Ludwig Ganghofer Bergheimat   Kurzgeschichten und Novellen Der Schuß in der Nacht Kaum einen Büchsenschuß vom Waldsaum stand das Haus meiner Eltern – das Forsthaus. Oh, ihr allzu nahen Bäume! Wie manche Portion wohlgesalzener Hiebe habt ihr mir eingetragen! Wenn ich da, ein achtjähriges Bürschlein, nach Hause kehrte, in zerkratzten Händen das ausgenommene ›Eichkatzl‹, die junge Nebelkrähe oder den flatternden, kaum flüggen Kuckuck schwingend, so galt der erste Blick meiner guten Mutter durchaus nicht dem erbeuteten Getier; forschend überflog vielmehr ihr Auge die Ellbogen meines Jöppchens und die Knie- und Sitzgegend meiner Unaussprechlichen. Weh mir, wenn da zutage kam, daß die allzu spitzen Aststümpchen oder die Pechnarben der erkletterten Tanne dem teueren Buckskin ein Leids getan. Heute noch seh ich sie vor mir, die gefürchtete, langriemige Peitsche mit dem Rehfußgriff, die zu unbenutzten Zeiten im Hausflur zwischen Gewehren und Rucksäcken am Zapfenbrett hing. Wurde sie dann, was glücklicherweise nicht allzu häufig geschah, durch die Hand ihres gestrengen Herrn vom Haken gelöst, so verkrochen wir uns in alle Winkel, ich, Hektor, der hochstämmige Schweißhund, und Bursch, der krummbeinige Teckel. Jenen allzunahen Bäumen bin ich aber deshalb doch niemals gram geworden. Und heut noch gedenk ich ihrer in dankbarer Liebe. Strömte doch das geheimnisvolle Leben, das zwischen ihren weitgespannten Ästen und in ihrem moosigen Schatten webte und wirkte, jene unendliche Fülle grüner Poesie über die Zeit meiner frühesten Jugend aus! Wenn der Lenzwind leise durch die Wipfel plauderte und mit zischelndem Rauschen vom Waldsaum niederstrich über die rohrdurchwachsenen Teiche, wenn hoch in sonnigen Lüften der Weih seine stillen Kreise spannte, wenn aus den abenddunklen Buchen und Eichen das Gurren und Liebeslocken der Wildtauben klang, wenn im tauigen Wiesengrunde das schlanke braune Reh im Dämmerlicht zur Asung zog und der graue Reiher mit ruhigem Flügelzuge zu Horste strich – wenn dann erst die Nacht herniedersank über die weite Flur, wenn ich pochenden Herzens am offenen Fenster saß, dem eintönigen Lied der Unken lauschte und dem schauerlichen Huhn des ›Holimanns‹, der draußen im schwarzen Wald seine Kinder, die Käuzlein, zum Nachtgejaide rief, da trieb meine jugendliche Phantasie ihre Blüten, so seltsam und zahlreich, wie der Waldgrund seine Pilze treibt nach einer lauen Regennacht. Und welch ein lautes, lustiges Jägerleben umgab mich im eigenen Hause! Da war der kiesige Hof mit den munteren, schmucken Hunden, da war der Wiesengarten mit dem Scheibenstand, an dem die Büchsen eingeschossen wurden, da war die Zwirchkammer, darin die erlegten Böcke, Füchse und Hasen an den schweißfleckigen Eisenhaken hingen, da sah man in allen Gängen und Gemächern Jagdgeräte und Jagdtrophäen – und wenn der Abend kam, dann saßen im traulichen Wohnzimmer rings um den Eichentisch die Jäger, hinter dem Bierkrug ihre Pfeifen schmauchend, und da gab es Jagdgeschichten, deutsch und lateinisch. Was Wunder, daß in solcher Umgebung die Liebe zum waldfrohen Weidwerk in meinem Herzen bald eine dauernde Wohnstätte fand! Schon als kleiner Junge schlich ich mich, die hölzerne Armbrust – vulgo Balester – auf dem Rücken, hinaus in den Wald und schnellte meinen Lindenbolz nach dem kreischenden Häher in das Buchenlaub. Und welch ein Vergnügen, da ich das erstemal als Treiber zum Fuchsriegeln mitgenommen wurde oder auf den Anstand und zur Hühnerjagd! Mit welcher Inbrunst drückte ich das kleine Zimmergewehr an die Wange, mit dem ich überrascht wurde, als ich nach dem ersten Lateinschuljahr auf Ferien kam! Und als ich gar acht Jahre später mit dem roten Käpplein und einer guten Note heimzog, wurde ich vor Freude halb verrückt, als ich auf dem Tisch meines Ferienstübchens eine vollständige Jagdausrüstung, eine zierliche Büchsflinte und eine wahrhaftige Jagdkarte vorfand. Nun ging's aber an ein ›Jagern‹! Tag und Nacht gönnte ich mir keine Ruh. Und als ich nur erst einen Rehbock mit der Kugel geschossen hatte, legte ich mich ›unter uns Jägern‹ breit in den Tisch und lateinerte mit den graubärtigen Hubertusjüngern um die Wette. Meine Phantasie hatte damals, um mich eines beliebten Ausdrucks zu bedienen, alle Hände voll zu tun, damit es meinem Jägerlatein nur niemals an Stoff gebrach. Aber dann ist mir ein ganz seltsames Abenteuer wirklich und wahrhaftig widerfahren – ja, ja, ein recht seltsames Abenteuer! Ein starkes Gewitter hatte mir die Frühpirsch verregnet. Als es aber neun Uhr vormittags wurde, ließ das Unwetter nach, die Sonne brach sich Bahn durch die treibenden Wolken, und in ihrer milden Wärme kräuselten sich blau und luftig die Wasserdünste aus den dunklen Wäldern. Da hatt' ich jetzt ein Pirschwetter, wie es ein Weidmann sich nur wünschen mag. Rasch nahm ich einen Imbiß zu mir, der mich das Mittagessen verschmerzen lassen konnte. Dann ging's hinaus unter die regennassen Bäume, von denen der leichte Wind die schillernden Tropfen auf mich niederstäubte. Lautlos gleitet zu solcher Zeit der Fuß des Jägers über den feuchten Waldgrund; da raschelt kein Laub, und unhörbar schmiegt sich das nasse Reisig unter dem Tritt ins weiche Moos. Und welch ein reiches Leben umgibt zu solcher Stunde den unter triefenden Ästen spähend von Stamm zu Stamm sich schleichenden Jäger! Tausende von Käfern und flinkfüßigen Würmchen kribbeln und huschen zwischen den glitzernden Moosfasern und tropfenschweren Farnblättern hin und her; in gesteigertem Eifer reisen die fleißigen Ameisen durch die Rindenklunsen aller Bäume vom Grunde zu den Wipfeln und wieder niederwärts zur Erde; die Vögel, die sich während des Regens stumm und ängstlich unter die dichtesten Zweige duckten, recken und spreizen pispernd die nassen Flügel und schwingen sich zwitschernd von einem sonnigen Plätzchen zum anderen; unter Kreischen und Krächzen beginnen die Häher, diese Gassenbuben des Waldes, von neuem ihr lärmendes Flatterspiel. Da bockelt auch schon ein junges Häslein mit sorglosem Gleichmut, als gäb es weder Hund noch Jäger, über die vielverschlungenen Wurzeln dem Felde zu, manchmal sich verhaltend, um von dem winzigen Moosklee zu naschen; und die Rehe, die nun in dem nassen Buschwerk ein gar unbehagliches Weilen haben, recken windend die zierlich schönen Köpfe aus den Stauden und ziehen äsend nach den grasigen Waldwegen und Lichtungen, um sich in der Sonne zu trocknen. Solche Lichtungen und Wege suchte ich schleichenden Fußes auf; und es währte auch nicht lange, da hatt' ich schon einen Rehbock, der mir auf zwanzig Gänge über den Weg getreten war, in der unverzeihlichsten Weise gefehlt. Durch dieses Mißgeschick – wir Jäger sagen ›Pech‹ – war ich unmutig, ungeduldig und unvorsichtig geworden, so daß ich, als ich nachmittags vier Uhr an der weitentlegenen Jagdgrenze aus dem Wald auf die Wiesen trat, einen völlig erfolglosen Pirschgang hinter mir hatte. Zu meinen Füßen im Tal, kaum zwanzig Minuten von der Stelle, an der ich stand, lag eine kleine Ortschaft, in der ich schon manchmal auf meinen Streifzügen ein paar Stunden hinter einem Kruge kühlen Sommerbieres gerastet hatte. Im aufziehenden Winde hörte ich von der Kegelbahn des Wirtshauses her das Rollen der Kugel, das Poltern der fallenden Kegel und ab und zu ein lautes, mehrstimmiges Gelächter. Ich traf also jedenfalls da drunten eine lustige Gesellschaft, die mir recht willkommen schien, um mir den Unmut über mein Weidmannspech aus den Gedanken zu treiben. Ich hatte Zeit bis sechs Uhr. Anderthalb Stunden brauchte ich dann für den Heimweg – und inmitten dieses Weges lag an der stillen Waldstraße eine vor wenigen Jahren erst neubebaute Windbruchfläche, die kreuz und quer von Wildwechseln durchzogen war. Da konnte ich vor Einbruch der Dämmerung noch eine Stunde ansitzen und, wenn Hubertus mir gnädig war, durch einen glücklichen Schuß das Mißgeschick des Morgens wieder gutmachen. In solcher Hoffnung schritt ich über den Hügel hinunter und dem lockenden Wirtshaus entgegen. Auf der Kegelbahn traf ich außer zwei rundlichen Geistlichen und einem mageren Alumnus den Förster und Jagdaufseher der nahegelegenen Wartei, sowie den Doktor und Schullehrer des Ortes, zwei große Jäger vor dem Herrn. Da war denn auch neben Sommerbier und Kegelspiel die Jagd das unversiegbare Gesprächsthema, bei dem uns die Zeit wie im Fluge verfloß, so daß erst die sinkende Dämmerung mich gemahnte, nach der Uhr zu sehen. Die dem ›Anstand‹ zugedachte Stunde war versäumt. Ich brauchte mich also mit dem Fortgehen nicht übermäßig zu beeilen und setzte mich behaglich wieder an den Tisch. Als aber um neun Uhr, nach dem Gebetläuten, die beiden Geistlichen mit ihrem zukünftigen Berufsgenossen sich verabschiedeten, wollte ich nach Büchse und Rucksack greifen; doch ich ließ mich vom Förster leicht überreden, für meinen Heimweg den Mond abzuwarten, der längstens in einer Stunde über die nachtschwarzen Baumwipfel emportauchen mußte. Nun waren wir Jäger unter uns. Und da kam nach mancherlei wunderlichen Geschichten auch jenes nur für Jägerohren ganz gerechte Gesprächskapitel an die Reihe: das Kapitel der Wildschützen. Die Einleitung bildete eine vom Förster an mich gerichtete Frage, wie es dem ›Deberjackl‹ ginge. Der ›Deberjackl‹, ein Bursche meines heimatlichen Dorfes, war ein Wilderer, der seit Jahren in den umliegenden Jagdgebieten großen Schaden angerichtet hatte, ohne daß man ihn jemals auf der Tat hätte ertappen können. Schließlich aber war ihm doch einmal ein nächtlicher Pirschgang übel geraten, denn er hatte statt der erhofften Rehgeiß ein paar Dutzend Schrotkörner im eigenen Fleische mit nach Hause gebracht. Von diesem Vorfall kamen wir auf Ähnliches zu sprechen; jeder meiner Gesellschafter wußte langes und breites über ein Zusammentreffen mit Wilddieben zu berichten; und besonders der Förster brachte Geschichten aufs Tapet, daß mir achtzehnjährigem Burschen ein wohliges Schaudern über den Rücken rieselte. Als ich gegen halb elf Uhr in die mondhelle Nacht hinaustrat, um heimwärts zu wandern, war mir nach allem Gehörten sonderbar zumut. Während ich auf schmalem Fußpfad über die feuchten Wiesen dem Wald zuschritt, sann ich immer wieder diesen gruseligen Geschichten nach, in denen es mit Schuß und Schuß um Tod und Leben gegangen war. Und als ich zwischen finsteren Tannen auf das schmale Sträßchen einlenkte, das sich in der Länge einer Wegstunde durch den Wald dahinzog, spannte ich unwillkürlich die linke Hand mit festerem Druck um meine Büchse. In raschem Gange schritt ich vorwärts. Eng flochten sich über mir die Äste der Bäume ineinander und gewährten dem Mondlicht nur in spärlichen Lücken einen Durchweg, so daß sich die Straße gerade noch in erkennbarem Dämmerschein von dem Moosgrund abhob. Ihr lehmiger Boden war von dem ausgiebigen Regen des Morgens her noch sehr erweicht, so daß mein Fuß lautlos darüber hinschritt. Kein Windhauch regte die Wipfel der dunklen Bäume. Ich schalt mich selbst um der leichten Beklommenheit willen, die inmitten dieser atemlosen Stille mein Herz beschlich. Dann dachte ich an hundert lustige Dinge, um nur meine Gedanken von jenen blutigen Schauergeschichten loszureißen. Aber was half's? Bald vermeinte ich im Wald einen knisternden Fußtritt zu vernehmen, bald glaubte ich den Hall eines fernen Schusses zu hören, bald sah ich einen vom Mondlicht gestreiften Fichtenast für einen blinkenden Gewehrlauf an. Was würde ich tun, so fragte ich mich unter dem Zwange meiner aufgeregten Phantasie, wenn ich plötzlich an einer lichteren Stelle unter den Bäumen so einen Kerl gewahrte, der vor dem nächtlich erlegten Wild auf der Erde kniete? Sollt' ich ihn anrufen? Oder gleich – – ? Ein um das andere Mal nahm ich die Büchse von der Schulter und versuchte durch die Dunkelheit nach einem Baumstamme zu zielen; oder ich blieb minutenlang stehen und lauschte in den nachtstillen Wald hinein, worauf ich mit raschen Schritten wieder meinem Weg folgte. Erleichtert atmete ich auf, als die Straße heller und heller wurde. Eine Strecke von kaum hundert Schritten trennte mich noch von jener offenen Windbruchfläche, und wenn ich diese passiert hatte, war ich in einem halben Stündchen zu Hause. Schon traten linker Hand die hohen Bäume vom Wege zurück, und das grasüberwachsene Moos senkte sich in einen mannstiefen Graben, der die Straße bis zu den Wiesen hinaus geleitete. Nun trat ich unter dem Schatten der letzten Bäume hervor auf die mondbeschienene Lichtung, mein Auge schweifte mit raschem Blick über den rechts ansteigenden, buschigen Hang – und ich vermeinte, das Blut müsse mir jählings zu Eis gerinnen. Denn mitten im Tannengestrüpp stand auf etwa sechzig Schritte vor mir ein langer, hagerer Kerl mit berußtem Gesicht, das Gewehr im Anschlag gegen meine Brust gerichtet. Doch nur für die Dauer einiger Sekunden hielt meine Erstarrung an. Dann riß ich die Büchse an die Wange. Mein Schuß krachte. Gleichzeitig hörte ich den Aufschlag der treffenden Kugel. Und ehe der Pulverrauch sich verzogen hatte, war ich von der Straße in den Moosgraben hinuntergesprungen, in dessen Schutz ich hastigen Laufes den Wiesen zustürzte. Unter welchen Empfindungen und in welcher Zeit ich damals den Hofraum meines Elternhauses erreichte, vermag ich nicht zu sagen. Es blieb nur die Erinnerung an den grauenvollen Gedanken: ›Du hast einen Menschen getötet!‹ Die Haustür fand ich versperrt. Aber die Kanzlei meines Vaters sah ich noch erleuchtet. Ich pochte an das Fenster. Und als mir eine Minute später mein Vater, die Lampe in der Hand, das Haus öffnete, erschrak er nicht wenig über mein blasses Gesicht und über mein verstörtes Aussehen. Auf seine besorgten Fragen brachte ich keine Antwort heraus. Unter keuchenden Atemzügen sank ich auf die Stufen der Treppe nieder. Und es währte geraume Zeit, bis ich imstande war, mich wieder zu erheben und Büchse und Rucksack abzulegen. Nun erst gewahrte ich, daß ich meinen Hut verloren hatte. Mit bleischweren Knien schritt ich meinem Vater voraus in die Kanzlei. »Papa! Ich hab einen erschossen!« So leitete ich den Bericht des bösen Abenteuers ein, das mir vor kaum einer halben Stunde widerfahren war. Schweigend hörte mein Vater die Geschichte an. Als ich schwieg, durchmaß er eine Weile mit langen Schritten das Zimmer. Dann trat er auf mich zu, sah mir mit einem guten Blick in die Augen und sagte: »Leg dich jetzt schlafen! Morgen früh um fünf Uhr werde ich dich wecken. Und dann wollen wir ihn miteinander suchen ... den Toten.« Als ich die Treppe zu meinem Stübchen hinaufstieg, lagen mir Müdigkeit und Erregung wie Blei in den Gelenken. Kaum hatte ich mich in die Kissen fallen lassen, da hörte ich die Turmuhr mit dumpfen Schlägen Mitternacht verkünden. Ein kalter Schauer rüttelte mich. ›Mörder! Mörder!‹ rief eine Stimme in meinem Gewissen. Heiliger Herrgott! Was hatte ich getan! Ich hörte ein Elternpaar, dem ich den einzigen Sohn getötet, um seine verlorene Lebensfreude jammern. Ich hörte ein Weib klagen, dem ich den Gatten, ich hörte Kinder weinen, denen ich den Vater gemordet hatte. Und war's denn auch wirklich ein Wildschütz, auf den ich geschossen hatte? Oder war es der Förster, der bei Mondschein im Walde Schutzdienst machte? Oder von den Forstgehilfen einer, der mich für einen Wilddieb nahm und mich anrufen wollte, als ich ihn mit sinnloser Übereilung niederschoß? Ob ich solche Dinge bei wachen Sinnen dachte oder ob ich sie nur träumte, nachdem der Schlaf meines übermüdeten Körpers sich erbarmt hatte – das weiß ich nimmer. Als ich geweckt wurde, fuhr ich mit schwerem und dumpfem Kopf aus dem Kissen. Drunten im Flur fand ich meinen Vater schon wegbereit. »Wollen wir ohne Begleitung gehen?« fragte ich. Ein leichtes Kopfnicken war meines Vaters ganze Antwort. Und er sah mich fragend an, als ich nach meiner bei Jagdausflügen sonst so verachteten Studentenmütze und nach meinem Stocke griff. Nicht um alles in der Welt hätt' ich es vermocht, meine Büchse zu berühren. Schweigend durchschritten wir das erwachende Dorf. Und als wir uns nach kurzer Wanderung über die Wiesen dem Walde näherten, gewahrten wir von ferne schon im taunassen Gras den dunklen Streif, der den Weg bezeichnete, den ich in der Nacht aus dem Moosgraben quer durch die Wiesen genommen hatte. Am Saum der Windbruchfläche, während wir dem Waldsträßchen folgten, untersuchten wir die Gräser und Kräuter des Raines. Sie waren weiß und naß vom Tau. Kein Fuß hatte also während der Nacht den Rain überschritten. Wohl aber fanden wir die Stelle, an der ich in den Moosgraben hinabgesprungen war; da drunten lag auch mein Hut. »Bevor wir die Lichtung durchsuchen«, sagte mein Vater, »müssen wir genau die Schußlinie feststellen. Geh also einige zwanzig Schritte ins tiefere Gehölz, kehre dann zurück, und wenn du unter den Bäumen hervortrittst, blicke genau nach der Richtung, in die du geschossen hast.« Schweigend tat ich, was der Vater haben wollte. Und als ich aus dem Schatten der hohen Bäume ins Freie trat und über die Böschung hinaufspähte, fuhr aus meiner Kehle ein halblauter Schrei – der Verlegenheit. Da stand er wieder, der lange, hagere, rußgesichtige Wilddieb von heute nacht! Statt im fahlen Mondschein jetzt im lauteren Lichte der aufgehenden Sonne betrachtet, entpuppte er sich als der dunkle, halbvermoderte Strunk einer Föhre, die der Sturm vor Jahren gebrochen hatte. Ungefähr in der Armhöhe eines Mannes ragte aus dem Baumstumpf ein gebrochener, morscher Ast gegen die Ausmündung des Waldweges. Das Blut stieg mir vor Scham ins Gesicht. Mein Vater lachte. Und lachend winkte er mir, während er durch das junge Fichtengestrüpp dem verhängnisvollen Föhrenstrunke zuschnitt. Dicht über dem aussagenden Aste fanden wir das mürbe Holz von meiner Kugel durchbohrt. Die Seeleitnersleut »Hat ihn schon!« rief der Jagdgehilfe, als mein Schuß im Bergwald verhallte und der Hirsch in rasender Flucht über den steinigen Hang hinaufstürmte. Pochenden Herzens sah ich dem flüchtigen Tiere nach, sah es stürzen, wieder aufspringen und weiterfliehen – nun brach es nieder; und sich überschlagend, kollerte es die Höhe hinunter, daß die Steine rasselten und die Aste flogen, die es im Sturz mit seinem mächtigen Geweih zerschlug. Seit drei Tagen war ich unter der Führung Anderls, des Jachenauer Jagdgehilfen, diesem Hirsch vergebens nachgestiegen. Nun hatte mich ganz unerwartet ein glücklicher Zufall zu Schuß gebracht. Während ich in Gedanken die Überraschung noch einmal nachfühlte, die ich empfunden hatte, als ich, von Anderl aus einem unweidmännischen Mittagsschläfchen geweckt, den Hirsch auf achtzig Schritt vor mir im Jungholz gewahrte, sah ich durch den schattigen Bergwald hinunter. Zwischen den Asten schimmerte ein helles Blaugrün. »Was glänzt da drunten durch die Bäume?« fragte ich den Jäger. Er hob den Kopf. »Dös is der Walchensee.« »Was? Sind wir so nah beim See?« »No freilich, kaum a Viertelstündl den Berg abi und über a schmale Wiesen, so sind S' am Wasser. ja, wir sind gut dritthalb Stund von der Jachenau. Sö sind halt noch net lang in der Gegend. Da können S' Ihnen net recht verorientieren.« Immer wieder mußte ich zu dem lockenden Schimmer hinunterblicken. Das wäre ein Hochgenuß, bei dieser drückenden Sommerhitz da drunten hineinzuspringen ins kühle Bergwasser. »Anderl? Möchtest du ein Stündel auf mich warten?« »Gern. Warum denn?« »Ich möchte baden.« Anderl lachte. »Wann S' dös wollen, kann ich Ihnen an andern Fürschlag machen. Den Hirsch können wir net liegen lassen bei so einer Hitz. Da richt ich an Schlitten zamm. Nacher ziehen wir den Hirsch abi bis zum Straßl am See. Drunt schick ich an Buben in d' Jachenau um an Wagen. Und Sö können baden derweil. Grad gnug. Is Ihnen dös recht?« »Großartig! Fein!« Als Anderl mit seiner roten Jägerarbeit zu Ende war, schnitt er starke, lange Aste von den Bäumen und flocht sie durcheinander, daß sie ein festes und doch elastisches Kissen bildeten. Auf diesen grünen Schlitten hoben wir den Hirsch und schleiften ihn über den Berghang hinunter. Als wir den Waldsaum erreichten, blieb ich stehen und betrachtete das wundervolle Bild, das der See mit seiner schillernden Wasserfläche und seinem dunkeln, bergigen Hintergrunde bot. »Was ist das für ein Haus da drunten?« fragte ich und deutete auf einen kleinen Bauernhof am Rand der hügeligen Wiese, die sich vom Waldsaum gegen den See hinuntersenkte. »›Beim Seeleitner‹ heißt man's. Der Alte is verstorben, und jetzt hausen da seine drei Kinder, zwei Buben und a Madl, die Mali. Dös is die beste Sängerin weit umundum in der ganzen Gegend. Da haben d' Jachenauer d' Ohren gspitzt, wann d'Mali am Sonntag im Hochamt gsungen hat. Schad, jetzt geht s' schon lang nimmer eini in d' Jachenau und singt nimmer in der Kirch, seit ihr d' Singerei zu einer unglücklichen Liebesgschicht verholfen hat.« Anderl griff wieder nach den Asten des Schlittens. »jetzt machen wir aber, daß wir abi kommen!« Einige Minuten noch, und wir standen im Schatten des Hauses. Anderl zog den Hirsch ins Gras, riß die verflochtenen Aste auseinander und deckte sie zum Schutz gegen die Fliegen über das tote Tier. Da klang ein Schritt im gepflasterten Hofraum. Um die Hausecke bog ein schlank aufgeschossener Bursch von etwa achtundzwanzig Jahren. Ein grobes Hemd, eine abgewetzte Tuchhose und plumpe Lederpantoffeln, das war seine Kleidung. In der Hand trug er einen Hammer, und zwischen den Lippen hielt er ein paar lange Bretternägel. Sein Haar war kurzgeschoren. Unter der Stirn, auf der sich Falte an Falte reihte, blickten finstere, unruhige Augen hervor. Das Gesicht hatte einen galligen Ausdruck. »Grüß Gott, Lipp!« Mit kaum merklichem Nicken dankte der Bursch für den Gruß des Jägers, ging auf den Hirsch zu und hob mit dem Fuß die Zweige, die das Tier bedeckten. »Du, Lipp, magst net so gut sein, natürlich gegen a richtigs Trinkgeld, und in d' Jachenau einispringen und dem Herrn Oberförster ausrichten, daß er an Wagen für'n Hirsch aussischickt? Da kannst mit'm Wagen zruckfahren.« »Ja, schon!« brummte Lipp. »Aber so pressieren wird's net, daß man grad so springen muß? Ich bin allein im Haus. Der Bruder is draußen am See, und d' Mali is in Urfeld drüben. Sie muß jeden Augenblick heimkommen. Ich kann mir sowieso net denken, warum s' so lang ausbleibt, dö greinige Hatschen!« »Heut hast aber wieder an schiechen Tag!« lachte Anderl, während wir dem Burschen in den Hofraum folgten. Lipp überhörte diese Worte. Ohne sich umzusehen, rief er: »Geht's nur derweil in d' Stuben eini!« Er trat auf den Zaun des kleinen Gemüsegartens zu, dessen neue Staketen vermuten ließen, daß unser Kommen den Burschen in der Ausbesserung des Zaunes unterbrochen hatte. Wir gingen in die Stube. Ein niedriger Raum mit vier kleinen Fenstern; in der Lichtecke der gescheuerte Tisch vor den beiden in die Mauer eingelassenen Bänken, darüber im Wandwinkel das Kruzifix mit den unvermeidlichen Palmzweigen; in der gegenüberliegenden Ecke der grüne Kachelofen mit den durch Schnüre an die Decke gehefteten Trockenstangen; daneben ein altes Ledersofa und neben der Tür ein Geschirrkasten – eine Bauernstube wie hundert andere. Der einzige Schmuck dieser Stube war eine schöne, mit Perlmutter eingelegte Gitarre, die zwischen zwei Fenstern an der Wand hing. Wir stellten unsere Gewehre hinter den Ofen. Während Anderl sich auf das Ledersofa streckte, verließ ich die Stube wieder, um drunten am See eine Stelle für das erwünschte Bad zu suchen. Unweit vom Hause floß ein breiter, seichter Bach aus dem See, die Jachen. Es führte wohl ein Steg hinüber, aber das Seeufer da drüben schien sumpfig oder versandet. Ich folgte also dem schmalen Sträßchen, das am diesseitigen Ufer hinlief. Eine weite Strecke war ich schon den See entlang gewandert, ohne einen guten Badeplatz gefunden zu haben. Das Ufer war entweder dicht mit Gesträuch bewachsen oder so steil, daß das Aussteigen aus dem Wasser eine unangenehme Sache gewesen wäre. Schon wollte ich wieder umkehren, als ich nahe vor mir ein Geräusch hörte wie von einem Stein, der ins Wasser fällt. Bei einer Biegung des Weges gewahrte ich ein kleines Felsplateau, das vom Sträßchen in den See hineinsprang. Auf einer niederen Holzbank saß ein Mädel in einem dunklen, halb städtisch geschnittenen Kleid. Das weiße Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte, war in den Nacken zurückgefallen, so daß sich das feine Profil des Gesichtes und die wohlgestaltete Form des Kopfes scharf vom schimmernden Seespiegel abhoben. Regungslos ruhte ihr Blick auf dem Wasser, während sie den einen Arm um ein kleines, rot bemaltes Kreuz geschlungen hielt. Nun mußte sie meinen Schritt vernommen haben. Sie wandte das Gesicht, erhob sich rasch, und während sie noch einen Blick auf die verlassene Stelle warf, bekreuzte sie die Stirne, den Mund und die Brust, als hätte sie gebetet. Während sie auf die Straße trat, hob sie die Arme und zog mit beiden Händen das weiße Tuch über den Kopf bis tief in die Stirne. Ich staunte bei dieser Bewegung über die schöne Regelmäßigkeit ihrer Gestalt. Nun war sie mir so nahe, daß ich das Gesicht trotz des Schattens, den das vorgezogene Tuch darüber warf, deutlich unterscheiden konnte. Das mußte die Mali sein! Die Ähnlichkeit mit Lipp war unverkennbar. Freilich war das eine Ähnlichkeit wie die Ähnlichkeit von Tag und Nacht, die beide doch auch Geschwister, Kinder der gleichen Mutter Sonne sind. Was in Lipps Zügen gallige Verbissenheit, das war hier das Erbe überwundener Schmerzen; was in Lipps Augen finstere Unruh, das war in diesen großen, dunklen Sternen eine tiefe Schwermut. »Grüß Gott, Herr!« sagte sie leise. »Grüß Gott auch!« dankte ich und blieb stehen, um ihr nachzuschauen. Mich hatte diese weiche, klangvolle Altstimme eigentümlich berührt. Es war, als hätte sie den Gruß nicht gesprochen, sondern gesungen. Als sie an der Wegbiegung verschwand, ging ich der Stelle zu, wo sie geruht hatte. Schon beim Nähertreten erkannte ich das kleine Holzkreuz als ein ›Marterl‹. Auf dem Blechschilde, das auf das Kreuz genagelt war, sah ich den See in Farben abgebildet. Meine Phantasie redete mir ein, daß diese weißen, blauen und grünen Sicheln den See und seine Wellen, diese braunen und grauen Dreiecke darüber die Berge des Hintergrundes vorstellen möchten. Aus dem gemalten Wasser ragten zwei bleiche Hände mit gespreizten Fingern. Und darunter stand in schwarzen, klecksigen Buchstaben auf weißem Grunde: Wanderer, ein Vaterunser! Hier an dieser Stelle im Wasser starb in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober des Jahres 1875 der ehr- und tugendsame Jüngling Dominicus Haselwanter, Schulgehilfe in der Jachenau, in der Blüte seines Lebens eines unglücklichen Todes infolge von Ertrinkens, als er gerade von einer Kirchweih in Urfeld nach Hause ging. Wanderer, ein Vaterunser!   Der See ist weit, der See ist breit, Der See ist tief wie d' Ewigkeit. Gott lohn der Erde Not und Leid Dem Toten mit der Seligkeit. Herr, gib ihm die ewige Ruh! R.I.P. Nach einer Stunde – ich hatte noch gefunden, was ich suchte – kehrte ich zu dem Bauernhause zurück. Als ich in die Stube trat, rief mir Anderl aus dem Herrgottswinkel über den Tisch entgegen: »Jetzt kriegen wir ebbes Guts zum Essen!« Er deutete mit dem Daumen nach einem etwa fünfunddreißigjährigen Burschen, der neben ihm am Tische saß: »Der Christl hat a paar Pfund von die schönsten Forellen mit heimgebracht. Ich hab mir denkt, Sie werden aufs Bad auffi an rechten Hunger kriegen. Drum hab ich ihm d' Forellen abgehandelt, und d' Mali steht schon am Herd.« »Wer ist denn der da?« wandte sich Christl, unbekümmert um meine Gegenwart, an den Jäger. Ich hatte mir einen dreibeinigen Stuhl an den Tisch gezogen, und während Anderl die Neugier des Bauern befriedigte, konnte ich den Christl mit Muße betrachten. Auch an ihm war die Ähnlichkeit mit den Geschwistern auf den ersten Blick ersichtlich. Was diese Ähnlichkeit an den dreien ausmachte, war die tiefe Senkung der Nasenwurzel, das scharfe Hervortreten der Augenbogen mit den gradlinigen, fast schwarzen Brauen und besonders die eigenartige Zeichnung der schmalen Lippen. Trotz der auffallenden Ähnlichkeit war der Ausdruck in Christls Gesicht von dem der anderen wieder ganz verschieden. Eine gedankenlose Trägheit sprach aus den schlaffen Wangen und aus der Art, wie er beim Zuhören die Zunge zwischen den Zähnen hielt, so daß sie die Unterlippe bedeckte. Sah er einem ins Gesicht, so kniff er das linke Auge ein, daß es fast geschlossen erschien. In diesem halben Blick lag es wie furchtsames Mißtrauen. Auf meine Fragen über den See, über die Fischgattungen und die Art ihres Fanges gab er kurze, ungenügende Antworten; doch schien mir das weniger einem Mangel an gutem Willen zu entspringen als der trägen Unfähigkeit, auf eine sachliche Frage mit überdachten Worten zu erwidern. Nicht lange war ich so am Tisch gesessen, als sich die Stubentür öffnete und Anderl mir zurief: »Da is die Mali! jetzt schauen Sie s' an!« Ich gewahrte, wie dem Mädel ein flüchtiges Rot über die Wangen huschte. Wir haben schon halb und halb Bekanntschaft gemacht. »Gelt, Mali?« Ich bot ihr die Hand, in die sie wortlos einschlug. »Bekanntschaft? Wo denn?« fragte Anderl neugierig. »Drunten am See, wo das Marterl steht.« Ich sah die Mali an, die aus der Tischlade zwei Eßbestecke hervornahm. »Hast du für die arme Seele ein Vaterunser gebetet?« Unwillig erhob sich Christl. »Dö verruckte Narretei kunnt schon bald amal an End haben!« schnauzte er die Schwester an, verließ die Stube und schlug die Tür zu, daß die Fensterscheiben klirrten. »Was ist denn?« fragte ich verdutzt. Da spürte ich unter dem Tisch einen recht ungelinden Fußtritt, und als ich den Jäger verwundert ansah, blinzelte er und machte heimliche Zeichen. Unwillkürlich suchte mein Blick das Gesicht der Mali, die vor uns ein blaues, verwaschenes Tischtuch ausbreitete. Ihre Züge waren starr und hart. Ober die gesenkten Lider ging ein leichtes Zittern wie ein Anzeichen naher Tränen. Nun wandte sie sich hastig ab und ging auf den Geschirrkasten zu; als sie wiederkam und zwei weißglasierte irdene Teller auf den Tisch setzte, gewahrte ich einen glänzenden Schimmer an ihren Wimpern. Ich faßte ihre Hand. »Mali! Es wäre mir leid, wenn ich etwas gesagt hätte, was dir nicht lieb war?« Sie schüttelte stumm den Kopf und ging aus der Stube. »Anderl! Was hab ich denn angestellt?« »Gar net so viel! Sö hätten halt vor'm Christl net sagen sollen, daß d' Mali beim Marterl war. Dö zwei Buben haben's net gern, daß d' Schwester noch allweil an dem Platzl hängt. Wann der Lipp von der Jachenau heimkommt und der ander sagt's ihm, so kriegt d' Mali an groben Putzer. Aber Sö haben ja net wissen können –« Anderl schwieg, weil Mali in die Stube trat. Auf einer flachen zinnernen Schüssel brachte sie die Forellen, die, wie ich zu meinem Schreck bemerkte, mit Semmelbröseln gebacken waren. Dennoch mundeten sie mir. Die Morgenpirsch und das kalte Bad hatten mich hungrig gemacht. Meiner Einladung folgend, holte Mali für sich einen Teller und setzte sich zu uns an den Tisch. Sie stocherte an dem kleinen Stück Fisch herum, das sie genommen hatte, hob einen sorgsam gesäuberten Bissen auf die Zungenspitze, legte die Gabel wieder fort und schob den Teller von sich. »Ich weiß riet«, sagte sie, »jetzt haben wir bei uns fast Tag für Tag Fisch in der Schüssel, und noch allweil hab ich mich net dran gwöhnen können. Fisch hab ich nie net mögen. Und jetzt schon gar nimmer!« »Ja! Ich begreif's!« sagte der Jäger. Er deutete auf die letzte Forelle, sah mich an und fragte: »Mögen Sie's noch?« Als ich den Kopf schüttelte, packte er den Fisch bei der starren Schwanzflosse, und während er ihn auf seinen Teller niederklatschen ließ, sagte er zu Mali: »Da is dein Bruder, der Christl, an andrer Fischesser wie du! Den hab ich neulich in Urfeld vier oder fünf Pfund zammraumen sehen – dös is bloß so a Hui gwesen. Aber gelt, jetzt hast dich ärgern müssen wegen seiner unguten Red?« »Ah na!« erwiderte Mali ruhig. »Da hätt ich viel z' tun den ganzen Tag, wann ich mich jedesmal ärgern wollt. Von dene zwei bin ich d' Roheiten gwöhnt. So ebbes lauft an mir ab wie 's Wasser am Stein.« Sie erhob sich, um den Tisch zu räumen. »Wart a bißl, nacher hilf ich dir!« brummte Anderl, während er den letzten Bissen in den Mund schob. Er stellte die Teller übereinander, legte sie mit dem Besteck in die Schüssel und trug sie in die Küche. »Schau, solltest bald heiraten!« rief ihm Mali scherzend nach, während sie den Brotlaib und das Salzbüchsl in die Tischlade schob. »Du gäbst an guten Mann ab, der seiner Frau manchen Gang verspart.« »Kannst net wissen, ob's net bald amal kracht!« klang von draußen die heitere Stimme des Jägers. Mali lächelte. »Ich glaub gar, du Schlaucherl, du hast ebbes im Sinn?« »Kann schon sein!« entgegnete Anderl, der wieder in die Stube trat, während Mali vor dem Fenster die Brosamen vom Tischtuch schüttelte. Ich war aufgestanden, hatte die Gitarre von der Wand gehoben und schraubte die Saiten, um eine passable Stimmung herauszubringen. Das wollte nicht recht gelingen. Mali, die lächelnd zugesehen hatte, nahm mir das Instrument aus der Hand. Sie griff ein paar Akkorde, drehte die Schrauben, und als die Töne richtig klangen, reichte sie mir das Instrument mit den Worten: »So, Herr, jetzt müssen S' ebbes aufspielen!« »Können vor Lachen!« erwiderte ich, die Fingerstellung eines Akkordes zusammensuchend. Anderl puffte das Mädel mit dem Ellbogen an – »Gib lieber selber was zum besten! Ich hab dem Herrn schon verzählt, was für a Zeiserl du bist! Und daß dich im weiten Walchental und in der ganzen Jachenau kein Madl net hinsingt. Geh, sing uns eins von deine hundert Liedln.« Ein Schatten von Trauer legte sich über Malis Gesicht. »Du weißt, ich sing nimmer gern. Und der Herr wird schon ebbes Bessers ghört haben, als wie 's a Bauernmadl kann.« Ich hielt dem Mädel die Gitarre hin. »Wenn ich auch schon manche gute Sängerin ghört habe, deswegen kann mir auch ein Liedl von dir gefallen. Vielleicht noch besser!« Mali schüttelte den Kopf. »Es geht net! Und wann ich auch selber möcht – was tät der Bruder sagen, wann er mich am Werktag singen höret? Und ich hab schon lang nimmer gsungen. Mein' schier, es fallt mir gar kein Liedl nimmer ein!« »Ah bah! Da brauchst bloß dein Singbuch aus der Kammer holen.« Anderl wandte sich zu mir: »Wissen S', d'Mali hat a dicks Buch, da stehen die Gstanzln und Gsangln nach'm Hundert drin.« Ein Liederbuch, jedenfalls ein geschriebenes! Das war für mich, wie der Bayer sagt, ein gemähtes ›Wieserl‹. Um eines neuen Volksliedes willen wär' ich stundenweit gegangen. Nun trat für mich der Gesang des Mädels in den Hintergrund, das Buch war mir die Hauptsache. Ich sagte: »Wenn du nicht singen willst, so zeig mir dein Liederbuch!« Mali zögerte. Mein Wunsch kam ihr nicht gelegen. Dann nickte sie und verließ die Stube. Als sie wiederkam, trug sie auf dem Arm ein großes, hübsch gebundenes Buch. Sie wischte mit der Schürze über den Tisch und legte das Buch vor mich hin. »Müssen S' aber recht Obacht geben, daß kein Fleck net einikommt!« Mit mißtrauischem Blick verfolgte sie meine Hand, die den Deckel des Buches aufschlug. Da stand auf dem ersten Blatt in kunstvoller Rundschrift: Lieder und Gesänge für ein und zwei Stimmen, mit Gitarrebegleiten (von Verschiedenen) für Fräulein Amalie Leitner zu deren dreiundzwanzigstem Geburtstage zusammengestellt und aufgeschrieben von Dominicus Haselwanter, Schulgehilfe in der Jachenau. Dominicus Haselwanter! Als ich diesen Namen las, mußte ich aufblicken. Es war der Name, der draußen am See auf dem Marterl angeschrieben stand. Eine Weile noch blieb Mali vor mir stehen, um sich von der Achtsamkeit zu überzeugen, mit der ich das Buch behandelte. Dann verließ sie die Stube, um ihrer Arbeit nachzugehen. Anderl hatte sich auf das Sofa gestreckt und schmauchte sein Pfeifchen. So konnte ich ungestört das Buch durchblättern. Die Lieder, die ich fand, waren meistens alte, gute Bekannte – einfache, gemütvolle, sinnige Volksweisen, wie sie zwischen Königssee und Mittenwald allerorten von Burschen und Mädchen gesungen werden. Bei den meisten dieser Lieder war nur vor jeder Strophe die Tonart der Begleitung durch lateinische Buchstaben angegeben, andere waren unter sauber gezogene Notenlinien geschrieben, Melodie und Begleitung wie gestochen. Zwischen dieser heimischen Gesellschaft fanden sich auch Liedergäste, die sich in solcher Umgebung seltsam ausnahmen: ›Gute Nacht, du mein herzigs Kind‹, Schuberts Ständchen, das Mozartsche Kirchenlied ›Ich will dich lieben, meine Stärke‹ und Beethovens ›Adelaide‹ auf dem gleichen Blatt mit dem Wiener Couplet: ›Ja so zwa, wie mir zwa, dös findt ma net leicht!‹ Wenn ich unter den Dialektliedern eines fand, das ich noch nicht kannte, schrieb ich es in mein Notizbuch ein. Unter anderem fiel mir auch ein Lied auf, dessen Inhalt in eigentümlichem Kontrast zu dem hochklingenden Titel stand, den es trug, und das mich doppelt interessierte, weil unter der letzten Strophe ›Dominicus Haselwanter‹ als Dichter verzeichnet war. Das Lied war überschrieben: ›Abschied an Amalie!‹ und lautete: Und i kon halt net bleibn, Und i mueß wieder fort – Drum pfüet di Gott, Deanerl! Gelt, dös is a Wort! Es druckt oam schier's Herz ab Und sagt si so schwaar – Woaß Gott, i gang leichter, Wann's net a so waar! Mei Load, dös gheart mei, Und dös trag i mit mir, Mei Herzerl gheart dei, Und drum bleibt's aa bei dir! So pfüet di Gott, Deanerl, jatz geht's halt dahi – Hast grad amal Zeit, Nacha denkst halt an mi! Noch war ich mit der Abschrift dieses Liedes nicht zu Ende gekommen, als Mali wieder in die Stube trat. Sie setzte sich zu mir auf die Bank und sah mir eine Zeitlang schweigend zu. »Warum schreiben S' denn dös Gsangl ab?« fragte sie mich endlich mit halblauter Stimme. »Weil's mir gefällt.« »Ja, es is eins von die schönsten im ganzen Buch. Aber weiter hinten kommt noch a schöners!« Sie hatte zugegriffen, um dieses schönere Lied aufzuschlagen. Ich zog ihr das Buch unter den Händen weg. »Nur langsam! Wir werden es schon erwischen. Alles der Reihe nach!« Dann blätterte ich weiter, und Mali sah mir über die Schulter, an das eine und andere Lied kleine Bemerkungen knüpfend – daß sie es gern oder ungern gesungen hätte, daß es leicht oder schwer zu begleiten wäre. So schlug ich wieder einmal ein Blatt um. »Dös da!« rief Mali erregt, während sie auf ein Lied deutete, das überschrieben war: ›Der Jäger am Walchensee.‹ »Dös hat er allweil am liebsten gsungen, fast jedsmal, sooft er bei mir heraußen war!« sagte sie mit gepreßter Stimme. »Ist das Lied von ihm selbst?« »So halb und halb. Wissen S', die jagerischen Sachen sind aus ei'm alten Lied, aber den Anfang und 's End hat er selm verfaßt.« Schweigend sah sie mir zu, während ich das Lied abschrieb. Als ich damit zu Ende war, fragte ich: »Wie geht das Lied?« Sie griff nach der Gitarre und begann mit halber Stimme zu singen, die Weise mit leisen Akkorden begleitend. Ich vermutete, daß sie nach der ersten Strophe wieder abbrechen würde, täuschte mich aber. Von Wort zu Wort hob sich ihre Stimme und verstärkte sich der Klang der Saiten. Anderl richtete sich auf und lauschte gleich mir dem Gesang des Mädels. Es war eine Altstimme, weich und schmiegsam. So kunstlos die Art des Gesanges war, so ergreifend war dieser Ton. Die Weise des Liedes war einförmig und bewegte sich, von eigentümlich schwermütigen Jodelläufen unterbrochen, innerhalb des Umfanges einer Quint; dazu der getragene Klang der von schmerzlicher Empfindung bewegten Stimme, so daß der Gesang wunderlich kontrastierte mit dem fröhlichen Sinn der gesungenen Worte: A See, der is blau, der liegt tief in ei'm Tol – Da woaß i a Deandl, dös gfallt m'r so wohl. Dös Deandl, dös is grad wie Milch und wie Bluet, Wie a Rehcherl so sanft, wie a Lamperl so guet. Dös Deandl kon singen wie 's Zeiserl am Baam, Und Ziedern kon's schlagn wie a himmlischer Traam. Und juchezt mei Deandl, so ziedert da See, Und die Berg alle wackeln bis auffa in d' Höh. Um di, du mei Deandl, draht si alls, was i bin, Dei ghear i, dei bleib i mit Herz und mit Sinn. Und schieß i an Garnsbock, a schwarzer muß 's sein, Der Gamsbart, liebs Deandl, der gheart nacha dein. Und wann i am Berg wo an Edelweiß find, Paß auf, was i für a schöns Sträußerl dir bind. Und is wo a Schießn, so geh i dazua, Dös schönst seiden Tüchel daschießt dr dei Bua. Du bist amal mei, und di geb i net auf, Mei Seligkeit, Schatzerl, vaschwör i dadrauf. Und müeßt i bald sterbn und graben s' mi ein, Mei Grab dös mueß nacher am Walchensee sein! Mali schwieg. Regungslos, den Kopf gesenkt, starrte sie nieder auf die Gitarre, in deren Saiten noch ihre Finger lagen, während schimmernde Tränen über ihre Wangen rollten und niedertropften auf ihre Brust. »Wie er mir zum erstenmal dös Lied gsungen hat«, sprach sie mit versagender Stimme vor sich hin, »da hätt er sich wohl riet denkt, daß sein Lied so traurig zur Wahrheit werden müßt. jetzt is der Walchensee sein Grab – a Grab, so tief, daß man kein' drin findt vor'm jüngsten Tag.« Die Tür wurde aufgerissen, und Lipp trat in die Stube. Heißer Zorn lag auf seinem Gesicht. Mit schriller Stimme schrie er die Schwester an: »Du hast wohl kei' Arbet riet, daß d' umanandhocken kannst und dene zwei was fürplärren!