Friedrich Gerstäcker Tahiti Inhalt: Der Walfischfänger Die Flucht und welchen Dolmetscher René fand Das Mädchen von Atiu Der Mi-to-na-re Das Geständnis Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt Der Verrat und wie sich beide Teile dabei irrten Tahiti Die vier Häuptlinge Die Versammlung Die Mädchen von Tahiti Sadie und René Der Besuch – Aumama Die Missionare Die Königin Pomare Ein Ball in Papeete Unterwegs Mütterchen Tots Hotel Alte Erinnerungen und neue Schmerzen Pomare und Du Petit Thouars Die tahitische Flagge Susanne Jim O'Flannagan in Tätigkeit Konsul Pritchards Gefangennahme Pomares Flucht Der erste Kampf Der Abschied Die Schlacht von Mahaena Alte Abrechnungen Das Lager der Insulaner Die Flucht Lefevre und Aumama Der Angriff auf Papeete René und Susanne Schluß 1. Der Walfischfänger Von einem leichten Ostpassat getrieben, dazu die Obersegel fest, ja sogar noch mit einem Reff im Kreuzsegel, das vor einigen Abenden hineingenommen und bislang nicht entfernt wurde, kam ein schwerfälliges, schmutzig aussehendes Schiff langsam mit dem Wind nach Süden herunter. Es näherte sich einer in der Ferne eben sichtbar werdenden kleinen, hohen Insel der Cooks-Gruppe. Schon die großen, fettigen Stellen in den Segeln, auf denen die Leute nach dem Tranauskochen beim Reffen allabendlich gelegen hatten, verrieten den Walfischfänger, hätten ihn nicht auch die an besonderen Kranen längsseits hängenden Boote, die zudem noch auf Querstützen an Bord besonders gehalten wurden, gekennzeichnet. Andere Fahrzeuge besuchten auch selten diese Gewässer, und selbst die Walfischfänger nur in den Monaten Januar und Februar, ehe sie wieder mit anbrechendem Frühling nach Norden gingen, um die einträglichere, zumindest ergiebigere Jagd der »rechten Walfische« der auf Sperm-Wale vorzuziehen. Es war diesmal aber noch ziemlich früh in der Jahreszeit, und der »Delaware«, wie der Walfischfänger getauft worden war, hatte zunächst beabsichtigt, Tahiti anzulaufen. Durch den starken Ostpassat aber und die klein geführten Segel in der starken Äquatorialströmung gegen sich zuviel nach Westen versetzt, mußte er erst wieder nach Süden hinunter, um etwas mehr in die Region der veränderlichen Winde zu kommen oder um auch vielleicht einen der dann und wann einsetzenden Westwinde zu nutzen. Jetzt hatte man beschlossen, die erste in Sicht kommende Insel anzulaufen, um einige Erfrischungen und vielleicht etwas Holz einzunehmen. Das Wasser zwischen diesen Inseln ist übrigens aufgrund der häufigen Riffe den Schiffen oft gefährlich, und die mit den Örtlichkeiten nicht sehr gut vertrauten Fahrzeuge machen, wenn sie in solchen Inselgruppen nichts zu tun haben, lieber einen bedeutenden Umweg, um sie zu umgehen, ehe sie sich leichtsinnig hineinwagen. Mit einem Walfischfänger ist das aber etwas ganz anderes. Er versäumt, sobald er sich erst einmal in seinem Jagdgebiet befindet, keine Zeit mehr, denn wenn er segelt, hat er die Möglichkeit, daß er von den Fischen weg – oder aber ihnen gerade entgegenläuft. Wenn er still liegt, kann er ebensogut eine ganze »Walschule« versäumen, die dort vielleicht vorüberzieht, wo er hätte sein können. Das Ganze ist Glückssache und der Pirsch auf Rotwild in einem fremden Walde nicht unähnlich. Kommen diese Walfischfänger also an solche Stellen, so versuchen sie, ehe es dunkel wird, hinter irgendeine kleinere Insel oder Riffbank zu laufen, wo sie entweder Ankergrund oder Raum zum Kreuzen haben, und treiben dort die Nacht, bis ihnen die aufsteigende Sonne wieder ihre Bahn beleuchtet. Gerade mit Sonnenuntergang war denn auch der »Delaware« bis westlich von Atiu, einer nicht ganz unbedeutenden Insel, gekommen. Der Kapitän wäre gern die Nacht vor Anker gegangen. Die Stellen aber, die er untersuchte, waren überall bis fast an die schäumenden Riffbänke so tief, daß er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, so nahe dem gefährlichen Ufer von einem der hier oft sehr rasch eintretenden Weststürme überrascht zu werden. Er ließ also die Segel dicht reffen und kreuzte in Lee (der windabgewandten Seite) der Insel hin und her. Das trug nicht gerade zum Vergnügen der Mannschaft bei, die sechs- oder achtmal mit dem Schiff in der Nacht wenden mußte. Kapitän Lewis kümmerte sich aber den Henker darum, ob er seinen Leuten damit einen Gefallen tat oder nicht. Er und sie standen, wie man es an Land sagen würde, »auf Hofton« miteinander. Das bedeutete, daß er seit einigen Auftritten, die er mit ihnen auf den Sandwichinseln gehabt hatte, nur sehr höflich sprach und sie, wenn er sie zu einer Arbeit einzeln aufforderte, gewöhnlich mit »Mister« ansprach und dabei hat: »If you please« – mit starker Betonung des letzten Wortes, aber mit einem Blick dabei, der deutlich genug sagte: »Wenn du nicht springst, Kanaille, so laß ich dich bei den Beinen aufhängen!« Er hieß zum Dank dafür bei seinen Leuten nicht, wie sonst gewöhnlich »der Alte« (the old man), sondern »the old devil« (der alte Teufel) und wußte das auch recht gut. Ja, es schien ihm ordentlich Spaß zu machen, daß er so genannt wurde, und er hatte seiner Mannschaft schon mehrmals versichert, daß er sich bemühen wolle, seinem Namen keine Schande zu machen. Dieses Versprechen hatte er auch bis jetzt redlich gehalten. Die Mannschaft eines Schiffes ist in solchen Fällen übel dran. Widersetzt sie sich, so ist es Meuterei , und sie wird entsprechend bestraft – mögen die Leute recht haben oder nicht. Halten sie aber aus bis zum Schluß und verklagen dann den Kapitän, so kann man zehn gegen eins wetten, daß der trotzdem Recht bekommt. In sehr vielen Fällen hat er es aber auch. Es gibt wohl auf keinen Schiffen der Welt – Kriegsschiffe vielleicht ausgenommen – ein toller zusammengewürfeltes Volk als auf diesen Walfischfängern. Ein ordentlicher Matrose geht selten oder nie an Bord eines Walfängers. Es ist meistens aufgelesenes »Ufervolk«, das faul genug ist, die eigene Arbeit beiseite zu werfen, und romantisch genug, sich von einem »Walfischzug« ein ganz besonderes Vergnügen und außerdem einen bedeutenden Nutzen zu versprechen. Die guten Leute sehen dann gewöhnlich immer etwas zu spät ein, daß sie sich in ihren Erwartungen getäuscht haben, und sie sind dann eben einmal und nie wieder Walfischfänger gewesen. Fast jedes neu ausgehende Schiff hat deshalb, mit Ausnahme der Offiziere, auch eine völlig neue Besatzung. Schuster und besonders Schneider sieht man sehr häufig dabei, Tischler und Maurer, Schmiede und Böttcher, Gerber und Zigarrenmacher – alles wird Walfischfänger. Der Kapitän eines solchen Schiffes hat dann unleugbar eine furchtbare Zeit vor sich, dieses Volk wenigstens soweit anzulernen, daß es erst einmal versteht, was sie nur überhaupt zu tun haben. Dabei muß er ständig damit rechnen, daß sie ihm bei passender Gelegenheit an den nächsten Anlegeplätzen davonlaufen. Kommen ordentliche, ruhige Menschen einmal zwischen eine solche Mannschaft, so fühlen sie sich höchst unglücklich und verwünschen den Augenblick, wo sie sich von der Romantik der Sache betören ließen – aber leider zu spät, und die viereinhalb Jahre, die eine solche Fahrt sehr häufig dauert, werden ihnen zur Hölle. Die Offiziere, vom Bootssteuerer aufwärts, bilden dabei ein ganz besonderes, abgeschlossenes Korps. Doch zurück an Bord unseres Fahrzeuges. Zum Ausschauen vorn auf der Back stand ein junger Mann, dessen edle, fast schöne Gesichtszüge wie auch der schlanke, schmächtig gebaute Körper wohl passender für einen Salon als das Vorschiff eines Walfischfängers schienen. Das volle, braune Haar quoll ihm in dichter Menge unter der breiten schottischen, dunkelblauen Mütze hervor. Seine saubere Kleidung unterschied ihn auffällig von der übrigen Schar. Es war ein junger Franzose aus sehr guter Familie, der sich in Boston aus einer Laune heraus hatte verleiten lassen, an Bord des »Delaware« eine Reise in die Südsee mitzumachen. Still und vor sich hinbrütend sah er jetzt nach dem nahen Land hinüber, das mit dem dunklen Schatten seiner Palmen in träumerischer Ruhe vor ihm lag. »Nun, René, so in Gedanken?« sagte plötzlich neben ihm eine freundliche Stimme, und eine Hand berührte sacht seine Schulter. »An was denkst du?« Der Angeredete fuhr erschrocken aus seinen Gedanken empor und schaute sich um. Als er den Sprecher erkannte, sagte er rasch und fast erfreut: »Es ist mir lieb, Adolphe, daß du gerade in diesem Augenblick zu mir kommst, ich bin eben mit meinem Entschluß fertig geworden. Ich verlasse das Schiff.« »Unsinn«, sagte Adolphe kopfschüttelnd. »Du kennst die Verhältnisse hier nicht, René. Selbst wenn du wirklich glücklich das Land erreichst, so braucht der Kapitän nur eine unbedeutende Belohnung auf deine Ergreifung auszusetzen, und du wärst rettungslos verloren. Ich bin schon früher hier gewesen und habe das schon zweimal erlebt. Die Eingeborenen sind herzensgut, aber wie die Kinder. Ein Spielzeug könnte sie zu irgend etwas verführen, sei es nun zum Guten oder zum Bösen.« »Habe ich erst festen Boden unter den Füßen, so könnten sie mich nur als Leiche wieder zurückschaffen«, murmelte René mit düsterem Blick und zusammengebissenen Zähnen. »Das wäre wirklich Unsinn«, sagte aber sein älterer Freund. Adolphe war ein Landsmann von ihm und jetzt dritter Harpunier auf dem »Delaware«. Er hatte mit René schon in Algier gefochten und in Kanada gejagt. Damals hatte er auch alles versucht, um ihm seinen Entschluß, als einfacher Matrose das Leben eines Walfischfängers zu führen, auszureden – aber vergeblich. »Du bist noch jung, René, und das Leben steht dir weit und freudig offen! Bring dich deshalb nicht gleich um alles, bloß weil es dir in den Sinn kommt, die Suppe, die du dir selber eingebrockt hast, nicht ausessen zu wollen. Ein, höchstens zwei Jahre, und du bist wieder frei wie der Vogel in der Luft. Selbst diese Zeit wird dir dann, so entsetzlich sie dir jetzt auch erscheint, eine freudige Erinnerung sein, vielleicht schöner, als manche andere ruhige Stunde!« »Ich halte es nicht aus, Adolphe, ich halte es bei Gott nicht aus!« sagte René kopfschüttelnd. »Hier unter diesem rohen Volk noch jahrelang leben und dabei geistig und körperlich zugrunde gehen – ich kann es nicht. Du weißt außerdem, daß ich schon zweimal nahe daran war, mit dem Kapitän selber aneinanderzugeraten, denn er ist der Schlimmste von allen. Lieber will ich deshalb mein Leben hier wagen, wo mir noch die Möglichkeit des Entkommens bleibt, als zuletzt gezwungen zu werden, dem Kapitän ein Messer in den Leib zu rennen und über Bord zu springen. Nein, Adolphe, ich bin fest entschlossen!« setzte er mit leiser, aber ruhiger und überzeugter Stimme, hinzu. »Die erste Gelegenheit, die sich mir bietet, an Land zu kommen, benutze ich. Ich weiß und fühle, daß mir nichts Schlimmeres begegnen kann, als was ich jetzt schon zu leiden habe.« »Hol's der Henker«, sagte Adolphe nach kurzem Überlegen. »Wer weiß, ob ich's an deiner Stelle und mit deinem jungen Blut in den Adern nicht doch auch täte. Aber wie willst du es ausführen? Es ist noch ganz ungewiß, ob der alte Teufel ein Boot abschickt, um Erfrischungen einzunehmen. Er traut uns allen nicht!« »Doch, ich habe vorhin zufällig gehört, daß unser Boot mit dem ersten Harpunier morgen mit Tagesanbruch hinüber soll, um Brotfrüchte und Kokosnüsse zu holen«, entgegnete René. »Die Gelegenheit will ich nutzen, noch dazu, wo es einen Vorwand gibt, reichlich Kleidung mitzunehmen. Die Leute haben ja sonst nichts, um sich Kleinigkeiten von den Eingeborenen einzutauschen.« »Wenn du dann im Wald bist, hetzt der alte Seehund von Harpunier dir die ganze Einwohnerschaft hinterher. Wie willst du ihnen entgehen? René, René, das Land liegt verlockend vor uns, und selbst mir zuckt es in den Knochen, einmal frei darauf herumzuspazieren und von diesem verdammten Marterkasten loszukommen. Aber – ich weiß nicht – bist du einmal davongelaufen und wirst wieder eingefangen, so kommst du wirklich in eine Hölle, wenn du vorher in keiner gewesen bist. Ich glaube nicht, daß es länger als zwei Tage dauert, bis sie dich wieder haben, und die zwei Tage verlebst du wie ein gehetzter Wolf.« »Es hilft alles nichts«, lächelte René trübe. »Ich hab's mir einmal in den Kopf gesetzt, und ich führe es auch aus, mag daraus werden, was will. Schlimmer kann es nicht werden.« »O doch, es kann noch viel, viel schlimmer werden. Du hast es noch nicht gesehen, wenn es an Bord eines Schiffes wirklich schlimm ist«, sagte Adolphe und schauderte dabei zusammen. »Ich möchte es auch nie wieder erleben. Außerdem verstehst du die Sprache dort gar nicht, wie willst du dich verständigen? René, in der Welt sieht doch jeder auf seinen eigenen Vorteil, und die Eingeborenen hier wissen ganz gut, daß sie von einem entlaufenen Matrosen nicht viel zu erwarten haben, der Kapitän ihnen aber eine Menge Sachen geben kann, die für sie und ihr einfaches Leben wirklich Schätze sind!« »Ich habe Geld bei mir«, antwortete René rasch. »Peste, ich brauche nicht das Blutgeld des alten Schurken und kann mir meine Freiheit auch im schlimmsten Fall erkaufen, wenn es denn nicht anders sein kann.« »Das ist schon ein großer Vorteil«, erwiderte Adolphe und lächelte. »Es werden wenig Matrosen von Walfischfängern weglaufen, die wirklich einen Franc in der Tasche haben. Aber ein Kapitän bleibt immer im Vorteil. Äxte, Beile, Kattunstoffe und Schmuck und besonders Alkohol sind ihnen viel lieber als Geld, und über diese Sachen kannst du nicht verfügen.« »Gut, so muß ich dir zustimmen, Adolphe«, antwortete René auf diese Argumente. »Ich glaube ja auch selbst, daß es ein verzweifelter Schritt ist, auf einer so kleinen Insel zu entlaufen. Die Möglichkeit ist immer eher da, daß man wieder eingefangen wird.« »Sag lieber, die Wahrscheinlichkeit.« »Meinetwegen auch die Wahrscheinlichkeit«, murmelte René zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch. »Ich habe mir aber noch nie etwas so fest vorgenommen, und ich will den Versuch machen oder zugrunde gehen!« »Gut, wenn du so unerschütterlich in deinem Entschluß bist, ist es nicht nötig, weiter darüber zu sprechen. Meine Wünsche für das Gelingen begleiten dich, ich wollte nur, ich könnte dir dabei irgendwie nützlich sein, wenn ich nur wüßte, wie!« »Wer weiß, wie sich das noch ergibt. Aber auf dem Quarterdeck werfen sie schon wieder die Fallen los. In der Mitternachtswache möchte ich dir noch etwas sagen.« »Ship about!« unterbrach ihn hier der eintönige Ruf. Die Leute traten alle auf ihre Posten, und das Schiff wurde über den anderen Bug gelegt, jetzt wieder vom Lande abhaltend. Mit der nächsten Morgendämmerung hatten sie die Küste gerade vor sich. Es war eine kleine Bai, die von zwei auslaufenden Korallenriffen gebildet wurde. Der Ruf des ersten Harpuniers sammelte die Leute in sein Boot. Mehrere dort schon aufgeschichtete Sachen, Handels- und Tauschartikel für die Eingeborenen, wurden hineingelegt. Das Boot schwang frei und auf das Wasser hernieder, die Mannschaft legte sich in die Ruder. »Was sind das für Pakete da vorn?« erkundigte sich der Harpunier, als sie vom Bord abgestoßen waren. »Wer hat die hineingeworfen?« »Ein paar Hemden und andere Kleinigkeiten, Mr. Rowsey«, erwiderte einer der Leute. »Wir wollten uns auch etwas von den Früchten eintauschen.« »Und das andere daneben?« »Genauso«, antwortete René, an den die Frage gerichtet war. Der Harpunier sagte nichts weiter, und René warf noch einen verstohlenen Blick an Bord zurück, wo Adolphe stand und ihm zuwinkte. Er war ihm behilflich gewesen, die Sachen rasch und unbemerkt ins Boot zu schaffen. Der Kapitän hätte es sonst nicht zugelassen, obwohl es an Bord eines Walfängers nichts Ungewöhnliches war. Kanus sahen sie nicht. Erst als sie die Korallenbank erreichten, erschienen oben zwischen den Büschen eine Anzahl Männer und Frauen mit geflochtenen Körben aus Kokosblättern, in denen sie Früchte und Muscheln trugen. Sie schienen ein Zeichen der Fremden abzuwarten, ehe sie sich näherten. Der Harpunier, der sich seit seiner Jugend in dieser Meeresgegend aufgehalten hatte, sprach ihre Sprache ziemlich geläufig. Ein paar freundliche Worte von ihm wirkten Wunder. Die zunächst furchtsamen Eingeborenen riefen sich erstaunt zu, daß die Fremden Freunde seien und ihre Sprache sprächen. Aus allen Büschen und Dickichten brachen sie jetzt heraus und mischten sich so sorglos und vertrauend wie Kinder zwischen die Matrosen. Sie befühlten das Zeug ihrer Kleider, lachten über ihre Bärte und Schuhe, sprangen und sangen, als ob sie sie schon lange kannten. Der Tauschhandel begann, Messer und Tabak, Kattun und Glasperlen wurden gegen große Mengen der herrlichsten Früchte getauscht. Besonders gute Orangen und Brotfrüchte waren mit dabei. Während der Harpunier unter einem mächtigen Pandanus, einem breitfächerigen Baum, saß und bestimmte, was er für die Waren geben wollte, blieb nur ein Mann bei dem Boot. Die übrige Mannschaft mischte sich unter die Eingeborenen, um ihre Kleinigkeiten gegen Früchte und Muscheln einzutauschen. Diesen Zeitpunkt nutzte René, nahm sein kleines Bündel und verschwand im Dickicht. Von den Eingeborenen sahen ihn einige, aber sie achteten nicht weiter auf ihn. Die Leute vom Schiff waren viel zu sehr mit sich selber und ihrer Umgebung beschäftigt, als sich um irgend etwas anderes kümmern zu können. Etwa zwei Stunden später hatte der Harpunier alle Waren eingetauscht, und das Boot war völlig mit den neuen Waren gefüllt. Sein Befehl rief die Männer wieder zusammen, er stieg ins Boot, um an Bord zurückzukehren. »Wo ist René?« erkundigte er sich mit einem Blick über die Mannschaft. »René! René!« riefen die Matrosen, aber keiner wußte, was aus ihm geworden war. Einige bezweifelten überhaupt, daß er mit an Land gekommen sei, so sehr waren sie durch das Erlebte in Anspruch genommen. Jedenfalls fehlte aber ein Mann, und der Offizier wußte auch, daß er bei der Herfahrt seine volle Besatzung gehabt hatte. »Damn it!« rief der Harpunier und sprang von seinem Sitz wieder auf. »Er ist fort, die Pest über den Halunken! Aber den wollen wir bald wieder haben. Bleibt hier im Boot, bis ich zurückkomme!« rief er seinen Leuten zu und sprang über die Sitze hinweg, eilte wieder an Land und wandte sich dort an einen der Eingeborenen, der eine Art Oberherrschaft über die anderen auszuüben schien. »Halle, Freund! Einer von meinen Leuten ist mir weggelaufen. Könnt ihr ihn wieder einfangen, und was wollt ihr dafür haben?« »Hat er Gewehr mit?« frug der alte Mann vorsichtig, denn er schien danach den Fangpreis bestimmen zu wollen. »Nein, kein Gewehr, vielleicht nicht einmal ein Messer«, lautete die ermutigende Antwort. Die Eingeborenen begannen jetzt eifrig, miteinander zu reden. Sie sprachen dabei so rasch in ihrer eigentümlichen Sprache, daß der Amerikaner selbst nicht verstehen konnte, was sie beratschlagten. Dann gingen zwei von ihnen zu einem besonderen Punkt am Waldrand und untersuchten hier die Fährten. Aus ihren Zeichen wurde deutlich, daß sich der Flüchtling dort in die Büsche geschlagen hatte. Der alte Eingeborene erklärte dann auch, daß man den Matrosen wieder einfangen würde, und stellte eine ziemlich hohe Forderung. Er wollte Kattun und Messer sowie etwas Tabak. Als der Harpunier einwilligte, hatte er ein Beil in die Hand genommen und noch ein Hemd und andere Kleinigkeiten vergessen. Der Harpunier wußte, daß sich sein Kapitän hier nicht lange aufhalten wollte, und willigte deshalb in alle Forderungen ein. Der Handel sollte perfekt werden, wenn der Gefangene am Strand stand und sie ihn an Bord holen konnten. Nach dieser Abmachung stieß das Boot ab, während die Eingeborenen wie Spürhunde der einmal angenommenen Fährte des Flüchtlings nachliefen. 2. Die Flucht, und welchen Dolmetscher René fand René war einem der nächsten Hügel zugeeilt. Aber selbst das schien schon kein leichtes Unternehmen zu werden. Der Proviant, den er für ein Hemd eingetauscht hatte, wurde ihm beim Lauf durch das Dickicht hinderlich. Er wußte aber, was ihm bevorstand, wenn er von den Leuten des »Delaware« wieder eingefangen wurde. Als er hügeligen Boden erreichte, wurde seine Flucht dadurch erleichtert. Das Land war hier bearbeitet, und er mußte sich nicht mehr durch dichte Büsche seine Bahn brechen. Blieb er in der Nähe des bebauten Landes, so brauchte er auch keinen Hunger zu fürchten, denn überall wuchsen genügend Früchte. Nur die Kokospalmen reichten nicht mehr so weit hinauf. Aber er entdeckte auf den Feldern eine Menge Wassermelonen, die ihn reichlich dafür entschädigen konnten. Aber jetzt durfte er sich nicht weiter beladen, denn er trug bereits, was er mitnehmen konnte, und die Hitze war groß. Durch die Felder ging seine Flucht ganz gut, dann aber wurde das Dickicht wieder so schlimm wie vorher, und die Guiavenbüsche schienen hier eine undurchdringliche Hecke zu bilden. Als sie aufhörten, und damit auch jede Form von Fruchtpflanzen, begannen hohe, dunkle Kasuarinen, die einen leichteren Durchgang ermöglicht hätten, wenn nicht so viele trockene Äste zwischen ihnen gelegen hätten. Aber, er mußte hindurch, und mit diesem Willen überwand er alle Schwierigkeiten. Jetzt wurde der Boden steinig, und als er den höchsten Punkt endlich erreicht hatte, fand er zu seiner Freude einen kleinen, felsigen Platz. Diese Stelle ließ sich leicht zu einem Kastell ausbauen. Zehn Fuß war er dort oben von allen Seiten frei, und das brüchige Gestein, das den auflaufenden Gipfel bildete, konnte ihm als Versteck dienen. Außerdem ließen sich die losen Steine als Waffe verwenden, falls er doch entdeckt wurde. Mit einem Triumphruf nahm er von dieser kleinen Festung Besitz. Als er seine Last abgeworfen und sich die nassen Haare aus der Stirn strich, sagte er lächelnd: »Beim Himmel, mit Adolphe und zwei guten Gewehren wollte ich mir hier die ganze Besatzung des ›Delaware‹ vom Leibe halten! Ha – der ›Delaware‹!« unterbrach er sich überrascht. Als er einen Blick über den kleinen Wall warf, bemerkte er, daß er frei über das Meer schauen konnte. Dort oben lag sein altes Schiff so klar und nah vor ihm, daß er die einzelnen Leute an Bord sehen konnte. Mit dem Fernglas mußte es möglich sein, ihn auf dem Hügel zu erkennen, wenn er sich frei zeigen würde. Eben kletterten die Landgänger an Bord. Er wußte, daß man ihn längst vermißte und daß die Eingeborenen ihn jetzt suchen würden. Mit seiner schweren Ladung hatte er an vielen Stellen eine ziemlich breite Fährte zurückgelassen. Die kurze Zeit, die ihm bis zur Entdeckung blieb, wollte er benutzen, um seine Stellung so gut wie möglich zu befestigen. Alles andere würde das Schicksal entscheiden. Er war jung und ein Franzose – also weit davon entfernt, sich vorzeitig Sorgen zu machen. Mit Ausnahme von zwei kleinen Terzerolen trug er keine Schußwaffen. Ein langes, zweischneidiges, schweres Messer steckte in einer Lederscheide. Als er die beiden kleinen Pistolen aus der Tasche nahm und vor sich auf die Steine legte, überflog ein trotziges, fast mutwilliges Lächeln seine schönen Züge. »Es sind zwar keine Zweiunddreißigpfünder, und ich weiß noch nicht einmal, ob sie wirklich losgehen, aber sie haben doch Mündungen. Wenn die Eingeborenen hier überhaupt schon einmal eine solche Waffe gesehen haben, so müßte ich mich sehr irren, wenn ich mir nicht damit die ganze Insel vom Leibe halten kann. Kurze Zeit werden sie mir aber jetzt noch Ruhe lassen, und die will ich wenigstens nutzen, um mich etwas zu stärken.« Damit schnürte er sein Bündel auf, in dem er auch etwas Schiffszwieback und ein Stück Salzfleisch verborgen hatte. Mit einem Teil davon, einigen Bananen und einer Kokosnuß hielt er eine so vortreffliche Mahlzeit, als ob er sich in völliger Sicherheit befände. Die Feinde waren ihm jetzt viel näher, als er selbst vermutete. Kaum hatte er sein Essen beendet und nahm noch einen Schluck Milch aus der Kokosnuß, als er nicht weit entfernt ein Geräusch hörte. Er hielt horchend inne – da krachten wieder die Büsche. Trotzdem trank er erst in aller Ruhe, stellte dann die Nuß vorsichtig zur Seite, damit sie nicht umfiel, und griff seine beiden Pistolen auf. Aufmerksam beobachtete er jetzt zwischen den Steinen hindurch die Stelle, von der er die Geräusche gehört hatte. Es dauerte nicht lange, und er konnte schon die bunten Kattunüberwürfe mehrerer Eingeborener erkennen, die langsam und aufmerksam den Boden betrachtend seinen Spuren folgten. Wie viele es waren, ließ sich noch nicht erkennen, aber das war jetzt auch gleich. War er erst einmal aufgefunden, konnten sie schnell Verstärkung holen. Er mußte deshalb jetzt sehen, ob er sich auf friedliche Weise mit ihnen verständigen konnte. Der erste der Eingeborenen, der ihr Anführer zu sein schien, sandte jetzt jeweils zwei Mann rechts und links um die Steingruppe, um zu sehen, wohin die Spuren weiter führten. Er selbst kam gerade auf den Felsen zu. René wußte, daß er von diesen Leuten noch weiter keine Gefahr zu befürchten hatte. Aber sein Aufenthalt war nicht länger zu verheimlichen. Er richtete sich auf und stützte sich mit den Ellbogen auf den vor ihm liegenden Felsblock. Erst sah er dem Mann unten eine Weile lächelnd zu und sagte dann plötzlich mit lauter Stimme den schon mehrfach gehörten Gruß: »Joranna boy!« Wäre dem Eingeborenen plötzlich ein grimmiger Tausendfüßler über den Nacken gelaufen, hätte er nicht rascher und erschrockener in die Höhe und dann zur Seite springen können. Erst das laute Lachen Renés brachte ihn wieder zu sich. In seiner Überraschung hatte er einen Schrei ausgestoßen, und gleich darauf standen seine Begleiter neben ihm. Sie schienen etwas verlegen zu sein, als sie den Gesuchten so plötzlich friedlich lachend vor sich hatten. Erst sahen sie schweigend zu ihm empor, sie mißtrauten ihm offensichtlich. Obwohl sie wußten, daß der Weiße unbewaffnet war, wußten sie doch nicht, welche außerordentlichen Mittel er sonst noch hatte, um ihnen zu schaden. Sie wollten zwar gern die ausgesetzte Belohnung verdienen, dabei aber keineswegs ihr Leben einsetzen. René blieb unverändert in seiner Haltung, und langsam verlor sich die Furcht der Eingeborenen. Der Anführer sah seine Gefährten erst ganz ernsthaft an, dann verzog ein breites Grinsen seine sonst gutmütigen Züge. Die anderen wußten noch immer nicht, wie sie sich verhalten sollten, dann wurde ihnen das Komische ihrer Lage bewußt. Erst lächelte der eine, und war gleich darauf so finster wie vorher. Dann sah er den Häuptling und dessen ausbrechende Fröhlichkeit und glaubte wahrscheinlich, nun endlich auch herausplatzen zu können. Die anderen drehten sich erschrocken zu ihm um. »Joranna, Joranna!« rief jetzt der erste hinauf, dem offensichtlich ein Stein vom Herzen gefallen war. Es stellte sich heraus, daß er etwas gebrochen Englisch sprach. Auf diesen Inseln gab es immer wieder Eingeborene, die sich Worte und Redensarten beim Handel mit den Weißen aufgeschnappt und behalten hatten. »Joranna boy! Wie gebt es? Wie geht's, Freund? Komm herunter, komm herunter, weißer Mann Kapitän sagt, soll herunterkommen!« »So? Weißer Mann Kapitän sagt also, ich soll herunterkommen?« sagte René und lachte dabei. Der Eingeborene nickte, erfreut, daß er so gut verstanden wurde. Dann versicherte er seinen Begleitern, daß er die Sache jetzt gleich in Ordnung bringen würde. »Und wenn ich weißer Mann kein Kapitän nun nicht will?,« erkundigte sich René, noch immer lachend. »Nicht will?« rief der Führer der Eingeborenen erstaunt aus und sah den Fremden an. Aber er konnte in dessen Gesicht noch immer keinen Ernst entdecken. So hielt er die Antwort für einen guten Spaß, schaute sich um, lachte laut auf und erzählte seinen Begleitern mit der größten Heiterkeit, was der Weiße da oben eben so Lustiges gesagt hatte. Die übrigen Eingeborenen, die gleich von Anfang an nichts anderes erwartet hatten, konnten darin aber keinen Spaß entdecken. Ein paar Worte an den Alten machten ihn ebenfalls rasch wieder ernst. Jetzt glaubte auch er an die Möglichkeit, daß der Fremde möglicherweise wirklich nicht selber herunterkommen wollte. Ihn da herunterzuholen war jedenfalls eine unangenehme Sache. »Ach, bah!« sagte dann aber der Alte kopfschüttelnd. Dabei machte er ein Gesicht, als ob er mit einem ungezogenen Kind schimpfte. »Närrisch! Weißer Mann Kapitän guter Mann, verlangen weiter nichts als herunterkommen.« »Was bekommt ihr dafür, mich zu holen?« erkundigte sich René jetzt plötzlich und brachte den Redner damit völlig aus der Fassung. Er sah erst den Weißen erstaunt an, dann seine Begleiter und war unschlüssig, ob er diese etwas indiskrete Frage so geradezu und wahrheitsgemäß beantworten sollte. Er hielt es auch für besser, erst einmal mit seinen Begleitern darüber zu beraten. Die hatten aber keine Bedenken, und jetzt erzählte der Anführer völlig ernst und sachlich von den Artikeln, die sie bekommen würden. Dabei zeigte er einen Eifer und eine Genauigkeit, als ob das noch ein besonderer Grund für den Weißen sein müsse, nun schnell herunterzukommen und ihnen die zustehenden Dinge nicht weiter widerrechtlich vorzuenthalten. Zu ihrem Erstaunen ließ sich aber der Fremde selbst nicht durch die Erwähnung des Handbeils und der fünf Yards roten Kattuns bestechen, sondern blieb ruhig und unbeweglich in seiner Stellung. Natürlich war René diese Aufzählung nicht angenehm. Er konnte daraus sehen, wie sehr dem Harpunier daran lag, ihn wieder zu fangen. Die Habgier dieser einfachen und gutmütigen Leute war jedenfalls erregt, und sie würden alles tun, um den versprochenen Lohn so rasch wie möglich zu verdienen. Überredung half hier nichts, das sah er sofort. Selbst, wenn er ihre Sprache beherrscht hätte, wäre das unmöglich geworden. Er konnte jetzt nur versuchen, ihnen Geld und vielleicht Kleider in gleicher Menge anzubieten. Das hätte noch den Vorteil, daß die Eingeborenen keine Gefahr für sich bei einer Auseinandersetzung fürchten mußten. Als sie mit der Aufzählung fertig waren und zu ihm aufsahen, als könne er nun nicht länger widerstehen, entgegnete er: »So? Das also hat euch weißer Mann Kapitän alles geboten, um mich allein wieder unten abzuliefern?« »Ja, Freund, bloß unten abliefern!« lautete die Antwort. »Tot oder lebendig?« fragte der junge Mann kaltblütig und erschrak damit den alten Mann heftig. Jetzt begann der Anführer erst zu ahnen, daß der Fremde möglicherweise doch nicht so gutwillig mit ihnen gehen würde. »Tot oder lebendig?« wiederholte er erstaunt und versuchte zu lachen, was ihm aber mißglückte. »Tot? Wir wollen doch weißen Mann nicht tot abliefern, lebendig natürlich!« »Wenn sich nun aber der weiße Mann zur Wehr setzt?« »Zur Wehr setzen?« wiederholte der Anführer, der das Wort nicht richtig zu verstehen schien. »Ich meine, wenn weißer Mann unter keiner Bedingung gutwillig mitgehen will und sich verteidigt?« erklärte es ihm der Fremde deutlich genug. »Aber fünf Yards roten Kattun! Ein Handbeil! Zwei Messer!« begann der erstaunte Eingeborene alle Herrlichkeiten wieder aufzuzählen. René lag aber nicht daran, sie nur hinzuhalten. Mitten in der erneuten Aufzählung unterbrach er ihn deshalb und sagte freundlich, während er eine ganze Handvoll Silbergeld aus seiner Tasche nahm und sie ihnen zeigte: »Was wollt ihr denn tun, wenn ich euch so viel bares Geld gebe, wie euch weißer Mann Kapitän für mich versprochen hat, und ich dann bei euch bleibe und bei euch lebe?« Das war jedenfalls ein Vorschlag zur Güte, und die Eingeborenen berieten sich lange. Dann erkundigte sich der Alte, wieviel Geld er da eigentlich in der Hand halte. René zählte es rasch. Es waren sechs Fünffrancstücke und vielleicht zehn Franc in kleiner Münze, Geld, wie sie es hier durch den Handel mit Tahiti gut kannten. Für eine solche Summe konnten sie natürlich die gleiche Menge Ware bekommen, wie sie ihnen geboten war. Aber der nächste Handelsplatz, Papeete, war weit und die Sachen noch nicht hier. An Bord des Walfängers dagegen würden sie sie sofort erhalten. Die Unterhandlung fiel deshalb für den Matrosen ungünstig aus. Der Alte versuchte nun, gewissermaßen als Entschuldigung, ihm zu erklären, daß niemand auf der Insel ohne Zustimmung ihres Königs leben dürfte. Selbst wenn sie wollten, könnten sie nicht allein darüber entscheiden. Aufrichtig setzte der Anführer noch hinzu: »Selbst wenn wir jetzt dein Geld nehmen und dich in Ruhe lassen, könnten wir dich nicht schützen. Der König würde bald andere schicken, um dich trotzdem zu fangen.« René sah das ein und beschloß, mit Seiner Majestät direkt zu verhandeln. Aber wie sollte das geschehen? Stieg er herunter, so gab er sich freiwillig in die Gewalt seiner Feinde. Überfielen die ihn dann, so konnten sie ihm ohne Mühe abnehmen, was er bei sich hatte, und er würde keinen Centime mehr davon sehen. Dem König konnte er aber auch nicht zumuten, hier zu ihm hinaufzuklettern, um mit ihm zu verhandeln. Trotzdem beschloß er, wenigstens den Versuch zu unternehmen. Er bat also den Anführer der Gruppe, daß er dem König Nachricht zukommen ließ, daß er mit ihm verhandeln wolle. Er bäte um die Erlaubnis für einen längeren Aufenthalt auf dieser Insel, bis sich das fremde Schiff entfernt hätte. Dafür würde er dem König, wenn der ihm für seine Sicherheit garantiere, zwanzig Fünffrancstücke auszahlen. Das war ein enormer Betrag für die Eingeborenen. »Ja, sehr gut das!« sagte der alte Mann nach einer kurzen Pause, in der er ernst überlegte. »Sehr gut das, weißer Mann nicht Kapitän kann mit König sprechen, aber muß hinuntergehen. König nicht heraufkommen hier oben auf Berg. König sehr faul, nicht viel Berge steigen.« »Ja, da kann ich ihm nicht helfen. Wenn er die zwanzig großen Silberstücke verdienen will, muß er dafür mehr tun, als nur mit dem Zepter zu winken. Also marsch, gute Freunde, bringt Seiner Majestät meinen freundlichen Gruß und Handschlag und meldet ihm, was ich ihm hiermit anbiete. Er soll einen guten Vasallen an mir haben und wird sicherlich von mir noch Nutzen haben. Ich bin gelehrig, und wer weiß, ob ich mich nicht selbst ganz gut zum Schwiegersohn und Nachfolger eignen würde!« sagte René und lachte wieder. Der Alte verstand sicher nicht die Hälfte von dem, was ihm der Fremde da gerade übermütig erzählte. Aber er begriff doch, daß er dem König eine bedeutende Summe für seine Freiheit anbot und sonst nicht die Absicht hatte, von seinem Punkt herunterzukommen. Ging nun der König auf diese Bedingung ein, so verlor er selber seinen Anteil an dem ausgesetzten Lohn. Ging er aber nicht darauf ein, so war der ganze Weg doch umsonst gewesen. So erschien es ihm weitaus besser, den jungen, freundlichen Burschen gleich mitzunehmen. Er würde sich dabei sicher nicht gegen sie wehren, alles andere könnten sie später ausmachen. Schnell wechselte er mit seinen Begleitern einige Worte und wandte sich dann wieder an den Matrosen, der ihn aufmerksam beobachtet hatte. Mit bedächtiger Stimme sprach er jetzt und wickelte dabei das Lendentuch etwas fester um sich. »Ja, weißer Mann, alles gut, weißer Mann Kapitän hat aber gesagt, müssen unten sein, bis Boot mit Kattun und Tabak und Messer und Beil und Hacke und anderen Sachen zurückkommt. So komm nur jetzt solange herunter, wollen unten erst zu König gehen, und nachher zu weiße Mann Kapitän.« »Ich habe dir schwerhörigem Burschen doch schon gesagt, daß ich nicht eher herunterkommen will, als bis ich euren König gesprochen habe!« rief René jetzt schon ungeduldiger. »Also sieh zu, daß du zu ihm kommst! Je eher er hier ist, desto schneller können wir unseren Handel beenden!« Ob der Alte ihn nicht richtig verstanden hatte oder aber jetzt handeln wollte, konnte René nicht unterscheiden. Jedenfalls begann er entschlossen mit dem Aufstieg. René hätte ihm ohne Mühe einen der schweren Steine auf den Kopf rollen können, aber er wollte in seinem eigenen Interesse Feindseligkeiten so lange wie möglich hinauszögern. Deshalb behinderte er den Alten auch nicht auf seinem Marsch, und gleich darauf stand er auf der kleinen Plattform, während seine vier Begleiter bemüht waren, ihm langsam nachzufolgen. »So«, sagte der Eingeborene mit freundlichem Kopfnicken, als er neben René stand und die Hand ausstreckte, um ihm auf die Schulter zu klopfen. »So Freund, weißer Mann, nun wollen wir...« Er brachte kein weiteres Wort heraus. Sein Blick war auf die Pistole gefallen, die der Weiße ruhig in der Hand hielt. Mit einem einzigen raschen Satz sprang er von der kleinen Steinfestung herab nach der Wurzel eines tiefer liegenden Baumes, von dort auf die Erde herunter. Auch da blieb er nicht eher stehen, bis er den schützenden Stamm einer Kasuarine erreicht hatte. Von dort aus begann er mit den Händen lebhaft zu gestikulieren und schrie und tobte dabei, als ob ihm etwas Furchtbares zugestoßen wäre. Die anderen warteten natürlich, als sie die Flucht ihres Anführers sahen, nicht weiter ab, sondern folgten so schnell wie möglich dem gegebenen Beispiel. Dabei richtete sich aber ihr Zorn nicht auf den jungen Mann, sondern nur auf den »weißen Mann Kapitän«, der sie unter falscher Vorspiegelung auf eine Verfolgungsjagd geschickt hatte, die sie leicht das Leben kosten konnte. »Das sind zwei Handbeile!« rief der alte Mann. »Und zehn Ellen Kattun, zwei fünf!« Dabei streckte er die gespreizte Hand zweimal vor sich. »Und vier Messer und zwei zehn Stangen Tabak!« Dabei zeigte er die Menge jeweils mit seiner Hand an. »Und zwei Hacken, und zwei Handvoll Nägel und eine Handvoll Knöpfe! Weißer Mann Kapitän sagt, was nicht wahr ist! Keine Waffen, und was ist das? Kleine, blanke Dinger da! Peng, macht Loch in armen Mann!« »Keine Angst, tapferer Krieger!« rief ihm René zu. Über diesen verblüffenden Erfolg mußte er schon wieder lachen. »Ich will euch nichts antun. Im Gegenteil! Euer König soll eine von diesen Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen eingeht. Wir werden später sicher in Frieden und Freundschaft zusammenleben. Vielleicht unterwerfen wir uns gemeinsam einige der Nachbarinseln! Aber jetzt mach, daß du dem König meine Vorschläge erzählst! Ich sehe, daß vom Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und möchte vorher noch deine trostbringenden Nachrichten hören!« Der alte Mann sah ein, daß er mit Gewalt und seinen wenigen Begleitern nichts ausrichten konnte. Auch schien ihm jetzt der ausgesetzte Preis viel zu niedrig. Er hoffte, von dem Harpunier, dem »weißen Mann Kapitän«, noch mehr aushandeln zu können. Da der Weiße keine feindlichen Absichten weiter zeigte und ganz friedlich wie vorher dasaß, kam er auch wieder hinter seinem Baum hervor. Er besprach sich mit seinen Leuten, dann wandte er sich wieder an den Flüchtling. »Gut, gut. Raiteo will gehen, mit König sprechen. Weißer Mann nicht Kapitän bleibt hier so lange. Raiteo kommt wieder, wenn Sonne dort!« Er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend an, in der sich die Sonne befinden würde, wenn er zurückkäme. Dann zog er sich in die Büsche zurück, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, und seine Leute folgten ihm. Kaum waren sie außer Sicht, da gab er ihnen den Befehl, den Platz auf vier Seiten zu umstellen. Dadurch wollte er nicht die Flucht des Weißen verhindern, was ihm wohl auch kaum gelungen wäre. Aber er wollte seine Fluchtrichtung erfahren, für alle Fälle. Raiteo, wie er sich genannt hatte, dachte gar nicht daran, seinem König den ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen. Er beschloß, zunächst einmal zu sehen, wieviel Belohnung mehr er von dem fremden Schiff herauslocken könnte. So rasch er konnte, eilte er dem Strand zu, auf den das Boot jetzt wieder zuhielt. Er traf fast gleichzeitig mit ihm ein. Der Harpunier fluchte kräftig, als er hörte, daß die Eingeborenen den Entlaufenen zwar gefunden hatten, ihn aber noch nicht zum Strand bringen konnten. Noch mehr fluchte er allerdings, als er die neue Forderung hörte. Gern hätte er ihnen jetzt das Sechsfache gegeben, wenn er dadurch den entlaufenen Matrosen wirklich fest in seiner Gewalt gehabt hätte. Der Kapitän des »Delaware« war furchtbar wütend geworden, als er von der Flucht erfahren hatte. Aber Raiteo sollte die Sache jetzt nicht mehr allein aushandeln können. Der König, der von dem reichen Lohn erfahren hatte, kam jetzt selbst zu Verhandlungen an den Strand. Er wollte von Raiteo zu dem Unterschlupf geführt werden. Der Harpunier hatte schon Raiteo eine Belohnung angeboten, wenn er ihn selbst zu dem Platz führen würde. Aber dann kamen ihm doch Bedenken. Denn dabei hätte er entweder die Mannschaft mitnehmen müssen oder aber bei dem Boot postieren müssen. Wie leicht konnte da noch einer der Kerle entlaufen! Nach kurzer Überlegung bat er deshalb die Eingeborenen, so schnell wie möglich zurückzugehen und den Weißen zu holen. Die Versprechungen, die er ihnen dabei machte, und noch mehr die Waren, die er ihnen zeigte, stachelten sie an. Der König erhielt außerdem schon einige Geschenke, um seine Habgier noch weiter anzustacheln. Die Eingeborenen waren diesmal in größerer Schar aufgebrochen, und sogar eine Menge neugieriger Frauen befanden sich unter ihnen. Der Harpunier erwartete sie jeden Moment zurück, als er plötzlich zu seinem großen Erstaunen ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, so schnell wie möglich an Bord zu kommen. »Was, zum Teufel, kann nur los sein?« brummte er, als ihn einer der Leute auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte. »Fische, bei Gott!« rief er dann aus, als das verabredete Signal dreimal auf- und niedergezogen wurde. »Die hätten auch noch ein paar Stunden warten können! An Bord, Boys, an Bord, rasch an eure Riemen!« Die Matrosen folgten seinem Befehl schnell. Er selbst blieb noch ein paar Momente unschlüssig am Ufer stehen, während sich die zurückgebliebenen Eingeborenen um ihn versammelten. So viel hatten sie schon von den Schiffen gesehen, um zu verstehen, daß eine aufgezogene Flagge etwas bedeutete. Jetzt waren sie neugierig, was die Weißen unternehmen würden. Der Harpunier wußte das zunächst selbst nicht. Mußten sie jetzt hinter den Walen her, wie es den Anschein hatte? Dann konnten Tage vergehen, ehe sie wieder hierher zurückkamen. Sollte er in der Zwischenzeit die ausgesetzten Waren in der Hand des Königs zurücklassen? Wenn er es nicht tat, bestand die Gefahr, daß sich die Eingeborenen nicht mehr um den Entlaufenen kümmerten, wenn sie das Schiff absegeln sahen. Ließ er die Sachen da, so hieß das, ein wenig viel der Ehrlichkeit dieser Leute zu vertrauen. Nach seiner langen Erfahrung hatten sie in dieser Hinsicht keine besondere Vorstellung. Aber er entschloß sich denn doch dazu, denn einerseits hatten die Waren keinen wirklichen großen Wert, und andererseits würden die Eingeborenen so sicherlich ihr bestes versuchen, um den Matrosen wieder einzufangen und das Vertrauen zu rechtfertigen. Er wandte sich deshalb an den König und erklärte ihm mit kurzen Worten, daß er jetzt auf sein Schiff gehen müsse. Er wolle aber den Lohn für das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen. Dafür verlange er von ihm, daß sie den Mann, wenn sie ihn bringen würden und das Schiff noch da wäre, augenblicklich mit einem Kanu hinüberschaffen sollten. Sollte es bereits unter Segeln sein, so sollte der König den Mann so lange sicher verwahren, bis er selber zurückkäme. Der König versprach ihm dafür, die Sachen in sein eigenes Haus zu bringen, und versicherte dem Harpunier, daß nichts davon wegkäme. Sie seien alle Christen und zwei »Mitonares« hier auf der Insel. Der alte Harpunier wollte noch etwas darauf erwidern und sah ihn einen Augenblick zweifelnd an. Dann aber brummte er sich nur leise ein paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und schoß gleich darauf davon, so schnell die Leute mit äußerster Kraft die Riemen führen konnten. Von dem zwei englische Meilen entfernten Schiff wehte noch immer die Flagge von der Gaffel und wurde dann und wann gezogen – ein Zeichen zu größter Eile. 3. Das Mädchen von Atiu Nachdem ihn die Eingeborenen verlassen hatten, saß René eine ganze Weile nachdenklich auf den Steinen seines kleinen Forts und überlegte, was er am besten täte. Sollte er an dieser Stelle bleiben und die Rückkehr der Männer erwarten, oder sollte er sich lieber ein neues Versteck suchen? Dort konnte er wenigstens bis zum Dunkelwerden unentdeckt bleiben und hatte dann die ganze Nacht für sich, um eine bessere Stelle zu finden. Er wußte recht gut, daß der Kapitän des »Delaware« bald ungeduldig werden würde, wenn er ihn nicht wieder rasch zurückbekäme. Es war auch möglich, daß er in der Nacht ein Kanu fand, mit dem er in See stechen konnte. Im Nordwesten lagen noch mehrere Inseln, und lieber wollte er sich der Gefahr aussetzen, von einem Sturm bedroht zu werden, als wieder zurück an Bord zu gehen. Endlich hatte er einen Entschluß gefaßt. Er wollte von dieser Kuppe zu einer anderen Hügelspitze gehen, die er von hier aus gut erkennen konnte. Das nahm seinen Feinden einige Zeit, bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine Spuren vor den Verfolgern. Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er hundert Schritte den Berg hinunter getan, als sein scharfer Blick die Gestalt des dort stationierten Insulaners entdeckte. Der hatte sich zwar rasch in das üppige Kraut geduckt, das überall den Boden bedeckte, aber René wußte, daß er umstellt war. Es half ihm nichts, wenn er seinen Schlupfwinkel änderte. Diese Wachen würden ihm natürlich auf den Fersen bleiben. Es bestand sogar die Möglichkeit, daß sich seine Feinde in größerer Zahl hier versammelt hatten, als er selbst ahnte, und ihm einen Hinterhalt gelegt hatten. Bei diesem Gedanken sah er sich scheu um und hatte die gespannte Pistole in der Hand. Hinter jedem Baum glaubte er einen Eingeborenen, der schon sprungbereit lauerte. Rasch zog er sich deshalb wieder zu dem verlassenen Versteck zurück. »Nun gut, dann sollen sie auch die Folgen tragen«, murmelte er zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hindurch, während er den Hügel hinaufschritt. »Wenn sie mich mit Gewalt zum Äußersten treiben wollen, gut. Aber lebendig bringen sie mich nicht von diesen Steinen herunter, das schwöre ich bei Gott!« Bei diesen Worten untersuchte er sorgfältig seine kleinen Terzerole, schraubte die Pistons heraus und schüttete frisches Pulver auf, dann erneuerte er die Zündhütchen. Als er auch nach seinem Messer gefühlt hatte, ob es locker und zum Griff bereit an der Seite hing, wußte er, daß er im Moment nichts weiter tun konnte, und warf sich auf die Steine nieder, um seine Kräfte jetzt zu sammeln. Etwa eine halbe Stunde mochte er so gesessen haben, als der Lärm der zu ihm heraufsteigenden Menge an sein Ohr drang. Er horchte einen Augenblick, blieb aber noch ruhig in seiner Stellung. Er wußte, daß sie ihn nicht überraschen wollten, wenn sie so laut daherkamen. Aber der entscheidende Augenblick nahte auch. Er hatte das Boot wieder zurückkommen sehen und erwartete nun, daß der Harpunier selbst mit seinen Leuten sich den Eingeborenen angeschlossen hatte. Die Menge kam jetzt mit lautem Reden und Lachen näher. René mußte sich aufrichten, aber der Blick über den Wall überzeugte ihn bereits, daß nur die Insulaner kamen. Damit zog auch wieder Hoffnung in seine Seele. Er nahm seine alte Stellung auf dem Stein ein. Als er die Männer und Frauen in bunter Menge um sich versammelt sah, konnte er erneut ein Lächeln nicht zurückhalten. »Was für eine herrliche Situation wäre das jetzt für einen der frommen Missionare«, sagte er leise vor sich hin. »Kanzel und Auditorium sind fix und fertig, und was für eine zahlreiche, bunte Versammlung, sogar mit Frauen. Die lieben Dinger müssen doch überall dabeisein – selbst wenn es darum geht, einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker auszuliefern. Aber noch habt ihr ihn nicht, und so billig sind die zehn Ellen Kattun und was weiß ich noch nicht zu verdienen, ehe ihr ihn bekommt!« Die Schar versammelte sich jetzt um den Felsen. Bei ihnen befand sich der Sohn des Königs, aber Raiteo mußte wieder als Dolmetscher dienen. Doch der schien seine gute Laune verloren zu haben und forderte den Matrosen kurz und barsch auf, herunterzukommen und mit ihnen zu gehen, weil sie sonst Gewalt gebrauchen müßten. Ihr König erlaube ihm nicht länger, sich hier auf der Insel aufzuhalten, weiterer Widerstand würde ihm nicht helfen. René hatte sich bei seinen Worten hoch aufgerichtet. Die jetzt frisch von der See herüberwehende Brise schlug ihm das dunkle, lange Haar wild um die Schläfe. Von der Anstrengung war sein Gesicht bleich, aber seine Augen funkelten, und ein trotziges Lächeln umspielte seine Lippen, als er mit lauter, herausfordernder Stimme hinunterrief: »So kommt doch her, wenn ihr den Mut habt, mich zu holen! Kommt und seht, wessen Blut diese Steine zuerst färben soll! Kommt und liefert einen Mann, der euch nie etwas getan hat, seinen Feinden aus! Ihr seid ja Christen und wollt nach Gottes Geboten handeln, kommt! Aber ehe ich das Schiff wieder lebendig betrete...« Er schwieg plötzlich, denn sein Blick war unwillkürlich auf das Schiff gefallen. Dabei sah er jetzt zum erstenmal das flatternde Zeichen an der Gaffel und gleichzeitig das zurückkehrende Boot. Ein zweiter Blick überzeugte ihn, daß nach Westen hin die drei anderen Boote ebenfalls unter Segel standen, und die Bedeutung dieser Tatsache durchzuckte ihn. Als die Eingeborenen sahen, daß er plötzlich seine Blicke zu der Richtung lenkte, wo das Schiff lag, versuchten sie ebenfalls, einen freien Ausblick zum Meer zu erhalten. Zwei junge Leute, die rasch eine der Kasuarinen erstiegen hatten, riefen gleich darauf etwas in ihrer Sprache herunter. Jetzt verteilten sich einige der Männer auf andere Punkte, von wo aus sie die See überblicken konnten. Sie erkannten ebenfalls, daß etwas an Bord des Schiffes vorgehen mußte, und beobachteten gespannt das Treiben. René selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen. Er sah, wie das Boot, das ihn abholen sollte, an Bord des »Delaware« zurückkehrte. Gleich darauf wurden die Rahen umgebraßt, und mit geblähten Segeln folgte das Schiff den vorangeeilten Booten. Sie mußten dort eine große Anzahl von Fischen bemerkt haben. Wenn die Jagd nur bis zum Abend dauerte und das Schiff dadurch eine größere Strecke nach Westen abkam, so war es fraglich, ob der Kapitän seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen würde. Jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehrere Tage Zeit, an eine Flucht von der Insel zu denken. Die Gefahr war wenigstens für den Moment von ihm abgewandt. Daß er die Insulaner jetzt sich leicht fernhalten konnte, daran zweifelte er keinen Augenblick. Der Erfolg zeigte denn auch, daß er vollkommen recht gehabt hatte. Die Insulaner wußten nicht, woran sie waren, und mußten erst wieder einen Boten ausschicken, um neue Verhaltensbefehle einzuholen. Dem begegnete unterwegs schon ein anderer, der den Befehl brachte, den jungen Fremden einstweilen einzufangen und mit herunterzunehmen. Das war aber leichter gesagt als getan. Wenn er gutwillig kam, gut. Aber sollten sie ihr Leben wagen, ohne sicher zu wissen, ob das Schiff hierher zurückkam? Die Frauen und Mädchen waren dem Zug aus Neugierde gefolgt und hielten sich zunächst scheu zurück. Da aber alles friedlich abzulaufen schien, so kamen sie weiter vor und versuchten Plätze zu bekommen, von denen sie den jungen Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mädchen war schon früher so weit vorgedrungen, daß sie sich dem Umstellten auf einer anderen kleinen Erderhöhung fast gegenüber befand. Sie hatte die ganze Zeit keinen Blick von ihm gewandt. Es war ein junges, bildschönes Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren, schlank gewachsen wie die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem, rundem Gliederbau. Ihre rabenschwarzen, mit wohlriechendem Kokosöl getränkten Locken flatterten wild um die braune Stirn, und die schönen großen, dunklen Augen hatte sie halb ängstlich, halb mitleidig auf den jungen Mann geheftet. Sie war nach Art der übrigen Mädchen gekleidet. Ein Lendentuch aus farbigem Kattun schloß sich ihr dicht um die Hüften und reichte bis auf die feingeformten Knie. Ein anderes Tuch hing nur lose über die linke Schulter und war auf der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten. Der rechte Arm war vollkommen nackt und frei. In den kräftigen Locken trug sie einen dünnen Kranz weißer und roter Blüten, von den Fasern der Kokosblätter zusammengebunden. In den Ohren befanden sich zwei der großen weißen, duftenden Sternblumen. Wie sie dort stand auf dem brüchigen Stein, um das sich dicht hinter ihr die dunklen Büsche schmiegten, den linken Arm um die dünne Kasuarine geschlungen, glich sie eher einer aus dem Dickicht getretenen Waldnymphe als einem Kind dieser Inseln. René war zunächst zu sehr mit seiner gefährlichen Lage beschäftigt gewesen, um einzelne Gestalten näher betrachten zu kennen. Besonders die Männer hatte er bei ihrer Beschäftigung beobachtet, um einem plötzlichen Angriff vorzubeugen. Jetzt aber überwog sein Leichtsinn über der geringer erscheinenden Gefahr. Er fühlte das Eigentümliche, Interessante seiner Lage. Während das Blut in seine Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über sein Gesicht flog, sah er sich nach den einzelnen Gruppen um. Da begegnete sein Blick zum erstenmal dem dunklen Augen des Mädchens. Sie sah verschämt zu Boden. René konnte auf ihrer lichtbraunen, zarten Haut deutlich das dunkle Erröten erkennen. Gerade jetzt wurde aber seine Aufmerksamkeit wieder auf die Männer gelenkt, die sich ihm näherten und sich noch einmal erkundigten, ob er gutwillig zu ihnen heruntersteigen wolle oder nicht. »Gewiß!« rief René jetzt freudig. War es schon früher seine Absicht gewesen, so hatte ihn die Gestalt des bezaubernden Mädchens nur noch darin bestärkt. »Gewiß will ich herunterkommen und bei euch bleiben. Aber ihr müßt mir versprechen, daß ihr mich nicht festhalten und gefangennehmen wollt. Freiwillig komme ich zu euch, und freiwillig werde ich bei euch bleiben. Das Schiff, das mich zurückforderte, hat die Insel verlassen, um nicht wieder zurückzukehren. Wenn ihr mir also fest und aufrichtig Sicherheit für mich versprecht, so komme ich sofort zu euch herunter, und ich hoffe, wir werden gute Freunde. Seid ihr einverstanden?« Raiteo hatte die Worte des jungen Matrosen übersetzt, und jetzt besprachen sich die Insulaner kurze Zeit laut und lärmend. Dann wandte sich Raiteo wieder zu ihm und sagte, freundlich mit der Hand winkend: »Gut, weißer Mann – a haere mai – sei willkommen und bleib bei uns, bis dein Schiff zurückkommt oder so lange du willst!« »Sehr schön, das ist ein Vorschlag zur Güte, und die Sache löst sich freundlicher, als ich erwarten konnte!« rief der junge Franzose. Dabei schob er seine Pistolen in die Tasche, drückte sich die Mütze wieder in die Stirn und wollte sich eben über die kleine Steinmauer schwingen, als ihn ein Ausruf in englischer Sprache zurückhielt. Überrascht und verwundert sah er auf. Es war das junge Mädchen, das ihm mit ausgestrecktem Arm zurief: »Halt, Fremder, halt! Sie sind falsch! Sie wollen dich binden und festhalten! Du sollst dem Schiff ausgeliefert werden, das schon Lösegeld für dich zurückgelassen hat! Traue ihnen nicht und bleib, wo du bist, bis dich der König selbst unter seinen Schutz nimmt!« Dann wandte sie sich zu den anderen. Raiteo war bestürzt, denn er hatte als einziger verstanden, was sie dem Fremden zugerufen hatte. Jetzt rief sie ihm mit zürnender, fast drohender Stimme in der schönen, klangvollen und melodischen Sprache ihres Stammes zu: »Schäme dich, ahina ! Schämt euch alle, den armen hutupanutai die an den Strand gespülte hutu-Nuß – oder auch, in der bilderreichen Sprache des Stammes, der an die Küste geworfene Fremde ohne Verwandte und Freunde verräterisch herunterzulocken und überfallen zu wollen! Wo sind seine Verwandten, seine Eltern, seine Geschwister? Weit, weit weg von hier, und nur wegen der Fangprämie wollt ihr ihn seinen Feinden ausliefern! Ihr nennt euch Christen? Ihr prahlt damit in den öffentlichen Versammlungen, daß ihr euren Nächsten lieben wollt wie euch selbst und anderen nicht das zufügen wollt, was euch nicht selbst geschehen soll! Schämt euch in eure Seele hinein, daß euch ein junges Mädchen zurechtweisen und eure Ehre vor einem Fremden retten muß!« Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen und bemerkt, wie alle Blicke an ihr hingen, überkam sie wieder ihre Scheu. Das Blut schoß ihr ins Gesicht, und mit niedergeschlagenen Augen glitt sie in die Büsche zurück, als wäre sie im Unrecht gewesen. Im nächsten Moment war sie auch schon hinter dem Felsenhang verschwunden. René, der bei dieser Warnung rasch seine Stellung wieder eingenommen hatte, betrachtete mit gezogenen Waffen und finsterem Blick die verlegen stehende Schar. Ihr Verhalten zeigte ihm deutlich, daß die Anschuldigung zu Recht bestanden hatte. Besonders Raiteo, der bei den sonntäglichen religiösen Veranstaltungen eine Hauptrolle spielte, schien sich am stärksten über den verletzenden Vorwurf zu ärgern. Die Mädchen und Frauen flüsterten lebhaft untereinander, und aus den freundlich nach oben gerichteten Blicken konnte René erkennen, daß er den schönen Teil seiner Feinde bereits für sich gewonnen hatte. Die Frauen der Insel waren mit dem Verhalten des jungen Mädchens vollkommen einverstanden. Die Männer berieten sich eine ganze Zeitlang miteinander, sahen dann wieder nach dem Schiff aus, das allmählich im Westen verschwand, und schienen völlig ratlos zu sein. So verging der Nachmittag. René beschloß, nichts zu unternehmen, bis das Schiff völlig aus der Sicht war. Zeigten sich die Insulaner dann immer noch so hartnäckig, dann wollte er versuchen, ein Kanu zu erreichen und von der Insel zu fliehen. Es war ihm nach den Worten des Mädchens klargeworden, daß der »Delaware« auf jeden Fall zurückkommen würde. Das hing zwar von dem Verlauf des Fangzuges ab, denn solange er den Wal längsseits hatte, konnte er nicht segeln und trieb immer weiter nach Westen ab. Aber zurückkehren würde er wohl schließlich doch. Inzwischen stellten sich Hunger und Durst ein, und um den Insulanern zu zeigen, daß er keine Furcht hatte und noch einen ganz guten Appetit besaß, setzte er sich oben auf sein Befestigungswerk und begann die hinausgeschobene Mahlzeit nachzuholen. Erst als es Abend wurde, verließen ihn die Insulaner, und zwar ohne weiter mit ihm zu verhandeln. Niemand blieb zurück, und René hatte nur die Sorge, daß sie zurückgeschlichen kämen, wenn er eingeschlafen war. Einen derartigen Versuch würde der Feind aber erst in der Nacht machen, und um seine Kräfte nicht unnötig zu überanstrengen, beschloß er, nach Einbruch der Dunkelheit eine Stunde zu schlafen. Sein Bündel schob er sich als Kopfkissen zurecht. An der leicht zu ersteigenden Seite hatte er vorher einen lockeren Stein so plaziert, daß er bei der leichtesten Berührung herabfallen mußte. Dann warf er sich mit sorgloser Ruhe auf den harten Boden und schlief bald darauf ein. Hätten die Insulaner vorgehabt, ihn in der Nacht zu überwältigen, wäre ihnen das leichtgefallen. Lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand seine Schulter, ohne daß er erwacht war. »Fremder«, sagte eine sanfte, weiche Stimme, und das junge schöne Mädchen legte ihre kalten Finger an seine heiße Stirn. »Ja«, sagte René, schlug die Augen auf und sah sich erstaunt um. »Ja, schon acht Glasen Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden. Bedeutet jetzt die verschiedenen Schläge der Wachuhr, die alle vier Stunden mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufügt. ?« Die kalte Nachtluft strich über ihn, das Laub des Waldes rauschte, und die hellen, funkelnden Sterne blickten klar auf ihn herab. In dem Moment schoß ihm auch die ganze Gefahr seiner Lage durch den Kopf, und rasch emporspringend riß er die Pistolen heraus und erwartete einen Angriff. »Du bist eine gute Wache!« lachte das junge Mädchen, das ruhig neben ihm stehengeblieben war. »Wenn du so über die Dinge anderer Leute wachst wie über deine eigene Sicherheit, würde ich dir noch nicht einmal eine Banane anvertrauen!« René faßte sich an die Stirn. Er wußte im ersten Augenblick nicht, ob er wachte oder träumte. Das Fremdartige seiner Umgebung, das schöne, lachende Mädchen dicht vor ihm, das Bewußtsein drohender Gefahr und seine noch schlaftrunkenen Sinne mußte er erst einmal sammeln, bis er seine Lage richtig begriff. Das Mädchen stand mit untergeschlagenen Armen und fest zusammengepreßten Lippen vor ihm. Jetzt sagte sie, halb lachend, halb erstaunt: »Bist du nicht ein merkwürdiger Mensch, Fremder? Schläfst hier mitten zwischen deinen Feinden, als ob du im sicheren Haus unter deinen Freunden bist und kein Preis auf deine Gefangenschaft ausgesetzt ist!« »Konnte ich nicht ruhig schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist über mich wacht?« erkundigte sich René lächelnd und streckte ihr die Hand entgegen. Sie aber trat einen Schritt zurück und deutete mit ernstem Blick nach oben. »Du hattest einen Schutzgeist, der über dich wacht. Aber es ist das Auge Gottes, das jedes deiner Haare gezählt hat und ohne dessen Willen nicht eins davon zu Boden fällt. Ihm danke für deine bisherige Sicherheit, nicht mir!« Dann setzte sie freundlicher hinzu: »Aber komm, Fremder, nimm deine Sachen auf und folge mir, ich will dich, bevor böse Menschen im Tal neue Pläne schmieden können, an die andere Seite der Insel bringen. Dort steht das Haus eines frommen Mannes, das dich schützen wird, bis dein Schiff die Gegend verlassen hat. Später kannst du nach Tahiti gehen, wo viele deiner Landsleute leben, und dort bist du in Sicherheit.« René wurde bei diesen Worten völlig munter und erkundigte sich, ob er auch den Proviant mitnehmen sollte. »Wir finden genug auf unserem Weg, iß und trink, was du jetzt magst, den Rest laß hier zurück.« »Dann wird sich mein Dolmetscher die Reste als kleines Andenken mitnehmen können. Der alte Bursche wird sich schön ärgern, wenn das Nest leer ist!« »Sprich nicht so leichtsinnig über die Gefahr, der du noch lange nicht entgangen bist!« antwortete das Mädchen. »Ich kann nichts für deine Sicherheit tun, sondern dich nur zu jemand führen und ihn bitten, dir zu helfen. Er ist selbst ein Weißer und ein Diener des Herrn und wird sicher alles für dich tun, was er kann. Er ist aber doch auch nur ein Mensch und kann dir eben nur seinen Schutz anbieten.« »Ein Weißer? Und ein Diener des Herrn?« sagte René rasch und nachdenklich. »Also ein Missionar?« »Ja, ein Missionar!« bestätigte das Mädchen. »Er hat mich erzogen und mir seine Sprache und seine Religion beigebracht. Er ist ein stiller, friedlicher und guter Mann.« René blieb nachdenklich stehen. Alles, was er in seinem katholischen Heimatland über die protestantischen Missionare dieser Inseln gehört hatte, ging ihm im Kopf herum. Durfte er noch freundliche Aufnahme erwarten, wo er Katholik war und ein entlaufener Matrose? Aber er war nicht der Mensch, sich voreilig unnötige Sorgen zu machen, und so rief er fröhlich aus: »Nun gut, wohin du mich führst, will ich dir folgen, und sei es in den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben, die Bequemlichkeiten sind nicht besonders, und sonst stöbert mich vielleicht der alte Bursche von Dolmetscher wieder auf. Also vorwärts, du liebe Retterin. Welchen Namen hast du eigentlich, wie soll ich dich nennen?« »Meine Landsleute nennen mich Sadie, nach einem der freundlichen Sterne dort oben. Aber mein Pflegevater fand den Namen heidnisch, und deshalb heiße ich jetzt Prudentia. Nur die Insulaner können das nicht gut aussprechen und nennen mich deshalb lieber mit meinem alten Namen.« »Oh, ich möchte dich auch Sadie nennen, denn du bist mir auch ein freundlicher Stern geworden, dem ich gerne folgen will. Prudentia – lieber Gott –, der Name paßt zu einer würdigen Ehefrau oder Mutter, aber deinen Namen zu verändern, heißt die Saiten einer Harfe zu zerreißen und dafür Bindfäden zu spannen. Nein, Sadie, leuchte mir, und ich will dir wie einem Stern folgen.« Das junge Mädchen hörte wohl insgeheim den alten Namen ebenfalls lieber und erwiderte jetzt nichts weiter. Wie eine Gemse kletterte sie den ziemlich steilen Hang hinunter. Dabei wich sie René aus, der sie bei der Klettertour unterstützen wollte. Bald darauf hatte er Mühe, ihr zu folgen. 4. Der Mi-to-na-re Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine wilde Gegend und oft durch Dickichte, durch die der Flüchtling allein nie einen Weg gefunden hätte. An den Sternen sah er, wie viele Umwege sie machten. Das geschah entweder, um undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch, um etwaige Verfolger irrezuführen. Endlich erreichten sie wieder eingezäunte Gärten mit Bananen, Brotfrucht, Orangen, Wassermelonen und süßen Kartoffeln. Als die Sonne eben über dem vor ihnen liegenden Wasserspiegel aufstieg, betraten sie eine freundliche Ansiedlung mit Bambushütten, zwischen denen sich sogar einige weißgetünchte Häuser befanden. Sie waren dicht in den Schatten hoher Kokospalmen und breitästiger Brotfruchtbäume geschmiegt und von einer hohen, festen Umzäunung eingeschlossen. René zögerte, den Ort zu betreten. Er blieb stehen und betrachtete den freundlichen Platz, der wie ein in sich abgeschlossenes Paradies stillen Friedens vor ihm lag. Sadie schaute sich nach ihm um und erkundigte sich, ob er sich fürchte, näher zu kommen. »Fürchten? Wenn ich mich vor irgend etwas fürchten würde, hätte ich denn diese Insel betreten?« »Fürchtest du wirklich nichts? Auch nicht Gott?« sagte das Mädchen erstaunt. Der junge Mann erkannte, daß er ein Feld berührte, das er vermeiden mußte. Sowenig er sich aus irgendeinem Religionsbekenntnis machte, besaß er doch genügend Sinn, die Religion anderer zu achten. Außerdem mochte er dem Mädchen auch nicht mit einer rauhen Antwort weh tun und antwortete deshalb ausweichend: »Ich sprach nicht von Gott, Sadie. Ich meinte die Menschen. Hier wohnt also der weiße Missionar?« »Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist«, erwiderte das Mädchen. »Gerade jetzt besucht er aber mehrere andere Inseln in Missionsgeschäften. Doch wir erwarten ihn schon seit drei Tagen zurück, und er kann jede Stunde hier wieder eintreffen.« »Dann wohnt also im Moment kein Missionar auf dieser Insel?« erkundigte sich René fast erfreut. »Jedenfalls kein weißer Missionar«, antwortete Sadie. »Aber du scheinst dich darüber zu freuen. Ich hatte geglaubt, es würde dich beruhigen, wenn du einen Landsmann in der Nähe weißt.« »Ihr habt also auch eingeborene Missionare hier?« umging er die Frage durch eine andere. »Sind sie auch auf den anderen Inseln?« »Nicht auf allen, aber auf vielen. Hier aber wirst du Schutz finden, bis dein Schiff zurückkehrt. Von den Bewohnern der Insel wird es keiner wagen, Hand an dich zu legen, solange du dich in den Mauern dieses Wohnortes befindest. Was deine eigenen Landsleute tun, wenn sie wiederkommen, weiß ich nicht. Ich fürchte aber, sie werden kaum die Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, obwohl sie doch dem Namen nach auch Christen sind. Mein Pflegevater hat mir erzählt, daß es auf den Schiffen viele böse, gottlose Menschen gibt und wir Insulaner manchmal viel bessere Christen sind. Aber du gehörst doch nicht zu denen?« »Oh, dein Pflegevater mag da schon recht haben, denn viel Christentum darf man auf einem Walfänger nicht erwarten. Es sind aber auch viele gute, brave Menschen dazwischen. Ich bin vielleicht leichtsinnig, aber schlecht wohl doch nicht. Das mußt du mir allerdings auf mein Gesicht hin glauben, denn andere Bürgen für mich habe ich nicht.« Das Mädchen lächelte zufriedengestellt. Jetzt ergriff sie zum erstenmal seine Hand und führte ihn durch eine kleine Gartenpforte. Ein breiter Gang führte sie durch eine dichte Allee regelmäßig gepflanzter Bananen zum Haus. Unter dem vorstehenden Schutzdach konnte René die kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines Insulaners erkennen. Als er die Gestalt mit einem flüchtigen, forschenden Blick musterte, konnte er ein leichtes Lächeln kaum verbergen. Unwillkürlich drängte sich ihm der Gedanke auf, daß der Mann, wenn der Geist und die Zivilisation zu ihm von oben gekommen seien, mit den Beinen noch im Heidentum stecke. Der kleine, gelbbraune Missionar sah auch in seiner halb frommen, halb wilden Tracht eigentümlich genug aus. Er war ohne Hut, seine Haare im Gegensatz zu den Insulanern kurz abgeschnitten. Dann trug er ein weißes, baumwollenes Hemd und eine weite Halsbinde aus Leinen sowie eine hellgelbe Weste mit blanken Knöpfen. Darüber, und keineswegs passend zum Klima, einen schwarzen Frack. So weit war also der Geist gekommen, darunter aber fing wieder der Heide an. Der Mann konnte sich zwar an die fremde Religion, aber nicht an Hosen gewöhnen. So hatte er um seine Lenden ein Stück rot und gelb gefärbten Kattun gewickelt, der freundlich gegen den schwarzen Rock abstach. Die Beine trug er vollkommen nackt. Unter dem Kattun sah man noch die alten, heidnischen Tätowierungen früherer Zeiten. Sie wirkten auf René wie scheu, von dem christlichen Kleidungsstück bedroht. Der kleine Mann schien über den Besuch erstaunt und auch nicht besonders erfreut. Sadie erzählte ihm in seiner Sprache mit kurzen Worten die Ereignisse und bat ihn dann um seinen Schutz für den Verfolgten. René kam es vor, als hätte er zunächst einige Einwände, und dabei kam das Wort »Mitonare« sehr häufig vor. Sadie oder Pu-de-ni-a, wie sie der kleine Missionar in seinem merkwürdigen Kauderwelsch nannte, konnte allen Ausflüchten begegnen. Da er selbst gutmütig und auch gastfrei war, schien er sich endlich zu fügen. Er streckte dem jungen Mann mit einem halb freundlichen, halb salbungsvollen Blick die dicke, fette Hand entgegen. Dabei entdeckte René auch dort noch Tätowierungen. In einer Sprache, die wohl Englisch sein sollte, aber meistens in Tahitisch auslief, sprach er René an. »Gu day bodder – gu day – a heare mai – gu fend here – ehoa ino – very gu fend –« Dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung, jetzt auf einmal in reinem Tahitisch, als ob er annahm, daß der Fremde durch die einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun gut vorbereitet war in der einheimischen. Sadie, die ihr Lächeln kaum verbergen konnte, sah, wie der Fremde verlegen vor ihm stand und nicht richtig wußte, wie er sich verhalten sollte, übersetzte schnell und bat ihn, in das Haus zu treten, um sich mit Speise und Trank zu stärken und von den überstandenen Strapazen auszuruhen. »Wie kann ich erfahren, was aus dem Schiff geworden ist, das vielleicht gerade jetzt von der anderer Seite wieder auf die Insel zusegelt?« »Kümmere dich nicht darum. Ich habe eben einen Jungen zu der nächsten Bergspitze ausgesandt, von wo aus er das Meer überblicken kann. Er bringt uns Nachricht, ob das fremde Segel noch in der Nähe ist. Jetzt ins Haus. Wie ich schon gesagt habe, bist du hier sicher, bis das Schiff zurückkehrt. Selbst dann finden wir vielleicht noch Mittel, um dich zu verbergen.« Der kleine Mann hatte sich René gegenüber als »Mi mitonare – mi mitonare!« vorgestellt. Er eilte ihnen jetzt geschäftig voran. Obwohl heute wirklich ihr Sonntag war, Außer auf Tahiti und Imeo (Eimeo) wird der Sonnabend anstelle des Sonntags gefeiert, denn die ersten hier eingetroffenen Missionare waren um das Kap der guten Hoffnung gekommen und hatten dadurch die Datumsgrenze überschritten, ohne es zunächst zu bemerken. Sie behielten ihre eigene Zeitrechnung bei, nur auf Tahiti und Imeo änderten sie die Franzosen später ab. brachte er eigenhändig Teller und Bestecke. Sie ruhten wenig benutzt in einer tiefen Schrankecke. Dann folgten kaltes Fleisch, Früchte und Kokosmilch. Nochmals lud er den jungen Mann freundlich eine sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen. René sah erst Sadie an und dann das Essen. Er schämte sich, sie neben sich zu bitten, und hätte es trotzdem gern getan. Das schöne Mädchen erriet, was er wollte, schüttelte lachend den Kopf und war im nächsten Augenblick durch die offene Tür verschwunden. Der kleine Missionar begann eine Unterhaltung, die René zu jeder anderen Zeit amüsiert hätte. Jetzt aber hatte er wirklich großen Hunger, und die ständigen Fragen des Kleinen und das Kauderwelsch forderten seine ganze Aufmerksamkeit, die er viel lieber ungestört dem kalten Schweinebraten und den saftigen Früchten gewidmet hätte. Der Missionar ließ aber nicht nach und erkundigte sich nach allen Dingen, die den Fremden betrafen. Zunächst wollte er natürlich seinen Namen erfahren, der kurz und einfach genug für ihn war. Dann wollte er den Namen des Schiffes wissen, wohin es gesegelt sei und was sie gesehen hätten. Durch den weißen Missionar hatte er etwas Geographie gelernt und kannte die Hafenstädte der englischen und amerikanischen Küste. Er schien sich ungemein zu freuen, als René einen ihm bekannten Namen, Boston, erwähnte. Er nannte den Hafen hartnäckig bo-son. Wichtigstes Anliegen des kleinen, unermüdlichen Mannes war aber herauszubekommen, welches Land sein Heimatland und was für eine Religion der Flüchtling hatte. Aber René tat sich keinen Gefallen, als er sich kurz und knapp als Franzose bezeichnete. »Ein Wi-wi?« sagte der kleine Mann etwas erstaunt, zog die Augenbrauen in die Höhe und spitzte den Mund. »Wi-wi? Hmmh!« Spottname dieser Inseln für die Franzosen nach ihrem häufig gehörten »oui, oui – ja, ja!« »Wi-wi?« entgegnete René, der diesen Ausdruck nicht erkannte. »Was wi-wi? Frenchman, Français, ferani!« Er überlegte, was der Missionar wohl mit der merkwürdigen Bezeichnung meinte. Vielleicht ein Eigenname der Franzosen? »Viele Wi-wis in Tahiti! Keine Christen, wi-wis!« sagte der Missionar. »Keine Christen? Na, ich weiß ja nicht! Einige sind wohl schon darunter, die sich so nennen!« antwortete René und lachte. »Es, Christen, aber keine guten, aita maitai!« nickte der unverwüstliche Kleine. – Jetzt erst begriff René, worauf der protestantische Missionar hinauswollte. Er mußte natürlich glauben, was ihm die protestantischen Geistlichen über die Religion der anderen Weißen, die sich ebenfalls Christen nannten, erzählt hatten. Er hütete sich aber, auf irgendeinen religiösen Streit einzugehen, und beschränkte sich darauf, ihm zu erklären, daß er nicht wisse, was es für Christen auf Tahiti gäbe. Er sei noch nie dort gewesen, in seinem Vaterland gäbe es aber sehr gute, fromme Christen. Zum Ergötzen des kleinen Mannes nannte er dabei Frankreich jetzt selbst »Wi-wi«. René hätte vielleicht noch zahlreiche andere Fragen beantworten müssen, wenn nicht gerade jetzt vor der Tür eine kleine Glocke geläutet hätte. Gleichzeitig erschien Sadie wieder, und René sprang mit einem Freudenruf auf. Das junge Mädchen bot in seiner Sonntagskleidung einen besonders hübschen Anblick. Sie bestand aus einem langen, faltigen Gewand, das ihr von den Schultern bis auf die Knöchel niederfiel. Von einer rotseidenen Schärpe wurde es zusammengehalten. Die Haare hatte sie wieder frisch mit wohlriechendem Öl getränkt und die langen, vollen Locken gekämmt, so daß sie ihr bis auf die Schultern herabfielen. Keine Blume schmückte sie jetzt, sondern nur eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen einer reifen Ananas geschnitten, zog sich um ihr Haar und die Stirn, um die wilden Locken etwas zu bändigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt, ein englisches Neues Testament. Sie sah jetzt so mädchenhaft fromm und schüchtern aus, daß René sie kaum wiedererkannt hätte. Und doch war sie jetzt noch schöner als in dem Augenblick, als sie mit ausgestrecktem Arm ihre Landsleute beschimpft hatte. »Wie schön du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich aus und streckte ihr seine Hand entgegen. »Nicht Sadie jetzt«, sagte das junge Mädchen und schüttelte den Kopf. »Prudentia heiße ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott, durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier, mein Freund, nimm das hier und lese darin, während wir in der Kirche für dich und dein Wohl beten wollen. Es ist ein gutes Buch und wird dich trösten.« Es lag etwas Rührendes in ihrem Ton, und René nahm das Buch an. »Ich danke dir, Sadie, du mußt mir schon erlauben, dich so zu nennen. Das andere Wort will mir nicht über die Lippen. Du bleibst doch nicht zu lange?« »Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder, wie wir es sind!« antwortete das Mädchen ernst und traurig. »Aber keine Sorge. Von der anderen Seite der Insel sind eben Männer zur Kirche gekommen. Sie haben berichtet, daß dein Schiff nirgends zu sehen ist. Es ist weit nach Westen gegangen und braucht lange Zeit, wenn es gegen den Wind wieder hierher will. Bleibe aber im Haus und zeige dich nicht den Leuten draußen. Wir sprechen später darüber, jetzt darf ich nicht an weltliche Dinge denken. Ich dachte aber nur deinetwegen daran«, setzte sie hinzu und errötete dabei wieder. Auf den kleinen Mitonare hatte der Glockenton ebenfalls eine fast zauberhafte Wirkung. Noch lachte er über den Fremden, als der erste Glockenton erklang. Wie ein Schüler, den der strenge Blick seines Lehrers traf, zog sich, nein, zuckte sein Gesicht förmlich in ehrbare Falten, die ihm fast noch komischer standen als vorher das Lachen. Er erhob sich hastig, ergriff seine Bücher – alle in die tahitische Sprache durch die Missionare übersetzt – und sagte zu Sadie einige Worte. Dann verließ er mit langsamen Schritten das Haus. René blieb allein zurück. Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht aufgefordert, sie in die Kirche zu begleiten. Sie hätte sonst nicht darauf verzichtet, aber heute waren zu viele Insulaner anwesend, die bei seiner Verfolgung dabei waren. Sadie wollte nicht schon heute beide Parteien wieder in Berührung bringen. Der Aufenthalt des Fremden konnte allerdings kaum lange Zeit geheim bleiben, wie sie recht gut wußte. Es war sogar fraglich, ob er es jetzt noch war. Den Frieden des Missionsgebäudes störten aber selbst die Verhärtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den von allen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher. René warf sich auf eine der überall in dem hohen, luftigen Gebäude ausgebreiteten Matten und lag lange in tiefem Brüten über die letzten, für ihn so verhängnisvoll verlaufenen Stunden. Er war einer unmittelbaren Gefahr entgangen. Aber kam das Schiff zurück – und er zweifelte kaum daran, daß der Kapitän wenigstens noch einen Versuch machen würde, um ihn wieder zu bekommen –, wie sollte er sich dann retten? Er konnte auch kaum hoffen, von einem englischen und protestantischen Missionar beschützt zu werden. Wahrscheinlich war es das beste, wenn er weder Schiff noch Missionar abwartete und so rasch wie möglich die Insel wieder verließ. Und Sadie? Ob sie ihn begleiten würde? Er erschrak vor dem Gedanken, sie zurückzulassen. Dabei mochte er sich kaum eingestehen, wie sehr dieses schöne Mädchen schon sein Herz gefesselt hatte. »Das ist Unsinn, ja Wahnsinn, jetzt an Liebe zu denken, wo du noch nicht einmal eine Heimat hast. Sei vernünftig, René! Hier an die Inseln geworfen, hat das erste hübsche Gesicht, das dir in den Weg kam, dein leicht entzündbares Herz in lichterlohe Flammen versetzt! Das ist ein Strohfeuer und brennt in der ersten Woche ab.« Er stützte den Kopf auf und schlug das Buch auf, das noch immer vor ihm lag. Aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen. Zwischen jeder Zeile sah er wieder ihr Gesicht vor sich, und weder Lukas noch die Korinther konnten den Zauber lösen, der seine Seele mit der wilden Glut plötzlicher, gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte. Der Tag verging ihm langsam. Sadie kehrte mit dem kleinen Missionar gegen Mittag zurück. Aber es war Sonntag. Kein Lächeln stahl sich über ihre Züge. Selten oder kaum einmal begegnete ihr Blick seinem, und die Stunden flossen für ihn träge unter Gebeten und Hymnen dahin. Schon vor Tagesanbruch war er am nächsten Morgen auf, badete in dem kristallklaren Wasser der Korallenbänke, und wartete dann sehnsüchtig auf die Rückkehr Sadies, die aber heute sehr lange fortblieb. Vergeblich erkundigte er sich bei dem Mitonare. »Pu-de-ni-a?« sagte der kopfschüttelnd und in seinem rätselhaften Englisch. »Der Herr weiß, wo man das Mädchen suchen soll, wenn man sie haben will. Pu-de-ni-a ataetai, wie kleine Eidechse, hier im Laub und da im Laub, kann sie nicht fassen, ist weg unter den Augen.« Der Kleine schien heute besonders zu einer Unterhaltung aufgelegt. Er lehnte sich auf seine Matte zurück, faltete die kurzen, dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder in herablassender Weise Fragen an den jungen Mann zu stellen. Dabei blieb René oft kaum Zeit, den Sinn zu verstehen, da kam schon die nächste, ohne die Antwort erst abzuwarten. Er trug aber heute weder den schwarzen Rock noch die hellgelbe Weste mit den blanken Knöpfen. Selbst das weiße Halstuch lag auf einem kleinen Bücherbrett, sorgfältig in ein Stück gelbes englisches Packpapier gewickelt. Seine Bewegungen wirkten dadurch freier, und er schien mit dem Frack auch den ganzen »Mitonare« ausgezogen zu haben. Er erzählte jetzt René, daß er noch vor zehn Jahren ein entsetzlicher Heide war, der glaubte, daß das höchste Wesen Taaroa und nicht Gott hieß, seinen Götzen Früchte und Schweinefleisch zum Opfer brachte und Gefallen an den sündhaften Tänzen der eingeborenen Mädchen fand. Mitonare O-no-so-no hatte ihn aber gerettet. Sein Vater und sein Großvater waren alle in der Hölle, konnten aber nichts dafür, denn sie waren aus Versehen dorthin gekommen. Er hatte sich sogar tätowieren lassen. Als er sah, daß René bei der Erzählung unbewußt ein erstauntes Gesicht machte, lüftete er mit einer kurzen Bewegung den Kattun. Gleich darauf fiel er aber erschrocken in seine alte Stellung zurück, denn René war bei dieser plötzlichen Enthüllung in schallendes Gelächter ausgebrochen. Der Missionar wollte böse werden, und René hatte Mühe, ihn wieder zu beruhigen. Von da an begnügte er sich damit, ihm seine Lebensgeschichte ohne Illustrationen zu erzählen. Ein »Mitonare« hatte es nach seiner Meinung schwer. Nicht der Predigten wegen, sondern mehr wegen des Fracks. Dazu der viele Ärger mit den Mädchen, die junges, leichtsinniges Volk waren. Sie würden immer denken, daß sie in den Himmel kommen, auch wenn sie lustig sind. Aber sie wissen es eben nicht besser. Da in dem Buch stehe alles drin. Ein sehr gutes Buch sei es, ein bißchen dick, aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte darin. Jetzt kam aber bald eine böse Zeit. Weiße Mitonares, vier, fünf, sechs, kamen hier herüber. Sahen zu, ob Mitonare roter Mann viel weiß und kleine Kanakas iti-iti gut unterrichtet hat. Viele schwere Worte auswendig lernen und viel Ärger mit iti-iti. Pu-de-ni-a gutes Kind. So schloß der Mitonare seine Rede und setzte hinzu, sie sei ein wenig wild, ein »bißchen sehr wild für waihini. Mitonare O-no-so-no Tochter. Aber nicht Tochter. Nur so Tochter.« Dabei bemühte er sich in langer Rede und mit großer Anstrengung, René verständlich zu machen, daß sie seine Pflegetochter sei. Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er fast allein das Wort führte und René nur notdürftig den Sinn verstand, denn der Alte benutzte mehr tahitische Worte als englische, und die waren noch verstümmelt. So wurde für René die Unterhaltung zu einer Folter, und er nutzte die erste passende Gelegenheit, um in den Garten zu gehen. Aber Sadie war nirgends, weder zu hören noch zu sehen. Die Sonne stieg schon ziemlich hoch, und er warf sich ermüdet in den Schatten eines Zitronen- und Orangendickichts. Von dem erhöhten Platz aus konnte er das ruhige Binnenwasser, das die Insel umgab, und die weit draußen von der Brandung hoch umschäumten Riffe übersehen. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die Einfassung des Gartens entlang. Gleich von dort stiegen ziemlich steil die nächsten, mit Guiaven- und Zitronenbüschen bedeckten Hügel auf. Etwa eine halbe Stunde hatte er so gelegen und wilde Luftschlösser gebaut. In reizenden Bildern malte er sich seine künftige Heimat unter wehenden Palmen und duftigen Orangenblüten aus. Sein Kanu schaukelte still und friedlich auf der klaren Flut. Wenn er abends vom Fischfang heimkehrte, winkte ihm ein hübsches Mädchen freundlich von der Bambushütte her ein »Joranna« zu. Doch halt! Das waren Schritte hinter den Orangenbäumen vom Hügel herunter! Ein leichter Sprung über den Zaun, und er fuhr empor. Direkt an ihm vorbei lief die Wirklichkeit seiner schönsten Träume. »Sadie!« rief er leise. Mit einem kleinen Schreckensruf warf das Mädchen den Kopf herum, und ihre wilden Locken flatterten. Als sie aber ihren Schützling entdeckte, überzog wieder dunkles Rot ihr hübsches Gesicht. Schnell trat sie zu ihm und reichte ihm die Hand. Er ließ sie nicht los und sah ihr dabei tief in die Augen. Heute war sie wieder ganz das wilde Mädchen, wie er es zum erstenmal erlebt hatte, als sie wie ein zürnender Geist zwischen Verfolger und Verfolgten getreten war. Das lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und das Schultertuch verriet mehr von den üppigen Formen des schönen Mädchens, als es verdeckte. Auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter Kranz duftender Blumen, mit einem gefärbten Farn durchflochten. Zwei große weiße Sternblumen staken über ihren Ohren und hoben die Bronzefarbe der Haut noch mehr hervor. »Wo bist du nur so lange geblieben, Sadie?« erkundigte sich René mit leisem, fast zärtlichem Vorwurf. »Lange geblieben? Hab ich denn überhaupt kommen wollen? Komischer Mann, woher willst du wissen, wo ich heute schon überall war, und nur deinetwegen?« Zuerst hatte sie bei ihrer Antwort gelacht, aber bei dem letzten Satz errötete sie wieder. Als sie merkte, daß er etwas darauf erwidern wollte, fuhr sie rasch fort: »Komm, ich habe gute Nachrichten für dich, und wir wollen dabei zu meinem Lieblingsplatz auf dem Hügel gehen.« »Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen«, sagte der junge Mann. »Du brauchst sie nicht mehr, jedenfalls jetzt nicht. Unser Häuptling hat mir selbst sein Wort gegeben, daß du unbelästigt auf der Insel bleiben sollst, bis das Schiff wiederkommt und dich zurückfordert. Aber selbst dann will er nicht streng gegen dich sein, wenn sie ihn nicht dazu treiben. Er ist ein guter Mann. Erst, seit ihr Weißen uns so viele Sachen herübergebracht habt, ist seine Habgier geweckt und er tut vieles, was er sonst nicht getan hätte. Jeder glaubt, daß er ohne eure Dinge nicht mehr leben könnte.« »Du bist meinetwegen schon heute morgen auf der anderen Seite der Insel gewesen? Da mußt du ja um Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert sein, und das durch diese Wildnis!« »Ach was!« lachte das Mädchen und warf sich mit rascher Kopfbewegung die Locken um die Schläfe, so daß die losgeschüttelten Blüten auf ihre Schultern fielen. »Ist das der Rede wert? Schon als kleines Mädchen von vier Jahren habe ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin ich fünfzehn. Aber gestern durfte ich nicht gehen, da war Sabbath, und ich wollte doch auch nicht, daß du wie ein Gefangener im Haus sitzen mußt. Aber wir wollen hier nicht stehenbleiben. Ich bin müde und will mich dort ausruhen, komm!« Dabei zog sie ihn zur Gartenpforte und links davon einen kleinen Hügel empor. Sie erreichten einen kleinen, ausgebauten Pfad. Es ließ sich kaum ein lieblicheres Plätzchen denken als das, wohin das schöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte. Drei niedrige Palmen mit fast gleich großen Kronen überhingen die kleine Stelle so, daß die schattigen Blätter, weit nach vorn überneigend, die Sonne auffingen. Der Boden war mit einem feinen, wohlriechenden Farn bedeckt. Der duftende Anei und reich mit Blumen geschmückte Büsche bildeten die Rückwand. Mehrere mit Blüten übersäte und zugleich von goldenen Früchten fast niedergedrückte Orangenbüsche bildeten die Seiten, während ein breiter, niedriger Sitz aus feingeflochtenen Matten die freie Aussicht auf das blaue Meer und die schäumende Brandung der Riffe gewährte. Die Matten lagen mehrfach weich übereinander und hatten eine aus Bambus gebogene Rückenlehne. René stand lange schweigend vor der reizenden Szene. Sadie betrachtete ihn lächelnd von der Seite. »Ist das nicht ein schöner Platz hier auf der kleinen freundlichen Insel?« fragte sie leise, als ob sie fürchte, seine Gefühle zu stören. »Herrlich, einfach wunderschön!« rief René begeistert aus. Er griff ihre Hand und fuhr fort: »Ein Paradies, dem selbst die Engel nicht fehlen!« »Pfui, Fremder!«,antwortete das Mädchen ernst und fast traurig. »Du darfst nicht lästern, wenn der liebe Gott das Licht seiner Sonne zu dir schickt und die Wunder seiner Welt um dich ausgebreitet hat. Du tust mir weh damit, denn ich habe dir doch nichts getan!« »Sadie!« bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen, rührenden Natürlichkeit des jungen Mädchens. »Laß nur, und setze dich hier hin, nein, nicht so nahe zu mir – da in die Ecke, so, und nun sollst du mir eine Frage beantworten.« Ihre Stimme war schon wieder freundlicher geworden. Sie sah ihm mit treuherzigem Blick in die Augen. Ihre Hand hielt René erneut in seiner. »Was willst du mich fragen, du Schöne?« »Ich heiße Prudentia, oder höchstens noch Sadie, aber nicht anders. Wie heißt du eigentlich?« »René!« »René! Das ist ein hübscher, kurzer Name und klingt nicht so schwerfällig wie die anderen englischen Namen und Worte. René – das könnte auch der Mitonare im Haus behalten«, setzte sie dann hinzu. Ein schelmisches Lächeln blitzte ihr durch die Augen und war im nächsten Moment wieder verschwunden. »Was wolltest du mich fragen, Sadie?« In diesem Augenblick wurde das junge Mädchen still und ernst. Forschend sah sie ihm in die Augen, als ob sie dort lesen wollte, wie es in seinem Herzen aussah. Dann schüttelte sie den Kopf. Hatte sie nicht gefunden, was sie suchte, oder war sie über sich selbst böse? Noch immer keinen Blick von ihm abwendend, erkundigte sie sich: »Ist es wahr, René, daß du ein Ferani bist?« »Wenn du damit einen Franzosen meinst, ja!« erwiderte René erstaunt über den tiefen Ernst bei einer so belanglosen Frage. »Bist du ein Christ?« frug das Mädchen ängstlich. René konnte ein Lächeln kaum verbergen. Er erinnerte sich zugleich an die Fragen des kleinen Mitonare und sagte kopfschüttelnd: »Wer hat euch bloß diese tollen Grillen in den Kopf gesetzt, daß die Franzosen keine Christen wären? Gewiß sind wir Christen, wenn dich das beruhigen kann.« »Aber habt ihr nicht heidnische Gebräuche bei eurer Religion?« erkundigte sich das Mädchen noch eindringlicher. »Sadie, jetzt sag mir nur...« »Bitte, beantworte meine Frage treu und wahr!« unterbrach ihn in fast ängstlicher Hast das Mädchen. »Ich will dann auch gern jede deiner Fragen beantworten.« »Also gut, um dich zu beruhigen, will ich dir alles erzählen. Du weißt wohl von deinem Pflegevater, daß es viele Weiße in anderen Weltteilen gibt. Die glauben wohl alle an einen Gott, aber sie haben verschiedene Namen für ihn. Und sie haben verschiedene Formen, ihn anzubeten.« »Alle beten wirklich zu dem einen Gott?« sagte Sadie staunend. »Es sind keine anderen Götter, die ihr verehrt?« »Sie haben sich große Mühe gegeben, dir den Glauben der vielen anderen von der schlimmsten Seite zu schildern. Schon das ist nicht christlich.« »Aber eure Sünden werden euch für Geld vergeben«, antwortete Sadie und sah ängstlich René an. »Nicht für Geld, und wo das doch geschieht ist es ein Mißbrauch der Geistlichen, die manches in den Formen unserer Gottesverehrung zu verantworten haben. Sollen wir aber glauben, daß Gott dem schwachen Menschen, der einmal gesündigt hat, für immer zürnt? Ist es nicht wahrscheinlicher, daß er in seiner unendlichen, väterlichen Geduld uns, wenn wir wirklich Reue fühlen, verzeiht? Sollen wir uns denn Gott, den Allbarmherzigen, als einen ewig zürnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis ins dritte, vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? Nein, Sadie, dieser Glaube mag durch böswillige oder eigennützige Geistliche so verbreitet sein, ich will das nicht leugnen. Aber es ist immer noch kein Götzendienst. Wer dir das gesagt hat, hat es vielleicht gut gemeint, aber er übertrieb dabei. War es dein Pflegevater, Sadie?« Das Mädchen schüttelte nachdenklich den Kopf. »Nein. Mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst. Er hat mir oft gesagt, daß unter den Franzosen auch viele gute Menschen sind, vielleicht sogar so viele wie unter den Engländern, nur daß ihre Religion nicht die richtige ist und daß sie noch viele Mißbräuche duldeten.« »Wer hat dir denn so böse Dinge von uns erzählt? Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch auch nicht entsprungen!« »Nein«, antwortete das Mädchen treuherzig, »aber auf Tahiti wohnt ein frommer, ernster und strenger Mann. Der kommt ein- oder zweimal im Jahr auf unsere Insel herüber und predigt hier. Wir fürchten uns aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren tragen und nicht lachen und nicht fröhlich sein. Er macht uns dabei das Herz so schwer, daß wir noch Wochen später an die entsetzlichen Strafen denken müssen, die uns auch für leichte Vergehen in der Ewigkeit erwarten. Oh, er ist so finster, aber auch sehr fromm. Er hat uns besonders vor deiner Religion gewarnt und uns mit ewiger Verdammnis bedroht, wenn einer von uns der falschen Lehre zuhören würde. Und du bist auch Katholik, René?« »Ich gehöre zu diesen Entsetzlichen!«, sagte René scherzend. Als er aber den traurigen Zug um den Mund Sadies bemerkte, setzte er rasch hinzu: »Aber fürchte nicht für mich, ich selber hänge nicht an diesen Gebräuchen, obwohl sie unsere Kirche verlangt. Ich halte sie aber auch nicht für so gefährlich, wie deine Priester dir beigebracht haben.« »Ach, das beruhigt mich, René«, sagte das Mädchen. »Vater Osborne sagte ja auch, daß Gott so gut, so unendlich gut, sei und die Menschen alle wie seine Kinder liebe. Könnte er dann so hart und grausam bestrafen? Ich würde doch noch nicht einmal ein fremdes Kind für etwas Mutwilliges so hart strafen, schon gar nicht mein eigenes!« »Glaubst du, Sadie, daß euch Gott ein Paradies zum Aufenthalt gegeben hätte, weit weg von habgierigen Menschen, wo ihr jahrhundertelang in euren einfachen Sitten leben konntet, wenn er euch zürnen würde und euch für einen falschen Glauben bestrafen wolle? Nein, mein Herz, solche traurigen Gedanken sind nicht angebracht. Fort damit, laß uns lieber von uns reden, Sadie, von dir, von mir und unserem künftigen Leben. Mir ist es, als ob ich mit meinem tollkühnen Schritt ein neues, herrliches Dasein erschlossen hätte. Es ist aber nicht dieser sonnige Himmel, diese blaue See, diese wehenden Palmen, die mir dieses selige Gefühl vermitteln. Es ist deine Nähe, Sadie, die mich so glücklich macht. Rastlos trieb es mich jahrelang in der weiten Welt umher. Die afrikanischen Wüsten und kanadischen Wälder konnten meine Sehnsucht nicht befriedigen, die mich weiter und weiter drängte. Als Soldat zog ich in die Raubstaaten der Algerier, als Jäger in die Felsengebirge Amerikas, selbst die See, von den Eismeeren bis hierher, vermochte nicht, meine Unruhe zu mäßigen. Das rohe, widerliche Benehmen meiner letzten Umgebung zwang mich zu dem verzweifelten Schritt. Ich wollte frei sein oder sterben. Da fand ich dich, Sadie, und ich fühle, daß nur du das Ziel meiner Träume gewesen bist. Werde meine Frau, laß uns auf dieser freundlichen Insel, frei von den Sorgen und dem gefühllosen Treiben der Welt, unsere Heimat gründen. Tief im Laub dieser Palmen versteckt, von diesem lachenden Himmel über uns, von diesen blauen Wogen umspült, an deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte, freudlose Straße war, würde mir zum Himmel.« Bei diesen Worten hatte er ihre Hand mit beiden Händen gefaßt und schaute sie mit leuchtenden Blicken an. Sadie saß mit klopfendem Herzen neben ihm. Sie war ernst, ja fast wieder traurig geworden und sah lange sinnend vor sich. Dann blickte sie ihn wieder an, sah ihn mit den treuen, tränengefüllten Augen an und sagte mit leiser, kaum hörbarer Stimme: »Und wenn du wieder weggehst?« »Nie, Sadie, niemals!« rief René leidenschaftlich. Er zog Sadie an sich und küßte sie. Sie wehrte sich nicht, erwiderte den Kuß aber auch nicht. Langsam entzog sie sich wieder seinem Arm. »Willst du mir noch etwas versprechen, René?« »Alles, was ich kann, Sadie!« rief René. »Dann versprich mir, daß du davon nicht wieder reden wirst, bis mein Vater, der Missionar, zurückgekehrt ist. Und...« Ihre Stimme stockte und war kaum hörbar geworden. »Und daß du mich auch bis dahin nicht wieder küssen willst.« »Sadie!« »Versprich mir das, ja, sag es mir fest zu!« Sie sah ihn dabei so lieb an, daß es ihn tief durchfuhr. »Wie könnte ich dir deine erste Bitte abschlagen, Sadie!« sagte er tief aufgewühlt. Da verschwand der traurige Ernst aus ihrem Gesicht. Wie die Sonne aus trüben Wolken plötzlich über grüne, wogende Saatfelder bricht, so überflog ein frohes Lächeln die schönen Züge. »Das ist gut von dir«, sagte sie herzlich. »Das ist sehr gut. Nun können wir ja zusammen durch unsere Berge gehen und abends auf dem stillen, blauen Wasser fahren. Du wirst die tausend kleinen bunten Fische sehen, die zwischen den Korallen spielen. Sonst hätte ich mich ja vor dir verstecken müssen!« setzte sie hinzu. »Jetzt komm, mein Freund, Mitonare steht schon da unten vor seiner Tür und schaut sich überall nach uns um. Er hat dein Essen bereitet, das du nicht versäumen darfst. Gegen Abend komme ich und hole dich ab.« »Jetzt willst du mich verlassen, Sadie?« »Du mußt dich jetzt schon etwas mit Mitonare unterhalten«, neckte ihn das Mädchen. »Ich kann dir nicht helfen. Wir sind dann aber den ganzen Abend zusammen.« Als fürchte sie einen zärtlichen Abschied, sprang sie rasch in die Büsche und war im nächsten Moment im Dickicht verschwunden. Mit übervollem Herz saß René noch eine Weile an diesem Platz. Er hatte vergessen, daß der kleine Missionar mit dem Essen auf ihn wartete. Doch der schickte schließlich die ganze Schule nach dem fremden »Wi-wi« aus, und René wurde bald darauf von einigen der nackten Burschen aufgetrieben. Lachend und schreiend plauderten sie ihm eine Menge vor, aber er verstand keine Silbe. Nur durch das immer wiederkehrende Wort »Mitonare« wurde er an seinen Wirt erinnert und folgte der munteren Schar, die ihm jubelnd vorauseilte. Dem kleinen Mitonare schien ein Stein vom Herzen zu fallen, als er seinen so heiß ersehnten Gast erblickte. Er versicherte ihm, daß er eine volle Stunde voller Ungeduld auf ihn gewartet habe. Das Essen wäre wahrscheinlich jetzt kalt und verdorben. Mitonare war aber viel zu gutmütig, um böse zu werden. Als René jetzt kräftig zulangte, und dabei mit ihm scherzte und lachte, war er restlos begeistert. Er nannte René den besten Wi-wi, den er je gesehen habe, Das habe viel zu bedeuten, denn er sei schon einmal auf Tahiti gewesen, wo sie wild umherlaufen. Dann erzählte er ihm die tollsten Geschichten aus der alten, fröhlichen Heidenzeit. Damals waren sie, das vergaß er nie hinzuzusetzen, noch fürchterliche Heiden und entsetzliche Sünder. Auch auf religiöse Dinge kam er ein paarmal zu sprechen, aber René versuchte, so gut es ging, auszuweichen. Am meisten schmerzte den Missionar, daß sein Vater in der Hölle sein mußte. Der war nämlich, trotz der eifrigen Bemühungen der Missionare, bis zuletzt ein hartnäckiger Heide geblieben. Aus seinem Großvater schien er sich wenig zu machen. René gewann bald sein ganzes Vertrauen. Er zeigte ihm seine Schreibbücher und Rechenbeispiele, dann sogar sein Allerheiligstes, das wichtigste Diplom seines Lebens, das ihm von der Missionsgesellschaft in O-no (wahrscheinlich London) ausgestellt worden war. Es erkannte ihn als wirklichen »Prediger in der Wüste« an. Dicht neben dem Diplom lag in der kleinen Schublade, zu der er René geführt hatte, auch ein schmales, zierliches Kästchen aus Sandelholz. Als René es entdeckte, schob er es rasch zur Seite und legte Papiere darauf. Dadurch wurde aber die Neugierde des jungen Franzosen erst recht entfacht. Er bedrängte nun den Missionar, ihm doch zu zeigen, was er da so geheimnisvoll verstecke. Mitonare wollte erst nicht mit der Sprache heraus, dann aber nahm er das Kästchen doch heraus und hielt es lange Zeit in der Hand. Dabei betrachtete er es mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit und begann endlich zu erzählen. Als Mitonare noch im blinden, entsetzlichen Heidentum lebte, war er ein hervorragender Tätowierer, der beste auf der Insel, gewesen. Dieses Kästchen enthielt seine damaligen Werkzeuge, die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte. »Bodder Au-e« von Tahiti hatte ihm die Augen geöffnet und ihm gesagt, zu was diese heidnischen Gebräuche führten. Aber er bewahrte sie doch noch als eine Art Reliquie auf. Obwohl sich der kleine Mann bemühte, seinem Gast die Zeit zu vertreiben, vergingen die Stunden nur langsam. René sehnte sich nach anderer Gesellschaft, aber Sadie ließ ihn auch nicht lange warten. Die Sonne stand noch hoch, als sie eintrat. Aber es war nicht die Sadie vom heutigen Morgen mit dem luftigen Schultertuch um den nackten Oberkörper. Sie hatte wieder das lange, fast europäische Sonntagskleid angezogen. Wenn sie auch René wie immer anlächelte, wirkte sie doch jetzt ernster und reifer. Fast schüchtern reichte sie dem jungen Mann die Hand. Als sie das Haus verließen, gingen sie eine ganze Zeit schweigend nebeneinander her. Doch Renés leichte Art überspielte das bald. Als Sadie bemerkte, daß er sich an sein Versprechen hielt, verlor sie ebenfalls ihre Scheu und war bald darauf wieder das fröhliche Mädchen. Sie scherzte und lachte, erzählte René tausend drollige Geschichten, beschrieb ihm ihre früheren Tänze und Gebräuche. Sie erzählte auch von dem schönen Tahiti, wo ihre Eltern gelebt hatten und jetzt fremde Menschen Haß und Feindschaften in Gottes Namen verbreiteten. Sie führte ihn dabei einen schmalen Pfad entlang, der unter überhängenden Kokospalmen durch fruchtbedeckte Guiaven-, Orangen- und Brotfruchthaine führte. Sie erreichten ein anderes Grundstück, das zu einem Gemüsegarten eingerichtet war. Aber auch eine Menge Fruchtbäume und Kaffee sowie Zuckerrohr wuchsen hier. Mit nur wenig Arbeit gab die Erde hier reichliche Ernte. René glaubte, in seinem Leben kein schöneres, herrlicheres Land gesehen zu haben als diese kleine Insel. Wie gern hätte er sich mit dem Mädchen über ihre künftige Heimat unterhalten. Aber als ob sie fühlte, daß solche Gedanken in ihm aufkamen, lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, zeigte und pflückte ihm die verschiedenen Früchte. Dann führte sie ihn an den Strand hinunter, wo in einer natürlichen, kleinen Bai ein schmales, langes Kanu lag. Das bestiegen sie und fuhren in das spiegelglatte, kristallklare Binnenwasser, das durch die Riffe vor jeder eindringenden See geschützt wird. Noch nie hatte René früher die Bildung dieser Korallenbäume tief unter dem klaren Wasser gesehen. Er traute jetzt seinen Augen kaum, als sich an mehreren Stellen in Farbenspiel und Form völlig neue Welten für ihn öffneten. Er konnte sich nicht satt sehen an den zauberschnell wechselnden Gruppen und Bildern, und Sadie freute sich kindisch über ihn. »Wenn dir das so gefällt, will ich dich zu meinem Korallengarten bringen und dir meine kleinen Gold- und Silberfische zeigen. Die darfst du aber nicht mit der Hand oder dem Ruder scheu machen, denn sie sind furchtbar ängstlich.« Noch während sie sprach, lenkte sie das Kanu weiter zu den Riffen und daran entlang. Das Wasser war hier so tief, daß selbst größere Boote um die ganze Insel fahren konnten. Dann gelangten sie wieder in flacheres Wasser, wo dunkelbraune und rötlich-graue Korallenbäume an vielen Stellen bis zur Wasseroberfläche ragten. Dazwischen waren wieder, von dünnen, feinen Zweigen durchwachsen, größere, tiefe Stellen. Überall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weißen, roten, gestreiften und gefleckten Fischen. Sie schwammen in Scharen oder einzeln herum, schossen auseinander, wenn sie eine Gefahr vermuteten, und versammelten sich gleich darauf wieder, um ihr Spiel erneut fortzusetzen. René wollte hier mit dem Kanu kurze Zeit still liegen, um die Tiere zu beobachten. »Nur noch ein kleines Stück, dann kannst du dich satt sehen an den Herrlichkeiten der Tiefe«, sagte Sadie und setzte das Ruder stärker ein. Das leichte Fahrzeug trieb rasch auf eine Stelle zu, wo ein starker Korallenzweig gerade über die Oberfläche des Wassers ragte. Hier hielt sie plötzlich an, und während sie sich am Zweig festhielt, sagte sie René, daß er einen Stein aus dem Bug auf die Koralle werfen sollte. Gleich darauf war durch das verbundene Bastseil das Kanu verankert. Zunächst konnte René noch nichts erkennen, weil das Wasser zu unruhig war. Einige Minuten sahen sie schweigend hinunter. Die Korallenbäume schienen hier einen vollkommen dichten Kranz zu bilden. Er stieg von unten auf, neigte sich nach außen etwas und hob sich dann bis zur Wasseroberfläche gerade empor. Der innere Raum mochte zwanzig Fuß im Durchmesser haben. Das glich fast einer aufgebrochenen Riesenblume, die aus ihrem Kelch bunte, zackige Fasern emporschickte. Aber die Blume lebte. Hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus, kamen ein paar kleine Fischchen aufgeschossen, als ob sie sehen wollten, ob die Gefahr vorüber sei. Das dunkle Kanu, das mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie vielleicht noch mißtrauisch, aber nicht sehr lange. Sie verschwanden wieder, und gleich darauf quoll es aus allen Winkeln und Spalten in Massen. Alle Farben wild und bunt durcheinander, auf und nieder, herüber und hinüber schießend. »Eita, eita!«, rief Sadie. »Iti, iti, iti!« Dabei warf sie kleine Krümel Brotfrucht auf die Wasseroberfläche. Im Nu schossen sie von allen Seiten herauf, fünf, sechs schnappten gleichzeitig ein größeres Stück und tauchten damit. Andere stießen an einem zu großen Stück und konnten es nicht bewältigen. Wieder andere begnügten sich mit kleinen Stücken. Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch nach den kleinen Bewohnern dieses Bassins ihre Feinde zurückgekehrt. Zwei große, dunkelbraune Fische mit breiten Mäulern und tückisch blitzenden Augen kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spalten zu schmal waren, um sie durchzulassen. Die kleinen Dinger schienen auch zu wissen, daß ihnen der Feind hier nichts anhaben konnte, es sei denn, er käme von oben herein. Dann waren sie auch wie der Blitz in ihren Schlupfwinkeln. Manchmal wagte sich aber auch ein leichtsinniges Fischchen hinaus ins Freie, als ob es die Ungeheuer verhöhnen wollte. Ehe die sich umdrehen konnten, war es schon wieder zwischen die zackigen Palisaden geschlüpft und erzählte wahrscheinlich den anderen von seinen Heldentaten. So trieben sie hier in dieser für René neuen, zauberhaften Welt, bis die Sonne groß und glänzend in das Meer tauchte und Stern nach Stern am Himmel auffunkelte. Sadie erzählte dabei René von dem stillen Frieden dieses Landes und dem glücklichen Leben, das sie alle führen könnten, wenn nicht oft böse Menschen da wären, die sie störten und kränkten und Leidenschaften in ihnen weckten, die ihnen früher unbekannt waren. René hätte die Nacht hindurch ihrer Stimme lauschen mögen, aber das junge Mädchen lenkte endlich, trotz seiner Bitten, das Kanu zum Land zurück. Sie fuhren jetzt direkt zum Ufer der Wohnung des Missionars, der sie schon etwas ungeduldig am Ufer erwartete. Er richtete mehrere Fragen in ihrer Sprache an Sadie. Sie wurde rot, antwortete ihm aber lächelnd und verschwand dann wieder mit einem freundlichen Kopfnicken zu René. Dem kleinen Mitonare schienen heute abend eine Menge Fragen im Kopf herumzugehen. Beim Abendbrot das aus etwas Brotfrucht, Kokosmilch und einigen Bananen bestand, war er einsilbig und sah René immer dann von der Seite an, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Nach dem Essen faßte er den jungen Mann am Arm und führte ihn hinaus an den Strand zu einem kräftigen Tuituinußbaum. Dort begann er aufgeregt auf ihn einzureden und mischte dabei das Englisch noch stärker als sonst mit seiner Sprache. René hatte Schwierigkeiten, den Zusammenhang der Worte überhaupt zu verstehen. Der Name »Pu-de-ni-a«, der mehrfach vorkam, ließ ihn dann ahnen, was der kleine Mann eigentlich meinte. René hatte nichts zu verbergen und hätte ihm gern Aufschluß über seine Gefühle für Sadie gegeben, wenn er nur zu Wort gekommen wäre. Sowie er aber nur den Mund öffnete, rief der Missionar ein rasches »aita, aita!« dazwischen und redete dann nur noch lauter und heftiger weiter. René mußte ihn also gewähren lassen, bis er von selbst müde wurde. »Weißer Mann kommt her und findet Brotfrucht und Fleisch und Bananen und Kokosnüsse, Yam und Kartoffeln, und Mitonare ist freundlich mit ihm«, sagte der kleine Mann in seiner kaum verständlichen Mischung. »Zeige ihm Diplom und andere Sachen und tue gar nicht, als ob Fremder Ferani wäre und an keinen Gott glaube. Weißer Mann hat Schutz hier vor den anderen weißen Männern. Tane tane Atiu sind freundlicher gegen ihn als Leute seiner eigenen Farbe, und was tut Ferani? Geht hin und macht kleines Mädchen von Mitonare unglücklich. Redet ihr allerlei unsinnige Sachen vor! Aber Pu-de-ni-a ist nicht wie viele andere Mädchen auf der Insel und auf Tahiti. Ferani kann Mädchen genug bekommen, sehr viele, aber nicht Pu-de-ni-a. Ferani geht nachher weg, und Pu-de-ni-a sitzt und weint und ist nicht mehr glücklich, und alte Mann Mitonare O-no-so-no weint, weil er Pu-de-ni-a weinen sieht. Ferani sollte sich schämen, und wenn Ferani auch kein Christ ist, kann er doch tun, was recht ist. Wir waren früher auch keine Christen, nein, schreckliche Heiden, haben uns tätowiert und nach der Trommel und dem Rauschen der Brandung getanzt. Wir haben einen kleinen, winzig kleinen Gott angebetet. Aber wir wußten, was richtig war, und wir taten es auch, auch wenn mein Vater dafür in der Hölle sitzen muß.« So ging die Rede des kleinen Mitonare sinngemäß wohl über eine Stunde. Wenn René auch zu Beginn manchmal gern über die oft komisch genug klingenden Worte gelacht hätte, sah er doch daraus, wie lieb der Mann das Mädchen haben mußte und wieviel er von ihr hielt. Die Sorge um sie hatte ihn ängstlich und eifrig gemacht. Er faßte seine Hand, die ihm der Mitonare zunächst aber nicht überlassen wollte, und sagte ihm dann alles, was ihm auf dem Herzen lag. Er liebe Sadie und wolle sie heiraten, hier auf der Insel bei ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln anbauen und Kokospalmen pflanzen. Er wolle nie wieder fort von ihnen gehen und weder ihn noch Prudentia verlassen. Er erzählte ihm dann aber auch, wie er das heute morgen Sadie selber gesagt hatte und welches Versprechen sie ihm abgenommen hatte. Er könne sich fest darauf verlassen, daß René es einhielte. Er würde Sadie, bis der alte Missionar zurückkäme, als seine Schwester ansehen, der kein Leid geschehen solle, wenn er es verhindern könne. Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher geworden, je mehr er begriff, was der Fremde mit seinen Worten meinte und was er beabsichtigte. Als er aber verstand, welches Versprechen er dem Mädchen gegeben hatte und daß er es fest einhalten wollte, da übermannte ihn die Freude. Er fiel dem jungen Mann um den Hals und rieb sogar seine Nase mit ihm. Darüber war René sehr erstaunt, denn er wußte nicht was er mit dieser Zeremonie anfangen sollte. Das Nasereiben war die größte und innigste Freundschaftsversicherung, die man einander geben konnte. Der kleine Bursche war jetzt völlig ausgelassen. Er erklärte René, dessen Namen er gut behalten hatte und sogar richtig aussprach, für den besten Wi-wi, der je einen Götzen angebetet habe. Außerdem meinte er, daß, wenn er bei ihnen auf der Insel bliebe, sie nicht einmal sehen wollten, ob sie nicht aus diesem Wi-wi mit Pu-de-ni-as und des Missionars Hilfe einen Christen machen könnten. Das würde wahrscheinlich schwieriger werden, als ihn zu verheiraten. Viel fehlte nicht, und der Missionar hätte angefangen, vor lauter Freude und Glück zu tanzen. Ein paarmal hatte er auch schon damit angefangen, allerdings im letzten Augenblick immer noch bemerkt und wieder abgebrochen. Das hätte sich doch für einen Mitonare nicht geschickt. So verlebte René die nächsten drei Wochen in einem Glücksgefühl, wie er es selbst nie für möglich gehalten hatte. Nicht nur Sadie und der Mitonare gewannen ihn in dieser Zeit immer lieber, sondern auch die Eingeborenen der Insel. Das fröhliche Temperament des Franzosen und seine leichte Art lag den Insulanern. Sie sahen ihn gern. Der alte König, der von seinem hohen Titel abgesehen eine ganz unschuldige Persönlichkeit war, dabei aber doch viel Einfluß auf die anderen ausübte, wurde sein bester Freund. René hatte ihm allerdings mehrfach Geldgeschenke gemacht und damit das Herz des Mannes weit geöffnet. Als er dann aber von seiner Liebe zu Sadie erfuhr und hörte, daß René seine Insel nicht mehr verlassen wollte, versicherte er ihm fest, daß er ihn nie an sein Schiff ausliefern werde, sollte es wirklich einmal zurückkehren. Bei den Gesprächen dolmetschte oft Raiteo und sagte dabei, daß er weiße Mann Kapitän sehen werde, wie man ihm eine lange Nase zeigen würde. Der König dachte nämlich nicht daran, die bereits erhaltenen Gegenstände wieder herauszugeben. Besonders komisch benahm sich Raiteo. Er hatte sich die größte Mühe gegeben, den Flüchtling zu fangen. Auch Verrat scheute er dabei nicht, um seinen Zweck zu erreichen und die Belohnung zu verdienen. Jetzt aber tat er so, als wäre er von Anfang an der beste Freund und Beschützer des jungen Mannes gewesen. Er erklärte ihn für seinen innigsten »taja« und wies René immer wieder darauf hin, wie uneigennützig er damals für ihn gedolmetscht hatte und daß dafür wenige Geldstücke doch ein guter Lohn wären. René war klug genug, auch Raiteo zum Freund zu gewinnen. Mit einigen Talern war das getan, und wenn den Versicherungen zu glauben war, war er wirklich der treueste Freund. René schrieb in der Zwischenzeit auch nach Frankreich. Einmal wollte er sich von dort sein Geld kommen lassen, dann aber auch Empfehlungsbriefe für Papeete an den französischen Konsul in Tahiti erhalten. Zwar benötigte er die jetzt nicht, aber er wußte ja nicht, was die Zukunft bringen würde. Er wollte zumindest nichts versäumt haben. Den Brief mußte er natürlich liegenlassen, bis sich eine Gelegenheit fand, nach Papeete, der Hauptstadt Tahitis, zu gelangen. Das Herz des kleinen Mitonare gewann er auf ganz besondere Weise durch den regelmäßigen Besuch seiner Kirche. Er verstand zwar nichts von der Predigt, aber er summte die Melodien der Lieder mit. Er festigte dabei den Mitonare in dessen Ansicht, doch noch eines Tages einen Christ aus ihm zu machen. Der gute Mann war viel zu unschuldig, um auf den Gedanken zu kommen, daß René einzig und allein wegen Sadie das Gotteshaus besuchte. 5. Das Geständnis Was Sadie und auch den kleinen Mitonare jetzt noch beunruhigte, war das lange Ausbleiben des Mr. Osborne. Zwar hatten die Missionare alle ihre festen Wohnungen, aber es war nicht selten, daß sie Abstecher zu anderen Inseln machen mußten, wo keine festen Prediger wohnten. Widrige Winde hielten sie dann oft länger auf, als eigentlich beabsichtigt. Die Rückkehr ließ sich nie genau vorher bestimmen. Eines Morgens in den letzten Tagen des Februar kam ein Bursche über die Berge herüber. Er meldete, daß der Missionskutter in Sicht sei und gerade hierher fuhr. Gegen Mittag umsegelte er auch die südliche Spitze der Insel, und von Sadies Lieblingsplätzchen aus konnten sie das näherkommende Fahrzeug deutlich beobachten. Sadie und René standen dort schweigend Hand in Hand. Jedem war das Herz übervoll, denn in dem kleinen Fahrzeug kam der Mann, der über ihr Schicksal entscheiden sollte. Aber keiner von ihnen wagte, jetzt etwas zu dem anderen zu sagen. Als der Kutter sich mehr und mehr näherte und durch die natürliche Einfahrt der Korallenriffe fuhr, sagte René endlich leise: »Willst du nicht zuerst allein mit deinem Vater reden, Sadie? Oder wollen wir beide zusammen ihm entgegengehen? Wie ist es dir am liebsten?« »Ich weiß es nicht, René, mir ist plötzlich so bange und das Herz schwer, als ob ich ein großes Unrecht begangen hätte. Ich glaube, ich fürchte mich, meinem Vater entgegenzutreten. Dabei ist er doch so gut!« »Dann laß mich zuerst mit ihm reden, Sadie. Laß mich zu ihm gehen. Ich habe Papiere, die ihn über meine Herkunft aufklären können. Ich bin kein gewöhnlicher Matrose, wie sie hier überall vorkommen. Das war ja auch der Grund dafür, daß ich es an Bord des Walfängers nicht länger ausgehalten hatte. Wenn er hört, wie innig wir uns lieben, kann er nichts dagegen einwenden. Aber was hast du? Weshalb erschreckst du?« Der Ausdruck in Sadies Gesicht war nicht zu übersehen. Irgend etwas mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte schweigend den Kopf und sah zu dem Kutter hinüber. Der hatte inzwischen Anker geworfen und war herumgetrieben. Er lag in einer Entfernung von kaum hundert Schritten vor dem Land, und eben wurde ein kleines Boot zu Wasser gelassen. René hatte nicht weiter auf das Fahrzeug geachtet. Als er jetzt ihrer ausgestreckten Hand folgte, erkannte er, daß zwei dunkelgekleidete Männer in die Jolle stiegen. »Kennst du den Mann, der dort mit deinem Pflegevater kommt?« erkundigte er sich. Sadie nickte langsam und schweigend. Dann sagte sie leise: »Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich fürchte – und ich weiß nicht, weshalb. Er hat noch niemand etwas getan, aber er ist so streng und ernst. Wenn ich mir seinen Gott als künftigen Richter vorstelle, so überläuft mich ein kalter Schauer. Er hat feste Formeln und Gebräuche, von denen er nicht abweicht. Er macht davon sogar unser Seelenheil abhängig. Wenn ich dann meinen Pflegevater reden höre, ist das mir wie Trost und Linderung für das kalte Wort des finsteren Mannes.« »Dann ist das also der Mann, von dem du mir schon erzählt hast. Aber wo wohnt er, und was ist er?« »Er ist Missionar wie mein Vater, aber der ärgste Feind, den deine Landsleute auf den Inseln haben können. Sein Name ist Rowe. Er hat keine feste Wohnung auf Tahiti. Aber als eine Art Oberhaupt besucht er immer wieder die einzelnen Inseln und predigt dort an den Sonntagen. Solange er auf der Insel ist, hörst du kein Lachen und Singen fröhlicher Menschen und siehst keine Blumen in den Händen der Mädchen. Selbst die Kinder fürchten den Mann.« »Aber was kann er uns schaden? Dein Pflegevater hat einzuwilligen. Wenn es dann dein eigener Wille ist – was kümmert uns der stolze Priester?« »Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden, uns seine Einwilligung zu verweigern!« flüsterte ängstlich das Mädchen. René biß die Lippen zusammen, weil er eine heftige Entgegnung verschlucken mußte. Er wollte Sadie nicht wehtun und sagte deshalb: »Keine Sorge, Sadie. Es wird alles gut gehen. Lassen wir die beiden erst einmal landen. Der kleine Mitonare mag mich gern leiden. und wenn dein Vater sich nach dir erkundigt, wird er schon einen günstigen Vorbericht für uns ablegen. Dann gehen wir beide offen zu ihm, sagen ihm, wie lieb wir uns haben und daß wir auf der Insel bleiben wollen. Dann wird er uns seine Einwilligung nicht verweigern.« »Gut, mach es so, wie du willst. René«, sagte das Mädchen leise. »Aber ich fürchte mich doch und wünschte mir, daß der ehrwürdige Mr. Rowe diesmal nicht mitgekommen wäre.« Das Boot war an Land gerudert. Der kleine Mitonare, der nur seinen Missionar erwartete, ging zum Landesteg. Er trug sein normales weißes Hemd und das rote Lendentuch fest um den runden, stattlichen Körper geschlagen. Da er als Mitonare nicht mit bloßem Kopf gehen konnte, trug er einen breitrandigen Strohhut mit schwarzem Band. Er stand schon schmunzelnd am Ufer, um seinem alten Freund ein herzliches Joranna zuzurufen, als er plötzlich die zweite Gestalt im Boot entdeckte. Mitonare hatte nämlich noch viel mehr Respekt vor dem finsteren geistlichen Mann als alle anderen auf der Insel zusammen. Nur konnte er nicht ausreißen, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Jetzt sich aber umdrehen, in das Haus laufen, dort den Frack und die gelbe Weste überziehen, war das Werk eines Augenblickes. In beide Kleidungsstücke kam er zuerst in das verkehrte Ärmelloch, fuhr wie gejagt heraus und in das andere, griff nun in wahrer Verzweiflung das eingewickelte Halstuch vom Bücherbrett, steckte in der Aufregung das Tuch in die Tasche und band das Papier um – kurz, als er endlich fertig war und aus der Tür stürmte, hätte er beinahe die beiden geistlichen Herren umgerannt. Mr. Rowe hatte erkannt, warum der kleine Mann so in Eile war, denn der Hemdkragen war nicht richtig befestigt. Er begrüßte ihn mit einem gütigen, väterlichen Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine Hand in einem Schraubstock hätte. »Nun, Bruder Ezra«, sagte Mr. Osborne freundlich und schüttelte seine Hand. »Wie ist es euch während meiner Abwesenheit gegangen? Alles wohl und munter, und keine besonderen Vorkommnisse? Ich bin doch weit länger fortgeblieben, als ich beabsichtigte!« Ich muß hier bemerken, daß die Geistlichen mit dem kleinen Mann nur in seiner eigenen Sprache redeten. Nur wenn sich Mr. Osborne mit Bruder Ezra, wie der Mitonare bei der Taufe genannt wurde, allein unterhielt, sprach er Englisch. Dadurch sollte ihm die Sprache geläufiger werden und seine schwere Zunge sich besser daran gewöhnen. Bruder Ezra gab einige belanglose Auskünfte. Als die drei Männer das Haus betraten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergeblich nach seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets zuerst begrüßt hatte. Er frug rasch und fast ängstlich nach dem Mädchen. Mitonare hätte in diesem Augenblick gern den ganzen Katechismus aufgesagt – eine sonst für ihn schreckliche Übung. Aber jetzt über Pu-de-ni-a erzählen und über den Gast auf der Insel? Er wußte ja am besten, wie die Feranis von dem frommen, finsteren Mann eingestuft wurden. Jetzt sollte er erzählen, was hier unter seiner Aufsicht geschehen war und was er selber geduldet hatte? Jetzt kam es ihm auf einmal so vor, als wäre das ein furchtbares Verbrechen. Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber noch besorgter. Er glaubte jetzt, daß dem Mädchen, das er fast wie sein eigenes Kind liebte, etwas zugestoßen war. Als nun auch Bruder Rowe dazutrat und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nichts mehr zurückhalten. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber die ganze Sache kam nach und nach zutage. Erst als er alle Fakten beendet hatte, begann er damit, den Ferani zu loben. Er erzählte, daß er ein wahres Muster von einem Menschen sei und sogar als Ferani in seine Kirche gekommen wäre und andächtig zugehört habe. Er erwähnte auch das Versprechen, das ihm Pu-de-ni-a abgenommen hatte und das für ihn die beste Entschuldigung war. Mr. Osborne, der das junge Mädchen gut kannte, atmete erleichtert auf, als er dies hörte. Bruder Rowes Züge hatten sich aber bei der Erzählung immer mehr und mehr verfinstert. Schon als er hörte, daß ein von einem Walfänger entsprungener Matrose auf der Insel geblieben sei, horchte er auf. Als nun herauskam, daß es ein Franzose sei, der schon gleich ein Verhältnis mit der Adoptivtochter des Geistlichen begonnen hatte, sah man es ihm an, daß es Mühe kostete, seinen Groll und Zorn zu meistern. Vergeblich waren die Loblieder auf den jungen Franzosen, vergeblich selbst Mr. Osbornes Einwand, daß man erst einmal den jungen Mann sehen und sprechen wollte. Er war Matrose eines Walfängers und Franzose – also Katholik, und ein richtiger Missionar der Südseeinseln haßt nichts mehr auf der Welt als diese beiden Individuen. Sein Urteilsspruch war auch schnell gefällt. Ehe das Übel tiefer fraß, mußten schnelle Maßnahmen ergriffen werden. Er wollte jetzt selbst zu dem Häuptling hinübergehen und alles mit ihm besprechen. Der Häuptling brauche dann dem Fremden nur zu gebieten, die Insel zu verlassen. Der müsse dem Befehl Folge leisten, und die Gelegenheit dazu biete sich jetzt mit dem kleinen Schoner, der ihn in wenigen Tagen nach Tahiti bringen sollte. Weigerte er sich, diesem Befehl zu folgen, dann war es leicht, ihn als Gefangenen mitzunehmen und an den französischen Konsul in Papeete auszuliefern. Diese Inseln standen unter englischem Schutz, und die englische Regierung hatte versprochen, sie gegen jede Aufdringlichkeit, insbesondere von französischer Seite, zu schützen. Sie wußten also das Gesetz auf ihrer Seite. Außerdem verstand es sich von selbst, daß man einen weggelaufenen, katholischen Matrosen so schnell wie möglich wieder von der Insel loswerden mußte. Daß ausgerechnet der die Pflegetochter des Geistlichen heiraten wollte, verdiente natürlich nicht einmal eine Antwort. Mr. Osborne bat allerdings, den Fremden wenigstens erst zu rufen und mit ihm zu sprechen, damit sie selbst sähen, zu welcher Klasse Menschen er gehöre. Bruder Rowes Entschluß war aber gefaßt. Er wollte direkt zum König der Insel fahren und von ihm die Ausweisung des Fremden verlangen. Da er durch den langen Aufenthalt auf den Inseln als Missionar gewohnt war, Befehle zu erteilen, und seine Stimme als das Wort und der Wille des Herrn galt, so verstand es sich von selbst, daß er auch die geringen weltlichen Angelegenheiten in die richtige Bahn lenken mußte. Bruder Rowe hegte die feste Überzeugung, daß die vielen Tausende von Insulanern nur durch ihn und die anderen Geistlichen der ewigen Qual entrissen und der Seligkeit zugeführt wurden. Sie hatten ihm also mehr als ihr Leben, ihr ganzes künftiges Heil zu verdanken. Da sie schon an Bord gegessen hatten, beorderte er jetzt ohne weiteres zwei Eingeborene dazu, ihn in einem kleinen Boot um die Insel zu rudern. Es fiel ihm nicht ein, den langen Weg zu Fuß zu gehen. In dem Boot wurde ein schmales Sonnendach aufgespannt. Eine Viertelstunde später schoß das kleine, scharf gebaute Fahrzeug, von den kräftigen Armen der Insulaner getrieben, pfeilschnell über das spiegelglatte Binnenwasser. Dabei begünstigte es noch die Strömung, nach nur kurzer Zeit war es um die nächste Landspitze verschwunden. René und Sadie hatten inzwischen mit freudigem Erstaunen die rasche Abreise des finsteren Mannes gesehen. Sie nahmen an, daß ihm seine Geschäfte keine weitere Zeit ließen, und beschlossen, gleich zu Mr. Osborne zu gehen, um ihm alles zu erzählen und ihn um seinen Segen zu bitten. Kaum war Mitonare von der finsteren Gegenwart Rowes befreit, begann er den jungen Fremden von der besten Seite zu schildern. Natürlich lag in seiner Schilderung auch ein großer Teil Eigennutz, denn nur so konnte er entschuldigen, daß er den Umgang mit Prudentia überhaupt geduldet hatte. Mr. Osborne saß ernst und sinnend vor ihm in seinem Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue Haupt in die rechte Hand gestützt. Es schien ihm weh und trüb ums Herz zu sein. Da traten die beiden jungen Leute in die Tür. Sadie blieb erst einen Augenblick schüchtern stehen. Als er aber den Blick zu ihr aufhob und sie in das liebe, ehrwürdige, jetzt so kummerschwere Gesicht sah, da flog sie wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr Gesicht an seiner Brust und rief: »Mein lieber, lieber Vater!« »Mein liebes, liebes Kind!« sagte der alte Mann und küßte den fest an ihn geschmiegten Kopf. »Was habt ihr denn hier in meiner Abwesenheit für böse Streiche getrieben?« Sein Ton war voller inniger Zärtlichkeit und enthielt nur einen leichten Vorwurf. Sadie preßte sich fester an ihn, streckte gleichzeitig ihre Hand nach René aus, um ihn heranzuholen und zu ihrem Vater zu bringen. Der alte Mann sah auf den ersten Blick, daß er keinen gewöhnlichen Matrosen vor sich hatte. Er grüßte den jungen Mann freundlich, gab ihm ein Zeichen, Platz zu nehmen, und bat dann René, ihm alles ohne Umschweife zu erzählen. Er habe Prudentia als sein Kind angenommen und von klein aufgezogen, als ihre Eltern gestorben waren und die Kleine allein zurückblieb. Auch das erwachsene Mädchen liebe er noch immer wie seine eigene Tochter. Er wolle nur ihr Glück, möchte das aber gesichert wissen, denn sie sei keines der gewöhnlichen Eingeborenenmädchen. Sie hätte fast eine europäische Erziehung gehabt und deshalb wohl auch andere Vorstellungen von der Ehe als viele ihrer Landsleute. René hatte trotz seines Vorurteiles gegen Missionare vom ersten Augenblick an Vertrauen zu dem alten Herrn gehabt. So erzählte er ihm jetzt so kurz wie möglich seine ganze Lebensgeschichte. Dabei versuchte er, so gut wie möglich, seinen eigenen Charakter darzustellen, erzählte, was ihn in die Welt und an Bord eines Walfängers getrieben hatte. Daß er keinen Begriff von dem Leben und Treiben an Bord hatte und wie er auf dieser Insel Unterschlupf gesucht und Sadie gefunden und liebengelernt habe. Er zeigte ihm dann die Papiere, die er bei sich hatte. Mr. Osborne verstand die französische Sprache gut. René erklärte ihm, daß es sein fester Wille sei, sich hier auf einer dieser Inseln niederzulassen. Am liebsten würde er hierbleiben, und schließlich bat er den alten Mann, ihm Sadie zur Frau zu geben. Er wollte dann hier seine neue Heimat gründen, und Mr. Osborne würde einen guten Sohn und Nachbarn, durch ihn gewinnen. »Sie sind Katholik?« erkundigte sich jetzt der alte Mann, als René eine Weile geschwiegen hatte. Bei seiner Antwort rötete sich Renés Gesicht. »Sie haben gewiß genug von der Welt gesehen, um zu wissen, wie es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. Ich bin allerdings als Katholik erzogen, und meine Familie war teilweise sogar streng katholisch. Ich will Ihnen aber aufrichtig gestehen, daß ich mich nie streng an die Gebräuche meiner oder einer anderen Konfession gehalten habe. Sie können auch davon überzeugt sein, daß ich nie versuchen würde, jemand zu meinem Glauben zu überreden. Sadie ist durch Ihre Unterweisung aufgewachsen und ein liebes, braves Mädchen geworden. Sie wird ihrem Glauben auch treu bleiben, und ich wäre der letzte, der sie dabei stören würde. Was mich selbst betrifft, so glaube ich schon, richtig zu handeln, und hoffe dann auch mit meinem Gott fertig zu werden. Er allein weiß ja auch nur, wer den richtigen Glauben hat. Sie werden aber auch nie feststellen können, daß ich über den Glauben eines anderen spotte. Ein jeder hat das Recht auf seine Meinung.« Der Missionar hatte natürlich eine andere Auffassung der Religion, aber René gewann doch durch seine Offenheit sein Herz. Keineswegs gehörte er zu der stolzen Priestersekte, die mit dem Religionspanier in der gehobenen Rechten das Volk vor sich auf die Knie werfen und die dabei vergessen, daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere, ernste Bedenken. Je länger er den jungen, lebensfrohen Mann da vor sich stehen sah, um so schwerer wurde ihm das Herz. Aber er wollte das nicht vor der Tochter aussprechen und bat deshalb das Mädchen, das Haus für kurze Zeit zu verlassen, denn er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu reden. Sadie folgte sofort, küßte die Hand des ehrwürdigen Mannes und verließ rasch das Zimmer. Lange, nachdem die leichte Bambustür schon zugefallen war, saß der alte Mann noch schweigend da, als ob er nicht die richtigen Worte für das finden könne, was er sagen wollte. »Lieber junger Freund«, begann er endlich. »Sie sind frei und aufrichtig gegen mich gewesen, und ich will genauso zu Ihnen reden. Sie werden mir deshalb nichts übelnehmen, denn Gott weiß es, es geschieht nur zu Ihrer beider Wohl. Sie sind, wie ich aus den Papieren sehen konnte, von guter Herkunft. Sie sind in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an europäische Sitten, an ein Leben gewöhnt, das Ihnen mehr bietet als nur Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen, dem Sie sich anschließen können, auch wenn Sie es noch so sehr lieben. Die Beweise haben Sie selber in Ihrem bisherigen unsteten Leben. Weder in Afrika noch in Amerika fanden Sie, was Sie suchten. Die rohe Gesellschaft des Walfängers trieb sie wieder zu einem verzweifelten Schritt, bei dem Sie selbst Ihr Leben einsetzten, um nicht wieder zurückkehren zu müssen. Sie fanden hier, in der größten Gefahr, auf sehr romantische Weise ein junges, reizendes Mädchen, dessen Erscheinung Ihre Leidenschaft weckte, später dann Ihr Herz gewann. Szenerie und Umgebung, sogar Farbe und Abstammung des Mädchens trugen dazu bei, den Reiz in Ihrem jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unser herrliches Klima, die tropische Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stilleben unseres Plätzchens hier bestach Ihre Sinne. Jetzt sind Sie fest davon überzeugt, daß Sie in dem Mädchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. Wenn Sie sich aber irren? Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie folgen dem Drang Ihres Herzens und glauben nicht, daß Sie sich täuschen. Aber hören Sie mich ruhig weiter an. Sie sind jung, das Leben liegt noch vor Ihnen. Ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt. Sie haben die Hoffnung, ich die Erfahrung. Dreiundzwanzig Jahre meines Lebens habe ich auf diesen schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich aber auch viele Leute kommen und gehen sehen. Ich habe Hoffnungen und Träume aufblähen und verwelken sehen und weiß, was ein Mann in Ihren Verhältnissen hier zu finden glaubt – und was er findet. Noch ist alles neu. Die Palmen, die tropische Vegetation üben einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er sich selten entziehen kann. Nur wenige Jahre führen aber eine gewaltige Änderung herbei. Besonders der junge Mensch braucht eine Veränderung, einen Reiz für seine Tätigkeit, will er nicht erschlaffen und sich seinem Schmerz hingeben. Viele Europäer haben sich in den letzten Jahren hierhergezogen gefühlt. Diejenigen, die wirklich hiergeblieben sind, waren schon ältere Leute und brachten meistens ihre Familien mit. Fast alle kamen hierher, um ein Geschäft zu betreiben und sich ein Vermögen zu erwerben. Dann werden fast alle wieder nach Europa zurückkehren, wenn ihre Kinder erwachsen sind. Dorthin passen sie auch. Die Frauen stammen von dort und sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen hier nur eine freundliche Erinnerung zurück. Die Fasern ihres Herzens haben nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen. Viele von ihnen haben auch Mädchen der Inseln geheiratet, die ersten und hübschesten, die ihnen begegneten. Sie finden auf allen Inseln verstreut Beispiele. Aber das sind fast nur rohe Matrosen, denen das müßige Leben gefällt. Sie haben sich auch in ihrer Heimat in keinen anderen Kreisen bewegt und nur ihr materielles Wohl im Kopf. Aber selbst sie verlassen oft, selbst nach vielen Jahren, ihre Familie. Selbst ihnen genügt nicht mehr diese tropische Ruhe, sie sehnen sich nach Abwechslung, nach einer Veränderung ihrer Verhältnisse, auch wenn sie dafür wieder hart arbeiten oder ihr früheres Leben aufnehmen müßten. Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele unter Ihren Landsleuten, die tahitische Mädchen wirklich geheiratet haben. Jetzt sind diese Frauen jung und schön. Sie können sie mit nach Europa nehmen und vielleicht stolz auf sie sein, wenn Sie das Gefühl einer etwas bizarren Eitelkeit so nennen wollen. Werden sie aber alt, dann ist das vorbei. Weibliche Körper blühen und verblühen in unserem tropischen Klima so rasch wie unsere üppige Pflanzenwelt. Sie können keine alte Frau aus der Südsee nach Europa bringen, sie dort in Ihre Kreise einführen. Sie möchten das auch nicht, denn Sie wüßten zu gut, wie Sie hinter Ihrem Rücken zum Gespött der Leute werden, die Ihre Gründe nicht kennen und achten. Wollen Sie das Wesen, das sich an Sie geschlossen hat und mit Herz und Seele an Ihnen hängt, nicht unglücklich machen, so müssen Sie bei ihm auf den Inseln bleiben. Unmut und Sehnsucht nach einem anderen Leben werden dann an Ihnen zehren, schlimmer noch als bei einem jungen Menschen. Denn der war frei, er konnte noch dem ersten Drang folgen. Jetzt aber ist das vorbei. Die Möglichkeit, frei zu handeln, ist ihm genommen. Ich spreche von mehreren Beispielen, die ich selber kenne. Die Liebe, die ich für Prudentia fühle, macht mich besorgt, und ich möchte ihr ein solches Schicksal ersparen. Wie ich Ihnen sagte, und wie Sie sicher selbst bemerkt haben, ist Prudentia keines der gewöhnlichen, sinnlichen Mädchen dieser Inseln, die sich dem ersten an den Hals werfen, ohne sich etwas dabei zu denken. Die erwarten auch nichts anderes, als daß sie irgendwann wieder verlassen werden. Ich fürchte vielmehr, daß Sie Prudentias Herz schon zu sehr gewonnen haben. Jetzt wäre aber doch noch vielleicht eine Trennung möglich. Sie würden beide an diese Zeit wie an einen schönen Traum zurückdenken, von dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt. Aber Sie können dadurch vielleicht beide auch einem verfehlten Lebensziel ausweichen, das dann später nicht mehr zu ändern wäre und leider für beide verderblich würde. Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie Prudentia im Augenblick mit aller Leidenschaft lieben. Aber wird der alte Hang eines unsteten Lebens Ihnen in dem Stilleben unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen? Unsere Palmen sind grün und herrlich, aber so wie sie dort stehen, stehen sie das ganze Jahr. Kein gelbes, fallendes Blatt, keine Schneedecke, keine keimenden, wachsenden Knospen geben ihnen im nächsten Frühjahr wieder neuen Reiz. Unsere Bäume sind mit Früchten bedeckt, aber die Blütenzeit fehlt uns. Wir brauchen nie auf die Frucht zu warten, sie hängt voll und reif am Baum, während kaum bemerkt andere schon wieder nachblühen und nachwachsen, um die fehlenden immer wieder zu ersetzen und die Plätze auszufüllen. Wir kennen hier auch nicht die Sorgen und Mühen des Lebens, das Salz jedes gesellschaftlichen Verkehrs, durch das eine erworbene Existenz erst ihren ganzen Reiz gewinnt. Wir stehen morgens auf, essen und trinken, und legen uns abends wieder schlafen. Nachrichten von der anderen Welt dringen nur selten zu uns durch. Wie sie kommen, wäre es fast besser, sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen, lassen sie selbst im Herzen der Ältesten von uns eine Leere zurück, die wir vergeblich auszufüllen versuchen. Wollen Sie nun mit Ihrem jungen, tatkräftigen Herzen in dieses felsenumschlossene Tal, aus dem es keine Rückkehr für Sie gibt, hinabspringen? Schauen Sie sich um hier, junger Freund. Sehen Sie nach oben! Noch liegt die ganze übrige Welt ausgebreitet vor Ihren Blicken. Haben Sie nichts, was nur den geringsten Anhaltspunkt für Ihr Herz bietet? Bedenken Sie, bei einem sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutendste vergessene Tau das Boot, mit dem sich der Schiffbrüchige retten will, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.« Der alte Mann schwieg. Eine Träne stand ihm im Augenwinkel. Ernst und forschend sah er den jungen Mann an. Es war, als wolle er seine innersten Gefühle ergründen. René war gerührt, aber er war auch entschlossen und erwiderte den Blick. Dann antwortete er mit fester Stimme: »Sie verstehen es, alter Herr, Herz und Seele mit Ihren Worten zu treffen. Aber ich springe getrost hinab in dieses Tal, denn da oben blüht für mich kein Glück, keine Freude mehr. Meine Familie ist tot, ich habe weder Bruder noch Schwester, die Anspruch auf meine Nähe haben. Alles, was mein Herz sonst hätte binden können, ist für mich verloren. Wenn Sie mich jetzt wieder kalt und erbarmungslos in die Welt zurückstießen, würde ich untergehen. Auch Sadie hängt mit inniger Liebe an mir. Sie ist nicht der Mensch, einmal zu lieben und dann wieder leicht zu vergessen. Wollen Sie auch aus ihrem Herzen die erste Neigung reißen? Dazu haben Sie Sadie zu lieb, auch wenn ich Ihnen gleichgültig bin. Aber ich kann mich auch irren, vielleicht täusche ich mich selbst in Sadies Gefühlen. Sprechen Sie selbst mit ihr, fragen Sie sie. Halten Sie unsere Verbindung für gefahrvoll für sie, und glaubt auch Sadie, daß sie sich jetzt ohne großen Schmerz von mir trennen könnte, gut. Beim ewigen Gott, dann will ich nicht weiter den Frieden dieses Tales stören, sondern verzichten. Auch wenn mir das Herz bricht, ich werde mich nicht weiter beklagen, und das erste Kanu soll mich zu einer anderen Insel bringen.« Er war aufgesprungen und hatte seine Mütze ergriffen. Damit wollte er das Zimmer verlassen, aber der alte Missionar streckte ihm die Hand entgegen. Mit bewegter Stimme sagte er herzlich zu ihm: »Das ist aufrichtig von Ihnen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich nicht einen Augenblick daran gezweifelt hatte, daß Sie so fühlen, wie Sie es dem Mädchen versprochen haben. Ich kenne Prudentia oder, wenn Sie so wollen, Sadie so gut, daß es kaum einer langen Rede bedarf. In wenigen Minuten haben Sie meine Antwort. Warten Sie bitte in der Zwischenzeit in diesem Haus. Aber glauben Sie nicht, junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden werde!« setzte er ernster hinzu. »Sie müssen es meinem Gewissen überlassen, mit Sadie zu handeln, wie ich es vor ihm verantworten kann.« »Handeln Sie, als ob Sie ihr Vater wären«, sagte René herzlich. »Ich will Sadies Glück, nicht meins.« Damit verließ er mit schnellen Schritten das Zimmer. Auf den Ruf des alten Mannes betrat das Mädchen schüchtern und mit niedergeschlagenem Blick das Zimmer. Sie schaute nicht auf, aber sie fühlte, daß René nicht mehr hier war. Ihr Herz klopfte ihr hörbar in der Brust. Ihr Vater hatte ihn abgewiesen, und der schöne Traum ihres Glückes war in Nacht und Tränen zerflossen. »Prudentia«, sagte der alte Mann und zog das zitternde Mädchen sanft an sich. »Ich habe den jungen Fremden weggeschickt von hier. Er hat dich jetzt wohl lieb, aber wenn er einige Zeit von seiner Heimat entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr zurück und läßt mein armes Mädchen hier allein. Dann wirst du sehr unglücklich und elend werden. Jetzt ist der Eindruck, den er auf dein Herz gemacht hat, noch flüchtig, noch leicht wieder zu verwischen. Du wirst einen oder zwei Tage weinen, ihn dann aber vergessen. Nicht wahr, mein Kind, ich habe richtig gehandelt? Ich wollte ja nur dein Wohl.« »Ich will alles tun, was du mir sagst, Vater«, flüsterte das Mädchen, dicht an seine Brust geschmiegt. Sie sprach so leise, daß er kaum ihre Worte verstehen konnte. »Das ist mein gutes Kind«, sagte der Greis, aber die Stimme zitterte ihm. Er fühlte nur zu gut, was in dem Herzen des armen Mädchens vorging und wie tief die Liebe des Fremden schon Wurzeln geschlagen hatte. Es war nicht mehr möglich, sie ohne Schaden wieder herauszureißen. Er mußte sich selbst einen Augenblick sammeln, ehe er mit ermutigender Stimme fortfuhr: »Nicht wahr, mein Kind, dann wirst du auch wieder glücklich und froh sein wie bisher? Wirst wieder lachen und singen und nicht den Kopf so trübe hängen lassen?« »Ich will mir Mühe geben, lieber Vater!« flüsterte das Mädchen und barg ihr Haupt fester an dem Herzen des alten Mannes. »Wirst du auch den Fremden vergessen, willst du mir das aufrichtig versprechen, mein braves Mädchen?« erkundigte sich leise der alte Mann. Das war zuviel für das arme, gequälte Herz. Einen Augenblick schien es, als ob sie sich von seiner Brust emporheben wolle, um ihm in die Augen zu sehen. Aber sie sank wieder zurück und sagte nur leise: »Ach, das weiß ich nicht, das weiß ich wirklich nicht, lieber Vater...« Damit war ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig schluchzend hing sie in seinen Armen. Sie schluchzte nicht allein, aus der Ecke des Zimmers vor ihnen tönte es noch lauter und heftiger. Der kleine Mitonare saß da auf einem der niedrigen Bambusschemel, ganz allein und vergessen, und weinte wie ein kleines Kind. Da konnte sich auch der alte Missionar nicht länger halten. Er hob das tränenüberströmte Gesicht seiner Tochter zu sich und küßte es mehrfach. Dabei rief er: »Nein, nein, Prudentia, ich bin doch kein Tyrann, der sein Kind elend und unglücklich machen möchte, nur weil die Möglichkeit existiert, daß es später doch einmal so kommen könnte. Nein, wenn Gott dir eine so gewaltige und innige Liebe für ihn ins Herz gelegt hat, dann nimm ihn, der Herr segne euch, und er wird alles zum besten lenken. Aber sei auch wieder mein gutes, fröhliches Mädchen. Lache wieder, singe wieder und mache das Herz deines alten Vaters froh durch dein heiteres, glückliches Gesicht!« »Vater, lieber Vater!« rief das Mädchen jubelnd aus. Mitonare hatte aber kaum gehört, welche Wendung die Sache nahm, als er, wie aus der Pistole geschossen, zur Tür hinausschoß und nach kaum zwei Minuten mit dem »verzweifelten Wi-wi« zurückkam. René lag mit an dem Herzen des alten Mannes, ohne recht zu wissen, wie. Der Greis flüsterte einen leisen Segen über die Häupter der Glücklichen. 6. Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt Der Abend verging den Liebenden wie ein Augenblick. Sie hatten sich so viel zu sagen, so viel zu besprechen, daß sie den Flug der Stunden nicht bemerkten. Der gute alte Mann stand lächelnd dabei. Auch in ihm stiegen in der Erinnerung liebe, alte, vergangene Bilder auf und führten seine Gedanken zurück zur Jugendzeit. Aber auch die Gegenwart erforderte seine Umsicht, und manchmal dachte er an den in ziemlicher Aufregung fortgegangenen Kollegen und die Schritte, die dieser unternehmen wollte, um das junge Glück zu zerstören. Er hielt es auch für seine Pflicht, dies dem jungen Mann mitzuteilen und ihn wenigstens darauf vorzubereiten, daß er noch immer mit Schwierigkeiten rechnen mußte. Hätte er dem Glücklichen eine greifbare Gefahr genannt, so wäre er ihr mit leichtem Herzen entgegengetreten. Viel leichter tat er dagegen den Zorn des anderen Geistlichen ab. Den König glaubte er sicher auf seiner Seite, noch dazu, da die geistlichen Herren selten oder nie Geschenke verteilten und nur den Willen Gottes als Gebot aufstellen. Um seinem feindlichen Wirken aber zu begegnen, wurde noch am selben Abend ein junger Mann mit einer Privatbotschaft an den König geschickt. Man teilte ihm mit, daß der alte Mr. Osborne, den alle auf der Insel wie ihren Vater liebten, seine Pflegetochter dem jungen Fremden als Frau versprochen habe und daß dieser künftig auf der Insel wohnen möchte. Dazu erbäte man die Erlaubnis des Königs. Am nächsten Tag kehrte Bruder Rowe in sehr mürrischer Stimmung zurück. Sie wurde durch die Nachrichten hier kaum verbessert. Der König hatte Ausflüchte gemacht und nicht entschieden gegen den Fremden auftreten wollen. Wo Bruder Rowe bislang geglaubt hatte zu herrschen, fand er plötzlich, selbst bei Bruder Osborne, Widerstand. »Ich habe dem Mädchen die Erziehung eines weißen Kindes gegeben und vielleicht damit Unrecht getan, wie ich erst jetzt einsehe. Ich habe sie unfähig gemacht sich in den normalen Verhältnissen ihrer Landsleute glücklich zu fühlen. Sie können ihrem Herz und ihrem Geist nicht mehr genügen. Bei der Verbindung mit jedem Weißen ist sie aber der Gefahr ausgesetzt, der sie jetzt entgegengeht. Wir können nur vermuten und hoffen, daß es gut geht. Aber ich kann ihr deshalb nicht jetzt das Herz brechen, nur weil die Möglichkeit besteht, daß es ihr später einmal von ihrem Mann gebrochen wird«, erklärte Mr. Osborne. »Aber fürchten Sie nicht die Sünde, Bruder Osborne?« rief der Missionar, nachdem alle anderen Beweisgründe fehlgeschlagen waren. »Wollen Sie es vor der Gesellschaft in England verantworten, daß Ihr im rechten Glauben erzogenes Kind von Ihnen selbst in die, Hände eines Anhängers des Papstes gegeben wurde? Ich bin gezwungen, so leid es mir auch tut, diesen Fall nach London zu berichten. Die Folgen sind nicht abzusehen und können verderblich auf unsere ganze Gemeinde wirken. Wie stehen Sie denn da vor jenen ehrwürdigen Männern? Sie selbst, der auserwählt wurde, den Samen unserer Religion in die Herzen der Unwissenden zu pflanzen? Sie säen jetzt Unkraut zwischen den Weizen mit eigenen Händen und handeln gegen den Willen der Missionsgesellschaft!« Der alte Mann blieb aber selbst gegen diese Beschuldigung fest, wenn ihn auch diese Anspielung tief traf und kränkte. »Ich habe mehr als zwanzig Jahre mein Leben der Sache geweiht, die ich für eine gute hielt und halte. Ich habe mir in der ganzen Zeit keinen Vorwurf wegen meiner Handlungsweise zu machen. Wir sind alle Sünder und ich bin nicht reiner als der Geringste von uns. Aber ich kann das Auge frei zu Gott emporheben und sagen: ›Herr, richte über mich!‹ Ich bin mir nichts Bösem bewußt. Auch in diesem Fall, Bruder Rowe, handle ich nach bestem Wissen und Willen, ich glaube nicht anders handeln zu können, und was ich da tue, werde ich auch verantworten. Ihre Berichte werde ich Ihnen freilich selbst überlassen müssen.« Mr. Rowe ging mit raschen, ungeduldigen Schritten im Zimmer auf und ab. Am wenigstens wollte dem fanatischen Priester in den Kopf, daß der Fremde mehr sei als ein gewöhnlicher, weggelaufener Matrose. Bruder Osborne war seiner Meinung nach zu lange allein in der Weltabgeschiedenheit und hatte sich von den Reden des leichtsinnigen Mannes überzeugen lassen. Er wollte deshalb selber einmal mit ihm reden und dann herausfinden, um was für einen Charakter es sich wirklich handelte. Es war seine letzte Hoffnung. Mr. Osborne unterstützte sein Vorhaben, weil er sicher war, daß der Geistliche dadurch ein besseres Bild von dem Fremden gewinnen mußte. Er ließ René jetzt zu sich bitten. Mr. Rowe hatte den Lehnstuhl des alten Mannes eingenommen. Er saß mit untergeschlagenen Beinen, den Kopf auf den linken Arm gestützt, ernst und schweigend wie zu Gericht, als der Fremde fröhlich das Zimmer betrat. Schon dessen schnelles, unkonventionelles Eintreten rief die finsteren Falten auf seiner Stirn zusammen. Die beiden Ellbogen auf die Lehnen des Stuhles gestützt, die Finger der beiden Hände vorn gefaltet, sah er ihn mit etwas vorgebeugtem Oberkörper unter den dunklen, buschigen Brauen finster an. Den Gruß des Franzosen hatte er mit einem kaum bemerkbaren Kopfnicken erwidert. Einen Platz bot er ihm nicht an. »Mit welchem Schiff sind Sie hier gelandet, Sir?« René sah erst ihn, dann Sadies Vater erstaunt an, als wolle er fragen: Was soll das? Mr. Osborne, der die Situation überspielen wollte, bot ihm Platz an und bemerkte dann mit einem entschuldigenden Blick auf seinen Kollegen: »Mein würdiger Freund hier, lieber René, möchte sich kurze Zeit mit Ihnen unterhalten. Er ist, wie ich, schon lange Jahre auf den Inseln und eine unserer Hauptstützen des Christentums selbst in den schlechtesten Zeiten gewesen.« René verbeugte sich noch einmal, wie anerkennend. Der Geistliche verzog keine Miene. Er richtete seinen Blick fest und forschend auf René, der jetzt die Frage beantwortete: »Mit dem ›Delaware‹, einem amerikanischen Walfänger.« »Weshalb verließen Sie Ihr Schiff? Hatten Sie nicht einen festen Vertrag für die ganze Reise gemacht?« lautete die nächste, schärfere Frage. »Verehrter Herr«, erwiderte jetzt René vollkommen ruhig und freundlich, »wollen Sie die Freundlichkeit haben und mir vorher sagen, ob diese Fragen im Verlauf der Unterhaltung an mich gestellt werden, oder ob es gewissermaßen ein Examen ist, zu dem ich berufen wurde?« Bruder Rowe wollte wohl gerade keine sehr freundliche Antwort geben, als Mr. Osborne, der jedes böse Wort zwischen den beiden vermeiden wollte, einfiel und zu René sagte: »Bruder Rowe nimmt innigen Anteil an Prudentias Schicksal, da das Mädchen zwischen uns groß geworden ist. Besonders deshalb fühlt er näheres Interesse für Ihr früheres Leben.« »Ich habe Ihnen, lieber Herr Osborne, jeden Aufschluß bereits gegeben und will dies auch gern gegenüber diesem Herrn tun, wenn ihn das über Sadies künftiges Glück beruhigt.« »Sadie?« unterbrach ihn der Missionar streng. »Soviel ich weiß, heißt das Mädchen Prudentia. Ich wünschte, sie würde ihrem Namen etwas mehr Ehre machen. Ich will doch nicht hoffen, daß man sogar in dem Haus eines Dieners der Kirche beabsichtigt, die alten heidnischen Namen wieder aufleben zu lassen!« »Es ist nicht des Heidentums, sondern nur des Wohlklangs wegen, lieber Herr!« sagte lächelnd René. »Prudentia mag hübsch für eine würdige, alte Matrone klingen, aber zu einem fröhlichen Mädchen paßt der Name gerade so, als wenn Sie ihn der Gazelle der Wüste geben würden.« »Sind das die Ansichten, die man hier mit in diese fromme, christliche Gemeinde bringt?« rief der Geistliche aus, der nur noch mit Mühe seinen Zorn über den leichten, fröhlichen Ton des jungen Franzosen bezwang. »Soll das der Same werden, der als Baum des Unglaubens seine Zweige ausbreiten und mit seinem Schatten die Frucht vergiften wird?« René sah ihn staunend an. Der kleine Mitonare kauerte aber mit vor Schreck und Entsetzen offenem Mund in der Ecke auf seinem kleinen Stühlchen. Er schien zu erwarten, daß der schwarze Mann mit dem finsteren Gesicht sich jetzt aus dem Himmel einen Blitz holen würde, um damit den kecken Wi-wi zu Pulver zu brennen. »Ehrwürdiger Herr«, sagte René, aber vollkommen ruhig, denn er wollte den Mann nicht böser machen, zumal er sah wie unangenehm das für seinen alten Freund sein mußte. »Ich hoffe nicht, daß Sie etwas Sündhaftes in einem wohlklingenden Namen finden.« Bruder Rowe schien darauf aber nicht eingehen zu wollen und fuhr fort: »Sie gedenken sich hier auf dieser Insel niederzulassen?« »Mit der Einwilligung des Häuptlings und meines väterlichen Freundes hier, ja!« »Aber Sie gehören der katholischen Religion an.« »Ich bin ein Christ, was verlangen Sie mehr?« sagte René ernst. »Und Ihre Kinder? Sollen das auch Christen werden?« frug der Geistliche mit einem fast höhnischen Ton. René streckte den Arm nach seinem alten Freund aus, ergriff dessen Hand und sagte herzlich: »Die soll dieser würdige Mann hier in der Lehre erziehen, die er für die richtige hält. Ich weiß, er wird gute Menschen aus ihnen machen, der Glaube ist mir gleich.« »Der Glaube ist Ihnen gleich?« rief jetzt der Fanatiker, froh, endlich einen Anhaltspunkt gefunden zu haben. »Wissen Sie, daß Sie mit solchen Grundsätzen hier nur Unheil und Elend säen werden? Einen Christen nennen Sie sich, und dem Antichrist dienen Sie, Ihrer Pflicht, Ihren Verbindlichkeiten im gesellschaftlichen Leben sind Sie entlaufen, und jetzt wollen Sie sich einem Volke aufdrängen, das Sie nur zwischen sich duldet, weil es seinem Geistlichen glaubt gefällig zu sein, tatsächlich aber ihm nur einen schlimmen Dienst damit leistet?« René war schon nach den ersten heftigen Worten des Mannes von seinem Stuhl aufgesprungen. »Mein Herr!« unterbrach er ihn jetzt fest, aber ruhig. »Ihr Stand wie der Ort, an dem wir uns befinden, schützt Sie vor jeder Antwort vor dieser Unverschämtheit. Guten Abend!« Mit einem stolzen Gruß gegen den Priester, mit einem freundlichen Kopfnicken gegen den Greis verließ er rasch das Zimmer. Der »ehrwürdige« Mr. Rowe hatte sich in einen höchst unehrwürdigen Zorn hineingearbeitet, und er war ebenfalls aufgesprungen. Mit schnellen Schritten, die Hände auf dem Rücken, die Augen auf den Boden gerichtet, ging er im Zimmer auf und ab. Der alte Mr. Osborne war über sein rücksichtsloses und ungeschicktes Betragen ebenso erstaunt wie empört. Es hatte ihn nur bestärkt, dem Mann, der sich mehr Autorität anmaßte, als ihm zustand, seine Grenzen zu zeigen. Bruder Rowe mußte aber wohl fühlen, daß er zu weit gegangen war und daß mit zornigen Worten an der Sache nichts mehr zu ändern war. Er erklärte seinem Kollegen, daß er diesmal hier nicht predigen werde, sondern morgen früh zurück nach Tahiti wolle. Mr. Osborne dachte nicht daran, ihn zurückzuhalten. Am nächsten Morgen bereitete er sich zum Aufbruch vor, ohne viel mit den anderen zu reden. René bat Mr. Osborne, die Trauung auf den nächsten Tag, den Sonntag, festzusetzen. Keiner hielt es für nötig, Bruder Rowe davon in Kenntnis zu setzen. Man erwartete mit Sehnsucht den Augenblick, wo der kleine Kutter wieder seinen Anker lichten würde. Es mochte etwa zehn Uhr geworden sein, als plötzlich ein Junge über die Hügel gelaufen kam. Er brachte die Nachricht, daß sich ein großes Schiff von Südosten der Insel näherte. René war an diesem Tag viel zu sehr mit seinem Glück beschäftigt gewesen, um auch nur einen Blick auf den Horizont zu werfen. Jetzt aber, als er sofort zu Sadies Lieblingsplätzchen eilte, genügte ein Blick. Es handelte sich um ein tiefgehendes, voll beladenes Schiff ohne Oberbramstengen, also um einen Walfänger. Er lag dicht vor dem Wind und kreuzte gegen die gerade erst gestern aufgekommene Westbrise an. Mehr ließ sich jetzt nicht erkennen, aber es war auch ausreichend genug, um René zu beunruhigen. Er hörte nicht, wie sich ein leiser Schritt ihm näherte. Erst als Sadie ihre Hand auf seine Schulter legte und seinen Namen flüsterte, sah er rasch auf. Dann legte er seinen Arm um sie und zog sie fest an sich. Sadie war aber selbst zu sehr von Furcht erfüllt, um gleich reden zu können. Sie sah nur das bleiche Gesicht Renés und glaubte schon, ihre schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich. »Ist es dein Schiff?« frug sie endlich mit kaum hörbarer Stimme und wagte nicht, ihn dabei anzusehen. »Das kann ich noch nicht genau bestimmen. Ich kann das Holz des Schiffes noch nicht richtig erkennen, hier schwimmen zu viele Walfänger aller Nationen herum. Allerdings dachte ich, daß sie um diese Jahreszeit alle viel weiter südlicher wären«, setzte er dann leise hinzu. Keiner sprach jetzt mehr. Ihre Blicke hingen an den hellen Segeln des Fahrzeuges, das rasch näher und näher kam. Jetzt gab es für René keinen Zweifel mehr, daß die Insel sein nächstes Ziel war. Nur zu bald erhielt er auch völlige Gewißheit, daß es der »Delaware« war. Ein Teerfleck, den er selbst ungeschickt auf das Segel gebracht hatte, als es zum Trocknen an Deck lag, war der letzte Beweis. Gerade in dem Augenblick, wo er sich glücklich und sicher geglaubt hatte, mußte dieses Fahrzeug wieder in seine Bahn geraten und alles wieder mit einem Schlag zu vernichten drohen. Als er damals von Bord geflohen war und sich von seinen Feinden bedrängt sah, war er der Gefahr mit ruhigem Herzen. entgegengetreten. Er hatte nichts weiter zu verlieren gehabt als sein Leben, und das achtete er damals nicht besonders. Jetzt aber war er nicht mehr allein. Sollte alles sinnlos gewesen sein? Sadie erkannte an seinem Gesicht die Wahrheit. Aber in diesem Moment wuchs wieder ihr alter Mut, mit dem sie ihn schon damals seinen Feinden entzogen hatte. Sie griff nach seiner Hand und sagte rasch: »Sie sollen dich nicht wieder fortnehmen, René, fürchte sie nicht. Ich kenne alle Schlupfwinkel der Wälder und weiß genug Stellen, wo die weißen Fremden wochenlang suchen und doch aufgeben müßten, ehe sie je hindurchdringen könnten. Wir beide flüchten in den Wald, bis das Schiff die Insel wieder verlassen hat, und wenn es sein muß, bringt uns mein Kanu auf eine andere Insel, viele Meilen von hier entfernt. Lieber gehe ich mit dir auf dem offenen Meer unter, als daß ich hier allein weiterlebe.« »Sieh nur, wie hoch die Wellen vor dem Riff gehen. Eine Flucht im Kanu ist ganz ausgeschlossen. Wir könnten auch nicht vor Einbruch der Nacht entfliehen. Bis dahin wird die hohe Fangprämie genug Verräter verführt haben. Nein, ich kann meinem Schicksal nicht mehr entgehen, und der einzige Trost ist, daß sie mich nicht lebendig bekommen werden. O Sadie, ich glaubte so glücklich zu sein und muß dich jetzt allein hier zurücklassen!« »Nein, René, glaube doch nicht, daß die Bewohner dieser Insel falsch und treulos sind! Damals, als sie dich noch nicht kannten, war es eine andere Sache. Von fremden Seeleuten haben sie bis jetzt fast nur Ärger gehabt. Es hätte vielleicht kaum einer besonderen Prämie bedurft, um dich wieder auszuliefern. Jetzt aber gehörst du zu uns. Die Männer wissen, daß mein Pflegevater dich gern hat, und sie lieben ihn wie ihren eigenen Vater. Es gibt auch schlechte unter ihnen, aber sie können es doch nicht wagen, dich zu verraten. Selbst wenn sie es heimlich täten, würden sie später für immer ausgestoßen sein. Komm zurück zum Haus. Sieh nur, das Schiff umsegelt die Insel und wird in der gleichen Bucht wieder ankern. Wir wollen jetzt mit dem Vater besprechen, was wir tun werden.« René preßte die Geliebte fester an sich und hielt sie mit einem langen Kuß fest, aber sie wand sich endlich aus seinen Armen und wollte ihn gerade zum Pfad ziehen, als der alte Missionar mit einem schweren Korbe ihnen entgegenkam. »Ich habe mir gedacht, daß ihr hier seid. Jetzt müssen wir handeln und nicht lamentieren, Zeit dürfen wir nicht mehr verlieren. Ich habe einige Erfahrung mit Walfängern, denen auf den Inseln Matrosen entlaufen waren. Die Kapitäne sparen nicht mit der Belohnung, denn die Leute müssen das ja später wieder von ihrem Geld abarbeiten. Sie haben aber auch nicht viel Zeit, sich aufzuhalten, denn um diese Jahreszeit müssen sie auch noch zu den Sandwichinseln, um Erfrischungen aufzunehmen, und dann den Sommerzug in das Eismeer vorbereiten. Es ist also wichtig, Sie erst einmal zu verstecken, damit Sie später niemand verraten kann. Ich habe bereits einen passenden Platz.« »Ich führe ihn in die Berge«, sagte Sadie. »Oben in den niedrigen Hügeln stehen einzelne Palmenhaine. In der breiten Krone einer Palme kann er sich tagelang verstecken. Ich kenne eine, die mein Bruder und ich uns besonders eingerichtet und ausgeschlagen haben. Da mein Bruder tot ist, kennt außer mir niemand diesen Platz.« »Zu jeder anderen Jahreszeit wäre das ein gutes Versteck. Aber jetzt, wo es in jeder Nacht viel regnet, wäre das wohl ein schlimmer Aufenthaltsort. Nein, du kennst doch das Ihiamoea, Prudentia. Dieses alte, letzte Überbleibsel aus der Heidenzeit. Es ist ein kleines Gebäude, das früher dem Gott Oro geweiht war. Man hätte es mit allen anderen alten Heiligtümern vernichtet, wenn nicht in der Familie des Häuptlings die Sage existieren würde, daß der König sterben müsse, wenn dieses Haus zusammenfällt. Sämtliche Einwände der Missionare waren deshalb erfolglos. Einer unserer Brüder hätte beinahe einmal sein Leben eingebüßt, als er in vielleicht etwas übertriebenem Diensteifer selbst Hand anlegen wollte. Nur zwei Personen auf der ganzen Insel besuchen es jährlich einmal, der Fua oder König, Jeremias Aitaua, der Rächer, und dessen Sohn. Allerdings nur, um ein neues Dach anzubringen oder das alte auszubessern. Das ist ihre Entschuldigung, aber ich fürchte, daß sie dort noch, trotz des angenommenen Christentums, heimlich ihre heidnischen Zeremonien feiern. Da sie es aber allein tun, können wir nichts dagegen machen. Deshalb wird die kleine Steinhütte die Regenzeit gut überstehen. Keiner der anderen Eingeborenen traut sich, den Platz zu betreten, deshalb ist er für René geeignet. Dieser Korb mit Proviant wird ausreichen. Falls nicht, findet sich bald eine Gelegenheit, ihm etwas zu bringen. Ich bin fest davon überzeugt, daß sich das Schiff keine vierundzwanzig Stunden hier aufhält.« »Gut, ich will jetzt nur schnell meine Waffen holen«, sagte René. »Sie sind in diesem Korb. Es ist auch besser, wenn Sie sich nicht mehr beim Haus sehen lassen. Neugierige Augen folgen Ihnen doch überall. Wenn ich auch nicht glaube, daß einer der hiesigen Leute zum Verräter werden würde, so ist es doch besser, diese Möglichkeit gleich auszuklammern. Gehen Sie gleich von hier los, Prudentia kennt die Richtung. Sie muß aber auch selbst schnell zurückkommen.« René bedankte sich gerührt, aber Mr. Osborne wies ihn ab. Er wollte sich selbst nicht anmerken lassen, wie ängstlich ihm eigentlich auch war. »Keinen Abschied, René, das Ihiamoea liegt nicht am anderen Ende der Welt, daß wir...« »Muß ich Sie hier aufsuchen, um mich zu verabschieden, Bruder Osborne?« erklang in diesem Augenblick dicht hinter ihnen die Stimme des Bruders Rowe. »Sie scheinen ganz vergessen zu haben, daß ich im Begriff bin, aufzubrechen!« Die drei Menschen schauten sich an, als ob sie bei einem Verbrechen ertappt worden waren. Das kalte, teilnahmslose Gesicht des Priesters war nicht geeignet, den unangenehmen Überraschungseffekt zu mildern. Mr. Rowe schien das aber nicht zu bemerken. Er gab Sadie die Hand und legte die Linke wie segnend auf ihre Stirn. Dann neigte er kurz seinen Kopf gegen René und ging, den Arm Mr. Osbornes nehmend, zur Landestelle hinunter. »Komm jetzt, René, und gebe Gott, daß ich dir bald die frohe Botschaft deiner Erlösung bringen kann!« Sekunden später schloß sich der dichte Wald hinter ihnen. Der Missionskutter war zur Abfahrt gerüstet. Bruder Rowe traf noch einige Anordnungen und verließ dann mit einem frommen »Der Herr segne und behüte Euch« die Insel. Mr. Osborne hatte ihm gegenüber nicht erwähnt, daß es sich um das gleiche Schiff handelte, von dem René geflohen war. Er hielt es für besser, die Sache mit keiner Silbe weiter zu erwähnen. Auch Bruder Rowe kam nicht wieder auf die Verheiratung der beiden jungen Leute zurück. Er hatte wohl eingesehen, daß eine Einsprache vergeblich war. Der Kutter sollte nach Mitiaro gehen, aber der ehrwürdige Mann hatte die Mannschaft angewiesen, zunächst in dem Binnenwasser der Insel am Ufer hinauf zu fahren. Er wollte noch einmal den König besuchen und Rücksprache mit ihm über eine Versammlung halten. 7. Der Verrat, und wie sich beide Teile dabei irrten Inzwischen war am nördlichen Ufer der Insel alles in Aufregung. An die Rückkehr des Schiffes hatte niemand mehr gedacht. Der König war beunruhigt wegen der Geschenke, die er bereits erhalten hatte. Aber wer konnte denn auch ahnen, daß das Schiff nach so langer Zeit noch zurückkehren würde! Als der erste Harpunier wieder an Land kam und sich nach dem Mann erkundigte, erwiderte ihm der rasch herbeigeholte Raiteo, daß man damals den Flüchtling eingefangen hätte. Drei volle Wochen wäre er eingesperrt und gefüttert worden. Nachdem das Schiff aber nicht zurückkehrte, mußte man ihn wieder freilassen. Seit dieser Zeit wäre er verschwunden. Man nahm an, daß er mit einem kleinen Schoner, der neulich die Insel anlief, nach Tahiti weitergefahren wäre. Das klang wahrscheinlich genug. Aber der alte Seemann kannte die Insulaner zu genau, um ihnen gleich zu trauen. Sie hatten ihren Fanglohn bereits sicher, und der König beanspruchte ihn jetzt für die lange Unterhaltung des Gefangenen. Während der Verhandlung merkte der Harpunier bald, daß der Matrose noch auf der Insel sein mußte. Um der Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne neigte sich schon zum Untergang, bot er dem König fünfzig spanische Taler. Das war für seine Verhältnisse ein wirklicher Reichtum. Dazu kamen noch andere Dinge, die die Matrosen im Boot mitgebracht hatten. Raiteo ließ sich die Summe zweimal wiederholen. Um ganz sicher zu sein, ließ er sie sich außerdem an den Fingern vorzählen, denn er traute seinen Ohren kaum. Trotzdem schüttelte aber der König mit dem Kopf. Er wollte mit der Sache nichts mehr zu tun haben und keinen Ärger mit seinem alten Freund, dem Missionar. Er sagte Raiteo, daß die Fremden den Mann doch selbst suchen sollten, wenn sie glaubten, daß er noch auf der Insel wäre. Der Harpunier erkannte seine Chance und bot Raiteo die Summe allein, wenn er ihm den Flüchtling noch in dieser Nacht ausliefern würde. Raiteo erklärte darauf ganz offen, daß er sich noch auf der Insel befinden würde, daß man ihn so schnell jedoch nicht fassen könne. Er habe auf der anderen Seite der Insel auf der Mission gelebt und sich dort bestimmt im Wald versteckt. Es würde wohl einen Tag dauern, um ihn aufzuspüren. Selbst dann sei es noch sehr schwierig, weil der König nichts damit zu tun haben wolle. Er verdiene sich gern den Preis, wenn sich weißer Mann Kapitän nur entschließen könne, zwei oder drei Tage auf der Insel zu bleiben. Das ging aber nicht, das Schiff hatte sich schon für die Jahreszeit verspätet, und der Kapitän wollte zuerst auch nicht die Insel wieder anlaufen. Als äußersten Termin hatte er den nächsten Tagesanbruch gesetzt. Wenn es bis dahin nicht möglich war, den Mann wieder einzufangen, mußten sie es aufgeben. Der alte Seebär wollte sich eben mit einem zwischen den Zähnen durchgebrummten Fluch fügen und an Bord zurückkehren, als der Missionskutter in Sicht kam. Der Harpunier zögerte. Er konnte die Schwarzröcke zwar nicht vertragen, aber der Mann kam zumindest von dort, wo sich der Flüchtling aufgehalten hatte. Bruder Rowe fühlte auch keine besondere Sympathie für den Mann, grüßte ihn aber freundlich. Auf seine Fragen antwortete er nur ausweichend. Raiteo stand mit offenem Mund daneben. Es kam ihm so vor, als wolle Bruder Rowe nichts damit zu tun haben. »Sehen Sie, Mr. – Wie war Ihr Name?« »Rowe.« »Ah, Mr. Rowe. Es ist nicht wegen des Matrosen, sondern wegen des Beispiels. Wenn die Burschen merken, daß sie uns ungestraft fortlaufen können, dann läuft uns nachher auf den Sandwichinseln der ganze Schwarm davon. Kriegen wir aber so einen Burschen wieder, und sehen die anderen, daß es ihnen doch nicht so leicht gemacht wird, dann überlegen sie es sich zweimal. Auf den Preis kommt es uns dabei nicht an, denn wenn wir ihn kriegen, muß er es sowieso wieder abarbeiten.« »Haben Sie hier jemand unter den Insulanern, dem Sie vertrauen können?« erkundigte sich der Missionar und drehte sich um, um zu sehen, ob ihnen jemand folgte. »Können Sie einen der Leute dazu bringen, Sie zu führen?« »Führen? Ja, sicher, wenn ich nur wüßte, wohin!« brummte der Harpunier. »Ich kann mich aufgrund meiner Stellung nicht mit einer solchen Sache befassen. Sie werden aber als vernünftiger Mann einsehen, daß es mir nicht gleichgültig sein kann, meist gewissenlose Menschen zwischen die kaum etwas zivilisierten Insulanern geworfen zu sehen!« »Nein, sicher nicht, kann ich mir denken, ganz klar!« brummte der Harpunier zwischen den Zähnen hindurch. Er sah den Missionar forschend an. »Mir liegt also ebensoviel daran, den entsprungenen Matrosen wieder zu entfernen, wie Ihnen, ihn wieder zu bekommen.« »Ja, sagen Sie mir doch nur, wie!« platzte der Harpunier heraus. »Unter der Bedingung, daß Sie meinen Namen nicht nennen und sich gegenüber den Eingeborenen eine Ausrede einfallen lassen, gebe ich Ihnen den Platz genau an, wo er sich versteckt. Er liegt so günstig, daß Sie ihn umstellen können, ohne daß er Sie bemerkt.« »Was soll ich Raiteo, dem alten Fuchs, erzählen? Er hat doch gesehen, wie wir miteinander sprechen!« »Gehen Sie nachher zu einem meiner Bootsleute und erkundigen Sie sich über irgend etwas. Sie können Raiteo dann sagen, daß Sie es von ihm erfahren haben. Ich bin überzeugt, daß Raiteo nicht nachfragen wird.« »Und wo ist der Platz?« »Erkundigen Sie sich bei Raiteo«, sagte der Geistliche leise, »ob er ein Haus namens Ihiamoea kennt. Ihiamoea – können Sie den Namen behalten?« »Er ist verdammt lang. I-hi-ma-nu.« »Ihiamoea!« wiederholte der Missionar. Der Harpunier wiederholte das Wort ein paarmal leise und sagte dann: »Ich denke, so wird es gehen. Da steckt er also. Aber kennt Raiteo den Ort?« »Genug genug. Sie werden ihm aber einen guten Lohn versprechen müssen, denn die Insulaner haben große Angst vor der Gegend.« »Er soll fünfzig Dollar haben, wenn er uns heute abend hinführt!« rief der Seemann rasch. »Gott strafe mich, auch alle Sachen im Boot dazu, wenn wir den Kerl nur kriegen! Ich habe noch dazu eine besondere Wut auf ihn!« »Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr. Können Sie sich denn auf Ihre anderen Leute verlassen, damit Sie nicht das Übel vergrößern?« »Wir sind schlauer geworden und haben keine Matrosen, sondern nur Offiziere zum Rudern mitgenommen. Die Leute sind entweder Harpuniere oder Bootssteuerer. Die laufen schon seltener weg, weil sie mehr Anteil bekommen und Karriere machen können. Es sind nur die verdammten Matrosen, die durchbrennen, weil sie es sich auf einem Walfänger etwas gemütlicher gedacht haben.« Sie waren jetzt wieder zum Haus des Königs gekommen, das der Missionar betrat, um das aufziehende Unwetter abzuwarten. Der Harpunier wechselte mit seinen Leuten einige Worte, dann ging er zu den beiden Insulanern, die mit dem Kutter gekommen waren. Sie saßen auf Korallen und drehten sich eine kleine Zigarre aus ihrem inländischen Tabak und Bananenblättern. Einige Zeit blieb der Harpunier bei ihnen stehen und ging dann, als er Raiteo am Rande des Gehölzes sah, auf ihn zu. »Raiteo, willst du in dieser Nacht dein Glück machen und ein reicher Mann werden? Du kannst fünfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen, der im Boot liegt.« »In dieser Nacht?« erwiderte Raiteo kopfschüttelnd. »Habe weißen Mann Kapitän schon gesagt, das es so schnell nicht geht. Ist noch immer ein bös Stück Arbeit. Kann nicht.« »Doch, doch, du kannst! Kennst du ein kleines Haus auf der Insel, das sie I-hi, Moment, verdammt, I-hi, mano-« »Ihiamoea?« sagte Raiteo rasch und leise. Er sah den Fremden erstaunt an. »Ist der weiße Mann im Ihiamoea?« »Du kennst den Platz«, lachte der Walfänger, »kannst du uns noch heute dorthin führen?« »Wer hat den Platz genannt?« erkundigte sich der Insulaner, und seine Augen suchten unwillkürlich die Stelle, wo der Missionar noch vor dem Haus des Königs stand. »Einer der Burschen dort im Boot«, erwiderte der Seemann. »Sie wollen es nicht gern wissen lassen, daß die Nachricht von ihnen kommt. Ich habe ihnen fünf Dollar dafür gegeben.« »Hmm«, brummte Raiteo und sah nach den Bootsleuten, die ruhig und abwechselnd die kleine, tütenförmige Zigarre rauchten, dann wieder zum Missionar hinüber. Schließlich warf er den Kopf zurück, gab dem Harpunier ein Zeichen. Beide gingen etwas weiter in den Wald hinein und hatten bald darauf alles besprochen. Das Ihiamoea hatte nur ein Zimmer mit zwei Ausgängen und lag auf einem Hügel im dichten Wald. Allerdings war der Platz um das Haus völlig frei und konnte mit Leichtigkeit umzingelt werden. In etwa anderthalb Stunden war es von hier zu erreichen, und das schlechte Wetter würde das Unternehmen noch begünstigen. Raiteo war zwar gierig auf das Geld, wollte aber ebensowenig wie der Missionar genannt werden. Er zeigte deshalb dem Harpunier den Weg, auf dem sie sich befanden und der durch eine dichte Pandanusniederung führte. Diesem sollte er mit seinen Leuten bei Dunkelheit folgen. Nach dreihundert Schritten würde er sie erwarten und dann zu dem Haus führen. Aber in das Haus würde er nicht mitkommen, denn jeder Eingeborene nähme dort tödliche Gefahren auf sich. Auch über die Bezahlung wurden sie sich einig. Raiteo erhielt fünf Dollar voraus, der Rest sollte ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen gebunden in ihrer Gewalt hätten. Der Abend brach herein. Einzelne Windstöße kamen, und der Regen fiel vom Himmel, wie er nur herunterwollte. Der Walfänger war jetzt dicht herangekommen. Durch das hohe Land war er gegen Böen ziemlich geschützt. Es bestand keine Gefahr, daß er auf die Klippen getrieben wurde. Mit kurzen Manövern konnte er sich auf der Stelle halten. Der Missionar hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen, obwohl er der von ihm verschuldeten Katastrophe lieber ausgewichen wäre. Aber er befürchtete, daß das Wetter auf See noch schlimmer werden könnte, und wollte sich da nicht in seiner Nußschale den Wogen anvertrauen. Der Kapitän des »Delaware« hatte für die Rückkehr der Mannschaft zwei Kanonenschüsse vereinbart. – René war inzwischen durch seine Führerin glücklich an den Ort seiner Bestimmung gebracht. Schon der Weg dorthin überzeugte ihn davon, daß kein Europäer den Platz in wenigen Tagen auffinden könnte. Von den Insulanern konnte niemand annehmen, daß er selbst den Platz kannte. Dazu hoffte er, daß das aufkommende schlechte Wetter den Walfänger zwingen würde, die Insel vorzeitig zu verlassen. Damit aber auch Sadie nicht von dem Wetter überrascht wurde, drang er auf ihre rasche Rückkehr. Das schöne Mädchen flog mehr als sie ging den Pfad zurück. Sie wußte ja, je eher sie wieder am Haus war, desto sicherer verschwand jeder Verdacht daß René einen so entfernten Zufluchtsort wie das Ihiamoea ausgesucht hatte. An den Missionar dachte niemand. Für den Augenblick war der Platz wohnlich genug. Gegen Wind und Regen schützten ein gutes Dach und die dicken, fast fußstarken Steinmauern. Eine kleine, aus Schilfgras geflochtene Matte lag in der Mitte der Hütte – ein Beweis mehr, daß der alte Missionar recht hatte, wenn er vermutete, daß der König der Insel noch sehr an dem alten Heidentum hinge. Zunächst sah René nach seinen Waffen, steckte sein Messer in den Gürtel und untersuchte die Terzerole. Der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen. Wenn auch das Pulver noch ziemlich trocken aussah, so war ihm doch nicht viel zuzutrauen, »Na, ich werde sie hoffentlich nicht gebrauchen«, murmelte er vor sich hin. »Besser wäre es aber doch, wenn sie funktionieren würden. Es gibt einem mehr Vertrauen, eine gute Waffe in er Hand zu haben.« Bei den Waffen lagen auch eine Menge Lebensmittel, die ihm der gute alte Mann mit ein paar Flaschen Wein und Kokosmilch eingepackt hatte. Da er jetzt nichts weiter zu tun hatte, bereitete sich René davon ein tüchtiges Essen. So verflossen die Stunden rasch. Ein paarmal trat er vor die Tür, aber der Wald umgab das kleine Heiligtum einer früheren Zeit hier zu hoch und dicht, um weit sehen zu können. Schließlich legte er sich auf die Matte und schaute träumend auf die kahlen Steinwände, die in früherer Zeit wohl Zeuge so mancher wildromantischen Szene, vielleicht auch manch furchtbaren Opfers gewesen waren. »Und wo seid ihr jetzt ihr stolzen Herrscher dieser Haine? Oro, du kriegerischer Gott, Hiro, du schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, du Sturmerwecker, Tane, du Herrlicher, und ihr alle, die ihr früher in dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu euren Kindern gesprochen habt? Sie haben sich losgesagt von euch, eure Altäre umgeworfen, eure Namen sind im Wind verweht. Das Kreuz, von einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat mit einem Schlag eure lange Herrschaft zerstört. Aber wenn ihr auch eure Haine noch nicht verlassen habt und jetzt vielleicht sogar hier seid, seht ihr mit finsterem Groll auf die Tempel des neuen Gottes, vor dem eure abtrünnigen Kinder jetzt ihre Knie beugen? Umschwebst du selbst, Oro, noch jetzt diese geweihte Stätte und siehst wütend auf den Fremden herunter, der sich hier eingedrängt hat? Zürne mir nicht, hätte nur ich von all den weißen Fremden diese Ufer betreten, du würdest noch heute herrschen. Ich hätte deinem Volk seine Götter gelassen und seinen Frieden. Wer weiß, ob sie dabei nicht glücklicher gewesen wären!« Lange lag er noch nachdenkend und träumend auf der Matte, bis die einbrechende Nacht ihre Schatten niederschickte. Laut und schallend schlug jetzt der Regen auf das Schilfdach der Hütte. Eine andere Plage stellte sich ein. Unmengen von Moskitos umschwärmten ihre unerwartete Beute. Zuerst wehrte er sich gegen sie, dann aber gab er auf, legte sich hin und deckte sich das Gesicht mit einem Taschentuch zu. Er fühlte sich vollkommen sicher. Der Walfänger würde in dieser Nacht nichts unternehmen können, wenn er überhaupt noch da war. Fast ärgerte er sich, daß er die bisherige Wohnung und Sadies Nähe verlassen hatte. Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, ohne einschlafen zu können. Die Moskitos plagten ihn zu sehr. Da fuhr René plötzlich in die Höhe und horchte, schüttelte dann aber lächelnd den Kopf und murmelte: »Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Kanadas Wäldern jagte. Das klang genau wie sein Jagdruf, der schrille Ton einer kleinen, an der französischen Küste heimischen Möwe. Donnerwetter!« stieß er dann hervor und sprang auf. »Wenn das nun doch Adolphe war... aber das ist ja nicht möglich, wie sollte er diesen Ort finden?« Trotzdem tastete er nach seinen Waffen, die neben ihm auf der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen draußen noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand er auf und ging an die Tür. Halb angelehnt, gestattete sie ihm einen Blick auf den kleinen, mondbeschienenen Platz. Da! Dort drüben bewegte sich tatsächlich eine Gestalt, denn Wild gab es hier nicht. Eine dunkle Wolke schob sich vor den Mond und hüllte alles in tiefe Nacht ein. Als René mit der gespannten Waffe in der Hand sich vorbeugte, erkannte er deutlich zwei dunkle Gestalten, die über die freie Fläche gerade auf ihn zuglitten. »Verrat!« murmelte er leise zwischen den Zähnen hindurch und sprang blitzschnell in das Haus zurück. Im selben Moment fühlte er sich von drei eisernen Armen gleichzeitig gepackt. Zum Glück für die Fänger versagte die Pistole, die gerade gegen das Ohr des Harpuniers gepreßt war. »Teufel!« schrie René, warf sie von sich und wollte sein Messer ziehen. Aber die Übermacht war zu groß. Wenige Minuten später lag er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt seiner Feinde am Boden. »Damn it, mein Freund«, lachte der alte Harpunier glücklich über seinen Fang. »Ich hätte heute abend, als ich auf den Regen fluchte, nicht geglaubt, daß er mir mit deinem Pulver gleichzeitig einen so guten Dienst erweisen würde. Das war jedenfalls gut gemeint, und ich nehme es dir nicht übel, an deiner Stelle hätte ich genauso gehandelt. Jetzt sei aber auch vernünftig und wehre dich nicht unnütz. Wir sind sieben gegen einen, und du wirst einsehen, daß Widerstand sinnlos ist.« »Tötet mich!« schrie René und bäumte sich gegen die Fesseln auf. »Ermordet mich, aber bei Gott, ihr sollt mich nicht lebendig von dieser Insel mitnehmen!« »Das käme auf einen Versuch an«, antwortete der Harpunier kaltblütig. »Willst du keine Räson annehmen, so haben wir uns schon genug Mühe deinetwegen gemacht. Da können wir dich auch noch das kleine Stückchen tragen. Nehmt ihn auf, Leute, auch wenn er noch so strampelt. Hier ist genug Leine, um zwanzig solche Bürschchen einzuwickeln. So, jetzt noch einen um die Füße, dann hoch mit ihm und fort! Da kommt schon ein neuer Regenschauer! Daß die Pest dieses Land hole!« »Wohin müssen wir jetzt gehen?« fragte einer der Leute. »Ich weiß den Weg nicht.« Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selbst verdutzt in der Dunkelheit um. »Damn it, jetzt hin ich auch konfus geworden. Welchen Kurs haben wir denn eigentlich heraufgesteuert? Wo ist die verdammte Bestie von Insulaner? He, Raiteo, Kanaille, verwünschte, wo steckt der Satan?« »Verraten und verkauft!« knirschte René zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch. Er sank erschöpft zurück und ließ sich willenlos davontragen. Nicht weit entfernt antwortete ein leiser Pfiff. Es war der Insulaner, der dort auf die Seeleute außerhalb des Bereiches des Ihiamoea wartete. Schweigend führte er den Zug den steilen, schlüpfrigen Pfad hinunter zum Landungsplatz. Der Regen goß in Strömen hernieder. Der Wind hatte etwas nachgelassen. Als sie aber die Pandanusniederung erreichten und über den scharfen Korallensand gingen, dröhnten laut und mahnend die beiden Kanonenschüsse von Bord des »Delaware« zu ihnen herüber. Fast unwillkürlich hielten die Leute einen Moment. Der Harpunier rief aber: »Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kommen gerade rechtzeitig. Wetter noch einmal, das war abgepaßt! Eine Stunde später und wir hätten die ganze Geschichte aufgeben müssen!« »Was mögen sie an Bord nur haben?« erkundigte sich einer der anderen Harpuniere. »Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt«, lachte der Harpunier. »Jetzt ist gerade eine ruhige Zwischenzeit, um an Bord zurückzukehren. Rasch, Leute, da vorn sehe ich schon die Feuer.« Ein neuer Hoffnungsfunke durchzuckte René. Wenn ihn auch einer der Insulaner verraten hatte, waren ihm die anderen doch noch gewogen. Wer weiß, ob sie zusahen, wie er fortgeschleppt wurde, wenn er um Hilfe rief. So viel hatte er während seines Aufenthaltes auf der Insel schon von ihrer Sprache gelernt. Als die ersten Häuser erreicht waren, schrie er plötzlich mit lauter, donnernder Stimme um Hilfe. »Knebel her!« sagte der Harpunier ruhig. »Wer hat ihn, du, John?« »Ja, hier«, antwortete der Mann und reichte dem Harpunier den Knebel. »Der Kerl schreit uns noch die Insulaner auf den Hals. Wer weiß, wen er hier zum Freund gewonnen hat, besser ist besser.« Fest gebunden und mit dem Knebel im Mund konnte sich der Gefangene nicht mehr rühren, und gleich darauf erreichten sie den Strand. Raiteo forderte jetzt den ausgehandelten Lohn, denn er wollte sich nicht mit den Weißen zusammen sehen lassen. Ehe sie abstießen, wollte er dann mit seinem Bruder zu dem Boot gehen und die Sachen in Empfang nehmen. »Lauft mit dem Burschen voraus und legt ihn ins Boot, bis ich den Schuft hier abgefertigt habe«, sagte der Harpunier zu seinen Leuten. »Wort müssen wir halten, seht zu, daß ihr inzwischen das Boot flottbekommt.« Während die Leute dem Strand zueilten, blieb er neben dem Insulaner stehen und zahlte ihm das Blutgeld aus. Als er sich von ihm abwandte, glitt Raiteo in die Büsche. »Hölle und Teufel!« fluchte der alte Harpunier, als er zum Strand kam und sah, wie die Mannschaft mit dem Boot beschäftigt war. Es lag hoch und trocken auf der Korallenbank und wohl fünfzig Schritt vom Wasser entfernt. »Habe ich den verdammten Schuften nicht gesagt, daß sie das Boot flotthalten sollen? Dabei haben sie es noch weiter aufs Trockene gezogen! Daß der Böse ihre Seelen verdamme! Hinein damit, Jungens! Greift unter und tragt es zum Wasser! Werft den Plunder heraus, der drin liegt, der Eigentümer kann es sich holen! Wo ist René?« »Hier am Haus liegt er. Bill und Adolphe stehen Wache bei ihm!« »Ach was, Wache! Der läuft jetzt nicht fort! Hier, Bill, Adolphe, anfassen und das Boot zu Wasser tragen! Hallo, meine Jungen, alle zusammen, there she comes, a-hoi! Was, zum Teufel, macht es so schwer?« »Wir haben vorher Früchte eingeladen!« antwortete Bill. »Früchte? Hinaus damit, jetzt ist keine Zeit für Früchte! Hallo hier, einmal ein paar von den Insulanern hierher, damit wir freikommen!« Aber von denen ließ sich keiner blicken. Der Hilferuf des Unglücklichen hatte ihnen sein Schicksal verraten. Wenn sie ihn auch nicht befreien wollten, so wollten sie auch mit der Sache selbst nichts zu tun haben oder gar den Fremden helfen. Vielleicht zehn Schritte von dem Boot stand dicht am Strand eine kleine Bambushütte. Dort übernachteten die Missionare, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel befanden. Als das Unwetter aufzog, war auch Bruder Rowe hierhergekommen. Er ließ sich natürlich nicht blicken, als die Männer mit dem Gefangenen zurückkamen. Durch die überall dünnen Stäbe der Wände konnte er aber deutlich erkennen, was draußen vorging. Kaum zwei Schritte von seiner Tür entfernt wurde der gefesselte René abgelegt. Bruder Rowe stand dicht hinter der Tür und beobachtete schweigend den am Boden Liegenden. Außer ihm befand sich aber noch eine andere Gestalt in der Nähe. Es war das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herrn – Raiteo, der vorsichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der Männer beim Boot beobachtete. Er hatte seinen Bruder schon abgeschickt, um die Waren zu holen. »So, Schuft, ja?« murmelte er vor sich hin. »Erst ist man gut genug, weißer Mann Kapitän da hinauf zu führen, nachher ist man Schuft. Gut, gut, Raiteo ist nicht so dumm. Raiteo hat Geld sicher unter Baum versteckt. Jetzt kann Raiteo machen, was er will!« Die Walfänger hatten alles, was das Boot schwerer machen konnte, hinausgeworfen. Der Regen floß wieder in Strömen nieder, als die sieben kräftigen Gestalten das Boot langsam, aber stetig zum Wasser schoben. Dort wurden sie wieder durch eine Korallenschicht aufgehalten, über die sie es dann auch endlich hinweghoben. »Die verdammten Insulaner lassen sich nicht blicken!« sagte der alte Harpunier keuchend vor Anstrengung. »Aber hole sie der Henker, wir brauchen sie nicht! Munter, meine Jungen, weiter, da hinten kommt es wieder schwarz wie die Nacht herauf. Wir müssen machen, daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte nicht hier zurücklassen soll. Nachher hätte er eine schöne Mannschaft an Bord, ohne alle Offiziere!« Der »Delaware« hatte eine Laterne ausgehängt und schien noch etwas näher zu kommen. Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo dahinter vor und wie eine Schlange an den festgebundenen Körper des Gefangenen heran. Dort begann er ohne einen Laut die Seile zu durchschneiden. So leise und geschickt war sein Manöver, daß der dicht davorstehende Missionar nicht erkennen konnte, was da vor seinen Augen geschah. René, der schon in dumpfer Verzweiflung den Gedanken an Rettung aufgegeben hatte, fühlte kaum den scharfen Schnitt des Messers, als ihn auch schon wieder wilde Hoffnung durchzuckte. Er begriff, daß er völlig ruhig liegen mußte, um die Aufmerksamkeit der Seeleute nicht auf sich zu ziehen. Raiteo hatte Verstand genug, die Füße zuerst zu befreien. Selbst mit gebundenen Händen war in dieser Dunkelheit eine Flucht möglich. René drängte es, einen Arm freizubekommen, um sein Messer zu erreichen, das er noch immer an der Seite trug. Der Knebel hinderte ihn, einen Laut von sich zu geben, und Raiteo wollte ihn nicht entfernen, bis er mit allem fertig war. Er glaubte bei den Füßen alle Stricke durchtrennt zu haben und übersah dabei einen. René hob die Knie, um ihm die Stelle zu zeigen. »Geh doch einer von euch mal hinauf und sehe nach dem Gefangenen!« sagte in diesem Augenblick der Harpunier. Schritte wurden laut, und Raiteo glitt rasch um das Haus. Dadurch wurde dem Missionar, der schon durch die Bewegung des Gefangenen aufmerksam gemacht war, klar, daß hier jemand an der Befreiung arbeitete. Es lag keineswegs in seinem Plan, den Mann auf der Insel zu behalten, wo es schon einmal so weit gediehen war. René schloß die Augen und sank in stummer Verzweiflung zurück, als sich der Matrose über ihn beugte, um zu sehen, ob die Stricke noch in Ordnung waren. Zu gleicher Zeit aber fühlte René, wie sich ein scharfes Messer erneut durch die Stricke schnitt, die seine Arme umspannten. »Mut!« flüsterte eine Stimme, die ihm wie himmlische Musik vorkam. »Mut, René, und jetzt fort!« Dabei richtete er sich auf und rief laut: »All right!« Er drehte sich um und wollte den Platz verlassen, als er einen Arm auf seiner Schulter fühlte und erschrocken herumfuhr. René lag noch am Boden, als er die zweite Gestalt bemerkte, aber seine Hand umfaßte vorsichtig das Messer und zog es aus der Scheide. Er wußte, er war frei, und mit zwei Sätzen war er im Bereich des Waldes. Adolphe, denn der war Renés Befreier, drehte unwillkürlich den Kopf zur Seite, um nicht erkannt zu werden. Da erkannte er zu seinem Erstaunen die Stimme des Missionars, der ihn etwas von dem Gefangenen fortzog und leise zu ihm sagte: »Achtet auf den Gefangenen, Sir, man will ihn befreien, ich habe...« Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag des riesigen Franzosen gegen seine Stirn streckte ihn besinnungslos zu Boden. »Binde ihn!« flüsterte Adolphe und beugte sich zu René. »Er hat dich verraten!« So schnell, wie er gekommen war, sprang er wieder zu den anderen hinunter. Eben hatte man das Boot wieder bis zum Wasserrand gebracht. »Der Gefangene liegt noch am Boden«, sagte er, als er zu den anderen trat. »Haben Sie nachgesehen, ob die Seile noch in Ordnung sind?« »Ich kann ja noch einmal hinaufgehen!« erbot sich Adolphe. Da blitzte es vom Wasser her, und gleich darauf dröhnte der dumpfe Schall eines neuen Schusses, dem in kaum einer Minute ein zweiter folgte, zu ihnen herüber. »Hinein mit dem Boot ins Wasser!« schrie der Alte. »Schnell, Leute, legt euch dagegen!« Mit vereinter Kraft brachte man das Boot in die Flut. »Alle hinein, mit Riemen und Masten!« lautete der rasch gegebene Befehl. »Laßt die Früchte liegen, wo sie sind, vier von euch holen den Gefangenen, halt hier, das Boot stößt auf, noch einmal alle zusammen – ahoi – there she goes, nun die Riemen und unseren Mann her, und los geht es!« Es wurde auch Zeit, daß sie losfuhren. Der Wind hatte sich jetzt nach anderthalb Stunden Ruhe völlig gedreht. Aus dem Westen kann es in diesen Breiten sehr böse zu wehen anfangen. Dort stieg auch schon eine schwere, rabenschwarze Wand auf, und der »Delaware« mußte jetzt zusehen, daß er vom Land abkam. Die Leute rannten alle, so rasch sie konnten. Drei von ihnen nahmen die Riemen und den Masten auf, die anderen drei holten den Gefangenen, darunter Adolphe. »Auf mit ihm!« rief er und nahm den Oberkörper so hoch, daß er den Kopf unter seinen Arm bekam. »Auf mit ihm, Jungens, und hinunter! Da geht ein anderer Kanonenschuß, bei Gott!« Die beiden anderen Bootssteuerer faßten den Gebundenen mit an, und in vollem Lauf ging es damit die Korallenbank hinunter. »Vorn ins Boot mit ihm!« schrie der Harpunier. »Haut ihm eins über den Schädel, wenn er nicht gehorcht! In die Riemen und rudert um euer Leben, dort kommt's herauf! Zum Donnerwetter, werft ihn ins Boot! Wenn er nicht gehen will, soll es ihm auch nicht auf eine Beule ankommen!« Es war jetzt keine Zeit weitere Bemerkungen zu machen. Die Leute sprangen an ihre Plätze, warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte seinen in das Rudereisen gezogen, und jetzt flog das Boot durch die schon unruhige See zu dem nicht weit entfernten Schiff, das jetzt auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte. René war in dem Augenblick, in dem ihn Adolphe verließ, aufgesprungen. Er wußte im ersten Gefühl der gewonnenen Freiheit gar nicht, was er zuerst tun sollte – fliehen oder sich um den Priester kümmern. Dann wäre aber seine Flucht doch zu schnell bemerkt worden. Eine zweite Person entschied seine Zweifel, nämlich Raiteo. Er war überraschter Zeuge der schnell aufeinanderfolgenden Vorgänge geworden. Er war aber auch klug genug, um zu erkennen, daß es jetzt gut war, wenn er sich noch etwas bei der Befreiung beteiligte. Er hatte ja auch noch einen anderen Grund, zu wünschen, daß die Weißen die Insel in dem Glauben verließen, daß alles in Ordnung war. Sonst hätten sie ihm noch die anderen, noch nicht geborgenen Waren wieder abgenommen oder Lärm geschlagen. Dann wäre sein Anteil am Fang des Europäers bekannt geworden. Kaum hatte er deshalb den Missionar fallen sehen, als ihm auch der gleiche Gedanke durch den Kopf schoß, den auch der Franzose gehabt hatte. Wie eine Schlange glitt er aus seinem Versteck hervor und band rasch Hände und Füße des geistlichen Herren. René wußte, daß er von dieser Seite keinen Angriff zu fürchten hatte, sondern nur Hilfe erhoffen konnte. Im ersten Augenblick erkannte er Raiteo nicht, bis der sich zu ihm umdrehte und leise sagte: »Knebel, schnell!« »Verdammter Schurke, wo kommst du her?« rief René unwillkürlich aus. »Pst, den Knebel!« sagte Raiteo, nicht im mindesten beleidigt. Es war auch keine Zeit mehr zu verlieren. Kaum hatte der Eingeborene den Knebel geschickt verknotet, als auch schon die Männer über die Korallenbank heraufkamen. Rasch schlüpften beide um das Haus herum und ins Dickicht. Mit klopfendem Herzen hörte René, wie sie den Körper seines Stellvertreters aufnahmen und zum Boot trugen. Als dann aber die Ruderschläge erklangen und sich langsam entfernten, fiel ihm eine Zentnerlast von der Brust. Mit der direkten Gefahr verschwand aber auch jeder trübe Gedanke aus seiner Seele. Sein Leichtsinn überwog wieder, und lachend wandte er sich an Raiteo. »Du bist doch der abgefeimteste, durchtriebenste Erzschurke, der sich denken läßt!« Raiteo wußte zunächst nicht, wie er jetzt mit dem Befreiten stand. Aber schon beim Klang der Stimme begriff er, daß der »weiße Mann nicht Kapitän« die Sache leichtnahm. Er war dabei klug genug, nicht weiter auf den Ton einzugehen, und beteuerte ihm, daß der »Bodder Aue« seinen Schlupfwinkel an den weißen Mann Kapitän verraten habe. Der hätte ihn dann mit vorgehaltener Pistole und gebundenen Händen gezwungen, ihn zu dem Platz zu bringen. René wußte durch Adolphe, daß die erste Aussage zutraf, die zweite war jedoch kaum wahrscheinlich. Doch der junge Franzose nahm den Burschen eben, wie er war. In seiner, neugewonnenen Freiheit fühlte er sich nicht geneigt, irgend jemand in der weiten Welt überhaupt zu zürnen. Zudem hatte Raiteo einen Teil seiner Schuld wieder gutgemacht und dadurch doch auch Reue gezeigt. René beobachtete das Schiff noch weiter. Die neuen Kanonenschüsse verrieten die Eile, in der sich der Kapitän befand. Das war etwas, wofür ihn der Befreite segnete. Bald zeigten die eingeholten Lichter, daß das Boot wieder an Bord war. Noch konnte er die Kompaßlampe durch die Nacht erkennen, aber bald erlosch dieser schwache Punkt auch. Mit dem jetzt aus vollen Backen einsetzenden Westwind war in kaum einer halben Stunde jede Spur von dem so gefürchteten Schiff verschwunden. Doch trotz des Wetters blieb René die Nacht über mit Raiteo auf dem Hügel und hielt Wache. Erst als er sich am kommenden Tag davon überzeugt hatte, daß der »Delaware« nirgends mehr am Horizont zu erkennen war, flog er mehr als er ging die steilen, schlüpfrigen Hänge hinunter auf das Missionsgebäude zu. Dort wartete Sadie schon voller Angst auf einen Boten, der ihr melden sollte, ob das Schiff die Insel verlassen habe. Als sie hörte, was René passiert war, erschrak sie sehr. Um so größer war die Freude über die jetzt überstandenen Gefahren. René hütete sich natürlich zu erwähnen, was aus dem geistlichen Mann geworden war. Allerdings konnte er nicht verheimlichen, daß er durch dessen freundliche Fürsorge verraten war.   Was war aber inzwischen aus ihm geworden? Als das Boot dicht genug am Schiff angelangt war, rief der Kapitän schon mit Donnerstimme hinüber: »Boot ahoi!« »Ship ahoi!« lautete die rasche Antwort des Harpuniers. »All right!« »Scharf, meine Jungen, macht daß ihr an Bord kommt! Steht bei hier bei den Taljen! Alles klar?« schrie die Stimme zurück. »Alles klar, Sir!« lautete die Antwort der Matrosen, die an den Kränen bereitstanden. »Nieder mit den Blöcken!« rief man von unten herauf, als das Boot an die Seite schoß und die Ruder wie mit einem Schlag in die Höhe geworfen wurden. »Hier, hakt ein, hinauf mit euch, all right!« brüllte der Harpunier durch das Schreien der Leute und das Rasseln der Rahen, die ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten rasch an Bord hinauf. Nur zwei Mann blieben zurück und achteten auf die eingehakten Taljen. Eine halbe Minute später schwebte das Boot nach oben unter die Kräne. Dann holten die beiden Männer den Gebundenen hervor und reichten ihn auf das Deck. »Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, als ob er sich die Seele aus dem Leibe treten wollte!« sagte Bill, als sie ihn über die Schanzkleidung holten. »Aber zum Donnerwetter...!« »Zwei Reffs in Vor- und große Marssegel – fort mit euch da hinauf!« schrie der Kapitän in diesem Augenblick. Die Leute mußten den Gefesselten liegenlassen. Er wand sich auf dem Deck wie ein Wurm. Das Niederrasseln der Rahen, das Heulen der Leute an den Refftaljen übertäubten für den Augenblick selbst das jetzt mit Macht aufkommende Wetter. Die nächste Viertelstunde nahm durch das Reffen alle in Anspruch, und niemand kümmerte sich um den unglücklichen Priester. Erst als die Mannschaft mit dem gemeinsamen »Oh, jolly men – hoy!« die Marsrahen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier zu ihm. Er war nicht mit an Land gewesen und hatte schon während der letzten Minuten die an Deck liegende Gestalt mißtrauisch und forschend betrachtet. Jetzt rief er erstaunt aus: »Why, damn it – das ist nicht René!« »Nicht René?« antwortete der Kapitän, der dicht neben ihm stand, die Linke um eine der Brassen und mit dem Blick zu den aufsteigenden Haben. »Wer soll es denn sonst sein? Belay that! Große Marsrahe! Was liegt an?« »Norden halb Westen«, tönte die monotone Stimme vom Steuerrad herüber. »Steady then – halt den Kurs – wer soll's denn sein, Mr. Browning?« »Weiß nicht, Sir«, antwortete der. Er hatte dem Stewart zugerufen, daß er eine Lampe bringen sollte. »Wen haben wir denn hier?« »Hallo, Mr. Rowsey!« rief in diesem Augenblick der Kapitän. Er war ebenfalls herangetreten und starrte in das ihm fremde, wilde Gesicht des Bruders Rowe. »Wen zum Henker haben Sie uns da vom Land mitgebracht? Haben Ihnen die Insulaner diese Jammergestalt als René verkauft?« Der alte Harpunier drückte sich rasch durch die Offiziere, die um den gebundenen Mann standen. Während ihn alle halb lachend, halb staunend ansahen, stand er wohl eine halbe Minute verdutzt vor dem Gefangenen, dann platzte er heraus: »Why – Gott strafe mich, das ist ja der Pfaffe! Den? Himmeldonnerwetter, den haben wir doch nicht etwa im Boot mitgebracht?« »So bindet ihn wenigstens los!« sagte der Kapitän ruhig und verbiß sich nur mit Mühe das Lachen. Während zwei darangingen, die Fesseln aufzuschneiden, fluchte und wetterte der alte Harpunier und schien nicht wenig Lust zu haben, jetzt selbst über den Missionar herzufallen. Als ob der arme Mann die Schuld für diese traurige Verwechslung trug! Bruder Rowe bekam aber kaum den Mund frei, als er auch augenblicklich seine Meinung kundtat. Er schrie Mord und Gewalt und verlangte, sofort wieder an Land gebracht zu werden. Nur mit Mühe bekam man von ihm heraus, daß nach seiner Meinung einer der Leute vom Schiff ihm einen Schlag versetzt hatte, der ihn bewußtlos niederstreckte. Dann hätte man ihn wahrscheinlich gebunden und gefesselt. Dagegen protestierte aber der Harpunier energisch. Das wäre unmöglich, denn so lange Zeit war niemand von seinen Leuten entfernt gewesen. Trotzdem rief man alle Mann zusammen. Der Priester sollte jetzt den zeigen, den er für den Täter hielt. Aber das konnte er nicht. Der Harpunier erinnerte sich, einen hinaufgeschickt zu haben, der nach dem Gefangenen sehen sollte. Der sei aber sofort zurückgekehrt. Adolphe meldete sich. Er habe nur die Gestalt am Boden liegen sehen und sich um nichts weiter gekümmert. Zwar war Adolphe Renés Landsmann, und mancher mochte einen leisen Verdacht hegen, aber es ließ sich überhaupt nichts beweisen. Auch der Kläger erinnerte sich nicht an den Täter. Dazu kam der alte Groll, den Walfänger gegen Missionare meistens haben. In den Ärger über das Entkommen des Matrosen mischte sich bald eine Portion Schadenfreude, daß gerade der Priester, der den Seemann verraten hatte, in die Grube gefallen war, die er dem anderen gegraben hatte. Der Kapitän zuckte zuletzt nur mit den Schultern, als der geistliche Herr im Zorn versicherte, er werde sich an seine Regierung wenden und volle Genugtuung für diese unwürdige Behandlung verlangen. Als er aber immer noch darauf bestand, sofort wieder an Land gebracht zu werden, rief er aus: »An Land! Bei diesem Wetter! Und wenn Sie mir tausend Dollar Passage bis zu der verdammten Insel bezahlen, könnte ich weder ein Boot noch mein Schiff zwischen die Riffe schicken!« Bruder Rowe war außer sich, aber Drohungen wie auch Versprechungen blieben fruchtlos. Der Kapitän tröstete ihn damit, daß er eine der nördlich gelegenen Inseln anlaufen werde. Von da könne er dann sehen, wie er wieder nach Tahiti zurückkäme. Zwei Tage später lief er Bola-Bola an, wo er den Reverend Mr. Rowe absetzte. Vierzehn Tage vergingen, ehe er von dort aus mit einem kleinen Schoner weiterfahren konnte. Seine Bootsleute hatten sich inzwischen keinerlei Gedanken über seine lange Abwesenheit gemacht. Sie wären noch länger neben dem Boot geblieben, wo es genug Brotfrüchte und Kokosnüsse für sie gab. 8. Tahiti Wie nach dem wilden Schlag eines Unwetters, das uns das Blut in den Adern stocken ließ, fast immer Ruhe in der Natur eintritt, so schien alles Leid, das der Himmel für die Liebenden in den dunklen Wolken verborgen hatte, an diesem furchtbaren Tage entladen zu sein. Mit dem fast noch während des Sturmes einsetzenden Ostpassat hätte der »Delaware« eine lange Zeit gebraucht, um wieder gegen die Insel aufzukreuzen. Das war aber nach den bisherigen Erfahrungen nicht mehr zu erwarten. Wenn auch Mr. Osborne durch das eigentümliche Verschwinden seines Kollegen beunruhigt war, so hinderte ihn das doch nicht, das junge Paar zu trauen. Von dem Tag an gehörte René zu den Söhnen des Landes, und selbst Raiteo hatte es nicht mehr gewagt, verräterisch zu handeln – jedenfalls nicht unter gewöhnlichen Umständen. Am meisten erstaunt waren die Insulaner über das Verschwinden des finsteren Mitonare. Mr. Osborne wollte schon die betrübliche Nachricht seines Todes nach Tahiti melden, als René einsah, ihm Einzelheiten des Falles erzählen zu müssen. Bald darauf kam auch die Nachricht von Bola-Bola, daß er dort glücklich gelandet war, und der Missionskutter wurde dorthin beordert. Mr. Rowe wollte Atiu unmittelbar nach diesen Vorfällen nicht mehr aufsuchen. Das junge Paar verschwendete auf ihn keinen weiteren Gedanken mehr. Mr. Osborne hatte Mühe, den übermütigen René selbst während der kirchlichen Feier im Zaum zu halten. Mitonare Ezra trippelte ständig, um ihn herum und wollte den rastlosen Wi-wi nur ein einziges Mal fest und ruhig halten, wie es einem anständigen Christen, der er ja doch einmal werden würde, geziemte. Im Taumel vergingen die nächsten Monate. Die Rückkehr des Missionars Rowe von seinem unfreiwilligen Ausflug entlockte René kaum noch ein Lächeln. Der Mann war ihm gleichgültig geworden. Er war jetzt mit dem Bau für seine eigene kleine Heimat beschäftigt. Dabei war er ein neuer Mensch geworden und hatte die Brücke hinter sich abgebrochen, die ihn bis dahin noch mit der Außenwelt verbunden hatte. So verging schließlich fast ein volles Jahr. Mr. Osborne begann selbst zu glauben, daß der Groll Rowes gegen die Verbindung der jungen Leute durch das unruhige, politische Treiben in der Hauptstadt in Vergessenheit geraten sei. Seit dem Vorfall hatte er sich zu keiner Revision mehr blicken lassen. Da traf ein großes, versiegeltes Schreiben des »Board of Missionaries« aus England ein. Es war die Abberufung von Atiu und Versetzung nach Tahiti, gewissermaßen unter die Aufsicht der dortigen Missionare. In der oberen Leitung, die sich auch stark politisch betätigte, hatte Bruder Rowe eine besondere Stellung. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf Mr. Osborne deshalb diese Nachricht. Es war zugleich eine Trauerbotschaft für die ganze Insel. Der kleine Mitonare setzte sich in seine Lieblingsecke im Haus und fing an, bitterlich zu weinen. Sollte er doch jetzt seinen alten Freund und Gönner, Bodder O-no-so-no verlieren und vielleicht einen anderen dafür bekommen! Vielleicht gar den »Bodder Aue«? Ihn überlief ein kalter Schauer. Sadie hatte vor kurzem ein Mädchen geboren. Wenn es noch möglich gewesen wäre, Renés Glück zu erhöhen, so nur durch die Vaterfreuden. Er war der einzige, der in der Übersiedlung nach Tahiti nichts Schlimmes sah. Es war für ihn klar, daß sie den alten Mann nicht allein ziehen lassen würden. Zwar war auch ihm der Platz lieb und teuer geworden, aber mit seiner Sadie und seinem Kind wußte er, daß er auch auf der Nachbarinsel wie im Paradies leben konnte. Ungern schied er von ihrem Lieblingsplätzchen, das so viele Erinnerungen für sie barg. Wenn er es auch nicht zugeben mochte, so entschädigte ihn doch der Wechsel seines Aufenthaltes etwas für die liebgewonnenen Stellen. Anders war es bei Sadie. Ihr ganzes Herz hing an der heimatlichen Küste. Jedes Blatt, jede Blume, die sie hier zurücklassen mußte, tat ihr weh. Sie hegte eine heimliche, ihr selbst unerklärliche Angst vor Tahiti. Nur einmal war sie mit ihrem Pflegevater dort gewesen. Das Leben und Treiben der fremden, bewaffneten Männer dort, das kecke Auftreten ihrer Landsmänninnen, die ewigen Streitereien zwischen den Eingeborenen und Missionaren hatten sie tief abgestoßen und verletzt. Sie war damals froh gewesen, als der kleine Missionskutter endlich wieder die Anker lichtete und dem heimatlichen Strand entgegenstrebte. Das Land sollte ihre künftige Heimat werden? Sie konnte sich kaum an diesen Gedanken gewöhnen. lange stand sie mit ihrem Kind im Arm auf dem Plätzchen am Seestrand. Hier war sie glücklich gewesen, was konnte ihr die ferne Insel bieten? Es war für alle ein schmerzlicher Tag, als der kleine Missionskutter endlich unter Segel ging. Die Insulaner standen am Strand und winkten mit ihren Tüchern und riefen ihr »Joranna, Joranna!« über das blaue Wasser. Sadie saß an Deck, ihr Kind auf dem Schoß, und sah die Wipfel ihrer Palmen langsam in das Meer tauchen, dann die Hügel. Als die Nacht hereinbrach, saß sie noch in bitterem Schmerz an der gleichen Stelle. Ihr Gesicht war tränenüberströmt. René störte sie nicht in ihrem Gram und quälte sie auch nicht mit nutzlosem Trost. Er setzte sich schweigend neben sie. Sie legte ihren Kopf an seine Brust und weinte sich ungehindert aus. Die Reise war kurz und ohne Zwischenfälle. Mr. Osborne fand auf Tahiti freundliche Aufnahme. Man kannte ihn in seinem neuen Wirkungskreis bereits, und die Insulaner mochten ihn. Sein zu Herzen gehendes, väterliches Wesen entsprach ihnen wesentlich mehr als der starre, finstere Ernst der anderen Geistlichen. Von der Königin Aimata, die den Beinamen Pomare trug, wurde ihm ein wohnliches Plätzchen mit Haus und Garten angewiesen. Doch bald erkannte er den großen Unterschied zwischen den fast kindlichen Bewohnern Atius und den durch europäische Unsitten verdorbenen Kindern Tahitis. Dazu kamen noch die verschiedenen, sich feindlich gegenüberstehenden Geistlichen, die sie in ihrem Glauben störten. Bruder Rowe ließ ihn fühlen, daß er Atiu und die Zwischenfälle noch lange nicht vergessen hatte. Mr. Osborne tat seine Pflicht und widmete sich seinen nicht gerade leichten Aufgaben. Dazu kam noch der zu dieser Zeit verwickelte politische Zustand der Insel, der durch den übergroßen Eifer der Missionare herbeigeführt worden war. Ich will ihn hier dem Leser, ehe ich meine Erzählung wieder aufgreife, erst einmal vertrauter machen. Durch die Ankunft europäischer Schiffe wurden innere Kämpfe hervorgerufen und genährt, durch die mitgebrachten Feuerwaffen bald in tödlicher Form. Schon vor der Einführung des Christentums und der Ankunft der christlichen Missionare gab es einen Parteienhaß, der Jahrzehnte unter der Asche glimmend lag, aber nur einen Anlaß suchte, um wieder hervorzubrechen und mit erneuter Kraft das schöne Land zu verwüsten. Otu, der aus einer merkwürdigen Idee den Namen Pomare Der König schlug einmal sein Lager in den Bergen auf. Der Platz war jedoch dem Tau und der starken Zugluft ausgesetzt. In der Nacht erkältete er sich und bekam einen Husten. Dadurch nannte einer der Höflinge diese Nacht eine Husten-Nacht (po = Nacht, mare = Husten). Dem König gefiel vielleicht der Klang des Wortes, vielleicht hatte er auch eine andere Ursache. Jedenfalls beschloß er, sich von nun an Po-mare zu nennen. Der Titel ist dann als erblicher Titel an seine Nachkommen weitergegeben worden. angenommen hatte, machte sich nach der Vertreibung des rechtmäßigen Königsstammes zum obersten Häuptling, zum Arii rahi oder König der Inseln. Es gelang ihm durch die Unterstützung der gerade eintreffenden europäischen Schiffe, seine Stellung auszubauen und die Königswürde für sein Geschlecht erblich zu machen. Doch die Häuptlinge des anderen Stammes lebten noch und schürten die Unruhe im Lande. Besonders der Sohn Otus, Pomare II., fand kräftige Unterstützung durch die fremden weißen Männer, deren Religion er sofort annahm, ohne sich jedoch danach wirklich zu richten. Er starb dann auch bald an den Folgen seines ausschweifenden Lebens. Es gab durch ihn sogar höchst unchristliche Kriege um sein Götzenbild des Oro. Dadurch brach eine Revolution aus, der König wurde vertrieben, die Mission zersprengt. Der Verlust seiner Macht wurmte den König. Er warf jetzt das Heidentum ab, bekehrte sich öffentlich zum Christentum und führte es mit Hilfe seines Oberpriesters Tati, der die anvertrauten alten Götzenbilder verbrannte, auch auf den anderen Inseln ein. Er starb am 30. November 1821 und hinterließ einen Sohn von 18 Monaten. Die Missionare hofften ihn in ihrem Sinne erziehen zu können. Um die Macht in den Händen zu behalten, übertrugen sie die Regentschaft an seine Tante, da auch die Mutter schon gestorben war. Aber auch der junge Prinz starb bald, im Jahre 1827. Die strenge, fremde Lebensweise, in der er aufgezogen wurde, vertrug sich nicht mit seiner schwächlichen Natur. Nicht ohne Einfluß seiner Lehrer rief das Volk jetzt Aimata, die Tochter ihres vorigen Königs und Schwester des Verstorbenen, zur Herrscherin aus. Nur gezwungen fügten sich die alten Häuptlinge des anderen Königsstammes. An ihrer Spitze stand Tati, der durch den Tod des jungen Fürsten neue Hoffnung auf den Thron hegte. Aber das Christentum war schon zu mächtig geworden, die Missionare hatten einen großen Einfluß auf die Bewohner und besonders die Frauen gewonnen. So verschwand jeder andere Anspruch auf die Krone der jungen, schönen Königin. Aimata oder Pomare IV. ist etwa 1812 geboren und war erst mit einem Häuptling von Tahaa verheiratet von dem sie sich wieder scheiden ließ und dann einen Häuptling von Huaheine, einer Nachbarinsel, heiratete. Obwohl die englischen Missionare so taten, als ob sie keinen politischen Einfluß ausübten, waren sie schon seit der Krönung des früheren, jungen Herrschers die eigentlichen, regierenden Herren auf Tahiti. Sie gaben Gesetze heraus und verwalteten die Kassen des Landes. In ihren Händen lag der Haupthandel der Insel, denn ihre Unterstützung wurde ihnen vom Mutterland natürlich nicht in Bargeld, sondern in englischen Waren ausgezahlt. Die verkauften sie auf der Insel mit kräftigem Gewinn. Da drohte ihnen im Jahre 1836 die Gefahr, alles zu verlieren. Heimlich waren die beiden katholischen Priester Laval und Caret von den Gambier-Inseln kommend auf Tahiti gelandet. Als sie dem Befehl der Königin nicht weichen wollten, wurden sie mit Gewalt auf ein kleines Fahrzeug geschafft und entfernt. Diese Tat sollte nicht ohne traurige Folgen für die Inseln bleiben. Die religiöse Unduldsamkeit der Missionare öffnete dem schon darauf wartenden Feind die Tore. Frankreich erhielt nämlich dadurch den Vorwand, seinen Handel und seine Religion auf den Inseln zu festigen. Die Insel lag günstig für die Schiffahrt und sollte besetzt werden. Admiral Du Petit Thouars erhielt den Befehl, ein kleines, friedliches Reich zu unterwerfen. Im August 1838 ankerte die Fregatte »Venus« auf der Reede von Papeete, und Du Petit Thouars erklärte der Königin Pomare in einem Schreiben, daß er gekommen sei, um für die Behandlung der französischen Untertanen Genugtuung zu fordern. Er verlangte eine christliche Entschuldigung der Königin, die Summe von zweitausend spanischen Dollar als Entschädigung für die Priester und die Begrüßung der französischen Flagge mit einundzwanzig Kanonenschüssen. Widrigenfalls drohten die Mündungen der Geschütze Vernichtung für den offen und schutzlos daliegenden Strand. Die arme Pomare hatte keine Wahl. Sie schrieb den Brief, erbat sich das Pulver selbst von der französischen Fregatte für die Salutschüsse, und die Missionare, die bei einer Beschießung am meisten betroffen wären, sammelten das Geld untereinander und bei Engländern und Amerikanern auf den Inseln. Aber Du Petit Thouars war damit nicht zufrieden. Er erzwang außerdem auch noch einen Vertrag, durch den alle Franzosen, gleich, welches Gewerbe sie betrieben, sich auf der Insel niederlassen und freien Handel treiben durften – also auch katholische Missionare. Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff unter Kapitän La Place ging noch weiter und verlangte volle Religionsfreiheit für alle Katholiken sowie einen Bauplatz für eine katholische Kirche. Natürlich bewilligte man auch das. Wenn auch die protestantischen Missionare diese Vorgänge finster dulden mußten, so gab es doch eine Partei auf Tahiti, die mit Freude einen Wechsel in den politischen Verhältnissen herannahen sah. Das waren die alten Häuptlingsfamilien, die die Herrschaft der Priester nur mit heimlichem Grimm geduldet hatten. Nicht zu Unrecht hofften sie, daß die fremden Priester den Einfluß dieser stolzen Männer brechen würden. Dann wäre auch der Thron der Pomare nicht mehr fest. Aber noch hatten die englischen Missionare die Zügel in den Händen. Als das französische Kriegsschiff die Küste wieder verlassen hatte, donnerten sie von den Kanzeln mit allem Grimm des hartnäckigen Fanatikers gegen die neue Lehre. Deren Symbole stellten sie neben die heidnischen der Insulaner. Die katholische Religion machte nur wenig Fortschritte, die protestantischen Missionare behaupteten ihre Macht. Die unruhigen Häuptlinge warteten ungeduldig um endlich einen Schlag gegen die Macht der Pomare zu führen. Einen halben Bundesgenossen hatten sie in dem früheren amerikanischen, jetzt französischen Konsul Mörenhout gewonnen. Der stand dem Einfluß der Protestanten entgegen und hoffte auch auf seine eigene Förderung durch die Herrschaft der Franzosen, unter deren Protektorat er die Inseln bringen wollte. Ob er seine Pläne jedoch seinen Freunden, den Häuptlingen, mitteilte, ist nicht bekannt. Im September 1842 kam aber Admiral Du Petit Thouars mit der Fregatte »Reine blanche« zurück und stellte aufgrund fadenscheiniger Dinge neue Forderungen. Jetzt gingen die vier Häuptlinge Tati, Raiata, Utami und Hitoti mit Mörenhout an Bord und unterzeichneten dort einen Vertrag. Darin baten sie den Admiral, ihre Inseln unter den Schutz seines Königs zu nehmen. Der sollte ihnen die Religionsfreiheit und ihre Rechte garantieren. Die Königin Pomare stand kurz vor ihrer Entbindung. Da traf die Drohung des französischen Admirals ein, zehntausend Dollar Entschädigung für erlittene Unbill zu zahlen, oder die Inseln würden im Namen Sr. Majestät des Königs von Frankreich in Besitz genommen. Gleichzeitig wurde verkündet, daß jeder, der das tahitische Volk mit Wort und Tat gegen die französische Regierung einnehmen wollte, von den Inseln verbannt würde. Damit wurden den protestantischen Missionaren die Hände gebunden. Gerade zu diesem Zeitpunkt war der Mann abwesend, der bis dahin den größten Einfluß als protestantischer Geistlicher und mehr noch als irdischer Richter auf die Königin gehabt hatte. Mr. Pritchard war nach England gegangen, um die englische Regierung für das kleine Inselreich zu interessieren und es gegen die wohl vorhersehbaren Übergriffe katholischer Priester und französischer Kriegsschiffe zu schützen. Die Missionare hofften um so mehr auf diese Hilfe, damit durch die Ungerechtigkeit des französischen Befehlshabers nicht dem englischen Volk auch der letzte Einfluß auf diese Inseln entzogen werden konnte. Kaum hatte Du Petit Thouars die Inseln wieder verlassen, als sie auch den abgeschlossenen Vertrag, weil erzwungen, für null und nichtig erklärten und die Eingeborenen immer mehr aufstachelten. So stand die Lage im Herbst des Jahres 1843. Während die Bewohner Tahitis teilweise Partei für ihre Missionare ergriffen, teilweise abwarteten, arbeiteten die Protestanten unverdrossen an ihrem Ziel. Die unruhigen Häuptlinge versuchten vergeblich, den Konflikt zu ihren Gunsten auszuweiten. Die Franzosen hatten versprochen, daß sie ihre Bundesgenossen werden und sie in ihren gerechten Ansprüchen unterstützen würden. Jetzt festigten sie nur die eigene Macht und verbreiteten ihre Religion. Was kümmerte aber die Häuptlinge ein neuer Name Gottes! 9. Die vier Häuptlinge Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen, aber bis in die höchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti. Aus den tiefen Tälern stiegen die weißen, schwankenden Schwaden auf, wollten sich ausbreiten gegen den mächtigen Feind. Aber die sengenden Strahlen hielten sie zurück. Getrieben vom neckischen Seewind über den saftigen Wuchs des breitblättrigen Feis , mußten sie sich dicht an den Boden schmiegen, unter Laub und Busch. Dem einsamen Jäger boten sie das wunderbare Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen. Weiß und bleich lagen die Schwaden unter Busch und Strauch, füllten die Täler aus, bildeten Inseln aus Kuppe und Kraterhang. Die Palmen unten im Tal schüttelten den Tau aus ihren wehenden Kronen. Sie rauschten und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen. Aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums Der Wibaum oder Brasilianische Pflaume (spondias duleis) hat mit den stärksten Stamm auf den Inseln, oft bis vier oder fünf Fuß im Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt, er trägt eine Menge großer, pflaumenartiger, saftiger Früchte von angenehmem Geschmack. flötete der Omaomao Die tahitische Drossel, der einzige wirkliche Singvogel. Er ist gelb und braun gefleckt, von der Größe einer Drossel, mit der sein Gesang auch Ähnlichkeit hat. . Der gellende Schrei der Möwe, die über dem spiegelglatten, kristallklaren Binnenwasser der Riffe nach Beute strich, mischte sich ein. Von fern donnerte klar und gewaltig das Brausen der ewigen Brandung über die Korallenwälle, die in einem weiten, nur an wenigen Stellen unterbrochenen Kreis diese Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land gegen den wilden Andrang der Wogen schützen wollten. Die Elemente waren freundlicher gegen dieses Paradies als die Menschen. Nach allen Seiten breitete sich das blaue Meer aus. Hier und da blitzte über die Fläche der Schein eines hellen Segels. Aus der Ferne ragten die schroffen, pittoresken Kuppen Ineos oder Moreas herüber. Der Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umschloß, war eben über dem Meeresspiegel sichtbar. Massen von kleinen Kanus, den Luvbaum Ein an der Seite des Kanus durch Querhölzer gehaltener Baum, eine Art Kufe aus leichtem Holz, die auf dem Wasser liegt und mitschwimmt. Sie dient dazu, daß das leichte, schwankende Fahrzeug vor dem Umkippen bewahrt wird. an der Seite, glitten über das blitzende Binnenwasser. Mit der Harpune oder dem Netz wurde aus den Korallen herauf die Mahlzeit geholt. Oft schoß der schlanke Bau wie ein dunkler Streifen durch den Schaum der Brandung, und das braune, trotzige Gesicht eines Insulaners warf sich den Gischt mit fröhlichem Lachen aus dem Haar. Lauschig und versteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen. Prachtvolle Kokospalmen erhoben sich daraus und beugten sich weit über den Meeresspiegel hinaus, als ob sie ihr Bild dort wiederfinden wollten. Herrlich süß dufteten die Orangen und Zitronen, die weißen Sternblumen und die Mangablüten. Das Bananenblatt zitterte und raschelte im Zephyr, der sich durch Blume und Blüte seine Bahn stahl. Der stattliche Brotfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten, einzelnen Blättern in das dichte Laub der Mape, die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf Ananas und Tappo-Tappo Mape, die tahitische Kastanie. Die Papaya kommt aus Brasilien und ist der Melone ähnlich, wächst aber auch auf einem Baum. Der Tappo-Tappo ist der englische Crêmeapfel. , die köstlichen Früchte dieser Zone. Tief im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüten und hoben ihre Kelche dem sonnigen Licht entgegen. Es war ein Paradies, das Gottes milde Vaterhand erschaffen hatte. Ein Paradies, von seinem Atem durchweht und die Herrlichkeit seiner Werke verkündend. Ein Paradies, das nur die Leidenschaft und das trotzige Herz der Menschen oft und böswillig verdarb und zerstörte. Wo Haß und Schmerz selbst zwischen diese Palmen gesät wurden. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser Leichtsinn reichten sich die Hand. Der Insulaner, der gastliche Herr in diesem Reich, sah kurzsichtig genug, wie die fremden Männer Tand in sein Kanu gaben, es schmückten und verzierten und beluden – bis es sank. Sorglose Kinder des Augenblickes, denen Palme und Brotfrucht alles gaben, was sie für den Tag benötigten. Was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte Flitter erfreute sie. Jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie zu und ahnten das Netz nicht, das sich langsam, aber ständig daraus wob, um sie aus ihrem Himmel herunterzuziehen. Aber nicht alle teilten diese Apathie. Wie die protestantischen Missionare um den erschütterten Stamm die Wurzeln wieder tiefer senkten und gruben, um ihm mehr Festigkeit für den nächsten Sturm zu geben, so nagte der Ehrgeiz an den Herzen der Häuptlinge, die Königsblut in ihren Adern fühlten. Selbst der stille Frieden, der sie umgab, reizte den schlafenden Grimm in ihrer Brust und verwandelte ihnen ihr Paradies zu einem Ort der Qual. In Papara, dem südwestlichen Teil von Tahiti, stand eine aus Bambus errichtete Hütte dicht am Ufer eines klaren Bergbaches. Sprudelnd und silberrein kam er aus den Bergen. Weicher Rasen umgab den Platz, und Brotfruchtbäume und wehende Palmen schirmten ihn ab. Es lagerte ein lauschiges Halbdunkel über dem leise rauschenden Hain. Keine fröhliche Kinderschar spielte und sprang hier am Muschelstrand. Niemand schaukelte sich an langen, in die Wipfel der Palmen geknüpften Bastseilen keck hinaus über den korallendrohenden Wasserspiegel. Keine schlanke Frau mit blumengeschmücktem Haar sammelte die Früchte von den Bäumen oder bereitete das Hibiskusblatt für das Essen. Nur an einem Stamm lehnte ein Insulaner und schaute still und nachdenklich auf das sonnige, tiefblaue Meer hinaus. Um seine Lenden hatte er den Pareu gewickelt, noch aus dem auf der Insel selbst gefertigten Tapa Ein eigentümliches Gewebe dieser Insel, das die Frauen aus der gegorenen Rinde verschiedener Bäume, die sie vorher zu fester Masse kneten, gewinnen. Sie schlagen es aus, bis ein dünnes, ziemlich dauerhaftes Zeug daraus wird. hergestellt. Die gelbbraunen Falten fielen ihm bis fast auf die Knie. Auf den Beinen und dem Oberkörper waren die zierlichen blauen Linien der alten Tätowierungen zu erkennen, die jetzt durch die Missionare verpönt waren. Es war eine edle, kräftige Gestalt, die da unter der Königin des Waldes stand. Das weiche, rabenschwarze Haar hing ihm lockig herunter und widersprach auch der durch die Protestanten eingeführten Sitte, es ganz kurz zu schneiden. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr. Kein Schmuck glänzte am Arm oder Hals. Die kühnen Züge und Arabesken des Tätowierers, alte, heidnische Zeichen, mit Haifischzähnen in unvergänglichen Punkten in die Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den gespannten Muskeln. Da wurden leise, aber regelmäßige Schritte im Laub laut. Näher und näher kamen sie heran. Eine andere Gestalt erschien unter den schattigen, mit Blüten und Früchten bedeckten Orangenbäumen. Aber der nachdenkliche Mann hörte die Schritte nicht. Er war ganz in seine Träume versunken. Der Neuangekommene stand mit verschränkten Armen mehrere Minuten schweigend neben ihm und beobachtete ihn ernst. Er unterschied sich äußerlich stark von dem Träumer. Zwar trug auch er den etwas bunteren Pareu, aber sein Oberkörper steckte in einem noch bunteren Oberhemd. Seine Haare waren mit wohlriechendem Öl eingerieben und mit Jasminblüten geschmückt. Seine Beine waren nackt und die alten Tätowierungen auch auf ihnen erkennbar. Aber der Pareu reichte tief herab und verdeckte das meiste davon, bis auf die zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken endeten. Der Stamm lief schlank und zierlich bis zu den Waden hinauf, wo sich federartig die Blattkronen ausbreiteten. In der Hand trug er einen schlanken, langen Bogen und einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen. Dabei handelte es sich aber nicht um Waffen, sondern eher um ein Spielzeug oder besser gesagt Übungsspiel der Vornehmen. Man hatte längst die Wirkungslosigkeit dieser Waffen gegen Gewehre erkannt. Auf dem Scheitel trug der Mann einen geflochtenen Gardenienkranz mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen roten Blüten darin. »Joranna, Tati!« rief er endlich lächelnd. »Joranna, Mann, was läßt du so den Kopf hängen und siehst so brütend vor dich hin, als ob du plötzlich ein Missionar geworden seist? Wollen dich die frommen Väter vielleicht nach den Gambier-Inseln senden, um ihren ›Brüdern in Christo‹dort Gleiches mit Gleichem zu vergelten? Bereitest du dich vor, um den Neubekehrten da drüben zu beweisen, daß man nur die Seligkeit des Himmels ernten kann, wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen läßt und das Weiße der Augen zeigt beim inbrünstigen Gebet?« Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem Gruß. Seine Züge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck erkannte, mit dem sich der Freund behangen hatte. »Du siehst aus, als ob du zum Tanz gehst mit den Areois die früheren, heidnischen Tänzer auf den Inseln, die eine eigene religiöse Sekte bildeten und von Insel zu Insel zogen, um dabei wilde Feste zu feiern , Paofai!« antwortete er ernst, ohne den Gruß zu erwidern. »Ein Richter des Landes sollte sich das Schicksal seines Volkes in so schwerer Zeit mehr zu Herzen nehmen!« »Das Schicksal?« lachte Paofai und schüttelte den Kopf, daß die bunten Blüten herunterfielen. »Das Schicksal liegt in der Hand des einzelnen. Wer seinen Nacken dem Joch gutwillig neigt, darf sich nachher nicht beklagen, wenn es drückt. Wer, bei Oro, hat denn unseren fröhlichen Leuten gesagt, daß sie sich den Fremden unterwerfen sollen und die Knie wund vor einem anderen Gott reiben, der uns bis jetzt nur Arbeit und Krankheiten, Haß und Feindschaft gebracht hat? Ich hin es jedenfalls leid, daß die helle Hautfarbe höher geschätzt wird als das, was unsere Väter ehrten. Verführer! Oros Zorn über sie und ihre falschen Worte!« »Wer ist denn schuld, daß wir es so lange getragen haben? Nur wir selbst!« rief Tati und richtete sich hoch und stolz empor. »Ruht nicht der Fluch unserer Götter auf diesem Land, seit die knechtischen Pomares das Zepter führen? Liegt nicht selbst die junge Königin in der Gewalt dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die Diener des Herrn nennen und dabei den Fuß auf den Nacken der Arii Rahis dieses Landes setzen?« »Weißt du, daß sie das Volk wieder zu neuem Unheil zusammenrufen wollen?« erkundigte sich Paofai lauernd. »Das wagen sie nicht!« sagte Tati und schüttelte verächtlich seinen Kopf. »Sie wagen es nicht, denn ihre Häuser stehen breit und bequem gleich vorn am Strand. Die eisernen Kugeln des nächsten französischen Schiffes treffen sie zuerst.« »Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai. » Piritati ist dorthin gegangen, um Hilfe für sich und seine Leute zu holen!« »Ach was, der Weg ist lang, und die Engländer haben einen großen Mund. Sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott und so geizig, daß sie ihm noch nicht einmal opfern lassen. Statt dessen bringen sie Kokosnußöl und Perlmuttschalen auf ihren Schiffen weg. Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.« »Aber sie warten nicht, bis er kommt!« entgegnete Paofai. »Die Priester sind so übermütig und glauben so fest an ihre Macht, daß sie jede Vorsicht vergessen. Sie wollen als Heilige und Halbgötter vor dem Volk stehen und wagen ihre Existenz!« »Auch die Feranis werden uns keinen Segen bringen!« sagte Tati finster. »Ich bereue schon, daß ich meine Hand mit im Spiel gehabt habe. Der gierige Wi-wi scheint Lust auf die Beute zu bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt hat. Solange noch ein Fremder auf der Insel lebt, gibt es für uns keinen Frieden. Wir haben uns selbst hinausgeworfen, als wir den Fremden damals den Aufenthalt erlaubten und ihnen Bambus für ihre Hütten schlugen. Wir hätten ihr Grab graben sollen.« »Da kommt Botschaft von Papeete!« rief Paofai plötzlich und deutete mit dem Arm hinaus auf das Binnenmeer der Riffe. Ein leichtes Kanu, von zwei Insulanern gerudert, mit zwei anderen im Heck, schoß rasch durch die klare Flut heran. Sie erkannten bald darauf die beiden Häuptlinge Paraita und Utami. »Ihre Eile verrät schon den Grund ihres Kommens. Der Feind ist uns ins Lager gerückt. Wenn er doch Speere und Streitäxte mit sich brächte als immer nur das tote Wort mit Singen und Beten!« Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Kanus. Es bog um eine etwas weit ausragende Korallenspitze und schoß dann gerade auf den Platz zu, auf dem die beiden Häuptlinge standen. »Sieh dir Utamis Gesicht an! Der finstere Zug über der Stirn bedeutet nichts Gutes! Es ist so, wie ich vermutet habe!« »Gruß und Frieden euch! Joranna, Joranna, bo-y!« riefen die beiden Männer, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbäume und Palmen der senkrecht stehenden Sonne abzwangen. »Joranna, Utami, Joranna, Paraita! Was führt euch bei dieser Hitze über das Wasser?« »Fröhliche Botschaft!« lachte Paraita. Aber die fest zusammengebissenen Zähne und der lauernde Blick, mit dem er seine Freunde ansah, straften sein Lachen Lügen. »Ein neues englisches Kriegsschiff ist eingelaufen, und die Mi-to-na-res sind obenauf. Der englische Kapitän will ihren Gott schützen, damit ihn der andere nicht über den Haufen wirft, so wie sie bei uns Taaroa und Oro zur Seite geworfen haben. Schon morgen erwartet sie großer Triumph. Auf, Tati, auf, Paofai, ich glaube, die Richter sollen vor Gericht. Wir sind alle aufgefordert zu erscheinen.« »Geht es wirklich um den Vertrag, den wir mit den Ferani abgeschlossen haben?« erkundigte sich Tati finster. »Kein Zweifel!« lautete die Antwort. »Die Boten der Königin sind heute überall unterwegs. Gestern gingen schon die Kanus nach Morea hinüber. Uns wurde aufgetragen, euch mitzubringen.« »Wißt ihr, was beraten werden soll?« Paraita lachte. »Es ist ein öffentliches Geheimnis, und das Volk in Papeete spricht über nichts anderes. Sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das Protektorat Frankreichs abweisen.« »Das französische Schiff im Hafen wird das wohl nicht dulden!« rief Tati. »Es liegt ein stärkeres daneben, um es ihm zu wehren!« sagte achselzuckend Paraita. »Und was sagt Utami?« frug Tati und griff dessen Hand. »Auf welcher Seite siehst du den Segen für unser Land?« »Auf keiner«, entgegnete kopfschüttelnd der alte Richter. »Auf keiner von diesen beiden. Ich hatte gehofft, daß mit diesem Schritt, der nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr ein Freundschaftsbündnis mit einer stärkeren Macht war, den ehrgeizigen Priestern ein Ziel gesteckt wurde. Aber die Feranis sehen schon mit gierigen Augen auf dieses Land. Wer weiß, was wir bei einem Tausch gewinnen. Jedenfalls liegt das alles noch in ferner Zukunft, und ich hebe keinen Arm für Franken oder Missionare. Laß sie sich untereinander schlagen.« »Du gehst aber zu ihnen?« »Natürlich. Sie sollen nicht sagen, daß Utami sich vor ihrem Ruf gefürchtet hat.« »Gefürchtet!« wiederholte Paofai verächtlich und spannte wie im Spiel den Bogen. Schwirrend schnellte der Pfeil davon und durchhohrte etwa vierzig Schritt weiter den schlanken Stamm einer Papaya. »Gefürchtet!« wiederholte er noch einmal und warf den Bogen über die Schulter. »Aber dieses Kinderspiel führt uns nicht zum Ziel. Dem Volk wird wieder Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es ermüdet auseinandergeht. Alles bleibt beim Alten. Dann doch lieber den Franzosen untertan, deren Sitten und Denkungsart besser zu uns paßt als die der schleichenden Frömmler!« »Untertan? Keinem!« rief Tati trotzig. »Was wäre denn, wenn wir den Augenblick nutzen, wo das Volk Tahitis das eine Joch abschüttelt, und wir auch das andere von uns werfen? Was sagst du, Utami, wenn wir die Fremden mit einem Schlag stürzen und die Missionare wie die fremden Priester auf das Schiff packen und sie wegschicken? Jetzt ist es noch Zeit, um ein glückliches Reich auf unserer Insel zu gründen. Jetzt, wo das Volk gesehen hat, welchen Fluch ihnen die Fremden bringen, wird es zu uns stehen mit Kraft und Gewalt. Dem ganzen, einigen Volk können auch die Feuerschlünde des Feindes nicht entgegenstehen.« Utami schüttelte ernst den Kopf und sagte finster: »Ich befürchte, wir haben uns selbst Schaden getan, als wir dem Ferani die Hand anboten und bei ihm auf Hilfe gegen den geistlichen Stolz hofften.« »Gewalt hilft hier nichts«, stimmte auch Paraita zu. »Wir sind zu schwach, um so etwas zu unternehmen. Wenn wir auch gemeinsam mit den geschorenen Köpfen fertig würden, so ist doch die europäische Macht zu stark. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen hat für Glauben und Recht. Wird der französische Konsul dulden, daß man den von der Königin unterzeichneten Kontrakt mit den Füßen tritt?« »Wie soll er das verhindern? Die Missionare haben da ihre Leute, Aonui; Potowai, Terate und wie sie heißen. Mit Jehova auf ihren Lippen werfen sich die Narren blind ins Feuer der Schiffe, und wenn das Volk von Freiheit schreien hört, stimmt es auch seinen Chor an, egal, was für Folgen das hat. Ich habe große Lust, nicht zur Versammlung zu gehen. Was soll es helfen?« »Damit sie nachher sagen können, wir hätten uns gescheut, ihnen unter die Augen zu treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf von uns fehlen, wenn wir nicht selber unsere Sache aufgeben wollen mit Schimpf und Spott. Dort wird sich auch ein Ausweg zeigen, um das Schlimmste abzuwenden.« »Dem stimme ich zu«, sagte Utami ernst. »Unsere Aufgabe ist es, dem Land die Freiheit zu erhalten, die vom Fanatismus der einen wie von der Gier der anderen bedroht ist. Laßt uns nicht länger zögern, kommt mit zu meinem Haus. Da können wir uns stärken für die Fahrt, damit wir morgen die ersten auf dem Kampfplatz sind.« »Kampf?« lachte Paofai und holte seinen abgeschossenen Pfeil wieder. »Ein schöner Kampf wird es werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. Ich kenne meine Landsleute nicht mehr. Aus dem glücklichen Volk sind Kriecher und Heuchler geworden. Aber weg mit diesen Gedanken! Die Palmen und das stille Wasser unserer Riffe müssen sie uns lassen, unsere Blumen und Blüten und unsere Frauen. Den Schwarzröcken zum Trotz werde ich das Leben jetzt genießen! Himmel und Hölle! Die Leute können gute Geschichten erzählen, und man lacht darüber, wenn man sie hört – vertreiben sie doch die Zeit damit!« Damit schob er den Pfeil lachend in den Köcher zurück und trat zu den anderen ins Haus. 10. Die Versammlung Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der englischen Fregatte »Talbot«. Der rasch folgende donnernde Schlag des Geschützes mit einem grollenden Echo von den Bergen grüßte die Sonne, die eben ihren rotglühenden Schein über die östliche, palmenbedeckte Spitze der Bai warf und ihre Strahlen weit über das Meer sandte. Es war ein reizendes Bild. das sich mit dem ersten Licht dem Auge bot. Im Hintergrund die wildzerrissenen Kuppen des Gebirges mit der dunklen, kühn eingerissenen Schlucht, auseinandergebrochen, als die Grundfesten der Berge einst in ihrem tiefsten Kern erbebten. Daran zu beiden Seiten anschließend das palmenbedeckte flache Land, als ob es die sonnige, spiegelglatte Bai mit liebevollem Arm umspannen wollte. Am Ufer standen die weißen, niedrigen Gebäude dicht in Palmen- und Orangenhaine geschmiegt. Hier und da ein alter, mächtiger Banianbaum, der die dunkel glänzenden Zweige niederschüttelte, um neue Wurzeln aus dem Erdreich um sich zu gewinnen. Vorn schäumte und spielte die Flut am hellen Korallensand. Den vorderen, von Bananen und Palmen eingeschlossenen Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie Perlen in einer halbgeöffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald von Brotfruchtbäumen und Orangen, von buntblühenden Akazien und breitblättrigen Hibiscus Tiliaceus mit den großen, malvenähnlichen Blumen. Nicht öde und weit lag das Meer dem wunderschönen Land gegenüber. Nein, hinter dem lichtfunkelnden Wasserspiegel dehnten sich die schäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und dem rollenden Donner. Sie umspannten die kleine Königsinsel Motuuta, die wie ein Smaragd mit silbernem Band eingefaßt in dem herrlichen Rahmen lag. Dahinter, noch neben dem weiten Horizont des Ozeans, waren die zackigen Kappen und Spitzen Imeos zu sehen, die wie Nadeln oder riesige Kegel emporstarrten. Bei klarer Luft zeigte sich der Palmengürtel, der sie umschloß. Still und regungslos lag der Strand bis zu dem Schuß, mit dem sich fast gleichzeitig die Sonne über den Palmenstreifen erhob. Nur hier und da zeigte sich ein einzelner Insulaner, der langsam am Ufer auf und ab ging. Aber während noch das Echo in den fernen Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es sich wie mit einem Zauberschlag aus den Häusern und Hütten, hervor, und fröhliches Leben brach sich Bahn. Es war Tag geworden in Papeete, und ein bedeutungsvoller, wichtiger Morgen war für den kleinen Staat angebrochen. Was er für sie bringen würde, kümmerte das fröhliche Inselvolk nicht. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht über das Meer des Lebens. Ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig. Aber mit dem Sturm legte sich auch leicht und beruhigt alles wieder. Wie ein Bienenschwarm zog und drängte es jetzt am Strand hin und her. Bunt gemischt lief alles durcheinander. Oft klang der fröhliche Laut lachender Mädchenstimmen über das Wasser selbst bis zu der abgelegenen Stelle der Bai, wo ein großer, weitbäuchiger, entsetzlich schmutziger Walfänger lag. Auf seinem Heck stand geschmacklos und mit grellroten Buchstaben der Name »Kitty Clover«. Von der Gaffel des Besansegels wehte die englische Flagge. Auf dem Quarterdeck standen zwei Männer in gewöhnlicher Seemannstracht gekleidet. Sie trugen blaue Jacken, weiße Hosen und die breiträndigen Strohhüte mit dem langen schwarzen Band. Der ältere von ihnen war der Kapitän der »Kitty Clover«. Er konnte in seinem ganzen Wesen und Aussehen so wenig den Schotten leugnen wie der andere den Iren. Der hatte das unvermeidliche rote Haar seiner Landsleute, es aber in merkwürdige kleine Locken mehr geknotet als gedreht. Auch um Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheurer starker, aber genauso fest ineinander gedrehter Bart bis hoch unter die kleinen, lichtblauen Augen hinauf. Manchmal, wenn er den Kopf zu dem neben ihm Stehenden wandte, blitzten sie mit einem eigenen, drolligen Humor auf. Noch acht oder zehn Matrosen waren außer den beiden an Deck mit dem Schrubben beschäftigt. Dazu holten sie Eimer aus der klaren Flut herauf und leerten sie mit raschem Wurf über das Deck aus. Der Kapitän oder Master des Walfängers, Mac Rally, galt als vortrefflicher Seemann und noch besserer Händler. Das hagere, scharf geschnittene Gesicht, die hellblauen, unsteten Augen und die eisernen Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit sowie List und Ausdauer. Die »Kitty Clover« war erst gestern angeblich vom Walfang eingelaufen. Tatsächlich kam sie direkt aus Valparaiso und hatte den Iren als sogenannten Passagier mitgebracht. Eine Anzahl Fässer an Bord schien ihnen aber gemeinsam zu gehören. Die tahitischen Behörden hatten nicht Unrecht, wenn sie auf solche Schiffe, die gern noch ein Nebengeschäft mit verbotenem Branntwein machten, besonders achteten. Außerdem führte aber der Kapitän eine besondere Ware bei sich, die er noch geheimer halten mußte. Selbst die Mannschaft wußte nicht, was die im Laderaum lagernden Fässer enthielten. Sie waren fest versiegelt und sollten in Tahiti ausgeschifft werden. »Sie sind hier bekannt, O'Flannagan?« sagte Mac Rally, nachdem er eine Viertelstunde lang das Ufer durch sein Schiffsglas beobachtet hatte. »Glauben Sie wirklich, daß sie die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny Steuern an Land schmuggeln können?« »Von glauben ist da nicht die Rede, Kapitän!« lachte der Ire. »Meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer. Was noch besser ist, jeden Zollbreit Sohn und Tochter. Die Mädchen besonders, hahaha, liebe Dinger, sind rein auf mich versessen! Die führen nun einmal in der ganzen Welt das Regiment, und wenn man sie erst einmal zu Freunden hat, ist alles andere Kinderspiel!« »Aber wenn uns nun die jetzigen politischen Verhältnisse einen Strich durch die Rechnung machen!« sagte kopfschüttelnd der Schotte. »Wie uns der alte Insulaner gestern erzählte, sind die englischen Missionare wieder die Herren da drüben.« »Unser Geschäft wäre verloren, wenn es anders wäre!« lachte Jim. »Zum Teufel, wenn die Franzosen das Heft in der Hand hätten, dürften wir unseren Brandy selbst trinken! Die würden eine solche Menge ihres eigenen Fabrikats an Land gebracht haben, daß sie die Stadt damit ersäufen könnten. Die Missionare dagegen können höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr noch schwieriger machen. Aber das alles muß uns die Preise gerade in die Höhe treiben, und was wollen wir mehr? Ich fürchte nur, Sie haben mit dem anderen Artikel ein schlechtes Geschäft gemacht, denn ich glaube nicht, daß die Eingeborenen je Geld für solche Ware auslegen werden.« »Ich bin da ziemlich sicher«, schmunzelte der Schotte, »denn ein Teil der Waffen ist feste Bestellung von jemand, den ich nicht nennen darf. Verkaufe ich das andere nicht hier, so weiß ich, daß ich auf den Fidschi- und Navigator-Inseln einen vortrefflichen Markt dafür finde.« »Das ist aber ein kitzliges Geschäft«, meinte Jim und fuhr sich mit dem Zeigefinger durch das Halstuch. »Die Engländer und Franzosen haben über derartigen Handel ihre eigenen Ansichten. Bei einer solchen Geschichte geht es immer gleich an die Rahnocke Die Rahnocke an Bord eines Schiffes ist das äußerste Ende der Querhölzer (Rahen), an jenen die Segel befestigt sind. Bei Exekutionen an Bord werden die zum Strang Verurteilten an der Rahnocke hochgezogen. . Interessant ist so ein Geschäft schon, aber – verdammt gefährlich, und der Nutzen steht eigentlich in keinem Verhältnis zum Risiko.« »Das kommt auf die Person an«, sagte mit einem etwas zweideutigen Seitenblick auf den Iren der Kapitän. Jim, der aufmerksam mit dem Fernglas zur Insel sah, verstand diese Anspielung und lachte. »Ich bin am Hals so kitzlig wie der beste Priester, Kapitän, und jeder paßt auf sein bißchen Leben so gut auf, wie er kann, ob's nun der Mühe wert ist oder nicht.« »Nein; Jimmy, so war es nicht gemeint!« rief Mac Rally etwas verlegen. »Bitte, genieren Sie sich nicht!« lachte Jim. »Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären, lieber Kapitän. Aber dahinten kommen die Kanus!« unterbrach er sich plötzlich. Den rechten Arm richtete er dabei gegen Point Venus. Eben wurde dort eine kleine Flotte der einheimischen Fahrzeuge sichtbar. Als er sich den Inhalt etwas näher angesehen hatte, rief er aus: »Heute geht die Geschichte los da drüben! Heute bekommen wir etwas zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, desto besser wird es. So leicht werden wir keinen besseren Abend für das Ausschiffen bekommen. Kein Teufel paßt heute nacht auf die ein- und ausgehenden Boote auf.« Der Kapitän hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick hindurchgesehen. Als er es zusammenschob, antwortete er mit einem halb versteckten Lächeln: »Sie haben recht, Jim, da hinten schwimmen die Hauptschauspieler der heutigen Komödie. Drei Kanus voller Schwarzröcke, Gott weiß, wo die alle herkommen! Die Feierlichkeit wird nun auch bald beginnen, und – ha, bei Gott!« unterbrach er sich plötzlich, als er sich zufällig zu dem Kriegsschiff umgedreht hatte. »Dort weht die tahitische Nationalflagge!« Tatsächlich stieg in diesem Augenblick die rote Flagge mit dem weißen Stern auf der englischen Fregatte an der Gaffel des Besansegels auf. »Was die Leute für Streiche machen! Meiner Mutter Sohn müßte sich irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten!« »Desto besser, Kapitän!« rief Jim, sich vergnügt die Hände reibend. »Desto besser. Es wäre ein Gaudium, wenn ich erleben könnte, wie die beiden Erbfeinde England und Frankreich wieder einmal einen Koller kriegen. Viel zu lange hat es schon Frieden gegeben. Aber enges Fahrwasser zum Manövrieren hätten sie hier, und die Korvette hielte es auch nicht lange genug mit der Fregatte aus, damit es interessant wird.« »So weit treiben sie es nicht!« antwortete kopfschüttelnd der Kapitän. »Der Franzose ist zu klug, sich hier mit einer solchen Fregatte einen verzweifelten Kampf zu liefern. Nein, es kommt jetzt darauf an, wie das Schiff heißt, das zuerst in den Hafen einsegelt.« »Der Hauptspaß ist dabei, daß die Leute, die den Einsatz in diesem Spiel stellen, noch nicht einmal mitspielen. Die, die nichts zu verlieren haben, die Missionare, die trumpfen aus!« »Es ist Zeit, hinüberzufahren!« sagte Mac Rally. »He, da vorn! Damn it, ihr Burschen, ihr überschwemmt heute das Deck, als ob ihr die Nägel herausweichen wollt! Mein Boot nieder, und vier von euch hinein. Und du, Bob«, damit wandte er sich, an den Zimmermann, der eine gewisse Autorität an Bord ausübte, wenn die Offiziere an Land waren, »passe mir etwas auf, und wenn es am Ufer Unruhe geben sollte und einer von unseren bärbeißigen Nachbarn vielleicht die Zähne zeigen möchte – du kennst ja das Zeichen –, so hoch mit dem Anker, und seht zu, daß ihr außer Schußweite kommt. Wir brauchen unser Holz später noch! Aber bis dahin bin ich auch auf jeden Fall wieder zurück.« »Soll die Flagge wehen bleiben, Kapitän?« erkundigte sich Bob. Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung und war eben im Begriff, in das Boot zu steigen. Er blieb stehen und schaute einen Augenblick wie unschlüssig nach dem bunten flatternden Tuch hinauf. »Es wäre patriotischer, aber politisch ist es nicht. Etwas anhaben können sie einem auch nichts. Ach was, der Wind zerfetzt das Tuch nur. Wenn wir an Land sind, nimm den Lappen herunter!« Mit dieser unehrbietigen Bemerkung über die eigene Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot. Kräftige Ruderschläge trieben es gleich darauf blitzschnell über das Wasser zum nicht fernen Ufer. Hier wimmelte und schwärmte es jetzt von Menschen. Der Hauptzug bewegte sich den Strand hinunter. Am sogenannten Paré, einem Teil der Küste, stand das Haus der Königin. Hier war der für heute bestimmte Versammlungsort des Festes. Eine bunte Mädchenschar drängte sich am Ufer hin und an der Kirche vorüber, deren Glocke in einem oben ausgeschnittenen, stämmigen Orangenbusch hing. Es waren hübsche Gestalten mit tiefdunklen, schwärmerischen Augen und zartgeschnittenen, rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint. Erröteten sie, so trat diese Farbe so deutlich hervor wie unter einer weißen Haut. Aber die üppigen Formen waren durch das jetzt kurz geschnittene Haar und das entsetzliche Modell eines Frauenhutes nicht gerade geziert. Es handelte sich um die fromme Schar der Tahitierinnen, die sich zur protestantischen Kirche bekannten. Mit den Vorurteilen mußten sie auch ihr Lockenhaar wegwerfen, weil es als falsch und sündig galt. Weshalb? Weil es beim heidnischen Tanz Blumen getragen hatte, und die freundlichen Kinder dieses herrlichen Himmelsstriches schmückten sich selbst jetzt noch gern mit den knospenden Blüten. Aber weg mit dem irdischen Tand! Wer Gott dienen wollte, durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hängen! Fort mit den langen, lockenden Haaren und den Blütenkränzen! Einen anständigen, christlichen Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, der geschoren war –das sündige Herz würde sich schon anpassen. Wie sie so ehrbar kamen, die sonst so wilden Mädchen, das Auge zu Boden gerichtet, die schwere Bibel im Arm gegen die volle Brust gepreßt, verbargen die Hüte ihre Züge. Das lange, faltige Gewand umhüllte fast vollkommen die zarten Gestalten und ließen nur den Fuß – nicht das Schönste an ihnen – frei. »Wahine! Naha, naha Maire!« rief da eine neckische Stimme dicht neben der Gruppe. Ein reizendes Mädchengesicht ohne den entstellenden Hut und mit langen Haaren bog sich nach vorn, um dem nächsten Mädchen unter den schrecklichen Hut zu sehen. »Naha Maire.« Aber die Angesprochene bog ihren Kopf nur noch weiter zur Seite. Schämte sie sich wegen ihrer frommen Tracht? »Naha Maire«, klang wieder der Ruf. »Bist du es, aiu , oder nicht? Sieh her, Maire, dreh dich um!« »Da nimm das!« rief plötzlich eine der Frommen und schlug mit der linken flachen Hand an ihre Lende. Das war ein Zeichen gründlicher Verachtung. »Das für dich, du böse Ate-ate, laß mich zufrieden, pfui über dich!« »Hahaha!« klang es hell wie ein Silberton von den Lippen der anderen. »Hahaha, Maire, armes Kind!« »Laß sie gehen!« wurde da Maire von einer Nachbarin angestoßen. »Laß sie gehen, es sind wilde Geschöpfe und taugen nicht für uns. Wenn es der Mitonare sieht, daß wir mit ihnen gesprochen haben, wird er böse!« »Maire, Maire, armes Mädchen!« riefen jetzt mehrere andere. »Ach was!« rief die Schöne jetzt lachend aus. Sie warf ihren Hut zurück und funkelte ihre Gegner am Straßenrand an. »Ihr könnt mich nicht am Kirchgang hindern. Aber glaubt ihr, daß ihr es nachher toller treibt als ich?« »Ah, maitai maitai Maire!« jubelte da Ate-ate laut auf. »Lebst du noch unter dem Hut und liegt dein Herz nicht zu Hause bei den Haaren im Bananenblatt?« »Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen, wie man sie abschneiden kann!« rief das schöne Mädchen wütend und warf einen mürrischen Blick zu ihrem Schatten. »Wenn mir die Haare wachsen, schneide ich sie nicht wieder ab«, sagte ein anderes Mädchen neben Maire. »Solange sie kurz sind, bin ich fromm.« Drrrrrum, drum, drum, klang der Wirbel und Ton plötzlich. Heller, fröhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der Insulaner. Es war der Beginn des wildesten, aber auch deshalb beliebtesten Tanzes. »Achtung, Maire!« rief Ate-ate und machte einige Tanzbewegungen. »Der Upepehe! Horch! Horch, wie der Trommel Klang Hell durch die Palmen drang – horch! Zuckt mir's durch Fuß und Knie, Zuckt mir's im Herzen hie; horch!« »Horch!« rief auch Maire, und ihre Augen blitzten und funkelten in einem wilden Feuer, zu dem das dicke Buch unter dem Arm nicht recht passen wollte. »Horch! – Laut wie die Brandung jägt, Gegen die Riffe schlägt – horch! Wirbelt der Trommel Ton, Herzchen, ich komme schon! Horch!« In den Chor fiel die ganze übrige fromme Schar jubelnd ein. Mit den Büchern im Arm warfen sich die tollen Mädchen von beiden Seiten in den wilden Upepehe-Tanz und sprangen jetzt mit den anderen auf und ab. Ihre großen Hüte fingen den Wind auf und schlugen hoch und nieder. Wie von einer Tarantel gestochen schien die ganze Schar, selbst die ernsten unter ihnen, die mit finsterem Blick den Anfang beobachtet hatten, schwiegen, sahen sich nach rechts und links um, zögerten – und sprangen mitten hinein in den jubelnden Chor. »Mi-to-na-re!« Wie dem Schwimmer das Wort »Hai!« mit bleierner Schwere in die Glieder schlägt und ihm die Willenskraft nimmt, so schlug dieses Wort in die Reihen der Tanzenden. Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen. Der nächste Moment entschied aber den Sieg gegen die Trommel. »Mitonare!« Mitten aus dem Tanz heraus zuckte die Schar in den früheren stillen und ehrbaren Gang. Die Hüte fielen nieder und verdeckten die jetzt glühenden Gesichter vor prüfenden Blicken. Die Kleider wurden geradegezupft, und ernst und feierlich wanderte die junge Schar der unschuldigen Heuchler dem Paré zu. Die Warnung war aber kein Scherz gewesen. Vor dem Haus des jetzt verreisten früheren Missionars und jetzigen englischen Konsuls Pritchard stand die fromme Schar der Missionare versammelt. Es waren alle, von jeder Insel waren sie gekommen, und jeder von ihnen trug den schwarzen Frack und schwarze Hosen, weiße Halsbinden und Westen. Dazu kam das unpraktischste Fabrikat, das je ein Mensch in kaltem oder heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten oder Fahren getragen hat: der schwarze Zylinderhut. Das Haus war ein weites Gebäude mit bequemer, luftiger Veranda, europäischen Türen, Glasfenstern und wohnlicher, eleganter Einrichtung. »Er hat uns gesehen!« flüsterte eines der Mädchen dem anderen zu. »Er trägt ein langes Stück Metall, das wie perú aussieht, in der Tasche. Damit kann er von einer Insel zur anderen sehen.« »Ach was, heute sagt er nichts!« flüsterte die andere zurück. »Zankt er trotzdem mit mir, gehe ich zu dem anderen Priester mit dem Kreuz und dem Licht. Dort darf ich mir die Haare wachsen lassen und komme doch in den Himmel der Weißen.« »Die breite Pforte bleibt dir verschlossen, wenn dir die Mitonares nicht den Eingang zeigen!« warnte die andere sie. »Ach was, dann biegen mir die anderen Mitonares den Bambus auseinander. Wenn ich nur hineinkomme!« Die Mädchen kicherten unter ihren vorgebeugten Hüten ganz leise, und der Zug schritt langsam vorwärts. Dabei wuchs er mit jedem Schritt. Beim letzten Bethaus hatten sich alle anderen Kirchenmitglieder in feierlicher Prozession, angeführt von dem ehrwürdigen Mr. Rowe, angeschlossen. Es waren ehrwürdige, aber merkwürdige Gestalten. Braune Gesichter und weiße Jacken, manche in Hosen, einzelne sogar im Frack und mit Lendentuch, mit Weste und kräftig gestärktem Vorhemd, die Beine tätowiert, den Kopf geschoren. Viele von ihnen trugen Bücher unter dem Arm. Der Ernst, der in ihren Reihen herrschte, machte auf die Zuschauer großen Eindruck. Jetzt traten die schwarzgekleideten Männer noch zu ihnen und führten den Zug an. »Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?« erkundigte sich Mac Rally, als sie am Strand den Zug sahen. »Wenn ich nicht wüßte, daß ich in Tahiti bin, würde ich glauben, ich sei aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.« »Hätte ich die Mädchen mit ihren furchtbaren Hüten nicht eben tanzen gesehen, so würde ich das auch glauben!« antwortete lachend der Ire. »Aber schwarz sieht der Kopf da vorn aus, und dunkel gesprenkelt ist der ganze Zug. Aber so ganz ernst werden sie es wohl nicht meinen. Es wird wohl darauf hinauslaufen, daß sie den Höchsten anrufen werden, damit er ihre Sache, die sie in die Tinte geritten haben, rettet. Nachher sammeln sie noch eine Kollekte für Missionszwecke!« Mac Rally schüttelte mit dem Kopf. »Ich glaube es noch nicht. Wäre das englische Kriegsschiff nicht da, ja, aber der Kapitän hält zu ihnen, denn zu dem Franzosen kann er wohl nicht halten. Da wird sie wohl der Böse plagen, damit sie irgendeinen Streich aushecken, bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen müssen. Ich kenne meine Leute.« »Achtung, jetzt wird es ernst!« rief Jim. »Dort kommen die Boote Ihrer Majestät, mit wehenden Flaggen. Gleich vorn die tahitische, na, da wird sich unser französischer Nachbar freuen!« »So, Jim, dort in die Bucht. Es wird Zeit, daß wir landen und uns den Spaß vom Ufer aus ansehen.« Die Leute am Ufer konnten nur langsam vorrücken, während die Boote rasch über die glatte Bai schossen. Die Besatzung hatte schon ihre Plätze eingenommen, ehe der größte Teil der Missionare mit dem vollen Zug eintraf. Die Königin Pomare oder Pomare Waihine saß auf der Veranda ihres Hauses. Ihr Mann befand sich an ihrer Seite, die Hofdamen darum herum. Rechts und links standen die englischen Offiziere der »Talbot« mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Konsuln Englands, Frankreichs und Amerikas. Einige der ansässigen Fremden waren ebenfalls eingetroffen, dazu kamen jetzt die Missionare. In weitem Kreis wurde der Hof von den verschiedenen Häuptlingen des Landes gefüllt. Sie wurden begleitet von vielen Stammesangehörigen und bildeten eine bunte, schillernde Gruppe. Viele von ihnen hatten sich gerade so viel von der Zivilisation angeeignet, wie nötig war, um ihnen eine eigene Nationalität zu nehmen. Vorwärts, bunte Schar, grüße die Majestät! Vor dem Haus flattert im frischen Morgenwind das tahitische Banner, der einsame bleiche Stern im roten Feld. Alle Fremden grüßten mit gezogenen Hüten die Königin des Landes. Auf ein Zeichen ihrer Missionare folgten auch die Eingeborenen diesem Brauch und begriffen vielleicht dabei zum erstenmal, wozu diese Hüte eigentlich nützlich waren. Pomare erhob sich, dankte mit einem freundlichen Nicken und ließ ihren Blick lange und forschend über die Menschenmenge gleiten, die ihren einfachen Palast umlagert hatte. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, das sie liebte und schätzte, als ein alter Mann, ein Häuptling von Taiarabu, ausrief: »Pomare! Unsere Königin, ia ore na oe! « Wie einen Kanonenschlag, der das Echo in den Bergen weckte, faßte die Menge den Ruf auf, und laut wie, der Ton der Brandung klang es zurück: »Ia ore na oe!« Pomare wollte reden, hob die Hand und öffnete den Mund, aber ihre Stimme versagte. Sie verdeckte ihre Bewegung mit der Hand und drehte den Kopf zur Seite. Da fiel ihr Blick auf die Fremden, auf die schwarzen Männer Gottes, auf die buntblitzenden Uniformen der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, um vor den Fremden nicht schwach zu erscheinen. Ein leichter Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren Sprecher, an ihre Seite. Augenblicklich legte sich der Lärm, Totenstille herrschte, und dumpf und dröhnend hörte man das Rollen der Brandung. »Es ist der Wunsch der Königin, daß die Verhandlungen dieses Tages mit einem Gebet beginnen!« erhob sich die volle, klare Stimme Raiatas. »Dazu geben wir unsere volle Zustimmung!« nahm einer der Missionare das Wort. »Wir wollen den ehrwürdigen Bruder Rowe bitten, das Gebet zu halten.« Die Königin neigte ihr Haupt. Während der feierlichen Stille, in der das Atmen der Menge hörbar war, begann der fromme Mann mit seinem lauten Gebet. »Herr, mein Gott. Deine Hand liegt schwer auf diesem Volk!« sprach er mit lauter, klangvoller Stimme, die weit über die jetzt stille Versammlung dröhnte. Aber es war mehr ein Klageruf über das jetzige Elend des tahitischen Volkes als ein Gebet. Als er warm geworden war, wandte sich der Grimm seiner Rede gegen die Feinde des Landes und ihren Glauben, gegen die Franzosen und den »Antichrist«. Bibelverse schleuderte er gegen sie und schmückte seine Rede bildlich aus, um sie dem Volk verständlich zu machen. Er vergaß dabei, wie so viele Geistliche, daß eine solche Rede auch einmal ein Ende haben muß. Pomare hob ungeduldig den Kopf, aber unbeirrt sprach Rowe weiter. »Das Gebet!« flüsterte ihm einer seiner Amtsbrüder zu, denn alle außer ihm fühlten jetzt das Peinliche eines solchen ausgedehnten Vortrages, aber vergeblich. Immer feindlicher wurden seine Worte gegen die römische Kirche. Jetzt wurde auch von der Seite der Fremden, von denen einige ihr angehörten, Murren laut. Nur die Gegenwart der Königin hielt einen Einspruch zurück. Jetzt konnte es auch dem Redner nicht mehr entgehen, daß die Menge unruhig wurde. Der ehrwürdige Mr. Rowe schwieg einen Augenblick und sah mit verklärtem Blick zum Himmel. Dann aber, wie von seinen Gefühlen übermannt, sagte er mit zuerst kaum verständlicher, dann aber anschwellender Stimme: »Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehova, dein sei die Herrlichkeit. Schütze unsere Brüder in dieser Inselwelt, schütze das ganze Christentum vor den Versuchen des Papsttums. Gieße deinen heiligen Geist aus von da oben auf alle evangelischen Kirchen und vereinige sie zu einem lebendigen Glauben. Zerstöre rasch, bei dem Geist deines Mundes, die tödlichen Irrtümer des Papsttums, brich doch das Joch, das es auf die Nacken so vieler Völker drückt, und führe durch deinen Rat die Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte und die uns lieb und teuer sein müssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes, aber...« »Amen!« fielen in diesem Augenblick die neben ihm stehenden Brüder laut und rasch ein. »Amen!« riefen die nächsten, »Amen!« hallte es wie dumpfer Donner leise und scheu von den Lippen der Menge. Die Fremden, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert hatte, atmeten erleichtert auf und räusperten sich. Der Geistliche konnte nicht weiter beten. Pomare bog sich jetzt zu ihrem Sprecher hinüber. Raiata strecken den Arm über das Volk aus und sagte mit lauter Stimme: »Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, ihr Fremden, die ihr an unserem Schicksal teilnehmt! Die Königin Pomare, Aimata, wird zu euch sprechen und mit euch sprechen über das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte. Wollte sie das weiter dulden, wäre sie nicht mehr Königin auf dem Thron Otus. Überlegt euch gut, was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige Sache, und kein blinder Eifer sollte die Entscheidung lenken. Aber redet auch in Frieden und betet zu Gott, damit, wenn heute doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden, wenn sie in euer Herz eingehen, und dort nicht Ärger und bösen Geist erzeugen.« »Segne meine Seele, Jim! Wie die da erst kreuz und quer um den Kompaß gehen, ehe sie den richtigen Kurs kriegen!« sagte unser alter Bekannter Mac Rally zu seinem Begleiter, mit dem er ziemlich dicht an der Veranda bei den Missionaren stand. Auf dieser Seite standen auch fast alle Frauen, die sich durch Zufall dem Zug der Mädchen angeschlossen hatten. »Die Sache wird langweilig!« sagte Jim und gähnte. »Jetzt werden sie gleich anfangen zu singen, und wenn wir nicht die hübsche Nachbarschaft...« »Ruhe da! Still! Gebt Frieden!« tönte es von mehreren Seiten, und alle Köpfe drehten sich zu den beiden Seeleuten. Im gleichen Moment begann Raiata wieder. Jetzt wurde eine lange Rede Pomares vorgelesen in tahitischer Sprache. Darin beschrieb sie zunächst ihre Gefühle bei dem jetzigen politischen Zustand und forderte das Volk auf, diesem Zustand durch energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen. Dann wurde der Brief des englischen Admirals verlesen. Darin wurde die Teilnahme der Königin von England für die Königin von Tahiti ausgedrückt. Das war im Februar. Im März wurde aber erst die Besitznahme der Inseln durch die Franzosen in England bekannt. Nach dem beifälligen Murmeln der Versammlung wandte sich Raiata nun zu den verschiedenen Häuptlingen der nächsten Distrikte, um ihre Meinung zu hören. »Fanue, sprich du. Was denkst du von der Gestaltung der Dinge im Reich. Der Älteste bist du, Pomare fragt dich, willst du die Flagge beibehalten, wie sie ist, oder dich der neuen Herrschaft beugen?« Fanue, ein Greis, tätowiert aus der Heidenzeit und mit einem Tapa-Mantel anstelle des bunten Kattuns, hatte sich auf einen Stab gestützt. Er schien die Ansprache schon lange erwartet zu haben. Der Ton seiner Stimme klang rauh, und das lange, weiße Haar, das er nicht wie viele der gläubigen Christen abgeschnitten hatte, warf er aus der Stirn. »Raiata hätte sich die Frage sparen können. Er weiß, wie Fanue denkt und gedacht hat, seit sie Oros Bildnis auf den Inseln stürzten. Es sind zu viele Fremde von vornherein hier gewesen, und es ist nicht wahrscheinlich, daß ich für sie rede. Was hat der Ferani für ein Recht, uns zu regieren! Dasselbe Recht, das sich der Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt, nur daß sich der Hai schämt, wenn er von Menschen dabei erwischt wird, und wieder zurückgeht. Der Ferani aber nicht. Aber es gibt viele Arten von Haien!« setzte er langsam hinzu und sah dabei alle Weißen an. »Die eine ist vorsichtiger, feiger als die andere. Fanue möchte einen Korallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen, dann ließe sich reine Bahn machen.« »Das ist keine Antwort auf die Frage. Willst du die Fahne behalten?« »Ich wußte nicht, daß das bunte Spielzeug die Hauptsache ist!« sagte der Greis mürrisch. »Wenn es denn schon eine sein muß, ist die so gut wie jede andere, weshalb also wechseln? Aber Otu wußte nichts von solchem Tand!« »Fanue stimmt also für die Beibehaltung der englischen Flagge«, fiel hier Mr. Dennis, einer der Missionare von Imeo, ein. »Von einem derart würdigen Mann war das auch nicht anders zu erwarten.« »Und du, Aonui?« fuhr Raiata fort. »Halt ein, Pomare!« rief in diesem Augenblick der französische Konsul Mr. Mörenhout. Er hatte bislang schweigend und mit kraus gezogener Stirn zugehört. »Das überschreitet eure Macht! Der Vertrag, den du und vier deiner obersten Häuptlinge unterschrieben haben, gibt dir nicht mehr das Recht, hier zu entscheiden, was schon entschieden ist. Du bist die Königin dieser Inseln und wirst es bleiben, aber das kannst du nur unter Frankreichs Schutz, das dir ein besseres Bündnis als die Priester bot. Gib dich nicht wieder in ihre Macht, du würdest es sicherlich später bereuen!« »Dir kommt es nicht zu, hier zu drohen, Konsul Mörenhout!« sagte Pomare und erhob sich von ihrem Sitz. »Ich war freundlich gegen dein Land gesinnt. Es ist ein mächtiges Land, und ich streckte deinem König die Hand entgegen, weil ich glaubte, daß er mich sicher aus diesem Leid führen wurde. Aber die Hand, die mich führen sollte, faßte mich so fest an, daß ich laut aufschrie. Sie tat mir weh, und ich will jetzt allein auf meiner Bahn gehen!« »Die Königin hat freie Wahl, hier zu tun und zu lassen, was ihr gefällt!« nahm jetzt der englische Kapitän das Wort, als der französische Konsul antworten wollte. »Gezwungene Versprechen binden nicht. Nach ihrer eigenen Aussage ist sie gezwungen worden, und zwar in einem Zustand, in dem jede Frau vor Belästigungen von außen her sicher sein sollte. Die Verhandlung hier steht übrigens unter meinem besonderen Schutz.« »In diesem Fall kann ich nichts tun, als gegen alles feierlich zu protestieren, was gegen die geschlossenen Verträge mit dem Land, das ich hier repräsentieren darf, spricht. Tun Sie, was Sie verantworten können!« sagte der französische Konsul finster. Eine kühle Verbeugung des Engländers antwortete ihm. Über die Züge Raiatas zog ein triumphierendes Lächeln, als er die Frage an Aonui, einen Häuptling aus der Matavai-Bai, wiederholte. Aonui war ein frommer Christ. Er hatte seinen geschorenen Kopf entblößt und trug den Sonnenhut in der Hand. Schon bei der ersten Ansprache hatte er den Blick zu dem blauen Himmel gerichtet, auf dem sich nur einzelne Wolken zeigten. Er trug weiße Hosen und eine weiße Jacke, trotzdem noch den Pareu und ein buntes, rot und gelb gestreiftes Hemd. Um den Hals eine feste schwarze Binde und kleine, steife Stehkragen. Das hatte er bei seinen Lehrern gesehen und Freude daran gefunden. Bei der zweiten Anrede neigte er leise den Kopf und rief dann mit lauter, freudiger Stimme: »Jehova sei Preis in der Höhe, sei die Ehre! Aber Pomare ist unsere Königin, ia ore na oe, und die britische Flagge ist die unseres Glaubens und unseres Herzens!« »Sag unseren Interessen dazu, Aonui!« sagte Tati, der ungeduldig darauf wartete, reden zu dürfen. »Sag unsere Interessen, aber laß das Herz weg. Die natürlichste Flagge für uns muß die Landesflagge sein, die rote Fahne mit dem weißen Stern, oder noch besser die weiße Kriegsfahne unserer Väter!« »Aonui redet!« rief der Sprecher der Königin und hob seinen Stab. »Tati wird reden, wenn es die Königin befiehlt!« »Tati wird...!« rief der stolze Häuptling wild aus, aber er bezwang sich wieder, noch ehe die Hand Paraitas ihn warnend erreicht hatte. Die Arme fest vor der Brust gekreuzt, die Unterlippe zwischen den Zähnen, blieb er stehen und sah finster vor sich. »Friede, mein Bruder!« rief Aonui freundlich und fuhr mit ruhiger Stimme fort. »Friede sei zwischen uns immer, aber meiner Meinung bleibe ich treu. Die britische Flagge muß für unsere Herzen die teuerste sein, denn Großbritannien sandte uns die Bibel, und damit, glaube ich, habe ich wohl alles gesagt. Die Heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen wir nicht!« »Nein, mehr brauchen wir nicht! Wir haben unsere eigenen Gesetze und Lehrer und die Bibel, das genügt uns! Fort mit der anderen Flagge!« fielen jetzt viele andere Stimmen ein. »Das sagt Terate, und das sagt Avei, das sagt Nane ini!« rief es von verschiedenen Seiten durch den Lärm. Die Missionare schwiegen, aber mit gehobenen Händen standen sie da, und in Bruder Rowes Augen glänzte eine Träne. »Gut von dir, Nane ini! Gut von dir, Avei und Terate. Ihr habt euren frommen, christlichen Sinn bewahrt!« rief Raiata und nickte da und dort hinüber. »Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm wird euch nur fester im Boden verwurzeln! Jetzt aber spricht die Königin durch mich zu dir, Tati, Häuptling und Dichter von Papara, aber Vasall Pomares, der freien Königin von Tahiti und Imeo. Sie fragt dich, weshalb hast du Hilfe bei den Feranis gesucht ohne Wissen deiner Königin und ohne ihr zu sagen, was du getan hast?« Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte vor innerer Aufregung. Er war heute in einen weiten Zeugmantel gehüllt, der in malerischen Falten bis über seine Knie hinunterhing. In den Haaren trug er, wie zum Trotz der anderen Partei, die alten Häuptlingsfedern. »Bleibt Tati die Antwort schuldig?« erkundigte sich höhnisch der Sprecher. »Nein, nein, und abermals nein!« schrie jetzt der stolze Häuptling, dessen Zorn die Oberhand gewonnen hatte. »Nur brauche ich dir nicht eine solche Frage zu beantworten. Da, die Männer an deiner Seite, die schwarzen mit dem frommen Blick, sollen dir Rede stehen, wenn du so neugierig bist!« »Wir? Wer, wir?« erkundigten sich die Missionare erstaunt und auch bestürzt über den trotzigen Ton des einflußreichen und immer noch gefährlichen Mannes. »Jawohl, ich wiederhole es: Ihr!« rief der Häuptling und trat vor. Den rechten Arm streckte er gegen die Missionare aus. Etwas ruhiger fuhr er dann fort: »Das unnatürliche Verhältnis, das dieses Land fest in seinen Banden hält, trägt jetzt die Schuld an unserem Zwiespalt, und es wird noch blutige Früchte tragen. Ihr verhüllt euch unter einem Mantel oder kommt darunter hervor, wie es euch paßt. Mit eurer durch nichts zu erschütternden Ruhe und dem Frieden Gottes auf den Lippen könntet ihr einem Heiligen die Kriegskeule in die Hand pressen und den Wurfspeer. Ihr Prediger seid es gewesen, die unser Land regiert haben, seit Pomare II. im Grab liegt. Ihr habt Gesetze aufgeschrieben, und durch den Mund der Häuptlinge wurden sie umgesetzt. Ihr habt Strafen aufgeschrieben, und durch die Hand der Häuptlinge wurden sie Wahrheit. Ihr wart es, die uns das Buch erklärten, das ihr die Heilige Schrift nennt. Wir kannten es nicht, Gott hatte uns im Dunkel gelassen über sein Reich. Ihr habt viel Gutes getan, ihr habt Väter daran gehindert, daß sie ihre Kinder erschlugen. Ihr habt manches Leben gerettet, denn Oros Priester sind von diesen Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer mehr. Aber ihr habt auch das Vertrauen des Volkes zu seinen Fürsten und Häuptlingen untergraben und nennt die Bibel, wenn man euch fragt, warum. Ihr habt unsere Gebräuche und Feste vernichtet, und die Bibel ist der Grund, auf dem ihr fußt. Eure Gesetze und Strafen, fragt man euch danach, kommen sie aus der Bibel!« »Aber, Tati, das ist ja...« unterbrach ihn hier Aonui. »Ruhe dort, wenn Tati spricht!« donnerte ihm der Häuptling entgegen und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Nach kurzer Pause fuhr er fort: »Das ist gut. Das Buch der Bücher ist ein fester Grund, und ihr versteht es, darauf zu bauen. Aber laßt es nicht den Wall sein, hinter den ihr springt, um euch zu verbergen. Als jene fremden Priester, die in unser Land gekommen waren, durch euch verbannt wurden von dieser Insel...« »Das ist falsch!« unterbrach ihn der Missionar Rowe mit einem frommen Blick nach oben und einem tiefen Seufzer. »Das ist falsch, denn Tahitis Gesetze sprachen allein ihr Urteil.« »Und wer gab die Gesetze, die sie damals trafen?« lachte bitter der Häuptling. »Ihr! Wer deutete sie der Königin? Ihr! Wagt es und sagt, die Königin sei frei! Es ist nicht wahr, sie liegt in euren Maschen, in eurem Netz liegt das ganze, fanatisierte, Volk. Es braucht nur einen Aufruf und einen Bibelvers, um sich blind dahin zu stürzen, wohin ihr es verlangt. Dreht eure Augen zum Himmel. Gottes Tod – hier stehe ich, und der Herr da oben mag mich stürzen, wenn ich ein einziges falsches Wort spreche, ein einziges Wort, das mir nicht warm und wahr in der Seele glüht. Die Gesetze? Die Häuptlinge? Nicht ihr? Wagt es und sagt das eurer Königin ins Gesicht. Sagt das Fanue, Terate und Avei, nicht ihr? Die Häuptlinge, das Volk führen es aus, ihr aber, mit der Bibel in der Hand, ihr steht dahinter, und euer Ruf ist es, heimlich, aber laut, der sie treibt!« »Du sollst deiner Königin nicht als Ankläger Rede stehen, Tati von Papara, sondern als Vorgerufener!« rief jetzt Raiata. Er hatte mit leichter Schadenfreude den Zorn des Häuptlings auf Leute ausströmen sehen, die ihm bis dahin viel zu mächtig schienen, um so etwas überhaupt nur für möglich zu halten. Aber die Königin winkte, und er mußte gehorchen. »Gut, wenn Pomare dann absichtlich blind ist – was kümmert es mich! So höre also meine Antwort. Weil wir die Lösung unserer Wirren wollten, weil wir von den Feranis, die uns bedrängten, Hilfe erwarteten in dieser schweren Zeit gegen heimliche Feinde, schrieb ich meinen Namen unter das Papier. Bist du nun zufrieden?« »Und du, Utami?« »Tati hat den Grund genannt«, antwortete der allgemein beliebte Richter, und schüchtern wurden einige Beifallsstimmen laut. »Und Paraita? Und Hitoti?« »Utami und Tati hatten unterschrieben«, nahm der vorsichtige Paraita das Wort. »Wir dachten nicht weiter darüber nach, Utami denkt allein für viele.« »Und stimmt Hitoti ebenfalls zu?« erkundigte sich der Sprecher erneut. »Ich habe es nicht nötig, andere vorzuschieben. Ich tat es, weil ich es für das beste für unser Land hielt, weil mir das Volk mehr am Herzen liegt als die Kirche. Es mag ein Fehler sein, aber es ist wahr.« Da erhob sich Pomare selbst, mit leicht gerötetem Gesicht. Mit der Rechten stützte sie sich auf den Stuhl und sagte leise, aber doch überall verständlich: »Wünscht ihr, Häuptlinge meines Landes, die Hilfe und den Schutz der Feranis?« »Nein, nein, beim ewigen Gott!« riefen die Häuptlinge, Tati und Hitoti an der Spitze, durcheinander. »Was brauchen wir den Fremden?« fuhr Tati fort und schleuderte den weiten Mantel von seinem Arm. »Unsere Bäume sind fruchtreich, unsere Quellen süß, und wer kam, um Nahrung für die weite Fahrt zu holen, er oder wir? Trenne Tatis Hand vom Rumpf, wenn sie sich je ausstrecken sollte, um einen Fremden um Hilfe zu bitten, solange er sich im eigenen Land helfen darf!« »Nein, wir wollen keine Hilfe von Fremden!« wiederholte Hitoti. »Aber laß dann auch deine Priester zu dem stehen, was sie sind, die Lehrer unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter brauchen wir sie aber nicht. Sie kennen unser Land nicht und nicht unsere Sitten. Sie kennen nur Gottes Wort. Laß sie das lehren, und wir wollen folgen und sie ehren.« Die junge Königin winkte dankend mit der Hand, und Raiata ergriff wieder das Wort. »So melde ich euch denn, ihr Häuptlinge und Eingeborenen der Insel, euch Fremden und Geistlichen, die ihr Anteil an uns und unserem Lande nehmt, daß es der Königin Wunsch und Wille ist, mit allen fremden Nationen und Fürsten auf freundschaftlichem Fuß zu stehen und zu bleiben. Sollte sie aber je die Hilfe einer anderen Nation benötigen, was Gott verhüten möge, so sei dieses Land kein anderes als Großbritannien. Sollte sie sterben, so soll ihr Erbe von diesem Land Schutz erbitten, bis zur spätesten Generation hinab. Ihr großer Bundesgenosse ist England. Von dort hat sie ihre Lehrer, ihre Zivilisation, ihre Gesetze und Religion erhalten, und sie will keinen anderen Bundesgenossen als den Briten.« »England hat uns die Bibel gebracht!« rief ein Teil der Häuptlinge durcheinander. »Es hat uns den Heiland kennen gelehrt!« »Und Krankheiten, die uns das Fleisch auf den Knochen verfaulen lassen!« setzte Tati dazu. »Verschreibt euch meinetwegen dem Teufel.« »England ist unser Heil, unser Stolz. England ist unser Anker in der Not und im Sturm!« rief wieder ein Teil der Anführer, und der englische Kapitän verneigte sich dankend zu dem bunten Chor. Tati aber nahm Utamis Arm und wollte ihn aus dem Gedränge ziehen. »Warte noch, erst kommt noch ein Gebet von einem der frommen Männer!« antwortete Utami. Auf ein Zeichen war die Menge still. Tati schüttelte ärgerlich den Kopf und zog den Freund fort. »Laß sie doch beten und singen, ich will mich nicht über das schwarze Volk ärgern. Unser Volk ist blind und stürzt sich auf den Segen wie früher auf die Wunder Oros. Dabei läßt es sich die Hände binden. Weg hier, hinaus ins Freie, die Komödie ist zu Ende, und die schwarzen Areois haben ihre Sache gut gemacht.« Wütend den Mantel um sich ziehend, ohne einen Blick zurückzuwerfen, ging er die Straße zur Stadt hinunter. 11. Die Mädchen von Tahiti Das Gebet war beendet, und das laute, feierliche »Amen« schwoll durch die Wipfel der Palmen der See zu und mischte sich mit dem Brausen der Brandung. Damit war es aber auch, als wäre der Zauber gebrochen, der den leichten Sinn der Insulaner so lange fest im Zaum gehalten hatte. »Hierher, Maire, hierher und kommt mit uns!« klang der fröhliche Ruf. »Komm herunter zum Guiavenbach, da unten tanzen wir. Heute sehen es die Mitonares nicht, denn es gibt immer großes Essen, wenn sie eine Zeitlang gebetet haben.« »Aber die anderen reden, und dann arme Maire, Vater Au-e hat mir so schon die Hölle versprochen. Wenn er mich findet, schickt er mich direkt dahin!« »Ach, Unsinn!« rief die andere lachend. Sie zeigte auf den Mund und das Herz. »Hier, das ist fromm genug, alles andere ist frei, Maire, und schnell jetzt, sonst versäumen wir den Spaß.« Wie aufgescheuchte Rehe flohen die beiden seitwärts in den Orangenhain, und viele folgten ihnen. Wie das klang und sang und summte und schwirrte unter den Bäumen und Palmen! Im duftenden Schatten der Orange und Guiava herrschte fröhliches Leben. Der Klang der Flöte mischte sich in lachende Mädchenstimmen. Man jagte und neckte sich und äffte die Predigt nach, man tanzte den Upepehe, den Oris oder den Mamuea. Dort drüben, der breite, halboffene Platz vor dem einem Vogelkäfig ähnlichen Bambusgebäude schien der Mittelpunkt des ganzen Viertels zu sein. Hier herrschte jedenfalls das ungezwungenste Leben. Die dunklen, blumendurchflochtenen Locken mischten sich mit den kahlgeschorenen, aber blumenkranzgeschmückten Köpfen. Dazwischen waren bald die bänderflatternden Strohhüte der Seeleute zu erkennen. An den meisten dieser Hüte trug die schwarze Seide mit goldenen Buchstaben den Namen eines Kriegsschiffes, dazu gehörte der breite weiße Hemdkragen mit dem schmalen blauen Streifen. »Hallo, Georg, das ist der beste Platz für einen Landtag!« rief da ein alter, wettergebräunter Seemann einem jungen Burschen zu, der eines der Mädchen mit seinem linken Arm umschlungen und eine halbgeleerte Flasche in der rechten Hand hielt. Lachend wollte er das Mädchen zwingen, aus der Flasche zu trinken. »Nutze deine Zeit, mein Junge. Wer weiß, wann uns wieder so wohl ist!« »Ein tolles Mädchen, aber wie Quecksilber in meinen Händen, man kann sie nicht festhalten. Wirst du trinken?« rief der junge Mann. »Aita, aita!« schrie die trotzige Schöne und wehrte ihn entschlossen ab. »Pfui über das Gift, das ihr in euch hineinschüttet, bis ihr wie Vieh daliegt, weg mit dem Zeug!« Damit riß sie ihm die Flasche aus der Hand und schleuderte sie weit in das Dickicht hinein. »Teufel auch!« schrie der Matrose, der kein Wort verstanden hatte und jetzt seiner Flasche nacheilen wollte. »Der Stoff ist teuer hier in Papeete und nicht leicht zu bekommen!« Das Mädchen lachte nur. »Hol sie, wenn du kannst, hol sie!« Dabei hielt sie ihn fest an der Hand. Andere sprangen lachend dazu und wollten die Flasche retten, ehe sie ausgelaufen war, aber zu spät. Fluchend hoben sie die leere Flasche gegen das Licht. »Damn it!« schrie einer von ihnen. »Auch nicht ein Tropfen übriggeblieben!« Prüfend setzte er sie noch einmal an, dann schleuderte er sie wütend gegen den nächsten Brotfruchtbaum, wo sie krachend zersplitterte und die Scherben umherspritzte. Das aber sollte ihm übel bekommen. »Tam you!« schrie eine alte, wohlbeleibte Insulanerin, die ein brennend rotes Stück Kattun um die Hüften und ein anderes um die Schultern trug. Sie hätte schon lange genug Kontakt mit Matrosen, um ihren Lieblingsfluch zu verstehen. »Tam you, ihr schmutzigen Weißen! Weil ihr zehnfache Haut unter den Füßen habt, werft ihr das Glas umher, damit es wie Dornen in unsere Sohlen einschneidet! Tam you, sag ich noch einmal, und der Tag sei verflucht, der euch an diese Küste brachte!« Von allen Seiten kamen jetzt die Mädchen herbei und schimpften und schmähten in ihrer Sprache. Dabei sammelten sie die gefährlichen Glasscherben, die ihnen schon manche böse Wunde eingebracht hatten, ein. Vergeblich riefen die Matrosen sie zurück und begannen dann sogar, ihnen zu helfen. Kein Blatt blieb ungewendet, unter dem sich noch eine tückische Spitze verbergen konnte. »Hurra, Jungens! Wer von euch hat denn sein Prisengeld da im Laub verloren? Halbpart, wenn ich's finde!« schrie in diesem Augenblick eine rauhe Stimme zwischen das Lachen und Toben der munteren Schar. Einer der Seeleute richtete sich rasch empor, um zu sehen, ob da nicht ein alter Bekannter zu ihnen kam. »Hallo, Kamerad«, brummte er dann, als er ein völlig fremdes Gesicht sah, das ihm trotzdem ganz freundlich entgegennickte. »Woher kommst du?« erkundigte sich der Bootsmann der »Jeanne d'Arc«, der sich als Wortführer der Matrosen betrachtete. Jim, der Ire, erweckte wohl nicht ihr Vertrauen. Die blaue Jacke und die weißleinene Hose hatten wohl den richtigen Schnitt, und der mit Wachsleinwand überzogene Strohhut saß ihm hinten auf dem krausen Haar. Ein paar breite Streifen schwarzseidenes Band fielen ihm nach Matrosenart vorn über das linke Auge nieder. Aber es lag doch etwas in dem Betragen des Fremden, das die Matrosen stutzig machte. Sie hatten den Eindruck, hier keinen Seemann vor sich zu haben. Segelte der Kerl vielleicht unter falscher Flagge? Der Irländer ertrug den musternden Blick des Bootsmannes eine ganze Weile. Dann sagte er lachend: »Nun, Sirrah! Jetzt kennen Sie mich wohl, wenn Sie mich wiedersehen. Gefalle ich Ihnen?« »Ganz und gar nicht, Kamerad«, sagte der andere trocken und wechselte sein Priemchen Kautabak von einer Backe in die andere. »Wenn du die Wahrheit hören willst, wirklich ganz und gar nicht.« »Hahaha«, lachte der Ire, ohne sich im mindesten beleidigt zu fühlen. »Verdamm mich, wenn das nicht ehrlich von der Leber gesprochen ist. Es tut mir nur leid, daß ich das gleiche nicht von euch sagen kann.« »Dann werde ich mein möglichstes tun, um das für mich so unglückliche Vorurteil zu zerstören!« antwortete der Seemann ruhig. »Donnerwetter, sind Sie grob!« rief der Ire, der sich entschlossen hatte, nichts übelzunehmen. Allerdings waren weder sein kräftiger Körper noch sein entschlossener Zug um den Mund Indizien dafür, daß er eine wirkliche Beleidigung einfach eingesteckt hätte. »Aber das schadet nichts, Kamerad, wir werden schon noch näher miteinander bekannt werden. Ich bin wie der Wein, ich gewinne durchs Liegen. Und ihr da, ihr Mädchen, laßt das verdammte Suchen sein und kommt her. Morgen wird es sich schon finden, was ihr verloren habt. Wo ist Amiomio heute? Hol der Henker die kleine Wetterhexe, sie geht immer weg und kommt nie zurück.« »Naha-hio!« riefen einige der Mädchen, die sich nach diesem Ausruf umgedreht hatten, erstaunt aus. »O-fa-na-ga wieder hier? Wo hat dich Oros Zorn so lange umhergetrieben?« »O-fa-na-ga«, spottete der Ire. »Ihr habt meinen Namen noch nie richtig aussprechen können. Was würde wohl der alte O'Flannagan sagen, wenn man ihn so zu Tische rufen würde? Na, meine namataruas, ihr beiden unzertrennlichen Sterne, seid ihr auch da? Und wo ist ipo Anoenoe, mein Mädchen von Bola-Bola, die wildeste in eurer wilden Schar?« »Anoenoe ist fromm geworden«, lachte eines der Mädchen, die er namataruas nach einem Zwillingsgestirn dieser Zone genannt hatte. »Sie lacht nicht mehr und trägt keine Blumen mehr im Haar.« »Hahaha!« lachte der Ire. »Anoenoe fromm geworden, das ist gut, das ist herrlich komisch!« Der Bootsmann, eine schlanke, kräftige, fast edle Gestalt mit typisch französischen Zügen, krausem Bart und dunklen Augen, hatte die Begrüßung der Mädchen schweigend und mit Erstaunen beobachtet. Er verstand die englische Sprache vollständig, sagte aber kein Wort. Mit untergeschlagenen Armen schien er ungeduldig auf das Ende dieser Begrüßungszeremonie zu warten. Er trug trotz des warmen Wetters seine blaue Tuchjacke, die dicht mit blanken Knöpfen besetzt war. Dazu weiße Strümpfe, sauber geputzte Schuhe und schneeweiße weite Hosen, die er aus Segeltuch selbst gemacht hatte. Das weiße Hemd wurde von einem schwarzseidenen Halstuch mit einem Seemannsknoten locker zusammengehalten, und der leichte Panamahut saß ihm fest und trotzig mehr nach vorn in der Stirn. Endlich wurde es ihm zu lang, und er unterbrach die freundschaftlichen Erkundigungen des Fremden mit einem nicht eben einstimmenden: »I say stranger! Sie scheinen früher schon einmal auf Korallenboden geankert zu haben, denn Ihrem Aussehen verdanken Sie diese Vertrautheit doch nicht!« »Der Geschmack ist verschieden, Kamerad!« lachte der Ire. »Der eine liebt Bier, der andere Milchsuppe. Aber Sie haben Recht, ich hin hier zu Hause. Wenn ich auch nicht gerade hier wohne, so führt mich meine Straße doch oft genug hier vorbei. Also kein Wunder, daß ich Nachbars Töchter kenne.« »So laßt doch endlich euer In-ge-le-se-Schwatzen sein!« rief da eines der Mädchen und griff den Arm des Iren. »Komm zu mir, O-fa-na-ga und drehe deine Taschen um. Du bist doch sicher nicht gekommen, ohne deiner Maire Schmuck und Ringe mitzubringen. Wo ist der Ring aus perú, den du mir schon so lange versprochen hast?« »Maire!« rief der Ire und betrachtete sie erstaunt. »Das ist Maire? Was ist denn mit dir passiert, wo sind deine Locken?« »Die hat der Mitonare abgeschnitten!« sagte die Schöne halb beschämt, halb unzufrieden. »Der Mitonare? Was zum Henker hat der mit deinen Haaren zu suchen, Sirrah?« »Sie sollte fromm werden und keine Streiche mehr treiben«, lachte Ate-ate. »Unsinn! Das ist bloß oben, O-fa-na-ga, kümmere dich nicht darum. Wo ist der Ring? Her damit!« »Für mich auch!« riefen andere. »Mir hat er Ohrringe versprochen – mir bunte Federn aus dem Osten – mir Kattun für ein neues Kleid!« »Zurück, Mädchen!« rief der Ire lachend und konnte sich nur mit Mühe gegen die Einstürmenden wehren. »Sie hatten Recht, Kamerad, das Gesicht allein tut's bei diesen Mädchen nicht, und sie reißen einem die Lumpen vom Leib. Sie würden sich auch keine Gewissensbisse machen, wenn sie einen Matrosen gleich bei seinem ersten Landgang ausplündern und ihn dann stehenlassen und ihn auslachen. Die braune Haut versteht sich so gut darauf wie die weiße.« »Von welchem Schiff kommen Sie, Kamerad?« erkundigte sich der Bootsmann. »Segeln Sie unter eigener Flagge?« Der Ire schmunzelte und erwiderte dann: »Diesmal haben Sie vorbeigeschossen, so schmeichelhaft das auch für mich war. Alt-England für immer, ich möchte keine anderen Farben an meiner Gaffel wehen haben, selbst nicht die rote!« sagte er mit einem halb spöttischen Blick auf den Bootsmann. »Um Sie aber zu beruhigen, kann ich Ihnen sagen, daß ich Harpunier an Bord des englischen Walfängers, der ›Kitty Clover‹ bin, die hier in Papeete liegt, um überholt zu werden. Wenn die französische Regierung nichts dagegen hat, wird sie dort wohl auch eine Weile bleiben.« Der Bootsmann unterdrückte nur mit Mühe einen Fluch über die ironische Anspielung. Seine Korvette, die früher den Insulanern sehr imponiert hatte, konnte im Moment wegen der ihr überlegenen Engländer nichts mehr sagen und befehlen. Er preßte aber die Lippen zusammen und sagte finster: »Sie täten gut daran, sich mit der französischen Regierung auf guten Fuß zu stellen. Die guten Leute in Papeete wissen heute noch gar nicht, was für Farben morgen Mode sein können.« »Jedenfalls die schwarze!« antwortete Jim und rieb sich die Hände. »Jetzt bestimmen die Missionare die Moden. Das sind liebe Menschen, und sie haben uns Matrosen so gern, als ob wir Brüder sind, und das sind wir ja auch eigentlich. Es klingt richtig erbaulich: ›Bruder Jim‹ oder ›Bruder O'Flannagan‹.« »Daß sie uns nicht grün sind, kann ich ihnen nicht verdenken. Sie haben alle Ursache dazu, denn unsere Interessen laufen auseinander. Also Sie gehören zu dem schmutzigen Walfänger da draußen. Haben Sie Fische bekommen?« »Ja, Mister.« »Und welchen Hafen sind Sie zuletzt angelaufen?« »Ist es schlimm, wenn Sie das nicht erfahren?« frug der Ire spöttisch. »Geh zum Teufel!« brummte der Franzose ärgerlich, daß er sich so weit mit dem Burschen eingelassen hatte. »Rrrrrrr!« dröhnte in diesem Augenblick ein rascher Trommelwirbel so dicht vor seinen Ohren, daß sich der Bootsmann überrascht danach umsah. Überall sahen ihn lachende Mädchengesichter an, und eine von ihnen hatte eine richtige französische Trommel umgehängt, auf der sie jetzt kunstfertig den Takt ihres Inseltanzes schlug. »Donnerwetter, Ate-ate!« rief der angebliche Harpunier der »Kitty Clover«. Er versuchte, das Mädchen zu umarmen. Es sprang aber rasch zur Seite. »Du bist wohl französisch geworden und dienst gegen deine früheren Geliebten? Ein eigentümliches Mittel, um sich an den Treulosen zu rächen!« »Zurück, O-fa-na-ga!« rief sie aus. »Zurück, weißer Mann! Ich will die Zahl der Falschen nicht vermehren, aber es wäre schon jetzt Wahnsinn, gegen sie zu kämpfen. Sie sind wie die Guiaven im Wald und drücken alles andere zu Boden. Laß das Reden jetzt sein, wir wollen tanzen, und ihr stört uns nur mit eurem zungenklappernden Volk. Da, A-da, stell dich her, und nun paß auf. Wir wollen den Tanz probieren, den du uns beigebracht hast.« Damit sprach sie den Bootsmann der »Jeanne d'Arc« an, dessen Namen sie nicht aussprechen konnte. Sie sprang zurück und begann ziemlich genau Lord Howe's hornpipe, den bekannten Matrosentanz, auf der Trommel zu schlagen. Die Melodie dazu sang sie mit klarer, glockenreiner Stimme, und die Mädchen strömten herbei. Den Klängen konnten auch die Matrosen nicht widerstehen. Nach den raschen Takten stampften sie über den Rasen und schwenkten und warfen ihre Hüte dabei. Aber die Europäer ermüden bald, die Luft ist trotz der schattenspendenden Bäume zu heiß. Keuchend warfen sie sich auf den Boden, und die Mädchen sprangen um sie und bewarfen sie mit Blumen und Bananenschalen. Lauter und wilder tönte die Trommel. Ate-ate war von einer anderen abgelöst worden, lachende Männer- und Mädchenstimmen mischten sich in den jubelnden Chor. Die erhitzten Tänzerinnen haben schon Hut und Schultertuch abgeworfen, um sich Kühlung zu verschaffen. Dicht gedrängt stehen die Zuschauer aus der Nachbarschaft. Hochgeschürzte, halbnackte Mädchen werfen sich immer wieder in den wilden Reigen. Hei! Wie sie herüber und hinüber fliegen in wilder Lust, schneller und schneller, mit funkelnden Augen und wogender Brust, auf und ab von der Trommel und dem Jauchzen der Menge, bis sie erschöpft zusammenbrechen und andere, wildere, ihren Platz einnehmen. Bunt sind die Tänzer, fast noch bunter die Zuschauer. Neben dem noch bis an die Zähne tätowierten alten Insulaner steht die würdige Matrone, die mit Seufzen zum Himmel sieht. Der alte Mann aber träumt von der Zeit, bevor die schwarzgekleideten Männer kamen. Schließlich kann sich auch die Matrone nicht mehr halten, sie erinnert sich an die frühere Zeit, wo sie selber die wilden Tänze angeführt hat, sich die Tapa von der Schulter riß und – Jehova stehe ihr bei, sie faltet erschrocken die Hände. Unter dem bunten, wehenden Kattun zuckt und zittert es ihr in den Beinen, der Teufel war stark und hat sie wieder gelockt. In die Reihen der Umstehenden drängen sich jetzt lachend und schwatzend französische Seeleute und Marinesoldaten. Sie legen ihren Arm um die nächste und tanzen mit ihr. Im Taumel von Lust und Freude treibt sich die sorglose Schar hier mitten zwischen dem Volk umher, während die Mündungen ihrer Kanonen schon auf die armen Bambushütten gerichtet waren und ein Zufall den blutigen Kampf entzünden kann. Aber was kümmert es die jungen Männer. Der Tag ist noch ihrer, die wilden Mädchen an ihrer Seite – wer sorgt sich da schon um den nächsten. Und wenn jetzt, in diesem Augenblick, die Alarmtrommel schlüge? So unmöglich war das nicht, und der Bootsmann horchte schon einmal erschrocken und rasch auf, aber bah, es ist die neue Aufforderung zum Tanz gewesen, und noch toller und rasender als vorher werfen sich die Unermüdlichen in den Tanz. Der Bootsmann der »Jeanne d'Arc« und Jim, der Ire, hatten sich vom Tanz zurückgezogen. Der Franzose stand allein an den Stamm eines Brotfruchtbaumes gelehnt und sah mit verschränkten Armen dem wilden Tanz zu. Jim war in seiner Nähe und wollte eben auf ihn zugehen, um wieder ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, als er am Arm gezupft wurde. Als er sich rasch umdrehte, machte ihm ein Matrose ein Zeichen zu folgen. Langsam und scheinbar absichtslos schlenderte er zu einem kleinen Guiavendickicht, das hier den nicht weit entfernten Bach begrenzte. Jim schaute sich vorsichtig um, ob er von keiner Seite beobachtet wurde, blieb noch eine Viertelstunde ruhig in seiner Stellung und folgte dann dem anderen. Etwa zwanzig Schritt im Dickicht hörte er einen leisen Pfiff, antwortete ebenso vorsichtig und befand sich wenige Minuten später dem fremden Seemann gegenüber. Der nahm ihn beim Arm und führte ihn weiter in den Wald hinein. »Alle Wetter, Kamerad, was schleppst du mich eigentlich hier in den dicksten Busch, wo man sich die Augen an jedem Zweig ausrennen kann? Was willst du von mir, und wer bist du?« erkundigte sich Jim endlich und betrachtete seinen schweigsamen Führer aufmerksam. »Wer ich bin, kann dir ziemlich egal sein, Dick Mulligan, wenn nur...« »Dick Mulligan?« wiederholte Jim. Sosehr er sich auch beherrschen wollte, war ihm doch anzumerken, wie sehr er über den Namen erschrak. »Wer zum Teufel ist Dick Mulligan?« »Pst, Dick, nicht so laut. Du brauchst dich nicht so zu genieren, wir beide kennen uns. Ich kann mich doch nicht so sehr verändert haben, daß du unter der braunen Haut nicht doch deinen alten Gefährten Jack erkennst?« »Jack, bei allem, was da schwimmt!« rief Jim. »Aber woher kommst du denn und dann noch in dieser Jacke? Matrose an Bord eines französischen Kriegsschiffes...?« »Das wäre eine langweilige Geschichte, wenn ich dir das alles auseinandersetzen müßte. Ich bin da, und vielleicht zu deinem Glück. Mensch, du hast dich nicht im geringsten verändert, siehst noch aus wie vor fünf Jahren und läufst hier so unbekümmert und gottvergnügt mit dem Bart und den Haaren in der Welt herum, als ob du nicht den Strick um den Hals trägst und jeden Augenblick gefaßt und vor Gericht geschleppt werden könntest. Wer dich einmal gesehen hat, vergißt dich doch in seinem Leben nicht mehr!« »Laß die alten Geschichten. Kein Mensch hier hat eine Ahnung davon, weshalb das Aufheben?« »Kein Mensch also? Weißt du, wer auf der ›Jeanne d'Arc‹ zweiter Leutnant ist?« »Woher soll ich das wissen«, erwiderte Jim unruhig. »Du kannst dir ja wohl denken, daß ich mit den Offizieren irgendeiner Majestät sowenig wie möglich in Berührung komme. Wer ist es also?« »Kein anderer als der junge Bursche, der uns damals in der Pomatu-Gruppe unseren schon sicher geglaubten Fang, den kleinen Perlenkutter, abjagte und dich dabei erwischte. Du entkamst ihm nachher, aber er hat dich doch beinahe acht Tage fest gehabt und kennt dich genau. Ich habe ihn die Geschichte zweimal an Bord erzählen hören, und er schwört darauf, daß er dich hängen sehen will, wenn er dir jemals im Leben wieder begegnet.« »Unsinn, was kann er mir tun?« brummte Jim, bei dessen Namen wir bleiben wollen. »Wir wurden eben von unserer Beute vertrieben, aber das war doch auch weiter kein Beweis gegen mich.« »Sie haben die beiden Leichen im Pandanusdickicht gefunden!« sagte Jack leise. »Teufel!« knirschte Jim zwischen den Zähnen. »Das wäre allerdings fatal. Aber er hat keine Zeugen.« »Mehr, als er braucht. Drei von den Jungen, die uns damals den Spaß verdarben, sind auf der ›Jeanne d'Arc‹. Du kannst dir denken, wie mir zwischen dem Gesindel zumute ist. Ein Glück, daß sie keine Ahnung haben, wie nahe wir schon einmal in Geschäftsverbindung gestanden haben.« »Aber wie zum Henker bist du auf das französische Kriegsschiff gekommen?« erkundigte sich Jim noch einmal etwas mißtrauisch. »Lieber Gott«, lachte Jack achselzuckend, »wie man bald das, bald das einmal versucht, um ehrlich durchzukommen. Ich machte in Marseille an Bord eines Dampfers eine Spekulation in silbernen Löffeln...« »Pfui!« sagte Jim. »Pfui? Mir ist nun mal angeboren, daß ich nicht müßig sein kann. Jedenfalls entstand da ein Mißverständnis, dem ich als Schwächerer zum Opfer fiel. Sie steckten mich erst ein und schickten mich dann zu meiner weiteren Ausbildung auf ein Kriegsschiff.« »Und jetzt?« »Und jetzt bin ich an Bord und sehe mich nach einer passenden Gelegenheit um, um meine Situation zu verbessern.« »Weshalb desertierst du nicht?« »Das ist eine böse Sache«, sagte Jim kopfschüttelnd. »Es kann gut, aber auch schlecht gehen. Ja, wenn es hier zum Ausbruch kommt. Aber eben wird ja alles ausgeliefert, was sich fremd am Ufer blicken läßt. Du kannst mir aber vielleicht helfen. Du gehörst zu dem Walfänger, der unten in der Bai liegt. Sind die Leute an Bord gut?« Jim zögerte. einen Augenblick mit der Antwort und schielte seitwärts an seinem früheren Kameraden vorüber. »Du überlegst ob ich dir da im Wege bin?« sagte der lachend. »Nein, nein«, erwiderte der Ire rasch und vielleicht beschämt, daß seine Gedanken so schnell erkannt worden waren. »Ich wußte nur nicht gleich, was du damit meinst. Ja, der Kapitän ist gut genug. Mac Rally, du mußt ihn ja noch von früher kennen.« »Mac Rally? Nein, unter dem Namen nicht, wie heißt er sonst? Du kannst mir trauen, alter Junge«, setzte er lachend hinzu, als er sah, daß Jim mit der Antwort zögerte. »Mir liegt viel daran, sicher von Bord des Franzosen zu kommen, und wenn ich selbst...« »Aber warum schwimmst du nicht zu dem Engländer hinüber, der würde dich mit Vergnügen aufnehmen.« »Weil ich dafür sehr gute Gründe habe, also Mac Rally.« »Erinnerst du dich noch an Bill Kooney?« erkundigte sich Jim. Jack pfiff leise vor sich hin und lachte verschmitzt. »Bill Kooney, aber wie, zum Teufel, ist der zu dem Walfänger gekommen?« »Das ist eine naive Frage«, sagte Jim. »Aber, mein Junge, wenn sich alles so verhält, wie du mir sagst, drücke ich mich am besten aus der Nachbarschaft. Ich muß so an Bord.« »Wo treffen wir uns wieder? Ich möchte vorher genau wissen, wann ihr segelt, und mit Bill Kooney vielleicht einen Plan bereden.« »Ich gehöre gar nicht mehr an Bord«, sagte Jim. »Daß ich Harpunier bin, habe ich deinem neugierigen Bootsmann nur aufgebunden.« »Du gehörst nicht mehr an Bord? Teufel auch, da hast du wohl dein Geschäftsbüro jetzt an Land?« »Zuweilen!« antwortete Jim ausweichend. »Wie gehen die Geschäfte? Na, hab keine Angst«, setzte er rasch hinzu, als er sah, daß der neu gefundene Kamerad etwas verlegen wurde. »Ich komme dir dabei nicht ins Gehege. Ehrlich gesagt, bliebe ich aber auch lieber mal eine Weile auf festem Grund und Boden, um mich in dieser angenehmen Gesellschaft etwas auszuruhen. Donnerwetter, man lebt nur einmal auf der Welt, wozu sich dauernd schinden und placken wie ein Hund!« »Ich weiß nicht, ob es dir hier gefallen würde«, sagte Jim. »Das laß meine Sorge sein. Wenn ich nur erst glücklich irgendwo in den Bergen säße. Aber apropos, wenn man dich einmal hier am Ufer finden will, wo bist du am besten zu erfragen?« »Kennst du einen Platz hier auf der Insel, den sie ›Mütterchen Tot's Hotel‹ nennen?« »Nein, ich bin noch keine fünfzig Schritt vom Strand weg gewesen.« »Du wirst ihn erfragen können. Jeder Matrose kennt ihn. »Werde ich mir merken, und nun, good bye, unser Bootsmann könnte mich sonst vermissen. Also achte auf deinen Hals, Jim.« Leise vor sich hin lachend, verließ er den Freund und ging zurück. »Hm«, sagte Jim leise und nachdenklich, als die Schritte des Kameraden aus früheren Tagen im dürren Laub verklangen. »Schönen Dank für die Warnung. Ich weiß aber noch nicht, ob mir mein Hals in deiner Gesellschaft sicher oder unsicher ist, mein alter Bursche, und fatalerweise ist der Versuch gefährlich. Nun, jedenfalls bin ich auf der Hut und vor dir ziemlich sicher, daß du nicht aus der Schule plauderst.« Mit einem vorsichtigen Blick umher schlug er sich in das Dickicht, um die Stadt auf einem anderen Pfad zu erreichen. Bald darauf verschwand er in den dichten Guiavenbüschen. 12. Sadie und René Wie frei hebt sich uns die Brust, wenn wir dem wilden wüsten Treiben von Haß und Sünde, Leichtsinn und roher Sinnlichkeit den Rücken kehren und dem unentweihten Wald zustreben! Noch haben wir nicht alle bunten Gruppen hinter uns, die zerstreut bei den verschiedenen Hütten, in den kleinen Hainen ihre Orgien feiern. Horch, von da drüben kommt lauter und munterer Trommelschlag unter den Palmen hervor. Lachende Männer- und Mädchenstimmen und jubelnder Chor. Und von dort tönt der scharfe Klang einer kleinen in den Zweigen eines Orangenbaumes aufgehangenen Glocke und der monotone Gesang frommer Hymnen in tahitischer Sprache. Fromme Männer singen dort selbst am Wochentag, weil ja heute die Inseln für den rechten, den »allein selig machenden protestantischen Glauben« gerettet wurden. Dazwischen kreischt der laute, fröhliche Gesang halbbetrunkener Matrosen, die am Strand wieder neuen Vergnügungen nachgehen. Hier eine Frauengestalt in Angst niedergeworfen vor dem zürnenden Gott, den Blick angstvoll nach oben gerichtet, als ob sie fürchte, daß der rächende Strahl den Zornesworten folgen würde, die der weiße, fromme Mann eben von dem einfachen Kanzelstand niedergedonnert hatte. Dort ein wildes braunes, halbnacktes Mädchen, den Arm leichtfertig um die Schulter eines französischen Soldaten gelegt, der mit ihr schmust. Widersprüche, wohin das Auge fällt. Nur die Natur ist sich treu geblieben in dem wilden Gewirr. Nur die Natur allein, die Gottes Größe und Güte predigt in jeder Zeit und ihre Gaben liebend ausstreut über die Kinder des Allmächtigen, gleich, welcher Sekte sie angehören. Ihr ist es auch gleich, welchen Namen die Lippen flüstern, wenn das Herz staunt über ihre Wunder, gleichgültig, ob sie ihre Stirnen nach Westen oder Osten zum Gebet neigen – beten sie doch alle zu ihm. Je weiter wir das wirre Treiben Papeetes hinter uns lassen, verschwimmen die Dissonanzen von Hymne und Trommel in dem gewaltigen Donner der ewigen Brandung und dem leise flüsternden Rauschen der Blätter und Palmenkronen. Weit draußen am wunderschönen Strand, wohin kaum der Schall des Geschützes vom Morgen drang, hatte René seine Hütte gebaut. Es war ein nicht großes, aber geräumiges Haus, dicht in den Schatten von Frucht- und Blütenbäumen hineingeschmiegt. Dort wohnte er mit seiner kleinen Familie und dem alten, ehrwürdigen Mr. Osborne. Selbst Sadie fühlte sich hier wieder wohl und glücklich. Der Platz war so freundlich und lieb, fast wie Atiu, nur daß ihm die Erinnerungen fehlten. Es ist ein kleines, unbedeutendes Wort, die Erinnerung, und sie umfaßt doch, wenn wir erst wirklich einmal ins Leben treten, fast alles, was das Herz je teuer und lieb gehalten hat. Was anderes gibt unserer Heimat jenen unendlichen Reiz, der uns nicht lange im fremden Land weilen läßt und uns mit festen, kaum zerreißbaren Banden zurückzieht? Was anderes zaubert uns sonst mit einem Schlag alle die lieben, nie vergessenen Bilder wieder herauf, die unserem Leben damals Licht und Farbe gaben? Verleih einem Platz diese Erinnerungen, und laß es dann die ärmlichste, dürftigste Hütte in einer Wildnis sein, und jede Stütze ist uns teuer, die noch den morschen Bau zusammenhält. Wir kennen da jeden Baum, jeden Stein, und an alles erinnern wir uns. An den Pfad, der hinausführt zu dem stillen, von Linden umlaubten Friedhof, an das Gartenpförtchen, an den Apfelbaum neben der Tür, an die Steinbank oder den murmelnden Bach oder den moosbewachsenen Eimer des Brunnens knüpft sich eine liebe, selige Erinnerung. Je älter wir dabei werden, je weiter das Schicksal uns fortgetrieben hat, desto sicherer bewahrt es seinen Platz in unserem Herzen. Und ohne diese Erinnerungen? Ja, die Welt ist schön, und überall gründet der unstete Mensch seinen Herd. Überall deckt Gottes unendliche Güte den Boden für ihn mit Speise und Trank. Auch wenn sein Geschlecht blüht und gedeiht, denkt er doch an die Stelle zurück, wo seine Wiege gestanden hat. Aber Sadie und René waren glücklich. Über ihnen wölbten sich, wie auf Atiu, wehende Kokospalmen und schüttelten den Tau auf die duftenden Blüten der Orangen. Vor ihnen breiteten sich die mit Korallen durchzogenen Binnenwasser der Riffe aus, klar und silberrein wie an der Schwesterinsel. Abends ruderte der junge Mann das Kanu hinaus, und vor ihm saß dann die glückliche Mutter mit dem Kind am Herzen – es waren das frohe, glückliche Stunden. Daß sie doch nie vergehen würden! Alles auf Erden umfaßt nur eine Spanne Zeit. Während uns die Sonne fröhlich scheint, lagern da schon düstere Wolkenschleier unter dem Horizont, die langsam, aber sicher höher steigen. Es gibt kein ungetrübtes Glück auf dieser Welt, es kann es nicht geben. Schon das Bewußtsein, wie nahe der Wechsel unserem Leben liegt, wie oft an einer Faser alles hängt, was uns gerade noch entzückt, wirft einen trüben Schein selbst auf die froheste Stunde. Nicht so bei René. Er war ein Kind im Glück und nahm alles mit so frohem, leichtem Herzen an, wie Kinder Spielzeug annehmen, damit lachen und springen und sich nicht darum kümmern, daß es zerbrechen kann. Nach langer, schwerer Zeit, in der er viel dulden und ertragen mußte, erschien ihm jetzt alles wie ein Lohn für das Bestandene. Sorge hatte er nie gekannt, der Augenblick war ihm Lebenstrieb gewesen, dem er folgte. Dem Augenblick gehörte er auch an, und wie er im Unglück nur wenig für sich erhofft hatte, aber trotzdem den Mut hatte, ihm zu begegnen, so dachte er auch im Glück nicht weit hinaus. Er lebte, liebte, das war genug. Sadie dachte freilich anders. Auf jener stillen Insel herangewachsen, hatte sie kaum ein höheres Lebensziel gekannt, als unter der Palme am Strand zu blühen, zu gedeihen und unter ihrem Schatten in leichter Erde einem neuen, besseren Leben entgegenzuträumen. Da kam René, und mit ihm erschloß sich eine neue Welt für sie. Mit ihm gewann sie etwas, das sie nie geahnt hatte: ein geistiges Leben neben ihrer Palmenwelt. Alles, was sie mit Seligkeit erfüllte, fand in dem einen Herz seinen Ursprung. Und wenn das eine Herz wieder verschwand – nein, sie brachte den Gedanken nie heraus. Wenn er in ihr aufsteigen wollte, floh sie vor sich selbst. Das Gefühl gewann erst wirklich festen Grund in ihr, als ihr ein anderer Schmerz durchs Leben zog, das erste, schwere Leid. Der alte, ehrwürdige Mr. Osborne, ein Missionar im wahrsten Sinne des Wortes, der Gottes Liebe voll im Herzen trug und Tausenden damit Trost gebracht hatte, litt schwer. Gerade da, wo er Achtung und Anerkennung hätte fordern dürfen, traf er auf harten Grund. Es gab keinen ehrlichen Kampf, sondern nur den Pfeil heimlicher Bosheit, der oft tödlicher trifft als Blei und Stahl. Hin und her auf der Insel geschickt, gekränkt und angefeindet, geärgert und betrübt, erkrankte er. Ehe sich Sadie und René nur auf die Möglichkeit des schmerzlichen Verlustes vorbereiten konnten, ehe sie nur einen Gedanken an die nahe Gefahr verschwenden konnten, machte ein Schlaganfall seinem Leben ein sanftes und nur zu rasches Ende. Der Schmerz traf tief in ihr junges, bis dahin ungetrübtes Glück. Sadie hatte viel, unendlich viel durch ihn verloren. Auch René betrübte der Verlust des alten, wackeren Mannes, der ihm ein zweiter Vater geworden war. Er hatte ja auch seinetwegen viel ertragen und geduldet. Aber dieser Todesfall war für ihn auch Anlaß geworden, sich nach einer Tätigkeit umzusehen. Sein lebenskräftiger Geist drängte und sehnte sich nach Beschäftigung, und der gebildete Europäer auf diesen Inseln muß sich auch derart beschäftigen, wenn er nicht in dem müßigen Treiben der Insulaner untergehen will. Kurz vor Mr. Osbornes Tod war ein Teil des Kapitals aus Frankreich in Tahiti eingetroffen. René beschloß jetzt, es in kaufmännischen Spekulationen anzulegen und sich außerdem mit dem Handelsbetrieb auf dieser Insel bekannt zu machen. Es war für die Sicherung seiner Existenz eigentlich unnötig, denn hier führte er ein genügsames Leben. Aber er wollte einen Antrieb haben, der ihn einem gestellten Ziel entgegenführte. Das würde auch dem häuslichen Leben einen höheren Reiz verleihen. Seine kleine, freundliche Wohnung lag vielleicht eine halbe Meile unterhalb von Papeete dicht am Meeresstrand. Hohe Wi- und Mapebäume umgaben es und gewährten einen freien Ausblick nach Imeo hinüber. Dort hatte er sich sein Nest gebaut und schon mit mancher europäischen Bequemlichkeit ausgestattet. Mußte er auch tagsüber geschäftlich häufiger in die Stadt, so trieb es ihn abends doch immer wieder mit raschen Schritten heimwärts. In den glücklichen Stunden im Kreis seiner Familie segnete er das Schiff, das ihn an diese gastliche Küste geführt hatte, und noch mehr den Entschluß, Freiheit und Leben daran gesetzt zu haben, diesen Boden zu betreten. So, wie sich sein Wirkungskreis vergrößert hatte, zeigte sich auch bald das Leben ganz anders als auf dem stillen, abgeschlossenen Atiu. Tahiti, und dadurch Papeete, bildeten den Mittelpunkt des Handels und Verkehrs für die südlich vom Äquator gelegenen Inselgruppen. Gerade in letzter Zeit hatten sich mehrere amerikanische und französische Familien hier niedergelassen, die den gesellschaftlichen Verhältnissen dieses kleinen Inselstaates einen neuen, bis dahin noch nicht gekannten Aufschwung gaben. René gewann durch sein liebenswürdiges Verhalten bald die Herzen derer, mit denen er in Berührung kam. Bald darauf trat er mit einem der Amerikaner und einem der Franzosen in Geschäftsverbindung und wurde herzlich bei ihnen aufgenommen. Besonders den Frauen lag daran, den gesellschaftlichen Verkehr auf diesem abgelegenen Punkt zu unterhalten. Kaum hörten sie, daß René verheiratet sei, als sie auch schon beschlossen, ihn aufzusuchen und die Kontakte verstärkt anzuknüpfen. René wußte, daß er sich diesem gesellschaftlichen Leben nicht auf Dauer entziehen konnte. Er hatte deshalb schon vor einiger Zeit damit begonnen, Sadie vorzubereiten. Zum erstenmal störte ihn ihre ungezwungene Tracht, die doch dem Klima und der freien Bewegung angepaßt war. Aber in diesen Kreisen wäre es zumindest ein Stein des Anstoßes gewesen, so bekleidet herumzulaufen. Er fürchtete sich zunächst davor, diesen Punkt bei Sadie zu berühren, es konnte sie kränken, wenn sie annahm, daß sie ihm nicht mehr in dem bunten Tuch gefallen würde. Aber Sadie war viel zu vernünftig, um nicht einzusehen, daß ihr Mann in einen anderen Wirkungskreis getreten war und sie sich anpassen mußte. Die liebe kleine Frau schüttelte zwar zunächst lächelnd darüber den Kopf, aber die neuen Kleider standen ihr sehr gut. Mit dem ihren Landsleuten eigenen Scharfblick fügte sie sich leicht in das Neue und Fremde. Sie bewegte sich bald so, als wäre sie von Kindheit an daran gewöhnt gewesen. Störend griffen nur manchmal die kirchlichen und dadurch auch wieder politischen Verhältnisse in das Leben der Glücklichen ein. René hätte sich ihnen ganz entzogen, wenn nur die Geistlichen ihn in Frieden gelassen hätten. Die protestantischen Missionare hielten es aber für ihre Pflicht (ein entsetzliches Wort dieser Herren), die junge, im rechten Glauben erzogene Frau unaufhörlich vor dem Abgrund zu warnen, an dem sie stehe. Unglücklicherweise war sie ja in die Hände eines Ungläubigen geraten. René mußte schließlich energisch gegen einen Teil dieser Menschen auftreten. Sie fingen nämlich an, in seinem Haus wie in einem Taubenschlag ein und aus zu fliegen. Dabei waren sie auf dem besten Wege, die arme Frau zu verwirren und sie melancholisch und unglücklich zu machen. Unter den Geistlichen gab es nur einen, mit dem sich René einigermaßen anfreundete. Es war seltsamerweise zugleich einer der eifrigsten und entschiedensten der ganzen Gesellschaft. Bruder Nelson lebte nur in seiner Mission und behandelte seinen Beruf mit einer Aufopferung, die ihn stets zuletzt an sich denken ließ. Belohnung suchte er nur im Erfolg. Ruhig und fest arbeitete er auch ohne Übertreibung, ohne jenen blinden Eifer an der Besserung und Bekehrung seiner Mitmenschen. Vor allen Dingen gehörte er nicht zu denen, die mit dem Wahlspruch »Ein Tröpfchen Glaube ist besser als ein ganzes Meer voller Wissen« das Volk nur für ihre Worte und Formeln fanatisierten. René unterhielt sich oft und gern mit ihm, selbst über religiöse Punkte. Interessanten Stoff zur Unterhaltung erhielten beide, als auch einer der französischen Geistlichen, Vater Conet, Renés Haus häufiger besuchte. Vater Conet war ebenfalls ein liebenswürdiger und toleranter Kopf, der René mehr wegen seiner Gesellschaft aufsuchte, als einen Bekehrungsversuch bei seiner Frau zu unternehmen. Trotzdem gerieten die beiden Herren bei aller Schonung manchmal in einen theologischen Kampf, dem René stets lächelnd zuhörte, ohne sich je hineinzumischen. Fast betrübte das Sadie, denn sie befürchtete, daß René gleichgültig gegen jede Art von Religion sei. Wie gern hätte sie ihren Mann von dem heiligen Wert ihrer Glaubenslehre überzeugt, aber René küßte ihr nur die Sorgen von der Stirn. Gerade nach einem solchen Besuch war es wieder, daß ihm Sadie zärtliche Vorwürfe über seinen leichten Sinn machte. Aber René schlang seinen Arm um ihre Hüfte, hob ihr Gesicht zu sich und sagte herzlich: »Laß sie sich streiten, mein liebes Herz. Laß sie hin und her raten, welchem von ihnen Gott seine Geheimnisse offenbart hat. Aber in unsere Brust soll weder ihr Zweifel noch ihr Fanatismus eindringen. Mit dieser Welt um uns her dürfen wir uns das Leben nicht verbittern. Ich habe es auch satt. Kommen mir die beiden Herren noch einmal in dieser Weise ins Haus, so...« »So?« sagte Sadie halb unter Tränen lächelnd. »So lassen wir sie wieder gewähren wie jetzt!« rief René und zog sie an sich. »Ich verlange ja auch nichts weiter auf der Welt, als daß sie uns unseren Frieden...« Lautes Lachen einer silberhellen Stimme unterbrach ihn in diesem Augenblick. Als sie überrascht aufsahen, erkannten sie eines der eingeborenen Mädchen, das sie hier auf Tahiti kennengelernt hatten. Trotz seines wilden Wesens mochten sie das junge Ding von knapp siebzehn Jahren gern, das eben über die niedrige Umzäunung sprang. Es war in die dünne, luftige Tracht der Mädchen gekleidet. Die dunklen, mit wohlriechendem Öl getränkten Locken wurden von einem Blütenkranz geschmückt. Die roten Blüten waren mit den weißen Fasern der Arrowroot verflochten. Der Blick, mit dem sie das junge Paar musterte, ruhte fast höhnisch auf der Gruppe. Aia war schön wie die Palme ihrer Wälder. Die lichtbronzene Haut in dieser Färbung eher eine Zierde, ihre Gestalt voll und üppig, dabei schlank und elastisch. Aber es fehlte ihr die weiche, schwärmerische Art, die den Zügen der meisten Mädchen hier einen besonderen Reiz verleiht. Keck und zuversichtlich blitzte ihr Auge umher. »Joranna, Sadie, Joranna, René«, lachte sie, mit verschränkten Armen vor der Gruppe stehen bleibend. »Joranna, ihr beiden – hahaha, ihr sitzt da, als ob dir René erst vor einer Stunde seine Liebeslügen ins Ohr geflüstert hat. Jetzt sitzt ihr da und glaubt, nicht ohne einander leben zu können. Wie lange wird es noch dauern? Hätte ich früher daran gedacht, Sadie, so hättest du mir auch von dem Pulver geben müssen, das du ihm in die Kokosmilch geschüttet hast. Vielleicht würde mir der falsche Wi-wi jetzt auch noch vorlügen, daß ich die Schönste auf der Insel sei und er sterben müsse, wenn ich ihn nicht mehr lieben wolle. Hahaha, es ist zum Verrücktwerden, wenn man an diese Zeit zurückdenkt und man das immer wieder vor seinen eigenen Augen erlebt. Es gibt doch immer wieder Narren, die hochmütig genug sind und glauben, daß sie niemals verlassen werden. Aber Joranna, ihr seid unverbesserlich, und wenn er erst fort ist, Sadie, will ich dich auslachen, wie du es verdienst.« Sie warf die Locken von ihren Schläfen zurück und wollte nach dem Strand eilen, als Renés Entgegnung sie zurückhielt. »Du hast doppeltes Unrecht, Aia. Sieh Lefevre an und Aumama. Sie sind noch länger als wir verheiratet, haben zwei liebe Kinder und denken nicht daran, sich zu trennen.« »Denken nicht daran?« rief Aia, die René spöttisch lächelnd ansah. »Ja, du hast recht, wer weiß, ob du nicht dein Kanu eher wieder aus den Riffen heraussteuerst als er. Aber Le-fe-ve hat sich schon blind gesehen in ein Paar andere Augen. Schüttele nicht deinen Kopf, Wi-wi, wenn du mir nicht widersprechen kannst. Reiß ihm sein Kleid auf und lege dein Ohr auf sein Herz. Für wen schlägt es? Pah, soviel für euch!« Damit schlug sie trotzig die flache Hand auf ihre Lende. »Aia, komm her und setz dich zu mir!« sagte Sadie jetzt mit leiser, bittender Stimme. »Sei nicht böse, wir haben dich lieb, und du meinst es doch gar nicht so!« Das Mädchen antwortete jetzt schon etwas besänftigt: »Ich meine es nicht so? Woher weißt du das, Sadie? Ich hasse euch alle miteinander, und es würde mir guttun, wenn ihr alle so unglücklich werdet wie... so wie...« Sie wandte einen Moment den Kopf zur Seite. »Aia!« rief Sadie bittend. Aia stand zögernd, Trotz, Zorn und Scham behielten die Oberhand. Doch dann brachen die Tränen aus ihr, und sie kauerte sich neben Sadie und legte den Kopf in ihren Schoß. »Du bist gut, Sadie, gut wie... ich weiß es nicht, denn ich habe keinen Vergleich. Unsere Götter haben sie uns genommen und ihre sind falsch, falsch wie sie selber. Aber ich bin viel zu schlecht für dich, Aia darf dir nicht mehr ins Auge sehen, und doch hattest du noch nie einen Vorwurf für mich.« René hatte das Mädchen mitleidig betrachtet dann legte er seine Hand auf ihre Schulter und sagte leise: »Bleib bei uns, Aia, geh nicht wieder nach Papeete, sondern bleibe bei Sadie. Wir haben Brotfrucht und Fisch für dich und eine Matte zum schlafen. Sadie braucht eine Hilfe, und du wirst in unserem Haus willkommen sein.« »René hat recht«, unterstützte ihn Sadie. »Geh nicht wieder nach Papeete. Deine Mutter ist tot und dein Vater weit auf den Inseln entfernt. Meide die Stadt, die dir nur Unheil bringt und Fluch und Leid. Du wirst es nicht bereuen und bei uns wieder froh und glücklich werden.« »Und die Mi-to-na-res?« fragte das Mädchen leise. »Werden dich gern in ihren Schutz nehmen und dir die Sünden vergeben«, sagte Sadie erfreut, denn in dieser Frage lag ja schon eine Zustimmung. Aia lag noch in ihrem Schoß und weinte heftig, als eine laute Männerstimme einen fröhlichen Gruß durch die Hecke der blühenden Akazien rief. »Ah, Lefevre, wie geht es Ihnen, Nachbar. Kommen Sie nicht herüber?« »Doch, gleich!« lautete die Antwort. Sie hörten, wie der junge Franzose draußen noch mit jemand sprach und ihm Aufträge gab. Aber auch Aia hatte sich rasch und erschrocken aufgerichtet. Sie sah aus, als wollte sie weglaufen, aber Sadie hielt ihre Hand fest. »Bitte, Aia, geh nicht fort!« »Nein, ich kann nicht bei dir bleiben, ich verdiene es nicht. Ich bin schlecht und bringe dir nur Unglück.« Dann blitzte ihr Auge plötzlich in unheimlicher Glut zu René hinüber. »Wenn sie dich alle verlassen haben und du allein und freundlos in der Welt stehst wie ich jetzt, dann wird Aia an deiner Seite sein und sich für deine freundlichen Worte bedanken. Dann wollen wir zusammen lachen und tanzen und ins Leben stürmen, aber nicht mehr klagen und weinen.« »Du hast vielleicht Grund, auf einen von uns böse zu sein«, sagte René, »aber du urteilst damit ungerecht über alle. Du wirst uns später Abbitte leisten müssen.« »Ja? Und Le-fe-ve auch, ja?« Das Mädchen lachte zornig und deutete mit dem Arm auf den eben eintretenden Franzosen. »Hallo, Aia! Summt die wilde Hummel auch wieder ihr Lied auf unserer Flur? Was, du hast Tränen im Auge? Du bist ein schwarzer Vogel und prophezeist nur Unheil«, sagte Lefevre. »Jeder von uns kann leicht vorhersagen, daß die Sonne morgen früh wieder um die Berge kommt. Weg mit euch, ihr habt böse Worte auf der Zunge und tödliches Gift im Herzen. Fort, Aia kennt euch!« Ohne einen Gruß ging sie den schmalen Pfad zu dem unteren Pförtchen hinab und war bald darauf in der sogenannten Broomroad, dem gebahnten Weg nach Papeete, verschwunden. Sadie sah ihr seufzend nach, und auch René konnte sich eines unheimlichen Gefühls nicht ganz erwehren. »Joranna, René, guten Tag, Madame!« rief Lefevre, der den peinlichen Moment überwinden wollte. »Hat Ihnen Aia den schönen Abend verderben wollen? Sie ist ein albernes Ding und darf nicht mehr über meine Schwelle, denn Aumama weint jedesmal, wenn sie nur kurz dagewesen ist.« »Sie ist arm und unglücklich«, sagte Sadie. »Ach, sie verstellt sich«, entgegnete mürrisch Lefevre. »Wahrscheinlich trägt sie selbst die größte Schuld an ihrem Leid. Wir armen Teufel sollen es dann immer allein zerbrochen haben, nicht wahr, René? Aber was ich eigentlich sagen wollte, gehen Sie mit nach Papeete? Die ehrwürdigen protestantischen Herren haben heute nachmittag wieder eine Zusammenkunft. Nach einem Gerücht beabsichtigen sie den Beschluß ernster Maßregeln, um jeden französischen Einfluß und damit vielleicht auch die französischen Priester wieder abzuschütteln.« »Die Missionare...«, begann René, fuhr dann aber langsamer fort: »... sind wackere und brave, aber kurzsichtige Männer. Sie glauben, daß sie das Heft jetzt fest in der Hand haben, und spielen so lange damit bis es ihnen unter den Fingern wegschlüpft. Sie sollten sich nicht in die Politik einmischen.« »Was sagt Mr. Nelson dazu?« »Er hält die Ankunft der Katholiken auch für ein Unglück für die Inseln, ist aber mit den Gewaltmaßnahmen unzufrieden, die man dagegen ergreifen will. Doch was kann ein einzelner gegen die ganze Schar erreichen?« »Gehen Sie mit nach Papeete?« »Was sollen wir dort? Herbe Reden hören, die uns vielleicht ärgern und zu Gegenreden treiben? Daran habe ich keine Freude und sehe schon jetzt die Folgen. Aber wir haben wenigstens unsere Pflicht getan, wenn wir jetzt noch das Unheil abwenden können. Ich komme bald wieder zurück, Sadie.« »Bleib heute nicht so lange fort!« bat ihn die junge Frau beim Abschiedskuß. Eine Weile sah sie noch hinter den Männern nachdenklich her. Aias Worte hatten trübe Gedanken in ihr wachgerufen. »Mein schönes Atiu«, seufzte sie leise vor sich hin. »Mein Lieblingsplatz, und der kleine, alte Mi-to-na-re am Haus, der so oft wohl an seine kleine Pu-de-ni-a denkt... aber René fühlt sich wohl und glücklich hier und hat eine Beschäftigung. Aber einmal wird doch die Zeit kommen, und er wird sich nach unserem ersten Ort des Glücks zurücksehnen, nach Atiu. Noch habe ich nicht für immer Abschied genommen von all den liebgewonnenen Stellen... ich weiß nur noch nicht, ob ich mich darauf freuen oder mich fürchten soll... ach, dumme Gedanken!« Der Besuch – Aumama Sadie saß noch lange träumend da, und bunte Bilder tauchten vor ihr auf, zerflossen im Dunst und gaben anderen Raum. Aber das Kind verscheuchte schließlich die ernsten Schatten wieder. Als sie mit der Kleinen spielte, war sie bald wieder das heitere, frohe Kind des Waldes. Sie lachte und scherzte mit ihrem Kind, bis sie ein Geräusch hörte. »Was ist das? Hast du das gehört? Das buaa a fai tatatu »Das Schwein, das Menschen trägt«. So nannten die Insulaner das Pferd, für das sie keinen Namen hatten. klappert vorbei, aber – was ist das?« Das Pferdegetrappel war näher gekommen und hielt plötzlich an ihrer Pforte an. Stimmen wurden laut. »Das muß der Ort sein!« hörte man jetzt plötzlich eine Frauenstimme auf der Straße in französischer Sprache, die Sadie in der kurzen Zeit bereits gut beherrschte. »Wären Sie meinem Rat gefolgt, Monsieur Belard, so hätten wir nicht ein paar Meilen ins Blaue zu galoppieren brauchen. Steigen wir ab?« »Wenn es den Damen recht ist? Er kann kaum woanders wohnen!« antwortete eine Männerstimme. Sadie war mit ihrem Kind im Arm auf einen kleinen Ausbau getreten, von dem aus sie die Straße überblicken konnte. Sie erkannte drei Damen und zwei Herren, alle zu Pferd. Jetzt stiegen sie ab und betraten den kleinen Hofraum. Die Fremden suchten jedenfalls René, und um ihnen Auskunft zu geben, trat sie ihnen mit einem freundlichen »Joranna« entgegen. »Ah, da ist ein Mädchen!« rief eine der Damen. Sie hielt ihr langes Reitkleid hoch und war beim Haus stehengeblieben. »Lieber Gott, Lucie, es ist eine Eingeborene, und mein Tahitisch ist noch sehr windig. Ich kann noch nichts weiter sagen als ›Joranna‹ und ›aita‹.« »Ich spreche französisch, meine Damen«, unterbrach sie die junge Frau und setzte das Kind auf den Boden. »Ah, du sprichst tatsächlich französisch, Kind?« fragte die andere Dame. »Und noch dazu mit vortrefflicher Aussprache. Dann kannst du uns auch sagen, ob Monsieur René Delavigne hier wohnt und Madame Delavigne zu sprechen ist.« Sadie lächelte. Sie verstand, daß die Fremden sie in dem einfachen Kleid für ein Mädchen des Hauses hielten. Mit einer leichten Verbeugung sagte sie: »Monsieur Delavigne wohnt hier, und Madame oder Sadie Delavigne...« »Ah, dann ist dies wohl seine Tochter? Ein reizendes Kind!« unterbrach sie Madame Belard und kniete bei der Kleinen nieder. »Und Madame Delavigne?« frug Madame Brouard. »Bin ich selber«, flüsterte Sadie mehr als sie sprach. »Ah – mon Dieu – est-il possible? bless me!« waren die ersten erstaunten Ausrufe der Damen und Herren. Diese Vorstellung kam etwas zu unerwartet. Daß René eine Eingeborene ›zur Frau hielt‹, war eine Überraschung. Sadie fühlte das auch mehr, als sie es verstand, und das Blut drohte ihr in diesem Augenblick die Adern der Schläfe zu zersprangen. Sie bog sich zu ihrem Kind, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Die beiden Französinnen faßten sich wieder und sahen ein, welchen Verstoß sie gegen jede gute Sitte in ihrer Überraschung begangen hatten. Sie traten auf Sadie zu und begrüßten sie, ihr die Hände entgegenstreckend, in fast herzlicher Weise. »Ah, da hat uns Freund Delavigne eine Überraschung aufgespart«, rief Madame Belard. »Wir haben natürlich nicht vermuten können, daß er schon so heimisch auf den Inseln geworden ist. So seien Sie herzlich gegrüßt, Madame. Sie sind uns trotzdem nicht unbekannt, denn Ihr Mann hat uns schon sehr viel Liebes und Gutes über Sie erzählt. Nur Ihre Abstammung hat er nicht erwähnt.« Sadie atmete leichter. Die freundlichen Worte, deren Sinn sie nicht ganz erfaßte, taten ihr wohl. Sie hatte sich vor dem ersten Zusammentreffen mit den fremden Frauen, von denen ihr René schon erzählt hatte, gefürchtet. Ihr erstes Verhalten konnte sie nicht beruhigen, aber um so wohltuender war jetzt die herzliche Anrede. Ihr einfaches Herz kannte auch weder Falsch noch Verstellung, und sie nahm die Worte, wie sie gesprochen wurden. Offen und freundlich sah sie die beiden Frauen an. »René wird es sehr leid tun, daß Sie ihn hier nicht gefunden haben. Aber Sie sind mir herzlich willkommen. Ruhen Sie sich doch etwas aus. Ich will die Kleine nur schnell unter Aufsicht geben und bin dann rasch wieder bei Ihnen.« Die Damen wollten erst höfliche Einwände machen und sprachen vom »stören« und »beunruhigen«. Sadie aber führte sie lächelnd zu einem freundlichen Platz am Strand und bat sie, dort zu warten, während sie mit dem Kind rasch in das Haus eilte. »Ein reizendes Frauchen«, sagte Monsieur Belard schmunzelnd, als sie in der Tür verschwunden war und die Damen miteinander flüsterten. »Delavigne hat wirklich keinen schlechten Geschmack, und sie spricht hervorragend französisch.« »Monsieur Delavigne hätte uns aber auch vorher einen Wink über seine Familienverhältnisse geben können«, meinte Mrs. Noughton, eine Amerikanerin, die bis jetzt noch kein Wort mit Sadie gesprochen hatte. »Er hätte dadurch beiden Teilen eine Verlegenheit erspart.« »Lieber Gott, Verehrteste!« verteidigte ihn lebhaft Madame Belard. »Die Verhältnisse auf den Inseln sind von unseren völlig verschieden. Da muß man schon manchmal ein Auge zudrücken und nicht zu streng sein. Es bestehen übrigens auch wirkliche Verbindungen zwischen Europäern und Insulanerinnen, und Monsieur Delavigne hat nur von seiner Frau gesprochen.« »Was zerbrecht ihr euch darüber den Kopf«, fiel ihnen hier der andere ältere Herr, ein Monsieur Brouard, in die Rede. »Wenn ihr in Rom seid, müßt ihr leben wie die Römer, sagt ein altes Sprichwort. Madame Delavigne ist ein reizendes, junges Frauchen und wohl in der Lage, einen Mann zu fesseln.« »Und wie lange?« unterbrach ihn mit einem boshaften Lächeln seine Frau. »Wie lange, Madame?« wiederholte frivol lächelnd der Gefragte. »Ich bin kein Prophet, aber das sind Familienverhältnisse, und so mancher Eingeborene hätte wohl ebensogut ein Recht, diese Frage an uns Europäer zu richten. Wir sollten diesen Punkt überhaupt etwas genauer in unserem Trauungszeremoniell berücksichtigen. Auf wie lange?« »Es ist aber doch nur eine Eingeborene«, bemerkte Mrs. Noughton, die aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein nicht so leicht zu besiegendes Vorurteil gegen jede farbige Rasse mitgebracht hatte. »Hätte ich das früher gewußt, hätte ich ihr jedenfalls nicht als erste meinen Besuch gemacht.« »Bedenken Sie bitte, Mrs. Noughton, daß uns Monsieur Delavigne gar nicht zu sich eingeladen hat, ihn also auch keine Schuld trifft. Wir sind aus eigenem Antrieb hierhergekommen. Wenn ich auch zugeben muß, daß ein derartiges Verhältnis immer etwas Unangenehmes hat und bei größeren Gesellschaften vielleicht auch uns in Verlegenheit bringen könnte, aber...« »Attention, meine Damen«, unterbrach sie hier Mr. Brouard mit gedämpfter Stimme, denn Sadie erschien in diesem Augenblick wieder auf der Schwelle ihres Hauses. Hinter ihr folgte ein Junge, der einen großen Teller mit Wein und Früchten trug. »So, Mataoti, bediene die Frauen!