Paul Ernst Komödianten- und Spitzbubengeschichten Eine Auswahl 1938 Albert Langen / Georg Müller / München Der Kapitän Spavento Es ist Nacht. Die Vorstellung ist längst zu Ende, die Zuschauer sind nach Hause gegangen, auch die Komödianten. Vor dem niedergelassenen Vorhang brennt trübselig noch eine einzige Öllampe. Ein Schauspieler und eine Schauspielerin sind allein in dem leeren Zuschauerraum, im kleinen Umkreis des Lichtes. Der Kapitän Spavento hockt, die Beine auf dem Sitz, auf der Rücklehne des Sessels, der für den Herrn Duca aufgestellt war. Er ist ein schlanker, junger Mann, in furchterregender Weise braun geschminkt, in prächtigem, gelb und rot gestreiftem seidenen Anzug, ungeheurer Halskrause, fabelhaftem Schlapphut mit einem herrlichen Fasanenschwanz und mit einem märchenhaft langen Degen. Colombine steht vor ihm mit rotgeweinten Augen; die Tränen haben Straßen durch die dicke Schminke gezogen; sie trägt zierliche rote Schühchen, ein Kleid aus grünem Tarlatan und ein rotes Mieder dazu. Der Kapitän rollt furchtbar die Augen, streicht den langen Schnurrbart, versetzt seinem Hut einen Schlag mit der Faust, springt vom Sessel mit beiden Füßen auf die Erde, stößt die linke Hand in den Korb seines Degens und ruft aus: »Zoll für Zoll sollte er dieses Eisen fressen, hätte ich ihn hier, dieses Eisen, das gegen die Mauren gefochten hat, gegen die Franzosen, die Engländer, die Spanier, die Türken, die Griechen, die Deutschen und gegen das für unüberwindlich gehaltene Heer des großen Moguls!« »Das ist es ja eben«, versetzt Colombine schluchzend. »Ich mag ja den Pierrot gar nicht« – sie hängt sich an den Hals des Kapitäns – »er ist weiß vom Kopf bis zum Fuß, sein Gesicht ist weiß gepudert; wie kann man denn einen Pierrot lieben, wenn man einen Kapitän geliebt hat!« »Hat?« schreit der Kapitän mit furchtbarer Stimme. »Nein, liebt«, antwortet ängstlich das Mädchen, indem sie an ihrem Kleidchen zupft und die Augen niederschlägt. Lange sieht der Kapitän sie an, dann schüttelt er schweigend langsam den Kopf. Colombine tritt zurück, richtet sich majestätisch auf und sagt: »Der Künstler gehört nicht sich selber, er gehört dem Publikum«, dann fährt sie in anderem Tone fort: »Nicht wahr, wenn ich will, dann kann ich auch die Isabelle spielen?« »Alles, mein Kind, auch die Fiorinette und Silvie, wenn du willst«, erwidert in tiefem Ton der Kapitän. »Nur erst fort von dieser Schmiere.« »Ach nein«, bittet Colombine. »Ha, ich verstehe, du denkst an Pierrot!« schreit der Kapitän. »Wir sind so gut aufeinander eingespielt«, lispelt sie. Der Kapitän läßt den Kopf hängen und spricht mit dumpfer Stimme: »Eingespielt! Eingespielt! Mit dem Kapitän ist nie ein Weib eingespielt – nur gestern, da erzählte doch unser verdammter Stückeschreiber, er wolle ein Stück schreiben mit einer verliebten Alten, die ich heiraten soll, und die verliebte Alte gibt es noch nicht in der italienischen Komödie, sagte er. Aber ich« – hier richtet er sich auf und streicht mit furchtbarer Gebärde seinen Schnurrbart – »ich habe ihm geantwortet! Mit einem alten Weib spiele ich nicht. Gibt es für den Kapitän keine Colombine, Coraline, Arlequine, Bette, Francesquine, Diamantine, Marinette, Violette, gibt es keine Isabelle, Fiorinette, Aurelie, Siloie, Flaminie oder Camille – gut, der Kapitän Spavento weiß sich zu bescheiden, er ist Soldat. Seine Geliebte ist der Degen. Und Zoll für Zoll soll der verdammte Stückeschreiber dieses Eisen fressen, wenn ich seine Alte lieben soll; er mag sie dem Doktore geben oder dem Apotheker, dem Tartaglia oder Pantalon, oder zum Teufel auch dem Pierrot.« Wieder schmiegt sich Colombine an ihn; er wird schwach und setzt sich schwer in den großen Lehnstuhl; sie hüpft auf seine Kniee und schlingt die Hände um seinen Hals; dann flüstert sie ihm ins Ohr: »Nein, ich bin keine Isabelle, Fiorinette oder Silvie, ich bin eine Colombine. Ich weiß es ja. Und das ist es eben: wenn ich dich liebe, dann verliere ich das Talent. Wenn du die Augen rollst, die edlen Worte sprichst, wenn die Bretter zittern unter deinen Füßen – sieh, ich komme schon wieder in den falschen Ton, in das Theater, das ich so hasse –«, hier beginnt sie zu weinen, »wenn ich bei dir bin, dann bin ich nicht mehr Colombine, dann bin ich Isabelle; aber ich bin eine schlechte Isabelle, ich weiß es. Zu dir gehört nicht Colombine, zu dir gehört Isabelle.« »Isabelle hat ja Flavio«, erwidert dumpf der Kapitän. »Nimm sie ihm ab«, rät Colombine. Der Kapitän sieht sie an und sagt ängstlich: »Dann verprügelt er mich ja.« »Armer Kapitän«, spricht Colombine und trocknet sich heimlich eine Träne. »Dein Schicksal ist furchtbar ... Nein«, ruft sie laut aus, springt von seinem Schoße zur Erde, stellt sich vor ihn, stampft mit dem zierlichen, rotbeschuhten Füßchen auf und ballt die reizenden Händchen zu Fäusten: »Colombine gehört zu Pierrot. Wo mein Talent ist, da ist auch mein Herz.« Sie pustet das einzige Licht aus und eilt aus der Tür; sie hatte sich vorher die Entfernung der Tür von den Stuhlreihen gemerkt. Stolpernd und überall anstoßend folgt ihr langsam der Kapitän ins Freie; sie ist schon lange verschwunden ... Der Kapitän wurde still und stiller, seine Stimme klang hohl; »ein melancholischer Kapitän«, hieß es im Publikum; der Direktor kündigte ihm, und er bekam kein neues Engagement. Er lobte niemanden mehr ins Gesicht wegen seines Talentes und verhöhnte niemanden mehr hinter seinem Rücken wegen seiner Talentlosigkeit. Er sagte nicht mehr: »Rom ist die Hauptstadt der Welt, und ich bin der erste Schauspieler von Rom!« Er blieb vom Theater fort, kein Mensch sah ihn mehr, weder auf dem Korso, noch beim Marforio, noch in der Konditorei, um Kritiken zu lesen und über die Kritiker zu schimpfen. An einem Abend brachte Pierrot Colombinen nach Hause, das heißt die beiden gingen zusammen nach Colombinens Stube. Plötzlich faßte Colombine auf ihr Herz und schrie leise auf; da war eine dunkle, schmale Nebengasse; sie riß sich von Pierrot los, lief in die Gasse. Pierrot lief hinter ihr her, sie war wie vom Boden verschluckt. Pierrot sagte ärgerlich vor sich hin: »Wenn der junge Conte wenigstens noch Geld hätte, aber der Alte hält die Quattrini fest«; dann ging er nach Hause. Aber Colombine war nicht zu dem jungen Conte gegangen, der sie vielleicht erwartete. Sie wußte ja nicht, daß der Kapitän hier wohnte, in dieser elenden Gasse; sie lief in ein baufälliges Haus, das durch Balken gestützt wurde, die selber schon vermodert waren; eilte eine Steintreppe hinauf; sie kannte das Haus nicht; eine Tür stieß sie auf, da lag auf einem elenden Bett der kranke Kapitän. »Kommst du endlich?« fragte er, »ich habe mich so gesehnt, daß du kommst; nun sterbe ich bald.« »Nein«, rief sie, »du sollst nicht sterben«, und sie warf ihr Umschlagetuch ab und stand da in ihren roten Schuhen, dem grünen Tarlatanröckchen und roten Mieder. Dann kniete sie vor seinem Bett nieder und legte ihr Händchen auf sein Herz; das Herz pochte müde. »So wird es besser«, sagte sie, und er nickte ihr traurig zu. Dann war es lange still in dem armseligen Gemach, dann schlummerte der Kranke ein. Stundenlang kauerte sie vor ihm und hielt die Hand auf seinem Herzen; endlich fröstelte sie, sie stieg auf den Tisch, wo eine Brotkruste und ein halber Ziegenkäse lag neben einem Fiasko mit Wein; sie wickelte sich in ihr Tuch, rollte sich zusammen wie ein Kätzchen und schlief ein. Am anderen Morgen fiel schräg ins Zimmer ein Sonnenstrahl. Der Kapitän war erwacht; lange lag er still und sah auf die Schlafende; endlich dehnte die sich, öffnete blinzelnd die Augen. »Ich sterbe noch nicht, ich werde wieder gesund«, rief der Kapitän. Pantalon Pantalon ist Familienvater, auf der Bühne wie im Leben. Er hat zwei Töchter, auf der Bühne wie im Leben; sie heißen Isabelle und Aurelie, auf der Bühne wie im Leben. Der Vorhang ist noch nicht hochgegangen, aber das Publikum sitzt schon erwartungsvoll; von der Galerie werfen die Jungen zum Zeitvertreib den feinen Herren im Parkett Orangenschalen auf den Kopf, und feine Damen in den Logen schleudern Blicke durch ihre schwarzen Schleier, Blicke, welche eigentlich die Schleier müßten in Flammen aufgehen lassen. Pantalon hat in der ersten Szene nichts zu tun, aber er steht noch vor seinen Töchtern: Isabelle näht, und Aurelie spielt auf der Laute, oder vielmehr sie wird spielen, wenn der Vorhang hochgeht. »Das wahre Glück ist nur in der Familie zu finden«, sagt er zu seinen Töchtern, »aber es will durch die Tugend verdient werden«. »Ach, Papa, es ist so furchtbar schwer, tugendhaft zu sein, wenn man beim Theater ist«, seufzt Isabelle und läßt ihr Nähzeug sinken. »Ich könnte mich ja wieder verheiraten, wenn ich wollte; Colombine liebt mich«, fährt würdevoll Pantalon fort; Aurelie lächelt, sieht schräg zu ihm hin und sagt: »Du mußt die Hustenkaramellen nehmen, die alle alten Männer gebrauchen; es ist schrecklich, jeden Morgen hustest du zwei Stunden lang,« »Das ist ein Gesundheitshusten«, erwidert Pantalon; »junge Leute, deren Gesundheit noch schwankend ist, haben ihn nicht, man bekommt ihn erst, wenn man sich den Siebzigern nähert und der Körper sich gesetzt hat.« Das Publikum wird ungeduldig und trampelt. Isabelle fädelt eine Nadel ein und sagt: »Sie sind schon unruhig, aber der Inspizient zieht den Vorhang nicht eher hoch, bis er vom Direktor seine Gage hat.« »Er hat recht, der junge Mann, er ist kein Künstler, er ist nur ein Söldner«, antwortet ernsthaft Pantalon. »Aber was ich bei dieser Gelegenheit sagen wollte: ich habe zwei Partien für euch. Meine Kinder, ich kann ruhig sterben, ich hinterlasse euch versorgt in dieser harten Welt«; er zieht sein buntes Taschentuch, schneuzt sich, besieht nachdenklich das Geschneuzte und steckt das Taschentuch wieder ein. Die beiden Mädchen lachen aus vollem Halse: »Der Doktor und der Notar!« »Sie sind meine Freunde«, erwidert Pantalon. »Jugendfreunde«, werfen die beiden ein. »Ja, Jugendfreunde«, sagt der Vater. »Sie sind Männer, Männer in ihren besten Jahren. Meint ihr, wenn – wenn – ich alter Karrengaul, ich werde in den Sielen sterben; mein Vater ist in den Kulissen gestorben und mein Großvater; sie waren beide die ersten Pantalons ihrer Zeit, und damals war noch eine andere Zeit, da gab es noch ein Theater, da konnten die Schauspieler noch sprechen!« Er wird gerührt, trocknet sich die Tränen. »Aber Papachen, wer denkt denn wohl ans Sterben!« rufen die Töchter und springen auf, umarmen ihn, halten ihre blühenden, weiß und rot geschminkten Wangen ganz nahe an seine graugeschminkten Runzeln. »Noch gestern hat Colombine geseufzt, wie du vorbeigingst, du hast es nur nicht gemerkt.« »Hat sie das? fragt Pantalon lebhaft; dann tätschelt er ihre Hände und sagt: »Ihr seid gute Kinder; ihr habt euer Papachen lieb. Aber denkt an mich. Leander und Lelio sind junge Männer. Auf junge Männer ist kein Verlaß.« Die beiden kichern und rufen aus: »Aber Papachen, wer hat denn noch vorige Woche an Coraline einen Rosenstrauß geschickt mit einem Gedicht!« »Die Rosen haben nichts gekostet«, erwidert er eifrig; »der Conte hatte sie gesendet, sie sollten eigentlich für euch sein. Wo werde ich denn Geld für Rosen ausgeben! Der Conte hat auch nichts dafür bezahlt ...« »Der Conte?« antworten ihm die Schönen, »und du hast uns nichts gesagt davon!« »Wo werde ich euch etwas davon sagen!« erwidert er eifrig. »Ich bin Vater! Meine Töchter sind mein Höchstes! Was ist für mich der Conte! Luft ist er für mich!« »Aber er erbt doch einmal!« wirft nachdenklich Aurelie ein. »Wann?« fragt kaltblütig Pantalon. Aber nun kommt eilig und schwitzend der Inspizient, fragt fluchend, was Pantalon auf der Bühne zu suchen hat, Pantalon verschwindet in den Kulissen, seinen Töchtern noch ein zärtliches Kußhändchen zuwerfend; die Klingel ertönt, der Vorhang geht hoch, Aurelie spielt und singt zur Laute, Isabelle läßt ihre Arbeit in den Schoß sinken und sieht ihr mit gerührtem Gesichtsausdruck zu. Dag Publikum ist fasziniert. Leander und Lelio erscheinen, die Mädchen erzählen, daß Pantalon sie an den Doktor und an den Notar verheiraten will; alle vier lachen; wie die Mädchen lachen können! Aurelie hat ein wundervolles silbernes Lachen, sie hat es von ihrem Vater geerbt; ihre Mutter hatte doch damals die Liebschaft mit dem jungen Duca! Pantalon trocknet sich, vorsichtig, damit er die Schminke nicht beschädigt, im linken Auge eine Träne der Rührung. Lelio gibt eine Beschreibung von Pantalon: so geizig soll er sein, daß er seine Nägelabschnitzel aufhebt und an die Bauern als Dünger verkaufen will, daß er die Hausglocke umwickelt, damit die Luft im Haus nicht durch das Schellen abgenutzt wird; Pantalon lächelt geschmeichelt: durch seine Sparsamkeit hat er doch ein hübsches Vermögen zusammengebracht; nun sollen seine Töchter nur den Doktor und den Notar heiraten, die haben auch gespart; da kann er unbesorgt sterben. Isabelle singt; sie hat eine herrliche Altstimme, es wäre besser gewesen, wenn sie Sängerin geworden wäre, sie bekäme eine ganz andere Gage. Die Stimme hat sie von ihrem Vater, ihre Mutter hatte doch damals die Liebschaft mit dem schönen Franziskaner! Das Publikum klatscht Beifall, ruft da capo ; jawohl, da capo! Ach, wie lange ist das alles her, als Aurelie geboren wurde und Isabelle! Jetzt kommt Pantalons Stichwort; er tritt auf, donnert gegen die beiden Mädchen, die Liebhaber sind in dem großen Schrank versteckt; Pantalon will den Schrank öffnen; der Schlüssel ist nicht da; das Publikum windet sich vor Lachen; ja, wenn einer von den alten Schauspielern auftritt, aus der großen Zeit der Schauspielkunst, das ist doch eine andere Sache! Pantalon kündigt den Töchtern an, daß der Doktor und der Notar gleich kommen müssen, der Notar bringt Pulcinella mit, der Schreiber bei ihm ist, die Heiratsverträge sollen sofort aufgesetzt werden. Und nun kommen wirklich die drei; der Doktor, der Notar und Pantalon spielen zusammen, drei von der alten Garde; schon vor vierzig Jahren haben sie zusammen gespielt. Das Publikum trampelt vor Vergnügen, hält sich den Bauch, die Jungens auf der Galerie werfen Apfelsinen auf die Bühne vor Bewunderung. Nun erzählen die drei, wie es alles war vor vierzig Jahren, und was sie für Schwerenöter gewesen sind, als sie noch jung waren, und die Tränen der Rührung über die glückliche, die selige, die unwiederbringliche Jugend kollern Pantalon über die Backen. Pulcinella hat sein Buch aufgeschlagen, sein Tintenfaß aufgestellt, die Heiratsverträge sollen unterschrieben werden. Aber wo sind die Mädchen? Während die Alten erzählen, und Pulcinella sein Buch zurechtmacht, haben sie leise hinter ihnen den Schrank aufgeschlossen und sind mit den Liebhabern entflohen. Nun stehen die drei Alten allein und klagen, Pulcinella weint über die entgangenen Sporteln, der Vorhang fällt, der Beifall tost, die Jungens auf der Galerie rasen vor Vergnügen. Wo sind Isabelle und Aurelie, Leander und Lelio? In den Kulissen sind sie nicht. Der Notar und der Doktor suchen überall; Pantalon hat sich selig lächelnd nach hinten geschlichen, wo vom gestrigen Abend noch allerhand Dekorationen stehen. Er setzt sich in einen rosenbekränzten Wagen, der von zwei Tauben an rosa Bändern durch die Lüfte gezogen wird; lächelnd neigt er das Haupt und entschlummert. Auf der Bühne spielen die anderen Komödianten, das Publikum klatscht und trampelt, dann sinkt der Vorhang zum letzten Mal, das Publikum geht nach Hause, die Lichter erlöschen, die Schauspieler schlüpfen eilig durch ihre kleine Hintertür auf die Straße; Pantalon aber sitzt in seinem rosenbekränzten Wagen und schläft lächelnd; und wie am anderen Morgen die Frauen kommen zum Fegen und Wischen, finden sie den alten Mann steif und kalt; er ist gestorben in seinem rosenbekränzten Wagen, der von zwei weißen Tauben an rosa Bändern durch die Luft gezogen wird; und um die spitz gewordene Nase schwebt ein überirdisches Lächeln. Silvie Es ist kein Wunder, daß Coraline und Flavio sich lieben; sie sind die beiden ausgezeichnetsten Mitglieder der Truppe, und Coraline hat immer das Prinzip, den Mann zu lieben, hinter dem die Frauen am meisten her sind. Das ist das Prinzip eines mutigen Mädchens; aber sie hat es noch immer durchgesetzt, daß sie dann diesen Vielumworbenen bekam. Sie hat also auch Flavio bekommen. Aber es ging ihr mit ihm, wie es uns so oft geht, wie es auch ihr schon so oft gegangen war: was man hat, das schätzt man nicht mehr. Schließlich ist Flavio im Grunde auch langweilig. Flavio ist immer langweilig. Die jungen Mädchen schwärmen für ihn; sie kritzeln seinen Namen auf ihre Butterbrote und essen sie dann; Coraline ist aber nicht mehr sechzehn Jahre alt, sie ist bereits fünfundzwanzig. Wenn man fünfundzwanzig alt ist, dann wird einem der Liebhaber komisch, man beginnt dann den Charakterspieler zu verstehen. Indessen handelt es sich hier nicht um einen Charakterspieler, sondern um einen Aristokraten. Der Aristokrat betreibt eine große Seifenfabrik, und Mezzetin nennt ihn geradezu einen Seifensieder. Nun, Marchese oder Seifensieder, das ist schließlich ziemlich gleichgültig; sie sind beide bürgerlich und haben Geld; und natürlich ist es sehr angenehm, wenn ein Liebhaber Geld hat. Was bekommt Coraline für Roben, Kostüme, Toiletten, Kleider, Kleidchen, Röcke, Jupons, Blusen, Taillen, Kittel, Mieder, Jäckchen; was für Strümpfchen, Schühchen, Handschuhe, Bänder – ja, denkt euch, sie bekommt sogar eine Badewanne. Die ganze Truppe besucht sie, um die Badewanne zu besehen; sie ist aus Blech, rot angestrichen, mit einem Badeofen, mit einer Brause; jeder von der Gesellschaft verspricht Coralinen, wenn er einmal baden wolle, dann werde er zu ihr kommen. Eine Badewanne! Wie kann ein Mädchen einem Mann widerstehen, der Badewannen schenkt, Badewannen mit Badeöfen dazu! Man kann sich denken, daß Flavio traurig wird. Er macht ihr eine Szene, sie antwortet ihm kaltblütig: »Ich bin noch nicht so alt, daß ich treu bleiben müßte; bei dir ist die Sache ja anders.« Flavio braust auf, ruft mit großer Gebärde: »Das wird die Welt sehen«, und geht fort. Silvie ist ein reizendes Mädchen, sie ist noch ganz jung, so jung, daß man überhaupt nicht weiß: hat sie eigentlich Talent, oder ist sie nur jung? Sie hat also viel Gefühl; wir wollen es nur verraten, auch sie hat Flavios Namen mit dem Fingernagel auf ein Butterbrot gekritzelt. Nun liebt Flavio also Silvien, und Silvie ist glücklich; mit verklärten Augen sieht sie durch die Kulissen seinem Spiel zu; wie ein kleines Beutelchen, in dem Federbälle sind, hängt sie an seinem Arm, wenn er sie nach Hause begleitet, in ihr zierliches Dachstübchen, wo im Fenster ein Resedabusch steht, eingepflanzt in einen alten braunen Topf ohne Henkel, auf dem Tisch liegt ein großes Brot neben einem Haufen Äpfel – sie hat so wenig Gage, die Kleine, und hat solchen Appetit. Einmal, wie er sie in ihr Stübchen gebracht hat und sich verdrießlich umschaut, weil gar nichts zu Essen da ist, beißt sie sich heimlich in den kleinen Finger, sie kann ja gar nicht glauben, daß es ein solches Glück gibt, sie denkt immer, daß sie nur träumt. Dann aber, wie der Finger recht weh tut und sie doch nicht aufwacht, springt sie mit beiden Beinen in die Höhe, hängt sich an seinen Hals und sagt: »Bring mir nur immer dein gebrauchtes Hemd, ich wasche es dir mit; das macht mir keine Mühe, das heiße Wasser habe ich ja doch.« Es gibt Leute, welche behaupten, daß Schauspielerinnen keine Kinder bekommen. Silvie ist nach kurzer Zeit ein Beweis dafür, daß diese Behauptung falsch ist. Der Zustand hat seine Unbequemlichkeiten, aber Silvie ist trotzdem selig. Wie wunderbar, wenn sie nun ein Kind haben wird, das ganz allein ihr gehört, das sie anziehen, ausziehen, waschen, baden, nähren, zu Bett bringen, aus dem Bett nehmen kann; das sie anlacht, mit seinen kleinen Händchen machen kann »backe, backe Kuchen«, und das so süß ist, so süß wie ein Engel! Auch Flavio ist ganz glücklich; Flavio ist ja überhaupt meistens der Ansicht, welche die anderen haben. Silvie ist nun sehr fleißig. Zwei Hemden hat sie nur; wenn sie das eine in ihrer Waschschüssel wäscht, zieht sie das andere an; aber das Kind muß Windeln haben, und im Sommer kann man auch mit einem Hemd auskommen; es trocknet ja schnell vor ihrem Fenster; so zerschneidet sie also das überflüssige zweite Hemd und näht Windeln. Die anderen bewundern sie und bringen ihr Hemden, Tischtücher, Bettlaken; selbst Mezzetin schleppt einen großen Packen alte Leinwand an; er war früher in Verona engagiert, wo das Publikum die Gewohnheit hat, beliebten Schauspielern zu ihrem Benefiz Wäsche zu schenken; und Mezzetin war natürlich ein sehr beliebter Schauspieler. Doch wer kennt das weibliche Geschlecht! Coraline sieht die Liebe Silviens und beschließt, Flavio wieder zu erobern. Der Aristokrat ist ihr gleichgültig. Die Eroberung Flavios ist nicht schwierig; er ist es so gewohnt, erobert zu werden. Das verdrießt Coralinen schon; noch mehr aber verdrießt es sie, daß Silvie gar nichts von Flavios Untreue merkt. Vergeblich schreibt sie ihr anonyme Briefe; Silvie zeigt ihm die Briefe lachend, sieht seine Verlegenheit nicht und sagt stolz zu ihm: »So werde ich um deine Liebe beneidet, daß man mir sogar Briefe schickt, um uns auseinanderzubringen.« Vergeblich stichelt sie, wenn sie Silvien hinter den Kulissen begegnet; Silvie denkt nur, sie ist traurig, daß Flavio sie nicht mehr liebt, denn ein Mädchen muß doch traurig sein, wenn sie einen Flavio verloren hat! Coraline würde ihr ja durch einen Kollegen alles sagen lassen, aber niemand will ihr helfen, sie ist zu unbeliebt bei allen. Silvie merkt nichts, garnichts; sie denkt, daß sie nun bald nicht mehr auftreten kann, daß dann Flavio während der Vorstellungen ohne sie ist und sich langweilen wird; sie will aber so lange ins Theater kommen, wie es geht, und hinter den Kulissen stehen, damit Flavio mit ihr plaudern kann, wenn er nicht auf der Bühne zu tun hat. Heute spielt sie das letztemal mit; das Publikum findet, daß es eigentlich nicht mehr so recht geht, aber es ist gerührt und klatscht, wie es noch nie geklatscht hat. Silvie strahlt vor Vergnügen und Stolz. Sie hat eine junge Frau zu spielen, die ihren Mann bei einer Untreue belauscht; sie ist allein auf der Bühne und muß durch ein Schlüsselloch in ein Nebenzimmer sehen, laut berichten, was sie sieht, und zuletzt in Ohnmacht fallen. Sie beugt sich vor das Schlüsselloch – wie komisch! Da ist wirklich ein kleines rundes Loch, durch das sie auf die Hinterbühne sehen kann; da steht Flavio; sie nickt ihm zu, denn sie vergißt im Augenblick, daß er sie ja gar nicht sieht; sie ruft: »Flavio!« besinnt sich aber schnell, kommt wieder in ihre Rolle und fährt fort: «Ungetreuer, Meineidiger! Was sehe ich!« Ach, was sieht sie! Coraline steht neben ihm, legt die Hand um seinen Nacken. Silvien schwimmen die Augen in Tränen. Sie muß in ihrer Rolle fortfahren: »Sie legt den Arm um seinen Nacken«; ihre Stimme will ersticken, sie sieht, wie er sie umfaßt und küßt, und sie muß sagen: »Du küßt sie, sie kannst du küssen und mir hast du Treue geschworen!« Lautlose Stille ist im Publikum, noch nie wurden diese Worte mit solcher Naturwahrheit gesprochen. Die beiden halten sich fest umschlungen. Coraline lacht. Silvie muß sagen: »Ach, wie kannst du das nur tun, ich habe dich doch so lieb«; dann sinkt sie um und wird ohnmächtig, und der Vorhang geht nieder. Sie wird wirklich ohnmächtig, sie hört nicht den donnernden Beifall, sie sieht nicht, wie der Vorhang wieder hochgeht, wie Blumensträuße auf die Bühne geworfen werden, wie das Publikum im Parterre aufsieht, um noch lauter zu klatschen; sie liegt noch ohnmächtig; der Vorhang sinkt nieder und geht wieder hoch; da hörte sie das Klatschen wie einen Gewitterregen auf ein Dach, sie besinnt sich, es wird ihr alles klar, sie erhebt sich, mit einem freundlichen, dankbaren Lächeln verneigt sie sich vor dem Publikum. Die Kollegen sind empört über Coralinen. Mezzetin erklärt: »Die Badewanne riecht nach Seife.« Der Witz kommt uns vielleicht nicht gut vor, aber er wirkt wie ein Dolchstoß; Coraline wird blaß und reißt sich schluchzend aus Flavios Armen. Mezzetin und der Kapitän begleiten die leise weinende Silvie nach Hause; der Kapitän schwört, daß er Flavio fordern wird, denn wer eine Dame beleidigt, der hat es mit dem Kapitän zu tun, der Kapitän ist der Verteidiger jeder Unschuld. Die armen Schauspieler haben ja alle kein Geld, um Blumen zu kaufen. Aber man kann Blumen stehlen, man bekommt auch vom Publikum Blumen geschenkt, schließlich kann man auch borgen: jedenfalls, als am anderen Tage Silvie erwachend das Köpfchen von ihrem naßgeweinten Kopfkissen hebt, da klopft es, und der Zettelträger bringt Rosen vom Kapitän, Nelken von Mezzetin, Veilchen von Isabellen, Anemonen vom Doktor, Aurikeln von Pantalon, von jedem Mitglied bringt er einen großen Blumenstrauß. Und wie das kleine Zimmer schon ganz voll ist von den Blumen der Kollegen, da kommt ein feiner Diener und bringt ein kostbares Bukett von einem Conte, und ein anderer einen Lorbeerkranz von einer Marchesa, und ein Kaufmannslehrling bringt eine Kiste Apfelsinen von seinem Herrn, und immer mehr Blumen und Geschenke kommen. Das Publikum schickt, weil Silvie so schön gespielt hat, die Kollegen aber, weil sie finden, daß Coraline gemein gegen sie gehandelt hat; denn das ist ja menschlich, daß die Liebe wechselt, aber es muß alles anständig vor sich gehen. Das grüne Ungeheuer Ein grünes Ungeheuer ist in das Land eingefallen und haust in einer Höhle. Der König muß ihm täglich zehn Jungfrauen schicken, die es verspeist, ungerupft und ungebraten. Wenn der König das nicht tut, dann verheert das Ungeheuer das ganze Land. Nun ist die Reihe auch an die Königstochter gekommen; sie soll mit ihren neun Kammerjungfern dem Ungeheuer gleichfalls zum Opfer gebracht werden. Aber in die jüngste Kammerjungfer ist Arlechin verliebt. Wenn ein mutiger Ritter das Ungeheuer zum Lachen bringt, dann ist es besiegt, wird in einen Käfig gesperrt und für Geld gezeigt. Viele tapfere Ritter haben schon versucht, das Ungeheuer zum Lachen zubringen. Sie haben es an der Kehle gekitzelt, hinter den Ohren, unter den Achseln; sie haben ihm Gesichter geschnitten, Geschichten erzählt und sich auf den Kopf gestellt; sie haben sich verkleidet, haben ihm Juckpulver gestreut und haben Lieder dazu gesungen. Das Ungeheuer hat keine Miene bewegt, es hat nur, wenn sie mit ihrer Weisheit zu Ende waren, den Rachen aufgesperrt und sie hinuntergeschluckt, indem es dabei mit den Augen blinzelte. Arlechin gelingt es, das grüne Ungeheuer zum Lachen zu bringen; es lacht, daß ihm die dicken Tränen über die Nacken kullern; dann geht es gutwillig in den Käfig, den schon der erste Ritter mitgebracht hatte, gähnt behaglich und wird an den Hof geführt, wo es dann den durchreisenden Fremden der besseren Stände für fünf Silbergroschen gezeigt wird. Arlechins Frau hat kein Talent; sie muß denn solche Rollen spielen wie das grüne Ungeheuer; aber die spielt sie auch vorzüglich. Und Arlechin selber ist in dem Stück überhaupt einfach unübertrefflich. Die Vorstellung ist also gelungen, die ganze Stadt spricht von Arlechin und dem grünen Ungeheuer; zuerst spricht die erste Gesellschaft, dann die zweite Gesellschaft, dann die dritte Gesellschaft; endlich werden auch die Kinder neugierig, schicken eine Abordnung an den Bürgermeister und ersuchen, daß sie sich das Stuck ansehen dürfen. Der Bürgermeister gewährt ihnen die Bitte, die Kinder sehen sich die Vorstellung an und sind begeisterter, als alle drei Gesellschaften zusammen waren. Aber nun kommt eine schwere Krankheit über die Kinder. Sie klagen über Halsschmerzen, legen sich ins Bett, haben Fieber; der Hals ist ihnen plötzlich wie zugeschnürt, sie können weder schlucken noch sprechen, kaum noch atmen; und die Ärzte sagen, daß manche Kinder sterben werden, welche die Krankheit befallen hat. Die armen Eltern weinen, geloben Wallfahrten und Kerzen, verändern ihren Lebenswandel; die Wut der Krankheit wird nicht gemildert. Der kleine Sohn des Bürgermeisters winkt seinen Vater ans Bett. Dann nimmt er sein Schreibtäfelchen, denn er gehört zu den Schwerkranken, und schreibt darauf: Er weiß wohl, daß er schwer krank ist, wenn die Erwachsenen auch immer lächeln und ihm sagen, daß er morgen wieder werde mit seinem weißen Schaf spielen können. Aber wenn er denn nun sterben muß, so bittet er seine Eltern, daß sie ihm vorher noch einmal eine große Freude machen, nämlich er bittet, daß Arlechin und das grüne Ungeheuer zu ihm kommen und daß Arlechin das grüne Ungeheuer zum Lachen bringt. Der Bürgermeister bezwingt sich, daß ihm nicht die Tränen kommen; er lächelt und sagt, er wolle Arlechin bitten; dann geht er und kommt zu Arlechin. Arlechin und seine Frau sitzen am Kleiderschrank und weinen. Der Kleiderschrank hat vor langen Zeiten seine Türen verloren und dient nun als Lager für ihr krankes Kind; als Vorhang aber haben sie das Fell des grünen Ungeheuers aufgehängt, damit das Kind dunkel liegen kann, wenn es schlafen will. Der Bürgermeister weint mit ihnen, als er das kranke Kind sieht, dann bringt er seine Bitte vor. Die Mutter läuft schnell in die Nachbarschaft und ersucht Colombinen, solange bei dem Kind zu bleiben; dann holen sie den Arlechinanzug aus dem Brotkasten, hängen das Dell des grünen Ungeheuers ab und folgen dem Bürgermeister. Arlechin hat seinen Sieg über das Ungeheuer durch seine Menschenkenntnis davongetragen. Wenn man einen anderen zum Lachen bringen will, so muß man selbst ernsthaft bleiben. Er bleibt also ernsthaft und preist dem Ungeheuer einfach die Vorzüge der Tugend vor dem Laster. Das Ungeheuer wackelt mit dem Kopf, es bezwingt sich, es will nicht lachen; aber als endlich Arlechin in Tränen ausbricht und von der Seligkeit spricht, welche der arme, aber tugendhafte Schauspieler auf seiner Bühne genießt, indessen der lasterhafte Reiche sich auf seinem roten Plüschsessel langweilt, da öffnet das Ungeheuer seinen Rachen, hält sich den Bauch und lacht, bis ihm zuletzt die Tränen kommen. Der Sohn des Bürgermeisters lacht auch, er lacht immer angestrengter, sein Gesicht wird dunkelrot, Vater und Mutter stürzen hinzu, um ihn aufrechtzuerhalten; plötzlich macht er innerlich eine große Anstrengung, das Geschwür platzt, welches ihm in der Kehle saß, er schreit laut: »Das Ungeheuer weint ja«; dann sinkt er kraftlos zurück. Der Arzt verordnet ihm noch ein leicht schweißtreibendes Mittel und verlangt vierzehn Tage lang strenge Bettruhe, dann steht er dafür, daß das Kind gerettet ist. Der Bürgermeister drückte den beiden Komödianten selig die Hand und schüttelte sie kräftig, die Frau Bürgermeister sagte, sie müßten in das Eßzimmer gehen, und befahl, ihnen zu decken; aber in der allgemeinen Aufregung achteten die Dienstboten nicht auf sie. So gingen sie in die Stube, in welcher sie sich angekleidet hatten, zogen sich wieder um und packten Arlechintracht und Ungeheuerfell zusammen; dann liefen sie schnell nach Hause zu ihrem kranken Kind. Colombine kam ihnen auf der Treppe entgegen. »Erschreckt nicht, es ist etwas eingeschlafen.« »Es ist tot!« schrie die Mutter und lief in die Stube; da lag der Kleine lang ausgestreckt, mit wächsernem Gesicht; Colombine hatte ihm die Augen zugedrückt. Neue Liebe Der Kapitän Spavento und Silvie sind zwei in ihrem Herzen Verwundete; trotz seiner Tapferkeit, seiner männlichen Gestalt, seines prächtigen Schnurrbarts – er ist der einzige Schauspieler, der einen Schnurrbart hat – wurde er von Colombinen verlassen; und Silvie hat trotz ihrer zärtlichen Liebe, ihrer Jugend, ihrer Schönheit den flatterhaften Flavio verloren. In einer kleinen Schauspielertruppe sind nicht viel mögliche Kombinationen; denn man muß doch immer bedenken, daß Pantalon, der Doktor, der Notar und Cassander ausscheiden, weil sie schon alte Männer sind. Es wäre also das Gegebene, daß der Kapitän Silvien liebte und Silvie den Kapitän. Nun liebt zwar Silvie den Kapitän; aber trotz ihrer Erlebnisse mit Flavio hat sie noch immer nicht gelernt, wie ein Mädchen es anfangen muß, damit ein Mann sie wiederliebt. Manche von den Schauspielern behaupten, das sei ein Beweis ihrer Talentlosigkeit; sie hat ja Erfolge beim Publikum, unzweifelhafte Erfolge; aber die Schauspieler sagen, das komme nur daher, daß sie immer sich selber spiele; eine eigentliche Künstlerin sei sie nicht. Also der Kapitän liebt sie nicht; er liebt dafür Bettinen, die ränkevolle Bettine, die ganz gewiß Talent haben muß; denn unzweifelhaft versieht sie es, zu bewirken, daß die Männer sie lieben; das ist in vielen Fällen nur Talentprobe, daß die das bewirkt; sie hat gar nicht die Absicht, die Liebe immer zu erwidern. Auch in diesem Falle liebt Bettine nicht wieder. Man kann sich Silviens Kummer vorstellen. Das arme Kind hat es ja noch nicht ganz verwunden, daß Flavio sie verlassen hat; und nun hat sie gleich wieder ein neues Unglück in der Liebe! Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Des Kapitäns Talent ist ja wohl unbezweifelt; aber in Liebessachen ist auch er von einer merkwürdigen Torheit. Sollte man es für möglich halten: zur Vertrauten seines Liebeskummers um Bettinen hat er sich gerade Silvien ausgesucht! Sie muß seine Schwüre und Flüche mit anhören; und das arme Kind, das noch nicht so ganz unterscheiden kann, was bei dem tapferen Spavento Rolle ist und was Natur, erschrickt über die fürchterlichen Schwüre bis in den Tod; doch mit jenem süßen Erschrecken des verliebten Mädchens, das den Geliebten wegen seiner furchtbaren Männlichkeit nur noch mehr liebt. Der Mut des Kapitäns ist nicht nur Silvien bekannt, alle Welt weiß von ihm. Ist es nicht wunderbar, wie ein solcher Mut vor einem Mädchen verschwindet? Spavento wagt Bettinen nicht seine Liebe zu gestehen, er wagt ihr noch nicht einmal Blumen zu überreichen. Silvie muß ihr in seinem Namen ein Veilchensträußchen bringen; Bettine lacht verschmitzt und sagt etwas – nein, das kann Silvie dem Kapitän nicht wiedersagen, das bräche ihm das Herz. Man weiß ja, wie er damals krank geworden war, als Colombine ihn verlassen hatte! Sie erzählt also, daß Bettine den Strauß geküßt hat. Die Brust des Kapitäns wölbt sich, er streicht sich den Schnurrbart; dann faßt er die bebende Silvie unters Kinn und sagt: »Geküßt? was? die Veilchen des Kapitäns geküßt! Es gibt manches Weib, das sich nach dem Kapitän umsieht! Ich werde mir das Weitere überlegen!« Ach, vielleicht besinnt er sich anders, denkt Silvie, wie er sich von ihr wendet, die Faust in den ungeheuren Degenkorb stoßend. Man sollte denken, daß der Kapitän nun sich selber an Bettinen wenden würde; aber die Künstlernatur ist inkonsequent; er behält Silvien als Liebesbotin bei. Er schreibt einen Brief. Silvie weiß, daß Bettine über den Brief lachen, ihn vielleicht sogar ihrem Liebhaber zeigen wird; sie weint, wenn sie an den Kapitän denkt, und wagt nicht, den Brief abzugeben; der Kapitän fragt sie, drängt sie; sie hat ja schon den Brief auseinander gebogen und einige Zeilen gelesen; endlich faßt sie sich ein Herz, öffnet ihn und beantwortet ihn selber in Bettinens Namen. Die Handschriften der Schauspielerinnen von damals waren noch nicht sehr differenziert, eher war es ihre Orthographie; der Kapitän merkt nichts von dem freundlichen Betrug; er liest den Brief, lacht glücklich, reicht ihn dann der zitternden Silvie zum Lesen und sagt: »Da, Kleine, lies ihn genau durch, so schreibt ein liebendes Weib!« Silvie errötet und wagt den Brief nicht zu nehmen; der Kapitän lacht und steckt ihn in die Tasche. Solche Verhältnisse entwickelten sich damals schnell. In seinem nächsten Brief schon schlägt der Kapitän Bettinen ein nächtliches Stelldichein vor. Silvie erschrickt noch tiefer, wie sie diesen Brief öffnet, noch tiefer ist ihre Liebe verwundet; einer Bettine ein Stelldichein vorzuschlagen, einer Bettine, die einen, zwei, drei Liebhaber außer dem Theater hat, einen Materialwarenhändler, einen Goldschmied und einen Abbate! Wie blind die Männer sind, so eine zu lieben! Sie weint herzbrechend, sie weint stundenlang. Aber was soll sie tun? Soll sie Bettinen erzählen, daß sie den vorigen Brief selber beantwortet hat? Was würde der Kapitän sagen, wenn er ihren Betrug erführe! Sie schreibt die Antwort wieder selber in Bettinens Namen. Sie schreibt, daß sie ihn liebe, daß sie ihn besuchen wolle, aber sie werde beargwöhnt und überwacht; sie wolle nach der Vorstellung zu ihm kommen, in ihren schwarzen Schleier eingewickelt, damit man sie nicht erkenne; er solle sie erwarten, aber er dürfe niemandem, niemandem etwas erzählen. Der heutige Leser wird denken: aber wenn nun Spavento ein Licht in seiner Kammer brennen hat? Keine Furcht; ein Schauspieler ist nicht so reich, daß er abends Licht brennt; wenn die Vorstellung zu Ende ist, so geht er im Dunkeln nach Hause; seine Treppe ist eng genug, er wird sich nicht auf ihr verirren, und in seiner Kammer sind nicht so viele Möbel, daß er an eines anstoßen könnte. Der Kapitän lächelt überlegen als er den Brief liest. Er fragt Silvien: »Soll ich ihn dir geben?« – »Nein«, fährt er fort; »der Kapitän weiß ein Geheimnis zu wahren. Mit Zangen kann man es ihm nicht aus dem Busen reißen.« Es wird Abend; die Vorstellung beginnt; noch nie hat der Kapitän mit solchem Feuer gespielt; ein Maronenverkäufer im parterre wird ohnmächtig vor Schreck, vor Schreck! Donnernder Beifall wird dem Kapitän zuteil. Auch sonst wird der Kapitän heimlich geliebt. Eine verschleierte Dame in einer Loge ist mit einem großen Rosenstrauß gekommen; man kann sie nicht erkennen, unzweifelhaft ist sie eine seine Dame, eine vornehme Dame, vielleicht eine Marchesa; sie hat also einen Rosenstrauß. In ihrer Begeisterung wirft sie statt des Rosenstraußes ihr Korsett dem Kapitän auf die Bühne; sie hat es sich nicht etwa in ihrer Loge ausgezogen; es war zum Ausbessern gegeben und sie hatte es abgeholt, ehe sie ins Theater ging. Verwirrt flieht sie aus der Loge; der Kapitän hebt das Paket auf, das vor seinen Füßen liegt, öffnet es und holt das Korsett vor. »Dieses Korsett ist mir mehr wert als ein Rosenstrauß«, ruft er gefühlvoll; Silvie vergießt in den Kulissen Tränen der Freude. Wie sollen wir beschreiben, was jeder Beschreibung spottet, die höchste Seligkeit der zwei Liebenden? Es ist dunkel auf der Straße, im Haus, auf der Treppe, in des Kapitäns Zimmer; Silvie hat sich zu ihm geschlichen, sie hängt an seinem Hals, er ruft aus: »Bettine! Dieser Augenblick sollte der letzte unseres Lebens sein!« Silvie seufzt heimlich und denkt: Wenn das doch wahr würde! Aber es wird nicht wahr; lange vor Morgengrauen schleicht sie sich wieder von ihm fort. Es ist Probe am Vormittag. Der Kapitän erscheint, seine Blicke mustern die Anwesenden; Bettine steht neben dem Doktor, dem alten Doktor, mit einem Gesichtsausdruck, einem Gesichtsausdruck! Der Kapitän runzelt die Stirn und sieht sie strafend an; sie lacht ihm ins Gesicht, nimmt die Hand des Doktors und drückt sie auf ihr Herz. Wie? Sie drückt die Hand des Doktors auf ihr Herz! Der Kapitän erblaßt und wendet sich ab; in der äußersten Ecke, allein, steht Silvie; er geht zu Silvien und stammelt: »Vorige Nacht war sie bei mir!« Die Tränen sind am Losbrechen bei ihm. Silvie flüstert ihm zu: »Strafe sie mit Verachtung«, schiebt ihren Arm unter den seinen und wendet sich mit ihm zu den übrigen. Im Gehen nimmt sie seine freie Hand und drückt sie. Alle Schauspieler sehen die beiden an, sehen Silviens heiteres Gesicht, das noch umwölkte Gesicht des Kapitäns. Man kann ja von Bettinen nicht verlangen, daß sie den Zusammenhang versteht, und so denkt sie denn, was die Anderen denken, nur, daß sie die erste ist, die es sagt: »Kinder, jetzt haben sich die beiden schon gezankt, und wir wußten noch gar nicht, daß sie ineinander verliebt sind.« Natürlich muß dem Kapitän dieser Ausruf als die höchste Lieblosigkeit von Bettinen erscheinen. Verächtlich preßt er seine Lippen aufeinander; dann spricht er endlich: »Ja, ich liebe Silvien, ich habe nie ein anderes Weib geliebt als sie.« Der Dichter Bei der Truppe ist natürlich auch ein Theaterdichter; die Schauspieler nennen ihn unter sich den Stückeschreiber und haben die Ansicht von ihm, daß er nichts vorn Theater versteht; und er selber findet, daß die Schauspieler mühsam von ihm abgerichtet werden und von dem, was sie am Abend sagen, keine Ahnung haben. Der Dichter ist bekanntlich der berühmteste Mann von Italien. Der Sultan hat schon seit Jahren den Wunsch, ihn an seinen Hof zu ziehen, aber er ist Römer und bleibt Römer, er wird nie von Rom fortgehen, trotzdem man ihn in der Heimat natürlich nicht anerkennt, wie man eben nie einen großen Mann in Rom anerkannt hat. Einem – nun, wir wollen den Namen nicht nennen – wird das Geld ja nur so in den Schoß geworfen, weil er mit seinen Stücken den niedrigen Begierden der Masse schmeichelt; nun, er weiß sich zu trösten in seiner ehrenvollen Armut, er würde mit keinem tauschen, mit keinem. Man hat ein neues Stück von ihm gegeben, mit ungeheurem Beifall natürlich. Die junge Eminenz war in einer Loge, dieser fürstliche Beschützer von Kunst und Wissenschaft, und hat seine höchste Begeisterung ausgedrückt; der Dichter bekommt für den nächsten Tag eine Einladung zum Mittagessen. Er geht zu Leander, zu Lelio, zu Flavio, zu Pantalon, zum Kapitän und borgt sich bei allen das Passende an Garderobe zusammen; die Schauspieler sind selber geschmeichelt durch die Einladung, denn sie sind es ja, die das Stück herausgerissen haben, und so helfen sie ihm, wie sie können; Silvie wäscht und plättet ihm Jabot und Manschetten, Isabelle frisiert ihn, der Kapitän näht ihm die aufgeplatzten Stiefel und schwärzt die geflickten Stellen, daß man sie nicht merkt, gar nicht; der Direktor borgt ihm seine silberne Schnupftabakdose, Coraline sogar gibt ihre Uhr her, die sie von ihrem Aristokraten geschenkt bekommen hat, die einzige Uhr, die es unter den Mitgliedern der Truppe gibt; sie bindet sie ihm auf die Seele, ihre Uhr, daß er sie nicht verliert oder sich stehlen läßt, denn eine Uhr bekommt man nur einmal im Leben geschenkt; sie zittert, als er gegangen ist, macht Flavio Vorwürfe, daß er es ihr nicht verboten hat, ihm die Uhr zu borgen, aber schließlich, sie hat sie ihm doch geborgt. So geht denn der Dichter zu dem Kardinal, in Lelios grünseidenem Wams, Flavios Spitzenjabot, Leanders blausamtner Hose, mit dem Degen des Kapitäns und dem Gehstock Pantalons; er geht angezogen und geschmückt, wie noch nie ein Dichter zu einer Einladung gegangen ist. Der junge Kardinal ist ein wirklich feiner, wirklich gebildeter Mann. Der Dichter ist allein zu Tische bei ihm, niemand ist sonst geladen, und der Kardinal unterhält sich mit ihm über Literatur, nur über Literatur. Er kennt die Alten genau, die Neueren mag er nicht lesen; man kann das von einem Mann nicht verlangen, der die Alten kennt. Nur des Dichters Stücke würde er lesen; aber sie sind nicht gedruckt, die Stücke des Dichters, sie werden nur gespielt. Des Dichters Augen schimmern feucht. Ja, die Stücke des – nun, wir wollen seinen Namen nicht nennen – sind gedruckt, und was gedruckt vorliegt, das kauft das Publikum. Der Dichter schweigt und denkt: wenn er Geld hätte, dann würde er eine Auswahl seiner Dramen herausgeben, er würde sie auf eigene Kosten drucken lassen; vielleicht nur fünf wären nötig. Das wäre der Nachruhm, wofür lebt man denn? Für diesen flüchtigen Beifall des Abends, der morgen schon wieder vergessen ist, für die Anerkennung der Schuster und Schneider, welche im Parterre sitzen? Auch Homer war ein armer Mann, auch er ernährte sich kümmerlich von Almosen, die man ihm zuwarf, wenn er seine unsterblichen Lieder vorgetragen hatte; und heute sind alle Könige und Fürsten vergessen, alle adeligen Herren und reichen Leute, die damals lebten, Homers Namen aber ist in aller Munde; und noch mehr! von seiner Unsterblichkeit hat er den Helden und Fürsten abgegeben, die er besungen; nur durch ihn leben noch Achill und Hektor, Odysseus und Agamemnon. Aber gedruckt muß man werden! Wenn ein Stück abgespielt ist, so wird es vergessen. Der Dichter hebt sich seine Handschrift auf; aber wenn er tot ist, dann kommen Hauswirt, Krämer, Wäscherin, Milchfrau, Bäcker; alle Menschen kommen, denen er schuldig ist; seine Habe wird auseinandergeworfen, die Handschriften werden verkauft, und mit den Dichtungen, welche bestimmt waren, Jahrtausende hindurch die Menschen zu erfreuen, wird Wurst und Käse eingewickelt. Ganze Stellen aus dem Stück von gestern abend kann der junge Kardinal auswendig; er trägt sie vor mit seinem edlen Anstand, seinem feurigen Temperament; bewundernd macht er auf ihre Schönheiten aufmerksam; wo sein Gedächtnis versagt, hilft der Dichter selber ein; es kommt ein neuer Fiasco, und Kardinal und Dichter tragen sich nun gegenseitig das ganze Stück vor, sind bis zu Tränen gerührt durch die Schönheit der Verse, lachen bis zu Tränen über den Witz des Dialogs, weinen über die Herrlichkeit der ganzen Komposition, und sinken sich endlich gerührt in die Arme. Hinter dem Stuhl des Kardinals steht immer der ernste, feierliche, vornehme Kammerdiener; keine Miene seines Gesichts verrät, daß er dem Gespräch zuhört, mit ausgesuchter Höflichkeit bedient er den Dichter, schneidet er ihm Käse ab, reicht er ihm die Dessertschüssel, wechselt er ihm die Teller. Man wird sich vielleicht über den merkwürdigen Kardinal wundern. Die Italiener haben einen netten Ausdruck in ihrer Sprache: «Jugendkind«. Der Heilige Vater, welcher damals auf dem Stuhle saß, war auch einmal jung gewesen; damals hatte er eine Schauspielerin geliebt, und der Kardinal war ein Jugendkind von ihm. Nun versteht man gewiß, woher beim Kardinal die Theaterbegeisterung kam. Sie hatte aber noch einen anderen Ursprung, der freilich wohl auf dieselbe Quelle zurückging: der Kardinal hatte nämlich selber ein Drama geschrieben. Man wird zugeben, daß er für einen Kardinal recht unerfahren in der Welt war, wenn er annahm, daß er dieses Stück durch die Vermittlung des Dichters auf die Bretter bringen konnte; aber er war nun einmal so; er war ja noch sehr jung. Wird man verstehen, daß der Kardinal dem Dichter etwas sehr Liebes antun wollte und sich doch schämte, ihm das Liebste anzutun, nämlich ihm eine volle Geldbörse zu schenken? Hätte der Dichter eine volle Geldbörse bekommen, so wäre er gleich zu einem Drucker gegangen und hätte mit ihm akkordiert; aber der Kardinal schämte sich; und so zog er einen kostbaren Diamantring vom Finger, den er sich vorher zu dem Zwecke angesteckt; und wie der Dichter einmal mit einer lebhaften Bewegung gestikulierte, ergriff er seine Hand und steckte ihm den Ring an den Finger, schloß die Hand, gab ihr einen leichten Klaps und lachte. Einen Diamantring, man denke! Der Dichter wußte nicht, ob er saß, das Zimmer bewegte sich um ihn; der schweigsame Kammerdiener hinter dem Stuhl machte große runde Augen. Dann aber holte der Kardinal sein Stück vor, gab es dem Dichter und sagte einsilbig: »Lesen.