Henry Fielding Die Geschichte des Tom Jones eines Findlings. Fünfter Theil. 1 Vierzehntes Buch. Enthält zwei Tage. Erstes Kapitel. Es wird zu beweisen versucht, daß der Schriftsteller besser schreibt, wenn er etwas von der Sache versteht, über die er schreibt. Da in unserer Zeit mehrere Herren blos durch die bewunderswürdige Kraft des Himmels, ohne die geringste Beihülfe von Gelehrsamkeit (vielleicht ohne daß sie gut lesen konnten), in der gelehrten Welt ziemliches Aufsehen erregt haben, so behaupten denn auch, wie ich gehört habe, die modernen Kritiker, die Gelehrsamkeit sei überhaupt einem Schriftsteller zu nichts nütze, sie diene vielmehr nur als Fessel der natürlichen Beweglichkeit und Thätigkeit der Phantasie, die dadurch niedergedrückt und an dem hohen Fluge verhindert werde, den sie außerdem unternommen haben würde. Diese Lehre wird gegenwärtig, wie ich fürchte, viel zu weit getrieben, denn warum sollte das Schriftstellern von allen andern Künsten sich so sehr unterscheiden? Es thut der Gewandtheit eines Tanzmeisters durchaus keinen Eintrag, daß er sich gehörig zu bewegen lernte; ebenso braucht kein Handwerksmann, wie ich glaube, sein Werkzeug ungeschickter, weil er damit umzugehen lernte. Ich für meinen Theil kann mich nicht überzeugen, daß Homer und Virgil 2 mit mehr Feuer geschrieben haben würden, wenn sie, statt vollkommene Meister der Gelehrsamkeit ihrer Zeit zu sein, so unwissend gewesen wären, als es die meisten Schriftsteller in unsern Tagen sind. Ebenso wenig glaube ich, daß die Phantasie, das Feuer und die Urtheilsschärfe Pitt's jene Reden hervorgebracht haben würden, welche in unserer Zeit den Senat Englands in der Beredtsamkeit Griechenland und Rom gleichstellten, wäre er in den Schriften des Demosthenes und Cicero nicht so wohl belesen gewesen, daß er ihren ganzen Geist in seine Reden übertragen konnte und mit ihrem Geiste auch ihre Kenntniß. Ich verlange nun keineswegs von meinen Collegen dieselbe Masse von Gelehrsamkeit, welche nach Cicero für einen Redner nothwendig sein soll. Im Gegentheile, ich sehe es ein, der Dichter braucht eine sehr geringe Belesenheit, der Recensent noch weniger und der Politiker am allerwenigsten. Für den ersten gnügen irgend eine Anleitung zur Dichtkunst und einige unserer neuern Dichter, für den zweiten eine Anzahl Bühnenstücke und für den letztern eine Sammlung von Zeitungsblättern. Ich verlange weiter nichts, als daß ein Mann einige Kenntniß von dem Gegenstande habe, über den er schreibt, nach dem alten Rechtsgrundsatze: quam quisque novit artem, in ea se exerceat . Damit allein kann ein Schriftsteller bisweilen recht wohl auskommen, wie ihm denn wirklich ohne dies alle übrige Gelehrsamkeit in der Welt wenig nützen wird. Wir wollen z. B. annehmen, Homer und Virgil, Aristoteles und Cicero, Thucydides und Livius könnten zusammen gekommen sein und ihre verschiedenen Talente zusammen gethan haben, um eine Abhandlung über den Tanz zu schreiben; Jedermann wird mir beistimmen, daß sie ihre Aufgabe nicht so gut gelöset haben würden, als es irgend 3 ein ungelehrter Tanzmeister vermöchte. Wir glauben bei einer so klar vorliegenden Sache nicht viele Beispiele anführen zu müssen und so kann ich es denn auch geradezu aussprechen, daß ein Grund, warum so viele Schriftsteller die Sitten in den höhern Cirkeln so falsch geschildert haben, der ist, daß sie diese Sitten nicht kannten. Eine solche Kenntniß ist für viele Schriftsteller freilich schwer zu erlangen. Bücher geben nur eine unvollkommne Vorstellung davon; die Bühne thut nicht viel mehr. Eine wahre Kenntniß der Welt kann nur durch Umgang erworben werden; man muß die Sitten jedes Standes sehen, wenn man sie kennen lernen will. Nun sind aber die Höhern unter den Sterblichen nicht wie die übrigen Menschen umsonst in Kaffeehäusern u. dergl. zu sehen, auch werden sie nicht für so und so viel die Person gezeigt. Man sieht sie nicht, wenn man nicht eine oder die andere Qualification mitbringt, z. B. hohe Geburt oder Vermögen oder, was so viel ist als beides, das ehrenwerthe Gewerbe eines Spielers. Zum Unglück für die Welt geben sich Personen, welche diese Qualificationen besitzen, selten die Mühe, als Schriftsteller aufzutreten, sondern überlassen dies Niedrigern und Aermern als ein Gewerbe, zu dem, wie viele glauben, durchaus keine Anlagen vonnöthen sind. Daher die seltsamen Ungethüme in Spitzen und Stickereien, in Gold und Seide, mit ungeheuern Perücken und Reifröcken, die als Lords und Ladies zum großen Ergötzen der Advokaten und ihrer Schreiber im Parterre, so wie der Handwerker und ihrer Lehrjungen auf der Galerie sich auf der Bühne spreizen und eben so wenig im wirklichen Leben zu finden sind als der Centaur oder irgend ein anderes Geschöpf der bloßen Einbildung. Diese Kenntniß der höhern Stände nützt jedoch, um meinen Leser in ein Geheimniß einzuweihen, dem Schriftsteller sehr wenig, dessen Fach das 4 Lustspiel oder die Art von Roman ist, die, gleich dem vorliegenden, zu den komischen gehört. Was Pope von den Frauen sagt, paßt vollkommen auf die meisten in diesem Stande, die in der That so ganz aus Förmlichkeit und Ziererei bestehen, daß sie eigentlich gar keinen Character haben, wenigstens keiner zum Vorscheine kommt. Ich wage die Behauptung auszusprechen, daß das vornehmste Leben das langweiligste ist und sehr wenig Witz und Unterhaltung gewährt. Die verschiedenen Berufe in niedern Kreisen bringen die große Mannichfaltigkeit humoristischer Charactere hervor, während hier, ausgenommen unter den wenigen, welche ehrgeizige Pläne verfolgen und den noch wenigern, die ein Wohlgefallen am Vergnügen finden, Alles Nichtigkeit und servile Nachahmung ist. Putz und Kartenspiel, Essen und Trinken, Verbeugen und Knixen füllen ihr Leben aus. Es giebt zwar einige von diesem Range, über welche die Leidenschaft ihre Herrschaft ausübt und die von derselben weit über die Grenzen hinaus getrieben werden, welche die Schicklichkeit vorschreibt; unter diesen zeichnen sich die Frauen eben so sehr durch ihre edle Unerschrockenheit und eine gewisse höhere Mißachtung des Rufes vor dem schwächern Geschlechte in niedern Ständen aus, wie sich eine tugendhafte vornehme Dame durch ihr feines Gesicht von der rechtlichen Frau eines Krämers u. dergl. unterscheidet. Es giebt keinen größern Irrthum als den, welcher allgemein unter den gemeinen Leuten herrscht, die ihre Meinung von irgend einem unwissenden Satyriker entlehnen und unsere Zeit eine ausschweifende und unmoralische nennen. Ich bin vielmehr überzeugt, daß niemals unter Personen von Stande weniger Liebesintriguen vorkamen, als eben jetzt. Unsere Frauen haben durch ihre Mütter gelernt, ihre Gedanken ausschließlich auf Ehrgeiz und Eitelkeit 5 zu richten und die Freuden der Liebe als ihrer Beachtung unwürdig zu verschmähen. Und da sie später durch die Vorsorge solcher Mütter verheirathet werden, ohne daß sie eigentlich Ehemänner haben, so überzeugen sie sich so ziemlich von der Richtigkeit jener Ansicht; sie begnügen sich deshalb in dem langweiligen übrigen Leben mit unschuldigeren, leider auch kindischeren Vergnügungen, deren bloße Nennung sich mit der Würde dieser Geschichte nicht verträgt. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das characteristische Merkmal der jetzigen schönen Welt eher die Thorheit als das Laster und sie verdient kein anderes Beiwort als frivol. Zweites Kapitel. Enthält Briefe und andere Dinge, die zu einer Liebschaft gehören. Jones war nicht lange zu Hause gewesen, als er nachstehenden Brief erhielt: »Ich habe mich nie mehr gewundert, als da ich mich überzeugte, daß Sie sich entfernt hatten. Als Sie das Zimmer verließen, bildete ich mir nichts weniger ein, als daß Sie die Absicht hätten, das Haus zu verlassen, ohne mich erst noch einmal gesehen zu haben. Ihr Benehmen bleibt sich ganz gleich und bringt mich zu der Ueberzeugung, wie sehr ich ein Herz verachten sollte, das sich an eine Thörin hängen kann, ob ich gleich nicht weiß, ob ich nicht mehr ihre Schlauheit als ihre Einfalt bewundern muß. Ob sie gleich kein Wort von dem verstand, was zwischen uns vorging, so besaß sie doch die Geschicklichkeit, die Keckheit, die – wie soll ich es nennen? mir in das Gesicht abzuleugnen, Sie zu kennen oder nur gesehen zu haben. War dies ein unter 6 Ihnen verabredetes Spiel und waren Sie so schlecht, mich zu hintergehen? Ach, wie verachte ich sie, Sie, die ganze Welt, besonders aber mich selbst! – denn – doch ich wage nicht niederzuschreiben, was wieder durch zu lesen mich zur Verzweiflung treiben würde; soviel aber merken Sie sich, daß ich eben so heftig hassen kann, als ich geliebt habe.« Jones hatte nicht lange Zeit, über diesen Brief nachzudenken, als er einen zweiten von derselben Hand erhielt, den wir ebenfalls wörtlich mittheilen: »Wenn Sie die Unruhe berücksichtigen, in welcher ich geschrieben haben muß, so werden Sie sich über keinen Ausdruck in dem vorigen Billet wundern. Sie waren vielleicht doch zu warm. Wie leicht ist es, das Beste zu denken von denen, die wir lieben. Vielleicht wünschen Sie ebenso zu denken. Ich habe mir vorgenommen, Sie heute Abend zu sehen; kommen Sie also sogleich zu mir. NS. Ich bin für Niemanden als für Sie zu Hause. NS. Herr Jones wird glauben, ich sei geneigt, ihn in seiner Vertheidigung zu unterstützen; denn er kann sicherlich nicht mehr wünschen mich zu betrügen, als ich es selbst wünsche. NS. Kommen Sie sogleich.« Ich überlasse die Entscheidung, ob der zornige oder der zärtliche Brief Jones am meisten beunruhigte, denjenigen, welche in solchen Dingen Erfahrung haben. Soviel ist gewiß, daß er eben keine große Lust hatte, diesen Abend mehr Besuche zu machen, als einer einzigen Person. Er glaubte jedoch, seine Ehre lege ihm die Pflicht auf; wäre dies kein zureichender Grund gewesen, so würde er schwerlich gewagt haben, die Stimmung der Lady Bellaston zu dem Zorn anzublasen, dessen sie, wie er Grund zu glauben hatte, fähig war, und der, wie er fürchtete, eine Entdeckung gegen 7 Sophie nach sich ziehen konnte. Nachdem er einigemal, mit sich selbst unzufrieden, in dem Zimmer auf und ab gegangen war, wollte er aufbrechen, als die Dame ihn, nicht durch einen andern Brief, sondern durch ihr persönliches Erscheinen, daran hinderte. Sie trat in einem sehr ordnungslosen Anzuge und mit verstörtem Aussehen ein, warf sich auf einen Stuhl und sagte, nachdem sie zu Athem gekommen war: »Sie sehen, die Frauen lassen sich durch nichts aufhalten, wenn sie einmal zu weit gegangen sind. Noch vor einigen Wochen würde ich es für unmöglich gehalten haben, einen solchen Schritt zu thun.« »Ich hoffe,« antwortete Jones, »die reizende Lady Bellaston wird auch etwas Unrechtes von Seiten eines Mannes für unmöglich halten, der so tief die vielfachen Verpflichtungen fühlt, welche sie ihm auferlegt hat.« »Wirklich!« entgegnete sie, »die Verpflichtungen fühlt! Ich erwartete keineswegs, von dem Herrn Jones eine so kalte Sprache zu hören!« »Verzeihung, theurer Engel,« fiel er schnell ein, »wenn nach den Briefen, die ich erhielt, die Furcht vor Ihrem Zorne, ob ich gleich nicht weiß, wodurch ich ihn verdient habe . . .« »Sieht denn mein Gesicht so zornig aus?« fragte sie mit einem Lächeln. »Habe ich eine Scheltmiene mitgebracht?« »Wenn Ehre unter den Menschen ist,« sagte er, »so habe ich nichts gethan, was Ihren Zorn verdienen könnte. Sie erinnern sich der Aufforderung, die Sie mir sandten. In Folge davon, ging ich . . .« »Ich bitte Sie,« fiel sie ein, »erzählen Sie mir die unangenehme Sache nicht noch einmal. Antworten Sie mir nur auf eine Frage und ich werde beruhigt sein. – Haben Sie nicht meine Ehre gegen sie verrathen?« 8 Jones sank auf seine Knie und ergoß sich eben in die heftigsten Betheuerungen, als Partridge in das Zimmer gehüpft und getanzt kam und wie trunken vor Freude ausrief: »Sie ist gefunden! Sie ist gefunden! Hier, Herr, hier; sie ist hier. Mamsell Honour steht auf der Treppe.« »Halte sie einen Augenblick auf,« entgegnete Jones. »Hier, Madame, treten Sie hinter das Bett; ich habe kein anderes Zimmer, keinen Alkoven, keinen Platz auf Erden, wo ich Sie verbergen könnte. Einen so unseligen Vorfall hat es sicherlich noch nicht gegeben.« »Ja wohl unselig,« sagte die Dame, während sie sich in ihr Versteck begab. Gleich darauf trat Mamsell Honour ein.« »Nun, Herr Jones, was soll denn das bedeuten? Der unverschämte Mensch, Ihr Bedienter, wollte mich kaum die Treppe herauflassen. Ich hoffe nicht, daß er denselben Grund hatte, mich von Ihnen fern zu halten, wie in Upton. Sie erwarteten gewiß nicht, mich zu sehen, aber angethan müssen Sie es meinem Fräulein haben. Das arme junge Fräulein! Ich liebe sie gewiß so zärtlich, als wenn sie meine Schwester wäre. Gott sei Ihnen gnädig, wenn Sie nicht ein guter Mann gegen Sie werden; wenn Sie es nicht thun, ist nichts schlecht genug für Sie.« Jones bat sie leise zu sprechen, weil im Nebenzimmer eine Frau im Sterben liege. »Eine Frau!« entgegnete sie, »gewiß Eine von Ihren Frauenzimmern. Ach, Herr Jones, es sind zu viele in der Welt; ich glaube, wir sind auch in das Haus einer solchen gekommen, denn die Lady Bellaston, das sage ich, ist nicht besser.« »Still! Still!« rief Jones »man hört jedes Wort im nächsten Zimmer.« »Das ist mir sehr gleichgültig,« meinte Honour, »ich 9 spreche von Niemandem Schlechtes, aber wahr ist es, daß die Dienstleute sich nicht scheuen zu erzählen, die Lady käme an einem dritten Orte mit Männern zusammen; es heiße, das Haus gehöre einer armen Frau, aber die Lady bezahlt den Zins und die Frau soll noch manches Andere von ihr erhalten.« Jones, der sich in der äußersten Verlegenheit befand, wollte ihr den Mund zuhalten. »I, Herr Jones,« sagte aber das Mädchen, »Sie werden mich doch reden lassen, ich sage von Niemandem etwas Schlechtes, denn ich erzähle nur, was ich von andern hörte. Mag es sein wie es will, es ist doch besser, arm und rechtschaffen.« »Die Bedienten sind Taugenichtse,« sprach Jones, »die ihre Lady ungerechterweise verläumden.« »Ja, die Dienstleute sind immer Taugenichtse! Mein Fräulein sagt es auch und mag nichts davon hören.« »Ja, ich bin überzeugt,« sagte Jones, »daß meine Sophie solche abscheuliche Verläumdung nicht anhört.« »Es ist keine Verläumdung,« fiel die Honour ein, »warum sollte sie denn in einem andern Hause mit Männern zusammenkommen? Etwas Guten wegen gewiß nicht; denn wenn sie rechtliche Absichten hätte, so kann doch gewiß jedes Frauenzimmer in Gesellschaft von Männern sein; was hat es also zu bedeuten?« »Ich kann dies von einer Dame von Ehre, die überdies mit Sophien verwandt ist, nicht länger mit anhören; auch wird die arme Frau im Nebenzimmer gestört. Wir wollen miteinander lieber hinuntergehen.« »Wenn Sie mich nicht reden lassen wollen, so bin ich fertig. Hier, Herr, ist ein Brief von meinem jungen Fräulein. Was würden manche Herren darum geben, hätten sie ihn! Aber, Herr Jones, ich glaube, Sie sind auch nicht ganz rein; ich habe gehört, – aber Sie werden mir die 10 Gerechtigkeit widerfahren lassen und zugestehen, daß ich noch nicht weiß, wie Ihr Geld aussieht.« Jones nahm ihr schnell den Brief ab und drückte ihr fünf Goldstücke in die Hand. Dann dankte er leise seiner Sophie viel tausendmal und ersuchte das Mädchen, ihn den Brief lesen zu lassen. Sie entfernte sich sofort, nachdem sie sich für seine Freigebigkeit in lautem Danke ausgesprochen hatte. Lady Bellaston trat hinter dem Vorhange wieder hervor. Wie soll ich ihre Wuth beschreiben? Anfangs vermochte sie kein Wort über die Lippen zu bringen, aber aus ihren Augen schossen Blitze, und es konnte nicht anders sein, denn ihr Herz stand in Flammen. Als sie endlich wieder Worte fand, sprach sich ihr Unwille nicht gegen Honour oder ihre eigene Dienerschaft aus, sondern sie griff den armen Jones an. »Sie sehen,« sagte sie, »was ich Ihnen geopfert habe; mein Ruf, meine Ehre sind auf ewig dahin! Und was habe ich dafür erhalten? – Ich werde vernachlässiget, verschmähet wegen eines Gänschens vom Dorfe.« »Welcher Vernachlässigung, welcher Verschmähung habe ich mich schuldig gemacht?« fragte Jones. »Herr Jones,« entgegnete sie, »die Verstellung nützt Ihnen nichts; wollen Sie mich beruhigen, so müssen Sie das Mädchen ganz aufgeben, und um mir Ihre Absicht zu bethätigen, zeigen Sie mir den Brief.« »Welchen Brief?« fragte Jones. »Sie werden doch sicherlich die Keckheit nicht so weit treiben, mir zu leugnen, daß Sie von dem Mädchen, das eben hier war, einen Brief erhielten?« »Und können Sie von mir etwas verlangen, das ich nicht gewähren kann, so lange ich ein Mann von Ehre bin? Habe ich nicht immer als solcher gegen Sie gehandelt? Könnte ich die Schuld auf mich laden, das arme unschuldige 11 Mädchen an Sie zu verrathen, so würden Sie eine Bürgschaft haben, daß ich ebenso gegen Sie handelte. Eine reifere Ueberlegung wird Sie gewiß überzeugen, daß ein Mann, bei dem die Geheimnisse einer Dame nicht sicher sind, das verächtlichste Geschöpf sein muß.« »Sehr wohl,« entgegnete sie, »ich darf nicht darauf bestehen, daß Sie in Ihren Augen dieses verächtliche Geschöpf werden, auch würde mir der Inhalt des Briefes nichts enthüllen, was ich nicht schon wüßte; ich sehe, auf welchem Fuße Sie stehen.« Es folgte nun noch ein langes Gespräch, das wir nicht ganz mittheilen, wofür uns der Leser, der nicht gar zu neugierig ist, danken wird. Es wird hinreichen, wenn wir erwähnen, daß Lady Bellaston allmälig ruhiger wurde und endlich den Betheuerungen Jones glaubte (wenigstens sich so stellte), daß sein Zusammentreffen mit Sophie an dem Abende rein zufällig gewesen sei. Nur war sie im Herzen damit nicht ganz zufrieden, daß er sich weigerte, ihr den Brief zu zeigen, so taub sind wir gegen die klarsten Gründe, wenn sie gegen unsere herrschenden Leidenschaften sprechen. Sie war vollkommen überzeugt, daß Sophie den ersten Platz in dem Herzen Jones' einnahm, und dennoch begnügte sie sich endlich, so stolz und verliebt die Dame auch war, mit dem zweiten Platze. Zuletzt kamen sie überein, daß Jones seine Besuche in Zukunft in dem Hause abstatten sollte, damit Sophie, deren Kammermädchen und alle Dienstleute der Meinung wären, diese Besuche gälten Sophien. Der Plan wurde von der Dame entworfen und von Jones sogleich gut geheißen, der sich freute, doch auf irgend eine Weise seine Sophie wiederzusehen; die Dame ihrerseits freuete sich über diese Täuschung Sophiens, die ihr Jones, wie sie glaubte, um seiner selbst willen nicht entdecken konnte. Am nächsten Tage sollte der erste Besuch stattfinden und die Lady Bellaston kehrte nach Hause zurück. 12 Drittes Kapitel. Enthält Mancherlei. Sobald Jones allein war, erbrach er hastig den Brief und las: »Mein Herr, ich kann unmöglich beschreiben, was ich gelitten habe, seit Sie dieses Haus verließen, und da ich Grund zu glauben habe, Sie beabsichtigen wieder zu kommen, so schicke ich Honour ab, die Ihre Wohnung kennen will, ob es gleich schon so spät ist, um Sie davon abzubringen. Ich fordere Sie auf bei aller Achtung, die Sie gegen mich fühlen, nicht daran zu denken, mich hier zu besuchen, denn es würde sicherlich bemerkt werden, ja nach dem, was die Lady hinwarf, muß ich muthmaßen, daß sie bereits etwas ahnt. Es kann vielleicht eine günstige Wendung eintreten; wir müssen in Geduld warten; aber ich beschwöre Sie nochmals, wenn Ihnen meine Ruhe etwas gilt, denken Sie nicht daran, wieder hierher zu kommen.« Dieser Brief gewährte dem armen Jones denselben Trost, welchen in alter Zeit Hiob von seinen Freunden erhielt. Nicht genug, daß er sich in der Hoffnung, Sophien zu sehen, völlig getäuscht sah, befand er sich auch in einem unglücklichen Dilemma der Lady Bellaston gegenüber, denn es giebt bekanntlich gewisse Verabredungen, deren Vernachlässigung sich durchaus nicht entschuldigen läßt, gleichwohl konnte ihn keine menschliche Macht bewegen, nach dem bestimmten Verbote Sophiens noch dahin zu gehen. Nach langer Ueberlegung, welche während der Nacht die Stelle des Schlafes bei ihm vertreten hatte, nahm er sich endlich vor, sich krank zu stellen, weil Krankheit das einzige Mittel war, dem verabredeten Besuche zu entgehen, ohne Lady 13 Bellaston zu erzürnen, was er aus mehr als einem Grunde zu vermeiden wünschte. Das erste also, was er am Morgen that, war, daß er eine Antwort an Sophien schrieb, welche er in einem Briefe an Honour einschloß. Dann schickte er einen zweiten Brief an die Lady Bellaston mit der oben erwähnten Entschuldigung. Darauf erhielt er bald folgende Antwort: »Es thut mir leid, Sie diesen Nachmittag nicht zu sehen, mehr noch der Ursache wegen; halten Sie sich recht gut und nehmen Sie den besten Arzt; ich hoffe, daß die Gefahr nicht groß ist. Ich werde diesen ganzen Vormittag von Narren gequält, so daß ich kaum einen Augenblick Zeit habe, an Sie zu schreiben. NS. Ich werde es möglich zu machen suchen, Sie heute Abend um neun Uhr zu besuchen. Sorgen Sie dafür, daß Sie allein sind.« Jones erhielt darauf einen Besuch von Mad. Miller, welche nach der gehörigen Einleitung folgende Rede begann: »es thut mir sehr leid, eines solchen Umstands wegen Sie stören zu müssen; aber ich hoffe, Sie werden die schlimmen Folgen berücksichtigen, welche es für den guten Ruf meiner armen Mädchen haben muß, wenn man mein Haus als ein Haus von schlechtem Rufe nennt. Sie werden es mir deshalb hoffentlich nicht übel auslegen, wenn ich Sie ersuche, ferner nicht mehr Frauenzimmer in der Nacht hierher zu bringen. Es hatte zwei Uhr geschlagen, als die eine fortging.« »Ich kann Ihnen die Versicherung geben, Madame,« antwortete Jones, »daß die Dame, welche vorige Nacht hier war und am längsten blieb (die andere brachte mir nur einen Brief), eine sehr vornehme Frau und mit mir nahe verwandt ist.« »Ich weiß nicht, wer sie ist,« entgegnete Mad. Miller, 14 »gewiß wird aber keine tugendhafte Frau, sie müßte denn wirklich eine sehr nahe Verwandte sein, einen jungen Herrn um zehn Uhr Abends besuchen und vier Stunden mit ihm allein bleiben. Uebrigens beweist mir das Betragen ihrer Chaisenträger, wer sie war, denn sie machten den ganzen Abend hindurch in der Hausflur Späße, fragten, was mein Mädchen gehört hat, den Herrn Partridge, ob die Dame die ganze Nacht bei seinem Herrn bleiben wollte, und vieles andere noch, was sich nicht wiedersagen läßt. Ich habe wirklich alle mögliche Achtung gegen Sie, Herr Jones, ja ich bin Ihnen sogar Dank schuldig wegen Ihrer Freigebigkeit gegen meinen Vetter. Ich habe es erst neulich erfahren, wie sehr gut Sie gewesen sind. Ich konnte nicht glauben, zu welcher schrecklichen That die Armuth den Mann getrieben hat. Als Sie mir die zehn Guineen gaben, wußte ich nicht, daß Sie dieselben einem Straßenräuber gegeben haben. Ach Gott, wie gut sind Sie gewesen! Sie haben die Familie gerettet. Die Schilderung, welche Herr Allworthy mir früher von Ihnen gemacht hat, finde ich jetzt vollkommen richtig. Und wenn ich auch gegen Sie keine Verbindlichkeiten hätte, so sind meine Verpflichtungen gegen ihn so groß, daß ich schon um seinetwillen Sie so rücksichtsvoll als möglich behandeln müßte. Glauben Sie mir, mein lieber Herr Jones, wenn auch mein und meiner Töchter Ruf nicht mit auf dem Spiele stände, es würde mir doch leid thun, daß ein so hübscher junger Herr mit solchen Weibern Umgang hat; sind Sie aber entschlossen, denselben nicht zu meiden, so muß ich Sie ersuchen, eine andere Wohnung zu nehmen, denn unter meinem Dache dürfen solche Dinge nicht vor sich gehen, hauptsächlich meiner Mädchen wegen, die, der Himmel weiß es, wenig mehr als ihren guten Ruf haben.« Bei dem Namen Allworthy zuckte Jones zusammen 15 und wechselte die Farbe. »Wahrhaftig, Mad. Miller,« sagte er ein wenig warm, »ich nehme dies nicht so ganz ruhig hin. Ich will Ihr Haus durchaus nicht in Verdacht bringen, muß aber in meinem Zimmer die Leute sehen können, die ich sehen will; ist Ihnen dies nicht recht, so werde ich mich, so bald als es mir möglich ist, nach einer andern Wohnung umsehen.« »Es thut mir leid, daß wir uns in diesem Falle trennen müssen,« antwortete sie, »ich bin aber überzeugt, daß Herr Allworthy selbst meine Schwelle nicht wieder betreten würde, wenn er nur im geringsten ahnte, daß ich ein schlechtes Haus hielte.« »Sehr wohl, Madame,« sagte Jones. »Ich hoffe nicht, daß Sie böse sind,« fuhr sie fort, »denn ich möchte um keinen Preis die Familie des Herrn Allworthy beleidigen. Ich habe der Sache wegen in voriger Nacht kein Auge zugethan.« »Es thut mir leid, Ihre Ruhe gestört zu haben,« entgegnete Jones, »haben Sie die Güte, sogleich Partridge zu mir herauf zu schicken.« Dies versprach sie, worauf sie sich nach einem tiefen Knixe entfernte. Sobald Partridge erschien, ließ Jones seinem Unwillen gegen denselben freien Lauf. »Wie oft,« sagte er, »soll ich durch Deine Dummheit oder vielmehr dadurch leiden, daß ich selbst so dumm bin, Dich zu behalten? Willst denn Du durch Deine Zunge mich durchaus unglücklich machen?« »Was habe ich gethan, lieber Herr?« fragte der erschrockene Partridge. »Wer hat Dir die Erlaubniß gegeben, die Geschichte von dem Raubanfalle zu erwähnen oder zu erzählen, daß der Mann, den Du hier sahst, dieselbe Person war?« »Ich, Herr!« rief Partridge. 16 »Vergrößere Deine Schuld nicht noch durch Läugnen,« sagte Jones. »Wenn ich der Sache erwähnte,« fuhr Partridge fort, »so meinte ich es gewiß nicht bös; ich würde gegen Niemanden als gegen seine Freunde und Verwandte meinen Mund geöffnet haben.« »Ich habe aber auch eine noch weit schwerere Anklage gegen Dich,« fuhr Jones fort. »Wie konntest Du nach allen den Warnungen, die ich Dir gegeben habe, den Namen Allworthy's in diesem Hause erwähnen?« Partridge läugnete, dies gethan zu haben, und betheuerte es mit vielen Eiden. »Wie konnte aber,« fragte Jones weiter, »Mad. Miller wissen, daß zwischen ihm und mir eine Verbindung bestehe? Und hat sie mir nicht eben jetzt gesagt, sie achtete mich seinetwegen?« »Lassen Sie mich nur ausreden, guter Herr, und Sie werden selbst gestehen, daß Sie mich ganz mit Unrecht beschuldiget haben. Als in voriger Nacht Mamsell Honour die Treppe herunter kam, traf sie mich in der Hausflur und fragte mich, wann mein Herr etwas von Herrn Allworthy gehört habe. Mad. Miller muß dies gehört haben, denn sobald Mamsell Honour fort war, rief sie mich in das Zimmer herein. »Herr Partridge,« sagte sie, »welchen Herrn Allworthy meinte die Mamsell? Den großen Herrn Allworthy in Somersetshire?« – »Ich weiß nichts davon, Madame,« sagte ich. – »Ihr Herr ist doch nicht der Herr Jones, von dem ich Herrn Allworthy habe sprechen hören?« – »Ich weiß es nicht, Madame,« sagte ich. – »Er ist gewiß der junge Herr,« sagte sie zu ihrer Tochter Anna, » und paßt auch ganz zu der Beschreibung, die der alte Herr von ihm machte.« Der Herr im Himmel mag wissen, wer es ihr gesagt hat, denn ich will der schlechteste Kerl sein, der 17 auf zwei Beinen geht, wenn ein Wort aus meinem Munde gekommen ist. Ich kann auch ein Geheimniß für mich behalten, wenn es mir anempfohlen wird. Ja, Herr, ich habe so wenig von Herrn Allworthy gesagt, daß ich gerade das Gegentheil behauptete; denn wenn ich ihr auch nicht gleich widersprach, so überlegte ich mir doch die Sache und nahm mir endlich vor, der Geschichte mit einem Male ein Ende zu machen. Ich ging deshalb wieder in das Zimmer hinein, und sagte, wahrhaftig, ich sagte es, wer Ihnen auch erzählt hat, sagte ich, der Herr sei Herr Jones, d. h. dieser Herr Jones sei jener Herr Jones, der hat Ihnen eine Lüge gesagt; ich bitte Sie, sagte ich, von der Sache nichts zu erwähnen, denn mein Herr, sagte ich, würde sonst glauben, ich habe es erzählt und ich fordere Jedermann in dem Hause auf zu sagen, ob ich ein Wort davon gesagt habe. Es ist wirklich wunderbar, lieber Herr, und ich habe seitdem immer darüber nachgedacht, wie die Frau es erfahren haben kann, wenn sie es nicht von einer alten Frau erfuhr, die an der Thüre bettelte und gerade aussah wie jene in Warwickshire, welche alles Unglück veranlaßte. Es ist niemals gut, vor einer alten Frau vorüber zu gehen, ohne ihr etwas zu geben, besonders wenn sie Einen ansieht, denn die ganze Welt wird mir es nicht ausreden, daß die alten Weiber viel Ungemach anrichten können. Ich werde niemals wieder eine alte Frau sehen, ohne bei mir zu denken: infandum, regina, jubes renovare dolorem .« Jones mußte über die Einfalt Partridge's lachen, so daß sein Zorn verschwand, der überhaupt bei ihm nie von langer Dauer war. Statt also in die Vertheidigung näher einzugehen, sagte er ihm, er habe die Absicht, sogleich dies Haus zu verlassen und trug ihm auf, ihm eine andere Wohnung zu suchen. 18 Viertes Kapitel. Wird hoffentlich von jungen Leuten beiderlei Geschlechter sehr aufmerksam gelesen werden. Kaum hatte Partridge sich entfernt, als Herr Nightingale, mit dem er innige Freundschaft geschlossen hatte, zu Jones kam und nach kurzer Begrüßung zu demselben sagte: »Sie haben ja, wie ich höre, gestern Nacht sehr spät Gesellschaft gehabt. Sie sind, bei meiner Seele, ein glücklicher Mensch; Sie sind kaum vierzehn Tage in der Stadt und schon halten Tragsessel bis früh zwei Uhr vor Ihrer Thüre.« In solchem gemeinplätzigen Spotte ging es fort, bis Jones ihn endlich mit den Worten unterbrach: »Sie haben dies Alles, wie ich vermuthe, von der Mad. Miller erfahren, die eben bei mir war und mir die Wohnung kündigte. Die gute Frau ist, wie es scheint, um den Ruf ihrer Töchter besorgt.« »Ja, in diesem Puncte ist sie sehr empfindlich,« sagte Herr Nightingale, »wie Sie sich erinnern werden, wollte sie Aennchen nicht mit uns zur Maskerade gehen lassen.« »Sie handelt ganz recht,« entgegnete Jones, »auch habe ich sie beim Worte genommen und Partridge bereits fortgeschickt, mir eine andere Wohnung zu suchen.« »Wir können dann vielleicht wieder zusammenkommen,« meinte Nightingale, »denn, um Ihnen ein Geheimniß mitzutheilen, das Sie jedoch in der Familie nicht erwähnen mögen, ich habe die Absicht, das Haus noch heute zu verlassen.« »Wie? hat Ihnen Mad. Miller auch gekündiget?« fragte Jones. »Nein,« antwortete der Andere, »aber die Zimmer behagen mir nicht recht. Außerdem bin ich auch dieses Theiles 19 der Stadt überdrüssig. Ich wünsche den Vergnügungsörtern näher zu sein und nehme meine Wohnung deshalb in Pall Mall.« »Und Ihr Ausziehen soll ein Geheimniß sein?« fragte Jones. »Ich gebe Ihnen mein Wort, die Wirthin um den Miethzins nicht zu betrügen,« antwortete Nightingale, »aber ich habe einen besondern Grund, der mich verhindert, förmlich Abschied zu nehmen.« »Den Grund habe ich schon am zweiten Tage meiner Anwesenheit in dem Hause durchschaut,« sagte Jones. »Es wird nasse Augen geben. Das arme Aennchen! Ich bedaure sie wahrhaftig. Sie haben das arme Ding zum Narren gehabt und in dem Mädchen eine Sehnsucht erweckt, die, wie ich fürchte, nicht wieder zum Schweigen zu bringen ist.« »Was aber sollte ich thun?« entgegnete Nightingale. »Soll ich sie heirathen, um ihre Sehnsucht zu stillen?« »Keineswegs,« entgegnete Jones, »aber Sie hätten ihr den Hof nicht machen sollen, wie Sie es doch oft selbst in meiner Gegenwart gethan haben. Ich habe mich über die Verblendung ihrer Mutter gewundert, die nichts zu sehen schien.« »Bah! Nichts zu sehen schien!« rief Nightingale, »was sollte sie denn sehen?« »Daß Sie ihre Tochter verliebt machten. Das arme Mädchen kann es keinen Augenblick verbergen; ihre Augen wenden sich von Ihnen nicht ab und so oft Sie in das Zimmer treten, wird sie über und über roth. Ich bedaure sie wirklich von Herzen, denn sie scheint die redlichste und gutmüthigste Seele von der Welt zu sein.« »So darf man sich also nach Ihrer Meinung,« entgegnete Nightingale, »niemals durch gewöhnliche Galanterie 20 gegen Frauenzimmer eine Unterhaltung verschaffen, aus Besorgniß, sie könnten sich in uns verlieben.« »Sie verstehen mich,« antwortete Jones, »absichtlich falsch. Ich glaube nicht, daß Frauenzimmer sich so außerordentlich leicht verlieben; aber Sie sind über die gewöhnliche Galanterie weit hinaus gegangen.« »Meinen Sie, daß ich bei ihr geschlafen habe?« fragte Nightingale. »So schlecht,« antwortete Jones ernst, »denke ich auf Ehre! von Ihnen nicht; ja, ich gehe noch weiter und glaube nicht einmal, daß Sie einen wohlbedachten Plan entworfen haben, ein armes Mädchen um Ruhe und Frieden zu bringen, ich zweifle sogar, daß Sie die Folgen vorhergesehen haben; denn ich halte Sie für einen gutmüthigen Menschen und ein solcher kann sich einer Grausamkeit dieser Art nicht schuldig machen; aber Sie befriedigten dabei Ihre Eitelkeit und bedachten nicht, daß das arme Mädchen ein Opfer derselben werden würde. Während sie nichts anderes wollten, als in einer müßigen Stunde sich eine Unterhaltung zu verschaffen, haben Sie ihr Veranlassung zu dem schmeichelhaften Glauben gegeben, Sie hätten die ernstlichsten Absichten mit ihr. Antworten Sie mir ehrlich: was bezweckten alle Ihre glühenden Schilderungen des Glückes starker und gegenseitiger Liebe, jene warmen Betheuerungen der Zärtlichkeit und uneigennütziger Liebe? Glaubten Sie, das Mädchen würde keine Anwendung davon machen? oder, richtiger gesagt, wollten Sie nicht, daß sie dieselben auf sich selbst anwende?« »Bei meiner Seele, Tom,« entgegnete Nightingale, »dies habe ich nicht in Ihnen gesucht. Sie würden ein vortrefflicher Prediger werden. Sie würden also nicht mit Aennchen zu Bette gehen, wenn Sie von ihr selbst in ihr Schlafzimmer geführt würden?« 21 »Nein,« antwortete Jones, »wahrhaftig nicht.« »Tom, Tom!« erwiederte Nightingale. »Die vorige Nacht. Gedenken Sie der vergangenen Nacht, »Als jedes Aug' geschlossen war und nur die stillen Sterne und der bleiche Mond den Raub gewahrten . .« »Nightingale,« antwortete Jones, »ich bin kein Heuchler und will nicht keuscher sein als andere Leute. Ich habe mich mit Frauen vergangen, ich gestehe es, aber ich bin mir nicht bewußt, daß ich Eine betrogen hätte. Auch möchte ich, um mir ein Vergnügen zu bereiten, nicht wissentlich einen Menschen in's Unglück bringen.« »Sehr wohl,« sagte Nightingale, »ich glaube Ihnen, bin aber auch überzeugt, daß Sie mich einer solchen That nicht fähig halten.« »Ich glaube es gern,« antwortete Jones, »daß Sie das Mädchen nicht verführten, aber von der Schuld sind Sie nicht frei, ihre Gunst sich erworben zu haben.« »Wenn ich dies gethan habe,« meinte Nightingale, »so thut mir es leid, aber die Zeit und Entfernung werden solche Eindrücke bald verwischen. Es ist dies ein Mittel, das ich selbst gebrauchen muß, denn, wenn ich Ihnen die Wahrheit gestehen soll, es hat mir in meinem ganzen Leben kein andres Mädchen nur halb so gut gefallen; aber ich muß Ihnen das ganze Geheimniß mittheilen. Mein Vater hat für mich ein Mädchen ausgesucht, das ich noch nicht kenne und sie kommt jetzt in die Stadt, um sich von mir den Hof machen zu lassen.« Bei diesen Worten brach Jones in ein lautes Gelächter aus, welches Nightingale zu der Bemerkung veranlaßte: »Machen Sie mich nicht lächerlich. Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht so schon halb wahnsinnig darüber bin. Meine arme Anna! Ach, Jones, ich wollte, ich wäre reich!« 22 »Ich wünsche Ihnen dies ebenfalls und zwar von Herzen,« antwortete Jones, »wie jetzt die Sachen stehen, bemitleide ich Sie beide. Gewiß ist es auch Ihr ernster Wille nicht, sie ohne Abschied zu verlassen.« »Und wenn ich damit zehntausend Pfd. St. verdienen könnte, ich möchte mir den Schmerz des Abschiednehmens nicht bereiten; überdies bin ich überzeugt, daß dies, statt zu etwas Guten zu führen, meine arme Anna nur mehr entflammen würde. Ich bitte Sie also, erwähnen Sie heute kein Wort davon. Abends oder morgen früh gedenke ich auszuziehen.