Ludwig Ganghofer Der hohe Schein Roman aus den Bergen 1 Der Tag begann. Schon hatte der Himmel mattes Licht, in dem die erlöschenden Sterne nur noch wie Nadelspitzen sichtbar waren. In der Tiefe des langgestreckten, von Osten nach Westen ziehenden Tales lag noch die Nacht mit schwarzen Wäldern, und über den Bergen, die das Tal auf beiden Seiten geleiteten, hing noch die Dämmerung, deren Schleier alle Felsen in ein stilles Grau verschwimmen ließ. Dieses gleiche Grau lag über dem weiten Almfeld der isolierten Bergmasse, die das lange Tal gegen Osten mit steinernem Riegel schloß, von den seitlichen Bergen durch enge Waldschluchten geschieden. Mit dunklen Wellen hob sich das hügelige Almfeld gegen die Steinwände des Berges, der als steile Pyramide aus finsteren Wäldern stieg. Dieser Berg im Dämmerdunkel des Morgens sah anders aus als die anderen Berge. Er hob sich wie ein Geheimnis in die Lüfte, tiefschwarz, mit bläulichem Schimmer in dieser Schwärzte. Über den Wipfelkämmen, die an seinen Flanken hinaufkletterten, hatte der Himmel roten Schein, und flimmernde Glutlinien umzogen das dunkle Haupt des Berges. Im Gezweig einer alten Fichte, die sich schwarz inmitten des grauen Almfeldes erhob, begann eine Ringdrossel leise zu zwitschern. Das war eine schüchterne Frage: »Tag, du schöner, kommst du nun bald?« Ein Laut, als hätte eine Tür gegen hölzerne Balken geschlagen. Hochwild, das äsend über das Almfeld gezogen, wurde flüchtig. Nahe dem Waldsaum blieben die Tiere stehen und äugten gegen die Sennhütte hinunter, aus deren offener Tür ein rötlicher Feuerschein in die Dämmerung zitterte. Jetzt erlosch der Schein. Und die Hütte glich einem großen dunklen Felsblock. Zwei Frauen waren aus der Tür getreten, im stillen Grau zwei graue Gestalten. »Diese Luft!« sagte eine linde, heitere Stimme von jugendlichem Klang. »Heut kommt a schöner Tag!« Das war eine murrende Stimme. »Der Hohe Schein hat sein Glutrandl.« Das Weib deutete mit dem Stecken gegen den Berg hinauf. »Wann er 's Licht so verkündt, gibt's allweil a saubere Sonn.« Ein Seufzer. »Wird man halt wieder schwitzen müssen! Wär mir lieber: schön kühl haben. Allweil kommt's anders, als man möcht. So geht's mit allem im Leben. Ich versteh's net. Allweil sinnier ich drüber. Und wirst sehen, ich bring's noch amal aussi, warum alles so sein muß, so an ewiges Widerspiel.« »Das schöne Leben? Ein Widerspiel?« Wie froh dieses junge Lachen in den grauen Morgen klang! »Da hab ich noch nie was gemerkt davon.« »Du freust dich halt und lachst! Lauft dir a schwarze Grill übers Leberl, so meinst, es wär a Goldkäferl g'wesen. Bist halt eine von die Sonnseitigen! Aber dös is kei' Kunst. Dös is bloß a Glück!« Mit hoher, langgezogener Stimme begann das Weib zu schreien: »Kuh seeeeh! Kuh seeeeh!« Man hörte eine Schelle rasseln, eine zweite, eine dritte. Auf dem grauen Almfeld erhoben sich die jungen Rinder und kamen gelaufen, um gierig das Salz zu empfangen, das die Hirtin aus einer um ihre Hüften gebunden Leinentasche hervorholte. »Schau, Mathild«, sagte sie, »du bis grad wie's Vieh.« »Lies!« Halb war's ein Lachen, halb ein ernstes Wort. »Ich bin dir gut. Aber grob darfst du nicht werden!« »Grob? Ich sag dir ja doch ebbes Schöns. Schau, wie d' Rinder dös Salz mögen! Als wär's a Süßigkeit. Und du bist gradso! Du schluckst jede Lebenssorg wie a guts Bröckl.« »Das ist wahr, Lies! Noch jede Sorg, die mich befallen hat, ist mir zu einer lieben Freud geworden.« »Dein Glück halt!« »Vielleicht ist doch auch ein bißl Kunst dabei.« Die Sennin schüttelte den Kopf. »Wann 's Glück a Kunststückl wär, so müßt's jeder lernen können! Ich versteh's net, Mathild! Da kann ich kitzeln, soviel ich mag. Beim Vieh hab ich's aussibracht. D' Rinder mögen 's Salz, weil's ihnen die Knochen festet. Und da hab ich mir so fürg'stellt, als tät alle Lebensnot für uns Leut so ebbes sein wie a Bröserl Kraftsalz.« »Ja, Lies! Kummer macht die Herzen stark.« »Laß mich aus! Bei dir stimmt's. Weil halt du 's Glück dazu hast! Aber schau dir hundert andere drum an! Die sind elend und schreien. Perexempli: der Scheidhofer! Der hat im Leben dös Schmerzensalz pfundweis schlucken müssen. Wann's wahr wär, daß der Wehdam d' Leut stark macht, müßt der Scheidhofer im Glück a Mensch sein, wie im Wald der beste Baum. Und is an einschichtiger Narr und hockt in seim schönen Hof wie an armseliges Häufl Elend. Und schau dein' Vater an –« »Laß meinen Vater ans deinem Grillenspiel!« sagte das junge Mädchen ernst. Brummend ging die Sennin weiter und fing wieder mit hoher Stimme zu schreien an: »Kuh seeeh! Kuh seeeeh!« Wortlos folgte ihr das junge Mädchen, dessen Gedanken durch die Erinnerung an den Vater auf stille Wege geführt schienen. Die letzten Sterne waren erloschen, das Blau des Himmels begann sich zu lichten, über den langgestreckten Bergen hellte sich aller Schatten zu mildem Glanz, und ein unbestimmter Schimmer des beginnenden Tages floß auch schon hinunter in die Tiefen des Tales. »Lies!« sagte das junge Mädchen plötzlich. »Schau nur, wie der Hohe Schein zu brennen beginnt!« Die beiden blickten zur steilen Höhe des Berges hinauf, dessen Glutränder sich verwandelt hatten in züngelnde Feuersäume. Dieses Leuchten steigerte sich zu brennendem Glanz. Wie mit flammenden Wogen brandete die Lichtflut der nahenden Sonne gegen das steinerne Haupt des Berges hinauf, das umlodert war von einer flimmernden Strahlenkrone. Inmitten des zitternden Glanzes, auf der höchsten Felszinne des Berges, unterschied man ein kleines, bewegliches Figürchen, gleißend, wie aus Gold gebildet. »Da steht schon wieder einer droben, so a Stadtfrack, so an überspannter!« Die Sennin lachte höhnisch. »Den mußt dir anschauen, Mathild! Da droben in der lichten Höh schaut jeder aus wie a Bildstöckl mit'm Heiligenschein. Kommt er abi, so schaut er gradso aus wie die anderen narrischen Leut.« Das junge Mädchen lächelte. »Wenn man im Licht und auf der Höhe so schön und heilig wird, sollt man allweil nur hinaufsteigen und nie hinunter.« »Schau, jetzt stiefelt er weg da droben! Was d' Stadtleut nur haben von ihrer Bergrennerei? Wegen der Aussicht, heißt's allweil. Der Mensch soll lieber Einsicht haben. Was hat er von der Aussicht? Verlogenes Zuig!« »Geh, Lies! Wenn du droben stehst auf einem Berg und schaust hinaus in die blaue Welt, so hast du doch Freude dran.« »Freud? Gott bewahr! Bloß ärgern muß ich mich. Was weit is, lügt. Die schönen Sachen, die wahr sind, muß man greifen können.« Die Sennin bückte sich und brach eine Blume. »So a Blüml mußt anschauen! Dös is so wahr, wie's schön is. Und wie näher als d' hinguckst, um so schöner wird's. Aber schau da aussi!« Sie deutete gegen das ferne Tal. »Schau den letzten Berg an! Kleinwunzig schaut er aus wie a Steinmanndl, dös d' Hüterbuben baut haben. Vor neun Jahr amal, da bin ich so weit draußen g'wesen. Und da war dös kleine Steinhäufl so a Mordstrumm Berg, daß ich merken hab müssen: den hat unser Herrgott g'macht. Narretei! Was weit is, lügt.« Sie warf die Blume fort. »Und der Herrgott is auch weit. Aber wirst sehen, ich bring's noch amal aussi, wie er ausschaut in der Näh.« Ein heiteres Lachen. »Grillenmahm!« Da klang ein Surren in den Lüften, ein Sausen und Pfeifen. »Jesus!« rief die Sennin erschrocken und riß das Mädchen auf die Seite. Ein Stein schlug von der Felswand auf das Almfeld nieder und jagte an den beiden vorüber mit hohen Sprüngen der Tiefe zu. »Der Narr da droben!« schimpfte die Sennin. »Der muß zwei linke Füß haben! Und du, Mathild, sei froh, daß er a Fremder is! Der tät dir Unglück bringen.« »Unglück?« »Weil er an Stein über dein' Weg hat laufen lassen.« »Geh, du Urschel! So ein Aberglauben! Der Stein ist doch gradso über deinen Weg gelaufen.« »Mir tut er nix. Unglück können bloß die haben, für die noch allweil a Glück auf der Straß liegt.« Wieder sausten Steine mit Klang und Surren über die Felswand herab. »Der macht ja den ganzen Berg roglet! Freilich, auf d' Letzt muß alles abi. Aber wann alles amal in Scherben fallen muß, warum hat sich denn der Herrgott so viel plagt mit'm Bergmachen?« Die beiden waren in eine Mulde des Almfeldes niedergestiegen, und wieder hörte man den schreienden Ruf: »Kuh seeeeh! Kuh seeeeh!« Zu beiden Seiten des einsamen Felsriesen brach der Strahlenglanz der steigenden Sonne in das lange Tal herein und glänzte die Spitzen der in die Ferne ziehenden Berge an. Weit draußen hatte auch der Talgrund schon einen Hauch von Sonne. In der Nähe dort unten dämmerte noch alles, denn der Hohe Schein warf seinen blauen Schattenkegel in die Tiefe. Auf der Schutthalde, die sich vom Sturz der Wände niederstreckte gegen das Almfeld, klang ein Schritt und das Klirren eines Bergstockes. Aus dem Gewirr der Steinblöcke löste sich die Gestalt eines jungen Mannes von schlankem Wuchs, breitschultrig, doch mit Gliedern, die ihre eigene Kraft nicht zu kennen schienen. Er ging ein wenig gebeugt, ging langsam, wie der Schritt eines Menschen ist, der kein Ziel hat, nach dem er sich sehnt. Eins von jenen braunen Touristengewändern, wie man sie in der Stadt hinter den Schaufenstern hängen sieht. Über den rund gepackten Rucksack war ein Wettermantel aus grauem Loden geknotet. Unter der Krempe des Filzhutes hingen braune Haarsträhnen in das blasse Gesicht, das der beschwerliche Niederstieg über die Felswand kaum merklich gerötet hatte. Es war nicht schön, doch es fesselte durch seinen stillen Ernst und durch die großen Augen, stahlgrau, ein wenig ins Blaue spielend – Augen, die lieber nach einwärts ins eigene Leben zu blicken schienen als hinaus in die Welt. Im Widerspruch zu diesen wunschlosen Augen lag ein Zug des Dürstens um den weich geschwungenen Mund, den ein junger, lichtbrauner Bart umrahmte. Langsam wanderte er über das Almfeld hinunter, blieb stehen und atmete tief, als wäre in der Luft etwas Köstliches. Ein süßer Duft war's, den er spürte. Den strömten die kleinen, braunen Blumen aus, die in großer Zahl auf dem Rasen blühten. Es waren Kohlröschen. Er pflückte eine von den Blumen und betrachtete sie lang. »So klein! Und so reich an Duft!« Hastig beugte er sich nieder und pflückte, bis es ein dicker Strauß wurde. Den schob er hinter das Hutband. Dann ging er auf die Sennhütte zu, unter deren vorspringendem Dach eine Holzbank an die Giebelwand gezimmert war, mit einem Tisch davor. Die Tür war nicht versperrt, nur von einer Holzklinke festgehalten. Der Fremde öffnete und rief in den dunklen Hüttenraum: »Ist jemand hier?« Als er keine Antwort erhielt, legte er den Rucksack auf die Bank und ließ sich nieder. Den Hut mit den Blumen schob er auf den Tisch, holte aus dem Rucksack ein dickes Buch hervor, schlug es mit dem Merkband auf und las weiter, wo er am Abend – oder spät in der Nacht? – zu lesen aufgehört hatte. Fast eine Stunde verging. Immer las er. Plötzlich schloß er das Buch. »Wie kalt das alles ist!« Er lehnte sich an die Hüttenwand zurück. Da glitt ihm ein Laut des Staunens über die Lippen. Wie ein wundersames Geheimnis, dessen dunkle Rätsel sich in helles Feuer verwandeln wollten, lag der Hohe Schein vor ihm. Die Sonne war schon dem Gipfel nah und goß ihren Glanz um alle Säume des einsamen Berges her, so blendend, daß die Umrisse der Felskuppe in diesem Geschimmer ganz verschwanden. Aller Schatten war aufgelöst in ein meertiefes, duftiges Blau, von Goldtönen umwoben, von Strahlen umzuckt. Der Anblick des wundersamen Bildes wirkte um so tiefer auf den Schauenden, weil es mit allem Zauber seines Glanzes so jählings über ihn herfiel. Er war über das Almfeld niedergestiegen, ohne sich umzublicken, hatte gelesen, ohne aufzuschauen. Nun zog es ihn von der Bank, und er stieg über einen Hügel des Almfeldes hinauf, um weiteren Ausblick zu haben. So versunken war er, daß er die klappernden Schritte nicht hörte, die vom Waldsaum zur Hütte kamen. »Da schnappt wieder einer über!« brummte die Sennin, als sie auf ihren Gruß keine Antwort bekam. Es war eine hagere Person, in grobem Arbeitskleid, mit der Salztasche um die Hüften. Das graue, dünn gewordene Haar war über dem Scheitel zu einem Knoten so fest zusammengedreht, daß an Stirn und Schläfen die Haarsträhnen straff gespannt waren. Das gab dem mageren Gesicht was Spitzmausartiges – ein Gesicht, verdrossen, zu dem die Augen nicht passen wollten: braune, scharfblickende Augen von hellem Glanz, spöttisch und sehnsüchtig. Sie wollte in die Almstube treten. Da sah sie auf dem Tisch vor der Hütte das Buch liegen. »Natürlich! Sein Büchl muß jeder haben, sonst weiß er net in der Welt, wo er hin muß mit der Nasen. Aber so a Trumm Buch hat noch keiner umanand tragen!« Lachend trat sie in die Hütte. Nach einer Weile, als sie beim Herd stand, kam der Fremde zur Tür und sagte: »Ich bitte, Frau, kann ich eine Schale Milch bekommen?« Die Sennin guckte über die Schulter. »Meinetwegen! Aber Frau bin ich keine. Gott sei Dank, daß ich den Binkel net auch noch am Buckel hab!« Sie brachte ihm die Milch in einem hölzernen Weidling. Als der Fremde ein Glas haben wollte, brummte sie: »Wir sind keine Fürstenleut. Bei uns trinkt man aus der Schüssel. Muß man halt 's Maul a bißl breit machen.« Lächelnd versuchte er diese Methode. Ganz gut ging es. Und die Milch schmeckte. Während er trank, schlug die Sennin das Buch auf und fand einen Namen, der mit kräftigen Zügen auf die Innenseite des Deckels geschrieben stand: »Walter Horhammer.« Sie blätterte weiter, fand das Titelblatt und bewegte buchstabierend die Lippen. Ihr Gesicht wurde ernst, und ihre klugen Mausaugen vergrößerten sich. Langsam hob sie die Spitznase und betrachtete erregt den Fremden. »Herr? Hat dös Wörtl da an Sinn und Verstand?« Er hatte die Schüssel niedergestellt und trocknete mit dem Taschentuch den Bart, der vom Rahm eine weiße Borte bekommen hatte. »Welches Wort?« Sie fuhr mit dem Finger unter dem Titel hin, während sie buchstabierte: »Die Welträtsel.« Schnaufend blickte sie auf. Rings um ihre funkelnden Augen spannten sich die kleinen Fältchen. »A Rätsel, gelt, dös is, wo man net weiß, was dahintersteckt? Und dös muß einer aussikitzeln wie die Grillen aus ihrem Loch? Und söllene Rätsel gibt's haufenweis in der Welt, an die Leut, an die Viecher, im Boden, in der Luft, am Herrgott und am Teufel. Ja, da muß ich allweil kitzeln, daß ich gar kei' Ruh nimmer hab!« Es war ein freundlicher Blick, mit dem der junge Mann die Sennin betrachtete. »Die Klugen und die Einfältigen! In allen die gleiche Sehnsucht, die sich niemals stillt!« »Sagen S' mir, Herr!« Vor Erregung wurde ihr die Stimme heiser. »Is dös wahr, daß in dem Buch da ebbes drinsteht von die Welträtsel?« »Ja, liebe Frau! Das Buch handelt von allen Dingen, die wir Menschen nicht verstehen.« »Und aus dem Buch kunnt einer aussilesen, wie alles is in der Welt und was hinter allem steckt?« »Nein, gute Frau! In dem Buche steht nur, daß wir nicht wissen, wie alles ist.« Vor Zorn und Enttäuschung stieg der Sennin das Blut ins Gesicht. »A Narr!« Sie versetzte dem Buch einen Stoß, daß es gegen die Milchschüssel fuhr. »Wann er nix weiß, der Lapp, weswegen schreibt er denn so an Endstrumm Buch? Da bin ich ja gradso gscheit wie der! « Von diesem Unmut erheitert, trocknete der Fremde mit dem Taschentuch die verschüttete Milch von dem Buche. Dann nahm er seinen Rucksack von der Bank. »Na, na! Deswegen können S' schon hockenbleiben! Und nix für ungut, weil der Gift so aussi hat müssen aus mir! Dreißg Jahr lang hat mich 's Kitzeln net verdrossen. Aber da möcht man halt amal ebbes aussibringen. Hab schon g'meint, jetzt hätt ich d' Schüssel voll Süßigkeit am Maul. Ja, Schnecken! Muß ich mich halt selber wieder plagen!« Langsam hob sie das Gesicht und spähte in das leuchtende Morgenblau des Himmels hinauf. Dabei sumste sie leise zwischen den Zähnen, wie es die Kinder machen, wenn sie mit langem Grashalm eine Grille ans dem dunklen Erdloch treiben. »Wart nur! Net auslassen tu ich. Alles muß ich noch aussikitzeln.« Der Fremde lachte und zog die Riemen des Bergsackes über die Schultern. »Da brauchen S' net lachen! Kunnt halt doch sein, daß mir amal statt der schwarzen Grill a goldglanzigs Käferl aussihupft.« »Ein goldglanziges Käferl?« wiederholte der Fremde, als hätte ihm das Wort gefallen. Er nickte. »Wer weiß, ob nicht die schwarzen Grillen des Lebens nur aus den Löchern unserer Vernunft herauslaufen, während alles, was über und um uns ist, hellen Goldglanz hat, von dem wir nur manchmal in heiliger Stunde einen Schimmer ahnen.« Er blickte zu dem leuchtenden Wunder des Hohen Scheins hinauf. Schief, als hätte sie über eine Brille wegzuschauen, sah ihn die Sennin an und brummte: »Am Verstand muß er auch zwei linke Füß haben, der!« Dann sagte sie laut: »Gelt, Sie, wann S' wieder amal vom Berg abisteigen, so passen S' a bißl auf, daß d' Steiner, dö S' ablassen, net d' Leut derschlagen.« »Hab ich jemand in Gefahr gebracht?« »Na, na! A söllener Täpp is unsereiner net, daß er stehnbleibt, bis d' Steiner kommen.« »Der Weg war steil, und mir fehlt die Übung. Ich war heut zum erstenmal auf einem Berg.« Die Sennin wurde freundlicher. »Jetzt gfallen S' mir wieder! Die andern, wann s' zum erstenmal gnagelte Schuh anhaben, sind alle schon auf hundert Berg droben gwesen, mit'm Maul.« Da sah sie, daß er gar nicht die bei Touristen so beliebten Bergflöße trug, sondern leichtes Schuhwerk mit dünnen Sohlen. »Aber Sie Lampl, Sie unvorsichtigs! Wie kann man denn mit söllene Spinnewebenschuh auf an Berg auffisteigen? Da hätten S' Ihnen schön zurichten können, Sie narrischer Gockel Sie!« Er lächelte über die gutmütige Sorge, die aus dieser Grobheit redete. »Ich danke Ihnen!« Der Sennin zunickend, griff er nach dem Bergstock und legte eine Mark auf den Tisch. »Das ist für die Milch.« »Herr, dös is z'viel.« »Nicht zuviel für die Erfrischung, die mir der gute Trunk gebracht hat. Ich danke Ihnen!« Er ging. Die Sennin nahm das Markstück, spuckte drauf, damit ihr der unverdiente Gewinn keinen Schaden brächte, und schob's in die Tasche. Dann blickte sie dem Fremden spöttisch nach, und weil sie sah, daß er auf dem steilen Weg die Steine ins Rollen brachte, rief sie: »He! Da drunt gibt's Leut! Passen S' a bißl auf mit Ihre zwei linken Füß! Herr Walter Horhammer, mit'm dicken Buch!« Lachend trat er von dem groben Weg auf den linden Rasen hinaus. Als er den Waldsaum erreichte, dessen Wipfel schon von Sonne brannten, wahrend kühler Schatten noch um die Stämme duftete, verhielt ihm ein reizvolles Bild den Schritt. Neben dem Wege lag ein Mädchen schlummernd in den blühenden Heidelbeerbüschen, die Hände unter dem Nacken verschlungen, das Gesicht ein wenig zur Seite geneigt. Die Glieder des schönen Körpers, der unter der leichten Hülle der ländlichen Tracht seine schlanken Linien verriet, waren wohlig in den Teppich der linden Büsche geschmiegt. Das Gewand war schmucklos, der Arbeitstracht einer Sennin ähnlich, doch neu und kleidsam. Der dunkelgrüne Wollstoff des Rockes lag wie ein Schatten zwischen dem lichteren Grün der Büsche, ein braunes Tuchleibchen umspannte glatt den jungen, ruhig atmenden Busen, und zwischen den gepufften Leinenärmeln lag der Kopf wie auf weißem Kissen. Das lichte Blondhaar war in breiten Flechten um die Stirn gelegt, an den geschlossenen Lidern schimmerten die Wimpern wie kleine goldene Sicheln, rosig blühte die Wärme des Schlafes auf den von der Sonne leicht gebräunten Wangen, und der sanfte Mund, der ein wenig geöffnet war, trank in ruhigen Zügen die reine Luft des Morgens. Wie auf einer Frucht der zarte Flaum der Reife, so war auf dem schlafenden Gesicht ein Hauch von Gesundheit und unberührter Frische. Die blühenden Büsche, die ihre Brust berührten, zitterten leise, sooft sie Atem holte, und der blaue Morgenschatten war um sie her wie ein feiner Schleier, der ein Köstliches verhüllen und dennoch zeigen möchte. Unbeweglich stand der Fremde, als könnte er sich nicht satt schauen am Liebreiz dieses Bildes. Sein staunender Blick schien zu fragen: »Kann das Leben so schön sein? So friedlich? So rein?« Er nahm den Hut ab, löste die braunen Blumen aus der Schnur, ließ sie auf den Schoß der Schlummernden gleiten und trat in den Wald. Seine zwei linken Füße brachten, so rauh der Weg auch war, keinen Stein ins Rollen. Dennoch erwachte die Schlafende. Sie hatte den leisen Fall der Blumen gefühlt. Halb sich anfrichtend, blickte sie vor sich hin, mit heiter strahlenden Augen von dunklem Blau, ein wenig nachdenklich, als möchte sie sich auf einen Traum besinnen, der beim Erwachen in ihren Gedanken erloschen war. Da sah sie die Blumen auf ihrem Schoß. Lächelnd guckte sie um sich her und rief mit heller Stimme: »Lies? Grillenmahm? He! Bist du das gewesen?« Nun hörte sie den Männerschritt, der sich im Wald entfernte. Erst erschrak sie ein wenig. Dann lächelte sie wieder und begann die zerstreuten Blumen zu sammeln. »Schau nur, da ist das Unglück schon über mich hergefallen!« Eine Welle schimmernden Lichtes umflutete das Mädchen und verwandelte das Grün der Heidelbeerbüsche in rotes Gold. Die Sonne war über den Hohen Schein heraufgestiegen. Walter Horhammer mit dem dicken Buch – man sah an der Leinwand des Rucksackes die Kanten, die es herausbohrte – wanderte durch den Bergwald hinunter ins Tal. Die Erinnerung an alles, was ihm dieser Morgen gezeigt hatte, schien eine Heiterkeit in ihm zu wecken, die sich äußern mußte. Er begann die Weise eines Volksliedes vor sich hinzuträllern – ein bißchen falsch. Jetzt ging der Wald zu Ende, und über steile Wiesen sah man weit hinaus in das lange Tal. »Wie schön!« Den Rucksack von den Schultern streifend, warf sich Walter am Saum des Gehölzes in das linde Gras. Was er im Dämmerlicht des Morgens vom Hohen Schein herab gesehen hatte als ein graues Rätselbild der Tiefe, das lag in reiner Sonne vor ihm, ein heiteres Antlitz der Natur, in dem jedes freundliche Lächeln und jeder träumende Schatten deutlich zu erkennen war. Wo die steilen Wiesen ein sanfteres Gefäll bekamen, lagen die ersten Gehöfte, halb versunken unter den von der Sonne vergoldeten Kronen der Obstbäume. Dunkle Nadelgehölze und lichte Buchenwäldchen wechselten mit Feldern, aus denen sich die grüne Saat unter leisem Wind bewegte. Wie ein Schlangenpaar mit Silberschuppen wanden sich die Läufe zweier Bäche durch Felder und Wiesen gegen die beiden Waldschluchten, die den Hohen Schein von den Ketten der anderen Berge trennten. Die beiden Bäche entsprangen einem großen Teich, der im Widerschein der Sonne glitzerte. Hinter dem Teich durchquerte den Talgrund ein breiter Hügel, der eine Wasserscheide bildete. Über dem Hügel draußen sah man einen dritten Bach hinausziehen gegen das ferne Tal. Von einem Zaun umschlungen, wie eine kleine Welt für sich, mit Wiesen und Wäldern, lag dieser Hügel zwischen den Bergen im Tal. Aus einem Gewirre von Laubkronen lugte der steile First eines großen Bauernhofes und das rote Ziegeldach eines villenartigen Hauses. Hinter dem Hügel stieg ein schlanker Kirchturm in die Lüfte und verriet, daß um ihn her der Kern des Dorfes lag. Doch bis weit hinaus ins ferne Tal, am glänzenden Bach und an der weißen Straße hin, lagen noch an die hundert Häuser und Gehöfte wie zierliches Spielzeug. Dann begannen wieder die Wälder und versanken blau in die westliche Tiefe. Mehr und mehr rückten in jener Ferne die Mauern der Berge aneinander, deren steile Waldzungen und Schutthalden sich von den kahlen Felswänden mit sanften Kurven gegen die Talsohle niederschwangen. In diesen sinkenden Linien war ein ruhiger Zug. Dennoch brachten sie Bewegung in jene Ferne – es schien, als möchten die Berge wie mit hundert Armen herabgreifen und zur Tiefe sagen: es ist so schön in der Höhe, komm herauf, wir wollen dir helfen! Träumende Glockentöne schwammen vom Dorfe durch die sonnige Luft einher; und Lerchen standen über den Feldern im Blau, ihr Getriller niedergießend auf die Erde wie ein feines Geriesel von klingendem Gold. Aus den Gräsern im Schatten des Waldrandes, die noch gebeugt waren vom Gewichte silbergrauer Tautropfen, schwangen sich dunkle Pünktlein in die Luft und begannen zu schimmern, wenn sie die Sonne erreichten; und draußen auf der leuchtenden Wiese gaukelten zahllose Schmetterlinge, sich fliehend und suchend, sanft sich wiegend wie lebendig gewordene Träume der Blumen. »Wie schön! – Tausend Bücher! Und alle sind leer! Und da liegt ein Blatt auf dem Buche der Natur vor mir, und man könnte lesen durch Ewigkeiten.. Ohne verstehen zu wollen! Nur sich freuen!« Walter lachte, wie verwundert über den Gedanken, der ihm da gekommen war. »Bin ich von gestern auf heut ein anderer Mensch geworden? Weil ich Schönheit sah? Und weil sie in meinem Leben etwas Neues ist? Wirkt sie auf alle Menschen so? Ist das eine Eigenart der Schönheit, daß sie fröhlich macht? Und aller Fragen vergessen läßt?« Da schwang sich auf dem Gras, in dem er ruhte, wieder solch ein schwarzes Pünktlein in die Höhe, schwamm aus dem Schatten in die Sonne hinaus und fing zu leuchten an. »Ein goldglänzendes Käferlein!« Sinnend blickte er dem schimmernden Tierchen nach, bis es im Blau verschwand. »Aus dem Schatten in die Sonne fliegen? Und leuchten, weil die Sonne leuchtet? Wäre das die Lösung aller Rätsel, deren Dunkel ungelichtet durch unsere Kirchen und Bücher schattet? – Ein Leben lang so wunschlos froh sein, wie mich's die Schönheit dieses Morgens für eine Stunde machte? Könnte man das erkämpfen? Oder wird das nur gefunden? Wie ich jenes Mädchen am Rain meines Weges im schönen Schlummer fand? Und wie mich ein Zufall dort hinaufführte zu diesem brennenden Bergwunder?« Er hatte sich erhoben und den Rucksack über die Schulter genommen. Da sah er am Waldsaum einen Bauern, der aufmerksam den Graswuchs der Wiese musterte. Ein langer, hagerer Mensch war's, von harter Arbeit gebeugt, doch mit zufriedenem Gesicht. »Ein Glücklicher!« dachte Walter. Er ging auf den Bauern zu und plauderte eine Weile mit ihm, vom Wetter, vom schönen Gras, von der nahen Ernte. Dann sagte er: »Ich möchte Sie etwas fragen.« »Wo 's Wirtshaus is?« »Nein! Sie sollen mir sagen, was Sie für das beste Gut der Welt halten?« »Mein, d' Welt is groß. Da wird's viel geben, was ich net schätzen kann. Aber bei uns da im Tal, da wird wohl dem Scheidhofer dös seinige 's beste sein!« Der Bauer deutete nach dem großen Hügel, der das Tal durchquerte. »Da drunt, der Scheidhofer, ja, der hat 's nobelste Gut beinand. Der is zum neiden.« Lachend über das Mißverständnis, dem seine Neugier nach der Lebensweisheit eines »Glücklichen« begegnet war, ging Walter seiner Wege. Zwischen Haselnußhecken schritt er den Hang hinunter und folgte der Straße im Tal, in Gedanken versunken, bis ihn eine grüßende Stimme weckte. Ein alter Mann, in Hemdärmeln, das runde, rot glänzende Gesicht umsträubt von weißen Haarbüscheln, zimmerte am Stangenzaun einer Wiese. Walter dankte für den Gruß, ließ sich in ein Gespräch mit dem Alten ein und bekam ein Durcheinander von drolligem Zeug zu hören, das ihn heiter stimmte. Schließlich fragte er: »Was ist Ihnen das liebste an Ihrem lustigen Leben?« Der fidele Alte kniff das linke Auge zu wie ein Schütze, wenn er zielt. »Zahlen S' a paar Maß Bier, und ich sag's Ihnen!« Walter brachte seinem Trieb nach Erkenntnis eine Mark zum Opfer. »Also, was halten Sie für das beste auf der Welt?« »Geld haben, wann mich der Durst plagt. Jetzt plagt er mich grad, und jetzt hab ich 's Geld, und jetzt kauf ich mir a Maßl.« Kichernd warf der Alte das Beil ins Gras und stapfte über die Wiese davon. Durch den Spruch dieses Orakels halb verblüfft und halb belustigt, ging Walter der Straße nach, die ein kleines Gehölz durchzog. Von einer Biegung des Weges klang das schmetternde Gewieher eines Pferdes, ein Peitschenknall und der Ruf einer energischen Stimme. Dann wieder Stille im Wald. Nur noch das Geplauder eines jungen Burschen und eines Mädels. »Gelt, mußt fein Obacht geben, daß d' net stolperst!« klang die Stimme des Burschen mit einer Mischung von Spott und guter Laune. »Der Weg is gar hail für söllene, dös so noble Stadtschuh tragen.« Die Stimme des Mädels war ein wenig gereizt. »Ich paß schon auf. Tu dich net sorgen! Und sei an andermal net gar so stolz! Beim Walperl, mein ich, tätst dich a bißl zuckriger anlassen im Dischkurs?« »So? Meinst?« »Ja! Und pfüet dich!« Ans dem schmalen, von Brombeerstauden eingezäunten Fußpfad, den Walter eingeschlagen hatte, kam ein junges Mädel gegangen, nach ländlichem Geschmacke zierlich ausgeputzt, mit feinen Zeugstiefelchen an den hurtig ausschreitenden Füßen. Ihr Gesicht war hübsch, nur ein bißchen bleich und zugespitzt, mit deutlichem Ärger in den funkelnden Schwarzaugen. Sie blieb vor Walter stehen und schien darauf zu warten, daß er aus dem Weg hinausträte, um ihr Platz zu machen. Als ihr das zu lange dauerte, schaffte sie sich mit dem Ellbogen freien Weg. Da klang die singende Stimme des Burschen durch den Wald: »Der Kerschbaum hat Kerschen, Wer 's Greifen net scheucht, Die grizigrasgrünen Derlangt er sich leicht. Der Kerschbaum hat Kerschen, Magst süße, steig nauf, Die süßesten hangen Halt z'obergöscht drauf!« Der Jodler, der das Lied endete, stieg mit scharfen Diskanttönen in die sonnige Luft. Dann ein dumpfes Gepolter wie von einem rollenden Baumstamm. Wo der Fußpfad wieder in die Waldstraße einbog, stand ein Wagen, mit zwei stämmigen Pferden bespannt. Das waren herrliche Tiere, Luxuspferde nach bäuerlichem Geschmacke, reich geschirrt. Der junge Knecht, der zum Wagen gehörte, hatte schwere Arbeit. Von den Baumblöcken, die neben dem Waldweg lagen, zog er einen mit dem Spitzbeil bis zum Wagen her. Dann flog das Beil ins Moos. Ein Lupf, und das Ende des Blockes lag auf dem Knie des Burschen. Ein Ruck, und seine Schulter war unter dem Baum. Ein Schwung, und der Block war halb auf dem Wagen. Dann kam das andere Ende an die Reihe. Eine Arbeit, die vier Männer brauchte! Der junge Bursche machte das für sich allein. Dabei sah er gar nicht wie ein Riese aus. Nur so der Mittelschlag, aber fest und sehnig. Auch nicht besonders hübsch. Das Gesicht so braun wie die groben Hände und die nackten Knie. Die Augen hell und ruhig, der Kopf von dem knrzgeschnittenen Blondhaar wie von einer weißgelben Kappe bedeckt, und über dem strengen Mund ein Bärtchen, so licht, daß es aussah, als hätte er zwei weiße Mehlflecke unter der Nase. Dazu die bescheidenste Kleidung: die Füße nackt in den groben Schuhen, weiße Wadenstrümpfe, eine grau gescheuerte Lederhose und ein Barchenthemd mit blauen und roten Streifen, die in häufiger Wäsche ihre Farbe schon halb verloren hatten. Aber wer den Burschen so bei der Arbeit sah – wie schön das war: wenn sich beim Heben des schweren Baumes seine schlanken Glieder strafften! Und das Vergnügen, mit dem er schanzte! Und als der Baum auf dem Wagen lag, dieser freundliche Gruß für den Fremden, der vor ihm stand mit staunenden Augen, ganz erregt! Dann das Beil wieder gepackt, und wie das sauste: dieser Hieb in den neuen Baum! » Das ist Leben!« sprach es in Walters Gedanken. Das Bild dieser Vollfreude kräftigen Schaffens stand vor ihm wie ein Daseinswunder, das überzeugend und ohne Rätsel ist. »Kraft besitzen, diese Kraft in Arbeit erschöpfen und zum Dank nur die süßesten Kirschen begehren, die zu höchst auf den Bäumen wachsen! – Den brauch ich nicht zu fragen, was ihm wert ist am Leben!« Mit Gepolter rollte wieder ein Baum auf den Wagen, der unter seiner wachsenden Last zu ächzen begann. »Wieviel Kraft Sie haben!« sprach Walter den Burschen an. Der hob die ruhigen Augen und zeigte lächelnd unter dem weißen Bärtchen die noch weißeren Zähne. »Kraft? Ah na! Plagen muß man sich halt a bißl. Nacher geht's schon!« Er hob das Spitzbeil auf dem Moos und trieb mit sausendem Hieb das Eisen in den nächsten Block. Als Walter davonging, sah er sich noch ein paarmal nach dem Burschen um. Und dann dieser Gegensatz des Lebens: ein kleines verwahrlostes Haus und ein steinaltes Weib auf der Bank, mit den dürren Händen im Schoß. Walter blieb stehen. Das gab ein etwas einseitiges Gespräch. Die Greisin schien kein anderes Wort mehr zu besitzen als ein müdes: »Ja, ja!« Ob sie noch einen Wunsch an das Leben hätte? »Halt a Sterbstündl, a guts, und kein' Doktor net brauchen!« Da kam ein fünfjähriges Bübchen gelaufen, halb nackt, mit einem zappelnden Schmetterling, den es an einem Flügel gefangenhielt. »Ahni, da schau! An Adler!« Beim Anblick des Fremden erschrak das Bürschl und gab den Schmetterling frei. Der taumelte davon; statt in die Sonne zu fliegen, prallte er in der blinden Angst seines winzigen Lebens gegen die Hausmauer und verkroch sich in einen dunklen Winkel. Walter beugte sich zu dem Knaben nieder. »Deine Weisheit muß ich auch noch hören! Sag mir, du kleiner Adlerjäger, was dir am Leben das liebste ist?« Der Bub guckte an Walter hinauf, als hätte er fremde Sprache gehört. »Sei brav, und sag mir's!« »Was?« »Was du in der Welt am liebsten hast?« »Alles!« Walter konnte über dieses Kinderwort nicht lachen. Einen stummen Gruß nickend, folgte er der Straße. »Alles?« Das Wort eines Kindes gab ihm mehr zu denken als alle andern Orakelsprüche dieses Morgens. In Sinnen versunken, wanderte er, bis ihn eine murmelnde Stimme aufblicken machte. Ganz nahe, zwischen den hohen Ähren der Felder, sah er einen jungen Priester gehen, der unter dem Schatten eines schwarzen Schirmes halblaut aus einem kleinen Buche las. Ein Ausdruck von Betroffenheit war in Walters Augen, als er den jungen Geistlichen betrachtete. Der schien den Touristen aus der Straße nicht zu sehen und drehte den Schirm, weil ihm ein Sonnenstrahl über das Buch gefallen war; dabei deckte er mit dem Schirm auch das Gesicht. Als er hinter hohen Weißdornhecken verschwand, lachte Walter und begann so rasche Schritte zu machen, daß ihm die Stirn zu glühen anfing. Da war es ihm lieb, daß er Schatten fand. Nicht weit von dem großen Hügel, der das Tal durchquerte, zog die Straße in einen hochstämmigen Buchenwald. Hier waren die Laubkronen so dicht ineinandergewoben, daß die Sonne kaum noch hereinblinzelte in diese stille Kirche der Natur. Von der Straße führte ein Seitenpfad in den Wald, und auf einem Weiser stand zu lesen: Fußweg nach Langental. Walter folgte diesem Pfad und kam zu einem großen Weiher, der in blanker Glätte den Himmel und die hohen Buchen spiegelte. Am Ufer war ein kleiner Platz mit Kies bestreut, und im Schatten stand eine Holzbank. Walter ließ sich nieder, um den zaubervollen Reiz dieses Bildes zu genießen. Das Wasser war so durchsichtig wie Luft. Alle Dinge, die auf dem Grund des Weihers lagen, die Steine und dürren Reiser, die welken Blätter und vermoderten Baumstrünke, waren wunderlich gefärbt und hatten rot und bläulich leuchtende Ränder. Große Forellen schwammen langsam durch das Labyrinth der versunkenen Baumstöcke, und wenn sie eine Wendung machten, schien ihr Körper für einen Augenblick wie von einem Band in den Farben des Regenbogens umschlungen. Immer wundersamer wurden die Farben der Tiefe, je weiter sich der kleine See hinausdehnte in die Sonne. Dann verschwand jedes Bild des Grundes, die klare Flut schien wie in Luft zerflossen, und nur am Ufer drüben konnte man am verkehrten Spiegelbild des Waldes noch erkennen, wo Luft und Wasser sich berührten. Wie rätselhaft schön das war: dieses Gedoppelte aller Dinge! Höhe und Tiefe ganz ein Gleiches! Was grün atmend gegen den blauen Himmel strebte, wuchs mit gleichen Formen auch hinunter gegen die blaue Tiefe. Sonnenschein und blaue Schönheit in der Höhe, reines Licht und blauender Glanz dort unten! Walter hatte sich erhoben. Da gewahrte er zwischen den Bäumen eine Stelle, die mit Reseden und Levkojen bepflanzt war. Zwischen den Blumen war auf grauem Fels eine ebene Fläche ausgehauen, mit einer Inschrift: »Wie sehn' ich mich, Natur, nach dir, Dich treu und lieb zu fühlen! Ein lust'ger Springbrunn, wirst du mir Aus tausend Röhren spielen. Wirst alle meine Kräfte mir In meinem Sinn erheitern Und dieses enge Dasein hier Zur Ewigkeit erweitern!« Schon der stille Liebreiz dieses Ortes hatte Walters Herz mit silbernem Netz gefangen. Und jetzt das Rätsel dieses Steines und der Zauber dieses kleinen Liedes! »Das muß ein Glücklicher gesungen haben.« Er las es immer wieder. Als er weiterwanderte durch den Wald, war das klingende Lied lebendig in ihm geworden, so daß ihm alle Schönheit dieses Morgens wie aus tausend Röhren spielte und reine Heiterkeit in seine empfänglich gewordenen Sinne goß. Der Wald wurde freier; dann führte der Pfad durch einen hohen Zaun und stieg über Wiesen und durch kleine Ahornwäldchen zur Höhe des Hügels hinaus. Von hier aus konnte man sehen, daß jener hohe Zaun in weitem Bogen den ganzen Hügel umspannte. Alles Gelände des grünen Riegels, der die Breite des Tales sperrte, schien ein geschlossener Besitz zu sein. Walter sah den hohen Giebel eines Bauernhauses, das rote Dach eines villenartigen Gebäudes, dicht verschleiert von den Kronen alter Ulmen und zahlreicher Obstbäume. Bekieste Wege zogen gegen die Häuser hin, und in jedem Windhauch spürte man den Duft von Blumen, als wäre ein Garten mit reich besetzten Beeten in der Nähe. Auf einer Wiese waren lange Leinwandstücke zum Bleichen in die Sonne gelegt. Eine junge Magd in braunem Rock und schwarzem Mieder, die weißen Ärmel bis zu den Schultern aufgestülpt, brachte eine Gießkanne getragen, um die Leinwand zu besprengen. Das Wasser rauschte auf dem starren Linnen. Jetzt sah das Mädel den Fremden und rief ihn an: »Sie, da verlaufen S' Ihnen! Der öffentliche Fußweg geht da drüben gegen d' Straß zu!« Ihre helle Stimme hatte lachenden Klang. »Wo bin ich hier?« fragte Walter. Das Mädel hob die nette Nase wie einen Weiser, von dem man nicht wußte, wohin er zeigen wollte. »Aber dös weiß doch jedes Kind, daß da der Scheidhof is!« »Der Scheidhof?« Walter lächelte. Der Scheidhof war »das beste Gut der Welt«. Das wußte er. Und daß die Leute, die da hausten, »zu neiden« wären! Als er der Richtung folgte, die ihm das Mädel gewiesen, kam er durch eine Zauntür wieder auf die Straße, die den Hügel im Bogen umgangen hatte. Auch weiterhin führte sie noch am Scheidhof entlang, um dann abzubiegen gegen das große Dorf. Schwere Fuhrwerke wirbelten den Staub der Straße auf, ein trüber Schleier hing in der Windstille des nahen Mittags über dem Dorfe, und grauer Anflug hatte das Grün der Felder überzogen. Nur auf dem Scheidhofer Hügel hatten die Wiesen frische Farbe, denn hinter dem Zaun erhob sich eine dicht gepflanzte Hecke junger Fichten, über deren Wipfel der Straßenstaub nicht hinüberdampfte – als wär' es gefeiter Boden, den die Hecke gegen den Staub des Alltags zu schützen hatte. Wo die Straße vom Scheidhof ablenkte, hatte der Zaun ein großes, von hohem Dachbogen überwölbtes Tor. An den Brettern hing ein Täfelchen: »Zwei Zimmer an Sommergäste zu vermieten.« Walter blieb stehen. Nichts hätte ihm gelegener kommen können als dieses weiße Blatt auf den grauen Brettern! Seit er da drüben am Ufer des Teiches gestanden, war es in ihm wach geworden wie ein heißer Wunsch: hier bleiben zu dürfen, lange! Und da hatte er kein Besinnen mehr nötig. Er griff nach der Klinke des Tores. Als er den schweren Bretterflügel vor sich aufschob, läutete im Dachbogen eine Glocke. 2 Ein Fahrweg führte über den Hügel hinauf, gegen das bäuerliche Gehöft; nach der rechten Seite bog ein Kiesweg ab, von Fliederbüschen und Blumenrabatten eingefaßt. Diesem Pfade folgend, erreichte Walter den grünen Staketenzaun eines großen, sorgsam gepflegten Blumen- und Gemüsegartens und gewahrte zwischen Bäumen die grün umsponnene Holzveranda jenes villenartigen Gebäudes. Die Stimme eines jungen Mannes klang ihm entgegen, heiter und laut: »Adieu, Vater! Nach dem Essen schick ich dir die Rosl mit dem Buben herauf. Da hast du einen lustigen Zeitvertreib bis zum Abend. Über den Buben kannst du dich krank lachen. Der hat für seine drei Jahr Verstand wie ein Alter. Weißt du, was er vorgestern wieder gesagt hat, wie das grobe Wetter war?« Ein frohes Lachen unterbrach das hurtige Schwatzen. »Wie's auf dem Hohen Schein droben eingeschlagen hat und der Donner fangt zu rumpeln an, als täten die Berg einfallen, da patscht der Bub vor Schreck die Handerln zusammen und pappelt –« Die kräftige Männerstimme verwandelte sich in ein piepsendes Kinderstimmchen: »Nein, bitt schön, nein, zum Donnern bin ich noch zu klein!« Wieder das glückliche Lachen des jungen Vaters. »Das hat er hergepappelt, so lieb, daß ich ihn gleich fressen hätt können!« Vom Dorf herüber klang das Geläut einer Glocke. »So, schön, jetzt darf ich aber rennen! Adieu, Vater! Am Abend geh ich ihr schon entgegen bis zum Wald hinaus, da brauchst du keine Sorg haben, wenn's ein bißl spät wird.« Ein Laufschritt klapperte auf dem weißen Kies, und zwischen den Fliederbüschen des Weges erschien ein kräftig gewachsener junger Mann, noch keine Dreißig alt, in grauer Joppe und schwarzer Tuchhose, halb Bauer und halb Städter. Unter der Krempe des grünen, mit einem Gemsbart gezierten Hutes lachte ein sonnverbranntes Gesicht heraus, mit lustigen Blauaugen und blondem Spitzbart. »'n Morgen!« grüßte er und war in einem Saus vorüber. Walter sah ihm nach. »Einer, dem das Glück aus den Augen lacht!« Dann ging er auf das Haus zu. Ein hübscher Kiesplatz mit Fliederbüschen, Rosenbäumchen und Zwergobst. Auch der Brunnen, der seinen Strahl in einen Steintrog plätscherte, war mit Ranken übersponnen. Und an den Säulen der Veranda blühte der Pfeifenstrauch und die Kapuzinerwinde. Hier mußten Menschen wohnen, die Freude daran hatten, ihr kleines Leben schön zu machen. So dachte Walter. Zu diesem Gedanken wollte das Bild des alten Herrn nicht passen, der sich auf eine merkwürdige Weise in der Veranda bewegte. Ein Gichtbrüchiger! Die Hände verzerrt, die Beine von den Hüften hinunter ganz gelähmt. Und doch bewegte er sich ohne Stock und machte im Schatten der Veranda seinen Spaziergang. Freilich einen langsamen! Abwechselnd stieß er die linke, dann die rechte Schulter nach vorne, so energisch, daß mit der ganzen Körperseite auch das gelähmte Bein um einen Schritt weitergerissen wurde. Solcher Schritte brauchte er ein Dutzend, um sich einen Meter weit von der Stelle zu schrauben. Wie der Sohn, so trug auch der alte Herr die ländliche Joppe, aber mit goldenem Eichenlaub auf dem grünen Kragen. Man hätte auch ohne dieses Emblem den Forstmann in ihm erkannt. Welch ein kraftvoller Kopf, mit dem weißen Gestrüpp über der Stirne! Ein grauer Bart hing lang auf die Brust herunter. Und aus den weißen Haaren blickte ein ernstes Gesicht heraus, gealtert in Schmerzen. Beim Anblick dieses Kranken hatte Walter ein Gefühl der Enttäuschung, ein Gefühl, als sollte er flink wieder umkehren. Der alte Herr hatte ihn schon gesehen, stand aufrecht und verbarg die unschönen Hände hinter dem Rücken. »Was wünschen Sie?« Seine Stimme war noch gesund. Die hörte man! Walter lehnte den Bergstock gegen ein Rosenbäumchen und kam zur Veranda. Die beiden Zimmer – ob das hier wäre? »Jawohl!« Der alte Herr rief gegen die Haustür: »Walperl!« Dann sah er prüfend den Fremden an. »Forstmeister Ehrenreich.« Walter wollte seinen Namen nennen: »Doktor –« »Juris?« unterbrach ihn der alte Herr, in dessen Augen was aufblitzte wie Freude. »Nein.« Der Forstmeister schien enttäuscht und fragte nicht weiter. »Doktor der Philosophie«, sagte Walter. Langsam zog der alte Herr die weißen Brauen in die Höhe. »Ach, du lieber Himmel!« In der Haustür erschien das junge flinke Mädel, das die bleichende Leinwand begossen hatte. »Walperl! Zeig dem Herrn die zwei Zimmer droben!« »Kommen S', ja!« sagte die Magd und ging voran ins Haus. Als Walter eintrat, flogen im Flur zwei Schwalben mit Gepisper aus ihrem Nest und schossen ins Freie. Wie das anheimelte! Der Flur so gemütlich wie eine Stube, die weißen Wände mit Scheibenbildern bedeckt, um die sich ein großblättriger Efeu rankte. Die blank gescheuerte Diele war mit einem rot gefärbten Leinwandläufer belegt, der sich auch über die Treppe hinaufzog. Und droben zwei helle, behagliche Zimmer, das eine mit dem Blick über den Brunnenplatz und den Scheidhof, das andere mit der Aussicht nach dem Hohen Schein. »Hier bleib ich!« sagte Walter. Zu dem bescheidenen Preis, den ihm das Mädel nannte, nickte er nur. Und als er zwischen den beiden Stuben auf der Schwelle stand und die vier Betten zählte, meinte er lachend: »Platz, um sich auszuschlafen, ist reichlich vorhanden.« »Und gut sind s', unsere Betten!« beteuerte Walperl. »Schauen S' her!« Sie fuhr an einem Bett mit der Faust unter die wollene Decke, ließ die Matratze schaukeln und lachte dazu, als empfände sie bei dieser Probe die Wohligkeit des linden Lagers in allen Gliedern. Mit Wohlgefallen betrachtete Walter das kleine, lustige Ding. Wie hübsch das Mädel war! Trotz der Sommersprossen, die sich mit einer Brillenlinie über die kecke Stumpfnase schwangen. In dem rosig betupften Gesicht glänzten die flinken Augen gleich schwarzen Kirschen, und das rotbraune Haar legte sich mit schimmerndem Gezaus um den schmucken Kopf. Dazu eine Gestalt, wie gedrechselt, knallrund von Frische und Gesundheit. Nur die Hände waren bedenklich auf der Fasson geraten; aber diesen rauhen Händen war es anzusehen, daß das kleine, lustige Mädel eine tüchtige Schafferin war. »Sie heißen Walperl?« »Ja.« Walter lächelte. »Von einem Mädchen, das Walperl heißt, hab ich heute schon was gehört.« »So?« Man merkte, daß sie gerne was gefragt hätte. »Walperl heißt oft eine!« Während sie auf dem Bett, an dem sie die Matratzenprobe gemacht hatte, die weiße Decke glatt strich, erklärte sie: »Wenn's sein muß, können S' zu die vier Betten auch noch a Kinderbettstattl haben.« Drollig erschrocken sah Walter das Mädel am »Nein, nein, was denken Sie denn?« »No, ich hab halt gmeint –« Sie musterte ihn prüfend. »Freilich, für fünf Betten schauen S' a bißl z'mager aus. Aber Familli haben S', gelt? Dös merkt man gleich. Wann S' auch diemal a bisserl lachen, d' Sorg schaut Ihnen doch aus die Augen aussi.« Walperl wurde ernst. »Ja, ja! Dös hat man davon, wenn man gar z'jung einitappt.« Das Mädel hatte alle Lustigkeit verloren. Diese Lebensweisheit wirkte erheiternd auf Walter. »Ich? Ein Kinderbettchen? Von den vier Betten dürfen Sie noch drei hinausstellen.« »Waaas? A Lediger is der Herr?« Bedenklich schüttelte Walperl den Kopf. »Da wird's an Haken haben mit unsere zwei Stüberln! A lediges Mannsbild im Haus? Na, na! Da beißt der Herr Forstmeister hoffentlich nimmer drauf an.« Sie lauschte, als hätte sie was Verdächtiges gehört. »Mar' und Josef!« Der Schreckensruf galt einem deutlich vernehmbaren Zischen, das man von drunten heraufhörte. Das Mädel rannte, und von der Veranda klang die Stimme des Forstmeisters: »Walperl! He! Auf dem Herd ist der Teufel los!« Als Walter hinunterkam und dem Forstmeister erzählen wollte, wie gut ihm die beiden Zimmer gefallen hätten. erwiderte der alte Herr mit etwas merkwürdiger Hast: »Bescheid kann ich Ihnen nicht geben. Da hat meine Tochter mitzureden, die nicht daheim ist. Vielleicht fragen Sie morgen früh wieder an.« Walter wollte noch etwas sagen. Der Forstmeister machte erregt eine abwehrende Bewegung. »Schon gut! Kommen Sie nur morgen wieder!« Befremdet empfahl sich Walter, und da merkte er, daß die Erregung des Forstmeisters der Ankunft eines bäuerlich gekleideten Mannes galt, der über den Kiesplatz zur Veranda kam. Erstaunt betrachtete Walter diesen Bauern. Einen solchen Menschen hatte er im Leben noch nicht gesehen: gewachsen wie ein Hüne, mit Augen, in denen alle Schönheit des Lebens prangte, der gekräuselte Vollbart von tiefer Schwärze, ein Kopf wie aus Stahl geschnitten. Man hätte dem Mann nur einen blauen Mantel um die Schultern hängen dürfen, und das herrlichste Bild eines Apostels wäre leibhaftig in der Sonne gestanden. Und wie freundlich dieser Riese den Fremden grüßte, dem das Staunen aus den Augen redete! Während Walter davonging, konnte er noch hören, was die beiden sprachen: »Sonnweber!« stammelte der alte Herr. »Ja, Herr Forstmeister!« Auch eine Stimme hatte der schöne Mensch, die sich mit dem ersten Klang ins Herz schmeichelte. »Heut bring ich was!« »Gleich hab ich es Ihnen angemerkt.« »Der Moosjäger is da! Gestern haben s' ihn auslassen.« »Der Moosjäger?« Ein Klang der Enttäuschung war in dieser Frage. »Der ist doch damals beim Militär gewesen.« »Aber Urlaub hat er ghabt, grad um dieselbig Zeit rum. Wie ich dem Kerl heut begegnet bin, is mir's gleich durch 'n Kopf gfahren –« Walter hatte den Weg erreicht, der zum Tor hinunterführte, und hinter den Fliederbüschen verklangen die beiden Stimmen. Ans der Straße fühlte er plötzlich eine Müdigkeit, die ihm bleischwer in den Gliedern lag. Freilich, er hatte einen neunstündigen Weg hinter sich. Die erste Bergpartie seines Lebens war es doch auch! Aber die Schönheit dieses Morgens und alles Neue hatte ihn die beginnende Müdigkeit nicht fühlen lassen. Nun stellte sie sich mit doppelter Schwere ein, in der heißen Mittagssonne und nach der halben Enttäuschung, die er aus dem Scheidhof mit sich fortgetragen. Als er das Wirtshaus gefunden hatte, wollte ihm das Essen nicht munden. Und der Schoppen Rotwein, den er im Durst hinunterstürzte, berauschte ihn fast. Dazu wirbelte ihm der Kopf von dem wüsten Lärm, der auf der Bauernstube durch die dünne Bretterwand ins Extrastübchen zu ihm hereintönte. Da draußen saß ein Dutzend vergnügter Leute um einen kränklich aussehenden, randalierenden Burschen. Der hatte schwarzes Haar, schon etwas angegraut, ein bleiches Gesicht und einen rötlichen Bart. Immer hörte man aus dem lustigen Radau der andern die scharf klingende Stimme, mit der er seine galligen Späße zum besten gab oder bei der Kellnerin bald Wein und Bier, bald Würste und Zigarren bestellte, um die Tafelrunde zu regalieren. Es war ein Spektakel, der Walters Ohren klingen machte. Um sein Zimmer aufzusuchen, ging er durch die Bauernstube hinaus und war schon bei der Tür, als er hinter sich die kreischende Stimme jenes Menschen hörte: »Den schauts an! Is auch so einer von die stadtischen Großköpf, die uns auf'm Gnack umanandreiten! Und a Gstell hat er wie der Laubfrosch auf der Wetterstiegen!« Walter, dem das Blut ins Gesicht schoß, wandte sich um. »Ja, ja! Bist schon gmeint, du!« schrie der Bursch unter dem Gelächter der anderen. Kurz entschlossen ging Walter auf den Tisch zu. Da wurde es still in der Stube. »Was hab ich Ihnen getan? Warum beleidigen Sie mich?« Der ernste Klang dieser Frage schien auf den Halbbetrunkenen gewirkt zu haben. Wie Schamröte glitt es ihm über das bleiche, abgezehrte Gesicht. Dann schlug er mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Meinst vielleicht, du bist wer? Weil dich der Schneider in der Stadt drin zu eim Menschen gmacht hat? Tu's abi vom Adamsleib, die stadtische Maskeradi, und stell dich nacket her gegen meiner! Kunnt sein, daß ich nacher noch allweil der besser bin.« Scheltend mischte sich der Wirt in die Sache, und die Kellnerin, die sich als geübte Wirtshausdiplomatin erwies, faßte Walter am Arm und zog ihn zur Stube hinaus: »Geh, lassen S' ihn schreien, den rauschigen Loder!« »Wer ist dieser Mensch?« »Aus'm Zuchthaus einer! Fünf Jahr hat er sitzen müssen, weil er drei Häuser anzunden hat. Gestern is er heimkommen. Jetzt hockt er und sauft und zahlt für die andern. Der steht nimmer auf, eh net sein bißl Zuchthaussparnis beim Teufel is. So machen sie's alle, wenn s' heimkommen. Keiner lernt was da drin. 's Zuchthaus druckt. Da geht's allweil tiefer. Wird mit'm Moosjäger auch net anders sein.« »Moosjäger?« Walter erinnerte sich, diesen Namen im Scheidhof gehört zu haben. »Ja! Und Verdruß wird er der Gmeind noch gnug machen.« Mit diesem Ausblick in die Zukunft war die Sache für die Kellnerin erledigt. Auch Walter machte sich keine Gedanken mehr über den Moosjäger. Er war zu müde. Als er in seinem Zimmer den Rucksack niederlegte, tat das dicke Buch, das von den Welträtseln handelte, auf den Dielen einen festen Plumps. Nun befolgte Walter den Rat des Rotbärtigen und zog die städtische »Maskeradi« von seinem »Adamsleib«. Statt sich zum Vergleich seines Menschenwerts neben den Moosjäger zu stellen, steckte er den Kopf in kaltes Wasser und legte sich ins Bett. Nur umzudrehen brauchte er sich, dann schlief er schon. Das war ein bleierner Schlaf, den der Lärm nicht störte, der aus der Wirtsstube verworren herauftönte. Erst gegen Abend, nachdem es noch einen wüsten Krakeel gegeben hatte, wurde es still im Haus, und da erwachte der müde Schläfer. Als er die Augen aufschlug, sah er die Stube von roter Helle erfüllt. Erschrocken sprang er aus dem Bett. Im ersten Gedanken seiner schlaftrunkenen Sinne meinte er, das Haus stünde in Brand. Es war der Glanz des schönen Abends, der so flammte! In Eile kleidete Walter sich an, nahm den Lodenmantel über die Schulter und suchte das Freie. Das Gehen wurde ihm sauer, alle Glieder waren ihm wie zerschlagen. Doch als er hinaustrat in den wundersamen Abend, fühlte er sich nach der ersten Minute frischer und wohler. Die linde Kühle strich ihm über die Wangen wie eine sanfte Hand. Und wie köstlich diese Luft sich atmete! Mitten über der Dorfstraße, ganz tief schon, fast die Erde berührend, stand die Sonne wie ein rot glühender Feuerstoß, der die Ferne des Tales sperrte. Alles in der Straße, die Kinder bei ihren lärmenden Spielen, die Mädchen bei den Brunnen, die Häuser und jeder Baum, alles erschien im grellen Glanz dieses roten Lichtes wie ein wunderliches Doppelleben, halb aus Glut und halb aus schwarzem Schatten gebildet. Walter schlug einen Weg ein, der seitwärts aus dem Dorfe über Wiesen hinausführte gegen den Waldsaum. Hier ließ er sich nieder. Welch ein zaubervolles Bild: dieser brennende Himmel, der sich von der Sonne weg hinüberwölbte in das tiefe Blau der östlichen Ferne! Tag und Nacht, die sich mieden und dennoch suchten! Zwischen ihnen die Kette der Berge, von der sinkenden Sonne bestrahlt wie eherne Gebilde nach dem Guß, an allen Zacken noch glühend. Und vor dem Blau des Ostens, scharf gezeichnet: der einsame Riese, der Hohe Schein, als ein Wahrzeichen für alle Ewigkeit in dieses Tal der Menschen gesetzt! Die anderen Berge gluteten im Feuer des Abends und trugen in den Tiefen ihrer steinernen Brüste schon die Ahnung der Nacht – der Hohe Schein, mit seiner ragenden Höhe ganz nach der Sonne gewendet, hatte noch immer das reine Licht des Tages. Nur um den Fuß seiner Wälder lag, wie ein Rosenfeld, die abendliche Glut. Die Mauern seiner hohen Felsen und die Almgehänge unter den samtgrünen Latschenfeldern waren so klar beleuchtet, als hätte ein Wunder sie aus weiter Ferne in greifbare Nähe gerückt. Jeden Felsblock konnte man hell auf dem Weidegrund unterscheiden, die weißen Rinder sah man als silberne Punkte, die sich bewegten, die Sennhütte schimmerte wie ein Würfel aus lichtem Erz, und gleich einer feinen Goldlinie erschien jener rauh gesteinte Karrenweg, der von der Hütte zum Waldsaum führte. Walters Augen blieben an der Stelle haften, wo diese goldschimmernde Linie im Grün des Waldes verschwand. Er lächelte, sah nichts anderes mehr und merkte nicht, wie aller Glanz des Tages hinüberdämmerte in das Grau des Abends. Auch hatte er kein Ohr für das Lied der Grillen, die am Wiesenrain zu singen begannen. Erst waren's nur wenige, die sich hören ließen. Immer neue Stimmen fingen zu lispeln an, erregt, wie in Sorge vor der kommenden Nacht. Dann war's in der weiten Runde wie ein ruheloser Chor unzählbarer Flüsterstimmen, von denen jede die gleiche Frage hundertmal zu wispern schien: »Was ist das? Was ist das? Was ist das?« Im Dorf begann die Glocke den Abendgruß zu läuten, auf den dunklen Wiesen zog sich ein blasser Nebelhauch über die Gräser, die Wälder wurden schwarz, und wie graue Mauern ragten die Berge in den fahlgelben Himmel. Der Hohe Schein aber brannte noch in rotem Glanz. Wie eine schöne, ruhige Flamme stieg die Pyramide seiner Felsen in das tiefe Blau der östlichen Lüfte. In Walter war eine Trunkenheit des Schauens. »Jetzt versteh ich den Namen dieses Berges: Der Hohe Schein! Am Morgen ein Verkünder des Lichtes, steht er in sinkender Nacht wie ein flammender Weiser, der uns noch immer an die Sonne denken heißt, auch wenn sie verschwunden ist. Das Volk ist ein Dichter. Auch wenn es Berge tauft!« Den Mantel über die Schulter nehmend, stand er auf und folgte einem Pfade, der am Waldsaum hinzog. Zerstreute Lichter, wie Glühwürmchen, hingen im Dunkel: die erleuchteten Fenster des Dorfes, von dem keine Stimme mehr herübertönte. Da hörte Walter einen stöhnenden Laut. Neben dem Weg, im Gras der Wiese, sah er einen Menschen liegen. Erschrocken beugte er sich nieder, rüttelte ihn am Arm und fragte, was denn wäre mit ihm? Er bekam keine Antwort. »Ein Betrunkener!« Die laue Juninacht konnte ihm nicht schaden. Aber im feuchten Gras der Wiese wollte ihn Walter nicht liegenlassen. Mit beiden Armen faßte er zu, hob den Regungslosen auf den trockenen Waldsaum und deckte ihm den Lodenmantel über den Körper. »So, du liebliches Ebenbild Gottes! Jetzt schlaf dich aus!« Er mußte lachen. Dieser merkwürdige Zusammenklang des Abends mit dem Morgen war ihm aufgefallen. Dort oben im Frühlicht und hier unten in der Nacht, jedesmal ein schlafendes Menschenkind am Rain des Weges. Und dieser Gegensatz des Lebens! Hier unten das menschenähnliche Tier im widerlichen Dunst des Rausches, dort oben die träumende Schönheit in Sonne und Blumen. Dieser Gedanke, der ihn heiter befallen hatte, machte ihn ernst. »Jedes dieser beiden Bilder eine Wahrheit des Lebens! Alles ein Widerspruch! Muß das so sein? Weil das Leben ohne Gegensatz nicht bestehen könnte? Gibt es keinen Stern, auf dem es ewig tagt? Die Sonne? Sie brennt. Drum muß sie ohne Leben sein. Der Mond ist kalter Stein geworden, und alles Leben auf ihm ist längst erloschen. Leben kann nur entstehen und sich erhalten auf der Scheide zwischen Glut und Frieren. Drum ist es aus beiden gebildet, muß aus Feuer und Frost bestehen, aus Glück und Elend, aus Liebe und Haß, aus Schönheit und Ekel, aus Glaube und Zweifel, aus Seele und Bauch! Aber wenn ich das erkenne, bin ich dann nicht verpflichtet, mich lächelnd mit allem Gegensatz des Lebens abzufinden? Alles begreifen? Muß das nicht heißen: auch alles lieben? Alles! Dieses schöne, kluge Wort des Kindes!« Bei den ersten Häusern des Dorfes blieb er stehen und suchte mit den Augen den Hohen Schein. Der hatte noch einen Schimmer von Helle, während alle anderen Berge finster in den Himmel ragten, an dem die Sterne klein zu flimmern begannen. »Wer die Kraft hätte, klar das Rechte für seinen irdischen Weg zu erkennen, und das Erkannte als hellen Weiser in sein Leben zu stellen, so fest und unverrückbar, wie der leuchtende Berg da im Dunkel des Tales steht!« Walter blieb an einen Zaun gelehnt, bis es völlig Nacht wurde und der Himmel übersät war mit blitzenden Lichtern. Dann suchte er den Heimweg und die Ruhe. Ein bleierner Schlaf, der ohne Traum war. Als Walter erwachte, lag helle Sonne auf den Dielen, und eben schlug die Kirchenuhr die neunte Stunde. Verwundert guckte er in den glänzenden Tag. Dann warf er die Decke von sich und schlüpfte nach einer kalten Dusche in die Kleider. Seinen Körper durchrieselte ein Gefühl des Wohlbehagens, wie er es im Leben noch nie empfunden hatte. Drunten in der Wirtsstube, beim Frühstück, erfaßte ihn ein komisches Entsetzen vor dem Appetit, der sich über Nacht in ihm ausgebildet hatte. Dann fiel ihm sein Mantel ein, und er sagte zur Kellnerin: wenn einer zuspräche und nicht wüßte, wie er zu einem Mantel gekommen – das wäre sein Mantel. Das Mädel wurde neugierig. Als sie von dem Betrunkenen hörte, meinte sie: »Dös muß der Moosjäger sein! Z'erst hat er allweil zahlt für die anderen, bis 's letzte Markl beim Teufel war. Nacher haben s' zum streiten mit ihm angfangt und haben ihn aussigfuiert! Ihren Mantel, mein ich, haben S' gsehen!« Walter lachte. Er empfand es wie eine Genugtuung für den erlittenen Schimpf, daß es nun gerade der Moosjäger sein mußte, dem er den bescheidenen Samariterdienst erwiesen hatte. Es zog ihn zum Scheidhof. Wie wohl ihm war, und wie flink er ausschritt! Alles gefiel ihm. Jeden Bauern grüßte er, und jedem Kind, an dem er vorüberkam, legte er die Hand auf den Zauskopf. Die Mühe, am Zaun des Scheidhofes das große Tor zu öffnen, konnte er sich diesmal sparen, weil gerade ein Fuhrwerk herauskam. Das waren wieder jene schönen, starken Pferde. Und der Knecht, der sie führte, war der junge Bursch, der die Baumblöcke gehoben hatte. Freundlich grüßte Walter und dachte: »Wenn ich die beiden Stuben bekomme, hab ich gesunde Nachbarschaft! Solch ein Prachtmensch ist dem kranken Hausherrn zum Trotz eine gute Empfehlung für die Luft, die über dem Scheidhof weht.« Es fiel ihm auch wieder ein, daß er gestern im Wald da draußen vom Walperl hatte reden hören, und nun meinte er sich den Zusammenhang erklären zu können. Über diese Rechnung wollte er die Probe machen; drum fragte er: »Ist das Walperl daheim?« In aller Ruhe sagte der Knecht: »Da wird der Herr schon selber schauen müssen.« Die Zügel straffer anziehend, schwang er mit scharfem Knall die Peitsche. Schnaubend stiegen die Pferde auf, und das gab ein lautes Geklingel von allen Messingplatten des reichen Geschirrs. »Das psychologische Material dieser Antwort ist ein mageres!« dachte Walter. Und trat in das Gehöft. Kleine Bläulinge gaukelten über dem sonnigen Kiesweg, und um die blühenden Fliederbüsche summten die Bienen. Als Walter sich dem Platz vor der Veranda näherte, sah er bei den Rosenstauden ein junges Mädchen stehen, in einem hellen Waschkleid, mit einem Strohhut über dem Blondhaar. Auf den ersten Blick erkannte er sie. Es war die Schläferin vom Hohen Schein. Kein Bauernmädchen, sondern die Tochter des Forstmeisters? Als sie vor ihm stand, mit ihrer schlanken und feinen Gestalt, den Goldschatten der Hutkrempe über den Augen, mit dieser ruhig schönen Bewegung beim Schneiden der Rosen, war es ihm unbegreiflich, daß er sie da droben gedankenlos für eine schlafende Hirtin genommen hatte. Er wurde ein wenig verlegen, als er grüßte. Unbehilflich, nach Art junger Männer, die an den Verkehr mit Frauen nicht gewöhnt sind, fragte er, ob er sich erlauben dürfe, beim Herrn Forstmeister eine Antwort zu holen, die ihm für heute zugesagt wäre. »Papa ruht ein bißchen«, sagte Mathild. Ganz der gleiche Ton war's, in dem sie droben mit der Grillenmahm geplaudert hatte. »Aber darf ich bitten?« Sie ging zur Veranda, legte die Rosen auf den Tisch und band den Strohhut ab. Walter ließ sich nieder und nahm den Hut aufs Knie. »Ich war gestern hier –« »Papa hat mir davon gesprochen. Aber ich bedaure –« »Ach!« Er merkte gleich, was sie sagen wollte. »Fräulein! Ich bitte! Geben Sie mir die beiden Zimmer! Ich würde mich hier so wohl fühlen.« »Wenn Sie in Langental bleiben wollen, es gibt hier viele hübsche Wohnungen.« »Etwas anderes wird mir nicht mehr gefallen. Gestern hab ich einen jungen Burschen ein Liedchen singen hören. Da hieß es: man soll nur immer das Beste wollen. Da droben«, er blickte zur Decke der Veranda hinaus, »das wäre das Beste für mich gewesen.« Mathild lächelte. »Haben Sie denn schon andere Wohnungen gesehen?« »Das ist nicht nötig. Das Beste hat immer ein Zeichen an sich, an dem es gleich erkannt wird, auch ohne Vergleich.« Eine Weile sah er vor sich nieder. Dann hob er den ernsten Blick zu ihr. »Wirklich? Nein?« Ihre Augen glitten über das stille, von Duft umsponnene Bild der Berge, als hätte ein Gedanke in ihr gesagt: »Er hat empfunden, wie schön es hier ist!« Dann sagte sie ein rasches Nein. Walter erhob sich und wollte gehen. Da sah er auf dem Tisch ein Glas mit braunen Blüten stehen. Waren das nicht seine Blumen? Er deutete auf die Kohlröschen. »Wenn ich gewußt hätte, daß Sie mit Ihren zwei Stübchen so neidisch sind, dann war ich gestern auch ein bißchen sparsamer gewesen. Mit den Blumen da!« Ein Hauch von Röte war in Mathilds Wangen gestiegen. Sie erhob sich. Dann lachte sie. »Herr Walter Horhammer mit dem dicken Buch? Der sind Sie gewesen?« »Ja!« »Die Lies hat mir von Ihnen erzählt.« »Die Sennerin mit den Lebensgrillen?« »Ja, die Sennerin vom Scheidhof drüben. Der dürfen Sie so bald nicht wieder begegnen! Die ist bös auf das dicke Buch. Den ganzen Tag hat sie gestern geschwatzt von Ihnen.« Sie guckte auf seine Füße hinunter und lachte wieder. »Die muß Ihnen was Nettes von mir gesagt haben? Aber Sie lachen so herzlich, daß ich nichts dagegen habe, wenn es auf meine Kosten geschieht.« Da reichte sie ihm die Hand. »Nehmen Sie mir das nicht übel! Die Erinnerung an Sie hat im Grillenhäuschen der Lies so drollige Purzelbäume gemacht –« »Erzählen Sie, Fräulein! Und lassen Sie mich mitlachen!« »Nein! Aber danken will ich Ihnen für die Blumen! Zuerst hab ich gemeint, die Lies hätte mich so geweckt. Aber da hörte ich, daß jemand durch den Wald hinunterstieg –« Sie wollte ihm ihre Hand entziehen, doch er hielt sie fest. »Ihr friedlicher Schlaf und alles rings um Sie her, das war so schön!« sagte er. »Als ich die Blumen in Ihren Schoß fallen ließ, hatte ich ein Gefühl wie ein Andächtiger, der eine Opfergabe niederlegt. Ich bin noch nie in den Bergen gewesen, habe sie jetzt zum erstenmal gesehen und kann Ihnen gar nicht sagen, wie mich das überfallen hat. Ganz verwandelt hat es mich. Mir ist das Leben immer grau gewesen. Meine Kindheit war traurig, meine Jugend hart. Das Schwerste hab ich von mir abgeschüttelt. Und als ich frei war, hab ich gearbeitet wie ein Narr. Vier Jahre bin ich kaum aus meiner Stube gekommen. Nur am Abend manchmal – im Winter, wenn die Laternen brannten, im Sommer, wenn der Staub auf den Bäumen lag. Schließlich hat das meiner Gesundheit an den Hals gegriffen.« »Um Gottes willen!« Mathild schien nicht zu wissen, daß ihre Hand noch immer in der seinen lag. So erschrocken stand sie vor diesem grauen Lebensbild. »Wie kann man denn nur so leben! Das hätte man Ihnen doch nicht erlauben dürfen! Ihr Vater, Ihre Mutter –« »Die sind tot. Den Vater hab ich kaum gekannt, die Mutter ist mir entfremdet worden.« Eine harte Furche grub sich in seine Stirn. »Vor ein paar Wochen hab ich zum erstenmal erfahren, wie wohl es tut, sich in der Sorge eines andern Menschen zu wissen. Da fand ich einen Freund, der es gut mit mir meinte. Der junge Arzt, den meine Wirtin hatte rufen lassen, hat mich herausgerissen aus dem Staub meines Lebens. Vor drei Tagen hat er meinen Koffer gepackt und hat mich im Wagen zur Bahn gebracht, wie man einen Irrsinnigen mit Gewalt dorthin führt, wo er geheilt werden soll.« »Ein Doktor, der Verstand hat!« Lächelnd sah sie zu ihm auf und befreite ihre Hand. »Dem dürfen Sie dankbar sein!« »Das bin ich! Er würde sich freuen, wenn er wüßte, was diese paar Tage aus mir gemacht haben. Ein Mensch mit einem Leben wie das meine – und plötzlich dieses Schöne! Luft und Sonne! Die Erkenntnis, daß die Welt erschaffen ist, um geschaut und erlebt zu werden! Der Weg von da droben ins Tal herunter war für mich wie ein Weg ins Leben. Da mußte mir doch der Wunsch kommen, hier bleiben zu dürfen. Ruhe finden! Aufatmen! Ein Mensch sein! So schön hab ich mir das gedacht. Und da schicken Sie mich wieder fort!« Das Lächeln gelang ihm nicht recht. »Fräulein! Vorhin haben Sie mich gewarnt vor der Lies. Da müssen Sie jetzt von mir auch eine Warnung hören! Geben Sie acht, daß Sie meinem Doktor nicht begegnen!« Mathild schien verlegen. Fiel es ihr schwer, das Nein zu wiederholen? Das merkte er. Und fragte mit herzlichem Klang: »Wirklich? Muß ich wieder gehen?« »Es wird wohl so sein müssen! Papa vermietet nicht gern an einen einzelnen Herrn. Und wenn ich auch glaube, daß Sie uns keine Verdrießlichkeiten im Haus verursachen würden – aber wir sind darauf angewiesen, die Wohnung gut und für den ganzen Sommer zu vermieten.« »Aber ich bitte«, fiel er hastig ein, »je länger ich bleiben darf, desto lieber ist mir's doch. Ich bleibe gern den ganzen Sommer, bis in den Winter hinein. Und was den Preis betrifft, so rechnen Sie doch, als ob ich Familie hätte, eine Frau, zehn Kinder und drei Dienstboten.« »Nein!« sagte sie ruhig. »Von Ihnen fordern, was wir von drei oder vier Personen verlangen dürften, das geht nicht. Und Papa darf in den Einnahmen, auf die er rechnen muß, nicht verkürzt werden.« »Fräulein!« Er nahm die Uhr aus der Westentasche. »Das ist eine Weckeruhr, ganz verläßlich! Ich miete die beiden Stuben mit allem, was drin ist. Und damit Sie keine Gewissensbisse haben, muß mich meine Uhr jede Nacht dreimal wecken, und ich lege mich bis zum Morgen der Reihe nach in alle vier Betten.« Sie schüttelte den Kopf. Da sah er mit bekümmertem Blick in ihre Augen. »Wenn Sie so hart gegen mich sind, da ist die Lies dran schuld, die vom Hohen Schein da droben!« Erst schien sie ein wenig betroffen durch dieses Wort; dann blickte sie lächelnd gegen den Hohen Schein hinauf: »Die Lies? Ach nein! Abergläubisch bin ich nicht. Stößt man mit einem Fuß an einen Stein, so fällt er eben. Das hat keinen anderen Sinn, als daß der Stein schwer ist und die Tiefe tief.« Er zog die Brauen zusammen, als müßte er aus ihren Worten einen Sinn herausgrübeln, der sich nicht finden ließ. »Da haben Sie gewiß was Kluges gesagt. Ich versteh es nur nicht. Vermutlich hat Ihnen die Lies in ihrem Zorn über das leere Buch eine so böse Schilderung von mir gemacht, daß Sie mißtrauisch wurden.« »Ich? Mißtrauisch? Nein!« Sie sah ihn mit ihren ruhigen, hellen Augen an. »Deswegen könnten Sie ganz gut bei uns wohnen. Ich habe Ihnen den wirklichen Grund ganz offen gesagt. Und da läßt sich nichts ändern.« »Sie sagen das so bestimmt – da hab ich nicht mehr den Mut –« Er stockte. »Aber daß ich da wieder fort muß, von diesem schönen Fleck Erde! Das fällt mir schwer.« Er wollte ihr die Hand reichen. Aus der Stube klang die Stimme ihres Vaters: »He, Geiß! Komm herein zu mir!« »Ja, Papa! Verzeihen Sie einen Augenblick!« Sie eilte ins Haus, flink und leicht wie ein Reh. Walter sah, daß aus der Stube ein Fenster auf die Veranda führte. Dieses Fenster stand offen, und der alte Herr mußte gehört haben, was die beiden gesprochen. Man hörte auch deutlich seine Stimme aus der Stube herausklingen: »Du, Geiß, das ist doch der, von dem du mir gestern erzählt hast?« »Der mit dem dicken Buch, ja!« Ein heiteres Lachen, dann ein Flüstern. Walter wollte nicht horchen und trat auf der Veranda in die Sonne hinaus. Der kranke Mann in der Stube hatte ein so kräftiges Organ, daß die paar Schritte Entfernung keine Mauer dagegen bauten. Walter hörte ihn sagen: »Na, meinetwegen! Der malt doch nicht. Und die Philosophen sind keine gefährlichen Leut. Man braucht ihnen nur nicht zu glauben, was sie aus ihrem Gehirn herausbuttern. Und mit dem seiner Philosophie muß es nicht weit her sein! Wenigstens redet er ganz vernünftig. Das ist ein Mensch, aus dem noch ein menschliches Wort herauskommt. Mit dem schwatzen zu können, da freu ich mich drauf.« Nach einer Weile kam Mathild aus dem Hause, lächelnd. »Papa hat sich anders besonnen.« »Ich weiß schon!« unterbrach er sie in seiner Freude. »Ihr Vater hat eine Stimme – ich mußte hören, ob ich wollte oder nicht. Also? Darf ich bleiben?« »Unter einer Bedingung.« »Einverstanden!« Sie lachte. »Die ist nicht hart, da können Sie auch voreilig sein. Papa will, daß Sie von dem Preis, den Ihnen gestern unser Mädchen sagte, nur die Hälfte bezahlen.« »Nein! Nein!« stammelte Walter erschrocken. »Sie wollen doch bis zum Winter bleiben. Die anderen Stadtleute, die wir im Hause hatten, sind immer schon Ende August wieder fortgegangen, obwohl September und Oktober die schönsten Monate bei uns sind.« »Da bleib ich natürlich!« »So bleiben Sie die doppelte Zeit, und alles gleicht sich wieder aus. Sie sind nicht übervorteilt, und Papa hat keinen Nachteil.« Er streckte die Hand. »Abgemacht.« »Abgemacht.« Sie legte die Hand in die seine. Und schien etwas sagen zu wollen. »Fräulein? Wenn Sie noch eine Bedingung haben?« »Nein!« Ihre Stimme wurde leis. »Nur eine Bitte. Papa ist krank, seit Jahren schon. Er hat so sehr das Verlangen nach Mitteilung, den Wunsch, sich ein bißchen auszusprechen. Möchten Sie da manchmal ein Stündchen mit ihm plaudern, wenn es Ihre Zeit erlaubt?« » Die Zeit werde ich immer haben! Immer, Fräulein!« »Ich danke Ihnen.« Wie er sie ansah! Das hatte er in seinem grauen Leben noch nie erfahren: daß stumme Augen Sprache haben können, die so schön ist und so leicht verständlich. »Wann darf ich kommen? Noch heute?« »Nein. Die Zimmer waren im Winter nicht bewohnt. Sie sollen sich wohlfühlen.« »Ich danke Ihnen, Fräulein! Also morgen?« »Am Nachmittag, ja. So lange brauchen wir, um alles in Ordnung zu bringen.« »Darf ich Ihren Herrn Vater noch begrüßen?« »Papa liegt.« »Morgen also!« Weil sie so ernst geworden, wollte er sie heiter stimmen: »Und das versprech' ich Ihnen, daß ich Ihrem Herrn Vater alle philosophischen Gespräche ersparen werde.« »Mit Papa können Sie über alles sprechen. Er wird Sie immer verstehen.« »Davon bin ich überzeugt. Ich habe das auch ganz anders gemeint. Vor der Philosophie scheint Ihr Vater, wie ich schon zu merken bekam, noch einen viel geringeren Respekt zu haben, als ihn die Lies auf dem Hohen Schein vor den dicken Büchern hat.« Da fand sie ihr heiteres Lachen wieder. »Ja, da ist was Wahres dran. Papa hält viel vom Leben! Wer es seziert, meint er, muß es vorher totgeschlagen haben. Und wer eine Stunde vergrübelt, hat eine lebendige Stunde verloren, die ihm eine Freude hätte sein können.« »Dann ist Ihr Vater der bessere Philosoph als ich! Ein so schweres Leiden tragen und dabei noch immer gut vom Leben denken? Ich möchte von Ihrem Vater erfahren, wie man das macht.« »Da brauchen Sie ihn nur kennenzulernen. Papa hat eine Hand, aus der man empfängt. Aber jetzt muß ich ins Haus, wenn Sie morgen Ihre zwei Stuben in Ordnung finden wollen.« Sie reichte ihm die Hand, wie es unter guten Kameraden geschieht. »Auf Wiedersehen!« Er wiederholte das Wort nicht. Sondern sagte: »Ich danke Ihnen!« Und blieb in der Sonne stehen, bis Mathild im Haus verschwunden war. Dann sah er mit frohem Blick umher, als wäre der Gedanke in ihm: »Das alles gehört jetzt ein wenig auch mir!« Langsam ging er gegen das Tor hinunter. Dabei tauchte die Frage in ihm auf: wie das entstanden wäre, dieses Ruhige und Wohle, das ihn jetzt erfüllte? Seit er zu denken begonnen, hatte er um das Gleichgewicht seiner Seele gerungen. Jahre und Jahre hatte er über seinen Büchern gesessen und den Sack seines Wissens angepfropft, wie ein Geiziger seine Sparstrümpfe füllt. Und mit aller Mühe hatte er sich nie noch die fröhliche Seelenruhe erkämpft, die ihn jetzt erfüllte. Warum? Weil er ein paar freundliche Stuben zur Miete bekam? Fast komisch erschien ihm dieser Gegensatz zwischen Ursache und Wirkung. »Ist das so im Leben, daß immer die simpelste Ursache das tiefste Wunder wirkt?« Aus solchen Gedanken wurde Walter durch den Gruß einer lachenden Stimme geweckt. Das Walperl, einen Henkelkorb am Arme, kam aus dem Dorf, mit kreuzfidelem Gesicht. Augenscheinlich war es der Anblick Walters, der im Walperl diese Lustigkeit erweckte. »Schön guten Morgen!« sagte sie, wobei es spöttisch um ihre Augen zwinkerte. »Haben S' a kleins Spaziergangerl gmacht?« »Im Scheidhof bin ich gewesen.« »Gelt, dös is schad, daß Ihnen der Forstmeister die zwei Stüberln net geben kann?« »Aber ich hab sie doch!« Das Mädel erschrak. »Was?« »Morgen zieh ich ein.« »Jesusmaria!« stotterte Walperl und rannte ohne Gruß davon. Verwundert guckte Walter dem Mädel nach. »Was hat sie denn?« Während er gegen das Dorf wanderte, blieb er stehen und sah zum Waldsaum hinüber. Da drüben hing was Graues zwischen den Bäumen. Ob das nicht sein Mantel war? Walter ging über die Wiesen hinüber. Richtig, es war sein Mantel, der da zum Trocknen in der Sonne hing, triefend vor Nässe. Daneben lag der Moosjäger im Gras, mit dem Gesicht auf den Armen. Als Walter sich näherte, hob der Bursche den Kopf. Ein bleiches Gesicht, übernächtig, in den verwüsteten Zügen alle Spuren eines nagenden Grams. Walter fühlte Erbarmen mit diesem zerbrochenen Leben. »Guten Morgen!« sagte er freundlich. »Schon ausgeschlafen?« »Lassen S' mich in Ruh, Sie!« brummte der Moosjäger, ohne sich aufzurichten. »Geht's Ihnen was an ob ich Schlaf hab oder net?« »Gestern in der Nacht, wie Sie so schön still waren, haben Sie mir besser gefallen, trotz Ihres Rausches.« Mit hastigem Ruck setzte sich der Moosjäger auf. »Der Mantel da? Is dös der Jhrig?« »Ja.« Die Augen des Moosjägers wurden groß. Dann brummte er: »Hätten S' Ihnen net strapazieren brauchen! Im Juni derfriert keiner.« Bei diesem merkwürdigen Dank fand Walter sein Lachen wieder. »Warum ist denn der Mantel so naß?« »Soll er net naß werden, wann er gwaschen wird?« »Gewaschen? Warum denn?« »Weil ich mir denkt hab, es könnt ihm net taugen, dem unbekannten Samariter, wann er heut sein' Mantel wieder kriegt und merkt, daß er nach'm Zuchthaus schmeckt. So an Gruch vertragen die anständigen Nasen net.« Ein tiefer Atemzug hob die Brust des Burschen. Die Arme um die Knie schlingend, sah er zum Mantel auf, an dessen Saum die hängenden Wassertropfen in der Sonne farbig schimmerten. »Dem tut 's Wasser nix. Der Mantel is gut. Der beste Loden!« »Wenn Ihnen der Mantel gefällt, können Sie ihn behalten!« Die Augen des Moosjägers funkelten vor Zorn. »Magst ihn nimmer haben?« schrie er. »Graust dir, weil ich drunter glegen bin?« »Ich hab es anders gemeint. Aber wenn Sie nicht verstehen wollen, auch gut! Dann bringen Sie den Mantel, wenn er trocken ist, ins Wirtshaus hinüber.« Walter ging davon. Er war schon weit in der Wiese, als er hinter sich den Moosjäger rufen hörte: »Vergeltsgott, Herr! Den Mantel bring ich.« Walter schien sich einen Augenblick zu besinnen, ob er nicht umkehren sollte. Er ging. Im Wirtshaus sagte er zur Kellnerin: »Wenn der Moosjäger meinen Mantel bringt, geben Sie ihm zu essen und zu trinken. Machen sie es so, als käme das von Ihnen oder vom Wirt. Dann sagen Sie ihm, er soll mir den Mantel hinaufbringen in meine Stube.« »Herr, lassen S' Ihnen mit dem net ein!« warnte die Kellnerin. »Da haben S' kein' Dank davon! Oder an schiechen!« »Tun Sie nur, was ich sage!« Er ging in sein Zimmer hinauf und nahm aus dem Rucksack eine kleine Schreibmappe, um seinem Freund, dem Doktor, von den beiden lieben Stuben zu erzählen, die er im Scheidhof gefunden. Seine Feder war so schwatzlustig, daß sich eine Seite um die andere füllte. Es wurde drei Uhr, bis Walter sich an die Mittagszeit erinnerte. Als er die Treppe hinunterstieg, brachte ihm die Kellnerin den Mantel. Der Moosjäger hätte kein Wort geredet, keinen Trunk und keinen Bissen genommen. »Mit'm Kopf hat er an Beutler gmacht und is wieder aussi zur Tür.« Nach dem Mittagessen ließ Walter ein Wägelchen anspannen und fuhr nach Mitterwalchen, wo er vor dem Aufstieg zum Hohen Schein seinen Koffer zurückgelassen hatte. Als er am Fichtenzaun des Scheidhofes entlang fuhr, guckte er über die grünen Wipfel hinaus, solang er das Dach der Villa noch sehen konnte. Wie groß der Bogen war, den die Straße um den Scheidhof herum zu machen hatte! Dann kam der sonnige Wald, in dem der Spiegel jenes Teiches blitzte. Nun das offene Feld, und vor Walters Augen lag der Hohe Schein, gleißend im Licht der reinen Sonne. Jetzt wieder Wald. Und wieder stand da der Wagen mit den reichgeschirrten Pferden, und dabei der Knecht, der die Stämme lupfte. Lachend grüßte Walter. Der Gegengruß fiel nicht freundlich aus. »Wie heißt der Bursch da?« fragte Walter den alten Kutscher. »Fazifanzerl.« »Um Gottes willen! Ist denn das ein Name?« »No freilich! Dös heißt soviel wie Bonifazius Venantius. Der Fazifanzerl is a ledigs Kind.« »Was hat denn das mit seinem Namen zu schaffen?« »Wie der Fazifanzerl auf d' Welt kommen is, haben wir in Langental an Kaplan ghabt, der's mit die sittlichen Zuständ a bißl scharf gnommen hat. Und daß man die ledigen Kinder gleich kennt, hat er's allweil auf söllene Namen tauft: Marzellinus, Karpasius, Athanaserl, Eleutheria, Speriförgerl. Ja, söllene laufen gnug umanand bei uns.« »Empörend! Da sollen sie christliche Liebe predigen und hängen einem schuldlosen Kind die Schande an den Namen!« Der alte Kutscher meinte gutmütig: »Ah na! Kind is Kind. Da macht man bei uns kein' Unterschied.« Er lachte. »Der jetzige Pfarr hat's abgschafft, die alte Mod. Der tauft auf Hansl und Seppl und Nandl und Franzl! D' Namen, sagt er, müssen kurz sein, daß man kein' langen Schnaufer net braucht dazu. Und wahr is! Alls, was an Wert hat im Leben, dös schreibt sich kurz: Tag, Nacht, Weib, Mann, Geld, Fleisch, Brot, Haus, Bett, Gott! Hab ich net recht? Da schauen S' andere Wörter dagegen an! Zum Exempli: Grundsteueraufschlagsquittung, Staatsschuldentilgungsbeitrag. Da wirst gleich gar nimmer fertig damit! Ja, ja! Unser Herr Pfarr! Der is für die kurzen Wörtln, die eim Zeit lassen zum Leben.« Der Alte schwenkte die Peitsche um den Kopf des Schimmels. »Wissen S', unser Herr Pfarr is von die Guten einer! Den haben s' aus Straf zu uns auffi versetzt. Wir sind froh, daß wir ihn haben. Ja! Meiner Tochter ihr Büberl hat er auf Maxl tauft. Is auch a ledigs Kind. Brummt hab ich freilich, wie 's Madl so dagsessen is. Aber was willst denn machen? Kind is Kind. Schaut eins wie 's ander aus. Kommt bloß drauf an, wie sie sich auswachsen. Hab ich net recht? Und wann sich meiner Zenz ihr Maxerl amal als Mannsbild so anlaßt wie der Fazifanzerl, nachher bin ich schon zfrieden. Der Fazifanzerl is a Mannsbild, auf dös man sich verlassen kann, wie 's Lebendige aufs Sterben. Kein Wirtshaus, kei' Weibsbildergaudi! Arbeiten, daß er an Berg umreißt! Wann der Scheidhofer den Fazifanzerl net hätt! Mar' und Josef! Natürlich, so an Anwesen, und der Bauer krank seit Jahr und Tag, die Kinder alle ausgstorben, kein Verwandts nimmer da. So groß der Scheidhof is, der tät zammbröseln wie an altbachener Gugelhupf. Aber der Fazifanzerl und die Grillenmahm –« »Die Sennerin auf dem Hohen Schein?« »Ja! Die zwei Leut halten dös mächtige Anwesen in Stand, daß alles glitznet! Da is kein Bauer im Tal. der dem Scheidhofer den Fazifanzerl net auskaufen tät mit eim Sack voll Geld. Aber der Bub is wie der Steinblock auf der Alm. Der sagt: da bin ich, da bleib ich. Und die Bauerntöchter! Die sind hinter ihm her wie die Katzen hinterm Gockel, wenn ihm d' Federn glanzen in der Sonn. Da, schauen S'!« Der Alte deutete mit der Peitsche nach einem stattlichen Gehöft, vor dessen Haustür eine junge Person im Schatten des Daches stand. Walter erkannte sie gleich. Es war jenes hübsche Mädel mit dem feinen Schuhzeug. »Beim Schrottenbacher heißt man's da! Und 's Madl heißt Vev. Da brauchet der Fazifanzerl mit'm Finger bloß a Hakerl machen. Aber mögen tut er net.« Walter lachte. »Dann wird der Bonifazius Venantius wohl seinen guten Grund haben.« »Kann schon sein, ja.« »Ob sein Grund nicht Walperl heißt?« »Ah na! So a Narr wird er ja doch net sein, daß er sich eine aufgabelt, die nix hat als ihre Rosmucken. Wo er sich 's Beste aussuchen kann! Aber weil er gar so zuwarterisch is, denk ich mir allweil: am End paßt er drauf, daß ihn der Scheidhofer amal ins Testament setzt.« Der Alte kicherte. »Da wird er mit'm Herrn Kaplan ins Raufen kommen. Der möcht mit'm Scheidhofer seiner Erbschaft unser alte Kirch umbauen. Aber beim Scheidhofer hat's auslassen mit der Frömmigkeit. No ja, unser Herrgott muß sein' eignen Willen haben und muß alles machen können, wie er meint, daß 's am besten is für d' Weltregierung. Aber a bißl sollt er schon dran denken, daß der Mensch an wehleidigen Buckel hat. Beim Scheidhofer is 's Maßl überglaufen. Vier Kinder hat er ghabt, beim letzten is ihm 's Weib am Fieber gstorben, sein jüngster Sohn hat beim Fensterln den Hals brochen, zwei Buben sind im Feldzug gfallen, 's Madl hat beim Erdbeersuchen an Viperstich kriegt, und der Alte is krank, ich weiß net wie lang. Was hat er jetzt von seim Sach? Mein' Taglohn hab ich, sonst nix, und möcht net tauschen mit'm Scheidhofer. Freilich, viel Verdruß hat mir mein Zenzerl gmacht. Aber ich hab doch mein Madl! Auf's Haben kommt's an! – Hüh, Schimmele, schlaf mir net ein! – Schauen S', ich hab mir oft schon denkt: 's Leben is wie a Hasenstall. Haben s' ihr Gras und kann sich die ganz scheckete Familli in der Kälten zammhuscheln, daß s' schön warm haben, so müssen s' zfrieden sein. Hab ich net recht? A warms Fleckl am Herzen und a bißl was Lebendiges, dös sich dranhin schmuggelt – 's ander is alles für nix! Schauen S' den Scheidhofer an! Hüh, Schimmele!« Walter drehte sich im Wägelchen um. Da draußen im Glanz der Sonne lag der Scheidhof wie ein kleines Königreich. Und doch ein Reich der Schmerzen! Weib und Kinder verlieren und einsam bleiben, ein siecher Greis! Dieses Bild warf einen trüben Schatten über die warme Freude, die Walter an seinen zwei »lieben Stuben« gefunden. Während er zurückblickte, kam es aus den goldig umflimmerten Baumkronen des Scheidhofes herausgeschritten und holte ihn ein und wanderte neben dem rüttelnden Wagen her: die grau verhüllte Gestalt eines Riesen. »Schmerz! Der Allgegenwärtige in allem Leben, das bist du! Wo Leben atmet, geht dein Schritt. Wer kann sich schützen vor dir? Wer stumpf und wunschlos wird? Und zitternd unterkriecht im Hasenstall?« Dieser Gedanke zeigte ihm ein Bild, das grauenvoll und komisch war. Eine dunkle, endlos scheinende Höhle mit einer unzählbaren Menge weißer, gesprenkelter und schwarzer Kaninchen, dicht aneinandergehuschelt. Sooft sie ein Geräusch vernahmen, fuhren sie erschrocken zusammen und spitzten die Ohren. Und immer wieder griff eine mächtige Faust von oben herein, wie die Hand des Schlächters, und hob so ein zappelndes Ding aus dem Stall, irgend wohin, eines ums andere, Tausende. Dennoch wurde die gepferchte Menge der kleinen Hasen immer größer. Da sagte der alte Kutscher: »Morgen gibt's wieder an nobeln Tag! Schauen S' auffi!« Er deutete mit der Peitsche nach dem Hohen Schein. Die Felspyramide des Berges brannte in der Nachmittagssonne wie eine goldene Flamme, und der grobsteinige Weg, der da droben von der Sennhütte zum Waldsaum führte, war so schimmerig anzusehen, als wäre das Almfeld umschlungen von einer Perlenschnur. 3 Es war später Abend geworden, als das Wägelchen, in welchem Walter seinen Koffer brachte, von Mitterwalchen heraufgefahren kam. Wo der Fußweg nach dem Teich begann, stieg Walter ab. Er wollte gehen, weil der Abend so friedlich war. Während er durch den schweigenden Wald dahinschritt, hörte er vom Scheidhof herunter ein klingendes Gehämmer. Dort oben dengelten die Knechte ihre Sensen. Als er zum Weiher kam, fand er die Bank und ließ sich nieder. Viel zu schauen gab es nicht mehr. Der Waldsaum schwarz, nur der Himmel darüber noch hell, und der ganze Teich ein einziges stilles Grau. Je dunkler es wurde, desto zahlreicher flogen die Leuchtkäfer. Wie schön und geheimnisvoll das anzusehen war: solch ein bläuliches Fünklein, schwimmend in der dunklen Luft! Walter konnte sich nicht satt schauen am Flug dieses lebenden Feuers. Dabei machte er eine Beobachtung, die er nicht verstand. Es waren zweierlei Funken, die er sah. Ganz kleine. Das waren die fliegenden. Und größere, die unbeweglich im Grase schimmerten; manchmal erloschen sie, und dann leuchteten sie wieder auf. Da sah er, ganz nahe vor sich, wie ein fliegendes Fünklein eine rasche Wendung machte und zu einem größeren niederschwebte auf die Erde. Dann erloschen die beiden Lichtlein. Nun verstand er dieses kleine und doch so große Rätsel der Natur. Das suchende Verlangen und die lockende Sehnsucht! Sie fanden sich. Und das winzige Glück löschte sein Feuerlein aus, um sich zu bergen in der Nacht. »Auch das ist Leben! Das seine Freude hat und seinen Tod. Vielleicht auch mehr . Wir wissen es nur nicht. Solch ein winziges Tier, das einige Nächte liebt und leidet? Oder ein Mensch, der in Freude und Schmerz den Inhalt von achtzig Jahren ausschöpft? Wo ist da der Unterschied? Laß einen Stern auf sie herunterschauen, und er sieht keinen. Unterschiede machen, das ist die Quelle für alles Mißverständnis des Lebens. Alles ist klein, und alles ist groß, alles ein Gleiches!« Er sah hinaus in die Nacht. Zn Hunderten flogen die Funken, zu Hunderten leuchteten sie im Gras. Und Myriaden waren es, die er nicht mit den Augen, doch in Gedanken sah. Dieses Bild der zahllosen leuchtenden Freuden in der Nacht? Oder jenes Bild der endlosen Höhle mit den zitternden Hasen? Welches von den beiden war das richtige für das Leben? Keines? Und jedes! »Freude! Auch du bist das Allgegenwärtige im Leben! Freude und Schmerz, alles ein Gleiches!« Da leuchtete neben seiner Fußspitze solch ein größeres Fünklein. Achtsam nahm er es auf die Hand. Ein ungeflügelter Käfer, mit dem brennenden Laternchen unter dem Herzen. Und das machte aus Walters Handfläche einen smaragdenen Lichtschein rings um das schwarze Insekt. Nun waren es plötzlich zwei. Ein kleineres Fünklein war hinzugeschwirrt. Und die beiden Laternchen erloschen. »Ein Glück in meiner Hand! Wenn ich jetzt die Faust schließe, sind zwei Leben und ein Glück zerstört. Ob dann die beiden zuckenden Herzen wohl auch die Frage schreien: Gott? Gott?« Er lachte vor sich hin. »Ich glaube, sie sind klüger als wir Menschen. Sie freuen sich und sterben. Und finden das eine so selbstverständlich wie das andre.« Walter schüttelte die Hand ein wenig. Die beiden Tierchen fielen lautlos ins Gras und fingen wieder zu leuchten an. Noch lange blieb er stehen. Als er im Dunkel den Weg suchte, nahm er den Hut ab und strich mit der Hand über die Stirn. Etwas Schwüles und Beklemmendes war in ihm. Da hörte er ein Geräusch, und vor dem Grau des Wasserspiegels sah er schwarz die Gestalt eines Mannes auftauchen, der sich über das Ufer beugte, als möchte er im Wasser eine Stelle suchen, tief genug für einen Sprung aus dem Leben. Deutlich war vor dem lichteren Spiegel des Weihers die scharfe Silhouette des Gesichtes zu erkennen. »Der Moosjäger!« Mit einem Satz war Walter an der Seite des Burschen und faßte ihn am Arm. »Mensch! Was machen Sie da?« Auch der andere erkannte ihn. »In Ruh lassen S' mich! Heut brauch ich kein' Mantel.« Walter hielt fest. »Was suchen Sie da?« Der Moosjäger zerrte an seinem Arm. »Kreuzteufel! Was haben denn Sie für a Recht –« »Das Recht eines Menschen, der mit einem Mitmenschen Erbarmen hat.« Der andere schwieg; und ein Leuchtkäferchen flog ihm an die Brust. »Ich mein' es gut mit Ihnen!« sagte Walter. »Jetzt reden Sie ein ehrliches Wort! Was wollen Sie da?« Der Moosjäger schnaufte wie ein Mensch, der einen steilen Berg hinauf muß und nicht mag. »Sagen wir halt: ich hätt mir gern an Fisch derschlagen. Weil ich Hunger hab.« »Hunger? Warum nahmen Sie im Wirtshaus nicht, was Sie haben konnten?« »Gschenkter mag ich nix. Vergeltsgott! Na!« »Ganz schön, das! Aber ist das Gestohlene besser?« Wieder schwieg der Moosjäger. Dann machten seine Gedanken einen Sprung. »Als ob ich net arbeiten hätt mögen!« Fast schreiend klang seine Stimme. »Gleich vom Wirtshaus weg bin ich umanand glaufen bei die Bauern.« Er schüttelte sich. »Dös mach ich kein zweitsmal nimmer durch!« Heiser lachend stieß er einen dürren Ast vor seinen Füßen weg. »Menschen! Menschen! Is bloß der einzig Unterschied, daß man a paar davon ins Zuchthaus sperrt und die andern net derwischt. Die Dummen lassen sich fangen, die ärgsten Gauner treiben's heimlich und gscheit. Und begegnest eim, daß dir denken möchst: Herrgott, is dös a Prachtmensch! – dös is der Oberlump unter alle.« »Nein, Moosjäger, so sind die Menschen nicht. Aus Ihnen redet die Bitterkeit eines zerbrochenen Lebens und die Enttäuschung nach einem guten Vorsatz. Das hätten Sie sich voraussagen können, daß Sie sich beim Arbeitsuchen schwer tun würden, gerade hier!« »Wo man weiß, was ich für einer bin! Gelt!« Das Lachen, mit dem der Moosjäger das sagte, hallte im stillen Wald. »Freilich, hundert Stund von da wär's besser für mich!« »Warum sind Sie dann gekommen?« »Ich will Ihnen was sagen, Herr! Als Bub amal, da hab ich eim Baumfalk 's Nest mitsamt die Jungen derschlagen. Was der für Schrei gmacht hat in die Lüft droben! Und im Frühjahr drauf, da hat dös dumme Luder 's Nest auf'n gleichen Baum auffibaut! Warum denn? Fragen S' ihn halt, wann S' ihn fliegen sehen! Und jetzt lassen S' mir mein' Fried! Gut Nacht!« Mit beiden Händen faßte Walter den Burschen am Arm. »Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir da her auf die Bank! Haben Sie Vertrauen! Vielleicht kann ich Ihnen helfen, daß Sie wieder auf leichteren Weg kommen.« »Ah was! Dös hat kein' Verstand!« brummte der Moosjäger. Doch ließ er sich zur Bank ziehen; dabei fiel das Leuchtkäferchen, das an seinem Kittel gehangen, ins Gras hinunter. »Ich mein' es gut mit Ihnen. Aber da müssen Sie mithelfen und müssen mir alles von Ihrem Leben sagen, offen und ehrlich!« »In Ruh lassen S' mich! Beichtvater brauch ich kein'. Absolvieren kann ich mich selber. Und Enker stadtische Neugier hilft mir kein Schrittl net weiter. Da muß ich schon selber schauen, wie ich durchkomm.« »Wenn Sie wüßten, wie Sie das machen sollten, hätt ich Sie jetzt nicht gefunden – hier am Wasser. An den Fisch, den Sie totschlagen wollten, glaub ich nicht.« »So?« »Nein! Aber machen wir die Sache kurz. Ich will Ihnen einen Rat geben. Hier in meiner Tasche hab ich tausend Mark. Im Dorf bin ich fremd, da wird kein Mensch nach mir fragen. Das Wasser da ist tief, und morgen brauchen Sie nicht mehr zu hungern. Tausend Mark, das gibt noch einen größeren Rausch als gestern die paar Groschen, die Sie aus dem Zuchthaus mitgebracht haben. Also! Suchen Sie doch einen Prügel! Oder sind Sie so stark, daß Sie's mit der Faust allein fertigbringen?« Der Moosjäger machte einen Ruck ans Ende der Bank. »Kerl, wer bist du denn? Bist narrisch? Oder bist der Tuifi, der ein' versuchen will?« »Ich? Der Teufel?« Walter lachte. »Aber narrisch? Ja, das bin ich wohl. Weil ich ein Mensch bin.« Er schien auf ein Wort des anderen zu warten. Der Moosjäger blieb stumm. »Verstehen Sie nicht, warum ich Ihnen diesen Rat gegeben habe?« Kleinlaut kam die Antwort: »Na, Herr, da bin ich z'dumm dazu. Mar' und Josef! Wie können S' ein Menschen denn so was sagen?« »Weil ich wußte, daß ich von Ihnen nichts zu fürchten brauche. Man hat mir nicht viel Gutes von Ihnen gesagt. Und doch hab ich das Gefühl, daß Sie kein schlechter Mensch sind.« »Jesus!« stotterte der Moosjäger. »Laßt sich schimpfen von mir! Und gibt mir sein' Mantel! Und sagt mir –« Die dunkle Gestalt des Burschen krümmte sich zusammen. Ganz finster war es im Wald geworden. Nur noch selten sah man eines von den blauen Fünklein schweben, das die glimmende Sehnsucht seines kleinen Lebens nicht hatte stillen können, weil es einsam geblieben. Nach einer Weile fragte Walter: »Sie sind Jäger gewesen?« »Ich? Gott bewahr!« »Aber Ihr Name?« »Den hab ich vom Vater. Moosjäger, wissen S', dös is bloß mein Vulgo, wie 's beim Gricht allweil schreiben. Heißen tu ich Mertl Troll.