« Der Ring und das Stück hatten den Gefühlen einen solchen Schwung gegeben, daß die bisherige Stimmung nicht aufrechtzuerhalten war. Der Dichter erhob sich, stammelte seinen Dank, der Kardinal umarmte ihn, dann ging er. Der Kammerdiener folgte ihm, reichte ihm draußen seinen Hut – es war Lelios Hut – und sah ihn an. Der Dichter sah ihn wieder an; er wußte nicht, was der Diener meinte. Dann öffnete der Diener die Hand. Dem Dichter fuhr es heiß durch den ganzen Körper. Er hatte an Jabot und Uhr, an Tabaksdose und Spitzenmanschetten gedacht, aber er hatte nicht daran gedacht, sich einen Paolo zu borgen als Trinkgeld für den Diener. Er hatte nichts in der Tasche, nicht einen einzigen elenden Bajocco. Es schien ihm, als bemerkte er ein leichtes Grinsen im Gesicht des Dieners. Da zog er den kostbaren Ring vom Finger, den Ring, den er hatte verkaufen wollen, um den Drucker zu bezahlen, reichte ihn mit entschlossener Bewegung dem Diener und sagte kalt: »Behalten Sie diesen Ring zum Andenken!« Aber nun machte der Diener erst Augen! Der Dichter pflegte zu sagen: »Ich habe keine Überzeugungen. Wenn es mir vorteilhaft ist, so werde ich Mohammedaner. Nur eines kann ich nicht: Ich kann nicht von einem schlechten Stück sagen, daß es gut ist.« Und das Stück des Kardinals war schlecht, wenigstens hielt es der Dichter für schlecht; manche Menschen behaupten, daß Dichter immer die Stücke der anderen für schlecht halten. Natürlich konnte er es mit seinen Überzeugungen nicht vereinbaren, es dem Direktor zu empfehlen, ja, es ihm nur zu überreichen, trotzdem der es, weil es doch von einem Kardinal war, auch ohne die Empfehlung des Dichters gespielt hätte. Und so kann man sich denn nicht wundern, wenn er von dem Kardinal keinen zweiten Diamantring bekam; und das ist der Grund, weshalb die Dramen des Dichters nicht gedruckt wurden; und weil sie nicht gedruckt wurden, so sind sie vergessen, und selbst der Name des Dichters ist vergessen, deshalb hat er noch nicht einmal in dieser Geschichte einen. Pierrot und Colombine Die arme Colombine ist krank, sterbenskrank. Vor ihrem ärmlichen Lager sitzt auf einem Stuhl Pierrot, verzweifelt den Kopf auf die Hände gestützt. »Soll ich denn schon sterben«, klagt sie; »ich bin doch noch so jung, und wie viele Leute leben, die alt sind und kein Talent haben! Ach, Pierrot, ich fürchte mich so vor dem Tod.« Hier weint Pierrot; sie lacht leise auf und sagt: »Wie komisch es aussieht, wenn du weinst! Diese Bewegung mußt du festhalten, sie wirkt ... Aber, weißt du, was mir das Schrecklichste ist? Wir Schauspieler sind doch exkommuniziert, kein Priester darf uns die letzte Ölung reichen. Ich habe ja immer darüber gelacht, weißt du, mit dem dicken Priester, der so lustig war, der damals abends so oft zu uns kam und mit uns aß, und eine Salamiwurst mitbrachte und den großen Fiasco Wein, den er fast ganz allein austrank. Weißt du noch, wenn du ihn nachmachtest, wie er den Fiasco hob und den Weinstrahl mit dem Munde auffing?« Sie lacht und denkt an den komischen Priester. »Aber der würde mir jetzt auch nicht die letzte Ölung reichen. Und wo komme ich dann hin?« Pierrot tröstet sie und sagt: »Ich habe gehört, daß es für die Schauspieler einen besonderen Himmel gibt.« »Glaubst du das?« fragt sie ihn eifrig. »Versprich mir, daß es so ist.« Pierrot verspricht es, und sie fährt fort: »Wie reizend, wenn wir dann so ganz unter uns sind! Ob der Direktor auch hineinkommt? Aber das versprichst du mir auch, wenn ich begraben bin, dann setzt du mir einen Leichenstein, auf dem mein Name steht.« »Das ist eigentlich verboten«, antwortet Pierrot zögernd; »wir werden ja draußen auf dem Anger verscharrt.« »Auf dem Anger?« ruft Colombine entsetzt. »Waren denn deine Eltern nicht auch beim Theater, weißt du denn das nicht?« fragt Pierrot. »Eigentlich weiß ich es ja«, entgegnet sie zögernd. Dann fährt sie fort: »Nein, einen Leichenstein will ich haben, ich habe auch gespart dafür.« Sie sucht das Geld aus ihrem Bettstroh zusammen, lauter Kupferstücke. »Du sollst darauf schreiben: Sie war die Colombine ihres Jahrhunderts.« Weinend nimmt Pierrot das Geld. »Weshalb sind wir denn eigentlich nur exkommuniziert?« fragt Colombine schmollend. »Die Priester gehen doch selber ins Theater und verkehren so gern mit uns, sie sind auch gern einmal lustig, weil sie sonst immer so ernst sein müssen. Sie sagen, es ist für die Gesundheit gut, wenn man zuweilen lacht; und die Leute lachen doch über uns; die Ärzte werden doch nicht exkommuniziert! Meinst du, weil wir zuweilen unanständig sind? Aber daran haben wir doch keine Schuld, das will das Publikum doch!« Es ist die Zeit, wo der Arzt kommt. Pierrot trocknet sich die Tränen und geht. Er geht traurig die Treppe hinunter, durch die Straßen, denkt an Colombinen, an den Arzt, der Colombinen auch liebt, wie es scheint; der Arzt ist ein junger Mann, der nur einige Monate in Rom bleibt, weil er sich in Neapel niederlassen will; aber Pierrot ist nicht eifersüchtig; erstens liegt ihm die Eifersucht nicht, und dann – eine Sterbende! Auf der Straße begegnet ihm ein Mann mit einem großen Vogelbauer, in dem zwei reizende Kanarienvögel sitzen. Wie gebannt bleibt Pierrot stehen, der Mann erzählt ihm, daß er die Vögel verkaufen will, rühmt sie, nennt den Preis, irgendeinen Preis, der ihm gerade einfallt. Pierrot hört natürlich nicht auf den Preis, der ist ja Nebensache, aber er denkt: wie wunderhübsch wäre es für Colombinen, wenn er ihr die Vögel brächte; welche Zerstreuung hätte sie, wie würde sie lachen! Er sucht das Geld zusammen, das sie ihm für den Leichenstein gegeben hat, es sind gerade acht Paoli; fünf beschließt er für die Vögel zu bezahlen. Der Mann hat dreißig verlangt, Pierrot bietet natürlich zunächst nur drei, um angemessen auf fünf steigen zu können, und so kann man sich vorstellen, daß die beiden eine lange Weile mit dem Handeln beschäftigt sein werden. Das Handeln ist ja eines der größten Vergnügen, die es gibt; man muß sich von beiden Seiten nur Zeit dazu nehmen, und Zeit haben die beiden auch. Inzwischen also besucht der Arzt Colombinen. Er ist also ein junger Arzt, er ist auch ein guter Arzt. Er hat gleich gemerkt, daß Colombinens Krankheit nicht so gefährlich ist. Um es kurz zu sagen, er war gestern abend mit dem Ehepaar zusammen in einer Gastwirtschaft, und der Wirt, welcher ein Jäger war, hatte Vögelchen; eigentlich waren es nur Sperlinge, aber er behauptete, es seien Lerchen, weil es besser klingt, wenn man von Lerchen spricht. Sie waren so niedlich angerichtet, auf Holzspießen, in einer Reihe immer ein Vögelchen, dann ein Stück Speck, wieder ein Vögelchen, wieder ein Stück Speck; und weil sie so niedlich angerichtet waren und so gut schmeckten und so lustig knackten zwischen den Zähnen, deshalb hatte Colombine wohl etwas zu viel gegessen. Also der Arzt besucht Colombinen und ist jung, Colombine ist gar nicht so krank wie sie denkt, und der Arzt will noch diesen Abend nach Neapel abreisen; Pierrot aber handelt inzwischen eine lange Zeit mit dem Mann um die Kanarienvögel. Wirklich bekommt er sie für fünf Paoli; er nimmt das Bauer in die Hand und geht glücklich zu Colombinen, eine wunderschöne Melodie vor sich hinträllernd; er nimmt an, daß der Arzt sie nun verlassen hat. Aber wie er ankommt, findet er das Zimmer leer; auf dem Tisch liegt ein Brief für ihn; er enthält zärtliche Abschiedsworte, denn sie ist mit dem Arzt nach Neapel gereist. Was soll er nun mit den Kanarienvögeln machen? Er setzt die Kanarienvögel auf den Tisch und weint. Dort liegt noch ein Unterröckchen von ihr, da stehen ein Paar zierliche kleine Schuhe; die Absätze sind schief getreten; er erinnert sich, wie er ihr Vorstellungen gemacht, daß von dem Röckchen die Stoßkante herunterhing und daß die Absätze schief getreten waren; nun ist sie fort, nie wird er sie wiedersehen, denn kontraktbrüchig ist sie auch geworden, und der Direktor wird sie nicht wieder annehmen, wenn sie auch zurückkehrt. Es klopft an die Tür und der Kapitän kommt, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen; betrübt erzählt ihm Pierrot alles; und auch der Kapitän wischt sich eine Träne aus dem Auge. Der Direktor kommt, der Notar, Isabelle und Silvie kommen, um sich zu erkundigen; sie setzen sich auf den Bettrand, auf die paar alten Stühle um den Tisch, auf dem der Bauer mit den Kanarienvögeln steht; die Kanarienvögel singen nicht, denn die Weibchen sind bei diesen Tieren stumm. Pierrot erzählt alles, wie er Colombinen geliebt hat, und weint; die andern trösten ihn; Isabelle streichelt ihm die Hand, Silvie streichelt ihm den Kopf. Er erzählt, wie er sie zuerst sah, wie es Frühling war und die ersten Krokus aus der Erde kamen und das Theater leer wurde; wie er sie nach Hause brachte, dichtete, sang; wie er mit ihr Rollen einstudierte und Extempores erfand; die berühmten Extempores von Colombinen stammten alle von Pierrot; und endlich erzählt er auch, wie er die Kanarienvögel gekauft hat. Silvie sitzt ihm jetzt gegenüber; und wie magnetisch voneinander angezogen, finden sich ihre Füße unter dem Tisch; und indes Pierrot sich die Tränen trocknet, drückt er zärtlich mit seinem Fuß Silviens Fuß. Die arme Seele Der Kapitän und Silvie haben einen gemeinschaftlichen Haushalt begründet; die Kirche wurde nicht durch ein Verlangen nach überflüssigen Zeremonien belästigt, denn die Kirche beschäftigte sich im siebzehnten Jahrhundert überhaupt nicht mit den Ehen der Schauspieler. Silvie hat ihren Benvenuto mitgebracht, einen reizenden Jungen, der nun schon vier Jahre alt ist und bereits in Kinderrollen mit großem Erfolg auftritt. Der Kapitän liebt ihn zärtlich und beginnt bereits, ihn für seinen eigenen Sohn zu halten; wenigstens behauptet er bei jeder Gelegenheit, wo Benvenutos Talent gerühmt wird, seine blonden Haare oder sein Mut: »Das hat er von mir geerbt.« Er ist entschlossen, einen Kapitän aus ihm zu machen. »Mein Vater war auch Kapitän«, pflegt er zu sagen. Aber natürlich kann man in so jugendlichem Alter die Richtung des Talents noch nicht beurteilen, denn schließlich reitet jeder Junge gern auf den Knien seines Vaters. Der Kapitän hat schon immer gern Salami gegessen. Er hatte überhaupt von jeher einen guten Appetit. Aber die Gage der beiden ist nicht so hoch, daß die gute Silvie ihm oft das Vergnügen machen könnte, eine Wurst aus der Zeitung zu wickeln, sie am Bindfaden vor ihm baumeln zu lassen und zu fragen: »Was ist das?« Der Kapitän pflegt dann zu erwidern: »Ein Feind, der in Stücke geschnitten werden muß«, und Benvenuto umarmt schmeichelnd sein Bein und bettelt, daß er die Haut auskratzen darf. Ja, solche Feste kamen vielleicht einmal im Monat vor. Aber seit einiger Zeit hat Silvie einen Salamihändler entdeckt, der fabelhaft billig ist, nein, unglaublich billig. Natürlich hütet sie sich, den andern von der billigen Quelle zu erzählen; denn man weiß ja wohl, wenn die Nachfrage sich erhöht, so steigen die Preise; ihr Salamihändler ist ihr Geheimnis; aber der Kapitän hat jetzt jeden Abend ein Stück Wurst auf seinem Teller. Einige der Mitglieder haben sich zu einer engeren Gesellschaft zusammengetan und gehen, wie sie es nennen, auf die Dörfer; sie geben Gastspiele in den kleinen Städten, welche so nahe liegen, daß man am Vormittag gemeinsam auf einem Ochsenwagen hinfährt und am andern Morgen in der Frühe mit demselben Gefährt zurückkehrt. Silvie ist dann die Nacht mit Benvenuto allein, und man kann sich wohl vorstellen, daß sie sich ängstigt. Der kleine Benvenuto schläft in einer solchen Nacht einmal sehr unruhig; er hat am Abend sehr viel Kirschen gegessen und, ohne daß die Mutter es merkt, zum Vergnügen eine Anzahl Kerne verschluckt. Er wälzt sich in seinem Bettchen, verlangt mit schlaftrunkener Stimme nach Papa und Mama. Die Mutter beruhigt ihn im Dunkeln, er schläft wieder ein; gegen Morgen wacht er auf: da sieht er vor seinem Bett eine fremde Gestalt stehen, ganz in Weiß gekleidet, einen großen, dicken Mann mit einem roten Gesicht, dunkelm Kraushaar und runden, rollenden Augen. Er erschrickt so vor der scheußlichen Gestalt, daß er laut aufschreit; die Mutter kommt, nimmt ihn aus dem Bettchen, drückt ihn an sich; er verbirgt den Kopf an ihrer Brust und schreit weiter. Die Mutter tröstet ihn, er ruft immer nur: »Der Mann, der Mann.« »Aber Benvenuto, es ist ja doch kein Mann da«, antwortet die Mutter; er glaubt nicht, was sie sagt; zuletzt aber wagt er doch, den Kopf zu wenden; die Morgensonne scheint freundlich ins Zimmer, und in der Tat, es ist kein Mann da. Endlich ist er so weit beruhigt, daß er der Mutter erzählen kann, was er gesehen; die Mutter schüttelt den Kopf, denkt nach und sagt am Schluß: »Ich habe nichts gesehen. Es ist nicht anders möglich, das war ein Gespenst.« Nun muß sie ihm erklären, was ein Gespenst ist; sie erzählt ihm, daß ein Gespenst eine arme Seele ist und artigen Kindern nie etwas tut; und da Benvenuto fest von seiner Artigkeit überzeugt ist, so beruhigt er sich endlich; die Mutter nimmt ihn zu sich in ihr Bett, und er schläft neben ihr wieder ein. Am Nachmittag kommt der Kapitän zurück. Er hat seinem Jungen eine Brezel mitgebracht; Benvenuto muß an ihm hochklettern wie an einem Mastbaum; der Vater hält die Brezel in der rechten Hand erhoben; wie Benvenuto die Schultern erreicht hat, setzt er sich, schlägt die Beine um den Hals des Vaters, hält sich mit der Linken in den Haaren fest und holt mit der Rechten die Brezel. Dann läßt er sich herabgleiten und beginnt zu verzehren. »Was ist geschehen in meiner Abwesenheit? Hat der Hauswirt gemahnt? Hat man mir endlich eine anständige Rolle geschickt?« fragt der Kapitän nun mit tiefer Stimme die reizende Silvie, die gerade einen Floh in ihrem zerrissenen Strumpf sucht. »Kein Mensch ist dagewesen in deiner Abwesenheit, nicht eine Seele; wie werde ich Fremden meine Tür öffnen, wenn mein Gatte nicht im Hause weilt?« Nun mischt sich Benvenuto, der an seiner Brezel kaut, ins Gespräch und erinnert seine Mutter an das Gespenst, das er in der Nacht gesehen hat, das eine Seele war, wenn auch nur eine arme, und artigen Kindern nichts tut. Silvie lächelt und erzählt, daß Benvenuto in der Nacht gefiebert und phantasiert hat; sie hat am anderen Morgen die Kirschkerne festgestellt, und man kann sich denken, daß einem Kind so etwas nicht bekommen kann; das muß ja einen Erwachsenen krank machen. Benvenuto ist betrübt, denn er merkt, daß man ihm das Gespenst nicht mehr glaubt; er kaut nicht weiter, weint, reibt sich die Augen und erklärt, er habe das Gespenst doch gesehen; der zärtliche Kapitän nimmt ihn aufs Knie, beruhigt ihn, stellt sich, als ob er die Geschichte glaubt, und fragt, wie das Gespenst aussah; und stolz beschreibt nun Benvenuto, daß es weiß gekleidet war wie Pierrot, ein rotes, großes Gesicht hatte und ganz runde, rollende Augen. Einen Augenblick schießt dem Kapitän ein Verdacht durch den Kopf; allein gleich verwirft er wieder den unwürdigen Gedanken, denn Pierrot wird doch nicht auf der Straße in seinem Kostüm herumlaufen, und außerdem ist er blaß und mager. Benvenuto verlangt von ihm mehr über die Naturgeschichte der Gespenster und der armen Seelen zu hören, und so beginnt er denn zu erzählen, und Benvenuto erfährt mit Schrecken, daß diese armen Seelen im Leben sehr ungezogen waren und nun im Fegefeuer sitzen, wo sie ein Teufel im Kessel kocht. Hier aber wird Benvenuto nachdenklich; er läßt sich vom Knie des Vaters herab, geht in eine Ecke und überlegt sich etwas lange Zeit. Endlich, während die Eltern inzwischen vom Hauswirt und der rückständigen Miete sprechen und die Frage erörtern, ob sie nicht einfach ihre paar Sachen heraustragen und dem Wirt die elende Wohnung überlassen sollen, die ja eigentlich nicht vermietet werden dürfte, erklärt er in bestimmtem Ton, er habe gesehen, daß im Fegefeuer die armen Seelen selber kochen, und nicht die Teufel. Der Kapitän versucht ihm diese merkwürdige Vorstellung auszureden, Benvenuto aber fängt an zu weinen und verharrt bei seiner Behauptung, daß er das selber gesehen habe. Vielleicht kommen solche Phantasien doch noch von den Kirschkernen. Es ist inzwischen die Zeit des Korso geworden; Vater und Mutter beschließen, mit Benvenuto an die frische Luft zu gehen. Silvie zieht die Nachtjacke aus und legt das Korsett an, das der Kapitän mit aller Kraft seiner Arme zuzieht; dann holt sie ihr gelbseidenes Kleid vor, das ihr einmal Flavio geschenkt hat, damals, als er sie liebte; Flavio hatte ja eine sehr gute Gage. Die Familie kommt zufällig bei einem Garkoch vorbei. Die appetitlichsten Salamiwürste hängen im offenen Fenster, festgeschnürt, gleichmäßig und sauber mit einer Schicht aus Schimmel und durchgeschwitztem Fett bezogen; einige Würste liegen aufgeschnitten da, glänzend dunkelrot und weiß im Schnitt; im Hintergrund, über einem offenen Herdfeuer, unter einem großen, schwarzen Kamin steht ein großer Kessel. Benvenuto zeigt ängstlich mit dem Finger und sagt: »Das ist das Fegefeuer.« Eben kommt der Koch selber quer über die Straße, die weiße Mütze auf dem dunklen Kraushaar, mit einem dicken, roten Gesicht und runden Augen, ganz weiß gekleidet und die etwas blutige Schürze quer übergeschlagen und in den Gürtel gesteckt. Benvenuto schreit, drängt sich an den Vater, verbirgt sein Gesicht am Hosenbein des Kapitäns und ruft: »Das ist das Gespenst, das ist das Gespenst!« Der Kapitän ist von durchdringendem Verstand. Er sieht den Garkoch mit funkelnden Blicken an; der Mensch schaut unsicher zur Seite; er sieht die Salami im Fenster; Benvenuto hält immer sein Bein umklammert – ein Glück, daß er dadurch den Kapitän hindert, sonst könnte Furchtbares geschehen. Auf Silvien sieht er nicht; er sagt nur mit dumpfer Stimme, indem er zur Erde blickt: »Lebe wohl! Packe meine Sachen; das zerrissene Hemd brauchst du nicht mehr zu flicken. Dem Wirt kannst du sagen, daß ich bis zum nächsten Ersten für die Miete aufkomme.« Dann hebt er Benvenuto auf den Arm, küßt ihn, indessen ihm die Tränen über die Wangen laufen. »Spavento!« wagt Silvie ihn in bittendem Ton anzureden. Aber der Kapitän schüttelt den Kopf. »Nein«, sagt er, »du hättest mir die Salami nicht vorsetzen sollen. Der Kapitän kann alles verlieren, hat alles verloren; aber seine Ehre behält er.« Damit setzt er den heulenden Benvenuto nieder und geht fort. Die Liebesbriefe Daß Isabelle viele Anbeter hat, wird gewiß niemanden wundern; sie trägt ein hellrotes Samtkleid, die Ärmel gepufft und geschlitzt, mit gelber Seide unterfüttert, und darüber einen ärmellosen, offenen violetten Samtmantel. Wenn Lelio ihr zu Füßen sinkt, und sie sich anmutig neigt, um ihn aufzuheben, dann ziehen die alten Herren im Parkett ihre Tabaksdose hervor, nehmen eine stille Prise und zerdrücken eine heimliche Träne; das ganze Theater ist atemlos, und den Jungens auf der Galerie läuft das Wasser im Munde zusammen. Der Notar kann natürlich lesen und schreiben, er ist einer von den wenigen Mitgliedern der Truppe mit wissenschaftlicher Bildung; man erzählt sich von ihm, daß er vor langen Jahren Student war und Schauspieler wurde aus Liebe zu einer Schauspielerin. Der gute Notar war ja auch einmal jung, aber das ist so lange her, daß er selber keine Erinnerung mehr daran hat. Wie alt er eigentlich ist, weiß niemand; selbst die ältesten Mitglieder der Truppe können sich nicht entsinnen, daß er jemals anders aussah wie jetzt. Der arme Notar ist auch nicht ansehnlich; er ist schwarz gekleidet, und eine rote Aktenmappe ist der einzige freudige Fleck an seiner Person; er hat eine Feder hinterm Ohr und eine große Brille auf der Nase; und dazu hat er noch einen Bauch, nicht so einen straffen, fröhlichen, männlichen, kräftigen Bauch, der sich majestätisch wölbt unter einer breiten Brust und roten, gesunden Backen, sondern einen jammervollen Hängebauch, der nie wackeln kann, wenn sein Herr lacht, sondern der nur immer trübselig und kümmerlich niederschlottert. Kann der Notar verlangen, daß Isabelle ihn liebt? Nein, er kann es nicht. Aber er verlangt es auch nicht. Der Notar ist ein Philosoph. Lelio ist Isabellen zu Füßen gefallen. Isabelle hat ihn aufgehoben, die alten Herren haben die Deckel ihrer Schnupftabaksdosen zugeklappt, die tiefe Erschütterung des Publikums hat sich in stürmischen Beifall aufgelöst, die Jungens auf der Galerie haben so getrampelt, daß das gesamte Publikum husten muß von dem aufgewirbelten Staub, der Vorhang ist gefallen; Isabelle sagt zu Lelio: »Das ist doch ein närrisches Geschäft, das Komödiespielen, nun höre nur wieder, wie sie verrückt sind«; Lelio erwidert: »Ich war heute auch hinreißend«; Isabelle zuckt die Achseln und tritt zum Notar, der mit verklärtem Gesicht vor sich hinstarrt. Sie zieht einen Brief aus dem Busen; er ist noch warm von ihrer Haut, wie ihn der Notar mit zitternden Händen nimmt. »Ein Ring war nicht drin«, erzählt sie geringschätzig. Der Alte liest ihr vor: es ist ein Gedicht, das er mit bebender Stimme ihr vorliest. Sie will sich ausschütten vor Lachen; »das muß ein närrischer Kerl sein«, sagt sie, »das ist einer von denen, die nur Blumen schicken; aber Blumen waren auch nicht dabei.« »Vielleicht ist er arm und hat kein Geld für Blumen«, wendet der Notar ein. »Weshalb unterschreibt er sich denn nicht, wenn er arm ist, dann ist er vielleicht sehr jung«, erwidert sie nachdenklich. Der Notar fährt sich mit der Hand über das Gesicht. Ob ein Vers Isabellen gerührt hat? Sie fragt: »Hat er das Gedicht wohl selber gemacht?« »Er hat es selber gemacht, auf dich hat er es gemacht«, erwidert eilfertig der Notar. »Ja, was soll ich denn nun tun?« spricht sie wie zu sich selber. »Du bist doch ein guter Kerl, du mußt ihm antworten; er gibt ja eine Chiffre an«, spricht der Notar. Lachend sagt sie: »Antworte du ihm, Alter, ich kann nicht schreiben.« »Was?« »Daß ich ihn liebe, daß ich diese Nacht sein Gedicht unter mein Kopfkissen legen will«, ruft sie lachend aus, entreißt ihm das Blatt, wirft sich ihr Tuch um den Kopf und eilt nach Hause. »Unter ihr Kopfkissen«, murmelt der Notar vor sich hin, »unter ihr Kopfkissen.« Am anderen Tage bringt er Isabellen die Antwort: er hat gleichfalls ein Gedicht geschrieben. Isabelle sitzt unter der Donnermaschine und hört ihm nachdenklich zu, wie er ihr vorliest; ihre Augen füllen sich mit Tränen. »Wie das schön ist!« ruft sie aus; »ach, weshalb ist der junge Mann nicht hier, damit ich ihm das Gedicht selber geben kann! Ja, das ist mein Gefühl, Alter, das hast du getroffen!« »Nun, so ganz alt sind wir denn doch wohl noch nicht«, erwidert der Notar und streckt sich; seine Wangen färben sich leicht und seine Augen glänzen. »Ich bringe das Gedicht selber zum Kasten«, schließt Isabelle, springt auf, umarmt den Notar, küßt ihn, dreht ihn einige Male im Kreise herum, reißt ihm den Brief aus der Hand, und stürmt fort. Natürlich antwortet der Unbekannte, muß der Notar Isabellen sein Gedicht wieder vorlesen und ein neues Gedicht schreiben; und so gehen die Briefe hin und her; sie werden immer zärtlicher, immer leidenschaftlicher. Wenn der Notar vorliest, so sitzt Isabelle neben ihm, bückt sich auf das Papier und sucht den Worten zu folgen; sie spürt es kaum, wie der Notar den Arm um sie legt; ihre Tränen fließen, der Notar weint, die Tränen fallen auf das Papier; lachend macht sich Isabelle frei und ruft: »Du denkst wohl, du bist mein Geliebter, der mir die schönen Gedichte schreibt!« Alle Schauspieler sind neugierig, was die beiden haben mögen, aber die hüten ihr Geheimnis, sie verraten nichts von den Gedichten und dem unbekannten Liebhaber, denn sie wissen, daß die anderen lachen würden. Wenn sie auf der Bühne nicht beschäftigt sind, dann erzählen sie sich von dem Liebhaber, wie er aussehen mag, wie alt er ist, welchen Stand er hat; Isabelle glaubt, er ist ein hübscher junger Student, der auf die Galerie geht, weil er arm ist; der Notar meint, er könne doch vielleicht schon ein älterer Mann sein, vielleicht ein Mann in den besten Jahren, denn Jünglinge lieben nicht so treu, sie sind flatterhaft; vielleicht ist Isabelle die letzte Liebe eines solchen Mannes; vielleicht, wenn er wüßte, daß Isabelle ihn lieben würde, auch wenn er nicht mehr so ganz jung ist, dann würde er sich entdecken. Isabelle schüttelt den Kopf; sie findet, daß man unmöglich einen Alten lieben kann. »Da könnte ich dich doch auch lieben, Notar!« ruft sie ungeduldig aus, wie er immer bei seiner Meinung beharrt. Der Notar seufzt und schweigt. Sollte man es für möglich halten? Die Schauspieler behaupten, daß Isabellens Gesicht sich ändert, daß sie einen glücklichen und zufriedenen Ausdruck bekommen hat, ja, daß ihr Gang anders geworden ist, zaghafter und ruhiger. Natürlich nehmen alle jetzt an, daß sie eine Liebschaft mit dem Notar hat, der doch ihr Großvater sein könnte; die Männer machen Witze über den Alten, die Frauen höhnen über Isabellen; aber die beiden lächeln still und lassen sich nicht stören. An einem Abend begleitet der Notar Isabellen nach Hause; er begleitet sie jetzt gewöhnlich, denn sie sagt, sie wolle nicht, daß ihr unbekannter Liebhaber eifersüchtig werde, wenn sie sich von einem jungen Manne begleiten lasse; auf den Notar werde er gewiß nicht eifersüchtig; und der Notar bestätigt eifrig und mit Beteuerungen, auf ihn könne der unbekannte Liebhaber nicht eifersüchtig werden. Und er nimmt es ernst mit der Begleitung, er bietet ihr den Arm, hilft ihr über die breiten Gossen, unterstützt sie beim Treppensteigen, indem er ängstlich sein klopfendes Herz preßt, damit sie nicht seine Ermüdung merkt. Da ist eine sehr breite Gosse; er springt gewandt hinüber, um ihr die Hand zu reichen und sie nach sich zu ziehen; aber da hat jemand eine Apfelsinenschale hingeworfen; der Notar gleitet aus, stürzt und bricht sich ein Bein; seine alten Knochen sind ja schon morsch. Isabelle erschrickt; er sucht sich zu erheben, um sie zu beruhigen, aber er kann nicht; so sehr er sich bezwingt, muß er doch leise stöhnen. Isabelle springt zu ihm hinüber, kauert im Schmutz und nimmt seinen Kopf in den Schoß; dankbar sagt er zu ihr: »Gutes Kindchen, gutes Kindchen.« Sie ruft, Leute kommen, man hebt den alten Mann auf und bringt ihn nach Hause; der Barbier wird geholt und schient das Bein; Isabelle bleibt bei ihm, hört seine Fieberphantasien; immer spricht er von ihr, von den Gedichten, sagt er die Gedichte her, und wunderlich vermengt er den unbekannten Liebhaber mit sich selber, spricht von einem Studenten auf der Galerie, der sich in eine Schauspielerin verliebt hat, in die Isabelle, und ihr zu Liebe Schauspieler geworden ist; er ist Notar geworden; aber das ist schon lange, lange Jahre her, und er ist jetzt ein alter Mann, und nun liebt er wieder seine Isabelle; aber jetzt ist er zu alt für Isabellen; Isabelle darf nie wissen, daß er es ist, der ihr die Briefe geschrieben hat. Am anderen Morgen ist sein Verstand wieder klar; er erwacht, sieht Isabellen an seinem Bett sitzen und lächelt. Er sagt. »Ich sterbe. Isabelle, das fühle ich; ich bin ja schon alt.« Isabelle sucht ihm das auszureden, und wie er immer den Kopf schüttelt, sagt sie endlich weinend: »Wer soll mir denn nun die Briefe von meinem unbekannten Liebhaber vorlesen und beantworten?« Der Notar schließt die Augen und schweigt eine Weile; dann sagt er lächelnd: »Es werden keine Briefe mehr kommen.« Er starb wirklich an seiner Verletzung; nur ein paar Stunden lebte er noch; Isabelle war bei ihm; und er starb, als sie ihn aufrichtete, um sein Kopfkissen höher zu legen; so war es in ihren Armen, daß er seinen Geist aufgab, und ihre Finger drückten ihm die Augen zu. Und er hatte recht gehabt mit seiner Voraussicht: es kamen keine Briefe mehr von dem unbekannten Liebhaber. Der Mäzen Der Schauspieler braucht den Direktor, denn wer sollte ihm wohl sonst die Gage zahlen? Der Mann braucht die Frau, denn wer kocht ihm sonst das Essen, flickt und wäscht seine Sachen? Der Schuster braucht den Lederhändler, denn wie soll er ohne Leder Schuhe machen? Der Dichter braucht den Mäzen. Er braucht unbedingt den Mäzen. Aber jeder Schauspieler findet seinen Direktor, jeder Mann seine Frau, jeder Schuster seinen Lederhändler, nur der Dichter findet nie seinen Mäzen. Man hat schon die Ansicht geäußert, der Mäzen sei überhaupt nichts Wirkliches, er sei nur eine Idee, er sei nur etwas Ähnliches, wie für den Dramatiker von heute die Bühne, die ihn aufführt, oder wie für das Kamel im Wüstensande die Flasche mit Wasser, welche der Reiter an einer Angelrute ihm vor den Augen baumeln läßt; das Kamel glaubt, es braucht nur einen Schritt zu machen, dann hat es die Flasche; aber die Flasche geht mit, wenn es schreitet und so schreitet und läuft und eilt und rennt das Kamel, bis es in der Stadt angekommen ist, wo der Reiter seine Geschäfte zu besorgen hat; der zieht seelenruhig die Angelrute ein, entkorkt die Flasche und trinkt sie selber aus. Diese Ansicht ist falsch. Es gibt den Mäzen. Lelio kommt zu dem Dichter und erzählt ihm, daß aus dem nördlich liegenden Lande, wo die Leute in hölzernen Häusern wohnen, dumm sind und viel Geld haben, ein Mann angekommen ist, der eine große Brille trägt, sehr tugendhaft ist und ein großes Buch über die Dichter schreiben will, welche Theaterstücke verfaßt haben. Der Doktor hat ihn kennengelernt, und als er ihm zum zweitenmal auf der Straße begegnet, macht der Fremde ein verlegenes Gesicht, tut, als ob er den Doktor nicht sieht, und schlägt sich schnell in eine Nebengasse; er hat den Doktor für einen richtigen Doktor gehalten und hat sich geschämt, daß er noch nicht krank gewesen ist. So zartfühlend ist der Fremde. Durch den Doktor hat Lelio die Bekanntschaft gemacht. Lelio kennt seine Leute. Er hat ihn einfach sofort angepumpt. Wie? Er erzählte ihm, es hat ihn geträumt, es geht ihm bitter schlecht, er muß Bindfaden essen statt Makkaroni, und Bindfaden ist schwer verdaulich und hat keinen Nährwert, es ist ein Selbstbetrug, wenn man Bindfaden ißt. Also er träumt weiter, er pumpt den Fremden an um einen Scudo, um sich Makkaroni zu kaufen, und der Fremde verspricht ihm den Scudo, nur er hat das Geld gerade nicht bei sich. Nun, der Fremde wird verlegen, wie ihm Lelio den Traum erzählt, er wird rot, er entschuldigt sich, er habe ganz vergessen, daß er Lelio den Scudo versprochen; und was tut er? Er zieht seine Börse, nimmt den Scudo und gibt ihn Lelio. »Das ist der Mäzen«, sagt Lelio zu dem Dichter; und so nimmt er denn den Dichter unter den Arm, weil er doch den Fremden gut kennt, und führt ihn zu dem Fremden hin. Der Fremde ist ärgerlicher Stimmung, als die beiden kommen. Sein Wirt liebt die Komödianten nicht und sagt ihm immer, die Komödianten betrügen ihn. Der Fremde hat vom Direktor ein Kaninchen gekauft, ein abgerichtetes Kaninchen, das so brüllt wie ein Löwe, und dem der Direktor das Fressen abgewöhnt hat, wodurch es natürlich sehr billig zu unterhalten ist, denn was braucht ein Kaninchen sonst. Das Kaninchen hatte bei dem Fremden aber nicht gebrüllt, sondern es hatte sich hingelegt und war gestorben. Der Wirt hatte den Fremden aufgereizt, daß er zum Direktor ging und sich beklagte; der Direktor schüttelte den Kopf und sagte: »Gestorben? Höchst merkwürdig! Das hat das Tierchen bei mir nie getan!« Wenn der Direktor das sagt, dann ist es auch wahr. Der Fremde macht dem Wirt Vorwürfe, daß er ihn in eine peinliche Lage bringt, und ist ärgerlich. Aber er wird gleich freundlich, als Lelio ihm den Dichter vorstellt. Er freut sich sehr, den Dichter kennenzulernen. Der Dichter erklärt, daß die Freude auf seiner Seite ist. Der Fremde spricht sehr schön über das Theater, der Dichter spricht sehr schön über die Wissenschaft. Der Fremde findet, daß das Theater dem Leben einen Spiegel vorhält. Der Dichter findet, daß die Wissenschaft uns vertieft. Der Fremde findet, daß das Theater die Sitten bessert. Der Dichter findet, daß die Wissenschaft den Menschen von Vorurteilen befreit. Der Fremde nimmt den Dichter an die Hand und führt ihn in eine Kammer. Dort hat er auf Brettern sich Bücher aufgestellt, alte Bücher und neue, in Schweinsleder und Pergament gebundene und lose geheftete, die zerflattern, wenn man sie in die Hand nimmt, große Bücher und kleine, dicke und dünne, gedruckte Bücher und geschriebene Bücher. Auf diese Bücher ist er sehr stolz, denn sie enthalten alle Komödien, und am stolzesten ist er auf die geschriebenen Bücher. Er hat sie überall zusammengekauft, auf dem Trödelmarkt, bei den Krämern, welche einfach ein Blatt aus einem alten Buch reißen, eine Düte daraus machen und für einen Soldo Zimmetblüte hineintun; er hat sie auch bei Buchhändlern gekauft. Alle diese Bücher braucht er, weil er ein Buch über sie schreiben will. Lelio muß sich bezwingen, um nicht laut zu lachen, den Dichter aber hat eine tiefe Rührung erfaßt, denn er sieht einen dicken Band, in welchen er Schauspiele von sich selber geschrieben hat; er hat den Band einmal für ein Viertelpfund Öl an einen Krämer verkauft. Nun findet er ihn bei dem fremden Gelehrten, und auf diesen Band legt der fremde Gelehrte einen besonderen Wert, denn die Stücke, welche er enthält, sind sehr schön, und sind noch nie gedruckt, und stammen von einem Dichter, den die gelehrte Welt noch nicht kennt. Die Tränen des Dichters fließen, aber er wagt nicht zu sagen, daß er selber diese Stücke gedichtet hat; das ist ja auch schon so lange her, daß er in diesem Band geschrieben hat, damals war er noch ein ganz junger Mann. »Ja«, sagt der Fremde, »Tränen könnte man weinen, wenn man sieht, wie schön diese Stücke sind; und nun ist der Name des Dichters unbekannt, die Wissenschaft weiß nichts von ihm. Welch ein Verlust ist das für die Wissenschaft!« Schüchtern sagt der Dichter, er glaube, daß er den Verfasser gekannt habe, nein, er glaube nicht nur, er wisse es. Der Fremde fragt erregt, der Dichter antwortet mit zitternder Stimme. Der Fremde will die Stücke drucken lassen, er will sie auf schönem Papier drucken lassen mit Kupferstichen von berühmten Künstlern, er will ihnen wissenschaftliche Untersuchungen beigeben, in welchen er nachweist, welches die Vorgänger des Dichters waren, woher er seine Stoffe hat, in welchen Kreisen er gelebt hat; dem Dichter wird schwindlig, nun sollen also seine Stücke gedruckt werden! Er ist verzweifelt, daß er nicht gesagt hat, daß sie von ihm sind. Der Fremde fragt ihn nach dem Verfasser aus, der Dichter nennt einen Namen, der ihm einfällt, er sagt, der Polizeihauptmann Tromba habe sie geschrieben, der vor kurzem gestorben ist. Der Gelehrte findet seine Vermutungen bestätigt, er fragt weiter, und der Dichter erzählt von Tromba, was er von Tromba weiß, daß er ein guter Mann war, und daß er nur eine Tochter hatte; und daß ihn alle Leute geliebt haben, auch die Spitzbuben, denn er war ein umgänglicher Mann; und so erzählte er allerlei. Endlich sagt Lelio, daß der Dichter selber auch viel geschrieben habe, weil die Truppe doch schon seit dreißig Jahren immer nur seine Stücke aufführe. Der Dichter macht eine ablehnende Handbewegung und erklärt, seine Stücke seien zu unbedeutend; aber Lelio erzählt dem Fremden den Inhalt eines Stückes und schildert ihm, was für eine Rolle für ihn darin gewesen ist; der Fremde will nun auch die Stücke des Dichters lesen; der Dichter sieht ein, daß er dann an der Gleichheit der Handschrift erkennen wird, daß auch der Band, den er selber hat, von ihm ist; er macht Ausflüchte, sagt, seine Handschrift sei zu schlecht, seine Stücke seien immer auf einzelne Blätter geschrieben, er könne nichts zusammenfinden; der Fremde wird eindringlicher, Lelio weiß von einem Schreiber, der sie für billiges Geld schön abschreibt, wie gestochen schreibt er, mit der Lupe kann man seine Schrift ansehen, der eine Buchstabe gleicht dem anderen; und kurz und gut, der Fremde nötigt dem Dichter ein großes Paket feinstes holländisches Konzeptpapier mit dem Wasserzeichen der Lilie auf, und ein Goldstück, er soll seine Stücke dem Abschreiber geben, damit der sie mit seiner schönen Handschrift auf das Papier schreibt, und wenn er für ein Goldstück abgeschrieben hat, so soll er dem Fremden seine Abschriften bringen, der wird ihm dann wieder ein Goldstück geben, damit er im Abschreiben fortfahren kann. Lelio verläßt mit dem Dichter den Fremden und erklärt dann auf der Straße: »Was habe ich gesagt! Ein Mäzen!