« Jones versprach es und sagte, nachdem er weiter über die Sache nachgedacht, er sei jetzt selbst der Ansicht, daß er am klügsten handele, wenn er sich aus dem Hause entferne. Dann fuhr er fort, es würde ihn sehr freuen, wenn er wieder mit Nightingale in einem Hause wohnen könnte, und so kamen sie denn überein, daß ihm Nightingale entweder die Parterrewohnung oder das zweite Stock verschaffen sollte, da der junge Mann sich vorgenommen hatte, das erste Stock zu bewohnen. Dieser Nightingale, von dem wir sogleich etwas mehr werden sagen müssen, war in den gewöhnlichen Verhältnissen des Lebens ein Mann von Ehre und, was bei jungen Leuten in der Stadt noch seltener ist, auch von strenger Rechtlichkeit; in Liebesangelegenheiten dagegen hatte er eine etwas laxe Moral. Wir wollen damit nicht sagen, er sei auch in diesem Puncte so grundsatzlos gewesen, wie es Herren bisweilen sind und wie sie sich noch öfter stellen, gewiß aber ist es, daß er sich eines unverantwortlichen Verrathes an Frauenzimmern schuldig gemacht und in einer gewissen Sache, welche Courmachen heißt, sich vielfache Täuschung erlaubt hatte, um derentwillen, wenn er sie im Handel 23 und Wandel begangen, er für den schlechtesten Menschen auf Gottes Erdboden würde angesehen worden sein. Da jedoch die Welt, ich weiß nicht aus welchem Grunde, die Unredlichkeit in diesem Falle ebenfalls aus einem minder strengen Gesichtspuncte anzusehen pflegt, so schämte er sich dieser seiner Schlechtigkeiten nicht nur nicht, sondern rühmte sich derselben vielmehr und brüstete sich mit seiner Geschicklichkeit, die Mädchen für sich zu gewinnen. Jones hatte ihm schon früher Vorwürfe darüber gemacht, denn dieser sprach sich immer mit großem Unwillen über jedes ungerechte Benehmen gegen das schöne Geschlecht aus, das seiner Meinung nach vielmehr immer mit aller Achtung, sowie mit der höchsten Liebe und Zärtlichkeit behandelt werden sollte. Fünftes Kapitel. Eine kurze Lebensgeschichte der Mad. Miller. Jones aß diesen Tag für einen Kranken sehr gut, da er die größere Hälfte einer Hammelkeule verzehrte. Nachmittag erhielt er von Mad. Miller eine Einladung, Thee bei ihr zu trinken, denn da die gute Frau entweder durch Partridge oder auf eine andere natürliche oder übernatürliche Weise erfahren hatte, daß er mit dem Herrn Allworthy in Verbindung stehe, so konnte sie dem Gedanken nicht Raum geben, im Zorne mit ihm auseinander zu kommen. Jones nahm die Einladung an und kaum war der Theekessel weggeräumt, kaum waren die Mädchen hinausgeschickt, als die Wittwe ohne weitläufige Vorrede anfing: »Es gehen seltsame Dinge in der Welt vor, und es ist gewiß wunderbar, daß ich einen Verwandten des Herrn 24 Allworthy im Hause habe und nichts davon weiß. Ach, guter Herr, Sie wissen nicht, welch' ein Freund dieser Beste der Männer gegen mich und die Meinigen gewesen ist. Ja, Herr, ich schäme mich nicht, es zu gestehen, ohne seine Güte hätte ich noch vor Kurzem im Elend umkommen und meine armen Kinder als hilflose, freundlose Waisen der Pflege oder vielmehr der Grausamkeit der Welt hinterlassen müssen. »Sie müssen wissen, daß, wenn ich auch jetzt meinen Unterhalt dadurch zu gewinnen suche, daß ich Zimmer vermiethe, ich in einer anständigen Familie geboren und erzogen wurde. Mein Vater war Offizier und starb in einem bedeutenden Range; aber er lebte nur von seiner Gage und da diese mit ihm aufhörte, so versank die Familie bei seinem Tode in völlige Armuth. Wir waren drei Schwestern. Die Eine hatte das Glück, bald darauf an den Blattern zu sterben; die Zweite nahm eine Dame, aus Mitleiden, wie sie sagte, als Kindermädchen zu sich. Die Mutter dieser Dame war die Magd meiner Großmutter gewesen, hatte ein großes Vermögen von ihrem Vater geerbt, der es durch Leihen auf Pfänder erworben und heirathete endlich einen vornehmen und angesehenen Mann. Sie behandelte meine Schwester so grausam, warf ihr oft ihre Geburt und Armuth vor und nannte sie zum Spott eine vornehme Dame, daß sich das arme Mädchen endlich zu Tode grämte. Sie starb ein Jahr nach meinem Vater. Für mich schien das Glück günstiger gestimmt zu sein, denn einen Monat nach meines Vaters Tode verheirathete ich mich mit einem Geistlichen, der lange schon mein Liebhaber gewesen war und den mein Vater aus diesem Grunde schlecht behandelt hatte, denn obgleich mein armer Vater Keiner von uns auch nur einen Schilling geben konnte, so gab er uns doch eine solche Erziehung und wollte uns so behandelt sehen, als wären 25 wir die reichsten Erbinnen. Mein lieber Mann vergaß und vergab ihm alles und sobald wir vaterlos geworden waren, erneuerte er seine Bewerbung um mich so warm und ernstlich, daß ich bald nachgab, da er mir immer gefallen und ich ihn immer geachtet hatte. Fünf Jahre lebte ich mit dem Besten der Männer im vollkommensten Glücke, bis endlich – ach grausames, grausames Schicksal, das uns trennte, mir den liebevollsten Gatten und meinen armen Mädchen den zärtlichsten Vater nahm! Ach, meine armen Mädchen, Ihr kanntet den Schatz nicht, den Ihr verlort! – Ich schäme mich dieser weiblichen Schwäche, Herr Jones, aber ich kann ihn nun einmal nicht ohne Thränen erwähnen.« »Ich sollte mich vielmehr schämen, Madame,« entgegnete Jones, »daß ich Ihrem Beispiele nicht folgte.« »Ich befand mich also,« fuhr sie fort, »zum zweiten Male in traurigen Umständen, in noch traurigern als das erste Mal; außer dem Kummer, den ich ertragen mußte, hatte ich für zwei Kinder zu sorgen und war doch, wo möglich, noch ärmer als vorher. Da hörte der große, der gütige, der herrliche Mann, Herr Allworthy, der meinen Mann ein wenig gekannt hatte, zufällig von meiner Noth und schrieb sogleich diesen Brief da an mich. Da ist er, Herr Jones; ich steckte ihn ein, um Ihnen denselben zu zeigen. Ich will und muß ihn vorlesen: »Madame, »Ich beklage von Herzen mit Ihnen Ihren neuerlichen schmerzlichen Verlust, den zu ertragen Ihr eigener Verstand und die vortrefflichen Lehren, die Sie von dem achtungswerthesten Manne gehört haben müssen, Sie eindringlicher lehren werden, als irgend ein Rath, den ich Ihnen geben könnte. Ich zweifle gar nicht daran, daß Sie, da Sie die zärtlichste Mutter sein sollen, sich dem Kummer nicht so ganz 26 hingeben werden, daß Sie verhindert sein könnten, Ihre Pflicht gegen die armen Kinder zu erfüllen, die nun allein auf Ihre Liebe angewiesen sind. »Da sich jedoch annehmen läßt, daß Sie jetzt nicht sehr im Stande sein werden, sich mit weltlichen Dingen zu beschäftigen, so werden Sie verzeihen, daß ich Jemandem Auftrag gab, sich zu Ihnen zu begeben und Ihnen zwanzig Guineen auszuzahlen, die ich Sie anzunehmen ersuche, bis ich das Vergnügen habe, Sie selbst zu sehen, auch glauben Sie, daß ich bin, Madame u. s. w.« »Diesen Brief erhielt ich vierzehn Tage nach dem unersetzlichen Verluste, den ich erwähnt habe und vierzehn Tage darauf besuchte mich der gütige Herr Allworthy selbst, brachte mich in das Haus, in welchem Sie mich sehen, gab mir eine große Summe Geldes, um dasselbe zu meubliren und setzte mir ein Jahrgeld von 50 Pf. St. aus, die ich seitdem immer erhalten habe. Darnach beurtheilen Sie, Herr Jones, wie hoch ich einen Wohlthäter achten muß, dem ich die Erhaltung meines Lebens und des Lebens der lieben Kinder verdanke, um deretwillen allein das Leben Werth für mich hat. Halten Sie mich aber auch aus diesem Grunde nicht für zudringlich, Herr Jones (da ich denjenigen achten muß, den Herr Allworthy, wie ich weiß, so sehr liebt), wenn ich Sie bitte, keinen Umgang mit schlechten Frauen zu haben. Sie sind ein junger Mann und kennen ihre schlauen Künste nicht zur Hälfte. Zürnen Sie mir nicht um das, was ich wegen meines Hauses gesagt habe; Sie werden es fühlen, daß es das Verderben meiner armen lieben Mädchen sein würde. Außerdem werden Sie selbst recht wohl wissen, daß Herr Allworthy mir es nie vergeben würde, wenn ich solche Dinge duldete, besonders bei Ihnen.« »Sie brauchen sich wahrhaftig nicht weiter zu 27 entschuldigen, Madame,« entgegnete Jones, »eben so wenig nehme ich etwas übel von dem, was Sie gesagt haben; aber da Niemand den Herrn Allworthy höher schätzen kann, so erlauben Sie mir auch, Sie von einem Irrthume zurückzubringen, der ihm vielleicht nicht ganz zur Ehre gereichen dürfte. Ich versichere Sie hiermit, daß ich mit ihm durchaus nicht verwandt bin.« »Ich weiß es recht wohl, daß Sie es nicht sind,« antwortete sie. »Ich weiß recht wohl, wer Sie sind, denn Herr Allworthy hat mit Alles gesagt; aber ich versichere Sie auch, er hätte nicht besser von Ihnen sprechen können, als er es oft in meiner Gegenwart gethan hat, wären Sie wirklich sein Sohn gewesen. Sie brauchen sich dessen, was Sie sind, nicht zu schämen; jeder gute Mensch wird Sie deshalb nicht weniger achten. Nein, Herr Jones, die Worte »uneheliche Geburt« sind Unsinn, wie mein lieber seliger Mann zu sagen pflegte, denn den Kindern kann eine That doch unmöglich Schande bringen, an der sie gänzlich unschuldig sind.« Jones seufzte tief und sagte dann: »Da ich ersehe, daß Sie mich wirklich kennen und Herr Allworthy meinen Namen gegen Sie zu erwähnen für gut befunden hat, da Sie ferner über Ihre eigenen Angelegenheiten so aufrichtig gegen mich gewesen sind, so will ich Sie auch mit noch einigen Umständen bekannt machen, die mich betreffen.« Mad. Miller äußerte sehr lebhaft den Wunsch, dieselben zu vernehmen. Jones erzählte ihr seine ganze Geschichte, ohne indeß den Namen Sophiens zu erwähnen. Brave Menschen fühlen eine gewisse Sympathie gegen einander, nach welcher sie sich gegenseitig leicht Glauben schenken. Mad. Miller hielt denn deshalb auch alles für wahr, was Jones ihr erzählte und sprach sich mit vielem Bedauern und Mitleiden darüber aus. Sie wollte noch länger über die Sache reden, 28 Jones unterbrach sie aber, denn da die Stunde des Stelldicheins heranrückte, so fing er an wegen einer zweiten Zusammenkunft mit der Dame an diesem Abende zu unterhandeln, und versprach, dieselbe solle, in ihrem Hause wenigstens, die letzte sein, auch betheuerte er zu gleicher Zeit, die Dame sei eine sehr hoch gestellte und was sie vornähmen, ganz unschuldig. Wie ich glaube, hatte er wirklich die Absicht, sein Wort zu halten. Mad. Miller gab endlich ihre Einwilligung und Jones kehrte in sein Zimmer zurück, wo er bis zwölf Uhr allein saß, aber es erschien keine Lady Bellaston. Da wir erzählt haben, die Dame habe eine große Zuneigung für Jones gefaßt, so dürfte sich der Leser vielleicht wundern, warum sie sich zu der bestimmten Zeit nicht einfand. Das Benehmen der Dame wird deshalb vielleicht von einigen als unnatürlich getadelt, aber daran sind wir nicht Schuld, denn wir haben nur die Pflicht, die Wahrheit zu berichten. Sechstes Kapitel. Enthält eine Scene, welche ohne Zweifel alle unsere Leser rühren wird. Jones schloß die ganze erste Hälfte der Nacht die Augen nicht, keineswegs in Folge einer Unruhe über das Ausbleiben der Lady Bellaston, auch nicht wegen Sophien, obgleich diese sonst gewöhnlich die Ursache war, wenn er nicht schlafen konnte. Der arme Jones war einer der besten Menschen auf Erden und besaß in hohem Grade die Schwäche, welche man Mitleiden nennt und die sehr verschieden von der edeln Geistesstärke ist, die den Menschen in den 29 Stand setzt, gleich einer polirten Kugel durch die Welt zu rollen, ohne irgend einmal durch das Unglück anderer aufgehalten zu werden. Er mußte deshalb gegen seinen Willen die Lage der armen Anna beklagen, deren Liebe zu dem Herrn Nightingale seiner Meinung nach so offenbar war, daß er sich über die Blindheit der Mutter wunderte, die am vorigen Abende mehr als einmal gegen ihn die große Veränderung in dem Temperamente ihrer Tochter erwähnt hatte, »die,« wie sie sagte, »aus dem lebenslustigsten heitersten Mädchen mit einem Male ganz betrübt und traurig geworden war.« Der Schlaf überwältigte indeß zuletzt allen Widerstand; Jones schlief nun sogar bis elf Uhr am nächsten Morgen und würde vielleicht noch länger in derselben ruhigen Lage verblieben sein, hätte ihn nicht ein heftiger Lärm geweckt. Partridge wurde gerufen, über die Sache befragt und erzählte, »es tobe unten ein entsetzlicher Sturm, Mamsell Anna liege in Krämpfen und ihre Schwester nebst der Mutter jammerten und weinten neben ihr.« Jones nahm viel Antheil an diesem Unfalle, Partridge aber suchte ihn zu beruhigen, indem er mit einem Lächeln hinzusetzte, er glaube nicht, daß das junge Mädchen sich in Todesgefahr befinde, denn Susanna (so hieß das Dienstmädchen) habe ihm zu verstehen gegeben, daß es etwas ganz Gewöhnliches sei. »Kurz,« sagte er, »Mamsell Anna wollte eben so klug sein wie ihre Mutter, das ist alles; sie war etwas hungrig und setzte sich an den Tisch, ehe das Tischgebet gesprochen war und so ist denn ein Kind für das Findelhaus angekommen.« »Laß den dummen Spaß,« fiel Jones ein. »Ist das Elend der armen Leute ein Gegenstand des Scherzes? Geh sogleich zu Mad. Miller und sage ihr, ich ließe bitten, – doch warte, Du richtest es doch verkehrt aus; ich werde 30 selbst gehen, denn sie äußerte den Wunsch, ich möchte mit ihr frühstücken.« Er stand deshalb auf und kleidete sich so schnell als möglich an, während Partridge trotz manchen ernsten Vorwürfen fortfuhr, von Zeit zu Zeit sogenannte Späße über den Vorfall zu machen. Sobald Jones angekleidet war, ging er hinunter, klopfte an der Thüre an und wurde von dem Dienstmädchen sogleich in das erste Zimmer eingelassen, in dem sich aber Niemand befand. Mad. Miller war bei ihrer Tochter in dem andern Zimmer, aus welchem das Mädchen dem Herrn Jones die Antwort brachte, »er möge verzeihen, es sei aber ein Vorfall eingetreten, der es ihr unmöglich mache, diesen Tag ihn zum Frühstücke bei sich zu sehen; sie bitte zugleich um Verzeihung, daß sie ihn nicht früher davon benachrichtiget habe.« Jones ließ zurücksagen, »sie möge seinetwegen ganz unbesorgt sein, der Vorfall thue ihm herzlich leid und wenn er ihr in etwas dienen könne, möge sie nur befehlen.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als Mad. Miller, die alles gehört, mit einem Male die Thüre aufmachte, zu ihm heraus kam und mit Thränen in den Augen sagte: »Ach, Herr Jones, Sie sind der beste Mensch. Ich danke Ihnen tausendmal für das freundliche dienstwillige Anerbieten, aber ach! es steht nicht in Ihrer Macht, mein armes Mädchen zu erhalten. Ach, mein Kind! mein Kind! Es ist um sie geschehen, sie ist für immer verloren!« »Ich hoffe nicht, Madame, daß ein schlechter Mensch . . .« fiel Jones ein. »Ach, Herr Jones!« entgegnete sie, »der schlechte Mensch, der gestern ausgezogen ist, hat mein armes Kind bethört und unglücklich gemacht. Ich weiß, Sie sind ein Mann von Ehre. Sie haben ein gutes, ein edles Herz, Herr Jones. Die Handlungen, von denen ich selbst Zeuge gewesen bin, konnten von keinem andern ausgehen. Ich 31 will Ihnen alles sagen; es ist doch unmöglich nach dem, was geschehen ist, die Sache geheim zu halten. Dieser Nightingale, dieser schlechte Mensch, hat meine Tochter unglücklich gemacht. Sie ist – sie ist – ach! Herr Jones, meine Tochter ist schwanger von ihm und in diesem Zustande hat er sie verlassen. Da, da ist sein schändlicher Brief; lesen Sie ihn, Herr Jones und sagen Sie mir, ob es wohl noch einen zweiten solchen Unmenschen giebt.« Der Brief war folgenden Inhaltes: »Liebes Aennchen! »Da mir es unmöglich war, Dir einen Umstand mitzutheilen, der, wie ich fürchte, für Dich eben so schrecklich sein wird, als er es für mich gewesen ist, so benutze ich diesen Weg, um Dir zu sagen, daß mein Vater verlangt, ich möge mich sogleich um eine junge vermögende Dame bewerben, die er mir zur Frau bestimmt hat – kaum kann ich das verhaßte Wort niederschreiben. Du wirst recht gut einsehen, wie sehr ich zum Gehorsam genöthiget bin, der mich freilich leider für immer aus Deinen theuern Armen reißen wird. Die Zärtlichkeit Deiner Mutter möge Dir den Muth geben, sie mit den unglücklichen Folgen unserer Liebe bekannt zu machen, die leicht vor der Welt werden geheim gehalten werden können und für die ich sorgen werde wie für Dich selbst. Ich wünsche, Du mögest darüber weniger leiden als ich gelitten habe; nimm alle Deine Festigkeit zu Hülfe und vergieb dem Manne, vergiß ihn, den nichts als die Aussicht auf sicheres Unglück zwingen konnte, diesen Brief zu schreiben. Ich bitte Dich, vergiß mich, ich meine als Geliebten, denn den besten Freund wirst Du immer finden in Deinem getreuen aber unglücklichen J. N.«         32 Als Jones diesen Brief gelesen hatte, standen sie beide eine Minute lang schweigend da und sahen einander an. Endlich sprach er: »Ich kann Ihnen nicht sagen, Madame, wie sehr mich das, was ich gelesen, verletzt hat, doch muß ich Sie bitten, in einem Umstande dem Rathe des Schreibers zu folgen. Bedenken Sie den Ruf Ihrer Tochter.« »Er ist dahin, verloren, Herr Jones,« entgegnete sie, »wie ihre Unschuld. Sie erhielt den Brief in einer zahlreichen Gesellschaft, fiel, als sie ihn gelesen hatte, sogleich in Ohnmacht und der Inhalt wurde allen Anwesende bekannt. Der Verlust ihres Rufes ist nun zwar schlimm, aber doch nicht das Schlimmste; ich werde mein Kind verlieren; sie hat bereits zweimal versucht, sich selbst das Leben zu nehmen und ob sie gleich bis jetzt daran gehindert worden ist, so schwört sie doch, nicht länger zu leben. Ich selbst würde ein solches Unglück nicht zu überleben vermögen. Und was wird aus meiner kleinen Betty werden? eine arme hilflose Waise! Dem armen kleinen Dinge wird das Herz brechen bei der Noth, in welcher sie ihre Schwester und mich versunken sieht, während sie die Ursache nicht kennt. Ach, sie ist das zartfühlendste Wesen mit dem besten Herzen! Der Grausame hat uns Alle unglücklich gemacht. Ach, meine armen Kinder! Ist dies der Lohn für alle meine Sorgen? Ist dies die Frucht aller meiner Hoffnungen? Habe ich mich mit so vieler Liebe allen Mühen und Pflichten einer Mutter unterzogen; habe ich so zärtlich ihre Kindheit gepflegt, so bedächtig für ihre Erziehung gesorgt, habe ich so viele Jahre mich geplagt, mir alle Annehmlichkeiten des Lebens versagt, um es ihnen an nichts fehlen zu lassen, daß ich eine oder beide auf diese Weise verlieren soll?« »Ich bedaure Sie wirklich von ganzem Herzen,« entgegnete Jones mit Thränen in den Augen. 33 »Ach, Herr Jones,« antwortete sie, »ob ich gleich weiß, ein wie gutes Herz Sie haben, so können Sie sich doch keine Vorstellung machen von dem, was ich fühle. Das beste, liebevollste, pflichtgetreueste der Kinder! Ach, mein armes Annchen, Liebling meines Herzens! Freude meiner Augen, Stolz meiner Seele! zu sehr mein Stolz, denn jenen thörichten, ehrgeizigen Hoffnungen, die ich auf ihre Schönheit bauete, muß ich ihr Unglück zuschreiben. Ach, ich sah mit Freuden, wie sie diesem jungen Manne wohlgefiel; ich hielt es für eine ehrenhafte Zuneigung und schmeichelte meiner thörichten Eitelkeit mit dem Gedanken, sie einmal mit Einem verheirathet zu sehen, der so sehr über ihr stehe. Tausendmal hat er in meiner, selbst in Ihrer Gegenwart diese Hoffnung durch die edelsten Ausdrücke uneigennütziger Liebe begünstiget und ermuthiget, die er immer an mein armes Mädchen richtete und die ich gleich ihr für aufrichtig hielt. Konnte ich glauben, daß sie alle nur Schlingen waren, die Unschuld meines Kindes zu verderben und uns Alle in das Unglück zu stürzen?« Bei diesen Worten kam die kleine Betty weinend in das Zimmer und rief: »Ach, liebe Mutter, um Gotteswillen komm zu meiner Schwester; sie hat wieder einen Anfall bekommen und die Cousine kann sie nicht erhalten.« Mad. Miller folgte sogleich der Aufforderung, befahl aber erst dem Mädchen, bei dem Herrn Jones zu bleiben und ersuchte diesen, sie einige Minuten aufzuhalten, indem sie in höchst pathetischem Tone sprach: »gütiger Himmel, erhalte mir wenigstens Eines meiner Kinder!« Jones that in Folge dieser Aufforderung alles, was er vermochte, um das Mädchen zu beruhigen, ob ihn gleich selbst die Erzählung der Mad. Miller tief erschüttert hatte. Er sagte ihr, »ihre Schwester würde sich bald wieder wohl 34 befinden, wenn sie aber so fort weine, werde sie nicht blos ihre Schwester noch kränker, sondern auch ihre Mutter krank machen.« »Um Alles in der Welt möchte ich ihnen nicht weh thun,« antwortete sie. »Lieber mag mein Herz brechen, als daß sie mich weinen sehen sollen. Aber meine arme Schwester sieht es nicht, wenn ich weine, vielleicht, ach Gott! sieht sie es nie wieder. Aber ich kann mich nicht von ihr trennen, ich kann es nicht. Und was soll dann aus der armen Mutter werden? Sie sagt, sie würde auch sterben und mich allein zurück lassen, aber ich werde nicht allein zurückbleiben.« »Fürchtest Du Dich nicht vor dem Sterben, liebe Betty?« fragte Jones. »O ja,« antwortete sie, »ich habe mich immer vor dem Sterben gefürchtet, weil ich die Mutter und die Schwester hätte verlassen müssen; aber ich fürchte mich nicht, mit denen, welche ich liebe, irgend wohin zu gehen.« Dem Herrn Jones gefiel diese Antwort so, daß er das Kind küßte. Bald darauf kam Mad. Miller zurück und sagte, sie danke Gott, Aennchen sei wieder zu sich gekommen. »Nun,« setzte sie zu Betty hinzu, »kannst Du wieder hinein gehen, denn Deine Schwester befindet sich wohler und verlangt nach Dir.« Sie wendete sich dann von neuem an Herrn Jones und erneuerte ihre Entschuldigungen wegen des gestörten Frühstücks. »Ich hoffe, Madame,« antwortete Jones, »einen vortrefflichern Genuß zu haben, als Sie mir hätten bereiten können und dies wird der Fall sein, wenn ich dieser kleinen Familie, die ich liebe, einen Dienst erweisen kann. Welchen Erfolg auch meine Versuche haben mögen, ich bin entschlossen, sie zu wagen. Ich müßte mich in Herrn Nightingale sehr getäuscht haben, wenn er nicht, trotz dem, was geschehen 35 ist, im Grunde ein gutes Herz besäße und Ihre Tochter innig liebte. Ist dies der Fall, so wird, glaube ich, die Schilderung, die ich ihm zu entwerfen gedenke, ihn rühren. Versuchen Sie, sich selbst und Aennchen zu beruhigen so gut es geht. Sogleich werde ich Herrn Nightingale aufsuchen und ich hoffe, Ihnen gute Nachrichten zu bringen.« Mad. Miller fiel auf ihre Knie und rief allen Segen des Himmels auf Herrn Jones herab, wozu sie später in den leidenschaftlichsten Ausdrücken ihren Dank gesellte. Er ging darauf fort, um Herrn Nightingale zu suchen und die gute Frau begab sich zu ihrer Tochter, die nach dem, was sie ihr sagte, etwas ruhiger wurde. Beide rühmten einstimmig die Güte des Herrn Jones. Siebentes Kapitel. Die Unterredung zwischen Herrn Jones und Herrn Nightingale. Das Gute oder das Böse, das wir Andern anthun, fällt, wie ich glaube, sehr oft auf uns selbst zurück; denn wenn gutmüthige Personen sich über ihre eigenen wohlthätigen Handlungen eben so freuen, wie die, welchen sie gethan werden, so dürfte es auch keine so ganz bösartigen Menschen geben, welche Andere in Schaden zu bringen vermögen, ohne selbst einiges Weh im Herzen über das Unglück zu empfinden, das sie ihren Mitmenschen zufügen. Herr Nightingale wenigstens war kein solcher Mensch; Jones sah denselben im Gegentheile in der neuen Wohnung traurig an dem Kamine sitzen, wo er im Stillen die unglückliche Lage bejammerte, in welche er das arme Aennchen 36 gebracht hatte. Kaum erblickte er seinen Freund, so stand er schnell auf, eilte ihm entgegen und sagte nach vielen Glückwünschen, es könne ihm nichts gelegener kommen als dieser freundschaftliche Besuch, denn er sei nie in seinem Leben verstimmter gewesen. »Es thut mir leid,« antwortete Jones, »daß die Nachrichten, welche ich bringe, Sie schwerlich in eine bessere Stimmung versetzen werden; im Gegentheile, dieselben dürften Sie im höchsten Grade erschüttern. Erfahren aber müssen Sie Alles. Ich komme also, um ohne weitere Vorrede zu sprechen, von einer würdigen Familie, die Sie in Noth und Elend gestürzt haben.« Herr Nightingale erbleichte bei diesen Worten, Jones aber kehrte sich nicht daran, sondern schilderte mit den lebhaftesten Farben die tragische Geschichte, mit welcher wir den Leser bereits im letzten Kapitel bekannt gemacht haben. Nightingale unterbrach die Erzählung nicht einmal, obgleich bei manchen Theilen derselben sein Gefühl heftig angeregt wurde. Als Jones geendet hatte, sagte Nightingale endlich nach einem tiefen Seufzer: »Was Sie mir da sagen, lieber Freund, rührt mich aufs Innigste. Der schlimmste Unfall war der, daß das arme Mädchen meinen Brief nicht für sich behielt. Ihr Ruf hätte unverletzt und die ganze Sache ein tiefes Geheimniß bleiben können; es hätte dann mit dem Mädchen nicht schlimmer gestanden. Es kommen ja dergleichen Fälle viele in der Stadt vor und wenn der künftige Ehemann etwas merkt, wann es zu spät ist, so kann er nichts besseres thun, als seinen Verdacht vor seiner Frau und vor der Welt geheim zu halten.« »Das konnte bei Ihrer armen Anna nun freilich nicht der Fall sein,« entgegnete Jones. »Sie haben die Liebe derselben in dem Maße gewonnen, daß nicht der Verlust 37 ihres Rufes, sondern Ihr Verlust sie betrübt und sie nebst ihrer ganzen Familie ins Unglück stürzen wird.« »Ich kann Sie versichern,« fiel Nightingale ein, »das Mädchen besitzt ebenfalls mein Herz so vollständig, daß meiner künftigen Frau, wer sie auch sein mag, wenig davon übrig bleiben wird.« »Können Sie in diesem Falle wirklich daran denken, sie zu verlassen?« »Was kann ich thun?« antwortete Nightingale. »Fragen Sie nur das Mädchen,« entgegnete Jones warm. »In der Lage, in die Sie das Mädchen gebracht haben, kommt es nach meiner aufrichtigen Meinung ihr allein zu, die Art und Weise zu bestimmen, wie Sie das Geschehene wieder gut zu machen haben. Nur das Interesse des Mädchens, nicht das Ihrige, kann hier in Betracht kommen. Sie fragen: was kann ich thun? Können Sie etwas anderes thun, als die Erwartungen der Familie und des Mädchens selbst erfüllen? Diese Erwartung habe auch ich selbst immer gehegt, sobald ich Sie beide beieinander sah. Sie werden mir verzeihen, wenn ich nach der Freundschaft, mit der Sie mich beehrt haben, spreche und der Mund mir überströmt von dem Mitleiden, das ich mit den armen Leuten fühle. Ihr eignes Herz wird Ihnen am besten sagen, ob Sie durch Ihr Benehmen die Mutter sowohl als die Tochter zu der Meinung gebracht haben, Sie hätten die ehrlichsten Absichten; ist dies der Fall, so überlasse ich es Ihren eigenem Verstande, in wie weit Sie gebunden sind, auch wenn Sie kein bestimmtes Eheversprechen gegeben haben.« »Ich muß nicht blos das zugestehen, was Sie andeuten,« sagte Nightingale, »ich fürchte sogar, daß ich das Eheversprechen, das Sie erwähnen, gegeben habe.« 38 »Und Sie können nach diesem Geständnisse noch einen Augenblick zögern?« »Bedenken Sie, lieber Freund,« antwortete der Andere, »ich weiß, Sie sind ein Mann von Ehre und würden Niemanden rathen, gegen die Vorschriften der Ehre zu handeln; kann ich, wenn es auch sonst keinen Einwand gäbe, nachdem ihre Schande öffentlich bekannt geworden ist, mit Ehren eine Ehe mit ihr eingehen?« »Ohne Zweifel,« entgegnete Jones; »die beste und wahrhafte Ehre verlangt es sogar von Ihnen. Da Sie ein Bedenken der Art gegen mich aussprechen, so werden Sie mir auch erlauben, dasselbe genauer zu prüfen. Können Sie mit Ehren die Schuld tragen, ein junges Mädchen und deren Familie durch falsche Vorspiegelungen hintergangen, sie dadurch hinterlistiger Weise um ihre Unschuld gebracht zu haben? Können Sie mit Ehren wissentlich, geflissentlich und auf listige Weise einen Menschen in das Unglück stürzen? Können Sie mit Ehren den guten Ruf, den Frieden, ja vielleicht Leben und Seele dieses Menschen vernichten? Kann die Ehre den Gedanken ertragen, daß dieses Wesen ein schwaches, hilf- und schutzloses junges Mädchen ist? – ein junges Mädchen, das Sie zärtlich liebt und für Sie stirbt? – das sein ganzes Vertrauen auf Ihre Versprechungen setzte und diesem Vertrauen alles opferte, das ihm theuer ist? Vertragen sich solche Betrachtungen auch nur einen Augenblick mit Ehrenhaftigkeit?« »Der gesunde Menschenverstand,« sprach Nightingale, »stimmt allerdings mit allem dem überein, was Sie sagen; wie Sie aber recht wohl wissen, spricht sich die Meinung der Welt so ganz anders darüber aus, daß ich mich niemals würde wieder sehen lassen dürfen, wenn ich eine Hure heirathete, wäre es auch meine eigene.« »Pfui, Herr Nightingale, geben Sie ihr keinen so 39 unedeln Namen; als Sie ihr versprachen, sie zu heirathen, wurde sie Ihre Frau und sie sündigte mehr gegen die Klugheit als gegen die Tugend. Und vor welchen Leuten würden Sie sich vor Schaam nicht wieder sehen lassen können? Doch nur vor den gemeinen, thörichten, lasterhaften. Verzeihen Sie mir, wenn ich sage, daß eine solche Schaam eine falsche ist und nur falsche Ehre begleitet. Jeder Mann von wahrem Verstande und Gemüthe würde meiner Ueberzeugung nach der That seinen Beifall schenken und sie für ehrenvoll halten. Aber auch angenommen, sie fände bei Niemanden Beifall, würde sie nicht Ihrem eigenen Herzen wohlthun? Und gewährt das warme freudige Gefühl, welches das Bewußtsein einer ehrenhaften, edelsinnigen, wohlwollenden Handlung erzeugt, der Seele nicht höheres Vergnügen als das unverdiente Lob von Millionen? Stellen wir die Sache ganz unverstellt vor Ihre Augen. Sehen Sie auf der einen Seite das arme, unglückliche, zärtliche, gläubige Mädchen in den Armen ihrer Mutter dem Tode nahe; hören Sie, wie im Todeskampfe ihr brechendes Herz nach Ihrem Namen seufzet; wie sie die Grausamkeit, die sie zum Tode niederdrückt, mehr beklagt als anklagt. Stellen Sie sich die Lage ihrer liebevollen verzweifelnden Mutter vor, die durch den Verlust ihrer lieblichen Tochter zum Wahnsinn, vielleicht zum Tode gebracht wird. Sehen Sie das arme hilflose verwaisete Kind und betrachten Sie dann sich selbst als die Ursache all der Noth dieser armen kleinen würdigen und schutzlosen Familie. Auf der andern Seite stellen Sie sich vor als erretteten sie dieselbe aus ihren Leiden. Bedenken Sie, mit welcher Freude, mit welchem Entzücken das liebenswürdige Mädchen in Ihre Arme eilen würde; sehen Sie, wie das Blut in ihre bleichen Wangen zurückkehrt, wie ihr mattes Auge sich belebt, wie ihr Busen vor Jubel wallt! Bedenken Sie die Freude der Mutter, 40 das Glück Aller; stellen Sie sich die kleine Familie vor, die Sie durch eine Handlung vollkommen glücklich machen. Ueberlegen Sie sich diese Alternative und ich müßte mich in meinem Freunde ganz irren, wenn es noch langer Ueberlegung bedürfte, ob er die Armen unwiederbringlich unglücklich machen oder durch einen edeln raschen Entschluß sie von dem Rande des Elendes und der Verzweiflung auf den höchsten Gipfel menschlichen Glückes erheben will. Dazu vergessen Sie nicht, daß es Ihre Pflicht ist, so zu handeln, daß das Unglück, aus dem Sie die armen Leute befreien, von Ihnen absichtlich über sie herbeigeführt wurde.« »Lieber Freund,« entgegnete Nightingale, »es bedurfte Ihrer Beredtsamkeit nicht, um meine Gefühle zu erregen. Ich bedaure die armen Leute von Herzen und würde gern alles, was in meiner Macht steht, thun und geben, wären niemals Vertraulichkeiten zwischen uns vorgekommen. Ja, glauben Sie mir, ich hatte manchen Kampf mit meiner Liebe zu kämpfen, bevor ich es über mich gewinnen konnte, jenen grausamen Brief zu schreiben, welcher alles das Unglück in der bedauernswerthen Familie verursacht hat. Dürfte ich nach meiner eignen Neigung handeln, so würde ich das Mädchen morgen heirathen, wahrhaftig! aber Sie werden auch einsehen, wie unmöglich es ist, meinen Vater zu vermögen, seine Einwilligung zu einer solchen Heirath zu geben; er hat bereits für mich gewählt und morgen soll ich, in Folge seines ausdrücklichen Befehles, der Dame meine Aufwartung machen.« »Ich habe nicht die Ehre, Ihren Vater zu kennen,« sagte Jones, »Würden Sie, für den Fall, daß er überredet werden könnte, das einzige Mittel ergreifen, durch welches die arme Familie zu retten ist?« »So schnell als ich meinem Glücke nachjagen würde,« antwortete Nightingale, »denn das Glück werde ich bei 41 keinem andern Weibe finden. Ach, lieber Freund, könnten Sie sich vorstellen, was ich in den letzten zwölf Stunden des armen Mädchens wegen gefühlt habe, ich bin überzeugt, Sie würden nicht das Mädchen allein bemitleiden. Die Liebe zieht mich hin zu ihr und habe ich irgendwie thörichte Ehrenscrupel gehegt, so sind sie durch Ihre Worte völlig beseitiget worden. Könnte mein Vater vermocht werden, meine Wünsche zu erfüllen, so würde zu meinem und zu Annas Glücke nichts mehr fehlen.« »So bin ich entschlossen, es zu unternehmen«, entgegnete Jones. »Sie dürfen mir nicht zürnen, in welchem Lichte auch die Sache dargestellt werden müßte, die ja, darauf verlassen Sie sich, ihm überhaupt nicht lange verheimlichet werden kann; denn Dinge dieser Art werden schnell verbreitet, sobald sie einmal bekannt geworden sind, wie es hiermit schon der Fall ist. Sollte ein Unglück eintreten, wie ich es wirklich besorge, wenn es nicht bald verhindert wird, so würde das Publicum Ihren Namen so laut und auf eine Art aussprechen, daß es ihrem Vater das Herz zerschneiden müßte, wenn er gewöhnliches menschliches Gefühl besitzt. Wollen Sie mir also sagen, wo ich den alten Herrn finden kann, so werde ich keinen Augenblick verlieren. Sie dagegen können unterdeß nichts Besseres thun, als daß Sie das arme Mädchen besuchen. Sie werden sich überzeugen, daß ich bei der Schilderung von dem Zustande der Familie nicht übertrieben habe.« Nightingale gab zu dem Vorschlage sogleich seine Einwilligung, nachdem er aber Jones die Wohnung seines Vaters und das Kaffeehaus genannt hatte, wo er denselben höchst wahrscheinlich finden würde, zögerte er einen Augenblick; dann setzte er hinzu: »lieber Jones, Sie versuchen etwas Unmögliches. Kennten Sie meinen Vater, Sie würden gar nicht daran denken, seine Einwilligung 42 zu erhalten. Halt! vielleicht geht es so: sagen Sie ihm, ich sei bereits verheirathet; vielleicht söhnt er sich leichter mit der Sache aus, wenn sie bereits geschehen und nicht mehr zu ändern ist. Und wahrhaftig, Ihre Worte haben mich so ergriffen und ich liebe meine Anna so leidenschaftlich, daß ich wirklich wünsche, es wäre schon geschehen, welche Folgen es auch haben möchte.« Jones billigte die Andeutung und versprach, sie zu benutzen. Sie trennten sich darauf, Nightingale, um seine Anna zu besuchen, Jones, um den alten Herrn ausfindig zu machen. Achtes Kapitel. Was zwischen Jones und dem alten Herrn Nightingale geschah und die Ankunft einer Person, die in dieser Geschichte noch nicht erwähnt worden ist. Trotz der Meinung des römischen Satyrikers, welcher die Göttlichkeit des Glückes leugnet, und trotz derselben Ansicht Senecas, spricht Cicero, der, wie wir glauben, klüger war als beide, ausdrücklich das Gegentheil aus und es ist auch gewiß, daß es Ereignisse in dem Leben giebt, die so seltsam und unberechenbar sind, daß mehr als menschliche Geschicklichkeit und Voraussicht dazu gehört, sie herbei zu führen. Dieser Art war denn auch das, was Jones begegnete, der den ältern Nightingale in einer so kritischen Minute traf, daß Fortuna, wenn sie wirklich die Verehrung verdiente, die ihr in Rom wurde, keine andere hätte herbeiführen können. Der alte Herr und der Vater der jungen 43 Dame, die er für seinen Sohn bestimmte, waren eben mehrere Stunden lang hart an einander gewesen. Der letztere hatte sich eben entfernt und den ersteren in dem angenehmen Glauben verlassen, er habe in dem langen Kampfe gesiegt, der zwischen den Vätern der künftigen Brautleute statt gefunden und in dem sie einander zu übervortheilen versucht hatten. Beide schieden, wie es in solchen Fällen nicht selten geschieht, in der festen Ueberzeugung, den Sieg davon getragen zu haben. Der alte Herr, den Jones jetzt besuchte, war, was man so sagt, ein Weltmann, d. h. ein Mann, der sein Benehmen in dieser Welt so einrichtet, als gäbe es keine andere, und demnach hier so viel Vortheil zu erlangen sucht als möglich. In seinen frühern Jahren war er für den Handel bestimmt worden; da er aber ein ansehnliches Vermögen erworben, so hatte er sich vor kurzem von den Geschäften zurückgezogen oder, um richtiger zu sprechen, den Handel mit Waaren mit dem Handel mit Geld vertauscht, von dem er immer eine bedeutende Summe zur Verfügung hatte und das er sehr vortheilhaft zu verwenden wußte. Er hatte so viel und so ausschließlich mit Geld verkehrt, daß man wohl zweifeln kann, ob er daran dachte, daß überhaupt sonst noch etwas in der Welt existire. Soviel wenigstens kann versichert werden, daß seiner festen Ueberzeugung nach nichts anderes wirklichen Werth hatte. Der Leser wird zugestehen, daß Fortuna kaum eine andere Person hätte aussuchen können, bei der Jones weniger Wahrscheinlichkeit auf Erfolg in Aussicht stand; auch dürfte der Versuch kaum zu einer ungelegnern Zeit gekommen sein. Da der alte Herr immer zuerst an das Geld dachte, so meinte er denn auch, wenn er einen Unbekannten in seinem Hause sah, derselbe bringe ihm entweder Geld, oder 44 wolle Geld von ihm haben und je nachdem diese Gedanken vorherrschten, hatte er eine günstige oder ungünstige Meinung von der Person, die bei ihm erschien. Zum Unglück für Jones hatte jetzt gerade der letztere Gedanke das Uebergewicht, denn da ihn am Tage vorher ein junger Mann mit einer Rechnung von seinem Sohne wegen Spielschulden besucht hatte, so fürchtete er, als er Jones erblickte, derselbe komme in ähnlicher Absicht. Kaum hatte deshalb Jones geäußert, er komme wegen des Sohnes des Herrn, als der Alte, in seinem Argwohn bestärkt, in den Ausruf ausbrach, er würde sich vergebliche Mühe machen. »Ist es möglich«, antwortete Jones, »daß Sie errathen, warum ich komme?