Heinrich Federer Regina Lob Zum Eingang Dich deckt nun schon lange eine warme heimatliche Scholle, alter Freund, und doch hast du alle überlebt, von denen an späten Abenden am Küchenfeuer deine bärtige Lippe erzählt hat. In deinem großen Hause war das der gemütlichste Platz. Saure Trauben und süße Pflaumen wuchsen fast zu den Gesimsen herein, vom Garten schwatzte die Brunnenröhre durchs Dunkel herauf wie ein Klatschbäschen, das einfach nicht schlafen will, und dahinter hörte man das Geflüster einer großen Wiese. Aber wenn die taube Haushälterin im Gange herumschlürfte und etwa eine Stube offen ließ, schollen von der Vorderseite gegen die Straße und ihre Häuser späte Schuhe, Nachtbubenpfiffe, Pferdegetrappel und fernes Musizieren. Wir kauerten uns dann noch behaglicher in die verräucherte Ecke und leerten und füllten die Tasse Tee oder das Glas schwärzlichen Tessinerwein. Und ich legte die Hand auf dein Knie und bat: Fahre weiter von dir und deiner Regine! Du saßest im Halbdunkel, und so seh' ich dich heute noch, wo ich versuche, dein Erzähltes, soweit du mir erlaubt hast, wieder zu erzählen. Und als so ein halbdunkler Mensch bist du selbst mir immer vorgekommen, und auch deine Bekenntnisse sind in ein solches Gemisch von Licht und Schatten getaucht, daß ich wohl ein Spaßen und Jubeln, aber dahinter auch eine See von schwerem Blut rauschen hörte. Ich versuche wohl umsonst, dieses Halbdunkel in Ton und Satz wiederzugeben. Aber das kann ich vielleicht, schlicht und warm sein, wie dein Wort es war. Viele Jahre liegen die Blätter schon geschrieben. Immer zauderte ich mit dem Buche. Muß es nicht als zu jung, zu naiv, zu grün erscheinen, da ich es als schwärmerischer Jüngling auffing? Heute könnte ich jedenfalls nicht mehr so jung schreiben. Aber tönt das nicht eher wie Tadel als wie Lob? Oder ist es am Ende eine zu alte Geschichte? Wie einer in sich und den allernächsten Menschen irrt und wiederfindet, o ja, das ist alt wie Adam. Aber schließlich bleiben wir doch, so neu wir uns auch geberden mögen, in eben jenem alten Adam stecken. Er ist doch immer auch der neueste Mensch. Nein, ich gehe doch mit dem Buch zu einigen gläubigen Lesern hinaus. Lobt mich jemand, so steck ich es gerne ein. Gibt es Prügel, so nehme ich sie als Buße und werde nie mehr versuchen, aus anderem Munde etwas nachzusprechen und – ach, zu verderben. Ich hatte eine kleine, aber schwere Reise angetreten, wovon mein sechsjähriges Kind und Mutterwaislein Mimeli mit seinen flinken Schwalbenaugen freilich nicht mehr sah, als was so ein junges Ding bei seinem ersten Fliegen sieht: maßlose Neuigkeiten zwischen Himmel und Erde. Nur seine Augen arbeiteten ohne Ruh. Das liebe Figürchen selbst mit seinem wachsweißen Gesicht stand unbeweglich wie ein Kerzenstock am Fenster. Aber diese Augen waren die heftigen Flämmchen daran und funkelten und glitzerten gewaltig in die große Landschaft hinaus. Zu fragen und andere Leute ungeduldig in seinen Genuß zu zwingen, wie die meisten Kinder pflegen, lag nicht in seiner Art, sondern von daheim her an vieles Alleinsein gewöhnt, fand sich Mimeli bei all seiner grünen Unwissenheit doch immer tapfer mit fremden Dingen ab und hatte rasch und ohne Vermittlung eine drollige Freundschaft mit ihnen geschlossen. Mir, mit einer so großen Verwirrung im Kopf und einer solchen Zwiespältigkeit im Herzen, tat diese kleine aufrechte Selbständigkeit am Fenster jetzt ausnehmend wohl. Schau nur recht ins blitzende Hin und Her der Geleise, dachte ich, jetzt in die Halbwelt der Vorstadt, wo die breitesten Straßen plötzlich an einer Wiese aufhören, wie Menschen, die ein Herzschlag trifft – nun kommt ein Tunnel mit seinen Lichtern – zähl' sie, das ist lustig! Nun das Land mit weiten, bleichen Feldern, den fern an den tiefen, grauen Horizont hinausgelagerten müden Dörfern. Und übersieh keinen der schläfrigen Bäche, die aus dem Ried hervorkriechen, und keine der Krähen, die auf den Telegraphenstangen wie alte Philosophen sitzen und wie alle richtigen Denker vor dem Gelärm der Menschen Reißaus nehmen! Ja, Kind, nimm das alles still und tüchtig auf und lege es dir zurecht! Und frag' mich nichts; ich habe genug mit mir selber zu tun! Ich tupfte nervös den Takt irgendeiner zerfahrenen Musik auf die Lehne. Sowie ich nur leise meine Gedanken um das Vorhaben und Ziel der Reise ordnen wollte, schlug mein Puls heftiger und benebelte mich eine heillose, düstere Bangigkeit. Ich sah dann plötzlich ein Gefunkel von vielen kleinen Fensterscheiben an einem vornehmen Haus über dem stolzen Bergdorf Ilgis. Ich fühlte voraus, wie ich mich da hineinschliche, an der Stube klopfte und wie eine tiefe Altstimme »Herein« riefe. Sogleich stände ich vor einer hohen, dunkelprächtigen Frau. Sie würde überrascht und gehässig einige Schritte zurückweichen und, wie ich ihr in die Stube folge, sähe mich nun auch ein riesengroßer, aber totenbleicher Mann auf dem Sofa, Gott, mit was für Augen an . . . Von jetzt in vier Stunden wird das so geschehen! Weg, weg! Das kommt alles früh genug! Es saßen wenige Leute im kleinen, bequemen Nichtraucherwagen. Waren es mehr Frauen oder Herren? Was trugen sie für Gesichter? Schweizerische oder fremde? Und was las man für Geschichten davon ab? wilde oder zahme? Ach, dieses sonst so unerschöpfliche Eisenbahnkapitel, das mir sonst die längste und einsamste Strecke so prächtig kürzt, versuchte ich umsonst anzuspinnen! In alles Sinnen mischte sich sogleich das Antlitz jener Frau, die ich vor vielen Jahren so schwer beleidigt hatte und zu der ich nun wie ein redlicher, aber furchtsamer Büßer pilgerte, um Versöhnung zu holen. Die Fahrt ist so still, das Gespräch im Wagen so leise und das Geräusch der auf und niedergehenden Kurbeln so tödlich gleichmäßig, daß man entweder einschlafen oder von der Vergangenheit träumen muß, was ja halbwegs auch ein Schlafen ist. Und da kommt sie schon wieder, die laute, scharfe Schönheit jenes Weibes, meiner Feindin von Anbeginn . . . *           * * Ihr Gemahl, Theodor Weggisser, war mein dauerhafter, unzertrennlicher Freund durch alle Jugend gewesen. Neun Jahre hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Im letzten Weinmonat, zu einer Zeit, wo man in seinem hochgelegenen Alpendorf nie recht weiß, ob man den Ofen einheizen soll oder nicht, hatte er sich in seiner bald heißen, bald eiskalten Schreibstube erkältet, und der Riese, der dem Doktor noch nie einen Batzen zu verdienen gegeben hatte, fiel in eine so strenge Brustfellentzündung, daß seit vier Monaten kein Mensch so oft über die Schwelle ging wie Doktor Bersolt, der alte Ilgisser Arzt. Theodor erholte sich zweimal und erlitt zweimal einen Rückfall. Nun ging der Mann in einem langsamen Verbröckeln seiner prachtvollen Manneskraft durch die kurzen, schneehellen Tage des Hornung dem Tode entgegen. Und während man an seinem Sofa spaßte und alle Schelmereien des Dorfes erzählte, flüsterte man draußen vor der Stube, wie man wohl – in drei Wochen oder in drei Tagen? – mit dem Sarge die engen Stiegen hinuntergelange. Von der bösen Krankheit wußte ich lange schon. Aber daß es so hurtig zum Sterben gehe, erst seit gestern. Der Ilgisser Fabrikant Eisen war mit seinem jungen, schlanken Bengel in die Stadt gekommen. Ich sollte dem guten alten Bekannten eine Privatschule ausfindig machen, wo man seinem Schlingel – der Vater war aufs Haar so ein Flegel gewesen – den Übermut austreiben würde. Und wenn es ein bißchen ginge, sollte ich dem Jungen bei mir Quartier geben . . . Nebenbei gesagt: Theodor sei am Verscheiden . . . Dieses Nebenbei erschütterte mich. Denn Theodor Weggisser war nicht etwa nur irgendein Bankgenosse durch die lange Marter der Schule, sondern, was tiefer ins Blut geht, der vertrauteste Gespan im heißen, herrlichen zweiten Jahrdutzend meines Lebens gewesen. Welch eine Zeit war das von amo-amas-amat bis zum letzten Examen im Wichs meines schwarzen, langen Schnurrbarts und meines noch längern und schwärzern Staatsfracks! Theodor war ein baumlanger Mensch mit einem schlanken Hals und einem schönen, runden, krausen Römerkopf darauf. Seine Augen blickten ungewöhnlich groß und blau in die Welt, sein Gelock blitzte in ungewöhnlicher Blondheit, und ich habe Zeit meines Lebens nie eine so gesunde, sonnenverbrannte Stirne, so hellrote Backen und einen so frischen, lauten, lachenden Mund gesehen. Alles federte und schimmerte und spaßte an diesem Jüngling vor Lebensübermut. Er dürstete und hungerte immer und konnte sich beim Fechten oder Reiten oder Tanzen mit hübschen Töchtern nie genug tun. Wir nannten ihn Baldur, weil er völlig unserer Vorstellung vom germanischen Lichtgott entsprach. Im Streit brauste er auf wie eine Rakete; aber ebenso rasch war sein Zorn verpufft. So bildete er den kecken, losen Mittelpunkt der Studentenschaft. Bei allen Streichen stand er an der Spitze, fühlte sich nur wohl, wenn er jemand zum Necken und Plagen um sich hatte, und um so seliger, je frecher sich der Schabernack abspielte. Dennoch war ihm nicht einmal der Geneckte länger als ein Stündlein böse. Selbst die Professoren überwanden seine Flegeleien, wenn er ihnen den ganzen blauen Himmel seiner Augen ins Gesicht lachte. Freilich, er selbst vergaß sein Braves und Schlimmes am schnellsten, war nie tief erschüttert und in nichts beharrlich als im Schlucken und Vertrinken der Jugend. Nur mit mir, dem stillen, verschwiegenen und unendlich anhänglichen Menschen, hatte er eine zähe Freundschaft geschlossen. Sie begann schon im zwölften Jahr, wo er aus seiner stolzen Bergheimat in die Stadt hinunterstieg und über der Straße bei Verwandten untergebracht wurde. Gleich fanden wir uns, und es gab keinen noch so frühen Morgen und keinen noch so späten Abend, daß wir einander nicht herüber, hinüber das erste oder letzte Wort gaben. Er aß bei mir zu Tische wohl so oft als drüben in seiner Philisterei. Zum Entgelt brachte ich die Ferien mit ihm in Ilgis zu und fühlte mich nach und nach in dem rassigen Dorf wie in einer großen Familie daheim. Ich, der Vater und Mutter früh verloren und nie einen Bruder besessen hatte, liebte den Freund wahrhaft wie alle drei zusammen. Und doch waren wir so verschieden als möglich. Wohl freute auch mich das Lustigsein; aber ich konnte es nicht gut äußern und schon gar nicht erzeugen. Das Ernste paßte mir besser. Beide schwärmten wir für die Natur. Aber während ich viel deutlicher die Noten einer leisen Schwermütigkeit heraushörte, gleichsam ihr Andante und Adagio, fing Theodor vor allem die Zweiunddreißigstel des Scherzo und Allegretto auf. Die Operette, die er neben der Zigarette und den Mädchen die dritte Seligkeit der Erde nannte, war mir zuwider. Umgekehrt langweilte er sich in den klassischen Dramen. Aber während mein Freund blieb, wie er einmal war, launig oder steckköpfig und kein Tüpfelchen von seiner Art preisgab, bewunderte ich im Gegenteil gerade das, was mir fehlte und was an ihm wie Purpur leuchtete, über alle Maßen und war unglücklich, daß ich es nicht nachahmen konnte. Ich vergötterte ihn wegen seines goldenen Übermuts des Lebens. Mit meinen ewigen Katarrhen und Rheumatismen sah ich zu seiner unverwüstlichen Kraft empor, wie eine Zwergkiefer zu einer Eiche emporstaunt. Ich verzog ihn und machte ihn noch eigenwilliger und launischer, als er ohnehin war. Nichts konnte ich ihm abschlagen, wenn er mich mit seinen feuerblauen Augen so schmeichlerisch anguckte, mit beiden Händen bis zur Diele hob und in seinem prachtvollen Baß sagte: »Tu's mir zulieb!« Welch rasche Bummeltage habe ich bei seinem Übermut, welch lange Nächte bei seinem häufigen, stürmischen, aber untiefen Liebeskummer zugebracht! Aber da ereilte ihn früher als alle Gespanen die große Leidenschaft und kettete ihn unrettbar wie Simson fest. Nun ward es ernsthafter. Wohl zehnmal in der Stunde zündete ich ihm eine neue Zigarette an und sagte bei jeder: »Baldur, vergiß diese hübsche und dumme Regina Lob! Denk, es kam, es ging, wie dieses blaue Räuchlein da!« Sogleich preßte Theodor unwillig seine vollen Lippen zusammen und verschluckte eine große giftige Tabakwolke. Aber halb von seinem Befehlen, halb von seinem Bitten überwunden, habe ich dann doch wieder wahre Wertherbriefe in Reginas bronzebraune Hände gespielt, obwohl ich dabei über ihn und über die schöne Hexe und am meisten über meine Feigheit fluchte. Ja, ich setzte ihm sogar nicht wenige auf, da er ein ungelenker Schreiber war. »Zum letzten Mal!« knurrte ich immer bei der Endzeile. »Bis ich es wieder wünsche!« spottete der Freund frohmütig und umschlang mich und erdrückte mich fast an seiner Bärenbrust. Und ich ging und dichtete ein neues Gedicht, das zehnte oder elfte, auf den Götterjüngling. Das dauerte zwei Jahre, bis die Stunde kam, wo auch ich einen wertvollern, herzbezwingendern Götzen fand – oder soll ich sagen Göttin? – zu deren Füßen man hinsinkt und sein irdisch Gebetlein verrichtet, jung und blöd, wie man ist. Wer wirft einen Stein auf mich, der sonst nichts Liebes als ein Schwesterchen besaß und als frühes Waisenbübel von einem kühlen Vormund zum andern geschoben wurde? Ich hatte sein geliebtes Mädchen lange vor Theodor gekannt. War doch diese Regina Lob im gleichen Dorf Lauwis, drei Stunden von der Stadt, schön wie eine dunkle Rose, aber scharf wie eine Brennessel aufgewachsen. Und ich hatte mir schon als Erstkläßler an ihr die Finger verbrannt. Sie war das einzige, reiche Kind einer gescheiten, stolzen Witwe, die wie ein Mannsvolk rauchte und kegelte. Diese Frau hatte einen sehr dummen, aber sehr reichen Jüngling Fritz Lob geheiratet. Der gebärdete sich schon ledig oft wie ein Verrückter. Nun, unter dem heißen Regiment dieses Weibes wurde er vollends verstört und siechte zur Zeit, da Regina und ich in die Schule gehen mußten, in wortloser, wunschloser, stierer Gleichgültigkeit in einem Irrenhaus von einem Jahr ins andere, leiblich immer fetter und rosiger, geistig immer mehr einer Leiche ähnlich. Regina hat diesen Vater nie gesehen, und niemand wußte, wann er starb. Fünf Jahre besuchte ich mit meiner gleichaltrigen Schwester Pauline die Lauwisserschule, bis unser siebenter oder achter Vormund in die Stadt zog und uns mitnahm. Regina saß eine Bank vor mir und schrieb entweder ihren Nachbarinnen die Aufgaben ab oder stach die vordern kleinen Mädchen mit Stecknadeln, wovon sie die Litzen ihrer englischen Jacke vollbesteckt hatte. Sie war über alle Mädchen hinaus groß und biegsam und stark, mit wahrem Zigeunerhaar und der bronzenen Gesichtsfarbe dieser wilden Fremdlinge. Die Lippen waren so schmal, daß man sie kaum sah, aber, wenn das Mädchen sprach, von einer messerscharfen, langen und geraden Zeichnung. Ihre Wimpern und Brauen glänzten wie schwarze Ölfarbe, und ein langer schwärzlicher Flaum überzog auch wie ein Schleier ihre tiefbraunen Backen. Sie machte auf mich gleich von Anfang den Eindruck einer schönen, dunkelfarbigen Katze, schien genau so falsch und hatte genau solche lichtgelbe, glänzende, aber haltlose Augen. Das zitterte und blinkte und schwamm in wechselnden Feuern in den langen Pupillen und war in einer Minute kalt, in der andern heiß. Mit ihrer Krallenschärfe erschreckte sie, mit ihrer Pfotenweichheit entzückte sie ihre Gespanen. Sie schwatzte alles durcheinander, widersprach sich, foppte und log und fachte Streit an, wo sie nur konnte, und vergaß sogleich, was sie Übles angerichtet hatte . . . Dies alles war meinem langsamen, nachdenklichen, im geraden Tramp dahinziehenden Wesen mächtig zuwider. Als Regina nun gar anfing, mich wegen meiner zögernden und umständlichen Art zu hänseln, und einmal, bei einem Spiel, mich den Schneckenkönig taufte, begann ich, das Mädchen geradewegs zu hassen. Regina faßte flink auf, aber mehr äußerlich und behielt nichts. Wäre sie nicht so schön und reich und frech gewesen, man hätte sie eine Gans gescholten. Sie schnatterte ja auch so. Nichts war ihr lieber als Gerüchte auszustreuen und das zu vergrößern und bunt anzustreichen, was an sich eine unscheinbare, ganz harmlose Sache gewesen wäre. Einen kleinen Fehler von uns konnte sie so in die Länge und Breite ziehen, daß er wie ein Verbrechen aussah. Widersprach man, so streckte sie einem ihre grellrote, spitze Zunge entgegen. »Sag' mal, Zigeunerin, wie weit vermagst du deine Zunge zu werfen? Drei Meter – vier Meter?« giftelte ich einst nach einer solchen Schlangengeste. Da zischte und fauchte sie und schrie: »Komm und miß!« »Gut!« versetzte ich und fing an, in Armspannen auf sie zuzugehen. »Ein – zwei – drei – vier Meter!« »Näher, näher!« lockte sie zitternd vor Wut. »Aber paß auf! Sieh da!« Sie bleckte ihre langen spitzen Zähne. Und ich: »Keine Sorge! Mit dieser Faust habe ich gestern schon einer Katze den Schädel eingeschlagen!« Darauf schleuderte sie mir ihr schönes, weißes Nastuch ins Gesicht, da sie gerade nichts andres zur Hand hatte. Ich faßte es vorsichtig an einem Zipfel, als ob der Fetzen ansteckend oder giftig wäre, und warf es ins Brunnenbecken. Hernach kriegte ich vom Lehrer eine Ohrfeige und mußte zur Strafe zehnmal ins Heft schreiben: »Was du nicht willst, daß man dir tu', das füg' auch keinem andern zu!« Regina leuchtete vor Schadenfreude wie ein Mond. Von nun an herrschte Krieg zwischen uns, ein boshafter Kleinkrieg mit Hinterhalten und versteckten Manövern, selten auch einmal mit einem wirklichen Gefecht. Aber einmal kam es doch zur offenen Feldschlacht. Denn Regina log dem Lehrer vor, Barbara Netter neben ihr habe mein schönes, altertümliches Tintengeschirr über ihre Bücher ausgeleert. Sie blitzte dazu auf ihre bekannte einschüchternde Art das kleine zaghafte Babettli an. Da rief ich laut über alle Bänke hinaus: »Das ist nicht wahr, Herr Lehrer! Die Zig– die Regina hat mein Fäßlein verschüttet. Ich habe es selber gesehen. Und da hat sie einen Zehnräppler in der Hand, schauen Sie schnell, Herr Lehrer, und will ihn dem Babeli geben, daß es ihr helfe!« stammelte und bebte ich vor Aufregung. Alle gafften Regina an, die mit ihren glatten braunen Händen das Haar an den Schläfen strich und sie dann in die Höhe streckte und rief: »Seht da, wie er lügt! Nichts hab' ich in der Hand, unschuldig bin ich.« Aber ich überschrie sie gewaltig: »Da, achtet, achtet, rollt der Batzen unter der Bank! Dort, bei Ottos Füßen ist er, da, da! Sie hat ihn fallen lassen!« Das entschied. Regina mußte eine halbe Stunde lang vor der Tafel am Pranger stehen und zwanzigmal schreiben: »Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!« Ich leuchtete vor Schadenfreude wie eine Sonne. Von jetzt an waren wir gleich Wespen aufeinander. Wir plagten und schadeten eins dem andern mit der unvergleichlichen Grausamkeit des Schulalters. Bot sich keine Gelegenheit zu irgendeinem Schaden, so strich ich drei- viermal mit unsäglicher Verachtung an Regina vorbei. Sie aber zeigte mir ebenso oft ihre spitze grelle Zunge. Damit konnte sie mich nicht ärgern. Daß sie jedoch dann immer meine Schwester Pauline an sich zog, mit ihr Arm in Arm durch den Schulplatz wandelte, leise redete und laut lachte und etwa nach mir zurücksah und ich doch auf keine Art herausbekam, was sie verhandelt hatten, das erboste mich fürchterlich. Einmal spielten wir an einer Fastnachtfeier »Amazonen«. Die Mädchen suchten das Königreich der Buben quer zu durchrennen. Wem es gelang, das durfte einen Knaben als Gefangenen bezeichnen und in das Amazonenreich führen, wo er drei Schritte von der Grenze an einen Pfahl gebunden ward. Nun galt es, diesen Armen zu erlösen. Wunderbar schön und wild wogte jedesmal die Schlacht um so einen Posten auf und nieder. Denn die Amazonen standen wie eine Mauer davor und fochten so hitzig gegen uns, daß wir oft kaum bis zum Gespan vordringen konnten. Ja, irgendeine schlaue und flinke Jungfer jagte wohl zwischendrein durch unser fast ganz von Truppen entblößtes Gebiet und machte sogleich den gefährlichsten Angreifer auch noch zum Gefangenen. Das gleiche Manöver wurde natürlich auch von den Buben gegen die Mädchen geübt. Da geschah es nun einmal, daß meine Schwester erhascht und mit bübischer Härte an unsern Pfahl festgeknotet wurde. Wohl mit zehn Schnüren. Sogleich schoß eine wilde Flut von Röcken in unser Reich, um Pauline zu befreien. Wir wehrten sie ab. Nur Reginen konnten die Jungens nicht von meiner Schwester losmachen. Mit einem Arm umklammerte sie den Pfahl und klob mit den zähen braunen Fingern ihrer freien rechten Hand Knoten um Knoten auf. Da gelang es mir, diese Hand zu packen und auf den Rücken zu drehen. Nun biß sich das Mädchen mit den Zähnen in die Schnüre und kerbte und nagte daran wie ein Raubtier. Es war zum Lachen. Doch plötzlich stand Pauline frei da. Regina packte sie an der Hand, spuckte mir einen kleinen blutigen Zahn vor die Füße und sprang mit der befreiten Amazone in ihr Reich zurück. Fassungslos sah ich ihr nach . . . So war Regina Lob! In der fünften Klasse siedelten wir Geschwister mit dem Onkel Vormund in die Stadt über, und das Dorf und sein früher Weiberkrieg gingen im Tosen des neuen Lebens fast unter. Es verflossen wohl zehn Jahre, bis ich Regina von meinem Studentenplatz im Parterre bei einer Medea-Aufführung zum erstenmal wiedersah. Sie saß mit ihrem ältern Vetter in einer Seitenloge des ersten Ranges und verfolgte das Spiel mit heftigem Interesse. Ich erkannte sie sogleich. Sie hatte sich nicht verändert. Aus der jungen war eine ausgewachsene große Katze geworden, noch etwas dunkler, noch etwas unsteter, das Auge noch etwas länger und gelber, das ganze Gehaben noch etwas frecher. So wenigstens dünkte mich. Ihren Vetter, den Bankier Binger, kalt wie sein Geld und dürr wie seine Schecks, kannte ich recht gut. Er verkehrte geschäftlich viel mit meinem Onkel. In den Pausen der großen Tragödie las er das Börsenblatt; während der Szene schlief er oder rechnete zum Zeitvertreib wildfremde Münzen in Franken um. Kaum sah ich Regina, so lohte der alte Haß in mir auf. Kam sie nun auch noch in die Stadt, um zu kratzen und zu beißen? Es verdroß mich schwer, daß sie gerade dieses Grillparzerstück traf, wo der Mann so niederträchtig klein, aber das Weib so ungeheuer groß dasteht. Theodor saß neben mir, aber äugte gewohnheitsmäßig viel mehr nach den Logen als zur Bühne. Er hatte mich auf das Fräulein aufmerksam gemacht, das da oben in einer so scharfen, fast frechen Grazie thronte. Unsere einheimischen Schönheiten kannte dieser Mädchenheld auswendig. Da gab es nun eine unbekannte. »Wenn sie nur mehr Lippe hätte!« seufzte er mutwillig. Aber dann richtete er das Glas doch wieder auf die jüngferliche Neuigkeit und tat wie vernarrt. Ich war wütend, aber stellte mich, als kennte ich das Fräulein nicht. Etwas Schweres und Banges in mir sagte jedoch: »Gib acht, da fängt etwas an, das dir Unlust bereiten kann!« Schon am nächsten Tag erfuhr ich von meinem Onkel, daß Reginas Mutter gestorben und die Tochter den großen Besitz im Dorf verkauft und sich in der Stadt beim Vetter Bankier niedergelassen habe. Und jene innere Stimme raunte: »Siehst du, es geht vorwärts, es kommt! Gib doch ja acht!« Es ist nicht zu glauben, was für listige und ausgesuchte Sorge ich verwandte, um eine Begegnung Reginens mit mir und noch viel mehr mit Theodor zu vereiteln. Aber auf einem Studentenball wurde es unausweichlich, die alte Widersacherin zu begrüßen. Es lief erstaunlich gut ab, so daß ich glaubte, alles Frühere sei wie eine Kinderei vergoren und vergessen. Sie war, wie ich nun gleich sah, doch ein bißchen anders geworden. So spielte sie jetzt eine sehr aufgeheiterte Miene, aber lachte dennoch nicht mehr so laut und sprach auch langsamer und in einem tiefern Altton. Ihre Hände waren immer noch von langem schwärzlichem Flaum bedeckt, und die Augen flimmerten noch immer goldgelb. Aber alles war ruhiger und sicherer an ihr . . . Als Regina mir zwischen einer Polka und einem Walzer erzählte, wie ihr Mütterchen sozusagen ein kleines Kind, sie aber wie eine große Mutter geworden sei und ihr selber die letzten Süpplein gekocht, die letzten Arzneien eingegeben und am letzten Morgen ihr noch das Bett gerüstet habe und wie dann auf einmal die Mutter sagte: »Regi, laß mich auf deinem Arm schlafen!« und ihr weißhaariges Köpflein sogleich auf Reginens Ellbogen legte, der Tochter noch einmal ins Gesicht lächelte und schelmisch dankte, als habe sie etwas sehr Witziges vor, und wie sie dann gleich einschlummerte und überaus still ward, bis Regine merkte, daß sie gar nicht mehr atme – da bekamen die langen Augen des Fräuleins einen leisen, zärtlichen, innerlichen Glanz und umränderten sich mit einem feuchten, feinen Rot, fast wie mit einem Hauch von Blut . . . Wir plauderten immer unbefangener. Die Studenten gefielen ihr. Besonders unser blauäugiger Riese Baldur wirkte mächtig auf sie. Den Studenten geht alles dreimal leichter und flinker vonstatten, auch die Liebe und ihre Wagnisse. Theodor erwiderte die unverkennbaren Aufmerksamkeiten der schönen Jungfer immer eifriger. Meine Bekanntschaft mit Reginen half ihm trotz meinem Widerstreben zu einem immer vertrautern Verhältnis mit ihr. Es kamen die heimlichen Stelldichein, die verstohlenen Spaziergänge Arm in Arm an einsamen Orten, der Briefwechsel unter hundert Verschmitztheiten und Gefahren. Denn als Theodors Vater, ein alter, steifer, strenger Ratsherr in Ilgis, der Sache auf die Spur kam, verbot er dem Sohn jede Fortsetzung eines so verfrühten Romans und bestellte Spione in der Nachbarschaft. Dem Fräulein schrieb er, Theodor sei ein viel zu übereilter, unsteter, launischer Junge, als daß er jetzt schon wie ein Mann handeln dürfe. Er halte die werte Jungfer für so ehrenhaft, um jede Aunäherung an seinen Sohn zu meiden. Sonst . . . Dieses Sonst erschreckte die Liebenden nicht, sondern machte sie nur noch treuer gegeneinander. Doch wurden sie nun vorsichtiger und ließen sich auf keine Weise mehr beisammen ertappen. Ich freilich sah und wußte alles. Je öfter ich nun mit Regina zu schaffen hatte, desto deutlicher meinte ich, daß sie doch innerlich die alte Katze geblieben sei. Sie schmeichelte und streichelte und log und kratzte wie ehemals, nur geschah alles in einem größern und feinern Schnitt. Sie verleumdete und liebte Zänkereien, aber erschien dabei sonderbar ernsthaft und ruhig. Sie verlachte und verketzerte mich hinterrücks. Wieder fühlte ich das Unliebe und Ungute ihres Charakters, und das verlöschende Kerzlein meines Hasses brannte frischauf. Fast täglich bekamen Theodor und ich des Mädchens wegen Streit. Auf jede denkbare Art suchte ich ihm das Fräulein zu verleiden, sobald ich sicher war, daß es sich bei meinem Freunde nicht um eine der flackernden Liebeleien, sondern um eine große, grausame Liebe handle. Ich erzählte ihm meine Katzenerfahrungen, ich fädelte es so ein, daß Theodor mitten in eine ihrer Lügen hineinsah, ich zerrte sie in seinem Beisein in ein feineres und gescheiteres Gespräch und ließ ihre Dummheit dann recht hell erstrahlen. Aber alles half nichts. Er war hoffnungslos verliebt. Nun wollte ich schweigen. Aber Theodor nötigte mich, zuzuschauen, wie ihre Umarmungen immer heftiger, ihre Küsse immer brennender wurden. Ja, da Regina bei aller graziösen Bengelhaftigkeit mir ins Gesicht artig tat und Theodor und ich wie Brüder lebten, habe ich oft, innerlich unfroh, aber durch die Liebe zum Freunde gezwungen, zwischen dem Paar die verschiedensten hilfreichen Rollen gespielt. Einmal besorgte ich als Merkur ihre Liebespost, einmal fuhr ich sie als Neptun in den stillen abendlichen See hinaus, einmal war ich ihr Apoll und mußte mein Flötlein blasen, dann war ich Schutzwache, Spion und wunderte mich selber am meisten über die Vielseitigkeit meiner sonst so einfachen Person. Damals stand ich bei Theodor und scheinbar auch bei Reginen am höchsten in der Gunst. Einmal, da ich sie in einem Einspänner einen schönen Oktobernachmittag hindurch übers goldreife Obstland gefahren hatte, sagte Theodor beim Aussteigen: »Mir ist einfach nicht wohl, weil wir dich nicht entlohnen können, wie du es verdienst!« »Ah bah!« knurrte ich verschämt. »Das können wir!« versetzte Regine mit einem seltsamen Lächeln. »Wir beide wollen ihn einmal herzlich küssen!« Und ohne eine Erwiderung abzuwarten, umschlang sie mich und gab mir einen stechendheißen Kuß auf die Lippen. Dann bat sie Theodor, das gleiche zu tun. Diesen zweiten Kuß, so ehrlich und stramm er geboten ward, fühlte ich gar nicht vor dem ersten, der mich wie ein Wespenstachel noch lange schmerzte . . . Aber am gleichen Abend sagte die Lob, diese Katze, zu ihren Freundinnen: »Kennt ihr den Schneckenkönig?« Alle antworteten lachend: »Nein!« »Nun, das ist ein Bauernbub aus dem Dorfe Lauwis. Er studiert jetzt hier Medizin. Doch riecht er aus allen Taschen nach Rüben und Kohlköpfen. Gebt acht, wenn ihr mit ihm tanzt, daß ihr nicht einschlafet! Zwickt ihn! Ich habe ihm einmal sein Tintengeschirr ins Gesicht geschmissen, das machte ihn wieder für ein Stündchen lebendig!« »Warte, Zigeunerin, aus diesem Tintengeschirr geb' ich dir einmal zu schlucken, daß du genug hast!« schwor ich und drehte grimmig meine ersten sieben Barthaare. Um jene Zeit kam meine Schwester aus dem Welschland heim, und ich sollte sie als braver Bruder in unsere Gesellschaft einführen. Pauline war ein offenherziges, zierliches, aber unscheinbares Persönchen, mit weißlichgrauen Augen, glattem, hellem Haar, einer niedrigen Stirne und einem wahren Kindernäschen. Aber dieses achtzehnjährige Wesen hatte eine Lippe wie ein Rosenblatt, so weich und schwellend breit und duftig! Und auf diesem herrlichen Munde saß immer ein Lächeln und stieg wie ein Sonnenstrahl in die kleinen, grauen Augen und vergoldete das ganze milchweiße Gesichtlein. Sie liebte nichts so sehr wie die kleinen Kinder, und ihr Herz war auch so ein Kleinkinderherz geblieben, obwohl Pauline dabei ein ganz kluges und praktisches Wesen bewies. Sie war immer zufrieden. Und dieses süße, stille Licht, das ohne Sonnenuntergang auf ihrem Gesicht ruhte, machte, daß es allen Leuten ohne Unterschied neben Pauline so merkwürdig wohl und warm und hell ward. Redete Pauline dann – und sie tat es viel unbefangener, als man von einem solchen kleinen Geschöpf vermuten konnte – so tönte es wie ein dünnes Orgelpfeifchen, so sorglos freudig und alle Bässe überklingend. Es konnte in Gesellschaft häufig geschehen, daß man Pauline stundenlang gar nicht sah. Aber wer sie dann sah, sah zuletzt nur noch sie. Mein Schwesterlein war die Anspruchslosigkeit selbst. Auf mich hatte sie ein Vertrauen gesetzt, wie es sonst nur ein Vater genießt. Nie gingen wir zu Bette, ohne noch ein Weilchen zusammenzusitzen und uns etwas recht Liebes zu sagen. Ging eines von uns für einen Tag fort, so gab es zwischen uns einen Abschied wie zwischen Amerikareisenden, und wir holten einander am Bahnhof ab, als hätten wir uns jahrelang nicht mehr gesehen. Kurz, wir lebten zusammen wie eine Welt für sich, mochte außerhalb eine andere, noch so wichtige und schöne Welt existieren. So unähnlich wir einander waren, meinten wir doch, alle Menschen müßten uns die Zwillinge ansehen, und wir fühlten es sozusagen im Blut, daß wir nicht nur die gleiche Geburtsstunde hatten, sondern sozusagen das gleiche Leben lebten. Nein, uns sollte nichts trennen! Theodor hatte früher ein Weilchen meine Schwester umworben. Aber dem Mägdlein war so ein Gewaltsbursche viel zu groß und zu laut. Auch mein Freund merkte bald, ein so niedliches Ding, das er zwischen zwei Fingern beinah zerbrechen konnte, möge ihm recht wohl zum Schwesterchen, aber doch nicht gut zur Frau Liebsten passen. Und als es einmal so weit klar zwischen ihnen war, lebten Ries' und Elflein in der schönsten Kameradschaft. Ich hatte sie in einem Gedicht so getauft, und nun hielten sie selber im Spaß und Ernst an diesem Duo fest. Schnell genug sah das Elfchen einen ganzen Hof von flaumbärtigen Jünglingen um sich. Ich tat mir darauf viel zu gut, als ob das alles mein Verdienst wäre. Nur Pauline selbst schien nichts zu merken. Gegen die goldbraune Bronze Reginas war meine Kleine ein wahrhaftes Alabastersächelchen, so bleich und von so durchschimmernder Klarheit und, wie man mit Unrecht bangte, auch so verletzlich. Sie bewunderte Regina. Die war in ihren Augen eine Königin, der alle Welt die Hände unter die Füße legen sollte. Ihr Kinderherz fühlte noch kein Sehnen nach Männerlippen. Sich an eine schöne, starke Frau oder an eine mächtige Freundin anschmiegen, war einstweilen ihr Höchstes. Wie gut verstand Regina diesen Charakter meiner Schwester! Bald hatte sie Pauline wie einst bei den Schulpausen ganz für sich gewonnen, und Arm in Arm durchschritten die zwei so ungleichen Wesen auch jetzt wieder in den Ruhepausen unsere Gesellschaft. Es war ein sonderbares Paar: die große, prachtvolle Katze und das seidige, graue Kaninchen. Noch nie hatte mir die heißfarbene Schönheit Reginas so ins Auge gestochen wie in solchen Minuten, da sie meine schlichte Schwester so majestätisch durch die Säle unseres Balles führte. Eine ganze Hölle von Argwohn erwachte in mir. Wollte Regina das Kind in Schatten stellen? Es mir entfremden? Es in ihre Katzentücke einweihen? Ach, wäre ich vor Haß nicht so blind gewesen, ich hätte doch hell genug sehen müssen, wie die Schneeglöckleinart meiner Kleinen neben der Rosenglut Reginens erst recht wirksam wurde! Noch mehr, ich hätte mich überzeugen müssen, daß Regina ihre kleine Gespanin mit der Zärtlichkeit einer Mutter an sich schloß . . . Mir wurde nach und nach zumute, als ob meine Schwester sich auf unsere gemeinsamen Abendstunden nicht mehr so innig freue wie früher, als ob die Zusammenkünfte mit Regina ihr wertvoller würden. Ja, eine gewisse Lässigkeit glaubte ich in ihrem ganzen Verhalten gegen mich zu erkennen. Ich konnte dafür nicht die kleinste Tatsache erbringen; dennoch ließ sich diese lästige Empfindung einfach nicht wegblasen. Dann marterte es mich, daß ich weit mehr meiner Schwester als sie mir nachlaufe. Bisher war es umgekehrt gewesen. Mein ohnehin schwerblütiges Temperament litt darunter. Beweise gab es auch da keine. Eines Tages erzählte mir Pauline, Theodor und Regina hätten in aller Stille die Verlobungsringe gewechselt. »Elfchen muß sie uns anstecken, dann halten sie ein Jahrhundert!« habe Regina gesagt, und so habe sie beiden das Reiflein an den Finger gesteckt. Weil Regina das Grüne so liebe, trage ihr Ring einen wunderbaren Smaragd. Sie hätten dann ausgemacht, daß sogleich nach dem Doktorhut Theodors die Hochzeit gefeiert werde. »Da müssen wir zwei dabei sein, Walter,« sagte Pauline und wiegte sich wie zu einem hochzeitlichen Menuett auf ihren Füßen. »Welch eine Frau bekommt Thedi! O welch eine Frau, der Glückliche!« Mir stieg alles Blut in den Kopf. Das verwünschte ich ja gerade, was das Elfchen vor mir wie eine Herrlichkeit ausbreitete. Ich hielt es für das größte Unglück Theodors. Aber ich hatte mir vorgenommen, kein Wort mehr in dieser verlorenen Sache zu sagen. Es riefe nur Zwist und frommte zu nichts. Aber je schöner Pauline nun ausmalte, welch eine edle, unvergleichliche Gattin diese Regina dem Freund sein werde, wie tüchtig sie ihm haushalten werde und welch herrliche Kinder sie ihm geben und welchen ewigen Sonnenschein sie in die hintersten Hauswinkel streuen werde: um so düsterer wurde ich, weil mir das Gegenteil von alledem gewiß schien. Ich schwieg mit Mühe. Da zupfte das Elfchen mich schmollend am jungen Bart und schalt: »Du Lappländer, du Schneemann!« Ich suchte nun ein wenig zu nicken und zu lächeln. Aber sowie Pauline singend das Zimmer verlassen hatte, fühlte ich sehr scharf, daß es in unserer schönen wohlgerundeten Geschwisterwelt nun doch einen feinen, aber wohl recht tiefen Riß gebe . . . Ein andermal kam ich müd und verdrossen aus einer Korpssitzung unserer Bockia heim. Es war ein wichtiger Abend gewesen. Nicht nur weil unser berühmtestes Ehrenmitglied Bundespräsident geworden war und wir eine Abordnung nach Bern bestimmen wollten, sondern noch viel mehr, weil heute mit einer angesehenen gegnerischen Verbindung nicht bloß Friede, sondern Bruderschaft geschlossen werden sollte. Auch die saumseligsten Mitglieder waren erschienen, nur Theodor nicht. Er, der mich in diesen Verein hineingekeilt hatte, schwänzte schon lange nicht nur die Kollegien, sondern auch unsere Sitzungen. Alle Kameraden schimpften über ihn, aber alle mit Wehmut, weil man ihn eben noch immer sehr liebte. Das Präsidium klagte geradezu, daß wir den flottesten Burschen an ein Mädchen verloren hätten . . . Da fing auch ich an, im stillen nachzurechnen, wie selten Theodor noch zu mir kam. Seit Wochen waren wir nicht mehr spaziert oder gemütlich in der Bude gesessen, um etwas Großes und Teures zu plaudern und uns irgend was Tapferes fürs Leben zu sagen. Früher war das unser tägliches Brot gewesen. Jetzt gab es davon nur noch spärliche Brosamen. Alles schlang uns dieses Zigeunermädchen weg. Ich wußte ja wohl, daß Theodors Freundschaft zu mir nicht vermindert war. Aber was nützte mir das, wenn ich sie nicht mehr zu sehen, zu fühlen, zu genießen bekam? Eine wilde Empörung gegen meine alte Feindin wallte in mir auf. Sie allein hatte das schöne goldene Kameradenleben zerstört. Die Klagen der Corona ringsum vermehrten meine Wut. Tränen stiegen mir ins Auge. Was mochten doch die da klagen? Hundertmal mehr verlor ich als sie alle zusammen. Ich nahm Mütze und Bakel und stürmte hinaus. Am liebsten hätte ich die halbe falsche Welt zusammengeprügelt. Tief im Innersten unglücklich und verzwistet lief ich heim und klopfte am Kämmerlein meiner Schwester. Wie immer wird sie auf mich gewartet haben. O, ich wollte sie heut umarmen und eng neben mich setzen und ihren großen Rosenmund mitten im weißen Schneewittchengesicht küssen und sie gar nicht loslassen, bis ich an ihrem so still und friedlich klopfenden Herzlein meine Ruhe wiedergefunden hätte! Noch immer fand ich sie hier . . . Aber das Zimmer war verriegelt. Zum erstenmal in unserem Geschwisterleben! »Beth,« schrie ich unserer neuen Magd, »wo ist Pauline?« »Sie sollen nicht auf sie warten, hat das Fräulein gesagt!« berichtete die Magd, als könnte sie mich damit beruhigen. »Sie läßt Ihnen gute Nacht sagen! Sie . . .« »Was . . . Wo . . .« »Fräulein Lob hat Ihre Schwester abgeholt. Sie spielen ein Theater, und Fräulein Pauline sagte, es werde so spät, daß sie auch bei ihrer Freundin übernachte!« Ich kann nicht sagen, wie mich in der damaligen Stimmung eine solche Meldung traf. Wie eine Todesnachricht. Mir war, Freund und Schwester seien am gleichen Abend gestorben. Eine unsägliche Vereinsamung erfaßte mich in meinem leeren Zimmer. Am Morgen sah ich freilich alles wieder viel kühler an und schalt mich einen Narren und Selbstquäler. Und als Pauline in der Frühe heimkam und sogleich an mein Bett sprang, mir mit ihrem morgenkalten Mund einen Kuß gab und sagte, sie habe den Schlüssel nur wegen der neuen, noch ganz unverläßlichen Magd abgezogen, da mußte ich wahrhaft über meine gestrigen Aufregungen lachen, und eine tapfere Zeit hindurch hielt ich mich von ähnlichen Anfechtungen frei. Aber am Neujahrsball, der nun folgte, nahm Regina mein Elfchen so ganz in Beschlag, versagte oder verschenkte sie den Tänzern so eigenmächtig und zog sie so tief in ihre geheimen Klatschecklein, daß ich kurzweg glaubte, sie wolle mir schon am ersten Tag des Jahres deutlich erklären: Heuer gehört das Kind da mir und niemand sonst, auch diesem grollenden Duckmäuser nicht! Ich trank in meiner Aufregung mehr Wein, als gut tat, und mit jedem blutroten Kelchlein wurde ich wilder. Vor dem Bankett konnte ich endlich Pauline zu mir winken. Sie trippelte gehorsam wie ein Hündchen daher und spitzte gleichsam die Ohren, um ja keine gute Silbe von mir zu verlieren. Wie ein Schneeglöcklein stand sie in ihrer Unschuld vor mir. Schon reute mich mein Vorhaben; aber nein, ich konnte nicht mehr anders und sprudelte leise heraus: »Elfchen, Elfchen, nimm dich doch in acht vor Regine!« Ungläubig und mit einem kleinen Vorwurf entfaltete das Jüngferchen seine zwei Rosenblätter und sagte: »Warum?« In diesem Augenblick fühlte ich peinlich, daß ich keinen deutlichen Grund zum Warnen angeben könne. Aber die Eifersucht erfüllte mich bis an den Rand, und ich brach los: »Jetzt kann ich es dir nicht erklären, daheim dann! Aber glaub' mir . . .« »Jetzt, jetzt mußt du mir sagen, warum!« versetzte Pauline ohne Lächeln. »Du irrst dich! Du bist böse auf sie wegen deinem Thedi, ach, du . . .« »Sie ist eine falsche, lügnerische, dumme Hexe, die alles untereinander bringt und den Theodor und dich und uns alle verderbt . . . Sie . . .« »Walter!« rief das Kind mit einer feierlichen Entrüstung und reckte sich empor, um mir Mund gegen Mund zu entgegnen. »Eine Katze, die nicht von ihrer Art lassen kann, ja, so! Und wisse nur, ich werde jetzt mit Händen und Füßen und mit der ganzen Seele gegen sie arbeiten, ich . . . ich . . .« »Walter, du hast Fieber, vom Wein . . .« hörte ich mein entsetztes Elfchen dazwischenreden. »Nicht vom Wein, von der Wahrheit kommt das! Seid nur alle blind; aber ich will euch allen die Augen aufreißen, euch Verzauberten und Belogenen . . .« Pauline riß sich aus meiner Hand und trat einen Schritt zurück. Sie musterte mich von da wie einen Kranken. In diesem Augenblick rauschte Regina in schwerer, dunkelroter Seide daher. Aber dieses glühende Kleid war durch ein feines, schwarzes Spitzengewebe gedämpft. Nur wie unzählige, blutige Flämmlein züngelte die Seide aus der Verschleierung. Dieser Aufzug hatte für mich etwas Unheimliches. Und gerade solche rote Flämmlein schossen auch aus Reginens laugen Augen. Sie machte vor mir einen lustigen Knicks und schlug meine Schwester leicht mit dem Fächer auf die Kinderschulter. »Bist mir entschlüpft, Täubchen?« läutete sie mit ihrer sonoren Altstimme. »Wart' nur, jetzt bind' ich dich!« Rasch gab sie dem Elfchen einen Kuß auf die niedrige Stirne und führte es wie ein machtloses Kind weg. Und dieses Kind öffnete seine Rosenblätter und lächelte überselig zur Dame empor . . . »Vermaledeite Zigeunerin!« wollte ich rufen; aber ich brachte keinen Ton heraus. Am Bankett würgte ich mit Mühe einige Brocken hinunter. Hinter einer Blumenvase beobachtete ich bequem das Tun der Kameradinnen. Mitten zwischen zwei Büscheln Goldlack tauchten der dunkle und der blonde Kopf in immer zärtlicheren Mienen auf. So innig hatten sie sich noch nie vor andern gebärdet. Die Ältere sorgte für die Jüngere wie ein Schutzengel. Mich wunderte, daß Theodor nicht eifersüchtig wurde. Darauf ward eifrig getanzt. Pauline ließ keine Runde aus. Mich floh sie. Später verlor ich sie ganz aus dem Auge. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich bald zusah, bald mechanisch mithopste. Verärgert bis in den Grund meiner Seele lief ich endlich in den Rauchsalon, wo ältere Philister sich aus den Witzblättern vorlasen oder einen Königsjaß spielten. In einer wolkigen Ecke saß zu meinem Staunen der schöne, olivenbleiche Echino Gonzal Deflores allein an einem Tischchen und dampfte wütende Nebel aus seiner Virginia. Er stierte mit seinen unvergleichlich großen, samtschwarzen Augen steif in die Diele. Dem war etwas Böses passiert, das merkte ich auf den ersten Blick. Er hatte die Schärpe um den zarten, schlanken Hals gewickelt und trug den Hut auf den Knien, als wollte er im Augenblick heimgehen. Ich empfand eine seltsame Freude, ihn so zu treffen, und sagte mit erzwungenem Spaße: »Was? Amor höchsteigen tanzt nicht? Willst du denn heute alle hübschen Kinder zur Verzweiflung bringen?« Unser achtzehnjähriger Don Juan machte eine unliebe, abwehrende Geste. Sein schmales Aristokratengesicht wurde ganz hart und farblos. Die Gonzal waren eine vornehme alte Familie unserer Stadt, Tabakfabrikanten von Ruf. Vor dreihundert Jahren waren sie aus dem spanischen Cuba eingewandert, hatten sich seitdem reichlich mit nordischem Blut vermischt und schrieben sich nun Gonzi. Aber der Sprößling Echino blieb beim Gonzal, denn in seinem Gesicht war das schönste, dunkelste, härteste Spanien wieder rein erblüht. Dutzend Sünden verziehen wir ihm, seiner zauberischen Fremdartigkeit zulieb, die wir an den heimischen, blonden Kameraden bitter gerügt hätten. »Nein, Echino Gonzal Deflores, so entrinnst du mir nicht!« prahlte ich. »Was fehlt dir? Ich bin auch nicht munter; aber zum Teufel, das muß man eben hinunterschlucken!« »Ach was!« sagte er leis mit seinem weichen spanischen Akzent. Ich setzte mich neben ihn und schlang den Arm um seine schlanke Schulter. »Bitte, was ist's?« Aber sogleich riß er sich behend los, stand auf und setzte den weichen Banditenfilz, der ihm so prächtig anstand, auf die kastaniendunkeln, halblangen Locken. An der Türe verzog er sein schönes Herrengesicht zu einer häßlichen Grimasse und kerbte leis und böse zwischen den blassen Lippen hervor: »Kannst deine Schwester fragen und dich bei Regina bedanken! Addio!« »Was ist das doch für eine Nacht!« dachte ich. »Am Ende geht heut noch die Welt unter! Meinetwegen!« Doch dieser stoische Gedanke beruhigte mich nicht. Ich durchstöberte das ganze lichtdurchflutete Haus nach meiner Schwester. Endlich stieß ich auf Theodor. »Was hat's gegeben?« fuhr ich ihn an. »Wo ist Pauline?« »Pst!« machte er und zog mich aus den vielen Menschen ins leere Vestibül hinaus, wo wir uns in eine dichte Lorbeerlaube setzten. »Also!« hastete ich in der Angst vor etwas Bösem. »Der freche Spaniol hat mit Elfchen getanzt. Dann spazierte er mit ihr ein wenig abseits . . .« »Und dann?« schrie ich und sprang entsetzt auf. Die Riesentatze Theodors bog mich wie ein Hälmchen in den Sitz zurück. »Ruhig! Du weißt, Gonzal ist in dein Schneeglöcklein verliebt. So was Blondes gibt es in seinem dürren Spanien nicht. Da hat man nur Narkotika wie Mohn und Schierling und . . .« »Laß doch das! Was haben . . .« »Gonzal zog das Kind hieher, wo wir sitzen. Elfchen merkte natürlich nichts. Er setzte sich neben Pauline und tat verflucht artig, bis ihm das dicke andalusische Blut überlief und er wie sinnlos Elfchen mit Bitten und Drohungen bedrängte und umarmte und küßte und mit seinen Gewaltsaugen fast verzauberte und weiß Gott was getan hätte, wenn nicht ihr schöner großer Schutzengel hergeflogen wäre . . .« »O Gott, red', red'!« »Natürlich meine allgegenwärtige Regi! Sie suchte ihr Täubchen und hörte es irgendwo gurren und schoß wie ein Falke herzu und kam präzis recht, um dem wüsten Mädchenplager mit ihrer großen, schönen Hand eine Ohrfeige zu hauen, daß ganz Spanien mit den Pyrenäen zitterte . . . Das gibt ein Gedicht, he, Walter?« »Theodor,« schnaubte ich, »sag' die Wahrheit!« »Ich steh' dafür: Nichts als Küsse und Umarmungen! Dafür ist er nun bezahlt. Ich kam gerade dazu, wie er aus diesen Stauden heraus- und davonschlich. Ich sag' dir, wie jene berühmte schöne Paradiesschlange, als der Erzengel sie aus dem Garten stieß. Regina ließ ihn nicht aus dem Auge, bis er sich spurlos hinausgeringelt hatte, dieser glatte, vermaledeit schöne und böse Evaverführer! Ja, wie der Paradiesengel sah sie ihm nach. Und er wagte kein einziges Mal zurückzuschauen und zu züngeln, wie sonst die Schlangen tun. Siehst du, das ist meine Regina! Glaubst du jetzt an sie? Hättest du nur gesehen, wie sie das Elfchen dann tröstete! Eine Mutter am Schaukelbett kann's fürwahr nicht so gut . . . Eia, da kommen sie selber, sieh! Nur dies noch ins Ohr: Mit dem Spaniol rechne ich ab!« Regina gab mir das bleiche Mädchen mit den leise geröteten Augenlidern sorglich in die Arme, nachdem sie es auf Mund und Stirne mit unsäglicher Zärtlichkeit geküßt und immer wieder umarmt hatte. Darüber waren dem Elfchen neue Tränen gekommen. In der Kutsche umschlang ich mein geliebtestes Wesen auf Erden so heftig wie wohl noch nie. »Lach' jetzt wieder!« bat ich. »Darf ich denn? Ist denn das nicht so schlimm gewesen?« fragte das arglose Tröpfchen und verbarg das Gesicht an meiner Brust. »Für dich doch nicht! Was kann man dafür, wenn uns eine Schlange beißt? Was machen sie in Sizilien? Sie tanzen dann! Also, lach' wieder!« Wahrhaft, da wischte sich Elfchen die Tropfen vom Gesicht und redete sogleich wieder mit einem so erlösten und fröhlichen Orgelstimmchen, wie ich es selbst nie vermocht hätte. Sie erzählte von den goldigen Trauben des Goldlack, die sie ganz allein für diesen Abend gekauft und Reginen zulieb in die Vasen gestellt habe. Denn Regine sei vernarrt in solche betäubende Duftblumen. Sie malte mir aus, wie gut die Torte gewesen sei. »Ach, hab' ich das Stücklein wohl noch?« klagte sie plötzlich und knusperte in der Tasche herum. »Nun ist es wohl verbröckelt!« Nein, da kam das aufgehobene Schnittlein sauber im Seidenpapier aus der Tasche, und im Nu hatte Pauline es aufgeschnäbelt. Dann plauderte Elfchen mir etwas von drei Kinderpärlein vor, die auch getanzt hätten und mit denen sie viel Spaß getrieben habe. »Nachher, weißt, nach dem Wüsten da, hat Regina mich zu diesen sechs Kleinen geführt. O, diese Engelchen! Ich mußte sie zu Bette bringen. Da schoß mir bald ein Büblein, bald ein Zopf aus den Federn, und das war ein Kichern und Kobolden, ja, da hatte ich eigentlich schon alles vergessen mit diesem . . .« »Red' nicht mehr davon!« »Und Regina, wie die hereinschoß, wie das rauschte, Gott, wie von einem großen Vogel und wie es dann klatschte, als wenn er seinen Flügel an einen Felsen schlage . . . Der Elende! Ach, weißt du, Walter, er ist doch ein Armer! Ich sah's ihm an, er ist doch ein Armer!« »Du bist mir eine hübsche Klägerin,« lachte ich und drückte dieses gute, übergute Wesen fest an mein Herz, damit von solcher Reinheit auch etwas zu mir übergehe. »Gonzal hat mich gern, furchtbar gern, ich hab's gesehen. Seine Lippen haben geblutet, er ist abgekniet, er hat geweint . . . Er wußte nicht, daß ich das nicht verstehe, daß mir ein Kindlein lieber ist als der schönste Prinz von Spanien . . . Aber er hat mir doch leid getan, so leid, daß ich . . .« »Ach, Närrchen, so ein Schauspieler! Hast du nicht jüngst gesagt, wie gut er Theater spiele?« »Still, still, das war nicht Theater! O Gott, nein! Und doch war es gut, daß Regina kam. Aber wie sie dreinschlug, ihn fortstieß, wie der Arme davonkroch! Es war zum Erbarmen . . . Jedoch, warum auch ließ er mir keine Ruhe?« ›Welch ein Kind!‹ dachte ich. »Ich habe gehört, daß Theodor morgen dem Gonzal Zeugen auf die Bude schickt; Regina hat ihn darum gebeten. Aber das will ich nicht. Höre, Walter, das mußt du verhindern. Ich will dem – dem – dem Schlingel selbst schreiben, daß ich ihm verzeihe, wenn er mich fortan genau so behandle wie sein Bäslein Ponce Teresa. Er führt sie kaum an den Fingerspitzen, küßt ihr nur den Handschuh, wie ein Grande! Er soll mir das Ehrenwort geben. Dann darf er wieder zu uns kommen.« »Bist du denn toll?« entfuhr es mir nun doch. »Weißt du denn nichts von . . . Ach nein, lassen wir das!« Was sollte ich gerade jetzt von Fräulein Pia Lehner reden, die Gonzal so lang liebkost hatte, bis sie meinte, ohne ihn nicht mehr leben zu können. Er aber schob sie, als er genug hatte, mit kühler Grausamkeit von sich. Nun wagte sie kaum noch in einen Wohltätigkeitsverein zu gehen. Und sie trug Schwarz wie eine Witwe und redete nichts und sah irgendwo ins Blaue, wenn man sie ansprach. Wie eine Verstörte! Aber noch schlimmer war, was man von den Mägden im Hotel der Gonzal erzählte . . . Er war ein Deflores nicht nur dem Namen, sondern auch der Tat nach. Indem ich das erwog, übertrieb ich bei mir, in welcher heillosen Gefahr mein Täubchen noch eben geschwebt habe. Gerührt küßte ich sie und schloß sie wieder und wieder wie etwas köstlich Errettetes an mich. »Aber was sagst du von Regina?« frohlockte Elfchen in ihrer jetzigen, seltsamen Erregung. »Wie bist du geschlagen, Walterli! Bekenn' es nur! Nun mußt du alles zurücknehmen, was du verleumdet hast, alles, gleich, gleich!« »Ich werde Reginen morgen danken!« versprach ich kühler. »Das ist zu wenig, nein, das ist gar nichts! Du mußt zu ihr gehen und sie um Verzeihung bitten, morgen, ich komme mit und helf' dir!« Unwillkürlich lockerte sich unsere Umarmung. »Ich werde nie mehr etwas gegen sie aussagen,« fügte ich eisig hinzu. Regina war großartig gewesen, ohne Zweifel. Aber deswegen haßte ich sie nicht weniger. Im Gegenteil! An mir wäre es gewesen, meiner Schwester in der kritischen Minute beizustehen. Regina war mir zuvorgekommen. Oder besser, sie hatte getan, was der eigene Bruder versah. Darauf wird sie nun erst recht pochen und nicht bloß das Mutterrecht, sondern auch das Bruderrecht über Pauline sich anmaßen. »Walter, soviel wirst du doch einsehen, daß du schlecht gegen Regina gehandelt hast!« kämpfte Elfchen mit einer ungewohnten Festigkeit weiter. Dabei ließen wir uns langsam aus den Armen gleiten. »Du hast sie schwer beschimpft! Mit ganz gemeinen Schimpfereien hast du meine Königin besudelt! Sei ehrlich, gib das zu!« Ich stemmte meine breiten Zähne aufeinander, um keine Silbe entschlüpfen zu lassen. »Walter, lieber Walter!« Ich fühlte, wie ihre kleine Hand im Dunkel die meine suchte. Aber nun war es einmal Zeit, hart zu sein. Ich fing an, leise zu pfeifen: » La donna è mobile  . . .« Darüber erboste Elfchen so sehr, daß es in die andere Ecke des Wagens kroch und ein Weilchen totenstill blieb. Sie überlegte etwas. Da, auf einmal brach sie gegen mich in einem Tone los, den sie heute abend erfunden haben mußte, in einem ganz unabhängigen, trotzigen, neuen Ton: »Gut, du willst nicht . . . Aber höre: Du verdammst Gonzal und hast meine Regina viel ärger beschimpft, als der Spaniol mich beschimpfen konnte!« »Paulina!« brauste ich auf. »Lärme nur; aber das bleibt doch wahr!« Ich hörte deutlich, wie sie eigensinnig ihren Kopf in die Ecke schlug, um zu sagen: Punktum, so ist's! Amen! »Ei, das ist ja schon weit mit dir gekommen! Da muß der Vormund ins Werk! Ein paar Jahre fort, ins kühlere England, bis du nicht mehr verhext bist!« sprudelte ich blödsinnig durcheinander. »Jetzt schwatzest du große Dummheiten, Walter!« »Du wirst früh genug erfahren, wo die Dummheit . . .« »Ich fürchte dich nicht!« »Um so besser!« »Du willst uns trennen, das ahnten wir schon lange. Aber das bringst du nicht fertig. Ich habe Reginen alles erzählt. Ich habe sie gewarnt vor dir. Du habest Übles gegen sie im Sinne. Aber sie fürchtet sich noch weniger als ich. Alle Tage gehen wir nun zueinander. Wir wachsen zusammen wie Zwillinge . . .« Zwillinge! Dieses Wort schoß wie ein scharfer, schmerzhafter Sonnenschein mitten in das schwarze Gewölke unserer verzwisteten Seelen. Pauline vermochte nicht sogleich fortzufahren, so voll ihr Mund auch war. Zwillinge! Waren denn nicht wir zwei so seltene Leutchen im gleichen Atem in den süßen Tag gesprungen, gleich jung an jedem Morgen, gleich alt und reich an jedem Abend? Hatten wir nicht die Wiegen und dann das Bettlein nebeneinander gehabt, gleich groß und gleich schmal? Und dann am gleichen Tag die ersten richtigen Schuhe bekommen, das gleich schwere Ränzlein in die Schule getragen? Zwillinge . . . Hatten wir nicht bisher so, wie wir am Geburtstag einen einzigen großen Kuchen zusammen aßen, auch das Leben, die Welt, die Zukunft gemeinsam naschen und leiden wollen? Dieses Wort Zwillinge machte uns jetzt beiden Heimweh. Wir erbebten bei seinem Klang wie vor einem tiefen, tiefen Vorwurf; aber während Elfchen dabei in eine ehrliche Reue geriet, schlug mein Weh in eine ebenso große Wut um, weil all dieses Trauliche und Heilige der Zwillingschaft nun an meine Feindin verloren gehen sollte . . . »Du kannst da,« lenkte Pauline ungeschickt ein, »du kannst da gar nichts machen als schimpfen! Schimpf' in Gottes Namen, Walter! Aber nein, sei mein guter, alter Bruder, bitte, lieb' mich doch wie früher! Laß mich eine Freundin und einen Bruder haben, das geht doch gut zusammen! Lieb' mich wieder!« Aufs neue suchte sie meine Hand im Dunkel des Wagens und fand und faßte sie fest. Ich ließ es geschehen, ohne einen Finger zu rühren. Da ließ sie mich wieder los und schwieg. In diesem Augenblick wußte ich, daß sich meine Schwester von mir befreit habe, daß sie ein unabhängiges, starkes Jüngferchen geworden und daß ich, ihr bisheriger Meister und Schirmer und Halbgott, in dieser Minute aus allen meinen schönen und hohen Ämtern entlassen sei. Das Unausdenkliche hatte sich wie von selbst erfüllt. Zwischen uns gar zu verklebte Geschwister war das rauhe, unerbittliche und doch so gesunde Leben getreten – zuerst mit der geliebten Freundin. Aber das ist nur der Anfang, und immer tiefer wird das Leben seinen unwiderstehlichen Keil zwischen uns treiben, bis wir nichts mehr gemein haben als den Familiennamen und das helle Haar und die grauen eigensinnigen Augen. Aber sonst gar nichts mehr! Vor unsern Kammern gaben wir einander wie immer die Hand. Aber ich sagte nur: »Gute Nacht!« Sonst hatte ich immer eine Litanei von Spitznamen und Süßigkeiten daran gehängt. Jetzt wurden mir schon die zwei Worte zuviel. Traurig und schüchtern erwiderte Pauline: »Gute Nacht! Bist du nicht mehr böse?« »Ach nein . . . Aber wir wollen schlafen . . . Es ist schon spät!