« Der Dichter nickt still mit dem Kopf und schleppt schwer an dem Packen Konzeptpapier. Der Wirt, bei welchem der Fremde wohnt, schenkt einen guten Wein, und obwohl er die Komödianten immer bei dem Fremden anschwärzt, finden die es doch anständig, daß man ihm das Geld zu verdienen gibt, das von dem Fremden kommt, weil der ja bei ihm wohnt. Der Dichter möchte zwar gern seine Stücke auf das schöne Papier abschreiben lassen, denn wenn schon die alten Jugendwerke dem Fremden so gut gefallen haben, die er eigentlich schon lange vergessen hatte, dann werden ihm die späteren doch erst recht gefallen, und er wird sie auch drucken lassen auf schönem Papier und mit Kupferstichen, und diesmal aber mit dem Namen des Dichters, denn zum zweitenmal ist man natürlich nicht so dumm, daß man seinen Ruhm dem Hauptmann Tromba überläßt, noch dazu, ohne daß man einen Soldo davon hat. Aber die Komödianten finden das ganz überflüssig, daß man die Stücke druckt, denn dann können sie bloß von den anderen Truppen auch gespielt werden, und so wird der Dichter denn überstimmt, und alle steigen in den Keller, wo der Wirt sie mit Lobsprüchen empfängt, denn er weiß schon, daß der Fremde ihnen Geld gegeben hat. Lelio bestellt. Er bestellt ein Fritto. Der Wirt hat einen ausgezeichneten Cessanese, einen Cessanese, fünf Jahre lang hat ihn der Wirt im Keller gehabt, er hat nie an das Faß gerührt, er hat nicht aufgefüllt, der Verlust war ihm gleichgültig, ihm kam es auf den Cessanese an; und das ist denn auch ein Cessanese geworden! Also Cessanese bestellt Lelio. Der Wirt hat ein Zicklein; er bringt es an, er wiegt es in der Hand, er hebt ein Beinchen hoch und läßt es fallen, die Mutter kennt er; das ist eine Ziege, drei Liter Milch gibt sie täglich, wie Nuß schmeckt die Milch, wenn man die Milch getrunken hat, dann ist einem jede andere Milch ekelhaft, man kann sie nicht mehr riechen! Drei Wochen ist das Zicklein bei der Mutter gewesen, das ist aber auch Fleisch! Es zergeht einem auf der Zunge, zu kauen braucht man gar nicht, man schnalzt nur! Also Lelio bestellt auch das Zicklein. Der Wirt hat einen Montepulciano. Hier fällt ihm der Dichter ins Wort. Er bestellt auch Montepulciano. Und so sehen die Komödianten denn einen Speisezettel auf und suchen die Getränke dazu aus, und wenn auch vielleicht nicht alles so recht zusammenstimmt, denn sie suchen nur das aus, was der Wirt gerade hat und ihnen anpreist, so finden sie doch das Essen sehr schön und den Wirt sehr liebenswürdig, und sind alle sehr befriedigt und kommen alle in eine fröhliche Stimmung. Am Ende aber macht Lelio die Rechnung mit dem Wirt, und weil der Wirt genau weiß, was sie von dem Fremden bekommen haben, so macht die Rechnung etwas über ein Goldstück aus, und so nimmt er denn das feine holländische Konzeptpapier mit in Zahlung. Der Fremde ist am anderen Morgen verdrießlich, denn er hat die Nacht nicht schlafen können, weil die Komödianten natürlich einen sehr großen Spektakel gemacht haben. Aber als er dem Wirt Vorwürfe macht, da zuckt der mit den Achseln und bringt das feine holländische Konzeptpapier zum Vorschein und erzählt, daß die Komödianten alles verzecht haben, was er dem Dichter gegeben hat, und macht dazu moralische Bemerkungen, daß der Menschenkenner wisse, mit was für Leuten er zu tun habe, und er als Wirt müsse freilich gegen jeden höflich sein, der zu ihm komme, das sei seine Pflicht, dafür sei er Wirt, und ihn gehe es ja nichts an, woher die Leute das Geld haben, das sie bei ihm verzehren, seine Ware sei reell, und Unfug werde bei ihm nicht geduldet, eine anständige Heiterkeit freilich könne er den Leuten nicht verbieten; und so spricht er weiter, indessen der Fremde sich in sich hineinärgert, denn er ist mißtrauisch geworden gegen die Komödianten und ist jetzt geneigt, Lelio und den Dichter für zwei abgefeimte Hochstapler zu halten. Dem Dichter ist es natürlich peinlich, den Fremden wieder zu besuchen; dieser hätte vielleicht über alles aufgeklärt werden können, wenn er seinerseits den Dichter besucht hätte; aber daran hindert ihn sein Vorurteil. So reist er denn wieder ab aus Rom, ohne daß er die Werke des Dichters kennenlernt. Nur den Band der Jugenddramen, die er für Schriften des Hauptmanns Tromba hält, nimmt er mit. Wie wir wissen, wollte er sie herausgeben; und da von dem Dichter sonst nichts gedruckt ist, so würde der heutige Leser, wenn er sich durch einen Antiquar, der gute Verbindungen hat, ein Exemplar der Werke des Hauptmanns Tromba verschaffte, sich eine Vorstellung von den Dichtungen des Dichters machen können, und brauchte dem Erzähler nicht aufs Wort zu glauben, daß er ein guter Dichter war. Aber der fremde Gelehrte war ein sehr gründlicher Mann. Er arbeitete lange Jahre an den Untersuchungen über die Persönlichkeit Trombas, den Stil seiner Dramen, seine Duellen, seine Vorgänger und Nachahmer, und die Arbeit war noch nicht beendet, als er starb. Seine Erben aber verkauften seine Bibliothek und seine Handschriften, und so kamen denn die Jugenddramen des Dichters zum zweitenmal zum Krämer, und dieses Mal wurden sie nicht wieder gerettet; der Krämer riß Blatt für Blatt aus dem Buch und machte Düten aus ihnen, für ganzen Pfeffer und gestoßenen Pfeffer, für Muskatnuß und Gewürznägelein, für Zimt und Kümmel, und in manche Blätter wickelte er auch einen Häring oder ein Viertel Pfund grüne Seife; und so kommt es, daß wir heute gar nichts von dem Dichter lesen können. Das Wunder Man weiß, daß Colombine ihren Pierrot verlassen hat, was schlimmer war, kontraktbrüchig geworden ist, und was am schlimmsten war, schon monatelang in Neapel lebt. Ein Römer kann nicht dauernd in Neapel leben, auch eine Römerin nicht. Der junge Arzt, welcher sie zu dem leichtfertigen Schritt verführte, ist zwar so verliebt in sie, daß er sie heiraten will; aber sie lacht ihn aus. Wie? Sie soll eine Arztfrau werden, kochen, waschen, scheuern, nie mehr auftreten, mit langweiligen Männern und Frauen zusammenkommen? Sie lacht den bestürzten jungen Mann aus, der geglaubt hatte, sie werde ihm auf den Knien danken für die hohe Ehre; wie sein Gesicht immer bestürzter wird, lacht sie immer mehr; endlich spricht er von einer unverheirateten Tante, welche sehr moralisch ist, welche glaubt, daß er mit Colombinen nur in einem platonischen Verhältnis lebt, und behauptet, daß er das arme Mädchen kompromittiere; nun lacht Colombine auch über die Tante, sie verlangt die Tante zu sehen; der Liebhaber wird verstimmt, denn er begreift plötzlich, daß die Tante doch komischer ist, als er es sich gedacht hat. Ein Patient kommt, ein junger Offizier, dem der Arzt einen Arm verbinden soll. Colombine findet den Patienten sehr interessant, denn er hat sich die Blessur in einem Zweikampf geholt; der Gegner ist schwer verwundet, der Offizier muß fliehen, und der Zweikampf fand natürlich um eine Dame statt. Colombine seufzt; wenn doch auch um sie einmal ein Zweikampf stattfände! Der Offizier errät ihre Gedanken, er wirbelt sich das Schnurrbärtchen in die Höhe, sieht Colombinen an; Colombine hat noch das Lachen von eben im Sinn; wie der Offizier sie ansieht, kann sie nicht anders, sie muß wieder lachen, und der Offizier lacht natürlich mit. Man begreift, daß der Arzt verdrießlich wird; der Arm ist verbunden, der Offizier erhebt sich, bezahlt; unten wartet sein Diener mit den Pferden; Colombine nimmt seinen Arm, macht einen tiefen Knicks vor dem Arzt und tänzelt zierlich mit dem Offizier aus der Tür. Wir brauchen uns um den Arzt weiter nicht zu bekümmern, er kommt in dieser Geschichte nicht mehr vor. Colombine und der Offizier reisen nach Rom; der Verwundete wird wahrscheinlich wieder genesen, und der junge Mann kann also unbesorgt nach Neapel zurückkehren; aber er sieht nicht ein, weshalb er nicht noch etwas länger in Rom bleiben soll. Und so geht er denn einmal in den Straßen Roms, herrlich angetan mit einem Rock aus goldbesticktem rotem Atlas, gelben Kniehosen, mit einem prächtigen Hut und außerordentlich langem Degen, am Arm die reizende Colombine; er steht mit der Geliebten vor dem Coliseo, dessen Bogen durch die untergehende Sonne rot erleuchtet sind, und beginnt, ihr das Gebäude zu erklären und aus der römischen Geschichte zu berichten; in der einen Hand hat er den großen Hausschlüssel und zählt mit ihm an den Fingern der anderen Hand die römischen Kaiser ab. Da sieht Colombine ein weinendes Kind, ein Kind von etwa vier oder fünf Jahren, das hinten von einer Kutsche heruntergekugelt ist, in welcher ein englisches Ehepaar auf der Hochzeitsreise sitzt; die Kutsche fährt wie rasend die Straße nach San Pietro in Vincoli in die Höhe, weil die Engländer den Moses von Michelangelo noch mitnehmen müssen, und das Kind ruft ängstlich nach seiner Mutter; ein altes Weib will es trösten, aber das Kind sagt: »Mit dir spreche ich nicht, du bist häßlich.« Beschämt zieht sich die Alte zurück, und nun beugt sich Colombine zu dem Kind, das sich das Gesicht mit den Fäustchen immer schmutziger reibt. Dieses Kind ist Benvenuto, der Sohn Silviens; und nun brauchen wir uns um Colombine und ihren Begleiter, trotzdem er durch ihre Zärtlichkeit für das Kind nicht ganz angenehm berührt ist, eine Weile nicht zu kümmern, sie kommen erst später wieder in dieser Geschichte vor. Benvenuto wird schließlich von der Mutter und dem Stab der besorgten Nachbarinnen ausfindig gemacht. Er ist ganz verstört, und allmählich erst beginnt er seine Erlebnisse zu erzählen: er war auf die Straße gegangen, da hatte ein wunderschöner rot und goldener Wagen gestanden; wie er es von andern Jungen gesehen, war er hinten auf das Wagenbrett geklettert, da war plötzlich ein seiner Herr mit einer Dame aus einem Hause gekommen und eingestiegen, und der Wagen war losgefahren; Benvenuto hatte sich sehr gefürchtet, denn es war gar nicht so schön gewesen, wie er sich gedacht hatte, denn es ging alles so schnell, und er saß so hoch, und alles wackelte so, und zuletzt hatten die Straßenjungen dem Kutscher zugerufen, daß er hinten aufsaß, und der Kutscher hatte mit der Peitsche nach hinten geschlagen; da hatte er losgelassen und war heruntergefallen, und der Wagen war weitergefahren, in den Himmel hinein; er aber hatte vor einer großen schwarzen Mauer mit Löchern gestanden, in denen Feuer brannte und hatte geweint; und dann war da eine böse alte Frau gewesen, und zuletzt war eine himmlisch schöne Dame gekommen, die hatte einen Heiligenschein gehabt, und ein seiner Herr mit einem Schwert, einem Schlüssel und mit einem Bart, und die Dame hatte zu ihm gesprochen, er hatte sie aber nicht verstanden, und dann hatte der Herr auch gesprochen, er hatte ihn aber auch nicht verstanden, und wie er wieder aufsah, da waren die beiden verschwunden, und er hatte ganz allein vor der großen Mauer mit den feurigen Löchern gestanden; aber die Dame war so schön gewesen, daß er nun gar nicht mehr traurig gewesen war; deshalb war er umgekehrt, und dann war auch gleich die Nachbarin gekommen und hatte ihn auf den Arm genommen und hatte gesagt: »Benvenuto, so haben dich die Ketzer also nicht geraubt und geschlachtet!« Da hatte er geantwortet, daß ihn die Ketzer nicht geraubt und geschlachtet haben und daß er wieder zu der schönen Dame wolle; und dann kam die Mutter angelaufen und hatte gesagt, er solle nur nach Hause kommen, da wolle sie ihn ordentlich durchhauen. Man kann sich denken, daß die Frauen sehr erstaunt waren über die Erzählung, über den Wagen, der in den Himmel gefahren war, die Mauer mit den feurigen Löchern, die Dame und den Herrn mit dem Schwert und dem Schlüssel; so wurde denn die Erzählung viel besprochen, und, wie das so geht, wurde sie auch etwas genauer gefaßt, wie Benvenuto sie gefaßt hatte, und dann wurde Benvenuto gefragt, ob es nicht so gewesen sei: ob die Dame denn nicht ein himmelblaues Kleid gehabt habe, und ob der Bart des Herrn nicht lang und weiß gewesen sei, und ob er nicht eine Glatze gehabt habe, und ob der Wagen nicht feurig gewesen sei. Zuerst verneinte Benvenuto einen großen Teil dieser Fragen, nachher aber schien es ihm, als ob alles doch so gewesen sei, wie die Frauen glaubten, und so wurde denn die Geschichte mit der Zeit immer wunderbarer. Nun war in der Nähe von Silviens Wohnung ein Franziskanerkloster, und einer von den Mönchen, der eine Liebschaft mit einer Kaldaunenverkäuferin unterhielt, kam oft mit den Frauen zusammen und wurde von ihnen in vielen Dingen um Rat gefragt. Dieser erfuhr denn auch die Geschichte Benvenutos. Er schüttelte den Kopf und befragte das Kind ernstlich; aber da hörte er denn genau das, was ihm die Frauen erzählt hatten: daß Benvenuto auf einem feurigen Wagen in den Himmel fahren sollte, daß ihn aber ein Teufel in der Gestalt eines häßlichen alten Weibes heruntergerissen hatte, und daß dann die Jungfrau Maria und der heilige Petrus gekommen waren und ihn befreit hatten, wie der Teufel ihn gerade in die Hölle hatte schleppen wollen, die schon vor ihm lag. Der Mönch hielt sich für verpflichtet, die Erzählung seinem Prior zu berichten; denn er hatte zwar die Ansicht, daß Kinder nicht selten unter dem Einfluß des bösen Geistes solche Geschichten erfinden; aber Benvenuto war nach dem Zeugnis aller Frauen ein gutes, frommes und nachdenkliches Kind, und auch dem braven Pater machte er den Eindruck, daß er ein reines und unschuldiges Gewissen hatte. Er sagte sich, daß es doch Christenpflicht war, einem solchen Kinde zu helfen und es der sicheren Verderbnis zu entziehen, in die es lief, wenn es durch den Einfluß der Mutter später etwa auch zum Theater gehen sollte. Der Prior ließ sich das Kind kommen und gewann dasselbe Bild von ihm wie der Pater. Nun verhandelte der gute Mann mit der Mutter, stellte ihr vor, welch ein sicheres, behagliches und angesehenes Leben ein Mönch hat, wie unsicher und ärmlich der Schauspieler lebt; Silvie weinte erschüttert; dann erbot er sich, daß das Kloster das Kind erziehen wolle; er saß da in einem bequemen Lehnstuhl mit einem Bänkchen unter den Füßen, die Hände gefaltet und die Daumen drehend, und sagte, daß Benvenuto auch einmal Prior werden könne; Silvie dachte, wie oft sie hungrig zu Bette ging, wie mager alle Schauspieler sind; sie sah die runden, glänzenden Backen Benvenutos an und dann die runden Backen des Priors; da schluchzte sie noch einmal auf, küßte Benvenuto heftig, indem sie ihn an sich drückte, daß er schrie, rief aus: »Behaltet ihn!« und lief aus dem Zimmer. So kam Benvenuto in jungen Jahren ins Kloster; er wurde gut erzogen und lernte fleißig und ist später ein berühmter Prediger geworden und hat es noch weiter gebracht als bloß zum Prior, nämlich zum Ordensgeneral; und er war sich später immer bewußt, daß er das alles der Jungfrau Maria und dem heiligen Petrus verdankte. Das Gerücht des Wunders verbreitete sich natürlich schnell in Rom, und viele Leute kamen zu dem Kloster, um das merkwürdige Kind zu sehen. Auch Colombine hörte von dem Wunder. Sie hatte bis dahin nie geglaubt, daß Maria und die Heiligen sich für die Schauspieler interessieren, weil die Schauspieler ja exkommuniziert sind; nun ging auch sie in das Kloster und sah das Kind in der Kirche zwischen den Mönchen stehen, als ein ganz kleines Mönchlein gekleidet; und so kam sie denn mit einem tiefen Eindruck von allem nach Hause. So sagte sie zu ihrem Geliebten, daß sie die Verwerflichkeit ihres bisherigen Lebens eingesehen habe und sich ändern wolle; der junge Offizier faßte das zuerst als einen Scherz auf, aber dann fing sie an zu weinen. Er wurde ärgerlich und sagte, heulende Weibsbilder könne er nicht vertragen; sie erwiderte ihm, daß sie ihm verzeihe; und so trennten sich denn schließlich die beiden, weil der Offizier ja auch ohnehin wieder nach Neapel zurückkehren mußte und Colombine in Rom bleiben wollte. Der Traum Man weiß, was die Theatermutter ist. Man weiß es allerdings nur erfahrungsmäßig. Die Idee des Königs ist durch Sophokles gestaltet, die Idee des älteren Herrn durch Terenz, die Idee des Taugenichts durch Eichendorff, die Idee des Arztes durch Molière, und die Idee des Komödianten durch Paul Ernst. Die Idee der Theatermutter hat noch keinen Dichter begeistert; die Idee der Theatermutter kennt man nur aus der Welt der Wirklichkeit und den mehr oder weniger unzulänglichen Berichten über diese mangelhafte Welt. Wir müssen deshalb zunächst einige Worte über die Theatermutter sagen. Sie hat immer nur ein Kind, und zwar nie einen Sohn, sondern nur eine Tochter. Sie braucht mit ihrem Kind nicht blutsverwandt zu sein. Sie liebt ihr Kind zärtlich, sie hat keine Vorurteile, sie kennt die Welt und ist nicht romantisch veranlagt. Aber da fällt mir ein: wir haben ja die Idee der Theatermutter! Wir haben sie gestaltet von Goethe, unserem größten Dichter, den freilich eine solche Aufgabe reizen mußte, im Wilhelm Meister. Also der Leser denke nur an die alte Barbara, dann hat er die richtige Vorstellung, die Vorstellung nicht aus der schlechten Wirklichkeit, sondern aus der wirklich wirklichen Welt, aus der Welt, in welcher Antigone und der Taugenichts leben, der eingebildete Kranke und die Komödianten. Narcise ist erst sechzehn Jahre alt und schon seit ihrer Kindheit an der Bühne. Der Hausmeister muß die vierteljährlichen Rechnungen für die Treppenreinigung schreiben und hat deshalb Tinte. Sie hat sich sein Tintenfaß geborgt, sitzt frühmorgens im Unterrock auf ihrem Bettrand, baumelt mit den Füßen, an deren Spitzen die, wenn auch zerrissenen, so doch zierlichsten Pantöffelchen der Welt hängen, trällert ein Lied, und schwärzt den Pappdeckel, mit welchem sie ihre Stiefelchen ausgebessert hat. »Wenn es nur keinen Regen gibt«, sagt sie seufzend. »Und was ich geträumt habe!« fährt sie fort. »Ich sitze hier und schwärze meine Schuhe, genau so, wie ich jetzt sitze. Mit einem Male ist es mir, ich muß ans Fenster laufen. Ich laufe ans Fenster, schaue auf die Straße, da kommt ein Prinz, sieht in die Höhe, sieht mich, ich schreie auf, falle ohnmächtig um, er, mit ein paar Sätzen die Treppen hoch, steht hinter mir, fängt mich auf. Ach, Mutter, war das schön.« Die Theatermutter hält eine Antwort nicht für nötig, sondern brummelt etwas über die Herdringe, die ihr beständigen Ärger machen, weil sie natürlich nicht zueinander passen, denn wie können sie denn zueinander passen, wenn sie von ganz verschiedenen Platten stammen! Narcise juchzt auf, wirft den Stiefel an die Stubendecke und fängt ihn wieder, dann ergeht sie sich in geschichtlichen Erinnerungen an Prinzen, welche Schauspielerinnen geheiratet haben. Der Signor Gori ist Beamter im Ministerium der öffentlichen Angelegenheiten und ein netter junger Mann, der bei seinen Vorgesetzten wohlgelitten ist; er hat ein bescheidenes und liebevolles Gemüt, dichtet und schickt seine Gedichte unter fremdem Namen an die Zeitschriften ein, aber es ist noch nichts von ihm gedruckt; er lebt mit seiner Mutter zusammen, einer Beamtenmutter also; die Beamtenmutter unterscheidet sich bekanntlich sehr von der Theatermutter; sie hat ein schwarzseidenes Kleid, sieht sich um nach einer guten Heirat für ihren Sohn, ist immer blutsverwandt mit ihm, und achtet peinlich darauf, daß sein Anzug stets sauber gebürstet und seine Stiefel stets glänzend gewichst sind, denn sie weiß, was das Äußere für einen Beamten bedeutet. Der Signor Gori geht in sein Amt; er geht mit dem sittlichen Ernst, der ihm eigen ist. Wie er um die erste Ecke biegen will, stutzt er; plötzlich wird ihm dunkel ein Traum bewußt, den er diese Nacht gehabt hat, und ein Irgendetwas treibt ihn, weiterzugehen und erst um die nächste Ecke zu biegen, wo er denn durch eine Straße gehen muß, durch welche er sonst nie kommt. Man verstehe den Signor Gori recht. Signor Gori ist kein abergläubischer Mensch und gibt nichts auf Ahnungen. Aber schließlich ist es ja einerlei, ob er einen Umweg von zwei oder drei Minuten macht; ein Umweg von zehn Minuten etwa wäre natürlich gänzlich ausgeschlossen. Also der Signor Gori geht durch eine Straße, durch welche er sonst nicht geht. Das ist aber gerade die Straße, in welcher Narcise wohnt. Er kommt an dem Hause Narcisens vorbei. Es ist ihm immer noch unklar, was er eigentlich geträumt hat, aber eine eigene Unruhe, eine Sehnsucht, welche mit einem Glücksgefühl gemischt ist, eine süße Erwartung von etwas Sicherem treibt ihn. Er blickt hoch: da sieht Narcise aus dem Fenster. Einen Augenblick lang treffen sich die Augen der Beiden, Narcise stößt einen leisen Schrei aus und fährt zurück. Der Signor Gori aber eilt die Treppen hinauf mit Schritten, wie ein Bräutigam zu seiner Braut eilen mag; es kommt ihm gar nicht zum Bewußtsein, daß es höchst unpassend ist, in ein fremdes Haus einzudringen, und daß er bei seiner Stellung als Beamter in einem Ministerium ein so unpassendes Benehmen noch viel mehr vermeiden muß als jeder Andere. Er stößt die Tür zu Narcisens Wohnung auf; Narcise ist ohnmächtig in die Arme ihrer Theatermutter gesunken; die Theatermutter brummelt ärgerlich, man brauche sich nicht gleich am frühen Morgen zu schnüren, das gebe nur dickes Blut; er nimmt Narcisen der Theatermutter aus den Armen und hält sie in den seinen; sie schlägt die Augen auf und blickt in sein Gesicht; sie gibt sich eine kräftige Wendung, ruft jubelnd aus: »Bist du gekommen«, schlingt ihm die Arme um den Hals und küßt ihn. Die Theatermutter macht sich inzwischen am Herd zu schaffen und erklärt, sie müsse für den jungen Mann noch einen Löffel Mehl nehmen, die Milch reiche für drei; Narcise fängt an zu lachen, der junge Mann wird verlegen und tritt von ihr zurück; Narcise räumt die Reste des gestrigen Abendbrotes vom Stuhl, setzt sich und lacht, indem sie sich vornüberbiegt, die Beine hochstreckt, und das eine Pantöffelchen verliert. Hier kann nun auch der Unphilosophische sehen, daß die Welt der Ideen die wirkliche Welt ist und die schlechte Wirklichkeit ein reiner Unsinn. Die Beamtenmutter wünscht für den Signor Gori eine reiche Frau, die Theatermutter wünscht für Narcisen einen reichen Liebhaber. Die Beamtenmutter lebt in der Welt der Ehen, die Theatermutter lebt in der Welt der Liebschaften. Die beiden Welten treffen sich in der Stube Narcisens. Sie treffen sich; aber wie? Sie gleichen zwei Glasglocken, in deren Mitte jedesmal eine Mutter sitzt. Die Glasglocken können sich ja treffen. Aber wenn sie zusammenstoßen, dann sind sie beide kaputt, und das wäre doch schade um sie. In der schlechten Wirklichkeit würden sie aber bald zusammenstoßen. Alles Unglück in der schlechten Wirklichkeit kommt bloß daher, daß zwei Glasglocken zusammenstoßen und kaputt gehen. Natürlich sieht die Theatermutter sofort, daß der Signor Gori, wenn er nach Hause kommt, aus Sparsamkeit seine Kleider auszieht und mit Papier ausgestopft auf Bügel hängt, und die Beamtenmutter sieht ihrem Sohn an, wenn sie ihm entgegentritt, was geschehen ist, geht ihm nach und entdeckt die Wohnung Narcisens. In der Dichtung bleiben die Glocken ganz, denn man dichtet einfach den Zusammenstoß nicht, weil die zerbrochenen Glasglocken einen unbefriedigenden Schluß ergeben würden. Soll ich dem Leser das Geheimnis der wahren Wirklichkeit, der Wirklichkeit, welche der Dichter gibt, verraten? Es ist die Wirklichkeit, die er sich wünscht. Alle Leser wünschen, daß Signor Gori und Narcise glücklich sind; vielleicht gibt es die eine oder andere unverheiratete ältere Dame, die es nicht wünscht, aber auf die wird keine Rücksicht genommen. Also die Theatermutter hat den morgendlichen Milchbrei bereitet und setzt ihn in zwei zerbrochenen Tellern und einer Schüssel ohne Henkel auf den Tisch; da nur zwei Löffel in der Wirtschaft vorhanden sind, so essen Narcise und Signor Gori mit dem einen und die Theatermutter mit dem anderen Löffel. Signor Gori muß auf sein Amt, er verabschiedet sich zärtlich von Narcisen, er verspricht, er wird gleich nach seinen Amtsstunden wiederkommen. Er kommt wieder, die Theatermutter ist zum Einholen gegangen, denn sie sagt sich, daß sie gegen den Signor Gori doch nichts ausrichten kann. Signor Gori und Narcise sind glücklich. Erst spät reißt sich der Signor Gori los, nachdem er die nächste Zusammenkunft verabredet hat; die Beamtenmutter hat ihn schon seit Stunden erwartet und tritt ihm mit besorgtem Ausdruck entgegen. Sie sieht ihn an und versteht das eigentümliche Leuchten im Gesicht ihres Sohnes, sie ist ja seine Mutter; sie seufzt leise und denkt dasselbe, was die Theatermutter gedacht hat. Die beiden Mütter sind kluge Frauen, deshalb stoßen die Welten nicht zusammen und gehen die Glasglocken nicht kaputt. Später muß Narcise ja in der Glocke der Theatermutter wohnen und Signor Gori in der Glocke der Beamtenmutter. Da wäre es doch ein Unglück, wenn die Glocken nicht mehr ganz wären. Die Liebesprobe Violette liebt mit ihrem ganzen Temperament Cinthio, und sie hat sehr viel Temperament. Cinthio sitzt ihr zu Füßen, spielt die Laute, hört mit dem Spiel auf, seufzt und spricht: »Der Schnee deines Busens macht den Schnee eifersüchtig, in welchem der Heilige Vater seinen Wein kühlt.« Sie errötet, lacht und sagt: »Du schmeichelst, Cinthio, aber das gefällt mir.« Die andern Schauspieler erzählen, daß sie des Nachts aufsteht, die Öllampe anzündet – sie besitzen eine Lampe, die Verschwender! – sie neben das Lager stellt und den schlafenden Cinthio verliebt betrachtet, indem sie flüstert: »Er ist so schön! wie bin ich glücklich, daß Cinthio mich liebt!« Sie liebt so, daß nicht nur das ganze Theater über sie spricht, sondern auch das Publikum. Eine verwitwete Contessa, welche ein Lehrgedicht über die Erbsünde gedichtet hat und jedes Jahr die tugendhafteste Putzmacherin von Rom ausstattet, laßt sie zu sich kommen; die Contessa hatte eigentlich noch einmal heiraten wollen, aber da ließ sich ihr Sohn aus Malice einen langen Bart wachsen, und so ging die Partie wieder zurück. Die Contessa ermahnt sie, tröstet sie, weint; Violette wird so gerührt, daß sie mit weint; die Beiden geben sich die Hände, fallen sich in die Arme, küssen sich, schwören, daß sie tugendhaft bleiben wollen. Schluchzend steigt Violette die breite Marmortreppe hinunter; auf der Straße erwartet sie Cinthio, verlegen an den Nägeln kauend; sie nimmt seinen Arm, trocknet sich mit dem gemeinsamen Taschentuch die Augen und sagt: »Du bist ein Verführer, wir haben über meine Sünden geweint.« Cinthio ist betreten und stottert: »Ich bin ein Verführer?« Dann aber steckt er die freie Hand in die Hosentasche, pfeift und macht Violetten auf ein hübsches Mädchen aufmerksam, das vorbeigeht und ihm einen langen schmachtenden Blick zugeworfen hat. Violette reißt sich von ihm los, hält ihre Hände kampfbereit und ruft: »Ich kratze dir die Augen aus.« Er nimmt schnell die Hand aus der Tasche und sagt: »Es war doch nur ein Scherz.« »Solche Scherze liebe ich nicht«, erwidert sie bestimmt, nimmt wieder seinen Arm mit einem Ruck und führt ihn weiter. Er läßt sich führen; dazu kann er nichts, er ist nun einmal ein Mensch, der sich führen läßt. Solange es ein Theater gibt, ist es noch nie vorgekommen, daß ein Schauspieler einen andern in ein besseres Engagement empfohlen hat. Es soll gelegentlich geschehen sein, daß er ihm ein schlechteres verschaffte. Mezzetin ist der erste, der dieses alte Herkommen bricht. Cinthio kommt nach Hause, geht im Zimmer auf und ab und ruft: »Mein Talent kann sich hier nicht entwickeln. Ich bekomme keine Rollen. Ich gehe hier künstlerisch zugrunde. Rom ist für mich ein Capua.« Verdrießlich sagt Violette: »Der Direktor ist ein Geizhals. Du stehst doch überhaupt noch nicht im Vorschuß. Andern gibt er immer, wenn sie kommen. Aber du bist nur zu anständig. Du hättest mich gehen lassen sollen.« »Vorschuß! Wer spricht hier von Vorschuß! Um meine künstlerische Zukunft handelt es sich hier!« erwidert Cinthio. »Ich habe einen Antrag nach Palermo. Der Direktor ist hier. Er will gleich abschließen. Er hat mit Mezzetin gesprochen, und Mezzetin hat mich ihm so empfohlen, daß er mich gar nicht ansehen will. Violette erhebt sich, bindet sich den Rock fest; es ist sehr heiß, und sie hatte es sich etwas luftig gemacht; dann tritt sie still vor ihn hin und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Was bedeutet das?« fragt Cinthio, »der Kontrakt ist fertig, ich brauche nur zu unterschreiben.« »Der Direktor muß ebenso dumm sein wie du«, erwidert Violette. »Wenn er einen Künstler bekommen kann, wie ich bin! ...« ruft Cinthio. »Wenn Mezzetin dich lobt, so muß er doch einen Grund haben«, erwidert ihm nüchtern Violette. »Der Grund sind meine Leistungen«, antwortet Cinthio; aber da fragt ihn Violette: »Mezzetin ist doch ein besserer Schauspieler als du, würdest du denn Mezzetin loben, wenn ein Direktor sich bei dir nach ihm erkundigte?« Cinthio schweigt. Violette besitzt ein Stück Spiegelglas. Das stellt sie im Fensterbrett auf, besieht sich, ordnet ihr Haar, das etwas struppig aussieht, wirft Cinthio einen schrägen Blick zu und sagt: »Weißt du, weshalb Mezzetin dich forthaben will? Weil er in mich verliebt ist!« »Der Schurke!« donnert Cinthio. Es ist also nicht mehr die Rede von dem Engagement in Palermo. Man kann es Violetten nicht übelnehmen, wenn sie über den Vorfall nachdenkt. Die Psychologie Cinthios ist ihr immer noch nicht klar. Wir Leser sagen uns wahrscheinlich: Cinthio ist dumm; das würde ja nicht soviel schaden, deshalb kann er doch Talent haben; freilich, er ist auch phlegmatisch; und das geht eben doch nicht. Die arme Violette aber ist einer solchen interesselosen Anschauung nicht fähig; sie fragt sich immer nur: liebt er mich, oder liebt er mich nicht? Liebespaare haben bekanntlich stets irgendwelche besondere Beziehungen zu Dingen, Orten oder Menschen, von denen andere Leute nichts wissen; das eine kann etwa das Lachen nicht zurückhalten, wenn von einem Sofa die Rede ist, das andere wird ohne Grund rot, wenn man von einer Rasenbank spricht, oder es kichert, wenn man einen Konditor erwähnt. Eine solche Beziehung hatte unser Paar zu der Quelle der Nymphe Egeria. Man weiß, daß diese Quelle weit draußen vor dem Tore liegt und daß man wohl eine Stunde auf einem sehr sonnigen Wege großenteils zwischen hohen Mauern gehen muß, wenn man sie erreichen will. Uns Nordländern erscheint ein solcher Weg ja nicht so schlimm, ein Italiener aber hält ihn für eine fabelhafte Anstrengung. Violette hängt sich also um Cinthios Hals und bettelt: »Wir wollen wieder einmal an der Quelle der Nymphe Egeria sitzen, weißt du, wie damals.« Cinthio macht ein verlegenes Gesicht; er hat kein Geld für einen Wagen, noch nicht einmal für einen Esel; Violette lacht und sagt schmollend: »Du liebst mich eben nicht mehr«; dem guten Cinthio fällt keine weitere Liebesbeteuerung ein, und so muß er denn versprechen, den Wunsch zu erfüllen. Er hat Probe; Violette findet, er kann nicht verlangen, daß sie mit ihm in der Mittagsglut auf der schattenlosen Straße wandert; die Straße ist nämlich so gelegt, daß gerade zu Mittag die Mauern nicht einen Fußbreit Schatten geben. Er verlangt das auch nicht und ist damit einverstanden, daß sie am Vormittag geht, Brot, Käse und einen kleinen Fiasco Wein mitnimmt und ihn erwartet. Also Violette zieht sich um, sie zieht ihr bestes Kleid an; Cinthio glaubt, daß der Weg sehr staubig ist und dem Kleid schaden wird; sie sagt zärtlich: »Ich will doch schön sein für dich«, und da kann er nun freilich nichts erwidern; er macht sich fertig und geht zur Probe. Die Probe ist für Cinthio sehr unerfreulich; der Direktor behauptet, eher wolle er auf einem Schweineschwanz Flöte blasen, als ihn zu einem Schauspieler machen; ein Theaterarbeiter tröstet ihn freilich und sagt, daß da der Neid mitspreche, dann borgt er ihn um zwei Soldi an; aber Cinthio macht sich jedenfalls recht verstimmt auf den Weg. Die Sonne brennt unbarmherzig zwischen den hohen Mauern, der Staub wirbelt durch seine Fußtritte hoch, die Zunge klebt ihm am Gaumen, der Schweiß dringt ihm durch Hemd und Rock. Seufzend denkt er daran, wie gut es jetzt die Andern haben, welche zu Hause sein können, Rock und Hose ausziehen und sich schön kühl im Hemd auf ihr Bett legen dürfen. Endlich tritt er aus den hohen Mauern heraus, die Campagna liegt vor ihm, er sieht die Bäume, welche die Quelle umstehen; nun späht er, ob er Violettens rotes Kleid zwischen den Bäumen erblickt; er sieht nichts; er geht weiter, biegt links ab; da steht er zwischen den Bäumen, vor der Quelle, die leise zwischen alten Topfscherben und den Resten einer Strohmatratze aus der Erde quillt: Violette ist nicht da. Betrübt setzt er sich auf einen antiken Marmorsarkophag; natürlich wird es Violetten doch zu heiß gewesen sein, sie ist offenbar lieber zu Hause geblieben; aber sie hätte ihn doch benachrichtigen können, denn nun hat er auch Hunger. So erquickt er sich denn durch einen Trunk aus der Quelle und wandert traurig seine Straße zurück zu seinem Haus. Wie er ins Zimmer tritt, findet er auch hier Violetten nicht; sie ist offenbar ausgegangen, zu Freunden wahrscheinlich. Er findet auch nichts zu essen vor; aber er ist so matt, daß ihm das gar nichts ausmacht; er wirft sich auf das Bett und schläft. Er schläft tief und lange. Als er aufwacht, ist es schon Abend; vor ihm steht Violette in ihrem roten Kleid, mit glänzenden Augen und leicht gerötetem Gesicht. »Wo warst du denn?« fragt Cinthio, indem er sich langsam erhebt; »ich bin zu der Quelle gegangen, aber ich habe dich nicht gefunden.« Violette muß lachen, sie muß so lachen, daß sie sich die Seiten hält, daß sie nicht mehr stehen kann, daß sie sich aufs Bett setzen muß. Cinthio sieht sie verwundert an und fragt: »Weshalb lachst du denn?« Violette antwortet: »Es war mir zu heiß; ich habe Mezzetin getroffen und bin mit ihm bei Bekannten gewesen.« »Ja, das dachte ich mir wohl, daß es dir zu heiß war«, sagte Cinthio, »ich habe auch recht geschwitzt; es ist doch ein weiter Weg; und hungrig bin ich nun auch, ich habe doch heute noch nichts gegessen.« Da erhebt sich Violette, mit beiden Händen packt sie den erschrockenen Cinthio vorn an der Jacke, schüttelt ihn, ihre Augen sprühen, ihr Gesicht ist vor Zorn hochrot, und sie schreit: »Ich habe dich schwitzen lassen, ich habe dich warten lassen, ich habe dich hungern lassen, ich bin inzwischen mit Mezzetin zusammengewesen, von dem ich dir gesagt habe, daß er in mich verliebt ist, und du bist nicht wütend, du holst nicht den Stock aus der Ecke und schlägst mich, daß ich vierzehn Tage nicht aufstehen kann? Geh! Du liebst mich nicht! Du bist eine Bestie!« Hier schleudert sie ihn von sich, daß er stolpernd auf das Bett niedersinkt, dann schreitet sie zur Tür, und indem sie die Tür öffnet, ruft sie ihm noch zu: »Ich gehe zu Mezzetin.« Die Tote Wenn in Frankreich der König stirbt, so ruft der Herold vom Schlosse herunter: »Der König ist tot, es lebe der König!« Der König ist unsterblich, mag der zufällige Träger der Krone auch, wie jeder Mensch, dem Irdischen seinen Zoll zahlen. Zu den vielen Ähnlichkeiten, die der Komödiant mit dem König hat, gehört auch die, daß er gleich ihm unsterblich ist. Silvie, die reizende, kindliche, unschuldige Silvie ist gestern gestorben; heute steht sie schon wieder auf der Bühne, in all ihrem Reiz, ihrer Unschuld und Kindlichkeit. Wen kümmert es, wie sie früher hieß, ehe sie zum Theater kam, wie die Silvie, die gestern gestorben ist, früher hieß – falls sie beide überhaupt je eine Zeit in ihrem Leben hatten, wo sie nicht beim Theater waren, wo sie nicht Silvie hießen. Ja, sind sie denn überhaupt zwei verschiedene Mädchen? Die Ludwige und Heinriche in Frankreich unterscheidet man durch Zahlen, die man hinter ihren Namen hängt; aber man spricht nie von einer Silvie der vierzehnten oder fünfzehnten, man spricht immer nur von Silvien; die neunzigjährigen Greise mit Filzschuhen und Nasentropfen haben als junge Leute, wo sie täglich reine Wäsche anzogen, schon Silvien spielen sehen, wie sie das Händchen auf die Stelle legt, wo ihr kleines Herzchen pocht, wie sie sich entfärbt und Tränenbäche aus ihren Augen stürzen – die Greise beschwören, daß sie sich entfärbte und daß Tränenbäche stürzten – und wenn die Jünglinge von heute neunzigjährige Greise sein werden, dann wird immer noch die sechzehnjährige Siloie das Händchen auf das Herz legen. Die Probe ist beendet, es ist niemand mehr auf der Bühne als Silvie, der Dichter und der junge Offizier, der Silvien liebt. Der Dichter ist nicht mehr ganz jung; schon sind einzelne graue Haare in seinem Bart und Haupthaar zu sehen, zeigen sich an den Augenwinkeln kleine, feine Runzeln. Aber sein Blick ist noch jung, seine Bewegungen, sein Lachen – und auch sein Weinen, sein Glauben und Hoffen; das sagt er selber. Silvie, die sechzehnjährige Silvie, sagt von ihm: »Das ist eben der Reiz bei dem Menschen; so ein kluger Mann ist er, der so viel weiß, und dabei ist er wie ein Kind.« Der Dichter sagt: »Dort hängt ein altes rostiges Blech an einem Bindfaden; daneben liegt ein abgebrochener Spazierstock. Das ist die Donnermaschine. Für einen Soldo Kolophonium liefert Blitze für zehn Vorstellungen. Jener Sturzbach, der wild vom Felsen herabschäumt, ist aus zerknittertem Silberpapier gemacht. Und was sind unsere Gefühle, die Gefühle der Komödianten? Wenn ein rostiges Blech und eine Prise Kolophonium ein Gewitter erzeugt, was ist dann die Leidenschaft eines Künstlers?« Silvie blickt verlegen den jungen Offizier an; sie hat noch nie über so etwas nachgedacht; aber sie läßt wenigstens ihre reizenden Füßchen in den ausgeschnittenen Lackschuhen auf seinen rindledernen Stiefeln spielen. Der Offizier bürstet sich mit seiner Taschenbürste den Schnurrbart hoch und erwidert: »Ich war Adjutant bei dem großen Helden, der die Schlacht bei Nördlingen gewonnen hat. Wie sie begann, da stand er vom Tisch auf, wischte sich den Bart und sagte: »Noch nicht einmal die Morgensuppe lassen einen die Kerle in Ruhe fressen.« Silvie lacht, obwohl ihr der Zusammenhang nicht klar wird. Der Dichter fährt fort: »Ich bin älter, Kinder, als ihr beide zusammen. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann kann ich schon eine schöne Strecke sehen. Was ist mir geblieben? Ich habe oft mit Silvien hier gesessen, mit der, die gestern gestorben ist; wir haben nicht gesprochen; sie war ein gutes Mädchen. Weshalb wir eigentlich hier saßen, weiß ich nicht. Aber das habe ich nun in der Erinnerung, als ob es das Wichtigste in meinem Leben gewesen wäre. Natürlich, vorgestern saßen wir noch hier zusammen; es ist eine so kurze Zeit seitdem verflossen. Morgen wird man sie nun begraben; ich denke noch zuweilen an sie; aber sonst ist es, als ob sie nicht gelebt hätte.« Silvie wischt sich die Augen und sagt: »Sie hat mir alle ihre Kleider vermacht; es war ein ganzer Koffer voll, und sie hatte sehr schöne Sachen. Dieses Kostüm, das ich heute trage, ist ja auch von ihr.« Der Dichter sieht sie prüfend an, dann spricht er: »Ja, ich erkenne das Kleid. Dieses Band, das über dem Herzen zu einer Schleife geschlungen ist, habe ich ihr geschenkt. Sie hatte sich das Kleid selber genäht, dann sagte sie zu mir: ›Nun ist alles fertig, nur ein rotes Bändchen fehlt noch, das kommt gerade über dem Herzen zu sitzen, das sollst du mir schenken.‹ Ich hätte ihr ja gern ein ganzes Kleid geschenkt, denn sie war ein gutes Mädchen, aber ich hatte doch kein Geld; das Bändchen konnte ich ihr kaufen. So, nun trägst du das Kleid mit dem Bändchen! Merkwürdig. Auf welche Ideen die Mädchen kommen! Eine andere hätte sich das ganze Kleid gewünscht, wenn sie auch wußte, daß ich kein Geld hatte.« »Habt ihr denn immer geschwiegen, wenn ihr beisammensaßet?« fragt Silvie. »Wir andern haben oft heimlich über euch gelacht.« »Nein, zuweilen erzählte sie auch und fragte«, erwiderte der Dichter. »Sie erzählte mir oft: ›Coraline liebt dich‹, oder auch: ›Bettinette hat sich immer nach dir umgesehen.‹ Sie dachte immer, jedes Mädchen ist in mich verliebt. Ich lachte dann und sprach: ›Ich bin nicht zum Verlieben. Ich bin immer allein gewesen‹«. Silvie blickte still in ihren Schoß. »Wahrhaftig«, fuhr der Dichter zu ihr gewendet fort, »ich glaube, wenn sich wirklich einmal eine in mich verliebte, ich merkte es gar nicht.« »Ich glaube auch«, sagt ernsthaft Silvie; der junge Offizier lacht; sie wirft ihm einen Blick zu, der ihn erstaunt. »Ja«, sagt der Dichter, »ist es denn so wichtig, ob wir nun in der Wirklichkeit etwas erleben oder nicht? Was hat dein Feldherr erlebt, als er die Schlacht gewann, was erlebt der Schauspieler, der vielleicht jeden Monat eine neue Liebesgeschichte anspinnt? Ich habe nichts erlebt. Aber nun erinnere ich mich, wie ich hier mit Silvien saß, die nun tot ist; alle Schauspieler waren fortgegangen, wie jetzt; wir waren ganz allein; ich saß auf diesem Stuhl, sie auf dem Bänkchen mir zu Füßen; sie hatte den Arm auf mein Knie gestützt, spielte mit dem roten Bändchen; das ich ihr geschenkt hatte. Der Sonnenschein fiel so, wie jetzt, durch das kleine Fenster schräg auf die Bühne; wir sahen die Sonnenstäubchen tanzen und wirbeln; leise faßte ich ihre Hände und pustete in den schrägen Schein, daß die Stäubchen ganz aufgeregt wurden; dann lachten wir; Silvie hatte so ein schönes Lachen, wenn wir zusammensaßen; schade, sonst hatte sie es nicht; auf der Bühne wäre es reizend gewesen. Einmal, weiß ich, lachte sie so, daß sie sich zuletzt mit beiden Händen die Augen zuhielt; dann ließ sie einen kleinen Spalt zwischen den Fingern und sah mich so schelmisch an, daß ich bei mir dachte, ich möchte sie eigentlich küssen. Aber ich habe es dann doch nicht getan; ich hätte sie erschreckt; sie hatte ja keine Ahnung, daß ich solche Gedanken bei ihr hatte. Ja, das ist nun alles gewesen, und nun ist sie tot. Und ist das nicht so, als ob sie mich geliebt hätte, und ich sie?« Silvie schwieg, und der junge Offizier war merkwürdig verlegen. Er wischte an einem Flecken, den er auf seinem Ärmel hatte. »Ich bin nun über fünfzig Jahre alt«, fuhr der Dichter fort. »Ich sehe, wie das Leben vorüberfließt. Du bist nun jung, Silvie; ach, wie manches Mädchen habe ich gesehen, jung wie du und schön und anmutig wie du; dann war es mißmutig geworden oder gleichgültig; und wieder war ein junges Mädchen an der alten Stelle, heiter, zufrieden und anmutig. Auch Silvie ist ja nun tot; und nun bist du, und wo vorgestern noch Silvie saß, da sitzest du, und du trägst dasselbe Kleid, und mein rotes Bändchen, das ich ihr geschenkt, hast du über dem Herzen. Die Menschen, welche immer zu sehr an sich denken, sehen das ja nicht. Aber Silvie sah es auch. Sehr merkwürdig ist das alles.« Der Dichter verabschiedete sich von den beiden und ging. Und während er auf der Straße weiterschritt, dachte er, in welchem Irrtum doch die Menschen befangen sind, welche glauben zu leben, wenn sie bloß erleben; und er dachte bei sich: Wie reich ist mein Leben, denn ich sehe doch alles, das um mich vorgeht, und sehe es genau, weil ich nie beteiligt bin.« Der junge Offizier sagte zu Silvien: »Der Arme, das Leben wird immer an ihm vorbeigehen. Er sieht nichts. Er hat ja nicht gesehen, daß die tote Silvie ihn geliebt hat.« »Solch ein Mensch ist er, daß Silvie ihn so geliebt hat, daß er es nicht merkte; so ist Silvie durch ihn geworden«, erwiderte nachdenklich das Mädchen. Er schob scherzend seinen Arm um ihre Taille und sagte: »Wir wollen ihn träumen lassen, wir leben, wir beide, nicht wahr?« Sie schüttelte sich leicht, nahm seine Hand und legte sie fort; dann sagte sie: »Laß mich, auch ich liebe ihn.« Der kleine Schuh Lelio ist ein Königssohn und jagt im Walde; junge Mädchen tanzen im Mondschein und entfliehen, wie sie von ihm überrascht werden. Die Schönste verliert einen Schuh, einen reizenden kleinen Schuh, den kleinsten Schuh, den man sich vorstellen kann, einen Goldkäferschuh, einen Kinderschuh. Lelio stürzt zu dem Schuh, nimmt ihn auf, drückt ihn an Lippen und Herz, denkt nicht mehr an Hirsche und Rehe, denkt nur noch an die reizende Schöne, welche den Schuh verloren hat. Er kehrt nach Hause zurück, seine Eltern erschrecken, so bleich sieht er aus; er legt sich ins Bett und kommt dem Tode nahe. Alle Ärzte untersuchen ihn, der eine sagt, daß sein Leiden aus dem Magen kommt, der andere findet den Sitz in der Leber, der dritte glaubt, daß der Blutumlauf ins Stocken geraten ist, und der vierte rät auf eine Erkrankung des Großgehirns. Jeder verschreibt ihm eine andere Medizin; der König, welcher ein ordentlicher alter Herr ist, befiehlt, daß er sie alle einnehmen soll, weil man nicht weiß, welches die richtigste ist; endlich aber kommt aus der Ferne ein ganz kluger Arzt, welcher in Bologna studiert hat; der erkennt, daß das Übel von dem kleinen Schuh herrührt. Nun werden Trompeter ausgeschickt, die durch das ganze Königreich blasen müssen und ausrufen, daß alle hübschen Mädchen auf das Schloß kommen und den Schuh anprobieren. So ungefähr sind die beiden ersten Akte des Dramas, in welchem Lelio jetzt die Hauptrolle spielt. Das Drama hat fabelhaft eingeschlagen, jeden Abend ist das Theater ausverkauft, der Dichter hat schon eine Abschlagszahlung von drei Skudi bekommen, die fünfzigste Vorstellung ist bereits überschritten, und es wird erzählt, daß der Heilige Vater selber inkognito sich das Stück angesehen hat; er hat darauf zu Hause Makkaroni gegessen und hat gesagt: »Die Makkaroni sind ja gut, aber das Stück war auch gut.« Lelio ist so in seiner Rolle, daß er auch außerhalb der Bühne den kleinen Schuh stets auf seinem Herzen trägt, daß er den ganzen Tag an nichts denkt als an das wunderschöne Mädchen, das den Schuh verloren hat. Er denkt nicht an Isabellen, welche die Rolle dieses Mädchens spielt; denn der Zuschauer muß wissen, daß in der Nähe die zartroten Wangen, die großen blauen Augen, das helle Lockenhaar ganz abscheulich aussehen. Lelio denkt an das schöne Mädchen, wie sie aussehen würde, wenn er unten in der achten oder neunten Reihe säße; er geht also in den Straßen Roms und sieht an allen Häusern hoch, ob nicht hinter irgendeinem Fensterladen das lockige Köpfchen vorsieht, und aufmerksam betrachtet er auf dem Korso alle Damen, ob nicht unter irgendeinem hübschen Kleid der kleine Fuß zum Vorschein kommt. Ja, er lebt ganz in seiner Rolle. Der Direktor bezahlt ihm jetzt Gage, und er kann zu Mittag essen; er geht zum Stadtkoch, setzt sich mit stolzer und unzufriedener Miene an den Tisch; der Koch bringt ihm für zwei Soldi gekochte Bohnen und wünscht ihm guten Appetit; Lelio aber erhebt sich, wischt den Teller mit den Bohnen vom Tisch und ruft: »Ist das ein Fressen für einen Königssohn?