« »Wenn ich es errathe«, entgegnete der Andere, »so wiederhole ich, daß Sie sich vergebliche Mühe geben. Sie sind wahrscheinlich einer von den jungen Herrchen, die meinen Sohn zu allen Thorheiten und Ausschweifungen verleiten, die sein Verderben sein werden; aber ich bezahle keine Schulden mehr, das sage ich Ihnen. In Zukunft wird er sich hoffentlich von allen diesen Gesellschaften zurückziehen. Hätte ich etwas anderes erwartet, so würde ich keine Frau für ihn gesucht haben, denn ich mag nicht Ursache sein an Jemandes Unglück.« »Sie selbst also haben diese Frau für ihn ausgesucht?« fragte Jones. »Sagen Sie mir doch«, entgegnete der alte Herr, »aus welchem Grunde dies Sie etwas angeht?« »Nehmen Sie mir es nicht übel«, entgegnete Jones, »daß ich mich für das Glück Ihres Sohnes interessire, den ich sehr in Ehren halte und hochschätze. Aus diesem Grunde eben komme ich zu Ihnen; denn ich versichere Sie, daß Ihr Sohn ein Mann ist, den ich hoch in Ehren halte. 45 Auch wird mir es schwer, die Achtung bezeichnend genug auszusprechen, die ich für Sie fühle, da Sie so edelherzig, so gütig, so freundlich, so nachsichtig sind, Ihrem Sohne eine solche Verbindung zu verschaffen mit einer Frau, die ihn gewiß zu dem glücklichsten Manne unter der Sonne machen wird.« Es dürfte kaum irgend etwas anderes geben, das die Leute so sehr für uns einnimmt, als wenn frühere Besorgnisse, die sie unsertwegen hegten, verschwinden; sie vergessen dann die Befürchtungen, die wir ihnen verursachten, und glauben sogar, wir haben in ihnen das behagliche Gefühl hervorgerufen, das sie sodann empfinden. So ging es mit Nightingale, dem die Anwesenheit des Jones Freude machte, sobald er sich überzeugt hatte, daß derselbe nichts von ihm verlangte. »Nehmen Sie doch Platz«, sagte er zu ihm. »Ich erinnere mich nicht, früher das Vergnügen gehabt zu haben, Sie zu sehen, wenn Sie aber ein Freund meines Sohnes sind und etwas über das junge Mädchen zu sagen haben, werde ich Sie sehr gern anhören. Sie sagen, sie würde ihn glücklich machen und ich bin allerdings auch der Meinung, daß es nur seine Schuld sein wird, wenn sie es nicht thut. Ich habe meine Pflicht gethan, indem ich die Hauptsache ins Reine brachte. Sie wird ihm ein Vermögen zubringen, das jeden verständigen, klugen Mann glücklich machen kann.« »Ohne Zweifel«, erwiederte Jones; »denn sie selbst ist ein Vermögen, so schön, so sanft, so mild, so gut erzogen, eine völlig untadelige junge Dame, die vortrefflich singt und auch recht gut die Guitarre spielt.« »Das war mir unbekannt,« antwortete der Alte, »denn ich habe das Mädchen niemals gesehen; aber sie gefällt mir darum nicht weniger und ich achte ihren Vater um so mehr, daß er bei unsern Unterhandlungen keinen 46 besondern Werth darauf legte. Ich werde dies immer für einen Beweis von seinem guten Verstande halten. Ein thörichter Mensch würde diesen Artikel bei ihrem Vermögen mit in Rechnung gebracht haben, aber ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, er hat davon nie etwas erwähnt, obgleich solche Eigenschaften einer Frau gar nicht zum Nachtheile gereichen.« »Ich kann Ihnen die Versicherung geben«, sprach Jones, »daß sie dieselben in einem hohen Grade besitzt. Ich gestehe aber auch, daß ich fürchtete, Sie würden zu dieser Heirath nicht eben sehr geneigt sein, vielleicht sogar Bedenken haben, denn Ihr Sohn sagte mir, Sie hätten das Mädchen niemals gesehen. Ich kam deshalb, um Sie zu bitten, Sie zu beschwören, wenn Ihnen an dem Glücke Ihres Sohnes etwas gelegen, diese seine Verbindung mit einem Mädchen nicht zu stören, das nicht blos alle die von mir bereits erwähnten Vorzüge, sondern auch noch viele andere besitzt.« »Wenn dies Ihre Absicht war,« sagte der alte Herr, »so sind wir Ihnen beide Dank schuldig und Sie können vollkommen ruhig sein, denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß mir ihr Vermögen vollkommen genügt.« »Ich schätze Sie von Augenblick zu Augenblick mehr«, antwortete Jones. »Daß Sie sich so leicht zufrieden geben, in dieser Hinsicht so mäßig sind, beweiset mir Ihr gesundes Urtheil, so wie Ihr edles Herz.« »So sehr mäßig war ich denn doch nicht, junger Freund,« entgegnete der Alte. »Immer edeler, immer edeler«, erwiederte Jones, »und, erlauben Sie mir hinzuzusetzen, zartfühlend, denn es ist gewiß kaum weniger als Wahnsinn, wenn man das Geld für die alleinige Grundlage des Glückes hält. Ein solches 47 Mädchen mit ihrem geringen Vermögen, das eigentlich gar keines ist.« »Sie haben, wie ich sehe«, sagte der Alte, » keine ganz richtige Ansicht von dem Gelde, oder Sie sind mit der Person des Mädchens genauer bekannt als mit ihren Umständen. Wie viel beträgt das Vermögen des Mädchens Ihrer Meinung nach?« »Es ist zu unbedeutend, als daß es bei Ihrem Sohne nur genannt zu werden verdiente.« »Er würde allerdings wohl noch eine bessere Partie haben machen können,« meinte der Alte. »Das muß ich bestreiten«, sagte Jones, »denn sie ist Eines der besten Mädchen.« »Das mag sein, aber wie viel hat sie Ihrer Meinung nach zu erwarten?« »Wie viel?« wiederholte Jones; »wie viel? Aufs höchste vielleicht zwei hundert Pf. St.« »Erlauben Sie sich einen Scherz mit mir, junger Mann?« fragte der Alte, etwas unwillig. »Wahrhaftig nicht«, antwortete Jones; »ich sprach in vollem Ernst und glaube das Aeußerste genannt zu haben. Thue ich dem Mädchen Unrecht, so bitte ich sie um Verzeihung.« »Sie thun ihr allerdings sehr Unrecht«. entgegnete der Alte. »Ich bin überzeugt, daß sie funfzigmal so viel besitzt. Dies muß sie haben, wenn ich meine Einwilligung geben soll.« »Es ist zu spät, die Einwilligung zu geben«, sagte Jones, »und wenn sie nicht funfzig Pfennige besitzt, denn ihr Sohn ist bereits verheirathet.« »Mein Sohn verheirathet!« antwortete der alte Herr erstaunt. 48 »Allerdings,« entgegnete Jones, »ich glaubte, Sie wüßten dies bereits.« »Mein Sohn mit Fräulein Harris verheirathet?« fragte er nochmals. »Mit Fräulein Harris? Nein, mit Anna Miller, der Tochter der Mad. Miller, in deren Hause er wohnte, mit einem jungen Mädchen, die, wie auch ihre Mutter, sich von Zimmervermiethen ernähren muß.« »Treiben Sie Ihren Scherz mit mir oder sprechen Sie im Ernst?« rief der Vater in dem feierlichsten Tone. »Ich kam zu Ihnen in ernster Angelegenheit, doch ich glaube, wie es allerdings der Fall ist, Ihr Sohn hat es nicht gewagt, Sie davon zu unterrichten, daß er eine Verbindung mit einem so armen Mädchen eingegangen ist, ob es gleich dem Rufe des Mädchens wegen nicht länger ein Geheimniß bleiben kann.« Während der Vater wie betäubt von dieser Nachricht dastand, trat ein Mann ein, der ihn Bruder nannte. Obgleich die Beiden so nahe Blutsverwandte waren, so glichen sie einander doch durchaus nicht. Der Bruder, welcher jetzt erschien, war ebenfalls für den Handel bestimmt worden, hatte aber kaum sechstausend Pf. St. verdient, als er von dem größten Theile dieses Geldes ein kleines Gut kaufte und sich auf das Land zurückzog, wo er sich mit der Tochter eines armen Geistlichen verheirathete, die zwar weder schön noch reich war, ihn aber durch ihre immer heitere Laune gewonnen hatte. Mit dieser seiner Frau hatte er fünf und zwanzig Jahre lang ein Leben geführt, das der Schilderung, welche gewisse Dichter von dem goldnen Zeitalter entworfen haben, näher kam als irgend eine Ehe, die man in unsrer Zeit sieht. Sie hatte ihm vier Kinder geboren, die sämmtlich noch klein waren, ausgenommen eine Tochter, die von ihren Eltern verzogen, d. h. mit der 49 höchsten Liebe und Zärtlichkeit erzogen worden war, welches sie denn auch in dem Grade erwiederte, daß sie wirklich eine höchst vortheilhafte Bewerbung eines Vierzigers abgewiesen hatte, weil sie es nicht über sich gewinnen konnte, ihre Aeltern zu verlassen. Das junge Mädchen, welches Herr Nightingale für seinen Sohn bestimmte, war eine Nachbarin seines Bruders und eine Bekannte seiner Nichte. Wegen der beabsichtigten Heirath kam der Bruder jetzt zur Stadt, nicht um sie zu fördern, sondern vielmehr um seinen Bruder davon abzubringen, da, wie er glaubte, sein Neffe durch diese Verbindung unglücklich werden würde, weil das Mädchen weder ihrer Person, noch ihrem Herzen nach eheliches Glück gewähren zu können scheine, denn sie war sehr groß, sehr hager, sehr häßlich, sehr affectirt, sehr dumm und sehr boshaft. Der Bruder hatte deshalb die Verheirathung seines Sohnes mit einer Anna Miller kaum erwähnt, als der Andere seine Freude darüber aussprach und, als der Vater alle Schmähungen auf seinen Sohn gehäuft und denselben zu enterben gedrohet hatte, in folgende Worte ausbrach: »Wenn Du etwas ruhiger wärest, Bruder, würde ich Dich fragen, ob Du Deinen Sohn um seinet- oder um Deinetwillen liebst. Du würdest gewiß antworten, um seinetwillen. Ohne Zweifel hattest Du die Absicht, ihn durch die Heirath, mit der Du Dich beschäftiget hast, glücklich zu machen. Andern Regeln zu ihrem Glücke vorzuschreiben, ist mir immer sehr absurd vorgekommen, so wie ich es für tyrannisch halte, auf diesen Vorschriften zu bestehen. Ich weiß, daß dies ein sehr häufig vorkommender Irrthum ist, ein Irrthum bleibt es aber doch nichts desto weniger. Ist es nun verkehrt in andern Dingen, so ist es dies im höchsten Grade bei der Heirath, weil hier das Glück 50 gänzlich von der Liebe zwischen den beiden Personen abhängt. Ich habe es deshalb immer für unverständig von Aeltern gehalten, wenn sie bei dieser Gelegenheit für ihre Kinder wählen wollen, da es ein ganz vergeblicher Versuch ist, Liebe zu erzwingen. Die Liebe verabscheut den Zwang so sehr, daß sie, vielleicht einer unglücklichen, aber unheilbaren Verderbtheit unsrer Natur wegen, selbst die Ueberredung nicht dulden mag. Wahr ist es dagegen, daß die Aeltern, wenn auch nicht vorschreiben dürfen, doch in diesem Falle zu Rathe gezogen werden und, streng genommen, vielleicht wenigstens eine negative Stimme haben müssen. Mein Neffe hat also einen Fehler begangen, wenn er sich verheirathete, ohne Dich dabei um Rath zu fragen. Hast Du aber, ehrlich gesagt, diesen seinen Fehler nicht einigermaßen selbst herbeigeführt? Hast Du ihn nicht durch Deine häufigen Erklärungen über diesen Punkt zu der moralischen Gewißheit gebracht, daß Du Deine Einwilligung versagen würdest, wenn seine Erwählte arm sein sollte? Ist dein jetziger Aerger nicht blos dadurch entstanden, daß seine Frau arm ist? Wenn er gegen seine Pflicht handelte, hast Du nicht Deine Autorität überschritten, als Du ausschließlich um eine Frau für ihn unterhandeltest, ohne daß er etwas davon wußte, die Du selbst niemals sahest und die Du, hättest Du sie gesehen und kenntest Du sie wie ich, nur im Wahnsinn in Deine Familie zu bringen denken könntest. Ich gebe es zu, daß mein Neffe einen Fehler gemacht hat, aber es ist gewiß kein unverzeihlicher. Er hat allerdings in einer Sache, bei der er Dich hätte um Rath fragen sollen, ohne Deine Einwilligung gehandelt, aber bei dieser Sache ist er vorzugsweise betheiliget. Du mußt und wirst zugestehen, daß Du nur sein Interesse im Auge hattest; würdest Du, Bruder, wenn er unglücklicher Weise nicht Deiner Ansicht dabei war, ihn noch weiter 51 davon abgebracht haben, wenn Du ihn liebst? Willst Du die schlimmen Folgen seiner eigenwilligen Wahl noch verschlimmern? Willst Du ein Ereigniß für ihn zum gewissen Unglücke machen, das dies möglicher Weise für ihn werden kann? Mit einem Worte, Bruder, willst Du, da er Dir die Möglichkeit benahm, seine Umstände so glänzend zu machen, als es in Deinem Willen lag, sie nun absichtlich so traurig machen, als es in Deiner Macht steht?« Durch die Macht des wahren Glaubens gewann der heilige Antonius die Fische. Orpheus und Amphion gingen noch weiter und bezauberten durch die Reize der Musik sogar leblose Dinge. Beides ist wunderbar; aber weder die Geschichte noch die Fabel haben bis jetzt ein Beispiel zu berichten gewagt, daß Einer durch Gründe einen Geizigen überwunden hätte. Herr Nightingale, der Vater, begnügte sich, statt seinem Bruder zu antworten, mit der einzigen Bemerkung, daß sie verschiedene Ansichten über die Erziehung ihrer Kinder hätten. »Ich wollte«, sagte er, »Du hättest Deine Sorge blos auf Deine Tochter beschränkt und Dich nicht um meinen Sohn bekümmert, dem Deine Lehren eben so wenig nützen werden als Dein Beispiel.« Der junge Nightingale war nämlich der Pathe seines Oheims und mehr bei diesem als bei seinem Vater gewesen, so daß der Oheim oftmals erklärt hatte, er liebe seinen Neffen fast wie sein eigenes Kind. Jones begeisterte sich für diesen trefflichen Mann und als sie nach vielem Zureden sahen, daß der Vater immer heftiger statt ruhiger wurde, führte Jones den Oheim zu dessen Neffen in das Haus der Mad. Miller. 52 Neuntes Kapitel. Enthält seltsame Dinge. Jones fand bei seiner Rückkunft in das Haus die Lage der Dinge sehr verändert. Die Mutter, die beiden Töchter und der junge Herr Nightingale saßen bei einander bei dem Abendessen, als der Oheim, nach seinem eignen Wunsche, ohne Umstände in die Gesellschaft eingeführt wurde, der er wohlbekannt war, da er seinen Neffen in dem Hause bereits mehrmals besucht hatte. Der alte Herr ging sogleich zu Anna, grüßte sie, wünschte ihr Glück, wie dann auch der Mutter und der andern Schwester; endlich begrüßte er auch seinen Neffen mit derselben gutmüthigen Freundlichkeit, als hätte derselbe ein Mädchen von gleichem oder selbst größerm Vermögen als dem seinigen nach aller Ceremonie geheirathet. Anna und deren angeblicher Gatte erblaßten und machten ein ziemlich verlegenes Gesicht; Mad. Miller aber benutzte die erste Gelegenheit, sich zu entfernen, ließ Jones zu sich bitten, warf sich ihm zu Füßen und nannte ihn, unter einer Flut von Thränen, ihren guten Engel, den Vater ihrer armen kleinen Familie und sprach ihren Dank in den leidenschaftlichsten Ausdrücken aus. Nachdem der erste Sturm ihrer Gefühle sich etwas beruhiget hatte, die, wie sie erklärte, ihr das Herz zerrissen haben würden, hätte sie sich nicht aussprechen können, erzählte sie dem Herrn Jones, es wäre alles zwischen dem Herrn Nightingale und ihrer Tochter ins Reine gebracht und sie sollten den nächsten Morgen getraut werden. Jones sprach seine Freude darüber aus, worauf die arme Frau sich von neuem in Freude und Danksagung ergoß. 53 Mit Mühe brachte er sie endlich zum Schweigen und vermochte sie, mit ihm zu der Gesellschaft zurückzukehren, die sie noch in derselben fröhlichen Stimmung fanden, in welcher sie dieselbe verlassen hatten. Die kleine Gesellschaft verbrachte einige sehr angenehme Stunden mit einander, wobei der Oheim, der die Flasche sehr liebte, seinem Neffen so zugetrunken hatte, daß derselbe, wenn auch nicht betrunken, doch ziemlich aufgeregt worden war, den alten Herrn mit sich in das Zimmer nahm, das er in der letzten Zeit bewohnt hatte und hier sein Herz in folgender Weise gegen ihn ausschüttete: »Da Sie immer der beste und liebevollste Oheim gegen mich gewesen sind und eine Gutherzigkeit ohne Gleichen dadurch bewiesen, daß Sie mir diese Verbindung verziehen, die allerdings etwas übereilt und unklug genannt werden kann, so würde ich mir es nicht vergeben, wenn ich Sie in irgend etwas zu täuschen versuchte.« Er gestand darauf die Wahrheit und erzählte ihm die ganze Sache. »Wie?« fragte der alte Herr, »Du bist also wirklich mit dem jungen Mädchen nicht verheirathet?« »Nein, auf meine Ehre,« antwortete Nightingale; »ich habe Ihnen die reine Wahrheit gesagt.« »Lieber Junge«, entgegnete der Oheim indem er ihn küßte; »ich freue mich von Herzen, das zu hören. Es hat mir im ganzen Leben nichts so großes Vergnügen gemacht. Wenn du verheirathet gewesen wärest, würde ich alles in meinen Kräften aufgeboten haben, um die böse Sache so viel als möglich zum Guten zu wenden; es ist aber ein Unterschied zwischen dem, was bereits geschehen und unabänderlich ist und dem, was noch geschehen soll. Sieh die Sache mit ruhigem Verstande an, und Du wirst finden, daß diese Heirath eine höchst thörichte und übereilte ist.« 54 »Ist denn ein Unterschied,« antwortete der junge Nightingale, »darin, daß eine Handlung bereits geschehen und daß man durch seine Ehre verpflichtet ist, sie zu thun?« »Bah«, sagte der Oheim; »die Ehre ist etwas, das die Welt macht und die Welt hat die Macht eines Schöpfers über sie; sie kann sie leiten und lenken, wie es ihr beliebt. Du weißt recht wohl, für wie unbedeutend man einen Gelöbnißbruch dieser Art hält; selbst über den schlimmsten wundert man sich und spricht man höchstens einen Tag. Wird sich irgend ein Mann daran stoßen, dir später seine Schwester oder Tochter zu geben? Und würde sich eine Schwester oder Tochter scheuen, Deine Hand anzunehmen? Die Ehre kommt bei solchen Sachen gar nicht in das Spiel.« »Ich bitte um Verzeihung, lieber Oheim«, sprach Nightingale, »so kann ich niemals denken; nicht blos die Ehre, auch das Gewissen und die Menschenpflicht sind dabei betheiligt. Ich bin überzeugt, daß, wenn ich jetzt das Mädchen hinterginge, ihr Tod die Folge davon seyn würde und ich müßte mich für ihren Mörder halten, für den grausamsten aller Mörder, indem ich ihr das Herz gebrochen.« »Ihr das Herz brechen? Nein, nein,« entgegnete der Oheim, »die Herzen der Weiber brechen nicht so leicht; sie sind zähe, lieber Junge, sie sind zähe.« »Aber, lieber Oheim«, fuhr Nightingale fort, »meine eigene Liebe ist dabei betheiligt und ich würde nie mit einer Andern glücklich seyn. Wie oft habe ich Sie sagen hören, man müßte immer die Kinder selbst wählen lassen und Sie würden meiner Cousine Henriette bei ihrer Wahl nie entgegentreten.« »Das ist allerdings mein Grundsatz,« entgegnete der alte Herr, »aber die Kinder müssen auch eine kluge Wahl treffen. – Du mußt und wirst dieses Mädchen aufgeben.« 55 »Nein, Oheim; ich muß und werde sie besitzen.« »Du willst es, junger Herr?« sprach der Oheim. »Ein solches Wort erwartete ich nicht von Dir. Ich würde mich nicht wundern, wenn Du eine solche Sprache Deinem Vater gegenüber führtest, der Dich immer schlecht behandelt und in der Entfernung gehalten hat, in welcher ein Tyrann die ihm Untergebenen gern sieht; ich aber, der ich mit Dir auf ganz gleichem Fuße gelebt habe, durfte wohl eine bessere Behandlung erwarten. Doch ich weiß, wie ich es erklären muß; es liegt an Deiner verkehrten Erziehung, an der ich leider nur zu wenig Antheil nehmen konnte. Meine Tochter, die ich wie meine Freundin erzogen habe, thut nie etwas ohne meinen Rath und weigert sich niemals den Rath anzunehmen, den ich ihr gebe.« »Sie haben ihr in einer solchen Sache noch nie Rath zu geben nöthig gehabt«, antwortete Nightingale, »und ich müßte mich in meiner Cousine sehr irren, wenn sie auch Ihren bestimmtesten Befehlen gehorchen und ihre Neigung aufgeben sollte.« »Verläumde meine Tochter nicht«, antwortete der alte Herr, »verläumde meine Henriette nicht. Ich habe sie so erzogen, daß sie keine meinem Willen entgegenstehende Neigung hegt. Dadurch, daß ich ihr erlaubte, alles zu thun, was ihr beliebt, gewöhnte sie sich daran, alles zu thun, was mir angenehm ist.« »Ich bitte um Verzeihung«, fiel Nightingale ein, »ich habe nicht im geringsten die Absicht, meine Cousine herabzusetzen, die ich gar sehr achte, auch bin ich überzeugt, daß Sie dieselbe niemals auf eine so schwere Probe setzen oder ihr so harte Befehle geben, wie Sie mit mir thun wollen. Lassen Sie uns zu der Gesellschaft zurückkehren, die über unsre lange Abwesenheit bereits besorgt sein dürfte. Noch um eine Gefälligkeit bitte ich Sie, lieber Oheim, nämlich 56 nichts zu sagen, was das arme Mädchen oder die Mutter verletzen könnte.« »Du hast nichts zu fürchten«, antwortete er, »es ist nicht meine Sache, Frauen zu beleidigen und ich bewillige Dir also gern Deine Bitte, möchte aber meinerseits eine an Dich richten.« »Es dürfte wenige Befehle geben«, sagte Nightingale, »die ich nicht gern vollzöge.« »Ich verlange weiter nichts«, entgegnete der Oheim, »als daß Du mich diesen Abend in meine Wohnung begleitest, damit wir ausführlicher über die Sache sprechen können, denn ich möchte gern meine Familie bewahren trotz der eigensinnigen Thorheit meines Bruders, der seiner Meinung nach der klügste Mensch auf der ganzen Welt ist.« Nightingale, der recht wohl wußte, daß sein Oheim eben so eigensinnig war als sein Vater, versprach, ihn nach Hause zu begleiten und sie kehrten sodann beide in das Zimmer zurück, in welchem der alte Herr sich eben so rücksichtsvoll zu benehmen versprach wie vorher. Zehntes Kapitel. Ein kurzes Kapitel, welches das Buch beschließt. Die lange Abwesenheit des Oheims und des Neffen hatte bei allen, die in dem Zimmer geblieben waren, eine gewisse ängstliche Besorgniß erregt, zumal da bei dem Gespräche, das beide mit einander geführt, der Oheim mehr als einmal so laut gesprochen hatte, daß man ihn unten hatte hören können, was, wenn man auch seine Worte 57 nicht verstand, in Anna und deren Mutter, ja selbst in Jones, eine schlimme Ahnung weckte. Als die Gesellschaft wieder vollzählich war, zeigte sich deshalb eine sichtbare Veränderung auf jedem Gesichte, und die heitere Stimmung, welche vorher geherrscht hatte, war so ziemlich ganz verschwunden. Es war eine Veränderung, wie sie bei dem Wetter in diesem Klima häufig genug vorkommt, vom Sonnenschein zu Wolken, vom Juni zum December. Die Veränderung wurde indeß durch Niemand unter den Anwesenden sehr bemerkt, denn da Alle sich bemüheten, ihre Gedanken zu verbergen und eine Rolle zu spielen, so waren Alle zu sehr mit dem Spiel beschäftigt, als daß sie Zuschauer hätten abgeben können. So erblickte weder der Oheim noch der Neffe Symptome von Argwohn an der Mutter oder der Tochter, wie diesen beiden die übertriebene Gefälligkeit des Alten und die erheuchelte Zufriedenheit in den Zügen Nightingales entging. So etwas kommt, wie ich glaube, häufig vor, wenn die ganze Aufmerksamkeit zweier Freunde, die sich gegen einander verstellen, dahin geht, den andern zu täuschen; keiner von beiden sieht oder ahnt die Verstellung, die gegen ihn gerichtet ist und so treffen beide ihr Ziel. Aus demselben Grunde werden bei einem Handel nicht selten beide Parteien betrogen, obgleich immer der Eine am meisten verlieren muß, wie der, welcher ein blindes Pferd verkaufte und als Zahlung eine falsche Banknote erhielt. Nach etwa einer halben Stunde trennte sich unsre Gesellschaft und der Oheim nahm seinen Neffen mit sich, der jedoch vorher Aennchen leise die Versicherung gab, er würde sich gleich am andern Morgen wieder einfinden und sein Versprechen erfüllen. Jones, der bei dieser Scene am wenigsten betheiliget 58 war, sah und erkannte das Meiste. Er ahnete die Wahrheit, denn, nicht genug, daß er den großen Unterschied in dem Benehmen des Oheims und die übertriebene Artigkeit gegen Anna bemerkt hatte, war das Fortführen des Bräutigams von der Braut in der Nacht etwas so Auffallendes, daß es nur durch die Annahme erklärt werden konnte, der junge Nightingale habe die ganze Wahrheit gestanden, was seine gewöhnliche Offenheit, besonders da er viel getrunken hatte, nur zu wahrscheinlich machte. Während er darüber nachdachte, ob er seinen Argwohn den andern Leuten mittheilen sollte, meldete ihm die Magd, es wünsche eine Dame mit ihm zu sprechen. Er ging sogleich hinaus, nahm der Magd den Leuchter aus der Hand, und führte die Dame die Treppe hinauf, die Niemand anders war als Mamsell Honour und ihm so entsetzliche Nachrichten von Sophien brachte, daß er keine Gedanken mehr für andere Personen hatte und sein ganzes Mitleid für sich selbst und seinen unglücklichen Engel in Anspruch genommen wurde. Worin die schrecklichen Nachrichten bestanden, wird der Leser erfahren, nachdem wir erst die verschiedenen vorhergegangenen Schritte erzählt haben, welche sie herbeiführten. Dies soll in dem nächsten Buche geschehen. 59 Funfzehntes Buch. Die Geschichte rückt um zwei Tage vor. Erstes Kapitel. Ist zu kurz, als daß es einer Vorrede bedürfte. Es giebt eine Classe religiöser oder vielmehr moralischer Schriftsteller, welche lehren, die Tugend sei der gewisse Weg zum Glücke, wie das Laster der Pfad zum Unglücke in dieser Welt – eine sehr bequeme Lehre, gegen die wir nur einen Einwurf zu machen haben, daß sie nämlich nicht wahr ist. Wenn jene Schriftsteller unter Tugend die Ausübung jener Cardinaltugenden verstehen, die, wie gute Hausfrauen, zu Hause bleiben und sich nur um ihre eigene Familie bekümmern, so gebe ich die Sache gern zu, denn diese führen alle so gewiß zum Glücke, daß ich sie, im Widerspruch mit allen alten und neuen Weisen, fast lieber Weisheit als Tugend nennen möchte, denn in Bezug auf dieses Leben war sicherlich kein System weiser als das der alten Epicuräer, welche diese Weisheit für das höchste Gut hielten, und keines thörichter als jenes ihrer Widersacher, der neuen Epicuräer, welche das Glück in der Befriedigung jedes sinnlichen Triebes suchen. Wenn man aber unter Tugend (wie es wohl geschehen sollte) eine gewisse relative Eigenschaft versteht, die sich 60 immer außer dem Hause beschäftiget und das Wohl Anderer eben so zu fördern sich bestrebt als das eigene, so kann ich nicht so leicht zugeben, daß dies der sicherste Weg zu menschlichem Glücke sei, weil ich fürchte, wir müssen dann zu diesem Glücke auch Armuth und Verachtung rechnen, so wie alle Uebel, welche Verläumdung, Neid und Undankbarkeit über den Menschen bringen können; ja bisweilen müssen wir vielleicht auf dieses sogenannte Glück sogar in einem Kerker warten, da sich Manche durch die obige Tugend dahin gebracht haben. Ich habe jetzt keine Zeit, ein so weites Feld der Speculation zu betreten, wie es sich hier vor mir zu eröffnen scheint; ich wollte nur eine Lehre entfernen, die mir im Wege lag, da, während Jones die denkbar tugendhafteste Rolle spielte, indem er Mitmenschen vor dem Verderben zu retten suchte, der Teufel oder ein andrer böser Geist, vielleicht Einer in Menschengestalt, alles aufbot, um ihn durch das Verderben seiner Sophie in grenzenloses Elend zu stürzen. Dies würde also eine Ausnahme von der obigen Regel zu seyn scheinen, wenn es eine Regel wäre; da wir aber bei unserer Reise durch das Leben schon so viele andre Ausnahmen davon gesehen haben, so zogen wir vor, die Lehre zu bekämpfen, auf der sie beruht, die unsrer Meinung nach weder christlich noch wahr ist und einen der edelsten Gründe zerstört, welchen die Vernunft für den Glauben an Unsterblichkeit bieten kann. Da indeß die Neugierde des Lesers (wenn er Neugierde überhaupt besitzt) nun rege geworden sein muß, so müssen wir für die Befriedigung derselben bedacht sein. 61 Zweites Kapitel. Ein schwarzer Plan gegen Sophien. Ich erinnere mich eines verständigen alten Herrn, der zu sagen pflegte: »Wenn die Kinder nichts thun, so machen sie Unfug.« Ich will diesen Ausspruch nicht auf den schönsten Theil der Schöpfung im allgemeinen ausdehnen, soviel aber wird mir zu bemerken gestattet sein, daß, wenn die Wirkungen weiblicher Eifersucht nicht offen in ihren eigentlichen Farben der Wuth erscheinen, wir muthmaßen dürfen, diese verderbliche Leidenschaft wirke im Stillen und versuche das zu untergraben, was sie über dem Boden nicht anzugreifen wagt. Ein Beispiel davon zeigte sich in dem Benehmen der Lady Bellaston, die unter dem Lächeln auf ihrem Gesichte großen Unwillen gegen Sophien verbarg, und da sie erkannte, daß dieses junge Mädchen zwischen ihr und der vollständigen Erfüllung ihrer Wünsche stehe, so nahm sie sich vor, sie auf die eine oder die andere Weise aus dem Wege zu schaffen. Auch währte es nicht lange, so bot sich ihr eine günstige Gelegenheit zur Ausführung dieses Planes dar. Der Leser erinnere sich gefälligst, daß, als Sophie durch den Witz und die Laune einer Anzahl junger Herren, welche sich die Stadt nennen, in Verlegenheit gesetzt wurde, wir erwähnten, sie habe sich in den Schutz eines jungen Adeligen begeben, der sie sicher zu ihrer Chaise brachte. Dieser Edelmann, welcher die Lady Bellaston häufig besuchte, hatte Sophien da mehr als einmal gesehen und Neigung zu ihr gefaßt und diese Neigung hatte Sophie, da die Schönheit nie liebenswürdiger erscheint als in der 62 Angst, bei jenem Schrecken so gesteigert, daß man wohl sagen kann, er war jetzt wirklich in sie verliebt. Man kann sich leicht denken, daß er eine so schöne Gelegenheit, mit der von ihm Geliebten näher bekannt zu werden, nicht vorübergehen lassen wollte, da ihn schon die gute Lebensart veranlassen mußte, ihr einen Besuch zu machen. Am nächsten Morgen nach dem Vorfalle erschien er also bei Sophien mit den gewöhnlichen Complimenten und sprach die Hoffnung aus, daß das Abenteuer keine nachtheiligen Folgen für sie gehabt haben möge. Da die Liebe wie das Feuer, wenn sie einmal entzündet ist, bald in helle Flammen aufschlägt, so vervollständigte Sophie in kurzer Zeit ihre Eroberung. Die Zeit verging unbemerkt und der edele Herr war zwei Stunden bei Sophien gewesen, ehe es ihm einfiel, daß er seinen Besuch zu lange ausgedehnt habe. Obgleich schon dieser Umstand allein Sophien beunruhiget haben würde, so fand sie doch in den Augen ihres Anbeters ein noch schlagenderes Zeugniß von dem, was in seinem Herzen vorging. Wenn er ihr auch keine offenbare Liebeserklärung machte, so waren doch viele seiner Ausdrücke zu warm und zu zärtlich, als daß sie blos der Galanterie hätten zugeschrieben werden können. Lady Bellaston hatte die Ankunft des Lords sogleich erfahren und die lange Dauer des Besuches überzeugte sie, daß alles nach ihrem Wunsche gehe und wie sie es erwartet hatte, sobald sie das junge Paar zum zweitenmale bei einander gesehen. Mit Recht meinte sie, sie würde die Sache nicht fördern, wenn sie das Beisammensein der jungen Leute störe und sie befahl deshalb ihren Leuten, dem Lord, wenn er fortgehe, zu sagen, sie wünsche mit ihm zu sprechen. Unterdessen dachte sie darüber nach, wie sie am 63 besten einen Plan ausführe, in den, wie sie nicht zweifelte, der Lord sicherlich bereitwillig einging. Lord Fellamor (so hieß der junge Edelmann) hatte sich bei der Lady kaum eingefunden, als diese begann: »Mein Gott, Mylord, sind Sie noch hier? Ich fürchtete schon, meine Leute wären nicht aufmerksam gewesen und hätten Sie fortgehen lassen, da ich Sie doch in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte.« »Ich wundere mich allerdings nicht, daß Sie über die lange Dauer meines Besuchs erstaunt sind, denn ich bin über zwei Stunden geblieben, während ich der Meinung war, es sei etwa eine halbe Stunde verflossen.« »Was soll ich daraus schließen, Mylord?« fuhr sie fort; »die Gesellschaft, in welcher man die Zeit vergißt, muß sehr angenehm sein.« »Es war auf Ehre! die angenehmste, die ich kenne. Sagen Sie mir, Lady Bellaston, wer ist der glänzende Stern, den Sie so plötzlich unter uns gebracht haben?« »Welcher glänzende Stern?« fragte sie mit erheucheltem Erstaunen. »Ich meine die junge Dame, die ich vor kurzem hier sah, die ich am vorigen Abend im Theater in meinen Armen hielt und der ich jetzt diesen ungeziemend langen Besuch gemacht habe?« »Meine Cousine Western?« sprach sie. »Dieser glänzende Stern, Mylord, ist die Tochter eines Landedelmannes und befindet sich, seit vierzehn Tagen, zum erstenmale in der Stadt.« »Ich möchte schwören, sie sei an einem Hofe erzogen worden, denn, ihrer Schönheit zu geschweigen, ich habe nie etwas so Edeles, so Artiges gesehen.« »Vortrefflich!« rief die Dame; »meine Cousine hat Sie wie ich merke.« 64 »Ich wünsche, auf Ehre! es möge dies der Fall sein, denn ich bin rasend in sie verliebt.« »Sie wünschen sich dabei nichts Uebeles, denn das Mädchen besitzt ein großes Vermögen. Sie ist das einzige Kind ihres Vaters, dessen Gut recht wohl jährlich 3000 Pf. St. einbringen mag.« »Dann ist sie eine der besten Partien in England.« »Allerdings; wenn sie Ihnen gefällt, so wünsche ich von Herzen, daß eine Verbindung zwischen Ihnen und ihr zu Stande käme.« »Wenn Sie so freundlich gegen mich gesinnt sind und die junge Dame eine Ihrer Verwandten ist, so haben Sie wohl die Gefälligkeit, mich Ihrem Vater vorzuschlagen?« »Sprechen Sie wirklich im Ernst?« fragte die Dame. »Ich hoffe«, entgegnete der Lord, »Sie haben eine bessere Meinung von mir, als daß Sie glauben können, ich könnte mir in einer solchen Angelegenheit einen Scherz gegen Sie erlauben.« »Nun ich will Sie recht gern dem Vater meiner Cousine vorschlagen und ich glaube Ihnen zugleich die Versicherung geben zu können, daß er gern den Antrag annehmen will. Aber es giebt ein Hinderniß, das zu erwähnen ich mich fast schäme, das Sie aber schwerlich werden beseitigen können. Sie haben einen Nebenbuhler, einen Nebenbuhler, den, ob ich ihn gleich zu nennen erröthe, weder Sie noch irgend Jemand zu verdrängen vermögen wird.« »Sie haben mit diesem Worten mein Herz schwer betrübt, Lady Bellaston.« »Ein Verliebter und betrübt und trostlos! Ich glaubte eher, Sie würden nach dem Namen Ihres Nebenbuhlers fragen, damit Sie sogleich mit ihm in die Schranken treten könnten.« »Es dürfte wenige Dinge geben, die ich für Ihre 65 reizende Cousine nicht unternähme. Sagen Sie mir, wer ist der Glückliche?« »Er ist«, entgegnete sie, »wie leider die Meisten, die Glück bei uns machen, ein in der Welt sehr Niedrigstehender, ein Bettler, ein Bastard, ein Findling, ein Mensch, der sich in schlechtern Umständen befindet als Einer Ihrer Bedienten.« »Ist es möglich, daß eine junge so vortreffliche Dame daran denken kann, eine so unwürdige Wahl zu treffen?« »Ach, Mylord,« antwortete Lady Bellaston, »bedenken Sie die Provinz, – das Verderben aller jungen Mädchen ist das Landleben. Sie nehmen dort gewisse romanhafte Ansichten von der Liebe und ich weiß nicht, welche Thorheiten noch, in sich auf, welche die Stadt und die gute Gesellschaft dann kaum in einem Winter wieder ausrotten können.« »Ihre Cousine ist eine junge Dame von zu hohem Werthe, als daß sie so weggeworfen werden könnte. Ein solches Unglück muß verhindert werden.« »Wie kann es aber verhindert werden, Mylord? Die Familie hat bereits alles gethan, was sie vermag, aber das Mädchen muß bezaubert sein; nichts als jenes Unglück wird sie zufrieden stellen . . . Soll ich ganz aufrichtig gegen Sie sein, so muß ich hinzusetzen, daß ich jeden Tag zu hören fürchte, sie sei mit ihm durchgegangen.« »Was Sie mir da sagen«, entgegnete der Lord, »rührt mich sehr, erregt aber blos mein Mitleiden, statt meine Liebe zu Ihrer Cousine zu schwächen. Es muß ein Mittel gefunden werden, ein so unschätzbares Juwel zu erhalten. Haben Sie bereits versucht, ruhig mit ihr darüber zu sprechen?« Die Dame lachte hier und antwortete sodann: »Sie kennen uns gewiß besser, Mylord, als daß Sie glauben 66 sollten, man könne einem Mädchen die Liebe ausreden. Ein solches unschätzbares Juwel ist so taub wie die Juwelen, welche wir tragen; die Zeit ist die einzige Arznei, welche die Thorheit eines Mädchens heilen kann, aber diese Arznei wird meine Cousine sicherlich nicht nehmen wollen. Ich lebe in steter Angst um sie. Nichts wird hier nützen als Gewaltmittel.