« sagte sie in ihrer Sprache zu ihm und wandte sich wieder zu ihren Gästen. »Aber Sie haben ja noch nicht einmal Platz genommen. Bitte, geben Sie mir ihre Hüte und machen Sie es sich bequem. René können Sie so schnell nicht zurückerwarten. Er ist mit Monsieur Lefevre zu einer politischen Versammlung nach Papeete gegangen.« »Na, das ist herrlich!« lachte Mr. Belard. »Um der zu entgehen, sind wir ausgeritten! Es wird heute eine richtige Komödie gespielt, bei der die Missionare Hauptrollen haben. Da dachten wir, daß es vielleicht etwas zu langweilig wird.« »So essen und trinken Sie doch etwas«, sagte Sadie, die nicht grundlos befürchtete, daß das Gespräch sich auf religiöse Bahn bewegen könnte. »René wird sich freuen, wenn er erfährt, daß es Ihnen bei uns gefallen hat.« Die Damen zögerten noch unentschlossen. Die eine schien sich vor der anderen zu genieren. Sadie bewegte sich aber so unbekümmert in dem ihr fremden Kreis, und ihre Bitte kam so natürlich, daß sie nicht widerstehen konnten. Selbst Mrs. Noughton mußte sich eingestehen, daß diese Insulanerin ein ungewöhnlich liebenswürdiges Wesen sei, dem man wohl gewogen sein könnte, wenn diese fatale bronzefarbene Haut nicht wäre. Die Frauen setzten sich um den runden Tisch. Mataoti wurde zu den Pferden befohlen, und bald darauf saß die ganze Gesellschaft vertraut beisammen. Ehe sie wußten, wie sie dazu kamen, plauderten die Damen Belard und Brouard mit Sadie, als ob sie sie schon seit Monaten kannten. Die Männer hielten sich auch nicht zurück, und besonders Mr. Brouard, der neben Sadie saß, taute richtig auf. Er war so aufmerksam zu der kleinen Insulanerin, daß er seine andere Nachbarin, Mrs. Noughton, völlig vernachlässigte. Eine volle Stunde hatten sie so gesessen und geplaudert, Früchte genossen und französischen Claret dazu getrunken. Mataoti war bei den Pferden schon ganz unruhig geworden, da mahnte Madame Brouard endlich zum Aufbruch. Monsieur Brouard wollte noch nicht fort, aber die Damen begannen, Abschied zu nehmen. Sadie sagte ihnen mit einfachen Worten, wie es sie freute, daß es ihnen bei ihr gefallen hat. »Wir können gute Nachbarschaft halten, hier auf Tahiti«, setzte sie hinzu. Mit freundlichem Händedruck und »Joranna«, von Madame Belard und Brouard eingeladen, sie wieder zu besuchen, verließ die kleine Gesellschaft den Garten. Die unruhig scharrenden Pferde wurden bestiegen, und wenige Minuten später galoppierte die Gruppe die Straße nach Papeete hinunter. »Sadie!« flüsterte da eine leise Stimme. Erschrocken drehte sich die junge Frau, die noch nachdenklich stehengeblieben war, um. »Aumama? Warum kommst du nicht herüber?« »Ist die Luft rein?« fragte eine klare, lachende Stimme. »Meinst du die Fremden? Sie sind fort. Aber ich dachte, du bist mit Lefevre nach Papeete gegangen!« Die junge Frau an der Hecke schüttelte den Kopf. »Ich wollte erst, aber als René mitging, blieb ich daheim. Da kommen noch immer mehr und mehr Männer dazu, und diese Gesellschaft gefällt mir nicht. Ich verstehe auch ihre Sprache nicht so gut wie du. Aber ich, komme hinüber.« Damit öffnete sie eine kleine Pforte und begrüßte Sadie herzlich. Sie war in die einfache einheimische Tracht gekleidet und trug den langen, bis auf den Knöchel herabfallenden Oberrock, der nur vorn am Handgelenk zugeknöpft wird, ohne Schuhe und Strümpfe. Auf dem Kopf hatte sie einen leichten Panamahut, unter dem zwei große, dunkelrote Blüten hervorsahen. Ihre Gestalt war schlank, aber mit den bei den Eingeborenen üblichen breiten Schultern. Ihr Gesicht war voll und edel, die Augen unter den feingeschnittenen Brauen blitzten mit einem eigenen Feuer. Aumama war der vollkommene Typus einer tahitischen Frau. Ihr fehlte trotz der lebendigen Augen nicht das sinnliche Weiche in den Zügen. Als sich die beiden Frauen in den Armen lagen, konnte man sich kaum ein hübscheres Bild denken. »Du hast vornehmen Besuch gehabt«, sagte Aumama lächelnd. »Ja«, erwiderte Sadie und wurde rot. »Unerwarteten, aber warum bist du nicht herübergekommen?« Aumama bekam einen ernsteren Gesichtsausdruck und schüttelte den Kopf. »Nein, ich passe nicht zu den Leuten, wir alle nicht, und sie nicht zu uns. Es ist besser, wir bleiben auseinander.« »So ein Unsinn! Hast du dich nicht für dein ganzes Leben mit einem von ihnen verbunden? Willst du auch von ihm sagen, daß ihr nicht zusammenpaßt?« Aumama seufzte tief auf und drehte sich etwas zur Seite. Ihre Heiterkeit war völlig verschwunden. »Ich hoffe, daß wir zusammenpassen für das ganze Leben. Es wäre jedenfalls sehr traurig, wenn es anders kommen sollte. Aber in unseren Familien ist das ja auch etwas anderes«, setzte sie schon etwas leichter hinzu. »Unsere Männer verstehen uns, und wir verstehen sie. Für sie stehen wir gleichrangig da. Aber bei den Gesellschaften ist das etwas anderes. Glaube mir, Sadie, mit den fremden Frauen habe ich Erfahrung. Die Weißen halten uns für untergeordnet, vielleicht, weil wir früher zu Götzen gebetet haben.« »Aber das haben sie doch früher auch getan, wie mir Vater Osborne selbst erzählt hat«, unterbrach sie Sadie. »So? Das höre ich zum erstenmal. Naja, vielleicht ist es auch, weil wir nicht so klug sind wie sie, und unsere dunkle Hautfarbe kommt ihnen auch nicht so schön vor. Jedenfalls denken so die Frauen, und vielleicht sind sie ja auch eifersüchtig auf uns. Ausnahmen gibt es sicherlich auch, und ich glaube, daß du dich bei ihnen ganz wohl fühlen könntest. Du bist uns wild aufgewachsenen Mädchen in vielen Dingen überlegen und den weißen Frauen fast gleich. Mir schnürt es jedesmal die Brust zusammen, wenn ich bei ihnen bin und die kalten, vornehmen Blicke sehe, die sie auf mich werfen. Es ist fast wie eine Gnade von ihnen, daß sie mich dazwischen dulden. Da ist es mir weitaus wohler mit meinen Kindern am Strand. Ich halte es für kein Glück, daß die weißen Frauen in den letzten Monaten zu uns gekommen sind. Das Leben auf Tahiti hat sich seitdem verändert, und ich fühle mich in der neuen Umgebung nicht mehr wohl. Vielleicht habe ich mich auch verändert, oder andere haben...« »Aia hat dich traurig und ernst gemacht«, sagte Sadie freundlich und ergriff ihre Hand. »Sie war auch bei mir, und ich...« »Aia!« unterbrach sie rasch und heftig die Nachbarin. Dann fuhr sie fort: »Aia ist ein armes Mädchen und kann mich nicht böse machen, aber...« Ihre Augen funkelten plötzlich mit einem wilden, unheimlichen Feuer. »Ich könnte auch nicht ertragen, was sie ertragen hat. Bei jenem weißen Gott, der Oros Bilder zertrümmerte und unsere Tempel eingerissen hat, ich...« Anmama schwieg, die Hand noch wie zum Schwur emporgestreckt. Mit flatternden Haaren, von denen der Strohhut heruntergefallen war, bot sie so das Bild einer rächenden Göttin des Landes. Dann, als wäre sie wieder zu sich gekommen, schüttelte sie unwillig den Kopf. »Ich bin ein Kind, Sadie, ein launisches Kind. Seit einigen Wochen komme ich mir selber manchmal wie umgetauscht vor. Wilde Träume quälen und ärgern mich. Ach was, weg mit den dummen Gedanken. Wir wollen fröhlich sein und uns des Lebens freuen. Der Himmel lacht blau über uns, und die Götter, die schon den Tisch unserer Väter reichlich deckten, haben uns bislang noch nicht hungern lassen.« »Aumama, du sprichst noch immer von den Göttern und bist doch schon lange eine Christin geworden. Sündige nicht, denn der Gott der Gnade ist auch ein Gott der Rache und der Strafe. Vater Osborne hätte es sehr weh getan, wenn er dich so hätte reden hören!« mahnte sie Sadie mit herzlichem Ton. »Nicht um alles in der Welt hätte ich ihn kränken wollen. Er war der einzige, der mich an Gott herangeführt hat, der mich die Möglichkeit eines solchen Wesens ahnen und begreifen ließ. Denn die Uneinigkeit und der Haß der anderen Priester hätten mich verzweifeln lassen. Er war ein guter Mann, und die Feranis hatten ihn auch lieb, obwohl er auf andere Weise zu seinem Gott betete. Aber Sadie, bist du fest überzeugt, daß er recht hatte?« »Aumama!« rief Sadie erschrocken aus. »Hast du von dem alten Mann gehört, der drüben auf Bola Bola schon lange Jahre lebt und merkwürdige Dinge von dem Gott der Christen erzählt?« »Von dem Gott der Christen? Ist er denn nicht selbst Christ?« »Nein, das hat er mir versichert. Er ist von dem Stamm, die den Christengott gekreuzigt haben, und behauptet, daß der gar nicht der Messias war.« »Das waren die Juden«, rief Sadie überrascht. »Ich wußte gar nicht, daß von diesem Stamm noch Leute leben!« »Viele soll es noch im fernen Land der Weißen geben. Der alte Mann behauptet, daß der Gekreuzigte nicht Gottes Sohn gewesen sei und nicht die rechte Lehre gebracht hätte, denn die Christen untereinander wüßten es noch nicht einmal und stritten deshalb auch miteinander. Viele von ihnen wurden schon umgebracht, um zu beweisen, wer von ihnen den richtigen Gott und Erlöser habe.« »Und wenn der Mann nicht die Wahrheit sagt?« »Warum nicht? Es ist ein alter Mann mit grauen Haaren und grauem Bart. Streiten sie sich nicht hier auch um ihren Gott? Wer hat recht? Und der alte Mann sagt, daß es in ihrem Vaterland unter den Christen noch viele andere Sekten gibt, die alle einander hassen und gegeneinander predigen. Ist das ihre Religion des Friedens?« »Aumama, du sprichst entsetzliche Sachen. Wer hat dein Herz mit solchem Trug erfüllt?« sagte Sadie schaudernd. »Trug?« wiederholte die Insulanerin und sah Sadie fest an. »Gebe Gott, daß es Trug und Lüge ist, aber wer gibt uns die Wahrheit?« »Gott selber«, sagte Sadie mit dem kindlichen Vertrauen, das in dem Schöpfer wirklich seinen Vater sieht und in reiner, ungeheuchelter Frömmigkeit am Thron des Höchsten sein Gebet, seinen Dank niederlegt. »Gott selber, Aumama. Er hat uns die Wahrheit in das Herz gelegt, und seine Boten schon vor langen Jahren gesandt, damit sie sie uns beibringen. Bete mit voller Inbrunst, und das Herz wird dir aufgehen, wenn du dich an Gott wendest.« »Aber Le-fe-ve betet nicht«, warf die Frau ein. »Er ist ein guter Mann, aber er lacht, wenn man ihn an seine Pflicht als Christ erinnert. Tut das René nicht auch?« »Nein!« rief Sadie schnell, aber doch etwas verlegen. »Er lacht mich niemals aus.« »Aber er betet auch nicht.« »Gott wird ihn schon erleuchten!« sagte die junge Frau und bedeckte einen Augenblick ihre Stirn mit den Händen. »Es ist wahr, und ich habe deshalb schon manche schlaflose Nacht gehabt, und dabei hat Gott doch soviel für ihn getan.« »Weißt du, wie du jetzt aussiehst, Sadie?« rief da Anmama plötzlich und wechselte den Ton. Überrascht sah Sadie auf, und Aumama lächelte sie an. »Als ob du selber predigen willst! Scheuch die trüben Gedanken von der Stirn, sie passen nicht zu uns. Was kümmern uns die Streitigkeiten der Leute. Noch ist die Banane süß, die Kokosnuß saftig, und der Himmel lacht blau auf uns. Da kommt auch deine Sadie!« unterbrach sie sich, als das Kind, von einem jungen Mädchen getragen, in der Tür erschien. »Komm her, liebes Kind, du sollst deine Mutter wieder aufheitern. Jetzt sollen auch Scha-lie und Ro-sy kommen und mit dir spielen, und wir wollen alle fröhlich sein.« Sie griff das Kind der Freundin auf und sprang wieder ausgelassen mit ihm am Strand entlang, um die eigenen Kinder zu rufen. Sadie, die nicht so schnell trübe Gedanken abschütteln konnte, vergaß doch bald ihre Sorgen beim Anblick der spielenden Kinder. 14. Die Missionare Wild und mit entsetzlicher Wut brauste es über die See. An den Riffen schäumte und kochte die Brandung in milchweißem Gischt. Die wilden Wogen wurden bis in das ruhige Binnenwasser und an den Strand geworfen. Die Kokospalmen warfen sich weit zurück vor der anstürmenden Böe. Hei! Wie der Sturmvogel scharf und gellend pfeift, wenn er über die aufgewühlte See streicht und seine langen, elastischen Flügelspitzen auf die glatte Woge preßt, von der die Windsbraut schon den schäumenden Kamm geraubt hat und als Perlen über das Meer streut. Hei! Wie die Brandung kracht und tobt, sich bäumt und die weißen Arme reckt über den Korallendamm. Der Sturm, der machtlos seine Kraft an diesem Bollwerk brechen sieht, stemmt sich schließlich gegen das grüne Land. Die Palmen faßt er in seinem tollen Spiel und biegt und schaukelt sie, wie sonst nur Halme oder Blüten. Gewaltig und furchtbar ist ein Sturm auf offener See, wo er die Wogen aufwühlt und gräbt. Wo die berggleichen Massen wie spielend und mit entsetzlicher Schnelle vor ihm hergejagt werden. Frei und ungehindert breitet er sich da aus. Das kleine Schiff wirft er aus seiner Bahn, taucht und schleudert es empor, reißt und splittert daran, was er kann, und jagt dann weiter. Grauenhaft ist er auch dort, wo die bergige Küste seinen Anprall hemmt. Seit Jahrhunderten kämpft er hier schon, stemmt sich in Schluchten und wühlt und bohrt, um das Grundgestein seines Feindes zu untergraben. Von der See heran schickt er die Wogen zum gemeinsamen Kampf. Wild heult und braust sie auf, die wilde Windsbraut, wenn die Bäume sich elastisch biegen und nicht weichen wollen. Dann zieht sich der Orkan grollend über die See zurück, in der Ferne dröhnt und braust es noch. Bläulich schwarz liegt die See, einzelne Sturzwellen brechen noch in sich zusammen. Aber die Sturmmöwe zieht jetzt mit klappendem Flügelschlag, nicht mehr regungslos kreisend, über das stillere Wasser. Auf dem Land zeigt sich schon wieder Sonnenschein. Jeder niedergeschleuderte Tropfen wird zur Perle, die blitzend im Licht funkelt. Noch erzürnt, aber doch schon wieder von der Sonne erwärmt, schütteln die Bäume ihr Laub und rauschen und rascheln, um alles wieder in die alte Form zu bringen. Der warme Duft aus den Tälern wird zum Nebelschleier, den sich der Berg wie eine Krone aufsetzt. Es war zur Zeit dieser Stürme, die sich besonders im Herbst und Frühjahr in dieser Breite zeigen. Der Orkan brauste noch mit seiner furchtbaren Kraft über das Wasser und schob berghohe Wellen über die Riffe. Der Regen hatte bereits nachgelassen, und die dunklen Wolken wurden vom Wind fortgeweht. Jetzt blieben einzelne Menschen auf der Hauptstraße von Papeete am breiten Strand stehen und sahen auf das Meer hinaus. Die Türen der nächsten Häuser wurden geöffnet, und die Eigentümer hielten Teleskope in der Hand. Bald darauf versammelten sich mehr Neugierige um sie und lauschten auf die Worte der Fernglasbesitzer wie auf ein Orakel. Gegenstand ihrer Neugierde war ein großes Schiff, das von Point Venus aus schon vor einer halben Stunde, noch mitten im Sturm, der Königin gemeldet wurde. Die Fregatte wollte weit draußen beidrehen und mußte endlich vor dem Wind abfallen. Jetzt kam sie mit dicht gerefftem Vormars- und Vorstengenstagsegel um die Spitze herum. Sie sollte jedenfalls nach Papeete, aber bei dem starken Seegang und der schmalen Einfahrt durch die schäumenden Riffe konnte sie es noch nicht wagen. So versuchte man, sowenig Fortgang wie möglich zu machen, um dann, frei von den Riffen, wieder aufzubrassen und gegen den Wind zu kreuzen. Von welchem Land mochten sie kommen? Diese Frage beschäftigte jetzt alle mit ängstlicher Spannung. Gerade die Eingeborenen fürchten die Rückkehr des nur zu gut bekannten Du Petit Thouars, wagten aber auch noch nicht, an ein zweites englisches Kriegsschiff zu glauben. Die Meinungen über das Aussehen des Schiffes waren geteilt. Während es einige der Europäer vom Bau der Masten her für einen Franzosen hielten, behaupteten andere, daß es amerikanischen Zuschnitt hätte. Nur ein kleiner Teil behauptete, daß es aus England stamme und gleich die englische Flagge zeigen würde. Die in Papeete anwesenden Missionare, die zu einer vertraulichen Sitzung bei Bruder Dennis gekommen waren, standen auf der Veranda seines Hauses und warteten mit ängstlicher Spannung auf die Entfaltung der Flagge. Noch vor dem Sturm hatten sie mit ihrer Sitzung begonnen. Als die Windsbraut heulend an den Pfosten des Hauses rüttelte, die Palmen wie Weidenruten niederbog, da lagen die schwarz gekleideten Männer in dem langen, luftigen Gebäude auf den Knien und mischten ihre Hymnen und Gesänge mit dem Gebrüll des Orkans. Es war ein Preislied dem Herrn der Stärke und Barmherzigkeit. Versammelt waren die Brüder Rowe, Dennis und Nelson, McKean, Smith und Brower, die wichtigsten Vertreter der evangelischen Lehre in der Südsee. Nach den uns bereits bekannten Geistlichen Rowe und Nelson schien Bruder Dennis der bedeutendste zu sein. Er war auch einer derjenigen, die an sich selbst zuletzt dachten, um, das heilige Buch im Arm, das gehobene Kreuz, auch das Schwert in der Rechten, ihre gerechte Sache zu verteidigen. Dabei ging er rücksichtslos vor, egal, welchen Glauben oder welche Familienbande er unter seine Füße trat. Eigennutz und Ehrgeiz waren ihm fremd. Keine Freundschaft und keine Liebe hatten sein Herz auch nur für eine Stunde dem hohen Zweck seines Lebens abgewinnen können. Er hielt den, Tag für vergeblich, wo er nicht wenigstens einen Sünder, der dem Verderben entgegeneilte, wachgerüttelt hatte. Zwei andere, McKean und Brower, waren einfache Menschen, die ihre Lebenszeit in der Bibel begraben hatten. Sie bemühten sich, das edle Metall mit dem tauben Gestein mühsam und unverdrossen heraufzuholen, ohne aber imstande zu sein, es voneinander trennen zu können. Hohe Berge hatten sie um sich errichtet, um jederzeit nach denen werfen zu können, die ihnen zu nahe kamen oder ihnen ihre Stellung streitig machen wollten. Bruder Smith war eine ganz andere Persönlichkeit. Er war klein und geschmeidig und hatte sich dem Missionswesen gewidmet, wie er sich jedem anderen Geschäft gewidmet hätte. Von Enthusiasmus war bei ihm keine Rede, noch viel weniger von Schwärmerei. Er sah die ganze Mission auf praktische Weise als Geschäft an, das ihnen vom lieben Gott übertragen war. Er war bereit, alle übertragenen Pflichten zu erfüllen. Dafür erwartete er, daß ihm der liebe Gott neben dem täglichen Brot auch noch einige andere Kleinigkeiten erfüllte. Er war außerdem ein ausgezeichneter Geschäftsmann. Mit den von England eintreffenden Waren hatte er stets gute Tauschgeschäfte gemacht. Es wäre eigentlich anständiger gewesen, wenn man mit dieser Aufgabe jemand beauftragt hätte, der mit dem sonstigen Missionsdienst nichts zu tun gehabt hätte. Bruder Smith konnte aber beides sehr geschickt miteinander verbinden. Er gab die Ware mit großer Salbung aus und die Lehre mit berechnender Klugheit, und die Insulaner konnten manchmal das Empfangene nicht mehr voneinander unterscheiden. Sie waren oft im Zweifel, für was sie ihr Kokosnußöl, ihre Perlen und Muscheln eigentlich zum Markt gebracht hatten und ob sie dabei ein gutes oder ein schlechtes Geschäft getätigt hatten. Doch zurück zu unserem Schiff, das die Aufmerksamkeit aller am Strand auf sich gelenkt hafte. Noch immer waren die Masten kahl. »Segne meine Seele!« rief da ein dicht am Strand stehender Neger. Er war früher einmal von einem Walfänger entlaufen und hatte seinen Weg nach Tahiti gefunden. Wegen seiner Farbe und seines großen Körperumfangs galt er bei den Eingeborenen als Autorität in seemännischen Fragen. »Ich glaube, der Bursche will einlaufen. Wenn er das bei der See versucht, kann er sich darauf verlassen, daß er heute in Davys locker Abendbrot ißt. Kein Dampfschiff könnte sich frei von den Leeriffen halten!« »Was für ein Segel ist das wohl, Pompey?« erkundigte sich Tati, der Häuptling. »Englisch, by God, Massa«, rief der Neger rasch, denn er kannte den Häuptling. »Englisch jeder Zoll an ihr Die Engländer und Amerikaner nennen alle Arten von Fahrzeugen weiblich. Die Seeleute haben dafür auch einen nicht gerade schmeichelhaften Grund: Weil die Takelage und die Segel mehr kosten als alles andere. und wahrscheinlich ein Dorn in Massa Gumbos Spottname für die Franzosen in Louisiana nach einem dort verbreiteten Lieblingsessen Auge dort drüben. Jetzt kommt er zwischen zwei Feuer, wenn er den Schwarzröcken einheizen will und Land pachten will von Königin Pomare. Wenn jetzt noch ein Franzmann dazukommt, dann gibt es Spaß. Aber wenn sie hier mit eisernen Bällen spielen, gehe ich in die Berge. Das wird manchem wohl etwas zu warm werden!« »Es ist die ›Reine blanche‹!« sagte aber jetzt ein anderer, und wie ein Lauffeuer ging diese Meinung durch die Menge. Der gefürchtete Admiral Du Petit Thouars war schon lange im Hafen erwartet worden. Der französische Konsul hatte gegen die letzte Verhandlung protestiert und war zornig weggegangen. Welchen Bericht würde er jetzt wohl dem Admiral geben? »Da – dort geht die Flagge vom ›Talbot‹!« rief Pompey plötzlich. »Und da die Privatsignale! Er wird den anderen vorm Einlaufen warnen wollen!« »Dort an Bord kommt etwas Buntes!« rief ein Eingeborener, der auf eine Palme geklettert war, um einen besseren Überblick zu gewinnen. »Da kommt die Flagge – Alt-England für immer!« jubelte ein junger Bursche, ein Seekadett des »Talbot«, der auf Urlaub durch den Sturm an Land geblieben war. »Dort weht der Union Jack, und Monsieur Crapo hat sich zu früh gefreut!« »Englische Flagge – englische Fregatte!« schrie und wogte es jetzt am Land durcheinander. Die Missionare auf der Veranda drückten sich die Hände, und ein großer Teil der Insulaner jubelte dem fremden Schiff ebenfalls zu. Andere von Tatis Gruppe sahen aber wütend aus und betrachteten die Partei schon wieder als Sieger, die ihnen bislang immer störend im Weg gestanden hatte. Die beiden englischen Kriegsschiffe hatten inzwischen nur ihnen bekannte Signale gewechselt. Die fremde Fregatte hielt noch immer auf die Einfahrt zu, als wollte sie trotz Wind, Wogen und Korallen hindurch. Wahrscheinlich hatte sie aber diese Stellung nur eingenommen, um ihre Signale deutlich auswehen zu lassen. Jetzt fiel sie vor dem Wind ab, braßte die Marssegel vierkant und flog förmlich aus dem Bereich der gefährlichen Klippen. Wie ein Lauffeuer zog die frohe Botschaft am Strand entlang. »Das Kriegsschiff ist für uns gekommen. Die Franzosen können jetzt gar nichts mehr auf der Insel befehlen. Der Vertrag, der alle zu Sklaven machen sollte, ist ungültig. Keine andere Flagge als die tahitische und die englische sollen hier wehen!« Aonui war der wildeste zwischen den anderen. »Brüder, der Tag der Vergeltung ist gekommen!« schrie er und sprang auf einen Stapel Holz, aus dem Kanus gemacht werden sollten. »Die Beretanis kommen, die uns die Bibel gebracht haben. Jetzt bringen sie auch Kanonen, damit wir unsere Bibel verteidigen können. Die Beretanis sind gut, wir wollen nichts weiter. Wir haben die Bibel, und die Feranis können gehen, wir halten sie nicht! Wir haben auch die Feranis lieb, denn sie sind auch unsere Brüder. Aber nicht solche Brüder wie die Beretanis, sondern eine andere Art. Die Beretanis haben uns die Bibel gebracht, die Feranis wollen sie uns wieder nehmen. Die Feranis haben viel Platz woanders, wir wollen ihnen dort Freude wünschen.« Das war etwa der Sinn der Rede, die der Häuptling seinen Leuten zuschrie, wobei er immer wieder die einzelnen Sätze wiederholte. Der Tumult um ihn wogte weiter fort, und er versuchte, ihn noch zu übertönen. Sie verstanden aber doch den Sinn, und bald darauf ging von Mund zu Mund der Ruf: »Fort mit den Feranis, fort mit der Flagge, wieder an Bord mit den Priestern, die uns ihre neuen Götter aufdrängen wollen. Wir haben die Bibel, wir verlangen nicht mehr!« »Bin nur neugierig, was sie heute wieder für Dummheiten anrichten werden«, sagte der Neger Pompey zu dem neben ihm stehenden Seemann. Es war unser alter Bekannter, der Ire Jim. »Mister, sehen Sie doch mal, wie die schwarz gekleideten Gentlemen da hinten so eifrig die Hände und Arme werfen und streiten! Sie hacken alle auf einen ein mit weißen Haaren, das wird wohl der einzige Vernünftige unter ihnen sein.« »Wieso, mein Bursche?« erkundigte sich Jim O'Flannagan, der mit den Augen der Richtung gefolgt war. »Es geht doch alles so hübsch und vortrefflich zu wie nur möglich!« »Hübsch und vortrefflich? Na ja, manchem gefällt es so«, sagte der Neger und betrachtete den Fremden etwas genauer. »Aber, hallo, Mister, haben wir uns nicht schon einmal bei Mütterchen Tot getroffen?« Der Ire lachte. »Ich bin überall zu finden, wo es gute Gesellschaft gibt!« sagte er mit einem etwas zweideutigen Blick auf seinen schwarzen Gefährten. »Aber haben Sie eine Ahnung, auf was das jetzt hinausläuft? Es sieht so aus, als wollten die guten Leute alle Franzosen ohne Säumen auf das Schiff laden?« »Verrückt genug dazu wären sie!« brummte der Schwarze. »Das wäre auch nicht der erste derartige dumme Streich, den sie begehen. Wenn es jemand gut mit ihnen meint, sollte er das verhindern.« »Wen geht es denn etwas an?« lachte der Ire. »Dafür haben sie auch ihre Seelsorger. Hallo, kennen Sie die beiden da? Die scheinen es eilig zu haben!« »Das sind die beiden obersten Häuptlinge der Insel, Tati und Utami. Wenn die könnten, wüßte ich schon, wen sie als erste auf das nächste Schiff packen würden.« »Kann es mir denken. Es kommt jetzt nur darauf an, wer zuerst sein Schiff frei hat, Engländer oder Franzose. Dem lieben Gott bleibt jetzt die Wahl vollkommen offen, wen er hierbehalten will, Katholiken oder Protestanten.« »Wenn sie den Feranis hier etwas antun, schießt ihnen der Franzose alles zusammen. Ich habe da drüben auch ein kleines Häuschen stehen!« sagte der Neger. »Wenn es aber hinter den Bergen liegen würde, könnte er machen, was er wollte?« frug Jim, und der Neger zeigte ein breites Grinsen. Die Aufmerksamkeit der beiden wurde jetzt auf das Haus gelenkt, in dem sich die Missionare befanden. Dort drängte sich das Volk zusammen und schien eine bestimmte Leitung ihres Unmuts zu verlangen. »Nieder mit der Flagge der Feranis!« ertönte der Ruf. »Fort mit den Priestern! England hat Schiffe zu uns geschickt, um uns zu beschützen! Wir wollen nichts weiter mit den Wi-wis zu tun haben! Fort mit ihnen!« Ein schlanker Mann mit starkem Backen- und Schnurrbart ging mit den beiden Häuptlingen rasch an ihnen vorbei. »Das tut niemandem gut. Die Folgen dieses Handelns werden sie sich später selbst zuzuschreiben haben«, sagte er. »Die Missionare treiben es in ihrem stolzen Wahn bis zum Äußersten!« antwortete Tati. »Ihre kurzsichtige Politik wird ihnen das geistliche und der Königin das weltliche Regiment nehmen«, sagte der erste Sprecher. »Die einzige Rettung, die dem Lande noch bleibt, ist eine vernünftige Mäßigung. Die Missionare wie die Franzosen müssen gleichzeitig im Zaum gehalten werden.« »Sagen Sie das den Priestern, Konsul Mörenhout. Dann zucken sie die Achseln und bedauern, daß sie dabei nichts tun können, da sie sich nie in die Politik des Landes mischen.« »Heuchler!« zischte der Konsul zwischen den Zähnen hindurch. Er verließ jetzt die Häuptlinge und ging zur Veranda. An der Treppe begegnete er den Missionaren Dennis und Rowe. Als Mr. Rowe den französischen Konsul auf sich zukommen sah, blieb er stehen. Er stand ein paar Stufen höher und sagte mit unendlicher Milde und Freundlichkeit: »Was führt unseren sehr ehrenwerten Freund in solcher Aufregung zu uns?« Der Konsul sprang rasch die Stufen hoch und an dem Geistlichen vorbei. »Mr. Rowe, ich möchte ein paar Worte mit Ihnen und den übrigen Herren reden, aber augenblicklich.« Die Nachbemerkung setzte er hinzu, als er sah, wie unschlüssig die geistlichen Herren zögerten. »Es geht jetzt nicht um die Privatinteressen eines protestantischen oder katholischen Priesters«, fuhr er gereizt fort. »Es geht um die Interessen und das Wohl dieses Landes, dessen Entscheidung Sie nun einmal in die Hand genommen haben, wenn auch nicht erörtert werden soll, mit welchem Recht.« Die Missionare blieben stehen, drehten sich zu dem aufgeregten und gereizten Mann um. Sie blieben dann auf der Veranda, wo sich bald alle um Mr. Rowe und den französischen Konsul versammelt hatten. »Sie scheinen sich in der Person zu irren, verehrter Herr. Wir sind alle Männer des Friedens, denen es nicht einfallen kann, etwa mutwillig, wie Sie meinen, einen Krieg heraufzubeschwören. Was können wir, einzelne und unbewaffnete Männer, dagegen tun?« erkundigte sich freundlich Bruder Rowe. Der Konsul schritt rasch und ärgerlich auf der Veranda auf und ab, erwiderte aber kein Wort. Er fühlte, daß ihm bei der ersten Silbe, die er laut spräche, die Galle überlaufen würde. Er wollte jetzt in diesem vielleicht für spätere Zeiten wichtigen Augenblick alles vermeiden, was ihm später als Übereilung hätte zur Last gelegt werden können. Nach einer längeren Pause, als der ehrwürdige Mr. Rowe gerade die Veranda wieder verlassen wollte, begann er erneut: »Weigern Sie sich wirklich, das blinde, mit europäischen Verhältnissen unbekannte Volk von einem so übereilten Schritt wie dem Niederreißen der französischen Flagge zurückzuhalten? Bedenken Sie nicht, daß sich dieselben traurigen Szenen in Monaten vielleicht schon wiederholen können und Sie dann selbst in dieser mißlichen Lage stecken?« Der ehrwürdige Mr. Rowe warf den Kopf stolz empor und sagte mit vielleicht absichtlich sehr lauter Stimme: »Weder Ihre Überredung, Herr Konsul, noch Ihre Drohungen können uns zu einem Schritt bewegen, den wir mit unserem Amt für unverträglich halten. Wie Sie wissen, ist der englische Konsul schon vor längerer Zeit nach Großbritannien gegangen, um dort den Schutz unserer Konfession zu sichern. Sie sehen da draußen auf See in dem hell blinkenden Segel die Antwort unserer Nation. Monsieur Du Petit Thouars wird sich einen anderen Wirkungskreis für seine Heldentaten suchen müssen. Künftig hat er es nicht mehr nur mit wehrlosen Insulanern und friedlichen Lehrern zu tun.« Mörenhout biß sich auf die Lippen und blieb einen Augenblick überlegend stehen. Er wollte dann ohne ein weiteres Wort die Treppe wieder hinuntersteigen, als der alte, ehrwürdige Mr. Nelson seinen Arm ergriff und freundlich sagte: »Gehen Sie noch nicht, Konsul Mörenhout. Ein gutes Werk darf nicht so leicht aufgegeben werden, und ich halte Ihnen Ihre Absicht zugute, in der Sie hergekommen sind.« »Mr. Nelson spricht, als ob dieses sogenannte ›gute Werk‹ in unseren Händen läge«, sagte Mr. Rowe gereizt. »Das ist wahr!« rief der alte Mann vor Eifer glühend. »Es wäre Sünde von uns zu behaupten, daß wir nicht die Macht haben, das Volk zum Guten zu leiten und es zur Mäßigung anzuhalten. Genauso Sünde wäre es, es jetzt in dieser gereizten Stimmung zu einem leichtfertigen, unglücklichen Schritt zu treiben. Wir als die Lehrer des Volkes dürfen nicht entscheiden, ob die englische oder die französische Flagge das Recht hat, hier zu wehen. Unser Ziel ist es, die Eingeborenen zu Christen zu machen, und nicht zu Engländern oder Franzosen. Ihre Häuptlinge können dann von unseren Konsuln unterstützt werden, aber nicht von unseren Kanzeln!« »Es gibt Verhältnisse, bei denen ein Zaudern in der guten Sache Verrat genannt werden könnte!« fiel ihm hier Bruder Rowe ins Wort. Er konnte seinen aufsteigenden Grimm nicht länger bewältigen. »Wehe über Israel!« rief der ehrwürdige Mr. Brower und schüttelte traurig den Kopf. »Das ist die kalte Glut, die fremde Herzen erwärmen soll und nicht einmal imstande ist, das eigene Feuer hell und lodernd anzufachen. Wehe über die Säumigen, die zögern und die Stunden zählen zum Tag und nicht wirken wollen, solange es noch Nacht ist, wehe über die Zaghaften am Tage des Gerichts!« Mr. Mörenhout hatte den Streit der Geistlichen mit kaum noch zu zähmender Ungeduld angehört. Mit einer gewaltsam erzwungenen Ruhe sagte er jetzt: »Sie weigern sich also, meine Herren, den Frieden mit Frankreich aufrechtzuerhalten? Sie weigern sich, dem Volk das Gefährliche einer solchen Handlung vorzuhalten?« »Weigern, Herr Konsul?« unterbrach ihn Rowe entrüstet. »Wir haben nichts mit der Politik dieses Landes zu tun. Mit einem solchen Antrag muß ich Sie an die Königin selbst verweisen!« Mörenhout wollte noch etwas erwidern. Er hatte schon den Mund geöffnet und trat einen Schritt auf den Missionar zu. Der stellte sich dem gereizten Blick des Mannes mutig. Mörenhout drehte sich plötzlich scharf auf dem Absatz herum und blieb einen Moment stehen. Er konnte den Platz gut übersehen und winkte nach der Stelle, wo die Häuptlinge Tati und Utami standen. Ihnen hatte sich auch Paofai zugesellt. Dann ging er zu ihnen, und gemeinsam entfernte sich die Gruppe heftig gestikulierend am Strand. 15. Die Königin Pomare Der Sturm hatte nachgelassen, aber der Westwind schleuderte noch immer seinen Wellenschaum gegen das Leeufer Das westliche Ufer dieser Inseln wird immer das Leeufer genannt, da der Wind fast immer von Osten kommt. der Insel. Die schweren Palmenwipfel vor dem Palast Aimatas, der Vierten Pomare, schwankten herüber und hinüber und schüttelten die schweren Tropfen aus ihren Kronen. Der Palast der Pomare – ein Zauber lag sonst über dem Heiligtum, das ein frohes, gutmütiges und deshalb auch leichtgläubiges Volk mit allem ausgeschmückt hatte, was seine Phantasie an großen Dingen nur erfinden konnte. Was machte es, daß nur Bambusstäbe das leichte Dach aus Pandanusblättern stützten und nur feingeflochtene Matten und selbstgewebte Tapa den inneren Raum zierten. Was machte es, daß die Häuptlinge nur aus einfachen Kalebassen ihre Brotfruchtsuppe aßen und den Saft der Kokosnuß dazu tranken? Sie waren die von Oro beschützten Fürsten, und schon der Boden heilig, auf den sie ihren Fuß setzten. Und jetzt? Der Verkehr mit den Europäern hatte die alten, einfachen Sitten der Insulaner verdrängt. Anstatt daß sich die Missionare dem einfachen Leben anpaßten, lenkten sie die Gier dieser sonst so anspruchslosen Menschen auf die fremden Dinge, die sie in Massen mitgebracht hatten. Der Schutz der Könige wurde durch Geschenke, bunten Plunder, gewonnen. Als sich die Fürsten dann immer mehr mit den Fremden einließen, um ihre Geschenke zu bekommen, als sie sogar ihre Götter gegen Glasperlen eintauschten, da war ihre Würde und königliche Macht dahin. Zwar blieb noch der äußere Prunk und wurde vielleicht sogar noch wie das letzte Aufflackern einer Lampe kurze Zeit erhöht und verstärkt. Auf den Sandwichinseln, wo republikanische Missionare zuerst Gottes Wort verkündeten, wurde die Macht der Könige dadurch zuerst gehoben. Besonders die Frauen Missionar Bingham spricht mit besonderer Ehrfurcht von der würdigen »Matriarchin« Kaahumanu, der Frau Kamehamea I., einer Frau von fast dreihundert Pfund Gewicht. Sie führte wahrscheinlich auch zu der Fabel von der riesigen Dicke der Königin Pomare. Die Sandwich- und Gesellschaftsinseln werden nur zu oft miteinander verwechselt. hingen als erste der christlichen Religion an. Aber auf den Gesellschaftsinseln hatte es genau den gegenteiligen Erfolg. Die Pomaren begegneten der christlichen Religion mit Trotz, bis dann in späteren Jahren der zweite Pomare zur christlichen Religion übertrat. Die Fürsten, die man bis dahin für übernatürliche Wesen gehalten hatte, wurden Menschen. Die Götter, die bis dahin das Schicksal der Völker bestimmt hatten und die ihre Hand über Land und See gehalten hatten, wurden plötzlich zu Holzstücken. Der Glaube, die Furcht und die Liebe des Volkes war alles nur ein schöner Traum gewesen. Daß es dann zu Extremen übersprang, läßt sich denken. Das schlichte Bambushaus, in dem sich der Herrschersitz der Könige befand und zu dem alle mit Ehrfurcht aufsahen, war verschwunden. An dessen Stelle stand ein europäisches Gebäude, mit Schindeln gedeckt. Es hatte eine Veranda und eine Treppe, Türen und Glasfenster und dichte Wände, durch die keine kühle Seebrise drang. Fremd und unnatürlich starrte es zwischen den schlanken Palmen hindurch. Das Innere war wild und geschmacklos mit den verschiedenen Geschenken aus allen Ländern und von vielen Schiffen ausgeschmückt. Porzellan und Glas, Bronze und Messing, versilberte Leuchter, vergoldeter Schmuck, Service und Geschirr standen so geschmacklos im Weg herum. Die natürliche Majestät war gewichen und die künstliche nicht mehr imstande, selbst dem Eingeborenen zu imponieren. Die Ehrfurcht, die er dem schlichten Bambus und der einfachen Tapa gezollt hatte, verweigerte er dem kostbaren Teppich und all den anderen tausend »Kostbarkeiten«, die er staunend anstarrte, wenn er an ihnen vorüberging. Er kannte die Quelle, aus denen sie kamen. Pomare ging nicht mehr mit Oro Hand in Hand, und vor dem neuen Gott waren alle Menschen gleich, das hatten ihnen die fremden Lehrer oft genug gesagt. Rücksichtslos, wie die Hand der Menschen schon an dem Hermelin der Königin gerissen hatte und die Faust nach der Krone Aimatas ausstreckte, so hatte auch der Sturm in seiner tobenden Lust auf dem geweihten Platz gewütet. Wo einst eine Anzahl herrlicher Palmen das alte Bambushaus der Königin umgaben und sich dabei untereinander Schutz gegen die wilden Windgeister gaben, mußten viele weichen für den größeren Neubau. Die einzeln zurückgebliebenen waren aber nicht imstande, dem wilden Westwind zu trotzen. Wieder und wieder wurden sie zu Boden gedrückt, bis die herrlichste von ihnen mit schwerem Fall zu Boden schmetterte, dabei in Banane und Brotfruchtbaum zerstörend fiel. Wie ein unartiges Kind, das sein Spielzeug zerbrochen hat, sauste der Sturm danach über die mächtigen Waldeswipfel und verschwand hinter den Bergen. Die Palme lag zerknickt, der starre, aufgespaltene Stamm kahl und vorwurfsvoll zum Himmel deutend. Der Wipfel bot ein trauriges Bild zertrümmerter königlicher Kraft – ein Sinnbild hier auf der Schwelle der Pomare. Als der Sturm schwieg, wogte und drängte draußen das Volk in dichtem Schwarm. Zum erstenmal fühlte es wieder eine Macht, die ihm die Fremden genommen hatten. Das Volk sprach, und der Palast lag verödet da. Die Türen standen offen oder schlugen im Zugwind hin und her. Die europäischen Vorhänge und Gardinen flatterten und wehten unordentlich hinaus. Die Hofdamen Pomares hatten sich in Furcht und Neugierde teilweise mit an den Strand gedrängt, um das Schiff zu sehen, teilweise standen sie mit flatternden Locken und Gewändern auf der Veranda. Pomare war in ihrem Zimmer ganz allein. Sie stand regungslos an ein Fenster gelehnt, die linke Hand auf der geöffneten Bibel. Nachdenklich sah sie hinaus auf die wild geschüttelten Baumwipfel. Sie hatte eine schlanke, edle Gestalt mit nicht gerade schönen, aber doch wohltuenden Zügen. Besonders ihre Augen wirkten feurig und lebendig, nur die Brauen waren jetzt finster zusammengezogen. Sie war in die Landestracht gekleidet, nur aus kostbareren Stoffen gefertigt. Der Pareu bestand aus einem feinen, gelb und rot gestreiften und mit kleinen Silberblumen durchzogenen Gewebe. Der obere Rock, der weit und bis zum Gürtel offen war und an den Handgelenken mit zwei Perlmuttknöpfen zusammengehalten wurde, bestand aus schwerer, blaßroter Seide, um die Hüften von einer goldenen, emaillierten Spange zusammengehalten. Die Haare trug sie offen mit einem goldenen Reifen, der wohl an die Krone erinnern sollte. An den Fingern blitzten zwei auffällige goldene Ringe. Dieser Schmuck war den Eingeborenen der liebste und wertvollste. Ihre Füße waren nackt. Lange Zeit blieb sie so stehen. Nur einmal war es so, als ob sie ungeduldig nach dem dumpf zu ihr herüberdringenden Lärm horchte. »Sie kommen, Pomare, sie kommen«, rief da plötzlich eines der Mädchen, das nur schnell den Kopf durch die Tür steckte und gleich darauf wieder verschwunden war. »Aramai, Einana!« rief die Königin und drehte sich zornig zur Tür um. Das junge Mädchen erschien wieder und blieb schüchtern und beschämt stehen. »Ist das jetzt Sitte hier bei mir geworden, daß ihr draußen herumlauft und dann zu mir hereinstürmt und mir die Botschaft unter das Dach ruft, als ob ich herübergeweht wäre von den Inseln windwärts? Wer kommt? Waihine, und wo sind deine Gefährtinnen?« »Tati, der Häuptling, Pomare, mit dem bösen weißen Ferani«, sagte das Mädchen etwas ängstlich. »Und noch viele andere Tanatas.« »Und die Einanas?« »Stehen draußen und sehen hinaus.« »Was will Tati von mir?« frug die Königin finster, mehr mit sich selbst redend. »Böser Ferani war bei den Mitonares, hat sich mit ihnen gezankt und kommt jetzt zornig und bös zu Pomare«, sagte das Mädchen leise. Ein verächtliches Lächeln zuckte um Pomares Lippen, weil die Einana den Ferani fürchtete. Aber die Botschaft selbst beunruhigte sie doch. Der französische Konsul verkehrte nie mit den protestantischen Geistlichen. Er wußte nur zu gut, daß sie ihn haßten und verabscheuten. Was hatte er dort zu tun, wenn sie nicht etwas gegen ihn und seine Nation unternommen hatten? Warum wußte sie noch nichts davon? »Die Mitonares haben das englische Schiff gesehen und glauben sich nun als Herren dieses Landes«, murmelte sie leise vor sich hin. »Aber noch nicht, noch nicht. Und das alles sagt die Bibel, alles, was sie wollen.« Lautes Sprechen von der Veranda drang herüber, und die Einanas, die bis jetzt draußen herumgestanden hatten, schlichen sich leise ins Zimmer, während eine von ihnen die Ankunft des »Ferani Me-re-hu« mit Tati, dem Häuptling, meldete. Noch ehe Pomare die Zustimmung zum Eintritt der beiden geben konnte, wurde die Tür wieder aufgerissen, und der Konsul betrat rasch den Raum. Tati folgte ihm langsam und scheu. »Haben Sie die Sitten verlernt, Konsul Me-re-hu?« rief ihm Pomare gereizt entgegen, noch ehe er den Mund zu seiner Verteidigung öffnen konnte. »Wie kommen Sie dazu, in das Zimmer einer Frau, und noch dazu der Pomare einzudringen, als wären Sie in Ihrem Haus? Noch haben Ihre Kriegsschiffe meinen armen Thron nicht umgeworfen und Ihre Soldaten mein Volk erschlagen oder Ihre Priester es betört! Gehen Sie weg von hier, Sie sind ein unruhiger, böser Mann! Und was will Tati von seiner Königin, daß er mit dem Fremden über die Schwelle bricht wie ein Dieb in der Nacht?« »Ich komme nicht meinetwegen, sondern wegen dem Reich, das von deinen wilden Priestern verdorben wird!« unterbrach sie aber Mörenhout, ohne Tati Zeit zu geben, sich selber zu verteidigen. »Konsul Me-re-hu!« rief Pomare entrüstet. »Ja, Pomare!« fuhr der Franzose in zornigem Eifer fort. »Ich muß es wiederholen. Deine Priester arbeiten in diesem Augenblick selbst daran, den Bruch unheilbar zwischen diesem Land und Frankreich zu machen. Sie stützen sich auf die Bibel, der sie in blindem Eifer anhängen und predigen und schreien, daß sie nur ihr folgen. Dabei ist es nur ihre eigene, starrköpfige Meinung, der sie folgen!« »Sind Sie nur hierhergekommen, um Gott und meine Priester zu lästern, Konsul?« erkundigte sich kalt die Königin. »Ich bin hierhergekommen, um dich zu bitten, daß du ihren Übermut steuerst! Ich will dich warnen, damit ihr Einfluß nicht zu stark wird!« »Warnen!« wiederholte Pomare verächtlich und drehte dem Konsul halb den Rücken zu. »Und was sagt Tati? Hat der erste Häuptling Tahitis dem Fremden das Wort überlassen?« wandte sie sich an den mit untergeschlagenen Armen und finsterem Gesicht dastehenden Häuptling zu. »Warum nicht, wenn er die richtigen Worte spricht?« sagte der Häuptling ernst. »Es ist ja dasselbe, weshalb auch ich gekommen bin und worum ich Pomare bitten wollte.« »Und was wollt ihr von mir?« rief die Königin, jetzt wirklich beunruhigt durch das ernste Aussehen der Männer. »Was ist geschehen, was haben die Mi-to-na-res getan?« »Die Mi-to-na-res tun nie etwas«, sagte der Konsul jetzt wesentlich ruhiger. »Sie stecken sich nur hinter die Menge, reizen mit ihren Worten das Volk und sind dann unschuldig wie Kinder, wenn der Same aufgeht, den sie erst gerade gepflanzt haben.« Die Königin machte eine ungeduldige Bewegung. Tati sah ein, daß der Konsul mit seinem Zorn über die Missionare nicht mehr zum Hauptpunkt kam. Er fiel jetzt ein: »Sie sind unklug genug, das Volk dazu zu treiben, daß es die französische Flagge niederreißt!« »Welches Recht hat sie denn, hier zu wehen?« frug Pomare rasch. »Den mit dir selbst geschlossenen Vertrag!« rief der Konsul. Tati biß sich auf die Lippen und entgegnete nur trocken: »Das Recht des Stärkeren, ich weiß von keinem anderen.« »Von keinem anderen?« sagte der Konsul erstaunt und drehte sich rasch zu dem Häuptling um. »Habt ihr nicht selbst alle den Vertrag unterschrieben, der das absichert?« »Eben weil ihr die Stärkeren seid, habt ihr das Recht«, sagte der Häuptling finster. »Der Vertrag war in anderem Sinne, als Sie ihn ausbeuten möchten. Wärt ihr so ein kleines Reich wie wir, würde die Frage gar nicht existieren. Dann würde die Kriegskeule entscheiden, welche Flagge in der Brise flattern dürfte. Kaufleute sind aus dem Land der Feranis gekommen, und sie haben nichts gesagt. Jetzt kommen Priester von dort, und sie schreien, daß Gott das Land mit Feuer und Schwefel ausrotten würde, warum? Weil die anderen Priester auch Ferkel haben wollen zum Backen und Brotfrucht zum Rösten. Weil sie auch Worte eintauschen wollen gegen Körbe voll Früchte und Hühner und Schweine.« »Wie kann ich es verhindern?« sagte Pomare unschlüssig. »Ihr wilden Männer habt mich in ihre Hände gegeben, und ich will mich dem Ferani nicht beugen.« »Wer sagt denn, daß du es sollst?« rief Tati schnell. »Aber ebensowenig auch der Flagge der Beretanier!« »Die frommen Männer verkünden das Wort Gottes, nicht das Beretaniens«, entgegnete Pomare. »Donnerwetter, das sollen sie denen sagen, die es glauben!« rief der Häuptling. »Ihr eigener Bauch ist ihr Gott, und die Bibel halten sie vor, um ihn zu verstecken. Waren die Häuptlinge in alten Zeiten den Göttern oder den Priestern untertan? Hat der neue Gott so wenig Macht, daß wir vor seinen Dienern nur Furcht und Ehrfurcht haben sollen?« Die Königin wollte reden, aber ihre Stimme versagte in diesem Augenblick. »Ich weiß, daß sie alle deine guten Eigenschaften, aber auch alle deine Schwächen benutzt haben, um sich selbst zu dienen. Dein gutes Herz haben sie für ihren Gott gewonnen. Das Erbteil deines Stammes unterstützte sie in dem Kampf mit deinen Feinden. Sieh mich nicht so an, Pomare, ich gehörte nie dazu, auch wenn das Blut meiner Väter, der alten und rechtmäßigen Fürsten dieser Inseln, durch meine Adern fließt. Ich habe dich selbst stets geachtet, auch wenn ich mich gegen deinen Stamm gestellt habe. Aber es tut mir weh, daß der Häuptlingsstab aus unserer Faust gerissen wurde und nicht eine würdige Hand schmückte. Eine Schar Fremder benutzt ihn als Stock, um damit ihre Herde zusammenzutreiben. Mit Zorn und Schmerz erfüllt mich der Gedanke, das die finsteren Priester in unserem schönen Land herrschen, weil wir selber nicht einmal den Mut hatten, uns nur einander die Hand zu reichen.« »Aber ihre Religion ist eine Friedensreligion«, sagte Pomare. »Und ihre Worte die Lehre vom Krieg!« rief der Häuptling. »Weshalb stehen sie zwischen uns? Wer gab ihnen das Recht, hier zu entscheiden und Richter zu sein in unserem Land? Die Bibel? Wir haben sie jetzt selber. Nimm du die Zügel jetzt wieder in die Hand, Pomare. Wähle die aus, die es gut und ehrlich mit den Leuten meinen, die aber auch an dieser Küste geboren sind. Nimm sie zu deinen Richtern. Hier ist mein Wort und meine Hand, daß Tati nie wieder die Eifersucht in seinem Herzen nähren wird und dir treu und ehrlich zur Seite stehen wird.« »Sag es ihm zu, Pomare, er meint es gut mit dir!« bestätigte hier der Franzose die Worte des Häuptlings. Die Königin hatte unschlüssig dagestanden und den Blick auf den Boden gerichtet. Jetzt sah sie plötzlich zu dem Fremden auf und antwortete finster: »Dein Rat, Me-re-hu, hat diesem Land noch nie gutgetan. Du sprichst nicht mit Tati, wenn du für ihn sprichst.« »Ich verstehe eure Wortspiele nicht«, sagte der Konsul unwillig. »Aber ich weiß, daß es Tati gut mit dir meint und daß ich im Augenblick weniger von den Interessen Frankreichs, sondern von deinen eigenen spreche. Willst du nichts davon wissen, so tue meinetwegen, was du nicht lassen kannst. Schreib dir dann aber auch selbst die Folgen zu.« »Ich habe bei dem, was ich bislang beschlossen habe, noch nie die Folgen gefürchtet«, sagte Pomare ruhig. »Aber was wollt ihr, was soll ich verhindern? Ihr sprecht beide wild auf mich ein und verwirrt mich noch mehr!« »Du sollst verhindern, daß deine Leute in deinem Namen die Flagge Frankreichs niederreißen und dafür deine wehen lassen!« rief der Konsul aus. »Wessen Flagge hat denn dazu das meiste Recht?« frug Pomare und sah dem französischen Konsul fest ins Auge. »Das meiste Recht allerdings hat deine«, fiel hier Tati ein, ehe Mörenhout etwas darauf erwidern konnte. »Aber nicht die meiste Gewalt, Pomare. Du sollst dir nicht mutwillig einen Feind schaffen, wo du keinen Freund dafür gewinnen kannst, der dir beisteht.« »Habt ihr das englische Schiff gesehen? Wißt ihr, was es bringt?« erkundigte sich Pomare mit einem triumphierenden Lächeln. »Nein, und die Missionare auch nicht. Die Schwarzröcke behaupten, es würde mit seinen Kanonen Frieden für die Insel bringen. Aber ihre Köpfe reichen auch nicht höher als unsere«, sagte Tati unwirsch. »Aber wenn die Mitonares nun doch recht hätten?« sagte Pomare mit einem halb triumphierenden Seitenblick auf den französischen Konsul. »Du zögerst hier mit deinen Vermutungen, bis draußen geschehen ist, was wir verhindern wollen. Hörst du das Toben deiner frommen, christlichen Untertanen? Wenn die französischen Kugeln hier herüberschmettern, wirst du zu spät bereuen, daß du nicht auf unsere Bitten gehört hast!« rief der Konsul ungeduldig aus. »Nennen Sie das bitten, wenn Sie mit Kanonen drohen?« »Und weist du uns ab?« frug Tati leise. »Nein, Tati, nein!« sagte Pomare schnell. Sie drehte sich zu ihm und ergriff seine Hand. »Gehe nicht im Zorn von mir, denn ich fühle, wie schwer es für dich war, zu mir zu kommen. Ach, wenn wir doch untereinander einig wären! Wenn nicht Haß, Neid und Eifersucht uns entzweien würden, könnten wir ein festes Reich bilden, selbst gegen den stärksten Feind. Unsere Berge sind hoch und die Schluchten steil. Daß unsere jungen Leute kämpfen können, haben sie schon in früheren Schlachten bewiesen. Aber wie die Religion unsere Familien entzweite, so hat ein Mißverständnis jetzt vielleicht auch die Stämme untereinander entfremdet. Pomare wird niemals die Hand zurückstoßen, die ihr freundlich entgegengestreckt wird. Nur der Drohung kann ich nicht weichen, vielleicht, weil ich eine Frau hin. Mach du mir deshalb Vorschläge, wie wir am besten einig und friedlich zusammenstehen können, ohne aber dem Ferani einen Rang zu gönnen, der ihm nicht zusteht, und den ich nicht von ihm gefordert habe, daß er unser Beschützer ist.« »Der da oben im Himmel wohnt, wie auch sein Name lautet, weiß, daß ich dem Ferani nicht meine Hand angeboten habe für mich. Die stolzen Mitonares haben mich dazu getrieben. Aber willst du mit deinem Volk Hand in Hand gehen, so laß jetzt kein eigenmächtiges Handeln die Fremden beleidigen, bis wir friedlich mit ihm verhandeln. Was wir in unserer Eifersucht falsch gemacht haben, kann jetzt noch die Eifersucht der beiden fremden Nationen, der Beretanis und Feranis, wieder ausgleichen, denn wir haben die Gier beider gleich stark zu fürchten.« »Die Beretanis haben uns noch nie gedroht«, antwortete Pomare. »Ich will nicht über sie urteilen, denn ich kenne sie nicht«, sagte der Häuptling finster. »Aber je mächtiger sie sind, desto mehr entfernt müssen wir uns von ihnen halten. Der Hai teilt keine Beute mit dem Delphin.« Nach kurzem Nachdenken sagte Pomare: »Ich habe nicht befohlen, daß die Flagge der Fremden niedergerissen wird. Sprich mit den Mitonares, Tati, sie werden es nicht erlauben!« »Zu den Mitonares schickst du mich, um dein Reich zu regieren? Vielleicht soll ich bei ihnen anfragen, was sie für gut halten, ob sie oder Pomare auf Tahiti herrschen soll? Eher soll meine Zunge hier verdorren!« rief der Häuptling aus. Wilder, tobender Lärm und lautes Lachen drang in diesem Augenblick zu ihnen herein. Ein Läufer der Königin kam zurück, um Pomare zu melden, daß das fremde Kriegsschiff Segel setze, um beim Nachlassen des Westwindes den Hafen zu erreichen. Zugleich wurden auch draußen Stimmen laut, und der ehrwürdige Mr. Rowe, von Bruder Brower gefolgt, öffnete ohne vorherige Anmeldung die Tür. Er blieb überrascht stehen, als er die beiden feindlichen Männer hier erblickte. Er faßte sich aber rasch und zeigte einen freundlichen, demütigen Gesichtsausdruck. »Pomare mag wegen der freudigen Botschaft verzeihen!« sagte er und warf einen boshaften Blick auf den Konsul. »Da draußen drängt ein fröhliches, glückliches Volk zusammen, dem heute sein bedrängter Glaube wiedergegeben wurde.« »Was gibt es?« erkundigte sich die Königin schnell. »Einzelne wollen auf dem englischen Kriegsschiff neben der englischen auch die tahitische Flagge erkannt haben«, fiel Bruder Brower in die Rede. Die Augen der Königin glänzten in befriedigter Eitelkeit, und ihr Blick flog rasch von Tati zu dem Konsul Frankreichs hinüber. Der beobachtete aber nur scharf den Missionar und wollte auf dessen Zügen die Wahrheit oder versteckte List herausfinden. Es erschien ihm unwahrscheinlich, daß ein englisches Kriegsschiff, noch Meilen vom Hafen entfernt, die Landesflagge eines so kleinen Inselstaates neben der eigenen Flagge hissen sollte. Wozu sollte das dienen? »Einzelne? Und deshalb erheben die Leute einen solchen Lärm, nur weil einzelne ein Privatsignal des Kriegsschiffes für die tahitische Flagge halten?« erkundigte er sich. »Das Volk begrüßt den Freund und Beschützer seines Glaubens«, erwiderte der Geistliche halb abgewendet von dem Konsul. »Es weiß, daß es jetzt frei von jeder Angst und Besorgnis ist und keinen Feind weiter zu fürchten hat.« »Gott schütze es vor seinen Freunden!« sagte Mörenhout finster. »Wir können gehen, Me-re-hu!« sagte Tati; der an die verhangenen Fenster getreten war und den Vorhang gehoben hatte. Alle sahen jetzt dorthin. Am Strand kam ein langer Zug heran, Männer und Mädchen, bunt gemischt. Dazwischen befanden sich auch englische Matrosen. Vor dem Zug sprang jubelnd und jauchzend ein halbnackter Bursche, der die zerrissene französische Flagge um seinen Kopf schwenkte. Dazu sang er eine wilde Weise, in die die Menge immer wieder einfiel. »Ich glaube fast, daß die Leute Herrn Mörenhout suchen«, sagte der ehrwürdige Bruder Rowe mit einem nicht ehrwürdigen Lächeln. »Man will ihm wohl die Reste seines Reiches zustellen.« »Das Blut, das dieser Handlung folgt, soll über Sie und Ihre Genossen kommen!« rief der Konsul mit zornblitzenden Augen und verließ schnell den Raum. Tati zögerte noch und sah zur Königin. Pomare hatte aber in Scham und Unmut ihren Blick auf den Boden geheftet und sah nicht zu ihm auf. Da seufzte der Häuptling tief und verließ dann, ohne den Priester auch nur eines Blickes zu würdigen, langsam das Haus. Der Prediger faltete die Hände und begann, die Augen zur Decke gerichtet, mit lauter Stimme ein Dankesgebet. Es hatte den Inhalt, daß Gott nun die Götzenbilder zerstört hätte und den Feind ausgetrieben sowie Hilfe geschickt hätte. Pomare unterbrach ihn mit keiner Silbe. Während sich die mit den Missionaren hereingekommenen Einanas leise und geräuschlos zur Tür schoben und verschwanden, stand die Königin still und regungslos. Langsam und scheu hob sich ihr Blick zu dem Gesicht des fanatischen Priesters, der hier Demut vor Gott heuchelte, dessen eigene Gebote der Liebe und des Friedens er eben mit Füßen getreten hatte. »Wer gab den Befehl, die fremde Flagge niederzureißen?« sagte sie endlich mit leiser, zitternder Stimme, als der Betende schwieg. Nur seine Blicke hingen noch wie in Verzückung an der Decke. »Der Herr!« antwortete der Geistliche mit vertrauungsvoller Stimme, ohne den Blick zur Königin zu senken. »Deine Feinde sind niedergeworfen, Pomare, denn der Herr ist mit dir!« Pomare biß sich auf die Lippen. Sie rang mit sich, ob sie dem Priester gegenüber als Königin auftreten sollte, um ihn fühlen zu lassen, daß er mit der Fürstin des Landes sprach, in deren Zimmer er sich gedrängt hatte. Aber die alte Scheu vor allem Übernatürlichen, zu dem sie auch den finsteren Fremden zählte, war zu stark. Mit zitternder, tief erregter Stimme sagte sie: »Gott gebe es. Aber ich fürchte, sie haben nicht gut gehandelt. Mein Volk ist entzweit, mein Reich bedroht. Was bin ich selber schon, wenn erst fremde Kriegsschiffe sich um die Oberherrschaft dieser Insel streiten? Nein, sprich jetzt nicht wieder deine schon so oft gehörten Klagen und Drohungen – sag mir jetzt nicht die Verse deines Buches, das du bis auf den letzten Buchstaben auswendig kennst. Ich begreife dich doch nicht, und mein Herz ist jetzt voll und schwer. Ich fürchte, mir ist heute ein großes Leid geschehen. Hättest du mich mit Tati versöhnen lassen, wäre es besser für Tahiti gewesen. Geh jetzt, da draußen sehe ich deine Brüder. Ich glaube, sie wollen zu mir, aber ich will sie jetzt nicht sprechen. Die Zeit muß entscheiden, ob ihr alle gut gehandelt habt oder nicht. Ich bin traurig. Geh jetzt, sage ich!« rief sie entschiedener, als sich der geistliche Herr immer noch nicht abweisen lassen wollte, und ihr Fuß stampfte zornig auf. Das Blut der Pomaren gewann die Oberhand. »So möge dich der Herr erleuchten, möge dir Frieden geben und seine Sanftmut dich erkennen lassen, was er an dir getan hat in seiner Liebe und Herrlichkeit. Amen!« sagte der fromme Mann. Mit gefalteten Händen und nach vorn geneigtem Kopf verließ er langsam das Gemach. Pomare schloß die Tür, stützte die Stirn ab und weinte bitterlich.   Draußen hatten sich wildere Szenen abgespielt, als Mörenhout vermutete. Bruder Smith brachte die Nachricht, daß auf dem englischen Kriegsschiff die tahitische Flagge neben der englischen wehe. Ob er es selber glaubte oder nicht, konnte keiner wissen. Aber das leichtherzige, fröhliche Volk dieser Inseln gab sich im Nu den tollsten, übertriebensten Hoffnungen hin. Während ein Teil begann, eine alte tahitische Hymne nach dem Takt eines weit älteren englischen Liedes, »Old hundred«, zu singen, sprang ein anderer Trupp zum Nationaltanz. Der Klang der Trommel mischte sich mit dem frommen Lied der Singenden auf eine eigentümliche Weise. Anders und wilder gestaltete sich die Versammlung am unteren Teil von Papeete. Etwa zweihundert Schritt von der Wohnung des Konsuls und der französischen Flagge hatte sich zwischen Kokospalmen eine Gruppe mit den Missionaren Dennis und Brower versammelt. Sie sprachen auf offenem Platz mit einem lauten Gebet ihren Jubel über den Sieg aus, den die Bibel über das Papsttum gewonnen hatte. Viele der angesehensten Häuptlinge standen in ihrer Nähe, unter ihnen Aonui und Teraitane und der noch immer wilde Fanue. Wenn auch einzelne von ihnen gern in den Jubel mit einstimmten, so ärgerte es doch andere, daß fremde Schiffe bei ihnen den Ausschlag geben sollten. Mit vor Eifer glühendem Gesicht rief da der ehrwürdige Bruder Rowe aus: »Auf's neue hat der Herr der Heerscharen seine Hand ausgestreckt über die Häupter der Gläubigen, und er wird die zum zweitenmal in diesen Bergen aufgerichteten Götzen zu Boden schleudern, wie er schon einmal seine Macht und Allgewalt gezeigt hat. Noch weht da drüben die dreifarbige Fahne der Papisten, noch flattern die feindlichen Farben im Wind, aber wie der stürmische Westwind dem stillen, herrschenden Passat weichen muß, so wird auch dieses Schiff, dessen weiße Segel unserer gastlichen Küste entgegenblähen, unser Land von dem Schimpf reinigen, einer anderen Macht gehorchen zu müssen als der Bibel, einer anderen Gewalt untertan zu sein als dem Lamm Gottes und dessen unendlicher Huld!« »Wenn dich die wehende Flagge so stört, dann werft sie doch herunter!« rief Fanue, der jetzt zu dem Betenden herangetreten war. »Das ist unsere Pflicht!« rief der den Missionaren ganz ergebene Aonui. »Der würdige Mann mahnt uns nur an eine Pflicht der Dankbarkeit!« »Halt, Aonui!« rief da der bedächtigere Teraitane aus. »Das wäre voreilig und unvorsichtig gehandelt. Ich schütze den Freund, wenn er abwesend ist und sich nicht selbst schützen kann. Weshalb jetzt? England hat seinen Vertreter hier, eine eigene Flagge und zwei große Schiffe. Wenn es sich beleidigt glaubt, soll es selbst die fremde Flagge herunterholen.« »Und dafür seine eigene aufpflanzen, nicht wahr?« rief Fanue rasch. »Die englische Flagge ist immer eine Flagge der Liebe und des Friedens gewesen!« fiel hier freundlich der ruhigere Missionar Brower in die Rede ein. »Aber dies ist tahitischer Grund und Boden!« rief Fanue wütend. »Was würde die Königin der Beretanis sagen, wenn wir in ihr Land kämen und Pomares Flagge aufpflanzen auf ihren Mauern? Sie würde sagen: Was wollen die fremden Männer hier in meinem Land? Schickt sie fort, denn ich habe selber eine Flagge!« »England hat uns die Bibel gebracht!« sagte Potowai, ein anderer Häuptling. »Wenn ich je ein anderes Land über uns stehend anerkennen werde, so kann das nur England sein.« »Aber Brüder, liebe Brüder!« rief Dennis in frommer Begeisterung. »Wohin verirren wir uns? Glaubt ihr, daß wir, eure Lehrer, etwas anderes wollen als nur euer Wohl? Handelt es sich denn hier darum, euch der englischen Flagge untertan zu machen oder eure eigene vor Schmach und Knechtschaft zu retten? Mit den fremden Baalsdienern, ihren Rauchpfannen und ihrem Bilderdienst wurde die feindliche Flagge aufgerichtet. Erst wenn sie weg ist, können wir, eure Lehrer, wieder hoffen, daß wir euren Geist von all den feindlichen Eindrücken frei halten, der sich jetzt so geltend macht.« »Dann werft sie selbst nieder, wozu braucht ihr da uns?« brummte Fanue trotzig. »Das ist kein Amt der Diener Gottes!« sagte Brower schnell. »Wir haben es stets vermieden, uns in die politischen Verhältnisse dieses Reiches einzumischen, und wir werden jetzt nicht...« »Das lügst du, du stolzer Priester!« schrie der Häuptling und sah den trotzig auffahrenden Missionar mit glühenden Augen an. Die Eingeborenen traten zwischen die Parteien, um Frieden zu halten. Der beleidigte Missionar wollte zuerst wütend antworten, aber Dennis ergriff seinen Arm und flüsterte ihm leise Worte zu. Er sah wohl ein, daß heftige Worte fehl am Platz waren, und sagte gleich darauf ruhig und mit milder Stimme: »Herr, vergib ihm, denn er weiß nicht, was er tut!« Diese Ruhe reizte aber gerade den alten Häuptling. Aonui und Potowai, die ihn besänftigen wollten, schleuderte er zur Seite und rief laut und trotzig: »Rolle du nur deine Augen und werfe dich in den Staub vor deinem Gott. Laß das Volk glauben, daß du vom Geist erleuchtet bist und dein Mund ein Orakel seines Willens ist! Spiele dein Spiel, aber versuche nicht, Männer mit deinem Spiel zu überzeugen. Dein Gott hat gedonnert und geblitzt, wie es unsere Götter vor ihm taten. Aber er schleuderte seine Donnerkeile zwischen die Feis in den Bergen, und die du unsere Feinde nennst, blieben verschont. Sollen wir unser Blut vergießen, wo er seine Waffen nur zum Scherz gebraucht? Wenn wir die Streitaxt aufgreifen, die für immer begraben sein müßte, dann nicht für euch, sondern für unser Land, über dem ich weder die Fahne der Beretanis noch die der Feranis wehen sehen möchte! Und ihr«, damit drehte er sich zu seinen entsetzt lauschenden Landsleuten um, »ruft mich, wenn ihr mich braucht, aber nicht zum Singen und Beten!« Damit zog er den Tapamantel fester um sich und verließ rasch den Trupp. »Ein wilder Geist, ein unbändiger Geist, den der Herr erleuchten und bald das Licht seiner Gnade über ihn gießen möge«, sagte Brower mit frommem Blick nach oben. »Ich werde inbrünstig für ihn beten!« »Wenn dich dein Auge ärgert, reiße es heraus! So wie der dürre Feigenbaum aus dem Boden gehoben und ins Feuer geworfen werden muß, sollen die Mitglieder dieser Kirche gerichtet werden, die abtrünnig und dürr am Stamm stehen!« sagte aber Bruder Dennis wütend. »Glaubt ihr, Brüder, daß wir anderen genauso denken wie Fanue?« rief Aonui in wilder Begeisterung. »Glaubt ihr, daß wir nicht für den Glauben sterben können, für den Jesus Christus vor uns gestorben ist? Diese Flagge da weht feindlich zu uns herüber, feindlich auf die Bibel, die wir als Gottes Wort anerkennen. Es ist an uns und nicht an den Beretanis, das zu entfernen, das uns hier stört! Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich! sagt Christus. Aonui fürchtet keinen Gegner, solange er für den Herrn kämpft. Wer die Bibel liebt, folgt mir!« Mit diesen laut gejubelten Worten durchbrach er die Menge, die sich ihm zum größten Teil anschloß. Mit raschen Schritten ging es zum Haus des Konsuls hinüber, in dessen Garten die dreifarbige Fahne in der scharfen Brise lustig flatterte und schlug. Der Konsul war nicht im Haus, aber zwei Männer hatten kurz vorher den Platz von der anderen Seite betreten, um Mr. Mörenhout aufzusuchen. Es waren René Delavigne und der Häuptling Paofai. Sie standen noch an der verschlossenen Tür unweit vom Flaggenmast, als sie den herantosenden Lärm hörten. »Achtung, Paofai, der Spektakel kommt näher! Es sollte mich nicht wundern, wenn sie unserem Freund Mörenhout einen nicht gerade freundschaftlichen Besuch abstatten wollen.« »Sie sind zu allem fähig!« antwortete der Häuptling verächtlich. »Ihre Bibel tragen sie voraus, wie wir früher Oro in die Schlacht trugen. Dann rennen sie blind und wild hinterher, singen und beten und treiben Unfug. Wenn Tahiti nicht mein Vaterland wäre, würde ich mich heute noch in mein Kanu setzen und mich seewärts treiben lassen, wie es dem Wind gerade gefiele. Ich bin es eigentlich leid, entweder Spielzeug der Missionare, der Engländer oder der Franzosen zu sein.« »Sie kommen wirklich hierher!« rief René. »Was können sie wollen?« »Alles, was unklug ist. Sie werden das Haus stürmen wollen und die Flagge niederreißen!« sagte Paofai achselzuckend. »Die französische Flagge? Das sollen sie sein lassen, solange ich das verhindern kann!« »Du wirst es aber nicht lange hindern können, Freund!« lachte der Insulaner. »Nieder mit der Flagge! Nieder mit den drei Farben!« »Das wird ernst!« rief René. »Komm mit, Paofai!« Ohne darauf zu achten, ob ihm der Häuptling folgte, trat René unbewaffnet der Menge entgegen. Paofai zögerte noch einen Augenblick, denn er sah das Hoffnungslose einer Verteidigung ein. Aber es trieb ihn doch, dem einzelnen Mann gegen die Masse beizustehen. Er folgte dem jungen Mann lachend, als ob er wußte, daß er einen unüberlegten Streich begehen würde. So wurde er gerade Zeuge, wie René, ohne ein Wort zu verlieren, den voranstürmenden Aonui aufgriff und mit solcher Kraft gegen den nächsten warf, daß beide zurücktaumelten und die Bibel des frommen Häuptlings auf den Boden fiel. »Zurück! Das hier ist fremdes Eigentum, und keiner von euch darf es antasten!« donnerte seine Stimme. »Nieder mit dem Wi-wi!« schrien einige der anderen, während sich Aonui erschreckt vom Boden aufrappelte und seinem Gegner ins Gesicht sah. Er hatte gar nicht daran gedacht, hier mit einem Menschen in Berührung zu kommen. Von seinem fanatischen Eifer getrieben, wollte er nur eine Holzstange umwerfen und ein Stück Tuch herunterholen. Sollte er seinen eigenen Körper dabei vielleicht in Gefahr bringen? Wo kam der Wi-wi auf einmal her? Jetzt trat auch Paofai hinzu und schob die nächsten mit dem Arm von der Stange zurück. Mit seiner weichen, melodischen und klangvollen Stimme sagte er: »Wißt ihr, was ihr tun wollt, Männer von Tahiti? Eine Nation beleidigen, mit der ihr noch auf freundschaftlichem Fuße steht! Ihr wollt euch einen Feind machen, der mit seinen Kugeln eure Hütten und Brotfruchtbäume umwerfen und euch verderben kann. Seid ihr von einem bösen Geist besessen, daß ihr so tobt?« »Er hat meine Bibel heruntergeworfen! Der Wi-wi hat die Bibel in den Schmutz geworfen!« rief in diesem Augenblick Aonui mit vor Wut funkelnden Augen. »Nieder mit dem Wi-wi! Nieder mit der Flagge!« schrie und brüllte die Schar wild durcheinander. »Sie haben die Bibel geschändet! Nieder mit den Feranis und ihren Götzen! Wir wollen keinen Vertrag, wir wollen keine Freundschaft mit ihnen!« »Auch gut«, brummte René und griff ein Stück Holz auf. Damit schlug er den ersten, der seine Hand an das Flaggenseil legte, zu Boden. Andere drängten nach. Obwohl er ohne Rücksicht auf sich selbst nach allen Seiten schlug, wurde er doch bald von der Masse überwältigt, zu Boden geworfen und aus dem Weg geschleppt. Selbst Paofai, der sonst so geachtete und gefürchtete Häuptling, wurde kaum besser behandelt. »Weg mit dir, Paofai!« schrie eine Stimme aus der Menge, und die Hände streckten sich drohend nach ihm aus. »Du bist ein Freund der Wi-wis, du willst uns auch an sie verraten! Weg mit dir! Dein Platz wäre neben der Bibel und nicht neben dem Haus von Me-re-hu, dem Feind Tahitis!« »Aonui! Du bist für die Sicherheit dieser Flagge verantwortlich!« rief Paofai und griff den Arm des Häuptlings, als er durch den andringenden Schwarm ebenfalls unwiderstehlich zurückgedrängt wurde. »Von dir wird sie Frankreich eines Tages wieder fordern!« »Frankreich soll untergehen!« brummte da eine Stimme in breitem Irisch dicht neben dem Häuptling. Unser alter Bekannter Jim zog die wehende Flagge unter dem Jubelruf der Menge herunter. Mindestens zehn sprangen gleich helfend hinzu. Dann wurde sie im Triumphzug durch die Stadt geführt. Kaum senkte sich die Flagge, als ein Boot von der »Jeanne d'Arc« abstieß, um zu erfahren, welche Gefahr dort drohte. Als man die Ursache erfuhr, verkündete die Korvette, daß sie die Stadt beschießen würde, wenn man die Flagge nicht sofort wieder hissen und mit der üblichen Ehrensalve von tahitischer Seite begrüßen werde. Als das der Kapitän der »Talbot« erfuhr, verkündete er: In dem Augenblick, wo der erste Schuß aus dem französischen Kriegsschiff auf die Stadt fiel, würde er sein Feuer auf die Korvette eröffnen. Der Jubel Papeetes nach dieser Erklärung kannte keine Grenzen mehr. Während auf der »Talbot« zum Gefecht getrommelt wurde und an Deck alles hergerichtet wurde, sagten die Missionare einen Gottesdienst an. Die Insulaner tanzten am Strand vor Freude. Es schien wahr zu werden, was die Missionare gesagt hatten. Pomare war nicht mehr allein, die Engländer würden sie unterstützen. Dadurch stieg das Ansehen der Geistlichen noch mehr, denn man sah sie als direkte Urheber dieser Hilfe an. Die Gutmütigkeit der Eingeborenen ließ sie aber nicht zu weit gehen. Als René und Paofai aus dem Weg geschafft waren, blieben sie weiter völlig unbelästigt. Am anderen Morgen lief mit leichtem Passatwind die englische Fregatte »Vindictive« ein. Die mittelmäßigen Geschütze auf Tahiti und die Kanonen der »Talbot« schossen Salut. Der Jubel war grenzenlos, als, man erfuhr, daß der Geistliche Pi-ri-ta-ti (Pritchard) wieder mit der Fregatte zurückgekehrt war. War er doch nur deshalb nach England gegangen, um die Königin der Beretanis in ihrem Streit mit den Feranis um Hilfe zu bitten. Er wurde mit einem wahren Triumphgeschrei empfangen. Unter dem Jauchzen und Jubeln Tausender ging er an Land. Der ehrwürdige Mann wurde dabei richtig verlegen. Er brachte nämlich keine direkt ausgesprochene Hilfe aus England, sondern als Geschenk für die Königin Pomare nur einen Wagen und für ihren Mann Stoff für eine rote Uniform. Graf Aberdeen hatte sich damit begnügt, dem jungen Staat seine freundschaftliche Gesinnung zu bekunden. Die Häuptlinge erschraken, als man ihnen das endlich verständlich gemacht hatte. Pomare schloß sich einen ganzen Tag in ihr Haus ein. Eine Besitzergreifung Tahitis durch die Franzosen war nun nicht mehr unmöglich, und ihre Sicherheit in keiner Weise garantiert. Was kümmerte das aber die fröhlichen, gutmütigen Kinder dieser Inseln? Für den Augenblick gab es keine weiteren Unannehmlichkeiten für sie. Für den Augenblick lagen die englischen Kriegsschiffe drohend in ihrer Bai. Ihre Königin konnte in dem merkwürdigsten Ding spazierenfahren, das sie je gesehen hatten. Alles andere würde die Zeit bringen, weshalb sollte man sich vorher Sorgen machen? 16. Ein Ball in Papeete Es läßt sich denken, in welche Aufregung die kleine Kolonie durch diese Ereignisse gebracht wurde, noch dazu, da die Mehrzahl der dort angesiedelten Fremden aus Franzosen bestand. Aber jetzt mußten sie der Gewalt weichen und hofften auf Du Petit Thouars, der sich noch in diesen Gewässern aufhielt und jeden Augenblick wieder in den Hafen einlaufen konnte. Es versteht sich, daß der Vertrag mit den Feranis für abgeschüttelt galt. Die römischen Priester, die ihre Kapelle auf einem kleinen, reizenden Hügel in Mativaibai errichtet hatten, konnten sich in dieser Zeit nur auf einen sehr kleinen Kreis von Insulanern verlassen. Allgemein wurde der Platz von vielen sogar gefürchtet, denn diese Zeremonien hatten für sie etwas Geheimnisvolles an sich. Viele von ihnen scheuten sich sogar davor, im Dunkeln hier vorbeizugehen. Sie hätten ihn zerstört und die Priester wieder vertrieben, wenn nicht Mr. Nelson zusammen mit den Brüdern Smith, Brower und McKean alles versucht hätte, um sie von einem so unüberlegten Schritt abzuhalten. Der Feuereifer des frommen Dennis und der unersättliche Ehrgeiz Rowes hätten sie unaufhaltsam weitergetrieben. René war durch die Verteidigung der Flagge in ein ungünstiges Licht geraten. Dazu kam, daß er auf Tahiti mehr bei seinen Landsleuten war als bei den Eingeborenen. Aber lange Zeit konnten die Insulaner ihm nicht böse sein, und seine freundliche Art allen gegenüber beseitigte auch leicht auftretende Schwierigkeiten. Trotz der politischen Verhältnisse pflegten die Franzosen aber ihr gesellschaftliches Leben weiter. Die gemeinsame Gefahr verband die Leute fester. Besonders viel trug dazu die Familie Belard bei, die sich um einen freundschaftlichen Ton untereinander bemühte. Die Europäer hatten meistens alle ihre alten Gewohnheiten und Vorurteile mitgebracht. Sie konnten nur durch die unermüdliche Ausdauer von einigen, die sich weitgehend angepaßt hatten, dazu gebracht werden, sich zu amüsieren – mehr wollte man gar nicht von ihnen. Ein Hindernis für größere Veranstaltungen war der Mangel an europäischen bzw. weißen Damen, von denen sich nur wenige auf der Insel befanden. Man konnte mit den eingeborenen Frauen, die meistens mit den Europäern nur sehr »oberflächlich verheiratet« waren, nicht so gut verkehren. Sie waren hübsch und lebendig, gutmütig und liebenswürdig, paßten aber nicht in die Gesellschaft gebildeter Frauen. Ein Kontakt mit den Familien der protestantischen Bevölkerung verblieb völlig, da das fast ausschließlich die Familien der Missionare waren. Abgesehen von der feindlichen Haltung im Moment wäre eine gemeinsame Veranstaltung völlig unmöglich gewesen. Die strengen Geistlichen lehnten jede Art von Spiel und Tanz als Sünde des Fleisches gegen den Geist ab. Andererseits lag aber den Franzosen daran, den Eingeborenen und besonders natürlich den Missionaren zu beweisen, daß sie durch die Engländer in keiner Weise eingeschüchtert waren. So waren kaum vierzehn Tage nach den geschilderten Ereignissen vergangen, als Madame Belard darauf bestand, einen Ball zu geben. Allerdings blieb ihr dabei nichts anderes übrig, als auch eingeborene Frauen einzuladen. Bis zuletzt hatte sie sich dagegen gesträubt. Man konnte ja die geachtetsten heraussuchen, aber der Ball bekam dadurch einen etwas wilden Charakter. Auch dabei wirkten die Missionare störend, denn sie übten auf den weiblichen Teil der Bevölkerung Tahitis einen starken Einfluß aus. Den Töchtern der Häuptlinge wurde der Tanz als etwas Sündiges geschildert und von ihren strengen Lehrern bei Strafe verboten. Selbst Sadie fürchtete den Unwillen der Geistlichen. Erst als sie sah, daß René fest darauf bestand, fügte sie sich in seinen Wunsch. Aber das Herz schlug ihr dabei wild, als sie ihre Einwilligung gab. Sie hatte das Gefühl, daß sie eine unrechte Handlung beging. Trotz aller Hindernisse konnten die Belards jede Schwierigkeit überwinden. Die Franzosen wollten tanzen, und da mußten es schon stärkere Dinge sein als die Predigt eines Missionars, um sie daran zu hindern. Mr. Belard gab einen Ball, und alle Franzosen Papeetes sowie die Offiziere der noch im Hafen liegenden »Jeanne d'Arc« wurden eingeladen. Sadie fürchtete sich aus einem ihr unbekannten Grund vor dem Abend. Sogar Mr. Nelson hatte seine Einwilligung gegeben, daß sie an der Gesellschaft teilnehmen durfte. Außerdem war auch Lefevre mit Aumama eingeladen. Monsieur Belard brauchte Damen zum Tanz, und da konnte sie sich nicht ausschließen, konnte René nicht kränken. Viele Vorbereitungen brauchte sie nicht. Ihre Tracht nach europäischem Schnitt war einfach, frische Blumen im Haar schmückten sie schöner als Diamanten oder Perlen. Monsieur Belard wohnte in einem reizenden kleinen Gartenhaus in der Broomroad, der nächsten Querstraße vom Strand, tief versteckt zwischen breitblättrigen Brotfruchtbäumen und Papayas. Das Haus war leicht und luftig gebaut, hatte aber doch schon Glasfenster und grüne Jalousien und eine breite, hohe Veranda. Dazu gehörte auch ein großer, hoher und bequemer Saal, der heute mit Blumen und Palmenzweigen hübsch dekoriert war. Merkwürdig stachen dagegen die Sachen ab, die sich in die Südsee verirrt hatten. Die Möbel wirkten zusammengewürfelt, zum Teil europäischen Ursprungs, zum Teil aus heimischem Holz gefertigt. So stand auf einer gelb gebeizten Kommode zwischen Manila-Perlmuttmuscheln und den blank polierten Zähnen der Spermacetifische eine Alabasteruhr. Ein kleiner Mahagoni-Eckschrank wurde durch ein paar hübsche französische Porzellanvasen mit duftenden Orangenblüten geschmückt. An der einen Wand standen zwei hervorragend gepolsterte und mit Damast überzogene Sofas. Ein schmaler Tisch aus Tannenholz füllte eine Ecke und war mit den Früchten des Landes reich gedeckt. René und Sadie wurden von Madame Belard in ihrer lebendigen, aber doch herzlichen Weise empfangen. Auch die Offiziere der »Jeanne d'Arc« waren eben eingetroffen. Das Vorstellen ging rasch und ungezwungen vorüber. René hatte schon einige früher kennengelernt und wurde überall freundlich begrüßt. Madame Brouard war noch nicht erschienen, und da Madame Belard anderweitig in Anspruch genommen wurde, stand Sadie etwas verlegen allein. René mußte viel mit den Offizieren besprechen, und so suchte Sadie vergeblich einen Bekannten. Da wollten gerade Mr. und Mrs. Noughton an ihr vorübergehen. Mrs. Noughton drehte den Kopf zur anderen Seite und sah Sadie nicht. Die arme kleine Frau stand einen Augenblick schüchtern und unschlüssig da, ob sie die stets etwas kalte Fremde ansprechen sollte. René ging mit zwei Offizieren den Saal hinunter und ließ sie völlig allein. »Madame Noughton«, sagte sie leise und berührte mit ihrer Fingerspitze den Arm der dicht an ihr vorübergehenden Frau. Mrs. Noughton drehte langsam den Kopf und sah sie an. »Ich freue mich, Sie auch hier zu treffen«, sagte Sadie. Mrs. Noughton neigte höflich ihren Kopf zu ihr. Mr. Noughton machte eine etwas steife Verbeugung. Dann gingen die beiden, ohne ein Wort mit ihr gewechselt zu haben, zum anderen Ende des Saales. Sadie stand wie festgewurzelt, und das Herz schlug ihr ängstlich. »Sie werden mich in den fremden Kleidern nicht erkannt haben«, sagte sie leise zu sich selbst und lächelte unwillkürlich. »Sie haben geglaubt, es wäre eine Fremde, oder...« In diesem Augenblick stieg ihr das Blut in den Kopf, und sie hätte viel dafür gegeben, wenn sie jetzt in ihrem Haus bei ihrer kleinen Sadie gewesen wäre und nicht in dieser fremden, kalten Gesellschaft. Aber das ging nicht. Als sie sich wieder etwas gefaßt hatte und sich umsah, bemerkte sie, wie Mr. und Mrs. Noughton allein und steif auf Stühlen saßen und starr vor sich hinsahen. Da begann plötzlich das im Nebenzimmer aufgestellte Musikkorps der »Jeanne d'Arc« zu spielen. Zahlreiche Gäste traten gleichzeitig in den Saal, unter ihnen mehrere bekannte Gesichter. Eine Hand legte sich plötzlich auf ihre Schulter. Es war Aumama, die ihr lachend ins Gesicht sah. Mit dem freundlichen Blick verschwanden aber auch die trüben Schatten sofort wieder. »Warum sitzen die beiden da drüben so allein und steif?« flüsterte Aumama, die bemerkt hatte, daß Sadie zu ihnen hinübersah. »Sie sind so still und ehrbar, als ob sie in der Kirche sitzen. Mr. Aue könnte nicht steifer sitzen!« Sadie lächelte und drehte den Kopf ab. Ihr kam es so vor, als ob sich die beiden Leute nur so steif und abgeschlossen hingesetzt hatten, um nicht mit ihr zu sprechen. Was hatte sie ihnen getan? Endlich sprach sie zu ihrer Freundin. »So, Aumama, du bist also auch zu den Fremden gekommen. Ich dachte, du fühlst dich nicht wohl zwischen ihnen?« »Nein, das tue ich auch nicht!« antwortete flüsternd die junge Frau. »Ich habe zu Hause geweint und gezankt, ich wollte lieber dort bleiben. Aber Lefevre...« Sie drehte den Kopf zur Seite und sagte nach einer Pause: »Es ging nicht anders.« »Ich wäre auch lieber zu Hause geblieben.« »Mir ist meine Tracht eigentlich noch nie aufgefallen. Ich habe das lange, weite Oberkleid eigentlich immer für überflüssig gehalten. Aber heute komme ich mir so fremd und unbedeutend vor, als ob ich nicht zwischen diese herausgeputzten Leute gehöre!« sagte Aumama und blickte sich verlegen um. »Sie sind mit allem behangen, was die fremden Kaufleute in ihren Läden haben, und ich bin barfuß und kann noch nicht einmal ihre Sprache sprechen. Ob ihnen wohl auch so zumute war, als sie zum erstenmal unser Land betreten haben? Bei dir ist es wohl ganz anders, du hast dich schon ganz ihrer Tracht angepaßt.« »Wohl ist mir hier auch nicht. Aber ich fühle, daß es nicht anders geht, vielleicht fügst du dich auch hinein«, sagte Sadie kopfschüttelnd. »Nein, nie im Leben. Je mehr ich mit den Fremden in Berührung komme, um so mehr fühle ich, daß wir nicht füreinander gemacht sind. Sie sind stolz, aber worauf? Sie tragen Schuhe, weil sie mit ihren dünnen Fußsohlen nicht unsere Korallen betreten können. Ich habe neulich gesehen, wie die Frauen badeten und keinen Schritt auf dem scharfen Boden gehen konnten. Deshalb stecken sie ihre Füße in diese Hüllen, und ich soll mich schämen, weil ich sie nicht trage, weil ich da gehen kann, wo sie es nicht können?« »Aber du tust es doch?« sagte Sadie lächelnd. »Weil wir dumm sind und das Fremde höher achten als unsere eigenen Sitten. Sieh mal, was für goldblitzende Kleider die Feranis von dem Schiff draußen tragen«, unterbrach sie sich jetzt selber, als ihr die blitzenden Uniformen der Offiziere auffielen. »Das sind doch nun auch Christen, Sadie, und vielleicht gute Menschen. Dabei tragen sie bunten Staat, und uns verbieten die Mitonares jeden Schmuck.« »Wir wissen auch nicht, ob es sündhaft ist, so viel Gold und Putz zu tragen, wenn wir zu Gottes Altar gehen. Aber die Männer dort beten vielleicht nie, da können sie tragen, was sie wollen. Aber sie drehen wieder hierher um, und da kommt auch Madame Belard. Sie ist die freundlichste von allen fremden Frauen.« Das Gespräch der beiden Frauen wurde hier unterbrochen. Rasch hintereinander betraten mehrere Gäste den Saal. Einige von ihnen hatten ebenfalls eingeborene Frauen und begrüßten die beiden Freundinnen herzlich. Das war eine bunte Gesellschaft! Die Offiziere der Korvette erschienen natürlich in ihrer Uniform. Mr. Noughton, Mr. Belard und Brouard sowie René und einige andere waren im schwarzen Frack. Das kam besonders den einheimischen Frauen und Mädchen merkwürdig vor. Sobald es heimlich geschehen konnte, kicherten und flüsterten sie untereinander. Ein großer Teil der anderen Gäste war jedoch leicht und bequem gekleidet wie es das Klima auch eigentlich erfordert. Sie trugen helle Sommerstoffe, die weit und luftig verarbeitet waren. Strenge europäische Etikette konnte man hier auch nicht pflegen, denn mehr als zwei Drittel der Frauen gehörten der eingeborenen Rasse an. Sie hatten nur teilweise Schuhe und Strümpfe an, sonst aber nur über dem Pareu das weite, lose Obergewand und dazu nackte Füße. Aumama war der Typus dieser schönen Schar. Sie trug einen Pareu aus einem halbseidenen, mattgrünen Stoff, der mit tiefroten Fäden durchzogen und gemustert war. Es war nur ein Stück Stoff, das um die Lenden geschlagen und an der linken Seite eingesteckt wurde. Darüber trug sie das durch die Europäer und wahrscheinlich durch die Missionare eingeführte Obergewand, das man offen trug. Die langen Ärmel wurden an den Handgelenken geknöpft, das Teil selbst fiel bis über die Knie herab. Es bestand aus feinem französischem Stoff, durch einen rotseidenen, dünnen chinesischen Schal im Gürtel zusammengehalten. Dadurch wurden die Formen des Körpers mehr verraten als verhüllt. Das schwarze, lockige und seidenweiche Haar wurde mit wohlriechendem Kokosnußöl getränkt und mit einem Gewebe aus einem Schlinggewächs und Orangenblüten geschmückt. Ihre goldenen Ohrringe wurden fast von den darüber hängenden Knospen des Cape Jasmin überdeckt. Aumama, die »Behende«, wie sie in der bilderreichen Sprache ihres Landes hieß, war eine der schönsten Frauen der Insel. Wie bei den meisten Frauen wirkte ihre dunkle Haut sehr vorteilhaft. Die großen, lichtklaren und diamantgleichen schwarzen Augen glühten über den von einem zarten Rot angehauchten, lichtbronzenen Wangen. Mehrere andere eingeborene Frauen waren ähnlich wie Aumama gekleidet. Ihre Gewänder hatten einen ähnlichen Schnitt. Die Stoffe wurden von Walfängern oft aus Frankreich, Deutschland oder England mitgebracht. Zwei der Frauen hatten sich so weit zivilisiert, daß sie Strümpfe und Schuhe trugen, aber das war ihnen nicht sehr bequem. Ständig scharrten sie beim Gehen mit den Füßen, sie waren noch nicht gewohnt, sie hoch genug zu heben. Auch die Strumpfbänder schienen sie zu drücken, denn wenn sie unbeobachtet waren, zerrten sie ständig an ihren Röcken. Sadie schien als einzige von den eingeborenen Frauen sich in die fremde Kleidung gut eingepaßt zu haben. Sie bewegte sich darin mit solcher Leichtigkeit, als hätte sie nie etwas anderes getragen. Trotzdem war sie fast genauso einfach gekleidet wie die anderen. Ihr schlichtes Oberkleid bestand aus ungebleichter Seide, die rote Schärpe war geknüpft wie bei Aumama, nur der Schnitt des bis auf die Knöchel reichenden Kleides anders. Die niedlichen, in weißen Strümpfen steckenden Füße mit den dünnen Lederschuhen waren gerade noch sichtbar. In den Haaren trug sie einen zierlichen Kranz aus Mandelblüten, um den Hals eine einfache Schnur mit roten Korallen. Von der »Jeanne d'Arc« war bis jetzt nur der Kapitän mit dem Ersten Leutnant und einigen Seekadetten anwesend. Der Zweite Leutnant hatte noch an Bord zu tun und wurde mit einigen anderen Offizieren später erwartet. René war mit dem Kapitän der Korvette schon seit einiger Zeit gut bekannt. Jetzt ging er mit ihm im Saal auf und ab. In diesem Augenblick erschien der Zweite Leutnant, Monsieur Bertrand, und ging sofort zu seinem Kapitän, um ihm eine Meldung zu überbringen. René trat ein paar Schritte zur Seite, um nicht störend zu wirken. Unwillkürlich haftete sein Blick aber auf dem jungen Mann, der ihm bekannt vorkam. Aber er konnte sich nicht erinnern, wo er ihn schon einmal gesehen hatte. Eben drehten sich die Offiziere zu ihm um, und der Kapitän wollte die beiden Männer einander vorstellen. Da riefen beide gleichzeitig ihre Namen aus und lagen sich in den Armen. Sie waren seit frühester Jugendzeit Schulkameraden, und da läßt es sich denken, mit welchem Jubel sie sich begrüßten. Wir können uns wohl losgerissen haben von allem, was uns einmal lieb und teuer war, und hören gleichgültig zu, wenn die alten, vertrauten Orte und Namen von Fremden genannt werden. Im Herzen zittert und zuckt es vielleicht nur ein wenig, lang verklungene Saiten wurden berührt. Unsere Nerven mögen aus Eisen sein und alles ertragen. Aber wenn ein Bild aus der Vergangenheit lebendig vor uns auftaucht, dann ist es vorbei mit der Beherrschung. Die erstarrte Träne schmilzt, und das Heimweh rüttelt vielleicht zum erstenmal in unserem Herzen. Die beiden jungen Männer schienen auch in dem Augenblick der Wiedersehensfreude alles um sich zu vergessen. Aber die Stimme des Kapitäns brachte sie wieder in die Wirklichkeit zurück. »Ich glaube, die Vorstellung kann ich mir sparen! Sie scheinen sich besser zu kennen, als ich vermuten konnte!« »Ja, das stimmt wirklich. Ich konnte nicht annehmen, hier einen so alten, lieben Jugendfreund zu finden, und deshalb ist auch die Überraschung so groß ausgefallen!« »Gut, Bertrand, dann unterhalten Sie auch Ihren Freund etwas. Aber vergessen Sie nicht, um elf Uhr. Sie bekommen vorher Nachricht, wenn er bis dahin noch nicht eingefangen ist.« »Ich erwarte den Führer der Patrouille hier.« »Um so besser. Aber da drüben sehe ich ein paar Damen eintreten, denen ich guten Abend sagen muß. Ich werde Sie nachher bitten, mir mehr über Ihr Zusammentreffen zu berichten.« Mit einer freundlichen Verbeugung verließ der Kapitän die beiden Männer. René und Bertrand traten an eines der Fenster. »So habe ich dich also wie einen Flüchtling wieder eingefangen, René! Niemand konnte dich damals mit deinen wilden Ideen aufhalten. Wo hast du dich so lange herumgetrieben? Du bist ja braun wie ein Indianer!« »Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich hatte es schon aufgegeben, noch einmal einen Freund aus der alten Welt wiederzutreffen. Die Zeit die ich hier schon lebe, kommt mir jetzt wie eine Ewigkeit vor, und doch ist sie so schnell verflogen. Oh, Bertrand, du mußt mir viel von daheim erzählen, wie ihr dort lebt – oder nein, lieber nicht. Die Heimat liegt hinter mir, und es ist vielleicht besser, wenn ich nicht die Schlösser löse, die mir das alte Bilderbuch meiner Jugend so freundlich und fest verschlossen halten. Ich bin fertig mit Frankreich, aber von dir möchte ich hören, wie es dir geht, was du treibst und was du hoffst. Denn nach der Hoffnung eines Menschen beurteilt sich der Mensch selbst am besten.« »Warum bist du mit Frankreich fertig? Unsere Schiffe haben sich jetzt Bahn zu diesem fernen Punkt gebrochen. Nur wenige Monate, und wir landen wieder in der Schallweite unserer alten Kirchenglocken! Es mag ein Paradies, sein, was dich hier umgibt, aber kann es dir den Reiz der Heimat ersetzen? Du bist ein so unruhiger Geist, ein Flüchtling auf fremdem Boden. Ich bin Seemann, René, und das Meer sollte meine Heimat sein. Die Zeit, die ich auf dem Festland verbringe, ist meiner Pflicht meistens abgestohlen. Und doch hänge ich mit jeder Faser an meiner Heimat. Wenn der Bug des Schiffes heimwärts gedreht wird, gibt es mir ein ganz eigenartiges Gefühl, wie eine Krankheit, die erst behoben ist, wenn ich an Land springe.« René hatte mit einem leisen, fast wehmütigen Lächeln seinem Freund zugehört. »Solange du frei in der Welt umherstreifst, zeigt der Kompaß in dir immer in Richtung Heimat, ganz gleich, was du dort erlebt hast. Aber es gibt trotzdem einen Fall, wo ein Mensch selbst die Heimat vergessen kann und trotzdem glücklich ist.« »Niemals!« sagte Bertrand rasch. »Ich bin verheiratet!« sagte René leise. »Du? Verheiratet? Mit wem? Wo? Wann?« »Zuerst zeige ich dir meine kleine Frau«, lächelte René. »Ich brauche vielleicht nur den einen Beweis, um dich zu überzeugen, daß du unrecht hast. Dann erzähle ich dir meinen – na, Lebenslauf kann ich wohl kaum sagen, eher meine Abenteuer. Das Schicksal hat mich im wilden Spiel einem entzogen, um mich in das nächste zu stürzen. Dann fand mein schwankender Kahn einen Hafen, der ihm Glück und Ruhe brachte, und den verlasse ich nicht wieder. Ich kenne die Stürme, die draußen wehen, und bin es müde geworden, ihnen immer wieder die Stirn zu bieten.«. »Und deine Frau? Warum will sie nicht mit dir zurück?« Die Trompeten schmetterten in diesem Augenblick den Beginn des Tanzes, und René sah sich nach Sadie um. Schon wirbelten die Paare vorüber, und die junge Frau stand an der anderen Seite des Saales neben Aumama. An ihrer Seite stand aber jetzt Monsieur Brouard und legte seinen Arm um ihre Taille. Sadie versuchte, sich zu befreien und widerstand den Aufforderungen zum Tanz. Wie ein Stich zuckte es durch Renés Herz. Er wußte selbst nicht, weshalb, aber das Blut schoß ihm in die Stirn. Bertrand war seinem Blick gefolgt und sah jetzt wieder zu ihm. »Deine Frau?« »Siehst du sie nicht da drüben, wie sie sich ziert?« lachte René und legte die Hand auf die Achsel des Freundes. »Die Insulanerin?« rief der Offizier fast erschrocken und so laut, daß sich die nächsten Tänzer umdrehten und selbst Sadie ängstlich zu René hinübersah. »Die Missionare stecken ihr noch etwas in den Füßen«, fuhr René wie entschuldigend fort. »Aber – gefällt sie dir nicht?« »Sie ist ein schönes Mädchen, so schön wie der sonnige Himmel über ihrem Heimatland«, sagte der junge Mann plötzlich ganz still und ernst. »Und warum seufzt du deshalb so schwer?« erkundigte sich René lachend. »Warum befreist du sie nicht von dem alten Kerl, der sie da quält und peinigt?« sagte Bertrand rasch. »Sie hat ihm schon zweimal den Tanz abgeschlagen, und er läßt sie noch immer nicht in Ruhe. Bei einer weißen Dame würde er das nicht versuchen!« »Du hast recht!« sagte René und trat einen Schritt vor. Dann setzte er lächelnd hinzu: »Es ist einer meiner Freunde und kennt Sadie und den puritanischen Geist, der sie manchmal noch vor unseren Gewohnheiten zurückschrecken läßt. Doch komm, wir dürfen uns der Gesellschaft nicht so lange entziehen. Madame Belard da drüben – halt! Wer ist die junge Dame, die dort mit deinem Kapitän tanzt! Ich habe sie noch nie auf Tahiti gesehen.« »Sie kommt von der Südseite der Insel«, erwiderte Bertrand. »Sie lebt dort in der Familie eines angesehenen Franzosen. Aber deine Frau winkt dir da drüben!« »Monsieur Brouard wird zudringlich, wie mir scheint«, entgegnete René. Er biß sich mit einem halb spöttischen Lächeln in die Unterlippe. »Komm mit mir, Bertrand, und ich stelle dich meiner Frau vor.« Er griff den Arm des Freundes und zog ihn zur anderen Seite des Saales hinüber. Sadie konnte sich von dem alten Herrn befreien und kam ihm rasch entgegen. »Ihre kleine Frau ist entsetzlich spröde! Sie will unter keiner Bedingung mit mir den ersten Walzer tanzen!« rief ihm Monsieur Brouard mit einem verlegenen Lächeln entgegen. Sadie sah ihren Mann bittend an. René zog lächelnd ihren Arm in seinen und antwortete dann mit einer kalten Verbeugung zu Herrn Brouard: »Ich habe Sie bis jetzt für unwiderstehlich gehalten, Monsieur, verzeihen Sie dem noch rohen Geschmack der Insulanerin, die sich selbst Ihren unausgesetzten Bemühungen widersetzt hat. Ich hatte schon den ersten Tanz ihr versprochen.« »Ah, dann bitte ich tausendmal um Vergebung«, sagte der Kaufmann verlegen. Er zog sich zurück, pikiert über die kurze Abfertigung. René kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern stellte sie mit herzlichen Worten seinem Jugendfreund vor. »Euch beiden erzähle ich nachher voneinander. Jetzt, Sadie, darfst du es mit mir nicht machen wie mit Brouard – nicht wahr, ich bekomme keinen Korb, wenn ich dich jetzt um den Walzer bitte?« »Aber René, was werden Mr. Nelson und Mr. Dennis sagen, wenn sie erfahren, daß ich hier getanzt habe!« sagte Sadie leise und wurde dabei rot. »Es ist wohl doch nicht richtig von mir, und ich möchte dir aber auch nicht mit meiner Weigerung weh tun.« »Unsinn, Sadie, wir haben doch die Tänze meines Vaterlandes vor Mr. Osborne getanzt, damals auf Atiu.« »Auf Atiu«, wiederholte Sadie leise, und das Wort rief liebe Erinnerungen in ihr wach. »Auf Atiu!« »Der alte Mann hatte seine Freude daran, wenn wir fröhlich waren!« »Aber, Mr. Dennis... !« sagte Sadie schüchtern. René zog die Augenbrauen zusammen und sah einen Augenblick finster vor sich nieder. Aber Sadie legte ihre Hand auf seinen Arm und sah ihm mit ihrem bittenden, herrlichen Blick ins Auge. Er sah zu ihr auf, sah das halbe Lächeln in ihren Zügen, und rasch den Arm um sie schlingend, flog er mit ihr den früher oft und gern geübten Tanz dahin in den Reigen der fröhlichen, schwingenden Paare. Sadie tanzte mit unendlicher Grazie und Leichtigkeit, aber ihr Herz war nicht bei dem Fest. In ihrer Brust wogte und stach es mit vorwurfsvoller Stimme und quälte ihr Herz mit ängstlichen Bildern. Sie hielt sich vor, daß sie jetzt sündigte, und die Stimme des ehrwürdigen Bruders Dennis klang ihr im Ohr. Taumelnd lehnte sie sich an Renés Schulter und bat ihn, sie zu einem Stuhl zu führen. »Du kannst das rasche Drehen noch nicht vertragen«, sagte der junge Mann lachend. »Nach ein paar Tänzen und einigen schnellen Kreisen legt sich das Schwindelgefühl allein. Es ist eine Art Seekrankheit, die die meisten Menschen überstehen müssen.« »Ah, Monsieur Delavigne, kommen Sie doch einen Moment hierher!« rief in diesem Augenblick die fröhliche Stimme der Madame Belard. Sie winkte ihm freundlich zu, herüberzukommen. Sadie übergab er deshalb seinem Freund und folgte dem Ruf. »Monsieur!« rief ihm die kleine, lebendige Frau schon von weitem entgegen. »Ich habe Ihnen eine sehr angenehme Nachricht mitzuteilen! Dort drüben ist eine junge Dame, die den Augenblick nicht erwarten kann, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sie hat sich schon genau nach Ihren Verhältnissen erkundigt, achten Sie deshalb auf Ihr Herz!« »Sie sind sehr gütig, Madame!« lachte René. »Spotten Sie nicht zu früh!« warnte Madame Belard. »Sie bekommen es mit keinem gewöhnlichen Mädchen zu tun und werden einem Paar Augen standhalten müssen, denen schon stärkere Herzen erlegen sind, als es ein junger, leichtsinniger Franzose in der Brust herumträgt!« »Und die Dame?« »Warten Sie, sie spricht dort drüben noch mit Madame Choupin, der Stiefmutter von Brouards Frau. Der möchte ich nicht in die Hände laufen.« »Die junge Dame dort?« rief René rasch. »Oh, ich habe sie schon vorher bemerkt. Sie kommt von Papara, wenn ich nicht irre.« »Das wird Sie Ihnen gleich alles selbst erzählen, Monsieur. Aber, ehrlich gesagt, bin ich selbst neugierig, welches Interesse sie in so auffallender Weise an Ihnen hat. Sie müssen ihr doch fremd sein!« »Sympathie!« lachte René. »Lieb ist es mir aber nicht, daß gerade ein so reizendes Wesen sich für mich interessiert.« »Sie müßte denn im Auftrag von Madame Choupin...« sagte Madame Belard in einer komischen Mischung von Besorgnis und Schadenfreude. »Um der heiligen Jungfrau willen, schon der Gedanke ist grausam! Oder gönnen Sie mir mein Glück nicht?« »Gönnen? Woher wissen Sie denn eigentlich, daß Sie Glück haben werden? Ihr eitlen Männer werdet hier auf den Inseln viel zu sehr verwöhnt. Hätte ich früher gewußt, was ich jetzt weiß, hätte ich nie meine Einwilligung zu einem Umzug nach Tahiti gegeben. Wie ich sehe, können wir jetzt zu ihr, kommen Sie.« Damit nahm sie Renés Hand und führte ihn zu der jungen Fremden, die sich mit Madame Brouard unterhielt. Kaum war die Vorstellung ausgesprochen: »Monsieur Delavigne, Mademoiselle Susanne Lewis«, als auch schon der Tanz erneut begann. »Um so besser, beim Tanz werden Sie noch schneller miteinander bekannt!« rief ihnen die kleine, muntere Frau zu. »Dort kommt auch mein Tänzer, Monsieur le capitaine, und ich muß Sie jetzt Ihrem Schicksal überlassen.« Delavigne konnte so gar nicht anders handeln. Er mußte der schönen Fremden seinen Arm reichen, und lächelnd hakte sie sich bei ihm ein. »Madame Belard hatte mich durch eine Neckerei zu Ihnen gebracht und mich ermutigt, zu glauben, daß Sie mich kennenlernen wollten. Ich weiß aber gar nicht, ob ich ein solches Glück verdiene...« »Sie wissen auch nicht, ob das ein Glück für Sie werden wird, Monsieur«, antwortete sie und lächelte erneut. Überrascht sah sie René an. Fast die gleichen Worte hatte doch auch Madame Belard gebraucht. Standen die beiden Damen im Einverständnis? Aber weshalb? »Es ist jedenfalls ein Glück, in diese schönen Augen sehen zu dürfen, und Böses kann da nicht geschehen!« sagte René rasch. »Haben Sie ein gutes Gewissen?« René lachte. »Ja und nein, nicht schwerer zu tragen als alle anderen Sterblichen und auch nicht leicht genug, um zu befürchten, daß mein Herz über Nacht davonfliegt.« »Sie sind ein fortgelaufener Matrose«, fuhr die junge Frau fort und sah ihn neckisch an. René errötete. Da aber seine Geschichte auf Tahiti kein Geheimnis war, sagte er ruhig: »Hat man schon versucht, mich Ihnen von der schlimmsten Seite darzustellen?« »Das müssen Sie selber beurteilen. Übrigens bin ich an der Sache näher interessiert, als Sie vielleicht glauben. Sie sind mein Gefangener.« »Auf Gnade oder Ungnade!« lachte René und ging damit gern auf den leichten Ton des schönen Mädchens ein. »Aber Sie haben sicherlich schon sehr viele ähnliche Gefangene gemacht und werden uns alle auf unser Ehrenwort entlassen müssen, damit wir Ihrem Triumphwagen scheinbar frei folgen können.« »Auf Ehrenwort? Geben Sie kein leichtsinniges Versprechen, ehe Sie wissen, wem Sie es geben!« »Wem?« sagte René erstaunt, aber ihr Gespräch wurde hier durch den Tanz unterbrochen, der die Paare vorrief und trennte. Es bot sich auch keine Gelegenheit mehr, auch nur ein Wort miteinander zu wechseln, bis der Tanz beendet war. Dann nahm René seine Tänzerin am Arm und führte sie den Saal hinunter. »Jetzt lösen Sie mir bitte Ihr Rätsel. Sie tragen eine Maske, tun so, als ob Sie sie lüften wollen, und ziehen die Hand wieder zurück. Ihr Spiegel verrät Ihnen, daß Ihnen der Allmächtige einen großen Zauber ins Auge gelegt hat. Mißbrauchen Sie aber die Macht nicht, die Ihnen gegeben ist, das haben Sie nicht nötig.« »Auf einem Walfänger lernt man doch nicht solche Schmeicheleien«, lächelte die Schöne. »Aber es wird Zeit, daß wir unsere Stellungen einnehmen. Also noch einmal, Sie sind mein Gefangener, René Delavigne!« »Von Herzen gern!« »Halt! Nicht für mich, Monsieur, sondern für meinen Vater, Jonathan Lewis, Kapitän des dreimastigen Walfängers ›Delaware‹, ein gut gekupfertes Schiff erster Klasse und zur Zeit...« »Miß Lewis? Wie ist das möglich?« unterbrach sie René völlig überrascht. »Zur Zeit wahrscheinlich und mit Gottes Hilfe schon zu Hause in Bedford, von seinem Kreuzzug heimgekehrt«, fuhr das Mädchen ernst fort. »Aber Sie, eine Französin, sollen die Tochter des Kapitäns sein, der durch und durch ein Yankee ist?« rief René noch immer ungläubig. »Weigern Sie sich, mir zu gehorchen, nur weil mir der schriftliche Verhaftungsbefehl fehlt?« »Sie sind grausam, Miß.« »Nun, dann will ich Ihnen kurz das Rätsel auflösen. Ich bin keine Französin, sondern im Staate New York geboren. Meine Mutter starb früh, und mein Vater schickte mich nach Louisiana, wo seine Schwester mit einem französischen Pflanzer verheiratet war. Meine Gesundheit litt aber dort, und als ich in meine Heimat zurückkehrte, verschlimmerte der rauhe Nordwind das Übel noch. Die Ärzte verlangten eine Luftveränderung. Mein Vater war damals gerade dabei, einen Walfänger auszurüsten. Mit einem alten Freund sandte er mich deshalb voraus nach Tahiti, wo er mich später besuchen und vielleicht wieder abholen will.« »War der ›Delaware‹ hier?« »Das interessiert Sie wohl brennend?« »Der ›Delaware‹ interessiert mich allerdings«, lächelte René. »Ich kann Ihnen mein Wort geben, daß sich der ›Delaware‹ auch für Sie interessierte. Mein Vater landete gerade auf Tahiti, als Sie entsprungen waren. Er eilte deshalb auch wieder fort, um den ›entsprungenen Matrosen‹, wie er mir erzählte, auf der Insel ›abzuholen‹. Wer hätte gedacht, daß ich so glücklich sein sollte, ihn wieder einzufangen!« »Warum waren Sie nicht früher an Bord?« sagte René. »Ich wäre nie davongelaufen.« »Traue jemand euch Männern! Kaum an Land, und schon denkt ihr nicht mehr an die heiligen Bande, die euch noch an das Vaterland fesselten. Und Sie haben auch nichts Eiligeres zu tun, als dem Beispiel Ihrer Landsleute zu folgen und ein armes Mädchen zu beschwatzen, das ihm die Dauer seines Aufenthaltes hier verschönen soll.« »Sie tun mir Unrecht, Mademoiselle.« »Oh? Ihnen sind wohl die gemachten Verträge stets heilig?« René biß sich auf die Lippen und sagte nach kleiner Pause: »Sie tadeln mich also dafür, daß ich mich dem Leben an Bord durch die Flucht entzogen habe?« »Nein, ich begreife nur nicht, wie Sie den unglückseligen Gedanken fassen konnten, überhaupt an Bord zu gehen!« antwortete Susanne lachend. Ihr Blick traf seinen, und wie musternd betrachtete sie anschließend seine Kleidung. »Wenn ich Sie jetzt so vor mir sehe und Sie mir dann als gewöhnlichen Matrosen in all dem Schmutz und dem entsetzlichen Leben vorstelle... aber Ihre Frau?« »Steht dort drüben bei dem französischen Offizier. Darf ich Sie zu ihr führen?« »Nein, danke«, antwortete die junge Dame mit kühler Höflichkeit. »Ich komme aus Louisiana, und Sie dürfen mir nicht verübeln, daß ich nicht viel für braune Haut übrig habe.« – René sah erstaunt, ja beleidigt zu ihr auf. Susanne begegnete fest dem Blick. Sie war ein wunderschönes Mädchen, wie sie da vor ihm stand. Die volle, üppige Gestalt war doch zart und schlank, ihr Gesicht frisch und mit einem Ausdruck, der unsere Sinne auf den ersten Blick gefangennimmt. Die Augen feurig und doch wieder sanft. René sah in diese Sterne voller Glut und Leben, bis er fast vergaß, welche bitteren Worte ihre schönen Lippen gerade erst ausgesprochen hatten. »Sie sind beleidigt. Sie hätten lieber gehabt, wenn ich eine Unwahrheit gesagt hätte«, sagte sie endlich leise. »Sie bringen ein Vorurteil mit aus einer fernen Welt«, erwiderte René, »und doch verzeihe ich Ihnen gern, Sie kennen Sadie noch nicht.« »Sadie – ein schöner, klangvoller Name. Ich wollte, ich hieße Sadie. Wir in Nordamerika wählen unsere Namen fast nur aus der Bibel.« »Ah, schon wieder einen alten Bekannten getroffen?« unterbrach in diesem Augenblick die Stimme des Kapitäns der »Jeanne d'Arc« das Gespräch. »Sie haben Glück, Monsieur Delavigne. Aber jetzt möchte ich die Dame um den mir versprochenen Tanz bitten.« Miß Lewis nahm mit einer dankenden Bewegung des Kopfes seinen Arm und winkte René freundlich zu. »Ich muß Sie nachher noch einmal sprechen.« René verbeugte sich, aber in diesem Augenblick stand Sadies Bild vor seiner Seele, und er erwiderte das Lächeln nicht. Als er zu seiner Frau zurückkehrte, war sie gerade mit Bertrand zum Tanz angetreten. So blieb er mit untergeschlagenen Armen am nächsten Fenster stehen. Er sah den Tänzern zu, ohne sie richtig wahrzunehmen. Vor seinem Inneren stand wieder die schöne Fremde, und ihre kalten Worte erfüllten ihn mit einem eigenartigen, wehmütigen Gefühl. Weshalb hatte sie ihn aufgesucht und freundlich mit ihm gesprochen, nur, um ihn wieder zurückzustoßen? War das nur Koketterie, um ihn die Macht fühlen zu lassen, die sie über Männer ausüben konnte? Bei diesem Gedanken zuckte um seine Lippen ein verächtliches Lächeln. »Törichtes Mädchen, deine Schönheit kann das Auge für kurze Zeit blenden, aber den Mangel an Herz kann sie nicht ersetzen. Geh und suche dir ein anderes Spiel, bei mir hast du deine Zeit verloren!« murmelte er leise vor sich hin. Wieder wechselten die Bilder vor seinem inneren Auge. Mit den wirbelnden Gedanken und der vertrauten Musik stiegen Erinnerungen in ihm auf. Er preßte die Hand auf die Augen, aber nur wilder und ungestümer drangen die Gedanken auf ihn ein. Mehrere Minuten hatte er so gestanden, als eine leichte Hand seinen Arm berührte. Fast erschrocken blickte er wieder auf. »Bist du krank?« sagte eine liebe Stimme, und Sadies treue Augen sahen ihn ängstlich an. Er brauchte einige Sekunden, um sich von den Erinnerungen frei zu machen. Wie ein Sonnenstrahl die Nacht der Wolken durchbricht und Licht und Leben über die noch vor wenigen Augenblicken nur mit Nebelschatten bedeckte Erde wirft, so tauchte plötzlich das Bild seiner Frau vor ihm auf. Er fühlte das Wohltuende ihrer Nähe, das den bösen Geist, der ihn beschlich, zurückdrängte. Ihre Hand ergreifend, flüsterte er das Zauberwort, das sich ihm selber retten sollte: »Sadie!« »Du bist krank, René«, sagte die junge Frau und drehte ihn zum Fenster. »Du siehst bleich und angegriffen aus, laß uns nach Hause gehen«, setzte sie dann rascher und leiser hinzu. »Dort wird dir viel wohler sein, und... mir auch!« »Mir fehlt nichts, mein Liebes«, erwiderte René lächelnd. Ein Gefühl trieb ihn dazu, seine jetzige Bewegung und deren Ursache vor seiner Frau zu verbergen. »Ich fühle mich sogar sehr wohl heute abend, und ich will noch viel tanzen. Verschmähte Freude kehrt nicht zurück, und es wäre Sünde, sie nicht zu nutzen.« »Ich weiß nicht, von wem Sie sprechen, aber es wäre doch Ihre Schuldigkeit, wenigstens für einen Tanz die Wirtin aufzufordern!« sagte da Madame Belard lachend neben ihnen. René hätte in diesem Augenblick keine bessere Entschuldigung finden können, um weiteren Fragen auszuweichen. Er nickte Sadie zu und bot Frau Belard den Arm an. »Heda, Sadie, du machst ja so ein ernstes Gesicht! Bist du schon müde?« erkundigte sich Aumama. Sadie schüttelte lächelnd den Kopf. »So leicht nicht, Aumama. Mir gefällt auch das Tanzen gut. Wenn ich nur wüßte«, setzte sie mit leiser Stimme hinzu, »ob es nicht vielleicht doch eine Sünde ist, die wir begehen und uns dabei vorlügen, daß es nur eine unschuldige Freude ist.« »Was ist es denn sonst?« lachte Aumama. »Nimm mir den Tanz, und ich gebe dir mein Leben in den Kauf. Nur diese Gesellschaft hier gefällt mir nicht. Das Umfassen hemmt die freie Bewegung, das Drehen macht mich schwindlig, und auch die Wände und der Boden hier verwirren mich. Es ist mir, als ob ich draußen im Kanu auf offener See treibe, und die Wellen werfen mich auf und nieder. Nein, gib mir eine freie, offene Stelle unter blühenden Zweigen und die blinkenden Sterne über uns. Dazu die lustige Trommel, dann bin ich mit Herz und Seele dabei. Hei, wie die Tapa im Wind flattert und die Locken um die Stirn fliegen. Da wird dir das Blut in den Adern zu flüssigem Feuer! Dieser Tanz hier ist kalt, kalt wie das Land, aus dem er kommt. Da können sie auf ihren merkwürdigen Instrumenten so viel Lärm machen, wie sie wollen, sie können mein Herz nicht erwärmen. Sie haben ja noch nicht einmal eine Trommel dabei!« »Du bist eine merkwürdige Frau. Fremde Völker haben doch auch fremde Sitten«, sagte Sadie lächelnd. »Deshalb sollen sie auch uns unsere lassen«, trotzte Aumama. »Aber, was ich dich fragen wollte – wer ist das weiße Mädchen, das mit René so lange tanzte und dann so viel mit ihm zu reden hatte?« »Ich weiß es nicht, eine Fremde, glaube ich, warum?« »Mir würde das nicht gefallen, wäre ich wie du. Sie hat ein glattes und listiges Gesicht, und ihr Blick... Ich konnte ihre Sprache nicht verstehen, aber das ist auch nicht nötig, wenn die Augen so deutlich reden wie die Lippen!« »Und was haben sie dir gesagt?« »Nichts, was mich freute, aber auch nichts, was ich wiedererzählen möchte. Man soll keinem Menschen etwas Übles nachreden nur auf einen Verdacht hin.« »Du bist ärgerlich auf die fremden Frauen. René hat seitdem nicht wieder mit ihr gesprochen.« »Auch mit sonst keinem. Er stand da am Fenster und stützte seinen Kopf in die Hand, als du zu ihm kamst.« Sadie schwieg und sah nachdenklich vor sich hin. Ihr Blick haftete nicht lange am Boden, sondern suchte den Mann im wilden Gewirr des Tanzes. Dann suchte sie vergeblich nach Miß Lewis, die den Saal bereits verlassen hatte. René lachte und plauderte noch immer mit Frau Belard. Neue Gäste kamen zum Tanz, als gerade eine Pause verkündet wurde. Zur Erfrischung standen Früchte, Kuchen und Wein bereit. Kaum schwieg die Musik, als sich auch schon einige der wilden Mädchen in der Mitte des Saales versammelten, froh, den lästigen Zwang hinter sich zu haben. Bald waren sie von einem großen Teil der Männer umstanden. »Kommt!« rief eine aus der fröhlichen Schar. Sie kümmerte sich wenig um die geputzten Fremden, die im Hing um sie standen. »Komm! Denn der scharfe Ton hat mich gelangweilt schon, komm! Zuckt mir's durch Fuß und Knie Zuckt mir's im Herzen hie! Komm!