« Von da an gingen wir beide unsere eigenen Wege, zuerst zögernd und oft wehmütig zurückblickend, dann tapferer und mit der wachsenden, bittern Kraft der Gewohnheit. Aber von da an haßte ich Regina Lob mehr als alles Böse in der Welt, jedenfalls viel mehr als hundert Echinos Gonzal Deflores! *           * * Dieser Haß starb nicht; aber er schlief nach und nach ein wie alles, das sich ermüdet und seinen Tag vollendet hat. Es gab überdies so vielerlei Neues. In unserer Familie herrschte die Arzneikunde wie eine Überlieferung. Das einzige unberatene Glied, das vom kahlen Äskulap zu Apollo gesprungen war, starb zur Strafe für diese Fahnenflucht auf einem Laubsack im Armenhaus. Da warf sein Sohn sich wieder in die längsten Rezepte, und als er das Zeitliche segnete, um, wie er spaßte, selber nachzusehen, ob denn wirklich Doktoren im Himmel wären, lag wieder ein sauberes Häufchen Gold in der Truhe. Nachdem ich durch mehrere Semester mich mehr mit Nebensachen als mit meinem Fach beköstigt und mir vor allem am lyrischen Zuckerstengel für lange den gesunden Appetit fürs große schaffende Leben verdorben hatte, erwachte endlich auch in mir der alte medizinische Familiensinn, und ich warf mich nun mit Kraft und Ziel auf das Studium des äußern und innern Menschen, seiner Unarten und Bravheiten. Die seelischen Erfahrungen mit den zwei Jungfern hatten mir sicher keinen kleinen Stoß in dieses Studium hinein gegeben. Besonders war ich auf die Erforschung des Schädels versessen, dieses kunstreichsten und köstlichsten aller irdischen Gefäße. Wie nur je ein frommer Ritter von Montsalvat den heiligen Gral, so betrachtete ich mit immer gleicher, wahrhaft kirchlicher Ergriffenheit diesen Becher, bis an den Rand mit Wundern gefüllt. Ich konnte vor einer einzigen Naht oder dem unscheinbarsten Joch oder Kerb im Gebein stundenlang sitzen und mir ein Bild des ehemaligen Menschen daraus formen: wie er sprach, blickte, unter einer glatten oder gefurchten Stirne arbeitete, wie er eilig oder sachte ein Ja, ein Nein aus der verzwickten Werkstatt des Gehirns entließ . . . Und von den Formen des Bechers stieg ich zu seinem dunkeln Inhalt und wollte alles bis auf die Nagelprobe erfahren. Und tausendmal jammerte ich, daß man das alles am Menschen nur tot und kalt in die Hand bekommt, nicht wenn es spielt und funkt und klingt. Ach, wenn nie eine Brille erfunden wird, mit der man durch den Menschen wie durch ein Kristallwasser schaut, oder wenn nie ein Element entdeckt wird, das tausendmal tiefer als die Augen des Radiums durch Fleisch und Blut blickt, so bleiben wir ewig arme Schlucker an diesem Kelch voll Geist und Unsterblichkeit! Entmutigt wandte ich mich dann von den Organen, die im Spiritus schwimmen und doch keinen Spiritus mehr haben, zu dem zurück, was hell und fest gemodelt steht, zum tapfern Knochen, womit der Mensch seinem Leben gleichsam das Gemäuer mit lichtem Tor und klugen Fenstern gibt. Hier gab es sicher nichts Rundes noch Plattes, nichts Gebuckeltes und Gehöhltes ohne strengen und unfehlbaren Einfluß aufs Leben, das da ringsum flutete. Da bedeutete jeder Zentimeter etwas Großes. Da ist vielleicht schon alles, alles gesagt, was wir Physiologen, Psychologen und Somatologen – ach was! – was wir Schüler des Menschlichen seit Jahrtausenden suchen. Da ist es vielleicht so deutlich ausgesprochen wie die Zeit am Zifferblatt, so daß man nicht erst jedes Rädchen und Schräubchen und Umschalten der Arbeit im lebendigen Innenwerk totmachen und zerlegen muß. Neben dem allgemeinen medizinischen Lehrgang verfolgte ich diesen Seitenweg mit wachsender Liebe, und ich bedauerte, daß der Marsch auf der Hauptstraße mir so wenig Muße zu jenem vielleicht noch nützlicheren Abstecher gestattete. Bei diesen Knochenstudien war mir eine geordnete, lebhafte Phantasie von unschätzbarem Wert. Ich bekleidete nach und nach so ein Gerippe in der Anatomie mühelos und gewiß nicht unwahr mit seinem Fleisch und Blut. Und umgekehrt schälte ich das schöne warme Gewand der Sinnlichkeit von den straßenwandelnden Menschen ab und erblickte ihre steifen Gerippe. So gewöhnte ich mich, die Formen des Lebens am toten Gebein und die Formen des Gebeins am wandelnden blühenden Fleisch zu schauen. Und durch die unzähligen Entdeckungen und Folgerungen, die man aus dem Vergleich des Starren mit dem Flüssigen, des Gerippes mit dem Leben, des Knochens mit dem Geist an einer und der nämlichen Person macht und die in ihrer Buntheit doch ein geschlossenes Gesetz darstellen, kommt es ganz von selbst, daß man gelassener über das menschliche Gebaren urteilt, weil das Böse nie so böse verschuldet und das Gute nie so gut verdient ist, indem der Knochen mit seinen Wölbungen und Gruben wohl mitgeholfen hat. Oder haben etwa dieses eng verstemmte Gebein nicht den Eigensinn, jener grandiose Bogen nicht den erhabenen Schwung der Gedanken unterstützt? Hier sind die Schläfen eingedrückt, und wahrhaft, der Mann hatte seine liebe Not, ein eigenbrötlerisches, geiziges Wesen nicht aufkommen zu lassen. Aber dem gewaltigen Hinterkopf dort ist ein schwerfälliges und hinterhältiges Leben zuzumuten . . . Wo ist wohl, fragte ich mich, jene Anordnung des Schädels zu finden, die Tücke und Katzenhaftigkeit, und wo die andere, die einen offenen, sichern Charakter begünstigt? Und immer, wenn ich an solchen Sachen herumgrübelte, nahm ich von Regina und Pauline wieder ein Pfündchen Verschuldung weg. Freilich, das war Fach und Wissenschaft. Gar oft stellte das Leben außer dem Hörsaal mir wieder alles auf den Kopf. Eines Tages wurde uns auf einer Studienreise in einer alten deutschen Stadt der Schädel eines berühmten historischen Taugenichts gezeigt. Er hatte gezankt, gemordet, geplündert und sich dabei immer im Recht geglaubt und war dann unter stundenlangen Feuer- und Messermartern wie ein Held gestorben. In der Politik verfemen ihn alle heutigen Parteien; aber in der Anthropologie, das sah ich nun schlagend, mußte der Unselige schonender behandelt werden. Es lag eine Größe und Festigkeit in diesem Schädel und eine flinke, rastlose Freude, jetzt hier, jetzt dort etwas Buntes zu treiben. Hätte man nun diesen Menschen mit seinen prachtvollen Eigenheiten so, wie schon äußerlich Stirne, Schläfenbein und Kinn, kurz die ganze Sprache seines Schädels heischte, auf ein tüchtiges und angepaßtes Ziel gerichtet, wie groß stände er heute in den Büchern! Aber da gab es noch keine Anthropologie und keine ihr gemäße Pflege und Erziehung – gibt es das heute? – und so genügte ein Steinchen im Weg oder ein mißverstandenes Wort, diesen genialen Burschen auf so ungeheuerliche Abwege zu bringen . . . »Beachten Sie wohl, meine Herren,« sagte unsere Autorität, »was die Hauptmerkmale dieses Kopfes sind: alles geht sich nahe, packt sich fest, greift ineinander, klemmt sozusagen Bein in Bein. Es herrscht die Tendenz, sich zäh zu verschließen, nicht froh zu öffnen; die Geste des Zuklammerns, nicht die des Ausgebens, drückt dieser historische Schädel aus.« – Das wies uns nun der Professor scharfsinnig an hundert Merkmalen von den Occipitalia an bis hinunter zum Kinnhöcker nach – »Und so war die Politik dieses Kopfes einst gewesen, zäh und hart und mit Leib und Seele in das, was er einmal für recht ansah, verklaubt und vernarrt, mochte es noch so verrückt sein, so daß er lieber sich zu Tode foltern als zum allerkleinsten Zugeständnis bewegen ließ – standhaft wie ein Bär!« Wieder fragte ich mich: Und Regina? Ihre geschmeidigen Knöchelchen werden wohl auch so instrumentiert sein, daß es eben die mir so verhaßte Musik geben mußte. Aber es könnte wohl auch, wie beim Helden da, eine andere Musik geben. Und wahrlich, das ist nicht allein ihre Schuld, daß nur die eine Tonart spielt, diese zänkische, lügnerische, katzenfalsche, sondern da ist wohl auch die Mutter mitbeteiligt, der Vater im Irrenhaus und noch hundert und hundert Leutchen mit hundert und hundert Kleinigkeiten. Ich bin sicher auch vom ersten Schulbänklein an gehörig mit dabei. O Gott, was will ich einen lebendigen Menschen hassen, dem die halbe oder Dreiviertelssünde durch Erbschaft und Anerziehung und durch uns Mitlebende alle aufgehalst und erst noch durch so bequeme und verführerische Knöchlein in den Weg geleitet wird! Wie wenig gibt es da zu strafen und wie viel minder noch zu hassen! Mit diesem guten Gedanken kehrte ich heim. Zwei Briefe lagen auf dem Pult. Der eine kam von Ilgis und enthielt die offizielle Verlobungskarte meines Freundes. Anderthalb Jahre ruhe sein Vater im Grabe. Er hoffe, ihm mit diesem Papier nicht mehr weh zu tun. Die Anverwandten wehrten und ermunterten nicht. In den nächsten Wochen komme er zum Examen in die Stadt herunter. Zum letztenmal! Dann rüste er sein Staatshaus zum Einzug der Braut. »Gehe hin und tue desgleichen!« schloß er. Der Spaß machte mich nicht lachen. Ich hatte meinen einzigen, unendlich lieben Freund für immer verloren. Indem ich das erwog, zerstoben alle anthropologischen Barmherzigkeiten wie Spreu. Nun war die Katze am Ziel. Sei's denn! Ich will all das vergessen. Brief und Karte warf ich ins Ofenfeuer. So, sagte ich, als die verkohlten Fetzen zur Asche verfielen, so soll mein Gedächtnis an euch erlöschen! Unwirsch riß ich den zweiten Umschlag auf. Aber bei den schönen, runden Wörtlein und zierlichen Zeilen wurde ich sogleich sanfter gestimmt. Das kam ja von der Schwester aus London. Pauline wollte Lehrerin und Erzieherin werden. Seit Jahren arbeitete sie daran. Nun weilte sie schon lange in einem feinen englischen Institut als praktischer Lehrling und hatte sich so tief und herzlich bei den blaßhaarigen kleinen Misses eingenistet, daß sie nicht einmal auf Weihnachten oder in den Sommerferien heimkam. Viel schöner kam ihr Christabend und Sommerfrische mitten unter den lieben Zöpfchen vor, mit denen sie lesen, rechnen und so drollig runde Buchstaben in die Hefte schnörkeln mußte und mit denen sie daneben wie die Jüngste der Jungen hüpfte und Kurzweil trieb. Sie hatte fast nie Lust, ein Brieflein zu schreiben. Aber Karten mit langen, magern englischen Kindsköpfen bekam ich die Stube voll. Von Theodor vernahm ich, daß Regina erst einen Brief, und zwar einen zehnzeiligen, nichtigen, aber Dutzende solcher langweiliger, langhalsiger Mädchengesichter bekommen habe. Das war leicht zu fassen, und ob es mir auch nichts mehr half, freute ich mich doch darüber. Pauline spielte jetzt selber die Rolle eines Mütterchens und einer lieben Meisterin bei achtundsechzig Töchtern! Wie hätte sie da noch von Regina bemuttert und gemeistert werden mögen! Auch der Brief, den ich von Pauline erhielt, zählte kaum zehn Zeilen. Er klang treuherzig, aber auch kolossal selbstsicher. Elfchen teilte kurz und wie selbstverständlich mit, daß sie das erste englische Lehrerinnenpatent erhalten habe und nun schon im Hause neben der allmächtigen Oberin ein eigenes, kleines Zepter schwinge. Das zieme sich ja auch. Aber ewig bleibe sie doch nicht auf der Insel dieser Beefsteak-Menschen. Wenn sie alles gelernt habe, was man diesen trefflichen Briten abgucken könne, dann wolle sie irgendwo in einem obstreichen Tal unseres kleinen Vaterlandes, an einem gemütlichen, kleinen Gondelsee ein eigenes Töchterhaus führen und mit der prächtigen englischen Freiheit – einer Freiheit groß und frech, aber auch kalt wie die Freiheit der Fische! – die liebe vielwinklige Gemütlichkeit der deutschen Stube verbinden. O, sie führe Großes im Schilde! Sie schreibe sogar an einem Buch über englisch-deutsche Erziehungsfreiheit, sie werde bald über den Kanal und alle andern irdischen Kanäle hinaus berühmt und ohne Zweifel den Professortitel von Oxford eher als ich meinen ordentlichen medizinischen Doktorhut erhalten . . . Das war Scherz. Aber es erinnerte mich an meine Langsamkeit. Auch stimmte es mich doch ernst, daß alle diese nächsten Bekannten die Nomadenzelte ihrer Jugend abbrachen und sich in ein festes Haus und in einen soliden unverrückbaren Amtssessel verschanzten. Mein Elfchen doziert schon vom hohen Pult herab, Theodor siedelt sich bald mit seiner Gattin im alten Herrenhaus zu Ilgis an und wird ein stattlicher Ratsherr da oben in den Bergen. Auch Willi Leimers, Gottfried Diener, Jost Sulzer und andere Kameraden waren bereits besoldete Philister geworden und sagten um halb zehn Uhr im Stammlokal: »Ich muß heim – aufs Ohr! Morgen um sieben beginnt meine Arbeit!« Selbst unser Echino Gonzal Deflores ging durch ein glanzvolles Examen sogleich in eine sehr fleißige, von Schreibmaschinen, Dublikaten und Audienzen erfüllte Advokatur, die nur dann und wann von der Verteidigung einer waghalsigen und blutigen Sache wie von einem Blitz durchfunkelt wurde. »Ich habe mich ausgelümmelt,« sagte er einst vor der Aufführung der Maria Stuart, indem er seinen wunderbaren Pelz ablegte, zu mir, »und der böse Bube wird nun ein ganz anständiges und nützliches Glied des Staates. Ich rühre keine Karte und kein Mägdlein mehr an und besuche nur noch Tragödien!« Das war nicht aufs Strichlein wahr, und seine heißen, rauchenden Lippen verrieten den alten Sünder; aber er spielte wirklich nicht mehr Hasard und ward auf keinem Tanzboden und in keinem anrüchigen Gäßlein mehr gesehen. So fiel eine Säule um die andere an meinem poetischen Jugendtempel. In unserem Korps verschwanden die alten, trauten Gesichter aus dem Haufen neuer, frischblütiger Herrchen, die uns beinah' wie Gnadenbrötler und alte Pfründner ansahen, denen eigentlich nur noch ein halber Sitz zukomme. Auch unser mehrjähriges, unvergleichliches Präsidium, das wir seiner Beredsamkeit und Flinkfüßigkeit wegen Merkur tauften, schien mein Gefühl zu teilen und legte eines Abends seine Chargen nieder. Aber wie war ich entsetzt, als er auf die knabenfrische Antrittsrede des neuen Präsidiums mit einer fast großväterlichen Langsamkeit antwortete und sich zugleich von der Aktivitas verabschiedete! »Kommilitonen,« sagte er, »ich gönne den Jungen die lustigen Semester; aber gönnt auch uns Alten die Pantoffel unter dem Ofen, den bezottelten Hausrock und das ideale Mittagschläfchen auf dem Sofa! Gönnt uns die Nacht, wenn wir tagüber die Arbeitsmaschine müd getreten haben. Das Schlafen ist doch das beste! Und wir haben soviel aus der Studentenzeit nachzuholen, mehr als hundert wilde, unverantwortliche Nächte. Laßt uns die Dummheiten und Flegeleien, die ihr noch golden preist, für immer ausschlafen, damit wir jeden Morgen ein bißchen kühler und weiser erwachen! Laßt uns . . .« Weiter hörte ich ihn nicht an. Ich lief zur Kneipe hinaus. Das reute mich später, als ich vernahm, dem Ex-P. C. seien so viele Bierjungen angehängt worden, daß er bis weit über Mitternacht daran genug zu trinken bekam; danach habe die hohe Corona erst noch die Lichter gelöscht und einen Totensalamander auf ihn gerieben. Aber er war wirklich vereinstot. Das überwand ich lange nicht. Also auch Merkur rupfte sich die göttlichen Schwingen von den Füßen, setzte und mästete sich auf der Philisterweide und ging im plumpen, fetten Haufen unter! Die letzte Säule war gefallen. Ich schämte mich für diese Philister und schämte mich doch auch, weil ich allein noch kein Philister war. Nicht weil ich elastischer, sondern vielmehr weil ich weit schwerfälliger als alle meine Genossen war, blieb ich doch noch vier emsige und bedächtige Semester im grünen Land der Burschen. In dieser grämlichen Zeit des Übergangs, viel später als in allen Freundesbuden, erschien endlich eines schönen Tages auch auf meiner Schwelle jener lose, furchtbare Knabe mit dem Köcher und den herzdurchbohrenden Pfeilen. Plötzlich stand er da, flog herein, flirrte und schwirrte voll Gefährlichkeit um mich, und bald war meine Philosophenstube von den Kümmernissen und Entzückungen der ersten Liebe voll. Bierzipfel und Cerevis und Doktorhut und Totenschädel und Regina und Elfchen und alle Freunde verdämmerten wie in einem tiefen, fernen Nebel. Und wenn ich mich heut recht auf jene Zeiten besinne, so scheinen mir auch diese Liebschaft mit Ursula Horat, die Hochzeit und die drei Sommerjahre der Ehe wie ein zerfließender, rosiger Nebel in der Landschaft meines Lebens, während die Geschichte mit Regina Lob dahinter wie ein hohes, unverrücktes Gebirge stehen bleibt. *           * * Aber sieh da, schon hab' ich die Gelassenheit des Erzählers verloren und unbillig vorgegriffen! Wo hab' ich nur den Faden? Indem ich danach taste, wie eine greise, kurzsichtige Spinnerin nach den zerrissenen Enden, erinnere ich mich, daß ich ja in der Eisenbahn sitze und alle diese lieben und bösen Dinge weit hinter meinem Rücken habe. Ich hatte die Vergangenheit geträumt. Etwas war doch davon übriggeblieben, mein herziges Mimeli! Da stand es noch immer aufrecht am Fenster und las die Natur von Gesicht zu Gesicht, wie nur der allwissende Gott da oben und die einfältigen Kinder hier unten das können. Was dazwischen kriecht, ist verdorben (ein ganz reiner und natürlicher Dichter vielleicht ausgenommen). Wir fuhren gewiß schon die dritte Stunde landauf. Ein magerer Schnee lag wie ein abgebrauchtes und zerlöchertes Armenhemd über der Erde. Die Bäume standen grau und leer da. An den mittäglichen Halden war der Schnee völlig zerronnen, und die nackte, farblose Wiese ward bloß. Aber die Hügel trugen noch einen makellosen Winter auf ihrer Schulter. Hohe, feine Nebel lasteten in der Luft und narrten die Sonne und die Menschen, indem sie sich ein wenig lüfteten, so daß man schon einen Tropfen Licht fühlte und »Guten Tag, Frau Sonne!« grüßen wollte. Dann verwoben sich die Wolken wieder rasch, und es dünkte uns finsterer als zuvor. Heute wird es früh nachten da unten. In Ilgis freilich, so hoch im Gebirg, haben sie jetzt sicher einen gewaltigen Sonnenschein. Endlich hat Mimeli genug gesehen und gesonnen. Es verschlüpft sich in meinen Arm, schließt die Äuglein und nickt sogleich ein. Sagte ich es nicht: Wie ein Schwälblein! Ich aber spule am großen Werg der Vergangenheit weiter . . . Genau an einem solchen Nachmittag, im gleichen schmutzigen Hornung, auf der gleichen Schiene, bin ich vor neun Jahren nach Ilgis hinauf zur Hochzeit des Weggisser gefahren. Das war reichlich drei Semester vor der jähen Visite Amors, also zu einer Zeit, wo ich noch ganz und gar der Freundschaft lebte und mich mit allen Fasern meines Wesens an unserer Burschenschaft festsog, einem Efeu ähnlich, der einen starken Turm mit tausend innigen Trieben umschlingt. Zwischen der Verlobungs- und Trauungskarte lagen nur drei Monate. Das war eine Zeit, wo Regina niemand als Theodor und Theodor niemand als Regina und seine Bücher anschaute. Es ging ein erstaunlicher Klatsch über die Braut und ihre Eifersucht um. Er studiere in ihrem Nähzimmerchen. Sie schreibe ihm die Hefte ins Reine und frage ihn ab. Für ihre Freundinnen war sie in jenen Tagen nie zu haben. Die seltsame, hitzige Zärtlichkeit für meine Schwester schien sich jetzt zu aller übrigen Liebe in einer einzigen, großen Leidenschaft über Theodor zu entladen. Baldur bestand die Prüfungen wider Erwarten fein. Es rollte wie Donner durch den Professorenring, wenn er eine Antwort gut wußte und mächtig ins Breite auslegte. Und wußte er keinen Bescheid, so warfen seine muntern, blauen Augen so ungeheure Blitze ins Gesicht des Fragers und sagten so freimütig: »Na, wie kannst du mich so peinlich verhören? Jus Aelianum? Was soll das? Nützt es dir, nützt es mir? Also denn! Sei so gut und frage mich über das Eherecht und über die Folgen der Mündigkeit und über die Rechtslage, die durch eine Hochzeit geschaffen wird – das betrifft mich – und treibe keine Sottisen mit mir, du Zwerglein, sonst . . . Schau' mich ordentlich an!« daß die Examenherren sich wirklich ihres vielschachteligen und spitzmausigen Firlefanzes schämten und, von dem Prüfling unwiderstehlich angezogen, in die große, saubere Allgemeinheit hinausruderten und mit einer ihnen sonst fremden und ungeheuerlichen Einfachheit fragten: »In welchem Alter kann ein ordentlicher Schweizer heiraten? – Gut! – Was ließen sich hier für soziale Ausnahmen im sittlichen und sozialen Sinne geltend machen? – Sehr richtig! – Vielleicht sagen Sie uns noch, welchen Bestimmungen die Mitgift der Frau unterliegt? – Zutreffend, durchaus zutreffend! – Meine Herren Kollegen, ich denke, wir können schließen . . .« Nun Händedruck, Gratulationen – »Ruhen Sie sich vorerst tüchtig aus!« – und die höflich herablassende Frage des Erziehungsdirektors: »Wo gedenken Sie nun, Herr Doktor, Ihre Rostra aufzustellen?« Und der neue, noch ungewohnte und darum so süße Ruf Herr Doktor rechts, Herr Doktor links, Herr Doktor von allen Seiten! Ein paar Tage besitzt er den Sonntagston. Später, ach später klingt er langweilig wie irgendein werktägliches Gebimmel . . . Der junge Doktor sollte großartig in einer Kneipe von purem Schaumwein eingesegnet werden. Wir Bockianer liebten ihn alle ja noch genau wie früher. Einst wie Held Gottfried im Feld, jetzt wie Gottfried im Banne Armidens. In dieser Kneipe wollten wir alle Register am Orgelwerk unserer Freundschaft ziehen, ihn geradezu überwältigen. Er sollte sehen, daß neben einem Weibe auch der Kamerad stattlich bestehen kann, und er mochte immerhin seine Zärtlichkeiten dieser Frau, uns aber seine kecke Männlichkeit erhalten. Das Präsidium würde also eine seiner funkelnden Reden losbrennen, der Komiker Mock würde die Ballade vortragen: »Baldur auf Walhalla«, und man sähe, wie unser junger Doktor sein Diplom dem alten Wotan und der herben Ertha vorzeigte. Dann würde gesungen, die Pfropfen müßten knallen, und endlich käme meine rührend lose Erfindung: der Fuchsmajor erhöbe sich nämlich mit wallendem Federbusch und schilderte den Lebenslauf unseres Weggisser von den ersten zarten Fuchsspuren bis zum regierenden Burschen, und da kämen die Füchse, einer um den andern, vor den Gefeierten und legten ihm auf silbernen Platten, genau im Takt der prächtigen Lebensskizze, alle seligen Erinnerungen in natura vor, so seine erste Studentenmütze, die in meinem Kasten lag, mein berühmtes Tintengeschirr, aus dem wir zusammen die ersten falschen Imperfekta und Perfekta gekleckst, aber auch den ersten Liebesbrief zusammengeschustert hatten, dann die erste quittierte Rechnung wegen zertrümmerter Straßenlaternen und erschossener Katzen, jetzt das verschwitzte Stenogramm seiner ersten verunglückten Pauke – denn er konnte wundervoll plaudern, aber keine Rede halten – jetzt das Rasiermesser und die Bartsalbe, die er erstmals gebraucht, weiter zwei Hosenknöpfe, die er im siegreichen Hosenlupf mit drei Polizisten verloren hatte und die wir wie die Reliquien eines Heroen in der Schatzkammer des Vereinshauses aufbewahrten. Zuletzt – natürlich von Gonzal Deflores aufgesetzt – käme ein ellenlanges Verzeichnis der breiten und schmalen Weiblichkeiten, denen er mit mehr oder minder Getöse den Hof gemacht. Mitten drin in der Papierschlange läge ein feines, uraltes Körblein, von dem Echino versichert, es sei von den Sklavinnen ihrer Plantage auf Cuba geflochten worden. Dieses boshafte Ding stellte den einzigen Fall dar, wo Baldur von einem Mädchen großartig abgefertigt worden war, man denke, von Echinos Schwester Christina, die so stolz und schön wie der Bruder, aber so ernst wie er lose war . . . So müßten alle diese drolligen und doch ergreifenden Kleinigkeiten vor ihn gestellt werden und er sollte sehen, was das für ein tüchtiges Leben war und wie grob er sündigte, wenn er ihm für immer den Rücken kehrte. Ja, er müßte im Angesicht der vielen soliden Zeugen geloben, die Bockianer jeden Oktober, wenn der Sauser aus den Fässern singt, in sein Bergdorf zu einem gastlichen Nachmittag zu laden. Und erst, wenn der Schwur in die Hand des P. C. geleistet, würde unser kleines Fuchsenorchester aufrücken, wo Bursche Gonzal mit seiner süßesten Primgeige regiert und jedem, der eine Note fehlt, mit seinem Herrenschuh einen Tritt versetzt. Aber das merken nur die armen Füchse, und wir andern bekämen Theodors Lieblingsstück zu hören: den Krönungsmarsch aus dem Propheten. Und das Schönste: den ganzen Abend keine Silbe von der Zigeunerin! Als ich mit zwei Hornfüchsen im vollen Wichs Baldur abholen wollte, hieß es, wir müßten ihn bei Lobs suchen. Gut, also dorthin, wenn schon klopfenden Herzens! Da saß er im Salon, seine Riesentatzen mit Reginens langen Händen verknüpft, und lachte uns wie aus einer Verzauberung an. Godefredo bei Armida! Wir brachten unsere Einladung vor. Sie rührte ihn. Aber Regina warf uns ungute Blicke zu. »Das ist schade,« sagte sie mit ihrer tiefen Altstimme, »ich wollte diesen Abend am liebsten dich hier still und allein haben, Thedi« – ich sah wohl, wie sie dabei sein Handgelenk fester preßte – »diese Stürmer haben dich doch lange genug gehabt! Soll denn eine Braut weit hinter dem Flaus kommen?« »Bah, bah!« scherzte Theodor und küßte ihre Hand. »Sie irren sich wohl, Fräulein Lob,«sagte ich höflich und zum erstenmal das kühle Sie gebrauchend, »auch wir Bockianer glauben, die Braut gehe allem voran. Es handelt sich hier doch auch nicht um das. Wir folgen nur der alten, ehrenwerten Korpssitte, daß ein neuer Doktor an seinem großen Tag in unserem Kreis gefeiert wird. Nachher« – ich verneigte mich mit leisem Spott – »nachher gehört er Ihnen ohne Pause!« »Wie gütig!« spann sie im gleichen spöttischen Ton fort, wurde aber dabei unter dem feinen, schwärzlichen Flaum ihrer Wangen womöglich noch härter und dunkler in ihrer Bronze. »Aber könnten wir, sehr verehrte Herren, denn nicht den Abend gemeinsam genießen? Ja, ich lade Sie gleich ein, die ganze Corona hierherzubringen. Sie dürfen hier poltern und die Schläger schmeißen wie im Stamm, und ich will auch alle unsere gemeinsamen Damen herbestellen . . . Wie? Wollen Sie?« Ich schnitt unwillkürlich ein höchst verlegenes Gesicht. Das war so nicht mehr das gleiche Fest. Heut abend konnten wir keine Jungfern und dieses Bronzefräulein schon gar nicht brauchen. Heut mußten wir unter uns sein, nur Burschenhosen, Burschengesichter, Burschenherzen! »Ich verzichte auf meinen Spinnabend mit dir!« lachte Regina wie aus einer Erzglocke heraus und drückte Baldur noch inniger an sich. »Aber nun sollen auch deine Freunde eine kleine Gnade gewähren!« »Fräulein Lob,« sagte ich endlich bedrückt, »Ihre Einladung ist großartig und macht Ihrem bockianischen Herzen alle Ehre . . . Aber es bleibt doch immer ein großer Unterschied zwischen einer Stammkneipe und einem – Gesellschaftsabend – oder Familienfest oder wie ich es nenne. Dürfen wir morgen, übermorgen kommen und Ihre Gastlichkeit genießen? Der heutige Abend ist vergeben, alles ist vorbereitet, Baldur muß kommen!« »Muß?« läutete die Altglocke heftig. »Du mußt wirklich? Ist das die sogenannte Burschenfreiheit?« Sie lehnte sich fest an ihren Geliebten. Baldur fühlte sich zwischen uns Streitern wohl wie ein schöner Kater an der Sonne, den eine Hand rechts und eine links streichelt, weil ihn alle so lieb haben. Macht das unter euch aus, und wer Meister wird, dem schenk' ich den Abend, dachte er bei sich. »Gewiß, Fräulein, das ist Burschenfreiheit,« versetzte ich spitziger, als mir selber lieb war, »von der schönsten der schönen Zauberinnen sich jeden Augenblick losmachen und sagen können: Frei ist der Bursch! Ich geh' ins Stamm . . .« »Bravo, bravo!« lachte Regina und klatschte in die langen, braunen Hände. »Sie sind immer noch jener Dichter, der Mediziner werden will . . .« »Ich verdanke das Kompliment pflichtschuldig, schöne Regina Lob; aber hierher bin ich weder als Poet, noch als Mediziner, sondern wirklich nur als Busenfreund meines Baldur gekommen!« »Busenfreund!« Ich sah, wie sie aufzuckte und ihre Aufregung nicht anders verbergen konnte, als indem sie der Dienerin die Platte mit Wein und Backwerk abnahm und uns zu servieren begann . . . Freund! Das war das verhaßte Wort! Keine Freunde sollte es mehr für ihren Baldur geben, nur das Weib, das untrennbare Eheweib! Freund! Was lag doch Bitteres und Eifersüchtiges für eine Braut in diesem Wort! Eine Nacht voll stürmischer Kameradschaft – Baldur in unsern Armen – trinkend aus unsern Gläsern – schwärmend von den alten Seligkeiten, wo sie noch nichts in seinem Dasein bedeutete – und, weiß Gott, in der Begeisterung des Abschieds auf die Lippen geküßt, hier von einem Milchgesicht, dort von einem bärtigen Leibburschen, auf die Lippen, die doch nur ihr gehörten! Ihre Bronze wurde noch finsterer, ihre Augen schräger, so recht zigeunerisch; sie zitterte beim Einschenken des Weines und verschüttete davon in der Angst, sie könnte sich nicht schnell genug wieder neben Theodor setzen. Ich sah, wie sie auf die Stühle acht gab und es so einrichtete, daß der schmächtige, mädchenhafte Fuchs Zio zwischen mich und Theodor zu sitzen kam; aber damit auch dieser bildhübsche Junge nicht zu nahe rücke, hatte sie das Rauchtischlein eingestellt, während sie die andere Seite hart neben Baldur belegte. Und ich sah, wie sie darauf hielt, daß unser Freund zuerst und zuletzt mit ihr anstoße. Und noch viele solche Kleinigkeiten erwischte ich. Keinem andern fielen sie auf als mir, weil auch ich in den kindischen Zeiten der Freundschaft und der Bruderliebe an so unsinniger Eifersucht gelitten hatte. Eigentlich waren Regina und ich einander immer sehr ähnlich gewesen. Denn ich fühlte wohl, wollte ich aufrichtig sein, daß ich gerade so wenig als die Jungfer neben einer ernsten Liebe noch mitschmarotzende Freunde duldete. Aber zurzeit war ja mein Herz ganz frei. Und so gab ich mir keine Rechenschaft darüber, sondern hielt Regina für eine häßliche, engherzige Tyrannin. Sie fragte mich, wie es meiner Schwester gehe, und erwiderte auf meine guten Auskünfte höflich und ganz äußerlich: »So! Die macht sich! Die sehen wir nicht wieder!« War also alles Taubenschnäbeln mit Elfchen Theater gewesen, um mich zu quälen? Oder wenn es etwas galt, war es dann nicht wie eine katzenhafte Sinnlichkeit verflogen, sobald man nicht mehr streicheln und schlecken konnte, und war nun ganz und gar auf diesen einen flotten Kater übergegangen, den sie so fest am Pelz hielt? Das Blut schäumte mir bis in den Wirbel vor Haß und Wildheit gegen diese dunkelgefleckte Kätzin. Unleidlich wurde mir in dieser Stube! Meine Füchse jedoch ließen es sich wohl sein, tranken und knackten Mandeln auf und ließen sich von Regina mit Schmeicheleien über ihre frische Jugend und muntere Schneidigkeit wie Narren einschmieren. Sie liebten diesen roten, süßen Wein wie alle zarten Füchslein und tranken tapfer jedem Sprüchlein zu. Und sie fingen an, mich unter dem Tisch mit den Stiefelspitzen zu stupfen und mir bittende Blicke zuzuwerfen, daß man doch diesem schönen, lieben Fräulein nachgebe und abends hierher komme, wieder zu so blutigem Wein, zu so süßen Mandeln und zu so bezaubernden Komplimenten. Regina beachtete mich nun nicht mehr. Sie plauderte nur noch mit den Füchsen und hielt sich dabei wie zum Schirm an Theodor. Oder nein, es war eher wie das Umwinden einer Schlange zu schauen. Und als sie ihn fest genug umschlungen und von ihrer Wärme erfüllt glaubte, sagte sie gelassen: »Nun, Thedi, was meinst denn eigentlich du? Um dich streiten wir ja. Sollen die Herren Bockianer nicht zu uns kommen? Alle miteinander?« »Mich dünkt es hier prächtig,« antwortete Baldur ausweichend und blähte sich vor Behagen. »Und,« fügte er etwas zögernd bei, da er meine ängstlichen Augen traf, »auch bei euch gäbe es einen stattlichen Hock, wie immer. Es ist fürwahr schwer,« stotterte er voll Spaß weiter, »daß ich nicht wie unser Herrgott an zwei Orten zugleich gefeiert werden kann . . . Ich weiß wohl, was ich euch schuldig bin,« sagte er uns Bockianern, »und es wäre eigentlich wohl . . .«– Er spürte einen so bebenden, bangen Armdruck Reginens, daß er nicht weiter in der gefährlichen Bockrichtung steuerte – »Und was ich dir gar erst schulde, weiß ich auch,« schloß er zu Reginen. Wir aber wußten jetzt nicht mehr als am Anfang. »Wie einfach also,« redete sie ein; »wenn das eine schön und das andere gut ist, so packt mau doch am besten beides!« Sie sah uns mit sehr sicherer Miene an; aber ich hatte nicht überhört, wie ein leises Zittern durch die Glocke ging wie eine Angst, daß ihr Schatz am Ende doch noch schwankend und schwach würde. »Könnten wir denn nicht,« warf jetzt der jüngere, mägdliche Hornfuchs lispelnd ein und blickte dabei schüchtern zwischen unsern Gesichtern vorbei, »den liebenswürdigen Vorschlag der Dame im Stamm vorbringen? Ich glaube, viele . . .« »Das geht nicht, das verstößt gegen alle Korpsgesetze,« schnitt ich scharf ab. »Gesetze! Nun sind Sie gar Jurist! Bitte, lieber Walter, Sie spielen ja alle Fakultäten durcheinander! Nur was Sie einer alten Kinderbekanntschaft schuldig sind, vergessen Sie beharrlich! Sie . . .« »Wir könnten wohl,« rief der Fuchs schon viel dreister, »die Musik und die Gedichte und die andern Überraschungen hierherbringen und . . .« »O das wäre köstlich, ja, das müssen Sie, das müssen Sie!« lachte Regina und faltete die feinen Finger des Füchslein Zio in ihre langen Hände, wie zum Danke. »Sie sind ein goldener Fuchs, ein scharmanter Fuchs, Sie werden bald Fuchsmajor sein . . . Nun, Walter, da gibt es gar keinen Ausweg mehr!« Sie erhob sich straff und ernst. Das war das Zeichen, daß wir fertig wären. »Gut, Fräulein Lob, wir wollen es vorbringen,« versprach ich tonlos und in der Stimmung, zuerst den Hornfuchs niederzuwürgen und dann alle Weiber samt und sonders zum Teufel zu jagen. »Also ein Fest, ein richtiges Fest werden wir zusammen feiern,« sagte Regina zu Theodor. »Nun sei so gut, Walter, und bringe deine Flöte mit, und ich will sorgen, daß für Gonzal eine würdige Geige bereit ist. Dann spielt ihr meine Lieblingsmelodie, nicht wahr, du tust es?« Und sich in ihrer großen, schlanken Zigeunerhaftigkeit auf und abwiegend, summte sie leis und glockentief: » La donna è mobile  . . .« Und doch, wie unbeweglich fest war diese Frau! Dann reichte sie mir heiter die Hand, und mit jenem alten, unbeschreiblichen Blick des Triumphes, mit dem sie einst Gonzal fortgetrieben hatte, begleitete sie mich zur Türe hinaus. Ich erkannte diesen Blick sogleich wieder. Und ich wagte auf der Straße nicht zurückzublicken. Denn mir war, ich würde diesen Blick ertappen, wie er sich hinter mir wie eine Schlange nachringelt. Im Bock rüstete man wütend ab. Reginens Vorschlag empfanden alle Burschen als eine Ohrfeige. Über Baldur wurde für ein Jahr Bierverschiß verhängt, und dem dreisten Füchslein Zio hängte man zur Strafe für seine eigenmächtige und weichliche Politik das Burschenband zwei Semester höher. Endlich strich man auf meinen rachsüchtigen Antrag Fräulein Lob aus der Tafel der Ehrendamen. Gonzal war frech genug, diesen Beschluß der Jungfer auf eine geistreiche und boshafte Weise mitzuteilen. Er sandte ihr nämlich die Flötenpartitur des » La donna è mobile «. Aber statt des üblichen Textes stand unter den Noten nur »O wie betrügerisch sind schöne Knaben – da sie ihr Mägdelein – lebend begraben!« Regina verstand den bösen Sinn lange nicht. Dann steckte sie das Papier ein. Von dieser Schmach sollte Theodor nichts erfahren, bis sie verheiratet und felsenfest droben auf Ilgis thronte. Aber dann – Gonzal und Walter, hütet euch! Meine Genossen gaben Baldur jetzt auf. Ich aber wollte ihn nun erst recht nicht loslassen. Und auch die Hexe wollte ich noch einmal tüchtig in die Katzenseele treffen. So beschloß ich, an der Trauung teilzunehmen. Was hab' ich da gesagt? Katzenseele? Stimmte das Wort noch? Dieses Mädchen besaß doch auch Treue. Es liebt Theodor standhaft, es wird nie von ihm lassen. Aber sind denn nicht alle Katzen so? Für eines lassen sie das Leben, und alle andern zerkratzen sie. Ich gehörte zu den Zerkratzten, die ganze Bockia gehörte dazu. Das heischte Rache. Aber die Zeit mäßigte meine Gefühle. Der Totenschädel mit seiner ungeheuren Ruhe kam dazwischen, dieser ausgebrannte Krater, und ließ mich nach und nach kühler werden. Besonders eines Tages, als ich an einer mächtigen Schale sozusagen die heißen Windungen des Gehirns nachzufühlen suchte, schien es mir, als spräche mich der Geist aus diesem lehmigen Knochen an: »Was hast du doch nur für heiße Finger! Ruhe, Freund, Ruhe!« »Du hast gut reden,« erwiderte ich. »Bleib' warm, aber ruhig! Hitze frommt nichts. Das weiß ich!« »Was ist der Mensch ohne Hitze?« redete ich ein. »Gesund!« Ich stutzte. »Gesund? Ach, so reden die Toten in ihrer Kühle!« »Du brauchst nicht erst zu sterben,« sprach es weiter, als hätte es meine Gedanken gelesen; »das merkst du auf deinen warmen zwei Beinen oft genug! Nichts ist dümmer als Hitze!« »Was heißest du denn Hitze?« »Den Zorn und den Streit, die Gier und den Rausch . . .« »Das wird ein langes Gebet,« wollte ich spaßen. »Den Argwohn und die Eifersucht, die stille, beharrliche Bosheit und die Rachsucht; rechne dazu das ewige Fürsichnehmen und Fürsichbehalten, was andern gehört . . .« »Nun wird es eine richtige Predigt! Aber du hättest sie selber profitieren sollen!« »Ich habe nie einen Schädel in der Hand gehabt!« kam es ernst zurück. Das erschütterte mich. Ich wußte nichts zu sagen. »Nun aber weiß ich, welch ein Narr man mit allen seinen Hitzen ist! Du merk' es früher! Sieh doch: eine Hitze löscht die andere und lacht sie aus! Sagt dir das nicht genug?« »Wie meinst du das?« »Zuerst liegst du im Schoß der Mutter oder einer Schwester, die wie eine Mutter ist, und willst nicht mehr vom Leben. Aber dann springst du einmal doch von ihren Knien zum Freund, und eine gescheite Mutter versteht das und grämt sich nicht. Und dann kommt das Weib, und du lässest auch den besten Freund stehen . . . Und ein gescheiter Kamerad lacht darüber.« »Du hast wohl recht,« dachte ich zaudernd, »er sollte darüber lachen!« »Und dann kommt der Beruf, die Arbeit, das große Volk, kurz, die Maschine des Lebens. Und das Weib steht hinter dem Vorhang und sieht dem Mann verstohlen nach, wie er in alle diese Philisterei springt – jeden Tag! – und sie fast immer allein läßt. Aber dann ist sie auch so eine Dumme, Hitzige! Sie sollte lachen! Daß sie nicht gescheiter ist und sieht, wie alle Kerzen hintereinander brennen und erlöschen müssen: Mutter und Schwester und Freund und Schatz und das Weib und sogar auch dieses große Unschlitt der Philisterei! Denn am Ende – schau' mich an! – kommt der Tod und löscht diese letzte Hitze aus . . . Also, Mann mit den heißen Fingern, sei gescheit, das heißt, sei kühl!« Ich legte den Schädel ehrerbietig ins Glasgehäuse zurück, lüftete die Mütze vor ihm wie vor dem besten Professor und ging, wie ich glaube, viel gescheiter und viel kühler auf die Straße hinaus. In der Tat, dachte ich, jetzt ist die Reihe nicht mehr an mir, jetzt ist es am Weib und hernach – rechnete ich schon wieder mit der alten irdischen Verderbtheit weiter – hernach an der prosaischen Philisterwelt – dann gute Nacht, Regina! *           * * Bald danach kam die Einladung zur Hochzeit. Aber nicht als Trauzeuge, wie Theodor mir tausendmal versprochen hatte, sondern nur als einer der vielen Gäste war ich geladen. Das hatte Regina auf dem Gewissen! Keiner von den Burschen wollte mitkommen. Da lief ich zuletzt zu Echino. Vielleicht daß er aus purer Schelmerei mitreiste. Durch das große Defloreshaus ging etwas wie ein heiterer Wind. Gonzal wandelte durch sein Zimmer auf und ab, indem er dazu prachtvoll auf seiner Geige phantasierte. Er schüttelte seinen blauschwarzen Scheitel. Stille sein! hieß das. Ich setzte mich an den Tisch, wo er ein Glas Madeira und eine Platte mit Rosinenkuchen stehen hatte, und harrte zuerst ungeduldig, bis es ihm beliebe, das Spiel abzubrechen. Ich wunderte mich, wie er eine Schnitte auf dem Teller so fein zerstückelt hatte, als ob man damit ein zahnloses Mündchen speisen wollte. Er liebte die Kleinen. Wartete er vielleicht auf eines? Sehr bald ergriff mich seine prachtvolle Musik. Es ging der gleiche helle, lustige Wind durch ihre Noten. Wie Sieg klang es. Ein Geschwirr und Gefunkel von glatten Degen. Dann flog es wie Hoch und Hurra in die Höhe. Nun ein schwereres, dunkles Andante, aber staccato , wie ein Gericht und wie die harten Sätze des Urteils. Jetzt ein Adagio, flehendfein wie von Kindern, und dazwischen schluchzte wahrhaftig die Unterstimme eines Weibes. Aber rasch schnitten kalte, barsche Rufe der Mittelsaite diese rührende Stelle ab, und drei, vier mächtige Akkordstriche sagten gleichsam: So ist es, und so bleibt es! Und über alles das hinab schüttete jemand mit Kichern und Witzeln und Auslachen seine schadenfrohe Seele aus. Ssi–ri–ri–ri–ri–ri–ri–dsim! Fertig! Das Spiel beängstigte mich seltsam. Ich hatte vergessen, warum ich dasaß, und erwachte erst durch einen scharfen Schlag mit dem Fiedelbogen auf den Kopf. »Was hab' ich gespielt, lieber Dichter?« fragte Echino mit eigentümlicher Freude. Seine Riesenaugen schillerten in allen Farben der Bosheit. Da schoß es mir wie ein Blitz durch den Sinn. »Ihr habt den Prozeß gewonnen!« Den Deflores war im letzten Streikjahr der Direktor ihrer großen Tabakfabrik vor der Stadt erschossen worden. Der Prozeß beschäftigte die ganze Stadt. »Erraten! Gratuliere mir!« – Gonzal streckte mir lustig seine weiße, seine Hand entgegen – »Soeben ist die Depesche eingetroffen. Morgen liest man es in den Zeitungen . . . Bitte nimm, nimm!« Er bot mir Wein aus seinem Glase an. Dann zerstückelte er den Kuchen noch kleiner und schleckte davon und sog mit tiefem Genuß aus dem Kelchlein. »Wie lautet der Spruch?« »Die Angreifer beim Streik erhalten unterschiedliches Zuchthaus – sechs Monate – ein Jahr, und so weiter, aber der Mörder Ignaz Ahrt lebenslanges Gefängnis!« »Der Arme!« seufzte ich aufrichtig. »Wie schade, daß bei euch nicht mehr gehenkt werden darf! Er hätte den Strick verdient. Wahrhaft, bei uns wäre ihm die Carotte an den Hals . . .« »Gonzal, du hast wieder einen deiner Anfälle,« spottete ich. »Was mich freut . . . so iß doch!« – er schob mir ein winziges Stücklein Torte an der Messerspitze in den Mund – »ist etwas, was keine Zeitung erzählen darf: ich bin an diesem ewigen Gefängnis allein schuld!« »Nun prahlst du auch noch!« »Man hat sich über unsern Anwalt Behm gewundert. Er ist kein Salomon. Aber das wollte ich. Mir war er mehr als Solon und Lysias und Cicero zusammen. Er hat ein Gedächtnis wie von Eisen und deklamiert wie ein Gott. Man muß ihm nur den Spiritus einflößen und dann . . .« »Schneide mir nichts auf, bitte!« »Du weißt doch, daß ich im Aufsatz immer recht ordentlich war . . .« Ich nickte. Er war ein Spanier, aber im Deutschen darum doch weitaus der Erste in der Klasse gewesen. »Nun also, merkst du noch nichts? Ich, ich habe alle Reden unseres Anwaltes gemacht, die schönen Exordia und die Argumente und den heiligen Schluß. Jeder Witz war von mir. Mit Witzen haben wir den Gegner eigentlich totgeschlagen. Er war zu feierlich und schwer. Während wir mit einem leichten Taschenrevolver schossen, kämpfte er immer noch mit Hellebarden. Das machte ihn lächerlich. Und da ich nun die Chancen so fein sah, setzte ich statt zehn Jahre lebenslänglich in den Strafantrag Behms. Er wollte nicht. Aber er mußte. Wir zahlen ihn ja doch.« »Du bist ein Sohn Satans,« sagte ich mit wahrem Grauen. »Danke! Das Gericht kam zum Augenschein in die Fabrik. Stelle dir vor, wie ergreifend ich den Herren die Szene schilderte, als Ignaz unsern armen Manuel mordete. Du weißt, es ging grauenhaft zu. Er hat ihm noch das Gesicht zerschnitten, ins Auge gestochen und so weiter. Ich zeigte den Richtern die Kinder des Toten, drei Knaben, die alle noch Röcke tragen. Glasscherben, Tuchfetzen und Blutflecken, alles mußten sie ganz nahe anschauen und beschnüffeln, bis sie müd und gereizt waren. Dann bot ich ihnen von den fränkigen Zigarren dort und von diesem Tropfen, und ich weiß ja nicht – die keusche Frau mit den verbundenen Augen in Ehren! – aber die Richter haben für lebenslänglich entschieden.« Ich stand vor Empörung auf. Ich konnte nichts Grausames hören noch sehen. Der Mörder war ein Scheusal gewesen, aber . . . »Beruhige dich, Lieber, die Zigarren und der Madeira hätten gewiß nicht gereicht. Aber da las ich vom Aufstand in Berlin, von den Deserteuren in Paris – alles solche Fabrikler und Rote! – und das gab mir einen flotten Schluß, etwa: ›Meine Herren, Sie werden fortan nichts als Revolutionen haben, zuerst gegen die Fabrikanten, dann gegen die Regierungen, dann gegen alle Ordnung, vorab gegen das, was die Schufte allein noch fürchten, gegen das Militär, das Vaterland!‹ Beim Eid, das hat gezündet wie ein Blitz! Du weißt, nur nichts gegen Säbel und Käppi der eidgenössischen Soldaten! Und so hockt der Kerl nun sein Lebtag im Loch. Wohl bekomm's!« Gonzal sog ein neues Schlücklein und bot auch mir. Ich nippte nur. Mir war, ich trinke aus einem Glas, woraus soeben noch eine Giftschlange geleckt hätte. Nein, mit diesem Menschen mochte ich nicht an eine Hochzeit gehen. Ich wollte Reginen ein kleines Fegefeuer bereiten; Gonzal aber trüge die lebendige Hölle mit sich. Mich ekelte vor dieser teuflischen Rachsucht gegen einen vor Elend halb wahnsinnigen Mörder. Damals wußte ich noch nicht, daß jenes tapfere Mädchen, das vor Jahren den hochmütigen Buben mit einem Kübel voll Wasser abgewehrt hatte, die Tochter gerade dieses Ignaz Ahrt gewesen war. Sonst wäre ich wohl vor Abscheu aus dem Zimmer gesprungen. Aber ich wollte nichts mehr hören und stellte mich daher, als ob mich eigentlich die ganze Geschichte langweile. Gonzal ging auf den Leim. »Was hast du eigentlich wollen?« fragte er geselliger. »Nichts als eine von deinen feinen Zigarren,« log ich. »Ich ging gerade am Haus vorbei und hörte deine Geige und fing so einen cubanischen Duft auf, und da . . .« »Nimm!« Er leerte das ganze Etui vor mir aus. Ich dankte mit Mühe und erhob mich. Um nur etwas zu sagen, fragte ich: »Bitte, warum machst du da auf dem Teller so kleine Stücklein wie für ein Hühnchen, du, mit deinen Raubtierzähnen?« »Ach,« sagte er ohne Erröten, »da ist letzthin jemand an einem Zwetschenstein gestorben!« »Aber, das ist doch Rosinchentorte . . .« »Schon! Aber wie leicht könnte so ein Haar vom Mehlbesen oder so ein verfluchter kleiner Träber hineingekommen sein! Ich will nicht an einer solchen Dummheit ersticken. Leben, leben wollen wir,« jauchzte er, die Arme ausstreckend; »das Leben ist nun erst recht schön!« Der Feigling! Ganz angewidert ging ich hinaus. Und dieser sorgliche, feige Schlecker würde wahrhaft keine Sekunde zaudern, seinen Feind mit dem Halseisen abzuwürgen! Wie gemein, wie widernatürlich, wie memmenhaft macht doch die Rachsucht! Neben diesem Gonzal was ist doch die Regina für eine Königin! Ich schleuderte die Zigarren, von denen jedes Stück einen schweren Franken kostete, in die nächste offene Kloake. Der gemeinste Stumpen war mir hundertmal lieber. »Auf, nach Ilgis!« sagte ich, und die letzte Spur von Rache schien mit den Zigarren in dem häßlichen Loch verschwunden. Und so bin ich, vielleicht sind es heute genau neun Jahre, die Bergbahn von Ilgis, ganz anders als heute, mit gehobenem Herzen gefahren. Ich hielt mich für sehr brav, und mit einer gewissen Überlegenheit sah ich mich schon inmitten der Festleute, gnädig und verzeihend nach allen Seiten, zufrieden mit einem Lächeln Theodors, begnügsam mit einem Grüßchen Reginens und gern zu unterst an der Tafel sitzend. Allmählich kam eine süße Ausgelassenheit über mich. Ich hatte mein uraltes Tintengeschirr in die Tasche gesteckt. Es zeigte die Form eines weitbauchigen, mit Reblaub umkränzten Fäßchens und war das gleiche Geschirr, das Reginen und mich einst zu totfeindlichen Schulkindern gemacht, und das gleiche, aus dem Theodor und ich durchs ganze Gymnasium Beweise unseres Genies und unserer Torheit geschöpft. Dieses denkwürdige Geschirr wollte ich als Hochzeitsgabe und Unterpfand eines ewigen Friedens den Brautleuten mit irgendeinem geschickten Sätzlein in die Hand spielen. Nun aber beschloß ich in meiner Fröhlichkeit, einen eigentlichen Toast zu halten und darin Theodor als den beneidenswertesten der Sterblichen zu schildern und seiner jungen Frau in einer recht muntern und losen Art Abbitte für alles zugefügte Unrecht leisten. Ich wollte mein Fäßlein mit einem dunklen Wein füllen lassen und dann am Schlusse der Rede, zur Sühne meiner Sünden, bis auf den letzten Klecks austrinken. Und alle würden meinen, es sei wirkliche Tinte. Das war ein Spaß; aber ich hoffte doch, damit eine gewisse Schuld gegen Regina, wovon ich bei allem Haß immer einen leisen, aber steten Druck auf meiner Seele gefühlt habe, auf so eine lächelnde, zechende Art abzuzahlen. Indem ich nun an diesem wichtigen Toast zimmerte, damit er recht geistreich und wirksam herauskäme, verpaßte ich den Anschluß von der Hauptlinie in die Ilgisser Nebenbahn und kam mit dem nächsten Bähnlein noch mit knapper Not zur kirchlichen Feier. Das Bergdorf heimelte mich mächtig an in seinem silbernen Schnee, seinen weißen, stillen Bergen, mit den sauberen, hablichen Häusern und dem ernsten, soliden, steiffeierlichen Volk, wovon ich so viele Männer und Frauen aus meinen einstigen Ferien mit Theodor noch sehr gut kannte, so die Bäckersfrau, die Sternenwirtin, die reichen Fabrikanten Eisen und Lamitz, den Sigrist, den Orgeltreter und Armenhänsler Feldli, die Tanten und Onkels Weggisser, aber auch einen Haufen junger Männer, mit denen ich über den Schnee gewalzt, Indianerlis gespielt und über jähe Hügel geschlittelt hatte. Fürwahr, ich sah noch das alte, unvergleichliche, hochgemute Ilgis, wo jedermann ein kleiner König und jeder Bub schon ein halber Held ist! Die übrige Welt hatte sich geändert; aber das Dorf hier und sein Gebirge sah aus wie am ersten Tag. Die Luft duftete von Schneefrische, die weißen Gipfel leuchteten wie Gold in der tiefen Sonne, die Kirche atmete eine weihevolle Ruhe, wie immer, wie immer! Das kannte ich schon vor einem Dutzend Jahren so. Aber eben das und der Pfarrer, so knapp und gescheit, der Orgler so korrekt, die Versammlung so feierlich, die ganze Trauung voll Stattlichkeit und Ehre, das alles versetzte mich aus der Verdroschenheit der Stadt in eine wahre Sonntagspoesie. Erst unter der Kirchtüre hatte ich das Paar begrüßen können. Aber die Braut tat sonderbar. Kaum streifte sie meine Hand. Ihr Auge lachte wohl, als sie sagte: »Das ist schön von dir!« – aber mir war, es lache eine ganze Welt von Bosheit und von Triumph daraus. Das war nicht zu verkennen, diese Blicke wollten sagen: Siehst du, nun hab' ich ihn eben doch erobert! Nun brauch' ich deine Dienste nicht mehr zu lieben und deine Feindschaft nicht mehr zu fürchten. Geh' jetzt nur hübsch meiner Schleppe nach! Das ist das Gescheiteste, was du tun kannst . . . Bestürzt wandte ich mich zu Theodor. Da lachte alles in goldener Ehrlichkeit. Der lange schwarze Frack stand dem Riesen mit seinen blauen Augen, dem Kraushaar und dem schönen braunen Bart meisterlich an. Voll von übermäßigem Glück umfing er mich mit seinen Bärenarmen und küßte mich innig, wie er vorher seinen Paten und seine Tante geküßt hatte. Da zupfte ihn seine Braut am Ärmel und sagte etwas wie: »Schnell, der Pfarrer wartet!« Ich wandte mich zu ihr. Sie war weiß und starr wie Kalk. An der Tafel saß ich nicht so arg fern vom Paare, wie ich von Reginens Anordnungen erwartete hatte. Es waren von beiden jungen Eheleuten nur Onkels und Tanten und Vettern und Bäschen da. Denn die Eltern ruhten im Grabe, und Geschwister hatten sie nicht gekannt. Dafür waren viele reiche Söhne von Ilgis, junge Fabrikherren, Gemeinderäte, der Pfarrer und die Reallehrer am Tische. Zuerst ward ein Glas mit geschraubter Feierlichkeit und ziemlichem Silentium getrunken. Dann beim zweiten Glas lispelte ein Nachbar zum andern: »Der Wein ist gut! Übrigens was haben diese Hochzeiter für Wetter . . .« Beim dritten Glas schossen Red' und Bescheid schon flinker hin und her und machten bereits einen kühnen Bogen über den Tisch. Schließlich schlug die Würde in Munterkeit und das zugeknöpfte Berglerwesen in Witz und Schnurren um. Manchmal krachte ein ganzer Tisch vom Humor, den ein alter Schläuling hervorspazieren ließ. Es gab Witze mit Glanzstiefelchen an den Füßen und solche mit genagelten, doppelsöhligen Bergschuhen. Die letzteren überwogen. Eine große Welle von Lustigkeit flutete durch den niederen, aber breiten Gasthofsaal und ergriff alle, als feierte ein jeder so etwas wie Hochzeit. Neben mir saß der ehemalige, greise Gemeindeschreiber. Als zwölfjährige Knirpse durften Theodor und ich mit ihm auf den Surlaunkopf, einen steilen, vergletscherten Dreitausender. Ganz Ilgis schüttelte über diese Frechheit den Kopf. Aber es war eine Prachtstour und mit diesem sehnigen, ernsten Führer so sicher wie über die Dorfstraße zu gehen. Er neckte mich jetzt, weil ich damals nicht ans Seil wollte. »Ich bin sicherer allein!« hätte ich gesagt. »Na,« lachte er aus seinem rasierten, aber ganz verstoppelten grauen Gesicht, »und diesen Saal kennst du doch auch noch! Der Thedi hat hier mit allen Mädchen beim Kindertanz gewalzt und gehopst. Du bist immer bei der Schlagzither gestanden. So ein Musiknarr! Und da sag' ich: Warum? Jetzt kommt ein Schottisch, nimm die Lies; sie äugelt schon lang nach dem Stadtbüblein! Und du schon wieder: Ich bin sicherer allein! –Und nun bist du noch immer allein, sag'? Oder gilt's bald auch bei dir: Walter Gex und Irma Gix beehren sich bimbambimbam? Also nicht, also doch nicht! Sonst wärest du rot bis zum Wirbel worden . . .« Er war köstlich und lieb, wie es nur so tapfere, feierabendliche Schälke sein können. Als ich mich nun auch gehen ließ – wer konnte so glühendem Wein widerstehen? – da raunte er mir mit einer gewissen spöttischen Milde zu: »Na, was ist denn eigentlich mit dieser Hochzeiterin? Man munkelt unglaubliche Bosheiten. Du und Thedi seien auseinander geraten, genau wegen der Prächtigen dort. Ihr seiet spinnenfeind, du und das Weib. Und sie sei eine verdammte Klette und lasse den armen Riesen kein Schnäufchen allein tun . . . Hejio, jetzt wirst du rot! Das hat getroffen! Nun, nun, das konnt' man schon an der Kirchtür sehen! Weißt, wir Gemeindeschreiber mit so und soviel Geburten und Ehen und Konkursen und Särgen im Jahr bekommen nach und nach Augen so scharf wie ein weißer Blitz! Da haben wir alles durchsichtig vor uns . . .« Ich widersprach, log, erdichtete und schämte mich zuletzt immer mehr vor dem mildspöttischen Blick des Greises, der so ruhig auf meinen Lippen lag. »Nun, was wollen wir? Die Hauptsache ist, denk' ich, daß Theodor sein Glück davon hat!« Ja, dort oben am Tisch schimmerte mein Freund vor Seligkeit wie ein Götze aus eitel Gold. Nun war es sein, dieses herrliche und ergebene Weib, das ihm am ersten Tag schon so scharf gefallen hatte und dann von einem zum andern immer noch mehr gefiel. Ich begriff das nicht. Aber ich beugte mich davor wie vor einem großen Geheimnis. So ein Geheimnis soll die Liebe ja immer sein, sagen die Leute. Und Regina breitete ihm die Hände unter die Füße, das war nicht zu leugnen, schenkte ihm ihre ganze Pracht und volle Glut. Sie wußte, wie er den Mädchen nachgestellt. Sie aber bot ihm ihre unverküßten Lippen und ihr unverbrauchtes, starkes Herz. Wer sollte da nicht lustig sein? Dazu kamen dieser schöne Tag, diese Sonne, all diese Kameraden und Wildlinge von der Dorfschule her, diese rührende Kirchenzeremonie, dieser liebe, schon ganz warme Ring am Finger, diese glänzende Tafel mit so gutem Wein und einem ihm so lieben Festgeräusch. Und nun ist er schon Eheherr, und morgen, wenn er aus seinem großen Haus ins Dorf hinuntersteigt, trägt er schon ein Amt mit. Denn die Gemeinde hat ihn zum Schulrat ernannt. Daneben beginnt er gemach, gemach sich als Advokat zu zeigen. Aber um einen Gartenzaun oder einen zehnfränkigen Streit wird er sich nicht ereifern. Lieber ins vaterländische Wesen greifen! Sein Heimatland ist eng und klein und zählt nicht viele, die Geld und Zeit genug und einen Doktorhut dazu in seinen Dienst werfen können. Und so mag es wohl bald geschehen, daß er eine Gemeinderätin, eine Regierungsrätin, weiß Gott, am Ende sogar eine Frau Landammann zur Gattin hat. Und welche Kinder wird sie ihm geben, so eine Stattliche! O die Vergangenheit war schön, und die Zukunft wird noch schöner sein! Aber am schönsten ist diese hochzeitliche, brausende, lachende Gegenwart! Ja, ja, er durfte lachen! Und Reginens Freude war gewiß nicht geringer. Dennoch ward sie stiller, als ob sie das eigene Glück dämpfe, um Theodors um so heller leuchten zu lassen. Wie saß sie da! Wie eine Fürstin! Das schwarzseidene Kleid mit den goldgestickten Borten paßte unvergleichlich zu ihrem Bronzegesicht. Aber das Kränzlein aus weißroten Apfelblüten nahm sich in ihrem Zigeunerhaar wie ein naives Schneewittchen in einer arabischen Ballade aus . . . Sie machte sich um den Gemahl so schlicht und treu und lieb zu schaffen, wie ich mir vorstelle, daß sich der Mond gegen die Sonne benähme, wenn es seiner Sehnsucht einmal gelänge, dem Tagesgestirn zu nahen. Ich kann es nicht besser bezeichnen. Nur Milde und Hingabe war aus ihrem schönen Antlitz zu lesen. Aber fast niemand konnte mit dem Gatten reden. Sie wußte mit einer staunenswerten Kunst Theodor so dicht zu umschließen, daß man Mühe hatte, auch nur einen Blick oder gar ein Zunicken zu erhaschen. Bald war es mir klar, daß Regina auch hier am Fest und dann immer Theodor allein besitzen wolle und auch die älteste und treueste Kameradschaft nicht gelten lasse. Mir schien, sie fasse mich dabei ganz besonders ins Auge, und so oft ich Miene machte, Baldur zu rufen oder ihm zu winken oder zuzutrinken, kam sie mir mit irgendeiner Zärtlichkeit zuvor. Ich hob jetzt mein Glas über die Köpfe hoch hinaus, schoß ihm Blicke wie elektrische Funken zu, lachte ihn geheimnisvoll an und zwinkerte vielsagend mit den Augen, als ob es zwischen uns irgendeine Verschmitztheit gäbe, und ich brachte es damit so weit, daß Regina unruhig ward und sich noch viel eifriger an ihren Angetrauten schmiegte. Links saßen Theodors Verwandte, gleichmütige alte Leute, die sich nach dem Tode des Weggissers mit einigem Brummen damit abgefunden hatten, daß Theodor nicht eine von den Herrentöchtern des Dorfes, sondern eine so wildfremde schöne Stadthexe ins Stammhaus der Weggisser führe. Sie machte ihn ja selig, das sah man. Was wollten sie Besseres? Geld brachte sie fast so ein schweres Teil wie der Gatte in die Ehe. Aber am meisten hatte sie den steifen Alten imponiert, als ihr Hausrat auf drei vierspännigen Wagen zum Weggisserhaus hinauffuhr. Der war so gar nicht auf städtisch lockere, hoffärtige Manier gedrechselt und gestutzt, sondern solid aus Hartholz geschnitten und recht einfach gearbeitet. Die Stühle hatten breite Rücken und wuchtige Füße, die Tische ein mächtiges Geviert, mit dickem, zweizölligem Blatt. Und da gab es Kasten, deren massive Türen schwer und wie in einem Windstoß auf- und zugingen, Kommoden und Truhen, die ein wunderbares Versteckensspiel von Schubladen und Geheimfächern trieben. Vor allem aber hatten die Betten gefallen mit den schweren, kurzen Elefantenfüßen, den eichenen Unterladen, den hohen, federnden Matratzen und mit einem Berg von Kissen, alles von der ehrenwerten Länge und Breite, wie die großen Leute dieses Dorfes es lieben. Man konnte kreuz und quer darin schlafen. Nachdem man diese Betten gesehen hatte, zweifelte auch die bedenklichste der bedenklichen Basen, Witwe Adelheid Fömmlin, geborene Weggisser, nicht mehr daran, daß diese Regina sich ordentlich in die alte, ehrsame Familie und ins Dorf Ilgis hineinfinden werde. Sie konnte ihr ja im einzelnen noch ein bißchen an die Hand gehen . . . Als ich nun mit allem Nicken und Blicken und Vortrinken bei Theodor nichts erreichte, nahm ich mir vor, den Toast zu halten. Aber ich wollte ihm eine andere rhetorische Steuerung geben, als wie ich's in der Bahn ersonnen hatte. Meine guten Vorsätze waren verflogen. Für Regina sollte kein Wort abfallen, als was gerade die Höflichkeit des Tages erheischte. Gleich zu Beginn wollte ich das Tintengeschirr hervorziehen und in ihm unsere Freundschaft feiern. Ich wollte die besten Stunden unserer blutjungen köstlichen Gymnasiumszeit aufleben lassen. Alle guten Geister der Studien, die alte Universität am stillen Fluß, die berühmten Lehrer, die wackeligen Bänke, die Raufereien und die Gemütlichkeit der Buden, Band und Mütze und die runzlige Philisterin, die Sommernächte auf dem Floße landab und die Bummeltage in einsame Täler hinauf, die Kneipen, die Tänze, die heißen Examennöte, alles sollte auferstehen und in den rotesten Farben der Freundschaft und in den grünsten der Burschenschaft gemalt sein und den jungen Ehemann ein bißchen aus den zwei Bronzehänden dort in unsere männlichen Reihen zurücknehmen. Und ich wollte anmaßlich genug im Namen der Bockia sagen, daß wir die gleichen steten Freunde bleiben auch unter dem neu gezimmerten Ehehimmel und daß der Hochzeiter auf mich und meine Brüder durch dick und dünn rechnen dürfe. Und wenn er etwa einmal aus der Philisterei der Ehestube sich in die Freiheit unserer Buden zurücksehne, so solle er nur zu uns noch immer ledigen, freien, ungezähmten Freunden kommen. Er werde jederzeit fünfzig offene Arme finden. Und wir würden ihn dann bis zu den finsterheiligen Portalen des Ehetempels gern zurückgeleiten. War ich so weit, so wollte ich das Tintenfäßlein erheben und rufen: »Und Sie, schöne Hochzeiterin, gestatten nun wohl, daß ich dieses merkwürdige Geschirr, das auch Sie aus der gemeinsamen ABC-Zeit ein wenig anheimeln dürfte, zu einem ehrlichen Hoch auf die Freundschaft erhebe. Indem ich seine schwarze, bittersüße Tinte austrinke, möchte ich sagen: Wie du, lieber Theodor, und ich einst das Herbe und Frohe gemeinsam tranken, so wollen wir auch in den Bitternissen und Süßigkeiten des Berufslebens den Kelch gemeinsam austrinken. Es lebe die ewige Freundschaft!