« »Was soll geschehen? Welche Mittel sollen angewendet werden? Giebt es noch eins auf Erden? Lady Bellaston, ich unternehme alles für einen solchen Lohn.« »Ich weiß es wahrlich nicht«, antwortete die Dame nach einer Pause. Nach einiger Zeit fuhr sie dann fort: »Ich kann wahrhaftig nichts ersinnen. Wenn sie noch gerettet werden kann, so muß etwas sogleich geschehen, aber, wie gesagt, nur Gewaltmittel werden helfen. Wenn Sie wirklich meine Cousine lieben (und sie verdient es gewiß, abgesehen von ihrer verkehrten Liebe, deren Thorheit sie gewiß bald einsehen wird), so giebt es doch vielleicht noch einen Weg, sie zu erhalten, freilich einen unangenehmen, an den ich sehr ungern denke. Er verlangt Muth.« »Ich wüßte nicht, daß es mir daran gebräche, auch hoffe ich nicht, daß man etwas anderes von mir glaubte. Auch müßte ich eine ausgemachte Memme sein, wenn ich bei dieser Gelegenheit keinen Muth hätte.« »Ich zweifle durchaus an Ihrem Muthe nicht, Mylord, denn ich muß mich selbst einer großen Gefahr aussetzen, ich muß solches Vertrauen auf Ihre Ehre setzen, wie eine verständige Frau kaum jemals auf irgend einen Mann setzt.« Auch in diesem Punkte beruhigte sie der junge Lord, dessen Ruf wirklich ganz rein war. »Nun wohl«, fuhr sie fort, – »doch nein – es kann nicht sein. Wenigstens muß jeder andere Weg versucht werden. – Können Sie heute bei mir speisen? Sie werden dann Gelegenheit haben, 67 Fräulein Western noch länger zu sehen. Ich versichere Sie, wir haben keine Zeit zu verlieren. Es wird Niemand hier sein als Lady Betty, Miß Eagle, Oberst Hampstead und Tom Edwards. Sie alle werden sich bald wieder entfernen und ich nehme keinen Besuch an. Dann können Sie sich deutlicher erklären. Ich werde Ihnen eine Gelegenheit verschaffen, daß Sie sich von ihrer Liebe zu jenem Menschen überzeugen können.« Der Lord nahm dankbar die Einladung an und sie trennten sich, um sich mit der Toilette zu beschäftigen, da es bereits drei Uhr früh oder, nach dem alten Style, Nachmittags war. Drittes Kapitel. Eine weitere Auseinandersetzung des erwähnten Planes. Obgleich der Leser wahrscheinlich schon längst zu dem Schlusse gekommen ist, daß Lady Bellaston ein Mitglied, und zwar ein nicht unbedeutendes, der großen Welt sei, so war sie doch wirklich ein bedeutendes Mitglied der kleinen Welt, worunter man eine sehr würdige und ehrenwerthe Gesellschaft verstand, die vor nicht langer Zeit in England blühete. Unter andern guten Grundsätzen, auf denen diese Gesellschaft beruhete, befand sich auch ein sehr bemerkenswerther. Wie es in einem ehrenwerthen Club von Helden, die sich nach der Beendigung des letzten Krieges versammelten, als Regel galt, daß jedes Mitglied jeden Tag wenigstens ein Duell haben mußte, so mußte in jener 68 Gesellschaft jedes Mitglied binnen vier und zwanzig Stunden wenigstens eine Lüge erzählen, welche die übrigen Mitglieder dann zu verbreiten hatten. Es wurden über diese Gesellschaft vielfältige Geschichten erzählt, die wahrscheinlich, wie man aus dem Inhalte derselben wohl schließen darf, von der Gesellschaft selbst ausgegangen waren, z. B. hieß es, der Teufel sei der Präsident und er sitze persönlich auf einem Lehnstuhle am obern Ende der Tafel. Eine genaue Nachforschung hat mir indeß bewiesen, daß an allen diesen Gerüchten nichts Wahres ist, daß die Gesellschaft wirklich aus ganz guten Leuten bestand und die Lügen, welche sie verbreitete, harmlos und nur darauf berechnet waren, Lachen zu erregen. Edwards war ebenfalls Mitglied dieser lustigen Gesellschaft. An ihn wendete sich also Lady Bellaston zur Förderung ihres Zweckes und sie theilte ihm eine Lüge mit, die er überall verbreiten sollte, indeß nicht eher als Abends, nachdem die Gesellschaft bis auf Lord Fellamor und sie selbst sich entfernt haben würde und sie bei dem Whistspiele säßen. In diese Zeit, zwischen sieben und acht Uhr Abends, wollen wir die Leser versetzen. Lady Bellaston, Lord Fellamor, Fräulein Western und Tom saßen beim Whist und zwar beim letzten Spiel ihres Rubbers, als Tom Edwards den Wink erhielt, indem die Lady zu ihm sagte: »ich behaupte, Sie sind in der letzten Zeit unerträglich geworden, Tom; sonst erzählten Sie uns alle Stadtneuigkeiten und jetzt wissen Sie von der Welt nicht mehr, als lebten Sie gar nicht in ihr.« Darauf entgegnete denn Edwards: »es ist nicht meine Schuld, es liegt an der langweiligen, trübseligen Zeit, die es nicht der Mühe lohnt, daß man von ihr spricht. Doch, da fällt mir eben ein, daß dem armen Obersten Wilcoy 69 ein schreckliches Unglück begegnet ist. Sie kennen ihn ja, Mylord, Jedermann kennt ihn. Er dauert mich sehr.« »Was ist es denn?« fragte Lady Bellaston. »Er hat diesen Morgen einen jungen Mann im Duell getödtet.« Der junge Lord, der nicht in das Geheimniß gezogen war, fragte ganz ernst, wen der Oberst getödtet habe und Edwards antwortete: »einen jungen Mann, den Niemand von uns kennt, einen Burschen aus Somersetshire, der vor kurzem erst in der Stadt angekommen ist und Jones heißt. Er soll ein naher Verwandter eines Herrn Allworthy sein, von dem Sie, Mylord, glaube ich, gehört haben. Ich sah ihn todt in einem Kaffeehause liegen und ich muß gestehen, daß meine Augen noch keinen schönern Körper erblickt haben.« Sophie, welche eben angefangen hatte die Karten zu geben, als Tom erzählte, daß Jemand ermordet worden sei, hielt inne und hörte aufmerksam zu (denn alle Erzählungen dieser Art griffen sie sehr an); kaum aber war er bei dem letzten Theile seiner Geschichte angekommen, als sie wieder Karten zu geben anfing. Sie gab dem Einen drei, dem Andern sieben, dem Dritten zehn, dann fielen ihr die übrigen aus der Hand und sie selbst sank auf ihren Stuhl zurück. Die Gesellschaft benahm sich wie bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich. Es folgte die gewöhnliche Störung, man gebrauchte die gewöhnliche Hülfe, Sophie kam endlich, wie gewöhnlich, wieder zu sich und wurde bald darauf, auf ihr dringendes Verlangen, in ihr Zimmer geführt, wo Lady Bellaston, auf Bitten des Lords, ihr die Wahrheit erzählte, die Sache für einen Scherz von ihrer Seite auszugeben suchte, und sie durch die Versicherung beruhigte, 70 daß weder der Lord, noch Tom, ob sie gleich diesem das Mährchen erzählt, den eigentlichen Zusammenhang kennten. Es bedurfte weiter keines Beweises, um Lord Fellamor zu überzeugen, daß Lady Bellaston ihm die Angelegenheit vollkommen richtig vorgelegt habe, weshalb denn beide, nach der Rückkehr der Dame in ihr Zimmer, sich über einen Plan vereinigten, den manche Leser ohne Zweifel verabscheuen werden, ob er gleich dem jungen Lord nicht gehässig vorkam, da er aufrichtig versprach und aufrichtig sich vornahm, alles, was in seinen Kräften stehe, durch eine Heirath wieder gut zu machen. Der nächste Abend um sieben Uhr wurde zu dem verderblichen Zwecke gewählt. Lady Bellaston versprach dafür zu sorgen, daß Sophie allein sei und der junge Lord sollte zu derselben geführt werden. Die meisten Dienstleute wollte man für diese Zeit aus dem Hause entfernt halten und Mamsell Honour, die, um Argwohn zu vermeiden, bei ihrer Gebieterin bleiben sollte bis zur Ankunft Fellamors, wollte Lady Bellaston selbst in einem so viel als möglich von dem Schauplatze entlegenen Zimmer festhalten, wo sie die Stimme Sophiens nicht hören könnte. Nachdem man so alles verabredet hatte, nahm der Lord Abschied und die Lady begab sich zur Ruhe höchst zufrieden mit einem Plane, dessen Erfolg sie nicht bezweifelte und der Sophien als Hinderniß zwischen ihr und Jones durch ein Mittel völlig zu beseitigen versprach, dessen man sie nie für schuldig würde erklären können, wenn auch die Sache selbst bekannt werden sollte. Dieß wollte sie indeß auch dadurch verhindern, daß sie schnell eine Heirath zu Stande bringe, zu welcher, ihrer Meinung nach, Sophie wie die übrige Familie gern ihre Einwilligung geben würde. Nicht so ganz ruhig sah es in dem Herzen des andern 71 Verschwornen aus. Ob er gleich in Folge seiner heftigen Liebe bereitwillig die erste Andeutung des Planes vernommen hatte, besonders da sie von einer Verwandten der Geliebten ausging, so begann doch, als er im Bett reiflicher nachdachte, und die natürlichen schwarzen Farben der That nebst allen Folgen, welche dieselbe haben mußte und haben konnte, sich ihm darstellten, sein Entschluß zu wanken, und nach einem langen Kampfe zwischen Ehre und Begierde, der eine ganze Nacht hindurch dauerte, beschloß er, zu Lady Bellaston zu gehen und den Plan aufzugeben. Lady Bellaston lag noch sehr spät am Vormittage im Bette und Sophie saß neben ihr, als man meldete, Lord Fellamor sei unten in dem Sprachzimmer. Die Lady ließ ihn ersuchen, zu warten, da sie ihn sogleich sehen würde; der Diener hatte sich aber kaum wieder entfernt, als die arme Sophie die Lady dringend bat, die Besuche des ihr verhaßten Lords ihretwegen nicht zu begünstigen. »Ich sehe, was er will,« sagte sie; »denn er hat mir gestern Vormittags seine Liebe geradezu erklärt. Ich bin entschlossen, dieselbe nie anzunehmen und beschwöre Sie, uns niemals mehr allein mit einander zu lassen und den Dienstleuten anzubefehlen, mich, wann er nach mir fragt, jedesmal zu verläugnen.« »Ach, Kind«, entgegnete Lady Bellaston, »ihr Mädchen vom Lande habt nichts als Liebhaber im Kopfe und bildet Euch ein, jeder Mann, der artig gegen Euch ist, habe sich in Euch verliebt. Lord Fellamor ist einer der galantesten jungen Herren in der Stadt und ich bin überzeugt daß er eben nur aus Galanterie kömmt. Ihnen Liebeserklärungen machen! Ich wünsche von Herzen, daß er es thue und Sie müßten geradezu wahnsinnig sein, wenn Sie ihn abweisen wollten.« 72 »Da ich sicherlich so wahnsinnig sein würde«, antwortete Sophie, »so hoffe ich, daß mir seine Besuche nicht aufgedrungen werden.« »Kind«, fuhr Lady Bellaston fort, »Sie brauchen nicht so furchtsam zu sein; wenn Sie entschlossen sind, mit Ihrem Jones zu entfliehen, so wüßte ich nicht, wer Sie daran hindern sollte.« »Sie kränken mich. Ich werde niemals mit einem Manne entfliehen, noch will ich mich gegen den Wunsch meines Vaters verheirathen.« »Sehr wohl, Fräulein Western. Wenn Sie nicht aufgelegt sind, diesen Morgen Besuch anzunehmen, so können Sie sich auf Ihr Zimmer begeben; ich für meine Person fürchte mich nicht vor dem Lord und werde ihn in mein Toilettenzimmer berufen lassen.« Sophie dankte und entfernte sich. Gleich darauf erschien Lord Fellamor. Viertes Kapitel. Man wird daraus erkennen, ein wie gefährlicher Anwalt eine Dame ist, sobald sie ihre Beredtsamkeit einer bösen Sache widmet. Als Lady Bellaston die Bedenklichkeiten des jungen Lords hörte, behandelte sie dieselben höchst verächtlich und wegwerfend. »Mein werther Lord«, sagte sie, »Sie bedürfen sicherlich etwas Herzstärkendes. Ich werde einen Trank holen lassen. Pfui! Zeigen Sie mehr Entschlossenheit. Erschrecken Sie vor dem Worte Mädchenraub? – Wäre die Geschichte der Helena eine neuere, so würde ich sie für unnatürlich halten, nämlich das Benehmen des Paris, nicht 73 die Liebe der Schönen, denn alle Frauen lieben einen muthigen Mann. Es giebt noch eine ähnliche Geschichte von den Sabinerinnen, aber auch diese ist, Gott sei Dank! sehr alt. Sie bewundern vielleicht meine Belesenheit, aber ich glaube, Hooke versichert, diese geraubten Sabinerinnen wären später ganz vortreffliche Hausfrauen geworden. Ich glaube, wenige meiner verheiratheten Bekannten sind durch ihre Männer entführt worden.« »Machen Sie mich nicht lächerlich, Lady Bellaston.« »Glauben Sie denn, daß nicht jede Engländerin Sie im Herzen auslachen würde, wie prüde sie sich auch äußerlich anstellte? Sie nöthigen mich zu einer höchst seltsamen Sprache und zwingen mich mein Geschlecht ganz zu verrathen; aber ich beruhige mich mit der Ueberzeugung, daß meine Absicht gut ist und daß ich meiner Cousine nützlich zu werden suche; denn ich bin überzeugt, daß Sie sich dadurch zu ihrem Manne machen.« Diejenigen, welche Reflectionen dieser Art von einer Gattin oder Geliebten gehört haben, mögen erklären, ob sie annehmlicher klingen, wenn eine weibliche Zunge sie ausspricht. So viel ist wenigstens gewiß, daß sie sich tiefer in das Herz des jungen Lords einprägten, als wenn Demosthenes oder Cicero gesprochen hätte. Sobald Lady Bellaston bemerkte,. daß der Stolz des jungen Lords angeregt war, fing sie an, wie ein ächter Redner, andere Leidenschaften zu Hülfe zu rufen. »Mylord«, sagte sie ernster, »Sie werden sich erinnern, daß Sie zuerst gegen mich davon sprachen, denn ich möchte nicht so erscheinen als versuchte ich meine Cousine Ihnen aufzudrängen. Achtzig tausend Pf. Sterl. ist eine Summe, die sich von selbst empfiehlt.« »Fräulein Western bedarf keiner Empfehlung durch ihr 74 Vermögen, denn meiner Meinung nach besaß nie ein Weib auch nur die Hälfte ihrer Reize.« »Doch, doch, Mylord«, entgegnete die Lady mit einem Blicke in den Spiegel, »es hat Frauen gegeben, die sogar mehr als die Hälfte ihrer Reize besaßen. Ich will sie damit durchaus nicht herabsetzen, denn sie ist gewiß ein höchst liebenswürdiges reizendes Mädchen. In wenigen Stunden wird sie in den Armen eines Mannes liegen, der sie sicherlich nicht verdient, wenn er auch, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ein Mann von Muth und Kraft ist.« »Das hoffe ich, Mylady«, sprach der Lord, »ob ich gleich gestehen muß, daß er sie nicht verdient, denn wenn nicht der Himmel oder Sie, Mylady, mich verhindern, wird sie in wenigen Stunden die meinige sein.« »Das ist gut gesprochen. Ich verspreche, daß Sie von meiner Seite kein Hinderniß finden sollen. Noch diese Woche hoffe ich Sie öffentlich meinen Cousin nennen zu können.« Der übrige Theil der Unterhaltung drehete sich ausschließlich um Mädchenraub, Entschuldigungen und Complimente, die sich vielleicht recht gut anhören ließen, aber langweilig werden, wenn sie ein Dritter nacherzählt. Ich werde also hier das Zwischengespräch abbrechen und zu der schicksalschweren Stunde eilen, welche das Verderben der armen Sophie mit sich bringen sollte. Da dies aber der tragischste Gegenstand in unserer ganzen Geschichte ist, so müssen wir ihm ein eigenes Kapitel widmen. 75 Fünftes Kapitel. Enthält Dinge, welche den Leser rühren, sowie andere, die ihn überraschen werden. Die Uhr hatte eben die siebente Stunde verkündiget; die arme Sophie saß einsam und traurig in ihrem Zimmer und las ein Trauerspiel, »die verderbliche Heirath«, in welchem sie zu der Stelle gelangt war, wo die unglückliche Isabella über ihren Trauring verfügt. Das Buch fiel ihr hier aus der Hand und aus ihren Augen quollen Thränen. So mochte sie etwa eine Minute gesessen haben, als die Thüre geöffnet wurde und Lord Fellamor hereintrat. Sophie sprang von ihrem Stuhle auf und der junge Mann sprach mit einer tiefen Verbeugung. »ich störe Sie, Fräulein Western, wie ich fürchte.« »Ich muß allerdings gestehen, daß mich dieser unerwartete Besuch ein wenig überrascht.« »Wenn der Besuch unerwartet ist«, entgegnete der Lord Fellamor, »so müssen meine Augen schlechte Dolmetscher der Gefühle meines Herzens gewesen sein als ich das letztemal die Ehre hatte, Sie zu sehen, denn gewiß konnten Sie nicht erwarten, mein Herz in Besitz zu behalten, ohne einen Besuch von dem Inhaber desselben zu bekommen.« Sophie beantwortete, so verlegen sie war, diesen Bombast (und unsrer Meinung nach mit Recht) mit einem Blicke tiefster Verachtung. Der Lord hielt darauf noch eine andere und längere Rede von derselben Art, worauf Sophie zitternd entgegnete: »soll ich wirklich glauben, daß Sie krank sind? Auf andre Weise läßt sich wenigstens ein solches Betragen nicht entschuldigen.« »Ich befinde mich allerdings in der Lage, welche Sie 76 vermuthen«, sprach der Lord, »aber Sie werden gewiß die Wirkung des Wahnsinnes entschuldigen, den Sie ja selbst veranlaßt haben; denn die Liebe hat mich so ganz um den Verstand gebracht, daß ich für keine Handlung zurechnungsfähig bin.« »Ich begreife weder Ihre Worte noch Ihr Benehmen.« »So erlauben Sie zuerst, daß ich Ihnen beide erkläre, indem ich Ihnen mein Herz offen darlege und erkläre, daß ich Sie liebe, wie ein Mensch nur immer lieben kann. Anbetungswürdiges, himmlisches Wesen! Welche Sprache vermag die Gefühle meines Herzens auszudrücken?« »Ich gebe Ihnen die Versicherung, Mylord, daß ich solche Reden nicht länger anhören werde.« »Verlassen Sie mich nicht so grausam! Kennten Sie die Schmerzen, die ich leide, nur zur Hälfte, Ihr gefühlvolles Herz würde Mitleid haben mit dem, was Ihre Augen verschuldeten.« Dann seufzete er tief, ergriff ihre Hand, sprach mehrere Minuten lang in einem Ton, der für den Leser nicht angenehmer sein würde, als er es für die junge Dame war und schloß endlich mit der Erklärung, daß, wenn er Herr der Welt wäre, er dieselbe zu ihren Füßen niederlegen würde. Sophie entzog ihm die Hand mit Gewalt und antwortete: »ich würde Ihre Welt und deren Herrn mit gleicher Verachtung von mir weisen.« Dann wollte sie gehen, Lord Fellamor aber ergriff von neuem ihre Hand und sagte: »verzeihen Sie mir, geliebter Engel, die Freiheit, die ich mir nur aus Verzweiflung nahm. Glauben Sie mir, wenn ich nur einigermaßen hoffen könnte, daß mein Rang und mein Vermögen, die beide nicht unbedeutend sind, außer im Vergleich mit Ihrem Werthe, angenommen worden sein würden, ich hätte sie Ihnen demüthig angetragen. Aber ich kann Sie nicht verlieren. Bei Gott, 77 lieber will ich von dem Leben lassen. Sie sind mein, Sie müssen und werden die Meinige werden.« »Mylord«, entgegnete sie, »ich beschwöre Sie, von einem vergeblichen Beginnen abzulassen; denn, bei meiner Ehre! ich werde nichts mehr von Ihnen hierüber anhören. Lassen Sie meine Hand los, denn ich bin entschlossen, mich in diesem Augenblicke zu entfernen und werde Sie nie wieder sehen.« »In diesem Falle, mein Fräulein, muß ich den Augenblick so gut als möglich nützen, denn ich kann und will nicht ohne Sie leben.« »Was meinen Sie, Mylord?« fragte Sophie »ich mache Lärm.« »Ich fürchte weiter nichts als Sie zu verlieren, und das zu verhindern, muß ich das einzige Mittel ergreifen, das mir die Verzweiflung eingiebt.« Er umfaßte sie und sie schrie so laut, daß Jemand zu ihrer Hülfe hätte herbeikommen müssen, wären nicht alle Leute im Hause von Lady Bellaston entfernt worden. Es bot sich indeß ein anderer glücklicher Zufall der armen Sophie dar; es entstand ein andrer Lärm, der ihr Geschrei fast übertönte, denn durch das ganze Haus schallte es jetzt: »wo ist sie? Gott verdamm' mich, ich werde sie sogleich aus ihrem Bau heraustreiben. Man zeige mir ihr Zimmer, sogleich. Wo ist meine Tochter? Ich weiß, daß sie in dem Hause ist und finden muß ich sie. Man zeige mir, wo sie ist.« Im diesem Augenblicke wurde die Thüre aufgerissen und hereintrat der Squire Western mit seinem Pfarrer und einer Anzahl von Dienern. Wie schrecklich mußte die Lage der armen Sophie sein, da die zornige Stimme ihres Vaters ihr willkommen war! Und er kam wirklich zum Glücke, denn nur dieser einzige 78 Zufall konnte es verhindern, daß der Friede ihres Herzens ihr für immer geraubt wurde. Sophie erkannte trotz ihrer Angst sogleich die Stimme ihres Vaters und der Lord hörte ebenfalls trotz seiner Leidenschaft auf die Stimme der Vernunft, die ihm sagte, daß jetzt keine Zeit zur Ausführung seiner Niederträchtigkeit sei. Als er also die Stimme näher kommen hörte, als er hörte, wer sprach (denn wie der Squire mehr als einmal das Wort »Tochter« durch das Haus schrie, so rief auch Sophie in ihrem Sträuben ihren Vater), so hielt er es für gerathen, seine Beute loszulassen, nachdem er blos ihr Busentuch in Unordnung gebracht hatte. Wenn mir die Einbildungskraft des Lesers nicht zu Hülfe kommt, so werde ich unmöglich die Lage der beiden Personen beschreiben können, als Western in das Zimmer trat. Sophie wankte auf einen Stuhl, wo sie bleich, athemlos, erfüllt von Unwillen gegen Lord Fellamor, erschrocken und doch auch erfreut über die Ankunft ihres Vaters saß. Der Lord setzte sich neben sie, während der Zopf seiner Perücke ihm auf eine Achsel hing und sein übriger Anzug in ziemlicher Unordnung war. Uebrigens konnte man auf seinem Gesichte Angst, Aerger und Scham lesen. Der Squire Western war gerade von einem Feinde überwunden, der Landedelleute nicht selten besiegt. Er war, um es geradezu auszusprechen, betrunken, welcher Umstand, im Verein mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit, nichts andres bewirken konnte, als daß er sogleich zu seiner Tochter trat und sich in den empörendsten Schmähreden über sie ergoß. Wahrscheinlich würde er sie sogar gemißhandelt haben, wenn nicht der Pfarrer mit den Worten dazwischen getreten: »um Gottes Willen, Herr, bedenken Sie, daß Sie in dem Hause einer vornehmen Dame sind. Zügeln Sie Ihren Zorn; es muß Ihnen vollkommen genügen, daß 79 Sie Ihre Tochter gefunden haben. Die Rache ziemt uns nicht. Ich erblicke tiefe Reue in dem Antlitze der jungen Dame und bin überzeugt, daß sie zu ihrer Pflicht zurückkehrt, wenn Sie ihr verzeihen.« Die Kraft des Armes des Geistlichen hatte anfänglich mehr gewirkt als die Kraft seiner Rede. Die letzten Worte machten indeß auch einigen Eindruck und der Squire antwortete: »ich will ihr vergeben; Sophie, ich will Dir alles vergeben. Warum sprichst Du nicht? Warum antwortest Du nicht? Hat man schon eine solche hartnäckige Creatur gesehen?« »Mäßigen Sie sich nur«, fuhr der Geistliche fort; »Sie erschrecken die junge Dame, daß sie nicht zu sprechen vermag.« »Das ist meine Sache«, antwortete der Squire. »Nehmen Sie ihre Partie, he? Ein schöner Geistlicher das, der ein ungehorsames Kind vertheidiget! Zum Teufel!« »Ich bitte unterthänigst um Verzeihung«, fiel der Geistliche ein. In diesem Augenblicke trat die Lady Bellaston ein und ging auf den Squire zu, der, um dem Rathe seiner Schwester zu folgen, ihr eine linkisch tiefe Verbeugung machte und ihr einige seiner besten Complimente sagte. Dann ging er aber sogleich zu seinen Beschwerden über und sagte: »Da, Frau Cousine, steht das ungehorsamste Kind von der Welt; sie läuft einem bettelhaften Menschen nach und mag einen der reichsten jungen Männer nicht heirathen, den ich für sie bestimmt habe.« »Ich glaube doch, Vetter Western«, entgegnete die Dame, »daß Sie meiner Cousine Unrecht thun. Ich bin überzeugt, daß sie das nicht von sich weiset, was, wie sie selbst einsehen wird, ihr so sehr zum Vortheil gereicht.« Lady Bellaston sprach da absichtlich gegen ihre 80 Ueberzeugung, denn sie wußte recht wohl, was Western meinte. Sie glaubte indeß vielleicht auch, daß er bereitwillig die Anträge des Lords annehmen würde. »Hörst Du«, sprach der Squire, »was die Dame sagt? Unsre ganze Familie ist für diese Heirath. Komm, Sophie, sei ein gutes Kind, gehorche und mache Deinen Vater glücklich.« »Wenn mein Tod Dich glücklich machen kann,« antwortete Sophie, »so wirst Du es bald werden.« »Das ist eine Lüge, Sophie, eine verfluchte Lüge und Du weißt es recht gut«, fiel der Squire ein. »Sie kränken Ihren Vaters allerdings, Fräulein Western«, sprach Lady Bellaston; »er beabsichtiget bei der Verbindung ja nichts als Ihren Vortheil und ich wie alle Ihre Freunde müssen die große Ehre anerkennen, welche durch diese Bewerbung Ihrer Familie widerfahren ist.« »Ja, wir alle«, sagte der Squire. »Uebrigens ist der Antrag nicht von mir ausgegangen. Sie weiß, daß ihre Tante mich zuerst darauf brachte. Komm, Sophie, sei ein gutes Kind und gieb Deine Einwilligung da vor Deiner Cousine.« »Geben Sie mir die Hand, Vetter,« sprach die Lady. »Es ist jetzt nicht Sitte, lange Liebeleien der Heirath vorangehen zu lassen.« »Haben Sie nicht Zeit genug zum Liebeln nach der Heirath«, meinte der Squire. »Die Leute können mit einander liebeln, nachdem sie bei einander geschlafen haben.« Da Lord Fellamor des festen Glaubens war, die Lady Bellaston meine ihn, da er niemals ein Wort von Blifil gehört hatte, so zweifelte er auch nicht im geringsten, daß der Vater Sophiens von ihm spreche. Er trat deßhalb zu dem Squire und sagte: »ob ich gleich nicht die Ehre habe, 81 Ihnen persönlich bekannt zu sein, so erlauben Sie mir doch, da ich, wie ich höre, das Glück habe, daß Sie meinen Antrag genehmigen, mich für die junge Dame zu verwenden und zu bitten, daß man für jetzt nicht weiter in sie dringe.« »Sie verwenden sich?« entgegnete der Squire; »wer und was sind Sie denn zum Teufel?« »Ich bin Lord Fellamor«, antwortete er, »und der Glückliche, den Sie, wie ich hoffe, zu Ihrem Schwiegersohne annehmen wollen.« »Ein Hurensohn sind Sie,« fiel der Squire ein, »trotz Ihrem betreßten Rocke! Sie mein Schwiegersohn! Daß Sie der Teufel reite!« »Ich werde mir von Ihnen mehr gefallen lassen als von irgend einem andern Manne«, entgegnete der Lord, »aber sagen muß ich Ihnen, daß ich nicht gewohnt bin, solche Sprache geduldig anzuhören.« »Denken Sie denn, ich fürchte mich vor einem solchen Kerlchen? weil Sie da eine Froschkieke hängen haben? Ich will Sie lehren, sich um Dinge zu bekümmern, die Sie nichts angehen! Ich will Sie beschwiegersohnen! Die Jacke will ich Ihnen ausklopfen.« »Ich werde vor den Damen da keine Störung verursachen. Ich bin zufrieden. Ihr Diener, mein Herr. Lady Bellaston, Ihr ganz ergebenster!« Sobald der Lord sich entfernt hatte, sagte Lady Bellaston zu dem Herrn Western: »Was haben Sie da gethan! Sie wissen nicht, wen Sie beleidiget haben; er ist ein Edelmann vom ersten Range und von großem Vermögen und warb gestern um die Hand Ihrer Tochter, die Sie ihm gewiß mit dem größten Vergnügen geben werden.« »Das verantworten Sie selbst, Frau Cousine«, erwiederte Western; »ich mag mit Ihren Lords nichts zu thun 82 haben. Meine Tochter soll einen rechtschaffenen Landedelmann heirathen; ich habe ihr Einen ausgesucht und den muß sie nehmen. Uebrigens thut es mir sehr leid, daß ich Sie so gestört habe.« Lady Bellaston betheuerte, was sie gethan, habe Sie aus Liebe zu Sophien gethan und Western bot ihr sodann eine gute Nacht, worauf er sich mit den Worten zu seiner Tochter wendete: »nun komm gutwillig oder ich muß Dich in den Wagen hinunter tragen lassen.« Sophie antwortete, sie würde ihm freiwillig folgen, bat aber, ihr einen Tragsessel zu besorgen, da sie die Reise auf keine andere Weise machen könnte. »Du willst mir weiß machen, Du könntest nicht in einer Kutsche fahren?« entgegnete der Squire. »Das ist hübsch. Nichts da; ich lasse Dich nicht wieder aus den Augen, ehe Du verheirathet bist.« Sophie erwiederte, sie sähe wohl, daß er entschlossen sei, ihr das Herz zu brechen. »Bah, eines Mannes wegen grämt sich kein Mädchen todt, und willst Du nicht gehorsam sein, so fahre hin!« Er faßte sie dabei ungestüm an der Hand, so daß der Geistliche sich nochmals veranlaßt sah, einzuschreiten und ihm Sanftmuth anzuempfehlen. Der Squire aber donnerte ihn mit einem Fluche an und gebot dem Pfarrer, das Maul zu halten. »Du stehst nicht auf der Kanzel«, sagte er, »wenn Du dort bist, magst Du sagen, was Du willst. Ich scheere mich des Teufels um die Pfaffen und werde mich von Dir nicht hofmeistern lassen. Komm, Sophie, sei ein gutes Mädchen und alles wird gut werden. Du sollst ihn haben, wahrhaftig, Du sollst ihn haben.« Mamsell Honour erschien unten an der Treppe und erbot sich mit einem tiefen Knix vor dem Squire, ihr Fräulein zu begleiten; er schob sie aber ziemlich unsanft bei 83 Seite und sagte: »daß Du Dich nicht mehr in meinem Hause sehen läßt, Weibsbild!« »Sie wollen mir meine Dienerin nehmen?« fragte Sophie betrübt. »Ja, das will ich«, antwortete der Squire, »aber Du brauchst nicht zu fürchten, ohne Dienerin zu sein. Ich werde Dir ein andres Mädchen schaffen und ein besseres als die da. Nein, Sophie, sie soll nicht mehr zur Flucht behelfen.« Er packte sodann seine Tochter und den Pfarrer in die Miethkutsche, stieg darauf selbst ein und befahl nach seiner Wohnung zu fahren. Auf dem Wege dahin ließ er Sophien in Ruhe, hielt aber dem Pfarrer eine Vorlesung über gute Lebensart und über gehöriges Benehmen gegen Vornehmere. Wahrscheinlich hätte er seine Tochter nicht so leicht aus dem Hause der Lady Bellaston hinweggebracht, wenn diese sie hätte behalten wollen. Die Lady freuete sich nicht wenig über die Haft, in welcher Sophie nun jedenfalls gehalten würde und da ihr Plan mit Lord Fellamor verunglückt war, so hatte sie gar nichts dagegen, daß man andre gewaltsame Mittel anwendete, um das Mädchen zur Frau eines andern Mannes zu machen. Sechstes Kapitel. Auf welche Weise der Squire seine Tochter ausfindig gemacht hatte. Obgleich der Leser in manchen Geschichten noch viel unerklärlichere Erscheinungen hinnehmen muß als die des Herrn Western, so wollen wir doch, da wir ihm stets gern 84 gefällig sind, zeigen, auf welche Weise der Squire den Aufenthalt seiner Tochter erfuhr. Im dritten Kapitel des vorhergehenden Buches deuteten wir an (denn wir pflegen bei keiner Gelegenheit mehr zu entdecken als gerade nöthig ist), daß Mad. Fitzpatrick, der viel daran lag, sich mit ihrem Oheim und ihrer Tante Western auszusöhnen, dazu eine sehr günstige Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, dies zu erlangen, wenn sie Sophien verhindere, das Vergehen zu vollbringen, das ihr selbst den Zorn ihrer Familie zugezogen hatte. Nach vieler Ueberlegung entschloß sie sich also, ihrer Tante Western anzuzeigen, wo ihre Cousine sich aufhielte; sie schrieb deshalb folgenden Brief, welchen wir dem Leser aus mehr als einem Grunde unverkürzt mittheilen wollen. »Sehr geehrte Tante, »Die Veranlassung zu meinem heutigen Briefe wird diesen meiner werthen Tante um Einer Ihrer Nichten willen vielleicht angenehmer machen, wenn ich auch nicht hoffen darf, daß dies wegen einer andern der Fall sein würde. »Doch keine Entschuldigung weiter! Als ich auf dem Wege war, mich zu Ihren Füßen niederzuwerfen, traf ich in Folge des seltsamsten Zufalles meine Cousine Sophie, deren Geschichte Ihnen genauer bekannt sein wird als mir, obgleich ich leider! selbst nur zuviel davon weiß, und überzeugt bin, daß, wenn sie nicht sofort zurückgehalten wird, sie in Gefahr ist, in dasselbe Unglück zu gerathen, in welches ich mich unseliger Weise gestürzt habe, weil ich so thöricht war, Ihren weisen und klugen Rath zu verschmähen. »Ich habe den Mann gesehen, ja ich war den größten Theil des gestrigen Tages hindurch in seiner Gesellschaft und ich muß gestehen, daß er ein einnehmender junger Mann ist. Es würde zu weit führen, wollte ich Ihnen erzählen, durch welchen Zufall er mit mir bekannt wurde; 85 diesen Morgen aber habe ich eine andere Wohnung genommen, um ihm aus den Augen zu kommen und damit er meine Cousine nicht durch mich auffinde, denn noch weiß er nicht, wo sie ist und es dürfte wohl auch räthlich sein, ihn dies nicht wissen zu lassen, bis mein Oheim sie wieder in Gewahrsam hat. Es ist deshalb keine Zeit zu verlieren und ich brauche Ihnen nur zu sagen, daß sie sich bei der Lady Bellaston befindet, die ich gesehen habe und die, wie ich finde, die Absicht hatte, sie vor ihrer Familie zu verbergen. Sie wissen, daß die Lady eine seltsame Frau ist, aber mir würde nichts übeler anstehen, als wenn ich mich unterfangen wollte, einer Dame von Ihrem hohen Verstande und Ihrer großen Weltkenntniß einen Rath zu geben und mich nicht begnügen wollte, Ihnen blos die Sache selbst anzuzeigen. »Die Sorge für das Wohl meiner Familie, die ich bei dieser Gelegenheit beweise, wird mich, wie ich hoffe, der Gunst einer Dame wieder empfehlen, die immer so vielen Eifer für die Ehre und das wahre Interesse unser Aller bethätiget hat, und ein Mittel sein, mir wieder Ihre Freundschaft zu erwerben, die früher soviel zu meinem Glücke beigetragen hat und zu meinem Glücke in der Zukunft nothwendig ist. Ich bin mit der größten Hochachtung, sehr geehrte Tante, Ihre ganz ergebenste Dienerin und gehorsamste Nichte, Henriette Fitzpatrick.«         Fräulein Western d. A. befand sich in dem Hause ihres Bruders, wo sie sich seit der Flucht Sophiens aufgehalten hatte, um den armen Squire in seiner Trauer zu trösten. Eine Probe von diesem Troste, den sie ihm in täglichen Dosen reichte, haben wir früher mitgetheilt. Sie stand eben mit dem Rücken nach dem Caminfeuer 86 zu, mit einer Prise in der Hand und reichte dem Squire diese tägliche Trostgabe, während er sein Nachmittagspfeifchen rauchte, als sie den obigen Brief erhielt, den sie ihm, nachdem er von ihr gelesen war, mit den Worten überreichte: »da ist eine Nachricht, Bruder, von Deinem verlornen Schafe. Das Glück giebt Dir die Tochter wieder und wenn Du meinem Rathe folgen willst, kannst Du sie vielleicht noch retten.« Sobald der Squire den Brief gelesen hatte, sprang er von dem Stuhle auf, warf die Tabakspfeife in das Feuer und jubelte laut. Dann rief er seine Diener, verlangte seine Stiefeln, befahl den Chevalier und einige andere Pferde zu satteln und gebot endlich, sogleich den Pfarrer Supple herzubescheiden. Nachdem dies alles geschehen war, wendete er sich an seine Schwester, umarmte und küßte sie und sagte: »na, Du scheinst noch nicht zufrieden zu sein. Man sollte fast glauben, es wäre Dir unlieb, daß ich das Mädchen gefunden habe.« »Bruder«, antwortete sie, »die klügsten Staatsmänner, welche auf den Grund blicken, finden oft ein ganz verschiedenes Aussehen der Angelegenheiten, als dieselben an der Oberfläche darstellen. Die Sache scheint allerdings günstiger zu stehen als früher in Holland, als Ludwig XIV. an den Thoren von Amsterdam erschien; sie erfordert aber eine so delicate Behandlung, welche ich Dir Bruder, verzeihe mir's, nicht zutraue. Mit einer Dame von Stande, wie die Lady Bellaston, muß man zarter, feiner umgehen und dies erfordert eine Weltkenntniß, die, wie ich fürchte, Dir abgeht.« »Schwester«, entgegnete der Squire, »ich weiß, daß Du von meinem Geiste eine nur sehr geringe Meinung hast, aber ich werde Dir bei dieser Gelegenheit zeigen, wer der Thor ist. Ich bin nicht so lange auf dem Lande 87 gewesen, ohne eine Kenntniß von Haftbefehlen und den Gesetzen überhaupt zu erlangen und ich weiß, daß ich mein Eigenthum nehmen kann, wo ich es finde. Zeige mir meine Tochter und wenn ich nicht zu ihr gelange, so sollst Du mich mein Lebenlang einen Narren nennen. Es giebt in London wie an andern Orten Friedensrichter.« »Ich fürchte wirklich für den Ausgang der Sache, die doch so leicht beizulegen wäre, wenn Du meinem Rathe folgen wolltest. Bildest Du Dir denn ein, Bruder, daß man das Haus einer vornehmen Dame mit Haftbefehlen und brutalen Friedensrichtern stürmen könnte? Ich will Dir sagen, wie Du zu Werke gehen mußt. Sobald Du in der Stadt angekommen bist und Dich anständig gekleidet hast (denn jetzt besitzest Du keinen Anzug, in welchem Du Dich zeigen könntest), mußt Du der Lady Bellaston Dich empfehlen und sie um die Erlaubniß bitten lassen, ihr aufzuwarten. Bist Du bei ihr vorgelassen, woran ich nicht zweifle, und Du hast ihr Deine Sache vorgetragen, auch ihr meinen Namen genannt (denn Ihr kennt Euch doch nur, so viel ich weiß, vom Ansehen, ob Ihr gleich mit einander verwandt seid), so wird sie sicherlich ihren Schutz meiner Nichte entziehen, die ihr wahrscheinlich eine Lüge gesagt hat. Dies ist das einzig richtige Verfahren. Friedensrichter! Kannst Du Dir einbilden, so etwas könne unter einem civilisirten Volke einer Dame von Stande geschehen?« »Stand hin Stand her!« fiel der Squire ein; »es wäre ein schönes civilisirtes Volk, bei dem die Weiber über dem Gesetze ständen. Und warum soll ich eine Hure becomplimentiren, die eine Tochter ihrem natürlichen Vater vorenthält? Ich sage Dir, Schwester, ich bin nicht so dumm wie Du glaubst. Ich weiß, Du möchtest die Weiber über das Gesetz stellen, aber das geht nicht an. Ich 88 hörte den Lord-Richter bei den Assisen sagen, Niemand stehe über dem Gesetze. Deine Ansicht ist vermuthlich nach dem hanöverschen Gesetze.« »Western,« entgegnete sie, »ich glaube, Du wirst täglich dümmer, und werde mich nicht wundern, wenn Du ein völliger Narr wirst.