« Dann geht er hochmütig aus der Tür, und alle Gäste und der Wirt bleiben zurück und staunen über sein Talent. In dieser Verfassung begegnet Lelio einem Hochzeitszug. Ein junger Stadtschreiber, der die Namen der angekommenen Fremden in ein großes Buch eintragen muß, verheiratet sich mit der Tochter eines reichen Käsehändlers. Es kommen, wie so oft, Titel und Geld zusammen. Die Familien beider Verlobten sind groß; die Verwandten des Bräutigams sind alles Beamte: Stadtschreiber, Aktuare, Sekretäre, Diätare, Rechnungsräte, Kanzlisten und Diurnisten; die Verwandten der Braut sind alles Geschäftsleute: Mehlhändler, Fleischer, Bäcker, Ölhändler, Obstverkäufer und Gemüsemänner. Zwei sonst getrennte soziale Schichten fließen so zusammen; keiner von der einen Verwandtschaft hat bis jetzt einen von der anderen Verwandtschaft gekannt; die einen dachten, die andern sind stolz auf ihren Rang, und diese dachten, die andern sind stolz auf ihr Vermögen; nun lernen sie sich kennen, und finden jeder von den andern, daß sie umgängliche, liebenswürdige und gebildete Leute sind. Das erhöht die Fröhlichkeit; ehe man zur Kirche ging, hat man schon etwas getrunken; nun kommt man aus der Kirche zurück und geht zu der Wohnung des Brautvaters, wo ein herrliches Mittagessen vorbereitet ist. In dieser großen Gesellschaft erblickt Lelio das Mädchen, das er so lange gesucht hat. Er steht neben ihr wie im Traum, spricht mit ihr, bietet ihr den Arm; sie nimmt ihn verschämt, sieht ihn schelmisch von unten an, wie er spricht; und er spricht die wundervollen Verse, die er zu sagen hat, als der kluge Arzt ihm die Geliebte zuführt. Das Mädchen lacht, die andern lachen; jeder denkt, daß Lelio zu der Gesellschaft gehört; die Aktuare halten ihn für einen Geschäftsmann und die Geschäftsleute für einen Aktuar. Das schöne Mädchen allein hat irgendwelche dunklen Vorstellungen, daß die Sache nicht so stimmt, aber dafür schwimmt sie in Glück, und die Vorstellungen verflüchtigen sich. Man kommt in die Wohnung der Brauteltern. Die Tische sind den Laden und alle Zimmer hindurch angerichtet; man legt Hüte und Mäntel ab; die junge Frau sinkt in die Arme des Vaters und weint, dann in die Arme der Mutter und weint; die Eltern trocknen sich gleichfalls die Tränen, der junge Gatte sieht betreten und schuldbewußt aus; die jungen Mädchen kichern und blicken auf Lelio; Lelio spricht mit einem Rechnungsrat von der Feststellung der Steuern, die auf den Immobilien ruhen, und mit einem Mehlhändler über den Unterschied der Transportkosten des Mehls und der Körner; dann setzt man sich, Lelio neben seiner Schönen; die Speisen werden herumgereicht, der Wein eingegossen. Reden werden gehalten; auch Lelio hält eine Rede; sie ist so schön, daß der Brautvater kommt und mit ihm anstößt. Das schöne Mädchen war im Theater und hat Lelio gesehen, wie er den kleinen Schuh küßte; sie hat nun schon etwas getrunken; nicht viel; aber sie kann auch nicht viel vertragen; und ihre Gedankenverbindungen gehen absonderlich; ihr wird klar, daß ihr Nachbar Lelio ist, Lelio, der so entzückend in den kleinen Schuh verliebt ist; sie weiß genau, daß er der ja gar nicht sein kann, daß das ihr nur so erscheint, weil sie ein Glas Marino getrunken hat, der ein schwerer Wein ist und in den Kopf steigt; aber es ist doch so schön, daß Lelio sie liebt, daß er den kleinen Schuh aus der Brusttasche nimmt und küßt, daß er sagt: sie ist die einzige, an deren Füßchen der Schuh paßt, daß sie ihn mit dem Ellbogen in die Seite stößt und sich dann lachend über den Tisch beugt, daß sie ihm flink den Schuh aus der Hand reißt, schnell unterm Tisch ihren alten Schuh auszieht und diesen überstreift, und ihn dann die Spitze ihres Füßchens sehen läßt. Das alles ist so schön, und es ist nur merkwürdig, daß das bei der Hochzeit ihrer Base stattfindet, indessen alle Verwandten um den Tisch herumsitzen und von Hochzeiten, Schlachtgewicht, Auszugsmehl, Prima Sultaninen und Steuern sprechen. Es schwirrt ihr alles vor den Augen und Ohren, und nur eins weiß sie fest, daß sie Lelio liebt und an seine Brust sinken würde, wenn das nicht unanständig wäre. So geht denn das Hochzeitsfest seinen Gang. Als man fertig gegessen hat, erhebt man sich und schreitet paarweise auf die Straße; da haben die Nachbarn Teppiche aus den Fenstern gehängt; wer ganze Teppiche hatte, der hängte ganze, und wer zerrissene hatte, der hängte zerrissene; die Frauen in weißen Nachtjacken, mit großen Busen und roten Gesichtern, glänzend vor Schweiß und Freude, sehen aus den Fenstern und rufen der Braut zu; Musikanten stehen da und spielen auf, die Alten beginnen zu tanzen, die Jungen folgen, und auch Lelio mit seiner Schönheit tanzt. Wieweit Lelio sich die Lage klar machte, ist ungewiß; daß er kein Königssohn sein konnte, mußte er wohl wissen; aber es scheint doch, daß er sich wenigstens als etwas Ähnliches vorkam. So sprach er denn feurig von seiner Liebe, seinem Schloß, seinen Besitzungen, wobei er denn freilich auch von seiner Gage sprach; die Schönheit interessierte sich aber nur für die Liebe. Der Abend zog herauf, er erinnerte sich daran, daß er ins Theater mußte. Beide wußten, daß die andern nicht merken durften, wenn sie sich entfernten; so zogen sie sich denn mit der größten Geschicklichkeit zurück, und nach acht Tagen schon stand die Schönheit als Isabelle auf der Bühne, verlor ihren kleinen Schuh und wurde von dem klugen Arzt an das Bett des todkranken Lelio geführt. Die fünfzig Dukaten Ein junger Offizier besuchte das Theater, sah Aurelien in ihrer großen Rolle und verliebte sich in sie. Ein italienischer Offizier aus der Zeit um 1600 war kein eleganter junger Herr. Unser Held war schon mit zwölf Jahren, nachdem er zu Hause vom Pfarrei notdürftig Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt, zum Heer gekommen, hatte zuerst unter seinem Vater gedient und war dann allmählich im fünfundzwanzigsten Jahre zum Hauptmann aufgerückt. Von milder Gesittung hatte er in seinen nun dreizehn Dienstjahren nichts erfahren, und die Marketenderinnen und Soldatenfrauen waren die einzigen weiblichen Wesen, die er kennengelernt hatte. Er ging aus der Vorstellung wie betrunken nach Hause. Sein Freund, mit dem er zusammen wohnte, wunderte sich über sein Aussehen; der junge Mann erzählte begeistert und abgebrochen; nach einigen Sätzen pfiff der Freund und rief aus: »Ach so, verliebt!« Dem jungen Mann stürzten die Tränen aus den Augen; er umarmte den Freund, fluchte und schwur, er wolle aus dem Fenster springen und sich unten auf dem Pflaster den Hals brechen; der Freund wunderte sich über die Heftigkeit seiner Leidenschaft und suchte ihm klarzumachen, wie Freunde in ihrer Kaltblütigkeit das so tun, daß er gar keinen Grund habe, sich aus dem Fenster zu stürzen; wieder kamen dem andern die Tränen; er wußte nicht, was er sagen, wie er die Unruhe seines Herzens ausdrücken sollte, denn er sah ja wohl selber ein, wie lächerlich seine Rede gewesen war. Erst nach langer Zeit kam er zu einer ordentlichen Rede, der Freund zu Überlegen und Raten. Der Freund hatte von der Schauspielerin wohl keine hohe Meinung, aber so roh er war, fühlte er doch, daß er den andern schonen mußte. Immerhin aber verstand er nichts weiter, als daß er ihn fragte, ob er einiges Geld zur Verfügung habe, und ihm dann riet, der Angebeteten einen verhältnismäßig kostbaren Ring zu schenken. Der junge Mann schwang sich den Hut auf den Kopf und stürzte aus dem Zimmer; es war schon Nacht, alle Läden waren geschlossen, und er konnte keinen Ring mehr kaufen. Als er nun so, halb gedankenlos und von seiner Unruhe getrieben, durch die Straßen Roms eilte, fühlte er einen heftigen Widerwillen gegen seinen Freund und seine Wohnung. Die Kälte und Gleichgültigkeit des andern war ihm fürchterlich, als sei er sein Todfeind. So ging er denn in einen Weinkeller, setzte sich abseits an einen Tisch; der Wirt brachte ihm eine Öllampe und Wein. Im Sommer, an einem blühenden Hang, auf welchem der Sonnenschein liegt, kann man beobachten, wie ein seltener Schmetterling scheinbar unschlüssig flattert, sich auf eine Blume setzt, den Rüssel entrollt und in den Kelch taucht, in Wonne die Flügel entfaltet; dann, nachdem er den Honig genossen, die Flügel wieder zusammenschlägt, sinnend eine Weile sitzt und endlich weiterfliegt. Plötzlich erscheint ein anderer Falter seiner Art, ein Männchen. Die kleinen Tiere sind selten, in weitem Umkreise wehte vielleicht allein dieses Weibchen vor dem Wind; wie konnte das Männchen über die große Entfernung fühlen, daß hier ein Weibchen seiner Art war? Wir können nicht wissen, durch welche Mittel die Natur diese beiden Wesen zusammengebracht hat, die sich nun im Sonnenschein übergaukeln, umtaumeln und umspielen, sich vereint auf Blüten setzen, sich trennen, sich wiederfinden und endlich auf immer auseinandergehen. Aurelie wohnte in dem Hause, wo unten der junge Offizier saß. Er wußte es nicht. Es kam ein Mann mit einem Kasten vor sich, der Papier verkaufte, geschnittene Gänsekiele und Tinte. Der Offizier kaufte ihm einen Bogen Papier ab und Schreibzeug. Seit er ins Heer getreten war, hatte er nicht mehr geschrieben; bei dem Licht der kleinen Lampe, während im Hintergrunde Männer würfelten, am Nebentische einer eine lange Geschichte erzählte, bildete er ungefüge Schriftzeichen, durch welche er ausdrücken wollte, was er fühlte. Er schrieb, er habe fünfzig Dukaten als Beute von einem gefangenen Obersten, diese fünfzig Dukaten seien sein ganzes Geld; er lege sie ihr zu Füßen; er sei so traurig, daß er weinen möchte, er schäme sich, daß er nicht mehr habe; aber er habe nicht mehr als die fünfzig Dukaten, die er ihr zu Füßen lege. Wie er das geschrieben hatte, dachte er nach, denn er wollte ihr noch mehr schreiben; aber er wußte nicht, was er noch schreiben sollte; die Augen brannten ihm, das Herz stockte ihm. Die andern Leute gingen allmählich nach Hause; der Wirr trat zu seinem Tische und fing ein Gespräch an, in welchem er andeutete, daß auch für ihn Zeit zum Gehen sei. Lange verstand er nicht, was der Mann meinte, denn er hörte, wie man im Nebel sieht. Endlich wurde ihm alles klar, er bezahlte seinen Wein, faltete sein geschriebenes Blatt zusammen, steckte es in seine Brusttasche und ging. Er ging durch die schweigenden Straßen Roms, der Mond begleitete ihn. Bis zur Morgendämmerung ging er. Dann öffneten sich die Türen der Häuser, verschlafene Gesichter der Dienstboten sahen heraus. Arbeitsleute mit eiligen Schritten waren auf der Straße. Er ging zum Theater, es war noch niemand wach. Er wanderte wieder durch die Straßen, ging dann wieder zum Theater; da waren Leute, welche auf der Bühne arbeiteten. Er fragte sie nach Aureliens Wohnung; sie antworteten ihm, und er dankte; dann ging er zu Aureliens Wohnung. Als er in ihr Zimmer trat, konnte er nicht sprechen. Er blieb an der Tür stehen, den Hut in der Hand; sie saß auf einem Stuhl und blickte ihn erstaunt an. Da faßte er sich Mut, nahm seinen Geldbeutel aus der Tasche und setzte ihn vor sie hin, zog den Brief vor, entfaltete ihn und gab ihn ihr in die Hand. Sie sah den jungen Offizier an, den Beutel, den Brief; dann las sie, wurde rot; er wurde rot und schlug die Augen nieder; sie lachte leise verlegen; er sagte: »Nun will ich gehen« und nahm die Klinke in die Hand. Aber sie ließ ihn nicht gehen, und er blieb in der Stube, er setzte sich an den Tisch; mit stockender Stimme sprachen die beiden, und er blieb lange Stunden bei ihr. Stunden, die wie Minuten waren; es schlug von der Turmuhr gegenüber; da war es Abend geworden, und Aurelie mußte ins Theater gehen. Der Offizier ging allein die Straße hinunter, da kamen ihm seine fünfzig Dukaten ins Gedächtnis. Der Oberst war ein tapferer Mann gewesen, dem er sie abgenommen; er hatte ihm einen Hieb quer über das Gesicht gezogen, daß ihn das Blut blendete; da erst ergab er sich. Nun waren die fünfzig Dukaten fort. Seufzend griff er in die Tasche, wo er den Beutel getragen hatte. Aber wie er die Hand zurückzog, hatte er den Beutel, seinen Beutel! Er zog ihn auf, faßte hinein, holte das Geld heraus und ließ es wieder zurückfallen: das waren seine Dukaten, und zwei große Kupferstücke waren noch dabei. Eilig ging er zurück; da traf er Aurelien, die gerade aus der Tür trat. Er hielt ihr den Beutel hin. Sie lachte, nahm seinen Arm und zog ihn mit sich; dann sagte sie: »Du hast mir alles geschenkt, was du hattest, das waren fünfzig Dukaten; da war es nur natürlich, daß ich dir alles schenkte, was ich hatte, das waren die fünfzig Dukaten von dir und außerdem zwei Soldi, die ich vorher besaß. Das war mein ganzes Geld.« Er wollte etwas erwidern, sie befahl ihm lachend, er solle den Beutel einstecken; und sie befahl es in solchem Ton, daß er gehorchte. Nun gingen sie eine Weile zusammen Arm in Arm. Dann sagte der Offizier: »Ich kann dir ja nicht zumuten, mich zu heiraten, wie ich jetzt bin. Aber ich habe von meinem Vater einen alten Turm mit einigen Ackern Land geerbt. Wenn du willst, so heiraten wir und wohnen dort.« Sie schüttelte den Kopf, und Tränen kamen ihr in die Augen. Dann zog sie ihren Arm aus dem seinigen, reichte ihm die Hand und sagte: »Wir wollen eine Erinnerung an diesen Tag behalten, denn mehr ist nicht möglich, als dieser Tag. Und diese Erinnerung soll kein Leid und kein Vorwurf sein, sondern immer eine Freude. Deshalb dürfen wir uns nie wiedersehen.« Bei diesen Worten waren sie an dem Hintertürchen angekommen, durch das die Schauspieler ins Theater gehen. Ehe er es sich versah, hatte sie die Tür hinter sich zugeschlagen, und er stand allein auf der Straße. Ein Arbeiter mit einem großen Korb stieß ihn an und sagte etwas Grobes; da wachte er aus seinem Nachdenken auf und ging fort. Das letzte Lied Auf der Rosinenkiste, welche seine ungedruckten Gedichte und Dramen enthielt, saß der Dichter. Vor ihm stand Silvie und suchte ihn zu erheitern. Sie sagte: »Man hat es für dasselbe Geld, ob man lustig oder traurig ist; und weshalb soll man da traurig sein?« Der Dichter aber schüttelte den Kopf und antwortete: »Heute früh habe ich meinen Körper betrachtet. Er sah so armselig aus, daß er mir leid tat. Nun bin ich über fünfzig Jahre alt, und ich kann alle meine Rippen zählen. Wozu habe ich eigentlich gelebt? Der Direktor hat meine Stücke aufgeführt, ihr habt alle in ihnen gespielt, aber wenn ein Stück abgespielt ist, so ist es vergessen. Ist das wert, daß ich gehungert und gefroren habe? Was bleibt von mir, wenn ich tot bin?« Silvie antwortete: »Ganz Rom hat sich über deine Stücke gefreut, sogar der Heilige Vater hat sie gelobt. Das ist nur so eine traurige Stimmung bei dir, die vorübergehen wird«; dann versuchte sie zu lachen, um ihn zu erheitern; aber es war ihr selber traurig zumute, denn der Dichter sah krank aus. Er schwieg eine Weile, dann sagte er: »Ich habe heute in meinen alten Arbeiten geblättert. Es ist ja alles schlecht, was ich geschrieben habe, und es ist richtig, daß es zugrunde geht. Was wäre denn, wenn ein Verleger meine Werke gedruckt hätte! Dann hätten die Leute später nur gesagt: ‹Im Jahre sechzehnhundert hat in Rom ein schlechter Dichter gelebt›« Hier flossen ihm die Tränen über das magere Gesicht. Silvie kniete vor ihm hin, nahm seine Hände, legte ihre Wange an seine, streichelte ihn; sie weinte selber. »Du hast mich doch glücklich gemacht«, sagte sie, »und wenn du einmal Geld hast, so bekomme ich doch auch ein neues weißes Kleid.« Aber ehe er ihr noch antworten konnte, da klopfte es an die Tür, und es trat jemand ein, ein großer, breiter Diener, dem man es ansah, daß er jeden Tag seine Makkaroni hatte, der gesund war und frisch und der nie Sorgen gehabt hatte oder Not. Man muß aber wissen, daß der damalige Heilige Vater ein großer Freund der Dichtkunst war, und wenn er von einem Dichter hörte, dem es schlecht ging, so gab er ihm ein Jahresgehalt, oder wenn er geistlich werden wollte, eine gute Pfründe. Nun geht es ja allen Dichtern eigentlich schlecht, und natürlich half der Heilige Vater nur den guten Dichtern. Aber man weiß ja, daß in Sachen der Kunst das Urteil sehr schwierig ist; der eine sagt: dieser ist ein guter Dichter, und der andere verurteilt denselben Mann auf das schärfste, und jeder glaubt, daß er selber recht hat und der andere nichts von der Sache versteht. Wir wollen uns nicht in solche Streitigkeiten mischen, denn es kommt nichts bei ihnen heraus; nur müssen wir sagen, daß viele behaupteten, der Heilige Vater habe gar kein Urteil und schade nur durch seinen Eifer, indem er immer den schlechten Skribenten helfe, die ohnehin mehr Macht haben als die guten Dichter. Wie es sich damit verhalten mag, ist uns also gleichgültig; jedoch müssen wir zugeben, daß diese Leute in einem Fall sicher recht hatten, und das war der, welchen diese Geschichte mit betrifft. Ein junger Mann aus einer vornehmen Familie, welcher dem Klerus angehörte, hatte aus Rücksichten der Karriere dem Heiligen Vater eine poetische Übersetzung der Psalmen in lateinischer Sprache gewidmet, die dem Heiligen Vater so gefallen, daß er den Verfasser zum Bischof machte. Nun hatte der junge Mann die Übersetzung mit der Hilfe seines alten Lehrers verfertigt, welcher vorzügliche lateinische Verse machen konnte, und dieser Lehrer starb bald darauf. Da der Heilige Vater ihn immer drängte, doch weitere Werke seines Geistes herauszugeben, so versuchte unser Bischof von jetzt an allein zu arbeiten; aber es stellte sich heraus, daß er in seinen Versen bei den Füßen sich immer verzählte, und seine Freunde rieten ihm deshalb davon ab, diese neueren Arbeiten drucken zu lassen. Der Heilige Vater wurde inzwischen ungeduldig, und endlich sagte er zu seinem Schützling, er wünsche innerhalb einer Woche eine Elegie von ihm zu sehen; und als der arme Bischof, weil er immer dachte, es liege am Lateinischen, betroffen stotterte, daß seine Muse sich jetzt lieber auf den Gefilden der italienischen Sprache ergehe, und weil er jetzt immer wegen seines Mißgeschicks traurig war, hinzufügte, er denke in dieser Zeit beständig an den Tod; da erwiderte er ihm, das sei um so besser, er liebe auch die italienischen Verse mehr als die lateinischen und erwarte also eine italienische Elegie, und weil der Tod ein für einen Geistlichen angemessener Gegenstand sei, eine Elegie auf den Tod. Der Unglückliche schloß sich in sein Arbeitszimmer ein, stellte eine Flasche Falerner auf den Tisch, weil er gehört hatte, daß der Falerner ganz besonders zum Dichten begeistere, und versuchte nun italienische Verse zu machen; aber da glückten ihm noch nicht einmal solche, wie er in der lateinischen Sprache zustande gebracht, und er vermochte überhaupt gar nichts mit der feinen Rabenfeder auf das goldumrandete Papier zu schreiben, das er vor sich gelegt hatte. Wie er nun so verzweifelt dasaß, kam ein treuer Diener zu ihm, der den Grund seiner Traurigkeit erkannte, tröstete ihn und sagte, daß vornehme Leute überhaupt nicht für solche Dinge geschaffen seien, und er wisse von einem Mann, der ihm für einen Dukaten gern eine Elegie auf den Tod schreiben werde, so lang er sie wünsche, und da die Sache geheim bleiben müsse, so wolle er gern selber mit diesem Menschen sprechen. Das war nun für den Bischof eine Erlösung; er gab dem Diener Auftrag, in der Art, wie er ihm vorgeschlagen, zu verhandeln, und erwartete getrost das Weitere. Dieser Diener nun war der Mann, der bei dem Dichter eintrat. Der Dichter sowohl wie Silvie waren in einer besonders gespannten Stimmung gewesen. Nun sah der Diener so vornehm aus, war ihnen ganz unbekannt, redete so geheimnisvoll, verbot, von seinem Besuch zu erzählen, lobte die Werke des Dichters, die er doch, außer den Dramen, gar nicht kennen konnte, wenn er nur ein Mensch war, er sprach davon, daß wir alle einmal sterben müssen, fragte, ob der Dichter auch schon einmal an den Tod gedacht habe, und als der Dichter bejahte, trug er ihm auf, eine Elegie auf den Tod zu schreiben. Dann hob er warnend den Finger und sagte mit Beziehung: »Wenn es Abend wird, erscheine ich wieder.« Damit ging er. Der Dichter bat mit sanfter Stimme Silvien, ihn eine Weile allein zu lassen. Sie sah ihm in die Augen, sie mußte ihm gehorchen und ging. Dann nahm der Dichter weißes Papier aus der Rosinenkiste und begann zu schreiben. Er sah auf das Fenster; da saß außen ein Sperling und schrie. Mit einem Male war ihm, als ob aller Kummer von ihm abfalle. Er faltete die Hände und dachte: Wenn das denn ein Engel des Herrn war, der mich auf den Tod vorbereitet, so will ich nicht ungeduldig sein, will die Elegie schreiben und erwarten, was da geschehen wird am Abend, wenn er wieder erscheint. Und dann dachte er, daß er noch eben über sein Leben sich beklagt hatte; und nun sah er, wie schön sein Leben doch gewesen war; daß er immer mit Menschen zusammen hatte sein dürfen, die nie zu lange traurig sind, und die nicht an morgen denken und die leben wie die Lilien auf dem Felde; und er dachte daran, wieviel er gelacht hatte in seinem Leben, und daß es nun, wo er sterben mußte, doch ganz gleich war, ob er viel Geld gehabt oder wenig. Da mußte er lächeln, wie er das dachte, und er sagte bei sich, daß er doch sein vergangenes Leben mit keinem andern Menschen hätte tauschen mögen. In solchen Gefühlen und Gesinnungen schrieb er die Elegie. Er arbeitete den ganzen Tag an der Dichtung, und als der Abend kam, war sie fertig. Da klopfte es wieder, und der Diener trat ein und fragte: »Nun?« Der Dichter gab ihm die Blätter; der Diener sah sie mit strengem Gesicht an, aber er konnte nicht lesen. Darum griff er nachlässig in die Westentasche und gab dem Dichter einen halben Dukaten, und dann ging er mit einem ernsthaften Gruß. Und wie der Dichter noch mit dem halben Dukaten in der Hand nachdachte, da kam auch schon Silvie zurück und fiel ihm um den Hals, er drückte ihr mit listigem Lächeln das Geld in die Hand und sagte: »Dafür kaufst du dir das weiße Kleid«, und sie erstaunte sehr. Der Bischof ließ die Elegie auf großem Büttenpapier drucken, und ein berühmter Künstler mußte ihm Vignetten stechen, die wurden dazu gedruckt, und dann überreichte er die Elegie dem Papst. Wir wissen nicht, ob sie gut war, vielmehr wir enthalten uns des Urteils; sie gefiel jedenfalls dem Papst so, daß er sich selber sehr lobte über die Entdeckung des jungen Mannes, und bei sich beschloß, ihn demnächst zum Kardinal zu machen. Silvie kaufte sich den Stoff zu dem weißen Kleid und noch einige Rüschen, die sie darauf setzen wollte, denn einen großen Teil der Zutaten hatte sie schon, und nun setzte sie sich hin, trällerte und begann zu schneidern. Der Dichter aber sah ihr fröhlich zu, während sie nähte, und plötzlich sagte er: »Mir wird so sonderbar«, und da legte er sich auch schon zurück und war tot. Silvie drückte ihm die Augen zu und weinte um ihn, alle Schauspieler und der Direktor kamen und waren traurig, daß er gestorben war, und dann wurde er begraben. Die Briefe des Seligen Lange Rübe hatte in Rom einen Hauptschlag vorbereitet; leider mißglückte der durch die Torheit eines Frauenzimmers. Er hatte die Bekanntschaft einer vornehmen kinderlosen Witwe gemacht, welche in dem Alter war, das man heute das gefährliche nennt. Natürlich hatte er der Dame nicht mitgeteilt, was sein eigentlicher Beruf ist; er hatte mit schwermütiger Miene von Unglücksfällen in der Familie gesprochen, von politischen Verfolgungen, von Überzeugungen, auf deren Altar man sein Lebensglück zum Opfer bringe; und diese Andeutungen hatten der Witwe genügt, um ihr Geschick ihm anzuvertrauen, denn wahrscheinlich sagte sie sich, daß Lange Rübe erst fünfundzwanzig Jahre alt war, schlank und groß gewachsen, eine angenehme Gesichtsbildung und kühne Augen hatte. Da ihre Familie natürlich gegen eine neue Heirat gewesen wäre, so hatte sie mit Lange Rübe eine heimliche Flucht verabredet. Lange Rübe hatte einen Wagen vor Porta Salaria bestellt, ihr Zeit und Ort genau angegeben und ihr aufgetragen, sie solle das Kostbarste, das sie habe, mitbringen. Zur bestimmten Zeit war die Dame ohne jede Verspätung wirklich gekommen und hatte Lange Rübe ein großes Paket übergeben; da Lange Rübe das Paket gleich bekam, so brauchte er die Dame nicht mitzunehmen; er hatte sich allein in den Wagen gesetzt und war abgefahren, indessen die erstaunte Dame wieder nach Rom hinein hatte gehen müssen, wo sie sich dann bei ihrem Neffen bitter über Lange Rübe beklagte. Als er aber das Paket geöffnet, da hatte er in einem kostbaren Kästchen nicht etwa Geld und Schmuck gefunden, sondern nur die Liebesbriefe des verstorbenen Gatten der Dame. Man kann sich denken, daß das ein Verlust für ihn gewesen war; denn zwei Wochen lang hatte er immer an der Dame gearbeitet und nichts anderes verdient, hatte Unkosten für Blumen, einen feinen Anzug, zuletzt noch für den Wagen gehabt, den er hatte vorher bezahlen müssen, weil der Wagenverleiher ihn kannte; und nun waren die wertlosen Briefe das ganze Ergebnis. Er hatte das Paket wieder zugeschnürt und in kurzer Zeit, wenn auch nicht gerade einen neuen Plan, so doch den Anfang zu einem solchen ins Auge gefaßt. Wagen und Wechselpferde waren bis Neapel bezahlt; er hatte einen sehr feinen und teuern Anzug auf dem Leibe und einen, wenn auch nur mit Steinen angefüllten, großen Koffer auf dem Rückteil des Wagens aufgeschnallt, dann noch das kostbare Kästchen im Wagen; so hatte er denn beschlossen, nach Neapel weiterzufahren, dort angemessen aufzutreten und zu sehen, was das Glück ihm zuführen werde. Das hatte er getan und sitzt nun in dem vornehmsten Gasthaus Neapels in einem schönen Zimmer. Messer Molinari, der Polizeihauptmann von Neapel, unterhält natürlich eine sehr enge Verbindung mit der Kamorra, und man kann eigentlich sagen, daß er selber Kamorrist ist. Aber wie man weiß, kommen da oft Konflikte der Pflichten. Er hatte nicht anders gekonnt, als eine der hervorragendsten Personen der Kamorra festzunehmen; begreiflicherweise sehen die Genossen eine solche Notwendigkeit nie ein, denn im Grunde ist es ihnen ja gleichgültig, ob der Polizeihauptmann sein Amt verliert, weil sie sich mit seinem Nachfolger ja auch schon vertragen werden. Kurz und gut, die Kamorra hat geschworen, den geopferten Genossen, denn er wurde gehängt, an Messer Molinari zu rächen, und Messer Molinari ist natürlich in tausend Ängsten. Das dient zur Erklärung dafür, daß Lange Rübe ungestört in Neapel arbeiten kann, denn unter gewöhnlichen Verhältnissen würde es sich die Kamorra ja schön verbitten, wenn ein fremder Gauner in Neapel Geschäfte machen wollte. Die Kamorra begünstigt sein Vorhaben sogar. Ein Herr, den Lange Rübe nicht kennt, besucht ihn auf seinem Zimmer und erkundigt sich vorsichtig, ob er vielleicht der erwartete Geheiminspektor der Polizei sei, der bei allen Beamten Nachsuchungen halten soll, und bringt Lange Rübe dadurch auf einen Gedanken; und dem Messer Molinari wird von Freunden mitgeteilt, ein Geheiminspektor sei gekommen, welcher da und da wohne und schon geäußert habe, den Hauptmann Molinari werde er besonders aufs Korn nehmen. Man kann sich denken, daß die Sorgen wegen der Mißstimmung der Kamorra und wegen des Inspektors den guten Messer Molinari, der gewöhnlich heiter und aufgeräumt ist, recht nachdenklich machen. Die schöne Colomba, seine Tochter, bemerkt seine trübe Stimmung und sucht ihn zu trösten. Die schöne Colomba ist eine gewandte Person und hat ihrem Vater schon oft geholfen, und es gibt Leute, welche sie für klüger halten als den Vater. Die schöne Colomba also tröstet den Messer Molinari und erforscht seine Bekümmernisse; als er ihr alles erzählt hat, denkt sie eine Weile nach, und dann erklärt sie: »Mit der Kamorra mußt du allein fertig werden; sie bezahlt dir übrigens wenig genug; du hast Familie und mußt an die Zukunft deiner Kinder denken, aber den Inspektor will ich auf mich nehmen.« Der Inspektor war Messer Molinaris größte Sorge gewesen, denn die Kamorra braucht ihn schließlich ebenso wie er sie; und so überläßt er es denn erfreut seiner Tochter, wie sie den Inspektor behandeln will. Also die schöne Colomba macht sich auf den Weg und besucht Lange Rübe in seinem Gasthof. Lange Rübe stellt den Inspektor mit großem Anstand vor und findet sich schnell in die Lage mit der schönen Colomba. Er findet sich zu schnell. Frauen haben einen Scharfblick, der uns Männern oft abgeht; Colomba merkt bald, daß Lange Rübe viel zu klug ist, um ein Beamter zu sein. Wir wollen nicht Einzelheiten aus ihrem Gespräch geben, denn die schöne Colomba ist wirklich schön, und Lange Rübe ist ein stattlicher junger Mann, in den sich ein kluges junges Mädchen ohne Vorurteile schon verlieben kann. Kurz und gut, Colomba ging, um zu fangen und fängt sich selber, indem sie sich in Lange Rübe bis über ihre beiden reizenden Öhrchen verliebt; Lange Rübe hat nicht mehr nötig, ihr gegenüber die Täuschung aufrecht zu erhalten, und wie sie ihn lachend fragt, erzählt er ihr, wodurch er nach Neapel gekommen ist. Er hat wirklich nicht mehr nötig, ihr zu mißtrauen; denn der Leser wird zwar denken, daß die schöne Colomba zu manchem entschlossen gewesen sein mag, als sie Lange Rübe aufsuchte, und daß auch die stärksten Beweise ihrer Liebe doch nicht jedes Mißtrauen bei Lange Rübe verbannen dürfen; aber er kann sicher sein, daß Lange Rübe ein Menschenkenner ist und genau weiß, die schöne Colomba ist aus dem Lager ihres Vaters in das seinige übergegangen. Es ist ja wohl keiner von ihnen die erste Liebe des andern. Aber Colomba fragt Lange Rübe: »Du liebst mich doch, nicht wahr? Wenn du mich einmal nicht mehr liebst, dann mußt du es mir gleich sagen. Ich werde dir keine Vorwürfe machen. Ich will dir dann auch nicht zur Last fallen. Aber jetzt liebst du mich, nicht wahr? Solange du mir nichts sagst, liebst du mich.« Lange Rübe schweigt, wischt sich die Augen und sagt endlich: »Ja, du bist eine anstellige Person, mit dir kann ein vernünftiger Mann schon etwas werden.« Nun besprechen sie die nächste Zukunft, denn die fernere ist ihnen ja gleichgültig. Lange Rübe würde ganz gern in Neapel bleiben, aber die schöne Colomba schüttelt den Kopf. Die Kamorra nimmt ihn nicht auf. In Neapel herrscht der engherzigste Geist, den man sich denken kann. Nein, sie können nicht in Neapel bleiben; aber sie wird ihm nach Rom folgen. Hier taucht nun die Frage auf, woher die beiden das Geld für die Reise nehmen werden. Aber während sie das überlegen und besprechen, ist für das Geld schon gesorgt. Die Dame in Rom, welche mit Lange Rübe fliehen wollte, hat, wie wir wissen, ihrem Neffen ihr Leid geklagt. Der Neffe, welcher sich sagt, daß die Tante doch einmal ein Testament machen wird, stimmt in ihre Verwünschungen gegen den räuberischen Geliebten ein. Da dieser ein Unwürdiger ist, so hat ihn die Tante natürlich aus ihrem Herzen verstoßen; aber die Briefe ihres verstorbenen Gatten muß sie wieder haben, welche der Mensch ihr so schändlich geraubt hat, die Briefe, welche ihr einziger Trost in den langen Jahren ihrer Witwenzeit gewesen sind, welche sie an den edelsten, begabtesten Mann erinnern, der ihr und der Menschheit leider allzufrüh entrissen wurde. Der Neffe verspricht, sein Möglichstes zu tun; sie ist bereit, alle Kosten zu tragen; der Neffe macht den Kutscher ausfindig, erfährt Namen und Geschichte des Liebhabers, ergötzt seine Freunde, indem er ihnen alles mit einigen künstlerischen Ausschmückungen erzählt, und geht dann zum Polizeihauptmann Tromba und läßt durch ihn bekanntmachen, wer Lange Rübe gefangen nehme, der erhalte von ihm tausend Skudi. Tausend Skudi sind eine schöne Summe, und so hat sich denn auch in Neapel unter den Häschern schnell die Nachricht verbreitet, daß auf Lange Rübe tausend Skudi gesetzt sind. Die schöne Colomba erfährt es von ihrem Vater, der aufgeregt im Zimmer auf und ab geht und sagt: »Das Glück wird natürlich wieder ein anderer haben! Tausend Skudi! Ich könnte meinen Adel erneuern lassen, wenn ich sie bekäme. Ich könnte mir ein Haus kaufen. Ich könnte mir Pferd und Wagen halten. Colomba könnte einen Advokaten heiraten. Tausend Skudi! Aber für den Messer Molinari sind keine tausend Skudi. Sorgen, Kummer, Leiden, das ist für den Messer Molinari. Er hat dem Staate treu gedient. Was hat er davon? Die tausend Skudi bekommt ein anderer.« Colomba hat einen Plan gefaßt und bespricht ihn mit Lange Rübe. Dann geht sie zu ihrem Vater und teilt ihm mit, daß er die tausend Skudi verdient hat: der Inspektor ist der Gesuchte, sie hat das ausgekundschaftet. Er muß nur vorsichtig und schnell gefangen genommen werden, ehe er Wind bekommt. Wir brauchen die Verhaftung von Lange Rübe nicht zu schildern. Genug, daß man ihn ins Gefängnis gesetzt hat, in die Keller des Hauses, in welchem Messer Molinari mit Colomba wohnt; daß der große Schlüssel zu seinem Gefängnis über Messer Molinaris Bett hängt, und daß die tausend Skudi bar ausgezahlt sind. Da Lange Rübe den Kasten mit den Briefen vorher der schönen Colomba gegeben hat, so hat die Polizei den freilich nicht mehr finden können, und die Dame in Rom erklärt ihrem Neffen, daß sie ihm die tausend Skudi nicht ersetzen werde, denn ihr liege gar nichts an dem schlechten Menschen, den sie verachte, weil er zu tief stehe für ihren Haß, und der vielleicht nur darauf warte, um sie vor Gericht zu blamieren, sondern sie wolle ihre Briefe wieder haben. Sie ahnt nicht, daß bereits verschiedene Dichter beschäftigt sind, ihre Liebesgeschichte poetisch zu verherrlichen. Natürlich hatten die schöne Colomba und Lange Rübe vorher einen Plan zur Flucht verabredet, bei welcher der Schlüssel über dem Bett eine Rolle spielt. Die Sparsamkeit der Tante macht aber das immerhin gefährliche Unternehmen überflüssig. Die Verhaftung war nur sozusagen ein Privatunternehmen des Messer Molinari gewesen. Er hat an den Neffen geschrieben, ob er Lange Rübe auf seine, des Neffen, Unkosten nach Rom schaffen solle, und der Neffe hat ihm grob geantwortet, seinetwegen könne er den Kerl aufhängen oder laufen lassen, ihn habe die Geschichte schon an die elfhundert Skudi gekostet, und er habe keine Neigung, noch mehr Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Der neapolitanische Staat hat nicht das geringste Interesse daran, einen römischen Gauner auf seinen Galeeren zu beköstigen, er hat genug Landeskinder zu versorgen. Messer Molinari hat desgleichen keine Lust, ihm täglich die Makkaroni auf seine Kosten ins Gefängnis zu schicken, denn die tausend Skudi hat er ja nun; so beschließt denn der Rat, man solle Lange Rübe rückwärts auf einem Esel durch die Stadt führen und ihn dann des Landes verweisen. Während die schöne Colomba in einem Hinterstübchen weint, sieht Messer Molinari vom Balkon seines Hauses, wie Lange Rübe unter dem Jubel der Straßenjugend verkehrt auf den Esel gesetzt wird; immerhin ist er doch sozusagen der Schwiegervater von Lange Rübe, und Lange Rübe zieht deshalb seinen eleganten Federhut mit einer tiefen Verbeugung vor ihm ab. Die Straßenjugend findet, daß das ein guter Witz ist, bringt auf Lange Rübe ein Hoch aus und lichtet die Wurfgeschosse von Dreck, die sie für ihn bereit gehalten, auf den Messer Molinari; eine Dame, die nebenan wohnt, und verschiedene Gründe hat, über die Polizei verstimmt zu sein, wirst Lange Rübe einen Strauß gelber Rosen zu, den sie soeben von einem deutschen Fürsten geschenkt bekommen hat; Lange Rübe erhascht ihn, führt ihn an die Lippen und reitet weiter unter den entzückten Huldigungen des neapolitanischen Volkes. Man hätte dem Esel einen anständigen Sattel auflegen können; aber davon abgesehen ist der Ritt sehr genußreich. An dem Tor hilft ihm der Häscher auf das Pflaster, Lange Rübe gibt ihm ein Trinkgeld und wandert durch das Tor hinaus ins Freie auf der Straße nach Rom. Daß die schöne Colomba die nächste Nacht mit den tausend Skudi und den Briefen zu ihm stößt, versteht sich von selber. Von Messer Molinari brauchen wir nun nichts mehr zu wissen, als daß er noch Unannehmlichkeiten mit der Kamorra hat, welche zwanzig Prozent von den tausend Skudi verlangt, weil sie natürlich glaubt, daß die Flucht mit seiner Einwilligung geschehen ist. Er beteuert, weint, schwört, und nur mit der größten Mühe gelingt es ihm, daß man ihm die Zahlung wenigstens stundet. Lange Rübe und die schöne Colomba mieten sich einen eleganten Wagen, und kommen wohlbehalten in Rom an, wo sie zunächst in den besten Geschäften Einkäufe für Colomba machen. Sie sagen sich, daß sie jetzt Geschäftsunkosten haben, denn wenn Colomba etwas verdienen soll, so muß sie natürlich anständig aussehen. Lange Rübe zieht inzwischen Erkundigungen ein, ob er die Briefe nicht verwerten kann; der Kutscher, bei welchem der Neffe seinerzeit nachgeforscht hatte, vermittelt die Bekanntschaft mit dem Neffen; dieser ist erbittert auf die undankbare Tante, die ihrer Dienerschaft Befehl gegeben hat, ihn nicht mehr vorzulassen, weil er immer seine elfhundert Skudi wiederhaben will, und so macht er gern ein Übereinkommen mit ihm. Lange Rübe tritt ihm einen der Briefe ab, und der Neffe schickt ihn an die Tante, indem er ihr schreibt, sie sehe nun wohl, wie er, trotzdem sie ihn immer verkannt habe, doch für sie arbeite; er könne ihr alle Briefe verschaffen; aber freilich müßte er dann sicher sein, daß er nicht wieder in seinen heiligsten Gefühlen gekränkt werde. Kurz und gut: die Tante geht mit ihm zum Notar und verschreibt ihm schon bei ihren Lebzeiten ein Gut unter der Bedingung, daß er den Besitz erst nach ihrem Tode antritt, und Lange Rübe bekommt für die Briefe von dem Neffen noch neunhundert Skudi; er hatte tausend verlangt, aber der Neffe zog die hundert ab, die er für die Nachforschungen ausgegeben hatte. »Schließlich ist mit alten Damen doch immer etwas zu machen, man muß nur tatkräftig und zielbewußt vorgehen«, sagt Lange Rübe zu der schönen Colomba; sie bewundert und küßt ihn und verspricht, er werde sich ihrer nicht zu schämen brauchen, denn sie wolle ihm zeigen, daß auch die alten Herren ausgiebig sind, wenn man sie nur mit Verstand behandelt. Die gesparten Schlachtschüsseln Wenn ein sorgsamer Hausvater heute ein Schwein schlachtet, dann hat er einen sauberen und sehr großen irdenen Topf; in diesen legt er die Ohren, die Schnauze, die Pfoten und die Rippchen, nachdem er alles tüchtig mit Salz eingerieben und bestreut hat; dann wartet er vierzehn Tage und sagt endlich zu seiner Hausfrau: »Morgen könntest du wohl einmal Pökelknochen mit Sauerkraut und Erbsen zubereiten«; und so hat er denn, je nach der Größe seiner Familie, zwei bis drei wohlschmeckende und nahrhafte Mittagessen. Nun muß man aber wissen, daß dieses Einpökeln der Knochen eine verhältnismäßig junge Erfindung der Menschen ist. In früheren Zeiten verstand man diese Stücke nicht aufzubewahren; und da doch eine Familie nicht alles auf einmal essen konnte, so hatte sich die Sitte herausgebildet, daß der Hausvater, welcher schlachtete, seinen Nachbarn von ihnen schickte; man nannte das die Schlachtschüssel. Wenn dann die Nachbarn schlachteten, so schickten sie auch ihm eine Schüssel, und so ging zuletzt alles nach der Gerechtigkeit und hatte doch dabei seine nachbarliche Freundschaft. Der Messer Filippo, der in Rom an der Porta del Popolo in dem alten Turm seines Geschlechtes wohnt, hat von seinem Gevatter in Albano ein fettes Schwein gekauft, ist dann zu Pietrino gegangen, dem Hausschlächter, und hat ihm gesagt, er möge zum Schlachten kommen; Pietrino hat geantwortet, einem Freund könne er nichts abschlagen, und ist erschienen. Das Schwein wiegt seine drei Zentner. Der Gevatter in Albano hat beschworen, daß es reine Eichelmast ist, denn das ist bei ihm Prinzip, die Eichelmast, denn warum? Aufgeschwemmt ist das Schwein leicht, aber den Kernspeck bekommt es nur bei der Eichelmast. Pietrino ist begeistert von dem Schwein, denn er weiß aus Erfahrung, daß der schlachtende Hausvater es liebt, wenn man das Schwein lobt. »Das ist ein Stückchen für den Heiligen Vater«, sagt er, »das ist eine Seltenheit! Da wird Ihnen das Fett in den Mundwinkeln herunterfließen, wenn Sie den Braten essen! Aber nur die Schwarte recht knusperig! Sie muß mit Wasser begossen werden, sonst wird sie zäh. Ja, das ist ein Tierchen! Wie es einen ansieht! So lieb und gut!« Das Schwein grunzt und macht ein mißtrauisches Gesicht. »Komm du nur«, redet Pietrino jetzt das Schwein an und sucht es am Hinterfuß zu fassen, indessen sich das Schwein ihm gewandt entzieht. »Komm du nur, es tut ja gar nicht weh! Ein Augenblick, dann ist es vorbei! ... Drei Zentner? Guter Kauf, das Schweinchen wiegt seine viertehalbe Zentner. Das ist ja ordentlich ekelhaft, wie das fett ist. Das ist ja nicht zu essen, das Schwein, so fett ist es!« Hier hat Pietrino endlich den Hinterfuß gefaßt und den Strick um ihn geschlungen; nun wirft er den Strick über den Haken, der in der Hauswand eingemauert ist, Messer Filippo und die Signora legen mit Hand an, und so wird das quiekende Schwein hochgezogen, bis es ganz in der Luft hängt und die Umgebung mit seinem Geschrei erfüllt. Der große Topf, in welchem das Blut aufgefangen wird, steht bereit, die Signora mit dem Quirl kauert neben ihm, Pietrino nimmt sein Schlachtmesser, prüft es mit Kennerblick auf dem Handballen, wirft dem Schwein noch ein paar tröstende Worte zu und macht dann den Schnitt. Das Blut strömt, die Signora quirlt, das Schwein quiekt und röchelt, Pietrino beobachtet; zuletzt beugt er sich, legt sein Ohr an den Rüssel und gibt sich den Anschein, als höre er aufmerksam auf die letzten Töne des Tieres; dann richtet er sich auf und sagt: »Es hat ein mündliches Testament gemacht. Den Messer Filippo setzt es zum Universalerben ein und mich hat es zum Testamentsvollstrecker ernannt.« Die Signora lacht über diesen Witz so lebhaft, daß sie rücküber fällt, und wenn Messer Filippo nicht zugesprungen wäre, so hätte sie den Topf mit dem Blut umgestoßen. Das ist nun wieder für Pietrino so komisch, daß er in Lachen verfällt, sich immer vornüber beugt und den Bauch hält. Da er ein stattlicher Fleischer ist, so erregt das seinerseits die Heiterkeit des Messer Filippo, und so lachen denn alle drei eine ganze Zeit, indem immer, wenn einer aufhört, der andere wieder anfängt. Nun durchbohrt der Fleischer dem toten Tier die Kniekehlen und steckt das Krummholz durch; es werden zwei hölzerne Stühle aus der Küche geholt, auf welche die beiden Männer treten, und dann heben sie das Schwein und hängen es am Krummholz auf, damit es der Fleischer aufschlagen kann. Wie es da nun so hängt, da beginnt Messer Filippo zu klagen, indem er sich über die Nachbarn beschwert und erzählt, welches Interesse sie alle an dem Schwein haben, wie sie das Gewicht abschätzten und über die Mast sprachen und ihm Ratschläge für die Würste gaben, und wie der eine sogar eine Anspielung auf die Schälrippchen gemacht hat, und wie heutzutage das Leben so teuer ist, und das Schwein kommt ihm mit allen Nebenausgaben hoch genug. Pietrino ist hier ganz der Meinung des Messer Filippo; er findet, wer Schälrippchen essen will, der kann selber schlachten, denn der Hausschlächter wird ohnehin gedrückt heutzutage; und er schließt, daß er an der Stelle des Messer Filippo niemandem eine Schlachtschüssel schicken würde, sondern er würde sich die Knochen schön einsalzen und mit Sauerkraut und Erbsen essen, wie das die Deutschen tun, die kluge Leute sind und wissen, was gut schmeckt. Dies ist für Messer Filippo eine neue Rede, denn er hat es bis dahin nicht anders gewußt, als daß man den Nachbarn die Schlachtschüssel schicken muß, weil einem der Segen sonst schlecht wird; deshalb fragt er Pietrino nach dem Näheren, und der erzählt ihm denn genau, wie man alles macht. Das versteht nun Messer Filippo sehr gut; aber er sagt sich, daß die Nachbarn ihm das übelnehmen wurden, wenn sie die Schlachtschüssel nicht bekämen, denn diese Leute glauben ja doch ein Anrecht zu haben, wenn einer, der ein bißchen etwas hat, sich ein Schwein schlachtet, weil sie selber nichts haben; und das erscheint ihm wirklich unrecht von den Leuten, denn er denkt gar nicht mehr daran, daß er selber ja doch auch immer Schlachtschüsseln bekommen hat. Und so schließt er denn, daß ihm das Herz zwar blutet über die Ungerechtigkeit, denn er ist immer ein Feind der Ungerechtigkeit, aber er will die Knochen doch lieber nicht einpökeln und den Nachbarn morgen früh jedem seine Schüssel schicken. Die Signora nickt mit dem Kopf und sagt, ihr Mann sei eben immer zu gut, aber sie könne dagegen nichts tun, er lasse sich ja nie in seine Geschäfte hineinreden. Hier legt Pietrino den Finger an die Nase und sagt: »Messer, ich habe einen Einfall. Es ist ein Glück, daß ich nicht heute früh kommen konnte, wie Euer Exzellenz eigentlich wollten, und Euer Exzellenz haben mich ja auch sehr darüber gescholten. Denn warum? Jetzt hacke ich das Schwein noch auf, wir nehmen die Eingeweide heraus und waschen die Kaldaunen, ich kann es auch noch zerteilen, und dann ist Feierabend. Wäre ich gekommen, wie der Messer wollte, dann würde heute alles fertig und ich müßte heute abend die Schlachtschüsseln herumtragen, wofür ich ja denn freilich von jedem Nachbar einen Soldo Trinkgeld zu erwarten habe. Aber so bringen wir das Schwein in den Keller, und wenn wir morgen früh mit der Arbeit fortfahren wollen, dann sagt Messer Filippo: ›Das Schwein ist mir diese Nacht gestohlen.