« Dann, unter dem Klatschen und Anstoßen der Gäste, wollte ich das Fäßlein zur Hälfte, zur Hälfte sollte mein Freund es leeren. Ich fühlte im leisesten, ehrlichsten Innern, daß ich damit etwas Unkluges, schier Anstößiges beginne. Aber der spöttische Blick Reginens, wenn sie wieder einen neuen Angriff auf Theodor vereitelt hatte, machte mich fast besinnungslos. Manchmal sah sie auf mich herab wie eine, die im Lichte sitzt und voll Spaß einem Bettler im Schatten zuschaut. Er bemüht sich vergeblich, in ihren Sonnenschein emporzuklimmen. Immer fällt er wieder zurück. Das ist sehr lustig für eine Hochzeiterin anzuschauen. Ich bin nie ein Redner gewesen. Nur was ich sorglich Zeile auf Zeile notiert und silbenhaft auswendig gelernt hatte, konnte ich glatt vortragen. Im Stegreif fiel mir jeder Satz auseinander. Er wollte fliegen, aber kam wie ein gerupftes Huhn kaum über den nächsten Zaun. Doch der Wein und der Zorn und die Liebe zu Theodor machten mich frech. Nachdem daher der junge Pfarrer einen kleinen Toast auf das Paar gehalten hatte, zitternd, weil dies der erste Anlaß war, wo er nicht auf der sichern Kanzelhöhe, sondern mitten unter den Leuten am offenen Wirtstisch einen halb evangelischen, halb weltlichen Spruch tun mußte, klöppelte ich an mein Glas, stand rasch und nervös auf und sah zwischen zwei dunkelroten Weinflaschen gerade ins verschreckte und ergrimmte Gesicht Reginens. Sie ahnte Unheil und sprühte mir alle Glut ihrer langen, dunklen Augen ins Gesicht. Ich lächelte ihr spöttisch zu, und wahrhaft, da zeigte sie mir schlangenflink ihre Zunge! Brandrot hatte es gezückt und war zwischen den dünnen Lippen verschwunden. Niemand hatte es gesehen, weil alles auf mich blickte und den ersten Satz erwartete, den ich zum besten geben würde. Vor der Grimasse der tollen Hochzeiterin hatte ich alle meine rednerische Überlegung verloren. Mir stieg es innen und außen wie Nebel auf. Ich wußte nur noch eines, daß ich vom Tintengeschirr hatte reden wollen, weil ich es heiß in der Rocktasche umkrampfte. »Ruck einmal aus, altes Haus!« donnerte Theodor mir munter herüber. »Er kann euch Schundpauken halten zum auf den Kopf stehen,« wandte er sich an die Gäste. »Ich hatte eine schöne Gratulationsrede studiert,« begann ich mit heuchlerischer Schüchternheit. »Aber in diesem Geglitzer der Kelche und Vasen und schönen Augen habe ich alle Fassung verloren. Keine Zeile weiß ich mehr. Ganz frisch und vorweg, wie es kommt, muß ich nun reden. Ich müßte verzweifeln . . .« »Der Schalk!« lachte Theodor und fletschte vor Spaß mit den Zähnen. »Nun achtet einmal, was er euch alles aus dem Ärmel schüttelt!« »Ich müßte verzweifeln, hätte ich nicht einen kleinen, alten, wunderbaren, alleswissenden Souffleur im Sack, der mich inspirieren muß . . .« Damit zog ich das mit einem schwärzlichen dicken Wein aus Piemont gefüllte Tintengeschirr heraus. »Hei!« machte Theodor entzückt. O, er kannte dieses Gefäß, worein wir jahrelang zu zweit unsere faulen, betrübten, wilden und einmal auch begeisterten Federn getunkt hatten. Ich sah es ihm an, wie ein ganzer Schwarm Erinnerungen gleich bunten Vögeln um seine lieben blauen Augen flatterten. Aber Regina stieß einen leisen Schrei aus und umfing mit beiden Armen den Hals des Gemahls, als suchte sie bei ihm Hilfe. »Liebes, bittersüßes Becherlein meiner Jugend,« redete ich das hoch erhobene Fäßlein an, »sprich du für mich an diesem hohen Tag! Krame deine alten Herzlichkeiten aus! Man versteht dich hier sehr gut. Schau, wie der Hochzeiter dir zunickt! Und Frau Regina, das Schulmädchen von Lauwis, erkennt dich auch mit freudigem Verständnis. Nicht wahr, hübsche Hochzeiterin, du erinnerst dich noch an jenen berühmten Vormittag, wo du . . .« Ich kam nicht weiter. Es blitzte etwas durch die dämmerige Luft des Saales und zerspritzte und zersplitterte in hundert Scherben neben meiner Flasche. Frau Regina hatte mir ihr Glas zugeschleudert. Sie war wieder ganz Wildkatze. »Spaß oder Ernst?« fragen sich alle. Theodor reckt sich auf. Seine blauen Himmel flackern wie immer, wenn etwas um ihn herum unsauber scheint. Er sieht die Gemahlin wie eine gereizte, sprungfertige Katze halb über den Tisch erhoben und den glühenden Kopf vorgeneigt. Ich erbleichte, aber faßte mich sogleich wieder, lachte auf die Scherben nieder und schrie lauter: »Ach, hübsche Dame, diesmal hast du übel operiert! Fast so ungeschickt wie an jenem Vormittag, wo du dieses Fäßlein . . .« »Schweig! Du willst mich wieder verschwärzen wie damals! Du hast zuviel Wein getrunken! Theodor, verbiet' ihm . . .« »Leutchen, Leutchen,« begann Theodor mit einem grimmigen Beben seines gewaltigen Basses. »Ach was, junges Frauchen, ich will doch nur erzählen, wie du schon damals als neunjähriges Hexlein . . .« »Du magst mir heut noch den Theodor nicht gönnen, das ist's! Hast immer dagegen gearbeitet, willst uns jetzt auch noch den Hochzeitstag vergiften . . . Aber du kommst zu spät, wie immer, du verdammter Schneckenkönig!« »Wie du schon als neunjähriges Hexlein kräftig gelogen hast . . . und es mit Lügen dann weiter triebest, bis . . .« »Walter!« donnerte jetzt mein Freund unheimlich durch den Saal. Links und rechts zupfte man mich. Aber ich, vom Wein und von all dem alten und neuen Haß getrieben, brach wütend über alle Borde aus: »Bis du heute in der Kirche – denn keiner Katze ist zu trauen – deine jüngste und größte Lüge getan . . .« Was weiter geschah, weiß ich nicht mehr klar. Ich spürte, wie viele Hände nach mir langten, und hörte dunkle Stimmen um mich reden und sah immer ferner ein Flimmern von Lichtern und Gesichtern, und durch alles hindurch wie ein letztes Gepolter, bevor es ganz still wird, vernahm ich Theodor: »Hinaus, Mensch, und laß dich nie mehr sehen!« *           * * Das hört sich unglaublich. Noch heute mein' ich, es sei ein Fiebertraum gewesen. Sicher, ich war in jener Stunde krank oder verrückt. Nie hab' ich eine Leidenschaft leidenschaftlicher bereut. Schon im Bergbähnlein schrieb ich auf meinen wackelnden Knien einen langen Brief um Verzeihung an das Paar. Ich erzählte darin Theodor das Tintenhistörchen und bekannte offen, was mich so gereizt habe und wie ich aus zu großer Freundschaft und sozusagen in einer Hypnose des Kinderzanks gegen Regina so tobte. Zu jeder Genugtuung sei ich bereit . . . Es kam keine Antwort zurück. Einige Wochen später telefonierte ich von einer günstigen Station aus nach Ilgis. Ich weiß noch, wie ich davor zitterte, in ein paar Sekunden die alte, liebe Stimme Baldurs wie in meinem Zimmer zu hören, und den Schallbecher mit feuchten Händen hart ans Ohr hielt. Wie wollt' ich ihn gleich im ersten Satz überrumpeln! »Thedi, wenn ich dir je im Leben etwas zulieb getan, wenn du nicht alle Bubentreue verloren . . .« »Weggisser! Wer ist da?« läutete mir tief wie ein Mann der Alt Reginens entgegen. »Ist Bald – mm – ist Herr Weggisser nicht daheim?« Nack, das Telephon läutete ab. Die Verbindung war abgebrochen. Hatte sie mich erkannt? *           * * Bald geschah nun jene Überrumpelung des kleinen, bogenklirrenden Amor, wovon ich schon ein eiliges Wörtchen vorausgeplaudert habe, und wandelte auch meine stille Bude in ein wahres Kriegszelt um. Nun glaubte auch ich an den so verspotteten Vers Ovids: » Militat omnis amans et habet sua castra libido . « Und doch sah alles bei meiner Liebschaft so ganz unkriegerisch aus. Sie war eine ferne Verwandte und mir sogleich wohlgeneigt, und der kranke Vormund, der sie zur Pflege ins Haus gerufen hatte, blinzelte eine stille Erlaubnis nach der andern aus seinen schlauen Äuglein, so oft er uns beisammen sah. Es gab auch niemand, der mir das Spiel verderben konnte, als mich selbst. Obwohl mich nämlich schon im Augenblick, da ich dem Mägdlein aus dem Wagen half, bei ihrem duftigen Anblick ein eigentliches Seelenräuschchen umfing und obwohl ich am gleichen Abend den Namen Ursula, vor dem ich bisher ein Grauen gehabt wie vor einer hundertjährigen Wahrsagerin, zwanzigmal so auszusprechen versuchte, daß es noch süßer als mein Lieblingsname Agnes klänge, einzig, weil die neue Hausfee Ursula hieß, und obwohl ich schon nach einer Woche nicht mehr ohne dieses neue Wesen auszukommen meinte: so wagte ich doch in meiner lästigen Zaghaftigkeit viele Wochen lang kein anderes zutrauliches Zeichen, als daß ich ihr beim Nachtisch die Haselnüsse aufknackte und einmal das Nastüchlein, das ich am liebsten für mich behalten hätte, schnell vom Boden auflas. Sie war überaus freimütig und naiv. Ich ahnte, nein, ich konnte fast sicher wissen, daß sie mir ein munteres Ja sagen würde, wenn ich bäte: »Fräulein Ursula Horat, wollen Sie mich heiraten?« Dennoch wagte ich nicht einmal, von meiner Zuneigung zu reden. Immer wieder machte ich mir das Herz mit meinen Grämlichkeiten schwer: ich sei doch nicht solid verliebt, sondern nur für eine Weile verhext, ich müsse das umständlich und triftig untersuchen:, auch paßten wir wohl nicht zusammen, weil sie zwei Jahre älter, aber durch ihre merkwürdige, kindliche Sorglosigkeit wohl zehn Jahre jünger sei; ob wir wohl eine friedliche Ehestube schafften, sie mit dem hurtigen Schritt, den drei lustigen Grüblein im Gesicht und der vollen Unmöglichkeit, traurig zu tun, und ich mit einem Gesicht, als müßte ich den ganzen Sauertopf der Menschheit allein austrinken . . . Und war es nicht gefährlich, daß sie so flink und ich so breitspurig langsam hantierte? Während ich vom Sessel aufstand, hatte sie schon dreimal den ganzen Tisch umtanzt. Könnte sie mir nicht einmal so davontanzen? Gar, wenn ein Gonzal mit seiner verführerischen, südländischen Herrlichkeit sie lockte? Müßte ich ihr überhaupt nicht bald verleiden mit meinem so gewöhnlichen Gesicht, das mir von Tag zu Tag im Spiegel noch gewöhnlicher vorkam? Wohl sah auch Ursula nicht wie eine Juno oder Venus aus, sondern bildete ein zierlich kleines Geschöpf, und ihr rundliches Gesicht war bis zur Nasenspitze mit unzähligen, winzigen, hellbraunen Sommersprossen übersäet. Auch ihr dünnes Haar hatte eine gewöhnliche, braune Farbe, während ich mir immer einen rotlockigen Schatz gewünscht hatte. Das Mäulchen schien fast wie bei einem Zierfisch so rund und jedenfalls viel zu klein, um einen tapferen Kuß zu geben oder zu empfangen. Ihre Augen schimmerten bläulich und hatten einen winzigen schwarzen Augenstern wie ein Tüpflein. Und dieses Tüpflein zappelte rastlos im Auge herum. Das mißfiel mir. Aber diese Augen waren hoch und weit auseinandergestellt, und gerade das wirkte wie ein ferner Zauber auf mich. Diese Augen, so nah der Stirne und so luftigweit voneinander, das machte sich so fremdartig und vornehm, aber auch so lustig, kurz so berückend, daß ich davon nie genug kosten konnte. Nur in nordischen Sagen haben Seejungfern oder Waldfeen solche bläulich und weit auseinander schimmernde Augen. Durch diese Lichtlein im Gesicht war die ganze Miene des Mädchens wunderbar reich. Die Wangen hatten das scheue, blasse Rot einer Heiderose, die ein erstes Blatt zu öffnen sucht. Die etwas lange, gerade, schmale Nase paßte jetzt zu den hohen Augen, wie ein recht schlanker Stengel zu den zwei Vergißmeinnicht paßt, die rechts und links weit hinausblühen. Die Grüblein im Kinn und in den Backen versetzten dann das nordische Märchen der Augen sogleich in die Gemütlichkeit einer Schweizerstube. Und nun nahmen sich auch die Millionen zarten Märzenflecklein im Antlitz aus, als ob mein Kind einen seidenen, fein punktierten Schleier trüge, der so durchsichtig wäre, daß man nur die Pünktlein sähe, und worin, wenn die Sonne auf Urselchens Gesicht schiene, diese zahllosen Pünktlein ganz golden leuchteten. Ja, so war mein Schatz! Man lache; aber ich muß doch erzählen, wie ich damals sah und fühlte . . . Dabei war Ursula ein Hausmütterchen ohnegleichen. Von Büchern und Kunstsachen wußte sie wenig und kannte die Tonleiter auf dem Klavier nicht. Aber die Kunst am Herd und Zuber verstand sie großartig, und den Ohm pflegte sie wie eine geborene Krankenschwester. Oder wie ein Engel! Ja, ich glaube nicht, daß auch nur ein Engel das Kissen dem Kranken so wohlig unter den Kopf stoßen, die Medizin so bequem einlöffeln und so flink und doch so leis und beruhigend durch ein Krankenzimmer schweben könnte wie sie. Mich, den angehenden Arzt, entzückten diese Vorzüge, und ich sagte mir laut und leis, daß Ursula das Ideal einer Doktorsfrau abgeben würde. Aber je inniger ich sie insgeheim liebte, um so zaghafter wurde ich. Konnte ich, ach, konnte ich so ein erlesenes Menschenkind glücklich machen, wie es das verdiente? Gar oft an Abenden voll unerträglicher Sehnsucht riegelte ich mich in mein Zimmer ein und begann einen Freierbrief an sie. Aber nicht einmal eine Anrede wollte mir glücken. Und hundertmal wollte ich ihr nach dem Nachtessen in die Küche nachlaufen, weil dann unsere Magd beim Onkel servierte, und hustete dann zweimal und sagte mit einem verzweifelten Blick durchs Küchengitter: »Wie doch die Tage schon länger werden!« – Es ging in den April! – Sicher wäre es noch lange nicht zu einer herzhaften Freite gekommen, wenn nicht das Leiden meines alten Vormunds sich so verschlimmert hätte, daß die Auflösung in zwei, drei Wochen erfolgen mußte. Da wachten wir nun gemeinsam am Bett, Ursula rechts und ich links, und stützten gemeinsam den atemringenden, schweren Mann im Kissen auf. Und da wagte ich es denn einmal, ihre Hand, die mir ganz nahe kam, tapfer zu fassen und zu drücken. Ein zweites Mal bot sie dem Ohm einen Teller voll Haberschleim. Aber das Süpplein war noch furchtbar heiß. Da blies bald ich, bald sie ins Näpflein, um den Trank zu kühlen. Und einmal, so fügte es Amor, beugten wir uns zugleich über den Teller, um zu blasen. Ganz nahe spitzte sie ihr Mäulchen. Da konnte ich nicht mehr anders und gab ihr einen schweren Kuß. Und ich merkte köstlich, dieser Mund war wirklich nicht zu klein hierfür. Wir wurden darauf schrecklich rot und schämten uns ernstlich, weil wir vor einem Sterbenden so glücklich sein wollten. Ja, als der Arme furchtbar mit Erstickung rang und nach Erlösung schrie, da straften wir uns mit harten, abweisenden Mienen. Und doch klopften unsere Herzen nie lauter gegeneinander . . . Und da fügte es Amor nochmals gnädig. Denn in einem gelinderten Weilchen staunte der Onkel unsere strengen Mienen sonderbar an. »Was habt ihr?« hauchte er. – »Nichts, nichts!« – »So gebt euch doch die Hand, wenn ihr nicht böse seid!« – Wir taten es. – »Und küsset euch!« – Es geschah. – »Und macht bald Hochzeit!« – Da wir nickten und vor Freude fast weinten, lächelte der Onkel großartig. Es fiel ihm ein, daß ihm das nicht viele nachmachen würden, zu sterben und gleichzeitig ein neues Leben zu schaffen. Onkel Felix war immer ein wenig hochfahrig und stolz und, was man so sagt, ein Ausnahmsmensch gewesen. Als meine Schwester auf die Depesche hin, so eilig sie vermochte, heimreiste, fand sie einen Toten und ein Brautpaar in der gleichen Stube. Nach dem Trauerjahr, auf dem Pauline und Ursula hartnäckig bestanden, heirateten wir, und ich eröffnete meine ärztliche Praxis. Zur Trauung hatte ich nach Ilgis einen zweiten Brief geschrieben und Regina und Theodor als Trauzeugen eingeladen. Ich hatte vor, am Hochzeitstisch vor allen Gästen das Weggisserpaar um Verzeihung zu bitten und mein Unrecht vollkommen einzugestehen. Denn ich wollte gerade in die Zukunft sehen. Nichts Unsauberes sollte mir den Weg ins neue Leben verunreinigen . . . Aber ich erhielt wieder keine Antwort. Bei der Geburt meines Mimeli richtete ich einen dritten Gruß nach Ilgis und fragte Reginen um die Patenschaft an. Dieser Brief lief uneröffnet zurück. Darauf gab ich meine Versuche auf. Aber ich wußte genau, was in Ilgis vorging. Ein Geschäftsreisender wohnte die ersten Jahre im obersten Stock unseres Hauses. Mit seinem bunten und schier unerschöpflichen Musterbuch von dicken wollenen Hosenstoffen, wie sie in den Bergorten gegen Wind und rauhes Wetter getragen werden, hausierte der Mann jedes Jahr auch einmal in Ilgis herum. Nach seinem Besuch im Weggisserhaus erzählte er mir, Mann und Frau lebten glücklich und ein allerliebstes Büblein krieche schon unter dem Tisch herum. In keinem Hause werde soviel gelacht. Das nächste Jahr hieß es: nun sei auch ein Töchterlein in die Stube spaziert. Und das Lachen klinge noch viel lauter. Beim dritten Besuch fand der Reisende ein niedliches, frisches Kindergrab. Das Lachen war etwas leiser. Man hatte statt eines zweiten Schwesterleins einen Engel. Theodor, Regina, Arnoldchen und Klärli schlossen sich um so enger zusammen. Also, die haben Wiegen und haben Särge im Haus! Aber meinen Zuspruch brauchen sie weder hier, noch dort. Gut denn! Nun verschanzte und vertrotzte auch ich mich gegen alle Andenken jener Leute. Ich begrub sie. Und wiewohl ich damit ein gutes Stück Leben mit hinunterschaufelte, es ging nicht zu schwer. Ich vergaß und lebte tags ganz dem Beruf, abends ganz der Traulichkeit unserer kleinen Familie. Aber als ich Tag für Tag auf ein zweites Leben hoffte, das in unser Heim wie ein Vögelchen flattern und mit Mimeli ein keckes Duett zwitschern sollte, da kam der Tod an meine Türe. Er sprach: »Du hast zuviel gewollt, du bist übermütig, du geudest mit dem Leben! Warte, ich will dich wieder sparen lehren!« Und Mutter und Neugeborenes starben in der gleichen Stunde, das eine vom andern, jedes im unendlichen Drange, meine kleine Welt zu verjüngen. Das war furchtbar. Ich kann davon nicht reden. Von da an ward ich ein ruhiger, stiller, aber rüstiger Mann. Das Zaudern hatte für immer aufgehört. Gottlob gab mir die Praxis strenge Arbeit, und das hitzige Spiel ums Leben und das Bleigesicht des Todes, dem ich immer wieder begegnete, festigte und härtete mich. Mein Mimeli und meine Kranken bildeten nun zusammen meine Familie. Ich mochte von den Patienten zu ganz ungleicher Zeit heimkommen, aus hundert Menschenschritten kannte Mimeli mich immer scharf heraus, duckte sich an der oberen Treppenlehne wie ein Käuzchen in die Stufen, schoß plötzlich an mir herauf, umarmte mich mit den zwei mageren Ärmchen und sagte wichtig: »Sind schon acht und drei, macht elf und drei, macht vierzehn Leute im Wartzimmer! Aber ich bin zuerst – zuerst dagewesen!« Und auch ich trank dann zuerst eine Tasse Milch mit ihm und tunkte ihm das Brot und feierte ein halbes Stündchen und habe gewiß manchem bedrückten Menschen, der im Nebensaal wartete, diese Zeit zu einer Ewigkeit und sein Herz bitter gemacht, wenn er vielleicht in seinem schweren Anliegen unsere Mäuler musizieren hörte. »Nicht so laut! Da drüben hat einer Zahnweh!« drohte ich und lachte schon wieder. Aber Mimeli schlug sich das Fäustchen vor den milchbärtigen Mund und ahmte mit bedeutungsvoller Miene nach: »Ja, müssen leis machen . . . Mann hat Zahnweh . . .« An einem Oktoberabend war ich ausnahmsweise einmal um vier Uhr fertig und ging in bester Laune mit Mimeli spazieren. Wir standen vor dem Kinematographen, wo ein Ausrufer den vielen Gaffern das Schokoladehäuschen der Hexe und den Hänsel dazu und die ganze Insel Ceylon und eine Fahrt in die Alpen in wunderlich preußischem Sprachgeschmeiß versprach. Als ich mich gerade von Mimeli hineinziehen ließ, ging der Wollkrämer über den Weg. Er kam von der Bahn und mochte wohl um die Zeit in Ilgis gewesen sein. Seit zwei, drei Jahren hatte ich ihn nicht mehr gesehen, da er anderswo wohnte. In meiner Munterkeit und Neugier über alles, was da stand und ging auf Erden, hielt ich ihn an und fragte, was denn die Weggisser allerlei trieben auf ihrem Hügel, ob man sie immer noch so weit lachen höre . . . Der Musterreisende staunte, weil ich mir einen solchen Spaß erlaubte. Er faltete seine Stirne wie bei der Prüfung unechter Wolle, die seine Firma durchaus nicht führt, aber eine unsaubere Konkurrenz leider zum Schaden eines soliden Lebens mehr und mehr in den Handel hineingaunert: dieser Stoff sei ja – pardon! – der Weggisser sei ja elend und absterbend, die Frau fast in Verzweiflung. Jetzt gehe es wohl wieder ein wenig besser, wie immer nach einem tödlichen Anfall. Aber zum erstenmal hätte man ihm keinen Stoff abgekauft. Der Herr Gemeinderat – das sei er ja – liege auf dem Sofa und sage: »Ich brauche keine neuen Hosen mehr!« Die Frau habe dazu gelacht und ihm den Scheitel gestrichen und gemeint: »Auf den Frühling nehmen wir Euch Tuch für zwei Anzüge von der besten Sorte ab. Jetzt lass' ich ihn nicht hinaus. Wenn er neue Kleider hätte, ginge er mir zuviel in die rauhe Luft, und das darf er noch nicht!« Aber der Mann, der übrigens im Erzählen wie alle Hausierer, und die wollenen am meisten, ganz sichtbar übertrieb, erklärte uns, er habe wohl bemerkt, daß er da einen Kunden verloren habe und alles Gerede von den neuen Kleidern ein Verheimlichen und Verbrämen des Todes sei. Der Gemeinderat sei mager und ohne die alten roten Backen, und nur die großen blauen Augen brennen noch im Gesicht. Auch das wilde Kraushaar sei gelichtet und an den Schläfen schon leis grau. Am Stammtisch im Bären sagten alle, der gute Kerl sähe das nächste Laub nicht mehr grünen . . . Mir war die Lust am Kinematographen vergangen. Aber ich mußte dem Mimeli mein Versprechen halten. Und so hab' ich dann fleißig dem Hänsel und der tapferen Gretel zugesehen und bin auf Ceylon herumgestrichen und habe an einem Sardinenfang mitgemacht und dann die Bergbahn in irgendein steiles und stattliches Schweizergebirge bestiegen . . . Als aber die schmucken Bergdörfer im Geglitzer ihrer tausend kleinen Stubenscheiben kamen und ringsum das wenige Obst und die vielen Tannen und die breiten Ahorn auf einsamen, kahlen Hügeln und wieder die geschlossenen Hütten, hoch über dem letzten Wald in den obersten Staffelweiden, und dahinter die grauen ewigen Felsberge, da stand mit blutiger Frische wieder meine ganze Jugend mit Theodor vor meiner Seele. Und ich dachte des verlorenen Freundes, als wäre die Trennung erst gestern geschehen. Mein Eheglück war nur zweijährig gewesen, kurz, wie eine herrliche Seifenblase. Und es blieb davon kaum ein goldenes Schäumchen zurück. Aber jene Freundschaft hatte vierzehn Jahre gedauert, und zwar die wichtigsten und die heißesten Jahre des Lebens. Sie stellten vielleicht die Hälfte, jedenfalls ein gewaltiges Stück meines Daseins dar. Das ließ sich eben doch nicht wie ein zweijähriger Traum abtun. Das wartete nur auf einen Wecker und stand dann auf mit allen seinen treuen Einzelheiten. Ich hätte es nicht geglaubt. Aber da erfuhr ich's nun . . . Der Kinematograph ging jetzt mit uns durch gefleckte Herden von Alpenvieh, sprang über schneeweiße Bäche, lief an Alpenrosen und zipfelbärtigen Geißen und kleinen Hirten vorbei, die nur Hemd und Hosen trugen, und kletterte zuletzt in die Spitzen des Gebirgs, auf die Aussichtstürme der Menschheit empor. Und da erinnerte ich mich, wie oft Theodor und ich durch solches wildeinsames Höhenland wie ein einziges Leben den Vögeln und Wolken entgegenklommen und wie wir uns, als wären wir die zwei einzigen Menschen der Erde, da oben in der Gottesherrlichkeit umarmten und liebten und Gutes erwiesen und uns gegenseitig hochhalfen – bis diese Hexe kam! Mimeli klagte auf dem Heimweg und in der Stube um den ganzen Eßtisch herum, daß ich gar nicht aufgepaßt und ihm nie eine Antwort gegeben habe und ja jetzt noch tue, als ob es gar nicht da sei. Es schimpfte und schalt, bis ich ihm das Mäulchen mit einem Haufen Küsse stopfte. Einige Zeit konnte ich die Ilgisser im Gelärm der Arbeit wieder vergessen. Aber sobald es ruhiger um mich herum wurde, tauchte der alte, liebe Freund wieder vor mir wie ein Doppelgesicht auf. Rückwärts sah er so stattlich und rotwangig und übermütig aus wie nur je. Aber nach vorwärts hatte er ein Gesicht wie aus weißem Kerzenwachs, den Purpur seiner Lippen dürr und ein verzehrendes, fiebriges Feuer in den Augen. Vorsichtig erkundigte ich mich nun aus zweiter und dritter Hand nach seinem weitern Ergehen. Es war immer die gleiche Melodie, nur klang sie einmal etwas heller, einmal wieder dunkler. Theodor ging nicht mehr aus, genoß nur noch Milch und Eier und schluckte dazu ein Tröpfchen Markgräfler und verschwitzte und verfieberte seine ganze Manneskraft. Alles an ihm trieb zum Tode. Seine Frau aber war Tag und Nacht immer um ihn und pflegte ihn ganz allein, ohne einer Magd die kleinste Handleistung übrigzulassen. Sie wachte an seinem Bett, trocknete ihm den Schweiß, las ihm in leichtern Stunden die Zeitung vor oder spielte ein Schach mit ihm, das sie trotz seiner schwächlichen Figurenführung jedesmal wie unter dem Druck seiner Überlegenheit auf die natürlichste Weise verlor. Dabei trug sie den Kopf hochauf, weinte und verzagte nie, sondern lachte immer vor ihm und ließ ihn nur fröhliche Gesichter schauen. Man bewunderte sie im Dorfe und fragte sich oft, wo sie denn eigentlich ihre Zeit zum Schlafen hernehme, ob sie denn wie ein Geist kein anderes Bedürfnis mehr habe als das eine, zu lieben, ob sie blind sei gegen das Kommende . . . Sie aber kümmerte sich um kein Gerede, lüftete gut, wusch die Scheiben hell und ließ soviel Sonne, als es am Himmel nur gab, in die Stube herein. Sie kleidete sich einfach wie arbeitsame Dörflerinnen, hantierte wie eine Magd und jodelte leise und tapfer um Theodor herum, weil ihn das froh machte. Wenn er in einem Anfall von Herzkrampf flehend die Arme nach ihr streckte, dann rieb sie seine Brust und preßte seine Hände so fest in die ihrigen, bis ihm leichter wurde und er sagte: »Hab' Dank! Hab' Dank! Jetzt geht es wieder!« Sie zog ihre zwei Kleinen stramm auf und liebte sie wahrhaft mütterlich; aber wenn Theodor in Not war, ließ sie alles fahren, und sie hätte hundert allerliebste Büblein und Mägdlein, nicht nur diesen Arnoldli und dieses Klärchen, für den Gatten hingegeben . . . Viele solche Einzelheiten trieb ich auf, und jedesmal klemmte mir die Scham das Herz noch peinlicher zusammen. Das war doch wahrhaft keine Katzenart, das war mindestens Hundetreue. Ach, was, das war eine blanke, helle Tapferkeit, wie sie nur Menschen aufbringen – noch mehr, es war Heldenmut! Und ich hatte dieses Weib eine Falsche, eine Untreue, eine Lügnerin gescholten, ich, der ehrliche, brave Vater, der sein Mimeli auf die Hände schlug, wenn es im Scherz eine ganz kleine, zierliche Kinderlüge zusammenstudierte! Zuerst war ich niedergedrückt und tief verdemütigt über alle diese Einsicht. Dann aber fühlte ich in mir eine eiserne Notwendigkeit, etwas gutzumachen. Auch grünte und blühte die Lust in mir auf, den kranken Freund zu sehen, ihm die Hand zu drücken und, soviel ich vermöchte, seine Beschwerden zu mildern. Vor allem aber wollte ich Frau Reginen um Verzeihung bitten, und so sehr und so beharrlich wollte ich darum anhalten und sie dabei zwingen, mir fest ins Auge zu schauen, bis sie es mir vom Gesicht gelesen hätte, wie ehrlich ich sühnen wolle, und bis sie mir in ihrem tiefen Alt sagen würde: Ich vergebe dir! Es wurde mir nun zur eigentlichen Übung, jeden Morgen, wenn ich erwachte, und jeden Abend vor dem Einschlafen, an diesem Plane der Versöhnung zu studieren. Bald setzte ich unendlich diplomatische Briefe auf, bald wollte ich einen Vermittler vorausschicken. Endlich entschloß ich mich, selber ohne irgendwelche Vorbereitungen geradeswegs nach Ilgis zu reisen und alles ehrlich von Mund zu Mund abzumachen. Das war der kühnste, aber sicherste Weg. Sowie Weihnachten und Neujahr vorbei wären, wollte ich die wichtige, kleine Reise unternehmen. Aber gerade um Neujahr trat ein gewaltiger Wettersturz und ein allgemeines Husten und Niesen und Bettliegen, aber bei den vier ernstern Fällen meiner Praxis eine Verschlimmerung auf Tod und Leben ein. Ich konnte und mochte jetzt auch nicht für einen Tag fort. Mir war das Leben, das die Patienten als ihr Köstlichstes in meine Hand gelegt hatten, zu heilig, um es einem bezahlten, wenn auch viel gescheitern Stellvertreter auf Gnade oder Ungnade zu überlassen. Nein! So lief mein guter Vorsatz wieder von einer Woche in die andere und verlor zusehends an Stärke. Nach Neujahr ging mein Mimeli in eine Schule. Und nun gab es am späten Feierabend soviel zu erzählen und abzuhören und mitzukritzeln für einen lieben Papa, daß in dieser kleinen, herzgemütlichen Welt mein Reiseplan immer nebliger und dünner wurde und zuletzt wie Rauch zu zerfließen drohte. Da, in der Fastnachtzeit, warf mir Fabrikant Eisen, ein älterer Freund meiner Ilgisser Ferien, seinen langen Schlingel Ernst ins Haus, damit ich ihn beherberge, koste es, was es wolle, und ihm eine passende Schule besorge und acht auf ihn habe wie auf mein eigenes Blut. Ernst Eisen sei schon zweimal aus Pensionaten gejagt worden. Der Bub verzog dabei verächtlich seinen bleichen Mund und sah mich stolz an. Das erlebt ja nicht jeder schon mit dreizehn Jahren. Herr Eisen hatte mir als Knaben zahllose Freundlichkeiten erzeigt und einst am Heckhorn nicht viel weniger als das Leben gerettet. Wie konnte ich nein sagen? Nur eine Probezeit bedang ich mir angesichts dieses schlanken, bleichen, übermütig dreinblickenden Jünglings aus. Und nun erzählte mir Eisen, wie der Weggisser vorgestern eine schwere Herzschwäche kaum überstanden und der Doktor die Familie auf das Schlimmste vorbereitet habe. Da sprang ich auf, bestellte noch am gleichen Abend einen Stellvertreter und setzte mich am Morgen früh in die Bahn gen die Ilgisser Berge. Gern nahm ich Mimeli mit. Ich rühmte, welch reinen, hohen Schnee es sehen werde und wie es mit den Alpbuben schlitteln könne. Mir war, es müsse das Schutzengelchen meiner Reise sein. Jedenfalls reiste ich so zehnmal sicherer und schritt an der Hand so kleiner Unschuld zehnmal kühner in das alte, feindliche Herrenhaus. Wir werden um vier Uhr in Ilgis oben ankommen. Vorher nehmen wir im Wagen noch einen Imbiß. Dann gehen wir schnurstracks vom kleinen Bahnhof den Hügel zum Weggisserhof hinauf. Die Familie sitzt dann beim Kaffee. Das ist wohl der gemütlichste Hock im Winter auf dem Land: zur Vesperzeit sich um die klingenden Tassen zu versammeln und den rauchenden Kaffee einzugießen und die graue Dämmerung von den Bergen her an die Fenster spinnen zu sehen, lange, lange Märchenfäden – bis der Vater ruft: »Macht doch Licht! Man sieht seinen eigenen Löffel nicht mehr!« Dann wird es an die Türe klopfen, und wir zwei stehen da! *           * * Bis hierher habe ich rückwärts in die schwere Vergangenheit erzählt. Nun vorwärts im besseren, jungen Heute! Ich rutschte mein schlafendes Mimeli mehr in die Ecke. So kam sein Köpflein auf meinen dicken Überzieher wie auf ein Bettkissen zu liegen. Dabei fing das Kind an zu gähnen und sich leis hin- und herzuwiegen. Aber gleich schlief es wieder ruhig weiter. Ich war froh. Um so besser konnte ich nun ausklügeln, mit was für einem geschickten, guten, eindringlichen Satz ich in die Stube Theodors treten solle. Das war unendlich wichtig. In diesem Augenblick hustete jemand im Wagen. Alles Wispern und Brummen auf den Sitzen verstummte wie auf einen Schlag. Denn es war ein Husten, wie man ihn selten hört. Ein kurzes, schwaches, grauenhaft trockenes Bellen, in drei, vier Stößen, klanglos und unfertig, so daß man selbst spürte, dieser Husten schaffe keine Erleichterung. Er hörte sogleich auf, aus Ohnmacht des Menschen, der da noch einmal hatte revolutionieren wollen und es doch nicht mehr konnte. O, ich kannte diese letzten Trommelschläge des Lebens! Es gibt einen Husten, der einem Arzt Freude macht. Er kracht und donnert wie ein Erdbeben und bringt den Menschen in hellen Schweiß. Aber nachher ist ihm leicht wie auf einem reinen Berggipfel, und er atmet wieder wie ein Erlöster. Und ein anderer hustet aus reiner Langeweile oder aus Freude ein bißchen auf und nieder. Das ist seine Gewohnheit. Es nützt nichts und schadet nichts, und der Hüstling kann dabei eine sehr reicher Spezereihändler oder ein uralter Kirchensigrist werden . . . Aber der Husten hier im Wagen ist die letzte Musik, die ein Mensch macht. Er ist das Amen der Schwindsucht. Magere, dreißigjährige Schullehrer und langhalsige junge Berufssänger und rasch aufgeschossene, nasenblutende Pultmenschen, welche mit einem dünnen Faden von trockenem Hüsteln eines Tages beginnen und dabei einen eigenen Kitzel spüren und wieder hüsteln . . . Hei, sie mögen aufpassen, das ist der Anfang! Alle Menschen von warmem Leben erschrecken ohne weiteres, wenn sie einen Augenblick den Tod ganz nahe hören. So entsetzte sich unser ganzes Kupee vor diesem ungewöhnlichen Husten. Er kam aus dem brandigbraunen Mund einer dreißigjährigen, großen, hageren Bauernfrau, die mir gegenüber an der Seite ihres Mannes saß. Die Frau errötete leicht, als sie die große Stille ringsum merkte, und preßte ein weißes Nastuch vor den Mund. Der Gatte jedoch, ein krauser, breiter, gutmütiger Mann mit einem gesunden und frischen, aber nicht sehr gescheiten Gesicht, änderte seine Miene nicht im geringsten. Nach und nach plauderte man wieder im Wagen. Ich aber beobachtete die beiden still und unaufdringlich für mich hin. Die Frau trug etwas Hartes und Herbes im Gesicht. Ihre grauen Augen blickten trotz der inneren Ermüdung sehr klug und leidenschaftlich drein. Das Haar hatte sie straff zurückgekämmt, die Stirne war hell und schmal, auf den Wangen brannten rote Flecken, und das Kinn lief eigensinnig lang und eckig aus. Sie trug den einfachen Anzug einer Landbäuerin; aber kein Stäubchen haftete an ihr. Ihr Atem war kaum bemerkbar. Die kleinen Nasenlöchlein machten dabei nicht die kleinste Bewegung. An den Schläfen glänzte ein feiner Schweiß, der immer wieder hervorsickerte, so oft sie sich abrieb. Sie lehnte sich ins Polster gegen das Fenster wie mein Mimeli gegenüber. Der Bauer zog eine Orange aus dem Hosensack, machte kleine Schnitze und bot ihr einen solchen wie pflichtschuldig an. Sie dürstete sicher furchtbar, aber wies ihn dennoch ab. Sie getraute sich wohl wegen des Hustens nicht, davon zu essen. So verquetschte also der Mann recht behäbig den Schnitz zwischen seinen gesunden braunen Tabakzähnen. Aber den nächsten hielt er ihr wieder fragend entgegen. Den nahm sie und kaute daran wie ein Kind, das noch keine Brocken verträgt. Es war eine Marter, ihr nur zuzusehen. »Rück' näher!« sagte sie dann, nicht bittend, sondern kurz heißend. Willig bot er seine junge, breite Schulter. Sie lehnte ihren fiebrigen Kopf daran und schloß die Augen. O, wie müde war sie von dem Restlein Leben, das sie noch lebte! Der Gatte hielt sich unbeweglich still, treu und folgsam wie ein Knecht. Sie war ohne Zweifel die Gebieterin gewesen, aber aus Not. In seinem braven, treuen Bauernschädel herrschte wohl Eifer zur Arbeit, Gier nach Habe und Lust am Verzehren, aber kein weises Berechnen, weder Planmäßigkeit, noch Übersicht. Sie war der Verstand des Hauses, er die biedere Hand, die arbeitete, der willige Fuß, der rannte und strampelte, der geduldige Nacken, der trug und zog, aber auch der große Appetit, der für all das aß wie ein Bär und ab und zu seinen Sonntagsrausch trank. Es ward ihm langweilig. Da schob er mit der linken Hand, ohne sich rechts aufs leiseste zu rühren, die »Woche« vom Polster auf sein Knie und begann darin nach den Bildern herumzublättern. Die Frau schlief nicht, sondern öffnete leicht die Augen und schaute mit halbem Geiste zu. Er merkte das und hielt ihr jedes Blatt bequem entgegen. Mit seinen schönen, hundebraunen Augen lachte er in jedes Bild. Da war eine Fürstin zu sehen mit Krönlein, engem Mieder und einer Riesenschleppe. Ah bah! Sie schloß die Augen wieder. Nun kam ein Flieger aus Paris, und hernach sauste im Automobil der serbische Prinz Georg übers Feld. Er kräuselte hochmütig seine Oberlippe und sah mit den dunkeln kalten Augen zufrieden zu, wie die Leute aus dem Wege stoben. Ach, die fliegen, und sie kriecht elender als ein Wurm über die Erde! »Ich mag das nicht sehen!« Aber was ist das? Der Bauer hält ihr den jungen russischen Großfürsten Iwan Nikolajewitsch entgegen. Er liest, was darunter steht, und lacht hellauf. »Der ist schon Witwer und sucht eine andere Frau,« erklärt er. Die Kranke wendet sich barsch ab. Wie grob schwatzt doch ihr Mann, wie gefühllos, und meint es doch so gar nicht bös! Aber wahrhaft, sie weiß, ehe ein Jahr um ist, wird auch er nach einem Weibe ausgehen, der gute, leichte, haltlose Mensch! Jetzt nahen ferne Gegenden in Asien, wo Sven Hedin verbotene Pfade ablief, eine neu entdeckte Insel, eine prangende Plantage auf Java und eine wunderbare Gipfelersteigung des Dr.  Markius in der Kette des Karakorum! Wundervoll ist die Erde! Sei es, sei es! Sie kennt und liebt nur ein Land, wo ihr Bauernhof steht, ihre Hühner gackern, ihre Äpfel und Birnen im Ofen schmoren und ihr Büblein gestern zum erstenmal die Schulaufgaben nicht mehr auf dem Schiefertisch, sondern in einem wirklichen blauen Heft mit Tinte lösen durfte . . . Ach, das ist das Land, dem sie heute Ade gesagt hat; denn es ist sicher, sie muß in ein Lungensanatorium. Der Doktor hat's befohlen. Das würde freilich nicht genügen. Aber ihr Mann hat's auch befohlen, und das genügt. Er will sie gesund haben. Gut! Vielleicht flackert ihre Kraft noch einmal kurz auf, daß sie für eine rasche Gnade nochmals heimgehen und ihrem Büblein noch die Kleider nachsehen kann für den Sommer und die Sämerei im Garten überwachen kann, damit Vater und Bübel auf ein Jahr versorgt sind! Für mehr, das spürt die Gescheite, reicht es nicht . . . Aber nicht einmal soviel ist sicher! Vielleicht fährt sie da nicht anders zurück – als im Sarg. Darum starrt sie die Landschaft vor der Scheibe so bitter an. Ach, ihre schönen saftigen Hügel mit den breiten sonnigen Tälern dazwischen und den hablichen Gehöften und einem klaren Wasser in der Mitte, ach, das hört hier schon auf! Es kommen Berge. Welche Schatten werfen sie ins Land! Wie sie dräuen! Und der Frau kommt es vor, die Leute auf den Wegen seien auch andere, hätten dunkleres Haar und etwas Steiniges und Verwürgtes im ganzen Gehaben. Schon fängt das erste Heimweh an. Aber sie kneift die Lippen fest ineinander – und sieht wieder ins Heft. »Die Kinder vom italienischen König! Schau, Brigitt, was für hübsche Gofen!« Ach, immer diese Könige und Prinzessinnen! Sie wird bös und neidisch auf das erlauchte Geschlecht, das in diesem Heft Luftschiff fährt oder reitet oder lächelt oder sonst glücklich ist. Die sind wohl immer gesund! Und werden sie einmal krank, so geht Mann und Kind und Magd mit ihnen ans Meer hinunter, wo es eine frische Luft gibt. Oder sie bauen auf einer grünen Alp ein Hotel ganz allein für sich, und da ist die Luft noch frischer. Und die kranke Königin kann alles mitnehmen, was sie lieb hat, und wenn sie zehn Kinder hat, darf sie auch das zehnte mitnehmen. Ja, sie kann ihr Schoßhündchen und ihre Seidenkatze und ihren Kanarienvogel mitnehmen. Ach Gott, ach Gott, was ist das für eine Ordnung auf der Welt! Und ich habe ein einziges Bübel und darf nicht einmal das mit mir ins Krankenhaus nehmen! Es will ihr die Lippen auseinanderreißen. Sie hat genug von Scherls »Woche«. Wieder blickt sie zum Fenster hinaus und ist müder als zuvor. Da merkt sie am Einpacken ihres Mannes, daß die Station naht, wo sie aussteigen muß und die Leute vom Krankenhaus sie abholen werden. Der Schaffner hat das böse Wort schon ausgerufen. Sie wandte sich noch mehr ins Fenster und ich sah, wie ihr zwei, drei kleine, kristallharte Tröpflein aus den Augen spritzten. Sie würgte das Nastuch vor den Mund. Denn ihre ganze Seele möchte sie ausschreien. Aber sie ist eine strenge, nüchterne Frau nach außen und bleibt es auch in diesem verzweifelten Stündlein. Keinen Laut gibt sie von sich. Der Bauer hat aber doch gesehen, daß sie die Augen wischte, und meint patzig wie ein Bär, der tröstet: »Mußt nicht greinen!« Da richtet sie sich zu ihm und sagt mit soviel Entschuldigung als Vorwurf leise: »Es tut halt weh!« Das ist alles. Aber ich verstehe: Du blöder Mann, begreifst du denn gar nicht, was ich leide? Glaubst du, ein Haus sei mir wie das andere und ein Fleck Erde wie der andere? Meinst, ich könne heut nacht in der Kammer ohne mein Kind schlafen? Weißt nicht, wie die fremden Gesichter und der fremde Uhrenschlag mich dort erschrecken werden! Weißt nicht, was du mir gewesen bist? Du lieber, dummer, oberflächlicher, unvergeßlicher Bauernjoggel du! Du mein Alles, mir noch mehr wert als das Bübel und als aller Acker und alle breiten, saubern Kammern im Hause! Der Wagen hält. Er will ihr aufhelfen. Aber sie weist ihn ab, nimmt alle Kraft zusammen und geht aufrecht und steif wie eine Tanne hinaus. Draußen drücken sie einander die Hände. Aber sie küßt ihn nicht, sondern steigt sogleich in den Einspänner, aus der das Häubchen einer Krankenschwester blinkt. Sie rückt weitab von der Wärterin und fährt, ohne zurückzuschauen, weg. Der Bauer sieht ihr nach, bis das Gefährt um die Ecke des Bahnhofs verschwindet. Dann grübelt er ein wenig im Haar, springt rasch entschlossen nochmals in unsern Wagen und nimmt die »Woche«, die er auf dem Polster vergessen hat. »Die möchte ich behalten,« sagt er; »die Kinder drin haben ihr halt doch gut gefallen!« Dann verschwindet er im Bahnhofsrestaurant. Wie froh war ich, daß mein Schätzchen hier im Polsterwinkel das alles nicht gesehen hatte! Es schlief gar fein und meinte wohl, zu Hause zu sein in seinem Bettlein unter Jungmutters Porträt und ringsum herrschte Nacht und Stille. Bis wir in Ilgis sind, wird es wohl ausgeschlafen haben und munter wie am Morgen sich seine Äuglein ausreiben. Das ist recht; denn ich muß ein tagfrisches, waches, tapferes Mimeli dort oben an der Seite haben . . . Die kleine Episode hatte mich mutig gestimmt. Was ist doch Haß und Trotz und Rache wert im Angesicht des Todes! Wie verpufft das alles vor seinem eisigen Hauch! Vielleicht steht es um Theodor nicht besser als um diese Frau. O, dann darf ich mich nicht weiter zieren! Ich will mich, so tief es sein muß, demütigen, um ihn zufrieden zu machen. Dem Scheidenden muß man den letzten Schritt vergolden . . . Der Platz, wo die tapfere Frau gesessen hatte, schien mir fast heilig. Um so ärgerlicher machte es mich, daß von dem andringenden neuen Volk gerade zwei überjunge, gezierte, weltfrohe Leutchen herhüpften und die Sitze belegten. Verdrossen sah ich, daß das männliche Geschöpf ein Jurist war, den ich früher in einem befreundeten Verein noch als Studenten etwa angetroffen. Seit zwei Jahren war er irgendwo auf dem Lande als praktischer Anwalt tätig. Mich kannte er nicht, da wir uns kaum einmal begrüßt hatten und er so kurzsichtig war, daß der Optiker ihm das schärfste Glas seines Ladens in den Kneifer setzen mußte. Es sproßte um sein längliches, etwas fades Gesicht ein kümmerliches, bleichfarbiges Bartgespinst. Man glaubte, es wegblasen zu können, wie ein Spinngeweb, so schwächlich sah es aus. Das Kopfhaar war ebenso licht und dünn. Er hatte es glatt gekämmt, haarscharf in der Mitte gescheitelt und tapfer eingesalbt. Der feine Frack mit seidenen Litzen, der hohe Stehkragen mit Lilakrawatte, die zehnfach gefältelte, blanke Hemdbrust und eine prachtvoll ausgeschnittene, silbergraue, mit dicken Dahlien bestickte Weste bewiesen mir, daß der Mann etwas auf sich und seine stilvolle Erscheinung halte. Eng an den schmächtigen, blutlosen Herrn schmiegte sich ein festes, starkes, großköpfiges Fräulein mit rabenschwarzem Haar, vollen, blutigleuchtenden Wangen, schönen, braunen Augen und einem dunkeln, sanften Samtflaum auf der Oberlippe. Ihre Nase war leicht gebogen und überaus fein, der Mund voll Frische, das Kinn fest und die Schultern mächtig wie die unserer Mutter Helvetia. Es war eine wirklich Schöne und Wuchtige und der farblose Jüngling mit den großen, ratlosen Wasseraugen und dem mageren Bartgefaser erschien an ihrer Seite wie eine dünne, schmächtige Silberweide neben einem breiten, funkelnden Kirschbaum. Das sah man sofort: Die zwei waren verliebt und sicher auch schon auf hundert büttenpapiernen Karten verlobt. Ich merkte bald, daß der Advokat seine Geliebte für ein paar Tage auf Besuch zu seinen Eltern abgeholt hatte. Der Arme liebte schwer. Er knetete und massierte ihre Hände und warf sich ihr schier ins Gesicht, wenn er ihr etwas Gutes sagen wollte. Mich starrte er ein Weilchen unklar an wie eine Wolke, die man schon einmal irgendwo am Himmel gesehen hat. Auch sie prüfte mich ein bißchen. Ich aber machte ein unendlich langweiliges, interesseloses Gesicht und senkte wie zum Schlummern leicht die Lider. Aber ich ließ mein spaßiges Gegenüber nicht außer acht. Allen Vorbereitungen nach mußte sich da nach der Tragödie ein Lustspiel abspielen. »Du wirst ordentlich staunen, welch ein hübsches Zimmer du bekommst – gegen den See! Wenn der Mond scheint, ist es da besonders schön. Dichte mir dann nur keine Schilflieder!« sprudelte er los. Sie lachte rasch und sah ihn mit vernarrter Liebe und wie einen Gott so gläubig an. Wie schön sie auch war, von Minervas Licht lag nicht der leiseste Schimmer auf ihrem Gesicht. Man dachte bei ihrem Anblick an ein reiches, starkes, gesundes Mädchen, das lesen und schreiben und ein Apfelkompott bereiten kann. Er dagegen war ohne Zweifel gescheiter, als sein kurzsichtiges graues Froschauge und seine niedrige Stirn verrieten. Da sie nicht wußte, was für eine Bewandtnis es mit dem Mond und dem See und den Schilfliedern hätte, erklärte er: »Weißt, das sind Gedichte von Heinrich Heine – mußt sie aber nicht lesen!« »Gibt es jetzt auch Konzerte bei euch?« fragte sie schüchtern. Wie klein war die Stimme dieser großen Person! »Soviel wie nichts,« erwiderte er. »Und wenn auch, meine Eltern haben es nicht gern, wenn wir spät miteinander ausgehen. Darein mußt du dich fügen, Schatz!« »Ja, ja,« sagte sie zufrieden. »Uzlin!« rief der Schaffner. Man sah einen kleinen Bahnhof, schmucke Straßen mit hübschen Häuserreihen und kleinen, zierlichen, aber noch dürren Obstgärtlein davor. »Auch so ein Nest! Hier habe ich vor vier Wochen plädiert,« haspelte der Jurist mit seiner dürren, klanglosen Stimme hastig weiter. »Ja, so, hier?« machte das Fräulein verwundert und starrte ihn wieder wie einen noch größeren Gott an. »Es war ein interessanter Fall, noch gar nicht vorgesehen im alten Zivilgesetz. Mußte den Entwurf von Huber hernehmen . . . Übrigens haben sie hier ein schlecht geheiztes Lokal und miserables Papier!« warf er geringschätzig hinzu. Ich schloß daraus, daß der junge Sachwalter den Prozeß hier verloren habe. Er schlug mit der langen, blassen, dreimal beringten Hand Uzlin wie eine Fliege von sich. »Ist dir denn nicht Angst, wenn du vor allen Richtern und so vielen Leuten reden mußt?« »Angst! Schatz, das kennen wir nicht!« sagte er gelassen. Mitleidig strich er den Scheitel seiner Jungfer. »Gott, seid ihr Menschen!« stieß sie hervor. »In Flammigen habe ich die Akten erst eine Stunde vor dem Plaidoyer gekriegt. Der Gerichtspräsident hat mir hernach auf die Achsel geklopft und gesagt: ›Geben Sie Ihre Rede doch in Druck!‹ Weißt du, so unvorbereitet geht einem die Rede am gewaltigsten vom Mund – ›Man weiß nicht, von wannen es kommt und braust . . .‹« »Du, du,« sagte sie wieder, und nun sah ich, daß die schönsten Augen auch die dümmsten Blicke senden können. Etwas unglaublich Einfältiges, Blödsüßes hatte diese große Landpomeranze an sich. »Übrigens haben sie auch in Flammigen ein ganz entsetzliches Amtslokal und unbequeme Stühle und ein Papier wie Hobelspäne . . .« Ich folgerte, daß der Anwalt auch diesen Prozeß mit Auszeichnung verloren habe. Mit einer prachtvollen Geste der Hand hatte er auch Flammigen abgelehnt. »Aber Ernst Peterlin fürchtet sich doch vor jeder Rede!« »Ach der! Wir sagten ihm nur ›Der Nudelpeter‹. Der sollte doch keine Gesetzesparagraphen auslegen, sondern Maccaroni fabrizieren. Dafür hat er Talent!« Sie lachte laut auf. Wie ihr Geliebter Witze machte! Wer konnte es ihm in Spaß und Ernst gleichtun? »Und er ist ein Faulenzer, und hat doch kein Geld und keine Onkels mehr! Alles totgepumpt! Der geht zugrunde wie ein Stein im Wasser!« »Und doch heiratet er die Mina Fetz. Oder ist es nur ein Gerücht?« »Es soll wahr sein,« versetzte der Advokat munter. »Weißt du,« fuhr er fort, ihre Finger in seine Weste schiebend und dann wieder damit über seinen Ziegenbart streichelnd, »weißt du, was der Vikar Fehr sagte, als er hörte, sein braves Unterrichtskind, die Mina, habe sich mit Peterlin verlobt? Hör' mal: ›Das . . . arme . . . Kind!‹« Das sagte er mit einer so feinen Nachahmung in der Stimme und im rührenden, zitternden Ton jenes auch mir wohlbekannten Geistlichen, daß ich den Vikar zu sehen glaubte, wie er die Arme nach dem Vögelchen ausstreckte, das ihm so unklug aus dem Taubenschlag entfloh. »Ist es wahr, daß sie die Hochzeitsreise nach Wien machen?« »Meinetwegen wohin sie wollen! Aber, Schatz, wo wollen wir hin?« »Das weißt du viel besser; du kennst die Welt! Sag' du wohin!« Er spreizte sich wichtig und knipste mit den Fingern. »Nach Spanien!« »Ah,« zuckte sie freudig auf. »Spanien – Kastanien!« »Aber die verdammten Karlisten dort . . . Nein, nach Italien!« verfügte er kurz besonnen. »O, nach Italien!« wiederholte sie ebenso entzückt. »Ja, aber nicht vierzehn Tage, wie die spießbürgerlichen, schwäbischen Regenschirmpärchen! Wir machen sechs bis acht Wochen daran. Ich werde vorher noch alle Prozesse schneidig ausfechten – ritschratsch! Ha, wenn du den Mailänder Dom siehst!« »Lieber, Lieber!« Sie sog sich an ihrem blassen Burschen mit den Augen förmlich fest. »Er ist ganz aus schwarzem Marmor gebaut; aber innen ist es hell wie in einer Mondnacht.« Sie war vor einfältiger Freude sprachlos. »In Venedig werden wir nur in weißen Strümpfen und in hirschledernen Pantoffeln herumreisen . . .« »Pantoffeln?« »Natürlich, das tun alle besseren Leute! Man fährt überall mit Gondeln. Keinen Fuß setzest du auf eine Straße ab. Man rudert sozusagen ins Schlafzimmer hinein!« »Aber . . .« »Kein Aber! Ist das nicht lustig?« fragte er, vom Gedanken ans Schlafzimmer so gepackt, daß er sie neuerdings und fester an sich preßte. ›Diese Narren!‹ dachte ich spöttisch. »Kommen wir auch nach . . . nach . . . Wie heißt die Stadt, wo . . . der, ach . . . Wie heißt der Dichter, der von der, der . . . der Frau, die mit einem Geliebten einen Roman gelesen hat und dann . . .« »Ja, ich weiß, ich weiß . . . Dante! . . . Die Francesca da Rimini! Ja, natürlich kommen wir nach Florenz! Aber hast du denn Dante gelesen?« »Ich?« sie lächelte blöde und wie auf einer Schuld ertappt. »Nicht viel!« »Wir wollen ihn dann auf der Reise mitsammen lesen. Er ist großartig. Ich will ihn dir dann erklären. Horch mal, wie das tönt: Per me si va nella città dolente, Per me si va nell' eterno dolore, Per me si va nell-nell-nella città dolente! So fängt es an . . .« »Wie reizend,« flüsterte sie, ihn kokett anschmachtend, »nein auch, wie reizend!« »Nein, wie Domglocken, mußt du sagen!« »Ja, die Glocken der Kathedrale von Sankt Gallen!« »Das ist zu wenig, Schatz! Du kennst eben noch keine größere Kirche. Aber im Sankt Peter könnte unsere Kathedrale eine halbe Stunde lang im Galopp laufen!« Mir putschte ein Ton wie Lachen heraus. Die Vorstellung war zu köstlich. Die Kathedrale von St. Gallen im Petersdom galoppierend, eine halbe Stunde lang, und immer noch an kein Ende kommend! Ich schneuzte mich schnell, um keinen Verdacht zu erwecken, und suchte mein erwachtes Mimeli wieder in Schlaf zu wiegen, während das Paar auf dem schiefen Turm von Pisa schräg über die ganze Stadt und das halbe Meer hinaushing. Aber Mimeli wollte nicht mehr schlafen, weinte fast und tat unwirsch. Erst als ich ihm eingab, daß wir nun bald aussteigen und in ein verflixt kleines, lustiges Nebenbähnlein sitzen müßten, das wie ein Rößlein in den dicken Schnee der Berge hinauftraben werde, ward mein liebes Kind wach und munter. Wir waren indessen schon ziemlich hoch gekommen. Überall lag nun Schnee. Weiß war alle Erde. Totenstille herrschte über den wenigen Häusern und Wäldchen, die wie einsame Inseln im weißen Einerlei lagen. Da und dort quirlte ein fadendünner Kaffeerauch aus einem gemütlichen alten Schornstein . . . Die Verliebten waren inzwischen schon in Neapel und sahen von einer ringsum laufenden Galerie aus in den brodelnden, weißglühenden Krater des Vesuvs hinunter. Dann setzten sie nach Sizilien über, wo er nur mit einem Messer, das dazu stumpf war, und mit Vogelschrot zwei Briganten in die Flucht schlug. Nun schifften sie sich nach Genua ein. Und alles, was sie noch erlebten, ward mit unglaublichen Kunststücken des Advokaten und mit der willigen Nachfolge und blöden Bewunderung dieser hübschen Gans geschmückt. Zuerst hatte es mir Spaß gemacht; jetzt ekelte mich dieses Gerede an. Zwei Menschen, die sich für's ernste, stählerne, wuchtige Leben mit allen seinen Wiegen und Särgen für immer verknüpfen wollen, finden kein anderes Thema als diesen Stumpfsinn! Arme Geschöpfe! Auch meine selige Frau war ein untiefes Weibchen gewesen. Sie hat immer und überall ein Späßchen aus der eilenden Stunde zu zupfen verstanden. Von Rosenbeeten gern, gern, aber von Abgründen wollte sie nichts wissen. Doch war sie auch so leicht und zart wie ein Schmetterling gebaut, genau so schön, so leis, so gut und so kurzlebig. Es wäre schade um ihr kurzes Schmetterlingsglück gewesen, wenn ich sie auch nur einmal hätte weinen lassen. Aber hier war es nicht Lächeln, sondern Dummheit, nicht eine helle Herzensfröhlichkeit, sondern Großhansen und Kriecherei. Und wieder faßte mich ein eigenes Sehnen, zu jenem andern Paar zu kommen, wo denn doch der Mann ein wahrhafter Mann und die Frau eine wahrhafte Frau, wo man mit tüchtiger, erprobter Liebe zusammensteht und eines fürs andere leben und sterben wollte. Fahre, fahre, Bähnlein, rascher aus diesem dumpfen Gestreichel und Geprahle in die schwierige, aber liebe Ernsthaftigkeit der Weggisser hinauf! »Hier,« sagte der Advokat im Aussteigen und zeigte auf ein großes Stadthaus, »hier habe ich dem Präsidenten der Handelskommission gesagt: ›Du bist ein Kamel, wenn du nicht einmal soviel kapierst!‹ und er hat's verdaut!« »Gelt, Vater, der dort hat immer ganz dumm geschwatzt,« urteilte Mimeli in seiner redlichen Kindermanier; »es ist gewiß kein Wort wahr, oder?« Statt aller Antwort küßte ich diesen reinen, gescheiten Mund voll Innigkeit. Und ich fühlte mich sehr stolz als Vater eines so ernsthaften, scharfsichtigen Mägdleins . . . *           * * Es war tiefgelber Winterabend hier oben in den Bergen, als Mimeli mit mir vom Bahnhäuschen zum Weggisserhof hinaufging. Wie staunte mein Kind über diese nahen, großen, zuckerweißen Berge, über diesen nebellosen Himmel und über eine Sonne, die so goldig groß, aber kalt im Westen niederkugelte! Dann die kleinen, vielfenstrigen, reinen Häuser mit Brettlein vor den Scheiben und Vogelfutter darauf und mit einem strammen Birkenbesen vor jeder Haustüre! Und der saubere, eisblaue, scharfe Wind, der einem so hart um die Wangen saust und doch so köstlich warm macht! Und wie eigen die Leute reden und, wenn der Satz zu Ende geht, fast singen! So einfache Kleider, ohne Überzieher, mit Zipfelmützen, so braune und große Gesichter, gewiß vom Fels und vielen Schnee und Wind so hart gemacht! Na, mein kleiner Balg staunte genau so großäugig und offenen Mundes in diese neue, saubere, eigenschöne Welt wie einst sein Vater als Schulbub gestaunt hatte, als ihm Theodor zum erstenmal soviel Schnee und so nahe, klare Berge und ein so steiniges Volk gezeigt hatte! Die Schulkinder kamen gerade über die Straße. Sie führten alle Davoserschlitten mit sich und fuhren im hügeligen Dorf, wo es sich nur eine Minute lang bot, die gekrümmten, engen Gäßchen nieder. Das klingelte und schellte und rief Obacht und lachte und schimpfte und überwarf sich mit Schnee, wie so ein richtiges, ungezähmtes Buben- und Meitlivolk es liebgewohnt ist. Es flogen heftige Schneeballen in weiten, glitzerigen Bogen. Aber nicht lange. Der Schnee fing schon an hart zu gefrieren wie abends immer bei so hellem Himmel. Unter den Zweit- oder Drittkläßlern ging ein Knabe einher, schlanker und höher als die andern, mit braunem Wirbelhaar und dunkelroten, stolz geblähten Lippen. Er trug einen runden Kopf auf dem biegsamen Hals und schimmerte mit zwei goldbraunen Augen links und rechts befehlshaberisch herum. Nun stand er auf seinem Schlitten und ließ sich von zwei Gespannen wegaufziehen, ohne in seiner kerzengeraden Haltung im mindesten zu schwanken. Mit einer jungen, dünnen Stimme herrschte er seine Knechtlein an: »Hurtig! Hui doch! Hurtiger, ich falle doch nicht!