« »Kein größerer Narr als Du, Schwester Western,« antwortete der Squire. »Du magst von Deiner Artigkeit so viel reden als Du Lust hast, gegen mich beweisest Du sicherlich keine. Ich bin kein Bär, nein, auch kein Hund, wenn ich auch Jemanden kenne, der etwas ist, das sich mit B. anfängt. Ich werde Dir beweisen, daß ich mehr gute Lebensart besitze als manche Leute.« »Western«, antwortete die Dame, »Du kannst sagen, was Dir beliebt; je vous méprise de tout mon coeur . Ich werde mich deshalb auch nicht ärgern. Ueberdies besitze ich, wie meine Nichte mit dem abscheulichen irischen Namen richtig bemerkt, so viel Rücksicht für die Ehre und das wahre Interesse meiner Familie, so wie soviel Theilnahme für meine Nichte, die zu derselben gehört, daß ich mir vorgenommen habe, wegen dieser Sache selbst in die Stadt zu reisen, denn wahrhaftig, Bruder, Du bist kein passender Abgeordneter, den man an einen artigen Hof senden kann. Grönland! Grönland!« »Gott sei Dank« entgegnete der Squire, »ich verstehe Dich nicht. Du redest wahrscheinlich in Deinem hanoveranischen Kauderwelsch. Ich werde Dir indeß beweisen, daß ich mich von Dir an Höflichkeit nicht übertreffen lassen werde; da Du nicht böse bist über das, was ich gesagt habe, so werde ich auch nicht übel nehmen, was Du mir gesagt hast. Ich habe es immer für Thorheit gehalten, wenn Verwandte sich unter einander streiten, ich für meinen Theil grolle niemals und freue mich also, daß Du 89 nach London reisen willst. Ich war nur zweimal in meinem Leben dort und blieb nie länger als vierzehn Tage, so daß ich natürlich mit den Straßen und den Menschen nicht sehr bekannt werden konnte. Ich habe es nie bestritten, daß Du darin erfahrner bist als ich. Wenn ich Dir dies bestreiten wollte, würde es ebenso albern sein, als wenn Du mit mir über die Behandlung der Jagdhunde oder dergleichen streiten wolltest.« »Das werde ich sicherlich niemals thun.« »So verspreche ich Dir, auch nie das andere zu bestreiten.« Es wurde sonach ein Bündniß (um einen Ausdruck der Dame zu gebrauchen) zwischen den streitenden Parteien geschlossen und da unterdeß der Pfarrer angekommen war, auch die Pferde bereit standen, so brach der Squire auf, nachdem er seiner Schwester versprochen hatte, ihren Rath zu befolgen und sie schickte sich an, den nächsten Tag nachzukommen. Der Squire theilte dies unterwegs dem Pfarrer mit und sie kamen zu der Ansicht, daß man die vorgeschriebenen Förmlichkeiten wohl bei Seite lassen könnte, weshalb denn Squire Western so handelte, wie wir es bereits gesehen haben. Siebentes Kapitel. In welchem den armen Jones mancherlei Unglück betrifft. So standen die Sachen als Mamsell Honour in dem Hause der Mad. Miller erschien und Jones, wie wir früher gesehen haben, aus der Gesellschaft herausrufen ließ. Als sie mit ihm allein war, begann sie: 90 »Ach, mein werther Herr! Wie soll ich den Muth finden, Ihnen Alles zu sagen? Sie sind verloren und mein armes Fräulein ist verloren und ich bin verloren!« »Ist Sophien etwas zugestoßen?« fragte Jones in größter Angst. »Alles, was schlecht ist«, entgegnete Honour. »Ach, eine solche Herrschaft finde ich nicht wieder! Ach, daß ich das erleben mußte!« Bei diesen Worten ward Jones leichenblaß, zitterte und stammelte, Mamsell Honour aber fuhr fort: »ach, Herr Jones, ich habe mein Fräulein für immer verloren!« »Wie! Was? Um des Himmels willen reden Sie! Ach, meine theure Sophie!« »So können Sie sie mit Recht nennen. Ich werde nie wieder einen solchen Dienst finden.« »Zum Teufel mit Ihrem Dienst!« rief Jones; »wo ist meine Sophie? Was ist aus ihr geworden?« »Ja freilich«, jammerte sie, » Dienstleute schickt man zum Teufel. Was aus ihnen wird, kümmert Niemanden. Sie sind ja nicht von Fleisch und Blut wie andere Leute. Nein, es kommt gar nicht darauf an, was aus ihnen wird.« »Wenn Sie irgend Mitleiden fühlen«, fiel Jones ein, »so sagen Sie mir auf der Stelle, was Sophien begegnet ist.« »Ich habe vielleicht mehr Mitleiden mit Ihnen als Sie mit mir«, antwortete Honour; »ich wünsche Sie nicht zum Teufel, weil Sie das liebenswürdigste Mädchen von der Welt verloren haben. Sie verdienen gewiß bemitleidet zu werden, aber ich verdiene es auch, denn wirklich, wenn es eine gute Herrschaft gab . . .« »Was aber ist geschehen?« rief Jones der Verzweiflung nahe. 91 »Was? was?« antwortete Honour; »das Schlimmste, was geschehen konnte, für Sie und für mich. Ihr Vater ist in die Stadt gekommen und hat sie uns Beiden entrissen.« Jones sank auf seine Knie und dankte Gott, daß es nichts Schlimmeres sei. »Nichts Schlimmeres?« wiederholte Honour, »und konnte uns etwas Schlimmeres begegnen? Er nahm sie mit sich und schwur, sie solle den Herrn Blifil heirathen; das ist Ihr Theil; mich Arme jagte er aus dem Dienste.« »Sie erschreckten mich, Honour«, antwortete Jones; »ich fürchtete, es sei Sophien irgend ein gräßliches Unglück begegnet, gegen welches selbst das, sie mit Blifil verheirathet zu sehen, eine Kleinigkeit wäre; da sie aber noch lebt, so giebt es auch noch Hoffnung, liebe Honour. Man kann in unserm freien Vaterlande die Mädchen nicht mit Gewalt zu einer Heirath zwingen.« »Das ist wohl wahr und Sie mögen vielleicht noch hoffen dürfen, aber welche Hoffnung bleibt mir Armen? Und das werden Sie wohl einsehen, daß ich alles dies nur um Ihretwillen leide. Der Squire war nur deshalb erzürnt gegen mich, weil ich Ihre Partie nahm gegen Blifil.« »Ich erkenne meine Verpflichtungen gegen Sie, Honour«, antwortete Jones, » und werde alles aufbieten, um Sie zu entschädigen.« »Ach, guter Herr, was kann ein Dienstmädchen für den Verlust eines Dienstes entschädigen als ein andrer ebenso guter?« »Verzweifeln Sie nicht, Honour, ich hoffe, Sie wieder in Ihren frühern zurückzubringen.« »Ach!« entgegnete sie, » wie kann ich mir mit solchen Hoffnungen schmeicheln, da ich weiß, daß es unmöglich ist? 92 Der Squire ist so aufgebracht gegen mich, und doch, wenn Sie mein Fräulein noch bekommen sollten, und ich hoffe, Sie werden sie bekommen, denn Sie sind ein edeler guter Mann und Sie lieben das Fräulein gewiß, wie das Fräulein Sie von ganzem Herzen liebt, das kann man nicht leugnen, weil es Jedermann sehen muß, der das Fräulein nur einigermaßen kennt, denn sie kann sich nicht verstellen, und wenn zwei Menschen nicht glücklich sind, die einander lieben, wer soll es sonst sein? Das Glück hängt nicht immer davon ab, was die Leute haben und übrigens hat mein Fräulein genug für zwei. Man kann also sagen, es wäre jammerschade, wenn man zwei solche Liebende auseinanderreißen wollte, und ich glaube auch, Sie werden einander am Ende noch bekommen, denn was sein soll, kann Niemand ändern. Wenn eine Heirath im Himmel beschlossen ist, können sie alle Friedensrichter auf Erden nicht verhindern. Wenn nur der Pfarrer Supple mehr Herz hätte, um dem Squire vorzustellen, wie schlecht es ist, seine Tochter gegen ihren Willen zu zwingen; aber er hängt freilich ganz von dem Squire ab und so wagt er dem Alten nicht alles gerade herauszusagen, wenn er gleich ein recht frommer Mann ist und über das Unrecht des Squire stark sich ausdrückt. So herzhaft habe ich ihn noch nie gesehen als bei dieser Gelegenheit; ich dachte wirklich, der Squire würde ihn prügeln. Aber Sie dürfen nicht traurig sein, Herr Jones, Sie dürfen nicht verzweifeln; es kann alles besser werden so lange Sie des Fräuleins sicher sind, und das sind Sie gewiß, denn man wird sie niemals bewegen, daß sie ihre Einwilligung zur Heirath mit einem Andern giebt. Ich fürchte freilich sehr, der Squire thut ihr in seinem Zorn ein Leids an, denn er ist ein grausam hitziger Mann und ich fürchte auch, das arme Fräulein wird sich zu Tode grämen, denn sie ist so zart 93 wie ein Täubchen; es ist jammerschade, daß sie nicht etwas von meiner Courage hat. Wenn ich einen jungen Herrn liebte und mein Vater wollte mich einsperren, so kratzte ich ihm bei der ersten Gelegenheit die Augen aus; aber freilich hier ist ein großes Vermögen dabei, das ihr Vater ihr geben kann oder nicht, wie er will; das macht allerdings einen Unterschied.« Ob Jones auf die ganze vorstehende Rede zu aufmerksam achtete, oder ob er keine Gelegenheit dazu fand, weiß ich nicht, soviel aber ist gewiß, daß er nicht einmal zu antworten versuchte, auch hielt Honour nicht eher inne bis Partridge in das Zimmer stürzte und meldete, die vornehme Dame sei auf der Treppe. Nichts läßt sich mit dem Dilemma vergleichen, in welchem sich Jones jetzt befand. Honour wußte nichts von einer Bekanntschaft zwischen ihm und Lady Bellaston und war auch die Person, die er am allerwenigsten davon unterrichten mochte. In der Angst und Eile schlug er (wie das gewöhnlich geschieht) das verkehrte Verfahren ein und statt sie von der Dame sehen zu lassen, was von keiner Bedeutung gewesen sein würde, entschloß er sich, Honour zu verstecken. Er hatte gerade noch soviel Zeit, sie hinter das Bett zu führen und die Gardine zuzuziehen. Die Thätigkeit für seine arme Wirthin und deren Familie, die Jones den ganzen Tag über gezeigt hatte, der Schrecken, in welchen ihn Honour versetzt hatte und die Verlegenheit, in die ihn die unerwartete Ankunft der Lady Bellaston brachte, hatten frühere Gedanken ganz aus seinem Kopfe entfernt, so daß es ihm nicht im mindesten einfiel, den Kranken zu spielen. Auch würde ihn, hätte er es versucht, sein Anzug und sein Aussehen Lügen gestraft haben. Er empfing deshalb die Lady mehr wie sie es wünschte 94 als erwartete, mit aller guten Laune, deren er für den Augenblick fähig war und ohne einen Schein von irgend einer Krankheit. Sobald die Lady Bellaston in das Zimmer gekommen war, setzte sie sich auf das Bett und sagte: »Sie sehen, mein lieber Jones, daß mich nichts länger von Ihnen fern halten kann. Ich sollte Ihnen vielleicht zürnen, daß ich den ganzen Tag über von Ihnen nichts gesehen und gehört habe, denn, wie ich bemerke, würde Sie Ihre Krankheit an dem Ausgehen nicht gehindert haben; ja Sie scheinen den ganzen Tag in Ihrem Zimmer gesessen zu haben, geputzt wie eine vornehme Dame, die nach der Niederkunft Besuche erwartet, doch glauben Sie nicht, daß ich schelten will, denn ich werde Ihnen nie die Entschuldigung für das kalte Benehmen eines Ehemannes dadurch an die Hand geben, daß ich mich wie eine Frau übellaunig zeige.« »Ja, Lady Bellaston,« entgegnete Jones, »ich bin überzeugt, daß Sie mir nicht eine Pflichtverletzung vorhalten werden, da ich blos auf Ihre Befehle wartete. Wer hat wohl, Theure, Ursache zur Klage? Wer blieb bei der verabredeten Zusammenkunft gestern Abend aus und ließ einen Unglücklichen warten und wünschen, seufzen und schmachten?« »Erwähnen Sie dies nicht, mein lieber Jones«, erwiederte sie. »Wenn Sie die Ursache kennten, würden Sie mich bemitleiden. Sie können nicht begreifen, was Frauen von Stande durch die Impertinenz von Narren leiden müssen, um die Posse der Welt im Gange zu erhalten. Ich freue mich indeß, daß Ihnen das Seufzen und Schmachten keinen Schaden gebracht hat, denn Sie sahen wirklich niemals hübscher aus als jetzt. Wahrhaftig, Jones, Sie könnten in diesem Augenblicke zu einem Bilde des Adonis sitzen.« 95 Es giebt gewisse herausfordernde Worte, auf die geziemender Weise nur mit Degen geantwortet werden kann. Unter Liebenden giebt es dagegen Ausdrücke, auf die sich nur durch einen Kuß antworten läßt. Das Compliment, welches Lady Bellaston jetzt unserm Jones machte, scheint zu dieser Art zu gehören, besonders da es von einem Blicke begleitet war, in welchen die Dame größere Zärtlichkeit legte, als sich durch Worte ausdrücken ließ. Jones befand sich in diesem Augenblicke sicherlich in einer der denkbar unangenehmsten Lagen, denn, um in dem oben gebrauchten Vergleiche zu bleiben, obgleich die Dame die Ausforderung gethan hatte, so konnte doch Jones weder die Genugthuung erhalten noch selbst verlangen in Gegenwart einer dritten Person, da Secundanten bei solchen »Zweikämpfen« gegen den Comment sind. Da dieses Hinderniß der Lady Bellaston nicht in den Sinn kam, die von der Anwesenheit eines andern Frauenzimmers nichts wußte, so wartete sie eine Zeit lang sehr verwundert auf eine Antwort von Jones, der sich der lächerlichen Figur, welche er spielte, wohl bewußt war, in der Entfernung blieb und gar keine Antwort gab, weil er nicht wagte, die passende Antwort zu geben. Man kann sich nichts Komischeres und zugleich Tragischeres denken als diese Scene, wenn sie länger gedauert hätte. Die Dame hatte bereits ein Paarmal die Farbe gewechselt, war von dem Bette aufgestanden und hatte sich wieder gesetzt, während Jones wünschte, der Boden möchte unter ihm einsinken oder das Haus über ihm zusammenbrechen. Endlich befreite ihn ein seltsamer Zufall aus einer Verlegenheit, aus der ihn ohne Schimpf weder die Beredsamkeit Ciceros noch die Politik Macchiavels würde haben erlösen können. Dieser Zufall war die Ankunft des jungen Nightingale in dem Zustande völliger Betrunkenheit, welcher den 96 Menschen den Gebrauch ihrer Vernunft, nicht aber den Gebrauch ihrer Glieder benimmt. Mad. Miller und deren Tochter schliefen, Partridge rauchte seine Pfeife in der Küche, so daß Nightingale ohne Aufenthalt an die Thüre unsres Jones gelangte. Diese riß er mit Gewalt auf und er trat sodann ohne Umstände ein; Jones aber sprang von seinem Stuhle auf, eilte ihm entgegen und brachte ihn glücklich heraus, ehe er so weit hereingetreten war, um sehen zu können, wer auf dem Bette saß. Nightingale hatte sich wirklich nur in der Thüre geirrt und verlangte nach seinem Bette. Jones übergab ihn endlich an Partridge, der bei dem Geräusch herbeikam. Ungern kehrte Jones jetzt in sein Zimmer zurück, wo er gleich beim Eintreten Lady Bellaston, wenn auch nicht sehr laut, aufschreien hörte und in gewaltiger Aufregung nach einem Stuhle eilen sah. Geängstiget durch den Kampf zwischen beiden Männern, dessen Ausgang sie nicht vorher sehen konnte, wollte die Lady sich in das ihr wohlbekannte Versteck flüchten, wo sie zu ihrem größten Schrecken schon ein andres Frauenzimmer fand. »Ist dies ein Betragen, das man ertragen kann, Herr Jones?« rief sie. »Abscheulichster der Männer! Welchem Mensch haben Sie mich blosgestellt?« »Ein Mensch!« rief Honour, die wüthend aus ihrem Versteck hervorkam. »Ein Mensch! Man höre; ich bin ein ehrliches Mädchen und das ist mehr, als manche Leute sich rühmen können, die reicher sind.« Statt den Unwillen Honours über sich allein ergehen zu lassen, wie es ein erfahrenerer Mann gethan haben würde, verwünschte Jones sein Geschick und beklagte sich als den unglücklichsten Sterblichen, worauf er gegen Lady Bellaston sehr ungeschickt seine Unschuld vertheidigte. 97 Die Dame, welche bis dahin sich völlig wieder gesammelt hatte, was die Frauen, besonders bei solchen Gelegenheiten, sehr bald können, antwortete ganz ruhig: »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich sehe jetzt, wer die Person ist, ich erkannte die Mamsell Honour nicht sogleich. Ich bin überzeugt, daß zwischen ihr und Ihnen nichts Unrechtes geschehen ist und halte mich auch überzeugt, daß sie meinem Besuche bei Ihnen keinen falschen Beweggrund unterlegen wird. Ich bin immer freundlich gegen sie gesinnt gewesen und vielleicht steht es in meiner Macht, dies in Zukunft noch mehr zu bethätigen.« Mamsell Honour ließ sich so leicht besänftigen als sie in Zorn gerieth. Als sie sah, daß Lady Bellaston milder sprach, so zog auch sie gelindere Saiten auf: »ich bin immer bereit gewesen«, sagte sie, »die freundliche Gesinnung der Lady gegen mich anzuerkennen. Da ich sehe, daß ich mit Ihnen spreche, würde ich mir lieber die Zunge abbeißen, als etwas Uebeles sagen. Ich Ihnen einen falschen Beweggrund unterlegen! Es schickt sich für eine dienende Person nicht, wie ich es bin, über das Benehmen einer vornehmen Dame nachzudenken, – ich meine, ich war eine dienende Person, denn jetzt habe ich leider Niemanden mehr zu bedienen, da ich die beste Gebieterin verloren.« Sie hielt es für passend, hierüber einen Strom von Thränen zu vergießen. »Weine nicht, Kind«, sagte die gute Dame, »es lassen sich vielleicht Mittel und Wege finden, Dir zu helfen. Komm morgen früh zu mir.« Sie hob darauf ihren Fächer auf, der an die Erde gefallen war und schritt, ohne Jones nur anzusehen, majestätisch aus dem Zimmer hinaus. Jones folgte ihr die Treppe hinunter und bot ihr öfters die Hand, die sie ihm aber hartnäckig verweigerte. Endlich 98 stieg sie in ihren Tragsessel, ohne Notiz von ihm zu nehmen, während er sich verbeugend vor ihr stand. Oben in seinem Zimmer fand noch ein Gespräch zwischen ihm und Mamsell Honour statt, während diese ihren Anzug wieder in Ordnung brachte. Der Gegenstand dieses Gesprächs war seine Untreue gegen ihre junge Gebieterin, über die sie sich mit großer Bitterkeit ausließ; Jones fand indeß Mittel, sie wieder zu versöhnen, ja ein Versprechen unverbrüchlichen Schweigens von ihr zu erlangen. Auch machte sie sich verbindlich, den nächsten Morgen einen Versuch zu machen, Sophien ausfindig zu machen und ihm weitern Bericht abzustatten. So endete dieses unglückliche Abenteuer nur zur Zufriedenheit der Mamsell Honour, denn ein Geheimniß (wie einige meiner Leser vielleicht aus Erfahrung wissen werden) ist oft ein sehr werthvoller Besitz, nicht blos für die, welche dasselbe treu bewahren, sondern bisweilen auch für solche, die so lange davon flüstern, bis es Allen zu Ohren kommt, ausgenommen der Person, welche für das gehoffte Geheimhalten dessen zahlt, was allgemein bekannt ist. Achtes Kapitel. Kurz und süß. Trotz allen Verpflichtungen, welche sie dem Herrn Jones schuldig war, konnte es Mad. Miller doch nicht über sich gewinnen, ihm am nächsten Morgen keine Vorwürfe wegen des Lärmes zu machen, der in der Nacht in seinem Zimmer gehört worden sei. Diese Vorwürfe waren indeß so sanft und freundschaftlich und zeigten so offenbar von wirklichem Wohlmeinen, daß Jones, weit entfernt, sich 99 beleidiget zu fühlen, die Warnung der guten Frau dankbar annahm, sein Bedauern über das Geschehene aussprach, sich so gut als möglich entschuldigte und versprach, keine solchen Störungen im Hause weiter zu veranlassen. Obgleich nun aber Mad. Miller sich nicht enthalten konnte, im Anfange und unter vier Augen sich auszusprechen, so war doch die Veranlassung, um derentwillen man ihn hinuntergerufen hatte, eine weit angenehmere und erfreulichere, da er der Trauung Aennchens und Nightingales beiwohnen sollte, der bereits vollständig angekleidet und so nüchtern war, als ein Mann nur immer sein kann, der auf so unkluge Weise eine Frau nimmt. Hier dürfte denn auch der Ort sein, zu erzählen, auf welche Weise der junge Mann seinem Oheime entkommen und wie es zugegangen war, daß er in dem Zustande erschien, in welchem wir ihn in der vorigen Nacht sahen. Als der Oheim mit dem Neffen in seiner Wohnung angekommen war, theils um sich seiner Lieblingsneigung hinzugeben (denn er liebte seine Flasche sehr), theils um seinen Neffen außer Stand zu setzen, seinen Vorsatz sofort ins Werk zu setzen, befahl er Wein zu bringen und trank dem jungen Manne so stark zu, daß derselbe, der, obgleich an vieles Trinken nicht gewöhnt, den Wein doch nicht dermaßen verschmähete, um sich des Ungehorsams oder einer Ungefälligkeit schuldig zu machen, bald völlig betrunken war. Eben als der Oheim diesen Sieg erlangt hatte und ein Bette für seinen Neffen in Stand setzen ließ, kam ein Bote mit einer Nachricht an, welche ihn dermaßen erregte und aus der Fassung brachte, daß er einen Augenblick seinen Neffen ganz vergaß und nur an seine eigenen Angelegenheiten dachte. Diese unerwartete und betrübende Nachricht war keine 100 andre als die, daß seine Tochter fast den ersten Augenblick seiner Abwesenheit benutzt habe, um mit einem jungen Geistlichen in der Nachbarschaft durchzugehen. Obgleich ihr Vater gegen denselben nur den einen Einwand haben konnte, daß er arm sei, so hatte sie es doch nicht für gerathen gehalten, ihm von ihrer Liebe etwas merken zu lassen, und dies war ihr denn auch so gut gelungen, daß er nicht das Geringste geahnt hatte. Sobald der alte Herr Nightingale diese Nachricht erhalten hatte, ließ er in seiner großen Bestürzung sogleich Extrapost bestellen, empfahl seinen Neffen einem Diener, und verließ das Haus, ohne eigentlich recht zu wissen, was er that und wohin er reisen wollte. Nachdem der Oheim abgereiset war und der Diener erschien, um den Neffen in das Bett zu bringen, zu diesem Zwecke ihn anredete und ihm endlich begreiflich machte, daß der Oheim abgereiset sei, weigerte sich der junge Nightingale die ihm gebotenen Dienste anzunehmen, sondern bestand darauf, daß man einen Tragsessel hole. Der Diener, der keinen Befehl zum Gegentheile erhalten hatte, erfüllte bereitwillig diesen Wunsch und Nightingale, der auf diese Weise nach Hause kam, wankte nach dem Zimmer unsres Freundes Jones, wie wir bereits erzählt haben. Da auf diese Weise das Hinderniß des Oheims beseitiget war (obgleich der junge Nightingale noch nicht wußte, wie), und Alle schnell sich bereit erklärten, die Mutter, Jones, Herr Nightingale und dessen Geliebte, so stiegen sie in einen Miethwagen und fuhren in den Gerichtshof Doctors' Commons, wo Anna bald zu einer ehrlichen Frau, die arme Mutter derselben aber, im reinsten Sinne des Wortes, zu einem der glücklichsten Geschöpfe unter der Sonne gemacht wurde. Sobald Jones der armen Frau und deren Familie 101 diesen letzten Freundschaftsdienst geleistet hatte, dachte er auch an seine eigenen Angelegenheiten; damit jedoch Einige meiner Leser seine Thorheit nicht tadeln, sich so mit den Angelegenheiten andrer Leute zu behelligen, oder Andre nicht glauben, er habe uneigennütziger gehandelt, als es wirklich der Fall war, müssen wir hier die Versicherung beifügen, daß er wirklich großes Interesse dabei hatte, jene Sache zu Ende zu bringen. Um dieses scheinbare Paradoxon mit einemmale zu erklären, brauchen wir nur anzuführen, daß er von sich mit Recht mit Horaz sagen konnte: Homo sum; humani nihil a me alienum puto . Er war bei dem Glücke oder Unglücke eines Andern niemals ein gleichgiltiger Zuschauer und fühlte das eine wie das andre in dem Verhältnisse wie er selbst dazu beitrug. Er konnte also unmöglich eine ganze Familie von dem tiefsten Elende zu der höchsten Freude erheben, ohne sich selbst einen hohen Genuß zu verschaffen, einen höhern Genuß als Weltmenschen sich oftmals durch die angestrengteste Arbeit oder durch die höchste Ungerechtigkeit erkaufen. Diejenigen Leser, welche einen gleichen Charakter haben, werden vielleicht der Meinung sein, dieses kurze Kapitel enthalte eine große Stoffmenge, während andre vielleicht wünschen, es möchte, so kurz es auch ist, ganz weggeblieben sein, da es zu dem Hauptplane doch nicht gehöre, der ihrer Meinung nach wahrscheinlich darin besteht, Jones an den Galgen oder, wo möglich, zu einer noch schlimmern Katastrophe zu bringen. 102 Neuntes Kapitel. Enthält Liebesbriefe verschiedener Art. Jones fand bei seiner Zurückkunft in seinem Zimmer folgende Briefe auf dem Tische, die er glücklicher Weise in der Ordnung erbrach, wie sie angekommen waren: Erster Brief. »Ich muß unter einem seltsamen Zauber stehen; es ist mir nicht möglich, meine Vorsätze, wie fest ich sie mir auch vorgenommen habe, wie begründet sie auch sein mögen, auch nur einen Augenblick festzuhalten. In der vergangnen Nacht nahm ich mir vor, Sie nicht wieder zu sehen; diesen Morgen bin ich bereit, Ihre Rechtfertigung anzuhören, wenn Sie eine solche bieten können, und doch weiß ich, daß es Ihnen unmöglich ist. Ich habe mir bereits alles gesagt, was Sie erdenken können, – vielleicht aber doch nicht; vielleicht ist Ihre Erfindungskraft stärker. Kommen Sie also zu mir, sobald Sie diesen Brief erhalten haben. Wenn Sie eine Entschuldigung ersinnen können, so verspreche ich Ihnen fest, sie zu glauben. – Auch hintergangen – ich will nicht mehr daran denken. Kommen Sie sogleich zu mir. Es ist dies der dritte Brief, den ich schreibe; die beiden erstern verbrannte ich, fast möchte ich auch diesen verbrennen. Gott erhalte mir meinen Verstand! Kommen Sie ja sogleich.« Zweiter Brief. »Wenn Sie wünschen, daß ich Ihnen verzeihen soll, wenn Sie nur in meinem Hause geduldet werden wollen, so kommen Sie augenblicklich zu mir.« Dritter Brief. »Ich überzeuge mich, daß Sie nicht zu Hause waren, als meine Briefe in Ihrer Wohnung anlangten. Sobald 103 Sie diesen erhalten, kommen Sie; ich werde mein Haus nicht verlassen, auch soll außer Ihnen Niemand vorgelassen werden. Gewiß kann Sie nichts länger zurückhalten.« Jones hatte eben diese drei Billets überlesen, als Nightingale in sein Zimmer trat. »Nun, Tom«, sagte er, »haben Sie Nachricht von der Lady Bellaston nach dem Abenteuer in voriger Nacht?« (Es war in dem Hause für Niemanden ein Geheimniß, wer die Dame war.) »Lady Bellaston!« antwortete Jones ganz ernsthaft. »Ja, lieber Tom«, entgegnete Nightingale, »halten Sie doch gegen Ihre Freunde nicht hinter dem Berge. Ob ich gleich vorige Nacht zu betrunken war, als daß ich sie hätte sehen können, so sah ich sie doch bei der Maskerade. Glauben Sie, ich wisse nicht, wer die Feenkönigin ist?« »Sie erkannten also die Dame bei der Maskerade wirklich?« fragte Jones. »Gewiß« antwortete Nightingale; »ich habe ja auch seitdem wohl zwanzigmale darauf angespielt, da Sie so zartfühlend in diesem Punkte waren, daß ich mit der Sprache nicht gerade herausgehen konnte. Es kommt mir aus diesem Grunde vor, als wären Sie mit dem Charakter dieser Dame weniger bekannt als mit ihrer Person. Nun, nun, bleiben Sie nur ruhig; Sie sind nicht der erste junge Mann, den sie verführt hat. Ihr Ruf kann nicht mehr leiden.« Obgleich Jones keine Ursache zu der Ansicht hatte, die Dame sei zu der Zeit, als seine Liebschaft mit ihr begann, eine Vestalin gewesen, so kannte er doch, weil er wenig Bekanntschaften in der Stadt hatte, den Charakter derjenigen Frauen noch nicht, welche unter dem Anscheine der Tugend mit jedem Manne intriguiren, der ihnen gefällt, und, wenn auch überzartfühlende Frauen keinen Umgang 104 mit ihnen haben, doch von der ganzen Stadt (wie man sich ausdrückt) besucht werden, kurz von denen Jedermann weiß, was sie sind, ohne daß sie so genannt werden.. Als er demnach fand, daß Nightingale mit seinem Verhältniß zu der Lady vollkommen bekannt und eine so ängstliche Delicatesse, wie er sie bis dahin beobachtet hatte, nicht so ganz nöthig sei, ersuchte er seinen Freund, rücksichtslos zu sagen, was er von der Dame wisse und gehört habe. Nightingale schwatzte sehr gern, weshalb er denn auf diese Aufforderung eine lange Erzählung von jener Dame begann, die wir aus Rücksichten nicht wiederholen können, da sie viele Einzelnheiten enthält, welche der Dame nicht eben zur Ehre gereichten. Jones, der alles, was Nightingale sagte, aufmerksam angehört hatte, seufzte endlich tief, worauf der andre bemerkte: »Sie sind verliebt? Hätte ich glauben können, daß meine Erzählung Sie unangenehm berührte, so würden Sie sie von mir nie gehört haben.« »Ach, lieber Freund«, antwortete Jones, »ich weiß nicht, wie ich mich von dieser Frau losmachen soll. Verliebt in sie? Nein, Freund; aber ich habe Verpflichtungen, große Verpflichtungen gegen sie. Da Sie einmal soviel wissen, will ich Ihnen nichts verheimlichen. Ihr allein habe ich es zu danken, daß es mir bisher nicht sogar an Brod gefehlt. Wie kann ich möglicherweise eine solche Frau verlassen? und doch muß ich mich losmachen von ihr, wenn ich nicht des schwärzesten Verrathes gegen eine Andre schuldig sein will, die ich mehr liebe, als Sie sich denken können. Ich weiß nicht, was ich thun soll.« »Ist die andere eine achtbare Dame?« fragte Nightingale. »Achtbar!« wiederholte Jones. »Kein Hauch hat ihren Ruf noch je getrübt. Die reinste Luft ist nicht reiner, der klarste Bach nicht heller als ihre Ehre; sie ist an 105 Körper wie an Seele die höchste Vollkommenheit, das schönste Geschöpf auf Gottes Erde, besitzt aber so edele, so erhabene Tugenden, daß, obwohl sie fast nie aus meinen Gedanken kommt, ich kaum je an ihre Schönheit denke, außer wenn ich sie sehe.« »Und Sie können, lieber Freund, einen Augenblick zweifelhaft sein, sich loszureißen von einer . . .« »Still!« fiel Jones ein, »schmähen Sie die Dame nicht mehr; ich will nicht für undankbar gelten.« »Bah!« antwortete Nightingale, »Sie sind nicht der erste, dem sie solche Verbindlichkeiten auferlegt hat. Sie ist in hohem Grade freigebig, wie es ihr beliebt, wenn sie auch ihre Gunstbezeugungen so klug vertheilt, daß sie den Empfänger mehr eitel als dankbar machen können.« Kurz, Nightingale erzählte seinem Freunde so viele Geschichtchen von der Dame, deren Aechtheit er verbürgte, daß er alle Achtung gegen sie aus dem Herzen unseres Jones vertrieb. In gleichem Verhältnisse nahm dabei natürlich auch seine Dankbarkeit ab. Er fing an, alles das, was er von der Dame erhalten, mehr für Bezahlung als für Wohlthaten anzusehen, was nicht blos sie, sondern auch ihn herabsetzte. Ein ganz natürlicher Vergleich führte ihn zu Sophien zurück, deren Tugend, Reinheit und Liebe zu ihm, so wie ihre Leiden seinetwegen alle seine Gedanken in Anspruch nahmen und ihm den Umgang mit der Lady Bellaston nur noch gehässiger erscheinen ließen. Die Folge davon war, daß, ob er gleich durch die Aufkündigung seines Dienstes – denn als solchen sah er jetzt sein Verhältniß zu ihr an – sein Brod verlieren mußte, er sich doch fest vornahm; sie zu verlassen, wenn sich nur ein guter Vorwand dafür auffinden lasse. Er theilte dies seinem Freunde mit, der eine kurze Zeit lang nachdachte und endlich sagte: »ich habe es! Ich habe ein sicheres Mittel gefunden; schlagen Sie ihr 106 eine Heirath vor und ich will mich hängen lassen, wenn Sie Ihren Zweck nicht erreichen.« »Eine Heirath?« wiederholte Jones. »Ja, schlagen Sie ihr eine Heirath vor,« antwortete Nightingale, »und sie wird selbst augenblicklich mit Ihnen brechen. Ich kenne einen jungen Mann, den sie sich sonst hielt, der ihr im Ernst diesen Antrag machte und sogleich von ihr entlassen wurde.« Jones meinte, er wage es nicht, diesen Versuch zu machen. »Vielleicht,« sagte er, »verletzt sie ein solcher Antrag von einem Manne weniger als von einem andern. Wenn sie mich nun beim Worte nähme; was dann? Ich wäre in meiner eigenen Schlinge gefangen und für immer verloren.« »Keinesweges,« antwortete Nightingale, »wenn ich Ihnen ein Mittel angeben kann, das Ihnen jeder Zeit aus der Schlinge wieder heraushelfen wird.« »Welches Mittel wäre das?« »Nun, der junge Mann, den ich erwähnte und der mein vertrautester Freund ist, haßt sie wegen einiger bösen Streiche, die sie ihm seitdem gespielt hat, so sehr, daß er Ihnen gewiß ohne Umstände ihre Briefe an ihn zeigen würde. Darauf können Sie ganz anständig mit ihr brechen, bevor Sie völlig gebunden werden, wenn sie einwilligen sollte, sich binden zu lassen, was ich noch sehr bezweifele.« Nach einiger Zögerung willigte denn Jones endlich ein, da er aber versicherte, die Keckheit nicht zu besitzen, ihr mündlich den Antrag zu machen, so schrieb er folgenden Brief, den ihm Nightingale dictirte: »Madame, »Es thut mir unendlich leid, durch Abwesenheit gehindert worden zu sein, Ihre Befehle sogleich nach Ankunft derselben erfüllen zu können und die Zögerung, die ich mir auferlegen 107 muß, bevor ich mich vor Ihnen rechtfertige, erhöhet mein Unglück noch bedeutend. Ach, Lady Bellaston, wie sehr habe ich mich geängstiget, wie sehr habe ich gefürchtet, Ihr Ruf könne durch jene unseligen Vorfälle leiden! Es giebt nur einen Weg, dies zu verhindern. Ich brauche ihn nicht zu nennen. Erlauben Sie mir nur zu sagen, daß mir Ihre Ehre so theuer ist als meine eigene und mein ganzer Ehrgeiz nur dahin geht, Ihnen meine Freiheit zu Füßen zu legen. Glauben Sie mir die Versicherung, daß ich nie völlig glücklich sein werde, wenn Sie mir nicht edelsinnig das Recht verleihen, Sie für immer die Meinige zu nennen. Ich bin, Madame,         mit der tiefsten Verehrung         Ihr             dankbarer und ganz ergebener Diener,           Thomas Jones.«         Gleich darauf sandte die Dame folgende Antwort. »Mein Herr, »Wenn ich Ihren ernsten Brief überlese, könnte ich der Fülle und Förmlichkeit nach schwören, Sie besäßen das gesetzliche Recht schon, welches Sie erwähnen und wir hätten sogar schon Jahre lang jenes monströse Ungethüm gebildet, welches man ein Ehepaar nennt. Halten Sie mich wirklich für eine Thörin? oder glauben Sie im Stande zu sein, mich dahin zu überreden, Ihnen mein ganzes Vermögen zur Verfügung zu stellen, damit Sie Ihre Vergnügungen auf meine Kosten genießen können? Sind dies die Beweise der Liebe, welche ich erwartete? Ist dies die Vergeltung für – doch ich will Sie nicht schelten und bewundere sehr Ihre tiefste Verehrung.« NS. »Ich bin verhindert, den Brief nochmals 108 durchzusehen. Vielleicht habe ich mehr gesagt als ich wollte. Kommen Sie heute Abend um acht Uhr zu mir.« Jones antwortete mit Beihülfe seines geheimen Rathes: »Madame, »Ich vermag Ihnen nicht auszudrücken, wie sehr mich der Verdacht verletzt, den Sie von mir hegen. Kann Lady Bellaston einem Manne ihre Gunst geschenkt haben, den sie eines so gemeinen und niedrigen Planes für fähig hält, oder kann sie den feierlichsten Bund der Liebe mit Verachtung behandeln? Können Sie glauben, daß, wenn meine übergroße Liebe in einem unbewachten Augenblicke die Achtung vergaß, welche ich Ihrer Ehre schuldig bin, ich den Gedanken zu hegen vermag, ein Verhältniß fortzusetzen, das vor den Augen der Welt nicht lange verborgen bleiben kann, und, wenn es bekannt würde, Ihrem Rufe verderblich sein müßte? Wenn Sie eine solche Meinung von mir hegen, so muß ich den Himmel bitten, mir es bald möglich zu machen, die Geldunterstützungen zurückzahlen zu können, die ich leider von Ihnen empfangen habe; für die zärtlichen Beweise Ihrer Gunst werde ich stets verbleiben Ihr . . .« Und er schloß genau mit denselben Worten, deren er sich zum Schlusse des ersten Briefes bedient hatte. Die Dame antwortete, wie folgt: »Ich sehe, daß Sie ein schlechter Mensch sind und verachte Sie aus Herzensgrunde. Wenn Sie zu mir kommen, werde ich nicht zu Hause sein.« Obgleich Jones sich freuete, sich aus Fesseln befreit zu sehen, welche diejenigen, die sie getragen haben, gewiß nicht für die leichtesten halten, so war ihm doch nicht ganz wohl zu Muthe. Es lag in dem Verfahren, dessen er sich bediente, zu viel Falschheit, als daß es einen Menschen befriedigen konnte, der jede Art von Trug und Unredlichkeit haßte; auch würde er sich nicht herabgelassen haben, einen solchen 109 Weg einzuschlagen, hätte er sich nicht in einer Lage befunden, in welcher er sich einer Unehrenhaftigkeit gegen die eine oder die andere Dame schuldig machen mußte, und der Leser giebt gewiß zu, daß alles zu Gunsten Sophiens sprach. Nightingale seiner Seits freuete sich über das Gelingen seiner List, für die ihm sein Freund dankte. Er antwortete darauf: »Lieber Tom, wir haben einander verschiedene Dienste erzeigt, mir verdanken Sie die Wiedererlangung Ihrer Freiheit, und ich danke Ihnen den Verlust der meinigen. Sind Sie aber so glücklich im Besitze der Freiheit wie ich im Entbehren derselben, so sind wir die beiden glücklichsten Menschen in England.« Beide wurden gleich daraus zum Essen hinuntergerufen, wo Mad. Miller ihre ganze Kochkunst aufgeboten hatte, die Hochzeit ihrer Tochter zu feiern. Dieses erfreuliche Ereigniß schrieb sie hauptsächlich der freundschaftlichen Verwendung unseres Jones zu; ihre ganze Seele war so erfüllt von Dankbarkeit gegen ihn und sie bot alle ihre Blicke, Worte und Handlungen so eifrig auf, dieselbe auszudrücken, daß sie ihre Tochter und selbst ihren Schwiegersohn darüber ganz vernachlässigte. Man war eben von Tische aufgestanden, als Mad. Miller einen Brief erhielt; da wir indeß in diesem Kapitel schon Briefe genug gehabt haben, so wollen wir den Inhalt des letzteren in dem nächsten mittheilen. 