliert Seine Eminenz nicht aus dem Blicke. Aramis ging hierauf zu d'Artagnan und Athos, die sich beratschlagten, und nahm an ihren Beratungen teil. Vorwärts, sprach d'Artagnan nach einer Besprechung von fünf Minuten, vorwärts, Marsch! Und wohin gehen wir? fragte Porthos. Zu Euch, lieber Freund, nach Pierrefonds; Euer schönes Schloß ist würdig, Seiner Eminenz adlige Gastfreundschaft zu bieten. Dann ist es auch sehr gut gelegen, nicht zu nahe, nicht zu fern von Paris. Man kann von dort leicht Verbindungen mit der Hauptstadt anknüpfen. Kommt, Monseigneur, Ihr werdet in jenem Schlosse wie ein Fürst sein, was Ihr auch seid. Ein entsetzter Fürst, sprach Mazarin kläglich. Der Krieg hat seine Wechselfälle, Monseigneur, erwiderte Athos, aber seid versichert, wir werden keinen Mißbrauch davon machen. Nein, aber einen Gebrauch werden wir davon machen, sprach d'Artagnan. Sie ritten die ganze Nacht mit ihrem Gefangenen fort, Grimaud war in Aramis' Auftrag vorausgeritten und hatte für frische Pferde gesorgt, und so erreichten sie zur Mittagsstunde die Allee des Schlosses von Porthos. Wir sind vier, sagte d'Artagnan zu seinen Freunden, wir lösen uns in der Bewachung Monseigneurs ab, und jeder von uns wacht drei Stunden. Athos untersucht das Schloß, das man für den Fall einer Belagerung uneinnehmbar machen muß, Porthos beaufsichtigt die Verproviantierung und Aramis das Garnisonswesen, das heißt, Athos wird Oberingenieur, Porthos Generalproviantmeister und Aramis Gouverneur des Platzes. Mittlerweile führte man Mazarin in das schönste Zimmer des Schlosses. Meine Herren, sagte er, als er hier etwas eingerichtet war, Ihr könnt nicht darauf rechnen, mich lange Zeit hier inkognito zu behalten. – Nein, Monseigneur, antwortete d'Artagnan, wir gedenken im Gegenteil so schnell als möglich bekannt zu machen, daß wir Euch in Händen haben. – Dann wird man Euch belagern. – Wir sind darauf gefaßt. – Und was werdet Ihr tun? – Wir werden uns verteidigen; morgen bekommt überdies die Pariser Armee Kunde, übermorgen ist sie hier. Statt daß die Schlacht in Saint-Denis oder in Charenton stattfindet, wird sie in Compiegne oder in Villers-Cotterets geschlagen. – Der Herr Prinz wird Euch besiegen, wie er stets gesiegt hat. – Das ist möglich, Monseigneur. Doch vor der Schlacht lassen wir Eure Eminenz nach einem andern Schlosse unseres Freundes du Vallon bringen, denn er hat drei, wie dieses. Wir wollen Eure Eminenz den Zufällen des Krieges nicht bloßstellen. – Wohl, sagte Mazarin, ich sehe, daß ich kapitulieren muß. – Vor der Belagerung? – Ja, die Bedingungen werden vielleicht besser sein. – Ah! Monseigneur, was die Bedingungen betrifft, sollt Ihr uns sehr billig finden. – Laßt hören. Sprecht Euch aus. – Ruht vorerst, Monseigneur, und wir wollen uns die Sache überlegen. – Ich bedarf der Ruhe nicht, meine Herren, ich will wissen, ob ich mich in Feindes oder Freundes Händen befinde. – In Freundes Händen, Monseigneur. – Nun, so sagt mir sogleich, was Ihr wollt, damit ich sehe, ob eine Übereinkunft unter uns möglich ist. Sprecht, Herr Graf de la Fère. – Monseigneur, sagte Athos, ich habe nichts für mich zu verlangen und hätte viel für Frankreich zu fordern. Ich enthalte mich also und übertrage das Wort an den Herrn Chevalier d'Herblay. Damit verbeugte sich Athos, machte einen Schritt rückwärts und blieb als einfacher Zuschauer der Konferenz am Kamin stehen. Sprecht doch, Herr Chevalier d'Herblay, sagte der Kardinal, was wünscht Ihr? Keine Umschweife, keine Zweideutigkeiten. Seid klar, kurz und bestimmt. – Ich, Monseigneur, ich werde ein offenes Spiel spielen. – Legt also Eure Karten auf. – Ich habe in meiner Tasche das Programm der Bedingungen, sagte Aramis, die Euch die Deputation an der ich Anteil nahm, vorgestern in Saint-Germain vorlegte. Die alten Rechte müssen vorgehen und die Forderungen, welche in dem Programm gestellt sind, bewilligt werden. – Wir waren über diese schon ziemlich einverstanden. Gehen wir also zu den besonderen Bedingungen über. – Ihr glaubt also, daß sich solche finden? versetzte Aramis lächelnd. – Ich glaube, daß Ihr nicht alle so uneigennützig seid, wie der Herr Graf de la Fère, erwiderte Mazarin, sich mit einer Verbeugung gegen Athos umwendend. – Ah! Ihr habt recht, sprach Aramis, und es macht mich glücklich, zu sehen, daß Ihr dem Grafen endlich Gerechtigkeit widerfahren laßt. – Nun, was wünscht Ihr also? – Ich wünsche, Monseigneur, daß man Frau von Longueville die Normandie verleihe, nebst voller, unbeschränkter Absolution und fünfmalhunderttausend Livres. Ich wünsche, daß Seine Majestät der König die Gnade habe, der Pate des Sohnes zu werden, den sie in den letzten Tagen geboren hat; sodann, daß Monseigneur, nachdem er der Taufe beigewohnt hat, unserm heiligen Vater, dem Papste, in Person seine Huldigung darbringe. – Das heißt, Ihr wollt, daß ich meinem Ministeramt entsage, daß ich Frankreich verlasse, daß ich mich verbanne? – Ich wünsche, daß Monseigneur bei der ersten Erledigung Papst werde, wobei ich mir vorbehalte, vollkommenen Ablaß für mich und meine Freunde von ihm zu erbitten. Mazarin machte eine unübersetzbare Grimasse. Und Ihr, mein Herr? fragte er d'Artagnan. – Ich, Monseigneur, sagte der Gascogner, ich bin in allen Punkten derselben Meinung, wie der Herr Chevalier d'Herblay, mit Ausnahme des letzten Artikels, in welchem ich gänzlich von ihm abweiche. Weit entfernt, zu wünschen, daß Monseigneur Frankreich verlasse, wünsche ich im Gegenteil, daß er erster Minister bleibe, denn Monseigneur ist ein großer Politiker. Ich werde mich sogar bemühen, soviel es von mir abhängt, ihm den Sieg über die ganze Fronde zu verschaffen, doch unter der Bedingung, daß er sich einigermaßen der treuen Diener des Königs erinnert und die erste Kompagnie der Musketiere einem, den ich bezeichnen werde, verleiht. Und Ihr, du Vallon? – Ja, nun ist es an Euch, mein Herr, sprecht. – Ich? erwiderte Porthos, ich wünschte, daß der Herr Kardinal, um mein Haus zu ehren, das ihm eine Zufluchtsstätte gewährte, die Gnade hätte, zum Andenken an dieses Abenteuer mein Gut zu einer Baronie zu erheben, mit der Zusage des Ordens für einen meiner Freunde bei der ersten Beförderung, die Seine Majestät vornehmen wird. Ihr wißt, mein Herr, daß man, um den Orden zu bekommen, Proben ablegen muß. – Dieser Freund wird sie ablegen. Überdies würde Monseigneur, wenn es durchaus notwendig wäre, ihm sagen, wie man diese Förmlichkeit umgeht. Mazarin biß sich in die Lippen. Er erwiderte ziemlich trocken: Alles das reimt sich ziemlich schlecht zusammen, wie mir scheint, meine Herren, denn wenn ich einen befriedige, mache ich notwendig die andern unzufrieden. Bleibe ich in Paris, so kann ich notwendig nicht nach Rom gehen; werde ich Papst, so kann ich nicht Minister bleiben; bin ich nicht Minister, so kann ich nicht Herrn d'Artagnan zum Kapitän und Herrn du Vallon zum Baron machen. Das ist wahr, sagte Aramis. Da ich die Minorität bilde, so nehme ich meinen Antrag in Beziehung auf die Reise nach Rom