« Jetzt schwirrten sie an uns vorbei. Mein weißwamsiges Kind staunte den stattlichen Jungen gewaltig an. Er aber sah hochmütig auf Mimeli herab und freute sich doch, daß wir stillestanden und ihm unsere Andacht schenkten. Laut schrie er: »Wollt ihr wohl besser ziehen! Da habt ihr's!« Damit hieb er mit einer Rute den beiden trabenden Menschenpferdlein scharf übers Bein. Dann blickte er großartig nach uns zurück. »Schaut ihr, ich darf! Die müssen folgen!« hieß das. Nun bogen sie ins steile Sträßchen zum Weggisserhaus hinauf. Da ward der Trab mühsam. Aber der schöne reiche Kerl peitschte und trieb die zwei Untertanen stramm in Lauf. Und sie gehorchten schnaufend und schwitzend und gern. In allen Bergdörfern sind die hübschen und reichen und starken Kameraden Tyrannen der andern. Ein sonderbares, unheimliches Gefühl beschlich mich. War es auch nur ein harmloses Büblein, sein Tun war mir doch zuwider. Ich konnte jetzt kein herrisches Gebaren ertragen. Denn ich rechnete da oben auf Entgegenkommen und Milde. »Das ist ein feiner Knab,« rühmte Mimeli; »aber er hat mir die Zunge gestreckt!« »Aha, der junge Weggisser!« fiel es mir sofort ein. Darum, darum! Dieses Haar, dieser üppige Mund, dieser runde Krauskopf! Ja, ja, genau wie Theodor als Bub. Und so wird er's auch in seiner Kinderzeit getrieben haben. Damals schon haben sie ihn verwöhnt und ihm die Hände unter die Füße gelegt. Aber das Zungenstrecken hat der kleine Bengel nicht vom Vater! Noch viel schwieriger, als den zwei Rößlein vorhin, ward mir der Aufstieg; denn mich dünkte, ich ziehe die ganze schwere Feindschaft der Vergangenheit mit mir hinauf, um sie dort oben hoffentlich für immer abzuladen. Aber ich war nun einmal so weit und wollte die Sache zu Ende führen. Erst jetzt erzählte ich dem Töchterlein, daß ich da oben im Haus einen kranken Freund besuche. Er habe ein Knäblein und ein ganz kleines Dirnchen. Mit denen solle es sich nur gleich befreunden. Es werde viel Spaß daran haben. »Aber du gehst ja gar nicht gern hin!« wandte Mimeli ein und trippelte ungeschickt im glatten Schnee haldan. »Ich nicht gern hingehen? Warum etwa nicht? Was du nicht alles erfindest!« sagte ich verblüfft und suchte die hellen großen Augen meines Kindes ohne Erröten auszuhalten. »Du hast ja immer die Stirn' gerunzelt und noch nie ›O du lieber Augustin‹ gepfiffen!« neckte das kleine Müsterchen von Bosheit. »Nein, du gehst nicht gern,« wiederholte es bestimmt; »aber ich tu' da oben nicht, als wüßt' ich's!« machte es mit unvergleichlich unschuldiger Schelmerei. Wir gingen sehr langsam. Niemand kannte mich. Denn ich hatte seit fünf Jahren einen greulich roten Bart, der nur mir gefiel, von Ohr zu Ohr wuchern lassen und zog den Kragen hoch und die Pelzmütze tief ins Gesicht. Als wir an die Haustüre gelangten, wußte ich, daß wir es sehr geschickt treffen. Man wartet hier in allen Stuben mit dem Vesperbrot, bis die Kinder aus der Schule heimkommen. Nun konnte ich sie alle beisammen um den Tisch herum packen. Ganz gut hörte ich durch die kleinen Fenster eine hohe Knabenstimme lärmen und den ehernen Schall der Frauenstimme dazwischenklingen. Ihrer Stimme! Etwas tiefer noch im Alt als früher, etwas nüchterner, aber doch noch immer das gleiche volle Cello. Von Theodor vernahm ich nichts. Immer nur den Buben und die Mutter. Das allein sagte mir genug von seinem Leiden. Jetzt gilt's! Fest packte ich Mimeli am Händlein, daß es verwundert zu mir aufblickte, und ging, ohne zu läuten, ins Haus hinein. Im steinernen Gange lagen Schlitten, Knabenskier, Schneeschaufeln über einen Haufen, ganz wie zu meinen Zeiten. Nebenan in der Brunnenstube klingelte das Brünnlein. Rasch klommen wir die zwei Treppen empor, drängten uns durch die obere, nur angelehnte Korridortüre in den Stubenflur und sahen in eine offene, rauchige Küche, wo jemand im Herdfeuer mit zündelrotem Gesicht herumschürte. Wohl die Magd. Jetzt klopfte ich an die Stubentüre. Ich tat es in meiner Erregung furchtbar laut. Von innen scholl Tassengeklirr, Kinderlärm, die Frauenstimme. »Pst! Es hat geklopft!« sagte eine heisere Stimme, die mich beben machte. Da ward es ganz still. Ich klopfte nochmals, zaghafter, demütiger. »Herein!« rief die Frau und schritt zugleich mächtig zur Türe. Aber ich öffnete fieberig rasch und sperrte die Türe ganz auf, damit mich alle im ersten Blick sehen und das Weib mich nicht etwa zurückdrängen könne. Neben mir stiefelte sogleich Mimeli auf den Söller und forschte mit städtischer Keckheit nach den versprochenen, so lustigen und spaßigen Gespanen. Die bronzebraune Frau im leichten blauen Hausjäcklein wich betreten zwei, drei Schritte zurück. Am Tisch reckte der kleine Schlittenkönig den Hals und baumelte gewaltig mit den Beinen. Daneben hielt ein etwa vierjähriges Mädchen eine große Tasse an beiden Ohren und schlürfte und schlappte Milch, ohne darum ein Auge von uns abzuwenden. Der Tisch war an das Sofa gerückt, wo Theodor neben seiner goldrandigen Tasse halb saß, halb lag. Es war dämmerig. Ich sah alles und doch nichts genau. Und die Spannung, in der ich steckte, spielte mir im ersten Augenblick die vier Gesichter wild durcheinander. Aber ich mußte bei diesen steinernen Menschen frisch auftreten, das vergaß ich nicht. Mit einem großen, flinken Schritt eroberte ich die Stube, schloß die Tür hinter mir und ließ die Hand Mimelis fahren, als müßte ich sie jetzt gegen alle diese Menschen da brauchen. Die erste Sekunde war unschätzbar. Ich wollte sie nicht dem Feind überlassen. Ehe Theodor oder sein Weib auch nur einen Ton hervorbrachten, hatte ich die Weggisserin stramm an der Rechten erfaßt und ließ sie nicht los, wie sehr sie mich mit Staunen, dann mit Schrecken, dann mit überwallender Wut anblitzte. »Liebe Frau Weggisser, ich fliege – wie ein Sturmvogel ins Haus! Ich hätte es lieber anständiger gemacht. Aber ich wäre dann nicht so weit gekommen. Jetzt bin ich da, und wenn Sie mich hinausjagen wollen, so – so jagen Sie uns eben wieder in den Schnee hinaus! Aber Ihr großer stolzer Bub da hat uns den Weg gezeigt. Mit dem müssen Sie zuerst schimpfen!« Regina hatte eine teilnahmlose, tödlich kalte Miene angenommen. Ich ließ ihre kühle, schlaffe Hand los. Wieder stieg eine unsägliche Freudlosigkeit an diesem Weibe in mir auf. Nur beim Melden ihres Jungen zuckte ein Schimmerchen über ihr dunkles Gesicht . . . Jetzt trat ich um Reginen herum rasch ans Sofa und beugte mich tief zu Theodor nieder. Ich suchte seine große Hand, die unbeweglich auf der Wolldecke ruhte. Mit meinen beiden heißen Händen preßte ich sie innig an meine Brust und sagte, im Innersten von seinem zertrümmerten Wesen erschüttert: »Verzeih mir . . . Ich geh' sogleich wieder, ich . . .« »Das ist uns sehr recht! Sehr!« sagte die Frau scharf und blickte unruhig zwischen Theodor und mich hinein. »Aber ich will vorher mein Unrecht gutmachen und meinem lieben Theodor eine gute Gesundheit wünschen und . . .« »O, wir wollen den alten Brei nicht mehr aufrühren,« schnitt mir Regina den Satz hart ab. »Darüber sind wir lange hinaus!« »Aber ich nicht! Ich habe damals in einer wilden, gehässigen Laune gelogen, und dieses Lügen läuft mir nach und läßt mir keine Ruhe und brennt mich. Und ich muß, ob's euch gefällt oder nicht, dafür abbitten. Ich habe,« fuhr ich zu Theodor weicher fort, »deine Frau nicht recht gekannt; nur aus kleinen, kindischen Sächelchen habe ich sie beurteilt. Das war falsch. Ich wußte gar nicht, was sie im Ernsten und Wichtigen vorstellt. Und nun hör' ich, was sie da oben für eine Mutter ist, welche Prachtskinder sie aufzieht, welch ein stattliches Haus sie führt und vor allem, welch ein Engel sie in deiner langen Krankheit ist. Und da . . .« »Wir dürfen Thedi nicht aufregen,« wehrte die Frau ungeschmeichelt ab und schob mich mit ihrem Ellbogen stark vom Sofa. »Gelt, du bist müd! Ich tue meine Pflicht, das ist alles! Das Rühmen hat gar keinen Wert.« Theodor kämpfte indessen mit einer großen Rührung. Seine Augen waren feucht; ich sah es gut. »Nur nicht streiten!« sagte er kurz und gebieterisch, ich wußte nicht, zu mir oder zu ihr. »Wir haben hier immer einen schönen Frieden,« wandte die Frau leiser sich zu mir. »Wenn du gekommen bist, um dein . . . dein . . .« »Sag' nur, deine Flegelei!« bat ich. »Es ist mehr gewesen! Wenn du darum gekommen bist, so kannst du nun ruhig gehen. Wir haben das vergessen. Laß uns also im Frieden! Wir gönnen ihn dir auch und alles Gute dazu – wenn du nur gehst!« Unruhig schwirrten ihre Zigeunerblicke zwischen mir und der Stubentür hin und her. »Ich habe gedacht,« verteidigte ich mich, »wenn so viele Jahre vorbeigegangen sind und euch ein liebes Kind gestorben ist, wenn man nun älter und reifer geworden ist und das Leben enger und die wahren Freunde seltener geworden und wenn einem so vom rauhen Leben der unreine Schaum der Jugend scharf genug abgestriegelt worden ist – ich habe gedacht, man sollte dann wieder in der früheren Güte zusammentreten können, sich alles Üble verzeihen und einander wieder kameradschaftlich die Hand bieten . . . Das hab' ich gemeint.« Die große dunkle Frau schaute mich böse an, aber schwieg. Theodor rutschte unruhig im Kopfkissen hin und her. Er erkannte meine alte Stimme, meine alte Art zu reden und sicher auch meine alte Treuherzigkeit. Die Krankheit mit ihren stillen, einsamen Stunden hatte ihn gewiß innerlicher und lauterer gemacht, hatte wohl manchmal die alten Zeiten wie ein schönes, gesundes Vorleben in ihm wachgerufen, und jetzt, da er mein ehrliches Kommen erkannte, wollte er gut mit mir sein. Was nützt das Grollen, gar auf dem Siechbett? Aber er wußte, welch ein enges, unleidliches Weib er an seiner Seite habe. Diese Schwierigkeit und die aufsteigende Rührung und der arge Kampf zwischen Weib und Freund so nah an seinem Lager, das regte ihn auf: er hüstelte und schwitzte an der Stirne und blähte luftsuchend die Nasenflügel. »Ich gehe, sobald ich gehen muß,« fing ich ruhiger wieder an; »aber zu allen Zeiten ist hier oben in euern Bergen und vor allem in diesem guten Haus eine große Gastlichkeit gegen jedermann, auch gegen den letzten Bettler geübt worden. Doch mir gebt ihr keinen Stuhl. Ist es denn nicht mehr so wie damals?« Ich wies auf die beiden Bildnisse der Großeltern, die über Theodors Lager an der Wand hingen und Vater und Mutter in steifgezogener Würde, aber mit einem heimlichen Blick von Wohlwollen wiedergaben. Sie hatten mich in den Bubenferien wie ein eigenes Kind gepflegt und immer darauf gehalten, daß Freund oder Feind, solang er in der Stube weile, als Gast behandelt würde. »Gib Walter einen Sessel!« gebot Theodor mit pfeifendem Atem. Ich kam der Frau zuvor, ergriff den nächsten Stuhl und rückte damit hart an die Seite des Kranken. Bitterböse belauerte Regina jede meiner Bewegungen. Ach Gott, dachte ich, sie ist ja noch immer die gleiche eifersüchtige, schlimme Katze! Niemand von uns dreien fand ein Wort. »Sieh da, die Kinder!« unterbrach Theodor die Stille auf einmal. Regina und ich blickten zum Fenster, wo Arnold und Klärli meinem Kind die Knöpfe des Schneewamses zu öffnen suchten und ab und zu mit wunderlichen Näschen am Parfüm des Pelzes rochen. Mimeli aber sah unverwandt auf uns Große. Es merkte wohl, daß wir recht uneins waren. »Halt doch mal still, du dummer Gof!« schalt Arnold lachend und die Lippen übermütig blähend. »Du hast eine schöne Jacke und schöne Knöpfe dran, ja, ja,« machte sein Schwesterchen und tastete an Mimeli herum wie an einem Schmuckstück. Reginen war das alles zur Qual. Ihre Augen brannten, und der dünne Schnitt ihres Mundes, schon mit vielen feinen Fältchen gekräuselt, bewegte sich, als rede sie immer etwas Leises, Bitteres, Gepeinigtes. Mimeli bekam vor dieser Frau eine große Angst in die Augen. Erst halb aufgeknöpft, riß es sich los und lief auf mich zu. »Vater, Vater,« fragte es tapfer, »sind sie bös mit dir?« »Dummheit,« machte der Bub geringschätzig, »die Mutter ist halt so! Das ist eben nur die Mutter!« Und er riß Mimeli von mir weg, und Klärchen tätschelte jetzt seine Wangen und schmeichelte: »Liebes du, Liebes du! Wie heißest du?« »Mimeli!« »Und ich Klärli!« »Und ich bin euer König und heiße Arnold. Aber ich habe noch einen Namen, Karl. Ich bin Karl der Große!« Er stellte sich spaßig hoch auf die Zehen, der kühne Kauz, und spritzte einen wahren Sternenglanz aus seinen rotbraunen Samtaugen. Frau Weggisser ging vor Unleidlichkeit hinaus. Da schaute mich Theodor endlich aus seinem zerfallenen, knochigen Gesicht so recht mit der alten Liebe an. Er versuchte zu lächeln und flüsterte: »Sind das Kinder! Da geht's freilich leichter!« Aber plötzlich tat er einen Ruck und rief laut: »Grüß' dich Gott, Walter!« Er drückte mich mit seinen zitternden Händen zu sich nieder. Mich übernahm die Rührung, daß ich kein Wort zu entgegnen vermochte. »Gelt, das ist arg über mich gekommen, daß ich so daliegen muß!« Ich schüttelte den Kopf. »Ich hab' es mir so gedacht . . . Es könnte ja noch viel übler stehen . . .« »Das sag' ich mir auch,« gab er hoffnungsreich zu, und seine immer noch schönen, blauen, aber rotumränderten Augen strahlten sofort frischer. Soviel vermochte ein einziges Tröpflein Öl an diesem Menschendocht! Regina trat wieder ein, schon an der Türe auf uns hinüberspähend. Sie hatte keine Ruhe. Es litt sie nicht draußen; doch konnte sie auch drinnen nicht zusehen. Sie war noch die alte grausame Eifersucht. Sie konnte vergessen und am Ende auch verzeihen, was vorüber war. Aber daß ihr Gemahl mich noch immer liebte, wie es sich nun so klar erwies, das war eine neue, unverzeihliche Kränkung. Ihre Augen stachen mich wie Nadeln. Sie machte Licht in der Staube und trat rasch wieder zu uns, sich leise räuspernd, aber fest entschlossen, jetzt den Kampf, koste es, was es wolle, gegen mich wieder aufzunehmen. »Thedi,« sprach sie laut und wunderbar deutlich, »sieh, wir wollen mit Walter wieder gut Freund sein. Damit kann er zufrieden nach Hause gehen. Das ist genug für den ersten Besuch. Die Geschichte regt uns doch alle auf, und er ist ja ein Doktor und weiß besser als wir, ob das in einer Krankenstube gut tut. Komm du, Walter, nur wieder im Frühling, wenn wir mit Theodor vors Haus aufs Bänklein sitzen oder wieder ein wenig spazieren können! Wir danken dir für deine Freundlichkeit. Das Alte ist vergeben und vergessen, und . . .« Und . . . nun hätte sie am liebsten die Türe aufgetan und mich hinauskomplimentiert. Aber so leicht sollte ihr das Bugsierspiel denn doch nicht werden. »Ich danke, ich danke tausendmal,« schnitt ich ihr das gesalbte Sätzlein ab. »So gehe ich auch wahrhaft gern und leicht heim. Und ich freu' mich schon jetzt auf den Frühling.« Ich wußte wohl, daß dieser Frühling in keinem Kalender stehen würde. »Aber heute kann ich nicht mehr heim. Ich habe das Logis in der Krone bestellt und gehe bald, keine Angst! Und morgen will ich nur schnell vor dem Wegfahren Ade sagen. Aber jetzt laß uns noch ein wenig plaudern, Regina . . . Sitz' auch zu uns!« Sie setzte sich, und Theodor nahm beschwichtigend ihren Arm, indem er sagte: »Walter meint, es stehe gar nicht so schlimm.« Das Weib prüfte sogleich mein Gesicht mit der Schärfe eines Raubvogels. Sie war viel zu klug, um sich täuschen zu lassen. Ihrem Manne, das wußte sie grausam klar, war nicht mehr zu helfen. Ich log ihm da jedenfalls etwas vor, um ihn zu gewinnen. Aber ich verzog keine Miene und sagte: »In der Stadt mit ihrer schlechten Luft sind solche Fälle im Winter so häufig wie die Spatzen vor euren Fenstern; aber im Frühling bessert es dann vielen unerwartet, mit einem ersten warmen Lüftchen oder einem ersten Veilchen oder einer ersten milden Mainacht bei offenen Fenstern, was weiß ich. Wir Ärzte staunen oft selber darüber. Da ist noch viel Geheimnis. Aber nun seid ihr ja gar noch an einem Kurort. Denn eine bessere Luft als die Ilgisser haben sie auch auf der Rigi und in Davos nicht. Da kann es ja fast nicht anders als recht gut werden . . .« Ich fügte diesen halben Wahrheiten, halben Lügnereien aus meiner Praxis eine Reihe von verzweifelten Fällen bei, wo man mit dem kleinen Finger schon an die graue Sense rührte, aber zuletzt doch mit beiden Juhebeinen wieder ins gesunde Leben zurückstrampelte. Dabei ließ ich die Patienten die höchsten Fieber leiden und die rasendsten Pulse schlagen, schwitzen bis zur Ohnmacht und kaum noch einen haardünnen Atem spinnen. Aber, sagte ich, es bleibt wahr, was schon die Alten rühmten: Von allem das Gewaltigste ist eben doch der Mensch! Er leidet mehr als die Erde und die Bäume und alle Tiere zusammen und überwindet doch alles. Und so zeigte ich denn auch jene jämmerlichen Patienten nach so und so vielen gescheiten Rezepten und Arzneien und Kuren auf einmal wieder groß und stark und in Genesung lachend. Bei dieser tapferen Erfindung erstrahlten die runden, großen Augen Theodors hoch auf wie zwei Kronleuchter. Aber auch die Blicke Reginens erglommen etwas heller. Noch verstohlen, noch klein, noch widerwillig! Aber Geduld, ich lasse das Feuerchen nicht mehr ausgehen! Theodor wurde jetzt gesprächig und erzählte mir seine Krankheit ausführlich. Er war sehr unzufrieden mit dem alten Doktor Bersolt und schimpfte wie alle unheilbaren Kranken auf den Arzt, statt auf das Übel. Das Schlimmste seien die häufigen Blödigkeiten. Dann werde ihm immer, als sinke die Herzseite wie eine mürbe Mauer ein. Dann rinne keine Luft in die Lunge und das Leben wolle stillestehen. Das ist entsetzlich. Wie Nacht! Oder wie in einem verschütteten, licht- und luftlosen Tunnel! »Kein Vorwärts, kein Rückwärts, am Ersticken und doch nicht ersticken, schlimmer als sterben . . . O Gott, o . . .« »Ängstige dich nicht unnütz, Thedi,« bat Regina und wischte ihm die feuchte Stirn ab. »Nein, da versagt Doktor Bersolt völlig,« widerredete Theodor ungeduldig. »Ruhe, Ruhe und Kognak mit Ei, das ist seine Losung. Gibt es da nichts Besseres, Walter?« »Freilich, freilich,« tröstete ich. »Von Jahr zu Jahr erfindet man für solche Herzschwächen neue prächtige Sachen. Da gibt es Pillen, Einspritzungen, Sprayapparate, die unfehlbar die ärgste Not sogleich lindern . . .« »Was, was?« schrie Theodor jäh und zerrte mich am Ärmel. »Glaub' mir, es ist so!« sagte ich mit eiserner Festigkeit. »In die Dörfer hinauf kommt dergleichen natürlich erst langsam, gar, wenn da ein uralter Arzt regiert, der noch selber Kräuter preßt und Salben siedet. Und erst recht, wenn das Volk, wie ihr Ilgisser, an nichts als an diese Kräuter und Salben glaubt!« »So ein neues Mittelchen, o ja, das wäre eine große Gnade!« bekannte nun auch Regina und schenkte mir zum erstenmal einen nicht ganz unlieben Blick. »Verschreib uns so was! Oder könntest du nicht mit Bersolt selber darüber reden? Das wäre noch besser!« »Warum denn nicht? Noch heute in der Krone oder doch morgen früh. Der Alte kennt mich ja so gut wie euch. Übrigens seh' ich da ein Spritzlein, wohl für Terpentin? Na, das ist oft auch eine Erleichterung!« »Es hilft wenig,« seufzte Theodor; »aber Regina tut eben, was sie kann. Sie ist ein Engel.« Er tastete nach ihrer Hand und versuchte sie zu küssen. Aber Regina ließ es nicht zu. Sie mochte mir nicht einmal den Anblick ihrer ehelichen Zärtlichkeiten gönnen. Ich gehörte da nicht hinein, ich Fremdling! »Eine gute Frau leistet am Krankenbette mehr als sieben Äskulape, pflegte Doktor Billroth zu sagen. Ich hab' das auch oft genug bei meinen Patienten erlebt.« »Hörst du da, hörst du nicht?« neckte der Kranke Reginen, die sich abwandte. Sie duldete von mir immer noch kein Lob. Dagegen brachte sie jetzt die Medizin Bersolts. Ich sollte sie einmal prüfen. Es war eine große altväterische Flasche. Ich nahm sogleich einen Löffel vom Kaffeetisch, füllte ihn halb und trank die dicke braune Brühe in einem Zug und ohne die geringste Grimasse aus. Es war eine Mischung von Kreosot mit Lebertran, das gewöhnliche Mittel zur Milderung des Hustens und zum Lösen des Schleims. Es mochte auch ein Sprenkelchen Morphium beigemischt sein zum Einschläfern. »Es ist eine ganz brave Arznei,« sagte ich, gemächlich den Schluck nachkostend. »Aber ich will Doktor Bersolt doch in aller Ehrerbietigkeit ein paar Mixturen aufdringen, die wir jetzt in der Stadt mit großem Erfolg in solchen Fällen anwenden. Ich red' ihm das leicht auf.« Mein Experiment mit der Medizin hatte Reginen ungeheuer imponiert; das merkte ich ihrem unverhohlenen Staunen an. Nun aber nickte sie drei- und viermal zu meinem Entschluß, mit dem Hausarzt zu sprechen. Es spielte ein kleiner Hauch von Zufriedenheit und schier gar von Dank über ihre harte Bronze. Das machte mir Mut. Ich entnahm meiner Taschenapotheke ein Fläschlein, worin aus allerhand giftigen und belebenden Elementen, dunkelgrün wie ein großes Geheimnis, eine ölhafte, auf die Respiration fast augenblicklich wirkende Flüssigkeit lag. Dazu ein äußerst fein schaffendes Spritzlein. »Probiert das einmal, wenn ein Anfall kommt! Sechs, siebenmal den Gummi scharf pressen, daß der Strahl möglichst fein und scharf gezückt in die Nase schießt. Für den ersten Augenblick regiert das wie ein Wunder. Hernach rat' ich euch solche Pastillen an; sie geben dem abgeschusterten Herz frische Wichse, sagte Doktor Koch. Besser wäre Einspritzen von Digitalis. Das könnte ich Reginen leicht lehren, es heißt dabei nur fein aufpassen . . .« »O, sie wird's gleich können, die liebe Hexe!« lächelte Theodor. »Wenn's nur nicht weh tut!« fuhr er bänglich fort und sah mich zweifelnd an. »Oder gar gefährlich! Ihr Dökter, ihr Dökter, seid verflucht unheimliche Gesellen mit Gift und Messer! Doch dir, Wälti, trau ich,« sagte er etwas tapferer. »Aber du kommst ja wie der reine Samichlaus zu uns, und wir tragen dir nicht einmal von unserem guten Most und von Reginens Äpfelschnitten auf! Hurtig, die Leutchen hungern!« Ich wehrte ernstlich ab. Keinen Tropfen und keinen Bissen! Ein andermal! In der Krone kocht man uns unterdessen schon ein Süpplein und etwas Fleisch dazu. Lieber noch ein Weilchen plaudern, leise, leise, daß es nicht weh, sondern wohl tut . . . So entstand nun doch eine leidlich gemütliche Stimmung in der Stube. Zögernd zwar nahm Regina das Mittel und besah es mißtrauisch. Wie sie es dann aber sorglich einwickelte und ganz vorn in den Wandkasten stellte, damit man es gleich bei der Hand hätte, und wie sie mit einer gewissen erquicklichen Genugtuung den Schlüssel wieder drehte und in ihre Schürzentasche steckte, so, wie man nur etwas Gutes einsteckt, zum Beispiel einen lang und sehnlich erwarteten Brief, der viele Wünsche nun endlich hübsch erfüllt – o ja, daran erkannte ich, daß Regina aus Not oder aus Ehrlichkeit mich schon ein bißchen anders ansah als unter der Türe. Theodor aber schwatzte drauf los, er übersprudelte sich fast. In drei Wochen könnte er ganz wohl wieder hergestellt sein. Diesen Abend zum Beispiel atme er so tief und fühle sich so leicht wie in den besten Tagen auf einem der Gipfel da drüben im Schnee. »Weißt du noch, Walter?« Aber ich merkte, daß er übermäßig erregt war. Hoffnung auf Hoffnung berauschte ihn. Aller Leichtsinn seiner ewig jünglinghaften Seele erwachte. Er gebärdete sich wie ein Gesunder. Jene roten, blühend schönen Rosen gluteten immer tiefer über seine Wangen, die wir an den Schwindsüchtigen so gut kennen und womit sie das, was Schwäche und Fieber ist, dem Laien als aufgehende Gesundheit vorlügen wollen. Theodor mußte jetzt unbedingt Ruhe haben. Ich wollte Mimeli zum Aufbruch mahnen. Die Kinder knieten am Boden und blätterten in einem großen Bilderbuch. »Grad wie meine Mutter!« hörte ich eben mein Geschöpflein sagen. Alle drei Kinderköpfe bogen sich tief und aufmerksam über eine junge kleine Frau mit einer langen Nase und zwei kleinen lustigen Augen. »Deine Mutter?« staunten die beiden Ilgisserkinder. »Mußt mitbringen, du Mimeli! Mutter holen!« sagte Klärchen und zog Mimeli am Ärmel, als wollten sie beide sich gleich aufmachen und die schöne kleine lustige Frau holen. »Ist ja tot!« erwiderte Mimeli in der Stammelsprache des kleinen Klärchens. »Gestorben, deine Mutter? Tot?« schrien die Geschwister und sperrten die Augen groß auf. »Du bist ja noch viel kleiner als ich! Da mußt du doch noch eine Mutter haben; das, das . . . Na . . .« Arnold schüttelte den Kopf. Darüber kam er mal nicht weg. »Ist halt doch gestorben,« sagte Mimeli leiser und recht niedergedrückt. Da sahen mich beide Kinder an, als sollte ich Mimeli widersprechen. Aber auch Regina und Theodor blickten mir mit heftiger Überraschung ins Gesicht. Ich senkte den Kopf. Mehr konnte ich nicht antworten. »Aber das haben wir ja gar nicht gewußt! Verzeih, Walter!« bat Theodor und drückte mir aufs innigste die Hand. Regina war völlig ratlos, was sie mir sagen sollte. Es entstand eine bange Stille, in die das Kindergeschwätz wieder tröstete: »So mußt du eine andere Mutter kaufen, Mimeli!« »Man bekommt doch nicht noch einmal eine Mutter!« widerstand mein Kind mild. »Du bekommst auch nicht noch einmal einen Vater, Arnoldli, wenn . . . wenn . . .« Ich wollte ins peinliche Gerede einspringen; aber da lachte der stolze Arnold schon hochmütig und klob ein klirrendes Beutelchen aus den Hosen. Das warf er großartig zu Boden und prahlte: »Hab' heut für bloß drei Batzen ein Küngeli gekauft! Hei, alles, alles kann man kaufen, Küngeli und Kühli und Vater und Mutter, soviel man will!« Ich sprang vom Stuhl auf. »Mimeli, wir müssen gehen! Schau, wie es vor den Fenstern schon dunkel wird!« Aber Klärli und Arnold umschlangen das Mimeli. Dieses so gar nicht hübsche, aber milde und klare Kind hatte ihre kleinen, härteren Berglerseelen ganz gewonnen. »Es soll bei uns schlafen!« schrien sie. »Mit mir, mit mir!« flehte der vierjährige Weggisserzopf. Mimeli sträubte sich gar nicht. Bisher hat es immer allein geschlafen. Na, einmal mit andern Kindern, das muß lustig sein! Ist's ja schon zweimal seliger in Kissen und Decken drin, wenn man nur so eine kalte, stumme Puppe neben sich hat. Nun mit seinesgleichen, hoi! Wie im Bilderbuch, wo die sieben Zwergmännlein alle in der gleichen Kammer in sieben sauberen Bettlein nebeneinander schlummern. – Schlummern? Warum nicht gar, nein, noch allerlei Hokuspokus treiben, daß es stäubt und federt und wolkenwirbelt! Dem Arnold, so einem Wildstrubel, ist ein ganz gehöriger Spaß zuzutrauen! »Was denkt ihr denn?« machte ich jetzt ganz ernsthaft. »Das Mimeli kommt doch mit dem Vater. Morgen kommt's noch schnell . . .« »Nichts da!« entschied Arnold heftig und vor Eifer über seine breiten Lippen geifernd und stand wie ein junger Kaiser vor mich hin. »Es hat mir schon versprochen, das Medaillchen zu zeigen, wo die Mutter drin steckt, da unter dem Lätzchen, gelt, Fratz du!« Und sogleich nestelte Klärli am Halskragen Mimelis mit beiden zappeligen, wilden Händchen herum. »Wo? Wo? Die schöne Frau?« »So laß du die Kleine da!« bestimmte nun auch Regina mit einem kurzen, wenig frohen Lächeln. »Wir wollen es schon gut zu Klärli hineinbetten. Sie haben eben Freud' aneinander!« »Und für dich haben wir auch Platz genug,« sagte Theodor und wollte mich wieder auf den Stuhl herabziehen; »kannst in dein altes Zimmer! Wirst den Weg wohl noch wissen, alter Kerl!« »Das geht nicht,« entgegnete ich fest. Ich wollte es nicht gleich das erstemal übertreiben. »Die Kammer in der Krone ist schon bestellt, mein Handgepäck drin und das Nachtessen angesagt.« »Das kann er doch halten, wie er will,« erklärte Regina zu Theodor. »Ein Zimmer ist ja immer schnell gerüstet. Das Mimeli soll nur hier bleiben. Unser Kinderzimmer ist geheizt; aber in der Krone sind alle Kammern eiskalt.« »So, so, Mimeli, soll ich denn wirklich allein ins Dorf? Ist's dir ernst?« fragte ich und zeigte eine kleine scheinheilige Betrübtheit. »Ja, ja, sicher! Geh nur!« nickte mir das Dirnchen ruhig zu. Es war schon ganz von dem munteren Klärli und noch mehr von dem strahlend stattlichen Arnoldli eingenommen. Sie wollten mit ihm insgeheim ein bißchen hinter dem Haus über den Hügel hinunterschlitteln, wahrhaft schon bei Nacht! Das lockte ungeheuer. Dazu hatte Arnold ihr ins Ohr getuschelt, daß er vielleicht, wenn's ihm so recht drum zu tun sei, zu ihnen hinüber ins Meitlizimmer komme, wenn sie schon zu Bette gegangen seien. Dann drehe er das Licht aus, gehe wie ein Gespenst vor ihrem Bette auf und ab und erzähle ihnen mit einer furchtbar tiefen Stimme – puh! – eine sehr feine Geschichte, so daß sie vor Angst schwitzen: Armer Fischer – Eismeer – Walfisch – Schiff verschluckt – aber Bauch aufgeschnitten – Speck verkauft – Millionär geworden – Hurrah! Alle drei lachten. O, sie werden sich nicht fürchten! Er soll nur kommen! Sie spritzen ihm ein Glas voll Wasser an. Er soll nur kommen! Großer Gott, welch ein Abenteuer das gibt, welch ein Lachen, welch ein Gruseln immerhin doch und welch einen Jubel, daß der arme Fischer nun doch noch ein Millionär geworden! Wär's nur schon so spät! *           * * Im Herrenstüblein der Krone saß ich nach dem Nachtessen noch ein Verdauungsstündlein lang am Tisch der paar alten Stammgäste und sah ihrem Bierjaß zu. Es waren die nämlichen wohlbestallten Herren, die schon vor zehn und zwanzig Jahren mit dem gleichen Ärger hier eine Nell an den gewalttätigen Bauer verloren und mit dem gleichen Übermut Hundert vom Trumpfaß gewiesen hatten. Sie spielten noch immer mit halb geschlossenen Lidern, langsam den Zigarrenrauch verkräuselnd und viertelstundenlang keine Silbe auf den Lippen. Ihr Bäuchlein war freilich eher runder, ihr rasiertes Gesicht etwas lederner und ihr Scheitel um einen Faden grauer geworden. Aber wenn ich die Augen schloß, so war es durchaus das Gehaben und Gebaren wie vor zwanzig Jahren, da ich mit Theodor und dem Kronenrobert als kleiner Knirps scheinheilig in die Eicheln und Schellen schaute, im Grunde aber recht lausbubenhaft aufpaßte, ob nicht bald einer von den Spielern den Tabakstengel im Kummer oder Jubel des Jasses auf die Seite lege, erst halb heruntergeraucht, so daß wir drei Buben das Kleinod wegstibitzen und hinter dem Haus und zwei hohen Holzbeigen abwechselnd fertigschmauchen könnten. Theodor freilich maßte sich immer einen Zug mehr an, als rechtens war, fünfe statt vier auf einmal . . . Pünktlich um neun Uhr staffelte auch der alte Bersolt herein und trank seinen Abendschoppen herben Rheintaler, der dem Kopf so wohl und dem Magen so übel tut. Der Doktor kärtelte nicht, sondern guckte lieber mit seinen alten, tagmüden Äuglein dem Kreuzjaß in gefahrloser Neutralität zu. Es freute ihn, wie die Kerls einander zu Boden trumpften und wie der Zufall einen Spieler bald mit einer grandiosen Ohrfeige, bald mit einem süßen Glücksräuschchen bedachte. Er kannte die Karten nicht. Diese sechsunddreißig Papierfetzen dünkten ihn an und für sich eine nichtige, freche Lumperei. Doch die gescheiten Männer am Tisch machten etwas so Großes aus ihnen, daß sie den zuckersüßen Gutnachtkuß ihrer Kinder daheim und den großen herrlichen Achtstundenschlaf und den Morgen mit den frühen grauen Geschäftssorgen darob vergaßen. Das dünkte Bersolt lustig, und er fing nun selber auch an, die Karten wichtig zu machen. Er stellte sich unter den Schellen ein wildes Vergehen gegen die Gesundheit vor, wonach hurtig Herzklopfen, Blutsausen und ein Ohrenläuten wie mit großen Kuhschellen folgte. Mit den Schilten hatte man die volle, schwere, düstere, zum Friedhof zeigende Krankheit vollendet vor sich. Aber wenn eine Eichel über dem Spieltisch grünte, waren die Fieber von 39 auf 37 Grad gesunken, und die aufblühenden gelben Rosen bedeuteten das erst im Schritt noch etwas schwankende, aber selige Spazieren draußen auf der wiedereroberten, selbst so unsterblich grünen und blumigen Erde. Wenn gar Rose Trumpf war, dann hieß das: Genesung auf Genesung, dankbare Quittierung von so und so vielen Doktornötlein! Aber wenn Schelle oder Schilte galt, dann kam das einer Epidemie im Dorfe gleich, einem steten Springen von Patient zu Patient und einem beharrlichen Läuten des Totenglöckleins. Am liebsten waren Bersolt die Eicheln. Da war der Tod schon nicht mehr, aber auch die Gesundheit noch nicht ganz Meister, da regierte noch des Arztes Majestät ungehemmt. Auf diesem grünen Plätzlein reifte sein bester und rühmlichster Weizen. Diese Auslegung der Spielkarten war in Ilgis kein Geheimnis; denn Bersolt deutete oft in lautem Selbstgespräch vor allen Spielern Karte um Karte. Man betrachtete es als eine witzige Absonderlichkeit des Doktors . . . Bersolt schüttelte mir langsam beide Hände, indem er mit seinen grauen, aufwachenden Äuglein mein Gesicht schalkhaft durchmusterte und dann fast körperlich fühlbar vom Hals über Weste und Hosen bis zu den Schuhspitzen hinabwanderte, ob ich etwa ein geschniegelter und verdorbener Stadtkauz geworden sei oder ob das mein hoher Stehkragen vielleicht doch nur vorlog und ich das mir einst so geläufige Ilgisser Wesen bewahrt habe. Am Ende der Musterung sagte er: »Willkommen, Walter, da, hock zu mir!« und nun wußte ich, daß er mehr Ilgis als Großstadt in mir gelesen hatte. Mit ältlichem Behagen erzählte er, wie er mir Bübel einst einen argen Stockzahn ziehen sollte; aber ich sei ihm, als es gerade knacken wollte, mit der Hand in die Zange gefahren und heulend und mit blutender Zunge davongelaufen. Ich fing nun von Theodor an. Der Doktor ward seltsam still. »Die Stöcke von Trumpfschellen!« rief Fritz Eibold. »Zwanzig aufschreiben!« Ich rückte den Stuhl etwas zurück und bat leis: »Sagen Sie mir offen, wie ist's mit Theodor Weggisser? Sie wissen, er ist mein halbes Leben gewesen in alten Zeiten . . .« »Schellenaß!« »Gestochen mit Schellennell!« »Gestochen mit Schellenbauer!« So schrie und klatschte es mit hocherhobenen Trümpfen auf den Tisch nieder. Schellen, Schellen! »Na, Schellen!« lispelte auch der Alte. »Man paßt nicht auf, man meint der Herrgott im Dorf zu sein. Etwas Sonne. Und gleich wollen sie heut mit Flanell und wollenen Unterleibchen weg. Nur zu, nur zu! Und am Mittag weht ein lauer Föhn. Mau schwitzt. Und am Abend geht eine Schneebise, und man friert gotterbärmlich. Und kein Flanell und kein wollenes Unterleibchen! Während unsere gesunden, starken Alten das bis in den Heumonat trugen. Und so nimmt's einen um den andern auf die Matratze. Prosit, junger Doktor!« Er schlürfte wieder ein Schlücklein des herben Rheintalers ein. »Aber wie steht es nun um Theodor?« bat ich nochmals. »Selbstverständlich bleibt es unter Kollegen, was Sie auch sagen!« Webmeister Kühn mischte das neue Spiel und teilte die glitschenden, glatten Karten aus. Der Arzt aber sagte mit ein paar dürren Worten, daß die Auszehrung in der Weggisserfamilie und mit ihr die frechste Unvorsichtigkeit seit Menschendenken wie ein böser Geist niste. Thedis zwei ältere Brüder seien daran in der süßesten Knospe gestorben. Ein Onkel als Bräutigam und ein Großvater als ganz junger Eheherr. Bei Thedi seien Nieren- und Herzgeschichten so übel mitverquickt, daß man nie recht wisse, wo eigentlich der Kern des Leidens sei und wo hinaus es wolle. »Aber ist noch Hoffnung? Ich meine nicht auf Genesung, ich meine: Kann man das Übel noch mildern? Beschwichtigen? Einige Jährchen hinhalten, bis die Kleinen auf eigenen Füßen stehen?« »Das ist ja gar nicht Trumpf!« schrie einer neben mir. »Wo hast du den Kopf? Schilte ist Trumpf!« entgegnete sein Partner, der junge Kürnhelm, gefühllos hart und schleuderte so ein graues Unwesen auf den Tisch. Diese Ilgisser sind schonungslose Menschen! »Dann gibt es ja einen verflucht feinen Matsch!« frohlockte sein Gespan grausam. »Schilte, Schilte! Wie ich diese Schilten hasse!« brummte Bersolt, ein neues Schlücklein aus dem Glas saugend und über den Rand hinaus in die schiefergrauen Papiere dräuend, die da siegreich auf dem Tisch die vollsten Rosen und die grünsten Eicheln niederhagelten. »Jaso, du weißt, was ich meine! Probier's du einmal! He,« fuhr er munterer fort, »zeig' mal, was eure vielgerühmte und benedeite junge Schule kann! Soll mich fest freuen, wenn euch mehr als uns Alten gelingt. Im Ernst, Walter,« sagte er leiser und milder und faßte mich dabei unterm Ellbogen, »wenn es dir und deinem Thedi ein Trost ist, so nimm ihn nur gleich tapfer in deine Kur! Ich füg' mich leicht in deine Weisungen. Meine Mittelchen sind fertig probiert, das sag' ich dir ehrlich. Ich weiß nichts Neues!« Ich dankte herzlich und erzählte, wie ich den Weggisser befunden und was ich ihm angeraten hatte. Bersolt nickte zufrieden zu allem und sog seine letzten Tropfen aus. Dabei rühmte er die Frau Weggisser so freigebig, als wäre es ihm eine große Genugtuung, in einer sonst ganz aussichtslosen Sache dies Lob ausschütten zu dürfen. Er geriet in eine komische Schwärmerei. Sie sei das Muster aller Frauen, in ganz Ilgis hochverehrt, der gute Geist Theodors, und ohne ihre unvergleichliche Sorge täte der Gemahl längst keinen irdischen Schnauf mehr. Es sei ihm oft, als fechte ihre Liebe mit dem Tod in einem grimmigen Zweikampf und reiße dem Gevatter immer wieder, so oft er das letzte Lebensfädlein ausziehen wolle, die Klapperhand weg. Ja, sie mache wahrhaft einen echten Bergler Hosenlupf mit dem Tod und sei bis heute die Stärkere geblieben, stärker als dieser Riese. Aber wie lange noch? Immer zupfe der Mörder doch wieder blitzschnell ein Endchen ab . . . »Gestochen mit Schilte! Trumpf, Trumpf, Trumpf! Matsch!« jubelten mit immer bedächtigen, kargen Stimmen die siegreichen Schiltenherren. Der Arzt erhob sich, indem er unmutig am aufgesträubten, grauen, rohen Schnurrbart zerrte. »Da kommt doch nichts Besseres!« meinte er auf den Tisch weisend. Es sollte wie Humor klingen, aber tönte dumpf wie grauester Aberglaube. »Ich laufe davon. Diese verflixten Schilten! Ich wette, das Bärbli Bettlig ist jetzt gestorben!« »Selbstverständlich,« mischte sich der junge Kürnhelm trocken ein und ordnete ein neues Spiel. »Ich hab' gemeint, das wisset Ihr! Als ich zur Krone ging, um die halbe Neun, war das Kind gerade verschieden. Die Leichenfrau sah ich eben ins Haus gehen, um das tote Wesen zu waschen und aufzurüsten. Soll ja ganz verschwollen sein . . . Na, paß doch auf, Kühn; man sieht dir in die Karten wie durch Fensterglas!« »Das liebe Kind, das hat mit Sterben pressiert wie ein Vogel,« sagte Bersolt bitter. »In drei Tagen frisch und tot! Und nicht ein einziges Gütterli hat es mir genommen, das wilde! Ist mir aus dem Wickel gesprungen, half alles Wettern nichts. Das mußt' halt sterben. Diese verfluchten Schilten!« Seine runden Äuglein verdunkelten sich seltsam, sie wurden so düstergrau wie die unheimlichen Schilten. Müd und schwerfällig ging er hinaus. »Nein, so gescheit und so einen Sparren im Kopf!« spottete Kürnhelm. Ich saß noch ein Weilchen bei den Spielfexen und studierte, wie alt eigentlich Bersolt sei. So um die Siebenzig. Und immer hier oben im Gestein, unter den knochigen Ilgissern, mit einer gleichaltrigen Haushälterin, die ihm noch Alpenkräuter suchen und abbrühen muß, und mit einem Kutscher, den man den Wasserschmecker heißt, weil er den Bauern mit seinem Haselzwick auf den ödesten Weiden noch irgendein Brünnlein aus dem Boden herausschnuppert. Na, das alles zusammen langt gerade, um im weißen Haar so einen Hokuspokus mit den Schilten zu treiben! Aber merkwürdig genug, ich selber sah nun auch nur immer diese grauen Schilten auf dem Tisch. Sie regten mich auf, sie flößten mir eine eigene Bangigkeit, zuletzt ein eigentliches Grauen ein. Wie Särge erschienen sie mir, die in ihrem schwarzen Hunger den Deckel weit aufsperren, bis ein schönes seidenweiches Leben unversehens hineinflattert und sich plötzlich steif wie ein dürres Scheit vom Kopf zum Fußbrett strecken muß. Dann klappen sie zu, und wieder ist ein Lachen weniger auf der Welt. Ja, so waren sie, und die übermächtige Schiltaß, die war unter ihnen ein Prunksarg. Die fraß kein gewöhnliches kleines Leben in ihren Rachen hinein. Die gierte nach etwas Stattlichem, Herrischem, Großlebigem. Da hatte ein König Platz. Gleichviel, ob ein König von England oder ein Dorfkönig, wie – wie . . . Ach nein, weg damit! »Rose!« Ah, da hatten sie nun doch einmal die schöne gelbe Kartenblume zum Trumpf bekommen! Das war wie ein Funke Sonne aus einem grauen, regenschweren, drückenden Himmel. Schnell sagte ich Gutenacht und sprang in meine Kammer hinauf. Ich wollte unter dem Lächeln einer Rose den Tag schließen, bevor wieder so eine leblose Schilte käme. Aber beim Auskleiden schlug ich mir vor den Kopf. Das wäre nun doch köstlich, wenn ich hier oben auch noch so ein dicker Narr von Aberglauben würde! Ich konnte lange keinen Schlaf finden. War das Geräusch aus der Gaststube herauf oder die muffige Luft in der Kammer oder die Aufregung des Abends schuld? Ich öffnete das Fenster. Der Himmel war goldighell von den vielen scharfen Sternen, die über die Dorfdächer niederhingen und ihre großmächtigen Lichter so nahe zu verspritzen und zu versprühen schienen, daß man meinte, kaum ein kleines Viertelstündchen weit entfernt zu sein. Über den Giebeln tauchten die dunkelblauen Hügel hervor, und hinter ihnen standen meilenweit die Berge aus Fels und Eis umher in einer bleichen, überirdischen Helligkeit. Auf dem Dorfplatz krachten die Schritte eines Mannes über den gefrorenen Schnee. Ob den Markthäusern, oben am Bühl, sah ich zwei Lichtlein. Dort stand das Weggisserhaus. Dort brachte jetzt Frau Regina die Kinder zu Bette. Sie wird jetzt auch mein Mimeli zudecken und fragen: »Hast du Vater gern?« »Ja, ja!« »Und hat Vater deine Mutter auch gern gehabt?« »Ja, ja!« »Ist's eine liebe Mutter gewesen?« »O wie lieb!« Mimeli küßt sich ins Kissen. So lieb war sie ihm! »Hat Vater auch geweint, wo sie gestorben ist?« »Weiß nicht mehr. O ja, hat sicher geweint!« »Aber jetzt, ist Vater immer allein?« »Nein, immer mit mir und mit vielen, vielen Kranken!« »So, so!« Sie wird das lange, spitzige Kinn in ihre Hand stützen und studieren. »Hat Mutter am goldenen Kettli, schau!« wird Klärli sagen. Und Mimeli öffnet eifrig, aber mit einer köstlichen Andacht die Medaille, die sie um das bloße Hälschen trägt, und zeigt das ihm so heilige Bildchen: »Da, schau!« Und Regina wird sehen, welch ein langes, schmales, frohes Gesicht mein kleines, wie ein Schmetterling in mein Leben geflogenes und wieder enteiltes Frauelein gehabt hat. Wie Urselchens Augen lachten, wie ihre runden, gekräuselten Lippen gleich einer reifen Erdbeere im Gesicht standen, wie sogar das Haar nach vorn an den Schläfen sich lustig ringelte. Alles wollte an dieser Frau spaßen und singen. Man kann sie nur anschauen und zugleich lieb haben. Frau Reginens rauhe Macht wird an diesem sonnigen Ding schmelzen. Und wieder stützt sie ihr langes, spitziges Kinn in die Hand und studiert. Dann wird sie nach Tante Pauline fragen. Mimeli wird erzählen, wie sie ein nettes, ziemlich rundes Persönchen geworden ist und von einem Besuch zum andern immer noch ein bißchen hübscher aussieht. Sie hat ein Gesicht wie frische Butter am Sonntagmorgen, und die Augen drin sind wie zwei Honigtupfen, und der Mund ist da nicht wie eine Erdbeere, nein, wie eine große Lilarose mit zwei halboffenen breiten Blättern. Und immer hat Pauline, seit sie auf Engelland gewesen ist, eine grüne Masche im Haar und ein paar zackige Haarnadeln wie Gedörn. Man darf ihr nicht nach dem Haupt langen. So wenig wie einer Rose. Die Dornen, die Dornen! Und Mimeli plaudert auch noch, wie es bei jedem Besuch in Tante Paulinens »Seegstad« von einem Dutzend langer, blonder, süßer Mädchen geherzt und gepreßt und geküßt und herumgetragen wird, als wäre es eine Puppe. Wie es dann immer strampelt und zappelt und das einfach nicht leiden mag, aber wie diese Schelme von Jüngferchen nun erst recht wollen. Endlich kommt Tante Pauline und sagt: »Piano, piano!« aber lacht eben doch auch mit und ist ganz sicher auch ordentlich boshaft. Aber eine schöne Frau, sapperlott! Und Regina wird lauschen und lauschen und wird – Nein, ich weiß nicht, was sie sagen wird. O ja, sie wird von dem allem genug haben und sprechen: »Schlaft jetzt!« Dann geht sie zu Theodor hinunter und besorgt wieder dieses große, wehleidige, immer hilflose Kind. Und die Nacht hat für sie mehr Arbeit als der ganze lange Sonnentag von einem Siebenuhrschlag zum andern . . . Diese Regina beschäftigte mich jetzt weit mehr als Theodor. Sie war anders geworden. In ihren Augen hatte ich mehr als nur die frühern Blitze einer zigeunerischen Leidenschaft, ich hatte die beharrliche Wärme einer Mutter und Gattin wahrgenommen. Das hatte sicher das viele, tiefe Sorgen vollbracht! In der Stube war freilich nicht die beste Ordnung gewesen. Unter dem Tisch hatte es einen Fadenklüngel und zwei Pantoffeln gehabt, die nie zusammengehörten. Auf dem Tisch lagen zwischen kleinen Milchtümpeln eine Strickerei und das städtische Tagblatt. Und ich hatte gesehen, daß ein graues Kätzlein – Theodor war immer ein merkwürdiger Katzenfreund gewesen – auf einem Stuhl in stiller, gelassener Schlauheit hockte, aber plötzlich die Vorderpfoten auf die Kante der Tafel setzte und langsam und wie im vollen Familienrecht Klärlis Schüsselchen ausschleckte. So war Regina eben: in Kleinigkeiten hatte sie nie Ordnung gehabt; aber im großen, das war gar nicht zu verkennen, hatte sie Maß und Richtung und Ziel gefunden. Was sie nur immer sprach, war überlegt, was sie anschaute, fest und bestimmt, was sie hantierte, mit überschauender Klugheit geschehen. Wunderbar langsam und sicher war sie geworden. Ah, die Berge, unsere allmächtigen Berge hatten sie eben auch schon in ihr großartiges Maß genommen! Oder soll ich sagen: in ihre ehrwürdige, schweigsame Ewigkeitsschule! Die zwei Kleinen waren hübsch und geweckt. Eine gewisse körperliche Wohlerzogenheit und ein überaus sauberes Seelchen guckte ihnen kräftig aus allen Nähten, trotz den abgerissenen Knöpfen an der Jacke und den Löchern in den Strümpfen. Solche Kinder mit soviel Stolz, wie dieser Arnoldli besitzt, und mit soviel gütiger Neugier, wie das Klärli aussprudelt, können nur von einer ganz tüchtigen Mutter stammen. Nein, Regina hatte trotz ihrem abweisenden Geiste für mich eine wahrhafte, edle Größe gehabt. Theodor war immer noch ihr Eines und Alles, in ihm ging sie auf. Und nun sollte er aus ihren Armen und sozusagen von ihrem Mund weg in den Tod fahren! Was war sie dann noch? Ein Schatten ohne Halt und ohne Licht. Sie erbarmte mich. In der großen Gefahr, in der sie stand, schienen mir alle Fährlichkeiten meines Lebens Nullen. Nein, einer solchen Frau mochte ich nicht auch noch beschwerlich fallen. Kein Krümlein Mühe sollte sie von mir haben. Ich bereute, daß ich in ihrer Stube mich nicht viel bescheidener benommen hatte. Helfen wollte ich, soviel ich konnte, aber immer von weitem, ungesehen, durch andere Hände und Boten. Es lag mir jetzt hundertmal mehr daran, daß ich von ihr, statt von Theodor ein freundliches Abschiedswort erhielte. Jetzt erlosch das obere Fenster im Kinderzimmer der Weggisser. Die Kleinen schliefen wohl schon, trotz Walfisch und Speckkönig. Wie still nun doch hier oben Erde und Menschheit wurden! Wenn man so abends spät in einem hochgelegenen Bergdorf am Gesims seines Schlafzimmers steht und so eine allherrschende, tiefe Ruhe nicht bloß mit dem Ohr, auch mit den Augen und Lippen gleichsam schmeckt, dann kann man es fast nicht glauben, daß kaum zwei Stunden von diesem Schweigen das heiße, verstaubte, verschnatterte, nun erst recht gierig in die Nacht wühlende Leben der Stadt regiert. In der tollen Residenz würde man glauben, man müßte mindestens in einen Stern steigen, um so eine prachtvolle, stumme Gelassenheit des Lebens, so eine entzückende, wortlose Landschaft, so frühschlafende Menschen, so totenstille Häuser, so reinen Schnee und eine so kristallfrische Luft zu finden. Oh, in dieser Ruhe fängt die Seele wieder einmal an zu grünen und wie ein junges Maibäumchen auszuschlagen! Und es duftet um uns herum wieder förmlich von Poesie. Was in uns gut und rein ist, zersprengt die mumienhafte, platte Erstarrung, worein uns das Philisterium einbalsamiert hat, und feiert einen kleinen, warmen Feiertag. In diesem Stündlein mußte ich an meine Jugend denken, an die frühverstorbenen Eltern, die ich fast nur noch wie aus fernen Dämmerungen mit einer Fingerspitze oder eine Haarlocke winken sah, und deren Stimme mich wie aus einem tiefen, tiefen Wasser kaum noch erreichte. Dann walzte unsere alte Magd Grete heran mit ihren Gespenstergeschichten und den schwarzen Borsten in den Ohren und Nasenlöchern. Nun kam auch mit ihren so kleinen, aber so sichern Schritten meine liebe Schwester daher, die jetzt so großmächtig eigen ohne mich schaltet und glücklich ist. Ich sah meine Knabenzeiten. Und hier begann sich nun dieser Dorfplatz da unten herum solid in mein Leben hineinzulegen. Die Sommer, die Weihnachtsferien hier oben! Dort drüben die Berge von Spitze zu Spitze erzwungen! Das Indianerspiel in den Wäldern! Aber vor allem in solcher Nacht wie heut das Schlittengeklingel, das Hinuntersausen knapp an Dornhecken und Bächen vorbei und Theodors unsterbliches Gelächter! Der Silvesterabend dort drüben in der Kirche, das Volk voll Schneeflocken, des Pfarrers Ansprache, immer ein wenig rührend, aber immer auch mit einem herzhaften Sprung ins neue Jahr hinübersetzend! Dazu die Blechmusik, der Kirchenchor, die falsche B -Trompete, der dreistimmige Sang der Schulkinder, so hoch und silberig wie von Grillen! Die Fastnacht mit bäuerlichem Backwerk und den Kindertänzen bei Geige und tiefsummendem Hackbrett, das Gejodel durch alle Gäßlein, die Dorfgemeinden, die Spritzenproben, die Schwingeten! Reich und sorglos und schön vor allen und über allen der königliche Theodor, vor dem wir uns bogen, Knaben und Mädchen, klein und groß, wie vor einer jungen, glänzenden Gottheit! In dem Haus dort drüben ob dem Tuchladen hatte ich auch ein nettes artiges Mädchen recht wohl leiden mögen. Und dort unten am Sträßchen neben der Säge war ein anderes Schulkind gar oft meine Schlittgenossin den Berg hinunter gewesen. Feine Dirnlein waren es, die sich damals über alle Grenzen hinausträumten. Nun sind es zwei wackere, ziemlich magere Hausfrauen geworden, die ihre Tage da oben zwischen den engen Bergen und noch engern Hauswänden auf siebzig Jahre bringen werden und nur selten einmal in die nächste Stadt hinunterfahren, dritter Klasse, um gute Strumpfwolle für ihre sieben wilden Buben zu kaufen. Wenn wir uns begegnen, werden wir ganz leis lächeln müssen, weil uns das kleine, unschuldige Scharmutzieren einfällt. Aber sobald wir uns grüßen, verlöscht das. Andere Stimmen, andere Gesichter, fremder, schwacher Händedruck. Sie so, ich so! Eine Welt dazwischen . . . Aber Theodor hatte hier viele Verehrerinnen gehabt. Vielen hatte er seine immer feuchten, vollen Lippen für den Augenblick eines Kelchtrunks geschenkt. Seinetwegen war eine seltsame, mädchenhafte Politik durchs ganze Dorf entstanden. Da hat man intrigiert, geschimpft, verleumdet, anonym geschrieben und sogar mit den kleinen Zähnen und den kralligen Dirnenfäustchen gefochten. Ich habe sie alle wohlgekannt, diese Amazonen um Achilles! Einige treiben nun als handfeste Bäuerinnen das Vieh an den Trog, andere haben sich in den Nachbarsdörfern an einen Krämer oder Handwerker verheiratet, viele sind mittelalterliche, strengblickende Fräulein geworden und haben trotzig Fenster und Türe ihres Jungfernheims zugeriegelt, aber lassen doch noch eine feine Scheibenritze nicht nach der frechen Hauptstraße, nein, nach dem ahnungsvollen Seitengäßlein offen, weil auch in der sprödesten alttöchterlichen Seele noch ein Streifchen Hoffnung und ein verschämter Hunger nach dem Mannsglück wie das verstohlene Licht in einem Blendlaternchen leckt und züngelt. Und nun war der Abgott dieses vielköpfigen, unruhigen Mädchenfrühlings schon am Erblassen! Ja, ja, da hat man das Leben! Aufknisternd, verlodernd, ein Schäufelchen Asche! Verspritzt nur euer übermütiges Feuer, ihr Wintersterne da oben, ihr habt gut spotten auf uns elende Döchtlein! Von was ihr brennt, brennt ihr in alle Ewigkeit. Da gibt es kein Erlöschen und windiges Anblasen an einem neuen Zunder. Ihr habt eben eine überweltliche Gesundheit und die Berge im Kranz da herum auch und der große, helle Schnee übers Land und die unendliche Luft voll Eis und Tannen und Steingeruch auch. Nur wir Menschen, pfui Teufel, sind wir Zwerge! Aber in diesem zwerghaften Augenblick war es mir doch ein hübscher Trost, Arzt zu sein. Da muß ich mich minder schämen. Da flick' ich doch noch ein wenig an der Vergänglichkeit herum, mache einiges besser, vielleicht auch einiges schlechter, aber will doch dem Morschwerden und Verwesen wehren und will den Funken retten, den nicht ihr verdammt hoffärtigen Funkenflitzer da oben, sondern ein noch viel höherer, funkliger Lichtherr in die große Asche der Menschheit geworfen hat, so daß er bald da, bald dort aufblitzt und zischt und singt und sich sogar groß gebärdet über alle Gestirne hinaus, dieser Funke Leben, ja noch heißer und schöner brennt als dort oben Jupiter und Venus zusammen! Da verlosch auch das zweite, untere Lichtfenster droben auf dem Weggisserhügel, und ich stand mit meiner funkenheißen Träumerei allein mitten in der dörflichen Finsternis. Und plötzlich fühlte ich, daß der Boden kalt wie ein Gletscher war und mir die Schneeluft von den Sohlen herauf zu den Knien mit eisiger Schärfe drang. Ich sprang ins Bett und konnte nach dieser gesunden Abkühlung im Nu einschlafen . . . Allein von den nahen schweren Glockenzeichen am Turm erwachte ich um elf und zwölf Uhr wieder. Das dröhnte, daß die eisernen Bettpfosten mitschwangen. Dann ward es noch viel stiller als vorher. Aber nicht lange. Wie ich mich einmal aufs andere Ohr lege, höre ich jemand in heftigen Sätzen über den gefrorenen Platz wie über klirrendes Eisen springen. Ich höre das laute Schnaufen. Das gilt mir, sag' ich und sitze stramm auf. Ich kenne das von Hause. Wie oft bin ich als Kind erwacht, ehe es meinen Vater aus dem Schlafe geläutet hat, schon wenn die Laufenden erst am Gartentürlein standen! Ich hätte ein geborenes Doktorohr, sagte man. Es betrog mich auch diesmal nicht. Der Mann zerrte unten an der Klingel; aber sie gab keinen Ton. Mit einem Satz war ich am Fenster. Vom Weggisserhaus flammte mir eine ganze Reihe Scheiben lampenhell entgegen. »Was gibt's?« – »Seid Ihr der Doktor von der Stadt?« – »Ja! Geht's dem Theo – Weggisser nicht gut?« – »Ihr sollt sogleich kommen, mit mir, ich warte!« Ich flog in meine Kleider. Hab' ich alles, Uhr, Thermometer, Taschenapotheke? So, gut! Ich bin fertig! Wir rennen die Halde hinauf. Das Licht ist mir gräßlich über diese ganze Front. Die Haustüre steht offen. Ich laufe zur Stube, von da in die Kammer. Theodor liegt hochaufgebettet in den Kissen, den Kopf in Reginens rechtem Arm, den Mund offen, die Nasenlöcher wie verklebt, die Augen in trübem, schwindendem Licht. Er ist farblos, seine Stirne tropft, man merkt keinen Atemzug; aber tief aus dem Hals empor gurgelt und würgt es leise wie in den Kieseln eines verschütteten Brunnens. Regina ist fast noch bleicher. Ich kenne sie kaum. Ihre Bronze scheint wie mattes, glanzloses Zinn geworden. Ihre Augen saugen sich in die leeren Blicke des geliebten Mannes. Sie sind voll Wasser, entsetzt aufgesperrt, aber lächeln den Armen doch ermutigend an. Es riecht nach Senf und Essig im Zimmer. Im Hintergrund steht die Magd mit Tüchern und einem Waschbecken. Thedi sieht mich ans Bett kommen, aber zuckt mit keinem Lid. Er kennt mich nicht. Regina aber sagt, ohne einen Blick von Theodor zu lassen, streng und hart: »Hilf, hilf jetzt; er hat den Anfall wieder!« »Wie lange?« »Seit einer halben Stunde!« »Gabst du ihm keine Pillen? Und der Sprayer? Warum denn nicht?« Sie wurde ein wenig rot und sagte dann still, aber tapfer: »Ich traute dir nicht!« Ich schoß ihr einen unwilligen Blick zu. Daun legte ich zwei Pillen in Theodors Mund. »Schluck sie, schluck sie sogleich!« sagte ich. »Probier's doch! Und schließe den Mund!« Aber Theodor bewegte keine Lippe. Da stieß ich ihm die zwei Röhrchen des Sprayapparates in die Nasenlöcher, drückte heftig den Gummiball auf und zu, und tausendfach stob in dünnen, unwiderstehlichen Strahlen der alkalische Dampf zur Lunge des Patienten. Gleichzeitig rieb ich Herz und Brust sanft und eindringlich mit Kampfer ein, machte eine Digitaliseinspritzung und ließ alle Fenster öffnen, so daß die kühle, unvergleichlich reine Bergluft wie ein Eisstrom hereinflog Die Sterne in Theodors schönen blauen Augen standen unbewegt still. Aber bald blähte er rechts und links den Nasenflügel auf, zuerst ganz leis, dann immer gieriger und stärker. Er sog die Luft in immer längern Zügen und schloß dazu die Augen erquicklich wie ein Kind an der Saugflasche. Die Blässe schwand langsam, der Atem ward tiefer, und er löste nach und nach auf der Decke die blaugelaufene Faust, bis er mit allen zitternden Fingern über das weiße Tuch tasten konnte. »Nimm ihn noch etwas höher!« gebot ich Reginen, und sie gehorchte mit Aufwand aller Kraft und Sorglichkeit, die sie noch besaß. Wie die Farbe in sein Gesicht zurückkehrte, färbte auch sie sich aus dem Zinn wieder tiefer und tiefer in ihre wunderbare Bronze. Ihre Augen wurden warm und selig. Sie schimmerten feucht wie ein verregneter Baum im ersten neuen Sonnenschein. Nach wenigen Minuten tat Theodor die Augen wieder auf, und da waren es ganz andere Augen. Die Sterne flogen wieder ins Leben hinaus. Sie schimmerten. Er bewegte die Lippen, ohne eine Silbe zu sprechen. Aber seine Blicke wanderten bald zu mir, bald zu seiner Frau, fast schon so lustig, wie ein Vogel von einem Sprossen zum andern fliegt. »Ach, ist das ein anderes Leben!« hauchte er endlich ins Gesicht seines Weibes. »Walter, du?