110 Zehntes Kapitel. Besteht theils aus Ereignissen, theils aus Bemerkungen über dieselben. Der Brief, welcher zu Ende des letzten Kapitels ankam, war von Herrn Allworthy, meldete dessen unmittelbare Ankunft in London zugleich mit seinem Neffen Blifil und äußerte den Wunsch, in dem Hause seine gewöhnliche Wohnung zu finden. Die Fröhlichkeit, welche sich im Anfange auf dem Gesichte der armen Frau ausgedrückt hatte, wurde durch den Schluß etwas getrübt, denn die Anzeige kam ihr sehr ungelegen. Auf der einen Seite schien es sich doch nicht im mindesten rechtfertigen zu lassen, wenn sie ihrem Schwiegersohne sogleich die Thüre wies, auf der andern Seite mochte sie aber auch keine Entschuldigung gegen Herrn Allworthy vorbringen, nachdem sie so viele Wohlthaten von ihm genossen hatte und zumal da die Wohnung ihm eigentlich zukam; denn der Mann handelte bei der Vertheilung seiner zahlreichen Wohlthaten ganz und gar anders als die meisten andern wohlthätigen Personen. Er bemühete sich stets, seine Wohlthaten nicht blos vor der Welt, sondern selbst vor den Empfängern geheim zu halten. Er sprach immer von Darleihen und Bezahlen statt von Geben und verringerte auf jede Weise, die er zu ersinnen vermochte, durch die Zunge die Wohlthaten, die er erzeigte, während er sie mit beiden Händen austheilte. So hatte er denn auch, als er der Mad. Miller die Pension von 300 Thlrn. aussetzte, gesagt, es sei dafür, daß er immer das erste Stockwerk für sich bereit finde, wenn er in die Stadt komme (was aber gar nicht in seiner Absicht lag); in der übrigen Zeit möchte 111 sie es immer vermiethen, denn er würde ihr immer einen Monat vorher seine Ankunft melden. Jetzt wurde er so schnell nach der Stadt gerufen, daß er nicht Zeit hatte, so lange vorher die Anzeige zu machen; diese Eile hatte ihn wahrscheinlich auch verhindert, in Bezug auf die Wohnung hinzuzusetzen, »wenn sie leer ist,« denn verdrängen wollte er gewiß Niemanden. Es giebt eine gewisse Art von Leuten, die, wie Prior sagt, ihr Verhalten nach etwas richten, »das jenseits der festen Regeln von Tugend und Laster, jenseits des Buchstabens des Gesetzes liegt.« Diesen genügt es nicht, durch ihre Vertheidigung vor Gericht losgesprochen zu werden; ihr Zartgefühl läßt sich nur durch ehrenwerthes und billiges Handeln befriedigen und wenn einer ihrer Schritte hinter diesem Ziele zurückbleibt, so sind sie ängstlich und unruhig wie ein Mörder, der sich vor einem Geiste oder vor dem Henker fürchtet. Mad. Miller gehörte zu diesen Leuten. Sie konnte ihre Unruhe nicht verbergen, Jones aber erlösete sie sogleich aus ihrer Angst, sobald er von dem Inhalte des Briefes Kenntniß erhalten hatte. »Meine Wohnung,« sagte er, »steht Ihnen augenblicklich zur Verfügung und Herr Nightingale wird, davon bin ich überzeugt, bis er ein Haus für sich hat völlig einrichten können, in seine neue Wohnung zurückkehren, wohin Mad. Nightingale ihn gewiß gern begleitet.« Mann und Frau erklärten sich mit diesem Vorschlage sogleich einverstanden. Der Leser wird gern glauben, daß die Wangen der Mad. Miller von noch höherem Dankgefühle gegen Jones erglüheten, schwerer aber läßt er sich vielleicht davon überzeugen, daß Herr Jones dadurch, daß er ihre Tochter Mad. Nightingale nannte (es war das erste Mal, daß dieser angenehme Ton ihr Ohr berührte), der zärtlichen Mutter 112 größere Genugthuung bereitete und ihr Herz mehr gegen ihn erwärmte als dadurch, daß er ihre gegenwärtige Verlegenheit beseitigte. Man bestimmte den nächsten Tag für den Auszug des neu verheiratheten Paares und des Herrn Jones, der in demselben Hause ein Unterkommen finden sollte. Nachdem so die Heiterkeit der Gesellschaft wieder hergestellt war, verbrachte man den Tag sehr vergnügt, mit Ausnahme unseres Jones, der zwar äußerlich in die Heiterkeit der Uebrigen mit einstimmte, im Herzen aber bitteres Leid empfand wegen seiner Sophie, das nicht wenig verschlimmert wurde durch die Nachricht von der Ankunft Blifils (deren Zweck er leicht errieth), sowie durch den Umstand, daß Mamsell Honour, die sich nach Sophien zu erkundigen und ihm bald Nachricht zu geben versprochen, nicht Wort gehalten hatte. Bei der Lage, in welcher er und seine Geliebte sich befanden, war kaum noch ein Grund zu der Hoffnung vorhanden, daß er günstige Nachrichten erhalten würde; dennoch sehnte er sich sehr, Mamsell Honour zu sehen, als hätte er erwartet, sie würde ihm einen Brief von Sophien mit der Einladung überbringen, sie an einem gewissen Orte zu besuchen. Ob seine Ungeduld aus jener natürlichen Schwäche der menschlichen Seele entsprang, die den Wunsch erzeugt, auch das Schlimmste zu erfahren, und die Ungewißheit zu der unerträglichsten Pein macht, oder ob er sich noch immer im Stillen mit Hoffnungen schmeichelte, wollen wir nicht bestimmen. Daß wohl das Letztere stattfand, weiß jeder, der geliebt hat, denn von allen Gewalten, welche die Leidenschaft über uns ausübt, ist die wunderbarste jene, die Hoffnung noch mitten in der Verzweiflung aufrecht zu erhalten. Schwierigkeiten, Unwahrscheinlichkeiten, ja Unmöglichkeiten werden von ihr gänzlich übersehen, so daß man 113 das, was Addison von Cäsar sagt, auf jeden leidenschaftlich Liebenden anwenden kann: »Die Alpen und die Pyrenäen sinken »Vor ihm zusammen!« Dennoch ist es gleich wahr, daß dieselbe Leidenschaft bisweilen aus Maulwurfshügeln Berge macht und Verzweiflung mitten in der Hoffnung erregt; aber solche Anfälle dauern bei guten Constitutionen nicht lange. In welcher Stimmung sich Jones jetzt befand, mögen die Leser errathen, da wir keine genaue Kunde davon haben; gewiß ist nur so viel, daß er zwei ganze Stunden in gespannter Erwartung verbrachte und, als er seine Unruhe nicht länger verbergen konnte, sich in sein Zimmer begab, wo er fast wahnsinnig geworden war, als er folgenden Brief von Mamsell Honour erhielt: »Mein Herr, »Ich würde gewiß nach meinem Versprechen zu Ihnen gekommen sein, wäre ich nicht durch die gnädige Frau abgehalten worden; Sie wissen, daß jede Person zuerst ihre Sache verrichten muß und Sie werden mir also keinen Vorwurf daraus machen. Die gnädige Frau ist die gnädigste Frau und die beste Frau, und wer es anders sagt, muß ein sehr schlechter Mensch sein. Wenn ich etwas der Art gesagt haben sollte, werden Sie es nicht weiter erzählen, um ein armes Mädchen nicht zu Schaden zu bringen, die immer die größte Achtung für Sie gehabt hat. Man sollte immer sein Maul halten, denn es weiß Niemand, was geschehen kann, und wenn mir gestern Jemand gesagt hätte, ich würde heute einen so guten Dienst haben, ich hätte es nicht geglaubt, denn ich habe nicht im Traume daran gedacht und es ist nicht meine Art, andere Leute zu verdrängen, da aber die gnädige Frau mir von freien Stücken den Dienst antrug, so kann mich Niemand tadeln, 114 daß ich ihn annahm. Ich bitte Sie, nichts von dem zu erwähnen, was ich gesagt habe, denn ich wünsche Ihnen alles Glück in der Welt und ich zweifele nicht daran, daß Sie das Fräulein noch bekommen werden. Ich für meine Person kann Ihnen freilich in dieser Sache nicht mehr dienen, da ich in andern Diensten bin. Ich bitte Sie, sagen Sie nichts von dem, was geschehen ist, und glauben Sie, daß ich bin Ihre ergebene Dienerin bis in den Tod Honour Blackmore.«         Jones erschöpfte sich in Vermuthungen über diesen Schritt der Lady Bellaston, die indessen kaum eine andere Absicht hatte, als sich der Mitwisserin eines Geheimnisses zu versichern, welches sie nicht weiter, als bereits geschehen, bekannt werden lassen wollte; hauptsächlich wünschte sie, dasselbe vor Sophien zu bewahren, denn obgleich diese fast die einzige war, welche es nicht weiter erzählt haben würde, so konnte dies Lady Bellaston doch nicht glauben. Sie haßte die arme Sophie auf das Heftigste und Unversöhnlichste und vermuthete einen gleichen Haß gegen sich in dem Herzen unserer Heldin, in das eine solche Leidenschaft noch keinen Eingang gefunden hatte. Während Jones sich mit der Furcht vor tausend schrecklichen Machinationen und tiefangelegten Plänen ängstigte, welche seiner Meinung nach der Aufnahme der Mamsell Honour in den Dienst der Lady zu Grunde liegen mußten, versuchte das Geschick, das bisher seiner Verbindung mit Sophien völlig entgegen gewesen zu sein schien, eine neue Art, dieselbe ganz zu beseitigen, indem es ihm eine Versuchung in den Weg führte, der er bei seiner jetzigen verzweifelten Lage kaum widerstehen zu können schien. 115 Elftes Kapitel. Enthält merkwürdige und beispiellose Dinge. Es gab eine Frau, eine gewisse Mad. Hunt, die Jones oft in dem Hause gesehen hatte, in welchem er wohnte, da sie die Frauenzimmer dort gut kannte und eine Freundin der Mad. Miller war. Sie stand etwa in dem dreißigsten Jahre, da sie selbst ihr Alter auf sechsundzwanzig Jahre angab; ihr Gesicht und ihre ganze Person war gefällig, ob sie gleich eine Neigung hatte, zu stark zu werden. Sie war durch ihre Verwandten sehr jung mit einem Kaufmanne verheirathet worden, der sich mit einem großen Vermögen zur Ruhe gesetzt hatte. Sie lebte mit ihm ohne Tadel, wenn auch nicht ohne Pein, in großer Selbstverläugnung, vielleicht zwölf Jahre lang, und ihre Tugend wurde endlich dadurch belohnt, daß er starb und ihr ein großes Vermögen hinterließ. Eben war das erste Jahr ihres Wittwenstandes abgelaufen, das sie sehr zurückgezogen verbracht, da sie nur einige vertraute Freundinnen besucht und ihre Zeit zwischen ihrer Frömmigkeit und der Romanlectüre getheilt hatte, die sie sehr liebte. Eine sehr gute Gesundheit, eine sehr warme Constitution und ein guter Theil Religiosität machten es ihr durchaus nothwendig, sich wieder zu verheirathen; sie nahm sich aber vor, durch den zweiten Mann sich selbst ein Vergnügen zu machen, wie sie es durch die Verbindung mit dem ersten ihren Verwandten gemacht hatte. Von ihr erhielt denn Jones folgendes Schreiben: »Mein Herr, »Von dem ersten Tage an, da ich Sie gesehen, haben 116 Ihnen meine Augen ohne Zweifel nur zu deutlich gesagt, daß Sie mir nicht gleichgültig sind, aber weder meine Zunge noch meine Hand würden es jemals gestanden haben, hätten mir nicht die Damen der Familie, bei welcher Sie wohnen, so viele Beweise von Ihrer Tugend und Herzensgüte gegeben, die mich überzeugten, daß Sie nicht blos der angenehmste, sondern auch der würdigste Mann sind. Auch höre ich mit Vergnügen von jenen meinen Freundinnen, daß Ihnen weder meine Person, noch mein Verstand und mein Character zuwider ist. Ich besitze ein Vermögen, das hinreicht, uns beide glücklich zu machen, welches aber für sich allein, ohne Sie, zu meinem Glücke nicht gnügt. Ich weiß, daß ich mich durch diesen meinen Antrag dem Tadel der Welt aussetze, wenn ich aber Sie nicht mehr liebte als ich den Tadel der Welt fürchte, würde ich Ihrer nicht würdig sein. Nur eine Schwierigkeit stellt sich mir noch entgegen, ich höre nämlich, daß Sie in einem Liebesverhältnisse mit einer vornehmen Dame stehen. Wenn Sie es der Mühe werth halten, dieses Verhältniß meinem Besitze aufzuopfern, so bin ich die Ihrige; wenn nicht, so vergessen Sie meine Schwäche und lassen Sie dieselbe für immer ein Geheimniß bleiben zwischen Ihnen und Arabella Hunt.«             Dieser Brief versetzte Jones in eine gewaltige Verlegenheit. Sein Vermögen war damals gerade in der tiefsten Ebbe, da die Quelle verstopft war, aus welcher er es bis dahin erhalten hatte. Von allem, was er von der Lady Bellaston erhalten, waren ihm nicht mehr als fünf Guineen übrig geblieben und noch denselben Morgen hatte ihn ein Handwerker wegen einer doppelt so großen Summe gemahnt. Seine Geliebte befand sich in der Gewalt ihres Vaters und kaum durfte er hoffen, sie wieder aus derselben zu befreien. Unterstützung von ihr aus dem geringen 117 Vermögen zu erhalten, das sie unabhängig von ihrem Vater besaß, widersprach dem Zartgefühle seines Stolzes und seiner Liebe. Das Vermögen der Wittwe, die ihm ihre Hand antrug, würde ihm höchst angenehm gewesen sein und auch gegen sie selbst hatte er durchaus keine Einwendung zu machen. Im Gegentheile, sie gefiel ihm so gut, als ihm ein anderes Frauenzimmer außer Sophien gefallen konnte. Aber Sophien zu verlassen und eine Andere zu heirathen, war ihm nicht möglich; er vermochte dies gar nicht zu denken. Warum aber sollte er es nicht thun, da sie doch offenbar nicht die Seinige werden konnte? Würde es nicht freundlicher gegen sie sein, als wenn er sie noch länger in der hoffnungslosen Liebe zu ihm ließ? Mußte er es nicht aus Freundschaft gegen sie thun? Dieser Gedanke herrschte einige Augenblicke vor und er hatte sich fast vorgenommen, aus einer Art Ehrgefühl ungetreu gegen sie zu werden; aber die Selbsttäuschung konnte vor der Stimme der Natur nicht lange bestehen, die in seinem Herzen sprach, eine solche Freundschaft sei Verrath an der Liebe. Endlich verlangte er Feder, Tinte und Papier und schrieb wie folgt an Mad. Hunt: »Madame, »Es würde nur eine geringe Vergeltung für die Gunst sein, die Sie mir erzeugt haben, ein galantes Verhältniß Ihrem Besitze zu opfern, auch würde ich es sicherlich thun, aber ich bin für den Augenblick von jeder solchen Verbindung frei. Ich würde indeß der redliche Mann nicht sein, für den Sie mich halten, wenn ich Ihnen nicht sagte, daß mein Herz einer Andern gehört, einem tugendhaften Mädchen, das ich nicht aufgeben kann, ob ich es gleich höchst wahrscheinlich niemals besitzen werde. Gott verhüte, daß ich Ihnen zur Vergeltung für Ihre Güte gegen mich ein solches Unrecht thäte, Ihnen meine Hand zu geben, da ich 118 Ihnen mein Herz nicht geben kann. Nein, lieber will ich verhungern, als mich dessen schuldig machen. Selbst wenn meine Geliebte sich mit einem Andern verbände, würde ich Sie nicht heirathen, bevor nicht ihr Bild gänzlich aus meinem Herzen verlöscht ist. Halten Sie sich überzeugt, daß Ihr Geheimniß in Ihrem eigenen Herzen nicht sicherer ruht, als in dem Ihres dankbaren und ergebenen Th. Jones.«         Als unser Held diesen Brief beendet und abgesandt hatte, trat er an sein Schreibpult, nahm den Muff des Fräulein Western heraus, küßte ihn mehrmals und ging mit höherer Selbstzufriedenheit in seinem Zimmer auf und ab, als ein Irländer, der ein Vermögen von funfzigtausend Pfund in der Tasche trägt. Zwölftes Kapitel. Partridge macht eine Entdeckung. Während Jones sich an dem Bewußtsein einer edeln That erfreute, hüpfte Partridge in das Zimmer, wie es seine Gewohnheit war, wenn er eine gute Nachricht brachte oder zu bringen glaubte. Jones hatte ihn den Morgen mit dem Auftrage ausgesandt, durch die Dienstleute der Lady Bellaston oder auf irgend einem andern Wege auszukundschaften, wohin Sophie gebracht worden sei; jetzt kam er zurück und sein freudestrahlendes Gesicht deutete unserm Helden an, daß er das verlorene Lamm gefunden. »Ich habe den schwarzen Georg, den Jäger, gesehen, den der Squire mit in die Stadt gebracht hat. Ich erkannte 119 ihn sogleich, ob ich ihn gleich seit mehreren Jahren nicht gesehen habe. Sie wissen, er ist ein sehr ausgezeichneter Mann, oder vielmehr ein Mann, der sich durch einen auffallenden Bart auszeichnet, den größten und schwärzesten, den ich jemals gesehen habe. Dagegen dauerte es eine Zeit lang, ehe der schwarze Georg mich erkannte.« »Aber die guten Nachrichten? was weißt Du von meiner Sophie?« »Das sollen Sie sogleich erfahren,« antwortete Partridge, »ich gelange so schnell als möglich zu diesem Punkte. Sie sind so ungeduldig, daß Sie zu dem Infinitiv schreiten, ehe Sie den Imperativ gehabt haben. Also wie ich sagte, es dauerte eine Zeit lang, ehe er sich meiner erinnerte.« »Hol Dich der Geier! was von meiner Sophie?« »Ja, Herr,« antwortete Partridge, »von dem Fräulein weiß ich nicht mehr, als ich eben erzählen wollte; ich würde Ihnen dies bereits gesagt haben, hätten Sie mich nicht immer unterbrochen. Wenn Sie mich so zornig ansehen, werde ich vor Angst und Schrecken Alles vergessen. Ich habe Sie nie so verdrüßlich gesehen seit dem Tage, als wir Upton verließen, an den ich immer denken werde und sollte ich noch tausend Jahre leben.« »So geh' denn Deinen eigenen Weg, da Du einmal entschlossen bist, wie ich sehe, mich zum Wahnsinn zu treiben.« »Um alles in der Welt möcht' ich das nicht,« entgegnete Partridge, »ich habe darum schon so Vieles gelitten.« »Nun aber der schwarze Georg?« »Wie ich sagte, es dauerte ziemlich lange, ehe er sich meiner erinnerte, da ich mich sehr verändert habe, seit ich ihn gesehen. Non sum qualis eram . Ich habe manches Leid erfahren in der Welt und nichts verändert einen Menschen so sehr als Gram und Kummer. Wie ich gehört habe, 120 kann sich das Haar eines Menschen in Folge davon in einer Nacht grau färben. Indessen endlich erkannte er mich, denn wir stehen beide in einem Alter und besuchten eine und dieselbe Armenschule miteinander. Georg war ein ungeheurer Dummkopf, doch davon ist jetzt die Rede nicht; es können nicht alle in der Welt Gelehrte werden und selbst die, welche es werden, bringen es oft nicht weit. Ich habe wohl Ursache, darüber zu reden, aber es wird in tausend Jahren noch eben so sein. Wo war ich? – Ach ja – wir hatten einander kaum erkannt und die Hände gedrückt, als wir übereinkamen, in ein Bierhaus zu treten und einen Krug zu leeren. Glücklicher Weise war auch das Bier dort das beste, das ich gefunden habe, seit ich in der Stadt bin. Jetzt komme ich zur Hauptsache. Kaum hatte ich Ihren Namen genannt und erzählt, daß Sie und ich miteinander in die Stadt gekommen wären und seitdem bei einander gelebt hätten, als er noch einen Krug bestellte, um ihn auf Ihre Gesundheit zu leeren. Er trank auch wirklich auf Ihre Gesundheit so theilnehmend, daß ich mit großer Freude sah, wie es doch in der Welt noch dankbare Herzen giebt. Nachdem wir diesen Krug geleert, bestellte ich einen dritten und den tranken wir ebenfalls auf Ihre Gesundheit, dann eilte ich nach Hause, um Ihnen die Nachricht zu erzählen.« »Welche Nachricht?« fragte Jones. »Von Sophien hast Du kein Wort erwähnt.« »Nun ja, das hätte ich beinahe vergessen! Wir sprachen viel von Fräulein Western, und Georg sagte mir alles und daß Herr Blifil in die Stadt gekommen ist, um sie zu heirathen. Da muß er sich dazu halten, sagte ich, sonst bekommt sie ein anderer, und wirklich, sagte ich, Seagrim, es ist Jammerschade, daß dieser andere sie nicht bekommen soll, da er sie gewiß mehr liebt als alle andern Mädchen. Es wäre gut, wenn Du und sie und Alle wüßten, daß er 121 sie nicht ihres Vermögens wegen liebt, denn ich kann versichern, daß, was das betrifft, eine andere noch viel vornehmere und viel reichere Dame so verliebt in den andern ist, daß sie ihn bei Tage und in der Nacht besucht.« Jones wurde darüber sehr böse, Partridge aber entgegnete, er habe ja keine Namen genannt, und überdies kann ich versichern, daß Georg aufrichtig Ihr Freund ist und den Herrn Blifil mehr als einmal zum Teufel wünschte; er sagte sogar, er würde alles für Sie thun, was in seinen Kräften stehe und ich bin überzeugt, daß er es thut. Ich zweifele sehr, ob Sie einen bessern Freund haben auf Erden als Georg, mich ausgenommen.« »Nun,« entgegnete Jones, ein wenig besänftiget, »der Mensch, der allerdings wohl Ursache haben mag, mein Freund zu sein, wohnt in einem und demselben Hause mit Sophie?« »In demselben!« antwortete Partridge, »er ist ja ein Diener der Familie und sehr gut gekleidet, kann ich Ihnen sagen. Hätte er seinen großen schwarzen Bart nicht gehabt, ich würde ihn nicht wieder erkannt haben.« »Einen Dienst kann er mir sicherlich leisten,« sagte Jones, »nämlich meiner Sophie einen Brief von mir übergeben.« »Richtig!« rief Partridge. »Warum bin ich nicht sogleich darauf gekommen! Er thut es gewiß auf's erste Wort.« »So verlaß mich jetzt, ich will einen Brief schreiben, den Du ihm dann morgen früh übergiebst. Du weißt ihn jedenfalls zu finden?« »O ja, Herr,« antwortete Partridge, »ich werde ihn gewiß wieder finden. Das Bier war zu gut, als daß er lange davon wegbleiben könnte. Ich hoffe, daß er jeden Tag, so lange er in der Stadt bleibt, in jenem Bierhause zu finden ist.« 122 »Du weißt also nicht einmal die Straße, in welcher meine Sophie wohnt?« fragte Jones. »O ja, das weiß ich.« »Wie heißt die Straße?« »Wie sie heißt? Nun die Straße gleich hier,« antwortete Partridge, »die zweite oder dritte von uns. Den Namen weiß ich nicht, und da er ihn nicht nannte, so würde ich, wenn ich darnach gefragt, Argwohn in ihm geweckt haben. Nein, nein, lassen Sie nur mich machen. Bin ich nicht schlau genug?« »Freilich bist Du ungeheuer schlau,« entgegnete Jones, »und ich werde also an die Geliebte schreiben, weil ich Dich für so schlau halte, daß Du den schwarzen Georg morgen früh in dem Bierhause finden wirst.« Er entließ Partridge und setzte sich hin, um zu schreiben. Bei dieser Beschäftigung wollen wir ihn für einige Zeit verlassen und zugleich das funfzehnte Buch schließen. 123 Sechszehntes Buch. umfaßt einen Zeitraum von fünf Tagen. Erstes Kapitel. Ueber Prologe. Ein Bühnendichter soll häufig geäußert haben, er schreibe lieber ein ganzes Stück als einen Prolog; ich bin derselben Meinung und glaube, mit geringerer Mühe ein ganzes Buch dieser Geschichte als eines der einleitenden Kapitel schreiben zu können. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so glaube ich, daß schon mancher kräftige Fluch gegen den Dichter ausgesprochen worden ist, der zuerst auf den Einfall kam, seinem Stücke einen sogenannten Prolog vorausgehen zu lassen, der anfangs zu dem Stücke selbst gehörte, später aber mit dem Drama, vor welchem er stand, so wenig Verbindung hatte, daß man sich des Prologes zu dem einen Stücke für alle übrigen bedienen könnte. Die neuen Prologe scheinen sich alle um dieselben drei Puncte zu drehen, nämlich um einen Mißbrauch des Geschmackes in der Stadt, eine Verdammung aller gleichzeitiger Dichter und einen Lobpsalm über die bevorstehende Darstellung. Die Ansichten in allem diesem sind sehr wenig verschieden und sie können es möglicherweise auch 124 nicht sein: ich habe mich sogar oft über die große Erfindungsgabe einiger Dichter gewundert, welche verschiedene Ausdrücke für einen und denselben Gegenstand ausfindig zu machen vermochten. Ebenso wird, fürchte ich, ein zukünftiger Geschichtschreiber (wenn mir Einer die Ehre anthut, meine Art nachzuahmen), nachdem er sich bedenklich hinter den Ohren gekratzt, einige gute Wünsche für mich aussprechen dafür, daß ich zuerst diese Anfangskapitel aufgebracht habe, von denen die meisten, wie die neueren Prologe, eben so gut vor jedem andern Buche stehen können, als vor dem, das sie einleiten, ja sogar vor jeder andern Geschichte. Wie unangenehm indessen auch eine dieser Erfindungen den Dichtern sein mag, so wird der Leser doch Vergnügen an der einen finden, wie der Zuschauer lange Vergnügen an der andern gefunden hat. Erstlich giebt bekanntlich der Prolog dem Kritiker Gelegenheit, seine Kraft im Zischen und Pfeifen zu üben. Eben denselben Vortheil mögen auch diese Kapitel gewähren, in denen der Kritiker gewiß immer etwas findet, das seinem Geiste als Reiz dienen kann, so daß er sodann mit größerer Tadelsucht über die Geschichte selbst herfällt. Ich brauche gar nicht zu bemerken, wie kunstvoll diese Kapitel für diesen vortrefflichen Zweck eingerichtet sind, denn wir haben dafür gesorgt, in dieselben immer etwas Saures oder Scharfes zu legen, welches die erwähnte Tadelsucht zu reizen vermag. Der träge Leser wie der träge Zuschauer findet ferner in beiden einen großen Vortheil, denn da sie weder die Kapitel lesen, noch den Prolog anzuhören brauchen, so können sie ein Viertelstündchen länger bei Tische sitzen und ein oder ein Paar Blätter bei jedem Buche der Geschichte überschlagen, was nichts geringes für Personen ist, welche 125 Bücher nur zu dem Zwecke lesen, um sagen zu können, sie hätten sie gelesen. Es giebt noch viele andere Vortheile, die sich aus diesen ergeben, sie liegen aber meist so offen vor Aller Augen, daß wir uns mit Ihrer Aufzählung nicht aufhalten wollen, zumal da uns einfällt, wie der Hauptvorzug des Prologes und der Vorrede darin besteht, daß sie kurz sind. Zweites Kapitel. Ein komisches Abenteuer, welches den Squire betraf und die unglückliche Lage Sophiens. Wir müssen jetzt den Leser in die Wohnung des Herrn Western in Piccadilly begleiten, wohin ihn der Wirth von den »Säulen des Hercules« gewiesen, in welchem Gasthause, dem ersten, das er bei seiner Ankunft in der Stadt gesehen, er seine Pferde gelassen hatte. Als Sophie in dieser Wohnung aus dem Miethwagen stieg, der sie aus dem Hause der Lady Bellaston gebracht hatte, wünschte sie sich in das für sie bestimmte Zimmer zu begeben. Ihr Vater gab dazu sogleich seine Zustimmung und begleitete sie selbst dahin. Es erfolgte ein kurzes Gespräch zwischen beiden, das aber weder so wichtig noch so angenehm war, als daß wir es hier mitzutheilen brauchten. Der Squire drang heftig in seine Tochter, die Einwilligung zu ihrer Verheirathung mit Blifil zu geben, der, wie er hinzusetzte, binnen wenigen Tagen ebenfalls in der Stadt ankommen würde. Statt aber nachzugeben, sprach Sophie ihre Weigerung noch bestimmter und entschlossener aus als sie es je gethan hatte. Dies brachte ihren Vater so sehr 126 auf, daß er nach vielen ungeheuren Schwüren, sie schon zu zwingen, daß sie ihn nehme, sie möge wollen oder nicht, unter harten Worten und Verwünschungen sie verließ, die Thüre verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte. Während Sophie nun keine andere Gesellschaft hatte als die, welche auch den schlimmsten Staatsgefangenen nicht abgeht, nämlich Feuer und Licht, setzte sich der Squire mit seinem Pfarrer und dem Wirth von den »Säulen des Hercules« bei einer Flasche Wein nieder. Der Wirth, meinte der Squire, würde einen vortrefflichen dritten Mann abgeben, ihnen die Neuigkeiten der Stadt erzählen und berichten, wie es mit den Angelegenheiten des Landes stehe; »er weiß gewiß viel,« sagte er, »da ja die Pferde vieler Vornehmen in seinem Stalle stehen.« In dieser angenehmen Gesellschaft verbrachte Western den Abend und einen großen Theil des nächsten Tages, in welcher Zeit auch nichts vorkam, das erwähnt zu werden verdiente. Sophie war fortwährend allein, denn ihr Vater schwur, sie solle das Zimmer nicht verlassen, bis sie einwillige, Blifils Frau zu werden. Auch ließ er die Thüre zu ihrem Zimmer nur öffnen, wenn man ihr Speisen brachte und er war dann immer selbst zugegen. Am zweiten Morgen nach seiner Ankunft, als er mit seinem Pfarrer beim Frühstück saß, meldete man ihm, es sei ein Herr unten, der mit ihm zu sprechen wünsche. »Ein Herr!« wiederholte der Squire, »wer zum Teufel! mag der sein? Doctor, geht einmal hinunter und seht zu, wer es ist. Blifil kann es unmöglich schon sein. Geht hinunter und seht, was er will.« Der Doctor ging und kam mit der Meldung zurück, es sei ein sehr anständig gekleideter Mann, den er nach dem Bande am Hute für einen Offizier halte; er behaupte, 127 wichtige Geschäfte zu haben und wolle nur mit Herrn Western selbst sprechen. »Ein Offizier!« wiederholte der Squire, »was kann ein solcher Mensch von mir wollen? Verlangt er einen Befehl, Bagagewagen zu stellen, so bin ich hier nicht Friedensrichter; auch kann ich keinen Haftsbefehl geben. Laßt ihn heraufkommen, weil er denn einmal mit mir reden will.« Ein sehr artiger Mann trat bald darauf herein, der sich vor den Squire verbeugte, den Wunsch aussprach, unter vier Augen mit demselben sprechen zu dürfen und dann begann: »Mein Herr, ich komme im Auftrage des Lord Fellamor; doch betrifft meine Sendung etwas ganz anderes, als Sie nach dem, was gestern vorgefallen ist, vielleicht erwarten.« »Lord wer?« fragte der Squire. »Ich habe den Namen niemals gehört.« »Der Lord,« fuhr der Fremde fort, »will gern alles Ihrer Trunkenheit zuschreiben und im Falle Sie dies zugestehen, dürfte sich alles leicht ausgleichen lassen; denn da er Ihre Tochter sehr liebt, so sind Sie gewiß der Letzte, an dem er wegen einer Beleidigung Rache nehmen möchte. Zum Glücke für Sie beide hat er bereits solche Beweise von seinem Muthe gegeben, daß er eine Sache der Art unbeachtet lassen kann, ohne daß seine Ehre darunter leidet. Er wünscht deshalb nichts weiter, als daß Sie in meiner Gegenwart einigermaßen zugestehen, daß Sie betrunken gewesen. Diesen Nachmittag wird er sodann erscheinen, um Ihnen seine Aufwartung zu machen und Sie um die Erlaubniß zu bitten, die junge Dame als Liebhaber besuchen zu dürfen.« »Ich verstehe sehr wenig von dem, was Sie mir da vorreden,« antwortete der Squire, »nach dem aber, was Sie von meiner Tochter sagen, vermuthe ich, es ist der 128 Lord, welchen meine Cousine, Lady Bellaston, erwähnte. Wenn dem so ist, so empfehlen Sie mich dem Lord und sagen Sie ihm, meine Tochter sei schon vergeben.« »Vielleicht,« fiel der Unbekannte ein, »kennen Sie den Rang und das Vermögen des Lords nicht hinlänglich; sonst begreife ich nicht, wie sie einen solchen Mann zurückweisen können.« »Sehen Sie, guter Freund,« antwortete der Squire, »ich will aufrichtig sein und Ihnen sagen, daß meine Tochter schon versprochen ist; wäre sie es aber auch nicht, so würde ich sie doch keinem Lord geben; ich hasse alle Lords, 's sind Höflinge und Hanoveraner und mit denen mag ich nichts zu thun haben.« »Wenn dies Ihr letztes Wort ist, so habe ich Ihnen anzuzeigen, daß Lord Fellamor Sie noch diesen Morgen im Hyde Park zu sehen wünscht.« »Sagen Sie dem Lord,« antwortete der Squire, »daß ich beschäftiget bin und nicht kommen kann. Ich muß alle Augen im Hause brauchen und kann durchaus nicht ausgehen.« »Ich halte Sie zu sehr für einen Ehrenmann, als daß Sie mich mit einer solchen Antwort entlassen könnten. Nachdem Sie einen Peer beleidiget haben, werden Sie sich sicherlich nicht weigern, ihm Genugthuung zu geben. Lord Fellamor hätte wegen seiner hohen Achtung für die junge Dame die Sache gern auf eine andere Weise ausgeglichen; wenn er Sie aber nicht als Vater behandeln darf, kann seine Ehre eine solche Beleidigung nicht dulden, wie Sie ihm zugefügt haben.« »Ich ihm zugefügt!« rief der Squire, »das ist ja eine verdammte Lüge. Ich habe ihm niemals etwas zugefügt.« Auf diese Worte gab der Herr eine sehr kurze aber derbe Antwort nebst einer handgreiflichen Erklärung, welche die 129 Ohren des Herrn Western kaum berührt hatte, als er wie besessen im Zimmer herumzutanzen anfing und dabei mit aller Kraft seiner Lungen schrie, als wünsche er, es möchten soviel Zuschauer als möglich seine Kunstfertigkeit und Behendigkeit sehen. Der Pfarrer, der noch viel Wein übrig gelassen, hatte sich nicht weit entfernt, eilte deshalb sogleich auf das Geschrei des Squire herbei und fragte: »um Gottes willen, was giebt es?« »Was es giebt?« wiederholte der Squire, »ein Räuber ist da, der mich ausplündern und ermorden will, da er mich mit dem Stocke in der Hand angefallen hat und der Teufel soll mich holen, wenn ich ihm Veranlassung dazu gegeben habe.« »Sagten Sie nicht, ich lüge?« fragte der Capitain. »Nein, so wahr ich selig werden will,« antwortete der Squire, »ich sagte, es sei eine Lüge, daß ich dem Lord eine Beleidigung zugefügt; niemals habe ich gesagt, Sie lügen . Hätte ich einen Stock in der Hand gehabt, so würden Sie nicht gewagt haben, mich zu schlagen. Ich hätte Dir Deine durchsichtigen Backen um die Ohren geschlagen. Gleich diese Minute komm' mit in den Hof hinunter, ich will Dir den Schädel einschlagen und das Fell gerben.« Der Capitain antwortete ziemlich aufgebracht: »ich sehe, Sie stehen zu tief, als daß man Notiz von Ihnen nehmen kann und ich werde dies dem Lord mittheilen. Es thut mir leid, daß ich mir die Finger an Ihnen beschmuzt habe.« Mit diesen Worten entfernte er sich, da der Pfarrer den Squire abhielt, jenen zurückzuhalten, was ihm leicht gelang, da Western nicht eben viel an dem Erfolge seiner scheinbaren Bemühungen zu liegen schien. Als der Capitain fort war, schickte ihm der Squire freilich viele Flüche und einige Drohungen nach; da dieselben aber erst dann über seine Lippen gingen, als der Offizier die Treppe hinunter 130 war, und um so lauter wurden, je weiter dieser sich entfernte, so erreichten sie sein Ohr nicht, oder hielten ihn wenigstens nicht auf. Die arme Sophie, die in ihrer Haft dieses Geschrei und diese Flüche ihres Vaters hörte, stampfte erst mit den Füßen und schrie dann so laut wie ihr Vater, wenn auch mit viel lieblicherer Stimme. Dieses Rufen brachte den Squire zum Schweigen und wendete seine ganze Aufmerksamkeit auf die Tochter, die er so zärtlich liebte, daß er bei der geringsten Besorgniß, es könne ihr ein Leid geschehen, in die größte Angst gerieth. In allen Stücken, bis auf den einzigen Umstand, der ihr ganzes zukünftiges Glück in sich schloß, konnte sie unbeschränkt über ihn gebieten. Nachdem er gegen den Capitain ausgetobt und geschworen hatte, denselben zu verklagen, ging er zu Sophien hinauf, die er ganz bleich und athemlos fand, als er die Thüre geöffnet hatte. Sie sammelte sich indeß, sobald sie ihren Vater erblickte, faßte seine Hand und sprach: »ach, lieber Vater, ich bin fast zum Tode erschrocken. Gebe der Himmel, daß kein Unglück geschehen ist.« »Nein,« antwortete der Squire, »das Unglück ist so groß eben nicht. Der Schurke hat mir nicht sehr weh gethan, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich es ihm nicht vergelte.« »Was hat es gegeben? Wer beleidigte Sie?« »Ich kenne ihn nicht,« antwortete Western, »ich vermuthe einer von den Offizieren, die wir dafür bezahlen sollen, daß sie uns schlagen; aber er soll mir büßen. Ob der Kerl gleich sehr gut gekleidet war, so glaube ich doch nicht, daß er einen Fuß breit Land besitzt.« »Aber, lieber Vater, was war denn die Veranlassung zu dem Streite?« »Was sollte es sein, Sophie, als Du? All' mein 131 Unglück kommt von Dir her; Du wirst Deinen alten Vater noch unter die Erde bringen. Da ist ein Kerl von einem Lord, Gott weiß, wie er heißt, dem gefällst Du und weil ich Dich ihm nicht geben wollte, schickte er mir eine Ausforderung. Nun, sei ein gutes Mädchen, Sophie, und mach' der Noth Deines Vaters ein Ende; thu' mir den Gefallen und nimm ihn; heute oder morgen kommt er; versprich mir, daß Du ihn heirathen willst, sobald er kommt, und Du wirst mich zum glücklichsten Menschen auf der Welt machen, wie ich Dich zur glücklichen Frau machen will. Die schönsten Kleider sollst Du haben, die es in London giebt, die schönsten Edelsteine, und eine Kutsche mit Sechsen. Ich habe Allworthy schon versprochen, die Hälfte meines Gutes hinzugeben, – nimm es, – ich gebe auch, wenn Du es willst, das Ganze hin.« »Wird mein Vater so freundlich sein und mich anhören?« »Wie kannst Du so fragen, Sophie? Du weißt ja, daß ich Deine Stimme lieber höre als das Anschlagen der besten Hunde in ganz England. Ich Dich anhören, mein liebes Mädchen! Ich denke, ich werde Dich hören, so lang' ich lebe, denn wenn ich das Vergnügen verlieren sollte, so möcht' ich keine Minute mehr leben. Du weißt gar nicht, Sophie, wie ich Dich liebe; Du weißt es wirklich nicht, sonst wärst Du nicht davongegangen von Deinem Vater, der keine andere Freude und keinen andern Trost auf Erden hat als seine liebe kleine Sophie.« Die Thränen standen ihm in den Augen und Sophie antwortete ebenfalls weinend: »ich weiß es, lieber Vater, daß Du mich zärtlich liebst und der Himmel ist mein Zeuge, wie aufrichtig ich diese Liebe erwiedert habe; auch würde mich nichts anderes als die Angst, in die Arme jenes Mannes gezwungen zu werden, haben veranlassen können, von 132 meinem Vater zu fliehen, den ich so innig liebe, daß ich mit Freuden mein Leben für sein Glück hingeben würde. Ja ich habe versucht, mich zu überreden, noch mehr zu thun und mich beinahe zu dem Entschlusse gebracht, mich dem schrecklichsten Leben zu unterwerfen, um nur den Willen meines Vaters zu erfüllen. Nur dieser Entschluß war es, zu dem ich mein Herz nicht bringen konnte und ich werde es nie vermögen.« Der Squire begann hier wieder mürrisch drein zu sehen, Sophie bemerkte es, daß ihm der Kamm schwoll, ersuchte ihn deshalb, sie ausreden zu lassen und fuhr dann fort: »wenn das Leben, die Gesundheit oder irgend ein wirkliches Glück meines Vaters auf dem Spiele steht, so bin ich seine festentschlossene Tochter; der Himmel verstoße mich, wenn ich mich nicht willig in jedes Ungemach füge, um ihn zu erhalten; ja ich würde das schrecklichste, das widerwärtigste aller Geschicke über mich ergehen lassen und um des Vaters willen Blifil meine Hand geben.