« »Gib Frieden, Waihine – fort mit dir, Mädchen«, riefen einzelne lachende Stimmen dazwischen. »Hier ist kein Platz für eure wilden Tänze, wo fremde Frauen sind, auseinander mit euch!« »Fort?« riefen aber jetzt andere, denen der wilde, bekannte Laut die Pulse schon rascher schlagen ließ. »Fort? Laß sie schwatzen da, Herzchen, wir kommen ja. Fort! Rasch nur die Trommel her, steh'n wir nicht müßig mehr. Fort!« Den Takt mit den flachen Händen auf die Hüften schlagend, singend und lachend begann die muntere Schar den wilden Upepehe, den Lieblingstanz ihres Stammes. Zwar sprangen noch einzelne Männer dazwischen, die nicht zu Unrecht befürchteten, daß der Tanz in dem Übermut der jubelnden Schar ausarten könnte, aber zu spät. Die neu angekommenen Gäste, zwei Marineoffiziere der »Jeanne d'Arc«, mischten sich gleich lachend unter die Mädchen, die sie fast alle kannten. Madame Belard beschwor jetzt René, seinen Einfluß aufzubieten und das zügellose Volk wieder zur Ordnung zu bringen. Das war jedoch mit Schwierigkeiten verbunden. In der Mitte gestört, stoben sie nach allen Seiten hinaus, jede auf eigene Art den begonnenen Tanz fortsetzend. Es wurde erst möglich, sie wieder zur Ordnung zu bringen, als die Trompeten ein Zeichen für den nächsten Tanz gaben. Dadurch gerieten die Mädchen aus dem Takt und hörten auf. Die Musik ging gleich in den Tanz über, und die neu angekommenen Offiziere sahen sich nach Tänzerinnen um. Von den weißen Damen schien aber nur noch Mrs. Noughton übriggeblieben zu sein, die trotz aller Aufforderungen wacker neben ihrem Mann auf dem Sofa ausgehalten hatte. Madame Belard war mit Monsieur Brouard angetreten, Madame Brouard mit dem Kapitän, und Fräulein Susanne blieb verschwunden. Mrs. Noughton weigerte sich auch diesmal mit einer steifen Verbeugung. Einer der Offiziere sah leicht getröstet im Saal umher, um sich eine von den Insulanerinnen auszusuchen, als sein Blick auf Sadie fiel. Ihre europäische Tracht fiel ihm nicht besonders auf. So trat er rasch zu ihr, legte seinen Arm um ihre Taille und sagte: »Komm, Waihine, wir beide wollen einmal versuchen, wie wir herumkommen. Aber halt das Köpfchen steif, damit du nicht schwindlig wirst. Ich werde dich schon drehen.« René hatte sich gerade mit Bertrand unterhalten und ging langsam zu der Stelle, an der Sadie stand, als er bemerkte, wie sie sich in dem Arm des Fremden sträubte. Der junge Offizier, der schon seit Monaten seines langen Aufenthaltes an den Umgang mit den Frauen Tahitis gewöhnt war, glaubte hier nur eine etwas sprödere Schöne gefunden zu haben. Lachend rief er: »Zum Teufel, mein Mädchen, wehre dich doch nicht, ich tue dir doch nichts!« Sadie war aber so erschrocken, daß sie nicht einen Laut herausbrachte. Sie fühlte sich von dem starken Mann emporgehoben, als René mit einem Sprung an ihrer Seite war. Seine Hand griff mit Eisengriff die Schulter des Soldaten, und mit vor Zorn bebender, kaum hörbarer Stimme sagte er: »Zurück da, Monsieur, das ist meine Frau!« »Sollst sie behalten, Kamerad, aber ein Tänzchen muß sie erst noch mit mir machen, da hilft ihr kein Gott!« antwortete der etwas rohe Offizier lachend. »Lassen Sie mich los, Monsieur!« rief jetzt auch Sadie, durch Renés Gegenwart ermutigt. Durch das flüssige Französisch der Insulanerin war der Offizier überrascht. Kaum ließ er seinen Griff um ihre Taille etwas nach, als er auch schon von dem wütenden René gefaßt und mehrere Schritte zurückgeschleudert wurde. »Teufel!« schrie er auf und fuhr mit der Hand unwillkürlich nach dem leeren Degenkoppel. Bertrand sprang dazwischen, und der Offizier besann sich darauf, wo er sich befand und daß er dieses Fest nicht stören durfte. Er biß die Zähne aufeinander und winkte dem trotzig zu ihm herüberschauenden René, ihm zu folgen. Aber andere Augen hatten ebenfalls den Wink gesehen und verstanden, und ehe René imstande war, sich von Sadie frei zu machen, fühlte er eine Hand auf der Schulter. Der Kapitän der »Jeanne d'Arc«, der gerade zufällig mit seiner Tänzerin dort stehengeblieben und Zeuge des blitzschnellen Vorfalles war, bat ihn, nur wenige Minuten auf seiner Stelle zu bleiben, bis er ihm von draußen Antwort bringe. Dann folgte er ohne weiteres dem Offizier, erreichte ihn an der Tür, faßte seinen Arm und führte ihn mit sich hinaus. In dem Saal war wieder für einen Moment Stille eingetreten. Die Musiker hatten den Streit unmittelbar vor sich erlebt und wie verabredet aufgehört, die Tänzer stockten. Auch einige der übrigen Gäste hatten die Ursache des so plötzlich aufgetauchten Streites erkannt und sahen, daß er schon zu weit gegangen war, um ihn anders als mit Blut zu sühnen. In peinlicher Erwartung sah man dem Ausgang dieser Sache entgegen. Nur die eingeborenen Mädchen hatten die Zusammenhänge nicht erkannt. Für sie war der Streit mit dem Fortgang des Offiziers erledigt. Zuerst staunten sie über die feierliche Stille im Saal, dann gewann ihr leichter Sinn wieder die Oberhand. »Hierher, Waihines!« rief lachend Nahuihua, die Schwester Aumamas, mit der Lefevre schon fast den ganzen Abend getanzt hatte. Schnell! – Schnell wie der gierige Hai Schneidet die Flut entzwei. Schnell!« »Ruhe, Waihine!« flüsterte es rasch um sie her, und das Mädchen schwieg erschrocken mitten in ihrem Gesang, als sie die ernsten Gesichter um sich sah, die sich jetzt entsetzt zu ihr umdrehten. Madame Belard wußte aber, wie der böse Geist wieder zu bannen war. Dem Orchester ein Zeichen gebend, ergriff sie den Arm Renés. Mit der einsetzenden Musik zog sie ihn zum Tanz. »Monsieur Delavigne, Sie haben mir meinen Tänzer fortgejagt und sind jetzt auch verpflichtet, seine Stelle einzunehmen.« Etwas leiser setzte sie hinzu: »Merken Sie denn nicht, daß alle zu Ihnen sehen? Machen Sie wieder gut, was Sie verdorben haben, und zeigen Sie den Leuten, daß Sie gar nicht daran denken, Streit anzufangen.« René fühlte mehr, als er verstand, daß sie recht hatte. Einen Blick zu Sadie warf er zurück und sah sie im Schutze Bertrands. Mit einer Verbeugung zu seiner Tänzerin sagte er leise: »Verzeihen Sie bitte den fatalen Auftritt, den ich Ihnen in meiner Wut bereitet habe, aber...« »Ich weiß alles«, beruhigte ihn Madame Belard. »Nur ein Mißverständnis, ruhig, Monsieur, Sie sollen nicht wieder aufbrausen, solange ich zu Ihrem Schutz da bin. Ein Mißverständnis war die ganze Ursache. Der junge Offizier, der Sie gar nicht kannte, kann nicht die Absicht gehabt haben, Sie oder Sadie wissentlich beleidigen zu wollen. Er würde vielleicht ebenso leicht daran denken, sich einen Finger abzuschneiden, als hier bei mir Streit anzufangen.« »Aber er hat...« »Ich weiß ja alles«, unterbrach ihn wieder Madame Belard und schüttelte in gutmütiger Ungeduld mit dem Kopf. »Er hat Ihre Frau nach unseren Begriffen beleidigt. Wäre das auf einem europäischen Ball vorgefallen, so könnte nichts anderes als Degen oder Pistole den Streit entscheiden, habe ich recht?« »Wäre das? Ist das nicht hier, bei meiner Frau, genau dasselbe?« erkundigte sich René erstaunt. »Nein, nein, und abermals nein!« sagte Madame Belard ungeduldig. »Nach insulanischen Begriffen von Ehre und Schicklichkeit...« »Aber meine Frau ist...« »Eine Insulanerin, Sie mögen es drehen und wenden, wie Sie es wollen. Wenn sie von den übrigen eine Ausnahme macht, von denen sie sich tatsächlich wie Tag und Nacht unterscheidet, so liegt der Unterschied doch nicht auf der Haut! Der junge Offizier sprang hier übermütig herein, froh, einen Abend vom Schiffsdienst frei zu sein. Weil er keine Tänzerin hatte, suchte er sich eine unter den schönsten Einheimischen aus. Daß er dabei aus Versehen gerade auf Ihre Frau trifft, war genauso ein Zufall, wie einen Neger mit weißer Haut zu finden. Woher sollte er wissen, daß die Insulanerin so ganz ihren eigenen Sitten entsagt hat und mit den europäischen Gebräuchen vertraut ist?« »Aber ihre ganze Kleidung mußte ihm das schon gleich verraten!« »Als ob ihr Männer überhaupt jemals seht, womit sich eine Frau herausgeputzt hat! Aber, Delavigne!« setzte sie ernster hinzu und sah sich um, ob sie noch jemand hörte. »Seien Sie auch vernünftig. Der Fremde kann unsere Verhältnisse nicht kennen und wird der farbigen Eingeborenen nie eine solche Achtung und Aufmerksamkeit zollen wie einer ebenbürtigen.« »Ist sie das nicht auch?« rief René erstaunt, und Madame Belard biß sich auf die Lippen. Sie zögerte noch mit einer Antwort, die sie sich scheute gerade auszusprechen. »Lieber René«, sagte sie endlich nach einer kleinen Pause mit wirklicher Herzlichkeit im Ton, wie sie noch nie zu ihm gesprochen hatte. »Sadie ist ein liebes Kind, eine Frau, die man mit jedem Tag lieber gewinnt, und ihre ganze Seele liegt in ihrem Blick, aber...« »Aber? Madame Belard?« »Sie haben sich mit ihr die Rückkehr in die Heimat abgeschnitten«, setzte die kleine Frau endlich entschlossen hinzu. »Sie haben sich auf Ihre Bambushütte und den Meeresstrand beschränkt, und... ich weiß nicht, ob Sie gut daran getan haben.« »Paßt Sadie nicht in jede Gesellschaft?« »Ja, aber die Gesellschaft paßt nicht für sie«, lautete die rasche Antwort. »Wenn sie von der Gesellschaft als das aufgenommen würde, was sie wirklich ist, in ihrer Anmut und Weiblichkeit, könnte keine andere Frau höher stehen. Aber wir leben nun einmal in einer Welt von Vorurteilen und können nicht durch die Wand mit dem Kopf.« »Aber ich will von der Welt nichts mehr. Mir genügt das Glück, das ich besitze, das sollen sie mir nur unbekümmert lassen.« Madame Belard schüttelte mit dem Kopf und sagte ernst: »Sie kennen sich selbst nicht, Delavigne, und sind hier in Verhältnisse gekommen, die Sie noch nicht übersehen können. Gebe Gott, daß ich unrecht habe, aber Sie passen so wenig zu dem tatenlosen Leben dieser Insel wie... ich, und ich will auch meinem Gott danken, wenn Monsieur Belard einmal ebenso denken lernt und die Segel wieder heimwärts setzt.« »Was sollte mich hindern, ebenfalls nach Hause zurückzukehren?« frug René. Aber sein Auge suchte dabei den Boden, und als Madame Belard nicht antwortete, sah er auf. Vor ihm stand mit einem Lächeln auf den Lippen Susanne. Ohne ihn anzureden, schüttelte sie nur langsam und wie mißbilligend den Kopf und ging langsam auf die Stelle zu, an der sich das Ehepaar Brouard zum Gehen anschickte. Ihm blieb jedoch keine Zeit mehr, denn durch die Reihe der Tänzer schritt der Kapitän der »Jeanne d'Arc«. Mit einer entschuldigenden Verbeugung gegen Madame Belard griff er Renés Arm und führte ihn hinaus ins Freie, wo die kühle Seeluft seine heiße Stirn kühlte und die Sterne freundlich auf sie herabschienen. »Mr. Delavigne, es ist zwischen Ihnen und einem meiner Offiziere ein mir sehr unangenehmer Vorfall passiert«, sagte der Kapitän und drückte die Hand des jungen Mannes. »Er ist berechtigt, dafür Genugtuung zu verlangen«, erwiderte René. »Ungestümes Geschlecht! Ihr sollt euch nicht schießen, ihr sollt euch miteinander vertragen und einsehen, daß euch Gott eure gesunden Glieder gegeben hat, um sie zur Ehre des Vaterlandes einzusetzen, wenn es nötig ist. Aber ihr sollt es nicht da leichtsinnig einsetzen, wo es nur eines offenen Wortes zwischen zwei Parteien bedarf, um zu zeigen, daß beide unrecht hatten.« »Monsieur Rodolphe wird wohl kaum das erste Wort zum Frieden sagen«, sagte René vor sich hin. »So tun Sie es, Delavigne!« rief der Kapitän. »Ich? Nie!« zischte René zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch. »Er hat meine Frau beleidigt, und jeder andere hätte wie ich gehandelt. Aber trotzdem will ich die Hand zur Versöhnung reichen«, setzte er finster hinzu, »wenn Monsieur Rodolphe mit mir zu Madame Delavigne geht und die Dame dort wegen seiner Rohheit um Entschuldigung bittet. Sie wissen selbst, Kapitän, daß nach unseren Begriffen von Ehre keine weitere Wahl mir oder ihm bleibt.« »Aber Delavigne, das würde bei... das würde bei... das würde in Europa nötig sein, aber hier...« »Sind unsere Gesetze der Ehre hier anders?« erkundigte sich René und sah ihm dabei fest ins Auge. Kapitän Sinclair biß sich auf die Lippen. Er konnte nichts darauf erwidern, wenn er René nicht kränken und einen zarten, höchst schwierigen Punkt berühren wollte. Aber er wußte auch, daß Rodolphe nach seiner Auffassung von Ehre sich niemals bei einer Insulanerin entschuldigen würde. Es blieb keine weitere Wahl, und tief aufseufzend drehte sich der Kapitän ärgerlich ab. »So macht, was ihr wollt, schießt euch beide ein paar Kugeln durch die Jacken, so sind ein paar Tollköpfe weniger auf der Welt. Aber ich will mit der ganzen Sache nichts weiter zu tun haben und nichts davon wissen. Die Folgen kommen auf euch selbst.« Mit raschen Schritten kehrte er in das Haus zurück. Von der anderen Seite näherte sich ein Marineoffizier und sagte höflich: »Monsieur Delavigne, nehme ich an?« »So ist mein Name.« »Sie wissen, was...« »Ich stehe Ihnen mit Vergnügen zu Diensten.« »An wen wünschen Sie, daß ich mich wende?« »Leutnant Bertrand wird so freundlich sein...« »Besten Dank, Monsieur, und guten Abend.« Mit höflichem Gruß trennten sich die beiden Männer, und René folgte dem vorangegangenen Kapitän, um Bertrand zu unterrichten und ihn um seinen Beistand zu bitten sowie seine Frau abzuholen. Der Abend war ihm verleidet worden. Er hatte gehofft, den Saal unbeachtet betreten zu können, aber Madame Belard schien ihn schon in Angst und Sorge erwartet zu haben. Sie griff seinen Arm und führte ihn durch den Saal. »Was haben Sie getan? Sie wilder Mann, und die arme Frau sitzt da drin und weint, und dabei weiß sie noch nicht einmal das Schlimmste!« »Wo ist Sadie?« frug René, der sich im Saal vergeblich nach ihr umsah. »Auf meinem eigenen Zimmer. Ich bringe Sie dorthin.« »Nur einen Augenblick, Madame. Ich habe nur einem Herrn da drüben zwei Worte zu sagen, entschuldigen Sie mich bitte, ich hin gleich wieder bei Ihnen.« »Soll es wirklich zum Äußersten getrieben werden?« flüsterte Madame Belard. Sie war kreidebleich geworden. René zuckte die Schultern. Bertrand, der ebenfalls den Saal verlassen wollte, stand nur wenige Schritte von ihm entfernt. Wenige geflüsterte Worte genügten, sie drückten sich die Hand, und René eilte rasch zu Madame Belard zurück. »Was seid ihr doch für entsetzliche Männer«, sagte sie, als sie den Saal verlassen hatten und die Treppe hinaufstiegen. »Völlig kaltblütig verabreden sie sich, sich zu ermorden oder zu verstümmeln, und machen sich dabei weis, daß es nötig, unumgänglich wäre. Aber gehen Sie jetzt nach Hause mit ihr, so rasch Sie können. Sie sehnt sich nach ihrem Kind, und ich möchte mich selber hinsetzen und weinen, wenn ich daran denke, wie das arme, süße Wesen von mir eingeladen war, um sich zu amüsieren, und jetzt traurig in ihr Haus zurückkehrt. Sie dürfen mit ihr nicht mehr unter weiße Männer gehen, René, oder Sie können der armen Frau noch selber das Grab hier auf der fremden Insel graben.« Ohne eine weitere Antwort von ihm abzuwarten, öffnete sie die Tür ihres Zimmers und ließ René eintreten. Dann kehrte sie zu ihren Gästen zurück, um dort keinen Verdacht zu erwecken, daß irgend etwas vorgefallen wäre, das den Frohsinn hätte stören dürfen. 17. Unterwegs René betrat rasch den Raum, der nur von einer einzigen, düster brennenden Lampe erleuchtet wurde. Eine Angst, die er sich selbst nicht erklären konnte, preßte ihm das Herz zusammen. Es beruhigte ihn nur wenig, daß Sadie ihm entgegenkam und ihm die Hände entgegenstreckte. Er zog sie an sich und sprach längere Zeit kein Wort. Als er ihr einen Kuß auf ihre heiße Stirn gab, fühlte er, wie sie in seinem Arm zitterte. »Wir wollen nach Hause gehen«, sagte er flüsternd, und sie nickte heftig, ohne zu reden. Auch ihr Herz war zu voll und schwer geworden. Eng umschlungen verließen sie durch einen Hinterausgang das Haus. Nach vorn, gegenüber den hellen Fenstern, hatten sich Hunderte von Eingeborenen gelagert, die hier den fremden Melodien lauschten. René und Sadie schritten durch den Garten, unter Bananen und Orangen langsam und schweigend den schmalen Pfad entlang, den der Mond nur mühsam durch die Baumwipfel beleuchtete. Auf der äußeren Straße erreichten sie bald den Strand. »Du solltest dich an unseren Sitten und Vergnügungen freuen«, sagte René endlich. »Du solltest tanzen und fröhlich sein und hast nur Schmerzen und Herzleid gefunden.« Sadie wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihr. »Bist du mir böse, Sadie?« sagte René endlich nach langer Pause und versuchte, ihr Gesicht emporzuheben. »Nein, René«, flüsterte sie leise und schüttelte langsam den Kopf. »Nein, nicht böse... aber... aber eine Bitte habe ich an dich.« »Nenne sie, mein Herz!« »Du warst so glücklich in Atiu, nichts bedrohte dort unseren Frieden. Dort waren keine weißen Frauen und Männer weiter«, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort. »Dort warst du einer von uns, alle hatten dich lieb. Es war meine Heimat. Hier sind wir fremd, und das Land ist durch deine Landsleute und die Engländer anders geworden. Die weißen Menschen halten sich für besser als die dunkleren. Sag nichts dagegen, René, ich weiß es. Ich würde es gern deinetwegen ertragen, wenn ich dich nicht deinetwegen bitten müßte, wieder mit mir von hier fortzugehen.« »Meinetwegen, Sadie?« sagte René, aber es war ihm nicht ernst mit der Frage, und Sadie wußte es. »Wenn du es nicht selbst fühlst, René, kann ich es dir nicht mit Worten beschreiben. Ich glaube nur, daß wir sehr unglücklich werden, wenn wir hier länger bleiben.« »Aber, mein Geschäft hier...« sagte René. »Hat nicht die Kokospalme Milch im Überfluß, hängt nicht die Brotfrucht voll und reif am Zweig, und gibt es nicht reichlich Orangen?« erkundigte sich Sadie und schmiegte sich noch fester an ihn. »Hast du nicht mich und dein Kind? Liegt nicht der Frieden Gottes auf dem kleinen, stillen Inselreich, wo es alles gibt, was gut und fruchtbar ist? Sieh, René, ich habe alles getan, was du von mir verlangt hast. Ich habe mir deine Sitten angeeignet, soweit es ging. Ich trage eure Kleidung, ich spreche eure Sprache, ich habe mein Herz nur dir und unserem Kind gegeben. Nur die Farbe konnte ich nicht ändern, die Gott meiner Haut gegeben hat. Ich bin ein Kind dieser Inseln, und so hast du mich liebengelernt und zu deiner Frau genommen. Aber meine Schwestern hier auf Tahiti sind anderer Art. Sie wurden nicht so erzogen wie ich, leben meistens nur in den Tag hinein, und deine Landsleute tragen viel Schuld daran. Du hast heute erfahren, wie sie die Insulanerin achten. Willst du noch länger Zeuge sein, wie sie mich kränken und niederdrücken? Dabei hast du noch nicht einmal den zehnten Teil von dem gesehen, was mir wie mit einem Messer in die Seele schnitt, nicht die kalten Blicke einzelner Frauen, nicht die leichtfertigen Worte, die mir oft ohne Furcht und Scheu in die Ohren geflüstert wurden und mir das Blut ins Gesicht trieben. Ich gehöre nicht unter diese Menschen. Willst du hier auf Tahiti bleiben und dich nicht von dem vielleicht liebgewordenen Leben trennen, so laß mich daheim bei meinem Kind, René. Dorthin gehöre ich, den Platz fülle ich aus, und unsere Hütte mag dir selber eine Heimat werden – aber Atiu wird es uns doch nie ersetzen. Wenn wir doch zurück könnten!« René erwiderte nichts. Schweigend schritten sie nebeneinanderher. Wilde, unruhige Gedanken wirbelten in seinem Kopf umher. Sadie, das freundliche Atiu, das fremde Mädchen, die Erinnerung an die Heimat, durch Bertrand wachgerufen – das alles zog in schnellem Flug vor seinem inneren Auge vorüber. So erreichten sie den stillen, freundlichen Platz, auf dem ihr Haus stand. Das matte, gedämpfte Licht, das aus dem einen verhangenen Fenster drang, beleuchtete den Schlaf ihres Kindes. Die Palme, die ihren breiten Wipfel darüber hing, rauschte leise und feierlich. Es war, als ob sie dem Schlaf des Lieblings lausche und ihm bunte, freundliche Träume über sein kleines Bett zuflüsterte. Fast unwillkürlich blieben die beiden stehen. Als René bei diesem friedlichen Bild an die vielen tausend glücklichen Stunden dachte, die er schon hier verbracht hatte, und an die frühere Zeit, die erste Zeit seiner Liebe, seiner Hoffnungen, da überkam ihn ein weiches, reuiges Gefühl. Er zog seine Frau an sich und küßte sie. Dann traten sie an das Bett ihres Kindes. Die Lampe, von einem breiten Bananenblatt verdeckt, warf nur einen matten grünen Schein auf das Kind. Die langen, seidenen Wimpern lagen voll und dicht auf den vom Schlaf geröteten Wangen. Ein liebes Lächeln spielte um die fein geschnittenen Lippen. Komm, lieber Leser – siehst du dieses friedliche Bild? Leise, daß wir sie nicht stören, hinunter an den Strand, wo die Brandung über die Riffe donnert. Dort liegt mein Kanu, steig nur ein und fürchte nicht das Schwanken. Der Luvbaum schützt es vor dem Umschlagen. Ich steuere dich in dem scharfgebauten Kahn über das mondbeleuchtete Wasser anderen, wenn auch nicht so friedlichen Szenen zu... In der Bucht schimmern die Lichter der ankernden Schiffe. Unter dem stolzen Schiff fahren wir dahin. Es ist der »Talbot«, und der Mann dort, der das Kinn auf den Arm stützt und träumend zu uns herüberschaut, wundert sich wohl über die stillen Ruderer hier draußen so spät in der Nacht. Wie stolz und symmetrisch stehen die Masten, mit ihrem spinnwebartigen Gewirr von Tauen und Segeln heben sie sich scharf und klar gegen das helle Firmament ab. Dort drüben ragt der schlanke, wespenartige Bau des anderen Kriegsschiffes herüber, der »Jeanne d'Arc«. Er sieht bedroht aus von dem »Talbot« hier und dem »Vindictive« dort drüben, jenem gewaltigen Koloß, der die Mündungen seiner Kanonen auch hierher gerichtet hält. Aber trotzig zeigt auch sie die Zähne, und mit dem ersten Sonnenstrahl wehen die drei Farben vom Mast, genauso wie nebenan die stolzen Flaggen Albions. Auf dem Kriegsschiff tönen die Schläge einer Glocke. Sechs Glasen schlägt es, es ist elf Uhr, und kaum hat die Glocke der Ankerwinde vorn auf dem Vorcastle des »Vindictive« dem Kompaßschlag geantwortet, als gleichzeitig auch die »Jeanne d'Arc« und der »Talbot« die Stunde schlagen. Alles ist wieder still und ruhig wie vorher. So lautlos liegt die Nacht auf dem kaum bewegten Meer, daß man den Schritt der einzelnen Wache auf dem nächsten Deck des französischen Kriegsschiffes deutlich hört. Das leichte Summen einer heimischen Melodie tönt leise über das Wasser. Da beginnt noch ein Schiff, die versäumte Zeit langsam nachzuschlagen. Die französische Schildwache lacht und zählt die schläfrigen Schläge einer gesprungenen Glocke mit. Von dort her kommen sie, von dem Walfänger, der gerade in unserer Bahn liegt. Der Mann, der die Wache hatte, schlief so sanft in Lee vom Boot und träumte so süß, bis er von dem Schlagen der Glocke munter wurde. Er zählte von allen Schiffen mit, und als er im Halbschlaf lange genug gewartet hatte, wann auch die klappernden Töne seines eigenen faulen Schiffes kämen, der früher so rüstigen »Kitty Clover«. Da erst fällt ihm ein, daß er eigentlich dieses Amt hat. Mit einem leise gemurmelten Fluch stand er auf und schlug auf die geborstene Seite. Bei jedem traurigen Schlag brummte er: »Verdamme dich... altes... geborstenes... klapperndes... schnurrendes... Lärmeisen du! Ein Skandal für die ganze Nachbarschaft!« Dann suchte er wieder seinen Ruheplatz hinter dem Boot auf. Der Mond fiel jetzt voll gegen die Flanke des schmutzigen; von Rauch und Teer geschwärzten, tranigen Fahrzeugs der »Kitty Clover«. Die Segel, die gestern zum Trocknen gelöst wurden, hängen halb aufgegeit an den Rahen und zeigen die breiten Teerstreifen der Reffer. Damit die Walfänger nachts nicht an Walen vorbeilaufen, reffen sie meistens erst abends die Segel. Da die Leute tagsüber den Tran auskochen und voller Fett sind, machen sie auch Fettflecke in die Segel, auf denen sie zum Einbinden liegen. Die kurzen Masten mit dem breiten Sitz für den Ausguck, die Boote aufgezogen und mit Kokosblattmatten dicht gegen die heiße Sonne abgedeckt, das zerfetzte Kupfer am Bug, das alles sind Zeichen einer langen Reise, und alles verkündet das Geschäft des Walfängers. Doch jetzt lag er in der guten Jahreszeit fett und träge hier vor Anker, statt im Norden den Walen aufzulauern und seinen Rumpf zu füllen. Dicht unter seinen Kranen gleiten wir dahin, und freier dehnt sich die Bai hier vor uns aus. Dort drüben sehen wir die kleine, mit Palmen bewachsene Insel. Das ist Motuuta, der Königssitz der Pomaren, stiller Zeuge früherer Macht und häuslicher Glückseligkeit. Vorbei, die Macht der Pomaren zwischen Engländern und Franzosen zum Spott geworden, zum Spiel, um das beide Nationen vielleicht mit Kanonenkugeln würfeln oder es auch einem Gegner freiwillig überlassen, weil es doch nicht der Mühe lohnt. Weiter, aus den düsteren Schatten der Schiffe heraus. Funken sprühen in der elektrisch geladenen Luft vor dem Bug. Das leichte Ruder lenkt das Kanu fast über die Wellen. Da drüben liegt der Strand, weit und silbern dehnt sich der mondbeschienene Muschelkies und blitzt und funkelt. Die Woge quillt dagegen und saugt und breitet sich darüber hin, weicht zurück und läßt nur den funkelnden Schaum, der in Atome auseinanderfließt. Jetzt haben wir das lange, niedrige, palmenbedeckte Land erreicht, den rechten Arm der Bai, die ihn wie schützend gegen den Passat vorhält. Kleine, hochgebaute Gerüste laufen ein Stück in die See hinaus, von dem sandigen Strand ab, um Seebooten auch bei niedrigem Wasserstand die Anfahrt zu gestatten. Aber das Kanu braucht keine solche Hilfe. Frisch fliegt es über das Wasser auf der klaren Flut, und das Ruder, das es vorwärts treibt, hebt es und zwingt es selbst über Korallen- und Sandbank fort, dem weißen Muschelkies entgegen. Bambusstäbe sind hier überall in den Grund gestoßen, ein Zeichen für Fischer für tieferes Wasser. Mitten dazwischen schießt das Kanu, und als sich die aufgebogene Spitze auf den Sand schiebt, hebt sich das schlanke Boot und sitzt fest. Jetzt hinaus, und am nächsten Baum binden wir es fest, damit es mit der Flut nicht fortgeführt wird. Durch das schattige Grün der Gärten führt uns der Pfad wieder zu dem heimlichen Platz. Hier wird der Pfad schmal, und dort gleich hinter den Bananen beginnt das Dickicht der Guiaven. Siehst du, lieber Leser, bereits das Licht dort durch die Zweige blitzen? Hörst du die gellenden Töne keifender Menschenstimmen? Wir sind am Ziel, und ich führe dich jetzt ein bei Mütterchen Tot. 18. Mütterchen Tots Hotel Tief in den Guiaven versteckt, aber nur etwa fünfhundert Schritt von den letzten Häusern Papeetes entfernt, lag eine der gewöhnlichen, langovalen niedrigen Bambushütten dieser Insel. Sie war mit Pandanusblättern gedeckt und wies kaum mehr Hausgerät auf als nur ein paar eiserne Kessel, etwa ein Dutzend halb ausgehöhlte Schemel, die die Eingeborenen tagsüber als Sitz benutzten, nachts als Kopfkissen. Die Wände waren übrigens mit Bastmatten dicht verhängt. Sonst kannte man in den Hütten solche Behänge nicht, damit der Luftstrom frei zirkulieren konnte. Der Besitzerin dieses Platzes lag wohl mehr daran, ungestört zu bleiben, als frische Luft zu bekommen. An der einen Seite der Wände hingen ein paar alte Kattun-Überwürfe, abgenutzt und geschwärzt durch die Jahre und den Rauch der Hütte. Daneben und unter einer langen Reihe ausgeschliffener Kokosschalen, die als Trinkbecher dienten, paradierte ein alter, in unmögliche Formen gedrückter Filzhut. Er hatte vielleicht einmal in besseren Tagen den Kopf eines Dandys im alten England geziert und war jetzt dazu verdammt, seine Tage in Kokosnußölqualm und Guiavenholzrauch zu verträumen. So kahl auch die Wände sonst aussahen, so toll und wild stand Geschirr und Gerät in den Ecken herum. Kalebassen, die auf diesen Inseln meistens als Hutschachteln, Koffer, Arbeitskörbe, Speisekammern, Kommoden und Gott weiß was sonst noch dienten, waren zahlreich vorhanden. Dazwischen lehnten ein Besen, eine Harpune, ein Ruder und eine alte, rostige Flinte mit Steinschloß. Darüber befand sich, von den Matten versteckt, ein Brett mit ein paar Büchern und einer dickleibigen, abgegriffenen Bibel. Ein interessantes Bild boten aber die gegenwärtigen Besucher dieses abgelegenen Platzes, den viele Eingeborene in abergläubischer Furcht mieden, weil sie glaubten, daß »Mütterchen Tot« übernatürliche Kräfte hätte. Mütterchen Tot war allerdings eine besondere Frau. Niemand betrat ihr Heiligtum zum erstenmal, ohne eine gewisse Scheu und Ehrfurcht zu empfinden, die selbst der Roheste noch fühlte. Daran trug allerdings nicht ihr ehrwürdiges Aussehen Schuld. Mütterchen Tot war vor langen Jahren in England geboren. Niemand konnte aber mehr an ihrem Dialekt erkennen, wo genau, ob im »bonnie« Schottland oder der »grünen Insel« oder im bevorzugten England selber. Sie mischte alles durcheinander, und ihre Sprache hatte durch den langen Aufenthalt auf den Inseln fast so viele Worte von der Landessprache angenommen, daß jemand, der die polynesischen Sprachen nicht verstand, nie das merkwürdige Kauderwelsch verstehen konnte. Die Eingeborenen glaubten, sie spräche Englisch, die Fremden nahmen an, es wäre die Eingeborenensprache. Böse Zungen behaupteten, sie wäre in ihrer Jugend nach Sydney deportiert worden und von dort mit einem Walfänger entkommen bzw. hätte sie der Kapitän entführt. Er riskierte dabei eine Zuchthausstrafe – aber was riskiert die Liebe nicht! Später setzte er die junge Dame auf dem Heimweg auf den Sandwichinseln ab. Da sollte sie ihr Fortkommen weiter suchen, und das gelang ihr auch. Mütterchen Tots Memoiren würden sicher sehr interessante Daten liefern, wenn man sie dazu veranlassen könnte. Sie sprach aber nie über ihre Vergangenheit. Das einzige Individuum, das vielleicht einen Teil davon kannte, durfte nicht sprechen. Sie hatte auf mehreren Inseln gelebt, auf Oahu, Hawaii, und war dann mit einem Sandelholzfahrzeug nach den Freundschafts- und Navigatorinseln gegangen. Dort gründete sie eine kleine Wirtschaft, in der besonders Seeleute verkehrten. Dann ging sie nach Neuseeland, wo sie mehrere Jahre blieb. Von dort her brachte sie eine Stütze »ihres Alters« mit, wie sie einen kleinen, einäugigen, irischen Schuster nannte, der von jetzt ab bei ihr blieb. Von Neuseeland hatten sie die Missionare vertrieben und auf ein Schiff gepackt, das beide in die Samoagruppe brachte. Auch hier bewogen die Missionare bald einen Kapitän, sie mitzunehmen und über den Bereich der Gambiersinseln zu bringen, wo sich die Katholiken schon seit längeren Jahren festgesetzt hatten. Ein Taifun erfaßte unterwegs das Schiff und ließ es auf Raivavai stranden, und Mütterchen Tot fand mit ihrem getreuen Begleiter den Weg nach Tahiti. Das war für sie der Mittelpunkt aller europäischen Beziehungen in der Südsee. Sie hoffte deshalb, hier die besten Geschäfte machen zu können und durch den Zwiespalt zwischen den beiden Glaubensrichtungen einen sicheren Platz zu finden. Dem kleinen irischen Schuster war alles gleichgültig. Auch er hatte eine Vergangenheit, die Sydney als Kulminationspunkt hatte. Murphy war einer jener Patrioten, die zum besten ihrer Heimat die Heimat mieden. Wie er seine Freiheit erhalten hatte, blieb sein Geheimnis. So viel war aber bekannt, daß er seit dieser Zeit aufhörte, ein Katholik zu sein. Dafür begann er mit einem so großen Eifer die Bibel zu studieren, daß sich ein protestantischer Geistlicher gewundert hätte. Bei diesem Studium benahm er sich immer, als würde er ein furchtbares Verbrechen begehen. Witterte er einen Geistlichen in der Nähe, so konnte Mütterchen Tot nicht schneller bei der Hand sein, eine verbotene Branntweinflasche zu verstecken, wie er seine Bibel in der nächsten Kalebasse verschwinden ließ. Wenn er die ganze Woche nicht an Arbeit gedacht hatte, griff er jetzt den ersten besten Schuh auf und fing an, daran herumzuschneiden und zu stechen und zu nähen, als ob sein Leben von der Eile abhinge. Mütterchen Tot behandelte ihn in herabwürdigenster Weise. Es gab kein Schimpfwort in einer Sprache, das sie ihm nicht schon entgegengeworfen hatte. In ihrem schlimmsten Zorn hatte sie es aber auf die heilige Schrift selbst abgesehen. Dann konnte es passieren, daß sie das Buch ihrem sanften Mann aus den Händen riß und ihm direkt an den Kopf warf. Ja, sie hatte sogar schon gedroht, das Buch bei der nächsten Gelegenheit zu verbrennen. Eine ihr unerklärliche Scheu hielt sie aber doch immer wieder von diesem Vorhaben ab. Murphy traute ihr aber doch nicht und versuchte alles, um das Buch zu verstecken, wenn er einmal die Hütte verlassen mußte. Mütterchen Tot war zwischen fünfzig und siebzig Jahren, Schmutz und Runzeln hatten ihre Züge mit einem Schleier überzogen, der es unmöglich machte, ihr genaues Alter zu bestimmen. Sie trug einen Pareu, der einmal grellrot, jetzt aber stark verblichen war. Der Kattun mit den breiten gelben Streifen hing ihr um die Hüften. Am Tage trug sie ein ähnliches Obergewand, das ihre dürre Gestalt in weiten Falten umhing. Abends aber, wenn die kühle Seebrise über die Küste strich, wurde es ihr zu kühl. Dann zog sie einen alten erbsgelben, schmutzigen Männerrock über ihr Kattunkleid. Die zwei noch übriggebliebenen Knöpfe schloß sie dicht unter dem Hals. Der Rock ging ihr dabei bis tief über die Knie. Da seine Taschen ebenfalls tief saßen, war es nicht immer leicht für sie, die darin steckende Tabaksdose zu erwischen. Auf dem Kopf trug sie einen Strohhut, wie er vielleicht einmal in ihrer Jugend das Ziel ihrer Wünsche gewesen war. Das Alter hatte sich daran festgeklammert. Unter den breiten, merkwürdig geformten Rändern hingen die grauen, langen Haare wirr hervor. Ein paar ausgeblichene, zerdrückte künstliche Blumen steckten darin. Der Hut diente ihr als Schutz vor Sonnenbrand und Zugluft am Tage wie in der Nacht, wenn sie ihr Mattenlager in einem Winkel der Hütte aufsuchte. Nur der Männerrock war offensichtlich nicht ihr Eigentum, sondern gehörte wohl früher Murphy. Er schien auch seine Besitzansprüche keineswegs aufgegeben zu haben. Wurde es kühl oder regnete es, dann hatte sich Mütterchen Tot darin eingeknöpft, und Murphy durfte ihn höchstens bei Sonnenschein tragen – und das tat er dann auch. Jeden Tag unternahm er einen erneuten Versuch, den Rock zu tragen und darin auszuhalten. Die Gäste verwunderten sich über ihn, denn das Wasser lief ihm am ganzen Körper herunter. Dann riß er das Kleidungsstück endlich wieder herunter, rollte es zusammen und versuchte, es in einer Kalebasse zu verstecken. Aber das gelang nicht, und der Rock blieb in der Ecke liegen, bis es abends kühl wurde. Dann ging er in den Besitz von Mütterchen Tot über. Er trug außerdem ein Paar sehr abgenutzte Sommerhosen aus einem farblosen, dünnen Stoff, ein baumwollenes Hemd, eine gelbgestreifte Weste, bei der die Knöpfe durch Bast ersetzt wären, und eine durch den jahrelangen Gebrauch schwarzgebrannte Tonpfeife, die aber gewissermaßen zu dem Anzug gehörte. Der alte Filzhut schien für besondere Anlässe an der Wand zu hängen. Auch wenn Murphy ihn regelmäßig entstaubte, konnte sich doch niemand der Gäste erinnern, daß er ihn jemals getragen hatte. Murphy war Schuhmacher, aber natürlich nur für Europäer. Für sie besserte er das alte Schuhzeug aus oder fertigte aus geliefertem Leder neue Schuhe. Die Missionare sahen dem verbotenen Ausschank alkoholischer Getränke nur ungern zu und hätten das Paar gern weitergeschickt. Aber Murphy war so geschickt in seiner Arbeit, daß man lieber ihn als einen neuen katholischen Schuster duldete. Murphy fühlte für die Männer eine gewisse Bewunderung wegen ihrer Bibelkenntnisse. Deshalb bediente er sie auch stets zuvorkommend und prompt. Mütterchen Tot dagegen haßte die Missionare aus tiefstem Herzen. Die zerbrochenen Brandyflaschen, die die frommen Männer nicht selten morgens in ihrem Garten fanden, waren Kleinigkeiten gegen die scharfen Zwecken, die sie ihnen sicher irgendwo in die Sohlen trieb, wenn Murphy die Augen nur einen Augenblick abwandte. Nur der Mangel an Konkurrenz war imstande, dem kleinen Iren die Kundschaft bis jetzt zu erhalten. Mütterchen Tots Hauptgeschäft war der verbotene Alkoholverkauf an die Eingeborenen, den sie trotz ständiger Überwachung ununterbrochen betrieb. Dabei verdiente sie eine Menge Geld, von dem kein Mensch wußte, wohin es kam. Das Versteck war bislang selbst Murphys Scharfsinn entgangen. Von den Eingeborenen bekamen sie nur teilweise Bargeld, aber sie nahmen auch alles andere in Zahlung, Kokosnüsse und Früchte, süße Kartoffeln, Hühner, Ferkel, Matten, Tapa, Kokosnußöl, Perlmutt und Perlen. Was ihr auch gebracht wurde, sie verstand es, zu den höchsten Preisen wieder zu verkaufen. Die Schiffe, die ihr den Brandy brachten, waren dafür gute Handelspartner. Auch für das Schmuggeln hatte sie ihre besonderen Leute, größtenteils unter den Europäern, und die waren wiederum ihre beste Kundschaft. Doch wir finden noch eine hübsche Gesellschaft in »Mütterchen Tots Hotel« versammelt. Den Namen hatte die Bambushütte von ihren Gästen. Die alte Dame war heute in bester Laune, denn es war ihr gerade heute wieder ein guter Wurf gelungen. Sie konnte eine ganze Partie neu eingetroffenen Rums und Brandys glücklich in ihrem Versteck bergen. In der Mitte des Hauses stand auf einem leichten Bambusgestell eine ziemlich tiefe, kleine eiserne Pfanne. In ihrem flüssigen Kokosnußöl brannte ein riesiger Docht. Auf dem nackten Boden waren verschiedene kleine Feuer entzündet und wurden mit faulem Holz oder feuchtem Laub beworfen, nur um Qualm zu erzeugen und die abends ziemlich lästigen Moskitos fernzuhalten. In diesem Rauch und bei dem ungewissen Licht des flackernden Dochts kauerten zehn oder zwölf Männer auf den niedrigen Stühlen, Weiße und Eingeborene, dazwischen drei oder vier eingeborene Mädchen. Zwischen ihnen kreiste eine halb volle Flasche, aus der sich jeder seine Kokosschale füllte und die Flasche dann weiterreichte. Mrs. Tot saß dabei, wieder in Murphys ehemals weißen Rock geknöpft. Sie thronte auf einem richtigen Rohrstuhl und konnte den ganzen Kreis bequem überblicken. Murphy selbst lehnte in seinem Winkel, wo er ein besonderes Licht in einer Kokosnußschale brennen hatte, drückte den Kopf an die Wand und schlief – wenn man das schlafen nennen konnte. Die Moskitos ließen ihm dabei kaum Ruhe, und er mußte sie immer wieder abwehren. Die Unterhaltung war lebhaft im Gang, und dazwischen lachten immer wieder die Mädchen auf, die manchmal die Flasche versteckten und einmal sogar Murphy mit einer Feder neckten. Schließlich rieb er sich die Augen aus, schimpfte über die Moskitos, frischte seine Lampe wieder auf und sah sich um. »O'Flannagan, mein Juwel«, mischte sich jetzt die Alte in die Unterhaltung, »Sie wollen jetzt wieder eine Weile auf der süßen Insel bleiben? Sehr schön, Sie hätten zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können, im ganzen gebenedeiten Kalenderjahr.« Sie hatte mit Wohlwollen das Kreisen der Flasche beobachtet und hin und wieder nach draußen gelauscht, ob ein verdächtiges Geräusch zu hören war. »Laßt mir den Narren da drüben zufrieden, oder ich hetze ihn über euch, wenn er aufwacht, Wespenzeug!« »Hallo, Mutter Tot ist heute abend böser Laune«, rief eines der Mädchen trotzig. »Wir sollen wohl in dem verqualmten Nest ruhig sitzen wie in der Predigt? Kommt, Waihines, draußen ist es besser.« Lachend und die Melodie eines Liedes trällernd, sprang sie mit den anderen ins Freie. Teils fluchend, teils lachend folgte ihr der größte Teil der Matrosen. »Das glaube ich, Mütterchen«, brummte unser alter Bekannter vom Strande, ohne sich weiter um den Lärm der anderen zu kehren. »Natürlich, um wer weiß was zu riskieren und dir deinen Wintervorrat an ›Bergtau‹ einzulagern, was?« »Ach was, es war keine Kunst, den Branntwein an Land zu schaffen«, sagte die Alte kopfschüttelnd. »Und das Geld ist diesmal mit Sünden verdient. Kein Mensch hat danach gesehen, und ich hätte ihn selber im Kanu an Land und hierher bringen sollen, wenn nur der Narr von einem Schuster da in der Ecke noch für etwas anderes zu gebrauchen wäre, als altes Leder zu flicken!« Murphy, der munter genug geworden war, um die letzten Worte zu verstehen, knurrte nur etwas in seinen Bart, erwiderte aber nichts und begann, seine Pfeife zu stopfen. Dabei arbeitete er sich langsam aber sicher in die Nähe der Flasche vor. Die Alte gönnte ihm nämlich keinen Schluck ihres Getränks, wenn er nicht wie die anderen dafür bezahlte. »So, Mütterchen?« lachte sein Landsmann, ohne sich umzudrehen. »Je schwerer sie es uns machen, desto weniger verdiene ich, desto mehr aber Sie. Wieviel rechnen Sie denn etwa, was Sie so jährlich an heimlichem Grogverkauf beiseite bringen?« »Zählt einer armen Witwe die Bissen, die sie in den Mund steckt, heh?« fuhr ihn aber die Alte an. »Es ist gerade genug, daß ich Brotfrucht und Kokoswasser zum Leben habe, gönnen Sie mir das auch nicht? Sie verdienen in einer Nacht mehr durch mich als ich durch Sie das ganze Jahr!« »Armes Mütterchen!« sagte der Ire mit spöttischem Bedauern. »Man sollte kaum glauben...« Er hielt plötzlich inne, denn draußen konnte man ein leises Pfeifen hören. Mrs. Tot wie auch Jim vergaßen alles andere in ihrem Gefühl größter Wachsamkeit. »Hallo, was ist das?« sagte Jim, stand auf und zog sich langsam zu einem entlegeneren Teil der Hütte zurück, während Toatiti die gerade vor ihm stehende Flasche zur Seite schob und Murphy sie rasch an sich nahm. »Da kommt jemand!« »Das war To-tos Zeichen«, flüsterte die Alte und hielt vorsichtig die Hand vor die Flamme. »Toatiti, paß auf deine Flasche auf!« »Auf meine Flasche aufpassen?« knurrte der Eingeborene und fühlte auf dem Platz herum, wo er sie abgestellt hatte. »Das haben andere getan. Oros Zorn über sie!« In diesem Augenblick öffnete sich die niedrige Bambustür. Ein Matrose betrat den Raum, gefolgt von dem auf Wache stehenden Eingeborenen. Der Mann blieb in der Tür stehen, um sich zu orientieren, und schritt dann zur Flamme. Hier nahm er den Hut ab, setzte sich auf einen Schemel und begann, seine Tonpfeife so ruhig zu stopfen, als ob er von klein auf hierher gehörte und nicht beabsichtigte, seinen Platz wieder zu verlassen. Niemand in der Hütte war mit größerem Erstaunen seinen Bewegungen gefolgt als O'Flannagan. Er hatte in dem späten Wanderer keineswegs freudig überrascht seinen früheren Spießgesellen Jack von der »Jeanne d'Arc« wiedererkannt. »Well, Jim, wie geht's heute, was stehst du denn da hinten in der Ecke? Habt ihr nichts mehr zu trinken hier?« sagte Jack, nachdem er sich die Pfeife angebrannt hatte. Noch immer starrten ihn alle wie gebannt an. »Hol mich dieser und jener«, brummte aber Jim, der jetzt langsam wieder nach vorn kam und seinen alten Platz einnahm. »Wenn das nicht Jack ist von der ›Jeanne‹! Nun, mein Junge, hast du den Platz wirklich gefunden, und wo willst du hin?« »Freundlicher Empfang!« lachte Jack. »Hallo, Mate da drüben, wenn du mit der Flasche fertig bist, lang sie mir einmal herüber!« Die Anrede galt Murphy. Er hatte sich unbeobachtet gefühlt und einen Angriff auf die Flasche unternommen. Jetzt setzte er sie erschrocken ab und machte eine Bewegung, als wollte er das corpus delicti rasch verstecken. Toatiti war aber aufmerksam geworden und sprang auf ihn zu. »Aha, weißer Mann hat meine Flasche!« Damit holte er sein Eigentum wieder, wich der gefährlichen Nachbarschaft des neuangekommenen Fremden aus und suchte sich einen Platz am anderen Ende der Hütte. Jim reichte Jack inzwischen eine andere Flasche hinüber. »Und wer sind Sie, feiner Herr, wenn man fragen darf?« sagte jetzt Mütterchen Tot mit noch immer gedämpfter Stimme. »Sie kommen hier so breitbeinig herein, als ob Sie mit zum Haus gehören. Nach den strenggehaltenen Gesetzen der Insel müssen Sie wissen, daß ich über Nacht keinen Fremden bei mir beherbergen darf, selbst dann nicht, wenn ich ihn kenne, was ja nicht der Fall ist.« »Wer ich bin? Jim da drüben kann das am besten erzählen, wenn er Lust dazu hat«, sagte der Fremde und lachte. Er hatte die Flasche abgesetzt und wischte sich das Naß aus dem Bart. »Aber wo kommst du so spät in der Nacht noch her?« erkundigte sich jetzt auch Jim, »und wie in aller Welt hast du den schmalen Pfad durch die Guiaven verfolgen können?« »Ich habe verdammt wenig von einem Pfad gemerkt«, lachte der Seemann. »Dafür mußte ich einen nichtswürdigen Kreuzzug durch das niederträchtige Buschwerk hier machen. Nach allen Himmelsrichtungen bin ich auf und ab laviert, bis ich mich entschloß, die Nacht unter Gottes freiem Himmel zu verbringen. In dem Moment sah ich euer Licht durch die Bäume schimmern. Hier sucht mich kein Teufel, bis es Tag wird, und man zieht sich in den stachligen Orangengebüschen nicht mehr die Fetzen vom Leib und der Haut.« »Du bist desertiert?« erkundigte sich O'Flannagan rasch. »Desertiert?« schrie die Alte und sprang von ihrem Sitz auf. »Habe ich hier ein Versteck für entlaufene Matrosen? Was wollen Sie hier, und weshalb sind Sie hierhergekommen?« »Pst, Alte«, versuchte sie Jack zu beruhigen. Er hielt die Flasche gegen das Licht und nahm dann einen zweiten Zug, der nicht mehr viel für einen dritten übrigließ. »Nur nicht solchen Lärm wegen einer Kleinigkeit. Das haben bessere Männer vor mir getan. Donnerwetter, der Brandy ist famos, und ich wollte, diese Flasche hätte noch eine Schwester.« »Aber sie haben dich doch noch nicht vermißt? Denn ich will doch nicht hoffen, daß du von Spürhunden gehetzt hier in diesen Bau kriechst!« sagte Jim und sah ihn über das Licht aufmerksam an. »Der Vergleich könnte stimmen«, schmunzelte Jack. »Erst mit dem Dunkelwerden haben sie meine Spur in den Guiaven verloren. Ich kann es ihnen nicht übelnehmen, ich wußte ja selbst nicht mehr, wo ich war.« »Da haben wir's!« rief die Alte und schlug wütend die Faust in die andere Hand. »Wegen dem weggelaufenen Lumpen soll ich mir hier die Hütte über dem Kopf einreißen lassen? Das wäre ja noch schöner! Hinaus mit dir, Bursche, hinaus, so schnell du gekommen bist, oder ich lasse dich fesseln und knebeln und auf dein Schiff zurückbringen, wohin du gehörst!« »Herrliche Gastfreundschaft!« lachte Jack, ohne eine Bewegung zu machen, um dem Befehl zu folgen. »Jedenfalls wird es einem erst noch höflich gesagt, bevor man hinausgeworfen wird. Willst du mich nicht lieber wieder an Bord schicken lassen, Jim? Du weißt, ich könnte nachher gar keine Geschichte erzählen, nicht die kleinste...« »Unsinn! Es wäre mir völlig gleich, was du für eine Geschichte erzählst, wenn du an Bord bist. Aber die Alte hat recht, hier kannst du nicht bleiben, und ich auch nicht. Wenn sie dich bis an die Guiaven verfolgt haben, dann stöbern sie dich hier auch vor Tagesanbruch auf.« »Hol sie der Teufel. Sie sollen machen, was sie nicht lassen können. Aber meiner Mutter Sohn geht heute nicht wieder in die Guiaven hinaus, und wenn die ganze Mannschaft der ›Jeanne d'Arc‹ hinter mir her ist. Wenn ihr mich aus dem Weg haben wollt, versteckt mich hier irgendwo. Ich bin müde wie ein gehetzter Wolf und will schlafen. Sollten die Kerle hier auftauchen, kann die würdige Dame mit dem netten Hut sie in eine andere Richtung schicken.« »Was will der Mensch hier?« kreischte jetzt mit gellender Stimme Mütterchen Tot. Sie war außer sich über diese Frechheit. »Was will er bei mir, daß er...« »Halt, Mütterchen!« rief rasch und drohend Jim. »Oder du schreist dich um deinen Hals. Der hier ist ein alter Kamerad von mir, und ich lasse ihn nicht in der Patsche sitzen.« »Aber hier in meinem Haus...« »Soll er auch nicht bleiben. Du, Jack, stehst hier auf gefährlicherem Boden, als du glaubst. Du mußt weg von hier.« »Wie zum Teufel kann ich fort?« rief der Matrose ärgerlich. »Das Dickicht draußen ist zugewachsen, und ich will verdammt sein...« »Du sollst nicht allein gehen«, sagte Jim nach einigem Nachdenken in tahitischer Sprache. Er wandte sich dabei mehr an den Eingeborenen als zu Jack. »Toatiti wird dich in die Berge bringen.« »Toatiti wird sich hüten«, knurrte der aber. »Toatiti liegt hier gut und ist sehr durstig.« »Auch nicht, wenn du so viel verdienst, daß du drei Flaschen damit bezahlen kannst?« frug ihn Jim, der seine Leute kannte. Toatiti blieb noch einen Moment regungslos liegen, dann stand er langsam auf, schüttelte sich die Haare aus der Stirn und zog die Tapa fester um sich – ein Zeichen, daß er auf den Handel einging. »Wo führt er mich hin? Muß ich weit gehen?« erkundigte sich Jack nicht ohne Mißtrauen. »Zu einem Haus in den Bergen«, erwiderte Jim flüsternd. »Kaum eine halbe Meile von hier entfernt, aber sicher versteckt und nicht wie diese hier bekannt. Bist du fertig?« »Ich brauche keine anderen Vorbereitungen, als meine Jacke zuzuknöpfen«, sagte Jack lachend. »Aber die Flasche hier nehme ich mit, es ist noch ein Tropfen drin, und der Nebel liegt dicht auf den Bergen. Nun ade, Mütterchen, und vergelt dir Gott die freundliche Bewirtung, bis ich es vielleicht einmal kann. Und du Kamerad?« wandte er sich plötzlich an einen Matrosen der »Kitty Clover«, der seit Jacks Eintritt kein Wort mehr gesprochen hatte. »Hast du nicht Lust, unseren Abendspaziergang mitzumachen? Es ist verdammt langweilig, so allein mit einem Braunen draußen in den Büschen herumzukriechen.« »Danke, befinde mich gerade hier wohl, wo ich bin«, sagte der Matrose, ohne aufzusehen. »Auch gut«, brummte der andere. »Besser keine Gesellschaft als schlechte.« Er grüßte Jim, nickte seinem Führer zu und verließ mürrisch das Haus. Nicht ein Wort wurde gesprochen, als sich die leichte Bambustür wieder schloß. Einige Minuten horchten die Zurückbleibenden noch den bald in der Ferne verhallenden Schritten. Der Mann der »Kitty Clover« brach zuerst das Schweigen. Er rückte sich den Hut aus der Stirn und brummte. »Besser keine Gesellschaft als schlechte? Donnerwetter, Kamerad, du mußt schon lange in der Welt suchen, wenn du schlechtere finden willst als dein eigenes Ich.« »Kennst du ihn?« erkundigte sich Jim rasch. »Vielleicht nicht so gut wie du«, lachte er trocken. »Aber immer doch gut genug, um froh zu sein, daß ihm mein Gesicht nicht gerade alte Szenen ins Gedächtnis zurückrief. Wir waren vor gar nicht so langen Jahren Schiffskameraden und Vortoppgästen zusammen. Er wurde ausgepeitscht und später in Ketten an Land gebracht, weil er mein und dein nicht unterscheiden konnte. Es wurden ihm aber noch andere Dinge zur Last gelegt. Es war ein Wunder, daß er nicht an der Rahnocke endete, verdient hätte er sie schon zehnmal.« »Aufgepaßt!« flüsterte da die Stimme der Alten. »Aufgepaßt draußen sind Schritte, die da nicht hingehören. Der faule Kerl von einem Schuster kauert tatsächlich schon wieder hinter seiner Bibel und schmiert die Seiten voll Kokosöl! Hinaus mit dir, wohin du gehörst, und daß dich der Böse mit deinem Buch davonträgt!« Murphy schien sich ausgeschlafen zu haben. Da ihm die Flasche keine Gesellschaft leisten durfte, hatte er sich wieder die Bibel vom Sims geholt und brütete beim matten Lampenlicht darüber. Mütterchen Tots Zornrede störte ihn etwas. Aber er war teilweise durch den Verlust des Brandys schon verärgert, dazu kamen die ständigen Angriffe der Moskitos. Mürrisch sah er über das Buch und rief mit seiner dünnen, jetzt ärgerlich erregten Stimme: »Ach, zum Henker! Ich habe draußen nichts zu suchen. Wenn man wie ein Mensch behandelt würde, könnte man auch wie ein Mensch existieren. Laß die aufpassen, die sich vor etwas fürchten müssen, Murphy hat ein gutes Gewissen und sitzt hier gut.« »Das hat noch gefehlt!« schrie Mütterchen Tot. Sie sprang auf und auf den Rebellen zu, der gerade noch Zeit behielt das Gestell mit der Lampe zwischen sich und die Megäre zu bringen. Mütterchen Tot schien aber schon seine Taktik zu kennen. Mit einem Griff ihrer langen Arme fuhr sie um die Lampe herum, erwischte das Buch und schleuderte es mit einem grimmigen Fluch an den Kopf des kleinen Schusters. Blitzschnell tauchte der aber und entging knapp dem gewichtigen Buch. »Da, du Lump, nimm es und studiere es, und jetzt hinaus mit dir, oder, so wahr da oben der Mond steht, gieße ich dir das heiße Kokosöl über den Leib und brühe dich wie ein unreines Schwein, das du bist... du... du Lederstecher!« schrie sie dabei. »Zum Teufel, Mütterchen, Schluß mit dem Lärm!« ging jetzt Jim dazwischen. »Ich suche mir lieber ein stilleres Quartier. Komm, Kamerad, ich will dich heute abend noch in gute Gesellschaft bringen, und morgen früh dann...« Er schwieg plötzlich, denn draußen rasselten wie auf ein Kommando Gewehrkolben auf den Boden nieder, und die Stimme des Befehlenden in französischer Sprache wurde laut: »Zwei von euch um das Haus, ob es noch einen zweiten Eingang gibt. Ihr hier bleibt an der Tür. Wer mit Gewalt durch will, wird niedergeschlagen. Feuer auf jeden Flüchtling!« »Donnerwetter, Jack ist ihnen zur richtigen Zeit durch die Klauen gerutscht!« brummte Bob und sprang ebenfalls auf. Da wurde auch schon die Tür aufgerissen, und ein französischer Seeoffizier trat ein. Eine Anzahl Marinesoldaten mit aufgepflanztem Bajonett folgten ihm. Ein Verlassen der fensterlosen Hütte war damit unmöglich. Der Offizier überflog den düsteren Raum und entdeckte Murphy, der sein dickes Buch schnell in einer Kalebasse verstecken wollte. »Hallo, Sir, was wollen Sie denn da Kostbares verstecken?« rief er in englischer Sprache. Langsam ging er auf den kleinen Mann zu, der fast instinktartig das Buch an sich drückte. »Sind Sie gekommen, um unsere Taschen zu durchsuchen?« erkundigte sich unwirsch der kleine Ire. Er hatte seinen trotzköpfigen Mut wiedergefunden, als er sah, daß es sich nur um Soldaten und nicht um Missionare handelte. »Wenn es mir Spaß macht, kann ich meine Kalebassen und Taschen so voll stopfen, wie ich es will, was geht es Sie an?« »Langsam, langsam!« lachte der Offizier, unser alter Bekannter Bertrand. »Wenn ich nachher neugierig werden sollte, wirst du es mir doch zeigen. Jetzt wollen wir erst einmal deine Wohnung etwas genauer ansehen, ob wir nicht einen alten Freund und Schiffskameraden entdecken, der sich wahrscheinlich von Bord verlaufen hat und in der dunklen Nacht nicht zurückfinden kann. Die Guiaven stehen ja sehr dicht um das Haus, man sollte sie etwas mehr lichten!« »Wie ich merke, stehen sie noch immer nicht dicht genug!« brummte Murphy halblaut vor sich hin. Mütterchen Tot nahm für ihn die Unterhaltung auf und kreischte mit ihrer schrillen Stimme dem Offizier entgegen: »Was heißt hier seine Wohnung? Sie glauben doch nicht, daß der schmutzige Schuster da drüben eine Wohnung für sich hat? Ist das überhaupt eine Art, eine alte, alleinstehende Frau bei Nacht und Nebel in ihrem Haus zu überfallen und sie so zu erschrecken, daß sie den Tod davon haben könnte? Was wollt ihr? Wen sucht ihr? Habt ihr die Sprache verloren?« Bertrand lachte laut heraus, nachdem sich sein erstes Erstaunen über diese Furie gelegt hatte. »Donnerwetter, das ist eine Dame! Bei allem, was schwimmt, ich hatte keine Ahnung, daß sich das schöne Geschlecht auch in so alte Überröcke zurückziehen könnte!« »Ach was, schönes Geschlecht, Dame!« knurrte die Megäre. »Was wollt ihr, und wen sucht ihr? Etwas rasch, es ist Schlafenszeit, und ich möchte meine Ruhe haben!« Der Offizier hörte schon nicht mehr auf sie, sondern trat näher zum Licht. Er versuchte, das Halbdunkel im Raum zu überblicken. Als Jim die Geräusche hörte, hatte er eine Bewegung gemacht, als wollte er sich in den dunkleren Teil der Hütte zurückziehen. Dann blieb er ruhig stehen und ließ sich auf seinen alten Platz nieder, als der Offizier die Hütte betrat. Jim stützte den Kopf in die Hände, hatte sich den breiträndrigen Wachshut weiter ins Gesicht gedrückt und rauchte seine Pfeife. Der Offizier schickte einige Leute durch die Hütte, um festzustellen, ob noch jemand sich im Halbdunkel verborgen hielt. Dann wandte er sich wieder zu den am Feuer sitzenden Männern, von denen ihm besonders die Gestalt des Iren auffiel. Als die Soldaten ihm meldeten, daß sich niemand weiter in der Hütte aufhielt, wandte er sich direkt an ihn. »Wo haben wir beide schon einmal unser Fahrwasser gekreuzt? Bist du Engländer?« »Nicht weit davon entfernt. Aber ich wüßte sonst nicht, woher wir uns kennen sollten.« Bertrand versuchte, sich dieses Gesicht wieder in Erinnerung zu rufen. Bilder eines bewegten Lebens zogen rasch vor seinem inneren Auge vorbei, aber er kam nicht auf diesen Mann. Kopfschüttelnd ging er einigemal in der Hütte auf und ab. Jim war die Aufmerksamkeit des Offiziers sehr unangenehm, denn er hatte ihn längst wiedererkannt. Er stand jetzt auf und zog sich langsam zum Hintergrund der Hütte zurück. Bertrand stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf. »Weiß der Teufel, wo mir dieses Galgengesicht schon einmal begegnet ist. Es war keine Kleinigkeit, das ist sicher, und vielleicht... ha!« sagte er vor sich hin und unterbrach sich, als der Matrose nicht mehr auf seinem Platz saß. »Der Herr schläft wohl hier und will sich sein Lager zurechtmachen? Haben Sie denn Erlaubnis, an Land zu bleiben, und auf welches Schiff gehören Sie?« »Ich gehöre auf gar keines, und die Insel hier ist meine Heimat. Ich werde darauf schlafen können, denke ich!« entgegnete Jim. »Und du, mein Bursche, auf welches Schiff gehörst du?« wandte er sich jetzt an Bob. »Oder rechnest du dich etwa auch zu den Eingeborenen?« »Verdammt, nein. Ich gehöre zur ›Kitty Clover‹.« »Dem Walfänger? Weshalb bist du da nicht an Bord?« frug der Offizier scharf. »Die ›Kitty Clover‹ steht im Verdacht, andere Ladung als Tran an Bord zu führen. Die Missionare haben schon Klage eingereicht, daß ihr den ganzen Ort mit Brandy überschwemmt!« »Die Missionare können mich gern haben«, erwiderte Bob gleichgültig. »Was die ›Kitty Clover‹ tut, geht mich nichts an, sie ist ein ganz selbständiges Frauenzimmer.« Bertrand lachte. »Apropos, was war es doch gleich, was der Bursche da vorhin versteckte?« wandte er sich wieder an Murphy. »Einer von euch sieht mal in der Kalebasse nach, vielleicht bringt uns etwas auf Jacks Spur.« »Was sucht ihr in anderer Leute Kalebassen?« nahm jetzt Mütterchen Tot die Partei des Schusters. »Habe ich nicht gesagt, daß ich von dem Gesindel nichts weiß? Ist das die Zeit, um bei einer alten Frau einzubrechen? Leute mit geladenen Gewehren zu erschrecken? Fort mit euch, wohin ihr gehört!« Einer der Soldaten hatte mit dem Bajonett die Kalebasse angespießt und zog sie vor. »Eine Bibel!« lachte der Offizier. »Und weshalb versteckst du sie vor mir? Keine Angst, mein frommer Bursche, ich wäre der letzte, der dich in deiner Andacht stört!« »Gottes Fluch über euch!« schrie jetzt die Alte, die durch das ruhige Verhalten der Soldaten nur noch mehr in Wut gebracht wurde. »Pest und Gift über euch und faulende Krankheit, daß ihr eine alte Frau in ihrem Haus mißhandelt!« Vielleicht in der Absicht, das heiße Öl auf sie zu schütten, stieß sie das Bambusgestell um. Die Soldaten konnten sich mit lauten Flüchen durch einen Sprung in Sicherheit bringen. Auf dem Fußboden schlug es aber in heller Flamme empor und übergoß den Platz mit seinem Licht. »Donnerwetter, du zündest dir das Haus selbst an, und da hinten...« In diesem Augenblick sah er in das Gesicht des Iren, der überrascht in die helle Flamme gestarrt hatte. Gleichzeitig tauchte die Erinnerung in ihm auf. »Sapristi, habe ich dich Schuft!« schrie er aus und riß den Degen aus der Scheide. »Hierher, Leute!« »Verdammt, noch habt ihr mich nicht!« rief Jim, und warf einen der Stühle gegen die bereits präparierte Wand. Der Notausgang gab sofort nach, und gleich darauf verschwand der Ire durch die Öffnung. Als der Offizier vorsprang, um mit seinem Degen einen Stoß nach dem Entsprungenen zu führen, traf der zurückschnellende Bambus die Klinge und brach sie in der Mitte wie Glas entzwei. »Feuer! Beim Teufel, Feuer!« schrie Bertrand wütend. Dem Knacken der Hähne folgte blitzschnell eine Salve. An einigen Stellen splitterte der Bambus, und die Hütte füllte sich mit Pulverrauch. Nur Bob war die ganze Zeit ruhig sitzen geblieben und schüttelte jetzt nur spöttisch den Kopf. »Fixer Kerl, wie er durch die Wand ging. Nun, sein Hals wird seinen Beinen dafür dankbar sein, denn nur auf einen Deserteur wird doch nicht gleich geschossen!« murmelte er vor sich hin. Ein paar Soldaten wollten rasch zur Türe hinaus, aber Bertrand rief sie zurück. »Laßt ihn für heute laufen, im Unterholz ist er längst in Sicherheit.« Er bückte sich nach der Klinge und hielt die Teile mit einem Fluch zusammen. »Warte nur, das war hoffentlich nicht das letztemal, daß wir uns begegnet sind.« Damit ging er zu der Alten, die knurrend und keifend vor dem qualmenden, brennenden Öl stand. »Und du, Mütterchen, hör mir zu. Ich will meine Zeit nicht damit verlieren, dich nach diesem Kerl zu fragen, denn ehrliche Antworten bekäme ich doch nicht. Wenn du dir aber fünfhundert Franc verdienen willst, dann hilf mir, den Schuft zu fangen, der da eben durch die Bambuswand sprang.« »Fünfhundert Franc?« sagte die Alte ungläubig. »Auf der Stelle ausgezahlt, wenn wir den Mann in unserer Gewalt haben. Selbst für den anderen sollst du zweihundert haben, wenn du uns bei seiner Ergreifung behilflich bist.« Bob hob jetzt zum erstenmal den Blick vom Boden und sah die Alte lauernd an. Mütterchen Tot schien das Angebot zu überdenken. Es bedurfte einiger Minuten, ehe sie die Versuchung abschütteln konnte. Vielleicht genierte sie sich aber nur vor den Zeugen. »Ich will nichts mit der Sache zu tun haben«, brummte sie endlich. »Hat sich O'Flannagan...« »O'Flannagan?« frug Bertrand rasch. »Ach, zum Teufel! Laure mir nicht das Wort vom Mund ab, was weiß ich, wie einer heißt, der hier ein und aus geht. Es ist Schlafenszeit, und ich will meine Ruhe im eigenen Haus haben, verstanden?« »Verstanden, Mütterchen, danke für den Wink. Vergiß die fünfhundert Franc nicht. Achtung, Leute! Rechts um und vorwärts marsch!« Damit verließen die Soldaten den Raum wieder. Bob war aufgestanden und lauschte den sich entfernenden Schritten. Dann rückte er sich den Hosengürtel nach Seemannsart in die Höhe und schob sich den Hut noch etwas weiter ins Gesicht, drückte beide Hände neben den Hüften in den Bund und drehte sich ab, ohne ein Wort an seine Gastgeber verließ er den Raum. Die Alte sah ihm finster nach. In der Tür blieb er jedoch plötzlich stehen und drehte sich um. Mit der linken Hand nahm er die Pfeife aus dem Mund und sagte: »Mein Name ist Bob Candy«, dann drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand im Wald. Mütterchen Tot löschte die Lichter aus, ohne Rücksicht auf Murphy oder den jetzt wieder am Feuer niedergekauerten Eingeborenen zu nehmen. Dann legte sie sich mürrisch und knurrend auf ihr Lager in einer Ecke. Sie hatte den Kopf voll, und selbst der kleine Schuster konnte sich heute unbelästigt auf sein Lager werfen, um den Moskitos ein paar Stunden Schlaf abzuringen. 19. Alte Erinnerungen und neue Schmerzen Über die See strich der Morgenwind leise und feucht, kräuselte die Wogen und glitt dann rasch zwischen die Palmen am Ufer, rauschte in den blütenschweren Zweigen und flüsterte zwischen den Blumen. Bleigrau lag das Meer, dunkle Schatten flogen über seine Fläche. Nur am Himmel kündete ein lichter Streifen über dem dunklen Himmelsdom das Nahen des Sonnengottes. Als die Sonne hell und freundlich auf die Dächer des kleinen Tales schien, saß Sadie am Strand. Sadie, die schönste Zierde des Hains, eine der schönsten Blumen des Landes. Ihr Kind spielte nicht weit von ihr, René hatte seine Heimat aber schon vor Sonnenaufgang verlassen. Bertrand hatte ihn abgeholt, und die beiden waren in einer Stimmung gewesen, die ihr das Herz schwer machte. Tränen liefen jetzt über ihr Gesicht, sie wußte nicht, weshalb sie sich so sorgte, denn die Männer hatten ihr gegenüber nichts verlauten lassen. Trotzdem wurde es Sadie immer ängstlicher zumute, ein merkwürdiges, stechendes Gefühl zog ihr durch die Brust. Sie atmete schwerer, schaute sich verstört um und fuhr mit einem Schreckensschrei in die Höhe. Vor ihr stand mit ernstem, strengem Blick der Missionar Rowe. »Um Gottes willen, was ist geschehen?« flüsterte sie kaum hörbar. »Wo ist René?« Der ehrwürdige Mr. Rowe schüttelte den Kopf und sagte ernst: »Wenn du eine Unglücksbotschaft fürchtest, meine Tochter, so beruhige dich. Sie kann nicht von mir ausgehen, denn ich kenne kein fleischliches Leid, das dich und die deinen betroffen haben könnte. Aber Prudentia, sind das die Früchte unserer Lehren, die freudigen Hoffnungen, die wir, dein Pflegevater und ich, in dich setzten? Pflegst du so das Wort Gottes, das dir deinen Weg hätte beleuchten sollen?« Sadie schwieg. Das Herz war ihr schon voll und schwer, und die Worte des Geistlichen schnitten nur noch tiefer in die Wunden. Der Gedanke, daß sie gesündigt hatte, drängte sich als Schreckensbild vor ihr auf. »Es schmerzt mich, Prudentia, dir weh zu tun. Ich habe dich schon als Kind gern gehabt und dein Wachsen und Gedeihen mit inniger Freude gesehen. Ich hielt es damals für meine Pflicht, dir entgegenzutreten, als du den ersten Fehler tun wolltest. Der Herr hat es anders gewollt, sein Name sei gepriesen. Aber er wollte dir nur eine Prüfung auferlegen, und alle Hoffnungen sind jetzt wie Spreu im Winde verstreut. Aber noch ist es Zeit, dich zurückzuholen. Noch ist auch jetzt Rettung möglich, wenn du die mahnende Freundesstimme, die Stimme Gottes hören willst.« »Was kann ich denn tun?« klagte die arme Frau und faltete verzweifelt die Hände. »Mein Mann und mein Kind fordern mein Leben, es gehört ihnen. Sagt nicht Gott selbst: Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen?« »Dem Manne, aber nicht dem Feind!« rief der Missionar. »Du sollst dem Mann, der nun einmal dein Ehemann geworden ist, in allem Guten folgen, aber nicht in Sünde und Finsternis. Du mußt auch deine ganze Kraft dafür einsetzen, um ihn selber aus dem Verderben zurückzureißen. Was würde Vater Osborne sagen, wenn er dich gestern in ihren Reihen beim Tanz gesehen hätte? Kannst du noch beten?« »Aus voller, inniger Seele zu meinem Gott!« rief die arme Frau. »Der Schein mag gegen mich sein, aber Gott der mein Herz sieht und kennt, weiß, mit wie wehmütigem Gefühl ich dem Wunsch meines Mannes folgte. Ich passe nicht zwischen die Fremden mit ihren Sitten und Gebräuchen, hätte ich mein freundliches Atiu nicht verlassen, wäre ich noch immer froh und glücklich.« »Ich komme eben von Atiu«, sagte Mr. Rowe leise. »Von Atiu? Von meinem Atiu?« rief Sadie rasch und erfreut aus. »Bruder Ezra hat mich begleitet. Wegen der jetzigen Verhältnisse ist eine Zusammenkunft aller wichtigen Männer von den Inseln erforderlich, um dem französischen Einfluß entgegenzutreten.« »Mi-to-na-re«, flüsterte die junge Frau und lächelte unter Tränen. »Ja, Prudentia, das war eine schöne Zeit für dich, und Gottes Hand lag liebend auf deiner Heimat. Doch dann kam der Versucher, und du bist ihm erlegen.« »Ehrwürdiger Vater...«, bat Sadie. »Fürchte dich nicht, mein Kind. Ich bin nicht gekommen, um dir Vorwürfe über das Geschehene zu machen. Wenn ich dich auch durch die Ereignisse bedingt einige Zeit allein lassen mußte, habe ich die Hoffnung nie aufgegeben, deine Seele ihrem Erlöser zu retten, ja, ich fürchte fast, wiederzugewinnen.« »Aber was kann ich denn tun?« frug Sadie in großer Angst. »Auch unsere Religion gebietet uns, dem Mann zu gehorchen!« »Willst du seinen Leib oder seine Seele retten?« sagte der Priester finster. »Seinen Leib?« Blitzschnell durchzuckte sie erneut der Gedanke an eine drohende Gefahr. »Was ist denn geschehen?« »Törichtes Kind, das die unheilvollen Wolken am Himmel nicht sehen will. Bete, Tochter, verlorenes Lamm der Herde, bete!« Plötzlich warf sich Rowe auf die Knie nieder, hob die krampfhaft gefalteten Hände zum Himmel und betete mit lauter Stimme. Neben ihm kniete Sadie, die von den drohend klingenden Worten des Priesters eingeschüchtert wurde. Jedes seiner Worte traf sie schwer. Als Rowe endlich die Hand auf ihren Kopf legte, um sie zu segnen, zuckte sie unter der Berührung zusammen. »Prudentia!« sagte Bruder Rowe leise, aber sie antwortete nicht, sondern verbarg weinend ihr Gesicht in den Händen. »So sei Gott mit dir!« sagte der fromme Mann und ergriff seinen Hut. »So sende er dir sein Licht und seine Gnade, er lasse sein Angesicht leuchten über dir und gebe dir Frieden.« Mit leisen Schritten verließ er Sadie. Seine lange und hagere Gestalt war noch nicht ganz hinter den blühenden Papayen verschwunden, als eine kleine, dicke Figur aus dem dichten Orangenlaub auftauchte. Mißtrauisch sah er sich erst um, dann folgte er dem Geistlichen noch ein paar Schritte auf dem Weg. Von einer kleinen Anhöhe aus konnte er sehen, daß er sich immer weiter entfernte. Erst jetzt schien er sich völlig sicher zu fühlen und eilte mit vor Freude strahlenden Augen zum Haus. Scheu blieb er an der Schwelle stehen, dann faßte er sich ein Herz und klopfte an. Es gab keine Antwort, im Zimmer regte sich nichts. Als er ein zweitesmal klopfte, etwas stärker, erfolgte noch immer keine Reaktion. Gerade wollte er sich wieder umdrehen, als er leise, aber deutlich ein wohlbekanntes: »Hare mai!« hörte. Sadie hatte sich erhoben und war zur Tür getreten. Kaum erblickte sie die kleine Gestalt des Eintretenden, als sie in einen Freudenruf ausbrach. »Mitonare, mein guter, lieber Mitonare!« »Pu-de-ni-a!« stammelte der kleine Mann, und die Tränen quollen ihm über die Wangen. Er nahm sie in die Arme, als sie auf ihn zuflog, und konnte nur noch einige Begrüßungsworte stammeln. Dann rieb er als Ausdruck höchster Zärtlichkeit seine Nase an ihrer, drückte sie fest an sich und nannte ihre alten Kosenamen. Endlich sammelte sich Bruder Ezra und sprach in seiner Muttersprache: »Was ist mit meiner kleinen, lieben Pudenia? Sie ist nicht das fröhliche Kind von A-tiu. Ist der böse Wi-wi schlecht zu meinem lieben Kind gewesen?« Unter ihren Tränen lächelte Sadie. Sie schüttelte leise den Kopf. »Nein, Mi-to-na-re, er ist gut und lieb wie immer zu mir. Zanke nicht mit den Wi-wi...« »Dann hat dir der ›schwarze Mann‹ wieder das Herz mit seinen Worten schwer gemacht«, sagte Bruder Ezra und warf einen scheuen Blick zum Fenster. »Wenn ich mit ihm eine Zeitlang gebetet habe, komme ich mir wie der schlimmste Sünder vor. Wenn ich früher mit Vater Osborne sprach, war es mir dagegen immer, als ob mir eine Last von der Brust gewälzt wurde. Es ist doch schrecklich, wenn man nie weiß, ob man ein Sünder oder ein guter Christ ist, und ich bin bei mir noch nicht dahintergekommen.« »Aber du hast dich auch verändert. Du siehst so würdig aus!« Bruder Ezra schüttelte den Kopf. »Es ist nichts. Die Hosen machen den Menschen nicht besser, nur unbequemer. Und der steife Kragen schneidet mir noch die Ohren ab.« »Die Kleider machen wirklich nicht den Christen aus, aber das treue Herz in der Brust hat dich dem reinen Glauben gewonnen.« Der kleine Mitonare seufzte aus schwerem Herzen tief auf. Es war offensichtlich, daß ihn etwas bedrückte. Nicht nur Schuhe trug er heute und bewegte sich darin, als würde er jeden Moment seinen Fuß irgendwo einklemmen, sondern auch das alte Hüfttuch fehlte, und dafür hatte er eine stramm sitzende Hose an. Auch der hohe europäische Hut durfte nicht fehlen, um ihn unglücklich zu machen. An jedem Guiavenbusch, jeder Banane und jedem Zweig eines Baumes war er hängengeblieben. Mit seinem Frack, in den er noch das schwere Gebetbuch gesteckt hatte, fühlte er sich sichtlich unbehaglich. Aber den armen Mann drückten auch noch andere Sorgen. »Die schöne Zeit ist vorbei«, sagte er traurig, »wo ich nur in die Sterne sehen mußte und dabei in Gottes herrliches Reich sah. Mitonare ist unglücklich, sein Glaube ist wankend geworden, er hat den Weg verloren und weiß nicht, ob er gerade durch über die Berge und durch die Täler gehen soll oder ein Kanu nehmen muß, um im Binnenwasser langsam dahinzusteuern.« »Armer Mitonare!« sagte Sadie lächelnd. Sie hatte den Sinn seiner Worte nicht verstanden. »Wer hat dich denn so in der fremden Tracht herausgeputzt?« »Wer? Er hat noch andere Sachen getan. Wir sind arge Sünder und müssen jetzt entsetzlich viel beten und Bibelstellen auswendig lernen, oder wir gehen rettungslos zugrunde. Aber mein Vater und mein Großvater bleiben doch in der... da unten... tief da unten...« »Es wird schon noch alles gut gehen, Mi-to-na-re. Gott ist der Allerbarmer, ohne dessen Willen nichts geschieht. Erzähle mir von Atiu, meinem lieben Atiu!« »Atiu!« wiederholte der kleine Mann und nickte langsam mit dem Kopf. »Mit dem stillen, luftigen Haus und der kleinen, lieben Kirche... aber es ist auch einiges anders geworden auf Atiu. Die Leute werden zu klug und zu reich, und dann ist es mit dem Frieden und dem Glück vorbei. Wie schön war Atiu, als es nur seine Palmen hatte und seine Hütten!« »Wie schön war Atiu!« wiederholte seufzend die junge Frau. »Viel Besuch hatten wir dort. Viele Leute, die es gut mit uns meinten, wie sie sagten, und die gekommen waren, um unsere Seelen zu retten, und die uns viel versprachen, wenn wir nur täten, was sie wollten.« »Waren Missionare aus Frankreich auf Atiu?« »Ich weiß nicht, woher sie kamen. Aber es waren Wi-wis darunter und auch andere. Sie haben uns das Herz mit Versprechungen und Drohungen schwer gemacht.« »Weiß Mr. Rowe, daß die Fremden da gewesen sind?« Mitonare lächelte fast wieder wie in alter Zeit und sagte schmunzelnd: »Und ob er es weiß! Mord und Blut hat er vom Himmel heruntergebetet für die... die Götzendiener, und der Himmel blieb blau!« Er lachte unheimlich. »Dann kamen die anderen Männer und sprachen vom lieben Gott, den sie ganz genau kennen wollten und der ihr bester Freund sein sollte. Auch sie riefen einen Feuerregen über ihre Gegner hernieder, und der Himmel blieb blau!« Er sprach das letzte Wort so scharf aus, daß die kleine Sadie erschrocken aufsprang und einen leisen Schrei ausstieß. Als Bruder Ezra sich umdrehte und das Kind am Boden spielend sah, warf er sich neben dem noch immer ängstlich aufsehenden Mädchen auf den Boden und rief mit vor Rührung fast erstickter Stimme: »Iti, iti Pudenia, iti, iti, aiu, potii.« »Kleine, kleine Pudenia kleines, kleines Herzchen, mein kleines Mädchen!« Die Kleine hatte ihn erst erstaunt angesehen, dann streckte sie die Händchen nach ihm aus und lachte ihm entgegen. Der gute kleine Mitonare nahm sie auf den Arm und sprang jauchzend mit ihr im Zimmer umher. Mit dem Kind hatte er alles vergessen, was ihn bis dahin gedrückt hatte. Die kleine Sadie ließ sich alles gefallen, und er plauderte mit ihr die tollsten Sachen. Dann begann er sogar, in seinem gebrochenen Englisch ihr Geschichten zu erzählen aus der Bibel und aus der Heidenzeit, vom Meer und dem Land, wie es ihm gerade einfiel. Die Mutter stand daneben und sah ihnen zu. »Wie lange bleibst du auf Tahiti, Mitonare?« erkundigte sie sich endlich. Da wurde der kleine Mann plötzlich wieder ernst, setzte das Kind auf den Boden und sagte: »Sie haben hier auf Tahiti etwas vor. Was es ist, weiß ich noch nicht. Aber die Bibelstellen, die Vater Rowe predigt, riechen nach Blut. Die Beretanis haben Kriegsschiffe hier, aber auch die Wi-wis warten nicht ab. Vorgestern waren zwei Schiffe auf Atiu in Sicht. Raiteo behauptet, daß sie den Feranis gehören und viele Kanonen an Bord haben.« »Was können unbewaffnete Männer dagegen tun!« »Unbewaffnete nichts, aber Bewaffnete um so mehr. Bibeln waren nicht in den Kisten, die sie an Bord des Walfängers hatten, als er auf Atiu landete. Sie haben sie in die Berge gebracht, das Schiff ist jetzt hier im Hafen.« »Die Missionare werden nie zu Gewalt und Blutvergießen die Hand reichen!« tief Sadie. »Wenn ich etwas nicht lesen mag, drehe ich den Kopf weg«, antwortete Mitonare trocken. »Du hast Raiteo erwähnt. Wie geht es ihm, und was treibt er jetzt? Ist er ein besserer Mensch geworden?« »Was er jetzt treibt, weiß ich nicht. Aber als ich kam, stand er draußen auf Posten und ging dann mit dem ehrwürdigen Bruder Rowe in die Stadt zurück. Es ist nicht das erstemal, daß sie in einem Joche ziehen..« »Raiteo hier auf Tahiti?« rief Sadie erstaunt. »Raiteo Mitonare«, erwiderte Bruder Ezra trocken. »Mitonare? Raiteo? Der seinen Vater verraten würde, um ein Stück Kattun zu verdienen oder etwas Geld?« »Raiteo Mitonare«, bestätigte der kleine Mann. Langsam mit dem Kopf nickend setzte er hinzu: »Menschen sind einmal bös und dann wieder gut. Raiteo hat seine Sünden eingesehen und ist frommer Mann geworden... aber trägt noch keine Hosen.« Es klang etwas eifersüchtig, als Mitonare das sagte und dann noch hinzusetzte: »Er hat noch sein Lendentuch und seine nackten Beine und einen bloßen Kopf. Nur am Sabbath in der Kirche einen Frack, kann nicht gut ohne Frack in die Kirche kommen.« »Raiteo Mitonare«, wiederholte Sadie, die sich nicht von ihrem Erstaunen erholen konnte. »Und das auf Atiu... wo sie ihn kennen!« Bruder Ezra verneinte. Auf Atiu habe ihn Bruder Rowe doch nicht lassen können, denn sie kannten ihn dort zu gut. Wahrscheinlich sollte er auf eine der Nachbarinseln kommen. Sadie blickte den kleinen Mann erstaunt an, denn eine merkwürdige Veränderung war in dessen ganzem Wesen vorgegangen. Er, der noch vor wenigen Jahren jedem Wort von den Lippen der Missionare in frommer, furchtsamer Weise gelauscht hatte, sprach jetzt selbst über den Strengsten ihrer Schar gleichgültig. Ja, Sadie konnte sich über den Ausdruck in seinem Gesicht und in seinen Worten nicht länger hinwegtäuschen, er sprach fast ironisch über alles. Das bittere Lächeln, das um seine Lippen spielte, unterstrich das noch. Bruder Ezra hatte den forschenden Blick bemerkt und zuckte zusammen. Der Gedanke, daß seine kleine Pudenia, die jetzt zu ihm aufsah wie zu einem zweiten Vater, annehmen könnte, daß er etwas Schlimmes denken könnte, war mehr, als er ertragen konnte. Leise sagte er: »Mitonare ist kein böser Mensch geworden, Pu-de-ni-a, er liebt seinen Gott... und tut auch... tut alles, was in der Bibel steht, aber... andere Männer... Männer, die auch sagten, daß sie der liebe Gott schickt... sind zu ihm gekommen und haben ihm, als er verzweifelt war, Trost gebracht, als er weinte, seine Tränen getrocknet, als er unschlüssig stand, einen neuen Pfad gezeigt und... wenn er sich auch bis jetzt noch nicht traute, den neuen Pfad zu gehen, hat er doch bis jetzt...« Er stockte, als traue er sich nicht, weiterzureden. Sadie ergriff seine Hand und fuhr traurig fort: »Den alten Pfad seiner Religion verlassen und nur die äußere Form beibehalten, seinen Gott damit täuschen.« »Aita, Pu-de-ni-a, aita!« rief der kleine Mann rasch und ängstlich, vielleicht weil er die Wahrheit des Vorwurfs fühlte. »Nein, Kind, ich bin nicht meinetwegen auf dem Pfad wankend geworden, nein, die Mitonares tragen selbst die Schuld. Sie feinden einander an, schimpfen sich Heiden und Götzenanbeter und behaupten alle, allein den richtigen und alleinigen Glauben zu haben, dessen Feinde Gott mit seiner Rache heimsuchen und von der Erde vertilgen werde. Mir frißt dabei aber immer etwas am Herzen. Vater und Mutter, die rettungslos im Höllenpfuhl brennen sollen! Da kamen andere Priester und sagten, daß ich sie retten kann, wenn ich fleißig in ihrer Art bete. Bruder Rowe donnerte dagegen mit allen Waffen der heiligen Schrift. Da zuckte und zog es in meinem Herzen, und böse Gedanken stiegen in mir auf und ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Hat der eine recht, sind sie unrettbar verdammt, hat der andere recht, begehe ich eine entsetzliche Sünde, wenn ich mein Leben nicht ihrer Rettung weihe. Armer Mitonare, ist recht böse daran, soll anderen den Glauben bringen und weiß selber nicht. Und wenn der alte Mann nun doch allein recht hätte?« »Welcher alte Mann, Mitonare?« erkundigte sich Sadie erstaunt. Bruder Ezra hob erschrocken den Finger an die Lippen und sah sich vorsichtig um. »Pst... Pu-de-ni-a, das war ein wunderbarer, furchtbarer alter Mann, und er kam und ging in einem Sturm.« »Was tat er bei euch auf Atiu?« »Er sagte, er käme von den Inseln leewärts und wollte Handel treiben und Kokosöl und Perlmuttschalen einkaufen. Aber er sprach furchtbare Sachen, und mich schaudert's, wenn ich daran denke, wenn ich darüber nachsinnen »Was hat er denn entsetzliches gesagt?« drängte die Frau. »Pu-de-ni-a«, sagte der Mitonare, der Frage noch ausweichend. »Hast du schon einmal an einem Abgrund in schwindelnder Höhe gestanden? Ist dir da nicht der Gedanke gekommen, du müßtest da hineinspringen in die Tiefe, damit du den Platz nur schnell verlassen kannst?« Sadie nickte, noch in der Erinnerung schaudernd. »Siehst du, so ging es mir, als ich den Worten des alten weißen Mannes lauschte«, flüsterte der kleine Mann und nickte still vor sich hin. »Er trug einen langen, weißen, spitzen Bart, und die kleinen, blitzenden Augen lagen wie zwei glühende Kohlen unter den buschigen Brauen. Sein ganzes Gesicht hing dabei in dichten Falten, er mußte sehr alt sein, denn er hatte die Welt gesehen von dem Teil, wo das Wasser zu Stein wird in großer Kälte, bis dahin, wo die Sonne abends in ihr Lager sinkt. Er sprach von Gott und den Sternen und allem, was auf Erden lebt.« »Aber er glaubte an Gott?« frug Sadie leise und scheu. »Er hatte denselben Namen dafür wie wir, Jehova«, sagte der kleine Mitonare. »Aber er verleugnete den Heiland!« setzte er leise hinzu. »Gütiger Gott!« »Er leugnete Jesus Christus«, bestätigte der Mitonare, »und mir lief es wie ein Fieberschauer durch die Adern, als ich mit ihm allein in dem stillen Haus saß und der Weststurm um das Dach heulte. Die flackernden Ölflammen schlugen in roter Glut hoch auf, und der magere, alte, bärtige Mann erzählte mir von dem Heiland, der nur ein Mensch gewesen sei wie wir alle, aber ein guter Mensch, und von seinen Neidern und den reichen Leuten, die befürchteten, daß er durch seine Reden das Volk gegen sie aufwiegeln würde. Er wurde von ihnen ans Kreuz geschlagen.« »Er verleugnete Gottes Sohn!« sagte Sadie schaudernd. »Ja, und er trieb Spott über alles, was selbst die Wi-wis für heilig halten«, nickte der Kleine. »Aber trotzdem hörte ich ihm gern zu, denn sein Gott war ein Gott der Liebe und der Gnade, und alle Menschen waren seine Kinder, alle nahm er zu sich auf, Farbige und Weiße, Beretanis und Feranis, wenn sie gut und redlich lebten und seinem Wort folgten. Auch mein Vater und meine Mutter wären in seine Herrlichkeit eingegangen, wenn sie nicht sonst schlechte oder böse Menschen gewesen waren. Seit der Zeit sind meine Gedanken nicht mehr mein eigen«, fuhr der kleine Mann trübsinnig fort. »Seit dieser Zeit suche ich Antworten auf meine Fragen, und nachts kommt der Böse und lockt mit seinen Schmeicheleien, tagsüber sehe ich den Alten vor mir, wie er sich den Bart streicht und mit seinen scharfen Worten mir noch Trost und Hoffnung gibt. Seit diesem Tag ist der kleine Mitonare ein anderer geworden. Er trägt sein Gebetbuch mit sich herum, hat aber nicht den Mut, hineinzusehen.« »Armer Mitonare. Bete aus tiefster Seele zu deinem Heiland, der dich führen und schützen möge«, sagte Sadie mit ihrer weichen Stimme. Bruder Ezra hatte nachdenklich auf das Meer gesehen, schreckte jetzt aber auf. »Was ist das?« Sie sahen das Boot eines Kriegsschiffes, von acht Matrosen gerudert. Es kam um die nächste Landspitze und hielt gerade auf ihr Haus zu. Hinten am Heck wehte die französische Flagge. »Ein Boot der Feranis«, sagte Sadie ruhig. »Es will wahrscheinlich nach Papara und hält sich dicht an der Küste. Sie kommen oft hier vorüber.« »Dann hätten sie die Korallenspitze vermeiden müssen«, sagte der Mitonare. »Sie können nur hierher wollen. Hinten neben dem steuernden Mann sitzen zwei Offiziere der Wi-wis und neben ihnen...« »Heiliger Gott, neben ihnen liegt jemand auf der Bank!« rief in diesem Augenblick Sadie in Todesangst. Die böse Ahnung, die ihr den ganzen Morgen nachschlich, hatte sie kräftig gepackt. »René?« rief Bruder Ezra erschrocken. »Was hat der tolle Wi-wi wieder angestellt, daß ihn die eigenen Landsleute gefangen haben? Aber das Boot dreht vielleicht doch noch ab.« Sadie antwortete ihm nicht. In sprachloser Angst und Erwartung hing ihr Blick an dem rasch näher kommenden Fahrzeug. Schon glaubte sie, die Züge des Offiziers zu erkennen, der hinten lehnte, und auch sie war von den Bootsleuten erkannt worden. Die auf dem Sitz liegende Gestalt richtete sich halb empor und winkte herüber. Mit lautem Aufschrei flog sie hinaus an den Strand. Ohne an ihre europäischen Kleider zu denken, sprang sie in die Flut und dem Boot entgegen. René lag bleich und blutend auf der Bank und winkte jetzt freundlich zu ihr. Da schoß das Boot heran, die Matrosen der Backbordseite warfen ihre Riemen mit einem Schlag empor, und Bertrands Hand streckte sich der armen Frau entgegen, deren stierer Blick nur an dem bleichen Gesicht des Verwundeten hing. Da berührte das Boot den Strand, ein Teil der Matrosen sprang über Bord, um ihn an Land zu tragen. »Aber Sadie, was machst du denn für tolle Streiche?« flüsterte René halb vorwurfsvoll, halb verlegen. »Du bist verwundet!« war alles, was sie in ihrer Angst hervorbringen konnte. »Unsinn, eben nur die Haut geritzt. Ich hätte gehen können, aber Bertrand hat darauf bestanden, mich hierher zu fahren!« sagte er lachend. »Die Wunde ist unbedeutend, Madame!« bestätigte jetzt auch der Offizier. Er war an Land gesprungen und machte eine fast unwillkürliche Bewegung, die junge Frau hinauf zum Haus zu führen. Sadie ließ aber die Hand ihres Mannes nicht los, während vier kräftige Matrosen ihn nach oben trugen. »Ich fürchtete nur eine Entzündung, wenn er den langen Weg bei der Hitze zu Fuß zurückgelegt hätte. Wenige Tage Ruhe werden ihn wieder herstellen.« »Aber was um Himmels willen ist geschehen?« bat Sadie. »Nichts von Bedeutung«, sagte René. »Ein doppelter Aderlaß für eine neckische Göttin als Opfer. Das Fleisch heilt bald. Wer ist das da drüben? Mi-to-na-re? In Hosen und Strümpfen? Mitonare!« Er schüttelte herzlich die Hand des kleinen Mannes. In diesem Augenblick gab ihm die Erinnerung an Atiu einen Stich durch das Herz, und die Tränen traten ihm ins Auge. Er drehte den Kopf zur Seite, damit die Seeleute seine Rührung nicht bemerkten. »Böser Wi-wi,« rief jetzt der kleine Missionar in seinem wilden englischen Kauderwelsch. »Aita maitai... macht ole manni viel Sorge... leichtsinniger Kopf, der in dicken Bambus fährt und durch will... läßt kleine Pu-de-ni-a zu Haus und kommt angefahren, blutig und blaß, und jagt ihr Todesschreck in die Glieder, daß sie auch krank wird und stirbt!« René drückte die Hand seiner Frau und sprach dann in reinem Tahitisch zu dem erstaunten Missionar. »Wo kommst du her, was treibst du, und wie geht es dir? Willst du jetzt bei uns auf Tahiti bleiben?« Ehe der Mitonare die rasch hintereinander ausgesprochenen Fragen beantworten konnte, verbot der mitgekommene Schiffsarzt jede weitere Aufregung. Er wollte erst die Wunde noch einmal untersuchen und verbinden. Sie war ungefährlich, aber in dem heißen Klima doch zu beachten. Vor allen Dingen müsse der Verwundete in ein kühles Zimmer geschafft werden. Mit zitternder Hast besorgte Sadie alles. Sie legte viele Matten übereinander, um ihm ein weiches Lager zu errichten. Erst dann wechselte sie ihre nassen Kleider. René war von einer Kugel dicht an der Schulter getroffen. Sie war durchgegangen, ohne den Knochen zu verletzen. Blutverlust und Ermattung hatten ihn aber doch erschöpft. Als der zweite Verband mit Sadies Hilfe angelegt war, fiel er in einen sanften, aber festen Schlaf. Nur Mataoti durfte bei ihm bleiben und sollte rufen, wenn er wieder wach wurde. Das Boot am Strand war schon wieder zur Abfahrt gerüstet. Bertrand wollte sich gerade von Sadie verabschieden, als sie ihn mit leiser Stimme zurückhielt. Sie bat ihn, ihr die Ereignisse zu schildern. Der junge Mann zögerte erst mit seiner Antwort. Aber er fühlte auch, daß er ihr die Wahrheit nicht vorenthalten durfte. Deshalb erzählte er ihr so schonend wie möglich, wie der Offizier nach den gestrigen Vorfällen nicht anders handeln konnte und René fordern mußte. Heute hatte man sich in aller Frühe vor der Stadt getroffen und aufeinander geschossen. Rodolphe, der Gegner, hätte zuerst gefehlt und eine leichte Streifwunde erhalten. Dann habe er hartnäckig darauf bestanden, den zweiten Schuß zu tun. Die Sekundanten konnten ihm den nicht verweigern. Die beiden fast gleichzeitig abgefeuerten Kugeln trafen ihre Ziele. René wurde leicht am Arm getroffen, Rodolphe in die Brust. Der Gegner lebe zwar noch, aber die Wunde sei sehr gefährlich. René brauchte nichts für seine Sicherheit zu befürchten, setzte er rasch hinzu. Selbst im unglücklichsten Fall stehe er gerechtfertigt da. Er hatte nichts anderes getan, als sich verteidigt. Sadie wurde totenbleich. Ihr Mann verwundet, vielleicht ein Mörder, ihretwegen... Mit Entsetzen dachte sie daran, daß gerade jetzt die englischen Schiffe die Übermacht im Hafen hatten und wohl kaum einen Fall vorübergehen lassen würden, um einen der Feinde vor Gericht zur Rechenschaft zu stellen. Bertrand schüttelte aber lachend den Kopf. »Die englische Herrschaft ist vorbei! Großbritannien erkennt das französische Protektorat an und zieht seine Schiffe zurück. Es geht aber noch weiter. In der Nähe einer der Nachbarinseln sind schon zwei französische Kriegsschiffe gesehen worden, wahrscheinlich Du Petit Thouars mit seiner Flotte. Von jetzt an weht die Tricolore auf Tahiti.« »Zwei französische Schiffe sind gesehen worden? Von wem haben Sie die Nachricht?« erkundigte sich Sadie, und ein Gedanke an Raiteo durchblitzte ihr Gehirn. »Kleine Fahrzeuge kreuzen herüber und hinüber«, antwortete der Offizier. »Wir haben überall unsere Wächter. Sehen Sie, Madame? Dort vor den Riffen segelt der ›Talbot‹ vor dem Wind, um diese Küsten zu verlassen, und... ha! Da kommt auch der ›Vindictive‹, schwerfällig seine Segel entfaltend. Halt, Ruhe, bis wir draußen in See sind!« rief er rasch seinen Leuten zu, die in lauten Jubel ausbrechen wollten. »Der Kranke schläft. Wir müssen jetzt auch nach Papeete zurück, dort wird es viel für uns zu tun geben. Heute abend komme ich schnell herüber, um nach unserem Kranken zu sehen. So, adieu Madame, auf ein frohes Wiedersehen!« Gleich darauf stieß das Boot wieder ab und verschwand hinter der nächsten Landspitze. Mitonare hatte nichts von dem Gespräch verstanden und wurde jetzt von Sadie über den Abzug der englischen Schiffe informiert. Der kleine Mann konnte es nicht glauben, aber Sadie hörte nicht auf ihn. Ihre Sorge galt dem verwundeten René. Mitonare verabschiedete sich schließlich, weil er zur Versammlung nach Papeete mußte. Er wollte abends ebenfalls wiederkommen und bei René bleiben. Sadie wollte Aumama bitten, ihr zu helfen, aber die Freundin war erst früh am Morgen nach Hause gekommen, hatte ihre Kinder geweckt und mitgenommen, niemand wußte, wohin. Auch Lefevre war verschwunden, das Nachbarhaus lag wie ausgestorben. 20. Pomare und Du Petit Thouars Papeete befand sich in großer Aufregung. Schon am frühen Morgen liefen dumpfe Gerüchte durch den kleinen Ort. Als sich die englischen Kriegsschiffe zum Auslaufen fertig machten und in der Nähe die »Reine blanche« gesichtet wurde, schlug die Stimmung teilweise in Panik um. Der gefürchtete Du Petit Thouars war wieder in der Nähe! Die englischen Kapitäne waren am Vortag lange Zeit an Land und der Kapitän des »Talbot« sogar mehrere Stunden mit dem zurückgekehrten englischen Konsul und früheren Missionar Pritchard zusammen. Nur er konnte also wirkliche Aufklärung über das sonst unbegreifliche Zurückziehen der englischen Streitmacht geben. Zu seinem Haus strömte die Masse, um Aufklärung zu bekommen. Mr. Pritchard tröstete sie mit dem Beistand Gottes, der die Seinen nicht verlassen werde. Dann berief er eine Versammlung der Geistlichen nach Papeete, um die nächsten Schritte zu beraten, falls die französische Flotte wirklich Tahiti erneut heimsuchen sollte. Nur wenige Tage später lief allerdings erneut ein kleines englisches Kriegsschiff, eine sogenannte »Catch« mit nur zweihundert Tonnen, ein. Aber sie sollte nur die anderen Schiffe ablösen und sich ruhig in der Bai vor Anker legen. Es war der »Basilisk«, und kurz darauf wurden von den Höhen Schiffe signalisiert, die auf Tahiti zuhielten. Die Angst vor der »Reine blanche« gab dem größeren der Schiffe schon lange ihren Namen, ehe nur Takelage und Bau des Fahrzeuges erkennbar waren. Am anderen Morgen ankerten die Kriegsschiffe in der Bai von Papeete, von ihrem Heck flatterten die französischen Nationalfarben, und das Echo der Berge gab den donnernden Eisengruß der Fremden dumpf und grollend zurück, als wären sie über den erneuten Besuch zornig. Die Mannschaft der »Jeanne d'Arc« war erleichtert, denn die Bevölkerung hatte ihnen nach der Rückkehr Pritchards oft gezeigt, daß sie weder sie noch ihre Religion wollten. Welchen Unterschied hatten die letzten Tage gebracht! Die englischen Kriegsschiffe überließen dem Feind die Insel. Während die Missionare bestürzt und zornig die Schiffe im entscheidenden Augenblick absegeln sahen, triumphierten die anderen. Die Missionare wagten noch nicht einmal, ihre ganzen Befürchtungen auszusprechen. Von ihnen ging deshalb das Gerücht aus, daß die Engländer bloß losgesegelt seien, um die Marquesas-Inseln ebenfalls von dem Druck der Franzosen zu befreien. Einige Wochen später würden sie mit Verstärkung zurückkehren. Das war ihre letzte Hoffnung. Besonders mißtrauisch beobachtete Aimata, die Königin der Inseln, die Bewegungen der Feranis. Zornig schoß ihr das Blut der Pomaren in die Schläfen, als sie das Banner Frankreichs wieder trotzig in der Brise flattern sah und den Kanonendonner hörte, der grüßend dem Feind aus ihrer eigenen Bai entgegenschallte. Sie stand an ihrem Fenster und preßte die heiße Stirn gegen das Glas. Der ehrwürdige Mr. Pritchard ging mit untergeschlagenen Armen in ihrem Zimmer auf und ab. Auf dem Tisch lag die tahitische rote Flagge mit dem einzelnen weißen Stern, über dem eine goldene, von Palmenzweigen umgebene Krone eingesteckt war. »Das sind nun eure Versprechungen!« sagte die Königin nach einer langen Pause. »Das ist euer Schutz vor den Feranis. Da draußen entfernen sich eure Schiffe, und mitten in meinem Reich darf der stolze, landgierige Ferani seine Flagge trotzig entrollen. Wie soll ich ihm bei seinen Kanonen neue Forderungen verweigern?« »Er darf nicht weiter gehen, als er bis jetzt gegangen ist«, entgegnete finster der Missionar. »Die neue Flagge mit dem Emblem der Majestät wird ihm beweisen, welche Ansprüche Pomares durch England unterstützt werden. Mit dem ganzen Volk gegen sich und dem Wissen, daß englische Kriegsschiffe in der Nähe kreuzen, ist Du Petit Thouars zu klug, um einen trostlosen Feldzug zu eröffnen.« »Wer schützt aber mein armes Volk jetzt vor ihren Kugeln, wenn ich die Flagge hisse und ihren Zorn reize?« »Du bist hier die Königin. So, wie die englische Königin ihr Banner über ihrem Schloß wehen läßt, kannst du deine Flagge hier zeigen. Der Franke darf es dir nicht verwehren. Ich müßte mich auch sehr täuschen, wenn er es versuchen würde nach den bisherigen Ereignissen. Die Franzosen sind höflich, wenn man ihnen auch sonst nichts Gutes nachsagen kann«, sagte der Missionar ernst und feierlich. Pomare sah ihn forschend an. Ihre Fahne durch Kanonenschüsse der gefürchteten Feranis geehrt – der Gedanke hatte einen besonderen Reiz für sie. »Und du hißt gleichzeitig die englische Flagge vor deinem Haus?« sagte sie rasch und ergriff den Arm des Priesters. »Als Gruß der königlich-tahitischen auf jeden Fall, ich bin dazu von meinem Amt her sogar verpflichtet!« »Nun gut, so sei es!« rief die Königin, und ein besonderes Lächeln belebte ihre schönen Züge. »Der Wi-wi soll mir die Krone grüßen müssen, die er nicht berühren darf. Dein Gott mag mir jetzt beweisen, ob er mit Wohlgefallen auf die Inseln sieht, wie ihr immer sagt. Ruf mir die Häuptlinge, die schon den ganzen Morgen draußen ungeduldig auf meine Befehle harren. Ich will Königin sein, und eine Königin, wie sie über dem großen Wasser auf deiner Insel herrscht. Nicht nur Spott und Teil eines Spieles, dem jeder fremde Freibeuter die Krone abnehmen darf!« »Du wirst sehen, Pomare, daß du nichts zu befürchten hast«, sagte der Geistliche. »In deinem Reich darf keine fremde Macht die Hand an deine Flagge legen. Die erzwungenen Zugeständnisse sind ungültig, und dein Volk ist stark und mächtig in der Begeisterung des Herrn. Ich gehe jetzt in mein Haus, um das königliche Signal zu beantworten, sobald es in der Brise flattert. Der Herr sei mit dir in dieser Stunde und gebe dir seinen Segen und Frieden in Jesu Christo.« Freundlich streckte er wie zum Segen die Hände gegen sie aus und verließ langsam das Zimmer. Pomare hatte sich dabei leicht verneigt. Jetzt blieb sie mit klopfendem Herzen stehen, zitternd vor innerer Aufregung. Kaum hörte sie aber die Schritte der nahenden Häuptlinge, als sie auch mit der ihr eigenen Energie alle Schwäche abschüttelte. »Joranna, Pomare!« riefen Aonui und Potowai. »Joranna, und schütze dich Gott in dem nahen Kampf.« »Dem nahen Kampf?« erkundigte sich Pomare erstaunt. »Wer spricht von einem Kampf?« »Der fromme Mann, der dich verließ, ermahnte uns, standhaft auszuhalten, selbst gegen die Übermacht des Feindes draußen. Mit Gott brauchen wir keine irdischen Waffen zu fürchten!« sagte Aonui. »Hier ist von keinem Kampf die Rede«, entgegnete Pomare ernst. »Ihr sollt nur unsere Landesflagge vor meinem Haus aufziehen. Ich will keinem etwas Böses, und unsere Religion ist eine Religion des Friedens. Sagt das den Leuten! Sie sollen keinen Streit mit den Feranis anfangen, sondern sie freundlich behandeln und ihnen alles geben, was sie an Nahrungsmitteln brauchen. Pomare hat keinen Zorn gegen sie und will in Frieden mit ihnen leben.« »In Frieden mit ihnen leben?« wiederholte kopfschüttelnd Potowai. »Das wird schwer. Ein Frieden mit den Feranis ist wie der durchsichtige Stein, den sie uns gebracht haben, damit unsere Häuser heller werden. Wenn du ihn anrührst, zerbricht er und verwundet die Hand, die sich freundlich gegen ihn gestreckt hat. Traue den Feranis! Aber was soll's? Wir haben die Bibel und unser gutes Recht, Zehntausendmal lieber sehe ich unsere Flagge als irgendein anderes Tuch im Winde flattern. Also mit Gott, und das Volk wird dir zeigen, Pomare, wie dankbar es für diesen Beweis deiner Liebe sein kann.« Er hatte die Fahne aufgenommen und verließ jetzt rasch das Haus, von dem frommen Aonui gefolgt. Um den Fahnenmast hatte sich schon eine neugierige Menge versammelt. Sie maßen dem Hissen der Flagge aber keine besondere Bedeutung bei. Als die Nachricht vom Strand kam, daß eines der englischen Kriegsschiffe zurückgekehrt sei, kam Leben in die Menge. Aber die meisten englischen oder amerikanischen Matrosen, die mit der Menge gekommen waren, schwuren, daß das neue Schiff sowenig englisch sei wie die »Reine blanche« oder die »Danae«. So bildeten sich einzelne Gruppen, die das Für und Wider eifrig besprachen. Die Eingeborenen sahen dabei stolz auf ihre stattliche Fahne, die im Wind hinauswehte und die Schiffe zu grüßen schien. Unter ihnen war unser alter Bekannter Bob Candy und schien eine gewisse Autorität auszuüben. Er galt bei vielen als Kenner aller Schiffe und hatte ebenfalls von einem französischen Schiff gesprochen. Daß er sich nicht irrte, wurde bald darauf durch die aufgezogene Flagge bewiesen. »Uns hat der ehrwürdige Bruder Mi-ti (Smith) immer gesagt, daß Feranis nur ein einziges Kriegsschiff haben, und das schicken sie überallhin, mit verschiedenen Namen und anders angemalt!« rief der Häuptling Teraitane aus. »Jetzt liegen schon drei im Hafen, und das vierte segelt herein, und eines ist immer größer als das andere. Der ehrwürdige Bruder Miti muß geträumt haben!« »Bruder Miti träumt mit offenen Augen. Merkwürdige Geschichten hat man euch erzählt, Die Feranis könnten einen ganzen Monat lang jeden Tag vier andere Kriegsschiffe herschicken, und es blieben immer noch so viele zu Hause!« antwortete Bob trocken. Jemand übersetzte das den Eingeborenen, und alle drängten sich um ihn, um noch mehr über den Feind zu erfahren. Die Schiffe hatten untereinander Signale gewechselt, aber bislang nicht die wehende Landesflagge gegrüßt. Vor dem Hause Pritchards wehte jetzt auch die englische. Von der »Reine blanche« stieß ein Boot ab, das ebenfalls die Trikolore am Heck führte. Sechzehn Riemen trieben es pfeilschnell auf Pomares Haus zu, vor dem sich eine immer größere Menge versammelte. Im Stern des Bootes saß Du Petit Thouars selbst. Ehe man ihn erkannt hatte, war er schon vor dem Haus stehengeblieben. Er musterte kurz die Flagge und warf einen Blick auf die englischen Farben. Fast schien es, als ob ein spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel zuckte. Dann sprang er die wenigen Stufen zur Veranda hoch. Die Einanas im Vorzimmer wollten ihm den Eintritt verweigern. Eine erkannte ihn aber und eilte mit einem Schreckensruf zu ihrer Herrin. Pomare erschrak. Was wollte der Befehlshaber der Kriegsflotte da draußen von ihr ohne vorherige Audienzanmeldung? Sie stand noch zögernd, als sie die lachende Stimme des Franzosen vor der Tür hörte. »Ruft den ehrwürdigen Bruder Pi-ri-ta-ti«, sagte sie schnell. Als das Mädchen die Tür wieder öffnete, stand der Admiral von den ängstlichen Frauen umgeben, auf der Schwelle. Er zog seinen Hut, streckte ihr die Hand entgegen und rief ihr fröhlich zu: »Joranna, Pomare!« »Joranna, Peti-Tua!« antwortete die Königin ernst. »Bringst du mir den Frieden oder Krieg mit deinen großen Schiffen? Bist du den weiten Weg noch einmal gekommen, um eine schwache Frau zu kränken, oder hat dich dein König mit freundlichem Wort hergeschickt, und war das Joranna treu gemeint?« »Ich bringe dir Frieden, Pomare!« sagte Du Petit Thouars freundlich und hielt ihre Hand. »Frieden und Freundschaft, wenn du nicht selbst alles trotzig von dir weist und mich zwingst, dir weh zu tun.« »Du willst wieder Geld von mir haben? Aber ich habe nichts mehr. Das letzte haben die Missionare von mir bekommen, um unglückliche Heiden in Australien und Afrika zu bekehren.« Der Admiral biß sich in die Unterlippe, und ein verlegenes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Nein«, sagte er nach einer Pause. »Du irrst, Pomare. Ich will von dir nichts haben, was du uns nicht schon freiwillig gegeben hast. Ich möchte mir nur nichts nehmen lassen, deshalb bin ich hier. Ich hoffe, wir werden mit wenigen Worten alles freundlich lösen können. Ich meine es gut mit dir, Pomare, und möchte dich weder kränken noch betrüben.« »Das ist eine lange Vorrede zu einem freundlichen Wort«, sagte Pomare. »So will ich kurz zur Sache kommen. Ich brauche dir nicht die Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen seit meiner Abwesenheit. Eine Rotte unnützes Volk hat die französische Flagge beleidigt und die Verträge gebrochen, die du mit uns eingegangen bist. Ich will aber annehmen, daß dir alle Vorfälle selbst leid tun und du sie nur nicht verhindern konntest. Ich verlange nicht einmal eine Entschuldigung von dir. Aber du mußt mir beweisen, daß es dir jetzt ernst ist. Seine Majestät, der König von Frankreich, soll dein Freund sein.« »Und was verlangst du?« wollte Pomare ungeduldig wissen. »Etwas willst du doch von mir, das fühle ich.« »Du sollst nur den eingegangenen Vertrag halten und das französische Protektorat anerkennen, das du selbst mit allen Häuptlingen unterschrieben hast. Auch deine selbständige Krone auf deinem bunten Schmuck vor deinem Haus mußt du wegnehmen, da sie dir nicht gebührt.« »Wem denn, wenn nicht mir, stolzer Ferani, der Königin dieses Landes?« rief Pomare gereizt. »Ach was, das sind Redensarten«, sagte der Offizier mit zusammengezogenen Brauen. »Du verkennst deinen Rang, Pomare. Seit du unter dem Schutz eines anderen Staates stehst, dessen Oberherrschaft du anerkannt hast, gibt es keine Krone mehr für dich. Ich muß dich deshalb deinetwegen bitten, deine Flagge in aller Stille einzuholen und nicht wieder aufzuziehen. Das soll mir ein Zeichen sein, daß du meinen vernünftigen und ruhigen Vorstellungen Gehör gegeben hast und, mir nicht wieder die Stirn bieten willst.« »Die Königin Victoria hat ebenfalls ihre Fahne mit der Krone wehen, und niemand darf es ihr verwehren!« rief Pomare aus. »Ach, Kinderspiel! Was haben wir hier mit der Königin Victoria zu tun? Sie ist mächtig genug, um sich selbst zu beschützen, und hat das Recht, eine Krone zu führen! Wer hat dich überhaupt auf den Einfall gebracht, dich mit der Königin Victoria zu vergleichen?« »Peti-Tua«, erwiderte Pomare gereizt. »Es sind auch noch andere Europäer auf der Insel, die wissen. was sich für eine Königin schickt. Wärst du allein da, müßte ich dir glauben.« Wieder preßte der Admiral seine Unterlippe zwischen die Zähne, sprang auf und ging rasch im Zimmer auf und ab. Nach einem Augenblick des Nachdenkens sah er mit freundlichem Ausdruck Pomare an, ergriff ihre Hand und hob mit der anderen ihr Kinn etwas an. »Sei vernünftig, Pomare, und höre dieses eine Mal auf den Rat eines Mannes, der es gut mit dir meint, ganz gleich, was dir die anderen über mich gesagt haben. Die Depeschen sind schon in Frankreich angekommen, nach denen dein Reich unter dem Protektorat meines Königs steht. Selbst wenn ich wollte, dürfte ich nicht mehr anders handeln. Traue auch nicht allem, was dir die englischen Priester sagen. Du hast schon oft feststellen müssen, daß sie sich irrten. Sie wollen nur Macht hier im Lande gewinnen und die Alleinherrschaft haben. Wir Franzosen passen doch viel besser zu euch als die Kopfhänger!« Da öffnete sich, leise die Tür. Pomare entzog ihm rasch die Hand und trat einen Schritt von ihm zurück. Eine der Einanas meldete, den Kopf hereinsteckend, den »hohen Piritati«, der draußen stände und die Königin sprechen möchte. »Schick ihn fort, Waihine!« rief Du Petit Thouars ärgerlich. »Wir haben hier wichtige, weltliche Dinge zu reden und brauchen keinen Pfaffen. Schick ihn fort!« »Ich habe ihn rufen lassen, und er ist nicht nur Mitonare, sondern auch Konsul der Beretanis!« entgegnete Pomare. »Ein Zwitterding. Ich habe mit ihm weder in der einen noch in der anderen Eigenschaft etwas zu schaffen. Schick ihn fort, oder ich gehe, und die Folgen hast du dir selbst zuzuschreiben.« »Er wird warten, denn ich muß mit ihm sprechen. Weiter hast du mir ja doch nichts mehr zu sagen.« »Nichts mehr zu sagen? Frau, das ist gerade genug, denn es betrifft dein ganzes Reich...« »Du darfst es mir nicht nehmen!« rief die Königin. »Piritati hat mir selbst gesagt, daß mich England gegen meine Feinde beschützen wird!« »Gebe Gott, daß du deine Feinde erkennen könntest!« warnte sie der Franzose. »Aber meine Zeit ist knapp. So antworte mir, wenn du dem Freundesrat nicht folgen willst, ob du dich fügen willst oder nicht.« »Was heißt das?« »Die Anerkennung unseres Vertrages«, entgegnete Du Petit Thouars. »Zum Zeichen dafür ziehst du die Flagge mit der Krone ein und hißt die Trikolore.« »Nie im Leben!« rief Pomare und stampfte mit dem Fuß auf. »Du zwingst mich also, die Flagge mit Gewalt zu streichen und Frankreichs Banner dafür aufzupflanzen. Bedenke, Pomare, daß du von dem Augenblick, wo das durch meine Hand geschieht, aufgehört hast zu regieren. Das Land steht dann nicht nur unter Frankreichs Schutz, sondern es ist erobert. Der Sieger verfügt darüber, wie er möchte!!« »Ich verstehe nicht, was du mit den fremden Worten sagen willst. Aber du darfst mir mein Land nicht nehmen, die englischen Schiffe werden das nicht erlauben.« »Wer dir das sagt, ist dein Feind!« entgegnete der Admiral rasch. »Denk an mich und was ich dir geraten habe. Meine Zeit ist um, und ich fürchte, es war nutzlos, denn der Missionar wird dir das Kreuz wieder vorhalten und mit der Bibel drohen.« »Ich lasse mir nicht drohen!« »Ich habe dich darum gebeten, Pomare!« sagte mit leiser Stimme der Admiral und trat noch einmal zu ihr. »Deinetwegen gebeten, weil ich dich achte – und dir dein kleines Reich nicht nehmen will. Zwinge mich nicht dazu, nimm die Fahne mit dem unnützen Schmuck und ziehe die Farben meines Landes auf. Du bleibst dann, was du bist, zwar nicht uneingeschränkt, aber doch Königin dieses Landes!« »Und wenn nicht?« »Trotzkopf!« murmelte der Franzose ärgerlich. »So nimm die Folgen hin. Ich gebe dir noch Zeit zum Nachdenken bis morgen früh. Überlege es dir noch und handle danach. Wenn aber nach dem Morgenschuß nicht die Trikolore vor deinem Haus weht, dann komme ich nicht mehr zu dir herüber, sondern schicke dir rauheren Besuch.« Damit verließ er rasch das Zimmer und rannte fast gegen den Missionar, der gerade eintreten wollte. Mr. Pritchard grüßte ihn und wollte ihn ansprechen, aber der französische Admiral war nicht in Plauderstimmung. Er berührte kurz seinen Hut und ging mit raschen Schritten der Landestelle zu. Das Boot flog herum und schäumend der »Reine blanche« entgegen, die in ihrer furchtbaren, dunklen Majestät vielleicht eine Kabellänge davon vor Anker lag. 21. Die tahitische Flagge Sadie hatte einige trübe Tage verlebt. Zwar war Renés Verwundung viel leichter gewesen, als zunächst noch angenommen, und heilte so rasch, daß er schon wieder am nächsten Tag sein Lager verlassen konnte, aber Renés Gegner war an seiner Wunde gestorben. Zwar versuchte Bertrand, ihr die Nachricht zu verheimlichen, aber durch Klatsch erfuhr Sadie doch davon. Das traf sie tief, denn in ihren Augen war René für sie zum Mörder geworden. Alles, was ihr der Geistliche gerade erst vor ein paar Tagen über Sünden gesagt hatte, fraß tief in ihr Herz. Sie sah Blut an der Hand, die sie so gern hielt. Und René? Als sie zu ihm stürzte und ihn bat, auf den Knien zu beten, um Linderung in dem tiefen Schmerz zu finden, blieb er kalt. Zwar war er bei der Nachricht blaß geworden, aber das war auch das einzige Anzeichen dafür, daß er fühlte, was er getan hatte. Sadie sah in Schreck und Staunen zu ihm auf und versuchte vergeblich, sein Herz zu seinem Gott zu wenden, um dort Vergebung und Gnade zu erflehen. »Laß das, Sadie. Das sind Sachen, die du nicht verstehst und deshalb nicht begreifen und beurteilen kannst.« »Du hast einen Menschen kaltblütig getötet«, weinte Sadie. »Du hast morgens Abschied von mir und deinem Kind genommen und bist dann ganz ruhig gegangen, um einen Bruder zu ermorden!« »Sadie!« bat René sie jetzt leise und weicher als vorher. Er sah, welch furchtbaren Eindruck die Tat auf sie machte. Sie sah nur die Handlung, nicht die durch europäische Sitten hervorgerufenen Ursachen. Zwang nicht das Gesetz der Ehre zu einem solchen Kampf, selbst wenn beide das Geschehene schon von ganzem Herzen bereuten und gern vergessen hätten? »Ein Gesetz der Ehre erkennst du an«, klagte Sadie. »Und vergißt das Gesetz Gottes. Nein, du hast es nicht vergessen, du hast es mit Füßen getreten, o René, du hast meinen Frieden für ewige Zeit zerstört!« »Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit diesen Reden, die Priester haben dir das alles eingeredet. Du weißt, ich kann es nicht ertragen!« »Wenn du doch auf die Stimme der Priester, die Stimme Gottes hören würdest!« klagte sie weiter. »Ach, der ehrwürdige Vater Rowe hatte recht, als er mich mahnte, dich von dem zurückzuhalten, was dir Verderben bringt...« »Rowe?« sagte René und wurde aufmerksam. »Was weißt du von dem Schleicher? Ich will doch nicht hoffen, daß er meine Schwelle betreten hat?