« »Mertl? Das bedeutet wohl Martin?« »Na. Da heißt's Martl. Mertl heißt Mamertus.« »Oh? Mamertus?« »Ja. Und Holzknecht bin ich gwesen. Aber der Vater selig hat gjagert. Beim Herzog, wie er d' Langentaler Jagd noch ghabt hat, is er angstellt gwesen. Und hat sich beim Gamstreiben derfallen. Ja. Bei derselbigen Treibjagd hat der Herzog vierzehn Gamsböck gschossen. Für d' Mutter is dös hart gwesen. Drei Jahr verheirat und so an Unglück! Wie a Bildstöckl hab ich s' allweil sitzen sehen hinterm Ofen.« »Das kann doch nicht Ihre eigene Erinnerung sein?« »Ah ja! Da bsinn ich mich ganz gut noch drauf. Mit sechs Jahr bleibt eim schon, was man derlebt! 's Lustige, und 's Traurige noch viel besser, ja! Und heut noch, sooft ich an d' Mutter denk, allweil is der Ofen dabei, der weiße Ofen und 's weiße Gsichtl von der Mutter. Die gröbste Sorg is ihr derspart blieben. Zwanzg Mark Pension im Monat! Is net viel, aber der Sack hat doch an Boden. Dös kleine Häusl hinter die Wiesen draußt – haben Sie's net gsehen heut in der Fruh?« »Nein.« »Da is d' Mutter in der Loschie gwesen. Gstrickt und gsponnen hat s' für d' Leut. Und Tagwerk gemacht. Wie ich noch in der Schul war, hab ich auch schon a bißl ebbes verdient. Mit sechzehn Jahr hab ich d' Holzarbeit angfangt. Da bin ich in der guten Zeit auf zwei Mark im Tag kommen. Nobel haben wir's ghabt. Und alles wär gut gwesen, wann's bei der Mutter net a bißl gfehlt hätt mit'm Gsund. Der Bader hat nix gfunden. Aber d' Mutter is allweil minder worden. Und auslöschen hat s' müssen wie a Lichtl, wann's Inschlet gar is. Z'erst, wie s' so daglegen is hinterm weißen Ofen, ganz weiß, da hab ich mich vor lauter Heulen gar net recht auskennt. Aber wie sie s' aussitragen haben und d' Stuben is so leer worden – Mar' und Josef!« Als die Mutter tot war und der Mertl so einsam, hatte sein hungerndes Herz das Suchen begonnen. In der Nacht seines Lebens war das blaue Fünklein geflogen. Und da war ein kleines Mädel. Das hatte er schon immer gut leiden können, schon seit der Schulzeit her. Ein Jahr nach seiner Mutter Tod, im Frühling einmal, als er am Samstag abends nach der Wochenarbeit mit seiner Axt durch den Wald heruntergestiegen, hatte er plötzlich jauchzen müssen, weil er drunten im Tal das Dach gesehen, unter dem sie wohnte. Und da hatte er's plötzlich gewußt: die Zenz, oder keine! Sie hatte so lachende Augen. Und am Sonntag, wenn er vor der Kirchentür stand, schwatzte sie gern ein Weilchen mit ihm und nahm die Blumen, die er vom Hohen Schein mit herunterbrachte. »Aber gredt hab ich nix. Sie is ja schier halber noch a Kindl gwesen. Fufzehn Jahr! Da mußt dein' Verstand beinandhalten, hab ich mir denkt!« Der Moosjäger lachte, hart und bitter. »Hätt ich's gmacht wie die andern, die zugreifen, solang 's Pfanndl überm Fuier hängt, ich hätt mir 's Glück und 's Leben net versaut. Is schon wahr, Herr, mit der Lumperei kommst weiter als mit der Gutigkeit. Da bist allweil hint dran. Weil d' Schlechtigkeit die gschwindern Füß hat!« Dann hatten sie den Mamertus Troll, vulgo Moosjäger, in die Stadt geholt, zur »blauen Montur«. Nach einem Jahr hatte er als Lohn für gute Führung den ersten Urlaub bekommen, acht Tage. Da hatte die Zenz marod im Bett gelegen. Beim Bügeln war ihr der glühende Stahl auf den Fuß gefallen. Durchs offene Stubenfenster sah er sie liegen »im Schachterl«, warf ihr ein Sträußl hinein und konnte hören, wie sie lachte. Dann wieder Stadt und Kaserne. Im Sommer, als die »Reserver« zu den Manövern einberufen wurden, war auch der Stockwieser dabei. Und ein anderer klatschte es dem Moosjäger, daß die Zenz mit dem Stockwieser ginge. Der Mertl glaubte das nicht, doch er ging herum wie ein Kranker und wurde nachlässig im Dienst. Die vielen Briefe, die der Stockwieser bekam – in vier Monaten waren es drei –, die machten den Mertl so viel »wißgieret«, daß er an einem Sonntag nachmittag den Koffer des Stockwieser aufsprengte. Dabei erwischten sie ihn. »A halbs Jahr haben s' mich eingnaht. Und wie ich heimkommen bin – no ja, der Mensch meint halt allweil, es müßt a bißl Gerechtigkeit geben –, da bin ich gleich am ersten Abend mit'm Stockwieser zamm gwachsen. Is a bißl grob ausgfallen, dö Sach! Und gleich haben s' mich wieder ghabt. Hab 's Madl gar net gsehen! Dreiviertel Jahr haben s' mir geben. An eim Sonntag bin ich wieder heim kommen, in der Heuzeit. Und die Burschen im Wirtshaus haben grad an lustigen Spitakel ghabt und haben Trutzliedln gsungen.« »Auf Sie?« fragte Walter, weil der Moosjäger nicht weitersprach. »Na! Auf'n Stockwieser.« »Weshalb?« »Derwischt haben s' ihn ghabt in eim Heustadl, mit –« Der Moosjäger schluckte. »Wörtln gibt's, dö sich einspreißen! Gar net aussibringt man s'!« »Mit der Zenz?« Es dauerte eine Weile, bis der Moosjäger wieder zu sprechen begann: »Gleich haben s' mir alls derzählt, die guten Freund! ›So, so?‹ hab ich gsagt. Sonst nix. Und bin aussi zur Stuben. Und aussi ins Holz. In der Fruh bin ich gwesen, ich weiß net wo. An halben Tag lang hab ich braucht, bis ich wieder heim gfunden hab. Und selbigsmal, da haben s' grad an Wald gschlagen, und weil man die guten Leut beim Heuen braucht hat, haben s' mich als Holzknecht eindingt, um's halbe Geld. No ja, mein' Fraß hab ich mir verdient. Aber der Platz hat mir net taugt. Sooft ich aufgschaut hab von der Arbeit, hab ich drunt den Heustadl gsehen. Und an jedem Samstag auf'n Abend, wann ich heim bin, hab ich vorbei müssen dran. Dös hat sich so eini gfressen in mich, ich weiß net wie! Und in der Nacht amal, wie ich durch d' Finstern heim bin mit'm Kienbrand und der Stadl steht mir wieder zwerch über'n Weg, da is mir a Fluch aus der Seel gfahren, und der Kienbrand is einigflogen zur Dachluken! ›Brenn zu, brenn zu!‹ hab ich gschrien. Und greut hat 's mich noch in keiner Stund!« Der Moosjäger sprang auf und streckte sich. Und ließ sich wieder auf die Bank fallen. »Wie d' Leut über d' Wiesen ummigloffen sind, bin ich noch allweil dagstanden und hab mei' Freud dran ghabt.« Er lachte. »Der Wind hat's anders gmeint als ich. Der hat 's Flugfuier vertragen. Drei Bauernhöf sind niederbrennt. Brandstiftung hat's gheißen, mit boshafter Schadensabsicht. Zweimal vorbestraft, erschwerende Umständ! Dös hat druckt. Und den Staatsanwalt hätten S' hören müssen! Der hätt's Ihnen gsagt, was für a Haderlump der vulgo Moosjäger is! Hundertmal hat er's in d' Red bracht: ›die erbarmenswierdichen Abchebrannten!‹ Da hat er die drei Bauern gmeint. Von denen hat sich jeder hintnach vor Freud an Rausch angsoffen. So hoch sind s' in der Assekuranz gwesen! Die schönsten neuen Häuser haben s' kriegt, zweistöcket, mit eim Ziegeldach, und jeds um's doppelt besser, als wie 's alte gwesen is! Und mir haben s' fünf Jahr geben! Fünf Jahr, Herr! Fünf Jahr! Gestern bin ich heimkommen. Und hab zum saufen angfangen, daß mir kei' Zeit net bleibt zum – zum fragen!« Ein Leuchtkäfer, von allen der letzte, flog um die Bank her, auf der die beiden saßen. Und draußen auf dem Weiher plätscherten leis die kleinen Wellen. »Moosjäger!« »Was, Herr?« »Ich möchte Ihnen ein Wort sagen, das Ihnen den Lebensmut aufrichten soll. Aber das wird mir nicht gelingen, wenn Sie nicht ruhig über Ihr Leben nachdenken. Sehen Sie, Moosjäger, ein Nebeneinanderleben der Menschen ist nicht möglich, wenn man nicht Grenzen zieht und Zäune baut. Die darf man nicht verrücken. Einen Koffer darf man nicht aufbrechen, einen Menschen, den man haßt, darf man nicht niederschlagen, einen Heustadel darf man nicht in Brand stecken. Dafür mußten Sie gestraft werden. Und doch ist keine Schuld an Ihrem Leben, keine, die mich verhindern würde, Ihnen die Hand zu drücken. Geben Sie her, Moosjäger, und glauben Sie mir, daß ich so fest noch niemals eine Hand gedrückt habe wie die Ihrige. Ich bin nicht Ihr Richter, ich brauche nicht zu urteilen über Ihre Tat, ich kann mich an das menschliche Gefühl halten, auf dem Ihnen das Unglück Ihres Lebens herausgewachsen ist. Und darf –« Walter suchte mit leisem Schmerzenslaut seine Hand zu befreien. »Mar' und Josef!« sagte der Moosjäger erschrocken. »Hab ich a bißl grob zudruckt?« Walter lachte. »Das macht nichts!« Eine Weile schwieg er. »Sehen Sie, Moosjäger, was Ihnen den Arm zum Wurf mit der Fackel geschwungen hat, das war nichts anderes, als was Ihrer armen Mutter hinter dem weißen Ofen das Gesicht so weiß gemacht hat: die zerbrochene Freude des Lebens. Das ist hart zu tragen. Aber glauben Sie denn, daß Sie der einzige auf der Welt sind, dem so weh geschieht? Wenn da jeder gleich Mord und Brand stiften würde? Denken Sie nur, Moosjäger, was für ein Leben das wäre!« »Ja! Da tät's schiech ausschauen auf der Welt!« »Nicht wahr? Und schauen Sie, Moosjäger, die großen starken Bäume, die sind doch auch einmal jung und schwach gewesen, und im Winter hat sie der schwere Schnee beinah erdrückt. Aber sie haben sich doch immer wieder aufgerichtet. Und Sie, Moosjäger? So ein langer, starker Mensch? Sie wollen schwächer sein als solch ein dünnes Bäumchen?« »So a Bäuml tut sich leicht. Soll der Schnee druckt haben, wie er mag. Für so a Bäuml kommt allweil wieder a Fruhjahr!« »Auch für den Menschen.« »Na, Herr! Mir is der Glauben vergangen! Und mit die Bäumln stimmt's auch net allweil. Solang der Herzkern gsund is, ah ja, da steht a jeds wieder auf. Aber hat der Herzkern an Bruch, so is 's Bäuml halt hin. Und bei mir hat der Herzkern an Schaden kriegt.« »Sie können jenes Mädchen nicht vergessen?« »Mit der lassen S' mich aus!« fuhr der Moosjäger auf. »Ah na! Schlecht gnug haben s' mich gmacht! Aber daß ich mich kümmern tät um so eine? Na! Da bin ich mir noch allweil z'gut dafür!« »Wenn das überwunden ist, sollten Sie doch den Rückweg ins Leben noch leichter finden. Und ich will Ihnen helfen dazu.« »Lassen S' es gut sein! Ihr Geld können S' bhalten. Hab Ihnen eh schon gsagt, daß ich Gschenkter nix nimm.« »Es fällt mir gar nicht ein, Ihnen Geld zu schenken. Sie brauchen was Besseres!« »So? Was denn?« »Arbeit, die Ihren Tag füllt, die Ihnen Ruhe gibt und ein Gefühl der Sicherheit für das neue Leben. Wenn Sie die erste Mark verdient haben und Ihr eigenes Brot essen, wird Ihnen der Bissen auch wieder schmecken. Wie ich Ihnen Arbeit schaffen soll, weiß ich noch nicht. Es wird mir über Nacht schon was einfallen. Und jetzt kommen Sie mit mir ins Wirtshaus!« Da wurde der Moosjäger grob. »Ich mag net! Haben S' an Arbeit für mich, meintwegen, so komm ich halt morgen. Aber d' Nacht ghört mir. Unter die Bäum is mir's am liebsten. Und schauen S', daß S' heimkommen! Sonst fallen S' in der Finstern noch auf d' Nasen!« Walter, dem das Lachen näher war als der Ernst, suchte in der Dunkelheit die Hand des anderen. »Versprechen Sie mir, daß Sie morgen auch wirklich kommen?« »Wann ich ebbes sag, so gilt's.« Der Moosjäger schnaufte. »In Gottsnamen! Aber wann's krumm geht, dö Sach, und Sö pumpern Ihnen 's Köpfl a bißl an mit Ihrer narrischen Nächstenlieb, da machen S' mir kein' Fürwurf nacher!« »Es wird nicht krumm gehen! Und können Sie unter den Bäumen da nicht gleich einschlafen, so denken Sie ein bißchen über alles nach, was ich Ihnen gesagt habe. Auch über die Menschen. Die sind nicht so, wie Sie vorhin gesagt haben. Sehen Sie nur: da stehen gleich zwei beisammen, die gar nicht so schlecht sind: Sie und ich. Oder wollen Sie mich nicht mitzählen?« »Sakra! Hätt dös an andrer gsagt, der krieget eine! Und die tät grob ausfallen!« Jetzt lachte Walter. »Na also, sehen Sie! Kann einer gut sein, so können es hundert sein. Und das ist auch nicht wahr, daß der Gute immer im Nachteil ist. Das Bewußtsein seiner Redlichkeit macht ihn aller Gefahr gegenüber stark und gibt seinem Herzen Flügel, die besser tragen als die kurzen Zappelbeine eines Haderlumpen, der seinem kleinen Vorteil nachläuft. Glauben Sie nicht, daß ich recht habe? Warum sprechen Sie nicht? Haben Sie mich nicht verstanden?« »A bißl gschwollen haben S' freilich dahergredt«, sagte der Moosjäger langsam, »aber verstanden hab ich!« Er schnaufte wieder. »Herr, an Ihnen is a Pfarr verlorengangen! – Was haben S' denn?« »Ich?« »Weil S' so an Fahrer gmacht haben mit der Hand. Hab ich wieder a bißl druckt?« Walter schwieg. Der andere wartete ein Weilchen. Dann sagte er kleinlaut: »Die halbere Nachtruh haben S' vertandelt wegen meiner. Jetzt schauen S' aber, daß S' heimkommen!« »Gute Nacht, Moosjäger!« Walter suchte den Weg. Seine Stubenaugen waren in der ungewohnten Finsternis wie blind. Schon nach den ersten Schritten stolperte er und fuhr mit der Stirne gegen einen Baum. »Mar' und Josef!« rief der Moosjäger erschrocken, stand schon neben Walter und faßte seine Hand. »Kommen S', lassen S' Ihnen führen, Sö gspaßiger Heiland! Wo wollen S' denn hin?« »Zum Fußweg über den Scheidhof hinüber.« Der Moosjäger ging voran und zog den anderen hinter sich her, so rasch und sicher, als läge heller Tag vor ihren Füßen. »So, da haben wir den Zaun! Und d' Stern haben wir auch schon! Aber sagen S' mir, Herr, wie heißen S' denn eigentlich?« »Walter.« Mit langsamer Zunge sprach der Moosjäger den Namen nach. »Walter? So? Und Vergeltsgott halt!« Nach wenigen Schritten kam Walter auf die offene Wiese. Mit ruhigem Gefunkel leuchteten zahllose Sterne über ihm. Von der Villa schimmerte noch der rötliche Lichtschein eines Fensters. Walter drückte die Hände auf die Brust und atmete auf wie einer, der erquickt aus einem stärkenden Bade stieg. Im Wirtshaus gab's ein paar heitere Stunden. Junge Touristen waren da, die am Morgen auf den Hohen Schein wollten; man spielte Gitarre und Zither, man sang und tanzte. Walter konnte dabei eine neue Lebenserfahrung machen: daß das Tanzen gelernt sein muß, so leicht es sich ansieht! Der Walzer, zu dem er die Kellnerin aufforderte, fiel so komisch aus, daß die ganze Gesellschaft in Gelächter ausbrach. »Aber Mensch«, rief die Kellnerin, »Sö haben ja fünf linke Füß! Und mit viere tappt er eim allweil auf die Zehen umanand!« Walter lachte mit und ließ sich in die Schule nehmen. Je heller ihm das Licht des Walzerschrittes aufging, desto mehr umdämmerte ihm der rote Spezial das Oberstübchen. So viel Klarheit behielt er aber immer noch, um die drohende Gefahr zu erkennen und sich rechtzeitig in seine Stube zu retten. Beim Suchen nach dem Feuerzeug stolperte er über etwas Schweres, das sich vor dem Fußtritt, den es bekommen, mit Geraschel unter den Tisch flüchtete. Es war der Rucksack mit dem dicken Buch, das von den Welträtseln handelte. So laut es drunten in der Wirtsstube zuging, Walter schlief schon, kaum daß er in den Federn lag. Und die Arbeit, die er dem Moosjäger schaffen wollte, war auch schon gefunden. Die Touristen, die auf den Hohen Schein wollten, hatten ihn auf einen guten Gedanken gebracht. Der gefiel ihm noch immer, als er am Morgen gegen sieben Uhr mit hellem Kopf erwachte. Beim Frühstück erkundigte er sich nach dem Haus des Bürgermeisters. Das lag nicht weit, gleich hinter der Kirche, ein stattliches Gehöft mit einem hübschen Hans, dem es anzusehen war, daß unter seinem Dach ein reinliches Glück wohnte. Zwei gesunde Kinder spielten vor dem Obstgarten, in dem eine kräftige Frau das Gras zwischen den Bäumen ausmähte. Sooft sie die Sense schwang, blitzte die nasse Klinge in der Sonne. Walter trat in die Stube. Da saß an dem mit Schreibereien bedeckten Tisch jener schöne Mensch, den Walter im Scheidhof gesehen, und den der alte Herr mit dem Namen »Sonnweber« angerufen hatte. In Walters Augen glänzte das Wohlgefallen. Sonnweber! Auch wieder so ein Name, der das Beste sagte! Dieses Haus, der trauliche Frieden dieser schmucken Stube, die Morgensonne, die ihr Goldgespinst hereinwob durch die Fenster, und mitten drinn dieser herrliche Mensch! In Walter regte sich etwas, warm und andächtig, wie Ehrfurcht vor der Schönheit des Lebens. Der Bürgermeister hatte seinen Gast mit einem forschenden Blick gemustert und fragte mit seiner Glockenstimme: »Was schaffen S', Herr?« Walter setzte sich und trug sein Anliegen vor: ob die Gemeinde etwas dagegen einzuwenden hätte, wenn er auf seine Kosten den schlechten Steig nach dem Hohen Schein zu einem guten Weg umbauen ließe? Ein bißchen verwundert betrachtete der Bürgermeister seinen Gast. Dann lächelte er. »Wann Ihnen 's Geld net reut? Die Gmeind is froh, wann s' an guten Weg kriegt.« »Wollen Sie mir die Bewilligung schriftlich geben?« »Dös können wir gleich machen.« Sonnweber legte einen Bogen Papier zurecht und begann zu schreiben, mit jenem ernsten Gesichtsausdruck, den der Bauer immer annimmt, wenn er die Feder eintaucht. »Wie heißen S'?« »Doktor Walter Horhammer.« »Und was für a Stand?« »Ich habe keinen Stand!« »Ah so! Geld haben S'!« Sonnweber nickte. »Is von allem Stand der beste, dös! Und wohnhaft als Sommerfrischler in Langental? Wahrscheinlich im Wirtshaus, gelt?« »In der Scheidhofer Villa.« Der Bürgermeister blickte langsam auf. »So? Haben S' die zwei Stüberln aufgnommen? Da haben Sie's gut troffen. Der Forstmeister is a kreuzbraver Herr, und 's Fräulein is a liebs Gschöpferl! Da wird's Ihnen gfallen. Wie's eim halt allweil wohl is unter ordentliche Leut!« Er begann wieder zu schreiben, setzte unter seinen Namen einen Schnörkel und drückte das Gemeindesiegel auf das Blatt. »Ich danke!« Walter schob das Blatt in die Rocktasche. »Was bekommt hier ein Taglöhner für die Arbeit?« Der Bürgermeister zögerte mit der Antwort. »Da kommen S' unter drei Mark net weg.« »Und wieviel Zeit wird die Arbeit Ihrer Meinung nach in Anspruch nehmen?« »Wird der Weg ordentlich gmacht, so haben vier Leut den halben Sommer Arbeit.« »Für einen gibt es also Verdienst bis spät in den Winter hinein?« Der Bürgermeister zog die schwarzen Brauen hoch. »Bloß ein' wollen S' anstellen? Geht a bißl langsam, dös. Aber da kunnt ich dem Herrn an ganz verlässigen Menschen rekommandieren.« »Den Arbeiter hab ich schon.« »Ah so? Die Sach geht auf a guts Werk aussi? Brav, lieber Herr! Und rechtschaffene Leut, die a bißl an Beisprung brauchen kunnten, haben wir gnug in der Gmeind! Was wär's denn für einer?« »Der Moosjäger.« Sonnweber machte mit dem Kopf eine lauschende Bewegung, als hätte er den Namen irgendwoher aus weiter Ferne gehört. Dann heftete er seinen ruhigen Blick auf Walters Gesicht und sagte ernst: »Lieber Herr! Wissen S' denn, was dös für einer is?« »Alles weiß ich. Aber ich glaube, daß ein guter Kern in diesem Menschen steckt. Drum will ich ihm helfen.« Der Bürgermeister stand auf und ging durch die Stube, als gäbe ihm die Sache zu denken. »Ja, ja! Is alles schön und gut!« Er blieb vor Walter stehen. »Mei' Unterschrift haben S'. Die kann ich nimmer zrucknehmen. Hätt ich gwußt, für wen ich mein' Nam da herschreib, so hätt ich mich bsonnen. Daß man so an Menschen wieder in die Gmeind einizügelt, na, lieber Herr, dös gfallt mir net.« »Wird der Moosjäger wieder ein ordentlicher Mensch, so hat die Gemeinde nur Nutzen«, sagte Walter erregt, »ich glaube in das Herz dieses Mannes einen Blick getan zu haben, der mich nicht täuscht.« »Keiner hat a Fensterl zwischen die Rippen.« »Für den Moosjäger verbürg' ich mich.« »Deswegen brauchen S' Ihnen net aufregen!« sagte der Bürgermeister mit gewinnender Herzlichkeit. »Ich hab Ihnen ehrlich gsagt, daß mir dö Sach a bißl bedenklich is. Wann Sie's fertigbringen, daß der Moosjäger wieder guttut, bin ich der erste, der sich drüber freut.« Er lächelte wieder. »Wer weiß, für was 's gut is, wann der Moosjäger bleibt. Unser Herrgott macht heimliche Weg. Vielleicht verplauscht sich der Moosjäger amal, daß man ihm hinter ebbes anders auch noch kommt.« Betroffen erhob sich Walter. »Was wollen Sie damit sagen?« »Nix, Herr! Es is mir lieber, Sie haben nix ghört. Beweisen kann man ihm nix. Und der Verdacht hat allweil krumme Füß. Zeigt der Moosjäger, daß er besser is, als er acht Jahr lang ausgschaut hat, so bin ich der erst, der ihm d' Hand hinstreckt. Pfüe Gott, Herr!« Die ernste vorsichtige Mahnung des ruhigen und lebensklugen Mannes war nicht ohne Eindruck auf Walter geblieben und gab ihm unbehagliche Dinge zu denken. Hatte der Moosjäger bei seiner Beichte, die so ehrlich geklungen, eine unverbüßte Schuld verschwiegen? Und gelogen? Nein! Oder es lügt alles, was aus Menschen redet. Als Walter zum Wirtshaus kam, saß Mertl Troll auf der Hausbank. Es war ein Bild, das ein bißchen komisch wirkte, denn der Moosjäger hatte Toilette gemacht. Er hatte sein Hemd gewaschen, das trotz der warmen Morgensonne noch nicht Zeit gefunden hatte, völlig zu trocknen. Der rote Bart war mit dem Kamm der Finger struppig nach zwei Seiten auseinandergestrählt, und das nasse Schwarzhaar lag so glatt über dem Kopf, als wär' es mit dicker Pomade angeklebt. Das Gesicht war übernächtig und bleich, doch ruhig. In den Augen brannte ein scheues Bangen, als er seinen »gspaßigen Heiland« kommen sah. »Guten Morgen, Herr Walter!« sagte er und stand auf. »Guten Tag, Mertl! Kommen Sie mit mir in mein Zimmer!« Noch auf der Treppe zog der Moosjäger ein großes Amtskuvert aus der Joppe und nahm ein paar gefaltete Blätter heraus, so achtsam, als wäre das Papier eine zerbrechliche Sache. Droben im Zimmer legte er die Blätter auf den Tisch. »Ich bitt schön, Herr Walter, wann S' meine Zeugnis lesen täten?« »Zeugnisse?« »Über die fünf Jahr halt.« Während Walter las, bückte sich der Moosjäger, zog den Rucksack mit dem dicken Buch von den Welträtseln unter dem Tisch hervor und legte ihn auf einen Sessel. Walter nickte, als er gelesen hatte. »Da wird Ihrer Führung und Ihrem Fleiß das Allerbeste nachgesagt. Und jetzt hören Sie, was ich für Sie habe!« Er setzte ihm die Sache mit dem Weg auf den Hohen Schein auseinander. »Paßt Ihnen das?« »Mir paßt alles!« Schwer atmend rieb sich der Moosjäger den Hinterkopf. »Aber a Hakerl is dabei. Kein' Plunder hab ich.« »Plunder? Was heißt das?« »Was man zur Arbeit braucht, Axt, Pickel, Schaufel, Steinschlögl und Sack.« »Wieviel kostet das?« »Der Plunder muß gut sein, oder du richtest bei der Arbeit nix aus.« Die Stimme des Moosjägers wurde kleinlaut. »Vierezwanzg Mark. Dös wird's mindest sein.« »Das Geld geb ich Ihnen. Haben Sie sich was erspart, so können Sie mir das zurückbezahlen.« »Vergeltsgott, ja!« Mertl atmete aus. »Und den Wochenlohn bezahle ich Ihnen voraus, damit Sie doch was in der Hand haben. Für die Tagschicht bekommen Sie drei Mark.« Dem Moosjäger fuhr das Blut ins Gesicht. »Sakra! Herr! Dös is a bißl z'viel.« »Wenn Sie finden, daß das gut bezahlt ist, müssen Sie eben zusehen, daß die Arbeit dem Preis entspricht.« Walter zählte das Geld auf den Tisch. »So! Und ist die Woche vorbei, so kommen Sie wieder, um Ihren Lohn zu holen. Jetzt noch eine Frage, Moosjäger! Und ich rate Ihnen, daß Sie mir ehrlich die Wahrheit bekennen.« »Ja.« »Haben Sie mir heute nacht was verschwiegen?« »Na, Herr, nix!« »Sie haben von Ihrem Leben alles gesagt?« »Alls!« »Da kann jetzt keiner kommen und sagen: das oder das hat er auch noch angestellt?« Dem Moosjäger blitzten die Augen. »Soll's einer probieren!« Dabei machte er mit der Faust eine Bewegung. Walter lächelte. »Ich glaube Ihrem Blick, nicht Ihrer Faust.« Mertl öffnete langsam die Finger. »Jetzt hab ich wieder vergessen. Zuschlagen darf man nicht!« Das sagte er hochdeutsch. »Diemal muß man halt an Unrecht leiden. Sonst kommt man net durch. Is schon wahr!« »Hier, Mertl, nehmen Sie Ihr Geld!« Walters Stimme hatte plötzlich einen anderen Klang. So wie jetzt, so hatte sie in der Nacht geklungen, am Scheidhofer Weiher. »In Gottsnamen halt!« Der Moosjäger guckte scharf das Geld an und schob einen Taler zurück. »Da haben S' Ihnen verrechnet. Für an Schichtmann hat d' Wochen sechs Täg. Der Sonntag wird net zahlt.« Er behielt das Geld, das er eingestrichen, in der linken Faust. »Jetzt packen wir's an! Gleich auf der Stell.« »Gehen Sie vor allem hinunter in die Wirtsstube und sehen Sie zu, daß Sie ordentlich zu essen bekommen. Dazu geb ich Ihnen den Taler da.« »Schmeißen S' net gar so umanand mit'm Geld! Alles, was recht is! Hungern tut mich net. Heut in der Fruh hab ich Saurampfern gessen. Am Weiher wachsen s' gnug. A halbs Stündl brauch ich, bis ich mein' Plunder beinand hab, in anderthalb Stund bin ich drunt, wo der Weg anfangt, und auf d' Nacht, wann ich Feierabend mach und hab die halbe Schicht verdient, kann ich allweil noch bei eim Bauern mein Brot kaufen.« »Sie müssen sich doch um eine Unterkunft umsehen?« »Da will ich gschwind eine haben. Wo ich 's Arbeiten aufhör, wird a Daxenhüttl baut. Da schlaf ich nobel drin, bin schön allein und hab mei' Ruh vor –« Mertl schüttelte den Kopf. »Jetzt hätt ich schiergar wieder über d' Menschen rässanniert! Und Sie sind doch auch einer!« Mertl streckte die Rechte. »Vergeltsgott halt!« Diesmal drückte der Moosjäger nicht. Seine Hand war schwach und zitterte. Als er über die Treppe hinunterrumpelte, verriet er wenigstens in den Beinen keine Schwäche. Auf der Straße marschierte er mit langen Schritten dem Haus des Krämers zu. Der, als er den Zuchthäusler so schneidig eintreten sah, retirierte mit rascher Vorsicht hinter die Ladenbudel und legte für alle Fälle den dicken Meterstab zurecht. »Was schafft?« »An Plunder brauch ich.« »Au Plunder? Du? Zu was denn?« »Arbeit hab ich.« Der Krämer riß die Augen auf. »Arbeit hast?« »Ja. Und gute! Die beste Axt gib her, den besten Pickel, die beste Schaufel und von die Steinschlögl such mir den schwersten aus! Und an Sack brauch ich. Da kannst mir den billigsten geben. Der Sack is für mich, 's ander is für d' Arbeit.« »Viel Sach, viel Sach! Aber wie schaut's denn mit der Zahlung aus?« Ein Blitz der Freude zuckte um Mertls Augen, während er zwischen den gehöhlten Händen mit den Geldstücken schepperte. »So schaut's aus!« Da war der Krämer mit dem Bedienen flink zur Hand. Während er das Zeug zusammensuchte, betrachtete Mertl die Tabakspfeifen, die an der Wand hingen. Eine kleine, auf Birkenmaser, gefiel ihm. Er untersuchte sie genau und probierte den Zug. »Was tät s' denn kosten, die?« »Zwei Mark.« »Die hebst mir auf!« Mertl hängte die Pfeife wieder an die Wand. »Die kauf ich mir in vierzehn Täg.« Dann unterzog er das Arbeitsgerät einer eingehenden Prüfung. Die Rechnung machte siebenundzwanzig Mark. Der Moosjäger bezahlte, ohne zu feilschen. »A Packl Seifen mußt mir dreingeben!« Das tat der Krämer. Und Mertl packte ein. Steinhammer, Axt und Seife gab er in den Rucksack, Pickel und Schaufel nahm er über die Schulter. Als er hinaustrat in die Sonne, klammerte er die Faust um die beiden hölzernen Stiele, so fest, daß ihm die Knöchel weiß wurden. Was seine Hand da faßte, war eine gute Waffe gegen den Zorn des Lebens. Mit langen Schritten ging er durch das Dorf hinunter und trat in den Gottesacker. Da hatte er zwei Gräber. Sie waren ungepflegt, dick überwachsen mit langen Grasschmehlen. Mertl blieb vor ihnen, mit dem Hut an der Brust, so lang in der heißen Sonne stehen, bis er einen roten Kopf bekam. Das war eine Farbe, die keine lange Dauer hatte. Denn als der Moosjäger auf seinem Weg zur Arbeit an den Ställen des Wirtshauses vorüberging, führte der alte Kutscher gerade den Schimmel ins Freie. Da flog dem Mamertus Troll ein jähes Erblassen über das Gesicht. Er drehte den Kopf auf die Seite und ging mit hastigem Schritt vorüber. Der Alte sah ihm nach, nickte vor sich hin und murmelte: »Alles kunnt anders sein! Anders und gut! Wann halt 's dreckete Aber net wär!« Dann faßte er den Schimmel am Ohr, wie man einen guten Kameraden am Läppchen zupft. »Hab ich net recht?« 4 Die Schatten des späten Nachmittags blauten über die Berge hin, als Walter seinen Einzug in der Scheidhofer Villa hielt. Während Peterl, der alte Kutscher, auf einem Schubkarren den Koffer zur Villa hinaufradelte, blieb Walter auf dem Kiesweg stehen, als müßte er an der Reichsgrenze seiner neuen Sommerheimat Umschau halten. Ans diesem Schauen weckte ihn die Stimme der Walperl, die in gereizter Laune mit dem Peter wegen des schweren Koffers debattierte. Als Walter zur Veranda kam, waren die beiden schon verschwunden. Er trat in den Flur, pochte rechts an die Tür und pochte links an die Tür. Keine Antwort. Ein wenig enttäuscht über den stummen Empfang, stieg Walter zu seiner Wohnung hinauf. Da kam das Walperl mit einem Wasserkrug aus der Stubentür. »Grüß Gott, Walperl! Da bin ich jetzt!« Das Mädel machte ein fuchsteufelswildes Gesicht. »Meinen S', daß ich blind bin?« Sie trat zu einer Wasserleitung und ließ den Strahl in den Krug plätschern. »Walperl? Warum denn plötzlich so bös?« »Ich bin net bös und net gut! Gar nix bin ich! Und von die Plötzlichen bin ich auch keine. Da täuschen S' Ihnen!« Sie ging mit dem Krug in die Stube. Walter lachte und ging ihr nach. Auf der Schwelle blieb er stehen. Ein stummer Empfang und doch ein freundlicher! Aus der großen Stube waren die Betten entfernt, der Raum war in ein behagliches Wohnzimmer verwandelt, und auf dem Schreibtisch, der zwischen zwei Fenstern quer über die Ecke gestellt war, duftete in blauem Glaspokal ein Strauß frisch geschnittener Rosen. »Wie schön!« Das hörte Walperl, die aus dem Schlafzimmer kam. »Da brauchen S' Ihnen nix einbilden! Rosen stellen wir allweil her, sooft wer einzieht.« »Aber Walperl! Ich habe nur gesagt, daß die Rosen schön sind. Ist das nicht wahr?« »Ja, dös is wahr!« sagte das Mädel, dem bei aller Gereiztheit der Sinn für objektive Beurteilung der Tatsachen nicht abzugehen schien. »Wir haben die schönsten, weit um und um. Unser Fräulen hat halt 's richtige Handerl für so was. Die braucht a Stäuderl bloß anrühren, so blüht's.« Gläubig nickte Walter. »Ich möchte mich bei dem Fräulein gerne bedanken.« »D' Herrschaft is net daheim. Die is zum Heuen fort.« »Zum Heuen? Der Herr Forstmeister?« »No ja, der schaut halt zu. Aber 's Fräulen schafft mit wie die Beste. D' Arbeit in der Sonn is ihr 's liebste! Heut hat der Bonifaz hinterm Garten drunt die gute Wiesen gmäht. Da hilft alles zamm! Ich spring auch gleich abi. Wann der Bonifaz gmäht hat, muß sein Heu unter Dach wie 's grüne Gold.« Walter schmunzelte. »Der Fazifanzerl?« Dem Mädel blitzte der Zorn aus den Augen. »Wie kann man denn so eim ernsthaften Menschen so an Fasnachtsnamen geben? Bonifaz heißt er!« Mit einem Blick der Empörung ging sie zur Tür und drehte sich auf der Schwelle um. »Jetzt sag ich Ihnen noch, was mir 's Fräulen auftragen hat. 's Fruhstuck können S' haben zu jeder Zeit, von sechse an. Tee, Kaffee, Kakao, wie S' Ihnen schmeckt. Wollen S' auf'm Abend daheim bleiben, so muß ich herschaffen, was Ihnen paßt.« Sie deutete energisch in den Flur hinaus. »Und wann S' sonst noch ebbes wissen wollen – da hint im Gang die letzte Tür.« Erheitert über diese unverblümte Natürlichkeit, brach Walter in Lachen aus. »Dös hat g'sagt sein müssen!« erklärte Walperl kategorisch. »Sonst tappen S' am End auch in der Nacht umanand, wie's die Herren Maler machen, und graten an die falsche Tür, die an festen Riegel hat!« Und draußen war sie. Jetzt konnte sich Walter auf den »Ledigen«, auf den ungefährlichen Philosophen, der nicht »malt«, und auf den Schreck des Walperl einen Reim machen. »Nein! Auf mich wird der Fazifanzerl nicht eifersüchtig werden!« Lachend sperrte er seinen Koffer auf und begann sich häuslich einzurichten. Süßer Heuduft strömte durch die offenen Fenster in die Stube. Über den Garten her, von einer durch Baumkronen verschleierten Wiese, konnte Walter die heiteren Stimmen der Heuenden hören. Undeutlich erkannte er durch das Gewirr der Äste die schreitenden Gestalten: Knechte in Hemdärmeln, Mägde in roten Kopftüchern und ein schlankes Figürchen in lichtem Kleid. Ein paarmal überkam ihn der Wunsch, dort hinunterzugehen, wo die Menschen »beim Schaffen in der Sonne« so fröhlich waren. Aber faul dabeistehen? Das wollte er nicht. Er hatte ein unbehagliches Gefühl bei dem Gedanken: wie ungeschickt er mit dem Rechen hantieren und wie die anderen über ihn lachen würden. Als der Koffer geleert war, nahm Walter eins von den Büchern, die er auf dem Schreibtisch in Reih und Glied gestellt hatte – ein Buch über den Mars, von Schiaparelli – und ging durch das Schlafzimmer auf die Altane hinaus. Hier war es still. Man sah die Wiese nicht und hörte keinen Laut. Dennoch kam Walter nicht recht zum Lesen. Über den Brunnenplatz konnte er hinübersehen in den Hofraum des hochgegiebelten Bauernhauses. Neben der Tür saß ein Greis, den weißen Kopf auf die Brust gesenkt, ganz in der Sonne und doch wie frierend in eine dicke Jacke gehüllt. Das war wohl der Scheidhofer? Der sein Weib und alle Kinder verloren hatte und das »beste Gut der Welt« besaß? Und dem fürs Leben nur noch die einzige Sorge übrigblieb: wieviel Altäre und gemalte Fenster die neue Kirche bekommen sollte? In Erbarmen blickte Walter zu dem Greis hinüber, während der Wind mit den Blättern des Buches spielte. »Welch ein Gegensatz: der ruhelose Forschungstrieb, der dieses Buch erfüllt, und da drüben der müde Stumpfsinn eines zerstörten Lebens! Ob der Scheidhofer wohl begreifen würde, daß es Menschen gibt, die ein Leben darauf verwenden, um die Verdoppelung der Kanäle auf dem Mars zu erklären? Der da drüben wäre gewiß zufrieden, wenn er wüßte, wie man sein Glück erhält, und was uns trösten kann, wenn es verlorenging? Ob er nicht recht hat mit dieser bescheidenen Neugier? Fliegender Menschengeist! Wie schön! Die fernen Himmel durchforscht er und mißt die Bahnen der Gestirne. Aber die Wege, auf denen die Schicksalssterne seiner Freuden und Schmerzen wandeln, bleiben ihm dunkel. Er weiß keinen Steg zu bauen über die Klüfte seines kleinen Lebens und schlägt Gedankenbrücken von der Erde zum Mars! Dieses Suchen in der Ferne? Ist das nicht Vergeudung an Kraft? Nutzlose Torheit?« Walter erhob sich mit einer Bewegung, als müßte er diesen Gedanken von sich abschütteln. Da kam ihm plötzlich die Erinnerung an einen seiner Lehrer. Der hatte über Philosophie gelesen, ein menschgewordener Sack des Wissens! Von Anaximander bis auf Nietzsche hatte er alle Weisheit des menschlichen Geistes überschaut. Und war ein Junggeselle, ein kränkliches Männchen, das während der Vorlesung kleine Zuckerstückchen schluckte, um seine körperliche Schwäche zu überwinden. Mit dreiundvierzig Jahren starb er, an Atonie der Gedärme. »Was wog sein Leben? War er nicht ärmer noch, als der da drüben ist? Wer trauern muß um ein verlorenes Glück, hat doch ein Glück besessen.« Da hörte Walter einen scharfklingenden Ton. Der Scheidhofer, dem der Abendschatten bis an die Brust heraufgekrochen war, hatte mit einem Hammer auf die Steinbank geschlagen. Dieses absterbende Leben war so müde, daß es nicht mehr rufen konnte. Auf den Schlag des Hammers kam eine Magd gelaufen und führte den Alten ins Hans. Als Walter in seine Wohnstube zurückkehrte, leuchtete ihm ein roter Glanz entgegen. Die Scheiben der offenen Fenster spiegelten die Glut der niedertauchenden Sonne. Er blickte zum Hohen Schein hinauf. Der war heute noch schöner als an den vergangenen Abenden. Gleich geschlängelten Goldfäden sah man Anfang und Ende des Weges, der aus dem Tal hinaufführte zur Alpe. Dazwischen lag der dunkle Wald – und das neue Leben des Mamertus Troll. Jetzt machte der Moosjäger wohl Feierabend? Und baute sein »Daxenhüttl« für die erste Nacht? Laute Rufe klangen. Heiteres Lachen. Das kam von der Wiese. Zwischen den Baumkronen erschien das Ungetüm eines hoch beladenen Heuwagens, mit seiner Ladung schon in Schatten getaucht. Bonifazius Venantius aber, der auf dem Fuder stand und an langen Zügeln die Pferde lenkte, war noch von Sonne umwoben. Und in der Freude über das »grüne Gold«, das er zur Scheuer führte, schrie er einen klingenden Jauchzer in den roten Abend. »Hat seinen Schweiß vergossen! Und freut sich der Ernte, die einem anderen gehört! Und da meint der Moosjäger, daß die Menschen nicht gut wären!« Auf dem Kiesweg erschien Mathild in ihrem lichten Kleid und schob den Rollsessel vor sich her, in dem ihr Vater saß. Der Wind hatte ihr das Haar zerzaust, und vom »Schaffen in der Sonne« glühte ihr Gesicht. Sie sah, daß Walter am Fenster stand, und grüßte freundlich. Auch der Forstmeister winkte lachend mit dem Krückstock. »Guten Abend, Herr Philosoph!« Das knarrende Wägelchen tauchte um die Ecke, dann hörte man von der Veranda eine vergnügte Männerstimme. Walter erkannte sie. Das mußte Mathilds Bruder sein, der stolze Vater des gescheiten Bürschleins, das zum Donnern noch zu klein war. Ob es nicht schicklich wäre, jetzt hinunterzugehen und die Hausleute zu begrüßen? Während Walter diesen Gedanken überlegte, guckte das Walperl mit bösen Augen zur Tür herein. »Wann's Ihnen recht is, hat 's Fräulen gsagt, sollen S' abikommen und mitessen.« Sie hatte die Tür schon wieder zugezogen, noch ehe Walter eine Silbe herausbrachte. Eine seltsame Hast befiel ihn. Er kleidete sich mit einer Sorgfalt, die sonst nicht in seiner Gewohnheit lag. Als er drunten an die Tür pochte, rief der Forstmeister mit seinem gesunden Organ: »Nur herein, Herr Doktor!« Eine freundliche Stube tat sich vor Walter auf. Die weißen Wände, bis zur halben Höhe getäfelt, waren dicht bedeckt mit Jagdtrophäen. An der langen Wand stand ein Ledersofa mit dem Tisch und einer großen Hänglampe darüber, und quer über die Fensterecke war ein Pianino gestellt, offen, mit aufgeschlagenem Notenheft. Daneben lehnte ein Cello an der Wand, bei einem doppelten Notenpult. Ein kleiner Nähtisch nahm eine Fensternische ein, und zwischen Geranien und Nelkenstöcken, die dem Fenstergesims das Ansehen eines blühenden Beetes gaben, stand ein Vogelkäfig, hinter dessen funkelnden Messingstäben ein Rotkehlchen zwitscherte. Durch die offenen Fenster strahlte der Feuerglanz des schönen Abends und überflimmerte mit seinem roten Schein die drei Menschen. Der Forstmeister saß auf dem Sofa, sein Sohn stand lachend am Fenster, und Mathild war mit dem Tisch beschäftigt, der zum Tee gerichtet und mit fünf Gedecken bestellt war. Sie trug das gleiche Kleid, in dem sie von der Wiese gekommen. Nur das zerzauste Haar hatte sie geordnet. Während die beiden Männer grüßten, ging sie auf Walter zu und reichte ihm die Hand. »Guten Abend, Herr Doktor! Verzeihen Sie. daß wir nicht daheim waren, als Sie kamen –« »Aber bitte, Fräulein!« unterbrach er sie, ein wenig verlegen. Er hielt ihre Hand in der seinen und sah ihr in die Augen. »Ich weiß schon alles, Sie mußten in der Sonne schaffen, damit der Bonifaz sein grünes Gold in die Scheuer bringen konnte.« Da lachten die drei. Und der Forstmeister sagte: »Natürlich! Das dumme Walperl! Aber kommen Sie, Doktor! Die Thilde ist beim Heuen hungrig geworden, wir essen gleich. Ein lukullisches Souper wird's freilich nicht geben. Kommen Sie, da, neben mir!« Walter wollte dem Forstmeister die Hand reichen. Der alte Herr, der grün gehäkelte Fäustlinge an den Händen trug, zog die Arme an sich. »Gilt als empfangen. Meine windschiefe Pfote zu drücken, das ist kein Vergnügen!« Mathild, die an seine Seite getreten war, nahm wortlos die Hand des Vaters und legte sie an ihre Wange. Lächelnd nickte der alte Herr zu ihr hinauf. »Komm, Bertl, laß dich vorstellen! Das ist unser Herr Doktor Horhammer, Philosoph! Und das ist mein Sohn Robert, der Sägmüller. So, Geiß, und jetzt schau, daß wir was zu beißen bekommen!« Während Mathild die Stube verließ, streckte Bertl dem Doktor die Hand hin. »Philosoph und Sägmüller! Gelten S', das ist ein Unterschied! Aber Sägmüller muß es auch geben. Wo kämen sonst die Bretter her, die man für die Wiegen braucht?« »Hast recht, Bub!« sagte der alte Herr. »Und die zehn Bretter für das letzte Kastl müssen auch geschnitten werden. Aber kommen Sie, Doktor! Warum denn so feierlich? Jetzt sind Sie unser Hauskamerad. Wenn Sie wieder einmal herunterkommen, braucht's keinen schwarzen Rock.« Walter setzte sich an den gedeckten Tisch. Er konnte nicht sprechen. So tief hatte ihn die Zärtlichkeit ergriffen, mit welcher Mathild die verkrüppelte Hand des Vaters liebkoste. Bertl sorgte für Unterhaltung und schien das Bedürfnis zu fühlen, Walter darüber aufzuklären, wieso es gekommen, daß der Sohn eines Forstmeisters von der Technischen Hochschule herunterstieg in die Sägmühle. »Wenn S' meine Rosl sehen, begreifen S' alles! Passen S' auf, Herr Doktor, da kriegen S' auch an Gusto aufs Heiraten!« Er lachte. »Machen S' mir's nur bald nach! Ohne Weiberl ist das Leben wie eine Maus ohne Pelz. Die friert auch in der Sonn.« So lief das Rädl des Sägmüllers mit lustigem Schnurren weiter. Die Rosl war der Anfang, und der »süße Bub«, der sich zum Donnern noch nicht genügend ausgewachsen fühlte, war das »vorläufige« Ende der kleinen Lebensgeschichte, die aus dem halb ausgebackenen Techniker einen glücklichen Sägmüller gemacht hatte. Innerhalb zweier Jahre hatte Rosl die Mutter und den Vater verloren, hatte sich mit dem großen Geschäft nicht ein und nicht aus gewußt, und weil sie bis über die Ohren in den Bertl verliebt war und der Bertl sie von Herzen gern hatte, war es für ihn kein allzu großes Opfer, die Schulbücher in den Winkel zu werfen und die kleine Rosl mitsamt der großen Sägmühle in seine Arme zu schließen. »Gut hab ich's troffen. Manchmal in der Nacht, freilich, da träum ich noch, daß ich Eisenbahnbrücken bau, mit hundert Meter Spannung im Bogen. Dann hat meine Frau einen harten Tag mit mir.« Er lachte. »Aber meine Rosl ist ein guter Kerl.« »Mehr als gut!« sagte der Forstmeister ernst. »Die Brückenträume gewöhn dir ab, Bertl!« »Seine Träum hat man doch net am Schnürl wie mein Bub den Wurstl. Die kommen halt.« »Denk bei Tag nicht dran, so wirst du in der Nacht nicht träumen davon. Das liegt jetzt hinter dir. Brücken bauen, über die der Saus des großen Lebens geht, freilich, das ist stolze Arbeit. Aber um Arbeit zu leisten, die Wert hat, braucht man kein weites Leben, in dem jeder Bogen hundert Meter spannt. Groß sein kann man in der kleinsten Stub.« Der alte Herr wandte sich lächelnd an Walter. »Das stimmt wohl nicht mit Ihrer Philosophie?« »Warum glauben Sie das?« »Weil Sie so wunderliche Augen machen.« »Ich wundere mich nicht, Herr Forstmeister, ich erinnere mich nur.« Der alte Herr sah ihn von der Seite an. »Was Sie da meinen, versteh ich nicht.« Bertl, der ein wenig verdrossen dreingeschaut hatte, lachte wieder. »Wissen S', Herr Doktor, der Vater hakelt gern ein bißl mit mir. Aber ich bin doch wirklich zufrieden. Schon gar, seit wir den Buben haben!« Seine fröhliche Vaterfreude lachte ihm aus den Augen. »Passen S' auf, wie der Ihnen gfallt! Wenn ich dem ins Gsichtl schau, kann ich alles vergessen.« »Schon wieder einer, den ich nicht versteh!« sagte der Forstmeister. »Unser verehrter Herr Philosoph erinnert sich, und ich weiß nicht an was. Und du willst vergessen? Was denn, Bertl?« »No ja!« In Unbehagen bewegte Bertl die Schultern. »Ich hab' doch eine Karriere vor mir gehabt. Da wird's doch kein Verbrechen sein, wenn man manchmal aus seiner kleinen Stub ein bißl hinausdenkt in die große Welt. Wenn man das Gute hat, nimmt man sich selber doch nichts weg davon, wenn man einsieht, daß es in der Welt noch was Besseres gibt.« »Bub! Hat einer das Gute, so ist das Bessere immer das Schlechtere.« Bertl lachte. »Geh, Vater, das ist wieder so ein Wörtl, bei dem man net weiß, ob du Spaß machst oder Ernst!« »Das Gute ist ein Wort, das in der Anwendung auf unser Leben keinen Komparativ und Superlativ haben soll. Das ist wie mit dem Wort ›göttlich‹. Was für ein Unsinn: göttlicher, am göttlichsten! Gott ist Gott. Deine Rosl und dein Bub sind dein Gutes, da gibt's kein Besseres! Oder es war das Schlechtere für dich.« Bertl hob lauschend den Kopf. »Mir scheint, die Rosl kommt.« Und fuhr zur Tür hinaus wie ein Windspiel. »Der Bub hat guten Kern. Aber Grillen hat er im Kopf. Da muß ich's manchmal der Lies nachmachen und kitzeln. Mit der Lies haben Sie ja auf dem Hohen Schein Bekanntschaft gemacht?« Der Forstmeister lächelte. »Mein Mädel hat mir von dem dicken Buch erzählt.« »Und vom Zorn der Lies über das leere Buch?« »Auch.« »Wenn die Lies den Herrgott und die Welt nicht versteht, so kann ich's nicht ändern. Aber Sie, Herr Forstmeister, sollen mich nicht mißverstehen!« Mit herzlichem Blick sah Walter dem alten Herrn in die Augen. »Sie sollen wissen, an was ich mich vorhin erinnert habe. An ein Wort Ihrer Tochter. Wir sprachen von Ihnen, und da sagte sie: Papa hat eine Hand, aus der man empfängt!« Der Forstmeister lachte. »Mein Mädel übertreibt ein bißl.« Mit einer langsamen Bewegung sah er hinter sich zur Wand hinauf. Dort hing, von einem Buchskränzl umgeben, ein kleines, verblaßtes Bild. »Der Bub macht mir manchmal Sorgen mit seinem halbfertigen Leben. Das Mädel ist sechs Jahr jünger und ist mit Kopf und Herz über ihn hinausgewachsen. Die ganze Mutter!« Walter strengte die Augen an, um die Züge des bekränzten Bildes zu unterscheiden. Es war schon zu dunkel in der Stube. Der rote Glanz des Abends war erloschen, und wie blauer Nebel lag die Dämmerung über dem Garten. Man hörte das Geplätscher des Brunnens, und stärker noch als am Tage dufteten die Blumen. Die Tür ging auf. Mathild und Walperl brachten das Abendessen. Hinter den beiden trat Bertl in die Stube: »Komisch, daß ich mich so verhören hab können. Der Kaplan ist über den Hof gegangen. Zum Scheidhofer nüber.« »Der arme Kerl!« sagte der Forstmeister trocken. Wahrend Mathild den Tisch bestellte – mit Tee, kaltem Fleisch, Butter und Schwarzbrot –, zündete Walperl die Lampe an. Das ging ohne einen bitterbösen Blick auf den »Ledigen« nicht ab. Sogar bei der Tür guckte sie noch mal über die Schulter und schien sich wenig Gutes dabei zu denken. Walter sah das nicht, sah nur die zwei schlanken, von der Sonne ein wenig gebräunten Hände, die still den Tisch bedienten. Die Lampe hatte einen grünen Schirm, so daß ihr Licht nur die vier Menschen am Tisch überstrahlte, während das ganze Zimmer in mildem Schatten blieb. »Aber Geiß!« sagte der Forstmeister, als ihm Mathild vorlegte. »Heut haben wir doch einen Gast.« »Der Herr Doktor ist unser Hauskamerad. Will er zu uns gehören, so muß er sich auch in die Hausordnung fügen.« Mathild blickte lächelnd auf Walter. »Da heißt der erste Paragraph: Papa ist die Hauptperson.« »Geh doch, Mädel!« »Fräulein Mathild hat recht!« sagte Walter. »Ich danke Ihnen, Fräulein, daß Sie mich so hoch einschätzen.« Mathild füllte ihm die Tasse. Dann nahm sie den Platz neben Walter ein und bediente sich selbst. Bertl blieb als unbeteiligter Zuschauer vor seinem leeren Teller sitzen. Dann plötzlich sprang er auf. »Jetzt kommt die Rosl!« Er rannte auf die Veranda. Deutlich konnte man durchs offene Fenster die Stimmen hören: »Rosl? Bist du's?« »Ja, Bertl, endlich einmal!« »Schlaft der Bub?« »Gott sei Lob und Dank!« »Aber das Nannerl hast du doch bei ihm sitzen lassen?« »Glaubst du denn, ich laß den Buben in der Nacht allein?« »Aber geh, so gib doch den Bierkrug her! Donnerwetter, da hast du dich schön schleppen müssen!« Dann trat das junge Paar zur Türe herein, Bertl mit dem Bierkrug, den anderen Arm um seine Frau geschlungen, die ein kleines Päckl trug. »So, Herr Doktor, schauen S' her, das ist meine Sägmüllerin!« »Aber geh!« sagte Rosl verlegen. Eine allerliebste Frau war's, in einem einfachen braunen Kleid, das aschblonde Haar gefällig frisiert, mit schönen, nur etwas scheuen Augen in dem gesunden, runden Gesicht. Man begrüßte sich, und der alte Herr zog die Schwiegertochter neben sich auf das Sofa. Weil Bertl noch allerlei von seinem »Bubi« wissen wollte, blieb das »süße Kerlchen« für die nächste Viertelstunde das Gesprächsthema. Die kleine Sägmüllerin kramte dabei das Päckl auf, in dem sie für sich und Bertl das kalte Nachtmahl mitgebracht hatte. Und wie aufmerksam sie ihren Mann bediente! Wenn er lachte, lachte sie mit. Wenn er sprach, hing sie mit glänzendem Blick an seinen Lippen. Die Mühe, die sie sich gab, um ein leidliches Hochdeutsch zu reden, wirkte ein wenig drollig. Und in ihrer Art, sich zu benehmen, bäuerlte sie ein bißchen. Aber sooft sie in Gefahr geriet, etwas komisch zu erscheinen, wurde sie von Mathild mit liebenswürdigem Takt um die drohende Klippe herumgeführt. Bertl schien an die Aufmerksamkeit, mit der seine Frau behandelt wurde, wie an etwas Selbstverständliches gewöhnt. Er aß und trank, schwatzte und lachte und benützte jede Wendung des Gesprächs, um ein Wunderwort seines Buben oder sonst eine lustige Anekdote dranzuknüpfen. In so heiterer Stimmung verlor Walter völlig das Gefühl, ein Fremder an diesem Tisch zu sein. Um dem Zuspruch der jungen Wirtin gerecht zu werden, entwickelte er einen so gesunden Appetit, daß der alte Herr mit Lachen konstatieren konnte: »Mir scheint, Herr Philosoph, es schmeckt Ihnen bei uns?« »So gut wie noch nie!« erklärte Walter und ließ sich von Mathild zum drittenmal die Tasse füllen. Das war für Bertl Gelegenheit, die Geschichte der Frau Assessorin zu erzählen, die bei der Frau Rätin zum Tee geladen ist. Die Rätin will ihr einschenken, und die Assessorin sagt: »Ach, danke, Frau Rätin, ich habe schon zwei Täßchen bekommen.« Und die Rätin sagt: »Sie haben zwar schon drei bekommen, aber Sie können immer noch eins haben.« »Pfui Haas!« sagte der Forstmeister. »So ein alter Meidinger!« »Die alten Geschichten sind allweil die besten. Das ist gradso wie mit dem Herrgott. Der ist vor sechstausend Jahr schon gut gewesen und ist's geblieben.« Dem alten Herrn schien das lustige Wort nicht zu gefallen. »Sag Herrgott, sooft du magst! Aber das ›gut‹ laß weg! Das ist ein viel zu kleines Wort. Wenn Gott Eigenschaften hätte, die wir nennen und begreifen könnten, wäre er viel zu menschlich, um Gott zu sein. Gott ist weder gerecht noch barmherzig, weder gut noch bös.« »Dann hat das Walperl eine große Ähnlichkeit mit Gott!« – sagte Walter in heiterer Laune. »Die will auch weder gut noch bös sein.« Mit Humor erzählte er die Geschichte von Walperls psychologischer Wandlung. Die anderen lachten, Bertl am lautesten. Nur Mathild lachte nicht mit. Es schien ihr lieb zu sein, daß jede weitere Erörterung über Walperls verwandelten Gemütszustand durch den Eintritt eines Gastes unterbrochen wurde. Das war der alte Pfarrer. Mathild ging ihm entgegen und reichte ihm die Hand. Und Bertl sprang vom Sessel auf: »Hochwürden, heut sind S' aber arg spät dran! Wir sind schon fertig, gleich können wir anfangen.« Er ging vom Tisch, zündete mit vergnügter Geschäftigkeit am Pianino und auf dem Pult die Kerzen an, legte die Noten auf, nahm das Cello zwischen die Knie und begann die Saiten zu stimmen. Grüßend war der Pfarrer zum Tisch gekommen, ein gebeugtes Männchen mit einem dünnen Kränzl grauer Haare um den Kahlkopf. Ein mildes Lächeln und kluge Augen verjüngten das welke Alter dieses weißen Faltengesichtes. Der schwarze Talar sah abgetragen, fast ärmlich aus und hatte zwei dick angepackte Taschen: aus der einen guckte der Hals einer kleinen Weinflasche, aus der andern ein langes Lederetui, das der Pfarrer wie eine kostbare Sache auf den Tisch legte. Als ihm Walter vorgestellt wurde – »Herr Doktor Horhammer, Philosoph!« – sah der Pfarrer mit merkwürdig prüfendem Blick an dem jungen Manne hinauf. »Philosoph sind Sie? So, so? Philosoph?« »Nein, Hochwürden!« sagte Walter, den der Blick des Pfarrers seltsam befangen machte. »Eigentlich hat mir das nur der Herr Forstmeister aufgebracht.« »Waas? Ah, das ist gut!« lachte der alte Herr. »Haben Sie mir denn nicht selber gesagt –« »Daß ich den philosophische Doktor gemacht habe. Das ist aber auch alles.« »Ein akademischer Grad ist was Schönes!« fiel der Pfarrer begütigend ein, wie in Sorge, daß ein Disput entstehen könnte. »Und da haben Sie nur das halbe Recht, sich gegen den Philosophen zu wehren.« Er lächelte mild. »Warum denn auch? Philosoph oder Zimmermann, wenn man dabei nur seinen Frieden findet. Solang es neugierige Menschen gibt, muß es auch Philosophen geben. Aber soviel ich weiß, ist von Anaximander bis auf Hegel nur ein einziger drunter gewesen, der bei seiner Philosophie ein zufriedener Mensch wurde.« Der Pfarrer schmunzelte. »Ich glaub, der hat Diogenes geheißen.« Da begann der lustige Sägmüller auf seinem Cello zu zupfen und sang in der parodistischen Weise einer Moritat: »Diogenes in seinem Faß Mit seiner Liaterne, Erfreute sich des Lebens baß Auf unserm Erdensterne. Und als mit majestät'schem Schritt Der Künich kam zur Tonne, Da sprach Diogenes ›Ich bitt, Laß mir mein bisserl Sonne! Laß mir mein bisserl Sia-so Mein bizibisserl Sonne!‹« Der Forstmeister lachte. »Ein dummes Lied! Und doch ist Verstand drin!« Frau Rosl, die mit leuchtenden Augen an ihrem Mann gehangen, schien durch diese Kritik ein wenig gekränkt: »Aber geh, Vater, und so nett hat er's gsungen!« »Ja, Roserl, großartig!« »Gelt?« lachte Bertl und fuhr mit dem Bogen, schrumm, über alle vier Saiten. »Aber was is denn, Herr Pfarr? Anfangen! Anfangen! Keine Müdigkeit vorschützen!« »Ja, ja, ja! Laß mich nur ein bißl verschnaufen!« Der Pfarrer zog den Stöpsel aus dem Weinfläschchen, das er mitgebracht, füllte ein Glas, das für ihn bereit stand, und nahm mit gespitzten Lippen einen kleinen Schluck. Dann öffnete er umständlich das Lederetui, das eine Flöte enthielt, in drei Stücke zerlegt – ein altmodisches Instrument, neben dessen Mundloch vom Gebrauch der vielen Jahre eine kleine Mulde ausgescheuert war. Mathild begann den Tisch abzuräumen, während der Pfarrer mit Vorsicht die Flöte zusammensetzte. »Wenn Sie also kein Philosoph sein wollen, Herr Doktor, was sind Sie denn dann?« »Ich? Nichts.« »Das ist ein bisserl wenig!« meinte der Pfarrer halb erschrocken. Und Mathild, von diesem Wort betroffen, sah Walter mit großen Augen an. Da sagte der Forstmeister mit dem kräftigsten Klang seiner Stimme: »Hören Sie, lieber Doktor, da haben Sie doch zu hart über sich geurteilt. Ob Sie sonst noch was sind oder nicht, das geht mich nichts an. Aber eines hab ich schon heraus: daß Sie ein Mensch sind! Und das ist viel.« »Ein Mensch? Ja, Herr Forstmeister, das bin ich, einer, der ein leeres Leben hinter sich hat und für sein kommendes einen Inhalt sucht. Und ein wenig Sonne.« Walter versuchte zu lächeln. »Wie der zufriedene Diogenes in dem kleinen Lied!« Der Pfarrer fingerte erregt an den Klappen seiner Flöte. »Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn meine unvorsichtige Frage –« »Ohne Sorge, Hochwürden«, sagte Walter ruhig, »Sie haben nichts gefragt, was mich hätte verletzen können.« »Dann bin ich zufrieden. Und wenn Sie Wert und Inhalt für Ihr Leben suchen, wünsch ich Ihnen von Herzen, daß Sie das Bessere auch finden möchten.« »Das Bessere?« Der Forstmeister beugte den Kopf, um unter der Lampe weg nach dem Pfarrer sehen zu können, der seinen Sessel zum Notenpult hinüberrückte. Mit ernstem Blick sah Walter den greisen Priester an und schien eine Frage auf den Lippen zu haben. »Also, Thildele?« sagte der Pfarrer. »Fangen wir an?« »Ja, Hochwürden! Ich muß nur Papa noch versorgen.« Mathild füllte zwei Biergläser und stellte das eine vor Walter hin, das andere vor ihren Vater. Dann brachte sie dem alten Herrn noch die lange Pfeife und brannte ihm den Fidibus an. »So, da bin ich!« Sie ging zum Pianino, nahm ihren Platz ein und blätterte in dem Notenheft. »Probieren wir heute das Vierzehnte weiter?« »Probieren? Heut?« Bertl schüttelte den Kopf. »Heut müssen wir spielen, was wir können. Heut haben wir Publikum.« Er machte eine drollige Verbeugung gegen Walter. »Dann spielen wir das Erste«, sagte der Pfarrer, »das können wir am besten. Das gehört auch zum Schönsten, was Haydn geschrieben hat.« Seine Stimme hob sich, als sollte sie von irgend jemand in der Stube besser verstanden werden. »Ein Trio, das mir immer so vorgekommen ist, als wär es ein klingendes Bild des Lebens! Beim Andante mit seinen eigensinnigen Sextolenläufen hab ich immer den Eindruck: das ist Jugend, die blind ins Leben stürmt und immer hofft und sucht. Dann das Adagio cantabile mit seiner Schmerzensprache und mit dem schönen Erkenntnisklang, der sich in seufzenden Triolen zu dürstender Sehnsucht auflöst. Da seh ich immer zwei Menschenarme, die verlangend aus dunkler Tiefe hinaufgreifen zur hellen Höhe. Dann das Rondo im Zweivierteltakt? Das ist wie die Freude des Findens, wie der Frohsinn im Besitz des Glückes, wie das heitere Atmen in der Sonn, die Gott für uns Menschen erschaffen hat!« Er drehte langsam das Gesicht und lächelte zu Walter hinüber: »Aber nicht wahr, Herr Doktor, Sie kennen das Trio gewiß viel besser als ich?« »Nein, Hochwürden! Ich habe nie Musik getrieben und verstehe auch nichts davon.« Der Pfarrer antwortete nicht gleich. »Da fehlt Ihnen eine tröstende Lebensfreude! Aber was wir da spielen wollen, das werden Sie schon verstehen. Meister Haydn hat für alle Ohren gesungen. Da braucht's kein fachmännisches Verständnis. Wenn Sie nur das rechte Gefühl für den reinen Klang haben.« Bertl lachte. »Für uns ist das grad recht, daß der Herr Doktor nichts von Musik versteht. Da merkt er's net, wenn wir ein bisserl patzen.« »Wir?« Der Pfarrer wurde ärgerlich. »Paß nur du schön auf! Das Thildele und ich, wir patzen nicht, verstehst! Oder ich müßt nur wieder den Krampf in der Hand kriegen, natürlich, da kann ich dann nichts dafür! Also, Thildele!« Mathild begann nicht gleich. Sie schien zerstreut und fuhr sich mit der Hand über die Stirne. »Thildele? Was ist denn?« Aufatmend beugte sie das ernste Gesicht ein wenig näher gegen die Noten und legte die Hände an die Tasten. Mit einer leisen Neigung des Kopfes, um den der Kerzenschein eine Schimmerlinie webte, gab sie das Zeichen zum Beginn. Kräftig rauschte der erste Akkord, den sie anschlug, und mit heiter schreitenden Harmonien flossen die Stimmen der drei Instrumente ineinander. Es war gute Musik, die da gemacht wurde. Bertl, freilich, war nicht viel mehr als ein erträglicher Dilettant. Aber er hatte das Stück wohl häufig geübt und schnurrte seine Noten mit Freude an der Sache herunter. Der Pfarrer mochte vor Jahren sein Instrument mit tadelloser Fertigkeit beherrscht haben. Auch hatte das alte Holz einen guten Klang. Doch die alten Finger wollten dem Willen des Spielers nicht immer gehorchen. Wenn er näher an die Noten rückte und die Ellbogen höher hob, das war immer ein Zeichen, daß eine schwierige Stelle kam. Die wurde nicht immer glatt überwunden. Die warme Seele seines Tones ersetzte, was die ungehorsamen Finger entbehren ließen. Der Aufgabe ganz gewachsen, an Verständnis und Können, war nur Mathild. Ihr Spiel war sicher und ausgeglichen, hatte Form und Leben, Kraft und träumerische Zartheit. Ihre Wangen waren von Glut überhaucht, ihre Augen glänzten. Auf dem Sofa saß der alte Herr in den schattigen Winkel zurückgelehnt und blies bei stillem Lauschen dünne Rauchfäden vor sich hin. Die flossen durch die ganze Stube, zerwirbelten im Hauch der offenen Fenster und schwammen in die Nacht hinaus. Zn Beginn des Spiels erschien noch ein Gast, der Bürgermeister mit dem Apostelkopf. Er nickte nur dem Hausherrn grüßend zu und setzte sich neben der Tür auf einen Sessel, um in Ruhe sein Pfeifl weiterzuschmauchen. Walter hatte nicht bemerkt, daß jemand gekommen war. So umspann ihn der Zauber dieses Klanges! Zuerst hatte seine Aufmerksamkeit nur halb der Musik gegolten. Das Bild der Spielenden hatte sein Auge gefesselt: wie die drei im Halbdunkel saßen, nur die Gesichter beleuchtet vom Kerzenschein der Notenpulte. Und Mathild – mit dieser goldenen Schimmerlinie um das Blondhaar und um die Schultern! Das mußte er immer ansehen. Aber da klang eine Note, die ihn lauschen machte, auch mit der Seele: eine wunderliche Disharmonie, die sich in der Flötenstimme auflöste zu einer ruhelos gaukelnden Tonfolge. Wie ein kaltes Rieseln war's ihm über den Nacken gegangen. Und da wurden die Klänge für ihn zu redenden Stimmen. Vor seinen Augen sank es wie ein purpurner Schleier nieder, hinter dem sich die Töne in lebende Gestalten verwandelten. Das wogte durcheinander und kämpfte. Das war Unruh und Hast ohne Ziel, war Qual und Zweifel. Das waren die Bilder seines eigenen Lebens, die Stimmen seines eigenen Herzens, sein eigenes Suchen und Irren. Dann jäh ein Innehalten – wie ein verirrter Wanderer vor ungeahnter Tiefe plötzlich den Schritt verhält. Sein erstes Gefühl ist Schreck, sein zweites Freude. Ein grünes Tal in lachender Sonne liegt vor ihm. Er sieht, was er suchte. Doch seine Kraft ist erschöpft, sein Weg verloren. Wird er erreichen, was ihm winkt? Ein paar Sekunden war es still im Zimmer. Es knisterte nur das Notenblatt, das Mathild wendete. Und das Adagio begann mit jener tiefen, lang gehaltenen Note der Sehnsucht, aus der sich die zögernden Triolen wie dürstende Seufzer lösen. Walter regte sich nicht. Als dieses leise Klagen, dieses dürstende Singen begann, waren die Bilder, die er sah, nicht mehr in Purpur gehüllt. Jetzt war es ein tiefes Blau. So, wie die Nacht ist, wenn das Licht des kommenden Mondes die Tiefen des Himmels aufzuhellen beginnt. In diesem blauen Dämmer, einsam, immer am Rand einer Felswand hin, schreitet ein Mensch. Der sieht bald wie der Moosjäger aus, bald wie der Scheidhofer, bald wieder wie einer, der ein großes, leeres Buch auf dem jungen Rücken trägt. Immer wieder bleibt er stehen und streckt aus seinem Dunkel die Arme nach einer Ferne, in der es lichtet. Das glänzt ihn an, das quillt ihm warm in das müde Herz. Er möchte jubeln und muß doch weinen. Ein Zucken ist um seine Lippen, die stumm von einem Sehnen reden, das seine Brust zersprengen möchte. In der Stube ist's wieder still – nur einen Augenblick. Dann springt Frau Rosl zu ihrem Mann hinüber. »Bertele! Wundervoll! Vergeltsgott tausendmal!« Und der Forstmeister, wie ein Erwachender, sagt: »Geiß! Heut hast du gespielt wie noch nie! Das hätt die Mutter hören sollen!« Mathild gibt keine Antwort. Sie beugt das heiße Gesicht gegen die Noten und wendet ein Blatt. Und der Pfarrer, der die Flöte in den Schoß gelegt hat, trocknet mit dem blauen Taschentuch die Stirne. »Respekt!« Sonnweber nickt schmunzelnd vor sich hin. »Was Schöns is halt was Schöns!« Und der Sägmüller schiebt die kleine begeisterte Frau von sich: »Jetzt packen wir 's Rondo an!« Er lacht und schraubt an einer Saite. »Hoffentlich komm ich durch ohne Patzer! Das Presto hat verteufelte Sachen.« Mathild richtet sich zum Spiel, und der Pfarrer hebt die Flöte an den Mund. Da greift der Forstmeister über den Tisch hinüber. »Herr Doktor? Was haben Sie denn?« Mathild springt auf und steht erschrocken. Walter hat sich jäh erhoben. Er lächelt, in unbehilflicher Verlegenheit, und sieht mit einem Blick um sich her, als wüßte er sich nicht zurechtzufinden. Das Gesicht brennt ihm, seine Wangen sind von Tränen überronnen. Jetzt will er sprechen. Die Stimme gehorcht ihm nicht. Und da geht er hastig aus der Stube, weil er sich seiner Tränen schämte und die Erregung nicht bezwingen konnte. Alle sahen sie die Tür an und schwiegen, bis der Sägmüller halblaut sagte: »Herrgott, aber den hat's packt!« Der Pfarrer nickte. »Jetzt möcht ich ihm ins Herz hineinschauen. Ob er an das Gute denkt? Oder an das Bessere? Ich merke, daß sich die Philosophie nicht als das Bessere erwies, das er gesucht hat.« »Hochwürden?« fragte der Forstmeister. »Den Unterschied, den Sie da machen, müssen Sie mir erklären. Es handelt sich um einen Menschen, den ich in mein Haus genommen habe. Mir scheint, Sie wissen was von ihm? Ich will hoffen, nichts Schlechtes?« »Schlechtes? Nein! Er hätte Geistlicher werden sollen und ist einen Tag vor der ersten Weihe aus dem Seminar davongelaufen.« »Prost!« Jetzt hatte Bertl seine vergnügte Laune wiedergefunden. »Respekt vor Ihrem Gewand, Herr Pfarrer! Aber daß man statt Geistlicher lieber Philosoph wird, auch auf die Gefahr hm, eine Xanthippe zu erwischen, das kann ich begreifen!« Lachend zog er seine Sägmüllerin an sich. Auch der Forstmeister lächelte. »Von wem wissen Sie das, Hochwürden?« »Mein Kaplan, der Innerebner, ist mit ihm zusammen im Seminar gewesen. Der hat ihn neulich gesehen, hinter dem Scheidhofer Weiher draußen. Und hat mir gestern von ihm erzählt.« »Na, der Herr Kaplan, das ist nicht gerade das, was ich eine reine Quelle nenne. Aber wahr wird's wohl sein. Und jetzt begreif ich manches, was mir an ihm merkwürdig war.« »Vom Sonnweber hab ich heut erfahren, daß er sich bei euch eingemietet hat. Da muß ich offen gestehen, daß ich mich ein bisserl besonnen hab, ob ich kommen soll. Gegen Leut, die so flink von einem ernsten Lebensweg abspringen, bin ich ein wenig mißtrauisch. Man muß dem treu bleiben, was uns das Leben auferlegt. Ob's einem hart wird oder leicht. Ich wär auch heut daheim geblieben, um jeder unerquicklichen Erörterung auszuweichen. Aber mein lieber Haydn hat mich am Strickl hergezogen. Und die Geschichte mit dem Moosjäger, die ich vom Sonnweber erfahren hab, hat mich auch wieder besser über den Herrn Doktor denken lassen.« »Mit dem Moosjäger?« In die Stirn des Forstmeisters war eine tiefe Furche geschnitten. Der Bürgermeister trat an den Tisch. »Heut in der Fruh war der Herr Doktor bei mir. Den Weg auf den Hohen Schein auffi laßt er ausbauen, bloß daß der Moosjäger Arbeit hat.« Energisch paffte der Forstmeister eine Wolke vor sich hin. »Mir scheint, Hochwürden, daß unser merkwürdiger Philosoph auf seinem Priesterkittel nicht ganz herausgesprungen ist. Einem Unglücklichen die helfende Hand zu reichen –« »Herr Ehrenreich«, unterbrach der Bürgermeister, »Sie hätten grad kein' Grund net –« »Das lassen Sie gut sein, Sonnweber! Was Sie meinen, ist Unsinn!« Der alte Herr sah, daß Mathild zur Tür ging. »Mädel? Wohin?« Mit klaren Augen sah sie den Vater an. »Ich will ihn bitten, daß er wieder zu uns hereinkommt.« »Ja, Mädel, tu das!« Als Mathild auf die Veranda kam, rief sie in die dunkle Nacht hinaus: »Herr Doktor?« Keine Antwort. Sie trat in den Hof. »Herr Doktor?« Er saß auf dem Brunnentrog, und bevor er sich erhoben hatte, stand sie schon vor ihm. »Herr Doktor! Was machen Sie denn?« sagte sie mit herzlichem Klang. »Weil die Musik so tief auf Sie wirkte, deshalb brauchen Sie doch vor uns nicht davonzulaufen. Kommen Sie! Papa hat mich geschickt, daß ich Sie wieder bringe.« »Ich danke Ihnen, Fräulein, und weiß auch, wie gut Sie es meinen!« Es war seiner Stimme anzuhören, daß es ihm schwer wurde, zu sprechen. »Heute taug ich nicht mehr unter Menschen. Ich würde Ihnen mit meiner Laune den Abend verderben.« »Nein, Herr Doktor! Sie sollen mit uns wieder froh werden. Weil Sie an Meister Haydn gefühlt haben, wie tief er ist, jetzt müssen Sie auch hören, wie froh er lachen kann. Wir haben das Trio schon oft gespielt. Verstanden hab ich es heut zum erstenmal. Vorhin, bei der letzten ernsten Note, hab ich plötzlich das ganze Rondo klingen hören. Das muß ich anders spielen, als ich es immer gespielt habe. Nicht in diesem jagenden Presto, wie es mein Bruder immer haben will, sondern ruhiger und klarer. Der Hochwürdige hat recht: das ist die Sicherheit des Glückes, die Freude in der Sonne. – Wollen Sie das nicht hören?« »Fräulein, ich kann nicht! Gerade das kann ich nicht hören. Nicht heute. Es war nicht die Musik allein. Dieser ganze Abend hat viel Bitteres in mir aufgewühlt und hat mir vor Herz und Augen gestellt, was ich mein Leben lang entbehren mußte.« Die Stimme versagte ihm. »Wie Ihr Vater sein Leiden trägt und das Leben sieht – seine Freude, wenn er zu Ihnen aufblickt; seine zärtliche Sorge um den Sohn, das treue Denken an Ihre Mutter! Und Sie, Fräulein, mit dieser heiteren Ruhe! Ihr frohes Schaffen in der Sonne, der schöne Klang in Ihrem Haus! Von solchen Dingen hab ich im Leben nichts erfahren. Nichts! Geschwister hab ich nie gehabt, meine Mutter hat nie ihren Arm um meinen Hals gelegt, an meinen Vater erinnere ich mich nur, wie man ihn als Leiche brachte.« Mathild stand vor ihm, ohne ein Wort zu finden. »Seien Sie mir nicht böse, Fräulein! Morgen werde ich wieder ein Mensch sein, mit dem sich reden läßt. Aber heut – ich bitte Sie, mich bei den andern zu entschuldigen. So weh mir dieser Abend getan hat, er war mir doch eine Freude. Ich habe gesehen, daß andere besitzen, was mir im Leben nie gegeben war.« Er nahm ihre Hand. »Ich danke Ihnen!« Da sagte sie mit zerdrückter Stimme: »Ich muß Sie über einen Irrtum aufklären. Unser Leben ist nicht ganz so, wie Sie es sehen. Wir haben viel Kummer erfahren und haben noch immer Bitteres zu tragen.« »Fräulein?« »Gibt es denn ein Leben, das ohne Bitterkeit ist?« Ihre Stimme wurde ruhig. »Man muß tragen. Und muß sich die Freude am Schönen erhalten. Jetzt möchte ich noch immer sagen: Kommen Sie zu uns! Doch ich weiß, daß es Stunden gibt, die man am besten mit sich allein überwindet. Aber da heraußen in der Nacht dürfen Sie nicht bleiben. Sie sind an die Bergluft nicht gewöhnt. Denken Sie an Ihren braven Doktor und kommen Sie mit ins Haus!« Schweigend ging er mit ihr zur Veranda. Bei dem Lichtstrahl, den der Kerzenschein der Notenpulte auf dem Fenster warf, sah er, daß ihre Augen in Sorge zu ihm aufblickten. »Fräulein!« Nie noch im Leben hatte Walter eine Frauenhand geküßt. Er tat es auch jetzt nicht. »Ich danke Ihnen!« sagte er und legte ihre Hand an seine Wange wie die Hand einer Schwester. Sie erschrak ein wenig. Doch sie entzog ihm ihre Hand nicht. Dann traten sie ins Haus. Als er hinaufkam in seine dunkle Wohnung, riß er die Fenster auf. Da begannen sie drunten das Rondo zu spielen. Ohne Licht zu machen setzte er sich auf die Altane und lauschte. Wie das jubelte und lachte! Wie das lieblich durcheinandergaukelte gleich den Wellen eines klaren Baches, der in der Sonne über rauhe Steine rauscht – alles blitzt und funkelt, jede Welle plaudert und singt. Eine Ruhe überkam ihn, als hätte eine linde Hand sich auf sein zuckendes Herz gelegt. Da sah er drunten in der Finsternis des Hofes etwas glimmen. Wie ein großer Leuchtkäfer war's. Der flog aber nicht, sondern blieb an der gleichen Stelle, beim Brunnen, erlosch immer wieder und leuchtete wieder auf. Die Glut in einem Pfeifenkopf. Das Rondo ging mit einem Gewirbel von heiterem Klang zu Ende. Kurz vor dem Schluß gerieten die Spieler aus dem Takt. Das Cello jagte voraus, Klavier und Flöte blieben zurück. Als die wirr gewordenen Töne schwiegen, konnte Walter hören, wie der Pfarrer schalt und Bertl lachte. Dann wurden in der Stube drunten die Fenster geschlossen. Ans der Veranda ein rascher Schritt. Walter sah, wie das Walperl mit einem Krug zum Brunnen lief. Sie hatte doch das laufende Wasser im Haus? Beim Brunnen glühte der große Leuchtkäfer. »Jesses! Du?« sagte das Walperl, als wär' es erschrocken. »Auf d' Musi hätt ich a bißl lusen mögen«, erwiderte die gelassene Stimme des Bonifazius Venantius, »aber grad, wie ich kommen bin, haben s' aufghört.« »So?« »Ja.« Gurgelnd füllte der Brunnenstrahl den Krug. »Warum gehst denn net schlafen nacher?« »Dem Herrn Kaplan muß ich noch heimleuchten.« »So?« »Ja.« Am Krug lief das Wasser über. Walperl blieb noch immer stehen. »Wann mähst denn beim Weiher drunt?« »Übermorgen, wann 's Wetter bleibt.« »So so?« Die Weisheit der beiden war schon wieder zu Ende. Walter, auf der Altane droben, empfand einen Hauch von Heiterkeit. Augenscheinlich ließ sich der Fazifanzerl beim Walperl auch nicht »zuckriger« an als bei der Schrottenbacher Vev mit den Zeugstiefelchen. Man hörte einen nassen Klatsch, als hätte Walperl den übervollen Krug zur Hälfte wieder ausgeschüttet. »Jetzt muß ich aber wieder ins Haus! Und – du!« »Was?« »Heut is er einzogen, der!« »So?« »Aber ich hab ihm gleich gsagt, wo die richtige –« »He! Mädel!« rief Walter über die Altane hinunter. »Nicht von mir reden! Ich hör es.« Ein leiser Schrei, und das Walperl huschte mit dem Krug ins Haus. Beim Brunnen ein ruhiges Lachen. Dann rief vom Scheidhof herüber eine Weiberstimme: »Bonifaz! Den Herrn Kaplan sollst heimführen!« Ein paar Minuten später gaukelte der Schein einer Laterne durch die Finsternis. Dann läutete die alte Torglocke, und im gleichen Augenblick wurde es lebendig in der Veranda. Der Pfarrer machte sich auf den Heimweg, und Bertl mit seiner Frau gab ihm das Geleit. Den ganzen Weg hinunter schwatzte der lustige Sägmüller von seinem Buben. Der Bürgermeister war noch geblieben. Zwischen ihm und dem Hausherrn schien es in der Stube drunten eine erregte Debatte zu geben. Walter verließ die Altane, schloß die Fenster und brannte die Lampe an. Erst spät in der Nacht verließ der Bürgermeister die Villa. Mathild leuchtete ihm mit einer Kerze über die Veranda hinaus. »Ich bitt schön, Fräulein«, sagte er mit seiner schönen Stimme, »bleiben S' doch!« Schweigend stellte Mathild den Leuchter nieder und ging dem Bürgermeister mit raschen Schritten bis zum Brunnen nach. »Sonnweber! Ich muß Sie bitten, daß Sie in Zukunft Papa gegenüber vorsichtiger sind. Sie sollten diese alte Geschichte endlich einmal in Ruhe lassen. Papas Gesundheit steht mir höher als alles andere. Dieses ewige Suchen ist ja auch völlig zwecklos. Ich bitte Sie also, daß Sie mit Papa von dieser Sache nicht mehr sprechen.« »Meinetwegen!« erwiderte Sonnweber mit dem Ton eines Gekränkten. »Wenn der Herr Ehrenreich net selber davon anfangt, ich sag nix nimmer! Is Ihrem Herrn Vater a Gfallen damit erwiesen, so papp ich halt in Zukunft mein' gutmütigen Schnabel zu. Aber mit'm Moosjäger –« »Das ist ein grundloser Verdacht!« sagte Mathild erregt. »Ich bitte Sie, das gute Werk des Herrn Doktor in keiner Weise zu stören.« »Ich? Und stören? Gott bewahr! Mei' Schuldigkeit als guter Freund hab ich erfüllt und hab Ihren Vater verwarnt. Jetzt kann's kommen, wie's mag! Gut Nacht, Fräulein!« Neben dem Brunnen blieb Mathild stehen, bis der Schritt des Bürgermeisters in der Nacht verhallte. Als sie zur Veranda ging, sah sie droben bei der Altane das erleuchtete Fenster. Tief atmend preßte sie die Hände an ihre Wangen trat ins Haus. 5 Die Morgensonne lachte schon in die Fenster, als Walter durch ein Pochen an der Tür geweckt wurde. Das Walperl war's. Merkwürdig freundlich klang ihre Stimme: »Herr Doktor? Wollen S' net Ihr Fruhstuck haben? Und was denn?« »Was am schnellsten fertig ist.« »So mach ich an Tee, gelt!« Das Mädel rannte davon. Nachdenklich blickte Walter in die Sonne. Was war geschehen mit ihm? Nach allem Sturm des vergangenen Abends war frohe Ruhe in seinem Herzen. Während er sich ankleidete, summte er unbewußt das Thema aus Meister Haydns Rondo. Dann trat er auf die Altane hinaus. Mit Duft und Schimmer lag der Morgen um ihn her. Und der Hohe Schein? Den konnte er von der Altane nicht sehen, er mußte hinüber in die Wohnstube. Da lag der einsame Felsriese mit seinem Morgenrätsel in der Ferne. Die Sonne stand schon über dem Gipfel, die Wände und das Almfeld umhüllend wie mit einem blitzenden Goldmantel. Bis tief herab zu den Wäldern war der Berg von blendendem Glanz umflossen. Nur den Fuß des Berges konnte Walter klar unterscheiden. Und da sah er, was gestern noch nicht zu sehen gewesen: anstatt jener dünnen Steinlinie, die den Beginn des Weges auf den Hohen Schein bezeichnet hatte, zog sich jetzt von den Wiesen ein helles Band in den lichten Wald hinein, sauber und glatt, wie mit dem Lineal gestreckt. »Der neue Weg! Da hat der Moosjäger schon gearbeitet!« Walter hatte eine Freude, daß ihm das Blut ins Gesicht stieg. Ein Klirren weckte ihn. Walperl brachte die Frühstücksplatte. Weil er an die Brunnenszene denken mußte, sagte er lachend: »Oooh, das Walperl!« »Recht schön guten Morgen, Herr Doktor!« Das Mädel grinste vor Freundlichkeit. Er sah, daß in dem blauen Glaspokal ein Strauß frischer Rosen duftete. »Ist das Fräulein schon auf?« »Waaas? Um achte in der Fruh? Was glauben S' denn? 's Fräulen, dö hat schon drei Stund lang im Garten gschafft. Um fünfe in der Fruh hat s' heut schon wieder angfangt. Und z'allererst hat s' dö Rosen da gschnitten.« »Für mich?« »Für wen denn sonst? Und strumpfsöcklet hab ich auffi müssen, daß ich Ihnen –« Walperl spitzte den Mund, als käme jetzt ein Wort, das ihrer Zunge ungeläufig war, »nicht im Schluhmer större!« Er sah mit frohem Blick die Rosen an. »Mädel, da hättest du mich auch wecken dürfen!« Sie stutzte über das Du. »Sooo? Gelt, lassen S' Ihren Tee net kalt werden!« Nach dieser ernsten Mahnung grinste sie wieder mit auffälliger Liebenswürdigkeit. »Wünsch besten Appetit!« »Walperl!« Er hatte sich an den Tisch gesetzt, rückte die Vase mit den Rosen näher und füllte die Teetasse. »Warum sind Sie denn plötzlich wieder so nett zu mir?« »'s Fräulen hat mir's gschafft!« erklärte sie kurz und ging zur Tür. Auf der Schwelle drehte sie das Gesicht. »Und wegen heut nacht? Wann S' meinen, Sö haben was Bsonders ghört, da sind S' am Holzweg. Wann man Wasser holt, und es sitzt grad zufällig einer da und raucht sein Pfeifl? Da is gar nix zum hören dran!« »So?« »Ja!« Das Walperl war draußen. Erheitert lachte Walter vor sich hin und machte einen Versuch, Dialekt zu reden: »'s Fräulen hat's ihr gschafft?« Zwischen Tee und Honigbrot zog er die Vase mit den Rosen an sich und tauchte das Gesicht in die dunkelroten Kelche. Als er vom Frühstück aufstand, merkte er, daß er den schwarzen Rock von gestern wieder angezogen hatte, ging zum Schrank, nahm einen hellen Sommeranzug heraus und kleidete sich um. Da hörte er drunten in der Veranda Mathilds Stimme. Er trat auf die Altane hinaus und sah sie in der Sonne über den Kiesplatz gehen, wieder in dem lichten Kleid, mit jenem leichten Strohhut, den sie neulich beim Rosenschneiden getragen, und in der einen Hand ein kleines Fischlägl aus grünem Blech, in der anderen eine lange Angelgerte. »Guten Morgen, Fräulein!« Freundlich nickte sie. »Guten Morgen!« »Was für ein schöner Tag das heute wieder ist!« »Das Schönste haben Sie schon verschlafen.« »Eine Mahnung, die ich morgen beherzigen werde. Gehen Sie fischen?« »Ja, zum Weiher hinunter, für Papa eine Forelle fangen.« »Darf ich mit?« »Warum denn nicht?« Er lief in die Stube, packte den kleinen Touristenhut und rannte über die Treppe hinunter. »Da bin ich!« sagte er. »Aber jetzt müssen Sie mir auch erlauben, daß ich mich nützlich mache.« Er nahm ihr das Lägel und die Gerte ab. Sie ging mit ihm über den Kiesplatz gegen die Wiesen. »Haben Sie denn auch zum Angeln die nötige Geduld?« »Das muß sich erst zeigen. Ich habe noch nie gefischt.« »Dann wird's für Sie eine harte Probe werden. Die Forellen im Weiher springen nicht gern nach der Fliege. Das Wasser ist zu klar. Der Bonifaz fängt sie mit dem Köderfischchen. Aber da schlucken sie oft die ganze Angel, und das mag ich nicht.« »Auch gegen die Fische sind Sie barmherzig?« Sie lächelte. »Ein Fisch, den wir essen wollen, muß gefangen und abgeschlagen werden. Anders geht's wohl nicht. Aber man braucht die Tiere nicht zu quälen.« Er sah ihr mit Wohlgefallen in das schöne, ruhige Gesicht, dem die Krempe des Strohhutes einen goldbraunen Schatten gab. Schulter an Schulter gingen sie den Kiesweg hin und kamen zur Höhe des Hügels, von der man weit hinaussah über das Tal. Überall auf den Wiesen waren die Leute beim Heuen. »Wie entzückend das ist!« sagte Walter. »Die feinen Figürchen im Grün da drunten! Die Weibsleute mit den roten Kopftüchern sehen aus wie Feuernelken. Und die Mannsleute mit den weißen Hemdärmeln leuchten in der Sonne, als hätte jeder einen Heiligenschein um das Herz herum. Fräulein, wenn Sie wieder heuen gehen, müssen Sie mich mitmachen lassen.« »Gerne! Aber so leicht ist das nicht.« Mathild lachte. »Sie würden böse Folgen davon haben.« »Die fürcht ich nicht. Das muß froh machen, dieses Schaffen in der Sonne!« Sie blickte zu ihm auf. »Ihr Versprechen haben Sie gehalten, Herr Doktor!« »Versprechen?« »Heute wieder ein Mensch zu sein, mit dem sich reden läßt.« Er wurde verlegen. »Da erinnern Sie mich, daß ich Ihnen etwas abzubitten habe.« »Mir?« »Meine törichte und unhöfliche Weigerung von gestern.« »Unhöflich? Nein!« »Doch! Sie hätten alle Ursache gehabt, über mich böse zu werden. Und da schicken Sie mir heut diese herrlichen Rosen.« Leichte Röte ging ihr über die Wangen. »Als Dank für das liebe Wort, das Sie gestern über Papa gesagt haben.« Schweigend gingen sie die Wiese hinunter und kamen in den Schatten der ersten Bäume. »Wie ernst und schön jene Äußerung Ihres Vaters über Gott war: daß jede menschliche Eigenschaft, die wir ihm beilegen, eine Lästerung seiner Größe ist. Aber wenn wir uns Gott als Schöpfer denken, muß doch alles Leben mit Licht und Schatten ein Teil seinem Wesens sein, das faule Stück Holz da geradeso wie der blühende Herzschlag in Ihrer Brust. Oder glauben Sie, daß Gott –« Verstummend blieb er stehen, wie festgehalten von einer unsichtbaren Hand. Die Schnur der Angelgerte, die er trug, hatte sich an einem Buchenast verfangen. Bei dem Versuch, sie wieder loszubringen, stellte er sich so ungeschickt, daß Mathild helfen mußte. Sie nahm die Gerte, sah aufmerksam zu dem Ast hinauf, machte eine ruhige Bewegung, und die Schnur war frei. »Wie geschickt Sie sind!« sagte er mit ehrlichem Staunen. Mathild lachte. Als er ihr die Gerte wieder abnehmen wollte, schüttelte sie den Kopf. »Nein, Herr Philosoph! Sonst lassen Sie mir die Schnur da droben wo hängen, und Papa kommt um seine Forelle.« Er guckte drein wie ein gescholtenes Kind. »Ich bin ein rechter Unnütz!« »Da übertreiben Sie wieder. Aber ich meine, Sie sollten jetzt weniger über Gott nachdenken und ein bißchen mehr auf Ihren Weg achten.« Die Zauntür öffnend, trat sie in den kühlen, schattenstillen Wald hinaus. Ihr Wort, so lustig es gesprochen war, machte ihn ernst. Schweigend schritt er hinter Mathild her, die, mit der Gertenspitze jedem Ästlein ausweichend, quer durch den Wald auf den Weiher zuging. Da war eine kleine Bucht, halb in Sonne und halb im Schatten, von hohen Buchen und Fichten umgeben. Große Forellen standen im klaren Wasser; als sie der beiden Menschen ansichtig wurden, schwammen sie flink davon. »So«, meinte Walter halblaut, »jetzt haben wir alle Fische vertrieben.« »Die kommen schon wieder. Die Bucht ist ihr Lieblingsplatz, da schwärmen die meisten Mücken.« Das konnte er sehen. Wie ein dünner Schleier war's über dem Wasser von den winzigen, braunen Mücken, die dicht über dem Spiegel durcheinanderschwärmten und das Wasser immer wieder im Fluge leicht berührten. Das hatte den Anschein, als fielen Hunderte von feinen Regentropfen. Mathild hatte eine kleine Fliegenangel an der Schnur befestigt und steckte die Gerte am Ufer schief in den Boden, daß die Schnur in den Weiher hinaushing und die Fliege, die im leisen Wind ein bißchen schaukelte, das Wasser fast berührte. Drückte der Wind ein wenig stärker auf die dünne Gerte, dann tauchte die Fliege bis auf den Spiegel und verursachte ein feines Gezitter, wie von einem winzigen Insekt, das ins Wasser gefallen. Schweigend sah Walter diesen Vorbereitungen zu, mit so erregter Aufmerksamkeit, als wäre der Forellenfang, wie ihn Mathild betrieb, ein wundersames Mysterium des Lebens. »Jetzt müssen wir weggehen«, sagte sie, »sonst kommen die Forellen nicht wieder.« Sie ging am Ufer hin, ließ sich im Schatten einer Buche nieder und legte den Strohhut ab. »Plaudern dürfen wir, soviel wir wollen. Nur nicht viel bewegen! In dem klaren Wasser sehen die Fische weit.« Er streckte sich an ihrer Seite in das linde Gras. Eine Weile guckten sie beide schweigend nach der Angel. »Die Tiere nicht quälen?« sagte er plötzlich. »Schließlich muß der Fisch doch in den Haken beißen.« »Natürlich! Aber wenn es richtig gemacht wird, fängt er sich nur mit dem Maul. Das tut ihm nicht weh.« »Woher wissen Sie das?« »Weil Forellen, die sich von der Angel abschlugen, ein paar Sekunden später schon wieder gebissen haben.« »Da zwingt sie doch wohl der größere Schmerz ihres Hungers, den kleineren zu mißachten.« In Mathilds Augen blitzte der Schalk. »Auf unsere Forellen paßt das nicht. Der Weiher ist an Nahrung reich. Die Fische hier haben es also gar nicht nötig, nach der Angel zu schnappen. Tun sie es doch, so ist die Bratpfanne die strafende Gerechtigkeit für ihre unersättliche Freßlust. Wer in Frieden leben will, muß genügsam sein.« Walter lachte. »Fräulein Mathild, Sie sind die Tochter Ihres Vaters.« »Die bin ich, ja.« Wie froh sie das sagte! »Und weil Sie mich an Papa erinnern, will ich Ihnen etwas zeigen. Schauen Sie einmal aufs Wasser hin, recht aufmerksam! Nun? Sehen Sie nichts?« »Nur das Wasser und die schwärmenden Mücken.« »Dann sehen Sie, was ich meine: Gefahr und Leben.« Sie deutete mit der Hand. »Dort! Sehen Sie? Was da so zittert?« »Da ist eine Mücke ins Wasser gefallen.« »Und zappelt, weil sie leben möchte.« »Soll ich sie herausziehen?« Er wollte aufspringen. Mathild legte ihm die Hand auf die Schulter. »Bleiben Sie nur! Die kleine Fliege braucht keinen rettenden Gott. Das Leben hilft ihr. Da! Jetzt!« Eine zweite Mücke hatte sich auf das zappelnde Unglückstierchen gesetzt, eine dritte und vierte flog hinzu, und schließlich wurde das ein schwimmendes, vom Geschwirr der vielen Flügelchen wie von einem zitternden Schein umgebenes Klümplein Leben. Das hob sich plötzlich mit einem Ruck in die Luft, schwärmte in der Sonne auseinander, und das Unglückstierchen, das in Todesangst gezappelt hatte, war auf dem Wasser verschwunden. »Gerettet!« sagte Mathild mit leisem Lachen. Walter lachte nicht mit. Mit großen Augen sah er auf das Wasser hin. »Ein Wunder des Lebens! Daß es im Tierleben so etwas gibt, darüber hab ich noch nie ein Wort gelesen.« »Papa sagt immer: Das Beste steht nie in den Büchern, das muß man im Leben sehen. Freilich, man hat nicht immer die Augen dazu. Ich hab sie auch nicht gehabt für das da! Seit meiner Kindheit bin ich tausendmal hier am Weiher gewesen. Aber ich hab immer zu tief hinuntergeguckt ins Wasser oder zu hoch ins Blau, nie dazwischen hinein in die Mitte, wo das kleine Leben schwärmt. Das hat mir Papa erst zeigen müssen. Jetzt seh ich es immer, und was ich mir dabei denke, das gibt mir viel fürs Leben. Papa hat recht, wenn er sagt, daß wir unser eigenes Leben besser verstehen würden. wenn wir aufmerksamer in das Leben der Tiere hineinschauen möchten. Die kleinen Mücken da! Wie das froh und sorglos durcheinanderschwärmt, immer der Sonne zu, immer am Tod vorbei! Ihr Leben ist zwischen Gefahr und Freude gesetzt, genau so wie bei uns Menschen. Und wie einfach lösen sie ihr Lebensrätsel: sie fürchten das Wasser nicht und lieben die Sonne. Will das Schicksal nach ihnen schnappen, so baut ihr selbstloser Opfermut den Sinkenden eine Brücke ins Leben zurück. Wenn alle Menschen das so nachmachen würden! Wie müßte unser Leben schön und gut sein, froh und sicher!« Er sah sie mit glänzenden Augen an. »Fräulein Mathild! Sie sind ein großer und reicher Mensch!« »Ich?« fragte sie ein wenig verlegen. »Weil Sie alles Gute, Schöne und Lebensklare, zu dem sich andere Menschen durch Zweifel hinaufringen müssen, als ein Teil Ihrer Natur besitzen.« »Da verwechseln Sie Ursache und Wirkung. So was sollte einem Philosophen nicht passieren! Mir gutschreiben, was Papa gehört und meiner Mutter, das ist eine Rechnung, die ich nicht gelten lasse.« »Ihr Vater! Was haben Sie bei Ihrer glücklichen Natur noch einen guten Lehrer an Ihrem Vater gefunden! Mir hat niemand das warme Leben gezeigt, das zwischen dem Rätsel der Tiefe und dem Rätsel der Höhe froh in der Sonne atmet. In der Schule, ja, da hat man mir was gesagt von den kleinen Mücken da: ihren lateinischen Namen. Und unter dem Mikroskop zeigte man uns den Facettenbau ihrer Augen und den Glaspanzer zwischen den Flügelrippen. Haben Sie das schon einmal gesehen? Diese Wunderwelt im Kleinen?« »Ja. Papa hat ein Vergrößerungsglas, das er früher zum Pflanzenbestimmen brauchte. Mit dem hab ich manchmal als Kind ein Blumenblatt oder ein kleines Tier betrachtet. Das hat mich immer erschreckt. Ein Marienkäferchen wurde ein greuliches Ungeheuer, und eine kleine Rosenknospe sah aus wie ein grüner Igel mit roter Teufelszunge. Die Lies auf dem Hohen Schein mag recht haben, wenn sie meint: alles, was weit von uns ist, lügt. Aber was wir zu nah vor die Augen halten, das sehen wir doch auch nicht wahr. Wenn das dicke Glas den zarten Farbenhauch eines Rosenblattes zu häßlichen Warzen und Borsten vergrößert –« »Das Glas vergrößert nicht, es schärft nur unsern Blick für das Kleine. Was es uns zeigt, das alles ist so. Je schärfer die Gläser sind, durch die wir schauen, desto deutlicher sehen wir im Kleinen immer wieder ein Kleineres. So geht es ohne Grenzen weiter, ins Unendliche. Würde ein Instrument erfunden, das noch millionenmal schärfer zeigt als das stärkste Mikroskop, das wir besitzen, dann würden wir Meere im Aug' einer Mücke sehen, Gebirge auf ihren Zehen, Wälder auf ihren Flügeln. Diese Meere, diese Wälder, diese Berge müssen wieder belebt sein, wie der Wald um uns her, wie die Berge um dieses Tal, wie jedes Meer auf unserer Erde. Diese große Erde ist auch nur ein Kleines, ein wirbelndes Stäubchen im Feueratem der Sonne. Die Sonne selbst nur ein Gluttropfen im endlosen Sternenmeer. Und das Ganze? Ob nicht auch das wieder ein Lebendiges ist? Ein ungeheures Geschöpf, an dessen Wimpern als Tränen die Sonnen hängen, in dessen Pulsen die Welten rollen wie die Blutkörperchen in unseren Adern? Auch dieser Riese wieder nur eine zuckende Lebensfaser im Körper eines Wesens, millionenmal gewaltiger? Wenn die Welt ein Ewiges ist, muß sie auch ohne Grenzen sein, ihr Leben muß sich als Großes und Kleines ins Unendliche wiederholen. Und das Größte und das Kleinste, alles muß ein Gleiches sein! Ist die Welt aber ein begrenztes Ding, das entstanden ist, dann muß sie auch wieder vergehen. Was ist dann vor ihr gewesen, was wird nach ihr sein? Wo wohnt der Wille, der sie entstehen ließ? Wo der Zorn, der sie vernichtet? Was ist der Raum, in dem die Sterne kreisen? Was die Zeit, mit der man die Dauer ihres Lebens mißt? – Das auszudenken? Das verstehen zu wollen? Muß man darüber nicht irrsinnig werden?« Mathild sah schweigend hinaus in das Blau des schönen Tages. Dann machte sie eine Bewegung, wie um etwas Bedrückendes von sich abzuschütteln. Von dem Seidelbast, der neben ihr seine zarten Stämmchen mit den rosigen Blumenkelchen aus dem dunklen Moose herausgeschoben hatte, brach sie den schönsten Zweig. »Sehen Sie, Herr Doktor, das da, das ist mir Rätsel genug! Auch eines, das ich nie verstehen werde. Aber eines, das ich liebe, eines, dessen Geheimnis mich nicht in die Gefahr bringt, irrsinnig zu werden, sondern mich froh und zufrieden macht. Ich weiß: das ist schön und duftet. Jede bessere Weisheit wäre für mich die schlechtere, weil sie mir weniger geben würde.« Er sah ihr ruhiges Lächeln, sah das frohe Leuchten ihrer Augen. In einem Sturm von Gefühl ergriff er ihre Hand mit der Blume. »Fräulein! Ich möchte alle Bücher, die ich durchgeschrotet habe, auf einen Stoß zusammentragen, alle verbrennen in einem großen Feuer und in die Asche ein Stäublein dieser Blume pflanzen!« Da blickte sie lauschend auf. Ein schöner schwermütiger Gesang scholl über den Weiher her – drei Mädchenstimmen, die sich harmonisch ineinanderschlangen. »Das müssen Fremde sein!« sagte Mathild. »So singt hier niemand.« Es war ein schwüles, träumerisches Lied, von dürstendem Schmerz durchzittert. Walter sprang aus. »Wie schön!« »Gut gesungen, ja, mit geschulten Stimmen!« Mathild erhob sich. »Das muß ein ungarisches Volkslied sein. Aber wie sie es singen, das wirkt wie eine Parodie.« Er sah sie an, als verstünde er dieses Urteil nicht. »Eine Parodie? Was so ernst und schön ist?« »Aber Doktor! Hören Sie doch nur!« Der Gesang kam immer näher: »Wasser von der Marosch Fließt so schnell, Liebster, ach, mein Liebster, Komm zur Stell – – Wasser von der Marosch Fließt so schnell!« Mathild nickte. »Auch der Text ist eine Parodie. Die Sängerinnen machen sich über das Volkslied ein bißchen lustig, indem sie alles Gefühl sentimental übertreiben.« Walter schüttelte den Kopf und lauschte wieder. »Wasser von der Marosch Rinnt so trüb, Liebster, komm, ach Liebster, Hab mich lieb – –« Man sah im Schatten zwischen den Bäumen etwas Weißes und Rotes schimmern, während die neue Strophe mit der gleichen Melodie, doch im Takt eines wilden Tanzes einsetzte: »Wasser von der Marosch Fließt so rot, Lebst noch, Liebster, oder Bist du mausetot? Wasser von der Marosch Fließt blutwurstrot!« Das wurde mit so heißer Leidenschaft gesungen, daß trotz des unsinnigen Textes jeder parodistische Eindruck erlosch und eine Wirkung blieb, die Walter in Herz und Blut zu empfinden schien. Da löste sich die schluchzende Fermate in übermütiges Gelächter auf, und aus dem Schatten des Waldes kamen drei junge Mädchen gegangen, schlanke, schöne Gestalten, alle gleich gekleidet, mit weißen Flanellröcken und scharlachroten Seidenblusen. Sie waren ohne Hüte, trugen das Haar phantastisch mit blühenden Ranken des Waldrausch umwunden und hatten Sträuße von Wiesenblumen in den Armen, so groß wie Getreidegarben. Ihre Gesichter glühten, und ihre Haare waren zerzaust, als hätten sie wie ausgelassene Kinder umhergetobt. Geschwister waren das nicht. Nur in der Kleidung und in dem abenteuerlichen Aufputz glichen sie einander. Die Jüngste war eine zierliche Blondine mit koketten Augen. Die Zweite, von geschmeidiger Erscheinung und mit ausgeprägten Formen, hatte schwarzes Haar und ein Gesicht von eigenartiger Schönheit, mit dem Teint einer Südländerin. Die Dritte, deren Braunhaar sich reich um die Schläfen wellte, war an Wuchs die Stolzeste und schien in diesem abenteuerlichen Trio die Ruhigste zu sein. Etwas träumerisch Müdes sprach aus ihren rein geschnittenen Zügen und auf den großen, von dunklen Wimpern halb verschleierten Augen. Langsam ging sie hinter den zwei anderen her, die lachend miteinander zankten, weil die eine nach links in den Wald, die andere rechts zum Ufer des Teiches wollte. »Hansi, nimm doch Vernunft an!« sagte die Schwarze mit den Feueraugen. »Das Dorf muß da drüben hinter dem Hügel liegen!« »Unsinn!« zwitscherte die Blonde. »Ich hab doch gesehen, daß die Straße nach rechts hin abbiegt!« Sie deutete stilvoll mit der Hand und gab ihrem feinen Stimmchen einen dramatischen Akzent: »Siehe, zur Rechten zieht die Straße der weißlichen Lämmer! Schwärzliche Seele, du, schreite zur Linken hinaus!« »Laß doch diese lyrischen Witze! Damit hast du uns heute schon überfüttert. Nur hilft das nicht für meinen rasenden Hunger. Und was sollen denn die anderen denken, wenn sie mit dem Wagen ankommen und wir sind nicht da?« »Was gehen die mich an? Ausgelöscht aus meinem Herzen! Ich halte unseren Vertrag. Paragraph eins: Sehe jeder, wie er's treibe!« »Und wer steht, daß er nicht falle!« sagte hinter den beiden die ruhig Stolze mit einer herrlich klingenden Stimme. Da lachten die anderen. Und die Blondine rief über die Schulter: »Ja, du schattende Zypresse, nimm dich nur schön in acht!« »So seid doch für eine Minute vernünftig!« mahnte die Schwarze. »Wir müssen doch wissen, wohin. Ehrlich, Hansi, hab ich es nicht vorausgesagt, daß wir uns verlaufen werden? Mit deiner verrückten Waldrennerei.