« »Ich sage Dir, es wird mich erhalten,« antwortete der Vater, »es wird mir Gesundheit, Glück, Leben und Alles geben. Ich sterbe wahrhaftig, wenn Du Dich weigerst; ich gräme mich todt, weiß es Gott!« »Kann es mein Vater wirklich so sehr wünschen, mich unglücklich zu machen?« »Behüte Gott,« antwortete er laut, »ich wünsche blos, Dich glücklich zu machen. Gott verdamm' mich, wenn es etwas auf Erden giebt, was ich nicht thun würde, um Dich glücklich zu sehen.« »Man sagt, das Glück bestehe in der Einbildung; ich würde mich stets für das unglückseligste Wesen auf Erden halten.« »Es ist immer besser, Du bildest Dir das ein, als daß 133 Du mit einem unehelichen und armen Landstreicher verheirathest bist.« »Wenn es zur Beruhigung meines Vaters beitragen kann, so will ich das feierliche Versprechen ablegen, weder diesen Mann noch irgend einen andern zu heirathen, so lange mein Vater lebt, ohne dessen Einwilligung. Ich will mein ganzes Leben dem Dienste meines Vaters widmen; laß mich, Vater, wieder Deine arme Sophie sein und mein ganzes Thun und meine ganze Freude darin bestehen, Dir zu gefallen und Dich zu zerstreuen.« »Sophie,« antwortete der Squire, »so fängst Du mich nicht. Deine Tante Western würde dann Ursache haben, mich für einen Pinsel zu halten. Nein, nein, Sophie; ich wollte, Du hieltest mich für klüger, als daß ich dem Versprechen eines Frauenzimmers glaubte, wenn es sich um einen Mann dreht.« »Habe ich diesen Mangel an Vertrauen jemals verdient?« fiel Sophie ein, »habe ich jemals ein Versprechen nicht gehalten? oder habe ich mich irgend einmal einer Falschheit schuldig gemacht?« »Siehst Du, Sophie, das alles hilft nichts. Ich habe mich für diese Heirath entschieden und Du mußt ihn nehmen, solltest Du Dich auch den nächsten Morgen darauf hängen.« Er wiederholte diese Worte, ballte dabei die Fäuste, zog die Augenbrauen zusammen, biß sich auf die Lippen und schrie so gewaltig, daß die arme erschrockene Sophie zitternd auf den Stuhl sank. Wäre ihr nicht ein Strom von Thränen zu rechter Zeit zu Hülfe gekommen, so würde vielleicht etwas noch Schlimmeres geschehen sein. Western sah den beklagenswerthen Zustand seiner Tochter mit nicht größerer Theilnahme als der Schließer in Newgate die Seelenangst eines liebenden Weibes, das den letzten Abschied von ihrem verurtheilten Manne nimmt; er betrachtete 134 sie vielmehr mit den Gefühlen, welche sich in der Seele eines ehrlichen Handelsmannes regen, der seinen Schuldner wegen einiger wenigen Thaler in das Gefängniß schleppen sieht und die Ueberzeugung hat, daß der Arme die geringe Summe nicht zu bezahlen vermag. Vielleicht kommt man der Sache noch näher, wenn man seine Gefühle mit denen einer Kupplerin vergleicht, wenn ein armes unschuldiges Mädchen, das sie an sich gelockt hat, bei den ersten Anträgen, die ihr gemacht werden, fast in Ohnmacht fällt. Der alte Western verließ die arme Sophie mit einer sehr gemeinen Bemerkung über die Wirkung der Thränen, verschloß die Thüre und kehrte zu dem Pfarrer zurück, der alles, was ihm gestattet war, zu Gunsten des unglücklichen Mädchens sprach, vielleicht nicht ganz soviel als seine Pflicht verlangte, aber doch genug, um den Squire in die heftigste Aufregung zu versetzen und ihn zu vielen sehr unziemlichen Bemerkungen über den ganzen geistlichen Stand zu veranlassen, die wir nicht niederschreiben mögen. Drittes Kapitel. Was Sophien während ihrer Haft begegnete. Die Wirthin des Hauses, in welchem der Squire wohnte, faßte bald eine sehr seltsame Vorstellung von ihren Gästen. Da sie indeß erfuhr, der Squire sei ein ungeheuer reicher Mann, da sie auch dafür gesorgt hatte, einen ziemlich hohen Miethpreis für ihre Zimmer zu verlangen, so hielt sie es nicht für gerathen, die Fremden auf irgend eine Weise zu beleidigen; denn ob ihr gleich die Haft der armen Sophie sehr leid that, über deren Liebenswürdigkeit das Dienstmädchen 135 den vortheilhaftesten Bericht erstattet hatte, welchen auch die Dienstleute des Squire bestätigten, so lag ihr das eigene Interesse doch viel zu nahe, als daß sie einen Mann hätte ärgern sollen, der, wie sie schon gesehen hatte, im höchsten Grade jähzornig war. Obgleich Sophie sehr wenig aß, so wurden ihr doch regelmäßig Speisen gebracht; ja ich zweifele nicht, daß der Squire, wenn sie nach etwas Seltenem verlangt hätte, weder Mühe noch Kosten gescheut haben würde, ihr das Gewünschte zu verschaffen, denn, wie seltsam es auch einigen meiner Leser vorkommen mag, er liebte seine Tochter wirklich in hohem Grade und fand seine höchste Freude darin, ihr irgend ein Vergnügen zu gewähren. Als die Essenszeit kam, trug ihr der schwarze Georg ein Huhn hinauf, während der Squire selbst an der Thüre wartete, da er geschworen hatte, den Schlüssel nicht aus der Hand zu geben. Nachdem Georg das Gericht hingestellt, wurden einige Complimente zwischen ihm und Sophien gewechselt, denn er hatte sie nicht gesehen, seit sie das väterliche Haus verlassen und sie behandelte jeden Diener mit größerer Achtung als manche Personen selbst gegen diejenigen zeigen, die nicht tief unter ihnen stehen. Sophie forderte ihn auf, das Huhn wieder mitzunehmen, da sie nicht essen könnte, Georg aber bat sie, nur einen Versuch zu machen und empfahl ihr besonders die Eier. Diese ganze Zeit über wartete der Squire an der Thüre, denn Georg war ein großer Liebling seines Herrn, da sein Amt die größte Wichtigkeit hatte, nämlich das Wild anging, und er erlaubte sich deshalb manche Freiheit. Er hatte sich erboten, das Essen hinaufzutragen, da er, wie er sagte, sehr wünschte, seine junge Gebieterin einmal zu sehen und machte sich deshalb auch kein Gewissen daraus, seinen Herrn zehn Minuten stehen zu lassen, während er mit Sophien 136 Artigkeiten wechselte, wofür er bei seiner Rückkehr einen freundlichen Verweis erhielt. Die Eier von Hühnern, Rebhühnern, Fasanen u. s. w. aß Sophie vorzüglich gern, wie Georg recht wohl wußte. Man darf sich deshalb nicht wundern, daß er, ein sehr gutmüthiger Mensch, darauf bedacht war, sie mit dieser Lieblingsspeise zu versorgen, während alle Dienstleute im Hause fürchteten, sie werde verhungern, da sie in den letzten vierzig Stunden kaum einen Bissen zu sich genommen hatte. Auch der tiefste, schmerzlichste Kummer wird, wenn auch Manche das Gegentheil behaupten mögen, zuletzt doch essen und so fing denn auch Sophie nach einiger Ueberlegung an, das Huhn zu zerlegen, in welchem sie wirklich, wie Georg gesagt hatte, viele Eier fand. Wenn diese ihr behagten, so enthielt das Huhn doch noch etwas, was die königl. Gesellschaft in noch größere Verwunderung gesetzt haben würde; denn wenn ein Huhn mit drei Beinen schon eine unschätzbare Merkwürdigkeit ist, obgleich vielleicht tausend dergleichen schon gelebt haben, wie hoch wird ein Vogel gestellt werden müssen, der so sehr allen Gesetzen der thierischen Oekonomie widerspricht, daß er einen Brief in sich enthält! Ovid erzählte von einer Blume, in welche Hyazinth verwandelt worden sein soll, und die Buchstaben auf ihren Blättern zeigt, was Virgil der damaligen königl. Gesellschaft als ein Wunder empfahl; aber keine Zeit und keine Nation hat von einem Vogel mit einem Briefe im Magen berichtet. Obgleich nun ein derartiges Wunder alle Académies des Sciences in Europa zu einer, vielleicht fruchtlosen, Untersuchung veranlaßt haben würde, so wird doch der Leser, wenn er sich nur des letzten Gespräches zwischen Jones und Partridge erinnert, leicht errathen, woher der Brief kam und wie er seinen Weg in den Vogel fand. 137 Kaum hatte Sophie den Brief erblickt, so griff sie auch darnach, trotz dem daß sie lange gefastet hatte und ihr Lieblingsgericht vor ihr stand, öffnete ihn und las wie folgt: »Kennte ich diejenige, an welche ich die Ehre habe zu schreiben, nicht genau, so würde ich versuchen, wie schwer mir es auch werden würde, meine Angst über das zu schildern, was mir Mamsell Honour erzählt hat; da jedoch nur die Liebe sich eine wahre Vorstellung von den Leiden zu machen vermag, welche die Liebe fühlen kann, so wird diese herrlichste Eigenschaft, welche meine Sophie in so hohem Grade besitzt, sich selbst denken können, was ihr Jones bei dieser traurigen Gelegenheit gelitten haben mag. Giebt es noch irgend etwas in der Welt, das meinen Schmerz erhöhen kann, wenn ich höre, daß Sie irgend ein Unglück betroffen hat? Gewiß nur Eines und darunter leide ich, das schreckliche Bewußtsein, liebe Sophie, daß ich selbst die Ursache bin. Vielleicht thue ich mir hier zu viel Ehre an, aber niemand wird mich um eine Ehre beneiden, die mir so theuer zu stehen kommt. Verzeihen Sie mir diese Anmaßung und auch die noch größere, Sie zu fragen, ob mein Rath, mein Beistand, meine Gegenwart, meine Entfernung, mein Tod oder meine Qualen Ihnen Hülfe oder Erleichterung gewähren können. Vermag die tiefste Bewunderung, die sorgfältigste Beobachtung, die glühendste Liebe, die schmelzendste Zärtlichkeit, die völligste Ergebenheit in Ihren Willen Ihnen in einer Art Genugthuung zu geben für das, was Sie meinem Glücke opfern? Ist dies möglich, so fliegen Sie, geliebter Engel, in meine Arme, die stets geöffnet sind, Sie aufzunehmen und zu schützen und denen es vollkommen gleichgültig ist, ob Sie nur sich selbst oder mit Ihnen alle Schätze der Welt bringen. Wenn dagegen die Klugheit vorherrschen und Ihnen nach der reiflichsten Ueberlegung sagen sollte, 138 das Opfer sei zu groß; wenn kein anderer Weg übrig sein sollte, Sie wieder mit Ihrem Vater auszusöhnen und Ihrem Herzen den Frieden zurück zu geben, als wenn Sie von mir lassen, so beschwöre ich Sie, verbannen Sie mich auf immer aus Ihren Gedanken, bieten Sie Ihre ganze Seelenstärke auf und lassen Sie kein Mitleid mit meinen Schmerzen auf die Entschließung einwirken. Glauben Sie mir, ich liebe Sie so wahrhaftig mehr als mich selbst, daß mein einziges und höchstes Ziel Ihr Glück ist. Mein erster Wunsch war (warum bewilligte mir ihn das Schicksal nicht?) nein, vergeben Sie mir, ist noch immer, Sie in jedem Augenblicke als die glücklichste der Frauen zu sehen; mein zweiter Wunsch geht dahin, zu hören, daß Sie glücklich sind, aber keine Noth und Pein auf Erden kann der meinigen gleichen, wenn ich denke, an einem einzigen unangenehmen Augenblicke für Sie trüge die Schuld Ihr             in jedem Sinne und zu jedem Zwecke ergebenster            Thomas Jones.«         Was Sophie über diesen Brief sagte, that oder dachte, wie oft sie ihn las oder ob sie ihn überhaupt mehr als einmal las, müssen wir der Phantasie des Lesers überlassen. Die Antwort darauf findet er vielleicht später, aber nicht gleich jetzt, unter anderm aus dem Grunde, daß sie keine schrieb, und zwar aus manchen Ursachen, z. B. weil sie weder Papier, noch Feder, noch Dinte hatte. Abends als Sophie über den Brief, den sie erhalten hatte, oder über etwas anderes nachdachte, störte sie in ihren Gedanken ein heftiger Lärm unten, ein Zank nämlich zwischen zwei Personen. In Einem der Streitenden erkannte sie der Stimme nach sogleich ihren Vater; daß die feineren Töne ihrer Tante angehörten, welche eben in der Stadt 139 angekommen war, errieth sie nicht sogleich. Wir werden vor der Hand Sophien verlassen und mit unserer gewöhnlichen Artigkeit unsere Aufwartung der ältern Dame machen. Viertes Kapitel. Sophie wird aus ihrer Haft befreit. Der Squire und der Pfarrer (der Wirth war eben anders beschäftiget) rauchten ihre Pfeifen miteinander, als ihnen die Ankunft der Dame gemeldet wurde. Der Squire hatte kaum ihren Namen gehört, als er sogleich hinunter lief, um sie die Treppe herauf zu führen, denn er beobachtete streng alle Regeln der Höflichkeit, namentlich gegen seine Schwester, vor der er sich mehr fürchtete als vor irgend einem andern menschlichen Wesen, ob er es gleich niemals zugestehen wollte, vielleicht auch selbst nicht wußte. Nachdem sich Fräulein Western nach ihrer Ankunft in dem Zimmer auf einen Stuhl geworfen hatte, begann sie ihre Vorrede mit den Worten: »eine solche abscheuliche Reise hat gewiß noch kein Mensch gemacht. Ich glaube, die Straßen sind, seit man so viele Verordnungen und Gesetze darüber erlassen hat, schlechter geworden als sie jemals gewesen. Und, Bruder, wie konntest Du in einem so abscheulichen Hause absteigen! Ich will darauf schwören, daß es vorher kein anständiger Mensch betreten hat.« »Das weiß ich nicht,« antwortete der Squire. »Die Leute sind gut, denk' ich; der Wirth im Gasthofe empfahl sie und da er die meisten Adeligen kennt, so konnte er mir wohl auch am besten sagen, wo ich sie finden würde.« »Und wo ist meine Nichte?« fragte die Dame, »hast 140 Du Deine Aufwartung bei Lady Bellaston noch nicht gemacht?« »Ach, Deine Nichte ist in sichern Händen; oben im Zimmer ist sie.« »Was! Meine Nichte ist in diesem Hause und sie weiß nicht, daß ich hier bin?« »Nein, es kann Niemand zu ihr,« antwortete der Squire, »denn ich halte sie unter Schloß und Riegel. Gleich an dem Abende, als ich in die Stadt kam, holte ich sie von der Lady, unserer Cousine, und seitdem halte ich sie fest; sie ist so sicher verwahrt wie ein Fuchs im Sacke, sag' ich Dir.« »Gott im Himmel!« entgegnete Fräulein Western, »was muß ich hören! Versprachst Du mir nicht, Bruder, keine tolle Maßregel zu ergreifen? Hast Du nicht eben durch Deine tollen Maßregeln meine Nichte zur Flucht aus Deinem Hause gezwungen? Willst Du sie zu einem ähnlichen Schritte zwingen?« »Donnerwetter!« schrie der Squire, indem er seine Pfeife an den Boden warf, »hat ein Mensch schon so etwas gehört? Ich denke, Du sollst mich loben um Alles, was ich gethan habe und muß nun solche Worte mit anhören!« »Habe ich Dir jemals die geringste Veranlassung gegeben, Bruder, zu der Vermuthung, ich würde Dich darum loben, daß Du Deine Tochter einschließest? Habe ich Dir nicht vielmehr oftmals gesagt, daß Frauen in einem freien Lande nicht so willkührlich und despotisch behandelt werden dürfen? Wir sind so frei als die Männer, und ich wünsche von Herzen, daß ich nicht sagen könnte, wir verdienen diese Freiheit weit mehr. Wenn Du erwartest, daß ich einen Augenblick länger in diesem elenden Hause bleibe, oder Dich jemals wieder für meinen Bruder anerkenne, oder mich jemals wieder in Deine Familienangelegenheiten mische, so 141 bestehe ich darauf, daß meine Nichte augenblicklich in Freiheit gesetzt werde.« Sie sprach dies mit einer so gebietenden Miene, während sie mit dem Rücken nach dem Feuer zu dastand, die eine Hand auf den Rücken legte und in der andern eine Prise Schnupftaback hielt, daß ich zweifele, ob selbst Thalestris an der Spitze ihrer Amazonen jemals schrecklicher ausgesehen hat. Man braucht sich deshalb auch nicht zu wundern, daß der arme Squire der Furcht nicht zu widerstehen vermochte. »Da,« sagte er, indem er den Schlüssel hinwarf, »da ist er; thu' was Du willst. Ich wollte sie blos festhalten bis Blifil ankommt, was sehr bald geschehen muß. Wenn unterdeß etwas Schlimmes geschieht, so trägst Du die Schuld.« »Ich werde mit meinem Leben dafür stehen,« antwortete Fräulein Western, »aber ich mische mich überhaupt in die Sache nur unter einer Bedingung, nämlich, daß Du mir Alles überlässest, ohne allein irgend eine Maßregel zu ergreifen, wenn ich Dich nicht dazu ermächtiget habe. Wenn Du diese Präliminarien genehmigest, Bruder, so will ich versuchen, die Ehre Deiner Familie zu retten; wenn nicht, so bleibe ich neutral.« »Ich bitte, guter Herr,« fiel der Pfarrer ein, »lassen Sie sich diesmal von der Dame zureden, vielleicht bewirkt sie, wenn sie mit dem jungen Fräulein spricht, mehr als wir durch strenge Maßregeln durchzusetzen vermochten.« »Was redt'st Du?« fuhr der Squire auf, »wenn Du das Maul nicht hältst, werde ich Dir das Reden mit der Reitpeitsche vertreiben.« »Pfui, Bruder!« fiel die Dame ein, »ist dies eine Sprache gegen einen Geistlichen? Herr Supple ist ein verständiger Mann, und giebt Dir den besten Rath; Jedermann wird ihm beistimmen, doch ich muß Dir sagen, daß ich eine sofortige Antwort auf mein kategorischen Vorschläge 142 erwarte. Entweder stelle Deine Tochter zu meiner Verfügung oder behandele sie ganz nach Deiner verkehrten Art, dann räume ich hier vor Herrn Supple den Platz und entsage Dir und Deiner Familie für immer.« »Ich bitte Sie, nehmen Sie meine Vermittelung an,« sprach der Pfarrer wieder, »ich beschwöre Sie.« »Da liegt ja der Schlüssel auf dem Tische,« brummte der Squire. »Sie kann ihn nehmen, wenn sie will, wer hindert sie?« »Nein, Bruder,« entgegnete die Dame, »ich bestehe darauf, daß er mir förmlich übergeben werde mit der unbedingten Ratification aller stipulirten Concessionen.« »So will ich Dir ihn geben. – Da ist er,« sagte der Squire. »Du kannst gewiß nicht klagen, Schwester, daß ich mich geweigert habe, Dir meine Tochter anzuvertrauen. Sie ist ein Jahr und länger auf einmal bei Dir gewesen, ohne daß ich sie einmal gesehen habe.« »Es würde ein Glück für sie gewesen sein,« antwortete die Dame, »wenn sie immer bei mir geblieben wäre. Unter meinen Augen würde so etwas nicht vorgekommen sein.« »Gewiß,« sagte er, »ich bin nur zu tadeln.« »Allerdings bist Du zu tadeln, Bruder, und ich habe mich oft genöthiget gesehen, Dir dies zu sagen, wie ich es immer werde sagen müssen. Ich hoffe indeß, daß Du Dich nun besserst und aus den frühern Irrthümern so viel Erfahrung ziehst, um nicht durch Deine Fehlgriffe meine klügsten Berechnungen zu vereiteln. Du bist zu solchen Verhandlungen gar nicht geeignet. Dein ganzes politisches System ist falsch und ich bestehe nochmals darauf, daß Du Dich durchaus nicht einmischest. Bedenke nur, was geschehen ist.« »Du kannst den Teufel zur Verzweiflung treiben.« »Da verfällst Du gleich wieder in Deine alte Gewohnheit. 143 Ich sehe, Bruder, daß es sich mit Dir gar nicht reden läßt. Ich werde mich an Herrn Supple wenden, der ein verständiger Mann ist, ob ich etwas gesagt habe, was einen Menschen aufbringen könnte; aber Du bist immer so querköpfig.« »Ich bitte Sie, reizen Sie den Herrn nicht,« fiel der Pfarrer ein. »Ihn reizen!« wiederholte die Dame. »Sie sind ein so großer Narr wie er. Da Du also versprochen hast, Bruder, Dich nicht einzumischen, so werde ich die Leitung meiner Nichte sogleich übernehmen. Gott erbarme sich aller der Dinge, die in Männerhänden liegen! Der Kopf eines Weibes ist mehr werth als tausend der Eurigen.« Sie rief darauf einen Diener, um sich von ihm das Zimmer Sophiens zeigen zu lassen und ging mit dem Schlüssel hinaus. Sobald sie fort war, warf ihr der Squire, nachdem er aber vorher wohlweislich die Thüre zugemacht hatte, zwanzig Schimpfwörter und eben soviel kräftige Flüche nach, schonte sich auch selbst nicht, daß er jemals sich um die Verwaltung ihres Vermögens bekümmert habe, setzte jedoch hinzu: »wenn man aber so lange ein Sclave gewesen ist, so wäre es Schade, dasselbe endlich dadurch zu verlieren, daß man nicht noch etwas länger ausdauert. Sie kann nicht ewig leben und ich weiß, daß sie mir in ihrem Testamente das Gut vermacht hat.« Der Pfarrer billigte diesen Vorsatz vollkommen und da der Squire eine andere Flasche bringen ließ, wie er stets zu thun pflegte, wenn ihn etwas recht freuete oder ärgerte, so wusch er seinen Aerger so ganz hinweg, daß er vollkommen heiter und vergnügt war, als seine Schwester mit Sophien in das Zimmer kam. Das junge Mädchen hatte den Mantel um und den Hut auf und ihre Tante zeigte 144 dem Squire an, sie habe die Absicht, ihre Nichte in ihre Wohnung mitzunehmen, »denn,« setzte sie hinzu, »in diesen Zimmern hier kann kein Christenmensch leben.« »Sehr wohl,« antwortete Western, »wie Du willst. Das Mädchen kann in keinen bessern Händen sein als in den Deinigen und der Pfarrer da wird mir das Zeugniß geben, daß ich hinter Deinem Rücken funfzigmal gesagt habe, Du wärest die verständigste Frau von der Welt.« »Das bezeuge ich allerdings,« antwortete der Pfarrer. »Nun, Bruder,« entgegnete Fräulein Western, »ich habe auch immer das Beste von Dir gehalten. Du wirst zwar selbst zugestehen, daß Du mitunter etwas zu hastig bist, sobald Du Dir aber Zeit zur Ueberlegung nimmst, bist Du der verständigste Mann, den ich kenne.« »Wenn Du so denkst, Schwester,« sprach der Squire, »so trinke ich jetzt Deine Gesundheit von Herzen. Ich fahre wohl manchmal etwas auf, aber ich trage nichts nach. Sophie, sei ein gutes Kind und gehorche in allen Stücken Deiner Tante.« »Ich setze nicht den geringsten Zweifel in sie,« antwortete Fräulein Western. »Sie hat bereits ein Beispiel vor Augen gehabt in dem Benehmen ihrer schlechten Cousine Henriette, die sich auch in das Unglück stürzte, weil sie meinem Rathe nicht folgte. Denke Dir, Bruder, Du warst kaum aus dem Hause als wer ankam? der unverschämte Mensch mit dem abscheulichen irischen Namen, der – Fitzpatrick. Er stürzte herein, ohne sich anmelden zu lassen, sonst würde ich ihn gar nicht gesehen haben. Er fing eine lange unverständliche Geschichte von seiner Frau an, die ich mit anhören mußte, aber ich antwortete wenig und gab ihm den Brief von seiner Frau und forderte ihn auf, denselben selbst zu beantworten. Ich glaube, sie bemüht sich, 145 uns ausfindig zu machen, aber ich bitte Dich, laß sie nicht zu Dir. Vor mich wird sie nicht gelassen.« »Sie zu mir lassen?« antwortete der Squire. »Sorge nicht. Bei mir finden ungehorsame Mädchen keine Unterstützung. Für den Menschen, ihren Mann, ist es ein Glück, daß ich nicht zu Hause gewesen. Ich hätte ihn durch die Pferdeschwemme tanzen lassen, verlaß Dich darauf. Du siehst, Sophie, wozu der Ungehorsam führt. Du hast ein Beispiel in Deiner eigenen Familie.« »Bruder,« fiel die Tante ein, »Du darfst meine Nichte durch so gehässige Wiederholungen nicht verletzen. Warum überlässest Du nur nicht Alles mir?« »Na, na, ja doch, ja doch,« antwortete der Squire. Fräulein Western machte zum Glück für Sophien dem Gespräche dadurch ein Ende, daß sie befahl, Tragsessel kommen zu lassen. Ich sage »zum Glück«, denn wenn es noch länger gedauert hätte, würde es höchst wahrscheinlich zu neuem Streite zwischen Bruder und Schwester gekommen sein, die sich nur durch Bildung und Geschlecht unterschieden, sonst aber beide gleich heftig und eigensinnig waren. Beide liebten Sophien in hohem Grade und verachteten einander vollkommen. Fünftes Kapitel. Jones empfängt einen Brief von Sophien und geht mit Mad. Miller und Partridge in das Theater. Die Ankunft des schwarzen Georgs in der Stadt und die Dienstbereitwilligkeit, welche der dankbare Mann seinem ehemaligen Wohlthäter versprochen hatte, gereichten Jones 146 bei seiner Angst und Unruhe sehr zum Troste. Er erhielt denn auch bald durch den genannten Georg folgende Antwort auf seinen Brief, welche Sophie, die mit ihrer Freiheit auch die Benutzung von Feder, Tinte und Papier wieder erhalten, an demselben Abende geschrieben hatte, an welchem sie aus ihrer Haft erlöset worden war. »Mein Herr, »Da ich die Aufrichtigkeit Ihrer Versicherungen nicht bezweifele, so werden Sie gewiß mit Vergnügen erfahren, daß einige traurige Umstände ihre Endschaft erreicht haben mit der Ankunft meiner Tante Western, bei der ich mich gegenwärtig befinde und die mir jede Freiheit gestattet, welche ich wünschen kann. Ein Versprechen habe ich jedoch meiner Tante machen müssen, nämlich ohne ihr Wissen und ihre Bewilligung Niemanden zu sehen und zu sprechen. Dieses Versprechen habe ich feierlich gegeben und ich werde es unverbrüchlich halten. Obgleich sie mir das Schreiben nicht ausdrücklich verboten hat, so ist dies doch gewiß nur aus Vergessenheit geschehen, denn offenbar gehört es mit zu dem »Sprechen«, und da ich es nur für eine Verletzung ihres edeln Vertrauens zu mir ansehen kann, so dürfen Sie nicht erwarten, daß ich nach dem vorliegenden Briefe ohne ihr Vorwissen selbst wieder schreibe oder Briefe annehme. Ein Versprechen ist für mich etwas Heiliges und muß auf alles ausgedehnt werden, was sich aus ihm ergiebt, so gut wie auf das, was geradezu durch dasselbe ausgesprochen wird. Dies kann Ihnen vielleicht bei reiflicherer Ueberlegung einige Beruhigung gewähren. Doch warum sollte ich eine Beruhigung dieser Art gegen Sie erwähnen? Denn ob es gleich etwas giebt, in welchem ich dem Besten der Väter niemals gehorchen werde, so bin ich doch fest entschlossen, niemals ihm zum Trotz zu handeln oder einen wichtigen Schritt ohne seine Einwilligung zu 147 thun. Die feste Ueberzeugung davon wird Sie lehren, die Gedanken von dem abzuwenden, was das Schicksal (vielleicht) unmöglich gemacht hat. Die Ueberzeugung davon giebt Ihnen Ihr eigenes Interesse. Dies wird Sie, wie ich hoffe, wieder mit Herrn Allworthy aussöhnen und wenn es geschieht, so wünsche ich, daß Sie sich darum bemühen. Zufälle haben mir einige Verpflichtungen auferlegt und Ihre guten Absichten wahrscheinlich noch mehr. Das Glück kann uns beiden vielleicht einst noch günstiger werden als jetzt. Glauben Sie mir, daß ich von Ihnen immer denken werde wie Sie es meiner Ansicht nach verdienen, und daß ich bin Ihre ergebene Dienerin,                 Sophie Western. »Ich fordere Sie auf, mir nicht wieder zu schreiben, – wenigstens jetzt nicht und nehmen Sie dies, was mir jetzt nicht mehr von nöthen ist, was Sie aber brauchen werden und denken Sie, Sie verdanken die Kleinigkeit nur dem Glücke, daß Sie sie fanden Sie meinte vielleicht die Banknote von hundert Pf. St. .« Ein Kind, das eben nur lesen gelernt, würde den Brief in weniger Zeit zusammen buchstabirt haben als Jones zum Lesen desselben brauchte. Die Empfindungen, die er in ihm erregte, waren ein Gemisch von Freude und Trauer, etwas gleich dem, was das Herz eines guten Menschen theilt, wenn er das Testament seines verstorbenen Freundes durchlieset, in welchem ihm ein bedeutendes Legat vermacht wird, das er nach seinen Umständen dringend bedarf. Im Ganzen indeß war das Vergnügen größer als das Mißvergnügen und allerdings wird sich der Leser wundern, wie er überhaupt Mißvergnügen fühlen konnte, aber der Leser ist nicht so verliebt wie es der arme Jones war und die Liebe ist eine Krankheit, die, wenn sie auch in manchen 148 Fällen der Auszehrung gleicht (die sie bisweilen veranlaßt), doch in andern gerade entgegengesetzt wirkt, namentlich darin, daß sie sich nie selbst schmeichelt und nie ein Symptom für günstig ansieht. Etwas stellte ihn vollkommen zufrieden, der Umstand nämlich, daß seine Geliebte ihre Freiheit wieder erhalten hatte und sich bei einer Dame befand, bei welcher sie wenigstens auf eine anständige Behandlung rechnen konnte. Ein anderer tröstlicher Umstand war die Andeutung auf ihr Versprechen, nie einem andern Manne ihre Hand zu geben, denn für wie uneigennützig er seine Liebe auch immer halten mochte und trotz aller edelsinnigen Anerbietungen in seinem Briefe, zweifele ich doch, ob er eine betrübendere Nachricht hätte erhalten können als die, Sophie habe sich mit einem Andern verheirathet, wie vortheilhaft auch die Verbindung hätte sein und wie sicher man hätte darauf rechnen können, daß sie Sophien vollkommen werde glücklich machen. Jener raffinirte Grad von platonischer Liebe, der sich von dem Körper ganz abgesondert hat und gänzlich und rein geistig ist, dürfte eine nur auf den weiblichen Theil der Schöpfung beschränkte Gabe sein, von dem ich Mehrere habe erklären hören (und ohne Zweifel in voller Wahrheit), sie würden mit der größten Bereitwilligkeit einen Geliebten einer Nebenbuhlerin überlassen, wenn eine solche Resignation für die zeitlichen Interessen des Geliebten nothwendig wäre. Daraus schließe ich denn, daß es eine solche Liebe wirklich giebt, wenn ich auch nicht behaupten kann, jemals ein Beispiel davon gesehen zu haben. Nachdem Jones drei Stunden mit dem Lesen und Küssen des erwähnten Briefes hingebracht hatte und endlich in eine heitere Stimmung gekommen war in Folge der zuletzt angeführten Betrachtungen, willigte er ein, eine frühere Verabredung zur Ausführung zu bringen, nämlich Mad. 149 Miller und deren jüngste Tochter in das Theater zu begleiten und auch Partridge mit sich zu nehmen. Jones versprach sich namentlich große Unterhaltung von den kritischen Bemerkungen Partridge's, von dem er die einfachsten Aussprüche der unausgebildeten, aber auch nicht verbildeten Natur erwartete. Jones nahm also mit Mad. Miller, deren jüngsten Tochter und Partridge in der ersten Loge der ersten Galerie Platz. Partridge erklärte sogleich, das Theater sei das schönste Gebäude, das er jemals gesehen. Als die Musik zu spielen anfing, meinte er, es sei zu verwundern, daß so viele Geiger spielen könnten, ohne einander zu stoßen. Auch konnte er die Bemerkung nicht unterdrücken, daß mit dem Lichte, daß man in einem Abende verbrenne, einer ganzen rechtlichen Familie ein ganzes Jahr hindurch geholfen sein wurde. Sobald das Stück, »Hamlet, Prinz von Dänemark«, begann, war Partridge im höchsten Grade aufmerksam und schwieg still, bis der Geist erschien. Da fragte er Jones, was der Mann in der seltsamen Kleidung vorstelle; »ich habe so etwas schon einmal auf einem Bilde gesehen. Eine Rüstung ist es doch nicht?« Jones antwortete: »es ist der Geist.« Partridge entgegnete darauf lächelnd: »davon überzeugen Sie mich, wenn Sie können. Ob ich gleich nicht sagen kann, einen Geist in meinem Leben gesehen zu haben, so bin ich doch überzeugt, daß ich Einen eher erkennen würde, wenn er käme, an den dort. Nein, nein, Herr, Geister zeigen sich bestimmt nicht in einem solchen Anzuge.« In diesem Irrthume, welcher bei den Nachbarn Partridges viel Lachen erregte, ließ man ihn bis zu der Scene zwischen dem Geiste und Hamlet, bei welcher Partridge dem Herrn Garrick Gerechtigkeit widerfahren ließ und so heftig zu zittern anfing, daß seine Knie an einander schlugen. 150 Jones fragte ihn, was ihm fehle und ob er sich vor dem Krieger auf der Bühne fürchte. »Ich sehe nun ein, Herr Jones, daß es so ist, wie Sie sagten. Ich fürchte mich nicht, denn ich weiß, daß es nur ein Spiel ist. Wäre es aber auch wirklich ein Geist, so könnte er Einem doch in solcher Entfernung und bei so zahlreicher Gesellschaft nichts zu Leide thun. Sollte ich mich wirklich gefürchtet haben, so bin ich gewiß nicht der Einzige, dem so etwas geschehen ist.« »Wer sollte Deiner Meinung nach hier ein eben so großer Hasenfuß sein als Du?« »Sie mögen mich immerhin einen Hasenfuß nennen, wenn aber der kleine Mann auf der Bühne dort sich nicht fürchtet, so habe ich in meinem Leben Niemanden gesehen, der sich fürchtet. Der Geist ist vielleicht sogar der Teufel, der, wie man sagt, alle Gestalten annehmen kann.« Während der ganzen Rede des Geistes saß er unbeweglich da und sah bald den Geist bald Hamlet mit offenem Munde an. Nachdem die Scene vorüber war, sagte Jones: »Partridge, Du hast meine Erwartungen übertroffen. Du genießest das Stück in höherem Grade als ich es für möglich hielt.« »Ja,« antwortete Partridge, »wenn Sie sich nicht vor dem Teufel fürchten, so kann ich es nicht ändern, aber natürlich ist's gewiß, über solche Dinge zu erschrecken, ob ich gleich weiß, daß nichts weiter dran ist. Der Geist hat mich gar nicht erschreckt (denn ich muß doch wissen, daß es nur ein Mann in einem ungewöhnlichen Anzuge ist), aber als ich den kleinen Mann so erschrecken sah, konnte ich auch nicht mehr an mich halten.« »Glaubst Du denn, daß jener wirklich sich fürchtete?« »Bemerkten Sie denn nicht selber, daß, als er sich überzeugte, es sei seines eigenen Vaters Geist und in dem Garten 151 ermordet worden, die Furcht allmälig von ihm wich und die Trauer ihn überwältigte, gerade wie es bei mir gewesen sein würde, wenn mir etwas der Art widerfahren wäre. Aber still, was für ein Lärm ist das? Da kommt er wieder. Ob ich gleich weiß, daß nichts dran ist, so ist mir's doch lieb, daß ich nicht dort bin, wo die Leute dort sind.« Dann wendete er sich an Hamlet und sagte: »ziehen Sie nur immer Ihren Degen; was vermag ein Degen gegen die Macht des Teufels?« Im zweiten Acte machte Partridge wenige Bemerkungen. Er bewunderte die Schönheit der Anzüge und konnte die Bemerkung über das Gesicht des Königs nicht unterdrücken: »wie sich die Leute doch durch Gesichter täuschen lassen können! Nulla fides fronti ist, wie ich finde, ein sehr wahres Wort. Wer sollte nach dem Aussehen dieses Königs glauben, daß er jemals einen Mord begangen!« Dann fragte er nach dem Geiste, Jones aber gab ihm, um ihn überraschen zu lassen, nur die Antwort, » vielleicht sähe er ihn im Feuer wieder.« Partridge saß nun in ängstlicher Erwartung da und rief, als der Geist wieder erschien: »da kommt er! was sagen Sie nun dazu? Fürchtet er sich jetzt oder nicht? Er fürchtet sich so sehr als ich nach Ihrer Meinung mich fürchte und es kann sich allerdings gewiß Niemand der Furcht erwehren. Ich möchte mich nicht in so einer schlimmen Lage befinden wie – wie heißt er? – Herr Hamlet da, um keinen Preis. Was ist jetzt aus dem Geiste geworden? So wahr ich lebe, ich glaube, er ist in die Erde gesunken.« »Da hast Du ganz recht gesehen,« antwortete Jones. »Ich weiß, daß es nur ein Spiel ist und Mad. Miller würde nicht so lachen, wenn es anders wäre, aber Sie, glaube ich, fürchten sich nicht, wenn auch der Teufel in Person da erschien. Da – da . ., kein Wunder, daß Sie 152 so heftig sind; schütteln Sie die schlechte Person tüchtig! Wenn sie meine eigene Mutter wäre, es würde ihr schlimm ergehen. Durch solche Schlechtigkeiten verliert gewiß eine Mutter jeden Anspruch auf Liebe und Achtung . . . Gehen Sie an Ihr Geschäft . . . ich mag Sie nicht mehr sehen.« Unser Kritiker schwieg von da an ziemlich still bis zu dem Schauspiele, welches Hamlet vor dem Könige anstellt. Das verstand er anfangs nicht, bis es Jones ihm erklärte; sobald ihm aber die Sache klar geworden war, fing er an sich Glück dazu zu wünschen, daß er nie einen Mord begangen habe. Dann wandte er sich an Mad. Miller und fragte sie: ob sie nicht meine, daß der König gerührt aussähe. »Ob er gleich ein guter Schauspieler ist,« sagte er, »und alles thut, um es zu verbergen. Ich möchte nicht soviel zu verantworten haben, wie der Bösewicht da, um auf einem Throne zu sitzen. Ich traue nie wieder einem unschuldigen Gesichte.« Zunächst fesselte die Todtengräberscene die Aufmerksamkeit Partridges, der sich über die vielen Schädel, welche auf die Bühne geworfen wurden, sehr verwunderte. Jones antwortete, es sei einer der berühmtesten Begräbnißplätze in der Stadt. »In diesem Falle braucht man sich auch nicht zu wundern, daß es nicht geheuer da ist,« meinte Partridge. »Aber einen schlechteren Totengräber habe ich mein Lebtage nicht gesehen. Ich hatte einen, als ich Schulmeister war, der drei Gräber gegraben haben würde, ehe dieser da mit einem fertig wird. Der Mensch greift den Spaten an, als hätte er ihn zum erstenmal in der Hand. Singe Du nur! Singen kannst Du vielleicht besser als arbeiten.« Als Hamlet den Schädel aufhob, sagte Partridge. »Hm! 's ist merkwürdig, wie furchtlos manche Menschen sind. Ich vermöchte nichts von einem Todten anzurühren. 153 Er schien sich doch vor dem Geiste zu fürchten. Nemo omnibus horis sapit .« Während des übrigen Theiles des Schauspieles kam wenig Bemerkenswerthes vor. Nach Beendigung desselben fragte Jones, welcher von den Schauspielern ihm am besten gefallen hätte. Darauf antwortete Partridge, über die Frage offenbar etwas gereizt: »doch ohne Zweifel der König.« »Da sind Sie mit der Stadt doch nicht einer Meinung, Herr Partridge,« sagte Mad. Miller, »denn alle behaupten, Hamlet werde von dem besten Schauspieler dargestellt, der jemals die Bühne betreten.« »Der soll der beste Schauspieler sein!« rief Partridge mit einer verächtlichen Miene. »So gut könnte ich auch spielen. Wenn ich einen Geist erblickt hätte, würde ich gewiß eben so ausgesehen und eben so gehandelt haben wie er. Und dann in der Scene, wie Sie es nennen, zwischen ihm und seiner Mutter, wo er so schön gespielt haben soll! Jeder Mann, d. h. jeder brave Mann, der eine solche Mutter hat, würde gerade ebenso gehandelt haben. Ich weiß, Sie machen sich nur einen Spaß mit mir, aber wenn ich auch noch in keinem Theater in London war, so habe ich doch auf dem Lande Schauspieler gesehen. Der König ist mein Mann; er spricht jedes Wort deutlich aus, noch einmal so laut als der andere und Jedermann sieht es, daß er ein Schauspieler ist.