« »Er war hier«, sagte Sadie, unfähig zu lügen. »Hier? Und das hast du mir bislang verschwiegen?« rief René gereizt. »Zum Teufel mit dem Burschen! Was wollte er hier?« »Ihn trieb nur die Sorge um mich hierher. Er war mein Lehrer in der Kindheit und nimmt auch jetzt noch Anteil an meinem Leben. Hat er nicht ein Recht dazu, seit Vater Osborne nicht mehr lebt?« René biß sich auf die Lippen. Es drängte ihn, seinem Zorn auf diesen Mann freie Bahn zu lassen. Aber er fühlte auch, daß er damit seiner Frau weh tun würde. So ging er einigemal rasch im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er neben Sadie stehen, die noch immer auf dem Boden kniete. »Beruhige dich, mein Herz. Das Blut lastet nicht so schwer auf meiner Seele, daß ich deinem Gott nicht noch frei und offen ins Auge sehen könnte. Ich bin mir nichts Bösem bewußt. Die Tat fällt nicht mir, sondern der Gesellschaft, die sie billigt, zur Last. Komm, sieh doch wieder zu mir auf. Geschehene Dinge sind nicht mehr zu ändern. Du brauchst dich nicht vor der Hand zu fürchten, die nur mein eigenes Leben vor dem Gegner schützte!« Sadie schauderte zusammen, und sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. »Bete. René, bete zu Gott, daß er dir die Tat vergeben möge, und ich will mit dir meine Stimme erheben...« »Sadie...« Sie ergriff seine Hand und begann zu beten. René ließ sie gewähren, dann bat er sie, sich endlich zu besinnen, damit sie wieder vernünftig miteinander reden könnten. Er wollte jetzt an die frische Luft gehen. Kurz entschlossen ergriff er seinen Hut und ging die Straße nach Papeete hinunter. Sadie verharrte noch lange Zeit in ihrer Stellung und betete heiß und inbrünstig. Dabei hoffte sie, daß er zurückkehren würde, um sich ihr anzuschließen. Etwas später erfuhr sie zu ihrem Schreck von Mataoti, daß er den Weg nach Papeete eingeschlagen hatte. Dort mußte er ja gerade dem Arm der Gerechtigkeit entgegenlaufen! Voller Angst nahm sie ihr Kind auf und eilte zum Strand. Mit Mataotis Hilfe machte sie das Kanu flott und ruderte durch die spiegelglatte Flut zum nicht weit entfernten Hafen. Die Straße war stark belebt. Alle wußten, daß sich heute für die Insel eine Katastrophe vorbereitete, und jeder wollte dabei Zeuge sein. Durch Indiskretionen war die Unterredung mit Du Petit Thouars längst bekanntgeworden, man wußte also, was der Ferani verlangt hatte. Von allen Seiten strömten die Volksmassen zusammen. Mit scheuer Freude sahen die Tahitier ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten Stelle wehen und warteten jetzt das Resultat ab. Aber nach dem Morgenschuß war noch keine weitere Reaktion erfolgt. Der Admiral hatte noch in der Nacht Gegenbefehl gegeben und Pomare Frist bis zum Nachmittag eingeräumt. Er wollte der trotzköpfigen Insulanerin Zeit geben, um den unvermeidbaren Schritt zu ersparen. Die Königin hatte mehrere Beratungen mit dem englischen Konsul und den Missionaren abgehalten. Die Flaggen blieben wehen, die tahitische wie die englische. So konnte Du Petit Thouars nicht länger zweifeln, daß Pomare es zum Äußersten treiben wollte. Die Sonne hatte den Zenit wohl schon um zwei Stunden überschritten, als René die Stadt erreichte. Er war erstaunt über die aufgeregten Menschenmengen, die sich sonst in der Mittagshitze nicht am offenen Strand herumtrieben. Da hörte er plötzlich mit klarer, wohlbekannter Stimme seinen Namen. Als er aufsah, stand er gerade vor Mr. Belards Haus. Madame Belard hatte ihn gerufen. Er schrak zusammen und fühlte, wie ihm das Blut in die Stirn schoß, als er dicht neben ihr die schönen Züge Susannes erkannte, die ihn ebenfalls grüßte. »Wir freuen uns, Sie so frisch und wohl zu sehen! Aber kommen Sie doch herauf, wir haben hier ein prächtiges Plätzchen für Sie, um das Schauspiel einer friedlichen Inseleroberung mit anzusehen. Sie sollen unser Begleiter sein, wenn sich die Erde hier in französischen Grund und Boden verwandelt!« rief Madame Belard ihm zu, als er verlegen weitergehen wollte. René zögerte noch, aber ein Blick auf das lächelnde Gesicht Susannes entschied, und wenige Minuten später stand er in dem kleinen Zimmer und begrüßte die Frauen. »Sie sehen aber bleich aus! Ihre Wunde ist noch nicht geheilt, und Sie haben sich zu sehr angestrengt! Sie werden durch Ihre Unvernunft noch unter die Erde kommen!« sagte das junge Mädchen und reichte ihm die Hand. »Würden Sie mich bedauern?« sagte René und sah sie forschend an. Susanne errötete. Madame Belard drehte ihn zum Licht und sagte, daß er mehr einem umhergehenden Toten gleiche als einem Lebenden. Je eher er sich setze und ein Glas Madeira trinke, desto besser sei es für ihn. Damit verließ sie die beiden, um eine Karaffe zu holen. Susanne und René waren allein, und er wollte sich eben für sein Verhalten entschuldigen, als er einen Schwächeanfall hatte. Er taumelte, das Mädchen stützte ihn, und René sank auf einen Stuhl. Er kämpfte gegen eine Ohnmacht und stützte seinen Kopf. Rasch hatte Susanne ein Tuch mit Wasser getränkt und hielt es ihm an die Stirn. Dabei machte sie ihm Vorwürfe, daß er in diesem Zustand in die Stadt käme. In diesem Augenblick trat Madame Belard wieder ein. »Was ist denn jetzt passiert? Werden die Herren ohnmächtig, und die Damen müssen ihnen helfen? Verkehrte Welt, aber da hilft meine Medizin gerade.« Damit schenkte sie beiden ein Glas Madeira ein. Durch diese vorübergehende Schwäche kam das Gespräch kurz auf das Duell. Dabei bedauerte man keineswegs Renés Gegner, der bereits sein siebtes Duell hinter sich hatte. Susanne erzählte, daß sie Post aus der Heimat erhalten hatte und ihr Urlaub auf Tahiti noch zwei bis drei Monate verlängert wurde. Ihr Gespräch wurde durch Lärm von der Straße unterbrochen. Es kam von der nicht weit entfernten Kirche her, wo Bruder Dennis eine stürmische Predigt hielt. René vertrat die Auffassung, daß der Fanatismus der Missionare die Tahitier unnötig aufstacheln werde, es würde keine friedliche Unterwerfung geben. In dem Augenblick krachte vom Admiralschiff der entscheidende Schuß, fast gleichzeitig stießen die Boote von ihm ab. »Da kommen die Boote. Nun wird das Schicksal des Tages sich entscheiden!« sagte René. »Glauben Sie, daß die Eingeborenen jetzt einen Kampf mit uns wagen werden?« »Was können die Unbewaffneten gegen die Gewehre der Soldaten und die Kanonen der Schiffe ausrichten? Es wäre glatter Wahnsinn!« Schaluppen, vollgedrängt mit Bewaffneten, kamen jetzt an den Strand, der dicht bevölkert war. Man sah keinen bewaffneten Insulaner. Die Lenden und Schultern mit ihren Tüchern umhüllt, die Brust und den Kopf mit Blumen und gelben Bananenblättern geschmückt, standen sie lachend und schwatzend da und erwarteten die Boote. Die landenden Truppen hatten kaum Platz und sahen mißtrauisch dem Schwarm entgegen. Aber bald erkannten sie, daß hier weder ein Angriff noch Schwierigkeiten zu erwarten waren. Der Menschenknäuel drängte sich langsam auseinander, um dem landenden Feind Platz zu geben, seine Truppen aufzustellen. Es waren etwa zweihundert Artilleristen und Marinesoldaten und zwischen drei- und vierhundert Matrosen, mit Cutlass, Pistolen und Musketen bewaffnet. Die Bajonette waren aufgesteckt. Auf ein Kommando formierten sie sich in einzelne, starke Rotten. Dann zogen sie mit dröhnendem Schritt, angeführt vom Korvettenkapitän Monsieur d'Audigny, zum Haus Pomares. Der Kapitän war vom Admiral sogar zum zeitweiligen Regierungsrat der Insel ernannt worden. Im Haus war alles totenstill, die Vorhänge zugezogen, kein Mensch auf der Veranda zu sehen. Vor dem Haus machte man Front, die Gewehre rasselten auf den hartgetretenen Boden. »Was werden sie jetzt tun, wo sich niemand widersetzt?« erkundigte sich Susanne. »Sie werden die Flagge herunternehmen«, sagte René, »die Trikolore dafür aufpflanzen und das Land als Besitz des Königs von Frankreich erklären. So lauteten die Drohungen des Admirals.« »Was wird mit der Flagge geschehen?« »Irgendeiner der Offiziere wird sie wohl mit aufs Schiff nehmen«, sagte René lächelnd. »Ob es einen besonderen Befehl gibt, was mit ihr geschehen soll?« »Das glaube ich nicht, keinem liegt an dem Tuch!« »Ich weiß nicht, was ich darum gäbe, die Fahne zu besitzen«, rief Susanne plötzlich. »Die tahitische Fahne?« frug René erstaunt. »Sie könnte mich glücklich machen«, sagte Susanne und sah auf das in der Abendsonne blitzende Tuch, das jetzt das Leichentuch der tahitischen Freiheit werden sollte. René wurde von einem Gedanken durchzuckt, griff seinen Strohhut auf und wollte das Zimmer verlassen. »Wo wollen Sie hin?« rief Madame Belard bestürzt. »Ich bin gleich wieder bei Ihnen!« rief René und verschloß im nächsten Augenblick die Tür hinter sich. Leicht sprang er die Treppe hinunter und dachte nicht mehr an seine Verletzung. Durch den Garten und über ein Nachbargrundstück befand er sich gleich darauf in einem Gewühl von französischen Soldaten und Einheimischen. Eben trat Bertrand zum Flaggenstock, um die königliche Flagge einzuholen. Dicht gedrängt um ihn standen die Matrosen. Entschlossen drängte sich René zwischen sie. Ein Trommelwirbel erschütterte die Luft, und Bertrand zog unter dem Totenschweigen der Menge die Flagge nieder. Kein Schrei des Zorns oder der Entrüstung wurde laut, kein Hurraruf der Sieger begleitete den Akt. Es war wie eine Exekution, und Bertrand fühlte das. Halb abgewendet schob er die gedemütigte Flagge von sich und absichtlich einem der Leute zu. Erstaunt erkannte er in diesem Augenblick René, der sie mit einem kleinen Messer von dem Fallseil trennte und sie dann ruhig zusammenrollte. »René, was tust du hier?« raunte er ihm leise zu. René gab ihm nur einen Wink mit den Augen, als er eine französische Stimme hörte: »Das ist der Bursche, der unseren Leutnant erschossen hat. Was zum Teufel will der hier zwischen uns?« Zornesröte schoß ihm in die Stirn, aber er wußte auch, daß er hier wirklich nichts zu suchen hatte. So versuchte er nur, mit der Flagge unter dem Arm den Rückzug anzutreten. Niemand machte sie ihm streitig, denn man hatte bis zum Schluß angenommen, daß die Tahitier sie selbst einholen würden. Der zeitweilige Gouverneur von Tahiti, Mr. d'Aubigny, trat vor. »Offiziere, Soldaten und Matrosen und ihr Bewohner dieser Inseln, denen wir Gerechtigkeit und Frieden bringen! Im Namen des Königs, unseres gnädigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem Land. Wir alle werden mit Freuden in der Verteidigung der glorreichen dreifarbigen Fahne sterben. Hißt die Flagge!« wörtlicher Text! Bertrand hatte die Trikolore befestigt, die nächsten Seeleute sprangen hinzu, und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und dem donnernden »Vive le roi!« drängte sich René zu den Gärten. D'Aubigny winkte mit seinem blanken Degen Ruhe. Mit lauter, klangvoller Stimme rief er: »Die Königin Pomare hat aufgehört zu regieren, wir stehen jetzt auf französischem Grund und Boden!« Es wäre unmöglich, den Jubel zu beschreiben, der bei diesen Worten bei den Franzosen ausbrach. Die Tahitier, die den Sinn der Worte nicht verstanden hatten, sahen kopfschüttelnd die Wi-wis an, die hier vor dem Haus ihrer Königin einen solchen Lärm veranstalteten. Als sich jedoch das dumpfe Gerücht verbreitete, daß die Wi-wis ihre Königin abgesetzt hätten und selber regieren wollten, brachte das Leben in die Schar. Man setzte sich in die Richtung des englischen Konsuls in Bewegung. Mr. Pritchard hatte die englische Flagge eigenhändig eingeholt, als die Trikolore emporstieg. Bald war er von Eingeborenen umringt, die eine Erklärung für die Ereignisse haben wollten. Sie erfuhren von ihm, daß die Franzosen wirklich Besitz von der Insel genommen hätten. Einige meinten, daß das nur für einige Zeit sein könnte. Wenn sie wieder davonsegelten, würde man den bunten Lappen herunterholen, wie schon damals. Pritchard versuchte eifrig, die Eingeborenen von der Gefahr zu überzeugen, in der sich jetzt ihre Unabhängigkeit befand. Aber in ihrer gutmütigen, leichten Art hörten sie ihm alle nur mit halbem Ohr zu. Vergebens ereiferte sich der fromme Mann und bürdete ihnen schlimme Folgen auf, die mit Sicherheit kommen würden. Dann ging man wieder zum Haus der Königin zurück, wo noch immer die französischen Soldaten und Seeleute standen. Sie waren selbst verwundert, daß die sonst nicht feigen Insulaner gegen die höchste Beleidigung ihres Landes nicht einschritten. Tatsächlich begriffen die Tahitier aber noch nicht, was mit dem Geschehenen gemeint war. Den Flaggenwechsel hatten sie selbst erst kürzlich gemacht, und die Franzosen hatten es ihnen nachgemacht. Bis sie wieder fort waren, mochte die dreifarbige Fahne da oben ruhig wehen. René war durch den unerwartet glücklichen Ausgang seiner Tat wieder ganz der alte geworden. Er sah schon von weitem, wie sich Susanne ängstlich aus dem Fenster bog und nach ihm Ausschau hielt. Er winkte fröhlich mit dem Hut herüber, und als Antwort wurde ein weißes Tuch geschwenkt. Kaum fünf Schritte entfernt lief er an seiner Frau vorbei, die das schlafende Kind auf dem Arm hatte. In seinem Eifer hatte er sie nicht bemerkt. Sadie stand in sprachlosem Erstaunen starr. Sie war ihm gefolgt, weil sie sich um seine Sicherheit sorgte und sie ihn vielleicht zu schroff und hart von sich gestoßen hatte. Und jetzt? Strahlend vor Glück, mit leuchtenden Augen flog er an ihr vorbei, ohne sie zu sehen. Dort am Fenster – ein stechender Schmerz durchzuckte sie, als sie die schöne Europäerin sah, mit der René schon an jenem furchtbaren Abend soviel gesprochen und getanzt hatte. Ihren kalten, verächtlichen Blick hatte sie mehr als einmal ertragen. Noch stand sie still und regungslos und wußte nicht, ob sie ihm folgen oder ihn rufen sollte. Da berührte eine Hand ihre Schulter, und sie hörte leise ihren Namen. Es war Aumama, aber Sadie erschrak bei ihrem Anblick. Ihr Gesicht wirkte verstört und wild. »Wo kommst du her, und wie siehst du aus?« »Wie ich aussehe?« Sie lachte in unheimlicher Heiterkeit. »Der Tau in den Bergen gräbt Spuren in die Haut. Aber das ist es nicht, was ich dir sagen wollte. Ich zeige dir etwas, komm! Glaubst du an Geister?« »An Geister? Wie meinst du das? Was hast du, Anmama, ich fürchte mich vor dir!« »Fürchten? Unsinn. Wovor? Vor dem eigenen Mann? Der tut nichts. Sieh nur, wie freundlich und lieb er da drüben mit dem ganz fremden Mädchen ist, könnte er dem eigenen Weib etwas antun? Ich glaube, wir beide können uns bald lustige Geschichten erzählen!« Wieder lachte sie und zog die Widerstandslose hinter sich zu einem Haufen aufgeschichteter Kanus. Von dort aus zeigte sie mit zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenstern des Belardschen Hauses. Gerade betrat es René mit der erbeuteten Flagge und wurde jubelnd begrüßt. »Pomares Flagge, die sie in den Staub gezogen haben, bringt er dem Feind, seiner neuen Liebe!« flüsterte Aumama mit leiser, vor innerer Bewegung zitternder Stimme. »Sieh nur, wie sie sich zu ihm beugt. ich glaube, das war ein Kuß! Nein, sie werden nach unserer Art die Nasen gerieben haben. Aber komm, Sadie, ich habe dir viel, sehr viel zu erzählen. Wenn das Pärchen dort wieder zur Besinnung kommt, könnten sie uns hier draußen bemerken. Den Triumph sollen sie nicht haben, komm!« Sadie drückte ihr Kind fester an sich und folgte ihr am Strand entlang, der Heimat entgegen. Sie sah die hundertmal begangene Strecke, erkannte aber nichts wieder und war erstaunt, als sie vor der eigenen Türe stand. Die Gedanken an ihren Mann und das fremde Mädchen wirbelten ihr durch den Kopf. Und Aumama erzählte ihr von ihrem Leid. Bei dem letzten europäischen Tanz hatte Lefevre zum erstenmal ihre eigene Schwester gesehen und sich wie blind in sie verliebt. Nahuihua, der blitzende Stern im Norden, liebte aber ihre Schwester zu sehr, um ihr den Mann abtrünnig zu machen. Sie floh, und Lefevre verließ Frau und Kind und folgte ihr über die ganze Insel. Nur mit Gewalt konnten sich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er sie wiedergefunden hatte, seiner Leidenschaft entgegenstellen. Er war zornig nach Papeete, aber nicht in sein Haus zurückgekehrt. Wieder lachte Aumama wild. »Aia hatte recht. Alle sind gleich, alle Teufel mit ihren glatten Zungen und freundlichen Augen. Wenn sie die Blume gepflückt haben und sich eine Weile an ihrem Duft erfreut haben, geben sie ihr noch nicht einmal Zeit zum Welken. Aber Rache will ich haben, Rache, beim ewigen Gott!« Sie richtete sich groß und stolz auf. »Meine Kinder habe ich schon in die Berge gebracht, in gute Pflege. Der treulose Mann soll sehen, wie sich ein Mädchen von Tahiti rächt!« Aumama befand sich in einer furchtbaren Aufregung, und Sadie schrak vor der entsetzlichen Glut und Wildheit zurück, die in ihren Zügen lag. Sie hätte das sanfte, fröhliche Wesen sich so nie vorstellen können. Sadie wollte sie beruhigen, aber Aumama stieß sie zornig von sich. Dann weinte sie heftig, und Sadie saß noch lange mit ihr zusammen, um sie zu trösten, dabei brauchte sie selbst Trost. Und René? Er saß lachend und plaudernd neben Madame Belard, der schönen Susanne gegenüber. Sie sprachen von der Welt, von Paris, von seinem Vaterland, und als sie sich ans Klavier setzte und einige bekannte Melodien spielte, schlug ihm das Herz höher. Er mußte sich sogar zurückhalten, um der Spielerin nicht zu sagen, wie glücklich ihn dieser Abend gemacht hatte. Erstmalig fühlte er den Abstand zu seinem jetzigen Leben. Das Bild des alten Osborne tauchte vor ihm auf. Er saß ernst und mild vor ihm und blickte wehmütig mit dem Kopf nickend ihn an. »Spiel etwas heiteres, Susanne!« rief Madame Belard. »Unser Freund wird schon wieder ganz bleich und melancholisch! Die Marseillaise ist heute besser angebracht, als das süße und weiche Gekose!« Susanne ging in die herausfordernden Töne des Liedes über, und René fühlte, wie ihn die Melodie hob und zurückbrachte. Großer Gott, was hatte er getan? Fort von hier, war sein einziger Gedanke. Er sprang auf und griff nach dem Hut. »Wohin?« rief Madame Belard erstaunt. »Ich muß nach Hause. Ich bin schon zu lange geblieben. Die späte Stunde... Sadie ängstigt sich...« »Ach was, Sadie mag beten, bis wir Tee getrunken haben«, sagte mit komischem Ärger Madame Belard. »Ich hatte nun fest auf Sie heute abend gerechnet.« Der unzarte Scherz tat ihm weh und bestärkte ihn in seinem Entschluß. Mit kurzem, fast verstörtem Gruß verließ er das Haus. Erst allein draußen in der dunklen, sternenfunkelnden Nacht brach sich auch das zurückgedrängte, mächtige Gefühl seine Bahn. »Sadie! Mein armes Weib!« flüsterte er. »Armes, verratenes Kind... nein, es ist noch nicht zu spät. Noch habe ich die Kraft, das fremde Bild aus der Brust zu reißen. Sie haben dir von allen Seiten weh getan. Du hast keine Klage gehabt für mich, nur stille Tränen. Jede davon brennt mir wie Feuer auf der Seele, Sadie!« Mit raschen Schritten eilte er seiner Heimat entgegen. Als ihn dort seine Frau empfing, glücklich im Bewußtsein, daß er zu ihr zurückgekehrt war, und keinen Vorwurf äußerte, da zog er sie fest an sich, bedeckte sie mit Küssen und versprach ihr, daß sie in den nächsten Tagen schon Tahiti verlassen wurden. Sie wollten wieder zurück nach Atiu, dem Land ihrer Sehnsucht. Sadie lag an seiner Brust und weinte laut. 22. Susanne Admiral Du Petit Thouars hatte die Inseln der Königin Pomare in vollen Besitz genommen. Dazu gehörten die beiden Gruppen der Gesellschafts- und Georgeninseln. Er dachte gar nicht daran, sie wie beim vorigenmal wieder zu räumen. Er wußte recht gut, daß die Insulaner bei ihrer Eifersucht unter sich und bei dem Haß, den sie teilweise gegen die Missionare hegten, keinen persönlichen Widerstand leisten würden. Um auch dem Streben der Missionare vorzubeugen, wurde den Geistlichen gleich mitgeteilt, daß sie das Volk nicht gegen die rechtmäßige Regierung verbittern durften. Dann wurde eine Proklamation erlassen, nach der jeder Fremde, der gegen die französische Oberherrschaft sprechen (man sagte nicht »predigen«) würde, augenblicklich von der Insel entfernt würde. Dieser Paragraph traf die Missionare am meisten. Dann mußten die Franzosen dafür sorgen, daß die Insulaner keine Waffen und Munition durch ihre Freunde erhielten. Eines der Schiffe erhielt sofort Auftrag, die Insel zu umschiffen und verdächtige Fahrzeuge abzuweisen. Die hier liegenden Engländer überwachte man scharf. Auch Spirituosen sollten nicht in die Hände der Insulaner gelangen, um sie nicht aufzureizen. Deshalb erhielt die »Kitty Clover« Befehl, die Bai am nächsten Tag zu verlassen. Sie stand seit langem im Verdacht, heimlich Branntwein zu verkaufen. Aber Mac Rally führte noch andere Dinge mit sich, von denen die Franzosen nichts wußten. Die verschiedenen Fässer mit sorgfältig verpackten Waffen, die im unteren Raum lagen, hatten auf der Insel willige Käufer gefunden. Offen konnten sie allerdings nicht ausgeladen werden. Aber der Schotte hielt häufig Besprechungen mit dem amerikanischen Kaufmann Mr. Noughton, dem Konsul Pritchard und dem Missionar Rowe. Ob das die Waffen betraf, konnte natürlich niemand wissen. Sicher ist aber, daß Jim O'Flannagan an Land eine geheime Unterredung mit Mac Rally hatte und dieser würdige Mann dann eilig an Bord zurückruderte. Viel Zeit war jetzt nicht zu verlieren, denn noch am selben Abend lief der französische Kriegsdampfer »Cormorant« ein. Ein Gerücht lief durch die Stadt, daß auch der ganze übrige Teil der Flotte von den Marquesas-Inseln hier eintreffen würde. Damit wollte man den Eingeborenen imponieren und ihnen beweisen, daß jeder Widerstand aussichtslos war. Jetzt erst wurden die Eingeborenen stutzig, denn das ganze Benehmen der Fremden war diesmal ganz anders. Überall Wachtposten, die Soldaten in einem der Häuser Pomares, die Besitznahme der kleinen Insel Motuuta, die in der Mündung der Bai lag und die schon immer der Lieblingsaufenthaltsort der Königin war – das alles war bedenklich. Auch Kanonen wurden auf die Insel Motuuta gebracht, und die Missionare zeigten jetzt ein scheues und zurückhaltendes Wesen. Erstmalig hegten einige Insulaner die Befürchtung, daß wohl doch nicht alles wieder so schnell vorübergehen würde, wie es ihnen die frommen Lehrer bis jetzt immer erzählt hatten. Durch die Drohung des Admirals wagten die Missionare auch keine direkten Predigten mehr gegen die Römisch-Katholischen. Nur Mr. Pritchard blieb sich treu. Er trotzte auf seine Stellung als Konsul und protestierte von Anfang an feierlich gegen jede französische Autorität auf der Insel, die er unter keiner Bedingung anerkennen würde. Er wahrte sich das Recht, zum Volk zu reden und ihm zu raten, wie es ihm gefiel. Die Insulaner hielten sein Haus förmlich belagert. Er sprach ihnen nicht nur aus der Seele, sondern er versprach ihnen auch englische Hilfe von der zuerst kommenden englischen Fregatte. Mit dem »Dublin« waren schon die Klagen und Beschwerden sämtlicher Missionare nach England abgegangen. Es läßt sich denken, daß die französischen Autoritäten die Aufreizungen dieses Mannes mit Ärger und Verdruß sahen und nur durch seine offizielle Stellung zurückgehalten wurden, etwas gegen ihn zu unternehmen. Spione umgaben ihn, um aus seinen Reden eine direkt zur Empörung aufreizende Äußerung zu hören. Mr. Pritchard war aber klug genug, sich keine solche Blöße zu geben. So wuchs der Zorn der französischen Offiziere gegen ihn von Stunde zu Stunde. René hatte beschlossen, sich von jeder Beteiligung an den politischen Ereignissen fernzuhalten. Er wollte natürlich nicht gegen seine Landsleute kämpfen, obwohl er fühlte, daß den Eingeborenen hier Unrecht geschah. Und ihnen konnte er auch nicht feindlich gegenübertreten. Je mehr er über sein künftiges Leben auf den Inseln nachdachte, desto mehr fühlte er sich davon überzeugt, daß er zwischen den Feuern in Papeete saß. Er wollte Papeete und Tahiti verlassen und drüben in Atiu die Welt um sich vergessen. Sorge um seinen Lebensunterhalt brauchte er dort nicht zu haben. Gott deckte den Tisch der Eingeborenen mit reichen Gaben. Er liebte Sadie aus tiefster Seele. Aber er hatte dennoch den Zauber dieser Liebe überschätzt. Er fühlte, daß er mit ihr flüchten mußte, um sich selber und seiner Leidenschaft zu entgehen. Noch an diesem Tag begann er seine Vorbereitungen, um Tahiti zu verlassen. Sadie beobachtete dankbar seinen Eifer. Noch glücklicher als der Gedanke an die Rückkehr machte sie allerdings das Bewußtsein, daß sie seine Liebe noch besaß und daß sie sich in der verhängnisvollen Stunde getäuscht hatte. Er konnte das schöne fremde Mädchen nicht lieben, sonst hätte er sich nicht so beeilt, aus ihrer Nähe zu kommen. Daß es ihn gerade nach Atiu zurückzog, war für sie Bürgschaft für ihr schönstes Glück, für den Frieden ihrer Seele. René hatte sich von der Mission einen kleinen Kutter besorgt, um seine Sachen nach Atiu zu bringen. Er kam schon am Nachmittag von Papeete herüber. Vollkommen vor dem Wind geschützt, lag er am Strand vor Anker. Niemand freute sich mehr darüber als Mitonare Ezra, der sich sofort als Passagier anbot und versprach, die Mannschaft vollständig aufzutreiben. Mehr als drei Mann benötigten sie nicht, und René war ja seemännisch erfahren. Da erhielten René und Bruder Ezra gleichzeitig Einladungen. René sollte zum Gouverneur Bruat kommen, der Mitonare zu Bruder Rowe. René befürchtete, daß der Flaggenraub bekanntgeworden wäre, aber Mr. Bruat war sehr freundlich zu ihm. Er hatte sich sein Schicksal erzählen lassen, und er wollte ihn an Papeete fesseln, da er ja schon früher in der französischen Armee als Offizier gedient hatte. Er bot ihm eine gleiche Stellung in der Stadt an, unabhängig von den Schiffen mit gesichertem Aufenthalt auf den Inseln. René begriff, daß er dieses Angebot weniger seinen Verdiensten zu verdanken hatte als vielmehr seiner Heirat mit Sadie. Dadurch stand er auf gutem Fuß mit den Eingeborenen. Es wäre aber auch der sichere Weg gewesen, sich mit ihnen völlig zu verfremden, und er lehnte die Stellung dankbar ab. Monsieur Bruat schien etwas pikiert zu sein, er hatte wohl keine so definitive Weigerung erwartet. René blieb aber hart und wurde mit einer sehr kalten Verbeugung entlassen.   Hinter den herabgelassenen Jalousien waren die Zimmer im Hause Belard angenehm kühl. Madame Belard saß mit ihrer Freundin zusammen und nähte, während Susanne Klavier spielte. »Lieber Gott, Susanne, bist du heute langweilig. Du spielst Melodien, als würde jemand zum Richtplatz geführt werden! Was fehlt dir? Heraus mit der Sprache, Mädchen, aber quäle die Molltöne nicht so!« »Ich? Was soll mir fehlen?« lachte Susanne und spielte die Marseillaise. »Damit hast du gestern abend Monsieur Delavigne vertrieben! Wie rasch er aufsprang und davonstürzte! Wir hätten uns heute noch nach ihm erkundigen müssen.« Susanne erwiderte nichts darauf und präludierte ihre kleinen, melancholischen Kreolenlieder aus Louisiana. Da wurden Schritte laut, und Monsieur Belard trat ein. »Ist Delavigne hier gewesen?« »Monsieur Delavigne? Nein, ist er wieder in der Stadt?« »Hat er euch denn nichts gesagt?« Belard ging zu einem kleinen Eckschrank und goß sich ein Glas Brandy mit Wasser ein. »Delavigne will wieder fort von hier!« »Fort? Aber wohin denn?« riefen die beiden Damen gleichzeitig. »Soviel wie ich verstanden habe, zurück nach Atiu.« »Er wird sein Geschäft dorthin verlegen wollen!« »Das ist ja der Unsinn! Das dachte ich auch, aber wie es mir jetzt vorkommt, läuft die ganze Geschichte auf einen romantischen Schwindel hinaus. Wenn das wirklich der Fall ist, kann er mir leid tun, denn in der Paradies-Komödie hält er es keine zwei Monate aus. Er will sein Geschäft aufgeben und sich drüben hinsetzen und Brotfrucht und Tarowurzel mit Madame Sadie essen. Das klingt schön, ist aber leider unausführbar, es sei denn, man ist kein Franzose, kein zivilisierter Mensch.« »Ist denn hier etwas vorgefallen? Hat er Unannehmlichkeiten gehabt?« »Nicht, daß ich wüßte. Im Gegenteil, der Gouverneur scheint ihm sehr gewogen zu sein. Wie mir Delavigne selber sagte, hat er ein Angebot von ihm erhalten. Das hätte ihm eine sichere Existenz verschafft, wenn er sein Geschäft aufgegeben hätte. Aber auch das hat er ausgeschlagen. Er muß verrückt sein – oder blind.« »Wann will er fort?« sagte Madame Belard. »Schon morgen, soviel ich weiß. Aber ich muß jetzt wieder gehen. Er kommt sicherlich noch zu euch hierher, um sich zu verabschieden. Ich habe hier noch dieses Papier für ihn, gebt es ihm bitte, ich habe es ihm versprochen. Vielleicht komme ich nachher noch einmal herüber.« Die Frauen saßen noch schweigend und nachdenklich, bis Madame Belard sagte: »Merkwürdig. Etwas muß da vorgefallen sein. Sein eigentümliches Verhalten gestern abend...« »Die Männer sind ein merkwürdiges Volk«, sagte Susanne. »Er wird sich mit seiner Sadie wieder in einen Palmenhain zurückziehen und in ihren Armen träumen.« Madame Belard schüttelte traurig den Kopf. »Das ist nicht, wie es sein sollte. Hätte er den Entschluß langsam und mit reiflicher Überlegung gefaßt, dann würde ich mich freuen. Sadie, das arme, liebe Mädchen, paßt nicht in diese Welt. Sie verdient es, glücklich zu sein – und wird es nie werden.« »Warum nicht?« sagte Susanne gleichgültig. »Soviel ich von den Insulanerinnen weiß, verlangen sie gar nicht mehr, als daß sich ein Europäer um sie bewirbt und für die Dauer seines Aufenthaltes bei ihnen bleibt. Wenn er in seine Heimat zurückkehrt, fällt es ihm nicht ein, seine farbige Frau mitzunehmen.« »In der Regel trifft das zu. Leider Gottes handeln viele Männer hier in dieser Hinsicht leichtsinnig genug und haben schon manches Herz gebrochen.« »Sie sehen nicht so aus, als ob man ihre Herzen leicht brechen könnte«, sagte Susanne kalt. »Doch, doch. Sadie ist nicht wie die Kinder dieser Inseln erzogen. Nur die Farbe und ihre Natürlichkeit verraten sie noch als Kind des Korallenbodens. Der alte Mr. Osborne, der hier auf der Insel starb, hat sie wie eine Tochter erzogen und unterrichtet. Er wollte ihr damit etwas Gutes tun, aber ich fürchte, er hat ihr einen schlimmen Dienst erwiesen. Sie ist nicht Insulanerin und nicht Europäerin. An der Seite eines ungebildeten, faulen Einheimischen würde sie unglücklich sein. Und ich fürchte, sie kann den jetzt geliebten Mann nicht für immer an sich fesseln.« »Verlangst du von Delavigne, daß er sein Leben da drüben auf den monotonen Inseln verträumen soll?« sagte Susanne und drehte sich rasch zur Freundin um. »Verlangen? Ich verlange von einem Mann, daß er seine Schwüre hält. Wenn Delavigne das tut, dann kann er die Inseln nur verlassen, wenn er sie als seine Frau mit nach Europa nimmt.« »Um dort von allen Kindern auf der Straße verspottet zu werden!« rief Susanne. »Das hat er alles vorher gewußt«, sagte Marie Belard. »Sadie ist übrigens eine hübsche Frau.« »Wie lange wird das dauern? In sechs, vielleicht schon in fünf Jahren ist die Blütezeit dieser Tropenkinder vorüber, und die Zeit muß ihm vorschweben, wenn er an ein späteres Leben in den zivilisierten Städten der Welt denkt. In der neuen Welt könnte er nicht existieren, denn jede anständige Familie in New York oder New Orleans würde sich von ihm zurückziehen, um nicht in den Verdacht zu geraten, Umgang mit schwarzem Blut zu haben.« »Aber Susanne! In Virginien rühmen sich die ältesten Geschlechter, von der Königstochter Pokahontas abzustammen!« sagte Madame Belard. Susanne zuckte die Achseln. »Wenn man sie als Ahnen hat, mag das gelten. Aber frag einmal eine der Familien, ob sie es jetzt einem ihrer Söhne erlauben würden, die Ehre ihrer Geschlechter durch indianisches Blut zu beflecken. Übrigens sind hier geschlossene Ehen, wie man überall hört, keineswegs so bindend und sollen sogar schon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf ziemlich willkürliche Scheidung enthalten.« »Die meisten, leider Gottes, ja. Die leichtsinnigen Mädchen der Inseln würden selbst die Formel nicht verlangen, wenn nicht die Missionare darauf beständen und wenigstens soweit den Anstand wahren wollen. Bei den meisten ist auch wirklich weiter nichts geschehen, andere heiraten richtig, wie bei uns, mit einer Zeremonie, und ich glaube, auch so bindend. Wahrscheinlich ist das auch bei Sadie und Delavigne der Fall. Sadie ist die Pflegetochter eines Geistlichen und von ihm erzogen und getraut. Aber wie auch immer, das tote Wort kann nur gesetzlich binden, wo das Gesetz Kraft hat. Hier bringt jedes Kanu einen Mann aus dem Bereich der Insel. Hier gilt nur das eigene Wort, und ich will für Sadie hoffen, daß Delavigne fest dazu steht. Es wäre sonst sehr traurig für Sadie, auch wenn ihr beiden besser zusammengepaßt hättet.« Susanne lachte, aber sie wandte schnell den Kopf ab und begann, erneut die Marseillaise zu spielen. Leise öffnete sich die Tür, und René erschien auf der Schwelle. Keine der Frauen hatte ihn in den rauschenden Tönen des kriegerischen Liedes kommen hören. Mehrere Minuten stand er schweigend, den Blick fast wehmütig auf die Spielerin gerichtet. Sie ging über in spanische Lieder, spielte eine Weile, dann fiel sie mit ihrer weichen, klangvollen Stimme leise ein: »Die Halme wehn gedankenschwer auf jener Wiese drüben, sie sagen wohl einander nur daß sie sich innig lieben. Ich aber liege einsam hier und schaue in die Höhe – ach, daß mich niemand lieben will, ist ja mein einzig Wehe.« »Ein trauriges Lied«, seufzte Madame Belard und drehte sich zur Freundin um. Unwillkürlich stieß sie einen Schrei aus, als sie René ernst und bleich vor sich stehen sah. Susanne schaute ebenfalls auf. Sie wurde rot und stand auf. »Sie haben uns belauscht!« sagte sie und sah ihn so durchdringend an, als wollte sie seine Gedanken lesen. »Zumindest den Dichter, dem wohl recht weich und weh ums Herz war, als er dieses Lied schrieb«, antwortete René. »Sie sollten freundlichere Lieder singen, Miß Lewis. Das Leben liegt noch vor Ihnen. Doch seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie gestört habe, ich will Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen. Ich komme, um Ihnen adieu zu sagen.« »Sie müssen fort?« sagte Susanne leise. »Hoffentlich morgen«, erwiderte René mit einem gezwungenen Lächeln. »Der Entschluß muß Ihnen über Nacht gekommen sein. Mein Mann sagte uns erst vorhin davon und hat hier auch ein Papier für Sie hinterlegt, falls er Sie nicht noch sehen sollte. Es tut uns sehr leid, daß wir Sie hier verlieren!« sagte Madame Belard. »Madame Belard...« sagte René, und seine Stimme zitterte. »Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mitgebracht, soll ich sie nicht wiedersehen?« »Sie werden sie entschuldigen müssen«, sagte René und nahm das Papier entgegen. »Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu tun und... es ist vielleicht besser so.« »Eigentlich handeln Sie richtig, daß Sie den politischen Wirren entgehen«, sagte Madame Belard und winkte ihn zu einem Stuhl. »In Ihren Verhältnissen hätten Sie es vielleicht doch nicht vermeiden können, für die eine oder andere Partei Stellung zu nehmen. Hat sich hier erst alles wieder reguliert, sind Sie ja noch immer Ihr freier Herr.« »Die politischen Verhältnisse kümmern mich wenig. Ich kann den Gewaltstreich meiner Landsleute einem schwachen, harmlosen Volk gegenüber nicht billigen. Andererseits habe ich mich schon zu oft über das Treiben der Missionare geärgert, um nun ihnen das Wort zu reden. Ich hätte mich also keiner Partei angeschlossen. Es stimmt aber, daß es schwer ist, in einer solchen Lage völlig neutral zu bleiben. Jetzt ist auch keine Aussicht mehr auf Änderung der Verhältnisse für die Eingeborenen. Eben ist noch ein neuer französischer Kriegsdampfer signalisiert worden, wenn ich mich nicht irre, der ›Salamander‹.« »Der ›Salamander‹ lag nach den letzten Nachrichten in Havre. Dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns Briefe aus der Heimat.« »Aus der Heimat«, sagte René leise. »Es ist doch ein wunderbares Wort. Ich hätte nie geglaubt, daß ein solcher Zauber darin liegen könnte. Aber, ich habe Sie wieder bei Ihrem Spiel gestört, Miß Lewis.« »Wir haben nur geplaudert, und ich habe in Gedanken Klavier gespielt«, antwortete Susanne und blätterte in einem Buch. »Was hört man draußen im Land über die Zustände? Glauben Sie, daß die Eingeborenen sich den französischen Befehlen fügen werden?« »Gott weiß, was sie tun. Die Regierung muß den Einfluß der Missionare fürchten, besonders den des englischen Konsuls.« »Dieser Mr. Pritchard hat etwas Nobles in seinem Wesen, ich hätte ihn eigentlich nicht für einen Missionar gehalten«, sagte die junge Frau. »Er ist es wohl nur noch in dem Einfluß, den er auf die Eingeborenen ausübt. Ich bin übrigens kein Freund dieser Herren und besonders froh, daß ich meine Frau aus ihrem Bereich entfernen kann. Aber es wird Zeit. Es dunkelt schon, und ich muß noch einiges in der Stadt besorgen.« »Also wirklich fort?« sagte Madame Belard. »Ich kann nicht anders. Ich lasse viele liebe Freunde hier zurück. Werden Sie manchmal an mich denken?« »Wir wollen keinen großen Abschied voneinander nehmen, Delavigne«, sagte Madame Belard bewegt. »Sie gehen nicht aus der Welt und werden manchmal hierherkommen. Es ist doch schön, alte Freunde wiederzusehen. Gehen Sie mit Gott, und grüßen Sie ihr Weibchen und... mögen Sie das finden, wonach Sie suchen.« Sie entzog ihm rasch ihre Hand, denn jetzt stiegen ihr Tränen ins Auge. Sie hatte den jungen Mann gerngewonnen und mochte sein offenes, herzliches Wesen. Rasch verließ sie das Zimmer. Susanne machte eine Bewegung, als wollte sie ihr folgen, besann sich aber und blieb am Instrument stehen. »Miß Lewis, ich glaube nicht, daß wir uns wiedersehen werden...« sagte René leise. »Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht entlassen«, unterbrach ihn die junge Frau, die gewaltsam gegen ein Gefühl ankämpfte, dem sie keine Worte geben konnte. Sie fürchtete sich vor einem ernsten Abschied und ging deshalb in gezwungene Höflichkeit über. »Sie haben sich mir auf Gnade und Ungnade ergeben und müssen mich erst um Urlaub bitten. Wissen Sie, daß mir der Preis bekannt ist, den mein Vater auf Ihr Wiedereinbringen ausgesetzt hat? Soll ich Sie jetzt einfach so entlassen?« »Üben Sie Gnade vor Recht, Mademoiselle«, bat René leise und ernst. »Üben Sie Gnade meinetwegen und für ein anderes Wesen!« »Ich verstehe Sie nicht!« sagte Susanne rasch. »Aber ich sehe ein, daß ich schwaches Mädchen nicht vollbringen kann, was die ganze Mannschaft des ›Delaware‹ nicht schaffte, Sie zu halten. Was soll ich meinem Vater sagen?« »Sagen Sie ihm«, sagte René, der sich jetzt kaum noch zusammenreißen konnte, »sagen Sie ihm... daß ihn die Tochter hart und schwer gerächt hat. Und nun... leben Sie wohl und... glücklich!« Er griff nach ihrer Hand, preßte sie fest an die Lippen und sprang dann mit schnellen Sätzen die Treppe hinunter und aus dem Haus. Susanne wollte seinen Namen rufen, aber die Zunge versagte ihr. Sie floh auf ihr Zimmer und schloß sich ein. 23. Jim O'Flannagan in Tätigkeit Die Sonne ging gerade unter, dichte Wolkenschleier lagen über dem Horizont und versprachen eine stürmische Nacht. Der Westwind erhob sich wieder. Sadie war mit ihrem Kind allein im Haus. Selbst Bruder Ezra, der ihr versprochen hatte, früh zu kommen, war noch nicht wieder da. René blieb auch so entsetzlich lange aus. Gewiß, er hatte in der Stadt viel zu erledigen, denn sein Entschluß war überraschend schnell gefaßt. Sie konnte sich denken, wie schwer es da sein mußte, alles zu ordnen, und daß er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen konnte. Bald war ja alles überstanden, und es ging nach Atiu. Dieser Gedanke erfüllte sie mit einem glücklichen Gefühl. Sie dachte an ihr Lieblingsplätzchen am Strand, an die Palmen, an die Orte ihrer ersten Liebe. Wo blieben die Männer? Auch Mataoti war draußen und antwortete auch auf Rufen nicht. Das Unwetter zog sich zusammen, und Sadie war noch immer allein. Doch da wurden Schritte laut, die Gartentür knarrte, und der kleine Bruder Ezra trat mit freundlichem Gruß ein. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. »War Bruder Aue hier?« erkundigte sich Mitonare leise. »Mr. Rowe? Wie kommst du auf den?« rief Sadie erstaunt aus. »Pst!« sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um. Dann setzte er sich auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände und drehte mit starrem Blick seine Daumen umeinander. Sadie wurde es im dunklen Zimmer unbehaglich. Sie zündete die Lampe auf dem Tisch an. Der Wind war kräftiger geworden und schleuderte die Brandung an die Riffbänke mit immer dumpferem Brausen. »Was hast du nur, Mitonare? Du siehst aus, als wäre etwas passiert? Ist René etwas zugestoßen?« »Pst, pst!« sagte der Mitonare eilig und winkte mit der Hand. »Nicht solchen Lärm machen, Pu-de-ni-a, sie haben die Schildwache dicht dabei...« »Aber René...« »Unsinn, der Wi-wi läuft munter in der Stadt umher und trinkt seinen Freunden den Wein aus zum Abschied. Mitonare hat ihn in drei Häusern gesehen. Immer macht sich Pudenia Gedanken um den Wi-wi. Er ist wie eine Guiave, nicht auszurotten. Stecke heute einen Apfel in die Erde, dann hast du im nächsten Jahr einen ganzen Wald.« »Aber weshalb erkundigst du dich nach Mr. Rowe? Der Mann erscheint mir immer nur vor großer Not. Was soll er hier heute wollen? Wenn ihn René hier fände, gäbe es eine Auseinandersetzung. Gott wolle es verhüten!« »Aber ich bin ihm doch am Tor begegnet! Er verließ den Garten, als ich kam. War er nicht im Haus?« Sadie sah den Missionar erschrocken an. »Er kam aus unserem Garten? Aber heute hat den ganzen Nachmittag ein fremdes Kanu an unserer Landung gelegen. Zwei Männer sind an Land gegangen. Vielleicht gehörte es ihm, und er wollte vor dem einbrechenden Sturm danach sehen?« »Ist das Kanu schon wieder fort?« »Vor einer Stunde ruderte ein Mann damit weg.« Mitonare stand auf, trat an die Tür und sah einige Minuten still und schweigend in die Nacht hinaus. »Haben die Wi-wis mehr Soldaten hier als den einen unter dem Pandanusdach?« erkundigte er sich. »Es waren heute nachmittag drei oder vier da. Aber sie trieben sich meistens oben an der Straße herum, wo Tanui, der alte Lotse, mit seinen Töchtern wohnt.« Mitonare räusperte sich und ging langsam im Zimmer auf und ab. »Es ist doch eine böse Geschichte, böse, böse Geschichte!« sagte er dabei leise vor sich hin. Sadie hatte seine Worte nicht verstanden und sah ihn, noch immer nicht vollständig beruhigt, an. Dabei lauschte sie ängstlich hinaus, denn ihr scharfes Ohr hatte einen Laut vernommen, der vom Wasser her zu kommen schien. Es war aber so dunkel geworden, daß man kaum die Hand vor den Augen erkennen konnte. »Was war das? War das nicht, als würde ein Kanu unten landen? Ich dachte, ich hätte auch eine Stimme gehört. René wird doch nicht bei diesem Wetter auf dem Wasser kommen?« »Unsinn, wahrscheinlich ist es der Mann auf dem Kutter. Er liegt ja gleich da vor Anker. Wird nachsehen, ob alles in Ordnung ist, ehe das Unwetter losbricht.« »Draußen geht jemand!« rief aber Sadie. »Das ist René!« »Ach was!« sagte der kleine Mann und versuchte, sie von der Tür wegzuziehen. Aber deutlich hörten sie in diesem Augenblick schwere Schritte dicht unter ihrem Fenster entlanggehen. Es war, als ob jemand anschließend flüsterte. »Heiliger Gott, was geht da vor?« sagte Sadie. »Was hast du, Mitonare, du glühst und zitterst ja! Welches Geheimnis verbirgt die Nacht da draußen?« »Pu-de-ni-a, es ist nichts... nicht viel!« sagte der kleine Missionar und zupfte sich vor Verlegenheit am Frack herum. »Gute Freunde von... keine guten Freunde von Wi-wis... aber nicht von unserem Wi-wi... wollen sich... wollen sich etwas in die Berge tragen, daß ihnen der Wi-wi die Berge nicht auch wegnehmen kann.« »In die Berge tragen? Wie soll ich das verstehen? Geschieht da etwas gegen die Gesetze?« frug die Frau erstaunt. »Nicht gegen das dicke Buch!« rief Mitonare schnell, »Im Gegenteil, das steht alles darin. Wir haben heute die ganze Geschichte gelesen, es ist alles darin vorgeschrieben.« »Wer hat es vorgelesen?« flüsterte Sadie leise. »Bruder Aue und noch viele andere Männer.« Die Frau schauderte zusammen. Sie wußte nicht warum, aber die Angst um das, was da draußen vorging, ließ ihr auch im Haus keine Ruhe. Sie ging auf die Tür zu, um sie zu, öffnen, aber Mitonare hinderte sie daran. »Nein, Pu-de-ni-a, nicht jetzt hinausgehen. Wir brauchen nichts damit zu tun zu haben und etwas davon wissen. Wir sind im Haus gewesen und haben nicht gesehen, wie sie die Gewehre in die Berge tragen.« »Gewehre? Waffen für die Eingeborenen?« Mitonare schüttelte erst wieder rasch den Kopf, dann besann er sich. Er sah Sadie einen Augenblick an, dann nickte er kräftig und blinzelte mit den Augen verschmitzt. »Weiß René davon?« »Der Wi-wi?« lachte Mitonare. »Der Wi-wi soll etwas davon wissen? Aber, Pu-de-ni-a! Nein, das ist ja das Komische! Wir nehmen es durch sein Haus, und er weiß es nicht!« »Und wenn er jetzt kommt und Alarm gibt?« sagte Sadie. Sie dachte gleich an die Möglichkeit, daß René nicht seine Hand dazu geben würde, um seine eigenen Landsleute zu bekämpfen. »Ach was, der Wi-wi kommt jetzt nicht, dafür haben gute Freunde gesorgt. Sie haben ihn bis zehn Uhr eingeladen, nachher ist alles vorbei. Er kann kommen und sehen, wie sie durch den Garten gelaufen sind. Sollen wir die Leute in den Bergen ohne Gewehre lassen?« setzte er dann entschieden dazu, als er sah, wie unschlüssig Sadie ihm gegenüberstand. »Sollen sie nichts haben, womit sie die Bibel, ihren eigenen Brotfruchtbaum oder ihr Haus verteidigen können, wenn die fremden, unverschämten Männer über das Wasser kommen und ihnen alles wegnehmen? Pah, so viel für die Wi-wis! Es sind ein paar gute darunter, aber nicht viel. Wir müssen etwas in der Hand haben, damit wir uns wehren können, sonst ziehen sie uns die Matten unter dem Rücken fort!« Sadie stimmte ihm innerlich zu. Sie begriff vielleicht noch eher als mancher Eingeborene, welche Schmach ihrem Land angetan worden war, wie gedemütigt ihr Volk in den Augen der anderen Nationen dastehen mußte, wenn es keinen Arm hob, um die Beschimpfung zu rächen. Und ihre Flagge? Sie hatte nicht den Mut gehabt, René danach zu fragen. In ihren Zwiespalt mischte sich auch Stolz über die Männer ihres Landes, die nicht feige ihre Speere wegwerfen wollten, sondern dem Feind die Stirn bieten wollten. »Mitonare, wenn die jungen Leute ihr Vaterland verteidigen wollen, sind sie im Recht. Aber unsere Lehrer, die das Wort Gottes, das Wort vom Frieden und der Liebe verkündet haben, dürfen die das Schwert aufnehmen und in den Kampf ziehen oder die Waffen dem Bruder in die Hand drücken und sagen, geh hin und erschlage die, die dich angegriffen haben? Erlaubt das unsere Religion?« »Religion! Das ist alles schön und gut. Wenn man aber keinen Platz hat, wo man sich hinsetzen und beten kann, dann hilft einem auch die Religion nichts!« sagte Bruder Ezra achselzuckend. Sadie sah ihn erschrocken an. Sprach so der kleine, gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit? Waren nur wenige Jahre in der Lage, eine so gewaltige Veränderung in seinem Wesen vorzunehmen? »Mi-to-na-re!« sagte sie bittend. »Ja, Pu-de-ni-a, du bist ein gutes Kind, aber Mitonare ist anders geworden. Der alte Mann auf Atiu sagte, man würde nicht anders, man würde nur klug, wenn man das alles einsähe. Das ist wohl auch vielleicht recht hübsch und notwendig, aber glücklich wird man nicht dabei.« »Wir waren glücklich auf Atiu!« sagte Sadie., »Ja!« flüsterte der kleine Mann plötzlich. »Recht glücklich waren wir, bis die Wi-wis kamen. Nicht der eine, Pu-de-ni-a, aber die anderen. Bis die anderen Priester kamen und uns sagten, daß wir unsere alten Götter vergeblich umgeworfen und uns dem neuen Gott zugewandt hätten. Da wurden wir zuletzt irre. Keiner wußte mehr, welcher Pfad der richtige war. Wenn uns alte Gewohnheit auch wieder in den alten Weg zurückgeführt hat, so ist es doch nicht mehr wie früher. Ha! – was war das? Jemand ist an der Tür!« »Das wird René sein!« rief Sadie. Die Klinke wurde heruntergedrückt. »Sadie, öffne schnell, ich bin es!« rief in diesem Augenblick der junge Franzose vor der Tür. »Segne mich!« sagte Bruder Ezra erschrocken. »Warum kommt er nicht von oben, von der Straße? Er muß sie gesehen haben.«   René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn blind für seinen Weg machte. Eine halbe Stunde ging er auf der Straße kreuz und quer, bis ihn die kühle Nachtluft wieder zur Besinnung brachte. Er fühlte sich wie von einer Last befreit und begann, wieder ruhiger und freier zu atmen. Das aufkommende Unwetter machte ihn endlich darauf aufmerksam, daß es Zeit für die Rückkehr wurde. Sadie hatte heute noch viel zu tun, und er wußte, daß sie sich auch ängstigen würde, wenn er länger wegblieb. Rasch trat er den Heimweg an. Dicht vor dem Abendschuß erreichte er die Brücke, die unterhalb Papeetes über einen breiten, aber seichten Bergstrom führte. Dort traf er auf eine Gruppe Eingeborener, die heftig aufeinander einredeten. Als sie seinen Schritt auf der Brücke hörten, verstummten sie sofort. Das Schweigen kam so überraschend, daß René einen Augenblick zaudernd stehenblieb und hinüberhorchte. Er sagte sich, daß sie ihn an seinem besohlten Schritt als Europäer erkannt hatten und fürchteten, belauscht zu werden. René sah sich nicht weiter nach ihnen um, sondern ging über die Brücke weiter. Kaum hatte er jedoch die andere Seite der Uferbank erreicht, als ihn plötzlich vier kräftige Männer umfaßten. Widerstand war unmöglich, denn er konnte keinen Arm rühren. Sein erster Gedanke war, daß es sich hier nur um eine Verwechslung handeln konnte. Vielleicht hielt man ihn für einen der französischen Offiziere. Sie taten ihm aber an seinem verwundeten Arm weh, und deshalb sagte er ganz ruhig zu dem Mann neben ihm in tahitischer Sprache: »Paß auf, du drückst auf eine nicht vernarbte Wunde an der Schulter. Laß mich los, und wir können ruhig miteinander reden.« »Aber nicht ganz los!« lautete die Antwort. »Warum nicht? Was habt ihr gegen mich? Es ist doch wohl ein Versehen, daß ihr mich angefallen habt!« »Versehen? Vielleicht. Nicht viel zu sehen hier, wie heißt du?« »René Delavigne. Ich wohne schon seit langem hier in Mativaibai unten am Strand in dem kleinen Häuschen, das früher Vater O-no-so-no bewohnte.« »Alles in Ordnung«, sagte ein anderer. »Dann laßt mich wenigstens los, was wollt ihr von mir?« »Müssen dich erst noch sprechen, komm in das Haus hier, wir tun dir nichts!« sagte der erste Sprecher wieder. »Heute nicht, Freunde, ich habe Geschäfte, die mich eilig nach Hause rufen!« sagte René ausweichend. »Gerade deshalb«, lachte der andere. »Komm, Freund, du mußt, weißt du, dann kann man nicht anders.« »Da hast du recht, Kamerad«, erwiderte René und lächelte über den Humor des Eingeborenen. Er sah, daß ihm keine Gefahr drohte, und war neugierig, was die Leute von ihm wollten. Deshalb weigerte er sich nicht länger, ihnen zu folgen. Die Eingeborenen bogen in einen Fußpfad ein, der durch das Dickicht führte, und erreichten dort bald ein niedriges Haus. Sie öffneten die Tür und ließen René los. Er sollte hineingehen, es. würde ihm nichts geschehen. »Ich fürchte auch nichts, Kamerad«, sagte der junge Mann, dehnte seinen rechten Arm, um den Sehnen wieder freies Spiel zu geben, und steckte die Hand dann nachlässig in den halb zugeknöpften Rock, wo er seine Pistole stecken hatte. »Aber ich möchte dich jetzt auch bitten, mir zu sagen, was ihr von mir wollt, oder mich ungehindert gehen zu lassen, denn jetzt muß ich nicht mehr bei euch bleiben!« Mit diesen Worten zog er die Waffe hervor, spannte sie und hielt sie den Eingeborenen entgegen. »Ah? Hast du so etwas auch in der Tasche?« sagte der Eingeborene ruhig, während sich die anderen etwas zurückzogen. »Aber du brauchst das nicht. Du brauchst nur deine Finger. Alles, was wir von dir wollen, ist, daß du mit uns gemeinsam ißt. Du sollst nicht sagen können, daß wir dich in eine unserer Wohnungen geführt haben und du wieder hungrig gehen mußtest.« René lachte laut auf über die unvermutete Einladung. Sie klang so gutmütig, und er mochte auch keine Furcht zeigen und sie abschlagen. Das Terzerol noch immer gespannt in der Hand, forderte er seinen freundlichen Wirt auf, ihn nach dem Abendessen ungehindert ziehen zu lassen. »Das verspreche ich dir. Zum Beweis, daß ich dir traue, wie du mir trauen kannst, ist hier die Tür offen. Wir halten dich nicht mehr. Aber wenn du ein Freund von uns bist, kannst du das heute beweisen.« »Gut«, lachte René und steckte die Pistole gesichert wieder ein. »Dann laßt mal sehen, was ihr zu bieten habt.« Die Frauen hatten sich beim Eintritt der Männer scheu in eine Ecke zurückgezogen. Jetzt kamen sie hervor und holten bereitstehende Blätter, die auf der Erde ausgebreitet wurden. Dort lagen schon Matten bereit, zwei Kokosnußölschalen wurden entzündet und beleuchteten die Gruppe, die jetzt friedlich zusammensaß. René war der Fröhlichste von allen. So wehmütig ihm noch vor kurzem zumute war, so hatten das eben bestandene kleine Abenteuer und das Romantische seiner ganzen Lage und Umgebung jeden trüben Gedanken vertrieben. Sein leichtes Blut, das ihm die nicht erlahmende Spannkraft verlieh, hatte gesiegt. Trotzdem zögerte er nicht länger, als er zum Essen brauchte. Mit einem der sauberen Hibiscusblätter von einem Stapel trocknete er sich Mund und Finger ab und erklärte, daß er jetzt den Heimweg antreten wollte. Fast gegen, seine Erwartung hinderte ihn niemand daran. Er hatte unter den zivilisierten Eingeborenen nicht immer festgestellt, daß sie ein gegebenes Versprechen auch hielten. Aber sein Wirt öffnete ihm selbst die Tür. Nach herzlichem Abschied verließ er das Bambushaus, als hätte er alte Freunde besucht. Kopfschüttelnd ging er weiter. Was hatte das seltsame Verhalten der Eingeborenen zu bedeuten? Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß es vielleicht mit seinem Haus zu tun hatte. Die Erinnerung an Bruder Rowe schoß ihm durch den Kopf. Er hielt seine Waffe jetzt in der Hand, um nicht noch einmal überlistet zu werden, und lief mehr als er ging den dunklen Weg entlang. Schon näherte er sich seinem Haus, als er plötzlich ein etwas barsches »Qui vive!« vor sich hörte. »Hallo, Kamerad!« rief er lachend. Er war durch den Posten in der Nähe seines Hauses gleich wieder beruhigt. »Ihr liegt hier ja richtig im Hinterhalt und jagt einem einen Schrecken ein.« »Haben Sie etwas gesehen?« erkundigte sich der Soldat rasch. »Gesehen? Nein, aber passen Sie gut auf, Kamerad. Sie haben es mit listigen Burschen zu tun, die die Waldwege kennen.« René hatte nicht die Absicht, als Ankläger gegen die Eingeborenen aufzutreten, die sich ihrer Haut wehrten. »Das hat nichts zu sagen«, lachte der junge Soldat. »Meine Augen sind frisch, mein Gehör so scharf wie ihrs, und so leicht entgeht mir nichts. Aber Sie könnten mir einen großen Gefallen tun.« »Von Herzen gern, wenn ich kann.« »Wir sind hier vier Mann im Haus ohne den Posten am Strand und haben nicht eine Pfeife voll Tabak zwischen uns. Wenn Sie eine kleine Menge...« »Leider nichts in der Tasche, Kamerad, aber ein ganzes Pfund da neben dem Haus, in dem ich wohne. Wenn Sie die paar Schritte mit hinübergehen, steht er euch allen zu Diensten.« »Ich darf meinen Posten nicht verlassen, aber ich gebe Ihnen einen meiner Kameraden mit. Gott sei Dank, da ist ja noch Aussicht auf eine Pfeife!« rief er fröhlich aus. Er eilte rasch auf die Bambushütte zu, rief einen der Männer heraus und verkündete die gute Botschaft. René war der Wache gefolgt, denn von der Hütte aus führte ein schmaler Fußpfad über ein unbebautes, mit Palmen bewachsenes Grundstück zu seinem Garten hinüber. Dorthin begleitete ihn der französische Soldat. Es waren gut fünfhundert Schritt, und der Mann hielt es nicht für nötig, sein Gewehr mitzunehmen. Die Eingeborenen hatten sich bislang friedlich und freundlich verhalten, und keiner der Soldaten glaubte an ernsthaften Widerstand. Die Vorsichtsmaßregeln und Posten am Strand galten nicht ihnen, sondern sollten verhindern, daß die Mannschaften der fremden Schiffe an heimlichen Stellen landeten und die Eingeborenen mit Waffen und Branntwein versorgten. Rasch und schweigend ging René voran. Er hatte gerade die Umzäunung erreicht, als er eine Bewegung bemerkte. Gleich darauf bemerkte er eine Gestalt, die geräuschlos vom Strand mit einer schweren Last kam. Dort unten lag der kleine Kutter, aber er hatte noch nichts von seinen Sachen eingeladen und mußte also auch keine Diebe fürchten. Außerdem schlief auch einer der Eingeborenen als Wächter darin. Was wollten aber die Leute da, und was trugen sie? »Was ist da, etwas Verdächtiges?« flüsterte der Soldat hinter ihm, der noch nichts sehen konnte, aber ein Geräusch gehört hatte. »Verdächtiges? Ja, aber ich weiß noch nicht, was... pst, da kommt noch einer!« Deutlich konnten sie erkennen, daß hier im Dunkel der Nacht etwas ausgeführt wurde, das das Licht scheuen mußte. Bei ihm im Haus brannte die Lampe, aber seine Frau schien keine Ahnung von dem zu haben, was hier vorging. Wenn René auch nicht annahm, daß es etwas gegen ihn war, so kam ihm doch alles so unheimlich vor, daß er etwas unternehmen mußte. Er flüsterte dem Soldaten zu, daß er sein Gewehr holen sollte, um zu untersuchen, was hier geschah. Als der letzte Träger hinter dem Haus verschwand, stieg er über die Fenz und glitt leise auf seine Haustüre zu. Der Soldat blieb noch eine Minute auf der Lauer, dann zog er sich zurück, als er wieder Schritte vom Wasser hörte. Weshalb hatte aber der Posten am Strand noch keinen Alarm gegeben? »Was geht hier vor?« rief René, als er rasch in das Zimmer sprang und die Überraschung im Gesicht seiner Frau und des Missionars bemerkte. »Was sind das für Leute im Garten, und was tragen sie?« »Was für Leute?« erkundigte sich Mitonare noch mit der Absicht, alles abzuleugnen. »Was für Leute? Habt ihr denn nichts gehört? Sie gehen doch dicht unter dem Fenster vorbei! Wo ist mein Gewehr? Ich muß wissen, was hier vorgeht. Die Wache wird auch gleich dasein.« »Die Wache?« rief Bruder Ezra. »Was weiß die von dem da draußen?« »Einer der Soldaten begleitete mich und ist zurück, um Alarm zu geben.« »Meine Güte!« rief Mitonare, sprang zur Tür und hielt die Hände gewölbt an den Mund. Er stieß einen nicht sehr lauten, aber doch weithin schallenden, eigentümlichen Schrei aus. »Zum Teufel, Mitonare, was soll das heißen?« rief René. Der kleine Bruder Ezra schien aber alles ausgeführt zu haben, was er wollte, und setzte sich jetzt nur dicht an das Fenster auf einen Schemel. Still und aufmerksam horchte er nach draußen.   In diesen Breiten beginnt der Sonnenuntergang fast regelmäßig im ganzen Jahr um sechs Uhr. Der Strandposten war gerade abgelöst worden. Er ging mit dem Gewehr im Arm langsam auf der harten, sandigen Fläche auf und ab. Manchmal sah er mißtrauisch nach Westen, wo die schwarzen Wolkenschleier aufstiegen. Dann aber fesselte wieder das Naturschauspiel an den Riffen seine Aufmerksamkeit. Er beobachtete die schäumenden Massen, die immer wieder zum Kampfe eilten, und ihre blitzenden, weißen Kronen dem Feind entgegenschleuderten. Die wehenden Palmen über ihm, der Duft der Orangen und Wis und das Plätschern des Binnenwassers machten ihn froh und leicht. Fast vergaß er, weshalb er hierher postiert war und eigentlich gar nicht in dieses Paradies paßte. Er summte ein munteres Lied und atmete die kühle, würzige Luft ein – ein herrliches Gefühl nach dem schwülen, dumpfen Tag. In der kurzen Dämmerung, die dem Tag folgte, kam ein Seemann mit einem kleinen Tuchbündel am Strand herauf. Er sah auf das Meer hinaus, als erwarte er jemand von dort. Die Wache hatte ihn erst bemerkt, als er über den benachbarten Gartenzaun sprang, aber nicht weiter auf ihn geachtet. Die Matrosen der verschiedenen Schiffe streiften in der ganzen Nachbarschaft umher. Sie mußten alle um acht Uhr mit dem Abendschuß Papeete verlassen haben und an Bord ihrer Schiffe zurückkehren. Es war Zeit, daß der Mann dorthin aufbrach, sonst verpaßte er die Stunde und mußte die Nacht vielleicht anstatt in einer bequemen Hängematte auf einer französischen Wache verbringen. Der Matrose schien aber nicht direkt nach Papeete zu wollen. Er ging langsam am Ufer entlang und näherte sich dabei der Wache. Manchmal blieb er stehen und schien ein Boot von der See her zu erwarten. Vielleicht hatte man ihm versprochen, ihn hier abzuholen. Es wurde dunkel, und der Mann murmelte sich englische Flüche in den Bart. Dann ging er direkt auf den Franzosen zu. »Hallo, Kamerad«, sprach er ihn in breitem Irisch an. »Kein Boot gesehen, seit du die Muskete spazierenträgst?« »Je ne comprends pas, camarade«, lachte der Franzose und schüttelte mit dem Kopf. »Wer ist tot?« sagte der Ire und sah mit komischem Ernst den Franzosen an. »Je ne comprends pas – rien du tout – notting!« erwiderte die Wache etwas mürrisch und verunstaltete das einzige englische Wort, das sie vielleicht kannte. »Geh nach Papeete, bis du da unten bist, wird der Abendschuß abgefeuert, und dann sitzt du da!« Der Ire verstand keine Silbe. »Ist zu langweilig, wenn der Bursche kein Wort Englisch spricht. Wie mache ich ihm begreiflich, was ich will? Ist doch ein horndummes Volk, die Wi-wis!« »Prenez garde!« rief der Posten drohend, der die letzten Silben wohl verstanden hatte. »Paß auf, wie du das Wort hier brauchst, Kamerad!« »Vielleicht verstehst du die Landessprache? Tahitisch wäre wenigstens eine Aushilfe.« »Tahitisch nicht«, antwortete der Franzose in einem anderen, aber verständlichen Dialekt. »Ich bin fast ein Jahr auf den Marquesas-Inseln gewesen, und die Sprache hat Ähnlichkeit. Was wollen Sie?« »Mein Boot«, brummte der Ire. »Mein Kamerad hat versprochen, mich hier abzuholen, und jetzt läßt er mich sitzen.« »Nebenan ist heute ein Kanu angefahren«, sagte der Franzose. »Hol der Teufel die Kanus!« knurrte Jim. »Wenn man am festesten sitzt, kippen sie um wie die Taschenmesser. Nein, eine ordentliche Segeljolle mit rotem Segel. Nichts gesehen, Kamerad?« »Nichts.« »Verflucht! Aber kommen muß er noch, denn er darf nicht ohne mich an Bord zurück. Wollen Sie mir einen Gefallen tun und mir erlauben, mein Bündel einen Augenblick hierherzulegen? Ich traue dem einheimischen Gesindel nicht, ich habe Geld drin.« »Warum nimmst du es nicht mit?« »Ich muß doch wieder hierher zurück, um nachzusehen, ob das Boot kommt.« Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, ging er zu einer am Strand stehenden Palme und verschwand dort im beginnenden Gebüsch. »Diable!« brummte der Posten. »Gibt einem Aufträge ohne Umstände! Werde mich verwünscht wenig um sein Tuch kümmern. Boot? Ein Boot darf hier nicht mehr nach Dunkelwerden landen. Verdammt unverschämtes Volk, die englischen Matrosen.« Um seinen Ärger zu verjagen, ging er wieder am Strand auf und ab. Jim war aber nicht zur Straße hinaufgegangen, sondern zwischen dem Posten und der oben aufgestellten Wache in den Büschen durchgeschlichen. Er eilte einer etwas weiter oben auslaufenden Korallenspitze zu. Dort konnte man zwar wegen der bis an die Oberfläche reichenden Korallen nicht mit einem Boot landen, aber durch die schmale Durchfahrt die Riffe besser übersehen. Dort lag er, bis er vom Wasser das verabredete Zeichen der vorbeitreibenden Fässer erhielt. Ihre dunklen Umrisse konnte er von da aus kaum unterscheiden. Unten, wo der Posten stand, trieben sie noch weiter vorüber, und eine Entdeckung war deshalb kaum zu fürchten. Nur das Ausladen mußte geräuschlos betrieben werden. Beruhigt lag er noch einige Minuten still und beobachtete das eigentümliche Floß mit seinen dunklen Begleitern, bis es an der Wache vorüber war. Dann schlich er zurück und kam von der Palme halblaut schimpfend herüber. »Kein Boot gekommen?« erkundigte er sich, als er dicht vor dem Soldaten stehenblieb, nahm eine Zigarre aus der Tasche, schlug mit Stein und Stahl Feuer und zündete sie an. »Nein«, sagte der Soldat, dem der Tabakqualm angenehm in die Nase stieg. »Jetzt wär es auch zu spät, ich dürfte es nicht mehr ans Ufer lassen.« »So hol's der Böse, ich komme doch noch an Bord. Zigarre, Kamerad?« Er hielt ihm die Zigarren hin und horchte zum Wasser. Sein scharfes Ohr hatte ein Geräusch von dort wahrgenommen. Er gab dem Franzosen Feuer und ging dann ein paar Schritte weiter. Das Floß hätte schon an Ort und Stelle sein müssen, und doch kam es ihm vor, als käme vom Wasser noch immer ein verdächtiges Geräusch. Hinaushorchen wollte er aber nicht, um den Posten nicht aufmerksam zu machen. Um den Augenblick noch etwas zu verzögern, drückte er seine Zigarrenglut zwischen den Fingern aus, ging ein paar Schritte weiter und zog an der Zigarre. Eben wollte er zurückkommen, als der Posten sagte: »Da draußen kommt Ihr Boot, mir war so, als hätte ich ein Geräusch gehört.« »Zum Teufel!« knurrte Jim englisch, dann setzte er auf Tahitisch hinzu: »Sie werden nicht glauben, daß ich noch hier bin, wird wohl ein Fisch gewesen sein.« Der Soldat horchte. »Darf ich jetzt Sie noch einmal um Feuer bitten?« sagte Jim und trat zu ihm. »Gern. Da! Da war wirklich etwas!« »Es gibt hier ziemlich große Fische, die gern springen!« »Das war bestimmt kein Fisch!« sagte der Soldat jetzt völlig alarmiert und kauerte sich nieder, um besser über die Wasserfläche sehen zu können. »Müßte mich sehr irren, wenn das nicht eine menschliche Stimme war.« »Vielleicht Fischer, die noch draußen sind!« sagte der Ire und kauerte sich ebenfalls nieder. Er wollte dabei dem Soldat so nahe wie möglich sein, falls der Alarm geben wollte. »Rufen Sie doch mal Ihr Boot an, da werden wir gleich sehen, wer draußen ist!« Das traf natürlich zu, aber daran lag dem Iren nichts. Wenn er hier Lärm machte, wurden die Soldaten auf der Straße aufmerksam.. »Es kann das Boot nicht mehr sein«, brummte er. »Diable! Ich glaube, ich sehe dort etwas auf dem Wasser. Ruf, Kamerad, ich muß wissen, was da los ist!« Jim konnte sich nicht länger weigern. Er legte die Hände trichterförmig an den Mund, damit der Schall sowenig wie möglich nach hinten ging, und rief mit dumpf klingender Stimme: »Boot ahoi!« Keine Antwort erfolgte. »Der ruft, wie man in einen Topf spricht!« brummte der Soldat. »Das kann man doch auf keine fünf Schritt hören!« »Ich bin heiser!« sagte Jim. »Aber es ist nur ein Fisch gewesen. Alles ist wieder totenstill.« »Vielleicht, vielleicht auch nicht. Da ist es wieder! Qui vive!« rief er dann laut über das Wasser. »Teufel, wenn da drüben keiner antwortet, schicke ich eine Kugel hinüber.« Jim hatte die rechte Hand in seiner Tasche und stand nicht zwei Schritte von dem Franzosen. Er sah sich rasch um, und die linke Hand faßte wie krampfhaft das Bündel, das sie trug. »Wenn ihr nicht antworten wollt, dann tragt die Folgen!« brummte der Soldat und spannte den Hahn. Jim stand hinter ihm, seine rechte Hand hob sich. Als er sie senkte, rasselte das Gewehr auf den Sand, und der Körper des unglücklichen Franzosen brach lautlos zusammen. »Hast es nicht anders haben wollen«, sagte der Mörder und beugte sich zu seinem Opfer nieder. Unwillkürlich hatte er dabei in seiner Tasche nach etwas gesucht, aber er zog die Hand wieder zurück. »Der braucht keinen Knebel mehr. Es gibt doch nichts Besseres auf der Welt als eine Schlingenkugel für diese Arbeit. Der Schuft ist einen sanften Tod gestorben. So, Kamerad, dein Gewehr und die Patronentasche können wir vielleicht noch gebrauchen.« Rasch hatte er dem Ermordeten die Waffen abgenommen, horchte noch einmal zum Wasser hinüber und zog die Leiche unter einen Busch, wo sie nicht vor Tagesanbruch entdeckt werden konnte. Dann glitt er zu der Stelle, wo der kleine Kutter vor Anker lag und das Floß mit den Waffen anlegen sollte. Wütend stampfte er den Boden, als er noch keine Spur von den Fässern vorfand. Die kostbare Zeit verfloß mit Warten. Schon wollte er wieder zum Strand, als ein leiser Pfiff, wie das Zischen eines Seevogels, über das Wasser tönte. »Endlich. Wo zum Teufel habt ihr so lange gesteckt? Glaubt ihr, daß sie uns die ganze Nacht Zeit für unsere Arbeit geben?« fluchte er ihnen entgegen. »Wir saßen drüben auf einer Koralle und konnten nicht loskommen«, sagte einer der eingeborenen Schwimmer. »Ihr habt einen Lärm gemacht, daß man euch noch in Papeete hören konnte!« schimpfte der Ire. »Hat die Wache etwas gemerkt?« »Das ist schon in Ordnung. Aber jetzt fort, hierher mit dem Floß, und nicht lange geredet. Habt ihr die Säge mit? Gut dann sägt hier die Reifen vorsichtig durch... halt, das mache ich doch selber. Herauf mit dem Floß, und du läufst über den Weg hinauf und holst die Leute, die dort versteckt liegen. Rasch, sie sollen alle kommen, wir müssen die Fracht innerhalb von einer Stunde im Busch haben. Dort haben wir dann die übrige Nacht, um sie aus dem Weg zu schaffen.« Der Insulaner schlich sich rasch am Haus hinauf und kehrte bald darauf mit einigen Landsleuten zurück, die schon ungeduldig auf ihn gewartet hatten. Jim sägte mit einer kleinen scharfen Säge die hölzernen Reifen der Fässer durch, um sie zu öffnen. Er reichte die in tragbare Pakete geschnürten Gewehre und kleine Fäßchen mit Pulver rasch hintereinander hinaus. Vier Fässer waren innerhalb kurzer Zeit auf dem Trockenen, geöffnet und geleert. Am fünften hatte er die Reifen herunter und die Dauben mit Hilfe der Männer sorgfältig auseinandergenommen. Zwei nahmen die Pakete in Empfang und liefen damit nach oben. Da sahen sie den zurückkehrenden René über den freien Platz gleiten und in dem Haus verschwinden. Einer der Insulaner sprang rasch zurück, um dem Iren seine unwillkommene Rückkehr zu melden. Der ließ sich aber nicht irremachen und betrieb das Ausladen nur um so eifriger. »Fort mit euch, in zehn Minuten können wir mit allem in Sicherheit sein, dann können sie kommen und spionieren. Hier, nehmt, und los. Was steht ihr da? Los, solange nicht das Zeichen... Teufel!« unterbrach er sich rasch, als da Mitonares langgezogener Warnungsruf zu ihm schallte. »Sollen wir noch gerade hochlaufen?« »Nein, hier rechts hinein, im Haus nebenan ist auch niemand, den Zaun hier unten am Wasser habe ich schon beseitigt. Dort hinüber und dann gerade hinauf in die Guiaven. Hier noch ein Pack. Pest, wenn wir nur zwei Leute mehr wären, los, macht, daß ihr wegkommt, lauft um euer Leben!« Die Warnung kam nicht zu spät. Jim O'Flannagans scharfes Ohr hatte schon die herbeieilenden Soldaten gehört, die rasch und ziemlich laut durch die Büsche kamen. Zu gleicher Zeit erschien René in seiner Tür. Nur noch zwei Pakete Waffen waren übriggeblieben. Davon schob er das eine rasch auf das Deck des kleinen Kutters. Vielleicht gab es morgen Gelegenheit, es noch zu holen. Das andere lud er sich selbst auf und lief, so schnell er konnte, hinter den Eingeborenen her. »Halt, stehenbleiben!« schrie eine Stimme. Seine dunkle Gestalt war gegen den helleren Wasserspiegel erkennbar. Drei Kugeln schwirrten zu ihm hinüber. Eine davon traf das Paket, das er trug, und warf ihn dadurch fast zu Boden. Die beiden anderen gingen daneben. Er umspannte seine Last fester mit dem linken Arm, im rechten trug er das Gewehr des Strandpostens. Mit ein paar Sätzen sprang er durch den Garten und erreichte eben die Guiaven-Dickung, als seine Verfolger dicht unter dem Weg erschienen und den Hang hinaufstürmten, um ihn noch zu erreichen. Jim feuerte jetzt das geladene Gewehr ab, ohne lange zu zielen. Die Kugel schlug mitten zwischen ihnen durch einen jungen Baum. Das zeigte den Verfolgern, welcher Gefahr sie sich aussetzten, denn in dem Gelände waren ihnen die Eingeborenen überlegen. Sie kannten sich aus, und bei Nacht war nicht daran zu denken, sie einzuholen. Die weitere Verfolgung wurde deshalb auf den nächsten Tag verschoben. Bis dahin konnte man auch Verstärkung aus Papeete holen. Konsul Pritchards Gefangennahme Trommeln wirbelten, und Patrouillen zogen in finsteren Trupps mit raschen Schritten durch die von der Morgensonne freundlich beschienene Stadt. Die Insulaner standen bestürzt in kleinen Gruppen zusammen, und die Mädchen liefen neugierig hin und her und horchten, was vorgefallen war. Die Veränderung im Verhalten der Fremden war so überraschend, daß keiner sprach oder lachte. Wenn sie sich ihnen näherten, wurden sie barsch zurückgewiesen. Von den verschiedenen Schiffen landete Boot an Boot, vollgedrängt mit Bewaffneten, die verschiedene Häuser der Königin am Strand beschlagnahmten. Sie wurden zu richtigen kleinen Festungen ausgebaut. Gerüchte liefen durch die Stadt, daß gestern eine Waffenladung in der Mativaibai auf schlaue Weise an Land geschmuggelt war. Man hatte nicht nur einzelne Stücke, ein Bajonett und andere Kleinigkeiten, sondern auch ein ganzes Paket englischer Musketen in einem dort vor Anker liegenden Kutter gefunden. Als man gegen Morgen den Strand mit Fackeln absuchte, fand man den ermordeten französischen Posten. Viele Personen wurden verhaftet. Die vielen Soldaten genügten schon, um die sorglose Stimmung der Eingeborenen zu zerstören und ihnen in einem grellen Licht zu zeigen, in welchem Verhältnis sie zu den fremden Eindringlingen standen. Die Häuptlinge traten zusammen und schickten Boten zu den Missionaren, um Verhaltensmaßregeln zu erhalten. Die geistlichen Herren fühlten aber, daß ihr Regiment zumindest für den Augenblick ausgespielt war. Nur Mr. Pritchard protestierte nach wie vor gegen ein solches Verfahren. Die Franzosen kümmerten sich aber nicht um ihn. Ihre Flagge wehte bereits von fünf oder sechs besetzten Häusern. Die Soldaten durchzogen nicht nur die Stadt, sondern setzten sich am oberen und unteren Teil fest. Sie legten das Gewehr zur Seite und griffen zu Hacke und Schaufel. Nicht nur auf der kleinen Insel Motuuta wurden Verschanzungen aufgeworfen, sondern zum Erstaunen der Einwohner auch um die Stadt selbst. Gräben und Erdwälle entstanden, als ob man sich gegen die Berge und das benachbarte Land vor einem Angriff schützen wollte. Die Franzosen wußten, wie schlecht ihre Lage in der von allen Seiten eingeschlossenen Stadt würde, wenn sie von gut bewaffneten Eingeborenen angegriffen wurden. Deshalb versuchte man gleich mit durchgreifenden Maßnahmen allen derartigen Versuchen entgegenzuarbeiten. Strenge war geboten, und den Franzosen lag besonders daran, die Mörder der Wache zu bekommen oder zumindest ihre Spur zu finden. Es hieß mit Bestimmtheit, daß sie in das Haus eines der protestantischen Missionare, vielleicht sogar in das des englischen Konsuls führen würde. Mr. Pritchard war ihnen mit seiner offenen Predigt ja schon lange Zeit ein Dorn im Auge. Zu den ersten Maßnahmen des französischen Kommandanten gehörte es auch an diesem Morgen, René Delavigne zu verhaften. Auf seinem Grundstück waren die Waffen ausgeladen worden, auf seinem Kutter hatte man ein Paket Gewehre gefunden. Ob er davon wußte oder nicht, mußte die Untersuchung ergeben. Der Kutter wurde von der Regierung beschlagnahmt und für den französischen Küstendienst requiriert. Sadie erschrak, als an dem Morgen, wo sie Tahiti verlassen wollte, ihr Mann von Bewaffneten abgeführt wurde. Aber sie faßte sich rasch und fügte sich in alles. Sie wußte, daß René an den Vorfällen unschuldig war und natürlich bald wieder freigelassen werden mußte. Aber René wurde nicht allein verhaftet, sondern auch der kleine Mi-to-na-re. Er hatte schon bei Sonnenaufgang versucht, das in der Nacht umstellte Haus zu verlassen. Dabei wurde er von den Wachen festgenommen. »Armer Mitonare, ist von seinem freundlichen Atiu herüber gerufen, um Sorge und Not seines Glaubens wegen zu haben?« sagte Sadie traurig, als er der Patrouille folgen sollte. Bruder Ezra schüttelte den Kopf und sagte: »Glaube? Der Glaube hat wenig damit zu tun, Pudenia, und wir sollen glauben, und die Wi-wis wissen alles genau. Glauben, ja, eine schöne Sache mit einem bequemen Haus und viel Brotfrucht, aber nicht so in der Welt herumlaufen und das schwere Buch in der Tasche mitschleppen. Warum stecken sie Bodder Aue nicht ein?« »Wer ist das?« sagte einer der französischen Soldaten, der genug von dem tahitischen Dialekt verstand, um den Sinn zu begreifen. »Wo ist der, den du eben genannt hast?« »Bodder Aue?« sagte Mitonare, und der ihm eigene Zug drolligen Humors, der ihn auch in diesem Augenblick nicht verließ, spielte um seine Lippen, »Bodder Aue ist ein sehr guter Freund von mir auf Atiu, aber nicht hier. Wenn wir ihn haben wollen, können wir ihm einen Brief schreiben. Ich gehe wieder hinüber, wenn die Feranis keine Brotfrucht mehr für mich haben.« »Also los jetzt, Bursche!« sagte der Soldat ärgerlich. »Wir haben lange genug getrödelt.« Während man René noch Zeit ließ, ein paar Briefe an Bertrand und Herrn Belard zu schreiben, wurde der kleine braune Missionar unter den Spottreden der Soldaten über seine unsinnige Kleidung nach Papeete abgeführt. Mitonare blieb aber völlig kaltblütig. Er klemmte seinen linken Rockschoß, in dem die dicke Bibel steckte, unter den Arm, setzte seinen hohen Hut auf und schritt ehrbar und ernst zwischen den bärtigen Kindern eines anderen Landes, daß sich der Spott bei ihnen langsam abstumpfte. Unterwegs grüßte er die ihnen begegnenden Insulaner würdevoll. René blieb nur wenige Stunden in Haft. Es war ihm leicht, durch seine Freunde zu beweisen, daß er den Nachmittag in Papeete verbracht hatte und erst lange nach Dunkelwerden nach Hause aufgebrochen war. Schwieriger wurde es, die Waffen an Bord des Kutters zu erklären. Daß er der Mission gehörte, machte die Angelegenheit nur noch verwickelter. Es ließ sich kaum denken, daß der junge Franzose, der mit den Offizieren auf freundschaftlichem Fuß stand, etwas gegen seine Landsleute plante. Trotzdem wollten die Behörden die Gelegenheit, die Mission selbst in die Untersuchung einzubeziehen, sich nicht entgehen lassen. Wer wußte denn, ob dabei nicht noch andere Dinge zutage kamen. Gern wurde die Bürgschaft der Herren Belard und Brouard angenommen. René wurde auf freien Fuß gesetzt, bekam aber die Auflage, Tahiti nicht zu verlassen, bis die Untersuchung abgeschlossen war. Nicht so leicht sollte Bruder Ezra davonkommen. Trotz des Protestes der Missionare, die es als einen Eingriff in ihre Religion betrachteten, daß ein Missionar nur auf bloßen Verdacht aus seinem Amt gezogen wurde, blieb er in Gewahrsam. Auch der Konsul protestierte und bezeichnete den eingeborenen Missionar als englischen Bürger. Man gab ihm die Antwort, daß er sich vorsehen und von gefährlichen Demonstrationen fernhalten sollte. Die französischen Kriegsschiffe umsegelten oft die Insel Tahiti, kreuzten nach Imeo, und einige erhielten den Auftrag, die französische Flagge auf der Nachbargruppe der Gesellschaftsinseln, auf Huaheina, Bola-Bola, Raiatea und anderen aufzupflanzen. Man sprach sogar davon, die unter dem Wind liegenden Cookinseln, zu denen auch Atiu gehörte, mit in Besitz zu nehmen und Garnisonen dort einzurichten. Aber die Schiffe hatten schon mit den Gesellschaftsinseln genug zu tun, und man wartete eine günstigere Zeit ab. In Papeete wurden feste Blockhäuser für Kasernen und Gefängnisse in unglaublich kurzer Zeit gebaut, Laufgräben um die Stadt gezogen, ein Damm als Brustwehr ausgehoben und Geschütze von den Schiffen an Land gebracht. Auch die kleine Insel im Eingang des Hafens wurde mit schwerem Geschütz versehen, weil sie die Haupteinfahrt völlig überwachte. Man befürchtete einen Überfall der Engländer, und das machte auch den Eingeborenen wieder Mut. Wenn ihre Freunde, die Beretanis, die Schiffe beschäftigen würden, dann könnten sie mit den Wi-wis im Lande fertig werden. Die Stimmung wurde so von Tag zu Tag feindseliger. Die Eingeborenen mußten große Mengen von Proviant und Früchten in der Stadt abliefern, die man ihnen gut bezahlte. Aber es zwang sie zu einer fremden und unbequemen Tätigkeit. Sie erkundigten sich deshalb bei ihren Missionaren, ob sie dazu verpflichtet wären, den französischen Soldaten Fleisch und Früchte zu bringen. Welche Antwort sie erhielten, ist nicht bekannt. Aber von da an weigerten sie sich, die Provisionen abzuliefern. Daraufhin erklärte sie eine Proklamation des Gouverneurs für Rebellen. Neue Forderungen des Kommandanten nach Verpflegung wurden mit der scharfen Drohung verbunden, daß ernste Maßnahmen ergriffen würden, wenn dem Befehl nicht Folge geleistet würde. Besonders die Häuptlinge sollten für das Verhalten ihres Volkes verantwortlich gemacht werden. Auch den Missionaren wurde in nicht gerade freundlicher Weise eine Warnung übergeben, daß sie sich aus den politischen Verhältnissen des Landes heraushalten sollten. Anderenfalls müßten sie die Folgen direkt tragen. Die Proklamation, in der jeder Fremde, der gegen die Regierung sprach, augenblicklich verbannt wurde, wurde ihnen ins Gedächtnis gerufen. Daraufhin verließen mehrere Missionare Papeete und gingen nach Imeo, Bola-Bola oder Huaheina. Die meisten blieben auf ihrem Posten. Sie waren fest entschlossen, dem fremden Einfluß in jeder Hinsicht entgegenzuarbeiten. Nach dem neuen Aufruf an die Häuptlinge wandten sie sich wieder an ihre Königin, um von ihr Verhaltensmaßregeln zu erhalten. Pomare war zwar nicht bereit, sich zu unterwerfen, war aber auch durch die Drohungen eingeschüchtert und wußte, daß sie nicht zu weit gehen durfte, ehe sich England entschieden hatte. Sie gab deshalb ausweichende Antworten und verwies sie sogar an Konsul Pritchard. Der teilte ihnen mit, daß er offiziell der Königin nichts raten könne, bevor er nicht Verhaltensbefehle aus London habe, und verwies sie an den Missionar Rowe. Die Mehrzahl der Häuptlinge lehnte ihn aber als Führer ab. Vor allen anderen schwur Fanue, daß sie lange genug unter der Herrschaft der Priester gestanden hätten, und das sei ihr Fluch gewesen. Er verlangte eine Zusammenkunft der obersten Führer ihres Volkes. Konsul Pritchard unterstützte ihn und redete auch der Königin zu einzuwilligen. Er versuchte sogar, den Kapitän des kürzlich eingelaufenen Dampfers »Cormorant« dafür zu gewinnen, den Häuptlingen den Schutz seines Dampfers für eine freie Besprechung zu gestatten. Am anderen Morgen war ein Plakat an den Häusern angeklebt. Darin wurden die Eingeborenen gewarnt, sich durch die Reden von irgend jemand gegen die bestehende Obrigkeit aufzulehnen. Mit schärfsten Strafen wurden alle bedroht, die etwas gegen die Franzosen unternehmen wollten. Namen wurden nicht genannt, aber der Ton war so entschieden, daß Bruder Rowe fühlte, daß sie für den Moment an die Grenze ihrer Tätigkeit gekommen waren. Entweder mußten sie sich eine Weile vom Schauplatz der französischen Herrschaft entfernen oder aber den Dingen ihren ungehinderten Lauf lassen. Um die Einzelheiten zu klären, suchte er Konsul Pritchard auf. »Kommen Sie, um mir zu erzählen, daß die Franzosen freundlich an uns an den Straßenecken gedacht haben?« sagte der Konsul zur Begrüßung mit einem eigentümlichen Lächeln um die feingeschnittenen Lippen. »Allerdings, Bruder Pritchard«, erwiderte Mr. Rowe, mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen und gefalteten Händen. »Die Sache wird bedenklich, und da die Papisten keine andere Autorität als ihre Waffen anerkennen, ist es an der Zeit, an einen anständigen Rückzug zu denken. Ich fürchte aber, daß gerade Sie dabei gefährdet sind.« »Ach was, was können sie mir denn tun? Ich habe keinen offenen Aufruhr gepredigt, ich habe nur das gesagt, was ich als Konsul und als Mensch verantworten kann. Darüber können sie sich ärgern, aber sie dürfen nichts anderes gegen mich unternehmen, als von meiner Regierung zu verlangen, daß man mich abberuft. Das wird wohl auch geschehen, und vielleicht kommt statt des Befehls dann eine Flotte.« Mr. Rowe schüttelte bedenklich den Kopf. »Ich habe mich früher selbst solchen phantastischen Träumen hingegeben und alles versucht, um den Glauben daran bei den Insulanern aufrecht zu halten. Aber ich muß doch gestehen, daß ich jetzt anfange, mißtrauisch gegen meine eigenen Prophezeiungen zu werden. Seit der würdige Kapitän des ›Talbot‹ diese Ufer verlassen hat, tun diese nichtsnutzigen Feranis ungehindert, was ihnen gefällt. Einzelne Kriegsschiffe unserer Nation kommen, sehen sich die Sache an, hören auch geduldig zu, was wir ihnen klagen, und segeln dann wieder aus der Bai, ohne selbst einmal Joranna zu sagen. Ich kann gestehen, daß die Bibel von Alt-England zum erstenmal auf eine höchst befremdliche Weise im Stich gelassen wird.« »Ich hoffe viel von der möglichen Einigkeit der Häuptlinge«, sagte der Konsul. »Es wird zumindest den Franzosen imponieren, und wir gewinnen Zeit. Graf Aberdeen hat mir für einen Gewaltschritt des Feindes feste Hilfe zugesagt. Er wird, er kann uns nicht im Stich lassen.« »Willigt der Kapitän des ›Cormorant‹ ein, daß die Versammlung auf seinem Schiff stattfindet?« »Ich habe schon seine halbe Zusage und will jetzt hinüberfahren, um die Zeit festzulegen.« »Nehmen Sie sich in acht, Bruder Pritchard«, sagte der Missionar ernst. »Der Franzose kann Ihnen trotz aller Autorität noch einen Stein in den Weg legen. Die Plakate haben auf mich einen sehr niederschmetternden Eindruck gemacht. Ich kann mich irren, aber es kam mir vor wie eine Vorausentschuldigung gegen einen Gewaltakt. Die Leute sind wirklich zu allem fähig.« »Aber klug genug, um zu wissen, wie weit sie England gegenüber gehen dürfen.« »Wie weit? Das ist eine sehr unbestimmte Größe, auf die ich mich nicht verlassen möchte. Haben Sie nichts von Bruder Ezra gehört und was über ihn beschlossen ist? Ich habe mir größte Mühe gegeben, zu ihm zu kommen, wurde aber immer wieder abgewiesen.« »Mir hat man auf meinen Protest gar keine Antwort gegeben«, erwiderte der Konsul. »Es scheint übrigens so, als wäre Bruder Ezra trotz der Bibel in seiner Tasche hartnäckig beim Leugnen geblieben. Wenn ich richtig unterrichtet bin, hält man ihn jetzt nur noch zurück, um ihn mit dem nächsten nach Atiu segelnden Kriegsschiff dort hinüber zu bringen.« »Sie möchten uns alle auf ein Kriegsschiff bringen und zu einer entlegenen Insel schicken«, sagte Bruder Rowe. Der Konsul griff seinen Hut und seine Handschuhe. »Ich gehe jetzt an Bord des ›Cormorant‹. Sie erfahren von mir gleich das Resultat.« »Haben Sie schon ein Boot?« »Es liegt an der Landung und wartet auf mich.« »Dann will ich Sie nicht weiter aufhalten. Diese Versammlung ist jetzt sehr wichtig.« »Wir bringen jedenfalls den Feind dazu, daß er sich entscheidet. Seien Sie etwa in einer Stunde hier in meiner Wohnung. Dann können wir den Häuptlingen mitteilen, wie die Sachen stehen.« Damit verabschiedete sich der Konsul und ging durch den Hofraum zur Ausgangstür. Als er zum Strand einbog, sah er zu seinem Erstaunen einen französischen Beamten, der von einigen Soldaten gefolgt auf ihn zusprang. »Halt, Monsieur!« rief er ihm schon entgegen. »Was wollen Sie?« sagte der Konsul erstaunt. »Im Namen des Königs, Sie sind mein Gefangener!« »Ich verstehe Sie nicht«, sagte der Konsul gleichgültig und wollte sich abdrehen. Der Franzose griff seinen Arm und winkte den Soldaten zu. Ohne seine Proteste zu beachten, brachten sie ihn in das Wachtlokal. Von dort aus wurde der Konsul ohne Rücksicht auf sein Amt zu einem schon bereitgehaltenen Gefängnis abgeführt. Und Papeete blieb ruhig. Die Insulaner verstanden nichts von der Bedeutung oder Unverletzlichkeit des Vertreters einer europäischen Macht. Der Gefangene war ihnen immer mehr als Missionar denn als Konsul wichtig gewesen. Nutzen hatte er ihnen nicht gebracht. Daß es aber die Feranis wagten, einen Missionar ins Gefängnis zu bringen, überstieg ihre Begriffe. Erstmalig fürchteten die Häuptlinge für ihre eigene Sicherheit. Die Missionare erwarteten nach diesem Schritt nur noch Übles und wandten sich in ihrer Ratlosigkeit an die arme, selber hilfebedürftige Königin und an das Volk, das sie schützen sollte. Aber die Geduld des Volkes war noch nicht erschöpft, die Bereitschaft zu einem Krieg nicht gegeben. Man hatte einen französischen Soldaten ermordet, deshalb waren die Feranis böse und schickten eine Menge Soldaten an Land. Sie sperrten einen einheimischen und einen weißen Missionar ein. Das war vielleicht ungerecht, aber in ihren Augen keine Ursache für einen Krieg. Die Insulaner beschlossen jetzt ernster als je zuvor, mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben zu wollen. Obwohl einige unter ihnen, besonders Fanue, die Rache an den »Feinden des Vaterlandes« offen forderten, so verhielten sich doch die einflußreicheren wie Tati und Utami noch immer ruhig. Paofai und Hitoti verkehrten sogar öffentlich und freundschaftlich mit den Feranis. Leutnant Hunt, der Befehlshaber des kleinen Kriegsschiffes »Basilisk«, und der Kapitän des »Cormorant« hatten allerdings augenblicklich gegen die Gefangennahme des Konsuls protestiert, konnten aber seine Befreiung nicht erreichen. Bald darauf hingen neue Plakate aus, in denen Mr. Pritchard indirekt die Verantwortung für den Mord an der Wache zugesprochen wurde. Auch als Ursache des trotzigen Betragens der Eingeborenen wurde er dargestellt. Mit viel Mühe gelang es endlich dem Kapitän des »Cormorant«, die Freiheit des Gefangenen zu erreichen. Allerdings wurde zur Bedingung gemacht, daß er ihn an Bord seines Dampfers mitnahm und an keiner Insel der Nachbargruppen wieder an Land setzte. Die Franzosen betrachteten ihn als einzige Ursache der nicht unbedingten Unterwerfung der Insulaner. Durch seine Entfernung glaubten sie jedes Hindernis ihrer unbestrittenen Oberherrschaft beseitigt zu haben. 25. Pomares Flucht Renés kleiner Haushalt befand sich in wilder, ungemütlicher Verfassung. Alles war bereits gepackt gewesen, und sie mußten die wichtigsten Sachen wieder auspacken. Tag für Tag verging, ohne daß eine Entscheidung kam und René von seinem Wort, Tahiti nicht zu verlassen, entbunden wurde. Er war mehrfach bei Monsieur Bruat, dem jetzt ernannten Gouverneur, und wurde immer empfangen. Man behauptete aber, daß die Untersuchung noch nicht beendet sei. Bis zu einem Resultat müsse René als Eigentümer des Grundstückes, auf dem die Waffen geschmuggelt wurden, zur Verfügung stehen. Der Gouverneur bot ihm nochmals an, in französische Dienste zu treten, um ihm zu zeigen, daß gegen seine Person keinerlei Verdacht bestand. René erklärte aber, daß er hier in Tahiti niemals einen Degen gegen die Eingeborenen führen wolle, und das ließe sich bei einem Ausbruch der Insulaner nicht vermeiden. Deshalb lehnte er das Angebot erneut dankbar, aber bestimmt ab. Das Haus der Belards hatte er bei allen Besuchen vermieden. Er wußte, welche Gefahr ihm dort drohte, und ein erneutes Zusammentreffen konnte für ihn und Susanne nur gefährlich sein. So vergingen Wochen. Die Insulaner hatten sich an den Verlust ihres Missionars und Konsuls gewöhnt, da sollte ein Gewaltstreich der Fremden den Frieden wieder stören. Die »Reine blanche« hatte wieder eine Fahrt unternommen. Während ihrer Abwesenheit weigerten sich die Eingeborenen erneut, die verlangten Provisionen abzuliefern. Die Franzosen behaupteten, daß die Missionare die Häuptlinge aufgehetzt hätten. Es wurde gemeldet. daß viele Früchte und Lebensmittel in die Berge geschafft wurden. Daraufhin entschloß sich der Kommandant zu einem Gewaltstreich. Er lockte vier der einflußreichsten Häuptlinge, unter ihnen Terate, Avei und Nane-ini, an Bord seines Schiffes. Dort wurden sie gefangengenommen. Vom Gouverneur erschien eine Proklamation, in der die Häuptlinge als Rebellen bezeichnet wurden. Ihr Eigentum wurde eingezogen. Eine andere Gruppe konnte in letzter Minute der Gefangennahme entgehen, auch sie wurden als Rebellen bezeichnet. Es wurde jedem Distrikt unter Strafandrohung verboten, ihnen zu helfen. Jetzt schien das Volk zu fühlen, daß es wirklich unterjocht werden sollte. Ein wilder Schrei des Zorns und der Entrüstung ging durch das ganze Land. Pomare war zu gleicher Zeit wieder feste Hilfe von England versprochen. Alle dort lebenden Engländer bestätigten das, da Britannien nie dulden werde, daß einer seiner Konsuln auf solche Weise behandelt wurde. Sie mußte nur einen Ausbruch ihres Volkes verzögern, damit der Franzose keinen Grund für neue Übergriffe bekam, und sich ihr Recht als souveräne Königin wahren. Diesen Gedanken folgte sie und schrieb einen Brief an die Häuptlinge, in dem sie sie zum treuen und geduldigen Ausharren ermahnte. Wörtlich lautete der Brief: »Gesundheit euch allen, ich mache euch bekannt, daß unser Kriegsschiff uns bald verlassen wird. Der Admiral muß nach Oahu zurück. Ein kleines Kriegsschiff liegt hier, das über uns wacht, und ein anderes wird kommen. Hört nicht auf die Männer, die euch entmutigen wollen mit der Nachricht, daß wir nicht unterstützt werden. Britannien wird uns nicht verlassen. Laßt uns gut betragen, bis die Depeschen eintreffen. Dies ist mein Wort an euch. Laßt unter keiner Bedingung etwas Unrechtes geschehen, behandelt ja nicht die Feranis schlecht, habt größte Geduld. Nehmt mich als Muster und folgt mir, und laßt uns alle zu Gott beten, daß er uns von unserer Prüfung befreien möge wie einst Hesekiah. Frieden sei mit euch. Pomare.« Dieser Brief wurde vom Gouverneur Bruat so aufgefaßt, als ob er die Eingeborenen zur »Rebellion gegen ihre gesetzmäßige Regierung« bestärken sollte. Der ehrwürdige Mr. Rowe bekam einen Wink, daß der Königin dadurch Gefahr für ihre persönliche Sicherheit drohte. Er verlor jetzt völlig den Kopf, eilte zu ihr und riet ihr dringend zur Flucht. Allerdings wurde er sehr zu seinem Zorn nicht sofort vorgelassen, sondern mußte im Vorzimmer warten. Ein derartiges Vorgehen hatte es gegenüber einem Missionar noch nie gegeben. Es gab eine heftige Auseinandersetzung zwischen den beiden. Pomare warf ihm vor, daß der versprochene Schutz aus England bislang nicht eingetroffen war und daß die Hilfe der Missionare nur so lange währte, wie sie von ihr Sandelholz und Kokosnußöl kaufen konnten. Rowe wandte ein, daß ein englisches Kriegsschiff im Hafen läge und sie jederzeit aufnähme. Das lehnte die Königin entschieden ab, und während Mr. Rowe ihr noch zuredete, wurde der Häuptling Tati gemeldet. »Tati? Was will der jetzt von mir? Oder haben ihn die Feranis geschickt, um seine Königin ins Gefängnis zu bringen? Schick ihn weg, er gehört zum Feind, Pomare will ihn nicht sprechen.« »Wenn der Feind dein Vaterland ist, Pomare, dann stimmt es«, sagte in diesem Augenblick eine tiefe, klangvolle Stimme. Der Häuptling war dem Mädchen gefolgt und auf der Schwelle stehengeblieben. »Schicke mich nicht noch einmal fort, denn ich bringe ein Freundeswort!« »Schickt dich der Ferani?« erkundigte sich die Königin mit finsterem Blick. »Soll ich noch einen Vertrag unterzeichnen, der mir nach dem ersten auch noch die Füße bindet und mich als Geisel hier im Haus behält?« Der Häuptling zog die Augenbrauen finster zusammen und warf dem Missionar einen Blick zu, als wollte er ihn für alles verantwortlich machen. Dann drehte er sich wieder zu Pomare. »Du hast Grund, uns zu zürnen, Pomare, denn wir haben absichtslos dem Ferani Halt in diesem Land gegeben. Aber vielleicht kann ich dir heute beweisen, daß es Tati redlich mit Tahiti meint, redlich mit dir und keine Eifersucht in der Stunde der Not kennt. Du bist in Gefahr und mußt Papeete verlassen.« »Ich weiß es«, rief Pomare schnell. »Der ehrwürdige Mann hier hat mich schon gewarnt, und das Schiff der Beretanis will mich und meine Familie aufnehmen, ehe mich die Feranis gefangennehmen.« »Das Schiff der Beretanis?« sagte Tati erstaunt. »Was hast du bei den Beretanis zu tun? Sind sie nicht Fremde wie die anderen? Pomare, wann wirst du aufhören, dich auf Fremde zu verlassen?« »Der Häuptling spricht, als wären wir seinem Volk feindlich gesinnt. Ich dachte, wir hätten bewiesen, daß wir unsere tahitischen Brüder lieben!« »Genug, genug!« sagte der Häuptling abwehrend. »Ich bin nicht gekommen, um um Worte zu streiten. Die Zeit zum Handeln ist gekommen, und du, Pomare, sollst jetzt beweisen, ob du würdig bist, das tahitische Volk zu regieren. Dann werden sich Tati und alle anderen freudig deiner Herrschaft beugen.« »Mit meiner Flucht soll ich diesen Beweis beginnen?« sagte die Königin bitter. »Allerdings, aber nicht, wenn du auf ein fremdes Schiff gehst.« »Wohin denn? Hast du Schutz für mich?« »Bei deinem Volk, Pomare!« rief der Häuptling rasch. Als die Königin finster und wehmütig den Kopf schüttelte, fuhr er begeistert fort: »Schüttele nicht so zweifelnd den Kopf. Die Führer fast aller Parteien haben sich vereinigt und senden mich, Sie fordern dich auf, dich ihrem Schutz anzuvertrauen und mit ihnen in die Berge zu ziehen. Dort pflanzen wir die eigene Fahne auf. Tod den Feinden, die es wagen, uns zu folgen!« »Nur bei dem Versuch, die Berge zu erreichen, wäre Pomare in Gefahr, von den Feranis angehalten und, gefangen zu werden. Sie würden es nicht dulden, sie in die Berge entkommen zu lassen. Das würde die Eingeborenen ja zu viel gefährlicheren Feinden machen!« warf der Geistliche ein. »Gefahr?« sagte der Häuptling und stampfte mit dem Fuß auf. »Ein einziges Zeichen von mir, und fast drei Viertel der Bewohner scharen sich jubelnd um ihre Königin! Laßt das Volk wissen, daß Tati, Utami, Hitoti und Paraita Pomare unterstützen. Kein Arm, der noch einen Bogen spannen und einen Speer schleudern kann, bleibt daheim, um das Ende schmachvoll abzuwarten. Nein, Pomare, jetzt keine Furcht. Die Gefahr darf dich nicht abhalten, dich an die Spitze deines Volkes zu stellen. Die Fremden haben deutlich genug gezeigt, was ihre Absieht ist. Uns bleibt keine andere Wahl als Unterwerfung oder Kampf.« »Uns bleibt die Wahl, britischen Schutz zu suchen!« rief der Missionar. »Uns bleibt der Schutz der Bibel. Wenn auch spät, so wird die Hilfe doch nicht ausbleiben. So langsam sie kommt, so sicher wird sie kommen.« Tati wollte aufbrausen, aber er bezwang sich. Er fühlte die Wichtigkeit dieser Stunde und sagte ernst und ruhig: »Pomare, der Augenblick ist gekommen, wo du zwischen deinem Volk und den Fremden wählen mußt, zwischen deiner Herrschaft und der beretanischer oder französischer Priester. Gib dich wieder in ihre Hände, und deine Macht ist für ewige Zeiten gebrochen. Wirf sie von dir, und wir erkämpfen dir die Freiheit oder uns allen einen ehrenvollen Tod. Daß die Häuptlinge mich senden, mag dir ein Beweis sein, wie wir denken. Jeder Streit ist vergessen, jeder kleinliche Gedanke um Eigennutz verdrängt. Unser Land ist in Gefahr, und wie der fremde Ferani schlau seinen Vorteil aus dem Zwiespalt der Parteien zog, so pflanze die eine Macht jetzt siegreich ihr Banner in den Bergen!« Die Königin stand unschlüssig, das Herz schlug ihr heftig. Ihr Blick flog ängstlich vom schönen Gesicht des Häuptlings zu dem bleichen des Priesters. »Und was wird aus Pomare Tane ?« Tati biß sich auf die Lippe. »Er soll mit dir gehen«, sagte er endlich leise. »Aber wenn er ein Mann wäre, hätte er schon selbst das Schwert aufgegriffen und sein Volk zu den Waffen gerufen. Wenn dein Vater noch leben würde, Pomare!« »Was wird dann aus den Lehrern des Volkes, was wird aus uns und unsren Häusern?« rief der ehrwürdige Mr. Rowe. »Vertrauensvoll sind wir zu euch gekommen, um euch den Frieden und die Liebe zu bringen. Und jetzt sollen wir als Geiseln in den Händen der Feinde zurückbleiben? Solange du unter britischem Schutz stehst, Pomare, wird auch dein Eigentum hier geachtet werden. Die Feranis fürchten unseren Stamm, auch wenn sie hier jetzt trotzig auftreten. Wenn ihr aber in die Berge flüchtet, dann erklärt man euch zum Feind, und nach den Gesetzen des Krieges gehört alles dem, der das Feld beherrscht.« »Denken Sie jetzt an sich allein?« rief Tati zornig. »Jetzt, wo das Schicksal eines ganzen Landes am Rande des Abgrunds steht?« »Weniger an mich als an die Brüder hier auf den Inseln, an das Schicksal der Mission selber, die damit ihrem sicheren Untergang entgegenginge. Sobald Pomare offen den Krieg beginnt, liegt die Vergangenheit abgeschnitten hinter ihr, und die Gewalt der Waffen entscheidet, wer künftig herrschen soll, welche Religion verbreitet wird. Wird sie besiegt, so ist es der Sieger, der die Bedingungen schreibt, und denen sie sich fügen muß. So kann sie immer noch Englands Hilfe erhalten, seine Vermittlung, die stets nur auf seiten der Bibel sein kann.« »Zum Abgrund mit der Bibel!« schrie der Häuptling, der noch immer die alten Götter anbetete. »Es geht hier nicht um das dicke Buch, sondern um das ganze Land! Tati und Utami haben auch alles zurückgelassen, was ihnen gehörte! Wir wollen uns selber, unsere Ehre, unser Land retten. Soll der Feind die Brandfackel in unsere Hütten werfen und unsere Brotfruchtbäume umschlagen. Auf den Bergen und in den Wäldern gibt es Feis, Orangen und Guiaven und tausend andere Früchte.« »Ich will auf das Schiff gehen, Tati«, sagte Pomare, die bis dahin ängstlich und unschlüssig dagestanden hatte. »Der Mitonare hat recht. Solange ich unter englischem Schutz stehe und nicht gegen sie kämpfe, werden sie unser Eigentum achten und nicht zerstören. Das fromme Werk der Mission, das mir von Gott überantwortet ist, wird nicht zerstört. Ich will nicht das Schwert nehmen, ich bin eine Frau, und meine Kinder sollen ihre Krone nicht vergossenem Blut zu verdanken haben. Wenn andere Unrecht tun, will ich nicht selbst sündigen. Auch du, Tati, schaudere nicht vor dem Abgrund zurück, vor dem du stehst, denn du verachtest die Bibel, und sie ist deine einzige Rettung.« »Pomare, laß uns nicht in dieser Stunde um ein Wort oder eine Meinung streiten«, bat der Häuptling. »Schick mich jetzt nicht von dir weg. Noch bist du die Königin, und wenn England dich schützen will, wird es das eher tun, wenn du Achtung von ihm erzwingst durch königliches Handeln, als wenn du feige auf eines ihrer Schiffe flüchtest. Damit erklärst du doch, daß du zu schwach bist und nicht Königin sein kannst.« »Da kommt Bruder Brower eilig, was wird er bringen?« sagte Mr. Rowe, der einen Blick durch das Fenster geworfen hatte. »Unheil diesem Haus!« sagte Tati düster. Er las in den Augen Pomares bereits seine Antwort und fürchtete, daß der zweite Mitonare den Ausschlag geben würde. Er sollte darüber nicht lange im Zweifel bleiben. Mit ängstlicher Miene brach der kaum angemeldete Priester ins Zimmer und warf einen mißtrauischen Blick auf den Häuptling. Dann rief er aus: »Die Not ist groß, Pomare. Ich hörte eben, daß die französische Regierung beschlossen hat, dich zu fangen und bis zum Friedensabschluß festzuhalten. Zum Glück war das Boot des ›Basilisk‹ hier an Land. Sein Offizier wurde von mir in Kenntnis gesetzt und liegt am Ufer, dicht vor deinem Haus, um dich unter dem Schutz seiner Flagge sicher fortzubringen. Aber die Zeit drängt, du hast keine Viertelstunde mehr zur Verfügung.« »Genauso schnell entkommst du in die Berge, Pomare!« rief Tati, um einen letzten Versuch zu unternehmen. »Hinter der Straße beginnen die Guiaven, und für deine Sicherheit bürge ich mit meinem Kopf!« In diesem Augenblick stürmte Pomare Tane in das Zimmer. Er war ein junger, schöner Mann, sechs oder acht Jahre jünger als die Königin. Er hatte weiche, weibische Züge. Seine ölgetränkten Haare waren mit Blumen geschmückt die Finger mit Ringen besteckt. Er war völlig verängstigt. Ohne auf die anderen zu achten, rief er: »Flieh, Pomare, flieh, an den Bergen haben die Feranis Soldaten mit geladenen Gewehren stehen, und das Volk schreit, sie kämen, um dich zu fangen und zu binden!« »Das Boot liegt am Strand, in fünf Minuten bist du frei«, drängte Mr. Rowe. »Tati, du wirst dich an die Spitze meiner Krieger stellen«, bat Pomare. »Der Allmächtige wird dir seinen Schutz verleihen und den Sieg in unsere Hände geben.« »Verdorren soll der Finger, der sich für deine Sache regt, wenn du ihr selbst den Rücken drehst!« rief der Häuptling trotzig und finster. »Pomare – pah! Was bedeutet mir der Name? Dem eigenen Land hätte ich mein Blut geweiht! Um jeden feindlichen Gedanken fernzuhalten, hätte ich selbst deinem Stamm gehorcht! Du stammst aus edlem Blut, und das Land hätte seiner Königin zugejubelt und sich mit Freuden in den Kampf geworfen. Das ist vorbei, die schwarzen Männer haben dich wieder in ihrer Gewalt, und Tati ist für dich verloren!« Noch stand Pomare zögernd, als ein kurzer Trommelwirbel einer Patrouille an ihr Ohr drang. »Der Feind!« riefen Pomare Tane und die Missionare gleichzeitig. »Wo sind meine Kinder?« rief die Königin, von der Angst der anderen eingeschüchtert. »Hier im Zimmer bei den Einanas«, beruhigte sie Mr. Brower. »Ich ließ sie selbst hierherkommen. Jetzt aber los, in wenigen Minuten bist du im Boot und schon dort sicher.« »Meine Kinder!« rief die Königin erneut. »Hier, ihr Mädchen, mit den Kindern ins Boot, das am Strand liegt, schnell!« »Aber meine Matten, meine Kleider...« »Wird dir alles nachgeschickt, Pomare. Wir selbst wollen dein Eigentum schützen, das der Ferani nicht antasten darf!« Pomare wurde durch erneutes Trommeln aus der Fassung gebracht. Sie folgte fast willenlos ihren Führern. Mit den Kindern voran setzte sich der kleine Zug über den schmalen Strand zum Boot in Bewegung. Eine französische Patrouille kam zufällig am Wasserrand entlang. Aber der Offizier, der wahrscheinlich auch keinen Befehl dazu hatte, hinderte das Einschiffen der recht gut bekannten Königin nicht. Es ist durchaus möglich, daß die Franzosen damit zufrieden waren. So waren sie der unangenehmen Überwachung enthoben. Sie bekamen in der Stadt freie Hand und hatten eine Verantwortung weniger. Unbelästigt erreichte Pomare das Boot mit ihrem Mann, den Kindern und zwei der Einanas. Die Brüder Rowe und Brower standen am Ufer und feierten mit dankbarem Blick nach oben die Rettung Pomares. An Bord des Schiffes wurden die Gäste herzlich begrüßt und, so gut es ging, im engen Raum des Fahrzeugs untergebracht. So ruhig aber die Einwohner bislang geblieben waren, so erschütterte sie doch das Gerücht, daß Pomare vor den Feranis fliehen mußte. Viele flüchteten in die Berge, um sich zum Widerstand zu rüsten. Halb Papeete stand leer, und die Eroberer nahmen Besitz von den Häusern. Sie wurden zu Kasernen und Wachen oder einfach zu Wohnungen eingerichtet. Gleichzeitig verstärkte man die Befestigungen um die Stadt und besetzte sie mit Kanonen. Trotzdem blieb alles ruhig, kein wirklicher Überfall geschah. Die Franzosen, die sich hier und da sorglos zwischen den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht belästigt. Aber die finsteren Blicke der Männer verrieten ihnen deutlich, wie gern sie hier gesehen wurden. 26. Der erste Kampf Was die Franzosen in der Stadt unternahmen, lief rasch von Mund zu Mund über die ganze Insel. Das Volk begann einzusehen, was die Einholung ihrer Flagge bedeutete. Gerüchte waren im Umlauf, daß der Ferani alle Häuptlinge gefangennehmen und in das Land der Feranis bringen wollte. Wenn das Volk bislang nicht daran gedacht hatte, sich zu rüsten, begann es jetzt damit. Waffen tauchten überall auf, Munition wurde hervorgesucht, der Gebrauch der Muskete von den zwischen ihnen lebenden Europäern erlernt und geübt. Plötzlich zeigte sich ein Eifer in der Bevölkerung, der auf einen unmittelbaren Widerstand hinwies. Es fehlte nur noch der Anlaß für den ersten Schlag. Es war an einem Sonnabend, wie bekannt, der frühere Sabbath der Bewohner von Tahiti. Bruder Dennis hatte an diesem Tag Gottesdienst auf der Halbinsel Tairabu gehalten. Die Bewohner dieses freundlichen Distrikts lebten weit entfernt vom Schauplatz wirklicher Feindseligkeiten und führten ihr bisheriges Leben weiter. Aber auch hier war die Rüstung eifrig betrieben worden. Während der Predigt war ein fremdes französisches Kriegsschiff in ihren Hafen eingelaufen und hatte dadurch die Sabbathfeier wesentlich gestört. Es waren dann auch harte Worte, die der fromme Mann gegen die »Papisten und Sabbathschänder« sprach und damit die Herzen seiner Zuhörer mit noch mehr Zorn und Entrüstung erfüllte. Trotzdem glaubten die gelandeten Bootsmannschaften, sich ziemlich sorglos zwischen den Eingeborenen bewegen zu können. Zwar warfen ihnen die Männer finstere Blicke zu, und die Mädchen wichen ihnen zornig aus, wenn sie in alter Weise nach ihnen griffen. Aber nichts geschah, was die Freiheit ihrer Bewegungen einschränkte. Die Gruppen der Soldaten und Matrosen begnügten sich damit, in Ufernähe umherzuschwärmen. Nur ein Piquet von etwa zehn Mann marschierte nach dem Gottesdienst wie eine Patrouille durch den Ort und den nächsten Hügelhang hinauf. Sie waren allerdings nur teilweise bewaffnet. Vor den dort einzeln stehenden Häusern saß eine kleine Gruppe Insulaner im fröhlichen Gespräch zusammen unter Fruchtbäumen und Palmen. Die Frauen arbeiteten am Sabbath nicht und lagen auf ihren Matten ausgestreckt. Sie lasen in der dicken Bibel, die Männer lachten und unterhielten sich. Zwischen der Gruppe saßen drei sehr schöne Mädchen. Eine erzählte ihnen von den Ereignissen auf der Insel. Dicht hinter der Gruppe saß ein alter Mann in seinen Tapamantel gehüllt. Es war Fanue, der trotzige Häuptling. Er ballte die Faust unter der Tapa, als er von dem Übermut der Wi-wis hörte. In diesem Augenblick störte fester Tritt und lautes Lachen das friedliche Bild. Die bunten Uniformen der Fremden wurden zwischen den Bäumen sichtbar, die sich frische Früchte pflückten. Die Männer hörten auf zu reden und blickten finster auf die ungebetenen Gäste, die hier ihren Sabbath und den Hausfrieden störten. Die Mädchen verschwanden unter den Palmen, nur der alte Häuptling sah den Fremden trotzig entgegen, seine beiden Töchter standen neben ihm, dazwischen die Fremde, die ihnen von Papeete erzählt hatte. »Hallo, Waihines! Seht doch einmal auf und laßt vernünftig mit euch reden. Ihr sollt mir eine Frage beantworten«, rief einer der Franzosen in ihrer Sprache. Die Mädchen sahen verlegen zur Seite. Der alte Fanue bemerkte ihre Verlegenheit. Er war kaum noch imstande, seinen Zorn zurückzuhalten. Er maß die Feinde seines Landes mit den Augen und sagte finster: »Was habt ihr für Fragen zu stellen und zu einem Haus zu kommen, zu dem man euch nicht das hare mai gerufen hat? Weg mit euch, wohin ihr gehört, auf eure Schiffe, und mit denen über das Wasser! Unsere Augen schmerzten von eurem Anblick!« »Dich wird gleich noch was anderes schmerzen, wenn du unverschämte Reden führst!« rief einer der Bewaffneten drohend. »Kein Mensch hat mit dir gesprochen, sondern nur mit den Mädchen hier. Also, Waihine, gib Antwort, und vor allen Dingen, gib mir einen Kuß!« Er beugte sich zu ihr und legte seinen Arm um ihren zitternden Körper. Der alte Fanue sprang in grimmiger Wut auf. Gleichzeitig hatte einer der Franzosen das Mädchen von Papeete erkannt und rief: »Nahuihua, die Perle, die ich suche! Da bist du ja endlich!« »Zurück, Le-fe-ve!« rief die Schöne mit vor Zorn funkelnden Augen. »Zurück, du falscher Wi-wi! Todmüde liegt da drin im Haus Aumama, und sie hat den Fluch über dich gesprochen!« »Aumama?« rief Lefevre bestürzt. »Sie ist hier?« Jede weitere Unterhaltung wurde von dem alten Häuptling abgeschnitten. Er sprang zwischen die Fremden und schleuderte Lefevre von dem Mädchen zurück. Er hatte den Namen gehört und dachte nicht an die Folgen. »Weg mit dir, du falscher Wi-wi, oder diese Hand greift noch einmal nach der Kriegskeule und dem Speer! Fort mit dir, meineidiger, falscher Huapareva, oder du wirst den Tag verfluchen, der dich an unsere Küste gebracht hat!« »Teufel!