und die Entlassung von Monseigneur zurück. Ich bleibe also Minister? sagte Mazarin. Ihr bleibt Minister, das ist abgemacht, sprach d'Artagnan; Frankreich bedarf Euer. Und ich stehe von meinen Anforderungen ab, sagte Aramis. Seine Eminenz bleibt erster Minister und sogar Liebling Ihrer Majestät, wenn sie mir und meinen Freunden bewilligt, was wir für Frankreich und für uns verlangen. Beschäftigt Euch nur mit Euch, meine Herren, und laßt Frankreich sich mit mir abfinden, wie es eben kann, sprach Mazarin. Nein, nein! versetzte Aramis, es bedarf eines Vertrages für die Frondeurs. Eure Eminenz wird ihn abfassen, in unserer Gegenwart unterzeichnen und sich durch denselben Vertrag verbindlich machen, die Zustimmung der Königin zu erlangen. Ich kann nur für mich stehen, sagte Mazarin, und nicht für die Königin. Und wenn Ihre Majestät sich weigert? O! rief d'Artagnan, Monseigneur weiß wohl, daß Ihre Majestät ihm nichts zu verweigern vermag. Seht, Monseigneur, sagte Aramis, hier ist der von der Deputation der Frondeurs vorgeschlagene Vertrag; Eure Eminenz beliebe ihn zu lesen und zu prüfen. Ich kenne ihn, sprach Mazarin. So unterzeichnet. Wenn ich mich aber weigere? Ah, Monseigneur, erwiderte d'Artagnan, dann hat Eure Eminenz die Folgen ihrer Weigerung nur sich selbst zur Last zu legen. Würdet Ihr es wagen, die Hand an einen Kardinal zu legen? Monseigneur, Ihr habt sie an Musketiere Ihrer Majestät gelegt. Die Königin wird mich rächen, meine Herren. Ich glaube es nicht. Aber wir gehen mit Eurer Eminenz nach Paris, und die Pariser werden uns zu verteidigen wissen. Das ist abscheulich! murmelte Mazarin. Unterzeichnet also den Vertrag, Monseigneur, sagte Aramis. Aber wenn ich unterzeichne und die Königin sich weigert, ihn zu genehmigen? Ich übernehme es, mich zu der Königin zu begeben und ihre Unterschrift zu erlangen, entgegnete d'Artagnan. Nehmt Euch in acht, daß Euch in Saint Germain nicht der Empfang zuteil wird, den Ihr zu erwarten berechtigt seid, versetzte Mazarin. Ah, bah! erwiderte d'Artagnan, die Sache soll so eingerichtet werden, daß ich willkommen bin, denn ich weiß ein Mittel. Welches? Ich bringe Ihrer Majestät den Brief, in dem ihr Monseigneur die gänzliche Erschöpfung der Finanzen meldet. Hernach? sprach Mazarin erbleichend. Hernach, wenn ich Ihre Majestät in der größten Verlegenheit sehe, führe ich sie nach Rueil, lasse sie in die Orangerie eintreten und zeige ihr eine gewisse Feder, welche einen Kasten in Bewegung setzt. Genug, mein Herr, murmelte der Kardinal, genug. Wo ist der Vertrag? Hier, antwortete Aramis. Ihr seht, daß wir großmütig sind, sprach d'Artagnan, denn ein solches Geheimnis konnte viel einbringen. Unterzeichnet also, sagte Aramis und reichte ihm eine Feder. Mazarin stand auf und ging einige Augenblicke, mehr träumerisch als niedergeschlagen, auf und ab. Dann blieb er plötzlich stehen und unterzeichnete. Nun aber, Herr d'Artagnan, fügte er bei, haltet Euch bereit, abzureisen und einen Brief von mir an die Königin zu überbringen. Die Feder wirkt mehr als das Schwert Ehe d'Artagnan wegritt, suchte er Aramis auf und sagte zu ihm: Mein lieber Aramis, Ihr seid ein echter Frondeur. Mißtraut also Athos, der in seiner Großmut für niemand und auch für sich selbst nicht sorgen will; mißtraut auch Porthos, der, um dem Grafen zu gefallen, den er über alles bewundert, diesem behilflich sein wird, daß Mazarin entkommt, wenn Mazarin nur gescheit genug ist, zu weinen oder den Ritterlichen zu spielen. Aramis lächelte auf seine feine und zugleich entschlossene Weise. Seid unbesorgt, erwiderte er, ich habe meine Bedingungen zu stellen. Ich arbeite nicht für mich, sondern für andere, und mein kleiner Ehrgeiz soll geziemenden Ortes Früchte tragen. Gut, dachte d'Artagnan, von dieser Seite kann ich ruhig sein. Er drückte Aramis die Hand und ging dann zu Porthos, der ihm versprach, sich vor Mazarins Glastür zu pflanzen, um ihn zu bewachen, und ihm beim ersten verdächtigen Schritt das Lebenslicht auszublasen. Er drückte auch Porthos beruhigt die Hand und suchte Athos auf. Mein lieber Athos, sprach er, ich reise und habe Euch nur eins zu sagen. Ihr kennt Anna von Österreich. Die Gefangenschaft des Herrn von Mazarin allein verbürgt mein Leben. Laßt Ihr ihn frei, so bin ich tot. Dieser Gedanke allein, mein lieber d'Artagnan, kann mich zum Gewerbe eines Gefangenenwärters bestimmen. Ich gebe Euch mein Wort, daß Ihr den Kardinal finden werdet, wo Ihr ihn gelassen habt. Das beruhigt mich mehr, als alle königlichen Unterschriften, dachte d'Artagnan. Nun, da ich Athos' Wort habe, kann ich reisen. D'Artagnan reiste wirklich allein ab, ohne ein anderes Geleite, als sein Schwert, und mit einem einfachen Wort von Mazarin, um zu der Königin gelangen zu können. Sechs Stunden nach seiner Abreise von Pierrefonds befand er sich in Saint-Germain. Mazarins Verschwinden war noch unbekannt; Anna von Österreich wußte allein davon und verbarg ihre Unruhe sogar vor ihren Vertrautesten. Man hatte in d'Artagnans Zimmer die zwei geknebelten und gebundenen Soldaten gefunden; man hatte ihnen sogleich wieder zu dem Gebrauche ihrer Glieder und ihrer Sprache verholfen, aber sie vermochten nichts anderes zu sagen, als was sie wußten, das heißt, wie sie geangelt, gebunden und ausgezogen worden waren. Was jedoch Porthos und d'Artagnan später gemacht hatten, das wußten sie ebensowenig, als die andern Bewohner des Schlosses. Bernouin allein wußte ein wenig mehr, als die andern. Als Bernouin seinen Herrn nicht mehr zurückkommen sah und die Mitternachtsstunde schlagen hörte, wagte er es, in die Orangerie zu dringen. Daß er die erste Tür mit allerlei Geräte verrammelt fand, erregte bereits Verdacht bei ihm; aber er wollte diesen Verdacht niemand mitteilen und brach sich geduldig Bahn. Da gelangte er in den Gang, dessen Türen er insgesamt offen fand. Ebenso war es mit der Türe von Athos und der Parktüre. Von hier aus konnte er leicht den Tritten auf dem Schnee folgen, und er sah, daß sie nach der Mauer zu gingen; auf der andern Seite fand er dieselbe Spur, sodann Tritte von Pferden und endlich die Spuren einer ganzen Reitertruppe, die sich in der Richtung von Enghien entfernt hatte. Nun blieb ihm kein Zweifel mehr, daß die drei Gefangenen den Kardinal entführt hatten, da diese Gefangenen mit ihm verschwunden waren, und er lief deshalb nach Saint-Germain, um die Königin zu benachrichtigen. Anna von Österreich empfahl ihm Stillschweigen, und Bernouin beobachtete dieses gewissenhaft; sie ließ nur den Prinzen kommen, dem sie alles sagte, und der Prinz schickte sogleich fünf- bis sechshundert Reiter ins Feld, mit dem Befehl, die ganze Umgegend zu durchsuchen und jede verdächtige Truppe, die sich von Rueil entfernen würde, nach Saint-Germain zurückzubringen. Als d'Artagnan in den Hof des alten Schlosses gelangte, war die erste Person, die er erblickte, Bernouin, der auf der Schwelle stand und Nachrichten von seinem verschwundenen Herrn erwartete. Beim Anblick d'Artagnans, der zu Pferd