« Während Mad. Miller sich so mit Partridge unterhielt, trat eine Dame zu Jones, der in ihr sogleich Mad. Fitzpatrick erkannte. Sie sagte, sie habe ihn von der andern Seite der Galerie aus gesehen und die Gelegenheit benutzt, um mit ihm zu sprechen, da sie ihm etwas mitzutheilen habe, was ihm von Nutzen sein könnte. Sie nannte ihm darauf ihre Wohnung und ersuchte ihn, daß er sie am nächsten 154 Vormittag besuchen möchte; nach einigem Nachdenken entschied sie sich jedoch für den Nachmittag und Jones versprach, sich um diese Zeit bei ihr einzufinden. So endete das Abenteuer im Schauspielhause, in welchem Partridge nicht blos Jones und der Mad. Miller, sondern allen denen Spaß gemacht hatte, die ihn hören konnten und die deshalb mehr auf das achteten, was er sagte, als auf das, was auf der Bühne vorging. Die ganze Nacht wagte er aus Furcht vor dem Geiste nicht zu Bette zu gehen und noch viele nachfolgende Nächte schwitzte er ein Paar Stunden bevor er einschlief; auch wachte er meist mehrmals erschrocken auf und rief: »Gott steh' uns bei! Da kommt er!« Sechstes Kapitel. Die Geschichte geht zurück. Auch dem besten Vater ist es fast unmöglich, streng unparteiisch gegen seine Kinder zu sein, selbst wenn kein höherer Vorzug an dem einen seine Vorliebe rechtfertiget; kaum aber dürfte ein Vater zu tadeln sein, wenn ein wirklicher Vorzug eine solche Vorliebe rechtfertiget. Da ich alle Personen in dieser Geschichte für meine Kinder halte, so muß ich meine Vorliebe für Sophien gestehen und hoffentlich wird mir dies der Leser wegen ihres vortrefflichen Charakters verzeihen. Die große Liebe, die ich für meine Heldin fühle, erlaubt mir nie, mich ohne Schmerz lange von ihr zu entfernen. Ich könnte deshalb jetzt sogleich zu ihr zurückkehren, um zu sehen, was dem liebenswürdigen Mädchen geschehen ist, seit 155 sie ihren Vater verlassen hat, aber ich muß vorher erst dem Herrn Blifil einen kurzen Besuch machen. Herr Western hatte in der ersten Verwirrung, in die ihn die Nachricht von seiner Tochter gestürzt, und in der Eile, zu ihr zu kommen, nicht daran gedacht, den Herrn Blifil von der Entdeckung zu benachrichtigen. Er war indeß nicht weit gekommen, als er sich besann; machte deshalb in dem ersten Wirthshause Halt und schickte von da einen Boten an Blifil ab, um diesem anzeigen zu lassen, daß er Sophien gefunden, und ihm zugleich den festen Vorsatz zu melden, sie ihm sofort zur Frau zu geben, wenn er ebenfalls in die Stadt kommen wolle.. Da die Liebe Blifils zu Sophien von der heftigsten Art war, die durch nichts als durch den Verlust ihres Vermögens oder etwas dergleichen gemindert werden konnte, so hatte sich seine Zuneigung zu ihr durch den Umstand nicht geändert, daß sie entflohen war, ob er gleich recht wohl wußte, daß dies seinetwegen geschehen war. Er kam deshalb der Aufforderung sehr bereitwillig nach. Eine andere starke Leidenschaft neben der Habsucht machte ihm die Verbindung überdies sehr wünschenswerth, nämlich der Haß, denn er meinte, die Ehe gewähre eine gleich günstige Gelegenheit zur Befriedigung des Hasses wie der Liebe und seine Ansicht findet sich allerdings nicht selten durch die Erfahrung bestätiget. Wenn man nach der gewöhnlichen Handlungsweise Verheiratheter gegen einander schließen kann, so darf man vielleicht annehmen, daß sie im Allgemeinen nur die Befriedigung der ersten Leidenschaft in ihrer Vereinigung suchen. Nur eine Schwierigkeit stand ihm im Wege und diese erhob Herr Allworthy. Dieser gute Mann empfand, als ihm die Flucht Sophiens (denn weder diese noch die Veranlassung dazu hatte man ihm verheimlichen können) die große Abneigung des Mädchens gegen seinen Neffen 156 darlegte, eine große Trauer darüber, daß er die Sache hatte so weit kommen lassen. Er stimmte durchaus nicht der Ansicht jener Eltern bei, welche es für eben so unwesentlich halten, die Neigung ihrer Kinder bei einer Verheirathung zu Rathe zu ziehen, als ihre Dienstleute um Erlaubniß zu bitten, wenn sie eine Reise unternehmen wollen, und die nur durch das Gesetz, wenigstens durch das Schicklichkeitsgefühl, von der Anwendung der Gewalt sich abhalten lassen. Er hielt im Gegentheil die Ehe für hochheilig und deshalb jede vorbereitende Vorsicht für durchaus nothwendig, um sie heilig und unverletzt zu bewahren, weshalb er denn für den sichersten Weg den ansah, sie auf gegenseitige Liebe zu begründen. Blifil beruhigte nun allerdings seinen Oheim darüber, daß er ihn getäuscht habe, durch viele Betheuerungen und Schwüre, er sei selbst getäuscht worden, was allerdings durch viele Erklärungen Westerns sich rechtfertigen ließ; Allworthy aber zu der Einwilligung zu bringen, die Bewerbung wieder aufnehmen zu dürfen, schien so schwierig zu sein, daß ein weniger unternehmender Geist sicherlich gleich von vorn herein davon abgestanden haben würde; aber der junge Herr kannte seine Talente so gut, daß er nichts für unmöglich hielt, was durch List bewirkt werden konnte. Er stellte deshalb die Heftigkeit seiner Liebe und die Hoffnung voran, die Abneigung des Mädchens durch Ausdauer zu besiegen. Er bat, man möchte ihm in einer Sache, von welcher seine ganze künftige Ruhe abhänge, wenigstens die Erlaubniß geben, alle rechtlichen Mittel anzuwenden, die zum Siege führen könnten. »Der Himmel bewahre mich,« sagte er, »daß ich jemals daran denke, durch eine andere als die mildeste Weise zum Ziele zu gelangen. Uebrigens können Sie ja, wenn alles fehlschlägt – und dann ist es gewiß noch Zeit genug – Ihre Einwilligung 157 versagen.« Er führte den eifrigen Wunsch Westerns an, daß diese Verbindung zu Stande kommen möge und endlich benutzte er auch geschickt den Namen Jones', dem er alles, was geschehen war, zur Last legte und vor dem ein so achtbares Mädchen zu bewahren gewiß Menschenpflicht wäre. Alle diese Gründe wurden durch Thwackum kräftig unterstützt, der sich etwas ausführlicher über das Ansehen und die Gewalt der Eltern ausließ, als es Blifil gethan hatte. Er legte den Schritten, welche Herr Blifil zu thun wünschte, christliche Beweggründe unter und sagte: »obgleich der junge Herr die Menschenpflicht zuletzt erwähnt hat, so bin ich doch überzeugt, daß sie sein Hauptgrund ist.« Square würde, wenn er zugegen gewesen wäre, höchst wahrscheinlich denselben Ton angestimmt haben, aber er war, um seine Gesundheit wieder herzustellen, nach Bath gereiset. Allworthy gab endlich, wenn auch nicht ohne Widerstreben, dem Wunsche seines Neffen nach und sagte, er würde ihn nach London begleiten, wo es ihm möglich sein würde, auf redliche Weise alles aufzubieten, um das Mädchen zu gewinnen. »Ich erkläre aber,« setzte er hinzu, »daß ich nie meine Zustimmung dazu gebe, ihrer Neigung irgendwie Gewalt anzuthun. Du wirst sie nicht erhalten, wenn sie Dir nicht freiwillig ihre Hand giebt.« Nachdem Blifil die ungehoffte Einwilligung seines Oheims erlangt hatte, rastete und ruhete er nicht, bis der Vorsatz zur Ausführung gebracht wurde und da kein dringendes Geschäft die Anwesenheit Allworthy's auf dem Lande erforderte, auch Männer keine großen Vorbereitungen zu einer Reise nöthig haben, so brachen sie schon am nächsten Tage auf und gelangten in der Stadt an dem Abende an, als 158 Jones, wie wir gesehen haben, mit Partridge in das Theater gegangen war. Am Morgen nach seiner Ankunft begab sich Blifil zu Herrn Western, der ihn sehr freundlich aufnahm und ihm jede mögliche Versicherung gab, daß er in kurzem so glücklich sein sollte, als ihn Sophie machen könnte, auch ließ er den jungen Herrn nicht fort, bis er ihn mit zu seiner Schwester genommen hatte. Siebentes Kapitel. Squire Western besucht mit Herrn Blifil seine Schwester. Fräulein Western hielt ihrer Nichte eben eine Vorlesung über Klugheit und eheliche Politik, als ihr Bruder und Blifil mit weniger Umständen, als die Gesetze der Schicklichkeit erforderten, eintraten. Sobald Sophie Blifil erblickte, erbleichte sie und wurde fast ohnmächtig; ihrer Tante dagegen stieg alles Blut in die Wangen, sie nahm alle ihre Kräfte zusammen und ließ ihrer Zunge den Zügel schießen. »Bruder,« sagte sie, »ich wundere mich sehr über Dein Benehmen; wirst Du denn niemals lernen, was sich schickt und ziemt? Wirst Du denn immer jede Wohnung wie Deine eigene oder die eines Deiner Pächter ansehen? Hältst Du es für erlaubt, ohne alle vorherige Anzeige zu Damen von Stande einzudringen?« »Was schadet's denn?« antwortete der Squire, »sollte man nicht denken, ich hätte Dich ertappt bei . . .« »Keine weitere Grobheit, Bruder. Du hast meine arme Nichte so überrascht, daß sie sich, wie ich sehe, kaum aufrecht 159 erhalten kann. Geh, mein Kind, und suche Dich zu sammeln; ich sehe, daß Du es nöthig hast.« Sophie, der nichts Willkommneres geheißen werden konnte, entfernte sich schnell.. »Schwester,« entgegnete darauf der Squire, »Du mußt übergeschnappt sein, weil Du das Mädchen fortschickst, wenn ich den Herrn Blifil da herbringe, damit er ihr den Hof machen soll.« »Bruder,« erwiederte sie, »Du bist mehr als toll, da Du doch weißt, wie die Sachen stehen. Ich muß Herrn Blifil um Entschuldigung bitten, aber er weiß recht wohl, wem er diesen unangenehmen Empfang zuzuschreiben hat. Ich für meinen Theil werde Herrn Blifil immer mit Vergnügen sehen, aber er selbst würde nicht so hereingestürmt sein, wenn Du ihn nicht dazu genöthiget hättest.« Blifil verbeugte sich, stotterte und machte ein etwas schafmäßiges Gesicht, Western aber antwortete, ohne ihm Zeit zu lassen, passende Worte zu finden: »nun gut, ich habe Unrecht, wenn Du willst; ich habe immer Unrecht; aber nun laß auch das Mädchen zurückkommen oder laß Blifil zu ihr gehen. Er ist deshalb gekommen und hat keine Zeit zu verlieren.« »Bruder,« entgegnete sie, »Herr Blifil, davon bin ich überzeugt, weiß besser, daß er meine Nichte nach dem, was geschehen ist, diesen Morgen nicht sehen kann. Frauen sind zarter Natur und wenn unser Gemüth gestört wird, kommt es nicht im nächsten Augenblicke wieder zur Ruhe. Hättest Du Herrn Blifil sich meiner Nichte empfehlen und sie um die Erlaubniß bitten lassen, ihr Nachmittags seine Aufwartung zu machen, so hätte ich sie vielleicht vermocht, ihn zu sehen; jetzt habe ich die Hoffnung verloren, so etwas zu bewirken.« »Es thut mir leid,« sprach Blifil, »daß Herrn Westerns 160 ungewöhnliche Freundlichkeit gegen mich, die ich nie hoch genug schätzen kann, die Veranlassung geworden ist, daß . . .« »O,« fiel Fräulein Western ein, »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, wir kennen meinen Bruder alle vollkommen.« »Ich kümmere mich gar nicht darum, wer mich kennt,« antwortete der Squire, »aber wann soll er denn kommen, um sie zu sehen? denn er ist der Sache wegen nach der Stadt gekommen und auch Herr Allworthy.« »Bruder,« erwiederte sie, »jeder Brief, den Herr Blifil meiner Nichte senden wird, soll ihr übergeben werden und ich glaube, sie bedarf keiner Anweisung, was sie darauf antworten soll. Ich bin überzeugt, daß sie sich nicht weigert, Herrn Blifil zu geeigneter Zeit zu sehen.« »Den Teufel auch!« brummte der Squire. »Wissen wir nicht – na, ich sage nichts, aber manche Leute bilden sich ein, klüger zu sein als alle andern. Wenn es nach meinem Willen gegangen wäre, hätte sie nicht durchgehen sollen; jetzt aber erwarte ich jeden Augenblick die Nachricht, daß sie wieder fort ist. Denn wenn mich auch manche Leute für sehr dumm halten, so weiß ich doch, daß Sophie durchaus nicht . . « »Ich dulde es nicht, Bruder, daß man etwas Schlechtes von meiner Nichte sagt, schon aus Rücksicht auf meine Familie. Sie ist ein Stolz der Familie und sie wird es bleiben. Ich verpfände dafür meinen eigenen ganzen Ruf. Ich werde Dich, Bruder, Nachmittags mit Vergnügen wieder bei mir sehen, denn ich habe Dir etwas Wichtiges mitzutheilen. Gegenwärtig muß ich Dich und Herrn Blifil um Entschuldigung bitten; es ist nöthig, daß ich mich ankleide.« »So nenne eine Zeit,« fiel Western ein. »Eine Zeit kann ich nicht bestimmen. Ich sage nichts 161 weiter, als daß ich Dich Nachmittags bei mir zu sehen wünsche.« »Was soll ich thun?« sagte Western zu Blifil, »ich kann nicht an sie kommen. Vielleicht ist sie Nachmittags besser gelaunt.« »Ich bin, wie ich sehe, zum Unglück verdammt,« antwortete Blifil. Dann nahm er steif Abschied von Fräulein Western, die die Verbeugung gleich steif erwiederte; darauf entfernte sie sich und Western betheuerte mit einem Schwure, Blifil solle seine Tochter Nachmittags sehen. Wenn Western dieser Besuch wenig gefallen hatte, so war er Blifil noch unangenehmer gewesen. Der erstere schrieb das Benehmen seiner Schwester blos deren Laune zu sowie ihrem Verdruß über die Verletzung der gehörigen Visitenceremonie; Blifil sah aber tiefer. Er ahnte aus einigen Worten, die der Dame entfallen waren, etwas Wichtigeres und mit Recht, wie sich ergeben wird, wenn wir die verschiedene Dinge beseitiget haben, welche das nachstehende Kapitel enthalten wird. Achtes Kapitel. Pläne der Lady Bellaston zum Verderben unseres Helden. Die Liebe hatte in dem Herzen des Lords Fellamor zu tiefe Wurzeln geschlagen, als daß sie durch die plumpe Hand des alten Western hätte herausgerissen werden können. Im ersten Aerger hatte er allerdings dem Capitain Eglane einen Auftrag gegeben, den dieser aber weit überschritt; auch würde er den Auftrag zurückgenommen haben, hätte 162 er den Capitain finden können, nachdem er Lady Bellaston gesehen, nämlich am Nachmittag, nachdem er früh die Beleidigung erfahren. Am Nachmittage nach jenem Tage, an welchem der schändliche Plan gegen Sophien hatte ausgeführt werden sollen, besuchte also der Lord die Lady Bellaston, die den Squire so schilderte, daß der Lord die Thorheit erkannte, die Worte desselben übel genommen zu haben, besonders da er redliche Absichten auf die Tochter desselben hatte. Er sprach sich über seine heftige Liebe gegen die Lady aus, welche bereitwillig in die Sache einging und ihm mit einer gewissen Sicherheit eine günstige Aufnahme bei der ganzen Familie so wie bei dem Vater selbst versprach, sobald derselbe nüchtern sein würde. Das einzige Hinderniß, sagte sie, sei der Mensch, den sie schon früher erwähnt habe, der, obgleich ein Bettler und Landstreicher, doch, auf welche Weise wisse sie nicht, sich anständige Kleidung verschafft habe und für einen anständigen Mann gelte. »Da ich meiner Cousine wegen mich eifrig nach ihm erkundiget, so habe ich denn auch glücklich seine Wohnung ausgekundschaftet,« die sie dann dem Lord anzeigte. »Ich denke nun darüber nach (denn zu einer Züchtigung durch Sie selbst ist der Mensch zu gemein), ob es Ihnen nicht möglich sein sollte, ihn auf irgend eine Weise pressen und auf ein Schiff bringen zu lassen. Weder das Gesetz noch das Gewissen verbieten dies, denn der Mensch ist, obgleich anständig gekleidet, ein Vagabund und darf so gut als irgend einer auf der Straße gepreßt werden. Ueberdies ist die Rettung einer jungen Dame vor solchem Unglücke gewiß eine verdienstliche Handlung, ja für den Menschen selbst dürfte es das Mittel sein, ihn vor dem Galgen zu bewahren.« Lord Fellamor dankte der Dame herzlich für den Antheil, den sie an seiner Angelegenheit nahm, von deren 163 Gelingen sein ganzes zukünftiges Glück abhänge. Er sehe, sagte er, nichts, was dem Pressen entgegenstehen könnte, und würde über die Ausführung des Planes nachdenken. Dann ersuchte er die Lady im vollem Ernst, die Familie mit seiner Bewerbung bekannt zu machen, ergoß sich in verzückte Reden über Sophien, nahm Abschied und ging mit dem festen Vorsatze, keine Zeit zu verlieren, um sich der Person seines Nebenbuhlers Jones zu versichern, damit es demselben unmöglich gemacht werde, die junge Dame in Gefahr zu bringen. Sobald Fräulein Western ihre Wohnung bezogen hatte, schickte sie der Lady Bellaston eine Karte, und die Lady eilte in der Sehnsucht der Liebe zu ihrer Cousine, höchst erfreut über die günstige Gelegenheit, die sich ihr so unverhofft darbot, denn sie wollte den Antrag lieber einer verständigen Dame machen, welche die Welt kannte, als einem Manne, den sie mit dem Titel eines Hottentotten beehrte, ob sie gleich keine abschlägige Antwort von ihm fürchtete. Die beiden Damen kamen nach einer kurzen Einleitung zur Hauptsache, die denn auch fast eben so schnell abgemacht, als angefangen war, denn Fräulein Western hatte kaum den Namen des Lords Fellamor gehört, als ihre Wangen von Wonne erglühten und sie ihre Zustimmung in den bestimmtesten Worten aussprach. Im weiteren Verlaufe des Gesprächs kamen sie auch auf Jones und sie beklagten beide sehr pathetisch die unglückliche Liebe, die, wie sie nicht läugnen konnten, Sophie für den jungen Mann hegte. Fräulein Western schrieb die Schuld davon gänzlich ihres Bruders verkehrter Erziehung zu, erklärte jedoch zuletzt, daß sie das Beste von dem Verstande ihrer Nichte erwarte, die, wenn sie auch um Blifils willen ihrer Liebe nicht entsagen wollte, »ohne Zweifel,« 164 setzte sie hinzu, »leicht wird vermocht werden können, eine bloße Neigung der Bewerbung eines jungen Mannes zu opfern, der ihr einen Titel und ein großes Vermögen zubringt; denn ich muß Sophien die Gerechtigkeit widerfahren lassen und gestehen, daß Blifil ein häßlicher Mensch ist, wie alle Landedelleute bekanntlich, und außer seinem Vermögen nichts empfehlenswerthes hat.« »So wundere ich mich über meine Cousine nicht mehr,« entgegnete Lady Bellaston, »Jones ist allerdings ein sehr angenehmer junger Mann und besitzt eine Eigenschaft, die, wie die Männer sagen, bei uns als große Empfehlung gilt. Was meinen Sie, Fräulein Western? Sie werden gewiß lachen, ich kann es selbst kaum ohne Lachen sagen. Glauben Sie, daß der Mensch die Keckheit gehabt hat, mir den Hof zu machen? Wenn Sie mir nicht glauben wollen, so ist dieser Brief da von ihm gewiß ein vollgültiger Beweis.« Sie überreichte darauf ihrer Cousine den Brief, in welchem Jones der Lady seine Hand angetragen hatte und den der Leser im funfzehnten Buche dieser Geschichte finden wird. »Wahrhaftig, ich bin ganz erstaunt,« sprach Fräulein Western, »das ist ein Meisterstück von Keckheit. Der Brief kann mir, mit Ihrer Erlaubniß, wohl von Nutzen sein.« »Sie können und dürfen ihn zu jedem Zwecke benützen,« entgegnete Lady Bellaston. »Indeß wünsche ich, daß Sie ihn nur Sophien und auch dieser nur im Nothfalle zeigen.« »Sehr wohl, und wie fertigten Sie den kecken Menschen ab?« fragte Fräulein Western. »Das können Sie sich denken. Ich habe die Freuden der Ehe bereits einmal genossen und glaube, einmal ist für eine verständige Frau vollkommen genug.« Dieser Brief, meinte Lady Bellaston, sollte in Sophiens Herzen von großer Bedeutung gegen Jones sein, und sie gab ihn aus der Hand theils in der Hoffnung, daß Jones 165 sehr bald völlig aus dem Wege gebracht werden würde, theils weil sie sich das Schweigen der Honour gesichert hatte, die, wie sie wußte, alles bezeugen würde, was sie nur immer von ihr verlangte. Vielleicht wundert sich der Leser, warum Lady Bellaston, die im Herzen Sophien doch haßte, so sehr sich bestrebte, eine Heirath zu Stande zu bringen, welche so sehr zum Vortheile des Mädchens sein sollte. Ich bitte den Leser, im Buche des menschlichen Herzens nachzusehen, beinahe die letzte Seite, dort wird er in kaum lesbarer Schrift finden, daß Frauen, trotz der Beeiferung der Mütter, Tanten \&c. in Heirathssachen, in der Wirklichkeit die Vernichtung ihrer eigentlichen Neigung für ein großes Unglück halten, wie man es kaum dem ärgsten Feinde wünschen darf; ferner wird er an derselben Stelle finden, daß ein Weib, die einmal mit Vergnügen einen Mann den ihrigen nannte, dem Teufel auf den halben Wege entgegen geht, um nur zu verhindern, daß eine andere ihn besitzt. Begnügt sich der Leser mit diesen Gründen nicht, so gestehe ich offen, daß ich keinen anderen Beweggrund zu den Handlungen der Lady sehe, er müßte denn annehmen wollen, sie sei durch Lord Fellamor bestochen worden, was ich nicht glauben kann. Dies war es, was Fräulein Western nach einer Einleitung über die Thorheit der Liebe \&c. Sophien beibringen wollte, als ihr Bruder mit Blifil so unerwartet erschien. Daraus folgte denn auch die Kälte in ihrem Benehmen gegen Blifil, deren wirkliche Ursache derselbe halb und halb errieth. 166 Neuntes Kapitel. Jones besucht Mad. Fitzpatrick. Der Leser kehrt nun vielleicht gern mit uns zu dem Herrn Jones zurück, der sich zu der bestimmten Stunde zu Mad. Fitzpatrick begab; ehe wir aber das Gespräch zwischen beiden mittheilen, dürfte es gerathen sein, etwas weiter zurückzublicken und die Erklärung der großen Veränderung in dem Benehmen dieser Dame zu geben, die erst ihre Wohnung hauptsächlich aus dem Grunde wechselte, Jones zu vermeiden und jetzt, wie wir gesehen haben, so eifrig eine Zusammenkunft mit ihm suchte. Wir brauchen hier nur zu erwähnen, was am vorigen Tage geschehen war, als sie, nachdem sie die Ankunft Westerns von der Lady Bellaston erfahren hatte, in die Wohnung desselben ging, hier aber so viele gemeine Schimpfreden hören mußte, die wir unmöglich wiederholen können, und selbst die Drohung vernahm, hinausgeworfen zu werden. Von da führte sie ein alter Diener ihrer Tante Western, mit dem sie gut bekannt war, nach der Wohnung dieser Dame, die sie nicht freundlicher, wenn auch artiger behandelte. Kurz, sie nahm von beiden die Ueberzeugung mit hinweg, daß nicht blos ihr Plan zu einer Wiederversöhnung fehlgeschlagen sei, sondern daß sie auch für immer alle Gedanken daran aufgeben müsse, eine Aussöhnung auf irgend eine Weise zu bewerkstelligen. Von diesem Augenblicke an erfüllte ihr Herz nur Haß; in dieser Stimmung sah sie Jones im Theater und es schien sich ihr eine Gelegenheit darzubieten, die Rache zur Ausführung zu bringen. Der Leser muß sich erinnern, daß sie ihm in ihrer Geschichte die frühere Vorliebe des Fräulein Western für Herrn Fitzpatrick in Bath mitgetheilt hatte. Aus der getäuschten 167 und betrogenen Liebe leitete Mad. Fitzpatrick den großen Haß ihrer Tante gegen sie her. Sie zweifelte deshalb auch nicht, daß die gute Dame eben so leicht auf die Bewerbung unseres Jones achten würde, wie sie die eines andern beachtet hatte, zumal Jones offenbar ein noch schönerer Mann war und das unterdeß weiter vorgerückte Alter ihrer Tante ihrer Ansicht nach dem Plane eher förderlich als hinderlich sein mußte. Als Jones bei ihr angekommen war und sie zuerst ihren Wunsch ausgesprochen hatte, ihm zu dienen, weil sie dadurch, wie sie sagte, gewiß Sophien einen großen Gefallen erzeige, nach einigen Entschuldigungen wegen des frühern Mißlingens ihrer Bemühungen, und als sie Jones mitgetheilt hatte, in welchen Händen Sophie jetzt sei, was Jones, wie sie glaubte, noch nicht wüßte, setzte sie ihm ihren Plan sehr deutlich auseinander, rieth ihm, verstellt der älteren Dame den Hof zu machen, um leichter Zutritt zu der jüngeren zu erhalten und setzte ihn zugleich in Kenntniß von dem Glücke, das Fitzpatrick früher durch dieselbe List gemacht habe. Jones sprach seinen Dank aus gegen die Dame wegen ihrer guten Absicht, die sie durch diesen Vorschlag an den Tag gelegt, äußerte aber einigen Zweifel an dem Erfolge, weil die Dame doch seine Liebe zu ihrer Nichte kenne, was bei Fitzpatrick nicht der Fall gewesen sei und sagte dann, er fürchte auch, daß Sophie einen solchen Betrug nicht billigen würde, sowohl weil sie ihrer Tante wirklich zugethan sei, als weil sie jede Falschheit hasse. Mad. Fitzpatrick fühlte sich durch diese Bemerkung ein wenig verletzt und sie zeugte allerdings von einem Mangel an Artigkeit, dessen er sich sicherlich nicht schuldig gemacht haben würde, wenn ihm nicht das innige Vergnügen, mit dem er Sophien pries, alle andern Gedanken benommen hätte. 168 »Nun,« antwortete die Dame mit einiger Wärme, »ich glaube nicht, daß etwas leichter ist, als eine alte Jungfer durch einen Liebesantrag zu täuschen, wenn sie besonders verliebter Art ist, und ob sie gleich meine Tante ist, so muß ich doch gestehen, daß ich keine verliebtere gesehen habe. Können Sie nicht sagen, daß Sie aus Verzweiflung darüber, ihre Nichte nicht zu besitzen, Ihre Gedanken auf sie gerichtet? Meine Cousine Sophie auf der andern Seite kann ich nicht für so albern halten, daß sie sich im mindesten ein Gewissen daraus machte, eine der alten Hexen für die manchen Leiden und Verdrüßlichkeiten ein wenig zu züchtigen, die sie ihrer tragikomischen Leidenschaften wegen über Familien bringen und für die sie eigentlich durch die Gerichte sollten bestraft werden können. Ich habe mir darum kein graues Haar wachsen lassen und ich hoffe auch, Sophie wird es nicht übel nehmen, wenn ich sage, sie kann jede Art wirklicher Falschheit nicht mehr hassen als ihre Cousine Fitzpatrick. Achtung fühle ich für meine Tante nicht und sie verdient keine. Ich habe Ihnen meinen Rath gegeben und wenn Sie ihn nicht befolgen, so kann ich es nicht ändern, werde aber keine so gute Meinung mehr von Ihrer Klugheit haben, wie bisher.« Jones erkannte den Fehler, den er gemacht hatte und bot alles auf, um ihn wieder zu verbessern, aber er stotterte nur und verwickelte sich in Unsinn und Widersprüchen. Es ist oftmals klüger und sicherer, die Folgen des ersten Fehlers zu ertragen, als einen Versuch zu machen, ihn zu verbessern, denn durch solche Versuche geräth man meist eher tiefer hinein, als daß man sich herausarbeitet, und wenige Personen werden bei solchen Gelegenheiten die Gutmüthigkeit besitzen, welche Mad. Fitzpatrick gegen Jones bewies, indem sie lächelnd sagte: »Sie brauchen sich nicht mehr zu entschuldigen, denn ich vergebe gern einem Manne, der 169 wirklich liebt, welches auch die Wirkung seiner Zärtlichkeit gegen seine Geliebte sein mag.« Sie erneuerte darauf ihren Vorschlag, empfahl ihn sehr dringend und vergaß keinen Grund, den ihr ihr Scharfsinn darbot; denn sie war gegen ihre Tante so aufgebracht, daß kaum etwas ihr ein gleich großes Vergnügen gemacht haben würde, als sie der Verspottung Preis gegeben zu sehen. Als ächtes Weib wollte sie in der Ausführung ihres Lieblingsplanes durchaus keine Schwierigkeit sehen. Jones lehnte jedoch bestimmt das Unternehmen ab, das allerdings auch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit des Erfolges für sich hatte. Er durchschauete leicht die Beweggründe, welche Mad. Fitzpatrick veranlaßten, so eifrig ihm ihren Plan anzuempfehlen. Er sagte, er wolle seine Liebe zu Sophien nicht läugnen, fühle aber auch die Ungleichheit ihrer Stellungen so sehr, daß er sich nicht schmeicheln könne, ein so himmlisches junges Mädchen werde sich herablassen, an einen ihrer so unwürdigen Mann zu denken. Manche Frauen, in denen das Selbst so vorherrscht, daß sie es nie von irgend einem Gegenstande abtrennen können, bei denen die Eitelkeit ferner vorherrschende Leidenschaft ist, greifen jedes Lob auf, das sie hören und wenden es auf sich an, wenn es ihnen auch nicht angehört. In Gegenwart solcher Frauen kann man nichts Schönes von einer andern sagen, das sie nicht sogleich auf sich anwendeten; ja sie steigern bisweilen die Lobeserhebungen noch, die sie hören, und denken z. B., wenn die Schönheit, der Geist, die Anmuth einer andern so rühmenswerth sind, was verdiene ich, da ich diese Eigenschaften in weit höherem Maße besitze? Diesen Frauen empfiehlt sich ein Mann nicht selten dadurch, daß er eine andere Dame rühmt und sie stellen während er entzückt die Geliebte preist, Betrachtungen 170 darüber an, welch' liebenswürdiger Liebhaber dieser Mann ihnen gegenüber sein würde, da er so viel Zärtlichkeit für eine andere zu empfinden und auszusprechen vermöchte. Ich habe, so sonderbar es auch scheinen mag, manche Beispiele dieser Art außer Mad. Fitzpatrick gesehen, der alles dies wirklich geschah und die etwas für Jones zu fühlen begann, dessen Symptome sie früher verstand, als in anderer Zeit Sophie erkannt hatte. Vollkommne Schönheit ist bei beiden Geschlechtern unwiderstehlicher als man gemeinhin glaubt, denn ob sich gleich Mancher von uns mit weniger begnügen und die Außenseite übersehen kann, um die andern Reize zu schätzen, so habe ich doch immer gefunden, daß jene andern Reize neben vollendeter Schönheit nur in dem Glanze schimmern, welchen die Sterne nach Sonnenaufgang besitzen. Als Jones mit seinen Ausrufungen zu Ende war, seufzte Mad. Fitzpatrick tief, wendete ihre Augen von Jones ab, auf den sie bis dahin gerichtet gewesen waren, schlug sie nieder und sprach: »wirklich, Herr Jones, ich bedauere Sie, aber es ist einmal der Fluch, daß so große Liebe auf solche fallen muß, die sie nicht zu würdigen verstehen. Ich kenne meine Cousine besser als Sie, Herr Jones, und muß gestehen, daß das Weib, welches solche Liebe nicht erwidert, dieselbe nicht verdient.« »Sie können doch gewiß nicht der Meinung sein . . .« fiel Jones ein. »Ich weiß, was ich meine,« entgegnete Mad. Fitzpatrick, »es liegt gewiß in wahrer Liebe etwas Bezauberndes; wenige Frauen sind so glücklich, sie bei Männern zu finden und noch wenigere verstehen sie zu würdigen. Ich habe nie so edele Gefühle aussprechen hören und ich kann es nicht sagen, aber Sie zwingen mich, Ihnen zu glauben. Die 171 muß das verächtlichste Weib sein, welche solche Trefflichkeit zu übersehen vermag.« Die Art und der Blick, mit dem sie alles dies sprach, weckte in Jones einen Verdacht, den wir gegen den Leser nicht mit bestimmten Worten aussprechen wollen. Statt eine Antwort zu geben, sagte er blos: »ich fürchte, Madame, Sie durch meinen Besuch zu lange belästiget zu haben,« und wollte sich entfernen. »Keineswegs,« antwortete Mad. Fitzpatrick. »Ich bedauere Sie wirklich, Herr Jones, wahrhaftig; aber wenn Sie gehen, so überlegen Sie nochmals, was ich Ihnen gesagt habe. Ich bin überzeugt, daß Sie den Plan billigen werden und kommen Sie bald wieder. Morgen früh, wenn Sie wollen, oder zu irgend einer Zeit morgen. Ich werde den ganzen Tag zu Hause sein.« Jones empfahl sich, nachdem er nochmals seinen Dank ausgesprochen hatte und Mad. Fitzpatrick warf ihm beim Abschiede noch einen Blick zu, der so deutlich sprach, daß er ihn verstehen mußte, wenn er in der Augensprache nicht ganz unerfahren war. Er befestigte ihn in dem Vorsatze, nicht wieder zu ihr zu kommen, denn so viele Fehltritte er auch bisher gethan hatte, so waren doch jetzt alle seine Gedanken bei Sophien, so daß ihn schwerlich irgend ein Weib auf Erden zu einer Untreue hätte verleiten können. Das Schicksal, das ihm nun einmal nicht freundlich gesinnt war, bereitete ihm den tragischen Vorfall, den wir nun leider erzählen müssen. 172 Zehntes Kapitel. Die Folgen des vorigen Besuchs. Herr Fitzpatrick, der den vorher erwähnten Brief von Fräulein Western erhalten und dadurch den Aufenthaltsort seiner Frau erfahren hatte, kehrte direct nach Bath zurück und brach von dort am nächsten Tage nach London auf. Wir haben dem Leser oft das eifersüchtige Temperament dieses Mannes geschildert. Auch möge er sich des Argwohnes erinnern, den er in Upton gegen Jones gefaßt hatte, als er ihn mit Mad. Waters in dem Zimmer traf. Obwohl nun hinreichende Gründe ihm diesen Verdacht hätten benehmen können, so brachte ihn doch die Schilderung, welche seine Frau von Jones entworfen hatte, wieder auf den Gedanken, daß sie zugleich mit ihm in dem Gasthause gewesen und weckte das Ungethüm der Eifersucht von neuem in ihm. Als er in der Straße nach dem Hause suchte, in welchem seine Frau wohnen sollte, sah er unglücklicher Weise Jones aus demselben herauskommen. Zwar erkannte er ihn nicht sogleich, als er aber einen wohlgekleideten jungen Mann aus dem Hause treten sah, schritt er sogleich auf ihn zu und fragte ihn, was er in dem Hause zu schaffen habe. »Sie müssen darin gewesen sein,« setzte er hinzu, »da ich Sie herauskommen sah.« Jones antwortete ruhig, er habe eine Dame in dem Hause besucht und Fitzpatrick entgegnete: »was haben Sie mit der Dame vor?« Jones, der sich des Mannes jetzt vollkommen erinnerte, erwiederte: »ach, lieber Freund, geben Sie mir die Hand! Ich hoffe, es ist kein Groll wegen des kleinen Irrthums zwischen uns zurückgeblieben.« 173 »Ich kenne weder Ihren Namen noch Ihr Gesicht,« sprach Fitzpatrick. »Ich habe auch nicht das Vergnügen, Ihren Namen zu kennen,« antwortete Jones, »Ihr Gesicht aber habe ich schon früher in Upton gesehen, wo wir einen seltsamen Streit mit einander hatten, den wir, wenn er noch nicht vergessen ist, in einer Flasche ersäufen wollen.« »In Upton!« rief der Andere. »Bei meiner Seele, ich glaube, Sie heißen Jones!« »So ist es allerdings.« »So sind Sie gerade der Rechte, den ich suche. Ich werde eine Flasche mit Ihnen leeren, aber erst muß ich Ihnen einen tüchtigen Schlag auf den Schädel geben. Da, Sie Schurke! Wenn Sie mir nicht Genugthuung geben, erhalten Sie einen zweiten Hieb.« Dann zog er seinen Degen und legte sich aus, denn das war die einzige Kunst, die er verstand. Jones wankte etwas unter dem Schlage, der ihn so unerwartet traf, erholte sich aber sogleich wieder, zog ebenfalls und drang, ob er gleich vom Fechten nichts verstand, so ungestüm auf Fitzpatrick ein, daß er ihm die Parade durch schlug und den Degen in den Leib rannte. Fitzpatrick wankte ein Paar Schritte zurück, ließ den Degen sinken, stützte sich darauf und sprach: »ich habe genug; ich bin ein Kind des Todes.« »Das hoffe ich nicht,« sprach Jones, »was aber auch geschehen mag, Sie müssen zugeben, daß Sie es sich selbst zugezogen haben.« In diesem Augenblicke kamen mehrere andere Personen herbei und ergriffen Jones, der ihnen sagte, er würde keinen Widerstand leisten und sie bat, für den Verwundeten zu sorgen. »Ach,« sprach Einer, »für den Verwundeten ist gesorgt, 174 denn er wird nicht lange mehr zu leben haben. Sie aber mögen sich auch zum Absegeln bereit halten.« Die Leute waren Soldaten, vom Lord Fellamor geholt, der Jones in das Haus der Mad. Fitzpatrick nachgegangen und ihm da aufgelauert hatte. Der Offizier, welcher die Leute commandirte, war der richtigen Ansicht, daß er den Gefangenen den Gerichten zu übergeben habe, was denn auch geschah. Gleich darauf wurde ein Bote nach dem Verwundeten geschickt, der sich in einem Wirthshause unter den Händen eines Wundarztes befand. Der Bericht lautete, die Wunde sei unbedingt tödtlich. Jones wurde vor den Richter geführt, wo auch der Wundarzt erschien, der Fitzpatrick verbunden hatte und aussagte, er halte die Wunde für tödtlich. Der Gefangene wurde in das Gefängniß gebracht, schickte aber, da es schon spät in der Nacht war, erst am andern Morgen zu Partridge, der über die Nachricht nicht wenig erschrak, mit zitternden Knieen und klopfendem Herzen in das Gefängniß ging, dort in lauten Jammer ausbrach und sich ängstlich umsah, denn da man hörte, Fitzpatrick sei verschieden, so erwartete Partridge jeden Augenblick, den Geist desselben erscheinen zu sehen. Endlich übergab er Jones einen Brief, den er beinahe vergessen hätte, der von Sophien war und den der schwarze Georg ihm überbracht hatte. Jones schickte sogleich alle aus dem Zimmer, erbrach den Brief und las: »Sie hören eines Vorfalles wegen, der mich allerdings sehr überrascht, nochmals von mir. Meine Tante hat mir eben einen Brief von Ihnen an Lady Bellaston gezeigt, der einen Heirathsantrag enthält. Ich bin überzeugt, daß er von Ihnen geschrieben ist, mehr aber noch überrascht es mich, daß er in der Zeit geschrieben wurde, als Sie mich 175 überreden wollten, daß Sie meinetwegen so betrübt und traurig wären. Ich will keine Betrachtungen darüber anstellen und wünsche nichts weiter, als daß Ihr Name nicht mehr erwähnt werde vor S. W.« Von der Stimmung des armen Jones und den Leiden, die ihn jetzt quälten, können wir dem Leser keine treffendere Vorstellung geben, als wenn wir sagen, daß selbst Thwackum Mitleid mit ihm fühlte. Aber so schlimm es ihm auch erging, so müssen wir ihn doch jetzt verlassen und wir schließen das sechszehnte Buch unserer Geschichte.   Ende des fünften Bandes.