« schrie Lefevre in wilder Wut und stürzte sich auf den Alten. Er wollte einen Schlag nach ihm führen, aber der Alte kam ihm zuvor, warf seinen Arm zur Seite und traf ihn mit kräftiger Faust so gegen die Stirn, daß er einen Schritt zurücktaumelte. »Rebellion!« rief einer der Bewaffneten. Er riß die Flinte hoch, spannte den Hahn und legte auf den trotzigen Häuptling an. Der Schuß wäre auf die Entfernung für den alten Mann tödlich gewesen, hätte nicht Nahuihua den Lauf des Gewehres hochgeschlagen. So schlug das tödliche Blei in das Dach des Hauses. Jetzt kamen die anderen Männer herbei, um am Kampf teilzunehmen. Lefevre kümmerte sich nicht weiter um den Alten, auf den sich schon zwei Soldaten geworfen hatten. Er sprang mit einem Satz zu dem Mädchen, das verzweifelt den Namen ihrer Schwester rief, packte sie am Arm und floh mit ihr den Pfad hinunter, um ein Boot am Strand zu erreichen. Oben wurden mehrere Schüsse abgefeuert, ein Insulaner wurde getötet, ein anderer schwer verletzt. Gleich nach dem ersten Schuß erschien auf der Schwelle der Hütte eine andere Frau, die Haare wild und ungeordnet um Stirn und Schläfe, das Schultertuch gelöst und nur von der linken Hand zusammengehalten. Sie warf nur einen Blick auf die Kämpfenden. Der Hilfeschrei der Schwester zeigte ihr die gesuchte Gestalt. Alles andere um sich vergessend, sprang sie vor, um sich zu rächen. Dicht vor ihr rang einer der Soldaten mit einem Insulaner, der sein Gewehr gepackt hatte. Der kurze Degen hing in der Scheide, und blitzschnell riß Aumama ihn an sich. Das Schultertuch flog ihr von der Achsel, die Haare flatterten wild hinter ihr her, aber die Rasende achtete nicht darauf. Wie eine zürnende Göttin des Waldes flog sie dahin. Ehe der Mann noch den Waldrand erreichte, war sie dicht hinter ihm. »Le-fe-ve!« Sie brachte das Wort kaum über die Lippen, aber der Fliehende hörte es. Er drehte sich um und ließ die Schwester los, die gleich in den Büschen verschwand. Mit dem Degen sprang sie ihren Mann an. Wäre sie den Umgang mit der Waffe gewohnt gewesen, hätte sie keinen zweiten Schlag mehr gebraucht. So traf sie den linken Arm, den er schützend vorgestreckt hielt. Dann floh Lefevre in den Wald zum Strand hinunter. Von dort stürmten die Franzosen nach dem ersten Schuß ihm entgegen. »Sind wir Hunde?« rief auf dem Kampfplatz der alte Fanue voller Wut. »Wir wollten Frieden, aber ihr laßt uns nicht in Ruhe! Deshalb nehmt auch die Folgen hin!« »Die Bestie droht noch!« schrie ein Soldat. »Das für dich, du Giftkröte!« Er zielte auf seinen Kopf und drückte ab, aber die Kugel zischte ihm dicht am Ohr vorbei und schlug in einen Brotfruchtbaum. Da hatte sich auch der alte Häuptling schon auf ihn geworfen. In der Hand schwang er ein kleines Handbeil und traf damit die Stirn des Unglücklichen. Mit einem Röcheln brach der Mann leblos zusammen. »Nieder mit den Verrätern! Hierher, zu Hilfe!« schrien die Franzosen. Einzelne Schüsse fielen aus dem benachbarten Orangendickicht. Eine Schar Franzosen stürmte den Weg herauf. Da stellte sich ihnen eine Gruppe Eingeborener aus dem Dickicht in den Weg. Sie hatten blitzende, bajonettbewehrte Musketen in der Hand und schossen mitten in den Schwarm der neuen Angreifer. Gleichzeitig ertönte ein gellender Kriegsschrei, der von allen Seiten beantwortet wurde. Die Franzosen merkten, daß sie es mit einem weit überlegenen Feind zu tun hatten. Sie rückten eng zusammen und beschränkten sich auf eine Verteidigung. Die Gewehre wurden noch einmal abgefeuert, die Unbewaffneten in die Mitte genommen und die Bajonette vorgehalten. So zogen sie sich langsam den Pfad zum Strand hinab. Die Insulaner waren über das vergossene Blut zu aufgebracht, um jetzt einzuhalten. Voller Wut warfen sie sich ihnen mit Todesverachtung entgegen, und manche schwere Wunde wurde auf beiden Seiten gegeben, ehe die Franzosen wieder den offenen Strand erreichten. Hier fanden sie Unterstützung durch ihre Kameraden. Gemeinsam wollten sie einen Gegenangriff durchführen, um auch die zurückgelassenen Verwundeten zu bergen. Aber sie trafen auf weit mehr als nur einfachen Widerstand. Es war der endlich losgebrochene Grimm eines mißhandelten Volkes. Mit dem alten Fanue an der Spitze, der schon aus vier oder fünf Wunden blutete, warfen sich die Eingeborenen dem viel besser bewaffneten Feind erneut entgegen. Über diese wütenden Angriffe waren die Franzosen so erschrocken, daß sie sich schließlich in ihre Boote flüchteten und zum Schiff zurückkehrten. Als die eigenen Leute nicht mehr im Weg standen, eröffneten die Bordkanonen das Feuer. Schnell zogen sich die Eingeborenen in den Wald zurück, und die Korvette lichtete ihre Anker, um so schnell wie möglich nach Papeete zurückzukehren. An Toten und Verwundeten hatten die Franzosen in diesem ersten Kampf zwischen vierzig und fünfzig Mann verloren. Fast alle Toten und viele Verwundete blieben in der Gewalt der Feinde. Als die Nachricht in Papeete eintraf, schickte man sofort einen Kriegsdampfer und die »Jeanne d'Arc« in die Bucht. Aber die Eingeborenen um Papeete erfuhren durch Läufer noch schneller von dem Kampf und griffen ebenfalls zu den Waffen. Sie versammelten sich in größeren Mengen in der Nähe der Stadt, und man erwartete jeden Augenblick den Ausbruch des Kampfes. Die Lage der Franzosen wurde unangenehm. Auch die »Uranie« hatte mit mehreren anderen Kriegsschiffen den Hafen verlassen, um den Westwind auszunutzen und die Marquesas zu erreichen. So war die Besatzung der Stadt fast allein auf sich gestellt und war sich der drohenden Gefahr voll bewußt. 27. Der Abschied Die Lage der Dinge war jetzt so entwickelt, daß sich René in seinem Haus vor der Stadt nicht mehr sicher fühlte. Aber Sadie wollte nicht nach Papeete. Monsieur Belard hatte ihnen schon ein kleines Gebäude, das auf seinem Grundstück leer stand, angeboten. Aber der Gedanke an die Fremden und die Stadt erfüllte Sadie mit Furcht. Sie fand dabei einen Bundesgenossen in dem alten Mr. Nelson, dem sie ihr Herz ausgeschüttet hatte. Der wackere Missionar tröstete sie nicht nur, sondern bot ihr ein Mittel an, um ihre Wünsche zu verwirklichen. Er hatte den Auftrag des jetzt leitenden Missionars, Mr. Rowe, erhalten, nach Atiu zu gehen. Ein vor wenigen Tagen eingelaufener englischer Walfänger sollte sie mitnehmen. Jetzt kam Mr. Nelson zu Sadie und René, um ihnen das Angebot zu machen, sie mit ihren Sachen mitzunehmen. Er hatte schon die Zustimmung erhalten, daß ihn Bruder Ezra begleiten durfte. Er zweifelte dabei auch nicht, daß man René von seinem Wort entbinden würde. Das würde allerdings kaum sofort geschehen, und Sadie erschrak bei dem Gedanken, sich für kurze Zeit von René trennen zu müssen. Aber die Gelegenheit war günstig, und bei Kampfbeginn waren sie wirklich gefährdet. Durfte sie ihren Mann aber allein lassen und nach Atiu zurückkehren? Sie hatte sich das anders vorgestellt und schon ausgemalt. Auch René sträubte sich gegen den Gedanken, Frau und Kind vorausziehen zu lassen. Er wußte aber auch, daß es in dieser Zeit schwer wurde, eine andere passende Gelegenheit zu finden. Deshalb wollte er noch einen letzten Versuch unternehmen, um vom Gouverneur die Erlaubnis zu erhalten, seine Familie begleiten zu dürfen. Der Gouverneur befand sich aber nicht in Papeete, sondern war mit einer Dampffregatte selbst nach Tairabu gegangen. Man nahm an, daß er anschließend eine Rundreise zu den anderen Inseln machen wollte. Sein Sekretär konnte keine Entscheidungen treffen und bat den jungen Mann, noch vierzehn Tage zu warten. Er konnte ihm aber versichern, daß der Gouverneur selbst schon erwähnt hatte, daß man die ganze Untersuchung fallenlassen wollte. Nach seiner Rückkehr stände Renés Abreise bestimmt nichts mehr im Weg. Das zerschlug zwar seine Hoffnungen, mit dem Walfänger am nächsten Tag die Insel zu verlassen. Er entschloß sich aber, die Abreise seiner Familie nicht weiter hinauszuzögern. Er besprach mit dem Kapitän das Verladen seiner Sachen. Man wollte mit den vier Walfängerbooten alles abholen und dann nach Atiu segeln. Langsam ging er zu seinem Haus zurück, in dem er nun die letzte Nacht verbringen sollte. Die letzte Nacht – es liegt ein eigentümlicher Zauber in diesem Wort, wenn wir einen lange bewohnten und liebgewonnenen Platz verlassen sollen. Wir drängen und treiben, bis wir den Boden verlassen können, der uns vielleicht schon einige Monate unter den Füßen brennt. Dann ist es soweit, die Welt liegt frei und offen vor uns, und wir werden von einem unerklärlichen Gefühl voller Reue ergriffen. Wir stehen und zögern, und der Fuß ist schwer geworden. Man sagt sich, daß man den Platz vielleicht zum letztenmal betritt, und der Gedanke an das Unbekannte vor uns ist es, der uns den Tag so schwer macht. Wieviel stärker muß das Gefühl da sein, wo sich das Herz noch mit allen Fasern an die Erinnerung lieber Plätze klammert und nicht loslassen will. Als er den offenen Platz erreichte, blieb auch René in ernstem Schweigen stehen. Was war seit seiner Ankunft alles geschehen! Aber die trüben Gedanken wurden schnell durch den fröhlichen Jubelruf seines Kindes verscheucht. Bis spät in die Nacht saßen die Eheleute noch zusammen und plauderten. Am anderen Morgen waren die Walboote schon da und mußten bald eine halbe Stunde warten, ehe die Sachen zusammengerollt und geschnürt bereitlagen. René behielt nur wenig für sich zurück. Um zehn sollten die Boote zurück sein, weil dann der Westwind einsetzte. Sadie konnte mit ihrem Kind gleich von hier aus an Bord gehen. Sie standen noch und sahen den Booten mit ihren Sachen nach, als sie den Missionar Rowe durch ihren Garten kommen sahen. »Welchem glücklichen Zufall habe ich die Ehre dieses Besuches zu verdanken?« begrüßte ihn René kalt. Sadie schauderte zusammen. Immer wenn dieser Mann zu ihr kam, brachte er ihr Leid. »Nicht Zufall, Bruder, aber du und deine Frau stehen heute an einem – Abschnitt eures Lebens. Da soll das fromme Wort eines Mannes, der es gut und redlich mit euch meint, nicht fehlen.« »Ich glaube, dafür haben Sie mir wirklich einen Beweis geliefert!« unterbrach ihn René. »Lassen Sie die Zeit, die hinter uns liegt. Heben Sie Ihr Auge zu Gott und seinen Werken«, sagte er ernst und feierlich. »Was ich getan habe und wie ich gehandelt habe, liegt offen vor Gott. Er nur prüft die Herzen, und siehe da, vor seinem Auge ist kein Verbergen!« René wollte sprechen, aber der leise Druck von Sadies Hand lag bittend auf seinem Arm. Der Geistliche schritt auf Sadie zu, nahm die Hand der jungen Frau und sprach: »Lasset uns beten, daß Gott sein Gedeihen gebe zu dieser Reise und seinen Segen dir, meine Tochter, schenke!« Damit führte er die etwas erstaunte Frau in das Haus, um dort ungestört Augen und Herzen zu Gott erheben zu können. René blieb erstaunt über das Verhalten des Missionars zurück. Dann schüttelte er den Kopf und nahm halb lachend, halb ärgerlich sein Kind auf den Arm. Er spielte mit ihm am Strand, bis nach kurzer Zeit Mr. Rowe zurückkam. Er war aber nicht der Mann, der einen Ort verlassen hätte, ehe er es selber für angebracht hielt. Denn jetzt wandte er sich in einer langen Ansprache an den jungen Mann. René wollte seine Frau nicht kränken, sonst hätte er dem für ihn langweiligen Gespräch bald ein Ende gemacht. Als er aber doch ungeduldig wurde, erzählte Mr. Rowe, daß ihre alte Wohnung auf Atiu wieder hergerichtet wurde. Das Dach war neu gedeckt, das Haus gereinigt und gelüftet. Sadie könne es nach ihrer Ankunft gleich beziehen. »Sie haben unser Haus hergestellt? Und wer hat Sie darum gebeten?« rief René erstaunt aus. »Aber, René!« beschwor ihn seine Frau. »Gebeten? Niemand, das habe ich aus freiem Antrieb getan. Seit jener Nacht, wo die fatale Sache mit der französischen Wache geschah, wußte ich, daß es Ihr sehnlichster Wunsch war, wieder nach Atiu zurückzukehren. Es ist auch wohl das beste für Sie beide, in den Frieden der Insel zurückzugehen.« René fühlte, wie der Geistliche sich wieder in sein Familienleben mischte. Als ihm Sadie für seine Sorge danken wollte, ergriff er ihren Arm und zog sie zurück. »Laß das, Sadie. Der Herr da meint's vielleicht gut und ich will auch gern Vergangenes vergessen. Aber damit, hochwürdiger Herr, habe ich auch alles getan, was ich kann, und ich muß Sie ernsthaft bitten, sich nicht um irgend etwas mehr zu kümmern, was mich, Sadie oder mein Haus betrifft!« »Herr Delavigne!« rief der Geistliche, und ein Blitz aus seinen grauen Augen traf den Franzosen. »Sie gehen zu weit! Prudentia ist Protestantin, und das Heil ihrer Seele fordert der Herr vielleicht einmal von mir!« Ein spöttisches Lächeln zuckte in Renés Gesicht. »Es ist genug. Ich habe keine Lust, mich jetzt noch in religiöse Spitzfindigkeiten einzulassen. Sie wissen, daß Sadie mich bald verläßt. Es sind noch einige Dinge zu besprechen – ich hoffe, Sie verstehen mich!« »René!« bat seine Frau erneut mit leiser Stimme. »Zum Teufel, der Herr hier weiß, wie wir miteinander stehen, und sollte es vermeiden, Szenen zu erneuern, die für beide Teile unangenehm sein könnten. Ich brauche seine Einmischung nicht, ich verlange sie nicht und werde sie auch nicht dulden!« »Herr Delavigne, Sie trotzen mit einer Macht, die Ihre Landsleute gerade besitzen!« rief der Geistliche jetzt auch gereizt. »Ich trotze auf die Macht, die mir mein Hausrecht gibt«, antwortete René. »Ich dachte, Sie wären mir zum Dank verpflichtet, und bedaure, mich geirrt zu haben.« »Er hat es gut gemeint, René!« »Die Minuten verfliegen, in kurzer Zeit kann das Boot dasein, Sadie.« »Ich sehe, wie es steht. Gottes Wort ist überflüssig, wo der Stolz der Welt die Zügel führt und dem Verderben entgegeneilt. So lebe denn wohl, Prudentia. Die Stunde schlägt, die dich dem stillen, freundlichen Inselreich wieder zuführt. Möge auch geschehen, daß sie dich wieder zu Gottes Vatershuld führt. Bete zu ihm, daß er dir gnädig deine Sünden vergibt. Behalte ihn im Herzen, er ist das Licht und das Heil und die Hoffnung der Gläubigen in aller Ewigkeit, Amen.« Mit diesen Worten nahm er Sadies Kind auf, küßte und segnete es und gab es der Mutter zurück. Dann ging er durch den Garten. Sadie lehnte sich an René und flüsterte: »Oh, René, du hast mir sehr weh getan mit deinen heftigen Worten....« »Laß ihn gehen, mir ist ein Stein vom Herzen genommen, wenn er weg ist!« sagte René aufatmend. »Ist er wirklich gegangen?« sagte da eine Stimme dicht neben ihnen. Als sie überrascht aufsahen, kam Aia, das wilde, schöne Mädchen, hinter einem Orangenbusch hervor. »Aia! Wo warst du denn die ganze Zeit? Hast du nicht mehr an Sadie gedacht?« »Ich wollte, ich müßte nicht immer an dich denken!« »Mach ihr nicht das Herz noch schwer, Aia!« sagte René. »Du mußt uns noch Vorwürfe machen, nicht wahr, du nichtsnutziger Wi-wi? Aber warte nur, die Strafe bleibt nicht aus, und dann denke an mich! Ich werde dir in deinen – Träumen erscheinen und dich quälen und martern!« »Was ist denn mit dir los?« lachte René. »Ich kann doch nichts dafür, wenn die Kriegsschiffe euer Volk überfallen. Trage ich die Schuld an dem vergossenen Blut?« »Das zum Glück nicht auch noch!« sagte Aia. »Aber genug davon. Ich bin nicht zu dir gekommen, falscher Ferani, sondern zu deiner Frau. Ich will mein Wort einlösen, das ich ihr einst gegeben habe.« »Dein Wort, Aia?« »Habe ich dir nicht gesagt, daß ich zu dir kommen werde, wenn dich alle verlassen haben, und daß wir dann zusammen lachen und tanzen und singen werden?« »Ach, du komisches Mädchen, wie kommst du denn auf diese Gedanken?« »Gehst du nicht zurück nach Atiu?« »Allerdings gehe ich dorthin.« »Und René geht mit dir?« »Allerdings.« »Jetzt gleich? Auf einem Schiff?« »Wenn auch nicht jetzt in einem Schiff, doch sobald ich von hier weg darf, Aia!« sagte René. »Wer soll dich halten wollen? Wir bestimmt nicht!« »Nein, ihr nicht, aber meine Landsleute. Und alles wegen einem Streich, den ihr begangen habt.« »Ja, ihr helft euch untereinander, wo ihr könnt. Aber weg mit dir, ich bin nicht zu dir gekommen. Nimmst du mich mit, Sadie?« »Nach Atiu?« rief Sadie rasch und freudig. »Wohin du gehst«, sagte das wilde Mädchen leise und herzlich. »Willst du denn deinem tollen Leben entsagen? Willst du bei mir bleiben?« »Wohin du gehst!« »Aber Aia, wenn du mitreisen willst, wo sind denn deine Kleider und deine Matte? Das Boot wird gleich kommen!« Aia errötete und schüttelte den Kopf. »Ich brauche nichts! Eine Matte finde ich auf Atiu, und die Brotfrucht ist da süßer als hier.« »Ich habe Matten genug für dich, Aia«, sagte Sadie herzlich. »Ich weiß, du bist gut. Aber ich hatte selber eine Matte. Nur gestern und vorgestern schlief ich bei der alten Hexe im Haus, die sie Mütterchen Tot nennen, und die behielt mir für Schlafen und... aber wozu auch..., ich brauche nichts«, setzte sie unwillig hinzu. »Aia...« Das Mädchen drehte ihren Kopf beschämt zur Seite, aber ihr Blick fiel auf ein weißes Segel, das eben über der Landspitze sichtbar wurde. Von vier kräftigen Matrosen gerudert, kam ein Boot durch das Binnenwasser herüber. Wie ein Messer stach es in Sadies Herz. Das war das Boot, das sie von René trennen sollte. Sie wurde bleich, und Aia sprang hinzu, um sie zu unterstützen. »Sadie, Sadie!« bat René, der rasch seinen Arm um sie schlug und sie an sich zog. »Es sind nur wenige Wochen, vielleicht nur Tage. Die Zeit wird rasch vorübergehen. Grüße mir mein Atiu inzwischen!« »René!« weinte sie an seinem Hals und schmiegte sich an ihn. Aia stand daneben, und auch ihr liefen die Tränen hinunter. Aber sie sprach kein Wort, hatte die Arme krampfhaft über der Brust gekreuzt und sah regungslos zu der Gruppe. Auf einen Wink Renés trug das Mädchen, das mit Sadie nach Atiu sollte, das letzte Gepäck zum Strand. Dann küßte er Sadie auf die Stirn und tröstete sie. »Was sollen nur die Matrosen denken, Sadie. Komm, wisch die Tränen ab... aber was ist mit dir?« »Nichts!« flüsterte Sadie leise und versuchte, sich aufzurichten. »Es ist gut!« René rief laut und freudig: »Da drüben beginnen wir ein neues, schönes Leben. Wirf den Kummer von dir ab, da sind die Leute, und der Bootsmann winkt schon ungeduldig und zeigt nach dem Schiff. Wir dürfen jetzt nicht länger zögern, leb wohl, Sadie!« Wieder warf sie sich an seine Brust, aber es war nur ein Moment. Dann griff sie nach ihrem Kind und reichte es ihm. »Da, küß dein Kind noch einmal!« flüsterte sie ihm zu. »Aber Sadie, du quälst dich, als wäre es eine Trennung für Jahre, fasse dich, mein Lieb!« »Küsse dein Kind«, hat seine Frau, »und nun, leb wohl, René.« Sie war wieder völlig ruhig, wenn auch tränenüberströmt. »Liebe Sadie »So, nun gut, mein Kind, komm, nach Atiu...« Sie lächelte unter Tränen und nahm die Kleine auf. Noch einmal hingen ihre Lippen in einem langen Kuß an denen Renés, dann riß sie sich von ihm los und lief zum Boot. »Segel auf, da vorn!« rief der Bootsmann, der die Abschiedsszene mit spöttischem Lächeln betrachtet hatte. »Aufgepaßt mit dem Bug, daß wir nicht auf den Sand kommen. Alles klar?« »Halt, die Walhine da soll auch noch mit!« rief einer der Leute. »Wetter über das ganze Frauenvolk, wird eine schöne Fahrt werden!« brummte der Walfänger. »Leb wohl, Aia!« rief ihr René freundlich nach, aber sie kümmerte sich nicht um ihn. Ihr Blick hing an dem schmerzlich verzerrten Gesicht Sadies. Dann stieß das Boot ab, die Riemen wurden eingesetzt, und der Bug des schlanken Fahrzeugs flog herum. Das Segel schlug heftig gegen den schwankenden Mast, blähte weit aus in der frischen Brise, und dann spritzte der Schaum zu beiden Seiten des Bootes vorm Bug. »Joranna, René, Joranna!« rief ihm Sadie zu und winkte mit der rechten Hand. In der anderen preßte sie das Kind an sich. Jetzt hatte es schon das Schiff erreicht, das Segel fiel, und René konnte deutlich die Leute erkennen, die an der Seitenwand entlangliefen. Das Boot stieg empor, die Rahen flogen herum, und eine frische Brise blähte das große Segel. Bald darauf war der Walfänger schon am Horizont verschwunden. 28. Die Schlacht von Mahaena René ging langsam zur Stadt zurück und betrat das Haus des Franzosen Victor. Hier wollte er seinen Kummer mit einer Flasche Wein wegschwemmen. Er setzte sich in die entfernteste Ecke und stürzte einige Gläser Claret hinunter. So hatte er eine Stunde gesessen, die Flasche stand leer vor ihm. Da klopfte ihm eine Hand derb auf die Schulter, eine fröhliche Stimme rief seinen Namen. Er sah langsam auf, sprang aber im nächsten Augenblick von seinem Sitz auf. »Adolphe! Mein lieber Freund, wo kommst du denn her? Zehntausendmal willkommen auf Tahiti?« »Und wie geht es dir? Gefällt es dir hier, und bereust du dein Weglaufen nicht?« »Bereuen?« René lächelte. »Ich habe alles hier, was das Menschenherz nur verlangen könnte, und sollte bereuen? Aber du spielst Maskerade, oder ist es Sitte geworden, die französische Uniform zu tragen? Was tut ein Walfänger in der Offiziersuniform?« »Pest!« lachte Adolphe. »Ich hatte das Leben ebenfalls satt, und da uns hier gute Kräfte fehlen, hielt ich den Zeitpunkt für geeignet, meine alte Karriere wieder aufzunehmen. Hol der Teufel die Freiheit an Bord eines Walfängers! Durch Du Petit Thouars selbst, den ich von früher kenne, wurde ich eingestellt.« »Seit wann bist du hier?« »Seit drei Tagen, aber wie mir gesagt wurde, bist du nach Atiu zurückgegangen. Desto besser, daß ich dich hier noch getroffen habe. Ich wäre sonst aber noch hinübergefahren, um dich zu treffen. Mensch, ist es möglich, du bist verheiratet und sogar Familienvater?« »Ich fühle mich dabei glücklich!« sagte René. »Und was willst du jetzt auf Atiu?« »Dort bleiben.« »Du willst dich mit achtundzwanzig Jahren in einem Kokospalmenwald vergraben und fertig mit der Welt sein? Mensch, bist du denn wahnsinnig, oder hast du die Lektionen an Bord des ›Delaware‹ noch nicht vergessen? Ein eingeborenes Mädchen? René, ich fürchte fast, du hast dir selber einen bösen Streich gespielt, und ich habe dir vielleicht nicht einmal einen guten Dienst geleistet, als ich dir bei deiner Flucht half.« »Du kennst Sadie nicht«, sagte René und lächelte. »Sie ist nur von Geburt eine Eingeborene, sonst aber ganz in europäischen Sitten und Gebräuchen aufgezogen.« »Desto schlimmer für sie. Ich habe darüber auch schon manches munkeln gehört. Aber warum zum Teufel bleibst du nicht wenigstens in Papeete? Hier hast du doch einen Wirkungskreis und eine Tätigkeit, auf Atiu versauerst du. Zehn Jahre dort machen dich untüchtig für irgendeinen menschlichen Beruf!« »Lieber Adolphe, die Verhältnisse bestimmen den Menschen. Sadie fühlte sich hier nicht glücklich zwischen den Europäerinnen und...« »Ich denke, sie hat eine europäische Erziehung bekommen, wie paßt das zusammen?« »Ich... ich selber fühlte, daß wir dort drüben viel freier und ungehinderter leben würden«, entgegnete René ausweichend. »Ungehinderter? Das glaubt der Teufel«, lachte Adolphe. »Wer sollte euch stören? Wenn da nicht zufällig einmal ein Walfänger anlegt... aber, apropos, René, weißt du denn, daß Kapitän Lewis' Tochter auf Tahiti und sogar in Papeete ist?« René fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg. Er drehte sich rasch ab, um nach einer neuen Flasche Wein zu rufen. »Ich weiß es«, sagte er gleichgültig. »Ich habe sie hier auf einem Ball kennengelernt. Sie wohnt jetzt bei Belards, aber, Adolphe...« Er zog den Freund zu sich herunter. »Nicht wahr, du bleibst jetzt hier auf den Inseln?« »Zumindest einige Zeit, solange es etwas zu tun gibt.« »Wenn du erst einmal einige Zeit hier bist, wird es dir noch besser gefallen«, sagte René und lächelte. »Vielleicht machst du es dann mir nach, und wir werden Nachbarn. Adolphe, diese Inseln sind ein wirkliches Paradies.« Adolphe schüttelte mit dem Kopf. »Auf Dauer möchte ich es doch nicht mit dir teilen«, sagte er ernster. »Nach einem langen und langweiligen Kreuzzug durch die Meere, nach Eis und Schneegestöber da oben in den unwirtlichen Regionen, nach Entbehrungen und Strapazen tut es sicherlich gut, wenn man kurze Zeit unter Palmen ausspannt. Aber hier bleiben, wohnen, heiraten? Eine Existenz hier gründen? Nein, ich glaube, das hielte ich nicht aus.« »Was könnte das Herz denn mehr verlangen, als es hier vorfindet?« »Mir würden Entbehrungen, Tätigkeit, mit einem Wort, Leben fehlen! Ich würde vergehen, wenn ich nichts zu tun hätte. Nein, René, auch wenn du es dir vorlügen willst, daß du glücklich bist, ich kann es nicht glauben und dir auch nicht wünschen. Du hast die Welt gesehen und warst in Paris der Schwarm der Gesellschaft. Du willst jetzt deine Heimat in einer Bambushütte gefunden haben? Unsinn, René. Geh wieder hinüber nach Atiu. Dort lebst du noch ein Jahr und springst dann wieder an Bord eines Walfängers, wenn du auf keine andere Weise wegkommst, oder du bist elend und unglücklich.« »Nein, Adolphe, du hast unrecht!« rief René. Er war aufgesprungen und lief im Zimmer auf und ab. »Du hast unrecht, und ich werde es dir beweisen. Ich habe dir schon früher gezeigt, was ich durchsetzen kann, und auch damals hast du es für unmöglich gehalten.« »Armer René, mit diesen Worten gestehst du mir schon, daß du dich irrst. Ich weiß, daß du im Augenblick einer Gefahr alles einsetzen kannst und deinen Mann stehst. Ich glaube nicht, daß dich irgendeine Schwierigkeit oder Gefahr von einem gefaßten Vorsatz abhalten kann. Hier aber, wo es darauf ankommt, durch zähes, geduldiges Ausharren ein Ziel zu erreichen, gäbe es keinen unpassenderen Gesellen dazu als dich. Zwingst du dich, so gehst du daran zugrunde, denk an mich!« Wilder Lärm unterbrach sie von draußen. Die Leute sprangen durcheinander, und einzelne Rufe wurden laut. Die beiden Männer waren zur Tür geeilt, um zu sehen, was es gab. Da tönten die scharfen Schläge einer Trommel. »Es scheint ernst zu werden, die Trommel ruft uns auf die Sammelplätze. Wo sehen wir uns wieder, René?« »Heute abend hier!« »Gut, ade solange!« Damit trennten sich die Freunde wieder. Während Adolphe davoneilte, sah René ihm nach, bis er hinter einer Wegbiegung verschwand. Aufseufzend wandte er sich ab, als er seinen Namen rufen hörte. Er erkannte Lefevre, der auf ihn zukam. Der früher so muntere Nachbar sah aber sehr verändert und angegriffen aus. Er trug den einen Arm in der Binde und war bleich und abgemagert. Auch sein Blick hatte etwas Feindliches. »Hallo, Lefevre, wie sehen Sie denn aus? Sind unsere Truppen schon mit den Eingeborenen zusammengetroffen, daß Sie verwundet sind?« »Hier noch nicht!« sagte Lefevre. »Aber jetzt geht es los. Ich will nur meinen Säbel und die Pistolen holen, um als Freiwilliger den Spaß mitzumachen.« »Mit dem Arm in der Binde? Sie sollten froh sein, daß Sie eine Entschuldigung haben, um nicht gegen die Eingeborenen kämpfen zu müssen. Gehören wir beide nicht zu ihnen?« »Zu den Halunken?« rief Lefevre mit einem wilden Fluch. »Der Teufel soll sie alle holen! Es gibt nicht eher Frieden, bis wir die eine Hälfte totgeschlagen und die andere in ihre Bergschluchten gejagt haben! Die Pest über alle, aber jetzt machen die Burschen Ernst!« »Doch nicht hier in Papeete?« sagte René. »Nicht gerade in der Stadt, aber in Mahaena haben sie sich verbarrikadiert und einen Trupp Soldaten, der sie vertreiben sollte, mit blutigen Köpfen nach Hause geschickt. Eben kam die Nachricht, und jetzt soll ein Bataillon aufbrechen, um ihnen zu zeigen, mit wem sie es zu tun haben. Kommen Sie mit, René, wir machen einen kleinen Spaziergang hinunter und helfen, die Burschen in die Berge zu jagen.« René schüttelte den Kopf. »Ich habe in dem Kampf nichts zu tun, meine Landsleute mögen das unter sich ausmachen.« »Sie werden doch nicht zusehen wollen, wie wir uns schlagen?« »Warum nicht? Solange ich kein Interesse dabei habe!« »Und wenn sie uns hier in der Stadt angreifen?« »Sie haben doch eben noch geglaubt, daß sie noch nicht einmal einem Bataillon standhalten können!« »Der Teufel traue den Schuften! Manchmal sind sie zäh und werfen sich mit ihren nackten Körpern gegen die Bajonette!« »Sie verteidigen ihr Vaterland, das ist die beste Sache, die man verteidigen kann«, sagte René ernst. »Meinetwegen, aber ich habe nun einmal einen besonderen Haß auf sie!« Er schnallte rasch seinen Säbel um, den er sich aus einer Ecke geholt hatte, und verließ das Haus mit schnellen Schritten, um sich dem Trupp anzuschließen.   Seit der Zeit der Religionskriege schien die Sonne Tahitis zum erstenmal wieder auf ein kriegerisches Bild. Zwischen den leicht gebauten Bambushütten von Mahaena, kaum zwölf englische Meilen von Papeete entfernt, hatten sich die Häuptlinge mit ihren Kriegern versammelt. Unter Anleitung irischer und englischer Matrosen wurden auf den Hängen Befestigungen aufgeworfen. Viele der hier angesiedelten Europäer unterstützten die Eingeborenen gegen die Franzosen. Unter ihnen befanden sich auch Jack und Jim O'Flannagan. Ihnen war der Aufenthalt in Papeete nach dem Zusammentreffen mit dem Leutnant der »Jeanne d'Arc« zu heiß geworden. Gemeinsam hatte man Mahaena ziemlich befestigt und dafür sogar einen Erdwall aufgeworfen. Darauf standen starke Palisaden, aus den zackigen Ästen der Guiaven aufgeschichtet. Damit war das kleine Fort gegen einen Bajonettangriff gut gesichert. Gleichzeitig sollte der Ort als Sammelpunkt für alle Aufständischen gelten, um von hier aus nach Papeete zu marschieren. Aber die Franzosen wollten den Eingeborenen nicht soviel Zeit lassen. Zwei Schiffe wurden in die Nähe beordert und brachten Truppen an Land, die aber noch nicht angriffen. Man wartete die Ankunft der Truppen aus der Stadt erst ab. Bunt gemischt saßen die Europäer mit den Einheimischen im Fort zusammen und aßen. Unter ihnen war auch der riesige Neger Pompey, der vor einigen Tagen einige Franzosen übel zugerichtet hatte. Auf einem entfernten Teil der Verschanzung hatte der ehrwürdige Bruder Dennis seine Gemeinde um sich versammelt und hielt ihnen eine besondere Predigt. Überall waren Äxte, Schwerter, Keulen, Wurfspeere, Infanterie- und Kavalleriesäbel aufgestellt, dazu Musketen zu Pyramiden. Das gab dem Bild ein kriegerisches Aussehen, wenn auch alles ungeordnet lag und niemand den Oberbefehl zu haben schien. Da ertönte plötzlich eine Trommel, und eine jauchzende Mädchenstimme rief laut: »Horch!« Es war Maire, die noch nicht wieder ihre volle Haarlänge hatte. Aber sie schien alles nachholen zu wollen, was sie früher verpaßt hatte. Trotz der Gegenwart des Missionars stand sie auf und begann laut zu singen: »Horch! Horch wie der Trommel Schlag wirbelt der Brandung nach, horch! Lauert der Feind auch schon, Herzchen, ich komme schon. Horch!« Damit begann sie in wilden Bewegungen den Nationaltanz, obwohl sie mehrere davon abhalten wollten. Aonui rief ihr zu: »Denk an deinen Gott, Mädchen, wer weiß, ob du nicht schon bald vor seinem Richterstuhl stehst!« »Ich?« schrie das Mädchen und jubelte erneut auf. Dann riß sie sich das Oberkleid von den Schultern und begann erneut: »Bah! Heut ist ein Jubeltag, hörst du der Trommel Schlag? Da? Hei, wie der Wirbel rollt! Betet so viel ihr wollt, da!« Jubelnd fiel der ganze Chor ein, Männer und Frauen. Die einzelne Trommel, die irgendwann einmal von einem Schiff eingetauscht wurde, schlug rasselnd den Takt. Auch das zürnende Gebet des Missionars konnte es nicht übertönen. Der fromme Aonui begann, gemeinsam mit einigen um ihn herum, Kirchenlieder zu singen. Lauter und stärker wurde sein Chor und dröhnte in den wilden Gesang. Die Tänzer standen still und lauschten den Tönen, und selbst der Trommler hörte auf zu schlagen. Alle lauschten dem frommen Lied, als plötzlich ein gellender Schrei alles übertönte: »Der Feind – der Feind!« Die Sänger ließen sich noch nicht davon stören, während einzelne den Ruf aufgriffen. Dringender, gellender setzte sich der Ruf durch die Reihen fort, von unten herauf tönten die scharfen, schmetternden Töne der Trompete, und dumpfer Trommelschlag wirbelte dazwischen. Wachen kamen von den Verschanzungen und meldeten, daß der Feind in zwei starken Kolonnen anrückte und sich zum Sturm auf das Fort rüstete. Alles drängte durcheinander und lief zu den Waffen. Da kam schon der erste Gruß von den Schiffen herüber. Die »Uranie« und der Dampfer schossen ihre Kugeln in voller Flankensalve herüber. Sie gruben sich teilweise in den Wall oder schlugen hinter ihnen krachend in die Guiavenbäume. Einen Augenblick stand die Schar erstarrt. Es war bei fast allen das erstemal, daß sie die furchtbare Wirkung einer Kugel beobachten konnten. Jim O'Flannagan hatte seine Zeit genutzt und ein kleines Mittagsschläfchen gehalten. Jetzt sprang er auf und rief ein donnerndes Hurra den feindlichen Kugeln entgegen. Die erfolglose Salve und der herausfordernde Ton des Iren fanden Anklang bei den mutigen Kriegern. Der Schlachtenschrei brach laut heraus, gut eintausend Krieger ließen das Tal mit ihrer Stimme erzittern. Nur die Hälfte von ihnen war mit einem Gewehr bewaffnet, die anderen führten noch die alten hölzernen Speere, Schleudern und Wurfspeere. Dafür gab ihnen ihre feste Stellung Vorteile, und mit ungeduldigem Mut erwarteten sie den noch immer hinausgezögerten Angriff. Schmetternder Trompetenschall tönte herauf, von den Schiffen blitzte es wieder in langer, zuckender Reihe. Prasselnd hagelte erneut ein eiserner Kugelgruß gegen die kleine Festung, wo er mit trotzigem Jubelruf empfangen wurde. »Da kommen sie!« rief Pompey, der große Neger. »Hurra, und haltet das Feuer zurück, bis sie aus den Büschen herauskommen und im Freien sind. Keinen Schuß oder Speerwurf, wenn ihr nicht den Mann schon fast mit der Spitze erreichen könnt!« »Für die Bibel! Für die Bibel!« schrie Aonui auf der anderen Seite. Er hatte wirklich seine Bibel im linken Arm und drückte sie fest an die Brust. Mit der Rechten schwenkte er seine Muskete. »Für die Bibel, ihr Streiter Gottes, der Herr ist mit uns und wird die Feinde zerstreuen wie Spreu vor dem Winde!« Jim stand nicht weit von ihm entfernt und brummte etwas in den Bart. Der ehrwürdige Mr. Dennis hatte die meisten Frauen um sich versammelt und betete inbrünstig auf den Knien. Näher und näher wirbelten die Trommeln, schmetterten die Hörner der Angreifer. Nicht weit vom Fort wurden mehrere Feldkanonen aufgestellt und begannen ein lebhaftes Feuer auf den Wall. Sie richteten aber keinen großen Schaden an, sondern rissen nur einige der Guiaven-Palisaden ein und verwundeten einige der Umstehenden leicht. Jetzt rückte eine Kompanie Marineinfanterie zusammen mit den Soldaten des »Phaeton« und der »Uranie« geschlossen heran. Wo sich ein Kopf auf der Palisade zeigte, wurde geschossen. Man wollte die Eingeborenen zurückhalten, bis der Wall erreicht war. Pompey hatte sein dunkles Gesicht hinter einem dichten Guiavenbusch versteckt und beobachtete die Angreifer. Er hatte etwa fünfzig mit Musketen bewaffnete Männer unter seinem Befehl. Er hatte ihnen den ganzen Morgen das Laden beigebracht. Außerdem zeigte er ihnen die Vorteile von bequemen Patronentaschen. Als die erste Kolonne im Sturmschritt den steilen Hügel hinauflief, warf er mit gellendem Schrei seinen Arm empor. Eine wirkungsvolle Salve schlug den Angreifern entgegen, sie prallten zurück. Aber nur einen Augenblick zögerten sie, dann liefen sie mit wildem, zornigem Hurra weiter, feuerten rasch ihre Gewehre ab und warfen sich auf die Schanzen, um den Wall im Sturm zu nehmen. Einen gleichen Anprall mußte auch Aonui abhalten. Bei ihm waren aber die meisten Europäer und empfingen den Feind ebenfalls mit wohlgezielten Schüssen. Auch hier gingen die Franzosen nach kaum gezielten Schüssen zum Bajonettangriff über und warfen sich tollkühn gegen die Schanzen. Jetzt zeigte sich aber der Vorteil der Guiaven, aus denen die Palisaden hergestellt waren. Die knorrigen, aber schwachen Äste boten keinen Halt. Wer sich daran festklammerte, mußte feststellen, daß die Zweige nachgaben, ohne zu brechen. Wie in einer Falle steckten die ersten Soldaten zwischen dem zähen Holz, und die Speere der dahinterstehenden Männer fanden leicht ihre Opfer. Einzelnes Musketenfeuer prasselte dazwischen. Hier und da hatte sich ein Trupp tollkühner Franzosen eine Bahn zwischen die Feinde erzwungen und auf dem Erddamm Posten gefaßt. Dort aber gingen sie einem gewissen Heldentod entgegen, weil sie den Eingeborenen leichte Ziele boten. Die Feldgeschütze feuerten weiter auf die Stellen, wo sich keine französischen Soldaten befanden. Aber sie standen tiefer als das Fort und konnten nicht viel ausrichten. Die Eingeborenen achteten nicht weiter auf die Kugeln, die draußen harmlos in die Erdwälle einschlugen. Wilder und tödlicher wurde das Handgemenge, besonders da, wo Aonui an Jim O'Flannagans Seite mit wahrem Heldenmut focht. Der alte Mann hatte aber doch die Bibel in der Hitze des Gefechts fallenlassen, ohne es selbst zu bemerken. Eben lud er sein zweimal erfolgreich abgefeuertes Gewehr wieder. Jim kämpfte neben ihm zwar nicht mit so großer Todesverachtung, dafür aber mit mehr Erfolg. Er war nicht gewillt, sein Leben einer unnötigen Gefahr auszusetzen, und hielt sich immer etwas im Rückhalt. Dafür verteidigte er den Platz aber auch sehr entschlossen und gewandt. Er wußte genau, für was er kämpfte, und hatte nicht geglaubt, daß die Franzosen einen derartig ernsten Angriff auf das Fort unternehmen würden. Jetzt konnte er den Kampfplatz nicht mehr verlassen, ohne bei den Eingeborenen als feige zu gelten. Also bemühte er sich, sein Gesicht sowenig wie möglich auf dem Wall zu zeigen, um nur hin und wieder einen Blick auf den Feind zu werfen, ob er nicht seinen gefährlichsten Gegner darunter entdecken konnte. Die Matrosen der »Jeanne d'Arc« waren am Sturm beteiligt, das hatte Jim festgestellt. Von seinem Schuß getroffen, lag ein Matrose tot im inneren Wall. Der Strohhut war ihm vom Kopf gefallen, und das breite schwarze Band trug den Namen des Schiffes. Vergeblich suchte er aber nach dem Offizier. Die Leute der »Jeanne d'Arc« schienen von einem ihm Unbekannten befehligt zu werden. Zwei von ihnen hatte er schon erschossen. Auch Pompey vollbrachte mit seinen Leuten wahre Wunder an Tapferkeit. Die nackten Krieger stürzten sich immer wieder mit kaltblütiger Todesverachtung gegen die Bajonette, um im dichten Kugelhagel ihr Opfer zu suchen. Teraitane hatte den Oberbefehl, aber man hörte seine Stimme in dem Gewirr von Tönen, dem Schießen und Schreien, Trompeten und Trommeln nicht. Als sich der Wind gegen Mittag wieder legte, stand der Pulverrauch wie ein dichter Schleier auf dem Hügel. Damit wurde das Feuern von den Schiffen aus unmöglich, Freund und Feind waren nicht mehr zu unterscheiden. Auch für den Einzelkampf war der Pulverqualm für die Eingeborenen günstig. Die Franzosen konnten von der Schußwaffe erst auf kurze Entfernung Gebrauch machen, wo selbst die leichten Wurfspeere tödlich wirkten und die sicher geschleuderten Steine manches Opfer fanden. Durch den unerwarteten Widerstand verbittert, griffen die Matrosen und Soldaten aber immer wieder an. Bertrand führte wirklich die Seeleute der »Jeanne d'Arc« an, auch wenn Jim O'Flannagan ihn noch nicht gesehen hatte. Adolphe focht mit einer schon sehr zusammengeschmolzenen Gruppe Marineinfanterie an seiner Seite. Dabei waren ihnen die Trompeten und Trommeln eher hinderlich. Sie sollten die Kämpfer anfeuern, verrieten aber dem Feind immer wieder, wo der nächste Angriff stattfinden würde. Deshalb sandte Bertrand auf Adolphes Rat jetzt seine Trommler und Trompeter im Schutz des Nebels den Hang hinunter. Dann sollten sie das Fort etwas umgehen, um dann an einer anderen Stelle einen Scheinangriff zu blasen. Zu gleicher Zeit wollten sie auf der anderen Seite das Fort stürmen. Als die Signale erschallten, sammelten sich auch die meisten Verteidiger auf der Seite, um dem Angriff zu begegnen. Teraitanes scharfes Ohr hatte aber gleich vom ersten Augenblick mißtrauisch den etwas zu lauten und herausfordernden Tönen gelauscht. Während auf der Seite noch immer kein Schuß fiel, entdeckte er die Blöße auf der einen Seite der Verschanzung und rief Aonui mit seinen Leuten zu, auf ihrem Posten zu bleiben und ihre Seite des Walles zu verteidigen. Er brauchte ihnen seine Gründe nicht mitzuteilen, denn im selben Augenblick hörten sie den raschen, regelmäßigen Schritt einer stürmenden Schar, die drohend heranrückte. »Wehrt euch!« rief Teraitane. »Feuer, sobald ihr sie sehen könnt!« Unter den Musketenschüssen warf sich die von Bertrand und Adolphe geführte Gruppe der schwachen Wallbesatzung entgegen. Sie erzwangen den Damm und warfen die Guiavenbüsche hinter sich hinab, um freie Bahn zu bekommen. Die Pistolen der Matrosen zeigten hier schlimme Wirkung. Obwohl sie Aonui mit seinen Leuten in völliger Todesverachtung angriff und sie sich den Kugeln aussetzen, faßten die Franzosen schon mehr und mehr festen Fuß, bis in die Verschanzung hinein. Wären sie dabei von außen noch unterstützt worden, hätten sie sich behaupten können. Der Nebel, der ihr Eindringen begünstigte, verhinderte aber auch, daß die anderen den Vorteil sahen und hinzueilen konnten. Während der gellende Schlachtschrei Teraitanes Hilfe herbeirief, blieb sie für die Franzosen aus. Auch Pompey hatte sich von den Trommeln und Trompeten täuschen lassen und hörte jetzt den Schlachtenlärm. Rasch sprang er mit seinen Leuten hinüber. Bertrand kämpfte hier in den vordersten Reihen und parierte alle Stöße mit scharfer Klinge. Da fiel sein Blick plötzlich auf eine bekannte Gestalt. Er sah die Mündung eines Gewehres fast vor sich auf seinen Kopf gerichtet und behielt eben noch Zeit, mit dem Säbel unter das auf ihn zeigende Bajonett zu schlagen, als auch die Kugel dicht über seinen Kopf pfiff und einen Teil der Haut mitnahm. »Hund!« schrie er und warf sich auf den erkannten Verbrecher. Der stieß das Gewehr nach ihm, aber er parierte mit dem Säbel und holte dann zu einem Schlag aus. Der Ire konnte seinen Kopf abwenden, aber der Hieb nahm den oberen Teil des linken Ohres mit und prallte am Schlüsselbein ab. Gleichzeitig sprang Bertrand hinzu und wollte den Iren mit zu seinen Leuten reißen, als Pompey mit der Verstärkung eintraf. Er prallte mit solcher Wucht gegen den Franzosen, daß der seinen Gefangenen loslassen mußte und seine ganze Gewandtheit benötigte, um sich gegen den neuen, riesigen Feind zu verteidigen. Die Soldaten und Matrosen wurden jetzt so von allen Seiten bedrängt, daß an ein Vordringen nicht mehr gedacht werden konnte. Bertrand wäre fast sogar der Rückzug abgeschnitten, wenn sich nicht Adolphe dazwischengeworfen hätte. Von der anderen Seite führte der Erste Leutnant der »Jeanne d'Arc« einen Scheinangriff durch, um die Belagerten etwas abzulenken. »Hierher, und hinein mit euch, Jungens!« rief er und sprang über einen niedergeschossenen Guiavenbaum. Da tauchte dicht vor ihm eine pulvergeschwärzte Gestalt auf, die er mit seinen vom Blut entstellten Zügen kaum erkannte. »Hallo, mein Herzchen, bist du gekommen, um uns zu besuchen?« rief der Mann und richtete auf kaum zwei Schritt Entfernung eine großkalibrige Pistole auf den Offizier. »Schuft, dich treffe ich zur richtigen Zeit!« rief er, als er seinen entsprungenen Matrosen erkannte. Er holte zum Hieb aus, als Jack kaltblütig die Pistole so dicht vor seinen Augen abfeuerte, daß der Pulverblitz seine Augenwimpern versengte und den Rehposten dem Unglücklichen durch das Hirn jagte. »Rache!« jubelte der Matrose und stieß einen gellenden Freudenschrei aus, der von der anderen Seite des Forts beantwortet wurde. Von dort kam neue Hilfe herbeigelaufen. Die Seeleute waren dem neuen Anprall nicht gewachsen. Sie nahmen den toten Offizier auf und zogen sich mit vorgehaltenen Bajonetten zurück. Überall bliesen jetzt die Hörner zum Rückzug. Es wäre unmöglich gewesen, den Jubel zu beschreiben, der bei dem Rückzug der Feinde ausbrach. Im ersten Augenblick konnten sie ihren Sieg noch nicht gleich übersehen. Der Nebel lag zu dicht auf der ganzen Kuppe. Als aber ein Windstoß von der See den Schleier auseinanderriß, war der Feind nirgends mehr zu sehen. Er hatte sogar seine Toten und Verwundeten zurückgelassen. Da tönte ein einstimmiger, trotziger Jubelschrei aus den Kehlen der Sieger. Ohne auf eigene Wunden zu achten, sprangen und rannten sie waffenschwingend wild umher. Ein Teil versammelte sich gleich um den Missionar, um mit einer Hymne dem Herrn der Heerscharen zu danken. Andere traten zum ausgelassenen Tanz an. Besonders Maire sprang auf dem blutgetränkten Wall umher und tanzte. »Kommt!« schrie sie, und die Adern ihrer Schläfe waren zum Zerspringen angespannt. »Kommt, ihr Feranis, her habt ihr den Mut nicht mehr? Kommt! Hei! Wie ihr laufen könnt, hei, wie ihr...« Ein wilder, nicht auf diese Erde gehörender Schrei beendete das freche Lied. Die Arme emporwerfend, flog der von einer Kartätsche zerrissene Körper der jungen Tänzerin über den inneren Wall in die Verschanzung. Gleichzeitig hörten die überraschten Eingeborenen den Donner der Geschütze ganz in ihrer Nähe. Einzelne Kugeln schlugen noch da und dort ein, und zum erstenmal erkannten die Belagerten, daß die Feinde während des Nebels eine bessere Stellung für die Geschütze gefunden hatten. Die Franzosen hatten den Platz durch Verrat gewonnen. Es wurde behauptet, durch Kapitän Henry, den Sohn eines englischen Missionars, der sie hierher geführt hätte. Die erste gefährliche Salve war der Hinweis auf die Wirksamkeit der Geschütze. »Damn it!« schrie Pompey. »Wir stürmen das Nest da oben und werfen ihnen ihre Kugeln auf die Schiffe zurück. Wer geht mit?« Ein wildes, jubelndes Geschrei antwortete ihm. Die trotzigen, halbnackten Gestalten griffen ihre Waffen fester und machten sich schon bereit. Aber Teraitane kannte das Gelände gut und sah die Unmöglichkeit des Unternehmens ein. Sie mußten jetzt unter dem Schutz der Kanonen einen erneuten Sturm erwarten. Der Erste Leutnant der »Uranie«, der den Oberbefehl über die Sturmtruppe führte, konnte von einer kleinen Anhöhe den neuen und vorteilhaften Stand ihrer Geschütze erkennen. Die Hörner riefen seine Leute, um die Überraschung des ersten Augenblicks zu nutzen. Aber beim Fort trafen sie erneut auf heftigen Widerstand. Eine halbe Stunde mochte der erbitterte Kampf von beiden Seiten gedauert haben, und die Kanonen hatten den Eingeborenen erhebliche Verluste gebracht. Nach kurzem Kriegsrat mit Teraitane und Aonui beschloß Pompey einen Rückzug in die Berge. Sie wollten dort teilweise von einer anderen Bergspitze aus die Franzosen angreifen, teilweise aber auch die stationierte Artillerie im Rücken fassen. Man schickte die Frauen voraus, dann folgten die Krieger in kleinen Gruppen und überließen die Verschanzung dem Feind. Während die Franzosen jubelnd das Fort nahmen, erkannte man auf den Schiffen die hell gekleideten Gestalten an den Berghängen. Die Geschütze wurden darauf gerichtet; und die Eingeborenen befanden sich in schwerem Kugelhagel. Einzelne Bäume zersplitterten und wurden umgeworfen. Die Franzosen dachten aber nicht daran, den Feind weiter zu verfolgen, denn ihre Reihen waren selbst furchtbar gelichtet. Sie trugen rasch ihre Verwundeten zusammen und warfen über die Toten etwas Sand und Erde. Dann zogen sie sich auf die Schiffe zurück. Die Artillerie schlug inzwischen den kühnen Angriff der Eingeborenen auf ihre fast uneinnehmbare Stellung zurück. Als das Fort wieder geräumt wurde, zog sie sich ebenfalls zurück. Dabei mußten sie noch manchen Angriff der Insulaner abwehren, die im Wald verstreut ihnen folgten. Wenige Stunden später lichteten die beiden Kriegsschiffe die Anker und segelten nach Papeete zurück. 29. Alte Abrechnungen Noch am selben Abend liefen die Schiffe wieder in den Hafen ein. Man kehrte zwar als Sieger zurück, aber die Tapferkeit der Eingeborenen gab keinen Anlaß für übertriebene Siegesfreude. Der Verlust vieler Soldaten und Offiziere warf einen düsteren Schatten auf die Rückkehr und den anschließenden Marsch durch die Stadt. Selbst die Stadt schien gefährdet zu sein. Ausgesandte Spione meldeten, daß sich in der Nähe kleine Gruppen bewaffneter Insulaner sammelten. René hatte noch am Abend Adolphe aufgesucht, um Einzelheiten von ihm zu erfahren. Er war jetzt auf Papeete angewiesen, denn die Eingeborenen hatten sein Haus niedergebrannt. Seine Papiere trug er bei sich, und die wichtigsten Sachen hatte Sadie mitgenommen. Der Verlust der anderen Dinge schmerzte ihn nicht besonders. Er sah auch daraus, wie ihm die Eingeborenen gesonnen waren, und sein baldiger Abschied von Tahiti schmerzte ihn desto weniger. Die Nacht verbrachte er in dem Bambusschuppen, in dem auch Adolphe einquartiert war. Als er hörte, daß der Gouverneur schon früher zurückgekehrt war, als erwartet, wollte er gleich die Erlaubnis zur Abreise einholen. Unter den jetzigen Umständen hatte der Gouverneur seine Reise zu den Nachbarinseln aufgegeben. Bertrand, der gestern leicht verwundet wurde, meldete ihn selbst an und befürwortete gleich sein Gesuch. Der Gouverneur empfing René sehr freundlich, und seiner Bitte stand nichts mehr im Weg. »Dann kann ich also Tahiti verlassen, wann ich will, und bin von dem unwürdigen Verdacht freigesprochen?« »Lieber Delavigne, ich habe Sie keinen Augenblick im Verdacht gehabt«, lachte der Gouverneur. »Ich würde die Sache auch nicht so ausdehnen, wenn wir nicht eine anonyme Anklage gegen Sie erhalten hätten, die wir nicht ignorieren konnten.« »Eine Anklage gegen mich?« erkundigte sich René erstaunt. Monsieur Bruat nickte achselzuckend. »Von einem Landsmann?« »Wohl kaum. Der Brief war englisch, die Handschrift aber verstellt und wohl auch absichtlich mit orthographischen Fehlern versetzt. Doch egal, die Sache ist vorbei und jeder Form genügt. Außerdem haben wir auch seit einigen Tagen ziemlich begründete Ursache, einen Engländer der Tat zu verdächtigen. Er wird schon wegen einem anderen Verbrechen angeklagt und ist gestern bei den Aufständischen gesehen worden. Vielleicht hat auch er den Brief geschrieben.« »Das glaube ich nicht. Den Dienst hat mir vielleicht ein guter Freund geleistet. Wissen Sie den Namen des verdächtigen Engländers?« »Jim O'Flannagan.« »Ah, den Burschen kenne ich. Es ist ein Ire.« »So? Möglich. Von Tahiti kann er nicht fort, und ich hoffe bald seine nähere Bekanntschaft zu machen. Aber wie wollen Sie jetzt nach Atiu kommen? Haben Sie eine Gelegenheit?« »Im Augenblick nicht, doch die wird sich schon finden. Missionskutter kreuzen ja immer dann und wann einmal herüber.« »Die Missionare entwickeln überhaupt eine besondere Tätigkeit in dieser Zeit und sollten sich doch Mr. Pritchards Beispiel zu Herzen nehmen«, sagte finster der Gouverneur. »Ich glaube, daß ein freundliches Wort hie und da zwischen den Eingeborenen und der jetzigen Regierung manches Unglück vermeiden könnte«, sagte René nachdenkend. »Den Insulanern sind eine Menge falscher Begriffe beigebracht worden. Sie sind mit unseren Sitten und Gebräuchen nicht so vertraut, und so erscheint ihnen manches schroffer, als es vielleicht gemeint war. Die aufgezogene Flagge vor dem Haus der Königin hatte meiner Meinung nach keineswegs die Bedeutung, die ihr der Admiral gab. Es muß zu Mißverständnissen führen, wenn wir den Maßstab unserer Handlungsweise bei den Eingeborenen anlegen. Ich hin fest überzeugt, daß Pomare in der Krone nichts weiter als ein glänzendes Spielzeug gesehen hat.« »Pomare vielleicht, aber nicht, die sie ihr gaben!« sagte der Gouverneur. »Gegenüber der Insulanerin hätte es vielleicht kaum einer solchen Demonstration bedurft, das gebe ich zu. Aber die Missionare wissen ganz gut, um was es sich handelte, und deren Auslegung wäre allein nach England und Frankreich berichtet worden.« »Und die arme Pomare verlor darüber ihr Reich.« Der Gouverneur zuckte mit den. Achseln. »Ich stimme Ihnen allerdings zu, daß ein Wort der Verständigung zu seiner Zeit weit mehr wirken würde als die aufgepflanzten Bajonette unserer Soldaten. Mir liegt auch daran, weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Wir sind hier auch nicht stark genug, um viele Siege wie den gestrigen gewinnen zu können. Vier der besten Offiziere und sehr viele gute Soldaten sind gefallen. Deswegen bedaure ich es besonders, daß Sie uns jetzt verlassen wollen. Sie könnten sicherlich in Ihrer Stellung zu den Eingeborenen manches tun, um den Konflikt zu vermeiden.« »Wie sollte ich das können?« »Sie wissen, daß sich die Insulaner jetzt an anderen Orten wieder festgesetzt haben und dabei sind, sich zu verschanzen. Die steilen Schluchten des Landes bieten ihnen für die Verteidigung viele Vorteile, die unter Einsatz von vielen Menschenleben genommen werden können. Jetzt ist vielleicht noch eine Aussöhnung möglich, Pomare mag zurückkehren und unter dem französischen Protektorat den Eingeborenen gegenüber regieren. Wir ersparen damit beiden Parteien viel gutes Blut.« »Glauben Sie, Herr Gouverneur, daß ich bei einem derartigen Versuch etwas erreichen könnte? Darf ich den Insulanern wirklich die Zusage Ihrer friedlichen Gesinnung bringen und ihnen sagen, daß Pomare zurückkehren kann?« »Das alles auf Ehrenwort, und noch mehr. Es soll alles vergessen und vergeben sein zwischen beiden Teilen, was bislang geschehen ist. Mit Ausnahme von dem Burschen, der noch eine alte Rechnung hat. Es liegt mir ja nicht daran, die Insulaner zu unterwerfen und sie zur Anerkennung unserer Macht zu zwingen. Wir wollen friedlich und freundlich zwischen ihnen leben und nicht ständig der Gefahr neuer Angriffe ausgesetzt sein. Es gibt ja auch keine Ehre bei einem solchen Sieg. Die ganze zivilisierte Welt wird uns vorwerfen, daß wir ein paar nackte, mit Holzspeeren bewaffnete Eingeborene mit unseren Kanonen zusammengeschossen hätten. Daß die Burschen mehr Gewehre und Munition haben, als gedacht, ist eine andere Sache.« »Gebe Gott, daß ich dann einen günstigen Erfolg bringe«, sagte René rasch. »Ich will mich gern dem Auftrag unterziehen. Wie ich die Eingeborenen kenne, werden sie gern zu ihren Hütten zurückkehren, um dort in Frieden zu leben. Sie sind von Natur aus friedlich und gutmütig. Wären sie nicht so gereizt, hätten sie gar nicht zu den Waffen gegriffen.« »Die Waffen waren einmal da und mußten gebraucht werden«, sagte der Gouverneur. »Es ist auch möglich, daß das Einführen der Waffen eine kaufmännische Spekulation war. Mir sollte es lieb sein, das zu glauben. Aber ich fürchte fast, daß da auch eine andere Hand im Spiel war. Deswegen glaube ich auch nicht, daß ein freundliches Wort etwas bringen wird. Aber ich will wenigstens einen Versuch machen, um mir später keine Vorwürfe zu machen. Ich weiß auch, daß ich im Sinne meiner Regierung handle, die einen ausgedehnten Kampf vermeiden will. Wenn Sie also einen Vertrag aushandeln können, haben Sie meine volle Unterstützung und meine ganze Dankbarkeit.« »Wann möchten Sie, daß ich aufbreche?« »Sobald Sie wollen, am besten gleich morgen früh. Jeder neue Tag gibt dem Feind neue Hilfskräfte in den Bergen und macht ihn nur starrköpfiger. Wollen Sie allein gehen, oder soll ich Ihnen eine Flagge und Begleitung mitgeben?« »Ich glaube, ich gehe lieber ohne alles. Die französische Flagge ist in diesem Augenblick nicht beliebt genug.« »Wie Sie meinen. Aber... wer kommt da unten? Kennen Sie den Burschen, Delavigne?« René war rasch ans Fenster getreten. »Das ist einer unserer originellsten Leute in Papeete. Aber es ist trotzdem das erstemal, daß ich ihn in der Stadt sehe. Er ist Schuster und wohnt draußen in den Guiaven in einer Bambushütte mit einer alten irischen oder englischen Hexe, die sie Mütterchen Tot nennen. Gerüchten nach sollen die beiden Alkohol an die Insulaner ausschenken!« »Das hat man bis jetzt geduldet?« »Noch konnte man ihnen nichts beweisen, denn die Alte ist schlau und läßt sich nicht erwischen«, sagte René und lachte. »Die Sache muß aber einen anderen Zusammenhang haben, denn selbst die Missionare dulden sie da. Aber der Schuster kommt tatsächlich hier ins Haus. Soviel ich weiß, haßt er uns Franzosen wie die Sünde und soll fast den ganzen Tag in der Bibel lesen.« »Sie empfehlen mir den Mann ja richtig!« lachte der Gouverneur. »Er scheint aber eher eine Karikatur als ein Original zu sein. Vielleicht will er sich bei den französischen Behörden über seine englische Frau beklagen.« Eine Ordonnanz trat in das Zimmer und meldete ein verdächtig aussehendes Individuum. »Herr Gouverneur, Sie erlauben, daß ich gehe!« »Nein, das erlaube ich nicht. Ich brauche Sie vielleicht noch!« Die Ordonnanz führte Murphy herein, der von den beiden Männern gemustert wurde. Er stand da wie eine Fledermaus am Tage. Als die beiden Männer erst grinsten und dann zu lachen anfingen, nahm sein Gesicht einen drohenden Ausdruck an. Murphy sah auch wieder besonders nett aus. Er trug wieder den erbsgelben Rock bis an den Hals zugeknöpft und hatte die Schöße hinten um die nackten Waden gewickelt. Die Beine steckten in sehr defekten Hosen. Seinem Handwerk zum Trotz hatte er nur einen Schuh an, der andere Fuß war in ein Stück Tapa geschlagen. Sah man dazu das zusammengezogene, halb boshafte, halb komische, narbige Gesicht, den brennend roten Bart und die struppigen Haare, so war die Fröhlichkeit der Männer schon zu entschuldigen. Murphy war aber nicht in der Stimmung, um viel Spaß mit sich machen zu lassen, und fluchte halblaut. Damit wollte er sich wieder umdrehen und den Raum verlassen, als ihn René auf Englisch anrief. Bei der englischen Anrede stutzte der Ire und sah die beiden mit seinen stechenden Augen forschend an. Dann sagte er im breitesten irischen Dialekt: »Sind Sie der Mister Gouverneur?« »Nicht ich, sondern dieser Herr.« »Kann der nicht selbst sprechen?« »Ich werde dolmetschen, Murphy. Weshalb sind Sie gekommen?« »Was, Sie kennen meinen Namen? Aber egal, Ihr Franzosen spioniert ja doch überall rum. Aber egal, ihr habt eine Belohnung für das Einfangen eines Mannes ausgesetzt. Wollt ihr die zahlen?« »Ha – wer ist das?« rief der Gouverneur, der den ungefähren Sinn der letzten Worte verstanden hatte. »Sieh an, dabei tut er, als hätte er keine Ohren«, sagte Murphy mit einem breiten Grinsen. »Was sagt er jetzt?« René wechselte ein paar Worte mit dem Gouverneur und wandte sich wieder an den Iren. »Wer ist es, von dem du sprichst? Wenn es der richtige ist, kannst du dir einen schönen Geldbetrag verdienen. Wie heißt er?« »Jim O'Flannagan... damn his eyes... und Jack irgendwas.« »Alle beide?« »Sitzen in der Falle.« »Und wo ist das?« Wieder verzog sich das Gesicht des Mannes zu einem breiten, pfiffigen Grinsen. »Soll ich das Nest nennen, bevor ich das Silber habe?« »Das Nest wird Mütterchen Tots Hotel sein«, sagte René gleichgültig, während der Mann einen überraschten Blick auf ihn warf. »Aber keine Sorge, wenn du die beiden Burschen dem Gouverneur in die Hände lieferst, wird dir dein Lohn nicht entgehen. Aber, wie ist es eigentlich«, sagte er zu dem Gouverneur, »nur der eine hat doch Verbrechen begangen?« »Der andere ist ein entsprungener Matrose.« »Hm, und es liegt Ihnen nur an dem einen?« »Nein, nein, alle beide! Sind beide in dem Haus? Fragen Sie doch bitte noch einmal nach.« »Haben Sie beide im Haus? Auf den einen sind fünfhundert, auf den anderen zwei ausgesetzt!« »Alle beide«, bestätigte Murphy. »Aber Sie müssen sich beeilen, wenn Sie die Vögel noch erwischen wollen. Die Sonne geht bald unter, und jetzt ist die richtige Zeit, sonst garantiere ich für nichts. Sie wollen bald weg.« »Und wohin?« »Weiß ich das? Sie haben nur ihre Bündel und die Waffen mit. Ein Kanu findet sich leicht am Strand.« Der Gouverneur verstand genug Englisch, um den Sinn mitzubekommen. »Dann haben wir keine Zeit mehr zu verlieren, und Sie können den Spaß mit ansehen, Delavigne.« Er klingelte und gab der Ordonnanz den Auftrag, Leutnant Bertrand zu holen. Kaum zehn Minuten später kehrte er mit dem Offizier zurück. Murphy trat während der Wartezeit nervös von einem Fuß auf den anderen.   Die Bambushütte von Mütterchen Tot war durch die bewachte Stadt völlig vom Verkehr mit Europäern abgeschnitten. Murphy konnte deshalb fast den ganzen Tag in seiner Bibel lesen, und Mütterchen Tot saß in schlechter Stimmung in einer Ecke. Am Nachmittag wurde die Stille erstmalig durch die Schritte von drei Männern unterbrochen. Es waren zwei Weiße und ein Insulaner, drei alte Bekannte: Jim O'Flannagan, Jack und Raiteo, der Dolmetscher von Atiu, der mit dem ehrwürdigen Mr. Rowe herübergekommen war. Er wurde in die Hütte geschickt, um zu sehen, ob keine Gefahr zu befürchten war. Kaum waren die Männer eingetreten, als Mütterchen Tot hochsprang und Murphy aus seiner Ecke scheuchte. Sie erkannte zunächst den Iren nicht durch dessen Verwundung. Der Mann ging zu ihrem Bett und warf sich darauf nieder. Aber Murphy hatte keine Lust, die Männer zu bedienen, und der daraus entstehende Wortwechsel konnte nur durch ein Machtwort des Iren gestoppt werden. Mütterchen Tot hatte dem Schuster die Bibel entrissen und mußte sie dann bedienen. Murphy verschwand aus der Hütte, ehe sie es verhindern konnte. Mehrere Rufe nach ihm verhallten vergeblich im Wald. »Donnerwetter, Mütterchen, was du noch für eine helle Stimme hast!« sagte Jim. »Aber laß das Schreien mal sein und beantworte mir eine Frage.« »Was gibt es? Den Brandy habt ihr auch noch nicht bezahlt!« »So? Na ja, das machen wir dann zusammen ab.« Um Jims Lippen zuckte ein spöttisches Lächeln. »Ich habe eine Bitte, Mütterchen Tot. Du mußt mir auf ein paar Monate zweihundert Dollar leihen.« »Zweihundert Dollar? Muß ich?« rief die Alte mehr wütend als erschrocken über die Forderung. »Ist das vielleicht eine Bitte? Mußt zweihundert Dollar borgen, als ob ich die Dollars nur so unter den Matten herumliegen hätte! He, Murphy – Murphy! Den Kerl werde ich an den Beinen aufhängen, wenn er wieder zurückkommt, diese nichtsnutzige Kanaille! Murphy!« »Mütterchen, du mußt sie mir aber borgen!« sagte der Ire mit unterdrückter Stimme und trat näher an sie heran. »Alles Geld, das ich bei mir hatte, ging bei unserem letzten Kampf verloren. An der Stelle, wo ich früher einmal etwas vergraben hatte, haben die Franzosen ein kleines Fort errichtet. Ich muß später hierher zurück, um das zu heben, und dein Geld ist dir sicher.« »Ich habe aber kein Geld zum Verborgen!« schrie die Alte vielleicht absichtlich mit lauter Stimme. »Was du für mich gearbeitet hast, habe ich bezahlt, höher bezahlt, als ich eigentlich verantworten konnte!« »Wenn du nicht aufhörst zu schreien, so sag ich dir, wo du dein Geld hast, verstanden?« Die Augen des Iren blitzten sie mit tödlichem Zorn an. »Sagst du mir, wo ich mein Geld habe?« rief die Alte totenbleich. »Was willst du von mir, Mensch? Von einer alten, schwachen Frau, die kaum ihr Leben fristen kann bei diesen Zeiten?« »Ihr trödelt da herum, bis uns die Alte die ganze Nachbarschaft zusammengeschrieen hat!« knurrte Jack und sah aus der Tür raus. »Es wird dunkel, Jim, und wir müssen machen, daß wir wegkommen!« »Was habt ihr – – was wollt ihr von mir?« rief aber jetzt die Alte, die die Absicht der beiden langsam begriff. »Ich habe nicht einen Franc im Haus, so wahr ich selig werden möchte... Murphy, Murphy!« »Schreist du jetzt noch einmal nach dem Schuft, so tue ich etwas, was ich vielleicht später bereue!« zischte ihr Jim ins Ohr. »Jetzt ist es genug mit dem Firlefanz, ich muß zweihundert Dollar haben, und wenn du die rasch und willig herausgibst, so schwöre ich dir, daß wir dir nichts tun. Sobald ich das Geld wieder erschwingen kann, sollst du es wiederhaben.« »Ich habe kein Geld... nicht einen Penny!« »Ersticke an deinen Lügen, soll ich die Kalebasse unter der Lampe da ausgraben und dir die vier oder fünf anderen Stellen zeigen, wo du noch Geld eingegraben hast?« »Die Kalebasse unter der Lampe?« schrie die Alte laut auf. »Hilfe, Mörder!« Die eiserne Faust des Iren lag an ihrer Kehle und erstickte jeden weiteren Laut. »Hier, Jack, nimm mir mal die Alte ab, aber halte sie ruhig, während ich das Geld hole!« »Na, das hätten wir schon vor einer Viertelstunde haben können!« fluchte der Matrose. Er verband den Mund der Frau mit einem Tuch. »So, Madame, nur für ein kleines Weilchen. Wenn der Herr Gemahl zurückkommt, kannst du ihm dann die Geschichte auseinandersetzen. Wird sich unmenschlich freuen, wenn er es hört. Hast du es, Jim?« »Noch nicht«, sagte sein Kamerad, der die Lampe zur Seite geworfen hatte und die lockere Erde darunter mit dem Messer aufstach. »Das Ding steckt tiefer, als ich dachte.« »Weißt du auch genau, daß der Platz richtig ist?« Der Ire lachte und grub weiter. Die Frau verdoppelte jetzt ihre Anstrengungen, um wieder freizukommen, und Jack hatte Mühe, sie zu halten. »Hol der Teufel die Alte, sie wird es sich selbst zuzuschreiben haben, wenn sie zu Schaden kommt.« »Da ist er, ich habe ihn schon mit dem Messer gefühlt. So, jetzt wird unsere Reisekasse stimmen!« »Mach schnell, Jim, ich kann die Alte nicht länger halten!« rief Jack. »Oder ich drücke ihr die Kehle richtig zu, was auch kein großer Verlust wäre.« »Nein, laß sie. Mütterchen Tot und ich sind alte Bekannte, und ich möchte nicht die Ursache ihres Todes sein. Kannst du ihr nicht Arme und Füße binden?« »Ich habe alle Hände voll zu tun, um ihr den Mund zuzuhalten!« knurrte Jack. »Hier ist der Beutel!« rief Jim. Das Klirren des Geldes brachte wohl die Eigentümerin zu neuen, rasenden Anstrengungen. »Komm wenigstens her und hilf mir, sie zu binden, allein schaffe ich es nicht!« »Kann nicht einmal ein altes Weib bändigen!« lachte der Ire und ging zu den beiden. Wie fast jeder Matrose hatte Jack die Taschen voll dünner Seile und kurzer Tauenden. Bald lag die Alte gebunden und geknebelt auf ihrer Matratze und dem im Kampf heruntergerissenen Moskitonetz. Dann verschwanden die beiden im nahen Gebüsch. Kaum hatten sie die Hütte zehn Schritte hinter sich, als das gellende Angstgeschrei der Alten an ihr Ohr schlug. »Der alte Drachen wird den ganzen Wald rebellisch machen«, rief Jim. »Kannst du noch nicht einmal einen Knebel eindrehen?« »Laß sie schreien, in zehn Minuten sind wir auf dem Wasser, und in der Dunkelheit finden sie unsere Spur nicht.« »Nein, wir können nicht gerade in See halten und müssen erst noch eine lange Strecke an den Riffen entlang. Wenn dann Alarm gegeben wird, kommen uns doch noch die Boote in den Weg. Spring zurück und drück ihr den Knebel wieder ein, aber mach rasch, ich bringe das Geld in Sicherheit, und du kennst mein Zeichen.« »Warte lieber hier, ich könnte mich verirren«, rief Jack zurück und lief zur Hütte. Jim wartete, bis sein Kamerad hinter den Guiaven verschwunden war. Dann sprang er in schnellen Sätzen zum Strand, um Raiteo zu treffen. Der stand jedoch nicht an der vereinbarten Stelle, sondern war Zeuge der letzten Szene geworden. Er war gegen die beiden Männer mißtrauisch. Gleichzeitig war ihm das alte Gerücht wieder eingefallen, daß Mütterchen Tot steinreich sei und ihre ganze Hütte mit Silberstücken gepflastert habe. Vor der Habgier der Eingeborenen schützte sie sich durch ihr Einverständnis mit bösen Geistern. Und Murphy las ja deshalb auch zu seinem Schutz ständig in der Bibel. Aber mit den Weißen war das etwas anderes. Als Raiteo sich vorsichtig hinter die Bambusstäbe gedrückt hatte, fand er seinen Verdacht auch bestätigt. Als Jack zum Haus zurücklief und Jim allein mit dem Geld zum Strand floh, folgte er ihm. Einen Augenblick hielt selbst Jim in seinem Lauf ein, als ein gellender, wilder Angstschrei von der Hütte an sein Ohr drang. Dann war alles ruhig. Er murmelte einen Fluch in den Bart und setzte seinen Weg fort. Eben erreichte er den Rand des kleinen Flusses und damit eine schmale, offene Lichtung, als er es rings um sich in den Büschen rascheln hörte. Bestürzt blieb er im Dickicht stehen und rief leise Raiteos Namen. Doch auch auf das verabredete Signal kam keine Reaktion. Raiteo war zwar dicht hinter ihm, aber auch er hatte ein fremdes Geräusch gehört. Aber alles blieb totenstill, bis plötzlich ein wilder, wirrer Lärm von der Hütte her kam. Gleich darauf fiel ein Schuß. Jim lachte in sich hinein und lief zum Strand, wo das Kanu bereitlag. Er hatte es noch nicht berührt, als es in den Büschen wieder raschelte und zwei dunkle Gestalten hervorsprangen. »Hell and damnation!« schrie der Verbrecher auf. Er warf das Geld in einen Busch und griff sein Gewehr auf. Da warf sich schon einer der Männer auf ihn, und er erkannte sein Gesicht. »Haben wir dich!« rief der Bootsmann der »Jeanne d'Arc« und sprang mit einem Messer gegen den Iren. »Noch nicht!« rief der Ire. Die abgefeuerte Kugel riß dem Feind die linke Backe in dem Moment auf, wo das Messer das Bajonett zur Seite schlug. Da war auch der andere Matrose heran und warf sich auf den Iren, umfaßte ihn mit seinen sehnigen Armen und riß ihn zu Boden. Jim O'Flannagan lag wenige Minuten später gebunden vor seinen Feinden. »So, das ist abgemacht«, sagte der Bootsmann und versuchte, seine blutende Wunde zu stillen. »Wie der Kerl mich zugerichtet hat! Aber den anderen werden sie wohl auch erwischt haben. Der kleine rothaarige Schuft hatte doch recht, daß er uns hier zum Wasser schickte. Als ich das Kanu sah, wußte ich, daß wir ihn abfangen würden. Was ist das?« »Insulaner, bei Gott!« sagte der andere Matrose. Er hatte kurz dem neu beginnenden Lärm und Schreien gelauscht, dem gleich darauf das Knattern von Gewehren folgte. Jim horchte auch auf. Noch war Hilfe möglich. Wenn ihn die Insulaner hier entdeckten, hätten sie ihn jedenfalls befreit. Er stieß jetzt mit lauter, gellender Stimme den oft gehörten Schlachtschrei aus. »Gut gemacht!« lachte der Bootsmann. »Recht brav für dein Alter, schade nur, daß du deine Lunge so ganz umsonst anstrengst!« Damit setzte er seine Pfeife an die Lippen. Ein kurzer, scharfer Pfiff erklang. Gleich darauf antworteten die regelmäßigen Ruderschläge eines heranschäumenden Bootes. »Hier den Kerl ins Boot und vier mit ihm zurück, so rasch ihr könnt, nach Papeete! Die anderen mit den Waffen zu mir!« Der Befehl wurde sofort ausgeführt, obwohl sich der Verbrecher heftig sträubte. Als der größte Teil der Mannschaft an Land gesprungen war, glitt das scharf gebaute Fahrzeug geräuschlos wieder in die Flut und verschwand gleich darauf unter dem Schatten der überhängenden Uferbäume. Die Matrosen folgten still ihrem Bootsmann zum Schauplatz des Kampfes, der jetzt noch heißer zu entbrennen schien. Als der Platz von allen verlassen war, kroch die dunkle Gestalt des Insulaners aus seinem Versteck. Raiteo schlich zu der Stelle, wo der Ire überrascht worden war. Ein höchst vergnügtes Lächeln stahl sich über seine Züge, als er den Beutel Geld aus dem Busch zog. Gleich darauf war Raiteo im Dickicht wieder verschwunden.   Jack hatte inzwischen seinen Auftrag rasch und vollständig ausgeführt. Als er die Hütte wieder verließ, sah er totenbleich aus, und sein stierer Blick sah wild und mißtrauisch umher. »Jim!« rief er und sprang rasch den Pfad hinunter. »Jim, wo, zum Teufel, steckst du? Ich kenne den Weg nicht... dieser Baum stand doch nicht hier?« In seiner Angst lief er die wenigen Schritte zum Haus zurück, um zu sehen, ob dort noch ein anderer Weg abzweigte. »Hier ist er... haltet ihn... steh, Schurke!« rief es in dem Moment von allen Seiten. Jack fuhr mit einem Angstschrei zusammen, griff sein Gewehr auf und legte an. Aber der Finger berührte den Drücker zu früh, und der Schuß ging in die Luft, während sich die Soldaten auf ihn warfen, ihn entwaffneten und seine Hände banden. Bertrand trat zu ihm und begrüßte ihn. »So, haben wir dich fest. Wo ist dein Kamerad?« »Verschont mich, ich will alles gestehen!« rief der Mann verzweifelt. »Untersucht das Haus, ob nicht der andere noch drin ist. Der größte Halunke fehlt noch immer!« rief der Leutnant, ohne auf das Gewimmer zu achten. In diesem Augenblick fielen vier oder fünf Schüsse aus dem Dickicht, und wilde Zurufe wurden laut. »Die Insulaner!« rief René und griff das Gewehr des Gefangenen auf. »Donnerwetter, Bertrand, wenn wir einen Trupp der Burschen hier erwischen, sieht es schlecht für uns aus.« »Bleib du bei dem Gefangenen, René!« rief ihm der Freund zu. Wir haben das Haus oben umzingelt und dürfen den Iren nicht aufgeben. Zwei Mann sollen noch bei dir bleiben. Wir werfen die Insulaner zurück und ziehen uns dann von hier den Weg hinunter zurück!« Er rief seine Leute zusammen und rückte rasch zur Unterstützung der Leute bei der Hütte ab. René war von seiner Rolle nicht begeistert. Er bewachte einen entlaufenen Matrosen und mußte natürlich an seine eigenen Erlebnisse denken. »Was hast du verbrochen, Bursche?« erkundigte er sich deshalb. »Nichts weiter, als daß ich schiffsmüde war! Mein armer Rücken wird jetzt für die Beine bezahlen müssen!« René hatte sich die Patronentasche umgehängt und lud das Gewehr. Er hatte dem Gebundenen den Rücken zugedreht und hörte, wie die Leute heimlich mit ihm flüsterten. »Wenn sie klug sind, werden sie wissen, was sie zu tun haben!« dachte er. Da näherten sich laute Schritte. Der Bootsmann kam mit seinen Leuten. Gerade als sie die kleine Gruppe erreicht hatten, brach ein Trupp Insulaner aus dem Dickicht. Sie hatten wohl angenommen, den Franzosen am Haus den Rückweg abschneiden zu können. Die Bootsmannschaft empfing sie warm. Im Kampf sah René, wie sich der Gefangene vom Boden aufrichtete. Um nicht Zeuge zu sein, trat er ein paar Schritte in das Dickicht und wurde plötzlich gefaßt und zu Boden geworfen. Ein wilder Jubelruf gellte an sein Ohr. Rings um ihn brachen und rauschten die Büsche, Schüsse fielen, und wilde, halbnackte Gestalten sprangen über und neben ihm hin. Aber gegen die Übermacht konnten sie sich nicht halten. Vom Haus kam jetzt Bertrand mit seinen Leuten. René wollte um Hilfe rufen, aber seine Stimme wurde von dem Lärm übertäubt. Er wollte sich aufrichten, aber vier kräftige Arme umschlangen ihn. Während er die Kugeln der Freunde rings um sich einschlagen hörte, trugen ihn die Männer weg. Weiter und weiter entfernte sich der Lärm der Kämpfenden. Dann ließen sie ihn wieder los und befahlen ihm barsch, ihnen in die Berge zu folgen. Das Lager der Insulaner René befand sich in einer unangenehmen Lage. Er mußte mit auf den Rücken gebundenen Händen durch ein Dickicht bei völliger Dunkelheit marschieren. Die Guiaven wurden hier so dicht, daß die Insulaner selbst nicht mehr weiterkamen und deshalb beschlossen, an Ort und Stelle zu lagern. Sie rieben ein Feuer an und räumten bei seinem Schein den Platz frei, so daß man sich ausstrecken konnte. Einige zogen los, um etwas Eßbares zu finden, und kamen bald darauf mit Früchten und einem Ferkel zurück. Dann wurden Steine glühend gemacht und einer ihrer Bratöfen gegraben. Darum versammelten sie sich und lachten und erzählten, als ob sie sich mitten im Frieden und nicht auf einem Streifzug befanden, bei dem jeden Augenblick Gefahr drohte. René hatte gehofft, unter ihnen Bekannte zu entdecken, aber die Männer schienen von der anderen Inselseite zu stammen oder sogar von Imeo. So unternahm er keinen Versuch, seine Rolle zu erklären. Er suchte eine warme Stelle am Feuer und bat einen Eingeborenen, ihm die Hände aufzubinden, weil er sonst nicht schlafen könne. Der Mann sah ihn erstaunt an. Er hatte wohl nicht geglaubt, daß der Wi-wi so gut ihre Sprache beherrschte. Dann band er ihn los, denn René konnte hier nicht entkommen. Bald darauf war er unbekümmert eingeschlafen. Am anderen Morgen wurde er erst durch den Morgenschuß der Fregatte geweckt, der voll und dröhnend herüberbrach und sein schmetterndes Echo in den Bergen fand. Die Insulaner hatten sich zum Aufbruch gerüstet und gaben ihm ein Stück kalte, geröstete Brotfrucht und ein paar Bananen. Nach einer Stunde Marsch erreichten sie die Vorposten der Eingeborenen und gingen in ein schmales Tal, das sich in eine Art Kessel öffnete. Dort waren zum Erstaunen Renés richtige Hütten errichtet, die Guiaven und anderen Sträucher niedergehauen und mit dem Holz eine Barriere errichtet worden. Was René besonders überraschte, war die Ruhe, die in dem kleinen Lager herrschte. Man hörte weder Singen noch Schreien, sah weder tanzende noch lachende Gruppen. Es war der Sabbath der Eingeborenen, und selbst der Gefangene wäre nicht weiter beachtet worden. Aber René sah hier viele Bekannte und begrüßte sie. Die ihm sonst freundlich die Hand geschüttelt hatten, wandten sich jetzt aber von ihm ab oder nickten nur kurz mit dem Kopf. René wurde durch dieses Verhalten wütend. Er lehnte sich an einen mächtigen Mapebaum und verschränkte die Arme vor der Brust. Er hatte noch nicht lange gestanden, als eine kleine Glocke läutete und die Insulaner zu dem entfernten Ende des Lagers zogen, wo aus Steinen eine Art Rednerstand errichtet war. »Eine Predigt?« murmelte René verblüfft. »Donnerwetter, die Burschen haben sich hier ganz häuslich eingerichtet. Kein Gewehr ist zu sehen, kein Degen, kein Speer. Womit wollen die sich eigentlich verteidigen, wenn sie angegriffen werden? Ha. Mr. Rowe!« unterbrach er sich überrascht, als der finstere Mann aus einer kleinen Hütte trat und fast dicht an ihm vorüber ging. Er warf keinen Blick in seine Richtung. Die Insulaner hatten sich jetzt alle um ihn versammelt. Nur vier Mann waren als Wache für den Franzosen abgeordnet. Dann begann der religiöse Gesang, irgendeine von den Missionaren ins Tahitische übersetzte Hymne nach der Melodie eines alten englischen Volksliedes, die sie meistens benutzten. In früheren Zeiten hatten die Missionare den Insulanern zu ihren Hymnen keine Melodien bringen können. Einige musikalische Missionare kamen deshalb auf die Idee, die vertrauten Volkslieder zu benutzen, die ihnen noch im Gedächtnis waren. Der Text wurde dann angepaßt. Vers nach Vers zog monoton und bleiern durch eine Stunde dahin. »Das hat mir noch gefehlt!« brummte René mit einem tief aufgeholten Seufzer. Aber er wußte aus Erfahrung, daß mit den Wilden in dieser Hinsicht nichts anzufangen war. Deshalb warf er sich unter den Baum, drehte der frommen Versammlung den Rücken zu und versuchte zu schlafen. »Könnte dir auch nichts schaden, wenn du ein bißchen zuhörst und etwas lernst«, sagte der eine der Wächter zu ihm. »Miti Aue ist ein tüchtiger Mann und weiß alles ganz genau, was einmal geschehen wird.« »Ich wollte, er könnte mir dann sagen, wo ich morgen um diese Zeit hin!« sagte René und lachte. »Pst! Nicht so laut! Wenn du auch kein Christ bist, kannst du doch Frieden halten!« sagte der Eingeborene rasch. René erwiderte nichts weiter. Der Gesang hatte jetzt aufgehört und die Predigt begonnen. Der junge Mann hörte in einer Art Halbtraum die scharfe, gellende Stimme des ehrwürdigen Mr. Rowe. Er warnte sie vor dem Antichrist, der mit scharfen Krallen vor ihrer Tür läge und sie zu verschlingen drohe. Wilder und drohender hallte die Predigt von den Lippen des geifernden Mannes. Sie ließ das Blut bei Freund und Feind in den Adern kochen, und unwillkürlich suchte die Hand eine Waffe, um dem zornigen Wort die Tat folgen zu lassen. René konnte es nicht mehr ertragen und sprang von seinem Lager auf. Er ging mit raschen Schritten und untergeschlagenen Armen auf und ab. Mißtrauisch beobachteten ihn die Wachen. Aber er dachte nicht an Flucht. Nur die Scheu, den Gottesdienst als Katholik zu stören und damit dem Missionar noch mehr Anlaß zu geben, gegen ihn und seine Landsleute zu eifern, hielt ihn davon ab, mitten in die Predigt hineinzuspringen und dem fanatischen Priester den Lug und Trug seiner Worte ins Gesicht zu schleudern. Endlich kam die Predigt zu ihrem krampfhaften Schluß, das letzte Gebet folgte, und ein stiller Friede schien über den Betenden zu ruhen. Ein Schuß! Wie durch Zauberei änderte sich das Bild. Die Männer schnellten empor, und jeder Busch, jeder Stein, jede Matte enthüllte Gewehre, Speere, Säbel, Messer und Beile. Die wirbelnde Trommel rief die verschiedenen Trupps zu ihren schon vorher bestimmten Sammelplätzen, um den Feind zurückzuweisen. René war erstaunter Zeuge, wie schnell sich alle bewaffnet und aufgestellt hatten. Aber es blieb noch alles ruhig, und gut zehn Minuten standen die Krieger in gespannter Erwartung. Da meldeten die Wachen einen einzelnen Insulaner, der den Pfad heraufkam und mit einem Tuch winkte. Die Posten kannten ihn, aber als René ihn sah, konnte er einen Ausruf nicht unterdrücken. Der Bote war Raiteo von Atiu. Raiteo hatte ihn auch gesehen und erkannt, ein zweideutiges Lächeln zuckte um seine Lippen. Aber er drehte den Kopf nicht zu ihm und kümmerte sich nicht weiter um René. Er ging direkt auf den Missionar zu, der ihn mit finsteren Blicken erwartete. »Wer hat geschossen und den Frieden des Sabbath gestört?« frug der Geistliche streng. »Das weiß ich nicht, es war wohl eine der Wachen. Sie wird das Signal gegeben haben, als die Franzosen den Berg heraufkamen.« »Die Wi-wis?« riefen die Insulaner. »Wo sind sie? Haben sie Kanonen mit? Wieviel sind es?« »Sie bringen eine Botschaft aus Papeete«, fuhr Raiteo zu dem Geistlichen gewandt fort. »Was wollen sie von uns? Heute ist kein Tag, an dem wir verhandeln. Der Sabbath ist heilig und darf nicht ihretwegen gebrochen werden!« »Wenn du eine Botschaft von den Feranis bringst, so hast du dich an mich und sonst niemand zu wenden!« unterbrach in diesem Augenblick eine tiefe Stimme das Gespräch. Der alte Häuptling Utami kam aus einer Gruppe herüber. Er trug einen Tapamantel, der den rechten Arm frei ließ. Dort trug er einen langen, europäischen Pallasch . »Wieviel Feranis sind gekommen?« »Nur drei als Abgesandte.« »Was wollen sie von uns?« »Daß du den gestern gefangenen Wi-wi freigibst. Er gehörte nicht zu den Soldaten und wurde aus Versehen mitgenommen.« »Ist das ein Grund, die Sabbathfeier zu unterbrechen?« rief jetzt Bruder Rowe. Er hatte seine Hände entrüstet zum Himmel gehoben. »Sollen wir wegen einem gefangenen Katholiken, der sein Weib verstoßen hat und die Hand gegen die Kinder dieses Bodens erhob, den Gottesdienst so vieler frommer Christen unterbrechen?« »Singe du weiter, Mi-to-na-re«, sagte der Häuptling. »Die Anführer werden beraten, was zu tun ist, Raiteo, du wartest hier auf meine Antwort.« Damit ging er langsamen Schrittes auf eine entfernt stehende Beratungshütte zu, wo er bald von seinen Häuptlingen umgeben war. Es fehlten aber einige der wichtigen Führer wie Tati, Paofai und Paraita. Tati hatte sich nach Papara zurückgezogen, die beiden anderen. Häuptlinge lebten sogar in Papeete und hatten sich offensichtlich mit den Franzosen versöhnt. Utami war der einzige, der den Vertrag mit unterschrieben hatte und jetzt mutig genug war, seinen Fehler einzusehen und für die Freiheit zu kämpfen. Aonui, Potowai, Teraitane, Kahauha und Taaniri waren hier versammelt. Sie alle galten als Rebellen, dazu kamen noch viele Führer vom südlichen und östlichen Teil der Insel. Man erwartete auch Fanue mit seinen Kriegern von Tairabu. Gemeinsam sollte der Schlag gegen die Feranis in Papeete erfolgen. Die Beratung der Häuptlinge dauerte nicht lange. Man hatte sich wohl gegen Utamis Willen entschieden. Der alte Häuptling sprach finster und heftig gegen die Mehrzahl der übrigen. Er blieb auch auf seiner Matte zurück, während Aonui zu Bruder Rowe sagte: »Wir wollen fortfahren, unsere Augen zu Gott zu erheben, Bruder Aue. Raiteo, du kannst den Feranis melden, daß sie uns morgen früh bei Sonnenaufgang bei der Beratung über den Gefangenen finden werden. Heute ist der dem Herrn geweihte Tag, und davon können uns auch nicht die Privatverhältnisse eines Papisten abhalten.« »Sollen die Feranis wieder nach Papeete gehen?« erkundigte sich Raiteo mit einem Anflug von Schadenfreude. »Ich habe es gesagt«, erwiderte Aonui. »Und der Wi-wi soll hier oben bleiben?« »Störe uns nicht weiter durch deine nutzlosen Fragen, Bruder Raiteo!« sagte der Geistliche mit freundlicher, doch zurechtweisender Stimme. »Du hast deine Antwort, melde sie den Feranis, obwohl ich nicht weiß, wie du dazu kommst, ihr Bote zu sein. Doch ruhig, ich will heute keine Erzählung von irdischen Dingen hören. Weshalb gehst du nicht?« »Ich?« sagte Raiteo erstaunt. »Ich? Was habe ich weiter mit den Wi-wis zu tun? Ich habe sie den Berg heraufgebracht, weil ich mußte. Sie stehen unten, ein anderer kann ihnen die Antwort bringen.« »Möge sie Gott erleuchten«, sagte Bruder Rowe mit einem flehenden Blick nach oben. Dann fiel er in die schrillen Töne eines Psalms ein, und der Chor antwortete ihm. Raiteo kauerte sich hin, wo er stand, und erhob seine Stimme vor dem Herrn. Lauter und andächtiger war er äußerlich als jeder andere. Teraitane, der nicht beabsichtigte, die Feranis unnütz zu reizen, verließ das Lager und ging den Pfad hinab, um ihnen die Meldung selbst zubringen. Leutnant Bertrand war vom Gouverneur abgeschickt, um den Gefangenen zurückzufordern. Er wollte sich nicht so abweisen lassen und drohte mit der Rache der Franzosen, wenn dem jungen Mann auch nur ein Haar gekrümmt wurde. Darauf lachte der alte Häuptling trotzig. »Holt ihn, wenn ihr nicht warten könnt!« sagte er. »Teraitane freut sich darauf, euch mit blutigen Köpfen wieder nach Hause zu schicken.« »Dafür habe ich dich!« rief Bertrand und sprang auf ihn zu. Aber Teraitane entwich ihm, und wie aus dem Boden gewachsen tauchten rechts und links von ihm bewaffnete und finstere Gestalten auf. Speere und Musketen richteten sich auf sie. Bertrand riß erschrocken den Degen aus der Scheide, und seine Begleiter fällten die Gewehre, um dem Angriff zu begegnen. Der Häuptling aber winkte mit der Hand. »Ruhe heute am Sabbath. Ich könnte dich jetzt gefangennehmen oder töten, du tollkühner Ferani. Aber ich will die fromme Gemeinde da oben nicht noch einmal in ihrer Ruhe stören. Geh zurück, du siehst, du kannst deinen bösen Vorsatz nicht ausführen. Kommt morgen wieder, und dann hört, was die Häuptlinge beschlossen haben.« Damit drehte er sich um und ging langsam den Pfad wieder hinauf. Bertrand war mit sich selbst unzufrieden. Aber er sah doch ein, daß er nichts weiter ausrichten konnte, und kehrte zurück. Der Gottesdienst nahm seinen Fortgang, und als die feierliche Handlung endlich beendet war, gingen die Zuhörer zu den verschiedenen Gruppen oder ihren Familien. René blieb während der gesamten Zeit unbeachtet. Auch die Frauen hielten sich fern von ihm. Er entdeckte unter ihnen sogar Aumama, die ernst und schweigend auf einer Matte saß. Sie sah oft lange und ernst zu ihm herüber. Als er aufstand, um zu ihr zu gehen, sagten ihm seine Wärter, daß er das nicht dürfe. Als er nach Utami verlangte, dem er etwas mitteilen wollte, sagte man ihm, daß heute heiliger Feiertag wäre. Lediglich kalte Brotfrucht und Kokosnuß wurden ihm gebracht. So wurde es Nacht. Das südliche Kreuz über ihm drehte sich so langsam, als ob es monatelang Zeit habe für seine eigene Achse, und die kühle, feuchte Bergluft schüttelte ihm die Glieder im Fieberfrost. Endlich brach der Morgen an. Im Osten zeigte sich ein heller Schein, der rasch und mächtig wuchs, und der Morgenschuß der »Uranie« drang bis hierher. Die Eingeborenen waren aber schon auf und hatten Steine im Feuer glühend gemacht. »Utami will dich sehen!« sagte ein junger Mann zu René und führte ihn zu den Lagerplätzen der Insulaner. Alle sahen ihn ohne Gruß an, und René fühlte, wie erneut die Wut in ihm aufstieg. Er ging hoch erhobenen Kopfes zwischen ihnen hindurch. Der alte Häuptling empfing ihn inmitten seiner anderen Stammesführer. In entsprechender Entfernung hatten sich die Eingeborenen darum gruppiert. René spürte sein Herz laut klopfen, als er vor diese Versammlung trat. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: »Nun, ihr sitzt ja zusammen wie ein Gericht, das einen Missetäter aburteilen soll. Was wollt ihr von mir, und warum habt ihr mich gestern den ganzen Tag ohne Matte auf dem Boden liegen lassen? Ist das eure gerühmte Gastlichkeit? Ich wäre heute im Auftrag des Gouverneurs zu euch gekommen, um euch seine Vorschläge zu bringen. Da überfiel mich eine Gruppe eurer Leute und schleppte mich durch das Dickicht in die Berge. Was habe ich verbrochen?« Ein leises, erstauntes Murmeln über die kecke Ansprache ging durch die Versammlung. Die meisten der Häuptlinge schüttelten mißbilligend den Kopf und flüsterten. Ernst sagte Utami ohne jeden Haß im Ton: »Du sollst hier nicht fragen, sondern antworten, Ferani. Sei aufrichtig, das ist für dich das beste.« »Nun, dann frage. Nachher werdet ihr mir ja wohl die Rede gestatten«, sagte René kurz. »Weshalb seid ihr Feranis gestern aus der widerrechtlich besetzten Stadt bewaffnet gekommen, habt unsere Männer angegriffen, zwei von ihnen getötet und andere gefangen mitgenommen?« »Zuerst einmal: Ich gehörte nicht zu der Patrouille, sondern bin mitgegangen, weil ich noch Zeit zur Verfügung hatte. Außerdem wollte ich dabeisein, als ein gesuchter Verbrecher verhaftet wurde. Die Patrouille hatte keinen anderen Zweck, und eure Männer haben sie zuerst angegriffen.« »So hatten unsere Kundschafter richtig berichtet. O'Fa-na-ga ist gefangen, aber was hatte er getan?« sagte der Häuptling. »In früherer Zeit gemordet und geraubt. Er ist ein böser Mensch, und einer der Offiziere hatte ihn erkannt.« »Das sind Anschuldigungen, von denen wir nichts wissen. Wir hätten oft einzelne von euch fangen können, aber wir führen keinen Krieg gegen einzelne, und wir erwarten das auch von euch. O'Fa-na-ga kämpfte mit uns und stand unter unserem Schutz.« »Dann hätte er da bleiben sollen. Es wird ihm nicht mehr viel Zeit bleiben, ihn zu beanspruchen!« »Das ist schlimm für dich!« rief Aonui und streckte zornig den Arm gegen ihn aus. »Sein Schicksal erwartet auch dich, Ferani!« »Möchte ich mir nicht wünschen!« sagte René und lachte. Er war noch immer entschlossen, keine Furcht den Eingeborenen gegenüber zu zeigen. »Haben sie ihn gefangen, dann erwartet ihn der Strick, wenn er nicht schon hängt.« »Dann hängst auch du!« schrie Potowai. »O'Fa-na-ga war mein Freund!« »Schlechte Empfehlung für dich!« sagte der unerschütterliche Franzose. »Ruhe!« gebot Utami. »Und du, Ferani, solltest die Männer nicht noch reizen, die über dich zu Gericht sitzen!« »Dazu habt ihr kein Recht! Wehe euch, wenn ihr es wagt, Hand an mich zu legen!« rief er und richtete sich hoch auf. »Kein Recht? Wer sonst?« sagte Utami und sah ihn ruhig an. »Wer anders als das Volk Tahitis ist der rechtmäßige Eigentümer des Bodens, seit Pomare feige Schutz bei den Feinden suchte? Glaubst du, daß ihr das Recht erworben habt, auf diesen Inseln zu herrschen, weil die Kanonen eurer Schiffe ihre Kugeln in die friedlichen Fischerhütten am Ufer schießen?« »Aber was habe ich damit zu tun?« entgegnete René ausweichend. »Gehörte ich zu den Eroberern? Gehöre ich jetzt dazu? Kam ich nicht auf eure Inseln und wurde aus freiem Willen heimisch mit der Zustimmung eurer Häuptlinge? Nahm ich mir nicht eine Frau aus eurem Stamm?« »Und wo ist sie jetzt?« unterbrach ihn ruhig Utami. »Jetzt? Ich hoffe, in ihrer früheren Heimat, zu der sie mit einem eurer Priester hinüberging, um mich zu erwarten.« »Um dich zu erwarten. Soll das ein Anrecht auf unseren Schutz sein, daß du die Frau wieder von dir schickst, die an deiner Seite bis zu ihrem Tode bleiben sollte?« René wollte heftig antworten, aber er besann sich, biß in die Unterlippe und sagte finster: »Was meine Familienverhältnisse betrifft, bin ich wohl nur mir selber Rechenschaft schuldig.« »Haß und Elend sät ihr und verlangt Freundschaft und Liebe dafür«, sagte der Häuptling fast traurig. »Nicht ich, Utami!« rief René rasch. »Bei Gott, auch mir hat das Elend, das diese Insel jetzt durch meine Landsleute getroffen hat, das Herz zerschnitten. Ich billige nicht ihr Verfahren, hätte meine Stimme Gewicht, dann würden die stolzen Schiffe schon heute ihre Anker lichten und zurückkehren. Aber das kommt alles zu spät, die Gier der Fremden, der Stolz eurer Priester und euer Unfrieden sind Hand in Hand gegangen. Jetzt kann nur noch Blutvergießen vermieden werden, es ist nur noch die Möglichkeit da, weitere Kämpfe zu vermeiden, die vielen das Leben kosten werden und viele unglücklich machen. Heute wäre ich zu euch gekommen, um euch im Namen des Gouverneurs den Frieden anzubieten.« »Er braucht nicht Frieden zu bieten!« rief Teraitane finster. »Er soll unsere Bai mit seinen Schiffen verlassen, und wir haben Frieden. Sind wir es, die den Krieg begonnen haben, ihn fortführen?« »Es hilft auch nichts, daß ihr im Recht seid.« René war wieder ganz ruhig. »Der Fremde hat die Macht, die Gewalt in Händen. Frankreich hat Besitz von den Inseln ergriffen, und nur die lügenhaften Versprechungen vom Schutz Englands haben euch zum Widerstand gereizt. Nehmt Vernunft an, ihr bleibt im Besitz des Landes, und glaubt nicht, daß unsere Priester mit gleichem Haß gegen eure kämpfen werden. Eure Religion, euer Glaube bleiben geschützt.« »Wir kämpfen nicht für den Glauben, sondern für unser Land, für unsere Freiheit. Der Glaube liegt in der Brust der Menschen. Wir wollen uns nicht hinter dieser Mauer verstecken, und auch ihr sollt frei sagen: Wir wollen euer Land, eure Brotfruchtbäume, eure Palmen und eure Häuser und Frauen. Ihr sollt für uns arbeiten, und wir wollen die Herren sein. Glauben – wenn euer Gott die Macht besäße, uns den zu nehmen, hätte er nicht geduldet, daß erst andere Priester gekommen sind und uns ihren Glauben gebracht haben. Wir sollen uns friedlich unterwerfen, das wollt ihr, aber es ist zu spät. Macht die wieder lebendig, die eure Kugeln und Bajonette getroffen haben, ruft sie ins Leben zurück, dann wollen wir von Friede und Freundschaft reden. Diese Antwort soll der Häuptling der Feranis auch bekommen. Sein Frieden heißt Knechtschaft, seine Freundschaft Schmach. Du bleibst gefangen, bis die Männer zurückgegeben wurden, die uns halfen, unsere Berge gegen deine Landsleute zu verteidigen. Geschieht ihnen etwas, stirbst auch du.« »Einer von ihnen ist ein schwerer Verbrecher!« rief René unwillig. »Er hat Menschen ermordet und beraubt. Wollt ihr mich mit ihm gleichstellen?« »Auge um Auge, Zahn um Zahn!« sagte Teraitane. »Jeden Gefangenen tauschen wir ein, Mann gegen Mann. Für jeden Bruder, den sie erschlagen, verlangen wir volle Bezahlung in Blut zurück. Vorher gibt es keinen Frieden, bis wir die Feranis bezwungen haben oder sie uns.« René stampfte mit dem Fuß auf. »Pest! Was habe ich mit der Sache zu tun? Wenn ihr meinen Landsleuten nicht gutwillig euer Land geben wollt, kann ich es euch nicht verdenken. Aber was kümmert es mich? Ich gehöre nach Atiu und nicht zu den Schiffen. Dort der Priester, der so finster zu mir herüberblickt, muß mir bezeugen, daß ich meine Familie vorausgeschickt habe, weil mich meine eigenen Landsleute im Verdacht hatten, mit euch gegen sie verschworen zu sein. Sie wollten mich nicht weglassen. Der ehrwürdige Herr ist nicht gerade mein Freund, aber er wird eine Tatsache für mich bestätigen müssen!« Mister Rowe war schon näher zu den versammelten Häuptlingen getreten, ohne jedoch ein Wort zu sagen. Nicht alle der Versammelten waren ihm so ergeben, wie er es in christlicher Demut für nützlich und notwendig hielt. Jetzt direkt angesprochen, sagte er mit einem tiefen Seufzer: »Der Ferani hätte wohl in diesem Lager jemand gefunden, der für ihn günstiger aussagen könnte als ich.« »Sie können nicht leugnen, daß Sie bei unserem Abschied dabei waren!« sagte René mit blitzenden Augen. »Mein Herz hängt nicht an weltlichen Dingen, mein Auge sieht nicht auf irdische Handlungen, wo das Wohl und Wehe der Seele an einem dünnen Faden über dem Abgrund des Verderbens hängt. Ich weiß nicht, ob der Ferani auf diesen Inseln sein Leben beschließen will. Gott allein prüft das Herz und die Nieren. Aber ich weiß, daß er sie nie hätte betreten dürfen und daß die Frauen und Mädchen dieser Inseln nur Fluch und Tränen bis jetzt geerntet haben.« »Sie wissen, daß ich in Atiu als Bürger des Landes aufgenommen wurde!« rief René. »Ich weiß nichts außer der Tatsache, daß die Verbindung mit einer Tochter des Landes und einem Papisten gegen die Gesetze dieses Landes ist. Weiter will ich nichts wissen, ich habe all das Unrecht, das mir selbst geschehen ist, vergessen und vergeben, wie es für einen Christen geziemt. Ich begreife nur nicht, daß ein Bürger dieses Landes eine Gruppe seiner Landsleute überfällt, zwei tötet und andere in Gefangenschaft schleppen läßt. Ich kümmere mich auch nicht um die weltliche Gerechtigkeit, die ihren Gang haben muß durch die Häuptlinge und Richter des Landes.« Damit wandte er sich ab und schritt zu seiner kleinen Hütte. René wollte in heftigen Worten darauf antworten, aber er besann sich. Mit finsterem, verächtlichem Lächeln sah er dem frommen Mann nach. Die Häuptlinge berieten inzwischen eifrig und mit leiser Stimme untereinander. Sie waren aber noch zu keinem Entschluß gekommen, als ein Läufer kam und die Ankunft mehrerer Feranis meldete, die den anführenden Häuptling sprechen wollten. Andere ausgesandte Spione meldeten, daß mehrere Abteilungen französischer Soldaten wieder im Anmarsch wären und wohl einen Sturm auf das Lager beabsichtigten. Da die Insulaner ihre Verteidigungsmittel nicht verraten wollten, beschloß man, die Fremden nicht heraufzulassen. Utami sollte ihnen entgegengehen. Er konnte ihre Absicht erfahren und ihnen gleich eine Antwort geben. Der Gefangene sollte nur gegen die beiden Engländer eingetauscht werden. War denen ein Leid geschehen, sollten die Feranis sehen, daß sie Gleiches mit Gleichem vergelten konnten. Die Rache der Fremden fürchteten sie nicht. 31. Die Flucht Durch den raschen Entschluß der Insulaner befand sich René in einer sehr gefährlichen Lage. Wenn auch Jack durch seine Hilfe entkommen war und jetzt vielleicht an der Küste eine Gelegenheit zum Entkommen suchte, so hatte Jim O'Flannagan nur geringe Aussicht, seiner Strafe zu entgehen. Gouverneur Bruat würde nie daran gedacht haben, ihn wieder auszuliefern. Konnten sich die von dem Missionar nur noch bestärkten Insulaner dazu hinreißen lassen, ihre Drohung wahr zu machen? Seine Hoffnung blieb jetzt auf die Gesandten gerichtet. Von dem erwarteten Angriff wußte er noch nichts. Schlug die Botschaft fehl, dann... doch, beim Teufel, was lag ihm am Leben? Ob sie ihn einschüchtern wollten oder es ernst meinten, sie sollten ihn weder weich noch ängstlich finden. Mußte es sein, dann... Schüsse knallten und Trompeten schmetterten. Er zuckte aus seinen Träumen empor. Aonui, der finstere, fanatische Häuptling, kam auf ihn zu. Seine tückisch blitzenden Augen verrieten, was in ihm vorging. Er war der grimmigste Feind, den die Feranis unter den Eingeborenen hatten. Dicht hinter ihm ging ernst Raiteo. Aonui galt als rechte Hand des ehrwürdigen Mr. Rowe. Die Eingeborenen ehrten ihn besonders und fürchteten ihn, denn er war gerecht und streng, aber durch seinen fanatischen Eifer ließ er sich oft mitreißen. »Deine Gehilfen kommen, um dich zu befreien! Aber sie werden den Hügel zu spät erreichen. Wir hatten ihnen die Möglichkeit deiner Auslieferung mitgeteilt, aber sie haben abgelehnt und uns gedroht. Jetzt wende deine Seele zu Gott, denn deine Minuten sind gezählt.« René sah ihn wütend und trotzig an. Es lag ihm eine feindliche Erwiderung auf den Lippen, da traf ihn Raiteos Blick. Der schlaue, warnende Ausdruck ließ ihn stutzen. Das ganze Benehmen des Burschen deutete auf einen Plan. Sein rasches Blinken schien ihn aufzufordern, dem Verlangen Folge zu leisten und nicht durch Eigensinn den ruhigen Gang der Ereignisse vielleicht zu stören. Aonui sah, daß sein Blick auf einem Gegenstand hinter ihm haftete, und sah sich um. Sein Blick fiel aber nur auf das ruhige, gleichgültige Gesicht seines Begleiters. René war jetzt überzeugt, daß er den Atiuer auf seiner Seite hatte, und sagte finster: »Tu, was du nicht lassen kannst und was du verantworten kannst. Aber denke auch daran, daß meine Landsleute furchtbare Rechenschaft von euch fordern werden. Bis jetzt schützt und verteidigt ihr euer Land und wart im Recht. Entweiht die gute Sache nicht durch einen Mord!« »Ich bin nicht gekommen, um dich zu hören, sondern um dich zu richten!« sagte der Häuptling finster. Er horchte einen Moment nach den wieder knatternden Gewehrschüssen. »Bete zu deinem Gott, denn du hast nur noch eine Viertelstunde zu leben!« sagte er dann. »Beten!« rief René wütend aus. »Beten – nichts als beten, den Namen Gottes kaut ihr den ganzen Tag und denkt dabei doch an Haß und Mord... beten!« »Du willst nicht beten?« sagte Aonui rasch. René sah das unwillige Zeichen in Raiteos Gesicht und sagte ausweichend: »Wie lange Zeit ist mir noch gegeben?« »Der Schatten dieses Baumes darf keine Handbreit mehr zur Seite weichen«, erwiderte der fanatische Häuptling. »Es ist gut«, sagte René. Seine Hände waren frei, und er war nicht gewillt, als geduldiges Opfer zu sterben. Als er sich nach einer Waffe umsah, sprach Raiteo leise zu dem Häuptling. »Soll ich ihn in das Haus führen? Die Feranis beten nie im Freien.« Aonui nickte, und Raiteo griff den Arm des jungen Mannes. »Komm, Wi-wi, du sollst nicht sagen, daß wir dich gezwungen haben, deinen Gott anders zu verehren, als du es gewohnt bist. Komm«, flüsterte er dabei leise und führte ihn der Hütte zu. Zögernd folgten ihm die Wächter. Vor dem Eingang des mit Matten verschlossenen Hauses bezogen sie dann Posten. Wilder Lärm tobte im Lager, die Franzosen hatten die Vorposten zurückgeworfen, und ihre Kugeln trafen schon über den Damm die Wipfel der Bäume. Die Eingeborenen standen in der Verschanzung bereit. Wie bei dem früheren Angriff hatten die Franzosen kleine Gruppen mit Trommlern und Trompetern verteilt, um den Feind irrezuführen. Durch die Signale schüchterten sie den Feind ein. Die Insulaner glaubten, von einer viel größeren Streitmacht umzingelt zu sein. Aber trotzdem wäre der Angriff für René nicht rechtzeitig gekommen, wenn nicht der ehrgeizige Raiteo gewesen wäre. Er hatte die Stellung als Missionar nur angestrebt, um seinen bislang erworbenen Reichtum noch zu vergrößern. Als er die Verhältnisse in Tahiti beobachtete und die Gleichgültigkeit der englischen Schiffe bemerkte, begann er sich die Vorteile zu überlegen, die vielleicht der Segen der katholischen Kirche auf sein geistiges und körperliches Wohl haben könnte. Die Lage der Eingeborenen in den Bergen gefiel ihm auch nicht besonders. So entschloß er sich, ein neuer Mensch zu werden – und die Gelegenheit wurde ihm durch René geboten. Kaum fiel jetzt die Eingangsmatte hinter ihnen herunter, als er auch schon zu einigen Pandanusblättern sprang. Darunter lagen zwei Kavalleriesäbel. René stellte keine Fragen, er konnte seinen Jubelruf nur knapp zurückhalten. Die beiden Männer nahmen die Waffen an sich. Raiteo schob Blätter von der Rückwand zur Seite und schlüpfte hindurch, gefolgt von René. Die Hütte stand dicht an der Verschanzung. Links und rechts standen Gruppen der Verteidiger. Unmittelbar hinter der Hütte war aber ein freier Platz, weil dort eine Felswand ziemlich steil herabfiel. Diese Stelle hatte sich Raiteo zur Flucht ausgesucht. Sie wurden zwar sofort bemerkt, als sie auf die Schanze sprangen. Ehe aber die Eingeborenen mit den Gewehren schußbereit waren, hatte Raiteo schon Renés Hand ergriffen und riß ihn nach vorn. Blitzschnell glitten sie den steilen, schlüpfrigen Hang hinunter in ein Dickicht mit hochstämmigen Guiaven. Damit waren sie der Gefahr aber noch nicht entronnen. Mehrere Schüsse wurden ihnen nachgeschickt, und die Kugeln schlugen ringsum ein. Aber dann folgten ihnen fünf oder sechs Insulaner entschlossen. Durch das Dickicht aufgehalten, wäre René ihnen gar nicht so schnell entkommen. Da tönten dicht vor ihnen Signalhörner, und die Eingeborenen klammerten sich im ersten Schreck an Stämme und Büsche, um dem unvermuteten Feind nicht in die Hände zu fallen. Diesen Moment benutzten die Flüchtlinge und liefen auf die Richtung zu, von der sie die Hörner gehört hatten. Die Verfolger schossen noch einmal erfolglos nach ihnen und zogen sich dann schnell wieder zurück. Eine Kugel hatte aber doch Raiteos Oberschenkel getroffen und war durch das Fleisch geschlagen. Das hielt ihn aber bei der Flucht nicht auf. Durch die Schüsse waren die Matrosen von der »Uranie« schon aufmerksam geworden und kamen ihnen entgegen. René wollte im Zorn über die erlittene Behandlung sich ihnen gleich wieder anschließen und das Lager mit stürmen. Raiteo bemerkte das und behauptete, daß er mit der Wunde allein nicht weitergehen könne. Er forderte deshalb den Franzosen auf, ihn nicht hilflos im Wald liegen zu lassen. Er hätte ihm gerade das Leben gerettet und deshalb die Kugel erhalten. René wollte das natürlich nicht und bat die Soldaten, ihn mit einem Matrosen zurückzubringen. Doch der anführende Seekadett hatte dazu keinen Auftrag, und Raiteo weigerte sich, mit einem Fremden zu gehen, der nicht einmal seine Sprache verstand. Also mußte René ihn unterstützen und in das Tal zurückbringen. Er hatte dem Seekadett seinen Namen gesagt und ihn gebeten, den kommandierenden Offizier so schnell wie möglich über seine Flucht zu informieren. Er war noch immer fest entschlossen, an den Kampfplatz zurückzukehren. Das war aber nicht im Sinne Raiteos, der seine Wunde schlimmer darstellte, als sie wirklich war. Er mußte sich unterwegs so oft ausruhen, daß sie den Wall von Papeete erreichten, als oben das Schießen aufhörte. Kurze Zeit darauf verkündeten die schmetternden Hörner die Franzosen als Sieger. Die Eingeborenen waren aus dem Lager in die Berge verjagt, und dorthin konnte man sie nicht weiter verfolgen. René suchte sofort den Gouverneur auf, um ihm von seinen Erlebnissen zu berichten und auch über die vergeblichen Verhandlungen. Der Gouverneur war gerade mit dem Verhör des Mannes beschäftigt, der fast die Ursache für seinen Tod war: Jim O'Flannagan. So ließ sich René nur anmelden, wurde aber sofort hereingerufen. »Sie kommen mir wie gerufen, Delavigne!« rief ihm der Gouverneur schon entgegen. »Ihre Abenteuer erzählen Sie mir später. Wir haben hier einen Burschen, der alles verspricht, wenn man nur seinen Hals vor der Schlinge rettet. Ich möchte ihm gern durch jemand auf den Zahn fühlen lassen, der mit dem Land vertraut ist.« Jim O'Flannagan stand mit auf den Rücken gefesselten Händen zwischen zwei Marinesoldaten. Er hatte seine Situation begriffen, denn er sah totenbleich aus, und die Augen lagen tief in den Höhlen. Aber um den Mund lag noch immer der alte Trotz. Seine Stirne war gerunzelt, als er den Neuankömmling ansah. »Zum Beweis, daß er es ehrlich meint, hat er uns schon gestern seinen eigenen Kameraden ausgeliefert.« »Den entsprungenen Matrosen?« rief René rasch und erstaunt. »Ja, aber der war mehr als nur das. Er war der Helfershelfer dieses Mannes in früherer Zeit und Teilnehmer an einem Mord, für den wir eigentlich O'Flannagan zum Tode verurteilt haben. Dazu kommt noch der starke Verdacht, daß er eine alte Frau erschlagen hat, die man an dem Abend gefesselt und erschlagen in ihrer Hütte gefunden hat. Sie hätten dabeisein sollen, als wir den Burschen fingen, es war wie mit einem Lockvogel. Aber das konnte noch nicht genug sein, um sein wertloses Leben zu garantieren. Jetzt verspricht er uns die Anführer der Insulaner, die Häuptlinge, die den größten Einfluß haben, uns auszuliefern. Das wäre allerdings seinen Hals wert, denn dadurch würde viel Blutvergießen vermieden werden. Ich möchte von Ihnen wissen, Delavigne, ob sein Plan realisierbar ist oder nur eine Finte, um ein paar Tage länger atmen zu können.« »Wie will er das ermöglichen?« »Morgen früh soll eine Versammlung stattfinden, von der er erfahren hat. Kennen Sie die Berge oberhalb der Stadt?« »Ausreichend, glaube ich. Allerdings kann ein anderer Landsmann, Lefevre, jeden Baum in den Bergen nennen. Vielleicht wäre es zeitsparend, wenn man ihn ebenfalls ruft.« Der Gouverneur rief die Ordonnanz herein und befahl ihr, Lefevre zu suchen. In der Zwischenzeit berichtete René leise von seinen Erlebnissen und über den Friedensvorschlag. Er glaubte jetzt selbst, daß freundliche Worte bei den Eingeborenen nicht ankamen. Lefevre kam endlich, und die Befragung des Mannes konnte beginnen. »Woher weißt du überhaupt, daß die Häuptlinge morgen eine Versammlung haben? Was hast du mit ihnen zu tun?« »Ein Weißer, der mit einem Gewehr umgehen kann, ist jetzt bei ihnen so viel wert wie ein Häuptling«, erwiderte der Ire mürrisch. »Ich bin bei allen Beratungen dabeigewesen.« »Das klingt wahrscheinlich. Aber weshalb wurde die Beratung so viele Tage hinausgeschoben und findet nun gerade morgen statt?« »Am Freitag wurde der Beschluß gefaßt. Am Sonnabend war der Sabbath, da konnte kein Bote geschickt werden. Heute wurden welche zum Süden der Insel geschickt. Vor heute nacht können die Häuptlinge nicht eintreffen.« »Und weshalb findet die Beratung nicht im Lager statt?« »Sie wollen dem Einfluß der Missionare entgehen«, erwiderte der Ire. »Ich hatte selbst den Antrag gestellt, weil ich die Schwarzröcke hasse. Sie haben den Eingeborenen durch ihre Einmischung nur Unheil gebracht. Utami, Teraitane und andere gehen ihnen aus dem Weg, wo sie nur können. Nur Aonui und Potowai sind ihre Posaunen.« »Wo ist der Sammelplatz?« »Im oberen Tal, etwa eine englische Meile von Papeete, dicht unter dem Felsenhang, auf dem die drei Kokospalmen stehen.« »Kennen Sie den Platz?« wandte sich der Gouverneur an die beiden, und sie bestätigten es. »Aber in welcher Schlucht? Es kommen da drei von oben herunter?« erkundigte sich Lefevre. »In der mittleren.« »Das ist die einzige, die einen Ausgang hat. Die anderen sind von steilen Hängen eingeschlossen. Und wo da?« »Kennt ihr den Platz, wo die einzelne Hütte steht, die jetzt Utami bewohnt?« »Allerdings. Der Platz wäre nicht schlecht gewählt. Wie viele Häuptlinge sollen da zusammenkommen?« »Von hier Utami, Teraitane und Aonui sowie Fanue und einer, dessen Namen ich vergessen habe. Einer von Tairabu, einer vom südlichen Inselteil. Es wurde auch davon gesprochen, daß von dort ein Abgesandter von Huaheine und Bola-Bola erwartet wird. Man vermutete, daß sie gemeinsam eintreffen würden.« »Das wäre gar nicht so übel!« rief der Gouverneur. »Aber auf welche Weise wollen sie sie da oben fangen?« »An dem Platz leichter als woanders«, bestätigte Lefevre die Angaben des Gefangenen. »Auf dem Rückweg ließe sich leicht ein Vorposten aufstellen. Dem können die Umstellten weder rechts noch links ausweichen. Der Eingang des Tals ist mit zwölf Mann völlig zu schließen. Wenn sich alles so verhält, wie der Bursche angibt, dann können wir auf einen günstigen Erfolg hoffen. Jedenfalls hätten wir nicht viel zu riskieren, da wir uns wieder rasch zur Stadt zurückziehen können. Nach der heutigen Niederlage werden die Eingeborenen nicht dicht herankommen. Ich habe heute sogar von einem uns ergebenen Mann gehört, daß die Krieger eine weiter zurückliegende feste Stellung im Hantauetal einnehmen wollen, um sich dort sicher zu verschanzen, bis die von England versprochene Hilfe kommt.« »Dann werden wir wohl eine starke Abteilung im Rücken aufstellen, um jeder Überraschung vorzubeugen. Fragen Sie den Kerl, was er dazu sagt.« Jim schüttelte aber den Kopf. »Dann wird es nichts. Sobald hier nur zwanzig Soldaten auf einmal aus der Stadt marschieren, wissen sie es auch schon in den Bergen und rüsten sich für einen Angriff. Kleine Patrouillen sind aber jeden Tag ausgezogen und selten belästigt worden, weil die Eingeborenen keinen Angriffskrieg führen wollen. Nur die Patrouillen können den Überfall ausführen, eine größere Militärabteilung nie.« »Und wer garantiert die Sicherheit der schwachen Patrouillen?« »Ich bin doch in eurer Gewalt und gehe dann mit!