« Die Blonde richtete sich auf. »Milka! Die Schuldige bist du! Mit deinem präraffaelitischen Blumenwahnsinn! Aber zu einer Flora à la Dingsda – nein, mein Herzl, da würdest du dich eher noch für eine Pomia eignen, oder Pomonia, ich weiß nicht, wie man sagt – für so was obstmäßig Rundliches, ganz reif, mit schwarzem Kern, schwarz und süß, sogar sehr süß, aber ein bisserl giftig.« Heines Liedchen von den schönsten Augen trällernd, ging sie auf den Weiher zu. Lachend warf ihr die Schwarze einen Büschel Blumen nach, und die ruhig Stolze erklärte mit schöner Würde: »Philinchen, das hast du gut gesagt!« Da gewahrte die Blonde die zwei verwunderten Menschen am Ufer der Bucht. »Kinder, da sind Leute. Die kann man fragen.« Leichtfüßig sprang sie auf die beiden zu, knixte vor Mathild und fragte: »Bitte, wo ist der Weg nach Langental?« »Gleich da drüben ist der Fußweg!« sagte Mathild in ihrer ruhigen Art. »Wenn Sie über den Hügel hinüberkommen, haben Sie schon die Straße und sehen das Dorf.« »Danke schön!« Die Blonde blieb noch immer stehen und betrachtete Mathild mit neugierigen Augen. Auch die zwei anderen hatten, als sie Mathild gewahrten, das gleiche Staunen im Blick. Walter schien Luft für sie zu sein. Doch als sie gingen, drehte die ruhig Stolze langsam das Gesicht nach ihm. »Milka!« flüsterte die Blonde der Schwarzen zu. »Hast du dir die angesehen? Eine prachtvolle Person!« »Ich bin nicht blind. Aber das ist doch eine aus der Stadt. So was wächst im Dorf nicht.« »Na, weißt du, das Kleid –« Die scharlachroten Blusen waren hinter den Bäumen verschwunden. Mathild und Walter standen noch immer schweigend. Dann sahen sie einander an. Und Walter sagte lächelnd: »Das sind merkwürdige Mädchen. Aber das Bild, wie sie kamen, so mit den Blumen, das war schön.« Mathild nickte und wollte ihren Platz wieder einnehmen. Da sprang sie mit leisem Aufschrei davon: »Ein Fisch hat gebissen.« Sie lief zur Angel hinüber. Walter sah, wie die Gertenspitze zuckte und von der straffen Schnur gebogen wurde. Mathild hatte die Gerte schon aufgenommen. Wie eine große, silberne Spindel fuhr es glitzernd auf dem Wasser, und eine pfündige Forelle zappelte im grünen Moos. Mathild haschte sie mit flinker Hand. »Ach Gott! Die ganze Angel hat sie geschluckt! Herr Doktor, bitte, lösen Sie dem Fisch die Angel aus!« »Ja, Fräulein!« Er packte aufgeregt die Forelle mit beiden Händen. Sie entwischte ihm und schlug silberne Räder im Moos. Während er den zappelnden Fisch zu haschen suchte, nahm Mathild ein Handtuch aus dem Lägel. »Ich bin schuld, weil ich nicht aufgepaßt habe. Die Gerte hat nachgegeben, da ist die Fliege ins Wasser getaucht, und der Fisch konnte die Angel schlucken.« »Jetzt hab ich ihn!« rief Walter triumphierend. Er hielt die Forelle mit beiden Händen so fest, daß sie unter dem würgenden Druck den Rachen aufsperrte, in dessen Tiefe der Haken saß. »Aber wie soll ich denn das jetzt machen?« Aus den Kiemen der Forelle floß ihm dunkles Blut über die Finger. Er wurde bleich, und hilflos sah er zu Mathild hinüber. »Ich bitte, das kann ich nicht.« Sie kam und löste aus ihrem Haar eine Nadel, deren Ende sie zu einem Haken bog. Ihre Hand zitterte, als sie die Angel aus dem Schlund des Fisches löste. Dann warf sie die Nadel fort, und sich zum Ufer niederbeugend, ließ sie die Forelle in den Weiher gleiten. »Fräulein? Was machen Sie denn?« »Ich mag sie nicht mehr. Bis ich heim käme, würde sie umstehen. Im frischen Wasser erholt sie sich wieder.« »Wollen Sie eine andere fangen?« »Nein. Um zehn Uhr muß ich ins Dorf.« Sie sah, wie er die blutigen Finger in Unbehagen von sich wegstreckte. »Waschen Sie sich die Hände! Da ist ein Tuch.« Sie spülten sich die Hände rein und trockneten sie gleichzeitig an dem Tuch, Walter am einen, Mathild am anderen Ende. Dann gab sie das Tuch wieder ins Lägel, brachte die Angelrute in Ordnung und trat ans Ufer, um nach der Forelle zu sehen. Die stand, wie zahm geworden, noch immer an der gleichen Stelle. unbeweglich, mit dem Bauch im Schlamm. »Wird sie sich ausheilen?« fragte Walter. Mathild nickte. Sie hob ein Steinchen auf und ließ es dicht neben dem Fisch ins Wasser fallen. Die Forelle machte eine rasche Wendung und schoß durch den aufgewühlten Schlamm der reinen Tiefe zu. Da klang vom Fußweg herüber das zwitschernde Stimmchen der Blonden. »Kinder! Kommt doch mal her! Was unglaublich Komisches! Der Heilige von Weimar als Martertäfelchen im Bauernwald!« Mathild zog die Brauen zusammen wie in Schmerz. Die Stimme der ruhig Stolzen klang, undeutlich, doch mit einem Tonfall, als spräche sie Verse. Dann gingen die drei mit Lachen und Schwatzen durch den Wald davon. Walter schien nichts zu hören. Lägel und Angelrute in den Händen, stand er noch immer am Weiher und sah in die farbenschillernde Tiefe, in der die Forelle verschwunden war. Mathild hatte ihren Hut geholt und sammelte Blumen, während sie am Ufer ging. Walter folgte ihr, und sie kamen zu dem offenen Kiesplatz. Eine Grasschmiele um den gesammelten Strauß windend, schritt Mathild auf den Felsblock zu, in den die Verse gemeißelt waren. Eine Welle goldigen Sonnenlichtes zitterte über den Levkojen und Reseden, die ihn umblühten. »Fräulein? Was bedeutet der Stein da? Und von wem sind diese Verse?« Mathild sah ihn mit großen Augen an. »Sie kennen diese Verse nicht?« »Nein.« »Das sind die beiden letzten Strophen aus ›Künstlers Abendlied‹ Wie sehn ich mich, Natur, nach dir, Dich treu und lieb zu fühlen! Ein lustger Springbrunn wirst du mir Aus tausend Röhren spielen. Wirst alle meine Kräfte mir In meinem Sinn erheitern Und dieses enge Dasein hier Zur Ewigkeit erweitern. – von Goethe.« Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund. »Wieder ein Loch in meinem Leben. Von Goethe kenn ich nur, was im Lesebuch der Volksschule steht: der Sänger, Erlkönig, der Zauberlehrling, Johanna Sebus, die wandelnde Glocke.« »Und Faust?« fragte sie erschrocken. »Werther? Die Wahlverwandtschaften? Götz? Egmont? Iphigenie? Tasso? Wilhelm Meister?« Er schüttelte den Kopf. »Kann man denn leben ohne das?« »Seit ein paar Tagen beginn ich zu merken, daß die Zeit, die hinter mir liegt, nicht Leben war.« Er trat vor den Stein. »Ich kann Ihnen nicht sagen, wie dieses Lied auf mich wirkte, als ich neulich den Stein da fand! Goethe? Der Gang meines Lebens hat es mit sich gebracht, daß Goethe durch viele Jahre ein verbotenes Buch für mich war.« Die Blumen in ihrer Hand betrachtend, sagte Mathild: »Da steht Ihnen eine große Freude bevor. Goethe kennenzulernen! Als Mann! Papa sagt immer, man liest ihn zu früh und versteht ihn nur halb. Um seine Größe ganz zu erfassen, muß man ein gut Stück Leben kennen. Dann findet man Antwort bei ihm auf alle Fragen, denen man ratlos gegenüberstand. Der Dichter wird zum Priester, der uns Ruhe gibt. Das hab ich an mir selbst erfahren. Meine Mutter war immer der Meinung, daß man für ein gutes Buch nie zu jung ist. Sie hat mir viel in die Hand gegeben, was über mein Alter ging. Nur mit Goethe blieb sie sparsam. An meinem fünfzehnten Geburtstag hat sie mir den Werther vorgelesen.« Mathild legte die Blumen vor den Stein hin, der die Inschrift trug. Während sie sprach, begann sie von den Reseden und Levkojenstöcken die welken Blüten und Blätter abzulösen. »Das hat auf mich gewirkt, daß ich ganz aus dem Häuschen kam. Aber wenn ich ehrlich sein will, war der Schreck, den ich hatte, größer als die Freude. Immer hatte ich das Gefühl, als wäre ein großes, eisernes Tor vor mir aufgesprungen. Und alles da drinnen brennt. Sooft die Mutter mich ansah, wollte sie zu lesen aufhören. Ich hab immer wieder gebettelt: Lies, Mutter, lies! Als sie am Schluß die Stelle las, die Werther in der letzten Nacht geschrieben: ›Auf dem Kirchhofe sind zwei Lindenbäume, hinten in der Ecke nach dem Felde zu, dort wünsche ich zu ruhen‹ – da hab ich schluchzen müssen, daß ich meinte, es zerreißt mir das Herz. Die ganzen Jahre her hab ich das Buch nicht mehr angerührt. Im letzten Winter – ich weiß nicht, was da mit mir gewesen ist. Ich war nicht krank, doch immer so müde. Das schlimmste waren die Nächte. Ich hab nimmer schlafen können. Und da bin ich in der Nacht einmal aufgesprungen, um mir ein Buch zu holen. Erst wie ich Licht machte, hab ich gesehen, daß es der ›Werther‹ war, den ich aus dem Kasten genommen. Und da hab ich gelesen, bis es hell wurde. Auch in mir. Dann bin ich aufgestanden und hab meine Arbeit getan, ohne eine Spur von Müdigkeit, ruhig und zufrieden. Seit damals hab ich das Buch immer wieder gelesen. Kein anderes ist mir so lieb. Am Ostersonntag hab ich es mit in die Kirche genommen und immer nur die beiden Stellen über Gott gelesen. Als der Pfarrer zum Trio kam, hat er gleich gefragt: Thildele, was war denn das für ein Buch heut?« Sie lachte ein wenig vor sich hin. »Mein Gebetbuch, hab ich gesagt. Und das war keine Notlüge.« Walter atmete auf. »Kann ein Buch so wirken?« Da sah er den Blick, mit dem sie den Stein betrachtete. »Fräulein? Hat dieser Stein eine Beziehung zu Ihrem Leben?« Sie nickte. »Mein Bruder hat mir's zulieb getan und hat die Verse in den Stein gemeißelt. Hier ist meine Mutter am liebsten gesessen, wenn sie mir vorlas. Auch an jenem Abend. Da hat sie mir den ›Gesang der Geister über den Wassern‹ gelesen: Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser, Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind – Dann ›Das Göttliche‹ und ›Künstlers Abendlied‹. Das war das letzte.« Ein leises Schwanken kam in ihre Stimme. »Sie wollte plötzlich heim zu Papa. Als ich zu ihr aufsah, fuhr mir ein Schreck ins Herz. So merkwürdig verändert war ihr Gesicht. Kränklich war sie seit zwei Jahren schon. Aber sie hat es immer so getragen, daß man kaum was merkte davon. Auf dem Heimweg wurde sie so schwach, daß ich sie stützen mußte. Aber am Abend, daheim, da sind wir wieder ganz vergnügt beisammengesessen und haben musiziert bis spät in die Nacht. Am andern Tag mußte sie liegenbleiben. Sie ist nicht wieder aufgestanden.« Mathild hatte das Gesicht geneigt, und langsam strich sie mit der Hand über den grauen Stein. Er legte die Gerte und das Lägl auf die Bank, ging auf Mathild zu und nahm ihre Hand Da klang ein dünnes Lachen hinter ihnen. Auf dem Fußweg stand die Lies vom Hohen Schein, das hagere Spitzmausgesicht erschöpft und brennend, auf dem Rücken eine schwerbeladene Kraxe. »Ah, da schau! 's Welträtsel mit die linken Füß! Und 's Kunststückl vom sonnseitigen Glück! Alle zwei beinand? Wie Tag und Nacht, wann s' anand begegnen in der Fruh!« Die Brauen furchend, befreite Mathild ihre Hand. »Grüß Gott, Lies! Heut hast du zum Abtragen einen heißen Tag.« »Ja. D' Sonn brennt wie 's höllische Fuier, wann der Kaplan einheizt. 's ganze Schmalz aus'm Buckel wird mir rinnet. Allweil tröpfelt's hinter meiner.« Die Lies trat näher zu Mathild hin und sagte leis: »Auf'm Almfeld liegt a Brocken Stein. Jetzt tut er kein' Rührer nimmer. Aber net lang is her, da hat er an gfahrlichen Hupf gmacht, grad über dein' Weg aussi!« In Unmut wollte Mathild erwidern. Walter, der die flüsternden Worte der Sennin nicht gehört hatte, grüßte freundlich und fragte: »Was machen die Grillen?« »Fleißig hab ich allweil kitzelt. Und heut hab ich a bißl ebbes aussibracht.« »Wirklich? Was denn?« »Daß d' Menschenleut hundert Weg durchs Leben haben, an einzigen schlechten und neunaneunzg gute. Und allweil den schlechten müssen s' laufen.« Walter lachte. »Das ist die Beobachtung einer Wirkung. Dazu müssen Sie erst die Ursache herauskitzeln.« »Die könnts Enk aussilesen aus Enkerm dicken Buch, wo soviel drinsteht.« Die Sennin rückte die Kraxe höher. »Jetzt därf ich schauen, daß ich heimkomm! Oder d' Sonn macht den Scheidhofer ärmer um a Pfündl Schmalz!« »Wart, Lies!« sagte Mathild hastig. »Ich geh mit dir.« Sie nahm das Lägel und die Gerte. Walter sah sie betroffen an. »Es ist spät geworden, und ich hab einen Weg ins Dorf.« Mathild nickte einen Gruß. »Komm, Lies!« Die beiden gingen. Dabei schwatzte die Sennin: »Ich weiß dir was Neus. 's nächste Mal tust dich leicht auf'n Hohen Schein auffi. Da baut der Moosjäger an neuen Weg. Schanzen tut er wie der Teufel, wann er arme Seelen fangen möcht und es sterben bloß christliche Leut.« Walter blickte seltsam verloren den beiden nach, die hinter den Bäumen verschwanden. Als er keinen Schimmer des lichten Kleides mehr gewahren konnte, blieb er noch immer stehen. Endlich ging er. In der Verlorenheit seiner Gedanken schlug er die falsche Richtung ein, nicht gegen den Zaun des Scheidhofes, sondern gegen den Hohen Schein hinaus. Er merkte erst, daß er irrgegangen, als er zwischen den Wiesen auf der Straße stand. Schon wollte er umkehren. Da sah er ein merkwürdiges Fuhrwerk von Mitterwalchen kommen: einen bunt bemalten Komödiantenwagen, mit einer Fensterreihe auf jeder Seite, wie ein kleines Haus, das man auf Räder gestellt. Über dem Dach des Wagens waren große Koffer und lange Leinwandrollen festgeschnürt. Den Wagen zogen zwei nette Gäule. Auf dem Sattelpferd, doch ohne Sattel, ritt mit verschränkten Armen ein junger bildhübscher Mensch, die Zigarette zwischen den Zähnen, in einer Kleidung, die einem Jagdkostüm ähnelte, von elegantem Schnitt. Durch die hellen Fenster sah man an einem Tischchen im Innern des Wagens zwei andere sitzen, ein wenig älter als der schlanke Reiter. Sie rauchten und trieben mit heißem Eifer ein Kartenspiel. An einem Fensterkreuz des Wagens hingen an scharlachroten Bändern drei Mädchenhüte auf moosgrünem Stroh, mit weißen Hahnenfedern. Unter den Hufen der Pferde und zwischen den Rädern dampfte der graue Staub der Straße hervor. Walter trat, als der Wagen vorüberfuhr, in die Wiese hinaus, um dieser qualmenden Wolke zu entrinnen. 6 Die Elfuhrglocke läutete. Um das Wirtshaus aufzusuchen, hatte Walter den Fußweg am Saum des Bergwaldes eingeschlagen. Er kam an der Stelle vorüber, wo er den Moosjäger gefunden. Als er zum Dorf hinüberging, fiel ihm ein unbewohntes Häuschen auf, in einem verwahrlosten Garten mit niedergedrücktem Zaun und wucherndem Unkraut. Die Mauern waren noch gut. Die Fensterläden hingen windschief in den Angeln, und die Glasscheiben waren in Scherben geschlagen. Das mußte jenes Häuschen sein, in dem der Moosjäger mit seiner Mutter gewohnt hatte. Und da drüben ragten über die Schindelfirste des Dorfes drei hohe, rote Ziegeldächer hervor: die drei neuen Häuser, die aus dem brennenden Zorn des Mamertus Troll herausgewachsen waren. Walter kam auf seinem Weg an diesen drei Häusern vorüber. Schmuck, mit weißen Mauern leuchtend, standen sie in der Sonne. Über jeder Haustür glänzte das Blechtäfelchen einer Versicherungsgesellschaft. In den Höfen war Leben, gesunde Kinder sprangen umher, und hinter einem der neuen Zäune stand ein behäbiger Bauer mit rundem Bauch und lachendem Speckgesicht. »Dem haben die fünf Jahre des Mamertus Troll gut angeschlagen!« dachte Walter. Und jenes Wort des Staatsanwaltes fiel ihm ein: »Die erbarmungswierdichen Abchebrannten!« Er ging die Dorfstraße hinunter. Vor dem Wirtshaus sah er Kinder und Erwachsene in Neugier um das Zauntor stehen. Zwischen den Bäumen leuchteten die Farben des Komödiantenwagens. Eine zornige Männerstimme. Beim Klang dieser Stimme machte Walter raschere Schritte. Neben der Haustür standen die Wirtsleute, der alte Peterl, die Kellnerin und ein paar Gäste. Einer der Schauspieler, jener schlanke Reiter, stand auf dem Dach des Wagens, als wäre er beim Abladen der Leinwandrollen unterbrochen worden. Seine zwei Kameraden und jene drei merkwürdigen Mädchen in den scharlachroten Blusen, noch mit den Blumen im Haar, standen vor dem Wagen und sahen mit halb verdutzten, halb erheiterten Gesichtern den jungen Priester an, der dem Thespiskarren einen unfreundlichen Empfang bereitete. Eine hager aufgeschossene Jünglingsgestalt in schwarzem Talar, ohne Hut, ein stolzer Kopf mit kurzgeschnittenem Braunhaar, ein strenges Gesicht mit zornblitzenden Augen. »Laden Sie den Kram da wieder auf! Ich erlaube nicht, daß Sie bleiben!« »Herr Kaplan!« sagte mit gemütlicher Ruhe der älteste der Schauspieler, ein stattlicher Dreißiger. »Wir sind im Besitz einer obrigkeitlichen Konzession.« »Das ist mir gleichgültig.« »Herr Kaplan! Alles Gesetzliche muß man respektieren. Gestatten Sie, daß ich unsere Papiere vorweise. Ich heiße Jarno und bin das Oberhaupt dieser kunstbeflissenen Truppe.« Das sagte der Schauspieler mit vornehmer Würde. Die merkwürdigen Mädchen lachten dazu. »Ich sage das zum letztenmal: laden Sie den Kram wieder auf und verlassen Sie das Dorf!« »Herr!« Der zweite Schauspieler, ein Schwarzkopf mit schönem Gesicht und träumerischen Hamletaugen, trat mit jenem Anstand, den man königlich zu nennen pflegt, auf den jungen Priester zu und machte eine Bewegung, als schlüge er einen Mantel um die Brust. »Unsere Kunst ist unser Brot. Wollen Sie uns verwehren, daß wir leben? Ist das christlich?« Wieder lachten die merkwürdigen Mädchen. »Was christlich ist, darüber hab ich mir Ihnen nicht zu rechten. Verdienen Sie Ihr Brot, wo Sie wollen, nur nicht im Gebiet meiner Seelsorge. Solang ich Priester hier im Orte bin, werde ich es verhindern, daß man den schlichten Sinn der Landleute durch sündhaftes Gaukelspiel verdirbt.« »Herr!« fuhr der Schwarzkopf in Empörung auf. Da legte Jarno ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm: »Gib dich zufrieden, Bruder Laertes! Der Hochwürdige wird mit sich reden lassen.« Langsam war die Schwarze auf den jungen Priester zugegangen, sah ihn mit ihren Glutaugen an und sagte lächelnd: »Was wir bringen, ist kein sündhaftes Gaukelspiel, sondern heilige Kunst.« »Heilig? Mißbrauchen Sie dieses Wort nicht!« Der Kaplan trat einen Schritt zurück, als empfände er mit Unbehagen den heißen Blick, der auf ihm ruhte. »Ach, Herr Kaplan«, fiel die Blonde mit ihrem Zwitscherstimmchen ein, »wir sind doch wirklich keine Wölfe, die auf Seelenraub ausgehen.« »Wer und was Sie sind, darum hab ich mich nicht zu kümmern.« Der junge Priester wurde heftig. »Ich wiederhole Ihnen, daß ich Ihre Vorstellungen im Bereich meiner Seelsorge nicht dulde. Wenn Sie bis zum Abend das Dorf nicht verlassen haben, werden Sie durch die Gendarmerie das Weitere hören.« Er ging mit raschen Schritten der Straße zu. »Oh!« sagte die Schwarze, noch immer mit jenem feinen Lächeln. Es blitzte in ihren Augen. Auf dem Dach des Wagens richtete der Schlanke sich auf. »Gendarmerie? Da hat der Spaß für mich ein Ende.« Gemütlich winkte Jarno mit der Hand zu ihm hinauf: »Lustiger hätte die Sache nicht anfangen können, als mit diesem dramatischen Konflikt zwischen Kunst und Kirche.« Er klopfte der Blonden auf die Schulter. »Philinchen, das mit den Wölfen hast du fein gesagt.« Beim Hoftor verhielt der junge Priester den Schritt. Walter war ihm in den Weg getreten: »Grüß dich Gott, Innerebner!« Den stolzen Kopf zurückbeugend, sah der Kaplan an Walter hinauf, als stünde ein Fremder vor ihm. »Kennst du mich nicht mehr?« Walter lächelte. »Freilich, in mir hat sich viel verändert. Du, Michael, bist der gleiche geblieben. Immer Feuer und Zorn!« Wortlos drehte der Kaplan das Gesicht und schritt mit rauschendem Talar auf die Straße hinaus. Walter sah ihm nach. Und drüben beim Wagen zischelte das blonde Philinchen: »Das ist ja unser Fischer vom Weiher da draußen! Der scheint hier bekannt zu sein. Vielleicht kann er uns helfen?« Die ruhig Stolze nahm das Waldrauschkränzl von ihrem Haar und ging auf Walter zu. Mit schwermütig bittenden Augen sah sie zu ihm auf und dämpfte ihre herrliche Stimme zu leisem Klang: »Verzeihen Sie, mein Herr! Wir sind in großer Bedrängnis, man will uns verbieten, unsere Kunst zu üben. Da wir glauben, daß Sie hier im Dorfe Einfluß besitzen –« »Ich? Nein!« sagte Walter verlegen, den Hut in der Haud. Sie schüttelte sanft den schönen Kopf. »Ich glaube, daß Sie uns helfen könnten, wenn Sie nur wollten. Seien Sie versichert, daß wir die Förderung eines wohlwollenden Gönners auch verdienen. Es ist edle Kunst, die wir bringen, um bei den Landleuten den Sinn für das wahrhaft Schöne zu wecken. Für das Volk ist uns das Allerbeste gerade gut genug. Ach, bitte, bitte!« Wie warm diese Augen flehen konnten! »Ich kenne den Bürgermeister, auch den Pfarrer.« Walter hatte alle Verlegenheit überwunden. »Ob ich etwas ausrichten werde, kann ich nicht versprechen. Den Versuch will ich machen. Gleich. Vielleicht kann ich einer ungünstigen Beeinflussung des Pfarrers zuvorkommen.« Er grüßte und ging. Das Pfarrhaus stand im Schatten der Kirche, ein stilles weißes Haus, von einem Garten umzogen. Als Walter an dem grünen Staketenzaun das Türchen öffnete, hörte er Musik auf dem oberen Stockwerk klingen: die Flöte des Hochwürdigen und ein Klavier, dessen Ton an ein Spinett erinnerte. Walter lauschte. Ganz eigenartig berührte ihn dieser streng ineinandergeschlungene Doppelklang. Wie zwei Stimmen war's, die sich Unerschöpfliches zu sagen hatten, immer das gleiche, doch immer klarer, immer eindringlicher, bis sie mit einer ruhig ausklingenden Note einander zu bekennen schienen: Jetzt sind wir einig! – Eine Sonate von Bach. Walter hatte die Glocke gezogen. Eine alte Frau mit einem nonnenhaften Leinwandhäubchen öffnete ihm. »Ja, mein hochwürdiger Bruder ist daheim.« Sie ging voran durch einen gewölbten Flur, dessen einziger Schmuck ein Kreuzbild in Überlebensgröße war: ein schön geschnitzter Jünglingskörper, ohne Farbe, nur im warmen Braun des alten Holzes. Das sanfte Duldergesicht war nach der Tür gewendet, als möchte es jedem Eintretenden in die Seele blicken. Über eine ausgetretene Holztreppe ging's in den oberen Stock hinauf. Hier waren die Wände des Korridors mit Bücherschränken bedeckt. Beim Fenster stand ein Blumentisch mit blühenden Geranien. Aus einer Stube hörte Walter eine plaudernde Mädchenstimme. Er atmete auf, als hätte ihn etwas bedrückt und als wäre ihm plötzlich leichter ums Herz geworden. Die alte Frau pochte leis an die Tür. Der Pfarrer guckte heraus, im Haustalar und mit dem Käppl, die Flöte unter dem Arm. »Oooh?« Er schien sich vor Staunen kaum zu fassen. »Sie? Im Pfarrhof? Aber bitte, kommen Sie herein!« Als Walter in die Stube trat, erhob sich Mathild von dem Sessel, der vor einem altmodischen Stutzflügel stand. Leichte Röte war ihr über die Wangen geglitten. Sie sah aus, als wäre sie ein bißchen erschrocken. Walter begrüßte den Pfarrer. »Ich fürchte, Hochwürden, daß ich störe?« »Nein, Herr Doktor! Wir sind gerade fertig geworden. Gelt, Thildele?« »Ja, Hochwürden!« Sie schloß das Notenheft auf dem Pult des Flügels. Walter reichte ihr die Hand: »Das ist mir lieb, Fräulein, daß ich Sie hier finde. Da müssen Sie mir bei einer Bitte helfen.« Der Pfarrer legte die Flöte fort, rückte für Walter einen Sessel vor den Tisch und setzte sich ihm gegenüber, während Mathild ihren Platz beim Flügel wieder einnahm. »Also? Schießen S' los, Herr Doktor!« »Ich soll Ihre Zustimmung erwirken, daß eine Theatergesellschaft, die heut in Langental eingetroffen ist, Vorstellungen geben darf.« Befremdet sah ihn Mathild an, während der Pfarrer erwiderte: »Da hab ich nichts zu erlauben und nichts zu verbieten. Wenn der Wirt ihnen den Saal gibt, und wenn die Leute ihre behördliche Konzession haben?« »Die haben sie, Hochwürden.« »Dann ist die Sache in Ordnung.« »Doch nicht, Herr Pfarrer! Kaplan Innerebner hat den Versuch gemacht, die Leute aus dem Dorf zu weisen.« »Mein Kaplan? Warum denn?« »Aus Sorge um das Seelenheil der Pfarrkinder.« »Ach Gott!« Der Pfarrer trommelte mit den Fingern auf den Tisch, als hätte er die Klappen seiner Flöte für ein Allegro unter den Händen. Walter erzählte, was sich vor dem Wirtshaus abgespielt hatte. »Der Herr Kaplan hat das Feuer seines Zornes geschwungen, als hätte er mit dem Flammenschwert die Pforten des Paradieses zu verteidigen. Schließlich drohte er den Leuten mit der Gendarmerie.« Der Hochwürdige rückte nervös das Käppl hin und her. »So ein Hitzköpfl, so ein unverbesserliches! Hundertmal hab ich ihm schon gesagt –« Er unterbrach sich und seufzte. »Der Innerebner meint es immer aufrichtig und hätte das Zeug zu einem guten Priester, wenn – no ja, wenn er sich halt das Leben ein bißl ruhiger anschauen möcht. Priester sein! Das heißt doch vor allem: Mensch sein! Aber da schicken sie uns die jungen Leut aus dem Seminar heraus, daß man nimmer weiß, wie man Menschen aus ihnen machen soll.« Walter nickte. »Ja, Hochwürden! Mensch sein? Das lernt man nicht im Seminar.« Der Pfarrer guckte ihn von der Seite an. »Freilich, da haben Sie ein bisserl Erfahrung, gelt?« Walter stand auf. »Hochwürden wissen?« In Unbehagen rückte der Pfarrer wieder das Käppl. »Wär gescheiter gewesen, ich hätt das unvorsichtige Wörtl für mich behalten. Na also! Gestern hab ich nicht kommen wollen, um jeder Kontroverse aus dem Weg zu gehen. Jetzt hab ich den Disput im eignen Haus.« Er erhob sich. Mathild trat auf ihn zu und legte ihm die Hand auf den Arm. »Nur ruhig, Thildele! Die Nasen werden wir uns nicht aus dem Gesicht reißen.« Der Pfarrer nahm die Flöte vom Tisch, als wäre sie da nicht mehr sicher, und legte sie in die Fensternische. »Natürlich weiß ich! Der Innerebner ist doch im Seminar Ihr Pultnachbar gewesen. Wie er Sie neulich vom Hohen Schein hat herkommen sehen, hat er mir die Neuigkeit brühwarm zugetragen.« »Er hat mich gesehen? Ich dachte, er wäre so vertieft in sein Brevier –« Es zuckte um Walters Mund. »Eigentlich hätt ich mir das gestern schon denken müssen. Bei aller Freundlichkeit, mit der Sie zu mir sprachen, hatte ich doch das Gefühl: aus diesem Manne redet eine Scheu vor dir, ein unbehagliches Widerstreben.« »Nein, Herr Doktor! Das heißt, ja, die Scheu ist dagewesen. Aber die Geschichte vom Moosjäger hat sie mir genommen. Die kenn ich auch. Und was ich gestern meinem Freund Ehrenreich gesagt habe, das kann ich Ihnen auch ins Gesicht sagen. Ich habe gesagt –« »Hochwürden!« stammelte Mathild. »Ich habe gesagt, daß ich nichts Schlechtes von Ihnen weiß, aber daß ich ein bisserl mißtrauisch bin gegen Menschen, die gar so leicht von einem ernsten Lebensweg abspringen.« Walter war bleich geworden. »Sie werden mir das Recht nicht verwehren, daß ich mich verteidige.« Mathild, in Erregung, hatte das Notenheft vom Pult genommen. »Ich muß nach Hause.« »Fräulein, ich bitte Sie, zu bleiben!« Walter nahm ihre Hand. »Und bitte Sie, mitanzuhören, was ich dem Herrn Pfarrer zu sagen habe.« Forschend betrachtete der Pfarrer Mathilds Gesicht. »Er hat recht, Thildele! Wenn du bleibst, werden wir leichter miteinander reden, wenigstens ruhiger.« Da fing die Zwölfuhrglocke zu läuten an. »Um meine Ruhe, Hochwürden, brauchen Sie nicht besorgt zu sein.« »Pardon, Herr Doktor, es läutet!« unterbrach der Pfarrer freundlich. »Ich bin Geistlicher, und das ist der Pfarrhof!« Er bekreuzte sich und nahm das Käppl ab. »Gott in seiner Liebe hat uns wieder einen schönen Tag gegeben. Dafür wollen wir ihm danken.« Es war still in der Stube. Die Glockentöne pochten wie mit leisen Händen an die Fensterscheiben. Erregt betrachtete Walter den greisen Pfarrer. Dann irrten seine Augen durch die bescheidene Stube hin, die außer dem Flügel und einem schön geschnitzten Notenpult nur das einfachste Gerät enthielt. An den bläulich getünchten Wänden hingen alte Kupferstiche nach Raffael, Fra Angelico und Carlo Dolci, in billigen, vor Alter glanzlos gewordenen Goldleisten. Über dem Tisch ein schwarzes Kruzifix mit welkenden Palmzweigen. Warm fiel die Sonne durch alle Fenster. Die Glocke schwieg. Sich bekreuzend, setzte der Pfarrer das Käppl wieder auf. »Bitte, Herr Doktor, nehmen Sie Platz! Und du, Thildele, setz dich zu mir!« Er rückte hinter dem Tisch in die Holzbank und zog das Mädchen an seine Seite. Ein paar Sekunden saßen die drei sich schweigend gegenüber. Walter schien nach dem ersten Wort zu suchen. »Hochwürden! Diese paar Tage, seit ich hier bin, haben mir wohlgetan. Was sie in mir geweckt haben, möcht ich mir nicht mehr nehmen lassen. Ich möchte Bleiben. Bei Menschen, in deren Nähe ich mich wohlfühle. Auch in Ihrer Nähe, Hochwürden! Deshalb sollen Sie mich nicht verkennen, sondern klar in mein Leben sehen. Nicht aus Leichtsinn hab ich den Weg verlassen, auf den ich seit meiner Kindheit gestellt war. Ich habe schwer gekämpft. Und habe keinen Treubruch begangen, sondern als ehrlicher Mensch gehandelt, als ich einen Beruf verließ, der sich mit meinen Anschauungen nicht mehr vertrug und zu dem ich gezwungen wurde.« »Gezwungen?« Der Pfarrer hatte eine Furche auf der Stirn. »Durch einen Wunsch Ihrer Eltern?« »Das weiß ich nicht. Mein Vater war schon tot, als es in mich hineingelegt wurde, daß ich fürs Leben keinen anderen Weg hätte. An meinen Vater, wie er als Lebender war, erinnere ich mich kaum. Er hatte ein Waldgut in Niederbayern und war schon ein Vierziger, als er eine junge, schöne Frau nahm. – Wenn andere Menschen an ihre Kindheit zurückdenken, sehen sie das Gesicht der Mutter. Ich sehe das Gesicht einer Magd. Die Mutter war immer, ich weiß nicht wo. Der Vater hatte den ganzen Tag zu tun. Am Abend kam er in meine Stube, ließ mich auf dem Knie reiten und schupste mich in die Luft, daß ich Angst hatte, mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Ich kann mich erinnern, daß er immer fragte: »Ist die Gnädige schon daheim?« Wenn die Magd den Kopf schüttelte, ging er auf der Stube und schlug die Tür zu. Oft in der Nacht hörte ich auf dem anstoßenden Zimmer seine zornige Stimme. Wenn am Morgen die Mutter zu mir in die Stube kam, war sie bleich, und ihre Augen hatten keinen guten Blick. Ich kann mich nicht erinnern, daß sie mich je in ihre Arme genommen oder mich geküßt hätte. Das hat nur die alte Magd getan.« Mathild machte eine Bewegung, als möchte sie über den Tisch hinübergreifen, um Walters Hand zu fassen. Und der Pfarrer sagte bewegt: »Ihnen hat das Leben das Beste genommen, was es geben kann: eine frohe Kinderzeit.« »Mit sieben Jahren schickte man mich in die Schule. Im Sommer einmal, als ich heimkam, war ein Haufe schreiender Leute in unserem Garten. Auf dem weißen Kiesweg lag mein Vater, den sie aus dem Wald gebracht hatten. Unter dem braunen Bart rann ihm das Blut über den Hals, eine Falte war auf seiner Stirn, und die Augen sahen starr zum Himmel hinauf. So seh ich meinen Vater seit zwanzig Jahren, wenn ich mich an ihn erinnere.« Mathilds Gesicht war von Schreck verstört. »Ein Unglück, hieß es. Ein Unglück auf der Jagd. Dann trug meine Mutter ein schwarzes Kleid. Jeden Morgen ging sie zur Kirche. Und jeden Nachmittag kam der Benefiziat in unser Haus. Er hatte einen Schritt. den man nicht hörte. Plötzlich stand er vor einem da. Und Augen hatte er, daß ich zittern mußte. Sooft er kam, legte er mir die Hand aufs Haar und sagte: Bete, mein Kind! Bete! Bete!« Der Pfarrer wurde nervös. »Im Herbst verreiste meine Mutter. Mich gab sie dem Benefiziaten ins Haus. Das lag in einem verwilderten Garten, ein unheimliches Gebäude, das vierzehn Zimmer hatte, von denen nur fünf zum Wohnen eingerichtet waren. Die anderen standen leer. Da hörte ich als kleiner Junge immer Gespenster in der Nacht. Es waren die Mäuse. Die Schule durfte ich nicht mehr besuchen, der Benefiziat unterrichtete mich. Er predigte mir einen Gott, dessen Bild mich in der Nacht nicht schlafen ließ. Immer stand es im Finstern vor meinem Bett, mit hartem Gesicht, mit Augen, die den gleichen Blick hatten wie die Augen des Benefiziaten.« »Thildele«, sagte der Pfarrer, »da kann ich nimmer sitzenbleiben!« Er schob sich aus der Bank und wanderte durch die Stube. Mathild blieb stehen, mit dem Rücken gegen das Fenster, das Haar von dem Sonnenstrahl umleuchtet, der durch die Scheiben fiel. »Und Ihre Mutter?« fragte sie mit erloschener Stimme. »Die war auf Reisen. Immer. Der Benefiziat sagte: auf der Wallfahrt, um Gott zu versöhnen! Als ich ein dreizehnjähriger Bub war, wußte ich schon, daß ich meiner Mutter helfen und Gott mein Leben opfern müßte. Warum? Das begriff ich nicht. Verschüchtert ließ ich alles mit mir geschehen. Und lernte. Um Gott zu versöhnen! Jeden Morgen und Abend, Sommer und Winter, durfte ich viermal um den großen Garten herumgehen. Hatte ich ein schlechtes Pensum gemacht, so wurde mir diese ›Ablenkung‹ entzogen, und ich wurde zur Strafe in ein leeres Zimmer gesperrt. Da stand ich am Fenster, in meinem Herzen immer die Frage: Wie weit ist Gott von mir? Wenn ich in der Nacht nicht schlafen konnte und stundenlang hinaufsah zu den Sternen, fing ich an, die Grillen der Welt zu kitzeln wie die Lies auf dem Hohen Schein. Niemand sagte mir ein Wort von den Wundern, die unser Leben umringen. Wenn ich mich mit einer scheuen Frage an meinen Lehrer wandte, schnauzte er mich an: Du dummer Bub, schau in den Katechismns, da steht alles drin.« »Das ist nicht nur ein schlechter Mensch gewesen«, platzte der Pfarrer heraus, »sondern auch ein Esel! Im Katechismus steht gar nichts!« Da erschrak er über das eigene Wort. »Ich wollte sagen: das sind nur Buchstaben. Der Geist, der sie lebendig macht, muß in unseren Herzen erwachen.« »In mir erwachte er nicht. Weil ihn niemand weckte. Zwölf Jahre bin ich in diesem Haus geblieben. Und habe fleißig im Katechismus gelesen, so lange, bis mein bohrender Knabenverstand die Löcher zwischen den Zeilen sah. Für den Beruf, zu dem ich erzogen wurde, war ich schon verloren, als ich das Hans des Benefiziaten verließ, um ins Seminar zu übersiedeln.« »Das ist ja kein Wunder!« In Erregung ging der Pfarrer auf Walter zu und faßte ihn an den Schultern. »Was an Ihnen verbrochen wurde, hat nichts mit Gott zu tun, nichts mit der Kirche. Das geht nur auf Rechnung des dummen Menschen, in dessen Hände Sie gefallen sind.« »Ja, Hochwürden! Das hab ich mir selbst gesagt, als ich von ihm erlöst war. Ich hatte den redlichen Willen, alles wieder aufzubauen, was er in mir zerschlagen hatte. Jeden Zweifel begann ich mit Gewalt zu ersticken, meine dürstende Seele brannte der Erkenntnis Gottes wie ein reines Opfer entgegen, und mit heißer Süßigkeit erwachte in mir der Traum: ein Priester zu werden, nach dem die Leidenden ihre zuckenden Hände strecken, ein Priester, der jedem Schmerz der Menschen die Liebe Gottes predigt.« Der Pfarrer nickte. Seine Augen sahen ins Leere, wie die Erinnerung ins Vergangene blickt. »Meine Begeisterung weckte den Spott der Alumnen, das Mißtrauen meiner Lehrer. Statt mich zu stützen, sahen sie eine Gefahr in mir. Meiner brennenden Sehnsucht stellten sie die kalte Formel gegenüber, und meine dürstende Begeisterung wollten sie zu dem verständigen Handwerk abdämpfen, das ich sie aus dem Glauben machen sah. Dagegen sträubte sich alles in mir –« »Handwerk?« unterbrach der Pfarrer mit einem Seufzer. »Lieber, junger Freund! Jeder von uns, der es ehrlich meint, hat in seiner Jugend einmal den schönen Traum vom weißgeflügelten Priestertum gehabt. Aber schließlich kommt man zur Erkenntnis, daß es ganz ohne Handwerk mit dem besten Willen nicht abgeht. Ein galanter Stadtpfarrer, aaah, freilich! Wenn da die eleganten, seidenrauschigen Weiberln kommen! Je poetischer ein Wörtl ist, um so lieber schlucken sie's. Aber ein Landpfarrer und seine Bauern? Och, du lieber Herrgott! Da möcht man weit kommen mit der idealen Theosophie! Bei den Bauern muß der Herrgott den Blitz biegen, aufs Vieh schauen und den blauen Mantel unter die Hagelwolken halten. Sonst glauben s' net. Ja, fragen Sie nur das liebe Mädel da! Die hat mir schon hundertmal geholfen, als Pfarrer mein Handwerk treiben.« »Hochwürden«, stammelte Mathild, »wie können Sie nur jetzt an mich denken?« »Ja! Wie oft schon hab ich, wörtlich und bildlich gesprochen, von einem ungeduldigen Kranken ein Herrgottsackerment ums andere anhören müssen! Mach ich's aber wie du und komm mit dem Körbl voll Gotteslieb, die dem schwachen Krankenmagen schön wohltut, da heißt's nachher gleich: ›Herrgott, sei Lob und Dank!‹ Man muß den Leuten den Gott predigen, den ihre Herzen fassen können. Das versteh ich unter priesterlichem Handwerk. Schwitzt der Bauer in seiner Müh, so muß ich sagen: Gottes Lieb ist ein frischer Trunk. Wenn er friert, muß es heißen: Gottes Lieb ist ein warmer Pelz. Ob man das so oder so macht, das ist gleichgültig. Hauptsach ist, daß man den Menschen für jeden Kummer ein Tröpfl warmer Hoffnung in die Herzen gießt. Und was ich da unser Handwerk nenne, das ist auch für uns Geistliche selber eine gute Sache. Das hilft über zwecklose Skrupel hinüber. Ich bin ein gläubiger Priester. Aber wenn ich nur immer predigen dürft, was in mir zum unanfechtbaren Satz geworden ist? Och, du lieber Herrgott! Da käm ich manchmal schön in Verlegenheit. Ich glaub an Gott und dien ihm nach besten Kräften. Aber Gott begreifen wollen und das komplizierte Wunder seiner Schöpfung bis aufs Tipserl erklären?« Der Pfarrer schüttelte den grauen Kopf. »Vielleicht haben Sie schon bemerkt, daß ich große Stücke auf die Musik halte? Und wenn ich mit dem Thildele musizier, und es kommt da so ein Klang, der mir zutiefst hineinredet ins Herz? Hab ich da schon alles erklärt, wenn ich sag: das Thildele drückt mit den Fingern auf die Tasten hin und der alte Pfarrer Christian Schnerfer bläst sein bisserl Atem in das hölzerne Röhrl? Und wenn ich aus dem Konversationslexikon herauslese, wieviel Schwingungen der Ton in der Sekunde macht, sagt mir das etwas über seine lebendige Seele? Nein, Doktor! Aber wenn mir bei einer schönen Harmonie das Herz zittert, daß mir bei allen Sorgen meines alten Lebens leicht und wohl zumut ist, dann spür ich's in mir: das ist ein Klang auf Gottes großer Harfe! Und diese Erkenntnis meines Herzens macht mich dankbar, gläubig und fromm!« Walter sah mit herzlichem Blick zu dem greisen Priester auf. »Hätte im Streit meiner traurigen Jugend nur ein einziger meiner Lehrer so zu mir geredet, so trüge ich heut den Priesterrock und würde ihm keine Unehr machen. Niemand erleichterte mir den Kampf, alle erschwerten ihn mir nur. Zn allem Streit meiner Seele kam noch ein anderer Kampf. Den auch das Seminar in mir weckte. Und der meine Natur empörte und mich halb von Sinnen brachte!« Er verstummte, mit einem scheuen Blick auf Mathild. Dann sagte er hart: »Sie verstehen wohl, Hochwürden? Das kann auch an Ihrer Jugend nicht mit verhülltem Gesicht vorübergegangen sein.« – Wortlos sah der Pfarrer durch das Fenster in den schönen Tag hinaus. »Mir half darüber ein Gefühl hinweg, das die Nachricht vom Tod meiner Mutter in mir wachrief. Sie war auf der Reise gestorben, auf einer Wallfahrt nach Loretto. Ich hatte sie drei Jahre nicht mehr gesehen. Jenes letztemal stand sie vor mir in schwarzer Seide, eine fremde Dame, von der ich nicht begriff, warum ich Mutter zu ihr sagen sollte. Jetzt, da ich sie verloren hatte, verwandelte sich ihr Bild. Mit dürstender Sehnsucht nach Zärtlichkeit begann ich in ihr die Mutter zu lieben, die sie mir nie gewesen. Keine Nacht verging, in der ich nicht träumte, daß ihre schönen Augen in Liebe auf mir ruhten, und daß sie mich in ihre Arme nahm und küßte.« Walter schwieg eine Weile. »Da kam es, daß ich die erste Weihe empfangen sollte. In aller Ehrlichkeit meines gequälten Herzens bin ich zum Rektor gegangen und bat ihn, mir Zeit zu lassen. Ich wäre der Weihe noch nicht würdig.« »Und der Rektor?« »Der gab mir zur Antwort: daß die Schlange des abtrünnigen Geistes in mir groß gewachsen wäre, und daß er die Pflicht hätte, ihr den Kopf zu zertreten. Deshalb müßte er mir sagen, was man aus Barmherzigkeit bisher verschwiegen hätte: daß eine heilige Pflicht der Sühne auf mich gelegt wäre, um Gott den büßenden Seelen meiner Eltern gnädig zu stimmen. Der Tod meines Vaters wäre ein Selbstmord gewesen, zu dem die Untreue meiner Mutter ihn getrieben.« »Hochwürden!« stammelte Mathild. »Darf es denn Menschen geben, die einem Kind das sagen können?« Der Pfarrer wehrte: »Thildele, laß mich in Ruh!« Er machte mit rotem Kopf einen Marsch durch die Stube. »Sonst kommst du mir allweil mit deinem Goethe! In dem alles drinsteht! Also! Jetzt such dir so ein Sprüchl auf, das auf alle Katzensprüng im Leben paßt.« Ein wenig ruhiger geworden, blieb er vor Walter stehen. »Und Sie, Herr Doktor? Was haben Sie ihm gesagt?« »Kein Wort. In der Nacht bin ich durch ein Fenster auf die Straße gesprungen. Alles leer in mir! Hilflos stand ich im Trubel einer Welt, die ich nie gesehen. Es trieb mich heim, zu dem Fleck Erde hin, aus dem mein Vater verblutet war. Haus und Gut war verkauft, alles zu Geld gemacht. Daß ich mit dem Benefiziaten, der mein Vormuud war, einen Prozeß um mein Erbe führen mußte, das gab mir halb die Ruhe wieder und stimmte mich seltsam heiter. An eine Zukunft dachte ich nicht. Nur wissen wollte ich, verstehen: die Menschen, das Leben, Gott, die Welt! Ich begann zu arbeiten. Die Jahre vergingen, ich weiß nicht wie. Die Religion hatte versagt, ich suchte Hilfe bei der Philosophie und fand nur das tanzende Wort, nur die Nomenklatur des Unerklärlichen. Seit Plato ist durch die Philosophie kein neuer Gedanke in die Menschheit gekommen, wenigstens kein tröstender. Als ich das erkannte, suchte ich Rettung bei den Naturwissenschaften. Die haben Fortschritte gemacht. Aber für die Lösung der letzten Fragen haben auch sie die Erkenntnissehnsucht der Menschen um keinen Schritt weitergebracht. Immer wieder die unübersteigliche Mauer, der undurchdringliche Schleier! Immer das gleiche Schweigen auf unsere schreienden Fragen: Gott, wo bist du? Was ist dein Wille? Wie wirkt deine Kraft? Was ist die Welt? Ist sie ein Totes, das ewig dauert? Oder ein Lebendiges, das geboren wurde und sterben muß? Und im Herzen dieses Riesen, wie ein rollendes Tröpflein Blut, unser kleines schleichendes Leben? Was ist das? Wie entstand es? Warum? Welchen Zweck hat unser Leben? Das erforschen und begreifen zu wollen? Nutzlose Mühe!« »Und alles Wunder hinnehmen, wie es vom Schöpfer gegeben ist?« Dem Pfarrer zitterte die Stimme. »Und an einen großen und guten Gott glauben, der uns in Weisheit die Wege seines Willens verhüllt? Ist das nicht leichter?« Walter schüttelte den Kopf. »Das ist so schwer wie das andere.« »Aber tröstlicher! Und was wollen die Philosophen? Ihre Neugier still machen, die Ruhe fürs Leben finden, das Gleichgewicht für ihre Seele. Hat das einer schon erreicht? Steht da ein Mensch mit gläubigem Herzen, der ruhig in die Finsternis und froh in die Sonne schaut, nicht höher als der größte Philosoph?« »Sie mögen recht haben!« sagte Walter mit bitterem Lächeln. »Aber die Kirche lehrt, daß der Glaube eine Gnade ist, die von oben kommt. Mir kam sie nicht. Und die Wege, die ich aus eigener Kraft gegangen, führten meinen Durst zu keiner Quelle, aus der sich's trinken ließ. Die Luft meiner vier Wände hat mir übel gemacht. Jetzt will ich Sonne haben, freie Luft und weite Wälder. Sonst nichts. Ich fühle, daß der Weg, den ich eingeschlagen habe, ein guter ist. Mehr als aus hundert Büchern hab ich heut von einer Mücke gelernt.« Er erhob sich und fand ein Lächeln. »Ich will nützen, wo ich es vermag, und will meinem kommenden Leben redlich entgegenwandern. Einer, der nie betrügt, kann nie betrogen werden. Und kann ich leben ohne Furcht, so ist mein Leben ohne Gefahr.« Der Pfarrer legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ich will nicht prophezeien, lieber Doktor! Aber der ringende Christ, der in Ihnen steckt, wird noch seine Kirche finden. Redlich sein, ist der sicherste Weg zu Gott. Und Sie sind ein redlicher Mensch. Ich bekenne gern, daß ich Ihnen Unrecht getan habe. Jetzt wollen wir uns als gute Freunde Grüßgott sagen! Gelt?« »Ich danke Ihnen, Hochwürden!« »Daß ich Ihnen die Bitte nicht abschlage, die Sie in mein Haus geführt hat, ist selbstverständlich. Wenn Sie eine Minute warten wollen, schreib ich an den Bürgermeister.« Der Pfarrer ging in das anstoßende Zimmer. Nach ein paar schweigsamen Sekunden trat Mathild auf Walter zu und streckte ihm die Hände hin. Ihre Wangen brannten. »Fräulein?« Es leuchtete wie frohe Dankbarkeit in seinem Blick. »Was ich Ihnen aus mir selber sagen könnte, ist mir nicht genug. Ich will Ihnen etwas Besseres sagen, weil mich vorhin der Pfarrer an ihn erinnerte –« »Goethe?« Sie nickte. »In einem seiner Briefe ist eine Stelle, wörtlich weiß ich sie nicht, nur den Sinn: daß unser Leben den Sibyllinischen Büchern gleicht, es wird immer kostbarer, je weniger davon übrig bleibt.« Ihre Stimme war ruhig geworden. »Und noch ein anderes von seinen großen Worten, vielleicht sein größtes, wie Papa immer sagt –« »Welches?« »Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst.« Er atmete tief. »Ein Wort wie eine Offenbarung! Es verrät mir erst, was Sie mit dem andern sagen wollten. Ich danke Ihnen!« Wieder, wie in der Nacht beim Brunnen, legte er ihre Hand an seine Wange. »Fräulein Mathild? Soll auch ich Ihnen sagen, was ich mir denke? Jetzt?« Mathild schwieg. »Ich denke mir, daß ich eine Schwester habe, eine liebe, gute, kluge Schwester.« Da trat der Pfarrer in die Stube, mit einem Blatt, das er schwenkte, um die Schrift zu trocknen. »So, lieber Doktor, das brauchen die Schauspieler nur beim Sonnweber vorzuweisen. Ich bin zwar selber kein besonderer Freund von solchen Theatersachen. Aber um Ihnen gefällig zu sein – und schließlich glaub ich, daß eine besoffene Kirchweih die Bauern mehr verdirbt als ein Dutzend Theaterstücke, und wenn's auch keine guten wären.« Walter nahm seinen Hut. »Die Leute haben mir versichert, daß sie es als ihre Aufgabe betrachten, im Volk den Sinn für das Schöne zu wecken. Für das Volk wäre ihnen das Beste gerade gut genug.« »Das Beste?« fragte Mathild. »Ich wett«, sagte der Pfarrer lächelnd, »das Thildele meint jetzt: dann müßten sie Goethe spielen. Aber der Faust und meine Bauern! Och, du lieber Herrgott! Das wär mir das Wahre! Und Ihren guten Glauben in Ehren, lieber Doktor, aber da haben Sie sich doch ein bisserl anplauschen lassen.« »Die Leute machen einen guten Eindruck.« »Also! Meintwegen! Mit dem Innerebner wird's freilich einen Krawall absetzen.« Der Pfarrer seufzte. »Den muß das Leben einmal fest bei der Nasen packen, daß im Kaplan der Mensch lebendig wird!« Er reichte Walter die Hand. »Adieu, mein lieber Herr Amtsbruder a. D.!« Walter lachte. Auch der Hochwürdige lachte mit; doch als sich die Tür hinter Walter geschlossen hatte, wurde der Pfarrer ernst. »Das Leben! Und die Leut! Thildele, jetzt muß ich ein bisserl Musik hören. Hast du noch ein Viertelstündl Zeit für das Largo?« »Ja, Hochwürden!« Sie ging zum Flügel. Der Pfarrer holte seine Flöte und setzte sich vor das Pult. An den Klappen fingernd, sah er nachdenklich vor sich hin. »Das ist ein braver Mensch. Daß er durch eine solche Vergangenheit nicht verdorben wurde, ist ein starker Beweis für ihn. Freilich vor dem Leben steht er jetzt da, wie ein junger Dackel vor der ersten Suppenschüssel. Der wird sich den Schnabel schön verbrennen. Geb's Gott, daß er bald eine feste Hand findet, die ihn ans Bandl nimmt!« Aufatmend hob er die Flöte. »Also, Thildele! Das Tempo nur recht ruhig, gelt!« Die Saiten des altväterischen Flügels begannen zu schwirren, mit einem Klang, der an das Geflüster einer Äolsharfe erinnerte. Und zärtlich sang die Flöte, mit feinem Ton. 7 Übermütige Heiterkeit füllte das Herrenstübchen des Wirtshauses. Die merkwürdigen Brüder und Schwestern vom Thespiskarren hatten eine reichliche Mahlzeit eingenommen, saßen beim schwarzen Kaffee, und der Qualm der Zigaretten durchduftete die Wirtsstube mit Ägyptens Wohlgerüchen. Die Blonde hatte bei einem Blick durchs Fenster gesehen, daß Walter kam. »Da naht sich unsres Friedens holder Bote.« Sie trällerte die Weise aus dem Freischütz: »Max bringt gute Zeichen mit!« In lustigem Aufruhr drängten alle zum Fenster. Nur die ruhig Stolze bewahrte ihre Würde und sagte zur Schwarzen: »Milka, wirf die Zigarette weg!« »Ach, Unsinn, weshalb denn?« »Alles Unweibliche irritiert einen teutschen Jüngling.« »Schwester Aurelia!« fiel Jarno ein. »Keinen Vertragsbruch! Wer ist Milka? Ein Name, deinem Ohr so fremd wie meinem Herzen!« »Kinder«, rief die Blonde, »ich bin rasend neugierig, wer siegen wird, die Kunst oder die Kirche!« Lachend huschte sie zur Stube hinaus. Die anderen folgten, als letzter der schlanke Reiter, der erst noch eine frische Zigarette aus einer goldenen Dose nahm, in deren Ecke ein Rubin funkelte. Als er in den Hof hinauskam, standen die anderen schon um Walter her, der seine papierene Friedenstaube der ruhig Stolzen hinreichte. »Der Pfarrer hat seine Zustimmung gegeben. Sie brauchen nur dieses Blatt beim Bürgermeister vorzuweisen.« »Dank, edler Gönner!« sagte das schöne Mädchen mit Wärme. Und Jarno fiel ein: »Dieser Dank war uns allen aus dem Herzen gesprochen. Dürfen wir den Namen des fürtrefflichen Mannes kennen, dem wir verpflichtet sind?« Walter zögerte, bevor er seinen Namen nannte. Er schien sich inmitten dieser merkwürdig stilvollen Menschen nicht behaglich zu fühlen. »Ihr Name, Herr Doktor, wird goldene Wohnungen in unseren Herzen haben. Gestatten Sie, daß ich Sie mit meinen tapferen Mitkämpfern auf dem Felde der Kunst bekannt mache. Ich selbst, dessen Händen das Wohl und Wehe dieser auserlesenen Truppe anvertraut ist, heiße Jarno. Eigentlich sollte ich auf den Namen Serlo getauft werden. Aber Jarno gefiel mir besser. Das ist der Typus des geistig Überlegenen.« »Und eines höchst verdorbenen Herzens!« kicherte die Blonde. »Nicht vorlaut, Philinchen! Auch du kommst an die Reihe.« Jarno legte die Hand auf die Schulter der ruhig Stolzen. »Das ist Aurelia, die klügste von allen Schwestern. Ein Bild antiker Ruhe! Doch nur äußerlich. Auf der Bühne bricht die Flamme ihres Innern durch und zerreißt ihr das eigene Herz. Mit Vorliebe hört sie die Bekenntnisse schöner Seelen an und spielt in unbewachten Augenblicken gerne mit einem Dolch, an sich ein harmloses Instrument, kann aber unter Umständen gefährlich werden.« Die anderen lachten, als wäre jedes Wort, das Jarno sprach, ein glänzender Witz. Sogar die ruhig Stolze schmunzelte. Nur der schlanke Reiter schien sich nicht auf der Höhe des Verständnisses zu bewegen und lachte manchmal, als wüßte er nicht recht, warum. Für Walter begann der Auftritt unerquicklich zu werden. Das alles klang ihm wie Unsinn, und dennoch fühlte er: das hat versteckten Sinn. »Tritt näher, du heißes Herz!« sagte Jarno und winkte der Schwarzen. »Hier sehen Sie unsere Mariane, die geliebte Kreatur! Sie ist artig und natürlich, in mancher Hinsicht gefällig und in jedem Sinne leidlich. Der gute Norberg schenkt ihr zuweilen ein Stück Musselin zum Nachtkleide. Aus uneigennütziger Großmut, die ihre herrschende Leidenschaft ist, nimmt sie sich mit großem Eifer der Unmündigen liebreich an. Um es kurz zu sagen: ein süßes Geschöpf! Hat nur den einzigen Fehler, daß sie schläfrig wird, wenn von einem Puppenspiel die Rede ist.« »Bruder Jarno«, sagte der Schwarzkopf mit den träumerischen Augen, »an dir ist ein Menageriedirektor verlorengegangen! Du hast eine Art, die wilden Tiere vorzuführen –« »Ahnungsvoller Engel! Es ist als Regisseur doch meine Aufgabe, die Affen menschlich herauszuputzen und die Pudel tanzen zu lehren. Tritt näher, Philinchen! Noch näher!« Die Blonde knickste im zierlichsten Menuettstil. »Spare dir die Mühe! Ich setze mich selbst in Szene.« Wie am Schnürchen plauderte sie das Folgende her: »Man nennt mich Philine, die angenehme Sünderin. Auf den Dank der Männer pfleg ich nie zu rechnen. Hab ich einen lieb, was geht's ihn an? Mein Haar ist blond, nur die Schramme fehlt auf meiner Stirn. Obwohl ich also nicht im geringsten gezeichnet bin, muß man sich doch hüten vor mir!« Sie streckte graziös das niedliche Füßchen über den Saum des Kleides vor. »Mein Pantöffelchen ist eine gefährliche Waffe!« Die anderen klatschten. Nur Jarno zuckte die Achseln. »Man darf ihr den Handel nicht verderben. Ich bin ihr Freund, weil sie mir das Geschlecht so rein darstellt. Die wahre Eva!« »Vor oder nach dem Sündenfall?« fragte der Schlanke. »Bravo!« applaudierten die anderen, als wäre bei dem Schlanken solch ein Aufblitzen des Humors eine Rarität. Walter, der wie auf Kohlen stand, wollte einen Versuch machen, sich zu verabschieden. Jarno nahm seinen Arm. »Noch einen Augenblick Geduld, Herr Doktor! Auch mein Bruder Laertes geizt nach der Ehre, sich vor Ihnen neigen zu dürfen.« Er winkte dem schönen Schwarzkopf. »Tritt näher und lege den Trauermantel deiner Seele in stolze Falten! Darauf versteht er sich. Im übrigen ist er ein wackerer Jüngling, ein großer Fechter vor den Damen. Aber die Limonaden, die sie brauen, findet er matt. Der arme Narr ist ein Weiberfeind.« Unter allen Scherzen Jarnos weckte dieser letzte das lauteste Gelächter. »Doch geht die Rede, daß er zur Abwechslung auch ein kleines Abenteuer nicht verschmäht. Ein solches will ich dir gönnen, Bruder! Nimm dieses inhaltsschwere Blatt, wandle zum Bürgermeister und bahne der Kunst eine Gasse! Wir andern wollen unser Werk mit Ernst bereiten!« Würdevoll verneigte er sich vor Walter. Da rief der Schlanke: »Na, Jarno? Bin ich als Kunstjüngling à la suite gestellt?« »Oh! Wenn Sie wünschen?« Jarno präsentierte den Schlanken mit zeremoniöser Geste: »Unser Meister! Und um ihn ganz zu nennen: unser Willy Meister! Ich könnte auch sagen: Willy von Meister.« Da lachten die anderen schon. »Er ist ein Kind aus bestem Hause. Am Tage schwebt er in höheren Regionen. Kommt die Nacht, so hüllt er sich in seinen Mantel, alle Lindors und Leanders im Busen, immer bestrebt, den Gegenstand seiner Leidenschaft zu adeln. Dabei entdeckte er seine Bestimmung fürs Theater, das er allzusehr liebt, um es recht zu kennen.« Jetzt gab es ein Klatschen und Lachen, daß Jarno die Verpflichtung fühlte, sich dankend zu verbeugen. »Aber auch einen Vorwurf hab ich ihm zu machen. Der ernsten Verpflichtung seines Namens, mit Vorliebe den Hamlet zu erklären, ist er bis heute nicht nachgekommen. Das ist aber auch das einzige, was er schuldig bleibt. Seine Gesinnungen sind edel, seine Absichten die lautersten, nur seine guten Vorsätze scheinen verwerflich. Kurzum: ein feiner Paradiesvogel!« »Bravo, bravo!« scholl es von allen Seiten, und Willy Meister applaudierte wie ein Theaterhabitué im Ballett. Walter, dem das Gesicht vor Unmut brannte, hielt den Augenblick gekommen, diese sonderbare Komödie für beendet zu betrachten. Ohne ein Wort zu sagen, zog er den Hut und ging in die Wirtsstube, um seine Mahlzeit einzunehmen. Mit verdutzten Augen sahen ihm die Schauspieler nach. »Es scheint, der gute Jüngling aus dem Philisterlande hat uns den Scherz übelgenommen?« sagte Mariane. Philinchen kicherte: »Er hat ihn nicht kapiert.« »Du bist wohl verrückt?« meinte Aurelia mit stolzem Achselzucken. »Das ist doch ein gebildeter Mensch. Auf kluge Augen versteh ich mich.« »Besonders, wenn sie schön sind. Schöne Augen hat er.« Philinchen zwitscherte die Melodie auf dem Faust: »Lasse miiiich, lasse miiiich!« »An die Arbeit!« mahnte Jarno. »Ihr, Mädels, sorgt euch um die Garderobe! Ich seh mich nach ein paar Leuten um, dann wird die Bühne aufgeschlagen.« Mariane und Philinchen kletterten mit Lachen in den bunten Wagen, während Aurelia nach einigem Zögern rasch in das Haus trat. Dort sah sie Walter in der Bauernstube an einem Tische sitzen. Lächelnd ging sie auf ihn zu. »Verzeihen Sie, Herr Doktor!« Die Brauen furchend, erhob er sich. »Womit kann ich dienen, Fräulein?« »Nach der Art, wie Sie uns verließen, muß ich fürchten, daß der kleine Komödiantenscherz da draußen Sie verstimmte?« Die Liebenswürdigkeit, mit der sie sprach, beschwichtigte seinen Ärger. »Ich muß gestehen, daß ich mir nicht sehr erquicklich vorkam. Das ist wohl nur meine Schuld. Ich habe diesen Scherz nicht verstanden.« »Wirklich?« Sie lächelte ungläubig und sah ihn mit ihren halbverschleierten Samtaugen prüfend an. »Aber ich weiß, warum Sie das sagen. Und merke, daß Sie mir nicht böse sind. Das wäre mir leid gewesen. Ich bin Ihnen aufrichtig dankbar für den Dienst, den Sie uns geleistet haben.« Dabei reichte sie ihm ihre Hand und umschloß seine Finger mit leisem Druck, so lind, wie sich der Kelch einer Rose anfühlt. »Sie kommen doch, wenn wir spielen?« Grüßend neigte sie den schönen, stolzen Kopf. Als sie ging, brachte die Kellnerin für Walter die Suppe: einen kleinen See von Fleischbrühe mit einem großen Speckknödel drin. In Wohlgefallen sah das Mädel der Schauspielerin nach. »Kreuzsackra! Is dös a saubere Person!« Sie lachte. »Wann ich a Mannsbild war, meiner Seel, bei der tät's mir auf a paar Todsünden net ankommen!« Ans der Schwelle erschien ein Mädchen – oder war's eine junge Frau? – ein paar Jahre über die zwanzig, ärmlich gekleidet, mit einem irdenen Krug in der Hand. Aus dem blauen Kopftuch, unter dem sich dicke, rotblonde Zöpfe um die Stirne wanden, sah ein schmales, hübsches Gesicht heraus, müd und abgehärmt, mit traurigen Augen. »Kellnerin«, rief sie schon zur Tür herein, »'s Bier für'n Vater, bitt schön!« Dann trat sie in den Flur zurück. Dabei sah man, daß sie ein bißchen hinkte. »Ja, Zenz, gleich komm ich!« Die Kellnerin rückte den Brotkorb vor Walter hin und ging aus der Stube. Zenz? Von zweien hatte Walter diesen Namen schon gehört: vom Moosjäger in der Nacht beim Weiher und auf der Fahrt nach Mitterwalchen von dem alten Kutscher, der das Leben mit einem Hasenstall verglichen hatte. Als die Kellnerin wiederkam und ein Brathuhn für Walter auftrug, fragte er: »Die Zenz? Wer ist das?« »Dem Peterl sein Madl.« »Peterl? Das ist euer Kutscher?« »Der Ihnen gführt hat, ja.« »Dann ist das also die Zenz mit dem Bübchen, das der Pfarrer auf den kurzen Namen Maxl taufte?« Die Kellnerin schien zu verstehen, wie das »kurz« gemeint war. Sie schmunzelte. »Ja! Hinterm Stall draußt haben s' a Stüberl. Da hausen s' beinander, alle drei. Haben tun s' nix, aber zammhalten tun s' wie die Kletten. ›Meine Haserln‹, sagt der Peter allweil.« Sie wurde durch heiteres Gelächter unterbrochen, das man vom Hof herein hörte. »A lustigs Völkl! Die lachen dem Teufel 's Ohrwaschl weg. Und viel müssen s' verdienen mit der Komödispielerei. So a feins Bürscherl is dabei, dös muß der Kassierer sein, der hat dem Wirt an Hunderter als Gutstand geben. Und mir zehn Markln Trinkgeld. Der gfallt mir.« Walter hörte nur halb auf das Geplauder des Mädels. Der Moosjäger, die Zenz, der alte Peterl mit seinem Hasenstall und noch mancherlei Dinge schwirrten in seinen Gedanken durcheinander. Draußen lachten sie wieder. Im Schatten einer Linde, neben dem bunten Wagen, standen die Schauspieler um Laertes, den wackeren Jüngling her, der das Abenteuer, von dem er zurückgekommen, mit Feuer erzählte. Der Bürgermeister hatte es ihm angetan. »Kinder, ein Kopf! Jeder Zoll ein König! Als er mir das gestempelte Blatt überreichte, das war, als hätte er eine Provinz zu verschenken. Ich war in Versuchung, Majestät zu ihm zu sagen und einen Kniefall zu machen. Aber während ich die kostbare Urkund an meinem Busen berge, öffnet sich plötzlich die Tür –« »Und es speit das doppelt geöffnete Tor?« »Den Kaplan hervor!« Das gab einen fidelen Aufruhr. »Kinder, jetzt kam eine Szene! Grandios! Als er hörte, daß ich die Bewilligung schon in der Tasche habe, wurde er blaß. Eine Blässe, die jede Louise beschämen könnte. Dann ging's los! Donner und Doria! Kinder? Wißt ihr, was das Theater ist?« Laertes kopierte mit Faust und Stimme den Zorn des Kaplans: »Eine Brutstätte des Lasters!« Philinchen und Willy Meister lachten, Aurelia zog unwillig die Brauen zusammen, und Mariane fuhr mit zornblitzenden Augen auf: »Das hast du dir ruhig sagen lassen?« »Gott bewahre! Ich habe die Heiligkeit unseres Tempels verteidigt wie Posa das freie Glück der Niederlande. Aber die Litanei ging weiter. Wißt ihr, was von uns ausströmt? Der Gifthauch der Sünde!« »So 'n Quatschkopf!« sagte Jarno gelassen. »Und ihr, Mädels, wißt ihr, was ihr seid? Die geschminkten Hände des Teufels! Fallstricke für reine Herzen! Die ausgebrüteten Eier der Schlange, deren Lügenkunst die Menschheit um das Paradies betrog!« Da deutete Laertes nach der Straße. » Lupus in fabula ! Jetzt gibt's ein Lämmerschlachten!« Michael Innerebner kam vom Haus des Bürgermeisters her, im Sturmschritt. »Den Kerl müssen wir anulken!« erklärte Philinchen energisch. Mariane schob sie zurück: »Den überlaßt mir! « Langsam, in ihrer wiegsamen Art; ging sie auf das Zauntor zu. Innerebner schien nicht die Absicht zu haben, die Schale seines Zornes abermals über die Schauspieler auszugießen. Mit bleichem Gesicht, ohne Mariane eines Blickes zu würdigen, wollte er auf der Straße vorübergehen. Da vertrat sie ihm den Weg, sah mit bittenden Augen zu ihm auf und sagte leise: »Hochwürden, wollen Sie mir erlauben –« »Ich bitte mir den Weg nicht zu verstellen!« unterbrach er sie heftig. Ihr schönes Gesicht nahm einen Ausdruck an, als hätte sie eine tiefe Kränkung erfahren. »Die Straße ist breit. Sie können mir doch ausweichen?« Das tat er nicht, sondern blieb vor ihr stehen und betrachtete in Zorn ihr Gesicht. Keinen Blick von seinen Augen wendend, lächelte sie ein wenig und trat zurück. »Ihr Weg ist frei. Ich glaubte zu einem Priester zu sprechen, dessen Rat ein trostbedürftiges Herz nicht vergebens anrufen würde. Statt des Priesters finde ich einen harten, unverständigen Menschen.« Dunkle Röte glitt ihm über Stirn und Wangen. »Wie ich Ihr Trostbedürfnis aufzufassen habe, das glaub ich trotz meines Unverstandes zu verstehen. Von der Komödiantin hab ich nichts anderes zu erwarten als eine Komödie, die für Zuschauer berechnet ist. Sonst hätten Sie mich nicht hier auf der Straße belästigt. Wer ein Anliegen an den Priester hat, sucht ihn dort, wo er für alle zu finden ist: in der Kirche!« Er ging an ihr vorüber. »Danke, Hochwürden! Ich werde Ihren Rat beherzigen.« Langsam das Gesicht über die Schulter drehend, sah Mariane dem jungen Priester mit ihren funkelnden Glutaugen nach. Innerebner hatte den Weg zum Pfarrhof eingeschlagen. Als er in den kühlen Flur trat, fiel sein Blick auf das Kreuzbild. Nach einem Augenblick des Zögerns ging er darauf zu, nahm die Knie des hölzernen Bildes zwischen seine Hände und küßte sie. Die Schwester des Pfarrers machte verwunderte Augen. Das hatte der Kaplan noch nie getan, sonst hatte er nur immer den Hut gezogen. Droben im Musikzimmer saß Pfarrer Schnerfer am Tisch, vor einem aufgeschlagenen Notenheft, in das er kleine, beschriebene Papierblättchen hineinklebte. »Oh? Grüß Gott, Herr Kaplan! Gleich bin ich fertig!« Wahrend er das sagte, bestrich er solch ein Blättchen mit Kleister, drückte es achtsam auf eine Stelle des Heftes und tupfte es mit seinem blauen Taschentuche fest. »Sooo!« Er blickte lächelnd auf. »Also? Was ist los?« Hut und Stock in der Hand, trat Innerebner zum Tisch. »Herr Pfarrer?« Seine Stimme zitterte vor Erregung. »Wollen S' Ihnen net ein bisserl niedersetzen?« Der Kaplan blieb stehen. »Wie ich beim Bürgermeister erfahren mußte, haben Sie den Komödianten die Bewilligung erteilt. Sie wußten wohl nicht, daß ich die Vorstellungen bereits verboten hatte?« »Doch.« »Herr Pfarrer?« »Lassen S' mich ausreden! Ich habe für diese Zustimmung zwei Gründe gehabt. Der erste: daß Sie, mein lieber Herr Kaplan, zu einen. solchen Verbot kein Recht haben. Sie sind keine politische Behörde. Womit ich noch gar nicht sagen will, daß die politische Behörde mit ihrem ewigen Verbieten allweil recht hat. Man soll die Menschen so erziehen, daß sie das Ungehörige von selber unterlassen. Mit dem Verbieten ist nichts geholfen. Im Gegenteil. Unser lieber Herrgott selber hat mit dem Verbieten keine guten Erfahrungen gemacht. Wär dem ersten Menschenpaar der Apfel der Erkenntnis nicht verboten gewesen, sie hätten ihn hängen lassen.« »Das ist Lästerung!« unterbrach der Kaplan empört. »So? Meinen S'? Ich soll mir wohl von Ihnen vorschreiben lassen, wie ich mir die alttestamentarische Geschichte vom Sündenfall für mein Verständnis auslegen muß?« »An Gottes Wort soll man nicht deuten!« »Herr Kaplan!« Auch der Pfarrer war ein bißchen laut geworden. Er legte die Hände auf das offene Notenheft, als wäre das für ihn ein Talisman der Ruhe. » Sempre piano . Reden wir in aller Ruhe von der Sach, um die sich's handelt. Sie haben ein Verbot ausgesprochen, zu dem Sie nicht berechtigt waren. Haben den Leuten sogar mit der Gendarmerie gedroht. Das war eine ungehörige Überschreitung Ihres Amtsbereiches. Bei so was tu ich nicht mit.« Innerebner sagte beklommen: »Ich muß zugeben, daß ich mich durch die Erregung zu einer Drohung hinreißen ließ, die meiner nicht würdig war. Aber zu diesem Verbot berechtigte mich meine Sorge als Priester.« Atemschöpfend trat er dicht vor den Pfarrer hin. »Haben Sie die Leute gesehen?« »Nein.« »Dann sehen Sie sich diese Menschen an! Der Hauch der Verdorbenheit –« »Net übertreiben, Herr Kaplan! Heilige werden s' freilich keine sein. Das kann man von Schauspielern nicht verlangen. Und wir zwei sind doch auch keine Heiligen. Wenigstens von mir weiß ich's gewiß. Bei Ihnen kenn ich mich noch nicht aus.« »Ich verbitte mir jeden Spott!« »Ich red in allem Ernst. Tun S' nicht so aufgeregt! Ein bißl Komödispielerei ist wirklich keine Veranlassung, daß man zittert und schnauft.« »Hätten Sie diese Menschen gesehen, die höhnische Frechheit dieser Burschen, die Schamlosigkeit dieser – dieser Damen, denen die Natur noch mit allem zu Hilfe kommt, was verführen und verwirren kann! Dann würden auch Sie die moralische Gefahr empfinden, die ich in jedem Wort und Blick dieser Leute erkennen muß.« Lächelnd schüttelte der Pfarrer den Kopf. »Ich glaub kaum, daß ich so was empfinden würde. Ah ja, vor dreißig und vierzig Jahr! Da hab ich auch allweil Gefahren gesehen – für andere. Aber dann hat sich's immer herausgestellt, daß es nur eine Gefahr für mich war. Och, du lieber Herrgott! Da hab ich oft gemeint, ich müßt mit dem Teufel raufen wie der Bauer am Sonntag mit seinem Rausch. Zuletzt bin ich immer draufgekommen, daß es eigentlich gar nie eine Gefahr von außen war, sondern ein Pulsschlag meiner eigenen Jugend.« »Hochwürden! Ich bitte Sie! Nehmen Sie diese Bewilligung wieder zurück!« »Tut mir leid, Herr Kaplan, das wird sich nicht machen lassen. Ich habe diese Bewilligung noch aus einem andern Grund gegeben: weil ich einem Herrn, der mich darum gebeten hat, gefällig sein wollte.« Innerebner zog die Stirne zusammen. »Horhammer?« Der Pfarrer schmunzelte. »Wie gut Sie sich aufs Raten verstehen!« »Diesem Renegaten«, rief der Kaplan in Zorn, »diesem Gottesflüchtling haben Sie Ihr Haus geöffnet?« »Ja. Und hoffentlich kommt er recht oft zu mir.« »Dann gehen unsere Meinungen allerdings so weit auseinander, daß ich –« »Was, daß?« Der Pfarrer stand auf und schob sich aus der Bank heraus. »Ich will Ihnen was sagen, Sie Speiteuferl, Sie unverständigs! Sie haben mir neulich verschiedenes von ihm erzählt. Ich will annehmen, daß Sie das alles im Seminar auch so gesehen haben. Jetzt weiß ich, daß das alles anders war.« »Wirklich?« Innerebner lachte. »Ja! Und wenn Ihnen oder mir das Leben so grausam mitgespielt hätte, wer weiß, was wir zwei getan hätten?« Innerebner richtete sich auf. »Was ich getan hätte, das weiß ich.« »So?« »Ich hätte mich gedemütigt um der Sünden meiner Eltern willen und hätte Gott mein Leben mit frommer Inbrunst zu Füßen gelegt.« »Ja, ja! Das unverfälschte Seminargsangl!« »Hochwürden! Ich dulde keine Beleidigung.« »Da haben S' recht! Ich laß mir auch nix gfallen. Aber jetzt möcht ich Sie in aller Güt ersuchen, daß Sie so ein Wörtl, wie mit den ›Sünden der Eltern‹ schön für sich behalten, wenn der Zufall Sie mit dem Herrn Doktor zusammenführen sollte.« »Zusammenführen? Dieser Meineidige ist für mich nicht auf der Welt. Mögen Sie Ihre Schwelle durch den Fuß dieses Menschen beflecken lassen! Ich gehe den Weg meiner unerbittlichen Pflicht. In meiner Natur liegt es nicht, Kompromisse zu schließen.« Dem Pfarrer wurde die Stirne rot. »Kompromisse! Sagen S' doch lieber ein deutsches Wort! Zugeständnis! Und wissen Sie, womit ich grad beschäftigt war, wie Sie gekommen sind? Schauen S' her, da hab ich eine Sonate von Beethoven! Wundervoll, aber schauderhaft schwer für meine steifen Knöcherln. Ganz richtig blasen kann ich da nicht alles. Entbehren möcht ich es auch nicht gern. In Gottes Namen, mach ich halt Zugeständnisse, pick mir auf die ganz schwarzen Stellen weiße Papierblattln und schreib mir die Sach ein bisserl leichter drauf. Der große Meister Beethoven wird das dem alten Pfarrer Schnerfer nicht übelnehmen. Wenn ich auch nur Achtelnoten blase, empfinden tu ich die Zweiunddreißigstel.« »Ihr Gleichnis versagt. Ich bin kein Flötenspieler.« »Das weiß ich. Aber schauen S', Herr Kaplan, noch viel schwerer, als der Beethoven zu blasen ist, sind die großen Symphonien unseres lieben Herrgotts nachzupfeifen, die hellen Straßen seines unerforschlichen Willens und die dunklen Wege unseres greifbaren Lebens zu verstehen. Was da der Mensch nicht richtig blasen kann, das muß man ihm halt auch ein bißl erleichtern. Jetzt bin ich an die vierzig Jahr lang Priester. Und mich hat mein Beruf gelehrt, daß es das schönste Vorrecht des Priesters ist, Zugeständnisse zu machen. Der große Meister da droben wird's nicht übelnehmen. Im Gegenteil!« Hochmütig legte der Kaplan den Kopf zurück. »Meine Auffassung unseres Berufes ist eine andere.« »Sie werden's schon auch noch lernen: Zugeständnisse zu machen, zuerst für sich selber und dann für andere.« »Niemals!« erwiderte Innerebner mit schroffer Härte. »Das sind Anschauungen, die ich nicht teilen kann, nicht teilen darf! Aber ich beginne manches zu verstehen, was mir gesagt wurde, bevor man mich hierherschickte.« Ein rascher und ernster Blick. »Was wollen Sie damit sagen?« »Daß ich jetzt begreife, warum ein Priester mit so laxen Prinzipien auf dem Boden der Stadt, wo die Kirche gegen das wuchernde Giftkraut des Unglaubens ihren schwersten Kampf zu führen hat, für die Dauer unmöglich wurde.« Dem Pfarrer schoß das Blut ins Gesicht. Er rückte das Käppl und murmelte: » Sempre piano , Manndele, sempre piano !« Dann trat er vor Innerebner hin, sah ihm in die Augen und sagte ruhig: »Ja! In der Stadt bin ich unbequem geworden. Weil ich immer die Meinung vertreten habe, daß ein Priester kein Politiker sein soll, kein Volksversammlungstrommler, kein Zeitungsschreiber, kein Hetzer und Wahlagent. Gar nichts anderes soll er sein als ein Seelsorger und Lebenshelfer. Wegen dieser laxen Anschauung bin ich für die ecclesia militans in der Stadt unmöglich geworden. Man hat mich aufs Land versetzt.« »Wo Ihre Lauheit im Dienst der Kirche zu einer Gefahr für die Ihnen anvertrauten Seelen wird, die Sie einem Renegaten zuliebe dem Gifthauch der Verführung preisgeben!« Jetzt war's um die Ruhe des Pfarrers getan. »Herr Michael Innerebner!« »Ihr Zorn wird mich nicht einschüchtern. Jetzt hab ich begriffen, weshalb ich an Ihre Seite gestellt wurde. Ich werde meine Pflicht erfüllen und frage Sie zum letztenmal: wollen Sie die Bewilligung, die Sie den Komödianten gaben, zurücknehmen?« »Nein.« »Dann weiß ich, was ich zu tun habe. Ich werde der ersten Vorstellung beiwohnen, soviel Überwindung mich das auch kosten mag. Bei dem geringsten Wort, das mein priesterliches Empfinden oder mein sittliches Gefühl verletzt, werde ich die Vorstellung unterbrechen und die Zuschauer aus dem Saal weisen. Dann wird es sich zeigen, wer von uns beiden vor unseren geistlichen Oberen recht behält, Sie mit Ihren biegsamen Zugeständnissen oder ich mit meiner unbeugsamen Strenge.« Innerebner verließ die Stube, ohne zu grüßen. Der Pfarrer sah die Tür an. »Da hört sich doch alles auf! So ein Bürscherl, so ein grünes!« Seufzend griff er nach der Flöte. Durch die Stube wandernd, blies er eine Tonleiter in Moll, erst langsam, dann immer schneller. Plötzlich unterbrach er das Spiel, legte die Flöte fort und schob, in Schmerz das Gesicht verziehend, die rechte Hand unter den Talar. »Natürlich! Grad jetzt muß ich den Krampf kriegen! Wo ich das bisserl Musik so notwendig brauchen könnt.« 8 Walter hatte das Wirtshaus in einer Verstimmung verlassen, die er um so weniger begriff, je mehr er darüber nachdachte. Die klärende Stunde im Pfarrhof hatte ihm doch alles Schwere seines Lebens leichter gemacht, hatte ihm die Freundschaft eines seltenen Mannes gewonnen, den tröstenden Blick einer Schwester. Wie schön ihre Augen waren! Diese hellen ruhigen Augen! Seltsam, daß er plötzlich die Augen Mathilds mit zwei anderen Augen vergleichen mußte. Mit jenen braunen halbverschleierten Samtaugen! Was gingen ihn diese Leute an? Er hatte ihnen einen kleinen Dienst geleistet. Nun war das erledigt. Dennoch beschäftigte ihn der Gedanke an sie während des ganzen Heimwegs. Als er den Scheidhof erreichte und Mathilds leuchtende Rosen sah, war die dunkle Unruh plötzlich von ihm genommen. Die gleiche frohe Stimmung erfüllte ihn wieder wie am Morgen. Das Haus war still, niemand begegnete ihm. In seinem Wohnzimmer fand er auf dem Tisch zwei Bücher: eine Auswahl Goethescher Gedichte und die Leiden des jungen Werther. Diese Bücher mußte ihm Mathild hergelegt haben. In seiner Freude lief er hinunter, um sich zu bedanken. Nur das Walperl war zu Hause. Mit grinsender Liebenswürdigkeit berichtete ihm das Mädel, daß der Forstmeister und das Fräulein in der Sägmühle wären und erst am Abend heimkommen würden. »Schade!« sagte er in einem Ton, daß ihn das Walperl verwundert ansah. Droben in seinem Zimmer stellte er den Glaspokal mit den Rosen vor sich hin und begann den Werther zu lesen, so, wie er seine »dicken Bücher« zu lesen pflegte: neben dem Buch das blau linierte Heft für die Exzerpte, den Bleistift in der Hand. Gleich in Werthers erstem Brief kam eine Stelle, die er sich notieren mußte: »Was ist der Mensch, daß er über sich klagen darf?« Dann ein Wort, das ihn berührte, als wäre es eigens für ihn geschrieben: »Ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein.« Immer wieder fand er solch einen persönlichen Klang, wie aus seinem eigenen Herzen herausgesprochen: »Ich befinde mich hier gar wohl, die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend.« »Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen.« »Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst? Lieber, ich bitte dich um Gottes willen, laß sie mir vom Halse!« »Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt!« Diese Worte, die er wie Sprache des eigenen Lebens fühlte, verwandelten den Leser, ohne daß er es merkte, in den Helden. Jeder Buchstabe wurde zu einem Pulsschlag seines Herzens. Noch etwas anderes geschah. »Eins der liebenswürdigsten Geschöpfe! Soviel Einfalt bei soviel Verstand, soviel Güte bei soviel Festigkeit, und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben!« Wie sich diese Schilderung mit Mathilds Wesen deckte! Als er dann erfuhr, daß Lotte schwarze Augen hatte, glaubte er's nicht mehr. Immer sah er an ihr die blauen Augen Mathilds, diese frohen, ruhigen Augen. Während er von Albert las – dem braven Menschen, dem Lotte »so gut wie verlobt« ist –, legte sich etwas Beklemmendes um sein Herz. Er las in wachsender Erregung, seine Stirn glühte, seine Hände zitterten, und Mathilds Worte fielen ihm ein: »Ich hatte ein Gefühl, als wäre ein eisernes Tor vor mir aufgesprungen, und alles da drinnen brennt!« So war es jetzt in ihm selbst. Sturm in seinem Herzen, in seinem Kopf, in seinem Blut. Der brennende Streit zwischen dürstender Liebe und vernichtender Klarheit des Verlustes, der Rausch des taumelnden Gefühls, der Todeskampf einer Leidenschaft, die leben will und doch erlöschen muß – das faßte ihn wie ein Fieber. Alle gegensätzlichen Bilder des Buches: der Blumentraum des verrückten Schreibers, das blutige Drama des treuen Knechtes von Walheim, die flammende Selbstvernichtung Werthers – Wahnsinn aus Liebe, Verbrechen aus Liebe, Selbstmord aus Liebe, und dieser Zerstörung gegenüber das sichere Glück eines klaren und gesunden Herzens, das gerecht und gut ist – das alles floß für Walter zusammen in eine rauschende Woge des Lebens, die sich mächtig über ihn herwarf. Sein Blut brannte, sein heißes Gesicht war von Tränen überronnen, und das Herz schlug ihm bis an den Hals herauf, als er die letzten Worte las: »Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.« Er sprang vom Sessel auf und wanderte zwischen den vier Wänden seiner Stube auf und nieder. Immer ruhiger wurde er. Beim Lesen hatte er mit dem Herzen eines Jünglings empfunden. Jetzt wog er den Wert dieses Buches mit dem Verstand des Mannes. »Das ist Feuer, mit dem man Wunden heilt. Das ist Flamme, die weisend hinausleuchtet über die dunkelsten Wege des Lebens.« Ihm war zumut, als wäre er in diesen Stunden ein besserer Mensch geworden, ein größerer, ein freierer. »Ein Buch, in dem alle Tiefen und Höhen des Lebens sind, alle Lust und aller Schmerz der Menschen, ihre Weisheit und ihre Narretei, alles Große und Kleine der Welt, alle Rätsel und alle Klarheit Gottes!« Er trat zum Schreibtisch, nahm das Buch und suchte eine Stelle. »Es hat sich vor meiner Seele wie ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offenen Grabes! Kannst du sagen: Das ist! Da alles vorübergeht! Da alles mit der Wetterschnelle vorüberrollt, so selten die ganze Kraft seines Daseins ausdauert, ach! in den Strom fortgerissen, untergetaucht und an Felsen zerschmettert wird? Da ist kein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her, kein Augenblick, da du nicht ein Zerstörer bist, sein mußt ; der harmloseste Spaziergang kostet tausend armen Würmchen das Leben, es zerrüttet ein Fußtritt die mühseligen Gebäude der Ameisen und stampft eine kleine Welt in ein schmähliches Grab. Nicht die große seltene Not der Welt, diese Fluten, die eure Dörfer wegspülen, diese Erdbeben, die eure Städte verschlingen, rühren mich; mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt, die nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbar, nicht sich selbst zerstörte. Und so taumele ich beängstigt. Himmel und Erde und ihre webenden Kräfte um mich her: ich sehe nichts als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer.« Er blätterte zurück. Und las: »Wenn das liebe Tal um mich dampft und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; wenn's dann um meine Augen dämmert und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten, dann sehne ich mich oft und denke: ach, könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes.« Walter legte das Buch neben die Rosen auf den Schreibtisch. »Soll einer sich rühmen wollen, daß er mehr von Gott zu sagen weiß, als diese beiden Worte sagen, von Gottes Schatten und von Gottes Licht!« Er trat zum Fenster, sah nicht, daß sich die Helle des Tages schon zu dämpfen begann, sah nicht den Hohen Schein und seine klare Flamme. »Ein Gebetbuch!« sprach er leise vor sich hin. »Mathild hat recht!« Sinnend blickte er über die blühenden Lindenbäume und über die kahle, abgeerntete Wiese hin. »Heilige Zweieinigkeit des Vernichters und Erschaffers!« Sein Auge suchte das leuchtende Blau des Himmels. Kein Wölklein trübte die wundersame Klarheit der Höhe. Walter sprach es nicht aus, doch in der Tiefe seines Herzens fühlte er Werthers Gebet: »Vater, den ich nicht kenne! Rufe mich zu dir!« Was die Religion ihm versagt hatte, was keine Wissenschaft ihm gewähren konnte, das hatte ihm die Hand des Dichters gegeben: die Ruhe vor Gottes halbverschleiertem Antlitz! Es litt ihn nicht länger zwischen den vier Wänden. Als er von der Veranda auf den Kiesplatz trat, grüßte ihn der milde, strahlende Glanz des Abends. Die Rosen in dunkler Glut. Das Grün der Bäume mit hellen Lichtern und tiefen Schatten. Die nahen Berge in ihrem Gezack von Gold und Blau, die fernen unter zartem Schleier. Über allem die leuchtende Höhe. Er atmete tief und dachte an die Stelle im Werther: »Die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele! Wie das Bild einer Geliebten?« Nie noch in seinem Leben hatte er ein Weib geliebt, nie noch an sich selbst erfahren, wie das Bild der Geliebten in der Seele eines Mannes ruht. Wie wundersam und heilig mußte das sein, wenn es ein Gefühl war, wie er es jetzt vor dieser Schönheit des Abends empfand: die leuchtende Welt um ihn her, der reine Himmel ganz in seiner Seele! Ein Gefühl des Durstes war in seinem Herzen, in seinem Blut. Es zog ihn zum Weiher hinunter, er wußte nicht, weshalb. Der Weg, den er einschlug, führte ihn zum Scheidhof hinüber. Da saß der kranke Bauer auf der Steinbank, in seinen winterlichen Mummelkleidern, mit Kopf und Brust noch in der Sonne. »Guten Abend!« grüßte Walter. Der Kranke sah mit glanzlosen Augen mißtrauisch an Walter hinaus. Der nannte seinen Namen und sagte, daß er drüben beim Forstmeister in der Villa wohne. Mürrisch drehte der Bauer das Gesicht auf die Seite, als wäre ihm diese Neuigkeit nicht nur gleichgültig, sondern lästig. Da suchte Walter nach einem Wort, das dem Kranken Freude machen könnte. »Was haben Sie da für einen schönen Besitz! Der Scheidhof! Das ist wie ein kleines Königreich!« »Was hab ich davon?« murrte der Kranke mit einem Gesicht, als hätte er was Bitteres zu schlucken bekommen. »Wäre mir eh lieber, es tät mir bald einer den ganzen Krempel abladen vom Buckel!« Dann schlug er mit dem Hammer auf die Steinbank. Eine Magd kam aus der Tür gelaufen und führte den Kranken ins Haus, der für Walter keinen Blick mehr hatte, keinen Gruß. Aus dem Flur hörte man noch ein leises Wimmern und die ungeduldige Stimme der Magd: »No, no, no, nur net gar so wehleidig!« Walter folgte einem Wiesenweg, der an den Scheunen vorüberführte. Da vernahm er den Hammerschlag der dengelnden Knechte. Ans dem Takt der vier Hämmer hob sich einer mit besonders hellem Klang heraus. Das war der Hammer des Fazifanzerl. Bei einer Scheune saß er, mit drei anderen Knechten, zwei alten und einem jungen, jeder rittlings auf einem Holzschragen, der den kleinen Amboß trug. Die Sensenklingen blitzten im Abendschein wie rot glühende Schwerter. Einer der Knechte summte zum Hammerschlag einen Ländler, die beiden anderen pfiffen dazu. Nur Bonifaz war stumm und dachte an nichts als an die Schärfe seiner Sense. Walter trat zu den Leuten und guckte eine Weile zu. »Warum müssen denn die Sensen so geklopft werden?« Die drei Knechte lachten. Bonifaz, ohne den Hammer ruhen zu lassen, sagte: »Daß s' Schneid kriegen.« »Kann man sie denn nicht schleifen?« »Na! Der Schleifstein macht kurze Schneid. Die is fürs Harte. 's Gras gibt nach. Da braucht's Schneid, die zaach und lang is. Die macht bloß der Hammer.« Bonifaz stand auf. »Für heut tut's es, Leut!« Auch die Knechte legten die Hämmer fort. Jeder steckte seine Sense an den hölzernen Schaft und schlug den Keil in diese. Bonifaz ließ den Wetzstein ein paarmal über die Klinge ziehen, dann trat er zum Saum der Wiese und tat mit der Sense einen Schlag. Das hohe Gras fiel unter dem Hieb zu einer schönen Schwade hin, mit leisem Geräusch, das sich anhörte wie ein Seufzer. »D' Schneid is gut!« sagte er, hob ein Grasbüschel auf und wischte die Klinge ab. »Mähen Sie morgen?« fragte Walter. »Ja. Auf der Weiherwiesen.« »Wird da das Fräulein mitmachen?« Bonifaz hob das Gesicht. »Ja! Auf der Weiherwiesen hat 's noch allweil mitghalten.« Mit raschem Schritt trat Walter auf den Knecht zu: »Herr Bonifaz! Möchten Sie mir einen Gefallen erweisen?« »Kommt drauf an, was für ein'?« »Bitte, zeigen Sie mir, wie man mäht!« Die drei Knechte lachten, als hätte sich die dümmste Geschichte der Welt ereignet. Bonifaz schmunzelte. »Ah so? Da möchten S' leicht mithalten? Auf der Weiherwiesen?« Dann sagte er freundlich: »In Gotts Namen, kommen S' her! Wann einer schaffen will, muß man ihm z'Willen sein.« Er ging mit der Sense zur Wiese, während Walter in heißem Eifer den Rock herunterriß und zu Boden warf. »Aber Mensch!« sagte einer der Knechte zu Bonifaz. »Wirst ihm ja doch dei' Sens net geben? Die beste am Hof! Wart a bißl, ich hol ihm die alte aussi!« Bonifaz schüttelte den Kopf. »Der muß die beste haben. Mit der schlechten bringt er nix zamm. Da verdrießt's ihn gleich. Schickst ein' in d' Arbeit eini, so mußt ihm an Gusto machen. Also, Herr, packen wir's an!« Fazifanzerl war ein guter Pädagog der Arbeit. Zuerst erledigte er die Theorie: wie man die Sense faßt, fest im Ausschwung, locker im Hieb; wie man sich beugen muß, daß die Klinge flach über die Erde gleitet; und nicht allein mit den Armen dürfe man ausholen, sondern der ganze Oberkörper müsse sich auf den Hüften schwingen; das gäbe dem Hieb die Schneid und Kraft. Der Theorie folgte die Praxis: Bonifaz begann zu mähen und machte zuerst die Sache falsch; dann kam der richtige Hieb. »So müssen S' es machen!« Er reichte Walter die Sense hin: »Also! Kuraschi!« Mit einem Ernst, der etwas Weihevolles hatte, faßte Walter die Sense. »Fest im Ausschwung, locker im Hieb!« murmelte er und zog mit der Sense aus. Ein Zischen im Grase, surrrr, und Walter spürte einen zuckenden Schlag in den Armen. Die Sensenklinge war mit der Spitze tief in den Boden gefahren. »Ach Gott!« Erschrocken guckte er die verbogene Klinge an. »Macht nix!« sagte Bonifaz ruhig. »'s erstemal is mir's gradso gangen.« Mit seinen eisernen Fäusten bog er die Klinge zurecht. »So! Probieren S' es wieder!« Jetzt versuchte Walter die Sache mehr mit Vorsicht als mit Kraft. Ein paar Hiebe gelangen ihm leidlich. Freilich, das halbe Gras blieb immer stehen, doch die andere Hälfte fiel. Das machte ihn mutig. Surrrr, da stak schon wieder die Klinge im Boden. Unverdrossen kurierte Bonifaz den Schaden. »Nur net auslassen! Gahlings haben S' den Vortl!« Und richtig, als der Abend grau zu dämmern anfing, hatte Walter die Sache herausgefunden, und die Hiebe fielen so tadellos aus, daß der Mähprofessor zufrieden nickte. »Gut geht's! Wann S' morgen Lust haben, können S' mithalten.« Bonifaz schmunzelte. »Da wird 's Fräulen aber schauen!« Glücklich auflachend hob Walter den Rock vom Boden, wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und reckte den Körper. »Tut Ihnen der Buckel weh?« »Gott bewahre!« »No also, jetzt schlafen S' Ihnen ghörig aus! In der Fruh um drei wirf ich a Steinl auf Fenster auffi.« Walter hatte ein Goldstück aus der Börse genommen. Aber Bonifaz schob die schenkende Hand zurück. »Na, na, lassen S' es gut sein! 's hat mir Freud gmacht.« Lachend faßte Walter den Knecht um die Hüfte und schob ihm das Goldstück in die Westentasche. Da lachte auch Bonifaz und ließ es geschehen. Auf dem Weg zur Villa malte Walter sich das so aus: jetzt wollte er kein Wörtchen sagen, am Morgen ganz heimlich aus dem Hause schleichen, und wenn dann Mathild zum Heuen auf die Wiese käme – »Da wird 's Fräulen aber schauen!« Doch als ihm Walperl im Flur der Villa mit grinsender Freundlichkeit in den Weg trat, um nach seinen Wünschen für das Abendbrot zu fragen, platzte er mit seinem Geheimnis gleich heraus: »Walperl! Ich hab mähen gelernt. Der Bonifaz hat mir's gezeigt.« Das Mädel riß die Augen auf. »Der Bonifaz?« Sie hätte es leichter geglaubt, wenn ihr Walter erzählt hätte, daß er nur noch ein Gespenst wäre, dessen irdischer Leib unter den Fäusten des Fazifanzerl den Garaus gefunden. Nach dem Bekenntnis, daß er einen gesegneten Appetit verspüre, sprang Walter die Treppe hinauf, mußte aber plötzlich innehalten. Es war ihm wie ein scharfer Stich durch den Rücken gefahren. Gleich war's wieder vorüber. Droben zündete er die Lampe an, wusch sich und machte sich's bequem. Da kam auch schon das Mädel mit dem Tee. Während sie schweigend den Tisch deckte, erzählte Walter die herrliche Geschichte dieses Abends. Dabei bekam der Bonifaz als Mensch wie als Prediger der Arbeit einen strahlenden Heiligenschein. Je länger das Mädel dieser Hymne aus den Fazifanzerl lauschte, desto deutlicher zeigte sich in ihrem hübschen Gesicht der Ausdruck einer zutraulichen Rührung. »Ja, Walperl! Dieser Bonifaz ist ein Prachtmensch. Stark und gesund, ruhig und sicher, ehrlich und gut.« »Gelt ja?« Das Mädel seufzte. »Warum müssen Sie da seufzen, Walperl? Sie sollten sich doch darüber freuen, daß er mir so gut gefällt, Ihr Bonifaz!« Dem Mädel fuhr das Blut ins Gesicht. » Mein Bonifaz? Lassen S' mich aus! Der is dem Scheidhofer sein Bonifaz! Sonst is er gar nix! Der!« Sie ging zur Türe. »Walperl! Kommen Sie ein bißchen her zu mir!« Sie kam wie ein geduldiges Lämmlein. »Zu mir dürfen Sie Vertrauen haben. Ich bin dem Bonifaz gut geworden. Das ist einer von den Menschen, die dem Schöpfer Ehre machen. Und Sie, so ein braves und nettes Mädel! Das ist doch selbstverständlich. daß ihr beide euch liebhaben müßt.« Walperl nickte. »Man sollt's meinen, ja!« Dann kamen ihr die Tränen, und sie wollte davonlaufen. Er haschte sie bei der Rockfalte. »Nicht ausreißen! Ehrlich! Warum müssen Sie denn da weinen?« »Weil –« der schluchzende Bock begann das Mädel zu stoßen, »weil ich ihn so viel gern hab, den Lausbuben, den bockbeinigen. Aber der hat a Schlößl vorm Schnabel! Jetzt dauert die dalkete Gschicht schon ins dritte Jahr, und gar nix geht füranand.« »Sie sind doch überzeugt, daß er Sie lieb hat?« »No ja, freilich! Aber herstellen tut er sich allweil vor mich wie a verriegelts Haustor.« »Wo meinen Sie denn, daß da der Haken sitzt?« »Dös frag ich mich selber allweil.« Das Mädel trocknete mit der Schürze die Augen. »Oft schon hab ich mir denkt, er hat mir dö Gschicht mit dem unverschämten Maler verübelt. Aber kann ich denn mehr tun, als so an Kerl aussifuiern, daß er an Purzelbaum schlagt! Im Herbst amal, da hab ich den Bonifaz gradaus drum angredt: Tust mir's verübeln? Da hat er in seiner lacheten Ruh so gsagt: ›Ah na! Ich weiß doch, wer bist! Unser Herrgott laßt halt söllene Saubartln umanandlaufen, da kannst nix machen!‹ hat er gsagt.« »Brav, Bonifaz!« »Was hat's mir gholfen? Allweil zruckhalterischer is er worden. Und gar nimmer auskennen tu ich mich. Schier jeden Abend kommt er mit'm Pfeifl zum Brunn. Auf d' Musi möcht er lusen, sagt er. Und ich weiß doch, daß er meintwegen kommt. Aber glauben S', er tat a Wörtl reden? Oder tat mir den Arm um'n Hals legen und – no ja, wie man's halt macht, wenn man eins gern hat.« »Vielleicht ist er so schüchtern?« »Ha!« Das war ein kurzes spöttisches Lachen. »Der Bonifaz? Und a Traumichnet? Da kennen S' ihn schlecht! Wann er sich denkt: dös ghört mein – da hat er an Griff wie der Adler!« Walperl zeigte das mit der Hand, so energisch, daß Walter lachen mußte. Dieser Mangel an Ernst schien das Mädel zu kränken. »Da is fein nix Lustigs dran!« »Sie haben recht, die Sache ist Ernst. Da müssen wir zusammenhelfen. Dem Bonifaz sein zruckhalterisches Geheimnis müssen wir herausbringen.« Sie sah ihn schmachtend an. »Meinen S', wir richten was aus?« »Sicher! Morgen, beim Heuen, will ich gleich ein bißchen auf den Busch klopfen.« »Was da aussikommt, da bin ich neugierig!« Seufzend ging Walperl auf der Stube. Walter legte sich früh zur Ruhe. Wie wohl ihm das tat: sich in den Kissen strecken zu können! Weil er den Schlaf nicht gleich zu finden meinte, hatte er den Werther mit ins Bett genommen. Wie das Buch sich im Zufall aufschlug, begann er beim Schein der Kerze zu lesen: »Daß ihr Menschen, um von einer Sache zu reden, gleich sprechen müßt: das ist töricht, das ist klug, das ist gut, das ist bös! Was will das alles heißen! Habt ihr deswegen die inneren Verhältnisse einer Handlung erforscht? Wißt ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickeln, warum sie geschah, warum sie geschehen mußte? Hättet ihr das, ihr würdet nicht so eilfertig mit euren Urteilen sein!« Er ließ das Buch sinken, um mit seinen Gedanken der weiten Fernsicht dieses Wortes nachzuwandern. Dabei hörte er die Kirchturmglocke neun Uhr schlagen. Und vor dem Fenster sah er noch einen blaßgelben Streif des Himmels. Merkwürdig, daß er an diesem Abend vergessen hatte, nach dem Hohen Schein und seiner Flamme auszuschauen? Wie weit mochte wohl der Moosjäger an diesem Tag mit dem neuen Weg gekommen sein? Deutlich meinte er den Mamertus Troll zu sehen, eine von Dämmerung umflossene Riesengestalt, die ruhelos den Pickel schwang. Bei jedem Schlag auf den Felsgrund sprühte eine Garbe bläulicher Funken auf wie Hunderte von Leuchtkäfern. Plötzlich lachte der Moosjäger. Nein! So lacht der lustige Sägmüller. In dieses Lachen klang eine helle Mädchenstimme: »Gute Nacht, Bertl! Schönen Gruß daheim!« Das hatte geklungen, als war' es drunten in der Veranda. Dennoch schien es in der Stube zu sein, in der weiten grünen Stube. Da gingen Hunderte von Menschen in einer langen Reihe, die Männer in weißen Hemdärmeln, die Weibsleute mit roten Kopftüchern und eine feine, schlanke Gestalt in lichtem Kleid. Dieses Kleid hatte rings um den Saum einen sonderbaren Aufputz: einen Kranz von großen, schillernden Samtaugen, die sich immer schlossen und groß wieder öffneten. Alle diese Augen sahen einen jungen, leichenblassen Menschen an. Der trug einen blauen, altmodischen Frack und gelbe Beinkleider. Auf der Stirne hatte er einen dunklen Fleck, von dem ein roter Tropfen über das bleiche Gesicht heruntersickerte. Dazu spielte der lustige Sägmüller lachend das Cello, immer falsch, der Pfarrer blies die Flöte, ganz fein, und der Bonifaz dengelte mit goldfunkelndem Hammer die Sense. Eine ganz irrsinnige Musik war's. Dann plötzlich endete sie mit einem scharfen, klirrenden Ton. Walter fuhr auf. Die Stube um ihn her war dunkel. Wieder jenes scharfe Klirren. Ein Steinchen war ans Fenster geflogen. »Der Bonifaz!« Walter sprang aus dem Bett und hörte die Kirchturmglocke drei Uhr schlagen. Sechs Stunden Schlaf waren ihm gewesen wie eine träumende Minute. Als er Licht machen wollte, sah er, daß die Kerze bis in die Leuchterhülse niedergebrannt war. Er mußte in die Stube hinaus und die Lampe anzünden. Das braune Touristengewand hatte er am Abend schon zurechtgelegt. Hastig kleidete er sich an. In der Wohnstube fand er das Frühstück, das Walperl noch am Abend für ihn gerichtet hatte: ein Glas Milch, Brot, Butter und Landschinken. Um keine Zeit zu verlieren, trank er nur die Milch. Auch ein kleines Paket lag auf dem Tisch. Er wußte nicht, was das bedeuten sollte, und ließ es liegen. Um niemand aus dem Schlaf zu wecken, schlich er auf den Fußspitzen die Treppen hinunter und aus dem Haus. Mit linder Kühle hauchte der Wind. Alle Farben noch verschleiert vom Grau der Dämmerung. Aber die Berge begannen sich schon aufzuhellen, und ein zarter Schein war von Osten über den Himmel gegossen, während im Westen noch einzelne Sterne funkelten. »Guten Morgen!« sagte Bonifaz, der mit zwei Sensen vor der Veranda stand. »Heut wird er nobel, der Tag! Und 's Gras biegt sich vor lauter Tau. Da macht's gute Schneid.« Er reichte Walter einen Lederriemen, an dem ein kleiner Holzköcher hing. »Was ist das?« »Der Kumpf mit'm Wetzstein. Den müssen S' umlegen! Der richtige Mähder muß sein' Kumpf haben.« Walter schnallte den Riemen um die Hüfte. Als er die Sense nahm, sah er, daß die Griffe mit Leinwandstreifen umwickelt waren. »Warum denn das?« »Daß S' keine Blasen kriegen! Sonst tät's Ihnen gleich verdrießen. Fünf Stund müssen S' aushalten. Packt einer d' Arbeit an, so muß er dabeibleiben. Bis um neune haben wir d' Wies umgschlagen, unser fünfe. Nacher können S' rasten.« »Unser fünfe!