‹« Die Unverschämtheit der Nachbarn muß natürlich den Messer Filippo ärgern, und um ihnen einen Possen zu spielen, geht er auf Pietrinos Vorschlag ein, und es wird alles so gemacht, wie Pietrino vorgeschlagen hat. Pietrino ist, wie der Leser schon gemerkt haben wird, ein kluger Mensch. Er sorgt also dafür, daß das Schwein im Keller versteckt wird, in den man durch das Fenster leicht einsteigen kann, damit der Diebstahl glaubhaft ist; und als es Nacht geworden ist und Messer Filippo und seine Gattin fest schlafen, da erscheint er still vor dem Hause mit seinem kleinen Handwagen. »Es war doch gut, daß ich es noch zerteilt habe, es trägt sich so leichter«, spricht er für sich, als er es herausholt und aus seinen Wagen legt. Er nimmt auch Herz, Lunge und Leber mit, die in einer Schüssel liegen, und die Kaldaunen, die noch im Wasser schwimmen, und den Topf mit dem Blut. Dann zieht er seinen Wagen fröhlichen Herzens nach Hause. Am andern Morgen in der Frühe geht er zu Messer Filippo; vor dem Hause stehen die Nachbarn und sprechen untereinander, indem sie auf das Haus zeigen; ein Polizist hockt vor dem Kellerfenster, die Hände auf die Kniee gestützt, und sieht in den Keller; die Tür öffnet sich, und aufgeregt erscheint Messer Filippo, einem andern Polizisten eine Erzählung machend; der Polizist schüttelt ruhig den Kopf und hört ihn an. Pietrino tritt neben ihn und sagt leise: »Ausgezeichnet! Ganz recht!« »Das Schwein ist diese Nacht gestohlen!« schreit ihm Messer Filippo zu. »Was? Gestohlen? Das Schwein?« fragt Pietrino laut, und leise fügt er hinzu: »So ist es richtig! Kein Mensch schöpft Argwohn!« Dem Messer Filippo kommen die Tränen, er faßt mit beiden Händen die Hand Pietrinos und sagt: »Gestohlen, wirklich gestohlen!« »Sehr gut, das ist der richtige Ton«, erwidert leise Pietrino. »Nein, wirklich gestohlen!« ruft der Messer. »Und die Tränen! Ganz echt!« sagt Pietrino. »Heute morgen, ich denke, ich will es mir doch einmal ansehen, ich gehe in den Keller ...«, erzählt Messer Filippo den Nachbarn. »Nichts. Nichts. Da liegt das weiße Tuch, es ist noch blutig. Nichts weiter. Nichts.« Die beiden Polizisten besprechen sich, grüßen dann den Messer Filippo und gehen. Sie haben ihre Pflicht getan. Die Nachbarn beginnen sich zu zerstreuen. Pietrino nimmt den Messer Filippo unter den Arm und führt ihn in das Haus, in die Küche, wo die Signora gebrochen auf der Eimerbank sitzt und weint. »Nun wollen wir gleich ans Wurstmachen gehen«, sagt er. »Aber Pietrino, es ist wirklich gestohlen«, ruft der Messer, vor ihm stehend und die Hände beteuernd hochhebend. »Euer Exzellenz! Unter uns! Ich bin doch verschwiegen!« erwidert Pietrino. Messer Filippo führt ihn in den Keller, zeigt ihm wortlos den leeren Tisch, auf dem das Schwein gelegen, das blutbefleckte Tuch, die leeren Schüsseln. »Wie Euer Exzellenz will«, sagt kalt Pietrino. Er gibt sich den Anschein, als glaube er immer noch nicht den Diebstahl. »Meinen Tagelohn muß ich bekommen, und die Trinkgelder, die mir die Nachbarn gegeben hätten, werden mir Euer Exzellenz gewiß auch nicht verweigern.« Hauptmann Tromba Die oberste Polizeiperson in Rom ist der Hauptmann Tromba. Tromba ist von einer stattlichen und breiten Figur, nicht so ein Männchen, wie man sie oft sehen kann, der neben seiner Frau sitzt und für einen Soldo Bohnen ißt, indessen die Frau, breitschulterig und mit starken Hüften, eine Schüssel voll Krammetsvögel, ein halbes Brot und einen Haufen Salat nebst einem großen Fiasco Wein vor sich hat. Nein, Tromba ist ein Mann, und wenn sein Säbel auf dem Pflaster klirrt, wenn er die Backen aufbläst, die Augen rollt, den Schnurrbart streicht und spanische Flüche von sich gibt, dann zittern alle Gauner Roms, soweit sie wenigstens überhaupt vor der Polizei Furcht haben. Er hat viele Besorgungen in der Umgebung Roms zu machen, und deshalb hält er sich einen leichten zweirädrigen Wagen und ein Pferd. Dieses Pferd ist von einer merkwürdigen Rasse; es hat einen sehr dicken Leib und sehr dünne Beine und ist so klein, daß man es leicht für einen Esel oder mindestens für den Sohn eines Esels halten kann, wenn man nicht weiß, daß es ein Pferd ist. Tromba hat schon Unannehmlichkeiten mit ihm gehabt, man wollte es vom Frühjahrskorso ausschließen, weil der für Esel verboten ist; Tromba aber hat dem wachthabenden Beamten einfach erklärt, ihn würde man freilich nicht auf den Korso lassen, wenn er eingespannt wäre; darüber entstand ein solches Gelächter unter den Zuhörern, daß der Beamte bestürzt wurde und Tromba durchließ. Tromba hat also viel in der Umgebung zu tun, unter anderem muß er jeden Ersten nach Frascati fahren. In Frascati aber bereitet er jetzt einen Hauptschlag vor. Wahrscheinlich nämlich wird es ihm glücken, die große Gaunerin Colomba abzufangen. Ein Agent hat ihm berichtet, daß der Priester Mario eine neue Haushälterin bekommen hat, auf welche ganz die Beschreibungen von Colomba passen. Er hat bis nun immer nur beobachtet, denn der ehrwürdige Herr Mario ist schon ein alter Herr und ist etwas heftiger Natur; er hat kürzlich erst einen Sbirren die Treppe hinabgeworfen, daß er ein Bein brach, weil der Mann eine Haussuchung nach eingeschmuggeltem Käse bei ihm halten wollte; man muß dem ehrwürdigen Herrn Mario mit Tatsachen kommen, dann beugt er sich, aber aus bloßen Verdacht gibt er nichts. Tromba ist in Frascati und hört den Agenten kopfschüttelnd und pustend an; der ehrwürdige Herr Mario hat eine Hypothek zurückbezahlt bekommen, zehntausend Skudi; der Agent glaubt, daß es die zehntausend Skudi sind, wegen deren Colomba in den Dienst gegangen ist; alle seine Maßregeln sind getroffen; wenn sie Frascati verlassen will, dann wird sie festgenommen; und die Beiden malen sich schon das bestürzte Gesicht des ehrwürdigen Herrn aus, wenn sie zu ihm kommen und ihm sagen: »Vermissen der ehrwürdige Herr nicht zehntausend Skudi? Hier sind sie, die Polizei des Heiligen Vaters schützt das Eigentum des friedlichen Bürgers.« Tromba billigt also alle Anordnungen des Agenten; es ist schon spät, er muß noch nach Rom zurück, und so nimmt er denn Abschied. Eben will er mit seinem Gefährt aus der Stadt ins Freie fahren, da steht ein junges und hübsches, kleidsam angezogenes Mädchen, mit einem Bündel am Arm, an der Straßenecke und winkt ihm zu; er hält, das Mädchen tritt an den Wagen und bittet ihn um seinen Schutz; sie muß noch diesen Abend nach Rom gehen; ihre Mutter liegt schwerkrank darnieder; die Tante in Frascati hat ihr Arzneien gegeben, die sie wieder gesund machen, denn die Tante hat einmal bei einem Arzt gedient und kann die Krankheiten heilen, und sie kennt ja doch das Innere der Mutter ganz genau; die Arzneien trägt sie in ihrem Bündel eingewickelt, die eine Rolle ist eine Flasche mit einem Trank zum Schwitzen, die andere enthält einen Trank, der die zerrissenen Eingeweide heilt, und die dritte ist zur Stärkung; und nun fürchtet sie sich, in der Dunkelheit den weiten Weg zu machen, und sie hat gedacht, der Herr Polizeihauptmann Tromba nimmt sie vielleicht mit auf seinem Wagen, denn bei dem Herrn Polizeihauptmann würde sie sich ganz sicher fühlen, und das Bündel ist auch so schwer, denn in den Arzneien find lauter kostbare Bestandteile; und so spricht sie mit geläufiger Zunge, und ab und zu wischt sie sich eine Träne aus den Augen, und dann sieht sie den Hauptmann wieder so rührend an; und so sagt der denn lachend, einem so hübschen Mädchen wird ein feiner Mann nichts abschlagen; sie gibt ihm das schwere Bündel hinauf, das er sorgfältig neben sich setzt; dann reicht er ihr die Hand, sie tritt auf die Nabe und schwingt sich leicht über den Radkranz neben ihn. Das Pferd zieht an, sie fahren an einem Mann vorüber, der sie neugierig ansieht; der Mann macht einen etwas verdächtigen Eindruck, das Mädchen drückt sich ängstlich an Tromba, und Tromba nimmt die Zügel in die eine Hand und legt die andere um das Mädchen, um sie väterlich an sich heranzuziehen. Dann beruhigt er sie; seit er im Amt ist, sind die Straßen schon sicher, und der Mann, welcher sie ansah, war sogar ein geheimer Angestellter der Polizei. So fahren die beiden denn nun den Berg hinunter und über die Ebene, bis sie vor Rom ankommen; der Polizei-Hauptmann klopft mit dem Peitschenstiel an das Tor, die Wache sieht aus dem Fenster, erkennt Tromba, öffnet das Tor und läßt den Wagen ein. Das Mädchen hat während der Fahrt von der Mutter erzählt, denn sie ist von denen, die immerzu reden können, Tromba hat öfters versucht, das Gespräch auf andere Gegenstände zu bringen, hat sie auch einmal küssen wollen, sie aber ist beleidigt gewesen und hat gesagt, er müsse nicht denken, daß sie so eine sei; das hatte er denn auch nicht gedacht; und so war die Zeit angenehm vergangen. Er läßt es sich nicht nehmen, die Kleine bis nach ihrem Hause zu fahren; sie steigt flink ab, er gibt ihr das Bündel, sie läßt den Türklopfer fallen, und er fährt weiter. Frühmorgens am andern Tage kommt der Agent aus Frascati. Der Polizeihauptmann haut sich erfreut auf die starken Schenkel und ruft aus: »Haben wir sie?« Der Agent sieht ihn erstaunt an, dann schweigt er. Der Hauptmann fragt verwundert: »Was ist denn geschehen?« Der Agent aber geht ans Fenster, sieht gleichgültig auf die Straße und macht eine Bemerkung über das Wetter. Wir wollen die Sache abkürzen: Das junge Mädchen war Colomba gewesen, in ihrem Bündel hatte sie die zehntausend Skudi gehabt, und der Aufpasser hatte geglaubt, als er den Polizeihauptmann so vertraut neben ihr sitzen sah, er habe sich mit ihr geeinigt und bekomme vielleicht die Hälfte des Geldes; denn man kann es ja doch einem Beamten nicht übelnehmen, wenn er auch einmal an seine Familie denkt. Natürlich hatte er sie nicht angehalten. Nun war der Agent gekommen und hatte geglaubt, der Hauptmann würde ihm für seine Mühe etwas abgeben, und als der Hauptmann so tat, als wüßte er von nichts, da war er selbstverständlich beleidigt, was man ihm, wenn man sich auf seinen Standpunkt stellt, doch auch nicht übelnehmen kann. Als nun alles klar wird, gerät der Hauptmann in eine heftige Entrüstung, denn natürlich müssen ihn doch alle seine Untergebenen jetzt für einen unehrenhaften Mann halten, daß er von Colomba das Geld nimmt und ihnen nichts abgibt. Der Agent teilt seine Erbitterung, denn schließlich hatte Colomba die zehntausend Skudi leicht genug verdient, und es wäre wirklich nicht schlimm gewesen, wenn sie der Polizei die Hälfte abgegeben hätte, die doch oft genug ihr gefällig sein muß. Was er über seinen Vorgesetzten denkt, sagt er nicht, aber bekanntlich fällen die Untergebenen im stillen oft scharfe Urteile über die oberen Behörden. Nun beschließen die beiden, energisch vorzugehen. Der Agent weiß, daß sie ein Kind hat, ein kleines Mädchen von vier Jahren, das bei einer Freundin von ihr untergebracht ist. Es werden Aufpasser an der Straße aufgestellt, die berichten müssen, wenn sie in das Haus geht; und siehe, schon am zweiten Tage kommt ein Aufpasser zum Hauptmann und erzählt, daß sie im Hause ist. Der Hauptmann schnallt seinen Säbel um, setzt seinen Helm auf und eilt zur Stelle. Die Aufpasser werden um das Haus verteilt, damit sie nicht entweichen kann, und nun öffnet er mit einem Ruck die Haustür, steigt gewichtig die Treppe hinauf und verlangt die Öffnung der Wohnung. Das ganze Zimmer durchsucht er, den Schrank, den Kamin, das Bett; er sieht unterm Tisch nach, aber weder das Kind, noch Colomba ist zu sehen. Alles hat ihm die Freundin aufgeschlossen, die Betten hat sie herausgerissen, damit er sieht, daß das Bett leer ist. Dann ringt sie die Hände und klagt nur immer über die Schande, daß man bei ihr Haussuchung hält, beteuert, daß sie arm, aber ehrlich ist, erzählt, daß ihre Mutter die Amme eines Kardinals war und ihr noch auf dem Sterbebette anbefohlen hat, immer den geraden Weg zu gehen, denn ehrlich währt am längsten, und wen Gott liebt, dem müßten alle Dinge zum besten dienen; sie berichtet, daß sie nur für die feinsten Herrschaften arbeitet, zerrt ein Ballkleid vor, an welchem sie gerade näht, und hält es dem Hauptmann vor die Augen, indem sie ihm die echten Spitzen und die Silberknöpfe zeigt, denn das alles vertraut man ihr an. Der Hauptmann ist verlegen und will gerade grob werden, als er auf einmal, wie die Freundin gerade eine Pause in ihrer Rede machen will, um zum Schluchzen überzugehen, ganz deutlich ein unterdrücktes Kinderweinen hört, das unterm Bett herkommt. Er schiebt die Freundin fort, die immer vor dem Bett steht, die Kissen und Decken, welche herabgerissen sind, kniet pustend nieder und sieht unter die Bettstelle. »Ins Spinnhaus kommst du, du Kanaille!« ruft er, »endlich haben wir dich erwischt!« Colomba antwortet nicht. Aber er sieht, wie sie das Kind an sich gepreßt hat, wie das Kind sein Weinen zu verbeißen sucht, er sieht Colombas entsetzte Äugen, die auf ihn gerichtet sind, und wie sie das Kind nicht läßt. Da muß er an seine Beppina denken, wenn die Mutter ärgerlich geworden ist und ihn geschimpft hat, und wenn sie dann zu ihm kommt, sich an ihn preßt und die Arme um seinen Hals schlingt; sie ist gerade so groß wie Colombas Kind. Der gute Hauptmann zerdrückt eine Träne der Rührung, richtet sich auf und ruft der Freundin drohend zu: »Diesmal hast du noch Glück gehabt, sie ist uns wieder entwischt. Aber einmal fassen wir dich doch!« Dann verlangt er energisch eine Bürste; die Freundin eilt, holt mit zitternden Händen die Bürste aus dem Schubfach, kniet selber vor dem Hauptmann nieder und bürstet ihn. Endlich geht Tromba aus dem Zimmer, indem er vor sich hinknurrt: »Verdammte Spitzbubenbande«, und noch einen letzten drohenden Blick auf die geleitende Freundin wirft. Noch an demselben Nachmittag verlangt eine verschleierte Dame den Hauptmann in seinem Hause zu sprechen. Die Dame reicht ihm ein verschnürtes und versiegeltes Päckchen, sagt mit verstellter Stimme, daß sie das abgeben solle, und entfernt sich dann wieder. Tromba setzt sich, wendet das Päckchen aufmerksam nach allen Seiten, studiert das Siegel, dann zerschneidet er mit der Papierschere den Bindfaden und wickelt das Papier auf. Das Päckchen enthält fünftausend Skudi. Eine anständige Person ist die Colomba doch, denkt er bei sich. Dann zählt er tausend Skudi ab, die er für den Agenten und die Aufpasser bestimmt, die übrigen viertausend behält er, und das ist auch in der Ordnung, denn er ist ja doch Hauptmann und hat die ganze Verantwortung. Die Ostermesse An der Via Appia auf der ersten Erhöhung vor Rom liegt das Grabmal der Cäcilia Metella. Man hat von ihm einen sehr schönen Blick auf die ewige Stadt. Ein wohlgenährter und zufrieden aussehender Mann kommt auf einem Maultier langsam und behaglich von den Bergen her auf der Via Appia angeritten. Ein dickgeschwollener Mantelsack ist hinter ihm aufgeschnallt, sein Anzug ist sauber und adrett, das Maultier sieht glatt und rund aus und klingelt fröhlich mit seinem Glöckchen. Bei dem Grabmal der Cäcilia Metella hält er sein Tier an, legt die linke Hand über die Augen und betrachtet wohlwollend die Aussicht, welche sich ihm bietet. Dann sagt er zu sich: »Dieses wäre nun wohl der passendste Ort, um das Frühstück einzunehmen.« Er treibt sein Maultier an die Seite, wo ein niedriges altes Gemäuer die Straße begrenzt, und steigt unter Verwendung dieses Gemäuers ab. Dann holt er dem Tier den Mantelsack vom Rücken und legt ihn neben sich ins Gras, schnallt dem Tier den Sattel ab und nimmt ihm das Gebiß aus dem Maul, und indem er ihm einen leichten Streich mit der Hand gibt, sagt er: »Nun genieße auch du, was Gott für dich bereitet hat.« Das Maultier bewegt dankbar seine Ohren, geht auf die Weide neben der Straße und beginnt Gräser, Gänseblumen, Veilchen und allerhand grüne Kräuter zu fressen; welche ihm gut scheinen. Der Mann aber öffnet den Mantelsack, zieht ein glänzendes Mundtuch vor und breitet es auf dem Gemäuer aus, dann stellt er einen großen Fiasco roten Wein auf, legt ein Brot daneben und wickelt eine halbe gebratene Kalbskeule aus, zwei gebratene Täubchen und drei schöne goldgelbe Äpfel; und endlich holt er noch eine Tüte vor, in welcher sich Krachmandeln und Rosinen befinden. Als er das alles sauber und schön geordnet hat, tritt er etwas zur Seite, sieht es an und sagt: »Da geht einem doch das Herz auf, wenn man so etwas sieht.« Dann aber setzt er sich neben das Mundtuch auf das Mäuerchen und beginnt zu essen; und nachdem er eine Weile gegessen, nimmt er den Fiasco, hält ihn prüfend gegen das Licht, hebt ihn hoch, richtet den geöffneten Mund ihm entgegen und lenkt den Strahl des roten Weines mit großer Geschicklichkeit in seinen Mund. Indem Herr und Tier nun fröhlich verzehren, was vor ihnen ist, ertönt auf der Straße das Glöckchen eines andern Maultieres, und als sie Hinblicken, da sehen sie einen andern Herrn auf einem Maultier ankommen. Auch dieser Herr sieht sauber und ordentlich aus, auch sein Tier ist glatt und wohlgenährt, und auch er hat einen dicken und prallen Mantelsack hinter sich. Er hält vor den beiden an, sieht bewundernd auf das Mundtuch und die schönen Speisen und lüftet dann wortlos den Hut. Der erste Herr erhebt sich, erwidert die Begrüßung und setzt sich dann wieder zu seinem Frühstück. Nun treibt der zweite Herr sein Tier auf die entgegengesetzte Seite der Straße, steigt mit Hilfe des Mäuerchens ab, befreit sein Tier von Mantelsack, Sattel und Zaum und entläßt es mit einem leichten Klaps auf die Weide, und packt dann seinerseits auf seinem Mäuerchen aus. Auch er breitet ein frisch gewaschenes Mundtuch aus und setzt seinen Fiasco auf; dann bringt er einen schönen Schweinebraten vor, ein Rippenstück, das erst gepökelt war und auf dem eine dicke Kruste von geriebener Semmel und Kümmel sitzt; dann eine halbe Gans und endlich ein großes Brot und Früchte. Der erste Herr sieht über die Straße dem zweiten zu und findet, daß der sich auch gut versorgt hat, und ohne daß die beiden sich bis nun näher kannten, halten sie sich doch für Ehrenmänner und sind sich im stillen freundschaftlich gesinnt. So beginnen sie denn bald ein Gespräch, indem sie sich gegenseitig befragen, woher sie kommen und wohin sie ziehen. Der erste der Herren ist ein Ser Giovanni und stammt aus Albano, der zweite ein Ser Ambrogio und stammt aus Castel Gandolfo; sie wollen aber beide nach Rom reiten, um den Heiligen Vater die Ostermesse feiern zu sehen. Und wie nun ein Wort das andere gibt, da zeigt sich, daß sie die gleichen Anschauungen haben, denn sie verabscheuen beide die Wirtshauskost in den Städten; Ser Giovanni erzählt von einem Rebhuhn, das wieder lebendig geworden war, soviel Maden hatte es gehabt, und Ser Ambrogio verkauft seine Eier nach Rom, wenn die Hühner sich an Maikäfern satt gefressen haben, was zwar das Eierlegen befördert, aber den Eiern einen ranzigen Geschmack gibt; dann spricht Ser Giovanni von den süchtigen Hammeln, die man schlachten muß, und die noch ganz appetitlich zu essen sind, wenn man nur die schlechten Stücke herausschneidet, und Ser Ambrogio erzählt von einem ungeborenen Kalb, das ihm ein Schlächter aus Rom abgenommen hat. Jeder schließt, indem er sagt: »Die Römer fressen alles, aber ich fresse so etwas nicht.« Unter solchen Gesprächen vergeht ihnen die Zeit angenehm und schnell; und wie sie gesättigt sind, da wischen sie ihre Messer hinten an den Hosen ab, schnappen sie zusammen und stecken sie in die Tasche, und dann wickeln sie ihre Braten und alles andere ein, und legen die Mundtücher zusammen, und packen alles in die Mantelsäcke, holen ihre Maultiere, satteln und reiten gemeinsam weiter. So kommen sie nach Rom und finden eine angemessene Herberge, wo sie zur Nacht bleiben können. Sie stellen ihre Maultiere in den Stall, gehen in die Wirtsstube, breiten wieder ihr Mitgebrachtes aus und essen, und dann setzt sich jeder in sein Fenster, sieht auf die Straße, wo die Leute vorübergehen, legt den Arm auf und trommelt fröhlich auf dem Fensterbrett, denn es ist eine schöne Unterhaltung, wie die Leute eilig vor den Fenstern vorbeilaufen und hungrig aussehen. Nun kommt zufällig Lange Rübe an der Herberge vorbei, sieht die beiden Männer im Fenster sitzen und denkt sich, daß er da ein Geschäft machen kann. Er tritt ein und geht in die Gaststube, und indem er die beiden höflich grüßt, setzt er sich und läßt einen Fiasco Marino vor sich hinstellen. Seiner durchdringenden Menschenkenntnis ist es klar, wie er es beginnen muß, um mit den beiden in ein Gespräch zu kommen. Er erhebt den Fiasco und gießt sich einen Strahl in den Mund, dann verzieht er die Miene und spuckt aus. Hierauf greift er in die Tasche, ruft die Kellnerin herbei und fragt, was er zu zahlen habe. Die Kellnerin hält den Fiasco vor das Gesicht und erklärt, daß der Herr für einen Soldo getrunken habe; er greift in die Tasche und wirft das Kupferstück nachlässig auf den Tisch; die Kellnerin dankt und geht aus dem Zimmer, indem sie den Fiasco mitnimmt. Ser Giovanni räuspert sich, beginnt aber nicht zu sprechen. Ser Ambrogio sagt: »Der Herr ist ein feiner Herr, er bezahlt, was er zu bezahlen hat, und sagt nichts.« »Was soll man sagen!« erwidert Lange Rübe; »der Wein ist verfälscht.« Ser Giovanni lacht und sieht den Ser Ambrogio an. »Ich saufe so etwas nicht«, sagt Ser Ambrogio; »wenn ich eine Reise mache, dann nehme ich mit, was ich brauche.« Damit holt er seinen Fiasco aus seinem Mantelsack und hält ihn Lange Rübe unter die Nase, damit er riechen solle, wie gut der Wein ist. Ser Giovanni beginnt seine Erzählung von dem Rebhuhn, und Ser Ambrogio erzählt die Geschichte von den Maikäfern; Lange Rübe bringt in den Erzählungen einige Ausrufe an; Ser Giovanni fährt mit den süchtigen Hammeln fort und Ser Ambrogio mit dem ungeborenen Kalb. Lange Rübe beginnt nun auch zu erzählen und sagt, wenn die Leute auf dem Lande fein seien und die Leute in der Stadt übers Ohr hauen, so seien die Städter auch nicht dumm, und so erzählt er von Fremden, die in den Herbergen in Rom des Nachts bestohlen werden. Die Männer fassen jeder an seine Brust, woraus Lange Rübe schließt, daß sie ihr Geld in einem Säckchen verwahrt haben, das sie an einer Schnur um den Hals tragen. Die beiden erkundigen sich besorgt, wie man sich des Nachts schützen könne, und Lange Rübe merkt, daß es eine größere Summe sein muß, welche sie in den Säckchen haben. Er erklärt: »Den Schlüssel abziehen und das Geld mit dem Schlüssel unter das Kopfkissen legen.« Er schwört, in Rom schlafe jeder so, sogar der Heilige Vater, für den das recht unbequem ist, wenn man bedenkt, was der doch manchesmal für Summen im Hause hat. Die Kellnerin kommt wieder in die Wirtsstube und fragt Lange Rübe, ob der Herr zur Nacht zu bleiben gedenke, weil sie jetzt die Betten beziehen muß. Lange Rübe bestellt sich ein Zimmer, nimmt dann seine Mütze und geht, um noch einige Geschäfte zu besorgen. Ser Giovanni und Ser Ambrogio schlafen auf einer Kammer. Sie machen ab, daß Ser Giovanni, welcher der ältere ist, den Schlüssel unter sein Kopfkissen legen solle, schließen ab, legen ihre Mantelsäcke ordentlich auf den Boden, ziehen sich aus; jeder steckt heimlich vor dem andern, indem er ihm unauffällig den Rücken dreht, sein Söckchen unter sein Kopfkissen, Ser Giovanni fügt noch den abgezogenen Schlüssel dazu, dann bläst Ser Ambrogio das Licht aus, und dann legt sich jeder, deckt sich zu und streckt sich behaglich aus. In der Nacht scheint es Ser Giovanni, als stehe jemand an seinem Bett und mache sich am Kopfkissen zu schaffen; aber er ist so im Schlafe, daß er sich nicht fragt, was das bedeuten könne, sondern sich nur unwillig umwendet und knurrt. Ser Ambrogio wacht halb auf und glaubt eine Hand unter seinem Kissen zu fühlen, aber dann wird es ihm klar, daß das seine eigene Hand nicht sein kann, und so beunruhigt er sich nicht, sondern schläft ruhig weiter. Am andern Morgen erwacht Ser Giovanni zuerst. Seit langen Jahren hatte er sich schon darauf gefreut, einmal die Ostermesse vom Heiligen Vater zu hören, und so kann er die Zeit gar nicht erwarten. Er greift der Vorsicht halber unter das Kissen; aber da findet er nur den Schlüssel; er richtet sich auf den Knien im Bett auf, sucht, wirft das Kopfkissen auf den Boden; das Säckchen mit dem Geld ist verschwunden. Ser Ambrogio schläft und schnarcht. Er schnarcht durch die Nase, jedoch nur mit dem einen Nasenloch, das heftig zittert. Ser Giovanni will ihn wecken; plötzlich aber besinnt er sich; er kleidet sich still und schnell an, schleicht aus der Kammer, schließt von außen wieder zu und geht in die Wirtsstube. In der Wirtsstube sitzt Lange Rübe und ißt seine Morgensuppe; er ist etwas beklommen durch das unerwartet frühe Aufstehen des Ser Giovanni; er hat schon seine Zeche bezahlt und wollte eben aufbrechen. Aufgeregt tritt Ser Giovanni auf ihn zu. »Wo wohnt der Polizeihauptmann?« ruft er. Lange Rübe ist erstaunt, und Ser Giovanni erzählt ihm mit fliegender Hast, daß Ser Ambrogio ihm des Nachts sein Geld gestohlen hat und nun so tut, als schlafe er fest; wahrscheinlich hat er es irgendwo versteckt; aber Ser Giovanni hat die Kammer abgeschlossen und ihn so gefangen. Lange Rübe beschreibt die Wohnung des Polizeihauptmanns, und Ser Giovanni eilt fort. Kaum aber hat er das Haus verlassen, als Ser Ambrogio die Treppe herunterpoltert. Er war aufgewacht, das Bett seines Freundes war leer, sein Geldbeutel unterm Kopfkissen fehlte, und die Tür war verschlossen. Er hatte sich schnell die Kleider übergeworfen, die Tür durch einen Fußtritt gesprengt und eilte nun gleichfalls in die Wirtsstube; auch ihm beschreibt Lange Rübe die Wohnung des Polizeihauptmanns, denn natürlich hält seinerseits Ser Ambrogio den Ser Giovanni für den Dieb; und so eilt denn auch Ser Ambrogio ab. Lange Rübe löffelt in Ruhe seine Schüssel leer, nimmt seine Mütze vom Haken und geht fort, indem er sich von der verwunderten Kellnerin freundlich und mit einem Trinkgeld verabschiedet. Ser Giovanni und Ser Ambrogio wissen beide in den winkeligen Gassen Roms nicht Bescheid. So kommt es, daß sie sich in ihrer Aufregung verirren. Nach einiger Zeit begegnen sie sich vor dem Hause des Polizeihauptmanns, indem sie von der entgegengesetzten Seite gegeneinanderlaufen; jeder denkt vom andern, daß der vor ihm flieht, und so stürzen sie sich denn aufeinander, halten sich gegenseitig fest und rufen beide um Hilfe. Es sammeln sich schnell Menschen um sie, ein Auflauf entsteht; in dem Gedränge findet sich auch Lange Rübe ein, der ihnen nachgegangen ist; die beiden beschuldigen sich gegenseitig des Diebstahls, raufen sich, ringen miteinander. »Du Spitzbube, du verkaufst madige Rebhühner«, ruft Ser Ambrogio, und Ser Giovanni schreit: »Du verkaufst Maikäfereier.« »Ich rode meine süchtigen Hammel ein«, erwidert ihm Ser Ambrogio, und Ser Giovanni sagt, er werde die Geschichte mit dem ungeborenen Kalb der Polizei anzeigen. Die Zuschauer beginnen zu ahnen, daß sie Rebhühner, Eier, Hammel und Kalb für teures Geld gekauft haben, werden wütend und beginnen im Mißverständnis sich gegenseitig zu prügeln; Lange Rübe erklärt, man müsse die Polizei rufen und trennt mit beiden Armen das Gedränge, wobei es ihm gelingt, noch die Börse eines dicken, kurzatmigen und ratlosen Herrn zu erwischen, der alle Leute fragt, was es gibt. Er eilt die Treppe hinauf zum Polizeihauptmann Tromba. »Herr Polizeihauptmann«, sagt er, »Sie kennen mich. Sie wissen auch, daß wir in Rom keine Kaffern dulden, die uns ins Geschäft pfuschen. Unten vor Ihrem Haus sind zwei Auswärtige, die einen Herbergsdiebstahl verübt haben. Ich liefere sie Ihnen in die Hand und hoffe, daß Sie sich einmal erkenntlich zeigen.« Damit grüßt er und geht fort. Tromba aber schnallt seinen Säbel um, setzt die Mütze auf, geht die Treppe hinunter, hört auf der Straße eine Weile zu, dann teilt er das Gewühl und legt schwer beide Hände auf Ser Giovanni und Ser Ambrogio, indem er ruft: »Im Namen des Gesetzes, meine Herren, Sie sind verhaftet.« Der Umzug Der Signor Capponi ist Staatsbeamter. Man weiß, daß die Staatsbeamten der erste Stand sind und daß sie ihre Würde nach außen hin kundtun müssen; sie müssen das, auch unter den schwersten Opfern. Nur durch äußerste Sparsamkeit und bei größter Umsicht in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten können sie diesen Verpflichtungen genügen. Der Signor Capponi genügt restlos allen Verpflichtungen, welche sein Stand ihm auferlegt; soweit sie drückende Lasten sind, trägt er sie gern, denn er weiß ja, wofür er trägt. Dem Signor Capponi ist die Verwaltung der öffentlichen Sicherheit in Rom zugewiesen und alles, was mit ihr zusammenhängt; er ist also nicht nur der Vorgesetzte des bekannten Polizeihauptmanns Tromba, sondern er hat auch die Aktenstücke über die Straßenreinigung, die Theater, die gesundheitlichen Einrichtungen, über die Presse, den Pflasterzoll und ähnliches zu behandeln. Er tut das, indem er jeden Morgen pünktlich zehn Uhr auf seiner Amtsstube ist. Dort findet er auf seinem Tisch einen Haufen Akten vor. In jedem Aktenstück ist eine Seite eingeknifft und an der eingeknifften Stelle eine Eingabe eines Gesuchstellers, ein Bericht eines Untergebenen, eine Anfrage aus der Öffentlichkeit oder eine Verfügung des Herrn Ministers eingelegt. Signor Capponi lieft Eingabe, Bericht, Anfrage oder Verfügung durch und entscheidet entweder, daß ihm ein Simile vorgelegt wird, oder daß Eingabe, Bericht, Anfrage oder Verfügung zu den übrigen Akten kommt, oder daß man ihm das Stück nach vierzehn Tagen wieder vorlegt, wo sich dann in der Regel die Sache von selber erledigt hat; und so verwaltet er die öffentliche Sicherheit der Stadt Rom und gilt bei seinen Vorgesetzten als ein sehr fähiger Beamter, der selbständig denken kann, und bei seinen Untergebenen als ein liebenswürdiger Vorgesetzter. Die guten Zustände der öffentlichen Sicherheit in Rom, die man dem Signor Capponi verdankte, hatten unter anderem die Bautätigkeit lebhaft angeregt; dadurch waren sehr viel mehr Pferde in die Stadt gekommen als sonst; und infolge der den Pferden eigentümlichen Äußerungen, welche auf den Straßen liegenblieben, da kein Aktenstück bestand über die Beseitigung derselben, hatten sich die Sperlinge außerordentlich vermehrt. Die Sperlinge waren eine Plage geworden und hatten verschiedentlich Eingaben veranlaßt von jungen Leuten, deren Erbtanten die Sperlinge fütterten und so die Erbschaft verringerten, Berichte von Polizeibeamten, bei welchen Ärgernis erweckt wurde durch das Betragen der Sperlinge in sexueller Hinsicht, und Anfragen gereizter älterer Damen, welche sich über die Störung ihres Morgenschlafes beklagten. Der Registratur hatte bereits einen Akt »Sperlinge betr.« angelegt, in welchen alle diese Schriftstücke eingeheftet wurden; Signor Capponi hatte bis jetzt sich diesen Akt immer nur noch alle vierzehn Tage vorlegen lassen mit Bericht des Hauptmanns Tromba, ob die Sperlinge noch vorhanden seien, und hatte sich eine Verfügung aufgespart. Endlich kam vom Ministerium ein längeres Schreiben, in welchem ausgeführt war, daß ein Gelehrter ein dickes Buch verfaßt hatte über die Schädigung des Nationalwohlstandes durch die Sperlinge, und Signor Capponi zum Bericht darüber aufgefordert wurde, was er bis jetzt gegen die Sperlinge getan habe. Signor Capponi verfügte auf dem Schreiben, daß ihm ein Simile vorgelegt werde, der Registrator suchte mehrere Tage lang und fand endlich zwei Verfügungen gegen die Krähen, von denen die eine vor hundert, die andere vor etwa hundertfünfzig Jahren erlassen war. Es waren in beiden Preise ausgesetzt von einem Soldo, und zwar in der einen Verfügung für zehn Köpfe und in der anderen für zehn Paar Füße von Krähen. Signor Capponi nahm an, daß man bessere Mittel zur Bekämpfung der Plage seitdem nicht gefunden habe, faßte die beiden Verfügungen in eine zusammen und erließ eine Bekanntmachung, zur Vertilgung der beschwerlichen Sperlinge solle jedem, der zehn Köpfe oder zehn Paar Füße von Sperlingen bringe, ein Soldo gezahlt werden. Dann beantwortete er das ministerielle Schreiben, daß ein Preis ausgesetzt sei auf die Vertilgung der Sperlinge und daß er sich nach den Erfahrungen früherer Seiten von dieser Maßnahme Erfolg verspreche. Dem Minister wurde die Antwort vorgelegt, er las sie und verfügte, daß sie ihm nach vierzehn Tagen wieder vorzulegen sei mit Bericht über den Erfolg der Maßnahmen. Selbstverständlich hatte sich Signor Capponi bei der Verfügung gar nichts gedacht, er hatte niemanden mit ihr schädigen wollen. Die linksstehende Presse griff aber die Sache auf, bezichtigte ihn der Verschleuderung öffentlicher Gelder und verlangte stürmisch seine Entlassung vom Amt. Der Minister beschied den Signor Capponi zu sich und empfing ihn recht ungnädig. Er sagte ihm, er begreife auch nicht, was die Presse an der Verordnung zu tadeln finde, aber die erste Pflicht eines Beamten sei, daß sein Name nicht in den Zeitungen genannt werde; er zeigte ihm mit bewegten Worten die Untergrabung der Staatsautorität, die er durch seine Handlungsweise verursacht habe, und entließ ihn mit der Mitteilung, daß er als Landrat nach Ariccia versetzt sei, wo keine Zeitungen erscheinen. Also Signor Capponi mußte nach Ariccia umziehen. Ein Umzug ist bei der Unzuverlässigkeit der Umzugsleute immer ein schwieriges und kostspieliges Unternehmen, besonders für einen Staatsbeamten. Signor Capponi hatte selber schon viele Erfahrungen über Umzüge gesammelt und von seinen Amtsgenossen, denn die Gespräche mit diesen betrafen ja hauptsächlich derartige Gegenstände, vieles gehört, das andern geschehen war. Er beschloß, mit der äußersten Vorsicht zu Werke zu gehen. Zunächst zog er sich die Wohnungen aller Umzugsunternehmer in Rom aus. Dann setzte er einen Brief auf, in welchem er den Ort woher und den Ort wohin, die Zahl der Treppen, Zahl und Größe der Möbelstücke, und die Zahl der notwendigen Kisten einerseits für zerbrechliche, andrerseits für unzerbrechliche Gegenstände genau angab und verbindlichen ausführlichen Voranschlag verlangte mit Sicherung für gute Ankunft der Möbelstücke, inbegriffen die Füße der Schränke und Truhen, sowie für pünktliches Einladen, Fahren, Ausladen und Aufstellen. Diesen Brief ließ er so oft abschreiben, wie es Umzugsunternehmer gab und erwartete nun die Angebote. Die Angebote kamen mit begleitenden Briefen, in welchen sich die Betreffenden geehrt fühlten durch das Vertrauen, das Signor Capponi ihnen schenkte; die Angebote schwankten zwischen einigen hundert und einigen tausend Skudi. Signor Capponi traf seine erste Auswahl, indem er alle Angebote mit vierstelligen Zahlen ohne weiteres zurücklegte. Unter den übrigbleibenden Angeboten traf er die engere Auswahl, indem er nach näherer Untersuchung der Höhe des Angebotes Brief und Angebot genauer durchlas, um ein Urteil über die Zuverlässigkeit des Mannes zu gewinnen. Er beschloß, mit vier Umzugunternehmern besondere Unterhandlungen zu beginnen, welche die billigsten Angebote gemacht hatten und einen vertrauenswürdigen Eindruck machten. An diese vier schrieb er nun zunächst gleichlautende Briefe, daß er noch ein anderes Angebot bekommen habe, welches um die Hälfte niedriger sei, daß er aber, wenn der Unternehmer von seiner Forderung entsprechend nachlassen wolle, ihn vorziehen werde, weil er ihm von maßgebender Seite warm empfohlen sei. Die Unternehmer antworteten, und es entspann sich ein angeregter Briefwechsel. Von diesem Briefwechsel hörte Lange Rübe. Der Signor Capponi war durch die Geschichte mit den Sperlingen aus der Zeitung bekannt, und er dachte sich, daß er mit ihm ein Ding drehen könne. Er zog seinen besten Anzug an und machte dem Signor seine Aufwartung. Wir wollen das Gespräch nicht im einzelnen berichten. Lange Rübe muß mit Bedauern zugeben, daß sich in das Umzugsgeschäft unlautere Elemente eingeschlichen haben, er findet, daß die Hauptsache eine saubere, genaue Arbeit ist, eine Arbeit, wie sie bei ihm geliefert wird, und eine preiswerte Arbeit, denn ihm liegt daran, seine Kunden zu behalten, und wer einmal mit ihm umgezogen ist, der zieht immer mit ihm um, und er kann mit bestem Wissen sein Geschäft empfehlen, er macht jeden Umzug zehn Prozent billiger als die Konkurrenz, und wenn er einmal bei einem Umzug nichts verdient, dann rechnet er sich die Ehre, die ist auch etwas wert, und er findet die Forderungen der vier Männer, mit denen Signor Capponi in Briefwechsel steht, übertrieben, bei ihm ist der Grundsatz, großer Umsatz und kleiner Gewinn, und kurz und gut, er macht auf den Signor Capponi einen zwar etwas beschränkten, aber treuherzigen und zuverlässigen Eindruck, denn er verlangt nach langem Handeln endlich einen Preis, der seine eigenen Unkosten nicht decken kann; aber das ist seine Sache, man muß von einem Geschäftsmann verlangen, daß er rechnen kann, und der Kunde hat keine Veranlassung, den Vorteil des Geschäftsmannes im Auge zu haben. Signor Capponi schließt also mit Lange Rübe ab. Am andern Morgen erscheint der Umzugswagen, Lange Rübe erscheint mit Pietrino und einigen andern Freunden, und die Verladung beginnt. Die Familie Capponi ist entzückt, die Umzugsleute gehen auf alle ihre Wünsche ein und sind von ausgesuchter Höflichkeit; sie nehmen eins, zwei, drei die schweren Schranke in ihre Gurten und bringen sie die Treppe hinunter in den Wagen, sie laden sich die schweren Kisten auf den Rücken und tragen die Waschgeschirre sorgfältig im Arm; sie verladen mit Sachkunde und stopfen überallhin Tücher, daß die guten Möbel sich nicht reiben, sie sind begeistert über die schöne Einrichtung und finden, daß sie bei einer so seinen Herrschaft noch nie umgezogen haben. Wie alles eingeladen ist, schließt Signor Capponi den Wagen und steckt den Schlüssel in die Tasche, dann reicht er Lange Rübe ein Trinkgeld zum Verteilen an die Leute, und er selber, seine Gattin und die drei Kinder erhalten jedes besonders die Danksagungen und Segenswünsche der Beschenkten; dann trennt man sich, denn die Familie wird nach Ariccia vorausfahren, der schwere Wagen wird in zwei Tagen nachkommen. Der Signor Capponi ist überzeugt, daß nichts geschehen kann, weil er den Schlüssel in der Tasche trügt, und ein zweiter Schlüssel nicht vorhanden ist, wie ihm Lange Rübe auf Befragen erklärt hat, denn sonst hätte er den zweiten Schlüssel selbstverständlich auch verlangt. Wie er nun mit seinen Angehörigen in Ariccia angekommen ist, da wartet er die zwei Tage; am Abend des zweiten Tages geht er auf die Landstraße, legt die Hand über die Augen und blickt angestrengt ins Weite; der Wagen kommt nicht. Er geht nach Hause zurück, sieht nach einer Stunde noch einmal nach, der Wagen ist noch immer nicht zu sehen. Die Dunkelheit kommt, der Wagen ist noch immer nicht da. Er denkt, daß die Leute die letzte Strecke nicht haben im Dunkeln fahren wollen, denn wenn dem Wagen etwas geschieht, dann ist das Geschirr zum mindesten hin, und er hat ihnen das Geschirr noch besonders auf die Seele gebunden; er steht also am andern Morgen früh auf, denn er nimmt an, daß die Leute noch eine weitere Nacht unterwegs geschlafen haben und nun im Morgengrauen kommen, was ja auch den Vorteil hat, daß man gleich ans Auspacken gehen kann. Aber die Leute kommen wieder nicht. Kurz und gut, der Wagen ist verschwunden. Erst nach langer Zeit stellt sich heraus, daß ihn Lange Rübe in die große Versteigerungshalle gebracht hat, wo er dem Vorsteher sagt, daß es sich um einen ganzen Nachlaß handelt, den die Erben schnell unter den Hammer bringen wollen; der Vorsteher hat sofort auspacken lassen und am nächsten Tag gleich die Versteigerung angesetzt. Signor Capponi hat nie wieder etwas von seinen Sachen zu sehen bekommen. Er macht eine Eingabe an das Ministerium, daß ihm sein Verlust ersetzt wird, da er ja dienstlich verursacht ist, denn wenn er nicht Landrat in Ariccia geworden wäre, so hätte er seine Sachen noch. Und da er ein fähiger Beamter ist, der selbständige Entscheidungen treffen kann, ein Mann, wie man ihn selten findet, so wird sein Antrag genehmigt, und er erhält den Schaden in bar vergütet. Der Strick über der Rolle Es kam nach Rom ein Mann, der dem Heiligen Vater einen Plan von großem Werte unterbreitete. Er sagte: »Eure Heiligkeit besitzt viele Güter, Dörfer und Städte, aber Eure Heiligkeit hat kein Geld. Geld aber muß der Mensch vor allen Dingen haben, sonst ist er dumm. Nun schlage ich vor, Eure Heiligkeit läßt Ihr ganzes Eigentum abschätzen, und dann läßt Sie Zettel drucken, auf denen steht, daß dem Inhaber für zehn Skudi oder für hundert oder tausend Skudi, je nachdem, ein Teil des Eigentums Eurer Heiligkeit verschrieben ist. Diese Zettel nehmen dann die Leute gern an, denn sie sind ja so gut wie bares Geld; aber weil einer für zehn oder hundert oder tausend Skudi immer nur ein Stückchen von Eurer Heiligkeit Eigentum verschrieben bekommt, mit dem er gar nichts machen kann, so wird er nicht verlangen, daß ihm das Stückchen ausgeliefert wird, sondern wird es Eurer Heiligkeit lassen, bei der es ja sicher aufgehoben ist; und so wird Eure Heiligkeit mit den gedruckten Zetteln alle Leute bezahlen können, und wird außerdem neu bauen und kaufen können, was Sie will.