« Er riß ihr die Gitarre aus den Händen und warf sie in eine Fensternische, daß es krachte und klirrte. »Mach, daß d' aussi kommst in' Stall! Unsere Küh haben an deiner Dudlerei net gfressen.« Mali warf einen stummen Blick auf ihren Bruder, ging zum Fenster, nahm die Gitarre und hängte sie an die Wand. Dann zog sie das Liederbuch vom Tisch und verließ die Stube. Lipp hatte Hut und Joppe hinter den Ofen geschleudert. Während er die Nagelschuhe herunterstreifte, rief er dem Jäger zu: »Der Wagen steht draußen! Im übrigen will ich dir ebbes sagen: Wann du bei uns kein anders Gschäft riet hast, als daß d' mir d' Schwester zum Faulenzen anhaltst, nacher därfst daheim bleiben!« Anderl war dicht vor den Burschen hingetreten. »Lipp! Wegen deiner Flegelei gegen 's Madl kann ich dir nix sagen. Da hab ich kein Recht dazu. Aber gegen mich, dös därfst dir merken, mußt deine Wörtl a bißl sanfter zammklauben. Sonst zeig ich dir, für was unser Herrgott d' Haselnußstauden hat wachsen lassen. Verstehst mich?« »Oho!« fuhr der Lümmel auf. »Dös wär mir grad noch 's Rechte! In mei'm eigenen Haus müßt ich mir –« »Sei stad!« fiel ihm Anderl ins Wort. »Wir wissen schon, daß d' a Lackl bist! Brauchst kei' weiters Zeugnis bringen.« Während er Gewehr und Rucksack aufnahm, wandte er sich zu mir: »Geben S' ihm a Markstückl! Dös hat er verdient für 'n Gang. Und fertig!« Ich reichte dem Lipp einen Taler, den er brummend einsteckte. Als ich davonfuhr, wandte ich das Gesicht. Das Mädel war nicht zu sehen. Nur die Brüder sah ich. Christl hantierte drunten am See an einem alten Boot, und Lipp hämmerte am Gartenzaun wütend auf die Staketen los. Zehn Tage waren vergangen. So lieb mir der Aufenthalt in der wiesenblühenden Jachenau geworden, endlich mußte ich ans Wandern denken. Ich hatte noch einen schönen Weg vor mir: über Urfeld und Walchensee nach der Vorderriß. Dieser Weg führte mich wieder zu der Stelle, an der ich vor zehn Tagen den glücklichen Schuß getan hatte. Der Seespiegel schimmerte. Weshalb den weiten Umweg über Urfeld machen? Wenn ich mich von einem der Seeleitnersbuben nach Walchensee hinüberrudern ließe? Rasch entschlossen wandte ich mich talwärts, versah mich aber in der Richtung. Als ich den Rand des Gehölzes erreichte, lag nicht die Wiese mit dem Haus der Seeleitnersleute vor mir, sondern die schmale Straße und hinter ihr der stillblaue See. Vom Ufer her vernahm ich den dumpfen Hall rasch aufeinanderfolgender Schläge – da war wohl irgendwo ein Holzknecht damit beschäftigt, Baumklötze oder Wurzelstöcke auseinanderzukeilen. Plötzlich, nahe vor mir, verstummten die Schläge; ich bog um die Waldecke und stand vor dem Marterl des verunglückten Schulgehilfen. Aber kein Mensch war da. Als ich aufhorchte, hörte ich flinke Tapper im Wald. Sprang da einer davon? Und warum? Ich trat auf die Felsplatte hinaus, las wieder die Inschrift des Marterls und mußte der zierlichen Schrift in Malis Liederbuch gedenken. Schon wollte ich wieder auf den Weg zurück. Da machte ich eine sonderbare Entdeckung. In der ganzen Breite, in der die Felsplatte mit dem Straßenkörper zusammenhing, war sie von tiefen Rissen durchzogen und zerspaltet. Und eingetrieben in solch einen Spalt, stak ein dicker, an seinem Kopf zu Fasern zerschlagener Holzkeil. Eine Viertelstunde später betrat ich den Hof des Seeleitnerhauses und hörte aus der Stalltür eine scheltende Männerstimme. Christl, beim Futterbarren, legte die rostige Stallkette um den Hals eines Ochsen, dem er haarige Zärtlichkeiten gegen die Hörner schrie. »Bist du allein daheim?« »Na! Der Lipp is draußen im Holz, aber 's Madl is da. Warum?« »Ich möchte mit einem Boot nach Walchensee fahren.« »So, so?« Christl preßte die Fäuste hinter die Hüften und verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen im Rücken. »Ich selber kann net furt, aber 's Madl kann ummifahren. Was zahlen S' denn?« »Was du verlangst.« »Zwei Mark fufzg? Dös wär net z'viel?« »Gut! Ein Trinkgeld leg' ich auch noch zu, dann bekommt das Mädel drei Mark.« »Ah na! Dös heißt, mit die drei Mark bin ich einverstanden. Aber mir müssen S' es zahlen, gleich vor'm Fahren!« Ich reichte ihm das Geld, das er schmunzelnd einsteckte, während er mir voraus zur Haustür ging. Im Flur blieb er vor der Holztreppe stehen, die zum Bodenraum hinaufführte. »Höi! Mali!« »Was is?« klang von droben die Stimme des Mädels. »An Herrn mußt nach Walchensee ummifahren. Ich richt derweil die Zillen her. Tummel dich!« Ich ging mit Christl zum See hinunter, wo er das Boot loskettete und die plumpen Ruder in die abgewetzten Weidenringe schob. Mali kam. Sie trug das gleiche dunkle Kleid, in dem ich sie damals vor dem Marterl hatte sitzen sehen, doch statt des weißen Kopftuches einen breitkrempigen Hut mit den landesüblichen Goldschnüren. Ich bot ihr die Hand. »So? Sie sind's! Grüß Gott!« sagte sie und legte ihre Hand in die meine. Ich stieg in das Boot, Mali setzte sich auf die Ruderbank und griff nach den Stangen. »Zahlt hat er schon!« rief Christl der Schwester zu, während er mit kräftigem Stoß den Nachen ins Wasser schob. Das Mädel rührte die Ruder mit fester Kraft. Ein Rauschen vor dem Kiel. Schweigend fuhren wir durch die friedliche Schönheit, die mich fesselte, daß ich des Redens vergaß. Die Morgensonne breitete einen blauweißen Schimmer über den regungslosen Spiegel; auch die leichten Wellenfurchen, die den Weg des Bootes bezeichneten, verschwammen bald wieder zu stiller Ruhe. Wie Gold und Perlen glänzten die Wassertropfen, die von den Rudern fielen. Zarter Duft lag über den Bergen von Walchensee und ließ sie ferner erscheinen, als sie waren. Hoch über dem See zog ein Habicht mit raschem Flug, und in der Tiefe des klaren Wassers glitt sein Spiegelbild wie ein Fisch mit Federn. Als ich aufblickte, sah ich Malis Gesicht gegen das Urfelder Sträßchen hinübergewandt. Da drüben stand das Marterl, dessen rot bemaltes Holz in der Sonne leuchtete wie blankes Metall. Müde Schwermut lag in Malis Zügen. Als sie die Augen wieder zum Boot zurückwandte, das aus der Richtung geraten war, schwellte ein tiefer Seufzer ihre Brust. Ich fragte: »Wie lang ist das her? Das Unglück da drüben?« »Sieben Vierteljahr.« »Und du kannst es noch immer nicht verwinden?« Wortlos schüttelte sie den Kopf. »Hast du ihn gern gehabt?« »Ja, Herr!« Den Kopf ein bißchen seitwärts geneigt, blickte sie immer nach dem Kielwasser. »Schön war er riet. Aber gut. jedem Viecherl am Weg is er ausgwichen. Und fromm war er und gottesgläubig. Wann er auf der Orgel 's Benediktus gsungen hat oder 's Gloria, hat man's ihm allweil anghört, daß er akrat für unsern Herrgott singt. Und brav is er gwesen. Wann's im Wirtshaus an Spitakl geben hat, war er nie dabei. Alle Leut waren ihm gut. Bloß meine zwei Brüder haben ihn nie riet mögen.« »Warum nicht?« »Dös hat an Grund. Der heißt: Magen und Geldbeutel. Wie der Vater selig gstorben is, hat er uns drei Gschwister den Hof hinterlassen und hat im Testament ausgmacht, daß am Hof bleiben soll, wer z'letzt heiret. Wer früher heiret, müßt aus'm Hof und krieget zwölfhundert Mark aussizahlt. Der Vater selig hat's gut gmeint und hat sich denkt, so tät er keins von uns verkürzen. Hätt er wissen können, was da für Feindschaft und Verdruß und Elend aufwachst, so hätt er's anders gmacht. Der Hof is gut im Stand. Man kann z'dritt, schaut man fleißig auf d' Arbeit, richtig drauf leben. Aber so viel bars Geld war nie net da, daß man eins von uns hätt nauszahlen können, ohne daß man aufs Haus Hypothekschulden hätt aufnehmen müssen. Lang schon, vor ich selber ans Heiraten denkt hab, war Feindschaft zwischen die Brüder. jeder hat an Schatz ghabt, jeder hat am Hof bleiben wollen, und keiner is drauf eingangen, daß der, wo aussiheiret, bloß die Zinsen kriegt, derweil 's Geld am Haus bleibt. So haben s' mitanand furtghadert Jahr um Jahr. Dem Christl sein Schatz hat a Kind kriegt, und der vom Lipp gar zwei in ei'm Jahr. Da haben die Buben wieder ihre Madln ebbes zahlen müssen, und statt, daß man gspart hätt, is 's Geld allweil weniger worden.« »Da mußt du kein gutes Leben gehabt haben!« »Im Anfang, solang ich allweil d' Vermittlerin hab machen können, wann s' gstritten und zugschlagen haben, war's zum derleiden. Aber arg is 's worden, wie z'letzt alle zwei gegen mich bockt haben. Da is a reicher Bauernsohn in der Jachenau gwesen. Der is mir nachgangen auf Schritt und Tritt. Selbigsmal war ich noch gut zum anschaun, aber jetzt – ich muß mich wundern, daß mich 's Elend net noch ärger runterbracht hat. Der Huber Franzl war so verschossen, daß er zu meine Brüder gsagt hat, er nimmt mich ohne Heiratsgut. Da hab ich's natürlich sagen müssen, daß ich den Domini gern hab. Und daß wir im Herbst Hochzet halten möchten. Und sie müßten mir 's Heiratsgut auszahlen, geh's wie's will. Meine Brüder sind umgsprungen mit mir, ich kann's net sagen. Der Lipp amal hätt mich in der Wut derschlagen, wann ich net zur Stuben aussigsprungen wär und hätt mich eingsperrt in der Kammer. Am andern Morgen haben s' mir gsagt, sie hätten dem Franzl a feste Zusag gmacht und ich müßt mich dreinschicken, ob ich wollt oder riet. je mehr ich bettelte und gweint hab, so gröber sind s' mit mir worden. Den ganzen Tag haben s' aufpaßt, daß ich riet in d' Jachenau ummispring oder dem Domini Botschaft sagen laß. Wie der nächste Sonntag kommen is, haben s' mich zur Kirchenzeit auf'n Heuboden gsperrt, daß ich mit'm Domini net zammtreffen sollt. Ihm selber haben s' schon lang Botschaft zutragen lassen, daß ich mit'm Huber Franzl versprochen wär. Am selben Sonntag is in Urfeld drüben Kirchweih gwesen –« »In Urfeld steht doch gar keine Kirche?« unterbrach ich das Mädel. »Dös macht nix. Kirchweih feiert, man deswegen doch. Also, am Nachmittag sind meine Brüder aus der Jachenau heimkommen, wo s' in der Kirch waren und beim Wirt drin gsessen haben. Da hat mich der Lipp aus'm Heuboden aussilassen und hat mir gsagt, daß der Franzl drunten wär. Ich sollt nur gleich mein Feiertagsgwand anlegen, weil ich mit ihnen nüber müßt zum Tanz nach Urfeld. Ich hab gmerkt, daß mir a Widerred nix anders eintragt als Schimpf und Schläg. So hab ich mir denkt, die Glegenheit kommt schon, wo ich's machen kann, wie ich will. In Urfeld hab ich tanzt, hab gessen und trunken. Mir war's, wie wann ich beim eigenen Leichenschmaus mithalten tät. Links von mir is der Franzl gsessen und rechts der Lipp. Mit keim andern Burschen hab ich tanzen dürfen als mit'm Franzl. Der Lipp, der in der Jachenau schon a bißl z'viel derwischt hat, hätt mich beim gringsten Muckser anpackt vor alle Leut. Grad bin ich nach'm Tanz wieder am Tisch gsessen, da schau ich auf und bin schier z' Tod erschrocken, wie der Domini dasteht, 's Hütl am Kopf und 's spanische Spazierstöckl in der Hand, mit dem er allweil an d' Waden hinklopft hat. Sein Gsicht is gwesen wie d'Wand, und angschaut hat er mich wie a Gstorbener. Und is auf an Tisch zugangen, wo fünf oder sechs Jachenauer Madln gsessen sind. Da hat er an süßen Wein kommen lassen, hat trunken und tanzt und mit die Madln Dummheiten trieben. Diemal hat er glacht, daß man's hören hat können im ganzen Saal. A Zither haben s' ihm bracht, und da hat er gsungen, ein Liedl ums ander. Z'letzt den ›Jager am Walchensee‹: A See, der is blau, der liegt tief in ei'm Tol – Mit Gwalt hab ich's Weinen verhalten. Und wie er gsungen ghabt hat: Und müeßt i bald sterben und graben s' mi ein, Mei Grab, dös mueß nacher am Walchensee sein – da is er gahlings aufgsprungen und hat zu mir ummiglacht: ›Was is denn, Mali? Singst net eins mit mir? Weißt, dös lustige Lied vom Madl, dös an andern gnommen hat?‹ Ich hab aufstehn wollen. Der Lipp hat mich wieder hinzogen auf'n Stuhl und schreit zum Domini ummi: ›Sing du allein, mei' Schwester hat schon an Zwiegsang am Tisch!‹ Und da hat er wohl denkt, der Lipp, daß ich's nimmer lang aushalt. Drum haben die Brüder 's Gwitter fürgschützt, dös am Himmel gstanden is, und sind zum Heimweg aufbrochen. Es war noch net Abend. Wie wir zum Tanzsaal aussi sind, steht neben der Stiegen der Domini. Es muß ihm net recht gut gwesen sein – natürlich, dös ungwohnte Einischütten und dö gwaltsame Lustigkeit! Und ich spring auf ihn zu. ›Domini!‹ sag ich. ›Zu allem haben s' mich zwungen, aber dir bleib ich treu auf Schnaufen und Sterben!‹ Der Christl schiebt den Domini auf d' Seiten, der Lipp hat mich am Arm packt und hat mich abigrissen über d' Stiegen. Wie wir drunten auf der Straß waren, is der Franzl nachkommen und hat mich zum fragen angfangt. Was denn dös wär? Und daß ich mit eim andern so reden kunnt, wo er die feste Zusag hätt? Da hab ich mir 's Kurasch gnommen und hab ihm alles gsagt. Und wie der Lipp auf mich losfahren will, hat der Franzl den Arm fürgstreckt: ›Laß du 's Madl reden, wie's ihr ums Herz is!‹ Und da hab ich gredt, wie's mir ums Herz war. Und da hat er gsagt: ›Nobel, nobel! Schön sitz ich vor'm Häusl! Aber dir, Madl, mag ich 's Glück net verschustern, und für mich wär's auch kein Segen net, wann ich a Weib haben müßt, dös an andern mag.‹ Wahr is 's, Herr, da hab ich aufgschnauft, als wär der Heiland extra für mich vom Kreuz abigstiegen.« Ich sagte: »Ein braver Bursch, der Franzl!« Mali nickte. »So sind wir halt fort in der Nacht. Keins von uns hat mehr a Wörtl gredt. Bloß der Lipp is gahlings stehnblieben und hat gsagt, er müßt wieder umkehren.« »Was? Der Lipp ist noch mal nach Urfeld?« »Er hat auf'm Tisch sei silberbschlagene Pfeifen liegenlassen. Ohne die hat er net heim wollen. Is er halt wieder zruck. Und daheim, beim Haus, hat mir der Franzl d' Hand geben und hat gsagt: ›Deswegen kei' Feindschaft net! Unser Herrgott macht's halt, wie er mag.‹ Hat 's Hütl glupft und is davongangen. Im Haus hat der Christl d' Stubentür zugschlagen ohne Gutnacht. In meiner Kammer hab ich mich ans Fenster gsetzt, weil ich mir denkt hab, der Domini macht den weiten Weg am Haus vorbei und ich kunnt ihm noch a Wörtl sagen. Ganz vertraulich bin ich wieder gwesen und hab gmeint, jetzt kommt alles in Ordnung und alls is gut.« Den Kopf senkend, schwieg das Mädel eine Weile. Ihre Stimme war anders, als sie weitersprach: »Zwei Stund später hab ich den Lipp heimkommen hören. Und allweil hab ich gwart und gwart. Der Tag is kommen. Kein Domini. Gegen Morgen bin ich vor Müdigkeit auf'm Sessel eingschlafen. Wie ich aufwach, is d' Sonn schon überm See gstanden. Da hab ich d' Werktagsmontur anzogen. Der Lipp is schon draußen im Holz gwesen. Und der Christl hat im Garten am Zugnetz gflickt. Und wie ich beim Brunnen a Schaffl mit Wasser einlaufen laß, hör ich am Straßl wen daherspringen. An alts Weib steht im Hof, kasweiß im Gsicht, in der Hand dös spanische Spazierstöckl. Gleich hab ich's kennt. Und draußen im See, hat die Alte aussigraspelt, tät a Hütl im Wasser schwimmen. An Schrei hab ich ausgstoßen und bin aussi zum Hof, hinter mir die Alte und der Christl. Wie ich ans selbige Platzl komm und dös Hütl im Wasser sieh, hab ich gmeint, es fallt mir der Himmel auf d' Augen. Wie a Stück Holz bin ich niedergschlagen. Vier Wochen bin ich am Nervenfieber glegen. Und wie ich nach der sechsten Woch wieder vor d' Haustür kommen bin, da war schon dös Marterl am See. Dös Kreuzl war alls, was mir bliebn is.« Mali schwieg. Ganz ruhig hatte sie gesprochen. Was in ihrem Innern war, hatte sich nur manchmal durch ein Beben der Stimme verraten, durch einen müden Zug, der sich um die Mundwinkel schnitt, und durch die Hast, mit der sie die Ruder führte. Nun hob sie das harte Gesicht und sah mich an, fast verwundert. »Dös is seltsam: daß ich Ihnen, den ich heut zum zweitenmal sieh, so alles verzählen hab müssen? Kann sein, weil Ihnen sein Liederbuch gfallen hat. Kann sein, es war mir selber a Wohltat, daß ich amal reden hab dürfen. So a Wörtl, wann dös einer geduldig anhört, kann wie a Pflaster sein. Sonst hab ich kein Trost. Dös is der einzige – vom Domini reden. Den andern – daß man sich wieder amal finden kunnt, ich weiß net wo –, den haben s'mir ausgredt!« »Wer? Deine Brüder?« Sie schüttelte den Kopf. »Der Pfarr!« Eine Falte schnitt sich in ihre Stirn, während sie über die Schulter nach dem Ufer blickte, das wir in wenigen Minuten erreichen mußten. »Ja! Am Krankenbett hat er mich öfters bsucht, der geistliche Herr! Und gnau hat er mir alles sagen können. Daß der Domini von selber einigsprungen is? Ah na! Es war an Unglück. Da glaub ich dran. Aber a Rausch? Net? Dös is doch a Todsünd! Im Katechismus heißt's: Völlerei. Und wann einer im todsündigen Zustand ummifahret? Was da gschieht? Dös weiß doch der Pfarr! Oder net?« Ein wehes Lächeln umzuckte den Mund des Mädels. Jetzt müssen die Höllischen schöne Zeiten haben – wann der Domini Orgel spielt. Knirschend fuhr der Kahn an das sandige Ufer. Mali erhob sich. Ich faßte ihre Hand. »Mädel! An so hoffnungslose Dinge dürfen wir Menschen nicht glauben. Wie wir schnaufen müssen, so müssen wir hoffen können. Unser Herrgott ist größer im gütigen Verzeihen als im Strafen und Verdammen. Was wir Liebe nennen, ist sein Geschenk für uns. Und seine Ewigkeit da drüben ist ein Haus voll Glück und Ruhe, ein Haus des Wiederfindens für Menschen, die auf der Welt in Treu zueinander standen. Das mußt du glauben, Mädel! Und kommen Zweifel über dich, so frag nicht andere! Frag dein eigenes Herz! Dann weißt du die Wahrheit!« Ein dankbarer Blick leuchtete in Malis Augen. »Vergelts Gott, Herr!« sagte sie leise, schob den Kahn ins Wasser, drehte ihn mit der Stange, faßte die Ruder und begann zu ziehen. Hinter dem Boot blieb in der Sonne ein leuchtender Wasserstreif. Drei Wochen später kehrte ich nach München zurück. In meiner Wohnung fand ich eine Kiste, in der mir Anderl, mein Jagdführer in der Jachenau, das Geweih des von mir erlegten Hirsches übersandt hatte. Der Brief, der dabei lag, lautete: Jachenau, den 2. Settember. Liber Herr Dogder! Anbey überschigg ich Ihn, wie mir auftragt haben, das Hirschgeweih. Habs gut verpackt, wird hohfentlich kein End oder sonst nichs brochen sein. Ist schad, das Sie furt ham müssen, kommens nur bald widder, ich spür Ihn den schönsten Hirsch aus in Revier. Geltens mit der Leitnermali hats ein traurigs End gnommen. Sie dauert alle Leit! War ein braffs Madl, wos besser verdient hätt. Oft gets spaßig zu auf der Welt. Is eh nix wert, alls übereinand. Der Herr Oberförster läßt Ihnen grissen. Sö sollen auf die Patronhilsen nich vergessen, wos ihm bsorgen wollen. Bein Königsschießen hab ich das Best am Haupt kriegt, ein seidens Tüchl mit zehn March. Ein Rausch hab ich auch kriegt, hat sich könn segn lassen. Sind schon widder beim Teifi, die zehn March. Hochachtungsvohlst grissend Ihr liber Andreas Horlinger, königl. Jagdgehilf in der Jachenau. Mali tot! Diese Nachricht erschütterte mich. Was war da geschehen? Ich schrieb an den Jäger. Drei Tage später erhielt ich seine Antwort: Jachenau, den 9. Settember. Liber Herr Dogder! Hab glaubt Sie wüßtens schonn, hättens in der Zeiding glesen. Die Mali is nich gesturm, is im Walchensee verunglückt, is jez mit ihm vereinicht, freilich auf anderweis als sichs friher denkt haben. Das Platzl kennens wo dem Domini sein Marterl stett. Da is die Mali Tag fir Tag zum Beten gangen. Die Felsplatten hat schonn lang ein Riß ghabt. Wie die Mali am Bankl vor den Kreizl war, is die ganze Gschicht in See abi grumpelt. Am 22. August is gwesen. Das Madl hat man nich mehr gfunden. Der Walchensee is ein Luder. Gibt nichs mer her. Ihr Brudder Lipp is menschenfeindlich seit derer Zeit. Der Christl is ganz täppet und redt dumms Zeig. Is auch bettlächrig. Wies des Madl gsucht ham, is er mitn Hackn wo hängen bliem und kopfüber in See gfahln. Seider Zeid hatr ein arg bösen Husten. Der Dogder fürcht. Für die Patronhilsen laßt Ihnen der Herr Oberförster danggen indem ich ebenfahls verbleibe Ihr liber Andreas Horlinger, königl. Jagdgehilf in der Jachenau. Drei Ausschnitte aus einer Münchener Zeitung: Jachenau , 16. September. Gestern abend gegen 9 Uhr sah man hier plötzlich über dem Gehölze gegen Walchensee eine flammende Feuerröte sich erheben, welche von Minute zu Minute an Dimension und Intensivität zunahm. Die Gemeindespritze wurde sofort abgesandt. Als man den Rand des Gehölzes erreichte, sah man sich dicht vor dem Feuerherde. Hier am See steht oder vielmehr stand ein einsames Haus, ›Beim Seeleitner‹ geheißen. Bis auf die Grundmauern war alles schon niedergebrannt. Leute aus dem näheren Urfeld umstanden jammernd die Unglücksstätte. Außer dem sämtlichen Vieh scheinen auch die zwei Brüder verbrannt zu sein, welche das Anwesen bewohnten und denen erst vor wenigen Wochen eine Schwester im See ertrank. Tölz , 19. September. (Originalkorrespondenz.) Sie haben – so schreibt man uns – vor wenigen Tagen in Ihrem geschätzten Blatte von dem Brande des sogenannten Seeleitner-Hauses berichtet und es dabei als wahrscheinlich hingestellt, daß die Bewohner desselben, zwei Brüder, in den Flammen umgekommen wären. Diese Nachricht muß eine Berichtigung finden. Heute vormittag erschien auf dem hiesigen Landgericht ein wild aussehender Bursche in schmutzigen, abgerissenen Kleidern. Er gab an, der Philipp Leitner zu sein, der Mitbesitzer jenes abgebrannten Hauses. Daran schlossen sich Selbstanklagen, welche jenen, die sie anhörten, die Haare zu Berge stehen ließen. Philipp Leitner oder Lipp, wie er kurzweg genannt wurde, hat erstlich den Geliebten seiner Schwester, einen Jachenauer Schulgehilfen namens Dominikus Haselwanter in den See gestürzt, um seiner Schwester nicht das vom Vater testamentarisch ausgesetzte Heiratsgut bezahlen zu müssen. Im Oktober wurden es bereits zwei Jahre, daß Lipp diese Untat verübte. Weil damals alles der Meinung war, daß Haselwanter im Rausch verunglückt wäre, ließ die Jachenauer Gemeinde an jener Stelle auf einer in den See hinausspringenden Felsplatte ein sogenanntes Marterl errichten. Hier pflegte die Schwester des Mörders, die Geliebte des unglücklichen Opfers, täglich zu beten. Da sich Lipp dadurch immer wieder an seine Tat erinnert sah, kam er auf den Gedanken, die Felsplatte mit dem Marterl vom Ufer abzusprengen und in den See zu stürzen. Wochenlang unterminierte Lipp den Felsen, bis derselbe eines Tages in den See brach, unglücklicherweise zu einer Stunde, als die Schwester betend vor dem Kreuze kniete. So hat auch die Arme durch die Schuld ihres Bruders den Tod gefunden. Die Habsucht hatte den Burschen zu seinem Verbrechen verleitet, und gerade an dieser Habsucht sollte er durch die unerforschliche Gerechtigkeit des Schicksals bestraft werden. Sein älterer Bruder Christian war, als er im Wasser den Leichnam seiner Schwester suchte, aus Unvorsichtigkeit in den See gestürzt, und es hatte sich bei ihm infolgedessen eine fixe Idee ausgebildet, indem er glaubte, die tote Schwester hätte ihn zu sich in die liefe hinabziehen wollen. Er verfiel in eine schwere Krankheit. Als er merkte, daß er sterben müsse, verleitete ihn der Neid, daß dem Bruder das ganze Erbe verbliebe, zu dem entsetzlichen Entschlusse, diesem die Freude zu verderben. Als Lipp, der noch spät am Abend in einiger Entfernung vom Anwesen Holz aufschichtete, die Flammen aus dem Dache schlagen sah und entsetzt dem brennenden Hause zueilte, traf er im Flur auf seinen Bruder, der ihm in der Schadenfreude des Wahnsinns zur Erbschaft gratulierte. Schäumend vor Wut riß Lipp das Messer aus der Tasche und stieß es dem Bruder, der vor ihm in die Stube geflüchtet war, von rückwärts in den Hals. Als dieser sich schwer getroffen am Boden wand, packte den Mörder das Grauen, und er stürzte, Verzweiflung im Herzen, aus dem brennenden Hause. Drei Tage irrte er in den waldigen Bergen umher, bis er sich heute morgen in einem Aufzuge, welcher, wie bereits vermerkt, jeder Beschreibung spottete, den Gerichten stellte. Tölz , 20. September. Der Mörder Philipp Leitner hat sich heute nacht in dem Gewahrsam, in den er verbracht wurde, mit Hilfe seiner zusammengeknöpften Rockärmel erdrosselt. Pirsch auf den Feisthirsch Der Juli geht seinem Ende zu, und mit feurigem Rot verblüht auf den Bergen der Almrausch. Das Hochwild trägt seit Wochen schon sein lichtbraunes Sommerkleid, die Geweihbildung ist der Vollendung nahe, und allabendlich halten die guten Hirsche mit Einbruch der Dämmerung ihren regelmäßigen Auszug auf die weiten, lichten Schläge, um durch die reiche, kräftige Asung, die sie hier finden, tüchtig ›Feist‹ unter die ›Decke‹ zu bringen. Ein paar Wochen noch, dann sind die Enden des Geweihes ausgeschoben, und stattlich prangt die zackige Krone. Aber je mehr das Geweih sich verhärtet und der die Stangen umkleidende ›Bast‹ ins Trocknen und Welken gerät, desto scheuer und vorsichtiger werden die Hirsche, desto mehr verspätet sich mit jedem Abend ihr Auszug, desto früher ziehen sie bei grauendem Morgen wieder zu Holz – als wüßten sie, daß die Vollendung ihres Hauptschmuckes den Beginn der ihnen drohenden Gefahr bezeichnet. Wenn dann der Jäger am frühen Morgen sein Revier begeht, findet er nur noch die frischen, alle Wege kreuzenden Fährten. Lauschend und spähend zieht er weiter; da gerät es ihm wohl manchmal, daß er aus dem nahen Dickicht ein gedämpftes Rascheln und Klappern vernimmt, das er leicht zu deuten weiß, und einmal steht er plötzlich stille, ein vergnügliches Schmunzeln auf dem sonngebräunten Gesicht. Er steht vor dem ersten, frischen ›Bschlachter‹, vor einem jungen Fichten- oder Lärchenstämmchen, an dem in der Nacht ein Hirsch ›geschlagen‹ – und dazu noch ›a ganz a guter‹ – das deuten die hochgebrochenen Zweige an, das verrät an dem Stämmchen die Höhe und Länge der Stelle, von der in Fetzen die zerfegte Rinde niederhängt, während Schweiß und Basthaar an dem kahlen Holze kleben. Die Fegezeit ist im Gange – mit dieser Meldung steigt der Jäger ins Tal. Und nun beginnt die Jagd auf den Sommerhirsch, auf den richtigen Feisthirsch. Diese Jagd wird selten mit Treibern geübt, da der Hirsch in der Feistzeit leicht ›vergrämt‹ ist und durch jede allzu laute Beunruhigung veranlaßt wird, seinen Standort zu verlassen und auf lange Wochen zu verschwinden, der Kuckuck weiß, wohin. Nur ausnahmsweise, wenn etwa der Jagdherr selbst oder ein hoher, mit besonderen Privilegien ausgestatteter Jagdgast im Bezirke weilt, werden kleine, isoliert liegende Bestände ›geriegelt‹. Während der Jäger zumeist allein oder in Begleitung nur weniger Treiber, mit schlechtem Winde, d. h. bei solchem Winde, der vom Jäger gegen den Stand des Wildes zieht, den ›Bogen‹ unter Vermeidung jedes lauten Geräusches ›angeht‹, indem er langsam den ihm wohlbekannten Wildwegen folgt, die in der Jägersprache ›Riegel‹ oder ›Wechsel‹ heißen – währenddessen hat der Schütze seinen Stand in der Nähe der Stelle, an welcher der unter bestem Winde liegende ›Hauptwechsel‹ aus der Dickung mündet. Da mag es dann wohl geschehen, daß der im Bogen ›bestätigte‹ Hirsch, nachdem er vor dem nahenden Jäger munter geworden, ziemlich vertraut dem Schützen vor die Büchse trollt, um den Schuß zu empfangen und nach kurzer Flucht verendet hinzustürzen in das vom quellenden Schweiß sich rot färbende Gras. Aber nur selten ist der Erfolg ein so günstiger wie bequemer. Gar häufig schlägt solch ein schlauer gewitzter Recke dem Schützen ein Schnippchen, indem er hart am Saume des Dickichts ›umschlägt‹ oder gleich von Anfang an den Jäger unbekümmert an sich vorüberläßt, um lautlos auf den Rückwechsel auszukneifen. Oder es ist der Hirsch vor dem Jäger allzu ›munter‹ geworden; dann geht's mit Brechen und Rauschen durch die Büsche, wie ein Husch über die schmale Lichtung – und während der Hirsch in rasender Flucht, das Geweih tief in den Nacken drückend, zwischen schützendem Gezweig verschwindet, bohrt die nachgeschickte Kugel ein schnell vernarbendes Loch ins Blaue. Ist aber die Kugel dennoch flüchtiger gewesen als die Flucht des Hirsches, dann trägt er zumeist einen schlechten Schuß davon, einen Weidwund- oder Schlegelschuß, und da setzt es nun eine langstündige mühevolle Suche mit dem angeriemten Schweißhund oder eine den ganzen Bezirk beunruhigende Hetze, bis der Hirsch gefunden oder gestellt ist – wenn er überhaupt zur Strecke gebracht wird und nicht ungefunden in einem verlorenen Winkel des weiten Bergwaldes verendet. Doch wenn auch der Erfolg ein günstiger ist, so mag bei solcher Jagd doch nie die rechte Weidmannsfreude sein. Die weidgerechteste Jagdart zur Feistzeit ist jene, die den ruhigsten, sichersten Schuß ermöglicht: der Ansitz vor dem abendlichen Auszug, der Ansitz und die Pirsche vor dem Einzug bei grauendem Morgen und die ›Trapfhirsch‹ nach einem starken Gewitterregen, nach dem sich alles Haarwild von den ›trapfenden‹ Büschen und Bäumen aus dem Dickicht auf die Schläge treiben läßt, um sich draußen ›abzubeuteln‹ und in der warmen, hell durch die Wolken brechenden Sonne das nasse Fell zu trocknen. Der ruhigste, sicherste Schuß – das war vorerst nur vom Standpunkt des praktischen Jägers gesprochen. Aber auch der Naturfreund findet bei dieser Jagdart seine beste Rechnung. Ein solcher steckt ja schließlich in jedem richtigen Jäger, und so kommt es – man mag die Grammatik der Jägerei von Anfang bis zu Ende durchblättern –, daß jedem edleren Wilde gegenüber jene Jagdart als die weidgerechteste gilt, die mit der sichersten Erlegung den reichsten, mannigfaltigsten Genuß der Natur und ihres Tierlebens vereinigt. Und welch ein Hochgenuß, so hinauszuziehen in Berg und Wald, wenn nach Sturm und Wetter sich der Himmel klärt, wenn in der Ferne dumpf die Donner verrollen, wenn der letzte Entscheidungskampf der Wolken um die Zinnen der Berge wogt, wenn ein kräftiger Erdgeruch, vermischt mit süßem Blumenduft, die Lüfte füllt und die ganze Natur so recht von Herzen aufzuatmen scheint in Erquickung und Frische! Oder vor Anbruch des Tages die gemütliche Hütte zu verlassen und hineinzuschreiten in die stille Dämmerung, wenn fern über den westlichen Bergen die letzten Sterne erlöschen, wenn im Osten das wachsende Frühlicht in farbigen Bändern emporschwimmt über den Himmel, wenn der Tau wie ein grauer, seidenartig schimmernder Schleier über allem Grunde liegt, wenn die steigende Helle in den zahllosen Tropfen, unter denen sich die schlanken Gräser tief zur Erde neigen, ein buntes Glühen und Blitzen weckt, wenn aus Bäumen und Büschen sich die ersten schüchternen Vogelstimmen hören lassen und wenn der volle Tag erwacht in seiner leuchtenden Glorie! Und welchen Reichtum an stillen Reizen bietet am Abend das stundenlange Verweilen an einer Stelle, wo dem Jäger zu Häupten sich die wild zerrissenen Felsen über den Bergwald türmen, während ihm zu Füßen das tiefe Tal gebettet liegt in sanfter Schönheit! Dieser Reichtum erschöpft sich nicht und wird nicht ausgenossen, da er mit jedem Abend sich neu erzeugt in neuer Form. Jeder einzelne Abend hat seinen eigenen Reiz, jeder andere ein anderes Gesicht. Da wär' es auch ein vergebliches Unterfangen, den wechselnden Reiz solcher Abende in ein typisches Gemälde fassen zu wollen. Ich muß an einen bestimmten Abend denken, den ich droben in den Bergen verbrachte. Ich weilte damals seit einer Woche auf der Herrenrointhütte, die auf einem weit in das Königsseer Tal hinausgebauten Vorberg des Watzmann gelegen ist. Abend für Abend hatte ich vergeblich des guten Hirsches gewartet, der über dem Kaltenkellerschlag in einer steilen Dickung seinen Standort hatte. Nun war's am zehnten August. Während des Vormittags war ein Gewitter über die Berge hingegangen, ohne recht zum Ausbruch zu kommen. Aus den im Kreise treibenden Wolken rieselte den ganzen Tag hindurch ein dünner Regen nieder. Schon gab ich den Abend verloren; doch unerwartet, gegen sechs Uhr, ließ der Regen nach, die Wolken klüfteten sich, und mit goldigen Strahlen spielte die sinkende Sonne über den Berghang. In rosigster Laune und in der sicheren Erwartung, daß solch ein Abend den Hirsch zu zeitlicherem Auszug veranlassen würde, suchte ich gegen sieben Uhr auf dem nur wenige Minuten von der Jagdhütte entfernten Schlag mein altes Plätzchen auf. Das lag auf dem Abhang eines kleinen, den weiten Schlag beherrschenden Hügels. Eine weiche Moosplatte diente mir zum Sitz, während ein schräger Felsblock eine bequeme Lehne bot. Hoch emporgeschossene Gräser, ein junges Fichtenbüschlein und niedere, schwach belaubte Ahornstämmchen, die mir zu Füßen aus dem steinigen Grund stiegen, gaben mir gute Deckung, ohne den Ausblick zu hemmen. Auch der Wind ließ nichts zu wünschen übrig; scharf zog er über die steile Dickung nieder. Mit sachten Bewegungen richtete ich mich in jägermäßigem Sinne häuslich ein. Ich zog das Fernrohr auf und lehnte es an den Felsblock; den Bergstock schob ich senkrecht vor mir in die Steine, um ihn als Stütze des Fernrohrs gleich parat zu haben; das kleine Doppelglas, das in der Dämmerung, wenn dem Fernrohr das Licht schon ausgegangen, noch gute Dienste tut, steckte ich lose in die rechte Joppentasche und legte die Büchse in Bereitschaft über das Knie. Dann kreuzte ich die Arme und schickte die Augen auf die Reise. Tiefer Schatten lag schon auf dem weiten Schlag und der steilen Dickung, über deren höchste Wipfel der schroffe Riesenzacken des Watzmann, noch sonnbeschienen, majestätisch herunterblickte. Graue, vielgestaltige Schattenbilder überhuschten seine Wände, wenn die leichten Nebel oder die schweren, von goldenen Tönen behauchten Wolken im Winde über seine Zinne trieben. In jagender Eile überflog das zerrissene Gewölk den mir zur Linken in unsichtbarer Tiefe liegenden Königssee und mischte sich in die wogenden Nebelmassen, die alle Kuppen der jenseitigen Berge noch verschleiert hielten. Aber mehr und mehr mit jeder Sekunde hob sich da drüben der Nebel, weiter und weiter wuchs am Himmel das Blau, und bald lag wolkenlos und in sonniger Pracht die ganze herrliche Felsenkette vor meinen Augen gebreitet, von dem gezahnten Grat des Hohen Göhl bis zu den plumpen Felskolossen der Fundenseetauern, hinter denen in hoher Ferne die scharfen Spitzen der Teufelshörner aufwärts stachen über das blendend weiße Schneemeer der übergossenen Alm. Nur ungern trennte sich mein Blick von dem leuchtenden Bilde, um zurückzukehren auf den schattendunklen Grund zu meinen Füßen. Und da bekam ich gleich eine Mahnung, daß es an der Zeit wäre, die Augen bei der Sache zu halten. Kaum hundert Schritte unter mir war eine Rehgeiß mit ihrem Kitz auf den schmalen Wiesenfleck getreten, mit dem sich der Schlag zu meiner Rechten in die Dickung spitzte. Fleißig äsend zog das Kitzlein über das Gras; die Geiß aber hielt die großen dunklen Lichter auf mich gerichtet. Halb die Augen schließend, saß ich regungslos – und da schüttelte sie endlich die ›Lauscher‹ und begann zu äsen. Die Sache mochte ihr aber doch nicht ganz geheuer dünken, denn wieder ›sicherte‹ sie windend, um dann plötzlich mit kurzen Fluchten in das Dickicht zu verschwinden, wohin ihr das Kitzlein nach einigem Zögern in sichtlicher Verwunderung folgte. Lächelnd atmete ich auf und ließ die Blicke nach allen Winkeln des weiten Schlages streifen, über dessen üppigen dunkelgrünen Kräuterwuchs in wirrem Wechsel die braunen Baumstöcke und Wurzelknorren, die moosigen Felsblöcke und die weißen Steine ragten. Weit drüben senkte sich der Schlag über einen langgezogenen Rücken einem Dickicht zu, von dem ich nur die höchsten Gipfel gewahren konnte. Kleine Fichtengebüsche hielten diesen Rücken besetzt, und zuoberst auf ihm erhob sich ein riesiger Felsblock, auf dessen Platte einzelne halbwüchsige, meist dürre Bäumchen durcheinanderhingen. In der Mulde, welche die Höhe da drüben von meinem Sitze trennte, rann mit Murmeln und Gurgeln ein unter Kräutern und Farnen verstecktes Bächlein. Zu dem melancholischen Geplauder dieses Wassers gesellten sich die pipsernden Stimmen der Meisen, die zwischen Büschen und Steinen so eilfertig hin- und herflatterten, als hätten sie allerlei wichtige Dinge noch schnell zu besorgen, bevor der Tag zu Ende ging. Aus dem höheren Dickicht ließ sich der weiche Schlag einer Bergamsel hören, während vom tieferen Gehänge herauf der krächzende Schrei eines Tannenhähers und ab und zu das hastige Pochen eines Spechtes klangen. Weit über den See einher scholl manchmal, durch die Ferne gedämpft, das Brüllen der auf den Almen weidenden Rinder und das matt vernehmbare Läuten ihrer tieftönenden Glocken. Einmal auch hörte ich fauchende Flügelschläge über mir, und als ich zur Höhe blickte, gewahrte ich einen der großen Bergraben, der durch die gelbleuchtende Abendluft seinem Horst entgegenstrich. Während ich dem Zug des Raben folgte, trafen meine Augen auf den steilen Lahnstreif, der hoch über mir das Dickicht auseinanderteilte. Da meinte ich ›Rot‹ zu sehen. Langsam richtete ich das Fernrohr. Ein Gabelhirsch und zwei ›Kälberstücke‹ mit ihren Kälbern erschienen mir im Glase. Befriedigt legte ich das Fernrohr beiseite; der frühe Auszug dieses Rudels weckte gute Hoffnung in mir. Rasch warf ich noch einen Blick auf die Uhr. Ein Viertel vor acht, der Beginn der ›besten‹ Zeit. Dann ließ ich meine Augen rastlos über den Saum der Dickung auf- und niedergleiten. Im scharfen Spähen mußte ich schon die Brauen furchen, denn die Schatten begannen sich bereits zu vertiefen, und allmählich dämpfte sich der helle Schein des Himmels. Es wurde stiller und stiller um mich her, in der Ferne verstummte das Brüllen und Läuten der Rinder, die Vogelstimmen klangen sanfter und seltener, und bald vernahm ich nur noch das Murmeln des kleinen Baches. Aber auch das Wasser schien mit jeder Sekunde leiser und leiser zu werden. Einmal noch, kurz vor Einbruch der eigentlichen Dämmerung, ließen sich mehrere Vogelstimmen zugleich vernehmen. Dann schien der Bergwald wie ausgestorben. Und nun begann es in meinen Ohren allmählich anzuklingen, jenes seltsame, unbeschreibliche Geräusch, das jeder Weidmann kennen wird, der zur Sommerszeit auf dem abendlichen Ansitz auch noch auf andere Dinge merkt als nur auf das Brechen des Wildes im Dickicht. Das ist wie ein Singen und Zirpen zahlloser Tierchen, wie ein Zwitschern von vielen Vögelchen, wie ein Brummen und Summen von Hummeln und Bienen, aber ganz leise, nur eben noch vernehmbar. Bald scheint es in der Luft zu liegen, bald wieder aus der Erde zu quellen – und man fragt sich, ob man es wirklich hört oder ob es nur eine akustische Täuschung ist, eine Folge des stundenlangen angestrengten Lauschens. Wieder einmal, wie schon so häufig, legte ich mir im stillen diese Frage vor, als mich ein fiebernder Laut aus meinem Sinnen weckte. Tief aus dem Dickicht scholl das ›Blatten‹ einer Rehgeiß. Kaum hatte ich den Laut vernommen, da hörte ich vom Schlag herüber das Brechen dürrer Zweige, und als ich hastig die Augen wandte, sah ich ein Reh mit rasender Flucht im Dickicht verschwinden. Das mußte ein Rehbock gewesen sein, der in brünstigem Eifer den lockenden Liebeslauten folgte. Woher war er gekommen? Hatte er auf dem Schlage gestanden, ohne daß ich ihn bemerkt hatte? Unter der ärgerlichen Befürchtung, daß mir der liebestolle Bursch durch seinen lauten Eifer den Hirsch vergrämt haben könnte, der, wenn er überhaupt ans Kommen dachte, schon im Auszug begriffen war – unter solcher Befürchtung blickte ich unwillkürlich nach den tieferen Gehängen des Schlages, von denen der Störenfried gekommen sein mußte. Doch unerwartet zog ein wundervolles Schauspiel meine Augen über das Seetal nach den fernen Bergen. Dort waren die grauen Schatten schon emporgestiegen über Wald und Almen bis zu den kahlen Felsen; doch über diesen Schatten glühten alle Wände und Schrofen in dunkelrotem Feuer, und gleich den erstarrten Flammen einer riesigen Lohe hoben sich die Zacken und Spitzen von dem tiefblauen Himmel ab, über den die nahende Nacht schon ihre ersten Schleier spann. Selten hatte ich dieses Schauspiel in solcher Schönheit genossen, und immer hingen meine Augen an dem herrlichen Bilde, bis plötzlich der Jäger wieder in mir rege wurde, so daß ich fast erschrocken die vergessene Nähe suchte. Doch bei dem raschen Wechsel zwischen Licht und Schatten erschien mir alles schwarz vor dem Blick. Um die Augen zu beruhigen, schloß ich für einige Sekunden die Lider. Und als ich sie wieder öffnete, schoß mir das Blut zum Herzen. Mitten auf dem Schlage stand der sehnsüchtig Erwartete. Ich hatte sein Kommen überhört, seinen Auszug übersehen. In stolzer Schönheit stand er da drüben und warf wie spielend mit dem ›Äser‹ ein großes Lattichblatt in die Höhe. Trotz der Dämmerung gewahrte ich deutlich das schwankende Geweih und meinte sogar die weißen Spitzen der dreizackigen Krone zu erkennen. Ein Zittern befiel meine Hände, während ich das Doppelglas an die Augen hob, um meiner Sache noch sicherer zu werden. Das Unerwartete des Anblicks hatte mich um meine Jägerruhe gebracht. In Unruh und Sorge begann ich die Entfernung zu schätzen. Zweihundert Schritt! Zu weit – nicht für die Kugel –, aber zu weit für einen guten, sicheren Schuß! Mich überkam eine fiebernde Spannung. Wird er näher ziehen? Während der wenigen Minuten, solang noch Büchsenlicht herrscht? Oder wird er aufwärts ziehen gegen den Rücken des Schlages? Da schwellt mir ein erleichternder Seufzer die Brust. Ich sehe den Hirsch mit vertrauten Schritten talwärts trollen. Er kommt mir näher, immer näher, wenn auch langsam. Und nun verhält er sich äsend vor einem Fichtenbusch, und da steht er mir auf etwa hundertvierzig Schritt. Tiefer und tiefer sinkt die Dämmerung, schon verschwindet mir das Geweih. Aber noch