« »Pst!« machte ich und drohte mit dem Finger. »Regina, wisch' ihm jetzt den Schweiß ab und deck' ihn gut! So! Recht! Und jetzt stäub' ihm noch einmal von der Flüssigkeit in die Nase! Schau' so, nur dreimal! Ich muß in die Küche!« Sie nickte dankbar. »Geh' nur, mach', was du für gut findest!« Die Magd zeigte mir, wo Rum und Eier waren. Ich schlug das alles in einem Glas zu einem dünnen Schaum, wärmte die Schleckerei und gab sie Theodor zu trinken. »Walter,« sagte er hernach, »du verstehst das Geschäft großartig! Ich möchte jodeln!« »Schlafen mußt du jetzt!« »Was schlafen? Keine Rede! Jetzt wollen wir lustig sein und plaudern,« forderte er, von den Arzneimitteln wie betrunken. »Regina, befiehl ihm, daß er schlafe! Er kann's jetzt und er muß es jetzt!« Da fuhr sie ihm mit der braunen Hand langsam über die Stirne, küßte ihm den Mund und bat: »Schatz, wir müssen dem Walter gehorchen! Es ist besser so. Schau nur, was er für Augen macht! Sonst läßt er uns im Stich!« In der Tat, ich machte jenes fürchterlich grimmige Gesicht, das so mancher Arzt in gefährlichen Augenblicken bekommt, ohne es zu wollen, das etwa heißt: Vogel, friß oder verdirb! Ein Gesicht, daß sogar der alte Tod recht oft Reißaus nimmt, so sehr erschreckt es ihn. Folgsam wie ein Kind schloß Theodor sogleich seine Augen, und Regina setzte sich wachsam zwischen ihn und das Lampenlicht. »Ich möchte nach den Kindern sehen,« bat ich leis. Sie nickte, ohne mich anzusehen. Die Magd wollte mir mit einer Kerze vorangehen. Aber ich nahm ihr das Wachs und ging allein hinauf. Geräuschlos öffnete ich die Kammer. Sie war voll lauen Bettgeruchs. Ein elektrisches Flämmlein brannte hinter einem grünen Vorhängchen. Es war ein kleines Zimmer mit einem einzigen Bett. Darin saß Arnoldli aufrecht und die Mohrenaugen angelweit offen. Er hatte den kleinen Finger zwischen die aufgeblähten blutroten Lippen gelegt, ließ die Füße über die Bettlade hinunterhangen und horchte angestrengt. »Gelt, der Vater?« machte er grollend und warf den Mund hoch. »'s ist schon vorbei, Arnold, mußt dich nicht mehr sorgen! Schlaf nur wieder!« »Warum hast du mich nicht gerufen?« grollte der Bub weiter. »Was hülfe das? Die Gesunden sollen schlafen! Nicht sich auch noch krank machen! Vater schläft auch bald.« »Ja?« lispelte Arnoldli ungläubig und maß mich von oben bis unten mit seinen hochmütigen Blicken. Denn augenscheinlich wollte ich das Wunder bewirkt und Vater eingeschläfert haben! »Er hat sogar jodeln wollen, so wohl ist ihm geworden.« »Bist du so ein Doktor?« staunte der Kleine nun doch. »Aber jetzt wird er schon schlafen. Und auch ich will zu Bette. Nur möcht' ich schnell schauen, wo mein Mimeli liegt.« Mit einem katzenleichten Sprung war Arnoldli aus dem Bett bei mir, faßte meine Hand und schritt mit mir im langen, den Boden beinahe streifenden Hemd mit den prächtigen Saumstickereien zur halboffenen Nebenkammer, wo die Mädchen schliefen. »Nicht da,« sagte er und zerrte mich von einem kleinen Bett zum großen hinüber. »Sie sind zueinander gekrochen. Sie haben sich stark gefürchtet. Ich bin ihnen ja aufs Bett gehockt und habe grausiges Zeug erzählt!« Er lachte mit verspritzenden Lippen und einer prachtvollen Vergnügtheit in den Samtaugen. »O, ich habe sie erschreckt! Siehst du, da liegen sie noch. So haben sie einander an die Wand gedrückt, als ich sagte: ›Und der Walfisch machte mit dem Maul so: Chhhchhchhou–tschst–tschststst!‹« »Du bist ein Donnerwetterskerl, du!« »Verschrecken tu' ich heillos gern!« Er knipste hell mit Daumen und Zeigefinger. »Aber ich helf' ihnen auch am Tag gegen die bösen Hunde und die großen Buben.« Klärli lag am Hals Mimelis und zeigte die oberen breiten Zähne, so hoch hatte es die volle Weggisserlippe im Schlaf geschürzt. Mimelis Backen funkelten wie zwei Leuchtkugeln. Das Haar fiel ihr wirr um die Schläfen. Es runzelte angestrengt das Stirnlein, wie oft bei einer hartnäckigen Arbeit. Der Walfisch zappelte wohl noch immer durch seine Sinne. Arme und Händchen hatten die Mägdlein so durcheinander geschlungen, daß ich nicht gewußt hätte, wem diese oder jene Hand gehöre, wenn nicht Mimelis ganz wenig größer und weißer gewesen wären. Aber die zwei Gesichtlein waren gleich sanft und doch regsam, sie trugen das gleiche, eichhörnchenfarbene Haar und so dünne, blendend weiße, zarte Hälse wie junge Schwäne. Ich küßte beiden die nestwarmen Wangen. Als ich wieder aufblickte, sah mich der Bub geringschätzig an. »Ihr seid doch kurios, ihr von der Stadt!« meinte er. »Warum?« »Ah bah, daß ihr immer küssen mögt! Das Mimeli hat mich auch wollen. Aber ich habe mich ganz steif und hoch gemacht wie ein Turm. Schau' so!« Er reckte sich schlank in die Höhe, das Kinn wagrecht in die Luft haltend, und glühte mit den Augen vor innerem Lachen und vor Bubenstolz. Es war mein herrlicher Theodor ins Kind übersetzt. »Sst,« machte ich, »was ist das?« Wir horchten beide. Der Kleine lächelte flink und sprach langsam und überlegen: »Mutter jodelt dem Vater vor.« »Was?« rief ich ungläubig. »Wenn der Vater wieder gut schnaufen kann, muß Mutter ihm jodeln. Los' , wie gut kann sie jodeln!« Schimmerig leis drang es durch die dünne Diele herauf, auf und ab, leichtsinnig und hochgemut, mit wenig Worten, ohne Takt, Note an Note fließend, wie ein singendes, schwimmendes, klares Wasser. Das ist der Jodel der Älpler . . . Ich wußte von unsern Studentenzeiten her, wie Theodor fast krankhaft das Jodeln liebte. Er selbst hatte prachtvoll gejodelt. Aber nie in der Stadt. Der Jodel in der Stadt ist wie ein zahmer Gemsbock in ihrem Park. Wahr und unvergleichlich ist er nur oben in der kulturfernen, himmelnahen, gipfeljauchzenden Felswildnis. Dahin allein paßt dieses gesetzlose Lied. Es ging Theodor über alle Kunstmusik. Sobald auf der Bergtour die ersten Arven und Wettertannen kamen, warf er Kragen, Rock und Weste von sich, öffnete das Brusthemd und stülpte die Ärmel zurück. Und nun ward alles urmenschlich und wie ein Jodel an ihm, die schwindelnd blauen Blicke, das elastische Knie, die ganze Musik seiner jungen Wohlgestalt, vor allem aber sein Mund. Er sprach dann im melodischen Heben und Fallen der Silben wie die Älpler allhier, stemmte auch die Arme bald in die Hüften, umschlang einen der schönsten, höchsten Gipfel mit den flammenden Augen und begann aus der ganzen süßen Wildheit seines Berglertums zu jauchzen: »Tüoljehuh-u-uh-holio-o–tüoljeuh-u-uh-hioooo!« daß es wie Orgel an die nächsten Wände schlug, von da weiter an die jenseitigen Felsen geschwungen ward und so ferner und ferner ins Gebirge verrollte, bis es an irgendeiner unerreichbaren Zinne mit einer letzten Note feierlich verzitterte. Aber lange, lange bebte die süße Luft allum noch von der Melodie nach. Jetzt konnte er nicht mehr jodeln. Aber wie damals in der erhabenen Luft der Berge mußte ihm wohl sein. Wie eine Bergschwalbe, so leicht fühlte er sich jetzt. Darum wollte er einen Jodel haben; und darum jodelte sie ihm aus ihrem verängstigten Herzen. Das ergriff mich unbeschreiblich . . . Und wie sie jodelte! Nicht mehr keck wie früher, sondern mit einer leisen, weichen, züchtigen Stimme, fast wie das Summen einer goldenen Biene oder wie das Auf- und Abwiegen einer Kinderwiege. Ja, einem großen Kinde sang sie hier das Schlummerlied . . . »Welch eine Frau!« entschlüpfte es mir. Der Knabe sah stolz, wie ich horchte; dann zupfte er mich am Ärmel und flüsterte: »Ich kann's auch!« Und ehe ich es wehren konnte, hatte er seine überschwellenden Lippen halb geöffnet, den Kopf schräg auf die Achsel gelegt und begann in rhythmischem Hin- und Herwiegen des kleinen, elastischen, vom schneeweißen Hemd umflossenen Leibes die gleichen, endlosen, stimmungsvollen Noten auf und ab, hin und her, eilend und zögernd, bergan und wieder talwärts. Mit einer so feinen, von keinem Erdstäubchen verunreinigten Stimme jodelte er, daß es einer silbernen Engelstrompete eher als einer Menschenkehle glich: Thüol-jehu-holio-o-o. Drunten verstummte man plötzlich eine kleine Pause lang; dann kam die Antwort herauf. Aus dem hellen Klingelklang hier oben und aus dem tiefern dunklern Einsatz von unten ergab sich ein Zusammenspiel, als ob von der Erde herauf Menschen danken und aus einem besonders saubern Stern herab ein Engelchen riefe: »Ist gern geschehen, ist gern geschehen!« Die kleinen Mädchen bewegten sich ein bißchen in den Federn. Sie stammelten etwas Unaussprechliches dazu im Traum und machten erheiterte Gesichtlein – Kinderhimmel! Mir war, ich lebe in einer frommen, alten Legende, bis das Duett aufhörte. Zuerst verstummte man unten, worauf der Engel hier oben noch einen kurzen, reinsilbernen Triller anschlug und dann Kopf über Hals in seinen Flaum stürzte und einschlief . . . Ich ging hinunter und erbot mich, bei Theodor zu wachen. Aber Regina meinte, es sei kurzweiliger, wenn wir beide einander das übrige Fetzlein Nacht wachhielten. »Komm herüber,« sagte sie, »in die Stube; wir lassen die Türe offen! Sitz' du da in den Lehnstuhl, so!« Sie machte es sich auf dem Sofa bequem und fuhr leise fort: »Ihr habt es doch gut in der Stadt. Es gibt keine Krankheit, gegen die ihr nicht Apparate und neue Erfindungen habt. Aber zu uns kommt so was noch lange nicht. Unser Doktor ist nicht schuld daran. Die Leute selber wollen nichts Neues. Die alten, großen Mixturen, die den Großvätern zum Leben und Sterben geholfen haben, müssen auch heute das Richtigste sein. Aber du mußt nun alles dalassen und mir genau sagen, wie man es mit dem Spritzlein macht. Nicht wahr?« »Ich zeig' es dir gern; sorgsam bist du ja, und es kommt auch auf ein hundertstel Gramm an.« »Ja?« machte sie erstaunt. »Ich werde schon aufpassen. Wie das geholfen hat, Herrgott!« Ich nahm also das Spritzlein, erklärte ihr das Maßwerk und Einstellen und Funktionieren. Sie sah, nickte und hatte es mit ihren schönen, tiefen Augen gleich begriffen. Immer hatte ich sie für ein praktisches, doch sonst einfältiges Dirnlein angesehen. Aber nun wunderte ich mich, wie flink sie die verzwickte Einrichtung erfaßt hatte. Aus der Nebenkammer drang der laute, zufriedene Atem des Hausherrn. Regelmäßig wie das Ticktack der Uhr ging er. Hie und da horchten wir darauf. Dann ward es wieder still. Aber Regina ertrug dieses Schweigen nicht. Gleich begann sie wieder etwas zu reden. Dabei sah sie mich an, überhastete sich, machte viele unnötige Worte und erinnerte mich in ihrer Unrast an eine Henne, die mit unendlichem Geflügel und Geflatter sich über das Ei spreizt, es zuzudecken. Auch Regina versteckte mit ihrem Schwall einen einzigen Gedanken. Das merkte ich wohl. Sie fühlte, daß sie mir unrecht getan hatte mit ihrer Eifersucht; sie schämte sich vor meiner Wohltat, und sie wußte doch, daß sie nicht anders als immer wieder das gleiche Unrecht tun könne. Und sie wollte das sich und mir geheim halten. »Erzähle etwas,« sprach sie zuletzt; »du hast uns ja in alten Zeiten immer gern Geschichten erzählt, und erlebt hast du nun wohl auch manche.« Da begann ich vom Liebespärchen in der Bahn zu reden und machte das Drollige der Leutchen womöglich noch drolliger. Aber Regina verzog ihr Bronzegesicht zu keinem Lächeln. Diese törichten zwei Käuze gingen an ihr wie Wind vorbei. Das ging sie nichts an. »Weißt du, Regina, was ich da gedacht habe?« Sie sah mich verdächtig an und schüttelte den Kopf. »Ich hatte fast den Mut verloren, zu euch herauf zu kommen; denn ich kannte dich zu gut . . .« Fest blickte ich der Frau ins Antlitz. »Ich zweifelte, ob es zu einer Versöhnung käme. Aber als ich nun die Flatterleutchen sah, dachte ich: Ja, wenn Regina und Theodor solche Fliegen wären, dann hätte es keinen Sinn, sich weiter um solche Laffen zu kümmern. Aber die sind anders. Die haben Ernst. Ihre Liebe ist nicht Zucker, sie ist Eisen. Und derlei Menschen sind es hundertmal wert, daß man um sie sogar ein bißchen herumrutscht, bis sie gnädig tun . . .« Sie lächelte verlegen und schwieg. Auch mir erlosch die Rede. Es ward furchtbar ruhig. Ein Fenster stand offen. Da sah auch nichts als eine große Stille herein. Das wurde uns unerträglich. Wir suchten einander mit den Augen und wichen, sowie wir uns begegneten, verwirrt in eine dunkle Ecke. Aber auch dort war uns nicht wohl. Dann strichen und zupften wir an unserm Gewand und sannen dabei, was wohl zu plaudern wäre. Es widerte uns an, etwas Alltägliches in so seltener Stunde zu reden. Aber etwas Wichtiges zu sagen, schien uns gefahrvoll. Denn das mußte ja gleich in unsere innersten Zwistigkeiten gehen. Endlich fand Regina einen Ausweg. »Weißt du nur Spaß zu kramen?« tadelte sie beinahe. »Von dir hörte ich lieber über kranke Menschen reden, was sie aushalten und wie sie sterben. Deine Kleider riechen ja davon.« »Mich bedünkt, du hättest genug von diesem Kapitel da drüben,« versetzte ich nun auch ernst. Sie wurde ein wenig bleich und ganz straff über die Wangen, wie in einer großen Spannung. Die Blicke verkrochen sich einen Moment gleichsam in die eigene Seele zurück, aber schossen dann mächtig wieder hervor, als hätten sie sich mutig gebadet, und griffen mich heftiger als je an. »Ich möchte dich etwas fragen,« sprach sie mit erzwungener Ruhe, indem ihre Augen förmlich zitterten. »Versprich mir, wahrhaft zu antworten!« Ich zögerte. »Kann ich's?« »Wir wollen löschen!« sagte sie. »Der Mond kommt am Piz Laun herauf.« Sie drehte den Knopf. »Du kannst es!« beschloß sie mit fester Stimme. Vom Mond, der über die Hügel stieg und nun durch alle die kleinen Stubenfenster mit seinen blonden Augen hereinsah, wurden alle Gegenstände in der Wohnung schimmerig hell. Besonders erleuchtet blickte Reginens Gesicht aus dem weißlichen Geflimmer. Alles Wilde, Freche, Zigeunerhafte, das mir an ihr immer so mißfallen hatte, war weit von ihr weggeworfen. Frauenhaft still und würdig wartete sie. »Also, Walter!« »Frage denn!« Sie raffte sich sozusagen in ihrer ganzen Seele zusammen, griff alle Frische und Tapferkeit hervor und sprach: »Kannst du Theodor retten?« Bestürzt und wie verdemütigt von solcher Frage ließ ich das Auge von ihr auf den Boden fallen. »Kannst du's, kannst du's?« forderte sie heftiger und schüttelte mich mit ihren braunen Händen am Gelenk. »Wenn du's kannst, so sag' es schnell!« »Frau Regina . . .« stotterte ich. »Nicht so, keine Umschweife, sag' ja oder nein!« »Regina, hör'!« »Du kannst es also auch nicht! Aber warum hast du denn vorhin so großartig getan?« Sie sah mich nah und zornig an. Hart stellte sie ihre Backenknochen heraus. Und vor dieser ehrlichen Erregung fühlte ich, daß ich nicht redlich gewesen war, daß ich mich mit meinen Afterkünsten in die Liebe der zwei Eheleute hatte hineinschmuggeln wollen. Wo Tod war, hatte ich Leben, wo Untergang war, Rettung vortäuschen wollen, aus Feigheit. Aber immer noch fühlte ich nicht den Mut in mir, so gerade wie die Frau hier zu reden. »Jetzt laß mich sprechen, Regina!« sagte ich. »Diese Krankheit kann ich und niemand dem Theodor von der Lunge blasen. Das geht zu weit herum und zu tief hinein, so was heilt keine Kunst. Nein, gesund kann Theodor nimmer werden. Das sag' ich offen, du hast es mir herausgezwungen!« Regina preßte die großen Hände vors Gesicht und zitterte wie ein Laub. »Aber darum redet man noch lange nicht vom Tod. Die Auszehrung ist meines Bedünkens die seltsamste Krankheit, die wir Ärzte kennen. Es kann ein Patient damit hundert stockgesunde Menschen überleben. Und sich noch leidlich dabei fühlen. Alles kommt auf die Natur des Kranken an. Und Theodor ist eine starke Natur. Wenn er eine gute Pflege und eine umsichtige ärztliche Obsorge dazu bekommt, so kann er noch lange an diesem Ilgisserschnee und an euerer Sonne und an all den vielen Spatzen ringsum Freude haben!« Ich versuchte ein Lächeln, über das, was ich von den Spatzen gesagt hatte. Nirgends gab es so viele wie ums Weggisserhaus. Das war bekannt. Regina ging darauf nicht ein, sondern fragte sofort furchtbar ernst: »Wie lange? Länger als ein Jahr?« »Ein halbes Jahr, ein ganzes, zwei, mehr – es kommt alles auf seinen Widerstand und auf euere Hilfe an!« Regina streifte die Ärmel zurück und machte eine frisch zugreifende Bewegung. »O, wenn es von diesen Händen abhängt, dann noch hundert Jahre!« Tapfer, heiß und voll Opfersinn sah sie ihre müden Hände an. Ich konnte nicht anders, ich mußte diese braunen Hände erfassen und mit einer mir selbst wunderlichen Ehrfurcht sagen: »Wir wollen nicht unmäßig hoffen. Aber viel und standhaft wollen wir hoffen, Frau Regina!« Und nun geschah das Große, sie erwiderte meinen Druck dankbar. »Auf der Bahn,« fuhr ich fort, »ist mir eine Frau begegnet, die schon viel kränker ist als Theodor, und die reist noch in einem Güterzug und läuft durch den Schnee ohne Stütze und hofft, wieder gesund heimzukommen. So ein mutiges Weib! Zehnmal eher steht und erhält sich dein Theodor!« »Warum hast du mir das nicht eher erzählt? Das gefällt mir, nicht das andere von den blöden Narren!« Ich malte jetzt das Krankenbild in der Eisenbahn mit vielen kleinen und schlauen Strichen aus. Wie die Frau die Telegraphenstangen zählte, die sie immer weiter von ihrem Büblein wegbrachten, wie sie elend aß, dünn atmete und die verdorrten Lippen aneinanderpressen mußte, als sie über die zwei Wagentritte hinunterstieg. Aber gehofft habe sie immer . . . Regina rückte mir immer näher, atemlos lauschend, um keine Silbe zu verlieren. Einen Husten habe das Bauernweib gehabt, gar nicht zu sagen, wie! »Nicht, wie Theodor hustet?« »Das tönt wie eine Glocke dagegen. Das andere war ein heiseres Geräusch von Scherben!« »Und hast du bei diesem Bildchen auch einen Vers auf uns gemacht, Walter, so ein Dichter, wie du wohl immer geblieben bist?« »Ja, Regina. Ich dachte: Es gibt doch starke Frauen. Leiden sie, so tragen sie mit einer stillen Tapferkeit, weit besser als acht Männerschultern zusammen. Und leidet der Mann, so tragen sie das Doppelte, seine Last und die ihre. Ich hab' nun an einem Tag von beidem ein prächtiges Stück gesehen.« Regina hob den Finger und drohte, etwas munterer, aber doch noch recht ernst. Ich schwieg nun. Aus der Kammer spann immer der gleiche, laute, zufriedene Atem. Nur ein Medizinerohr konnte wahrnehmen, daß das Einatmen kürzer und schwächer als das Ausatmen geschah. Es war kalt in der Stube. Ich rieb meine steifen Knie warm. »Dich friert,« sorgte Regina. »Ei ja, man sieht ja seinen eigenen Hauch. Wart', ich zünd' ein Büschelchen im Ofen an. Ich hab' nie kalt. Darum merk' ich immer zu spät, daß andere Leute wärmer haben möchten.« Ich widersprach nicht. Mich durchschauerte die eisige Luft der Stube. Gern hörte ich es, wie die Frau in der Küche einen Bund Reisig mit dicken Knüppeln ins Ofenloch stieß, wie es dann knisterte, zuerst von Papier, dann von spritzigen Flämmlein und endlich anfing zu toben und zu tosen wie ein gleichtöniger, schöner Wind. Der Brand war im vollen Zug. Vom Fenster sah ich über das Dorf in der Tiefe. Es lag zwischen seinen zwei Hügeln wie zwischen Vater und Mutter ein Trupp Kindlein. Alles war so eng auf- und ineinander verhäuselt, als wollte ein Fenster ins andere schauen, eine Türe in die andere springen und eine Stube die andere warm halten. Nur einige Ausgelassene zogen mit den Tannen den jenseitigen Hang empor. Kleine, schmucke, vieläugige und wunderbar saubere Häuschen waren alle, und sie schimmerten jetzt heller als der Schnee im Mondlicht. Weit oben am Berg glänzte noch ein Licht aus so einer kristallenen Scheibe. Vielleicht liegt dort auch ein krankes Geschöpf und streckt beide Arme nach der Gesundheit aus. Ein anderes Licht blinzelte schräg unter einer Baumgruppe hervor. Dort treibt wohl noch ein geplagter Weber das Schifflein hin und her, weil der Ballen bis Samstag abgegeben werden soll. Oder es gibt Abzug! Jetzt seh' ich ein Laternchen unruhig in die Höhe schwanken und in einem Gehölz verschwinden. Das sind Holzhacker, die schon um vier Uhr aufbrechen, damit sie zeitig am fernen Platz ihr Tagwerk beginnen. Dann hören die Menschenlichtlein auf, es sind nur noch Tannen da, diese treuen Bäume mit ihrem nächtigen, heimlichen Zauber. Auf sie folgen einige öde Halden voll platten Schnees, und aus ihnen ragen als letztes die grauen felsigen Gipfel und Türme hervor. Von meiner Stadt aus sieht man sie auch, wenn es sehr klar ist und der Föhn weht, aber nur wie ein silbernes Schäumchen am tiefen Himmel, und man ist nicht sicher, ob es am Ende nicht eher feine Wolken sind. Aber hier, so nahe, sind sie wie eine erdfeste, mächtige Stadt zu schauen, die Kuppeln und Helme gen Himmel gereckt und vergoldet oder versilbert, mit romanischen und gotischen Fenstern in den Fassaden, mit Riesenstatuen auf den hohen Söllern und mit Nebenpfeilern und Arkaden hin und her. Aber mit den Wurzeln sind sie tief in die Täler verschanzt, eine Stadt voll Menschen am Fuße, eine Stadt voll Geister auf den Gipfeln, eine Stadt voll Lärm in der Tiefe, eine Stadt voll Stille auf den Zinnen. Ich streckte in meiner Bergbegeisterung den Kopf zum Fenster in dieses Panorama hinaus, und ich spürte nun eine solche Ruhe von den Bergen und vom Himmel herab, daß ich vor Schweigsamkeit meinte, das langsame Fahren des Mondes und das leise Knistern zu hören, wenn er sich eben durch ein weißseidenes Gewölke wie durch ein Feindesbanner riß und großartig aus den Fetzen wieder ins gesäuberte Gefilde hinaussegelte. Da ging die Türe auf. Regina trat mit einem kleinen Duft von Harz und Tannennadeln und Ofenrauch ein. Sie trat vor mich hin und sagte: »So, nun ist der letzte Span zwischen uns getilgt!« »Wie? Was meinst du?« fragte ich. »Hast du die Bräuche hier oben denn ganz vergessen?« Da fiel mir im Augenblick die alte Sitte hierzulande ein, daß zwei Verärgerte, sowie sie wieder miteinander einig werden, sich eines Abends an den Herd setzen und einen Prügel ins Feuer werfen. Der soll den Streit vorstellen. Damit ist der Span beglichen, der Haß verkohlt. »Hast du es denn nicht gehört,« fuhr Regina mit einer sonderbaren Mischung von Ernst und Heiterkeit fort, »wie es im Ofen gekracht hat? Den dicksten Bengel hab' ich hineingeworfen!« Sie streckte mir die Hand entgegen. Ich ergriff sie dankbar. Sie war kalt wie Schnee, gab aber dennoch einen tapferen, männlichen Druck. Von da an blieb es lange Zeit still zwischen uns. Nur einmal rann durch die Diele hinunter ein kleines, traumhaftes Lippengesprudel Arnoldlis. Kein Sprachkünstler hätte es verstanden. Wir zwei, eine Mutter und ein Vater, verstanden es sehr genau. Dieser Junge peitschte sein Rößlein, schlittelte durch alles Schneegewirbel, neckte und erschreckte die Mädchen und warf sich nach allem vor Spaß auf den Bauch. Das war's. Der Tag ist diesem Buben zu kurz. Da muß auch noch durch die heilige, feierliche Nacht getobt werden . . . Dann war es wieder still. Der Mond ging langsam den Bergen entlang, bis er auf einmal an den gewaltigen Ilgisserstock geriet. Er stutzte. Hier müßte er einen hohen Schwung über das freche Haupt nehmen. Soll er? Soll er nicht? Das goldene Phlegma des alten Junggesellen am Himmel siegt, und ruhmlos, aber bequem verschwindet er hinter den Felsquadern. Sogleich erlosch alle Helligkeit draußen. Aber noch finsterer ward es in der Stube. Reginens Gestalt zerfloß im Dunkel. Nur die Scheiben, wie dämmerig bleiche Vierecke, konnte man noch erraten. Und nun, in solcher Ungesehenheit schien es uns auf einmal sehr leicht und sehr lockend, uns recht offen gegeneinander auszusprechen. Die Gesichter genierten uns nicht mehr. Regina hob an: »Erzähle mir, wenn es dir nicht zu schwer wird, etwas von deiner seligen Frau! Sei so gut, Walter!« »Ach, was ist davon zu sagen?« gab ich leis zurück. »Mimeli hat mir das Medaillon gezeigt. Sie muß gut gewesen sein. Man sieht es ihr an. Sie hat nichts Unliebes tun, nicht einmal denken können. Sie trägt nicht so einen bösen, scharfen Hinterkopf wie ich!« Das letzte sagte sie mit einem leisen Scherz im Ton. »Immer war sie gut, das ist wahr!« bestätigte ich. »Hast du noch Heimweh nach ihr?« Darüber mußte ich wahrhaft erst nachdenken. »Ich meine, fehlt sie dir manchmal? Oder brauchst du uns Frauen überhaupt nicht? Hassest du uns immer noch?« Wieder dieser Versuch, lustig zu reden. »Ich vermisse sie fast nie,« sagte ich jetzt. Das war die Wahrheit. »Was? Und Mimeli sagte doch, wie Papa und Mama einander lieb gehabt haben?« »Da hat es ganz recht gesagt.« »Dann bist du ein schwarzes Rätsel. Ich hab' doch gemeint, was man einmal sehr lieb gehabt hat, könne man nicht kurzweg hinter den Rücken werfen. Wenn Theodor . . . wenn er von mir ginge – ich würde für mein Lebtag nichts als an ihn denken, das weiß ich. Er bliebe mir überall vor den Augen.« »Vielleicht, vielleicht nicht, wer weiß, wir sind nicht Meister über uns,« zweifelte ich bedächtig. »Ich würde doch nur an Theodor denken,« behauptete sie eigensinnig. »Und du malst mir da nur etwas vor. Aber ich wette, du sinnst gerade jetzt wieder an deine schöne, lustige Frau selig. Du möchtest wieder ihre Ordnung und Pflege. Ihr Männer verwahrlost ohne uns!« »Das ist nicht wahr, Regina,« erwiderte ich trocken. »Mimeli und ich haben eine alte, prächtige Haushälterin Elsa. Meine Frau hat nicht so gute Wiener Schnitzel fertig gebracht und nicht so fein flicken und alles so sauber halten können wie die Elsa.« »Sind die Wiener Schnitzel oder der Maschenstich die Hauptsache bei einer Ehefrau?« »Wart' nur, Regina! Meine Frau war immer spaßig und genußfreudig. Sie paßte zu meinem schweren Wesen, sie machte mir alles leichter. Wo ich stampfte, trippelte sie, und wo ich brummen wollte, schlug sie einen Triller an. Sie ist ein halbes Kind geblieben, auch noch neben Mimeli. Sie hatte immer noch Hochzeitstag. Aus dem Brautlächeln ist sie nie gekommen. Nicht einmal beim Sterben. Sie hat keine Schmerzen gehabt. Der Tod nahm sie ganz leis in die Hand. Sie lächelte mir ins Gesicht dabei, als wollte sie sagen: Nicht wahr, das ist ja nicht ernst gemeint? Und unter dem Lächeln ging ihr der letzte Atem aus. Und so oft ich ihre schöne, helle Leiche ansah mit dem Lächeln um den Mund, hörte ich es aus ihr heraus fragen: Nicht wahr, das ist ja nicht ernst gemeint? Noch beim Vernageln des Sarges! Glaub' mir, Regina, wenn ich aufs Grab gehe, wo ich nichts als gelbe Stiefmütterchen gepflanzt habe, weil das auch so lustige, immer zum Spaß aufgelegte, sorgenlose Blümchen sind, dann mein' ich, aus jedem dieser gelben Blümlein mein Urselchen zu hören: Nicht wahr, das ist doch nicht ernst gemeint?« Totenstill horchte mir Regina zu. Kein Fältchen ihres breiten Kleides rauschte. So ein leichtes, seliges Frauenwesen war ihr neu. »Da mußte ich denn nur gewaltig staunen, wie das Wort auch für mich wahr geworden war. Nein, wirklich, die drei Jahre Mann und Weib waren nicht ernst gemeint gewesen. Das merkte der junge Witwer jetzt. Nie hatte ich mit Urselchen etwas Tiefes oder Bedeutendes reden können – es lachte zu früh. Dann fand ich die Worte nicht mehr. Wie oft wollte ich meine Seele vor ihr ausgrübeln! Es war unmöglich. Sie lachte zu früh. Sie nahm alles, was da kam, von der heitern und glatten Außenseite, nie ging sie tiefer. Und wenn es totenschwarz aussah, tupfte sie noch darauf und spöttelte: Schau, wie das lustig ist, es will erschrecken! Sie war ein Schmetterling, und ich hatte Frühling, solange sie mich umflog. Ich ging mit ihr wie auf einer Wiese voll Blumen und Bienlein. Als sie starb, graute mir zuerst, weil es so still wurde, gar niemand mehr lachte. Die Wiese war nicht mehr so grün, und die Bienen und Goldkäfer hörte ich nicht mehr summen. Es war weniger warm und hell. In Gottes Namen! Nun schwärmte ich eben nicht mehr auf die Wiesen und flatterte nicht mehr hinter den Schmetterlingen einher und hüpfte keinem Heuschreck nach. Man ward wieder ernst. Aber die Wiese reifte gerade so sicher ohne das. Zuerst fror ich ein bißchen. Aber daran gewöhnt man sich bald, an so ein kleines, gleichmäßiges Frieren. Es ist mir lieber als Hitz' und Eis übereinander. Ich merk's gar nicht mehr. Wie, Regina, jetzt sagst du schon nichts mehr?« Frau Weggisser saß im Dunkel noch immer geräuschlos wie eine Statue. Aber ich wußte, dieses Stummsein war nichts als gewaltiges Zuhorchen. »Mein Urselchen hätte vielleicht später auch Würde und Matronenhaftigkeit bekommen als Mutter von großen Buben und ernsthaften Mädchen. So aber ist es mir wie ein blauer Tag gekommen und gegangen. Ich habe nichts als Dank für dieses Weilchen Leben, wo ich einmal recht lästerlich sorgenlos und ausgelassen jung war. Aber meine Art ist es doch nicht gewesen. Sonst hätte mich ja das Heimweh nach einem so makellosen, lieben Geschöpf verzehren müssen. Statt dessen blieb nur ein Duft zurück, so ein Duft von Blumen oder von einem kurzen Jodel, so ein . . . Ach, man kann's nicht fassen und greifen, 's ist eben nur ein Duft! Was meinst du dazu, Regina?« »Sag' weiter! Das ist seltsam! Ich hab' noch gar nie so was gehört. Aber ich verstehe alles, weißt, wenn du schon immer noch so – so wie ein Büchleindichter redest.« »Sieh, Regina, eben dieser Duft paßt nicht zu mir! Er ist zu gut für mich. Ich hab' immer den Geruch eines Philisters an mir gehabt. Ich sorgte mich denn auch furchtbar, wie mein Kind ausschlagen werde, beinahe wie ein Philister, der einen Samen gesteckt hat und nun, wo das junge Bäumchen aufwächst, nicht ganz sicher ist, ob es nur ein Zierbaum oder ein Obstbaum wird. Hoffentlich, hoffentlich ein Obstbaum, sagte ich und horchte auf, wie Mimeli wohl lachen würde. Wenn es nur nicht lacht wie Mutter, nur nicht so silberig, so dünn, so hoch, um Gottes willen nur das nicht! Wie ich aufs Husten des Patienten achte, paßte ich da auf. Bravo, es klang schon beim Kind eine kleine Terz tiefer! Und als Fünfjähriges konnte Mimeli schon das Stirnchen rümpfen. Da küßt' ich es gewaltig. Wenn es mir zu lustig schien, erzählte ich ihm ganz graue Geschichten, schob Spitalbetten und Armenstuben und Särge drein. Da fing der Wolf ein Häslein, dort fiel ein Bübchen aus dem Fenster, hier verbrannte ein Haus, und drüben litt man Hunger. O, mir ward wohl, wenn dann diese kleine Kinderrunzel erschien und Mimeli mich pechschwarz ansah und in allen Taschen fingerte, als möchte es Hilfe herausklauben! Dann ließ ich das Häuschen hurtig wieder aufbauen und das Knäblein wieder heil werden und einen Topf voll Sauerkraut und Schweiniges auf den Armentisch tragen – und dann leuchtete Mimeli auf, ward munter und lachte, aber bald eine volle große Terz tiefer als Mutter selig. Und nun bin ich zufrieden und glücklich; aber ich habe nichts dagegen, wenn es später noch auf eine Quart hinunterfällt.« »Wirklich glücklich?« fragte es aus dem Dunkel mit weicher, aber ernster Stimme. »Glücklich, Regina; mir fehlt nichts! Ich glaub', ich brauch' auch nicht viel. Viele essen fast nichts und sind doch gesund. So bin ich. Ich habe einen kleinen Magen fürs Leben, bin flink satt. Wenn nur Ordnung um mich herum ist, Sauberkeit, alles glatt, keine Brosamen . . . Siehst du, welch ein Philister! Und da lag noch etwas uneben und unrein. Das wurmte mich. Drum bin ich heraufgekommen. Jetzt ist das auch im Blei.« »Das ist es,« bestätigte es aus der Finsternis. »So hab' ich reinweg alles zum Glücklichsein.« »Bis auf eine liebe zweite Frau!« »Sei so gut und glaub' mir! Ich brauche keine mehr. Ich hab' alles, dich, meine alte Plagerin dazu!« »Und den Theodor,« entgegnete es irgendwoher, aber nicht ganz so klar. »Ja, meinen alten, lieben Freund!« Sie antwortete nicht mehr; aber deutlich hörte ich ihr Atmen. »Regina, Regina,« fuhr ich drein, »sei nun auch weise genug und stör' so eine stille Freundschaft nicht! Haben wir uns nicht lang genug ins Zeug gepfuscht? Das war unrecht und hat beiden weh getan. Und genützt hat es doch auch keinem von uns!« »Wer durfte eifersüchtig sein, Walter, der Kamerad oder die Braut und Ehefrau? Sag' doch, wie bestehst du dabei?« Jetzt war es an mir zu schweigen. »Du wolltest zuviel von einem Freunde. Ich vielleicht auch zuviel vom Schatz. Aber ich durfte doch eher.« »Und könntest du wieder eifersüchtig werden, jetzt noch, Regina?« »Ich glaub' ja!« »Ich sage nein, du könntest es nicht!« »Ich weiß es besser.« »Für eine so kurze Zeit noch eifersüchtig?« »Kurze Zeit, was!« schrie sie und sprang aus dem Dunkel an mich heran. »Siehst du, siehst du, wie du gelogen hast! Kurze Zeit! Ohhh!« Sie krallte ihre langen Finger in meine beiden Achseln. »Was ein solcher Kranker, der nicht mehr gesund werden kann, noch lebt, das ist Gnade,« rief ich ihr ins Gesicht empor, wovon ich nur das leise Augenblitzen wahrnahm. »Und alle Gnade ist kurz, o, im Vergleich zu dem, was er als gesunder Mensch leben könnte, sehr kurz! Soviel müssen wir beide doch bei der größten Hoffnung zugeben, auch wenn wir die tapferste Hoffnung haben.« »Ja, ja, du hast recht,« sagte sie, aber ließ mich nicht los. »Aber nun vom andern! Schau', ich gebe dir nie mehr Gelegenheit, auf die Freundschaft eifersüchtig zu sein. Theodor ist mir jetzt nichts mehr und nichts weniger als ein Kranker, für den ich Doktor bin und nichts weiter. Denn wisse nur,« sagte ich leiser und noch näher in ihr unsichtbares Gesicht empor, »sowie ich ihn gestern abend in seinem Elend sah, ist alles Schwärmen wie eine bunte Seifenblase zerplatzt! Ich hatte bei der Herkunft den goldenen Baldur im Sinn, dieses Wunder von einem blauäugigen, sonnenhaften jungen Helden. Aus den alten Erinnerungen, die bei mir so langsam und so zäh sind, und aus einer so weiten, vieljährigen Entfernung konnte ich mir kein anderes Porträt schaffen. Dazu kommt, wie du selber sagst, daß ich immer ein bißchen dichte. Aber nun ist's eben doch ein furchtbar anderer Mensch, was ich bei euch oben wiedergefunden habe, und ich spüre für ihn nichts mehr als nur heißes Mitleid und eine eigentümliche Trauer, ja schier gar eine Enttäuschung.« Nun ließ sie mich frei und trat zurück. Aber sie blieb stehen. »Was ich jetzt sage, darf dich zornig machen; aber dann bist du geheilt, du eifersüchtiges Weib, das weiß ich!« »Dann schweig, . . . Nein, dann red', red'!« bat sie rascher und haschte wieder nach mir. »Es geht mir mit Theodor gerade wie mit meiner Frau. Ich war verzaubert, einmal vom Freund, einmal vom Weib. Mehr ist's nicht . . . Du weißt doch, ich hab' in der Schule nie rechnen können. Mathematisch denken war mir unmöglich. Nun saß der Eugen Schwegler neben mir. Der hat so scharf und kalt gedacht wie ein Messer. Das Verzwickteste löste er mit seinen großen, grausamen, nüchternen Augen wie ein Blitz. Und was meinst du nun, ich neunjähriger Grübler und Phantast, sein bares Gegenteil, schwärmte für den Bub, betete sein eisblaues Auge an, wenn es ins Einmaleins stierte, und seinen trockenen Mund voll Zahlen. Was andere mit mir gemein hatten, das schien mir sehr menschlich; aber was sie über mich hinaus besaßen, das fand ich göttlich. Und da kam Theodor, und der hatte eine Kraft und Pracht um sich und in sich, woneben ich mir wie ein Bettler vorkam. So gesund, so schön, so groß, so mächtig und so lustig! Das übernahm mich völlig. Ich sah ihn an wie ein Götzenbild. Und nun achte wohl: so ein Götzenbild war mir auch Urselchen, ihr Lachen und ihr rosiges Späßchen und ihre Seele gleich einem leichten Morgenwölkchen. Das hatte ich nicht, das war darum das Großartigste auf der Welt. So ein Narr bin ich bis hoch in die Jahre gewesen. Als der eine Götze zerfiel – fast in nichts, kehrte ich großes Kind unbekehrt zum ersten zurück.« Wieder glitten ihre Hände von mir ab, und sie setzte sich nun hart neben mich auf den Stuhl. Deutlich fühlte ich ihre starken, warmen Atemzüge. »Aber einmal kommt der Tag, Regina, wo auch so ein langsames Geschöpf, wie ich bin, das, was Schein und was solide Sach' ist, endlich voneinander unterscheiden kann. Was ich vorhin rühmte, hat alles nicht standhalten können, es ist nicht aus festem Geist hervorgewachsen, die Seele hat damit wenig zu schaffen. Laß die ernsten Zeiten kommen, Regina, die Winde und die Donnerschläge des Lebens und sieh dann, was davon schön und lustig und gesund übrig bleibt, wenn es nicht eine tiefere Wurzel hat . . .« »Du schimpfst auf Theodor, du . . .« »Nein, ich schimpfe auf mich, weil ich ein Narr, statt ein Freund war.« »So hast du Theodor nie recht geliebt, nur sein Gesicht, sein Lachen, sein blaues Auge . . .« »Nein, Regina, ich habe an Thedi und an Urselchen und schon an jenem Rechnerbub mehr geliebt, als an ihnen war, zuviel hab' ich geliebt, eine Seele geliebt, die sie gar nicht haben konnten, so schön und wundervoll reich, und die sie auch gar nie haben wollten, eine Seele, die ich ihnen angedichtet habe. Wenn man so lachen kann, so blaue Augen hat, so blüht und so gilt, was muß das erst tief innen für eine Seele sein! So dachte ich Phantast. Ich habe übertrieben, ich bin der Sünder. Mich allein klag' ich an.« »O, Walter, dann hab' ich doch tausendmal schöner und besser geliebt!« »Ich gebe es willig zu.« »Theodor ist mir heute der gleiche wie vor zehn Jahren, als ich ihn zuerst sah. Er hat nichts verloren, und ich habe auch nie mehr in ihm gesucht, als er hat. Aber er hat auch alles. Was hat er etwa nicht? Und wenn er noch viel kränker wäre und magerer und bleicher, er ist mir so schön und reich und fein wie am ersten Tag. Ah, und du wolltest mich von ihm nehmen, du, du, mit deiner fadenscheinigen Freundschaft! Wie schlecht, Walter, wie schlecht!« »Du hast recht,« sagte ich zerknirscht. Ich hatte das Gefühl, in dieser Nacht zum erstenmal mich in meiner nackten Gestalt gesehen zu haben . . . *           * * Ich hatte mir vorgestellt, leicht wie ein Vogel heimzukehren. Aber nein, ich pfiff kein einziges Lied, so fröhlich auch das Bähnlein uns die melodischen Hügel hinunter ins Land trug. Theodor, der kein kühnes, nicht einmal ein witziges Wort vermocht hatte, der bei der kleinsten Ermunterung turmhoch hoffte und beim geringsten Schmerz wieder ganz verelendet zusammensank, diesen Theodor verachtete ich beinahe. Aber mich selbst noch dutzendmal mehr. Was war ich für ein Kerl! Mein Herz hatte ich, der sogenannte tiefe Mensch, so viele köstliche Jahre lang sinnlos vergeudet – an ihn! Dann an Urselchen! An so leichte, mit wenig dünnem Schimmer umleuchtete Wesen! Aber was Kraft und Macht und Zähigkeit besaß, das hatte ich gehaßt, wie diese großartige Regina Lob. Sie wuchs in meinem Respekt wie die Ilgisser Berge, je tiefer ich in die Ebene hinunterfuhr, um so einsamer und reiner in den Himmel empor. Auch die große, zersplitterte Stadt, in die wir endlich rollten, mit ihren lichtlosen Augen, ihrem Krämermaul und übeln Atem, diese Stadt mit dem unruhigen Gehirn und dem matten Herzen kam mir jetzt entsetzlich langweilig und ekelhaft vor. Wäre ich doch von Kindesbeinen an auf meinem Dorf verblieben, dachte ich. Welche Torheiten durchs halbe, bessere Leben hätte ich mir erspart! An meinem Hochzeitstag hatte ich ins Tagebuch geschrieben: »Ich will alles gerade haben auf meiner Lebensstraße« – und merkte in meiner unendlichen Tölpelhaftigkeit nicht, daß ich bisher ganz besonders krumm gelaufen war und an jenem Feiertag erst recht wieder einen großen Schritt ins Schiefe tat. Die Grübler machen eben alles verkehrt, spottete mich Gonzal früher immer aus. Du hast recht, schöner, schlauer Spaniol! Man sucht einen Gedanken sehr glatt zu lösen und macht inzwischen verfluchte Knoten und Knöpfe ins wahrhafte Leben. Hätte ich am Ende nicht am besten getan, Klausner zu werden, in einem alten hohlen Baum zu spekulieren und, wenn mich ein irdischer Appetit packt, ein paar Wurzeln zu essen und aus der Hand Wasser zu trinken? Oder hätte ich mich mehr ins gesellige Leben werfen und meine Ellbogen mit hundert andern reiben sollen? »Mimeli, Mimeli,« sagte ich vor dem Aussteigen und drückte mein Amselchen ans Herz, »jetzt geht es frisch an!« »Was?« fragte das kluge, ruhige Gof. »Ich meine, wir wollen ein tüchtiges Leben führen, gelt? Lernen und schaffen, daß es kracht! Und am Abend bei der Mehlsuppe wollen wir einander davon erzählen, bei jeder Kelle voll ein neues Heldenstücklein! Weißt, du bist jetzt schon ein zünftig großes Menschlein, spazierst ja schon allein durch die Stadt, hast Nummer 32 an den Schuhen wie eine hohe fertige Frau. Ja sicher, du bist mir halb und halb schon ein Frauelein!« Mimeli rümpfte die Stirne wie eine Großmutter und nickte, ohne zu lächeln, ein sehr bestimmtes, alleskönnendes Ja. »Aber den Schlingel, den Ernst Eisen, den werfen wir zum Haus hinaus, wenn er uns zweien auch nur im geringsten nicht paßt!« »Nein, Vater, nein!« schrie Mimeli auf und verlor sogleich alle großmütterliche oder auch nur frauliche Würde. »Nein, den hab' ich gern! Er hat mich aufgebuckelt und ist mit mir das Geländer hinunter geschossen, alle sechs Stiegen, hei, wie der Wind! Der Arnoldli hat mir Feines vom Ernst erzählt. Alle Buben in Ilgis haben ihn zum König, wenn er nur einen Tag im Dorf ist.« Ich wunderte mich, wie lebhaft mein verschlossenes Kind wurde, als es das erzählte. Wie ein Röschen blühte es auf. »Und er kann rauchen, Vater, Zigarren, so gut wie du, aber auch Zigaretten. Drei in einer Minute, hat er gesagt. Und er kann den Rauch aus der Nase blasen und Ringlein machen. Er will ein Soldat werden, einer von den Reitern, und mich in den Sattel nehmen, Vater!« »Was, der Knirps!« unterbrach ich die goldene Begeisterung meines Kindes. »Er ist ja größer als du, Vater,« belehrte das Amselchen mit einem feinen Gespött um den Schnabel herum. »Um Daumensdicke größer als du!« »Deswegen ist er doch noch ein ganz grüner Knirps!« sagte ich voll Hartnäckigkeit. »Zudem bezweifle ich doch noch ganz gewaltig, ob nicht gerade ich um Daumensdicke größer bin als dein Held,« fügte ich zur Wahrung meiner Würde bei. »Ich glaube doch, Vater,« piepste mein Amselchen seelenruhig weiter. Dann aber stieg es um eine frohe Terz und sagte: »Und er hat eine Pistole in der Tasche und trifft jeden, jeden Vogel!« »Das wird ja immer besser!« »Im Garten hat er zwei Spatzen hintereinander heruntergeschossen. Spatzen sind Bettler, sagt er, und er weiß es. Und die Bettler müsse man töten.« »Vögel schießen und Zigarren rauchen . . . Ja, du, wo hat er denn die Zigarren her?« »He, aus deiner Kiste doch! Das darf er. Ich bin jetzt hier daheim, hat er gesagt, und so gehört mir jetzt auch alles, was dir und dem Vater gehört.« »Das ist ja der reinste junge Satan!« entfuhr es mir. »O nein, Vater,« beschwor mich das Kind und legte den kurzen Arm um meinen Hals, »der gehört jetzt zu uns. Das ist kurzweilig. Ich lieb' ihn. Er mag mich auch recht wohl.« Eia, dachte ich, das könnte ein hübscher Zuwachs für unsere kleine Einsamkeit sein. Sogar ums elende Bett Thedis ist's lebendiger und traulicher als in meinen kalten, großen Stuben. Aber rauchen, Vögel niederknallen . . . Kaum waren wir in den Hausflur getreten, so sprangen zwei Türen zugleich auf. Aus der Küche rannte die alte Else mit der umgebundenen blauen Schürze und Mehltupfen über den ganzen Rücken herunter. Und aus seinem Herrenzimmerchen schoß der lange, bleiche Eisen mit dem blonden, geschorenen, leuchtenden Kopf und tollen, funkligen Augen. »Der Lausbub!« schimpfte die Alte, das S durch eine Zahnluke zirpend wie eine Grille. Aber ehe sie ihren Grimm ausschütten konnte, war Ernst auf uns gesprungen, genau wie ein langer, gelber, junger Tiger. Er gab mir flink seine glatte Hand. Dann umarmte er Mimeli und hob das entzückte Kind bis an sein Gesicht herauf und verschloß ihm mit seinem langen, feinen, bleichen Mund das Mäulchen und noch die Nasenspitze, bis dem Geschöpflein der Atem ausging. Dann ließ er es mit einem Kuß los, der wie ein Flintenschuß knallte. »Schatzli,« sagte er, »du hast das Gesicht von einem vierwöchigen schneeweißen Hundli, wie ich eines hatte; drum bist mir so lieb!« Dann sattelte er das Hundli auf den Nacken und – hüphoi, hüphoi! – galoppierte er krachend und stäubend mit ihr durch alle Zimmer. »Das hilft ihm alles nichts,« keifte die jähzornige Else mit einer Stimme, so spitz und giftig wie ein Faden. »Herr Doktor, kommen Sie mal da herein! Schauen Sie, was mir der Bengel zuleid getan hat! Der muß zum Tempel hinaus, oder dann gehe ich!« Gleich band sie die Schürze hinten los, wie immer, wenn sie sehr erregt war. »Ja, ich oder dieser Kreideteufel!« Ich stand still und wollte den Buben scharf ins Aug' fassen. Aber Ernst lachte leise und sah hin und her, als gelte der Ruf irgendeinem Sünder im mittelsten Australien, aber niemals ihm. Sein Lachen, wobei er den Mund nicht öffnete, aber beide Winkel mit spitzbübischer Seligkeit in die Backen hinaufbog, daß es wie zwei liegende Sicheln aussah, dieses Lachen rauschte tief und leis, wie ein schnelles Wässerchen verschmitzt in den hohen Gräsern rauscht. Mit seinen silbergrauen Augen spazierte er über die Else hin, als wäre sie eine Handvoll Dummheit, und nickte mir dann lustig zu, wie wenn er sagen wollte: Kannst du schimpfen? Einen so gescheiten und prächtigen Schlingel ausschimpfen? Der dein Mimeli küßt und wie ein englisches Vollblut mit ihm durch alle Zimmer galoppiert! Hörst du Mimeli lachen? O, ich lache auch! Lache du nur auch, zum dritten! Das ist das klügste, was du machen kannst. O diese dumme, breite, blaue Schürzengans da! Die Magd wütete weiter, immer grimmiger ihre schwachen grauen Augen anstrengend, je ruhiger ich blieb. Er wollte nicht mit ihr in der Küche essen! Nein, dem Lümmel mußte sie eigens im Stüblein decken! Dann nahm er ein rohes Ei und versprach, es an die Diele hinaufzukleben wie einen Stern am Himmel. Eins . . . zwei . . . drei, es klatschte, und oben hing der gelbe Pflarren. »Ein zweites und drittes Ei folgte, weiß der Teufel, wie er's nannte – Merikur oder sonst ein Dreck! Dann schoß er im Garten auf eine Katze, denken Sie, eine lebendige Katze und brachte zum Nachtessen sechs tote Spatzen. Die sollt' ich ihm braten! Dann sagt' er, der Rücken tu' ihm weh, er müsse durchaus baden. Aber im Wasser rauchte er wie ein Türk' und lief pudelnaß durch alle Zimmer. Oje . . .« – Die Magd fiel elendiglich in einen Stuhl – »Kurzum, er tut, als ob er hier daheim wäre!« »Das bin ich doch,« versetzte Ernst mit seiner melodischen Knabenstimme und spreizte sich furchtlos vor mich hin. Nun sah ich erst, welch ein seltsames Spiel seine großen Augen im langen, schmalen Wachsgesicht trieben. Je nach der Laune schwammen silberne Flöcklein in der Pupille. Dann gab es einen Blick wie starres, kaltes Eisen. Aber diese Wölklein konnten sich röten, wenn der Bub lustig wurde, und sprühten einem dann oder hagelten vielmehr Funken um Funken wie pures Gold ins Gesicht. Er sah dann plötzlich warm und liebenswürdig aus. Mir war, man habe einen jungen Teufel und einen jungen Engel zusammengeschmolzen und so sei dieser Ernst Eisen aus dem Tiegel gesprungen. »Nicht wahr,« wiederholte er, »das bin ich doch: Hier daheim! Ihr werdet mich liebhaben, das weiß ich. Ich bin kein Böser . . . Auch dir gefall' ich bald, Vetter Götti!« »Wieso Vetter und wieso Götti, du Erzgauner du?« fragte ich lustiger, als sich ziemte. »Nein, er ist ein guter, ein lieber,« sagte Mimeli hoch von seinen Schultern herab und tätschelte ihm mit den noch immer behandschuhten Händen auf die schmalen, straffen Wangen, in denen die Muskeln spielten. »Schon, schon! Aber wieso Vetter? Wieso Götti?« »Das darf ich doch sagen, wenn ich dich gern hab'! Wer mir gefällt, dem sag' ich Götti!« Was konnte ich erwidern? War das nicht wieder so eine junge Auflage Theodors? So ein Narrenprinz der Jugend, dem man nicht bös sein durfte? »Wir haben noch miteinander ein Wörtlein zu reden, Herr Vetter,« sagte ich möglichst ungerührt. Da der Knab' die Lippen abenteuerlustig auseinanderriß und mit den Augen »Ja, Ja!« machte, fügte ich herzlos bei: »Aber nicht zum Spaßen! He, Else, gebt den Kindern Milch und Eierdünkli zum Nachtessen! Aber mir rüstet eine von euern Kässuppen, wißt, mit Rüben und Kartoffelmöckli und Erbsen, wie nur Ihr es versteht!« Die Alte schnürte die Schürze stolz um ihre breiten Hüften. Dieses Kässuppenlob, das wußte ich, wog all ihren Ärger auf. Sie war im Augenblick weich und doch steifhart wie eine Kerze. Man mußte sie nur anzuzünden verstehen. »Aber ich will Fleisch und Most wie daheim!« gebot Ernst und streckte sich herrisch in die Höhe. »Milch ist dein Most, und Eierdünkli sind dein Fleisch für heut abend, punktum!« »Herrgott neunundvierzig!« fluchte der Junge und rieb sich, als bisse ihn ein Floh, an den dünnen, weißen, ewig bewegten Nasenflügeln. »Kannst auch fünfzig sagen!« lachte ich und schüttelte ihn derb am Kinn. »Wenn das meine Gotte wüßte!« »Was geht mich deine Gotte an?« »Die Frau Weggisser? Oho!« »Bub, Bub, da lügst du!« rief ich. Aber der Junge erschien mir sogleich in einem andern, freundlicheren Licht. Und mir war, Regina strecke mir von ferne die Hand entgegen. »Wo meine Mutter gestorben ist, bin ich lang bei den Weggissern als Kind gewesen. Mein Vater war ja in London, und da hat die Frau Regi für mich gekocht und geputzt und mich sehr lieb gehabt. Wir sind ja doch verwandt. Und so sag' ich ihr Gotte, wie ich dir Götti sage!« Eine seltsame Wärme durchfuhr meine Glieder. Noch teurer erschien mir der Bursche, und nun war es, als habe Regina meine Hände erreicht und drücke sie herzlich. Vor Überraschung war ich ein Weilchen ganz stumm. Da mischte sich der Schnabel meines Amselchens zum Glück in die Sache und lenkte den scharfen Blick Ernsts noch zeitig von mir ab. »Hei du, Ernst,« sagte es, »Eierdünkli sind fein, braun und gelb, mit Butter und Zitronen, und sie knirpschen in den Zähnen, krack, krack!« »Knirpschen . . . So etwa?« Eisen knirschte mit seinen feinen weißen Zähnen grauenhaft. »So . . . oder?« fragte er schon halb getröstet. »Wie wenn du auf Glasscherben stehst!« »Das will ich mal erleben! Gut! Milch und Eierdünkli!« sagte der Junge und nickte mir gnädig seine Gewährung zu. Dann packte er Mimeli und wollte davon. »Paß auf,« ermannte ich mich nun doch noch, »wenn du dich nicht fügst, fliegst du!« Ernst sah mich groß an und hob die blonden Brauenbogen hoch in die Stirne. Aber sogleich wich der Schrecken. Seine Augen füllten sich mit gütigem Spott und sein Mund lachte mit beiden Enden hoch in die Backen hinauf, bis die rote Mondsichel vollkommen war und jeden zum Spaß mitreizte. Alles war Lust und Flegelhaftigkeit in diesem Gesicht. Ich spürte, wie mich selber eine unpädagogische Spaßhaftigkeit überwältigen wollte. Aber in diesem Augenblick streckte mir der Schlingel rasch, lang und rot wie eine Schlange die Zunge entgegen. Sogleich kehrte sich mein Sinn um. Ich hob die Hand zu einer Maulschelle. »Vetter Götti! Vetter Götti!« warnte mich der Junge und ward weißer als Schnee. Da ließ ich den Arm sinken und kehrte ihm den Rücken. Dieser Kerl plagte mich. »Aber er hat das von der Regina Lob,« entschuldigte ich den Knaben leise vor mir, »diese wunderbare Grimasse mit der Zunge!« *           * * Nach Ilgis schickte ich in kleinen, fest verschnürten Paketen alles, was ich in der Apotheke zur Erleichterung des Kranken aufzubringen wußte. Immer schrieb ich dazu ein Brieflein an Regina. Ich tat es gern. Sonst haßte ich alles Briefschreiben, hier war es mir Labsal. Die ernste Frau im Gebirge antwortete nie. Wir gingen damals aus einem lustigen März in einen wilden April. Einmal föhnschwüle, einmal schneeharte Tage. Es war die Saison der Brustfell- und Lungenentzündungen. Erst spät am Abend kam ich gewöhnlich dazu, das Paket zu schnüren und eine Karte dazu voll zu schreiben. Aber das verdroß mich nicht. Regina hatte eine merkwürdige Gewalt über mich gewonnen. Ich schrieb ihr genau so unbefangen und vertraulich wie einem Duzkameraden. Aber erst nach dem ersten Satz. Der schuf mir immer große Beschwerde; denn er hatte jedesmal gegen mein schweres Blut und meine alte böse Scheu zu kämpfen. War einmal der einleitende Satz geschrieben, dann lief es leicht vorwärts. Ich wußte mir nun nicht besser zu helfen, als immer den schlanken Schlingel Eisen vorne ins Brieflein zu stellen. Entweder meldete ich seine Größe oder schilderte eine Spitzbüberei von ihm oder klagte, wie wenig erzieherische Gewalt ich über den Bengel besitze. Von da ging ich auf Theodor und mich und sie, die große, feierliche Regina, über. Gewöhnlich schrieb und packte ich in der Küche und aß zwischen hinein mein spätes Nachtmahl. Neben mir strickte die alte Else. Ihre Nadeln läuteten gemütlich, im Herd knisterte noch ein Scheit, und in einem Kessel summte das Wasser. Es war hier hübscher als im Eßstüblein. »Wer ist denn dieses Fräulein Regina Lob, Herr Doktor?« fragte mich die Alte einmal und schaute unter der Hornbrille hervor mich überaus schalkhaft an. »So viele Brieflein und Paketchen! Euer Schatzeli etwa?« Und sie grinste mit ihren siebenhundert Rünzelchen dazu; lachen konnte sie nicht. »Was Ihr denkt!« machte ich verwundert. »Heiratet nur!« fuhr die Else unbeirrt fort und ließ den Strumpf in den Schoß fallen. »Schon lange dachte ich, das Alleinsein bekomme Euch nicht gut . . . Seht da, na, da haben wir's ja!« Kraft ihrer haushälterischen Allmacht langte sie mir an die Schläfe und rupfte ein Haar aus. Indem sie es mir vor die Augen hielt, zeterte und zirpte sie weiter: »Da, schon ein graues Haar! Und ums Ohr habt Ihr noch mehr solche! Wie alt seid Ihr, Herr Doktor?« »Zweiunddreißig!« Else streifte jetzt die Brille hoch in die Stirne und sagte voll ehrlicher Altjungfern-Entrüstung: »Was? Und da wollt Ihr vergrauen! Ein Weib müßt Ihr nehmen, so ein scharmantes junges Gespons! Sonst seid Ihr katzengrau, eh' das Jahr um ist!« »Ich denke, gerade von den Weibern bekommt man das graue Haar, von den scharmanten vorab!« »Narretei! Vom Alleinsein, das ist einmal nicht anders! Heut habt Ihr nicht drei Worte mit den Kindern geredet. Ihr kommt herein und geht hinaus wie ein Schatten. Das ist traurig für Euere zwei Gofen!« »Was macht der Ernst eigentlich?« »Ich sag' nichts Böses und nichts Gutes; es ist besser,« meinte Else sehr milde. »Habt ihr Waffenstillstand?« »Wir haben noch nie Krieg gehabt.« »Holla, Else, führt er Euch schon an der Nase herum?« »Dieser Kreideteufel? Mich? An der Nase? Daß er sich so was unterstände! In der Küche bin ich Meister, Herr Doktor. Um so einen kümmere ich mich so wenig als um eine Fliege!« Das konnte sie sagen. Aber der Eifer war nicht ernst zu nehmen. Sie lachte beinahe und schloß die Augen dazu. So oft sie Ernst Eisen sagte, ward ihre hohe Stimme tiefer und warm. »Schlaft einstweilen darüber!« sagte sie und erhob sich. »Aber bitte gebt mir noch ein leichtes Schlafpulver! Ich bin seit einiger Zeit nachts so aufgeregt wie eine Hochzeiterin . . . Pst, pst,« schloß sie, über den Flur zur Apotheke trippelnd, »die Kinder schlafen!« Einige Wochen später saß ich wieder neben der strickenden Else. Ich war etwas früher heimgekehrt; aber die Kinder waren schon in ihren Kammern. Ein Poststück mit dem Stempel Ilgis lag auf dem Tisch. »Ich muß Euch etwas sagen; aber macht nur erst fertig, hm!« sagte Else. Ich sah wohl, daß sie etwas Schwieriges auf dem Herzen trug. Neugierig öffnete ich das Paket. Drei Paar schwarze Socken kugelten heraus. Ein Brief lag wieder nicht dabei. »Gott du mein Trost, welche Socken!« rief Else, den Strumpf allenthalben in der Dicke befühlend. »Hat man schon so was gesehen! Das ist echte Schafwolle, von Hand gesponnen, seht, welch ein warmer, starker Faden! Und auch von Hand gelismet; man sieht es diesen ungleichen Maschen an. Das hält Euch über die Sechzig aus!« »Es sind tüchtige Socken!« gestand ich. »Legt mir ein Paar aufs Bett! Ich will sie gleich vor dem Schlafen probieren!« Als die Magd hinausgegangen war, schlüpfte ich mit einer Hand in so einen Socken bis zur Fersenspitze hinein. Es war behaglich wie in einem Vogelnest. Eine große Wärme floß von den Fingern durch meinen ganzen Leib. Da drin hatte wohl Reginens Hand auch gesteckt. Ob auch ein wenig von ihrem Herzen? Was war denn das? Was duftete so? Mir war, ich rieche etwas Gutes aus dem Geschenk, Schnee, Tannenreisig, Harz, Ofenwärme . . . Ach, das war ja jener Augenblick, da Regina den dicksten Bengel ins Feuer geworfen hatte und mit solchem Duft zu mir in die Stube zurückkehrte . . . Alle diese Maschen hatte sie gestrickt. Gewiß in solchen Nächten, am Bett des armen schlafenden Mannes. Die Fenster standen offen, der Schnee sah herein, die Kinder träumten lange schon in den Federn. Sie aber sorgte und liebte und lismete, diese mächtige Frau! Sie wollte mir nicht aus dem Denken. Endlich erhob ich mich und sagte: »Gute Nacht, Else!« »Ach, Herr Doktor!« »Ja, richtig, was wolltet Ihr mir denn noch sagen?« »Hm . . . ts . . . ts . . . Ach, ich kann den Haushalt so nicht mehr führen!« platzte sie ehrlich heraus. Ihr hundertfach gerümpfter und verschrumpfter Mund zuckte bitter her und hin. »Der Bub macht dreimal mehr Arbeit als das Mimeli!« »Plagt er Euch denn immer noch?« »Das nicht! Das wäre das Mindeste . . . Aber man ist eben nichts mehr in meinem Alter. Bei jedem Dingchen bin ich nervös wie eine Gluckhenne. Ihr wißt, ich wollte doch schon letztes Jahr aufkünden. Ihr braucht eine starke Magd, eine frische, wenn Ihr doch keine Frau nehmen wollt . . . Auf den ersten Brachmonat künd' ich. Ich hab's den Kindern heut' schon gesagt. Nichts für ungut! Und gebt mir jetzt noch ein Schlafpulver!« Ich gab es ihr. Dann ging ich an mein Schreibpult und schrieb sogleich an Vater Eisen, den Witwer und Großkaufmann, es sei mir nachgerade unmöglich, seinen Buben zu behalten. Er mache zu viel Lärm und Mühe in einem Doktorshaus. Ich zählte seine Lümmeleien auf, aber bekannte, daß ich neben einem Flegel auch einen Ritter in ihm entdeckt habe. Ich wolle ihn daher ins Landeserziehungsheim Edelbach schicken. »Du hast,« schrieb ich weiter . . . In diesem Moment ging leise die Türe auf. So öffnete nur Else, wenn sie mich nicht stören wollte. Sie hat hier wohl etwas liegen lassen. Ich fuhr fort: »Du hast deinen Knaben nie geprügelt . . . niemand hat ihn geprügelt . . . ich kann's auch nicht . . . aber das Prügeln . . .« Jetzt fühlte ich über meine Stirne herab einen frischen, warmen Atem gehen, blickte auf und sah geradeswegs wie in den Mond ins bleiche Gesicht Ernsts mit dem halboffenen Mund und den silbergrauen Wölklein in den Augen. Er beugte sich über mich und das fatale Papier herab. »Vetter Götti,« sprach er zornig, »so schreibst du dem Vater von mir! Das ist nicht schön, nein, wahrhaft gar nicht schön!