« Dieser Plan leuchtete dem Heiligen Vater, der ein kluger Mann war, sogleich ein. Er ließ einen guten Kupferstecher kommen, dem er den Auftrag gab, Platten zu stechen für die Verschreibungen, dann kaufte er eine Druckerpresse, und wie die Platten fertig waren, mußte der Fremde, welcher den Plan gehabt hatte, ihm Verschreibungen drucken. Alle Leute nahmen die Verschreibungen gern an, denn sie wurden nun bezahlt, und so gern nahmen sie sie, daß manche der Gläubiger ihre Rechnungen noch einmal durchsahen und um weniges erhöhten, damit sie nur mehr von den Verschreibungen bekamen, und alle Handwerker bauten jetzt mit Lust, denn sie wußten, daß sie nun am Sonnabend immer ihren Lohn in Verschreibungen erhielten, die so gut waren wie bares Geld und auch von allen Bäckern und Fleischern angenommen wurden. Und weil sie die Verschreibungen für ihre Rechnungen bekamen, die auch Noten hießen, so nannte man sie Noten. Es war Seiner Heiligkeit darauf angekommen, recht schnell die Noten drucken zu lassen, deshalb war vorher keine Aufnahme der Güter gemacht; und wie nun alle Leute sich so über die Noten freuten, da dachte er, daß er sich die Mühe sparen könne, sie nachträglich zu machen, denn wenn wirklich durch einen Zufall mehr Noten ausgegeben werden sollten, als sein Eigentum wert war, so merkten das die Leute ja doch nicht, denn da die Noten bei allen Handwerkern, Arbeitern, Kaufleuten, Bauern und sonstigen Untertanen verstreut waren, so wußte ja niemand, wie viele ausgegeben waren; und Seine Heiligkeit wußte es endlich selber nicht, weil er sie zuletzt nicht mehr gezählt hatte. Nun hatte der Erfinder des Planes einen treuen Diener namens Matteuccio, einen frischen und heiteren jungen Mann, der ihm half, die Platten schwärzen, das Papier anfeuchten, die Presse anziehen, die gedruckten Scheine auf Bindfäden zum Trocknen hängen und ähnliches tun, was mit der Herstellung der Noten verbunden war. Dieser Matteuccio nun sah, wie er half, Scheine von zehn, hundert und tausend Skudi täglich erzeugen, die dann in dicke Pakete verschnürt und an den Schatzmeister abgeliefert wurden; er rechnete sich aus, daß er nur fünf Skudi Lohn im Monat bekam und in dieser Zeit viele hunderttausend Skudi machte, ohne weitere Unkosten als einige Paoli für ein Rieß Papier, und darüber befiel ihn ein heftiger Groll, denn er dachte, daß das doch eine unchristliche Ausbeutung seiner Arbeit war. So ließ er sich denn seine Gedanken eine Weile im Kopfe herumgehen und trat endlich vor seinen Meister, um batzig seinen Abschied zu verlangen. Der gute Meister hatte sich immer so über das Gelingen seines Planes gefreut, daß er an Matteuccio weiter nicht gedacht hatte; so war er denn zuerst verwundert, aber er konnte seinen Gesellen nicht mit Gewalt zurückhalten, und deshalb ließ er ihn gehen. Es war wohl einmal geschehen, daß eine Note nicht so gut gedruckt war, wie sie sein sollte; der Meister hatte sie dann verworfen, weil er darauf hielt, daß nur schöne Blätter aus seiner Werkstatt kamen. Solche verworfenen Noten hatte sich Matteuccio gesammelt zu einem kleinen Päckchen, und das nahm er nun mit. Die andern Leute waren nicht so sorgfältig wie sein Meister, und als sie seine Noten sahen, da nahmen sie die gern an Zahlungsstelle an, und so konnte Matteuccio sich denn eine hübsche Wohnung mieten in dem Palazzo eines päpstlichen Kammerherrn und konnte einem tüchtigen Kupferstecher Geld anbieten, daß er ihm Platten stach, wie sie sein Meister zum Drucken hatte, und konnte sich auch eine Druckerpresse anschaffen, mit der er arbeitete. Und weil er einen Ehrgeiz in sein Geschäft setzte, indem er doch nun gewissermaßen seinem Meister mit seiner Arbeit gegenübertrat, so druckte er seine Noten noch schöner, als sie sein Meister druckte. Dergestalt arbeitete er nun eine Weile, und indem er die vielen Päckchen, die er herstellte, doch nicht behalten wollte, so kaufte er für sie, was ihm behagte, damit seine Noten unter die Leute kamen wie die seines Meisters. Und zuerst erstand er den Palazzo, in welchem er wohnte, dann kaufte er eine große Villa in Frascati, die ihm viel Wein und Öl einbrachte, und zuletzt erhandelte er eine große Standesherrschaft in den Abruzzen und wurde dadurch Herzog, und hieß also nun der Duca Matteuccio. Während dergestalt alle froh waren, Seine Heiligkeit und der Meister und der Duca Matteuccio und die Handwerker, Geschäftsleute, Bauern und sonstigen Untertanen und alle den Meister segneten, dessen Klugheit eine solche Blüte des Handels und Gewerbes verursacht hatte, geschah es, daß allmählich alle Waren teurer wurden; die Hausfrauen klagten, daß die Maronen und Bohnen nicht mehr zu erschwingen waren, die Arbeiter verlangten stürmisch höhere Löhne, die Schuhmacher erklärten, daß das Leder um das Doppelte gestiegen sei, und die Milch wurde immer wässeriger. Dem Heiligen Vater kamen diese Beschwerden zu Ohren, und da er seine Untertanen liebte, so war er sehr traurig und berief eine Versammlung der Kardinäle ein, um sie zu befragen, was man bei dieser Teuerung tun solle. In dieser Versammlung sagte er, er habe schon den Plan gefaßt, noch eine zweite Presse zu kaufen und noch mehr Noten drucken zu lassen, damit die Leute mehr Geld bekommen könnten, denn ihn koste es ja nicht viel, ob er noch einen andern Meister anstelle. Einer der Kardinäle aber, der ein sehr philosophischer Mann war, stand auf und hielt eine lange Rede, in welcher er zeigte, daß die Teuerung davon komme, daß schon zuviel Noten gedruckt seien, und als die andern lachten, fügte er hinzu, er glaube, daß auch andere Leute als der Meister, den Seine Heiligkeit angestellt, sich ans Werk gesetzt haben. Hierüber wurde der Heilige Vater nun ärgerlich, denn das konnte er natürlich nicht erlauben, daß auch andere Leute druckten, denn die Noten waren doch Verschreibungen auf seine Güter. So befahl er denn dem Kardinal, den Polizeihauptmann Tromba zu sich kommen zu lassen und ihm die Untersuchung der Sache aufzutragen. Der Hauptmann Tromba hatte schon einen Verdacht. Man muß nämlich wissen, daß Matteuccio, wie er nun Herzog geworden, und weil er ein hübscher und gewandter junger Mann war, beschlossen hatte, zu heiraten; und zwar hatte er um die Hand einer sehr schönen, jungen Gräfin angehalten, deren Eltern ihm gegenüber wohnten. Die Eltern waren etwas verwundert über den großen Reichtum Matteuccios und hielten es für richtig, ehe sie ihm ihre Tochter gaben, erst Tromba zu befragen, was er von Matteuccio wisse. Tromba hatte Nachforschungen angestellt; und als nun der Kardinal ihn kommen ließ und ihm seine Gedanken mitteilte, da blies er die Backen auf, hielt sich den Zeigefinger auf die Nase, erklärte, daß Tromba die Sache machen werde, und ging sogleich mit zwei Sbirren, Matteuccio zu verhaften. Er ließ die beiden Sbirren auf der Straße vor dem Hause und stieg die Treppen hoch zu Matteuccios Kämmerchen. Matteuccio bewohnte nämlich noch immer den kleinen Raum unterm Dach, den er zuerst gemietet hatte, denn er wollte nicht gern, daß die zahlreiche Dienerschaft etwas von seiner Arbeit erfuhr. Tromba klopft an; Matteuccio fragt innen, wer da sei; Tromba nennt seinen Namen; Matteuccio räuspert sich und antwortet nicht; Tromba klopft wieder und sagt, er komme wegen der Noten, die er gedruckt, denn er hält es in diesem Fall für richtig, mit offenen Karten zu spielen; Matteuccio hinter der Tür erwidert, er sei ein ruhiger Bürger, bezahle seine Steuern und wünsche in Frieden gelassen zu werden; Tromba erklärt ihm nun, daß der Heilige Vater sehr ärgerlich sei, und erörtert weitläufig, daß doch nicht jeder Bürger Noten drucken könne, weil das dem Kredit des Staates schaden würde. Unterdessen hat Matteuccio die Noten, welche er noch besitzt, in ein Bündel gebunden und in die Tasche gesteckt. Dann tritt er auf seinen kleinen Balkon hinaus und sieht sich um. Der Palazzo war recht verwittert, und um seiner künftigen, jungen Frau eine Freude zu machen, hatte er Maurer angenommen, welche die Außenseite ausbessern sollten. Unterm Dach ist eine Rolle befestigt, auf der ein Strick läuft, mit welchem die Maurer ihren Kalk nach oben ziehen. Es ist gerade Mittagpause, auf den Gerüsten ist kein Mann zu sehen, auch die Straße ist leer. Während draußen Tromba über den Kredit des Staates spricht, hat Matteuccio eine Schlinge gemacht und sich unter den Arm gelegt. Nun nimmt er den anderen Teil des Strickes in die Hände, der über die Rolle läuft, und denkt sich so langsam auf die Straße niederzulassen, indem er immer von dem anderen Teil des Strickes ein Stückchen nachgibt. Dessen Ende aber liegt unten auf der Straße vor den Füßen der beiden Sbirren, die sich in den Hauseingang gestellt haben, um den Schatten zu genießen. Wie diese die merkwürdige Bewegung des Strickes sehen, treten sie vor und schauen hoch, und da erblicken sie unfern Matteuccio, wie er ganz vertieft in seine Bewegung langsam nach unten gleitet. Die Sbirren durchschauen sofort, daß das ein Fluchtversuch ist. Sie ergreifen den Strick und halten ihn fest. Nun kann er nicht mehr nachgeben, und Matteuccio, der etwa in der Mitte seines Palazzos in der Luft schwebt, kann nicht weiter nach unten kommen. Er späht vorsichtig nach unten und erblickt die beiden. Aber er hängt gerade vor einem der Maurergerüste, auf dem ein großer Eimer Kalk steht. Es gelingt ihm, sich auf das Gerüst zu schwingen; dann hängt er den schweren Eimer an den Haken, der an seiner Strickseite befestigt ist und stößt sich mit dem Eimer wieder ab. Die beiden Sbirren haben verwundert zugeschaut; aber nun geschieht, was Matteuccio wollte: er selber mit dem Eimer zusammen ist schwerer als die beiden Sbirren, der Strick zieht an, und plötzlich schweben die Sbirren, die am anderen Ende halten, in der Luft. Dem einen glückt es noch, abzuspringen; der andere wird mit rasender Schnelligkeit trotz Schreiens und Zappelns an Matteuccio vorbei in die Höhe gezogen; und wie Matteuccio mit dem Eimer unten angekommen ist, da schwebt der Sbirre in der Luft, unter sich nur ein kurzes Endchen Strick, und ruft um Hilfe. Der andere Sbirre stürzt sich sofort auf Matteuccio; aber der hat sich schon von der Schlinge befreit und droht ihm: sowie der Sbirre ihn berührt, hakt er den Strick aus dem Eimer und läßt ihn los, und der Genosse in der Luft stürzt auf das Pflaster und bricht sich alle Knochen. Der in der Luft bittet und fleht; Tromba hat inzwischen oben die Tür eingetreten, ist in das leere Zimmer gedrungen und blickt ingrimmig nach unten; der untere Sbirre muß den Strick halten, um seinen Genossen zu retten; Matteuccio hakt den Haken aus dem Eimer, und da der zweite Sbirre ein magerer Mann ist, so hebt er sich langsam, indessen der dicke erste sinkt; von oben aber ruft Tromba ihnen die anzüglichsten Worte zu, die eigentlich Beamtenbeleidigungen sind. Matteuccio aber sieht kaltblütig nach, ob er seine Banknoten noch in der Tasche hat und biegt dann um die Ecke. Er hat keinen Grund, sich länger in Rom aufzuhalten; Palazzo, Villa und Standesherrschaft werden zwar vom Heiligen Vater eingezogen, aber er besitzt noch genug Geld, um, da er doch nun einmal Herzog ist, in Neapel standesgemäß zu leben. Er hat dann auch nach einiger Zeit eine Ehe in Neapel geschlossen; seine Gattin stammt aus einem der ersten Geschlechter; seine Familie blüht noch heute in Neapel und gilt als eine der vornehmsten in ganz Süditalien. Das spitzenbesetzte Wäschestück Lange Rübe ergeht sich auf dem Korso. Er ist ein schöner großer Mann mit gesunden Gliedern und von vornehmem Auftreten, und so erscheint es nicht wunderbar, wenn die Herzoginnen, Markgräfinnen, Gräfinnen und Baroninnen, welche in ihren prächtigen Wagen vorbeifahren, um zu zeigen, wie fein sie sind, ihm die feurigsten Blicke zuwerfen. Auf dem Trottweg huscht vor ihm eilig hin eine vornehme junge Witwe, kokett in ihren schwarzen Schleier gehüllt, die Augen sittsam auf die Erde geschlagen, aber sie sieht doch alles; Lange Rübe fühlt sich mächtig durchströmt, er eilt ihr mit langen Schritten nach. Da fallen plötzlich große Tropfen vom Himmel, schnell werden ihrer mehr, und mit einem Male strömt ein Platzregen nieder, der auf der Straße aufklatscht, den Schmutz hochschleudert, Pfützen mit springenden Blasen erzeugt; die heitere, bunte Menge, welche eben noch die Trottwege füllte, stiebt auseinander in Hausflure und Geschäftsläden, die feinen Kutscher auf den vornehmen Wagen entfalten zunächst große Regenschirme, damit sie nicht naß werden, schlagen dann das Verdeck hoch, damit auch die Herrschaften geschützt sind, peitschen auf die Pferde, und die Pferde rennen mit gesenkten Köpfen und von jedem Haar triefend verdrießlich stallwärts. Lange Rübe und die junge vornehme Witwe finden sich zusammen im Laden einer Weißwarenverkäuferin. Es ist nur ein Stuhl im Laden, zu welchem Lange Rübe die Dame mit weltmännischer Sicherheit geleitet; die Verkäuferin betrachtet das Paar mit mütterlichem Lächeln, holt dann für den Herrn einen zweiten Stuhl; der Laden ist sehr eng, und man sitzt so dicht aneinander, daß man die Nähe des andern verspürt, die vornehme junge Witwe schlägt wieder die Augen nieder. Nun holt die Verkäuferin Schachteln und Kästen vor und breitet aus: da hat sie Hemden aus Batist und Rohseide aus spanischer Luftgaze und indischem Feuermull, aus Seidenkrepp und chinesischem Krausstoff, aus Musselin und Wimpernhaargewebe; die Hemden sind mit Spitzen besetzt, mit Valenciennesspitzen, irischen Spitzen, Schweizer Stickereien, mit Okki, geklöppelten, genähten, gehäkelten Spitzen; sie haben Stüfchen und Einsätze, und sie haben entzückende seidene Bänder in Rosa und Himmelblau; sie haben halblange Ärmel nach deutscher Art, gar keine Ärmel und seidene Schulterschleifen nach französischer, und kurze Ärmel nach italienischer Art. Sie sind begeisternd, die Hemden, wenn eine junge Witwe vornehm und zurückhaltend mit niedergeschlagenen Augen neben einem sitzt und zuweilen leise seufzt; Lange Rübe wird beredt, er läßt die Stoffe durch die Hände gleiten, die Verkäuferin hält die Hemden der Dame an den Hals, die junge Witwe sitzt still und rührt sich nicht. Die Verkäuferin begeistert sich immer mehr. Sie schiebt die Schachteln und Kästen mit den Hemden zur Seite und holt eine andere Schachtel vor; diese Schachtel enthält aus Seide, aus Mull, aus Krepp, aus Batist, besetzt mit venezianischen, französischen, indischen und chinesischen Spitzen, also enthält ... wie soll man sagen ... das Wäschestück, das für die Dame ebenso notwendig ist wie das Hemd, man kann auch sagen, es ist noch notwendiger ... man versteht schon, das durchaus notwendige Wäschestück ... Die vornehme junge Witwe errötet und blickt noch mehr zur Erde; die Verkäuferin entfaltet bewundernd das eine Wäschestück; es ist aus rosa Batist, durchscheinend, die Knöpfchen aus Perlmutter, die beiden Bänder unten über den beiden Falbeln aus violetter Seide, und dann Spitzen darunter, Spitzen, fein wie ein Traum, zart wie zwei Stanzen aus dem befreiten Jerusalem, süß wie der Kuß eines Kardinals. Lange Rübe nimmt der Frau das Wäschestück aus der Hand, die junge Witwe seufzt, er fragt nach dem Preis; die Frau hat verschieden abgestufte Preise, und wenn zwei junge Leute kommen, dann nimmt sie immer die höheren Stufen, je nachdem, ob es ein Ehepaar ist oder ein Brautpaar, oder ein Paar, das weder verheiratet ist, noch sich verheiraten will. Diesen letzteren nimmt sie immer die höchsten Preise ab, und so tut sie denn auch bei Lange Rübe. Also das Wäschestück kostet hundert Skudi, und es ist das kostbarste im ganzen Laden, ein kostbareres hat die Frau nicht, und der Heilige Vater hat schon fünfundzwanzig Skudi dafür geboten, und die andern Wäschestücke mag man gar nicht mehr sehen, wenn man dieses gesehen hat, und sie packt sie denn auch mit verdrießlichem Gesichtsausdruck wieder ein. Inzwischen aber hat sich das Wetter draußen wieder aufgehellt; die letzten Sprüher sind vorüber, die Leute halten die Hand aus den Torwegen und wagen sich wieder hinaus, die Kutscher klappen ihre Schirme zu und schlagen die Wagen nieder; die Fürstinnen, Gräfinnen und Baroninnen in den Wagen haben nicht gelitten und lächeln wie vorhin, indem sie der Menge zu Fuß das Beispiel der Feinheit und Vornehmheit geben, und die Sonne lacht fröhlich auf die bunte Straße. Die junge Witwe hat sich erhoben. Lange Rübe zieht die Stirn in Falten. Es tut ihm unendlich leid, das Wäschestück ist ja sehr schön, aber seine Gemahlin wäre entehrt, entehrt wäre sie, sie hat bis jetzt immer fünfhundert Skudi bezahlt für das Wäschestück; das ist ein Räuber gewesen, der ihr die fünfhundert Studi abgenommen hat, denn dieses Wäschestück, das ist ja gar kein Vergleich, wieviel schöner es ist; diesen Laden muß man sich merken, man muß ihn empfehlen; aber das ist unmöglich, das Wäschestück für hundert Skudi – nicht wahr? Die vornehme junge Witwe schüttelt auch den Kopf. Es ist unmöglich. Die Witwe dankt freundlich, grüßt und geht, Lange Rübe dankt; es ist unmöglich, sie wäre entehrt; dann grüßt er gleichfalls und geht; die Verkäuferin bleibt erstarrt zurück und fragt sich, ob es nicht falsch war, daß sie nicht einfach fünfundzwanzig Skudi verlangt hat. Auf der Straße gehen die beiden eine Weile nebeneinander, dann sagt Lange Rübe: »Ich habe sie«, er meint das Wäschestück; damit zeigt er es der Witwe. Wir müssen annehmen, daß Lange Rübe mit seinem bekannten Scharfblick den Charakter der vornehmen Witwe sofort durchschaut hat, und daß diese gleichfalls sehr viel Menschenkenntnis besitzt. Die beiden verstehen sich also, es braucht demnach auch weiterhin nicht vieler Worte, um festzustellen, daß Lange Rübe, der sehr gern gebratene Hähnchen ißt und Falerner dazu trinkt, einmal mit der jungen Witwe zusammen essen möchte, und daß diese junge Hähnchen und Falerner auch liebt. Es ist natürlich keine Rede davon, daß die Witwe das Wäschestück etwa gleich mitnähme, sie macht gar nicht den Versuch, ihm das vorzuschlagen, sie hat eine sehr behagliche Wohnung mit eigenen Möbeln, die sie gern einem Freund zeigt, von dem sie weiß, daß er Sinn für Häuslichkeit hat; und morgen also wird Lange Rübe sie besuchen, und sie wird ihn mit Hähnchen und Falerner erwarten. Vor ihrer Haustür verabschieden sich die beiden, und Lange Rübe küßt ihr ritterlich die Hand. Am andern Morgen geht die vornehme junge Witwe, gefolgt von ihrer Dienerin, auf den Markt und kauft ein. Die jungen Hähnchen liegen gerupft, weiß vor Fett, fleischig und prall, appetitlich in einer Reihe, die Beine auseinander, das Köpfchen mit den halbgeschlossenen Augen nach rechts gewendet; der Händler nimmt eines in die hohle Linke und preist es wägend an, er spreizt ihm die Flügel und kneipt mit Daumen und Zeigefinger in das Fleisch, er richtet das herunterhängende Köpfchen liebevoll auf und biegt es zierlich neben den Körper, er erzählt, daß das Tierchen nur mit Gerste gemästet ist, mit reiner Gerste, was der Kenner ja denn gleich bei dem ersten Happen merkt, der vergeht auf der Zunge wie Butter, und daß die Hähnchen anziehen, er aber liefert sie noch zum alten Preis. Die Witwe handelt, sie bietet zwei Paoli statt vier; der Händler wirft das Hähnchen mit gekränktem Gesichtsausdruck auf den Tisch; sie wendet sich; der Händler ruft ihr nach, wenn sie mehrere Hähnchen nimmt, so wird er einen Paoli ablassen; sie kommt zurück, betrachtet unschlüssig die Hähnchen, sagt, sie werde zwei nehmen, wenn sie sehr gut seien, aber mehr wie zwei und einen halben Paoli zahlt sie nicht; der Händler verflucht seine Mutter im Grabe, wenn er ihr die Hähnchen dafür geben sollte, dann sucht sie die zwei schönsten aus, er wickelt sie ein und erzählt von einem Kunden, dem das Wasser immer im Mundwinkel herabgelaufen ist, daß er die Wäsche hat wechseln müssen, so vorzüglich sind die Hähnchen; endlich rechnet er fünfeinenhalben Paoli zusammen; sie legt ihm fünf Paoli hin, er stößt das Geld zurück, sie nimmt die Hähnchen der Dienerin wieder ab und drückt sie ihm in die Hand; er sagt, daß sie eine Sünde begeht, eine Todsünde, denn er setzt Geld zu, aber sie ist nun einmal eine Kundin, und einer so schönen Signora kann er nichts abschlagen, das weiß sie, weil sein Herz so weich ist, und so nimmt er denn zuletzt die fünf Paoli, und die Dienerin legt die Hähnchen in den Korb. Die beiden gehen weiter und kaufen Artischocken, sie kaufen Weißbrot; Nüsse und Rosinen kaufen sie und zwei Flaschen Falerner. Zwei Flaschen Falerner, nicht eine, denn die Witwe denkt, daß Lange Rübe den Wein gern hat, und sie hat ihn auch gern, und es kommt ihr auf die eine Flasche nicht an, denn Lange Rübe ist, wie gesagt, ein schöner Mann, er ist viel schöner als der Graf. Vom Grafen übrigens brauchen wir jetzt noch nichts zu wissen, der erscheint erst später. Also die beiden gehen nach Hause zurück und packen aus, braten und kochen, die Küche riecht nach gebratenen Hähnchen, die Stube, der Gang, die ganze Wohnung, das Haus, und als Lange Rübe kommt, da empfängt ihn schon an der Haustür der herrliche Geruch. Lange Rübe tritt ein, und die Witwe geht ihm entgegen, und auf dem Tisch stehen die Hähnchen, braun, glänzend und duftend, stehen die Artischocken, steht die kristallene Schale mit den Rosinen; sie hat einen Sprung, die Schale, der Graf hatte einmal so mit der Faust auf den Tisch gehauen, daß sie umgefallen war, aber man sieht den Sprung nicht; stehen die Weingläser, steht eine Flasche Falerner; die zweite ist im Kleiderschrank, sie soll nachher, wenn die erste ausgetrunken ist, überraschend hervorgeholt werden, wenn Lange Rübe, die Beine von sich streckend, die Hände in den Taschen, zur Decke sieht und spricht: »Wie schade, daß die Flasche schon leer ist, jetzt, wo es einem gerade am besten schmeckt.« Die zweite Flasche soll der Höhepunkt werden, der Höhepunkt des Dramas, wo die Peripetie nicht mehr weit ist. Bis hierher war nun alles erwartet, und deshalb sieht diese Geschichte noch gar nicht so aus wie eine Novelle; sie hat bis jetzt entschieden epischen Charakter. Aber nun kommt das Unerwartete: der Graf erscheint. Der Graf ist ein hitziger Mann, aber er ist auch ein umständlicher Mann. Er wendet sich zunächst an die Witwe und teilt ihr mit, daß er habe Geld von ihr holen wollen, und nun erlebe er so etwas. Die Witwe sinkt in Ohnmacht. Der Graf zieht einen unendlich langen Degen und dringt auf Lange Rübe ein. Lange Rübe hat natürlich keine größeren Geldbeträge bei sich, die ganze Lage kommt ihm lächerlich vor, denn das muß die Witwe doch wissen, er kann sich nur vorstellen, daß der Graf aus Versehen zu früh gekommen ist, daß er erst auftreten sollte, nachdem er das spitzenbesetzte Wäschestück übergeben hatte; kurz, er erklärt, er möge mit dem Gaunerpack nichts zu tun haben und entfernt sich. Wir wissen, daß er im Irrtum war; der Graf ist wirklich unerwartet gekommen. Er kommt sonst nie um diese Zeit. Nämlich der Graf hat Colomba kennengelernt, er hat sich in Colomba verliebt und hat sich mit ihr verabredet, daß sie zusammen gebratene Hähnchen essen wollen; man versteht, daß Colomba durch Lange Rübe eine Vorliebe für Hähnchen und Falerner bekommen hat. Die wollen sie in der Wohnung Colombas essen, und der Graf soll sie mitbringen. Er hat sie unterwegs bei einem Stadtkoch fertig kaufen wollen, und weil er natürlich kein Geld hatte, so wollte er von der Witwe welches holen. Über das schnelle Verschwinden von Lange Rübe ist er betroffen; er pflegt in solchen Fällen zu erklären, daß er der Bruder der Witwe ist, daß der Besucher seine Ehre gekränkt hat und daß nur eine schleunige Heirat seine Ehre wieder herstellen kann; der Besucher gerät in Angst, es werden Unterhandlungen angefangen, und zuletzt opfert der Besucher das Geld, das er bei sich hat und geht traurig und in seinen schönsten Erwartungen getäuscht nach Hause. Die Witwe liegt noch immer in Ohnmacht, und die Ohnmacht ist echt. Der Graf geht verdrießlich in die Küche, holt sich den Korb, packt die Hähnchen, Artischocken, Semmeln, Trauben und den Wein in den Korb und verläßt das Haus, um zu Colomba zu gehen. Inzwischen aber hat sich auch Lange Rübe schon zu Colomba auf den Weg gemacht, und da er in empörter Gemütsverfassung ist, so ist er sehr schnell bei ihr angekommen. Er erzählt, daß Kaffern ihn haben prellen wollen, ihn. Lange Rübe, aber sie haben sich da denn doch verrechnet. Er ist natürlich gegangen, denn man kann ja nicht wissen, ob der andere nicht stärker ist; aber wofür halten einen die, solche Tricks mögen in Viterbo oder vielleicht sogar in Florenz noch gehen, aber in Rom! Ihm mit so etwas zu kommen! Er zieht das spitzenbesetzte Wäschestück aus der Tasche und wirft es ihr auf den Tisch, Colomba entfaltet es, hält es mit zwei Fingern jeder Hand vor sich hin, sie ruft: »Ah! und Oh!«, sie schmatzt und schnalzt; Lange Rübe ist etwas besänftigt durch ihre Freude und sagt, daß er es ihr schenkt, das hatte die andere nun haben sollen; und nun erzählt er abgebrochen und bruchstückweise; plötzlich beginnt er zu vertuschen, fängt er an, seine Erzählung zu verwirren, springt er auf einen andern Gegenstand über und schimpft auf die Polizei. Aber Colomba hat alles erraten. Sie stemmt die Arme in die Seiten und tritt energisch vor ihn hin. Hier geraten wir nun in die Psychologie, und zwar, was erschwerend ist, in die weibliche. Aber es geht nicht ohne Psychologie. Es ist ja klar, die Psychologie ist ein Kunstfehler. Aber wer würde das folgende verstehen, wenn wir es nicht psychologisch begründeten? Es liegt in der Natur des Berufes, den Lange Rübe und Colomba ausüben, daß sie nicht aufeinander eifersüchtig sind. Sie sind es auch nie, solange sie in ihrem Beruf wirken. Aber in diesem Fall hatte Lange Rübe nicht gearbeitet; und kurz, Colomba wird von grimmiger Eifersucht erfaßt. Doch wie äußert sie diese Eifersucht? Sie läßt ihre Hände sinken, ihre Gestalt und Mienen drücken die höchste Gleichgültigkeit aus, und mit kaltem Ton erklärt sie, sie habe einen Grafen kennengelernt, der allerdings offenbar vermögenslos sei, aber ein äußerst liebenswürdiger Mann, und dieser werde sie besuchen und Falerner mitbringen. Lange Rübe beißt sich auf die Lippen. Er geht ruhig zum Tisch, legt das spitzenbesetzte Kleidungsstück – aber weshalb sollen wir denn so zurückhaltend sein, wir sehen ja doch jetzt, in welcher Gesellschaft wir uns befinden, also er legt das Spitzenhöschen auseinander und glättet es, und mit gezwungener Stimme sagt er, daß es ihr gut stehen werde. Plötzlich aber wendet er sich zu ihr um, tritt mit geballten Fäusten vor sie hin und ruft aus: »Ich mache dich kalt, verdammte Kanaille!« Colomba ist zu Tränen gerührt. »Du liebst mich doch noch!« ruft sie aus und hängt sich an seinen Hals. Auch ihm kommen die Tränen. In diesem Augenblick klopft es an die Eingangstür. Colomba schiebt Lange Rübe in die Küche und öffnet. Der Graf tritt ein, setzt seinen Korb auf den Tisch, zwirbelt das Bärtchen, faßt Colomba um die Taille; Colomba öffnet den Korb und sieht die Hähnchen, die Artischocken, den Wein; sie ruft: »Ich muß erst decken« und eilt in die Küche. Aus der Küche kommt Lange Rübe mit gezogenem Degen, Colomba sinkt in Ohnmacht, der Graf wird blaß und begreift sofort die Lage. Die Hähnchen und der Wein sind verloren, aber das Spitzenhöschen liegt so, daß er es mit einer geschickten Handbewegung erreichen kann. Er steckt es ein, ohne daß es Lange Rübe merkt, denn wie der Graf ihn, so hat er den Grafen wiedererkannt, aber auf ihn wirkt natürlich verblendend, was des Grafen Fähigkeiten erhöht, denn er wird wütend, und der Graf wird kaltblütig durch die Entdeckung. Der Graf also entfernt sich mit dem Spitzenhöschen; und da er in seiner Liebeserwartung getäuscht ist, so kehrt er zu der Witwe zurück. Diese empfängt ihn liebevoll und verzeiht ihm; er ist beschämt und übergibt ihr das Spitzenhöschen; sie entfaltet es, staunt und bewundert, erklärt, daß sie nie so etwas gesehen, rühmt die Geschicklichkeit des Grafen, der ein solches Kunstwerk ausfindig gemacht, fragt und bedrängt ihn, wo er es geschossen habe. Er lächelt still und schweigt, schüttelt den Kopf und spricht dunkel von Geheimnissen. Nun geht sie zum Kleiderschrank und holt die zweite Flasche Falerner vor, die sie dort versteckt hatte, und so wird denn Versöhnung und Geschenk gefeiert. Colomba richtet sich schnell auf, als der Graf verschwunden ist, denn ihre Ohnmacht war nur eine Bequemlichkeitsohnmacht gewesen. Sie eilt mit flinken Füßen in die Küche, holt Tischtuch, Teller und Gläser zusammen, legt glänzende Mundtücher neben die Teller, legt die Hähnchen auf eine Schüssel, deren Rand sie mit Blumen verziert, die sie von den Blumentöpfen im Fenster des Nachbarn pflückt, eines melancholischen Junggesellen, der tagsüber bei einem Advokaten schreibt und abends die Flöte bläst; sie gießt den Falerner in eine geschliffene Glasflasche mit Silberbeschlag, und zu dem Unterton, den der Geruch der Hähnchen gibt, kommt als Oberton der Duft des Falerner. Dann setzen sich die beiden. Die Witwe hat also ihr Spitzenhöschen, und Lange Rübe hat die Hähnchen. Dazu haben beide den Falerner. Der Falerner ist ein wunderbarer Wein. Trinkt man ein Glas, so vergißt man Kummer und Ärger. Trinkt man zwei Gläser, so beginnt die Einbildungskraft frei zu werden, der lästige Verstand wird zur Seite geschoben, und man fängt an, sich auszumalen, was man wünscht. Trinkt man drei Gläser, so verschwimmt die Grenze zwischen Wunsch und Erfüllung; und bei vier Gläsern ist man bereit zu schwören, daß man mit dem heiligen Petrus zu Abend ißt oder die Tochter des reichsten Juden von der Welt geheiratet hat. Lange Rübe trinkt Falerner, und die Witwe trinkt Falerner. Wieder müssen wir jetzt psychologisch werden. Wer denkt hier nicht an die berühmte Geschichte in den Wahlverwandtschaften, wo der Baron nächtlicherweile die Baronin besucht? Lange Rübe ist ja nur ein armer Spitzbube, und die Witwe ist nur eine arme Gaunerin; beider Herz ist schon abgenutzt durch vielfachen Gebrauch; aber die Liebe – nun ja, es ist ja nicht die Liebe der anständigen Leute; aber auch die unanständigen Leute haben ein fühlendes Herz; also die Liebe kann auch bei ihnen Wunder wirken; und wenn man bedenkt, daß noch Falerner dazukommt, dann muß man nicht erstaunt sein, wenn sie dieses Wunder tatsächlich wirkt. Der Smaragd Bei dem Pastetenbäcker Cecco ist seit einiger Zeit ein junges Mädchen beschäftigt, welches den Kunden mit einem anmutigen Lächeln und einem Knicks die Pasteten bringt, wenn sie an den runden Tischchen sitzen, den Schnurrbart streichen, Geschichten von Weibern, Pferden und Juden erzählen und furchtbar aufschneiden. Der Laden Ceccos ist in Aufnahme gekommen, seit die schöne Pastetenbäckerin in ihm wirtschaftet; wie durch einen magischen Zauber zieht sie durch ihre blitzenden Augen die Kunden an, und zum Glück nicht bloß die vornehmeren Herren, welche die Geldbeutel vergessen haben, wenn sie zahlen wollen, sondern auch die schüchternen Bürgersöhne, welche sich geehrt fühlen, wenn sie in einem Raum mit den anderen sitzen dürfen. Und dabei ist sie tugendhaft. Nichts kann man ihr nachsagen, gar nichts. Flüche machen ebensowenig Eindruck auf sie wie Seufzer, und wenn ein Bürgerssohn ihr bescheiden ein Geldstück als Trinkgeld schenkt, so ist sie zu ihm nicht freundlicher wie zu dem Kavalier, der sich symbolisch selber in die Backe kneift und sie dabei verliebt ansieht. Lange Rübe kommt auch gelegentlich einmal zu Cecco, natürlich als Kavalier. Auch er macht der schönen Pastetenbäckerin verliebte Augen, aber er kann sich nicht größerer Erfolge rühmen wie die anderen. Die Menschen sind ja sehr verschieden. Unter den Bürgerssöhnen taucht plötzlich ein junger Mann auf, niemand weiß woher, der auch sogar die Kavaliere in Erstaunen versetzt. Man behauptet, es sei gar nicht möglich, daß er bloß ein Bürgerssohn ist; man fragt ihn, ob seine Mutter nicht ihrer Zeit hübsch gewesen sei; die Vaterschaft ist ja immer ein Ungewisses Ding, weshalb soll nicht einmal ein Kavalier die Mutter des jungen Mannes geliebt haben, wenn sie wirklich hübsch war? Der junge Mann lächelt nur bescheiden und stolz. Er hat eine etwas zu lang geratene Oberlippe, und weil er Augustin heißt, so nennt man ihn Augustin von der Lippe. Augustin von der Lippe ist ein anschlägiger Kopf. Da er sieht, daß alle bisherigen Belagerungsmethoden bei der Tugendfestung der schönen Pastetenbäckerin versagen, so erfindet er eine neue. Er erzählt nämlich Geschichten aus seinem Leben und rundet diese immer so ab, daß er eine außerordentlich vorteilhafte Rolle in ihnen spielt, oder er macht sonstige Bemerkungen, aus denen seine große Bedeutung hervorgeht. Er denkt auf diese Weise sich der Phantasie des jungen Mädchens zu bemächtigen, und jeder Frauenkenner weiß, wenn man einmal die Phantasie eines Weibes gewonnen hat, so hat man alles gewonnen. Es wird etwa einmal davon gesprochen, daß der Magnet seine Kraft verliert in Gegenwart eines Diamanten, und weil keiner der Anwesenden noch einen Diamanten gesehen hat, die Kavaliere, weil sie keinen haben können, und die Bürgerlichen, weil sie keinen haben dürfen, so glaubt man das allgemein. Augustin erklärt: »Begreiflich, wenn ich in der Nähe einer Tugend bin, sofort verliert die Tugend ihre Kraft.« Verdrießlich winkt ein Kavalier der schönen Pastetenbäckerin zu und sagt ihr: »Bestellen Sie das Grabgeläute für Augustin. Ich werde ihn fordern.« »Nimm dich in acht«, ruft ihm ein Freund zu, »Augustin schläft auf einer Matratze, die mit den Schnurrbärten seiner abgestochenen Duellgegner ausgestopft ist.« »Ein Kavalier brachte mich einmal in Wut«, erzählt Augustin, »Euer Glück, Herr, sagte ich, daß ich wütend bin, denn ich töte nur bei kaltem Blut.« Die Kavaliere schweigen. Augustin aber sieht triumphierend die Pastetenbäckerin an. Gegenüber dem Pastetenbäcker wohnt der Juwelenhändler Matteo. Man sagt von ihm, daß er Beziehungen zu dem allgemeinen Verband der römischen Taschendiebe unterhält, und daß man deshalb gute Gelegenheitskäufe bei ihm machen kann. Im Schaufenster liegt ein Ring mit einem Smaragden, einem wunderbaren Smaragden; er ist der schönen Pastetenbäckerin im Traum erschienen, denn wenn sie einmal einen freien Augenblick hat, so steht sie vor dem Schaufenster. Er soll aber hundert Skudi kosten. Die Kavaliere würden ja die hundert Skudi ausgeben, um ihr eine Freude zu machen, aber sie haben sie nicht; die Bürgerssöhne haben sie, aber sie geben sie nicht aus; das ist nämlich der Grund, daß sie sie haben, denn wenn man sie ausgäbe, dann hätte man sie ja nicht mehr. Eines Tages erzählte Augustin eine Geschichte, die ihm passiert ist, als er in Frankreich reiste. Es ist wahr, die Geschichte ist etwas schwierig zu glauben, denn sie handelt von einer vornehmen Dame, die in Augustin verliebt war, deshalb wollen wir sie nicht nacherzählen. Die Kavaliere merken schon längst, daß er Eindruck auf das Herz der gemeinsamen Geliebten gemacht hat; sie haben sich verschworen, ihn in ihren Augen zu verderben; wie er seine Geschichte beendet hat, da erklären sie einstimmig, daß sie erlogen ist und daß er überhaupt nie Rom verlassen hat. Augustin erblaßt, sieht sich hilflos um, die Schöne unterdrückt ein Lachen. Er steht auf, um zu gehen. Aber da erhebt sich Lange Rübe, schreitet auf Augustin zu, schließt ihn in die Arme und ruft: »Habe ich endlich meinen Reisekameraden wiedergefunden!« Alle sehen ihn erstaunt an, aber er wendet sich zu ihnen und sagt: »Herrschaften, die Geschichte ist wahr. Ich bin mit dem Signor zusammen in Frankreich gewesen, ich habe sie miterlebt.« Die andern schweigen, August erwidert seine Umarmung, und nun beginnt Lange Rübe ihn an Einzelheiten der Reise zu erinnern. Er erzählt, wie Augustin beim Abschied zu der Dame gesagt hat: »Ich lasse Ihnen Ihre Augen zurück, um mich zu beweinen!« Augustin fährt fort, wie die Dame ihm entgegnete: »Geben Sie mir mein Herz wieder, es wird in meiner Brust ewig für Sie schlagen.« Plötzlich unterbricht ihn Lange Rübe und sagt: »Aber Herzbruder, was fällt mir ein! Die hundert Skudi, die ich dir in Paris gepumpt habe, hast du mir ja noch nicht zurückbezahlt.« Ein irres Lächeln tritt in das Gesicht Augustins und hebt seine Oberlippe. »Du bist jetzt bei Gelde, ich habe nichts, du kannst mir die lumpigen paar Silberlinge jetzt wiedergeben«, fährt Lange Rübe fort. Augustin hängt starr an seinen Augen und legt unbewußt die Hand auf seinen Geldbeutel. Die Kavaliere erheben sich. Vielleicht glauben sie die Geschichte nicht ganz, aber jedenfalls finden sie, daß Augustin hundert Skudi bezahlen kann. »Herrschaften, es ist nichts nötig, der Signor bezahlt schon«, ruft ihnen Lange Rübe zu; Augustin greift hastig in die Tasche, er bringt nicht ganz achtzig Skudi zusammen; die andern Bürgerssöhne ziehen ihre Geldbeutel, rechnen und zählen, machen die Summe vollständig. Lange Rübe zahlt nach und steckt den Betrag kaltblütig in die Tasche. Augustin spricht bescheiden von einer Quittung, Lange Rübe aber antwortet ihm: »Ein Kavalier verlangt eine Summe nicht zweimal. Habe ich von dir in Paris einen Schuldschein verlangt?« Natürlich erwarten die Kavaliere nun, daß Lange Rübe sie einladen wird, um mit ihnen die hundert Skudi in Pasteten und Wein anzulegen, den sie dann auf das Wohl Augustins von der Lippe trinken werden. Lange Rübe aber geht gegenüber zu Matteo, dem Juwelenhändler. Man muß nämlich wissen, daß die Pastetenbäckerin die berühmte Colomba ist; die Polizei hat ein so lebhaftes Interesse für sie, daß sie es für richtig hielt, sich eine Weile unerkannt in einen anderen Beruf zurückzuziehen. Wenn nun Lange Rübe zurückkommt und ihr den Smaragden schenkt, den sie sich so lange gewünscht hat, dann kann man wohl annehmen, daß er manches mit ihr gesprochen hat, was die anderen nicht wissen; vielleicht hat er sogar vorher mit Matteo gesprochen. Die Kavaliere sind starr über Lange Rübe, dann aber klatschen sie in die Hände und rufen Bravo; wenn die schöne Pastetenbäckerin den Smaragden bekommt, dann verzichten sie gern auf Wein und Pasteten, auch einige der Bürgerssöhne klatschen, und Augustin tritt mit gefaßter Miene zu ihr und drückt ihr die Hand. Die Schnupftabaksdose Wir haben alle unsere Fehler. Der gute Dom Martino ist ein frommer und redlicher Priester, der von seiner kleinen Pfründe den Armen gibt, was er kann, und oft genug auch, was er nicht kann. Seine Haushälterin muß viel mit ihm zanken, denn sie hat ja schließlich die Verantwortung dafür, wenn der gute Herr in einer Soutane herumläuft, die auf den Schulterblättern und dort, wo man zu sitzen pflegt, große Flicken aufweist, die man hundert Schritte weit sieht, denn die Soutane war aus dem billigsten Stoff gemacht und ist ganz fuchsig geworden, so daß die kohlschwarzen neuen Flicken häßlich abstechen. Es kann geschehen, daß sie ihn dahin treibt, sich endlich ein Paar neue Stiefel anmessen zu lassen; der Schuster bringt sie, hält sie ihm vor das Gesicht und erklärt, daß ein junges Mädchen sie als Spiegel benutzen kann, daß sie geschmeidig sind wie aus Handschuhleder, denn er weiß, Hochwürden geruhen, Hühneraugen zu haben; und derb sind sie, wenn die Sohlen nicht ein ganzes Jahr halten, dann besohlt er sie umsonst, natürlich, man darf sie nicht gleich immer den ganzen Tag tragen. Die Haushälterin freut sich über die neuen Stiefel, denn wer hat die Stiefel zu putzen? Und verspricht dem Schuster, daß sie geschont werden sollen, und rechnet sich aus, daß Hochwürden sich nun im nächsten Vierteljahr auch eine neue Soutane machen lassen kann. Aber da kommt ein Strolch, mit Schuhen, die vorn klaffen wie der Rachen eines Hundes, dem man eben einen Knochen zuwirft; er sagt, daß er beständig Zahnreißen hat, weil er nie trockene Füße bekommt, und was das Schlimmste ist, daß durch den ewigen Schnupfen seine Nase rot geworden ist; wodurch die Leute ihn für einen Trunkenbold halten und ihm nichts geben. Der gute Dom Martino schüttelt den Kopf, wie er die klaffenden Schuhe sieht, geht in seine Schlafstube, wo er die neuen Schuhe auf dem Kannrückchen stehen hat, und schenkt sie ihm. Die Haushälterin weint und kündigt. Dom Martino ist verlegen, denn die Haushälterin kündigt zwar regelmäßig jedes Vierteljahr, aber er glaubt immer wieder, daß sie diesmal wirklich gehen wird, und dann hat er keine Haushälterin mehr. Er setzt ihr auseinander, daß die alten Stiefel dem armen Mann ja gar nichts genützt hätten, daß sie fast ebenso schlecht sind, wie die Stiefel des Mannes waren, er erzählt ihr, daß jetzt Herbst ist, wo die großen Regen kommen, da muß der Mann doch ordentliches Schuhzeug haben: er sagt ihr, daß in der Stadt die Straßen gepflastert sind, und daß er ja immer seine Filzschuhe anzieht, wenn er nach Hause kommt, und so ein armer Mann muß auf den grundlosen Landstraßen tippeln, und wenn er in die Herberge kommt, dann findet er keine Filzschuhe vor. Die Haushälterin antwortet ihm nichts; sie macht ein ehernes Gesicht, ein undurchdringliches Gesicht; die Tränen hat sie sich abgewischt; sie überlegt im stillen, daß es mit dem hochwürdigen Herrn nur schlimmer wird, wenn sie fortgeht, denn eine anständige Person kommt doch nicht zu ihm, wenn sie die Stiefel sieht und die Soutane; sie beschließt, bei ihm zu bleiben; aber er soll es einmal merken, daß sie sich nicht auf der Nase herumtanzen läßt, daß sie auch ihren Willen hat; sie will doch einmalsehen, ob sie ihn nicht klein kriegt. Aber sie kriegt ihn nicht klein, denn am nächsten Tage hat er schon alles vergessen, und wie er seine Stiefel anzieht, da sagt er: »Durch den Herbst komme ich wohl noch mit den Stiefeln, aber für den Winter kann ich die Ausgabe doch nicht umgehen, sie besohlen zu lassen.« Sie hat sonst auf diese Rede immer geantwortet, daß das Besohlen sich nicht mehr lohnt, und daß er ja die alten Stiefel im Sommer bei trockenem Wetter zerreißen könne, und so hatte sie ihn allmählich dahingebracht, daß er sich die neuen Stiefel anmessen ließ; aber nun kann sie nicht mehr sprechen; sie stellt sich vor, wie der Strolch die schönen neuen Stiefel in der Penne für sechs Soldi verklopft, und der Groll steigt ihr aus dem Herzen hoch, sie schweigt und wendet sich ab. So ein Mann also ist Dom Martino. In den Handbüchern, welche die Gauner und Bettler für jede Stadt haben, ist sein Name mit drei Kreuzen bezeichnet; das heißt, daß es bei ihm immer etwas gibt; freilich stehen auch die Zeichen dabei, daß es nicht viel ist und daß er zugleich mit seiner Gabe immer gute Lehren spendet. Natürlich haben die besseren Gauner mit solchen Persönlichkeiten nichts zu tun, denn das Anhören der Lehren kostet Zeit, und es lohnt sich nicht, für einen Soldo den ganzen Vormittag zu opfern. Aber das Leben geht auf und ab. Lange Rübe hat eine ganze Weile nichts verdient, er hat große Ausgaben gehabt, er hat nichts in Aussicht; und kurz und gut, er ist in einer Lage, wo man auch einen Soldo mit einer christlichen Ermahnung brauchen kann. Also Lange Rübe klingelt bei Dom Martino; die Haushälterin öffnet, betrachtet ihn mißtrauisch, sagt sich dann aber, daß der junge Mann zu gut aussehe, um zu betteln, und macht ein freundliches Gesicht, als Lange Rübe sie mit vollendeter Höflichkeit als Fräulein anredet, und führt ihn dann zu ihrem Herrn. Sie hätte ihn ja auch so hineinführen müssen, denn Dom Martino hat ihr streng verboten, jemanden abzuweisen, aber bei Personen, die ihr verdächtig sind, macht sie doch immer einen Versuch, abzuschrecken. Freilich, die meisten Besucher überwinden gewöhnlich größere Schwierigkeiten. Dom Martino hat eine heftige Erkältung, weil er sich nasse Füße geholt hat bei einem Gang zu einem kranken Wucherer; er hatte ihn ermahnt, von seinem schlechten Leben zu lassen und den Leuten Gutes zu tun, und der Wucherer hatte sich als hartherzig erwiesen und hatte immer gesagt, ihm tue auch niemand Gutes; die seelische Erregung war bei dem guten Herrn zu den nassen Füßen gekommen, und so war die Erkältung auf die Ohren geschlagen. Er sitzt in seinem alten Lehnstuhl, den Kopf eingewickelt, und auf beiden Seiten mit einem Trichter im Ohr, er hält abwechselnd den einen und den anderen, um sich zu bähen, über einen dampfenden Topf mit Kamillentee, den er zwischen die Beine geklemmt hat. Lange Rübe erzählt eine verwickelte Geschichte von einem sterbenden Vater, den er besuchen müsse, und von der weiten Reise, die er schon gemacht hat, und daß ihm das Geld ausgegangen ist, und daß er niemanden hier kennt, der ihm aushelfen könnte. Der gute Dom Martino schüttelt bekümmert den Kopf; ja, Reisen kostet Geld, heutzutage ist die Gastfreundschaft verschwunden, welche doch sogar die Heiden übten, ein Reisender muß für alles bezahlen, und womit soll er verdienen, wenn er doch reist? Lange Rübe hat ihm gleich gefallen, als er eintrat. Er ist ein frommer Sohn, und Gott wird ihm sein Opfer auch vergelten. Wie mancher junge Mann würde sagen: »Habe ich Geld, um zu reisen?