immer warte ich. Nur zwanzig Schritt noch, denke ich, dann – Doch während ich denke, seh ich, daß der Hirsch das Haupt erhebt, wie überlegend aufwärts windend gegen den Waldrücken, und während ich mir diese Bewegung noch zu deuten suche, zieht er bereits äsend der Höhe zu. Nun ist's aber höchste Zeit! Ein Schauer rinnt mir über die Schultern. Kaum aber halt ich die Büchse an die Wange, da hab ich meine Ruhe wieder gefunden, und fest wie Schrauben schließen sich meine Hände um Schaft und Rohr. Ein paar Sekunden brauche ich, um vor einem weiß durch die Dämmerung leuchtenden Steine die richtige Stellung des Visiers zu fassen. Dann fahr ich langsam auf. Nun sitz ich mittendrin im roten ›Blatt‹ des Hirsches, der wannenbreit vor der Büchse steht. Und da bricht der Schuß. Dumpfhallend rollt das Echo über den Bergwald, während ich durch den verwehenden Pulverdampf den Hirsch mit langen, prächtig anzuschauenden Fluchten die Höhe gewinnen sah. Dort oben hielt er plötzlich inne, drehte das Haupt nach allen Seiten und verschwand dann langsam hinter dem Hügel. Was war das nun für ein ›Zeichen‹? Es konnte das beste sein, aber auch das schlimmste. Entweder saß ihm die Kugel in der ›Kammer‹ – oder der Hirsch war ›wurzweg‹ gefehlt. Das letztere konnt ich nicht glauben. Der Schuß hätte mir besser und ruhiger nicht brechen können. Das sagte ich mir ein um das andere Mal vor, und dennoch stieg mir die Erregung heiß unter die Haare, während ich mein Zeug von der Erde raffte. Ein paar Minuten – und ich hatte mich durch den Storren- und Kräuterwust bis zum Schußplatz durchgekämpft. Der tiefe ›Fluchtriß‹ in dem moosigen Grund bezeichnete die Stelle. Nach Schnitthaaren zu suchen, wäre bei der herrschenden Dämmerung vergebliche Mühe gewesen. Doch wenige Schritte nur brauchte ich der Fährte zu folgen, da fand ich schon den ersten Schweiß. Wie auf dem Präsentierteller bot er sich meinen suchenden Blicken, lag in großen Flocken auf einer weißen Felsplatte. Ich bückte mich und fand ihn durchsetzt mit schaumigen Bläschen. Ein Lungenschuß also, ein Schuß, mit dem der Hirsch gewiß keine hundert Gänge weit gekommen war. In Hast überstieg ich den Rücken des Hügels – und da flog mein Hut in die Höhe, während ich einen Jubelschrei in die dämmerigen Lüfte schickte. Kaum zwanzig Schritte vor meinen Füßen lag der kapitale Herr verendet im dunklen Kraut. Und welch ein Geweih! Die Zwölferstangen weit gespannt, von lichtem Braun und übersät mit dicken Perlen. Während ich vor dem Hirsch kniete, um die ›Granen‹ aus seinem Äser zu schneiden, kam der Jagdgehilfe, den mein Schuß aus der Hütte gerufen. Und an mein Weidwerk schloß sich nun das Handwerk des Jägers. Bis der Hirsch aufgebrochen, ins nahe Dickicht geschleift und mit Fichtenzweigen überdeckt war, hatte sich die Dämmerung zur Nacht gewandelt. Und während wir plaudernd heimwärts schritten zur Hütte, blitzten am stahlblauen Himmel schon die Sterne in zahlloser Schar. Der rote Komiker Sein Name war Lux. Man sollte diesen Namen mit lateinischen Lettern schreiben: LUX – das Licht. Er trug diesen Namen mit Recht. Denn er leuchtete wie der Tag. Nein, wie die Morgenröte! So feuerfarben! Wahrhaftig, er hatte ein brandrotes Fell. Und war ein Dackel. Ein junger. Das blieb er auch. Alt ist er nicht geworden. Sein Schicksal war ihm vorherbestimmt. Er hat es erfüllt. Nach zwei vergeblichen Versuchen gelang es ihm. Und das kam so, weil er auf die Welt eine Marotte mitgebracht hatte, keinem Ding des Lebens aus dem Wege zu gehen. An einem Menschen nennt man es Mut und Unerschrockenheit – besonders, wenn dieser Mensch das Glück hat, daß die harten Dinge des Lebens ihm aus dem Wege gehen. Doch an dem kleinen Luxerl mußte man dieses wunderliche Beharrungsvermögen als Dummheit bezeichnen. Unleugbar war es auch eine. Als wir ihn bekamen, war er noch kaum ein Vierteljährchen alt. Und so klein! Meine hohle Hand diente ihm häufig als bequemer Fauteuil. Aber ich hütete mich stets, dieses Kunststück übermäßig lange auszudehnen. Und da wäre nun gleich eine passende Gelegenheit, um zu registrieren, daß er sich die Stubenreinheit niemals völlig aneignete. Nicht aus angeborener Liebe zum Unsauberen. Er wurde nur leider für dieses Erziehungsresultat nicht alt genug. Nun ist er bereits seit fünfundzwanzig Jahren tot, und man könnte ihn vergessen haben, ohne den Vorwurf der Pietätlosigkeit befürchten zu müssen. Doch immer noch, so oft ich den alten Smyrnateppich meiner Arbeitsstube sinnend betrachte, muß ich an den Luxerl denken. Das hat seine Gründe. Sie sind gelblich. Diese Farbe erinnert mich wieder an sein Fell. In frühester Jugend war es zart und lind wie Samt. Drum streichelte man den Luxerl so gern. Er gewann die Menschen nicht etwa durch Seele oder tiefere Geistesgaben, sondern durch den Flaum seiner Epidermis. In diesem Punkte hatte er etwas Weibliches, obwohl er ganz ausgesprochen ein Männchen war. Er verführte und wirkte durch den Zauber seiner Haut. So etwas wie Seele hab ich nie an ihm entdeckt. Und bestechende Geistesgaben besaß er wahrhaftig nicht. Oder es müßte sein, daß sie noch nicht entwickelt waren, als er in der Blüte seiner Jugend die Augen schloß. Er wurde im Februar geboren. Seine Wiege, die ein Korb war, stand in Wien. Kurz vor Weihnachten begruben wir ihn. Wir? Nein. Ich weiß nicht, wer es tat. Es gibt Zoologen, welche behaupten, daß die Minderwertigkeit eines Sinnes bei Tieren die außergewöhnliche Entwicklung eines anderen Sinnes bedinge. Tiere mit schlechten Augen haben eine vorzügliche Nase, Tiere mit mangelhaftem Witterungsvermögen sehen ungemein scharf. Etwas Ähnliches war bei Luxerl auf intellektuellem Gebiete zu beobachten. Er war wirklich kein Genie, war wesentlich dümmer, als gemeinhin die jungen Hunde zu sein pflegen. Dafür besaß er aber einen frühreifen, außerordentlich entwickelten, unbewußten Humor. Man liebt zu sagen, Humor wäre eine Quintessenz des sublimsten Verstandes. Vielleicht ist das bei den Menschen so. Bei den Dackeln stimmt es nicht. Luxerl bewies es. Wenn er in seiner brandroten Kleinheit so dastand, mit den dummglotzenden Augen, mit den hängenden Ohrlappen, mit den verdrehten Beinchen, die X- und O-förmig zugleich waren – dann brauchte er an dem starr gestreckten Schwänzlein nur die Spitze ein bißchen krumm zu biegen, und man konnte Tränen lachen. In Wahrheit ist nichts von ihm zu erzählen. Aber dieses Nichts war immer so komisch – so komisch, daß sich über den Luxerl die Redensart zu bilden begann: ›Das ist doch ein ganz unglaubliches Vieh!‹ Neben seinem Humor besaß er noch eine zweite rühmenswerte Eigenschaft: eine Gutmütigkeit, die keine Grenzen kannte. Ob man Ball mit ihm spielte, ob man ihn auf dem beschädigten Smyrnateppich als Rollwalze in Aktion brachte, ob ihn unser kleines, blondes Mädel an einem Ohrlappen, an einer harmonikaförmigen Hautfalte, am Schwanz oder an einem der vier ungleichen Beinchen in die Höhe hob und herumschleppte – alles ließ er sich gefallen, ohne zu mucksen. Ein Denker behauptete, Luxerl wäre so dumm, daß er, obwohl er täglich alles Eßbare kurz und klein zernagte, seine Zähne noch immer nicht entdeckt hätte. Im Juni, als Luxerl vier Monate alt war, übersiedelten wir mit ihm zur Sommerfrische an den Königssee. Und wie das kleine rote Kerlchen da die großen grünen Berge anbellte – das war eines von den sieghaften Lustspielen des Lebens. Am Königssee gab's immer vom Morgen bis zum Abend einen lebhaften Wagenverkehr. Und da entwickelte sich Luxerl zu einem chronischen Kommunikationshindernis. Er sperrte die Einfahrt zur Schiffslände, stellte sich, so oft ein Wagen heranrollte, mitten auf die Straße hin, blieb da unerschrocken stehen und bellte sehr heftig. Nach jeder Bellstrophe schüttelte er energisch die Ohren, als wären diese hohen Zanklaute seinem eigenen Trommelfell nicht angenehm. Die Pferde waren immer klüger als der Luxerl und blieben barmherzig vor dem brandroten Kläffer stehen. Der Rosselenker schmunzelte, die Leute im Wagen standen auf und lachten, und dann umfuhr die große Kutsche in vorsichtigem Bogen den Luxerl, der das Feld behauptete, sich nur umdrehte und weiter zankte. Beim nächsten Wagen, der gefahren kam, war's wieder so. Alle Lohnkutscher von Salzburg, Reichenhall und Berchtesgaden wurden mit dem kleinen, roten Komiker vertraut, huldigten seiner Unerschrockenheit und behandelten ihn nach dem berühmten Rezept vom vergeblichen Kampf der Götter. Einmal aber kam einer, der keinen Sinn für Humor hatte. Ein Metzger von Unterstein. Und ehe Luxerl nach der ersten Bellprobe die Ohren schütteln konnte, waren schon die zwei Räder über ihn weggegangen. Ein Glück, daß der humorlose Metzger nur ein leichtes Berner Wägelchen hatte, dem auch die zarten Knochen eines erst halbjährigen Dackels zu widerstehen vermochten! Luxerl überkollerte sich hinter dem Wagen noch ein paarmal, rannte hurtig und mit eingekniffenem Schwänzlein davon, schüttelte den weißen Staub aus dem roten Fell, ließ sich auf seine Schattenseite nieder und guckte stumm, neugierig und verwundert dieser unbegreiflichen Sache nach, die da über sein junges Leben hinweggerattert war. Trotz der sorgfältigsten Untersuchung vermochte ich an Luxerl nicht die geringste Verletzung zu entdecken. Eine halbe Stunde später hatte er den sonderbaren Schreck bereits vergessen, sperrte wieder die Straße, bellte, schüttelte die Ohren und verursachte jedem Wagen einen kleinen Aufenthalt. Das Schicksal, das dem Luxerl seit Ewigkeiten vorbestimmt war, hatte mit dem Metzger von Unterstein eine ernste Warnung geschickt. Luxerl verstand sie nicht. Und da war's an dem Tag, an welchem Prinz Luitpold nach Antritt der Regentschaft seinen Einzug in Berchtesgaden hielt. An das Volksfest, das da gefeiert wurde, sollte sich eine feenhafte Illumination mit Bergfeuern anschließen. Es ist nicht zu verkennen, daß das Schicksal, wenn es sich auch als unerbittlich erwies, die schwere Lebenskatastrophe dem Luxerl doch wenigstens mit einem Zug ins Große inszenierte. Bei sinkendem Nachmittage wanderte ich mit meiner Frau von Königssee nach Berchtesgaden. Immer hörte man Böllerschüsse und ihr rollendes Echo, immer vernahmen wir die verwehten Klänge einer Blechmusik, sehr deutlich den Ton der großen Trommel, der wie ein aufgeregt pumpender Herzschlag war. Luxerl zappelte nach seiner Gewohnheit auf der Straße weit voraus. Zuweilen blieb er am Wiesenrande stehen, besah sich das wundervolle Panorama der Berge, bellte ein bißchen und trottete weiter. Ich war in Erinnerungen versunken. Bei diesem rollenden Echo der Freudenschüsse dachte ich an eine seichte Stelle im See von Starnberg. Und sah zwei große, schöne, vom Wahn umschleierte Augen. Und ein kleines Erlebnis fiel mir ein von jenem Tag, an dem die Kunde dieses tragischen Fürstentodes nach Königssee gekommen war. Damals am Nachmittage war ich zu Berg gestiegen. Es hatte mich hinaufgetrieben, hoch hinauf über die Täler der Menschen. Ein Gewitter zwang mich, Unterstand in einer Sennhütte zu suchen. Da waren noch andere, die der Regen hereingepeitscht hatte unter das steinbeschwerte Schindeldach: ein Jagdgehilf, ein paar Holzknechte, die Sennerin, der Hüterbub und ein wohlhabender Bauer aus der Ramsau, der Nachschau nach seinen Kalben gehalten hatte. Die Leute wußten noch nichts von dem Grauenvollen, das am Starnberger See geschehen war. Von ihm erfuhren sie's. Lange schwiegen sie, weil sie vor Schreck und Kummer nicht reden konnten. Das Volk der Berge liebte diesen schönen König. Und dann gab's ein aufgeregtes Reden rings um das flackernde Herdfeuer. Einer der Holzknechte schwatzte von den vielen Schulden, die der König nimmer hätte zahlen können. Und der schwere Bauer aus der Ramsau – ich werde seine Stimme nie vergessen – sagte bekümmert: »Jesus, Jesus, warum hat er's denn mir net eingstanden! I hätt eahm doch geben, was er braucht hätt! Gern aa no!« Damals wünschte ich, die Dinge der Welt so sehen zu können, wie dieser Bauer sie sah – ohne Maßstab! Aus solchen Erinnerungen fuhr ich auf, als ich plötzlich das wohlbekannte Bellkommando des kleinen Komikers hörte: »Wer da? Halt!« Unerschrocken stand Luxerl inmitten der Straße und ließ den Wagen, der da gefahren kam, an sich herankommen. Schlief der Kutscher? Waren die Pferde durch die Böllerschüsse und ihr Echo nervös gemacht? In böser Ahnung fing ich zu rennen an und brüllte: »Luxerl! Luxerl! Ob du hergehst!« Er ging nicht her. Das ist bei den Dackeln eine erbliche Belastung. Und bevor ich den Wagen erreichen konnte, war der Unerschrockene unter klappernden Pferdehufen und blitzenden Rädern verschwunden. Meine Frau tat einen gellenden Schrei. Ich beschimpfte in Zorn den Kutscher, der mit der Peitsche auf die Gäule losschlug, um rasch vom Fleck zu kommen. Ein schwerer, sehr schwerer Landauer war's. Und die fünfe, die im Wagen saßen, schienen aus fruchtbarer Gegend zu stammen. Mit neun Zentnern war ihr Gewicht nicht überschätzt. Als Luxerl hinter dem Wagen aus der verdampften Staubwolke heraustauchte, ging er langsam und ernst auf den Straßengraben zu und legte sich nieder. Die Mitte der Straße schien ihm nicht mehr zu gefallen. Das rote Zünglein lechzte, und die einfältigen Augen guckten traurig ins beschädigte Leben. Meine Frau weinte, während ich das Hundl prüfend auf seine vier sinnwidrigen Beinchen stellte. Luxerl legte sich gleich wieder hin. Eine Wunde war nicht zu finden. Doch der Brustkorb hatte eine vertiefte Stelle, die mürb und schlottrig war. Drei Rippenbrüche. Ich trug den Luxerl zu einem nahen Bauernhof, hielt ihn unter den Brunnenstrahl, wusch ihn im Trog, umwickelte ihn mit meinem Lodenmantel – und dann fingen meine Frau und ich zu laufen an. Luxerls Augen träumten an meiner Brust sehr weltschmerzlich aus einer Falte des Mantels heraus. Atemlos erreichten wir bei Anbruch der Nacht den festlichen Trubel, der unter dem Glanz der aufbrennenden Illumination den Marktplatz von Berchtesgaden füllte. Bunte Trachten, schmucke Forstmannsuniformen, die schwarzen Stollenkleider und Federhüte der Salzknappen – und überall Musik, fröhliches Gedränge, übermütige Heiterkeit. Und rings in der dämmrigen Ferne leuchteten große, prachtvolle Sterne auf, als wären sie vom reinen Himmel auf die Gipfel der Erde gefallen – die Bergfeuer. In mir war alle Freude an diesem Glanz zunichte geworden. Mit vorgebogenem Arm den leidenden Luxerl schützend, bahnte ich für uns einen Weg durch dieses Gewühl und fragte nach einem Tierarzt. Zu Berchtesgaden gab es keinen. Da waren Vieh und Menschen so gesund, daß sie ärztlicher Hilfe nicht bedurften. Endlich, im Gasthause zur Post, erfuhr ich, daß eine halbe Stunde von Berchtesgaden entfernt, gegen Salzburg hin, ein altes Weiblein wohne, das sich auf die Heilung blessierter Tiere verstünde. Ich wollte gleich zu dieser weisen Frau, kannte aber den Weg nicht und hätt mich im Dunkel der Nacht sehr übel verlaufen können. Doch niemand wollte mich führen, kein Wagen wollte fahren. Ein Kutscher sagte: »Wann's Tag is, fahr i um fünf Markln aussi, bei der Nacht net um hundert.« Diese weise Frau hieß die ›Freimännin‹ und war die Enkelin des letzten fürstpröpstlichen Henkers von Berchtesgaden. Alle Nachkommen dieses letzten Freimanns waren gestorben oder ausgewandert; nur diese Enkelin war noch übrig und hauste einsam auf dem ehemaligen Schindanger, durch den Aberglauben vom Leben der übrigen Menschen abgezäunt, von allen Leuten scheu gemieden, im Ruf einer ›Solchenen‹, vor der man sich hüten muß. Da war nichts zu wollen. Wir mußten den geduldigen, klaglosen Luxerl auf den Morgen vertrösten und verbrachten die Nacht damit, dem vor Fieber scheuernden Tierchen kalte Umschläge zu machen. Luxerl blieb auch jetzt noch immer komisch. Wenn er zwischen dem Wechsel der Umschläge auf dem Rücken lag, schnitt er so drollige Grimassen, machte mit den aufwärts gestreckten Beinchen so unwahrscheinliche Zuckbewegungen und knickte das leisbewegte Schwänzlein zu so wunderlichen geometrischen Figuren, daß wir bei aller Sorge um das kleine Kerlchen immer wieder lachen mußten. Als der Morgen graute, saß ich im Einspänner mit dem Luxerl auf meinem Schoß. Nach halbstündiger Fahrt hielt der Wagen auf der Straße, neben einem von Erlenzeilen und Stauden bewachsenen Bachtal. Der Kutscher deutete mit der Peitsche über die Wiesen hinunter. »Da drunt steht 's Freimannshäusl. Einifoahrn tu i net.« Mit dem Luxerl auf den Armen lief ich zum Bach hinunter, fand eine kleine morsche Brücke, einen mit Gras bewachsenen Weg, einen mannshohen Plankenzaun, über den man nicht hinübersehen konnte – und durch ein Pförtlein, das in alten, schwergeschmiedeten Angeln knarrte, kam ich zu einem hübsch mit rötlichem Sand bestreuten Pfad. Eine gemähte Wiese, ein kleiner, braun verwitterter Holzstall, der nach Ziegen roch, ein Gemüsegarten mit vielen Blumen – und unter Obstbäumen, deren Aste sich vom Gewicht der Früchte zu biegen begannen, stand das winzige Haus, das, nach der Verschränkung des Gebälks zu schließen, aus dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts stammen mußte. Der Platz vor dem Haus war sorgsam gepflegt. Überall Blumen. Und ein Immenstand mit schwärmenden Bienen. Ich öffnete die Haustür, sah einen kleinen, mit allerlei Gerümpel vollgepfropften Vorraum, sah die offene Tür eines engen Stübchens und einen Winkel, der als Küche wunderlich eingerichtet war. Beim Herd, auf dem ein Feuerchen von dürrem Reisig brannte, stand die Freimannsenkelin, ein gebeugtes, etwas buckliges Weiblein, klein, sehr bunt gekleidet, nicht altmodisch, aber auch nicht so, wie die Leute zu Berchtesgaden sich trugen. Eine Vision von zweihändigen Schwertern, von Ketten und Daumschrauben, von Strickschlingen, Blutgeruch und verzerrten Gesichtern huschte mir durch das Gehirn. Die Freimännin kam schnell auf mich zu, als möchte sie mich über die Hausschwelle zurückdrängen. Sie mußte schon über Fünfzig sein, war aber noch nicht grau, sondern hatte tiefschwarzes Haar, das wuschelig herumhing um das derbknochige, runzelreiche Altjungferngesicht. In den grauen, mißtrauischen Augen war die müde Klugheit eines einsamen Lebens, und der breite, häßliche Mund schien versteinert zu einem spöttischen Lächeln. Diese Gemiedene brauchte nicht zu reden. Auch ihr Schweigen erzählte. Ich hörte eine Geschichte von Dingen, die man schwer erträgt. Ohne eine Frage zu stellen, nahm sie den Luxerl von meinen Armen, und neben der Haustür, die sie zugezogen hatte, setzte sie sich mit ihm auf eine sonnige Bank hin. Geschickt und vorsichtig begann sie den Patienten zu untersuchen. Ihre Finger berührten ihn so zart, wie eine Mutter das leidende Kindchen behandelt, das sie liebt. Luxerl, geduldig auf dem Rücken liegend, mit schlappen Beinchen, betrachtete aufmerksam das Gesicht des alten Weibleins und schnupperte gegen den roten Brustlatz hin. Nach einer Weile sagte die Freimännin mit einer harten Stimme: »Nach drei Wochen kann man 's Hundl wieder abholen.« In Freude fragte ich: »Glauben Sie, das Hundl wird wieder?« Sie nickte, nahm den Luxerl achtsam in ihre Schürze und verschwand durch die Haustür. Drinnen klirrte ein großer Riegel. Ich blieb noch stehen und besah mir den stillen Platz. Zwanzig Jahre später sind mir die Gedanken dieser fünf beschaulichen Minuten zu Bildern für den ›Mann im Salz‹ geworden. – Meine Frau und ich und unser kleines Mädel, wir konnten den Ablauf der drei Kurwochen kaum erwarten. Einen Tag, bevor die festgesetzte Frist zu Ende ging –, an einem wundervoll milden Vormittag im September –, fuhr ich zur Freimännin hinaus. Das Laub der Ulmen und Ahornbäume begann sich schon gelblich zu tönen, die Farbe der Berge war wie Samt, die höchsten Gipfel waren zart beschneit, glitzernde Fäden flogen in der Luft, und der Himmel hatte ein Blau von geheimnisvoller Tiefe. Wieder blieb der Einspänner auf der Straße stehen und wollte nicht ›einifoahrn‹. Als ich zu dem winzigen Häuschen kam, sah ich die Freimännin im Schatten eines welkenden Apfelbaumes sitzen, der auf einem kleinen Hügel stand. In ihrem Schoße hatte sie den Luxerl liegen, von dessen Leib sie langsam einen schmalen, langen Leinwandstreifen herunterwickelte. In meiner Freude mußte ich schreien: »Luxerl! Luxerl!« Beim Klang meiner Stimme fing der kleine Kerl zu winseln und zu zappeln an, entwand sich den zwei alten Händen, die ihn halten wollten, machte einen Sprung, überschlug sich, kollerte über den grünen Hügel herunter, wickelte sich dabei selber aus der langen Leinwandbinde heraus und kam unter schrillem Gebell und schwänzelnd auf mich zugesprungen, mit einem schwärzlichen Pechstreif um den Leib herum. Wahrhaftig, der kleine Kerl war völlig geheilt! Und ich mußte gleich wieder lachen über ihn. Gern hätte ich über diese Wunderkur und auch sonst noch über mancherlei Dinge mit der Freimännin geschwatzt. Doch das Weiblein schien sich in der Einsamkeit des Redens entwöhnt zu haben. Ein paar leere Worte; sonst nickte sie nur oder schüttelte den Kopf. Und dennoch glaubte ich zu merken, daß sie fröhlicher wäre als vor drei Wochen. Hatte der kleine rote Komiker auch dieser Einsamen ein bißchen Heiterkeit in das müde Leben geschwänzelt? Ich gab ihr die Hand. »Was bin ich schuldig, Frau?« Gleichgültig sagte sie: »Wieviel S' halt mögen.« »Ach, nein, sagen Sie doch, ich möchte Ihnen nicht zu wenig geben.« »No also, vier Markln halt.« Das war mir zu wenig. Ich gab ihr ein Goldstück. Damals waren zwanzig Mark für mich eine Sache, die mir Kopfzerbrechen und schlaflose Nächte verursachen konnte. Aber der Luxerl war mir's wert. Die Frau betrachtete verwundert das Goldstück, lächelte ein bißchen, während sie die Münze irgendwo an ihrem bunten Mieder versteckte, und sah mich mit unverhehlter Geringschätzung von oben bis unten an. Der Luxerl rannte wie verrückt in dem kleinen Hof herum, schnappte nach den Bienen und biß in die Gräser. Das Gesicht der Freimännin wurde wieder so ernst und müde, wie es vor drei Wochen gewesen. Sich niederbeugend, ließ sie einen leisen Lockruf hören. Und der Luxerl, der noch nie einem Menschen gehorcht hatte, kam herangeschwänzelt wie ein folgsames Lämmchen. Die Einsame nahm ihn mit beiden Händen, hob ihn zu ihrem Gesicht hinauf und schmiegte die runzlige Wange an seinen roten Kopf. So stand sie eine Weile unbeweglich. Dann stellte sie den Luxerl wieder auf den Boden hin, gab ihm einen Klaps, ging zum Haus hinüber und verschwand durch die niedere Tür. Drinnen klirrte der Riegel. Luxerl kratzte an der Schwelle und bellte sehr aufgeregt. Aus freien Stücken wäre er nicht mit mir gegangen. Ich mußte ihn auf den Arm nehmen. Als ich über den hübsch mit rötlichem Sand bestreuten Pfad davonging, krabbelte er zu meiner Schulter hinauf, streckte sich immer länger, guckte nach dem winzigen Haus und fing zu winseln an. Am Königssee wurde Luxerls Genesung mit Jubel gefeiert. Doch eine Woche mußte vergehen, bevor er sich gründlich zu Hause fühlte, die Frelmännin vergessen hatte und wieder ganz der unbewußte Komiker wurde. Und einen Monat brauchten wir, bis wir ihm die schwarzen Reste des Pechverbandes völlig aus den roten Haaren herausgezupft hatten. Sein unheimlich schreitendes Schicksal verzögerte den mörderischen Schritt. Der Verkehr am Königssee begann abzuflauen, und mit dem nahen Winter wurden die Metzgerwägelchen und die schweren Landauer immer seltener. Ende November kehrten wir heim nach Wien, und Luxerl wurde da der Liebling aller Menschen, die in unser Haus kamen. Wenn wir Gäste hatten, brauchten wir zu ihrer Belustigung kein Schrammelquartett, keinen Kunstpfeifer und keine Volkssänger zu engagieren. Luxerl genügte. Er sorgte nach dem Souper für allgemeine Heiterkeit. Auf die einfachste Weise. Wir setzten uns in einem großen, dichtgeschlossenen Kreis auf den Smyrnateppich meiner Arbeitsstube. Luxerl kam in die Mitte. Erst guckte er drollig, machte possierliche Sprünge, spielte den ›trockenen Schleicher‹, manchmal auch den feuchten, und plötzlich begann er wie verrückt im Ring herumzurasen, überschlug sich, raste weiter, und immer, immer, immer so zu – es war so wahnsinnig komisch, daß wir uns schüttelten vor Lachen. Aber das ist so, nach den Gipfeln kommen die Abstürze. Mit dieser roten Heiterkeit war es plötzlich aus. Ein paar Tage vor Weihnachten. Da hatte die Köchin den Luxerl wieder einmal – zu spät – auf die Straße geführt. Es war überflüssig, aber man tat es doch. Aus Prinzip der Pädagogik. Und da kam das Mädel heulend in die Wohnung gelaufen: »Jesus Mariand, den Luxerl haben s' überfahren.« »Lebt er noch?« Das Mädel schüttelte den Kopf wie die wortkarge Freimännin. Im ersten ratlosen Schreck telephonierten wir um die Freiwillige Rettungsgesellschaft. Sie war sehr beleidigt. Fremde Menschen begruben den Luxerl. Ich weiß nicht, wer. Ich weiß nicht, wo. Sein vorgesetztes Schicksal hatte sich erfüllt. Und das unberechenbare Fatum verband sich bei dieser Mordtat – da ein Komiker doch nicht traurig sterben darf – mit einem überraschenden Witz des Lebens. Das elegante Vehikel, das den unerschrockenen Haltrufer stumm gemacht hatte, gehörte dem ›Herrn Hofrat‹, jenem berühmten Gynäkologen, der zu Wien zwischen 1860 und 1890 vielen Tausenden von Kindern mit seiner zarten Hand den Eintritt in das helle Leben erleichterte. Meinen Luxerl hat dieser segensreiche Lebenshelfer hinausbefördert in den dunklen Tod. Aber – das muß man zugestehen – auf möglichst schmerzlose Weise. Stutzi, der Pechvogel Als ich noch ein kleiner Junge war, brachte eines Morgens der Jagdaufseher aus dem Wald einen noch lebenden, aber schwer lädierten Nußhäher mit heim in unser Forsthaus. Der Vogel hatte sich im Wieseleisen gefangen, sein rechtes Beinchen baumelte. Und der Jagdgehilf, obwohl er über das zulässige Maß hinaus den Branntwein liebte, war eine gute Seele. Ausgenommen die Dachse, die er gern verspeiste, erbarmte er sich eines jeden Getiers, für das er kein Schußgeld bekam. Weil er nicht wußte, daß man aus Nußhähern eine gute Suppe machen kann, hielt er's für eine Roheit, den lädierten Vogel im Walde zwecklos abzumurksen, und hielt es für eine Grausamkeit, ihm auf anderthalb Beinen wieder die Freiheit zu geben. Also brachte er ihn mit heim, weil doch die Frau Oberförsterin mit jedem Blessierten was Hilfreiches anzufangen wüßte. Er täuschte sich nicht. Meine Mutter wußte auch mit dem Nußhäher was anzufangen. Um den Vogel, der zornig den grauvioletten Schopf sträubte und die kleinen Federchen an der Kehle aufplusterte, zu geduldiger Erledigung der Kur zu veranlassen, wurden ihm zuerst mit der Schere die Schwungfedern gestutzt. Seit diesem notwendigen Vorgang hieß er Stutzi. Dann schindelte und verband ihm die Mutter das vom Tellereisen zerquetschte Beinchen. So verbunden, bekam er ein hübsches lindes Bett in einer Zigarrenschachtel, und um den Stutzi für die Dauer der Kurzeit am Aufstehen zu verhindern, wurde die Schachtel dicht über seinem Köpfl mit einem Stück Fischnetz überspannt. Das Krankenlager des Waldveteranen wurde zum Mittelpunkt der Familie, der auch Unkas, der Hühnerhund, und Waldine, die alte Dackelhündin, beizuzählen waren. Diese beiden letzteren trugen ein Wesentliches dazu bei, um Stutzi zu ruhigem Liegenbleiben zu veranlassen. Solange sie die Zigarrenschachtel anbellten oder beschnupperten, spielte Stutzi in unbeweglicher Starrheit das tote Vogerl. Und da Waldine und Unkas fast immer schnupperten oder bellten, schien Stutzis Heilung einen ziemlich ungestörten Verlauf zu nehmen. Vier Tage lang verweigerte er die Annahme jeglicher Nahrung. Am fünften Tage verschluckte er alles, was man ihm hinbot, und pickte dabei mit seinem kräftigen Schnabel so energisch zu, daß er außer dem Leckerbissen, der für ihn bestimmt war, auch immer noch etwas anderes erwischte. Damals litt ich chronisch an verbundenen Fingern. In der zweiten Woche sträubte Stutzi den Schopf nicht mehr und plusterte die Kehlfederchen nimmer auf. Wenn wir uns über die Zigarrenschachtel beugten, musterte er sehr aufmerksam unsere Gesichter. Auch zeigte er deutliche Zeichen beginnender Zahmheit, so oft er zur Reinigung seines Lagers aus dem Bett genommen wurde. Das überließ die Mutter keinem anderen, und Stutzi schien auch seine sorgsame Pflegerin am besten unter uns allen zu kennen. Während der dritten Woche begann er in der Zigarrenschachtel sehr gemütlich mit sich selbst zu schwatzen und spielte so andauernd mit dem Fischnetz zu seinen Häupten, daß es täglich erneuert werden mußte. Dabei erbrachte er den Beweis seiner vollendeten Zahmheit; denn häufig biß er ein so großes Loch in das Netz, daß er leicht hätte durchschlüpfen können; doch er tat es nicht, verachtete die Freiheit und zog die Bettwärme vor. Zu Ende der vierten Woche erschien es der Mutter notwendig, Stutzis Verband zu lösen. Es war ein sehr aufregungsvoller Augenblick. Unkas und Waldine wurden aus der Stube gejagt und bellten draußen vor der Türe. Wir anderen standen in schweigender Erwartung um den Tisch herum, auf dem sich Stutzis chirurgische Erlösung vollziehen sollte. Der Mutter zitterten die Hände ein bißchen, wir Kinder rissen in Spannung und Sehnsucht die Augen auf – Papa sagte: »Na ja!« und ging in seine Kanzlei – der Jagdgehilfe roch sehr heftig nach Dachsbraten und Schnaps, die dicke Köchin hatte nasse Augen, gab der Mutter ärztliche Ratschläge und rief alle Heiligen an, die für Tiere gut sind. Der einzige von uns allen, an dem sich nicht die geringste Spur von Aufregung erkennen ließ, war Stutzi. Als der Verband gelöst war und die eingegipsten Schindelchen abgebröselt wurden, fiel zwischen Mutters Händen eine dürrgewordene Vogelklaue auf die Tischplatte. Ein sechsstimmiger Klagelaut. Und alle hatten wir Tränen in den Augen – fünfe vor Rührung und Erbarmen, einer von der Beizwirkung des Branntweins. Diesem Jagdgehilfen tröpfelten die Augen immer. Er weinte auch, wenn er lustig war. Dann erst recht. In meiner Kinderzeit verstand ich den hohen Wert dieser Erscheinung nicht zu würdigen. jetzt weiß ich, daß es eines der kostbarsten Geschenke des Lebens ist, unter Tränen lachen zu können. Aber ohne Schnaps. Dem Stutzi also war das zerschmetterte Beinchen nicht mehr heil geworden. Es hatte sich von ihm entfernt. Und was am Stutzi zurückblieb, war ein in starrem Winkel gebogenes Kniestummelchen. Sonst aber war Stutzi munter und gesund und schien der Meinung zu sein, daß man ganz vergnügt auch auf einem Fuße weiterleben kann. Wir anderen sahen die Sache für ein großes Unglück an, bis Mutter auf den tröstenden Gedanken kam, daß man an diesem hart gebogenen Kniestummel vielleicht ein künstliches Bein mit einiger Sicherheit befestigen könnte. Sie wand dem Stutzi eine linde Leinenbinde um Leib und Flügel herum und legte ihn wieder in die Zigarrenschachtel. Dann wurde der Drechslermeister, ein Universalgenie des Dorfes, zu Rate gezogen. Der fabrizierte für Stutzi ein niedliches, unten mit einer winzigen Stahlspitze versehenes Stelzfüßchen aus weißem Hirschhorn, das er in wetterfester Beize schön rosenrot färbte wie seine Spinnräder. Mit einer Lederhülse, mit Wachs und Zwirn wurde dieses orthopädische Meisterwerk an Stutzis Kniestummel dauerhaft befestigt. Nun hatte er ein graues und ein rotes Bein, und weil er auch sonst sehr scheckig war, erinnerte er an einen Landsknecht aus dem 16. Jahrhundert. Es war ein historischer Moment, als Stutzi in dieser neuen Aufmachung seines lädierten Lebens auf den Stubenboden hingestellt wurde. Beim ersten Hupf, den er zu machen versuchte, erschrak er über das Geklapper seines Stelzfußes so heftig, daß er mit seinen gestutzten Schwingen einen Meter hoch emporflatterte und dabei ganz unbeschreibliche Gackertöne von sich gab. Papa sagte wieder: »Na ja!« und ging in seine Kanzlei. Als Stutzi auf den Boden kam und neuerdings dieses sonderbare Geklapper hörte, flatterte er gleich wieder in die Höhe. So machte er's ein dutzendmal. Dabei schien der kluge Vogel zur Überzeugung zu gelangen, daß er auf diese Manier die unangenehme Sache unter seinem Bauch nicht loswurde. Er stellte sich, als er wieder zu Boden kam, mit seitlicher Gewichtsverteilung auf das gesunde Bein und fing mit dem rückwärts gestreckten Stelzfuß heftig zu schlenkern an. Das war so unsagbar komisch, daß wir nimmer aus dem Lachen kamen. Und meiner Mutter tröpfelten die Augen, als hätte sie Branntwein getrunken wie der Jagdgehilf. Plötzlich wurde Stutzi ganz ruhig, ließ den Stelzfuß schlapp herunterhängen, plusterte die Federn auf, duckte den Kopf zwischen die Flügel und zog ein weißes Häutchen über die Augen. Er schien zu denken: jetzt schlaf ich einmal, im Schlafe vergißt man alles. »So, Kinder!« sagte die Mutter. »Laßt ihn nur schön in Ruhe! Alles braucht seine Zeit. Ihr habt das Gehen auch erst lernen müssen.« Sie setzte sich mit ihrem Spinnrad ans Fenster und schickte uns aus der Stube. Nach einer Stunde rief sie uns. Und da gab's einen großen Jubel. Stutzi marschierte. Das war eine sehr drollige Sache. Möglich, daß der Drechslermeister das künstliche Bein ein bißchen zu lang gedrechselt hatte. Bei jedem Schritt machte Stutzi einen doppelten Hinker und suchte mit der gesunden Klaue immer sehr flink wieder auf festen Grund zu kommen. Um seine Wanderlust zu befeuern, hatte die Mutter ihm zerkleinerte Nußkerne in gerader Reihe auf den Boden hingelegt. Aber das Marschieren in gerader Richtung brachte Stutzi nicht fertig. Es drehte ihn bei jedem Schrittlein halb um die Spitze des Stelzfußes herum, so daß er, statt den nächsten Nußkern zu erreichen, mit dem Schnabel sehr weit daneben geriet. Wenn es ihn so um seine Achse schraubte, gackerte er immer sehr zornig. Und half er dabei mit den Flügeln nach, so wurde die Sache noch schlimmer. Einmal drehte er sich so blitzschnell um sich selbst, wie ich es in späteren Jahren von einem russischen Tänzer zu sehen bekam. Der wurde hoch bezahlt. Stutzi machte das Kunststück umsonst. Mit jeder Viertelstunde bekam er die Sache besser los und eignete sich bald die Fertigkeit an, diese unwillkürlichen Drehbewegungen mit Geschick als willkürliche Hilfen bei raschen Wendungen zu benützen. Papa wurde aus der Kanzlei geholt, um das marschierende Wunder zu bestaunen. jetzt sagte er: »Na also!« Und als er den in Bogen und Schlingen wandernden Stutzi eine Weile betrachtet hatte, nahm er ihn als Mitglied der Familie auf. Das geschah im Zusammenhang mit einer pädagogischen Zeremonie. Unkas und Waldine wurden in die Stube gerufen, und während ihnen Papa unter lehrreichen Worten das ›brave Vogi‹ demonstrierte, zeigte er ihnen zugleich mit einer Mimik von unbezweifelbarer Deutlichkeit die Hundspeitsche. Waldine und Unkas begriffen sofort, daß Stutzi eine heilige, allen irdischen Begierden entrückte Sache wäre; sie bellten nicht mehr, schüttelten in hochgradiger Nervosität die Ohrlappen, verkrochen sich unter den Ofen, legten die Köpfe auf die vorgestreckten Pfoten und betrachteten den gackernden Schleifentänzer mit funkelnden Augen. Vaters pädagogischer Unterricht war vielleicht überflüssig. Stutzi bewies noch am gleichen Abend, daß er selbst die Kunst, Respekt zu erzielen, ausreichend beherrschte. Als Unkas und Waldine – sei es, weil sie Freundschaft mit Stutzi schließen wollten oder sei es, weil die rosenrote Beize seines künstlichen Beines so scharf und so neugiererweckend duftete – mit Geschwänzel und hörbaren Schnupperlauten herankamen, machte der mißtrauische Stutzi einen empörten Flattersprung und gackerte dabei so erschrecklich, daß Waldine und Unkas mit eingekniffenen Schweifen schleunigst das Weite suchten. Dieses Gegacker hatte etwas von gespenstischer Macht. Es glich dem berühmten Wahngelächter in ›Der Waise von Lowood‹. Nach den mannigfachen Erlebnissen und Kraftleistungen dieses Tages waren an Stutzi deutliche Zeichen von Ermüdung zu bemerken, noch ehe der Abend dunkel wurde. Das warme Bett in der Zigarrenschachtel verschmähend, flatterte Stutzi auf den Oleanderbaum, der in unserer Wohnstube neben dem Fenster stand. Hier richtete er sich in der Gabel eines Astes häuslich ein, spreizte den Stelzfuß nach der Seite hin, lehnte sich gegen das Stämmchen des Baumes und schob das Köpfl unter den Flügel. Den ganzen Abend, unter dem Schein der Lampe, schwatzten wir von unserem lieben Invaliden. Stutzi schlummerte fest. Und der Oleanderbaum wurde seit diesem Abend sein ständiges Nachtquartier. Am anderen Morgen fühlte sich der gesprenkelte Landsknecht in der Wohnstube schon völlig heimisch und begann Erkundungsmärsche in die Küche, in den Hof und in den kleinen Vorgarten zu unternehmen, der höher umzäunt war, als Stutzi mit seinen gestutzten Schwingen zu flattern vermochte. Unkas und Waldine gingen ihm nimmer in die Nähe. Auch alle übrigen Kreaturen des Forsthauses-Hühner, Enten, Tauben, Ferkelchen und die zwei zahmen Rehgeißen begannen den Stutzi mit Aversion zu betrachten und bekundeten eine zunehmende Scheu vor seinen Flügelschlägen und seinem zänkischen Gegacker. Wenn er den Wahnsinnstrick aus ›Der Waise von Lowood‹ spielte, erzeugte er immer rings um sich her einen ungestörten Luftraum. Allmählich verdarb er es auch mit den Menschen. Zuerst mit der Köchin, die immer putzen mußte, wo Stutzi gekleckert hatte. Und er kleckerte sehr reichlich. Auch wurde er bei seiner Gefräßigkeit und bei seinem Hang zu Diebereien in Küche und Speisekammer immer unbequemer. Meine Mutter, die, obwohl sie Reinlichkeit im Haus über alles liebte, den eigenen Ärger lang bezwang, hatte häufig Ursache, der erbosten Köchin zu predigen: »Das muß man halt jetzt geduldig ertragen. Was soll das arme Viecherl denn machen? Ein Stöpserl hat ihm der Herrgott nicht mitgegeben. Es ist halt, wie's die Natur erschaffen hat. Und hätten die Menschen nicht die Tellereisen erfunden, so flög' der Stutzi noch allweil lustig und mit gesunden Füßerln im Wald herum.« Das zweite Menschenkind, bei welchem Stutzi in üblen Ruf geriet, war ich selbst. Nicht weil er mich täglich ein paarmal in die Finger oder sonst sehr empfindsam Stellen biß, sondern weil er nicht den geringsten Sinn für zärtliche Kameraderie besaß, jeden innigeren Freundschaftsbund von sich ablehnte und einen energischen Widerstand betätigte gegen jede höhere Dressur. Stutzi wollte nichts lernen. Das war nun allerdings auch eine Eigenschaft meiner selbst. Mir verzieh ich das. Dem Stutzi, der sich für mich aus einem ›braven Vogi‹ in ein ›dummes Vieh‹ verwandelte, nahm ich es übel. Meine Verehrung und Zärtlichkeit für ihn erkalteten mit großer Geschwindigkeit, und bald überließ ich diesen rohen Landsknecht seinem Schicksal und wandte mich neuen Göttern meiner Jugend zu. Darin liegt es begründet, daß ich heute bei der Schilderung seines kurzen Erdenwallens nur die groben Äußerlichkeiten seiner letzten Sommertage berichten kann und nicht in der Lage bin, wundersame Feinheiten seiner Psyche aufzutischen und die Zoologie durch leuchtende Edelsteine aus den Tiefen der Tierseele zu bereichern. Es ist schon lange her, seit Stutzi, dieser arme Pechvogel, auf tragikomische Weise dem irdischen Jammer entrann. Doch wenn ich heute sein Charakterbild aus dunklen Versunkenheiten heraufbeschwöre und die mir erinnerlichen Züge seines Lebens aufmerksam betrachte, kann ich mich trotz allem verspäteten Erbarmen nicht darüber täuschen, daß Stutzi ein unverträgliches, spitzbübisches, brutales, dreckspritzendes und boshaftes Luder war. Den Bösen ergeht es immer schlecht auf Erden – diejenigen ausgenommen, welche stärker sind als die Macht des Guten. Stutzi war schwächer. Schließlich verdarb er es auch mit der letzten, die ihm bisher noch immer gut geblieben – mit meiner Mutter. Er war durch das offene Fenster in die gute Stube geflattert und hatte das frisch mit teurem Seidenrips überzogene Sofa so fürchterlich zugerichtet, daß die Mutter, als sie diese grauenvolle Bescherung entdeckte, unter Tränen die Hände über dem Kopf zusammenschlug. Es war ein Anblick, den auch die barmherzigste Frauenseele nicht ertrug. Papa, der bei Mutters Jammer in Schreck herbeigesprungen kam, sagte: »Na also!« und kehrte wieder in die Kanzlei zurück. Stutzi brauchte, um aus der guten Stube zu kommen, nicht bogenförmig zu wandern. Er verließ sie diesmal in einer ziemlich geraden Linie, ohne sich seines rosenroten Stelzfußes dabei bedienen zu müssen. Und als die Mutter das Fenster verriegelte, schalt sie erbittert: »Jetzt kommst du mir aber nimmer herein! Du Bestie!