« wiederholte Walter lachend. Es machte Freude, daß ihn der Bonifaz als gleichwertig mitzählte. »So, und jetzt aussi! Der richtige Mähder muß den ersten Schlag schon gmacht haben, eh daß d' Amsel singt.« Walter schulterte die Sense. Sie gingen zum Scheidhof hinüber, wo die drei Knechte mit ihren Sensen wartend auf der Steinbank saßen. Der Jüngste von den dreien hatte einen Henkelkorb auf den Knien. »An d' Arbeit, Leut!« sagte Bonifaz und schritt mit Walter den Wiesen zu. 9 Durch den stillen Morgen ging's hinunter zum Scheidhofer Weiher. Der Jungknecht fing mit halblauter Stimme zu singen an, die beiden anderen brummten mit, und Bonifaz pfiff den Diskant dazu. »Was singen die Leute?« fragte Walter. »Ich kann die Worte nicht verstehen.« »An alts Liedl: Nie net därfst rüahwi sein, Allweil mußt gehn! Schaugst dir ebbs richtig an, Allweil is 's schön! Bald dir ebbs gfallen tut, Schleun di und sag's! Bald dir ebbs haben möchst, Greif dir's und pack's!« Welch ein merkwürdiger Zusammenklang mit einer Stelle, die Walter im »Werther« gefunden: »Das Zugreifen ist doch der natürlichste Trieb der Menschheit!« Ein trällerndes Volkslied und der gefürstete Menschengeist – alle beide sagen das gleiche! Sie waren zur Wiese gekommen, die im Tau wie graue Seide glänzte. Am Waldsaum pisperten schon die kleinen Schopfmeisen. »Jetzt aber flink!« sagte Bonifaz. »Gleich wird d' Amsel schlagen.« Der junge Knecht stellte den Henkelkorb unter einen Baum. Dann zogen sie alle die Joppen aus. Auch Walter warf den Rock neben den Korb. An der Ecke der Wiese begannen sie: voraus der Jungknecht, dann die zwei Alten, dann Walter, und Bonifaz als letzter. Der erste Sensenhieb zischte durch das nasse Gras, von dem es aufsprühte wie weißlicher Staub. Die gefallene Schwade war nicht mehr grau wie die Wiese, sondern grün. Und in allen Farben lagen die gemähten Blumen durcheinander. Bonifaz mähte hinter Walter drein und machte doppelte Arbeit: er mähte den eigenen Gang und kurierte den Schaden, wenn Walter bei einem mißlungenen Hieb den Blumen nur die Köpfe abgeschlagen hatte. Es wurde kein Wort gesprochen. Die Sensen zischten vor den fünf gebeugten Menschen her. Als sie den ersten Gang bis zur Hälfte der Wiese gebracht hatten, schlug im Wald eine Amsel. Walter hätte sich gern aufgerichtet und gelauscht. Er getraute sich nicht, die Sense rasten zu lassen. »Unser fünfe!« Das wollte verdient sein. Immer heller wurde der junge Tag. Im Dorfe läutete man den Morgengruß. »Jetzt werden die Mähder beten?« dachte Walter. Aber die Knechte unterbrachen die Arbeit nicht, bevor nicht der erste Gang durch die ganze Wiese geschlagen war. Dann wischte jeder mit einem Grasbüschel die Sense ab und wetzte die Klinge mit dem Stein. Gelehrig machte Walter ihnen alles nach – nur eines nicht: wie sie in die Hände spuckten, bevor sie die Sensengriffe wieder faßten. Der zweite Schlag ging über die Wiese zurück. Dabei schienen die drei Knechte den Mähderlehrling ein bißchen hetzen zu wollen. Sie schlugen drauflos, daß Walter Mühe hatte, hinter ihnen nachzukommen. Bonifaz verdarb den Bosnickeln das kichernde Spiel. »Langsam, Leut!« befahl er. »D' Reih muß beieinand bleiben!« Beim dritten Schlag begann Walter ein unbehagliches Ziehen im Rücken zu verspüren. Auch die Nässe, die ihm durch die Strümpfe gedrungen, wirkte nicht angenehm. Aber der zaubervolle Reiz, mit dem ihn der wachsende Morgen umglänzte, ließ ihn alles vergessen. Der Hohe Schein, hinter dem die Sonne aufging, spielte sein brennendes Wunder aus, und auf den Ketten der Berge begann eine milde Rosenglut alle Gipfel anzuglühen. Ein zarter Duft stieg aus den liegenden Gräsern. Das würzte jeden Atemzug und frischte die ermüdenden Kräfte. Der Tau an den noch stehenden Gräsern begann sich zu silberweißen Tropfen zu sammeln, die manchmal in rotem und gelbem Glanze flimmerten. Und als der vierte Schlag wieder zurückging über die Wiese, so daß die Mähder die steigende Sonne im Rücken hatten, zeigte sich über den schwingenden Sensen ein wundersames Farbenspiel. Sooft die Sense schlug, stäubten von den fallenden Gräsern tausend winzige Tropfen auf, und für die Dauer weniger Augenblicke wölbte sich ein zarter Regenbogen durch den aufsprühenden Tau. Walter konnte sich nicht satt schauen an diesem lieblichen Farbengetändel zwischen der lachenden Sonne und den kühlen Tränen der Nacht. Eifrig schwang er die Sense, um das immer wieder zu sehen: diesen träumenden Schönheitsgedanken der Natur, die sich im klaren Erwachen mit allem Geheimnis der Nacht versöhnte. Als der vierte Gang zu Ende war, schlug die Kirchturmglocke halb sieben, und Bonifaz sagte: »Gut, Leut! Machen wir Brotzeit!« Freundlich nickte er zu Walter hinüber: »Brav haben S' Ihnen ghalten!« Walter konnte vor Stolz über dieses Lob nicht mehr erröten, sein Gesicht brannte ohnehin wie Scharlach. Man ging zu dem Baum hinüber, bei dem der Brotkorb stand. Aufatmend trocknete Walter den Schweiß vom Gesicht. Die Knechte setzten sich auf ihre Joppen und machten sich über den Korb her. »Herr?« fragte Bonifaz. »Wo haben S' denn Ihr Sach? 's Walperl wird doch draufdenkt haben, daß 's Ihnen zur Brotzeit a Packerl mitgibt?« »Ja, natürlich, sie hat mir was auf den Tisch gelegt.« »Drum! 's Walperl vergißt auf nix.« »Aber ich hab's liegenlassen.« Bonifaz lachte. »Müssen S' halt bei uns mithalten!« Das ließ sich Walter nicht zweimal sagen. So grob die Kost war, sie schmeckte ihm: Schwarzbrot mit gepfeffertem Speck. Dazu trank man Wasser mit einem Guß Branntwein drin. Wie schön das Plätzchen war, an dem sie saßen! Zur Rechten der Weiher mit blitzenden Lichtern und gaukelnden Libellen; zur Linken die Wiese, halb gemäht, mit den zwanzig langen Schwaden; in der Ferne der Hohe Schein, seine Wälder von Schattenduft umwoben, sein Gipfel mit der blendenden Sonnenkrone – und im nahen Wald der zärtliche Amselschlag und das Meisengezwitscher. Mit träumenden Augen blickte Walter in den schönen Morgen. Und wie wohl ihm dabei das Rasten tat! Ganz frisch fühlte er sich, als nach einer Viertelstunde die Arbeit wieder begann. Aber schon mitten im ersten Gang mußte er die Faust in den Rücken pressen. »Geben S' net nach, Herr!« sagte Bonifaz. »Dös müssen S' übertauchen! 's erstemal geht's jedem so!« Walter mähte weiter und blieb auch bis zum Ende des Ganges noch leidlich in der Reihe. In der steigenden Sonne trocknete das Gras und wurde zäh. Walter hatte das Gefühl, als schlüge er mit der Sense in stählerne Drähte. Der Schweiß tropfte ihm vom Gesicht, und die Haut brannte unter dem nassen Hemd. Als die Kirchturmglocke acht Uhr schlug, atmete er auf. »Nur eine Stunde noch!« Er meinte sie nicht mehr übertauchen zu können. Mitten im Gange sagte er atemlos: »Bonifaz, meine Sense hat keine Schneid mehr!« Die drei Knechte lachten. Bonifaz sagte ernst: »Geben S' her, lassen S' wetzen!« Während er den Stein über die Klinge zischen ließ, flüsterte er: »Lassen S' Ihnen von die Knecht net auslachen! Da wär ich schon z'stolz dazu.« »Ich kann nimmer.« »Grad wollen müssen S', nacher können S'!« Bonifaz schmunzelte. »Wegen dem halben Stündl werden S' doch net ausreißen? Da müßten S' Ihnen ja schamen vor'm Fräulen! Die kommt um zehne.« Mit sausenden Sensenschlagen mähte er für Walter den Gang auf, bis die Knechte eingeholt waren. »So!« Und reichte ihm die Sense. »Packen S' wieder an!« Walter gehorchte und nahm alle Kraft zusammen, die noch in seinem Körper war. Es dauerte nicht lang, da blieb er wieder hinter den Knechten zurück. Die begannen ihn an das spöttische Schnürl zu nehmen. Doch als es der Jungknecht mit seinen Späßen zu bunt machte, rief Bonifaz grob: »Halt 's Maul, du Dreckbub! Der Herr Dokter schafft aus Freud an der Arbeit. Du tust es, weil man dich zahlt dafür.« »Lassen Sie ihn reden!« sagte Walter. Und plötzlich hatte seine Sense wieder Kraft und Schneid. Er biß die Zähne übereinander und schlug die beiden letzten Gänge so sauber hin, wie er den ganzen Morgen noch keinen Gang gemäht hatte. Um halb zehn Uhr war die Wiese umgeschlagen. Tief atmend legte Walter die Sense fort und trocknete sich die Stirne. Lachend nickte ihm Bonifaz zu: »Respekt, Herr Dokter!« Auf Walter machte dieses Lob keinen Eindruck. Ihm war es jetzt nur um eines zu tun: wie er seinen brennenden Körper erfrischen könnte. Am Weiher, in einer versteckten Bucht, warf er die Kleider ab und sprang in das kristallene Wasser. Wie mit tausend Nadeln fuhr ihm die Kälte des Quellwassers durch die Haut. Gleich einem Tobsüchtigen schlug er mit den Armen um sich. Ein paar Minuten hielt er es aus, dann mußte er das Ufer suchen, rot wie ein gesottener Krebs. Und jetzt die warme Sonne auf den vor Frost zitternden Körper! Walter warf sich ins Moos und dehnte die Glieder. Das war ein Behagen, wie er es in seinem ganzen Leben noch nie genossen hatte. Er lag, ohne sich zu regen. Und der Schlaf drohte ihn zu überfallen. Da hörte er die Kirchturmglocke zehn Uhr schlagen. Erschrocken sprang er auf. Als er wieder in den Kleidern stak und die Arme streckte, war's ihm zumut, daß er vor Freude am liebsten geschrien hätte. Beim Baum, in dessen Schatten die Mähder rasteten, hatte sich die Gesellschaft vermehrt. Zwei Mägde waren gekommen und hatten die Rechen gebracht, dazu den Korb für die zweite Brotzeit. Die Knechte hatten ihren Hunger schon gestillt und saßen mit den qualmenden Pfeifen im Schatten. Als Walter sich zu ihnen setzen wollte, sah er Mathild durch den Wald kommen, in ihrem lichten Kleid, den Rollstuhl vor sich herschiebend. in dem ihr Vater saß. Er sprang ihr entgegen. »Guten Morgen, Fräulein! Guten Morgen, Herr Forstmeister!« Sie grüßte mit einem stillen, frohen Blick. Dann sah sie ihn verwundert an, als müßte sie sich in seinem Aussehen erst zurechtfinden. Und der Forstmeister fragte: »Na, Herr Philosoph, wie ist's mit dem Mähen gegangen?« »Die letzte Stunde ist mir sauer geworden.« Der Forstmeister lachte. »Jetzt werden Sie Hunger haben! Das Walperl hat uns gesagt, daß Ihr Packerl liegenblieb, und da hat Ihnen mein Mädel was mitgebracht. Kram nur gleich aus, Thilde!« Als sie zum Baum kamen, standen die Leute auf und grüßten, dann streckten sie sich wieder hin, nur Bonifaz blieb stehen und sagte: »Schad, Fräulen, daß S' net a halbs Stündl früher kommen sind! Der Herr Dokter hat gschafft wie der Beste.« »Bonifaz!« Walter drohte mit dem Finger. »Sie übertreiben!« Er ließ sich im Schatten nieder und blickte lachend zu Mathild auf. »Seit ich den Bonifaz hinter mir arbeiten sah, kann ich mir ungefähr vorstellen, wie ein Schutzengel für die hilflosen Kinder sorgt.« Mathild dankte dem Knecht mit einem freundlichen Blick. Dann setzte sie sich neben Walter ins Gras, breitete eine Serviette vor ihm aus und stellte das Frühstück zurecht: ein Fläschchen Rotwein, Weißbrot mit Butter, Schinken und Eier. Walter spielte den Entsetzten: »Das alles soll ich essen?« Dabei hing er mit den Augen an jeder Bewegung Mathilds, als könnte er's nicht erwarten, den ersten Bissen aus ihrer Hand zu empfangen. Der alte Herr hatte mit Bonifaz zu schwatzen begonnen, von dem er meinte, daß er einen besonders guten Barometer haben müsse, weil er zum Heuen immer den besten Tag erwische. Bonifaz schüttelte den Kopf. »Da brauch ich kein Barometer! Ich schau mir am Abend d' Luft und 's Wasser an, d' Leut und 's Viech, d' Vögel und d' Schnacken. Wann alls auf'n Abend die richtig Freud am Leben hat, nacher weiß ich: es kommt a guter Tag. Und da wird gheut.« »Bub, du hast Verstand! Aber Glück hast du auch. Was du am Morgen mähst, das führst du am Abend heim.« »Dös kunnten ander Leut gradso treffen! Die haben den alten Aberglauben, daß 's richtige Heu zwei Sonnen braucht. Net wahr is's! Von zwei Sonnen is eine allweil die schlechter, und 's Heu verliert an der Blum. Packt man den richtigen Tag, so hat er die richtige Sonn, und 's Heu kunnt net besser sein!« Bonifaz lachte, daß ihm unter dem Mehlbärtchen die weißen Zähne blinkten. »Mit'm Heu muß man's halten wie mit der Lieb: zugreifen in der besten Stund und nimmer auslassen! Nacher hat 's Glück auch die richtige Sonn, dö für's Leben langt. Zwei Sonnen? Ah na!« Er winkte den Knechten und Mägden. »An d' Arbeit, Leut! D' Sonn trücknet auf.« Walter, der eine Schinkensemmel zwischen den Zähnen hatte, sprang aus dem Gras: »Muß ich mit?« »Na, na! Lassen S' Ihnen d' Rast nur schmecken!« Bonifaz, schmunzelnd, sah das Fräulein an. »D' Herrschaft will auch a bißl Gsellschaft haben! Jetzt breiten wir derweil. Geht nacher 's Wenden an und 's Fräulen tut mit, da müssen S' auch wieder einspringen!« Er ging zu den Leuten hinüber, die schon begonnen hatten, die Schwaden auseinander zu breiten. Walter sah ihm nach und sagte ernst: »Das ist ein Mensch, den ich beneide.« Der Forstmeister nickte. »Den hat unser Herrgott in der Freud erschaffen. Was er da vorhin gesagt hat von der einen richtigen Sonn, die für 's gute Heu und für das rechte Glück ausreicht, das ist ein Stück Lebensklugheit, so resolut und dabei so warm –« Er unterbrach sich und sah verwundert seine Tochter an. Mathild hielt das glühende Gesicht geneigt, und während sie für Walter ein Ei schälte, zitterten ihr die feinen, schlanken Finger. »Geiß? Was hast du?« »Ich?« Mit frohen Augen sah sie zum Vater auf. »Nichts, Papa!« Sie legte das Ei auf einen kleinen Holzteller und schnitt es auseinander. »Danke, Fräulein!« Walter bot ihr den Teller hin. »Aber jetzt müssen Sie mithalten und ehrlich teilen.« Lachend nahm sie das halbe Ei. Dann sagte sie zu ihrem Vater: »Vergiß nicht, Papa!« Der Forstmeister fuhr aus nachdenklicher Stimmung auf: »Richtig, ja! Ich muß mir bei Ihnen Absolution holen, Herr Doktor, für einen Einbruch in Ihre Stube.« Aus einer Ledertasche am Rollstuhl brachte er das dicke Buch hervor, das von den Welträtseln handelte. »Der Zorn der Grillenmahm hat mich neugierig gemacht. Darf ich das Buch ein paar Tage behalten?« »Solange Sie wollen! Ich fürchte nur, daß ich Ihnen mit diesem Buch kein Teilchen der Freude wettmachen kann, die Sie mir mit dem Goethe gemacht haben.« »Geiß, das geht an deine Adresse!« Walter reichte ihr die Hand. Und Mathild fragte erregt: »Haben Sie schon gelesen?« »Ja. Den Werther.« Mathild schwieg. Nur ihre Augen fragten. »Das ist kein Buch. Das ist die Menschheit, das ist Leben, Gott und die Welt! Zwanzig Jahre haben mir nicht gegeben, was mir gestern die paar Stunden gaben: einen Aufruhr, der mich ganz überwältigte, und dann diese schöne, freie Ruhe. Sie haben recht, Fräulein Mathild! Ein Gebetbuch.« Wie ihr die Augen glänzten! Und da grub sich plötzlich eine Furche in seine Stirn. »Fräulein! Gestern, als ich las von Lotte und Albert, da hab ich mir immer denken müssen –« Er wurde verlegen. Dann sagte er's kurz heraus. »Gibt es einen Mann, den Sie liebhaben?« Erschrocken sah ihn Mathild an und wurde glühend rot über das ganze Gesicht. Der Forstmeister machte zuerst verdutzte Augen, dann lachte er. »Aber! Herr Philosoph! So was fragt man doch ein Mädel nicht!« »Warum nicht, Papa?« sagte Mathild, ihre Verwirrung überwindend. »Auf jede Frage kann man antworten.« Sie füllte das Weinglas für Walter. »Man braucht nur die Wahrheit zu sagen!« Dann stand sie auf und legte den Arm um ihres Vaters Hals. »Ja, Herr Doktor! Es gibt einen Mann, den ich liebe. Über alles!« Sie küßte den Vater auf die Wange. »Gelt?« Dann lief sie mit leisem Lachen dem Weiher zu. Der Forstmeister sah ihr nach. Der zärtliche Glanz, der in seinem Blick geleuchtet hatte, erlosch, als Mathild zwischen den Bäumen verschwand. Eine schwere Sorge war auf seine Stirn geschrieben. »Das Mädel glaubt auf Leben, als hätte unseres Herrgotts Woche sieben Feiertage. Was hat sie davon? Daß sie mich alten Krüppel pflegen kann! Dabei verhockt sie ihre liebe, schöne Jugend. Aber wie ich sie kenne, muß ich noch hoffen, daß alles bleibt, wie es ist. Eine böse Sorge steht vor uns. Der Scheidhofer kann jeden Tag die Augen zumachen. Was wird dann mit unserem Haus? Mit meines Mädels Rosen? Mit ihrem Garten? Freilich, das Mädel hat die Kraft, um alles zu überwinden. Sie wird meinen Rollsessel in den neuen Stall hinüberschieben, wird sich plagen und neue Rosen pflanzen. Aber der neue Boden wird mager sein. Und mein Mädel wird nimmer lachen.« Nachdenklich blickte Walter über die Wiese hinaus, auf der die Scheidhofer Leute bei der Arbeit waren, umwoben vom Glanz der Sonne. Der Forstmeister fügte die eisernen Stäbchen, die mit Scharnieren an den Armlehnen des Rollsessels befestigt waren, zu einem Lesepult zusammen und schlug das Buch von den Welträtseln auf. »Donnerwetter! Da heißt es beißen, bis ich durchkomm! Aber so dick das Buch ist, es wird mir nicht viel Neues sagen. Wenigstens nicht über das Leben. Das kenn ich. Und weiß, wie schön es sein kann.« Er gewahrte den merkwürdigen Blick, mit dem Walter an ihm hinaufsah, »Freilich, wenn Sie mich anschauen, mein lahmes Untergestell und meine windschiefen Pfoten!« Der alte Herr lachte. »Ich schau mein Mädel an und denk an meine Frau. Dann weiß ich, wieviel das Leben gilt!« Er blätterte im Buche. »Na, jetzt bin ich neugierig, wie viele Rätsel mir diese dicke Weisheit lösen wird?« »Keines!« sagte Walter in Erregung. »Das Buch ist ein schwerer Sack voll Wissen. Was gewinnen wir dabei? Ich wollte, daß ich so wenig wüßte wie der Bonifaz. Dann wüßte ich das Bessere.« Der Forstmeister sagte ernst: »Ich begreife den Zorn dieses Wortes. Mein Mädel hat mir manches erzählt, was sie beim Pfarrer von Ihrem Leben hörte. Und doch schießen Sie mit diesem Wort über das Ziel hinaus!« Walter schüttelte den Kopf. »Doch, lieber Doktor! Das Wissen ist in unserem Leben, was die Blume im nützlichen Gras ist: sie gibt ihren Duft zum Futter. An sich ist alle Wissenschaft wertlos. Sie gewinnt erst Wert, wenn sie eine nützliche Beziehung auf das Leben findet, unser Dasein reicher und reinlicher macht. Das Zahnpulver und die Seife sind Erfindungen, die wir höher einschätzen müssen als den Luftballon und das Fernrohr. Für das Leben soll die Wissenschaft sorgen. Den Himmel soll sie in Ruhe lassen. Wo das Greifen aufhört, hilft kein Verstand mehr weiter, nur das Herz. Die Erkenntnis Gottes und seiner fernsten Rätsel wird in einem Menschen um so tiefer sein, je stärker in ihm die Freude ist, mit der er an seinem Leben hängt. Wenn ich den Wert meines Lebens klar erkenne, hab ich ein Stück Welt erkannt, und wenn ich Ordnung und frohe Schönheit in mein kleines Dasein bringe, wird mir die ganze Welt zu einem schönen Bild der Ordnung.« Mit glänzenden Augen nickte Walter vor sich hin. Dann sprang er auf, wie es einen Menschen in die Höhe reißt, in dessen Seele ein Entschluß zur Reise kam. »Ja Doktor, das ist mein Kredo. Das hat mir noch alle Fragen gelöst. In mir selber ist das nicht gewachsen. Wie ich ein junger Kerl war, hat auch mir die spekulative Neugier durch den Schädel gesummt. Dann hat mich das Glück einen lieben Kaplan finden lassen, der den richtigen Katechismus hatte. Meine Frau! Alles an ihr ist überzeugende Predigt gewesen, ihr Leben, ihr Humor, ihre unverdrossene Güte und ihr ruhiger, lachender Tod!« Die verkrüppelten Hände auf dem Buch, lehnte sich der alte Herr in den Sessel zurück und blickte in den Glanz des Morgens. »Wir wissen nicht, woher wir kommen, und wissen nicht, wohin wir gehen. Was wir zwischen Windel und Grab auf unserem Fleck Erde finden, ist so reich und schön, daß wir zufrieden sein können. Treu ans Leben glauben, das ist von aller Wissenschaft die klügste, von aller Religion die verläßlichste. Nach Kräften sein Dasein froh erfüllen, heißt dem Willen des Schöpfers gehorchen. Von allem Gottesdienst der frömmste ist ein heiteres Lachen an einem Tag wie der heutige.« Er tat einen tiefen Atemzug. »Wie gut dem Bonifaz sein Heu heut wird! Schnuppern Sie ein bißchen, Doktor! Man spürt den Duft.« Während die beiden über die Wiese hinausblickten, kam Mathild aus dem Wald, legte dem Vater ein Sträußchen von Reseden und Levkojen zwischen die Hände, nahm den Rechen, lief zur Wiese hinüber und trat in die Reihe der Leute, die das gebreitete Heu zu wenden begannen. »He!« rief Bonifaz. »Herr Dokter? Was is denn?« Lachend packte der Philosoph einen Rechen und sprang. »Das müssen Sie mir erst zeigen, Bonifaz!« »Lassen S' Ihnen nur vom Fräulen einweisen! Die kann 's Wenden am besten. Der ihre Handerln sind die lüftigsten.« Nun gab's einen lustigen Unterricht im Rechenschwung. Walter stellte sich ungeschickter, als er war, nur um die Schulzeit zu verlängern. Schließlich merkte Mathild seine Absicht, lief ihm lachend davon und stellte sich als letzte in die Reihe der Heuer. »Nur probieren jetzt!« Er war auch gleich an ihrer Seite und begann die Arbeit. Keinen Schritt blieb er hinter Mathild zurück, die mit ihrem lichten Kleid in der Sonne vor ihm herleuchtete. Je fleißiger er den Rechen schwang, desto frischer schien die erneute Kraft in ihm zu wachsen. Ein lustiges Wort gab das andere, und immer ging das heitere Schwatzen die ganze Reihe der Heuenden hin und her. Walter, nach einer schweigsamen Minute, fragte plötzlich: »Fräulein? Welche Antwort haben Sie sich auf die Frage gegeben: warum Werther sterben muß?« Überrascht wandte sie das Gesicht. »Ich habe das nie gefragt. Das ist so. Und man glaubt es.« »Ein schöneres Lob könnten Sie dem Dichter nicht sagen! Aber jetzt müssen sie mir Antwort geben! Warum?« Mathild hatte die Arbeit wieder aufgenommen und schwieg ein Weilchen. Dann sagte sie: »Ich glaube, weil Werther –« Da gab's ein lachendes Hallo in der Reihe. Der Jungknecht war – »ganz unschuldiger Weis'«, wie er behauptete – der drallen Magd, die vor ihm herging, mit dem Rechen an die Kleider geraten, und da hatte man zwei blaugezwickelte Strümpfe und noch ein bißchen mehr gesehen. Das Mädel schien nicht übel Lust zu haben, mit dem Rechen auf den Buben loszuschlagen. Schließlich lachte sie selber mit, und über der lustigen Debatte, wie lang man für ein Mädel die Strümpfe stricken müsse – »Drei fingerbreit über 's Nackete auffi!« behauptete der Jungknecht –, blieb die ernste Frage, warum Werther sterben mußte, bis auf weiteres ungelöst. Gegen ein Uhr, als man mit dem ersten »Umtun« schon nah ans Ende der Wiese kam, trat Mathild aus der Reihe und lief zum Wald hinüber. Walter sah ihr nach. »Warum geht sie denn jetzt?« »'s Walperl wird 's Essen für d' Herrschaft bracht haben!« sagte Bonifaz. Und richtig, drüben beim Weiher sah man das Walperl mit irgendeiner Sache flink beschäftigt. Walter lächelte. Der Anblick des Mädels erinnerte ihn an die diplomatische Mission, die er übernommen hatte. »Das Walperl!« sagte er. »Ja, das Walperl! Ein braves, liebes, prächtiges Mädel! Hab ich nicht recht. Bonifaz?« »Jjaaa!« Bonifazius Venantius schien bei diesem Thema jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. »Da laßt sich nix sagen! 's Madl is gsund und fest beinand, fleißig und rechtschaffen, lustig und kuraschiert. Mit der is einer amal aufgricht, wann er zugreifen kann!« Das Gespräch unterbrechend, rief er mit lauter Stimme: »A bißl flinker, Leut! Grad kommt d' Nandl mit'm Essen. In fünf Minuten müssen wir durch sein. Oder unser Hunger kriegt a kalts Vergnügen!« Er trat als erster vor die Reihe, und da ging die Arbeit so hurtig vorwärts, daß Walter bald zurückblieb. Als die anderen schon fertig waren, hatte er noch ein Weilchen nachzuheuen, um seinen Strich ans Ende zu bringen. Bis er hinüberkam zum Waldsaum, hockten die Scheidhofer Leute schon um die große Schüssel her und ließen den Krug umgehen. »Gleich können wir essen.« Da fing er zu laufen an. »Ich darf mithalten? Muß nicht ins Dorf?« »Ins Dorf? Was Ihnen einfällt!« Mathild breitete ein Tischtuch über den Rasen, legte die Bestecke auf die hölzernen Teller und stellte die Gläser zurecht. Ein kleines Feuer brannte. An einem eisernen Galgen, der in den Boden gesteckt war, hing über den Flammen eine große Blechbüchse, auf der das schmorende Pichelsteinerfleisch seinen wohlriechenden Dampf durch die Ritzen des Deckels herauspfurrte. Walperl, die das Feuer bewachte, warf einen fragenden Blick auf Walter. Der blinzelte, als wüßte er gute Botschaft. Und da kam über das Walperl eine so blindwütige Geschäftigkeit, daß sie sich beim Schüren des Feuers die Finger verbrannte. Dann gab's eine frohe, behagliche Mahlzeit im kühlen Schatten des weitgeästeten Baumes, rings die glitzernde Sonne, in den fächelnden Lüften der süße Heuduft. Für den Forstmeister wurde der Teller auf das kleine Tischchen gestellt, in das sich das Lesepult am Rollsessel verwandelt hatte. Walter, Mathild und Walperl lagen um das ausgebreitete Tischtuch her. Als sie zu essen begannen, waren die Scheidhofer Leute mit ihrer Mahlzeit schon fertig; die Mägde streckten sich aus, die Knechte zündeten ihre Pfeifen an. Bis das Heu so weit austrocknete, daß es reif für das zweite »Umtun« wurde, konnte man sich eine Stunde Rast vergönnen. Man schwatzte und lachte, eins ums andere mußte herhalten als Zielscheibe für eine lustige Neckerei. Besonders das Walperl sprudelte von Laune. Je übermütiger das Mädel wurde, desto ruhiger verhielt sich Bonifaz. Plötzlich sprang er auf, ging zur Wiese, hob ein Heubüschel auf und roch daran. »He! Leut! 's Heu is gut zum Umtun!« Jetzt kamen vier Stunden rastloser Arbeit. Auch das Walperl tat mit, hinter Bonifaz herheuend. Da waren's mit Walter und Mathild ihrer zehne. Ununterbrochen ging die Reihe mit schwingenden Rechen über die Wiese. Das war eine von den Lebensregeln des Bonifaz: »'s beste Heu wird allweil im Flug!« Mit leidenschaftlichem Eifer war auch Walter bei der Sache. Als es in die dritte Stunde ging, begann ihm die Arbeit sauer zu werden. Das merkte er am bittersten in der Viertelstunde, für welche Mathild aus der Reihe getreten war. Ihr Vater hatte sie gerufen. Als sie kam, wurde der Rechen in Walters Händen wieder leichter. »Papa wollte mir etwas vorlesen.« »Aus dem dicken Buch?« »Ja. Über die Entstehung des Lebens und seine langsame Entwicklung durch Millionen von Jahren.« »Was sagen Sie dazu?« »Der gelehrte Herr mag recht haben. Aber ich möchte mir das nicht ausreden lassen, daß ein Mächtiger in Liebe die Menschen bildete, so schön wie sie sind.« Walter schwieg. Er arbeitete mit dem zähen Willen, mit dem er am Morgen den letzten Gang zu Ende gemäht hatte. Gegen sechs Uhr, als sich die Glut des Tages zu mildern begann, war das »grüne Gold« so weit, daß es gesammelt werden konnte. Bonifaz und der Jungknecht sprangen zum Scheidhof, um die Gespanne zu holen. Sie waren noch nicht zurück, als die Schober schon fertig zum Verladen standen. Walter und Mathild gingen zum Baum hinüber. Der Forstmeister schmauchte an einer Zigarre, und das dicke Buch lag zugeklappt auf dem Lesepult. »Wie weit sind Sie gekommen?« fragte Walter. »Nicht weit. Das Lesen hat mich verdrossen. In dem Buch steckt ein gescheiter Kopf. Aber es fehlt der Körper mit Herz und Blut, mit Gefühl und warmen Sinnen.« Da packte Walter das Buch und warf es mit kräftigem Schwung in den Weiher hinaus. Das gab ein Geplätscher und einen zerrinnenden Wellenkreis, als wäre eine große Forelle aufgesprungen. »Doktor?« stammelte Mathild. »Was machen Sie denn?« »Einen Strich unter allen zweifelhaften Gewinn meines vergangenen Lebens.« Die Peitschen knallten, und im Galopp kamen Bonifaz und der Jungknecht mit ihren Gespannen zur Wiese gefahren. »Kommen Sie, Fräulein!« Walters Augen blitzten. »Jetzt soll die schöne Frucht in die Scheuer! Da müssen wir helfen.« Er lief zur Wiese hinüber. Nun kam die heiterste Stunde des ganzen Tages: das Verladen des duftenden Heues. Das war keine Mühe mehr. In der milden Frische des Abends wurde die leichte Arbeit zum Spiel. Der Jungknecht stand auf dem einen Waagen, Bonifaz auf dem andern, um das Heu, das man ihnen mit der Gabel hinaufreichte, über den Waagen zu verteilen und mit schönen Wänden aufzubauen. Da war's eine lustige Neckerei: das Heu in solcher Menge hinaufzugabeln, daß die Ladbuben beim Festlegen ins Gedränge kamen. Der Jungknecht mußte schreien: »Öha! Langsam! 's Hexen hab ich net glernt.« Beim Bonifaz hieß es: »Gschwinder, Leut! Ös schlafts ja da drunt!« Kaum tauchte eine beladene Gabel zu ihm hinauf, da hatte er das Heubündel schon mit den Armen umspannt und unters Knie gebracht. Nur wenn das Walperl mit der Gabel kam, tat er immer, als wären ihm die Arme zu kurz und ließ das halbe Heu dem Mädel auf die Zöpfe fallen. Kichernd schüttelte sich Walperl aus dem grünen Goldregen heraus und rannte zum Schober, um die Gabel noch voller anzuspießen als das letztemal. Walter, in seinem Wohlgefallen an diesem heiteren Spiel, konnte der Versuchung nicht widerstehen, das mitzumachen. Er gabelte auf, so viel er lupfen konnte, und ließ das ganze mächtige Heubüschel über Mathild niederregnen. Lachend arbeitete sie sich aus der grünen Lawine heraus. Und ehe sich's Walter versah, bekam er einen halben Schober über den Kopf. Walperl, als sie das Fräulein in Bedrängnis sah, kam mit der beladenen Gabel gesprungen und half dazu, daß die strafende Gerechtigkeit ihr volles Maß erhielt. Nun gab's einen lustigen Kampf. Wie übermütige Kinder wurden sie, tollten rings um den Wagen herum und bewarfen sich mit Heu, bis Bonifaz vom hohen Fuder herunterdrohte: »He! Ös zwei! Tuts mir mein Heu net gar so zurichten!« Endlich war die letzte blaugrüne Flocke von der Wiese aufgelesen. Über den fertig geladenen Fudern wurden mit dicken Seilen die Wiesbäume festgeschnürt. Die Ladung des Jungknechtes sah ein bißchen windschief aus; das Fuder des Bonifaz glich einem riesenhaften Würfel, die Wände so glatt, als wären sie mit der Säge geschnitten. »So, Herr Dokter! Auffi zu mir! Beim ersten Heu, dös einer gmacht hat, muß er mit heimfahren. Dös bringt Glück.« »Glück? Dann muß ich hinauf.« Lachend faßte Walter die Seile des Wiesbaumes, um sich in die Höhe zu ziehen. Da fuhr ihm ein stechender Schmerz durch die Schultern. Von droben streckte Bonifaz die Hände herunter, ein Lupf, und Walter lag auf dem Fuder, weichgebettet im Heu. Jetzt spürte er nichts mehr, so lang er ruhig saß; wenn er sich bewegte, kam's wieder. Das hinderte ihn nicht, mit lustigem Gruß den Hut zu schwenken, als er Mathild hinübergehen sah zum Weiher. Mit gespreizten Beinen auf dem Fuder stehend, hatte Bonifaz die langen Zügel aufgenommen und einen hallenden Peitschenknall getan. Schnaubend zogen die Pferde an, und der schwerbeladene Wagen rollte über die Wiese hinaus. Behaglich hatte Walter sich ins Heu gestreckt. Plötzlich fuhr er mit dem Kopf in die Höhe: »Bonifaz! Schauen Sie doch! Der Hohe Schein!« Dann wurde er still. Mit brennendem Glanze hob sich die Riesenfackel des Berges hinaus über die blaue Dämmerung des Tales, hinaus in den gelb glastenden Himmel. Alle anderen Berge duckten sich in den Schatten und schienen sich klein zu fühlen vor der leuchtenden Schönheit dieses Einsamen. Die träumende Tiefe hatte noch Teil am Glanz der Höhe, deren Glut die stahlblauen Schatten der Wiesen und Wälder mit violettem Schimmer überhauchte. Am Fuß des brennenden Berges, wo sich das schattende Dunkel hinausschmiegte in den Rosenglanz der höheren Gehänge, konnte Walter jene scharf gezogene Linie wieder entdecken, hoch droben im Walde schon! Der Moosjäger mußte in diesen Tagen wie ein Narr geschanzt haben. »Mein neuer Weg!« flüsterte Walter, seltsam erregt. Als das Fuder in den dämmergrünen Wald hineinrollte, gab's einen kleinen Aufenthalt. Ein Bernerwägelchen fand keinen Platz mehr, um dem Heuwagen auszuweichen. Der alte Bauer mußte absteigen und das Pferd mit dem Wägelchen, in dem ein junges Mädel saß, über den Straßenrain hinausführen zwischen die Bäume. »Teifi, du!« schalt er zu Bonifaz hinauf; das war ein Zorn, der eher wie Wohlgefallen klang. »Wann du kommst, muß sich alles auf d' Seiten drucken!« Auch das Mädel rief dem Knecht ein paar Worte zu; aus diesem heitertuenden Spott klang deutlich eine gereizte Verdrossenheit. Walter meinte die Stimme zu erkennen. »Bonifaz? War das nicht die Schrottenbacher-Vev mit den Zeugstiefelchen?« Bonifaz lachte und ließ die Peitsche knallen. »Hat Ihnen leicht 's Walperl ebbes verzählt?« »Nein. Der Peter vom Wirt hat mir gesagt, daß Sie da nur die Hand auszustrecken brauchen, um Bauer in einem schönen Hof zu werden.« Bonifaz schwieg. »Ist das wahr?« »Ah na! Wie halt d' Leut oft reden.« »Wenn es aber wahr wäre? Würden Sie zugreifen?« Wieder lachte Bonifaz. »Ich weiß net recht. Auf an fremden Geldsack auffikraxeln, dös hat seine Mucken. Aber no, gegen d' Vev laßt sich nix sagen. Is a saubers Madl. Aber so a Naserl, dös gar so fein zugspitzt is, wär net mein Gusto.« »Aber ein Naserl, das so hübsch und rund ist, wie dem Walperl das seine? Gelt, das gefällt Ihnen?« Bonifaz guckte halb über die Schulter. » Ihnen gfallt's wohl? Weil S' gar so viel reden vom Walperl!« Er schmunzelte. »Freilich, d' Stadtleut haben an guten Gusto. Net 's erstemal, daß ich's merk!« Walter hatte für den Humor dieses Wortes nicht das richtige Ohr und sagte mißmutig: »Bonifaz, ich bin kein Maler!« »Weiß schon«, klang die ruhige Antwort, »sonst täten S' net bei mir auf'm Heufuder sitzen, sondern druntliegen im Straßgraben!« Jetzt merkte Walter seinen Irrtum, merkte aber auch, daß es nicht so leicht war, am »zruckhaltrischen« Herzen des Fazifanzerl den Riegel zu lösen. Einen Versuch wollte er noch wagen. »Haben Sie noch nie auf Heiraten gedacht?« »Ah ja!« Bonifaz lachte. »Jede Nacht denk ich dran.« »Warum heiraten Sie dann nicht?« »Ich? Als Knecht? Ohne Schlupf und Dach? Ah na! Du muß ich schon warten, bis ich mir so viel erspart hab, daß ich a Gütl pachten kann. Fünf, sechs Jahr wird's freilich dauern. An Endstrumm Zeit! Aber die halbeten Sachen mag ich net. Gar 's Glück! Dös muß allweil ganz sein. Fehlt a Bröserl dran, so wird's an Unglück. Die Kerschen muß man reifen lassen. Tappt s' einer an, so lang s' noch grün sind, so haben s' an Fehl und kriegen die richtig Süßen nimmer.« Da begannen sie im Dorf den Abendsegen zu läuten. Mit der Hand, die den Stiel der Peitsche hielt, nahm Bonifaz den Hut herunter und drückte ihn an die Brust. Auch Walter entblößte den Kopf. Ein Gefühl von Andacht war in ihm, ein Gefühl der Ehrfurcht vor diesem klaren, starken und lebenssicheren Menschen. der das rauhe Hemd eines Knechtes trug. Ganz finster war es schon im Wald. Ein Leuchtkäferchen, das erste des Abends, taumelte im Dunkel zwischen den Bäumen. 10 Beim Schein der Lampe lag Walter auf dem Sofa ausgestreckt, als das Walperl zur Tür hereingeschossen kam: »Fragen soll ich, ob S' net drunt mit der Herrschaft essen möchten?« Walter richtete sich mühsam auf. »Weiß Gott, Walperl, ich ginge gern hinunter, aber ich kann mich kaum mehr rühren.« »Da hast es! Aber 's Fräulen hat's eh gleich gsagt. Bleiben S' nur liegen, ich bring Ihnen 's Nachtmahl auffi.« Nach ein paar Minuten kam sie mit der Teeplatte und deckte den Tisch. Dabei tat sie einen brunnentiefen Seufzer. »Ja, Walperl, ich hab mit ihm gesprochen.« »Jesusmaria!« stotterte das Mädel, als stünde ihr das Jüngste Gericht bevor. »Aus dem ist hart was herauszuholen.« »Gelt, ja?« »Aber ein bißchen was hat er mir doch gesagt.« Dem Mädel glänzten die Augen. »Geh, was denn?« »Daß Sie gesund sind und fest beisammen –« »Beinand wird er gsagt haben?« »Richtig, ja: fest beinand, rechtschaffen und fleißig, kuraschiert und lustig. Und daß einer, der zugreifen dürfte, mit Ihnen gut aufgerichtet wäre.« Dem Mädel fuhr es heiß über das hübsche Gesicht. »Hat er gsagt? Warum greift er denn nacher net zu?« »Weil –« Das brachte Walter nicht über sich: dem Mädel zu sagen, daß Bonifazius noch ein halb Dutzend sparsamer Jahre zu überklettern hätte, bevor er die Arme strecken dürfte. Er sagte nur: »Weil er auf die rechte Stunde wartet und sein Glück nicht pflücken will, bevor nicht die Kirschen reif geworden.« Sinnend drehte Walperl das Gesicht zum Fenster. »Nnno, bis zur Kerschenzeit wär's nimmer gar so weit! Dös kunnt man derwarten.« Walter lachte. »Wenn's auch ein bißchen länger dauert, der Bonifaz ist das Warten wert!« Walperl nickte. »Gelt, ja?« Dann sah sie ihn dankbar an. »Vergeltsgott! Völlig aufgricht haben S' mich. Der Herr Pfarr im Beichtstuhl kunnt's net besser.« Sie ging und kam gleich wieder. »Da bring ich a Flaschl Franzbranntwein. Da müssen S' Ihnen einreiben. Dös hilft. Neulich hab ich mir beim Wäschmangen d' Muschkelatur überzogen. Da hat's mir gschwind gholfen.« Walter richtete sich vorsichtig auf. »Ich danke Ihnen, Walperl.« »Ihnen?« schmollte das Mädel. »Sagen S' doch du zu mir! Ich bin doch 's Madl im Haus. Und gut Freind sind wir doch auch mitanander, gelt?« In lachendem Wohlwollen nickte sie ihm zu und ging aus der Stube. Der Gewinn dieser neuen Freundschaft schien das Walperl in die rosigste Laune zu versetzen. Solang sie an diesem Abend in der Küche zu schaffen hatte, trällerte sie ein Liedl ums andre vor sich hin. Als sie aus der Stube das Klavier hörte, packte sie einen großmächtigen Blechzuber und lief zum Brunnen. Bonifaz ließ sich an diesem Abend nicht blicken. Nach einer ausgiebigen Geduldprobe huschte das Walperl in den finsteren Garten und griff an einem schwarzen Bäumchen herum, bis sie gefunden hatte, was sie suchte: ein Zweiglein mit drei Kirschen. In der Küche studierte sie diesen Barometer ihres Glückes. Die Kirschen machten es wie Walter und mahnten das Walperl zur Geduld. Es waren drei winzige, steinharte, grasgrüne Kügelchen. »Ui Jegerl!« seufzte das Mädel. Jetzt war's um den Anfang des Juli. So um die erste Augustwoche herum, da hat's im Scheidhof noch immer süße Kirschen gegeben. »Vier Wochen halt!« Mit diesem tröstenden Gedanken ging das Walperl zur Ruhe. Als sie am Morgen erwachte, guckte sie gleich zum Fenster hinaus, ob's auch ein Tag würde, der die Kirschen vorwärts brächte? Je heißer an diesem Morgen die Sonne brannte, desto fröhlicher schaffte das Walperl. Dafür schien Mathild von einer Sorge befallen, die mit jeder Stunde wuchs. Gegen neun Uhr kam sie schon das drittemal in die Küche und fragte: »Hat der Herr Doktor noch immer nicht geklingelt?« »Hab nix ghört. Der schlaft sich ordentlich aus, auf die gestrige Plag auffi.« Als die Elfuhrglocke läutete, kam Mathild und sagte: »Walperl, ich fürchte, dem Herrn Doktor fehlt was.« »Schauen wir halt!« Das Walperl sprang hinauf. Als sie droben die Tür der Wohnstube öffnete, bekam sie gleich einen Schreck. Es quoll ihr ein penetranter Alkoholgeruch entgegen. »Mar' und Josef!« Sie pochte an die Schlafzimmertür: »He! Herr Dokter? Was is denn?« Von drinnen hörte sie einen matten Laut. »Herr Dokter! Jesses!« Hastig steckte sie den Kopf zur Tür hinein. Da sah sie Glasscherben auf dem Boden liegen, und der Franzbranntwein, der zu einer Lache ausgeronnen war, erfüllte den ganzen Raum mit seinem schweren Dunst. Das erste war, daß Walperl alle Fenster aufriß. Dann trocknete sie mit der Schürze den Branntwein auf und klaubte die Scherben der Flasche zusammen. »Um Gotts willen! Herr Dokter? Was haben S' denn gmacht?« Er lag im Bett und sah das Mädel verlegen und hilflos an. »Ich hab mich einreihen wollen. Da ist mir die Flasche ausgerutscht.« »Warum haben S' denn nacher 's Glöckl net zogen?« »Ich konnte nicht aufstehen. Wenn ich mich nur ein bißchen bewege, bekomme ich abscheuliche Schmerzen.« »So is's schön!« stotterte Walperl erschrocken. »Warten S', da muß ich 's Fräulein fragen.« Sie rannte davon und kam mit einer Glasbüchse wieder in die Stube gesurrt. »'s Fräulen laßt Ihnen sagen, daß S' Ihnen deswegen net aufregen brauchen. Dös sind halt d' Arbeitsschmerzen, hat s' gsagt. Bis morgen gibt sich schon wieder alles. Aber Franzbranntwein haben wir kein' mehr. Drum hat mir 's Fräulen 's Opedeldokbüchsl mitgeben. Da tun S' Ihnen nur gleich einreiben!« »Einreiben? Ich kann mich ja kaum bewegen.« »Was machen wir denn da?« Das Walperl studierte. »Müssen S' Ihnen halt von mir einschmirben lassen.« Er wurde dunkelrot über das ganze Gesicht. »Aber Walperl!« »Machen S' keine Gschichten! Was sein muß, dös muß sein! Ich denk mir nix dabei. Denken S' Ihnen halt auch nix!« Kurz entschlossen knöpfte sie dem Patienten an der Brust das Hemd auf. Er machte noch einen Versuch, sich zu wehren, und ließ mit leisem Schmerzenslaut die Arme fallen. »No also!« Das Mädel lachte. »Ihr Wehdam is gscheiter als wie der ganze Philosoph!« Dabei schälte sie ihm das Hemd bis zur Hüfte hinunter. »Ah, da schau!« sagte sie mit schmunzelndem Wohlgefallen, fuhr mit dem Finger in die Opodeldokbüchse und rieb, was sie gefaßt hatte, auf den flachen Händen auseinander. »Her mit'm Arm!« Sie begann zu »schmirben«, so nachdrücklich, daß Walter, obwohl er die Zähne übereinanderbiß, die Kur nicht schweigsam übertauchen konnte. »Nur aushalten!« tröstete das Walperl. »Wie weher als 's tut, um so gschwinder hilft's!« Nach dem rechten Arm kam der linke an die Reihe, dann der Nacken und der Rücken. Das Walperl verband mit dem »Schmirben« eine so energische Massage, daß ihr selbst dabei ganz heiß wurde. »So! Jetzt eins von die Haxln her!« Mit umständlicher Vorsicht streckte Walter das halbe Bein unter der Decke heraus. Walperl begann die Kur beim Knöchel und massierte kräftig weiter. Plötzlich zuckte Walter das Bein unter die Decke zurück. »Ich danke! Genug!« Erschrocken fragte sie: »Hab ich's a bißl grob gmacht?« »Nein. Aber ich danke. Mir ist schon besser.« »No ja, wann S' meinen –« Schweigend drehte sich Walter gegen die Wand und zog die Decke bis auf Kinn. Als das Walperl hinunterkam, stand Mathild wartend bei der Treppe. »Wie geht es dem Herrn Doktor?« »Passen S' auf, der Opedeldok hilft! Fest hab ich gschmirbt!« ». . . Du?« »No freilich! Selber hat er sich kaum rühren können. Und ich sag Ihnen, Fräulen, wann er so bucklet dahermarschiert, möcht man gar net glauben, was für a sauberer Mensch dös is. Gwachsen is er wie a Zwiefelröhrl. Und so viel weißhäutlet is er. Wann er mit Federln gspickt war, tät er ausschauen wie der heilige Sebastian in der Kirch. Der is gradso schön weiß.« »Du dummes Mädel, du!« sagte Mathild in brennendem Ärger, ließ das Walperl stehen und ging in die Stube. Der Opodeldok wirkte ein Wunder. Schon am Nachmittag konnte Walter aufstehen. Je länger er durch die Stube wanderte, desto leichter wurde sein Schritt. Dann setzte er sich mit dem Werther ans offene Fenster. Er las nicht lang. Es trieb ihn hinaus in den schönen Abend. In der Veranda gab's einen kleinen Aufenthalt. Da saß der Forstmeister, und Mathild bei ihm, die dem Vater aus einem Buche vorlas. Der lachende Empfang, den der alte Herr seinem »auferstandenen Hauskameraden« bereitete, ließ Mathild Zeit, die Verwirrung zu überwinden, von der sie beim unerwarteten Anblick des Patienten befallen wurde. Walter wollte sich zu den beiden an den Tisch setzen. Der Forstmeister sagte: »Jetzt müssen Sie Bewegung machen! Das ist der richtige Schluß der Kur: ein paar Stunden stramm laufen. Dann haben Sie's morgen los!« Diesen Rat befolgte Walter, doch als er Mathild die Hand reichte, war es ihm anzumerken, daß er lieber geblieben wäre. Sie hatte kein Wort gesprochen, solange Walter in der Veranda war, hatte auch schweigsam seine Hand genommen und schien aufzuatmen, als er ging. Verwundert sah der Vater sie an. Sie nahm das Buch und begann mit ruhiger Stimme weiterzulesen. Walter, der zwischen den Fliederbüschen hin und her marschierte, machte Armbewegungen und trank in tiefen Zügen die frische Luft. Doch so schön, wie ihm seine Sehnsucht in der Stube droben den Abend gezeigt hatte, war's heute nicht. Etwas schwül Verschleiertes hing über der Landschaft, der Hohe Schein war von bläulichem Dunst umwoben, und im Westen stieg eine Wolkenwand herauf, deren Säume wie Feuer brannten. Nach einem Rundgang durch die Wiesen und Felder kam Walter bei Anbruch der Dämmerung zur Scheune des Scheidhofes, gerade als Bonifaz mit einer Sense heraustrat. »Guten Abend, Herr Dokter! Was macht 's Buckerl?« Walter lachte. »Es geht schon wieder. Das brave Walperl hat mich so energisch ›eingeschmirbt‹, daß die Kur Wunder gewirkt hat.« »Die hat feste Arm, ja!« nickte Bonifaz. »Wann die ebbes angreift, gibt's aus!« Nachdenklich betrachtete Walter den Knecht. Dann fragte er: »Gehen Sie noch mähen?« »Für d' Heimküh muß ich a paar Schober Gras umschlagen.« Bonifaz schmunzelte. »Dös war a Gschäftl für Ihnen. Was meinen S'?« Walter preßte die Faust in den Rücken. »Wenn ich nur könnte!« »Probieren S' es! Gift muß man mit Gift vertreiben.« Lachend wetzte der Knecht die Klinge. »Ich probier's!« sagte Walter entschlossen und griff nach der Sense. Während der Knecht hinüberging zu den Ställen, fing Walter mit vorsichtigem Schwung zu mähen an. Gleich beim ersten Hieb zuckte ihm in allen Muskeln der Schmerz wieder auf. Er mußte die Zähne übereinanderbeißen wie am Morgen, als das Walperl mit dem Opodeldok über ihn gekommen war. Die Kur der Sense wirkte nicht minder heilsam, dazu entschieden ruhiger auf sein Blut. Heiß wurde ihm auch jetzt. Aber dieses langsame Ausbrennen seines Körpers war kein Feuer in Qual, sondern ein Erglühen in Behagen. Immer leichter ging ihm der Sensenschwung aus Armen und Hüften, jede letzte Spur von Starrheit erlosch in seinem Körper. Jede Bewegung wurde für ihn was Frohes und Selbstverständliches, alle Plage der Arbeit war ihm verwandelt zu Freude an seiner Kraft. Er hörte nicht, wie sie im Dorf den Abendsegen läuteten, sah nicht, daß der Himmel sich dunkel überzog. Halblaut eine Weise summend, machte er Schritt um Schritt mit der schwingenden Sense, und rauschend fielen vor seinem Hieb die Gräser. »He! Jesusmaria!« schrie Bonifaz, als er mit dem Handkarren von der Scheune kam. »Mensch! Sö schlagen mir ja den ganzen Garten um!« Lachend ließ Walter die Sense rasten. »Jetzt hab ich's heraus: wie das schmeckt, wenn einem die Arbeit zur Freude wird!« »Da haben S' ebbes derpackt fürs Leben!« Aufatmend hob Walter ein Grasbüschel vom Boden und wischte die Sense ab. Dann legte er dem Knecht die Hand auf die Schulter und sagte: »Bonifaz! Wir beide, hoff' ich, schlagen noch manche Wiese miteinander um!« Er ging zur Villa hinüber, deren Fenster schon erleuchtet waren, und sprang die Treppe hinauf, um sich zu waschen und umzukleiden. Das Walperl guckte aus der Küche heraus. »Herr Jegerl! Wie der schon wieder hupft! Ja, der Opedeldok halt!« Als sie eine Viertelstunde später das Nachtmahl für ihre Herrschaft in die Stube trug, kam Walter hinter ihr zur Tür herein. »So allein da droben, das halt ich nicht aus. Wenn Sie mir's erlauben, trink ich meinen Tee bei Ihnen.« Das wurde ein heiterer Abend. Bis in die Küche hinaus konnte das Walperl den Philosophen lachen hören. Auch das Klavier hörte sie, packte gleich den Eimer und lief zum Brunnen. Gemütlich war's da nicht. Die Nacht stockfinster, nur manchmal durch ein Wetterleuchten erhellt. Ein scharfer Wind fuhr über die Baumkronen, so daß man bei ihrem Rauschen das Chopinsche Nokturno, das Mathild spielte, nur verschwommen aus der Stube hörte. Noch ehe der Eimer vollgelaufen war, kam richtig das Glühwürmchen angerückt. »Jesses, du! « Wie üblich spielte Walperl die Verwunderte. »Was tust denn da?« »No, auf d' Musi möcht ich halt a bißl lusen.« »So?« »Ja.« Sie schwiegen und lauschten, bis das Walperl sagte: »Schön spielt s' heut wieder. Aber so viel traurig.« »Dös mag ich gern. Bei die Leut hab ich's am liebsten, wann s' lustig sind. D' Musi gfallt mir am besten, wann's traurig tut! Da kann man sich ebbes denken.« »Was denn?« »Allerhand.« Das Walperl fuhr mit dem Näschen in die Luft. »Jetzt hab ich an Tropfen gspürt. Heut wird's noch ghörig schütten.« Sie lachte. »Da kriegen die Kerschen an Saft.« »Die Kerschen? Wie kommst denn da drauf?« »No, so halt!« stotterte Walperl. »Weil der Herr Dokter heut so gredt hat davon. Ob s' net bald reif sein kunnten?« »Da hat's noch lang hin!« Bonifaz blies in die Pfeife, daß die Leuchtkäfer flogen. »'s Jahr is gut!« meinte Walperl optimistisch. »Da kann's gschwind gehn mit der süßen Frucht.« In der Stube war das Klavier verstummt, und trotz des Sturmes, der mit Rauschen anwuchs, hörte man den Philosophen lachen. »Jetzt kann er wieder lustig sein!« sagte das Mädel. »Aber heut in der Fruh is er daglegen wie 's Leiden Christi. Ja. Nobel hat ihn der Opedeldok aussigrissen.« »Vom Opedeldok hat er mir nix gsagt. Aber von dir. Ghörig mußt druckt haben.« »Ja. Fest hab ich gschmirbt.« Mit Humor erzählte das Mädel die Geschichte der Kur. Auch das Gleichnis mit dem heiligen Sebastian wiederholte sie. »A bildsaubers Mannsbild is er.« »Da kann 's Fräulen amal ihr Freud dran haben.« Es war so finster, daß Bonifaz nicht sehen konnte, wie groß das Walperl die Augen aufriß: »Warum denn 's Fräulen?« »No, die zwei haben anand doch gern.« »Mar' und Josef!« »Aber sei fein gscheit und red nix drein! D' Lieb muß wachsen wie a Blüml, dös keiner anrührt.« »Jesses, jesses, jesses!« Weiter kam das Walperl nicht. In Strömen begann der Regen zu fallen, und ein Blitzstrahl überleuchtete Tal und Berge mit bläulicher Helle. »Sakra! Jetzt heißt's aber tummeln!« meinte Bonifaz und sprang zum Scheidhof hinüber. »Gut Nacht, Madl!« »Gut Nacht, Bub!« Hurtig stülpte Walperl den vollen Eimer um – sie hatte das laufende Wasser im Haus – und huschte zur Veranda. Die ganze Nacht währte das Strömen und Gießen, das Flammen und Grollen. Erst als der Tag zu grauen anfing, wurde es still in den Lüften. Es kam ein Morgen, schön in seiner Kühle, mit erfrischten Farben, im Gefunkel der hängenden Tropfen. Beim Geläut einer Glocke verließ das Walperl in ihrem bescheidenen Sonntagsstaat die Villa. Aufmerksam guckte sie nach den Kirschen. »Jetzt schießt ihnen der Saft ein!« Flink eilte sie ins Dorf, um noch rechtzeitig zur Frühmesse zu kommen. Da hätte sie sich Zeit lassen dürfen. Als sie die Kirche betrat, saß der Kaplan noch im Beichtstuhl. Ein halb Dutzend frommer Weiblein stand auf der Paß, um das Gewissen erleichtert zu bekommen. Das letzte Beichtkind in der wartenden Reihe weckte die Neugier aller Kirchgänger. Es war eine Dame, die ein weißes Kleid trug und den Kopf mit einem schwarzen Spitzentuch umwickelt hatte. Als sie in den Beichtstuhl trat, machte der Kaplan eine Bewegung, bei der ihm das Beichttuch über das Gesicht herunterglitt. Kaum hatte er sich wieder verhüllt, als die Dame plötzlich aus dem Beichtstuhl zurücktrat und die Kirche verließ. Der Kaplan erhob sich, das Gesicht so weiß wie das Chorhemd, das er trug. Er warf einen ratlosen Blick zur Kirchentür und ging in die Sakristei. Nach der Messe hatte das Walperl Besorgungen zu erledigen; bis sie fertig wurde, riefen schon die Glocken zum Hochamt. Unter der milden Sonne strömten die feiertäglich gekleideten Leute der Kirche zu, während das Walperl mit dem Henkelkorb zum Scheidhof wanderte. Dabei guckte sie immer voraus, als sollte was Besonderes die Straße daherkommen. Bonifazius Venantius kam auch. In einem hechtgrauen Lodenanzug, mit grünen Tuchstreifen auf der Hose, mit Hirschhornknöpfen an der Joppe, ein rotes Seidentüchl um den Hemdkragen, auf dem Hut zwei weiße Adlerflaumen und ein Nelkensträußl. Sein Arbeitsgewand kleidete ihn besser. In der steifen Feiertagsherrlichkeit sah er aus wie eine Holzfigur, die man bemalte, bevor sie noch fertig geschnitzt war. Aber dem Walperl gefiel er so gut, daß ihr vor Stolz das Blut ins Gesicht fuhr. Doch in dieser Freude bitterte ein Wermutstropfen. Neben dem Bonifaz ging im schillernden Seidenstaat die Schrottenbacher-Vev mit den feinen Zeugstiefelchen. »Hat s' ihm schon wieder abpaßt!« murrte das Walperl. Als sie am Bonifaz vorüberging, sagte sie spitzig: »So? Hast dir an Unterhaltung aufzwickt?« Bonifaz schmunzelte. »Wie man's halt findt auf der Straß.« Dieses sonderbare Kompliment überhörend, guckte die Vev dem Walperl nach und sagte spöttisch: »Die kunnt sich auch besser gwanden für d' Feiertäg!« »Die spart.« Auch Bonifaz guckte sich um. »Ganz gut schaut s' aus! Auf 's Materali kommt's net an.« Das Walperl hörte nichts von dieser Unterhaltung. Auf der Straße sah sie ihre Herrschaft kommen: den Forstmeister im Rollsessel, den das Fräulein schob. Mathild trug ein hellblaues Kleid mit breitem Leinenkragen, über den blonden Flechten einen blauen Matrosenhut mit weißem Band. So schlank und fein war sie anzusehen, in ihrer Einfachheit so lieblich und reizvoll, als hätte der Schöpfer dieses sonnigen Morgens sie als besonderen Schmuck in den schönen Feiertag gestellt. Ihre Wangen blühten, ihre Augen glänzten, nicht so ruhig wie sonst, doch wärmer und tiefer. Auch in ihrer Stimme war ein leiser Klang von Erregung, während sie mit dem Walperl die häuslichen Dinge des Tages beredete. Das Mädel guckte immer an ihr hinauf, mit merkwürdig studierendem Blick. »So viel gfallen tut mir 's Fräulen heut!« »Ja Geiß!« Der alte Herr blickte lächelnd auf. »Heut hast du die richtigen Festtagsaugen.« Er hob den Kopf: »Da vorne seh ich den Sonnweber. Vielleicht können wir ihn noch einholen? Warum nur der die ganzen Tage her nimmer bei uns war?« Ein Schatten ging über die Sonntagsfreude in Mathilds Augen, während sie den Sessel in Bewegung brachte. »Gspaßig!« dachte das Walperl. »Daß s' gar nix gredt hat vom Herrn Dokter? Ich red allweil vom Bonifaz.« Daheim fand sie die für Walter bestimmte Frühstücksplatte hübsch gerichtet, und auf dem Herd kochte schon das Wasser für den Tee. Ein paar Minuten später hörte sie die Klingel, und als sie die Platte hinaufbrachte, saß Walter hemdärmelig auf dem Gesims des offenen Fensters in der Sonne. Das Mädel sah ihn mit großen Augen an. »Was dös für a Sonntag heut sein muß! Mit Ihnen muß er auch ebbes angstellt haben. Völlig anders schauen S' aus, gar nimmer wie a Philosoph.« Er lachte. »Wie schaut ein Philosoph denn aus?« »No, so halt, wie S' daherkommen sind beim Loschiesuchen, so bucklet und traamhappet, als ob er net bis auf fünfe zählen kunnt. Und blast man, so fallt er um. Jetzt schauen S' aus wie einer, den 's Leben freut.« »Ja, Mädel!« Er preßte die Fäuste auf seine Brust. »Mich freut das Leben.« »Da müssen S' es auch genießen! 's Beste vom Sonntag haben S' heut schon versäumt.« »Das Beste?« »Ja«, sagte sie ernst, »die Kirch haben S' verschlafen.« »Herrje!« Er schlug mit drolligem Entsetzen die Hände zusammen. »Da muß ich schauen, daß ich zu meinem Gebetbuch komme.« Er holte vom Schreibtisch ein Buch und legte es neben die Tasse, die ihm das Walperl gefüllt hatte. Das Mädel machte schiefe Augen. »A schöns Betbuch! Dös is ja eins vom Fräulen ihre Göthianerbüchln.« »Glaubst du denn, daß da was Unrechtes drin steht?« »Was unser Fräulen hat, is allweil ebbes Guts. Aber ich hab amal in so a Göthianerbüchl einiguckt. Da is a verliebts Liedl dringstanden: Gibt's eine, die so an lieben Mund Und so runde Backeln hat? Und nacher is noch ebbes rund, Da sieht man sich net satt! No ja«, das Walperl schmunzelte, »so was darf eim ja gfallen, sonst hätt's unser Herrgott net gmacht. Aber beim Beten sollt man doch an ebbes anders denken!« Weil er so herzlich lachte, wurde sie ein bißchen verlegen. »Ja, lachen S' nur! Unser Herrgott hat Ihnen eh schon gstraft. Weil S' die Kirch verschlafen haben, drum haben S' unser Fräulen heut noch net gsehen. Da därf Ihnen leid drum sein! Wie 's Fräulen heut ausgschaut hat!« Da fiel ihr die Warnung des Bonifaz ein. »Lassen wir's gut sein! Blümln, wann s' wachsen, soll man net anrühren.« Sie ging zur Tür. »Am nächsten Sonntag verschlafen S' die Kirch net, gelt!« Mit dem Bewußtsein, ein gutes und christliches Wort gesprochen zu haben, verließ sie die Stube. Es dauerte nicht lang, und Walter kam über die Treppe heruntergesprungen, in hellem Sommeranzug, das Hütl schief über dem Braunhaar. Sein »Göthianerbüchl« unter dem Arm, sauste er durch die Veranda. In seiner Art, sich zu bewegen, war etwas, als hätte er's verlernt, einen ruhigen Schritt zu machen. Auf der Höhe des Hügels, nicht weit vom Haus des Scheidhofers, fand er einen Platz, der ihm gefiel. Im Schatten der Ulmen stand eine Bank mit einem Tisch davor. So steif zu sitzen, das paßte ihm nicht. Hinter den Bäumen, wo die Sonne schon den Nachtregen vom Gras getrocknet hatte, warf er sich auf den Boden, umzittert von den Strahlen, die durch das Gezweig der Ulmen spielten. Im Schatten glitzerten noch die Wassertropfen, und an vielen Blumen war im Kelch noch ein Gefunkel, als läge zwischen den bunten Blättchen ein Diamant verborgen. Als Walter das Buch aufschlug, faßte ihn gleich die erste Strophe der »Zueignung« im innersten Herzen. Wieder solch ein Klang, wie eigens für ihn gesungen: »Der Morgen kam, es scheuchten seine Tritte Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing, Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte Den Berg hinauf mit frischer Seele ging; Ich freute mich bei einem jeden Schritte Der neuen Blume, die voll Tropfen hing; Der junge Tag erhob sich mit Entzücken, Und alles war erquickt, mich zu erquicken.« Im Dorf wurde zur Wandlung geläutet. Walter hörte nicht. Er las und las. Dann mußte er auflachen. Er hatte das »verliebte Liedl« gefunden. Freilich lautete die Strophe, die das Walperl zitiert hatte, im Buch ein bißchen anders. »Das schwarze Schelmenaug dadrein, Die schwarze Braue drauf. Seh ich ein einzigmal hinein, Die Seele geht mir auf. Ist eine, die so lieben Mund, Liebrunde Wänglein hat? Ach, und es ist noch etwas rund, Da sieht kein Aug sich satt!« Er lächelte. »Schwarze Augen?« Nachdenklich begann er das Liedchen wieder von vorne zu lesen. Die dürstende Sehnsucht, die da stammelt und mit Verlangen die Arme streckt, floß ihm auf dem Klang der glühenden Verse ins eigene Blut. Mit brennenden Wangen las er Lied um Lied. Immer wieder der gleiche Schrei der Sehnsucht, der stammelnde Jubel des Gewinnes! Während er las, stand immer eine Gestalt vor seinem Blick, eine herrliche Mädchengestalt, neben ihr die lustige Kellnerin, der es auf ein paar Todsünden nicht ankäme, wenn sie ein Mannsbild wäre. Walter hielt im Lesen inne und schloß die Lider, als möchte er dieses Bild von sich abwehren, sich dem Blick dieser dunklen Augen entziehen. Dann griff er wieder nach dem Buch. Das sprach zu ihm wie mit dem Lächeln eines Rätsels: »Sieh, das Gute liegt so nah, Lerne nur das Glück ergreifen, Denn das Glück ist immer da!« Betroffen sah er diese Zeilen an. Aber das war nicht die Stunde, in der er das Rätsel seines Glückes hätte lösen können. Bei allem Sturm seines Blutes schoß ihm jenes Wort aus dem »Werther« durch den Sinn: »Der natürlichste Trieb der Menschheit ist das Zugreifen!« Und in seinen Ohren klang das Liedchen, das die Knechte gesungen: »Wann dir ebbs gfallen tut, Schleun di und sag's! Wann dir ebbs haben möchst, Greif dir's und pack's!« Wie ihm das gefallen hatte! Im kühlen Grau jenes Morgens, der ihn zu einem Tag der Arbeit führte! Dieser frohe, schaffende Tag! Bei dieser Erinnerung war ihm zumut, als hätte sich eine beruhigende Hand auf den Aufruhr seiner Sinne gelegt. Und da las er: »Ich weiß, daß mir nichts angehört Als der Gedanke, der ungestört Aus meiner Seele will fließen. Und jeder günstige Augenblick, Den mich ein liebendes Geschick Von Grund aus läßt genießen.« War das nicht die gleiche Lehre, wie jenes kecke Volkslied sie predigte? Nur reiner und schöner? Das offene Buch auf den Knien, blickte er über die Wiese hinaus, auf der sich die Blumen mit ihren funkelnden Tropfen in der Sonne wiegten. Als er weiterlas, waren seine Gedanken nur halb bei dem Buche. Da sprang ihm ein Zauberwort ins Herz: »Trinke Mut des reinen Lebens!« Dieses Lied vom »Schatzgräber«? War das nicht wie ein Lied seines eigenen Schicksals? Krank am Herzen, hatte er seine zwecklosen Tage freudlos hingeschleppt, alle Kreise des Wissens gezogen, Höhen und Tiefen beschworen und in dunklen Gründen nach den unfindbaren Schätzen der Ruhe gewühlt. Und da war das Leben vor ihn hingetreten und hatte seinem Durst die Schale gereicht! Er hatte Vergessenheit geschlürft, Freude gekostet und Kraft getrunken. Was zögerte er noch, aus dem Gewinn dieser Tage den Reichtum seiner Jahre zu formen? Was hinderte ihn, den »neuen Weg« zu gehen, der ihn aus kalter Tiefe emporführen würde zu allem frohen, hohen Schein des Lebens? Gab es für ihn, der frierend in Finsternissen gewühlt hatte, ohne zu finden, eine bessere Lehre als die Predigt dieser sonnigen Tage und die Mahnung dieses Liedes: »Trinke Mut des reinen Lebens! Dann verstehst du die Belehrung, Kommst, mit ängstlicher Beschwörung, Nicht zurück an diesen Ort. Grabe hier nicht mehr vergebens! ›Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste!‹ Sei dein künftig Zauberwort!« Er schloß das Buch. Da war auch in der Kirche das Hochamt vorüber, und die Glocke läutete zum Segen. Mit träumendem Lächeln saß er noch, als er ganz in der Nähe eine drängende Stimme hörte: »Vorwärts! Plag dich halt a bißl! Sonst derleben wir's nimmer, daß wir zum Bankl kommen.« Und der Scheidhofer, den die Magd vom Haus herüberführte, wimmerte: »Jesus! Tu mich net so hart angreifen! Langsam, Madl! Wie Glasscherben hab ich's unter die Füß!« Das kostete Mühe, bis die Magd den Kranken zur Bank brachte. Dann rannte sie ins Haus zurück, und der Einsame saß in sich versunken, die Hände in die Ärmel der Pelzjacke eingewühlt wie in einen Muff. Walter blickte durch eine Lücke der Bäume in dieses gelbe, zerfallene Gesicht. »Tod! Wie du das Leben predigst! Elend! Wie lehrst du die Freude schätzen!« Aufatmend sah er in den Glanz des Morgens. Dann sprang er auf und ging zur Bank hinüber. Der Scheidhofer, als er den Schritt vernahm, zuckte zusammen. Nun schien er wieder beruhigt. Greinend fragte er: »Was wollen S' denn?« »Ich möchte mich bei Ihnen für eine Freude bedanken.« »Weiß nix! Hab keim Menschen a Freud gmacht. Lassen S' mich in Ruh!« »Dann muß ich es Ihnen gegen Ihren Willen sagen, daß ich Ihnen für einen Tag Arbeit zu danken habe, den ich auf Ihrer Wiese beim Weiher mitmachen durfte. Dieser Tag hat mir Freude, Gesundheit und Kraft gegeben.« Der Scheidhofer machte ein verdrießliches Gesicht. »Ah so? Ja, der Faz hat mir verzählt. Und gut, sagt er, is 's Heu worden.« Er seufzte. »Was hab ich davon? Die Küh haben ihr Freud, wann 's Heu gut is. Aber ich? D' Milli vertrag ich nimmer. Was hab ich davon?« Schweigend betrachtete Walter den Kranken. Dann legte er Hut und Buch auf den Tisch. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?« »'s Bankl is breit. Hocken S' Ihnen her!« Walter ließ sich nieder. »Was für ein schöner Tag das ist!« »Was hab ich davon?« »Daß Sie die Wärme fühlen, die von der Sonne kommt.« »Freilich, ja! D' Sunn macht warm. Und d' Sunn laßt unser Herrgott scheinen, sagt der Kaplan. Von der Höll weiß er's noch besser. Da kennt er sich aus!« Leis kicherte der Kranke und schob die dürren Hände in die Sonnenlichter, die auf der Tischplatte flimmerten. »Ja, ja! 's Warmhaben is allweil noch ebbes für die letzten Tag, wann 's Frieren anhebt. Amal, da hab ich a Dackerl ghabt, Flora hat s' gheißen. Junge hat s' kriegt, in zehn Jahr an die fufzg. Und alle hat s' überlebt. Halb blind is s' worden, räudig und lahm. Aber 's Warmhaben hat ihr allweil noch gschmeckt. Allweil is s' in der Sunn glegen. Muß ich's halt auch so machen. Ja! So viel gütig is unser Herrgott, weil er ein' allweil noch ebbes gnießen laßt.« Die Dienstleute des Scheidhofes kehrten vom Kirchgang zurück, eins ums andere kam zur Bank, wünschte dem Scheidhofer guten Morgen und fragte, wie es ihm ginge. »Wie's halt gehn muß!« Das war seine Antwort. Und als ihn Walter nach seinem Leiden fragte, erwiderte er: »Der Dokter hat allweil an anders Wörtl und allbot an anders Flaschl. Spüren tu ich allweil 's gleiche. Schön langsam auffressen tut's mich halt.« Da kam der Bonifaz in seinem steifen Sonntagsstaat, mit dem roten Nelkensträußl auf dem Hut. Er schwatzte freundlich mit Walter und grüßte den Bauer, ohne zu fragen, wie es ihm ginge. Die Krankheit des Scheidhofers schien für den Bonifaz eine Sache zu sein, über die kein Wort mehr zu verlieren war. Und die Augen, mit denen der Kranke an dem Knecht hinaufblinzelte, hatten keinen wohlwollenden Blick. Walter dachte: »Der fühlt die Grausamkeit der Natur, die seinem erlöschenden Leben diesen kraftstrotzenden Menschen gegenüber stellt.« Während Bonifaz die Arbeit der kommenden Woche besprach, nickte der Bauer immer – dann murmelte er spöttisch: »Gut machst alles! Der sich hinter meiner einisetzt in' Scheidhof, kann sei' Freud dran haben. Bei dem verdienst dir a nobles Trinkgeld!« »Ich bin gut zahlt und tu mei' Schuldigkeit!« sagte Bonifaz kurz, beinah grob. »An dös, was nachkommt, denk i net.« Er lüftete den Hut und ging davon. »Scheidhofer?« fragte Walter erregt. »Warum kränken Sie diesen braven Menschen, statt ihm zu danken für seine tüchtige Arbeit? Was haben Sie gegen den Bonifaz?« »Ich? Ah na! Mit dem bin ich zfrieden. Wie länger als er da is, allweil mehrer wird der Scheidhof wert. Acht Tausend tragt er im Jahr! Ehnder amal, wie meine Leut noch glebt haben, is alles aufgangen, bei Butz und Stingel. D' Freud auf der Welt, die kostet ebbes. Aber jetzt –« Die Augen des Kranken begannen wie in Zorn zu funkeln. »Jetzt kann ich sparen. 's Elend is billig. Viel hab ich mir derspart. An ganzen Haufen!« Er lachte. »Die Kirch, die der Scheidhofer baut amal, wird allweil schöner. Kommt einer, der mir gibt, was ich verlang, so wird verkauft auf der Stell. Alls muß ich beinand haben! Ehnder mach ich d' Augen net zu. Alls muß ich haben! Und nacher wird baut.« Er lachte wieder. »Sakra! Gibt dös an Endstrumm Turm! Und Glocken! Und silberne Leuchter! Und scheckete Fenster!« »Sie wollen den Scheidhof verkaufen? Um Ihr Vermögen für den Bau einer Kirche zu stiften?« »Meint der Kaplan. Ja!« Mit zwinkernden Augen hob der Kranke das Gesicht. Ein Zug von spöttischer Verschlagenheit umspielte seinen welken Mund. »Die Sach hat noch a Hakerl. Hab ich die Kirch da baut, so fahrt mei' sündhafte Seel in Himmel auffi, sagt der Kaplan. Aber ich bin a gsellschäftlicher Mensch.« Der Scheidhofer blinzelte ins Blau hinauf. »Z'erst möcht ich wissen, was ich da droben für Kameradschaft sind. Mein Weib is im Fieber gstorben. Wer weiß, ob der letzte Segen noch gholfen hat? 's Madl, freilich, die kunnt droben sein! Die hat noch die letzte Ölung kriegt, wie ihr 's Nattergift schon brennt hat im jungen Blut. Aber mein Toni hat beim Fensterln 's Gnack brochen, wie er aussigstiegen is aus der süßen Freud. Den müßt der Tuifi gholt haben, wann's wahr is, daß uns der Herrgott alle Süßigkeit als Todsünd rechnet. Und mein Hans und mein Seppl sind bei Orleans gfallen. Fürs Vaterland, heißt's allweil. Ja, ja, 's Vaterland wird schon ebbes ghabt haben davon. Aber wann ich auffikomm in Himmel und frag unsern Herrgott: Mensch, wo sind denn meine Buben? Und der Herrgott sagt mir: Mensch, da mußt a bißl tiefer anfragen! Was hab ich denn nacher von der Kirch und von der Seligkeit?« Der Kranke griff mit zitternden Händen ins Leere. »Ich will ebbes haben davon.« Zwischen den Fliederbüschen hörte man einen Schritt. Der Scheidhofer fuhr zusammen und murmelte mit galligem Zorn: »Hat ihn der Tuifi schon wieder da! Unser Herrgott hat Ruh geben am Sonntag. Der muß am Sonntag auch noch wuhlen.« Als Walter den Kaplan gewahrte, wollte er sich erheben; doch der Scheidhofer faßte ihn am Rock und bettelte: »Tun S' mir den Gfallen und bleiben S'! Is einer da, so hab ich mein' Fried.« Wo der Kiesweg aus den Fliederbüschen heraustrat, blieb Innerebner stehen, als besänne er sich, ob er nicht umkehren solle. Dann kam er mit raschen Schritten zur Bank. »Grüß dich Gott, Michael!« sagte Walter. Verwundert guckte der Bauer. Da legte ihm der Kaplan die Hand auf die Schulter. »Scheidhofer! Schicken Sie diesen Menschen fort! Gift für Eure Seele ist jedes Wort, das Euch dieser Leugner sagt.« »Ich? Ein Leugner?« Ruhig sah Walter zu dem zornbrennenden Gesicht des jungen Priesters auf. »Nein, Michael!« Ohne zu antworten, faßte Innerebner den Arm des Kranken. »Kommen Sie, Scheidhofer!« »Laß den kranken Mann doch in der Sonne sitzen! In seiner Stube ist es einsam und kalt.« Verdutzt hatte der Bauer bald den Kaplan, bald wieder seinen Nachbar auf der Bank betrachtet. Der Gegensatz zwischen dem Zorn des jungen Priesters und der heiteren Ruhe Walters schien ihn zu belustigen. Er fing zu kichern an. Da zuckte er unter dem harten Griff, den er an seinem Arm verspürte. »Kommen Sie, Scheidhofer!« Der Kranke klagte wie ein eigensinniges Kind: »Ich mag net. In meiner Stuben is kalt, hat er gsagt. Und recht hat er.« »Scheidhofer!« Die Stimme des Kaplans hatte scharfen Klang. »Lassen S' mich sitzen da! In der Sonn is's gut! Warum denn ins eiskalte Haus eini?« Innerebner stand schweigend und nagte an der Lippe. Da lachte Walter. »Du wirst ihm sagen müssen, warum du meine Nähe für so gefährlich hältst. Wenn du schweigsam bleibst, könnte der Scheidhofer denken, ich hätte ein Verbrechen begangen.« »Das hast du auch begangen!« fuhr Innerebner auf. »Einen Mord an deiner Seele und an den Seelen der Deinen!« »Waaas?« fragte der Bauer, halb ungläubig und halb erschrocken. »Umbracht haben S' wen?« »Nein, Scheidhofer, so gefährlich war's nicht!« Walter lachte wieder. »Innerebner wollte Ihnen nur sagen, daß ich Geistlicher hätte werden sollen.« »Und daß du eidbrüchig wurdest, ein Verräter am Altar!« »So drückt er sich aus!« wandte sich Walter heiter an den Kranken. »Bei mir heißt es: daß ich ehrlich meinen Weg suchte, um ein glücklicher Mensch zu werden.« »Ah so?« Das dünne Gekicher des Kranken bekam einen seltsamen Klang. »Da haben S' Ihnen viel vermessen! Aber Mensch sein und 's Glück finden?« »Scheidhofer!« siel Innerebner mit bebender Stimme ein. »Was Ihr da redet, ist sündhaft.« »Schon wieder amal? Warum denn?« »Weil es Lästerung gegen den Willen Gottes ist. Nicht Menschen sollen wir sein, mit aller Torheit und Sünde des Lebens, sondern fromme Christen, die sich in Demut und Reue vor der Zuchtrute Gottes beugen.« »Ja, ja, so sagt er allweil, der Herr Kaplan!« In Spannung blinzelte der Bauer zu Walter hinüber. »Was täten denn Sie sagen?« »Daß Gott nicht mit der Rute zuschlägt wie ein schlechter Schulmeister. Er hätte die Menschen nicht erschaffen, wenn es nicht sein Wille wäre, daß wir an unserem Leben Freude haben.« Es flimmerte in den Augen des Kranken. »No? Was sagen S' jetzt, hochwürdiger Herr?« Innerebner umklammerte den Arm des Bauern und suchte ihn von der Bank zu ziehen. »Aber Michael! Ein Kranker! Er will in der Sonne bleiben. Oder brauchst du, um als Priester zu diesem dürstenden Herzen zu reden, die kalte Stube? Wegen des wirksameren Kontrastes mit der heißen Hölle, von der du ihm mehr als nötig zu erzählen scheinst?« Die funkelnden Augen auf Walter gerichtet, schien Innerebner nach einem Wort zu suchen, das wie ein Faustschlag wirken sollte. Er fand es nicht. »Warum schweigst du? Da sitzt ein Mensch, der den Priester nötig hat, weil ihm der Schmerz den Glauben an Gott zerschlug. Zeig ihm die schöne Kirche, die du seinem irrenden Herzen erbauen willst! Daß es dir bei deiner Seelsorge für den Scheidhofer nur um eine backsteinerne Kirche zu tun ist, mit gemalten Fenstern, die der Sonne den Weg versperren? Michael, das glaub ich nicht. Von deinem ehrlichen Willen bin ich überzeugt. Also sprich!« Da war es stille zwischen den dreien. Man hörte nur das Geflüster des Laubes und die schweren Atemzüge des Kranken, der lauernd zu dem bleichen Gesicht des jungen Priesters hinaufschielte. »Rede doch! Oder reicht hier die Formel nicht, die du aus dem Seminar herausgetragen ins Leben? Hat dein Herz alle menschliche Sprache verlernt? Steh nicht so stumm! Du bist der Priester. Ich bin der Gottesflüchtling. Doch wenn ich den priesterlichen Rock trüge, wüßt ich, was ich dem Scheidhofer sagen würde.« Walter faßte die Hand des Bauern. »Ich würde Euch sagen, Scheidhofer, daß Euer Zorn gegen das Leben und Euer Zweifel an der Liebe des Schöpfers ein häßlicher Undank ist. Habt Ihr nur ein halbes Gedächtnis, Mann? Fällt Euch nur alles Bittere und Harte ein, das Euch die Not der Erde auf Herz und Schultern legte? Warum denkt Ihr nicht an das Frohe und Schöne, mit dem der Schöpfer Euch beschenkte. Gab er Euch nicht eine lachende Kinderzeit in der Liebe von Vater und Mutter? Gab er Euch nicht die Kraft der Jugend, den Stolz der Arbeit und den Segen der Ernte? Hat er Euch nicht ein Weib in die Arme gelegt? Habt Ihr nicht gejauchzt im Glück Eurer jungen Liebe?« »Meiner Seel, dös is wahr!« stammelte der Scheidhofer. »Die Säuberste hab ich mir gnommen. Und gjuchezt hab ich, grad wie a Narr!« »Und Eure Kinder? Hat Euch der Glanz ihrer Augen nicht stolz und froh gemacht?« »Wahr is's! Wahr! Mein Madl mit ihre lieben Guckerln, und meine Buben in ihrer lustigen Kraft! Aber jetzt? Was hab ich davon?« »Das Bewußtsein, daß Ihr reicher wart, als es andere sind, die keine Freude verlieren können, weil sie nie eine Freude erlebten. Seht mich an, Scheidhofer! Hinter mir liegt ein Leben ohne Glück, ohne Licht und Wärme. Und der da? Glaubt Ihr, daß er glücklich ist? Der hat unter dem schwarzen Rock ein Herz, das den Durst seines Lebens nicht stillen darf. Alles muß er entbehren, was die Liebe des Schöpfers Euch in Fülle gegeben hat.« »Wahr is's! Viel hat er mir geben. Aber alles hat er mir wieder gnommen.« »Nein, Scheidhofer! Gott hat Euch nichts genommen. Sterben müssen wir alle. Daß Euer Weib und Eure Kinder ihr Leben nicht froh erfüllen durften bis zum Alter? Das hat doch der Schöpfer nicht verschuldet. Wollt Ihr Gott dafür verantwortlich machen, daß Euer Mädel beim Beerensuchen barfuß lief, statt Schuhe zu tragen, durch die keine Natter beißt? Und daß Euer Bub im Rausch einen Fehltritt machte? Und daß Eure beiden Ältesten auf dem Schlachtfeld verbluten mußten, weil uns Frankreich das friedliche Leben auf deutschem Boden nicht vergönnt? Scheltet auf den Unverstand der Menschen! Der hat Euch arm gemacht. Der Schöpfer in seiner Liebe hat Euch nur gegeben . Und habt Ihr denn wirklich alles verloren, was er Euch gab? Eure Hände sind leer. Aber die Sonne könnt Ihr doch auch nicht greifen, und sie wärmt Euch doch! Denkt an Euer Weib! Steht es nicht da vor Euch, schmuck und froh wie in der Zeit Eures schönsten Glückes? Denkt an Eure Kinder! Seht Ihr sie nicht lachen, seht Ihr nicht ihre Augen? Für Eure Hände sind sie gestorben, nicht für Euer Herz. Scheidhofer, Ihr seid ein reicher Mann!« Da klammerte der Kranke die dürren Finger um Walters Arm. » Der is der Pfarr! Der da!« Heiser lachend sah er zu Innerebner auf. »Was bist denn du? 's höllische Fuier und der Tuifi! Dös is alls, was d' hast! Der hat den Herrgott und d' Ruh! Der is der Pfarr! Was bist denn du?« Innerebner streckte die Hand. »Scheidhofer –« Die Stimme versagte ihm, und er ging davon wie in ratloser Flucht. »Michael!« Walter sprang auf. Der Bauer hielt ihn fest. »Bleiben S' bei mir, Herr! Tausend Sachen muß ich Enk fragen.« Das konnte Innerebner noch hören. Auf der Straße schien er die Menschen nicht zu sehen, die an ihm vorübergingen. Die Stirn mit Schweißperlen bedeckt, erreichte er sein Haus, das neben der Kirche stand, vom Pfarrhause durch den Friedhof getrennt, ein kleines Gebäude in einem verwahrlosten Gärtchen, darin das hoch aufgeschossene Unkraut alle Blumen zu ersticken drohte. Innerebner zog die Glocke. Seine Wirtschafterin, eine alte hagere Person mit verdrießlichem Runzelgesicht, öffnete die Haustür und sagte: »A Weibsbild hockt in der Stuben. Die muß ebbes Pressants haben.« Er trat in das Zimmer. Heiße Röte schlug ihm über das Gesicht, als er Mariane gewahrte, die sich mit leisem Gruß erhob. Sie trug das weiße Kleid wie am Morgen in der Kirche; den Schleier hatte sie über das Haar zurückgestreift. Das ganze Zimmer war erfüllt von einem süß duftenden Parfüm. »Was suchen Sie in meinem Haus? Lassen Sie mich in Ruhe!« knirschte Innerebner in Jähzorn. Sie lächelte, als hätte sie eine Kränkung tapfer zu überwinden. »Einen freundlichen Empfang hab ich nicht erwartet. Aber daß Sie gegen eine Dame so unhöflich sein würden, hätt ich doch nicht gedacht. Ich will Sie auch nicht länger belästigen und bereue diesen Weg. Was mich hergetrieben hat, nach langem Kampf mit meinem Stolz, das will ich für mich behalten. Nehmen Sie an, daß ich das Bedürfnis fühlte, mich bei Ihnen zu entschuldigen – wegen meines unvernünftigen Benehmens in der Kirche.« Schweigend trat er von ihr zurück, als empfände er den aus ihren Kleidern strömenden Duft wie eine Qual. »Ich habe Ihren Rat befolgt und den Priester in der Kirche gesucht. Dieser Entschluß ist mir schwer geworden. Als ich ihn mir abgerungen hatte, war mir wohl. Wieviel Ruhe hoffte ich zu finden. Doch als Sie mich durch das Gitter ansahen, mit diesen unerbittlichen Augen, hat mich eine solche Angst befallen, daß ich nicht den Mut hatte zu bleiben!« Ihre schönen Augen flehten. »Geben Sie sich keine Mühe!« Innerebner lachte rauh. »Auf dem Theater müssen Sie große Erfolge haben. Ich merke, Sie sind eine gute Komödiantin.« Mariane richtete sich auf, wie in tiefster Seele verwundet. »Sie irren sich, Hochwürden! Ich bin eine Stümperin. Wenn meine Kunst von mir begehrt, daß ich wahr die Menschen darstelle, so verlangt sie vor allem, daß ich die Menschen auch kenne. Ich merke jetzt, wie kurzsichtig meine Augen sind. An Ihnen hab ich nur den Rock gesehen, nicht was daruntersteckt. In der Schutzlosigkeit meiner Jugend hab ich schon manche Torheit begangen, die mich Tränen kostete, wenn die Enttäuschung kam. Aber daß mich meine Sehnsucht nach Seelenruhe gerade zu Ihnen führen mußte, das war der dümmste Streich meines Lebens.« Sie ging zur Tür. Er atmete auf wie ein Erlöster. Schon die Klinke in der Hand, wandte sie das Gesicht, mit Tränen in den Augen. »Noch keine Enttäuschung ist mir so bitter geworden. Wer und was Sie sein mögen, das weiß ich nicht. Alles andere, nur nicht der Priester, den ich in der Bedrängnis meines Herzens zu finden hoffte. Verzeihen Sie diesen Irrtum!« Große Tropfen lösten sich von ihren Wimpern. Innerebner streckte wortlos die Hände nach ihr. Sie wollte gehen. Da überfiel es sie wie eine Anwandlung von Schwäche, daß sie sich an den Türpfosten stützen mußte, um nicht zu fallen. »Fräulein!« schrie er, sprang zu ihr hin und fing sie in seinen Armen auf. Ihre Augen waren geschlossen. Wie leblos fiel ihr Kopf an seine Brust, daß ihr Haar seine Wangen berührte, seine Lippen. Nur ein paar Sekunden dauerte das. Dann schlug sie die Augen auf und wand sich erschrocken aus seinen Armen. Er hatte den Blick eines Irrsinnigen. »Fräulein!« stammelte er und hielt ihre Hand umklammert. »Sie sollen sich nicht getäuscht haben in mir. Ich bin ein Priester. Auch ein Mensch will ich sein. Der alle Not Ihres jungen Herzens verstehen soll!« Er wollte sie von der Tür fortziehen. »Schütten Sie Ihr Herz vor mir aus! Was ich an Trost in meiner Seele habe, das will ich Ihnen geben. Alles! Alles!« Mariane schüttelte den Kopf. Sie befreite ihre Hand und lächelte mit nassen, glänzenden Augen. Dann eilte sie aus der Stube, als müßte sie einer Gefahr entfliehen. Er starrte die Tür an, die sich hinter ihr geschlossen hatte, und blickte suchend in der Stube umher, als wäre da irgendwo die Ruhe für den Sturm, der ihn erfüllte. Eine Stube wie die Zelle eines Mönches. Nur das nötigste Gerät. An den weiß getünchten Wänden ein paar Heiligenbilder, wie sie in den Stuben der Bauern hängen. In der Ecke ein hohes Kruzifix, unschön, grell bemalt, mit einem plump gezimmerten Betschemel davor. Auf diesen Schemel warf er sich hin und drückte das Gesicht in die Hände. Da hörte er den dumpfen Hall der Haustür. Das riß ihn in die Höhe und zog ihn zum Fenster. Er sah sie draußen durch den Garten gehen. In ihrem weißen Kleid sah sie aus wie eine Heilige, mit einem flimmernden Schein um das schwarze Haar. Und wie schön ihr Gang in der Sonne war, die jede Form ihres Körpers mit brennenden Linien nachzeichnete! Ruhig, mit gesenkten Augen, ging sie davon. Bei einer Wendung der Straße ballte sie den Schleier zusammen, hauchte ein paarmal auf das Gewebe und drückte es an die Augen. Als sie in die Nähe des Wirtshauses kam, konnte sie schon das heitere Schwatzen der merkwürdigen Brüder und Schwestern hören. Die hatten ihre Mittagstafel im Freien decken lassen, unter dem Schatten der Ulmen. »Na also, da kommt sie ja!« rief Jarno. Und Philinchen zwinkerte: »Na, du schattende Kainsseele! Wo warst du denn?« »Auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten.« »Wer sucht, der findet!« behauptete Willy Meister und ließ den Pfropfen einer Schaumweinflasche knallen. »Ach, Unsinn!« zwitscherte Philinchen. »Was soll man denn finden in diesem gottverlassenen Nest?« »Oh!« Die ruhig Stolze wiegte lächelnd den schönen Kopf. »Na ja, dein Doktor! Dieser Biedermeier mit Strupfen sei dir unbestritten überlassen.« »Ich habe doch gar nicht von ihm gesprochen.« »Aber gedacht hast du an ihn. Spiegelbergerin, dir kenn ick!« Die anderen lachten. Nur Mariane schwieg. »Mädel?« fragte Jarno. »Warum so pangsiv?« »Über ein schauspielerisches Problem denke ich nach. Wie der Tartuffe zu spielen ist?« Das gab verdutzte Gesichter. Und Bruder Laertes fragte: »Was ist dir nicht klar an ihm?« »Muß er von der ersten Szene an mit durchsichtiger Maske gespielt werden? Oder so, daß seine Heuchelei und Lüsternheit im Anfang nicht zu merken ist, und daß er den Eindruck macht, als wäre echtes Gefühl in ihm?« Eine lebhafte Debatte erhob sich. Jarno und Bruder Laertes vertraten die Meinung, daß der Darsteller des Tartuffe, um die Pointe der Komödie nicht vorwegzunehmen, zuerst mit einem Schein von reinlicher Wahrheit wirken müsse. »Schein von Wahrheit? Das ist doch Unsinn!« erklärte Philinchen energisch. »Wahrheit ist Wahrheit. Und überzeugt. Ist nur ein Schein vor ihr da, so weiß man doch gleich, daß alles Schwindel ist. Es gibt keinen Schauspieler, der aus dem Tartuffe einen Heiligen machen könnte, an den man fünf Minuten glaubt. Was ein Lump ist, wirkt als Lump, in jeder Beleuchtung. Für die Gemeinheit gibt's keine Schminke.« »Meinst du?« fiel Schwester Aurelia ein. »Ich sage dir, es gibt Männer, die das Blech ihrer Gefühle so fein zu polieren wissen, daß es aussieht wie pures Gold.« »Natürlich! Du mußt das wissen! Bei deiner ausgedehnten Erfahrung!« Unter dem Gelächter der anderen legte Aurelia beleidigt den schönen Kopf zurück. »Mit dir kann man nicht debattieren. Immer wirst du persönlich.« »Das ist das Recht meiner Individualität. Objektiv sein? Die Kritiker sind's doch auch nicht. Warum soll ich es sein?« »Aber Kinder!« mahnte Jarno. »So löst man doch keine künstlerische Streitfrage. Was meinst denn du selber, Mariane?« »Ich glaube, daß Aurelia recht hat.« Es blitzte in ihren Augen. »Jetzt weiß ich, wie der Tartuffe zu nehmen ist. Beinah hätt ich mich täuschen lassen. Sein Gold ist Blech, und die Politur soll abfallen. Tableau!« Sie lachte. Bruder Laertes schüttelte den Kopf. »Dunkel ist der Rede Sinn! Mädel? Spinnst du? Oder bist du unter die Mystiker gegangen?« »Neulich hat sie doch die Helena im zweiten Teil gespielt!« zwitscherte Philinchen. »So was färbt ab. Aber nu was Lustiges, Kinner! Was machen wir mit dem angebrochenen Nachmittag? Da draußen ist so was wie'n See. Ich schlage vor, wir machen die berühmte Kahnpartie und laden den Kaplan dazu ein. Der muß den Landgeistlichen markieren.« Man lachte. Dann kam ein anderer Vorschlag: »Wir setzen uns in den Wald und extemporieren ein Stück.« »Bei der Hitze? Ich danke!« »Was Besseres: Herr von Meister muß den Hamlet erklären!« Dieser Vorschlag wurde mit Bravo aufgenommen. Aber Mariane sagte: »Heute nachmittag wird probiert. Mittwoch wollt ihr spielen. Ich muß meine drei Proben haben.« »Ach, Unsinn! Das machst du doch so! Für die Bauern wird's gut genug.« »Nicht für mich. Um euch den Spaß nicht zu verderben, hab ich die Rolle übernommen. Wenn ich auf der Bühne stehe, hört aller Spaß für mich auf. Ich will meine drei Proben haben.« »Na also, ja!« Philinchen seufzte. Dann puffte sie die ruhig Stolze an den Arm. »Um dich zu versöhnen, will ich dir eine Freude machen: guck mal, da kommt dein süßer Doktor!« Alle sahen zur Straße hinüber, von der sich Walter dem Wirtshaus näherte, so rasch, als gält' es eine wichtige Sache zu erledigen. »Kinder, ein blaues Wunder!« sagte Jarno. »Mit dem muß was passiert sein, was ihm die Knochen streckte.« Wieder puffte Philinchen die kleine Faust an Aureliens Schulter. »Die Liebe zu dir! So was erzieht.« Die ruhig Stolze erhob sich, und als Walter den Hut zog, rief sie mit ihrer schönen Stimme: »Guten Tag, Herr Doktor!« Sie sah, daß er ins Wirtshaus treten wollte. »Kommen Sie doch zu uns! Das ist kein Tag für die Stube.« »Danke, Fräulein!« Er stand zu weit von ihr, als daß sie sehen konnte, wie heiß ihm das Blut in das sonnverbrannte Gesicht gestiegen war. »Ich muß gleich wieder fort.« Er trat ins Haus. »Sirene!« Philinchen lachte. »Das ist ein Odysseus mit Watte in den Ohren. Aber heute gefällt er mir. Sein hoher Gang, seine edle Gestalt. Aurelchen, mein Seelchen, den mach ich dir abspenstig.« Willy Meister sagte pikiert: »Da möchte ich denn doch bitten!« Erstaunt hob die niedliche Sünderin das Näschen. »Fremdling, wer bist du? Bitte unseren Vertrag nicht zu vergessen!« »Weiß schon, Paragraph eins!« Geärgert brannte sich Willy Meister eine Zigarette an. »Aber schließlich ist man doch auch noch da. Alles hat seine Grenzen.« »Es fragt sich nur, wo sie gezogen werden.« Auch die lustige Kellnerin fand, als Walter in die Wirtsstube trat, alle Ursache, über Walters verändertes Aussehen zu staunen. »Sakra, Herr Dokter! D' Langentaler Luft schlagt Ihnen aber gut an!« »Gelt ja?« Er wollte mitlachen, doch wie in unbehaglicher Schwüle nahm er den Hut ab und warf einen Blick durchs Fenster. »Die Luft hier bekommt mir so gut, daß ich lange bleiben werde. Sehr lange!« Wie kräftig er dieses »sehr« betonte! Jetzt konnte er auch lachen. »Hunger macht sie aber auch, die Langentaler Luft! Bringen Sie flink was zu essen! Und kann ich einen Wagen nach Mitterwalchen bekommen?« »Ja, der Peterl is daheim.« »Er soll gleich einspannen! Und sagen Sie dem Wirt, daß ich den Wagen auch morgen noch behalte.« Eine Viertelstunde später stand der Schimmel vor der Haustür. Walter kam und sprang in den Wagen, so hastig, als ginge die Fahrt nach einem Bahnhof, und als hätte der Zug schon gepfiffen. »Los, Peter! So schnell, wie der Schimmel kann.« Drüben, beim Tisch der merkwürdigen Brüder und Schwestern, hoben sie die Köpfe und guckten. Da schwang der Peterl schon die Peitsche. »Hüh, Schimmele!« Und der Wagen rollte auf die Straße hinaus. Als es um die Ecke ging, atmete Walter auf wie einer, dem was Bedrückendes von der Seele gefallen. Leis lachte er vor sich hin. »Flink, Peter!« »Pressiert's denn gar so?« Behaglich lehnte Walter sich in die ledernen Polster zurück. Als der Scheidhof vor ihm auftauchte, mit den grünen Baumkronen, mit dem Blumenduft, der das kleine Königreich in der Sonne umhauchte, war in Walters Augen der Blick eines Glücklichen. Lächelnd flüsterte er die Stelle auf dem »Werther«: »Wie wohl ist es mir, daß ich entschlossen bin!« Für Werther waren diese Worte der Entschluß zum Tode, für Walter Horhammer, der an einem Tag der Arbeit das dicke Buch von den Welträtseln in den Scheidhofer Weiher geschleudert hatte, waren sie der Wille zu frohem Leben. 11 Die Nachmittagssonne hatte schon Gold in ihrem Feuer, als Walter am anderen Tage von Mitterwalchen zurückkehrte. Wo die steile Waldstraße sich durch die Schluchten heraufwand ins offene Tal, stieg er ab und schickte das Wägelchen, das mit vielen Paketen beladen war, nach Hause, während er selbst dem Hohen Schein entgegenwanderte. Schon von weitem sah er zwischen den Bäumen das weiße Band des neuen Weges leuchten. Der Moosjäger, der es so wenig genau mit den Gesetzen der menschlichen Gesellschaft genommen hatte, schien bei der Arbeit ein Pedant zu sein. Der neue Weg war so glatt besandet wie der Flöz vor einem Bauernhause, in dem man auf Reinlichkeit hält. Walter merkte kaum, daß es aufwärts ging. So behaglich machte sich aus den sanft geschwungenen Serpentinen das Wandern. Eine halbe Stunde war er schon gestiegen, und noch immer nahm das weiße Band kein Ende. Daß ein einzelner Mensch in einer kurzen Woche solch ein Übermaß von Arbeit leisten konnte? War das möglich? Endlich hörte Walter den Schlag des Steinhammers. Der Moosjäger stand in dem ausgetrockneten Bett eines Wildbaches und hämmerte am Felsrand das Lager für die Balken der kleinen Brücke auf, die er über die Steinschlucht legen mußte. Walter betrachtete mit Wohlgefallen das Bild dieses rastlosen Fleißes. »Grüß Gott, Moosjäger!« Mertl blickte auf. »Jesses, mein Dokter!« Er schwang sich aus dem Felsloch heraus und wischte an den Hüften die Fäuste ab. »Dös freut mich aber!« Sie reichten sich die Hände. Dann sahen sie einander verwundert an, und lachend schüttelte jeder den Kopf über die Veränderung, die er am anderen gewahrte. Der Moosjäger trug noch immer das gleiche Zeug wie damals im Wirtshaus. Diese Woche der Arbeit und die Nächte auf der Reisigpritsche hatten das Hemd und die Hose des Mertl – sein Janker hing an einem Baum – sehr übel zugerichtet. Der rote Bart und das angegraute Schwarzhaar starrte so struppig durcheinander wie damals. Aber aus diesem Haarwust lachte ein sonnverbranntes Gesicht heraus, mit den ruhigen Augen eines Menschen, der das Gleichgewicht seines Lebens wiedergefunden. An Walter hatte sich nicht nur der Kern, auch die Hülle seiner Lebensnuß verändert. In Mitterwalchen hatte er sich einen Anzug beigelegt, der an die Tracht des lustigen Sägmüllers erinnerte: Beinkleider aus grauem Loden, eine grüne Weste und eine leichte Joppe mit Lederknöpfen. Dazu feste Schuhe mit blinkenden Kappennägeln. Und auf dem kurz gestutzten Braunhaar trug er ein grünes Hütl mit kleinem Federstoß. Wie schmuck ihn das kleidete! Dazu das lachende Gesicht, die frohen Augen! Der Moosjäger sagte das gleiche Wort wie die Kellnerin: »Gut schlagt's Ihnen an, d' Langentaler Luft!« »Und Ihnen die Arbeit!« »Ja! Wie mehr ich mich einigschwitzt hab ins Tagwerk, um so wohler hab ich mich gspürt. Und was sagen S' zum neuen Weg? Sind S' zfrieden, Herr?« »Mehr als zufrieden. Ich begreife nicht, wie Sie in der kurzen Zeit soviel fertigbrachten.« »Von fünfe in der Fruh bis um achte auf d' Nacht, da geht schon a bißl ebbes füranand.« Prüfend guckte der Moosjäger durch den Wald hinauf. »In vier Wochen bin ich droben auf der Alm.« »Vier Wochen? Und der Bürgermeister sagte mir, daß da vier Leute den halben Sommer Arbeit hätten?« »Wann einer zwanzgmal schaut, bis er sich umdreht, kann er d' Arbeit strecken wie a Gummischnürl. Und der Herrschaft stiehlt er 's Geld aus'm Sack. Aber kommen S', da drüben steht mein Hüttl. Da heimgarten wir a Viertelstündl, und ich mach derweil Brotzeit.« Nicht weit vom neuen Wege stand die kleine, mannshohe Reisighütte, im Schutz einer mächtigen Fichtengruppe, neben der ein dünnes Wässerlein talwärts rieselte. Im Dunkel der Hütte sah man eine plump gezimmerte, mit Laub und Moos belegt Pritsche. »Da lieg ich gut!« sagte Mertl. Dann deutete er auf eine Stange, hinter der an der Reisigwand eine eiserne Pfanne, ein Tonkrug und zwei irdene Töpfe befestigt waren. »Dös is mein Hausrat. Alls hab ich, was der Mensch braucht. Jeden Tag koch ich mir zweimal warm, in der Fruh und auf'n Abend. Schauen S', da hab ich mein' Herd.« Er wies auf die Feuerstatt vor der Hütte. Da war auf Steinen ein rundes Mäuerchen gebaut, unten mit einem Loch, daß die Flamme Zugluft hatte, und oben offen, daß man die Pfanne übers Feuer stellen konnte. »Und an Keller hab ich mir gmacht. Da hab ich mein' Proviant drin, Salz und Brot und Mehl und Schmalz. Da kannst aufkochen wie für an Bischof.« »Mit Mehl und Schmalz?« »Ja, da kann man viel draus machen. Da kannst an Schmarren kochen und nacher wieder an andern Schmarren. In der Fruh mach ich mir an reschen, der den Magen pflastert für'n ganzen Tag, und auf d' Nacht an lucketen, der net druckt. Da hab ich die schönste Abwechslung.« Mertl hatte sich in der Hütte auf die Knie niedergelassen, spreizte eine Steinplatte in die Höhe und hob aus dem »Keller« einen halben Brotlaib heraus, ein hölzernes Näpfchen mit Salz und eine alte Konservenbüchse, in der er die Butter verwahrt hatte. »So, jetzt halten wir Brotzeit!« Er nahm den Tonkrug und ließ ihn unter einem kleinen Fall, den die Quelle machte, bis an den Rand vollaufen. »Da trinken S'! A bessers Wasser kann der Kaiser auch net haben.« Walter nahm den Krug und trank. »Ja, Mertl, das schmeckt.« Dann setzten sie sich in den Schatten der Fichten. Mamertus Troll nahm den Brotlaib an die Brust, zog das Messer aus der Tasche und schnitt um den ganzen Laib herum eine Scheibe ab, dick wie ein Brett. »Mensch, jetzt hab ich's gut! Tausend Vergeltsgott muß ich Ihnen sagen!« Mit tiefer Bewegung sah Walter dem Moosjäger in das frohe Gesicht. Was hatte eine Woche der Arbeit aus diesem verlorenen Menschen gemacht! »Und der lachende Frieden dieser gehetzten Seele ist dein Werk«, sagte eine wohlige Stimme in Walter, »sei stolz und freue dich darüber!« Während Mertl die Brotscheibe fingerdick mit Butter bestrich, legte ihm Walter die Hand auf die Schulter. »Moosjäger? Wirklich? Sind Sie zufrieden?« »Und wie! Vier Wochen hab ich noch mein sichers Auskommen.« »Wenn Sie mit dem neuen Weg fertig sind, weiß ich schon wieder Arbeit für Sie. Auf lang hinaus!« Walter lachte, als hätte dieses Wort auch für ihn selbst einen frohen Sinn. »Ja, Herr, tät schön bitten!« Mertl reichte Walter die Brotscheibe hin. »So! Jetzt beißen S' eini!« »Ich?« Erschrocken fuhr Walter zurück. »Wer denn sonst? Glauben S' ebba, daß ich für mich selber so urrassen tät? Aber Sie haben 's verdient, daß ich Ihnen 's Brot a bißl schmalzig mach.« Walter schien für diese fette Dankbarkeit nicht das richtige Verständnis zu haben. Mertl war über den Korb, den er bekam, ein bißchen gekränkt. Schließlich tröstete er sich mit der Meinung: »D' Stadtleut wissen halt net, was gut is!« Gelassen kratzte er die dicke Butter wieder vom Brot herunter und strich sie in die Konservenbüchse zurück. Die dünne Fettschicht, die auf dem Brot noch übrigblieb, bestreute er gründlich mit Salz. Dann biß er hinein. »Warum sind Sie denn gestern am Sonntag nicht gekommen, um Ihren Wochenlohn zu holen?« »Ich hab nix braucht. Sechs Mark hab ich verzehrt bis heut. 's ander hab ich noch alls. Es is mir lieber, Sie zahlen mich hintnach. Da hab ich 's Verdiente aus der Hand. Am nächsten Sonntag kann ich halb wieder zruckzahlen, was S' mir geliehen haben. No ja, und Zeit hab ich gestern auch net ghabt. In der Fruh hab ich Kirch ghalten –« Walter machte die Augen groß. »Kirch gehalten?« »Ja. Z'erst hab ich mir denkt: arbeitst an halben Tag! Aber derweil ich mir kocht hab, hat's mich a bißl gschauert. Wissen S', am Samstag auf d' Nacht, wie dös grobe Wetter war, da hat's im Hüttl a wengerl einigregnet. 's Hemmed und d' Hosen haben mir pickt an der Haut. Und da hab ich mich gestern in der Fruh nach'm Kochen a bißl in d' Sonn hocken müssen. Und wie ich so dahock, haben s' drunt zur Kirchen glitten. No, ich hab mir nix denkt dabei. 