« Seine rundgesperrten Augen sprühten kleine, harte Silberfunken, seine Brauenbogen krümmten sich zackig zusammen. Er stand hinter mir nur in Hemd und Hose. »Es muß einmal sein, Ernst!« sagte ich verlegen. »Lies das nur fertig!« »Ich habe schon gelesen. Jetzt bist du beim Prügeln. Aber schau', ich gehe doch nicht fort, Vetter Götti! Noch nie und an keinem Ort ist mir so wohl gewesen wie bei dir und Mimeli. Das Hundli ließe mich auch nicht gern gehen. Und die Else, die dumme Ente, hat mich ja auch schon halb und halb gern . . . Warum soll ich nun fort?« »Du kommst in ein viel gemütlicheres Haus.« »Werd' ich etwa besser, wenn du mich wegschickst? Von dir und Mimeli weg? Nein, nein, nein! Dann will ich gerade erst recht schlecht werden! Mach' du mich besser statt mich fortzujagen! Ich halte schon den Buckel her. Warum prügelst du mich nicht? Ich glaub', das Prügeln würde ich eher fürchten. Ich weiß ja nicht, wie es tut. Bitte schreib' das anders! Gib her da!« Mit einem behenden, glanzvollen Schwung riß er mir den Briefbogen mitten durch. »Gut,« sagte ich in einem Gemisch von Spaß und Zorn, »so diktiere du mir jetzt, was ich dem Vater schreiben soll. Vorwärts!« »Bravo,« frohlockte Eisen, »fang nur an! ›Lieber Vater! Mir gefällt es beim Doktor Walter großartig‹ . . . Hast du's? Also weiter: ›Ich mache noch ziemlich viele Schurkenstreiche; aber ich bin doch schon ein wenig besser geworden, sagt die alte Else, die Gans . . .‹« »Davon habe ich nichts bemerkt. Ernst!« »Aber ich, aber ich! Ich muß doch das zuerst merken . . . Schreib weiter: ›Ich gehe jetzt in die Realschule; denn ich schäme mich, daß hier alle so gescheit‹ . . . Hast du ›gescheit‹ geschrieben?« Ich nickte und verbiß mühsam das Lachen. »›Freilich mache ich dem Vetter Götti und noch mehr der alten Else, der Gans . . .‹« »Was soll denn das immer, das von der Gans?« »Das gefällt mir einmal; sie ist eine gute, liebe, alte, wüste, dumme Gans, watschelt wie eine Gans und sträubt das Gefieder um die Ohren so und so weiter . . . eben eine Gans! Aber schreib fertig: ›Vater, Du mußt das alles, was ich da unten koste und verderbe, gut zahlen, verstanden . . . der Else extra! Ich hab' ihr schon ein paar ihrer Lieblingstassen zerschlagen‹ . . . Vetter Götti, ich führ' dir die Hand beim Schreiben, wenn du das nicht alles genau notierst . . . ›Der Doktor muß wegen mir eine Magd mehr anstellen, ich weiß es; ich hab' das Gespräch an der Türe belauscht. Sonst geht die treue Else fort . . . Und ich bin gesund und mager und bleich und lustig wie immer. Mimeli und Vetter Götti lassen Dich grüßen . . . Ernst Eisen.‹« »Fertig?« »Nein, schreib nur noch: ›Notabene, daß ich noch immer ein Schlingel bin, das siehst Du aus dem: Heut hab' ich im Garten ein großes, fettes Huhn erschossen, das mächtig viele Eier legte. Der Doktor weiß noch nichts. Ich konnte nicht anders. Das Huhn spreizte sich so bequem vor mir aus, und ich hielt eben die gespannte Pistole in der Hand . . . Aber dafür krieg' ich Prügel!‹ . . . Schreib, lieber Doktor, schreib nur: ›Der Vetter Götti will mich nämlich in Zukunft prügeln, wenn ich letz tue.‹« Ich ließ die Feder fallen. »Was, die Bruthenne, die gesprenkelte, die Zischga?« »Ja, die Zischga! Sie hielt hübsch her, verdrehte die Augen und fiel tot um. Ich habe sie fein getroffen.« Nun sprang ich doch vom Stuhle auf. »So komm, jetzt hau' ich dich durch!« Ich zerrte den langen Kerl an einem seiner kleinen zierlichen Ohren zur Türe hinaus in den Flur. »Nicht hauen! Nicht hauen!« rief es da hinter mir . . . Ist denn heute alles verhext? Wahrhaft, Mimeli im Nachthemdlein kroch hinter dem Ofen hervor! Es hatte alles belauscht und warf sich mir mit furchtbarer Angst entgegen. »Aha, ihr steckt unter einer Decke!« schrie ich heiser vor Empörung. »Er kriegt doch Prügel!« Gehorsam und wohl zum erstenmal in seinem Leben zitternd, bog Ernst seinen schlanken Rücken vor dem Stecken und verbiß sich mit den zwei vorspringenden, spitzigen Oberzähnen tief ins Kinn. Nun ging es nicht unter einem Dutzend wohlgezielter Hiebe ab. Der Bub schrak jedesmal zusammen, zuckte auf, brüllte ungeheuer, biß mir in die Hosen vor Schmerz, aber verteidigte sich nicht im geringsten. Noch wilder lärmte Mimeli und suchte rechts und links den Freund zu schirmen. Nun sprang auch noch das Mägdezimmer auf, und Else in Nachtrock und Nachtjacke lief mir geradeswegs in den hochgeschwungenen Stock hinein und rief: »Sie schlagen das Herrlein ja tot. Hat man so was gesehen? Drischt man so auf einen feinen, jungen Menschen los? Na, danke!« Ich ließ ab und sagte schwitzend und verschnaufend: »Sie wollten mir doch wegen dem feinen Herrlein davonlaufen?« »Ei was! Ich? Davonlaufen? Sie hören wohl die Flöhe husten! Erst recht bleibe ich jetzt am Posten!« »Und das Huhn, Else? Davon habt Ihr mir auch nicht eine Silbe gesagt.« »Bah, die Zischga hätte im Herbst doch keine Eier mehr gelegt . . . So ein altes Huhn! Du lieber Gott, man sollte meinen, es wäre mehr wert als so ein schönes, vornehmes Menschleinleben!« »Aber Else, Else!« machte ich verblüfft. »Kann man denn so ein zwölfjähriges, wildes Herrensöhnlein gleich im Galopp heilig machen? Jeder verübt seine Seitensprünge. Sie haben's gewiß seinerzeit auch nicht besser gemacht! Na, das ist mir eine Art . . . Kommt, Kinder, kommt mit mir!« Mit meiner Weisheit war ich zu Ende. Ich sah noch, wie die Haushälterin Ernst streichelte und ins Zimmer führte, während Mimeli ihm ihr Nastuch gab, um sich abzutrocknen. Als ich schon im Bette lag, hörte ich irgendwo Wasser sprudeln. Es klatschte und prustete etwas lustig herum, und dazwischen lachten lose Mäuler. Else hatte also dem Prinzen noch ein Bad gerüstet. Ich kehrte mich fassungslos auf die Wandseite und schlief mit einem gewaltigen Fragezeichen ein. Aber am Morgen sprang der Knabe in mein Zimmer, würgte und herzte mich unbändig und sagte mit seinem kecken, metallenen Bubensopran: »Vetter Götti, das Prügeln hat gut getan! Vivat der Stecken!« An diesem Abend hatte ich nichts nach Ilgis zu befördern. Da sandte ich zum erstenmal ein Brieflein ohne Medizinen ins Bergdorf. Und zur Einleitung berichtete ich Reginen, wie unser Göttibub sich gestern sein benommen habe und wie ich froh sei, durch diesen Wildling mit ihr in ein gemeinsames Interesse gekommen zu sein, in das Interesse, das man immer habe, ein uns liebes, anvertrautes Wesen recht köstlich und sauber aufzuziehen. Ob Regina mir für den schwierigen Burschen keine guten Ratschläge geben könne? Ein Patinnensprüchlein voll Salz und Segen! Mit dem jungen Eisen war ein wilder, aber erfrischender Zugwind in meine eintönige Wohnung gefahren. Ernst machte alle wütend und wurde doch allen bis zur Unentbehrlichkeit lieb. Auch die Schüler begeisterten sich für den Neuling, der gleich an ihrer Spitze ging und sie in die drolligsten Abenteuer führte. Im Aufsatz war er ein Esel, in der Mathematik ein Talent, im Turnen und Reiten und Fechten ein Genie. Er unterjochte uns alle langsam und unmerklich mit dem Zauber seiner Bubenhaftigkeit . . . Eines Tages fragte er mich: »Warum schreibst du immer meiner Gotte so hübsche Brieflein? Hast du sie denn so gern?« Sofort antwortete Mimeli für mich: »Ja, Vater hat sie sehr, sehr gern. Wenn sie keinen Mann mehr hat, dann bist du ihr Mann, gelt, Vater!« Ernst lachte unverschämt heraus: »Aha, steht es so mit dir, Vetter Götti! Schau, schau, ganz rot wirst du schon!« »Vater muß das so machen,« belehrte die Kleine voll Ernst. »Ich habe dann wieder eine Mutter, und Arnoldli und Klärli haben wieder einen Vater . . .« »Aber ich möchte sie nicht zur Mutter,« sagte Eisen spaßig. »Gotte, ja, da ist sie fein! Zu Neujahr und am Geburtstag beschert sie mich großartig. Aber Mutter? Am besten ist es, ohne Mutter sein, so ganz wild!« »Hoppla, Ernstli, man muß doch eine Mutter zum Küssen haben!« wandte Mimeli ein. Ernst spuckte aus. »Guten Appetit, Mimeli, zur Mutter Zigeunerin!« In diesem Augenblick hatte er eine Ohrfeige. Aber auch sogleich hätte ich mir selbst eine geben mögen . . . Den Tag über redete der Knabe kein Wort mehr. Auch Mimeli wich mir aus. Beim Vesperbrot sah es mich lange nachdenklich und fast mitleidig an. Es glaubte mich im Unrecht und wollte mich doch aus Respekt auf irgendeine Art entschuldigen. Eisen saß mir still gegenüber. Er beobachtete mich mit den kalten silbernen Augen ohne Unterlaß und wartete und wartete auf etwas. Diese vier Kinderaugen peinigten mich. Es waren vier unwiderstehliche Kläger. Ich sann umsonst nach einem Worte, das diese Blicke versöhnen und mich doch nicht erniedrigen würde. Schnell trank ich meine Tasse aus und ging auf die Krankenrunde. Unterwegs dachte ich: Wenn der Bengel gesagt hätte ›Mein Vater, die Bohnenstange‹, hätte ich ihm etwa auch eins gehauen? Oder ›Der Pfarrer Wässerli‹, wie der Dorfwitz den Ilgisserpastor wegen seiner dogmatischen Halbheit taufte, oder ›Pauline, die Hyperpflaume‹, wie Gonzal mein Elfchen als ältliches, rundes Fräulein auszeichnete – hätte ich Ernst beohrfeigt? Gelacht hätte ich. Warum hat mich denn die ›Zigeunerin‹ so erbost? Geht mich Regina mehr an als meine eigene Schwester? Du denkst zu viel an sie, warf ich mir vor. Wenn ich daheim ein Pflaster in die Büchse strich, um armen Patienten die Apotheke zu ersparen, oder wenn ich Verbandstoff zusammenwickelte, es ist wahr, dann fiel mir immer Regina ein, wie sie in einem Silberlöffel Butter schmolz und damit dem halberwürgten Theodor das Herz einrieb, oder ich sah, wie sie die blaue Krampfader des Gemahls mit einer weichen Wadenbinde in den schönsten Schleifen umwand. Was ich braute und schäufelte und mischte und nähte, immer dachte ich: Ach, Urselchen hat mir alles verpfuscht, hat immer zu viel oder zu wenig gerührt, hat immer zu stark oder zu locker gebunden, hat immer zuviel gelacht! Aber Regina würde ganz genau halb und halb mischen, würde weder hart noch lose knüpfen, würde wunderbar sorgen. Sie wäre das Ideal einer Apothekers- oder Doktorsfrau. In Urselchen habe ich mich getäuscht. Hier sicher nicht . . . Als ich mit solchen Gedanken ins Krankenzimmer des Karl Hori trat, der am Rückenmark litt, und ihn allein und unbequem im Bett traf, entfuhr es mir: »Ei, wo habt Ihr denn die Regi . . . Eure Frau?« »Meine Frau heißt doch Katherine!« sagte der Sieche stolz. »Das sollte man wissen! Es gibt nicht zwei solche Katherinen!« Ich kam zur Besinnung. Frau Katherine Hori war Glätterin im Hotel Carlino Linz. Von dort brachte sie zehn Minuten nach zwölf dem kranken Eheherrn und ihren zwei Jungen das Mittagessen warm im Töpfchen heim. Dann rüstete sie das Bett auf, ordnete das Zimmer und gab dem Fritzli und Leo das nötige Geld für die Einkäufe. Ein Viertel vor zwei Uhr ging sie wieder ins Hotel, von den beiden Knaben begleitet, die um diese Zeit in die Nachmittagsschule mußten. Sie war mir oft in der Mitte der beiden sorglosen Schüler begegnet, ein kleines, aufrechtes, rundliches Weib mit einem Hauch von Mut und etwas wie immer frischem Wind um sich. Sie tat ihre Pflicht am Haus und Gemahl vollkommen, aber war in so vielen Jahren, da sie das Krankenbett sah und das Hüsteln und Seufzen hörte, gegen das Siechtum abgehärtet worden und konnte lachen und pfeifen am Feierabend und die Nacht hindurch neben dem gequälten Gatten prächtig schnarchen. So hatte sie den Mann bald daran gewöhnt, nicht unnützes Mitleid und unnötige Dienste zu fordern. Es kommt vor, daß sie nach dem Nachtessen noch mit den Söhnen ein wenig spazieren geht und in einer Gartenwirtschaft ein Bier trinkt. Sie muß sich verluften, sagt sie. In seiner Art war der Hori ebenso großartig. Er verehrte seine Frau heute noch mehr als am Hochzeitstag. Acht Stunden im Tag blieb er allein. Von halb zwei bis sechs Uhr mußte er Hunger und Durst ertragen. Dann kamen die Buben heim und kochten Kaffee. Oft rutschten ihm die Kissen weg, oft fehlte ihm ein Nastuch, oft vergaß man ihm das Tagblatt auf die Decke zu legen. Und das war das Ärgste. Er sah sein Leibblatt ganz nahe auf der Kommode und konnte es doch nicht holen. All das mußte er leiden, bis ein Erlöser kam. Aber er klagte nie. »Wollen Sie mir das Fenster schließen?« sagte Hori. »Da ist eine große Bremse hereingeflogen. Was die mich geplagt hat . . . Na, sehen Sie, da . . . da! Jetzt, jetzt, packen Sie sie! Bravo, Herr Doktor!« »Ach was, Eure Frau sollte besser achtgeben!« zürnte ich. »Wer läßt bei solcher Schwüle und so vielen Stechmücken das Fenster offen! Sie sollte ein bißchen weiter denken . . . Und das Bett ist vernestet, daß ich mich wundere, wie einer noch darin liegen kann! Die Frauen gehören heim. Ich weiß eine, die ginge keinen Schritt vom Bette ihres Mannes. Und Ihre Frau ist in allem so geschickt. Sie fände Heimarbeit genug . . .« »Das könnte sie haben, ich weiß . . . Aber sie ist mal ans Glätten gewöhnt. Mit den drei andern Glätterinnen im Hotel steht sie per Du. Ja, sie hat es dort kurzweilig. Man spaßt den ganzen Tag. Das gönn' ich ihr. Ich mach' ihr doch nur Langeweile. Zwar der junge Hotelier tätschelt ihr manchmal die roten Backen und hat ihr Küsse geben wollen und was weiß ich. Das peinigt mich. Aber Katherine ist tapfer und läßt sich eine Kleinigkeit von Amts wegen gefallen, aber lacht sich den Buckel voll über so einen Schmarotzer. Das weiß ich. Sie hält mich aus bis ans Ende. Wenn ich dann tot bin, kann sie machen, was ihr gefällt . . . Übrigens, Herr Doktor, hab' ich es schön genug. Wenn nur die Fliegen – da, husch! – nicht so eine Plage wären . . . Sehen Sie, schon wieder und immer auf meine Nase, immer!« Er blies nach Leibeskräften. Wie hoch steht doch dieser kleine, ungescheite Mann, der vor der Krankheit Packträger war, über dem Gemeinderat und Dorfaristokraten Theodor Weggisser! Ich salbte ihm den Rücken ein, so einen kleinen, höckerigen, magern Rücken. Wieviel mehr Heldentum trug dieser Buckel als Theodors Riesenschultern! Ein schiefes Kissen würde den schon unglücklich machen. Aber wie hoch steht dafür Regina über dem frohen Weib hier! Die tapfere Frau Hori gefiel mir gar nicht mehr. Sie schien mir herzlos und selbstsüchtig. Aber Regina war selbstlos wie eine Heilige . . . Und was ich immer noch für Patienten aufsuchte, überall fehlte den Frauen etwas, was Regina reichlich besaß, und überall hatten die Männer etwas, was dem Theodor Weggisser abging. Mein ehemaliger Freund verkleinerte sich von Besuch zu Besuch zu einem Zwerg, meine ehemalige Feindin wuchs zur Riesin auf. Unzufrieden und aufgeregt lief ich nach Hause, wo mir vor den stummen Gesichtern der Kinder ordentlich bange war. Als ich am Stadttheater vorbeiging, sah ich einige Studenten zur Kasse eilen. Da fiel mir ein, daß ich Ernst schon lange einen Theaterbesuch versprochen hatte. Meinen Jungen wollte ich durchaus wieder gut haben. Was wird diesen Abend gespielt? Richard III. Gut! Ich kaufte mir drei vornehme Plätze der ersten Reihe, damit auch Mimeli gar alles sehen könnte, und trat nun beruhigter ins Haus. Beim Nachtessen strahlten mich wieder die zwei seltsamen, schonenden und doch so uuerträglichen Entschuldigungen Mimelis an. Ernst nahm keinen Löffel Suppe. Nun, das war kein Heldenstück! Mehlsuppe! Aber er würdigte auch die Erdbeerschnitten keines Blickes und ließ sogar die blutroten Scheiben Bündnerfleisch, die er unheimlich liebte, großartig an sich vorüberziehen. Mit harter Miene lehnte er alles ab, was Else ihm besonders höflich bot, und wartete. »Vetter Götti?« klang es plötzlich ruhig gegenüber. »Warum hast du mich am Morgen geschlagen?« »Du hast eine edle, feine Frau beschimpft!« »Ich habe nur gesagt ›Zigeunerin‹! Aber diesen Übernamen habe ich doch von dir!« »Was? Wieso? Von mir?!« »In ganz Ilgis sagen doch die Leute meiner Gotte nur ›Die Zigeunerin‹. Du habest ihr den Namen gegeben an der Hochzeit oder noch vorher, wo ihr noch Bub und Meitli waret. Man denkt nichts Böses dabei. Die Zigeunerinnen sind doch schöne Jungfern! Mir gefallen sie. Und dir, Mimeli?« »O mir auch, so schwarzes Haar und so lange Augen und so große Ohrenringe und . . .« »Aber zur Mutter oder zur Frau möchte ich sie doch nicht. Sie wollen regieren. Sie sind frech. Mir muß die Frau folgen wie ein Hundli!« Mimeli lachte und schüttelte den Kopf. Es würde gerne folgen, diesem feinen Eisen herzlich gern. Aber denken würde es doch, was es selber wollte. Eigensinnig und demütig zugleich hob es seine Stirne zum Knaben auf. »So ist es also! Und jetzt Vetter Götti, warum hast du mich geschlagen?« fragte Ernst unerbittlich und wurde bleicher, so oft er ›schlagen‹ sagte. Seine Augen füllten sich mit kalten Silberflöcklein. »Das sollst du mir doch sagen. Wenn du mich prügelst, will ich wissen warum!« »Vater!« bat Mimeli leis und nahm mich teilnehmend am Arm. Zu Ernst warf sie ein flehentliches Auge, das deutlich sagte: »Lieber, es ist genug!« Ernst sah meine ungemütliche Lage und weidete sich noch ein göttliches Augenblickchen daran. Dann wurden seine Blicke wärmer, Gold floß in die Pupillen, und er sprach: »Du mußt es uns halt sagen, wer dir lieb ist, Vetter Götti! Wenn ich ja gewußt hätte, daß du meine Gotte heiraten willst, so hätte ich ihr nicht Zigeunerin gesagt; aber ich dachte, das sei alles Spaß vom Mimeli.« »Ach, seid ihr dumm,« fand ich endlich das Wort, »so was zu schwatzen, und ich bin noch dümmer, mich darob zu erhitzen! Wißt ihr was: Wir wollen das gründlich vergessen, und darum hab' ich soeben drei famose Plätze fürs Theater gekauft!« »Wilhelm Tell?« schrie Ernst und fing an, aus allen Schüsseln zugleich zu essen. »Geßler? Hohle Gasse?« »Nein, Richard der Dritte!« Und ich erzählte den Kindern, was das für ein böser, kalter, falscher und unermeßlich gescheiter Mensch gewesen und wie fein ihm jedes Verbrechen gelungen sei. Aber zuletzt hätten ihn die Sünden so schwer geplagt von innen und die unschuldigen und gekränkten Leute seien so tapfer gegen ihn zu Felde gezogen, daß er zusammenbrechen mußte. Ich glaube dennoch nicht, daß die Kinder den tiefen Geist des Stückes begriffen haben. Aber sie unterhielten sich an den farbigen und gewaltigen Einzelheiten köstlich genug. Oft lehnte sich Mimeli vor Grauen an mich an, oft knirschte Eisen mit den spitzen Zähnen vor Wildheit. Die Ritter und Waffen und das mächtige Zelt und die Totengesichter und die Schlacht freuten ihn unendlich. Aber Mimeli fand immer wieder seine Zufriedenheit daran, wenn mitten in allem Gelärm der großen Herren eine Frau kam und auch ihr festes Sprüchlein zur Sache fügte. Und als gar die alte Margaretha vor dem königlichen Unhold stand und ihm Wahrheit auf Wahrheit wie Blut ins Gesicht schleuderte, da klatschte es mit seinen breiten Händchen und flüsterte: »Welch eine gute Frau, welch eine liebe Frau!« Für seine Arglosigkeit gab es nur ganz brave und ganz schlechte Menschen, nur Himmel und Hölle. Das gute Kind wußte nicht, wie in jedem Menschen sich das von oben mit reichlich viel von unten mischt und wie auch in dieser leidtragenden Großmutter auf der Bühne ein stattliches Stück Teufel sich ausgetobt hatte. Ich aber sah und hörte nur immer die eine Szene, wo die Prinzessin Anna hinter der Bahre Heinrichs VI. schreitet. Das war für mich Regina Lob hinter dem Sarge Theodors. Es störte mich gar nicht, daß die Geschichte auf der Bühne ganz anders als die Geschichte meines Herzens verfaßt war. Für mich war es die gleiche. Da lag der Tote, und so schwankte Regina der Leiche nach, trostlos, hoffnungslos: Und immer, wenn ihr müde seid, ruht aus, Derweil ich klag' um meines Königs Leiche . . . Ihr König, gewiß! Regina schrieb nie. Aber der alte Eisen hatte noch jüngst berichtet, daß Theodor nur noch einem Schatten gleiche, niemand mehr kenne, von Tag und Nacht und von Leben und Tod nichts mehr unterscheide, daß es nur noch einen kleinen Hauch brauche, minder stark als eine Mücke wegzublasen, um auch dieses letzte Stümpchen Leben auszulöschen. Morgen, übermorgen, geht Regina auch schwarzbeflort hinter dem Sarge . . . Da kommt Richard. Seltsam, ich sah den Schurken nicht, ich sah nur mich. Die Verse glitten sinnlos an mir vorbei. Ich war ja kein Richard und sie keine Anna. Aber soviel gilt: Da, im Sarge liegt ihr König Theodor, und da durch die Straße kommt schon ein neuer Freier, eine neue Liebe gegangen. Und sicher, auch das andere Weib tut seinen Kelch auf und trinkt die Sonne eines frischen zweiten Tages ein! Ja, wenn Theodor stirbt – wie jung ist Regina, wie schön! Welch ein starkes Blut hat sie noch! O, sie wird nicht immer schwarzhaubige Witwe bleiben! Sie wird wieder etwas lieben müssen. Sie ist, solange ich sie kenne, immer wie ein großes, hungriges Feuer gewesen. Wenn es nichts mehr zu verbrennen gibt, erlöscht und stirbt sie. Sie muß immer etwas zum Verbrennen haben. Aber wer wird dieses Reisig sein? Gott, o Gott, was ist das? Warum überläuft es mich so heiß? Was füllt mich für eine seltsame, unheimliche Angst vor mir selbst? Da horch! Wie eigen Richard und Anna reden! Richard: »Gewährst du Frieden mir?« Anna: »Das sollt Ihr künftig sehen.« Richard: »Darf ich in Hoffnung leben?« Anna: »Ich hoffe, jeder tut's.« Richard: »Trag' diesen Ring von mir!« Anna: »Annehmen ist nicht geben!« Ach, Torheiten, so hager und knochig und eifersüchtig, so wachsam wie ein Habicht, so scharf wie Essig und so bitter wie Galle – welch ein furchtbares Weib! Walter, Walter, bist du denn krank? *           * * Ich hatte vor, meine drei Ferienwochen mit Mimeli und Ernst in einem der hohen, wasserreichen und dabei so milden Gebirgstäler des Tessin zuzubringen. Die Kinder freuten sich endlos, als ich ihnen von dem kostbaren Nest Fusio an der kühlen, weißbeschaumten Maggia redete und es ordentlich ausmalte, wie das Dorf aus einem Tobel sozusagen den Berg hinaufkriecht, so grau und weiß und steinig, mit holperigen Gassen und wundervollen Menschen, heiß wie Italien und ernst wie der Gotthard. »Wir werden den Naretpaß machen und ein paar leichte Berge, vielleicht sogar die zweigipfelige Cristallina besteigen. Ihr werdet über kleine Gletscher schreiten, grüne, glasige, oft mit Schnee wie mit einem Pelz überzogene Gletscher. Aber, Ernst Eisen, dort mußt du immer genau vor mir her gehen und du Mimeli, genau hinter mir. Und wir halten uns alle drei am Seil fest. Du, langer Held von einem Ernst, darfst auch einen Eispickel führen, und Mimeli und ich werden recht demütig in deinen Tritten gehen. In Schneebäche tunken wir unsern Zucker und weichen unser Brot auf, und den Murmeltierchen schenken wir unsere Wursthäute und . . . und . . .« Ach sieh, da redete ich ja mit mir allein! Fortgeschossen waren meine Zuhörer. Aber aus den Kammern erscholl ein Hämmern und Klopfen und Nageln, als würden ein Dutzend Pferde beschlagen. Und zwischenhinein übten sich die beiden im Jodeln und im Buon giorno! Buona sera! Si, si, gentilissimo Signore Ernesto, Signorina Mimeletta! Noch nie hatte ich selbst so ungeduldig die Tage bis zur Abreise gezählt. Ich war dieses Frühjahr nervös geworden, unruhig, voll dummer Ängste, die ebensowohl als Hoffnungen gelten konnten. Keinem Menschen, mir selber nicht einmal hätte ich dartun können, wie wirr es in mir aussah. Doch mit zwei so lieben, jungen Leutchen dort im welschen Gebirge, bei so neuen Gesichtern und Orten und in so kummerlosen Tagen würde ich sicher wieder meine ehemalige, hochgepriesene Ruhe kriegen . . . Ich war nie mehr nach Ilgis gegangen. Regina hatte mich nie eingeladen. Die Medikamente sandte ich, je nach der Anwendung, ins Weggisserhaus oder zum alten Bersolt. Mehr konnte ich auch nicht helfen, wenn ich immer droben stände. Geschrieben, getröstet, ermutigt hatte ich in vielen, vielen Briefen. Allein, bevor ich ins Tessin ging, wollte ich nun doch noch einmal an Theodors Bett eilen, wohl zum letztenmal. Immer plagte es mich, daß mein Herz seit langem dem alten Freund Unrecht zufüge. Dennoch mußte ich mir mitten in den Vorwürfen gestehen, daß ich noch viel begieriger darauf war, mit Reginen wieder ein paar gute Worte zu wechseln. Mimeli und Ernst, das fühlte ich wohl, wären mir diesmal ein geringer Schutz. Darum schrieb ich Elfchen, es möge doch einmal mitkommen. Aber meine Schwester erwiderte, ihre Mädchen schwitzten jetzt eben in den strengsten Examen. Da könne sie nicht weg. Vierzehn Tage später, dann gern, ja, dann unbedingt! Sie wolle gleich die kurzen Ferien alsdann bei Regina zubringen . . . Natürlich lag wieder eine große Photographie bei, sechzehn lange, schmale, magere Töchter wie unfruchtbare Rebstöcke und in der Mitte auf einem Armstuhl breit und lustig dasitzend, mit dem runden Kinn und dem Rosenblattmäulchen: Fräulein Direktorin Pauline. So ging ich allein. Regina nahm mich ernst auf und begrüßte mich mit etwas leiserer und heiserer Stimme. Sie nötigte mich, zuerst ein bißchen in der Stube zu warten, und trug mir Most und Birnenwecken auf. Aber immer wieder ging sie hinaus und kehrte jedesmal voll Unruhe zurück. Mir war, sie habe etwas zu sagen und getraue sich nicht recht. Eine außerordentliche Sauberkeit und Ordnung herrschte in der Stube. Das fiel mir sogleich auf. Es war wie ein neues Haus und ein neuer Haushalt. »So komm!« sagte sie endlich. »Er schläft nicht mehr. Sonst schlummert er jetzt meistens, und es ist ihm so am wohlsten . . .« Sie schien noch etwas beifügen zu wollen. Aber da rauschte schon ihr weites, braunes Kleid, das ihrem Bronzegesicht so herrlich anstand, zur Kammer, ihr Kinn zitterte ein wenig, schon öffnete sie die Türe . . . Was gab es wohl? Theodor lag im Bett in jener eindringlichen Art, wie Kranke, die längst keinen andern Platz mehr kennen, denen das Bett Stube und Spaziergang und Vaterland und Welt geworden ist, auf ihrer Matratze liegen. Es läßt sich nicht erklären; aber solche Menschen bilden mit Kissen und Decke und dem ganzen Lager eine eigene, strenge Persönlichkeit. Man kann sie voneinander nicht mehr trennen. So lag Theodor im Bett! Aber was hatte er doch für einen kleinen Kopf! Er verschwand beinahe im Kissen. Die herrlichen Locken waren ausgefallen, fast kahl sah der runde Schädel aus. Die einst vollen Wangen waren jetzt nur noch eine dünne, hart über die Backenknochen gespannte, farblose Haut und bebten bei jedem Atemzug. Die schönen, stolzen Lippen hatten sich braun und dürr wie Herbstrinde in den Mund hinein verzogen, und die weißen Zähne traten grinsend hervor. Die Stulpnase blinkte wie Wachs und war schmal und spitz geworden. Selbst der Schnauz und Bart schienen dürftiger, und viele, viele graue Fäden spannen darin. Nun sah ich den Kern meines Jugendideals. Alles Eitle war wie Vergoldung von einem Götzenbild gefallen, und entsetzt erkannte ich jetzt, wieviel an meinem Götzen nur blitzende Tünche gewesen war. Theodor lag auf der rechten Schläfe und lachte mir beim Eintritt zu, ohne die geringste Bewegung zu machen. Da sah ich, daß seine Augen noch voll der alten, großen, blauen Herrlichkeit schwammen. Allein, wie ich nun herzutrat und »Grüß' Gott, lieber Thedi!« sagte, da erschrak ich bis ins Mark. Dieser blaue, herrliche Augenhimmel war leer! Es gab keine Sonne mehr darin. Es war eine öde, unbeseelte Herrlichkeit daraus geworden. Ich wußte sogleich: der Arme hatte den Verstand verloren. Er brachte kein sauberes Wort hervor. Alles ward Gestammel und Gestotter wie von einem Kind, das sprechen lernt, nur daß dieses große Kind gerade umgekehrt daran war, die Sprache zu verlernen. Doch selbst in diesem widrigen Geplapper erkannte ich ab und zu den melodischen Klang heraus, der früher aus dieser stolzen Glocke geschwungen worden. Jetzt war sie zersprungen. Theodor sah mich beständig an. Aber er kannte mich nicht und suchte und dachte auch nichts dabei. Von Zeit zu Zeit öffnete er den Mund und wartete so ein Weilchen. Er meinte, man müsse ihm etwas eingeben. Dann schloß er die Lippen wieder und kaute und leckte, als hätte er wirklich etwas bekommen. Im ersten Moment wollte mich dieser Anblick fast umstoßen; doch da hörte ich Regina sagen: »Thedi ist müd'; aber er hat Freude, siehst du, er lächelt. Ganz deutlich hat er dich wieder erkannt.« Nein, nein, er kannte mich nicht. Er hätte auch vor einem Stein so gelächelt. Glaubt Regina das Märchen, oder redet sie es sich bloß ein? Sie wischte dem kranken Gatten behutsam die nasse Stirne ab und flüsterte dazu: »Schatz! Immer schwitzen, immer schwitzen! Schau', du bekommst jetzt einen Eiergrog!« Theodor murmelte etwas wie im Schlaf, lallend, halblaut, durcheinander, ein silbenloses Zeug. »Du magst nicht, wie? Aber in einer halben Stunde, gelt?« Wieder ein Gebrummel und die leeren, glänzenden Augen und ein stilles Lächeln übers ganze Gesicht. Er spürte gewiß nichts mehr von seinem dürftigen Dasein und nichts von uns am Bette. Dieses Lächeln war wie ein tierischer Rest des einstigen jubelnden Menschen Theodor. »Walter hat dir allerlei zu erzählen. Aber jetzt bist du noch müde. Später vielleicht, gelt, Schatz!« Und sie drückte ihm einen Kuß auf die Wange; aber das Lächeln des Armen blieb starr und gleichgültig wie vorher. Wieder stotterte Theodor etwas, das keinem Ohr verständlich war. Soviel aus der Klugheit des Lebens hatte sein Instinkt gerettet, daß man auf eine Ansprache etwas antworten müsse; aber was sein Ohr empfing und sein Mund zurückgab, berührte seine eingeschlafene Seele nicht mehr. So ging es zwischen Regina und Theodor hin und her in einem sonderbaren, ergreifenden Betrug. Die arme Frau wollte sich und mich täuschen. Diese Täuschung war noch ihr letzter Trost. Und ich tat es ihr zu Gefallen und benahm mich, als merke ich nichts von so rührender List und glaube alles steif. Aber ich wußte, so ein Bild würde ich keine Viertelstunde aushalten. Später saß ich neben Regina in der Stube. Die Kinder waren in der Schule. »Er sieht recht ordentlich aus!« log ich. »Das sagen alle, und jetzt bei dieser milden Luft wird es immer besser!« Ich nickte angestrengt. »Er hat dich sogleich erkannt. Hast du gesehen, wie er lächelte und die Hand aus der Decke zog? Aber es ist besser, wenn er sich nicht aufregt.« »Ich habe ihn gut verstanden. Oft, wenn ich in seine Studentenbude trat, hat er so ein Gebaren gehabt, ein wenig gelacht, den Arm ein bißchen entgegengestreckt und dann für sich gebrummt. Ich aber setzte mich irgendwo in eine Fensternische vor ein Buch oder ein Bild, und wir konnten alsdann stundenlang schweigen und zufrieden sein.« Regina billigte meine Worte mit dankbaren Augen. »Schmerzen hat er wohl gar keine mehr?« fragte sie vorsichtig. »Verlaß dich darauf, Regina, er leidet weniger als wir!« »So ist es recht!« Bei jedem Satz wollte ich der schönen Frau zuschreien: Regina, Regina, was nützt dieses Lügen? Ich sah wohl, auch sie sprach ihre Sätzlein schnell und scharf aus und schloß mit dem letzten Wort immer so heftig, als schiebe sie damit einen Riegel vor, daß ich nicht noch schnell mit einem ›Nein‹, ›Es ist anders‹, ›Es ist gelogen‹ dazwischenspränge. Ich mußte Regina immer wieder anschauen. Nie sah ich Geduld und Heldenmut schöner im Weib beisammen. Sie war wie eine Verklärung zu schauen. Alles war zarter und weicher an ihr geworden. Ihr Antlitz hatte etwas Feierliches und Gereinigtes, ihr ganzes Wesen etwas wie durch große Prüfungen Geläutertes angenommen. Wohl schimmerten ihre Augen noch immer wie eine Sommernacht; aber in diese blitzenden Sterne war ein mildes Öl gekommen. Sie loderten nicht mehr wie Mars und Venus, sie glommen still, sanft, ergeben wie ein treues, heiliges Altarlicht. Die Lider waren freilich entzündet und fielen immer wieder halb über die Augen herab. Ihre feinen Lippen zitterten nervös. Dieses Weib war todmüde, es schlief nicht mehr . . . O, man mußte Regina lieben, so, wie sie dasaß, wunderschön und wunderrein! Sie trug ein einfaches, dunkelbraunes, weites Gewand und hatte das herrliche Haar glatt gekämmt. Ihre ganze große Figur atmete eine neue Ordnung aus . . . Am Nachmittag begab ich mich zum Vater Eisen wegen der Ferien seines Sohnes. Der Mann, der keine Frau und eine üble Magd zu Hause hatte und vom Monat drei Wochen außer Land war, dankte mir unsäglich für meinen Vorschlag und erbot sich, unsere Auslagen zwei- und dreifach zu zahlen. Wenn nur sein heißgeliebter Schlingel endlich in eine fröhliche Gesetzmäßigkeit des Lebens käme! »Hau' ihn, bis er blutet, aber behalt' ihn und lieb' ihn; dann wird's schon recht mit dem Bengel!« Damit schloß er mich in die Arme und weinte vor Freude, daß sein Knab' so eine gute Fremde gefunden, und vor Jammer, daß er nicht daheim leben durfte. Nach dem Nachtessen ging ich noch einmal ins Weggisserhaus hinauf, um von Regina Abschied zu nehmen. Die Stube war leer. In der Kammer hörte ich mehrere Stimmen in feierlich lautem Gerede. Mir war unwillkürlich, ich müsse leise eintreten, mit abgezogenem Hut, wie in eine Kirche . . . Ja, wie? War denn das nicht eine Kirche! Frau Weggisser saß vor dem Bett, und rechts und links standen Arnoldli und Klärli mit gefalteten Händen und horchten zu. Der Vater kehrte seine blauen, sinnlosen Augen der Gruppe zu und lächelte sein hölzernes Lächeln. Regina betete auswendig vor, wie es aus ihrem vollen Herzen kam. Sie hörte mich eintreten, aber fuhr ungestört weiter. »O Herr, der du schlägst und wieder gesund machst, auf deine Kraft vertrauen wir ganz allein! Auf deine große Barmherzigkeit hoffen wir. An deine unendliche Liebe glauben wir. Gib unserem Vater und Ernährer ein langes, gesundes Leben zurück! Du, Meister der Jahrhunderte und Jahrtausende, was sind dir ein paar Menschenjährchen! Gib sie denn! Tue es meinen unschuldigen Kindern zulieb, die noch lange einen Vater brauchen, und auch mir zulieb, die sonst nicht leben kann!« »Die noch lange einen Vater brauchen,« beteten Arnoldli und Klärli munter nach. Der Kranke lächelte fort und geiferte wie ein Kind. Gleich wischte ihm Klärchen mit dem Zipfel des Taschentüchleins den Mund ab. »Im Glück haben wir nicht mehr an dich gedacht, o Gott! Jetzt spüren wir deinen Arm schwer auf uns. O strafe uns nicht länger! Von nun an wollen wir dir angehören. Unser Haus soll den Herrn anbeten. Unsere Kinder sollen zeitlebens nie von dir lassen. Denn ohne dich ist kein Halt und kein Segen. Ich verdiene es vielleicht nicht, daß du mich erhörst. Aber aus dem Munde der unschuldigen Kinder, o Herr, lässest du dich gern erbitten . . .« »Der unschuldigen Kinder lässest du dich gern erbitten,« wiederholte Klärli hüpfend schnell, aber Arnoldli mit furchtbarem Ernst. Er fühlte, daß es sehr wichtig war, wenn er so zum lieben Herrgott redete. »So hilf denn, o Herr! Du allein kannst es ja. Und wir wollen dir alle Tage dafür Dank sagen, ich und meine Kinder und er, den du gerettet hast, am allermeisten . . . Gelt, Theodor!« Theodor nickte, als verstände er. »Arnold!« rief die Mutter. Sie sagte nicht Arnoldli, wie sonst immer. Wie einem Manne rief sie dem Büblein. Frisch und rosig trat der kleine Bursche vor, blickte in die Höhe und begann mit seinen stolz erblühten Lippen ganz allein vorzubeten: »Unser Vater, der du bist im Himmel . . .« Und als Klärli leise mitflüstern wollte, da warf er ihr einen zornigen Blick zu und betete noch viel lauter und noch erhobener und einsamer, als müßte er, er ganz allein, den Himmel und den lieben Gott meistern: »Unser Vater, der du bist im Himmel . . .« Als das Gebet zu Ende war, schlief Theodor, und die Kinder trippelten mit vielen Scht! und Pst! und mit einem siegreichen Lächeln über den schnellen Erfolg ihrer Andacht auf den Zehen zum Krankenzimmer hinaus. Regina und ich blieben allein am Bette. Dieses kleine gottesdienstliche Schauspiel hatte mich in einer heftigen und zugleich wundersüßen Art erschüttert. »Ich muß dich verehren, Regina,« sagte ich und preßte ihr die Hand. »Verzeih', daß ich es nicht besser sagen kann!« Sie ließ alles geschehen und antwortete nichts. Ich glaubte, sie bete immer noch leise weiter. Daß man bei Kranken betete, erlebte ich oft auf meinen Besuchen. Ich hatte katholische und evangelische Pfarrherren oft genug im Spital vorbeten gehört. Oft hatte es mich erquickt. Aber etwas so Einfaches und Mächtiges war es nie gewesen wie dieses Schreien der Mutter mit ihren respondierenden Kindlein. Ist es etwa das, fragte ich mich, was eine solche Ordnung und eine solche Ruhe über Frau Regina verbreitet? Das Beten? Ich mußte es als Kind auch. Früh hat mir die Mutter die Finger ineinander geknotet und die uralte Sprache dieser Weisen vorbuchstabiert. Aber sie starb, wie ich sie kaum recht mit den Augen zu umfassen und zu begreifen anfing. Als Student mochte und konnte ich schon nicht mehr beten, und als praktischer Mediziner . . . Ach Gott, ich war kein Spötter und kein Gottesleugner; aber meine Rezepte waren meine besten Gebete! Anders wußte ich nicht mehr zu beten. Wenn das nichts half, half auch ein anderes Gebet nicht mehr. So meinte ich. Aber jetzt hatte ich doch Respekt vor diesem Beten bekommen, und bevor ich gehen wollte, fragte ich: »Regina, seit wann betest du eigentlich?« »Seit Theodor mir im Ersticken gesagt hat: Bete mir um Gottes willen ein Unser Vater vor!« »Theodor? Er hat zuerst wollen?« »Ja, Walter, als Bersolt nichts half und deine Künste nichts halfen, da bat er mich einmal im Anfall wie ein kleines Kind: ›Bete mir um Gottes willen ein Unser Vater vor!‹ Du mußtest schauen, wie er die Hände aufstreckte und sagte: ›Um Gottes willen!‹ Sogleich hat mich das auf die Knie gedrückt. Ich bete seitdem und habe nie etwas anderes gesehen, als daß es ihm wohltat. Meine Kinder, die sollen wieder beten lernen. Dann habe ich etwas hinter mir. Komme es, wie es wolle, ich habe etwas Festes, das weiß ich; du kannst lachen oder nicht!« »Regina, ich lache nicht!« »Um so besser!« *           * * Ich langte am folgenden Abend spät wieder zu Hause an, das zerrüttete, sinnlose Bild meines einstigen Idols im Kopfe. Die Jungen waren schon zu Bette gegangen. Leise schlich ich mich in Mimelis Zimmer ein, machte Licht und stupfte mein Dirnlein. Aber es schlief hartnäckig weiter. »Mimeli! Mimeli!« sagte ich laut und schüttelte mein Amselchen immer heftiger. Da sperrte es allmählich die Augen auf, zuerst nur wie die kleinste Blende an einem kleinen, vorwitzigen Photographenapparat, dann weiter und voller und zuletzt kugelrund. »Hast du auch gebetet?« fragte ich. »Kannst du das Vaterunser noch? Wie? Probier', probier'!« Und das Kind, halb wissend, halb träumend, begann: »Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiliget werde . . .« »Genug, genug!« sagte ich und küßte das Kind auf sein so frommes Mäulchen. »Schlaf nur weiter! Nichts als Engelchen sind um dich!« Nun ging ich zu Ernst Eisen hinüber. Er lag auf dem Rücken, stemmte sich glatt bis zum Fußende und machte ein zorniges Gesicht im Schlaf. Aus dem laugen, halb offenen Munde blitzten die oberen kleinen spitzigen Zähne. »Ernst!« rief ich. Sogleich schlitzte der helle Bursche die langen Augen auf, als wäre er wie eine Schildwache gewohnt, jede halbe Stunde aufzustehen. Er zog seine silbergrauen Blicke einen Augenblick gleichsam in sich hinein, um sich zu besinnen, runzelte leicht die Stirne und sagte dann: »Brennt es?« »Hast du auch ein Vaterunser gebetet vor dem Schlafen?« Ernst zog seinen langen, bleichen Mund wieder in den spöttischen Bogen, dessen Enden sich lustig in die Backen hinaufsichelten. »Warum? Warum? Ich kann nicht beten! Ich bin doch kein dummes Mädchen!« »Aber du bist noch ein junger, unbeschirmter, unsicherer Mensch,« predigte ich feurig. »Und wenn junge Menschen nicht beten, so . . . so . . .« Ich kam nicht weiter. Zu heftig trat plötzlich das Gefühl einer großen Unehrlichkeit meines Satzes mir vor den Sinn. »So . . . so . . . Was so?« fragte der kaltsinnige Junge, indem er meine Schwäche sogleich merkte. »Hoffentlich hast du mich nicht wegen dieser Dummheit geweckt!« »Lieber Ernst,« versetzte ich, mich gegen den jungen Widersacher zusammenraffend, »wir wollen nicht auf uns allein bauen. Wir brauchen den Herrgott. Ich komme . . .« »Ach was! Laß mich doch schlafen!« »Ich komme von Ilgis, von einem Sterbenden. Wenn du gehört hättest, wie deine Gotte und die zwei Kleinen vor dem Bett des armen Vaters gebetet haben . . .« »Ja, ja . . . Und jetzt, was geht mich das an?« »Oder wie Mimeli vorhin noch halb im Schlaf gesagt hat: Unser Vater, der du bist im Himmel . . . Du würdest vielleicht doch merken, daß so ein großartiges, kleines Gebet gar nicht eine Torheit und nur für dumme Mädchen gemacht ist. Weißt du nicht, daß dein geliebter Newton ganz das gleiche starke Gebet jeden Tag verrichtet hat?« »So sag' es mir mal vor, das Vaterunser! Ich kann's wahrhaftig nicht mehr,« sagte der Bub etwas von oben herab, aber immer mehr wach. »Vater unser . . . der du bist im Himmel . . . geheiligt . . . geheiligt,« stammelte ich verlegen, »dein Name . . .« »Weiter, weiter!« »Geheiligt werde dein Name! Zu uns komme dein Reich! Dein . . . dein . . . Es geschehe . . . was du willst . . . im Himmel und auf Erden! Unser Brot gib uns . . . tägliches Brot . . . Vergib uns . . . Ach . . .« »Schau, schau, du kannst es ja selber nicht!« spottete Ernst und legte gemächlich seine schmalen Hände verknüpft unter den blonden, runden Wirbel. »Wie sollte nun ich so ein schwieriges Gebet kennen, Vetter Götti!« »Wir wollen es miteinander wieder lernen. Nützt es nichts, so schadet es noch viel weniger. Nicht wahr!« »Meinetwegen!« Ich drehte das Licht ab und ging leise hinaus. Aber ich ließ eine Spalte der Türe offen, neugierig, ob Ernst nun gleich wieder einschliefe. Doch wie der Junge sich allein sah, sprang er aus dem Bette, war mit drei langen flinken Schritten am offenen Fenster und äugte in den lauen, bleichen Junihimmel der Nacht empor. Es zogen dort einige lautlose helle Wölkchen herum; hoch darüber war ein dünner Mondschnitt und noch ganze Welten höher das süße und wohllautende Licht der Sterne zu sehen. »Das ist hoch!« bekannte Ernst für sich. »Das ist kolossal hoch!« Und nach einer Weile: »Für einen Menschen ist das zu hoch . . . Ein Mensch hat das nicht gemacht . . .« Und wieder nach einer Weile: »Das braucht schon einen Herrgott . . . Ich wette, es braucht einen . . .« Darauf ging er gefestigt und langsam mit drei gleichen langen Schritten zum Bett zurück und deckte sich behaglich zu. »Einen Herrgott brauchen wir,« philosophierte er aus den Federn heraus, »da hat der Vetter Doktor recht. Und so wird man wohl auch beten müssen wie Newton. Ja, ja, das Vaterunser oder Unservater . . . oder . . . Ja, ja . . . wie Newton . . .« Am liebsten wäre ich zurück ans Bett gesprungen und hätte auch dem Ernst den gescheiten Mund mit einem dankbaren Kuß geschlossen. In meinem Haus wird also gebetet wie droben in Ilgis. Das freute mich, obwohl ich selbst nicht betete . . . Aber ich fühlte, da geschah etwas auch mit mir, etwas Mildherbes, Frisches, Junges kam an meine Seele, etwas wie Lenzluft, aufspringender Quell und Gläubigkeit. O ich werde wieder beten, ich weiß es. *           * * Meine Schwester hatte sich bei Reginen entschuldigt, weil sie gar nie auf Besuch gekommen sei. Aber sie nehme schwesterlichen Anteil an den Prüfungen im Weggisserhaus und, ohne viele Worte zu machen, erkläre sie kurzweg, daß ihre ganze Vakanz Reginen und ihrem Krankendienst gewidmet sein solle. Während ich von Ilgis nie auch nur eine Karte empfing, hatte Regina ihrem Elfchen umgehend geantwortet. Pauline sandte mir die Zeilen und schrieb mit ihren runden, frohen Buchstaben dazu: »Sie ist eine Königin und bleibt eine Königin, punktum!« »Liebes Elfchen!« – lautete der Brief – »Du lebst in eitel Sonne, das merk' ich Deinem Schreiben an. Aber wenn Du mich für unglücklich ansiehst, so bist Du recht übel beraten. Ich glaube nicht, daß Du mitten in allem Deinem Fräuleingetriebe je einmal so ein tiefes Glück spürst wie ich bei einem einzigen Blick des Dankes, den mir unser lieber Thedi für eine kleine Erleichterung seiner Leiden zuwirft. Solange ich ihm helfen kann, bin ich glücklich. Wenn das einmal aufhört . . . dann freilich weiß ich nicht, was aus mir wird . . . Ja, komm' bald! Du wirst Theodor sogleich erkennen, so böse die Krankheit auch an ihm herumgeflickt hat. Es ist wahr, er sieht sehr mager aus und Dein Bruder ist erschrocken, als er ihn zuerst ansah. Er fand die roten Backen und das Kraushaar nicht mehr. Aber was liegt daran? Walter hat meinen Thedi nie recht erkannt. Theodor ist noch viel schöner als früher. Oft meine ich, es könne keinen schönern Menschen geben als diesen lieben, lieben Mann, so fein und sauber ist sein Gesicht jetzt. Die Krankheit arbeitete an ihm wie eine Goldschmiedin. Sie hat ihn wunderbar fein gemeißelt, so daß ich deutlicher als je die ganze Seele meines Mannes aus dem Gesichte lese. Aber schön oder nicht schön, die Hauptsache ist, daß er der alte wundervolle Mensch geblieben ist, so gut, so lieb, so freudig und so dankbar. Er redet tagelang kein Wort; aber ich sehe es seinen Augen an, daß er nur Zufriedenes und Herzhaftes denkt. Früher habe ich mit Zorn an unsere Prüfung gedacht und den Himmel einen Tyrannen gescholten. Warum gerade trifft es unser Haus? Warum gerade den Besten und Schönsten aus allen? Aber das ging langsam vorbei. Elfchen, man wird im Leiden nachdenklich und geduldig und lernt sich fügen . . . Mich würdest Du daher kaum noch erkennen. Das Lachen habe ich verlernt und das Stolzsein und Necken auch. Ich bin vielleicht eine langweilige Frau geworden. Aber ich rechne sicher darauf, Du findest, sobald Du wieder ein wenig um mich herum gewesen bist, doch noch allerlei Gutes an Deiner alten Freundin Regina Weggisser.« *           * * Tessineralpen! Gott bewahre mich, daß ich davon viel Rühmens mache! Wenigstens den Weg in meine paar schönen herzlichen Schlupfwinkel verrate ich keinem. Denn das ist das Schöne daran: sie sind noch, wie vor hundert Jahren die Berner und vor fünfzig die Bündnerberge, nur von der Liebe und Demut kleiner, einsamer Wanderertrüpplein besucht. Es berlinert und londonert und amerikanert noch nicht da drinnen. Meist sind es einige recht feine Tessiner oder Mailänder und einige recht anständige Deutschschweizer, die sich da ohne große Komplimente treffen. Die Bäche sind grün und blau wie der Himmel und die Tannen über ihnen und kalt wie ihre hohen, eisigen Gletscherwiegen. Der Schaum, den sie ringsum in die Granitblöcke spritzen, glitzert wie lauteres Silber. Dunkle, spitze, nordische Nadelbäume und rund gekuppelte, südländische wachsen ineinander, Tanne und Kastanie, Hasel, Weichsel und wilder Lorbeer. Dazwischen lachen die hellen leichten Lärchen ihr göttliches Lachen, und niemand weiß, gehören sie zum Nord oder Süd. Von Eidechsen und großen bunten Heuschrecken wimmelt das warme, kurze Gras, ein bronzenes Schlänglein schießt unter die heißen Steinplatten, dann und wann winkt ein mit Holzgitter versperrtes und mit lombardischer Kunst ausgemaltes Kapellchen. Wo ein Dörfchen oben an steiler, fast baumloser Sonnenhalde schläft – sie schlafen alle im Sommer – da sieht man zwischen schwarzem Hüttengebälk und weißem Kalk und finsterm Steindach den schlanken Campanile und etwa einen romanischen Bogen hervorschauen. Die Bergschluchten sind voll Granit und schimmernd grauem Schiefer und dem Gebrause großer, brückenloser, schneeweißer Bäche. Wasser, singendes, mutiges Wasser überall. Unerschöpflich ergießt es sich über die Staffeln des Gotthards und sieht gottlob seine müde, sieche Zukunft im heißen italienischen Sande nicht voraus. Überall in den Höhen pfeifen die Murmeltiere ihren spitzen Pfiff. Die Ziegen auf den Alpweiden gebärden sich schon etwas lebhafter, romanischer als eine währschafte Unterwaldnergeiß; aber das große, behagliche Braunvieh ist noch vom alten, soliden Schweizerschlag. Eng sind die Täler, heiß und doch von einem steten, wunderbaren Wind erfüllt. Die Zinnen reichen nirgends weit über das dritte Tausend hinaus. Aber sie haben kühne Formen und breiten da und dort einen blendenden Gletscher aus. Wie über eine weiße Schneewiese zieht man über den Cavagnoli; aber gegenüber der Basodino leuchtet wie eine silberweiße Riesenkuppel . . . Wir hatten uns in All' Acqua niedergesetzt, zu hinterst im Bedrettotal, wo gerade noch der letzte duftige Lärchenwald grünt und wo zumitten ein kleiner Gasthof neben dem uralten, aus schwerem Holz gezimmerten, wunderlich gemütlichen Hospiz steht. Weit und breit gibt es sonst kein Haus. Hier findet man weder eine Fahrstraße, noch Kutsche, noch Laden, noch Polizei. Der Tessin rauscht von unten und die Zinke des Pizzo Rotondo glänzt von oben. Ziegen schellen, still stehen die Tannen, und die ewige Musik der tausend Wasser, die vom Gotthard niederfallen, spielt Tag und Nacht durch ihren schweigsamen grünen Ernst bis zu uns in die einfache Herberge hinein. Da waren wir drei: Ernst Eisen, Mimeli und ich. In zwei emsigen Stunden konnte ich von hier den Gotthardzug erreichen, in zehn Stunden war ich in Ilgis. Darum hatte ich dieses Nestlein dem feinen Alpendorf Fusio diesmal vorgezogen. Und es reute mich von der ersten Stunde an nicht. Oft kletterten wir nun rechts und links vom Fluß die Hänge hinauf, bis wir in den Schnee gerieten. Da ward gerutscht, ich Schwerfälliger auf allen würdevollen Vieren, Mimeli auf seinem natürlichen Hocksesselchen, aber Ernst aufrecht, stolz, die Beine stemmend und biegend wie ein erstklassiger Skifahrer und den Mund wichtig zusammengepreßt. Dann ward jeden Abend mit dem jungen, bei aller Gelassenheit rührigen Wirt und mit der umgriffigen, schlagfertigen Padrona und den paar tessinischen Tischnachbarn das alte Thema durchgenommen, ob ich, ob sogar Mimeli es wagen dürfte, auf den Basodino zu steigen, diesen firnumpanzerten Herrn aller Berge ringsum. Schließlich brachen wir eines Tages nach Vesper mit dem Bruder unseres Padrone, Gabriele Forni, nach dem Giacomopaß auf. Gabriele war der beste Führer im hiesigen Bergbezirk. Von der Paßhöhe aus bestiegen wir die Lehne gegen Gigelalp, hoch über dem Tosafall. Dort wollten wir uns sogleich ins Heu strecken. Um halb zwei Uhr nachts, wenn Mimeli noch tief im Laubsack träumt, werden Ernst und ich mit Forni aufbrechen. Um halb sieben sind wir dann auf dem Basaldinerhorn. Und wenn wir uns auch gemächlich gehen lassen, sind wir doch um die Elfe wieder auf der Alpe und zum Mittagessen im steingebauten, kühlen Gasthaus am Tosafall. Am Abend gehen wir nach All' Acqua zurück. Die Dämmerungsstunde auf dem Giacomo war wie ein Märchen. Über dem tiefen Talschnitt gen Norden stand die Gotthardkette wie eine vielverzweigte kriegerische Herrscherdynastie, mit Felspanzer und weißen Hermelinschärpen darüber angetan. Sie ragte in den abendstillen Himmel so feierlich, wie eine alte große Historie im unendlichen Buch der Weltgeschichte ihr besonderes, ehrwürdiges Kapitel ausbreitet. Wir klommen die Halden hinauf. Schon leuchtete der Kastelsee mit dem letzten Diebstahl vom Tag, einem kleinen Abendrot, zu uns herauf. Das March- und Kastelhorn aber schossen finster wie Säulen daneben ins Blaue hinauf. Kühe, Rinder und seine dunkle Majestät der Stier grasten zu Hunderten an den Seelein der fruchtbaren Valdöscheralpen herum. Auf Gigelalp wimmelte es von Ziegen und Schafen. Gleich mischten sich meine Jungen unter das Hornvieh, und ich sah sehr bald, daß so ein Bub und so ein Mädchen noch viel tollere Kapriolen zuwegbringen als das kaprioligste Geißböcklein. So närrisch alles war, ich mußte doch immer wieder lachen, wenn das Boxen von Tier und Mensch aufs neue losging und das Tier der überlegene Teil war. Dennoch in allem Spaß fuhr mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf: Wenn nur nichts passiert, solange wir unterwegs sind! Länger als vierundzwanzig Stunden bleibe ich um keinen Preis von All' Acqua weg! In der Nacht weckte mich der Führer. Ich erschrak, obwohl ich ja mit der Abmachung eingeschlafen war, um ein Uhr von Forni aus dem Schlummer gestupft zu werden. Mit einem Kopf voll Schlaf und Traum starrte ich auf. So, jetzt ist Theodor gestorben, sagte ich blitzschnell zu mir. Da fliegt die Depesche den Berg herauf. Oder er selber klopft und schreit, sein erlöster Geist: Walter, leb' wohl! – Herrgott, was rauscht denn so furchtbar und braust und lärmt? Er weiß, ich bin in einer Alphütte. So lagen wir oft beisammen im Heu. Und so toste es um die Balken. Jetzt will er mir ein Zeichen geben, daß er endlich auch aus dem elenden Bett befreit sei, daß er sich auch wieder in die Höhen aufschwingen könne mit seiner alten, wilden, brausenden Berglerseele. Wie sie rief und stürmte da draußen! Aber die melodische Stimme des Tessiners und das kecke Laternchen, womit er mir ins Gesicht zündete, weckten mich nun vollständig. »Man kann nicht aufs Horn! Der Westwind geht abscheulich, und die Berge sind voll Gewölk, Signore!« »Gut, dann schlafen wir weiter,« sagte ich und entdeckte mit Befriedigung, daß Ernst neben mir im tiefsten Knabenschlummer verharrte und langsame, langsame Atemzüge durch seinen dünnen Nasenflügel ein- und ausstieß. Welch ein gesunder Kerl! Am Morgen entschüttete der tiefe graue Himmel einen sündlich dichten Regen aufs Hüttendach. Es prasselte und knatterte über uns wie ein überirdischer feiner Pistolen schießet aus unzähligen Läufen. Und eine winterliche Kälte schlich durch die Wände und Kleider bis hart an unsere zitternde Seele. Wir kauerten uns ums Herdfeuer und horchten dem verquetschten und verwüsteten Italienisch zu, das ein paar Tessiner redeten, wo tütsch tutti und inggö oggi heißt. Dazwischen erklang die seltsam verbröckelte deutsche Sprache der sieben Tosadörfer. Aber das wurde langweilig, und wir stiegen wieder ins Heu und vergruben uns dort wie Vögel ins Nest und erzählten einander kleine Späße und Geschichten. Aber mir fielen alle Erzählungen immer tiefer in Schatten. Immer düsterer wurde mein Kram. Histörchen, wie ich sie in den Ilgisserbergen von den Käsern, Melkern und am kräftigsten von Theodor gehört hatte, folgten sich wie Krähen, von Geisterspuk, vom Künden und Türklopfen der Toten, von den armen Seelen, die nirgends Ruhe finden können, und so weiter. »Noch mehr!« bat Mimeli und klebte sich noch inniger an Ernsts frechgrüne Lodenjacke. Seine Stimme zitterte. »Noch mehr!« heischte auch Ernst, und dieser Ton war rauh und ungläubig. Hochmütig ließ er dann die Unterlippe hängen und sah zur finstern Bodenluke, wo man aus der Küche auf einem Leiterchen heraufkommt und wo auch die Spukgeister, wenn sie uns zupfen und quälen wollen, heraufklappern, mit so heillos ungenierten Augen, als ob er es mit einer ganzen Leiter voll junger und alter Teufel aufnehmen wollte. Mögen sie nur schön hintereinander heraufklettern . . . Trostlos regnete es draußen weiter. Da begann ich eine längere Geschichte, die mir Theodor an einem ähnlichen Regentage im Heu erzählt hatte und die mir soeben durch das gleiche Geknister des Lagers und das gleiche Getropfe zu Häupten und weiß Gott durch was für einen andern nervösen Zusammenhang aus vieljähriger Vergessenheit klar und schnell wie ein Blitz in die Erinnerung schoß. Die arme Seele des Hirten Melk »Der junge Hirt Melk, der ein frohes, rotgoldenes Haar und eine schöne junge Falkennase, aber zwei kleine, tiefe schwarze Äuglein hatte, die allen Sonnenschein aus dem Gesicht trieben, dieser Hirt Melk war unendlich aufs Geld versessen. Er hatte zweihundert Gemeindeschafe zu hüten und nebstdem eine kleine Sennhütte mit zwei Kühen zu besorgen. Nun schor er bald diesem, bald jenem zottigen Schaf einen Zipfel Wolle ab und legte alles schlau beiseite, der Schelm, eine Dieberei um die andere, den ganzen Sommer lang. Bekam ein Schaf ganz leicht und ungefährdet die Sucht, dann schnitt er es kahl, obwohl dem Tier die Schur nicht wohltat, und legte den großen Ballen Wolle zum andern Haufen. Im Dorf unten log er: das Schaf habe die Krätze oder noch Schlimmeres gekriegt. Er habe die Wolle wegen der Ansteckung verbrennen müssen. So brachte er bis zum nächsten Lenz einen großen Sack voll zusammen und gewann eine blanke Reihe von Fünflibern. Zwei, drei Jährchen trieb er es so. Auch mit dem Futter und der Streue kargte er gegen die Tiere auf ehrlose Manier und verkaufte das Ergeizte und Erschlichene unter der Hand. So kam es, daß das liebe Vieh, von dem wir beinahe unser Leben fristen, oft hungern und frieren mußte. Am betrübendsten freilich war immer so ein geschorenes Schaf anzuschauen, das in der Schneeluft des Gebirges im späten Jahr gar kläglich herumlief, an allen Gliedern bebte, sich mit seinem kahlen Leib, so nahe es konnte, an die dampfenden Kühe heranschmuggelte und in seiner Sprache so deutlich blökte: Ich friere, ich friere! – daß das übrige Vieh es umringte und leckte und Fell an Fell zu erwärmen suchte. Oft haben die Tiere etwas mehr als die Menschen, nämlich ein Herz . . .« »Zt, zt, zt!« zischelte und neckte der Eisen verächtlich und spie ins Heu. Aber es war ihm durchaus nicht ernst damit. »Melk fror nie. Er war ein heißblütiger Mensch, und so rot und hitzig wie sein Mund war sicher auch sein Herz. Immer hatte er Durst. Man konnte ihn warnen, soviel man mochte; aber sowie er voll Schweiß zur Hütte kam, rannte er in die Milchkammer und trank einen ganzen Napf dicke, eiskühle Milch aus. Das ist nicht gesund. Davon bekommen so viele Älpler einen kurzen, dünnen Schnauf oder gar einen frühen Tod. Man merkte erst im dritten Jahr, es gehe bei Melk nicht ganz mit richtigen Dingen zu. Die einen behaupteten zuviel, die andern wußten zu wenig. Man wollte ihm jetzt insgeheim auf die Finger sehen. Aber als man endlich den Fuchs meinte in der Falle zu haben, war es zu spät. Denn obwohl dem Melk sein jähes Trinken mitten im Schweiß langezeit nicht merklich schadete und er nur ab und zu ein bißchen trocken hüsteln mußte, so verlor er doch im dritten Jahr die roten Backen, magerte ab, redete heiser, und viel schönes rotes Haar fiel ihm aus. War's einmal soweit, dann riß das Übel immer frecher ein. Oft griff Melk hinter den Kittel und drückte die flache Hand auf die Brust, als täte es ihm da weh. Er konnte bald nicht mehr gut steil bergauf gehen, springen schon gar nicht, mußte immer wieder stille halten und wie ein alter Spitäler keuchen und kurcheln. Zuletzt ging's überhaupt nicht mehr, er mußte ins Dorf. Dort wollte man ihm den Prozeß machen. Aber der Tod prozessierte schneller. Er starb in wenigen Wochen an der galoppierenden Schwindsucht . . .