« Am Abend saß Stutzi wieder im Oleanderbaum, dessen Erde und Wurzeln sich im Laufe der letzten Wochen mit einer weißgrauen Patina überzogen hatten. Diese letzte Zufluchtsstätte verwehrte man dem Übeltäter nicht. Früh am Morgen mußte er aus dem Haus und durfte erst spät am Abend wieder herein. So war er sich selbst überlassen, und es blieb ihm nur noch ein einziger Freund, der fest bis zum Tode mit ihm zusammenhielt: sein rosenrot gebeizter Stelzfuß. Die Katastrophe wurde vorbereitet durch mehrfache Fingerzeige des Schicksals und herbeigeführt durch Stutzis verhängnisvolle Vorliebe für Metamorphosen, die nicht Ovid, sondern Wilhelm Busch hätte besingen müssen. Im Stande seiner Freiheit hatte sich dieser Pechvogel auf dem Tellereisen aus einem gesunden Nußhäher in einen invaliden Landsknecht verwandelt. Während seiner zahmen Wochen verwandelte er sich zuerst in ein weißes Täubchen. Er fiel in die Mehltruhe. Dann verwandelte er sich in einen schwarzen Raben, weil er in die Wagenschmiere plumpste. In der Speisekammer hackte er eines Morgens an die siebzig Eier auf und wurde ein gelber Kanarienvogel von seltener Größe. Und in der Spinatschüssel verwandelte er sich eines Mittags in einen grünen Papagei. Als er dann reichliche Veranlassung zur Neupolsterung des Honoratiorensofas gegeben hatte, benützte Mutter die schöne Gelegenheit, um die gute Stube auch frisch tapezieren zu lassen. Es war in den letzten Septembertagen, in einer milden, noch sonnigen Zeit, doch mit Nächten, die schon kalt waren. Im Hause roch es nach Kleister und Leim. Der Tapeziermeister war mit seinem Lehrling bei der Arbeit. Ehe der Meister die schönen Tapetenstreifen glatt an die Wand kleisterte, mußte der Lehrling die abgekratzte Mauer leimen und mit Zeitungspapier überkleben. Der Kleister befand sich in einem Wasserschaff, der heiße Leim in einem kupfernen Spülkessel, unter dem eine kleine Spiritusflamme brannte. Um den heftigen Buchbinderdüften, von denen das Verschönerungswerk begleitet war, einen Abzug ins Freie zu vergönnen, standen in der guten Stube alle Fenster offen. Nachmittags um drei Uhr machte der Meister Brotzeit. Der Lehrling mußte noch ein Viertelstündchen weiterschanzen und vorarbeiten, damit der Meister nach der Brotzeit mit den Tapeten gleich wieder weiterrücken konnte. Als der biedere Mann sich bei seinem Kleister pünktlich wieder einstellte, gab's einen herben Auftritt. Der Lehrling hatte so unsauber gearbeitet, daß der Stubenboden, obwohl man ihn vorsichtig mit blauem Zuckerpapier bedeckt hatte, abscheulich von dicken Leimklunkern überkleckert und von sonderbar geschwungenen Leimstrichen durchzogen war. Sogar das Fenstergesims war beschmiert. Heulend beschwor der Bub seine Unschuld. Es half nichts. Er bekam sein Dutzend Ohrfeigen. Bei Anbruch der Nacht vermißten wir im Oleanderbaum den Stutzi. Und am anderen Morgen, als wir beim Frühstück saßen, rief plötzlich die Köchin aus dem Vorgarten durchs Fenster herein: »Jesus, Jesus, Frau Oberförstern! Gschwind kommen S' aussi! Im Aprikosenspalier, da hockt a ganz seltsamer brauner Vogel und rührt sich net!« Wir alle rannten hinaus. Im Mauerspalier neben dem offenen Fenster der guten Stube, zwischen reifenden Aprikosen und gelb gewordenen Blättern, saß unbeweglich ein feiner, schlanker, dunkelbrauner Vogel von einer den Turmfalken ähnlichen Art, die wir im Leben noch nie gesehen hatten. Er schlief und hielt den Kopf unter dem Flügel verborgen, eine polierte Kommode. Ganz gleichmäßig war diese dunkle Politur; nur durch den braunen Glanz des einen Füßchens, das unten einen dicken schwärzlichen Klumpen hatte, schimmerte was Rosenrotes heraus. Die Mutter stammelte: »Um Gottes willen«. Unser Stutzi war's! Den sein Pech in den Leimkessel statt in das minder gefährliche Kleisterschaff getaucht hatte. Der verewigte Vogel klebte in Schlafstellung an den Ästen und mußte mit einem Messer losgeschnitten werden. Er war so steif und hart, dabei aber doch so zierlich und lebensvoll, als hätte ihn ein großer Künstler und Tierkenner aus Mahagoniholz herausgeschnitzt. Wieder eine Metamorphose! Die letzte! Stutzi der Geleimte hatte sich in sein eigenes Monument verwandelt. Wir alle waren sehr traurig. Aber so oft man den monumentalen Stutzi ansah, mußte man lachen. In einer Art von reuevoller Pietät bewahrte ich das braune Denkmal des armen Landsknechtes noch mehrere Wochen in meinem Mansardenstübchen. Doch als man in kälterer Zeit die Öfen zu heizen anfing, begann das Monument einen schlechten Geruch zu verbreiten. Ich mußte auf Vaters Befehl den geleimten Stutzi begraben. Doch völlig erloschen waren die Rätsel und Wirkungen seines Lebens noch immer nicht. Als Stutzi von der Welt verschwunden war, bewies er noch die Wahrheit des alten, schönen Wortes, daß in allem Bösen ein Same des Guten steckt. Im folgenden Frühjahr prangte der Oleanderbaum in einer roten Blütenfülle, wie wir sie noch niemals an ihm erlebt hatten. Doch ein Wunder war es nicht. Papa erklärte uns auf ganz natürliche Weise die chemischen Zusammenhänge dieser rosenroten Blütenpracht mit den reichlichen Lebensäußerungen des selig im Leim entschlafenen Invaliden. Künstlerfahrt an den Königssee Zu einem viertönigen Akkord klangen die Schellen der beiden Rosse zusammen, unter deren Hufen der frisch in der Nacht gefallene Schnee in schimmernden Wölkchen emporstäubte; wo aber der Wind die Straße schon gefegt hatte, konnte man's pfeifen hören, wenn der ältere, festgefrorene Schnee zerschnitten wurde von den eisenbeschlagenen Kufen. Die lange Peitsche knallte und trieb die Rosse zu raschem Ausgreifen an; sie schnaubten, während der graue Dunst, der von ihnen aufdampfte, in der trockenen Winterluft zerflatterte. Der Kutscher auf dem Bocksitz glich einem Bären, dem ein schnauzbärtiges Menschenhaupt auf den zottigen Rumpf gezaubert wurde. Und im Innern des Schlittens hoben sich aus Pelzwerk und Decken drei lachende Gesichter und ein ernster, schon ergrauter Männerkopf. Um seine Lippen huschte nur manchmal ein leichtes Lächeln, während ihm zur Seite Scherz und Gelächter in unermüdlicher Folge wechselten. Von den vieren der vergnügteste war Möhler, der neben dem ernsten Storm im Fond des Schlittens saß. Man hätte ihn kaum für einen Maler, eher für einen Komiker mit Ferienbart gehalten und wäre in dieser Ansicht durch die Grimassen bestärkt worden, mit denen er jede lustige Anekdote begleitete, die der kleine Bodenstein zum besten gab. Er erzählte aber auch gar zu gut, dieser kleine Bodenstein. Der leichte Berliner Dialekt half ihm die Pointen seiner Scherze so knapp und trocken abzuknallen, daß sie von unwiderstehlicher Wirkung waren. Auch er zeigte nicht jenes Bild, das man sich von einem Maler zu machen pflegt. Man hätte ihn eher für einen Dandy der edelsten Klasse gehalten. Alles an ihm war elegant, fein und zierlich. Deshalb nannten ihn seine Freunde auch den kleinen Bodenstein, obwohl er ein respektabel großer Landschafter war, dessen ›Dünen bei Abendbeleuchtung‹, dessen ›Austernfischer‹ und ›Boote auf stürmischer See‹ ihre Liebhaber fanden. Sein Nachbar hingegen, das war der richtige Maler mit dem Simsonschmuck, mit dem schiefgesetzten Schlapphut darüber. je weniger Wolfert aus inneren Qualitäten berechtigt war, sich Maler zu nennen, um so eindrucksvoller suchte er den Typus eines solchen in seinem Äußeren darzustellen. Da er aber sonst ein gescheiter junge und deshalb schon längst zur Einsicht gekommen war, daß er seine Bilder nur malte, um mit ihnen die dunkleren Zimmerwände seiner Verwandten zu füllen, hatte er sich, um bei der Kunst mitsprechen zu dürfen, der Kritik ergeben, die ihn im Verein mit den Zinsen eines beträchtlichen Vermögens angenehm ernährte. Er war im Widerspruch zum Wesen der Kritik eine gutmütige Natur, ein fröhlicher Gesellschafter. Wie eine Biene die Blumen, so umschwärmte er die jünger der Kunst, um von ihrem süßen Ruhm ein Quentchen in die eigene Zelle zu tragen. Und den anderen war es recht. Diese Biene hatte keinen Stachel. Besonders an Storm hing Wolfert mit einer abgöttischen Verehrung. Sooft ein neues Bild dieses begabten Künstlers zur Ausstellung gelangte, versorgte Wolfert alle Zeitungen, Wochenblätter und Monatsschriften, zu denen er sich in Beziehung setzen konnte, mit ausführlichen Artikeln, die insgesamt, obgleich jeder einzelne mit einem anderen Buchstaben des Alphabets unterzeichnet war, eine innere Verwandtschaft bekundeten durch den häufigen Gebrauch der beiden Worte ›pastös‹ und ›genialisch‹. Er war es auch gewesen, der Storm mit Drängen und Bitten veranlaßt hatte, an dieser Fahrt teilzunehmen, um in den winterlichen Bergen ein junggeselliges Weihnachten zu feiern. Seltsamerweise war er bei dem Künstler, der solchen Einladungen seiner Freunde sonst gerne Folge gab, anfangs auf hartnäckigen Widerstand gestoßen, als der Königssee als Ziel der Fahrt genannt wurde. Wenn Storm am Ende dennoch einwilligte, tat er es nur, um Wolfert nicht zu betrüben, der mit seiner Einladung nur die selbstlose Absicht verfolgte, den Künstler von der unermüdlichen Arbeit loszureißen, die ihn vor der Zeit altern ließ. Drum hatte auch Wolfert, seit sie in Reichenhall zusammen den Schlitten bestiegen, unter Beihilfe der beiden anderen alles Erdenkliche versucht, um einen fröhlichen Blick in die ernsten Augen des Freundes zu zwingen. Mehr Aufmerksamkeit als für die Späße und Anekdoten seiner Reisegenossen hatte Storm für die funkelnde Winterlandschaft, die sich in fleckenlosem Gewande gegen die massigen Berge hob, durchwoben von steilen Fichtenhängen in schwärzlichem Grün, von schroffen Felswänden mit grauen, scharfen Konturen. Lange schon lag Berchtesgaden hinter ihnen. jetzt fuhren sie vorüber an den kleinen Häusern von Unterstein, vorüber an Schloß Schoren, an dessen Mauern die Hirschgeweihe den Schnee in großen Ballen auf den zackigen Kronen trugen. Nun polterte der Hufschlag auf der Brücke, unter der die schäumende Ache zwischen beeisten Ufern rauschte. Der Kutscher ließ seine Peitsche knallen, und unter einem letzten Klingen der Schellen hielt der Schlitten vor dem Schiffsmeisterhaus zu Königssee. Die Wirtsleute kamen, und Wolfert reichte ihnen die Decken und Pelze, während Möhler schon aus dem Schlitten sprang. »Alle Wetter! Seht nur! Der See ist gefroren. Hätt' ich eine Ahnung gehabt, ich hätte meine Schlittschuhe mitgeschleppt!« Wohl war die Eisfläche überschneit; an vielen Stellen aber hatte der Wind den Schnee davongeweht, und da dehnte sich das Eis wie ein blankgeschliffener Smaragd, so durchsichtig, daß man die schimmernden Steine und die algenüberwachsenen Storren gewahren konnte, die umherlagen auf dem moosigen, nicht allzu tiefen Grund. Möhler trat auf einen Schuppen zu, vor dem vier Kähne über lange Holzböcke gestürzt waren, um durch den Schiffsmeister von den Wunden geheilt zu werden, die sie aus dem strapaziösen Sommerdienst davongetragen. »Seit wann ist der See zugefroren?« »Seit a zehn a zwölf Tag vielleicht«, gab der Schiffsmeister zur Antwort. Nun kamen auch Wolfert und der kleine Bodenstein, während Storm auf der Steinterrasse vor der Gaststube stehenblieb und emporschaute zu den sonnbeschienenen Schneebergen. »Und reicht das Eis noch tiefer in den See?« »Ja, 's ganze Wasser is zua.« »Kann man das Eis begehen?« »Ohne Sorg. Dös tragt an vierspännigen Wagen. Da schaugn S', da kommt grad der Knecht von Barthlmä aussi.« Die drei Freunde sahen neben der Insel Christlieger, die den Ausblick auf den inneren See versperrte, die Gestalt eines Burschen auftauchen, der sich windschnell dem Ufer näherte. Er stand auf einem schmalen Schlitten und handhabte zwischen den gespreizten Beinen einen langen Stock, mit dem er sich in kräftigen Stößen über die Eisfläche stachelte. »Das geht ja wie geblasen!« meinte der kleine Bodenstein, als der Bursch mit einem Ruck den fliegenden Schlitten parierte und ans Ufer sprang. »Hören Sie, mein Bester, da haben Sie ja die reine Geschwindigkeitskutsche.« »Was?« lachte der Bursch. »A Gutschn? Dös is a Boanschlittn!« »A Boanschlitten?« imitierte Bodenstein. »Ja, wissen S', so hoaßt ma'n halt, von wegn die Boaner.« Der Bursche hob den Schlitten, die geschnäbelten Kufen nach oben drehend, und deutete auf die glattgeschliffenen Knochenstücke, die an den Enden jeder Kufe in das Holz eingelassen waren. »Ne, das ist zu schön! Stellen Sie das Ding mal wieder her! Das muß ich probieren!« Schmunzelnd schob der Bursch den Schlitten auf das Eis. Bodenstein stieg auf das Brett, ließ sich den Stachel reichen, nahm ihn zwischen die Beine, holte zu einem kräftigen Stoße aus, und – plumps, lag er hinter dem umgekippten Schlitten auf dem Else. »Die Geschichte scheint ihre Schwierigkeiten zu haben!« philosophierte er, während er sich erhob und seine Schattenseite rieb. Möhler und Wolfert lachten. »Dös hab i ma glei denkt!« versicherte der Bursch, während er den Schlitten aufrichtete. »Wissn S', so was muaß ma halt aa kinna. Gengen S' her da!« Er faßte den kleinen Bodenstein am Arm, drückte ihn auf den Schlitten nieder und hob ihm die Füße auf die Schnäbel der Kufen. Dann sprang er hinten auf das Brett – und dahin ging's im fliegenden Saus. Nach wenigen Sekunden war der Schlitten hinter Christlieger verschwunden, nun kam er auf der anderen Seite der Insel zum Vorschein und flog dem Ufer zu, wobei der kleine Bodenstein jubelnd sein elegantes Hütl schwang. »Kinder! Kinder! Ich hab ne gottvolle Idee! Erst wollen wir essen, tüchtig, dann wollen wir solch einen fidelen Rutsch nach Bartholomä in Szene setzen! Was?« Der Vorschlag fand Beifall. Als aber Möhler schon auf den Schiffsmeister zugegangen war, um die Schlitten zu bestellen, wandte Wolfert ein, daß man vor einer Abmachung auch Storm um seine Zustimmung hätte fragen sollen. »Was soll er dagegen haben?« meinte Bodenstein. »Und dann, wir sind in der Majorität. Er muß!« Als sie hinaufkamen in die Gaststube, nickte Storm, als hätte er gegen den beschlossenen Plan nichts einzuwenden. Plaudernd vertrieben sie sich die nächste Stunde, bis der Tisch gedeckt wurde für ein gutes, ausgiebiges Mittagessen. Noch war die letzte Schüssel mit dem appetitlich gelben Kaiserschmarren nicht geräumt, als der Schiffsmeister in die Stube trat. »Wie steht's, meine Herren? Soll i die vier Schlitten richtn lassen?« »Drei Schlitten werden genügen«, sagte Storm. »Wieso?« fuhr Wolfert auf. »Für euch! Ich fahre nicht mit.« Dreistimmiger Widerspruch. »Aber Storm«, jammerte Wolfert, »ich meine doch, du hättest deine Zustimmung längst gegeben.« »Meine Zustimmung, daß ihr euch dieses Vergnügen gönnen sollt. Von mir war nicht die Rede.« Nun wollten die andern auch nicht fahren, wenigstens Möhler und Wolfert versicherten es; der kleine Bodenstein schnitt ein verdrießliches Gesicht. »Wenn ihr mir den Rest meiner Laune nicht gründlich verderben wollt«, sagte Storm, »so nehmt auf mich keine Rücksicht. Fahrt nur! Und seid versichert, daß ich mir die Zeit leidlich vertreiben werde.« Bodenstein meinte: »Schließlich werden wir auch keine Ewigkeit ausbleiben. Sagen Sie mal, Herr Meister der Schiffe, wie lange kann denn die Geschichte dauern?« »In zehn Minuten san S' leicht in Barthlmä, und in zehne wieder heraußn aa.« »Na also! Wir haben jetzt zwei Uhr dreißig. Rechnen wir eine Stunde, um uns in Bartholomä etwas aufzuwärmen. Na, so sind wir bis vier Uhr lange wieder da.« »So laß i halt die drei Schlittn richten! Pelz und Deckn habri die Herrn scho selber? Nehmen S' nur mit, was da is, bei dera scharfn Bewegung macht's an schneidign Luft.« Der Schiffsmeister ging, und die vier Freunde folgten ihm ans Ufer. Da standen bereits die Schlitten auf dem Eis, und bei jedem ein Führer, den langen Stachel in Händen. Es waren zwei junge Burschen und ein älterer Mann mit einer scharfen Nase, mit buschigen Brauen und einem lang herunterhängenden grauen Schnurrbart. Als Storm den Alten erblickte, flog's wie leichte Blässe über sein Gesicht, und er ließ kein Auge mehr von ihm. Als die Schlitten zur Abfahrt bereit waren, ging er auf den Alten zu und fragte: »Wie heißen Sie?« »Mickei hoaß i.« »Mickei Weindler?« »Ja, Herr! Woher kennen S' mi denn?« »Von früher her.« Storm trat von dem verwundert dreinschauenden Alten auf seine Freunde zu, um ihnen gute Fahrt zu wünschen. Während die Schlitten davonflogen, einer hinter dem andern, richtete Storm an den Schiffsmeister die Frage: »ist denn Weindler hier in Königssee zu Hause?« »Ja. Sell drobn am Berg dös Häusl, dös gheart eahm.« »Er hat sich hier angekauft?« »Ah na! Hergheiret hat 'r, scho vor a zwanzig Jahr. Dö zwoa Burschn, dö mit die andern Schlittn fahrn, dös san seine Buabn. No ja, und da weard der älter grad so an zwanzg Jahr sein.« Storm wandte sich ab. »Und er hätte doch mehr Ursache gehabt, nicht zu vergessen!« Die vergnügten Freunde waren auf ihren Schlitten an der Insel Christlieger schon vorbeigeflogen und näherten sich der senkrecht in den See abfallenden Falkensteinwand. »Halt!« rief Wolfert seinem Schlittenlenker zu. »Nanu, was ist denn los?« schalt der kleine Bodenstein. Wolfert hatte die Pelzdecke von seinen Füßen gezogen und brachte einen Topf zum Vorschein, den er seinen Gefährten mit triumphierendem Lächeln entgegenhielt. »Wißt ihr, was dieser Topf enthält? Unser Elixier! Ölfarbe! Die schönste schwarze Farbe! Ja, nun staunt ihr über mein Genie! Ich sah den Topf unter einem der reparierten Kähne stehen, und da schoß mir der genialische Gedanke durch das Hirn, daß wir mit Hilfe dieses edlen Topfes und dieses noch edleren Pinsels der staunenden Nachwelt ein Gedenken an diesen bedeutungsvollen Tag vererben könnten.« Noch wußten die beiden andern nicht, was das bedeuten sollte, als Wolfert schon den Schlitten an die Felswand schob, den Pinsel schwang und auf das Sitzbrett stieg. »Ne, so was!« spottete der kleine Bodenstein. »Das scheint der reine Kiselack zu werden!« Wolfert ließ sich nicht irremachen. Mit flinken Strichen konturierte er auf dem weißgrauen Stein einen mächtigen Bierhumpen und malte darum mit dicker Farbe den schwarzen Grund eines Wappenschildes. »Gott, wie pastös!« lachte Bodenstein. »Das liegt so in meiner Mache«, gab Wolfert gutmütig zur Antwort und schrieb an die Felswand: Weihnachten 1879. So war's auch den andern recht, und als Wolfert von seinem improvisierten Malstuhl wieder auf das Eis sprang, taten sie ihm den Gefallen und sagten ihm alles Lob um dieses Einfalles willen. Wieder flogen die Schlitten. Kaum eine Minute hatte die Fahrt gedauert, als der Alte, der mit dem kleinen Bodenstein vorausfuhr, unter einem Fluch den Stachel über die Eisdecke schrillen ließ, daß der Schlitten mit einer jähen Kurve zur Seite flog. »Fahrts ummi! Fahrts ummi!« rief er den zwei Buben über die Schulter zu, während er seinen erschrockenen Passagier am Arm faßte, damit er bei der heftigen Wendung nicht vom Schlitten geschleudert würde. »Hören Sie, was war denn das?« fragte Bodenstein, als es schon wieder dahinging in gerader Fahrt. »No, da waar ma schiergar einigfahrn in a Loch.« »Ein Loch? Ich habe kein Loch gesehen.« »Ja, wissn S', zuadeckt is der Eisboden no allweil, abr höchstris so dick wier a Daam. Ma siecht's grad, weil 's Eis nett so liacht is wia außn umanand.« »Wie kommt das? Hier ist doch alles fest gefroren.« »Muaß dengerst's Quellwasser von unt auffi steign! No, Sie, da wann i d' Reiben nimma dermacht hätt, da hätt ma roasn kinna bis aba. So a siebnhundert Schuach!« Fröstelnd wickelte sich Bodenstein in seinen Pelz. »Ne, für so nen Reinfall dank ich!« Die unbehagliche Stimmung, die dieser Zwischenfall in ihm wachgerufen, schwand bald wieder. Die Künstlernatur war es, die ihm darüber weg half. Als sein Auge forschend hinschweifte über das herrliche Bild, das sich desto weiter vor ihm auftat, je mehr sie der Seemitte zueilten, fragte er sich, was wohl die Menschenseele mächtiger erfasse, das wogende stürmische Meer mit dem wetternden Gewölk darüber, an dessen Wiedergabe er so oft sein Können schon gemessen, oder die stumm erhabene Schönheit, die sich hier vor seinem Blick emporbaute in den winterklaren Himmel? Weit drüben am Ufer, das sich mit einem dünnen schwarzen Strich hinzeichnete zwischen Eis und Schnee, lag das Schloß von Bartholomä, das nur zu sehen war, weil sich von den weißen Mauern und unter dem beschneiten Dach die Fenster so dunkel abhoben. Steil reckten sich die Berge aus dem schimmernden Grund, und das schroffe, schluchtendurchfurchte Haupt des Watzmann blickte stolz und unnahbar herunter aus seiner eisigen Höhe, alle Spitzen und Kuppen beherrschend wie der Riese die Zwerge. »Hojoh! Hojoh!« Der alte Mickei rief es, als die Schlitten zu Bartholomä an die schräge Bretterlände fuhren. Bald saßen die drei Freunde in der Försterstube um den weißgedeckten Tisch. Hier war es heimlich und gemütlich, es plauderte sich behaglich, und das machte eine nette Stimmung, daß mitten ins Reden und Lachen die Zither klang, die einer der Jagdgehilfen auf den Knien hielt. Die Zeit verging ihnen, sie wußten nicht wie. Als Wolfert bei einem Blick auf die Uhr mit Schrecken bemerkte, daß die beabsichtigte Dauer des Aufenthaltes lange schon überschritten war, tat es auch den anderen leid, daß sie des einsamen Freundes so sehr vergessen konnten. Mit aller Eile wurde die Abfahrt betrieben. Als sie dem Ländeplatz zuschritten, sah der kleine Bodenstein besorgt hinaus über das Eis, von dem schon der graue Abendnebel aufzuqualmen begann. Er fragte den Schiffer, ob dieser Nebel nicht eine Gefahr für die Heimfahrt brächte. Der Alte tröstete lachend: »Der tuat uns nix! Da bin i scho hundertmal aus und eini gfahrn bei am Nebl, den ma hätt schneidn kinna wia 's Brot.« Sie nahmen die Plätze auf ihren Schlitten ein, und Bodenstein mit dem alten Mickei eröffnete wieder den flinken Zug. Je weiter sie in den See hineinkamen, desto dichter wurde der Nebel. Die Hälfte der Fahrt war schon zurückgelegt, und nun ging es gegen die Falkensteinwand. Da ließ der kleine Bodenstein plötzlich seinen Schlitten parieren und rief den Nachfolgenden zu, ein gleiches zu tun und sich lautlos zu verhalten. »Mir war, als hätt ich einen Menschen rufen hören. Hier auf dem See. Nicht weit vor uns.« Sie lauschten. Da klang ihnen aus dem Nebel ein Geräusch entgegen, ein Knacken wie von brechendem Eis. »Moan schier, es müaßt am selbigen Platzl sein«, flüsterte Mickei, »wissn S', Herr, wo mer so gach ummagfahrn san. Kon leicht Gambs oder a Stuck Wild einigfallen sein, dös übern See hätt umma mögn.« »Nein, nein! Es ist ein Mensch! Hört nur!« stieß Möhler in Erregung hervor. Wieder lauschten sie und vernahmen ein mattes Stöhnen und Rufen. »Was stehen Sie noch? Mensch! Fahren Sie zu!« schrie Bodenstein den alten Mickei an. »Ja, zuafahrn, dös is glei gsagt!« brummte der Alte, während er den Schlitten in Bewegung setzte. »Obacht gebn müassen mer allweil, daß mer net aa no einirumpeln.« »So geben Sie Obacht! Aber fahren Sie! Schneller!« Näher klang das Krachen und Brechen, näher auch jenes Rufen und Stöhnen. Nun gewahrte man durch den Nebel auf dem Eis ein dunkles, sich regendes Etwas, deutlicher trat es hervor, ein Menschenkopf und zwei Arme, die sich über die Ränder einer von schwankendem Wasser überspülten Eiskluft spannten. »Um Gottes willen! Storm! Storm!« Noch war der Schlitten nicht völlig pariert, da hatte Bodenstein bereits den Pelz von sich geworfen und eilte über das Eis bis zu jener Stelle, wo die dunklere Färbung und das anspülende Wasser jeden weiteren Schritt als todbringende Gefahr bezeichneten, nicht nur für ihn selbst, mehr noch für den Verunglückten, den er retten wollte. Den Schiffern und seinen zwei Freunden, die jammernd herbeikamen, rief er zu, sie sollten zurückbleiben, da sonst das Eis übermäßig belastet würde. Diese Stimme hatte einen Ton, der sich Gehorsam erzwang. Aus dem eleganten, zierlichen Dandy, dem man höchstens die Kraft zugetraut hätte, enge Handschuhe ein- und aufzuknöpfen, war ein mutiger und entschlossener Mann geworden. Mit raschem Blick überflog er die Unglücksstelle. Als er sah, wie bei jeder Bewegung, die Storm mit den Armen machte, um sich aus dem Wasser zu heben, das Eis brach und bröckelte, rief er ihm zu: »Bleibe, Storm, bleibe, wie du bist! Rege dich nicht mehr!« »Es hat Eile, Lieber!« klang die stöhnende Antwort. »Mich verläßt die Kraft. Ich erstarre.« »Eine Minute, Storm, und alles ist gut.« Zu den andern sich zurückwendend, rief Bodenstein: »Mickei! Die Stöcke! Die drei Stöcke! Möhler, du komm! Aber vorsichtig!« Er hob die Hände, um die langen Stöcke zu fassen, die der Alte ihm reichte. Auf beide Knie sich niederlassend, rollte er den stärksten dieser Stöcke über das vom Wasser überronnene Eis. »Faß ihn, Storm, und lege dich mit den Armen darüber! So, nun komm ich!« Er streckte sich der Länge nach aus, wobei er die beiden andern Stöcke quer unter die Brust schob, um das Gewicht seines Körpers auf eine größere Fläche zu verteilen. »Mickei! Möhler! Legt euch nieder auf das Eis! Und faßt mich bei den Füßen!« Langsam und vorsichtig, ohne des kalten Wassers zu achten, das ihm durch die Kleider drang, wand er sich vorwärts über die knisternde Eisdecke. Nun streckte er die Hände, aber es wollte nicht reichen. Ein Ruck, und noch einer – nun ging es, nun konnte er mit festem Griff die Handgelenke des Freundes umfassen. »Na also, Stormchen! Siehst du, es geht ja! Wenn ich nu Hopp sage, dann versuch, dich ein wenig in die Höhe zu schwingen! Und ihr beide da hinten zieht dann mal recht feste an!« Noch einmal rückte und spannte er die Finger, um festeren Halt zu bekommen. »Uffjepaßt! – – Hopp!« Wohl knackte und krachte die Eisdecke, doch es verblieb ihr keine Zeit, um zu brechen. Mit dem Aufgebot ihrer bis zum äußersten gesteigerten Kraft schleiften Möhler und Mickei den kleinen Bodenstein und den aus dem Wasser gerissenen Storm über die rollenden Stöcke dem festeren Grunde zu. Das wäre ein Bild zum Lachen gewesen, wenn es hier nicht so bitter ernst um Tod und Leben gegangen wäre. Es waren scherzende Worte, mit denen Bodenstein sich erhob, während Möhler und Wolfert den halb erstarrten Storm aufrichteten; nur am Ton seiner Stimme merkte man, daß ihm die Späße nicht recht von Herzen kamen. Kaum stand er auf den Füßen, da streifte er flink mit den Händen das Wasser von seinen Kleidern und ließ seinen Pelz und die Decken der andern holen, um Storm damit einzuwickeln, nachdem er ihm den triefenden Paletot, den Rock und die Weste vom Leib gezogen. Storm vermochte kein Wort zu reden. Er war einer Ohnmacht nahe. Schauernd am ganzen Körper, sank er auf den Schlitten. Wolfert und Möhler stützten ihn zu beiden Seiten, und so schoben die zwei jungen Burschen den Schlitten vorwärts, während Bodenstein sich von Mickei in jagender Eile vorausfahren ließ, um für Storm im Schiffsmeisterhaus ein Zimmer wärmen zu lassen. Stunden waren vergangen. In einer freundlichen Stube, die von einer kleinen Lampe erhellt war, saßen Wolfert, Möhler und Bodenstein – der letztere in Kleidern, die ihm der Schiffsmeister zur Verfügung gestellt – um einen Tisch, der eine dampfende Punschbowle trug. Sie sprachen kein Wort, und wenn der eine oder der andere sein Glas füllte, vermied er jedes Geräusch. Es stand der Tisch vor dem Bett, auf welchem Storm in tiefem Schlafe ruhte. Starr lagen sein Kopf und seine Hände; nur über die Augenlider flog von Zeit zu Zeit ein leichtes Zucken, und manchmal schien es, als hätte er leise, wie im Traume redend, die Lippen bewegt. Einen solchen Weihnachtsabend hatten die drei am Mische nicht erwartet, als sie in den Schlitten gestiegen waren. Aber alles wollten sie hinnehmen, wenn der unbegreifliche Vorfall für Storms Gesundheit nicht von nachteiligen Folgen wäre. »Nun hat er den Kopf gewendet!« flüsterte Wolfert. »Vielleicht ist er erwacht.« Sie lauschten. Storm regte sich nimmer. Seine Augen konnten sie nicht sehen, er hielt das Gesicht gegen die Wand gedreht. Die ganze Zeit über hatte Wolfert sich Vorwürfe gemacht, daß er so rat- und tatlos gestanden, als es gegolten hatte, den Freund vom Tode zu retten. Er fühlte den Drang, seinen guten Willen wenigstens durch etwas zu betätigen, griff nach seinem Glas und sagte flüsternd: »Kommt, laßt uns die Gläser zusammenhalten mit dem Wunsche, daß unser lieber Freund gesund und frisch aus dem Schlafe erwache!« »Ich danke für diesen Wunsch!« Das Gesicht wendend, sah Storm mit freundlichem Blick auf die drei jungen Leute, die in freudigem Schreck von ihren Stühlen sprangen. Schon hatte Wolfert seine Hände gefaßt. »Gott sei Dank, daß ich dich wieder sprechen höre! Wie fühlst du dich? Ist dir wohl?« »Ja. Ganz wohl. Nur müde fühl ich mich noch. Todmüde. Auch drückt mich noch die Erinnerung an die entsetzlichen Minuten, die ich verlebte. Und die Erinnerung an alles andere!« Storm richtete sich in den Kissen auf und reichte dem kleinen Bodenstein die Hand. »Deinem Mut und deiner Entschlossenheit habe ich es zu danken –« »Na, na, nur jetzt keine lange Rede! Wenn nicht die beiden andern so energievoll an meinen verehrlichen Beinen gestrippt hätten, ich alleine hätte dich auch nicht herausgelotst. Sag mir lieber, was dich zu dieser unangenehm verlaufenen Eispromenade veranlaßt hat?« »Was mich veranlaßte?« Ein Schatten von Schwermut legte sich über das Gesicht des Künstlers. »Ich stand am Ufer. Und da zog es mich zu jener Stelle! – Ist einer von euch schon einmal weggestiegen über eine steile, zu bodenloser Tiefe sich senkende Felswand? Wenn da der Fuß von dem spärlichen Raum, der sich ihm bietet, ein Stück des Gesteines löst, wenn es hinunterspringt über Schroffen und Riffe, polternd, rasselnd und sausend, so zieht es unwiderstehlich die Augen des Steigers nach sich. Er neigt sich von der Felswand, er reckt den Hals, um weiter und weiter mit seinem Blick die springenden, singenden Splitter auf ihrem grausigen Wege zu verfolgen. Und er fühlt ein seltsames Etwas, wie ein Winken und Locken aus der Tiefe. Ihr seht mich verwundert an? – Wolfert, gib mir zu trinken!« Storm leerte das Glas auf einen Zug. Dann ließ er sich halb in die Kissen sinken und sah zu dem flimmernden Lichtkreis hinauf, den die Lampe an die Stubendecke warf. »Es ist eine kurze Geschichte – die Geschichte nur weniger Stunden – und doch die Geschichte meines ganzen einsamen Lebens. jene Stunden lasten auf mir noch heut. Als unter meinem Schritt die Eisdecke brach, gewiß, ich hätte nicht auf eure Hilfe zu warten brauchen, meine eigene Kraft hätte genügt, um mich wieder emporzuarbeiten – wenn nicht jene Erinnerung gewesen wäre, die mich niederdrückte, mich wie mit eisigen Händen zur Tiefe zog.« Schwer atmend schwieg er eine Weile; dann sprach er weiter. »Im Juni sind es dreiundzwanzig Jahre gewesen. Ich stand in meinem letzten Akademiesemester. Ein fleißiger Junge war ich immer, aber gerade in jenem Monat hab ich mir keine Stunde Ruh vergönnt, bis mich schließlich das Übermaß der Arbeit zwang, wenigstens für einige Wochen Stift und Pinsel aus der Hand zu legen. Ich wanderte in die Berge. Es war eine schöne, schöne Reise, auf der ich vieles mit neuen Augen ansah, was ich auf früheren Fahrten nur mit halben Blicken erfaßt hatte. Die letzten Tage der mir vorgesteckten Zeit verbrachte ich in der Ramsau. Von hier aus wollte ich noch für einen Tag den Königssee besuchen und dann zurückkehren zu meiner Arbeit. Es war ein entzückender Morgen, an dem ich zu Ilsank den Steg überschritt und herwanderte durch den Schapbacher Forst, der noch im tiefen Frühschatten lag. Als ich heraustrat auf das Schönauer Feld und dieses herrliche Gebirge vor mir liegen sah, den Untersberg, den Göhl, das Brett, den Jenner, da ging mir das Herz auf. Singend schlenderte ich meines Weges, bis ich auf der Höhe von Winkel stand, wo ich den See schon heraufschimmern sah durch die Bäume und mir zu Füßen die Ache rauschen hörte. Mächtig zog es mich ins Tal hinunter, und ungeduldig stieg ich über den schmalen steinigen Pfad – bis ein Bild meinen Fuß bannte, ein Bild, das ich einsog in meine Seele. Ich weiß nicht, ob ich es euch mit Worten werde schildern können. Ja, wenn ich die Leinwand vor mir hätte!« Storm blickte wie in weite Ferne. »Es war eine alte, moosumwachsene Ulme, unter der ich stand, verdeckt von ihren niederhängenden Zweigen. Vor mir ein Wiesengrund, auf dessen Gräsern der Tau blitzte im gelben Schein der Morgensonne, die hinter den Bergen herauftauchte. Ein Teil der Wiese war frisch gemäht. Vom Wege war die Grasfläche geschieden durch eine Haselnußhecke. In ihrem spärlichen Schatten stand, wie zu kurzer Rast auf den Schaft einer Sense sich stützend, ein junges Mädchen. Dicke blonde Flechten umrahmten den feinen Kopf. Ein kurzärmeliges Hemd, ein braunes schmalfaltiges Röckl. So stand sie, von der Sonne abgewendet. Ihr Gesicht und ihre ganze Gestalt waren überhaucht von blauduftigem Morgenschatten. Nur über das Haar, über den schlanken Hals und über die Rundung des feinen Körpers zog sich ein schimmernder Lichtstreif.« »Storm?« warf Wolfert beklommen ein. »Schilderst du nicht das Bild, für das du damals den großen Akademiepreis erhieltest?« Storm nickte. »Ja. Damals glaubte ich, mir dieses Bild von der Seele malen zu können. Und hab es mir nur tiefer noch hineingemalt! Was hätt ich in späteren Jahren, was hätt ich an jenem Tage noch dafür gegeben, wenn ich blind meines Weges gegangen wäre, anstatt mich zu stillem Schauen hinter die Zweige jener Ulme zu stellen! Als ich endlich hervortrat, zog das Mädchen errötend die Falten des Hemdes näher an den Hals; und kurz meinen Gruß erwidernd, schritt sie der Wiese zu. Lange sah ich ihr nach. Dann stieg ich zu Tal, nichts anderes mehr vor Augen als dieses Bild! Nun stand ich am See und hatte keinen Sinn für seine Schönheit. Wie ein Traum verrann mir Stunde um Stunde. Als ich den Wunsch äußerte, in einem Nachen hinauszufahren, tat ich es nur, um da draußen auf dem Wasser, inmitten der stummen Felsen, noch ungestörter bei meinen Gedanken zu sein. Ich glaubte ein Kielboot mit jenen Doppelrudern zu erhalten, die ich zu führen verstand. Einen solchen Kahn gab es nicht. Die Schiffe, die mir gezeigt wurden, waren Schiffe der gleichen Art, wie sie hier noch heute im Gebrauch sind – lange, schwerfällige Bretterkästen mit aufgeschnäbeltem Spitz und Steuerende. Der Schiffer, der einen solchen Nachen zu treiben hat, steht frei auf dem flachen Steuerbrett und führt mit beiden Händen das lange, in einem Riemen hängende Ruder.« »Ich kenne das«, fiel Möhler ein, »es bedarf wochenlanger Übung, um die Bewegungen eines solchen Schiff es in seine Gewalt zu bekommen.« »Als ich dem Schiffsmeister bemerkte, daß ich es nicht verstünde, in solcher Art zu rudern, sagte er, daß er mir jemand mitgeben würde, und lief davon. So war es nicht meine Absicht gewesen. Eben sann ich über eine Ausrede nach, als ich den Schiffsmeister kommen sah, an seiner Seite das Mädchen, dessen Bild mich nicht mehr verlassen hatte. Das änderte meine Absicht. Klopfenden Herzens stieg ich in den Nachen. Auch das Mädchen erkannte mich wieder. Sie nickte mir, als sie das Ruder aufnahm und in den Riemen schob, einen lächelnden Gruß zu, stieß den Kahn von der Lände und lenkte ihn mit geübten und kräftigen Armen durch das rauschende Wasser. Fest und sicher stand sie am Steuer. Sie trug das gleiche braune Röckl wie am Morgen, das, bei jedem Ruderzuge voranschwankend, die beiden Füße sehen ließ, die in hohen, geschnürten Schuhen staken. Die Brust war umschlossen von einem schwarzen, eng anliegenden Wams mit rotem, grün umrändertem Schild. Ein kleines blumenbesticktes Hütl saß zierlich auf den blonden Flechten. Nachdem ich sie eine Weile stumm betrachtet hatte, begann ich um allerlei Dinge zu fragen, um die Bergwege, um die Verhältnisse des Fremdenverkehrs, um ihre Heimat und ihren Namen. Es war eine hübsche, anheimelnde Sprache, in der sie ihre knappen Antworten erteilte. Sie hieß Nannei und war die jüngste Tochter eines Bauern, zu dessen Hof jener Wiesengrund gehörte, auf dem ich sie am Morgen gesehen hatte. Gleich den Burschen und anderen Mädchen stellte auch sie sich an schönen Tagen zum Schifferdienst, bei dem ein gutes Stück. Geld zu verdienen war. Und ob sie schon einen Schatz hätte? Sie lachte. ›Was täte denn ich mit einem Schatz?‹ So sagte sie – ich kann die Art ihrer heimatlichen Sprache nicht wiedergeben, auch nicht den Ton, in dem sich schalkhafter Spott mit leichter Verlegenheit mischte. ›Was täte denn ich mit einem Schatz?‹ So sagte sie und fügte kichernd bei: ›Die Buben sind nichtsnutzig. Man darf diesen Lugenschüppeln kein Stündl weit glauben.‹ Ich erwiderte, daß es damit doch nicht so schlimm stünde. Auch ihrem Leugnen könnte ich keinen Glauben schenken. Erstens wäre sie bei meiner Frage gar zu rot geworden und zweitens wäre es ganz undenkbar, daß ein so hübsches Mädel unter den vielen, die sich gewiß um ihre Gunst bemühten, nicht einen einzigen fände, der ihr taugen möchte. Sie hob die Schultern und schmunzelte. ›Kommt es dir denn so spaßhaft vor‹, fragte ich, ›wenn ich dir sage, daß du hübsch bist? Das wirst du wohl oft genug hören?‹ Sie blickte der Richtung zu, nach der sie den Nachen lenkte. ›Mein Gott, die Leut reden viel, wenn der Tag lang ist, die Stadtleut besonders. Die haben auch Zeit dazu. Und keck sind sie auch genug.‹ ›O die armen Stadtleut!‹ sagte ich. ›Auf die bist du, wie es scheint, nicht gut zu sprechen. Aber auch dir wird mancher von ihnen böse sein, wenn er fortgeht von hier und immer an das schöne Mädel denken muß.‹ ›Die Stadtleut haben kein so langes Denken!‹ lachte Nannei. ›Wär wirklich einer so närrisch, den möcht ich wohl kennen!‹ ›Sieh mich an, dann kennst du einen solchen.‹ Mag es der Sinn meiner Worte gewesen sein, der das Mädel stutzen machte, oder die Erregung, die aus meiner Stimme sprach – Nannei stellte das Ruder und sah mir mit großen Augen ins Gesicht. ›Nun hab ich dir einen Wunsch erfüllt‹, sagte ich, ›nun bist du in meiner Schuld. Du könntest diese Schuld leicht abtragen, ein Kuß von dir würde sie wett machen.‹ Da huschte um Nannels Mund ein Zucken, das für mich nicht schmeichelhaft war. Kräftig tauchte sie das Ruder ins Wasser. ›Bei uns zu Lande küßt man nur an hohen Feiertagen. Es ist noch lang bis zum nächsten.‹ ›Ich habe Feiertag, solang ich dich sehe. Und wenn du so sparsam bist mit dem Geben, könnt es sein, daß ich mir den Kuß nehmen möchte.‹ ›Wie es in der Stadt ist, weiß ich nicht. Bei uns daheraußen ist mögen und können noch allweil zweierlei gewesen.‹ ›Das meinst du wohl?‹ Ein Sprung, ich stand vor dem Mädel, umschlang sie mit beiden Armen und drückte ihr Kuß um Kuß auf Mund und Wangen. Als ich sie lachend wieder freigab, hatte sie ein brennendes Gesicht und hatte Tränen in den Augen. ›Ich tät mich schämen!‹ stieß sie hervor, während sie sich abwandte, das Ruder zu haschen, das aus dem Riemen ins Wasser gleiten wollte. Wohl überkam es mich jetzt wie Reue. Dem Mädel wollte ich das nicht zeigen, und so zwang ich mich zu einem spottenden Lachen. Nun stand sie wieder am Steuer. Bevor ich ihre Absicht recht verstehen konnte, hatte sie schon mit raschen Ruderschlägen das Boot gewendet. ›Was tust du!‹ fuhr ich auf. ›Weshalb wendest du das Schiff? Ich wünsche noch weiter zu fahren.‹ Sie erwiderte kein Wort. Mit starken Schlägen hob und tauchte sie das Ruder, daß mich die Tropfen überspritzten. Wenn die Schaufel Wasser faßte, legte sich Nannei mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers auf die Stange, daß der Nachen in klatschenden Stößen durch das aufrauschende Wasser schoß. Immer wieder rief ich ihr zu, diese sinnlose Kraftprobe zu lassen. Umsonst! Schon wollte ich aufspringen, um ihr das Ruder aus den Händen zu winden, als ich vor uns an der Ecke der Falkensteinwand ein Schiff erscheinen sah. Das zwang mich zur Ruhe. An den Lippen nagend, starrte ich verdrossen vor mich nieder. Da hör ich plötzlich ein Krachen, einen Schrei, sehe die Schaufel des gebrochenen Ruders aus dem Wasser Schießen, sehe Nannei wanken, sehe sie hinstürzen über den Rand des Bootes und sehe sie verschwinden in den Wellen, während der Nachen mit mir davongleitet. Das Entsetzen lähmte mich. Erst das Rufen und jammern, das vom andern Schiff herüberklang, brachte mich wieder zur Besinnung. Da riß ich mir wohl den Rock vom Leib, die Schuhe von den Füßen und sprang ihr nach in den See. Aber ich war schon so weit von ihr, so weit! Ich sah sie mit dem Wasser kämpfen, sinken und wieder auftauchen. ›Mickei! Mickei!‹ hör ich es von ihren Lippen gellen. In Verzweiflung spannte ich meine Kraft aufs äußerste Maß – und da hör ich ihre Stimme gurgelnd ersticken und sehe das Wasser sich schließen über den gefaltet erhobenen Händen. Mir sanken die Arme, meine Füße wurden wie Blei, der blaue Himmel schwand mir in ein grünes, glasiges Flimmern, in den Ohren klang mir's wie ein Brausen, Summen und Singen. Dann überkam es meinen Leib wie süße Wollust.« Verstummend bedeckte Storm das Gesicht mit den Händen. Schweigend saßen die drei Freunde am Tisch. Im Zimmer hörte man nur das leise Flirren der dem Erlöschen nahen Lampe. Storm ließ die Hände sinken. »Mich haben sie gerettet – die in dem andern Schiff. Welch ein Mißgriff! Nicht wahr? Und jedem, der es hören wollte, erzählten sie von meinem Heldenmut. Sie hatten es ja mit angesehen, alles, wie sie meinten, ganz genau.« Seine Stimme zitterte. »Das Geschrei der Leute war wie ein dumpfes Dröhnen in meinen Ohren. So stand ich am Ufer, Stunde um Stunde, in meinen triefenden Kleidern, wie gelähmt an allen Gliedern, und starrte immer hinaus auf den See. Jeder Gedanke, jedes Gefühl in mir war eine sinnlose Hoffnung, als müßte ein Wunder geschehen, um dieses blühende Leben dem Tode wieder aus den Klauen zu reißen. Während ich stand und immer noch hoffte, fuhren sie draußen auf dem See mit Kähnen umher und suchten mit langen Stangen, mit Netzen und eisernen Haken. Als es finster wurde, suchten sie beim Schein der Pechpfannen. Auf dem Schnabel jedes Bootes brannte eine rote Flamme. Die züngelnden, rauchverschleierten Lichter glitten lautlos durcheinander in der Finsternis. Oh, diese Nacht, die ich da erlebte!