's Läuten bin ich gwöhnt. Fünf Jahr lang hab ich alle Tag viermal läuten hören. Durchs eiserne Fenstergatter hab ich akrat den Kirchturm sehen können und die Glocken drin.« Mamertus schluckte den Bissen, den er im Mund hatte, und tat einen tiefen Atemzug. »Aber gestern, wie s' allweil so glitten haben, und ich schau so umanand, da is mir völlig andächtig worden, ich weiß net wie. D' Sonn hat hergschienen so schön bacherlwarm! D' Vögerln haben gsungen, daß ich die schönste Musi ghabt hab, und auf'n Regen aussi hat alles glanzt und glitzert.« Lächelnd sprach Walter die Verse der »Zueignung«, die er gestern um die gleiche Kirchenstunde gelesen hatte: »Ich freute mich bei einem jeden Schritte Der neuen Blume, die voll Tropfen hing; Der junge Tag erhob sich mit Entzücken, Und alles war erquickt, mich zu erquicken.« Der Moosjäger spitzte die Ohren. »Da haben S' ebbes Schöns gsagt! So nobel kann ich's freilich net hersagen. Aber in mir drin gspürt hab ich's auch. Mir is gwesen, als tät der ganze Wald und d' Sonn und alles mein ghören. Allweil hab ich einigschaut ins Wasserl da, wie 's gloffen is, und auf d' Vögel glust, oder hab mir a Blüml betracht. Im Mies drin hat alles kriebelt und krabelt, und wie ich so daglegen bin und hab einigschaut in dös kleinwunzige Leben mit seiner Freud und Plag – schauen S', Herr, da hab ich mir denken müssen: Sakra, was er macht, unser Herrgott, dös macht er fein!« Er guckte kauend zum Himmel hinauf. »Halt ja!« In den Fichtenwipfeln pisperten die Meisen, und durch die Sonne schwirrten die Mücken hin und her wie goldene Funken des Lebens. »Mertl?« »Was?« »Warum haben Sie neulich in der Nacht beim Scheidhofer Weiher nicht finden können, wie fein der liebe Herrgott alles macht?« Der Moosjäger zog die Brauen zusammen. »Nacht und Tag is halt an Unterschied! Geht's ein gut, da wird eim 's Glauben auch wieder leicht.« Er wischte an der Hose das Messer ab und schob es in die Tasche. »Gestern, derweil ich so zugschaut hab, wie sich dös Käferlzuig und 's Amasvölkl plagt um sein bißl Leben, da is mir einfallen: Mar' und Josef! Und du! Wieviel tausend kleine Herzln hast schon in Grund und Boden einitrappt mit deine genagelten Schuh! Da kannst es unserm Herrgott net verargen, wann er diemal trappt, daß eim 's Herz ausrinnt. So viel Recht, wie der Mensch hat, wird der Herrgott auch noch haben dürfen!« Walter lächelte. »Sie reden, als hätten Sie den Werther gelesen!« »Ich?« Mamertus Troll machte große Augen. »Was soll ich gelesen haben? Na, Herr! Seit sieben Jahr hab ich kein Büchl nimmer in die Hand ghabt. 's letzte, dös ich glesen hab, is der Schinderhannes gwesen.« Der Moosjäger sprang erschrocken auf. »Jesses! D' Sonn macht sich davon! Jetzt muß ich schaffen. Da droben hab ich vier Bäum fürs Bruckl gschlagen. Dös muß ich noch abiziehen, vor's Nacht wird. Morgen in der Fruh muß ich drüben sein überm Graben, oder es fehlt um an Tag.« Er trank aus dem Tonkrug, schüttete den Rest des Wassers aus und stellte den Krug in die Hütte zurück. Walter reichte ihm die Hand. »Mertl! Wir zwei wollen gute Freunde bleiben. Recht lange!« »Ja, Herr! Und jetzt pfüe Gott!« Der Moosjäger holte seine Axt und stieg über den Berghang hinauf. Droben guckte er sich um. Als er Walter weit drunten auf dem neuen Weg verschwinden sah, schrie er ihm einen Jauchzer nach. Walter versuchte den Gruß zurückzugeben. Das wurde ein so komischer Laut, daß der Moosjäger lachen mußte. »Bis er 's Juchezen kann, da hat's noch lang hin!« Auf einer Lichtung lagen die vier Bäume, die Mertl für die Brücke geschlagen hatte. Sie waren schon vierkantig behauen. Ihr Holz glänzte in der abendlichen Sonne, als wär' es mit roter Politur überzogen. Der Moosjäger schlug die Axt in einen der Stämme und zog ihn den steilen Hang hinunter bis zum Graben, der eine Brücke brauchte. Dann stieg er wieder den Berg hinauf. Da sah er bei den drei Blöcken ein kleines Bürschl hocken, vier Jahr alt, in einem rissigen Barchenthemdl, mit einem kurzen, abgewetzten Lederhöschen, ohne Hut, ohne Strümpfe und Schuhe. Der Bub kauerte auf der Erde und sammelte mit dem Eifer eines Goldfinders die blau und weiß gesprenkelten Federn, die auf dem Moos umherlagen. Der Habicht hatte da einen Nußhäher gerupft und das Federkleid seines Bratens zurückgelassen. »Büberl? Wie kommst denn du ins Holz eini?« Das Bürschl drückte erschrocken die Federn an seine Brust, als hätt' er einen kostbaren Schatz zu verteidigen. Mertl lachte. »Ich nimm dir deine Federln net!« Er bückte sich und rechte mit der Hand zusammen, was er zu fassen bekam. »Da hast die andern auch noch!« Jetzt wurde das Bürschl vertraut. »Vergeltsgott!« sagte es mit leuchtenden Augen. »Wie heißt denn, Büberl?« »Maxl.« »Aaah! Dös is aber a schöner, kurzer Nam! Und wem ghörst denn?« »Meiner Mutter.« »Die sollt aber so a kleins Büberl net allein umanand laufen lassen im Holz.« Maxerl guckte sich um. »D' Mutter kommt schon.« Der Moosjäger sah durch den Wald ein junges Weib herunterkommen, das ein bißchen hinkte. Es war die lahmende Häsin aus des Peterls Hasenstall. Quer über dem Kopf trug sie einen schweren Sack. Als sie den Moosjäger gewahrte, stand sie erschrocken still. Ihr vergrämtes Gesicht war kreidebleich geworden. Mertl erkannte sie nicht. Das ging ins achte Jahr, daß er sie nicht mehr gesehen hatte. Damals war sie ein fünfzehnjähriges Ding gewesen, mit heißen Backen und lachenden Augen, die rotblonden Zöpfe wie ein Krönl um die kindliche Stirn. Als er in Urlaub heimgekommen, hatte sie krank im Bett gelegen. Nur leise lachen hatte er sie hören und hatte in der dunklen Stube ein bißchen was Weißes gesehen, als er durchs Fenster das Sträußl hineingeworfen. Dieses hinkende, ärmlich gekleidete Weib mit dem abgehärmten Gesicht und den verstörten Augen? Das kannte der Moosjäger nicht. Weil er sah, daß sie den schweren Sack nur mühsam auf dem Kopf erhalten konnte, ging er zu ihr hin und sagte: »Geh, laß helfen!« Er nahm ihr die Last ab. »Herrgott, Weibl, schwer mußt tragen!« Er stellte den Sack zu Boden. »Hock dich a bißl her! Tu rasten!« Wortlos ging sie auf die behauenen Blöcke zu. Dabei knappte sie merklich. »Weibl? Was hast denn am Fuß?« Scheu sah sie an ihm hinauf. »Dös is mir blieben, wie mir 's Bügeleisen auffigfallen is.« »Jesus!« Mit kaltem Schreck war's dem Moosjäger in alle Glieder gefahren. Die Zenz! Er fing zu zittern an wie ein Kind, das Gespenster zu sehen glaubt, wollte was sagen und brachte keinen Laut heraus. Das kleine Bürschl war auf die Mutter zugegangen und hob ihr die gesprenkelten Federn vors Gesicht. »Schau, Mutter, was ich gfunden hab!« Sie nickte und gab die Knie auseinander, damit das Kind auf ihrem Schoß mit den Federn spielen könnte. Mertl stand noch immer schweigend auf dem gleichen Fleck. Und plötzlich, als hätte auch er das Rasten nötig, ließ er sich auf den Block nieder, ganz am anderen Ende des Baumes. Das kleine Bürschl, über den Schoß der Mutter gebeugt, kramte mit den Federn und schwatzte in seiner kindlichen Freude. Schnaufend, mit funkelnden Augen, sah der Moosjäger den Buben an. Er lachte rauh. »So, so? Maxele heißt er? Den d' hast von ihm? Hast a Madl auch noch?« Sie schüttelte den Kopf. Nach einer Weile fragte der Moosjäger mit einem Ton, wie man vom Wetter redet: »Tust dich gut hausen mit ihm?« Die Zenz nickte und strich mit der Hand dem Maxerl über das blonde Kraushaar. »Der Bub is brav. Der is gut zum haben und macht mir Freud.« »Den Buben hab ich net gmeint!« fuhr der Moosjäger auf. »Ich mein' den andern.« »Wen?« Mertl wurde grob. »Stell dich net gar so dumm! Den Stockwieser mein' ich! Gut muß er dich net halten. Schaust net aus darnach!« Jetzt hob die Zenz das Gesicht und sah ihn an, als wüßte sie nicht recht, ob das Ernst oder Bosheit wäre. »Der Stockwieser? Was geht mich der Stockwieser an!« Dem Mertl verschlug's für eine Weile die Sprache. »Hat er dich ebba net gheiret?« Die Zenz schüttelte den Kopf, und Mamertus Troll schloß langsam die Fäuste, wie ein Raubtier vor dem Sprung die Krallen einzieht. Seine Stimme bekam einen hohen Fistelton. »Hat er an andre gheiret?« »Was weiß denn ich?« Da wurde der Moosjäger wieder grob. »Tu mich net frotzeln, du! Der Tuifi wird ihn net gholt haben. Mußt doch ebbes wissen von ihm?« »Auf Amerika is er ummi.« »Was? Auf Amerika? Hat er ebbes angstellt?« »Na.« »Warum denn nacher?« »Daß er d' Alamenten net zahlen hat müssen. Drüben, sagen s', da gibt's kein Gricht!« Da fuhr dem Mertl ein Fluch über die Lippen, so gottslästerlich, daß das kleine Bürschl erschrocken von seinen gesprenkelten Federn aufguckte. Die Zenz legte den Arm um den Hals ihres Buben und beugte sich zu ihm nieder. Leichte Röte war ihr in die abgehärmten Wangen gestiegen. Aus dem Fluch des Moosjägers hatte sie noch etwas anderes herausgehört als nur seinen Zorn. Und in ihrem Herzen zitterte die Reue. Mertl hatte den Kopf zwischen die Fäuste genommen. So saß er stumm. Dann ließ er die Arme sinken und fragte kleinlaut: »Mar' und Josef, Madl, was tust denn nacher jetzt?« »Beim Vatern bin ich halt. Derzeit ich den Buben aus'm Gröbsten aussi hab, kann ich mir wieder ebbes verdienen.« Aufschnaufend sah er den schweren Sack an. »Heut hab ich Waldrausch gsucht. Den zahlen s' mir gut in Mitterwalchen.« Er lachte heiser. »Freilich, ja, da verpanschen sie 's Bier damit. 's Falsche hat allweil den besten Preis.« Den bitteren Sinn dieser Worte schien sie nicht zu verstehen. Sie sagte ruhig: »Gut zahlen s', ja. Wann ich mich an Tag lang plag, hab ich bald a Markl beinand. Dös langt zwei Täg für'n Buben und mich. Der Vater schießt auch noch a bißl ebbes zu. 's Loschie bei ihm hab ich umsonst. Muß ich halt zfrieden sein! Wie sich eins aufbett, muß eins liegen.« Der Moosjäger schluckte. »Kunntst es allweil besser haben, wann –« Er würgte das Wort hinunter, das er sagen wollte. Es brannte in ihm und mußte heraus. »Warum hast denn kein' andern gnommen?« Sie sagte mit müder Gleichgültigkeit: »Wer soll denn mich noch mögen? Haben tu ich nix als mein' Buben und mein' krumpen Fuß. Muß ich halt aushalten, bis der Bub hergwachsen is.« Sie fuhr dem Bürschl mit der Hand ins Haar. »Tust dich freuen mit deine Federln?« Die Augen des Kindes glänzten. »Ja, Mutter!« Nun saßen sie schweigend, während der Bub die Federn zu einem Sträußl zusammenlas, in der Mitte die langen, außenherum die kurzen, die der Habicht dem Nußhäher aus der Brust gerissen hatte. Rings um die kleine Lichtung brannten die Wipfel, als wäre Feuer über den Wald gefallen. Der Moosjäger, die Zenz und das Maxerl hatten rote Glutlinien um die Schultern. Und die Heidelbeerbüsche waren wie mit leuchtendem Blut übergossen. »Gelt«, sagte die Zenz, mit einem Zucken um die Lippen, »hast mich gar nimmer kennt?« Er hatte nicht das Herz, ihr das einzugestehen. »Aber freilich, ja. A bißl dumm dreingschaut hab ich halt.« »Ich hab dich gleich wieder kennt, die ander Woch schon, wie ich dich im Wirtshaus gsehen hab, durchs Fenster eini.« Mertl zog die Stirn zusammen. »Da muß ich net gut ausgschaut haben!« Er dachte an seinen Rausch. Wieder verstand sie nicht, wie das gemeint war. »A bißl älter halt. Und a bißl blasselet.« Wie Galle stieg es ihm auf die Zunge. »D' Stuben, dö ich fünf Jahr lang ghabt hab, is gut und fest gwesen.« Er lachte. »Mit der frischen Luft hat's a bißl ghapert. Aber sonst hab ich's gut ghabt!« Seine Augen funkelten. »Vergeltsgott, Madl!« Erschrocken stand sie auf. »Komm, Maxerl!« Sie ging auf den Sack zu. Mertl vertrat ihr den Weg. Mit beiden Händen faßte er sie am Kopf und sah ihr in die Augen. »Zenzle! Was haben s' denn gmacht aus dir, die Malefizludern, die gottverfluchten! Dich und mich! Fein haben s' uns zugricht!« Ohne ein Wort zu sagen, schob sie ihn von sich und hob den Sack vom Boden auf. Dem Moosjäger zuckte es in den Fingern, als möchte er helfen. Doch er stand wie ein Klotz. Mit der einen Hand hielt sie auf ihrem Kopf die schwere Last im Gleichgewicht, mit der anderen faßte sie das Händchen ihres Buben, der immer pappelte. So stieg sie, ein bißchen hinkend, durch den roten Wald hinunter. Einen ratlosen Blick in den weit aufgerissenen Augen, sah Mertl ihr nach. »Dös hätt ich net sagen sollen«, murmelte er, »dös mit der frischen Luft. Was kann denn 's Madl dafür?« Die Gesträuche verdeckten sie schon. Zwischen den Bäumen sah er noch den gaukelnden Sack. Da schrie er: »He! Nach links mußt aussi! Da is der neue Weg. Geh ummi! Da tust dir leichter.« Er konnte nicht mehr sehen, ob sie seinen Rat befolgte. Wie in Jähzorn packte er die Axt, schlug das Eisen in einen der behauenen Blöcke und zerrte mit so wilder Kraft, daß ihm der schwere Block gehorchte wie ein Strohhalm. Keuchend, das Gesicht von Schweiß überronnen, holte der Moosjäger den dritten Block. Und dann den letzten. Als er die Axt schon heben wollte, sah er im Moos noch ein paar von den gesprenkelten Federn des gerupften Nußhähers liegen. Er hob sie auf und steckte sie mit zitternder Hand auf seinen Hut. Dann schleifte er den letzten Block hinunter. Es dämmerte schon, und Mertl schanzte noch immer wie ein Narr. Als sie drunten im Dorf den Abendsegen läuteten, spannten sich die vier Blöcke als bequemes Brückl über den Wildbach. »So! Jetzt wär ich drüben über'm Graben!« Mertl betrachtete sein Werk und wischte sich mit dem Janker den Schweiß vom Gesicht. »'s Glander muß ich mir auf morgen lassen.« Er machte Feierabend, las seinen Plunder zusammen und ging zur Hütte. Alles tat er wie sonst. Zuerst wusch er sich. Dann machte er Feuer und rührte in einer Holzschüssel den Teig für den Schmarren an, für den »lucketen«, der in der Nacht »net druckt«. Die Pfanne wurde übers Feuer gestellt, und zuwartend setzte sich Mertl vor der Herdstatt auf den Boden. Nachdenklich sah er in den Flug der Funken, die aus dem Feuerloch herauswehten. Dann warf er plötzlich den eisernen Löffel ins Moos und drückte das Gesicht zwischen die Hände. In der purpurnen Dämmerung des Waldes begannen die Leuchtkäfer ihren Flug. 12 Frau Rosl deckte im Obstgarten der Sägmühle den Kaffeetisch. Weil der Nachmittag so schwül war, hatte sie das beste Schattenplätzchen unter einem alten Nußbaum ausgewählt. Wie hübsch das war: im Grün die zinnoberroten Weidenstühle um den weiß gedeckten Tisch, und die goldgeblümten Tassen um den großen Gugelhupf, dem ein rotes Nelkenbüschel aus dem knusperigen Herzen wuchs. Auch Frau Rosl hatte sich schmuck gemacht. Dem Wetter schien sie nicht recht zu trauen und guckte immer wieder nach dem Himmel, an dem eine Kolonne weiß und grau geballter Wolken von Westen heraufmarschierte. Als sie wieder einmal nach dem Mantel des heiligen Petrus spähte, schlossen ihr zwei Hände die Augen. Lange zu raten brauchte sie nicht. Und geduldig ließ sie sich küssen. Dann schalt sie: »Geh, du Schweinbartl, machst mich ja voller Sägstaub!« Bertl, der im Arbeitskleid aus der Mühle gekommen war, sagte lachend: »Hättst mich Inschenier werden lassen! Da tät dich der Sägstaub net plagen.« Frau Rosl zog die Brauen zusammen. »Zieh dich an! Sie müssen bald kommen.« »Ist der Bub schon fertig? Heut will ich Staat machen mit unserem Prinzen.« Das Gesicht der Frau Rosl sonnte sich auf. »Ja, ja, du Affenpaperl! Daß der Bub bei dir allweil ausschauen muß wie ein Wurstel! Mir gfallt er um so besser, wie weniger als er anhat!« »Natürlich, da merkst du halt, daß er dem ›Vatter‹ gleichschaut!« Lachend sprang der Sägmüller ins Haus hinüber, und Frau Rosl, ein bißchen rot geworden, sah ihm nach, mit dem glänzenden Blick eines bis zur Schwäche verliebten Weibchens. Der Wind machte in den Kronen der Obstbäume die Blätter schwatzen. Dazu rauschte der Mühlbach, und das Brummen der Turbine mischte sich mit dem summenden Ton der Kreissäge. Vom Garten sah man die Sägmühle nicht. Das hübsche Wohnhaus verdeckte sie, und die Bäume halfen mit. Auch andere Häuser waren nicht zu sehen, nur die Waldgehänge der Berge. Der Besitz des Sägmüllers lag abseits vom Dorfe, in einem Seitental, durch das ein reichlich strömender Bergbach von den Schneekaren niederrauschte. Besser hätte ein Haus nicht liegen können, um den lachenden Frieden eines jungen Glückes zu beherbergen, ferne von allem Staub des Lebens. Dunkel huschten die Wolkenschatten über den Garten hin. Dazwischen lachte wieder die Sonne. Nun erschienen die ersten Gäste: der Forstmeister in seinem Rollsessel und Mathild, die das gleiche Kleid trug wie am Sonntag. Frau Rosl kam gelaufen. »Wo is denn der Herr Dokter?« Der Forstmeister lachte. »Auf dem Ohrwaschl liegt er.« »Was? Am hellen Tag?« »Er ist um drei in der Früh schon aufgestanden«, sagte Mathild, »ist mit dem Bonifaz mähen gegangen und hat bis ein Uhr mitgeheut. Da hab ich ihm geraten, er soll sich ein bißchen ausruhen.« »Wenn er aber jetzt verschlaft?« »Ich hab dem Walperl gesagt, sie soll ihn noch ein Stündl ruhen lassen und dann soll sie ihn wecken.« »Thildele?« Frau Rosl machte verwunderte Augen. »Was ist denn mit dir?« »Mit mir?« »Ich weiß net, allweil anschaun muß ich dich.« »Da hörst du's jetzt von der Rosl auch!« sagte der alte Herr, während Mathild aus der Ledertasche am Rollsessel die Zeitungen und das Zigarrenetui des Vaters herauskramte. »Meiner Seel, Geiß, ich hab dich im Verdacht, daß du heimlich einen Haupttreffer gemacht hast, mit dem du mich nächstens überraschen willst.« Mathild war verlegen geworden. »Da müßten wir doch erst ein Los haben.« Der Forstmeister lachte. »Bei dem Herrgott, an den du glaubst, ist alles möglich, auch ein Treffer ohne Los.« »Aber Thildele«, rief die Sägmüllerin, »schau doch, da ist er ja schon!« Sie meinte Walter, der in seinem neuen, kleidsamen Berglerstaat durch den Garten kam. »Brav, Herr Dokter! Ich hab schon Angst ghabt, Sie verschlafen meinen guten Kaffee. Aber fein schauen S' aus! Heut gfallen S' mir.« »Also hab ich Ihnen früher nicht gefallen?« fragte Walter lachend. Und die anderen lachten mit, nur der alte Herr nicht, der überrascht zu Mathild aufsah. Mit leuchtenden Augen stand sie vor Walter, der ihr die Hand gereicht hatte. »Ja, Fräulein, ich glaube wirklich, daß ich den ganzen Nachmittag verschlafen hätte. Aber das Walperl hat an die Tür getrommelt: Auf, Herr Dokter, oder Sie versäumen schon wieder die Kirch!« »Die Kirche?« Walter antwortete nicht gleich. Noch immer hielt er Mathilds Hand in der seinen. Dann sagte er lächelnd: »Die Kirche! Ja! Und jetzt weiß ich auch, was das Walperl gemeint hat.« Von der Haustür klang die lustige Stimme des Sägmüllers. »Grüß Gott, Herr Doktor! Jetzt passen S' auf, was da kommt!« Er brachte auf seinen Armen was Buntes getragen, rot und blau und weiß. Das zappelte und hatte zwei kleine Hände, mit denen es vergnügt auf Bertls Nase lospatschte. »Unser Bub!« sagte Frau Rosl mit allem Glanz ihres Mutterstolzes. Ein prächtiges Kerlchen war's, mit rosigem Gesicht und gescheiten Augen, das apfelrunde Köpfl von glattgesträhltem Haar umschwankt, »zum Fressen lieb«, wie Bertl ohne Übertreibung behaupten konnte, aber ausgeputzt wie das Äfflein auf dem Dromedar. Erst drei Jährchen alt, doch eins von jenen Kindern, deren Klugheit dem Taufschein voraus ist, und denen man es anmerkt, daß sich das ganze Haus um ihr kleines Leben dreht. »Also, Fritzele, jetzt zeig, daß du ein braves Bubi bist! Gib schön das Handerl! Das ist der liebe Herr Doktor!« Fritzele wollte nicht zeigen, daß es ein braves Bubi wäre, nur beweisen, daß es Verstand hätte. Drum gab es kein Handerl, sondern sperrte das Mäulchen auf, streckte das rote Züngl heraus und sagte: »Aaaa!« Darüber großer Jubel bei Mutter und Vater. Bertl strahlte über diesen Geniestreich seines Jungen und hielt es für notwendig, das Kerlchen über sein geistreiches Mißverständnis aufzuklären. Fritzele aber hatte schon den Gugelhupf gewahrt und ließ sich erst nach längerem Zureden davon überzeugen, daß ein Doktor der Philosophie ein anderes Entgegenkommen verdiene als ein Doktor »fürs Halserl«. Dann begann der lustige Sägmüller, mit dem Buben auf dem Schoß, die Litanei von Fritzeles geflügelten Worten. Immer, wenn solch eine Geschichte zur Pointe kam, hieß es: »Also, Bubi, jetzt sag schön, wie hast du gesagt?« Und Fritzele, mit den Augen beim Gugelhupf, gab die Antwort wie der Star sein Liedl, das er schon hundertmal gepfiffen. Ungeduldig begann der alte Herr mit den grünen Fäustlingen auf den Lehnen des Rollsessels zu trommeln. und schließlich fuhr's ihm heraus: »Na hör, Bub, so erzieht man doch ein Kind nicht, so dressiert man einen Dackel!« Bertl nahm die Sache von der fidelen Seite. Frau Rosl aber bekam feuchte Augen und führte den Buben zu einem jungen, kaum siebzehnjährigen Mädel, das aus dem Haus gekommen war, ohne daß man die Nähe des stillen Geschöpfes bemerkt hatte. »Da, Nannerl, nimm ihn!« Fritzele bewies sofort, daß unter seine Sklaven auch das Nannerl zu rechnen war – von jenen verschüchterten Menschenkindern eines, die nirgends heimisch werden, auch nicht in dem Haus, in das sie gehören. Nannerl war mit der Sägmüllerin verwandt, wenn auch ein paarmal um die Ecke, und Frau Rosl hatte die Waise zu sich ins Haus genommen. Ein feines, zartes Ding war's, ein wenig bleichsüchtig, mager und unbeholfen, beinahe eckig, jene Art, von der die ländlichen Schönheitskenner zu sagen pflegen: »An der is nix dran!« Aber ein Auge, das sich aus den Reiz der Knospe versteht, mußte mit Wohlgefallen auf dem Nannerl ruhen, auf diesem stillen Liliengesicht, um das sich das streng gescheitelte Schwarzhaar wie ein Paar geschlossener Rabenflügel herumlegte. Dazu diese blassen Veilchenaugen mit jenem sehnsüchtig verträumten Blick, der immer Märchen sieht und an Märchen glaubt. Während die anderen neben dem Tisch heiter plauderten, hatte das Nannerl immer zu flüstern: »Bubi, sei brav! Kindele, das darf man net tun!« Um diese Strenge zu dämpfen, rief ihr Bertl ein ums andre Mal zu: »Geh, laß ihn doch!« Dann faßte er Walter unter den Arm und zog ihn mit sich fort, um die technischen Neuerungen von ihm bewundern zu lassen, die der »Inschenier a. D.« in der alten Sägmühle eingeführt hatte. Kaum waren die beiden verschwunden, da gab's am Tisch eine Katastrophe. Bubi wollte einen Porzellantopf, der neben dem Gugelhupf thronte, wissenschaftlich auf seinen Inhalt prüfen. Der Topf, der auf schwachen Füßen stand, machte bei Bubis energischem Angriff einen Purzelbaum und verkleckste die schwarze Zwetschgenmarmelade nach allen Seiten. Mit einem Jammerschrei holte Frau Rosl das Fritzele vom Tisch – der Forstmeister sagte ärgerlich: »Na, Gott sei Lob und Dank, jetzt wirst du dem Buben doch wenigstens das scheckige Pinschergwandl herunterziehen!« – und Mathild stellte lachend den Gugelhupf und die Tassen ins Gras, um das Tischtuch abnehmen zu können. Dann liefen sie ins Haus: Frau Rosl mit dem gesprenkelten Bubi, Mathild mit dem Tischtuch und Nannerl mit den Tränen ihrer bleichen Zerknirschung. Der alte Herr ließ die Zeitung sinken und sah seiner Tochter nach, mit einem Blick, dessen sorgenvoller Ausdruck in keinem Verhältnis zu dem kleinen Unglück stand, das da passiert war. »Mädel, Mädel!« flüsterte er vor sich hin. »Was fangst du denn an! Mit deinem kostbaren Herzl!« Da hörte er Schritte hinter den Sträuchern des Zaunes. »Hochwürden?« rief er, weil er meinte, es wäre der Pfarrer. In einer Lücke des Gesträuches tauchte der schöne Apostelkopf des Bürgermeisters auf. Der alte Herr machte erregt eine Bewegung. »Sonnweber!« »Guten Abend, Herr Ehrenreich!« grüßte der Mann mit seiner herzlichen Stimme und wollte weitergehen. Dem Forstmeister fuhr das Blut in die Stirne. »Franzl, was ist denn? Kommen Sie doch her zu mir!« Sonnweber schien sich zu besinnen. Dann kam er, in den schönen Augen die deutliche Sprache eines Kummers. »Aber Franzl! Eine Ewigkeit sind Sie nicht mehr bei uns gewesen. Und neulich am Sonntag hat's ja geradezu den Anschein gehabt, als ob Sie mir ausweichen? Sagen Sie mir doch, was da los ist!« »Muß ich's halt sagen! 's Fräulen hat mir verboten, daß ich noch a Wörtl red. Und 's Fräulein hat recht. Lieber alles andre, sagt s', als daß ihrem Vater am Gsund a Schaden gschieht. So a Kind! Respekt!« Der Forstmeister klammerte die grünen Fäustlinge um die Lehnen des Sessels. »Und schauen S', Herr Ehrenreich! Sie wissen, was ich drum gäb, wann ich Ihnen was nutzen kunnt! Aber allweil dasitzen vor Ihnen und sehen müssen, wie S' fragen mit die Augen, und kein Wörtl nimmer sagen dürfen, dös Ihnen helfen kunnt? Na, Herr Ehrenreich! Da is's gscheiter, ich bleib fort aus der Villa. So hart's mich ankommt! Grad jetzt!« Lang schwieg der alte Herr. Dann fragte er mit zerdrückter Stimme: »Grad jetzt? Sonnweber? Hätten Sie denn was zu sagen?« Der Bürgermeister trat dicht an den Rollsessel hin. »Der Niedernacher baut!« »Baut?« wiederholte der Forstmeister mit einem Blick der Enttäuschung. »Sein lumpetes Hüttl baut er um und stellt a richtigs Haus hm.« »In Gottes Namen! Ich vergönn es ihm. Aber was soll das mit mir zu tun haben?« »'s Bauen kostet Geld. Wo soll er's denn herhaben?« Ein Ausdruck quälenden Unbehagens zeigte sich im Gesicht des alten Herrn. »Nein, Sonnweber! Der Niedernacher und sein Weib sind brave, fleißige Leute. Die werden sich das Geld eben erspart haben.« »Freilich! Weil man sich beim Tagwerken so leicht a Haus derspart. Vor sieben Jahr is er in die Sorgen dringsteckt bis übern Hals. Und is er als Holzknecht net allbot bei Ihnen in der Kanzlei gwesen? Also! Kann er net kommen sein, am selbigen Abend, wie S' Ihnen grad um Enker Frauerl gsorgt haben? Und da kommt er mit seiner Not am Buckel, geht eini, kein Mensch is in der Kanzlei, die Tausender liegen am Tisch, und da schießt ihm d' Schlechtigkeit ein. Auf 's Tuifels Zureden macht er an Griff. Und wie er an Schnaufer hört im Haus, reißt er 's Fenster auf und springt aussi in d' Nacht. So kunnt's gwesen sein – denk ich mir halt.« Dem Forstmeister zitterten die lahmen Glieder. »So muß es gewesen sein! Aber der Niedernacher? Nein, Sonnweber! Für den leg ich die Hand ins Feuer.« »Daß er baut, dös macht mich sinnieren. Denn der , Herr, der's gwesen is, hat 's Geld lang in der Gheim ghalten, bis er sich aussitraut hat.« Er verstummte. Das frische Tischtuch über dem Arm, stand Mathild vor den beiden. »Papa!« Kummer und Vorwurf sprachen aus ihrem Blick. Als sie sah, wie tief dieses Wort auf den Vater wirkte, schlang sie den Arm um seinen Hals und küßte ihn. Dann richtete sie sich auf. Der Zorn machte ihre Stimme hart. »Sonnweber! Lassen Sie meinen Vater in Ruh!« »Jesusmaria!« Der Bürgermeister schien bis in den innersten Winkel seines redlichen Herzens gekränkt. »Jetzt geht der Verdruß noch an mir auf!« »Ruhig, Sonnweber!« Der alte Herr winkte mit der verkrüppelten Hand. »Und du, Geiß, reg dich nicht auf! Er hat mir gesagt, daß du ihm das Reden verboten hast. Und ganz recht hast du. Jetzt seh ich es selber ein. Diese ewige Rederei um den alten Dreck herum, das hat keinen Sinn. Mich wirft es von einer Enttäuschung in die andere, dir macht es immer wieder das Herz schwer, und den anhänglichen, guten Menschen da verführt es zu jedem unmöglichen Verdacht gegen die brävsten Leute. Schluß! Kein Wort mehr, Sonnweber!« »Gut!« Der Bürgermeister faßte den grünen Fäustling. »Wie Sie's haben wollen, soll's gschehen. Aber d' Augen halt ich offen. Amal macht's unser Herrgott halt doch noch recht. Da verlaßt mich der Glauben net.« Freundlich grüßte er und ging, während vom Haus herüber das Lachen des lustigen Sägmüllers und Walters heitere Stimme klang. Mathild atmete auf und warf einen Blick zum Haus hinüber, so erlösungsfroh, wie nach trüber Nacht ein bangendes Herz den heiteren Morgen grüßt. Ihr Vater sah diesen Blick, und in seinem Gesichte gruben sich die Furchen noch tiefer. »Geiß!« Sie trat zu ihm. Da sagte er wie ein Kind, das Kummer hat und geschmeichelt sein will: »Nimm mich ein bißl um den Hals!« Sie umschlang ihn und schmiegte die Wange an seine Stirn. Tief atmend schloß er die Augen. Dann schob er die Tochter von sich. »Du mußt den Tisch noch richten. Er kommt.« Mit erschrockenem Blick sah Mathild den Vater an. »Es kommen doch alle!« sagte sie verwirrt. Der Vater nickte ihr mit halbem Lachen zu. »Natürlich! Alle! Und die Rosl fährt auch schon mit dem Heuwagen auf.« Er meinte die Jausenplatte, die gebracht wurde. Eine ganze Stadt von Kannen und Kännchen war da aufgebaut, von Dosen und Brotkörben, Butterschalen und Obsttellern. Während Frau Rosl der Magd alles abnahm und den Tisch befrachtete, schalt sie über die Verspätung des Pfarrers. »Alle Freundschaft in Ehren, aber wenn der Kaffee altbachen wird, da hört sich 's Warten auf!« »Was er nur haben muß, daß er net kommt?« sagte Bertl. »Dem muß rein an seinem Blasröhrl eine Klappen brochen sein. Das wär a Unglück, das ihn zruckhalten könnt, wenn er weiß, daß er ein Stündl neben der Thilde sitzen kann!« »Ja, Thildele«, fiel Rosl ein, während sie die Tassen füllte, »wenn 's Zölibat einmal aufghoben wird, da hast du ein' festen Verehrer. Der Hochwürdige laßt nimmer aus.« Das sagte sie so drollig, daß alle lachten. Und Walter, der sich den Platz neben Mathild gesichert hatte, erklärte: »Fräulein, dann werd ich doch noch Pfarrer! Nur um Ihnen und Ihrem Glück die Traurede halten zu dürfen.« Mit glänzenden Augen sah er zu ihr auf. »Wer sollte das Glück verdienen, wenn nicht Sie!« Mathild schwieg, mit heißen Wangen. Der alte Herr aber, als hätte ihm Walters Blick und Wort alle nachdenkliche Stimmung verscheucht, wurde plötzlich so gesprächig, wie er selten war. Seine gute Laune belebte das Geplauder der anderen, und Walter taute zu so übermütiger Stimmung auf, als hätte er an diesem Nachmittag allen versäumten Frohsinn seiner Jugend nachzuholen. Seine Laune hatte was Merkwürdiges. Immer wieder warf er ein paar Worte hin, von denen die andern nicht wußten, wie sie zu nehmen waren. Und sahen sie ihn verwundert an, dann lachte er seelenvergnügt. »Herr Doktor«, sagte Bertl, »mir scheint, Sie haben was auf der Pfann? Das muß was Lustiges sein. Schauts nur, wie ihm die philosophischen Äugerln glänzen!« Walter lehnte sich vor Mathild an den Tisch. »Wirklich? Glänzen sie so ausfallend?« Sie sah ihn an und nickte. »Sind Sie auch neugierig auf das Warum?« Da sprang Frau Rosl vom Sessel aus. »Herr Jegerl! Was kommt denn da für einer?« Der merkwürdige Bruder Laertes war in den Garten getreten, mit einem Bündel wehender Zettel in der Hand. Bertl erriet gleich, was der Besuch zu bedeuten hatte. »Der kommt einladen zum Theater!« Lachend stand er auf. »Da müssen wir hin! Alle! Papa, du mußt auch mit!« »Um Gottes willen!« Der alte Herr streckte abwehrend die grünen Fäustlinge. »Mich laßt in Ruh! Aber wenn's euch Spaß macht, geht nur hin! Du auch, Geiß! Ein bißl Unsinn sehen und lachen drüber, das ist dir ganz gesund.« »Freilich, Thilde!« fiel Bertl ein. »Wirst uns doch den Spaß nicht verderben! Der Doktor muß auch mit. Gelt?« Walter schwieg. Seine frohe Laune schien erloschen. Bruder Laertes hatte eine tiefe Verbeugung gemacht und begann – halb klang es wie Ernst und halb wie Ulk – eine schwungvolle Rede über die Heiligkeit der Kunst, über die Erziehung des Volkes zum Schönen und den opferfreudigen Edelmut verehrungswürdiger Gönner. Bertl unterbrach ihn lachend: »Geh, reden S' net so verdreht daher! Machen wir's kurz. Haben S' Karten bei Ihnen?« »Jawohl, mein Herr!« Bruder Laertes griff stilvoll in die Brusttasche. »Erster Platz eine Mark, zweiter Platz funfzig Fenniche, dritter Platz zwanzig Fenniche. Einen letzten Platz gibt es nicht bei uns.« Bertl guckte den Mimen von der Seite an: »Na, hören S', Sie tragischer Herr Nachbar, wenn Sie's auf'm Brettl net besser machen, werden S' net berühmt! In Gotts Namen, geben S' her! Vier erste Plätz!« Er wandte sich an Walter. »Sie erlauben schon, Herr Doktor, daß ich für Sie gleich mitnimm!« Während er das Geld für die Karten aus der Börse holte, hatte Frau Rosl eine Anwandlung von Barmherzigkeit. Sie schien die Rentabilität der heiligen Kunst nicht hoch einzuschätzen und erklärte sich die interessante Blässe des schönen Kunstjünglings durch einen leeren Magen. »Kommen S' her!« sagte sie und bot dem Schauspieler ihren eigenen Sessel an. »Ein Tasserl Kaffee und ein Trumm Schinkenbrot wird Ihnen schmecken.« Bruder Laertes trat stolz zurück. »Was denken Sie, meine Dame! Ein Künstler wie ich lebt nur von Nektar und Ambrosia!« Die Empörung flammte in seinen Augen. »Schinkenbrot!« Er blickte zum Himmel. »Vergib ihr, Apoll!« Frau Rosl erschrak. Die anderen lachten. Bruder Laertes verteilte vier Zettel über den Tisch und nahm das Geld in Empfang, mit einem Blick schmerzvoller Verachtung, als würde ihm Feuer auf die Hand gelegt. Dann verbeugte er sich und ging. »Ein verrücktes Huhn!« sagte der Sägmüller. Auf dem Wege zum Zauntürchen begegnete Bruder Laertes dem Pfarrer, der in zappelnder Eile den Garten betreten hatte. »Hochwürden!« rief ihm Bertl entgegen. »Wollen S' mit ins Theater?« »Ich? Gott soll mich beschützen!« Der Pfarrer machte grüßend die Runde, und die verdrießliche Miene, die er mitgebracht hatte, heiterte sich auf, während er Mathilds Hand in der seinen hielt. Als er saß, war es sein erstes Wort: »Jetzt bin ich fertig mit der Beethovenschen Sonate. Wirst sehen, Thildele, ganz ordentlich blas ich's! Freilich, ein bisserl sehr viel Zugeständnisse hat mir der große Meister machen müssen.« Weil Frau Rosl über den kalt gewordenen Kaffee jammerte, sagte er: »Ich hab nicht früher kommen können. Mein Herr Kaplan is krank.« »Innerebner?« fiel Walter ein. »Was fehlt ihm?« »Recht kenn ich mich selber nicht aus. Schon am Sonntag hat er ausgeschaut, daß ich erschrocken bin. Ich hab ihm angeboten, die Christenlehr für ihn zu halten. Aber natürlich, der Herr Kaplan und seine eiserne Priesterpflicht! Da gibt's keine Zugeständnisse. Gestern hat er liegen müssen. Und wie ich ihn heut besuchen will, hat er sich eingesperrt und hat mich klopfen lassen. Mir scheint, es is ein bisserl Trutz dabei. Vielleicht auch ein bisserl Verstand. Da hab ich nichts dagegen, daß er liegenbleibt, bis der erste Theaterabend vorüber ist. Wenn er den Komödianten einen Spektakel gemacht hätt, daß die liberalen Zeitungen wieder die schönsten Artikel über Fanatismus und Hetzkaplän hätten schreiben können, das wär mir nicht angenehm gewesen. Wann spielen s' denn zum erstenmal?« »Heut, glaub ich!« Bertl griff nach einem Zettel. »Nein, morgen! Da steht's mit Blaustift: Mittwoch, den 3. Juli.« Plötzlich brach er in Gelächter aus. »O du heiliger Strohsack! Thilde! Hast du denn schon gelesen, was sie spielen?« Er hielt ihr den Zettel hin. Auch Mathild lachte. »Papa! Rat doch einmal, was da ausgeführt wird?« »Kasperl auf Reisen, oder die Haberfeldtreiber, oder Wurst wider Wurst?« »Nein, Papa! Goethes Iphigenie auf Tauris.« Der Pfarrer schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Och du lieber Herrgott! Goethe und meine Langentaler Krautsköpf! Jetzt bin ich froh, daß mein Kaplan im Bett liegt. Der! Und eine mangelhaft bekleidete Griechin! Das hätt ein schöner Spektakel werden können.« Der lustige Sägmüller war ganz närrisch vor Vergnügen und versprach sich von dem Theaterabend eine »großartige Hetz«. Er hätte in München als Student einmal in Binders Volkstheater den »Faust« gesehen und wäre den ganzen Abend nicht aus dem Lachen herausgekommen. Der alte Binder hätte damals den Mephisto gespielt und kein Wort seiner Rolle gewußt. Vom Parkett aus hätten ihm die Studenten die ganze Rolle souffliert und allen erdenklichen Unsinn dazu. Als Mephisto mit dem Schmuck in Gretchens Stube gekommen wäre, hätte er schon auf der Schwelle die Ohren gespitzt. »Da schreit ihm einer vom Parkett durch die hohlen Händ hinauf: Ich wittre Menschenfleisch! Das ganze Haus brüllt natürlich gleich los. Der gute Binder läßt sich nicht irrmachen, schneidet ein richtiges Teufelsgesicht, drückt die Faust auf den Magen und stöhnt: Das bittere Menschenfleisch!« Eine ähnliche »Gaudi« erwartete Bertl von der Aufführung der »Iphigenie«. In dieser lustigen Hoffnung bestärkte ihn noch der Wortlaut des Theaterzettels. Den Ausrufer einer Bude nachahmend, begann er zu lesen:   »Mittwoch, den 3. Juli, im Jahre des Heils und im Gasthaus Zum Roten Hirschen bei festlich beleuchtetem Hause Große Glanz und Gala-Eröffnungsvorstellung: Iphigenie auf Tauris oder Menschenopfer und Liebe oder Ende gut, alles gut Grandioses Historien- Liebes und Spektakelstück aus dem klassischen Altertum von weiland Seiner Exzellenz dem Weimaraner Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe, gebürtig auf der berühmten Heimat der Frankfurter Würstln, Ritter hoher, höchster und allerhöchster Orden. Dramatis personae: Iphigenie, eine mit Dampf entführte Prinzessin, das herrlichste der Griechenmädchen Mamsell Aurelia; Thoas, König von Tauris, ein edler Mann und ein blutdürstiger Herrscher über wilde Völker Laertes; Orest, ein wahnsinniger Prinz und Muttermörder, sonst aber ein liebenswürdiger Jüngling Mamsell Mariane Pylades, Freund des wahnsinnigen Prinzen, aber treu und bei gesundem Verstand Willy Meister; Arkas, wirklicher geheimer Hofrat Seiner Majestät des Königs von Tauris Direktor Jarno. Schauplatz: Ein griechischer Obstgarten vor dem Tempel der heidnischen Götzin Diana. Dem Stück voran geht ein Prolog, auf deutsch: nähere Erklärung, im Gewande der heiteren Göttin der Kunst und in lustigen Schnaderhüpfeln gesprochen von Mamsell Philine. Anfang präzis 8 Uhr, Ende, wenn's gar ist.«   Lachend schüttelte Bertl den Kopf. Und der Hochwürdige stupste Mathild mit dem Finger an den Arm : »No also, jetzt hast du ihn, deinen Goethe!« Ein Windstoß fuhr über den Garten hin und bauschte das Tischtuch auf. Dann war's gleich wieder still in den Lüften. Doch die Sonne war weg. Mathild schien nicht recht zu wissen, ob sie lachen oder über diese Verunglimpfung eines geliebten Kunstwerkes sich ärgern sollte. »Und die Namen der Schauspieler! Papa? Ist dir das nicht aufgefallen? Philine, Jarno, Mariane, Laertes, Aurelia, alle Namen aus dem ›Wilhelm Meister‹!« Walter schien eine Frage an Mathild richten zu wollen. Doch er schwieg und sah mit wenig freundlichen Augen den Zettel an. Wieder sauste ein Windstoß durch den Garten. Das Rauschen in den Bäumen wollte sich nicht mehr beruhigen, und der alte Herr drängte zum Aufbruch. »Komm ich mit meiner lahmen Maschine in Wind und Regen hinein, so zappelt sich die Geiß vor Sorge das Herz aus dem Leib. Das erspar' ich ihr lieber. Auf und heim!« Man machte flinken Abschied. Bertl begleitete seine Gäste bis auf die Straße. Noch immer schwatzte er von der »fidelen Hetz«, die ihm die »klassische Komödi« in sichere Aussicht stellte. »Den wahnsinnigen Prinzen spielt doch ein Frauenzimmer. Da bin ich neugierig, wie ihr das griechische Jankerl sitzt. Schad, daß der Kaplan krank ist! Der möcht nobel die Augen rollen, wenn die fleischfarbenen Trikots aufmarschieren. Vielleicht kommt er doch! Und laßt er die Raketen seiner moralischen Empörung steigen, das gibt erst die richtige Hetz!« »Um Gottes willen!« Der Pfarrer tat einen Blick zum Himmel. »Also, Herr Doktor, morgen in der Komödi!« Bertl streckte Walter die Hand hin. »Und gelt, nett war's bei uns! Der Vater hat schon recht: ich kann zufrieden sein. Wenn's auch manchmal ein bisserl aufwurlt in mir, das macht nix. Ich hab ausgesorgt fürs Leben und sitz drin im Glück.« Walter sah, daß Mathild auf der rauh geschotterten Straße mit dem Rollsessel ein beschwerliches Schieben hatte. Als er sie einholen wollte, faßte ihn der Pfarrer am Joppenzipfel: »Sie gehen doch morgen ins Theater? 's Thildele geht doch auch. Und wär das kein zureichender Grund, so tun Sie's mir zu Gefallen! Vor Ihnen, glaub ich, wird sich der Innerebner ein bisserl zruckhalten. Einstweilen hab ich freilich noch den unchristlichen Wunsch, daß er morgen noch mit Bauchweh oder sonst was Ungefährlichem das Bett hüten muß.« »Ich glaube nicht an diese Krankheit.« Der Pfarrer blickte betroffen auf. »Was denn?« »Ich glaube, daß ihm der Ärger über den Strich, den ich durch seine fromme Rechnung machte, ein paar gereizte Tage verursacht.« »Och du lieber Herrgott! Was war denn los?« Walter erzählte, was sich im Scheidhof abgespielt hatte. »Recht haben S' ghabt!« Dem Pfarrer brannte das Gesicht vor Erregung. »Ganz gsund is ihm das! Was ich mich schon grauft hab mit ihm wegen dieser unglückseligen Kirchenidee! Soll doch der alte Fuchs in seiner spöttischen Bauernschlauheit machen, was er will. Der ist wie ein bockbeiniges Kind, das nach der hilfreichen Medizin schlägt. Wie ich das letztemal bei ihm war, ist er so saugrob gegen mich geworden, daß ich mir gedacht hab: Nein! Jetzt kann ich mit meinem Seelentrost warten, bis er ihn brauchen wird. Und Ihnen, lieber Doktor, geb ich den Rat: seien Sie mit dem Scheidhofer ein bißl vorsichtig. Sonst machen S' eine Erfahrung, die Ihnen weh tut. Aber jetzt schauen S', daß Sie zum Thildele kommen! Ich merk eh schon, daß Sie ihr helfen möchten.« Als Walter hinter dem Rollsessel an Mathilds Seite trat, wandte der alte Herr das Gesicht und nickte lächelnd zu den beiden hinauf. Behaglich lehnte er sich zurück, als hätte er seine Freude an der gedoppelten jungen Kraft, die sein lahmes Alter so hurtig heimwärts führte. Die Spitzen aller Berge waren schon in kaltes Grau gewickelt. Am dichtesten hingen die Nebel um den Hohen Schein. Den suchten Walters Augen an diesem Abend nicht. Der Heimweg, Schulter an Schulter mit Mathild, hatte alle Mißlaune verscheucht, die beim Erscheinen des merkwürdigen Bruders Laertes über ihn gekommen war. Und wie munter der alte Herr wurde, als er die beiden hinter dem Rollsessel so schwatzen hörte! Drei frohe, glückliche Menschen. Da überholte sie auf der Straße zum Scheidhof ein alter Bauer, ein langer, zaundürrer Mensch mit tiefliegenden Augen in einem Gesicht, das nur aus Haut und Knochen bestand. Er trug eine Sense auf der Schulter. Ohne zu grüßen, sagte er mit zahnlosem Mund: »Ös seids aber lustig!« »Wohin denn?« fragte der Forstmeister. »Wirst doch nicht mähen heut? Schlecht Wetter kommt.« Der Schnitter kicherte. »Kann gut auch wieder werden. Keiner weiß was Sicheres. Alles kommt, wie's muß. Ich schlag amal nieder, was dasteht!« Vor dem Rollsessel vorüber stelzte er mit seiner blinkenden Sense zu einer blühenden Wiese und begann die Klinge zu wetzen. Nachdenklich sah ihm der Forstmeister zu. »Wär man abergläubisch, so könnt man sich allerlei denken!« Er hob den Kopf und lauschte. »Geiß, hör doch! Was ist denn da los?« Vom Tor des Scheidhofes klang eine zornschrillende Mädchenstimme. »Das Walperl!« sagte Walter erschrocken. Er begann zu laufen, als gält' es ein bedrohtes Leben zu retten. Seine Sorge verwandelte sich in Gelächter, als er das Walperl beim Zauntor in ein Gefecht verwickelt sah, in dem das tapfere Mädel augenscheinlich der sieghafte Teil war. In ihrem Gegner erkannte Walter den lustigen Weißkopf, der ihm beim Niederstieg vom Hohen Schein doziert hatte, daß es das beste am Leben wäre, Geld für eine Maß Bier zu haben, namentlich im Zustand des Durstes. In diesem Zustand schien der Philosoph sich augenblicklich nicht zu befinden. Er stand wacklig auf den Beinen. Sein Rausch war für das schneidige Walperl ein hilfreicher Bundesgenosse bei dem Gefecht, das sich lustig ansah und doch einen gewissen Ernst nicht verleugnen konnte. Dem Mädel brannte vor Zorn das hübsche Gesicht, während es den Feind an der Brust gefaßt hielt und mit einem roten Regenschirm auf seinen Weißkopf losdrosch, daß es klatschte und knackste. Walter wollte sich als Friedensstifter dazwischen drängen. Walperl kreischte: »Bleiben S' davon, Herr Dokter! Für so an Krippenreiter brauch ich kein' Helfer.« Mit verdoppelten Kräften schwang sie das rote Schwert. Der Betrunkene hob zum Schutz gegen die rasselnden Hiebe den einen Arm über den Kopf, tappte mit der andern Hand nach Walters Joppe und lallte: »Sie, Herr, Ihnen muß ich ebbes sagen! 's beste auf der Welt –« »Da hast es!« Walperl führte einen sausenden Streich. »Dös is 's beste für so ein', wie du bist!« »Ja, Himmelsakra!« Der Weißkopf wurde wütend, und da kam es nun doch zu einer diplomatischen Intervention. Bonifaz, der mit dem Heuwagen die Straße daherfuhr, ließ sich, als er das Walperl im Gefecht erblickte, flink vom Fuder heruntergleiten, faßte den Betrunkenen am Kragen und wirbelte ihn hinter den Heuwagen. Dann fragte er ruhig: »Was hat's denn geben?« »Unverschämt is er gwesen.« »Hast es ihm heimzahlt?« Bonifaz betrachtete mit Stolz das brennende Gesicht des Mädels. »Recht hast ghabt!« Lachend nahm er die Zügel und lenkte den Heuwagen gegen das Tor. »Jesses!« rief das Walperl, sprang vor die Pferde hin und packte zwei Regenschirme, die auf der Straße lagen. »Aber Mädel?« fragte Walter. »Was war denn?« Ohne zu antworten, nahm Walperl die zwei schwarzen Schirme unter den Arm und probierte, ob sich der rote noch aufspannen ließe. Das Gestell war verbogen, der rote Bezug von den Spangen losgerissen und zerfetzt. Mit aufatmender Genugtuung betrachtete Walperl den übel zugerichteten Schirm. »Dem hab ich's gesagt! Da kauf ich mir jetzt gern a neus Paradachl.« Rauschend streifte das Heufuder durch den Torbogen. Da erreichte auch Mathild mit dem Rollsessel die Kampfstätte. »Aber Walperl!« Und der alte Herr brummte: »Bist du denn verrückt? Auf der Straße raufen! Schämst du dich nicht?« »Gott bewahr! Der Bonifaz hat gsagt, daß ich recht hab.« »Was war denn los?« »Daheim sag ich's Ihnen schon.« Walperl legte dem alten Herrn die drei Schirme über den Schoß und trat hinter den Rollsessel. »Lassen S' mich schieben, Fräulen! Da geht's bergauf.« Während das Mädel hinter dem Sessel antauchte, grölte über die Straße her die Stimme des Betrunkenen: »Spitzbubenköchin! Diebskameradin! Wahr is's! Gstohlen hat er!« Ein Zornblick funkelte in den Augen des Forstmeisters. Aus Mathilds Wangen war alle Farbe gewichen. Erschrocken sah ihr Walter in das erblaßte Gesicht. »Fräulein?« Ohne ein Wort zu sagen, hielt sie die verkrüppelte Hand des Vaters an ihre Brust gedrückt, während Walperl den Rollsessel so hastig über den Kiesweg hinaufschob, als bräche schon das Wetter los, das grau am Himmel stand. Sie kamen zur Veranda, und das Walperl sagte: »Herr Dokter, daß ich net vergiß, der Scheidhofer hat schon viermal ummi gschickt, ob S' net daheim sind.« Und da kam auch der Bonifaz gelaufen: »Bitt schön, Herr Dokter, kommen S' zum Bauern ummi! Ganz narret tut er nach Ihnen.« Walter zögerte. Er wollte helfen, den alten Herrn aus dem Sessel zu heben. Mathild sagte: »Ich danke, Herr Doktor! Papa ist unsere Hand gewöhnt.« Über die Stufen der Veranda mußte man den Lahmen hinaufheben. Dann begann er sich mit stoßenden Schultern vorwärts zu schrauben, Schritt um Schritt, bis ins Haus. Als er in der Stube, in der es schon dunkelte, auf dem Sofa saß, schob er die grünen Fäustlinge über den Tisch. Er saß gebeugt, wie mit einer schweren Last auf dem Rücken. Mathild setzte sich zu ihm und wollte den Arm um seinen Hals legen. Der alte Herr entzog sich dieser Zärtlichkeit. Und während das Walperl die Lampe anzündete, sagte er müd: »Das kommt immer wieder. Da kann man seine Lebensstub ausweißen, daß kein Fleckl an der Wand ist! Was hilft's? Auf der Straße greifen sie nach dem Dreck und schmeißen ihn durch die blanken Fenster.« Er hob das Gesicht. »Walperl? Wie ist denn das zugegangen?« »D' Schirm hab ich Ihnen entgegentragen wollen, daß der Herr net naß wird, wann's ebba regnet. Und da kommt der bsoffene Lackl daher und will zum Herrn Dokter. Im Wirtshaus hat er's derfragt, daß der Herr Dokter bei uns loschiert. Was er denn will, frag ich. Ja, meinet er, dem Herrn Dokter möcht er ebbes sagen. Was? frag ich. Was 's allerbest is auf der Welt, sagt er. Und wie ich sag, er soll machen, daß er weiterkommt, wird er unverschämt und fragt, ob's net ebba ich wissen möcht, was 's allerbest wär auf der Welt? Dös weiß ich schon, sag ich. Daß d' Leut an Anständigkeit haben, dös is 's allerbest! Da wird er grob und schimpft: mit so einer, wie ich bin, die bei so einer Herrschaft dient, da kann man sich schon ebbes verlauben. Da bin ich ihm kommen mit der Richtung!« Dem Walperl funkelten die Augen, und sie machte eine Haudbewegung, als möchte sie neuerdings das rote Paradachl schwingen. »Ich danke dir, Walperl! Die Thilde wird dir einen neuen Regenschirm kaufen. Einen seidenen.« »Jesusmaria!« »Aber ein andermal laß so einen Kerl sagen, was er will. Es ist nicht der Mühe wert, daß man dreinschlägt.« Damit schien das Walperl nicht einverstanden. »Gradso schlag ich wieder drein! Der Bonifaz hat gsagt, daß ich recht ghabt hab.« Nach diesem ausdrucksvollen Schlußwort ging sie zur Tür hinaus. In der Stube blieb's eine Weile still. Dann atmete der alte Herr schwer auf. »Jetzt schau einmal her, Geiß! Ein Mensch, dem ich nie was zuleid getan hab. Der beschimpft mich. Warum? Das weiß ich selber nicht. Hat ein paar überflüssige Groschen im Sack, kauft sich einen Rausch, und da macht das Tier in seinem Gehirn einen Purzelbaum und wirft mir den Unrat ins Gesicht. Eigentlich ist das so dumm, daß man drüber lachen müßte. Aber wie mir da die Bosheit im kleinen mitgespielt hat, so macht es der Irrsinn des Schicksals im großen, wenn es zerschlägt, was blüht. Manchmal möchte man wirklich am Leben verzweifeln. Wenn man's nur nicht so lieb hätte! Das ist schließlich das einzige Mittel, um mit allem fertig zu werden. Liebe! Die alle Schwächen übersieht und alles Gute mit dem Brennglas des Herzens vergrößert! Solche Liebe ist die einzige Lösung aller letzten Fragen.« Er lächelte ein bißchen. »Schade, daß der Doktor nicht da ist! Das wäre was für eine philosophische Debatte.« Mit einem raschen Blick sah er in Mathilds Augen. »Lachen? Für mich allein könnt ich es. Aber der Judenfleck, den mir die Bosheit des Lebens auf den Namen genäht hat, wird auch mein Kind noch drücken.« Er nahm ihre Hand zwischen die grünen Fäustlinge. »Daß es mich nur deinetwegen quält? Hast du das noch nie gefühlt?« »Nein, Papa! Nein, nein, nein! Weißt du nicht, was du bist für uns? Du und Mama! Daß wir eure Kinder sind und euren Namen tragen – so reich und stolz wie wir ist kein Mensch in der Welt. Weil ein paar dumme und schlechte Menschen nicht wissen, wer du bist? Soll das etwas für uns bedeuten?« »Für euch? Ich rede nur von dir. Bertl? Der wird leicht damit fertig. Wenn ihm einer ein unbeschaffenes Wort über seinen Vater sagt, macht er's wie das Walperl und haut ihm eins hinter die Ohren. Damit ist die Sache für ihn erledigt. Aber du? Daß der halbe Schimpf, unter dem ich zu leiden habe, dein Herz nicht bedrückt, das weiß ich. Aber ein Gewicht für dein Leben wird er sein, vielleicht ein Stein auf deinem Weg zum Glück.« Die Tränen schossen ihr in die Augen. »Wie kannst du mir nur so weh tun?« »Einmal muß es gesagt sein. Das wird und darf nicht ausbleiben, daß ein Mann deine Hand von mir verlangt, dein Herz, deinen Leib und dein Leben. Ich weiß, was ich ihm gebe mit dir. Auch er wird es wissen und nicht fragen, ob du sonst noch was mitbekommst. Aber an die Reinheit deines Namens und an die Ehrenhaftigkeit deines Vaters muß er glauben können. Es wird am besten sein, wenn ich mir morgen den Doktor für ein Stündl vornehme und ihm alles sage. Besser, er hört es von mir, als daß es ihm ein Lump auf der Straße ins Gesicht schreit.« Mathild wollte sprechen und brachte keinen Laut heraus. Glut und Blässe wechselten auf ihrem Gesicht, und ein hilfloser Blick war in ihren Augen. Er zog sie an seine Seite. »Ich hab's doch schon gemerkt, daß du ihn lieb hast.« Sie warf sich an seinen Hals und drängte sich zuckend an ihn, als möchte sie das Gesicht hineinwühlen in das Herz des Vaters. »Ich bin schlecht, Papa! Ich bin ein schlechtes Kind!« Fest umschloß er sie. »Du? Und schlecht?« »Weil in meinem Herzen noch etwas anderes sein kann als du! Und das ist so tief in mir, daß ich nicht mehr leben könnte ohne ihn.« »Das soll schlecht sein?« Er lachte leis. »Das ist reine, schöne Natur. Ist das Beste, was wir Menschen haben. Laß dein Herz und Blut nur brennen! Ich hoffe, aus diesem Feuer wächst dein Glück. Und kommt es so, dann mach ich einmal, wenn es sein muß, lachend die Augen zu. Es muß so kommen. Er ist nicht blind. Und ist ein Mensch, dem ich dich von Herzen gönne. Redlich und gut. Was er dir für ein Leben schaffen kann, das weiß ich nicht. Das ist auch Nebensache. Wenn's sein muß, wirst du dich auch mit ihm durch ein Leben voll Sorgen schlagen, gelt?« Mathild hob das Gesicht. Da nahm er ihren Kopf zwischen die Hände. »Wenn man so einen Blick sieht, wie er jetzt in deinen Augen ist, kann man dem Leben wieder alles verzeihen. Und jetzt sei ruhig! Ich glaub an dein Glück. Glaub du nur auch! Aber den Abend heut, da bleiben wir zwei miteinander allein. Wenn ich meine Pfeife rauche, holst du die ›Iphigenie‹ und liest mir vor. Ich will auch mein Theater haben. Es wird das bessere sein als die Schauerkomödie, die morgen auf euch wartet.« Lachend streichelte er Mathilds Hand. »Und morgen red ich mit ihm.« Sie sprach die Sorge nicht aus, die beklommen in ihr zitterte. Er las sie in ihren Augen. »Von dir und deinem verdrehten Herzl morgen kein Wort. Das ist doch selbstverständlich. Ich erzähl ihm nur, was er wissen muß, und hoffe, daß er mir die Hand nicht weniger gläubig hinstrecken wird, als es der Sonnweber getan hat, damals, wie die hohe Regierung mich absägte – der einzige, der ehrlich zu mir hielt, während das ganze Dorf über mich klatschte.« »Papa?« Sie sah ihm in die Augen. »Wenn er das rechte Wort so findet, so gläubig und herzlich, wie du es hoffst von ihm? Wirst du dir dann Ruh vergönnen? Und über die Dummheit der anderen lachen?« »Ja, Kind! Das versprech ich dir.« Sie küßte ihn mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit. »Dann wirst du lachen! Ich weiß doch, wie er denkt von dir.« Jetzt war sie plötzlich in heißem Schreck wie versteinert. Sie hatte draußen in der Veranda Walters Schritt gehört. »Geiß? Hat dein Herzl ein schlechtes Gewissen?« Zitternd preßte sie sich gegen die Tür, als möchte sie dem Manne, den sie liebte, den Weg über diese Schwelle verwehren. Walter stürmte an der Tür vorüber. Und rief in die Küche: »Walperl! Die Lampe! Schnell!« Mit langen Sprüngen die Treppe hinauf. Als ihm das Mädel die Lampe brachte, saß er schon am Schreibtisch und legte einen Bogen Papier zurecht. »Wenn du mir den Tee bringst«, sagte er. »dann sei so gut und richte mir gleich auch ein bißchen was zum Mitnehmen für morgen früh! Ich steh um vier Uhr auf und geh mit dem Bonifaz fort.« »Morgen wird schlecht Wetter.« »Wetter hin oder her, ich schau mir die Wälder an, die zum Scheidhof gehören.« »Da kunnten S' aber doch an guten Tag abwarten?« »Nein! Das pressiert!« Er begann zu schreiben. Walperl hätte die Unterhaltung gerne fortgesetzt. Weil sie sah, wie eifrig Walter bei der Arbeit war, ging sie auf den Zehen zur Tür. Da fiel ihr eine wichtige Sache ein. Das mußte gesagt werden. »Herr Dokter! Heut hab ich zwei Kirschen gesehen, die haben schon an roten Anflug.« Er hörte nicht. Seufzend verließ das Mädel die Stube und schüttelte mißbilligend den Kopf darüber, daß man eine so wichtige Naturerscheinung mit solcher Gleichgültigkeit aufnehmen konnte. Walter schrieb und schrieb. Die dritte Seite des Bogens ging fast zu Ende, als er die Feder fortwarf und aufsprang. Er überlas das Geschriebene, nickte zufrieden vor sich hin und eilte mit dem gefalteten Bogen aus der Stube, die Treppe hinunter, ins Freie. Es war schon so dämmerig, daß Walter den Menschen nicht gleich erkannte, der mit schwerem Schritt über den Kiesweg tappte und jetzt in den Lichtschein der Stube trat. »Mertl!« Der Moosjäger drehte den Hut in den Händen. »Was führt Sie heut noch zu mir?« Mamertus stand wie ein Stock. »Mensch! So sagen Sie doch ein Wort! Wollen Sie was von mir?« Der Moosjäger nickte. »Dann warten Sie einen Augenblick! Ich muß zum Scheidhofer hinüber.« Walter sprang durch die Dämmerung davon. Geduldig wartete der Moosjäger, immer auf der gleichen Stelle. Es dauerte lang, bis Walter zurückkehrte. »So, Mertl! Kommen Sie mit mir!« Droben in der Stube war auf dem Tisch der Tee gerichtet, und die Lampe stand dabei. Walter setzte sich auf das Sofa und füllte die Tasse. »Nehmen Sie einen Sessel, Mertl! Und trinken Sie die Schale Tee da! Hier ist Brot und Fleisch.« Der Moosjäger blieb stehen. »So kommen Sie doch und –« Walter sprang erschrocken auf, als er bei der Lampenhelle einen Blick auf das Gesicht des Mamertus Troll geworfen hatte. »Mertl! Was ist mit Ihnen?« Dem Moosjäger stand der Schweiß mit glitzernden Tropfen auf dem erschöpften Gesicht, seine Augen waren weit aufgerissen, und die breite Brust arbeitete – das Bild eines Menschen, der sein Urteil erwartet: Tod oder Leben! »So reden Sie doch! Ist ein Unglück geschehen?« »An Unglück?« Das Gesicht des Moosjägers verzog sich, als sollte das ein Lachen werden. »Müssen wir halt abwarten, wie sich die Sach auswachst. Kunnt gradso a Glück sein. Und –« Mertl schluckte. »Jetzt tät ich halt an Anliegen haben.« »An mich?« »Wen hab ich denn sonst? An andrer tät mich aussi schmeißen.« »Also? Was wollen Sie?« »Sie fragen wie gschmirbt. Jetzt werden S' aber gleich schön derschrecken!« Dem Mamertus Troll wurden die Augen noch größer. »Dreihundert Mark sollen S' mir leihen.« Walter zog die Brauen zusammen. »Gelt ja?« Ganz kleinlaut wurde der Moosjäger. »Jetzt is der Schrecken da! Dreihundert Mark! Is a Haufen Geld! Hin und her gerechnet hab ich die ganze Nacht. Billiger kann ich's net machen.« »Wozu brauchen Sie das Geld?« Mertl beugte das Gesicht. »Dös kann ich net sagen.« »Warum nicht?« »Weil –« Es beutelte dem Moosjäger den Kopf, als hätte er einen Krampf im Nacken. »Sö kunnten mir abraten. Aber jetzt tu ich's amal!« Seine Stimme wuchs zu gewalttätigem Eigensinn. »Ich tu's! Und ich tu's!« Mertl erschrak, als hätte ihm ein Gedanke gesagt, daß hier nicht der Platz wäre für solch einen Ton. »Herr Dokter!« Seine Augen bettelten. »Ich bitt Ihnen gottstausendmal, geben S' mir dös Geld! Bei Herrgott und Teufel –« Er hob die Faust, als wäre das ein Eid, viel kräftiger als der übliche Schwur mit den drei gespreizten Fingern. »Ich zahl's Ihnen wieder zruck, und wann ich mir bei der Arbeit d' Nägel abkratzen müßt.« Langsam ließ er den Arm sinken und tat einen mühseligen Atemzug. »Kunnt sein, daß ich Ihnen den ganzen Schmarren morgen in der Fruh schon wieder zruckbring! Wann's net mag, mag's halt net.« »Sie sprechen in Andeutungen, die ich nicht verstehe. Daß ich an Ihre Ehrlichkeit glaube, das wissen Sie. Aber dreihundert Mark, das ist ein Betrag, bei dem man sich das Ja überlegen muß. Bevor ich Ihnen Antwort gebe, müssen Sie offen mit mir sprechen. Wozu brauchen Sie das Geld?« Dem Moosjäger kam wieder jenes Beuteln über den Nacken. »Ich bring's net aussi!« »Wenn Sie kein Vertrauen zu mir haben, wie soll ich Ihnen vertrauen? Es tut mir leid. Mertl! Das Geld kann ich Ihnen nicht geben.« Einer ist über das Moor gegangen und hat sich gedacht: Es wird mich schon tragen! Plötzlich bricht alles unter ihm ein, immer tiefer sinkt er, wird immer kleiner. – So schrumpfte der lange Mensch zusammen. »Halbert hab ich mir's eh schon denkt. Aber wie gröber 's Wetter is, wie lieber glaubst an d' Sonn!« Seine Stimme war völlig verändert. »In Gotts Namen! Schon viel, was schön hätt sein können, hat z'Grund gehn müssen. Kommt's auf dös bißl in mir drin auch nimmer an! – Dreihundert Mark! Ich kann's Ihnen net verdenken. Und tragen S' mir halt nix nach! Pfüe Gott!« Den Hut zerknüllend, wandte er sich langsam zur Tür, das Gesicht von einem Zucken überronnen, in den Augen einen Blick der Trauer. Da streckte Walter erschrocken die Hände. »Moosjäger! Bleiben Sie!« Er rannte zum Schreibtisch und riß eine Lade auf. »Ich will nichts wissen. Das Geld sollen Sie haben!« Mit drei Hundertmarkscheinen kam er zum Tisch und legte die Noten vor die Lampe hin. »Nehmen Sie!« Der Moosjäger packte die Scheine, wie ein Dieb zugreift, wenn er Schritte hört. Mit einem Lachen, das nichts Menschliches hatte, eher dem Gebell eines hungernden Raubtiers ähnelte, sprang er zur Tür. Da besann er sich. »Jesses! An Schuldschein muß ich schreiben!« »Nein, Mertl! Gehen Sie nur!« Ohne Gruß, ohne Dank, ohne ein Wort zu sagen, rannte Mamertus Troll aus der Stube. Drunten in der dunklen Veranda nahm er die drei Banknoten zwischen die Zähne. Auf dem Tische nestelte er mit zitternden Händen sein Taschentuch auseinander. Die Scheine faltete er ganz klein zusammen und drückte sie in das Tuch, an das er einen Hals hindrehte wie an einem Tabaksbeutel. Während er die Zipfel übereinanderknüpfte, klang aus dem offenen Fenster die Stimme Mathilds, die dem Vater vorlas: »Du hast Wolken, gnädige Retterin, Einzuhüllen unschuldig Verfolgte, Und auf Winden dem ehernen Geschick sie Aus den Armen, über das Meer, Über der Erde weiteste Strecken Und wohin es dir gut dünkt zu tragen. Weise bist du und siehest das Künftige; Nicht vorüber ist dir das Vergangene, Und dein Blick ruht über den Deinen, Wie dein Licht, das Leben der Nächte, Über der Erde ruhet und waltet.« Der Moosjäger hörte nicht. Was war ihm Goethe? Er hätte nicht aufgehorcht, auch wenn man da drinnen in der Stube das packendste Kapitel aus dem »Schinderhannes« oder dem »Bayrischen Hiesel« gelesen hätte. Er dachte jetzt nur an eines: die Zipfel des Tuches fest zu binden, jedes Zipfelpaar mit drei Knöpfen übereinander. Seinen Taschen traute er nicht. Auch das Versteck unter dem Hemd, obwohl die Hose einen festen Bund hatte, war ihm nicht geheuer. Schließlich nahm er den Tuchknäuel in die linke Faust, und die rechte hielt er bereit, um einen, der ihn etwa anpacken möchte, gleich niederschlagen zu können. »So! Jetzt bin ich gstellt!« Er schritt hinaus in die finstere Nacht, in das feine Geriesel, mit dem der Regen begonnen hatte. Aus dem Fenster klang Mathilds Stimme, in leiser Erregung zitternd: »Die Unsterblichen lieben der Menschen Weit verbreitete gute Geschlechter, Und sie fristen das flüchtige Leben Gerne dem Sterblichen, wollen ihm gerne Ihres eigenen, ewigen Himmels Mitgenießendes fröhliches Anschaun Eine Weile gönnen und lassen.« 13 Die Stube, so eng, daß man sich zwischen dem bißchen armseligen Hausrat kaum noch umdrehen konnte. Ein rauchendes Petroleumlämpchen, das in Peters Stallaterne gehörte, beleuchtete trüb den Raum, den eine dunstige Hitze erfüllte. Der Ofen mußte auch als Kochherd dienen und war noch nicht ausgekühlt, seit die Zenz für ihren Buben die Milchsuppe gekocht hatte. Hinter dem Ofen, auf einer Holzbank, war mit Pferdedecken und einem blau überzogenen Kissen das Bett für den Buben gemacht. Der schlummerte fest und tief; von der Hitze, die der nahe Ofen ausstrahlte, brannte das Gesicht des Kindes wie im Fieber. An dem kleinen Tisch, der zwischen zwei winzigen Fenstern in die Ecke gerückt war, saß die Zenz, mit dem Rücken gegen die Tür, und stopfte über einem faustgroßen Kieselstein einen Sonntagsstrumpf ihres Buben. Sie saß in dieser Stube wie eine Trödlerin inmitten ihres Krames. Weil kein Schrank vorhanden war, nur ein schmaler Geschirrkasten, hing das bißchen Gewand, das der Peterl und seine »Haserln« für Sommer und Winter besaßen, überall an der Wand umher, an der Tür, im Ofenwinkel und an den Kopf- und Fußbrettern der zweistöckigen Bettstatt, in der das Zenzle oben und der Peterl unten seinen Strohsack hatte. Bei dem rötlichen Lichtschein, der die Blässe des vergrämten Gesichtes milderte, sah die Zenz hübscher und jünger aus als am Tage. Rings um den Kopf bekam das rotblonde Haar von der Lampenhelle einen Glanz, als wären flimmernde Goldfäden in die Zöpfe geflochten. Draußen tappte ein schwerer Schritt durch den Flur. Die Tür wurde geöffnet. »Guten Abend, Vater!« sagte die Zenz, ohne sich umzusehen. Wie hätte sie denken können, daß es ein anderer wäre? Seit vier Jahren war außer ihrem Vater keiner mehr in diese Stube getreten. Am Tappen dieser Schritte war ihr auch nichts aufgefallen. Von den schweren Nagelschuhen punkert einer wie der andre. »Tu ein bißl stad, der Bub schlaft schon.« Weil sie keine Antwort bekam und keinen Schritt mehr hörte, drehte sie das Gesicht. Da stand der Moosjäger bei der Tür, in der rechten Hand den Hut, in der linken Faust was Blaues und Rotes. Sein Gesicht war kreidebleich. Bei unbehilflichem Lächeln glänzten seine Augen, als hätte Mamertus Troll einen festen Schoppen über den Durst getrunken. Vom Regen hingen ihm tausend winzige Tropfen an den Kleidern, weiß wie Tau. Ein paar Sekunden blieb die Zenz ganz ruhig sitzen. Es gibt Dinge, für die der Verstand seine Zeit braucht, bis er ihnen auf die Wahrheit kommt. Dann glitt ihr der Kieselstein mit Maxels Sonntagsstrumpf über den Schoß hinunter. Lautlos sprang sie auf und tastete rücklings mit den Händen nach dem Tisch, als müßte sie sich vergewissern, ob hinter ihr Luft oder was Festes wäre. »Guten Abend, Zenzle!« Mit seinen schweren Schritten tappte er auf sie zu und hielt ihr auf der linken Hand das zusammengeknebelte Taschentuch mit den sechs Knöpfen hin. »Da schau hier!« sagte er mit einer Stimme, wie sie ein Bergsteiger hat, wenn ihm der Atem ausgeht. »Dreihundert Mark hab ich. Mein Herrgott und Heiland hat an Einsehen ghabt. Jetzt kunnt ich mich ins Häusl einmieten, wo d' Mutter ghaust hat, und kunnt an Hausrat kaufen und Wäsch' und Kuchlgschirr, und alls halt, daß man zfrieden sein kann. Jetzt red, Zenzle! Magst mich heireten?« Der Zenz trieb es einen Laut aus der Kehle, als hätte man sie mit glühendem Leib in eiskaltes Wasser getaucht. Dann stand sie sprachlos, ohne sich zu rühren. »Zenzle? Was meinst?« Geduldig wartete er auf Antwort. Die kam nicht. Und Mamertus Troll fuhr sich mit dem Ärmel über das Gesicht. »Herrgott, hat's daherinn an Dampf! Da redt man sich hart über so was.« Wieder wartete er ein Weilchen und sah sie beklommen an. »Geh, sag mir's, ob d' magst?« Sie schwieg. Immer starrte sie mit ratlosem Blick an ihm hinauf. Er wurde unruhig. »Kreuzteufel, druck's halt amal aussi, dös bisserl Ja!« Sie rührte sich nicht. Dem Moosjäger begann die Stirn zu brennen. Ganz erloschen klang seine Stimme. »In Gotts Namen! Ledig gstorben is auch net verdorben. Marschier ich halt wieder weiter.« Über das Gesicht der Zenz flog's wie ein Zucken der Angst. Mit der Hand machte sie eine kaum merkliche Bewegung. Der Moosjäger hatte Augen wie ein Habicht. Gleich kannte er sich aus. Ein halbes, hoffendes Lachen. Dann nahm er ihre Hand und sagte herzlich: »Zenzle? Warum redst denn gar nix?« »Weil –« Ein heftiger Ruck ging durch ihren Körper, als begänne das versteinerte Leben in ihr zu erwachen. »Weil ich's net glauben kann.« »Net glauben kannst es? Nacher wart a bißl! Den Beweis haben wir gleich! Und ein', den greifen kannst!« Er schloß die Faust um das verknotete Taschentuch, drückte den Hut übers Haar und ging zur Tür. »Pfüe Gott derweil!« Erschrocken streckte sie die Hände nach ihm. Der Moosjäger war schon draußen. Im Laufschritt ging's durch den Regen zum Haus des Bürgermeisters. Er atmete auf, als er die Fenster noch erleuchtet sah. Die Haustür war verriegelt. Und die Bürgermeisterin, ehe sie auftat, wollte erst wissen, wer draußen wäre. Wütend rüttelte Mertl an der Klinke: »Sakra! Machts auf! Der Bürgermeister muß offene Haustür haben, bei Tag und Nacht, für an jeden auf der Gmein.« Da hörte man die ruhige Stimme des Hausherrn: »No, no, no, was is denn?« Der Riegel wurde aufgestoßen. Ohne viel Umstände trat Mertl in die schmucke, hell erleuchtete Stube. Verwundert, mit etwas zweifelhaftem Vergnügen, betrachtete Sonnweber seinen späten Gast. »Was willst denn?« »Den Heiratsbrief möcht ich haben. Aufbieten laß ich mich mit der Zenz.« Weil es verschiedene Zenzerln auf der Welt gibt und die Obrigkeit immer ein bißchen neugierig ist, sagte der Moosjäger gleich, um Zeit zu sparen: »Kreszenzia Schmiedramsl, eheliche Tochter des Peter Schmiedramsl, Roßknecht beim Roten Hirschenwirt.« Das Liebesglück des Mamertus Troll schien den Bürgermeister nicht zu interessieren. »Leg dich schlafen! Und komm wieder, wann's Tag is!« »Na! Heut noch muß ich mei' Sach haben!« Dabei stemmte der Moosjäger die Faust auf den Tisch. »Du!« Sonnweber hob den schönen Apostelkopf und trat auf Mertl zu, mit der sicheren Ruhe eines Menschen, der immer das Recht auf seiner Seite weiß. Da ging seine Frau an ihm vorbei und zupfte ihn an der Joppe. Vom Ofen warf sie ihm noch einen Blick zu, der deutlich sagte: Sei vorsichtig, oder der zündet uns das Dach über dem Kopf an! Der Bürgermeister lächelte. »Na, na, Mutter, da brauchst dich net einmischen! Wann sich einer ungebührlich aufführt, muß ihm gsagt werden, daß man sich in eim ordentlichen Haus anders benimmt.« Er wandte sich an den Moosjäger. »Kommt mir einer so, da heißt's: um halber zehne in der Nacht is kein Amtsstund nimmer. Gibst mir aber a gutwilliges Wörtl, so tu ich dir gern den Gfallen.« Die Herzlichkeit, die aus dieser ruhigen Würde redete, weckte im Moosjäger ein Gefühl der Schuld. »Ja, recht hast!« sagte er kleinlaut. »Wie a Lackl bin ich einipumpert! In die letzten fünf Jahr bin ich mit der Lebensart a bißl aus'm Brauch kommen. Tu mir's net verübeln! Und sei so gut, daß d' mir den Heiratsbrief ausschreibst!« »No also, meintwegen!« Der Bürgermeister nahm aus einem Kasten zwei große Bücher hervor. Dabei sagte er: »Ich vergunn dir 's Ehstandsglück. Aber von Amts wegen muß ich fragen, ob an Unterhaltsausweis fürlegen kannst?« Ohne zu antworten, begann der Moosjäger die Knoten des Taschentuches aufzulösen. Mit den Fingern allein ging das nicht, er mußte die Zähne zu Hilfe nehmen. Dann legte er die Banknoten auf den Tisch. »Dreihundert Mark? Wo hast denn dös Geld her?« In dieser Frage war ein Klang, der dem Moosjäger das Blut ins Gesicht trieb. Mit funkelndem Zorn in den Augen, aller »Lebensart« vergessend, fuhr er den Bürgermeister an: »Meinst ebba, daß ich's gstohlen hab?« Sonnweber, in seiner sicheren Ruhe, zuckte die Achseln. »Mehr als gfragt, hab ich net. Brauchst mir ja nix sagen!« Er setzte sich an den Tisch und fing zu schreiben an. Den Atem durch die Nase blasend, begann der Moosjäger über den drei Banknoten wieder die sechs Knöpfe zu machen. Als ihm der Bürgermeister den beschriebenen und gestempelten Bogen hinschob, war im Mertl aller Zorn erloschen. Ein heißes Vergeltsgott stammelnd, betrachtete er das bekritzelte Papier mit einem Blick, wie er in den Augen eines Schiffers sein mag, der nach harten Stürmen das Blinklicht des festen Ufers glänzen sieht. Sonnweber stellte die Bücher in den Kasten zurück, geleitete den Moosjäger mit freundlichen Segenswünschen für einen »rechtschaffenen Hausstand« in den Flur und stieß hinter dem Gast energisch den Eisenriegel der Tür zu. Durch den Regen, der in Strömen fiel, sprang Mertl wie ein Narr zum Pfarrhof hinüber und riß an der Glocke, daß die alte Schwester des Pfarrers im weißen Nachtjackerl gelaufen kam, zu Tod erschrocken. »Jesus, wer ist denn gestorben?« »Gstorben? Ah na!« Der Moosjäger lachte. »Zwei Leut möchten leben.« Als die Schwester hörte, um was es sich handelte, sagte sie: »Mein hochwürdiger Herr Bruder liegt schon. Aber um ein Menschenglück zu segnen, dazu ist meinem hochwürdigen Herrn Bruder keine Stunde zu spät.« Sie führte den Mertl mit dem flackernden Licht über die Treppe hinauf. Weil sie einen besorgten Blick auf seine kotigen Schuhe warf, besann er sich der entwöhnten »Lebensart«, streifte die Nagelflöße herunter und trat barfüßig in die Stube. Pfarrer Schnerfer lag im Bett, zugedeckt mit einem Plumeau, das im gedunsenen Reichtum seiner Federn an einen Luftballon erinnerte, wenn er steigen will. Auf dem Nachttischchen brannte eine Kerze mit grünem Schirm, und über den aufgezogenen Knien hatte der Hochwürdige ein offenes Notenheft liegen, das weich in die Federn versunken war – die Beethovensche Sonate mit den reichlich eingepickten »Zugeständnissen«. Als er gelesen hatte, was Mertl ihm brachte, sah er dem Moosjäger lang in die Augen. Dann nickte er lächelnd. »Also heiraten willst du? Das ist recht, Mertl! Für dich ist das ein fester Sprung nach aufwärts. Ein eigener Herd unter gutem Dach ist eine Lebenskirch, an der unser Herrgott allweil ein Wohlgefallen hat. Für die arme Zenz freut's mich auch, daß sie nach allem Unglück mit ihrem Büberl an einen friedlichen Tisch kommt. Die wird dir dankbar sein, Mertl! Ein braves Weib kriegst du an ihr. Das weiß ich. Der hab ich als Seelsorger, seit ich sie kenn, bloß eine einzige Sünd verzeihen müssen. Da darf ich ja reden davon. Das war eine Sünd, die ein bisserl offenbar worden ist. Die mußt du ihr halt auch verzeihen!« »Da is nix zum Verzeihen dran!« sagte Mertl ruhig. »So a jungs und unbetreutes Madl, dös mit acht Jahr d' Mutter verloren hat. Da weiß man doch, wie's geht. Laßt sich halt anplauschen, tappt eini und derschrickt, wann's gschehen is. Na, na! Da is nix dran zum Nachtragen! Auf a söllene Kleinigkeit kommt's net an. D' Lieb is ebbes anders.« »So? Meinst du?« Der Pfarrer gab sich alle Mühe, ein strenges Gesicht zu zeigen. »Ich denk über so was doch ein bisserl anders. Ob jung oder alt, unbehütet oder in fester Hand: wo man hintappt, sollt man allweil wissen. Wenn du in der Nacht durch den Wald gehst, so gibst du auch schön Obacht, daß du mit der Nas an keinen Baum anrennst. So soll man's im Lebenswald eben auch machen, wenn's ein bißl finster wird. Aber jetzt komm her!« Mertl mußte sich auf die Bettkante setzen. Dann nahm ihn der Hochwürdige bei der Hand. Er sprach kein Wort mehr von der Vergangenheit, nur noch von einer freundlichen Zukunft. »Hab den rechten Mut, lieber Mertl! Dann wird's schon gehen. Plagt dich eine Sorg, so laß dich vom Unmut nicht hinreißen und tu mit dem Weib nicht streiten! Red dich allweil in Gut mit deiner Kameradin aus, und wenn du kein gescheites Wörtl mehr weißt, dann setz dich mit der Zenz aufs Bankl und musizier ein bißl. Da wird einem gleich das Herz wieder froh!« »Musi machen?« »Du hast doch einmal so nett Harmonika gespielt?« »Harmoni hab ich keine mehr. Seit sechsthalb Jahr schon nimmer.« »Dann schenk ich dir eine zur Hochzeit.« »Mar' und Josef!« stotterte der Moosjäger. »Na, na, Herr Pfarr, dös is z'viel!« »Ich schenk dir eine. Ja, Mertl! Und jetzt geh! Grüß mir die Zenz recht schön! Am Sonntag vor der Frühmeß kommst du mit ihr in den Pfarrhof!« Der Hochwürdige strich dem Moosjäger mit der Hand übers Haar. »Dann will ich euch fest segnen für euer Glück. Und nach der Predigt will ich euch in Gottes Namen zum erstenmal in der Kirch verkünden.« Mertl stand auf. »Vergeltsgott, Herr Pfarr!« »Also gut Nacht, Mertl!« Der Moosjäger blieb stehen. »Willst du noch was?« »Bitt schön, Herr Pfarr! Kunnt ich net ebbes Schriftlichs haben? Übers Aufbot am Sonntag?« »Was Schriftliches? Wozu denn?« »'s Madl kunnt mir's ebba net glauben. Und heut soll's gut schlafen, 's Zenzle!« Da fuhr der Pfarr mit den Beinen unter dem Plumeau heraus, stellte sich im langen Nachthemd an das Pult und schrieb eine Bestätigung: daß der Jüngling Mamertus Troll mit der ledigen Kreszenzia Schmiedramsl am Sonntag, dem 7. Juli, zum erstenmal für den heiligen Stand der Ehe verkündet würde. »Vergeltsgott, Herr Pfarr!« Dem Moosjäger wurde die Stimme heiser. »Daß S' Ihnen da im Hemmed hergstellt haben fürs Zenzle, dös vergiß ich Ihnen meiner Lebtag nimmer!« Draußen vor der Tür packte Mertl die kotigen Schuhe. Er trug sie über die Treppe hinunter. Erst auf der Straße, im strömenden Regen, zog er sie an. Und rannte. Als er in den »Hasenstall« des Peterl trat, stand die Zenz am Tisch, als hätte sie sich, seit Mertl die Stube verlassen, nicht vom Fleck gerührt. Sie atmete auf bei seinem Anblick, und heiße Röte glitt ihr über das verhärmte Gesicht. »Meiner Seel, jetzt is er wieder da!« Mamertus lachte. »Hast gmeint, ich komm nimmer?« Zuerst drückte er das Taschentuch mit den sechs Knöpfen auf den Tisch, dann griff er an die Brust unter das Hemd, zog die Bestätigung des Pfarrers heraus, netzte an der Zunge den Daumen, faltete den Bogen auseinander und gab ihn der Zenz in die Hand. »So! Da hast den Beweis! Am Sonntag nach der Predigt wird's verkündt: der ledige Mamertus Troll und die ehr- und tugendsame Kreszenzia Schmiedramsl.« Sie sah ihn erschrocken an. »Ehr- und tugendsam hat er gsagt, der Pfarr?« »So sag ich ! Und wann ich ebbes sag, nacher glaub ich dran.« Mit nassen Augen versuchte die Zenz zu lesen. Plötzlich legte sie das Blatt auf den Tisch, drückte den Arm über die Augen und brach in Schluchzen aus. »Hast recht! Tu dir 's Gmüt a bißl ausschwitzen! Dernach redst dich leichter!« Geduldig wartete Mertl, bis sie ruhiger wurde. Dann fragte er: »Jetzt sag mir's, Zenzle, nimmst mich auch gern?« Sie hob das von Tränen überronnene Gesicht. »Ich hätt doch mit eim jeden zfrieden sein müssen –« Obwohl sie das Wort verschluckte, auf das es ankam, verstand der Moosjäger doch, wie es gemeint war. Die Freude glänzte in seinen Augen. »Na, na, Madle, gar so billig brauchst es net geben! Bist noch allweil 's Zenzle, weißt! Und komm, jetzt müssen wir in der Gschwind alles ausreden! Anderthalb Stund brauch ich zum Hüttl auffi, schlafen muß ich heut auch a bißl nach der gestrigen Durchnacht, und mit'm Tag hebt d' Arbeit wieder an.« Er drückte die Zenz auf den Sessel nieder, und weil es im Hasenstall einen zweiten Stuhl nicht gab, setzte er sich auf den Tisch. Während er die sechs Knöpfe aufdröselte, rann von seinem Gewand das Regenwasser auf die Dielen. Und wo er saß, gab's auf der Tischplatte einen feuchten Kreis. In der »gestrigen Durchnacht« hatte sich der Moosjäger schon alles haarklein ausgerechnet. Drum konnte er flinke Rechnung machen. Während er Posten um Posten herzählte, war die Zenz so aufmerksam wie eine Haftelmacherin, die mit Silberdraht arbeitet. Vierzig Mark mußte Zenz für sich behalten, auf Gewand und Wäsche; zwanzig Mark reichen »lang« für den Mertl selber, auf einen Anzug und zwei neue Hemden. Da kann dann über die Woche immer eins gewaschen werden. Zehn Mark dürfen am Hochzeitstag aufgehen, vierzehn Mark machen die Kosten für Mesner, Ministranten und Schullehrer. »Sechs Mark geben wir an d' Armenkass', daß die Bedürftigen auch was haben von unserer Freud.« Bleiben 210 Mark für den Hausrat, für Geschirr, Bettzeug, und für das Handwerksgerät. Was in die Küche gehört, das weiß die Zenz selber am besten. In die Stube kommt ein Tisch mit Bank und zwei Sesseln, ein Geschirrkasten, das kleine Bettstattl für den Buben, die große Bettstatt, ein Herrgott ins Eck und, wenn's langt, ein Kleiderkasten mit einer Schublad. Das alles soll die Zenz »recht fürsichtig« einhandeln. Und am andern Morgen soll sie gleich zum Leitner gehen, dem das kleine Häusl gehört. Der wird froh sein, daß er wieder einen Mieter findet, und wird einen billigen Zins machen. »Unser Auskommen haben wir auch. Mein Herrgott und Heiland hat mir's zugsagt, daß d' Arbeit net auslaßt. Wann der was sagt, da kannst heireten drauf. Und drei Mark im Tag! Da kannst weite Sprüng machen.« Eine Mark zwanzig dürfen sie täglich verzehren, achtzig Pfennig müssen gespart werden für Hauszins und Anschaffungen, und eine Mark täglich auf die Seite gelegt werden für die »Zruckzahlung an den Heiland und Herrgott«. Da haben sie dann in einem Jährchen »den Buckel frei« und können mit dem Sparkassabüchel anfangen. »Jetzt sag selber, Zenzle: haben wir's net schön?« Sie legte wortlos ihre Hand in die seine und fand den Mut zu einem Lächeln. »Hast dir alls gmerkt? Ja? Und gelt, tu fein aufs Kapital a bißl Obacht geben! Und jetzt pfüe Gott, Bräutle! Jetzt muß ich schauen, daß ich auffikomm.« Sie hielt noch immer seine Hand umklammert. »Magst net den Buben a bißl anschauen?« »Aber freilich, ja!« Er ging zum Ofenwinkel und legte dem schlummernden Bürschl die Hand aufs Haar. »Dem laß ich nix tun! Na, na, Zenzle, da brauchst kei' Sorg net haben! Und schau –« Mertl nahm die gesprenkelten Federn von seinem Hut, »da hab ich noch a paar von die Federln gfunden, dö ihm so gfallen haben. Gibst es ihm, gelt!« Sie nahm die Federn. »Vergeltsgott!« Und sah mit glänzendem Blick zu ihm auf, ohne Scheu, froh und gläubig. Die gesprenkelten Federchen, die der Habicht den. Nußhäher aus der Brust gerissen, hatten den letzten Zweifel still gemacht, der in ihrem Herzen noch ängstlich gezittert hatte. Da trat ihr Vater in die Stube, den triefenden Kutschermantel um die Schultern, in der Hand die Peitsche. »Mar' und Josef!« stotterte Mertl. An den Peterl hatte er bis zu diesem Augenblick noch mit keinem Gedanken gedacht, nur immer an die Zenz. »Ah, da schau!« Peterl riß die Augen auf. »Was will denn der bei uns?« Er schien sich bei dieser Frage nicht viel Gutes zu denken, schloß die Faust um den Peitschenstiel und warf auf sein Mädel einen Blick der Sorge. »Hat er dir ebba a schiechs Wörtl geben? Der?« »Na, na, Vater!« fiel Zenz in Erregung ein. »Im Guten is er da.« Heiße Röte schlug ihr über das Gesicht. »Verspruch haben wir ghalten, der Mertl und ich.« »Ja!« bekräftigte der Moosjäger. »Und fest haben wir's gmacht.« Den Peterl traf diese Nachricht wie ein Stoß vor die Brust. Keine Spur von Freude war in ihm, nur Schreck: das erste Gefühl aller Väter, wenn sie merken, daß sie eine Tochter hergeben sollen, an der sie hängen mit Herz und Leben. Da sind sie alle gleich. Nur wenige unter ihnen, die im ersten Gefühl des Verlustes die Kraft besitzen, aus selbstloser Liebe ihren Schreck in sorgende Zärtlichkeit zu verwandeln. Zu diesen löblichen Ausnahmen gehörte der Peterl nicht. »So, so, sooo! Jetzt fallt er ausanand, mein Hasenstall!« Verdrossen fügte er bei: »Freilich, 's Madl is majarenn. Kriegen tut's nix von mir. Da kann s' es machen, wie s' es mag.« »Aber geh, Vater!« Sie wollte seine Hand fassen. Peterl wandte sich ab, stellte die Peitsche in den Winkel und nahm den triefenden Mantel herunter. »Natürlich, daß er zupackt mit alle zwei Händ, dös begreif ich! Aber daß du so a Schaf bist?« Erschrocken sah die Zenz ihren Bräutigam an. Mertl war nicht gekränkt. Die hohe Meinung, die Peterl vom Wert seines Kindes zu haben schien, deckte sich ganz mit seinem eigenen Glauben. »No ja, jetzt hat s' halt dö Dummheit amal gmacht«. sagte er vergnügt, »und wann der Vater sonst nix einwenden kann, is alls in der Ordnung.« »In der Ordnung? Was in der Ordnung?« fuhr ihn der Alte zornig an. »Ös zwei! Natürlich, ös tuts enk leicht! Ös kaufts enk a Trumm Bettstatt, und alls is gut. Aber ich? Was is denn mit mir? Soll ich ebba als Einspanniger weiter kutschieren? Ah na! Meine Haserln laß ich net aus. Mir muß auch ebbes bleiben für die kalte Zeit. Kann ich dös ebba net verlangen? Hab ich net recht?« Mertl nickte zustimmend. »Der Vater kann sich bei uns ins Kammerl einihausen. Da bleiben wir alle beinand.« Im Nu war der Zorn des Peterl, wenn auch nicht beschwichtigt, so doch gedämpft. »Meintwegen! Nacher soll nur alls gut sein! Und d' Verköstigung zahl ich enk.« »Also?« Lachend streckte Mertl dem Alten die Hand hin. »Haben wir's jetzt?« »No ja, in Gotts Namen halt!« Peterl schlug ein und musterte den Schwiegersohn mit einem prüfenden Blick, während die Zenz erleichtert aufatmete. Als aber der Moosjäger zur Tür draußen war, fing der Alte wieder zu brummen an. Die Zenz fragte in neuer Sorge: »Vater? Paßt dir ebbes net an ihm?« »Ah was! Der! Was soll mir denn an dem net passen?« »Leicht, weil er –« Die Zenz brachte das nicht heraus. Peterl erriet, was sie sagen wollte. »Gott bewahr! Dös hat er sich eh bloß deintwegen eingschustert. Dös hat ihn net minder gmacht. Der is drin gwesen und is einer, der aussi ghört. Hundert laufen draußt umanand, die eini ghörten. Die Grechtigkeit auf der Welt hat allweil a Loch wie dem Buben sein Strumpf. Hab ich net recht? Aber wann ich mir anschau, wie zfrieden als wir ghaust haben mitanand? Und jetzt soll über Nacht alles anders sein?« »Jesses!« fuhr die Zenz erschrocken auf. »Jetzt hat er gar sein Tüchl vergessen! Dös braucht er ja!« Sie packte das Taschentuch, das Mertl auf dem Tisch hatte liegenlassen, und rannte, seinen Namen schreiend, in den strömenden Regen hinaus. Mit traurigen Augen nickte Peterl vor sich hin. »Freilich! Der is jetzt der erst! Und der Vater is hint dran.« Als die Zenz wieder in die Stube kam, schüttelte sie die Regentropfen von ihrem Haar, sprang mit dem Lachen einer Irrsinnigen in den Ofenwinkel und riß ihren Buben aus dem Schlaf. »Maxele! An Vater hast! Und den allerbesten! Maxele, Maxele, was sagst denn dazu?« Das Bürschl gähnte. »Schlafen möcht ich!« »Natürlich«, brummte Peterl, »der Bub is gscheiter wie du! Laß ihm sein bißl Ruh! Im Schlaf hat man 's Glück. Hab ich net recht?« Sie deckte den Buben wieder zu und blieb bei ihm sitzen. Als der Vater die drei Hundertmarkscheine sah und fragte, was für ein Geld das wäre, kam sie zum Tisch, strich die nassen Haare aus dem brennenden Gesicht, erzählte ihm alles und rechnete ihm an den Fingern alle Ziffern ihres Glückes vor. »Gelt, Vater, schön haben wir's?« Er nickte. »Mußt dir halt alles fein sparsam einhandeln. Und jetzt leg dich schlafen, Madle! Morgen is auch wieder a Tag.« Seufzend ging er aus der Stube, um draußen so lange zu warten, bis sie im »Schachterl« läge. Wie sonst, so rief sie auch heute: »Vater, ich bin schon grecht!« Als er in die Stube trat, lag sie im Oberstock der Bettstatt und verwahrte das Geld unter dem Kopfkissen. Peterl blies die Lampe aus, legte die Kleider ab und wühlte sich in den Strohsack des Unterstockes. Er sagte nicht, was er sonst seit Jahren an jedem Abend gesagt hatte, wenn es im Hasenstall finster geworden. Schweigend drehte er sich auf die Seite. Da hörte er an den Brettern des Oberstockes ein Rascheln und sah vor seinem Gesicht was Graues hin und her pendeln. »Was is denn?« »Geh, Vater, gib mir doch d' Hand!« Seufzend griff er zu. Und mit festem Druck umklammerten sich die beiden Hände. »No also, gut Nacht halt, mein Haserl! Hoffentlich lauft der Schimmel net überzwerch. Schlagt dir's zum Guten aus, so is mir auch alles recht. Aber jetzt schlaf amal!« »Ja, Vater! Gut Nacht!« Wie warm und froh jetzt ihre Stimme klang! Und still war's im kleinen Hasenstall, während draußen der schwere Regen rauschte. Nur ein einziges Mal seufzte die Zenz noch, denn sie dachte an den nassen Weg, den der Mertl hatte. Der Moosjäger aber war auf diesem feuchten Marsch in einer Laune, über die es nichts zu seufzen gab. Kräftig ausschreitend, wanderte er durch die finstere Regennacht dem Hohen Schein entgegen, die Hände in die Hosentaschen eingewühlt, und sang in das Strömen und Gießen hinaus : »Auuuf der Welt is's schönn! Mensch und Viech Freuen siech, Auuuf der Welt is's schönn!« Als Mertl im Scheidhofer Wald an jener Bank vorüberkam, auf der beim Flug der Leuchtkäfer sein Rückweg ins Leben begonnen hatte, schrie er einen Jauchzer in die rauschende Nacht. Aus dem Walde klang ein Echo über den Weiher her, in dessen Tiefe das dicke Buch versunken lag. Der Moosjäger wußte nichts von diesem Buche, nichts von der vielen Weisheit, die es enthielt. Dennoch waren in dieser Nacht alle Rätsel der Welt und des Lebens für ihn gelöst. 14 In der dämmernden Morgenfrühe verließen Walter und Bonifaz den Scheidhof, unter den braunen Wettermänteln, Walter mit dem Bergstock, Bonifaz mit einer langstieligen Axt. Während sie der Straße folgten, plauderten sie von der Wirtschaft des Hofes. Die ganze Jahresarbeit sprachen sie durch, vom ersten Pflugriß bis zur Ernte. »No ja«, sagte Bonifaz, »es wird alls in der Ordnung gmacht. Aber man treibt's halt nach der alten Mod. Oft schon hab ich's dem Scheidhofer gsagt, daß man den Hof ganz anders in d' Höh rucken kunnt. Aber da heißt's allweil: Was hab ich davon? So an absterbender Schwanz hat für nix mehr an Sinn.« »Wie meinen Sie das: den Hof in die Höhe rücken? Sagen Sie mir's! Ich habe Sinn dafür.« Bonifaz lachte. »Schad, daß Sie net der Scheidhofer sind! Zum Exempli: d' Almwirtschaft! Vor hundert Jahr, wie 's ganze Tal lauter Holz war und 's Futter gmangelt hat, haben d' Leut freilich auftreiben müssen auf die Bränd. Oder sie haben Arbeit und Futter gspart, weil Fleisch und Schmalz kein' Absatz und Preis net ghabt hat. Aber heutigentags? In Mitterwalchen haben wir d' Eisenbahn. Futter is gnug da. Statt daß wir jedes Fruhjahr dreißig Fuder Heu verkaufen, wär's gscheiter, wir taten 's Vieh daheim bhalten, d' Milli in d' Stadt schicken, oder Butter machen und richtig kasen, und 's Jungvieh in d' Mast geben. Tausend Mark kunnt er mehrer aussibringen, der Scheidhofer! Und daß man d' Almweid net ungenutzt liegenlaßt, kunnt er an Fohlenhof einrichten. Aber mit'm Scheidhofer is ja nix z'machen.« Mit dieser Andeutung begnügte sich Walter nicht. Er fragte so unermüdlich, daß Bonifaz schließlich meinte: »Sie stellen Ihnen grad, als möchten S' über Nacht Bauer werden?« Walter lachte. Und wie in einer Regung freundschaftlicher Laune legte er den Arm um die Schulter des Knechtes. Als sie den Waldsaum erreichten, blickte Walter über den Scheidhofer Hügel zurück. Durch eine Kluft, die sich im ziehenden Gewölk gebildet hatte, glänzte ein Stück Himmel in matter Bläue auf das »kleine Königreich« herunter. »Sehen Sie, das Wetter klärt sich auf!« Bonifaz schüttelte den Kopf. »Heut werden wir noch ghörig gwaschen.« Mit dieser Prophezeiung behielt er recht. Als Walter gegen vier Uhr nachmittags von seinem Waldgang heimkehrte, sah er aus – ein Volkswort sagt: wie eine Kirchenmaus, die in den Weihbrunnkessel gefallen. Das Wasser rann ihm aus den Hosenschäften, und über das Gesicht hatte er gründliche Striche von der ausgelaugten Farbe seines Lodenhütls. Doch eine Laune brachte er mit heim, so übermütig froh, als hätte dieser nasse Tag die Kirschen seines Lebens reif gemacht. Während er sich umkleidete, rief ihm das Walperl zum gedeckten Tisch herunter in die Stube des Forstmeisters. Als er den alten Herrn im Sofawinkel begrüßte, fing er gleich zu erzählen an. Die Scheidhofer Wälder und der Bonifaz! Für seine warme Begeisterung waren das zwei Wunderdinge der Schöpfung. Während er schwatzte, warf er ungeduldige Blicke nach der Tür, bis der Forstmeister lächelnd sagte: »Die Thilde ist im Pfarrhof. Sie wollte ein paar Stunden mit dem Hochwürdigen musizieren. Vom Pfarrhof kommt sie gleich ins Theater.« Walters Laune schien gedämpft. Diese nachdenkliche Stimmung hielt nicht lange an. Das Essen schmeckte ihm, und nach dem anstrengenden Marsch empfand er die Ruhe wohlig in seinem Blut. Und da mußte er wieder von allem Wunder dieses Morgens schwatzen. »Ein Wald, wie ich noch keinen schöneren gesehen habe!« »Sie sind doch kein Maler, Doktor?« Verwundert sah Walter auf. »Für einen Künstler ist das freilich was, so ein verwahrloster Bauernwald. Romantik der Natur steckt drin. Aber würden Sie die Wälder, die dem Scheidhofer gehören, mit den Augen eines Forstmannes ansehen, Sie würden vor Jammer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.« Dieses Urteil schien Walter nicht zu begreifen. »Ein Wald wie eine Kirche? Diese Tausende herrlicher Stämme?« »Ein Drittel davon ist überständig und kernfaul. Die hätte man schon vor zehn und zwanzig Jahren schlagen müssen, um das Holz bei Wert zu erhalten und Lust für den Nachwuchs zu schaffen. Was hab ich dem Dickschädel schon gepredigt! Da hilft nichts. Der Bauer ist und bleibt ein Waldverderber. Da ist der Scheidhofer bei seiner geriebenen Schlauheit um kein Haar besser als die anderen. Und was hätte der aus seinem Wald machen können!« Walters Augen leuchteten. » Da läßt sich auch was verbessern?« »Das glaub ich! Vor Jahren, weil mir der Anblick dieser Verwüstung den Magen umdrehte, hab ich dem Scheidhofer einen Wirtschaftsplan ausgearbeitet. Nett bin ich angekommen. Mein Dank für die vier Wochen Arbeit war, daß mich der Scheidhofer in Verdacht hatte, ich möchte was profitieren dabei. Da hab ich meine Waldweisheit schön in den Kasten gesperrt.« »Herr Forstmeister? Haben Sie das noch? Diesen Wirtschaftsplan?« »Ja. Warum?« »Ich habe die Scheidhofer Wälder gesehen, wie sie sind. Jetzt möcht ich gerne wissen, wie sie sein könnten.« Dieses Wort schien dem Forstmeister Freude zu machen. »Das gefällt mir, daß Sie sich so lebhaft für Dinge interessieren, die doch eigentlich außerhalb Ihres Lebens liegen!« Walter lachte ganz merkwürdig. »Bekomm ich den Plan?« »Die Thilde soll Ihnen gelegentlich den Akt heraussuchen. Aber Sie werden das nicht so leicht verstehen. Wenn Sie Zeit haben, setzen Sie sich ein paar Stunden mit mir zusammen. Dann erklär ich Ihnen alles an der Hand der Pläne.« »Ich danke Ihnen.« Mit sprudelndem Eifer begann Walter zu erzählen, was Bonifaz von der Scheidhofer Wirtschaft gesagt hatte, und von dem Aufschwung, der sich erzielen ließe. Der Forstmeister nickte. »Der Bonifaz versteht sich auf die Arbeit. Wenn er was sagt, so hat's Hand und Fuß.« »Ein Mensch, in den ich verliebt bin!« Walter lachte wieder. »Heut hab ich auch erfahren, wie er mit seinem Zunamen heißt.« »Was ist da Lustiges dran?« »Sein Vorname und dieser Zuname, das ist doch ein drolliger Gegensatz. Die unduldsame Bosheit einer verkrüppelten Moral tauft ihn auf den ellenlangen Namen Bonifazius Venantius. Und Jahrhunderte, vom Urahn bis zu seiner Mutter, fanden für ihn den kurzen Namen: Gwack! Wie komisch das klingt: Bonifazius Venantius Gwack!« »Manchmal macht das Leben solche Witze.« Im Gesicht des alten Herrn vertieften sich die Furchen. »Schauen Sie mich an! Da haben Sie ein Gegenstück. Ich heiße doch Ehrenreich.« Vom Klang dieser Worte betroffen, wußte Walter nicht gleich eine Antwort. »Ehrenreich! Sie müssen doch so heißen! Ihr Name, der Name des Bürgermeisters, das sind Namen, die den Menschen und sein Leben nennen.« »Beim Sonnweber stimmt es. Sein Leben ist wie ein Baum, der auf gesundem Boden steht, mit dem Gipfel in der Sonne. Aber mein Name?« Der alte Herr stellte die lange Pfeife in den Sofawinkel. »Was haben Sie sich denn gestern gedacht?« »Gestern?« »Wie Sie den besoffenen Kerl da schreien hörten: Gestohlen hat er! Was haben Sie da gedacht?« »Nichts. Das Geschrei eines Betrunkenen ist keine Sache, über die man nachdenkt. Ich verstand nur nicht, daß Fräulein Mathild sich so erregen konnte.« »Dem Mädel hat's weh getan, daß man ihr den Vater beschimpfte.« »Den Vater?« »Aber Doktor! Haben Sie sich denn nicht gefragt, wen der Mensch da gemeint hat mit seinem: Gestohlen hat er?« »Nein.« »Mich hat er gemeint.« Da lachte Walter, als hätte ihm der alte Herr eine lustige Anekdote erzählt. Der Forstmeister atmete aus. »Für dieses Lachen bin ich Ihnen dankbar. Und doch müssen Sie die Sache ein bißchen ernster nehmen. Ja, Doktor, es gibt Leute, die glauben, daß ich gestohlen habe. Ich muß Ihnen das sagen: damit Sie wissen, was Sie von der Geschichte zu halten haben, wenn mir wieder einer solch ein liebliches Wort nachschreit. Mir oder meinen Kindern.« »Nein, Herr Forstmeister!