« Eisen streckte seine geraden, langen Beine in ihrer ganzen hochmütigen Gesundheit durchs Heu und bewunderte seine fernen, schlanken Füße, die er ohne Schuh' und Strumpf starr aufgerichtet hielt. Wie groß und schön war er! Dann schlüpfte er wieder ins warme Heu. Wie wonnig ist es, zu leben in Licht und Wärme! Ach was Tod! Ach was galoppierende Schwindsucht! »Als nun sein Nachfolger, der Peter Förnli, mit seiner langen, roten, tapfern Nase einmal abends allein in der Hütte saß und sich am Feuer den verregneten Rücken wärmte, ein bißchen schnäpselte und dazu einen höllisch starken Tabak rauchte, da hörte er ein hundertfaches Getrappel wie von Schafen näher und näher zur Hütte kommen und ein Blöken und eine große Unruhe um die Sennerei herum. Böcke und Lämmer weideten doch um diese Zeit in lustiger Zerstreuung an den Ränften der Algerkette auf und ab, wo das kürzeste, aber salzigste Gras wächst! Das war seltsam . . . Nun hielt der Rummel vor dem Stall; von selbst flog das Doppeltürchen auf, und ein Dutzend Schafe reckten mit einem Box ihres Kopfes sich halbwegs in die Hütte, gerade als hätten sie irgendeinen Feind hineingestoßen. Voran der prachtvolle, schwerbezottelte Leithammel. Peter Förnli hatte ein lange, tapfere, rote Nase und fürchtete sich darum nicht. Aber als guter Katholik schlug er ein Kreuz über sich. Da krachte es auch schon neben ihm auf der Stabelle, genau wie wenn sich jemand niedersetzte, mit dem Rücken gegen das Feuer wie er selber. Und Peter hörte sehr deutlich, wie jemand die Hände rieb und sich schaudernd zusammenduckte, ganz wie Leute, die stark frieren, beim ersten göttlichen Gefühl der Erwärmung tun, weil Kalt und Heiß so blutig in ihrem Innern aneinander geraten. Und das sah er auch, wie das Herdfeuer neben dieser Stabelle tiefer kroch und fast erlöschen wollte. 's war gerade, als ob ihm jemand alle Glut entzöge . . .« Mimeli schlüpfte jetzt unter den Ellbogen Ernsts. Der aber spreizte seine langen, stolzen Beine weit auseinander, als könnte ihn weder frösteln noch gruseln. Wo es wäre, weit draußen in einer endlosen, öden Wüste oder in einem unheimlichen Felsenloch, er würde diese Beine genau so frech auseinanderlegen, zwischen alle Engel und Teufel hinaus. Mir aber fiel jetzt zum erstenmal ein, welche Verwandtschaft diese Geschichte mit Theodors Schicksal zeige. Er hatte auch nie gefroren, wie Melk. Nackt hatte er sich mehrmals in den besonnten Schnee ausgestreckt. Er fürchtete nicht Wind noch Sturm. Er trank in seiner Gier das Leben wie kühle, schwere Milch in sich hinein. Und nun war er doch an einer ungeheizten Stube tödlich erkrankt, vielleicht an einem Schneelüftchen, das nur eine Minute lang leben durfte, aber gerade in dieser Minute seine kleine, eisige Seele in Theodors Stube hineinsteckte und ihn verdarb. Seitdem fror er, und wenn er stirbt, wird auch in so einer Ilgisserhütte ein Sesselchen knicken und einer sich die Hände reiben und wärmen wollen . . . »Was studierst du?« zürnte Ernst mit gescheitem Aufmerken. »Du willst die Geschichte nicht fertig erzählen, du willst uns etwas Sanftes hineinflicken! Wir fürchten uns doch nicht! Gelt, Mimeli, wir wollen alles wissen, zahm oder wild, wie's ist, aber lieber wild!« »Ja, alles!« sagte Mimeli gefügig, aber leise. Diese Kinder! Alles wissen wollen sie! Gibt es etwas Mutigeres als so einen Vorsatz? »Peter Förnli wartete und wartete andächtig und ohne Angst, was nun geschähe. Nach einer halben Stunde krachte das Stühlchen wieder, wie wenn einer aufsteht. Das Feuer schoß sogleich munter empor. Draußen hörte der Senn zwischen einem vielstimmigen Geblöke leichte Holzschuhtritte durchs Gras forteilen. Und als Peter im G'wunder die Hand auf die Stabelle legte, da war das ganze Sitzbrett prachtvoll warm . . .« »Ich glaub' kein Wort, Vetter, aber nur immer weiter! Schön ist's halt doch!« regierte Ernst. »Die unsichtbare und doch deutliche Visite wiederholte sich nun jeden Tag zur gleichen nachmittäglichen Stunde. Alle Käser und Hirten im Umkreis wußten es. Und immer trollte sich ein Troß von Schafen mit bis zur Tür, und immer boxte der Leitbock den seltsamen Gast hinein. Aber bald wurde man mit Staunen gewahr, daß mit jedem Besuch die Begleitung kleiner wurde. Kein Zweifel, das war die arme Seele des Melk, und das waren seine mißhandelten Schafe, und das war der von ihm fast zu Tode gestutzte Hammel. Und so hatte der junge Schelm nun sein Fegefeuer hier oben bekommen und ward gezüchtigt, womit er gesündigt hatte. Dem Förnli ward der stille Gespan sein behagliches nachmittägliches Tabakstündlein lang so gewohnt und liebgeworden, daß ihm etwas im Genuß gemangelt hätte, wenn das Stabellchen nur einmal nicht gekracht und das Brett sich nicht erwärmt und der Geist mit einem zweiten Krachen sich nicht beim Abschied dankbar verlautbart hätte. Reden konnte er nicht mit ihm, auch nichts Festes von ihm in die Finger bekommen. Aber er hörte das Reiben der Hände, das fröstelige Einziehen der Schultern und sah das plötzliche Niedergehen der Herdglut. Nach und nach war das Händereiben schwächer, vom körperlichen Erschaudern, wie es zuerst gleich einem Schüttelfrost bemerkt worden war, erlosch allmählich jede Spur, und im gleichen Maß trat auch die Flamme immer weniger zurück. Melk Hort fror jedenfalls nicht mehr so schwer. Sein Fegfeuer wurde linder. Er ging der Erlösung entgegen. Den Peter aber kam bei so ungefährlicher Nachbarschaft mit dem Jenseits nach und nach ein ungehöriger Spaß und Übermut an. Er wollte den Geist necken und ließ einmal das Feuer ausgehen.« Ernst verzog das bleiche Gesicht zu einem glücklichen Lächeln. »Prachtvoll!« schrie er. »Das ist ein großartiger Fink!« »Aber sobald das Stühlchen krachte, fühlte Peter sich von einer Kälte umfangen, wie nie in der Silvesternacht, wenn er zu Ilgis um zwölf Uhr aus der Glockenstube herab das ›Nun danket alle Gott!‹ ins neue Jahr hineintrompetet. Es war, als hingen ihm nichts als Eiszapfen am Leib. Rasch fachte er das Feuer an. Den Spaß hat er nicht wiederholt.« »Hm, hm, wär' er in die Sonne hinausgerannt!« belehrte Eisen trocken. »Aber Förnli hatte eine lange, rote, tapfere Nase, und als ihn der Fürwitz wieder stach, wagte er nochmals eine Tollheit. Er versteckte das Stühlchen unter den Küchenscheitern. Das ward nun lustig, wie der Geist Melks in der Hütte herumsprang. Da flog ein Brett auf, dort zerrte etwas in den Balken, da klapperte es die Leiter hinauf, wirbelte im Heu herum und riß endlich die Beige auseinander. Gleich stand das Sesselchen wieder am Feuer und krachte behäbig. Aber der Peter fuhr sich mit einem Schrei ins Gesicht. Er hatte eine majestätische Maulschelle bekommen. Das machte ihn wild. Sobald der Geist fort war, zersägte er die Stabelle und warf die Stücke ins Feuer. Aber zur nächsten Vesperzeit rutschte und beinelte etwas ratlos um den Herd herum, seufzte und wisperte, und plötzlich saß etwas Eiskaltes rittlings wie ein Schneemann auf seinem Nacken und ließ die Beine vornüber hangen. Dem Peter ging aller Humor aus. Aber er hielt still und merkte, wie der kalte Alp auf ihm nach und nach wärmer und leichter wurde und endlich fröhlich absprang. Aber nicht ohne einen verflucht groben Rupf in sein schönes blondes Haar. Ein ganzer Büschel fiel weg!« Ernst fuhr dem Mimeli lachend in den dicken Zopf. Aber die Kleine schrie auf und faßte das Schwänzlein sorglich in beide Hände. »Von nun an herrschte gute Kameradschaft zwischen den Zweien. Der Jahrestag von Melks Absterben rückte heran. Am Vorabend war nur noch der Schafbock mit dem Gespenst zur Hütte gekommen und dann freundlich zurück zur Herde getrottet, als wäre es diesmal nur ein Respektsgeleite gewesen. Als aber am Jahrestag die Türe aufging, sah man die gesamte Herde vor der Hütte, fromm und lustig alle zusammen und etliche so zutraulich, daß sie hereintrippelten und Melks Stabellchen umstrichen. Die Hirten hatten heute etwas Besonderes erwartet und saßen zahlreich ringsum an den Hüttenwänden. Wieder krachte das Schemelchen zweimal, beim Absitzen und Aufstehen. Die Flamme blieb hoch, und die Schafe duckten und schoben und bogen sich, als streichle sie jemand und kraue ihnen den Hals. Dann fühlte jeder Senn einen mächtigen, warmen Händedruck, einer nach dem andern, wie zum Abschied. Von nun an war es ruhig auf der Alpe. Aber die Schafe trugen in diesem Jahr zweimal soviel Wolle wie sonst. Nur dem Peter wuchs dort, wo der Büschel ausfiel, kein einziges Härlein nach. Kahl ist er an jenem Fleck bis heute geblieben, und kahl bleibt er in alle Ewigkeit,« schloß ich mit der Feierlichkeit aller alten Sagen. Kaum hatte ich den Satz verpufft, so rief mir der Führer von der Küche herauf etwas zu. Ein wenig Sonne scherbte durch die Balken herein. Aha, jetzt gehen wir doch noch auf den Basodino! Nein, es war der kleine Wirtssohn von All' Acqua, der schnelle Clemente Forni, mit einer Depesche in der Hand. »Gestern abend ist Theodor bei Sonnenuntergang zufrieden und schmerzlos verschieden. Regina.« Überwältigt sank ich auf einen Sitzblock. »Bei Sonnenuntergang! Wie eigen!« dachte ich. »Gehen wir jetzt nicht auf den Basodino?« fragte Eisen ungestüm. »Schau', wie die Sonne kommt! Morgen ist's sicher hell!« »Nein, jetzt wollen wir sogleich nach All' Acqua zurück! Vielleicht bin ich noch zeitig genug zum Begräbnis« »Vetter Götti, wo sinnst du hin? ›Gestern‹, sagt die Depesche. Das ist für uns vorgestern. Du bist ja viel zu spät! Nein, wenigstens zum Tosafall hinunter wollen wir gehen! Ich tu's, und wenn ich allein muß!« »Aber wie können wir zum Tosafall,« fragte ich, »mit so einer Depesche? Wenn Theodor gestorben ist?« »So laß ihn im Frieden ruhen! Aber wir wollen zum Tosafall. Theodor Weggisser wäre sicher an unserer Stelle auch hinunter gegangen. Das soll ja ein großartigeres Wasser als der Rhein bei Laufen sein. Ich geh', ich geh', es langt noch vor Nacht!« Wirklich, zur Leiche konnte ich nicht mehr gehen. Da war mir einerlei, wohin wir jetzt marschierten. Ich war müde vom schlechten stacheligen Heulager. Ein Bett, ein sauberes Bett für diese Nacht schien mir im Augenblick das Beste. Und so schritten wir drei ohne Führer den steilen Geißenpfad hinunter und kamen nachts in einem feinen, unsäglich milden Mondlicht zum Gasthaus am reißend schönen, dreistufigen Heldensturz der Tosa, den Jahrtausende hindurch nur die stillen Berge und die Vögel bewundert und so geheim behalten haben, daß ihn noch heute die wenigsten Menschen kennen. Eine leichte, schmale Bretterbrücke hängt genau vor dem staunenswerten Fall über dem Wasser. Rechts und links naht sich das steile Gebirge und will das kleine Hochtal abschließen. Nur ein enger Paß bleibt dazwischen am südlichen Ausgang. Aber was ist das für ein Ausgang? Wie eine breite Schwelle hängt er hoch oben, und keine Stiege führt von da hinab in die Tiefe. Jäh stürmen die Felsen mit glatten, verwaschenen Wänden anderthalbhundert Meter tief in ein neues Tal. Und dort oben nun muß die Tosa durch die Bergenge zur Schwelle hinaus. Leise rauscht und erschauert ihr Wasser und wird grau vor Angst, sowie es die Leere vor sich erblickt. Aber dann rafft es sich im Angesicht der schwindelnden Tiefe heldenmütig auf – was sein muß, sei also! – und schmettert sich, so großartig es kann und all sein Blut weithin verschäumend und verspritzend, die Wände hinunter. Und sieh da, Mut ist besser als Verzweiflung. Es stirbt nicht. Es lebt weiter. Es sammelt seine zerstreuten und erschöpften, aber immer noch von Daseinsfreude blitzenden Glieder und gewinnt wieder einen neuen, von Schritt zu Schritt wachsenden, zuversichtlichen Gang. Doch wenn es den alten, großen Heldenschritt auch wiedergewonnen hat, es wird sich hüten, dieses Abenteuer nochmals zu probieren. So etwas gelingt nur einmal. Wir sahen vom Fenster unserer Schlafzimmer die schneeweiße Gischt über die Borde hinausschlagen. Bald wie Silber, bald wie Gold sah der ungeheure Flutensturz im Mondlicht aus. Totenstill und schwarz standen die Berge rechts und links, und das Schweigen des unermeßlichen, alle Gipfel überspannenden Himmels paßte seltsam dazu. Das müdgelaufene Mimeli schlief beim ersten Zudeckeln seiner Äuglein ein. Der Wasserfall wollte ihm nicht behagen. Er war zu unordentlich, zu wild, zu böse. Aber Ernst und ich standen noch lange barfuß und halb entkleidet am Gesimse und konnten, wie wir auch vor Kälte zitterten, einfach nicht von diesem mörderischen Unwesen der Tosa weg. Aber jeder redete mit sich selber und in einem ganz andern Gedankengang. Ernst sagte zur Tosa wie zu einem geliebten Wesen: Bravo, das hast du mal fein gemacht! So hab' ich dich gern. So muß man kobolden, wenn man mir gefallen will. Ich liebe dich, Jungfer Tosa, und will dich überall rühmen. Küssen würd' ich dich, wenn ich könnte, und so kalt und scharf küssen, wie du küssest, Schätzlein! Schau', ich werd 'es machen wie du, donnern und zischen und die Hasen erschrecken, aber die Frechen noch frecher machen und immer ein bißchen toben und poltern und großartig tun wie du! Aber so zahm will ich danach nie werden wie du da unten, sondern immer ein wenig Kaskade, immer ein wenig Kaskade muß ich spielen! Ganz anders als dieser lose, junge Recke redete ich mit mir. Alles fing da mit Tod an und hörte mit Tod auf. Und mitten drin sah ich immer Theodor. Er hatte auch gerauscht und geschäumt wie der Fluß hier und war dann gestürzt und zahm geworden und kläglich in der Tiefe des Siechbettes versandet. O, wie klein endet gerade immer das, was großtut und nach allen Winden kommandiert! Noch lange konnte ich im Bett nicht einschlafen. Dieses allmächtige Rauschen vor dem Fenster störte mich. Aus so einem Wasser kann man alles hören, was man will, ein ganzes schreiendes Volk und auch immer einen ganz alleinigen besonderen Menschen. Ich hörte nur immer Theodor. Was rief er doch? »Zu Ende, Freund, zu Ende! Schon verbraust bin ich! Schon verschäumt! O Himmel, o Erde, schon vernichtet!« Dann wieder meinte ich, es rufe vom Fall herüber: »Zu Hilfe! Rettet mich, hebet mich! Noch nicht sterben, o, noch nicht sterben! Bin ja noch so jung! Hab' ich doch erst angefangen, ein Mann zu sein, ein Mann mit Weib und Kindern! O, wie schön ist die Sonne! Lasset sie mir! O, wie süß ist der Atem! Lasset mir Luft, Luft, Luft! Kinder, haltet mich fest, Regina, starke Regina . . . laß mich nicht los! Ich will nicht, ich will nicht hinunter . . . Regina, halte mich!« Träume ich schon oder hab' ich Fieber oder lärmt es da wirklich so furchtbar menschlich und erbarmungswürdig? Und es hört nicht auf. Oft kommt es nahe bis ans Fenster und rüttelt am Laden. Oft tritt es zurück bis an den Berg. Es ist eine furchtbare, laute Unruhe hin und her. Mir wird die Stirne naß, und doch fröstelt mich, wenn ich die Decke nicht bis ans Kinn hinaufziehe . . . »Walter, wo bist du? Wo bist du . . . während ich zugrunde gehe? Walter, ich bin allein, ganz allein . . . Hilf mir leben oder sterben . . .« Ich springe zum Bett hinaus und laufe zu Ernst hinüber. Meine Pulse hetzen sich wie tolle Hunde. Ich habe eine merkwürdige Angst; etwas wie die Gespensterfurcht in der Kinderzeit macht mir den Rücken schaudern. Ich will Ernst fragen: »Hörst du denn gar nichts?« Aber der Bub schläft so mächtig und sicher, als wäre er der einzige Kerl auf Erden. Er würde mich ausspotten. So geh' ich ins Nebenzimmer, wo Mimeli viel bescheidener, aber noch viel sicherer schläft. Ich fasse seine kleine Hand an. Wie kühl sie ist! Das macht mich ruhiger. Aber die Türöffnung in meine Kammer ist schwarz wie ein Grab. Um keinen Preis kehre ich in dieses verhexte Zimmer zurück. Behutsam rücke und schiebe ich mein Amselchen gegen die Wand und lege mich vorne über die Decke. Und ich gebe furchtbar acht, daß zwischen uns beiden ein Zwischenraum bleibt, wie zwischen Kummer und Sorglosigkeit oder zwischen Seelennot und Seelenfriede. Nur die kleine kühle Hand lasse ich nicht los. Sie macht mich immer sicherer. Stiller und friedlicher wird es um mich von einem Atem zum andern. Dieses Kind ist mein Schutzengel. Ich höre das Schreien und Heulen von außen nicht mehr. Ich höre nur noch das eintönige große Wasser und schlafe unversehens bei dieser Nachtmusik ein . . . Der nächste Tag war heiß und erst gegen Abend zogen wir über den Giacomopaß, an den vielen, so verschiedenfarbigen, fischreichen Alpenseelein vorbei, nach All' Acqua zurück. Häupterreiche Herden grasten in der Alpe und sammelten sich langsam an den Hütten um die Melker. Eine reine, schmerzlose Abendstimmung lag mit den feinen Golddünsten der späten Sonne auf den Höhen, und immer durchsichtiger wurde die Luft und immer näher und klarer das ganze Gesicht der Gegend. Es war wie eine Seelenläuterung durch die Landschaft gegangen, und nun stand sie wie eine Heilige da, die das letzte Stäublein von sich geschüttelt hat. Auch mir ward es sonderbar leicht zumute . . . Da, als wir zu Füßen des hohen, verschrundeten Marchhorns über den feuchten Sammet der Alpe und, ohne es recht zu wissen, mit einem leichten Schritt aus dem Königreich Italien in unsere liebe, kleine und doch so großherrliche Schweiz setzten, erklang irgendwo von einem der vielen kurzgrasigen Abhänge eine prachtvoll starke Singstimme. Sie hob in gewaltigem Aufschwung an wie ein emporfliegender Adler, schwang dann die Weise durch lange, wortlose und aller Sprache fremde Hebungen und Senkungen majestätisch weiter, so daß man meinte, den Adler ohne Flügelschlag im schönsten Bogen auf- und abschweben zu sehen, und ward dann unsäglich schön, wenn sie tief in den Abgründen des Basses versank . . . Augenblicklich stand ich still. In diesem Moment fielen Witz und biedere Klugheit und Wissenschaft wie Lappen eines Narrenkleides von mir, und ich wußte, daß Theodor jodelte und von einer Anhöhe auf uns niedersah. Es war seine Stimme, es war seine Weise und es war seine kühne Art, aus einem hohen Jauchzer jählings in die schlummernden Tiefen eines urweltlichen, wunderbar trostreichen und kräftigen Basses hinunterzusinken und langsam, langsam mit gedehnten Noten gleichsam zu verdämmern und zu verwehen wie der tiefe müde Tag. »Theodor,« flüsterte ich, starr wie ein Stein, »Theodor hat uns gefunden!« Meine Jungen äugten mich an, als spaße ich oder rede im Traum, und Ernst riß den Mund zu einer Bosheit schon mondsichelhaft in die bleichen Backen hinauf. »Still! Laßt es . . . das . . . das Wesen erst fertig singen!« sagte ich feurig und ganz übernommen von der Geisterhaftigkeit dieses Augenblicks. Die Schatten der Marchhornkette vom Pizzo Giacomo bis zur Bocchetta di Val Maggia fielen jetzt tiefblau über die Alpe. Drüben im Norden, jenseits der Taltiefe von Bedretto, verglommen leise die höchsten Spitzen der Gotthardgruppe, der herrische Piz Rotondo und die vornehme, einsame Gallina. Wir gingen wortlos weiter. Feierlich schön stieg der Hüttenrauch über die Steindächer. Das Vieh stand sonderbar still und haftete unbeweglich und wie verzaubert an seinem Platze. Nur läutete manchmal eine langsame Kuhschelle. Die Seelein lagen stumm da und zitterten mit keinem einzigen Tröpflein ihres Wassers. Und so war meine Seele: ganz Stille und ganz Aufmerken . . . Ich muß sehr ernsthaft ausgesehen haben; denn Ernst und Mimeli rührten sich nicht mehr neben mir. Folgsam und mit möglichst leisen Schuhen schritten sie und standen sie still nach meinem Wink. Droben fing das Jodeln wieder an. Kein Italienermund kann so jodeln! Das ist Eigentum aus unsern nordischen Bergen, das kommt von Ilgis, das ist niemand anders als Theodor. Er sagt mir, er sei erlöst . . . Gott Lob und Dank, erlöst! Wahrhaft, es klingt wie ein Halleluja, was er singt, ein Auferstehungslied aus Staub zum Licht! Ja, das ist's. Wir marschieren weiter, eines leiser als das andere. Die Zinken verglühen, alles wird blaue Nacht. Aber oben am Grat begleiten uns die Sänge. Jetzt bricht Ernst die Ehrwürdigkeit dieser Stunde. Er habe Touristen oben an der Kette gesehen. Drei oder vier, deren dunkle Gestalten vom bleichen Himmel scharf abstechen. Er wollte sogar den Sänger aus ihnen am Spiel seiner Figur herausfinden. Nun haben sie, die vom Dunkel auf so gefährlicher Bergschneide Überraschten, gar noch ein Laternchen angezündet. Sieh, sieh, wie es langsam vorwärtstastet und zittert! Aber sie fürchten sich darum doch nicht. Der eine singt königlich weiter, das muß ein verdammt feiner Kerl sein! Torheit, Ernst! Du hast kein Auge heut! Du selber gaffst jetzt ins Irre! Das redet mir keine Seele aus: dort jodelt Theodor, unsichtbar ob uns, und kann es uns nicht genug, noch fertig sagen, wie er jetzt ein anderer, ein Neuer, ein Seliger sei! »Gebt mir die Arme, Kinder! So! Wie warm sich so marschiert! Ach, Ernst und Mimeli, die Kette sollte größer sein! Es sollten sich noch andere einhängen, das gäbe einen Schritt und Marsch! Zum Beispiel das Weggisser Klärli, das Waislein, nicht?« »Und der Arnoldli!« rief meine Kleine so hurtig, als könnt' es ihr sonst verloren gehen. »Und die Gotte Regina in der Mitte!« flüsterte Ernst mir deutlich ins Ohr und drückte meinen Arm dabei fester. Ich wußte nicht, war es Spaß oder Ernst. Sein Gesicht und seine Stimme waren unentzifferbar dunkel. Ja, Regina, die verlassene, arme, in der öden Stube, im Leichengeruch dieser schwarzen Tage, Regina vor allem sollte aus allem Jammer heraus hier oben sein, Arm in Arm in unserer warmen, tröstlichen, liebevollen Kette! Ich dachte das, und bei diesem Gedanken preßte ich Mimeli und Ernst so heiß an mich, daß ich jäh erschrak, die Kinder loslöste und sagte: »Gehen wir einzeln! Es ist doch viel bequemer!« . . . Nach drei unerträglichen Tagen kam endlich ein Brief aus Ilgis.   Lieber Bruder! Wir alle im Weggisserhaus haben sicher gerechnet, daß Du Deinem Baldur die letzte Kameradschaft zum Grabe leisten würdest. Als man das Kopfschieberchen am langen Sarg zuschrauben wollte, bat Regina die Träger, nur noch ein Viertelstündchen zu warten. Warum das? fragten sie schwerfällig. Man gebe ja schon vom Kirchturm das erste Zeichen. Da wußte Regina nichts zu sagen, und ich entgegnete schnell: Du kommest sicher noch zu Roß oder per Auto, und Du würdest trostlos sein, nicht noch einmal das schöne Angesicht des Freundes, das jetzt so still und schneebleich aus dem schwarzen Gehäuse leuchtet, mit Deinen treuen, grauen Augen für immer in Dich aufzunehmen . . . Aber da läutete es schon mit der zweiten und dritten Glocke. Man mußte ohne Dich auf den Weg zur Kirche und zum Friedhof gehen . . . Walter kann immer noch eintreffen, entschuldigte ich; er ist ja zur Hochzeit auch zu spät gekommen! Still, still, wehrte Regina ab; ich glaub' er straft mich für jenen Empfang . . . Ich konnte ihr das nicht ausreden. Übrigens hat die liebe Frau das und alles übrige nur so beiläufig gesagt. Denn ihre Gedanken waren anderswo. Ob sie allein oder mit Hunderten hinter dem Sarge ging, war ihr einerlei. Sie wußte es gar nicht. Wir aber, die wir hinter dieser schwarzen Trauerkönigin einherschritten, wir alle wissen jetzt, daß wir das Rührendste und Erhabenste in unserm Leben auf diesem Leichengang erlebt haben. Walter, das hättest Du sehen sollen! Es ist nicht auf so ein elendes Papier zu schreiben . . . . Regina trug einen langen, schwarzseidenen Rock und den Karfreitagsschal; aber wir mußten sie zwingen, auch noch den langen Trauerschleier, den vornehmere Frauen nach einer strengen Übung hier im Leid aufsetzen müssen, über ihr schönes Gesicht zu werfen. An ihrer rechten Hand lief der Bub, an der linken das Kind, Arnold mit düsterm Aug' und gefurchter Stirne wie ein reifer Mann, Klärli bald weinend, wenn die Blechmusik aufhörte und der Leichenwagen still stand, bald lächelnd, wenn die Trompeter wieder anfingen zu blasen. Hinter der Witwe folgte die weitläufige Basen- und Vetternschaft des Weggissergeschlechts, alle große ältliche Leute und alle schon ein wenig die Schulter vornübergebogen. Aber Regina hielt sich hoch und aufrecht wie eine Standarte. Ihre Augen sahen weder auf die Kinder noch auf den holperigen Weg, sondern wie zwei unbewegte, heiße Flammen immer zum Sarg, der häuptlings gegen sie gerichtet war. Ohne Frage, sie sah durch das dicke, harte und vergoldete Brett bis zum Toten hinein. Und da ihr schien, sie fange das liebe Bild nicht scharf genug auf, schlug sie schon nach zwanzig Schritten ohne Rücksicht auf alle naserümpfenden Tanten den Schleier zurück, und nun sah ich, daß nicht eine einzige Träne an ihren Wimpern hing. Trocken und hart und still war ihr wunderbares Gesicht. Nicht ein Härchen bewegte sich an ihr. Sie ist im Sarg, sagte ich mir, sie hat ihre Seele zwischen die sechs Bretter neben Theodor hingelegt, und was da hinter dem Wagen geht, ist nichts als steife, mechanische Puppe. Als wir vom Friedhof zurückkamen, nicht mehr im strengen Kirchenzug, und man leise plauderte: die Frauen von den Kränzen auf der Bahre, sieben, acht, oder neun waren es bestimmt gewesen, und vom zurückgeworfenen Schleier und vom tränenlosen Gesicht: Tot ist tot, das steht einmal fest, darein sollte man sich ergeben, sich lieber beugen als aufstemmen und mit Krach zerbrechen – die Männer von der verdächtigen Kuh Pelagis auf der Fennalp, die sicher die Seuche hat, und vom geringen Obst und von dem dreierlei Wein, den man am Leichenessen in der »Krone« bekommen wird – glaubst Du, lieber Walter, es hätte jemand gewagt, mit Regina ein Wort zu reden? Auch ich getraute mich nicht. Nur die Kinder ein- oder zweimal. Aber sie erhielten keine Antwort und schwiegen dann furchtsam. Da wurde es mir noch klarer, daß sie ihre Seele mit Theodor beerdigt hatte. Was da zurückkehrte, schien nur noch ein Echo von ihr zu sein, ein kalter, gleichgültiger Schatten. . . . Es wurden zwei schwierige Tage nach dem Begräbnis. Am zweiten kam endlich Dein Brief, woraus wir ersahen, daß Du die Depesche zu einer Zeit erhalten hast, wo Theodor schon in der Erde lag. Regina nahm den Brief mit sich auf die Kammer und kam nicht mehr herunter. Vor dem Schlafen ging ich hinauf, um ihr gute Nacht zu sagen. Da lag der Brief offen und verknittert vom vielen Lesen und Wiederlesen auf dem Stuhl; Regina aber war angekleidet über das Bett hingestreckt. Sie setzte sich auf, wie mir schien, etwas milder im Gesicht, und hielt den Finger an eine Zeile der zweiten Seite. Lies das! sagte sie. Ich las es vor. Du erzählst, wie seltsam Dir in der Alphütte und an jenem Wasserfall zumute war, gerade als hörtest Du Theodors Seele jauchzen wie einst auf den Bergtouren: ›Er ist erlöst, ich wußte es jetzt, von der Sklaverei der Erde frei, selig und jung wie ein Engel. Und Du, Regina, wenn Du eines solchen Toten würdig sein willst, wie Du des Lebenden so überaus würdig warst, darfst Dich ja nicht weiter grämen, sondern mußt Freude haben, daß er aus dem Dunkel in ein so schönes, unsterbliches Licht gelangt ist. Du betest ja. Ich hab's gesehen. Also hast Du eine Sprache, die man drüben in jenem Licht hören und verstehen kann. Was fehlt Dir noch? Edle Tote wollen kein schwarzes, sie wollen ein helles, frohes Andenken! Vergiß das nicht! Dein Walter‹ . . . Noch einmal, bat sie, das vom Licht und vom Beten! Welch einen lieben, tiefen Bruder hast du doch, Elfchen, sagte sie dann und umschlang und küßte mich wie in ihren heftigsten Mädchentagen. Und nun wußte ich, daß ihre Seele aus dem Sarge Theodors zurückgekehrt ist in ihre liebe, große, starke Person und daß sie sich erholen und vielleicht bei ihren jungen Jahren noch einmal völlig froh werden kann. Schreibe ihr öfter, ich bitte Dich! Du kannst so gut trösten. Und das tut ihr wohl. Du stelltest ihr schon lange etwas Wichtiges vor, das merke ich jetzt; aber so viel wie in diesen Tagen hast Du ihr noch nie gegolten . . . Du hast gefragt, wie Theodor starb. Ich kann nichts anderes erzählen, als daß er schlief, immer schlief und daß er einmal, als Regina ihren Mund auf seine Lippen legte, kalt geworden war wie Schnee. Vielleicht hatte er schon lange tot gelegen. Aber bis zur Beerdigung blieb er wie ein Schläfer, auf dessen Gesicht ein stilles innerliches Licht und eine große, schöne Sorglosigkeit ausgebreitet lag. Ja, er ist sorglos gestorben, wie er sorglos gelebt hat, ein Kind von der Wiege bis zum Sarg!« Hier schloß ich Paulinens Brief. Sein Inhalt ging wie ein Gewitter durch meine Seele, eine himmeldeckende Last von Wolken, Blitze und Donnerschläge, die über mir rasselten und sich dann in die Ferne verzogen, zuletzt dann und wann ein kleines, aufleuchtendes Stück blauen Himmels! Trauer und Freude spannen sich ineinander. Am Ende kannte ich mich nicht mehr, oder vielmehr ich fürchtete mich vor mir selber und wich gleichsam meiner armen Seele aus, weil ich sie nur zu gut kannte . . . *           * * Am Tische des Gasthofs saß mir ein Herr zwischen vierzig und fünfzig Jahren gegenüber. Er war mir in seiner schön und solid gebauten Gestalt besonders darum aufgefallen, weil er damit die Gelenkigkeit eines Jünglings verband, und mehr noch, weil dieser Mischung auch sein Geist mit einer prachtvoll abgewogenen Dosis von Tüchtigkeit entsprach. Eine Stirne voll Geist und ein Schnurrbart voll soldatischem Schneid wurden durch zwei runde, weiche, graublaue Äuglein ins Milde und Zutrauliche gestimmt. Man sagte mir, dieser Giuseppe Rozziceno sei ein hoher und leutseliger Beamter seines Kantons, aber ein eingefleischter Junggeselle. Wie er ganz allein schwierige Gipfel bestieg oder die Flora der Hochtäler absuchte oder mit Künstlerfreude ein süßes oder wildes Ecklein der geliebten Heimat abphotographierte, wie er dann vergnügt aß und sich so ganz in eine Zeitung oder in einen Haufen amtlicher Papiere vertiefte, die man ihm fleißig nachsenden mußte, ja, wie er abends allen Asti- und Canetotrinkern zum Trotz drei Zuckerchen zierlich in seiner traditionellen Tasse Kamillentee rührte, das kleine Geschirr dann ergötzlich an den Mund setzte und den Trank mit einem leisen, seligen Geräusch langsam hinabschlürfte, dann sich erhob, galant verbeugte und im Gefühl eines sorglosen, von Weiberhaube und Kindergeplärr ungestörten, selbstherrlichen Schlafes davonmachte, wahrhaft schon um neun Uhr, aber wie er dafür auch schon als der erste am Morgen im Freien stand, er und die Sonne ganz allein auf der Welt, gleich stolz und froh: wenn man das alles beobachtete, wirklich, dann mußte man ihn für einen Hagestolz halten, der sich selbst durchaus genügte. So oft mir um jene Zeit Regina in den Sinn kam und mit ihr eine süße Möglichkeit der Zukunft, zart zwar und verschwommen wie ein Wölklein am fernen Westhimmel – dann brauchte sich nur dieser Hagestolz in der Nähe zu zeigen und mit seinem wunderbaren Baß wie mit einer maßvoll geschwungenen As-Glocke seine kurzen klaren Gedanken auszusprechen: so flüchtete sich jenes Wölklein, und ich schämte mich, etwas anderes als einen reinen, starken Hagestolzhimmel gesehen zu haben. An einem der seltenen Regentage blätterten Ernst und Mimeli im Fremdenbuch und lasen die meist so albernen Verse und spotteten über die entsetzlichen Zeichnungen, die ein begeistertes Baseler Bierherz oder ein loser lombardischer Schlingel dazu ersonnen hatte. Aber es fand sich auch hie und da ein wertvolleres Blatt. So hatte ein gewisser Max Brunner in einer prachtvollen Federzeichnung die Gebirgskette ob dem Hospiz hingesetzt, und ein gewisser geistreicher und poetischer Herr Cima hatte mehrere Gedichte von italienischer Melodie und Lebensfreude in die dürre Prosa des Buches wie Oasen in eine graue Sandwüste gesetzt. Ich vertiefte mich mit meinen Jungen immer mehr in dieses verwahrloste Buch, und während Ernst auf spaßigen Unsinn und Mimeli auf buchstabierte Kleinkinder-Kalligraphie fahndete, beschäftigte mich eine Poesie dieses unbekannten Poeten Cima, in der er sich als Junggeselle an eine »Signora L.« wandte, ihr bald lachend, bald ehrfürchtig einen Kranz um die Zöpfe flocht, mitunter selbst den sehnsüchtigen Ton Petrarcas eine Sechzehntelsnote lang sang, aber alles in allem doch auf seinem Junggesellengipfel saß, nicht gewillt, in die weibliche Botmäßigkeit hinabzusteigen, sondern die Damen aus weiter Distanz, von wo sie alle ästhetisch hübsch und kostbar erscheinen, so recht unabhängig zu genießen. Ein solches Gedicht vermöchte ich nicht mehr zu schreiben, auch wenn ich das Talent dieses feinen Cima besäße. Ich saß nicht mehr über den Frauen, auf einem freien Herrengipfel. Ich lag in der Tiefe, und über mir, auf einer feierlichen Höhe, saß eine Frau, die – was sollte ich es mir ableugnen – die ich von Tag zu Tag inniger liebte . . . Als wir auf dem letzten Blatt angekommen waren, reichte mir Eisen die Feder und sagte: »Schreib' dich jetzt auch ein, Götti, da unter mich! Für Mimeli hab' ich's schon besorgt.« Sei's denn! Aber gerade jetzt wäre ich am liebsten in der Gesellschaft dieser vielen Namen ein Unbekannter geblieben. Diese alle wußten genau, was sie waren; aber ich wußte weder recht, ob ich noch der alte Mensch war, noch ob ich ein neuer Mensch werden könne. Mein Name deckte mein Wesen nicht mehr, er schien mir eine Lüge. Man nannte mich Signor Walter. Das wäre genug. Es gibt einen Walther von der Vogelweide und einen Walter Raleigh und einen Walter Scott und vielleicht noch einen, der ein hübsches Weltkränzlein trägt. Aber dann kamen Millionen Walter, die geboren werden und sterben wie irgendein gewöhnliches Fleisch und Bein. Darunter war ich. Und von mir war es am besten, nichts zu wissen als eben dieses allgemeine, nichtssagende, verdienstlose Walter. »So schreib' doch einmal! Daß wir beisammenstehen und nicht so ein Schwab' oder Tschingg dazwischenhockt!« forderte Ernst unerbittlich und drückte mir die Hand auf die Zeile und machte Miene, mir die Schreibfinger wie einem Büblein der ersten Schulbank zu führen. Bist du denn auf einmal so schüchtern geworden wie ein Mädchen? tadelte ich mich. Donnerwetter, du trägst doch einen so ehrlichen Namen wie alle Unterschriftler hier! Wie haben sich die doch mit großem Gefühl eingetragen! Jedes Studentlein schreibt, woher es kommt und was es für ein glorreiches Fach meistert, und klext sich um eine Klasse höher an, als es wirklich dürfte. Da steht in einer kriegerischen Säbelschrift: Max Wirz, stud. elect. , in einer selbstbewußten, eigensinnig schnörkeligen: Octave Imer, cand. ing. – Da hat ein feiner Preuße sein Robert Lesser, stud. med. mit drei Kreuzlein verziert, um die studentische Würde zu bezeichnen, die er unter vielen gescheiten Berlinerjünglingen als der herrlichste und genialste innehat. O göttliche Menschen, die noch nichts hinter sich und alles, alles, Sterne, Sonnen und Siege noch vor sich haben! Schreibt euch nur aus bis aufs letzte Pünktlein eurer sichern, großen Person: ihr habt das Recht dazu! Aber auch die alten, erwachsenen Menschen, die über ein so unbegrenztes Hoffen hinaus sind, schreiben mit einer kostbaren, fast genußsüchtigen Freude zu ihrem Namen nicht bloß ihren Stand und Beruf, sondern vor allem den Namen ihrer Frau gleich wie eine Eroberung und dauerhafte Beute. »Was wartest du noch immer!« schimpfte Eisen. »Nun diktier' ich dir, vorwärts, los! Dr.  Walter Imber . . . Nein, Imber-Horat!« »Ich bin doch Witwer. Das Horat schreib' ich nicht mehr. Ich habe genug an meinem Namen!« gab ich ärgerlich zurück. »So schreib' Witwer!« riet Ernst. »Nein, wart', der prächtige Herr Capitano Giuseppe Rozziceno hat dazu gekritzelt: Scapolo, che vuol dir : H–a–g–e–s–t–o–l–z!« »Mach's doch noch länger, das verfluchte Wort!« entfuhr es mir grimmig, während ich den Namen schrieb. Zornig tunkte ich die Feder ins Tintenfaß, setzte zum himmelschreienden Wort Witwer an und tropfte einen gewaltigen Klex unversehens mitten ins Blatt. In diesem Augenblick legte der Capitano seine Hand auf meine Achsel. Lächelnd war er hinter unserm zwiespältigen Grüpplein gestanden und blickte nun mit einer lustigen und vornehmen Neugier, die seinen graublauen Augen famos anstand, auf meine schreibende Hand nieder. Und da dünkte mich das Wort Witwer plötzlich so beschämend, dieser Zustand etwas so Demütigendes und Armes, der Gemahl oder der Freier oder der Junggeselle so ganz allein in Recht und Macht, daß ich aus dem W ein H formte, so schwierig es ging, und frech ein breites Hagestolz fertigschrieb. » Dr. Walter Imber, Hagestolz . . . Bravo, bravo!« rief Ernst und klatschte in seine langen, immer bleichen, trockenen Hände. Aber der Capitano schüttelte leicht den Kopf und sagte in gebrochenem Deutsch und einem wahren Orgelbaß: »Das muß man lustigg scraiben . . . Niggt irato e furioso  . . . lustigg!« Und da ich ihn halb mit Widerspruch und halb mit Verlegenheit ansah und kein schnelles Gegenwort fand, tupfte er mir mit südlicher Energie auf die Brust und sagte: » Farla, sempre farla è il primo e l'ultimo per vivere rettamente. Mi scusi  . . . Igg abe zsehn Jahre di piu und bin glückligg!« » Farla, farla! « klang es mir stundenlang vor dem Einschlafen im Ohr im rollenden Orgelbaß des Capitano. Das heißt: geschehen lassen, kommen lassen, sich nicht sträuben gegen die Natur, aber die Natur auch nicht zwingen wollen: Farla, farla! Und – ich – bin – – glückligg! Gut, es komme, wie es will, wie es muß, dachte ich ergeben und schlief ein mit ruhig gekreuzten Armen, wie einer, der das Leben nun kommen und gehen läßt und nicht von der Stelle rückt, wenn die eine Welle, seine Welle, dahergewogt und ihn mit sich reißt – vielleicht, vielleicht, o, ich werde davon träumen, vielleicht zu ihr! *           * * Mein Vorsatz war unausführbar. Das sah ich gleich. Es wuchs etwas in mir und wurde immer mächtiger, obwohl ich ihm jedes Flecklein im Herzen streitig machte. Eine Sehnsucht und eine Begierde brannten auf, die nichts nach meinem Widerstand fragten. Sie warfen mich einfach über den Haufen. Umsonst versuchte ich, Reginen als widriges Mädchen und boshaftes Fräulein in mein Gedächtnis zurückzurufen. Jene Feindseligkeiten der schönen Jungfer hatten für mich geradezu einen tyrannischen Reiz, aus dem Schmerz einen Genuß zu machen. Sicher, immer hatte ich mich wie ein Schwächling, immer hat sich die Lob wie ein starkes, wehrhaftes Wesen benommen. Und fielen hundert und tausend Schatten aus den unreifen Jugendtagen auf sie, was war sie doch für eine Frau geworden! Jene Nachtwache mit ihr in der Weggisserstube dünkte mich jetzt die süßeste Erinnerung. Was für eine warme Hand hatte damals die meine gedrückt und wie duftete sie vom Reisigrauch und Ofenfeuer! Damals fing sie doch an, vertraulich mit mir zu reden. Und von da an hatte sie ein seltsam gütiges, wenn auch immer ernstes Auge für mich. Gewißlich, ich war ihr ein lieber Kamerad geworden, vielleicht so lieb wie ein Bruder. Ich selbst hatte ja auch geglaubt, meine inbrünstige Verehrung für sie sei ähnlich dem Gefühl eines Bruders zur Schwester. . . . Ach was, Bruder! Schwester! . . . Nichts dergleichen, das erriet ich nun, und nichts von Kameradschaft und Freundschaft! Nein, nein, das ist Liebe, unbeschreibliche, tiefe, überwältigende Liebe! Zu welcher irdischen Stunde – unirdisch dünkte sie mich eher – dieser unbezwingliche Funke in mich gefahren war, zum zweitenmal in meinem Leben, das wußte ich nicht. Er war jedenfalls nicht hurtig und flackernd gekommen, wie das erstemal. Das war ein Strohfeuer gewesen, ein schönes, helles, geschwätziges Strohfeuer, das keine Wärme und Gluten behielt. Aber diesmal war das Feuer leise und verschwiegen in der hintersten Ecke meiner Seele erglommen und hatte langsam und kaum merkbar um sich gegriffen und mir alles Mögliche, nur nicht Liebe vorgetäuscht. Ich hatte denn auch meine abendlichen Doktorbriefe mit der warmen Hand eines Freundes nach Ilgis geschrieben. Einmal, ja, als die wollenen Socken kamen und ich mit zitternden Fingern in das dicke Maschenwerk bis zu den Zehen hinaufgriff und dachte, ob es von ihrer Hand oder nur von der Schafwolle so eigentümlich warm da drinnen sei, und als ich wahrhaft das gestrickte Zeug geküßt hätte, wenn die alte Else nicht mit ihren blitzenden Brillenaugen mich wie eine starre, wache Eule angeglotzt hätte, ja, damals hatte ich einen schnellen leidenschaftlichen Augenblick. Und ich bin rot dabei geworden und habe nicht mehr geradeswegs in die zwei Augengläser zu schauen gewagt. Aber später stand ich am Siechbett Theodors, und alle Unreinheit wich vor dieser Matrone und ihrem geläuterten Heldengeist. Damals hätte ich alles geopfert, was sie nur heischen konnte, um ihren Gemahl zu retten, so rührend und groß und lieb wurde sie mir. Da kam der Tod und Paulinens seltsamer Brief. Theodor erlosch vor meinen Augen, als wäre er nie gewesen. Sie aber wurde nun erst recht wichtig. Witwe ward sie und frei und sah noch jung und schön aus. Sie war im schönsten Recht, zu lieben und glücklich zu werden. Und hier, an diesem Punkt fing meine Leidenschaft an. Vorher war sie in die alte Stube des gesetzlichen Zwanges gehalten worden, die Fenster ehrsam verschlossen und das Pförtlein züchtig verriegelt. Aber dann hatte das Schicksal mit Theodors Tod die Lage von Grund aus geändert. Ein frischer Wind ging durch meine Stube, hoffnungsreich standen meine Fenster offen, eine neue Sonne blitzte herein, und ich selber kam mir vor wie unter der Türe stehend und nach Regina ausschauend, ob sie sich auch so frei fühle, auch irgendwo an der geöffneten Schwelle stehe und es auch noch einmal ausprobieren möchte, zu zweien stark und selig zu werden. Alle jene Kleinigkeiten in Elfchens Brief, wo von mir und ihr die Rede war, las ich dutzendmal und suchte sie zu meinen Gunsten zu vergrößern und weiß Gott wie hoch und wichtig zu machen. Und hundertmal fragte ich mich: Hat sie, die doch ohne gewaltige Liebe nicht leben kann, genug am Toten? Braucht sie nicht wieder etwas Lebendiges? Und wenn sie das braucht, was bin ich zur Stunde? Denkt sie wohl auch manchmal, nicht so stürmisch und nicht so klar, aber mit einem leisen, frauenhaften Trost an mich? Ist nicht vielleicht ein tausendstel Fünklein von dem, was mich brennen macht, auf dem unsichtbaren und geheimnisvollen Weg der Liebe und Gegenliebe zu ihr hinübergesprungen? Habe ich Hoffnung, diesen Funken zu entfachen? Wenn das möglich wäre . . . Bei diesem Gedanken wurde mir heiß und bang. Ah, wenn sie mich liebte, wie sie Theodor geliebt hat . . . Nein, das ist eine Unmöglichkeit, das wäre zuviel Seligkeit für mich! Ich verlor den Appetit und alle Freude am Bergsteigen vor solchen großen, neuen Kümmernissen des Herzens. Oft zwang ich mich, mit Mimeli und Ernst zu spielen, um diese ewige Quälerei im Innern zu betäuben. Doch sogar die Gesellschaft der Kinder tat mir jetzt weh. Öfter und lieber spazierte ich allein unter den hellen Lärchen haldenauf und haldenab, setzte mich an eines der vielen bergab rinnenden Wasser und wollte heftig wissen: warum doch so ein Bach in steter Lustigkeit spielen und so eine heitere Lärche in ungetrübter Gesundheit sich ausbreiten und so ein weißes Flatterwölklein ob allem in herzlosem Leichtsinn durchs Blaue gaukeln dürfe. Ich beneidete sie alle um ihre göttliche Seelenlosigkeit. Auch die Felsen ärgerten mich in ihrer nervenlosen, harten, großartigen Behaglichkeit, die morgen und übermorgen und nach hundert Jahren gleichmütig verharren, während Millionen Menschen vor Glück und mehr noch vor Not wie Glas zerspringen und manches gewaltige Leben zehnmal verscherben muß. Warum ist der Mensch allein so empfindsam gemacht durch alle heiße Haut bis in die härtesten Knochen? Ich schöpfte eine Handvoll Wasser, das stahlblau vom nahen Gletscher kommt, über den Nacken, um mich abzukühlen. Aber danach brannte mein Gehirn nur noch heißer. In meinen Schläfen musizierte das Blut, und ein wahrer Schwindel flirrte mir durch Stirne und Augen. Ich versuchte, an mein liebes Mimeli zu denken. Aber es half so wenig, wie wenn man mit einem milden und feinen Stern die grenzenlose Mittagsonne vertreiben wollte. Wohl aber befiel mich dann eine große Scham vor dem Kinde, und ich schalt mich einen schlechten Vater; denn mir war, ich sei untreu und falsch und pflichtvergessen gegen mein Töchterlein. Es müsse schweres Unrecht von mir erleiden. Wenn Mimeli unversehens mich ansprach oder aus einem Gebüsch plötzlich in meinen hintersinnigen Spaziergang hineinstürzte, erschrak ich jedesmal wie ein Sünder, der auf einem großen Verbrechen ertappt wurde. Aber noch schlimmer war das: Mimeli rümpfte dann jedesmal die kleine wachsweiße Stirne und forschte mich lange mit seinen großen, stillstehenden Augen aus. Ich kam ihm jedenfalls seltsam vor. Mehrmals bemerkte ich, wie Ernst Eisen es dann am Arm packte und mit ihm durch die lichten Lärchen wegschritt. Und ich sah, wie er ihm allerlei ins Ohr tuschelte, wobei das Kind den Kopf schüttelte und ungläubig zu mir zurückblickte. Aber Ernst nickte gebieterisch mit seinem langen Herrengesicht, und Mimeli schüttelte nicht mehr den Kopf. Und beide lächelten verschmitzt, wenn sie zu mir zurückkehrten. Gerne hätte ich sie ausgeforscht über ihre Geheimtuerei. Aber ich wagte Mimeli nicht zu fragen. Ich fürchtete mich vor der Wahrheit seiner reinen Lippen. Und Ernsts spöttisches Lächeln und schlaues Augenblinzeln scheute ich womöglich noch mehr. Eines Tages saß ich wieder an meinem Bachplätzchen und ärgerte mich aufs neue über den unbekümmerten Mutwillen dieses Wassers. Wieder schien mir alle Natur um mich herum glücklicher. Der Mensch allein mitten drin hat allen Schmerz aufgebürdet bekommen. Ich warf mich auf die von kurzem Heidelbeerkraut und Alpenrosen bewachsene Erde, und wo mich ein kühles Blatt berührte, tat es mir wohl wie Balsam. Da setzte sich eine dicke, häßliche Speckfliege auf ein Zweiglein hart neben mir. Ich scheuchte sie weg. Im Nu war sie wieder da. So ein drittes und viertes Mal. Und jedesmal spreizte sie sich festlich auf dem Blatt aus und ließ die grellen Farben ihrer Staatsfigur in der Sonne nach allen Seiten spielen, so daß es bald grün, bald rot, bald violett um sie schimmerte. Welch ein gespreiztes, eitelsüchtiges Tun, dachte ich und erhob sachte die Hand, um das Tier nun tödlich zu treffen. Da surrte eine andere, etwas schmalere Fliege erschreckt aus dem nächsten Laub hervor und schlüpfte in ein anderes Versteck. Sogleich schwirrte die erste Fliege ihr nach, aber nicht zu nahe, sondern sie stellte sich gleichsam vor ihr Fenster, und zwar so, daß die Sonne ihre Figur aufs neue in die schönste Regenbogen-Gloriole setzte. Aha, Männchen und Weibchen! Nun wurde ich interessierter. Die Sache ging mich sozusagen auch etwas an. Ich mußte staunen, wie das Männchen sich schön machte und wie das Weibchen aus seinem Gitter hervorblinzelte und, je näher das Männchen rückte, um so langsamer und wohl nur aus einer weiblichen Anstandspflicht zurückwich. Manchmal hob das Männchen seine glitzerigen Flügel und schlug ein brillantes Rad damit. Das war seine höchste Kunst. Dann zitterte auch dem Weibchen das durchsichtige Gefieder, und es konnte sein vorwitziges Rüsselchen einfach nicht mehr stillhalten. Es schnupperte und sog . . . die Liebe ein. Und mir war, seine hundert Zwergäuglein leuchteten wie hundert Diamanten. So, so, da haben wir es! Mut muß man haben, ein bißchen frech muß man sein! Im Winkel wird kein Freier froh. Nachjagen muß man, folgen auf dem Fuß! Farla, lasciar farla : das ist der Spruch der Lebens-Klassiker. Aber ich bin kein Klassiker. Wer liebt, lebt nicht klassisch. Farla, lasciar farla : das ist wohl auch noch häufiger der Witz, den eine geduldige und phlegmatische Gesetzlichkeit im Munde führt. Nein, das kann niemals Natur sein! Die Natur will es anders. Wenn man liebt, darf man kein Philister sein. Dann muß man dem geliebten, ersehnten Weibchen nachjagen, muß vor ihm glänzen, es locken und verwirren, muß mit seinen schönsten Sonntagsflügeln ein Feuerwerk um sich schlagen. Nur so hat das Lieben Sinn und Ziel. So hat es die Natur in sich, so wollte es ihr weiser Schöpfer, und das ist höhere Vernunft als die Pedantenvernunft in einem kleinen, klügelnden Menschenschädel . . . Mit diesem tüchtigen philosophischen Gewinst kehrte ich ins Gasthaus zurück, und ich merkte wohl, daß meine Sprünge über die Bäche kühner und meine Schritte im Gestein länger und beherzter waren als im Hinweg. Es wehte ohne Zweifel ein ganz eigener, frischer Mut in mir. Nur wußte ich nicht genau, was ich damit anfangen solle oder wie ich ihn gleich recht eindringlich profitieren könne. Zwei Tage trug ich ihn mit mir herum wie ein köstlich, aber gefährlich gefülltes Gefäß, das man nicht recht zu öffnen weiß und das doch erst geöffnet wirksam wäre. Ich war übermütig mit den Kindern und machte mit ausgelassenem Humor das verdammte italienische Kartenspiel Sette e mezzo mit. Dann, wenn der Lärm vorüber war und Ernst neben mir in einem leisen, tapfern Schnarchen schlief, dann ward wieder alles dunkel, und die künstliche Sicherheit des Tages und der Mut und Stolz krochen mir in die Schuhe hinunter. Am dritten Tag aber langte mit der späten Abendpost ein eiliger und bündiger und doch in den schönen, runden Kopfschleifen ihrer Kalligraphie geschriebener Brief meiner Schwester an. Ich möchte, hieß es darin, ihr und Reginen und den zwei kleinen Weggisserkindern ein ordentliches Quartier in All' Acqua besorgen. Bersolt habe Reginen streng verordnet, für ein paar Wochen von Ilgis wegzugehen, an einen Ort, der höher als Ilgis liege, wo ein Arzt in der Nähe und Ruhe neben guter geistiger Zerstreuung zu haben wäre. Da hätte Pauline gleich an All' Acqua gedacht, wo Walter seine Sommerfrische genieße und alle diese medizinischen Wünsche großartig erfüllt würden. Und Regina hätte nach einigem Widerstand sich darein ergeben, da ja die Kinder mitgehen durften und Pauline den kurzen Rest ihrer Ferien auch in All' Acqua zu verbringen versprach. Wohl hätte die Schreiberin durchaus ein paar ihrer Institutsmamsellchen in ihrem elterlichen Heim besuchen sollen; aber da Regina sich einfach weigerte, nach All' Acqua zu reisen ohne Paulinens Begleitung, und drohte, anders keinen Fuß aus Ilgis zu setzen, so habe Elfchen aus Freundschaft nachgegeben. Alles Weitere mündlich! Mir wirbelten die wenigen Zeilen beim Lesen wie in einem Schwindelanfall durcheinander. Ich wollte jauchzen vor Freude und wollte vor plötzlicher Verzagtheit gleich wieder telegraphieren: Nein, kommt nicht, ich habe Angst davor . . . Dann aber suchte ich das schönste, zweifenstrige Zimmer, das im obersten Stock des Gasthofs neben dem meinigen lag, durch Bitten und Trotzen und klingende Fürsprache für Regina zu erobern. Ein dicker Holländer und eine noch dickere Holländerin hielten es besetzt und gaben es erst preis, als der schlaue Forni ihnen eine bequemere Schlafkammer im ersten Stock einräumte. Dort logierten zwei junge Bergfexen, die nun in den zweiten Stock hinaufschossen und dort ihrerseits wieder ein Geschwisterpaar in die Einzelkammern unter dem Dach jagten. So ging wegen der einzigen Regina im Hause alles durcheinander. Ungefähr so sah es auch in meinem Herzen aus. Hunderterlei Erinnerungen an Regina erwachten, verhockte und versteckte Gedanken brachen hervor, das eine schoß zu oberst hinauf, das andere stürzte sich zu unterst hinab, eine Züglete und Neueinquartierung geschah genau wie im Gasthof, gern oder ungern, und ich empfand eine reine, neue Hausordnung auch in meinem Innern. In Reginens Kammer hatte ich dieses Gefühl am lautersten. O, es wird ihr da gefallen! Ein Fenster blickt zum Tessin hinunter und an den jenseitigen, bewaldeten Hang zur Assasine Vacche. Die eintönige Melodie des Flusses wirkt beruhigend, und das dunkle Tannengrün ist wie gemacht zur sanften Aufnahme der Traurigkeit. Dann aber mitten drin gelangt diese Dame Traurigkeit an eine hellere Lärchengruppe, die immer ein wenig lächelt, aber immer gerade so, daß es den Schwermütigen nicht verstimmen kann, sondern daß er gern ganz leise mitlächelt. Auch den frechen Spitz des Piz Giacomo sieht man noch gerade über den Rücken der Grandinagiakette in den Himmel stechen. Dieser felserne Mut ermutigt jeden Beschauer. Nur der Feigling erschrickt. Aber Regina ist kein Feigling. Sie ist einfach niedergeschmettert. Sie wird sich beim Aufschwung dieses Gipfels auch aufrichten, das weiß ich. Sie besitzt eine Kraft, die nicht liegen bleibt . . . Zum andern Fenster gen Westen herein schaut die allernächste Weide mit Hüttlein und einsamen schönen Bäumen und dem gemütlichen Vieh ringsum. Wer diesen lustigen Geißen und vor allem dem jungen, übermütigen Stier zusieht, der kann nicht vertrauern und versauern. Der grüne Lebensappetit packt auch ihn wieder an beiden Hüften und stößt ihn vorwärts. O, diese Kammer ist ein Gesundheitsstüblein bester Sorte! Hier wird Regina mit Klärli schlafen. Pauline kann bei Mimeli und Arnoldli bei Ernst liegen. Ah, wie schön, wie reich wird jetzt mein Leben! Welch eine Familie gibt das untereinander! Mein Glück steht leibhaftig vor der Türe . . . Fliegenmännchen, Fliegenweibchen! Diesmal hat das Weibchen den Anfang gemacht. Es fliegt zu mir, wenn auch zaghaft. Nun soll es auch an mir nicht fehlen. Glänzen kann ich nicht. Aber gut sein kann ich und herzlich sein und . . . sicher auch herzhaft sein! Am langen, niedrigen, lehmgelben Bahnhof von Airolo, vor dessen Geleisen eine so stille Wiese liegt und auf dessen moderne Unruhe der alte Monte Vespero mit seinem goldgelben Alpenrasen und seinem grauen Gefels so gelassen herabschaut, wartete ich mit Herzklopfen und in nervösem, nutzlosem Auf- und Ablaufen auf den Gotthardzug. Als die Signalglocke über den Perron klingelte, meinte ich, es lache und spöttle etwas in mir: Was erwartest du eigentlich? Dein Glück? Da kommst du viel zu spät! Lauf, lauf weg, solange es noch Zeit ist! Du wirst nichts als Verdruß und Scham davon haben. Noch drei Minuten! Geh! Noch zwei . . . noch eine! Geh! Hörst du mich nicht, Narr, deine Narrenschelle! Beinahe wäre ich ausgerissen. Da zog der Wärter am nahen Bedrettosträßchen die Barriere zu. Schmetternd fiel der Schlagbaum in den Pflock. So entschieden versperrte er den Durchpaß, daß mir diese eiserne Energie tief in die Knochen fuhr. Das ist nun nicht mehr zu ändern, sagte ich plötzlich erfrischt. Jeder Ausweg ist versperrt. Was einmal beschlossen ist, muß geschehen! Zurück an deinen Platz und warte auf den Wagen und reich' ihr die Hand zum Tritt hinauf . . . Und weiter: Denk' an die tapfere Fliege! Endlich hörte man den schweren Zug mit der Berglokomotive voran aus dem Tunnel rollen. Jetzt zog das gewaltige Unwesen zwar mit verstaubten, trüben Augen, aber mit einem ungeheuern Knurren und Zischen wie ein grimmiges Raubtier den schwachen Bogen gegen den Bahnhof. Der Bahnsteig erzitterte unter seinen Pratzen, und die Luft rauchte von seinem Fauchen blau und grau und giftig. Nun stand der Unhold still und ward im selben Augenblick eine ganz gewöhnliche, langweilige Zeile von gleichen Wagen, müden, häßlichen Fenstern, die sich öffnen und mit verschwitzten Gesichtern füllen, und mit einer stumpfsinnigen Lokomotive zuvorderst. Im Vorüberfahren hatte ich geglaubt, Paulinens unendlichen, blonden Haarschopf mit der grünen Masche zu sehen. Ich lief dem kleinen Schimmer nach, und sieh da, mein schier kugelrundes, aber flinkbeiniges und schnellmauliges Fräulein Schwesterchen stand schon auf dem Wagenbrett mit Sonnenschirmen, Bergstöcken, Handtaschen, einem Alpenrosenstrauß und mit einem Buch von Ernst Zahn in Händen und schwatzte mächtig in den Wagen hinein und noch lustiger heraus und zu mir herunter. Ich verstand kein Wort und war so dumm und schüchtern, daß ich zweimal vor meiner leibhaftigen Schwester den Hut zog und ›Guten Tag miteinander!‹ sagte, statt irgendwas von ihrem Trödel abzunehmen. Jetzt kamen ein paar dunkle, schneidige Pumphosen zum Vorschein, dann ein breites, steifes, schwarzes Kinderröcklein – dann, o Gott, hilf, kam Regina selber im schwarzseidenen Rock und in einem schwarzverschleierten Witwenhäubchen! Ich mußte sie fest und tief anschauen. Nie war ihre Bronze so dunkel und doch so leuchtend gewesen. Sie hatte ein Gesicht, wie man es aus uralten, verschatteten und vernachteten Porträten hervorschauen sieht, einen Teint wie Gold, aber umwoben mit etwas unsäglich Zartem und Tiefem, wie mit Dämmerung. Ihre Augen schienen mir größer als je, braun wie Harz und an den Rändern von einem blutigen Schimmer umzündet. Sie trat mit zwei festen Tritten zu mir hernieder, ohne meinen Arm zu nehmen, und drückte mir dann voll Ruhe die Hand. »Willst du uns ein bißchen ums Gepäck sorgen,« sagte sie ruhig; »wir möchten sogleich nach deinem gelobten Ländlein aufbrechen. Da hinüber, nicht wahr?