« Er schwieg. Ein Schauer rüttelte ihm die Schultern. »Als der Morgen kam, still und grau, fingen sie draußen auf den Schiffen plötzlich zu schreien an. Sie hatten gefunden, was sie suchten. Ich stand dabei, als sie die Leiche ans Ufer trugen. So schön war sie gewesen! Und jetzt! – Schweigend stand ich, keine Träne in den Augen. Aber da war ein Bursch. Der jammerte und weinte, daß es einem ans Herz ging. Und die Leute flüsterten, das wäre der Mickei, der Weindler-Mickei von der Schönau. Der wäre dem Nannei sein Schatz gewesen, und so lieb hätte er sie gehabt – der täte sich jetzt sicher ein Leid an. – Ja! – Knapp ein Jahr später hat er sich ein Weib mit Haus und Hof genommen. Als er mich heut aus dem Eise ziehen half, hat er wohl kaum mehr daran gedacht, was er an dieser gleichen Stelle verlor – durch meine Schuld, wenn auch nicht durch meinen Willen. Mich – der ich an ihrer Leiche keine Träne weinte – so trocken waren meine Augen –, mich trieb es fort wie mit brennenden Geißeln.« Flackernd erlosch die Lampe. »Nacht! – Seht, wie der Zufall spielt! Mit diesem Lichte wie mit Herzen und Menschenleben. ich bitt euch, geht! Laßt mich allein in dieser Nacht. Euch gehört das Glück und die Jugend. Ihr müßt das Licht suchen. Laßt mich allein! Tut es mir zuliebe!« Still erhoben sie sich. Einer nach dem anderen reichte ihm die Hand. Dann gingen sie. Als sie hinaustraten unter den sternhellen Himmel, um drüben im andern Haus ihre Zimmer zu suchen, hörten sie von Berchtesgaden her das Läuten der Glocken. Christnacht! Wo sie wohnen sollten, sahen sie zu ebener Erde ein erleuchtetes Fenster flimmern. Da drinnen stand ein Baum mit brennenden Kerzen. jubelnde Kinder drängten sich um einen mit Spielzeug bedeckten Tisch. Wenn sich die Blätter färben Wer lernt ihn aus, wer dürfte sagen, daß er ihn ganz ergründet hat und ganz verstanden, den dunklen rauschenden Wald mit seinem geheimnisvollen Leben und Weben oder den offenen, laubreichen Hag, durch dessen Blättergewirr in zaubervollem Wechsel von Licht und Schatten die Sonne ihre Strahlen spinnt. Der Wald ist kein verschlossenes Buch, wohl aber ein Buch ohne Ende. Seine Sprache ist leicht verständlich, sie redet schlicht und warm zu unserm Herzen, wir brauchen ihr nur zu lauschen und das Herz nur offenzuhalten. Und was er mit dieser Sprache alles zu erzählen weiß! Und niemals wiederholt er sich! Für jede Stunde hat er sein eigenes Märchen. Der Wald, über dem der Himmel sich dehnt in reiner sonniger Bläue, redet anders als der Wald, über dessen Wipfel die finsteren Wolken jagen, mit strömendem Regen, mit zuckenden Blitzen und rollendem Donner. Er spricht in andern Lauten, wenn beim Erwachen des Morgens seine Zweige und Gräser funkeln im weißgeperlten Tau, wenn die Mittagssonne auf die dürstenden Bäume niederbrennt, wenn über die müde Natur der Abend sich senkt auf rötlichen Schwingen und wenn die Nacht über Busch und Baum ihre dunklen Schleier zieht und das Wild zur Asung ruft, das scheue Wild, das den hellen Tag fürchtet, weil er die erwachende Zeit des Menschen ist. Immer anders weiß der Wald zu reden, ob nun der kalte weiße Schnee seine geduldigen Zweige drückt, ob der laue Frühlingssturm ihn erlöst von seiner Last und seine schlafenden Kräfte weckt zu neuem Leben, ob er sich dehnt in sommerlicher Pracht oder ob ihn der Herbst überhaucht mit leuchtenden Farben. Zu welcher Zeit er am tiefsten zum Herzen redet? Zu welcher Zeit er am schönsten ist? Ich sinne und weiß es nicht zu sagen. Doch wenn ich lange überlege und Schönheit mit Schönheit vergleiche, scheint es mir fast, als könnte der Wald nie schöner sein als in der Zeit, in der sich die Blätter färben und der grelle Glanz des Sommers sich dämpft zu milderen Tönen. Da macht es die Natur wie eine schöne Frau, die nicht altern will, ihre schwindende Schönheit festzuhalten sucht und sich putzt mit blitzendem Geschmeide und leuchtenden Farben. Ein Herbsttag im sterbenden Wald! Da liegt es wie zitternder Feuerschein über allen Wipfeln in der Luft. Über das fahle Grün des moosigen Grundes webt die Sonne eine wundersame Mosaik von goldigen Lichtern und zuckenden Schatten. Wo sie ihren Weg durch das gelbe und rote Laub der welkenden Buchen und Ahornbäume nimmt, scheinen alle Zweige in hellem Brand zu stehen. Und wenn von den Bäumen, durch die ein seufzendes Rauschen gleich dem schweren Atmen eines Sterbenden geht, zuweilen ein welkes Blatt gemächlich zur Erde niederflattert, so ist das anzusehen, als hätte sich von den brennenden Zweigen ein Flämmlein losgelöst, um auf den seidendünnen Fäden zu tanzen, die blitzend und gleißend durch den ganzen Wald gesponnen sind. Die kleinen Vögel huschen mit erregtem Gezwitscher durch die Wipfel, als gält es ein hastiges Abschiednehmen oder ein Sammeln für die kommende Zeit der Not. Käfer schwirren auf und surren wieder hinab in das Versteck der gefallenen Blätter, und zahllose Ameisen kribbeln eilig über Stöcke und Steine, als wüßten sie, daß sie den schönsten Tag mit doppeltem Fleiß zu nützen haben, da schon der nächste Morgen den Winter bringen kann. Und sinkt an solchem Tag die Sonne – welch wundersamen Zauber bringt dann der Abend mit der bunten Dämmerung, mit der sanft verschwimmenden Glut aller Farben, mit der kühlen, lautlosen Schlummerstille des todmüden Waldes. Und steht der neue Tag wieder auf, so sind die Farben noch milder getönt, und über Zweigen und Gräsern schimmert mit Perlenglanz der weiße Reif, der in der kalten Nacht gefallen. Der Wald kann nie schöner sein als in solcher Zeit! Oder urteilt so nur der Jäger in mir? Weil der sterbende Wald auch dem Weidmann gesteigerte Freuden bietet? Weil die Zeit des Herbstes die lärmende, lustige Hochsaison des Weidwerkes ist? Wie im Frühjahr das Jägerjahr eröffnet wird durch die von jedem Weidmann heißersehnte Heimkehr der Schnepfen, so eröffnet die Südlandreise des Langschnabels und seiner jungen Brut das fröhliche Jagdgetriebe des Herbstes. Die Freude, die ein Jäger an der Buschierjagd auf Schnepfen findet, ist eine Probe für seine weidmännische Tüchtigkeit und Ausdauer. Vom frühen Morgen bis zum Abend durch wirrverwachsene Gräben auf und nieder zu klettern, sich unermüdlich durch Dorngestrüpp und stachlige Brombeerstauden zu winden, den gutgeschulten Hund mit erfahrenem Geschick zu führen und bei dieser Mühe immer bereit zu sein für den schwierigen Schuß – das ist nicht die Sache des Sonntagsjägers, der von der Buschierjagd auf Schnepfen zu reden pflegt wie das Füchslein von den sauren Trauben. Schon auf dem Abendanstand verlangt der Schuß auf die hastig und lautlos ziehende Herbstschnepfe einen geübten Schützen. Aber ein firmer Meister in der Handhabung seiner Waffe muß der Jäger sein, der gute Schußerfolge beim Buschieren erzielen will mitten in zäher Dickung, deren Gezweig den Ausblick verschleiert und jede Bewegung stört. Wohl kündet sich die von der feinen Nase des Hundes aufgestöberte Schnepfe durch lautes ›Wuchteln‹ an, aber klug jede Deckung nützend, huscht sie mit flinkem Zickzack und niedrigen Fluges davon. Da gilt es schnell wie der Blitz das Feuer zu werfen. Ein Augenblick in ratlosem Zögern – und wo ist die Schnepfe? Verschwunden auf Nimmerwiedersehen! Die Schwierigkeit solch eines Schusses macht auch das Erlegen einer Schnepfe zu einer Pikanterie der herbstlichen Treibjagden. Wenn da im Bogen das »Tiro, tiro!« der Treiber erschallt, zuckt auf den Ständen heiße Erregung durch alle Jägerherzen, jede Hand schließt sich energisch um die Flinte, und alle Augen suchen in den Lüften. Holt einer den Langschnabel glücklich herunter, so fühlt er sich den ganzen Tag als Heros der gesamten Jagdgesellschaft. Fehlt er aber die Schnepfe, so möchte er vor den schadenfrohen Blicken, die ihn von der Seite messen, am liebsten in den Waldboden versinken. Eine ähnliche Rolle – himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt – spielt der Jäger, der auf der Treibjagd einen Fuchs zur Strecke brachte oder den roten Schleicher ›ungekränkt‹ passieren ließ. Das letztere ist nun allerdings ein weidmännisches Kapitalverbrechen, das die Verachtung, mit der es bestraft wird, vollauf verdient. Deshalb wird der Verbrecher auch immer zum verstockten Leugner. Ein Fuchs wird im Treiben nie gefehlt – er ist immer ›angeschossen‹, und darauf schwört der verdächtige Schütze die heiligsten Eide. ›Ganz unbegreiflich, daß er nicht liegenblieb! Er roulierte im Feuer wie ein Hase. Aber na, seinen Treff hat er. Die Bestie muß eingehen!‹ Das ist so das Schema für die übliche Ausrede. Und es ist wie ein Schicksal: Der Fuchs, der schon beim ersten Laut der Treiber rege wird und pfeilschnell das Weite sucht oder sich vorsichtig drückt bis zum letzten Augenblick vor dem Schluß des Treibens, weiß im Bogen mit Sicherheit immer jenen Stand zu finden, auf dem ein grüner Neuling im Weidwerk just mit seiner verstopften Zigarre, mit der Kognakflasche oder mit seinem knurrenden Hund beschäftigt ist. Um bei den herbstlichen Treibjagden das pikante Kleeblatt voll zu machen, gesellt sich zu Fuchs und Schnepfe noch der Rehbock, der sein Gehörn schon abgeworfen hat. An seiner Stelle muß da häufig eine arme, brave ›Mutter‹ ihr Leben lassen, die nach ›Sprung und Gestalt‹ von einem unglückseligen Schützen als Bock ›angesprochen‹ wurde. Gegen solche ›Versehen‹ hilft leider kein Jagdgesetz und kein Pönale – dagegen hilft nur die weidmännische Bestimmung, daß beim Treiben auf den Rehbock, der sein Gehörn schon abgeworfen hat, nicht mehr geschossen wird. Solch freiwillige Schonung sollte man dem schönen Liebling des Waldes in allen Revieren gönnen. Wildbret zu liefern das ist doch nicht die einzige Aufgabe der Jagd. Und ganz abgesehen davon, daß auf der Treibjagd mehr Böcke zu Holz geschossen als zur Strecke gebracht werden – es ist doch nur halbe Freude, mit einem Schrotschuß den Rehbock niederzuknallen, der die Schneuse überfällt oder am Saum des Bogens windend verhofft. Dem Rehbock gebührt die Kugel, und sie gebührt ihm auf der Pirsch. Wie schön, im Vorsommer einsam hinauszuziehen in den jung ergrünten Wald! Wie schön, wenn der stattliche Sechserbock aus der dunklen Schonung auf die dämmernde Wiese tritt, bald ruhig äsend durch die hohen Gräser zieht, bald wieder sichernd aufwirft und dabei so recht den zierlich schönen Bau seines roten Körpers zeigt! Jetzt, Jäger, nimm die Büchse zur Wange und setz ihm die Kugel aufs Blatt, und wenn er im Feuer stürzt, dann jauchze aus frohem Jägerherzen, während der Widerhall deines Schusses hinrollt über die stillen Wälder! Und wie schön, wenn du im Hochsommer zur Blattzeit dein Revier betrittst und mit lautloser Vorsicht jener Dickung zusteuerst, darin sich der alte, schlaue Herr verborgen hält, der dich auf der Pirsch zu dutzenden Malen foppte und dem du so manch einen Morgen und Abend nutzlos geopfert hast! Jetzt hat sein Stündlein geschlagen, jetzt führt ihn der Zug des Herzens vor dein Rohr! Leise atmend, in kühler Morgenstille oder in der schwülen Glut des Mittags, umgibt dich der schweigende Wald! Erst harrest du noch ein Viertelstündlein in lautloser Ruhe, dann beginnst du mit dem Blatt zu locken, recht schmachtend und liebevoll. Da rauscht es in der Dickung. Und der Stolze, Langgesuchte steht vor dir, verkörperte Leidenschaft und Sehnsucht! Deine Kugel fliegt, und das heiße Herz des schönen Wildes hat ausgeschlagen. Denke nicht, daß es grausam war, den Verliebten und Betörten gerade in dem Augenblick zu fällen, in dem er süße Freuden erhoffte – ihm hat der ungeahnte Tod keinen Schmerz gebracht, denn es stirbt sich in keiner Stunde leichter als im Vollgenuß des Lebens, im Rausche zärtlichen Gefühls! Und dein Schuß war schön! Schmücke in Weidmannsfreude dein Hütl mit dem grünen Bruch! Solcher Stunden und ihres Genusses sollst du gedenken, wenn beim herbstlichen Treiben ein seines stolzen Hauptschmuckes beraubtet Bock an deinem Stand vorüberwechselt. Winke ihm lächelnd zu und laß ihn passieren, um nicht dir oder einem andern die schöne Sommerfreude zu schmälern! Ein Treiben in gut besetzten Revier bietet ja, auch wenn der Rehbock geschont wird, noch jagdliche Freuden in Hülle und Fülle. Ein Häslein um das andere huscht mit flinkem Lauf über die Schneuse. Hole die Ausreißer ein mit noch flinkerem Feuer! Ein Kaninchen saust vorüber wie eine graue Pelzkugel, die ins Fliegen kam und da gilt's einen blitzschnellen Schuß, oder die Schrote kommen zu kurz. Ein ›Bouquet‹ Fasanen rauscht aus dem Dickicht auf und flattert nach allen Seiten auseinander. Doch bevor sie sich noch aufgeschwungen haben über die Wipfel, stürzen im Feuer zwei prächtige Hähne, umwirbelt von staubenden Federn. Und ist dir die grüne Göttin besonders günstig, so führt sie einen schleichenden Marder zu deinem Stand, einen wackelnden Dachs oder einen verstrichenen Birkhahn. Stehst du aber gerade in Ungnade bei Hubertus, dann kannst du freilich auch im besten Revier vom Morgen bis zum Abend ein Treiben um das andere mit ablaufen, ohne eine einzige Patrone loszuwerden. Aber laß dir durch solches ›Pech‹ das frohe Jägerherz nicht betrüben! Der Stolz, eine stattliche Strecke erzielt zu haben, ist nicht die einzige Freude, die das fröhliche Leben einer Treibjagd bietet. Welche Erquickung ist nach den dumpfen Stubentagen der Stadt dieses Wandern im herbstlich schönen Wald, das Atmen in seiner frischen, gesunden, alle Glieder stehlenden Luft! Dazu noch der reiche Humor des Tages, vom ersten lachenden Weidmannsgruß beim Stelldichein bis zum lustigen, mit fliegenden Scherzen gewürzten Jägermahl, das mitten im Walde gehalten wird, zwischen den letzten Blättern des Herbstes und dem ersten Schnee des Winters! Und welche Summe von Genuß bietet dem rechten Jäger für sich allein schon die Teilnahme an einer Waldjagd, die mit tüchtigem Personal und gut geschulten Treibern in streng weidmännischer Weise geführt wird und in musterhafter Ordnung wie am Schnürchen verläuft! Kehrst du heim von solcher Jagd, dann drücke zum Abschied dem Jagdherrn, der dich als einen der Auserlesenen gerufen, mit festem Jägerdanke die Hand! ›Auf Wiedersehen im nächsten Jahr!‹ Wirst du aber in ein Revier geladen, aus dem du von der letzten Treibjagd nach Hause kamst, beinahe taub vom Mark und Bein durchdringenden Geschrei der Treiber, mit einem Halbdutzend Schroten in den Ledergamaschen, die dein Nachbarschütze für einen ›Fuchs oder Fasan‹ angesprochen – dann setze dich flink zum Schreibtisch und erwidere die nächste Einladung mit den höflichen Worten: ›Sehr geehrter Herr! Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie wieder an mich gedacht haben! Die Aussicht, in Ihrem schönen Revier die mannigfachen Freuden einer Treibjagd mitgenießen zu können, hat viel Verlockendes für mich. Doch leider verhindern mich ernste Berufsgeschäfte, Ihrer liebenswürdigen Einladung Folge zu leisten. Mit Weidmannsheil, Ihr ergebenster N. N. – PS. In der letzten Nummer der Jagdzeitung fand ich neu erfundene, völlig schrotdichte Gamaschen annonciert. Ich möchte Ihnen raten, mit dieser herrlichen Erfindung einen Versuch zu machen.‹ – Während im Wald der Ebene die roten Blätter fallen und bei fröhlichem Jagdgetriebe Schuß um Schuß durch die bunten Hallen kracht, wird hoch in den Bergen, über deren Gipfel und Almgehänge ein früher Winter schon das weiße Schimmerkleid geworfen, stille und mühsame Jagd gehalten. Wenn zu Ende des Novembers die Flocken in dichter Menge um die Latschenfelder wirbeln, wenn die grimmig kalten Nächte schon alle Bäche zu Eis gerinnen machen und ein schneidender Wind mit Pfeifen um alle Grate und Schroffen saust – diese harte Zeit ist im verschobenen Liebeskalender der Natur der ›wunderschöne Monat Mai‹ des scheuen Krickelwildes. Je kälter da der Bergwind durch die Latschen fährt, um so heißere Gefühle erwachen in dem braven Gemsbock, der die schöne Zeit des Sommers in einsiedlerischem Behagen verbrachte und bei fleißigem Äsen nur der einen Aufgabe lebte, tüchtig Feist unter seine Decke zu bringen. Sein fahles Sommerkleid hat sich in glänzendes Schwarz verwandelt, drall und stattlich ist er anzusehen in der zottigen Fülle seines Winterpelzes, und schon beginnt sich der ›Bart‹ auf seinem Rücken zum Wachler auszuwachsen und weiß zu bereifen. Da hebt er nun ein ruheloses Suchen und Wandern an, und aus den Latschenfeldern der schattigen Klüfte, in deren kühlem und dichtem Versteck er seinen Sommerstand gehalten, steigt er zu den sonnseitigen Almgehängen empor, auf denen Rudel sich zu sammeln beginnen. Treibt es der frühe Bergwinter gar zu schlimm, wirft er Schnee über Schnee und hüllt er durch lange Wochen alle Gipfel in Gewirbel und Nebel, dann freilich wird dem Hochlandsjäger die schöne Zeit der Gemsbrunft, die er das ganze Jahr hindurch mit Sehnsucht erwartete, gründlich verstöbert und verdorben. Wohl scheut er keine Unbill der Witterung, um für seinen Hut den stolzen Schmuck eines ›wachelnden‹ Gemsbartes zu gewinnen. Aber bei ›grobem‹ Wetter, bei dem der Wind in jeder Minute aus einem andern Winkel bläst, ist die Jagd auf das scharf ›windende‹ Gemswild eine nutzlose Mühe. Gemspirsch, die Aussicht auf Erfolg verspricht, verlangt blauen Himmel und gleichmäßig ziehenden Wind. In solch trüber Novemberzeit steht der Hochlandsjäger wohl ein dutzendmal des Tages mit heißer Ungeduld vor dem Barometer und klopft an die Röhre, ob denn das gottsvermaledeite Quecksilber noch immer nicht steigen will. Endlich eines Morgens atmet er hoffnungsfreudig auf: ›Gott sei Lob und Dank, jetzt hat's a Ruckerl gmacht!‹ Gegen Mittag fällt ruhiger Nordostwind ein, Sonnenglanz durchbricht die ziehenden Nebel, und noch ehe der Abend kommt, tauchen die zuckerweißen Berge aus dem steigenden Gewölk hervor. Eine kalte Nacht sinkt über die Täler, und einzelne Sterne blitzen aus dem dunklen Schleier des Himmels. Und nun wollen wir aufsteigen zu einer ›Gamspirsch‹ in die verschneiten Berge! Eine Stunde, ehe der Morgen graut, sind wir parat zum Abmarsch, nicht allzu warm gekleidet, denn das Stapfen und Steigen im frischen Schnee wird uns heißer machen, als uns lieb ist. Einen bescheidenen Imbiß und einen guten Tropfen im Rucksack, den Stutzen und die Patronen, Fernrohr, Wettermantel und Bergstock – mehr brauchen wir nicht. Und jetzt hinaus in die Nacht! Der Himmel ist völlig klar geworden, und mit zitterndem Gefunkel leuchten die tausend Sterne. In schweren Klumpen fällt der Schnee von den Bäumen, deren Wipfel in leichtem Winde sich bewegen. »Dös Winderl wär net ohne!« meint der Jäger, der uns begleitet. »Fein ziahgt's abi über'n Berg! Heut kunnt's krachen! Und an Tag kriagn mer, grad nobel!« Schon der halbstündige Weg durch das langsam steigende Waldtal macht die Stirnen gehörig warm. Dann erst das Aufwärtsstapfen über den hoch verschneiten Jägersteig! Das ist wie ein Dampfbad, und alle paar hundert Schritte verhält man sich eine Minute, um den verlorenen ›Schnaufer‹ wiederzufinden. Der Wald geht zu Ende, und die steilen Latschenfelder beginnen. Allmählich hat sich der Schein der Sterne gedämpft, farbiges Zwielicht gleitet Über den Himmel hin, alle Konturen der weißen Berge werden klar und rein, und ein letztes verirrtes Wölklein löst sich auf in blauen Duft. Langsam und vorsichtig steigen wir höher und höher, jede Blöße zwischen den Felsen und Latschen mit spähenden Blicken musternd. »Denn in der Brunft, da fahrt a Gamsbock her über'n Weg, du woaßt net wie!« Fast haben wir schon den Saum des Almfeldes erreicht, das sich zwischen zerklüfteten Felswänden breit bergan dehnt, schimmernd wie milchblaue Seide. Da brennt es auf dem höchsten der weißen Gipfel auf gleich einer roten Flamme. »Sakra! Jetzt dürfen mer uns aber tummeln! D' Sunn fliegt an.« »Sich tummeln?« Nein! Da heißt es stehen und schauen und staunen! Von einem Gipfel zum andern fliegt die rote Morgenflamme, tiefer und tiefer brennt sie herunter über Gewänd und Schnee, das ganze Almfeld überhaucht sich mit rosigem Glanz, sogar die Schatten tauchen sich in zarten Purpur. Und über allem der reine Himmel, tief und blau wie ein südliches Meer, und zwischen seinem Blau und dem rosigen Schneeglanz blitzt im Kontrast der Farben die silberweiße Linie des Grates. »Herr Gott! Wie schön ist das!« Da pfeift es in den Latschen, die Büsche rauschen, und Schnee stäubt auf. »Mar' und Joseph!« zischelt der Jäger. »Richten S' Eahna! A Gamsbock! Und was für oaner!« Doch ehe die Büchse noch an der Wange ist, fährt der schwarze Gesell, der uns auf lautloser Suche in den Weg geraten, mit sausender Flucht schon durch die Latschen hinunter in den Wald. »Natürli! D' Natur antratschen! Dös is 's Richtige in der Gamsbrunft!« brummte der Jäger. »D' Sonn können S' alle Tag sehgn, aber so an Gamsbock net! No also, machen wir halt weiter! Der is jetzt schon beim Teifi!« Ein Viertelstündlein steilen Marsches, und ein Hügel des Almfeldes ist erreicht. Gedeckt von einer Latschenstaude, lassen wir uns nieder. Obwohl wir bis an die Hüften im Schnee hocken, haben wir doch ein ganz behagliches Weilen, denn kaum merklich zieht der Wind, und die steigende Sonne beginnt sich lind zu fühlen. Während eine gute Zigarre den Ärger des Jägers besänftigt, halten wir mit dem Fernrohr Ausschau nach allen Seiten. Manch ein schwarzes Pünktlein auf dem sonnigen Schnee, das wir mit freiem Auge für eine Gemse halten, entpuppt sich durch das Glas als ein schattiger Felsbrocken oder als ein Latschenstäudlein, das sich aus der Schneedecke hervordrängt. Aber dort oben, wo die beschneiten Schuttfelder steil aufsteigen zu den kahlen Wänden, dort oben bewegen sich ein paar schwarze Punkte. Das Fernrohr wird gerichtet. Ein Rudel! Und wir zählen gegen dreißig Stück, brave Mütter mit ihren Kitzen und einige Geltgeißen. Bei genauer Beobachtung zeigt es sich, daß beim Rudel ein dreijähriger Bock steht, der nicht als schußbar anzusprechen ist. Wäre es um die Zeit der Sommerpirsche, so würden wir ruhig weiterziehen und anderswo unser Heil versuchen. Aber jetzt, in der Brunft, da heißt es geduldig ausharren. Denn wo ein Rudel steht, wird ein guter Bock nicht lange auf sich warten lassen. Ruhig sitzen wir im Schnee, der uns nun doch seine Kälte langsam in alle Knochen bohrt. Dazu beginnt der Wind immer schärfer zu ziehen. Die Ohren beginnen zu brennen, und die Finger werden steif. Aber die Beobachtung des Rudels kürzt uns die bittere Zeit. Einige der Gemsen ruhen im sonnigen Lager, andere ziehen langsam über den Hang und schlagen mit den Läufen den Schnee von der Erde, um Äsung zu finden. Zwischen den ruhig ziehenden Müttern tummeln sich die Kitzlein umher und treiben ihre munteren Spiele wie ausgelassene Schulkinder; sie jagen sich, versuchen harmlose Kämpfe und machen kleine Schlittenpartien über den stellen Schnee. In dem Dreijährigen erwachen sehnsüchtige Gefühle, und er beginnt bei den Schönen ein Werben, das an alle Eigenschaften eines Verliebten erinnert, nur nicht an scheue Zärtlichkeit. Eine alte Kokette drängt sich zutraulich an ihn heran. Aber der junge Galan scheint für die Reize des ›gefährlichen Alters‹ nicht das rechte Verständnis zu haben. Mit einem derben Krickelstoß jagt er die Schmeichlerin von seiner Seite und kehrt zu den jüngeren Schönen zurück, deren Sprödigkeit ihn noch feuriger macht und in groben Zorn versetzt. Just hat er ein schlankes Geißlein ein paar hundert Schritte über das Schneefeld hingesprengt. Da verhofft er plötzlich, äugt gegen die höheren Wände hinauf und stampft mit den Läufen. »Passen S' auf jetzt«, flüstert der Jäger, »da is der Alte nimmer weit!« Wir suchen die Wand mit dem Fernrohr ab. Und dort oben steigt er über den Grat heraus, »aber scho a höllischer Teifi«, stolz und kraftvoll, scharf abgehoben vom blauen Himmel, so daß sich mit dem Glas die hohen Krickeln und die wehenden Zotten des Bartes deutlich erkennen lassen. »Sakra, sakra«, meint der Jäger, »den wann S' kriegen, da können S' Eahna gratulieren!« Alle Kälte in Blut und Gliedern ist jäh verflogen, und mit heiß erregten Schlägen hämmert das Herz. Ein paar Minuten äugt der Alte regungslos auf das Rudel nieder. Dann plötzlich kommt er über die Wand herabgefahren, daß die Steine prasseln, sprengt auf die Geißen ein und fordert mit brutaler Gewalt seine Rechte als Herr des Harems. Inzwischen hält sich der Dreijährige eine Weile in scheuer Ferne, dann beginnt er das Rudel in Unruh zu umkreisen und schlängelt sich immer näher heran. Aber ein paar zornige Sprünge des Alten jagen ihn wieder in die Flucht. Einsam steht nun der Verscheuchte auf einem Schneegrat. Die Sache scheint ihm offenbar nicht zu gefallen. Er stampft mit den Läufen, schüttelt die Luser, und dann entscheidet er sich für das bessere Teil der Tapferkeit, fährt über den Schneegrat nieder und verschwindet in einem Graben des Almfeldes. Wir kümmern uns nicht weiter um die Richtung seiner Flucht und lassen den Alten und sein Rudel nicht aus den Augen. Doch jählings pfeift es ein paar Dutzend Schritte neben uns, und als wir aufblicken, steht der Dreijährige zwischen den niederen Latschen. Er scheint von unserem Anblick ebenso betroffen wie wir von seinem unerwarteten Auftauchen. Einige Minuten währt diese gegenseitige regungslose Musterung, bis ihm der Jäger mit einer scheuchenden Handbewegung zumurmelt: »Geh, du Springerl, fahr ab!« Das läßt sich der Bock nicht zweimal sagen. Erschrocken schlägt er um, saust durch die Latschen talwärts und pfeift noch ein paarmal, da er schon verschwunden ist. Obwohl die Entfernung zwischen uns und dem Rudel fast tausend Schritte beträgt, sind doch die Pfiffe des Flüchtlings bis zu ihm hinaufgedrungen. Ein paar Geißen, die sich schon zur Ruhe niedergetan, springen wieder auf, der Alte klettert auf einen Felsblock, und so äugt das ganze Rudel zu uns nieder. Ein Glück, daß uns die Sonne im Rücken steht – ihr blendender Glanz macht den Gemsen ein deutliches Gewahren unmöglich. Dennoch scheinen sie die Gefahr zu wittern, denn eine Kitzgeiß beginnt über das Schuttfeld emporzuziehen, als wollte sie in die Felswand einsteigen. »Auweh zwick! jetzt is gfeit!« brummt der Jäger und schließt mit einem derben Fluch die Vermutung, daß wir heute leer nach Hause gehen würden. Seine böse Ahnung scheint sich zu bestätigen. Denn langsam zieht das ganze Rudel der führenden Kitzgeiß nach. Gemächlichen Schrittes und zuweilen den schwarzen Pelz schüttelnd, steigt der Alte hinter dem Rudel her, und wir folgen ihm seufzend mit den Blicken. Da verhofft er plötzlich, jagt über den steilen Schnee hinauf und sprengt die Geißen von der Wand zurück auf den Lahner. Das ganze Rudel steht dicht gedrängt und äugt über das Almfeld hinaus. »Himmel Saxen!« zischelt der Jäger in heißem Eifer. »Da schaugn S' ummi! Da steigt oaner her über d' Schneid. Und gar koa schlechter net! Sakra, sakra, jetzt geht a Gschäft!« Ein guter Bock, schwarz wie Kohle, ist am Saum des Almfeldes erschienen. Er hat das ganze Rudel gewahrt und trollt über den Schnee einher, seinen Weg durch spielende Sprünge kürzend. Der Alte zieht ihm entgegen, zögernd, als wollte er vorerst mit Bedacht die Kraft des nahenden Gegners prüfen. »Geben S' acht, dö packen anander!« flüstert der Jäger. »Von deine zwoa, da woaß i net, was für oaner der besser is. Von dene zwoa gibt koaner so leicht riet nach!« In wachsender Erregung sehen wir durch das Fernrohr dem Drama der Eifersucht zu, das sich dort oben auf dem steilen Schneefeld abspielen will. Deutlich gewahren wir durch das Glas, wie der Alte zornig die Oberlippe aufzieht, und trotz der Entfernung glauben wir seinen blökenden Kampf ruf zu vernehmen. Schon sind sich die beiden Gegner bis auf wenige Schritte nahgekommen. Sie stehen regungslos voreinander, mit gesenkten Krickeln – es scheint, als hätte jeder Respekt vor der Kraft des anderen und keiner so recht den Mut, um den unsicheren Kampf zu beginnen. Langsam und neugierig zieht das Rudel näher. Und als hätte die Gegenwart seiner Huldinnen die Kampflust des Platzbockes befeuert und seine Eifersucht gesteigert, so rennt er mit kraftvollem Sprung auf seinen Gegner los. Wir hören, wie die Krickeln aneinanderschlagen. Aber schon ist der Angreifer mit blitzschnellem Sprung wieder zurückgefahren und steht erwartend. Da holt der Gegner zum Angriff aus, beim Stoß verfangen sich die beiden Kämpen mit den Krickeln, und so zerren sie sich hin und her, daß es sich ansieht wie ein drolliges Spiel, nicht wie ein ernster Kampf. Endlich kommen sie los voneinander, und der Alte retiriert, als wäre ihm schon halb der Mut gesunken. Das befeuert den Rivalen, und mit derben, immer hitziger werdenden Stößen bedrängt er den Platzbock, der sich aufs Parieren verlegt und dessen Kräfte immer mehr zu erlahmen scheinen. Aber diese scheinbare Schwäche ist nur schlaue Taktik des alten, geriebenen Burschen. Als sich der Gegner, der in heißem Ungestüm den Kampf mit einem Gewaltstreich beenden will, auf die Hinterläufe hebt, um mit gesenkten Krickeln den Rivalen am Nacken oder auf dem Rücken zu fassen, fährt ihm der Alte mit wuchtigem Stoß in die Weichen. Der Getroffene überschlägt sich und kugelt über den steilen Hang hinunter, umwirbelt von staubendem Schnee. Mühsam erhebt er sich, aber da rennt der Alte schon wieder mit wütendem Sprung auf ihn los, und in wilder Jagd sprengt er den Besiegten gegen die Tiefe des Almfeldes. »Teifi no amal! jetzt aber gschwind! jetzt gilt's!« Wir gleiten durch die Latschen hinunter in eine Mulde, und drüben geht's mit Keuchen wieder hinauf über Schnee und Geröll. Kaum haben wir, noch atemlos, die Höhe des Almgrates erklommen, da saust auch schon mit hängendem Lecker und stöhnend der gejagte Bock an uns vorüber. Einen tiefen Atemzug, den Hahn gespannt und die Büchse an die Wange – jetzt taucht mit rasenden Sprüngen der Sieger vor uns auf, doch bei dem Pfiff des Jägers verhofft der Bock, halb verschleiert vom aufwirbelnden Schnee. Dröhnend hallt der Schuß über das Almfeld hin. Im Feuer schlägt der Gemsbock um und verschwindet in einer Mulde. Auf dem jenseitigen Hang erscheint er wieder und flüchtet gegen das Rudel hin – eine zweite Kugel soll ihn einholen, aber da bricht er zusammen und rollt verendet über den Schnee. Ein Jauchzer schwingt sich auf in das sonnige Blau, während von den steilen Wänden die Steine niederprasseln, die das flüchtige Rudel löste. Ein Stündlein später treten wir, der Jäger mit dem geschränkten Bock über den Schultern und der glückliche Schütze mit dem frischen Latschenbruch auf dem Hut, in die einsame und halbverschneite Sennhütte, deren Stube einen öden und unwirtlichen Anblick bietet. Alle Glieder zittern uns vor Kälte und Erschöpfung, die Augen sind rot gerändert und brennen vom blendenden Schneeglanz, den wir durch lange Stunden ausgehalten. Aber wir lachen, als kämen wir von lustiger Maipartie, und mit sprudelndem Eifer wird die ganze Jagd noch einmal durchgeplaudert. An dem Maßstab, der in den Bergstock eingeschnitten ist, wird die Höhe des selten starken Krickels und die Länge des sorgsam ausgerupften Gemsbartes gemessen – wobei der Jäger mit heiligen Eiden schwört, daß ›a söllener Bock in hundert Jahr nimmer gschossen weard‹! In der Aschengrube wird ein flackerndes Feuer angeschürt, dessen Schein die verwahrloste Almstube freundlich überglänzt. Von der aufsteigenden Hitze des Feuers beginnt auf dem Hüttendach der Schnee zu schmelzen, und die Tropfen fallen und plätschern, als möcht es draußen schon Frühling werden. Adlerjagd Mein erster Adler! Bei diesem Worte macht mir die Erinnerung das Blut wieder heiß. Und wieviel harte Mühsal mußte ich überstehen, wie viele Jahre mußte ich geduldig warten, bis das grüne Glück mir diesen heiß ersehnten Schuß bescherte. Wohl hatte mir die Huld Dianas bereits vor vielen Jahren diese seltene Jägerfreude zugedacht. Aber der erste Vorgeschmack jener fast unbeschreiblichen Strapazen, die der Adlerjäger zu überwinden hat, machte mich ungeduldig und betrog mich um den Erfolg. Es war im Sommer 1887, zu Anfang August. Ich jagte damals im Gebiet der Zugspitze auf Hirsche und Gemsen. Eines Abends hatte ich auf dem freien Grat einer Waldkappe meinen Ansitz genommen, um den Auszug des Zwölfenders abzuwarten. Es war Jagdwetter, wie es sich schöner nicht denken läßt. Alle Felszinnen vom Glanz des Abends übergossen, die Baumwipfel umzittert von goldigen Lichtern, der Himmel klar und in allen Farben leuchtend und die linde Luft erfüllt vom würzigen Geruch der Blumen. Die gespannte Büchse über dem Knie, saß ich regungslos und ließ die spähenden Blicke in die Runde gehen. Da gewahrte ich, daß sich – etwa zweihundert Schritte auf dem Hang unter mir – in den hohen und dichten Heidelbeerbüschen etwas bewegte. Ein Fuchs? Aber nein! Jetzt erkannte ich deutlich einen schwärzlichen Vogelkopf, der sich aus den Büschen hob und wieder untertauchte. Vielleicht ein Auerhahn, der die reifen Beeren äst? Ich nahm das Fernrohr auf, hatte aber mit dem Glas ein hartes Sehen, denn am Himmel erloschen schon die Farben, und es begann zu dämmern. Undeutlich, wie durch trüben Nebel, sah ich einen großen Vogel, der sich mit schwerfälligem Hüpfen durch die wirren Büsche schob. Ein Auerhahn? Nein! Denn der Auerhahn hüpft nicht wie ein Raubvogel, sondern schreitet. Wieder spähte ich durch das Glas, als mich der Jäger, der hinter mir in einem Felsloch kauerte, mit zischelnder Stimme anrief: »Aber Herr Dokter! Sakradi! Wo schauen S' denn umeinander? Da drüben steht ja der Hirsch! Wannenbreit! So schießen S' doch! Er äugt schon rüber.« In Erregung sah ich auf – und richtig, kaum hundert Schritte vor mir, klar abgehoben vom rötlichen Himmel, stand der Zwölfender frei auf dem Grat. Jetzt war der komische Vogel dort unten im Nu vergessen. Mein Schuß krachte. Mit einer hohen Flucht zeichnete der Hirsch den Blattschuß und brach nach wenigen Sätzen verendet zusammen. Mit fröhlichem Jauchzer sprang ich auf. Aber da hörte ich einen schwer klatschenden Flügelschlag. Und als ich über den Hang hinunterblickte, sah ich meinen ›Auerhahn‹, in einen ausgewachsenen Adler verwandelt, über die Büsche gegen den \Waldsaum streichen. Wohl riß ich die Büchse an die Wange. Aber wo war der Adler? Mir standen Herz und Atem still, und der Jäger lachte über mein verdutztes Gesicht. Die Freude an dem erbeuteten Hirsch war mir gründlich verdorben. Ich fluchte in meinem Ärger. »Gengen S', Herr Dokter«, tröstete mich der Jäger, »so ein Zufallsschuß hätt Ihnen gar net die richtige Freud gmacht! Ein Adler muß hart verdient sein, nacher erst freut er ein'!« Während der Jäger noch sprach, sah ich den Adler außer Schußweite über die Baumwipfel emporsteigen, und ruhigen Fluges schwebte der königliche Vogel über ein tiefes Waldtal hinweg und den kahlen Felsen zu. Trotz der sinkenden Dämmerung konnten wir noch gewahren, daß sich der Adler über der ›Aschenwand‹ auf eine dürre Zirbe niederließ. Und der Jäger sprach die Vermutung aus, daß der Adler dort oben wohl ein Stück Beute liegen hätte. Da war auch mein Entschluß gefaßt: jetzt haben die Gemsen und Hirsche Ruhe vor mir, jetzt gilt es dem Adler! Die Nacht verging mir in schlafloser Ungeduld. Früh am Morgen, ehe der Tag noch graute, stiegen wir von der Jagdhütte zur Aschenwand hinauf, und nach vierstündigem Suchen und Umherklettern fanden wir auf einem Vorsprung der Felswand ein abgestürztes Schaf, das der Adler schon zur Hälfte verspeist hatte. Die Stelle war für den Ansitz so ungünstig wie nur möglich – auf sichere Schußweite weder ein bequemer Ruheplatz, noch eine Deckung. Mühsam schleppten wir ein paar buschige Latschenzweige in die Wand hinauf, klemmten sie in die Steinschrunden, und während mir der Jäger »Weidmannsheil!« wünschte und den Heimweg antrat, ließ ich mich, gedeckt von den Zweigen, auf einem Felsband nieder, so schmal und unbequem, daß mir das regungslose Sitzen schon nach der ersten Stunde zur Qual wurde. Der Himmel hatte sich bewölkt, ein nasser Guß um den andern ging über mich nieder. Dann wieder stach die Sonne wie mit Nadeln. Dazu dieses martervolle Sitzen mit baumelnden Füßen, der unbehagliche Blick in die Tiefe und der abscheuliche Geruch des verwesenden Schafes! Trotz dieser üblen Pein harrte ich in brennendem Jagdeifer bis zum Abend aus. Alle Glieder waren mir mürbe geworden, und auf dem langsamen Heimweg schmerzte mich jeder Schritt. Ein Schlaf von wenigen Stunden, dann ging's wieder hinauf in die Aschenwand. Erfolglos vergingen mir so zwei weitere Tage. Ein paarmal sah ich wohl den Adler gemächlichen Fluges über die Felswand hinstreichen, doch außer Schußweite. Hatte mich sein Falkenauge in meinem Schlupf entdeckt? Oder hatte er an anderem Ort frische Beute gefunden, die ihm besser mundete als dieses übelduftende Schäflein? Meine Ausdauer ermüdete mit jeder Stunde, und ich begann am Erfolg zu zweifeln. Der vierte Morgen brachte wieder klares Wetter. Doch als ich bei erlöschendem Sternenschein mühselig zu meinem Versteck hinaufkrabbelte, wußte ich schon im voraus, daß ich bei der Erschöpfung meiner Knochen diesen vierten Tag nicht mehr überstehen würde. Solange der kühle Morgen währte und der Schatten über der Felswand lag, ging es noch leidlich an. Als aber die Sonne zu brennen begann, kamen Stunden, deren Folter ich nicht zu schildern vermag. Wie krabbelnde Ameisen lief es mir durch die toten Glieder, und die Düfte des nahen Kadavers wurden unerträglich. Schließlich stumpfte wohl die Erschlaffung meine Geruchsnerven ab. Aber da begann nun der Kampf gegen den Schlaf. An solcher Stelle einzunicken, das ist eine bedenkliche Sache. Um mich wach zu halten, malte ich mir immer wieder mit allem Aufgebot meiner Phantasie das herrliche Bild aus, wie der Adler einherschwebt über die Felswand, wie er einen Augenblick mit ausgebreiteten Schwingen über seiner Beute verharrt, wie mein Schuß kracht und der mächtige Vogel mit gebrochenen Flügeln rauschend in die Tiefe stürzt! Diese Vorstellung brachte immer wieder mein Blut in Fluß, doch auf die Dauer konnte sie mir nicht helfen. Immer schwerer wurden meine Lider, und von der sengenden Hitze schwollen mir die Hände an wie gebratene Apfel. Noch dazu mußte ich unter mir im Latschental bei jedem Blick den kleinen ›Stuibensee‹ gewahren, dessen kühle, kristallene Flut so verlockend winkte, daß mir vor Sehnsucht nach einem erfrischenden Bad das Wasser im Munde zusammenlief. Bis elf Uhr mittags hielt ich noch aus. Dann mußte ich hinunter, wenn ich nicht einschlafen und purzeln wollte. Als ich am Fuß der Felswand anlangte, vermochte ich nicht mehr aufrecht zu gehen und konnte es kaum erwarten, bis ich den See erreichte. Am Ufer legte ich die Büchse nieder, schälte mich mit zitternden Händen aus meinen Kleidern und watete in das kalte Wasser. Wie das wohl tat! Diese erquickende Frische! Neues Leben rieselte mir durch die lahmgewordenen Glieder. Ich konnte das Plätschern und Tauchen gar nicht satt bekommen. Da als ich wieder einmal mit triefendem Kopf aus dem Wasser tauchte – vernahm ich über mir einen wehenden Flügelschlag. Erschrocken blickte ich auf. So nahe, daß ein Steinwurf ihn hätte erreichen können, sah ich den Adler über meine felsige Badewanne hinweg gegen die Aschenwand hinstreichen. Durch das aufspritzende Wasser sprang ich zu meiner Büchse – und schoß ein Loch ins Blaue. Pfeilschnell, mit einer eleganten Wendung, sauste der Adler über das Latschental hinunter, hob sich außer Schußweite wieder in die Lüfte, zog immer höhere Kreise und verschwand im sonnigen Blau auf Nimmerwiedersehen. Wie ich dastand, ein triefender Adam, mit der rauchenden Büchse in den Händen, und wie ich ratlos und trauernd dem verschwindenden Vogel nachblickte – das sollte man auf eine Scheibe malen! Ich müßte wohl selbst darüber lachen. Aber allem Mißerfolg zum Trotz habe ich von jener viertägigen Adlerjagd doch eines mit nach Hause getragen, einen heiligen Respekt vor der zähen Ausdauer, dem tollkühnen Mut und der eisernen, alle Strapazen überwindenden Gesundheit jener Hochgebirgsschützen, die sich den Ehrennamen ›Adlerjäger‹ erwarben. Es gibt nicht viele, die diesen Namen mit Recht verdienen. Wem ein glücklicher Zufall bei der Gemspirsche den Schuß auf einen Adler bescherte oder wer ein paar Adler im Eisen fing, der ist noch lange kein Adlerjäger. In früheren Jahren verdiente man sich diesen Namen leichter als heutzutage, wo diese gefederten Räuber zum Glück für den aufblühenden Wildstand in unsern deutschen Bergen eine große Seltenheit geworden sind. Wenn man die Wirtschaftsrechnungen der Klöster Berchtesgaden, Tegernsee, Benediktbeuren und Ettal nachliest, findet man in den Schußlisten des 17. und 18. Jahrhunderts mehr Gemsgeier und Steinadler verzeichnet als Gemsen und Hirsche. Hans Duxner, von 1640 bis 1670 Klosterjäger in St. Bartholomä am Königssee, erlegte 127 Gemsgeier und eine noch größere Zahl von Steinadlern. Sein Nachfolger Urban Fürstmüller brachte neben 25 Bären in Gemeinschaft mit seinen beiden Söhnen 74 Geier zur Strecke. Während der Gems- oder Lämmergeier, Gypaëtos barbatus , aus unseren Bergen vollständig verschwunden ist – der letzte wurde 1855 zu Königssee geschossen –, ist der Steinadler, Aquila chrysaëtos , im ganzen bayerischen Alpenzug ein jährlich wiederkehrender Gast, wenn er auch nur ausnahmsweise noch in unseren Bergen horstet. Bei der Seltenheit dieses geflügelten Raubwildes muß der Jagderfolg, den der berühmteste Adlerjäger des bayerischen Hochlandes, Leo Dorn von Hindelang, mit unermüdlicher Ausdauer errang, als ein ganz beispielloser bezeichnet werden. Er hat schon vor vielen Jahren das Jubiläum seines fünfzigsten Adlers gefeiert. Um als Adlerjäger solchen Erfolg zu erzielen, dazu gehört aber auch eine so glühende Liebe zum Weidwerk, eine so reiche Erfahrung als Jäger und eine so eiserne, allem Sturm und Wetter trotzende Gesundheit, wie sie Leo Dorn besitzt, der als Oberjäger das Allgäuer Jagdrevier des Prinzregenten von Bayern verwaltete. Dorn ist ein Mustertypus des prächtigen Menschenschlages unserer Berge: eine hohe, breitschultrige Gestalt, Glieder wie aus Stein geschnitten, sonnverbrannte Fäuste, die beim Handschlag die Finger des Grüßenden wie mit stählernen Schrauben umspannen, ein in gesunder Röte lachendes Gesicht mit schneeweißem Vollbart, mit scharf gekrümmter Hakennase und blitzenden Augen, deren jugendhellem Blick man die 70 Jahre nicht anmerkt, die Leo Dorn auf seinem breiten, ungebeugten Rücken trägt. Keck und lustig sitzt ihm auf dem weißen Zaushaar der kleine, verwitterte Filzhut, dessen aufgebogene Krempe von einer langen Adlerfeder durchstochen ist. Jahraus und jahrein, bei Schnee oder Hitze geht Leo Dorn in der gleichen leichten Lodenjoppe in der kurzen Lederhose mit entblößtem Knien. Und die Füße stecken nackt in den schweren Nagelschuhen. »Denn weißt, i bin so viel zartli [verzärtelt, empfindlich] an die Füß«, versicherte er mir, »wollene Söckeln vertrag i nit, die beißen mi allweil gar so viel!