in dem Ehrenhof erschien, rieb sich Bernouin die Augen, denn er glaubte sich zu täuschen. Aber d'Artagnan nickte ihm freundlich zu, stieg ab, warf den Zügel seines Pferdes einem vorübergehenden Lakaien zu und ging, mit einem Lächeln auf den Lippen, zu dem Kammerdiener. Herr d'Artagnan! rief dieser, wie ein vom Alp geplagter Mensch, der im Schlafe spricht; Herr d'Artagnan! – Er selbst, Herr Bernouin. – Und was wollt Ihr hier, gnädiger Herr? – Nachrichten von Herrn von Mazarin bringen, und zwar die allerneuesten. – Was ist denn mit ihm geschehen? – Er befindet sich wie Ihr und ich. – Es ist ihm also nichts Unangenehmes widerfahren? – Durchaus nichts. Er hat nur das Bedürfnis gefühlt, einen kleinen Ausflug in der Umgegend von Paris zu machen, und da hat er uns, den Herrn Grafen de la Fère, Herrn du Vallon und mich, gebeten, ihn zu begleiten. Wir sind gestern abend hier abgereist, und nun bin ich hier. – Ihr seid hier. – Seine Eminenz hat Ihrer Majestät etwas sagen zu lassen, eine geheime Mission, die nur einem zuverlässigen Manne anvertraut werden konnte, und so schickte er mich nach Saint-Germain. Wenn Ihr Eurem Gebieter etwas Angenehmes erweisen wollt, mein lieber Herr Bernouin, so habt die Güte, Ihrer Majestät meine Ankunft und den Zweck derselben zu melden. D'Artagnan näherte sich seiner Fürstin mit allen Zeichen der tiefsten Ehrfurcht. Drei Schritte vor ihr ließ er sich auf ein Knie nieder und überreichte ihr Mazarins Brief, der aber nichts als eine Beglaubigung des Boten enthielt. Sie fragte daher d'Artagnan, der ihr alles mit der naiven, einfältigen Miene erzählte, die er unter gewissen Umständen so geschickt anzunehmen wußte. Die Königin betrachtete ihn, während er sprach, mit wachsendem Erstaunen; sie begriff nicht, wie ein Mensch ein solches Unternehmen wagen konnte, und noch viel weniger, daß er die Kühnheit hatte, es der zu erzählen, deren Interesse und beinahe Pflicht es war, Strafe dafür zu verhängen. Wie, mein Herr, rief die Königin, rot vor Entrüstung, als d'Artagnan seinen Bericht vollendet hatte, Ihr wagt es, mir Euer Verbrechen zu gestehen, Euern Verrat zu erzählen! Verzeiht, Madame, es scheint mir, ich habe mich entweder schlecht ausgedrückt, oder Eure Majestät hat mich schlecht verstanden; es ist hier weder von einem Verbrechen, noch von einem Verrat die Rede. Herr von Mazarin hielt Herrn du Vallon und mich gefangen, weil wir nicht glauben konnten, er habe uns nach England geschickt, um dem König Karl I., dem Schwager des seligen Königs, Eures Gemahls, dem Gatten Eurer Schwägerin, ruhig den Hals abschneiden zu sehen, und weil wir alles taten, was in unsern Kräften lag, um dem königlichen Märtyrer das Leben zu retten. Wir, mein Freund und ich, waren also überzeugt, es müsse hier ein Irrtum obwalten, dessen Opfer wir seien, und eine Erklärung zwischen uns und Seiner Eminenz erschien uns unerläßlich. Soll aber eine Erklärung fruchtbar sein, so muß sie ruhig, fern vom Geräusch und von allen überzähligen Leuten stattfinden. Wir haben demzufolge den Herrn Kardinal in das Schloß meines Freundes geführt und uns dort gegenseitig erklärt. Was wir vorhergesehen hatten, erwies sich als wahr: es waltete ein Irrtum ob. Herr von Mazarin war der Meinung, wir hätten dem General Cromwell gedient, statt König Karl zu dienen, was eine Schande gewesen wäre, die sich von uns auf ihn, von ihm auf Eure Majestät übertragen hätte, eine Niederträchtigkeit, welche das Königtum Eures erhabenen Sohnes an seinem Stamm befleckt haben würde. Wir haben ihm aber nun den Beweis vom Gegenteil gegeben. Dieser Beweis befriedigte ihn so, daß er mich zum Zeichen seiner Zufriedenheit hierher geschickt hat, um mit Euch über die Entschädigung zu sprechen, die man Edelleuten schuldig ist, die schlecht beurteilt und mit Unrecht verfolgt worden sind. Ich höre und bewundere Euch, mein Herr, erwiderte Anna von Österreich. In der Tat, ich habe selten eine so maßlose Unverschämtheit gesehen. Ah! nun täuscht sich Eure Majestät ebenfalls über unsere Absichten, wie dies bei Herrn von Mazarin der Fall gewesen ist, sprach d'Artagnan, Ihr seid in einem Irrtum befangen, mein Herr, entgegnete die Königin; ich täusche mich so wenig, daß Ihr in zehn Minuten verhaftet seid, und daß ich in einer Stunde aufbreche, um meinen Minister an der Spitze meines Heeres zu befreien. Ich bin fest überzeugt, daß Eure Majestät keine solche Unklugheit begehen wird, sagte d'Artagnan. Ehe der Herr Kardinal befreit würde, wäre er tot, und Seine Eminenz ist von der Wahrheit dessen, was ich sage, so fest überzeugt, daß sie mich im Gegenteil gebeten hat, falls ich einen solchen Willen bei Eurer Majestät wahrnehmen sollte, alles zu tun, was ich vermöchte, um dieselbe von ihrem Vorhaben abzubringen. Wohl, so werde ich mich begnügen, Euch verhaften zu lassen. Ebensowenig, Madame, denn für den Fall meiner Verhaftung ist vorhergesehen, wie für die Befreiung des Kardinals. Wenn ich morgen zu einer bestimmten Stunde nicht zurückgekehrt bin, so wird der Herr Kardinal übermorgen früh nach Paris geführt. Ich glaube, sagte Anna von Österreich, auf d'Artagnan einen furchtbaren Blick werfend, Ihr bedroht die Mutter Eures Königs! Madame, ich drohe, weil man mich dazu nötigt. Glaubt mir aber, Madame, so wahr ein Herz in dieser Brust schlägt, Ihr seid das beständige Idol unseres Lebens gewesen, das wir, wie Ihr wohl wißt, zwanzigmal für Eure Majestät gewagt haben. Schaut mich an, mich, der zu Euch spricht, mich, den Ihr anklagt, daß er die Stimme erhebe und einen drohenden Ton annehme. Was bin ich? Ein armer Offizier ohne Vermögen, ohne Schutz, ohne Zukunft, wenn der Blick meiner Königin, den ich so lange gesucht habe, nicht eine Minute lang auf mir weilt. Schaut den Grafen de la Fère an, dieses Musterbild des Adels, diese Blume der Ritterschaft; er hat gegen seine Königin Partei genommen, oder nein, er hat Partei gegen ihren Minister ergriffen, und er fordert für sich nicht das geringste. Schaut Herrn du Vallon an, diesen treuen Freund, diesen stählernen Arm; seit zwanzig Jahren erwartet er aus Eurem Munde ein Wort, das mittels eines Wappens aus ihm machen soll, was er vermöge seiner Gesinnungen und Tapferkeit längst ist. Seht endlich Euer Volk an, das wohl etwas für eine Königin bedeutet; Euer Volk, das Euch liebt und dennoch leidet; das Ihr liebt, und das dennoch Hunger hat; das nichts anderes verlangt, als Euch zu segnen, und das Euch dennoch ... Nein, ich habe unrecht; Euer Volk wird Euch nie fluchen, Madame. Sagt ein Wort, und alles ist abgetan. Der Friede folgt auf den Krieg, die Freude auf die Tränen, das Glück auf das Ungemach. Anna von Österreich betrachtete mit einem gewissen Erstaunen das martialische Gesicht d'Artagnans, auf dem ein seltsamer Ausdruck von Rührung zu lesen stand. Warum habt Ihr dies alles nicht gesagt, ehe Ihr handeltet? entgegnete sie. Weil wir Eurer Majestät etwas zu beweisen hatten, woran sie zu zweifeln schien; daß wir nämlich noch etwas Mut besitzen, und daß es billig ist, uns