« Lange Rübe besinnt sich nicht, sondern reist. Das ist Gottesdienst, an das Bett des sterbenden Vaters zu eilen. Nun kommt aber die Schwierigkeit. Dom Martino hat nämlich sein ganzes Geld ausgegeben. Es war ein Mann dagewesen, der Geld sammelte, um Christensklaven bei den Türken einzulösen, einer, der gefallene Mädchen rettete, eine Frau, deren Mann Dachdecker war und nun immer Schwindel bekam, wenn er auf eine Leiter stieg, ein Mädchen, das eine gute Anstellung in einer feinen Familie auswärts hatte, aber kein Reisegeld besaß, eine alte Frau, die einen Brief an ihren Sohn hatte schreiben lassen, um ihn zu einem christlichen Leben zu ermahnen, aber den Brief nicht freimachen konnte, und noch verschiedene andere Personen. Und jetzt müssen wir von der Schwäche des guten Dom Martino sprechen. Sie ist seine einzige Schwäche. Er selber bezeichnet sie als Laster; aber das ist zu hart geurteilt; es ist nur eine Schwäche, ja, man kann sagen, eine kleine Schwäche; Dom Martino schnupft nämlich leidenschaftlich gern. Der eine liebt die Frauen, der andere den Wein, der dritte das Spiel, der vierte ist allgemein vergnügungssüchtig, der fünfte liebt das Geld; irgendeinen Fehler haben alle Menschen; auch ein Priester ist nur ein Mensch. Wir wollen ja nicht sagen, daß Dom Martino das Schnupfen gerade in sündhafter Weise liebt; aber er liebt es doch mehr, als er eigentlich als Christ und als Priester dürfte, und sein eigenes Bekenntnis zeigt, daß er das weiß. Er hat die Dose neben seinem Bett stehen, und wenn er aufwacht, dann nimmt er eine Prise, er sagt, daß die Morgenprise das Gehirn klärt von den Dünsten der Nacht. Dann wäscht er sich und nimmt wieder eine Prise, denn er ist frostig, und die Prise erwärmt ihn innerlich. Er zieht sich fertig an und geht in sein Studierzimmer hinunter; dabei nimmt er eine Prise, denn er muß sich mit gesammeltem Gemüt an seine Arbeit setzen. Und so nimmt er viele Prisen den Tag, und unter der Nase ist seine Oberlippe bräunlich gefärbt, und die Tabakskörner sitzen in den Falten der Soutane, und die jungen Mädchen, welche ihm fromm die Soutane küssen, müssen alle niesen. Dom Martino nimmt seine Tabaksdose vor. Sie ist bloß von Messing, und sie hat keinen großen Wert, und er besitzt sie seit dreißig Jahren, aber er hat sie immer geschont, und sie ist zwar etwas abgescheuert, aber das Gelenk ist fest, und sie schnappt tadellos zu; sie ist so gut wie eine neue. Er sagt sich, bei seiner Erkältung ist es ohnehin besser, wenn er nicht schnupft, denn die Nase läuft ihm schon so, und er kann ja seinen Schnupftabak auch immer in einem Papierchen bei sich tragen; er hat genug Papier im Haus, mehr als er brauchen kann. So erklärt er denn Lange Rübe mit Beschämung, daß er kein Geld mehr habe und daß er ihn vielmals um Entschuldigung bitte, denn er könne sich wohl denken, wie ihm zumute gewesen, als er ihm alles erzählt, denn er habe als Fremder ja doch nicht wissen können, ob er, Dom Martino, nicht ein schlechter Mensch sei und sich seinen Pflichten entziehe, denn der Priester sei nur der Verwalter des Geldes der Armen; aber jetzt werde er ihm gewiß glauben, daß er nicht lüge, wenn er sage, daß er kein Geld habe. Und nun habe er überlegt, ob er ihm nicht etwas von Geldeswert geben könne, aber es sei ihm nichts eingefallen, denn er besitze wenig, weil er sich aus den äußeren Dingen nicht viel mache, die ja den Menschen eigentlich nur stören. Nur diese Schnupftabaksdose könne er ihm geben; es sei eine gute Dose, für die er gewiß einige Paoli bekommen werde; er dürfe sie nicht verschleudern, sondern er müsse sie dem Trödler genau zeigen, daß sie zwar gebraucht sei, aber keinen Fehler habe. Mit dem Gelde könne er ganz gut einen Tag weiterkommen, und dann werde ihm schon jemand weiterhelfen, denn bei einem so guten Werk fehle Gottes Hilfe nie, er dürfe nur nicht verzagen, und wenn er etwas anderes gehabt hätte, dann hätte er ihm das gegeben, damit er nicht noch einmal zu jemand gehen müsse. So nimmt er noch einmal zerstreut eine Prise, dann reißt er aus einem alten Buch, das da auf dem Tische liegt, ein Blatt, schüttet den Tabak aus der Dose darauf, faltet es und steckt das Päckchen in die Tasche, und die Dose gibt er Lange Rübe. Lange Rübe empfängt die Dose mit einer Verbeugung und steckt sie in die Brusttasche; er ist etwas befangen, und deshalb wird sein Dank sehr wortreich; Dom Martino segnet ihn und läßt ihn gehen. Die Haushälterin hat ja keine Liebe für den Schnupftabak und die Dose. Sie hält das Schnupfen für einen Charakterfehler. Aber wie sie nun erfährt, daß der ehrwürdige Herr die Dose verschenkt hat, da wird sie doch böse; sie schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn, daß sie dem Fremden nicht angesehen hat, was er wollte; sie fragt den ehrwürdigen Herrn, ob nun auch alle Taschen voll Schnupftabak sein werden; sie niese sich schon jetzt die Seele aus dem Leibe, wenn sie seine Kleider klopfe; sie fragt ihn, ob er die Dose ordentlich gefüllt habe, damit der Herr Bettler auch etwas zu schnupfen habe, denn die leere Dose nütze ihm doch nichts; sie bedauert, daß der ehrwürdige Herr nicht einen Weinkeller besitze und daß nicht eine gebratene Gans mit Trüffeln dagewesen sei, um dem feinen Herrn etwas vorzusetzen, und so führt sie noch mehr hitzige Reden, indessen Dom Martino sich geduldig mit seinen Trichtern abwechselnd über den Kamillentopf beugt und bäht. Lange Rübe ist in einem sehr verdrießlichen Zustand. Er sieht die Dose an, steckt sie in die Tasche, sieht sie wieder an, steckt sie wieder ein. Ein paar Paoli kann er für sie bekommen, und er könnte ein paar Paoli wirklich gebrauchen, er ist abgebrannt; seit drei Tagen hat er nichts Warmes gegessen. Er kennt einen Keller, wo man für einen Soldo einen großen Teller voll Bohnen bekommt; man muß die Wirtin nur um die Taille greifen, wenn man bestellt, dann schimpft sie und legt noch ein Stück Fleisch hinzu. Aber er hat keine Lust zu den Bohnen und zu dem Fleisch. Ein Blatt Papier fliegt vor ihm auf der Straße hin; es ist unbeschmutzt und fast unbeschrieben, ein Advokatenschreiber, der ein paar Schritte weiter vorn geht, hat es verloren. Lange Rübe läuft hinter dem Papier her, erwischt es, wickelt die Dose sorgfältig ein und geht zum Haus des Priesters zurück. Er klingelt, und die Haushälterin öffnet. Sie will anfangen zu schimpfen, aber er drückt ihr schnell das Päckchen in die Hand und läuft fort. Der Strumpf Die Barbiere stehen ja nicht im Rufe der Schweigsamkeit. Es wird seit alters her von ihnen behauptet, daß sie keine Geheimnisse bewahren können. Mario ist ein Barbier in Rom, und alle seine Freunde behaupten, daß er ein guter Barbier ist, der sein Handwerk versteht, die Kunden artig und aufmerksam bedient und in seinem Geschäft auf die peinlichste Sauberkeit hält, denn auf die Sauberkeit kommt viel an beim Barbier; es gibt Barbiere, die stinkende Hände haben; es gibt Barbiere, die an der Wäsche sparen wollen; solche Leute können natürlich nie auf einen grünen Zweig kommen. Daß Mario geschwätzig ist, das behaupten ja nicht gerade seine Freunde, denn die sind selber geschwätzig, aber einige von den Kunden sagen es, welche es lieben, beim Rasieren ihren Gedanken nachzuhängen, der eine, indem er sich überlegt, was der Vorgesetzte wohl gemeint hat, als er das letztemal zu ihm sprach, und ob er vielleicht auf eine Gehaltszulage angespielt hat, der andere, indem er sich eine Konjektur in der ersten Katilinarischen bedenkt, die ihm in der Nacht eingefallen ist, der dritte, indem er das Für und Wider einer Spekulation in Artischocken prüft, der vierte, indem er ausrechnet, wann sein nächster Wechsel fällig wird. Wie das hinsichtlich unserer moralischen Eigenschaften immer ist, können wir also kein richtiges Urteil über Marios Geschwätzigkeit gewinnen, wenn wir die Leute befragen, die ihn kennen, denn alle interessieren sich ja natürlich viel mehr für sich selber als für Mario und sagen immer nur aus, was sie selber für sich wünschen, statt objektive Beiträge zur Seelenkunde des andern zu geben; wir müssen uns auf das Urteil des Erzählers verlassen, und der sagt: in der Tat, Mario ist geschwätzig. Wag wird nun geschehen, wenn Mario ein wichtiges Geheimnis zu verbergen hat? Eine alte Tante ist gestorben, von der Mario schon längst fand, daß sie überflüssig war, und hat einen langen, braunwollenen Frauenstrumpf, der bis an den Leib geht, mit Skudi hinterlassen. Die Tante war sehr gedankenlos, wie das Frauen so oft sind, und hatte den Strumpf immer in ihrem Bett aufbewahrt, auch wenn sie, was freilich selten vorkam, ihre Wohnung einmal verlassen mußte. Mario zittert bei der Vorstellung, daß der Strumpf unbewacht bleiben könnte, denn wenn auch seine Frau und seine erwachsene Tochter immer in der Wohnung sind, auf Weiber verläßt er sich nicht. Vorläufig nimmt er den Strumpf stramm zusammengeschnürt des Morgens auf den Rücken, wenn er ins Geschäft hinuntergeht, schließt ihn in das Schränkchen mit den Servietten ein, ehe er die Läden öffnet, in das Schränkchen, das unter dem Spiegel steht, vor welchem er immer rasiert; und des Abends, nachdem er alle Läden geschlossen, nimmt er ihn wieder aus dem Schränkchen und schleppt ihn keuchend in die Wohnung hinauf, wo er ihn in das Ehebett legt. Wer natürlich, wenn es das Unglück will, passieren kann immer etwas. Der Strumpf ist selbstverständlich sein Geheimnis. Sein Haupttrost ist, daß niemand bei ihm einen Schatz vermuten wird. Aber der Menschenkenner wird nun schon wissen, was geschieht. Mario erzählt seinen Kunden im allgemeinen von Leuten, welche geizig sind und sich nichts gönnen, und die Erben finden dann bei ihrem Tode ein schönes Kapital vor; er macht Bemerkungen über die Gewohnheit alter Damen, ihr Geld in Strümpfen aufzubewahren; er erbittet sich Ratschläge, wie man ein größeres Kapital sicher, aber vorteilhaft anlegen könne, nicht für sich, sondern für einen Freund, dessen Tante gestorben ist; er preist das Los des Armen, der keine Sorge kennt, indessen der Reiche nicht ruhig schlafen kann, weil er immer fürchtet, bestohlen zu werden; er findet, daß die Einbruchsdiebstähle in erschreckender Weise überhand nehmen, so daß selbst arme Leute wie er, bei denen doch nichts zu holen ist, rein gar nichts, gefaßt sein können, daß sie von Dieben besucht werden; er fragt, wozu eigentlich die Polizei da ist, wenn sie nicht den Schlaf des steuerzahlenden Bürgers schützen kann; er erkundigt sich nach dem Kurs der verschiedenen Münzsorten, und ob man nicht durch Umwechseln einen kleinen Gewinn erzielt, ein Freund von ihm hat nämlich ein kleines Kapital geerbt, ein ganz kleines Kapital nur, aber die Tante hatte es in sehr guten Münzsorten angelegt. So und ähnlich spricht er, fragt, erzählt und klagt, und es dauert nicht lange, bis alle Kunden von der Tante und dem Strumpf wissen. Auch Lange Rübe gehört zu den Kunden. Lange Rübe ist ein Menschenkenner und versteht es, sich aus den Erzählungen Marios die Geschichte zusammenzusetzen. Hinter Marios Haus ist ein Garten, in dem ein alter Birnbaum steht. Er trägt ganz schlechte Früchte, der alte Birnbaum, sie sind steinig und haben eine dicke Schale, sie sind ungenießbar; wenn man ein Schwein hielte, so könnte man sie verwerten, aber Mario hält kein Schwein. Er hat den Birnbaum schon immer schlagen lassen wollen. Er läßt den Knorren natürlich auch roden, denn er will Platz haben in seinem Garten, er will Gemüse ziehen. Gemüse bringt am meisten ein, Gemüse braucht man täglich; man würde die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn man sich ausrechnete, was man im Jahr für Gemüse ausgibt; er kann nach Ladenschluß immer etwas im Garten arbeiten, er kann auch des Nachts, wenn Mondschein ist, arbeiten, denn er schläft jetzt oft nicht gut; die Nachbarn brauchen sich nicht zu wundern, wenn sie ihn im Garten nachts arbeiten sehen. Kurz, das Gemüse kostet ihn nichts, und ein Hausvater muß bedacht sein, wo er sparen kann. Es vergeht eine Zeit, Mario ist immer der alte; sein Hauptgespräch ist jetzt der gerodete Birnbaum und der Gemüsegarten, in welchem er Salat zieht, Radieschen, Brokkoli, Rüben und noch vieles andere, denn der Boden ist wie Silber, wie Silber ist der Boden, wie viertausend Skudi ist er. Aber eines Tages ist Mario plötzlich ganz verändert. Er ist schweigsam, er ist blaß, seine Hände zittern, und er schneidet seine Kunden; mit schwermütigem Lächeln bittet er um Entschuldigung und legt ihnen Feuerschwamm auf; die Kunden schimpfen und drohen, daß sie zu einem anderen Barbier gehen werden. Sie fragen Mario, ob er verliebt ist, ob seine Frau ihm untreu ist, ob seine Schwiegermutter zu Besuch gekommen ist, ob er trinkt, ob er heimlich dichtet; ein irres Lächeln tritt auf seine Lippen, hilflos stammelt er: »Zu Befehl, Exzellenz«, dann preßt er wieder die Lippen zusammen und rasiert schweigend weiter mit unsicherer Hand. Der klügste Mann, den er kennt, ist sein Beichtvater. Er ist auch der einzige Mann, zu dem er Vertrauen hat. Denn man muß sich sehr überlegen heutzutage, wem man sein Vertrauen schenkt; und er überlegt es sich auch sehr. Er ist nicht mehr vertrauensselig. Er war es, aber er ist es nicht mehr. Denn man kann getäuscht werden in seinem Vertrauen, und er ist getäuscht. Also er geht am Abend zu dem Beichtvater und fragt den um Rat. Er erzählt, daß er eine Erbschaft gemacht hat, viertausend Skudi; niemand hat etwas gewußt von der Erbschaft, denn er kann schweigen; seinem besten Freunde hat er nichts gesagt von den viertausend Skudi, denn was man hat, das braucht niemand zu wissen, und was ich nicht selber verschweige, das verschweigt mein Freund natürlich erst recht nicht. Er ist des Nachts in seinen Garten gegangen, wo ein alter Birnbaum gestanden hat, der sehr gute Birnen trug, die er immer gern eingemacht aß, auch roh, aber sie hielten sich nicht lange, den hat er ausroden lassen, um unauffällig ein tiefes Loch im Garten zu haben, in dem die Erde locker war; in dem Loch hat er sein Geld vergraben. Viermal täglich hat er im Garten nachgesehen, ob alles in Ordnung war, mindestens einmal in jeder Nacht; er hat immer mit einem langen Draht nachgefühlt. Er hat zum Vorwand genommen, daß er sich Gemüse angepflanzt hat, damit niemand mißtrauisch werden sollte. Und trotz aller Vorsicht sind die viertausend Skudi ihm vorige Nacht gestohlen. Wie er heute morgen nachfühlt, ist nichts mehr da; er gräbt, das Geld ist fort! Der Beichtvater schüttelt den Kopf und streicht sich nachdenklich mit der linken Hand das Kinn. Er läßt sich bei Mario rasieren und kann sich schon denken, wie alles zusammenhängt. Nun gibt er ihm einen Rat. »Mein Sohn«, sagt er, »laß nichts merken von deinem Verlust. Sei morgen so heiter, wie deine Gäste gewohnt sind, dich zu sehen. Und nun stelle dir recht lebhaft vor, daß noch eine Tante gestorben ist, und daß du wieder ein Kapital erben wirst. Stelle dir das recht lebhaft vor. Du hast eine glückliche Phantasie; das ist eine schöne Gottesgabe. Mache Gebrauch von ihr, und du wirst getröstet werden.« Mit wohlwollendem Lächeln gibt er dem verdutzten Mario seinen Segen. Der Leser wird durch diesen Rat wohl nicht sehr getröstet weiden; Mario wird es auch nicht, vielmehr schimpft er auf dem Wege ganz gehörig auf den guten Beichtvater, daß der ihm so etwas Dummes geraten hat. Seiner Frau hat er von dem Diebstahl natürlich nichts gesagt; so muß er denn einen Teil des Rates schon zu Hause befolgen; denn er muß doch einen Gegenstand für seine Erzählungen wählen, und seine Phantasie ist nun einmal festgelegt; er tut, als sei er so heiter wie gewöhnlich, er geht in den Garten, er spricht davon, was er mit dem Gelde alles machen wird, wie er gewöhnlich zu seiner Frau spricht, daß er ein Haus am Sankt Petersplatz kaufen wird, wo die vielen Fremden vorbeikommen, die sich Sankt Peter ansehen wollen, daß er große Scheiben in die Fenster setzen lassen wird und Spiegel aus einem Stück haben wird, und daß er von den Römern weiterhin nur einen Soldo nimmt, von den Fremden aber nimmt er zwei Soldi, und damit verdient er in kurzem so viel, daß er die Barbiererei überhaupt an den Nagel hängt, sich ein Landgut kauft, das er von seinen Leuten bearbeiten läßt, denn er selber arbeitet dann nicht mehr, er leitet nur das Ganze, denn ein Kopf muß natürlich sein. Die großen Vermögen gehen nur deshalb verloren, weil gewöhnlich kein Kopf da ist, der sie leitet. Und indem er sich nun über das Landgut verbreitet und erklärt, wie er es mit dem Wein, wie mit dem Öl, wie mit dem Getreide macht, und im einzelnen auf die Pferdezucht zu sprechen kommt, welche noch viel zu sehr vernachlässigt wird, und auch auf das Anpflanzen von Arzneikräutern, die eine große und sichere Rente gewähren, da erscheint es ihm plötzlich, als ob er wirklich noch eine andere Tante gehabt hat, die auch eben gestorben ist, von der er auch einen Strumpf mit Skudi erbt, und er beginnt von dieser Tante zu erzählen, und seine Frau und Tochter, welche eben Bohnen schnippeln, hören mit ihrer Arbeit auf und lauschen ihm, indessen er auf und ab geht, sie freuen sich über die neue Tante, von der sie noch gar nichts gewußt haben, und fragen, ob sie vielleicht auch Sachen hinterlassen hat, denn das versteht ein Mann nicht so, man kann aus getragenen Kleidern immer noch etwas machen; und Mario erzählt nun von den Kleidern der neuen Tante und kommt dabei auf ihre Lebensgewohnheiten zu sprechen und entrollt ein ganzes, ausführliches Charakterbild von ihr. So geht er denn halb getröstet zu Bett; und als am anderen Morgen der erste Kunde kommt, da beginnt er von der neuen Tante zu erzählen und von der Reise, welche er in der nächsten Woche machen muß, und erkundigt sich, wie man Kapitalien am besten anlegt, und schüttelt bedenklich den Kopf über die Unsicherheit der Geschäfte heutzutage und kommt am Schluß immer darauf zurück, daß Bargeld Bargeld ist, ein Haus ein Haus, ein Gut ein Gut, aber ein Blatt Papier nur ein Blatt Papier. Lange Rübe hört diese Gespräche und muß selbstverständlich seine Schlüsse ziehen. Er nimmt an, das Mario die neue Erbschaft da verbergen wird, wo er die alte verborgen hat, und es wäre ja natürlich sehr ärgerlich, wenn ihm das Geschäft mit der neuen Erbschaft entginge. Was sollen wir noch viel sagen? Als Mario wieder mit seinem Draht nachfühlt, wie er immer tut, weil er heimlich hofft, daß der Strumpf plötzlich doch wieder da sein kann, obgleich er ja genau weiß, daß er nicht da ist, was geschieht? Er spürt etwas Hartes, an dem der Draht abgleitet; er sticht noch einmal mit dem Draht zu, und fühlt wieder dasselbe; er gräbt nach, und wahrhaftig, der Strumpf ist wieder da! Selbstverständlich läßt er ihn nun nicht mehr im Garten; welches neue Versteck er findet, das ist für diese Geschichte gleichgültig; sehr interessant wäre es ja, wenn wir noch erfahren könnten, wie er sich das plötzliche Verschwinden und Wiederkommen des Strumpfes erklärt hat; aber das können wir nicht erfahren, denn das hat er sich nie erklärt. Der neue Anzug Der Meister ruft Filelfo zu sich und übergibt ihm einen kostbaren Anzug aus schwarzem Samt mit echten Spitzen und Goldknöpfen, der für Seine Hoheit, den Neffen des Heiligen Vaters, fertig geworden ist. Dann sagt er: »Du bist mein bester Arbeiter, auf dich kann ich mich verlassen. Schlage den Anzug in ein weißes Tischtuch und bringe ihn Seiner Hoheit. Bestelle Empfehlungen von deinem Meister und sage, das ist der Anzug. Sage, der Meister kommt hergeflitzt, wenn etwas befohlen wird. Er drängt sich nicht auf und läuft seinen Kunden nicht das Haus ein. Er hat ein gutes Maßgeschäft und keinen Laden. Er bedient reell und pünktlich. Er versteht sich nicht bloß auf die italienische Arbeit, er versteht sich auch auf die spanische und die französische Arbeit. Seine Hoheit kann sich auf ihn verlassen, wie auf sich selber.« Filelfo läßt sich von der Meisterin ein schön gewaschenes und geplättetes Tischtuch geben, schlägt den Anzug hinein und steckt es mit Sicherheitsnadeln zusammen. Dann aber geht er nicht zu dem Palazzo Seiner Hoheit, sondern in eine enge, schmutzige und winkelige Straße zu einem hohen und engbrüstigen Hause; dort steigt er sechs Treppen hoch und tritt in eine muffige Stube, in welcher ein alter Tisch, ein wackliger Stuhl und eine Kiste mit einem Vorhängeschloß stehen und in einem Winkel ein Bündel Stroh mit einer alten Decke liegt. Er zieht seine Kleider aus und zieht langsam und sorgfältig die neuen Kleider Seiner Hoheit an; dann packt er mit befriedigtem Gesichtsausdruck seine Kleider in die Kiste zu seiner schmutzigen Wäsche, legt das Vorhängeschloß wieder vor, schließt ab und geht die Treppe hinunter auf den Korso. Er geht bei dem Laden eines Hutmachers vorbei und bleibt vor dem Fenster stehen. Der Hutmacher kommt herausgeschossen, ergreift ihn am Ärmel und fragt, ob Exzellenz nicht einen neuen Hut befehlen, denn er sieht wohl, daß der Hut, den Exzellenz tragen, nicht mehr geht; vielleicht kann man ihn noch einmal auffärben lassen; aber dazu würde er auch nicht raten, denn der Filz ist grob und die Form ist unmodisch, und man hat dann doch immer eine Ware zweiter Sorte, der Kenner legt seinen alten Hut ab und kauft sich einfach einen neuen; wenn man gut angezogen sein will, so kommt man auf die Weise am besten und schließlich auch am billigsten fort, denn der Schwitzrand erscheint ja nach ein paar Wochen doch wieder, und wenn das Auffärben noch so gut gemacht ist. Hier hat er nun unseren Filelfo schon längst in seinen Laden gezogen und ihm einen Stuhl hingesetzt und führt ihm Hüte vor, die er auf den gespreizten Fingern der linken Hand hält, indem er sie mit der rechten herumdreht, damit Filelfo sie von allen Seiten betrachten kann. Das sind aber schöne modische Hüte aus steifem Filz mit schmaler Krempe und weiche Hüte mit breitem Rand, mit Federn, mit Agraffen, mit Medaillen, mit Bändern, mit Schleifen; Hüte aus Biber, aus Hase, aus Kanin; glatte Hüte und Hüte, die wie aus Pelzwerk aussehen. Aus Schubladen, aus Kisten, aus Schachteln, aus Auszügen kommen die Hüte hervor; sie häufen sich auf dem Tresen, einer wird in den anderen gesteckt; dieser wird geprobt, und Filelfo wird vor den Spiegel geführt, jener wird verächtlich zur Seite geschoben. Filelfo findet in der Tat einen Hut, der zu dem kostbaren, schwarzsamtenen Anzug mit Spitzen steht; einen weichen, schwarzen Biberhut mit weißer Straußenfeder. Der Hutmacher rät ihm, ihn gleich auf dem Kopf zu behalten; er wird den alten Hut durch seinen Laufburschen zum Palazzo Seiner Exzellenz bringen lassen. Filelfo ist einverstanden, und indem er geht, unter den Bücklingen des Hutmachers, bestimmt er, daß der alte Hut in den Palazzo Seiner Exzellenz des Neffen des Heiligen Vaters geschickt werden soll. Auch seine schwarzseidene Strumpfe und Lackschuhe mit silbernen Schnallen erhält Filelfo von entgegenkommenden Geschäftsleuten auf die Weise, wie er den Hut erhalten hat. Vor dem Palazzo Seiner Hoheit des Neffen des Heiligen Vaters steht ein schöner Reisewagen, der bis oben bepackt ist. Der Kutscher sitzt auf dem Bock und hält seine Peitsche unbeweglich in der Luft, die Pferde stehen ruhig, eines reibt sich die Nase am rechten Vorderbein und klingelt dabei mit den Schellen. Filelfo bleibt stehen und betrachtet den Wagen; ein Herr in schwarzem Anzug tritt zu ihm, fragt, ob Hoheit die Abfahrt befehlen und öffnet den Schlag, Filelfo setzt sich, der Herr in schwarzem Anzug steigt zu dem Kutscher, und nun rasselt der Wagen eilig los, biegt um die Ecke und fährt ohne Aufenthalt durch die Stadt, aus dem Tor, wo die Wache ihr Gewehr präsentiert, die Landstraße entlang, bis zum Abend. Am Abend hält der Wagen in einer kleinen Stadt vor einem Gasthof, der Herr im schwarzen Anzug öffnet den Schlag und hilft Filelfo beim Aussteigen; dann führt er ihn in die schön hergerichteten Zimmer, fragt nach den Befehlen, versichert, daß das Essen sogleich kommen werde, und entfernt sich. Das Essen wird von einem hübschen Mädchen gebracht, das ganz rot ist vor Stolz über die Ehre und gern etwas erzählen möchte, wenn es die Ehrfurcht zuließe; Filelfo ißt, es wird abgedeckt, und er steigt mit heiterem Gemüt in ein hochgetürmtes und sauberes Bett. Und so geht es nun Tag für Tag, bis Filelfo in Neapel ist, wo er im Palast des Bischofs aussteigt. Man muß aber wissen, daß der Bischof von Neapel ein Mann ist, von welchem dem Heiligen Vater berichtet wird, daß er große Ausgaben macht und die Einkünfte seines Bistums in Unordnung bringt. Der Heilige Vater hat deshalb beschlossen, ihm seinen Neffen zu schicken, der ihn vermahnen soll und ihm drohen, daß er einen Koadjutor bekommen wird, wenn er sich nicht ändert. Der Neffe des Heiligen Vaters aber hat einen ganz bestimmten Grund, weshalb er gerade jetzt in Rom bleiben möchte; wir können über diesen Grund nichts weiter sagen, als daß eine sehr schöne Dame im Spiel ist. Mit dem Heiligen Vater ist jedoch nicht zu spaßen, und so hat Seine Hoheit nicht gewagt zu widersprechen. Der Wagen steht also vor der Tür, die Bedienten Seiner Hoheit haben alle Sachen eingepackt, die er auf der Reise braucht; aber wie Seine Hoheit in den Wagen steigen soll, da geht er in eine Nebenstraße, die bei seinem Palazzo in die Hauptstraße mündet, und verschwindet. Die Leute wissen nicht, wo er ist und suchen ihn im ganzen Palazzo. In diesem Augenblick steht mit einem Male Filelfo vor dem Palazzo. Der Kutscher mit den Pferden gehört zur Post, der Kurier ist ein Neapolitaner, und beide kennen die Hoheit nicht; sie denken, Filelfo ist der Neffe Seiner Heiligkeit und fahren mit ihm ab. So waren die Dinge in Rom vor sich gegangen. Und während nun Filelfo nach Neapel fährt und in Neapel beim Bischof bleibt, hat Seine Hoheit Zeit genug, sich in Rom unbemerkt an einem Ort aufzuhalten, der ihm sehr schön vorkommt. Zuweilen denkt er wohl, daß einmal eine schreckliche Enthüllung geschehen wird, aber er sagt sich, daß die Enthüllung nicht schöner ausfallen wird, wenn er gleich nach ein paar Tagen in seinen Palazzo wiederkehrt, und so läßt er denn bis auf weiteres alles auf sich beruhen. Filelfo wird von dem Bischof empfangen, der ein fröhlicher Mann ist, niemandem Böses zufügt und gern einen guten Wein trinkt und dabei etwas Schönes ißt. Der Bischof hat ein etwas unruhiges Gewissen, wie man sich wohl denken kann, und hält es zunächst für das beste, wenn er einige allgemeine fromme Bemerkungen macht. Filelfo antwortet entsprechend, denn das dicke Buch, in welchem er am Feierabend liest, enthält lauter Leichenpredigten, und so entwickelt sich denn bald ein angeregtes Gespräch. Der Bischof, welcher sich gewöhnlich in weltlicher Gesellschaft befindet, fühlt sich immer unsicherer; Filelfo aber spricht immer glücklicher und heiterer, denn die Schneidergesellen haben ihn stets ausgelacht, wenn er ihnen etwas von seinen Gedanken zum besten gab, und nun darf er lange und viel sprechen, und er sieht, daß seine Worte Eindruck machen. Und so spricht er denn über das Gewissen, über die Seelenruhe des wahrhaft Frommen, über seinen Schlaf, über sein Ende und über das Jüngste Gericht. Dem Bischof bricht der Angstschweiß aus, so eindringlich spricht Filelfo. Er hat nicht viel studiert, seine Feinde behaupten, er kann noch nicht einmal Latein, und er verdankt seine Stellung eigentlich mehr seinen Familienbeziehungen als seinen Fähigkeiten und Gaben. Er hat aber eine sehr hohe Achtung vor den Gelehrten. Er findet, daß sie meistens tugendhaft sind und sehr sparsam leben. Er selber gibt viel Geld aus und macht sich darüber Vorwürfe; aber er weiß nicht, wie er es ändern soll, und denkt, wenn er ein Gelehrter wäre, so wüßte er es. In dem dicken Buche Filelfos steht eine Predigt über den Tod eines Mannes, der immer köstlich aß und trank, sich in teure Stoffe kleidete und in einer Sänfte tragen ließ. Sie hat auf Filelfo stets einen sehr großen Eindruck gemacht, und er hat sie so oft gelesen, daß er sie auswendig kennt. Wie er mit dem Bischof an der Tafel sitzt, führt ihn das Gespräch in diese Predigt hinein, und er beginnt sie dem Bischof vorzutragen. Der Koch hat einen großen Hecht zubereitet, dem alle Gräten herausgenommen sind und der dann wieder so in Ordnung gebracht ist, daß er aussieht, als ob man ihn nicht angerührt hat, seit er aus dem Wasser gezogen ist. Das ist ein Meisterstück seiner Kunst, er erwartet, daß man ihn loben wird, und deshalb hat er sich nicht nehmen lassen, den Hecht selber zu bringen. Er hat frische Wäsche angezogen und hält den Asch auf der silbernen Schüssel gerade vor sich hin. Eben wie er eintritt, redet Filelfo und erhebt dabei den Dinger mahnend und sagt: »Hütet Euch vor aller Unzucht, Vollsaufen, böser Gesellschaft; leichtfertige Leute verraten ihre leichtfertigen Herzen im Trunk und mit Fressen und mit üppiger Kleidung. Gewöhnt Euch beizeiten zu nützlicher Arbeit, denn Müßiggang ist aller Laster Anfang. Eine fleißige Hand wird mit Ehren reich, wenn sie an einem gottseligen Herzen steht. Haltet das Eurige zu Rat, denn wer da hält, was er hat, der findet, wenn er es braucht. Wo Ihr zu Dienst kommt, seid treu, gehorsam, willig, wahrhaftig und verschwiegen, Gott hilft treuen Dienern fort, und Treue geht durch alle Lande und geht hernieder, Untreue aber trifft ihren eigenen Herrn.« Der Koch wird blaß und läßt die Schüssel fallen; Filelfo sieht ihn strafend an. Der Bischof blickt mit sehr bekümmertem Gesicht auf seinen Teller; er wendet noch nicht einmal den Kopf nach dem Geräusch der fallenden Schüssel. Die Menschen von heute glauben ja nicht mehr an die Macht des Wortes. Aber in früheren Zeiten war das Wort eine Macht. Der Bischof ruft seinen Sekretär und läßt ihn einen zerknirschten Brief an den Heiligen Vater schreiben, er bittet selber, daß ihm ein Koadjutor beigegeben wird. Filelfo fährt wieder zurück nach Rom. Der Wagen hält vor dem Palazzo Seiner Hoheit, Filelfo steigt aus und geht in den Palazzo. Er geht die Treppe hoch, die Diener kommen an ihm vorbei, sehen ihn verwundert an, aber es wagt ihn keiner zu fragen, was er will. Der Haushofmeister kommt und verbeugt sich tief vor ihm. Filelfo fragt, ob Seine Hoheit zu sprechen ist. Der Haushofmeister antwortet, daß Seine Hoheit nach Neapel gereist ist. »So, so«, erwidert Filelfo und geht. Er geht zu seinem Haus und kommt in seine Stube; dort schließt er die Kiste auf und holt seine Kleider vor, die bei der schmutzigen Wäsche liegen; dann zieht er sich um. Den Anzug Seiner Hoheit schlägt er sorgfältig in das reine Tischtuch, fügt den Hut, die Strümpfe und Schuhe bei und trägt alles zum Palazzo Seiner Hoheit. Der Haushofmeister empfängt ihn, und er sagt von seinem Meister, er bringe den Anzug und er solle Empfehlungen bestellen. Wenn etwas befohlen werde, so komme der Meister angeflitzt, er dränge sich nicht auf und laufe seinen Kunden nicht das Haus ein. Er habe ein gutes Maßgeschäft und keinen Laden. Er bediene reell und pünktlich. Er verstehe sich nicht bloß auf die italienische Arbeit, er verstehe sich auch auf die spanische und französische Arbeit, Seine Hoheit könne sich auf ihn verlassen wie auf sich selber. Dann packt er Anzug, Hut, Stiefel und Strümpfe aus, faltet das Tischtuch wieder, nimmt es unter den Arm, macht eine Verbeugung und geht. Der Meister fragt ihn, wo er so lange Tage gewesen ist; er schweigt, gibt der Meisterin das Tuch und setzt sich auf seinen Tisch. Die andern Gesellen fragen, stellen Vermutungen auf, die von einer Liebschaft mit einem Stubenmädchen einer verreisten Herrschaft bis zu einer Gefängnisstrafe wegen unbefugten Predigens gehen; er schweigt, Und so ist in der Werkstätte denn alles wieder im gewohnten Gang. Seine Hoheit kommt wieder in den Palazzo, etwas abgemagert und blaß, Seine Heiligkeit befiehlt ihn zu sich und umarmt ihn; Seine Heiligkeit hätte nie gedacht, daß er solche Gaben besitze, der Bischof von Neapel ist ein ganz anderer Mensch geworden und spricht immer nur mit der größten Verehrung von Seiner Hoheit, dem er die Wandlung in seinem Innern verdankt, dessen Einfluß man es zuschreiben muß, daß er nun ein echt apostolisches Leben führt. Das Festmahl Der Kaufmann Mosca hat einen jungen Mann in seinem Laden namens Pietro. Pietro ist in der ganzen Gegend bei den Frauen beliebt, denn er ist galant und liebenswürdig. Mit den jungen Mädchen macht er Scherze, die alle auf den Punkt gehen, der nun einmal für die jungen Mädchen der interessanteste ist, die Mütter fragt er nach den Kindern, die Großmütter nach den Enkeln, die alten Jungfern nach ihren Katzen, und den Witwen spricht er vom Lotto. Er hat sehr große und rote Hände, dafür ist er junger Mann in einem Gemischtwarenladen, aber das ist ein kleiner Schönheitsfehler, der ihm bei seinem Publikum nichts schadet, denn die Frauen sind vernünftig und sagen sich, daß ein Bäcker Plattfüße hat, ein Schneider krumme Beine, ein Schuster mit der Schulter schiebt, ein Maurer gern frühstückt, und jeder Stand hat eben seine Last und seine Lust. Der genossenschaftliche Verband der Spitzbuben von Rom besitzt aus einem größeren Einbruch einige Kisten mit feinem Porzellan und Glas, die er noch nicht hat verschärfen können, und da das eine gute Gelegenheit ist, die so bald nicht wieder vorkommt, so beschließt Colomba, dem Verband ein Abendessen zu geben. Sie zieht ein schwarzseidenes Kleid an, das einfach, aber vornehm ist, und kann so ganz gut eine Marchesa vorstellen. Dann geht sie in das feinste Wagenleihgeschäft und sucht sich einen schönen Wagen mit Pferden, einen Kutscher und einen Lakaien in Livree aus, bezahlt vorher und fährt los und hält vor dem Hause eines würdigen Priesters; der Priester wohnt in einem stolzen Palazzo, denn er ist zugleich Hausgeistlicher bei einer vornehmen Familie. Sie steigt die Treppe hoch, die Haushälterin wischt sich eilig die Hände an der Schürze ab und reißt die Tür auf, der gute Priester springt von seinem Schreibtisch hoch, an welchem er eben saß, um eine Predigt über die Mode der falschen Zöpfe bei den Damen zu schreiben, er nimmt rasch sein Käppchen ab, verbeugt sich; Colomba rauscht herein, nickt ihm graziös, aber tugendhaft zu und setzt sich dann auf den Stuhl, den die Haushälterin ihr schnell hingeschoben. Der gute Priester sitzt ihr gegenüber, die Haushälterin steht an der Tür und hat die Hände über den Bauch geschlagen. Colomba beginnt stockend. Sie bittet um die Hilfe des Priesters. Er soll ihrem Patenkind ins Gewissen reden. Es ist Pietro, über den sie zu klagen hat. Sie ist ja eine Marchesa, der gute Priester erhebt sich und macht eine Verbeugung, und die vornehmen Leute bekümmern sich ja eigentlich nicht um das niedrige Volk, der Priester nickt zustimmend, und Pietro ist ein junger Mann aus einem Geschäft, aber Pietro ist nun einmal ihr Patenkind, und sie ist eine Christin, der Priester macht eine bejahende Handbewegung, auch die Haushälterin nickt, und weil Pietro ihr Patenkind ist, so kann sie seine Leichtfertigkeit nicht mit ansehen, der Priester sagt Hm! und fährt sich über sein stoppeliges Kinn, denn Pietro hat Umgang mit leichtfertigen Weibspersonen, bei seiner Jugend! Und sogar mit verheirateten Frauen! Der Priester sagt Oh, Oh!, die Haushälterin ist ganz entsetzt. Ja, dieser ungeratene Bengel hat sich sogar erfrecht, ihr, der Marchesa, seiner Patin, Liebesanträge zu machen! Der Priester versteht diese Welt nicht mehr, die Haushälterin auch nicht. Aber die Marchesa wird den Bengel bringen; sie fährt fort und holt ihn. Damit erhebt sie sich, und der Priester erhebt sich auch, sie bückt sich über seine Hand, und er macht die Bewegung des Segnens, sie verabschiedet sich von der Haushälterin, die einen tiefen Knicks macht, dann geht sie die Treppen wieder hinunter, der Lakei öffnet den Schlag mit abgenommenem Hut, sie setzt sich in den Wagen, der Lakai wirft den Schlag zu und setzt seinen Hut auf, und dann geht die Fahrt zum Kaufmann Mosca. Also Mosca hat eigentlich eine Gemischtwarenhandlung. Aber ein Kaufmann muß gewandt sein heutzutage und die Konjunktur ausnutzen. Er hat auch eine Abteilung für Delikatessen eingerichtet und hat mit einigen der größten Firmen Roms Kontrakte abgeschlossen, so daß er ganze Diners liefern kann. Colomba hatte ein Diner für vierzig Personen bestellt, Mosca hat alles auf die Minute fertiggemacht, es ist alles in Schüsseln verpackt und mit Tüchern umwunden, eben ist der Tafelwagen beladen, den der Fleischer geborgt hat, Mosca spannt gerade das Pferd des Milchkutschers vor, Pietro will sich auf den Sitz schwingen, da erscheint die Marchesa und erklärt, sie werde nie dulden, daß ein junger Kaufmann auf dem Bock sitze, der Kaufmann sei der Mann des Jahrhunderts und verursache den Fortschritt; sie winkt, und der Lakai klettert auf den Bock des Tafelwagens. Mosca macht ein etwas betretenes Gesicht, denn er kennt eigentlich die Marchesa gar nicht und weiß noch nicht einmal, wo sie wohnt, und er hatte gedacht, daß Pietro deswegen fahren solle, um in ihrem Palazzo gleich das Geld in Empfang zu nehmen, wenn die Schüsseln ausgepackt sind. Die quittierte Rechnung hat er ihm mitgegeben und hat ihm eingeschärft: »Entweder das Geld, oder die Ware zurück. Ich gebe Kredit, aber nur, wo ich den Kunden genau kenne.« Aber mit liebenswürdigem Lächeln verscheucht die Marchesa seine Besorgnis, indem sie erklärt, daß der junge Herr natürlich bei ihr im Wagen fahren werde. Pietro faßt sich ein Herz, öffnet den Schlag und steigt ein; die Marchesa nimmt ihr Kleid zusammen und läßt ihn neben sich Platz nehmen, dann ruft sie dem Kutscher die Adresse des großen Palazzo zu, in welchem der würdige Priester seine bescheidenen Stübchen inne hat, der Wagen rollt davon, der Tafelwagen folgt, sie nickt Mosca noch einmal aus dem Fenster zu, Mosca antwortet mit vielen Bücklingen, indem er im stillen seinen Gewinn berechnet, und dann wendet sie sich zu Pietro. Pietro wird es schwül. Sie fragt ihn, ob er liebt, droht ihm lächelnd mit dem Finger, gibt ihm ohne Grund einen leichten Klapps auf seine Hände, die ihm selber plötzlich ungeheuer groß und rot vorkommen, und ihm bricht der Angstschweiß aus. Wenn er nach seinen Erfahrungen gehen soll, so erwartet die Marchesa ... nun, sie erwartet, daß sie einen Grund bekommt, ihn für ungezogen zu erklären, aber es ist ihm doch nicht klar, ob die Erfahrungen auch für eine Marchesa gelten. Jetzt macht sich die Marchesa an seiner Halsbinde zu schaffen und erklärt, daß der Knoten nicht richtig gebunden ist. Ach was, denkt er, was kann denn sein! faßt sie und küßt sie tüchtig ab. Aber plötzlich fühlt er sich zurückgestoßen; ein Ausruf: »Impertinenter Ladenschwung!« klingt an seine Ohren, er denkt: Na ja, ich hab es mir ja gedacht, und drückt sich in die Ecke, »Mein Hausgeistlicher besorgt meine Geschäfte, er wird Ihnen Ihr Geld auszahlen, aber ich werde ihm sagen, daß er vorher mit Ihnen über Ihr Benehmen spricht«, fügt die Marchesa hinzu. Da hält auch der Wagen schon vor dem Palazzo, der Lakai ist von dem anderen Wagen herabgesprungen und öffnet die Tür, sie steigt aus und herrscht Pietro an, er solle ihr folgen, und dann geht sie mit ihm die Treppe hinauf und öffnet das Zimmer des Priesters. »Hier ist der junge Mann aus dem Geschäft«, ruft sie, indem sie den bekümmerten Pietro, der seine Mütze dreht, vor sich in das Zimmer schiebt. » Aber denken sich Hochwürden, der freche Mensch hat mich eben küssen wollen, in meinem eigenen Wagen!« Pietro schluckt und sagt gar nichts. Die Haushälterin schlägt die Hände über sich zusammen, der Priester sieht ihn starr an und schüttelt langsam den Kopf, die Marchesa geht und zieht die Stubentür hinter sich zu. Sie setzt sich unten in ihren Wagen und fährt zum Gesellschaftshaus des Verbandes, der Tafelwagen folgt ihr; wie sie angekommen ist, entläßt sie Kutscher und Lakaien mit einem guten Trinkgeld; Kutscher und Lakai wünschen allen Segen des Himmels auf ihr Haupt und fahren ab, und die Gauner ziehen den Wagen in die Einfahrt, bringen das Pferd in ihren Stall, wo sie ihm die Haare färben werden, um es gleich zu verkaufen, und tragen die eingewickelten Speisen und die Weinkörbe in den Festsaal, wo sich denn bald eine schöne und erhebende Feier entwickelt. Der gute Priester ermahnt inzwischen den zerknirschten Pietro. Er weist ihn auf das sechste Gebot hin, er spricht davon, daß die Sünde der Unkeuschheit Leib und Seele verdirbt, er beweist ihm, daß eine Patin einer Mutter gleich steht, und daß er das schrecklichste Verbrechen gestreift hat, das es geben kann, nur gestreift durch die unergründliche Gnade Gottes. Manches von der Ermahnung versteht ja Pietro nicht, manches scheint ihm auch bei den heutigen Verhältnissen, wo die Menschen ja aufgeklärt sind, nicht mehr angebracht zu sein, aber in vielen Stücken muß er doch dem Priester recht geben, obwohl er sich sagt, daß der Priester vom Geschäft nichts versteht, denn ein junger Mann muß eben nun einmal entgegenkommend sein, sonst wird kein Geschäft gemacht. Nun, der ehrwürdige Herr hat lange gesprochen, endlich reicht er Pietro die Hand und sagt, der junge Mann mache ihm ja keinen verdorbenen Eindruck, er hoffe, daß er sich eine Lehre nehmen werde; Pietro drückt ihm die Hand und schneuzt sich; der würdige Priester steht vor ihm und erwartet, daß er sich empfiehlt, Pietro wartet, daß der Priester auf die Bezahlung zu sprechen kommt. Da beide schweigen, so sagt endlich die Haushälterin, Pietro werde jetzt gewiß nach Hause gehen wollen, denn es werde schon dunkel auf der Straße; nun macht Pietro eine schüchterne Anspielung auf seine Rechnung und zieht sie aus der Tasche; der Priester versteht ihn nicht, setzt die Brille auf, die Haushälterin geht in die Küche, um Licht anzuzünden, der Priester liest kopfschüttelnd von Rebhühnern, Forellen, Rehbraten, Maronen, Artischocken; zuweilen sagt er: »Ei, ei, was Menschen doch gut leben«; und wie er die Rechnung durchgelesen hat, auch die Empfangsbescheinigung am Schluß, da faltet er sie, gibt sie Pietro zurück und fragt: »Zu welchem Zweck, mein junger Freund, hast du mich diese Rechnung lesen lassen?