« Walter war ernst geworden. »Diese Geschichte brauch ich nicht zu wissen. Ich kenne Sie und Ihre Kinder. Da weiß ich, was ich zu denken habe. Der freundliche Zufall, der mich in Ihr Haus führte, hat mir viel gegeben. Er gab mir die erste Freude meines Lebens, gab mir Ruhe, Sonne, Schönheit, einen Weg zu frohem Schaffen, und Menschen, die ich ehre und liebe.« Warme Röte glitt über das erregte Gesicht des alten Herrn. »Das ist ein Wort, mit dem ich zufrieden sein kann. Aber besser ist es doch, ich sag Ihnen alles. Jetzt red ich mich auch leicht.« Da kam das Walperl in die Stube, um den Tisch zu räumen. Erst guckte sie verwundert drein, weil die beiden so schweigsam saßen. In dieser Stille hörte man das Rauschen des Regens. »Heut haben sie 's richtige Wetter, die Komödispieler! Da wird alls einirennen! Alls! « Dieses letzte Wort betonte sie mit Nachdruck, richtete auf den Forstmeister einen bettelnden Blick und seufzte: »Freilich, eins muß allweil daheim bleiben!« Sie ging mit der Platte zur Tür. Der alte Herr hatte sich in das Sofa zurückgelehnt. Während er zur Wand hinaufblickte, an der das verblichene Bild mit dem Kränzl hing, begann er zu sprechen: »Ich war ein glücklicher Mensch. Das ist mir ins Herz gefallen, wie ein Stern vom Himmel fällt. Ein Glück, an dem ich kein Verdienst hatte. Was ich geworden bin, innerlich, das hat erst meine Frau aus mir gemacht. Als junger Kerl bin ich in meiner derben Gesundheit und in meinem halben Bauernschlag ein Lümmel gewesen, wie's tausend andere sind. Mein Vater war Förster. Für ihn hat's nur drei Dinge in der Welt gegeben: seinen Wald, seine Rehböcke und seinen Buben. Meine Mutter war eine geduldige Frau, die in Haus und Stall gearbeitet hat wie eine Magd. Vom Munde haben sich die beiden den Bissen abgespart, um mich studieren zu lassen. Und in Aschaffenburg auf der Forstschule hab ich meine Frau kennengelernt.« Er blickte vor sich hin, mit Augen, die den Glanz der Jugend hatten. »Auf einem Ball, den die Studenten der Forstschule gaben, fiel mir ein Mädel auf, weil sie einen blühenden Apfelzweig im Haar hatte. Wie ein wirklicher Zweig mit echten Blüten sah er aus. Und mußte doch falsch sein, jetzt im Februar! Als ich ihr vorgestellt wurde, war es mein erstes Wort: ›Meiner Seel. der Zweig ist echt!‹ Mit ihren hellen Augen sah sie mich an und lächelte: ›Sie sind der einzige, der das bemerkte!‹ Dann erzählte sie mir die Geschichte dieses Zweiges. Vor ihrem Stübchen, dicht bei den Fenstern, stand im Garten ihres Vaters ein Apfelbaum. Als man die Winterfenster anbrachte, wurde aus Versehen ein junger Trieb des Baumes in den Fensterrahmen eingeklemmt, daß er in die Stube hineinragte. Wie ein Wunder war's, daß der Zweig nicht abstarb. Mitten im Winter begann er in der Zimmerwärme zu blühen. Und jetzt, dieser Zweig in ihrem Haar, um ihre Stirne! Wie schön das war!« Ein Weilchen saß der alte Herr ganz still. »Als ich heimging in der kalten Nacht, fiel der Schnee über mich herunter, dick und weiß. Aber mit mir war das gleiche Wunder geschehen wie mit dem Apfelzweig. Und dann ihr Haus! Das einfachste, was Sie sich denken können. Aber wie eine Kirche für drei Gottheiten: Natur, Musik und Goethe! Da sind mir die Augen aufgegangen für alles, was groß und gut und schön ist am Leben. Und sie! In diesem Haus die warme Seele! Sie hatte die Mutter früh verloren, und der Vater hatte sie ganz zu einem Kind seines Geistes erzogen. Ein stiller und ernster Mann, vor dem mir immer ein bißchen angst war. Er hatte einen Blick, der durch Fleisch und Knochen ging.« »Ein Arzt?« fragte Walter. »Nein. An einer Würzburger Schule war er Professor der Naturwissenschaften. Durch einen Konflikt, in den er mit dem Religionslehrer geriet, wurde er aus der Schule hinausgedrückt. Da übersiedelte er nach Aschaffenburg und arbeitete für sich allein. Wieviel hab ich gelernt von ihm! Aber mehr noch von ihr. Ach, Doktor! Solch ein Abend! In dem kleinen Garten mit dem großen Apfelbaum! Und in dem altmodischen Stübchen mit der Lampe unter dem grünen Schirm! Und ihre Stimme! Wie warm und klug war alles, was sie sagte! Und wenn sie las! Und wenn sie spielte – am liebsten Bach und Beethoven! Das war immer Kirche, eine mit hellen Fenstern, durch die der Himmel hereinlacht. Nie ein Wort von Liebe. Immer von was anderem hatten wir zu schwatzen. Aber unsere Herzen! Die wußten alles. Und als ich mit der Forstschule durch war, bin ich zu ihrem Vater gegangen, ohne sie zu fragen, und hab um ihre Hand angehalten.« Der alte Herr lachte ein wenig. »Doktor, das war eine sonderbare Brautwerbung: im verdunkelten Laboratorium! An der schwarzen Wand ein leuchtendes Farbenband, das Spektrum eines elektrischen Funkens, der in einem Blechgehäuse ununterbrochen knatterte. Schweigend hörte ihr Vater mich an, während er mit einem Zirkel Messungen an dem Spektrum machte. Ihn selber sah ich nicht, nur immer den Schatten seines Kopfes in dem leuchtenden Farbenband. Dann gab er mir eine kurze Antwort: ›Mein Kind ist Ihnen gut, jetzt werden Sie was im Leben, dann kommen Sie wieder, adieu!‹ Ich hatte Mühe, ihm das noch abzubetteln: daß wir uns schreiben durften. Am andern Morgen, als ich im gelben Thurn und Taxis zum Stadttor hinausfuhr, erwartete sie mich in der Lindenallee am Main, sie und ihr Vater. Durch das kleine Fenster des Postwagens streckte sie mir die Hand herein. Sprechen konnten wir nicht. Dieser stumme Händedruck war ein Schwur, der ausgehalten hat durch ein ganzes Leben.« Draußen wuchs das Rauschen des Regens. »Sieben Jahr warten! Bei der Arbeit ist mir die Zeit doch wie im Flug vergangen. Jeder Monat hatte einen Feiertag: den Tag, an dem von Aschaffenburg der Brief kam. Diese Briefe, Doktor! Sie sind mir der Katechismus meines Lebens geworden. Alles, was wirbelte in mir, wurde klare Ruhe, wenn ich solch einen Brief in der Hand hatte. Und einer ist drunter – den sie mir damals schrieb, im schwarzen Jahr, als ich Vater und Mutter an der Cholera verlor – den muß ich Ihnen einmal zu lesen geben. Einen anderen, den sie mir zwei Jahre später schrieb, kann ich Ihnen auswendig hersagen: ›Lieber Hans! Vorgestern, ich weiß nicht wann, hat Papa die hellen Augen zugemacht. Ich schlief in jener Nacht so fest, daß mich das Mädgen‹ – sie schrieb immer ›Mädgen‹ und ›Städtgen‹ – ›daß mich das Mädgen am Morgen wecken mußte. Ein so schöner Tag war's! Dann wollte ich für Papa die Milch in sein Stübgen bringen, und da war sein Bett unberührt. Ich dachte mir, er hätte bei der Arbeit wieder einmal auf Tag und Nacht vergessen, und lief hinunter in das dunkle Zimmer. Die Batterie hämmerte, auf der Tafel war das Farbenband des Lichtes, und Papa saß im Lehnstuhl, mit still gewordenem Herzen. Als ich den Laden aufriß, und als die Helle hereinfiel, sah er aus wie ein Schlafender und hatte noch den Zirkel in der kalten Hand. Sein zeitliches Licht war erloschen, während er das ewige messen wollte. Alles andere, was ich verschweige, mußt Du Dir denken. Heute haben wir ihn zur Ruhe gebracht, und so viel Sonne schien, daß es ganz hell war da drunten. Hänsgen, jetzt bin ich allein und gehöre nur noch Dir! Jetzt nimm mich in aller Liebe Namen! Auch wenn wir hungern müssen. Schreib nur, wann ich kommen soll! Was ich habe, mach ich zu Geld. Die Fuhrlöhne sind so hoch, und auf dem weiten Weg bis zu Dir würden die lieben, alten Sächelgen zerbrechen. Wann soll ich kommen, Hänsgen?‹« Er schwieg und blickte wieder zur Wand hinauf, an der das Bild im Schatten des immergrünen Schmuckes hing: eine Daguerreotypie, unter dem Schimmer der Silberplatte kaum noch erkenntlich. »Dann kam sie. Und das Hänsgen ist ein Hans im Glück geworden. Das bißchen, das wir hatten von Vater und Mutter her, ist draufgegangen für unser Nest. Mit einem Einkommen von sechshundert Gulden alter Münz haben wir angefangen. Wie reich sind wir gewesen! Unser Leben, Doktor, das war – draußen auf dem Meer, wenn Sturm ist, gießen die Schiffer Öl ins Wasser, und um das Schiff her bildet sich eine ruhige See, die gegen allen Zorn der Wellen gesichert ist wie durch ein Wunder. Das ist wohl nur ein Schiffermärchen. Für uns ist es Wahrheit gewesen. So sicher, so ruhig und schön war's immer um unser Haus her, um unser Leben!« Seine Stimme wurde so leis, als spräche er für sich selbst. »Dieses Wunder hat meine Frau gewirkt. Und wo sie einen Schritt über den Kreis unseres eigenen Lebens hinaussetzte, überall ist's hell geworden. Wieviel Gutes hat sie an den Leuten getan! Was nur immer lebte, Mensch, Tier, Blume, das war ihr alles ein einziges. Wie sie die Natur erfaßte und fühlte! Eine Knospe, ein Blatt, eine Mücke, ein Sonnenstrahl, ein Regentropfen, alles für sie ein tiefes, herrliches Geheimnis, ewig verschleiert und dennoch klar! ›Ach, Hänsgen, wie schön!‹ Das war ihr Wort am Morgen, ihr Wort am Abend. Und vom ersten Licht bis zum letzten unermüdlich, immer bei der Arbeit in Haus und Garten. Dennoch hatte sie immer Zeit für eine Freude, für gute Musik, für ein wertvolles Buch. Und ihr Gott! Was sie sich dachte unter Gott, das hab ich eigentlich nie von ihr erfahren. Das war in ihrer Seele, wie die Keuschheit einer Frau ist, die sich niemals ganz enthüllt, auch nicht in der schenkenden Stunde ihrer zärtlichsten Liebe. Gott? Das war für sie das Unfaßbare, das über allem ist und in allem. Religiösen Formelkram, das gab's nicht für sie. Und doch war sie fromm und gläubig, war überzeugt von einem wirkenden Zusammenhang zwischen Gott und Leben. Wenn sie am Abend im Garten saß, mit den abgearbeiteten Händen im Schoß, und so still hinaufschaute zum Hohen Schein in seiner Glut, dann hab ich immer gewußt: sie betet. Das ist wie ein eiserner Glaube in ihr gewesen: alles Gute an unserem Leben hat sie von Gott erbetet, und jeden Kummer, der uns nahekam, hat sie durch ihr Gebet erträglich gemacht. Durch diesen Glauben hat sie auch mich beten gelehrt. Zu ihrem guten, schönen Gott des Lebens.« Verstummend legte der alte Herr in seinem Schoß die verkrüppelten Hände ineinander. »Und wie sie als Frau war! Das ist ein Heiliges. Das bleibt in mir. Aber die Mutter, die sie war! Nein. Auch das kann ich Ihnen nicht sagen. Dafür gibt es kein Wort: was sie den Kindern war, was sie ihnen gab. Freilich, am Bertl sehen Sie das nur noch halb. Der wurde ihr mit zwölf Jahren aus den Händen genommen, weil er in die Stadt mußte. Da hat man ihm vom Herbst bis zum Sommer aus Natur und Herz immer wieder herausgekratzt, was ihm die Mutter in den paar Wochen, die er daheim war, hineinlegen konnte. Die fidele Verwilderung, die er immer heimbrachte, war in unserem ruhigen Leben die erste Sorge, für meine Frau ein Kummer, der mitgeholfen hat, um sie krank zu machen. Dazu kam noch diese Dummheit mit mir. An einem groben Wettertag hab ich mir im Wald eine Erkältung zugezogen. Ich konnte mich nicht schonen, wir hatten schwere Windbrüche in meinem Revier, aber schließlich machte mir die Natur einen Strich durch die Arbeit. Ein halbes Jahr lang bin ich am Gelenkrheumatismus gelegen. Die Pflege meiner Frau hat mich herausgerissen. Mich schweren Menschen hat sie wie ein Kind gehoben und gebettet. Als ich endlich aufstehen konnte. hatten Sorge und Überanstrengung meiner Frau den Tod ins Blut gesetzt.« Er klammerte die Hände um Walters Arm. »Doktor! Sie, ein Philosoph! Jetzt sagen Sie mir: Der Tod? Was ist das? Sterben? Was heißt das? Gelt, da bleiben Sie still? Ich weiß, was das ist. Meine Frau hat mir's gesagt. In ihrer letzten Stunde, als schon der kalte Schweiß der erschöpften Natur auf ihrer lieben Stirne glitzerte, nahm sie meine Hand und sagte mit ihrem frohen Lächeln: ›Hänsgen, morgen wird's ein warmer Tag, da müssen die Reseden und Levkojen gesät werden. Dann haben wir Blumen, wenn Pfingsten kommt!‹ Und sie wußte doch, daß sie sterben würde. So lang sie noch aufsein konnte, hatte sie schon alles geordnet, bis ins kleinste Schächtelchen. Und am anderen Morgen, Doktor, als ihre Augen geschlossen und ihre Hände erkaltet waren, hat eine liebe Stimme zu mir gesagt: ›Hänsgen, heut müssen die Reseden und Levkojen gesät werden!‹ Ich hab's getan und hab ihr Wort verstanden. Wie konnte sie gestorben sein, da sie weiterredete in mir? Tod, Sterben? Das sind so Ausdrücke für Menschen, die nie ein Glück erfuhren. In der Liebe lebt alles weiter. Für die Liebe ist alles nur ein einziges, der Tod nur eine andere Form des Lebens, die Nacht nur ein anderer Tag, der Schmerz nur eine gewandelte Freude. Seit ich das am Totenbett meiner Frau begriffen habe, ist es so in mir geworden, daß ich mit allem Leiden fertig werde, wie andere ihre Gesundheit tragen, und daß ich als Krüppel das Leben noch immer lieb habe und seinen schönen Gott in Ehrfurcht verehre.« Draußen hatte das Rauschen des Regens nachgelassen, und beim Fenster, über Mathilds Nähtisch, begann das Rotkehlchen leise zu zwitschern. »Aber damals, als mich zum erstenmal die Angst befiel: sie ist krank – da hat's mir einen Stoß gegeben, daß ich glaubte, ich muß ein Narr werden. Lange merkten wir nichts. Sie war froher und glücklicher als sonst. Weil ich gesund geworden. Dann begann dieses rapide Abmagern, und ihr liebes Gesicht wurde völlig ein anderes. Der Doktor sagte: sie kann sich noch jahrelang erhalten, aber jeden Sommer muß sie nach Karlsbad. Gott sei Lob und Dank, das konnten wir leisten. Seit ich Forstmeister geworden, hatten wir was zurückgelegt, so an die dreitausend Mark. Das war jetzt das Leben meiner Frau. Heiliges Geld, Doktor! Im Mai sollte sie zum erstenmal hinreisen, weil's im Vorsommer billiger ist. Da war's ein paar Wochen nach Ostern. Am Morgen war der Bub wieder fort in die Stadt. Und wie ich am Abend in meiner Kanzlei sitze, bringt mir der Postbot einen Geldbrief vom Rentamt, viertausend Mark für die Holzerlöhne und die Wegbauten. Grad will ich den Eingang buchen, da kommt die Magd gelaufen: ›Jesus, Herr, dem Frauerl ist übel worden!‹ Ich spring hinüber in die Stub, und da liegt sie auf dem Boden, und die kleine Geiß kniet schon bei ihr, das Gesicht weiß wie die Mauer, und hält den Kopf der Mutter an ihrem Herzen.« Der alte Herr drückte die grünen Fäustlinge auf die Brust. »Eine Ohnmacht war's. Wie wir sie im Bett hatten, ist's bald wieder besser geworden. Den ganzen Abend bin ich bei ihr geblieben. Erst mitten in der Nacht ist mir das Geld wieder eingefallen. Ich lauf hinunter in die Kanzlei. Das Geld war verschwunden, weg, wie verhext. Ein Diebstahl? Das wär uns im Traum nicht eingefallen. Ich hab nur immer gedacht: du hast das Geld in der Hand gehabt und im ersten Schreck weiß Gott wohin geworfen. Die ganze Nacht hab ich gesucht, das ganze Haus umgedreht. Alles umsonst. Auf das Gerede hin, das unsere Magd ins Dorf trug, steckte die Gendarmerie ihre Nase in die Sache. Da gab's den ersten Jammer. Unserem Dienstmädel, für dessen Unschuld ich mich verbürgte wie für meine eigene, wurde der Koffer gestürzt. Das arme Ding, dem man Unrecht getan hatte, lief uns mit Heulen und Schelten aus dem Haus. Dann ging's über mich her. Von der Regierung kam so eine aufgeblasene Bürokröte. Disziplinaruntersuchung! Ein Wort, das Zähne hat wie eine Viper. Den Vorwurf der Unvorsichtigkeit mußte ich mir machen lassen. Aber an meine Ehre ließ ich nicht rühren, auch nicht mit einem unausgesprochenen Gedanken. Es hat heftige Worte zwischen mir und dem Herrn Forstrat abgesetzt. In der Erregung verlor ich den Kopf. Nur meine Frau behielt ihn oben, scharrte alles zusammen, was wir hatten, stülpte die Sparkassen der Kinder um, und marsch, fort mit dem Krempel aufs Rentamt. Dann nahm sie mich um den Hals: ›Jetzt muß ich nimmer reisen, Hänsgen, jetzt darf ich bei dir bleiben!‹ Das hat sie lachend gesagt. Und es war doch ihr Tod.« Ganz ruhig sprach er. Seine Augen lagen tief eingesunken unter den buschigen Brauen. »Na ja, und wie der Schaden gutgemacht war, schickten sie mich in Pension.« »Nein!« fuhr Walter auf. »Ja, Doktor! Nicht weil sie mich im Verdacht hatten, ich könnte gestohlen haben. Nur weil ich mich disziplinwidrig benommen hatte. Ein grobes Wort, das mir die Erregung herausgetrieben, hatte alle Treue meines Dienstes ausgelöscht, meine Arbeit durch sechsundzwanzig Jahre. Im Dorfe wurde meine Pensionierung anders gedeutet. Staatliche Autorität! Aaaah! So was wirkt auf die Bauern. Wenn nicht was dran wäre, hieß es, hätte man ihn nicht vor die Tür gesetzt. So fing das Gezischel an. Die Leute wichen mir aus. Wenn ich einen stellte, sagte er mir was anderes ins Gesicht, als was er sich dachte. Außer dem Pfarrer hat damals nur noch ein einziger in Vertrauen zu mir gehalten.« »Sonnweber?« »Der, ja! Bei meinem Auszug aus dem Forsthaus half er mir suchen. Ich konnte noch immer nicht an einen Diebstahl glauben. Das Geld fanden wir nicht. Aber auf dem Fensterbrett in meiner Kanzlei entdeckte Sonnweber den kaum merklichen Abdruck eines genagelten Schuhes. Ob das Fenster an jenem Abend offen stand oder geschlossen war, das wußte ich nimmer. Ein paar Tage früher war das Brett mit frischer Ölfarbe gestrichen worden. Es muß so gewesen sein, wie Sonnweber sich die Sache zusammenreimt: während mich die Sorge bei meiner Frau festhielt, kommt einer ins Haus, in die Kanzlei, sieht das Geld, die Versuchung überfällt ihn, er macht einen Griff, und dann mit einem Sprung zum Fenster hinaus! Aber wer, Doktor? Wer? Tausendmal hab ich diese Frage schon in sieben Jahren geschrien! Als damals der Sonnweber das fand, wollte ich die Untersuchung wieder in Gang bringen. Die Gendarmerie zog nicht mehr. Ich war pensioniert. Fertig!« Der alte Herr schwieg eine Weile. »Wie es aussah in mir? Na, lassen wir's gut sein! Ich blieb im Dorf, weil ich für einen weiten Umzug die Mittel nicht gehabt hätte, und weil mich eine Hoffnung festhielt. Den Kerl, der mir das getan hat, den muß ich noch finden! Seit sieben Jahren hilft mir der Sonnweber suchen. Der hat es auch fertiggebracht, daß mir der Scheidhofer die Villa überließ, die er aus Spekulation auf den Geldbeutel der Fremden gebaut hatte. Nun hatten wir wieder eine kleine Welt für uns, auf deren Boden wir zur Ruhe kamen. Innerlich. Denn gearbeitet haben wir wie die Taglöhner, meine Frau, die kleine Geiß und ich, um Blumen zu haben und im Garten was in die Höh zu bringen. Und meine Frau, Doktor, das ist wie ein Wunder gewesen. Als wär sie über Nacht gesund geworden! Immer froh und zufrieden! Ich hab schon geglaubt: da hat die Natur durch eine tiefe Gemütserregung geheilt, was eine Sorge zerstörte. Meiner Seel, ich begann den Lumpen zu segnen, der mit genagelten Schuhen in den Garten meines Lebens gesprungen war. Und plötzlich brach sie zusammen. Im Märchen heißt es: einer ist tief im Berg gewesen, in den goldenen Sälen, kommt heraus, ein ganzes Leben ist vergangen, und da zerfällt er in Asche. So fiel sie weg. Am Nachmittag war sie noch mit der kleinen Geiß beim Weiher.« »Als sie den Gesang der Geister lasen?« stammelte Walter. »Und Künstlers Abendlied?« »Damals, ja! Und dann haben die zwei noch miteinander musiziert. Als das Mädel schon im Bett war, hat mir meine Frau das Präludium in Des -Dur von Chopin gespielt. Da ist in der Harmonie eine Unternote, die ruhelos anschlägt wie eine schwingende Glocke, und immer das gleiche läutet: sterben muß ich, sterben, sterben, sterben. Über diesen eintönigen Klang der Trauer hebt sich fein und lieblich eine singende Stimme hinaus. Das ist unter allem, was Klang geworden, das Schönste! Und wie sie das spielte, Doktor! Jede Saite eine tönende Faser ihres Herzens! – Am andern Morgen konnte sie nimmer aufstehen. Das Ende war da.« Zwei Tropfen rollten über den grauen Bart. »Nein! Ich darf nicht klagen. Mir ist das Leben so schön gewesen, daß Tausende ungläubig sagen würden: so kann das Leben nicht sein! Ich habe viel verloren. Und doch besitze ich noch alles! – Mit der kleinen Geiß hab ich harte Tage durchgemacht, bis sie begreifen lernte, daß der Tod nur ein anderes Leben ist. Dann kam noch der dumme Rückfall meiner Krankheit. Das Gehen hab ich bald wieder gelernt. Und meinem Mädel kann ich mit der Hand noch immer übers Haar streichen. Die spürt das, als hätt ich grade Finger. Und für Leute, die was Krummgewordenes nicht gerne sehen, steck ich meine windschiefen Pfoten in die grünen Fäustlinge.« Wortlos faßte Walter von diesen Fäustlingen einen und drückte die Lippen darauf wie ein Sohn, der in Ehrfurcht und Liebe die Hand des Vaters küßt. Da hörte man Lärm in der Veranda, die Tür wurde aufgerissen, und Bertl, mit seinem Buben auf dem Arm, kam wie ein Sturm ins Zimmer gefahren, hinter ihm Frau Rosl und das Nannerl, alle drei in einem Aufruhr, daß der alte Herr erschrocken fragte: »Was ist denn?« »Vater! Den Buben nimm! Und bussel ihn ab, bis er schreit! Heut hätt's bald sein können, daß du den lieben Kerl lebendig nimmer gesehen hättest.« »Jesus!« Der alte Herr machte eine Bewegung hinter dem Tisch, als möchte er aufspringen. Er fiel mit seinem lahmen Gestell wieder auf das Sofa zurück, und der Tisch wackelte unter dem Stoß, den er dabei bekommen hatte. »Um Gottes willen, was ist denn geschehen?« Der Forstmeister riß das kleine vergnügte Bürschl an seine Brust. Während das Nannerl neben der Tür stehenblieb, begannen Bertl und Frau Rosl in erregtem Durcheinander zu erzählen. Der Bub war dem Mädel ausgerissen und in den Regen hinausgelaufen. Als ihn das Nannerl einfangen wollte, lief das Bürschl über den Hof davon, gegen die Sägmühle hinüber, zum Vater. Auf den nassen Brettern des Steges rutschte das zapplige Kerlchen aus und machte durch eine Lücke des Geländers einen Purzelbaum in den reißenden Mühlbach. Da war auch schon das Nannerl mit gellendem Schrei am Ufer, sprang ins Wasser, erwischte glücklich das Fritzele, konnte aber nicht Fuß fassen und wurde vom Bach eine Strecke fortgerissen. An den Zweigen einer Weide fand sie einen Halt, und da zappelten die beiden in dem kalten Bad, bis Bertl und die Mühlknechte gelaufen kamen, um das triefende Pärchen aus dem Wasser zu ziehen. Die Geschichte war mit Lachen ausgegangen, aber sie hätte mit Weinen enden können. Der lustige Sägmüller hatte den Schreck schon übertaucht. Frau Rosl war noch immer ein bißchen blaß und bekreuzte sich ein ums andre Mal, während sie erzählte. Dabei pappelte Bubi immer drein und kämmte mit seinen Fingerchen den grauen Bart des Großvaters. »Komm her, Nannerl! Laß dir danken!« sagte der alte Herr. »Das Leben soll dir's am eigenen Glück vergelten, was du für das Kind getan hast!« Und Bertl nahm lachend den feinen Kopf des Mädels zwischen die Hände: »Von heut an bist du unser Kind, gradso wie der Bubi!« Nannerl brachte kein Wort heraus. Ihr schmales Gesicht brannte in Glut, und in ihren großen verträumten Augen leuchtete ein Glanz, als wäre ihr Leben mit diesem Tag zu einer wundervollen Sache geworden. Jetzt ging das Erzählen wieder an: wie Bubi trocken gelegt, äußerlich frottiert, innerlich mit Kamillentee behandelt wurde. Im Verlaufe dieser Ergänzung begann die Geschichte sich zu einer gloriosen Mythe von Bubis Unerschrockenheit aufzuwachsen. Fritzele mußte jeden Geistesblitz wieder aufbrennen lassen, mit dem es beim heißen Kamillentee den Schreck der Eltern beschwichtigt hatte. »Sag schön, Fritzele: was hast du dir gedacht, wie du ins Wasser gepurzelt bist?« »Da hab ich mir denkt: so, schön, jetzt krieg ich Wichs'.« Das lustige Schwatzen ging von neuem los, bis Frau Rosl ihren Sägmüller mahnte, daß es Zeit ins Theater wäre. »Theater?« Der alte Herr machte verwunderte Augen. »Heut sollten wir still beisammenbleiben.« Dem Nannerl flog's wie Schreck über das träumende Gesicht. Auch Bertl schien anderer Meinung zu sein als der Vater, doch er sagte gutmütig: »No ja, bleiben wir halt daheim.« Da legte sich Frau Rosl ins Mittel: »Geh, Vater, laß ihn doch! So viel gfreut hat er sich auf die Komödi! Und heut hat er sich so viel aufregen müssen, da tut's ihm gut, wenn er sich ein bißl zerstreut.« Sie streckte sich an ihrem Sägmüller hinauf. »Geh nur, Bertele! Und lach! Ich bleib mit dem Bubi beim Vater da.« »Rosl, Rosl«, sagte der alte Herr, »du verziehst deinen Mann noch mehr wie deinen Buben!« »Ein bissel Vergnügen muß er doch haben. Den ganzen Tag steht er in der Sägmühl. Und dem Nannerl hab ich heut eine Freud versprochen und hab ihr mein Billett geschenkt. Und 's Thildele weiß doch auch nix und wartet im Pfarrhof.« Walter sprang auf. »Ich könnte das Fräulein heimholen!« Dem Eifer, mit dem er sich zu diesem Dienst erbot, war es anzumerken, daß er auf die Kunst der merkwürdigen Brüder und Schwestern gerne verzichtet hätte. Aber die Tränen der Enttäuschung, die dem Nannerl in den Augen standen, entschieden die Sache. Das tapfere Mädel sollte nicht um die versprochene Freude kommen. Ein paar Minuten später wanderten Bertl, Walter und Nannerl unter den aufgespannten Schirmen die Straße hinunter. Bevor sie die ersten Häuser des Dorfes erreichten, kam ihnen das Walperl nachgelaufen, brennend vor Freude. Das Mädel hatte, als Frau Rosl in die Küche kam, einen brunnentiefen Seufzer getan: »Heut kann er lachen, der Bonifaz!« Sofort begriff die Sägmüllerin den Zusammenhang zwischen dem lachenden Fazifanzerl und der seufzenden Walpurga, gab dem Mädel freien Abend und schenkte ihr noch die »funfzig Fenniche« für den zweiten Platz. Walperl erzählte das mit einer Begeisterung, die kein Ende fand. Dabei ging das Nannerl mit verträumtem Schweigen neben dem plauderlustigen Mädel her. In der Nähe des Wirtshauses, als ihnen Leute begegneten, sagte Nannerl in ratlosem Staunen: »Da kommen ja Leut vom Wirtshaus her! « Sie begriff nicht, daß es Menschen geben konnte, die in dieser Stunde einen anderen Weg hatten als dorthin, wo das Theater war. So märchenherrlich stand vor ihrem Herzen die Freude, der sie entgegenging. Der Regen war schwächer geworden. Durch die trüb um die Landschaft hängenden Schleier irrte ein leuchtender Schein, als hätten sich irgendwo die Wolken geklüftet, um einem Feuergruß der niedergehenden Sonne den Weg zu öffnen. Im Hof des Wirtshauses standen Leute umher, die Mädchen unter ihren Schirmen, die Burschen in den braunen Wettermänteln. Theaterlustige kamen schwatzend von überall herbei. Die kleine Gesellschaft auf dem Scheidhof mußte noch zum Pfarrhaus wandern, um Mathild abzuholen. Als sie an Innerebners kleinem Haus vorüberkamen, sagte der lustige Sägmüller: »Jesses! Der is auf! Grad is er am Fenster gwesen. Ich wett, daß er kommt!« Bertl lachte im Vorgefühl der lustigen »Hetz«, die es da geben würde. Noch hatten sie den Zaun des Pfarrhofes nicht erreicht, da kam ihnen Mathild durch den Garten entgegen. Den Gruß des Bruders schien sie nicht zu hören. Sie sah nur Walter, und eine Erregung durchzitterte sie, die ihren sonst so ruhigen Zügen etwas Fremdes gab. Bei der frohen Herzlichkeit, mit der ihr Walter die Hand reichte, schien diese Erregung wie durch ein Zauberwort beschwichtigt. Sie wollte sprechen. Da ging ein brennendes Wunder durch die Lüfte. Wie sich ein Vorhang teilt, so hatte sich gegen Westen das treibende Gewölk auseinander gerissen. Die niedergehende Sonne warf ihren Feuerglanz in den verfliegenden Regen und verwandelte den Fall der Tropfen in ein Geriesel funkelnder Goldkörner. Durch die Strähne dieses Goldregens sah man, wie durch ein aus blitzenden Fäden gewobenes Netz, den blauen Himmel und zwischen langen, von brennenden Säumen umzackten Wolkenstreifen die strahlende Sonnenscheibe, die versinken wollte. Dieses Bild der Lüfte war eingeschlossen vom Rahmen der stahlblauen Berge mit den Feuerlinien ihrer Grate und von den Wogen der Wälder mit ihren schwarzen Tiefen unter den glühenden Wipfeln. »Herrgott«, stammelte Bertl, »wie schön ist das!« Walter und Mathild schwiegen, noch immer Hand in Hand; das Walperl in einer Regung von Aberglauben fing zu beten an, und Nannerl zitterte wie ein Kind, vor dessen träumenden Augen sich die nüchterne Erde in das Paradies verwandelte. Über den fünf Menschen endete der goldene Tropfenfall. Als wäre unsichtbar über dem verziehenden Gewölk ein Fischer, der sein goldgewobenes Netz zwischen den Bergen durch das Tal hinschleppte, so zog sich der funkelnde Regen langsam gegen den Hohen Schein hinaus, um den noch die grauen Nebel wogten. Während der Himmel von Westen her immer freier wurde, spannte sich durch den glitzernden Tropfenschleier ein Regenbogen, dessen Farben von Sekunde zu Sekunde kräftiger und tiefer wurden. Ein zweiter Bogen, nur wenig blässer, baute sich über den ersten, und darüber erschien noch ein dritter, matt in den Farben, kaum noch erkenntlich. Das war ein Anblick, so wundersam, daß die fünf Menschen nur schauen konnten, nicht reden. Bertl sprach das erste Wort. Als er beim Wirtshaus in den Garten trat, deutete er nach dem Himmel, dessen zauberhaftes Farbenspiel erblaßte: »Unser Langentaler Theater hat ein Portal, das sich sehen lassen kann!« Erst auf der Treppe, die zum »Theatersaal« hinaufführte, merkte Mathild, daß Frau Rosl fehlte. Als sie hörte, was sich am Nachmittag in der Sägmühle abgespielt hatte, erschrak sie und wollte heim. Bertl schob sie mit Lachen die Treppe hinauf. »Ist ja doch alles gut abgelaufen!« In dem engen Gang, auf den die Treppe mündete, war kaum ein Durchkommen. So dichtgedrängt standen die Theaterlustigen um das Tischl her, an dem der Rote Hirschenwirt die Kasse führte. Walperl wußte sich durchzuschmiegen wie ein Kätzl, das durch jede Hecke seinen Weg findet. Sie nahm nicht den zweiten Platz für die »funfzig Fenniche«, die ihr Frau Rosl geschenkt hatte, sondern den dritten für zwanzig. Sie wußte: der Bonifaz ist ein Sparmeister, der es billig macht. Und richtig sah sie, als sie in den Saal stürmte, den Fazifanzerl auf der letzten Bank sitzen, ganz an der Ecke. Ein paar Plätze waren da noch frei. Walperl stieg rückwärts über die Bank. »So? Bist auch da?« »Ja. So ebbes mag ich.« Damit sich der Bonifaz »nichts denken« sollte, hatte Walperl ehrbar zwischen sich und ihm zwei Platzbreiten frei gelassen. Da kam die Schrottenbacher-Vev zur Tür herein. Und hurtig rückte Walperl dicht an die Seite des Fazifanzerl. Hochmütig hob die Vev das spitzige Näsl: »Brauchst net rucken! Ich hab an ersten Platz!« Sie reichte dem Bonifaz die Hand. »Der Vater hat sich auch an ersten kauft. Aber z'viel gregnet hat's ihm, da is er daheim blieben. Jetzt hab ich zwei Buletten. Magst net fürisitzen zu mir?« »Na. Ich sitz ganz gut da!« sagte Bonifazius Venantius mit Gemütsruhe. »Meine Augen sehen besser, wie weiter als ich davon bin.« Walperl, dankbar für die süße Schadenfreude, die sie da zu kosten bekommen, rückte noch enger an den Bonifaz heran und kicherte: »Dö spinnt a feins Faderl! Und auf'n Vatern tät sie sich ausreden!« Streng sagte Bonifaz: »Tu net spötteln! Sie kann auch d' Wahrheit gredt haben.« Inzwischen hatte die Vev, um den schönen Platz nicht verfallen zu lassen, gnädig einer Freundin gewunken und war mit der beglückten Kameradin zur ersten Reihe gegangen. Da saß der lustige Sägmüller an der Ecke, Walter neben ihm, dann Mathild und das Nannerl, das mit großen Augen den roten Vorhang anstarrte und kein Ohr hatte für den schwatzenden Lärm, der den Saal erfüllte. Ein Saal? Eigentlich war's nur ein Dachboden, in dem bei Kirchweihfesten und Hochzeiten die Tanzmusik aufzuspielen pflegte. Vier Petroleumlampen und einige Stallaternen hellten nur spärlich die Schatten des Sparrenwerkes auf und warfen rötliche Lichter über die hundert ruhelosen Gesichter der dichtgedrängten Zuschauer. Mit jeder Minute wuchs der heitere Lärm, Scherzworte flogen hin und her, nicht immer die feinsten, und alle Äußerlichkeiten der Bühne, besonders die Goldfransen des Vorhanges, wurden einer spöttischen Kritik unterzogen. Wie eine fremde Welt, die in die Irre geraten, stand diese kleine Bühne im Duster des mächtigen Dachbodens: ein zierlich gemaltes Barockportal, rings mit roten Fahnentüchern ausgeschlagen, um die Breite des Raumes zu füllen. Neben der Muschel des Souffleurkastens war auf jeder Seite eine Reihe Lampen angebracht, die, gegen die Zuschauer durch Blechschirme verdeckt, ihr grelles Licht über die Goldfransen des Vorhanges hinaufwarfen. Manchmal bewegte sich das rote Tuch, und zwischen den Goldfransen guckte ein zierliches Füßchen heraus, in fleischfarbenem Trikot und mit griechischen Sandalen. Als dieses Füßchen wieder einmal erschien, machte der lustige Sägmüller einen flinken Sprung auf Podium und kitzelte. Hinter dem Vorhang ein leiser Schrei, im Saal ein lautes Gelächter. Und Bertl beantwortete den unmutigen Blick seiner Schwester mit der heiteren Meinung: »Ein bißl Spaß muß sein auf der Welt! Sonst wird's langweilig!« Da lachte auch Mathild mit. Walter saß ernst und schweigsam an ihrer Seite. Vor seinen Augen stand noch das herrliche Schauspiel der Natur, das ihm der Abend gezeigt hatte. Nachträumend genoß er diese leuchtende Schönheit. Am liebsten wäre er aufgesprungen und ins Freie gerannt, um da draußen zu suchen und zu finden – er wußte nicht, was! Etwas empfänglich Dürstendes war in ihm, in seiner Seele, in seinen Sinnen. Dann schoß ihm wieder eins von den Worten durch den Kopf, die er am Nachmittag in der Villa gehört hatte. »Morgen müssen die Reseden und Levkojen gesät werden! Dann haben wir Blumen, wenn Pfingsten kommt.« Wie deutlich er das hörte! Von einer Stimme, die ganz der Stimme Mathilds glich. Mit prüfendem Blick betrachtete er ihre feinen, ruhigen Züge; während sie lächelnd über die vergnügten Gesichter der lärmenden Theatergäste hinblickte. »Solch ein blühender Apfelzweig in ihrem Haar? Wie schön das aussehen müßte!« Das war kein Gedanke, den er dachte, es war in ihm wie etwas Wirkliches, froh in seinem Herzen, heiß in seinem Blut. Da wandte Mathild das Gesicht, ihr Blick begegnete dem seinen, und was sie in diesen glänzenden Augen las, trieb ihr das Blut in die Wangen. Hinter der Bühne dröhnte ein Klavierakkord, der sich auflöste in eine flutende Tonwoge. Walter lauschte. Und Mathild machte verwunderte Augen: sie hätte hier alles andere eher zu hören erwartet als das Vorspiel zu Wagners Rheingold. Auch die Bauern horchten auf. Das war keine Musik für das ländlergewohnte Ohr der Langentaler »Krautsköpfe«. Laut begannen sie wieder zu schwatzen, und ganz hinten auf einer Ecke klang die Baßstimme eines Holzknechtes: »Der probiert 's Klafümferl aber lang. Jetzt kunnt er schon amal anfangen mit der Musi!« Die flutenden Töne schwiegen. Man hörte ein Glockenzeichen, und rauschend teilte sich der Vorhang. 15 Ein lautes Ah! begrüßte das hellbeleuchtete Bild der Szene: einen zierlichen Park im Barockstil, mit Statuetten und Rosengirlanden, mit Stutzalleen und Laubengängen, hinter denen sich ein allerliebstes Tempelchen halb versteckte. Das sah sich an wie eine Dekoration aus einem kleinen, vornehmen Schloßtheater. Aus dem Grün der Kulissen flatterte leichtfüßig und mit glockenhellem Lachen was Weißes, Rosiges und Schimmriges hervor: die »niedliche Sünderin« als Prolog. Halb Psyche mit den Augen der Unschuld, halb leichtgeschürzte Muse mit wissendem Lächeln, in einem Gewand wie aus Silberduft und Rosenblättern gewoben, die entblößten Schultern umschwankt vom gelockten Blondhaar, die Stirn umschlungen von einem grünen Zweig mit goldenen Beeren, stand sie vor den staunend aufgerissenen Augen. Die Weibsleute flüsterten, die Burschen streckten die Hälse, und von überall klangen jene scheuen, naiven Laute des Entzückens wie von Kindern, die ein Krippenspiel bewundern. Das Nannerl schmiegte sich atemlos an Mathilds Seite, und der lustige Sägmüller, ganz Feuer und Flamme, faßte sein stürmisches Wohlgefallen in den Ausruf: »Herrgott, ist das ein süßes Käferl!« Mit einem Lächeln für diese begeisterte Huldigung dankend, schwang Philinchen gleich einer schenkenden Fee den silbernen Lilienstab: »Aus goldnen Wolken stieg ich zu euch nieder, Der Glanz der Sterne schmückte mein Gewand, Und höchster Schönheit wundersame Lieder Streut euren Herzen meine reiche Hand. Wie einst der Heiland zu dem Stall der Hirten Erlösung brachte und des Himmels Gunst, So bringen wir zu euch, ihr Weltverirrten, Der Dichtung Flamme und das Heil der Kunst.« »Gottlob, daß der Kaplan net da ist!« flüsterte Bertl in Walters Ohr. »Sonst ging der Spektakel jetzt los, und die Freud wär uns versalzen.« An die Rampe tretend, streckte Philinchen die Hand, als wollte sie in Barmherzigkeit einen Knienden aufrichten: »Erhebet euch aus dumpfen, tiefen Nächten, Wo Dorn und Mühsal euch die Stunde grenzt: Ich will euch Rosen in das Leben flechten, Aus reichem Garten, der uns ewig lenzt. Was uns der Geister Edelster gesungen, Was er aus Brunnen schöpfte, tief und klar, Soll zu euch reden heut mit Feuerzungen –« Den hohen Schwung der Rede unterbrechend, blickte Philinchen über die hundert Gesichter hin. Dann lachte sie und fiel mit ihrem Prolog in gemütlichen Dialekt: »Was schauts denn a so? Verstehts ebba net? Gelt ja, mit'n Hochdeutsch, da habts halt a Gfrett? Dös is enk a Bröckl, dös keiner gern schluckt, Weil's fremdarti schmeckt und, wann's drunten is, druckt!« Diese Wendung wurde mit Gelächter aufgenommen. Hinten aus der Ecke hörte man wieder jene Baßstimme : »Is schon wahr! Ganz aufblaht hat's mich.« Darüber neues Gelächter. Auch Philinchen mußte sich erst auskichern, bevor sie weitersprach: »Aber heut – und i sag's, daß si' keins net beklagt: Wer ebba vom Hochdeutsch net gar z'viel vertragt, Soll schleuni verduften, eh's angeht, dös Stuck, Und draußt an der Kass' kriegt'r 's Geld wieder zruck! Denn heut weard vom Hochdeutsch a Schüssel voll bracht, So schwaar, daß an oachene Tischplatten kracht. Und wann's amal da is, da hilft enk koa Murrn, Da hilft enk koa Wehrn, koa Spreizen, koa Zurn, Da müaßts mer schö' schlucken, wia 's Kind d' Medazin, Sie schmeckt a weng fremd, aber Gsundheit is drin! Dö hat einer eingrührt, a Wunder von Mo', Der 's Gsundmachen könnt hat, wie's koaner mehr ko'! Der Mo', der hoaßt Goethe. Reißts d' Ohrwascheln auf Und schreibts enk den Namen aufs Herz obn drauf! Denn wann i sag: Goethe, dös lacht oam ins Gmüat, Wia wann oaner sagt: Sunn, Früahling und Blüat! Viel tausend Demanten, schö' gschliffen und gfaßt, Dö hat'r großmüati an d' Menschheit verpraßt – Wann hundert Jahr zuagreifst mit alle zwoa Händ, Der Reichtum, der schwindt net, der Schatz nimmt koan End. Und jetzt, liebe Leutln, paßts auf, was i sag: Lang müaßts enk no merken den heintigen Tag! Von die Goethischen Liader dös schönste und 's best, Dös kriagts heint zum hören! Leut, dös is a Fest! Und daß enkre Dickschädeln fassen dö Sach, Drum deutsch i's enk auf iatzt in enkerer Sprach!« Die »niedliche Sünderin« hatte gewonnenes Spiel. Nicht nur der Liebreiz ihrer Erscheinung und die schelmische Grazie ihres Vortrage hatte im Sturm alle Zuschauer erobert. Auch was sie sagte, tat seine Wirkung. Die hundert Pflanzen des Dorfes, grobes und zartes Gewächs, kehrten willig ihre Herzblätter dem Lichte zu, dessen Wärme sie mehr mit den Sinnen fühlten, als mit dem Verstand erfaßten. Freilich guckten sie manchmal auch absonderlich drein, während ihnen Philinchen vom »blitzblauen« Hellas redete, vom heiter bevölkerten Olymp und von den Menschlichkeiten der Götter. Zuweilen quittierte man mit Humor ein Witzwort, mit dem die Volksstimme den Prolog verzierte. Weil in der Hauschronik der Atriden die Greueltaten der Reihe nach aufmarschierten wie die Bilder einer »Moritat«, meinte ein schnauzbärtiger Floßknecht: »Brav! A nette Familli! Da möcht ich gleich einiheireten!« Als aber der Prolog die eigentliche »Gschicht« des Stückes zu erläutern begann und von dem »kreuzbraven Madl« erzählte, dessen reine, schuldlose Seele gegen den »trutzigen« Sinn des »grauslichen« Barbarenkönigs streitet, da wurde es mäuschenstill im Saal. Die hundert Herzen, die um das Schicksal der bedrohten Unschuld bangten, atmeten auf, als ihnen Philinchen das Versprechen gab, daß alles »gut ausgehn« würde. Ein wirksamer Klang des Ernstes durchzitterte das heitere Silberstimmchen der »niedlichen Sünderin«, als sie mit den Worten schloß: »Pfüa Gott! I hab ausgredt! Der Goethe fangt o', Der soll enk iatz zoagen, wie viel als er ko'. Und was enk der Goethe da predigt für's Lebn, Dem müaßts in die Herzen a Hoamwinkerl gebn! Seids Menschen – so sagt'r – seids redlich, seids guat, Da kon enk nix gschehgn, wie 's Leben aa tuat! Denn nix is so zwider, so krumm und so schlecht, A Mensch, wann er guat is, biegt's grad und macht's recht! Dös predigt sei' Schaffen, dös klingt aus seim Liad, Dös nemmts in enk auf, und da merkt enker Gmüat: Daß 's bessere Sachen no' gibt auf der Welt, Als an anbampfter Magn und a Strumpf voller Geld, Als bratene Bluatwürst und Schweinerns mit Kraut Und der Misthaufen, der enk in d' Stub einischaut. Ja! Lachts no' a weng! Denn der Gspaß is glei aus, Und der Earnst kommt da hinten zum Kirchtürl raus! Und dös kon i sagen, so gwieß, als wia druckt, Daß koaner, wann's gar is, zur Bank aussi ruckt, Eh daß er net eahrli muaß gspüarn und gstehn: ›Der Goethe! Aaah, sakra! Der kon's aber schön!‹« Philinchen knickste mit Lachen, warf eine Kußhand und schlüpfte in die Muschel des Souffleurkastens. Die Leute fingen zu klatschen an, weil ihnen der lustige Sägmüller das Beispiel gab. Der applaudierte wie verrückt, sprang zur Rampe und klatschte in den Souffleurkasten hinein: »Mamsell Philinerl! Zum Fressen lieb sind S' gewesen!« Eine kleine flinke Hand kam aus dem Kasten herausgefahren und faßte den begeisterten Sägmüller am Schopf. Lautes Gelächter im Saal. Auch Mathild lachte. Manchmal hatte der Prolog für ihren Geschmack wohl über die Schnur gehauen. Aber das ernste Lob, das ihrem Liebling in diesen launigen Versen gespendet wurde, hatte die Erwartung in ihr geweckt, daß da Besseres kommen würde, als sie vorausgesehen hatte. »Herr Doktor«, flüsterte sie, »wenn die anderen nicht schlechter spielen, als der Prolog gesprochen wurde, bekommen wir eine gute Vorstellung zu sehen!« Walter hörte nicht. Er saß so still und verträumt, als wäre er ein Seelenbruder des staunenden Nannerls geworden. Noch nie im Leben hatte er ein Theater gesehen. Und da war ihm jetzt zumut, als hätten sich die Türen einer neuen Welt vor ihm aufgetan. Das Gelächter, das dem lustigen Sägmüller galt, verstummte plötzlich. »Jesus?« stotterte Bertl und blickte verdutzt nach der weißen Priesterin, die in siegender Schönheit aus dem Tempel getreten war. Und das Walperl auf der letzten Bank, erschrocken über die tief entblößte Büste der Schwester Aurelia, faßte den Bonifaz am Ärmel: »Mar' und Josef! Schau net hin!« Bonifaz befreite seinen Arm: »Warum denn net? Ebbes Schöns muß man fest anschaun.« Neben ihm zischelte ein Holzknecht seinem Kameraden zu: »Seppl! Teifi, Teifi! Dös war eine für uns!« So leise das auch gesprochen war, ein paar Leute hörten es und fingen zu kichern an. Gleich war's wieder still im Saal, und alle Augen blickten nach der herrlichen Erscheinung. In reichen Falten floß das weiße, kunstvoll geraffte Gewand um den schönen Körper, dessen marmorne Schultern den klassischen Mädchenkopf im Kronschmuck seiner dunklen Haare trugen. Ein Bild, als wäre das Werk eines griechischen Meisters lebendig geworden. Forschend glitten die dunklen Samtaugen über den Saal. Den sie suchten, der saß in der ersten Reihe. Sie lächelte und grüßte mit einem Blick. Dieses Lächeln blieb ihr auf den Lippen, als sie mit ihrer Glockenstimme zu sprechen begann: »Heraus in eure Schatten, rege Wipfel Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines, Wie in der Göttin stilles Heiligtum, Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl, Als wenn ich sie zum erstenmal beträte.« Mathild stammelte erregt: »Das ist eine Künstlerin!« Wie erwachend blickte Walter auf. »So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe; Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd, Und an dem Ufer steh ich lange Tage, Das Land der Griechen mit der Seele suchend: Und gegen meine Seufzer bringt die Welle Nur dumpfe Töne brausend mir herüber. Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern Ein einsam Leben führt.« Der Schmerz einer brennenden Sehnsucht zitterte aus diesen Worten. Walter fuhr sich mit der Hand über die Augen, als möchte er auslöschen, was vor seiner Seele gaukelte. Und Mathild stieß einen leisen Laut auf: »Nannerl? Was hast du denn?« Zitternd klammerte Nannerl die Hände um Mathilds Arm und lispelte: »Haben S' net ghört, was s' gsagt hat? Wehe dem! Dö hat auch kein' Vater und kei' Mutter nimmer!« Dem Mädel kollerten schwere Tropfen übers Gesicht, während die Priesterin zu ihrer Göttin flehte: »Rette mich, die du vom Tod errettet, Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tod!« Jarno als Arkas, in prunkvoller Kriegertracht, erschien beim Tempel: »Der König sendet mich hierher und beut Der Priesterin Dianens Gruß und Heil.« Die Zuschauer reckten in Spannung die Köpfe. »Paß auf, jetzt geschieht ebbes!« Ein Geflüster ging durch den Saal, als die Leute merkten, daß dieser »brave, verstandsame Mensch« als Brautwerber des Königs kam. »Jesses«, zischelte das Walperl, »dö möcht heim zu ihre Leut, und jetzt will s' der König heireten! Und 's Fräulen is doch a Klosterfrau!« Über dieses religiöse Bedenken beruhigte sie der Bonifaz: »In die heidnischen Zeiten hat's keine Klöster geben. Da sind d' Leut noch gscheiter gwesen.« Die stolze Zurückhaltung, mit der die Priesterin dem »Antrag« des Königs auswich, gewann ihr alle Herzen. Und als sie mit Empörung erklärte: »Wie? Sinnt der König, was kein edler Mann Je denken sollte? Sinnt er vom Altar Mich in sein Bette mit Gewalt zu ziehen?« da packte ein strammer Bursch auf der dritten Bank seinen Kameraden an der Joppe: »Michl! Dem Madl lassen wir nix anhaben! Wann ihr der König kei' Ruh gibt, kriegt er' s mit uns! « Ringsherum hörten sie das. Niemand lachte. Die Rede war allen aus dem Herzen gesprochen. Aber die gespannte Aufmerksamkeit wurde für ein paar Sekunden von der Bühne abgelenkt. Innerebner war in den Saal getreten, mit bleichem Gesicht, ein unheilverkündendes Feuer in den Augen. Weil alle Plätze schon besetzt waren, brachte der Hirschenwirt einen Sessel und stellte ihn neben den lustigen Sägmüller. In Bertls begeisterter Seele war eine Wandlung vor sich gegangen. Er, der das Erscheinen des streitbaren Kaplans mit Sehnsucht erwartet und sich eine fidele Hetz davon versprochen hatte, sah jetzt erschrocken den jungen Priester an und zischelte in Walters Ohr: »Gott sei Lob und Dank, daß erst kommen ist, wie die Stell mit'm Bett schon vorbei war!« Da sagte Arkas auf der Bühne: »Ich seh' den König kommen.« Alle Hälse streckten sich, alle Augen waren begierig nach dem Anblick der skytischen Majestät, vor der auch eine priesterliche Jungfrau nicht völlig sicher war. Der herrliche Kopf, den Bruder Laertes dem König lieh, und mehr noch das prachtvolle Kostüm, das von Gold und Juwelen glitzerte, weckte Bewunderung. Trotzdem wurde der jungfernfeindliche Herrscher mit grimmigen Blicken betrachtet und sank in der Meinung der Zuschauer noch um ein erkleckliches, als die schöne Priesterin auch die persönliche Werbung Seiner Majestät mit hoheitsvoller Würde zurückwies. Nur die Schrottenbacher-Vev, die sich in ihren Zeugstiefelchen als Aristokratin des Dorfes fühlte, schüttelte mißbilligend den Kopf: »Dö is noch heikliger als wie der Bonifaz.« Immer seltener wurde solches Geflüster im Saal. Mit atemloser Spannung lauschten die Zuschauer, als Iphigenie die schattendunkle Geschichte der Tantaliden erzählte. Die Schönheit der Priesterin und der Harfenklang ihrer meisterhaft geschulten Stimme überglänzte das düstere Schicksal. Nicht nur die paar gebildeten Menschen, die in der ersten Reihe saßen, waren hingerissen und erschüttert; auch die ungefügen Herzen der hundert Dörfler ahnten die Macht des Geistes, der vor ihren staunenden Augen die Schwingen öffnete. Kein Laut mehr im Saal, nur noch das schwere Atemholen der beklommenen Brüste. Als der König in Zorn das Menschenopfer befahl und Iphigenie mit ausgebreiteten Armen zu ihrer Göttin flehte: »Du hast Wolken, gnädige Retterin, Einzuhüllen unschuldig Verfolgte –« da waren viele, die wie in der Kirche die Hände falteten, als müßten sie mithelfen bei dieser flehenden Bitte um Rettung. Der Vorhang wurde geschlossen. Niemand klatschte. Ein großer Nachtfalter flog umher, der immer gegen die erleuchteten Flecke der Holzwand stieß. Plötzlich in dieser Stille die zerdrückte Stimme des Bonifaz: »Herrgott! Is dös ebbes Schöns!« Ein Gemurmel der Zustimmung. Dann fing ein erregtes Schwatzen an. »No, Herr Kaplan?« fragte der begeisterte Sägmüller. »Was sagen S' jetzt?« Innerebner antwortete nicht. Sein Gesicht brannte. Auch Walter saß schweigend und nickte nur, als Mathild in Freude stammelte: »Herrlich! Besser kann das nicht gespielt werden! Das sind keine Komödianten, wie sie von Dorf zu Dorf ziehen. Das sind Künstler eines großen Theaters, die sich in ihren Ferien die Freude machen, den Bauern was Gutes vorzuspielen. Dabei ahmen sie, um auch ihren eigenen Scherz zu haben, die reisende Theatergesellschaft auf dem Wilhelm Meister nach: Philine, Jarno, Laertes, Aurelia –« Ein Glockenzeichen, der Vorhang ging auf. Im Nu verwandelte sich der Lärm in erwartungsvolle Stille. Als Orest und Pylades erschienen, mit Ketten an den Händen, fuhr ein erregtes Gezischel über die Bänke hin: »Dö zwei, dö der König schlachten will! Der Prinz und sein treuer Freund!« – »Der narrische Prinz! Der d' Mutter umbracht hat!« – »Dös hätt er aber doch net tun sollen!« – »Wann s' ihm aber mit ihrem Spezi den Vatern abgmurkst hat!« – »Schlecht gnug hat sich dös Weibsbild freilich aufgführt. Aber Mutter bleibt Mutter.« – »Daß den d' Schandari net packt haben?« – »Schauts ihn nur an, den armen Teufel, wie ihm 's Elend aus die traurigen Augen aussiguckt!« – »Und so a bildsaubrer Mensch! Ah, der tut mich derbarmen!« Alle nahmen Mariane für den »unglücklichen Prinzen«, den sie darstellte. Daß unter dem schwarzen Mantel des Orest ein Mädchen steckte? Daran schien nur ein einziger zu denken. Dem schlug, als Mariane aus der Tiefe der Bühne trat, das Blut ins Gesicht. »Es ist der Weg des Todes, den wir treten, Mit jedem Schritt wird meine Seele stiller –« Die Schwermut dieser umflorten Stimme wirkte so mächtig auf ihn, daß ihm die Hände zitterten. Mit verstörtem Blick verschlang er die Gestalt, die der schwarze Mantel verhüllte. Wie schön sie war! Mit diesen Fackeln der dürstenden Augen! In dieser leidenden Blässe der Wangen, um die das schwarze Gelock seine Schatten streute! Nichts an ihrem Gewande, nichts an ihrer Maske gestand: Ich bin ein Weib. Sie schien zu sein, was sie scheinen wollte. Alles Schmiegsame ihres Wesens war zu herber Strenge verwandelt. Kaum noch ein frauenhafter Klang in ihrer Stimme, jedes Wort von schneidender Schärfe, heiß durchglüht von dem gleichen Feuer, das in den ruhelosen Augen brannte: »Soll ich wie meine Ahnen, wie mein Vater, Als Opfertier im Jammertode bluten, So sei es! Besser hier vor dem Altar, Als im verworfnen Winkel, wo die Netze Der nahverwandte Meuchelmörder stellt. Laßt mir so lange Ruh, ihr Unterird'schen, Die nach dem Blut ihr, das von meinen Tritten Herniederträufelnd meinen Pfad bezeichnet, Wie losgelass'ne Hunde spürend hetzt! Laßt mich, ich komme bald zu euch hinab!« Ein Hauch des Grauens ging über die lauschenden Herzen. Erleichtert atmeten sie auf, als Pylades mit Lachen tröstete: »Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit, In jenes Schattenreich hinabzugehen – Ich denke nicht den Tod, ich sinn' und horche, Ob nicht zu irgendeiner frohen Flucht Die Götter Rat und Wege zubereiten.« Wie neben der geheimnisvollen Nacht der leuchtende Morgen, stand Pylades neben Orest, ein Bild der Jugend und des Lebens, schmuck zum Verlieben, die schlanke Jünglingsgestalt vom blauen Mantel umflossen. Wie er aussah, das war das beste an ihm. Bertl hatte es gleich heraus: »Der kann's net so gut wie die andern!« Das Nannerl aber verwechselte die Person mit der Sache: »Der hilft seim Freund! Da glaub ich dran!« Auch Pylades hatte diese flüsternden Worte vernommen und machte erstaunte Augen, als er das junge, schlanke Ding mit dem feinen Gesichtl sah. Nannerl wurde vor Verlegenheit glühend rot, während Philinchen im Souffleurkasten alle Mühe hatte, den zerstreuten Herrn von Meister wieder in den Fluß seiner Rolle hineinzubugsieren. Marianens sichere Kunst überwand die Stockung, und der glühende Strom ihrer Rede umschlang die Lauschenden wie mit einem brennenden Mantel. Als sie die Bühne verließ, hörte man eine leise Stimme: »Ah, dös is schad! Der hätt bleiben sollen! Da kunnt eins die ganze Nacht zulusen!« Die schöne Priesterin erschien. Und das Nannerl, als Iphigenie dem treuen Pylades die Ketten löste, tat im Herzen das Gelübde: »Wann alles gut nausgeht, und es geschieht ihm nix, so stift ich der Heiligen Mutter a Kerzl!« Des Pylades Erzählung von dem Brudermord, den sein Gefährte begangen haben sollte, verursachte in den »Krautsköpfen« der Langentaler einige Konfusion. Das stimmte nicht mit der »Verdeutschung« des Prologes. Ein Gezischel begann auf allen Bänken. »Was? An Brudern hat er derschlagen?« – »Er hat doch d' Mutter umbracht!« – »Du Narr! Kapierst denn net: vom Bruder, dös sagt er bloß, damit die ander net gleich alles merken soll.« – »Mar' und Josef, jetzt derfahrt s' es, daß ihr d' Mutter den Vater derstochen hat!« – »Jesses! Dö wird schön derschrecken!« Schreck in Schönheit! Auch der klügste Kritiker hätte für das, was auf der Bühne sich abspielte, ein besseres Wort nicht finden können. Die leise Klage, mit welcher Iphigenie den Fall des Achill und seines Freundes betrauerte, »So seid ihr Götterbilder auch zu Staub!« die leuchtende Freude, als sie den Namen des Vaters nicht unter den Toten hört, die erwachende Ahnung des Entsetzlichen, das wachsende Grauen in ihren Augen, die vernichtende Gewißheit, der stumme Schmerz, mit dem sie den weißen Mantel um Haupt und Augen hüllte, und das lautlos müde Wanken nach dem Heiligtum der Göttin – wie schön das war! Und wie erschütternd! Ein Parterre von theatergewohnten Zuschauern wäre, als sich der Vorhang schloß, in rauschenden Beifall ausgebrochen. Diese Bauern saßen wie in Stein verwandelt, schwer schnaufend, mit tropfenden Augen. Bevor sie sich aus ihrer Starrheit erholten, ging der Vorhang schon wieder auf, und Iphigenie löste die Ketten des Orest. »Der Bruder! Der Bruder!« keuchte auf der letzten Bank eine Stimme. »Paß auf, jetzt derkennt s' ihn! Jetzt merkt s', daß s' ihren Brudern noch hat!« Aus diesem Gestammel redete einer von jenen heiligen Wünschen, die vergeben und sühnen. Wie es diese eine Stimme verriet, so fühlten es hundert Herzen. Ihre Sehnsucht, daß die schuldlose Schwester den Bruder wiederfinden möchte für ein Leben in Freiheit und Glück, wusch alle Blutschuld von den Händen des Orest, noch ehe die Gottheit ihr lösendes Wunder wirkte. In erregter Spannung verfolgten die Hundert den leidenschaftlich bewegten Vorgang auf der Bühne. Jeder Nerv ihres derben Lebens war vom Glanz dieser Schönheit bezwungen, und wo sie dem Dichter nicht in seine Wolkenhöhe folgen konnten, hielt noch immer das glühende Spiel ihre berauschten Sinne gefesselt. Was sie sahen, war schauspielerisches Können in höchster Vollendung. Aurelia und Mariane schienen in ehrgeizigem Wettkampf um die Palme ihrer Kunst zu ringen. Doch während Aurelia mit keinem Augenwink über die Rampe verriet, daß sie gefallen wollte, warf Mariane bei den Worten des Orest »Du scheinst hier wider Willen zu verweilen –« einen forschenden Blick in das Dämmerlicht des Saales hinunter. Da saß einer, mit den Fäusten auf den vom Talar bedeckten Knien, mit Augen, welche dürstend jedes Wort von den Lippen des Orest zu trinken schienen. Den Blick Marianens empfand er wie einen weckenden Stoß. Erblassend machte er eine Bewegung, wollte aufspringen, blieb wie gelähmt – und ein Zittern rann ihm über den Körper, als Orest die Schwester von sich stieß und in erwachendem Wahnsinn drohte: »Ich rate dir, berühr nicht meine Locken! Wie von Kreusas Brautkleid zündet sich Ein unauslöschlich Feuer von mir fort. Laß mich!« Ein Brunnen der Freude quillt ihm aus der Seele der Schwester entgegen:                 »O sieh mich an, wie mir Nach einer langen Zeit das Herz sich öffnet, Der Seligkeit, dem Liebsten, was die Welt Noch für mich tragen kann, das Haupt zu küssen!« Der Irrsinn schlägt seine dunklen Fittiche um ihn her, das Feuer, das von seinen Händen ausbrennt, will ihn verzehren, alle rächenden Geister seiner Schuld überfallen ihn. Und da er verloren scheint, ist er gerettet, entsühnt durch die Liebe der Schwester, deren reine Menschlichkeit über alle Tiefen der Sünde eine leuchtende Brücke hinüberschlägt in das neue Leben. Und wie ergreifend Mariane das spielte: dieses dumpfe Erwachen aus der Nacht des Wahnsinns, das traumhafte Schauen einer Welt, deren ewiger Friede sie alle versöhnt, die sich im Staub der Erde haßten und zerfleischten – dieses zögernde Erkennen des Lichtes, »das nicht den Toten leuchtet«, dieses stürmische Umschlingen der schönen Wirklichkeit und das jubelnde Entzücken im Gefühl des neugeschenkten Lebens! Ein Ausatmen der Erlösung ging über die hundert Menschen hin, als Orest sich an die Brust der Schwester warf: »Laß mich zum erstenmal mit freiem Herzen In deinen Armen reine Freude haben! – Es löset sich der Fluch, mir sagt's das Herz! Die Eumeniden ziehn, ich höre sie, Zum Tartarus und schlagen hinter sich Die ehrnen Tore fern abdonnernd zu. Die Erde dampft erquickenden Geruch Und ladet mich auf ihren Flächen ein, Nach Lebensfreud' und großer Tat zu jagen!« Der Vorhang rauschte. Wieder blieb's eine Weile still im Saal. Da erhob sich Innerebner, verstört, ein irrendes Feuer in den Augen, und ging zur Tür hinaus. Das löste den stummen Bann, der über den andern lag. Ein paar Burschen sprangen auf, mit Lauten, wie sie einer ausstößt, der aus der Schwüle hinausstürmt in die kühle Luft. Das Nannerl lachte und weinte leise vor sich hin. Mathild hörte das nicht. Sie erwachte erst, als Walter ihre Hand umklammerte. Er war keines Wortes mächtig. Und Hilfe schien er zu brauchen, um aus den Höhen, zu denen diese Stunde sein Denken und Fühlen unter einem Rausch seines Blutes emporgehoben hatte, nicht herabzustürzen in eine quälende Ernüchterung. Als sich Mathild zu ihm wandte, zog er seine Hand erschrocken zurück. Da sagte ein Mädel, das hinter ihm in der zweiten Reihe saß: »So an Brudern tat ich mir gfallen lassen. Mit dem marschieret ich gleich auf Griechenland. Da durft's noch weiter sein wie bis auf Mitterwalchen.« Sie fuhr sich mit der Schürze über die brennenden Wangen. Auch in den anderen Bänken sah man die blauen Taschentücher und weißen Schürzen um die roten Gesichter kreisen. Am schwülsten schien dem Bonifaz zu sein. Mit glitzernden Perlen stand ihm der Schweiß seiner Hochgefühle auf der Stirn. Er war in einer Aufregung, wie das Walperl den »zruckhalterischen« Menschen noch nie gesehen hatte. »Jesses, Bub, was hast denn?« fragte sie erschrocken. Mit beiden Fäusten griff er in die Luft. »Jetzt möcht ich ebbes haben, ich weiß net was! Völlig sieden tut's in mir.« Aus Erbarmen trocknete Walperl mit der weißen Schürze dem Bonifazius Venantius die brennende Stirn. Das ließ er sich gefallen. Und da rückte sie mauerfest an die Seite des heißen Buben und schmiegte das glühende Gesicht an seine Schulter. Auch noch an anderen Paaren merkte man, daß Schönheit »siedig« macht. Hier und dort in den Bänken legte ein Bursch den Arm um die Hüfte seines Mädels. Zwei Verliebte küßten sich ohne viel Heimlichkeit. Das konnten sie gefahrlos wagen, seit der gestrenge Herr Kaplan gegangen war. Der kam nicht wieder. Die beiden letzten Akte wurden vor seinem leeren Sessel gespielt. Das war jetzt ein frohes Lauschen! Alle wußten, daß das Schicksal der drei Menschen, die sie liebgewonnen, zu freundlichem Ende strebte. Glück sehen, ist eine der schönsten Freuden aller gutmütigen Herzen. Aber am seligsten leuchteten doch die Augen des Nannerls, als Iphigenie die süße Regung ihrer Seele verriet: »O segnet, Götter, unsern Pylades!« Wie froher Stolz war es in Nannerls trunkenem Herzen, daß sie diesen treuen, herrlichen Menschen gleich richtig erkannt hatte! Und wie klug er war! Wie fein er den Weg der Rettung austüftelte! Erschrocken guckte sie drein, als Iphigenie diesem Weg nicht blindlings folgen wollte. Bei diesem Schreck hatte das Nannerl viele Gesinnungsgenossen im Saal. Die Langentaler, die einen Pfiffigen höher zu schätzen pflegten als eine »reine Seele«, hielten die schlau ersonnene Flucht für die richtige Lösung des Stückes und hätten es dem »grauslichen« König mit Freuden vergönnt, daß er der »Angeschmierte« wäre. Drum ging, als die »dalkete Griechin« dem König im Vertrauen auf seine Großmut die heimlichen Pläne offen bekennen wollte, ein Gezischel der Unruh durch alle Bänke. Ein Holzknecht, der seinen Stehplatz hinter dem Fazifanzerl hatte, fing vernehmlich zu fluchen an: »O Himmelkreuzteifi, jetzt macht dös Madl auf d' Letzt noch an Plutzer, und alles geht schief.« Bonifaz ergriff die Partei der »reinen Seele« und erklärte: » Recht hat 's Madl! Der grade Weg is allweil der beste! Mit der Wahrheit springst über alle Prügel aussi, die eim d' Lumpen stellen!« Um für den »heißen Zustand«, der sein Inneres erfüllte, äußerlich eine Ableitung zu schaffen, schlang er den Arm um das Walperl und drückte sie mit so eiserner Kraft an seine Brust, daß sich der glückselige Seufzer des freudig erschrockenen Mädels in leises Stöhnen verwandelte. Dafür hatte Bonifaz kein Ohr. Um bei dem Seelenkampf, durch dessen Gluten Iphigenie den Weg der Wahrheit suchte, ein wenig mitzuhelfen, flüsterte er mit heiseren Lauten gegen die Bühne: »Sag's ihm, Madl! Es kann dir nix gschehen, wann bei der Wahrheit bleibst!« Von den Leuten lachten ein paar. Und doch bewirkte dieses Wort einen Umschwung in der Stimmung der Zuschauer. Für das Volk von Langental war die Meinung des Bonifazius Venantius Gwack so etwas wie Gottesstimme. Einer, von dem die Bauern wissen, daß er Kraft in seiner Faust hat, besitzt für sie auch das Wort, das »gewichtet«. Alle Unruh im Saal war plötzlich zu stillem Lauschen verstummt, und alle Herzen hielten es mit dem »schneidigen Madl«, in das die Parteinahme des Bonifaz die »dalkete Griechin« verwandelt hatte. Nicht nur die Spannung auf den glücklichen Ausgang des Stückes hielt die hundert Menschen gefesselt. Sie waren bezwungen, waren durchleuchtet von dem heiligen Feuer, mit welchem Schwester Aurelia die letzte Szene spielte. Es ging von ihr ein Zauber aus, dem keiner widerstehen konnte, ein Schönheitsglanz, der alle erfaßte und jeden brennen machte – am heißesten den einen, der ihr am nächsten saß, ganz von Sinnen, in Glut und Zittern. Sie sah ihn an und lächelte. Ein Sturm des Jubels war im Klang ihrer Stimme, als sie die Bitte an den König sprach: »Versagen kannst du's nicht: gewähr es bald!« Unruh fuhr über alle Bänke hin, als der König widerwillig murrte: »So geht!« Die hundert simplen Herzen ahnten den Willen des Dichters und waren mit dem rauhen Wort des Königs nicht zufrieden. Und Aurelia – als hätte sie das Beste ihrer Kunst für diese entscheidende Minute gespart und im Brunnen ihrer tönenden Seele die klingendste Tiefe erst jetzt erschlossen – sprach die letzten Worte mit hinreißender Schönheit: »O wende dich zu uns und gib Ein holdes Wort des Abschieds mir zurück! Dann schwellt der Wind die Segel sanfter an, Und Tränen fließen lindernder vom Auge Des Scheidenden! Leb wohl! Und reiche mir Zum Pfand der Freundschaft deine Rechte!« Der König zögerte. Da sprang von der letzten Bank einer auf, warf die eisernen Fäuste über den roten Kopf empor und schrie: »D' Hand gibst ihr! Du Niegl, du bockbeiniger! Oder ich hilf dir!« Während das Walperl erschrocken den rasenden Fazifanzerl auf die Bank zurückzog, reichte König Thoas lachend dem »braven Griechenmadl« die Rechte. Auch Iphigenie, Orest und Pylades fingen zu schmunzeln und zu kichern an, und aller lauschende Ernst im Saal schlug um in schallendes Gelächter. Das heilige Werk des gefürsteten Menschengeistes fand unter der ernst gemeinten Mitwirkung des Bonifazius Venantius einen Ausklang, als hätte man in einer Posse das letzte Scherzwort abgefeuert. Denen in der ersten Reihe konnte das naive Satyrspiel der Volksstimme den tiefen Eindruck der Dichtung nicht verwischen. Als sich der Vorhang geschlossen hatte, erhob sich Mathild mit glühendem Gesicht: »Wie schön ist das gewesen!« Walter nickte stumm. Er konnte es dem begeisterten Sägmüller nicht nachmachen, der wie verrückt applaudierte. Auch die Zuschauer fingen zu klatschen an. Der Vorhang ging nicht wieder auf, er teilte sich nur ein wenig, um Philinchen aus der Muschel des Souffleurkastens zu erlösen. Lachend sprang Bertl zur Rampe und hob die goldenen Fransen. Er sah nur eine Sandale – dann hatte ihn schon das Nannerl am Joppenärmel und sprudelte ihre Seligkeit vor ihm aus. Im Saal war jetzt ein Lärm, als hätte der Fall des Vorhangs die hundert Andächtigen in Betrunkene verwandelt. Geschrei, Gelächter, Jauchzen und Jodeln. Die Ursache war schöne Freude. Bei den Langentalern kam das heraus wie bei den Bären, wenn sie tanzen wollen. Am lautesten war der Lärm im Flur und auf der Treppe draußen. Da mischte sich in den Radau der Buben auch das Lachen der Weibsleute, die ins Gedräng und in die Zwickmühle kamen. Während sich die letzten noch auf der Treppe drängten, hörte man schon von der Wirtsstube herauf das Gedudel der Glücklichen, die ihren »heißen Zustand« mit ausgiebiger Feuchtigkeit zu kurieren begannen. Um diesem Gedräng zu entrinnen, wartete die Gesellschaft aus dem Scheidhof, bis der Saal sich geleert hatte. Dann gingen sie, Walter als letzter. Sein Gesicht war bleich. Als er zur Tür kam, von den anderen schon getrennt, sah er, daß noch ein junges Weib im Saal war, mit einem Bübchen auf dem Schoß. Es war die Zenz mit ihrem Maxerl. Ganz hinten in der Ecke saß sie auf dem Antritt der Musikantenbühne und hielt den Buben an sich gedrückt. Als Walter dieses lächelnde, von Tränen überronnene Gesicht mit den glänzenden Augen sah, schoß ihm bei aller Erregung, die ihn selbst erfüllte, der Gedanke durch den Kopf: »So viel Glück und Freude hab ich in einem menschlichen Gesicht noch nie gesehen!« Hinter dem Vorhang die lachende Stimme Jarnos. Dann das Gekicher der niedlichen Sünderin: »Was, Kinder! Großartig war's! Natürlich, Goethe! Wo wäre das Durchdringende seiner Größe, wenn sie nicht auch durch lederne Hosen ginge?« Der Vorhang teilte sich ein wenig, ein lustiges Näschen erschien: »Wir können hinaus, der Saal ist leer.« In ihren Kostümen, nur von leichten Mänteln umhüllt, schlüpften Mariane und Philinchen durch den Vorhang heraus und sprangen über die Rampe in den Saal. Schwester Aurelia, die ihnen folgte, raffte die Falten ihres weißen Kleides zusammen, um nicht an die Lampen zu geraten. Philinchen gewahrte den verspäteten Zuschauer bei der Tür. »Guck mal, du reine Seele! Dein Doktor!« flüsterte sie. »Der will dir vermutlich den verdienten Lorbeer reichen!« Kichernd hängte sie sich an den Arm des Orest, dem ein Ausdruck des Mißvergnügens aus dem weiß geschminkten Gesicht und aus den müden Augen redete. An Walter vorüberhuschend, grüßte sie: »Guten Abend, Doktor! Für ein reisendes Meerschweinchen haben wir's gar nicht übel gemacht, was?« Ohne eine Antwort abzuwarten, glitt sie davon, um mit Mariane ihr Zimmer aufzusuchen. Da stand Aurelia vor ihm. Aus dem dunklen Mantel, den sie um das weiße Kleid gerafft hielt, leuchteten die entblößten Schultern. Er faßte ihre Hand, wie man etwas Heiliges berührt. Sein Gesicht brannte, seine Augen flammten. »Warum so stumm?« fragte sie flüsternd. »Hab ich Ihnen nicht gefallen.« »Ach, Fräulein, wie wundervoll ist das gewesen! Das war für mich eine Offenbarung. Sehen Sie mich nur an! Ich bin noch ganz von Sinnen, weiß nicht, was ich rede! Wie schön sind Sie gewesen! Wie schön!« Sie nickte lächelnd. »Die Iphigenie ist mir unter meinen Rollen die liebste. Aber so wie heut, so aus tiefster Seele heraus, hab ich sie noch nie gespielt.« Den Druck seiner Hand erwidernd, neigte sie sich zu ihm und dämpfte die Stimme zu leisem Klang. »Heut hab ich für Sie gespielt! Für Sie allein!« Er fühlte ihren Atem an seiner Wange. Mit einem Rest von Beherrschung bog er den Kopf zurück und schloß die Augen. »Doktor?« fragte sie lächelnd. »Was haben Sie denn?« Da sah er sie an. Wie verzehrendes Feuer war es in seinem Blut, wie ein schmerzendes Hämmern in seinen Schläfen. Was seit Jahren in ihm geschlummert hatte, war erwacht, so jäh und mit einer Wildheit, daß es seine Vernunft und Besinnung erstickte. Wie ein Verschmachtender sich über die Quelle wirft, umklammerte er das schöne Mädchen und bedeckte ihren Mund mit Küssen. Unter einem Laut des Unwillens suchte sie sich zu wehren. Und doch überließ sie sich einen Augenblick dieser Glut, die sie überwältigte. Dann drängte sie ihn erschrocken von sich und flüsterte: »Man sucht Sie!« Den niedergeglittenen Mantel um die Schultern ziehend, ging sie zur Bühne und schob den Vorhang auseinander, hinter dem man Jarno schwatzen hörte. »Hat niemand meine goldene Nadel gesehen?« fragte sie. »Ich muß sie auf der Bühne verloren haben.« Sie verschwand hinter dem Vorhang. Verstört, mit dem Blick eines Erwachenden, der den Irrsinn seiner Träume nicht begreift, starrte Walter den schwankenden Vorhang an. Dann drehte er das bleiche Gesicht nach der Tür. Da sah er nur die Zenz, die durch den Flur hinaushinkte, ihr Maxele an der Hand. »Gelt, Mutter, dö Weiße«, plauderte das Bürschl, »gelt, dö is 's Christkindl gwesen?« »Ja, Herzele! Aber weißt, dö is von die Christkindln eins, dös d' Flügerln schon einbüßt haben.« Walter preßte die Hand an die Stirn. In seinen Gedanken und Sinnen war ein Wirbel, der sich nicht beruhigen wollte. Er ging und wußte nicht, daß er es tat. Als er hinaustrat in die klar gewordene, sternblitzende Sommernacht, meinte er wie aus weiter Ferne die Stimme des lustigen Sägmüllers zu hören: »Aber Thilde, da ist er ja! – Dokterl! Wo waren S' denn so lang?« »Komm!« sagte Mathild zum Walperl und wandte sich hastig der dunklen Straße zu. Das Mädel zögerte. Augenscheinlich wäre das Walperl lieber mit dem Fazifanzerl und der Schrottenbacher-Vev gegangen als mit ihrer Herrin. Die Vev, über deren hübsches Gesicht und schmucken Staat ein Wirtsstubenfenster seine Helle warf, guckte schmunzelnd dem Mädel nach, das in die Nacht hinaussurrte. »Wart a bißl, laß d' Herrenleut voraus!« sagte sie und hielt den Bonifaz am Joppenärmel fest, bis Bertl, der in seiner Begeisterung unermüdlich schwatzte, mit Walter vorüber war. »Heut führst mich heim, gelt?« »Bis zum Scheidhof, ja!« »Geh, du Bock, du fürsichtiger!« Ihr Ärger war gleich wieder in zutrauliches Lachen verwandelt. »Heut mußt schon a bißl weiter mitgehn, heut fürcht ich mich, weißt! Die Buben sind heut wie narrisch. Da kunnt eim ebbes passieren in der Nacht. Lus nur, was für an Spitakel dö Narrenschüppel ausschlagen!« Dabei meinte die Vev nicht nur den fidelen Lärm, der aus der Wirtsstube klang, auch den heiteren Übermut der schäkernden Gruppen, die sich auf der dunklen Straße gesammelt hatten. Ans einer dieser Gruppen flatterte ein Schnaderhüpfl auf: »Und d' Sterndln, dö glanzen Am Firmilament, Und so gut wie der Göthrich Hat's koaner noch könnt!« Dieses literarische Urteil im Dreivierteltakt begeisterte einen anderen Stegreifdichter zu der Strophe: »Der Göthinger gfallt mer, Der is mei' Pläsier, Der riegelt eim 's Blut auf Wie dreißg Halbe Bier!« Auch eine ethnographische Beobachtung, die den Langentalern beim Anblick der Hellenen aufgegangen, wurde in einen lustigen Vierzeiler gegossen: »Kommts, Buaben, jetzt fahr' mer Ins griechische Land, Da tragen die Madln Bloß 's halbete Gwand!« Dem Sänger, der das Land der Griechen nicht nur mit der Seele zu suchen schien, antwortete eine tiefe Baßstimme: »Da brauch i net fahren, Komm billiger draus, Mei' Schatzl im Hemmed Schaut griechisch gnuag aus!« Über das Gelächter hob sich mit jauchzendem Klang die Stimme eines Burschen: »Geh, Mareidl, druck dich her zu mir! Heut haben wir ebbes Schöns derlebt. Da lassen wir nimmer aus, bis 's Tag wird! Morgen geht eh wieder 's Misten an!« Die lachende Freude, die den Langentalern ins Blut gefallen war, begleitete die Scheidhofer Leute auf dem ganzen Heimweg. Immer wieder überholten sie im Dunkel der Straße ein lustiges Pärchen oder zwei still Verschlungene. Vom finstern Waldsaum, wo der Moosjäger seinen Rausch verschlafen hatte, tönte ein gellender Juhschrei herüber und das frohe halberstickte Aufkichern eines Mädels. Die Luft war frisch und würzig, der schwere Regen hatte sie rein gewaschen, und die erquickten Blumen erfüllten sie mit so süßen Düften, daß jeder Atemzug wie ein köstliches Trinken war. In den stahlblauen Tiefen der Ewigkeit funkelten die tausend Sterne hell und heiter, als fühlten auch sie einen Anteil an aller Schönheit und Freude dieser Nacht. Immer blickte Mathild da hinaus, zu diesen brennenden Rätseln im Endlosen. Während des ganzen Heimwegs sprach sie kein Wort. Ihr Schweigen fiel weder dem verdrossenen Walperl auf, das sich fortwährend umguckte, noch dem verzückten Nannerl, in dessen verdrehtem Kopf alle Wunder dieses Abends zusammenflossen zu einer strahlenden Jünglingsgestalt in blauem Mantel. Dabei passierte ihr's, daß ihr die beiden ewigen Namen der Treue, Pylades und Phylax, ineinanderschmolzen zu einem »treuen Phyladerl«. » Der war der beste! Wann der net gwesen war, hätt's grausliche Sachen geben. Der hat alles wieder auf gleich bracht. Ah, der hat mir gfallen!« Bei Nannerls endloser Hymne horchte das Walperl immer über die Schulter. Manchmal, wenn der begeisterte Sägmüller sein Loblied auf das »herzige Prologerl« für einen Augenblick aussetzte, hörte sie das Gekicher der Schrottenbacher-Vev. Je näher man dem Tor des Scheidhofes kam, desto aufgeregter lauschte sie nach rückwärts in die Nacht. Da hörte sie plötzlich mit ihren Wieselohren, wie der Bonifaz in Ärger murrte: »Mei' Ruh laß mir! Ich mag net.« Walperl fing zu lachen an, als wäre in ihrem Verstand eine Schraube locker geworden. Mit diesem Lachen rief sie vom Torbogen des Scheidhofes über die finstere Straße hinaus: »Gut Nacht, Veverl! Gib fein a bißl Obacht mit deine Zeugstieferln, daß dir 's Absatzl net umschnappt!« Eine Antwort bekam sie nicht. Bertl und Walter traten unter das Tor. Dann kam der Bonifaz und stieß den Riegel zu. Das Walperl lachte noch immer. Darüber schien sich der Bonifaz zu ärgern; ohne Walperls Gutenachtgruß zu erwidern, ging er über die schwarze Wiese zum Scheidhof hinüber. Mathild war wie eine Fliehende den Kiesweg hinaufgelaufen. Im finsteren Schatten der Veranda preßte sie die Hände über die Augen. Dann trat sie ruhig in die Stube. Hier war unter der grünen Lampe der Tisch zum Tee gedeckt, das Fritzele schlummerte in einem Lehnstuhl, und Frau Rosl spielte Domino mit dem alten Herrn. Der hatte kein frohes Gesicht. Eine Furche war in seine Stirn gegraben, wie in Schmerzen, die er schwer ertrug. Als er Mathild sah, lächelte er: »Gottlob, daß du da bist! Habt ihr euch unterhalten?« Sie schlang dem Vater die Arme um den Hals. Das tat sie immer, wenn sie heimkam. Heute war in ihrer Zärtlichkeit etwas so Heißes, daß er betroffen aufblickte. »Geiß?« Sie wollte ihm ihre Hand entziehen. Er hielt sie fest und sah ihr ins Gesicht, das von durchsichtiger Blässe war. In ihren Augen ein tiefes Leuchten. Jeder Zug ihres feinen Gesichtes gereift und veredelt. So schön hatte er sein Kind noch nie gesehen. Dennoch empfand er ein Gefühl der Sorge. »Mädel? Was ist denn mit dir?« Bertl stürmte zur Tür herein und legte gleich mit seiner Begeisterung los. Unter sprudelndem Schwatzen riß er seinen Buben aus dem Schlaf und busselte ihn ab, bis das Bürschl zu schreien anfing. Der Vater bekam trotz allem »Furio«, der im Sägmüller brannte, jenen vorsichtigen Händedruck, den der grüne Fäustling ertragen konnte. »Schad, daß du nicht dabei warst! Wenn sie wieder spielen, mußt du hinein! Ich geh auch wieder.« »No, und ich?« schmollte Frau Rosl. Der Sägmüller wurde ein bißchen verlegen und zog sich mit einer lustigen Neckerei aus der Schlinge seines nicht ganz reinlichen Gewissens: »Roserl, ich mein', dich laß ich daheim. Sonst wirst du mir eifersüchtig! Da ist eine dabei – ja, du, die könnt dir gefährlich werden!« Das brachte er so drollig heraus, daß Frau Rosl mitlachte. Zärtlich faßte sie ihn an beiden Ohren. »Wenn du ihr gefallen tätst, das könnt ich ihr gar net verdenken!« Das Nannerl hatte den greinenden Buben auf den Schoß genommen. Um ihn zu beruhigen, erzählte sie ihm wispernd von dem treuen Phyladexl und seinem schönen blauen Mantel. Fritzele wurde still, nicht aus Staunen über den blauen Mantel, sondern aus Verwunderung über den leuchtenden Glanz in diesen zwei Mädchenaugen, die sonst so ängstlich und traurig blickten. Was das Nannerl flüsterte, wurde für die anderen überstimmt von Bertls lauter Begeisterung. Als der alte Herr hörte, daß man die richtige Goethesche »Iphigenie« gespielt hatte, fragte er lächelnd: »Goethe und unsere Bauern? Was haben denn die für Köpf dazu gemacht?« »Die Leute haben sich prächtig benommen«, sagte Mathild, die den Tisch bestellte, »freilich auf ihre Weise.« Sie wollte lächeln. Das spielte ihr um die Lippen wie zuckender Schmerz. »Der Pfarrer hätte das sehen sollen. Weil er immer meint, daß Kunst, je höher sie steht, für das halbe Verständnis des Volkes um so gefährlicher ist. Das stimmt nicht. Wahrhaft Schönes wirkt auf alle Menschen.« »Sogar auf den Kaplan!« siel Bertl lachend ein. »Der ist dagesessen wie ein zahm gewordenes Füchserl. Und jählings ist er davongesaust. Mir scheint, dem ist vor'm Goethe angst worden um seinen Katechismus.« Der alte Herr schien nicht zu hören. Immer sah er zu Mathild auf. »Und unser Philosoph? Was hat denn der dazu gesagt? Und wo bleibt er denn?« Das Walperl brachte die Teekanne und hörte die Frage noch. »Der Herr Dokter laßt bitten, daß ich ihm 's Nachtmahl auffitragen därf.« »Er kommt nicht herunter?« sagte der alte Herr betroffen, wahrend Mathild aufzuatmen schien. »So viel müd is er, hat er gsagt. Den muß die Komödi auch ganz verdreht gemacht haben!« Sie himmelte mit den Augen. »Aber schön war's!« Dann wandte sie sich an Mathild. »Und 's Fräulen, sagt der Herr Dokter, möcht so lieb sein und möcht ihm eins von ihre Göthianerbüchln leihen.« Mathild erhob sich. »Die Iphigenie?« »Na! Ebbes anders will er. Jetzt weiß ich nimmer recht, wie er gsagt hat, ebbes vom Herrn Moaster seiner Lehrlingszeit –« »Wilhelm Meisters Lehrjahre?« »Stimmt schon, ja, so hat er gsagt.« Ein wehes Lächeln. Mathild ging aus der Stube, um das Buch zu holen. Walperl folgte ihr in den Flur und machte flink einen Sprung auf die Veranda. Seit der Heimkehr tat sie das schon zum viertenmal. Beim Brunnen wollte das Leuchtkäferchen nicht glühen. »So a Stock, so an ungemütlicher!« murrte das Mädel in heißem Verdruß. »Und heut hätt ich gschworen –« Da klang die Stimme Mathilds: »Walperl!« Das Mädel bekam drei Bücher. »Soll ich dem Herrn Dokter was ausrichten?« »Nein.« Das war ein so seltsamer Klang, daß das Walperl verwundert fragte: »Fräulen, was haben S' denn?« Ohne zu antworten, schüttelte Mathild den Kopf, und das gute Walperl vergaß der Warnung des Bonifaz, daß man Blumen, die im Erblühen sind, nicht berühren darf. »Gelt, Ihn hat's auch verdrossen, daß der Herr Dokter net abikommt? Heut auf die Komödi nauf wär so an Abend gwesen, wo man sich 's brennheiße Herzl a bißl ausreden hätt können.« Kaum hatte das Mädel das herausgesprudelt, als es zu Tod erschrak über die Veränderung in Mathilds Gesicht. »Jesses! Hob ich was Unguts gsagt?« Sie bettelte wie ein Kind: »Um Gotts willen, tun S' mir's net nachtragen, wann ich ebbes dahergredt hab, was Ihnen weh tut! Ich müßt heulen die ganze Nacht.« Ohne ein Wort zu sagen, strich Mathild dem Mädel mit der Hand übers Haar. Dann ging sie in die Küche, um für Walter die Teeplatte zu richten. Walperl guckte mit scheuen Augen immer das Fräulein an, dieses liebe, blasse Gesicht und die schlanken Hände, die das Zittern nicht überwinden konnten. Als sie die Treppe hinaufstieg, unter dem Arm die Bücher und zwischen den Händen die Platte, nahm sie sich vor, »dem Herrn Philosophen das Herzfleckl ein bißl aufzupolstern«. Walter stand am Fenster, die Stirn an die Scheibe gedrückt. Er hörte nicht, daß Walperl den Tisch bestellte. Erst ihr energisches Räuspern machte ihn aufblicken. Doch als sie dieses verwandelte Gesicht und diese heißen, irrenden Augen sah, fiel ihr, wie ein Volkswort sagt, das Zäpfl in den Hals hinunter. Auf den Fußspitzen schlich sie zur Tür. Im Flur draußen schalt sie wütend vor sich hin: »Malefizkomödi, verflixte! Dö treibt ja die Buben von ihre Madln weg!« Man konnte dem Walperl dieses subjektiv gefärbte Urteil nicht verübeln. Sie hatte nach dem vielversprechenden »heißen Zustand« am Bonifaz eine anfröstelnde Enttäuschung erlebt. Drunten in der Stube, in der die Ehrenreichs beisammensaßen, hing's wie ein grauer Schleier um den Tisch, obwohl der alte Herr die Pfeife nicht angezündet hatte. »Fühlst du dich nicht wohl, Papa?« hatte Mathild in Sorge gefragt. Er hatte lachend abgewehrt. Dann saß er in seinem Sofawinkel, so still, wie es sonst nicht seine Art war. Bertl hatte so viel zu erzählen, daß er über den Prolog hinaus noch gar nicht zu Goethe gekommen war. Ganz verwundert guckte er drein, als Frau Rosl zum Aufbruch mahnte. Nach dem kalten Bad im Mühlbach könnte die Nacht, wenn sie kühler würde, dem Buben schaden. »Und der Vater soll auch zur Ruh kommen. Ich glaub, er ist ein bißl müd.« Ohne zu widersprechen, erhob sich der alte Herr. Das wurde ihm schwer. »Ja, Rosl, schau nur, daß du den Buben warm heimbringst! Und du, Bertl, komm noch einen Sprung zu mir ins Zimmer. Ich muß was reden mit dir.« Als er Mathilds fragenden Blick gewahrte, sagte er: »Was Geschäftliches.« Mathild ging aus der Stube, um drüben im Schlafzimmer Licht zu machen. Als sie draußen war, sagte der alte Herr: »Gelt, Bertl, laß an den Mühlbach einen festen Zaun machen!« Das Nannerl mußte ihm das kleine Bürschl auf die Arme heben, und das Kind sah dem alten Herrn so aufmerksam in die Augen, wie vorhin dem glückseligen Nannerl: »Großvaterle! Was du für liebe, gute Augerln hast!« Aus dem Gesicht des Alten wich der herbe Zug des Leidens. Heiter fragte er: »Hast du denn das noch nie gemerkt?« Das Kind schüttelte den Kopf und schlug dem Großvater die Ärmchen um den Hals. »Gelt, mich hast du halt lieb!« »Ja, Kind! Das weiß der liebe Gott!« Herzend preßte er das Bürschl an sich. »Kinder, das ist eine heilige Stund für mich. Von heut an weiß euer Bub, was er hat an mir.« In der Stube krachte leis eine Diele. Ging da ein Unsichtbarer? Der Friede, das Glück? Oder war es ein anderer, der still und ungesehen kam? – Du dunkler Schleier, der über allem Kommenden hängt, du bist der barmherzige Freund der Menschen! Als der alte Herr den kleinen Knirps der Mutter hinreichte, sagte er lachend: »Jetzt hab ich auch mein Theater gehabt und hab ein Lied klingen hören, das der größte von allen Dichtern gesungen hat.« Er strich mit dem grünen Fäustling dem Buben übers Haar. »Das ist was eigenes, die Freud, die man an einem Enkel hat. Frei von aller Sorg, die ruhlos am Elternherzen reißt. Eine Freud, die was Verklärtes hat! Und wie jung ich mich spür, wenn ich dem Bubl in die Augen schau! Menschen, die keine Kinder haben, sterben bei lebendigem Leib. Kinder und Enkel geben uns eine ewige Seel.« Er küßte den Buben. »Na also, Kinder, gut Nacht für heut! Komm. Bertl!« Mit stoßenden Schultern schraubte er sich gegen die Tür und spreizte das steife Bein, um über die Schwelle zu kommen. Drüben im Schlafzimmer schloß Mathild gerade die Fenster. Eine Stube, weiß und heiter, wie das Herz eines Kindes nach der Beichte. Die Mauern frisch getüncht, mit Geweihen dran, die im Lampenlicht ihre zackigen Schatten durcheinanderflochten. Bis zur Fensterhöhe waren die Wände mit weißem Ahornholz verschalt. Aus dem gleichen Holz waren die Stühle, der Schrank und die Kommode. Das Gestell des eisernen Bettes war weiß gestrichen. Mathild ging. Und der alte Herr sagte zu Bertl: »Nur daß ich nicht gelogen hab, mit dem Geschäft – heut früh war der Niedernacher bei mir, der das Bauholz bei dir gekauft hat. Der gute Kerl weiß nicht recht, wie er mit seinem bißl Gerstl bei dem Neubau auf gleich kommt. Da soll ich ein gutes Wort bei dir einlegen, daß du ihm mit deinen dreihundert Mark zuwartest.« »Aber freilich! Der Niedernacher ist eine ehrliche Haut. Da krieg ich mein Geld schon.« Bertl lachte. »Deswegen hättst du doch net aufstehen brauchen.« »Mein Knie mußt du auch ein bißl anschauen.« »Jesus, was hast du denn?« »Ich weiß nicht. Den ganzen Abend schon hab ich einen so niederträchtigen Schmerz, daß ich's kaum mehr ausgehalten hab.« Bertl führte den Vater zum Bett und half ihm aus den Kleidern. Dann holte er die Lampe und betrachtete das Knie. Als er dran fühlte, zuckte der alte Herr zusammen. »Ein blauer Fleck ist da, und ein kleinwinziges Ritzerl, kaum daß man's sieht. Da mußt du dich an was Eckigem angestoßen haben. Ich mach dir einen kalten Umschlag, und über Nacht ist alles wieder gut.« Bertl legte mit zwei Taschentüchern geschickt einen kühlenden Verband um das Knie. »Gelt, das tut wohl?« »Ja, Bub! Vergeltsgott! Und halt nur den Schnabel vor der Geiß! Kannst auch das Licht gleich ausmachen!« Bertl blies die Lampe aus und tappte sich im Dunkel zur Tür. »Gute Besserung!« Der alte Herr konnte hören, wie sich draußen die Gesellschaft aus der Sägmühle verabschiedete. »Ich freu mich schon aufs nächste Theater!« sagte Bertl mit Lachen. »Und bin riesig neugierig, wie das herzige Prologerl in einer richtigen Roll ausschaut.« Noch einmal klang das Stimmchen des kleinen Bürschls. Dann Schritte im Hof, der Schein einer Laterne, und im Haus war Stille. Mathild kam zur Tür herein. »Papa, du liegst schon?« »Ja, Geiß! Gute Nacht! Oder magst du dich noch ein bißl hersetzen zu mir?« Sie setzte sich auf die Bettkante und nahm seine Hand. So blieben sie ein Weilchen schweigend. In dieser Stille hörten sie über der Zimmerdecke einen ruhelosen Schritt. Mit halblauter Stimme fragte der alte Herr: »Hat er was gesagt zu dir? Vom Nachmittag? Und was wir da geschwatzt haben?« Weil er nicht gleich eine Antwort bekam, drängte er: »So red doch! Hat er was gesagt?« »Nein!« Die Stimme klang ruhig. Ihr Gesicht konnte der Vater im Dunkel der Stube nicht sehen. »Wie er mich beim Pfarrhof abholte, hab ich es ihm aus den Augen gelesen, wie gut ihr beide einander geworden seid. Ich glaube, das hat er mir auch sagen wollen. Aber da kam dieses Wunder –« »Was für ein Wunder?« »Am Himmel. Dieses Leuchten und Brennen.« »Ach so! Das hat auch zu mir hereingebrannt durch die Fenster. Das muß wundervoll gewesen sein! Und das habt ihr zwei miteinander gesehen? Kind, das nimm als gutes Omen für die brennende Freud, der dein junges Leben entgegenwandert!« Er streichelte ihre Hand. »Geh, du Närrlein, warum zitterst du denn so? Freilich, das hat die tiefste Freude an sich, daß man sie manchmal mit der höchsten Angst verwechseln könnte! – Wenn du nur gesehen hättest, wie er mir die verkrüppelte Hand küßte, recht wie ein guter Sohn! Jetzt will ich auch halten, was ich dir versprochen hab. Die alte Geschichte soll für mich begraben sein, weil ich weiß, daß sie kein Stein mehr auf deinem Weg zum Glück ist. Zwischen Walter und mir ist alles klar. Zwischen ihm und dir wird's auch bald werden!« Sie wollte ihm ihre Hand entziehen. Er hielt sie fest. »Glaub nur dran! Heut am Abend, wie ihr heimkamt –« Da mußte er die Zähne übereinanderbeißen. Ein stechender Schmerz war ihm vom Knie durch das lahme Bein heraufgefahren bis zum Herzen. »Heut am Abend hat's mir freilich einen merkwürdigen Bremsler gegeben, weil er nimmer herunterkam. Aber ich glaub, jetzt versteh ich's! Das Schöne, das ihr gehört und gesehen, hat ja auch dich ins Frieren und Sieden gebracht. Goethe! Das ist ein Quellenlöser und Herzdurchleuchter, ein Freudenschenker und Sehnsuchtwecker! Der wird mit seiner Schönheit dem da droben heut auch ein Lichtl aufgezündet haben. Horch nur! Sein Schritt! Wie stürmisch das hin und her geht! Seit heute weiß er, was in seinem Blut und Herzen ist. Drum wollte er nicht herunterkommen, weil er sich zu verraten fürchtete vor den anderen! Mach dich gefaßt darauf: wenn er ein Stündl mit dir allein ist, wird's herausbrennen aus ihm, so schön und leuchtend, wie heut der Abend war.« Kein Laut kam über Mathilds Lippen. Aber sie fühlte, daß sie nicht länger bleiben durfte. Was erstickend in ihr wühlte, drängte schon herauf in die Kehle. Sie umschlang den Vater, küßte ihn, daß ihm der Atem fast verging, und floh zur Tür. Dabei konnte sie noch ein leises, frohes Lachen hören. Als sie hinüberkam in ihre finstere Stube, warf sie sich über das Bett, wühlte das Gesicht in die Kissen und strömte allen Schmerz und alle Bitterkeit. die in ihr brannten, zu hilflosem Schluchzen aus. Das Walperl, das bei offener Tür in der Küche die Teller und Tassen spülte, unterbrach die Arbeit und lauschte. So was Ähnliches hatte sie schon oft gehört. »Die liest sich halt wieder eins von ihre Göthianerbüchln für! Heut hat er s' alle narrisch gmacht! Der!« Jeder Schönheit zum Trotz, die das Walperl an der Seite des Fazifanzerl genossen hatte, schien diesem Gedanken jegliches Wohlwollen für den Dichter zu fehlen. Wütend schleuderte sie das Spültuch über die Herdplatte. Der »heiße Zustand«, der im Bonifazius getobt hatte, war augenscheinlich durch Infektion auf das Walperl übergegangen. Das mußte ein Leiden sein, das sich hart ertragen ließ. Immer schwerer seufzte das einsame Mädel. Als sie die Arbeit schon fertig hatte und noch ein Weilchen auf der Herdbank sitzenblieb, tropften ihr dicke Zähren über das heiße Gesicht. Endlich blies sie in der Küche die Lampe auf. Aber einen Trost wollte sie noch mit hinübernehmen in die müde Ruh. »Ich spring noch in Garten aussi, hol mir a paar Kerschen eini und schau mir s' an beim Licht! Heut müssens' mit der Farb a Ruckerl gmacht haben!« Sie streifte die Schuhe von den Füßen und trat in den Strümpfen lautlos hinaus in die stille, duftende, sternhelle Finsternis. »Herrgott, is d' Nacht heut schön! G'rad als hätt s' der Göthinger gmacht!« Flink sprang sie dem Garten zu. Beim Brunnen gab's dem Walperl einen Riß. Auf dem Steintrog kauerte was Schwarzes. Kein Luchsauge hätte bei der kohlenden Finsternis in diesem regungslosen Klumpen was Menschliches erkannt. Aber das Walperl hatte die Augen der Sehnsucht, die noch schärfer sehen als Raubtieraugen. Im ersten Schreck vergaß sie auch völlig das gewohnheitsmäßige Heuchelwörtchen: »So? Du bist es?« Tonlos stotterte sie: »Jesses, jetzt hockt er da!« Der schwarze Klumpen rührte sich. »Weil ich mir denkt hab: heut mußt kommen!« Was Grollendes klang aus seiner Stimme. »Lang hast braucht!« Der ungerechte Vorwurf ärgerte das Walperl. »Du Narr! Als ob ich net allweil aussiguckt hätt? Warum hast denn 's Pfeifl net anzündt?« »Aufs Rauchen hab ich heut ganz vergessen.« Die Stimme des Bonifaz wurde leis und lind. »Is's wahr, Madl? Hast aussigschaut nach mir?« Wer Unrecht leidet, neigt zu Übertreibungen. »An die dreißgmal, wann's langt!« Da faßte er mit raschem Griff ihre Hand, ließ sie aber wieder fahren, als er den Schmerzenslaut hörte, den das Walperl ausstieß. »Hab ich dir weh tan?« »No und wie! « grollte das Mädel. »Du mit deiner eisernen Pratzen!« Sehr ernst war dieser Vorwurf nicht gemeint, denn das Walperl, während es das halbzerquetschte Handgelenk scheuerte, setzte sich dicht neben die drückende Gefahr. Der schwarze Klumpen hatte den Kopf gebeugt und das Gesicht auf die Fäuste gepreßt. Nach einer Weile hörte das Walperl was Merkwürdiges, etwas ganz Unglaubliches. Hätte einer dem Walperl erzählt: ich hab den Bonifaz weinen hören! – das Mädel wäre mit dem Näsl spöttisch in die Luft gefahren und hätte gelacht. Das Unmögliche glaubt man nicht. Weint denn ein Baum im Wald? Weint denn ein Fels im Berg? Freilich – wenn der Mai im Fels das gefrorene Wasser auftaut, und wenn dem Baum das Eisen durch die zähe Rinde fährt, daß ihm das Leben blutet. Im ersten Augenblick war Walperl so ratlos, daß sie keinen Laut herausbrachte. Bevor sie glauben konnte, mußte sie sich überzeugen. Sie fuhr dem Bonifaz mit der Hand ins Gesicht und fühlte die heißen Tropfen. »Mar' und Josef!« stammelte sie erschrocken. »Bub! Was hast denn?« »Ich weiß net! Ganz verdreht bin ich heut!« Er kämpfte wütend mit seiner Schwäche. »Ich weiß nimmer, was ich möcht, und weiß nimmer, was ich fürcht. Der ganze Verstand is beim Teufel, und völlig sieden tut alles in mir. Heulen muß ich, und doch is d' Freud in mir wie narret. Mir scheint, heut haben s' an Griechen aus mir gmacht.« Dabei schien er der Meinung zu sein, daß es einschichtige Griechen nicht geben kam.. Er legte den Arm ums Walperl und preßte das Mädel an sich, daß es stöhnte. Den eigenen Schmerz verbeißend, trocknete sie dem Bonifaz mit der Schürze die Augen und bettelte: »Geh, um Gottes willen, alles därfst mir tun, bloß grad net weinen! Ich kann's net hören. Da wird mir ganz elend.« »Schatzl, mein liebs!« Für den Verstand des Walperl fielen die Sterne vom Himmel. Der »zruckhalterische« Bonifaz! Der sagte: »Schatzl, mein liebs!« Ein Wirbel von Seligkeit drehte sich heiß durch ihr Herz. Sie wußte nicht, ob sie lachen sollte oder mitweinen. In dieser Unentschlossenheit tat sie sowohl das eine wie das andere. Da stand er auf und zog sie an sich: »Geh, komm, marschieren wir a bißl! Schauen wir uns d' Nacht a wengl an, weil s' gar so schön is heut.« »Jesses, na, und ich bin in die Strumpfsöckeln!« Da macht sich das Marschieren schlecht. Das sah er ein. Einen Augenblick besann er sich. In der stillen, schönen Nacht klang ein froher Jauchzer fern über die Wiesen vom schwarzen Wald herüber. »Hörst es? Heut is d' Freud überall!« Lachend griff er zu und hob das Mädel auf seine Arme. Erschrocken wehrte sie sich. »Du! Du! Was machst denn?« »Bald net gehn kannst, trag ich dich halt!« In langen Sprüngen, als hielte er ein Federchen auf den Armen, rannte er mit ihr in die Nacht hinaus und flüsterte in seligem Übermut: »Herzl, jetzt springen wir eini ins Griechenland!