einigen Wert beizumessen. Und dieser Mut würde vor nichts zurückweichen, wie ich sehe? erwiderte Anna von Österreich. Er ist in vergangenen Zeiten vor nichts zurückgewichen, warum sollte er dies in der Zukunft tun? Und dieser Mut würde im Fall einer Weigerung und folglich im Fall eines Kampfes sogar mich aus der Mitte meines Hofes entführen, um mich der Fronde auszuliefern, wie Ihr meinen Minister ausliefern wollt? Wir haben nie daran gedacht, Madame; hätten wir es aber unter uns vieren beschlossen, so würden wir es sicherlich auch ausführen. Ich mußte es wissen, murmelte Anna von Österreich; es sind eherne Männer. Ah! Madame, sprach d'Artagnan, das beweist mir, daß Eure Majestät nicht erst seit heute einen richtigen Begriff von uns hat. Gut, sagte Anna, wo ist der Vertrag? Hier. Anna von Österreich warf ihre Augen auf den Vertrag, den ihr d'Artagnan hinreichte. Ich sehe hier nur die allgemeinen Bedingungen, sagte sie. Die Interessen des Herrn von Conti, des Herrn von Bouillon, des Herrn von Elboeuf und des Koadjutors sind festgesetzt, aber die Eurigen? Wir überschätzen uns nicht, Madame. Wir wollten unsere Namen nicht auf einen Staatsvertrag setzen. Aber ich denke, Ihr habt nicht darauf verzichtet, mir Eure Ansprüche mündlich vorzutragen. Ich glaube, daß Ihr eine große und mächtige Königin seid, Madame, und daß es Eurer Größe und Macht unwürdig wäre, diejenigen nicht auf geziemende Weise zu belohnen, die Seine Eminenz nach Saint-Germain zurückbringen werden. Das ist meine Absicht, erwiderte die Königin; sprecht, laßt hören. Der, welcher in der Angelegenheit unterhandelte, muß, wenn die Belohnung nicht unter Eurer Majestät stehen soll, Chef der Garden, etwa Oberst der Musketiere werden. Was Ihr da verlangt, ist die Stelle des Herrn von Treville. Die Stelle ist erledigt, Madame, und seit einem Jahr, seit Herr von Treville quittiert hat, nicht wiederbesetzt worden. Aber es ist eines der ersten militärischen Ämter des königlichen Hauses. Herr von Treville war ein einfacher Junker aus der Gascogne, wie ich, Madame, und hat diese Stelle seit zwanzig Jahren inne. Ihr habt auf alles eine Antwort, mein Herr, sprach Anna von Österreich. Und sie nahm von einem Schreibtisch ein Patent, das sie ausfüllte und unterzeichnete. Aber dies genügte dem Klugen, der den Wechsel der Hofgunst kannte, noch nicht. Er bestand auf einer sicheren runden Summe, und die Königin unterzeichnete nach einigem Sträuben eine Anweisung auf hunderttausend Taler. Ebenso genehmigte die Königin die Baronie für Porthos und die Forderungen Aramis'. Athos wollte sie, da er nichts verlangte, dadurch ehren, daß sie Raoul ein Regiment gab. Noch immer sträubte sie sich aber, die Unterschrift des Vertrages mit den Parisern zu vollziehen; auch diese, die sie auf den nächsten Tag verschieben wollte, rang ihr der schlaue Gascogner endlich ab. Aber kaum hatte sie unterzeichnet, als der Stolz wie ein Sturm in ihr losbrach und sie zu weinen anfing. D'Artagnan schauerte, als er diese Tränen sah. In jener Zeit weinten die Königinnen wie einfache Frauen. Der Gascogner schüttelte den Kopf. Diese königlichen Tränen schienen ihn auf dem Herzen zu brennen. Madame, sagte er niederknieend, schaut den unglücklichen Edelmann an, der zu Euern Füßen liegt; er bittet Euch, zu glauben, daß ihm an Eurem Wohlgefallen alles liegt. Zum Beweise soll Eure Majestät Herrn von Mazarin ohne Bedingungen zurücknehmen. Nehmt, Madame, hier sind die heiligen Unterschriften Eurer Majestät zurück; Ihr seid zu nichts mehr verbunden. Es gibt Augenblicke, wo in den trockensten und kältesten Herzen ein edles Gefühl keimt. Anna von Österreich hatte einen dieser Augenblicke. D'Artagnan hatte, von seiner eigenen Gemütsbewegung hingerissen, die mit der der Königin im Einklang stand, ein diplomatisches Meisterstück getan. Ihr hattet recht, mein Herr, sprach Anna, ich verkannte Euch. Hier sind die unterzeichneten Urkunden, die ich Euch aus freiem Antrieb zurückgebe; geht und bringt uns so schnell als möglich den Kardinal zurück. Madame, sprach d'Artagnan, vor zwanzig Jahren, mein gutes Gedächtnis erinnert mich daran, habe ich die Ehre gehabt, hinter einem Vorhang des Stadthauses eine dieser schönen Hände zu küssen. Hier ist die andere, sagte die Königin, und damit die linke nicht minder freigebig sei, als die rechte, – sie zog von ihrem Finger einen dem ersten ähnlichen Diamanten – nehmt und behaltet diesen Ring zum Andenken an mich. Madame, sprach d'Artagnan sich erhebend, ich habe nur noch einen einzigen Wunsch, nämlich, daß das erste, was Ihr von mir verlangt, mein Leben sein möge. Und d'Artagnan entfernte sich mit der ihm eigenen edlen Haltung. Ich habe diese Männer verkannt, sagte Anna von Österreich, d'Artagnan nachschauend, und nun ist es für mich zu spät, sie zu benutzen, denn in einem Jahr ist der König volljährig. Fünfzehn Stunden nachher brachten d'Artagnan und Porthos Herrn von Mazarin der Königin zurück und erhielten der eine sein Patent als Kapitän-Leutnant, der andere sein Diplom als Baron. Nun, seid ihr zufrieden? fragte Anna von Österreich. D'Artagnan verbeugte sich, Porthos drehte sein Diplom zwischen den Fingern hin und her und schaute Mazarin an. Was gibt es denn noch? fragte der Minister. – Monseigneur, es ist von dem Versprechen eines Ordens bei der ersten Beförderung die Rede gewesen. – Ihr wißt, Herr Baron, daß man nicht Ritter des Ordens sein kann, ohne seine Proben abzulegen, entgegnete Mazarin. – Oh! rief Porthos, ich habe das blaue Band nicht für mich verlangt. – Für wen denn? fragte Mazarin. – Für meinen Freund, den Grafen de la Fère. – Ah! für ihn, sprach die Königin; das ist etwas anderes, die Proben sind abgelegt. – Er wird ihn haben? – Er hat ihn. An demselben Tag wurde der Vertrag von Paris unterzeichnet, und man machte überall bekannt, der Kardinal habe sich drei Tage lang eingeschlossen, um ihn sorgfältiger auszuarbeiten. Der Vertrag befriedigte die Wünsche fast aller frondierenden Großen; nur der Koadjutor erhielt nichts; man versprach ihm wohl, in Betreff seines Kardinalshutes mit dem Papst zu verhandeln, aber er wußte, was man von solchen Versprechungen zu halten hatte, wenn sie von der Königin und Herrn von Mazarin kamen. Als sich ganz Paris über die auf den folgenden Tag bestimmte Rückkehr des Königs freute, war daher Herr von Gondi allein inmitten der allgemeinen Heiterkeit so schlechter Laune, daß er sogleich zwei Männer rufen ließ, die er, sobald er sich in dieser Stimmung befand, rufen zu lassen pflegte. Diese zwei Männer waren der Graf von Rochefort und der Bettler von Saint-Eustache. Sie erschienen mit ihrer gewöhnlichen Pünktlichkeit, und der Koadjutor brachte einen Teil der Nacht mit ihnen zu. Die Rückkehr nach Paris Während d'Artagnan und Porthos den Kardinal nach Saint-Germain führten, waren Athos und Aramis, welche dieselben in Saint-Denis verlassen hatten, nach Paris zurückgekehrt. Jeder von ihnen hatte seinen Besuch zu machen. Kaum hatte Aramis seine Reiterkleider abgelegt, so