« sagte Jim. »Eine schlechte Garantie«, sagte René kopfschüttelnd. »Der Bursche hat nicht einmal mehr ein Leben zu riskieren. Aufrichtig gesagt, möchte ich keinen Menschen auf seine Versicherungen einsetzen. Das alles erscheint mir wie ein abenteuerliches Märchen, damit er seinen Hals vor der Schlinge noch etwas retten kann. Er will sich wohl in den Bergen in Sicherheit bringen. Ich würde sehr vorsichtig sein.« Die Franzosen unterhielten sich natürlich in ihrer Sprache. Der Gefangene sah mißtrauisch von einem zum anderen. Lefevre war für den Plan. Er kannte den Teil der Berge genau und glaubte einen solchen Überfall leicht ausführen zu können. Dann lag ihm aber auch daran, als Offizier in die Armee eintreten zu dürfen, was ihm bislang aus verschiedenen Ursachen verweigert wurde. Wenn er sich aber bei einer solchen Expedition auszeichnete, sah die Lage für ihn günstiger aus. Nach Jims Aussage war auch der alte Häuptling Fanue anwesend, den er noch von Tairabu aus ganzem Herzen haßte. Jim wurde wieder abgeführt, und Lefevre erklärte sich bereit, die Führung einer Patrouille zu übernehmen. Man besprach die Einzelheiten, und Lefevre suchte sich dann die geeigneten Leute zusammen. Es wurde vereinbart, daß Jim den Trupp führen sollte, der nicht unmittelbar dem Angriff zugeteilt wurde. Er sollte natürlich streng bewacht werden. »Wollen Sie den Zug auch begleiten, Delavigne?« erkundigte sieh der Gouverneur, als Lefevre den Raum verlassen hatte. Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Ich will auf den Inseln leben«, sagte er, und es sah fast so aus, als müsse er diese Antwort gegen seinen Willen sagen. »Und... ich möchte alles vermeiden, in zu feindselige Berührung mit den Bewohnern zu kommen. Wenn nicht meinetwegen, so doch meiner Frau zuliebe.« »Aber Lefevre lebt auch hier und sorgt sich deshalb nicht darum. Er nahm die Sache mit einem richtigen Feuereifer auf. Ich bin überzeugt, er wird alles versuchen , um Erfolg zu haben.« »Wir Menschen haben verschiedene Charaktere«, erwiderte René ausweichend. »Lefevre denkt wahrscheinlich wie in vielen Dingen anders als ich. Außerdem verspreche ich mir nicht den geringsten Erfolg von dieser Mission. Ich fürchte, die Insulaner sitzen uns näher, als wir glauben.« »Ach was!« lachte der Gouverneur. »Die Burschen wagen sich nicht wieder in den Bereich unserer Kanonen und werden sich mit Plänkeleien begnügen, bis sie es satt bekommen oder wir die Rädelsführer gefangen haben. Wie dem auch sei, wo wohnen Sie jetzt, Delavigne?« »Nirgends!« sagte René und lachte. »Mein Haus draußen ist mir abgebrannt, und ich habe mich bei Vater Conet einquartiert, der mir freundlicherweise ein Zimmer zur Verfügung stellte.« »Dort sind Sie gut aufgehoben, sonst hätte ich selbst für Sie gesorgt. Unser Krieg hat Sie geschädigt, und das müssen wir Ihnen wieder vergüten. Jetzt guten Abend, und ich hoffe Sie morgen wieder zu sehen.« 32. Lefevre und Aumama Mit Tagesanbruch durchzogen mehrere Patrouillen langsamen Schrittes die Stadt. Die dort noch lebenden Eingeborenen waren viel zu sehr daran gewöhnt, um etwas Außergewöhnliches darin zu vermuten. Die verschiedenen Posten wurden durch Patrouillen abgelöst oder kontrolliert, und außerdem schickte der Gouverneur oft kleine Gruppen über die Verschanzung. Sie sollten feststellen, ob sich feindliche Schwärme der Stadt näherten. Diese Überfälle richteten sich übrigens meistens nicht gegen die Feranis selbst, sondern gegen die Einheimischen, die sich freundlich zu den Franzosen verhielten. Wehe denen, die in ihre Hände fielen. Trotz der aufgestellten Posten wurde so manche Hütte niedergebrannt. Eine der Patrouillen war noch vor Tagesbeginn an den oberen Teil der Stadt marschiert, hatte den kleinen Bach überquert und war auf dem ziemlich breiten Weg eine Weile fortmarschiert. Dann schlug sie sich in das Dickicht und machte Rast. In ihrer Mitte führten sie den Iren Jim O'Flannagan mit. Seine Arme waren auf den Rücken gebunden. Lefevre befehligte den Trupp, der aus dem Bootsmann, zwei Matrosen der »Jeanne d'Arc« und drei weiteren Leuten bestand. Adolphe sollte die zweite Patrouille hier erwarten und ihre Führung übernehmen. Mürrisch ging Jim zwischen ihnen und schien mit seiner Rolle nicht ganz einverstanden zu sein. Sein Leben hatte man ihm zugesichert, wenn er die Rebellen lebendig in die Hände der Franzosen lieferte. Erst nach Tagesanbruch folgte die zweite Patrouille der ersten. Es waren Marinesoldaten, von einem jungen Fähnrich angeführt. An einer verabredeten Stelle vereinigten sich die Gruppen und wurden jetzt so aufgeteilt, daß Adolphe den Iren mitnahm, um den umstellten Häuptlingen den Weg in die Berge abzuschneiden. Sechzehn Mann mit dem Fähnrich blieben bei Lefevre und sollten den Hauptangriff ausführen. Adolphe wurde mit seiner kleinen Gruppe von Jim einen schmalen Pfad bergauf geführt. Der Weg war so steil geworden, daß der Bootsmann das Tau verlängern mußte, das er in der Hand hielt, um den Gefangenen beim Gehen nicht zu sehr aufzuhalten. Der Seemann trug es doppelt und fest um die Hand geschlungen, so, wie man einen Spürhund an langer Leine laufen läßt. Die anderen folgten in langer Linie nicht immer geräuschlos nach. Die Seeleute achteten mehr auf trockenes Gestrüpp und wichen ihm geschickt aus. Die Soldaten aber traten schwerer auf, und manchmal knackten dürre Äste unter ihrem Tritt. Das ließ ihren Führer immer mit einem warnenden Blick zurücksehen. Dabei überzeugte sich Jim jedesmal vom Verhalten der Begleiter. Der Bootsmann zupfte jetzt an der Leine, um mit dem Iren zu sprechen. »Der Offizier möchte wissen, wie weit wir noch etwa gehen müssen«, flüsterte er. »Er soll seinen Leuten sagen, daß sie nicht so einen Lärm machen!« »Wie weit ist es noch?« »Weit genug, um den Platz nie zu erreichen, wenn wir jetzt gehört werden, und nahe genug, um vielleicht in zehn Minuten schon in Sicht- oder Rufweite des Feindes zu sein!« Der Bootsmann nickte zufrieden, und Jim setzte seinen Weg wieder fort. Er war noch nicht zehn Schritte weit geklettert, als er dem Anführer winkte, im Laub noch vorsichtiger zu sein. Er ging jetzt nach links in das Dickicht hinein. Der Bootsmann wollte ihn erst hindern und ihn auf dem freien Pfad lassen, aber es war ihm, als ob er Stimmen gehört hatte. Weil der Ire ganz behutsam weiterging, ließ er ihn gewähren. Endlich erreichten sie eine Stelle im Wald, wo die Sonne voll durch die sonst undurchdringlichen Guiaven fiel. Der Seemann sah, daß sie sich einer steilen Bergwand genähert hatten, von der aus sie einen Überblick über das vor ihnen liegende Tal bekommen mußten. Jim winkte ihn und den Offizier heran und zeigte durch einen kleinen Busch in das Tal. Dort entdeckten sie an einer Stelle, an der sie niemand vermutet hatten, einen Trupp von etwa fünfundzwanzig bewaffneten Eingeborenen. Die Entfernung zu ihnen betrug vielleicht kaum zweihundert Schritte. Das laute Knacken eines dürren Astes hätte man dort schon fast hören können. »Pest und Tod!« fluchte Adolphe. »Du verdammter Hund hast uns absichtlich falsch geführt. Ist das die Stelle, wo eine kleine Zahl Insulaner den Hohlweg versperren soll? Hier kann eine Armee links und rechts an uns vorbei, ohne daß wir sie bemerken!« »Pst!« sagte der Ire, dessen Gesicht jetzt totenbleich war. »Pst, nicht so laut, die Burschen könnten uns hören!« »Wo ist die Stelle, zu der du uns führen wolltest?« Jim lachte leise vor sich hin, und es lag etwas Teuflisches in seinem Lachen. Adolphe griff unwillkürlich nach seinen Pistolen. »Wenn ihr nicht schon lange gemerkt habt, daß ich meinen Weg verfehlt habe, ist das nicht meine Schuld!« sagte der Ire leise. »Laß deine Pistolen ruhig im Gürtel, Kamerad. Damit kannst du keinen erschrecken, der den Strick um den Hals trägt. Aber jetzt hör zu und entschließe dich schnell, denn meine Zeit ist genauso kostbar wie eure. Mein gutes Glück hat uns in Rufnähe zu einer Schar von Eingeborenen gebracht...« »Dein gutes Glück, du Schuft?« knirschte der Bootsmann. »Wag es, einen Laut auszustoßen, und Gott soll mich strafen, wenn ich dir nicht beide Hackensehnen durchschneide, ehe die Schufte da in Schußnähe kommen!« »Dazu ist dir dein Hals selbst zu lieb!« lachte der Gefangene. »Ich hätte nichts Besseres verdient, wenn ich eine so einmalige Chance ungenutzt verstreichen ließe. Noch bin ich in eurer Gewalt, und ihr könnt mich töten. Soll ich mich deswegen fürchten, wo ich die Wahl habe zwischen einem raschen Tod und dem Galgen? Aber Dienst gegen Dienst!« sagte er dann, als er bemerkte, daß der Bootsmann das Tau noch fester packte. »Wenn ihr hier entdeckt werdet, könnt ihr dem Trupp nicht entgehen. Ein einziger Schuß ruft neue Feinde von jeder Seite heran. Damit ist euch der Weg nach Papeete abgeschnitten, und ihr seid verloren.« »Und wenn sie mir die Glieder stückweise vom Leibe reißen!« sagte der Bootsmann. »Erst sehe ich dich hängen, Bestie, und dann können sie mit mir machen, was sie wollen.« »Noch habt ihr einen Ausweg. Laßt mich frei, und ich verspreche euch, daß ich hier still und regungslos liegenbleibe, bis ihr außerhalb der Gefahr bei den Wällen von Papeete seid.« »Damit sie nachher mit den Fingern auf uns zeigen!« sagte Adolphe. »Tu, was du nicht lassen kannst, Schuft. Aber ich schwöre dir, ehe ich dich lebendig aus meinen Händen lasse, hänge ich dich selbst da in die nächste Guiave! Jetzt zurück von da oben, wir haben genug Zeit versäumt. Bist du ruhig, will ich dir versprechen, alles zu versuchen, um in Papeete deinen Hals freizubekommen. Aber kein Wort jetzt und marsch.« »Das Anerbieten ist freundlich genug, aber ich weiß etwas Besseres...« Ehe der Bootsmann nur eine Ahnung hatte, warf sich der Gefangene durch einen Busch den steilen Abhang hinunter. Er hätte den Boden auch sicher erreicht, denn der völlig überraschte Seemann stand nicht sicher genug, um sich gegen ihn zu stemmen. Er wurde durch das Gewicht des Flüchtlings zu Boden gerissen. Das Tau aber hakte sich an einer vorragenden Guiavenwurzel fest, und der Ire hing im nächsten Augenblick an seinen Armen schwebend an der Klippe. »Hilfe!« brüllte er jetzt gellend, und die Eingeborenen sprangen schnell auf. »Verdammter Teufel!« schrie Adolphe und riß seine Pistole heraus. Der Bootsmann hielt noch immer das Tauende fest in seinen Händen. Als er die Absicht des Offiziers erkannte, rief er: »Nein, Monsieur, halt, hier, Jean und Petit, faßt mit an, weiter vor, so, haltet fest... Donnerwetter, der Halunke hat mir bald den Arm mit der Wurzel herausgerissen. Jetzt herauf mit ihm, damit ich seinen Hals bekomme!« »Da stürmen schon die Eingeborenen heran!« rief Adolphe. »Es ist jetzt einerlei!« rief der Bootsmann. »Ob sie uns hier oder fünfzig Schritt weiter einholen. Hier können wir ihnen noch eine Salve geben. Ich gehe nicht eher vom Fleck, bis ich den Schuft gehängt habe.« »Hilfe – Hilfe – Hilfe!« gellte der Schrei des Gefangenen. Er versuchte verzweifelt, dem Tau zu entgehen. Unbekümmert um die Eingeborenen zogen die Matrosen an dem Seil. Es war eine neue, fast fingerdicke Hanfleine und hätte zwei solche Burschen getragen. »Stop jetzt!« rief der Bootsmann, als er den Kragen des Iren erreichen konnte. Kaltblütig machte er aus dem anderen Ende des Taus eine Schlinge. »Haltet einen Augenblick, und einer schnürt ihm die Hände etwas fester auf den Rücken. Hol der Teufel die Kugel, kümmere dich nicht darum, Jean, so...« Noch einmal schrie der Gefangene in Todesangst, wilde Rufe tönten von rechts und links herüber, und die ersten Insulaner erkannten kaum die Gestalten von Europäern, als sie auch schon ihre Gewehre abfeuerten. Eine der Kugeln schlug an den Felsen, an dem der Gefangene hing, eine andere zischte am Kopf des Bootsmanns vorbei. Vollkommen ruhig legte der Seemann die fertige Schleife um den Kopf des laut schreienden Iren. Dann trennte er einen Teil des Taus durch und schlug das Ende mit einem Seemannsknoten am nächsten Guiavenbaum fest. Ohne sich um das Geschrei des Verbrechers weiter zu kümmern, ließen die Matrosen ihn wieder los. Ein gellender Aufschrei erklang, der durch den Todeskampf des Verbrechers beendet wurde. Die Matrosen nahmen ihre Gewehre auf, Adolphe kommandierte Feuer. Er hatte sich von der Exekution schaudernd abgewandt, aber er wollte sie auch nicht verhindern. Einige der Eingeborenen hatten sich dicht herangewagt, aber die gut gezielten Kugeln trieben sie rasch zurück. Für die Franzosen wurde es höchste Zeit, sich ebenfalls zurückzuziehen. Sie brachten schnell den Kamm des Abhangs zwischen sich und die Feinde und verschwanden auf dem Pfad. Die Insulaner versuchten, ihnen zu folgen, aber auch der nächste Angriff wurde mutig zurückgeschlagen. In der Nähe der Stadt traf die Gruppe eine Kolonne Marinesoldaten, die ihnen als Hilfe nachgeschickt worden waren, nachdem Spione Schüsse gemeldet hatten. Eine andere Kompanie war der Gruppe Lefevres zur Hilfe geeilt, von der man ebenfalls Schüsse gehört hatte.   Lefevre kannte den Wald und die Schleichwege und hatte deshalb seinen Weg etwas unvorsichtig verfolgt. Er hielt sich auch den Eingeborenen überlegen, denn er hatte sie nie so kennengelernt, wie sie sich jetzt zeigten: gereizt und tapfer. Vielleicht vertraute er auch auf die Macht der Schußwaffen und kümmerte sich wenig um die Geräusche, die sie machten. Sie ließen so schnell wie möglich das Guiavendickicht hinter sich und kamen dann zwischen hochstämmige Mape- und Wibäume, Aitos, Tiairis und Brotfruchtbäume. Sie bildeten hier einen prächtigen Hochwald, nur hier und da standen kleine Dickichte aus Zitronen, Orangen oder Guiaven. Eine Viertelstunde mochten sie in dem schmalen Tal aufgestiegen sein und hatten dabei mehrfach einen Bergbach gekreuzt. Da kam der Seekadett, ein Bursche von vielleicht dreizehn Jahren, plötzlich nach vorn und meldete dem Führer etwas mit ängstlichem Gesicht. Er war hinter der Gruppe etwas zurückgeblieben und war fest überzeugt, die Gestalt eines Eingeborenen zwischen den Bäumen gesehen zu haben. »Ein Gespenst haben Sie gesehen!« lachte Lefevre. »Sie sehen ja totenbleich aus, junger Herr. Die Gestalt hat Ihnen wohl Beine gemacht?« »Ich gebe Ihnen mein Wort, daß es ein Insulaner war. Ich konnte allerdings nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war, sie sind ja ziemlich ähnlich gekleidet.« Der junge Mann war fast beleidigt. Er war nicht feige, und die Andeutung einer Flucht trieb ihm das Blut ins Gesicht. »Und was tat er dort?« »Das weiß ich nicht, aber als ich ihn zuerst sah, stand er aufrecht an einem Baum. Im nächsten Moment schien es mir, als ob er sich auf den Boden drückte. Ich stand etwa fünf Minuten vergeblich, um sein Aufrichten zu erwarten.« »Er wird Lichtnüsse gesammelt haben, die liegen dort in Masse herum. Oder er hat sich schlafen gelegt. Sind Sie hingegangen, um nachzusehen?« sagte Lefevre lächelnd. »Nein, Monsieur, ich wollte nicht ohne Ordre den Pfad verlassen und Ihnen erst einmal Meldung machen.« »Es ist gut. Wir wollen hier einen Augenblick anhalten. Ich werde selbst zurückgehen und nachsehen, was es war. Wir sind gleich wieder da.« Damit gab er dem Kadett einen Wink und ging zu der zweihundert Schritt entfernten Stelle voraus. Dort fanden sie tatsächlich die Spur eines Mannes, ihn selbst aber nicht. Lefevre kehrte zu dem Trupp zurück und dachte nicht daran, sich durch einen solchen Zwischenfall aufhalten zu lassen. Die Entfernung zu der bezeichneten Schlucht war nicht mehr groß, und die drei Palmen konnten sie schon auf dem Felsenkamm sehen. Sie erreichten nach kurzem Marsch das hübsch gelegene und an Vegetation reiche Tal. Hier ließ Lefevre halten, um sicherzugehen, daß die andere Patrouille die Rückseite erreicht hatte. Nach einer Viertelstunde brachen sie wieder auf und erreichten den Eingang des schmalen mittleren Tales, das ihnen Jim bezeichnet, hatte. Mittendrin stand, durch einen Felsvorsprung und ein kaum durchdringbares Orangendickicht geschützt, eine kleine Hütte. Man sagte, daß sie sich Utami als Wohnsitz ausgesucht hatte, um von hier alle Operationen lenken zu können. Als sie den Bergstrom wieder überquerten, befahl Lefevre seinen Leuten, noch etwas weiter aufwärts zu rücken, um den Eingang zum Tal vollkommen zu beherrschen. Dort sollten sie abseits vom Pfad verborgen bleiben, bis er zurückkehrte. Sonst wäre ein Pistolenschuß das Zeichen zum Angriff. Er schlich sich am Berge aufwärts, um oben das Orangendickicht zu erreichen und von dort den umzingelten Feind zu beobachten. Mit schußbereiter Pistole kletterte er den steilen Hang, der die Täler voneinander trennte, hinauf. Nichts ließ sich hören. Der Omaomao flötete hier im Blütenbusch so ruhig und ungestört, als ob noch nie der Fuß eines Fremden den Frieden gestört hätte. Die schnelle, raschelnde Eidechse im Laub und das Summen der Grillen waren die einzigen Laute, die sein Ohr trafen. So erreichte er den ersten Abhang, eine Art Terrasse. Dort schlängelte sich ein hartgetretener, mit Lavamasse gefüllter Pfad entlang, der die Verbindung des Haupttals mit dem Osten der Insel unterhielt. Rasch folgte er ihm und war vielleicht noch dreihundert Schritte vom Orangenhain entfernt, als ihm ein kaum unterdrückter Schrei entfuhr. Dicht vor ihm, bislang von Felsen verdeckt, stand eine Frau, stand Aumama, seine Frau. Auch sie preßte erschrocken beide Hände auf ihr Herz, als sie den Mann erkannte, der ihr so viel Leid gebracht hatte. »Aumama!« flüsterte Lefevre bestürzt. »Was zum Teufel treibst du hier, daß du im Wald Verstecken spielst? Wo kommst du her, und was tust du hier allein? Oder ist noch jemand bei dir?« setzte er rasch hinzu. »Also du bist es!« sagte die Frau wehmütig, ohne auf seine Fragen einzugehen. »Du, der sich mit der Waffe in der Mörderfaust in unsere Berge schleicht, um neues Unheil über dieses Land zu bringen. Was haben wir dir getan, daß du uns ständig verfolgst? Ist es nicht genug, daß du ein Wesen bereits unglücklich gemacht hast?!« »Unsinn, Aumama, was fehlt dir heute, daß du so etwas daherredest? Du wirst dich ohne mich wohl gut befinden, besser vielleicht, als du es je bei mir gehabt hast. Aber sprich nicht so laut, mein Herz, denn ich bin hier allein im Wald und möchte nicht einem Schwarm deiner Landsleute begegnen!« »Was suchst du hier? Was willst du bei uns? Was treibt dich mit der Waffe in der Hand hierher, wo ich furchtlos als Frau allein gehe? Ist es das böse Gewissen, das dich aus den sicheren Wällen deiner Freunde treibt? Ha, dem entgehst du nicht, und die Kugel, die tückisch in deiner Waffe steckt, schützt dich nicht davor!« »Ich habe mich verirrt, Aumama«, sagte Lefevre und entspannte die Waffe. »Ich bin vom Weg abgekommen.« »Du dich verirrt? Verirrt an einer Stelle, wo wir hundertmal zusammen auf den Berg gestiegen sind und in das wunderbare Tal gesehen haben? Aber es ist möglich, daß du das Tal vergessen hast, wie alles andere auch.« »Wohnt jetzt wirklich Utami in der alten Hütte oben, Aumama?« »Was hast du mit dem alten Haus? Was kümmert es dich, ob es bewohnt ist oder leer? Geh zurück in die Stadt. Die Kinder und ich haben dir verziehen, Gott hat es so gewollt, aber jetzt laß uns unseren Frieden. Ich wollte mich früher an dir rächen, die Zeit ist vorbei.« »Utami wohnt jetzt in dem Haus. Ist er allein? Ich möchte ihn sprechen, wenn es geht.« »Weshalb willst du ihn sprechen?« »Vielleicht bringe ich ihm Frieden.« »Wer dir trauen könnte!« sagte die Frau und seufzte tief. »Willst du allein zu ihm gehen?« »Ich habe nur einen Jungen mitgenommen, den ich zurückließ und dann erst holen will.« »Nur einen Jungen? Weshalb hast du ihn zurückgelassen? Hattet ihr nicht beide auf dem Pfad Platz?« »Ist Utami allein?« »Nein, Fanue ist bei ihm.« »Von Tairabu, und hat ihn niemand weiter begleitet?« »Wen wolltest du noch?« erkundigte sich Aumama lauernd, und die Augen blitzten Haß und Eifersucht auf den Verräter. »Ich meine nur, ob Nahuihua vielleicht mit herübergekommen ist, um dich zu besuchen?« »Ja, sie ist da«, hauchte Aumama. Sie biß auf ihre Unterlippe und sah Lefevre fest an. »Sie ist da?« rief er rasch und voreilig mit freudestrahlendem Blick. Unwillkürlich machte er eine Bewegung vorwärts, besann sich aber und setzte hinzu: »Egal, ich darf meinen Begleiter nicht im Stich lassen und werde ihn holen. Leb wohl, Aumama, doch, vielleicht sehe ich dich nachher noch und... Mädchen, wenn du etwas brauchen solltest... laß es mich wissen in Papeete. Wenn es in meinen Kräften steht, sollst du es haben.« Aumama erwiderte nichts und sah ihn lange schweigend an. Als er ihr freundlich zunickte und den Pfad zurückgehen wollte, sagte sie leise: »Bleib hier, Lefevre. Geh nicht wieder hinunter ins Tal. Willst du wirklich Utami sprechen, so komm mit mir allein. Ich gebe dir mein Wort, du sollst sicher seine Hütte betreten und sicher wieder Papeete erreichen. Komm, und ich will dich wie früher führen.« »Ich danke dir, Aumama, aber ich kann deinen Vorschlag jetzt nicht annehmen. Es freut mich aber, daß du jetzt ruhig und vernünftig geworden bist. Du weißt doch, daß wir auf den Inseln viele Beispiele dafür haben, daß ein Mann seine erste Frau verlassen hat und die jüngere Schwester geheiratet hat. Wenn du nicht mehr dagegen sprichst, wird sie sich auch nicht länger sträuben.« »Wer?« fragte Aumama so leise, daß Lefevre das Wort mehr erraten mußte. »Nahuihua natürlich. Wirst du ihr zureden?« lachte er und streichelte ihre Wange. Sie fuhr bei der Berührung zurück und sagte nur leise: »Ja.« »Es wird nicht dein Schade sein, Aumama, nun keine Angst vor mir, du fürchtest dich doch sonst auch nicht vor mir. Aber ich muß fort und meinen Kameraden holen. Sag ihr aber nicht, daß du mich gesehen hast, ich will sie überraschen.« Mit raschen Sätzen lief er den Pfad zurück und jubelte innerlich über seinen Doppelsieg, dem er entgegenging. Er wollte die Hüttenbewohner nicht durch einen Schuß alarmieren, sondern seine kleine Schar heraufholen, um damit Widerstand gleich unmöglich zu machen. Es war besser, wenn das alles ohne Blutvergießen abgehen konnte. Aumama blieb nachdenklich zurück. Sie hatte ihr Gesicht in den Händen verborgen und weinte bitterlich. Doch dann richtete sie sich auf und blickte zornig um sich. Er war fort, um seine Leute zu holen, die die Boten schon lange gemeldet hatten. Schnell lief sie zur Hütte, von der aus bewaffnete Krieger links und rechts am Hand entlangliefen. Sie verteilten sich überall im Tal. Jetzt krachten Zweige, als die Franzosen leichtfüßig und rasch den Berghang hinaufliefen. Aumama stand wieder an der gleichen Stelle. »Uupa – uupa!« klang es leise von allen Seiten. »Ha, die Turteltauben rufen, das ist ein gutes Zeichen!« lachte Lefevre und riß den Degen aus der Scheide, »Dort steht auch Aumama, ich bringe Besuch, mein Schatz!« »Er ist willkommen!« entgegnete seine Frau mit eisiger Kälte. Da gellte ein Schrei durch die Schlucht. Das ganze Tal schien in den Ton einzustimmen, und mit tödlichem Krachen prasselte eine unregelmäßige Gewehrsalve. »Verrat!« schrie Lefevre und sprang mit der Waffe auf Aumama zu. Eine wilde Gestalt flog ihm in den Weg, sein Degen zersplitterte an einem Büchsenlauf, der den Hieb parierte. Im nächsten Augenblick traf ihn das schwere Eisen an der Stirn, und mit dumpfem Todesschrei brach er zusammen. Die Männer flohen den Berg hinab, warfen ihre Waffen weg, und die jubelnden Wilden umringten sie von allen Seiten. Die wenigen Soldaten stoben auseinander wie aufgescheuchte Hühner und versuchten, die steilen Wände zu erklimmen. Aber umsonst, Speere oder Kugeln trafen sie, ehe sie den dichten Busch erreichten. Wild tätowierte Gestalten tauchten dicht vor ihnen auf und warfen sich mit gellendem Schrei auf sie. Nur einer floh nicht. Er stand mit dem Säbel in der schwachen Faust und einer gespannten Pistole mit dem Rücken an einen Felsen. Es war der Kadett, der mit blitzenden Augen sich verteidigte. Drei der Insulaner sprangen gegen ihn, aber sein trotziges »Zurück!« ließ sie stutzen. »Schont ihn, er ist nur ein Kind!« rief Aumama ihnen zu. »Aber ein ausgewachsenes!« rief einer der Wilden. »Ergib dich!« Er erhob den Kolben zum Schlag, als der Schuß krachte. Wie vom Blitz getroffen brach der Mann zusammen. Aber es waren zu viele Feinde, und auch wenn die scharfe Waffe tiefe Wunden hieb, so gingen ihm doch bald die Kräfte aus. Als Aumama vorsprang, um den Jungen mit ihrem eigenen Körper zu decken, traf ein Speer die Brust des Unglücklichen. So kehrte keiner von der Gruppe zurück, ein wilder Siegesschrei gellte durch die Berge. Die Schar sammelte sich im Tal, und der Ruf »Nach Papeete!« wurde laut. Sie zogen durch das Tal, und von allen Seiten kamen weitere Krieger zu ihnen. Allein bei den vielen Toten blieb Aumama. Scheu ging sie zu der Stelle, wo der tote Lefevre lag. Mit seinem Tod war auch ihr Haß verschwunden, und bitter klagend saß sie neben ihm. Schließlich grub sie ihm ein Grab, legte ihn hinein und breitete Blumen und Blüten über ihn aus. Vom Strand her donnerten die Feuerschlünde der Feranis, und der Schall brach sich dröhnend sein Echo aus den steilen Schluchten, aber sie hörte es nicht. Aumama saß am offenen Grab in Schmerz versunken. Sie dachte an die schöne Zeit zurück, die sie mit ihm verlebt hatte, und was er getan hatte. Sein Tod hatte alles gesühnt, sie sah in ihm nur noch den Mann und Vater ihrer Kinder. Mit leiser Stimme sang sie die Totenklage ihres Stammes: »Die Sonne blitzt auf dich herab, und du bist tot. Sie scheint dir in das offne Grab und du bist tot. Die Vögel singen rings im Laub – du hörst sie nicht – dein Ohr ist taub – Joranna, Lieb, Joranna!« 33. Der Angriff auf Papeete Durch das Absegeln zweier Kriegsschiffe nach den Marquesas-Inseln war die französische Macht in Papeete sehr geschwächt worden. Auch Lebensmittel wurden knapper, da die feindlich gesinnten Eingeborenen natürlich nichts mehr lieferten. Außerdem wurden die den Feranis freundlich gesinnten Insulaner von ihnen gehindert, weiter Lebensmittel in die Stadt zu bringen. Die Befestigung von Papeete war gut und stark, aber zu ausgedehnt für die schwache Besatzung. Die verschiedenen Bastionen konnten nicht alle gleich stark verteidigt werden. Zum jetzigen Zeitpunkt mußten die Franzosen eine wirkliche. Schlacht vermeiden, wenn sie nicht unbedingt erforderlich wurde. Eine der Expedition nachgeschickte Verstärkung hatte die Patrouille ja erreicht und war mit ihr glücklich zurückgekehrt. Die zweite Abteilung zur Unterstützung der Patrouille von Lefevre geriet aber gleich hinter der Stadt in einen Hinterhalt und mußte sich mit Verlusten in die Stadt zurückziehen. Dadurch wurde die kleine Garnison in Alarm gesetzt. Im Kaffeehaus des Franzosen Victor waren mehrere Offiziere versammelt. Auch René hatte sich hier eingefunden. Er saß aber still und allein, hatte die Arme auf der Brust verschränkt und lauschte der Schilderung Adolphes. »Diable!« rief einer der älteren Offiziere. »Die Burschen machen Ernst, und wir sollten unseren Wein hier genießen. Wer weiß, ob nicht gleich die Lärmtrompete uns wieder an die Posten ruft. Die Soldaten werden knapp, aber die Offiziere sind noch knapper. Wenn sie noch ein paar von uns wegputzen, müssen wir Unteroffiziere einstellen.« »Wißt ihr schon, daß die ›Jeanne d'Arc‹ ebenfalls in den nächsten Tagen absegeln wird?« sagte Bertrand. »Das fehlt noch! Aber doch wohl nicht eher, bis andere Schiffe als Ersatz eintreffen! Wenn man wenigstens den Rücken frei hätte, dann könnte man einer Horde bewaffneter Insulaner schon die Stirn bieten! Springen sie uns aber über die Wälle, und wir haben kein Schiff hier, das ein paar Kugeln herüberwerfen und uns im schlimmsten Fall an Bord nehmen kann, dann sind wir alle verloren.« »Wein her, Victor, aber rasch, es wird uns nicht mehr viel Zeit bleiben!« rief ein junger Artillerieoffizier, der eben in das Zimmer trat. Er fiel auf einen Stuhl und warf seine Mütze auf den Tisch. »Tod und Teufel, ich glaube, die roten Kanaillen kommen uns über den Hals!« »Was gibt's, Lucon? Neue Nachrichten? Ist Lefevre zurück?« »Weder etwas zu sehen noch zu hören von ihm! Ich möchte nicht in seiner Haut stecken!« rief der Neuankömmling. Er goß sich ein Wasserglas so hastig voll Wein, daß es überlief. »Aber einen Gefangenen haben sie eben gebracht, der in Papeete spionierte und von Sammelstellen bei Point Venus und der östlichen Seite berichtete. Wir haben jetzt selber Spione nach beiden Richtungen geschickt. Sobald sie das bestätigen, gibt's Arbeit.« »Was fehlt dir heute, René?« sagte Adolphe, der sich jetzt zu ihm gesetzt hatte. »Donnerwetter, reiß dich aus deinen trüben Gedanken und sei endlich einmal wieder ein Mann!« »Das ist vergebliche Mühe!« lachte Bertrand, der auch zu ihnen kam und glaubte, daß Adolphe ihn überreden wollte, in französische Dienste einzutreten. »Er hat den Geschmack am Handwerk verloren. Er wird hier ruhig sitzen und zusehen, während wir uns draußen mit dem Feind herumschlagen.« »So weit wird's nicht kommen, die Eingeborenen sind gutmütiger Natur. Wenn ihr ihnen Raum zum Atmen gebt, lassen sie euch gern in Frieden.« »Ja, hast du das auch gemerkt?« sagte Bertrand lachend. »Die Eingeborenen sind gut, dagegen habe ich nichts. Aber die hinter ihnen stecken, die ihnen ständig in die Ohren schreien, daß der liebe Gott in Gefahr wäre, und ihnen Greuel erzählen, denen ihre Seelen entgegengehen, wenn sie dem Feind das Feld des Glaubens überlassen. Das sind die Hetzer, die die Glut immer wieder neu schüren. Wenn es Männer wären, denen man mit dem Schwert entgegengehen könnte, gut, aber es sind Weiber in langen Röcken mit ihren salbungsvollen, langweiligen Gesichtern und den weißen Läppchen unter dem Kinn! Sie tun demütig und erbärmlich dabei, verdrehen die Augen und falten die Hände und sehen so weich und schwammig aus, als ob ihnen Butter nicht im Mund zerginge. Aber gib ihnen einmal die Gewalt, und mit einer gläubigen Schafherde hinter sich sieh zu, wie ihnen der Kamm schwillt! Giftkröten!« Mit einem leise gemurmelten Fluch leerte er das Glas auf einen Zug. »Sie sind es auch, von denen die Eingeborenen immer wieder in neue Auseinandersetzungen verwickelt werden. Hast du mir nicht selbst erzählt, René, daß ohne die Hilfe des Atiuers der Häuptling Aonui dein Blut vergossen hätte?«« »Zum Teufel, ja!« sagte René und runzelte die Stirn. »Wenn mir jemand den Degen noch einmal gegen die Insulaner in die Hand drücken könnte, dann wäre es die Hoffnung, dem schleichenden Halunken damit einen Schlag zu versetzen.« »Wer weiß, Delavigne, ob wir nicht Ihre Hilfe noch früher in Anspruch nehmen«, sagte der junge Artillerieleutnant. »Wir sind so schwach, daß wir bei einem allgemeinen Sturm der Eingeborenen die Wälle nicht richtig besetzen können und die Geschütze nicht vollständig bemannen. Sie werden sich wahrscheinlich nicht ruhig ins Kaffeehaus setzen und Ihren Wein trinken wollen, während wir draußen Arme und Köpfe brauchen, um die Stadt und die Frauen und Kinder vor dem Einbruch der Horden zu sichern. Selbst die Herren Belard und Brouard haben heute dem Gouverneur ihre Hilfe angeboten und darum gebeten, ganz über sie zu verfügen. Sie werden sich doch nicht von Monsieur Brouard ausstechen lassen.« »Ist es wirklich so schlimm? Ich habe immer geglaubt, Bertrand und Adolphe reden mir nur zu, damit ich wieder in den Dienst eintrete.« »Ich glaube, die Missionare haben es René angetan. Wer weiß, ob er nicht noch als Mitonare selbst die armen Heidenkinder mit dem heiligen Wasser wäscht!« sagte einer der Offiziere. »Ich werde euch zeigen, wie ich noch fechten kann!« sagte René erbost. »Ich hatte meine Gründe, nicht freiwillig gegen die Eingeborenen zu ziehen. Aber wenn es so mit der Stadt steht, treiben sie mich dazu. Ihrer Güte verdanke ich es nicht, daß ich noch lebe. Solange ich hier noch auf Tahiti lebe, will ich wenigstens dafür sorgen, sie mir vom Hals zu halten. Ob ich mich dabei wie ein Mitonare oder wie ein Franzose benehmen werde, mögen die Herren nachher beurteilen.« »Bravo, Delavigne, bravo!« rief es von allen Seiten, und die meisten der jungen Offiziere sprangen auf und schüttelten ihm die Hand. In dem Augenblick ertönte draußen ein Horn – das Alarmsignal. Mützen und Waffen aufgreifend wurden die Gläser rasch noch einmal vollgeschenkt und geleert. Dann stürmten sie zu ihren Posten. Der Aufstand der Eingeborenen war kein bloßes Gerücht. René behielt gerade noch Zeit, um sich dem Gouverneur als Freiwilliger zu melden. Da kam schon von Point Venus her die Meldung, daß sich die Insulaner dort in einer Verschanzung festgesetzt hätten. Von da aus hatten sie bereits einige Häuser von Insulanern niedergerissen, die den Franzosen freundlich gesinnt waren. Eine Patrouille, die sich ihnen entgegenstellte, wurde zurückgeworfen. Selbst auf die Gefahr hin, Papeete für den Augenblick zu sehr von Truppen zu entblößen, mußten die Feinde aus dieser Stellung in unmittelbarer Nähe der Stadt vertrieben werden. Mit winselndem Trommelschlag und schmetternden Trompeten sammelten sich die Franzosen in der Nähe des Missionsgebäudes und rückten dann in dichten Kolonnen dem Feind entgegen. Der Platz hieß Harpape, wo sich die Eingeborenen festgesetzt hatten. Fast sah es so aus, als wollten sie ihre Feinde dort hinausziehen und sie dann von allen Seiten überfallen. Die Franzosen hielten sich aber in geschlossenen Kolonnen und trieben die Eingeborenen aus ihren Schanzen heraus. Dann zogen sie sich wieder nach Papeete zurück. Kanonendonner verkündete ihnen, daß der Feind auch die Stadt selbst angegriffen hatte. Bei der Erstürmung der Harpape-Schanzen in unmittelbarer Nähe eines Missionshauses hatten die Insulaner selbst den Missionar McKean erschossen. Aus dem Hautauetal her kamen die Eingeborenen, die Lefevre und seine Abteilung getötet hatten. Nach dem leichten Sieg wagten sie einen Angriff auf die Stadt. Die Truppen kehrten gerade rechtzeitig zurück, um die schon erschöpfte Besatzung gegen die immer wiederkehrenden wütenden Angriffe der Insulaner zu schützen. Selbst der Sonnenuntergang setzte den Überfällen kein Ende. Unter dem Schutz der Dunkelheit versuchten die Eingeborenen immer wieder, die schwächsten Punkte zu überrumpeln, bis ein paar zwischen sie abgefeuerte Raketen und über sie geworfene Leuchtkugeln sie in den sicheren Wald zurücktrieben. René hatte sich an diesem Tag mehrfach ausgezeichnet. Er hatte auch einige Streifwunden erhalten, die ihn aber nicht vom Kampf abhielten. Das herzliche Betragen seiner Kameraden tat ihm wohl, es erweckte wieder die alten, fröhlichen Erinnerungen aus früheren Tagen. Mit dem Bewußtsein, nur sein Leben zu verteidigen, kam wieder der fröhliche Jugendübermut auf, und er war wieder ganz der alte Abenteurer. Während der gesamten Nacht mußten Patrouillen bis an die Außenwerke gehen, und mit dem dämmernden Morgen schmetterten auch schon wieder die Alarmhörner und wirbelten die Trommeln. Das Gewehrfeuer von den Dickichten gegenüber der Verschanzung begann, und der Donner schweren Geschützes von den Wällen brach prasselnd in Guiavenbusch und Orangenhain hinein und trieb den Rauch in schwerfälligen Massen in die Niederung. Die Franzosen hatten die Wälle so gleichmäßig wie möglich besetzt, und der kleine Dampfer unterstützte sie dabei von der Seeseite nach besten Kräften. Trotzdem gelang es mehrmals den verschiedenen Trupps, bis in das Innere der Verschanzungen vorzustürmen, wo sie manche der den Franzosen ergebenen Häuptlinge und andere Insulaner erschlugen. Sie versuchten auch, das französische Missionsgebäude zu erstürmen. Ohne auf das Feuer der Geschütze und die Verwüstung in ihren Reihen zu achten, stürmten sie dem an Waffen überlegenen Feind trotzig entgegen. Oft mußten die Alarmsignale der französischen Truppen in solchen Fällen Hilfe für die bedrohten Punkte herbeirufen. Zum Glück für die Besatzung versäumte es der Feind, solche massiven Angriffe an mehreren Punkten gleichzeitig zu unternehmen. Papeete wäre sonst unrettbar verloren gewesen. Hartnäckig blieben die Eingeborenen bei ihrer alten Art des Angriffs und konnten ihr Ziel nicht erreichen. Aber auch die kleine Besatzung wurde mehr und mehr entkräftet, und so mancher Blick suchte verzweifelt den Horizont nach der heiß ersehnten Hilfe ab. Da ging wie ein elektrischer Schlag ein Ruf durch das ganze Lager: »Ein Segel! Ein Segel am Horizont!« Aber auch die Eingeborenen glaubten, jetzt endlich Hilfe aus England zu erhalten. Sie waren fest davon überzeugt, daß die Franzosen hier im Stich gelassen wurden. Ihre wichtigsten Anführer waren an diesem Tag der wilde Fanue und Pompey, der Afrikaner. Er war es besonders, der die Insulaner immer wieder mit einem wilden Jubelschrei zum neuen Angriff führte. Zehnmal zurückgeschlagen und aus vielen Wunden blutend, schien ihm das alles nur ein fröhliches, wildes Spiel zu sein. Singend und lachend flog er ihm wieder entgegen. Im Osten von Papeete hatte die schon todesmatte Besatzung eben einen solchen Angriff zurückgeschlagen, bei dem nur ein furchtbarer Kartätschenschuß den Ausschlag gegeben hatte. René und Adolphe hatten hier zusammen gekämpft. Besonders René sah dem Feind mit Todesverachtung entgegen und hatte mit so unübertroffener Tapferkeit gekämpft, daß ihm Gouverneur Bruat selber das Kreuz der Ehrenlegion auf die Brust heftete und ihn an Stelle seines gefallenen Vorgesetzten zum Hauptmann ernannte. »Du bist nun einmal ein Glückskind, René!« lachte Adolphe und klopfte ihm auf die Schulter. »Aber du hast es verdient. Ich setze mein Leben auch nicht besonders hoch an, aber mich so zwischen die wilden Haufen der Feinde in die Bajonette und Speere zu werfen, fiele mir nicht ein, und ich bin nicht verheiratet.« Am anderen Ende der Stadt begann plötzlich unregelmäßiges Schießen, ehe René antworten konnte. Die französischen Signalhörner ertönten. Der Gouverneur kam selbst herangesprengt und rief schon von weitem: »Hauptmann Delavigne, mit Ihrem Trupp vor, so rasch Sie können, unser Missionshaus ist schon genommen! Es gilt, den Feind wieder zurückzuwerfen, oder Papeete ist verloren!« Damit sprengte er an den Schanzen entlang, um weitere Hilfstruppen zusammenzuziehen. Im Sturmschritt lief René mit seinen Leuten zum Kampfplatz. Es war höchste Zeit. Ein wilder Schwarm mit dem alten Fanue an der Spitze hatte die Schanzen eingenommen und das Missionsgebäude in Brand gesteckt. Hier kommandierte Bertrand, der nach dem Tod des Ersten Leutnants der »Jeanne d'Arc« befördert wurde. Die ganze Macht der Insulaner schien wieder auf diesen Punkt konzentriert zu werden, während der größte Teil der französischen Besatzung noch vom letzten Angriff an der Ostseite Papeetes stand. In das Prasseln des Feuers und das Knattern der Schüsse mischte sich Pompeys Jubelgeschrei, der hier die Krieger auf der linken Flanke anführte, während Utami das Zentrum befehligte. Im wilden Siegestaumel trieben sie ihre Feinde aus einer Hecke der Gärten in die andere und wollten offensichtlich sich zu einem Platz durchschlagen, wo die Franzosen ein Arsenal angelegt hatten und ziemlich viel Munition und Waffen lagerten. Auf dem Grundstück, das von einem Holzzaun eingefaßt war, hielten die Franzosen wieder stand und verteidigten sich tapfer gegen die Übermacht. Viele der Eingeborenen kämpften hier auf ihrer Seite, darunter auch Ule, der eingeborene Richter und Besitzer des Grundstückes. Da brach Fanue rechts durch den Zaun. Von zwei Bajonetten getroffen, schlug er die Feinde trotzdem zu Boden und sprang auf Ule zu. Seine Krieger drängten nach und lenkten die Soldaten von ihm ab. Er griff den Richter und trug ihn mit Triumphgeschrei in seine Truppe. Es war wohl seine Absicht, ihn als Gefangenen mit in die Berge zu nehmen, aber die Wut seiner Leute ließ keinen Aufschub der Rache zu. Alle warfen sich auf ihn und bohrten ihre Waffen in seinen Körper. Dadurch wurde ihre Aufmerksamkeit vom Angriff abgelenkt, die Franzosen hatten sich wieder gesammelt. Mit Bertrand an der Spitze räumten sie den Platz bis an den Zaun. Neue Massen drängten aber nach, und die kleine Mannschaft hätte den Platz nicht länger behaupten können, wenn nicht in diesem Augenblick René mit seiner kleinen Schar dem Feind mutig in die Flanke gefallen wäre. Das neue Angriffssignal von einer anderen Seite ließ sie stutzen. Dann wichen sie dem erneuten Angriff Bertrands aus, um nicht im Rücken von einer vielleicht größeren Macht umzingelt und abgeschnitten zu werden. Der von Pompey geführte rechte Flügel sammelte sich aber rasch wieder. Der Neger erkannte kaum den Führer des kleinen Korps, als er sich ihm auch entgegenwarf. »Hierher, Krieger!« schrie er mit einem gellenden Lachen und warf die schwarzen, muskulösen Arme hoch. »Hierher, und der Sieg ist unser!« Mit seinem riesigen Säbel führte er einen Hieb, vor dem sich René nur durch einen Sprung in Sicherheit bringen konnte. Ehe der Koloß aber einen neuen Schlag führen konnte, fuhr ihm die scharfe Klinge des geübten Fechters durch die Achselhöhle in die Brust. René sprang nach und faßte in dem Augenblick, wo der tödlich Verwundete zusammenzuckte, dessen Hand und entwand ihm den Säbel. Blitzschnell richtete er ihn gegen die nächsten Eingeborenen. Das war so schnell geschehen, daß die Krieger ihren Verlust erst begriffen, als der riesige schwarze Körper vor ihnen zusammenbrach und die Franzosen mit einem donnernden Hurra und gefällten Bajonetten auf sie eindrangen. Der rechte Flügel wich, und das Jubelgeschrei der Franzosen füllte die Luft. Aus der Bai donnerte ein Kanonenschuß. Die schwere Kugel schwirrte über ihre Köpfe und traf einen starken Brotfruchtbaum dicht unter dem Wipfel. Das fremde Schiff war in die Bai eingelaufen, und von seinem Heck flatterte die dreifarbige Fahne. Trotzdem konnte die Hilfe von dort noch immer zu spät kommen. Wenn auch der rechte Flügel durch den Tod ihres Anführers dem Angriff nachgab, so hielt doch Utami noch immer stand und drängte sogar mit Fanue erneut wieder vor. Jetzt wollten sie alles daransetzen, um das Arsenal zu erreichen und ebenfalls anzuzünden. Bertrand kam dabei zwischen die beiden Kolonnen, und der alte, tapfere Utami arbeitete sich mit seinem Säbel dichter an den Führer der Feranis heran. Er wollte dem Kampf mit dessen Tod ein Ende machen. Kleine Trupps der Franzosen langten jetzt ebenfalls auf dem Kampfplatz an und wurden von einzelnen Eingeborenengruppen empfangen. Sie wollten ihr Vorrücken verhindern und ihrer Hauptmacht ermöglichen, das Ziel zu erreichen. René hatte die Gefahr erkannt und entdeckte den alten Häuptling, dessen Einfluß auf die Insulaner er gut genug kannte. Jetzt setzte er alles darauf, ihn zu fangen. Es hätte kein besseres Mittel gegeben, um den Frieden mit den Eingeborenen zu erzwingen. Auch Bertrand sah den alten Insulaner, der sich todesmutig seinen Weg freischlug. Ehen wollte er einen Stoß nach ihm ausführen, als ein vor ihm liegender, gestürzter Insulaner sein Bein ergriff und ihn zu Boden riß. Utami sprang vor und hob den Säbel, als René in Todesangst um den Freund schrie: »Halt, Utami, hierher deinen Schlag, hier ist dein Feind!« Damit parierte er den Schlag und warf sich mit voller Gewalt gegen den Häuptling. Ein jäher Schmerz durchzuckte ihn, er hörte dicht neben sich den Knall einer Pistole, fühlte, wie der Gefaßte seinem Arm entglitt, und sah halb bewußtlos noch die über ihn gehaltenen Bajonette. Dann brach er zusammen. 34. René und Susanne Als René das Bewußtsein wiedererlangte und die Augen aufschlug, lag er unter einem hohen Moskitonetz in einem halbdunklen Zimmer. Wie im Traum hörte er, daß sich zwei leise im Zimmer unterhielten. Er fühlte sich merkwürdig schwach und wollte sehen, wo er war. Als er den rechten Arm hob, durchzuckte ihn ein stechender Schmerz, und mit halblautem Schrei fiel er fast besinnungslos zurück. Das Netz wurde zurückgeschoben, jemand nahm seine Hand und fühlte seinen Puls. »Der Puls geht regelmäßiger, Mademoiselle, ich hoffe das beste für unseren Freund.« »Ist er wach?« sagte eine Stimme, die das Blut des Kranken beschleunigt durch die Adern jagte. »Sieh da«, sagte der Arzt. »Unser Patient hat ausgeschlafen und sieht sich frisch und munter in der Welt um. Wie geht es, Monsieur Delavigne? Haben Sie Schmerzen?« »Nein... ja... hier in der Schulter... wer ist noch im Zimmer?« »Ihre Pflegerin, der Sie großen Dank schulden, Monsieur. Sie haben uns die letzten elf Tage viel Sorgen gemacht.« »Wieso elf Tage?« wiederholte René erstaunt. »Aber wer ist noch hier?« »Bleiben Sie ruhig, Herr Delavigne!« sagte da eine leise, ihm gut bekannte Stimme. »Susanne«, flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme vor sich hin, und ein glückliches Lächeln legte sich über seine bleichen Züge. Aber die Aufregung war zu viel für den geschwächten Körper. Mit geschlossenen Augen sammelte er mehrere Minuten seine Kräfte. Als er dann die Augen wieder aufschlug, war er allein mit dem Arzt. »Sie dürfen noch nicht reden, Monsieur Delavigne! Sie sind viel zu schwach und können durch jede Aufregung Schaden...« »Aber, lieber Doktor...« »Ruhe«, lächelte er. »Ich kann mir denken, was Sie fragen wollen, und werde Ihnen deshalb kurz erzählen, was während der letzten elf Tage vorgefallen ist.« »Elf Tage?« »Ja, heute ist der elfte Tag. Um Sie zu beruhigen, unsere Position hier ist gesichert. An dem Morgen, an dem Sie verwundet wurden, kam die ›Uranie‹ und schickte ihre Boote an Land. Mit deren Hilfe haben wir den Feind wieder in die Berge getrieben. Am nächsten Tag liefen noch zwei andere Kriegsschiffe ein und brachten Verstärkung und Verpflegung. Die Insulaner haben sich jetzt in Papeeneo und im Hautauetal verschanzt, bis wir sie dort auch verjagen.« »Ist Utami gefangen?« »Utami, der Anführer der Rebellen? Nein, der hat sich tüchtig herausgehauen und Ihrem Freund Bertrand ebenfalls noch ein Andenken über den Schädel hinterlassen, an dem er noch ein paar Monate zu tragen hat. Schlimmer ist Lefevre betroffen. Von seinem Trupp ist keiner zurückgekehrt, und ihre Leichen lagen oben zerstreut in den Bergen. Nur von Lefevres Leiche war keine Spur zu finden. Er müßte höchstens in einem frisch aufgeworfenen und mit Blumen geschmückten Grab liegen, das wir mitten auf dem Kampfplatz fanden. Aber wer sollte sich die Mühe gegeben haben, gerade ihn so sorgfältig zu beerdigen, wo alle anderen noch lagen, wo sie gefallen waren?« »Aumama«, flüsterte René, und ein tiefer Seufzer hob seine Brust. »Für heute haben Sie aber genug Aufregung gehabt. Jetzt schlafen Sie ein paar Stunden, um sich wieder zu erholen. Ich komme gegen Abend und erneuere den Verband.« »Aber wo bin ich verwundet?« »Fragen Sie lieber, wo Sie nicht verwundet sind!« lachte der Arzt. »Schrammen und Beulen haben Sie am ganzen Körper. Die Hauptsache ist aber der Schuß in die Schulter. Aber er hat nichts zu sagen, halten Sie sich ruhig und von jeder geistigen Aufregung fern, denn körperlich bewegen können Sie sich sowieso nicht. Wir werden Sie bald genug wieder zusammenflicken.« Er verließ mit kurzem Gruß das Zimmer. René fiel in einen leichten, unruhigen Schlaf. Als er wieder erwachte, war es Nacht. Ein mattes Licht brannte im Zimmer. Neben seinem Bett hörte er die schweren, regelmäßigen Atemzüge seines schlafenden Wärters. Er hatte Durst und streckte seinen linken Arm aus, um den Schlafenden zu wecken. »Aye, aye!« rief der aufspringend aus. »René, bist du munter? Wie geht es dir, alter Kerl?« »Adolphe! Das ist nett von dir, daß du hier wachst.« »Ich glaube eher, ich habe geschlafen!« lachte der Freund. »Brauchst du etwas?« »Ich bin durstig.« »Hier ist etwas für dich. Frische Kokosmilch und Himbeerwasser, das wird dir guttun.« »Ich danke dir. Schön, dich zu sehen!« sagte René herzlich. »Alle Kameraden haben abwechselnd bei dir gewacht. Sie mögen dich alle, und wer dich nicht kannte, bewunderte deinen tollkühnen Mut. Mensch, du hast ein fabelhaftes Glück. Ich glaube, du könntest von einem Kirchturm herunterspringen und kämst gesund auf die Füße.« »Nennst du den Schuß ein Glück?« »Wenn ich dadurch das schönste Mädchen, das ich kenne, als Krankenschwester bekäme, ließ ich mich hinschießen, wohin du willst!« sagte Adolphe und lachte. »Die kleine, niedliche Madame Belard ist auch mehr in deinem Zimmer als in ihrem eigenen gewesen.« »Ich liege hier also bei Belards?« »Versteht sich. Sie haben dich aufgenommen und gepflegt wie ein Kind des Hauses. Monsieur Belard hat übrigens selbst mitgekämpft.« Adolphe lachte. »Da sind herrliche Sachen passiert! Aber das erzähle ich dir alles später, wenn du dich wieder richtig ausschütten kannst vor Lachen, ohne daß es dir weh tut. Schmerzt deine Wunde?« »Nicht sehr, aber ich kann den Arm nicht bewegen. Er ist doch nicht gebrochen?« »Nein, aber es war ein böser Schuß und hätte nicht einen Zoll tiefer kommen dürfen.« »Wer weiß«, seufzte René leise und schloß die Augen. Adolphe nahm an, daß er schlafen wollte, und schattete das Licht ab. Leise setzte er sich wieder auf seinen Stuhl, als René seinen Namen rief. »Möchtest du noch etwas, René?« »Hast du mit dem Arzt über meine Wunde gesprochen?« »Ja, und ich kann dir versichern, daß sie zwar langwierig sein wird, aber keineswegs lebensgefährlich.« René lag wieder eine ganze Zeit still und sagte dann: »Und wann glaubt er, kann ich nach Atiu geschafft werden?« »Nach Atiu?« wiederholte Adolphe verwundert. »Mensch, hast du Fieber, daß du jetzt an Atiu denkst, wo der Arzt noch fast ständig bei dir sein muß? Wenn dir die Fahrt auch nichts schaden würde, wie willst du dich da ohne ärztliche Hilfe erholen?« »Aber Sadie wird sich um mich ängstigen«, sagte René. »Ich habe daran gedacht und wollte ein paar Zeilen an sie schicken, aber es gab noch keine Gelegenheit dazu. Erst in acht Tagen soll der Missionskutter hinübergehen.« »Ich danke dir, Adolphe. Jetzt will ich schlafen, ich bin noch immer ziemlich matt und angegriffen.«   Die Sonne stand am nächsten Morgen schon hoch, als René erwachte. Der Arzt hatte nach ihm gesehen und wollte in einer Stunde wiederkommen. René fühlte sich heute wesentlich frischer als gestern, und auch die Schulter schmerzte nicht mehr so stark. Da kam Madame Belard herein und machte ihm auf ihre freundliche Art Vorwürfe. Als sich René nach Mademoiselle Lewis erkundigte, mußte er erfahren, daß sie nach Imeo gefahren war, um dort Freunde zu besuchen. Sie hatte den Besuch extra aufgeschoben, bis es René wieder besser ging. Sie wollte nicht lange wegbleiben, denn ihre Abreise nach Europa stand bevor. Das erste französische Kriegsschiff, das wieder zurückfuhr, sollte sie mitnehmen. René äußerte den Wunsch, Sadie eine Nachricht zukommen zu lassen, und Madame Belard erklärte ihm gleich, daß an eine Reise nach Atiu nicht zu denken sei, auch wenn ihn dort Sadie noch besser pflegen würde. Madame Belard erriet aber auch seine Gedanken. »Sie möchten, daß Sadie hierherkommt, nicht wahr?« »Ja, aber halten Sie mich deshalb nicht für undankbar. Es ist nicht, weil ich glaube, daß ich in Ihren Händen weniger gut aufgehoben hin...« »Nein, nein, lieber Delavigne!« sagte die kleine Frau gerührt. »Sie haben vollkommen recht. Sadie soll herüberkommen, sobald sie nur kann. Ich will noch heute an sie schreiben, damit der Brief bei passender Verbindung hinübergehen kann. Wo kann ich etwas darüber erfahren?« »Im Hauptquartier und im Missionsgebäude«, sagte René. »Die Missionare unterhalten doch eine ziemlich regelmäßige Verbindung zu den Inseln.« »Mein Mann soll sich gleich morgen danach erkundigen. Sind Sie nun beruhigt?« René streckte der freundlichen Frau mit einem dankbaren Lächeln seine Hand entgegen. Dann sank er erschöpft auf sein Lager zurück. Es vergingen acht volle Tage, ehe wirklich eine wesentliche Besserung im Zustand seiner Wunde eintrat. Nach Atiu gab es noch immer keine Verbindung, aber in etwa drei Tagen sollte der Missionskutter abgehen. Madame Belard wartete auf die Ankunft des Geistlichen, der sich seit längerer Zeit in dem Lager der Eingeborenen im Hautauetal aufgehalten hatte. Sie wollte ihm den Brief selbst übergeben. Am anderen Morgen kam Madame Belard früher als sonst zu dem Kranken, um seinen Verband zu wechseln. »Delavigne, ich bringe Ihnen heute lieben Besuch. Werden Sie sich kräftig genug fühlen, um ihn zu empfangen?« »Fräulein Lewis?« sagte René leise. »Susanne ist schon seit gestern wieder zurück. Die ›Jeanne d'Arc‹ sollte übermorgen segeln, hat aber heute wieder andere Befehle erhalten und soll bis zum Eintreffen der ›Reine blanche‹ liegenbleiben. Du Petit Thouars will ihr wohl die Meldung über den Sieg gleich mitgeben, aber die Eingeborenen lassen sich noch nicht besiegen.« »Und Fräulein Lewis?« »Kann doch unmöglich so lange hier im Haus bleiben, ohne sich selbst von Ihrer Besserung zu überzeugen. Darf sie eintreten?« »Madame!« »Gut, ich schicke sie Ihnen. Ich muß sowieso zu den Brouards. Sprechen Sie nur sowenig wie möglich, und lassen Sie lieber die junge Dame erzählen. Wenn Sie nach Europa schreiben wollen, können Sie ihr diktieren. Es wird die nächste Gelegenheit zur Postbeförderung sein. Ich denke, in einer Stunde bin ich wieder bei Ihnen.« Sie verließ rasch das Zimmer, und René lag mit klopfendem Herzen und schlagenden Pulsen. Mit jedem Tag hatte er ihre Rückkehr sehnlicher erhofft. Aber je mehr er seine Gefühle in seinem Inneren verschließen mußte, um so mehr hatte er sich auch vor dem Tag gefürchtet. Der Gedanke an Sadie erfüllte ihn mit einem bitteren Schmerz. Aber noch war Rettung möglich. Nur wenige Wochen oder Tage vielleicht trennten ihn von ihr und Atiu, und die Welt lag abgeschlossen hinter ihm. Im Bewußtsein erfüllter Pflicht würde er vergessen, daß er ein Leben wie an einen Traum weggeworfen hatte. Da kam leichter Schritt die Treppe herauf, und Susanne trat schüchtern ein. Schweigend streckte er ihr die Hand entgegen. »Sie haben sich lange meinem Dank entzogen«, sagte er mit einem leichten Vorwurf in der Stimme. »Wie fühlen Sie sich? Schon besser? Sie sehen noch sehr blaß und angegriffen aus.« »Jetzt ist mir sehr wohl, und auch wieder sehr weh, denn die Wunde sitzt zu tief.« »Die Zeit wird sie heilen, René«, hauchte Susanne und drehte ihr Gesicht zur Seite, um ihre Bewegung nicht zu zeigen. Sie kannte die Gefahr, in die sie beide durch ihre unausgesprochenen Gefühle geraten waren. Wollte sie früher darüber lachen, so hatte sie ihr eigenes Herz vergessen. »Sie sind Hauptmann geworden«, sagte sie schließlich. »Sie müssen ja auch mit einer besonderen Tapferkeit gekämpft haben. Monsieur Bertrand konnte uns nicht genug davon erzählen.« »Bertrand ist mein Freund«, sagte René. »Es hat ihm selber Freude gemacht, etwas Günstiges über mich zu sagen. Ich tat nicht mehr als alle anderen.« »Na, das ist wohl nicht ganz so. Man behauptet sogar, daß Ihrem Angriff es zu verdanken ist, daß man die Wilden von der Erstürmung des Arsenals abhalten konnte. Die Eingeborenen, die keine Ahnung von der Macht des Pulvers haben, hätten das Haus bestimmt angezündet. Aber Sie sehen angegriffen aus, Delavigne, Sie brauchen Ruhe, und ich fürchte, ich habe Sie durch mein Schwatzen nur aufgeregt. Ich lasse Sie jetzt allein. Aber solange ich noch hier hin, erlauben Sie mir, daß ich wieder Ihre Pflege übernehme, bis liebere Hände mich ablösen.« Damit verabschiedete sie sich und ließ den Kranken wieder mit seinen Träumen allein. Susanne übernahm jetzt wieder seine Pflege, war aber nie mehr mit ihm allein. Mit Adolphes Hilfe hatte René einen Brief geschrieben. Er schilderte Sadie seinen Unfall und bat sie, den zurückkehrenden Missionskutter zu benutzen und mit dem Kind nach Papeete zu kommen, wenn sie sich um ihn ängstigte. Sonst wäre er auch in einigen Wochen selber in der Lage, nach Atiu zu kommen. Trotz Adolphes Kopfschütteln entschuldigte er sich bei ihr, daß er gegen ihre Landsleute gekämpft hatte, weil sie ihn dazu gezwungen hatten. Aber er würde nicht Soldat bleiben, sondern nach Atiu zurückkehren. Mit dem Brief wurde ein junger Bursche in das Missionshaus geschickt und sollte einen der ehrwürdigen Herren dort bitten, den Brief nach Atiu mitzunehmen. Mr. Rowe, der sein früheres Amt wieder aufgenommen hatte und eben nach Atiu wollte, erhielt den Brief. Mit zusammengezogenen Brauen las er die Adresse: »An Madame Sadie Delavigne. Und der Brief wurde dir für mich von Herrn Delavigne gegeben?« »Für den Mitonare, der nach Atiu ginge«, sagte der Bursche etwas bestürzt, »wenn es nicht recht ist, nehme ich ihn wieder mit.« »Es ist recht«, sagte der Geistliche nach kleiner Pause. »Der Brief ist in guten Händen. Ist der Verwundete bald wieder hergestellt?« »Ai ta vau i ite, mi-to-na-re, er liegt noch im Bett, böse Wunde, Mitonare«, sagte der Insulaner achselzuckend. Der Geistliche nickte mit dem Kopf, und der Eingeborene schoß erleichtert wie ein Blitz aus der Türe.   Zwei Wochen waren inzwischen vergangen. Renés Wunde hatte sich so weit gebessert, daß er wieder umherlaufen konnte. Er trug den Arm noch in der Binde, und der Arzt hatte schon mehrfach bedauert, daß er nicht die europäischen Bäder aufsuchen konnte. Er hoffte auf vollständige Herstellung, erklärte aber aufrichtig, daß die Genesung noch sehr langwierig sein würde. Zu gleicher Zeit war der Missionskutter von Atiu zurückgekehrt, hatte aber nur einen der eingeborenen Missionare von einer anderen Insel mitgebracht. Auch kein Brief von Sadie war dabei. René konnte sich ihr Schweigen nicht erklären. Er sehnte schon die Zeit herbei, die ihn endlich der jetzigen Qual entheben würde und Ruhe bringen sollte. In diesen Tagen wurde von Osten her ein Dampfer signalisiert und lief noch am gleichen Abend in den Hafen ein. Er brachte die Post von Frankreich – Briefe aus der Heimat. Diese Nachricht tut doch dem Herzen des fremden, wegemüden Wanderers richtig wohl. Briefe aus der Heimat – die lieben, so lang entbehrten Zeilen von lieber Hand... René saß schwermütig in seinem Zimmer und starrte aus dem Fenster. Vor ihm lag ein offener Brief. »Daß die verdammte Kugel nicht einen Zoll tiefer traf, wie Adolphe sagt«, murmelte er dabei leise vor sich hin. »Jetzt wär's vorbei... im kühlen Grab läge ich still und friedlich, und Sadie würde um mich weinen und dann glücklich unter ihren Palmen weiterleben. Arme Sadie, der alte Osborne hatte recht, nur daß diese Warnung jetzt zu spät für uns beide kommt. Da stehe ich jetzt am Ziel von allem, was ich in früherer Zeit angestrebt habe, und bin ich glücklich? Elend bin ich, wie ein altes Rennpferd mit zerschnittenen Flechsen, das nur das Wiehern der Kameraden hört und nicht mehr mitlaufen kann.« »Hallo, René, so trüb und traurig allein?« rief eine fröhliche Stimme, und Adolphe stand vor ihm. »Schlechte Nachrichten in dem Brief? Du machst ein Gesicht wie damals, als wir zusammen an der Reling des ›Delaware‹ standen. Willst du wieder desertieren?« René wandte den Kopf halb ab und reichte ihm die linke Hand. Die Erinnerung an die damalige Zeit hatte ihm wieder einen Stich versetzt. Der Brief bot ihm Gelegenheit, das Gespräch in eine andere Richtung zu wenden. »Unangenehme Geldangelegenheiten, Adolphe«, sagte er und reichte ihm den offenen Brief hin. »Da, lies selbst.« Adolphe nahm den Brief und überflog ihn. Dann sagte er achselzuckend: »Das läßt sich denken. In der Heimat treiben sie jetzt mit deinem Geld, was sie wollen. Wäre ich an deiner Stelle, würde ich das nächste Schiff nehmen und zu Hause die Sache selbst regulieren. Von hier aus kannst du schreiben, soviel du willst. Eine einzige Woche an Ort und Stelle richtet mehr aus als eine jahrelange Korrespondenz. Du schlägst ja auch gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Ohne richtige Pflege kann es dir passieren, daß dein Arm lebenslang steif bleibt. Jetzt ist es vielleicht noch Zeit, mit warmen Bädern vorzubeugen. Du hättest auch Gelegenheit, mit dem gleichen Schiff zu fahren wie die Brouards.« Von dem Gedanken getroffen, sprang René von seinem Sitz auf und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Zurück nach Frankreich? Mit... nein, nein!« rief er dann hastig, als ob er befürchtete, der Versuchung nicht widerstehen zu können. »Zurück nach Frankreich? Nein, das geht nicht. Und wenn ich nur zu Besuch...? Sadie... Sadie!« murmelte er leise und wie beschwörend vor sich hin. »Was hindert dich, deine Frau mitzunehmen?« sägte Adolphe, der die geflüsterten Worte verstanden hatte. »Es wäre zugleich eine Prüfung für dich für spätere Zeiten.« »Nein, Adolphe. Nie im Leben würde sich Sadie dort wohl fühlen, und auch ich nicht mit ihr. Sie würde verkümmern wie eine Treibhauspflanze, die man aus dem heimischen Boden gerissen hat. Und dann zugleich mit... Brouards!« »Es wäre eine so schöne Gelegenheit, wie du sie dir nur wünschen könntest!« »Ja, das stimmt, und doch – es geht nicht. Auch gäbe Sadie nie ihre Einwilligung dazu... und... die Reise mit dem Kind!« »Ach, das sind Kleinigkeiten, wenn man sonst fest will. Aber das mach mit dir allein aus. Dabei bleibt dir noch nicht einmal viel Zeit, denn heute wurde schon ein Schiff signalisiert, das wahrscheinlich die ›Reine blanche‹ ist.« »Jetzt schon?« rief René rasch. »Du machst mir Spaß! Seit drei oder vier Wochen wird sie stündlich erwartet, und man munkelte schon, daß sie in einem Taifun schweren Schaden erlitten hätte. Du sagst da ›jetzt schon‹! Dir muß die Zeit sehr schnell verflogen sein. Aber ich muß los, René, der Gouverneur erwartet mich. Gegen Abend sehe ich dich wieder, überleg es dir bis dahin.« René schüttelte langsam und ernst den Kopf, während Adolphe das Zimmer verließ. Gleich unten an der Tür traf er Leutnant Bertrand. Gemeinsam schlenderten sie die Straße hinunter. Das signalisierte Schiff war tatsächlich die »Reine blanche«, die etwa zwei Stunden später in den Hafen einlief. Der Admiral kam an diesem Tag nicht an Land. Er empfing die Depeschen aus Frankreich an Bord und schrieb dann bis spät in die Nacht hinein. Am anderen Morgen hatte er eine lange Konferenz mit dem Gouverneur, und die »Jeanne d'Arc« bekam den Auftrag, sich für den nächsten Tag segelfertig zu machen. Zu seinem Erstaunen erhielt René eine Einladung, an Bord des Admiralsschiffes zu kommen, wo Du Petit Thouars ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte. Er folgte der Einladung und traf dort außer dem Gouverneur Bruat die Herren Belard und Brouard sowie mehrere französische Offiziere, darunter Adolphe und Bertrand. Bei seinem Eintritt sprach ihn der Admiral freundlich an. »Lieber Hauptmann Delavigne, ich habe einen Auftrag für Sie, einen wichtigen Auftrag, an dessen geschickter und ehrlicher Ausführung mir sehr viel liegt und zu dem ich hier in Tahiti einen passenden Mann suchen wollte. Diese Herren hier haben alle einstimmig Sie vorgeschlagen. Auf diese ehrenvolle Empfehlung setze ich mein volles Vertrauen in Sie. Was sagen Sie dazu?« »Ich erwarte Ihre Befehle zu hören«, sagte René, neugierig, auf was das hinauslaufen sollte. »Ich habe Sie zu meinem Gesandten nach Paris ausersehen«, sagte der Admiral lächelnd. »Wollen Sie gehen ?« »Herr Admiral!« sagte René überrascht, fast erschrocken. »Ich will ganz aufrichtig mit Ihnen sein«, fuhr Du Petit Thouars fort, ohne ihn weiter zu Wort kommen zu lassen. »Ich habe mich schon gegen die Herren hier ausgesprochen. Nach den hiesigen Vorfällen werden nicht nur die Protestanten in Europa, sondern auch einige andere Leute, die mir nicht freundlich gesinnt sind, die Sache sehr zu unserem Nachteil auslegen. Wir werden den friedlichen Naturvölkern gegenüber als Barbaren hingestellt werden. Ich bezweifle auch nicht, daß die uns feindlich gesinnten Missionare alles unternehmen werden, um unsere Taten sehr schwarz und entsetzlich darzustellen. Um dem zu entgegnen, brauche ich einen Mann, der Zeuge der Ereignisse war und die Verhältnisse kennt. Er muß aber wie Sie unabhängig und unbeteiligt sein, bis die Selbsterhaltung ihn zum Kampf gezwungen hat. Ich verlange nichts weiter von Ihnen, als daß Sie der französischen Regierung meine Depeschen überbringen und dort alles so der Wahrheit gemäß schildern, wie Sie es hier gefunden haben.« »Dieser ehrenvolle Auftrag...« stammelte René, und der Admiral fiel ihm ins Wort: »Bietet Ihnen zugleich die Gelegenheit, sich von Ihrer Wunde vollständig zu erholen. Sie bleiben unter der Behandlung Ihres bisherigen Arztes, der natürlich mit seinem Schiff zurückfährt. Wenn ich recht unterrichtet bin, haben Sie ganz angenehme Gesellschaft unterwegs, die eine Seereise von vier Monaten schon ganz erträglich macht.« »Lieber Delavigne, es wird Ihnen hier eine Auszeichnung geboten, zu der ich Ihnen gratulieren möchte. Sie werden von vielen darum beneidet!« sagte Monsieur Belard. »Aber meine Frau!« rief René. »So ehrenvoll Ihr Vertrauen für mich ist, Herr Admiral, aber ich habe hier doch Pflichten zu erfüllen, die ich nicht vernachlässigen darf, wenn ich nicht in Ihrer eigenen Achtung sinken will.« »Ich weiß, Sie haben ein einheimisches Mädchen geheiratet. Sie ist auf einer der Nachbarinseln? Machen Sie sich deshalb keine Sorgen. Die zehn oder zwölf Monate, die Sie abwesend sind, wenn Sie wirklich so rasch wieder zurückkommen wollen, soll sie unter unserem Schutz stehen.« »Aber sie weiß kaum, daß ich verwundet bin, erwartet mich wahrscheinlich mit jedem Tag, und ich dürfte nicht eine solche Reise unternehmen, ohne sie vorher noch einmal gesprochen zu haben!« »Auch das ließe sich vereinigen«, erwiderte der Admiral, dem daran gelegen schien, gerade den jungen Mann für seine Mission zu gewinnen. »Sagten Sie nicht, Atiu hieße diese Insel, Monsieur Belard?« »Atiu ist der Name.« »Gut, bei einer Reise von so vielen Monaten kommt es nicht auf einen einzelnen Tag und ein paar Seemeilen an. Die ›Jeanne d'Arc‹ soll Atiu anlaufen und kann dort vielleicht noch eine Ladung süße Kartoffeln und Brotfrucht an Bord nehmen, die hier nicht so leicht zu besorgen sind. Ist der Wind einigermaßen günstig, so behalten Sie da ein paar Stunden Zeit, sich von Ihrer Frau zu verabschieden. Hat das Ihre letzten Zweifel beseitigt?« »Sie sind sehr gütig, Herr Admiral.« »Schön, schön. Ich will Sie auch nicht drängen. Die Sache ist allerdings wichtig für Sie. Ich gebe Ihnen, ohne jetzt etwas von Ihnen zu verlangen, zwei Stunden Frist. Bis dahin muß ich aber eine entscheidende Antwort haben. In zwei Stunden also...« Er nahm seine Uhr heraus und sah nach der Zeit. »Etwa drei Viertel auf zwei Uhr – wir wollen zwei Uhr sagen, erwarte ich Sie wieder hier. Dann können Sie gleich mein Gast zum Essen sein. Bis dahin, auf Wiedersehen!« Damit winkte er René und den anderen freundlich zu und zog sich mit Kapitän Sinclair in seine Kajüte zurück. »Mensch, René, das ist ein Triumph! Wenn du dir alles beim lieben Gott bestellt hättest, könnte es nicht besser ausfallen!« sagte Adolphe, als er mit René und Bertrand wieder im Boot saß. »Die zwei Stunden Bedenkzeit sind eine Ironie!« »Was soll ich tun?« sagte René tief aufseufzend. »Was du tun sollst? Zugreifen, und Gott auf den Knien dafür danken!« sagte Bertrand. »Ich bin glücklich, daß wir die Fahrt wieder nach Hause antreten können, und du stehst noch da und sinnst nach. René, René, wenn du dir diese Gelegenheit entschlüpfen läßt, bereust du es bestimmt. Die kehrt nicht wieder!« »Ich weiß nicht, ob ich es mit meinem Arm wagen darf, eine so lange Reise zu unternehmen! Ich muß doch wenigstens den Arzt fragen.« »Gehst du jetzt nach Hause?« »Zumindest bald.« »Gut, dann schick ich ihn dir in etwa einer halben Stunde. Ich weiß, wo er sich im Augenblick aufhält, und komme vielleicht selbst, um dich abzuholen.« Monsieur Belard war mit seinem eigenen Kanu an Land gerudert und schon zu Haus, als René langsam die Treppe hinaufstieg. Der Kopf wirbelte ihm, und er wollte einfach auf sein Zimmer gehen. Aber Monsieur Belard hatte ihn kommen gehört und ließ ihm keine Zeit zum ruhigen Überlegen. »Sie wollen wirklich desertieren, Delavigne?« rief ihm die kleine Frau schon auf der Schwelle entgegen. »Susanne zu gleicher Zeit, Brouards, das wird in Papeete eine Einöde werden! Aber bis wann werden Sie denn zurück sein?« »Ich weiß noch nicht einmal, ob ich überhaupt gehe – ob ich gehen darf!« sagte tief aufseufzend der junge Mann. »Noch habe ich zwei Stunden Zeit zur Entscheidung.« »Die arme Sadie wäre freilich übel dran, das würde ihr einen Schnitt im Inneren geben... oh, ihr Männer seid doch grausame, rücksichtslose Menschen«, sagte sie traurig. »Du lieber Gott«, sagte entschuldigend Belard. »Er bleibt ja keine Ewigkeit fort und Geschäftsreisen gehen nun einmal dem häuslichen Leben vor. Wenn René nicht selber nach Frankreich geht, dann hin ich davon überzeugt, daß er auch sein Geld dort wahrscheinlich ganz verliert. Außerdem ist es aber auch nicht ganz einerlei, ob er hier lebenslänglich mit einem steifen Arm herumläuft oder sich in der Heimat in einem Bad auskurieren läßt.« »Ist die Gefahr wirklich vorhanden?« erkundigte sich Madame Belard besorgt. René zuckte die Achseln. »Nur Gott weiß es, mir aber schnürt es das Herz zusammen. Ich kann nicht gehen. Soll mir der Arm auf Lebenszeit gelähmt bleiben, soll das Geld verlorengehen, aber ich darf Sadie und mein Kind nicht so verlassen. Wenn ihnen während meiner Abwesenheit etwas zustößt, könnte ich nie wieder des Lebens froh werden.« »Sie haben wohl recht«, seufzte Madame Belard. Ihr Mann sagte aber: »Unsinn! Verjagen Sie diese dummen Gedanken. Ihr Schiff legt auf Atiu an, und dann werde ich selbst im nächsten Monat nach den Gesellschafts- und Cookinseln gehen, um meine Einkäufe zu erledigen. Dann verspreche ich Ihnen, daß ich dort vorfahren will. Hat Sadie Lust, so bringe ich sie zu uns herüber, und sie kann bei uns bleiben, bis Sie zurückkehren. Meine Frau wird sich doch jetzt einsam genug fühlen, wenn alle fort sind.« »Sie kommt nicht her zu uns«, sagte die kleine Frau. »Ihr ist nicht wohl bei fremden Leuten, und ich wäre die letzte, die Delavigne zureden wurde, einen solchen Schritt zu tun. Er muß es selbst am besten wissen – und so ganz ohne Abschied!« »Nun mach ihm nicht auch noch das Herz schwer, ich will ihm auch nicht zureden, aber er soll sich die Sache ruhig überlegen.« »Ruhig überlegen!« sagte René. »Ruhig überlegen, wo mir das Herz zerrissen ist! Ich kann, ich darf nicht fort... Aber ich störe Sie hier. Ich werde in mein Zimmer gehen, wenn der Arzt kommen sollte, schicken Sie ihn bitte wieder weg. Ich werde ihn heute abend selbst aufsuchen.« Um seine Bewegung zu verbergen, drehte er sich schnell ab und betrat sein Zimmer. Eine Stunde hatte er in dumpfem Nachdenken auf seinem Stuhl gesessen, als er leichte Schritte hörte. Zu seinem freudigen Schreck trat Susanne ein. Er hatte sie noch nie so schön gesehen. Ihr volles, kastanienbraunes Haar konnte kaum von dem seidenen Netz gehalten werden. Der schlanke Körper war in ein einfaches, dunkles Seidenkleid gekleidet, das ihrem Teint einen noch höheren Reiz verlieh. Ihre dunklen Augen hatten heute einen eigenen, wunderbaren Schmelz, der ihn zusätzlich verwirrte. »Ich hatte mich so gefreut«, sagte sie leise. Ihre Stimme klang nach einer Mischung aus Unmut und Schmerz, voller getäuschter Hoffnungen. »Ich hatte geglaubt, daß wir Reisegefährten auf einer langen und sonst langweiligen Reise würden. Aber wie mir Marie eben sagt, haben Sie sich anders besonnen und können sich nicht auf die paar Monate von Atiu trennen.« »O Susanne, seien Sie nicht grausam, haben Sie Mitleid, wenn nicht mit mir, so doch mit Sadie!« »Mitleid?« sagte das schöne Mädchen kalt. »Sie scherzen wohl, Herr Delavigne. In welcher Art sollte ich Mitleid mit der... Insulanerin haben? Mitleid ist das falsche Wort. Wer hat Mitleid mit... aber was stehe ich da und schwatze«, brach sie rasch, fast ängstlich ab. »Ich habe noch so viel zu tun und will aber auch nicht böse auf Sie sein«, setzte sie freundlicher hinzu. »Ich habe Ihnen schon früher versprochen, Ihre Briefe für Sie nach Frankreich zu schreiben. Sie sollen mir heute abend diktieren. Wie geht es Ihrem Arm?« »Gut – sehr gut!« »Sie werden mich doch wohl in den ersten Tagen manchmal vermissen, und das ist einigermaßen eine Genugtuung. Ich kann Sie leider nicht anders strafen«, sagte das schöne Mädchen halb von ihm abgewandt. »Susanne!« »Schon gut... es ist alles vorbei. Heute abend erwarte ich Sie drüben zu unserer Korrespondenz. Ich muß jetzt gehen.« »Susanne!« »Auf Wiedersehen, Monsieur Delavigne!« Sie winkte ihm leicht mit der Hand zu und verließ das Zimmer. René blieb im Zimmer stehen, seine Hand hatte die Augen bedeckt. Seine Stirn glühte, seine Glieder zitterten im Fieberfrost. Mechanisch griff er seinen Hut und stürmte ins Freie, an den Strand hinunter. Dort lag ein Boot. »Gerade rechtzeitig, Monsieur!« rief der Bootsmann der »Jeanne d'Arc«. »Mr. Bertrand befahl mir, Sie hier bis zwei Uhr zu erwarten. Es ist zwei Uhr vorbei, und ich wollte eben an Bord des Admiralsschiffes zurückkehren.« René erwiderte kein Wort. Er sprang in das Boot und wurde an Bord gerudert. »Na, Delavigne«, rief ihm Bertrand zu. »Das ist gut, daß du kommst. Der Admiral hat dich schon sehnsüchtig erwartet. Hast du dich für uns entschieden?« »Ja!« sagte René leise, und den Jubelruf des Freundes beachtete er kaum, sondern drückte ihm nur die Hand fest. Dann verschwand er in der Kapitänskajüte.   Über die See heulte der Sturm. Mit dichtgerefften Segeln peitschte die »Jeanne d'Arc« gegen die zürnenden Wogen an, bis in den Kiel erzitternd von den gewaltigen Stößen, mit denen sich die See ihrem Bug entgegenwarf. Alle Luken waren fest verschlossen, und die von Papeete mitgenommenen Passagiere lagen halbtot vor Seekrankheit in ihren Kojen – mit Ausnahme eines einzigen. Den linken, gesunden Arm hatte er um eine der Besanwanten geschlagen. Den stieren, glanzlosen Blick auf die zackigen Kuppen einer aus der Ferne schimmernden Insel geheftet, stand René Delavigne an der Luvseite des Quarterdecks. Neben ihm, mit dem Fernrohr in der Hand, stand Kapitän Sinclair. »Sie sehen, Delavigne, der Sturm will nicht nachlassen, und ich kann nicht die Insel anlaufen, so leid mir das auch tut. Ich würde es tun, aber in dieser See kann sich kein Boot halten. Außerdem bin ich hier in vollkommen fremdem und von verborgenen Klippen bedrohtem Fahrwasser. Sie wissen, wie wir gestern fast nur durch ein Wunder dem Korallenriff entgingen. Wir wären alle verloren, wenn wir darauflaufen.« »Sie haben schon weit mehr getan, Kapitän Sinclair, als ich je von Ihnen erbeten hätte«, sagte René mit ruhiger, aber fast tonloser Stimme. »Ich sehe ein, daß es unmöglich ist, Atiu zu erreichen, und daß wir uns gefährden, wenn wir mit einbrechender Nacht noch hier kreuzen. Ich bitte Sie, tun Sie Ihre Pflicht.« »Lieber Delavigne, ich fühle das Bittere Ihrer Lage, aber trösten Sie sich auch mit einer baldigen Rückkehr. Was sind die paar tausend Seemeilen herüber und hinüber!« sagte der Kapitän gerührt. »Wollen Sie nicht auch nach unten gehen? Wenn ich das Schiff vor dem Wind abfallen lasse, können wir wohl ein paar Sturzseen bekommen, ehe die Segel richtig gefaßt haben. Die See geht nicht so hoch, daß eine Gefahr dabei ist, aber es ist doch unangenehm.« »Ich danke Ihnen. Wenn ich Ihnen hier nicht im Wege bin, möchte ich oben bleiben, bis wir – den anderen Kurs nehmen – es ist ja schon bald Abend.« »Wie Sie wollen, Delavigne. Bleiben Sie nur stehen, wo Sie sind. Monsieur Roland! Wir wollen die Marssegel lösen. Lassen Sie dann Süd-Südost anliegen!« »Zu Befehl, Monsieur!« Der schrille Pfiff des Bootsmanns gellte über Deck. Wie die Katzen liefen die Leute die Wanten hinauf, um die Reffknoten der Marsrahen zu lösen und die Segel auszuschütteln. Gleich darauf stiegen die Rahen unter dem Chor der singenden Matrosen, die sich nach dem Takt mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers in das Tau legten, empor. Der Bug des Schiffes fiel vor dem Wind ab, die Rahen wurden fast vierkant gebraßt, und der stolze Bau, der bis jetzt mühsam gegen die schweren Wogenmassen angekämpft hatte, flog jetzt, von den nachfolgenden Wellen gedrängt, dahin. Die Insel, die er den ganzen Tag vergeblich versucht hatte zu erreichen, ließ er bald weit hinter sich. Düsterer wurde es jetzt auf dem Wasser, die Sonne neigte sich zum Horizont. Dichte Wolkenschatten sammelten sich mit der einbrechenden Nacht. René stand noch immer am Heck des stattlichen Schiffes, hinter dem die spritzenden, schäumenden Wogen einherstürmten. Seine Augen waren fest auf das immer mehr in düsterer Ferne verschwimmende Land gerichtet, das alles barg, was ihm einst diese Erde zum Paradies machte. »Arme Sadie«, hauchte er leise. Mit der Gewißheit des Verlustes empfand er vielleicht jetzt zum erstenmal nach langer Zeit, was er mutwillig von sich geworfen hatte. Als er sich vorstellte, wie seine Frau mit dem Kind auf dem Arm an der gut vertrauten Stelle stand und nach ihm Ausschau hielt, brach ihm fast das Herz. Zum erstenmal füllten heiße, brennende Tränen der Reue seine Augen. Noch ein dünner Streifen war es am Horizont, wie ein blauer, kaum erkennbarer Wolkensaum. Jetzt – das Auge fand ihn nicht mehr – Joranna! Joranna! hauchten seine Lippen, und der starke, trotzige Mann verbarg weinend sein Gesicht in den Händen. 35. Schluß Auf Tahiti verteidigten sich die Insulaner mit unerschütterter, ungebrochener Tapferkeit gegen den täglich anwachsenden Feind. Nicht mehr monate-, sondern jahrelang hielten sie sich in den Lagern auf, die sie sich in den Bergen ausgebaut und befestigt hatten. Aber immer neue Schiffe kamen, mehr und mehr Truppen wurden auf den Kampfplatz geworfen, ohne daß die Insulaner Verstärkung erhielten. Trotzdem wären wohl noch viele Jahre vergangen, wenn nicht durch Verrat den Feinden der Weg in die Schluchten geöffnet worden wäre. Ständig schürten die Missionare noch die Hoffnung, daß Hilfe aus England käme. Das wurde erst durch den Kapitän des englischen Dampfers »Salamander« zerstört. Kapitän Hammond erklärte unumwunden, soviel er wisse, beabsichtige die englische Regierung nicht, sich in ihren Streit zu mischen. Er selber habe jedenfalls keinen anderen Auftrag erhalten, und sie möchten sich deshalb nicht falschen Hoffnungen hingeben. Pomare blieb an Bord des »Basilisk«, bis eine englische Fregatte, die »Caryford«, am 17. Juli 1844 in Papeete eintraf. Lord William Paulet brachte sie nach einer Besprechung mit Gouverneur Bruat dann nach Barbara auf Imeo, wo ihr erster Mann Tabara wohnte. England hatte inzwischen die Behandlung seines Konsuls nicht so ganz ungeahndet hinnehmen können. Allerdings waren die französischen Klagen gegen ihn wohl auch durch zu viele Beweise bekräftigt worden, um sie ganz zu verwerfen. Die französische und englische Regierung einigten sich deshalb darin, daß man Admiral Du Petit Thouars bei seiner Rückkehr in Toulon von dem jungen Volk enthusiastisch empfangen und feiern lassen würde. Außerdem überreichte man ihm einen Ehrensäbel. Doch das Kommando wurde ihm entzogen. Die englische Regierung versprach, daß Mr. Pritchard nie wieder nach Tahiti oder einer anderen von Franzosen besetzten Insel kommen würde. Am 19. Juni 1847 erließen die beiden Großmächte eine Deklaration. Darin wurde die Unabhängigkeit der Inseln Huaheine, Raiatea, Bola-Bola und anderer erklärt. Unter Paragraph 3 wurde zugleich festgelegt, daß kein Häuptling von Tahiti zu gleicher Zeit über die Inseln herrschen könne. Damit war die Macht der Pomaren gebrochen. Gleichzeitig wurden die tributpflichtigen Stämme ihrer Oberherrschaft entzogen, um die Franzosen fernzuhalten. Der Königsstamm der Pomaren sah seinen Stern auf ewig untergehen. Über den Schluß des Krieges, den die Eingeborenen so tapfer und ausdauernd gegen die ihnen an Waffen und Kriegskunst überlegenen Franzosen führten, sagt ein Missionsbericht vom Januar 1847 folgendes: »Etwa Anfang Dezember des vorigen Jahres entdeckte ein Eingeborener von Atiu über dem Hautaualager einen begehbaren Pfad über eine Klippe hinauf. Dort konnten die Feinde eine Position einnehmen, um das unter ihnen liegende Lager zu beherrschen. Der Mann war von seinen Leuten desertiert und hatte sich in Papeete für eine hohe Belohnung, wahrscheinlich 200 Dollar, erboten, sie hinaufzuführen. Nicht lange Zeit danach marschierten sämtliche Truppen in das Tal hinauf. Die Hauptmasse formierte sich in Schlachtordnung an der normalen Seite, wo der schon so oft abgeschlagene Sturm erneut versucht wurde. Die andere Abteilung mit dreißig Eingeborenen und vierzig Soldaten ging den Pfad hinauf und ließ von dort ein mitgenommenes Seil herunter. Dadurch wurde eine Strickleiter heraufgezogen, an der nach und nach alle anderen Soldaten emporkletterten. Als sie den etwa tausend Fuß hohen Absatz erreicht hatten, konnten sie die Eingeborenen unmittelbar in ihrem Lager bedrohen und richteten eine furchtbare Verwüstung unter ihnen an. Die Insulaner sahen ein, daß Widerstand nicht mehr möglich war, warfen ihre Waffen weg und wurden als Kriegsgefangene in die Stadt gebracht. Die Einnahme des Lagers öffnete den Franzosen den Weg zu den beiden anderen befestigten Lagern. Sie wollten nicht die Insulaner bekämpfen, sondern sie unterwerfen. Sobald sie das französische Protektorat anerkannt hatten, entließen sie ihre Gefangenen wieder. Einer der entlassenen Häuptlinge wurde nach Buaania als Parlamentär abgeschickt, um sie zur Übergabe aufzufordern. Als sie hörten, wie die Sache stand, unterwarfen sie sich auch dort. Das Lager von Papeeneo ergab sich zuletzt. Die Verteidiger zögerten mehrere Tage. Dann fügten sie sich der Übermacht und marschierten am Neujahrstag in die Stadt, um ihre Waffen niederzulegen. Sie kamen in langer Prozession, die Häuptlinge voran, dann die Krieger und die Frauen und Kinder zuletzt. Noch etwa hundert Schritt von den französischen Truppen entfernt machten sie halt. Dann knieten sie nieder und beteten, erhoben sich und marschierten in die Stadt. Inzwischen waren von den Franzosen schon ihre eingeborenen Richter ernannt worden. Sie empfingen die Menge freundlich, hießen sie als Brüder willkommen und führten sie zum Gouvernementshaus. Dort legten sie ihre Waffen nieder und erkannten das Protektorat an. Ohne Ausnahme wurde eine Amnestie verkündet, alle Fehltritte als vergessen betrachtet und den Leuten mitgeteilt, daß sie sich ruhig und unbesorgt wieder in ihre Heimat begeben können.« Die geflüchtete Königin kehrte erst im Februar 1847 nach Tahiti zurück. Dort wurde sie vom Gouverneur Bruat empfangen und von ihm in alle ihre Rechte und Privilegien als Königin von Tahiti und Morea unter französischem Protektorat wieder eingesetzt. Ein aufgestelltes Musikkorps spielte das französische Nationallied, und ein Salut von einundzwanzig Schüssen donnerte dazu. Ihre Majestät bekam nun regelmäßiges Gehalt aus Frankreich, so wie auch die abgesetzten indischen Fürsten auf Java von den Holländern. Pomare erhielt jährlich fünftausend Dollar und eine nicht unbeträchtliche Summe als Landzins für das Bäumefällen usw. Jede Audienz mit Fremden mußte aber vierundzwanzig Stunden vorher angezeigt und genehmigt werden. So war der Titel den Pomaren erhalten geblieben, aber sie hatten aufgehört zu regieren. Die katholische Religion breitete sich mehr und mehr aus. Ein Bischof war aus Frankreich gekommen, und ein großer Teil der Insulaner wandte sich der neuen Religion zu. Andere verharrten in ihrem Glauben, und sehr viele überlegten sich die Sache. Es war Frieden in Tahiti. Die Parteien hatten sich geeinigt. Paofai und Utami, Tati, Hitoti und Paraita waren Richter des Volkes geworden. Die Sonne lachte so freundlich auf die blitzenden Uniformen der französischen Soldaten wie auf die Tapatücher der Eingeborenen. Die zerschossenen Brotfruchtbäume und Palmen wurden entfernt. Große steinerne Gebäude errichtete man, breite Straßen wurden angelegt und Brücken gebaut. Straßenlaternen standen auf behauenen Korallenblöcken am Strand des Hafens von Papeete.   Jahre waren seit diesen Ereignissen vergangen, als ein Schiff durch die Straße von Tahiti und Imeo segelte und in eine Windstille geriet. Während es noch mit schwerfällig gegen den Mast schlagenden Segeln und der Gegenströmung zurücktrieb, kam ein kleines Boot an ihnen vorbei. Zwei Eingeborene aus Morea ruderten, als sie vom Deck aus angerufen wurden. Ein Passagier wollte mit an Land fahren. Da er ihre Sprache gut sprach, einigten sie sich bald. Das Boot legte sich an die Seite des Schiffes, die Fallreepstreppe wurde über Bord gehängt, und der Fremde stieg rasch hinab. Im Boot nahm er seinen Sitz im Heck am Steuerruder ein. »Gerade da hinüber, wohin ihr den Bug jetzt gedreht habt. Da liegt die Einfahrt der Bai«, sagte der eine Insulaner. »Ich weiß es«, erwiderte der Europäer, ohne die Augen von dem Ufer zu nehmen. Die Insulaner ruderten schweigend weiter. Sie glitten durch die Einfahrt und am Ufer hinauf, vermieden hier und da Korallenriffe, deren Lage zu ihrem Erstaunen der fremde Mann genau kannte. Dann landeten sie in der Matavaibai am Fuß eines ziemlich gut erhaltenen Gartens, in dem eine der gewöhnlichen Bambushütten stand. Woher kannte der Fremde den Platz so genau? Die Eingeborenen, die seit ihrer Kindheit hier lebten, konnten sich nicht an ihn erinnern. Es war ein schlanker, kräftig gebauter Mann. Seine Bewegungen waren fast jugendlich, nur sein stark ergrautes Haar und die tiefen Furchen seines Gesichtes widersprachen dem. Elf Jahre hatten René Delavigne zum Greis gemacht, so daß selbst zwei seiner alten Nachbarn ihn nicht erkannten. Er sprang an Land, und als er den festen Grund betrat, wollte er den Männern seine Aufregung nicht verraten. Er brauchte mehrere Minuten, bis er sich so weit gesammelt hatte, sie wieder anzureden. Er erkundigte sich, wem das Haus gehöre. »Dies hier? Mitonare«, sagte einer von ihnen. »Was für ein Mitonare? Ferani oder Insulaner?« »Insulaner«, lachte der Eingeborene. »Raiteo heißt er, dort sitzt er!« fügte er dann mit leiser Stimme hinzu. Als René den Weg hinaufging, erkannte er den Mann, der je nach Nutzen sein Feind oder sein Freund gewesen war. Er hatte sein bewegtes Leben gegen ein gottseliges vertauscht und saß vor der Tür im Schatten eines Orangenbusches. Die aufgeschlagene Bibel lag neben seinem Tisch. Die Hände hatte er über seinem stattlichen Bauch gefaltet. Er war in Frack, Weste und Halstuch so unbequem wie möglich gekleidet. Darunter trug er nur den Pareu. Die unter den Eingeborenen weit verbreitete Elephantitis erlaubte ihm nicht, Hosen zu tragen. Diese Krankheit hatte aber sonst keine unangenehmen Folgen für ihn, sondern trug eher noch zu seinem achtbaren Aussehen bei. Als Raiteo den Fremden erblickte, rief er ihm ein gastliches »Haremai, haremai!« entgegen und lud ihn ein, näher zu treten. René zögerte und grüßte dann nur mit der Hand herüber. Rasch schritt er vorbei und ging dann langsamer den Weg bis zur Straße nach Papeete weiter. Teilnahmslos ging er an den Kasernen und Kapellen vorbei, an den Gouvernementsgebäuden und Befestigungen, bis er die kleine, wohlbekannte Gartenpforte erreichte, die zu Monsieur Belards Haus führte. Seine zitternde Hand legte sich auf den Drücker, als sein Blick auf eine kleine Porzellantafel fiel, die einen fremden Namen trug. Durch den Garten kam ein behäbig aussehender alter Herr von unverkennbar englischem Aussehen. Er hatte die Hände in den Taschen seiner weiten Nankinghosen und pfiff ein fröhliches Lied. »Verzeihen Sie, wohnte hier nicht früher Monsieur Belard?« »Ja, früher, ich habe es von ihm gekauft.« »Was wurde aus Monsieur Belard?« »Er ist vor zwei Jahren etwa zurück nach Frankreich gegangen.« »Nach Frankreich zurück? Allein?« »Mit seiner Frau.« »Nahm er... nahm er sonst keine Dienerschaft... keine Begleitung mit?« »Niemand, soviel ich weiß. Wir waren bis zur letzten Stunde noch zusammen.« »Entschuldigen Sie bitte, aber können Sie mir auch noch sagen, ob Schiffe oder Fahrzeuge manchmal von hier nach den leewärts liegenden Inseln gehen?« »Selten, mit Ausnahme der Missionsfahrzeuge. Wenn Sie aber Fracht dorthin haben wollen, so liegt gleich da unten ein kleiner Kutter. Der Eigentümer hat mir erst heute eine Fahrt offeriert. Den können Sie sofort mieten. Sie sind wohl erst vor kurzem von Frankreich herübergekommen?« »Nein, Sir, ich habe Frankreich schon mehrere Jahre verlassen.« »Aber Sie sind Franzose?« »Allerdings.« »Das dachte ich mir. Doch wir stehen hier vor der Tür, wollen Sie nicht eintreten?« »Herzlichen Dank«, sagte René, dem es ein unheimliches Gefühl war, gerade die Schwelle bei fremden Menschen wieder zu überschreiten. »Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren und erkundige mich lieber gleich nach den Fahrtbedingungen. Wissen Sie nicht zufällig, wo ich den Eigentümer finden kann?« »Er ist ein Landsmann von Ihnen. Wenn Sie ihn nicht an Bord finden, können Sie ihn jedenfalls bei Victor erfragen. Er fährt aber nicht selber, sondern schickt seine Insulaner. Sie gehen dazu die erste Querstraße hier hinauf in die sogenannte Broomroad, und dann rechts hinunter, bis Sie...« »Ich danke Ihnen, ich kenne den Platz.« »Ah, um so besser!« Mit freundlicher Verbeugung trennten sich die Männer.   Der frische Ostpassat blähte die Segel. Das kleine Schiff warf schäumend die schimmernden Wellen zurück, die hinter ihm hertanzten und sprangen. Der Himmel spannte sich klar und rein über das tiefblaue, wie mit einem durchsichtig goldenen Netz überzogene Meer. Vor dem Bug des Kutters zeigte sich Land, dem er mit gefällter Leinwand entgegenstrebte. Über dem Horizont stiegen die eigentümlich geformten blauen Kuppen einer kleinen Insel auf. Sie hoben sich höher und höher, jetzt zeichneten sich die einzelnen Konturen der Schluchten und Berghänge klar ab. Der zackige Baumwuchs auf dem oberen Kamm der Hügel wurde deutlich, während rechts und links schon ein schmaler, dünner blauer Streifen zu sehen war – das niedrige Palmenland, das die Hügel umgab. »Mein Atiu!« flüsterte René, als er vorn auf der Back des kleinen Fahrzeuges stand. »Mein liebes Atiu. Dort der Hügelhang, unvergessen mit seinen rauschenden, flüsternden Palmen, den Zeugen meines schönsten Glückes. Da drüben das schmale, schattige Tal mit den duftenden Blumen, dort oben die runde Kuppe, die das Ihiamoea trägt. Da oben ist der Weg, über den mich Sadie in der Nacht führte, da unten – ha, da kommt schon das helle Dach des Mitonare mit seinem Orangenhain und Bananengarten, seinem lauschigen Platz unter dem breitästigen Hibiscus. Es ist noch alles so, wie ich es verließ«, setzte er tief aufseufzend dazu, als das kleine Fahrzeug in die Riffe fuhr und nach langen Jahren wieder die stille Bai ihre waldigen Arme ausstreckte, um ihn zu begrüßen. »Alles ist noch so, nur in meiner Brust ist es tot, und am Herzen nagt es und wühlt in Schmerz und Reue.« Das Segel fiel, der kleine Kutter hatte den seichten Korallengrund erreicht. Drei von den vier Eingeborenen, die seine Besatzung bildeten, kamen nach vorn, um den leichten Anker über Bord zu werfen. Als er den Grund erreichte, schwang das Fahrzeug herum, und die Flutwellen kräuselten sich in dem sonst stillen Wasser am Ankertau und Bug. Sie lagen kaum dreißig Schritte vom Land entfernt, konnten aber wegen der überall aufsteigenden Korallen nicht näher heran und mußten ein Kanu rufen. Am Ufer hatten sich inzwischen eine Menge Männer und Frauen versammelt, um den ungewohnten Besuch zu empfangen. Mit ängstlich klopfendem Herz harrte René auf den Augenblick, der ihn an Land bringen sollte. Dort wollte er erfahren, wonach er sich in Tahiti nicht zu fragen getraute. Jetzt stieß ein Kanu vom Strand ab. Zwei alte Insulaner saßen darin, und das leichte, schlanke Fahrzeug glitt pfeilschnell zwischen den Korallenblöcken auf sie zu. »Joranna, Joranna!« riefen die fröhlichen Menschen. »Joranna, bo-y, komm an Land, Fremder, komm an Land, wir haben Kokosnüsse für dich und Brotfrucht, komm an Land!« Die Begrüßung schnitt durch Renés Seele wie ein Messer. Er kannte die beiden Männer, die manche Nacht in seiner Hütte geschlafen und von seiner Brotfrucht gegessen hatten. Aber ihn kannte keiner. Hatte er sich denn so sehr verändert, Zeit und Gram sein Gesicht so entstellt, daß ihn selbst alte Freunde und Nachbarn nicht mehr kannten. Er kämpfte gegen die Regung an und wollte sich nicht verraten, ehe er Einzelheiten erfahren hatte. Das freundliche Joranna erwiderte er leise und stieg dann in das Kanu. Die Ruder fielen ein, und wenige Minuten später raschelten die Korallen unter seinen Füßen. Sadie! Ihr Name lag auf seiner Zunge, aber er wagte es nicht, ihn auszusprechen. Unwillkürlich suchte er unter den lachenden, munteren Gruppen das bekannte Gesicht der Geliebten. »Er versteht unsere Sprache nicht«, sagten die Insulaner untereinander. »Er weiß nicht, wohin er gehen soll, wir wollen den Mitonare rufen.« Ein paar sprangen zu dem Haus, während andere seine Hände ergriffen und ihm mit Zeichen klarmachten, daß er in dem Haus einen Europäer finden würde. Mitonare – was für freundliche Szenen das Wort in sein Gedächtnis rief, und unwillkürlich suchte er die Gestalt des kleinen würdigen Mannes in der offenen Tür. Aber dort trat ihm ein weißer Mann entgegen, und René erkannte mit freudigem Staunen den alten Mr. Nelson. Der erblickte den Fremden und erkundigte sich freundlich, womit er ihm helfen könnte. Auch er erkannte in dem ergrauten Fremden nicht den lebensfrohen jungen Mann. »Ich kommt nur wegen einer Frage, ehrwürdiger Herr« , sagte René mit leiser Stimme. »Lebt hier noch... wohnt noch auf Atiu...« Wieder stockte er, er brachte den Namen nicht über seine Lippen. »Wen meinen Sie?« sagte der Geistliche und sah ihn freundlich an. »Sonst wohnte Bruder Ezra hier im Haus«, stammelte René endlich. »Bruder Ezra«, wiederholte der Geistliche und nickte nachdenklich mit dem Kopf. »Bruder Ezra, ja, ja, das war in früherer Zeit. Jetzt existiert der nicht mehr.« »Ist er tot?« rief René schnell. »Nein, nein«, lächelte Mr. Nelson. »Das nicht. Er erfreut sich im Gegenteil eines ganz besonders gesegneten Wohlseins. Aber er hat nur den ›Bruder Ezra‹ und den ›Mi-to-na-re‹ abgeworfen uns ist von unserer christlichen Gemeinschaft zurückgetreten. Er ist zwar nicht zum alten Heidentum zurückgekehrt, aber der arme kleine Mann konnte seine vielen Zweifel nicht mehr bekämpfen und übersprang sein Ziel. Anstatt zu prüfen und das Beste zu behalten, verwarf er alles und lebt nun ziemlich gleichgültig, aber anscheinend ganz zufrieden in den Tag hinein.« »Und wo ist seine Wohnung?« »Nicht sehr weit von hier, gleich über dem niedrigen Hügelhang. Wenn Sie den Pfad wüßten...« »Ich will dich führen, Wi-wi«, sagte da eine leise Stimme an seiner Seite. Als sich René rasch umdrehte, sah er sich einer schlanken, ziemlich abgemagerten Frau gegenüber, die ihre Augen fest und forschend auf ihn gerichtet hielt. »Aia!« rief er überrascht aus, aber die Frau ergriff seine Hand. Sie zog ihn mit sich und sagte dabei: »Komm – ich weiß, wohin du willst, und kenne den Weg fast so gut wie du!« »Herr Delavigne, mein Gott, haben Sie sich verändert!« rief jetzt auch der Geistliche, der ihn ebenfalls erkannt hatte. »Nicht wahr? Ich bin nicht jünger geworden!« sagte René mit düsterer Stimme. »Komm, komm!« rief die Frau und zog ihn ungeduldig weiter. »Wir sind alle nicht jünger geworden, unser Fleisch ist weich, unsere Haare grau – nur die Erinnerung ist noch frisch und jung!« René folgte ihr jetzt willenlos durch den Garten den gut bekannten Pfad hinab. Sie schritt mit ihm durch einen Wald von erst später entstandenen Guiaven zu dem Hügelkamm hinauf, wo Sadies Lieblingsplätzchen lag. »Du hast Wort gehalten«, sagte sie dabei still und unheimlich in sich hineinlachend. »Du bist uns gefolgt. Du bist gekommen... Sadie hat es immer behauptet.« »Sadie...« »Pst, jetzt noch nicht«, flüsterte die Frau. »Du hast wirklich Atiu nicht ganz vergessen und bist wiedergekommen, nur ein wenig spät... ein wenig zu spät... und dein Haar ist dünn und grau geworden, Wi-wi, in der kurzen Zeit!« Sie war stehengeblieben und trat einen Schritt von ihm zurück. »Und was für Furchen das böse Gewissen dir in die Stirn und Wangen gegraben hat! Hm, das war eine trübe Zeit für alle, und habe ich es euch nicht vorher gesagt?« »Zu spät, Aia? Sagtest du zu spät?« rief René mit zitternder Stimme. »Pst, pst!« wiederholte die Frau und schritt erneut voran. »Kannst es jetzt auf einmal nicht erwarten, und hast dich die langen Jahre nicht um sie gekümmert? Du kommst zeitig genug dorthin, Wi-wi!« Sie sprach jetzt kein Wort mehr. Den Hügelhang lief sie in raschen Sätzen hinauf, und René konnte ihr kaum folgen. Oben blieb sie plötzlich stehen und wartete auf den Ferani. René folgte ihr nur langsam. Jeder Schritt traf ihn hier wie ein scharfer Messerstich ins Herz. So, wie er den Platz verlassen hatte, lag der Pfad hier. Die pflegende Hand war überall erkennbar. War das alles seinetwegen geschehen? Jetzt sah er die Wipfel seiner Palmen, die in der langen Zeit höher geworden waren. Das kleine Orangendickicht hatte er erreicht, das den Platz umgab. Und jetzt – ein jäher Schlag traf ihn im tiefsten Inneren – Sadie! Wie bei einer Erscheinung sank er in die Knie und sah zweifelnd, staunend auf das, was sich ihm bot. Dort stand seine Frau, Sadie, so schön, so wild, so jugendlich wie immer. Die dunklen, flatternden Locken mit durchflochtenen Blumen, das dünne Schultertuch um den nackten Körper gewickelt. Sie hatte den Arm gegen ihn ausgestreckt. »Sadie!« rief er und verdeckte seine Augen, um für kurze Zeit das Bild zu bewahren. Er glaubte noch immer nicht, was er gesehen hatte. »Sadie, du arme, verratene Sadie!« In diesem Moment brach die harte Rinde von seinem starren Herz. Wie der wilde Strom Tag und Nacht an seinem Damm wühlt und leckt, bis er sich endlich freie Bahn gerissen hat, so drängten sich jetzt seine Tränen heraus. Erneut rief er ihren Namen und preßte sein Gesicht in einen kühlen Farn. »Was fehlt dem fremden Mann? Ist er krank? Und woher kennt er meinen Namen?« erkundigte sich eine sanfte, wohlbekannte Stimme. Der Unglückliche mißtraute seinen Sinnen und sah erneut auf. Noch immer stand sie freundlich lächelnd vor ihm. Aber auch Aias Zorn war gewichen, als sie den Reumütigen in dieser Verfassung sah. Während auch ihr die Tränen über das Gesicht herunterliefen, sagte sie leise: »Die du rufst, du falscher, treuloser Wi-wi, die liegt unter dir in dem kühlen Grab, das wir auf ihre Bitte an ihrem Lieblingsplatz ausgehoben haben. Der kleine Hügel mit den Blumen dort bedeckt sie. Hier hat sie den Frieden bekommen, den du ihr genommen hast. Sie hat dich mehr geliebt, als du verdienst, mehr, als du je geahnt hast, und noch im Sterben hat sie dir vergeben und Gottes Segen für dich erfleht. Kennst du dein Kind nicht mehr?« »Mein Kind? Sadie?« rief René und sprang vom Boden auf. Er wollte seine Arme nach dem Mädchen ausstrecken, das ihn scheu ansah. »Sadie – mein Kind!« »Ist das mein Vater, Aia?« frug mit schüchterner Stimme das Mädchen. »Der Vater, wegen dem meine Mutter so oft geweint hat und für den ich jeden Abend beten mußte?« Aia konnte nicht sprechen, aber sie nickte langsam. Sadie ging zu René und legte ihren Kopf vertrauensvoll an seine Brust. Er preßte sie an sich und küßte ihre Stirn. Sie sagte leise: »Wir haben so lange auf dich gewartet, Vater Du bist lange weggeblieben, und Mutter hatte dich so lieb.« »Kind, du brichst mir das Herz!« rief der sonst so starke Mann, den der Schmerz zu überwältigen drohte. »Komm jetzt, fort von hier!« rief Aia, die es nicht länger ertragen konnte. Sie griff Renés Arm. »Komm, ihr quält euch und mich und die Schlafende da unter den Blumen. Komm mit hinunter, Wi-wi, zu Ahiahi, den du früher Bruder Ezra nanntest.« Langsam gingen sie gemeinsam den Hügelhang hinunter. Ein neuer Pfad führte zu der jetzigen Wohnung des Mitonare, wie ihn die Insulaner noch immer nannten. Mitonare saß vor seiner Tür und sah noch behäbiger und runder als damals aus. Er hatte auch wieder die bequeme, natürliche Tracht an. Das einzige, was von der alten Mode geblieben war, war ein Strohhut. Sonst trug er nur den weiten, luftigen Pareu um die breiten Hüften und den Oberkörper frei. Deutlich waren die blauen Tätowierungen erkennbar. Er hatte ziemlich gleichgültig die Schritte gehört, als sein Blick auf die ihm verhaßte Kleidung des Fremden fiel. Überrascht sah er auf den unwillkommenen Besuch. Als er aber die Gruppe erkannte und sein Pflegekind im Arm des fremden Mannes sah, da durchfuhr ihn auch die Wahrheit. »Der Wi-wi!« rief er und sprang von seinem Sitz auf. Unwillkürlich streckte er ihm die Arme entgegen. Dann aber ließ er sie sinken, fiel auf seinen Stuhl zurück und starrte erstaunt den einstigen Freund an. »Mitonare – Joranna – Joranna!« rief René und streckte ihm die linke Hand zum Gruß entgegen. »Habe ich mich so verändert, daß selbst du, mein alter Freund, mich nicht mehr erkennst? Dann kann ich es den anderen auch nicht verdenken.« Mitonare veränderte seine Stellung nicht und ergriff auch nicht die Hand. Als er in das schmerzzerfurchte Gesicht sah, sagte er leise, mehr zu sich selbst: »Das war die Strafe für begangene Sünde von dem da oben, wie er auch heißt. Das war das einzige Gute, was noch in dem falschen und leichtsinnigen Wi-wi steckte, das Gewissen. Das bohrte und stach und ließ nicht nach, ließ ihn nicht in Ruhe und trieb den Wi-wi wieder über das große Wasser, um die Stelle noch einmal zu sehen, wo er seinen ersten Meineid geschworen hatte vor dem Allmächtigen.« »Mitonare!« bat René, dem die Worte das Herz zerrissen. Der kleine Mann schüttelte den Kopf. »Ach was, der Mitonare steckt da drin in den Kalebassen. Da der Frack, das Halstuch und die Weste. Da ist das dicke Buch und da Schuhe und Strümpfe. Ahiahi ist ausgezogen und hat Bruder Ezra und Mitonare in den engen Nähten gelassen. Er ist jetzt wieder ein Mann geworden, der sich nicht mehr fürchtet und die Sache abwarten will, wie es einmal wird. Ahiahi hat Zeit, und dann kommt er mit seinem Vater und seinem Großvater zusammen, egal wo.« »Ahiahi ist böse auf dich, weil du die Mutter verlassen hast«, sagte Sadie. »Er hat sie sehr liebgehabt.« Mitonare wollte sehr ernst und böse bleiben, aber die Töne schnitten ihm ins Herz. Er winkte dem Mädchen und Aia fortzugehen. Aia sah, daß er mit dem Wi-wi allein bleiben wollte, und ging leise mit Sadie in den Wald. »Da bist du also wieder auf Atiu, René«, sagte der Mitonare endlich leise. »Da bist du nun wieder, und wie ist dir jetzt zumute? Bös, recht bös und weh, und wie weh hast du erst allen getan, die dich so liebgehabt haben!« René verbarg sein Gesicht in den Händen und sagte kein Wort. Leise fuhr Mitonare fort. »Die erste Zeit war die schlimmste. Wie wir so Monat für Monat dasaßen und auf dich warteten. Fahrzeug nach Fahrzeug kam von Tahiti, ohne auch nur einen Gruß zu bringen. Da hat Sadie viel geweint, und Tage und Nächte da oben gesessen, wo sie jetzt ausruht von ihrem Schmerz. Immer wieder sah sie vergeblich nach einem Segel aus.« René hatte erschrocken aufgesehen. Jetzt sagte er mit vor innerer Angst und Aufregung fast erstickter Stimme: »Hat sie meinen Brief von Tahiti nicht bekommen, als ich schwer verwundet dort lag? Den Brief, den der Missionskutter selbst mit herübergebracht hatte und den der Missionar – ich weiß nicht, welcher – versprochen hatte, in ihre Hand zu geben und sie selber oder zumindest Antwort mit zurückzubringen?« »Einen Brief? Der Mitonare? Und wann war das?« sagte der kleine Mann kopfschüttelnd. »Nur wenige Wochen, nachdem Sadie nach Atiu gefahren war«, erwiderte René schnell. »Da war Bruder Rowe selbst hier«, sagte der kleine Mann. »Er wußte von nichts, hat kein Wort gesagt, keinen Brief, keine Nachricht für uns gehabt...« »Und auch von Frankreich kam hier kein Brief an?« Renés Angst stieg immer mehr. »Keiner – kein Brief, keine Nachricht, bis... bis der Mitonare zum letztenmal zu Sadie kam. Da hat er viel gesagt, und dann...«, setzte er mit tiefbewegter, kaum hörbarer Stimme hinzu, »dann war's vorbei.« »Allmächtiger Gott, dann sind meine Briefe verloren oder unterschlagen!« rief René zerknirscht. »Und Sadie hat glauben müssen, ich hätte nie wieder an sie gedacht.« »Nie wieder an sie gedacht?« sagte der Mitonare finster. »Ach was, was hätte der Brief geholfen, wenn der Wi-wi selber wegblieb, und den hat doch niemand vergessen können als er selbst!« »Arme, arme Sadie!« stöhnte René. »Jawohl, arme Sadie!« sagte der Mitonare traurig. »Als der finstere Mann erst einmal eine lange Zeit wegblieb und dann zurückkam und erzählte, daß er über dem großen Wasser gewesen war und von dem Wi-wi erzählte, den er drüben gesehen hatte...« René wurde aufmerksam und schien dem kleinen Mann die furchtbaren Worte von den Lippen ziehen zu wollen, so hafteten seine Augen daran. »Als er von dem großen Haus erzählte, in dem er dort wohnte...«, fuhr Mitonare immer leiser fort, als ob er jetzt fürchte, daß die Verstorbene die Nachricht noch einmal hören mußte, die ihr damals den Todesstoß gegeben hatt e. »Und daß er... daß er sich wieder eine andere Frau genommen hat... das schöne weiße Mädchen, das drüben auf Papeete war und mit dem er fortgefahren war in einem Schiff, da... da war es aus. Da brach ihr das Herz, und... sie lebte wohl noch eine Woche, aber... das Gift hatte gewirkt. Am nächsten Sabbath...« Der kleine Mann konnte nicht mehr. Bis hierher hatte er seinen Schmerz in Gegenwart des Mannes, der der Urheber des ganzen Leids war, bezwungen. Die Erinnerung aber trieb ihm die Tränen aus den Augen, und er schluchzte laut auf. René wagte nicht, das Schweigen zu unterbrechen. Er stand da, erschüttert und vernichtet. Totenbleich starrte er auf die Erde, bis sich der Mitonare endlich gewaltsam bezwang, die Tränen aus den Augen wischte, und mit lebhafterer Stimme fortfuhr: »Nachher kam Bruder Rowe wieder zu uns. Die Mutter war fertig, jetzt wollte er mit der Tochter anfangen. Er kam wieder mit ›Bruder Ezra‹ und ›Mitonare‹. Oros Zorn über ihn! Er kam mit dem dicken Buch und dem stachligen Stock da hinten. Aber Ahi-ahi ist nicht so schwach. Bruder Rowe kommt nicht wieder über den Hügel. Da flog er hinaus, und er glaubte, er hätte Arm und Bein gebrochen. Jetzt ist alles wieder gut«, setzte er dann mit ruhiger Stimme hinzu. »Ahi-ahi lebt zufrieden und glücklich, lernt keine Bibelverse mehr und kein kleines, dünnes Buch. Er braucht nichts mehr herzusagen und sich nicht mehr mit iti iti kanaka zu ärgern.« Da schoß ein neuer Gedanke durch sein Hirn. »Aber was willst du wieder auf Atiu? Wi-wi, bist du gekommen, um die Mutter zu suchen, oder... oder willst du dein Kind mit dir in die fremde Welt nehmen?« Renés Blick haftete mit unendlicher Wehmut auf dem Mädchen, das die letzten Worte gehört hatte. Schüchtern wandte sie sich an ihren Pflegevater. »Weg von dir, Vater? Fort von Aia, von Mutters Grab? Ich darf nicht – ich habe ihr versprochen, ihr Lieblingsplätzchen zu erhalten.« »Ja, du kannst sie jetzt mitnehmen, du hast vielleicht das Recht dazu«, sagte Mitonare finster. »Sie ist jetzt fast so alt, wie ihre Mutter damals war. Gerade alt genug, um auch draußen die Sprache der Wi-wis und der Beretanis zu lernen und fremde Kleider zu tragen und sich unglücklich zu fühlen wie ihre Mutter. Hier hat sie nichts anderes getan, als Tapa herzustellen, zu singen und zu tanzen und fröhlich zu sein und abends am Grab der Mutter zu beten. Sie weiß nichts weiter als das, was einen der jungen Burschen auf der Insel glücklich machen könnte. Aber nimm sie nur mit, bis sie ihr draußen auch das Herz gebrochen haben wie ihrer Mutter. Dann schick sie mir wieder, Ahi-ahi wird ihr dann das Bett machen – neben der anderen.« »Nein, nein!« rief René, den der Vorwurf tief traf. »Nein, Mitonare, ich habe schwer genug an euch gesündigt. Behalte Sadie, und bewahre sie vor dem Fluch, der das Glück ihrer Mutter zerstörte. Halte sie glücklich und zufrieden und gib mir wenigstens den Trost, daß mein Kind hier glücklich lebt.« Der Mitonare stand eine ganze Weile vor ihm und betrachtete abwechselnd ihn und sein Kind. Dann nahm er seine Hand und sagte leise: »Armer Wi-wi, armer René. Du bist alt geworden in den wenigen Jahren und gewiß nicht so glücklich, wie du vielleicht geglaubt hast.« René schüttelte heftig und abwehrend seinen Kopf, und der kleine Mann fuhr fort, indem er sich abwandte: »Die Menschen wissen meistens nicht, wenn sie es sind. Sie wollen andere glücklich machen und machen sie und manchmal auch sich selbst unglücklich. Dein Volk hat unserem Land viel Schmerz gebracht. Aber wie willst du es haben? Soll dein Kind bei mir bleiben, oder soll es zu dem weißen Mitonare gehen, der ihr Sachen beibringen kann, die sie bei mir nicht lernt?« »Nein, Mitonare, auf keinen Fall!« rief René rasch und bewegt. »Das wäre kein Segen für sie auf dieser stillen Insel. Du selbst hast das größere Recht auf sie. Sie ist unschuldig hier aufgewachsen, paß weiter auf sie auf, wie du es bislang getan hast. Aber ich bin reich, ich will dir Geld zurücklassen, damit du...« »Geld?« unterbrach ihn Mitonare rasch und zornig. »Geld? Willst du selbst wieder den Fluch auf Atiu aussäen, der unser Volk schlecht und geizig gemacht hat? Weg mit dem Geld, es ist Gift, Haß und Neid darin. Siehst du die reife Frucht am Brotfruchtbaum? Das klare Wasser hier? Brauchen wir mehr? Wir nicht, aber andere brauchen mehr davon. Die schwarzen Mitonares wollen Geld, immer nur Geld. Denen gib es, wenn du so viel hast. Ahi-ahi gönnt es ihnen, aber nicht uns hier. Du hast uns genug weh getan, aber du meinst es ja nicht so schlimm«, setzte er dann etwas ruhiger hinzu. »Du wußtest es nur nicht besser. Aber es wird Zeit für dich, Sadie. Die Sonne sinkt, komm Aia, laß die beiden zusammen gehen. Das Gebet dort oben am Hügel wird ihnen guttun. Gehst du mit ihr, René?« René stand viele Sekunden still und sprachlos, endlich riß er sich zusammen. Sein Gesicht war totenbleich. Langsam ging er auf den Mitonare zu, ergriff und schüttelte seine Hand. Dann küßte er den verlegenen kleinen Mann auf den Mund, anschließend Aias Hand. Dann zog er sein Kind an sich und ging langsam den kleinen Hang hinauf, zum Grab seiner Frau.   Lange schon war die Sonne ins Meer gesunken. Tiefe Dunkelheit bedeckte das Land und den Ozean. Noch immer saß der kleine Mitonare vor seiner Hütte. Er wurde bereits unruhig über das lange Ausbleiben der beiden. Endlich erhob er sich und wollte ihnen eben entgegengehen, als er leichte Schritte im Laub hörte. Gleich darauf stand Sadie allein vor ihm. »Und wo hast du den Wi-wi?« Eine dunkle Ahnung durchzuckte ihn: Sadie schmiegte sich an ihn. Er fühlte, wie ihr die Tränen über das Gesicht liefen. »Er ist fort, Vater, und wird nie wieder zurückkehren.« »Fort? Mitten in der Nacht? Wohin?« rief der Mitonare erschrocken. »Fort mit seinem Boot.« »Bei Nacht durch die Korallenriffe?« »Wir haben lange bei Mutters Grab gebetet. Er hat geweint, als ob ihm das Herz bräche. Dann hat er mich gedrückt und geküßt und gesagt, er wäre es nicht wert, zu leben, wo er uns alle unglücklich gemacht hat. Ich bat ihn, bei uns zu bleiben, aber er riß sich von mir los und lief den Hügel hinunter. Als ich ihm nachsah, erkannte ich das kleine Schiff, wie es die Segel setzte. Mit der Brise, die heute abend weht, glitt der dunkle Schatten des Fahrzeuges von sicherer Hand gesteuert durch die Riffe zur Einfahrt, durch die es bald verschwand.« Der Mitonare erwiderte kein Wort. Er küßte das Mädchen und ging in sein Haus. Dort blieb er allein während des ganzen Abends. Als sich die Sonne am anderen Morgen aus dem Meere hob, schauten die Insulaner vergeblich nach dem kleinen Kutter aus. Kein Segel war am ganzen Horizont zu sehen.