« Wenn Leo Dorn von seinen Adlerjagden und ihren Strapazen erzählt – die meisten Adler erlegte er im strengen Winter, wenn metertiefer Schnee die Berge deckte –, dann mischt sich in sein Geplauder kein einziges Wort, das nach Latein und Übertreibung klingt. Knapp und ehrlich bleibt er bei der Wahrheit und lächelt vergnügt zu dem Bericht der überstandenen Beschwerden, die auch in so schlichter, schmuckloser Schilderung dem Hörer ein kaltes Gruseln über den Rücken jagen. Man schaudert, aber man lacht auch oft und herzlich. Denn das ernsteste Abenteuer in den Bergen hat immer auch seine lustige Seite. Und der Allgäuer Dialekt, der die Diminutivform liebt, verleiht den Schilderungen Dorns zuweilen einen originellen Gegensatz zwischen Form und Inhalt, einen Anhauch von unwillkürlicher Komik. Es hört sich drollig an, wenn er die Erzählungen einer seiner gefährlichsten Adlerjagden mit den Worten beginnt: »Woltern o fests Schneele hat's gschniebe ghatt im selle Winter, und bis ans Brüstle rauf bin i allweil drin umeinandergstapfet. Aber wie i den Adler amal hon gsehe ghatt, hon i nimmer auslasse. Fleißi hon i umeinandergucket mit'm Spektivle, und wie i seine Weg amal hon ausspekuliert ghatt, hon i a Lämmle aufs Wändle naufgschleppet, und da hon i mir denkt: ›Wart, du Luedersvögele, jetz hock i mi aber eini in Schnee und bleib sitze, wenn mir au glei alle Knöchele wegfriere von die Händ!‹« Ein Adler mit fingerlangen, dolchscharfen Waffen und mit dritthalb Meter Spannweite in den Flügeln, deren Schlag einen Menschenarm zerbricht wie Glas – das heißt bei Leo Dorn ein ›Vögele‹. Da soll man nicht lachen, während einem das Gruseln durch alle ›Knöchele‹ rieselt! Aber nicht nur heiteren Gewinn, auch weidmännischen Nutzen brachten mir die Plauderstunden mit dem Adlerjäger von Hindelang. Seine Erfahrung und der Bericht seiner Erlebnisse wurden mir eine nützliche Schule für jenen Tag, an dem ich mir selber den ersten Adler holte. Als ich eines Tages auf dem Südhang des Wettersteins mit einem Arbeiter durch die Latschen kroch, um einen neu zu bebauenden Jagdsteig auszustecken, hört ich es plötzlich rauschen über mir, und als ich aufblickte, sah ich aus einer schattigen Kluft einen mächtigen Adler steigen und majestätisch hinsegeln über das Almfeld. Noch eh' ich nach der Büchse greifen konnte, war er längst schon außer Schußweite. Ich konnte nur mit dem Fernrohr noch erkennen, daß der Adler ein Männchen war, braunschwarz mit silberweißer Haube. Von dieser Stunde an waren alle anderen jagdlichen Sorgen und Wünsche in mir erloschen, und nur diesem Adler galt mein ganzes Jägerdenken. jeden Morgen, vor dem Grauen des Tages, stieg ich zu den Wänden des Wettersteins hinauf und setzte mich in guter Deckung bis zum Abend auf die Lauer. Manchmal wurde mir das Ausharren bitterschwer. Es war im Mai, und Sonnenschein wechselte mit Sturm und grimmiger Kälte, klarer Himmel mit Regenschauer und Schneefall. Eine Woche hindurch sah ich täglich, bald in den Vormittagsstunden und bald gegen Abend, den Adler aus der Ferne einherschweben, über die Wände streichen und in der Ferne wieder verschwinden. Manchmal stieß er auf ein Rudel Gemsen nieder, die in scheuer Flucht auseinanderstoben, ein andermal holte er sich ein Schneehuhn oder ein Häslein aus den Latschen. Er jagte wie im Spiel. Aber ich wollte ihm die Sache noch leichter machen. Die Methode Leo Dorns befolgend, ließ ich dem Adler auf der Höhe eines Joches ein ›Lämmle‹ als Köder auslegen. Ein paarmal sah ich den Adler hoch über der Kirrung in den Lüften kreisen, doch bevor er vertraut wurde, hatten die Kolkraben das Lamm bis auf die Knochen verspeist. Eines Tages hatte der Adler Gesellschaft gefunden – ein Weibchen, wie mir mein Fernrohr zeigte. In zärtlichem Getändel kreisend, stiegen sie auf und nieder im Blau, bis sie in ziehenden Wolken meinem Blick entschwunden. ›Sie horsten!‹ Das war mein erster hoffnungsfreudiger Gedanke. Während der folgenden Tage sah ich das Männchen immer allein – also hatte das Weibchen, das schon beim Brutgeschäft war, nur einen Erholungsflug gemacht! Nun wurde mit zähem Eifer die Suche nach dem Horst begonnen. Während ich bei diesem rastlosen Wandern und Spähen eines Nachmittags mit dem Fernrohr eine stelle Felswand absuchte, hörte ich das erregte Gekrächze einer Rabenschar, welche die noch vom Schnee bedeckte Höhe eines Almbuckels umflatterte. Als ich mein Glas nach der Stelle richtete, sah ich das Adlermännchen auf dem Schnee sitzen. Ohne sich viel um das Gezänk der Raben zu kümmern, putzte der Adler gemächlich seine Schwingen. Jetzt flog er auf, stieß in eine Grube nieder und versuchte eine Last zu heben. Aber das gelang ihm nicht. Immer von neuem wiederholte er den Versuch und schleifte seine Beute, die ich mit dem Fernrohr als ein totes Gemskitz erkannt hatte, auf die Kuppe eines kleinen Hügels. Nun ein zorniger Griff, ein gewaltsamer, Flügelschlag – und mit dem Kitz in den Fängen, ruderte der Adler senkrecht in die Lüfte. Turmhoch war er schon emporgestiegen, als er die Beute wieder fallen ließ. Es hatte den ganzen Vormittag schwer geregnet, und die durchnäßten Schwingen hatten wohl nicht die Kraft, eine Last zu bewältigen, die sie sonst ohne Mühe tragen. Während die Raben dem fallenden Kitz bis auf die Erde nachsausten, ließ sich der Adler, ohne sich weiter um die entronnene Beute zu kümmern, zur Rast auf eine dürre Zirbe nieder und begann wieder sein Federkleid zu putzen. Wenige Minuten später fing es dick zu regnen an. ›Jetzt hält er aus! Im Regen streicht er nicht ab!‹ Mit diesem Gedanken machte ich mich flink auf die Beine, um durch die triefenden Latschen gegen die Höhe des Joches hinaufzuklettern. Der Weg nahm eine halbe Stunde in Anspruch. Es war ein abscheuliches Gekraxel. Und dazu immer die bange Sorge: ›Wird er aushalten?‹ So war ich dem Adler auf etwa dreihundert Schritte nahegekommen, als der Regen versiegte und roter Sonnenschein durch die Wolken brach. Da begann ich zu klettern, daß mir der Atem ausging. Denn ich wußte, ein paar Minuten Sonne, und der Adler streicht davon. Nur hundert Schritte noch, nur fünfzig – dann erreicht ihn die Kugel! Da steht vor mir ein Spielhahn aus den Latschen auf. Durch das wirre Netzwerk der Zweige seh ich, wie der Adler sausend von der Zirbe wegstreicht und im Flug den Spielhahn greift. Atemlos und erschöpft, von den dichten Latschen gefesselt, kann ich die Büchse nicht heben und muß es mit ohnmächtigem Grimm mit ansehen, wie der Adler mit der Beute, die ich ihm zugetrieben, über das Tal hinwegschwebt und hinter dem Grat der jenseitigen Felswände verschwindet. Als ich bei sinkender Nacht todmüde und naß bis auf die Haut in das Jagdhaus zurückkehrte, erwartete mich die tröstende Botschaft eines Jägers: Der Horst ist gefunden! Meine erste Freude wurde aber bald wieder gedämpft. Denn der Horst lag in einer überhängenden Felswand, die ein Beikommen auf Schußweite nicht gestattete. Da blieb nur eines übrig: Die beiden Jungen, die aus dem weißen Flaum schon das braune Gefieder zu schieben begannen, mußten delogiert werden! Das war eine harte Arbeit, aber sie gelang. An einem starken Glockenseil ging's vom Kamm der Felswand hinunter zum Horst, die beiden Jungen wurden ausgehoben und dann in der Nähe einer Stelle, zu der ein Zugang möglich war, in einem Felsloch untergebracht und mit guten Stricken angebunden, so daß sie bis zum Rand des Felsloches vorhüpfen, aber nicht über die Wand abstürzen konnten. Während der Horst ausgenommen wurde, hatte sich keiner der alten Adler blicken lassen. Erst gegen Abend, als alle Arbeit schon getan und auf einer vorspringenden Felsplatte das dichte Versteck, das mich aufnehmen sollte, aus Latschenzweigen schon geflochten war, kam das alte Weibchen durch das Tal einhergeflogen. Als die Jungen beim Anblick der Mutter in ihrem neuen Quartier zu rufen begannen, machte der Adler im Flug eine jähe Schwenkung, stand ein paar Sekunden regungslos in der Luft, und dann strich er hastig davon. Am nächsten Tage wurde die Horstwand vom gegenüberliegenden Berg aus beobachtet. Zweimal kam das alte Weibchen über die Wand entlanggestrichen, doch ohne sich dem geleerten Horst oder der neuen Behausung der schreienden Jungen zu nähern. Aber schon am folgenden Morgen ließen sich die beiden Alten gleichzeitig vor dem Felsloch auf eine Steinkante nieder, und am Abend brachte das Weibchen frischen Fraß für die Brut – einen jungen Dachs. Jetzt war es Zeit für die Jagd! In der Nacht um zwei Uhr brach ich auf. Heller Sternenschein beleuchtete zur Genüge meinen Weg, und als der schöne Junimorgen zu grauen begann, lag ich schon in meinem Versteck, dessen kleiner Ausguck nach dem Felsloch gerichtet war. Einen sonderlich bequemen Aufenthalt bot das winzige Hüttlein auf der schmalen Felsplatte freilich nicht. Man konnte nur auf allen vieren kriechend zu dem Versteck gelangen, das ein aufrechtes Sitzen nicht erlaubte, nur ein ausgestrecktes Liegen auf dem Bauche. Von der unbequemen, durch keinen Wechsel gemilderten Lage wurden mir schon nach einer Stunde alle Knochen lahm. Dazu marterte mich, als die Sonne aufging, eine bratende Hitze, und Hunderte von Ameisen krochen emsig über meinen Körper auf und nieder, um sich in alle Schlupfwinkel meines Gewandes zu verirren. Trotz dieser fast unerträglichen Pein hielt ich geduldig und erwartungsheiß sechs volle Stunden aus, immer mit dem schußbereiten Gewehr im Anschlag. Schon wollten meine schwachgewordenen Kräfte zu Ende gehen, als plötzlich, ein Viertel nach zehn Uhr, die angebundenen Jungen zu rufen begannen, die Ankunft eines Alten verkündend. Wie elektrisiert hob ich die Büchse an die Wange. Der Schatten des Adlers huschte über die Felswand, und ich hörte den Vogel über meinem Versteck auf einem Baum aufhacken. Qualvolle Minuten vergingen, infolge der ausgestandenen Marter und der beginnenden Erschöpfung befiel ein heftiges Zittern meinen ganzen Körper, und ich glaubte schon, nicht länger mehr aushalten zu können. Aber da hörte ich das Rauschen der mächtigen Fittiche, abermals glitt der Schatten des gewaltigen Vogels über die Wand, und einige Sekunden später erschien der Adler, fast bewegungslos in der Luft schwebend, vor meinem Ausguck. Es war ein herrlicher Anblick, wie er die Schwingen hochstreckte und die Fänge vorschob, um sich lautlos auf die Steinkante vor dem Felsloch niederzulassen. In dem Augenblick, in dem er die Schwingen schloß und auch schon einen scharfen, mißtrauischen Blick gegen mein Versteck sandte, krachte mein Schuß. Und der Adler rollte von der Felskante in die Wand hinunter. Man konnte nur angeseilt zu der Stelle gelangen, wo der Adler zwischen Gestein und Latschen in eine Scharte gefallen war. Die linke Schwinge war ihm zerschmettert, doch er lebte noch und mußte einen Fangschuß erhalten. Es war das Weibchen – ein Adler von seltener Stärke und Größe, mit Schwingen, deren Spannung weit über zwei Meter maß. Selten hab ich mir einen grünen Bruch mit solcher Weidmannsfreude auf den Hut gesteckt wie den Latschenbruch für diesen meinen ersten Adler. Die Hauserin Eine scheltende Männerstimme klang aus dem Hausflur. Unter dem Werkstatt-Tor, das durch zwei Fenster von der Haustür getrennt war, erschienen die beiden Wagnergesellen, im Schurzfell, der eine mit dem Hammer, der andere mit dem zweihändigen Schnitzer unter dem Arm; und während der jüngere aufmerksam der scheltenden Stimme lauschte, brummte der ältere: »Es scheint, die Alte hat wieder ebbes angstellt!« Die Stimme im Hausflur klang immer zorniger und wurde verständlich: »So was! Dös wär doch aus der Weis! Wann d' meinst, mein Haus wär a Herberg für so a Bagasch, da hast mit'm Falschen grechnet! Und daß wir der Gschicht gleich an End machen – marsch da!« Man vernahm einen kreischenden Schrei. über die Türschwelle stolperte ein altes Weib, fuchtelte mit den Armen und plumpste der Länge nach in den voreiligen Oktoberschnee, daß Rock und Unterrock emporflogen bis über die blaubestrumpften Kniekehlen. Während die Haustür zugeschlagen wurde, verschwanden die Gesellen lachend in der Werkstätte, und zwei Buben, die auf der Straße schlitterten, rannten so erschrocken davon, daß die Schlipsenden flatterten und ihr Bockschlitten hohe Sprünge machte. In sicherer Entfernung hielten sie an, guckten nach der kostenfrei über die Schwelle beförderten Alten, machten lange Nasen und spotteten: »Ätsch! Ätsch! Aussigschmissen! Aussigschmissen!« Unter Verwünschungen erhob sich die Alte, schüttelte den Schnee vom Rock und streifte mit scheuem Blick die Fenster und Türen der Nachbarhäuser; außer den Buben und den beiden Gesellen, deren lachende Gesichter aus dem Werkstattfenster grinsten, schien niemand ihre Luftreise beobachtet zu haben. Sie humpelte auf die Haustür zu, merkte, daß drinnen der Riegel vorgeschoben war, und verzog das breite, zahnlose Maul. Ein paar Augenblicke stand sie unentschlossen auf der Schwelle; dann trat sie auf ein Fenster zu und schielte in die Stube. Drinnen sah sie den jungen, seit einem Jahr verwitweten Wagnermeister Jörg Hohrmiller, ihren Vetter und Spediteur, sehr mißmutig auf und nieder schreiten. In Sorge streifte sein Blick die neben dem Ofen postierte Wiege, in der sein pausbäckiges Büberl lag. Den Schnuller im Munde, guckte das Kind mit großen Augen hinauf zur weißgetünchten Stubendecke. Der Wagner oder, wie man im Dorfe sagt, der Wanger blieb vor dem Tische stehen und durchstöberte die Röcke, Mieder, Strümpfe und Halstücher, die da lagen. Das alles hatte der Wangerin gehört, die nach kurzer und nicht sehr glücklicher Ehe eines raschen Todes verstorben war, Und die Alte, die der Wanger nach dem Tod seines Weibes als Hauserin und Kindsfrau zu sich genommen, hatte diese Erbstücke in unbelauschten Stunden so sicher in ihrer Truhe versteckt, daß es ihr wie ein schreiendes Unrecht erschien, als der Wanger sie vor einer halben Stunde bei einer Vermehrung ihrer schön angewachsenen Sammlung ertappte und ihre Truhe umstülpte – ein Vorgang, der in der kostenfreien Beförderung über die Hausschwelle einen dramatischen Abschluß fand. Die Alte vor dem Fenster begann zu frieren. Sie stand mit den Strümpfen im kalten Schnee, weil sie bei dem Widerstand, den sie der kräftigen Faust des Wangers entgegengesetzt, im Hausflur ihre beiden Pantoffeln verloren hatte. Schüchtern klopfte sie mit dem Knöchel an die Scheibe, und als sie merkte, daß der Fensterflügel nachgab, drückte sie ihn vollends auf, faßte die eisernen Stäbe und schob den grauen Kopf durch das Gitter. »Wanger, seids doch gscheid!« klagte sie weinerlich. »Machts die Tür wieder auf! Der Schnee is so viel kalt. Mir gfriert schon die ganze Ruckseiten.« Jörg schenkte ihren Worten nicht das geringste Gehör. Immer eindringlicher mahnte die Alte, pochte auf ihre Verwandtschaft, auf ihre Sorge für das Kind und machte geltend, daß es für den Wanger eine gesalzene Doktor- und Apothekerrechnung absetzen könnte, wenn sie sich im Schnee einen Rheumatisi holen würde. Keine Bitte, keine Drohung wollte fruchten. Da wurde die Alte, die bald den einen, bald den anderen Fuß unter die Röcke hinaufzog, sehr verdrießlich und kreischte: »So? Wann's schon so sein soll, daß wir ausanand kommen, so laßts mich wenigstens den Kufer holen und zahlts mir den schuldigen Lohn aus!« »Ah ja!« sagte der Wanger. »Dös kann gschehen!« Gleich darauf klirrte der Riegel, und die Haustür öffnete sich. Die Alte trat in den Flur. Während sie ihre Pantoffeln suchte, ließ sie, um das harte Herz ihres Vetters zu rühren, die Zähne klappern und schüttelte sich ein paarmal wie eine Ente, die aus dem kalten Wasser stieg. Dann fing sie sanft und schüchtern zu reden an: »Schauts, Vetter, dös is doch net recht –« »Sei stad, Zenz! Mach, daß d' auffikommst, und räum deine Zwetschgen zamm!« Seufzend kletterte Zenz über die steile Treppe hinauf, und der Wanger folgte. Als die beiden im Stübchen der Alten anlangten, blieb Jörg unter der Türe stehen, während Zenz die auf dem Boden liegende Wäsche zusammenlas und aus dem Kasten ihre Gewandstücke herbeitrug, um Stück für Stück in die blau und weiß bemalte Truhe zu packen. »Gewiß, Vetter, ös tuts an Unrecht an mir! Was wär jetzt da dranglegen, an dem bißl Gwand von der Wangerin selig? Ös könnts es ja doch net anziehn! Und eh dös Zuig im Kasten vergrabelt, müßts doch a bißl bedenken, daß ich an arme, verlassene Wittib bin?« »Dein Madl is im Dienst, dein Bub hat sein schöns Auskommen als Schreinergsell, und du selbst hast 's Geld von deim verkauften Häusl am Zins liegen. Da wird's net so weit her sein mit der verlassenen Armut.« »Aber Vetter?« »Nix Vetter! Einpacken! Hättst a Wörtl gsagt, ich wär auf dös bißl Zuig net angstanden. Aber daß man eim 's Sach aus'm Kasten forttragt, dös geht doch net an. Freilich, du bist allweil so gwesen.« »Ah na!« »Ah ja! Und was amal a Dacherl [Dohle] is, dös wird kein Stieglitz nimmer. Ich kann kein' Menschen im Haus haben, vor dem man Kisten und Kasten versperren muß.« Der Wanger warf mit dem Fuß den Deckel der gepackten Truhe zu und rief über die Treppe hinunter: »Veit! Wastl! Tragts den Kufer in d' Werkstatt abi!« Die zwei Gesellen kamen, und Wastl, der jüngere, sagte lachend: »Heut kauf ich mir an Extramaß, weil dö alte Bißgurn endlich aus'm Haus kommt!« In der Stube drunten holte Jörg aus dem Wandschrank einen Lederbeutel hervor und zählte der Alten den Lohn in Markstücken auf den Tisch. »Vetter! Überlegts es enk! Denkts an dös arme Würmerl, dös kein' Menschen hat, wann ich mich net drum annimm. Bin ich amal draußen bei der Tür, so komm ich nimmer zruck!« Warnend hob sie den Zeigefinger. »Gwiß net!« »Gott sei Lob und Dank. Dös Versprechen mußt halten. Da schnaufen wir auf im Haus.« »So! Is schon gut!« Ohne Gruß und Abschied klapperte die Alte in ihren Pantoffeln der Türe zu, die sie zornig hinter sich ins Schloß warf. Der Krach schien das Kind erschreckt zu haben. Leise begann es zu weinen. Jörg sprang zur Wiege, suchte unter zärtlichen Worten den Schnuller, tauchte ihn in ein Schälchen mit Zuckerwasser, das neben der Wiege auf der Ofenbank stand, und schob ihn wieder in das Mäulchen, das begierig schnappte. Obwohl das Kind beruhigt war, blieb Jörg bei der Wiege sitzen und schaukelte. Das braune, von einem kurzen, gekräuselten Backenbart umrahmte Gesicht des Meisters war noch jugendlich. Jörg hatte noch nicht das dreißigste Lebensjahr überschritten; aber ein männlicher Ernst lag in den stillen Augen. Schwere, unermüdliche Arbeit hatte den jungen Wanger frühzeitig gereift. Wenige Wochen nach Jörgs achtzehntem Geburtstag war sein Vater einer Krankheit erlegen und hatte dem einzigen Sohn ein stattliches Haus und das einträgliche Geschäft hinterlassen. Als der Schmerz überwunden war, hatte Jörg sich mit einer Rastlosigkeit, die man von dem jungen Burschen nicht erwartet hätte, in sein Geschäft hineingearbeitet. Das war vonnöten gewesen. Kurz nach dem Tod des alten Wangers hatte ein früherer Gesell im Dorf eine zweite Wagnerei aufgetan, der viele Kunden zuliefen. Alle kehrten wieder zu Jörg zurück, der besser und billiger arbeitete. Der andere mußte seine Werkstatt wieder zusperren. Vom Morgen bis in die Nacht hatte Jörg mit seinen zwei Gesellen zu tun. So verging ihm Jahr um Jahr. Am Abend nach der Arbeit saß er mit der Mutter beisammen, rechnend oder schwatzend, und am Sonntag machte ihm ein Spaziergang im Wald und über die Acker größeres Vergnügen als der Spektakel in der dunstigen Wirtsstube. Auch zu keiner richtigen Liebschaft hatte er's bringen können, obwohl im Dorf manches Mädel herumging, das den schmucken, fleißigen Burschen gerne genommen hätte. Jörg war fünfundzwanzig Jahre alt geworden, als seine Mutter zu kränkeln begann. Es wurde immer schlimmer mit ihr. So wenig diese Erkenntnis sie betrübte, so sehr war sie von Sorge um den Sohn erfüllt, den sie gerne geborgen bei einer braven Frau gesehen hätte. Als sie das erstemal davon sprach, hatte Jörg ihr mit fröhlichem Trost die Sorge auszureden gesucht. Immer wieder, erst von Woche zu Woche, dann Tag für Tag begann sie zu drängen. Schließlich sagte er ja. Und nur der Mutter zuliebe geschah es, wenn Jörg eine Wahl traf, die übereilter war als überlegt. Da diente im Dorf bei einem Bauern ein junges Mädel, Franzi mit Namen, ein Geschwisterkind der alten Zenz, deren Mann das früh verwaiste Geschöpf aus seiner Heimat ins Dorf gebracht hatte. Man wußte, daß Franzi fleißig ihre Arbeit tat. Auch hübsch war sie, gut gewachsen. Aber aus dem wohlgeformten Gesichte blickten zwei Augen heraus, die Glanz hatten und doch ohne Sprache waren. Rascher, als Jörg erwartete, stimmte Franzi seiner Werbung zu. Nach einem Brautstand von drei Wochen war die Hochzeit in Freude gefeiert worden, wobei den jungen Meister nur der Umstand betrübte, daß die kranke Mutter nicht an der Ehrentafel sitzen konnte. Franzi, wie sie ging und stand, zog in das stattliche Haus. Ein paar Wochen verflossen, wenn nicht in Glück, doch in Ruhe. Den ersten Streit setzte es, als Franzi die alte Wangerin, die ihr einen auf die Wirtschaft bezüglichen Rat mit freundlichen Worten erteilt hatte, scheltend abfertigte. Jörg verwies ihr das, und Franzi spielte die Gekränkte. Als Jörg nach ein paar Tagen die Verstimmung gutmütig auszugleichen suchte, traktierte sie ihn mit Ungezogenheiten. Das Befehlen und Schelten wurde ihre Angewohnheit, der Putz ihre einzige Sorge. Ihr Hochmut brachte sie mit allen Nachbarsfrauen in Zwist, bis schließlich die alte Zenz, die immer im Wagnerhause hockte und die junge Frau mit Schmeicheleien überschüttete, Franzis einzige Freundin blieb. Ihrem Manne ging dieses Leben hart ans Herz. Am bittersten litt darunter seine Mutter, die, was sie für das Glück ihres Sohnes gehalten, in ein unkurables Elend ausarten sah. Und als sie bei ihrer Altersschwäche den Kränkungen erlag, die sie von der jungen Meisterin täglich erdulden mußte, erkaltete in Jörg der letzte Rest von Zuneigung zu seinem Weib. Von nun an ließ er Franzi tun und treiben, was sie wollte, sah nur darauf, daß ihr Geldverbrauch seinen Verdienst nicht überschritt; und selten lächelnd, lebte er ganz in seiner Arbeit. Erst als sein Weib nach Ablauf des zweiten Jahres einen Buben gebar, wachte auch Jörg wieder aus seiner Schwermut auf und wandte zärtlich sein Herz dem Kinde zu. Und als die Franzi, die nach der Geburt in launenhaftem Eigensinn jede Schonung ihres Körpers außer acht ließ, in eine schwere Krankheit verfiel, von der sie nicht mehr aufstand, betrauerte er sie ehrlicher, als sie es um ihn verdient hatte. Diesen vergangenen Dingen sann der junge Wanger nach, während er die Wiege des Kindes schaukelte, das eingeschlafen war. Seufzend erhob er sich und räumte die Gewandstücke vom Tische fort. Der Kuckuck in der Wanduhr rief die dritte Nachmittagsstunde. Das war die Brotzeit. Nun mußte Jörg dafür sorgen, daß die Gesellen ihr Bier und später ihr warmes Abendessen bekamen. Er vertauschte den Hausrock gegen eine Joppe, stülpte das Filzhütl aufs Haar, entnahm der Mischlade einen Laib Brot und verließ nach einem Sorgenblick auf das schlummernde Kind die Stube. In der Werkstätte, in der noch die Truhe der verabschiedeten Alten stand, übergab er das Brot dem älteren Gesellen. »Grad spring ich ins Wirtshäusl, daß man enk's Bier ummischickt. Und bis siebne laß ich enk drüben's Essen richten. Schau mir halt derweil fleißig nach'm Kind! Wann's aufwacht und grantig wird, bleibst a bißl sitzen dabei. Gelt ja?« Als Jörg die Wirtsstube betrat, fand er, dem Werktag angemessen, nur wenige Gäste. Im Herrgottswinkel sah er den Wirt bei einigen Dorffaulenzern sitzen, die sich die Zeit mit Zwicken vertrieben, einem Kartenspiel, das, wie der Volksmund sagt, gleich nach dem Stehlen kommt. Das war keine Gesellschaft, wie Jörg sie liebte. Er schritt einem Tische zu, an dem ein vereinsamter Gast saß, ein alter Mann, der sich durch blaue Mütze und Ledertasche als Briefbote des Dorfes kennzeichnete und dem jungen Meister mit freundlichem Gruß den Krug zum Willkommstrunke geboten hatte. »Vergelt's Gott!« dankte Jörg, als er nach kräftigem Zuge den Krug auf den Tisch stellte. »Sag, Ürle [Ulrich], wie geht's denn allweil bei dir?« »Allweil auf zwei Füß, acht Stund lang im Tag. Mir schlafen d' Waden net ein.« Die Kellnerin brachte dem jungen Meister das Bier. Er ersuchte sie, seinen Gesellen zwei Maß hinüberzuschicken, und gab ihr den Auftrag wegen des Abendessens. »Seit wann schickst denn du deine Gesellen zum Essen ins Wirtshaus?« fragte der alte Ürle. »Seit heut. D' Hauserin is mir ausgstanden.« »Was? Dein Basl? Warum denn?« Jörg zuckte die Achseln. »Sie is an alts Leut. Da wird ihr halt d' Arbeit z'viel worden sein! Und jetzt sitz ich da mit'm Kind und wär froh, wann ich wieder a verlässige Hauserin hätt.« »Kreuzsaxen!« Der Alte schlug mit der Faust auf den Tisch. »Allweil bin ich beim Glück um an Zipfel z' kurz kommen. jetzt paßt mir amal ebbes auf der Welt! Mein Madl, d' Vroni – die kennst ja, sie is um drei, vier Jahrln jünger als du –« Jörg nickte. »Sie is ja mit mir in d' Feiertagsschul gangen.« »No also! Und die Zeit her war 's Madl beim Einödbauer am Dings droben im Dienst, zwei Jahr lang. A paar Wochen nach deiner Hochzet hat sie sich eindingt. Und gestern auf d' Nacht, was sagst, kommt 's Madl daher, is droben auf und davon gangen, weil ihr der Bauernsohn kei' Ruh mehr lassen hat. So a bravs Madl! Arbeiten tut s' wie a Roß. Und zu die Kinder hat s' a damische Freud. Magst es net haben als Hauserin?« Ürle streckte die Hand über den Tisch hinüber. »Schlag ein! Mir nimmst a Sorg von der Seel. Daß 's Madl bei dir gut ghalten is, dös weiß ich. Und du hast a brauchbare Hilf im Haus.« Einen Augenblick besann sich Jörg, dann schlug er in die Hand des Alten ein. »Meinetwegen! Sie kriegt, was ihr der Einödbauer zahlt hat. Und daß dö Sach a Sicherheit hat –« Er zog den Lederbeutel und schob dem Alten ein Talerstück zu. »Da nimm! Kannst ihr als Vater 's Drangeld geben.« »Jessas, dö Freud, dö mei' Alte haben wird!« lachte Ürle. »Die ganz Nacht hat s' gflennt vor lauter Kümmernis. ja, Mensch, da muß ich machen, daß ich heim komm!« »Grüß mir d' Vroni derweil. Morgen in der Fruh kann s' einstehn.« »Wohl! Pfüet dich, Jörg! Und Vergelt's Gott!« »Braucht's net. Ich zahl, und 's Madl schafft.« Als Jörg nach Hause kam, fand er sein Kind noch schlafend. Während seiner Abwesenheit war die Zenz dagewesen, um ihre Truhe auf dem Schubkarren zur Schmiedin hinüberzuradeln. Sie hätte da ein Stübl gemietet, ließ sie dem Wanger sagen, und wäre jederzeit zu finden. »Da kann ihr's Warten lang werden!« meinte Jörg. »Der wachst a Hühneraug auf der Geduld.« Als es Feierabend wurde, zündete er in der Stube die von der Decke auf den Tisch herunterhängende Petroleumlampe an, schob ein paar buchene Holzklötze in den Ofen und stellte für den Fall, daß das Kind in der Nacht hungrig erwachen könnte, ein mit Milch gefülltes Blechschüsselchen in das Bratrohr. Dann setzte er sich an den Tisch und überließ sich den sanften Aufregungen des Bezirkstageblattes für die christliche Landbevölkerung. Nach gründlicher Beendigung der Lektüre ging er in den Flur hinaus, um nachzusehen, ob Schloß und Riegel in Ordnung wären. Aufs Kochen für sich selber verzichtete er, tauchte die Finger in das Weihwasserkesselchen und besprengte zuerst das schlummernde Kind, dann das eigene Gesicht. Achtsam trug er die Wiege in seine Schlafkammer. Viel Ruhe fand er nicht. Ein dutzendmal erwachte er und lauschte zur Wiege hinüber. Sooft er einduselte, hatte er einen flinken, dummen Traum. Einmal träumte er, daß er um Wagendeichseln in den Birkenwald gegangen wäre. Und da hörte er, über eine halbe Stunde weit, sein Bübl schreien, rannte heim wie verrückt und öffnete die Stubentür. Überrascht blieb er stehen, die Klinke in der Hand. Auf der Ofenbank, neben der Wege, saß die Vroni, genau so, wie er sie vor zwei Jahren gekannt hatte, mit dem schmächtigen Figürl, mit den großen Augen und den schmalen Wangen, deren Blässe durch das tiefe Braun der Haare noch gehoben wurde. Mißmutig nickte sie ihm zu, ganz wie die alte Zenz, und wollte augenscheinlich etwas sehr Feindseliges sagen, wandte sich aber zur Wiege zurück, weil das Bübl zu Weinen anfing. Das letztere war nimmer Traum, schon Wirklichkeit. Jörg sprang aus dem Bett, fuhr in die Hose und machte Licht. Tröstend hob er den Kleinen aus der Wiege und suchte ihn durch Schaukeln auf den Armen zu beruhigen. Als dieses Mittel nicht fruchten wollte, nahm er den Leuchter und ging in die Stube hinaus, die besser durchwärmt war als die Schlafkammer. Eben verkündete der Kuckuck die sechste Morgenstunde. Der etwas hilflose Vater holte das Milchschüsselchen aus dem Bratrohr, versuchte den kleinen Schreihals durch ein ausgiebiges Frühstück zu besänftigen und war herzlich froh, als er die schwierige Arbeit vom besten Erfolge belohnt sah. Dabei überhörte er, daß jemand ans Fenster pochte. Erst als er die Wiege aus der Schlafkammer herausgezogen und seinen friedlich gewordenen Sprößling zu neuem Schlafe gebettet hatte, hörte er das Klopfen. Er trat ans Fenster und öffnete. »Wis is denn?« »Ich bin's, der Ürle!« »Was willst denn schon in aller Fruh?« »Bei der Hausmutterei hab ich dir a bißl zugschaut. A sorgsamers Kindsmadl, als d' selber bist, kannst net kriegen!« Jörg lachte. »Wann d' Wiegen pumpert, lernt einer viel. Aber was willst denn?« »Sagen hab ich dir wollen, daß d' Vroni kommt, wie's Tag wird. Und was ich fragen will – hast du 's Madl amal betrübt?« »Ich? Na! Warum denn?« fragte Jörg erstaunt. »Sie hat mir's schier verübelt, daß ich 's Drangeld gnommen hab. Und es is mir fürkommen, als ob s' dir wegen ebbes bös wär.« »Ich kunnt mir net denken, warum. Wir waren allweil gut Freund mitanand. Aber halt, ja – in der Feiertagsschul, da hab ich ihr amal im Spaß a Bussel geben. Da hat s' a bißl trutzt mit mir.« »No, dös wär noch lang net's Gfahrlichste!« lachte Orle. »Und ich hab mir schon fürgstellt, Gott weiß was! Daß aber d' Weibsbilder allweil übertreiben müssen mit söllene Sachen. A bißl Spaß muß der Mensch verstehn. Sonst lauft der allweil umanand wie 's wehleidige Katzl.« Der Alte wanderte durch die weiße Morgenfrühe davon. Jörg schloß das Fenster, heizte den Ofen, trat in den Flur hinaus und rief über die Treppe: »Veit! Wastl! Siebne hat's gschlagen! Heut müssen wir uns selber d' Suppen kochen!« Er machte Feuer auf dem offenen Küchenherd, setzte in einer Pfanne das Wasser für die Suppe zu und kam dabei zu der Einsicht, wieviel schwierige Arbeit eine Hauserin zu leisten hatte. Er schätzte deshalb die alte Zenz nicht höher ein, beschloß aber in gerechter Erwägung, die neue Hauserin gut und freundlich zu behandeln. Wastl bot sich als Koch an, und während er auf einem kleinen Brett eine dicke Zwiebel in dünne Scheiben schnitt, standen Jörg und Veit daneben und guckten zu. Auf den Gesichtern der drei Männer lag der rote Schein der Herdflamme, und durch das kleine Fenster stahl sich schon das Zwielicht des werdenden Tages. Als Wastls Kochkunst ihr Meisterstück zur Vollendung brachte, gingen die zwei andern in die Stube, wo Veit den Tisch zu decken begann und die Weisheit aussprach: »Es ist schon wahr, ohne Weiberleut schaut 's Leben a bißl zahnlucket aus.« Jörg verschwand in seiner Schlafkammer, um sich vollends anzukleiden. Als er wieder in die Stube trat, trug Wastl die Schüssel mit der dampfenden Suppe auf, und Veit holte den Knecht, der in der Scheune für die drei Milchkühe und die zwei Rosse das Frühfutter schnitt. Als die beiden kamen, sprachen alle vier zusammen den Morgensegen und rutschten in die Bänke. Wastl teilte die Suppe aus und begann unter Zeichen höchster Befriedigung zu essen. Die andern, als sie den ersten Löffel gekostet hatten, schoben schleunigst den Teller fort. Die Suppe war bis zur Ungenießbarkeit verpfeffert. Wastl wollte das nicht glauben und aß immer zu, bis auch ihm ein Hustenreiz das Wasser aus den Augen trieb, daß er ärgerlich den Löffel in die Schüssel werfen mußte. Während er von seinen Tischgenossen ausgelacht wurde, öffnete sich die Tür, und in die Stube trat ein hochgewachsenes Mädel mit einem von Gesundheit blühenden Gesicht. »Grüß Gott, Wanger. Da bin ich!« Jörg erhob sich und betrachtete mit zweifelndem Verwundern das Mädel, das in dem braunen Rock, in dem knappen Mieder mit dem Seidentuch und in dem grünen, mit einem kleinen Buchszweig gezierten Hütl eine so wohlgefällige wie stattliche Erscheinung bildete. »Kennst mich am End gar nimmer?« fragte das Mädel in einem Ton, dem man eine leichte Verstimmung anmerkte. »Wann ich net wüßt, du mußt d' Vroni sein, möcht ich fast denken, du bist es net.« Sie zuckte die Achseln. »D' Leut wachsen sich aus mit die Jahr.« Jörg, ein bißchen befangen, trat auf Vroni zu, um ihr die Hand zu reichen. »Sag ich dir halt Grüßgott im Haus. Unser Herrgott soll dein' Einstand segnen. Mich kennst. Dö zwei sind meine Gesellen, der Veit und der Wastl. Und dös is der Knecht. Da hast alle beinand, mit denen du hausen mußt.« »Alle? Da hast dich verrechnet, Wanger!« Vroni ging zur Wiege und strich mit sanfter Hand über das Köpfl des schlafenden Kindes. Ein Strahl der Freude leuchtete in Jörgs Augen. »Madl, jetzt hast es gwonnen bei mir. Daß wir gut auskommen mitanand, an mir soll's net fehlen.« Vroni hob das Gesicht. »Mußt mich halt einweisen ins Haus und in d' Arbeit.« Lächelnd sah sie die Suppenschüssel an. »Mir scheint, es pressiert a bißl.« »Magst net a Schlückl kosten?« fragte Veit und hielt dem Mädel den gefüllten Löffel hin. »Na, ich dank schön, ich hab schon vom Anschaun gnug.« »Mußt mich halt bei der Kocherei in d' Schul nehmen«, lachte Wastl; »du schaust so aus, als ob einer ebbes lernen kunnt bei dir.« Der junge Meister mahnte etwas ärgerlich. »Es is Zeit in d' Werkstatt!« Er wandte sich an Vroni. »Komm! Ich zeig dir dein Stüberl.« Er öffnete die Tür und ließ das Mädel in den Flur treten. »Was is denn mit deim Sach?« »Draußen im Hof steht schon der Kufer. Ich hab ihn selber herzogen auf'm Schlitten.« Jörg führte die Hauserin über die Treppe hinauf und zeigte ihr die Kammer der alten Zenz. Es war ihm leid, daß der kleine Raum so unfreundlich aussah. »Mußt dir halt alls a bißl zammrichten. Wann ebbes haben willst dazu, brauchst es nur zu sagen.« Er öffnete die Türen zu den Gesindekammern, die Vroni in Ordnung zu halten hatte. Über den dichtgefüllten Heuboden führte er sie zu der Leiter, die in die Scheune hinunterging, zeigte ihr das Holzrohr, durch das man Heu und Häcksel in den Stall befördern konnte, und den kleinen Bretterverschlag, in dem die Sensen, Rechen, Sicheln, Heugabeln und Grabscheite verwahrt wurden. Dabei redeten die beiden immer von der Arbeit, ernst und ruhig. Nun stiegen sie wieder über den Flur hinunter, besichtigten die Küche und den Milchkeller, gingen durch die Wohnstube in Jörgs Schlafkammer und traten ins Freie, um das ganze Haus zu umwandern. Eine Zeitlang standen sie im Gemüsegarten, der vor der Giebelwand gelegen war. Jörg zeigte der Hauserin die mit Schnee bedeckten Beete und nannte die Gemüsesorten, die er anzubauen pflegte. Dann betraten sie durch ein Türchen des Staketenzaunes den Wiesengrund. Einige Tagwerke umfassend, zog er sich eben gegen die sanft ansteigenden Vorberge hin und war mit zahlreichen Obstbäumen durchsetzt, die ihre schneeumfrorenen Aste still emporstreckten gegen den grauen Himmel. »Da kann's Äpfel geben!« sagte Vroni. »Gelt, ja! Wo guter Boden is, wachst allweil ebbes.« Und wieder betrachtete der Wanger die Gestalt des Mädels, als wäre das eine ganz unbegreifliche Sache, wie in der kurzen Zeit von zwei Jahren aus solch einem schmalwangigen, schmächtigen Ding eine so kernfeste Person sich herauswachsen konnte. Sie bemerkte diesen Blick, wurde ein bißchen rot und fragte: »Was schaust mich denn allweil so an?« »Net gnug verwundern kann ich mich.« Er dachte an seinen Traum. »Erst heut in der Nacht –« Nun war es an Jörg, verlegen zu werden, während er sich verbesserte: »will sagen, gestern am Nachmittag, wie ich mit deim Vater gredt hab von dir, ja, da hab ich mir allweil fürgstellt, wie d' amal ausgschaut hast-« Er sprach nicht weiter. Sie waren an der anderen Giebelseite des Hauses angelangt, und der Wanger musterte aufmerksam die schlanken, in Spiralen geschälten Birkenstämme, die zu Dutzenden an der Wand lehnten, um zu Wagendeichseln und Leiterbäumen verarbeitet zu werden. »Ja, Madl, arg hast dich vermodelt. Net bloß auswendig. Früher amal bist allweil kameradschaftlich gwesen zu mir. jetzt aber-« »Was?« fragte sie und sah ihn ruhig an. »Dös muß sich doch a bißl umdraht haben?« entgegnete Jörg, während er mit dem Fuß den Schnee vom Boden scharrte wie ein Dackl, der sich niederlegen möchte. »Sonst kunnt ich mir riet denken, warum dich so gwehrt hast dagegen, wie dir dein Vater gsagt hat, du sollst zu mir als Hauserin kommen?« Dem Mädel stieg das Blut in die Stirne. »Wer sagt denn dös?« »Dein Vater selber hat mir's gsagt, heut in der Fruh.« »Mein Vater kunnt dein Basl sein, weil er gar so gern tratscht!« platzte Vroni heraus. »Wär's ebba riet wahr?« »Lügen tut der Vater net.« »No also!« »Dös brauchst mir net verübeln. So einfach is dös net: über Nacht an Dienst kriegen, wo man net weiß, wie man sich stellen muß, was für Arbeit verlangt wird und ob man die richtigen Händ dafür hat. Gwissenhäftigkeit is kein Unrecht net. Dös därfst mir net nachtragen.« »Ah, na, na, na, na, Madl!« Jörg reichte ihr lächelnd die Hand. »Von nachtragen is kei' Red net. Ich hab mir halt denkt, es is besser bei so was, wenn man's beredt.« »Freilich, ja!« nickte Vroni aufatmend und folgte dem Meister durch die Wagenremise in den Stall. Hier schirrte eben der Knecht die beiden Rosse an, um in den Wald zu fahren. Während Jörg mit Vroni am gemauerten Futterbarren entlang ging, lobte sie die Sauberkeit und Ordnung im Stall, was der Knecht unter vergnügtem Schmunzeln mit anhörte; auch dem schönen Schlag seiner drei Milchkühe machte sie ein wohlverdientes Kompliment und faßte eine Blässin bei der Schnauze, um ihr sanft die Nüstern zu reiben. Als die beiden andern Tiere das sahen, drängten sie brüllend ihre dicken Köpfe gegen Vronis Hand. »Da schau«, sagte Jörg, »was dös für a paar eifersüchtige Trutscheln sind.« »Da hab ich droben beim Einödbauer mein Kreuz ghabt!« antwortete sie lachend. »Ihrer neune waren im Stall. Wann ich futtern kommen bin, hab ich grad Arbeit ghabt, daß ich jeder gschwind Grüßgott sag. Sonst hätten s' anand umbracht. Is schon wahr.« »Ja, ja«, meinte Jörg, »die Behandlung macht's aus, beim Viech net anders als wie beim Menschen. Aber komm, jetzt schaffen wir dein' Kufer ins Stübl auffi. Bis alles in Ordnung hast, dauert's allweil a Stündl, und nacher mußt dich ums Bier für die Gsellen sorgen.« Sie traten ins Freie und gingen zur Haustür, wo Vronis Koffer stand. Da blieb der Meister horchend stehen. »Sauber, ja, und gut gwachsen«, klang die Stimme des älteren Gesellen durch das Fenster der Werkstatt, »da hat er den richtigen Griff gmacht.« »Ja, ganz mein' Gusto hat er troffen!« lachte Wastl. »Da wird dir der Schnabel trucken bleiben! Dös Madl scheint mir so stolz wie sauber.« »Die Stolzen sind net allweil die Brävsten.« Wastl hatte noch nicht ausgesprochen, als Jörg das Tor aufstieß. »Du! Laß dir ebbes sagen! Noch an einzigs solches Wörtl, und du warst am längsten in meim Haus!« Er wandte sich von dem Verdutzten ab und verließ die Werkstätte. Die Hauserin hatte ein bißchen von ihrer gesunden Farbe verloren. »Vergelt's Gott, Wanger! Aber du mußt dich net alterieren!« sagte sie ruhig. »D' Welt hat allweil den gleichen Buckel. So reden s' überall. Man gwöhnt's. Und geht's eim über d' Schnur, so kann man Schluß machen und marschieren.« Sie bückte sich, um den Henkel des Koffers zu fassen. »Laß gut sein, Madl! Den lupf ich schon allein.« Als der Koffer droben im Stübchen stand und Vroni aus ihrer Tasche den Schlüssel hervorsuchte, sagte Jörg: »Drunt in der Stuben leg ich dir's Biergeld auf'n Tisch. Wir müssen heut a bißl früher Brotzeit halten. Vom Wastl seiner Pfeffersuppen hat keiner an Löffel voll essen können. Schaust halt nacher bald dazu!