eilte er in das Stadthaus, wo sich Frau von Longueville befand. Bei der ersten Kunde vom Frieden stieß die schöne Herzogin eine laute Verwünschung aus. Der Krieg machte sie zur Königin, der Frieden führte ihre Abdankung herbei. Sie erklärte, daß sie nie den Vertrag unterzeichnen würde und den Krieg nie aufhören lassen wollte. Als ihr jedoch Aramis diesen Frieden in seinem wahren Lichte, nämlich mit seinen Vorteilen dargestellt, als er ihr statt ihres zweifelhaften und bestrittenen Königtums von Paris das Vizekönigtum der ganzen Normandie vorhielt, als er die vom Kardinal versprochenen fünfmalhunderttausend Franken an ihren Ohren klingeln und vor ihren Augen die Ehre glänzen ließ, die ihr der König erwies, indem er ihr Kind über die Taufe hob, da protestierte Frau von Longueville nur noch infolge der Gewohnheit, zu protestieren, welche die hübschen Frauen an sich haben, und verteidigte sich nur, um sich zu ergeben. Aramis stellte sich, als glaube er an die Wahrheit ihres Widerstandes, und wollte sich in seinen eigenen Augen das Verdienst nicht nehmen, sie überredet zu haben. Madame, sagte er zu ihr, Ihr wolltet einmal den Herrn Prinzen, Euern Bruder, den größten Feldherrn unserer Zeit, tüchtig klopfen, und wenn die Frauen von Genie einmal etwas wollen, so gelingt es ihnen immer. Es ist Euch gelungen; der Herr Prinz ist geschlagen, da er nicht mehr Krieg führen kann. Nun zieht ihn auf unsere Partei herüber, macht ihn ganz sacht von der Königin los, die er nicht liebt, und von Herrn von Mazarin, den er verachtet. Die Fronde ist eine Komödie, von der wir bis jetzt nur den ersten Akt gespielt haben. Wir wollen sehen, wie es Mazarin im zweiten Akte, von dem Tage ab, wo der Herr Prinz infolge Eures Zuredens sich gegen den Hof gewendet haben wird, gehen wird. Frau von Longueville ließ sich überreden. Diese herzogliche Frondeuse war so fest von der Gewalt ihrer schönen Augen überzeugt, daß sie durchaus nicht an ihrem Einflüsse sogar auf Herrn von Condé zweifelte, und die Skandalchronik jener Zeit sagt, sie habe sich nicht zu viel zugetraut. Als Athos seinen Freund Aramis auf der Place-Royale verließ, begab er sich zu Frau von Chevreuse. Hier war abermals eine Frondeuse zu überreden; aber diese war schwerer zu besiegen, als ihre junge Rivalin. Man hatte keine Bedingung zu ihren Gunsten festgesetzt. Herr von Chevreuse war nicht zum Gouverneur irgend einer Provinz ernannt worden, und wenn die Königin sich herbeiließ, Patin zu werden, so konnte es nur bei ihrem Enkel oder ihrer Enkelin sein. Beim ersten Wort vom Frieden runzelte also Frau von Chevreuse die Stirne, und trotz aller Logik von Athos, der ihr zu beweisen suchte, daß ein längerer Krieg unmöglich sei, bestand sie auf Fortsetzung der Feindseligkeiten. Schöne Freundin, sprach Athos, erlaubt mir, Euch zu bemerken, daß alle des Krieges müde sind, daß, Euch und den Koadjutor vielleicht ausgenommen, jeder den Frieden wünscht. Ihr werdet machen, daß man Euch verbannt, wie zur Zeit des Königs Ludwig XIII. Glaubt mir, wir haben das Alter der Erfolge in der Intrigue hinter uns, und Eure schönen Augen sind nicht dazu bestimmt, in Tränen über Paris zu erlöschen, wo es stets zwei Königinnen geben wird, solange Ihr da seid. Oh, sagte die Herzogin, ich kann den Krieg nicht allein führen, aber ich kann mich an dieser undankbaren Königin und an dem ehrgeizigen Günstling rächen, und so wahr ich Herzogin bin, ich werde mich rächen! Madame, sprach Athos, ich bitte Euch dringend, bereitet Herrn von Bragelonne keine schlimme Zukunft. Er ist in die Welt getreten, der Prinz will ihm wohl, er ist jung, lassen wir ihn bei dem jungen König seinen Platz einnehmen. Ach, entschuldigt meine Schwäche, Madame; es kommt ein Augenblick, wo der Mensch in seinen Kindern wieder auflebt und jung wird. Die Herzogin lächelte halb zärtlich, halb ironisch. Graf, sagte sie, Ihr seid, muß ich fürchten, für die Partei des Hofes gewonnen. Habt Ihr nicht irgend ein blaues Band in Eurer Tasche? Ja, Madame, sprach Athos, ich habe den Hosenbandorden, den mir der König Karl einige Tage vor seinem Tod gegeben hat. Der Graf sprach die Wahrheit. Er wußte nichts von der Bitte Porthos', und es war ihm nicht bekannt, daß er noch einen andern Orden hatte, als diesen. Ei nun, man muß sich darein finden, schließlich alt zu werden, sprach die Herzogin träumerisch. Athos nahm ihre Hand und küßte sie. Sie seufzte und schaute ihn an. Graf, sagte sie, Bragelonne muß ein reizender Aufenthalt sein. Ihr seid ein Mann von Geschmack, Ihr müßt Wasser, Wald, Blumen haben. Sie seufzte abermals und stützte ihren reizenden Kopf auf ihre kokett zurückgebogene und in Bezug auf Form und Weiße immer noch bewundernswürdig hübsche Hand. Madame, erwiderte der Graf, was sagtet Ihr soeben? Nie habe ich Euch so jung, nie habe ich Euch so schön gesehen. Die Herzogin schüttelte den Kopf und sprach: Bleibt Herr von Bragelonne in Paris? – Was denkt Ihr davon? fragte Athos. – Laßt ihn mir, versetzte die Herzogin. – Nein, Madame, wenn Ihr die Geschichte von Ödipus vergessen habt, so erinnere ich mich derselben. – In der Tat, Graf, Ihr seid sehr artig, und ich würde gern einen Monat in Bragelonne leben. – Fürchtet Ihr nicht, mir viele Neider zuzuziehen, Herzogin? erwiderte Athos. – Nein, ich werde inkognito reisen, Graf, unter dem Namen Marie Michon. – Ihr seid anbetungswürdig, Madame. – Aber laßt Raoul nicht bei Euch. – Warum dies? – Weil er verliebt ist. – Er, ein Kind? – Er liebt auch ein Kind. Athos wurde träumerisch. Ihr habt recht, Herzogin; diese seltsame Liebe für ein Kind kann ihn eines Tages sehr unglücklich machen. In Flandern wird's einen Feldzug geben, und er soll dahin gehen. Bei seiner Rückkehr schickt Ihr ihn mir, und ich werde ihn gegen die Liebe panzern. Ach! Madame, sprach Athos, heutzutage ist die Liebe wie der Krieg, und der Panzer ist nutzlos geworden. In diesem Augenblick trat Raoul ein. Er meldete dem Grafen und der Herzogin, der Graf von Guiche, sein Freund, habe ihm mitgeteilt, am nächsten Tag werde der feierliche Einzug des Königs, der Königin und des Ministers stattfinden. Am andern Morgen bei Tagesanbruch traf der Hof feierlich alle Vorkehrungen, um Saint-Germain zu verlassen. Die Königin hatte schon am Abend vorher d'Artagnan kommen lassen. Mein Herr, sagte sie zu ihm, man versichert mir, Paris sei nicht ruhig. Mir ist bange für den König; stellt Euch an den Kutschenschlag rechts. Eure Majestät mag unbesorgt sein, erwiderte d'Artagnan, ich stehe für den König. Und sich vor der Königin verbeugend, trat er ab. Als d'Artagnan die Königin verließ, sagte ihm Bernouin, der Kardinal erwarte ihn in wichtigen Angelegenheiten. Er begab sich sogleich zum Kardinal. Mein Herr, sagte Mazarin, man spricht von einer Meuterei in Paris. Ich werde links vom König sitzen, und da ich hauptsächlich bedroht bin, so haltet Euch am Kutschenschlage links. Eure Eminenz beruhige sich, erwiderte d'Artagnan, man wird kein Haar von ihrem Haupte berühren. Teufel! murmelte