« Sie zappelte, schlug in allem Ernst mit den Fäusten zu und flehte: »Jesus, Schatzl, wo hast denn dein' Verstand, ich bitt dich gottstausendmal –« Ein heißer Riegel schloß ihr den Mund. Die Kirschen dieser beiden waren reif geworden, lange vor der Zeit, dazu noch an einem unfreundlichen Regentag, der erst spät am Abend seine große, strahlende Sonne gefunden hatte. Und da behaupten die klugen Leute, daß es keine Wunder gäbe. Es muß nur einer kommen, der sie zu wirken versteht. Stunde um Stunde verging. Der Brunnen, der sonst an Gesellschaft gewöhnt war, plauderte sich einsam eine heimliche Geschichte vor. Schweigend stand das Haus. Nur ein einziges Fenster, droben auf der Altane, hatte noch Licht. Das flackerte, bis der Morgen zu grauen begann. In brennender Erregung hatte Walter gelesen, wie in einem quälenden Durst, der Kühlung ersehnt und sie doch nicht findet. Als ihm die Lampe ausgegangen war, hatte er den »Wilhelm Meister« mit ins Schlafzimmer genommen und bei der Kerze weitergelesen. Kein Schlummer wollte kommen, keine Ruhe den Sturm beschwichtigen, der ihn erfüllte. Ein toller Kampf war in seinen Gedanken und Sinnen. Bald faßte ihn der Große, der aus diesem Buche redete, mit seinen Riesenfäusten und hielt ihn fest, durchglänzte ihm das Herz und zwang ihn, aller anderen Dinge zu vergessen. Bald wieder stießen ihn die Bilder, die ihm aus den Namen und Worten des Buches entgegensprangen, zurück in allen Aufruhr seines Blutes. Jetzt verstand er die Komödie, die ihm die Schauspieler vorgegaukelt hatten. Nicht nur ihre Namen, fast jedes Wort, das sie damals zu ihm gesprochen, hatte er im »Wilhelm Meister« wiedergefunden. Den leidenschaftlichen Rausch, den ihm die Schönheit dieses Mädchens ins Herz flutete, durchbitterte das quälende Erinnern an jenes Affenspiel, das die Schauspieler mit einem hohen Vorbild getrieben hatten. Während er las, erwachte ein Gefühl der Empörung in ihm, ein Gefühl, das sich zur Wehr setzte gegen alles, was in ihm brannte und mit heißem Durst begehrte. Am stärksten erfaßte ihn dieses Widerstreben, als er von jener wüsten Orgie las, zu der in Wilhelm Meisters Zimmer die Lektüre eines deutschen Ritterstückes ausgeartet war. Das Bild der übel zugerichteten Stube mit den Scherben der zerschlagenen Gläser, das Gezänk der betrunkenen Künstler, die Ungeniertheit der angeduselten Mädchen, alles ekelte ihn an. Wie eine aufrüttelnde Mahnung wirkte auf ihn jene Stelle des Buches, die das unangenehme Gefühl des ernüchterten Helden schildert, als er des anderen Morgens mit düsterem Blick auf die Verwüstungen des vergangenen Tages, den Unrat und die bösen Wirkungen hinsah, die ein geistreiches, lebhaftes und wohlgemeintes Dichterwerk hervorgebracht hatte. War jetzt nicht die gleiche Verwüstung in ihm selbst? Was ihn erfüllte? Wie weit war das entfernt von jener süßen, heiteren Freude, von der es im »Werther« hieß: daß sie die Gestalt der Geliebten in ihren Gedanken trägt, wie die schöne blühende Welt umher und der leuchtende Himmel darüber in einer träumenden Seele ruhen! Was ihn erfüllte, war Kampf und Qual, Scham und dürstendes Verlangen, ein Widerstreit in jedem Gedanken, ein Widerstreit in jedem Gefühl. Wo war die schöne Ruhe hin, die er nach aller Bitterkeit seines Lebens hier gefunden? Hätte er doch nie als Fürsprecher der Komödianten diesen unseligen Weg zum Pfarrhof getan! Das war der Anfang des brennenden Irrsinns, der ihn überfallen hatte! Nein! Er fühlte, daß er in sich zwei Dinge voneinander scheiden mußte: das erwachte Tier, das in seinen Sinnen schrie, und das Reine, Herrliche, das dieser Abend ihm zeigte – den quälenden Aufruhr seines Blutes und die fromme Dankbarkeit für das Schöne, das wie eine neue, nie gesehene, ungeahnte Sonne des Lebens vor ihm aufgegangen! War der Reichtum dieses Gewinnes zu teuer bezahlt mit allem Aufruhr, der in ihm brannte? Nein, nein, nein! Wohin aber wird dieser Sturm ihn führen? Was wird er bringen? Wie muß er enden? Um der Qual solcher Gedanken zu entrinnen, griff er wieder nach dem Buche. Stunde um Stunde las er. Doch die Ereignisse des Buches, seine Worte und Gestalten wurden für ihn zu einem Wirbel, der ihn betäubte. Die Gesichter der Menschen zerflossen ihm und veränderten sich. Nur ein einziges blieb sich gleich und fesselte ihn mit einem Reiz, dem er sich nicht entwinden konnte. Das war nicht das Gesicht Aurelias. Die Aurelia des Buches verlor für ihn, je länger er las, jede Beziehung zu jener anderen, die er im Dämmerlicht des Theatersaales in seine Arme gerissen hatte. Die Aurelia, die er in glühendem Irrsinn an seiner Brust gehalten, floß ihm beim Lesen zusammen mit dem verführerischen Bild Philinens. Die niedliche Sünderin des Buches wurde für ihn zu der einen, um die sich alles andere drehte. Er las mit fieberhafter Hast, um nur immer wieder zu einer Stelle zu kommen, die von Philine erzähle. Die Kerze war niedergebrannt, zehrte schon am letzten Endchen und flackerte heftig. Vor Walters Augen tanzten die Buchstaben, als er las: »›Nun, nun‹, sagte Aurelia, ›es ist spät, wir wollen nicht streiten. Alle wie einer, einer wie alle! Gute Nacht, mein Freund, gute Nacht, mein feiner Paradiesvogel!‹ Wilhelm fragte, wie er zu diesem Ehrentitel komme? ›Ein andermal‹, versetzte Aurelia, ›ein andermal. Man sagt, sie hätten keine Füße, sie schwebten in der Luft und nährten sich vom Äther. Es ist aber ein Märchen, eine poetische Fiktion. Gute Nacht, laßt euch was Schönes träumen, wenn ihr Glück habt!‹ Sie ging in ihr Zimmer und ließ ihn allein; er eilte auf das seinige. Eben war er im Begriffe, sich auszuziehen, nach seinem Lager zu gehen und die Vorhänge aufzuschlagen, als er zu seiner Verwunderung ein Paar Frauenpantoffel vor dem Bett erblickte; der eine stand, der andere lag. – Es waren Philinens Pantoffel, die er nur zu gut erkannte; er glaubte auch eine Unordnung an den Vorhängen zu sehen, ja es schien, als bewegten sie sich; er stand und sah mit unverwandten Augen hin. Eine neue Gemütsbewegung, die er für Verdruß hielt, versetzte ihm den Atem; und nach einer kurzen Pause, in der er sich erholt hatte, rief er gefaßt: ›Stehen Sie auf, Philine, was soll das heißen? Wo ist Ihre Klugheit, Ihr gutes Betragen? Sollen wir morgen das Märchen des Hauses werden?‹ Es rührte sich nichts. ›Ich scherze nicht‹, fuhr er fort, ›diese Neckereien sind bei mir übel angewandt!‹ Kein Laut. Keine Bewegung. Entschlossen und unmutig ging er endlich auf das Bett zu und riß die Vorhänge voneinander. ›Stehen Sie auf‹, sagte er, ›wenn ich Ihnen nicht das Zimmer für diese Nacht überlassen soll.‹ Mit großem Erstaunen fand er sein Bett leer, die Kissen und Decken in schönster Ruhe. Er sah sich um, suchte nach, suchte alles durch und fand keine Spur von dem Schalk. Hinter dem Bette, dem Ofen, den Schränken war nichts zu sehen – er suchte emsiger; ja ein boshafter Zuschauer hätte glauben mögen, er suche, um zu finden –« Da erlosch die Kerze in dem kochenden Talg, der sich in der Hülse des Leuchters gesammelt hatte. Das schwarz gewordene Buch zwischen den zitternden Händen, starrte Walter in das trübe, kühle Grau, das um die Fenster blaßte. 16 Ein Morgen kam, so ohnegleichen schön, daß die Langentaler, die im ersten Frühlicht zur Heumahd wanderten, immer schauen mußten. Freilich fanden sie für ihr Schönheitsgefühl keinen anderen Ausdruck als die praktische Meinung: »Heut gibt's a Heu, so hat's schon lang keins nimmer geben!« Nur ein junger Bursch, der auf der Straße mit drei anderen Heuern zusammengetroffen war, guckte vergnügt in alle Baumkronen und meinte: »So wie heut haben d' Vögerln noch nie net gsungen!« Er wandte sich an den alten Knecht, der neben ihm ging: »Bist gestern auch bei die Göthinger gwesen?« »Na! Der Schlaf is mir lieber als so Komödisachen. Gflucht hab ich drauf. Z'mittelst in der Nacht haben s' mich aussipfurrt aus 'm besten Schlaf. So an Spitakel hat unser Bäuerin gmacht, weil 's Madl erst um halber zwei in der Fruh heimkommen is. Hat's denn so lang dauert, die Komödi?« »Ja, die hat sich a bißl nauszogen!« sagte der junge Bursch mit heiterem Schmunzeln. »So ebbes Schöns hab ich meiner Lebtag noch net gsehen. Im Griechenland gfallt's mir.« Er lachte. »Da verzähl ich noch amal meine Enkerln davon.« »Narr! Jetzt denkt der an d' Enkerln! Da mußt doch selber erst Kinder haben.« »Dös bleibt mir net aus, mein' ich!« Das Hütl schwingend, jauchzte der Bub in den schönen Morgen. Wie ein Riesenkegel aus blauem Stahl, dem alle Kanten glühend wurden, ragte der Hohe Schein in das Feuer der steigenden Sonne, die das ganze Tal entlang alle Bergspitzen mit Rosenglut überhauchte. War's dieser schöne Morgen, der die Menschen so fröhlich machte? Immer wieder hörte man von irgendwo einen Juhschrei klingen. Keiner von allen klang so hell wie der Jauchzer, der über die Baumkronen des Scheidhofes hinaufkletterte in die Sonne. Die Knechte und Mägde machten verdutzte Augen. »Was hat er denn heut, der Faz?« Sonst war es immer sein Morgenlied, mit einem strengen Wort die schläfrigen Ehhalten aus den Federn zu stampern. Heut lachte er die Knechte an, die eine Stunde verschlafen hatten. Und statt zu schelten, schrie er in seiner Freude wie ein Jochgeier! Zwei Ohren gab es im Scheidhof, die den Jauchzer des Bonifaz nicht gerne zu hören schienen: die Ohren des braven Walperls, das heute schon zu außergewöhnlich früher Stunde in der Küche zu schaffen hatte. Erschrocken drückte das Mädel beim Klang dieses Jauchzers die Hände auf den eigenen Mund. »Jesus! Bub! So halt doch den Schnabel!« Als sie gleich darauf im Haus eine Tür gehen hörte, fuhr sie zusammen. »Da hast es! Jetzt hat er's Fräulen aufgweckt aus'm Schlaf!« An diesem Verbrechen schien sie sich mitschuldig zu fühlen. Statt dem Fräulen wie sonst entgegenzulaufen mit herzlichem Morgengruß, drückte sich das Walperl in den Herdwinkel. Mathild ging zum Schlafzimmer des Vaters und lauschte an der Tür. Alles war still da drinnen. Also schlief der Vater noch. »Gott sei Dank!« In ihrem lichten Kleid, den Strohhut am Arm, trat sie in den Garten hinaus, um die Arbeit des Morgens zu beginnen. Jetzt wagte sich das Walperl aus seinem Schlupf hervor. »Gleich gar nimmer anschauen trau ich mir 's Fräulen!« Sie drückte das brennende Gesicht in die Schürze und brach in Tränen aus – an einem Morgen, dessen Schönheit die anderen so fröhlich stimmte! Zu denen, die dieser Morgen lachen und singen machte, gehörte auch Mathild nicht. Wo war die heitere Frische, mit der sie sonst im Frühlicht eines schönen Tages die Arbeit im Garten begann? Eine schmerzvolle Müdigkeit sprach ihr aus den heißen Augen. Und plötzlich ließ sie die Arbeit wieder ruhen und eilte über die Wiesen zum Weiher hinunter, wie ein Verfolgter die Freiheit seiner Ruhe sucht. Als sie den Stein erreichte, vor dem die Reseden und Levkojen blühten, atmete sie auf. Jetzt war sie nicht mehr allein in ihrer Qual. Sie ließ sich nieder, schmiegte die Wange an den kühlen Fels, und so saß sie regungslos, mit dem Lächeln eines leidenden Kindes, das die Stimme der Mutter hört. Ganz ruhig wurde sie, während sie hinausblickte über den im Morgenschatten träumenden Weiher und hinüber in den blauen Dämmer des Waldes, dessen Wipfel sich der kommenden Sonne entgegenstreckten. Ein halblautes Lachen weckte sie. Die Lies stand vor ihr, mit der schwerbeladenen Kraxe auf dem gebeugten Rücken. »So, so?« sagte die Hirtin statt eines Grußes. »Du mußt kein lustiges Sinnieren net haben!« »Lies!« stammelte Mathild. »Das war nur so, weil ich heut –« »Brauchst mir nix sagen! So a Brocken Stein da droben, wann er sich rührt amal in hundert Jahr, da weiß er, warum. 's Harte und 's Linde, d' Finsternus und 's Licht, alls in der Welt is anandbunden mit eim festen Faderl aus unserm Herrgott seim Spinnradl. Macht er an Zuck am Schnürl, dös geht durch Wasser und Luft, durch Steiner und Leut!« Die Sennin kicherte. »Gelt, hast dich verschaut in den mit die zwei linken Füß? Und is er ebba davontappt auf eim krumpen Weg? Schaut ihm schon gleich, dem! Zwei linke Füß, zwei blinde Augen und a dicks Buch dazu!« »Schweig, Lies!« Mathild erhob sich in Zorn. »Warum sprichst du so abscheulich von ihm? Was hat er dir getan?« »Mir? Nix. Aber d' Neugier plagt mich, wie's dir aussigeht, dein Kunststückl vom ewigen Glück?« Mathild wandte sich schweigend ab und wollte gehen. Die Lies faßte den Arm des Mädchens. »Wirst doch net harb sein auf mich? Der Mensch redt, wie er muß.« Sie stellte die Kraxe nieder. »Komm, hock dich her zu mir! Ich muß dir ebbes verzählen.« Neben dem Stein, zu Füßen einer Buche, setzten sie sich nieder. »Jetzt hab ich a bißl ebbes aussikitzelt! D' Stern sind keine Lichter, d' Stern sind Steiner. Dös hab ich aussibracht.« Mathild schüttelte den Kopf. »Die Sterne sind Sterne. Wem sie leuchten, dem sind sie Trost und Freude.« »D' Stern sind Steiner!« wiederholte die Sennin. »Jetzt hab ich's derpackt. Mit die himmlischen Sterndln is mir's gradso gangen wie mit die irdischen Lichtln. Sooft ich a Fensterl glanzen hab sehen in der Nacht, hab ich mir allweil denkt: da hocken jetzt wieder zwei beinand in der Freud! Bin ich drauf zugangen und hab einigschaut, so hab ich a Kammerl voll Elend gsehen. Und gestern auf d' Nacht, da hock ich vor der Hütten und schau, wie's glanzt da droben, und denk mir allweil: da droben muß 's Glück hausen, weil's auf der Welt kein' Platz hat, und da droben muß alles von Gold sein! Da macht's an Sauser in die Luft, und gahlings fallt a Sterndl abi gegen meiner. Gnau hab ich mir den Platz gmerkt, wo's einigrumpelt is in Almboden. Im Wasen is an Endstrumm Loch gewesen. Ich denk mir schon, jetzt hab ich an Brocken Gold, und fahr eini mit der Hand. Ja, Schnecken! Die Pratzen hab ich mir verbrennt. Und mein Sterndl is a Kohlstein gwesen. Da, schau her!« Sie zog aus der Rocktasche einen faustgroßen schwärzlichen Klumpen und hielt ihn auf der Hand. »Kannst ihn schon anrühren, jetzt brennt er nimmer.« Ohne den Stein zu berühren, betrachtete Mathild den von schwarzen Schlacken umkräuselten Meteoriten. »Das ist kein Stern, Lies, das ist Weltenstaub, der in Sehnsucht umherfliegt. Asche vernichteter Sterne, sagt Papa, und Bausand für neue Sonnen.« »So? Steht dös ebba in dem dicken Buch?« Schweigend blickte Mathild über den Weiher hinaus, in dessen Klarheit sich das zu Gold verwandelte Grün der Wipfel spiegelte. Die Hirtin kratzte mit dem Daumennagel an ihrem »Stern« und roch an ihm. »Nix als Ruß und Kohlstein! Z'erst plagst dich wie a Narr. Und bringst ebbes aussi, so is nix dahinter. Da herunt is alls a Schmarren, und droben is auch nix! Überall 's gleiche! Fahr zum Tuifi!« Mit diesem Segenssprüchlein schleuderte sie den Meteoriten in den Weiher hinaus. Das klatschte, als wäre eine große Forelle aufgesprungen. Mit feuchten Augen betrachtete Mathild die Wellen, die in Ringen auseinander liefen. »Sein dickes Buch. Und mein goldener Stern.« Lies legte den Arm um die Schultern des Mädchens, und ihre rauhe Stimme fand einen zärtlichen Klang: »Ich sag dir ebbes. Vor dreißig Jahr amal, da hab ich ein' gern ghabt, daß ich gmeint hab, d' Seel verbrennt mir. Und heut, wann er im Dorf an mir vorbeischnauft, sag ich: ›Grüß dich, Franzl, gehst holzen?‹ Alls verheilt sich, und Gras wachst über alles. Über an Burgermeister auch, wann er einigraben wird amal. Schau mich an! Was hab denn ich? Aber du! Hast net dein Musigspiel? Hast net dein' Garten? Hast net dös Platzl da? Und daheim dein' Vatern? Was willst denn mehr? Hast eh 's Allerbest!« »Ja, Lies! Ich danke dir!« Mathild erhob sich. »Komm! Ich will heim, zu Papa, und zu meiner Arbeit.« Als die Hirtin das Tragpolster auf ihren Scheitel legte und mit den Armen in die Riemen der Kraxe schlüpfte, klang von der nahen Straße das Gerassel eines Wagens und das Gejodel einer kraftvollen Stimme: »Hinterm Hüttel, hinterm Haus Grasen hundert Hasen, Jeder sucht sich 's Beste aus, Jeder findt sein' Wasen! Guckt der Jager aus'm Haus, Laß di net derschrecken! Huschla, Haserl, hinters Kraut, Huschla. hinter d' Hecken!« Verwundert sperrte die Lies ihre grauen Mausaugen auf. Es war nicht das erstemal, daß sie den Bonifaz singen hörte. Aber wie kam der verstandsame Mensch zu dem dummen Kinderlied? Der Faz! Und jodelt wie ein Hüterbub! »Der tut ja, als hätt ihn der Scheidhofer einigsetzt ins Testament!« Da kam das Walperl gelaufen, atemlos. »Gottlob, Fräulen, daß ich Ihnen derwischt hab! Gschwind kommen S' heim! Der Herr hat so an Wehdam am Knie und kann sich schier nimmer rühren.« »Jesus!« stammelte Mathild und eilte gegen den Scheidhof hinauf. Die Lies mit ihrer schweren Kraxe blieb zurück. Auch dem Walperl gelang es nicht, mit Mathild gleichen Schritt zu halten. Sonst war sie von den Langsamen keine. Doch während sie hinter dem Fräulein herrannte, mußte sie immer hinunterlauschen gegen die Straße, von der das Gejodel des Bonifaz heraufklang. Der brachte eine Ladung Sägblöcke gefahren und knallte, als er am Scheidhofer Tor vorüberlenkte, mit der Peitsche einen ganzen Ländler herunter. Dann schwang er sich auf den Wagen und ließ die Pferde gegen das Dorf traben, als hätten sie nicht schwere Baumblöcke hinter den Strängen, sondern eine leichte Kutsche. Die Pferde dampften, und in der Sonne glitzerte der Schweiß an ihren Hälsen, als Bonifaz in den Hof der Sägmühle fuhr. »No, no, no, pressiert's denn gar so?« rief Bertl, der im Garten war. »Ja!« Bonifaz lachte. »Heut hab ich noch allweil Griechische im Blut.« Unter einem Jauchzer ließ Bonifaz die Peitsche knallen und fuhr zur Mühle hinüber. Nachdenklich guckte Bertl hinter ihm her. »Wenn's den packt hat, soll's mich net packt haben?« Die Hände hinter dem Rücken, nahm er seine sinnierende Promenade zwischen den Blumenbeeten wieder auf. Vor einer langen Rabatte roter Nelken, deren Blüten wie talergroße Blutstropfen zwischen dem Grün der Blätter hingen, blieb er stehen und sah einem Zitronenfalter zu, der von einer Blüte zur anderen gaukelte und aus jeder den Honig sog. »Der hat's gut!« Da hörte er über der Hecke einen leichten Schritt. Das Nannerl war's, mit einem Körbchen am Arm. »Wohin denn?« »Zum Kramer muß ich eini.« Bertl wars einen spähenden Blick zum Haus hinüber. »Wart a bißl!« Er brach von den Feuernelken einen dicken Strauß, den er mit einem langen Grasstengel zusammenband. »Vom Kramer kannst a Sprüngl ins Wirthaus machen. Da fragst nach'm Fräulein Philinerl, gelt! Und gibst ihr dös Sträußl!« Er lachte. »Brauchst net sagen, von wem! Sagst halt: von einem begeisterten Kunstverehrer! Verstehst?« Nannerl nickte. Das Verständnis glänzte ihr aus den Augen. Wie hätte sie nicht begreifen sollen, daß man solche Kunst verehren mußte! Nur die Adresse leuchtete ihr nicht völlig ein. Andere hatten »ihr Sach« doch hundertmal besser gemacht als das Fräulein Philinerl! Nachdenklich verwahrte sie den Strauß in ihrem Körbl und huschte davon. Je näher sie dem Dorfe kam, desto heißer glühte ihr Gesicht. Wie dankbar sie der Sägmüllerin war für diesen Weg zum Krämer! Jetzt konnte sie das frohe Gelübde erfüllen, das sie getan hatte. Das mußte von allen Besorgungen die erste sein. Das Heilige geht allen irdischen Geschäften voran. Bei der alten Hauserin, die dem Kaplan die Wirtschaft führte, gab es geweihte Kerzen zu kaufen. Ehe das Nannerl eintrat, tat es auf Vorsicht einen Blick in den kleinen Geldbeutel. Sechzig Pfennig waren drin, ihr ganzer Reichtum. Während sie nachzählte, bekam sie einen Puff. Der alte Peterl, der von der Haustür kam, hatte sie mit dem Ellbogen aus dem Weg geschoben. Die Haustür war offen geblieben, und im Flur stand Innerebner vor seiner Hauserin, mit einem rosafarbenen Briefchen in der Hand, das er zu öffnen zögerte. »O Jegerl«, dachte das Nannerl beim Anblick dieses müden, bleichen Gesichtes, »der muß krank sein!« Freilich, der Herr Kaplan war schon gestern nicht recht beim Zeug gewesen. Ein gesunder Mensch, dem das Glück eine Reise ins liebe Griechenland und zu den treuen Menschen mit den blauen Mänteln vergönnt, der läuft doch nicht davon, wenn's am schönsten wird! »Und wer den Brief da schickt? Hat er das nicht gesagt?« Die Hauserin erwiderte: »Na, dös hat er net gsagt, der Peterl.« Innerebner machte eine Bewegung, wie um der Hauserin den Brief zurückzugeben. Dann riß er ihn auf und trat in die Stube. »Was willst, Madl?« fragte die Hauserin. »A Kerzl möcht ich haben! Gut gweiht muß's sein! Von die schönsten eins.« Mit frommem Seufzer fügte das Nannerl noch bei: »Für a Verlöbnis brauch ich's.« Die Alte ging dem Mädel in ihre Stube voran. Die sah zur Hälfte aus wie ein unfreundlicher Wohnraum, zur Hälfte wie der Kramladen eines Wallfahrtsortes. In einem Glaskasten standen Gebetbücher; Rosenkränze hingen neben kleinen silbernen Leuchtern; von Heiligenbildern lag ein ganzer Stoß mit dünnen Rähmchen aufgeschichtet, und an Wandbrettern hingen in Reihen die wächsernen Hände und Füße, die wächsernen Engelchen und Wickelkinder. Von dem vielen Wachs war in der Stube ein Geruch wie in einer Totenkammer. Das Nannerl sah nur die Kerzen, die in langer Reihe auf Dornen staken, ganz kleine dünne für ein Zehnerl bis zu den großen dicken für eine Mark. Bescheiden wählte das Nannerl für sechzig Pfennig eine mittelgroße, um die sich ein Rosenkränzl aus Wachs herumwand. Dann flink hinüber in die Kirche. Da war es still. Mit zerflossenen Strahlenbändern glänzte die Sonne durch die verstaubten Fenster herein. In scheuer Andacht trat das Nannerl vor einen Seitenaltar, der ein Bild der Gottesmutter mit dem Kinde trug. An einem Flämmchen, das in rotem Glase zitterte, zündete sie das wächserne Kerzl an und steckte es brennend auf den Verlöbnisleuchter. »Vergeltsgott halt, weil alls so gut nausgangen is im Griechenland!« Dann kniete sie nieder. Während sie die Litanei zur gottseligen Jungfrau betete, gossen die Nelken, die im Körbl waren, eine Wolke süßen Duftes um sie her. Als sie die Kirche verließ, besprengte sie das Gesicht mit Weihwasser. Dann hinüber zum Roten Hirschen. Die Kellnerin machte verdutzte Augen, als das Nannerl nach dem »Komödi-Fräulen« fragte. »Weißt, dös Engerl, dös uns alles ausdeutscht hat.« »Grad wie der Peterl kommen is, sind s' dagwesen alle drei. Aufs Kapellenbergl haben s' auffi wollen. Ich weiß net, sind s' schon davon, oder sind s' noch droben im Komödistadl. Mußt halt auffischauen.« Das Nannerl zögerte mit brennendem Gesicht. Dann stieg es tapfer die steile Treppe hinauf zum griechischen Heiligtum. In dem großen, dusteren Bodenraum sah es ungemütlich und gar nicht griechisch aus. Nannerl hatte nur Augen für die offene Bühne, die im Licht eines Dachfensters lag und noch den grünen, von Rosengirlanden durchzogenen Park und das weiße Tempelchen von gestern zeigte. Auf den Stufen des Tempels saß einer, der heut mit seinem kurzfrisierten bildhübschen Kopf noch schmucker aussah als gestern mit den falschen Locken und im blauen Mantel. Auf den Knien hatte er ein offenes Buch, aus dem er mit geschraubtem Pathos die Werbung des Fabrice aus den »Geschwistern« memorierte: »Soll ich eine lange Rede halten? Soll ich Ihnen hinschütten, was mein Herz so lange bewahrt? Ich liebe Sie, das wissen Sie lange. Ich biete Ihnen meine Hand an. Das vermuteten Sie nicht?« Nein, wirklich, das hätte das Nannerl sich niemals träumen lassen. Noch leidenschaftlicher schraubte Willy Meister seine Stimme: »Ich habe Sie erkoren, mein Haus ist eingerichtet, wollen Sie mein sein?« Das Nannerl fing zu zittern an, und ein heißer Wirbel ging ihr durch Kopf und Blut. »Widerstehen Sie nicht! Sie können kein reineres Band denken! Öffnen Sie Ihr Herz! Ein Wort –« »Jesusmaria!« stammelte das Nannerl. In seiner gefühlvollen Rede verstummend, hob Willy Meister das Gesicht. Auf den ersten Blick sah er im Duster des Bodenraumes nur was Weißes: die schön gebügelte Leinenschürze, die das Nannerl trug. Seine Neugier schien geweckt. Er legte das Buch auf die Tempelstufen, sprang über die Rampe und betrachtete verwundert das junge, schmächtige Ding, das in der einen Hand das Körbl und in der anderen mit Zittern die roten Nelken trug. »Was machst du denn da, du kleines Kerlchen?« Das Nannerl brachte keinen Laut heraus. »Na, Kleine, bist du denn stumm und taub? So sag doch, was du hier –« Er unterbrach sich und guckte. Trotz des Zwielichtes, das wohlmeinend seine grauen Schleier um das Nannerl webte, war dem Schlanken der heilige Glanz dieser großen Kinderaugen aufgefallen. Eine Erinnerung erwachte in ihm. »Du! Komm mal her!« Er zog das Nannerl ins Licht einer offenen Dachluke. »Richtig! Bist du nicht gestern in der ersten Reihe gesessen?« »Vergeltsgott, ja!« Immer aufmerksamer betrachtete Willy das feine, glühende Mädchengesicht. Dann lachte er. »Ihnen scheint ja der alte Herr aus Weimar ganz kolossal gefallen zu haben?« In Gedanken fragte das Nannerl: »Was für an Alten meint er denn?« In dem schönen Stück war kein alter Mann vorgekommen. »Na, sagen Sie doch, hat's Ihnen gefallen?« Weil er so freundlich ihre Wange streichelte, bekam sie Mut. »So viel schön is's gwesen! Und der alls zum Guten hat nausgehn lassen? Gelten S', der seids Ös gwesen?« Der Schlanke machte verdutzte Augen. »Wer soll ich gewesen sein?« »Der treue Phyladexl.« »Weeer?« Ehe Nannerl die Antwort wiederholen konnte, begriff er und schlug ihr lachend den Arm um die Schultern. Das Nannerl erglühte im Gefühl der Ehre, die sie vom treuesten aller Menschen erfuhr. »Gleich hab ich Ihnen wiederkennt, wenn S' Ihnen heut auch d' Haar haben stutzen lassen.« »Wirklich?« Er lachte wieder. »So gut hab ich Ihnen gefallen?« »Wenn eins treu und rechtschaffen is, dös muß eim gefallen!« »Du bist ein reizendes Mädel!« Er rüttelte zärtlich ihre Schulter. »Und weil ich dir so gut gefallen habe, bringst du mir die Nelken da?« In Schreck gedachte sie ihres Auftrages. »Um Gotts willen! Dö Nagerln ghören fürs Fräulen Filamin.« »Oh?« Er zwirbelte sein hübsches Bärtchen. »Das soll wohl heißen: Philine? Das niedliche Philinchen hat also einen Verehrer?« »Ja!« beteuerte das Nannerl gewissenhaft. »Ganz an begeisterten.« »Wer ist denn das?« »Unser Herr hat gsagt, daß ich's net verraten darf.« »Wer ist denn dein Herr?« »Der Herr Ehrenreich in der Sägmühl draußt.« »Also wohnst du in der Sägmühle? Hinter dem Dorf? In der schönen Waldschlucht?« »Gelten S', ja, bei uns is schön!« Er legte ihr freundlich die Hand unter das Kinn. »Wie heißt du denn?« »Nannerl.« »Also, Nannerl, gib her!« Willy Meister nahm ihr die Nelken ab und legte den Strauß auf eine Bank. »Ich will das besorgen. Der genialen Künstlerin darf es nicht verschwiegen bleiben, wie sehr sie gefällt.« Lachend schlang er wieder den Arm um das Nannerl. »Aber sieh mal, du liebes kleines Kerlchen: wenn die feine Philine von ihrem Verehrer einen so schönen Nelkenstrauß bekommt, da solltest du mir auch was schenken als Zeichen deiner Verehrung?« Bei allem Glanz, der in ihren Augen strahlte, lächelte sie verlegen, fast traurig. »Enk tät ich alles geben. Aber haben tu ich halt nix.« »Du hast viel mehr zu verschenken, als du ahnst!« Er preßte sie an sich. »Mar' und Josef!« Erschrocken wollte Nannerl sich auf seinen Armen winden. Während sie sich stammelnd wehrte, bedeckte er ihren Mund mit Küssen. Der Trunk, den er von diesen kindlichen Lippen stahl, machte den Durst seiner Sinne brennen. Diese Glut umflammte das hilflose, unberührte Geschöpf. Dem Nannerl wurde der taumelnde Wille schwach. In Angst und Seligkeit überließ sie sich dieser brennenden Zärtlichkeit. »Ach, du! So süß wie du ist keine!« flüsterte er unter Küssen und Küssen. »Dich will ich! Alles sollst du haben von mir! Sollst meine Freude sein, mein heimliches Glück! Und heute nacht, um zehn Uhr, hörst du, da komm ich und warte auf dich bei der Mühle im Wald.« Er küßte und küßte. »Da mußt du kommen! Du mußt! Ich will es!« Das Nannerl riß sich aus den Armen des treuen Griechenjünglings, raffte verstört das Körbl auf und stürzte zur Tür. Willy Meister, der das Mädel haschen wollte, vertrat den Strauß der duftenden Nelken, der von der Bank auf die Diele gekollert war. Auf der Straße, im Glanz der schönen Sonne, blieb das Nannerl stehen. Sie sah keine Türe, kein Fenster, kein Dach. Alles wirbelte vor ihrem Blick. Mit dem Nannerl ging es, wie es am Theaterabend mit dem häßlichen Wetter gegangen war. Mit Glanz und Schimmer war der wunderbare Goldregen in den grauen Abend gefallen. So schön und leuchtend fiel nach allem Schreck das lachende Glück in dieses sehnsuchtsvolle, junge Leben. Ein Wunder war es! Weil sie für die geweihte Kerze ihr Letztes gegeben, drum hatte ihr die Gottesmutter das Allerbeste geschenkt. Der brävste und schönste aller Menschen, der treue Phyladexl mit dem goldenen Herzen und dem blauen Mantel! Der war dem Nannerl gut! Hat es denn auf der Welt in sechstausend Jahren, so weit der kleine Katechismus zählt, schon einen Menschen gegeben, so reich, wie das Nannerl in dieser Stunde geworden? Am liebsten hätte sie auf der Straße jedem Kind ihr blaues Glück erzählt. Und als der Kaplan über die Straße kam, lief das Nannerl auf ihn zu und küßte ihm die Hand mit dankbarer Andacht. Er war es, der die wächserne Kerze geweiht hatte! Innerebner zog die Hand zurück, als wäre der Kuß dieses Glückskindes für ihn ein Gefühl des Unbehagens. So rasch, daß die Falten seines Talars rauschten, ging er davon. Eine steinerne Blässe lag auf seinem Gesicht, seine Augen brannten wie im Fieber. Jeder Mensch, der ihn grüßte, schien ihm wie eine Qual in den Weg zu springen. Zwischen Ställen und Scheunen bog er in ein enges Gäßchen ein, um aus dem Dorf zu kommen. Über die Wiesen hinüber. Als ihn der Schatten des Waldes umfing, blieb er stehen und starrte den Fußpfad an, der durch den Wald hinaufführte. In seiner Seele schien es zu schreien: »Geh nicht! Dieser Weg ist dein Elend!« Es zog ihn wie mit Ketten. Bei einer Biegung des Weges blickte er in den webenden Zauber des Waldes. Aller Sturm, der ihn erfüllte, wurde ruhiger. Durch die Lücken der Baumkronen sah, wie ein lächelndes Geheimnis, der Himmel mit hundert blauen Augen auf ihn nieder. Die Blätter lispelten ein feines Lied, und duftender Friede umwob die silbergrauen Stämme der Buchen. Eine Amsel schlug. Innerebner preßte die Hand über die Augen. »Das hab ich nie verstanden!« Er konnte sich nicht satt hören an diesem süßen Klang. Als die Amsel verstummte, folgte er wieder dem Weg. Der führte zu einer lichten Höhe, die wie ein Garten der wilden Blumen war. Am Saum des Pfades wucherten hohe Distelstauden, um deren violette Blütenköpfe dichte Schwärme von Perlmutterfaltern ihre gaukelnden Spiele trieben. Und zu Dutzenden saßen sie eng beisammen auf den stachligen Knospen und sonnten ihre Flügel. Sie alle waren Kinder dieses schönen Morgens, die gestern noch in der Puppe geschlummert hatten. Der Durst nach den Süßigkeiten ihres kleinen Lebens war noch nicht erwacht in ihnen. Sie wußten noch von keiner anderen Freude, als in der Sonne sich zu wärmen und bei einem ersten spielenden Flug ihre Schwingen zu versuchen. So unerfahren waren sie, daß sie keine Scheu vor dem Menschen hatten, der ihre gaukelnden Wege kreuzte. Sie flogen ihm gegen die Brust, auf die Schultern, an die Hände, ins Gesicht. Innerebner verscheuchte sie nicht. Er lächelte, als empfände er die junge Torheit dieser geflügelten Sonnenkinder wie eine Zärtlichkeit. Träumerisch rauschte ein Bach, der unsichtbar durch eine tiefe Schlucht sein Wasser hinunterwarf. Und leise pisperten die Meisen am Waldsaum, in dessen Schatten die weißen Mauern einer Kapelle leuchteten. Ruhig, tiefen Glanz in den Augen, als wäre er in diesem blühenden Frieden des Waldes ein anderer geworden, ging Innerebner auf die Kapelle zu und trat in die offene Tür. Ein kühler, dämmriger Raum. Die erblindeten Fenster ließen so wenig Licht herein, als wär' es draußen schon Abend geworden. Wie ein rotes Sternchen flackerte das Ewige Licht vor dem mit Votivgeschenken behängten Altar. Drei alte graue Betstühle, von den Holzwürmern zerfressen. Auf der letzten Bank saß Mariane im weißen Kleid, das Spitzentuch um das schwarze Haar gelegt. Ihre verschlungenen Hände ruhten im Schoß. Wie schön sie war! In dieser stillen, andächtigen Versunkenheit! Trotz aller Ruhe, die Michael Innerebner auf dem blühenden Weg gefunden hatte, schlug ihm nun doch das heiße Blut ins Gesicht. Bei seinem Schritt, der auf den Steinplatten hallte, erwachte sie, sprang erschrocken auf und stürzte an ihm vorüber ins Freie. »Fräulein!« Zwischen den Disteln blieb sie stehen, umgaukelt von den schimmernden Faltern. Schweigend sah er sie an. Da kam sie langsam näher. »Verzeihen Sie! Ich bin eine Närrin. Hier ist kein Beichtstuhl, vor dem ich erschrecken müßte. Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, daß Sie noch kommen würden. Als Sie so plötzlich vor mir standen –« Sie blickte scheu an ihm hinauf. Dann streckte sie ihm rasch die Hand hin. »Ich danke Ihnen, daß Sie kamen!« Ihre Hand nahm er nicht. Aber es war ein weicher Klang in seiner Stimme, als er sagte: »Warum haben Sie mich gerufen?« »Haben Sie das aus meinem Brief nicht herausgelesen?« Er schüttelte den Kopf. »Ich hätte nicht kommen sollen. Aber ich konnte auch nicht daheim bleiben. Seit gestern weiß ich, daß ich Ihnen unrecht getan habe. Ihnen und den anderen!« »Gestern? Da sind Sie doch davongelaufen!« Sie lachte ein wenig. »Aus Empörung über den Heiden Goethe?« »Nein. Aus Schreck und Scham.« »Das versteh ich nicht.« Er hob das Gesicht. »Sie sind nicht die Komödiantin, die ich in Ihnen vermutete. Sie sind eine Künstlerin, die aus Gottes Hand ein kostbares Geschenk empfing.« »Das gottbegnadete Talent! Ein Wort wie ein Pfennig, für den man wenig kauft.« Es zuckte spöttisch um ihren Mund. »Ich habe mir Besseres von Ihnen erwartet.« Ratlos stand er vor ihr. »Was könnte ich Ihnen geben?« »Das Wort, das ich zu hören hoffte.« Jetzt war es wieder der scheue, sanfte Klang, mit dem sie begonnen hatte. »Ein Wort, das mir heraushilft aus dem Sumpf meines Berufes, ein tröstendes Wort für mein Leben, das mir unerträglich wird.« »Um Gottes willen! Fräulein!« stammelte er erschrocken. »Wie können Sie nur so sprechen! Sie! Jung, schön, ein Liebling des Schöpfers!« »Schale! Ich will Ihnen den Kern zeigen, der bitter ist. Und wenn Sie mein Leben kennen, wollen Sie mir dann raten?« »So gut ich es vermag. Obwohl ich nicht weiß, wodurch gerade ich Ihr Zutrauen verdient habe. Ihr Vater, Ihre Mutter –« Sie hob mit wehem Blick die schönen Augen. »Ich bin eine Waise, einsam und schutzlos.« »Ach! Sie haben keinen Menschen, dem Sie vertrauen dürfen? Keinen?« Mariane schüttelte den Kopf. »Ich wäre der erste?« »Ja.« »Warum gerade ich?« »Das weiß ich nicht. Vielleicht, weil Sie streng sind. Und doch auch gut! Das hab ich empfunden, als ich bei Ihnen war. Es war töricht von mir, daß ich mich durch ein Gefühl, vor dem ich selbst erschrak –« Sie unterbrach sich und senkte die Augen. Sein Gesicht brannte. »Nein! Ich bin nicht gut. Ich bin es nie gewesen. Wenn ich jetzt fühle, wie schön das sein muß: Güte haben und Mensch sein – dann hab ich das erst gelernt. Gestern. Von Ihnen!« Sie betrachtete ihn mit einem merkwürdig forschenden Blick. Dann wandte sie sich plötzlich ab. Bei der Kapelle, am Saum des Waldes, stand eine alte Buche, zwischen deren Wurzeln sich die Buckeln des Grundes wie grüne Bänke heraushoben. Sie ging hinüber. Da fiel ihr das Rauschen auf, das aus der Tiefe kam. Nur ein paar Schritte brauchte sie zu gehen, um hinuntersehen zu können in die dunkle Schlucht, zwischen deren steilen Wandstürzen das weiße Wasser brodelte. Sie beugte sich vor und lachte. »Die Bäume in der Sonne. Und da drunten die kalte Tiefe. Nur ein Schritt zwischen Tod und Leben!« Da fühlte sie eine klammernde Hand an ihrem Arm. Und Innerebner stammelte mit blassem Gesicht: »Fräulein! Hier im Schatten ist feuchter Grund. Jeder Schritt ist gefährlich.« Mariane schien nicht gleich zu verstehen. »Ach so! Sie meinen, es könnt ein Unglück geben?« Gleichgültig zuckte sie die Achseln. »Dann hätt ich Ruhe!« In Schreck und Trauer sah er sie an. »Wie undankbar sind Sie gegen den Schöpfer, der Ihnen so vieles gab.« »Dazu ein Leben ohne Glück, ohne Freude!« Sie ließ sich nieder. »Warum stehen Sie? Neben einem Mädchen zu sitzen, das der Schöpfer so reich beschenkte, halten Sie das vielleicht für Sünde?« Er setzte sich an ihre Seite. »Sagen Sie mir alles von Ihrem Leben!« »Was ich zu erklären habe, wird Ihnen nicht gefallen. Sie werden in eine Welt hineinschauen, von deren Häßlichkeiten Sie noch nie gehört haben.« Mariane brach eine Blume, während sie müd zu erzählen begann. Ihre Mutter wäre das Kind armer, aber rechtschaffner Leute gewesen, schon in frühester Jugend von auffallender Schönheit, und von einer Grazie, die jeden bezauberte. Die geborene Tänzerin. Warum soll man nicht werden, wozu man geboren ist? Der Tanz ist auch von den holden Künsten eine. Soll man ein Talent nicht ausbilden, das uns der liebe Gott gegeben? Man kann auch als Tänzerin tugendhaft bleiben. Nur schade, daß es Menschen gibt, die gegen alles, was Unschuld heißt, einen Widerwillen haben. Das sind immer solche, die alle Macht des Lebens besitzen. Dazu das nötige Kleingeld, um sich jede Freude zu kaufen. »Gold! Gold! Geraubte Sonnenträne! Zum Fluch geworden für die Welt!« Nur wahre Tugend überwindet diesen Fluch. Doch wo das Geld nicht siegt, wo alle Verführungskünste versagen, fällt ein junges, reines, unerfahrenes Herz dem eigenen Gefühl zum Opfer. »Du süße, holde Seligkeit der ersten Liebe! Jeder Erdenfleck ein Himmel ohne Grenzen, jede Regung der Seele ein jubelnder Schrei!« Wie bitter das Erwachen, wie qualvoll die Erkenntnis, daß alle Glut des liebenden Herzens verschwendet war an einen Unwürdigen! Und wenn das arme, verlassene Geschöpf die kummervollen Nächte weinend auf seinem Bette sitzt? Was es leidet in solchen Stunden, das weiß nur, wer die Sehnsucht kennt. Und unter dem zuckenden Herzen ein keimendes Leben, schuldlos und doch mit Fluch beladen, ein Kind der Schande. »Entsetzlich!« Mariane grub das Gesicht in die Hände. Wortlos machte Innerebner eine Bewegung, um die Trauernde aufzurichten. Er wagte nicht sie zu berühren. Sie hob das Gesicht. »Wie schön ist die Welt, wie häßlich das Leben! Der Fluch, den eine schwache Stunde geboren, ging seine grausamen Wege. Wie hätten die alten, rechtschaffenen Eltern die Schmach der Tochter überleben können! Wohl drückten sie schützend das Enkelkind an ihre treue Brust. Doch ihre Tage waren gezählt, ihre Herzen gebrochen. Zuerst zog es den guten Großpapa hinunter in die ewige Nacht, dann die liebe Großmama. Und am gleichen Tag, an dem die Schollen polterten auf ihrem Sarg, umklammert das Theater die trauernde Tochter mit den Zangen ihrer Pflicht. Das Herz blutet, aber das geschminkte Gesicht der Tänzerin muß lachen. Sie darf ihr Brot nicht verlieren, um ihres Kindes willen! Das Theater ist ausverkauft, Kopf an Kopf, man staunt und jubelt. Ein herrliches Feenspiel. ›Exzelsior‹! Eine Allegorie des siegenden Lichtes. Rosiges Gewoge füllt die Bühne. Nackte Arme, halb entblößte Brüste. Und die Luft ist bevölkert mit geflügelten Genien, deren Silberkronen im Glanz des elektrischen Lichtes schimmern. Da übertönt ein gellender Schrei die liebliche Musik. Etwas Weißes stürzt aus den Lüften. Eine Flugmaschine hat versagt, und die arme Tänzerin liegt mit zerschmetterten Gliedern auf der Bühne.« Innerebner umklammerte Marianens Hand. »Fräulein! Kann es denn solche Dinge geben in der Welt?« »Solche Dinge läßt der Himmel zu!« Sie lachte grell. »Der schöne blaue Himmel da droben! Mit seinem gütigen, allmächtigen Gott!« Es lag ihm ein Wort auf der Zunge, um dieser Lästerung zu wehren; er brachte es nicht über die Lippen. Mariane entzog ihm ihre Hand. »Ich war ein Kind! Hätt ich mein Unglück ermessen können? Wie verlassen ich war, das ahnte ich nicht. Mutter, Mutter, rief ich immer. Und hatte Hunger!« »Ihr Vater erbarmte sich nicht?« Wieder lachte sie. »Der? Mich kennen? Der hatte seine Millionen verpraßt und eine reiche Frau genommen. Wenn er auf der Straße an mir vorüberfuhr in seiner blitzenden Equipage, deren Schlag sein Wappen mit der neunzackigen Krone trug, dann spritzten die Räder den Straßenkot auf mein reinliches Kleidchen. Aber es gibt noch gute Menschen auf der Welt. Selten sind sie. In unscheinbarem Kittel gehen sie umher. Und wo die Not am höchsten ist, da sind sie am nächsten. Ihr fühlendes Herz ist der Gott des Lebens. Ein braver Theaterarbeiter, der selbst mit Weib und Kindern zu darben hatte, erbarmte sich der verlassenen Waise.« »Gott segne diesen Menschen!« stammelte Innerebner. Mariane hatte sich abgewandt, blickte zum Wald hinüber und spähte über den Weg hinunter, auf dem zu Hunderten die Falter gaukelten. Dann lehnte sie sich an den Stamm der Buche zurück. Und erzählte wieder. »Bei diesem braven Manne hatte das kleine Marianele wieder eine Heimat. Was half ihr der bescheidene, warme Herd? Das Leben des Theaterkindes war dem Theater verfallen, der alte Fluch sollte sich auch an ihr erfüllen, jener Fluch, der aller weiblichen Schönheit anhaftet, wie eine Wespe an der süßen Birne hängt. Als erste Rolle spielte sie den ›lieblichen Knaben‹, dem der eigene Vater den Apfel vom Lockenköpfchen schießt. Sie gefiel, sie hatte Freude am Erfolg, war stolz auf ihren Beruf, begann sich als Künstlerin zu fühlen und dankte dem Himmel, daß es ihr vergönnt war, dem braven Manne, der sein karges Brot mit ihr geteilt hatte, vom silbernen Lohn ihrer Erfolge wieder ein ›Scherflein‹ abtragen zu können. In der Stickluft des Theaters entwickelte sich ihre Schönheit, wie eine Rose im Hauch des Maien gedeiht. Da begann die Gier des Lasters die häßlichen Hände nach ihr zu strecken. Solange der brave Mann noch lebte, der sie mit väterlicher Liebe betreute, war sie sicher an Leib und Seele. Der hätte jeden, der sie zu berühren wagte, mit der eisernen Stange niedergeschlagen. Er starb. Immer sterben die Guten. Die Sünder werden Greise, als hätte das Laster eine konservierende Kraft in sich! Und als der brave Mann ›da drunten‹ lag, fielen die Versuchungen über die Neuverwaiste her wie die Henker über ein Opfer.« Wieder spähte Mariane über den Weg hinunter. Sie schien in Sorge, es könnte jemand kommen und die Beichte ihres Lebens stören, die den jungen Beichtvater, der verstört an ihrer Seite saß, so tief erschütterte, daß ihm jedes Wort versagte. »Wie die Versuchung mich bedrängte! Wie soll ich Ihnen das schildern? Ihnen, dem alles rein und heilig ist! Aus meinen Worten müßte ein Hauch der Verführung hinüberfließen in Ihr keusches Blut, eine lockende Glut der Sünde.« Erschauernd preßte sie das Gesicht an seine Schulter. »Schauspielerin! Das heißt: ein Leib, nach dem alle Hände greifen! Und die Kollegen! Mit unzüchtigen Späßen wird man vorbereitet auf die schwache Stunde, der man zum Opfer fallen soll. Und die Regisseure, die ihre Gnaden austeilen nach dem Maß der Liebenswürdigkeiten, mit denen man sie erwidert! Und der feine Herr Direktor mit seinem Geheimkabinett! Entsetzlich! Und die dramatischen Dichter mit ihren neuen, guten Rollen, die man mit Liebe bezahlen soll! Oft faßte mich die Empörung, daß ich am liebsten nach einem Dolch gegriffen hätte, um ihn solch einem handwerksmäßigen Verführer ins Herz zu stoßen.« »Allmächtiger Gott!« »Ich tat es nicht. Ans Erbarmen mit diesen Erbärmlichen! Das Leben ist alles, was die Lasterhaften haben. Nein, teuerster Freund! Mir! Mir den Dolch! Um ihn ins eigene Herz zu stoßen! Das wäre Tod in Schönheit! In Unschuld! Und Sie, mein Freund, Sie würden weinen um mich!« In Schreck umklammerte Innerebner die Hände des Mädchens, das ganz von Sinnen schien und einen Klang von ergreifender Tragik hatte. »Fräulein! Wie dürfen Sie solche Gedanken haben! Eine Christin! Seien Sie tapfer, Fräulein! Mit allen Reinen ist Gott. Werfen Sie diesen grauenvollen Beruf von sich! Fliehen Sie!« »Fliehen! Wohin?« »Zn redlicher Arbeit, die Sie ernähren wird!« »Arbeit?« Mit schmerzlichem Lächeln sah sie zu ihm auf. »Die Kunst verwöhnt, mein Freund! Ich kann nicht nähen, nicht kochen und stricken, nicht waschen und bügeln. Nur eines kann ich: Komödie spielen und mit Flittern die Dummköpfe täuschen. Oh! Wenn ich einen wüßte, an dessen treue Brust ich mich flüchten könnte! Den hat mich der Himmel noch nicht finden lassen. Und fliehen? Ich bin geflohen! Vor vierzehn Tagen bin ich bei Nacht und Nebel hinaus zum Tor der Residenz. Um nicht betteln zu müssen, hab ich mich dieser reisenden Truppe angeschlossen. Das sind ehrliche Menschen, die an nichts anderes denken als an ihre Kunst. Unter ihnen ist mir wohl. Und in Ihrer Nähe, teuerster Freund, da fällt alle Furcht von mir, und süße Ruhe schleicht mir ins Herz! Aber wie lange kann das dauern? Dann muß ich wieder zurück in diese Hölle, in diese Lust der Sünde!« »Zurück? Nein! Niemals wieder!« »Verträge fesseln mich. Die Macht ist auf Seite dieser Schurken. Die Gerichte werden mich zu finden wissen. Wieder zurück! Dieses grauenvolle Zurück! Einen Dolch, mein Freund! Gib mir einen Dolch und sei barmherzig!« Das war wie ein erstickter Schrei der Verzweiflung. Alle Angst eines bedrängten Lebens glühte in Marianens Augen, während sie hinunterstarrte gegen den Wald, als sollte die Erlösung aus ihrem Elend von dort unten kommen, nicht aus dem erschütterten Jünglingsherzen, das unter dem schwarzen Talar an ihrer Seite hämmerte. »Fräulein! Liebes Fräulein!« In Sorge, die ihn ganz verstörte, legte Innerebner den Arm um ihre Schulter. »Was Sie da sprachen, ist Irrsinn! Sie und sterben! So jung und schön!« »Ein Dolch ist freilich keine Haarnadel!« Da ging es wie ein Blitz der Freude über allen Gram in ihren Zügen. »Und man hat nur ein Leben zu verlieren! Aber auch nur eine Unschuld! Die über alle Gewalt erhaben ist! Aber nicht über alle Verführung!« Ihre Stimme flog in heißer Glut. Immer enger schmiegte sie sich an die Brust des Freundes, dem der Wille zur Rettung dieser verzweifelten Mädchenseele in den Augen brannte. »Gewalt! Wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts! Verführung ist die wahre Gewalt! Ich habe Blut, mein Freund, so jugendliches, so warmes Blut als nur eine! Auch meine Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts, ich bin für nichts gut! Ich kenne das Haus der Grimaldi – das Theater –, es ist ein Haus der Freude! Eine Stunde da, unter den Augen meiner Mutter – die vom Himmel auf mich niederblickte –, und es erhob sich so mancher Tumult in meiner Seele, den die strengsten Übungen der Religion kaum in Wochen bewältigen konnten!« An der Senkung des Weges erschien was Dunkles, das in die Höhe wuchs wie ein dicker schwarzer Pilz. Die hundert Perlmutterfalter bei den Distelstauden gerieten in gaukelnde Aufregung. Wie ein schimmerndes Wölklein war ihr Flug. Innerebner sah das nicht. Er sah nur die Angst der bedrohten Tugend, die in seinen Armen zitterte, so warm und süß, so schön und berauschend! Während er nach Sprache rang, ging ein nervöses Zwinkern über Marianens Lider. Ihre Augen füllten sich mit Wasser. Eng und heiß an den Mann geschmiegt, von dem sie die Rettung erwartete, sah sie mit diesem nassen, flehenden Blick zu ihm auf. »Geben Sie mir, mein Freund, geben Sie mir diesen Dolch! Besser, eine Rose wird gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert! Warum zaudern Sie?« Mit einem Laut der tiefsten Bitterkeit neigte sie das Gesicht zurück. »Auch du ohne Herz! Ehedem gab es wohl einen Freund, der, seine Freundin vor der Schande zu retten, ihr den ersten, den besten Stahl in das Herz senkte, ihr zum zweiten Male das Leben gab! Aber alle solche Taten sind ehedem! Solcher Freunde gibt es keine mehr! Oder doch! Ich sehe eine Sonne des Erbarmens in deinen Augen! Rette mich! Hilf mir! Du Guter, du einzig fühlende Brust unter Larven!« Ein dürstendes Hoffen glühte auf ihren Lippen, und seliges Leuchten war in ihren Augen, von deren schwarzen Wimpern die Tropfen fielen. Der Anblick dieser Tränen stahl ihm den letzten Rest seiner Beherrschung. »Ich will!« Mit Armen, deren Muskeln zu Eisen geworden schienen, preßte er Mariane an sich. »Will dich retten! Dich! Und mich! Den du zu einem Menschen machtest! Zn einem seligen Menschen! Du? Und sterben? Leben sollst du! Mit mir! Alles für dich! Mein Herz und Blut! Alles, was ich bin und habe! Ein neues Leben! Für dich und mich! In Glück und Sonne! Bist du mir gut? Sag mir's, Mariane! Denn sieh, ich liebe dich bis zum Irrsinn!« Im Taumel der Freude, die wie eine Flamme aus seinem Herzen schlug, umklammerte er das geliebte Mädchen, und seine Lippen suchten ihren Mund. Da stieß ihn Mariane mit beiden Fäusten zurück und erhob sich, das Bild einer beleidigten Göttin. »Mein Herr! Was erlauben Sie sich?« Sie lachte. »Brav, Herr Kaplan! Ein schutzloses Mädchen sucht Ihren geistlichen Trost, und Sie antworten wie ein betrunkener Student, der die Kellnerin bei der Schürze erwischt!« Wieder lachte sie. »Tartuffe! Ich hab's ja gewußt, daß die Maske fallen wird. Das soll der Dank für den Schimpf sein, den Sie uns Schauspielern ins Gesicht geworfen, Sie geweihter Priester des Herrn! Und nicht nur ein Heuchler sind Sie, auch ein Dummkopf. Sonst wären Sie auf den billigen Unsinn, den ich Ihnen vorgegaukelt habe, nicht so plump hereingefallen.« Sie wandte sich ab und grüßte liebenswürdig den Pfarrer, der mit erschrockenem Gesicht vom Weg her über die Distelstauden guckte, dicht umwirbelt von den aufgescheuchten Schmetterlingen. »Guten Morgen, Herr Pfarrer!« Rasch ging Mariane zum Wald hinüber, auf dessen Schatten man das Lachen einer glockenschönen Mädchenstimme hörte. Applaudierend tauchte Schwester Aurelia am Waldsaum auf: »Milka! Bravissima! Fein hast du das gemacht!« Philinchen, die niedliche Sünderin, schien über die Komödie, der sie beigewohnt hatte, anderer Meinung zu sein. Der Zorn blitzte aus ihren Augen: »Du! Weißt du, was du bist?« In streitbarer Schneidigkeit trat sie auf Mariane zu. »Ein grausames Luder bist du! Und von euch beiden ist der arme Kerl da drüben nicht der Dumme. Das kannst du mir glauben!« Mariane richtete sich geärgert auf: »Hansi? Du bist wohl verrückt?« »Ich? Nein. Aber du scheinst nicht bei Trost zu sein. Wie kann man einem Menschen so mitspielen?« »Der hat die Lektion verdient!« »Ach was! Tu man nich so! Das bißchen Geschimpf da drunten? Das bringt sein Geschäft mit sich. Daneben ist er aber doch ein Mensch. Und hast du denn nicht gesehen, daß er dich liebt? Wirklich liebt!« »Der?« Mariane lachte mit gereiztem Ton. »Ja, der! Und ein aufrichtiges Gefühl! Wahrhafte Liebe! Hast du denn nicht an dir selbst schon erfahren, wie kostbar und selten das ist? Da fällt so was Schönes mit Zittern vor dir auf die Füße hin. Und zum Dank dafür wirfst du ihm deinen ganzen Kulissendreck ins Gesicht? Schäm dich! Und wenn du wirklich nicht gemerkt hast, was in dem armen Teufel da drüben zittert, dann geh noch ein bißchen in die Schule! Als Schauspielerin muß man Augen haben für das, was in den anderen brennt. Denn das, was nur in dir so'n bißchen glimmert, weißt du, das genügt nicht.« Schwester Aurelia stand mit verdutztem Gesicht. »Aber Kinder!« Da kehrte sich Philinchens Zorn gegen die ruhig Stolze. »Laß mich nur du in Ruhe! Spinnerin, du feine! Wenn ich gewußt hätte, wozu ihr mich da heraufschleppt, wär ich lieber daheim geblieben und hätte mich von meinem Aujust langweilen lassen. Addio, ihr Blüten der Menschheit!« In der Hand den Strohhut, an dem die scharlachroten Bänder flatterten, sprang Philinchen durch den Wald hinunter. Schwester Aurelia zuckte die Achseln. »Das hat sie so. Manchmal muß sie die Pomeranze ihrer schönen Seele ausquetschen. Komm!« Mariane folgte nicht gleich. Sie hatte das Gesicht über die Schulter gewandt, unter den Brauen einen verdrossenen Blick. Das Opfer der grausamen Strafe, die ihr beleidigter Künstlerstolz vollzogen hatte, konnte sie nicht sehen – der hochwürdige Herr Christian Schnerfer hatte einen Rücken, der in seiner Breite wie ein Mantel der christlichen Nächstenliebe wirkte. Über den Hakenstock gebeugt, auf dem Hut ein paar Schmetterlinge, die ihre Flügel sonnten, stand der Pfarrer mit echauffiertem Gesicht vor Innerebner. »Herr Kaplan? Möchten S' net endlich ein Wörtl reden? Und mir die merkwürdige Situation erklären, in der ich Sie da gefunden hab?« Wie versteinert saß der junge Mensch vor dem greisen Priester. »Reden S', Herr Kaplan! Oder studieren S' vielleicht drüber nach, wieso ich grad jetzt daherkomm, ein bißl ungelegen?« Der Pfarrer zog einen zerknüllten Brief heraus. »Vor einem Stündl hat mir der Peterl vom Roten Hirschen das Brieferl da in den Pfarrhof gebracht: wenn ich mich von den moralischen Qualitäten meines Kaplans überzeugen möcht, soll ich um elf Uhr aufs Kapellenbergl kommen. Ich hab zwar sonst für solche Brieferln einen tiefen Papierkorb. Aber daß mich die moralischen Qualitäten meines geistlichen Amtsbruders interessieren, besonders nach unserer letzten Unterredung, das können S' mir nicht verdenken, gelt?« Innerebner hielt das Blatt zwischen den zitternden Händen und versuchte zu lesen. Im Tal begann eine Glocke zu rufen. »Jetzt läuten s' grad. Ich bin also ziemlich pünktlich eingetroffen. Wär mir lieber, ich wär ein halbes Stündl früher gekommen!« Die Strenge des Pfarrers milderte sich um so mehr, je länger er dieses bleiche verstörte Gesicht betrachtete. »Halb und halb versteh ich ja. Mir scheint, das schöne Frauenzimmerl mit ihrem klassischen Köpfl hat ein bisserl Komödi mit Ihnen gespielt, unter dem Titel: Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden. Schön war das nicht von ihr. Und Sie sind drauf reingefallen, gelt? Halb zog sie ihn, halb sank er hin, wie's im Thildele ihrem berühmten Goethe heißt. Aber, Herr Kaplan, wo war denn da jetzt Ihre unerschütterliche Festigkeit, die keine Zugeständnisse macht? Oder soll ich ›Kompromisse‹ sagen?« Mit stöhnendem Laut sprang Innerebner auf und stürzte dem Rand der Schlucht entgegen. »Jesus!« Pfarrer Schnerfer machte einen Sprung, als wäre er um dreißig Jahre jünger geworden. Dicht am Saum der sinkenden Felsen erwischte er den Kaplan bei einer Talarfalte. »Mensch! Was machen S' denn da?« »Mich erlösen! Wie soll ich noch leben!« Mit aller Kraft der Verzweiflung suchte Innerebner sich frei zu ringen. Der hochwürdige Herr Christian Schnerfer ließ nicht aus. Er zog wie ein Fischer, der einen schweren Hecht gefangen. Während sein müdes Alter mit dieser todeslüsternen Jugend rang, stieß er Wort um Wort heraus: »Ich bitt Ihnen, machen S' keine Dummheiten! Was haben S' davon, wenn S' Ihr junges und warmes Leben da nunterschmeißen? Die ewige Verdammnis haben S'!« Aus der Brust des anderen rang sich ein schluchzender Laut, und die Arme fielen ihm schlaff hinunter. Diesen Augenblick benützte der Pfarrer und zog den Überwundenen am Talarflügel hinter sich her, weit weg von der Schlucht, mitten hinaus in die Sonne. Gerade zur rechten Zeit gelang ihm das. Er hatte an beiden Händen den Krampf bekommen. Seine verklammerten Finger konnten den Talar nicht auslassen, auch jetzt nicht, da er es wollte. »Kommen S', Michele! Setzen S' Ihnen her zu mir!« Er warf sich ins blumige Gras, inmitten eines Schimmerwölkleins der aufgeregten Perlmutterfalter. Wie einer, der einen Keulenschlag in den Nacken bekommen, fiel Innerebner auf die Knie und drückte das Gesicht in den Schoß des Pfarrers. Die linke Hand hatte der Hochwürdige freibekommen, mit der rechten machte er noch vergebliche Versuche. »Och, du lieber Herrgott! So tief ist das gegangen bei Ihnen?« Jetzt brachte er auch die andere Hand in die Höhe und begann die gymnastischen Fingerübungen. Mit der Linken, die vom Krampf schon erlöst war, streichelte er dem Schluchzenden das Haar. Dann fingen ihn die Schmetterlinge zu ärgern an, die ihm vor den Augen herumgaukelten und an die Nase fuhren. »Ihr verflixten Viecherln! So laßts mir doch mei' Ruh! Ich bin kein Honigstöckl!« Auch die Sonne begann ihn aus den kahlen Scheitel zu brennen, so daß er sehnsüchtig nach seinem Hut ausguckte, der sich nirgends entdecken ließ. Innerebner wurde ruhiger. Das Gesicht erhob er nicht, als er mit heißem Stammeln das Bekenntnis seiner Qual begann. Ohne Rückhalt gestand er alles: von diesem verzehrenden Feuer, das ihm wider Willen ins Blut gefallen, von der klingenden Schönheit, die seine Seele mit Sehnsucht erfüllt hatte, und von dem schmeichelnden Liebreiz dieses Morgens bis zu der heißen, grausam getäuschten Freude, die ihm Erbarmen, Liebe und Verlangen ins Herz gegossen. Der Pfarrer beugte sich zu ihm nieder. »Das ist heilige Beicht gewesen und soll in meinem Herzen bleiben, still und versiegelt.« Er machte über dem Schluchzenden das Zeichen des Kreuzes. »So, Michele! Und jetzt das Köpfl in die Höh! Da ist nichts, weswegen Sie sich schämen müßten! Ihr Unglück war, daß Sie von Welt und Menschen so wenig gewußt haben wie das Kind vom Sterben. Wär Ihnen nicht alles Menschliche fremd gewesen, so hätt die Natur nicht mit Geißeln zu Ihrem Herzen reden müssen.« Mit zuckenden Armen umklammerte Innerebner den Greis. »Hochwürden! Helfen Sie mir, daß ich ein Mensch werde!« »Michele, das lernt sich von selber.« »Nein! Ich bin ein Tier mit schreienden Sinnen.« »Dann bist du ja doch ein Mensch! Wenn auch erst embryonalisch. Und gelt, Brüderle, von heut an sagen wir Du zueinander. Weißt du, ich freu mich über dich. Denn schau, das hab ich vor dreißig Jahren in einem schönen Mai an mir selber erfahren: eine tiefe Scham und ein großer Schmerz, die uns das sehnsuchtsvolle Herz zerdrücken, sind von allen Priesterweihen die besten.« »Ich? Ein Priester?« Zitternd preßte Innerebner das Gesicht in die Hände. »Ein Meineidiger bin ich. Wie Feuer liegt Gottes Zorn auf mir.« »Ach, du dummer Kerl! Ja, Michele, was den Gott des Zornes anbelangt, da bin ich ein Atheist! Ich glaub nur an einen Gott, der gütig ist. Schau doch ein bißl hinauf!« Zögernd hob Innerebner das entstellte Gesicht. »Gelt, wie lieb da droben alles lacht!« Schweigend saßen sie eine Weile, bis Pfarrer Schnerfer verdrießlich mit beiden Armen zu fuchteln anfing, um die zudringlichen Schmetterlinge zu verjagen. »Da kann man ja nimmer sitzenbleiben! Und 's nackelte Köpfl brotzelt mir schon wie ein Backofen vor lauter Sonn!« Mühselig erhob er sich. In allen Knochen spürte er die »Turnerschmerzen« des Ringkampfes, den er überstanden hatte. »Komm, Michele, ich führ dich heim. Aber z'erst versprich mir in d' Hand, daß du keine Dummheiten machen willst, wenn dir in der nächsten Zeit das Leben ein bißl sauer wird. Und daß du als ehrlicher Mensch treu aushalten wirst bei deiner Pflicht!« Mit beiden Händen umklammerte Innerebner die Hand des Pfarrers. »Das gelob ich.« »So sag ich Amen dazu! Aber wo wird wohl jetzt mein Hut und mein Stecken sein?« Sie suchten. Der Hakenstock lag bei der Buche. Der Hut war verschwunden. Der hatte, als der hochwürdige Herr Christian Schnerfer den Athleten spielte, einen Salto mortale in die Schlucht gemacht. »D' Schwester wird schön mamsen, wenn ich ohne den neuen Hut heimkomm. Den hab ich erst fünf Jahr. Aber besser, es liegt der neue Hut drunt, und du bist bei mir heroben! Gelt, Michele?« Zum Schutz gegen die Sonne band sich der Pfarrer das blaue Taschentuch über die Glatze. Weil beim Knüpfen die Finger schmerzten, dachte er: »Heut wird's schlecht ausschauen mit der Beethovensonat!« Während sie über den Hügel hinunterstiegen, eine Strecke begleitet von dem Schwarm der gaukelnden Schmetterlinge, hielt der Pfarrer die Hand des Kaplans in der seinen. Das lebendige Wölklein, das um sie hergaukelte, wurde immer dünner, je tiefer sie kamen. Endlich verschwand es. Nur auf Innerebners Schulter saß noch einer von den Perlmutterfaltern und sonnte die Flügel. Als die beiden in den kühlen Schatten des Waldes traten, flatterte das Tierchen auf und suchte taumelnden Fluges seine warme Heimat. 17 Unter dem Geläut der Zwölfuhrglocke stand Bonifaz im Pferdestall des Scheidhofes und schirrte die Rosse auf, die den »griechischen Hamur« ihres Lenkers mit heißem Schweiß hatten bezahlen müssen. »He, Faz«, rief eine Magd, »ich hab dir 's Essen einigstellt.« »Z'erst müssen d' Roß ihr Sach kriegen.« Er legte den Pferden das Futter vor, und während er ihnen mit einem Strohbüschel die dampfenden Flanken trocken rieb, erging er sich, ganz im Widerspruch zu seiner schweigsamen Art, in lauten Monologen. »Kreuzteifi noch amal! Net mit eim Nasenspitzl hat s' aussigschaut!« Bei der Einfahrt in den Scheidhof hatte er mit der Peitsche geböllert, daß es einen Toten hätte erwecken können. Und wie ein Habicht nach der Schwalbe späht, hatte er nach jedem Fenster der Villa ausgeguckt. Ohne Resultat. »Die muß heut Stöpseln in die Ohrwascheln haben!« Mit dieser wissenschaftlichen Hypothese suchte er eine Regung zu beschwichtigen, die was Neues in seinem Leben war: die Regung eines bösen Gewissens. Da hörte er plötzlich draußen im Hof eine Stimme rufen: »Bonifaz!« Solch eine Stimme hatte auf zehn Stunden in der Runde nur eine einzige. Kichernd sprang er in die Scheune hinaus, im gleichen Augenblick, als das Walperl zum Türl hereinsurrte. »Jesus, Bub, spann ein und fahr auf Mitterwalchen abi und hol den Dokter auffi!« »Mar' und Josef! Fehlt dir ebbes?« »Mir? Geh, du Narr! Unser Herr is verkrankt, und so viel Sorgen tut sich 's Fräulen. Schier net derwarten hab ich's können, bis d' heimkommst mit die Roß. Jetzt schleun dich aber, gelt! Ich muß wieder ummi –« Augenscheinlich hatte sie noch mehr auf dem Herzen. Doch mit schwerem Seufzer wollte sie zum Türl hinaus. Da erwischte sie der Bonifaz beim Kittel und zog sie in eine dunkle Ecke: »Warum sagst mir denn gar nix?« Wieder ein Seufzer. »Was soll ich denn sagen?« »A Wörtl, a liebs!« Sie schwieg. Und da riß er sie an seine Brust. »Du? Tut's dich ebba reuen?« Das Walperl schmiegte sich fest an ihn und schüttelte den Kopf. »Soll's gehn, wie's mag! Im Leben geht's auch net anders zu als im Immstock: Glück haben, Honig schmecken und z'Grund gehn!« Bonifaz lachte. »Z'Grund gehn? Du und ich? Na, Schatzl, da spreizen wir uns ein! Am Sonntag sag ich dem Scheidhofer auf. Soll er schimpfen. Was kümmert mich der kranke Lapp, wann's um unser Glück hergeht. ›Da spricht das eigne Herz!‹ hat's gestern beim Göthinger gheißen. Ging's um mich allein, so hätt ich ausghalten im Scheidhof auf Biegen und Brechen. Jetzt geht's um dich. Und sorg dich net, Schatzl! Wird sich schon an kleins Pachtgütl finden für uns. Fünfhundert Mark hab ich. Wieviel hast denn du?« »Zweihundertvierzehn Mark und vieravierzg Pfennig. Heut in der Fruh hab ich's zählt.« »Müssen wir halt kleinweis anfangen. Ich rumpel mich schon in d' Höh.« »Da glaub ich dran!« Sie küßte ihn. »Aber jetzt tummel dich mit'm Einschirren. Ich bring dir nacher 's Briefl ummi für'n Dokter. Und fahr drauf zu wie der Tuifi, daß bald wieder da bist, gelt!« Hinter diesen Rat setzte sie noch einen Kuß als festen Punkt und surrte zur Scheune hinaus. Während Bonifaz die Pferde schirrte, trällerte er ein heiteres Lied. Daß er für einen Kranken um den Doktor fahren sollte, daran dachte er nicht. Für ihn war das ein Weg wie jeder andere. Sein Glück und Leben war zu gesund, um Raum zu haben für zweckloses Mitleid. Als die Pferde an der Deichsel des kleinen Wägelchens standen, machte er noch einen Sprung in die Stube, um ein paar Bissen in sich hineinzuwerfen. Der Leib muß auch zusammengehalten werden, nicht nur das Herz. »Sakra, da kunntst ja dersticken!« murrte er, als ihm beim Eintritt in die Stube der schwüle Dunst des geheizten Ofens entgegenschlug, an dessen Kacheln der frierende Scheidhofer die Hände wärmte. Bei der Mahlzeit hörte Bonifaz nur halb auf das boshafte Gestichel des Kranken. Die paar Tropfen Galle, die dieses vertrocknete Leben noch ausspritzte, liefen am Bonifaz ab wie Wasser am Stein. Schließlich sagte er aber doch: »Bauer, heut hast an giftigen Hamur. Bist ebba net zfrieden mit mir?« »Ich? Mit dir? Haben tu ich freilich nix von deiner Schafferei. Aber zfrieden bin ich allweil!« Der Scheidhofer kicherte. »Ob der ander auch so zfrieden sein wird mit dir?« »Was für an andrer?« »Der hinter meiner kommt.« »Den derwart ich nimmer.« Eine bessere Gelegenheit zur Aufsage konnte Bonifaz nicht finden. Warum noch warten bis zum Sonntag? Er wischte den Mund ab und erhob sich. »Gscheider, ich sag dir's gleich. Aufkünden tu ich. Über vier Wochen wird marschiert. Schau dich um an andern Fürknecht um! Fleißige Leut gibt's gnug. Pfüe Gott!« Bonifaz steuerte zur Tür, um dem greinenden Verdruß des Bauern auszukommen. Doch verwundert guckte er über die Schulter, als er das vergnügte Gelächter hörte, das der Kranke beim Ofen aufschlug. So lustig hatte der Scheidhofer nimmer gelacht seit jener Zeit, in der er seine drei Buben und sein Mädel noch hatte. »Recht hast, Faz! Mach dich davon! Dös freut mich. Hab ich nix mehr davon, braucht der ander auch nix haben.« Als Bonifaz draußen war, schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: »Der muß am Verkauf sein! Und freut sich, daß der ander an Schaden hat. War's net um 's Madl, jetzt tät ich bleiben.« Kaum saß er auf dem Kutschbock, da kam das Walperl mit dem Brief für den Doktor gelaufen. Der offene Hofraum war für Zärtlichkeiten kein Ort. Drum begnügte sich das Walperl damit, ihrem Buben glückselig nachzugucken, als er auf dem Wägelchen davonrasselte. Auch in ihr war keine Sorge um den Kranken. Die erste Stunde eines frohen Glückes ist für die Menschen wie ein Treibhaus der Selbstsucht. Beim Zauntor gab's ein Gedränge. Während der Bonifaz hinauskutschierte, wollte ein anderer mit seiner Kutsche herein. In dem behäbigen Herrn erkannte Bonifaz den Notar von Mitterwalchen. Jetzt stimmte die Sache. »Der Scheidhofer verkauft!« Auch das Walperl sah den Gast kommen und erkannte ihn. »Jesses, jetzt macht der Bauer Testament!« Das war ihr Gedanke. Und daß der Scheidhofer den Bonifaz »einisetzen« würde, davon war sie so fest überzeugt wie von der Tatsache, daß da droben am Himmel die Sonne schien! »Verdient hat er's, mein Bub!« Während sie zurücklief in die Villa, schickte sie ein heißes Stoßgebet ins Blaue hinauf, um den lieben Herrgott zu einer ausgiebigen Erleuchtung des Scheidhofers zu veranlassen. Eben wollte sie in der Küche verschwinden, als Walter über die Treppe herunterkam. Bei seinem Anblick schoß dem Walperl ein jäher Schreck in die Glieder. »Mar' und Josef! Herr Dokter! Heut hab ich ganz auf Enker Fruhstuck vergessen! Und jetzt hat mon schon zwölfe glitten!« Ohne ein Wort zu sagen, winkte Walter mit der Hand, als hätte dieses Versäumnis nichts zu bedeuten. Das Walperl ließ sich nicht beschwichtigen. »Ganz elend schauen S' aus! Aber warten S', ich richt gleich a bißl ebbes! Gelt, dös verübeln S' mir net! Heut in der Fruh bin ich rapplet gwesen!« Auf Kosten der Wahrheit machte das Mädel auf dem Wirbel ihres Glücks einen verzeihlichen Purzelbaum zur Sorge hinüber, die in der Villa eingezogen war. »Heut haben wir alle den Kopf verloren, und 's Fräulen is auch ganz ausanand vor lauter Aufregung.« »Fräulein Mathild?« »Ja, weil der Herr über Nacht verkrankt is.« Walter machte eine Bewegung wie ein Erwachender. »Der Herr Forstmeister?« Da kam Mathild aus dem Schlafzimmer des Vaters. »Walperl, schicke von den Scheidhofer-Leuten jemand zum Wirt. Wir brauchen frisches Eis.« Sie verstummte, als sie Walter sah. In ihr bleiches Gesicht grub sich ein so weher Ausdruck, daß Walter erschrocken ihre Hand faßte. »Fräulein! Was ist denn mit Ihrem Vater?« Mathild konnte nicht antworten. Einen verzweifelten Blick in den Augen, sah sie zu ihm auf. Dann befreite sie ihre Haud. In einer Anwandlung von Schwäche gegen die Mauer gelehnt, bedeckte sie das Gesicht mit den Händen. »Fräulein Thilde! Ach du lieber Gott! Nein, nein!« Er nahm sie in seine Arme, wie ein Bruder in sorgender Zärtlichkeit die Schwester umschließt. »Was von gestern auf heute kam, das kann doch nicht gefährlich sein! Nur Ihre Sorge sieht das so, Ihre Liebe! Ich bin überzeugt, es ist was Unbedenkliches. Darf ich hinein zu Ihrem Vater?« Sie wand sich aus seinen Armen und schien ruhiger geworden. »Papa wird sich freuen. Aber lassen Sie ihn nichts von der Sorge merken, die Sie an mir gesehen!« Walter ging zur Tür und pochte. »Herein!« An der Stimme des alten Herrn merkte man nichts von Krankheit. Beim ersten Schritt in diese weiße, heitere Stube war Walters Sorge schon gemildert. Mit leuchtenden Strahlenbändern fiel die Sonne herein und lag wie Silber auf den Gesimsen der offenen Fenster, durch die der Duft von Mathilds Rosen in das Zimmer hauchte. Der alte Herr im Bett zog lachend den grünen Fäustling über die verkrüppelte Hand und streckte sie dem Gaste hin. »Das ist nett, daß Sie kommen. Ich hab mir schon den ganzen Vormittag immer gedacht –« Was er gedacht hatte, verschwieg er und blickte in das Gesicht des anderen. Walter umschloß mit beiden Händen den grünen Fäustling. »Was ist denn mit Ihnen?« »Ach Gott, nichts! Ich muß mir das Knie ein bißl angeschlagen haben. Wann und wo, das weiß ich nicht.« Daß er bei der Nachricht von dem glücklich ausgefallenen Purzelbaum, den das Fritzele in den Mühlbach gemacht, auf Schreck und Freude versucht hatte, mit seinen gelähmten Beinen vom Sofa aufzuspringen, und daß er dabei mit dem Knie gegen das Tischbein gefahren, das war ihm aus der Erinnerung entschwunden. »Das Knie ist ein bißl geschwollen, und manchmal gibt's mir so einen merkwürdigen Stich bis herauf. Na, das wird sich in ein paar Tagen schon wieder machen. Die Geiß, die gute, sorgt sich natürlich. Und je mehr sie's verstecken möchte, desto besser merk ich's. Da müssen Sie mir einen Gefallen tun! Wir plauschen recht lustig, gelt! Damit das Mädel wieder ruhig wird. Flink, Doktor, setzen Sie sich her zu mir, ich hör sie schon!« Nach dem halben Ernst, der in der Stimme des alten Herrn gezittert hatte, schlug er einen heiteren Ton an. »Freilich, Sie sind kein Jäger! Aber das Abenteuer mit dem Fuchs im Brandwald muß ich Ihnen erzählen. Das ist von meinen Jagdgeschichten die drolligste. Da bin ich einmal Fuchspassen gewesen –« Mathild trat in die Stube, und Walter fing zu lachen an, obwohl er die drollige Geschichte noch gar nicht gehört hatte. Und er konnte lachen. Die Art und das Aussehen des Kranken hatte ihn beruhigt. Ein Glanz, wie er dem Forstmeister aus den Augen leuchtete, war nicht das Anzeichen eines ernsten Leidens. Ruhig war Mathild in die Stube getreten. Als sie den Vater so lustig schwatzen hörte, warf sie einen erschrockenen Blick auf ihn. »Also, Doktor, und wie ich so auf dem Baumstock sitze, hör ich plötzlich ein merkwürdiges Gekrabbel. Langsam guck ich mich um. Und da ist der Fuchs hinter mir und wühlt in den Baumstock hinein, aus dem ich sitze! Er hatte da seine Fluchtröhre. Die war ihm unter dem Gewicht meiner zwei Zentner ein bißchen eng geworden. Halb war er schon drin in der Röhre. Und ich, bevor mir noch das Lachen kam, mache flink einen Griff nach seiner Rute! Und hab ihn! Doktor, ich hab ihn! So, bei der Rute! Aber der Fuchs, so flink wie ein Eidechsl, fährt mit dem Gebiß in die Höhe. Da bin ich nicht minder flink gewesen mit dem Loslassen! Und so was von Rennen, wie damals der Fuchs im Brandwald, so was hab ich im Leben nicht wiedergesehen.« Der alte Herr lachte. Bleich stand Mathild neben dem Bett und ließ die beiden zu Ende lachen. Dann sagte sie: »Verzeihen Sie, Herr Doktor, vom Walperl hab ich erfahren, daß Sie heut Ihr Frühstück nicht bekamen.« »Was? Doktor?« Der alte Herr hob sich auf den Kissen. Dabei zog er die Brauen zusammen. »Jetzt kann ich mir denken, warum Sie so katzenjämmerlich aussehen! Geiß! Nur flink! Das Essen muß doch schon fertig sein? Deck den Tisch, laß auftragen! Der Doktor muß was bekommen!« »Nein, Herr Forstmeister, ich danke!« Erschrocken Walter aufgesprungen. »Die paar Schritte bis ins Dorf –« »Was Ihnen einfällt! Wenn ich sehe, wie gut es beiden schmeckt, bekomm ich auch Appetit. Gelt, Sie bleiben?« Schweigend nahm Walter seinen Platz wieder ein. Wie an Ketten zog es ihn, fort von hier, in das Dorf, in die Nähe des Feuers, das ihm den zündenden Funken ins Blut geworfen. Doch er konnte dem Kranken das Nein nicht sagen, zu dem es ihn drängte. »Na also, Mädel! Du siehst doch, er bleibt!« Der alte Herr warf einen prüfenden Blick auf Mathild, die wortlos aus der Stube ging. Als die Tür sich schon geschlossen hatte, sagte der Forstmeister mit Humor: »Dokterl! Wir zwei sind keine so guten Komödianten wie die im Wirtshaus. Das mit unserem Lustigsein haben wir gründlich verpatzt. Die Geiß ist dahintergekommen. Wir wollen's lassen, Doktor! Und wollen sein, wie wir sind. Das wird sie am besten beruhigen. Und nehmen Sie's der Geiß nicht übel, daß sie heut bei aller Sorge auf ihre Hausfrauenpflicht vergessen hat!« Der alte Herr drückte unter tiefem Atemzug die Schultern in das weiße Kissen. »Herr Forstmeister? Haben Sie Schmerzen?« »Schon wieder vorbei. Nur so ruckweise kommt's immer.« Der laue Wind, der um die Fenster spielte, bewegte einen der offenstehenden Flügel ein wenig. Ganz leise klirrte das. »Gel schön ist's draußen?« »Ein wundervoller Tag!« Der alte Herr lächelte ein bißchen. »Schau, jetzt hat er's doch getroffen mit dem Wetter! Einen Tag lang hat's ihm freilich das Gras verregnet. Aber was er naß gemäht hat, führt er trocken unter Dach. Ein Schlaumeier, ein alter!« »Wen meinen Sie?« Ohne zu antworten, richtete der alte Herr die Augen auf Walter. Das war ein Blick, so herzlich und doch voll Sorge, daß es Walter ganz beklommen zumut wurde. Er fühlte, daß diese Augen ihn fragten: »Du? Bist du der, für den ich dich halte?« Allen Ernst dieses Blickes empfand er, und doch verstand er ihn nicht. Mathild trat mit Tischzeug ins Zimmer. Sie wollte den kleinen Tisch vor das Bett des Vaters rücken, und Walter sprang auf, um ihr zu helfen. Immer betrachtete der alte Herr die beiden. Als der Tisch gedeckt war, sagte er ruhig: »Geiß! Ich muß dir was abbitten. Die lustige Dummheit vorhin war gut gemeint, aber deiner nicht würdig. Du bist Blut deiner Mutter. Soll ich krank sein, so bin ich es, soll ich gesund werden, so werd ich es. Ob das eine oder das andere? Was kann uns das anhaben? Was Liebe heißt, bleibt ein ewiges Ding.« Da strich sie dem Vater mit linder Hand die grauen Haarbüschel aus dem Gesicht und küßte ihn auf die Stirne. Und mit großen Augen, betroffen, fast atemlos, sah Walter die beiden an. – Erinnert euch an jenes Schauspiel »Der Traum ein Leben«, an jene Szene, in welcher Rustan inmitten seines irrenden Taumels als ein halb Erwachender die Glocke der Heimat rufen und mahnen hört! – So war es auch in Walter. Als hätte ihm die Glocke einer verlorenen Heimat geklungen. Er trat zum offenen Fenster, um seine Erregung zu verbergen, und blieb da stehen, bis ihn Mathild mit leiser Stimme rief, weil das Walperl aufgetragen hatte. Während sie aßen, blieb er schweigsam. Um so eifriger plauderte der alte Herr, jetzt in einer Laune, deren Heiterkeit nichts Gemachtes hatte. Auch aufs Theater kam er zu reden. »Der Bertl war wie ein Verrückter! Und das Mädel war, ich weiß nicht wie. Aber Sie, Doktor? Von Ihnen hab ich noch kein Wort gehört Wirklich? War es so schön?« Walter suchte nach Worten. Mühsam brachte er's heraus: »Etwas so Schönes hab ich in meinem Leben noch nicht gesehen, habe gar nicht gewußt, daß es so viel Schönheit geben kann –« Er verstummte. Da wurde Mathild plötzlich gesprächig, als möchte sie ihm zu Hilfe kommen. Sie schilderte dem Vater den ganzen Verlauf der Vorstellung. Jeden Schauspieler, Willy Meister ausgenommen, rühmte sie als Künstler. Mit der gleichen Stimme, mit der sie von Philinens Liebreiz und von der sprühenden Glut in der Darstellung des Orest erzählte, sprach sie von der Kunst der Schauspielerin, in deren Händen die Rolle der Iphigenie gelegen. »Du kannst dir nicht denken, Papa, wie schön dieses Mädchen ist! Und eine Stimme hat sie, die mit dem ersten Wort bezwingt. Wenn sie von der Bühne ging, hat sie mir Leib und Seele mitgenommen. Wenn ich ein Mann wäre – dieses Mädchen müßte ich lieben!« »Geiß?« Der alte Herr schien irgend etwas an Mathilds bleicher Begeisterung nicht zu verstehen. Und schien den dankbaren Blick nicht zu begreifen, mit welchem Walter an Mathilds Lippen hing. Da klang von der Veranda die aufgeregte Stimme des Walperls: »Jesusmaria! Fräulein!« Wie aus der Pistole geschossen, kam das Mädel in die Stube gejagt. »Herr Forstmeister! Fräulen! Was ich jetzt bring! Im Scheidhof drüben hockt der Notar. Ich denk mir noch, der Bauer will Testament machen. Aber vor der Haustür hocken d' Ehhalten beinand und stecken die Köpf zamm und sagen mir grad, der Scheidhofer hätt verkauft. Jesses, jesses! Was wird denn da mit uns und mit der Villa?« »Thilde!« Der alte Herr hob sich aus den Kissen »Da mußt du hinüber –« Betroffen verstummte er. Walter war aufgesprungen; ohne ein Wort zu sagen, rannte er aus der Stube. Und hinüber zum Scheidhof. Auf halbem Weg kam ihm der Notar entgegen, lachend, in der Hand einen Akt. »Ich gratuliere! Der Kauf ist perfekt. Eine gute Nachricht kann ich Ihnen auch noch bringen. Weil ich weiß, wie die Bauern fordern, hab ich mich aufs Handeln verlegt und habe noch Zwanzigtausend heruntergedrückt. Für Hundertsechzig hab ich abgeschlossen. Hier ist der rechtskräftige Vertrag und das ersparte Geld.« Mit einer lachenden Verbeugung wollte er Walter den Akt überreichen. Der zog, mit bleichem Gesicht, die Hände zurück, einen ratlosen Blick in den Augen, im zuckenden Herzen den Gedanken: Nun bist du gebunden, an die Scholle, auf der deine Füße stehen, jetzt, da dieses Neue, Brennende in deiner Seele ist, von dem du nicht weißt, wohin es dich rufen, wohin es dich reißen wird! »Herr Doktor?« fragte der Notar verblüfft. Walter fuhr ihn an: »Warum haben Sie mich nicht noch mal gefragt?« Der Notar schien eine andere Aufnahme seiner guten Botschaft erwartet zu haben. »Da muß ich aber doch bitten – ich habe mich strikt an den Auftrag gehalten, den Sie mir neulich in Mitterwalchen gaben: den Verkauf so rasch wie möglich abzuschließen. Heute früh ist das Geld eingetroffen, das Sie durch Ihr Bankhaus an mich überweisen ließen, und da bin ich sofort herausgefahren. Ich war der Meinung, daß ich mir durch die Minderung des Kaufpreises Ihren Dank verdient hätte. Und da bereiten Sie mir einen Empfang, den ich nicht verstehe.« Walter kam zur Besinnung. »Verzeihen Sie! Ich habe meinen Kopf nicht ganz beisammen.« »Ja, Herr Doktor, das seh ich! Wollen Sie jetzt die Güte haben, den Akt zu übernehmen und mir Quittung über den restierenden Betrag auszustellen!« In der Veranda erledigten sie das, und Walters Hand zitterte, als er vom Notar die Feder zur Unterschrift empfing. Wie hatte er sich das vor wenigen Tagen so schön gedacht! In aller Heimlichkeit sollte der Kauf geschlossen werden. Und mit welcher Herzensfreude wollte er den Augenblick genießen, in dem er lachend zu Mathild sagen würde: »Raten Sie, wer Ihr Nachbar ist!« Und wenn sie vor ihm stünde in ihrem frohen Schreck, wollte er ihre Hände fassen: »Jetzt kann Ihnen nichts mehr genommen werden, nicht Ihr Haus, nicht Ihre Rosen, kein Zweig und Blatt im Garten Ihres schönen Lebens! Wir wollen gute Nachbarn sein, und ich will lernen von Ihnen und Ihrem Vater, will ein Bauer werden, ein froher, schaffender Mensch, ein Lachender unter dem Frieden diesem schönen Himmels.« Ihm war zumut, als läge nicht die Spanne weniger Tage, sondern eine Ewigkeit zwischen jenem Gedanken und dieser Stunde. Um sein Herz legte sich etwas Beklemmendes. Ganz das gleiche Gefühl war's, das er in der Stube empfand, als der alte Herr mit Lächeln gesagt hatte: »Was Liebe heißt, bleibt ein ewiges Ding!« Als er unterschrieb, fragte der Notar betroffen: »Herr Doktor? Sind Sie krank?« Walter schüttelte den Kopf. Und das Walperl, das wie versteinert unter der Haustür gestanden, schlug die Hände über ihren Zöpfen zusammen und rannte in die Stube. »Fräulen! Jetzt raten S', wer den Scheidhof kauft hat! Enker Herr Dokter!« Draußen in der Veranda hatte sich Walter vom Notar verabschiedet. Er trat ins Haus und wollte zu seiner Wohnung hinauf. Da hörte er die erregte Stimme des alten Herrn: »Doktor! He! So kommen Sie doch herein!« Walter knickte den Akt zusammen und schob ihn in die Brusttasche. Dann trat er in die Krankenstube. Mathild stand mit blassen Wangen neben dem Bett des Kranken. Der hatte sich in den Kissen aufgerichtet. Das Gesicht brannte ihm vor Freude. »Doktor! Walter! Sie verrückter Philosoph! Sie lieber Kerl, Sie! Ist denn das wahr? Daß Sie den Scheidhof gekauft haben? Und unser Nachbar sind? Und unser – denk nur, Geiß, unser Mietsherr ist er ja auch! Dokterl? Ist denn das wahr? So reden Sie doch ein Wörtl!« Walter nickte. »Wahr ist's! Wahrhaftig! Geiß!« Unter Lachen umklammerte der alte Herr die Hand seines Kindes. »Mädel? Was hast du denn? So lach doch und freu dich! Jetzt bleibt er bei uns. So schau ihn doch an! Unser Hausherr! Gib acht, der wird uns kündigen, wenn du nicht nett bist. Oder meinst du, da ist was gut dafür, daß er uns kündigt?« Mitten in seinem herzlichen Lachen wurde er ernst und kleinlaut. »Doktor? Um Gottes willen! Haben Sie denn so viel Gerstl, daß Sie einen solchen Besitz kaufen können?« »Es hat gereicht!« sagte Walter. »Wie Sie's gemeint haben, weiß ich. Damals auf der Weiherwiese, wie die Welträtsel ins Wasser flogen, da haben Sie das beschlossen. Gelt, ich hab recht? Und verstehe, warum Sie's vor uns verschwiegen haben. Weil es für das Mädel und für mich eine liebe Überraschung geben sollte. Klüger war's aber doch gewesen, Sie hätten sich mit mir besprochen. Ich hab eine Todesangst. Der Scheidhofer, der alte Fuchs, hat Sie doch sicher hereinsausen lassen! Doktor? Haben Sie mehr wie Hundertdreißigtausend bezahlt?« Walter schüttelte den Kopf. »Beruhigen Sie sich! Der Notar hat viel günstiger abgeschlossen.« »Gott sei Lob und Dank!« Der alte Herr atmete erleichtert auf und fiel doch in die Kissen zurück, als wäre seine Kraft zu Ende. »Jetzt kann ich mich erst freuen! Was Sie da gemacht haben, bleibt noch immer ein verrückter Streich. Aber weil Sie nur keinen Schaden haben! Da muß der Scheidhofer zum erstenmal in seinem Leben als anständiger Mensch gehandelt haben.« Während er in Schmerz die Brauen zusammenzog, lachte er vergnügt vor sich hin. Mathild, in Sorge, beugte sich über ihn. »Papa, ich bitte dich, du sollst dich nicht so erregen!« Er strich ihr mit dem grünen Fäustling übers Haar. »Ach, geh doch! Weißt du denn nicht, daß es keine bessere Medizin gibt als Freude?« Lachend schob er sie mit dem Arm beiseite. »Doktor! Jetzt her da zu mir! Sie Wickelkind von einem Bauern! Jetzt werden Sie mit guten Ratschlägen gefatscht. Gott sei Lob und Dank, jetzt kann ich Ihnen noch raten! Helfen muß Ihnen der Bonifaz. An den müssen Sie sich anhängen. Wie der schlechte Schwimmer an den Balken! Oder Sie tauchen hinunter mit dem Scheidhof!« Er nahm den Kopf zwischen die Fäustlinge. »Gott sei Dank, daß der Bonifaz da ist! Der wird ziehen wie ein Roß, wenn es Haber hat. Wie Sie sich stellen müssen mit den Leuten im Dorf, mit dem Gemeinderat, mit dem Bezirksamt, das alles kann ich Ihnen sagen. Na, und mein Bertl ist auch noch da. Und der Sonnweber! Den mach ich Ihnen zum Freund. Den laß ich heut noch holen. Sonst kann ich Ihnen auch noch manchen guten Rat geben. Mit dem, was ich am besten verstehe, fangen wir gleich an. Mit dem Wald. Flink, Mädel! Hol mir den Wirtschaftsplan, den ich damals für den Scheidhofer gemacht habe!« »Papa!« Mathilds Stimme klang erloschen. »Ich bitte dich –« »Ach was! Das ist nicht die Stunde, um an mich zu denken! Geh, liebe Geiß, hol mir das Heft!« Sie warf einen hilfesuchenden Blick auf Walter. Der faßte die Hand des alten Herrn. »Wir wollen das auf einen Tag verschieben, an dem Sie wieder wohl sind. Sie sollen sich um meinetwillen nicht so erregen! Und Fräulein Mathild sorgt sich –« »Das Mädel? Um mich? Gott bewahre! Die weiß doch auch, daß Sie auf ein Schiff gesprungen sind, das Sie nicht steuern können. Und weiß, warum Sie's getan haben. Aus Anhänglichkeit an uns! Und da trauen Sie dem Mädel zu, es soll mir raten: den lassen wir jetzt im Stich, weil dich das Knie ein bißl juckt!« Der alte Herr lachte. »Nein, Dokterl! Da müssen Sie die Thilde noch besser kennenlernen. Gelt, Kind? Jetzt lauf, liebe Geiß, und hol mir das Heft!« Mathild eilte aus der Stube. Und Walter mußte gleich das Walperl rufen und helfen den Tisch abräumen, damit man die Pläne ausbreiten konnte. »So, Kinder«, sagte der alte Herr, als Mathild das Heft brachte, »nun setzt euch her zu mir! Sie, Dokterl, passen mir schön auf! Was ich Ihnen da verzapfe, ist frisches Blut für den Scheidhof. Und du, Mädel, gib mir immer her, was ich brauche. Zuerst den Katasterplan!« Der Plan wurde aufgelegt. Mit Eifer begann der Forstmeister den Verlauf der Waldgrenze zu erörtern und dabei zu zeigen, wie sich der Besitz durch Kauf oder Umtausch günstig arrondieren ließe. Da gab's für ihn eine verdrießliche Störung. Man hatte das frische Eis gebracht, und der alte Herr wollte sich die Minute nicht nehmen lassen, die Mathild verlangte, um den kühlenden Umschlag zu erneuern. Walter bezwang diesen Widerstand, indem er aus der Stube ging und erklärte, nicht früher wiederkommen zu wollen, bevor ihn Mathild nicht zurückriefe. Während er im Duft der Rosen und im Glanz des herrlichen Tages vor der Veranda stand und hinüberblickte zu dem spitz gegiebelten Dache, das jetzt sein eigenes war, kämpfte in seinem Innern ein seltsamer Widerstreit von Gefühlen. In Verwirrung stand er dem »Narrenstreich« gegenüber, den er da gemacht hatte. Seinen Ärger über die Schlauheit, mit der ihn der Scheidhofer beim Verkauf betrogen, überwog noch das Gefühl der Bitterkeit, eine so häßliche Enttäuschung gerade an einem Menschen erleben zu müssen, dem er offen alle Herzlichkeit einer mitfühlenden Seele geboten hatte. Doch neben diesem Quälenden war etwas in seinem Herzen, wie eine warm erkeimende Freude. Er fühlte das und verstand es nicht. Auch kam es ihm nicht zum Bewußtsein, daß noch etwas anderes, Unerklärliches in ihm geschehen war: jener dürstende Aufruhr, der ihm das Blut erfüllt hatte, war still geworden. Als ihn Mathild rief, nahm er die Stufen der Veranda mit einem Sprung. »Sehen Sie nur, Dokterl, wie mich die Thilde hergerichtet hat! Ein Kilo Eis übers Knie, und ein Pfund noch auf den Verstand!« Lachend rückte der alte Herr den weißen Turban zurecht, der seinen grauen Kopf umwand. »Sie meint, ich hätte Fieber. Das ist nur die Freude, die so heiß ist in mir! Und weil ich jetzt um Ihretwillen ein kühles Hirnkastel dringend nötig habe, will ich mir den kalten Turmbau gefallen lassen. Also weiter im Text!« Eine Stunde sprach der alte Herr immer zu. Walter, der anfangs zerstreut war, begann immer aufmerksamer zu lauschen, während ihm der Forstmeister die Beschaffenheit aller Waldbestände des Scheidhofes schilderte und den Plan entwickelte, wie alles zu bessern wäre. Auf die Dauer wurde dem alten Herrn das Sprechen schwer. Mathild, die keinen Blick vom Vater verwandte, sagte plötzlich mit scheuem Flehen: »Papa! Das alles hast du doch aufgeschrieben.. Der Herr Doktor könnte doch –« »Daß er lesen kann, weiß ich. Und Welträtsel sind das keine. Aber alles mündlich Erledigte wirkt überzeugender.« »Dann laß mich vorlesen! Wenn du nur deine Bemerkungen machst, so brauchst du doch nicht so viel zu sprechen.« »Ja, Herr Forstmeister!« fiel Walter ein. »Lassen Sie Fräulein Mathild lesen!« »Na also!« Der alte Herr legte sich in die Kissen zurück, so vorsichtig, als wäre ihm jede Bewegung ein Schmerz. »Fang an, Geiß! Auf Seite zwölf, bei der Aufforstung der Kahlschläge. Das ist das Wichtigste, lieber Doktor! Das ist die Zukunft Ihres Waldes, der Wald Ihrer Kinder und Enkel!« Mathild begann zu lesen. Und Walter dachte: wie stark muß ihr Wille sein, daß sie bei aller Sorge, die in ihren Augen bangt, die Stimme zur Ruhe zwingen kann. Der alte Herr sprach jetzt nicht weniger. Zu jedem Satz, den Mathild las, hatte er ausführliche Bemerkungen zu machen. Lachend sagte er einmal: »Das mit dem Vorlesen war eine famose Idee. Da fällt mir noch immer das Bessere ein.« Und als er merkte, daß Walter alles mit Verständnis erfaßte, kam der alte Herr in so heitere Laune, daß auch in Mathild die quälendste Sorge sich beschwichtigte. Wie klang jetzt ihre Stimme leicht und froh! Das war Ruhe, zu der sie sich nimmer zu zwingen brauchte. Mit einem Laut der Freude sprang sie zum offenen Fenster, als gegen fünf Uhr das Wägelchen, in dem der Doktor kam, vor der Veranda über den Kiesplatz rollte. Das Walperl war schon auf der Lauer gelegen und stand beim Wagen, noch ehe Bonifaz die dampfenden Pferde zum Stehen brachte. Der Doktor, in der Hand eine lederne Tasche, sprang herunter, ein Dreißiger, in Kleidung und Aussehen ein bißchen verbauert, mit einem ernsten und klugen Gesicht. Stumm grüßend ging er auf Mathild zu, die ihm von der Veranda entgegenkam. Während Bonifaz die Pferde zum Scheidhof hinüberführte, ging das Walperl neben ihm her. Um die Erregung loszuwerden, die in ihr brannte, kniff sie den Buben in den Arm. »Du? Weißt es schon, was passiert is?« »Was?« »Der Scheidhofer hat verkauft.« Bonifaz zögerte mit der Antwort. »In Gotts Namen! Soll's ihm graten sein!« »Aber rat, wer den Scheidhof kauft hat?« »Mein Hof bist du. Was geht mich 's ander an?« Im Walperl weckte dieses Wort nicht den Dank, den es verdiente. Beklommen sah sie am Bonifaz hinauf. »Derschrick net, Bub! Der Herr Dokter hat ihn kauft.« »Was?« Bonifaz riß die Augen auf. »Wer?« »Unser Herr Dokter!« »Mar' und Josef! So a Narr!« Der Knecht tat einen schwülen Atemzug. »Der derbarmt mich!« »Gelt, der schwimmt abi mit'm Scheidhof!« »Freilich schwimmt er. A braver Mensch! Aber der weiß ja net, wo d' Nacht aufhört und der Tag anfangt.« »Und so viel gut hat er's gmeint mit uns!« Dem Walperl schoß das Wasser in die Augen. Bonifazius Venantius Gwack fuhr sich mit der Hand hinter die Ohren. »Himmel, Herrgott, Sakra! Jetzt hocken wir schön da!« »Gelt ja!« Warum sie »schön dahockten«, brauchten sie nicht auszusprechen, weil sie alle beide das gleiche dachten. Es gibt Menschen, die sich, wenn sie einen schlechten Schwimmer ins Wasser plumpsen sehen, nicht erst besinnen müssen, ob sie nachspringen sollen. Zwei solche Menschen waren der Bonifaz und das Walperl. »Was meinst, Bub?« fragte das Mädel nach einer sinnierlichen Weile. »Wie machen wir's denn?« »Dös muß ich erst überlegen. Jetzt muß ich d' Ross' in Stall einiführen. Dö schwitzen. Ich kann doch unserm Herrn zum Einstand d' Ross' net verkühlen lassen!« Drüben in der Veranda hatte Mathild dem Doktor alles berichtet, was er wissen mußte. Er nickte. »Gut haben Sie's gemacht, Fräulein! Ich hätt Ihrem Vater nichts Besseres verordnen können.« Mathild atmete erleichtert auf. Dann traten sie in die weiße Stube. »Na, Herr Forstmeister, schnackelt's wieder ein bißl?« fragte der Arzt mit einer Heiterkeit, zu der sich sein ruhiger Ernst beim ersten Schritt in das Krankenzimmer verwandelt hatte. »Aber schlechteres Wetter hätt ich mir zum Kranksein ausgesucht. An einem Tag wie der heutige soll man doch nicht im Bett liegen. Herrgott, ist das eine wunderbare Fahrt gewesen da herauf!« Er grüßte Walter, setzte sich aus Bett, und während er den Puls des Kranken fühlte, schilderte er in munterer Laune die schöne Fahrt. Je länger er plauderte, desto mehr heiterte sich in Mathilds Augen die Sorge auf. »Jetzt müssen Sie mich mit meinem Patienterl ein bißl allein lassen, beim Untersuchen hab ich gern die Ellbogen frei.« Während Mathild dem Vater noch die Kissen bequemer richtete, ging Walter aus der Stube. Auch auf ihn hatte dieses heitere Geplauder wie eine Beruhigung gewirkt – ein Arzt, der eine Gefahr sieht, kann doch nicht von einer schönen Spazierfahrt schwatzen! Ein wohliges Gefühl erfüllte ihn, als er draußen zwischen den blühenden Rosen stand. Jetzt zog es ihn auch zum Scheidhof hinüber. Er wollte unter das Dach treten, das sein eigen geworden. Auch diesen merkwürdigen Fuchs von einem Bauer wollte er sich ansehen. Ob der Forstmeister nicht doch übertrieben hatte? Ein Bauer, der seinen Besitz verkauft, wird doch den Käufer nicht gleich um Fünfzigtausend überfordern! Gibt es schon Menschen, die betrügen, so müssen sie bei ihrem Betrug doch einen Vorteil sehen. Aber der Scheidhofer? Dieser müde Sänger des traurigen Lebensliedes mit dem ewigen Refrain: »Was hab ich davon?« Warum sollte der ihn betrogen haben? An den Bau einer Kirche hat er im Ernst wohl nie gedacht, hat im Leben für keinen Menschen mehr zu sorgen und hat nur noch die paar Groschen nötig für die zehn Bretter seines Sarges. Weshalb sollte der noch betrügen? Freilich, daß er sich vom Notar die Zwanzigtausend hatte abhandeln lassen, das duftete nicht nach redlichem Geschäft. Aber so schlimm, wie der alte Herr geschätzt hatte, kann's doch unmöglich sein. Der sagte: hundertdreißig. Der Notar hatte hundertsechzig bezahlt. Da wird die Ziffer des wirklichen Wertes in der Mitte liegen. Diese Rechnung verflüchtigte in Walter jede letzte Spur von Ärger. Und die Freude, die ihm aus den Augen des alten Herrn entgegengeleuchtet hatte, so warm, so herzlich! Und Mathilds Rosen! Die schöne Lebensruhe dieser beiden! Die Sicherheit, daß Mathild ihr frohes Leben nicht verlernen mußte! Wie kostbar war ihm dieser Gewinn! Er, und betrogen? Nein! Das war ein guter Kauf, den er geschlossen hatte. Als er zum Scheidhof hinüberkam, hörte er den Bonifaz im Stall mit den Pferden reden. Lachend trat er über die Schwelle und sagte: »Grüß Gott, Bonifaz! Wissen Sie schon das Allerneueste?« Der Knecht warf den Strohwisch fort, mit dem er den Hals des Sattelpferdes trocken gerieben, und breitete dem dampfenden Gaul eine Kotze über den Rücken. Dann nahm er den Hut ab und streckte die Hand. »Grüß Gott, Herr Scheidhofer!« Walter lachte. »Gelt, ich hab recht gehabt, als ich sagte: wir zwei werden noch manche Wiese miteinander mähen.« »Jetzt kommt's schon so, ja!« »Sie bleiben bei mir? Gelt, Bonifaz?« »Ja, Herr, da muß einer bleiben.« Ruhig sagte der Knecht das vor sich hin. Und Walter hatte keine Ahnung, was dieses kurze Wort für das Glück und Leben zweier Menschen bedeutete und wieviel opferwillige Redlichkeit da vor ihm stand. Noch immer dachte er an den andern, der ein Betrüger war. Deshalb fragte er: »Bonifaz? Was hätten Sie für den Hof bezahlt?« Lang besann sich der Knecht. »A Liebhaber, der d' Freud mitzahlt, kunnt allweil seine hundertundzwanzg Tausend anlegen. Was a Bauer is, der durft kein' Pfennig mehr geben als hundert Tausend.« Walter schwieg. Dunkel war ihm das Blut in die Stirn gefahren. Ohne ein Wort zu sagen, verließ er den Stall. Leise pfiff der Knecht vor sich hin. »Mar' und Josef! Den hat er einirumpeln lassen. Der Gauner, der alte!« Walter ging auf die Haustür zu. Vor der Schwelle begegnete ihm die Lies, die mit der leeren Kraxe zum Hohen Schein hinauf wollte. Sie sah ihn an und lachte. »Jetzt dürfen S' Ihnen die zwei linken Füß einrichten lassen! Sonst tappen S' abi übern Graben. Und fest müssen S' kitzeln, bis S' aus'm Scheidhof ebbes aussibringen.« Lachend ging sie davon, blieb stehen, drehte das Gesicht und sagte ernst: »Daß bei mir droben mit'm Vieh alls in der Ordnung bleibt, da können S' Ihnen verlassen! Bald aber wieder a Sterndl abifallt für Enk, da passen S' auf, daß 's kein Kohlstein wird! 's Enker war eins gwesen, a Sterndl!