« Er nickte einen stummen Gruß. Die Tage vergingen. Bald war es allen merklich, welch ein frischer Lebensgeist mit Vroni in das Haus des Wangers eingezogen war. In allem und überall zeigte sich ihre Hand. Und dieser Umschlag zum Freundlichen, der das ganze Hauswesen umfaßte, spiegelte sich im kleinen in der Umgestaltung, die Vronis Stübchen erfahren hatte. Als Jörg acht Tage nach ihrer Ankunft den kleinen Raum betrat, blieb er überrascht auf der Schwelle stehen. Wie nett und schmuck und wohnlich sah es hier aus! Die Fenster hatten weiße Vorhänge; die Wände waren geziert mit Photographien in gepreßten Papierrähmchen, mit Heiligenbildern und mit verholzten Schwämmen, auf denen hübsche Holzfiguren standen: die Heiligen Drei Könige und die schwarze Muttergottes von Altötting; aus der Ecke über dem Bett neigte sich ein kleines Kruzifix mit Palmzweigen und Schilfkolben; auf dem Kleiderschranke standen drei Scherben mit künstlichen Rosen, und über der Kommode erhob sich ein Hausaltar, auf dem ein wächsernes Jesuskind zwischen Spitzen und bunten Bändern schlummerte, geschützt durch einen blanken Glassturz. Velt und Wastl, besonders der letztere, predigten im Dorf das Lob der neuen Hauserin. Wenn Vroni bei der Arbeit einer Hilfeleistung bedurfte, brauchte sie nur zu winken. Da sprangen die Gesellen und der Knecht mit langen Beinen. jeder wollte es dem andern zuvortun, und wieder war es Wastl; der sich bemühte, durch Aufmerksamkeiten aller Art seine leichtfertigen Worte bei Vroni vergessen zu machen. Bald kam es so weit, daß den dreien Vronis Wort im Hause höher galt als die Stimme des Meisters. Und fast schien es, als fände Jörg das selbstverständlich. Auch er gewöhnte sich daran, bei allem, was er begann, den Rat der Hauserin einzuholen. »Vroni, was meinst?« Oder: »Vroni, wie glaubst?« So pflegte er seine Fragen einzuleiten. Sie sagte: »Ich glaub halt –« Oder: »Ich mein' halt –« Und gab dann ihre kurze, klare Antwort. Am meisten gewann durch Vronis Eintritt in des Wangers Haus das kleine Bürschl in der Wiege. Jörg hatte sich bei seiner vielen Arbeit wenig mit dem Kinde beschäftigen können, und die alte Zenz hatte es mit ihrer Sorge nie sehr genau genommen. Schrie das Kind, so hatte sie ihm mit einem dicken Schnuller das Mäulchen gestopft oder hatte es durch heftiges Wiegen eingeschläfert. Das Kind lag die längste Zeit des Tages in seiner Schaukelkiste und hatte sich dabei an überlanges Schlafen gewöhnt. Nun war in kurzer Zeit aus ihm ein lustiges, munteres Kerlchen geworden. Vroni widmete ihm jede freie Minute, verrichtete jede kleinere Arbeit in der Nähe des Kindes und nahm es bei jedem Ausgang mit ins Freie. Als der voreiligen Oktoberhälfte gegen Ende des Monats eine Reihe linder Tage folgte, konnte Vroni die Wiege des Kindes während der Nacht in ihrem Stübchen haben. Keine Mutter hätte aufmerksamer und fürsorglicher sein können. Mit Freude sah Jörg diesen freundlichen Wandel an und ärgerte sich dabei ein bißchen, weil es ihm vorkam, als würde er selbst am spärlichsten bedacht. Vroni verhielt sich ihm gegenüber wunderlich still und zurückhaltend, fast scheu. In den ersten Tagen, als sie noch nicht Bescheid wußte im ganzen Haus und sich mit häufigen Fragen an den Meister wenden mußte, war's nicht so fühlbar gewesen. Später trat es immer deutlicher hervor. Und manchmal wollte es dem jungen Meister scheinen, als möchte Vroni geflissentlich ein Alleinsein mit ihm vermeiden. Wenn sie mit einem der Gesellen im Gespräche stand und Jörg trat unerwartet hinzu, mußte er mit Erstaunen gewahren, daß Vroni leicht erschrak, in der Rede stockte oder sich rasch entfernte. Wie es der Zufall wollte, merkte Jörg das mehrmals hintereinander, wenn die Hauserin mit dem Wastl sprach. Es stieg der Verdacht in ihm auf, daß zwischen den beiden sich was anzuspinnen begänne, und darüber erwachte in ihm eine Art von Eifersucht, die er nicht begriff. ihm konnte es doch völlig gleichgültig sein, mit wem und was seine Hauserin schwatzte. Trotzdem fing er an, die zwei jungen Leute schärfer zu beobachten. Daß Wastl bis über die Ohren in das Mädel verliebt war, schien ihm begreiflich. Aber er konnte bei aller Aufmerksamkeit keinen Beweis dafür finden, daß Vroni gegen den Burschen freundlicher wäre als gegen sonst jemanden – freilich noch immer freundlicher als gegen ihn selbst. Nun ging es seit Vronis Ankunft in die dritte Woche, auf deren Donnerstag das Fest Allerheiligen fiel. Am Vorabend war Jörg zum Friedhof gegangen, um die Erdhügel auf den Gräbern seiner Eltern und seines Weibes zu lockern und mit schwarzem, feingesiebtem Sand zu überstreuen. Bis spät in die Nacht saß er mit Vroni und den Gesellen in der Werkstatt, um für den Allerseelentag die Trauerkränze aus Immergrün zu winden, da es nach dem frühgefallenen Schnee mit den Blumen mager aussah. Als er unter Beihilfe seiner Gesellen am Allerseelenmorgen diese Kränze zum Friedhof trug, war er nicht wenig überrascht, die Gräber schon geschmückt zu finden; auf jedem Hügel lag ein dicker Kranz von Buchszweigen, in deren dunkles Grün zierliche Papierrosen eingebunden waren, und ein kleines Kränzl hing an jedem der drei schmiedeeisernen Grabkreuze. Der Meister glaubte zu wissen, von wem diese Kränze wären – hatte er doch am vergangenen Abend die Buchsbäumchen in Ürles Garten bis zur Kahlheit geplündert gesehen. Jörg wäre am liebsten gleich nach Hause gelaufen, um der Vroni ein Vergelt's Gott zu sagen; doch bis zum Beginn der Trauermesse wäre er nicht mehr zurückgekommen. Eine Stunde später, als der Gottesdienst zu Ende war und die Leute durch den Friedhof wanderten, wollte auch Jörg noch für ein Gebet seine Gottseligen aufsuchen und fand da die alte Zenz. Sie kniete vor dem Grab der Franzi, zwischen den spinnigen Fingern den Rosenkranz, dessen braune Perlen sie unter Gemurmel gleiten ließ. Jörg nickte in Mißbehagen einen Gruß, nahm den Hut herunter und sprach ein stilles Vaterunser. Als er aus dem Friedhof auf die Straße trat, haschte ihn die Alte beim Ärmel. »Vetter! Schauts! Heut wär der richtige Tag, wo wir uns aussöhnen kunnten? Oder net?« »Wegen was denn aussöhnen? Ich bin dir net feind. Du bist mein Basl, ich bin dein Vetter wie von eh. Und somit pfüet dich Gott!« Die Alte humpelte ihm nach. »Wir haben ja den gleichen Weg mitanand.« »Von mir aus, geh halt mit.« Nun ging's los bei der Alten, klipper und klapper. Jörg hörte das eine Weile stumm mit an, bis es ihm zu dick wurde. »Jetzt hör amal auf mit deim gottssträflichen Gschnader. Du bist ja zum Fürchten! Dem gnad unser Herrgott, der bei dir zwischen die Beißzang kommt.« »Aber Vetter! So was! Ich red doch kein Wörtl, dös ich net beeidigen kann. Ich bin überhaupts kei' Freundin vom vielen Reden. Es is bloß, daß der Vetter weiß, vor wem er sich hüten muß.« »Fahr ab, du scheinheilige Ratschen! Meinst, ich weiß net, daß d' mich in deiner bösen Gosch umanand tragst im ganzen Ort und bei alle Leut?« »Ah! Ah! Mar' und Josef!« klagte die Alte. »Ich? So an Ungerechtigkeit! Wo ich allweil rumlauf bei die Leut und gut red und beschwichtig, weil 's Tratschen über'n Vetter kein End nimmer nimmt!« »Wer tratscht?« fuhr der Meister zornig auf. »Raus mit der Sprach! Wer redt was über mich?« »Jöises, Jöises, wie kann man dann sagen: Der hat ebbes gredt oder der und der! Wo alles redt und a jeder.« »So? Und was denn? Kann einer von mir ebbes Schlechts behaupten?« Die Alte zwinkerte mit dem linken Auge und zeigte ein schmalziges Lächeln. »Ebbes Schlechts? Mei', wie man's halt nimmt. A bißl was Guts kunnt schon dabei sein. Jaaa, d' Leut reden halt so – wann ich's schon sagen muß: wegen der Vroni!« Jetzt lachte der Jörg. Verdutzt blinzelte Zenz zu ihm auf und fand den Warnungsklang einer Wahrsagerin: »Vetter, Vetter! Net lachen! So ebbes zahlt sich aus. Dös hätt der Vetter bedenken sollen, daß d' Leut sich a Verslein drauf machen müssen, wann a junger Wittiber so a bildsaubers Madl ins Haus nimmt. Wer is denn da? Wer paßt denn auf, ob alls in der Ordnung bleibt? No ja, es gibt Leut, dö sagen: 's Madl is brav und rechtschaffen, aber –« »Alte!« Jörg wurde heiter. »Jetzt hast a wahrs Wörtl derwischt. 's erstmal im Leben. Und ich dank dir schön. Recht hast! Da muß ich bald dazuschaun, daß dös Gred an End nimmt.« »Ja, Vetter, ja!« nickte die Alte glückselig. »Brauchst net weit suchen um an andre –« »So mein' ich's net! Ich denk mir, daß d' Leut mit'm Tratsch von selber aufhören, wann s' erfahren, daß d' Vroni mein Weib wird.« Zenz erblaßte und schob die Augäpfel heraus, als möchten sie Schneckenhörner werden. »So, so?« Ihre Hände begannen zu zittern. »Hat s' dich schon am Zuckerstangerl? Und so eine därf schnaufen im Haus von meiner gottseligen Franzi! So eine! Dö man droben im Einödhof mit Schand und Spott davonjagen hat müssen, weil sie's mit alle Knecht ghalten hat und den Bauernsohn hätt einfädeln mögen –« »Zenz! Die Red nimm z'ruck! Auf der Stell!« »Ah na! Ah na!« keifte die Alte. »Da beiß ich mir lieber 's Züngl ab. Jetzt freut's mich erst, daß ich alle Nachbarsleut schon lang hab wissen lassen, was für a sündhafte Natter umanandkriecht in dem Haus, wo nach Verwandtschaft und Gottsrecht ich und meine Kinder am Tisch sitzen müßten. Ganz recht so! Nur zu! Ich wünsch dir guten Appetit zu dem, was andre überlassen haben. Pfui Teufel!« Sie spuckte aus und wollte hurtig davonzappeln. »Wie, halt a bißl!« sagte Jörg und umklammerte ihren Arm, daß Zenz unter dem Schmerz dieses Druckes wimmernd einen Fuß unter den Rock hinaufzog. »Gwußt hab ich schon lang, was ich an dir für a Verwandtschaft hab. Aber mit deine eigenen Wort hab ich's hören wollen. Drum hab ich dir fürplantscht, was mir bis heutigentags noch nie net eingfallen is, net amal im Traum! Du bist a Saubere! Jesus Maria! Unser Herrgott muß an Widersacher haben, der ihm beim Menschenmachen allweil ins Haferl greift. Aber Vergelt's Gott sag ich dir noch allweil. Heut hast mich auf an guten Einfall bracht. jetzt will ich mir d' Vroni erst richtig anschaun. Eine, dö dir net gfallt, dö muß a Freud für alle zehntausend Jungfern im Himmel sein! Wer weiß, ob aus'm Spaß net bald a richtiger Ernst wird! Zu deiner Erbauung, weißt!« Schritt um Schritt hatte Jörg die Alte neben sich hergezogen; nun ließ er ihren Arm fahren, und Zenz, die in sprachloser Erstarrung immer am jungen Wanger hinaufgeguckt hatte, stolperte über eine Wegschrunde und plumpste in die dicke Weißdornhecke, die den Fußweg begleitete. Als Jörg, ein bißchen erhitzt von dem flinken Heimweg, sein Haus erreichte und in die Stube trat, deckte Vroni gerade den Tisch. »Grüß Gott, Madl! Gelt, ja? Die schönen Buchskränz auf meine Gräber sind von dir?« Sie nickte. »Ich hab mir denkt, es is schon noch a Platzl neben die deinigen.« Jörg faßte ihre Hand. »Ich dank dir schön. Dös hat mich gfreut.« Vroni befreite die Hand, und während sie die Bestecke aus der Tischlade nahm, fragte sie: »Waren viel Leut am Gottsacker?« »Grad gwimmelt hat's!« Er vertauschte den langen Kittel gegen die Hausjoppe. Dann ging er zu seinem Buben, der in der Wiege saß. »Datti! Tau! Tau!« rief der Kleine, während er dem Vater ein abenteuerlich geformtes Spielzeug entgegenhielt. »Schauen soll ich? Was denn schauen?« lachte Jörg und zog einen Stuhl zur Wiege. »Aaaah, aber dös is ebbes Schöns!« Den Verwunderten spielend, bestaunte er das kleine hölzerne Roß, dessen Mähne durch lange Schweinsborsten versinnbildlicht wurde und dem an Stelle des Schweifes eine Pfeife eingesetzt war. »Görgele, wo hast denn dös her?« »Oni, Oni!« jubelte das Kind. »So? Von der Vroni hast es?« »Ah na!« fiel das Mädel ein. »Mei' Mutter hat's ihm bracht.« »So, so? Da laß ich halt Vergelt's Gott sagen.« Forschend betrachtete er Vronis Gesicht, das sich klar vom hellen Fenster abzeichnete. Und ein Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, während sein Blick die wohlgeformte, schmiegsame Gestalt überflog. »Du, was ich sagen will – weißt, wen ich troffen hab nach der Kirchen?« »Wie soll ich dös wissen?« »Den Sohn vom Einödbauern.« Verwundert hob sie das Gesicht. »Wie kommt denn der heut da runter? Der Einödhof ghört doch net in unser Pfarrei.« Der Meister wurde ein bißchen hilflos. »Ja, ja, dös hab ich mir auch gleich denkt. Kann auch sein, daß ich mich verschaut hab. Z'reden bin ich net kommen mit ihm. Was is denn da Wahres dran? D' Leut verzählen, er hätt dich heiraten mögen?« Vroni zuckte die Achseln. »Gsagt hat er's.« »Und du hast riet mögen?« »Na!« »Warum denn net?« »Weil zum Heiraten noch ebbes anders ghört als a Bursch und a Bauernhof.« »Aber sag –« »Jetzt muß ich nach der Suppen schauen.« Vroni verließ die Stube. Draußen in der Küche trat sie ans Fenster und preßte die Stirn an die sonnige Scheibe. Da hörte sie einen Schritt, wandte sich erschrocken und sah den Wastl auf der Schwelle stehen. »Du?« Es war ein Ton willkommener Enttäuschung. Er trat in die Küche und drückte hinter sich die Tür ins Schloß. »Wastl? Was willst?« »Reden mit dir!« Er stieß die leisen Worte zwischen den Zähnen hervor. »Ich halt's nimmer aus und muß an End machen, so oder so.« Schweigend wich sie vor ihm zurück. »Madl!« Er ging ihr nach. »Ich bin bei lebendigem Leib a gstorbener Mensch, wann mir net sagst, daß d' mir a bißl gut bist. Viel müßt's net sein. Bloß daß man denken kunnt, es wird mit der Zeit.« Mühsam atmend schwieg er und hing mit dürstendem Blick an Vronis Gesicht, dessen Blässe sich verschleierte unter dem Glanz des Herdfeuers. »Wastl!« Vroni vermochte kaum zu reden. »Sei gscheid! Ich bin dir gut als Kamerad. Mehr därfst net verlangen von mir. Dös hat sein' Grund.« »Versteh schon, ja!« Das Gesicht des Burschen verzerrte sich. »Und wie heißt er denn mit'm Für- und Zunam – der Grund?« »Dös geht kein' andern was an.« »Wahr is's! Es hat a jeder dös Seinige.« Er preßte die Faust an den Hinterkopf. »Muß ich dir halt wünschen, daß d' mit'm Glückshaferl net auch wo hinrumpelst, wo dir d' Haustür versperrt is. Wie mir. So ebbes is hart. Und Leut soll's geben, die's net vertragen.« Er wandte sich und verschwand mit schwerem Schritt im Dunkel des Flurs. Vroni legte den Arm über die Stirn und flüsterte vor sich hin: »Schad, daß er schon lang z'spät kommt, der gute Wunsch!« Eine Viertelstunde später saßen die fünf Hauskameraden um den Mittagstisch. Das Essen verlief stiller als gewöhnlich. Vroni, die das Kind auf dem Schoße hatte, gab sich alle Mühe, ein Gespräch in Gang zu bringen. Schließlich verstummte auch sie. Sooft sie aufblickte, sah sie Jörgs forschende Augen auf sich gerichtet. Nach der Mahlzeit reichte Vroni, um abräumen zu können, dem Wanger das Kind. Während sie die Bestecke zusammenlas, fragte sie, ob sie am Nachmittag die Eltern besuchen und den Kleinen mitnehmen dürfe. »Gern, Madl! Warum denn net? Bei dir is 's Bübl allweil gut aufghoben.« Als der Tisch in Ordnung war und Vroni das Geschirr in die Küche trug, zahlte Jörg dem Knecht und den zwei Gesellen den Monatslohn aus. Veit und der Knecht sackten ihr Geld ein und gingen. Wastl blieb wie ein hölzerner Stock neben dem Tische stehen. »Willst noch ebbes?« fragte Jörg. »Kündigen will ich!« stieß der Geselle heraus und starrte am Meister vorbei aufs Fenster. »Wis? Kündigen? Warum denn? Taugt dir die Kost net, oder is dir d' Arbeit z'viel oder der Lohn z'gring? Oder kannst dich beklagen, daß net ghalten wirst wie a richtiger Gsell?« Wastl schüttelte den Kopf. »Alles taugt mir. Aber fort muß ich halt.« »Geh, mach keine Narreteien! Dös weißt, daß ich an bessern Gsellen net Zfinden weiß. Überleg dir's! Und wann ebbes zwischen uns is, was dir net recht is –« »Ich selber bin mir nimmer recht!« murrte der Wastl. »Der Grund bleibt besser ungsagt. A Verlegenheit will ich enk net machen. Muß ich halt bleiben, bis der ander Gsell kommt.« Jörg wurde ärgerlich. »Mit Gwalt kann ich dich net halten. Acht Tag is Kündigungszeit. Du kannst gehn, wann d' meinst, es muß sein.« Er lehnte sich in die Fensternische, wischte die Scheiben ab und sah auf die Straße hinaus. »Seids mir jetzt bös?« »Ah na!« Eine Zeitlang guckte Wastl hilflos vor sich hin. Dann drehte er sich um und verließ ohne weiteres Wort die Stube. Am Nachmittag mußte Jörg das Haus hüten. Er saß am Tisch, um die Verrechnung des letzten Monats ins reine zu bringen. Manchmal legte er die Feder nieder. Den Kopf zwischen die Hände fassend, blickte er nachdenklich umher in der stillen Stube. Ein unbehagliches Gefühl der Verlassenheit überkam ihn. Er schrieb es auf Rechnung des Allerseelentags. Die folgende Nacht brachte einen starken Frost, und der Morgen kämpfte mit einem Himmel, der schwer von bleigrauen Wolken war. Auf den Bergen war schon in den Frühstunden Schnee gefallen. Nach Mittag, als Jörg das Haus verließ, um einen Geschäftsgang zu machen, wirbelten auch im Tal die weißen Flocken. Jörg, den Hut ins Gesicht gedrückt, die Hände in den Joppentaschen, wanderte die menschenleere Dorfstraße hinunter. Als er beim Schreiner vorüberkam, sah er am Fenster das Gesicht der alten Zenz, die hurtig zurückfuhr, als sie seiner ansichtig wurde. Jörg schmunzelte. Am Schreinerhaus öffnete sich die Flurtür. Vorsichtig spähte Zenz dem Wanger nach. Als er im Gewirbel der Flocken verschwand, huschte sie am Haus entlang, band ihr blaues Taschentuch über die dünnen Zöpfe und sprang in den Garten. Den Rock schürzend, tappte sie durch den Schnee, dem Haus des Wangers entgegen. Vor der Schwelle schüttelte sie die Kleider, trat in den Flur und öffnete die Stubentür. »Grüß Gott, Vronerl! Is der Vetter daheim?« fragte sie überfreundlich. »Na.« Das Mädel saß mit einer Flickarbeit am Tisch, während das Kind in der Wiege mit Hobelspänen spielte. »Grad vor a paar Minuten is der Wanger furt.« »Jöises, und so ebbes Wichtigs hätt ich z'reden mit ihm! Aber wann ich schon an Metzgergang gmacht hab, mußt mir halt verlauben, daß ich a bißl rasten tu. Wie Blei is er heut, der Schnee.« »Ich hab da nix zum verlauben. Du hast mehr Recht im Haus als ich.« Vroni warf über die Näharbeit einen Blick nach der Alten, die schon in die Bank gerutscht war und das Kopftüchl abgenommen hatte. »Mehr Recht als du?« Die Zenz schmunzelte essigsüß. »Wie man's halt anschaut.« Vroni schien unangenehm berührt zu sein. »Wieso?« »Mei', die Jungen haben allweil mehr Recht als wie die Alten. Bsonders die Jungen, dö a bißl sauber sind. ja, der Vetter schaut arg auf dich. Erst gestern«, ein Lauerblick, »ja gestern nach der Kirch haben wir gredt mitanand. Hat er nix gsagt davon? Der Vetter?« »Daß er dich troffen hat? Na.« »Gwiß net? Wahrhaftiger Herrgott?« »Kein Sterbenswörtl.« »Schau, schau!« Nachdenklich wiegte Zenz den Kopf zwischen den Schultern. »Wie bist denn z'frieden mit ihm?« »Ich bin sein Dienstbot und muß bloß schauen drauf, daß der Meister net z'klagen hat über mich.« »No weißt, fünf Schrittln vom Leib kann man's gut mit ihm aushalten. In der Näh hat er seine borstigen Seiten. Dös hat d' Franzi erfahren müssen, unser Herrgott hab s' selig!« Vroni runzelte die Stirn. »Zenz! Da brauch ich kei' Aufklärung net. Aber was ich weiß, dös is 's grade Gegenteil von dem, was du da sagst.« »Geh? So gnau hast dich umtan?« Die Alte kicherte, daß man einen Geißbock zu hören glaubte. »Da muß dich der Jörg arg verinteressiert haben.« Vroni schwieg. »No, der Jörg hat's auch verdient um dich!« säuselte die Alte weiter. »Ganz schauderhaft is er bsorgt um dein' guten Ruf – hat er gsagt.« Das Mädel bekam zornfunkelnde Augen. »Erstens glaub ich gar net, daß der Wanger von so ebbes gredt hat. Und zweitens braucht sich dadrum kein Mensch net sorgen. Mei' eigene Sorg reicht aus.« »Ui Jöises, Madl, d' Leut sind schlecht und reden, ob der Tag kurz oder lang is. Zwei junge wie der Jörg und du, beieinander unterm gleichen Dach, wo s' nix ausanand halt als d' Luft? Madl, dös is Wasser auf die Leut ihr Mühl. Der Vetter is a gscheider Mensch, der Vetter sieht's ein. Erst gestern hat er gsagt: wann's mit'm Gred net bald an End nimmt, kunnt er dich ja heireten. Ob er a Hauserin zahlt oder für a Weib aufkommt, dös is ghupft wie gsprungen. Net? Du kannst dir's ja gfallen lassen. So eim Anwesen z'lieb, da schluckt man viel.« Vroni saß mit blassem Gesicht an die Wand gelehnt und starrte ins Leere, die Augen weit geöffnet. »Madl, was hast denn?« fragte die Alte freundlich. »Nix!« Vroni sprang auf. »Jetzt muß ich 's Bier für die Gsellen holen.« »So, so, 's Bier mußt holen? Ja, geh nur!« sagte die Alte, ohne sich zu rühren. »Ich tu dir den Gfallen und bleib derweil beim Kind. Mitnehmen kannst es net bei so eim Gstöber.« Einen Augenblick stand Vroni unschlüssig. Dann strich sie mit der Hand über die Stirn, beugte sich zur Wiege und drückte einen Kuß auf die Wange des Kindes. »Na! Wie du an dem Kind hängst!« lachte Zenz. »Dös kriegt a gute Stiefmutter an dir.« Vroni, ohne einen Blick auf die Alte zu werfen, ging zum Geschirrschrank, nahm einen Steinkrug und verließ die Stube. Zenz lauschte mit funkelnden Augen. Als sie die Haustür gehen hörte, zog sie einen Schlüsselbund aus der Tasche und huschte auf den kleinen Wandschrank zu. Der Schlüssel, den sie aussuchte, paßte ins Schloß, das Türchen öffnete sich. Mit beiden Händen in die Höhlung greifend, packte die Alte den Lederbeutel und Jörgs Taschenuhr mit der silbernen Kette. Hastig schob sie die Sachen in ihre Rocktasche, versperrte das Türchen wieder und sprang aus der Stube. Als sie nach einigen Minuten zurückkehrte, ging sie zum Ofen und warf den leeren Geldbeutel in die Glut. Da schrak sie zusammen. Draußen im Hof klangen Tritte, und knarrend öffnete sich die Haustür. Jörg schüttelte im Flur den Schnee von seinem Hut. Dabei fiel sein Blick auf die hölzerne Treppe. »Is da wieder einer von enk mit nasse Füß über d' Stiegen auffi?« rief er in die Werkstatt. »Da kunnt ja d' Vroni net gnug putzen und fegen.« »Ah na, Meister«, antwortete Veit, »von uns zwei war keiner net oben.« No, wer denn sonst?« brummte Jörg, schlug ärgerlich die Haustür zu und trat in die Stube. »Ah, da schau!« Er sah die Zenz neben der Wiege auf den Dielen knien. »Du traust dich noch eini zu mir?« Er sah in der Stube herum, ging auf den Ofen zu und öffnete das Bratrohr. »Was stinkt denn da so mordsmiserabel? Grad wie verbrennte Haar?« Wieder wandte er sich zu der Alten: »Was willst?« »Net viel.« Sie erhob sich und wischte den Staub von ihrer Schürze. »Ich hab gwußt, daß d' net daheim bist. Und da hab ich meim kleinen Vetterl an Bsuch gmacht, nach dem's mich allweil bangt hat in die letzten Wochen.« Die Rührung preßte ihr ein paar Tränen aus den Augen. Als sie auf den Tisch zuging, um ihr Tüchl zu holen, wischte sie mit den Fingerspitzen über die Backen. »So?« entgegnete Jörg trocken. »Von deiner starken Lieb zu meim Kind hab ich früher nix gmerkt. Aber wo is denn d' Vroni?« »Sie muß dir begegnet sein. 's Bier für die Gsellen holt s'. Und da will ich weiter net stören. Pfüet dich Gott.« »Wart an bißl!« Jörg vertrat der Alten den Weg. »Ich muß ebbes auskarteln mit dir.« »Da bin ich neugierig!« sagte Zenz ein bißchen unsicher. »Weißt, wo ich war? Beim Nagelschmied! Aha, Hast a schlechts Gwissen? Was hast denn angfangt mit die sieben Mark, die ich dir geben hab vor vier Wochen? Warum hast denn d' Rechnung beim Nagelschmied net zahlt?« »Jöises, jetzt fallt's mir ein – da hab ich ganz vergessen drauf. Dö sieben Markln hab ich in der Wirtschaft braucht. Aber Vetter, ich hab's enk verrechnet, gwiß!« »Da weiß ich nix davon. Aber wegen dem Bettel streit ich net lang. Ich gib dir 's Geld, dös tragst zum Nagelschmied auffi, und nacher bringst mir die quittierte Rechnung.« Der Meister ging auf den Wandschrank zu. Zenz mußte sich an der Tischplatte festhalten, um im ersten Schreck nicht umzusinken. »Ja, Himmel«, murrte Jörg, als er einen Blick in den Schrank geworfen, »da is ja kein Geld net da! Und d' Uhr is fort!« »Mar und Josef! Der Vetter wird doch net ausgraubt worden sein!« jammerte Zenz. »Wer Fremder kommt da net eini! Die Gsellen und der Knecht sind rechtschaffene Leut! Und d' Vroni – no ja, dös Madl kenn ich net so gnau, daß ich sagen möcht, sie wär zu so ebbes imstand oder net –« Der Meister drehte das dunkelrote Gesicht. »Na, du! In meim Haus is kein Spitzbub nimmer, seit du draußen bist.« »Jöises! Aber Vetter!« kreischte die Alte. »So was muß ich mir sagen lassen!« Mit beiden Händen fuhr sie in den Rock und stülpte die leeren Taschen um. »Da suchts mich aus! Stellt's mich auf'n Kopf! Wann a Zehnerl aussifallt, soll mich gleich der Teufel holen!« Ein paar Schritte trat Jörg zurück und maß die Gestalt der Zenz. Sein Blick huschte durch die Stube. Nun gewahrte er unter dem Tisch eine kleine Wasserlache, zu der in der Stubenwärme die Schneereste vom Schuhwerk der Alten zerschmolzen waren. Halb aufgetrocknete Trittspuren gingen vom Tisch vor den Wandschrank, von da zur Türe, von der Tür zum Ofen, von dort zur Wiege und wieder zum Tisch. »So, so?« sagte er langsam. »Also d' Vroni meinst? Komm, Alte! Über d' Stiegen auffi! Da suchen wir in der Hauserin ihrem Stübl.« »Vetter, ich muß furt!« stotterte Zenz und bekam ein Gesicht, als hätte sie Galläpfel verschluckt. »Mit gehst!« schrie Jörg in ausbrechendem Zorn. Schlotterig täppelte die Alte der Türe zu und stieg vor dem Meister die Treppe hinauf. Der Wanger öffnete die Tür und blickte in das kleine, freundliche Stübl. Gerade noch kenntlich zeigten sich auf den Dielen die verräterischen Spuren. Vor der Kommode lag ein geschwärztes Klümpchen Schnee. Jörg rüttelte an den Schubfächern und fand sie verschlossen. Da gewahrte er, daß der Glassturz des Hausaltärchens schief stand, mit der einen Kante eingedrückt in die Füße des wächsernen Jesuskindes. Unter den Spitzen und Bändern zog Jörg seine Uhr und einen Schlüsselbund hervor, den er kopfschüttelnd einer genaueren Betrachtung unterzog. »Lauter Schlüssel zu meine Schränk und Kästen! Aber wie is mir denn? Den Ring da sollt ich ja kennen? No freilich! Dös is ja der Schlüsselring von der Franzi selig!« Wie ein Heuschreck hüpft, der die Sense klingen hört, machte Zenz erschrocken einen Sprung gegen die Schwelle hin, stolperte die Treppe hinunter – und kling kling, tönte es bei jedem ihrer flinken Schritte. Unter der Haustür holte der Wanger sie ein. Er sperrte das Schloß, zog den Schlüssel ab und führte die Alte am Arm in die Stube, wo er sie niederdrückte auf eine Bank. »Raus mit'm Geld!« »Vetter! Auf Ehr und Seligkeit! Ich hab kein Geld net!« winselte Zenz. Da holte Jörg aus der Ecke hinter dem Geschirrschrank einen Haselnußstecken hervor. »Raus mit'm Geld!« Aschfahl wurde das Gesicht der Alten. Seufzend, als geschähe ihr schreiendes Unrecht, bückte sie sich, und als sie die Strümpfe von den dürren Waden streifte, kollerten die Silbermünzen über die Dielen. »Weiter! Klaub s' alle zamm!« Zenz, während Jörg die Stube verließ, rutschte nach den zerstreuten Markstücken umher. »Veit!« hörte sie draußen im Flur den Wanger rufen; dann vernahm sie den Schritt des Gesellen und ein unverständliches Flüstern. Als Jörg in die Stube trat, lagen die Silberstücke schön geordnet auf dem Tisch. »Stimmt!« sagte er und stellte den Haselnußstecken wieder in den Winkel. »Aber wo is denn der lederne Beutel? Richtig, ja, den hast in' Ofen geworfen. Gleich hab ich's gschmeckt.« Die Alte trat mit zerknirschtem Armesündergesicht auf ihn zu: »Vetter –« »Brauchst kei Angst net haben, es bleibt unter uns. Aber daß d' so schlecht sein kannst und an ehrenhaftes Madl in so an Verdacht einireiten – deswegen soll dich dein Gwissen a bißl beißen. Da sorg ich dafür. Und jetzt mach, daß d' weiterkommst!« In stummer Klage faltete Zenz die Hände und verduftete. »Vetter! D' Haustür is verschlossen!« klang draußen im Flur ihr Zitterstimmchen. »Mußt halt durch d' Werkstatt aussi!« Jörg hörte ihre Schuhe über die Flursteine klappern und eine Tür knarren. jetzt ein Aufkreischen, ein Poltern und ein jämmerliches Gewinsel, das von lautem Gelächter übertönt wurde. Als der Meister an das Fenster trat, sah er die Zenz mit puterrotem Gesicht über den Hofraum nach der Straße springen. Der alte Veit trat ein. »Dö spürt's!« Er schüttelte sich vor Lachen. »Wann die Alte unter vierzehn Tag sitzen kann, will ich Hans heißen! Aber da schau!« Er streckte dem Wanger die beiden Hände hin. »Die ganzen Finger hat s' mir verkratzt.« »Dafür hast a guts Werk tan!« Jörg nahm ein paar von den blanken Geldstücken und reichte sie dem Gesellen. »Da! Trink a paar Maß Bier auf dö Strapaz auffi!« Veit nahm schmunzelnd das Geschenk in Empfang. »Es wär umsonst grad so gern gschehen.« Lachend verließ er die Stube. Als Jörg den Rest des Geldes im Wandschrank verschloß, hörte er an der Haustür die Klinke schnappen. Er sprang in den Flur und sperrte auf. »Aber Vroni«, zürnte er, »schau dich nur an! über und über bist eingschneit! Hättst doch a Tuch umgschlagen!« Er nahm ihr den schweren Steinkrug aus der Hand. Vroni schüttelte den Schnee vom Gewand und trocknete mit der Schürze das Gesicht. »ls die Zenz schon wieder fort?« fragte sie, als sie dem Wanger voraus in die Stube trat. »Ja«, lächelte Jörg. »Die hat 's Sitzen nimmer vertragen.« jetzt erschrak er. »Madl, was is denn? Fehlt dir ebbes?« Sie nickte. »In der Fruh hab ich's schon verspürt.« »Ja um Gottes willen, laß nur gleich alles stehn und leg dich nieder. Ich schick den Wastl zum Doktor.« »Aber Wanger! Söllene Gschichten machen! Übrigens dank ich dir schön für alle Sorg.« Ein müdes Lächeln zitterte um ihren Mund, als sie die Stube verließ, um den Gesellen Brot und Bier in die Werkstätte zu tragen. Unruhig wanderte Jörg im Haus umher; was er auch angriff, keine Arbeit wollte ihm von der Hand gehen; immer wieder machte er sich in der Küche zu schaffen, und ein dutzendmal fragte er: »Wie geht's dir denn?« »Besser, ich dank schön!« antwortete Vroni, immer im gleichen Ton. Als es Abend wurde, hörte es zu stöbern auf. Der frühe Mond goß sein bläuliches Zwielicht über den glitzernden Schnee. Essenszeit war vorüber. Veit und der Knecht hatten sich bereits schlafen gelegt; Wastl war ins Wirtshaus gegangen, was er sonst an Werktagen nie getan hatte; Vroni spülte in der Küche das Geschirr, und Jörg saß einsam in der Stube, deren Stille nur durch das Ticken der Wanduhr und durch die leisen Atemzüge des schlummernden Kindes unterbrochen wurde. In den Händen hielt Jörg das Zeitungsblatt. Aber es ging ihm jetzt mit der Politik, wie es am Nachmittag mit der Arbeit gegangen war. Sooft er mit einem Artikel zu Ende kam, wußte er nach dem letzten Wort keine Silbe mehr von allem, was er gelesen hatte. Das kam so, weil er beim Lesen immer auf das Klirren des Geschirrs und das Klappern der Blechgefäße lauschte, das von der Küche hereinklang. Eine Stunde verrann, eine zweite. Endlich öffnete sich die Tür, und Vroni trat in die Stube, ein Kerzenlicht in der Hand. »Ich bin fertig, Wanger.« »Lang hast braucht!« sagte Jörg und rückte zur stummen Aufforderung, daß Vroni sich neben ihn setzen sollte, tiefer in die Bank. Das Mädel rührte sich nicht vom Platz. »Mußt net verübeln, daß ich 's Kindl heut net mit auffi nimm. Droben im Stübl macht's a bißl kalt.« »Aber hörst, wie möcht ich denn dös verübeln? Heut mußt in der Nacht dei' Ruh haben. Is dir denn wirklich schon besser?« »Ah ja!« Die Stimme versagte ihr. »Und eh ich schlafen geh, muß ich dir noch ebbes sagen.« »Was?« »Kündigen will ich.« Jörg erblaßte. »Vroni!« Langsam erhob er sich. »Fort willst? Und ans Kindl denkst gar net? Und net an mich?« Da lachte er und schlug sich mit der Faust vor die Stirn. »Ah ja! Gestern er, heut du! Kannst schon gehn! Gleich morgen, wann d' willst. Gut Nacht!« Verwundert hatte Vroni aufgeblickt. »So geh doch!« schrie er das Mädel an, in dessen Hand die Kerze zitterte. »Gute Nacht!« sagte sie leise und verließ die Stube. Der Meister ging zur Ofenbank, ließ sich nieder und nahm den Kopf zwischen die Fäuste. Nur einen Augenblick saß er so. Weinend regte sich in der Wiege das vom überlauten Klang der gefallenen Worte erweckte Kind. Unter zärtlichem Geflüster hob Jörg den Kleinen aus den Kissen und trug ihn auf schaukelnden Armen in die Kammer. Ihn wurmte der Gedanke, Vroni könnte droben in ihrem Stübl das Weinen des Kindes vernehmen und den Schluß ziehen, daß er schon jetzt ihren Beistand vermisse. Erleichtert atmete er auf, als der Kleine verstummte. Sacht legte er ihn aufs Bett, streifte die Schuhe von den Füßen, holte die Wiege und huschelte das Kind in die Kissen. Als er draußen die Lampe ausgeblasen hatte, verhängte er mit seinem Radmantel das Kammerfenster, um den Mondschein auszusperren. Dann ging auch er zur Ruhe. Ruhe? Seine Augen waren heiß, und eine unerträgliche Schwüle quälte ihn. Mit Gewalt verhielt er sich unbeweglich und drückte die Lider zu. Der Schlaf wollte nicht kommen. Schließlich redete er sich ein, das Ticken der Wanduhr in der Stube wäre schuld daran, sprang aus dem Bett, verließ die Kammer und stellte den Perpendickel. Da hörte er, daß ein Schlüssel, und wie es schien, mit großer Vorsicht, in das Schloß der Haustür gesteckt wurde. »Der Wastl!« Lauschend blieb Jörg in der Stube stehen. Aus dem Geräusch, das er vernahm, konnte er schließen, daß der Gesell im Flur die Schuhe auszog. Die Stufen der hölzernen Treppe knarrten ein bißchen. »Wer kommt denn?« klang von droben, gerade noch verständlich, Vronis gedämpfte Stimme. Ein paar Worte noch, eine Tür ging, und alles war still. Jörg tastete nach der Klinke und riß die Stubentür auf. Die kalte Luft, die ihm entgegenwehte, erinnerte ihn an den Aufzug, in dem er sich befand. Er sprang in die Kammer zurück, fuhr in die Hose und zerrte eine Joppe über die Schultern. Als er wieder in die Stube trat, erschrak er vor seinem eigenen Schatten, den das Mondlicht schwarz an die weiße Mauer warf. Er blieb stehen und preßte den Arm vor die Stirne. »So was! Unter meinem rechtschaffenen Dach!« Sich aufraffend, strich er das Haar zurück und ging zur Tür. Als er mit nackten Füßen auf die eisigen Flursteine trat, schauerte ihn. In flinken Sätzen sprang er die dunkle Treppe hinauf und stand vor Vronis Tür. Aus den Fugen drang matter Lichtschimmer, und leise hörte er das Mädel wispern. Er drückte auf die Klinke. Weil er die Tür verschlossen fand, schlug er mit den Fäusten an die Bretter. »Wie, du! Mach auf!« »Was is denn?« klang Vronis erschrockene Stimme. »Mach auf!« keuchte Jörg und rüttelte wütend am Schloß. Er hörte das Rucken eines Stuhles, die Tür wurde aufgerissen, und vor ihm stand das Mädel, halb entkleidet, Brust und Schultern umwunden mit einem wollenen Tuch. »Was is denn passiert? Es wird doch dem Kindl nix fehlen?« Jörg fand keine Antwort. Verblüfft sah er an Vroni vorüber in das leere Stübl, auf das unberührte Bett, auf den Stuhl vor der Kommode und auf das Kerzenlicht, neben dem ein aufgeschlagenes Gebetbuch lag. »Vroni!« stammelte er. »Ganz verruckt war ich! Weil ich wen auffischleichen hab hören über d' Stiegen. Der Mensch is schon so, daß er allweil lieber 's Schlechte glaubt.« Dem Mädel versagte im ersten Augenblick die Sprache. »So? Wen auffischleichen hast hören? Da is dir's gangen wie mir. Drum hab ich aussigschaut zur Tür. Der Wistl war's. Er hat gmeint, ich schlaf schon, und hat d' Schuh auszogen, daß er mich net wecken möcht. Und du – – No also, jetzt kannst ja wieder gehn! Gut Nacht!« Vroni schloß die Tür, der Riegel klirrte, und es war finster um den sprachlosen Meister her. So stand er im Dunkel, lange, ohne sich zu regen. Kein Gedanke, keine Empfindung wollte ihm zur Klarheit kommen. An seinen Schläfen hämmerte das Blut, und in Kopf und Herz schwirrten ihm Beschämung, Liebe, Eifersucht und Selbstvorwürfe wirr durcheinander. Als er langsam, vor Frost sich schüttelnd, die Treppe hinunterstieg, wußte er kaum, daß er es tat. In der Stube wanderte er immer durch den Mondschein hin und her. Ein galliger Unwille gegen sich selber peinigte ihn. Er meinte die Nacht nicht überleben zu können, ohne von Vroni ein freundliches Wort gehört zu haben, das seine ›Hornochserei‹ wieder ausglich. In aller Ordnung kleidete er sich an, und wenige Minuten später stand er vor der Tür des Mädels. »Vroni! Bist noch auf?« fragte er unter leisem Pochen. Nicht der geringste Laut im Stübl. »Vroni! Mach auf, ich muß dir was sagen!« flüsterte Jörg und klopfte wieder mit dem Knöchel an die Bretter. Da vernahm er einen linden Schritt, wie von nackten Füßen – aber nicht in Vronis Kammer, sondern in der Schlafstube der Gesellen. Da drüben belauschte man ihn. Wütend richtete er sich auf, schlug mit dem Rücken der Hand an Vronis Tür und rief sehr hörbar: »Madl, sei so gut und komm abi, 's Kind weint, und ich kann's riet zum Schweigen bringen!« Geräuschvoll stieg er die Treppe hinunter. In der Stube steckte er eine Kerze in Brand und stellte sie auf den Tisch, nachdem er die Kammertür zugezogen hatte. Von Zeit zu Zeit aufhorchend, spazierte er ungeduldig zwischen Fenster und Ofen hin und her. Einmal blieb er stehen; da hörte er, daß sie kam – und der junge Meister, der sonst ein festes, unerschrockenes Mannsbild war, bekreuzigte sich wie in einem lebensgefährlichen Augenblick. Völlig angekleidet trat Vroni in die Stube und sah an Jörg vorüber zur Kammertür. »Mir scheint, 's Kind schlaft schon wieder?« »Dös hat allweil gschlafen«, sagte Jörg, sprang an dem Mädel vorbei, drückte die halboffene Türe zu und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Bretter. »Wanger!« fuhr Vroni auf. Langsam zurücktretend, sah sie ihm zornig ins Gesicht: »Was soll denn dös?« »Nix! Gar nix! Als daß ich dich net zur Stuben aussi laß, eh mich net anghört hast. Da droben hat man net reden können. Ich därf mich doch net als Meister vor die Gesellen zum Kasperl machen. Da kunnt er lachen, der Wastl! Und morgen kunnt er's ausratschen im ganzen Dorf, was ich heut in der Nacht für an Unsinn gmacht hab! An Unsinn, ja, an ganz schauderhaften! D' Haar kunnt ich mir ausreißen, weil der Verstand in mir so an Purzelbaum gmacht hat. Und dös mußt mir verzeihen, Madl!« Vroni schüttelte den Kopf. »Dös braucht's net. Du bist der Herr im Haus und kannst von deine Ehhalten glauben, was d' magst. Daß ich's grad bin, von der so ebbes glaubt hast, was liegt dir dran? Dös kann bloß mir arg sein.« Sie wandte das Gesicht, um die Tränen zu verstecken. »Na, Vroni! Mit so eim Wörtl kann ich mich net z'frieden geben.« »An anders kann ich dir net sagen. Zu was denn? Dö paar Stund, dö wir noch hausen mitanand –« »A paar Stund?« Jörg streckte sich. »Wieso?« »Von jetzt bis in der Fruh. Du wirst net glauben, daß ich nach der heutigen Nacht noch unter deim Dach bleib? Da müßt ich sein, für was du mich haltst. A Hauserin wirst bald wieder kriegen. Und wann ich dir raten därf – schau dich lieber gleich um a Bäuerin um. Ob dir a Weib zahlst oder a Hauserin, dös is doch ghupft wie gsprungen. Net?« Im Ton dieser Worte lag eine Bitterkeit, die den Meister verwundert aufblicken machte. »Vroni? Was soll denn dös heißen? Dös Wörtl is net von dir.« »Wahr is's, mir tät so ebbes net einfallen. ja, für so an Einfall braucht einer an Meisterverstand.« »Ich? Was? Ich soll dös gsagt haben? Da muß ich schon fragen: zu wem?« »Bsinn dich halt, wen gestern nach der Kirch troffen hast!« Vroni ließ sich müd auf die Holzbank hinfallen. »Ah so?« Jörg guckte den Wandschrank an, sah zum Ofen hinüber und klatschte die flache Hand an die Stirn. »Mir scheint, ich kapier a bißl. 's liebe Frau Baserl? Ja, ja! Wo dö ihren Fuß hinsetzt, da schießen Verdruß und Hader auf wie d' Schwammerling nach eim warmen Regen.« Er trat vor das Mädel hin. »Dö Alte hat glogen. Dös von der Handelschaft, dö ghupft wie gsprungen is, dös hab ich net gsagt. An ganz andern Unsinn hab ich gredt. Wie die Alte mit ihrem Giftschnabel so losgschimpft hat über dich und dein' guten Ruf, da hab ich mir denkt: Dö Bißgurn mußt a bißl ärgern. Und wissen hab ich müssen, wie ich dran bin mit ihrem Gred. Drum hab ich der Alten dös einblasen: daß ich dich heiraten will. Im Spaß hab ich's gsagt – bleib sitzen. Vroni! Es is wahr, im Spaß hab ich's gsagt.« Seine Stimme wurde plötzlich eine völlig andere. »Und ohne daß ich's gmerkt hab, war's in mir schon lang ernster, als ich hätt denken können.« »Jörg?« Das war ein wunderlich erloschener Laut. »Ja, Madl, und heut am Abend, wie d' mir gsagt hast, daß d' fort willst, schau, da hat's mich packt bei der Gurgel, und da hab ich gspürt, daß ich mich nimmer verlieben brauch. Und daß ich schon häng an dir auf Leben und Sterben. Und daß d' nix willst von mir und auf an andern denkst, dös hat mir 's Hirnkastl a bißl rapplet gmacht. No ja –« Er tat einen schweren Atemzug. »Dem Wastl därfst sagen, daß er die Kündigungszeit net einhalten braucht. Und will er im Ort a Gschäftl aufmachen, so braucht er mich net fürchten. An zweiten Gsellen nimm ich nimmer. So wird jeder von uns sein Auskommen haben. Und dir, Madl«, die Stimme wollte ihm nimmer gehorchen, »dir wünsch ich a besseres Ehstandsglück, als 's meinige war.« Er bot ihr die Hand hin. Das sah sie nicht. Immer guckte sie mit großen Augen den Wanger an und lächelte. Immer lächelte sie. Er zog die Hand zurück und meinte, es wäre nicht schön von ihr, daß sie seinem Elend gegenüber die eigene Herzensfreude so wenig verhehlen konnte. Da fragte sie in einer seltsam fröhlichen Verstörtheit: »Der Wastl hat kündigt?« »Dös wirst wohl wissen. Besser als ich.« »'s erste Wörtl, was ich hör davon.