er, als er im Vorzimmer war, wie soll ich mich da herausziehen? Ich kann nicht zugleich am Kutschenschlage links und an dem rechts sein. Ah, bah! ich bewache den König, und Porthos bewacht den Kardinal. Diese Anordnung befriedigte alle, was ziemlich selten vorkommt. Die Königin hatte Zutrauen zu dem Mute d'Artagnans, den sie kannte, und Mazarin zu der Tapferkeit Porthos', die er erprobt hatte. Der Zug setzte sich nach Paris in einer zuvor bestimmten Folge in Bewegung. Guitaut und Comminges marschierten an der Spitze der Garden voraus. Dann kam der königliche Wagen; an einem Schlage ritt d'Artagnan, am andern Porthos. Hierauf folgten die Musketiere, die alten Freunde d'Artagnans seit zweiundzwanzig Jahren. Als man an die Barriere gelangte, wurde der Wagen von einem gewaltigen: Es lebe der König! Es lebe die Königin! begrüßt. Einige Rufe: Es lebe Mazarin! mischten sich darein, fanden aber kein Echo. Man begab sich nach Notre-Dame, wo das Tedeum gesungen werden sollte. Die ganze Bevölkerung von Paris war auf den Straßen. Man hatte die Schweizer am Wege als Spaliere aufgestellt. Da aber der Weg lang war, so standen sie immer auf sechs bis acht Schritte Entfernung voneinander und nur einen Mann hoch. Der Wall war also durchaus ungenügend, und von Zeit zu Zeit hatte der Damm, von einer Volkswoge durchbrochen, die größte Mühe, sich wiederherzustellen. Bei jedem Durchbruch, so wohlwollend er auch war, denn er rührte von dem Verlangen der Pariser her, ihren König und ihre Königin wiederzusehen, deren sie seit einem Jahre beraubt gewesen waren, schaute Anna von Österreich d'Artagnan besorgt an; dieser aber beruhigte sie mit einem Lächeln. Mazarin, der um einige Lebehochrufe auf sich selbst wohl tausend Louisd'or ausgegeben und die Rufe, die er gehört, nicht zu zwanzig Pistolen angeschlagen hatte, schaute Porthos ebenfalls unruhig an; aber der riesige Garde antwortete auf diesen Blick mit einer so schönen Baßstimme: Seid unbesorgt, Monseigneur! daß sich Mazarin beruhigte. Als man zum Palais-Royal gelangte, fand man die Volksmenge immer zahlreicher. Sie war durch alle anliegenden Straßen auf diesen Platz geströmt, und man sah die ganze Masse wie einen breiten, aufgeregten Strom dem Wagen entgegenkommen und sich stürmisch in die Rue Saint-Honoré wälzen. Als man den Platz erreichte, erschollen mächtige Rufe: Es leben Ihre Majestäten! Mazarin legte sich aus dem Kutschenschlag; zwei oder drei Rufe: Es lebe der Kardinal! begrüßten seine Erscheinung; doch fast in demselben Augenblick wurden sie durch Pfeifen und Zischen unbarmherzig erstickt. Mazarin erbleichte und warf sich rasch zurück. Kanaillen! murmelte Porthos. D'Artagnan sagte nichts; aber er kräuselte seinen Schnurrbart mit einer eigentümlichen Gebärde, welche andeutete, daß seine gascognische Galle zu kochen begann. Anna von Österreich neigte sich an das Ohr des jungen Königs und flüsterte ihm zu: Macht ein freundliches Gesicht und richtet ein paar Worte an Herrn d'Artagnan, mein Sohn. Der König neigte sich aus dem Kutschenschlag und sagte: Ich habe Euch noch nicht guten Morgen gewünscht, Herr d'Artagnan, und doch erkannte ich Euch gar wohl. Ihr wart hinter meinen Bettvorhängen in der Nacht, als die Pariser mich schlafen sehen wollten. Und wenn es der König erlaubt, versetzte d'Artagnan, so werde ich bei ihm sein, so oft er einer Gefahr preisgegeben ist. Mein Herr, sagte Mazarin zu Porthos, was würdet Ihr tun, wenn sich das Volk auf uns stürzte? Ich würde so viele, als ich könnte, totschlagen, erwiderte Porthos. Hm! murmelte Mazarin, so brav und stark Ihr auch seid, so vermöchtet Ihr doch nicht alle totzuschlagen. Das ist wahr, sagte Porthos, sich auf den Steigbügeln erhebend, um die unermeßliche Menge besser zu überschauen, das ist wahr, es sind ihrer viele. Ich glaube, der andere wäre mir lieber, sprach Mazarin, und warf sich wieder in den Hintergrund des Wagens zurück. Die Königin und ihr Minister hatten Ursache, sich einigermaßen beunruhigt zu fühlen, wenigstens der letztere. Obschon die Menge den äußern Anschein von Achtung und sogar von Zuneigung für den König und die Regentin beobachtete, so begann sie doch, sich stürmisch zu bewegen. Man hörte jenes dumpfe Getöse, das, wenn es über die Wellen hinstreift, Sturm anzeigt, und, wenn es über die Volksmenge hinzieht, Aufruhr verkündigt. D'Artagnan wandte sich gegen die Musketiere um und machte, mit den Augen blinzelnd, ein für das Volk unmerkliches, aber für diese brave Elite sehr verständliches Zeichen. Die Reihen der Pferde schlossen sich aneinander an, und ein leichtes Beben durchlief die Männer. An der Barriere des Sergents war man genötigt, Halt zu machen; Comminges verließ die Spitze der Eskorte und kam an den Wagen der Königin. Die Königin fragte d'Artagnan mit dem Blick. D'Artagnan antwortete ihr in derselben Sprache. Geht vorwärts, sagte die Königin. Comminges ging wieder an seinen Posten. Man machte einen Anlauf, und die lebendige Barriere wurde mit Gewalt durchbrochen. Da erhob sich aus der Menge dumpfes Gemurre, das diesmal ebensowohl an den König, als an seinen Minister gerichtet war. Vorwärts, rief d'Artagnan mit voller Stimme. Vorwärts, wiederholte Porthos. Aber als hätte die Menge nur diese Kundgebung erwartet, um zu beginnen, so machten sich jetzt auf einmal alle feindseligen Gesinnungen, die sie bis jetzt zurückgehalten hatte, Luft. Das Geschrei: Nieder mit Mazarin! Tod dem Kardinal! erscholl von allen Seiten. Zu gleicher Zeit wälzte sich durch die Straßen Grenelle-Saint-Honoré und du Coq eine doppelte Woge hervor, durchbrach das schwache Spalier der Schweizer-Garden und trieb seinen ungestümen Wirbel bis zu den Beinen der Pferde von d'Artagnan und Porthos. Dieser neue Einbruch war gefährlicher als die andern, denn er bestand aus Leuten, die besser bewaffnet erschienen, als es die Leute aus dem Volk in solchen Fällen gewöhnlich sind. Man sah, daß diese letzte Bewegung keine Wirkung des Zufalls war, der eine gewisse Anzahl von Unzufriedenen aus demselben Punkte vereinigt, sondern die Wirkung eines feindseligen Geistes, der einen Angriff organisiert hatte. Diese beiden Massen hatten auch jede ihren Anführer. Der eine schien nicht dem Volke, sondern der ehrenwerten Körperschaft der Bettler anzugehören, während man in dem andern, obgleich er sich als Mann des Volkes zu geben suchte, leicht einen Edelmann erkennen konnte. Beide handelten offenbar von einem und demselben Impulse getrieben. Es entstand eine lebhafte Erschütterung, die sich bis in den königlichen Wagen fühlbar machte. Dann erschollen tausend Rufe, die einen ungeheuren Lärm machten, und dazwischenhinein ein paar Flintenschüsse. Herbei, Musketiere! rief d'Artagnan. Die Eskorte trennte sich in zwei Reihen; die eine ritt auf die rechte Seite des Wagens, die andere auf die linke, die eine kam d'Artagnan, die andere Porthos zu Hilfe. Nun entspann sich ein Handgemenge, das um so furchtbarer war, weil es kein bestimmtes Ziel hatte, und um so trauriger erschien, als man