« Pietro erklärt ihm verwundert, daß die Marchesa diese Dinge gekauft hat und daß der Priester sie bezahlen soll; der Priester ist erstaunt und versteht ihn nicht, die Haushälterin sieht ihm starr ins Gesicht, Pietro beginnt plötzlich zu begreifen, stürzt hinaus, die Treppe hinunter, auf die Straße: die Wagen sind nicht mehr da. Er eilt zurück, fragt den Priester nach Namen und Wohnung der Marchesa, der weiß nichts; ohne Gruß eilt er wieder fort, zu Mosca. »Der junge Mann hat mir doch zuletzt wieder sehr mißfallen«, sagt kopfschüttelnd der würdige Priester, indem er die Brille absetzt. Die Haushälterin löscht das Licht aus, um das Öl zu sparen; sie hat gleich gesehen, was Pietro für ein Bursche war, aber sie sagt nichts. Über den Empfang Pietros bei Mosca wollen wir schweigen. Der Silberschatz Der Schneidermeister Benedetto findet, daß man heutzutage nicht mehr mit der bloßen Routine allein fortkommen kann. Die moderne Zeit will Kopf. Existenzen gehen zugrunde. Aber es ist kein Unglück, wenn sie zugrunde gehen, denn sie haben sich nicht anpassen können, und die Natur verlangt Anpassung; Anpassung auf Grund selbständigen Denkens, sorgfältiger Prüfung und festen, unerschütterlichen Entschlusses. Lange Rübe wird mit Benedetto bekannt, er wird mit ihm befreundet. Nun, zwischen zwei Freunden gibt ein Wort das andere, und so erzählt denn Lange Rübe eine Geschichte aus seiner Vergangenheit. Es ist lange her, daß die Geschichte vorgefallen ist, und eigentlich würde er sie auch niemandem erzählen, aber Benedetto ist nun einmal so ein Mensch, zu dem man Vertrauen hat, denn zu wem hat man Vertrauen? Zu dem Mann, der Vertrauen einflößt. Und Benedetto flößt Vertrauen ein. Das menschliche Leben verbindet und trennt. Wo sind die Freunde unserer Jugend? In fremde Länder verschlagen, untergegangen, gestorben! Also Lange Rübe kennt eine alte Prinzessin, die in ihrem großen Palazzo allein wohnt, weil sie ihren Leuten immer nur gelbe Erbsen gibt, nur in Wasser gekocht und ohne Schmelze, was sich die Leute auf die Dauer natürlich nicht gefallen lassen. Sie sitzt stets in der Küche, weil sie sich sagt, daß man die Herdfeuerung so auch zugleich als Heizung verwendet, und trägt einen dicken Mantel, der mit Federn ausgestopft ist. Außerdem ist sie schwerhörig, und das Silber steht in zwei Schränken im großen Saal, der auf der anderen Seite des Palazzo liegt. Lange Rübe verabredet sich mit seinen Freunden; sie machten Aufsehen damals, man sprach monatelang von ihnen in ganz Rom. Nämlich sie haben einen Schlüssel, sie schließen einfach das Tor auf, am hellen Tage, gehen in den Palazzo, lassen die alte Prinzessin in ihrer Küche links liegen, öffnen den großen Saal, packen das Silber in Wäschekörbe, die sie mitgebracht haben, und verlassen kaltblütig das Haus, indem sie sorgfältig wieder hinter sich zuschließen. Die Leute, welche vorübergehen, denken, daß sie bestellt sind, und wundern sich nicht; die Prinzessin kommt am nächsten Sonnabend in den Saal, sie putzte nämlich immer Sonnabends ihr Silber mit Kreide und Spucke, sie findet die Schränke leer, kriegt einen Schlag und stirbt; die Erben vermissen das Silber, denken zuerst, daß die alte Dame einen Liebhaber gehabt hat, aber wie sich alles herumspricht, kommt der wahre Sachverhalt heraus; natürlich ungeheure Bewunderung. Lange Rübe hatte mit seinen Freunden das Silber vorläufig vor die Tore gebracht und hat es vergraben. Er hat es in der Campagna vergraben. Der Ort ist genau bezeichnet. Und das Silber liegt noch heute, nach zehn Jahren, unberührt an seiner Stelle. Wo sind die Freunde geblieben? Lange Rübe weint ihnen eine Träne nach. Benedetto hat für die Freunde wenig Interesse, aber der Gedanke an das vergrabene Silber beschäftigt ihn sehr. Er erkundigt sich, ob es auch niemand hat in der Zwischenzeit entdecken können, ob Lange Rübe öfter nachgesehen hat, er fragt, ob es sehr schwer zu holen sein würde, er überlegt sich, daß die Freunde, wenn der eine oder andere von ihnen noch leben sollte, doch längst verzichtet haben werden. Lange Rübe trocknet sich die Augen und antwortet mit Nicken oder Schütteln oder durch ein abgebrochenes Wort auf Benedettos ungestüme Fragen. Kurz und gut: Es stellt sich heraus, wenn nun zwei Mann das Silber heben wollen, so müssen sie ein Pferd mit einem Wagen haben; damit den Zollwächtern am Tor nichts auffällt, müssen sie sich als Mörtelkutscher verkleiden und müssen, wenn sie zurückfahren, über das Silber in dem Wagen Mörtel schütten. Pferd und Wagen aber kann man nicht borgen, weil man da immer den Fuhrknecht mitnimmt und es auffallen würde, wenn man das ablehnte; man muß sie kaufen. Das Geschick hatte sich Lange Rübe stets feindlich erwiesen, er hatte nie das Geld gehabt, um die kleine Auslage machen zu können; Benedetto aber betrachtet das Geld für Pferd und Wagen als eine sichere Kapitalsanlage; Lange Rübe verspricht ihm schriftlich auf einem Stempelbogen die Hälfte des Silberschatzes; Benedetto zahlt dem Freunde vierhundert Skudi in bar aus, besorgt sich einen neuen Mörtelkutscheranzug und erwartet die Nachricht, wann er mit ihm in die Campagna hinausfahren soll. Er bekommt aber keine solche Nachricht. Er sucht Lange Rübe auf, um ihn zu befragen. Lange Rübe ist nie zu Hause; er hinterläßt Zettel in seiner Wohnung, daß er ihn an dem und dem Ort treffen solle; Lange Rübe verfehlt ihn oder ist verhindert oder erscheint nicht und macht überhaupt keine Entschuldigung. Benedetto muß sich schwer ärgern über diese Unzuverlässigkeit, und wenn er nicht sein bares Geld in das Geschäft hineingesteckt hätte, dann ließe er Lange Rübe mit seinem Silberschatz schießen. Aber so geht das natürlich nicht. So verfließt nun die Zeit, Benedetto macht immer weniger Versuche, Lange Rübe zu sprechen, und Lange Rübe beginnt schon, die ganze Geschichte zu vergessen. Aber da geschieht es, daß Benedetto auf den Gedanken kommt. Lange Rübe könne ein Hochstapler sein, den Silberschatz in der Campagna gebe es überhaupt nicht, und Lange Rübe habe die vierhundert Skudi einfach für sich selbst verbraucht. Je mehr Benedetto nachdenkt, desto wahrscheinlicher wird ihm diese Annahme, denn er sagt sich, daß ein Mensch, welcher den Silberschatz im Hause einer Prinzessin stiehlt, auch nicht erröten werde, wenn er seinen Freund um vierhundert Skudi betrügen könne; und so geht er denn zu dem Richter Matta und erzählt dem alles. Der Richter Matta sagt ihm väterlich, er müsse wohl sehr dumm sein, wenn er auf so einen uralten Schwindel hineinfalle, wie der vergrabene Silberschatz sei, der ihm, Matta, gewiß zweimal jährlich vorkomme; Benedetto, der bis nun immer noch einen letzten Rest von Hoffnung hatte. Lange Rübe sei nur bummelig und werde doch noch das Pferd und den Karren kaufen, wird zu Tränen bewegt und gerät in eine heftige Erbitterung gegen Lange Rübe, der so schändlich die Freundschaft verraten hat; Matta erläßt einen Verhaftsbefehl und tröstet ihn, indem er ihm sagt, sein Geld werde er nie wieder zu sehen kriegen. Lange Rübe hat gerade nichts auf dem Kerbholz, und gegen Benedetto ist er sich keiner Schuld bewußt; so kommt es, daß der Polizeihauptmann Tromba ihn ohne Schwierigkeiten verhaften kann. Er verhaftet ihn ungern, denn Lange Rübe hat ihm manche Gefälligkeit erwiesen, aber seine Pflicht muß man tun. Lange Rübe erklärt zunächst, wenn Benedetto eine solche Gemeinheit begangen habe, einen Freund anzuzeigen, der das Letzte mit ihm geteilt habe, dann müsse er, so ungern er es tue, doch den Richter darauf aufmerksam machen, daß auch Benedetto angeklagt werden müsse; der Silberschatz sei gestohlen, und Benedetto habe, indem er durch Zahlung der vierhundert Skudi einen Anspruch auf die Hälfte des Schatzes erworben, als Hehler gehandelt. Matta schüttelt den Kopf und sagt: »Deine Sache steht schlecht, Benedetto, sie steht sehr schlecht!« Benedetto aber hat einen klugen Rechtsanwalt bei sich, welcher erklärt, er sei ja gar nicht in den Besitz der gestohlenen Sache getreten, er habe durch die Zahlung der vierhundert Skudi nur den Versuch der Hehlerei begangen, der Versuch sei in diesem Falle aber nicht strafbar. Matta nickt und sagt: »Der reißt dich raus, das ist ein Schlauer, du kannst von Glück sagen, Benedetto.« Lange Rübe antwortet, für die Hehlerei komme es gar nicht darauf an, ob einer in den Besitz der Sache trete; der rechtliche Anspruch genüge; dieser aber sei unzweifelhaft, da der Vertrag in allen Formen auf Stempelpapier gemacht sei; Benedetto hätte diesen Anspruch ja verpfänden können, wenn er wollte, und so den unrechtmäßigen Erwerb aus seinem Verbrechen einstreichen. Matta sagt: »Es steht schlecht für dich, Benedetto; Lange Rübe hat recht.« Der Rechtsanwalt aber hält ihm entgegen, es habe niemand den Schatz gesehen; von einer Prinzessin, die vor zehn Jahren bestohlen sei, wisse kein Mensch etwas; der Schatz sei überhaupt erfunden; Benedetto habe also nicht einen Anspruch auf Diebesgut erworben, sondern einen Anspruch auf ein Nichts, ein Garnichts. Ein solcher Anspruch wäre ihm schwerlich von jemandem beliehen worden. Also zugegeben selbst das, daß der Erwerb des rechtlichen Anspruchs genüge, um das Verbrechen der Hehlerei festzustellen, müsse sein Freund dennoch freigesprochen werden, denn an einem Nichts kann keine Hehlerei stattfinden, wofür er eine Menge Rechtsgelehrter als Zeugen anführt. Matta schüttelt den Kopf und sagt: »Dieser Rechtsanwalt ist ein tüchtiger Mann, Benedetto ist unschuldig.« Lange Rübe schweigt. Er sagt nur: »Ich mache den Richter darauf aufmerksam, daß ich schweige, und bitte, daß das ins Protokoll aufgenommen wird.« Dann wird er abgeführt; Benedetto, von Angstschweiß triefend, und sein kluger Rechtsanwalt empfehlen sich, und Matta verhandelt eine andere Sache. Matta ist ein tüchtiger Mann. Er ist nicht wie andere, die an nichts mehr denken, wenn sie ihre Amtsstube verlassen haben; er denkt beständig an seine schwebenden Sachen. Nur wenn eine Sache entschieden ist, dann denkt er nicht mehr an sie. Am Abend kommen ihm die wunderbaren Worte von Lange Rübe ins Gedächtnis. Er bedenkt hin und her, was hinter ihnen stecken möge; endlich läßt er Lange Rübe hinaufholen in sein Studierzimmer und fragt ihn. Lange Rübe tritt einen halben Schritt vor und legt die Linke beteuernd auf die Brust. »Herr Richter,« sagt er, »angenommen, ich kann nachweisen, daß der Silberschatz wirklich in der Campagna begraben liegt, was habe ich damit erreicht? Der Narr von Benedetto ist bestraft, der nicht warten kann, bis er für seine lumpigen vierhundert Skudi das Tausendfache bekommt in silbernen Vasen, Schalen, Leuchtern, Tellern, Salzfässern, Trinkbechern, Aufsätzen, Kesseln, Kannen, Schüsseln und Tragblechen. Aber ich habe meinen Silberschatz verloren; denn wenn ich zeige, wo er liegt, dann wird er mir doch vom Gericht abgenommen.« In dem Gemüt des Richters Matta geht eine merkwürdige Wandlung vor sich. Er weiß, daß die Geschichte vom gestohlenen und vergrabenen Schatz ein uralter Spitzbubenschwindel ist, und er hat selber Benedetto ausgelacht, daß er ihn geglaubt hat; ja, er hat wohl zweimal im Jahre über diesen Schwindel zu urteilen. Aber wenn Einem gesagt wird, daß in der Nähe rund eine Million Skudi in der Erde liegen, wenn man sich denkt, daß man die Hälfte davon mit leichter Mühe haben kann, dann sieht man plötzlich die Geschichte mit anderen Augen an. Wenn nur fünfzigtausend Skudi in der Erde lägen, dann würde man seine Ansicht nicht ändern. »Viermalhunderttausend Skudi, meinst du, wären auf das Teil Benedettos gefallen?« fragt er Lange Rübe. »Mindestens so viel«, antwortet der. »Man kann das natürlich nicht so genau sagen, das Silber war von verschiedenen Legierungen, manche Stücke waren auch nicht massiv; aber ungefähr kann man doch schätzen, dafür hat man seinen Blick.« Matta geht im Zimmer auf und ab. »Weshalb hast du Benedetto immer hingehalten?« fragt er. Lange Rübe erzählt eine Geschichte von der Torwache, bei welcher er einen Feind hat, und spricht davon, daß der Feind erst abgelöst werden mußte, und die Geschichte erscheint dem Richter sehr wahrscheinlich. Lange Rübe merkt natürlich, worauf Matta hinaus will. Er tut kaltblütig und sagt, er werde Benedetto seine vierhundert Skudi zurückgeben. Im übrigen sei seine Zelle sehr kalt und zugig, er habe sich heftig erkältet und werde froh sein, wenn er erst wieder in seiner Häuslichkeit sei. Matta lächelt. »Ich bin ein alter Richter, lieber Freund«, sagt er, »mir machst du nichts vor. Die Vierhundert sind längst fort. Aber ich mache dir einen Vorschlag. Ich trete in den Vertrag Benedettos ein.« Lange Rübe küßt Matta entzückt die Hand. Matta fährt fort: »Ich zahle Benedetto morgen sein Geld aus; nach der Gerichtsstunde gehen wir zusammen in die Campagna, und du zeigst mir die Stelle. So dumm wie Benedetto bin ich nicht, daß ich dir Geld in die Hand gebe. Wenn ich mich überzeugt habe, dann kaufe ich selber Wagen und Pferd. Und nun geh und benimm dich ehrlich gegen mich, laß es das erstemal in deinem Leben sein, daß du ehrlich bist.« Lange Rübe geht. Matta zahlt Benedetto aus und bemerkt diesem, daß Lange Rübe die Summe habe schicken lassen und erkläre, er sei bis jetzt nur noch nicht dazu gekommen, den Plan auszuführen. Benedetto ist bestürzt, Matta kann eine kleine Schadenfreude nicht unterdrücken. Und nun geht er am Nachmittag mit Lange Rübe in die Campagna hinaus. Das versiegelte Kästchen Pietrino ist Mitglied des Verbandes der Gauner von Rom und Umgebung; man achtet ihn als einen tüchtigen Mann, und er hat auch schon viel mit Lange Rübe zusammengearbeitet, was etwas sagen will, denn Lange Rübe arbeitet nicht mit jedem. Aber er hat einen Fehler: es mangelt ihm die letzte Anständigkeit. Er nimmt das Geld, wo er es kriegen kann; er macht den Hehler, den Wucherer, den Geschäftsmann, wie es gerade paßt. Und das schickt sich nicht. Also Pietrino sitzt in seiner Stube am Fenster und rechnet gerade auf einem Stück alten Papiers von einem Tabakspaket sein Vermögen zusammen – denn er hat Vermögen, Pietrino – als bescheiden an seine Tür geklopft wird und ein ältliches Männchen eintritt, mit einem gramdurchfurchten Gesicht, viele Bücklinge macht und sich erkundigt, ob es die Ehre hat, mit Herrn Pietrino zu sprechen. Pietrino pustet die Luft durch die Nase und erklärt, daß er Pietrino ist und die Ehre sich ganz auf seiner Seite befindet. Das Männchen greift in die linke Überziehertasche, der Überzieher ist abgeschabt und viel zu weit für seinen dürren Körper, er ist auch zu lang, denn das Männchen tritt immer auf die vorderen Enden. Also das Männchen holt ein Kästchen hervor, das mit Bindfaden umwickelt ist. Der Bindfaden ist vielmals umgewickelt, und er knotet ihn erst auf, dann haspelt er ihn ab; der Bindfaden läßt sich auf die Erde nieder und bildet ein Häufchen; das Kästchen ist endlich frei, ein ganz gewöhnliches Kästchen aus Fichtenholz, mit einem Herzen bemalt, das von einem Pfeil durchbohrt wird, und um das Herz herum steht geschrieben: »Ich liebe dich und du liebst mich.« Das Männchen klappt den Deckel zurück, hält Pietrino den Inhalt vor das Gesicht und fragt: »Was ist das?« Also, um es kurz zu machen, in dem Kästchen befindet sich ein Armband mit großen Edelsteinen, das zehntausend Gulden wert ist. Das Armband gehört einer vornehmen Dame, einer sehr vornehmen Dame; die Dame ist so vornehm, daß man ihren Namen nicht nennen kann; aber die Dame hat Geld nötig. Sie braucht sechstausend Gulden, sie braucht sie auf der Stelle. Sie schickt zu Herrn Nathan – der Fremde macht eine weltmännische Verbeugung: das ist nämlich er selber, der Herr Nathan – und sagt: »Lieber Freund, auf Sie kann ich mich verlassen, ich verlasse mich sonst aus niemanden, ich kenne die Welt, ich habe zuviel Erfahrungen gemacht, aber auf Sie verlasse ich mich; hier ist mein Armband. Sie kennen es. Ich habe es vom Grafen ...« Hier klopft sich das Männchen auf den Mund. »Sechstausend Gulden auf der Stelle; in vier Wochen bezahle ich das Geld zurück, ich bezahle siebentausend Gulden zurück. Aber: Geheimnis. Tiefes Geheimnis. Ehrensache. Sie kennen Leute, auf die man sich verlassen kann. Ich gebe mein Armband als Pfand, aber es darf niemand sehen.« Das Männchen sieht Pietrino fragend an, dann schließt es: »Wollen Sie das Geschäft machen oder nicht?« Pietrino nimmt das Armband aus dem Kästchen. Die Edelsteine funkeln, die Edelsteine blitzen. Pietrino macht ein schlaues Gesicht, Nathan macht auch ein schlaues Gesicht. Pietrino kneift das linke Auge zu mit einem fragenden Ausdruck, Nathan kneift das rechte Auge zu mit einem verneinenden Ausdruck. Nathan ist einverstanden, daß das Armband einem Juwelenhändler gezeigt wird. Pietrino erklärt: wenn das Armband zehntausend Gulden wert ist, dann borgt er sechstausend Gulden. Er nimmt seine Mütze, Nathan klappt das Kästchen zu, wickelt den Bindfaden vorläufig wieder um das Kästchen, dann gehen beide zu dem Juwelenhändler Matteo. Matteo nimmt das Armband aus dem Kasten, hält es ins Licht, haucht die Steine an, befühlt sie mit der Hand, er nimmt einen Stahl und läßt ihn auf den Steinen hingleiten; dann schiebt er die Brille vorn auf die Nase und sagt: »Ich gebe jeden Augenblick achttausend Gulden für das Armband.« »Also ist es zwölftausend wert«, sagt sich Pietrino und dankt höflich. Nathan nimmt das Armband zurück, besieht es zärtlich, macht eine philosophische Bemerkung, indem er sagt: »Was mögen solche Steine schon erlebt haben«, lind legt es vorsichtig wieder in das Kästchen. Dann nimmt er den endlosen Bindfaden und wickelt; er wickelt über Kreuz, er knotet, er wickelt nebeneinander, er knotet wieder, er wickelt übereinander, er knotet noch einmal; endlich ist der Bindfaden alle. Dann sagt er: »Mit Verlaub« und holt eine Stange Siegellack aus der Überziehertasche. Er hält sie an die Lampe, welche auf Matteos Arbeitstisch brennt, und tropft vorsichtig Siegellack auf den Knoten; er zieht ein Petschaft aus der Überziehertasche und drückt es auf; so macht er ein Siegel, zwei Siegel, sechs Siegel. Dann steckt er das Päckchen in die linke Überziehertasche, bedankt sich gleichfalls bei Matteo, welcher seiner Tätigkeit etwas verdrießlich zugeschaut hat, und empfiehlt sich mit Pietrino. In Pietrinos Wohnung beginnt die weitere Besprechung. Pietrino hat nicht die ganze Summe flüssig, aber er hat Waren, die so gut sind wie bar Geld. Er hat fünfhundert Flaschen Haaröl; er hat einen Heuwagen, noch fast gar nicht gebraucht; er hat eine Bibliothek von unzüchtigen Büchern, für die ein Liebhaber sofort seine tausend Gulden bezahlt, sie sind in Ganzleder gebunden mit Goldschnitt, einige sind mit Bildern, sehr interessant für den Liebhaber; er hat ein ganzes geschlachtetes Schwein, wie es in den Rauch kommt; er hat ein Goldbergwerk in Brasilien; wenn man das alles mit dreitausend Gulden anrechnet, so bleiben also bar dreitausend, abzüglich des Diskonts für Barzahlung, macht zweitausendvierhundert; der Einfachheit halber zieht er auch die tausend Gulden Zinsen gleich ab, denn wozu die langen Hin- und Herrechnereien? – bleiben eintausendvierhundert. Eintausendvierhundert Gulden also. In neuen Scheinen. Denn so einer feinen Dame kann man doch nicht alte Scheine geben? In neuen Scheinen. Er berechnet nichts dafür, daß die Scheine neu sind. Nathan widerspricht kräftig. Was soll denn die Dame mit den fünfhundert Flaschen Haaröl, mit dem Goldbergwerk in Brasilien, mit dem Heuwagen, mit den unzüchtigen Büchern? Sie ist eine anständige Dame, sie ist auch eine gebildete Dame; sie liest ihr Gebetbuch, damit gut. Unzüchtige Bücher sind überhaupt kein Artikel für Damen. Pietrino hat viele Verbindungen, er kann die Sachen anderweitig loswerden, er ist erbötig, sie der Dame abzukaufen, wenn sie mit einem kleinen Verlust einverstanden ist. Er ist Geschäftsmann, der Geschäftsmann sagt sich: ich will verdienen. Das sagt sich Pietrino auch. Also nun besprechen die Beiden, wie hoch das Goldbergwerk, der Heuwagen, die unzüchtigen Bücher und das Haaröl anzusehen sind, denn das geschlachtete Schwein kann die Dame gebrauchen, es ist Eichelmast, kerniger Speck, es hat seine zwei Zentner Schlachtgewicht gehabt, es war ein Gelegenheitskauf gewesen für Pietrino, denn ein anderer kommt nicht an solche Ware, die ist nur für den Fachmann. Wir wollen es kurz machen. Das Haaröl ist in geschliffenen Flaschen, es wird mit hundert Gulden zurückgenommen. Der Heuwagen fünfundzwanzig Gulden. Die unzüchtigen Bücher zweihundertundfünfzig Gulden, das Goldbergwerk einhundertundachtzehn Gulden zehn Bajocci. Macht zusammen dreihundertundfünfzig Gulden zehn Bajocci. Nathan greift in seine rechte Überziehertasche, gibt Pietrino das verschnürte und versiegelte Kästchen und bekommt eintausendsiebenhundertunddreiundzwanzig Gulden zehn Bajocci nebst einer Anweisung an den Wasenmeister Polifilo, dem Herrn Nathan das von Pietrino gekaufte Schwein auszuhändigen. Dafür unterschreibt Nathan einen Wechsel, fällig in vier Wochen, über siebentausend Gulden. Pietrino unterschreibt eine Beurkundung, daß er ein Pfand im Werte von zehntausend Gulden erhalten hat. Nathan spritzt die Tinte aus, legt die Feder sorgfältig neben das Tintenfaß, drückt Pietrino zum Abschied die Hand und sagt anerkennend: »Ich habe schon manches Geschäft gemacht, aber das muß ich sagen, der Herr Pietrino sind ein Kaufmann, wie man ihn selten findet. Alle Achtung! Man kann lernen bei ihm!« Pietrino ist natürlich geschmeichelt, er reibt sich die Hände, macht ein betrübtes Gesicht und klagt über die schlechten Zeiten, die Verschuldung der Massen und die hohen Steuern. Natürlich verschweigt Pietrino solche Geschäfte wie das mit Nathan. Er weiß, daß sie ihm keine Ehre machen. Und weshalb soll man auch immer alles erzählen? Also er versteckt das versiegelte Kästchen in seinem Bettstroh und wartet, daß Nathan wiederkommt und Kästchen und Wechsel einlöst. Die vier Wochen sind um. Pietrino berechnet sich, falls Nathan nicht pünktlich kommt, hat er doch das Recht, das Pfand zu veräußern. Matteo will achttausend geben. Aber wozu braucht er es bei Matteo zu verkaufen! Es ist ehrlich erworben, er kann es ja auch einem andern Händler anbieten, der ihm gewiß zwölftausend geben wird. Zur Sicherheit kann man ja immer die Steine herausnehmen und allein verkaufen, denn schließlich weiß man nicht, wie es Nathan bekommen hat. Die vier Wochen sind um, und um Mitternacht ist Nathan immer noch nicht da. Pietrino braucht keine Rücksichten mehr zu nehmen, er ist reell vorgegangen und hat niemanden zu scheuen. Er wird auch weiterhin im vollsten Licht der Öffentlichkeit handeln. In der ersten Morgenfrühe bittet er Lange Rübe als Zeugen, berichtet ihm alles, zeigt ihm den Wechsel, weist ihm das Kästchen vor und macht ihn darauf aufmerksam, daß alle Siegel unverletzt sind, und dann erbricht er die Siegel. Aber in dem Kästchen liegt nicht das Armband, sondern ein Straßenstein. Lange Rübe macht eine Handbewegung mit dem Zeigefinger an die Stirn. Er hat sich so etwas gedacht, wie Pietrino ihm erzählt. Nathan ist natürlich ein Gauner; er hat ein anderes, gleiches Kästchen vorbereitet gehabt und hat die Kästchen miteinander verwechselt. Lange Rübe hat nie etwas von Nathan gehört; der Mann ist offenbar ein Kaffer; ein so alter Gauner wie Pietrino hat sich von einem Kaffern hineinlegen lassen mit einem uralten Gaunerstreich, auf den kein siebenjähriges Kind mehr hineinfällt! Pietrino rauft sich die Haare, schlägt sich mit den Fäusten an die Brust, haut sich mit der flachen Hand vor die Stirn, stiert gedankenlos ins Weite. Lange Rübe setzt sich, schlägt mit weltmännischer Ruhe die Beine übereinander und hält Pietrino eine Rede über die Unanständigkeit seines Vorgehens. Dann führt er fort, daß er ihm behilflich sein will, wieder zu seinem Gelde zu kommen. Pietrino spitzt die Ohren. Lange Rübe geht auf die Straße hinaus; die Straße ist leer, es ist ja noch ganz früh. Er hebt seinen Stock und zertrümmert das Fenster Pietrinos, stößt die noch halb im Rahmen hängenden Scheiben vollends ein und kriecht durch in das Zimmer; das Kästchen, welches mit zerschnittenem Bindfaden und abgerissenen Siegeln auf dem Tisch liegt, steckt er in die Tasche, und dann zerwühlt er das Bett, wo es versteckt war. Nachdem dies getan ist, nimmt er Pietrino unter den Arm und geht mit ihm zum Polizeihauptmann Tromba. Tromba schläft noch, seine Frau schläft noch, das Dienstmädchen ist eben aufgestanden und macht Feuer im Herd an. Mißmutig kommt Tromba in Unterhosen zu den beiden Wartenden. »Herr Hauptmann«, sagt Lange Rübe, »es ist bei Pietrino ein Einbruchsdiebstahl begangen. Pietrino hatte ein Kästchen mit einem Armband, das zehntausend Gulden wert war, in seinem Bettstroh versteckt; er geht gestern abend aus, kommt heute früh nach Hause; wie er seine Tür aufschließen will, sieht er, daß das Fenster zertrümmert ist; er tritt in seine Stube, das Bett ist zerwühlt, das Kästchen ist verschwunden.« Tromba sieht Lange Rübe mißtrauisch von der Seite an. Lange Rübe ahnt seinen Gedankengang. Er fährt fort: »Der Einbruch ist von einem Kaffern gemacht. Ein Mann, der seine Sache versteht, drückt das Fenster mit einem Pechpflaster ein. Der Verband unterhält keine Beziehungen zu solchen Leuten. Wir haben dasselbe Interesse wie die Polizei, daß solche Menschen unschädlich gemacht werden, wir werden der Polizei in jeder Hinsicht behilflich sein.« Tromba pfeift vor sich hin. Er fährt schnell in seine Hosen, seine Stiefel, er wirft sich in den Rock und gürtet den Säbel um, er nimmt seine Aktenmappe und setzt die Mütze auf und geht eilig mit den Beiden an den Ort des Verbrechens. Von dem Einbrecher ist keine Spur zu sehen. Tromba untersucht den Ort, die Häscher untersuchen, die Häscher verkleiden sich, knüpfen Bekanntschaften mit den Bäckern, Fleischern und Krämern in der Straße an, einer beginnt ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen: es ist nichts in Erfahrung zu bringen. Aber in ganz Rom wird es bekannt, daß bei Pietrino eingebrochen ist und daß man ihm ein Armband gestohlen hat, welches zehntausend Gulden wert war. Wie es Dämmerung wird, kommt Nathan, Er kommt etwas ängstlich und schüchtern, denn er weiß, er hätte den Wechsel eigentlich schon gestern einlösen müssen; aber die Dame hatte das Geld gestern noch nicht, sie hat es erst heute bekommen; nun, er sagt sich, drei Tage lang muß ja der Pfandleiher das Pfand noch aufheben, und Pietrino wird das ja auch wissen, nicht wahr? Also, er bringt das Geld, und nun bittet er freundlich, daß ihm Pietrino sein Armband wiedergibt. Lange Rübe war hinter den Vorhang getreten, der Pietrinos Kleider verbirgt. Nun kommt er vor, schließt die Tür ab und steckt den Schlüssel zu sich; dann zieht er das Kästchen aus der Tasche und reicht es kaltblütig hin. Er gesteht ein, daß es geöffnet ist; Pietrino hat es vor Zeugen geöffnet, das war sein gutes Recht, denn das Pfand ist ja eigentlich verfallen. Der Inhalt schien ihm wohl nicht ganz dem Armband zu gleichen, das Nathan hineingelegt hatte, aber die Erinnerung kann ja trügen; und jedenfalls ist ja Nathan nun da und wird es einlösen. Auf Nathans Lippen tritt ein irres Lächeln. Er sieht nach der Tür, sie ist verschlossen; er sieht nach dem zertrümmerten Fenster, Pietrino steht davor, und Pietrino war früher Hausschlächter, er ist ein kräftiger Mann. Er greift in die Tasche des Überziehers, holt ein buntes, großkariertes Taschentuch hervor und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Ein peinliches Schweigen lastet auf der Gesellschaft. Pietrino kehrt sich um, klimpert auf einem Glassplitter, der im Rahmen sitzengeblieben ist, und trällert dazu: Töm, Töm Töm, Töm, Trallallallala. Lange Rübe räuspert sich, zieht einen Stuhl herbei und setzt sich, indem er die Beine weit ausstreckt und fortwährend Nathan im Auge behält. Nathan zieht das großkarierte Taschentuch noch einmal und schneuzt sich. »Meine Herren!« sagt er endlich, »wir sind unter uns. Die Herren haben hier schon zuviel von den falschen Scheinen ausgegeben. In Rom werden sie nicht mehr angenommen. Ich habe sie mit einem Geschäftsfreund verrechnet, der nach Neapel gereist ist; er hat mir fünfzig Gulden dafür gezahlt. Ich will den Herren die fünfzig Gulden geben.« Er greift in die Überziehertasche und zieht ein schmieriges Paket heraus, das er aufwickelt. »Gut. Fünfzig Gulden. Nehme ich an«, sagt Pietrino. »Und das Schwein?« »Das Schwein!« ruft Nathan und erhebt beschwörend die Hände. »So wahr ich hier stehe, der Schlag soll mich rühren, wenn ich nicht die lautere Wahrheit sage, das Schwein hat schon gerochen.« »Na und?« fragt Pietrino. »Ich werde doch nicht gesundes Schweinefleisch angeben für einen Kasten mit einem Straßenstein!« Nathan windet sich und krümmt sich, er beteuert, daß das Schwein ungenießbar gewesen ist, daß noch nicht einmal die Wursthändler an den Straßenecken das Fleisch nehmen wollen, denn warum? Sie verderben sich das Geschäft; er zählt alle anderen Leute auf, die es nicht gekauft haben, er vergißt nur den Mann zu nennen, an den er es schließlich doch losgeworden ist. Lange Rübe erhebt sich. Dieses Handeln um ein paar Gulden ekelt ihn an. Er fragt Nathan: »Willst du drei Gulden geben für das Schwein?« Nathan zuckt unruhig hin und her. »Willst du?« ruft lauter Lange Rübe. Nathan sagt hastig: »Ja!« Nun fragt Lange Rübe Pietrino, ob er einverstanden ist. Pietrino ist einverstanden. Also Nathan zählt nun dreiundfünfzig Gulden zusammen; einige Male versucht er, falsche Scheine mit unterzuschmuggeln, aber Pietrino stößt unerbittlich jeden falschen Schein zurück. Endlich sind die Beiden mit Zählen fertig. Lange Rübe schließt die Tür wieder auf. Und wie sie sich trennen, sagt Nathan noch zu Pietrino: »Wenn der Herr wieder einmal ein billiges Schwein haben sollte, ich bin immer Abnehmer für preiswerte Ware.« Der Hecht Der Herr Stadtrichter Matta hat über eine Anzahl Spitzbuben abzuurteilen. Es war ein Auflauf gewesen, bei dem mehrere Geldbeutel abgeschnitten wurden. Die Polizei hat verschiedene Leute verhaftet, von denen sie glaubt, daß sie bei dieser Gelegenheit tätig waren. Matta sitzt auf seinem Richterstuhl vor seinem breiten Tisch, zur linken Seite sitzt ihm sein Schreiber und schreibt nach; er läßt die einzelnen Angeklagten vortreten, befragt sie, hört ihre Antworten, befragt die Zeugen, bildet sich sein Urteil und teilt dem Spitzbuben mit, zu wieviel Jahren er verurteilt ist. Das Verfahren erscheint uns vielleicht etwas oberflächlich; aber ländlich, sittlich, das Gericht ist überlastet, die Polizei faßt überhaupt keine Spitzbuben, die nicht unbedingt zu der denkbar höchsten Strafe verurteilt werden müßten, wenn nicht für diese, dann für andere Taten, so daß die Schnelligkeit Maltas den armen Kerls eigentlich nur eine Möglichkeit gibt, glimpflicher davonzukommen. Außerdem reißen die Spitzbuben natürlich sobald wie möglich aus, wenn sie im Gefängnis sitzen. Pietrino steht mit im Gerichtssaal; aber nicht als Angeklagter, sondern als Zeuge. Er hat sich den Angeklagten zur Verfügung gestellt. Er war mit im Gedränge und bezeugt bei jedem Spitzbuben, der vorgeführt wird, daß er ihn keinen Geldbeutel hat abschneiden sehen. Das Zeugnis hat bei den ersten Angeklagten geholfen; später fiel es dem Stadtrichter Matta ein, daß der Mann ja vielleicht den Beutel abgeschnitten haben kann, während Pietrino gerade nicht hinsah, und so nützt sein Zeugnis jetzt nichts mehr. Pietrino ist daher auch im Begriff zu gehen; denn wozu soll er sich umsonst im Gericht herumtreiben? Das Dienstmädchen des Richters Matta erscheint, bestellt dem Herrn einen Gruß von der gnädigen Frau, und Onkel Vittorio wäre gekommen und wollte zum Essen dableiben, und der Herr Richter möchte doch sehen, daß er recht frühzeitig fertig würde. Matta flucht auf die Gedankenlosigkeit der Weiber. Wie oft hat er nicht gesagt, daß sein silberner Trinkbecher, den er von Onkel Vittorio geschenkt bekommen hat, zum Silberschmied zum Ausbeulen geschickt werden soll! Was wird Onkel Vittorio nun von ihm denken, wie er seine Geschenke in Ehren hält! Er entläßt das Dienstmädchen und trägt der gnädigen Frau auf, sie solle wenigstens für etwas Anständiges zu Mittag sorgen. Das Dienstmädchen geht; Pietrino hat schweigend das Gespräch mit angehört und geht gleichfalls. Er geht auf den Fischmarkt, wo er eine Fischhändlerin weiß, die ausgezeichnete Fische hat. Er tritt vor ihren Stand, knüpft ein Gespräch mit ihr an und fragt sie, ob sie nicht einen schönen Hecht hat, einen recht schönen Hecht, er muß reichlich sein für fünf Personen, er ist für den Herrn Stadtrichter Matta, und der Herr Stadtrichter Matta hat es nicht gern, wenn auf dem Tisch etwas knapp ist; der Onkel Vittorio ist zu Besuch, und Onkel Vittorio ist der Erbonkel und ist ein starker Esser, und das weiß man ja, wenn einer ordentlich ißt, dann essen die andern auch mehr wie sonst. Die Fischhändlerin hat gerade einen Hecht, der für die Gesellschaft des Herrn Stadtrichters paßt, einen Achtpfünder, einen Hecht, wie er selten vorkommt heutzutage, denn der Hecht kann das auch nicht mehr leisten, früher haben die Leute an den Fasttagen eine Seespinne gegessen oder ein halbes Pfund Stint, jetzt soll es immer Hecht sein, und wo soll denn der Hecht herkommen? Sie faßt den Hecht mit zwei Fingern zwischen den Kiemen und hält ihn hoch; ein Staatshecht! Ein Prachthecht! Ein süßes Tier von einem Hecht! Die Fischhändlerin ist ein junges, appetitliches Weib, drall und rotbäckig, mit gleichmäßigen, weißen Zähnen und frischen, blauen Augen. Ein Hecht zum Küssen! Pietrino kauft den Hecht für fünf Bajocci und bezahlt bar, er läßt sich den Hecht in Papier schlagen und geht zum Hause des Herrn Stadtrichters Matta. Er bestellt der Frau Stadtrichter einen Gruß vom Herrn Stadtrichter, und hier wäre der Hecht für den Mittag, der Herr Stadtrichter habe ihn selber gekauft, die Frau Stadtrichter solle ihn aber gut spicken, und die Frau Stadtrichter möchte doch so freundlich sein und dem Boten den Mundbecher des Herrn Stadtrichters geben, er solle ihn gleich zum Silberschmied bringen zum Ausbeulen. Die Frau Stadtrichter findet, daß ihr Mann gut gekauft hat, wenn der Hecht nur nicht zu teuer ist, denn den Männern wird immer mehr abgenommen auf dem Markt als den Frauen; sie legt den Hecht auf eine große Schüssel, schließt den Schrank auf und nimmt den Mundbecher heraus. Dann schärft sie dem Boten ein, daß der Silberschmied ihn aber ja gleich in Ordnung bringt und ihn nicht vierzehn Tage lang sich in der Werkstätte herumtreiben läßt, denn der Herr Stadtrichter gebraucht ihn täglich und wäre sehr ärgerlich, wenn er seinen Mundbecher einmal nicht hätte. Pietrino nimmt den Becher, wickelt ihn in das Papier, das um den Hecht geschlagen war, und zieht ab. Er geht in die Kneipe, wo Freunde beieinander sitzen, und erzählt seinen Streich. Lange Rübe ist der Oberste am Tisch, er hat selbstverständlich den Ehrenplatz, und alle sehen auf ihn, was er zu der Geschichte sagen wird. Lange Rübe zuckt die Achseln. Was ist das schließlich für eine Heldentat! Ein silberner Becher für einen Hecht! Solche Geschäfte macht jeder Kaufmann. Der Gauner muß den Hecht auch wieder mitnehmen, dann hat er etwas geleistet; aber so etwas, das ist gar nichts. Pietrino ist gekränkt und macht eine ausfallende Bemerkung über Leute, die alles besser wissen, aber besser machen, das ist eine andere Sache. Wortlos nimmt ihm Lange Rübe den Becher ab und geht. Er nimmt einen jungen Menschen mit, der da am Tische sitzt, und geht geradeswegs zum Hause des Stadtrichters und klingelt. Die Frau Stadtrichter öffnet ihm in Küchenschürze mit geröteten Wangen. Lange Rübe tut so, als ob er sie für das Dienstmädchen hält, und fragt, ob er die gnädige Frau nicht sprechen kann. Die Frau Stadtrichter gibt einen erschrockenen Ton von sich, reißt die Tür zur guten Stube auf und erklärt, daß die gnädige Frau im Augenblick kommen wird. Lange Rübe tritt ein und wartet; der Bursche ist hinter ihm eingetreten und wartet mit, indem er die Mütze in der Hand dreht; die Frau Stadtrichter hat inzwischen ihre Schürze abgeworfen, sich in das Korsett gepreßt, denn sie wallt gewöhnlich uferlos daher, das gute braunseidene Kleid angezogen, schnell die Haare in Ordnung gebracht, und tritt nach einer Viertelstunde mit süßem Lächeln in die gute Stube, indem sie sich über die Dummheit des Mädchens beklagt, die ihr erst jetzt gesagt habe, daß ein Herr warte. Lange Rübe macht eine Verbeugung und stellt sich als geheimen Angestellten der Polizei vor. Die gnädige Frau ist einem frechen Gaunerstreich zum Opfer gefallen. Hier – er zeigt ihr den Becher – diesen Becher hat ihr ein Spitzbube abgeschwindelt, der angab, von dem Herrn Gemahl geschickt zu sein, und einen Hecht mitbrachte, den der Herr Stadtrichter angeblich gekauft haben sollte. Die Polizei hat den Mann bereits dingfest gemacht; sie bittet nur noch, daß die Frau Stadtrichter den Hecht verabfolgt, da man diesen nebst dem Becher als Zeugen der Gaunerei braucht. Die Frau Stadtrichter fällt aus allen Wolken. Nein, was doch Einem geschehen kann! Und der Herr Stadtrichter hat von nichts gewußt, er hat gar nicht nach dem Becher geschickt, er hat auch den Hecht gar nicht gekauft! Lange Rübe macht eine vornehme Handbewegung. Der Herr Stadtrichter weiß selbst jetzt noch von nichts; aber die Polizei wacht. Kopfschüttelnd geht die Frau Stadtrichter in die Küche und winkt dem Burschen, daß er ihr folgt; in der Küche gibt sie ihm den Hecht, der noch auf der Schüssel liegt. »Aber die Schüssel gehört mir, ich bekomme sie doch wieder?« fragt sie. »Gewiß, gnädige Frau«, erwidert Lange Rübe, macht eine tadellose Verbeugung, zieht die Hand der gnädigen Frau zum Kuß an den Mund und geht mit dem Burschen ab, der den Hecht trägt. Pietrino erklärt etwas verdrossen, daß er besiegt ist, denn Lange Rübe hat nicht nur den Hecht, sondern auch noch eine Schüssel aus gutem Porzellan dazu erbeutet. Aber die Wirtin kann den Hecht sehr gut zubereiten, und der Wirt hat einen trefflichen Wein; der Mundbecher des Herrn Stadtrichters geht um, und sein Hecht wird aufgetragen, und so wird denn die leichte Verletztheit in allgemeiner Zufriedenheit vergessen. Das Ende Der Heilige Vater hat einen tiefen Lehnstuhl mit großen Ohrenklappen. In den setzt er sich, wenn er zu Mittag gegessen hat. Dann kommt ein Diener und bringt auf einem silbernen Teller eine große Flasche Wein von einer Sorte, welche man «Verjag-den-Teufel» nennt, und einen großen goldenen Becher. Er gießt den Becher voll und reicht ihn dem Heiligen Vater, dann stellt er sich zur Seite. Der Heilige Vater trinkt den Becher aus, dann verflucht er die Spanier, diesen Samen von Mauren und Juden, wie er sagt. Der Diener füllt den Becher von neuem und hält ihn dem Heiligen Vater dar. So bleibt er eine Weile stehen, dann trinkt der Heilige Vater wieder und flucht wieder. Nun ist der Heilige Vater gestorben. Die ganze Stadt weint, denn Jeder hat ihn geliebt. Er hat jeden so leben lassen, wie er wollte, denn er sagte: »Gott hat die Gans geschaffen, damit wir sie braten, und die Nachtigall, damit sie uns durch ihren Gesang erfreut. Deshalb soll der Mensch von der Gans nicht Gesang verlangen und von der Nachtigall nicht Schmalz.« Die Kardinale haben sich lange mit dem Heiligen Geist besprochen, wen sie wählen sollen, und endlich haben sie einen Spanier gewählt. Der Spanier aber kommt an und ist mager wie ein Holzscheit. Wie er zum erstenmal in die Peterskirche tritt, um die Messe zu lesen, da sieht er ein Bild an der Wand, auf welchem der heilige Sebastian gemalt ist. Natürlich hat ihn der Maler nackt dargestellt. Der Heilige Vater aber ruft Pfui! und fragt einen Kardinal, ob es in Rom viele solche Bilder gibt mit nackten Männern. Der Kardinal sagt, daß in jeder Kirche solche Bilder hängen, und es gibt auch Bilder, auf denen nackte Frauen dargestellt sind, oder wenigstens Frauen mit entblößtem Busen, wie zum Beispiel die heilige Maria Magdalena. Meistens sind aber die Bilder mit nackten oder teilweise entblößten Frauen im Besitz von vornehmen Herren und stellen Frauen aus der weltlichen Geschichte dar oder aus der heidnischen Mythologie, wie Lucrezia oder Danae oder Venus. Hierauf sinnt der Heilige Vater nach und bestimmt, daß allen nackten Figuren in den Kirchen Badehosen übergemalt werden sollen, und er bestimmt auch einen Kardinal, der geschickte Maler annehmen muß, welche dieses Geschäft betreiben. Nachdem nun der Heilige Vater aber einmal auf Dinge aufmerksam geworden ist, welche ihm nicht gefallen, forscht er weiter nach in den Zuständen der heiligen Stadt, und da findet er denn unter anderem den Schutzverband der Gauner für Rom und Umgebung, der ihm nicht gefällt, und den Polizeihauptmann Tromba und die Richter Matta und Brava, die ihm nicht gefallen, und vor allem findet er die Komödianten, und da er ein gewissenhafter und sorgsamer Mann ist, so beschließt er, Ordnung zu schaffen, wie er bereits mit den unzüchtigen Bildern in der Kirche Ordnung geschaffen hat. So geschieht es denn, daß an einem Morgen ein Zug aus der Stadt geführt wird, in dem sind alle Komödianten: Pantalon und Cassander, Fiorinetta, Isabella und Silvie, der Notar und der Apotheker, der Kapitän Fracassa und der Kapitän Spavento, Arlechino, Colombina und Coraline und noch viele andere. Die Komödianten gehen traurig und mit gesenkten Köpfen nebeneinander, sie haben Bündelchen, in welche sie ihre Sachen geschnürt haben, die tragen sie auf Stöcken über der Schulter; ein Wägelchen mit zwei Maultieren schwankt hochbeladen hinter ihnen, auf dem sitzt der Herr Direktor, und hinter ihm sind die Kulissen und die Dekorationen verpackt: marmorne Säulen, Wälder, Pfeilerspiegel, Wasserfälle, Wolken, Rosenbeete und anderes. Ein Sbirre geht voran und hält einen Bogen Papier in der Hand. Das Tor wird hinter dem Zug geschlossen, und der Sbirre verliest, was auf dem Papier geschrieben steht: Den Komödianten ist verboten, sich jemals wieder in der heiligen Stadt sehen zu lassen. Sollte sich einer doch wieder innerhalb der Mauern betreffen lassen, so sollen ihm fünfzig Stockprügel verabreicht und ein Galgen auf die Stirn gebrannt werden. Die beiden Kapitäne stampfen mutig mit ihren Füßen auf und drehen ihre schrecklichen Bärte, sie ziehen ihr Schwert halb aus der Scheide und stoßen die fürchterlichsten Flüche aus. Die anderen aber weinen: der Direktor und Coraline haben jeder ein Taschentuch und trocknen sich die Tränen ab, bei den anderen rinnen die Tränen unabgetrocknet. Da öffnet sich das Tor wieder, und ein neuer Zug erscheint. Vorauf geht, ganz feuerrot gekleidet, der Henker, zu beiden Seiten seine Knechte, mit den Stricken über der Schulter; dann kommt Lange Rübe, die Hände auf dem Rücken gefesselt, und Pietrino und Colomba, jedes mit einer Hand an die Hand eines Sbirren gebunden, und andere Gauner von minderem Belang. Und am Schluß kommen Tromba, Matta und Brava. Sie sind nicht ausgewiesen, sie sollen auch nicht gehängt werden, sie gehen nur aus Freundschaft mit, weil sie doch durch die Gauner so lange Jahre ihr Brot gehabt haben und sie nun trösten wollen auf ihrem letzten Gang. Plötzlich bleibt Lange Rübe stehen. »Ich will reden«, sagt er. Die Sbirren wollen ihn weiterziehen. Er aber sagt: »Euch geht es am meisten an, was ich zu sagen habe.« Daraufhin werden die Sbirren natürlich neugierig. »Tromba ist entlassen, Matta und Brava sind entlassen«, sagt Lange Rübe. »Man braucht sie nicht mehr. Denn wo keine Gauner sind, da ist keine Polizei nötig und kein Gericht. Diese Männer, die ihre guten Stellungen hatten, mit allen Nebeneinkünften, die sie von uns unmittelbar kriegten, sind nun dem Elend ausgeliefert. Sie können sich an die Kirchentüren setzen und können betteln. Glaubt ihr, daß man vor Euch haltmachen wird? Auch die Sbirren sind nicht mehr nötig, wenn es keine Gauner mehr gibt.« Die Sbirren kratzen sich den Kopf. Ja, so etwas haben sie sich selber schon gedacht. »Der Henker schreitet vor uns her in seiner Amtstracht«, fährt Lange Rübe fort. »Glaubt ihr, daß man noch einen Henker braucht, wenn wir alle tot sind? Die Motten werden in die roten Kleider kommen.« Der Henker murrt, seine Knechte sehen sich an. Plötzlich zieht der Kapitän Fracassa sein Schwert, der Kapitän Spavento schließt sich ihm an. Mit schrecklichem Geschrei stürmen sie auf die Sbirren ein. Die stehen einen Augenblick verdutzt, dann fliehen sie. Die beiden Sbirren, die an Pietrino und Colomba angebunden sind, suchen sich loszumachen, die Kapitäne schlagen ihnen mit der flachen Klinge auf den Rücken; nun sind sie befreit, sie fliehen hinter den anderen her. Die beiden Kapitäne betrachten ihre Schwerter, dann stecken sie sie wieder in die Scheide. Kein Wort haben sie gesagt, aber ihre Schnurrbärte zittern vor Erregung. Die Sbirren stehen auf einem benachbarten Hügel und lauschen. Auch Lange Rübe ist nun befreit. Er spricht: »Meine Herrschaften! Die Zeiten sind anders geworden. Der Ehrenmann kann heute nicht mehr frei und offen seiner Nahrung nachgehen. Heuchelei und Lüge herrschen in der Welt. Niemand steht mehr an seinem richtigen Platz. Meine Herrschaften! Behandeln Sie die Welt, wie sie behandelt sein will! – Wir müssen unseren Beruf ändern. Die Komödianten gehen nicht mehr zur Bühne, die Bühne überlassen sie der Talentlosigkeit. Die Gauner betreiben nicht mehr Gaunerei, das überlassen sie den Dummköpfen. Aber auch in unserem neuen Beruf werden wir sein, was wir im alten waren. Ich selber begründe eine neue Religion. Pietrino wird Leiter eines großen Warenhauses. Es ist Anfrage gekommen, ob Pantalon nicht Kriegsminister werden will. Der Apotheker will eine nationalistische Partei begründen, der Kapitän Fracassa steht ihm hilfreich zur Seite. Isabelle kann eine Anstellung bekommen in der sozialen Fürsorge. Der Ritter de Marinis wird Volksbeauftragter in einer Sowjetrepublik. Arlechin wird Herausgeber einer großen Zeitung. Tromba wird Präsident eines Volksstaates. Meine Herrschaften, was ist uns Rom? Uns sieht die ganze Welt offen. Zeigen wir in ihr unsere Kräfte! Freie Bahn dem Tüchtigen!« Alles drängt sich um Lange Rübe, um ihn zu beglückwünschen. Schon unterhandelt der Kapitän Spavento mit dem neuen Kriegsminister wegen einer Anstellung als oberster Heerführer. Lelio, der Aufsichtsratsmitglied einer Großbank werden soll, spricht mit dem Notar über Zylinderhut und Aktenmappe. Da kommt eine Abordnung der Sbirren. Sie fragen an, ob nicht auch für sie in der neuen Gesellschaftsordnung eine passende Anstellung zu haben ist. Aber über die Verhandlungen, welche nun folgen, wollen wir den Vorhang ziehen.   Geschrieben in der Zeit von 1913-1919.