« Immer freudiger strahlten ihre Augen. »Warum er kündigt hat, dös kann ich mir ungfähr denken. Gestern hat er mich gfragt, ob ich ihm net a bißl gut sein kunnt. Ich hab ihm sagen müssen, daß ich an andern mag. Schon lang.« »An andern?« fragte Jörg mit ersticktem Laut, und der Tisch, auf den er sich stützte, zitterte unter seiner Faust. »An andern, ja. Dös is schon viel Jahr her. Da bin ich amal heim von der Feiertagsschul. Und a junger Bursch hat mich am Weg aufgfangt mit seine zwei Arm – bloß so im Spaß – und hat mir mit Gwalt a Bußl gstohlen – halt so im Spaß. Und da hab ich an kein' andern nimmer denken können. Wo ich gangen und gstanden bin, allweil hab ich mir gsagt: Amal, da kommt er schon, und da macht er Ernst. Jahr um Jahr, allweil hab ich dran glaubt bis zur selbigen Nacht, wo im Wirtshaus d' Musikanten blasen haben, derweil ich daheimglegen bin in meiner Kammer – eingraben ins Polster – daß ich gmeint hab, es bringt mich um.« »Jesus Maria!« stammelte Jörg. Man sah es ihm an: Er wollte irgend etwas unternehmen. Aber eine verstörte Hilflosigkeit schien so bedenkliche Lähmungserscheinungen unter seinem Haardach anzustiften, daß er nur ein paar zwecklose Handbewegungen fertigbrachte und dabei auf eine höchst sonderbare Art zu lachen begann. »Dös hat mich forttrieben aus'm Ort.« Das Mädel schien von dem unzurechnungsfähigen Gemütszustand des Wangers angesteckt zu werden und mußte immer lachen, während sie traurige Dinge sagte. »Narr, der ich gwesen bin! Hab gmeint, ich kunnt meiner Not davonlaufen. Schritt und Tritt hat s' ghalten mit mir. Und mein Elend is net leichter worden, wie mir d' Leut zutragen haben, daß d' in Kümmernis und Unfried graten bist – du, dem ich 's beste Glück vergunnt hätt!« Da geschah mit dem jungen Meister etwas Unerwartetes. Ein geheimnisvoller Bosheitsteufel schien ihm plötzlich in der Wadengegend einen derben Schlag zu versetzen. Jörg plumpste auf die beiden Knie, und um nicht völlig das Gleichgewicht zu verlieren, mußte er die Vroni grob um die Hüfte fassen. »Jesus, Jesus, Madl, jetzt pack mich aber bei die Ohrwascheln und reiß mir s' aussi aus'm Verstand.« Sie gehorchte nur zur Hälfte. Bei den Ohren nahm sie ihn. Den Versuch, sie ihm auszureißen, unterließ sie. Die brennende Wange an seine Stirn pressend, flüsterte sie: »Du Lieber, du!« Tiefer und tiefer brannte die Kerze. Qualmend erlosch das Licht, und der neugeborene Morgen blinzelte durch die Fenster. Draußen auf der Treppe ein schwerer Schritt. Die Tür ging auf, und Veitl wollte in die Stube treten. »Oha!« platzte der alte Gesell in Verblüffung heraus, als er die beiden mit Armen und Köpfen so ineinander verwickelt sah. Hurtig verschwand er. »Hö! Nur eini, Veitl!« rief der lachende Jörg. »Und wünsch mir als erster Glück zu meiner künftigen Meisterin.« Der vergnügte Glückwunsch, den der schmunzelnde Veitl aufsagte, erfuhr eine Störung. Vroni entzog dem Gesellen plötzlich die Hand und sprang erschrocken gegen die Kammer hin: »Um Gottes willen, unser Kindl weint.« Der Meister sah ihr mit glücklichen Augen nach. »Da sagt man allweil, die Kinder haben's gut, weil s' nix wissen von der Welt.« Er schüttelte den Kopf zu dieser unzutreffenden Weisheit. »Daß a Kindl a gute Mutter kriegt? Dös sollt's eigentlich doch merken müssen. Und sollt lachen dazu statt a Gsetzl flennen!« Wastl kam. Viel brauchte man ihm nicht zu sagen. Gleich verstand er. »So so? Dös war der Grund? Bin ich halt bei der glückseligen Schlittenfahrt wieder um an Bauernschuh z'spät kommen. No ja – es hat net 's erstemal brennt bei mir – muß ich halt schauen, wie ich wieder mit'm Löschen auf gleich komm.« »Da wirst dich hart tun«, meinte Veitl ein bißchen boshaft, »'s Wasser is gfroren. Oder meinst ebba, 's Löschen geht mit a paar Maß Bier?« Jörg mußte lachen. »Was is denn nacher? Gehst oder bleibst?« Wastl zuckte die Achseln. »Warten wir amal, bis die acht Tag rum sind. Da kann man allweil wieder reden drüber. Aber daß ich auf deiner Hochzeit tanzen müßt, bis mir d' Waden springen – dös kannst net verlangen von mir. Alles, was recht is!« Er machte kehrt und knöpfte die Joppe zu. »Wohin denn? Bleibst denn net da beim Fruhstuck?« »Na! Heut kunnt's a versalzene Suppen geben. Mich kratzt noch der Pfeffer von der meinigen im Hals.« Er schlug die Tür zu, daß es böllerte. Das war der erste Freudenschuß, der für das Hausglück des Meisters und der Meisterin abgefeuert wurde. Herzmannski, der Getreue Wie er – obwohl ein geborener Bayer – zu diesem polnisch klingenden Namen Herzmannski kam? Ich vermag nur eine Hypothese anzuführen. Seinen richtigen, bürgerlichen Namen hab' ich nie erfahren. Ich weiß nur, daß ihn alle Mitglieder der Familie Sterzenbacher, wie überhaupt alle Menschen, die seine eminenten Eigenschaften kannten, in zärtlichen Augenblicken mit dem Kosenamen ›Manndi‹ riefen – vermutlich, weil er männlichen Geschlechtes war. Und wollte man ihm von aller Zärtlichkeit die zärtlichste erweisen, so nannte man ihn ›Herzmanndi‹. Und da wäre nun die Hypothese aufzustellen, daß aus diesem zärtlichen Superlativ der polnisch klingende Name ›Herzmannski‹ dadurch entstand, daß der Förster Sterzenbacher, der zwar ein weiches Gemüt, aber einen harten Kropf hatte, den Ausklang mancher Worte mit wunderlichen Zischlauten der Atemnot zu begleiten pflegte. Jeder Satz, den der Förster Sterzenbacher in lebhaftem Eifer von sich gab, endete mit einem eigentümlichen Gezwitscher, das so unnachahmlich war, daß man auf seine künstlerische Wiedergabe verzichten muß. Und daß Herzmannski unter Nachlaß der Taxen den historischen Beinamen ›der Getreue‹ bekam – das verdiente er redlich, und zwar nicht nur durch die wandellose, jeder Legendenbildung entgegenkommende Treue eines sechzehnjährigen Lebens, sondern mehr noch durch die psychischen Motive jenes dramatischen Vorganges, der sich mit Herzmannskis sinkenden Lebenstagen katastrophal verknüpfte. Denn Herzmannski bewährte seine Vasallentreue nahezu bis in den Tod, obwohl er kein japanischer Feldherr war, sondern nur ein oberbayrischer Dackel, geboren im Berchtesgadenerland, am Fuße des Untersberges, im Forsthaus zu Bischofswiesen. Als selbstverständlich ist anzunehmen, daß Herzmannski auf der reifen Höhe seines Lebens ein Dackel von so stupender Klugheit war, daß, neben ihn gehalten, auch die berühmtesten Dackel der Fliegenden Blätter als Idioten erscheinen müssen. Herzmannski war ein Dackel, dem jeder Weidmann ein ewiges Leben in Kraft und Klugheit hätte wünschen mögen. Doch leider ist es nun einmal so auf dieser unvollkommenen Erde: Auch der schneidigste und klügste Dackel wird alt und schäbig. Herzmannski war es bereits. Als er das zwölfte Lebensjahr mit schon etwas stumpf gewordenen Zähnen überschritten hatte, biß ihm ein alter, wütender Dachs den Unterkiefer so gründlich entzwei, daß er nur noch winkelförmig anheilte – wodurch für Herzmannski nicht nur das notwendige Bellen, sondern auch die noch viel notwendigere Ernährung wesentlich erschwert wurde. Und so genoß Herzmannski der Getreue im Forsthaus zu Bischofswiesen seit drei Jahren ein Gnadenbrot, das er nicht mehr beißen konnte. Deshalb verlegte sich dieser gescheiteste aller Dackel auf das Austrinken von rohen Eiern. Bekanntlich sind rohe Eier sehr nahrhaft wegen ihres Stickstoffgehaltes. Aber es war das eine Ernährungsmethode, durch die sich Herzmannski bei allen Bäuerinnen von Bischofswiesen ungemein mißliebig machte. Diese verständnislosen Weibsbilder bezeichneten als unverzeihliches Verbrechen, was Förster Sterzenbacher an seinem Dackel als höchsten Gipfel aller Klugheit rühmte. »Jaaa, Herzmannskerl, ganz recht hast, bist a gscheids Hunderl!«. Die Bäuerinnen aber sagten: »So a Raubersbestie, so an unverschämte!« So sind die Ansichten der Menschen über die gleichen Dinge zuweilen sehr verschieden. Bei der gespannten Aufmerksamkeit, mit der die Bäuerinnen von Bischofswiesen ihre Hennensteigen zu überwachen begannen, gestaltete sich für Herzmannski die stickstoffhaltige Ernährung immer schwieriger. Er kam von Kräften, und seine Muskulatur und sein Haarwuchs gerieten in eine erbärmliche Verfassung. Doch die wertvollste Qualität seiner tierischen Psyche, seine wandellose Vasallentreue, hielt ungebrochen stand. Kein Tag verging, an dem Herzmannski – wenn Förster Sterzenbacher mit der blanken Büchse und der schwarzen Kropfschlinge auf die Pirsche zog – seinem geliebten Herrn nicht mühsam nachzottelte, so weit die klapperig gewordenen Beine diesen Getreuen noch trugen. Versagte seine letzte Kraft, dann blieb er mit jappender Zunge stehen, guckte traurig seinem Herrn nach und zitterte seelenvoll an allen mageren Gliedern. Auch Förster Sterzenbacher hatte da immer schwere, sein weiches Gemüt bedrückende Momente, wenn er dem trauernden Herzmannski zurufen mußte: »No schau, wann's nimmer geht, so kehr halt um, sei gscheid, ich komm bald wieder heim!« Die wunderliche Sache, die man ›das Leben‹ nennt, wurde für Herzmannski immer schwerer von Tag zu Tag. Und als er ohne irgendwelches Aufsehen seinen sechzehnten Geburtstag gefeiert hatte, begannen sich bei seiner zunehmenden Greisenhaftigkeit allerlei morose Zustände an ihm zu entwickeln, unter deren Zwang er vollständig jene rühmenswerte Eigenschaft verlor, die ein Terminus technicus der Dackelzüchterei als Stubenreinheit zu bezeichnen pflegt. Eine schmerzlich berührende Erscheinung ist das: Ein reiches, bunt bewegtes Dasein fliegt in Stolz und Rausch und Kraft dahin – und der schwache Greis wird wieder zum Kinde und hat zu seiner Hilfe mancherlei Hantierungen nötig, die ihm von schwachnervigen Naturen nur ungern geleistet werden. So kam es, daß die Försterin Sterzenbacher eines Morgens erklärte: »Vater, jetzt geht's aber nimmer! jetzt muß er furt, der Hund! Schau unser Haus an! Dös is ja schon der reine Schweinestall!« Über dieses kategorische Wort erschrak der Förster Sterzenbacher so sehr, daß er im ersten Augenblick gar nicht reden konnte. Herzmannski war ihm wie ein Stück seines eigenen Lebens. Sechzehn Jahre der Klugheit und Treue – so was reißt man nicht leicht von seinem Herzen los! Aber schließlich sah es auch der Förster Sterzenbacher ein: Es ging nicht mehr! Und da wollte er als Mann und Jäger ein tapferes Ende machen. Und solch ein echter, rechter Weidmannstod im grünen, rauschenden Walde! Das ist doch auch was Schönes! Nicht? An einem leuchtenden Frühlingstage nahm Förster Sterzenbacher, bedrückt und bleich, den freundlich wedelnden Herzmannski mit hinaus in diesen – diesen grünen Wald. Die beiden kamen nur langsam vom Fleck, Herzmannski wegen seiner schwachen Beine, Herr Sterzenbacher wegen der Atemnot in seinem Kropf, der hinter der schwarzen Schlinge glänzte wie ein Zinnoberbergwerk. Viel gute Reden – wie der Dichter sagt – begleiteten Herzmannski den Getreuen auf diesem letzten Wege. Und am Nachmittage kam Förster Sterzenbacher wieder heim ins Forsthaus – mit Herzmannski, dem Getreuen, der schrecklich müde war. Ein Blick der Verzweiflung war in den Augen des biederen Mannes, als er schnaufend erklärte: »Mutter – da kannst jetzt sagen, was d' magst – dös – dös gute, treue Hundl da – ich hab's halt net firti bracht!« Die Försterin war keine böse Frau. Doch weil sie nach Herzmannskis unerwarteter Heimkehr in das Vaterhaus gleich wieder reichliche Ursache vorfand, um in nervöse Ungeduld zu geraten – drum wurde sie grob. Der Förster geriet in Zorn und schrie so lange, bis ihm die Luft ausging. Und in diesem notgezwungenen, luftlosen Schweigen passierte dem von Sonne, Sturm und Wetter gebräunten und 107 Kilo schweren Jägersmanne, was ihm seit der Kinderzeit nicht mehr geschehen war – er mußte weinen. Beim Anblick dieser kostbaren Mannestränen schoß der Försterin das Erbarmen in die Seele. Und in schlafloser Nacht ersann sie einen Rat. Und sagte zu ihrem ebenfalls schlummerlosen Manne: »Du, Vater, jetzt weiß ich dir ebbes! Du brauchst nix tun dabei und mußt dich net aufregen, und im Haus is endlich amal a saubere Ruh! – Da nimmst dir morgen a Wagerl, weißt, und fahrst auf Salzburg eini, in d' Veterinärschul! Da werden s' wohl ebbes wissen, was net gar z'lang dauert und dem guten, treuen Hundl net weh tut!« Und so geschah es – wie es in Geschichten hohen Stiles zu heißen pflegt. Am folgenden Morgen bekam Herzmannski der Getreue zum letzten Frühstück eine linde Leberwurst – weil er eine zähe Salami nicht mehr hätte beißen können. Und der sparsame Förster Sterzenbacher spendierte zehn Mark für einen Einspänner und ließ den getreuen Herzmannski an seiner Seite auf dem Wagenpolster sitzen. Während der ganzen Reise schmachtete Herzmannski verwundert seinen Herrn an, der immerzu das Gesicht nach der anderen Seite drehte. Das war eine harte Fahrt für den Förster Sterzenbacher. Und dann im schönen Salzburg – da kam eine noch viel härtere Stunde. Um in solcher Kümmernis doch auch ein bisserl Freude zu haben, kaufte sich Förster Sterzenbacher in Salzburg einen neuen, prachtvoll grünen Steyrerhut und steckte seinen wertvollen Gemsbart drauf. Und dann – – aber nein – ich will die Seelenkämpfe dieses braven Weidmannes mit Schweigen übergehen. Und will nur berichten, daß Förster Sterzenbacher mit seinem Einspänner, mit seinem neuen Steyrerhut – und mit einem fürchterlichen Rausch am Abend in Bischofswiesen wieder einrückte. Auch der Kutscher hatte schwer geladen. Nüchtern war nur der alte Schimmel – und Herzmannski der Getreue, der ein bißchen seekrank, sonst aber ganz lebendig wieder mit heimkam. Förster Sterzenbacher konnte an diesem Abend nichts erzählen. Erst am anderen Morgen, als er die Salzburger Kümmernisse ausgeschlafen hatte, fand er die Sprache wieder und sagte: »Weißt Mutter, a Strychnin hätten s' ihm geben, dö studierten Schafsköpf! Aber was dös gute Hundl da leiden hätt müssen, dös weiß ich doch als Jäger von die Füchs her! Seit zwölf Jahr hab ich kein Strychninbrocken nimmer ausgworfen, weil mich d' Füchs derbarmt haben, d' Füchs! Und da hätt ich dem guten, treuen Hundl so ebbes antun sollen. Ah na, ah na!« Die Försterin war rasend – denn die unleugbare Tatsache, daß Herzmannski der Getreue neuerdings das Forsthaus mit den Äußerungen seines Lebens beglückte, hatte siebenundzwanzig Mark gekostet. Sie war der Meinung, daß man das billiger hätte haben können. Seit einem Menschenalter hatte Förster Sterzenbacher mit seiner Ehegesponsin Notburga friedlich gehaust. jetzt war es zu Ende mit dieser Eintracht. Im Forsthaus kam es zu fürchterlichen Stürmen – bei denen das ganze Dorf in Mitleidenschaft geriet. 342 Menschen, die sämtlichen Einwohner von Bischofswiesen, erörterten schließlich die spannungsvolle Frage, wie man Herzmannski den Getreuen schmerzlos und am schnellsten aus der Welt verschwinden lassen könnte. Zur Lösung dieser dunklen Frage fand sich ein Mittelsmann. Damals lebte zu Bischofswiesen ein Mensch, welcher Schrabenhauser hieß – man merkt es schon gleich am Namen, daß es sich hier um einen Bösewicht handelte – welcher Schrabenhauser hieß und als Salzknappe im königlichen Bergwerk diente. Und dieser Schrabenhauser sagte eines Tages zum ratlosen Förster: »Du, Sterzenbacher, paß auf, ich weiß dir ebbes! Ja, du, da geht's fein gschwind! Und weh tut's gar net! Und eh dös gute Hunderl ebbes merken kann, is alles schon vorbei!« Mißtrauisch fragte der Förster: »Was wär denn nacher dös?« Und der Schrabenhauser sagte: »Morgen auf'n Abend komm ich. Und bring's. Und nacher haben wir's gleich.« Sterzenbacher war weiter nicht neugierig. Er seufzte nur, tief und schwer. Und den ganzen folgenden Tag benahm er sich gegen den freundlich wedelnden Todeskandidaten mit solch einer rührenden Güte, daß Herzmannski den glücklichsten unter den zirka 5913 Tagen seines irdischen Daseins erlebte. Und dieser glücklichste von seinen Tagen sollte ›sein letzter‹ werden. Eigentlich ein schönes Schicksal! Es kam ein herrlicher, in Farben glühender, wundervoller Sommerabend. Aber auch der Schrabenhauser kam. Beklommen fragte der Förster: »Hast es?« Und der Schrabenhauser drückte das linke Auge zu und zwinkerte mit dem rechten. Und wollte was sagen. Doch Sterzenbacher flüsterte: »Sei stad und laß mei' Alte nix merken! Die hat dös gute Hundl allweil so viel mögen! Die wird dem lieben Hundl hart nachtrauern. Und lang!« Die beiden redeten scheinheilig vom schönen Wetter, traten arglos schwatzend aus dem Hof des Forsthauses auf die Straße hinaus – und Herzmannski zappelte langsam hintendrein. Der Schrabenhauser sagte: »Zum Bach müssen wir abi, a bißl weit von die Häuser weg!« Der Förster schwieg. Und ging mit dem Schrabenhauser zum Bach hinunter. Aber sei es, daß auch in der Tierseele so etwas Ähnliches existiert wie unheilvolle Ahnungen – oder sei es, daß der kluge Herzmannski nicht begriff, zu welchem Zweck sein treugeliebter Herr einen Weg betrat, den er sonst nicht zu gehen pflegte – kurz und gut, Herzmannski blieb erstaunt auf der Straße stehen und wollte nicht folgen. Und Förster Sterzenbacher sagte: »So a Hundl, so a gscheids!« – und hatte nicht das Herz, dieses gute, kluge Hunderl ins Verderben zu locken. Aber der Schrabenhauser – mit seinem angebotenen Vernichtungsgenie – hatte auch an diese Möglichkeit gedacht, zog aus der Joppentasche eine Käsrinde heraus und ließ Herzmannski an dieser köstlichen Sache schnuppern, immer wieder, bis sie drunten beim Bache waren – alle drei! Und da begann der Schrabenhauser sein geheimnisvolles Werk, indes im Abendschein der Wildbach melancholisch rauschte. Und leis bewegten sich die Weidenstauden – diese unentbehrlichen Gewächse aller Örtlichkeiten, an denen tragische Dinge sich ereignen sollen. Förster Sterzenbacher drehte wieder das Gesicht auf die Seite und klagte kummervoll: »Dös kann ich net anschaun – so a Hunderl, so a guts – da muß ich noch lang dran denken – was dös für a Hundl gwesen is!« In seinem Schmerze sprach er bereits von einer vergangenen Zeit – ein bißchen voreilig. Aber wirklich, er konnte nicht zusehen, wie der Schrabenhauser den liebevoll blickenden Herzmannski mit einem Stricklein festband an einen alten Pfahl, der neben dem gurgelnden Bach im Boden stak. Und Sterzenbacher, immer mit abgewandtem Gesichte, sprach die schmerzvollen Worte: »Bloß dös Einzige kann mich trösten, daß dös gute Viecherl endlich amal erlöst is von sei'm unsaubern Altersleiden.« Und während der Förster diese Worte herausstieß, band der Schrabenhauser dem treuen Herzmannski etwas um den Hals. Das war anzusehen wie ein Päcklein Rauchtabak mit einem langen, fadendünnen Schwänzlein. Und dann strich der Schrabenhauser ein Schwefelhölzl an und entzündete vorsichtig die meterlange Brandschnur der Schießbaumwollpatrone, die er aus dem Bergwerk mitgebracht und an Herzmannskis Hals befestigt hatte. Ein feiner Rauchfaden erhob sich. Und verwundert betrachtete der kluge Herzmannski diese schwer erklärliche Erscheinung. Der Schrabenhauser sagte: »So!« und faßte den tief bewegten Förster Sterzenbacher an der Joppe. »Jetzt aber gschwind! Mach weiter! Flink! Da wird's gleich krachen!« »Was? Krachen? Was?« Und Sterzenbacher drehte das Gesicht. Er war des Glaubens gewesen, es handle sich um ein flink und schmerzlos tötendes Medikament. Doch als er jetzt die rauchende Zündschnur sah, da verstand er. Und schrie: »Du Narr! Ah na! So ebbes laß ich dem Hundl net antun!« Und er wollte auch schon mit beiden Fäusten zugreifen, um den mörderischen Funken zu zermalmen. Viel hätte nicht gefehlt, und Herzmannski wäre durch die treue Liebe seines Herrn abermals gerettet worden zur Freude der Försterin. Doch erschrocken packte der Schrabenhauser den Sterzenbacher am Arm und versuchte ihn mit sich zu reißen. Und kreischte: »Bist narret? Da kunnten mer hin sein alle zwei!« Und weil der Sterzenbacher noch immer stand wie eine Säule, rannte der Schrabenhauser, der als Bergmann die Wirkung der Schießbaumwolle gründlich kannte, für sich allein davon. Nun fuhr auch dem Sterzenbacher ein heiliger Schreck in die Wadenmuskeln. Er stammelte ein »Mar' und Joseph!« – und fing zu springen an – sehr schnell. Und als Herzmannski der Getreue den 107 Kilo schweren Förster so angstvoll die Beine rühren sah, dachte er vermutlich an irgendeine, seinem geliebten Herrn drohende Gefahr und dachte auch sogleich: ›Da muß ich mit!‹ Er machte einen Sprung. Und überschlug sich beim Widerstand des Pfahles. Und mit den letzten Kräften seines alten Lebens begann Herzmannski zu reißen und zu zerren – bis das morsche Holz zerbrach. Und glückselig aufheulend rannte er mit der glimmenden Schießbaumwolle seinem Herrn nach. Förster Sterzenbacher – so laut er beim Springen auch keuchte und mit dem Atem rasselte – hörte hinter sich den freudenreichen Spektakel seines immer näher kommenden Hundes. Er drehte im Springen das Gesicht. Und erschrak, daß er kreideblaß wurde. Sogar sein Kopf erbleichte. Und in Zorn und Sorge brüllte er: »Gehst weiter – du Mistviech, du gottverfluchts!« Und um die gute, aber in diesem Augenblicke höchst gefährliche Kreatur zu verscheuchen, raffte er mit beiden Fäusten vom Boden auf, was er da nur erwischen konnte – und warf – und sprang – und bombardierte wieder – und brüllte: »Mistviech, miserabligs!« Die menschliche Dankbarkeit! Für eines Tieres Treue bis in den Tod! Aber – wenn man die Sache objektiv betrachtet, kann man dem Förster Sterzenbacher diesen Wandel seiner Gesinnungen nicht verdenken. Man fliegt nicht gern in die Luft – wenn man 107 Kilo schwer ist – auch dann nicht, wenn man weniger wiegt. Herzmannski, dem sich der Rauch der Zündschnur schon um die Nase schlängelte, hielt verdutzt inmitten seines treuen Rennens inne und betrachtete nachdenklich seinen wie irrsinnig sich gebärdenden Herrn, der faustgroße Steine nach ihm warf und Rasenbrocken und Holzscheite und Zaunlatten und schließlich sogar den schönen in Salzburg neu erstandenen Steyrerhut mit dem kostbarsten aller Gemsbärte. Herzmannski schüttelte die Ohren. Er begriff die Menschen und die Welt nicht mehr. Und hätte er ahnen können, wie bald er sie möglicherweise schon verlassen sollte – er selbst würde gesagt haben: ›Na also, fort, in Gottsnamen!‹ Doch an Stelle eines philosophischen Gedankens kam in seiner verblüfften Seele nur wieder die unerschütterliche Treue obenauf. Und da fing er von neuem zu rennen an. Immer auf der Fährte seines geliebten Herrn! Und trotz der Morosität seiner vier alten Beine kam er noch flinker vom Fleck als dieser 107 Kilo schwere Mann, der nur zwei Füße zu verschwenden hatte. Förster Sterzenbacher fühlte plötzlich sehr viel Luft in seinem Kropf und konnte springen, wie er noch nie gesprungen war in seinem Leben. Und dennoch hätte Herzmannski der Getreue seinen Herrn eingeholt, wenn nicht plötzlich – als zwischen Sterzenbacher und Herzmannski nur noch wenige Meter Luftraum waren – die hohe Friedhofsmauer dagestanden wäre. Verzweifelt machte der Förster Sterzenbacher einen Sprung und Purzelbaum – und 107 Kilo bayerischer Forstverwaltung lagen jenseits der rettenden Mauer. Während der roulierende Jägersmann über die kleinen Gräber unschuldiger Kindlein kollerte, dachte er: ›So! Da können s' mich nacher gleich eingraben!‹ Eine fürchterliche Detonation. Die Berge warfen das Echo mit grollendem Hall zurück. Und von der Friedhofsmauer fielen Mörtelbrocken und große Steine herunter. Dann tiefe Stille. Schwer aufatmend, nur langsam den zinnoberroten Kopf und Kropf erhebend, sagte Förster Sterzenbacher noch ein letztesmal: »So a Mistviech, so a miserabligs!« Dann guckte er vorsichtig über die schadhaft gewordene Friedhofsmauer. Da draußen war nur ein kesselförmiges Loch im Boden zu sehen. Sonst nichts. Herzmannski der Getreue war verschwunden, war vermutlich in Atome aufgelöst und mit dem Weltall eins geworden – schnell und völlig schmerzlos – wie es der Schrabenhauser versprochen hatte. Das war der Trost, an den der Förster Sterzenbacher sich klammerte. Und da kam in seiner tragisch erschütterten Seele plötzlich wieder die alte Liebe obenauf – und er sagte in tiefer Wehmut: »So a Hunderl – so a guts!« Dann ging er, um den grünen Steyrerhut zu suchen. Den fand er – aber – ein großer Dichter sagte: »Fragt mich nur nicht, wie!« In schwerer Betrübnis – um seiner Grausamkeit willen mit sich selbst im Zwiespalt – trat dieser einsam Gewordene unter dem zerknickten Steyrerhute den Rückweg an. Er schnaufte schwer und kam langsam vorwärts. Als Förster Sterzenbacher in der sinkenden Dunkelheit sein trautes Jägerheim erreichte – war Herzmannski schon lang zu Hause. Wie das zugegangen? Das wurde nie erforscht. Die seelenvolle Schießbaumwolle hatte augenscheinlich nur gegen die Erde und gegen die Friedhofsmauer geschossen – nicht gegen den treuen Herzmannski, dem die zahlreichen Pferdekräfte des Luftdrucks möglicherweise sogar noch ein Stück des Heimwegs erspart hatten. Weil er so schnell zu Hause war! Ja! Es gibt Dinge im Leben, für deren Rätsel keine exakte Wissenschaft mehr ausreicht. Da muß man fromm werden und an Wunder glauben. Und wenn Herzmannski der Getreue nicht inzwischen eines natürlichen Todes verblichen ist, so lebt er – zur namenlosen Freude der Försterin Sterzenbacher – noch heute! Der Graben-Teufel Jeder Weidmann ist abergläubisch. Es ist das ein Satz, den man gern belächelt. Aber es hat damit seine Richtigkeit, und sollt' es nur insoweit der Fall sein, daß jeder Weidmann sich ärgert, wenn ihm des Morgens beim Auszuge zur Jagd ein altes Weib begegnet. Der Jäger aus Passion ist abergläubisch, weil der Aberglaube nun einmal zum richtigen Sport gehört. Der Berufsjäger des Flachlandes ist abergläubisch aus Erziehung, denn neben der Kunst des Weidwerks lernte er den Aberglauben von seinem Lehrmeister, der wieder von einem älteren diese Sprüche und Munkeleien übernahm, die in eine Zeit zurückdatieren, in welcher der Aberglaube noch Glaube war. Ganz anders verhält sich die Sache beim Hochlandsjäger. Die Majestät der Berge wirkt einen unsichtbaren Zauber um Herz und Sinne und zwingt selbst in den klügsten Kopf Gedanken, wie sie der friedsame und aufgeklärte Stadtbewohner nur aus den Märchenbüchern seiner Jugend kennt. Solch ein Empfinden läßt sich nicht mit Worten sagen. Nur jener weiß es zu fassen, der diese stumme und doch so beredte Einsamkeit der Berge kennt, nur jener, der durch lange Stunden dem geheimnisvollen Rauschen der Hochlandsföhren lauschte und dem donnernden Liede der Regenstürze und horchend stand, wenn durch die dunklen Schluchten das Echo des Schusses hallte, dumpf und grollend, daß es sich anhört wie ein drohendes Zürnen des Alpengeistes, dem man wieder eines seiner Kinder stahl. Der kluge und gebildete Tourist, den der Zufall in einem Bergwirtshause mit einem Jagdgehilfen zusammenführt, schüttelt wohl mit ungläubigem Lächeln den Kopf, wenn er da die eine oder die andere seltsame und ungeheuerliche Geschichte hören muß. Es ist auch wirklich nur ein Zufall, wenn er solche Dinge zu Gehör bekommt. Und er hat es dann weniger dem Zauber seiner Gesellschaft als der zungenlösenden Wirkung des Weines zuzuschreiben. Der Jäger des Hochlandes ist schweigsam; er entwöhnt sich des Redens in der wochenlangen Einsamkeit. Und dennoch ist er nicht einsam dort oben. Die ganze Natur spricht mit ihm, durch das Rauschen der Bäume, durch das mahnende Poltern der abrollenden Steine, durch den Vogelruf, durch das Pfeifen der Gemsen wie durch das Schreien der brünstigen Hirsche. Er versteht diese Sprache, wenn auch auf seine eigene Weise. Wirkt doch der Zauber der Natur auch auf das Herz des Ungebildeten, wenn er dann auch nicht imstande ist, über die eigene Empfindung zu klarem Verständnis zu kommen. Und so wird für ihn die Naturpoesie zum Aberglauben. Er personifiziert das ganze ihn umgebende stille Leben, die Tiere werden ihm zu gleichfühlenden und gleichdenkenden Wesen. Alles, was er sieht und hört, erklärt er sich nach bestem Wissen und Können. Steht er aber plötzlich vor einem gewissen Etwas, das ihm gegen alle Gewohnheit und Vernunft geht, so hilft ihm nur sein Gespenster- und Teufelsglaube zu einer befriedigenden Erklärung. Aber nicht nur der Ungebildete erliegt diesem Banne. Ich kenne Forstleute in unseren Bergen, die in der einen Stunde von ihren Universitätsjahren plauderten, in der anderen mit Kopfschütteln und Achselzucken erzählen, wie sie an einem Freitag ein Stück im Schnall niedergeschossen, am Schußplatz aber weder Stück, noch Schweiß, noch Fährte gefunden hätten. Oder wie gruselig es wäre, wenn man einen weidwunden Bock trotz des kunstgerechtesten Knickens nicht zum Verenden bringen könnte. Wer immer mit der Büchse hoch oben hinzieht über schwindelnde Steige auf einsamer Pirsch – sie alle, alle sind abergläubisch. Auch ich bin es geworden, wenn ich es im eigentlichen Sinn des Wortes auch nur eine einzige Sekunde war. Die Liebe zur Jagd und zu den Bergen meiner Heimat hatte mich wieder einmal zur Sommerszeit nach dem schönen und wildreichen Oberisartal geführt. Ein paar Wegstunden hinter Lenggries in einem kleinen, von massigen Bergzügen umschränkten Talkessel dicht hinter dem Zusammenflusse der Walchen, Dürrach und Isar liegt der kleine Weiler Fall, ein herrlicher Fleck Erde, den ich mir für diesmal zum Standquartier erkoren hatte, um von hier aus meine Jagdausflüge nach den umliegenden Bergen und nach den hochstämmigen Forsten der Jachenau zu unternehmen. Der schöne Sommer wanderte schon in den September hinein, und die Birkenblätter begannen zu vergilben. Da stieg ich eines Tages lange vor dem Morgengrauen bergauf zu einer Gemspirsche, deren Verlauf mich für die Dauer einer Sekunde zum krassesten Aberglauben verführen sollte. Dicht und schwer lag der Nebel noch auf Wasser und Flur, als ich um vier Uhr die Dürrachbrücke überschritt. Außer dem Klappern meiner genagelten Bergschuhe störte kein Laut die tiefe Morgenstille; nur späterhin, als ich die ersten dampfenden Waldwiesen betrat, hörte ich den leichten Fußschlag des flüchtenden Wildbrets. Ich schritt bergan, empor über den Nebel des Tales, der mich aber bald wieder überholte. Zerrissen und zerteilt durch die massigen Stämme, flatterten die wandelsüchtigen Nebelgestalten vor mir die Höhe hinan, legten sich da und dort für einen Augenblick wie ein leichter duftiger Schleier über Stein und Busch und huschten empor durch die stillen Aste, um vereint über den Wipfeln aufzuschweben in den blauenden Himmel. Durch einzelne Lücken der Bäume winkten die felsigen Bergspitzen zu mir herunter, erglühend unter dem Morgenkuß der aufgehenden Sonne. Da klang der erste Drosselschlag, dann das schüchterne Zwitschern der erwachenden Meisen. Bedächtig, wie es einem richtigen Steiger geziemt, war ich drei Stunden emporgestiegen, als ich mich niederließ, um auszurasten, meine Büchse nachzusehen und den Tau davon zu wischen, den das hohe Berggras an Schloß und Schaftung abgestreift hatte. Es gehört zum Verständnis des Nachfolgenden, wenn ich über dieses Gewehr ein paar Worte des Lobes einflechte. Es war eine Doppelbüchse; die beiden kurzen Gußstahlläufe waren von feiner Arbeit, und bis auf zweihundert Gänge schossen sie die beiden Kugeln in gleicher Höhe auf Doppelzollweite nebeneinander. Manch schönen Schuß hatte ich mit dieser Büchse schon getan, auf eine Distanz, daß der besorgte Jagdgehilf mir während des Zielens abmahnend zuflüsterte: »Es reicht net, und es reicht net hin!« Meine Hand und mein Auge ließen mich auch nicht leicht im Stich, und so war ich mit dieser Büchse meines Schusses sicher – wenn ich nur zu Schuß kam. Nach weiterem halbstündigen Steigen befand ich mich in Wildhöhe, an jener Stelle, wo von dem zur Bergschneide emporführenden Pfad sich der eigentliche Jagdsteig abzweigte, um in gleichbleibender Höhe den ganzen Bergstock zu umkreisen, aus- und einbiegend über Felsrücken und Klüfte. Mit dem Betreten dieses Pfades beginnt die bestrickende Aufregung eines solchen Pirschganges. Langsam, Schritt für Schritt, mit den Augen überall, geht es dahin über den schmalen, oft gefahrvollen Steig. Mit immer gleicher Vorsicht setzt der Jäger Fuß und Bergstock an, nicht etwa um sicher zu stehen, denn des Gedankens an die Gefahr hat er sich längst entwöhnt – nein, er scheut nur ängstlich selbst das geringste Geräusch. ›So a Ludersgams hört dich ja schon, wann d' schnaufst!‹ Nähert sich der Steig einer Felskrümmung, so schärft sich Aug' und Ohr, lautlos schiebt der Jäger das halbe Gesicht über die Ecke und späht hinein in die dunkle, schattenvolle Schlucht, um dann blitzschnell die Büchse vom Rücken zu reißen oder mit mühsam unterdrücktem Unmut weiter zu steigen auf dem beschwerlichen Wege. Das letztere schien für diesen Pirschgang mein Schicksal zu sein. Unter einem ständigen Wechsel von Enttäuschung und neuer Hoffnung war ich umhergestiegen an die fünf Stunden. Die besten Gemsbestände hatte ich aufgesucht, und wo ich früher oft ›ein' Bock schier mit dem Bergstecken hätt derschlagen können‹, sah ich jetzt nur eine Gemsgeiß, die mit ihrem Kitz gemütlich über das Steingeröll trollte und unbekümmert um meine Nähe die salzigen Felswände beleckte. Einem vierjährigen Schwächling war ich bis auf Schußweite nahegekommen; aber ich hatte ihn wieder laufen lassen, um mir nicht die Möglichkeit eines besseren Schusses zu verderben. jetzt freilich ärgerte ich mich, daß ich dem Burschen nicht eins aufs Fell gebrannt hatte, um wenigstens nicht mit leerem Rucksack heimwandern zu müssen. Aber mir blieb eine einzige, wenn auch sehr vage Hoffnung. Ungefähr eine halbe Stunde tiefer auf dem Berghang lag der Teufelsgraben, eine schwer wegsame, wildzerrissene Schlucht, die auf der Revierkarte unter dem Namen ›Hochgraben‹ verzeichnet steht. Aber der Förster und die drei Jagdgehilfen nannten sie den Teufelsgraben, und das aus einem ganz bestimmten Grunde. Gleich während der ersten Zeit meiner Anwesenheit in Fall war ich eines Abends mit einem der Jagdgehilfen hinter dem Maßkruge gesessen, als ein anderer Gehilf in die Stube trat und meinem Gesellschafter schon von der Türe zurief: »Du! Heut hab ich den Grabenteufel wieder gsehen.« Natürlich fragte ich sofort nach dem Sinn dieser rätselhaften Mitteilung. Und so erfuhr ich, daß der ›Grabenteufel‹ ein alter Gemsbock wäre, mit dem es seine eigene Bewandtnis hätte. Seit Jahren hielte er seinen immer gleichen Stand im Teufelsgraben. Aber weder einem der Jagdgehilfen, noch dem Förster, ›der doch gwiß a richtiger Gamsjager is‹, wäre es trotz aller Mühe, List und Ausdauer gelungen, diesen Bock zu erlegen. »A Kerl, zottlet wie a Bär!« So lautete die Schilderung des Jagdgehilfen. »Und mit a Paar Krucken wie nochmal a Teufelskrönl! Und wann auf ihn gehst: Hören tust ihn jedsmal, sehen diemal, derschießen niemal! Denn wann auch zum Schießen kommst, so fehlst ihn.« Ein paar Tage nach diesem Vorfall ließ ich mich von dem Jagdgehilfen der Neugier halber nach dem Teufelsgraben führen. Und wirklich – lautlos waren wir schon auf stundenlanger Paß gesessen, da prasselte es plötzlich von abfallenden Steinen, und jenseits des Grabens sah ich einen dunklen Schatten durch die Latschen huschen. »Ich sag's halt allweil«, meinte mein Führer, als er sich erhob, »mit dem Bock is was net richtig!« Und dieser Bock war jetzt meine letzte Hoffnung. Ach, Herr Jerum! Aber probieren kostet ja nichts. Ich hatte noch eine gute Stunde Zeit, bis ich für eine Pirsch am Teufelsgraben guten Wind bekommen mußte. Allerdings hatte ich auch noch einen kleinen Umweg zu machen, um den Wind abzufangen. Als ich am Teufelsgraben angelangt war, murmelte ich spaßeshalber ein ›Weizsprüchl‹, oder, um mich verständlich auszudrücken, einen weidmännischen Gespenstersegen, den ich von einem der Jagdgehilfen gelernt hatte: »Was ich versündigt, büß ich! Was ich dersieh, derschieß ich! Ich will auch einmal selig wern – Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« Nun ging es am Rande des Grabens talwärts, langsam und lautlos. Von fünfzig zu fünfzig Schritt pirschte ich mich vor an den Absturz, so daß ich immer einen Teil der Schlucht übersehen konnte. Keinen Winkel und keinen Latschenbusch ließ ich unbeschaut. Aber nicht ein Haar bekam ich zu Gesicht. Endlich war ich in der Nähe des Platzes, wo ich bei meinem ersten Besuche den Grabenteufel mehr gehört als gesehen hatte. Etwa dreißig Fuß unter mir sprang eine grasige Platte in die Schlucht hinein, von wo aus ich ein gutes Teil der tiefen Felsrinne hinauf und hinunter übersehen konnte. In aller Vorsicht und Stille stieg ich nieder und machte mir's bequem. Ich hatte noch ein paar Stunden vor mir, denn wenn ich um sechs Uhr mich zum Heimweg richtete, konnte ich immer noch vor Einbruch der Nacht nach Hause kommen. So paßte ich und paßte. Aber nichts regte und rührte sich. Die Sonne war schon hinuntergezogen über den Rücken eines Berges, lang und dunkel schlichen die Schatten über die Höhen herauf, und leise begann es in den Büschen und Bäumen zu rauschen von dem immer stärker ziehenden Abendwind. Ich war müde und hungrig, und mich begann zu schläfern. Um mich munter zu erhalten, nahm ich meine Patronen aus der Tasche, sah die Kugeln nach; und um mich zu vergewissern, daß sich die Ladung nicht gelockert, rüttelte ich die Patronen vor meinem Ohr, eine nach der anderen, alle sieben, die ich bei mir trug. Dann wieder studierte ich die Konturen der Wandrisse und Abstürze und bohrte den Blick in jeden Schattenwinkel und in alle Felslöcher und Wandnischen. Dabei summten mir die Bergschnaken mit ihrem eintönigen Lied um die Ohren und zerstachen mir Hände und Knie. Mein Jagdeifer begann nachzulassen, und recht unweidmännische Träume gaukelten vor meinen Augen auf und nieder, Träume von Teufeln, Zwergen und Berggeistern. Manchmal klang es aus diesen Bildern wie ein geltendes Hui-hö! – und meine Phantasie sah unter Dampf und Nebel den leibhaftigen Gottseibeiuns mit einem Paar der herrlichsten Gamskrickeln auf dem pechrabenschwarzen Krauskopf emporsteigen aus der Tiefe der Schlucht. Besonders jenes dunkle Felsloch mir schräg gegenüber hielt ich in meinen lustigen Teufelsphantasien für nicht ganz geheuer. Da drin war es schwarz wie die Nacht. Ein eigentümliches Verlangen regte sich in mir, hinüberzusteigen und dort hineinzugucken. Von meinem Platze hinunter in die Schlucht, das ging. Ob ich aber drüben wieder hinaufkam, das war zweifelhaft. Ich nahm mein Glas zur Hand und musterte das Terrain des genaueren. Nein, es war wirklich unmöglich, von unten aus da emporzusteigen. Aber vom jenseitigen Rande der Schlucht führte ein leicht erkenntlicher Gemswechsel bis zur Felsplatte, von der aus die Höhlung sich in den Berg senkte. Heiliger Gott! Wahrhaftig! Im Dunkel der Höhle unterschied ich deutlich durch mein Glas die Umrisse eines ruhenden Tieres. Aber unmöglich vermochte ich zu erkennen, was es war. Lautlos stand ich auf, legte das Gewehr in Anschlag, ein kurzer scharfer Pfiff gellte von meinen Lippen, das Tier sprang auf, und mit der Brust gegen mich, in der Luftlinie höchstens auf sechzig Gänge, stand ein Gemsbock da, wie ich keinen zweiten mehr gesehen habe. Der Grabenteufel! Im gleichen Augenblick krachte es auch. Und noch einmal. Der Pulverdampf verzieht sich. Und auf dem gleichen Platze steht der Bock mit gespreizten Läufen, die großen funkelnden ›Lichter‹ regungslos nach mir gewandt. Gefehlt? Nein, das war nicht möglich! Mit diesem Gewehr und auf diese Distanz! Entladen und laden, das war ein Augenblick. Ich schoß. Und wieder. Das Tier stand unbeweglich. Mein Herz schlug wie ein Hammer, und siedheiß stürmte mir das Blut in die Schläfe. Wieder lud ich. Und schoß –, und schoß –, der Grabenteufel rührte sich nicht. Da lief ein Schauer über meinen Leib. Ich fühlte, wie mir das Blut aus Kopf und Gliedern floh und sich zusammendrängte im Herzen. Und während ich mit zitternder Hast nach der letzten Patrone suchte, glitt es von meinen Lippen: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn!« Ich lud. Mit dem letzten Aufgebot meiner Willenskraft riß ich das Gewehr an die Wange. Und schoß. Das Tier stand wie aus Stein geformt. »Der Teufel! Der leibhaftige Teufel!« Und mir graute. Da stieß ich einen heiseren Schrei aus der Kehle – denn das Tier neigte sich vornüber, fiel nieder, fiel mit dem halben Leib hinaus über die Felsplatte, und zwei-, dreimal an Steinvorsprüngen aufschlagend, stürzte es hinunter in die Tiefe der Schlucht. Aufatmend schüttelte ich den Kopf, trocknete meine Stirn, auf welcher der Schweiß in kalten Tropfen stand, versuchte zu lächeln – und schämte mich. Der Abstieg zu dem verendeten Gemsbock war ein schweres Stück Arbeit. Als ich ihn aufbrach, sah ich, daß alle sieben Schuß getroffen hatten. Schon der erste, sicher aber der zweite, mußte tödlich gewesen sein. Alte Jäger erzählen, es käme zuweilen vor, daß ein Stück Wild nach einem Kernschuß in Starrkrampf verfiele. War das hier der Fall gewesen? Ich weiß nicht – vielleicht! Als ich mit dem Bock auf dem Rücken zu Hause anlangte, wollte der Förster kaum seinen Augen trauen. Immer und immer wieder mußte ich die dunkle Geschichte berichten, die er kopfschüttelnd mit anhörte. Und am folgenden Tage erzählte ich sie auch dem Jagdgehilfen, der mich zum erstenmal nach dem Teufelsgraben geführt hatte. »So, so! Erst mit dem siebenten Schuß?« Der Jäger zog die Brauen in die Höhe.»Ja, ja! Da glaub ich's schon. Der Siebener is für so was a heikle Zahl!« Der Bock wog aufgebrochen vierundsiebzig Pfund, und seine Prachtkrickeln zeigten deutlich dreizehn Jahresringe. »Ja, ja! Der Dreizehner halt!«