nicht wußte, warum und für wen man sich schlug. Wie alle Bewegungen des großen Haufens, so war der Anlauf dieser Menge furchtbar; durchaus nicht zahlreich und schlecht aneinandergereiht, begannen die Musketiere, die ihre Pferde unter dieser Volksmasse nicht gehörig ausgreifen lassen konnten, in Unordnung zu geraten. D'Artagnan wollte die Vorhänge des Wagens herablassen, aber der junge König streckte den Arm aus und sprach: Nein, Herr d'Artagnan, ich will sehen. Wenn Eure Majestät sehen will, erwiderte d'Artagnan, nun wohl, so mag sie schauen! Und sich mit jenem Ungestüm umwendend, das ihn so furchtbar machte, drang d'Artagnan auf den Anführer der Meuterer ein, der, eine Pistole in der einen, ein breites Schwert in der andern Hand, sich bis zum Kutschenschlag, mit zwei Musketieren kämpfend, Bahn gebrochen hatte. Platz, Mord und Tod! rief d'Artagnan, Platz! Bei dieser Stimme hob der Mann mit der Pistole und dem breiten Schwerte den Kopf in die Höhe: aber es war bereits zu spät: d'Artagnan hatte seinen Streich geführt; sein Degen war tief in die Brust gedrungen. Ah, Ventre-Saint-gris ! rief d'Artagnan, indem er zu spät seinen Streich zurückzuhalten suchte, was zum Teufel, macht Ihr hier, Graf? Ich mußte mein Geschick erfüllen, erwiderte Rochefort, auf ein Knie fallend; ich habe mich bereits von dreien Eurer Schwertstreiche erhoben; von dem vierten aber werde ich mich nicht erheben. Graf, sagte d'Artagnan mit einer gewissen Rührung, ich habe geschlagen, ohne zu wissen, daß Ihr es wart. Es wäre mir sehr leid, wenn Ihr sterben und mit Gefühlen des Hasses gegen mich verscheiden solltet. Rochefort reichte d'Artagnan die Hand; d'Artagnan nahm sie. Der Graf wollte sprechen, aber ein Blutstrom erstickte seine Worte. Er streckte sich in einem letzten Krampfe aus und verschied. Zurück, Kanaillen! rief d'Artagnan. Euer Anführer ist tot, und Ihr habt nichts mehr hier zu schaffen. Und wirklich, als wäre der Graf von Rochefort die Seele des Angriffes gewesen, der nach dieser Seite der königlichen Karosse gerichtet war, ergriff der ganze Volkshaufe, der ihm gefolgt war und ihm gehorchte, die Flucht, als er ihn fallen sah. D'Artagnan machte mit etwa zwanzig Musketieren einen Einfall in die Rue du Coq, und dieser Teil des Aufruhrs verschwand wie eine Rauchwolke, indem er sich auf der Place Saint-Germain-l'Auxerrois zerstreute und bald auf den Quais verlor. D'Artagnan kehrte zurück, um Porthos Hilfe zu leisten, im Fall er solcher bedürfen sollte. Aber Porthos hatte seine Arbeit ebenso gewissenhaft vollbracht, als d'Artagnan. Die linke Seite der Karosse war nicht minder gut abgefegt, als die rechte, und man hob den Vorhang des Kutschenschlags empor, den Mazarin, minder kriegerisch als der König, vorsichtig herabgelassen hatte. Porthos sah äußerst schwermütig aus. Was für ein Teufelsgesicht macht Ihr denn, Porthos, und welch eine sonderbare Miene habt Ihr für einen Sieger? rief d'Artagnan. – Aber Ihr selbst, versetzte Porthos, Ihr kommt mir sehr bewegt vor? – Es ist auch Grund dazu vorhanden; denn ich habe soeben einen alten Freund getötet. – Wirklich? sprach Porthos. Wen denn? – Den armen Grafen von Rochefort. – Nun, das ist gerade wie bei mir. Ich habe einen Menschen getötet, dessen Gesicht mir unbekannt ist. Leider schlug ich ihn an den Kopf, und in einem Augenblick war das ganze Gesicht voll Blut. – Und er hat im Fallen nichts gerufen? – Doch; er sagte Uf! – Ich begreife, versetzte d'Artagnan, der sich des Lachens nicht enthalten konnte, ich begreife, daß es Euch nicht sehr ins klare brachte, wenn er weiter nichts gesagt hat. Nun, mein Herr? fragte die Königin. Madame, erwiderte d'Artagnan, die Straße ist vollkommen frei, und Eure Majestät kann ihren Weg fortsetzen. Der Zug gelangte nun ohne irgend einen andern Unfall zu der Notre-Dame Kirche, unter deren Portal die Geistlichkeit, mit dem Koadjutor an der Spitze, den König, die Königin und den Minister erwartete, für deren glückliche Rückkehr ein Te deum gesungen werden sollte. Während des Gottesdienstes und im Augenblick, wo er seinem Ende nahte, kam ein Straßenjunge ganz bestürzt in die Kirche gelaufen, eilte in die Sakristei, kleidete sich rasch als Chorknabe, durchschritt mit Hilfe der ehrwürdigen Uniform, die er angezogen, die Menge, die den Tempel füllte, und näherte sich Bazin, der in seinem blauen Gewand und mit dem silberverzierten Fischbeinstab in der Hand mit ernster Miene dem Schweizer am Eingang des Chors gegenüberstand. Bazin fühlte, daß man ihn am Rocke zog. Er senkte seine voll Andacht zum Himmel aufgeschlagenen Augen zu Boden und erkannte Friquet. Nun, Bursche, fragte der Mesner, was gibt es denn, daß du es wagst, mich in der Ausübung meiner Funktionen zu stören? – Herr Bazin, antwortete Friquet, Herr Maillard, Ihr wißt, der Weihwassergeber von Saint-Eustache ... – Ja, weiter? – Er hat bei der Fechterei einen Schwertstreich auf den Kopf bekommen. Der große Riese, den Ihr dort seht, der mit den vielen Stickereien hat ihm denselben gegeben. – Ja, und in diesem Fall muß er was Ordentliches abgekriegt haben, sprach Bazin. – So Ordentliches, daß er stirbt und gern vor seinem Tode dem Herrn Koadjutor beichten möchte, der, wie man sagt, die Macht besitzt, die groben Sünden zu vergeben. – Und er bildet sich ein, der Koadjutor werde sich seinetwegen stören lassen? – Ja, allerdings, denn es scheint, der Herr Koadjutor hat es ihm versprochen. – Wer sagt dir das? – Herr Maillard selbst. – Du hast ihn also gesehen? – Gewiß, ich war dabei, als er fiel. – Was hast du dort gemacht? – Ich schrie: Nieder mit Mazarin! Tod dem Kardinal! Den Italiener an den Galgen! Sagtet Ihr nicht, ich soll das schreien? – Willst du wohl schweigen, dummer Kerl! sprach Bazin und schaute unruhig umher. – Der arme Herr Maillard sagte also: Hole mir den Koadjutor, Friquet, und wenn Du mir ihn bringst, so mache ich dich zu meinem Erben. Denkt doch, Vater Bazin: der Erbe von Herrn Maillard, dem Weihwassergeber in Saint-Eustache! Ich kann jetzt für immer meine Arme in den Schoß legen. Jedenfalls möchte ich ihm sehr gern diesen Dienst leisten; was sagt Ihr dazu? – Ich will den Herrn Koadjutor benachrichtigen, sprach Bazin. Und er näherte sich dann ehrfurchtsvoll und langsam dem Prälaten, sagte ihm einige Worte ins Ohr, worauf dieser mit einem bejahenden Zeichen antwortete, kehrte mit demselben Schritt, mit dem er weggegangen war, zurück und sprach: Sage dem Sterbenden, er solle sich gedulden, Monseigneur werde in einer Stunde bei ihm sein. Gut, versetzte Friquet, mein Glück ist gemacht. Doch wohin hat er sich tragen lassen? Nach dem Turm von Saint-Jacques-la-Boucherie. Entzückt über den Erfolg seiner Botschaft, verließ Friquet, ohne sein Chorknabengewand abzulegen, das ihm überdies den Durchgang bedeutend erleichterte, die Kirche und schlug mit aller Geschwindigkeit, deren er fähig war, den Weg nach dem Turme von Saint-Jacques-la-Boucherie ein. Sobald das Tedeum vollendet war, begab sich der Koadjutor seinem Versprechen gemäß und