« Sie zeigte zum kleinen Bergschnitt, der sich im Winkel des Tales gegen Abend öffnet und aus dem ein helles, gelbes Alpenlicht hervorbrach. Dann sprach sie nichts mehr zu mir. Wir gingen langsam den holperigen Pfad, hoch am jenseitigen Tessinufer, ins Bedrettotal hinein. Zwischen den Tannenwipfeln unter uns schimmerte es manchmal schaumweiß aus dem Kessel empor. Aber das tiefe Wasserbrummen verließ uns keinen Augenblick. Ich war so befangen, daß Arnoldli und Klärchen bald nichts mehr mit mir anzufangen wußten und sich wieder an der hurtigen, plauderreichen Pauline herumzerrten. Sie hingen sich rechts und links in ihre runden Ellbogen und fingerten mit der freien Hand nach allem in ihrer unverdorbenen Neugier: nach den italienischen Dörflein hoch in den Hügelwiesen, wo alle Häuser so klein und schwarz von der Sonne, aber der Albergo und die Kirchmauer so blendendweiß vom Kalk sind. Wie spaßig das war! Dann nach den vielen schönen, südlichen Schmetterlingen, nach den Erdbeeren am Weg, nach den Eidechsen im Straßengräblein. Dann frecher und weiter hinaus, nach den vielen Wasserfällen und nach den hellgrauen Gotthardzacken, die hintereinander hervorbrechen, einer den andern immer wieder übertrumpfend, bis zum kleinen Kegel des Pizzo Rotondo, der prahlerisch aus seinem Zwergköpflein hervorsagt: Ich bin der oberste! Besonders dem Bübel riß es die Beine auseinander vor Eifer, das alles nahe zu packen und rasch zu erfahren, was nun weiter komme, jetzt nach dieser Wegkrümmung, jetzt nach jener Hügelzunge. Das Trüpplein mit der kurzen, runden Jungfer inmitten und ihrem stetig bewegten Rosenblattmund zappelte immer lustiger voran, immer ferner, bis es plötzlich im Dörflein Osasco verschwand. Regina und ich gingen in einem kleinen Abstand nebeneinander. Sie wollte mich nicht näher haben. Zweimal hatte ich es versucht. Daun ging sie rasch einen Schritt voraus oder hielt sich einen Schritt zurück. Das befremdete mich und noch mehr das Stillschweigen. Ich studierte mit schwerem Kopf, was ich um Gottes willen mit ihr besprechen könnte. Es mußte etwas Apartes, sehr Geschicktes sein, so etwa, daß es die Trauer nicht aufweckte und sie doch auch nicht leichtfertig überschwatzen wollte, nichts Düsteres und nichts zu Helles. Aber ich fand nichts von solcher Art. Alles schien mir dumm, was ich auch ersinnen mochte. Meine Verzagtheit nahm dabei zu. Ich erschrak schon, wenn ich nur ans erste laute Wort dachte, womit ich eine so große und schwere Stille zwischen uns beiden durchbrechen würde. Je länger, desto stummer ward meine Seele. Aber auch immer enger und heißer machte mir dieses Schweigen. Hätte ich doch Mimeli und Ernst mitgenommen! Mit Bedacht hatte ich die Kinder angewiesen, erst, wenn wir hinter Ronco zum letztenmal über den Tessin geschritten wären, am Waldbeginn, uns zu erwarten. Sie sollten uns vorher nicht stören und das schöne liebevolle Gespinst, das zwischen Regina und mir unterwegs schon mächtig von beiden Seiten gewoben würde, nicht mit ihrem täppischen, unwissenden, frechen Zwischenspiel hemmen. O ich Narr! So leicht dachte ich, was jetzt wieder so schroff und hart wie eine Unmöglichkeit erschien. Der Rotondo dort hinten am Himmel war nicht steiler. Auf seinem Gipfel bin ich noch nie gewesen. Ich hatte immer ein Bangen davor. Wie eine kalte Ablehnung erschien er mir von hier. Ja, dachte ich, wenn ich vielleicht den Mut hätte, auf seinen Gipfel zu klettern, dann hätte ich auch den Mut zur andern Erstürmung. Aber mir mißlingt beides . . . Unterdessen schritten auch wir durch die kurze, dunkle Dorfgasse von Osasco. Einige stille Weiber sahen wir. Die Männer weilen oben in den Alpweiden. Ein halbwüchsiges Mädchen trug einen Kessel voll Wasser zum Haus, schweigsam und ernstäugig. Die Gesichter dieser Leute sind alle nicht lustig. Sie haben in dieser unfruchtbaren Berghöhe große Beschwerde mit dem Leben. Der Boden ist steinig und mager, das Geld rar, die Arbeit schwer wie der Granit dieser Berge. Ein Schnee von acht Monaten deckt ihre Häupter. Ihre Kinder, sobald sie schöne Mädchen und schlanke Burschen und ein Stolz der Alten werden, wandern in alle Welt hinaus. So haben sie nichts, worauf sie sich freuen könnten als im Winter den warmen Ofen und das lange Schlafen und im Sommer einen guten Sonnenschein, der ihre dürftigen Gemüse reift. Regina sah den Weiler und seine wenigen Menschen aufmerksam an. Die Härte und Verschlossenheit dieser Gesichter fiel wohl auch ihr auf. Ah ja, das war nun doch etwas, worüber ich mit ihr reden konnte! Das war traurig und ging uns eigentlich doch nicht an den Leib. Es tut nicht weh und machte doch teilnehmend. Von dem also! »Regina,« sagte ich recht laut, aus Angst, ich brächte das Wort sonst nicht heraus, »sag', wie gefallen dir eigentlich die Leute hier? Nicht wahr,« eilte ich fieberhaft vorwärts, »sie tragen etwas Schweres im Gesicht? Wie ein Gewicht! Aber, du mußt wissen, ihr Leben ist auch so wie ein großes Steingewicht!« Ich fühlte, wie Reginens lange, glänzende Augen auf mir ruhten und weitern Bescheid erwarteten. Da wurde ich mutiger: »Sie sind arm. Besonders dieses Weibervolk. Auf diesem geizigen Fleck Erde können sie überhaupt nie reich werden. Das wissen sie. Und so ergeben sie sich in einen kurzen Sommer, fern von den Männern, da hinten bei Kaffee und Gerste und schweren, stillen Stunden, und in einen Winter mit dunklen Stuben und tiefem Schnee und kurzem Tag und einem Mannsvolk am Tisch, das ihnen nur den Rest von Kaffee und Gerste in der Schüssel übrigläßt . . .« Regina blickte mich ungläubig an. So elende Frauen? Das kann nicht sein. Das hört sie nicht gern. Aber das muß sie jetzt fertig bekommen. Sie ist selig dagegen. »So ist es, Regina! Schau' die Frau da vom Trog heraufkommen! Welch eine Last Wasser schleppt sie bergauf! Wie sie das Gesicht zu Boden drückt. Sie hat uns kaum den Gruß abgenommen. Hast du gesehen, was für ein altes Gesicht sie macht? Und sicher ist sie noch nicht viel über dreißig Jahre alt. Mir kommt sie nicht anders vor als eine Sklavin oder eine Maschine, die muß, muß, muß! Sie wehrt sich nicht und leidet stumm, solange sie leiden kann. Dort drüben bei Villa ist der Friedhof. Dort wird es dann völlig still mit diesem Leben, das schon immer so still und zur Erde gebückt war.« Regina öffnete ihren langen Mund und ihre Augen blitzten. Eine scharfe Furche zerschnitt ihre Stirne mitten von Schläfe zu Schläfe. Es war ihre alte Gebärde vor dem Angriff. Um zehn Jahre jünger wurde sie von der Sekunde an. Ich konnte das nicht sehen, ohne helle, frohe Bewunderung. Umsonst stritt ich wider ein glückliches Lächeln. Es sprang mir über die Augen hinaus auf die Wangen. Ich spürte es und schämte und freute mich zugleich. »Nicht, nicht, Regina!« wehrte ich rasch. »Es ist einmal unumstößlich so. Wir sind die Glücklichen. Wir stehen in der Sonne. Aber hier ist nur Schatten und Not. Und das mußt du jetzt ordentlich anschauen, daß du merkst, was du . . . und ich . . . was wir noch für Licht und was für Liebe und was für ein Lachen haben! Ja, ich sage Lachen, Regina!« fuhr ich immer ungestümer fort. »Lachen, das ist erlaubt, das ist gesund, das ist schön! Man muß lachen, wenn man noch nicht tot ist. Nur die Toten lachen nicht mehr und die Lebendigen auch nicht, die sich wie Tote benehmen. Hier freilich lachen die Menschen nicht . . .« Ich fühlte gut, wie sehr ich übertrieb. Die Hauptsache von der Magerkeit und Armut dieses Tales ließ sich nicht bestreiten. Aber ich löschte nach der großen Lampe des allgemeinen Wohlseins auch noch jedes kleine Kerzlein irgendeines Winkelglücks aus. Der Vorteil dieser Minute übernahm mich. Ganz ausnutzen wollte ich ihn. Ausweiden wie ein Beutestück aufs letzte Gerippe. »Höre, Walter,« unterbrach mich Regina und stand mitten im Gäßchen still. »Sind denn das so andere Menschen als die überm Gotthard? Wegen eines einzigen Gebirges dazwischen schon ganz andere Menschen? Denn bei uns drüben . . .« »Das sage ich nicht, Regina,« fiel ich hastig ihr ins Wort, und wie Musik hallte das erste, schöne ›Walter‹ aus ihrem Munde durch meinen Kopf. »Das sage ich fürwahr nicht. Auch bei uns auf dem Bauernlande . . .« »Halt, du hast mir – nein, laß mich das nur dazwischensagen – du hast mir einmal von so einer Bäuerin erzählt! Weißt du das noch? Sie war todkrank, in der Eisenbahn, und mußte von ihrem Mann und Kind fort in ein Sanatorium. Ich habe das nicht vergessen, wie sie sich zusammenhielt und ohne Stütze aus dem Wagen zur Kutsche hinüberging. So wehrt sich eine Frau. Das ist die Wahrheit. Meinst du, das sei hier anders? Wenn diese Jungfer mit dem großen Zuber still und ernst ist und nicht pfeift und zappelt wie unsere Gofen am Dorfbrunnen, so dünkt mich das ganz schön. Die hat Verstand, denke ich. Die weiß schon, was Leben und Arbeiten ist. Wenn man das weiß und gar, wenn man es schon früh weiß, lacht man nicht mehr so viel, wie du meinst. Übrigens wundere ich mich über dich. Du selbst hast ja gar selten gelacht. Zehnmal weniger als Theodor selig. Und da hast du wenigstens einmal recht gehabt!« Rasch schritt sie bei diesem Schluß der Rede das Sträßchen voraus. Ich konnte nur staunen, wie sicher sie es tat. Nie hätte ich ihr zugetraut, daß sie so ruhig den Namen ihres verstorbenen Gatten auszusprechen vermöchte. »Regina,« rief ich und berührte sie leicht am Arm, »du hast vielleicht recht mit dem Lachen; aber . . .« »Und ich erinnere mich noch gut,« unterbrach sie mich und strebte wuchtig vorwärts, »daß du mir gerade von Urselchens Lachen mit Verdruß erzählt hast. Es paßte dir nicht. Und du hattest recht. Seitdem habe auch ich das Ding etwas anders angeschaut. Ich weiß jetzt wohl, auch Theodor hat zuviel gelacht. Ich darf es jetzt sagen. Es tut ihm nicht mehr weh. Aber wenn er alles weniger lustig genommen hätte, von klein auf . . . Walter, weißt, wie es heißt: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten . . .« »Ach was, Regina, das ist doch nicht das gleiche!« wandte ich unsicher ein und spürte immer mehr, wie ich den Boden unter mir verlor. »Es gibt Leute, die wollen nicht lachen. Vielleicht sind das Philosophen oder sie haben einen steifen Lachmuskel oder es steht ihnen sonst nicht an. Und andere Menschen, die möchten wohl; aber sie dürfen, sie können nicht lachen. Und von solchen habe ich dir erzählt. Da hat Pauline . . .« »Paß auf! Du trittst auf ein Schnecklein!« Mit Not trat ich daneben. Das Tier war gesprenkelt braun und grau und trug seinen zierlichen Palast auf dem Rücken und stieß fröhlich die vier Hörner aus und ein, aus allem Staub und aller stündlichen Lebensgefahr. Regina hob die Schnecke am Hausgipfel aus dem Kot und warf sie ins sichere Gras hinüber. Das Tier klebte zäh am Häuschen. O, es wollte noch lange leben und froh leben, aber nicht ohne seine feine Stube! Ich fühlte, daß dieses Schleimgeschöpfchen da imstande wäre, meine ganze Beweisführung über den Haufen zu werfen. »Was hat Pauline?« fragte mich die Gespanin. »In Göschenen hat sie mein Lieblingsbuch von Johannes Jegerlehner gekauft, ›An Gletscherbächen‹. Du liesest es an einem Regentag da oben vielleicht auch. Da sieh dann nur zu: durch alle Bücher unserer Alpenerzähler, der Heer und Zahn und Carnot, des innigen Bündners, wachsen schwere Felsen und schwarze Tannen und donnern Bäche und wird es früh Nacht und gibt es Frost und Schwielen. Aber gelacht wird kaum und nie leicht oder leer. Der Poet weiß das. Sein Volk drüben langt mit einer Hand an den gleichen harten, unfruchtbaren Alpenfels hinauf, zu dem das Volk hier mit der andern magern Hand heraufreicht. Aber wenn ein Tessiner diese Hiesigen schilderte wie Ernst Zahn die Urner drüben, etwa der famose Ferruccio Bolla, ich sage dir, dann würde in all den Histörchen noch viel weniger gelacht. Drüben haben sie noch ein strammes, frisches Blut und ein großartiges Fremdenwesen und manche kleine Industrie, aber hier nur Hunger und Steine!« »Mich bringst du doch nicht zum Lachen, weißt du! Ich darf es und kann es nicht mehr, male wie du willst! Immer mußt du ein wenig dichten, das ist schade!« »Vielleicht habe ich zu dick gemalt, das kann sein. Aber eines übersiehst du doch: du verwechselst uns mit den Leuten hier. Jene Frau in der Eisenbahn hat keinen Hunger gehabt. Aber hier haben sie Hunger. Und frieren mußte sie auch nicht. Aber hier friert man einmal und schwitzt einmal und kann keinem entfliehen. Und wenn jene deutsche Frau müde wurde, hat sie der Magd rufen und ans Fenster sitzen und mit gefalteten Händen zuschauen können. Aber hier gibt es nur Mägde. Alle sind sie Mägde dieser kargen Erde, Mägde dieser mageren Geißen, Mägde dieses harten Wasserholens und Beerensuchens und Viehweidens und Holzsammelns, Mägde dieses Fronlebens! Alles wird eben ganz anders, auch das Lachen, wenn man arm ist. O, davon weißt du halt gar nichts!« Jetzt stand Regina heftig still. Sie war aus aller Gesetztheit geraten. Mit heimlicher Genugtuung sah ich, wie ihr die helle Entrüstung ins Auge stieg und ihre dünnen Lippen sich schürzten. Mochte ich denn die Sache hier zehnmal verspielen, meinetwegen, wenn Regina nur wach wurde und ein recht reges und lebensfrohes Wesen zurückbekam! »Also die Reichen,« fuhr sie auf, »dürfen lachen. Aber die Armen nicht! O du Philosoph! Und Urselchen, das reich und sorglos war wie ein Vogel im Hanfsamen? Walter, du bist ein ganz schlechter Advokat geworden. Einen in die Enge treiben kannst du nicht mehr. Dich selber, ja!« Ihr Gesicht ging bei diesem Spott in einer liebenswürdigen Helligkeit auf. »Nun denn,« sagte ich mit erkünstelter Verdrossenheit und nahm allen Mut für dieses freche Sätzchen zusammen, »ob ich gut oder übel plädiere, du weißt recht genau, was ich möchte . . . daß du . . . Regina . . . wieder mit uns lieben Leuten lachst . . . Das!« beschloß ich aufschnaufend. Ich erwartete eine scharfe Zurückweisung. Aber Regina schwieg und eilte mit großen Schritten vorwärts. Eine geraume Zeit herrschte wieder Stille zwischen uns. Immer nur rauschte dumpf und tief im Baß das gekrümmte Wasser des Tessins aus der Schlucht zu uns herauf. An irgendeiner schroffen Ecke des Weges schüttelte der Zugwind die Tannen. Das gab ein kräftiges Brausen, wie wenn eine Schar Erwachsener laut streitet. Aber wenn die Luft durch die Lärchen fuhr, so war es wie ein stimmenhelles, ungebrochenes Knabenlied zu hören. Und beides, das Brausen und das Singen, flößte mir Mut ein. Ich dachte: Armer Fluß da unten, du hast kein herzhaftes Blut, sonst würdest du dich mit einem Ruck aus diesem engen Marterbett befreien. Aber du bist feig wie ein getretener Wurm. Nur winden kannst du dich und jammern dazu. So will ich nicht sein. Mut! Nicht wie die Tosa, nein, das ist zu verwegen, und man büßt es hernach schwer. Aber noch weniger wie der gefolterte Kerl da unten. Nein, wie der Wind durch die Bäume. Er kommt dort hoch von den Gipfeln herab. Wie frisch er geht! Wie er meine entzündeten Wangen kühlt und mir so lustig, wie Kinderfinger, durch den Bart fährt! Ei, das ist ein herzhafter! Hoch oder niedrig, das ist ihm alles gleich. Ich mach's auch so. Ja, du dort oben, Pizzo Rotondo, reize mich nur nicht zu lange, Kerl, mit deinem Zipfelknöpflein! Ich werde es packen, und nachher, nachher . . . Die große Frau Regina schritt gewaltig aus. Hinter dem Dorf Bedretto werden wir bald unsere Vorhut erreichen. Sie haben Beeren von den Ränften gelesen und warten jetzt. Nur noch eine kurze Gnadenzeit, dann sind wir nicht mehr allein. Vielleicht gar nie mehr in All' Acqua. Nütze doch, nütze die paar Minuten! Aber verdirb auch nichts! Es steht nicht schlecht um dich und um sie! Ich strengte mich unendlich an, was ich ans vorige Wort knüpfen könnte, was noch mehr besagte und noch tiefer gedeutet würde. Aber ich war von Gott und jedem guten Gedanken verlassen. Noch zwanzig Schritte, dann hatten wir unsere Leute erreicht. Da in der dringendsten Zeit sah ich plötzlich aus dem belaubten Bord der Straße eine große, reife Erdbeere niederleuchten. Die war den Kindern entgangen. Mir schoß ein schöner, tüchtiger Gedanke hell und schnell wie ein Blitz durchs Gehirn. Sachte brach ich den dünnen, duftigklebrigen Stengel und bot Reginen die Beere: »Ich weiß jetzt nichts, schau', gar nichts anderes zu dir zu sagen als: Nimm die schöne Erdbeere da und merk', wie süß sie ist, und lächle ein wenig, liebe Regina, lächle ein wenig wie die rote Beere da! Tu mir die Liebe und nimm sie wenigstens . . . So! Und jetzt, jetzt lächle ein klein wenig! Nur ein Schimmerchen! Du machst mich wer weiß wie glücklich, wenn ich sehe, daß du wieder Lust am Leben bekommst . . . und auch an deinen Kindern . . . und an der schönen Welt da ringsum . . . und auch ein bißchen . . . an mir!« Sie zauderte und sah mich mit den langen, goldbraunen Zigeuneraugen schwankend im Ja und Nein an. Da bemerkte sie, wie meine Augen in zwei großen Tränen schwammen, und rupfte rasch die Beere weg und genoß sie. Sie lächelte nicht. Aber sie tat mehr. Sie ergriff meine Hand und drückte sie beherzt und sagte: »Du meinst es gut, Walter, das weiß ich!« Gleich darauf standen wir mitten im Gewirbel der drei Fante, nämlich der zwei losen Weggisserkinder und meiner runden Pauline. Obwohl ich jetzt ausgelassen mitspaßte, hörte ich eigentlich doch nichts von allem Geplapper vor dem Echo Reginens: »Du meinst es gut!« Mir war wohl dabei. Bei der Roncobrücke brachen mit einem schreckhaften Indianergeheul der lange Eisen und Mimeli hervor. Mein Kind sperrte mit einem langen Bergstock den Steg, und davor stand Ernst, bleich und stolz und silbergraue, kalte Wölklein im Aug', und schrie mit seiner dünnen Stimme: »Brückenzoll! Brückenzoll! Oder ich nehme euch alle gefangen in meine Felsenburg ob dem Walde dort.« »Was da?« schimpfte Arnoldli und blähte übermütig seine Purpurlippen, während die runden Nachtaugen vor Abenteuerlust förmlich übergluteten. »Wir hauen uns durch! Vorwärts, Klärli! Vorwärts, Tante Pauline! Bataillon, vorwärts, marsch!« Mit diesem letzten, großen Namen kommandierte er Reginen und mich. Aber die Armee gehorchte nicht, und mit einer einzigen harten Hand hatte ihn Eisen vor sein Knie niedergepreßt, wo Arnold tobte und schnaubte wie ein junger Teufel im Sack. Doch das Klärli faßte er mit der langen Rechten, schnellte es dreimal hoch auf über das wilde Wasser und sagte: »Mach' mir sofort einen Kuß, Meitli, mit deinem blauen Heidelbeermaul! Hübsch, da auf die Backe! Dann geb' ich dich und den Lappi da unten frei!« Und er bekam nicht nur einen, vier oder fünfe! »So, Kleiner, jetzt weißt du, wer hier König ist,« warf er dem jungen Weggisser zu, der die Knie abputzte und seinen Meister mit zornigem Respekt anglotzte. »Und du, Hexlein, bist wohl müde? Was hast du aber auch für kleine Beine! Wie ein Käfer! Holla, da hinauf!« Damit schwang er das Kind mit Sausen auf seine schmale Achsel und sprang den klotzigen, steilen Weg nach All' Acqua durch den Wald voraus. Mimeli legte bedenklich den großen Finger ans Mäulchen und schaute dem Wildling steif und sonderbar nach. Was war das? Da lief ihr bester Genoß mit einem andern, viel kleinern Mädchen davon. Und zuerst hat er es geküßt! Hat er das nun lieber? So eine Erfahrung geschieht ihr zum erstenmal. Ihre Augen sind trocken, aber voll Bitterkeit. Sie schaut dem Knaben nach bis zu den hintersten Stämmen und läßt Pauline und Arnoldli vorübergehen. Still am gleichen Fleck klebt sie . . . So traf ich mein Amselchen. »Was fehlt dir, Mimeli?« »Nichts!« sagte sie kurz, aber blickte steif dorthin, wo aus dem Gestrüpp noch ein Streifen grauer, straffer Hosen schimmert. Arnold merkt jetzt etwas und macht sich von Pauline los. »So komm mit mir, Liebes!« sagt Regina und langt nach Mimeli. Aber es weicht zur Seite. Es will nicht. Seine einfärbig großen, stillen Augen dringen durch Stämme und Kronen. Ganz finster wird das wächserne Kindesantlitz, und die Eifersucht zuckt mit kleinen, flinken Blitzen schon an diesem jungen Einfaltshimmel auf und nieder. Da sah ich Regina und sie mich instinktiv an. Wir verstanden das Kind auf einmal und wurden rot. Und im gleichen Augenblick hatten wir uns, eins sich dem andern, ohne es zu wollen, verraten . . . Schnell wandte ich mich ab. »Ach, der kommt schon wieder, Mimeli!« tröstete ich. »Er ist ein Narr!« Das Kind schüttelte eigensinnig den Kopf. »So komm jetzt!« Das Gof blieb stehen, als ginge es alles nichts an. Doch mehr und mehr füllten Schatten und Nässe das Kindesauge. Ich sah es kommen, das Weinen und das Zürnen. Da geschah ein Kinderwunder. Arnoldli berührte unversehens mit seiner braunen Ilgisserhand Mimelis Haar, das groß und gewellt an den breiten, weißen Schläfen niederfloß. Er sagte »Jetzt nehm' halt ich dich. Wir sind so stark zusammen wie der Ernst. Schau' mich an, ich bin fast so groß!« Mimeli blickte den elfjährigen Purpurknab, das reinste Gegenteil zum Kreideteufel Ernst Eisen, langsam aus den Tränenseelein hervor an. Er gefiel ihm. Wie er jetzt wieder die Oberlippe bis zur Nase aufblähte, daß die Zähne alle klein nebeneinander erschienen, und wie die dicht und blitzend aus dem roten Zahnfleisch wuchsen, wie einem jungen Wolf! Und wie seine runden Augen braunten! Nicht kalt, wie dem Eisen seine, nein, sie glühten wie Kohlen aus dem Ofenloch. Und stolz sah er aus und lustig dazu. Zwar seine Hosen waren noch schmutzig vom Kniefall; aber er selbst stand wieder makellos aufrecht wie ein rotes Fähnlein. Und er umschloß ihre Finger mit einem starken Griff. Wie ein Mann! »Hab' ich dir nicht im Winter einmal feine Geschichten erzählt? Bettler . . . Hunger . . . Walfisch . . . Millionär . . . Weißt du? Kann der Ernst solche Märlein sagen?« Sie schüttelte den Kopf. Ernst konnte keine Geschichten erzählen, er konnte nur Geschichtlein machen. »Und bin ich nicht mit dir im Stockdunkel den gächen Herrenbühl hinabgeschlittelt, um den Rank bei der Krone wie ein Bolz. Das kann Ernst auch nicht. Und skifahren kann er auch nicht!« Es ist wahr, Arnold konnte das alles. Er war sehr stark und sehr mächtig. Und er hatte eine laute Stimme. So schön konnte niemand brüllen. Wie eine junge, neue Stierenschelle brüllte er. Und er lachte immer, bei jedem Wort, in den Augen. O, er ist ein feiner Bub! »Darum gehen wir miteinander! Und kriegen wollen wir mit dem Ernst. Ich pack' ihn an den Armen, und du reißest ihn an den Beinen. Wir bodigen ihn, und ich hock' eine halbe Stunde lang auf ihm und zeig' ihm den Meister. Vorwärts, marsch!« »Ja, so komm!« entschloß sich Mimeli bündig und biß die beiden Eckzähne tief in die Unterlippe. »Wir wollen's ihm einmal zeigen . . .« Und sie lief nicht aus Liebe, aber aus Stolz und Zorn mit dem stürmischen Arnold den Wald hinauf. Pauline kehrte sich zu uns zurück und sagte lustig: »Welche Kinder!« Dann hielt sie betroffen inne, sah uns sorgsam und nahe ins Gesicht und fügte mit unvergleichlicher Schalkhaftigkeit bei: »Ich meine natürlich die da vorne!« *           * * Welch eine schöne, verinnerlichte Zeit fing jetzt an! Es waren Ferien wie noch keine in unserem Leben. Wir ruhten nicht bloß von der Arbeit und vom Kummer eines einzigen Jahres, nein, wir ruhten vom ganzen bisherigen hierhin und dorthin verschlagenen Lebenslauf aus. Es dünkte mich wie ein langer Feiertag in einer stillen Bucht. Die beiden Schiffer prüfen ihre Boote, bessern sie aus und spähen sichern Auges in die offene See, wo man gut oder übel gefahren sei und in was für einer unfehlbaren Richtung man morgen weiterreisen werde. Und sie schlagen sich in die Hände und sagen: »Mitsammen!« Zwar bleibt noch jeder Teil auf seinem Fahrzeug. Aber Steuer und Segel weisen aufs gleiche Ziel. Man ist in zweierlei Gehäusen doch schon eins. Noch eine gesonderte Fahrt, aus Anstand, aus Klugheit, aus Pietät; dann zimmert man aus zwei Schiffen ein einziges starkes, nimmt Kind und Kegel auf und fährt auf immer selbzweit, auf einem Brett und unter einem Tuch. Kein Wort sagten wir einander davon; aber eines erriet es am andern. So war es, so kam es, das sah ich. Aber frei und würdig mußte alles geschehen. Noch galt es, eine große, harte Tugend reichlich zu üben: Geduld! Unsere Kinder taten nicht so schwer. Sie hatten sich gleich wieder in ihre natürlichen Paare zusammengefunden, die Ilgisser Geschwister dort, mein Bub und Meitli hier. Aber Eisen regierte alles, und man bog sich willig. Denn er konnte auch alles am besten, nicht nur das Kommandieren. Als Arnold den gleichen Sprung von Block zu Block über ein tiefes Tessinbecken versuchte, plumpste er mitten hinein und hätte als ein schöner, kalter Fisch nach Airolo hinunterschwimmen können, wenn Ernst ihn nicht verwegen aus dem brodelnden und eisigen Schaumtrichter mit eigener Lebensgefahr herausgerissen hätte. Wie er dabei die langen Zähne wölfisch tief in die Kinnlade biß, davon werden ihm die Narben, vier tapfere, braune Kerbe, zeitlebens unter der langen, dünnen Lippe stehen bleiben. Aber von diesem tollen Stündlein an war Arnoldlis letzter Widerstand besiegt. Eisen herrschte absolut wie ein Zar, ohne Ministerrat und ohne Kammern. Indessen ward der Tummelplatz der Kinder jetzt an eine minder wilde Flußstelle nahe dem einspringenden Valeggiabach verlegt. Hier am lärchenüberdachten Ufer bauten die Kinder, mit den Beinen bis hoch übers Knie im Wasser, ein mächtiges Gemäuer zu den Felsklötzen in die Mitte hinaus und von da im Bogen unter einem kleinen Wasserfall ans Bord zurück, so daß ein stilles, tiefes Becken entstand, aus dem sie den Unrat hoben und dessen Grund sie mit glattem Gneiß verplättelten. So schufen sie ein schimmergrünes, kühles, sicheres Bad, in das der vorbeiwogende Tessin immer junges Wasser goß und auf dessen glatten Marchsteinen Ernst und Arnold nach vollbrachter Baute sich in den bloßen aufgekrempelten Hosen in der Sonne dehnten, bis sie braun geröstet waren wie Lebkuchen. Dann wurden aus dicker Tannenrinde Schiffe geschnitzelt, Ein- und Zweimaster, Korvetten und Fregatten, bis nach und nach eine ganze Flotte mit unbeschreiblich heroischen Namen im Bassin herumschwamm. Jetzt gab es Manöver und Demonstrationen des ganzen Geschwaders zur Einschüchterung des Feindes. Half das nichts, so erklärte Ernst Eisen schonungslos den Krieg und bohrte gleich zwei Linienschiffe der Russen in den Grund. Während die Mädchen am sichern Ufer saßen, die Beine zum Wasser niederhängend und entsetzlich damit für ihren Freund in Angst und Hoffnung zappelnd, kam es auf der hohen See durch Arnoldlis Hitze und Eisens grausame Kälte und durch das ungebärdig dreinregierende Flußwasser zu ungeheuerlichen, in der Historie der Seekriege unerhörten Katastrophen. »O, es war pyramidal!« sagte Ernst hernach und fischte die herumschwimmenden Schiffsrümpfe auf. »Es war auf Ehre pyramidal,« bekräftigte Arnold und schmiß den zwei Kapitänsfrauen an Bord, deren Namen auf den zwei ersten Panzerschiffen prangten, einen flotten Gutsch Wasser ins Gesicht. »Es war auf Ehr' und Seligkeit pyramidal,« fabelten die Mädchen am Tische uns die Großhansigkeiten der Buben vor; »drei Schiff' expoltiert, drei vertrunken . . . drei in die Luft geflogen . . . Der Ernst hat es selber gesagt, pyramidal!« An der Tafel genoß die große, schöne Witwe Regina von allen Gästen eine erlesene Hochachtung. Ich merkte, wie Signor Cima schon ein paar Verse auf diese Donna Elvezia hinter der lorbeerbekränzten Sterne hin und herschob, bis sie melodisch in ihre Reime klappten. Und der feine Capitano überlegte, wie er es wohl recht ritterlich anstellen könnte, daß er diese stolze Signora mit einem der schönsten hiesigen Berge, etwa dem Rotondo, auf eine und dieselbe Photographie brächte. Ganz seltsam war, wie ein ganz kleines, schwatzhaftes Elsässer Jüngferchen, das mit seiner blockigen Figur und seinem rübenroten Flattiergesicht allen jungen Herren den Hof machte, wobei es seine prachtvollen Zähne im Viereck auseinanderriß, ich sage, es war seltsam, wie dieses Gaukelding im Angesicht der großen, ernsten Weggisserin zusammenfiel, gar keine Bedeutung mehr fand und sein grelles Lachen meist allein verpuffen mußte. Dabei war Regina durchaus nicht düster. Von Tag zu Tag gewann ihr stilles, reserviertes Gehaben eine hellere Farbe. Sicher, von Morgen zu Morgen gefielen ihr in diesem ungeplagten, feiertäglichen Ferienleben Himmel und Erde besser, dünkten Luft und Licht sie köstlicher und fühlte sie die Kraft weiterzuleben und weiterzustreben in sich wieder um ein tapferes Maß gewachsen. Als Pauline in ihr Missesparadies zurückreiste, hatten Regina und ich eine solche kameradschaftliche Unbefangenheit gewonnen, daß es uns völlig gleichgültig war, ob wir allein zwischen den Tannen bergauf schritten oder ob uns die Kinder oder andere Kurgäste umgaben. Unser Zwiegespräch änderte darum nicht das leiseste Färblein. Oft baten wir den Capitano, mitzukommen, oder auch spaßeshalber die kleine, breitblockige Elsässerin. Befand ich mich mit den Buben auf einer größeren Tour unterwegs, so war es mir am liebsten, wenn der prächtige Capitano Reginen unterdessen Gesellschaft leistete und sie mit den Mädchen für eine bequeme, hübsche Tour mitnahm. Sie konnte keinen zweiten Edelmann wie den zur Seite bekommen. Soviel sah ich freilich schon am ersten Tag, wie sie trotz ihrem aufrechten Gehaben nicht bloß seelisch, sondern auch körperlich von der so langen, schweren Vergangenheit ermüdet und entkräftet war. Aber ebenso offenbar war, daß ihre zähe, immer noch jugendliche Kraft und gesunde Art das schnell überwinden werde. »Probieren wir es einmal auf den Pizzo Cavagnoli,« ermunterte ich Reginen eines Tages und zeigte ihr den kaum vierstündigen, aber steilen Marsch auf der Karte. »Das ist zu viel, jetzt schon, für das erstemal,« versetzte sie leis lächelnd. Ich begriff sie auf der Stelle. Sie meinte nicht bloß ihre leiblichen Füße, die sie nicht schon so weit tragen würden. »Verzeih' mir,« bat ich rasch, »ich hätte das wissen sollen!« Und ich machte den Fehler sogleich gut, indem ich für den gleichen Tag, wo die Buben mit mir auf den Cavagnoli zogen, für Regina und den Capitano einen Spaziergang zur Alpe Cruina einfädelte. Dort rauschen die beiden jungen Brüder Tessin durch die Wiesen, es blühen Edelweiß am Nufenenstock, und ein Quell gurgelt aus moosgrünem Grund, bei dessen Genuß man sich wohl fühlt wie ein neuer, reiner, schmerzloser Mensch. Als ich mit den Knaben auf den Cavagnolisattel gelangte, hinter dem auf Armweite gleich der Cavagnoligletscher begann wie eine gedehnte, mächtige Schneewiese mit ein paar schwarzen Felsköpfen an den Rändern und dem südblauen Himmel darob, da ließ ich die jungen Springer allein auf den ungefährlichen Schuttkegel zum Steinmannli hinauf. »Wie weit ist's wohl? Eine Stunde, schätze ich.« »Was?« lachten die Schlingel. »Eine Stunde? Kannst auch sagen: Zehn Minuten!« »Fast werf' ich einen Stein hinauf,« prahlte Arnold hinzu. »Ihr nehmt es zu kurz!« tadelte ich. »Und du zu weit!« kam es prompt zurück. »Besser zu weit als zu nah!« »Besser nicht zu weit und nicht zu kurz!« »Wir wollen sehen, wer recht hat!« rief ich diesen sichern und imponierenden Burschen nach. Ich mißtraute mir schon. Kurzsichtig, wie ich zeitlebens war, betrog ich mich immer in den Distanzen, sah alles immer zu fern und feierlich an. Die Buben konnten recht haben. Nun, eine Stunde würde ich immerhin doch jetzt allein sein. Nie war es mir so lieb und nötig wie in diesen Tagen! Ich saß bequem zwischen den übereinandergerumpelten Gratblöcken an der Luke wie zwischen zwei Welten: hier oben, gegen den Basodino zu, eine silberreine, neue, stapfenlose Welt, vom süßesten Himmel in die Arme genommen, und dort unten das tiefe Bedrettotal, die alte, abgetretene, mit Suchen und Nichtfinden durchkreuzte Welt. In einem Winkel lag Cruina. Gleich waren meine Gedanken am nämlichen Punkt, wo ich sie jetzt immer ertappte, bei Reginen. Ich schaute zurück, ich schaute vor mich und wiederholte: Was geschieht nun mit uns? Wie bald? Wie gut? Wahrhaft, ich saß an der Scheide meines Lebens! Ade mußte ich nach einer Seite sagen und herzhaft mit beiden zugreifenden Händen nach der andern Seite springen. In aller Sorgfalt wollte ich jetzt mein bisheriges Leben überdenken. Oft in den letzten Zeiten hatte ich darüber eine letzte gültige Rechnung ziehen wollen. Immer war ich gestört worden. Hier nun, wo mir nur der Himmel und die Berge, diese großen Schweiger, ins Heft schauten, konnte ich meine Jährlein wohl gut ausrechnen. Und ich mußte es tun. So sicher wie meine rechte in der linken Hand fühlte ich, daß ich am Punkte stehe, wo das Schwanken aufhört und man sich nicht mehr schuppt noch häutet, sondern reif und stattlich und zufrieden wie ein erwachsener Baum seinen fertigen Stand behauptet. Zweiunddreißig Jahre zählte ich, dreißig Regina. Das war vielleicht die Hälfte unseres Lebens, die unreife Hälfte, die Hälfte in der Schulbank und in der Lehre, im Suchen und Irren. Jetzt kommt die andere Hälfte im Besitzen und Genughaben, nach der Lehrzeit die Meisterschaft des Lebens! Lange Zeit hat es gebraucht. Andere sind mit zwanzig Jahren so weit. Warum . . . »Johoo – Ziiiuuu!« Der Tausend, die Spitzbuben sind schon oben. Sie schwenken die Filzhüte und jauchzen, und ihre dunklen Gestalten biegen sich, von mir aus gesehen, geradeswegs in die Himmelsbläue hinein. Wie groß und nahe die Kerls scheinen! O ja, jetzt weiß ich, wo der ewige Fehler meines Torenlebens lag! Das ist's, auf Ehre: auch meine Seele ist immer kurzsichtig gewesen! Alles, auch das Nächste, ist ihr immer wunderbar fern und feierlich vorgekommen. Nie sah ich's recht genau. Nach vier Semestern bei der gleichen Philisterin wußte ich nicht, ob meine Bude drei oder vier Fenster hatte. Und so ungenau und von weitem sah ich die Menschen. Von weitem, ja, wo das Schöne immer schöner und das Böse immer schlimmer, als es ist, erscheint. Richtig sah ich weder das Gute noch das Üble. Sonst hätte ich Theodor und Urselchen nicht so vergöttert und Regina nicht so verketzert . . . Ja, ja, diese verdammte Kurzsichtigkeit . . . Vielleicht hatte auch Regina am gleichen spitzbübischen Fehler gekränkelt. Ganz richtig hat auch sie mich nie gesehen. Und den Theodor nicht. Es muß heillos schwer sein, die Distanzen richtig abzuschätzen . . . Jauchzt nur, ihr Buben, da oben und behaltet euer nüchternes Auge! Wieder fiel mein Blick ins tiefe Tal, an den Fuß des Nufenen, wo die dünnen Bäche rechts und links niedergehen und von hier wie zitternde Silberfäden über grünen Samtkissen anzusehen sind. Regina wird jetzt an einem dieser klaren Gewässer stehen und vielleicht im Spiegel ihre Seele studieren, wie ich es hier oben tue. Zwischen mir und ihr war noch nie ein ungewöhnliches Wort gefallen. Auch sie hatte zuerst eine große Arbeit mit sich selbst abzutun. Jeden Morgen, wenn sie zum Frühstück herunterkam, sah ich ihr eine Stunde an, wo sie nicht schlafen konnte, wo sie noch zehnmal härter als ich mit der Vergangenheit ringen mußte, wo der Geist des neuen Lebens und der Geist Theodors sie rechts und links anfochten und ihr mächtige Drangsal schufen. Oft schien mir, Regina schäme sich. Aber vor wem denn? Warum? Vielleicht vor sich selber. Weil sie in so wenig Zeit sich als ein anderes Weib erkannte, ein verändertes, vergeßliches, der Vergangenheit untreues, eines, das zu schnell von einem Leben ins andere, von der Trauer in die Zufriedenheit umgesattelt hat, das den neuen Tag begreift und sich darin einzubürgern sucht? Oder schämte sich Regina auch noch vor mir, weil sie vielleicht auch auf einen langen Irrtum ihrer Vergangenheit zurücksah, auf eine Liebe, zehnmal zu groß für ihren Gegenstand? Merkte sie das jetzt so schnell, weil dieser Gegenstand hin war und so merkwürdig wenig, fast nichts von ihm dablieb? Es sollte doch etwas Ernstes davon übrigbleiben, eine große Mannestat, schöne, väterliche Werke, Opfer und Erfolge, Erinnerungen an einen tiefen, ehelichen Gedankenaustausch und an tüchtige Zukunftspläne. Aber auch da war wie bei Urselchen keine Fußspur übrig, nur ein helles, leichtes Lachen. Nicht einmal Arnold und Klärli behielten etwas vom Vater als ein langweiliges Bett und viel Schlafen. Tagelang sagten sie nie Vater. Hatte auch Regina sich getäuscht, etwa so, wie man einen prächtigen Menschen, weil er lärmt und prunkt, für einen Millionär ansieht, aber dann, sowie er erblaßt und man im Erbe herumstöbert, doch kein Vermögen vorfindet und nun erst merkt, wie dieser Mensch eigentlich auf den Schein und großen Schimmer gelebt und sich und alle Umgebung damit in guten Treuen belogen hat? War das so? Jedenfalls mußte Regina merken, daß Theodors Tod nicht die verzweifelte Lücke riß, vor der ihr gebangt hatte. Die große Öde war nicht eingetreten. Das hatte sie nach der ersten, fassungslosen Erschütterung bald empfunden. O, sicher war es ihr ergangen wie uns Kindern einmal! Es ist meine letzte starke Erinnerung ans dem Dorf. Da stand ein gewaltiger Birnbaum vor dem Hause, eine wahre Majestät mit Krone und weitem Geäst. Wir liebten ihn. Er orgelte so prächtig im Wind und machte überhaupt eine so stattliche Figur gegen das Dorf. Auch war es so lustig, darin herumzuklettern und an seinem untersten Ast sich am Seil erdauf bis ins Laub zu schwingen. Aber Birnen brachte er keine. Er blieb hartnäckig schön und – unfruchtbar. Da schneite es einmal tief in den Mai, wo unser Baum schon im vollen Blattwerk stand. Wie das krachte durch den Riesenleib, entsetzlich, wie die Knochen eines sterbenden Menschen! Wir mußten ihn umreißen. Das war eine Jammerstunde. Am ersten Tag ging niemand vors Haus, so wüst und ausgestorben kam uns der Platz vor den Fenstern vor. Aber am zweiten Tag fanden wir es schon leidlicher, am dritten gefiel uns der freie, weite Ausblick nicht übel. Es wurde ein sauberes Gärtlein an der Stelle gebaut, und schon im Herbst, wenn wir daraus Gemüse für den Tisch oder Naschereien außer Tisch holten, konnten wir es nicht mehr recht fassen, daß hier ein Zierbaum gestanden, und noch weniger, daß man ihn hatte lieben mögen . . . Tue ich Theodor ein Unrecht an, wenn er mir jetzt als so ein schöner Baum vorkommt? Täte Regina unrecht? Und ist es schlecht von uns, wenn wir schon meinen, ein Garten sei besser, ein schmucker, nahrhafter Garten, wo man säet und erntet, arbeitet mit Schaufel und Pickel, daß es klirrt, und abends den Schoß voll Segen hat und einander neckt: Wer hat mehr geschwitzt? Wer hat mehr erheimst? So ein Ehegärtlein für zwei, für beide Arbeit, für beide Segen, nicht auf eine Seite nur das Feiern und auf die andere nur die harten Pickelschläge, ein Ehegarten, schön am Werktag und schön am Sonntag, wäre das nicht das beste? Der harte Pickel und . . . Ich phantasiere. Da klirrt es ja wirklich am Gefels von einem Pickel in mein Sinnieren hinein. Kommen die Buben schon zurück? Keine Rede, die gaffen und stolzieren dort oben noch immer in den blauen Himmel hinein. Da herüben, vom nahen, fast unmöglichen Giacomohorn kommt der Lärm. Sackerlot, jetzt seh' ich, drei Verwegene suchen den Gipfel zum erstenmal durch die Nordwand herauf zu nehmen. Ich kenne sie. Es ist ein Linsingen und ein Bülow, verfluchte Waghälse. Der dritte, der jetzt gerade mit einem frechen Pfiff in einem verteufelt steilen Kamin verschwindet, das ist der Robert Beder, der kluge, klare Führer. Ich habe gestern ihre Verschwörung gegen seine Majestät Piz Giacomo I. mitangehört. Nun führen sie wahrhaft das Attentat aus. Es ist ein gewaltiges Zuschauen, wie sie an den Wänden des Kolosses kleben, die Zwerglein, und dem Riesen langsam, langsam immer etwas von der Höhe nehmen. Sie kriegen ihn ohne Zweifel. Aha, jetzt stutzt der Linsingen! Ein glatter Turm starrt vor ihm auf mit Kanten wie der Tod. Was tut er? Alle drei halten inne. Stillstand. Beratung. Sieh da, sie krebsen zurück! Wie feig! Tiefer, tiefer! O, die wollen den sichern Boden küssen, die Helden . . . Gott verzeih' mir . . . . Nein, jetzt stockt die Flucht, an einer verzwickten Felsrinne. Sie streben links hinauf, unter einem überhängenden Steinaltan durch . . . Bravo, es glückt! Sie schwingen sich hinauf, verschnaufen, der Beder pfeift wieder, jetzt seilen sie sich besser an, häkeln sich wieder am Steingetäfel wie Spinnen an der Stubenwand empor. Nochmals zurück, wieder auf . . . In einer Stunde werden sie den Pizzo haben . . . Auf dem Gipfel Cavagnoli hinter mir ist es still geworden. Die Buben haben das Abenteuer auch erspäht. Sie hocken auf dem runden Steinmannli und verschauen sich ganz im Zauberwerk gegenüber. Mehr als alles Gekletter hatte mir imponiert, wie die Herren ein großes Stück zurückgingen. Eine scharfe Stunde verloren sie dabei. Und wie sie dann frischer als zuvor wieder emporklommen. Recht hatten sie. Mut muß man haben. Immer wieder neu probieren. Nie ist es zu spät. So sang und lachte es vom Fels herüber, das musizierte auch der frische Wind hier oben, das malte mir der kühne Himmel herunter, das jodelten meine Jungens auf dem Gipfel, das zog wie eine allmächtige Wahrheit durch diese ganze Welt und berauschte mich ganz. Und das gewaltige Finsteraarhorn in der fernen Luke des Nufenenpasses, das mit dem Schreckhorn so unglaublich über den Horizont hinausstürmt und dort Himmel und Erde bindet, es nickte nicht, aber es wagte auch nicht nein zu sagen. Also war es wahr. Denn dieser finstere Dämon würde zuerst nein sagen, wenn er könnte. O Leben, o Lieben! Ich hatte also noch nicht zuviel in meiner Lebenskletterei verloren! Jeder muß etwas zurückklettern und weiter unten besser anfangen. Wenn der Gipfel dort es wert ist, soll es Regina nicht tausendmal werter sein? Ich blieb bewegungslos auf meinem Zuschauerplatz, bis die drei Sieger auf dem Pizzo standen, alles unter sich außer dem Himmel. Nein, auch von ihm ein großes Stück! Wie der Linsingen und Bülow jubelten und ein Steinmannli bauten! O, sie durften triumphieren! Und ich werde es auch dürfen, wartet nur! Am nächsten Tag, es war der vorletzte meiner Ferien, wollte ich Reginen licht und schlicht erzählen, was ich auf dem Paß erlebt hatte. Die Kinder waren dabei, alle vier. Sie hinderten mich nicht. Einzig Ernst Eisen machte mir mit seiner Mondsichel einige Mühe. Aber auch das würde ich überwinden. Regina war ja nach und nach die Mutter nicht bloß ihrer, sondern auch meiner zwei Kinder geworden. Eisen gehorchte ihr zweimal leichter, Mimeli zweimal schneller. Fremde Leute hätten sicher nicht erraten, welche von den vier nicht ihr eigen gehörten. Das Sorgen um die Kinder hatte Reginen und mich Tag für Tag nähergebracht. Das war ihr und mir ein neues, schönes Doppelgeschäft. Ihr und mir hatte da bisher niemand geholfen. Wie oft fanden wir uns auf der stolzen, schwierigen Stirne Arnolds, wie oft auf dem gar zu nachdenklichen Antlitz Mimelis zusammen und fühlten uns sogleich wieder um einen dicken Blutstropfen verwandter! Daher mußten die Kinder dabei sein. Wir saßen an ihrem Uferplätzchen. Es war Abend. Der Tessin leuchtete und wallte mit dem Abendrot talab. Die Bäume hier unten und die Berge am Himmel schliefen schon. Es war eine Stunde wie gemacht zu schönen Bekenntnissen. Ich fing mit der Kletterei an und rühmte das Zurückgehen und erneute Vorwärtsstreben der Burschen. Die Kinder merkten auf. Aber als ich mich nun selber in die Schilderung flocht und mit dem Erzählen leiser und scheuer wurde, da sah mich Ernst silberig an, lächelte kühl und zog die Mondsichel so hoch wie noch nie in die magere Wange hinauf. Das nahm mir alle Lust, die Andacht und Rührung meines Innern vor diesem Spitzmaul auszubreiten, und ich sann nun doch auf ein Mittel, die Kinder mit gutem Anstand wegzuschicken. »Und dann, haben sie es erreicht, das Horn?« fragte Regina mit großen, aufleuchtenden Augen. »Sie haben es erzwungen, Regina. Man erzwingt alles, wenn man will, wenn man sich zur rechten Zeit zurückzieht und zur rechten Zeit wieder vorwärtsgeht!« »Auf so einem Gipfel muß es dann wohl schön sein,« lenkte sie ab. »Pyramidal schön!« großhanste Arnoldli. »Man sieht das Finsteraarhorn, das Schreckhorn . . . das Wetterhorn . . . das . . . die . . .« »O, man sieht noch viel mehr! Zum Beispiel soviel Himmel, wie nie hier unten.« Das sagte ich mit dringender Absicht. Regina schwieg. Da faßte ich ihre Hand und fuhr stürmisch fort: »Wollen wir morgen den Rotondo probieren? Du und der Capitano und ich? Wollen wir zeigen, daß wir auch noch immer etwas leisten können? Wenn wir das können, dann können wir noch viel anderes meistern. Dann ist nichts mehr schwer für uns!« Ich zitterte vor Aufregung, sie würde nein sagen. Sicher sagte sie nein. »Du bleibst noch lange hier,« drängte ich weiter. »Aber morgen ist mein letzter Ferientag. Du, mach' mir die Freude! Es wäre die schönste der ganzen Zeit.« »Ist es nicht zu früh? Nicht zuviel?« fragte sie ruhig. »Nein, Regina!« jubelte ich. »Es ist gerade zur rechten Zeit für uns. Wir gehen also, morgen früh um vier Uhr. Mit der Sonne beginnen und enden wir. O, welch ein tapferer Tag wird das sein!« Regina stand vom Rasen auf und schüttelte die Lärchennadeln von sich. »Gut, probieren wir es einmal!« beschloß sie. Von den Kindern umfragt und umklatscht gingen wir wortlos zum Gasthaus zurück, um zeitig zu schlafen. Ernst Eisen aber hatte allen Spott aus dem Gesicht verabschiedet und meinte bewundernd: »Tante Gotte, wenn du das kannst, muß man dich im Kalender abphotographieren!« Aber es kam anders. Im Albergo ward mir gesagt, daß ein Arbeiter unten im Hospiz vor Bauchweh wie ein Verrückter schreie. Ob ich um Gottes willen ein Mittel wüßte. Es war ein alter Kerl mit schmierigem Bart und Kleidern so braun wie der Dreck, in dem er droben am neuen Giacomoweg herumpflastert. Er war sicher seit Wochen nie aus den Kleidern gekommen, und es bedeutete ein Heldenstück, den Schmutzfinken nur auszuziehen. Aber die Geschichte wurde gleich furchtbar böse. Dem armen Maurer war die rechte Hälfte des Unterleibes hochgelaufen. Ein eingeklemmter Bruch lag vor und mußte, ginge es, wie es wolle, auf der Stelle operiert werden. Niemand, außer dem gleichmütigen Wirt, wollte dabei sein. Alles hatte Grauen vor dem Messer. Da sagte Regina in ihrer bündigen Ruhe: »Ich gehe nicht weg, ich helfe.« Einen dritten Gehilfen mußte ich wenigstens noch haben, der die Lampe hielte. Auch der meldete sich freiwillig: Ernst Eisen. »Kannst du aber auch Blut sehen und aufgeschnittenes Fleisch . . . Wie? Davonlaufen darfst du dann nicht mehr!« warnte ich. »Meinst wohl, ich sei ein Mädchen! Es macht mir Spaß!« Ich schluckte den Ärger über diese Grobheit hinunter und ordnete das Allernötigste. Auf einem harten Kanapee ward die gefährliche Operation in tunlichster Eile und mit dem kümmerlichsten Werkzeug am eingeschläferten Andrea Bolzi ausgeführt. Wir hatten nicht einmal genug Zeug, um den Mann festzubinden. Forni mußte seine schweren Arme zu Hilfe nehmen, während der Eisen stramm mit der Lampe leuchtete und sich in seiner kaltblütigen Neugier nicht das geringste an der grausamen Arbeit entgehen ließ. Ihn grauste und rührte scheinbar nichts. Bewunderungswürdig aber war, mit welcher Umsicht Regina ihre kleinen und doch so wichtigen Dienste versah und stets flink und geschickt zur Hand war, wo es eben not tat. Sie nahm mir tapfer die blutigen Tücher ab, schnitt einmal, wo ich keine freie Hand hatte, mit fester Schere einen Hautlappen weg und ward, wie ich mit Entzücken sah, immer mehr ihres Schauderns Herr und verlor dabei doch auch nicht den leisesten Schimmer ihrer frauenhaften Teilnahme aus den Augen. Als bei allen rohen Mitteln die Operation dennoch, soweit man sie beurteilen konnte, gut geglückt und der Patient in die oberste, ruhigste Hospizkammer bequem gebettet und mit einer Nachtwacherin versehen war – es ging schon gegen Mitternacht – wuschen wir drei uns die Hände im heißen Wasser, und ich sagte, indem ich im Seifenschaum des Beckens Reginens Hand erwischte und herzhaft drückte: »Du hast dich heute benommen wie die meisterhafteste Doktorsfrau!« »Der Doktor war ja auch ein Meister!« entgegnete sie und entschlüpfte hurtig. Dann trocknete sie ihre lange Hand und sagte, indem sie weit damit ausholte: »Aber einen weiß ich, der ganz schlecht geholfen hat!« Und im gleichen Moment flammte über die bleiche Backe Eisens eine majestätische Ohrfeige. »Ich wollte,« fuhr sie mit bezähmtem Zorn fort, »Walter bitten, dich morgen auf den Rotondo mitzunehmen. Nun hast du das dafür. Flenn nur! Und lern' zuerst ein Herz haben! Mit dem Kopf allein bist du nichts wert!« Zähneknirschend stürzte der Bengel zum Hospiz hinaus. »Wir gehen doch morgen auf den Rotondo, nicht wahr?« wandte sie sich zu mir. Und jetzt sah ich, wie sie von der Aufregung mit dem Buben erblaßt war. Ich verbeugte mich in stiller Bewunderung vor diesem Weibe. Ein würdiges Wort hätte ich nicht gefunden . . . Doch am Morgen konnten wir weder um vier, noch fünf, noch sechs Uhr weg. Andrea war erwacht, erbrach sich immer wieder und schlief erst gegen neun Uhr mit allen Zeichen einer erquickenden Erleichterung wieder ein. Wir hatten nach dem Arzt in Airolo geschickt, und das Telephon meldete ihn unterwegs. Am Bette wachte die Schwester der Padrona. Sie hieß Ancilla und war ein Engel der Arbeit und Zufriedenheit. So durften wir getrost aufbrechen. Es war nur etwas hoch am Tag und der Osten bewölkt. Langsam stiegen wir am tiefen Bett des Rotondobaches empor bis zur großen Steinmulde unter dem Kühbodenhorn. Der Capitano machte den Führer. Wir waren nicht müde. Aber wir sprachen aus einer gewissen Scheu nicht miteinander. Wir fühlten, wie nahe wir uns gestern gekommen waren, und wir fürchteten, ein gewöhnliches Wort könnte diesen heimlichen Zauber zerstören; doch jedes spürte vom andern eine Verehrung und einen Respekt wie eine unsichtbare warme Wolke entgegenwehen. Meine Wolke war hell und heiß wie jene über der Adulagruppe aufgetürmten wirklichen Wolken, in die jetzt die Sonne fuhr. Sie hatten ihre große Stunde, ihre Liebe gewonnen. Die Sonne hielt sie am Herzen . . . Jetzt ging es um den aus dem Gletscher oben in die Alpe hinunterwachsenden zackigen Mittelgrat herum. Wir hatten uns verstiegen. In dieser Höhe gab es keinen Übergang. Klötze rutschten unter unsern Absätzen in die Tiefe und stoben und spektakelten dazu zum Bangemachen, während zu Häupten der Grat uns eigensinnig seine Nadeln und Lücken wie ein Riesengebiß wies und sagte: Keine Rede, daß ich euch da durchschlüpfen lasse! Wir zerstachen uns die Finger an den glatten Scherben des Gneißglimmers und an den dazwischen wachsenden niedrigen Bergdisteln. Im Nu hatte auch Regina einen Riß im Rock von unten bis oben. Da wickelte sie einfach das Kleid bis zum Gurt empor und stand nun in einem straffen, aber, wie ich gleich sah, trotz den schön brodierten Blümleinbordüren nicht ganz makellosen Unterrock da. Es gab da Nähte und Dreiangel, die laut nach der Nadel schrien. Aber mit jenem wunderbaren Leichtsinn, mit dem sie als Mädchen durchlöcherte Strümpfe und ungeschnürte Schuhe getragen hatte, wies sie über die Schäden hin und sagte: »Wer denkt hier an solche Kleinigkeiten?« Wahrhaftig, wäre alles sauber und korrekt geflickt gewesen, es wäre mir nie so köstlich leicht zumute geworden wie jetzt! Ich weiß nicht wieso, aber von dieser Minute an dünkte mich Regina dreimal erreichbarer . . . Wir mußten ein Stück zurück. Der Berg gebärdete sich wie ein Flegel. Erst als wir unten die Gratlücke gefunden hatten, ging es anständiger durchs Steingetrümmer und dann im steilen Schutt der Moräne zum Gletscher hinauf. Links den Felsen entlang stapften wir im harten Schnee auf die Paßhöhe und staunten, wie mit jedem Schritt der gewaltige Zirkus von Bergen um uns wuchs. Zwischen den dunkelgrauen Häuptern wölbte sich der saubere, spaltenlose Gletscher. »Wie schön wird es jetzt,« sagte Regina. – »Ja,« gab ich zurück, »da unten war der Berg noch ein rechter Schlingel; aber hier oben hat er sich nun in ein rechtschaffenes und solides Wesen ausgewachsen . . . Und dann, Regina, die Schwurfinger auf, wer ist kein Schlingel gewesen?« Ich blickte sie verwegen an und da schlug sie zum erstenmal die seidigen Wimpern nieder. »Aber,« fuhr ich wie ein Eroberer fort, »das Leben macht uns springen und klettern, bis man genug hat. Ich glaube, die Schlingelhaftigkeit liegt weit hinter uns.« Wahrhaft, der Rotondo ist ein fertiger, derber Mann! Was für gewaltige Ellbogen macht er, und wie steift er sich hoch in den Schultern! Über den Firn war es ein Spaziergang. Aber zum Gratsattel ging es steil auf. Und ohne daß wir es sonderlich merkten, war es schattig um uns geworden. Wir meinten vom Berg neben uns. Aber der Capitano zeigte auf einen düstern, formlosen Nebel, der sich aus jenem hellen Gewölk ob der Adulagruppe in grauen, mächtigen Gespinsten über den Himmel gezogen hatte und uns alle Sonne und Bläue nahm. Sogleich schien das Rotondogestein schwarz, die nahen Hörner drohender, das Eisfeld unter uns tot, und wenn ein Stein an den Flanken niederrumpelte, ließ er eine doppelt schwere Stille zurück. Kein Vogel, kein Vierbeiner, keine Mücke – nur wir drei lebten noch hier oben . . . Wahrhaft, der Rotondo ist ein fertiger, derber Mann! Als wir endlich die Achsel erreichten, schmiß er uns das Gewölke ballenweise ins Gesicht. Der Nebel rauchte in langen Schwaden um uns und füllte unsere kalten Nasen mit seinem herben Modergeruch. Das schwelte auf und ab, und nur noch schattenhaft erkannte man einen besonders groben Gratzacken aus dem Dunst. » Farla, lascia farla ,« sagte der Capitano mit seinem unerschütterten Baß und setzte sich auf einen der feuchten Blöcke. Wir machten es ihm nach und schauten dem grauen Tanz der Nebeljungfern zu. Wenn sie ihre Tücher ein wenig lockerten, sah man wieder ein Stück Firn unten oder einen Brocken Berg ob uns. Aber gleich ward alles vom dicken Qualm wieder verhüllt. Uns begann zu frieren. Die Kleider wurden allmählich naß. Aus dem Nebel ward ein feines Getröpfel, dann ein eigentliches Niederprasseln von Regen und Eiskörnern. Das Gesicht brannte uns davon. Rechts und links pfiff der Wind in die Scharten. Es war das Gescheiteste, zurückzugehen. Je tiefer wir stiegen, um so lichter wurde es um uns, und auf dem Gletscher standen wir wieder mitten in der warmen Nachmittagssonne. Das Gewölk hatte sich über dem Rotondo ausgeregnet. Mit nassem Gesicht lachte er seinen kräftigen Manneshumor auf uns Geprellte nieder. Die letzten Nebel zerflossen. Nur der Galenstock und die Berneralpen litten noch im nordwestlich verbrausenden Unwetter. »Sollen wir es nochmals probieren?« fragte ich unschlüssig den Capitano. »Es ist su sspät; das näggste Jahr, Signor Walter!« Nachdem wir am jenseitigen Gletschersaum, der an einer Stelle nach All' Acqua hinunter wie Silber überhängt, in ganz ungekürztem Humor kampiert hatten, stellte der Capitano seinen großen Apparat mit dem Zeißanastigmat auf, und ich merkte wohl, wie er auf gute Art eine Gelegenheit erlisten wollte, wo er Regina ganz allein mit dem Rotondo im Hintergrund auf die Platte bekäme. Das soll ihm nicht glücken. Ich machte mich immer um sie zu schaffen, und so manches Mal der schlaue Capitano den Apparat anders rückte, rückte auch ich schlau so, daß ich unfehlbar mit ins Bild kam. »Schau', schau',« rief da Regina, »wer taucht dort am Schnee auf? Meiner Seel', das ist der Ernst und der Arnoldli . . . Am Seil . . . Und Pickel haben sie auch, die frechen Buben!« »Sie kommen uns entgegen!« »Allein die Felsen und den Gletscher herauf . . . Welche Großhanse!« schimpfte Regina und strahlte dabei vor Vergnügen. »Ziiijuuh!« jauchzte jetzt die herrliche Jodelstimme Arnoldlis. Sie schwangen die Pickel in der Sonne, daß es blitzte. Was wollten die zwei Schlingel? Ach, der Arnoldli sprudelte es mit seinen gesprungenen Lippen heraus: wie der Eisen den ganzen Vormittag bei Andrea Bolzi bolzgerad gewacht und nach dem Aufwachen den Tschingg mit Tee und Eiweiß bedient und immer Pst, pst! gemacht habe, non parlar, niente parlare  . . . kurz, ihn so gut als möglich gepflegt habe, bis der Doktor von Airolo mit Sonnenschirm und weißer Weste dahergestiefelt sei und alles vorzüglich befunden und den Signor Dottore Walter in den Himmel, und zwar bis mindestens zu den Erzengeln hinaufgerühmt habe. Hier gab ihm die Mutter einen Klaps. Und so seien sie uns entgegengelaufen, damit wir weiter keine Sorgen hätten und nicht zum Hospiz hinab pressieren müßten. Der Ernst sei immer vorausgerannt und habe ihm mit Seil und Pickel, wo eine kitzlige Stelle war, pyramidal nachgeholfen. Der Eisen – großer Gott – kann alles, klettern, über Spalten von Klafterbreite gumpen und sogar drei Stunden lang totenstill neben einem elenden Schnarcher stehen! Pyramidal! Ernst Eisen stand auch jetzt starrend bleich neben uns und redete kein Wort. Aber er erwartete etwas. Die Ohrfeige mußte weg. Er hatte alles getan . . . Na, mehr konnte er nicht! Regina blickte ihn voll Mütterlichkeit an, lange, lange, und sah dann auch Arnoldli mit den nassen Schwatzlippen und das Seil zwischen beiden Jungen an und sagte endlich: »Wenn du so ein Tüchtiger bist, dann führe mir den Arnold nur weiter! Kein Mann könnte es meinem Bub schöner vormachen!« »Ja, Eisen,« bekräftigte ich, »du bist ein Edelmann! Das haben wir immer gewußt!« Der Bursche biß die kleinen Zähne vor Eifer so hart in die schmale Unterlippe, daß alles Blut daraus wich. Er dankte wortlos mit einem stolzen Nicken seines langen Gesichtes. Aber dieses knappe Nicken war mit dem gleichen Gefühl geschehen, mit dem andere unter Tränen und Schwüren uns halbtot drücken. »Du bist ein Teufelskerl,« sagte ich und suchte mich mit diesem Kraftwort möglichst aus der Rührung herauszuschaffen. »Seht, wie er das Seil geknotet hat, ganz fachmännisch, und wahrhaft, da hast du ja einen wüsten Schnitt im Handballen! Ernst, den muß ich sogleich . . .« In diesem verschmitzten Moment griff der Capitano blitzschnell nach dem Gummiverschluß, und ich, als gölte es meine Seele, stürzte vom geliebten Knaben zur hundertmal geliebteren Frau, stürzte mitten ins Bild hinein. . . . Tack! »Ma, Signor Walter,« brummte der Photograph mit seiner untersten Orgelpfeife. »Sie sturzen in das Platte, Sie werderwen meine Fotografia . . . Sie . . .« »Verzeihung,« bat Regina lächelnd, »aber Walter gehört aufs Bild . . . Heuer unter dem Rotondo, doch das nächste Jahr oben!« »Das nächste Jahr oben!« wiederholte ich dankbar und schüttelte ihre starke Hand. *           * * Ich wußte wohl, daß es ein langes und nicht leichtes Jahr sein würde. Als ich am nächsten Tag allein das Tal hinunter nach Airolo zog, hatte ich neben dem eintönig rauschenden Tessin am vogelstillen, einsamen Nachmittag Zeit genug zur Betrachtung, was es noch alles für uns beide zu überwinden gab bis zum eroberten Gipfel: Tage, wo man wieder scheu oder reuig oder bang zurückweicht, Tage, wo das Herz in Wind und Eis gefrieren will, Tage, wo starke Nebel aus der Vergangenheit steigen und bald wie fernes abendliches Heimwehgewölke, bald wie nahe zornige Gewitter unsere Seele zwischen Ja und Nein herumjagen! Regina wird das dreifach schwer zu fühlen bekommen, ich weiß es . . . Aber der Tessin lief so kräftig vor mir her, die Berge glänzten so frisch im obersten Schnee, ein kleiner tapferer Ostwind blies mir so keck ins Gesicht und am Airoler Bahnhof pfiffen die Lokomotiven so siegreich und schritt das Touristenvolk so tatenlustig von Wagen zu Wagen, daß meine Hoffnung gewaltig über alle Sorge emporflog und ich dem Ernst Eisen noch rasch eine Ansichtskarte mit der größten, von ihm unsäglich verehrten Gotthardlokomotive kaufen und darauf mit spaßhaftem Ernst schreiben konnte: »Grüße mir mein Mimeli und seine Mutter! Und dann steht im Fremdenbuch noch ein sehr häßliches Wort, woran Du mitschuldig bist. Ich bitte Dich, streiche es mit einem tapferen Federzug Deiner verwundeten glorreichen Hand aus, daß kein Tüpfelchen übrigbleibt vom gewesenen Hagestolz!«   Ende