ohne seine priesterlichen Gewänder abzulegen, ebenfalls nach dem alten Turme, der ihm so wohl bekannt war. Er kam noch zu rechter Zeit; der Verwundete wurde zwar jeden Augenblick schwächer, war aber noch nicht tot. Man öffnete ihm die Tür des Zimmers, wo der Bettler mit dem Tode rang. Einen Augenblick nachher kam Friquet heraus, einen großen ledernen Sack in der Hand haltend, den er aufriß, sobald er aus dem Zimmer war, und zu seinem nicht geringen Erstaunen voll Gold fand. Der Bettler hatte Friquet Wort gehalten und ihn zu seinem Erben gemacht. Oh, Mutter Nanette! rief Friquet atemlos, oh! Mutter Nanette! Mehr konnte er nicht herausbringen, aber er nahm alle Kraft zusammen und rannte verzweiflungsvoll nach der Straße, und wie der Grieche von Marathon, der auf dem Marktplatz von Athen mit seinem Lorbeerkranz in der Hand tot zusammensank, stürzte Friquet, als er auf der Hausschwelle des Rates Broussel angelangt war, wie leblos nieder. Sein Sack fuhr auf, und die Louisd'or rollten auf dem Boden umher. Die Mutter Nanette hob zuerst die Goldstücke und dann auch Friquet auf. Während dieser Zeit gelangte der Zug ins Palais-Royal. Das ist ein tapferer Mann, meine Mutter, dieser Herr d'Artagnan, sagte der junge König. Ja, mein Sohn, und er hat Eurem Vater große Dienste geleistet. Behandelt ihn also in Zukunft freundlich. Herr Kapitän, sprach der König, aus dem Wagen steigend, zu d'Artagnan, die Frau Königin beauftragt mich, Euch für heute zum Mittagsmahl einzuladen, Euch und Euren Freund, den Herrn Baron du Vallon. Es war dies eine große Ehre für d'Artagnan und für Porthos. Sie erfüllte Porthos auch mit Entzücken; aber während der ganzen Dauer des Mahles schien der würdige Edelmann äußerst unruhig. Was hattet Ihr denn, Baron? sagte d'Artagnan zu ihm, als sie miteinander die Treppe des Palais-Royal hinabstiegen; Ihr kamt mir über Tisch ganz sorgenvoll vor. Ich suchte mich zu erinnern, wo ich den Bettler gesehen, den ich getötet haben muß, antwortete Porthos. Und Ihr könnt nicht darauf kommen? Nein. Nun so sucht, mein Freund, sucht, und wenn Ihr gefunden habt, so werdet Ihr es mir sagen, nicht wahr? Bei Gott, ja, erwiderte Porthos. Schluß Als die zwei Freunde nach Hause kamen, fanden sie einen Brief von Athos, der sie zu einer Zusammenkunft im Grand-Charlemagne auf den andern Morgen beschied. Beide legten sich früh nieder, aber keiner schlief. Man gelangt nicht so zum Ziel aller seiner Wünsche, ohne daß dieses Ziel, wenigstens für die erste Nacht, den Schlaf verjagte. Am andern Morgen begaben sich beide zur bezeichneten Stunde zu Athos. Sie fanden den Grafen und Aramis in Reisekleidern. Gut, sprach Porthos, wir reisen also zusammen. Oh! mein Gott, ja, versetzte Aramis; seit dem Augenblick, wo es keine Fronde mehr gibt, ist in Paris nichts zu tun. Frau von Longueville hat mich eingeladen, einige Tage in der Normandie zuzubringen, und mir den Auftrag gegeben, während man ihren Sohn taufe, ihre Wohnung in Rouen in Bereitschaft halten zu lassen. Ich werde mich dieses Auftrags entledigen und mich dann, wenn es nichts Neues zu tun gibt, wieder in meinem Kloster Noisy-le-Sec begraben. Und ich, sprach Athos, kehre nach Bragelonne zurück. Ihr wißt, mein lieber d'Artagnan, ich bin nur noch ein Landmann; Raoul hat kein anderes Vermögen, als das meinige, der arme Junge! Ich muß darüber wachen, denn ich gebe gewissermaßen nur den Namen dazu. Und was wollt Ihr aus Raoul machen? Ich überlasse ihn Euch, mein Freund. In Flandern gibt's einen Feldzug; Ihr nehmt ihn mit; denn ich fürchte, der Aufenthalt in Blois ist seinem jungen Kopfe gefährlich. Behaltet ihn bei Euch und lehrt ihn brav und rechtschaffen sein, wie Ihr es seid. Und ich werde Euch also nicht mehr haben, Athos? Aber ich habe wenigstens ihn, diesen teuern Blondkopf, und obgleich er noch ein Kind ist, so werde ich doch, da Eure ganze Seele sich in ihm wiederbelebt, teurer Athos, stets glauben, Ihr seiet bei mir, Ihr begleitet und unterstützet mich. Die vier Freunde umarmten sich mit Tränen in den Augen. Dann trennten sie sich, ohne zu wissen, ob sie einander je wiedersehen würden. D'Artagnan kehrte in die Rue Tiquetonne mit Porthos zurück. Dieser war beständig in Gedanken versunken und grübelte nach, wer der Mann sei, den er erschlagen hatte. Als man vor den Gasthof zur Rehziege gelangte, fand man die Equipage des Barons bereit und Mousqueton im Sattel. Hört, d'Artagnan, sagte Porthos, verlaßt den Dienst und kommt mit mir nach Pierrefonds, nach Bracieux oder nach du Vallon. Wir wollen miteinander alt werden und von unsern Kameraden plaudern. Nein, sagte d'Artagnan, den Teufel! Der Feldzug wird eröffnet, und ich will dabei sein. Ich hoffe wohl etwas dabei zu gewinnen. Und was hofft Ihr denn zu werden? Marschall von Frankreich, bei Gott! Ah, ah! rief Porthos und schaute d'Artagnan an, in dessen Gasconaden er sich nie hatte ganz finden können. Kommt mit mir, Porthos, sprach d'Artagnan; ich mache Euch zum Herzog. Nein, versetzte Porthos, Mouston will nicht mehr in den Krieg ziehen. Überdies bereitet man mir zu Hause einen feierlichen Einzug, worüber alle meine Nachbarn vor Ärger bersten werden. Hierauf habe ich nichts zu erwidern, sprach d'Artagnan, denn er kannte die Eitelkeit des neuen Barons. Auf Wiedersehen also, mein Freund! Auf Wiedersehen, teurer Kapitän, sagte Porthos. Ihr wißt, daß Ihr, wenn Ihr mich besuchen wollt, stets in meiner Baronie willkommen seid. Ja, erwiderte d'Artagnan, wenn ich aus dem Feld heimkehre, stelle ich mich bei Euch ein. Die Equipagen des Herrn Barons warten, sagte Mousqueton. Die zwei Freunde trennten sich mit einem innigen Händedruck. D'Artagnan blieb auf der Türschwelle und sah mit schwermütigem Auge dem sich entfernenden Porthos nach. Aber nach zwanzig Schritten hielt Porthos plötzlich an, schlug sich vor die Stirn, kehrte zurück und rief: Jetzt fällt mir's ein! Was? fragte d'Artagnan. Wer der Bettler ist, den ich getötet habe. Ah! wirklich! Wer ist es denn? Jene Kanaille von Bonacieux. Und hocherfreut über diese beruhigende Gewißheit, sprengte Porthos hinter Mouston her, mit dem er an der Straßenecke verschwand. D'Artagnan blieb einen Augenblick unbeweglich und in Gedanken versunken. Als er sich dann umwandte, erblickte er die schöne Madeleine, die, voll Unruhe auf d'Artagnans Kapitänsuniform schauend, auf der Schwelle stand. Madeleine, sagte der Gascogner, gebt mir die Wohnung im ersten Stock. Jetzt, da ich Kapitän der Musketiere bin, sehe ich mich genötigt, meiner Würde gemäß zu leben. Aber haltet mir immerhin mein Zimmer im fünften frei, denn man kann nicht wissen, was geschieht.   * Als Fortsetzung und Schluß (dritte Abteilung der »Drei Musketiere«) dieses Romans schrieb Alexander Dumas den ungemein spannenden Roman: » Der Graf von Bragelonne oder Zehn Jahre nachher «, der sieben starke Bände (in 3 Geschenkbände geb. statt früher M 15.– nur noch M 9.25 – K. 11.10 ö. W.) umfaßt und durch jede Buchhandlung zu beziehen ist. Stuttgart. Franckh'sche Verlagshandlung.