« Die Kraxe höher rückend, schritt sie davon. Der gallige Spott, mit dem die Lies begonnen, hatte Walter verletzt. Was sie zum Schluß geredet hatte, erschien ihm sinnlos. Aber ihr Anblick und der Klang ihrer Stimme weckte eine Erinnerung in ihm: das zaubervolle Bild jenes ersten Morgens auf dem Hohen Schein! Als wär' es nicht ein Erinnern, sondern ein Erleben in diesem Augenblick: so leuchtend stand das flammende Wunder des Berges vor ihm – so lieblich schlummerte im Grün der Heidelbeerbüsche dieses junge, schöne, reine Leben! Wie hatte das in seinen Gedanken, in seiner Seele erlöschen können? Und der Hohe Schein? Seit einer Ewigkeit hatte er den nicht mehr gesehen! Und der neue Weg, an dem der Mertl baute, einsam, irgendwo da droben? – Schwarz gähnte vor ihm der leere Flur des Hauses, das jetzt sein eigen war. Erregt und bitter lachte er vor sich hin. Dennoch war ihm alles Widerliche dieser Stunde gemildert durch die Erinnerung, die er der spöttischen Lies verdankte. Er trat in sein Haus. Am Tisch der schwül überheizten Stube saß der Scheidhofer auf der Wandbank, das zerfallene Gesicht getupft von den heißen Flecken der Aufregung, die ihm das Zählen der Banknoten verursacht hatte. Als die Tür geöffnet wurde, strich er den dicken Notenbausch vom Tisch auf die Bank hinunter und setzte sich drauf. Dann legte er die Ellbogen auseinander und nickte dem Eintretenden kichernd zu: »Jetzt haben wir's, gelt! Ös habts den Hof, und ich hab mei' Ruh! Aber lassen wir 's Gschäft in Fried! Was hab ich davon? Kommen S', Herr Dokter! Ös seids mein Evangelist! Jetzt muß ich Enk ebbes fragen!« Walter war zum Tisch getreten und betrachtete schweigend den Kranken. Der fuhr mit dem Ärmel über den Mund. »Da hab ich die ganze Nacht heut drüber nachgesinniert. Es gibt kein' Tuifi, haben S' gsagt. Jetzt glaub ich dran. Und wann's kein' Tuifi net gibt, so kann er meine Buben net gholt haben. Und wann's die ärgsten Lumpen gwesen wären! Von die ganz Guten sind's keine gwesen. Dö haben Sacherln trieben, wo unser Herrgott kei' Freud dran hat. Und an Herrgott gibt's. Dös haben S' gsagt! Und weil er die ewige Güt is, muß er alls verzeihen. Und alle muß er auffifahren lassen in Himmel. Drum muß ich meine Leut im Himmel finden, wann ich auffifahr. Dös haben S' gsagt. Jetzt glaub ich dran.« »So hab ich Ihnen das nicht gesagt!« Walters Stimme zitterte vor Erregung. »Dös haben S' gsagt. Da nimm ich Gift drauf.« »Nein, Scheidhofer! So hab ich das nicht gesagt.« »Ah so?« Der Kranke zwinkerte. »Täten S' ebba jetzt zruckziehen mit Enkere Glaubenssätz? Weil S' den Hof haben? Was?« Mit den Knöcheln der dürren Fäuste pochte er auf den Tisch. »An Herrgott gibt's, der gut is. Halben S' dös gsagt oder net?« »Das hab ich gesagt.« »No also! Und 's ander, dös is mein Konklusi. Wann er alls verzeihen muß, fahrt a jeder auffi in Himmel. Lump oder Christ! Und da hab ich allweil drüber sinniert, was nacher die Tugendhaftigkeit für an Wert hat? Was? Dö hat ja nacher kein'! Und wann ich tu, was S' mir graten haben, und ich mach mit meim Geld a wohltätigs Werk, a Krankenhaus für d' Langentaler?« Lauernde Spannung glimmerte in seinen Augen. »Was hab ich denn da davon?« »Das frohe Bewußtsein, daß Ihr Leben für die Menschen von Nutzen war. Und die Freude an Ihrem guten Werk.« »Ich? Und ebbes nutzen? Wer hat denn mir ebbes gnutzt? A jeder hat mich noch eingseift, wann er der Gscheitere war.« Der Bauer lachte. »Und Freud? Ui Jeses! Was soll denn mich auf der Welt noch freuen? Was hab ich denn nacher davon?« Mit zorniger Schärfe sagte Walter: »Nichts!« »Gelt, ja?« Kichernd grub der Scheidhofer die zittrigen Hände in die Ärmel seiner Pelzjacke. »Gelt, jetzt hab ich dich beim Hakerl! Nix! Dös is alls, was d' weißt! Da weiß der ander noch mehr. Der hat sein' Tuifi, vor dem man sich grausen kunnt. Was hast denn du? Sag mir's, wann d' ebbes weißt! Und wann der ander nix weiß, und du weißt nix? Da bin ja ich noch der einzig Gscheite von alle. Ich weiß, was ich will. Ich weiß, was ich tu! Was kannst denn sagen? Also! Jetzt reden S', Herr Pfarr!« »Ihnen hab ich nichts mehr zu sagen. Aber jetzt sollen Sie mir eine Antwort geben!« Walter trat vor den Bauern hin. »Scheidhofer? Haben Sie je ein Wort von mir gehört, das Ihnen weh getan?« »Na! Allweil haben S' Ihnen so schmalzig anlassen wie 's Pflaster, dös der Dokter streicht.« »Können Sie mir eine Unredlichkeit vorhalten, die ich gegen Sie begangen hätte?« Der Kranke schmunzelte. »Ah na! Ganz ehrlich haben S' Ihnen allweil angschaut. D' Lies hat's auch gsagt: Sö ghören schon zu die Guten! « Recht merkwürdig betonte er dieses letzte Wort. »Mir haben Sie also nichts vorzuwerfen?« »Na! Sö und der Faz, mit enk zwei bin ich zfrieden.« »Dann sagen Sie mir, Scheidhofer, warum Sie mir eine schöne Freude mit Schmutz bewarfen? Warum haben Sie mich betrogen?« Der Bauer schien nicht gleich zu verstehen. Dann funkelten seine Augen. »Ich? Und betrügen? Ah, der is gut! Wann ich söllene Wörtln hör, muß ich gar noch den Avakaten kommen lassen!« »Eine Antwort will ich! Ist der Scheidhof den Kaufpreis wert, den Sie gefordert haben?« Aller Ärger des Kranken schien verflogen. Spöttisch guckte er an Walter hinauf. »Ah so? Freilich, ja, da hab ich schon a bißl auffidruckt. A jeder verlangt so viel, als er kriegt! Wann S' den Scheidhof wieder verkaufen, müssen S' es gradso machen! A bisserl weniger werden S' schon kriegen, als wie S' geben haben. So tappt net leicht einer eini! Es hat net jeder zwei linke Füß – wie s' gsagt hat, d' Lies.« Ohne zu antworten, betrachtete Walter den Bauern. Ans diesem ruhigen Blick schien etwas zu reden, was dem Scheidhofer die Galle aufriegelte. »Du kannst mich anschauen, wie d' magst! Der Gscheiter wie du bin ich allweil. Dös is 's einzig, was mich noch freut auf der Welt. Und meine zwei Stuben laß ich net aus bis zum letzten Schnaufer. Alls muß ich haben, was ausgmacht is: mein' Trunk und mei' Speis, mein Holz für'n Ofen und d' Magd, dö mir alles tut. Dös hab ich verbrieft. Da zwickst mir kein Bröserl net ab! Dös hab ich gsiegelt. Und wann ich net krieg, was mir zusteht, laß ich den Avakaten einrucken. Verstehst mich?« In Walter war alle Erbitterung erloschen. »Adieu, Scheidhofer!« sagte er. Und ging aus der Stube. Bis in den Flur hinaus konnte er noch das hämisch vergnügte Gekicher des Kranken hören. Als er ins Freie trat, sah er den Arzt, der zu einem Stallfenster hineinrief: »Du kannst ausschirren, Bonifaz! Ich muß bleiben.« Walter erschrak. In seinem Herzen zitterte ein Gefühl, das er im Leben noch nie empfunden hatte: tiefste Sorge um einen Menschen, den man liebt. In seiner Bestürzung lief er auf den Doktor zu. »Bleiben? Ist Gefahr?« Es zerdrückte ihm die Stimme. Der Arzt sah ihn an. »Sind Sie mit den Ehrenreichs verwandt?« »Nein, befreundet. Ich wohne hier.« »Darf ich Sie um ein paar Worte bitten?« Sie traten unter den Schatten der Ulmen. Walter stammelte: »Es ist doch was Ernstliches nicht zu befürchten?« »Für den Augenblick kann ich das nicht sagen. Es ist eine Venenentzündung da, und der Entzündungsherd hat sich schon bedenklich ausgebreitet. So was kann wieder zurückgehen und in ein paar Wochen vorbei sein. Ich konnte deshalb das arme liebe Mädel mit leidlichem Gewissen beruhigen. Als Arzt muß ich mir den Buckel salvieren. Das lahme Untergestell des alten Herrn macht mir Sorge. Da steckt nur noch halbe Lebenskraft. Der Heilwille der Natur ist unterbunden. Drum kann eine Katastrophe sehr nahe liegen.« Walter stand so erschrocken, daß er kein Wort herausbrachte. »Es ist mir lieb, daß ich mich mit Ihnen aussprechen konnte, damit doch jemand im Haus von der Gefahr unterrichtet ist. In der Stube hab ich ein bißl gelogen und von einem Dutzend Patienten geschwefelt, die ich in Langental habe. Aber ich bleibe nur, um vor Abend und am Morgen noch mal nachsehen zu können. Jetzt schwindeln Sie halt auch ein bisserl und suchen Sie so ruhig zu scheinen wie möglich! Lassen Sie den alten Herrn nicht viel schwatzen. Er darf sich nicht aufregen. Ich hoffe, daß ich ihn am Abend noch so finde wie jetzt. Aber – wenn sich ein Schüttelfrost einstellt, oder wenn er ein bisserl komisch zu reden anfängt – dann müssen Sie schon nach mir schicken. Ich bleibe im Wirtshaus auf der Lauer. Zu helfen ist dann freilich nichts mehr. Aber ich kann ihm doch die letzten Stunden erleichtern.« Aus Walters Kehle rang sich ein erstickter Laut. »Geht Ihnen das so nah? Freilich, wenn der alte Herr hinüber muß, wird die Welt ärmer um einen Menschen, wie's nicht viele gibt. Der! Und sein Mädel! Und die Mutter! Die haben Sie wohl auch gekannt? Nein? Herr, was für eine Frau ist das gewesen! Ich möcht nur wissen, was sich unser Herrgott denkt, wenn er solche Menschen voneinander reißt? Sterben müssen wir alle. Aber komisch macht er das manchmal. Es gibt doch hundert Lebenskerzln, die für die Katze brennen. Könnt er da nicht ein überflüssiges Stümperl abzwicken und zur Nachhilf auf einen silbernen Leuchter stecken, auf dem ein schönes Licht erlöschen will? Da kenn' ich einen, um den kein Gockel krähen möcht.« Der Blick des Doktors glitt zum Scheidhof hinüber. »Zehn Jahr lang kiefelt ihm der Tod schon an den Knochen. Und der kann noch leben, ich weiß nicht wie lang! Und ein andrer, der für das Leben eine Freud ist wie das Glockenläuten am Sonntag, muß von heut auf morgen hinüber. Warum? Da darf man nicht nachdenken. Oder das bissel Verstand könnt einem draufgehen.« Walter hörte nicht. Über die Fliederbüsche und Rosenbeete, um die der Glanz der schönen Sonne hing wie ein feines Goldnetz, blickte er zur Villa hinüber. Und als der Arzt schon gegangen war, blieb Walter noch immer auf dem gleichen Fleck im Schatten der Ulme stehen. Der Schreck hatte ihn ganz verstört. Wie sollte er in die weiße Stube treten und ruhig scheinen? Wie sollte er dem alten Herrn in die Augen schauen und wissen: du bist ein Sterbender! Wie sollte er vor Mathild hintreten? Mit beiden Fäusten griff er an seine Brust. Er hatte plötzlich ein Gefühl, so schmerzvoll und quälend, als wäre ihm ein eisernen Reif um die Rippen gelegt, der ihm das Herz zerdrückte. Da klang ihre rufende Stimme von der Veranda: »Herr Doktor?« Walter rannte, daß er atemlos zur Haustür kam. »Fräulein!« stammelte er und konnte nicht weitersprechen, weil ihm ihr Anblick die Kehle zuschnürte. Sie hatte den Glanz einer gläubigen Hoffnung in den Augen. »Papa ist ungeduldig nach Ihnen!« sagte sie. »Er fühlt sich auch wohler. Gott sei Dank! Was wir vom Doktor hörten, hat mich sehr beruhigt. Ich will nur schnell in die Küche, Papa muß Eiswasser mit Zitronensaft bekommen.« Ihr helles Kleid war in dem dunkeln Flur wie ein huschendes Licht. Walter streckte, als Mathild verschwunden war, die Arme nach ihr wie in dem brennenden Wunsch, sie zu stützen, sie zu bergen an seiner Brust. Er fühlte, daß sich hinter dem halben Trost, den der Arzt ihm noch gelassen, ein unerbittliches Urteil verbarg. Dennoch klammerten sich seine Gedanken an diese freundliche Lüge. Wie da draußen über Mathilds Rosen das Gold der Sonne herunterfiel aus blauer Höhe, so mußte ein Wunder kommen, um die Lüge in Wahrheit zu verwandeln! Dieses kostbare Leben durfte nicht erlöschen. Mathild in Schmerz und Tränen sehen zu müssen? Dieser Gedanke war ihm unerträglich. Es mußte noch Hilfe geben! Wenn nicht bei Menschen, dann bei Gott! So gläubig wie in diesem Augenblick war er in seinem ganzen Leben nie gewesen, auch nicht als Kind. Es muß doch einer sein, bei dem noch Hilfe ist, wenn aller Menschenwitz versagt. Legenden, wie er sie im Haus des Benefiziaten gehört hatte, und Geschichten von wunderbaren Rettungen schossen ihm durch den Kopf. Warum sollte das nicht möglich sein: durch das Opfer seiner selbst die Rettung eines köstlicheren Lebens zu erkaufen? Lachend hätte er in dieser Stunde den Scheidhof niedergebrannt, hätte sich zum Bettler gemacht, nur um Mathilds Augen eine einzige Träne zu ersparen. Sterben hätte er können, ohne sich zu besinnen, in dieser Stunde noch, mit einem Jauchzer sich hinlegen und sterben! Nur Mathild soll das Lachen nicht verlernen! Nur Mathild soll nicht weinen müssen! Das war in ihm wie ein Wirbel der Verzweiflung. Dann plötzlich befiel ihn etwas Seltsames. Das schmiegte sich lind um seine Gedanken, um sein Herz, um seine Sinne. Ein Gefühl der Ruhe war es. Ruhe, die er nicht verstand! Das war so stark in ihm, so reich! Wie der Glaube an alles Gute! Wie das Vertrauen auf alles Schöne! Wie das Glück! Mathild kam aus der Küche mit dem kühlenden Trunk für den Vater, und Walter sprang in den Flur, um die Tür der weißen Stube für Mathild zu öffnen. »Doktor?« rief der alte Herr aus seinen Kissen. »Wo bleiben Sie denn so lang? Her da zu mir! Jetzt kommt das Wichtigste. Wie Sie die Pflanzen für Ihren jungen Wald erziehen müssen! Das ist die Hauptsache. Ich habe mir schon einen Platz für den Pflanzgarten ausgedacht: auf dem Hohen Schein.« Mathild hatte den Arm unter das Kissen geschoben. »Komm, Vater! Trink!« Er leerte das Glas. »Wie schön das kühlt! Vergeltsgott, liebe Geiß! Jetzt kommen Sie, Doktor –« Walter umschloß mit beiden Händen den grünen Fäustling. »Das mit dem Pflanzgarten wollen wir uns für morgen lassen.« »Nein, das muß ich Ihnen heut noch sagen.« »Also heut am Abend. Jetzt müssen Sie mir einen Wunsch erfüllen.« »Was denn?« »Während uns Fräulein Thilde das vorgelesen hat von der Aufforstung der Kahlschläge, ist der Wunsch in mir erwacht, ich möchte sie einmal etwas lesen hören –« Walter suchte nach Worten. »Ach so?« Der Forstmeister lachte. »Was Schöneres meinen Sie?« »Fräulein Mathild! Ich bitte!« Sie schien die Absicht dieser Bitte zu verstehen, nickte mit stillem Blick und ging zur Tür. Walter sah ihr schweigend nach. Dabei betrachtete ihn der alte Herr so prüfend, wie ein Arzt am Tage der Gefahr in den Zügen eines Kranken zu lesen sucht. »Dokterl, Sie sind ein Duckmäuser! Warum das Mädel jetzt lesen soll, das weiß ich doch. Der mit seinen gescheiten Eulenaugen, der vorhin bei mir war, hat Ihnen wohl aufs Gewissen gebunden, daß ihr mich nicht viel reden lassen sollt?« »Nein, Herr Forstmeister! Der Doktor sagte –« »Keinen Sums, lieber Walter! Bei mir ist das überflüssig. Wenn er meint, daß es notwendig ist, will ich den Schnabel halten. Da brauchen wir uns nicht zu streiten. Geben Sie mir die Hand, Walter!« Draußen im Flur ein Schritt. Und der Forstmeister lachte. »Jetzt weiß ich, was sie bringt. Den Faust!« Mathild trat in die Stube mit einem Buch. »Was bringst du, Geiß?« »Den Faust.« Schmunzelnd drückte sich der alte Herr in die Kissen. »Der Faust, lieber Walter, ist auch eine Lehrstunde. Da kann ich schweigen. Komm, Thilde, setz dich zu mir da her, aufs Bett!« Mühsam rückte er gegen die Wand. »Das Vorspiel im Himmel kannst du überspringen. Das lesen wir als Epilog.« Mathild blätterte und begann zu lesen: »Nacht. In einem hochgewölbten engen gotischen Zimmer Faust, unruhig auf seinem Sessel am Pulte. Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie, Durchaus studiert mit heißem Bemühn –« Lächelnd guckte der alte Herr zu Walter hinüber, dessen Blick an Mathilds Lippen hing. Sie las mit ruhiger Stimme, einfach, die eine und andere Stelle kaum merklich betonend. Was auf ihren Lippen war, das fühlte sie mit, und die Worte des Dichters bekamen warmes Leben, eine wirkende Kraft. Den Duft der Blumen tragend, wehte die Frische des nahenden Abends in die weiße Stube herein. Leis bewegten sich die offenen Fensterflügel, und die weißen Gardinen wölbten unter dem sanften Hauch ihre Falten auseinander. »Er schlägt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmus. Oh, welche Wonne fließt in diesem Blick Auf einmal mir durch alle meine Sinnen! Ich fühle junges, heil'ges Lebensglück Neuglühend mir durch Nerv' und Adern rinnen. War es ein Gott, der diese Zeilen schrieb, Die mir das innre Toben stillen, Das arme Herz mit Freude füllen Und mit geheimnisvollem Trieb Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?« Walters Wangen brannten. »Bitte! Lesen Sie mir das noch einmal! Wie wunderbar schön ist das!« Schweigend legte der alte Herr die zitternde Hand auf den Schoß seiner Tochter. Und Mathild. über das Buch sich niederbeugend, wiederholte die Verse. Ein leises Beben war in ihrer Stimme und verstärkte sich, als sie zu der Stelle kam: »Ihr Quellen alles Lebens, An denen Himmel und Erde hängt, Dahin die welke Brust sich drängt – Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht' ich so vergebens?« Man hörte heiteres Singen von der Straße herauf, das Rollen eines schweren Gespanns und einen Jauchzer. Da lag wohl ein verliebtes Pärchen auf dem Wagen ausgestreckt, der die Ernte des schönen Tages in die Scheuer brachte. Mathild stockte und sah über die leuchtenden Fenster hin. »Fräulein?« stammelte Walter. »Ermüdet Sie das Lesen?« Sie schüttelte den Kopf. Und las. Alle Erregung, die in ihrer Seele war, durchzitterte das Wort des Dichters und gab der Szene des Erdgeistes eine so erschütternde Wirkung, daß Walter beklommen lauschte, mit hämmerndem Herzen. Erst bei Wagners Auftritt fand Mathilde die Ruhe ihrer Stimme wieder. Als sie die Szene des »trockenen Schleichers« gelesen und den Monolog begonnen hatte, der in Faust den Gedanken der Selbstvernichtung reift, verstummte sie plötzlich, sah erschrocken auf das Buch und sagte tonlos: »Es ist dunkel geworden.« »Aber Geiß! Ist ja noch schönster Tag! Und du mit deinen gesunden Augen! Das mußt du noch zu Ende lesen, bis zum Ostermorgen. So im Halben darfst du nicht aufhören. Du mußt den Dichter nach allem Kampf auch das jubelnde Wort noch sagen lassen, zu dem er kommen will. Lies nur, Kind! ›Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen!‹« Mathild beugte sich über das Buch. »Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen! Hab' ich die Kraft dich anzuziehn besessen, So hatt' ich dich zu halten keine Kraft! In jenem sel'gen Augenblicke Ich fühlte mich so klein, so groß; Du stießest grausam mich zurücke, Ins ungewisse Menschenlos! Wer lehret mich? Was soll ich meiden? Soll ich gehorchen jenem Drang? Ach, unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden, Sie hemmen unsres Lebens Gang!« Walter hatte eine Bewegung gemacht. In seinen Augen war es wie heißer Schreck. »Dem Herrlichsten, was auch der Geist empfangen, Drängt immer fremd und fremder Stoff sich an –« Dieser Klang der Wehmut schwand nicht mehr aus Mathilds Stimme. Ihre eigne Seele schien berührt von der Todessehnsucht, die in Faust erwacht und die ihn dürstend nach der erlösenden Schale greifen läßt. »Ins hohe Meer werd' ich hinausgewiesen, Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen, Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. Ein Feuerwagen schwebt auf leichten Schwingen, An mich heran –« Es hatte schon gedämmert in der Stube. Nun hellten sich alle Wände auf, und leuchtender Glutschein wuchs um die Fenster her. »Den ich bereitet, den ich wähle, Der letzte Trunk sei nun, mit ganzer Seele, Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht!« Von den dreien, die in der Stube waren, achtete keines auf den Glanz, der draußen in den Abend fiel. Und Mathild las: »Er setzt die Schale an den Mund. Glockenklang und Chorgesang. Stimmen der Engel. Christ ist erstanden! Freude dem Sterblichen, Den die verderblichen Schleichenden, erblichen, Mängel umwanden!« »Doktor!« Der alte Herr umklammerte Walters Hand. »Ist das wahr, daß Sie das noch nie gelesen, noch nie auf der Bühne gesehen haben?« Walter schüttelte stumm den Kopf. Es war in ihm ein Sturm von Gefühlen, daß ihm das Wort versagte. »Noch nie gesehen? Dann können Sie das nicht empfinden, so groß, wie es ist. Die lesende Stimme allein kann das nicht machen. Das Bild des Lebens muß dabei sein, der wirkliche Klang, dieses tiefe Hallen, die jubelnden Erlösungsstimmen. Wie das wirkt, Doktor – wenn Faust die Schale mit dem Gift schon an die Lippen setzt, um allen Wert seines Lebens und sich selbst zu vernichten, und da tönen die Glocken, weckend und mahnend, die jubelnden Engelstimmen rauschen ihm in die lauschende Seele, und die Sonnenflut seines Ostermorgens leuchtet durch die verstaubten Fenster seiner Gelehrtenstube, leuchtet ihm hinein ins Leben, ins tiefste Herz, und führt ihn beim Hall der Glocken zurück in das schöne Dasein! Lies das, Kind! Und das mußt du lesen mit aller Inbrunst deines gläubigen Herzens!« Mathild atmete tief. Und las: »Sonst stürzte sich der Himmelsliebe Kuß Aus mich herab in ernster Sabbatstille; Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle, Und ein Gebet war brünstiger Genuß; Ein unbegreiflich holdes Sehnen Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn, Und unter tausend heißen Tränen Fühlt' ich mir eine Welt entstehn. Das Lied verkündete der Jugend muntre Spiele, Der Frühlingsfeier freies Glück! Erinnerung hält mich nun mit kindlichem Gefühle Vom letzten, ernsten Schritt zurück. O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder! Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!« Mit zitternden Händen legte Mathild das Buch in den Schoß, und Walter richtete sich auf wie ein Erwachender. Da hob sich der alte Herr aus den Kissen. »Die Fenster! Kinder! Seht doch die Fenster an!« Da draußen schien alles zu brennen, die Erde, das Laub, der Wald, die Berge, der Himmel. »Das müßt ihr euch ansehen! Das muß ein Abend sein, so herrlich wie noch keiner gewesen!« »Fräulein!« stammelte Walter. »Wir wollen das sehen, wir beide!« Mathild umklammerte die Hand ihres Vaters. »Ich will bei dir bleiben.« »Nein, Kind! Du und Walter! Das müßt ihr euch ansehen! Nach allem Sturm und Regen von gestern muß das so schön sein, wie ihr's vielleicht im ganzen Leben nicht wieder seht! Und Sie, lieber Walter –« Der alte Herr lachte. »Das ist der richtige Abend für Sie, zum frohen Einstand in den Scheidhof. Kind, da mußt du mitgehen! Tu's mir zuliebe! Wenn du mich nicht allein lassen willst, so ruf das Walperl! Doktor, bitte –« Walter war schon bei der Tür: »Walperl! Schnell!« Das Mädel, das vor der Veranda gestanden, kam gelaufen. »Herrgott, so an Abend hab ich noch nie kein' gsehen!« »Hört ihr's, Kinder! So geht doch! Geht!« Schweigend traten die beiden hinaus in die brennende Dämmerung. Als ihre Schritte verklangen, rief der alte Herr mit müdem Geflüster das Mädel zu sich. »Hinüber! In die Wohnstub! Und bring mir das Bildl, das über dem Sofa hängt.« Das Mädel rannte und brachte ihm das kleine, verblaßte Bild. Zwischen den verkrüppelten Händen hielt er es vor sich hin, gegen den roten Glanz gewendet, schob es unter die Kissen und ließ sich wohlig zurückfallen. »Mädel! Schau ein bißl – ob du die Kinder siehst!« Das Walperl sprang zum Fenster. »Herrgott, is dös an Abend! Freilich, aus so a Nacht auffi hat ebbes kommen müssen, ganz ebbes Schöns!« »Siehst du die Kinder?« »Ja, da drent bei die Rosenbäuml, gleich hinterm Brunnen. Dös is schon 's richtige Platzl für so zwei! Ganz fuirig schauen s' aus. Und d' Welt is narrisch worden. Ferm brennen tut alles.« Der feine Kies, der vor dem Fenster den freien Platz bedeckte, war anzusehen, als hätte man die Erde besät mit funkelnden Granatsplittern. Die Rosenbäumchen, der plaudernde Brunnen, die Fliederbüsche, das Laub der Ulmen, alles war verwandelt in Glut. Das rote Dach des Scheidhofes hatte flimmernde Ränder, der Bergwald war versunken unter purpurnem Glanz, und der Himmel erschien wie eine riesenhafte, brennende Halle, aus der die Feuerflocken herunterfielen – oder waren das glühende Rosen? – oder kleine Wolken, die im Entstehen zu Flammen wurden? Walter, wie ein Trunkener, umklammerte Mathilds Hand. »Wir müssen auf die Wiese hinaus! Da sehen wir den Hohen Schein!« Sie wollte nicht folgen. Er zog sie an der Hand mit sich fort. Und als sie zur Wiese kamen, ging's noch wie eine Feuerwelle über die abgemähten Gräser hin: der letzte Flammenstrahl der Sonne, die in der westlichen Ferne hinuntertauchte hinter schwarze Wälder. Ihr Schwinden nahm dem Himmel keinen Schimmer seines Glanzes. Nur über die Sohle des Tales goß sich eine stahlblaue Schattenwoge, noch leuchtend, auch wo sie dunkelte. Wie Rauch, durch den die Gluten scheinen, schlang sich die warme Dämmerung um die Stämme der Bäume, um ihre Kronen. Gleich blauen Schleiern schwebten die Rätsel der kommenden Nacht hinauf in den purpurnen Glanz, der um den Bergwald träumte. Auf beiden Seiten des Tales senkten sich schwarze Klüfte in die steinernen Wände; alle Rippen und Grate der Berge fingen im tiefsten Scharlach zu glühen an; immer dunkler wurden die Wälder, immer blauer das Tal; doch gegen Osten stand in lachender Helle der Hohe Schein, so klar, so tagrein, so leuchtend schön, wie andere Berge nur sein können, wenn nach sternhellen Nächten ein strahlender Morgen kommt. Wortlos streckte Walter die Arme nach der Schönheit, die in der Ferne glänzte. Ihm war sie nicht fern, in seiner Seele war sie, in seinem Leben! Und hoch im glühenden Wald da droben der feine, silberschimmernde Streif? »Mein Weg! Mein neuer Weg!« Das war ein Wort wie ein Jauchzer. Nun ein Erlöschen seiner Stimme: »Mathild?« Sie schien den zärtlich stammelnden Laut nicht zu hören. In Schauen versunken, saß sie auf einem Baumstock, das ernste, von der Glut des Abends überhauchte Gesicht nach dem Hohen Schein gewendet, die verschlungenen Hände im Schoß. In Walters Erinnerung klang jenes Wort des alten Herrn: »Wenn sie am Abend im Garten saß, mit den müden Händen im Schoß, und still hinaufschaute zum Hohen Schein in seiner Glut, dann hab ich immer gewußt: sie betet!« Auch Mathild betete. Er wußte auch, für wen sie zu ihrem schönen, guten Gotte sprach. Und da hatte er nicht den Mut, zu ihr zu reden. Ohne sich zu regen, stand er an ihrer Seite. Und hätte sich doch am liebsten vor ihr niedergeworfen: »Du bist mir das Beste, das Herrlichste des Lebens! Du bist mein Tag, meine Ewigkeit, meine Liebe, mein Glück!« Jener Irrsinn, der ihm ins Blut gefallen, war erloschen. Als wäre das nie gewesen. Kein Gedanke der Reue quälte ihn. Der willenlose Rausch einer Stunde, ein Irrtum seiner Sehnsucht? Das zählte nicht. Immer war die rechte Liebe in ihm gewesen, seit jener schimmernden Morgenstunde auf dem Hohen Schein, seit jenem ersten Abend, der ihm mit Glanz und Glut den Weiser seines Glückes ins Leben stellte, wie da draußen im purpurnen Dämmerrätsel das leuchtende Wunder dieses Berges stand! Was hatte sein Herz verbrochen? Nichts! Nur seine zwei linken Füße! Die hatten den Weg verloren. Und seine buchmüden Augen! Die sind blind gewesen eine Stunde. Ein Wunder, aus Schreck und Sorge geboren, hat sie sehend gemacht. Und da steht sein Glück vor ihm, noch schöner als aller Glanz dieses Abends! Vor seinen Füßen liegt der neue, reinliche Weg! Ein lachendes, arbeitsfrohes Leben! Und was er unter den Sohlen fühlt, das ist sein Grund und Boden, seine Ernte, seine Heimat, die Stätte seiner Arbeit, die Wohnstatt seines Glückes, sein kleines Königreich – das beste Gut der Welt! Er hätte jauchzen mögen in dieser glühenden Stunde. Dennoch stand er schweigend, alle Zärtlichkeit seiner Liebe nur in den Augen, die an Mathilds schimmernder Wange hingen. Jetzt wußte er, welch ein Gefühl das ist: wenn in der Seele eines Mannes das Bild der Geliebten ruht, wie im Dämmerglanz eines schönen Abends die Welt um ihn her und der leuchtende Himmel! Wie lang dieses Brennen und Glänzen währte! Als schon die eisengrauen Nebel hindampften über das tiefere Tal und die Grillen ihr Lied begannen, stand vor der Nacht, die aus blauen Schwingen heraufstieg aus der östlichen Tiefe, noch immer der Hohe Schein mit der leuchtenden Fackel seiner Zinne. Unter den Ulmen, die am Saum der Wiese standen, glühte ein blaues Fünklein auf, das in Sehnsucht gaukelte. Im Dorf begannen sie den Abendgruß zu läuten. Mathild deckte die Hände über die Augen. Da beugte sich Walter zu ihr nieder und wollte sprechen. Erschrocken sprang sie auf. »Der Vater!« Und eilte über die Wiese dem Haus entgegen. Ratlos stand er und sah sie im Dämmerlicht verschwinden. Der angstvolle Blick, den er in ihren Augen gesehen, war das nur Sorge um den Vater? Nach aller Freude durchzitterte ihn plötzlich ein Gefühl der Unruh, ein Bangen um sein Glück. Er wehrte das von sich ab. War die Angst in Mathilds Augen nicht begründet? Kannte er denn die Gefahr nicht, die in der weißen Stube über einem kostbaren Leben schwebte? Wie hatte er dieser Gefahr vergessen, seines eigenen Glückes denken können? Als er in den Flur trat, kam das Walperl aus der weißen Stube. »Stad, Herr Dokter! Schlafen tut er, und der Schlaf is ebbes Guts für kranke Leut.« Auf den Fußspitzen trat Walter in die Stube. Die Fenster waren geschlossen, doch der letzte Rotschein des Himmels strahlte noch in den dämmergrauen Raum. »Er schläft ganz ruhig!« Mathild zündete lautlos auf dem Tisch eine kleine Lampe an und stellte ein Buch – den »Faust« – als Blende vor das Licht. Da bewegte sich der Kranke und tastete mit suchender Hand. Mathild beugte sich über ihn. »Vater, willst du was?« »Du!« Er atmete erleichtert auf. »Gelt, nein, das ist nicht wahr?« »Was, Papa?« »Daß der Bertl den schwarzen Hasen geschossen hat?« Mathild erschrak, und Walter trat mit raschem Schritt an ihre Seite. »Gelt, nein, Kinder? Das ist nicht wahr? Die Hasen sind doch alle grau.« Ganz ruhig sprach er, einen Sorgenblick in den weitgeöffneten Augen. »Wenn der liebe Herrgott ein einzigs Mal einen schwarzen macht – es weiß kein Mensch warum – aber so was Merkwürdiges läßt man doch leben. Das bringt man doch nicht um. Das kann doch der Bertl nicht getan haben.« »Nein, Herr Forstmeister!« sagte Walter. »So was tut Ihr Sohn nicht.« »Gott sei Dank! Ich hab mir's aber gleich gedacht, daß der Sonnweber lügt. So ein braver Mensch! Und da lügt er mich auf einmal an wie ein erbärmlicher Lump. Aber weil's nur der Bertl nicht getan hat! Gott sei Dank!« Unter leisem Lachen schloß er die Augen wieder und atmete ruhig. Verzweifelt sah Mathild zu Walter auf. Er nahm ihre Hand. Seine Stimme klang so herzlich, wie Mathild sie nie gehört hatte: »Keine Sorge! Papa hat nur geträumt und aus seinem Traum heraus geredet. Sehen Sie nur, wie gut er schläft!« Sie ließ sich beruhigen. Nach einer Weile ging Walter auf den Fußspitzen aus der Stube. »Ich hole nur einen Schirm für die Lampe.« Achtsam schloß er die Tür. Und sprang in die Küche. »Walperl! Lauf, was du laufen kannst! Und hol den Doktor! Er ist im Dorf, im Roten Hirschen!« »Jesus!« stammelte das Mädel in Schreck und rannte davon. 18 Den ganzen Nachmittag hatte der Pfarrer im Kaplanhause zugebracht. Als der Abend so schön wurde, sagte er: »Komm, Michele! Heut zündet unser lieber Herrgott ein feines Kerzl an. Das müssen wir brennen sehen!« Sie wanderten in den glühenden Abend hinaus, und der Hochwürdige war der Meinung, daß sich die Schönheit dieser Stunde nur mit einem einzigen Ding der Welt vergleichen ließe: mit dem Andante aus der »Kreutzersonate«. »Wenn meine zehn Klapperln nicht ein bißl aus'm Scharnier wären, tät ich dir heut das vorblasen, in der finsteren Stub.« Michael schwieg und sah zum leuchtenden Himmel empor. Als die graue Dämmerung sich um die Wiesen legte, sagte der Pfarrer: »Michele, jetzt müssen wir heim. Es kühlt ein bißl. Und so ein Katarrhl hat man gschwind. Da könntest du am Sonntag net predigen.« »Ich? Den anderen predigen?« »Ja, Michele! Am Sonntag mußt du predigen! Ich freu mich schon drauf, wieviel gute Sachen du sagen wirst.« Sie kamen zu einem Erlengebüsch, und dem Pfarrer verschlug es vor Schreck die Sprache. Auf dem Wiesenrain, im dunklen Schatten der Stauden, sah er Mariane sitzen. Das Mäntelchen von der Erde raffend, erhob sie sich und ging auf Innerebner zu. Herr Christian Schnerfer pflanzte sich mit flinkem Sprung zwischen den beiden auf. Der Zorn verwandelte seine sonst so milde Stimme in einen schrillenden Diskant: »Sie! Das sag ich Ihnen! Sie Frauenzimmer! Mein' Herrn Kaplan, den lassen S' mir in Ruh!« Mariane, nach einem erschrockenen Blick in das bleiche, entstellte Gesicht des jungen Priesters, streckte die Hand. »Hochwürden! Verzeihen Sie mir!« Michael nahm ihre Hand nicht. Ein tiefer, befreiender Atemzug hob seine Brust. »Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen.« Seine Stimme klang, daß der Pfarrer freudig aufhorchte. »Sie haben mitgeholfen, aus mir einen Menschen zu machen. Dafür muß ich Ihnen dankbar sein.« Er grüßte und ging vorüber. Der hochwürdige Herr Christian Schnerfer klammerte die Hand um Innerebners Arm. »Michele! Jetzt hast du das richtige Klangerl. So mußt du predigen am Sonntag.« Ein leises Schmunzeln: »Das Theater muß doch eine erzieherische Wirkung haben. Nie hab ich's glauben wollen. So viel hab ich mich dem Thildele schon gestritten drüber. Schau, sie hat recht.« In der sinkenden Dämmerung kam jemand mit Keuchen hinter ihnen die Straße einhergerannt. Der Pfarrer wollte sich umgucken. Da sauste das Walperl an den beiden vorbei. »He! Mädel! Was ist denn?« »Unser Herr is krank! Grad muß ich den Doktor holen.« Das Walperl rannte. Als es zum Roten Hirschen kam, stand der Doktor beim Zauntor. Er nickte nur und lief ins Haus, um die lederne Tasche zu holen. Vor der Haustür wartete eine Kutsche auf ihren Fahrgast. Und unter dem Laubdach der Bäume, beim Schein zweier Windlichter mit großen Glaskugeln, saßen Aurelia und Philine, Jarno und Laertes um den Tisch, auf dem zwei Gedecke feierten. Die merkwürdigen Brüder und Schwestern schienen sich in Erregung zu befinden und spähten unter leisem Getuschel nach der Haustür. »Da kommen sie!« sagte Jarno. Das Geflüster, das um den Tisch gewesen, verwandelte sich in ruhiges Geplauder. Ein bejahrter, vornehm gekleideter Herr, mit dem Hut in der Hand, und Willy Meister, die Sportmütze auf dem hübschen Kopf und einen leichten Überrock um die Schultern, waren auf dem Flur ins Freie getreten. »Da steht Ihr Wagen, lieber Hofrat!« sagte der wackere Jüngling, der in Tauris den blauen Mantel getragen. »Sorgen Sie nur, daß Ihr Kutscher stramm drauflosfährt. Oder Sie versäumen in Mitterwalchen den Zug.« »Herr Graf! Ich bitte Sie –« »Glückliche Reise!« unterbrach Willy Meister mit gereizter Schärfe. Er salutierte, als trüge er die Uniform, zog den Überrock enger um die Schultern und trat auf die dunkle Straße hinaus. Nach kurzem Zögern ging ihm der andere nach. »Herr Graf! Das kann und darf nicht Ihr letztes Wort sein. Eine solche Antwort kann ich der Frau Gräfin unmöglich bringen. Denken Sie an die Verpflichtung, die Ihnen Ihr Name und Ihre Stellung auferlegen!« »Etwas Vorsicht, lieber Hofrat! Was ich meinem Rang und Namen schuldig bin, das weiß ich selbst. Und die Sorge, in der Mama den drolligen Einfall hatte, Ihnen diesen strapaziösen Ausflug zuzumuten, begreif' ich nicht! Über die Befürchtung, von der Sie mir gesprochen haben, können Sie mit gutem Gewissen beruhigen.« Willy Meister dämpfte die Stimme. »Eine Laune. Nicht mehr . Das soll eine erledigte Sache sein, sobald ich heimkomme. Im übrigen – ich bin jung und will von meiner Jugend was haben. Der harmlose Scherz, an dem ich mich da beteilige, amüsiert mich. In drei Wochen bin ich wieder daheim. Dann soll sich Mama über mich nicht mehr zu beklagen haben. Das ist doch eine Antwort, die Sie ihr bringen können? Jetzt bitte ich, weiter keinen Eklat zu machen. Eine komische Rolle will ich nicht spielen. Meinen Handkuß für Mama! Und gute Reise, lieber Hofrat!« Willy Meister wanderte im sinkenden Dunkel die Straße hinaus. Bei einer Biegung des Weges blieb er stehen. Er hörte das Rollen des Wagens, lachte heiter vor sich hin und sah zum Himmel hinauf, als hätte er Sorge um das schöne Wetter. Schon dunkelten alle Berge. Der Hohe Schein aber leuchtete noch immer in matter Glut. Und zwischen den purpurgesäumten Wolken, die aus den Lüften herauswuchsen, brannte der gelbe Himmel. Der Weg, der am Mühlbach entlang führte zum Waldtal der Sägmühle, war dunkel und menschenleer. Das jagende Wasser rauschte. In der tiefen Dämmerung lag die Blockmühle wie ein schwarzer Klotz am Waldsaum. Die Arbeit ruhte schon längst. Nur das stürzende, seiner Sklavenmühe ledig gewordene Wasser rumorte im Turbinenkanal. Am Wohnhaus waren die ebenerdigen Fenster erleuchtet, und Bertl, mit der brennenden Zigarre, stand wartend vor der offenen Haustür. Er wurde ungeduldig. »He! Rosl! Was ist denn?« »Ja, ich komm schon!« klang aus dem Haus die Stimme der Sägmüllerin. Sie war in der Wohnstube, nahm ein Tuch um die Schultern und drehte über dem Tisch die Lampe ab. Dem Fritzele mußte sie noch gute Nacht sagen. Als sie in die kleine Stube trat, fuhr das Nannerl, das am Fenster stand, erschrocken zusammen. Frau Rosl sah das nicht. Sie ging zu dem Gitterbett und strich dem Kind mit zärtlicher Hand übers Haar: »Gut Nacht, Herzerl! Und tu schön schlafen!« »Ja, Mammi! Und tu mein Großvaterle grüßen, gelt! Und die Tillitant!« »Ja, Bubele! Gut Nacht!« Frau Rosl schloß am Bettl das Gitter. Weil das Fritzele trotz der Behandlung mit heißem Kamillentee von dem unfreiwilligen Bad im Mühlbach einen Schnupfen davongetragen hatte, sagte sie zum Nannerl: »Tust ihn noch ein paarmal gurgeln lassen und bleibst bei ihm sitzen, bis er schlaft! Gut Nacht, Mädel!« Dem Nannerl, das neben der brennenden Kerze stand, wollte kein Laut aus der Kehle. Frau Rosl sah sie an und lachte. »Kind, jetzt mußt du aber bald gescheit werden! Da hab ich was Schöns angefangt, daß ich dich in die Komödi hab gehen lassen. Ganz verruckt bist du! Und schau, seit gestern hast du noch allweil dein gutes Gewandl an! Tu doch ein bißl sparen! Und laß bis morgen dein verdrehtes Köpfl ausschlafen, gelt!« Lachend nickte sie zu dem kleinen Bett hinüber und ging aus der Stube. Nannerl preßte das glühende Gesicht in die Hände. Draußen bei der Haustür sagte Bertl verdrießlich: »Hörst, da kann man sich krank warten mit dir. Es wird stockfinster, bis wir zum Scheidhof kommen.« »Geh, brumm doch net schon wieder!« Frau Rosl rief durch den dunklen Flur gegen die Küche: »Burgi! Du kannst dich schlafen legen! Die Haustür sperr ich ab.« »Sag ihr, sie soll um elfe zum Vater kommen und soll dich abholen.« Frau Rosl hob das Gesicht. »Bist doch du bei mir!« »Ich kauf mir auf dem Heimweg noch ein Krügl im Hirschen. Heut muß ich mich ein bißl aufrappeln.« Schweigend zog Frau Rosl die Haustür zu und drehte den Schlüssel um. Dann sagte sie: »Die Burgl hat streng geschafft und muß sich ausschlafen. Ich find den Weg schon allein. Fürchten tu ich mich net.« Sie schob den Hausschlüssel in die Tasche. Während sie über den Hof hinausschritt gegen den Mühlbach, trat sie plötzlich vor Bertl hin und nahm seine Wangen zwischen ihre Hände. »Bertele? Was hast du denn heut? Tust dich sorgen um den Vater?« »Was dir einfallt! So ein Ritzerl in der Haut! Das muß doch heut schon wieder gut sein.« »Aber was hast du denn nacher?« »Langweil!« Der kleinen Frau schossen die Tränen in die Augen. Bertl konnte das nicht sehen – so dunkel war es schon. »Freilich, den ganzen Tag in der Mühl! Hast recht, Bertl, such dir ein bißl Gesellschaft!« Dann sprang sie gegen den Garten hinüber. »Was ist denn?« »Dem Nannerl muß ich noch was sagen.« Als Frau Rosl am Haus um die Ecke kam, erschrak sie, weil sie im schwarzen Schatten der Hecke was huschen sah. Sie guckte und lauschte. Im Garten war alles still. Nur drüben den Mühlbach hörte sie rauschen. Und am Waldsaum trillerte eine Nachtschwalbe. Ein Weilchen lauschte die kleine Frau, dann lachte sie vor sich hin. »Er hat Langweil, und ich hab Angst. Und alle zwei sind wir dumme Leut!« Sie sprang auf das erleuchtete Fenster zu und pochte an die Scheibe. In der Stube fuhr das Nannerl vom Sessel auf, als hätte der Blitz durch die Decke geschlagen. »Du, Nannerl! Das Gurgelsalz, wenn du noch eins brauchst, das steht auf dem Kasten, in dem grünen Schachterl.« Der kleine Bursch in seinem Bettl nieste ein bißchen und sagte: »Gut Nacht, Mammi!« Die Mutter war schon verschwunden, und das Nannerl griff mit zitternder Hand nach dem Glas. »Komm Herzele, tu noch ein bißl –« Ehe sie das ominöse Wörtl herausbrachte, fing Bubi schon zu greinen an. Das Gurgeln hatte sich beim Fritzele nicht der geringsten Sympathie zu erfreuen. Erst das heilige Versprechen, daß ihm Nannerl wieder ein Geschichtl von dem treuen Königssohn mit dem blauen Mantel erzählen würde, konnte Bubi veranlassen, das saure Geschäft zu erledigen. Dann mußte sich Fritzele schön unter die Decke huscheln, und das Nannerl fing zu erzählen an: »Da is amal a reicher und mächtiger König gwesen. Der hat an Königssohn ghabt, so viel lieb und schön, so viel tapfer und treu. Der hat Phyladexl gheißen, und an blauen Mantel hat er ghabt, mit lauter Sterndln drauf und mit goldenen Fransen um und um. Und der is amal im goldscheinigen Sommer aus seim schneeweißen Rößl aussigritten aus seim Königshaus –« Erst vierundzwanzig Stunden war dieses Märchen alt und hatte sich im verdrehten Köpfl des Nannerl ausgewachsen zum lieblichsten Wunder des Lebens. »Und da hat der Königssohn an Juchezer tan und hat zum Annemarannele gsagt – schau, hat er gsagt, mein goldscheinigs Königshaar hab ich mir abschneiden lassen für dich. Du bist die Beste, hat er gsagt, und die Schönste bist du. So lieb und brav wie du ist keine nimmer aus der gottsweiten Welt.« »Hat er gsagt?« »Auf Ehr und Seligkeit! Und 's Annemarannele hat er aufs Rösserl auffigehoben –« »Schneeweiß« korrigierte Bubi, weil Nannerl das unentbehrliche Eigenschaftswort des königlichen Rößleins vergessen hatte. »Aufs schneeweiße Rösserl! Und ums Annemarannele hat er den blauen Königsmantel ummigwickelt –« Draußen in der Wohnstube tat die alte Kastenuhr drei Schläge, und das Nannerl zuckte zusammen, als hätte der Hammer auf ihr Herz geschlagen, nicht auf die Glocke in der Uhr. Stumm, mit großen Augen, lauschte das Nannerl. »Bitti, tu verzählen!« »Und da hat der Königssohn das Annemarannele zu seiner Königin gmacht! Und die zwei, die leben! Auf Ehr und Seligkeit! Die leben!« Für das Nannerl war das Märlein zu Ende. Nicht für das Fritzele. »Was hat er denn nacher tan, der Königssohn? Und 's Annemarannele?« »Sie sind halt Königsleutlen gwesen.« »Was tun denn die Königsleut?« Da wurde das Nannerl vom schönen Märlein im Stich gelassen. Was tun die Königsleut? Essen und trinken, in goldenen Betten schlafen und aufstehen, wenn die Sonne scheint. »Gut haben tun sie's halt.« Jeden Tag in die Kirch gehen und beten, Grillen fangen und Hasen schießen. Lauter solche Dinge treiben sie, bei denen ein vierjähriges Bürschl gähnen und einschlafen muß. Das Fritzele schlummert fest, als draußen der Hammer in der Kastenuhr die zehnte Stunde schlug. Wie versteinert saß das Nannerl in dem alten Lehnsessel und sieht am Fenster ein junges, hübsches, lachendes Gesicht, halb rot vom Kerzenschein, halb schwarz von der Nacht. Erschrocken springt das Nannerl auf, bläst die Kerze aus und steht mit Zittern in der Finsternis, mit Angst und Jubel, mit Sehnsucht und Furcht. Die Sohlen sind ihm neben dem kleinen Bett wie festgewachsen. Aber das schöne Märlein wickelt den blauen Mantel um die Zitternde und führt das Nannerl, ob es will oder nicht, auf leisen Zehenspitzen hinaus in die Stube, in den Flur, zur Haustür. Schade, daß die Märchen keine Schlüssel haben, um verschlossene Türen aufzusperren. Atemlos steht das Nannerl in der schwarzen Kühle des Flurs und wagt sich nimmer zu rühren, bis ein Stimmchen in seinem verdrehten Kopf was flüstert von einem Weg, der durch die Stube führt, durch die Kammer und mit einem Sprung durchs Fenster in die Nacht hinaus. Draußen schlingen sich zwei Arme um dieses junge, verlorene Leben, das an Märchen glaubt. Schwül haucht die stumme Nacht durch das offene Fenster in die Kammer. Der Mühlbach rauscht, als läge er in weiter Ferne. In der großen Stube schlägt die Kastenuhr, wieder und immer wieder, lauter als zuvor, weil die Tür der Stube offen steht. Das Fritzele schlummert. Ein sausender Windstoß wirft den Fensterflügel gegen die Mauer. Das Kind erwacht. »Nannele!« Es legt sich wieder hin und schlummert weiter. Da fällt ein Rauschen in die Nacht, als wäre der Mühlbach näher gerückt und flösse dicht am offenen Fenster vorbei. Ein blauer Schein zuckt auf, und während das Fenster für einen Augenblick mit tausend weißen und blauen Schnüren verhangen scheint, geht über das Hausdach ein dröhnendes Rollen hin. Das Kind wird munter und zieht sich in seinem Bettl am Geflecht des Gitters in die Höhe. »Nannele!« Ein Blitz fährt nieder, so grell, daß die ganze Stube in bleichem Feuer zu schwimmen scheint. Die Diele, das kleine Bett und das erschrockene Fritzele, alles ist für eine Sekunde schneeweiß geworden. Wieder die Finsternis. Unter dem Krachen des Donners bettelt das zitternde Bürschl: »Nicht, nicht! Bitti, nein! Bitti, nein!« Weil das Nannerl noch immer nicht kommen und helfen will, klettert das Fritzele in seiner Angst über das Gitter, macht einen Purzelbaum, ist geblendet von dem weißen Feuer, das in die Stube fällt, ist betäubt von diesem Schmettern und Krachen. Schreiend will es in der Finsternis das Bett suchen, in dem das Nannerl schlafen sollte, und wird von einem Regenguß überschüttet, den der Wind hereinpeitscht durch das offene Fenster. Bei dem weißen Feuer, das durch die Kammer flackert, sieht das Fritzele eine offene Tür und flüchtet hinaus in die Stube. Während der Donner rasselt, steht es frierend in der rauschenden Finsternis und schreit mit erwürgtem Schluchzen nach dem Vater. nach der Mutter. Irgendwo eine kreischende Stimme: »Jesus, was ist denn da?« In der Kammer klirrt das Fenster, ein Sessel fällt. Bei dem grellen Feuer eines Blitzes taumelt das Nannerl mit keuchendem Laut in die Stube. Zwei Arme, die von Nässe triefen, umklammern das schreiende Kind. Als das Burgele, die alte Küchenmagd, mit der flackernden Kerze und im roten Unterrock aus dem Flur hereinstürzt, findet sie eine leere Stube und eine verriegelte Kammertür. »Hat sich 's Bübl wieder vor'm Wetter gforchten?« Lachend geht die Magd davon. Immer wieder brennt es um die Fenster, weiß und blau. In den Lüften ist ein Hall, als wären alle Berge ins Stürzen geraten, und dumpfes Rauschen erfüllt die Nacht. Der Mühlbach ist ein tosender Riese geworden und strömt seine wirbelnden Wasser über die Wiesen hinaus und über die Straße. Das ist eine böse Stunde für den Einsamen, der durch die rauschende Finsternis den Heimweg zum Roten Hirschen sucht. Immer wieder muß er stehenbleiben, um die weisende Helle eines Blitzes abzuwarten. In Strömen rinnt es an ihm herunter. Dennoch geht er langsam. Bei jedem Schritt muß er den Weg erst suchen und mit dem Fuße tasten, ob er nicht ins Bodenlose tritt. Wie er aufatmet, als er das Dorf erreicht, die sichere Straße! Bei jedem Blitzstrahl leuchten die blauen Dächer und die weißen Mauern der Häuser vor ihm auf. Bald hier, bald dort in einem Gehöfte rennt ein Bauer am schwarzen Zaun entlang und guckt nach den Firsten, ob noch keiner brennt. Mit den vier Glocken, die im Kirchturm hängen, läuten sie das Wetter an. Und die Sakristei ist erleuchtet. Vor dem Zauntor des Wirtshauses steht Jarno unter dem Regenschirm und im Wettermantel. Beim Schein eines Blitzes sieht er den anderen kommen und schreit seinen Namen in das Rauschen hinaus. »Ich komme, ja!« »Gott sei Dank!« Mit langen Sprüngen zum Haus hinüber. »Hansi! Da kommt er!« Ein jubelndes Lachen. Durch die rote, aus den Fenstern der Wirtsstube zitternde Helle huscht ein weißes Figürchen in den schwarzen Regen hinaus, und mit glückseligem Aufschrei wirft sich die niedliche Sünderin dem Heimgekehrten in die Arme. Er war für sie ein Spiel der Langweile. In dieser Stunde der Gefahr hat sie um ihn gezittert, hat ihn liebgewonnen. Lachend zieht sie den Triefenden zum Haus, an einem Mädel vorbei, das hinkend hinaustappt auf die Straße. Es ist die lahmende Häsin aus des Peterls Hasenstall. Bis zur Kirche muß sie laufen, um über die Dächer und Bäume hinausschauen zu können nach dem Hohen Schein. Das Feuer eines Blitzes durchleuchtet den Regen bis zum Scheidhof. Weiter in der Ferne ist auch bei der flammenden Helle alles ein undurchdringliches Grau. »Mar' und Josef!« stammelt die Zenz in ihrer Sorge. »Hat der heut a Nacht!« Da hört sie im Rauschen und Rollen das feine Gebimmel eines Glöckleins. Ihr erster Gedanke ist Schreck. Das kann doch dem Mertl nicht gelten? Der ist gesund! Wem gilt es? Da klingelt's wieder. Eine Laterne kommt mit verschwommenem Schein durch die Nacht, und die Zenz kniet in das rinnende Wasser der Straße nieder, bekreuzt das Gesicht und faltet die Hände. Ein greller Blitz umleuchtet den Mesner mit dem Glöckl und der Laterne, den Pfarrer im weißen Chorhemd, in der einen Hand das Ziborium, in der anderen den Regenschirm. Um die beiden her ist ein blaues Gefunkel von tausend großen Tropfen, die nicht zu fallen, sondern regungslos in der Luft zu schweben scheinen. Dann alles erloschen in schwarzer Finsternis. Der Pfarrer taumelt in der Schwäche seines Alters. Was hat dieser Tag über ihn gebracht! Noch kann er die Finger kaum bewegen, noch ist halb der Krampf in seinen Händen. Ängstlich klammert er die Faust um das Ziborium, weil er immer fürchtet, er könnte stolpern und das Heiligste fallen lassen. »Mesner! Ich seh den Boden nimmer. Tu net so wackeln mit der Latern!« »Das tut der Wind, Hochwürden!« Ein Blitzstrahl fuhr in den Bergwald, Strahl und Donner zugleich. Hinter dem unbeweglichen Tropfenschleier blauten die Baumkronen und Dächer des Scheidhofes. »O Jesus! Jesus! Wenn er's nur noch erlebt, daß ich ihn trösten und speisen kann!« Wäre das nicht gekommen, wie wäre dem Pfarrer dieser Tag so schön gewesen, trotz Krampf und Schweiß und Sonnenstich auf der Glatze. Er hatte an diesem Tag einen Menschen gewonnen. Und sollte in dieser Nacht einen Menschen verlieren! Der liebe Herrgott machte dem hochwürdigen Herrn die Freude mit Schmerzen quitt. Bei der Nachricht, die er vom Walperl gehört hatte, war ihm der Schreck in die Glieder gefahren. Und draußen im Scheidhof dieses traurige Bild: das Thildele mit dem versteinerten Gesicht und den flehenden Augen. Und Walter, der alles andere war, nur nicht der Philosoph mit dem sicheren Gleichgewicht des Lebens. Dann der Arzt mit seinem unerbittlichen Wort: »Verloren!« Und der lustige Sägmüller, der lachend in das Haus getreten war, um in Schreck zu erstarren! Und die Sägmüllerin mit dem verstörten Gesicht! Und der Kranke mit seinen ruhigen Delirien, in denen, so sinnlos sie auch durcheinanderflossen, noch immer ein Stück von aller Schönheit seines Lebens war! »Obacht, Hochwürden, das Tor ist da.« »Tu nimmer schellen, Mesner! Das Thildele könnt erschrecken.« Der Mesner klingelte nicht. Aber droben im Torbogen läutete die Glocke. Das Walperl kam durch den rauschenden Regen von der Villa heruntergelaufen, um den Hochwürdigen zu führen. Sie bekreuzte sich und nahm dem Pfarrer den Schirm aus der Hand. Der Flammenschein eines Blitzes zuckte durch die Finsternis, und unter dem Rollen des Donners hörte man bei den Scheunen des Scheidhofes die schreiende Stimme des Bonifaz: »Her da mit die Bretter! Un auffi zu mir aufs Dach! Tummelts enk, Leut, oder 's ganze Heu geht drauf.« In der Veranda stand eine brennende Laterne, und bei der Haustür empfing der Arzt den Pfarrer. »Schlecht geht es. Die rechte Seite ist völlig gelähmt, die Sehkraft schon halb erloschen. Aber Bewußtsein ist noch da, er schläft nur. Ein bisserl vorsichtig, Herr Pfarrer!« Der Hochwürdige nickte stumm. Und das Walperl öffnete ihm lautlos die Tür der weißen Stube. Das Licht war so gedämpft, daß die vier stummen Menschen, die um den Kranken waren, ganz grau erschienen. Hell war nur die Tischplatte, auf die der Schein der verhängten Lampe fiel. Hier lag umher, was der Arzt aus seiner Ledertasche gekramt hatte. Frau Rosl schlang den Arm um ihren Mann. »Komm, Bertele, der hochwürdige Herr ist da!« Sie führte ihn aus der Stube. Und Walter beugte sich zu Mathild nieder, die am Bett saß und die Hand des Kranken umschlossen hielt. »Fräulein!« Mathild küßte die Hand des Vaters und erhob sich. Den Pfarrer konnte sie nicht grüßen. Sie mußte das Gesicht auf die Seite wenden und rasch aus der Stube gehen. Jetzt war der hochwürdige Herr Christian Schnerfer mit dem Sterbenden allein. Lange stand er vor dem Bett und betrachtete das ruhig schlummernde Antlitz, um das der Lampenschatten seine Schleier webte. Dann trat er zum Tisch. Draußen flammte ein Blitz, und der Donner übertönte das Rauschen des Regens. Während der Pfarrer mit zitternden Händen das silberne Gefäß öffnete, in dem das viaticum clinicorum verschlossen war, fiel vom Saum seines Talares das Wasser in schweren Tropfen auf die Diele. Da hörte er hinter seinem Rücken eine matte, ruhige Stimme. »Hochwürden? Was machen S' denn da?« In Schreck und Freude wandte sich der Pfarrer nach dem Kranken um und fand in der Ratlosigkeit des Augenblicks nur die stotternde Frage: »Sagen S' mir lieber, was Sie da für Geschichten machen?« Der Kranke lächelte. »Ein kleines Spaziergangerl mach ich. Zu meiner lieben Frau. Passen S' auf, Pfarrerle, wie flink da mein lahmes Untergestell marschieren wird!« Er wollte dem Pfarrer die Hand reichen und konnte den Arm nicht heben. Der Sturm peitschte unter dem Widerhall des Donners den Regen an die Fenster. »Gelt, ein Wetter ist? Das wird seiner Feldfrucht gut tun. Heu hat er, Gott sei Dank, auf den Wiesen keins mehr liegen.« »Aber! Herr Forstmeister! Sie reden ja ganz munter daher. Da kann's doch net so bös ausschauen?« Der Pfarrer beugte sich über das Bett. »Aber weil ich schon grad da bin – Gottes Segen ist allweil gut – möchten Sie da net das Heu in Ruh lassen und lieber das Herz ein bisserl vor dem Priester auftun, der allweil Ihr Freund gewesen. Und von dem Sie wissen, daß er ein Mensch ist.« Ein Weilchen schwieg der Kranke. »Herr Pfarrer? Sie kennen mich. Glauben Sie, daß ich was getan hab im Leben, was ich mit Reu bekennen müßt?« »Nein, Herr –« Der Pfarrer sagte nicht: Herr Forstmeister. Er sagte: »Herr Ehrenreich!« »Daß ich meinen Namen verdien? Ist das Ihre Überzeugung?« »Ja.« »So wird auch unser Herrgott mit mir zufrieden sein.« Ein tiefer Atemzug hob die Brust des Kranken. »Ein bisserl neugierig bin ich auf die große Gerechtigkeit – die ich schauen soll, wenn mir die Augen blind werden.« »Mein lieber, guter Freund!« »Irgendwo muß doch die Wahrheit sein.« Die Stimme des Kranken erregte sich. »Sieben Jahr lang hab ich den Kerl gesucht, der mein schönes Leben –« Das sprach er nicht zu Ende. »Lassen wir's gut sein! Ich hab meinem Kind versprochen, daß ich nimmer red davon. Aber dran denken will ich, bis mir das Herz kalt geworden.« Wie von Schmerz befallen, zog er die Brauen zusammen, schloß die Augen und sagte mit matter Stimme: »Hochwürden! Zu Gott komm ich bald. Jetzt will ich die Kinder haben. Mir wird ein bißl grau vor den Augen.« Der Pfarrer zappelte zur Tür. »Ist alles gut gegangen?« fragte draußen im Flur der Mesner. »Freilich, freilich!« stammelte der Hochwürdige. »Der Herr Ehrenreich. Das ist doch ein Christ, wie wenig leben.« Er riß an der Wohnstube die Tür auf und hörte in de Stille, die er da fand, das Rotkehlchen zwitschern. »Thildele! Kinder! Euer Vater will euch haben.« Mit ersticktem Laut, den ihr Hoffnung und Angst auf Herzen preßten, eilte Mathild, den anderen voraus, in die weiße Stube hinüber. »Papa!« Der Kranke regte sich nicht. Doch sprechen konnte er: »Kind, mein liebes! Komm her zu mir!« Mathild fiel nieder vor dem Bett und preßte die Wange auf die glühende, regungslose Hand des Vaters. »Kind! Willst du mir's leichter machen? Wirst du mutig und stark sein, wie deine Mutter war?« Ein Zittern lief über ihren Körper. »Ja, Vater!« Sie richtete sich auf und küßte ihn auf die Wange. »Liebe, das bleibt ein ewig Ding!« »Dann ist um dich keine Sorg mehr in meinem Herzen.« Der matte Klang seiner Worte erlosch im Rollen des Donners. »Was für ein Wetter das ist! Da mußt du gleich in der Früh deine Rosen aufbinden. Eh die Sonn herauskommt, mußt du das tun. Und Bertl – ich seh den Buben nicht – wo ist denn der Bertl?« Der stand neben der Schwester. Mühsam bezwang er das Schluchzen, das ihm in die Kehle stieg. »Vater! Ich bin bei dir.« »Richtig, ja – ganz gut seh ich dich. Wo ist denn deine Hand? Und schau, lieber Bub, das muß ich dir noch mal sagen: die Brücken mit den weiten Bogen – nein, Bub! Sei du groß in deiner kleinen Stub! Und die Rosl? Gelt, die Rosl ist auch da? Freilich, Rosele, ich seh dich schon! Und gelt, du bleibst meinem Buben sein festes Glück?« Frau Rosl konnte ihre Tränen nicht bezwingen. Und ihr Hochdeutsch hatte sie ganz vergessen. »Ja, Vater, dös bleib i, so gut i's versteh!« »Und sag mir, Geiß, wo ist denn –« Ein leises Lächeln. »Jetzt weiß ich nimmer: soll ich Philosoph sagen oder Scheidhofer? – Wo ist er denn?« Walter faßte die Hand des Sterbenden. »Richtig!« Ein Weilchen schwieg der Kranke, tief atmend. Dann befiel es ihn wie Unruh, und seine Stimme kämpfte um jeden Laut. »Der Pfarrer! Der soll – soll –« »Was soll ich, Herr Ehrenreich?« »Hochwürden! Dem da soll bleiben, was mir gehört hat in Ihrem Herzen! Dem helfen Sie, gelt? Und – das hätt ich schier vergessen – der Sonnweber – ich will den Sonnweber haben! Dem muß ich noch was sagen –« Die Stimme des Kranken wurde zu unverständlichem Geflüster. Der Arzt nahm rasch den Schirm von der Lampe und beugte sich forschend über das fieberglühende, von Schmerz und Sorge redende Gesicht. Es war in der Stube hell und weiß. Der Lampenschein machte die nassen Wangen der Menschen glitzern, die in lautloser Angst um den Kranken standen, und warf ihre Schatten schwarz an die lichte Wand. Auch draußen war es still geworden. Nur noch das Gurgeln in den Dachrinnen und das eintönige Geräusch der Traufe. »Den Sonnweber hol ich«, lispelte der Pfarrer, »ich muß das Heilige heimtragen in die Kirch, dann bring ich den Sonnweber mit.« Die Sägmüllerin nickte mit verweintem Gesicht, als der Hochwürdige zur Tür ging. Die andern merkten nicht, daß einer die Stube verließ. Das feine Gebimmel des Mesnerglocke, und gleich darauf ein schwerer Schritt im Flur. Bonifaz erschien auf der Schwelle, in Hemdärmeln, von Nässe triefend. Das grobe Linnen klebte ihm an den Muskeln, und sein Gesicht glühte. Er warf nur einen flüchtigen Blick nach dem Bett, in dem ein Sterbender lag, und dämpfte kaum merklich die Stimme, als er zu Walter sagte: »Herr, ins Stadeldach hat's a Mordsloch einigrissen. Mit Bretter haben wir's überhops vernagelt. Und 's Wetter schaut a bißl lichter drein. Aber in aller Fruh müssen die Zimmerleut her, oder 's Heu kunnt hinsein. Darf ich um d' Arbeitsleut schicken?« Erschrocken trat Walter auf Bonifaz zu und drängte ihn hinaus in den Flur. »Aber Mensch! Wie können Sie denn –« »No ja! Wann aber 's Heu naß wird!« »Dann tun Sie doch, was Ihnen gut scheint! Mir is alles recht.« »Aber wann Enk 's Heu von der Weiherwiesen anschimmelt, 's beste vom Scheidhof? Dös kunnt Enk ebba doch net recht sein?« Walter, ohne zu antworten, schloß die Tür. Augenscheinlich hatte der junge Scheidhofer in dieser Minute keinen guten Eindruck auf seinen Knecht gemacht. »Auf den Bauern bin ich neugierig!« Den Kopf schüttelnd, wollte Bonifaz davon. Da hatte ihn das Walperl beim triefenden Ärmel. »Um Gottes willen! Bub! Wie schaust denn aus?« »Mein! Naß halt!« erwiderte Venantius Gwack. »Laß aus! Ich muß umanandspechten, was alles passiert is. Herrgott, is dös a Wetter gwesen!« Bonifaz sprang in die Nacht hinaus. Das Mädel ging ihm durch die Veranda nach und schlich auf den Zehenspitzen zum Fenster der weißen Stube. Während sie sich bekreuzte und zu beten anfing, guckte sie in Sorge und Erbarmen durch eine Spalte der Gardinen. Sie sah nur den breiten Rücken des Arztes. Der stand am Tische, kramte in seiner Ledertasche und machte was zurecht. Dann trat er an das Bett und schnitt mit einer Schere am Arm des Kranken den Hemdärmel auf. Er griff nach etwas, das unter einem Tuch auf dem Tische lag. Als die Nadelspitze den entblößten Arm berührte, bewegte sich der Kranke. Dann lag er wieder ruhig in den Kissen, die Augen offen, kein Zeichen von Schmerz in den Zügen. Unter gleichmäßigem Atem hob und senkte sich seine Brust. Manchmal ging es ihm wie ein Lächeln um die bärtigen Lippen. Draußen in der Nacht kein Laut mehr. Sogar die Traufe war still geworden. Als der Arzt ein Fenster öffnete, um durch frische Lust dem Kranken das Atmen zu erleichtern, sah er am stahlblauen Himmel die Sterne blitzen. Es strömte in die weiße Stube herein, so frisch, als wäre schon die Ahnung eines schönen Morgens in diesem Hauch der Nacht. Immer leichter schien der Kranke zu atmen. Nun ging ein Zittern durch die graue Wolke seines Bartes, die Lippen bewegten sich, und Mathild beugte sich nieder, um den flüsternden Laut zu erhaschen. »Das – ich will – das will ich noch mal hören. Von der Mutter, das –« Keines von den andern hatte die lispelnden Worte vernommen. Nur Mathild hatte verstanden. Die Hand des Vaters küssend, erhob sie sich, ging aus der Stube und ließ die Tür weit offen, auch drüben die Tür der Wohnstube.. Durch die Stille kam es herübergeschwommen wie ein tönender Traum, mit zarten, schmeichelnden Klängen: das Präludium von Chopin, das die Mutter gespielt hatte an jenem letzten Abend, bevor sie sich niederlegte, um nimmer aufzustehen. Ein wundersames, zärtliches Lied, singend von allen klaren Tiefen einer Menschenseele, von allem Zauber eines lächelnden Sonnentages! Doch wie das Pochen eines furchtsam gewordenen Herzens tönt in der Harmonie eine ruhelose Note, immer die gleiche. Das wächst und schwillt wie eine läutende Glocke im Gewitter, und läutet immer das gleiche: sterben mußt du! sterben! sterben! Gleich brausenden Wogen, aus denen die Vernichtung flutet, rauschen die Klänge und dämpfen sich wieder und finden Ruhe. Jene rastlose, leis gewordene Note klingt wie Tropfenfall, wenn nach still gewordenem Wetter der Himmel sich klärt. Wie das Fallen von Tränen ist es, die sich in Klang verwandeln. Und aus dem bangen Atem dieser Trauer hebt sich lieblich und zart jene singende Stimme. Walter stand am offenen Fenster der weißen Stube, als nach allem Sturm der Töne dieses wundersame Lied zu klingen begann. Tiefste Erschütterung war in seiner Seele, und zugleich eine Freude, die von der kommenden Sonne sprach. Seine Augen hingen an dem alten Herrn. Er sah nicht einen Sterbenden, sah den Lebenden in seiner ruhigen Kraft. Und hörte seine feste, klare Stimme, hörte ihn sagen: »Das ist unter allem, was Klang geworden, das Schönste! Und wie sie das spielte, Doktor! Jede Saite eine tönende Faser ihres Herzens.« Der letzte leise Klang verschwebte. Lautlos kam Mathild in die weiße Stube, erschöpft, in den Augen einen suchenden Blick der Angst. Bei ihrem Anblick war es in Walter, als müßte er sie in seine Arme nehmen, um sie zu bergen an seiner Brust. »Thildele«, stammelte Bertl, »schau nur, wie er daliegt, so gut und ruhig! Der kann doch keine Schmerzen nimmer haben!« Erschrocken eilte Mathild an das Bett und sah, daß die Brust des Vaters atmete. Schweigend kniete sie nieder und hielt seine Hand umschlossen. Draußen graute schon der frühe Sommermorgen, als der hochwürdige Herr wiederkam und den Bürgermeister brachte. Der große, stattliche Mensch mit dem schönen Apostelkopf, als er zur Tür hereintrat, warf einen scharfen, huschenden Blick nach dem Bett und über die Menschen hin, die um den Sterbenden waren. Und atmete tief auf – wie einer, dem es leicht um das Herz wird. Er drückte die Hand der Sägmüllerin und sagte zu Bertl mit seiner milden, guten Stimme: »So bin ich meiner Lebtag net erschrocken! Aber 's Gottvertrauen laßt net aus bei mir. A Mensch, wie Enker Herr Vater, därf net sterben. So arm kann unser Herrgott d' Welt net machen!« Er trat auf Bett und musterte ruhig den Schlummernden, der die bewegungslosen Augen offen hatte und wie in weite Ferne zu blicken schien. »Gut schaut er aus! Der macht sich schon wieder.« Ein forschender Blick zu Mathild hinüber. »Und wie ich ghört hab, will er mir ebbes sagen? Dös sagt er mir noch. Als a Lacheter und Gsunder!« Mathild zog wie in quälendem Schmerz die Brauen zusammen. Der Bürgermeister blieb zu Füßen des Bettes stehen, und während er den Kranken unverwandt betrachtete, sprach ihm die frohe Hoffnung, die sein braves Herz erfüllte, deutlich aus den schönen Augen. Still rannen die Minuten. Im Scheidhof drüben krähte ein Hahn, und irgendwo in der Nähe ließ sich das Gurren zweier Tauben hören. Wie würzig die Luft war, die der bleiche Morgen hereinhauchte durch das Fenster! Immer ruhiger atmete der Kranke. Gebeugt saß der Pfarrer auf einem Sessel. Seit er gekommen, hatte er noch kein Wort gesprochen. Es lag ihm wie Blei in den Gliedern, wie Blei auf den Augen. Er hatte mit dem Schlaf zu kämpfen, und manchmal war er für eine Minute der Besiegte. Im Garten schlug eine Amsel. Und lustig schwatzende Menschen gingen über den Hof, der Zimmermann mit seinen Gesellen. Wieder waren dem hochwürdigen Herrn die Lider zugefallen. Da weckte ihn eine Hand, die sich auf seinen Arm legte. Als er aufblickte, stand der Arzt neben ihm und winkte mit den Augen hinüber zum Bett. Der Pfarrer konnte nicht aufstehen, faltete nur die Hände im Schoß und warf einen erschrockenen Blick auf Walter. Das Licht des Morgens wurde weiß und ließ das friedliche Gesicht des Schlummernden, der die Augen offen hatte, wie Wachs erscheinen. Sonnweber beugte sich über die Fußlehne des Bettes und stierte in dieses Gesicht, das der Morgen so weiß machte. »Jesus!« stammelte Bertl. Und der Arzt ging aus der Stube. Mit ersticktem Laut sprang Mathild vom Sessel auf, befühlte die Wangen des Vaters und umklammerte die erkaltende Hand. »A Kreuzl!« keuchte der Bürgermeister. »So gebts ihm doch a Kreuz! Wie könnts ihn denn ohne Kreuzl sterben lassen!« Er hob sich mit dem Knie auf die Fußlehne des Bettes. Mathild streckte die Arme, um das zu hindern. Da hatte Sonnweber schon das kleine, gußeiserne Kruzifix erfaßt, das an der Mauer hing. Halb sich hinwerfend über das Bett, schob er dem Toten das Kreuz unter die verkrüppelten Finger. Und atmete auf, als hätte er das heiligste Werk seines Lebens getan. Während Bertl sich schreiend vor dem Toten niederwarf, schlang Walter die Arme um Mathild: »Der Vater ist ohne Schmerz gestorben. Sein Leben war Sonne, sein Tod ist ein heiliges Wohnen in uns.« Sie konnte nicht sprechen, nicht weinen. Zuckend überließ sie sich den stützenden Armen und klammerte sich an Walter, wie nur der tiefste Schmerz und die Liebe einen Menschen umschlingen kann. Walter fühlte die Liebe, die in seinen Armen, an seinem Herzen zitterte, und die Trauer dieser Stunde floß ihm zusammen mit der Freude seines Glückes. Der Pfarrer trat zu den beiden. »Doktor! Wir müssen das Kind hinausführen. Draußen wird sie weinen können.« Und die Sägmüllerin half ihrem Mann von den Knien auf: »Geh, Bertele, komm! Und denk an dein' Buben! Der Vater und d' Mutter sind überall bei dir.« Sie zog den Taumelnden aus der Stube. Sonnweber blieb allein zurück. Zögernd trat er an die Langseite des Bettes, beugte sich nieder und spähte mit funkelndem Blick in das stille, wächserne Gesicht. Als er sich lächelnd aufrichtete, sah er im weißen Licht des Morgens diese offenen Augen glänzen. Das war, als hätten sie sich bewegt. Den großen Menschen befiel das Zittern eines Kindes. Kreidebleich war er geworden, wollte aus der Stube und stand doch wie angewurzelt. Taumelnd stieß er mit dem Knie gegen die Bettlade – dem Toten glitt die Hand mit dem kleinen Kreuz von der Brust – und Sonnweber stürzte nieder, streckte verstört die Arme und lallte: »Tu mir's verzeihen – tu mir mei' Lumperei verzeihen –« Er hörte einen Schritt, wollte erschrocken aufspringen, war wie gelähmt und drückte zitternd das kalkweiße Gesicht auf die Fäuste. Der hochwürdige Herr Christian Schnerfer, der in die Stube getreten war, legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sonnweber, wir haben viel verloren. Auch wir zwei. Einen Freund, so herzensgut und redlich, finden wir nimmer im Leben.« Nach einer stummen Weile antwortete der Bürgermeister mit seiner schönen, warmen Stimme: »Unser Herrgott macht's, wie er will. Die irdisch Unvernunft muß sich einischicken ins Unerforschliche. Mit'm Klagen kommt einer net weit. In Gotts Namen!« Er bekreuzte das Gesicht und erhob sich. Wieder erschreckten ihn die offenen Augen des Toten. »Gelten S', Herr Pfarr – dös hat sich mei' Freundschaft verdient, daß ich ihm d' Augen zudrucken därf?« Ohne eine Antwort auf diese Frage abzuwarten, fuhr er dem Toten mit hastigem Griff ins Gesicht, drückte ihm die kalten Lider zu – und atmete auf wie ein Erlöster. In der Tür erschien das Walperl, mit der Schürze vor den Augen. Während die drei vor dem Bette knieten und für den Toten das Vaterunser beteten, kam der Arzt in die Stube, kramte sein Zeug in die Ledertasche und ging wieder. »In Ewigkeit, Amen!« Der Pfarrer trat an das Bett und legte dem Toten auf der Brust die Hände übereinander. »Zwei Kerzen mußt anzünden!« sagte Sonnweber zum Walperl. »Dös muß sein, wann einer gstorben is. Die arme Seel hat kei' Ruh auf der ewigen Straß, wann ihr 's Licht net zunden wird!« Sich wieder bekreuzend, verließ er die Stube. Auf der Veranda fand er die anderen. Bertl saß auf der Bank, hielt die Schwester umschlungen, streichelte ihr das Haar und sprach mit erstickten Worten auf sie ein. »Uns hast du, Thildele! Mich und die Rosl! Gelt, uns hast du!« »Und mich!« sagte Sonnweber. »Auf mich können S' Ihnen verlassen. Dös wissen S', gelt?« Er drückte Mathilds Hand. Dann wandte er sich ab und ging hastig davon, als hätte er eine Rührung zu verbergen, die der sicheren Kraft seiner Natur und der Würde seines Lebens übel anstand. Sein Schritt war wie der aufrechte, feste Gang eines Menschen, dessen Dasein leicht wurde und die letzte Sorge verlor. Der Pfarrer kam aus dem Haus. »Kinder! Meine lieben Kinder!« Verstummend nahm er Mathild in seine Arme. Erst nach einer Weile konnte er wieder sprechen. »Du bist deiner Mutter und deines Vaters Kind! Ein besseres Trostwort kann ich für dich nicht finden. Wenn dir das Herzl gar zu weh wird, musizieren wir und spielen das Allerbeste. Das tröstet!« Da sah er den Blick, mit dem die Augen Walters an Mathild hingen. »Dein junges Leben hast du doch auch. Und hast auf ein Glück zu hoffen, auf ein festes und treues Glück!« Mathild löste sich stumm aus seinen Armen. »Schau, Thildele, jetzt muß ich heim und muß mich ein Stündl niederlegen. Sonst kann ich heut die Meß nimmer lesen. Tu dich auch ein bißl ausruhen. Die Natur will ihr Recht.« »Ich danke, Hochwürden! Für alles!« Mit einem Blick, der den Pfarrer in Sorge aufschauen machte, drückte sie ihm die Hand. Dann trat sie ins Haus. Auf den Stufen der Veranda strauchelte der hochwürdige Herr. So übel war es an diesem Morgen um seine Beine bestellt. Walter sprang zu ihm hin. Und Frau Rosl sagte zu ihrem Mann: »Den Pfarr müssen wir heimführen! Schau nur, der kann ja schier nimmer stehen.« Das war nicht nur Erbarmen mit dem müden Greis, der Sägmüllerin war es auch darum zu tun, ihren Mann heimzubringen, zu dem tröstenden Anblick seines Buben. Bertl nickte. »Den Vater möcht ich noch mal sehen!« Von Schluchzen befallen, taumelte er in den Flur. Und Frau Rosl huschte neben ihm her, wie man ein Kind behütet. »Vergeltsgott«, hatte der Pfarrer zu Walter gesagt, »jetzt haben S' mich grad noch beim Zipfel erwischt. Sonst hätt ich die Meß heut lesen können mit einem Pflaster auf dem Schnabel.« Er sah die beiden im Haus verschwinden und tat einen tiefen Seufzer. »So was Natürliches ist der Tod. Und so viel weh kann er den Menschen tun, die leben müssen. Wenn ich an das Thildele denk –« Der Pfarrer sprach nicht weiter. Er faßte Walters Hand, sah an ihm hinauf und flüsterte: »Herr Doktor? Hab ich recht gesehen, wenn ich glaub, daß Sie dem Thildele gut sind?« »Ja, Hochwürden! Für Leben und Sterben!« »Gott sei Lob und Dank! Jetzt kann ich heimgehen ohne Sorg.« Frau Rosl kam mit ihrem Mann. »Gelten S', Hochwürden, der Bertl darf Ihnen heimführen?« Dabei nahm sie den Arm ihres Mannes, um ihn zu stützen. Der Sägmüller sprach kein Wort und ließ sich fortziehen. In der weißen Helle des Morgens, dessen mattblauer Himmel schon einen Schimmer der kommenden Sonne hatte, gingen die drei den Kiesweg hinunter, der mit zerschlagenen Fliederblättern bedeckt war. Beim Tor des Scheidhofes kam ihnen eine erregte Weibsperson entgegengelaufen. Walter meinte die Magd aus der Sägmühle zu erkennen. Warum aber fingen Bertl und Frau Rosl plötzlich zu laufen an? Warum ließen sie den hochwürdigen Herrn allein? Walter wollte schon zum Pfarrer hinunter. Da kam der Bonifaz um die Ecke geschossen: »He! Scheidhofer!« »Nicht so laut! Es liegt ein Toter im Haus.« »Jesus! Hat's ihn ummigrissen?« Der Knecht entblößte den Kopf. »Gott gib ihm die ewig Ruh! Is a Prachtmensch gwesen, der Herr Ehrenreich! Schad drum! Aber für an jeden kommt sein Stündl. Soll's uns lang gnug ausbleiben!« Er setzte den Hut wieder auf. »Der Wind hat 's ganze Stadeldach verschoben in der Nacht, und da weiß der Zimmermeister net, wie weit er sich mit der Arbeit einlassen därf. Kommen S' mit ummi, Herr!« »Nein, Bonifaz! Machen Sie das, wie Sie wollen!« »Himmelsakra!« fuhr es dem Knecht in Unmut heraus. Er wurde gleich wieder ruhig. »Da müssen S' Ihnen schon selber hinstellen auf d' Füß! Jetzt sind S' amal der Bauer, jetzt müssen S' Enk kümmern um Enker Sach! Sonst schauen Enk d' Leut am ersten Tag für an Lippl an – wann S' allweil mich fürischieben.« Er packte den Scheidhofer am Arm und zog ihn mit sich fort. »Wir müssen a neus Dach aufsetzen. Der Alte hat alls verschlampen lassen, derzeit er auf'n Verkauf denkt hat. Aber teurer als wie auf vierhundert Mark därfen S' Ihnen net einlassen. Der Zimmermeister is einer, der gern auffidruckt.« »Danke, Bonifaz! Und dann rufen Sie mir die Leute vom Scheidhof zusammen! Ich möchte ihnen die Hand drücken als Herr.« »Da is keiner daheim. In aller Fruh hab ich d' Leut aussigschickt, daß s' d' Weiherleiten umschlagen. Da kriegst a nobels Heu! 's Wetter halt auf a paar Tag. Heut in der Nacht hat's ausrebellt und gibt an Fried.« Die Sache bei der Scheune drüben wurde flink erledigt. Ein neues Dach! Und fest! Der Zimmermann verlangte sechshundert Mark. »Vierhundert«, sagte Walter, »keinen Pfennig mehr!« »Ah, der is gut!« Der Meister lachte. »Da tat ich ja draufzahlen.« Ohne zu antworten, ging Walter an der Scheune entlang, um das verschobene, mit Brettern ausgepickte Schindeldach genauer zu betrachten. »Du, da bist angrumpelt!« flüsterte Bonifaz dem Meister zu. »Mein Herr versteht sich auf d' Arbeit!« »In Gotts Namen!« Der Zimmermann kratzte sich hinter den Ohren. »Muß ich's halt machen um vierhundert. Der Kundschaft z'lieb.« »Ja, du, und nimm dich zamm mit der Arbeit!« zischelte Bonifaz. »Dös hat er mir schon gsagt, mein Herr: wann d' Arbeit net bummfest gmacht is, zahlt er net aus und laßt's auf an Prozeß ankommen. Der is von die Scharfen einer, weißt! Sonst kann er gut sein. Aber wann ebbes net in der Ordnung is, hat er den Tuifi. Bald er so auffahrt in der Wut, da tat ich mich net mucksen trauen. Ich tu mei' Pflicht und Schuldigkeit und komm gut aus mit ihm. Derkenntlich is er allweil, weißt!« Eine so lange Rede hatte Bonifazius Venantius Gwack in seinem Leben nicht oft gehalten. Mit dem Hut vor der Brust ging der Zimmermeister auf Walter zu. Der Akkord wurde auf Handschlag abgeschlossen. »Vierhundert!« Und wo soll das Bauholz geschlagen werden? Im Weiherwald, meinte der Meister. Da hätte er's schön bequem gehabt. Walter schüttelte den Kopf. »Das ist gesunder Bestand, der noch im Trieb ist. Da wird mir kein Baum geschlagen. Man soll das Bauholz vom Hohen Schein holen, von der Schluchtleite. Dort sind die meisten Überständer. Geschlagen darf nur werden, was gipfeldürr ist, aber noch nicht kernfaul. Wenn die Hölzer liegen, komm ich hinaus und sehe mir jeden Baum drum an.« Der Meister nickte zustimmend. »A bißl weit haben wir auffi. Aber ich merk schon, der Herr Scheidhofer laßt seim Wald nix anhaben. Müssen wir halt auffitappen zum Glutberg!« Er rief die Gesellen vom Dach herunter, um sich gleich auf den Weg zu machen. »Herr, jetzt haben S' mir aber gfallen!« sagte Bonifaz ernst. »Besser hätt ich selber net anschaffen können. Auf'n Wald haben S' an Verstand.« Walter sah zur Villa hinüber. »Bonifaz! Jetzt mußt du mich heimlassen!« »In Gotts Namen! Ich kann mir ja denken, daß Sie 's Fräulen net gern allein lassen heut!« Bonifaz zog den Hut. In Walter war's wie ein Gefühl des Vorwurfs, daß er für einige Minuten aller Trauer dieser Stunde hatte vergessen können. Dennoch empfand er dankbar den Ruhetrost, den ihm die kleine Sorge um seinen Besitz gegeben hatte. Und nach der durchwachten Nacht erquickte ihn die frische Luft. Er sah nicht die zerschlagenen Fliederbüsche, nicht den Wust von Reisern und Blättern auf allen Wegen. Nur den geklärten Himmel sah er, die Morgenglut der Berge, den blauen Duft, der Wälder umträumte, und den Strahlenglanz der Sonne, die durch die Waldschluchten des Hohen Scheins ihr Feuer schon hinflutete über lange Streifen des Tales. Da stockte sein Schritt. Mit heißer Welle schoß ihm das Blut zum Herzen. Bei den Rosenbäumchen, die um den Brunnen waren, stand Mathild, noch immer in dem lichten Kleid, das sie in der Nacht getragen. Mit halbgelösten Strähnen hing ihr das schimmernde Blondhaar um das bleiche, steinerne Gesicht. Sie hatte alle Rosen geschnitten, die mit schönen Kelchen die Sturmnacht überdauert hatten; auf dem Rand des Brunnens, neben einem Strauß Levkojen und Reseden, lagen sie in einem großen Busch beisammen. Auch alle zerschlagenen Blüten hatte sie abgelöst; die waren in einem Körbchen, das auf dem Boden stand. Mit weißen Bastfäden band sie jetzt die knospenden Zweige auf, die der Sturmwind losgerissen hatte. An den meisten Bäumchen hatte sie das schon vollendet, nur wenige waren da noch, die auf Mathilds Hilfe warteten, zerzaust und zerschlagen, mit Tropfen behangen wie mit Tränen, die anderen standen mit kleinen, gerundeten Kronen, von den weißen Bastfäden durchzogen, alle Knospen gegen das Licht gewendet, wie sie im Frühling aussehen, nach der ersten zärtlichen Sorge des Gärtners. Einen Baststreifen aus dem Fadenbündel ziehend, das sie um den Nacken hängen hatte, ging Mathild zu einem anderen Bäumchen. Walter trat zu ihr und fragte: »Darf ich helfen?« Sie schüttelte den Kopf, tat ihre Arbeit und schien ihn nicht mehr zu sehen. Er hatte nicht den Mut, zu sprechen. Eine Angst erwachte in ihm, die sein Herz umklammerte. Seit er Mathild in der Todesstunde des Vaters an seiner Brust gehalten, schien sie eine andere geworden. Sie hatte keinen Blick mehr auf ihn gerichtet, kein Wort zu ihm gesprochen, seinen Trost nicht gehört, seine Sorge nicht gesehen. Hatte ihn jener selige Augenblick getäuscht, in dem er ihre Liebe zu erkennen glaubte? »Mathild?« Von ihm abgewendet, stand sie vor dem letzten der Rosenbäumchen. Nur einen einzigen Zweig hatte sie noch aufzubinden, dessen knospenschwere Spitze gebrochen war. Sie löste das geknickte Reis vom Ast und schlang den weißen Faden um den Zweig. »Mathild!« Im Schweigen des schönen Morgens begann eine kleine Glocke zu tönen – die Glocke, die man läutet, wenn eins im Dorfe gestorben ist. Von Zittern befallen, preßte Mathild die Hände über das Gesicht. Dann trat sie zum Brunnen, raffte die Blumen an ihre Brust, und durch die Sonne, die schon herfiel über den freien Kiesplatz, ging sie zum Haus hinüber. Er stammelte ihren Namen und wollte folgen. Sie war schon im Flur verschwunden. Und als sie in die weiße Stube trat, schloß sie hinter sich die Tür und stieß den Riegel vor. Eine Weile stand sie wie in halber Ohnmacht an die Mauer gelehnt. Tiefe Dämmerung war in der Stube. Das Walperl hatte die Läden geschlossen, die nur durch kleine herzförmige Ausschnitte ein bißchen Licht hereinließen. Auf den Tisch hatte das Mädel ein Kruzifix gestellt und hatte auf silbernen Leuchtern zwei geweihte Kerzen angezündet, deren Flackerlicht über die stillen wächsernen Züge des Toten zitterte. Vor dem Bette niederbrechend, schüttete Mathild die Blumen über die Brust des Vaters, umschlang seinen Hals und grub das Gesicht in die Kissen. »Ich hab's getan, Papa! Alle waren aufgebunden, bevor die Sonne kam. Für wen sie blühen werden, das weiß ich nicht.« Strömendes Schluchzen zerdrückte ihre Stimme. Und während sie im Krampf ihres Schmerzes die Augen in die Kissen preßte, glitt von der Brust des Vaters ein Teil der Rosen und Levkojen zu ihr hin und legte sich um ihr Haar, das in der Kerzenhelle schimmerte. 19 Der schöne, klare Tag war hingegangen, und in Gluten dämmerte der Abend. Als man im Dorf den Segen läutete, kam einer vom Weiherwald heraufgestiegen zum Scheidhof, den Plundersack auf dem Rücken, Schaufel und Pickel über der Schulter. Ganz grau sah er aus. So übel zugerichtet war sein Gewand. Aber in seinem Schritt war ein Schwung und Leben, als hätte er stählerne Federn unter den Füßen. Mamertus Troll erreichte den Brunnenplatz und sah in einer ebenerdigen Stube so hellen Lichtschein, daß er sich dachte: »Da müssen s' ebbes Festlichs haben!« Er legte seinen Plunder ab und trat ins Haus. Der Blumenduft, der den Flur erfüllte, war so stark, daß der Moosjäger lachend vor sich hinsagte: »Herrgott, schmeckt's da aber fein. Wie am Pfingsttag in der Kirch!« Aus der Küche hörte er halblautes Schwatzen. Da saß der Bonifaz beim Walperl am Herd, weil das Mädel, so einsam in dem stillen Hause, ängstlich geworden war. Mathild, die man am Nachmittag in die Sägmühle geholt hatte, war noch immer nicht zurück. Mertl guckte in die Küchentür. »Is der Herr Walter daheim?« Das Walperl rückte vom Bonifaz weg und fuhr sich mit der Schürze über die Augen. »Grad is er auffi.« Der Moosjäger stieg die Treppe hinauf und trat in die Stube. Hier brannte noch keine Lampe, der rote Abend glänzte herein in den dämmerigen Raum. Walter, der am Schreibtisch saß, versteckte hastig ein dickes, gesiegeltes Briefkuvert, als hätte ihn der unerwartete Gast bei einer Heimlichkeit ertappt. »Bloß ich bin's!« sagte Mamertus Troll. »Grüß Gott, Herr Dokter!« Ohne für den Gruß zu danken, erhob sich Walter und zündete die Lampe an. In der Helle bemerkte der Moosjäger, wie bleich und abgemüdet sein Herr und Heiland aussah. »Um Gotts willen, Herr Dokter? Sind S' mir doch ebba net krank worden?« Walter schüttelte den Kopf. »Weißt du nicht, was hier im Haus geschehen ist?« Er trat auf den Moosjäger zu und sah ihm scharf in die Augen. »Der alte Herr Ehrenreich ist gestorben.« »Mar' und Josef!« sagte Mertl in gutmütigem Erbarmen. »So a braver Mensch! Freilich, in die Füß hat er's allweil schon ghabt. Und bal's amal in die Füß fehlt, is der Mensch eh schon halbert ums Eck. Den müssen S' gern ghabt haben! Weil S' Ihnen gar so kümmern! Ganz derpracken tut's mich, wann ich Ihnen anschau.« Walter legte aufatmend dem Mamertus Troll die Hand auf die Schulter, mit herzlichem Blick. »Ich hab's gewußt.« »Was?« »Nichts, lieber Mertl! Was bringst du?« »Bringen?« Der Moosjäger wurde ein bißchen verlegen. »Ehnder bin ich da, daß ich mir ebbes hol.« »Richtig! Deinen Wochenlohn!« »Heut is freilich erst Freitag. Jeden Tag hab ich vier Überstunden gmacht. Wann S' d' Arbeit anschauen, merken S' es schon, daß ich mir 's ganze Wochengeld verdient hab.« »Ja, Mertl! Gestern am Abend hab ich gesehen, wie weit du schon droben bist mit dem neuen Weg.« Der Moosjäger streckte sich. »Gelt ja?« Als ihm Walter die achtzehn Mark auf den Tisch legte, schob Mertl zwölf Mark zurück. »So viel kann ich heimzahlen. Und jetzt, Herr Dokter«, schmunzelnd drehte der Moosjäger den Hut zwischen den Händen, »jetzt tät ich schön bitten, daß S' mir d' Ehr antun und auf d' Hochzet kommen.« »Mertl?« »Ja! Übermorgen kündt uns der Pfarr 's erstmal auf, mein Zenzerl und mich. Und über drei Wachen schnackelt's.« Walter war eine Weile sprachlos. »Die Zenz? Und Sie? Wie ist denn das möglich?« »Mit Enkere dreihundert Mark!« Der Moosjäger lachte. »Jetzt hab ich's aussibracht.« »Mertl? Wie ist denn das gekommen?« »Wann ein' 's Hakerl richtig hat, laßt's nimmer aus.« Das war alles, was Mamertus Troll über den Roman seines Glückes zu sagen wußte. Eine Erinnerung zuckte heiß und tröstend durch Walters Herz. Die Weisheit des Moosjägers lautete auf anderen Lippen: »Was Liebe heißt, bleibt ein ewiges Ding.« »Da krieg ich a bravs Weibets!« beteuerte Mertl stolz. »Im ärgsten Regen hat's mir mein Tüchl nachtragen.« Er zog auf der Tasche was Blaues und Rotes heraus, das schön zusammengefaltet war. »Da hab ich mich nimmer einigschneuzt. Alls hab ich aussiblasen über'n Daum!« Lachend barg er das Heiligtum wieder an seiner Brust. »Herr Dokter! Jetzt hab ich alls. Arbeit und Freud. Mich hat's ummidruckt auf d' Sonnenseiten. Vergeltsgott, Herr Dokter!« In Freude faßte Walter die schwielige Hand des Moosjägers. Er sah die frohen Augen des Mamertus Troll und erinnerte sich an das Gesicht der Zenz, wie er es nach der »Iphigenie« gesehen hatte, im Glanz eines träumenden Glückes. »Mertl! Ich wünsche dir alles Gute. Dir und der Zenz. Zu eurer Hochzeit komm ich, das ist selbstverständlich. Und ich will dir noch was sagen, Mertl. Ich habe den Scheidhof gekauft.« »Mar' und Josef!« stammelte der Moosjäger in Sorge. Walter lächelte. »Ja, Mertl! Da mußt du mir helfen. In meinem Wald wird's Arbeit geben. Da brauch ich einen verläßlichen Menschen. Willst du mein Holzmeister werden? Ich gebe dir guten Lohn, und du hast eine sichere Existenz auf Jahre hinaus. Willst du?« Der Moosjäger schlug ein, daß an Walters Hand alle Gelenke knackten. »Herr! Jetzt müssen S' mich a bißl an der Nasen reißen. Sonst glaub ich's net. Jesses, jesses, was wird 's Zenzle sagen!« Ein paar Minuten später rannte Mertl bei sinkendem Abend die Straße hinaus. Im Hasenstall fand er nur den einsamen Peterl, der sein Pfeifl rauchte. »Wo is denn die Meinig?« »Wo wird s' denn sein?« knurrte der Alte. »Bei dir daheim!« »Jesses! Haben wir 's Häusl schon?« »Da kannst heut schon schlafen drin! Die halbeten Decken hat s' mir davontragen. Natürlich! Ich bin gar nimmer auf der Welt. Mein' Schimmel hab ich noch, Gott sei Dank!« Mertl lachte und sprang davon. Als er hinüberkam, wo das kleine Häuschen stand, außerhalb des Dorfes, gab's eine Enttäuschung: die Fenster waren dunkel. Aber dem Mertl kam es so vor, als wären die Mauern weißer, als sie sonst gewesen. Hinter dem niedergedrückten Zaun stand die Haustür offen, und Mertl hörte im Flur das Maxele sagen: »Mutter? Gehst noch allweil net heim?« »Gleich, Bubele! Bloß den Gang muß ich noch abreiben. Morgen muß alles sauber sein. Da kommt der Vater heim.« Mertl lachte. »Is schon da, der Vater!« Er trat in den dunklen Flur. »Jesus!« Die Zenz sprang vom Boden auf. »Aber allweil is mir's fürgangen!« Zuerst bekam das Maxele die Almrosen, die der Mertl auf dem Hut vom Hohen Schein heimbrachte. Dann legte der Moosjäger vor der Haustür seinen Plunder nieder und streckte der Zenz die beiden Hände hin. »Grüß dich Gott, Bräutl!« Die Zenz trocknete an der Schürze die Hände und tat einen tiefen Atemzug. »Mar' und Josef!« stotterte Mertl. »So viel plagt hast dich, daß zittern mußt?« »Ah na!« Sie wollte ihre Hände befreien. Er hielt sie fest, bis die Zenz mit leiser Stimme sagte: »Geh, laß aus! Ich zünd a Spanlicht an. Mußt dir doch alls a bißl betrachten.« Sie ging ihm voraus in die kleine Küche. Während der aufglimmende Span ihr Gesicht beleuchtete, sagte sie: »Mit der Kuchl bin ich auf gleich. Und einghaust hab ich auch schon a bißl ebbes, daß ich dir aufkochen kann.« »Sakra! Wird's mir aber schmecken!« Ganz merkwürdig klang sein Lachen. als er das kleine Bürschl bei der Hand nahm. »Maxele, Maxele, wir zwei haben's troffen!« Die Zenz hob das brennende Spanlicht. »Frisch gweißnet hab ich auch.« »Jesses, a gelernter Maurer kunnt's net besser machen!« stammelte Mertl. »Geh, du mußt dich aber schön strapeziert haben!« »Is net so arg. Freilich, sieben Jahr, da wachst er an, der Staub. A wengl fest aufdrucken hat man schon müssen.« Sie leuchtete mit dem Span über den offenen Herd, leuchtete an jede Pfanne, die neu und blank an der Mauer hing, leuchtete an jedes Stückl Geschirr in der Schüsselrahme, in jede Lade des Küchenschrankes. »Jetzt zeig ich dir 's ander alles, komm!« Sie trat mit erhobenem Span in den Flur. Dem Mertl fiel es auf, wie fest und grad sie vor ihm herging – als wäre das nimmer die lahmende Häsin auf des Peters Hasenstall. »Zenzle? Was is denn? Du marschierst ja wie a Leutnant!« Sie wurde verlegen. »Dös hat mir der Schuster graten. So a Stöckl hat er mir einigmacht in' Schuh. Jetzt merk ich – schier gar nix nimmer.« An der kleinen Kammer schob sie die Tür vor ihm auf. »Da schau!« Der Raum war leer, doch der Boden war gescheuert, das Fenster eingeglast und die Mauer frisch getüncht, mit einer blauen Mischung im Kalk. »'s ganz Weiße mag er net, der Vater, weil er's allweil am Schimmel sieht. Und länger halten tut's auch. Aber d' Stuben hab ich weiß gemacht. Ich mein', dö gfallt dir. Da hab ich auch schon a bißl ebbes beinand.« Sie ging über den Flur hinüber, öffnete die Tür der Wohnstube und drehte das Spanlicht mit dem Feuer nach abwärts, damit es besser brennen und heller leuchten möchte. Die Stube war fix und fertig, um drin zu wohnen. Die Wände weiß, an den Fenstern kleine Vorhänge aus rotem Leinen, neben der Tür ein Riese von einem Kasten. Im Herrgottswinkel das Kruzifix mit den Palmzweigen, der große Tisch aus Föhrenholz, die festgezimmerte Eckbank und zwei dreibeinige Stühle. An der breiten Mauer neben dem weißen Ofen ein Ungetüm von Bettlade. Unter den wollenen Decken, die der Peterl in seinem Hasenstall vermißte, guckte ein breites Kissen mit rotkariertem Überzug hervor. Der Moosjäger schnaufte. »Zenzle, Zenzle! Jetzt sag ich nix mehr. Hexen kannst auch noch!« Während sie von jedem Gerätstück den Preis nannte, um den sie es mit zähem Feilschen eingehandelt hatte, stand er schweigend bei der Tür. Dann nahm er den brennenden Span und leuchtete in den weißen leeren Winkel hinter dem Ofen. »Da is d' Mutter selig gelegen. Und gradso weiß is alles gwesen.« Mertl zog den Hut herunter. »Dös is mir 's beste Platzl im Haus. Da lassen wir 's Maxerl schlafen.« »Vergeltsgott!« Und hastig sagte sie: »'s Spanlicht geht auf. Geh, komm, ich fuier auf und koch dir ebbes. Auf d' Arbeit auffi wirst Hunger haben.« Als über dem Herd das Feuer flackerte, setzte sich der Moosjäger auf den Herdrand, hob den Buben an seine Seite und guckte der Zenz glückselig zu, wie sie für ihn schaffte Während es in der Pfanne mit angenehmen Düften brodelte, schwatzten die beiden von den kleinen Sorgen, nein, von den großen Freuden ihres werdenden Haushalts. Dann aßen sie am Herd. Obwohl dem Mertl der Hunger eines langen Arbeitstages in den Gedärmen brannte, pickte er nur wie eine Taube so kleinweis zu, um die Mahlzeit zu verlängern. Denn »so ebbes Delikates« hatte er in seinem Leben noch nicht geschmaust. Als die Pfanne geleert war; klang von der Haustür eine wütende Brummstimme: »Jetzt kunnst aber schon bald amal machen, daß d' heimkommst!« Ein schwerer Schritt stapfte davon. Nach der ersten Verblüffung sprang der Moosjäger zur Haustür und schrie in die sternhelle Nacht hinaus: »He, Vater! Geh, sei net narret und komm a bißl eini! So viel lieb haben wir's da.« Der Peterl kam nicht. Der war bös. Da machte die Zenz mit dem Spülen flinke Arbeit. Auch Mertl drängte: »Weißt, der Vater is allweil der Vater!« In der Haustür drehte er den Schlüssel mit einer Vorsicht um, als hätte das kleine Dach unmeßbare Schätze in seiner Hut. Die Zenz nahm er bei der Hand, und das Maxerl ließ er, weil der Tau schon lag, auf seinem Nacken reiten. Das sah in der Finsternis aus als ginge neben der kleinen Zenz ein Riese einher. Das war nicht der Riese des irdischer Schmerzes. Sie schlugen den nächsten Weg ein, hinter dem Dorf über die Wiesen. An der Ecke des Pfarrgartens hörten sie Geklirr, als wäre im Pfarrhaus ein Fenster in Scherben gegangen. Gleich darauf sahen sie einen Menschen im Dunkel durch den Garten das Weite suchen. »Der muß ebbes angstellt haben!« sagte Mertl, stellte das Maxerl zu Boden und wollte rennen. Die Zenz packte ihn an der Joppe: »Bub, ich bitt dich gottstausendmal, tu dich in nix einlassen!« Mertl spähte mit seinen Falkenaugen in die Finsternis, in der der Flüchtende verschwand. Er glaubte seinen Herrn und Heiland erkannt zu haben und stotterte: »Jetzt weiß ich aber net – ah na, dös kann net sein!« »Geh, komm, ich bitt dich um Gotts willen!« Das Maxerl an der Hand führend, zog die Zenz den Moosjäger an der Joppe mit sich fort. Vor der Tür des Hasenstalles legte Mertl der Zenz die Hände auf die Schultern. »Gut Nacht halt, Bräutl! Schau, ich hätt's gern aufgspart bis auf'n Sonntag nach'm ersten Aufbot. Aber weil dich gar so plagt hast für unser Glück, muß ich dir d' Freud doch heut schon machen. Zenzle! Ich bin ebbes .« »Der Beste bist mir!« sagte sie leis. »Mehr kannst mir net sein.« »Dir bin ich allweil noch weniger, als d' verdienst. Aber lus, Zenzle! In der Welt bin ich ebbes! Dokter Walterischer Holzmeister bin ich!« Er streckte sich im Stolz seiner Würde. Dieses Große verstand sie nicht gleich. Mertl mußte ihr's erklären: eine sichere Stellung, Arbeit und Verdienst, ein Leben ohne Sorge. »Gelt?« Er nahm mit scheuem Tappen ihre Wangen zwischen seine Hände. »Gelt, jetzt schlafst aber gut?« »Jesus, Jesus, so viel überanand! Unser Herrgott raumt an Kramladen für uns aus.« »Dich mag er halt, weißt! Und sag's nur dem Vater gleich! Nacher zannt er nimmer. Gut Nacht!« Und der Moosjäger sprang, als müßte er vor einer Versuchung flüchten, in die sternhelle Nacht hinaus. Erst bei der Kirche fiel er in langsamen Schritt und hörte vom erleuchteten Wirtsgarten herüber den leidenschaftlich bewegten Gesang zweier Mädchenstimmen: Wasser von der Marosch Fließt so rot! Lebst noch, Liebster, oder Bist du mausetot? Wasser von der Marosch. Fließt blutwurstrot.« Der wehe Klang der langgehaltenen Fermate löste sich in heiteres Lachen auf. Dem Moosjäger war bei diesen glühenden Tönen ganz schwül geworden. »Sakra! Dös kunnt ein' aufrebellen!« Als er zum Pfarrhof kam, hatte er flink an was anderes zu denken. Er sah die ebenerdige Stube erleuchtet. Richtig, da war ein Fenster in Scherben geschlagen. In der hellen Stube sah er den Pfarrer, im wollenen Nachtjackerl, mit der Schlafmütze, und neben ihm die alte Schwester mit dem nonnenhaften Häubchen. In Sorge rief der Moosjäger durch das zerschlagene Fenster hinein: »Herr Pfarr? Es wird doch nix passiert sein? Weil ich's Fenster hab scheppern hören?« »Nein, Mertl!« Der hochwürdige Herr Christian Schnerfer schien sich bei aller Erregung, die an ihm kenntlich war, in einer andächtigen Stimmung zu befinden. »Passiert ist schon was! Aber was Gutes.« Da ging der Moosjäger seiner Wege und lachte vor sich hin: »Wann's ebbes Guts war, kunnt's mein Herr und Heiland schon gwesen sein!« Als er heimkam, brannte er ein Spanlicht an, ging von Raum zu Raum und musterte mit glänzenden Augen jedes Stück seines Hausrats. Dann blieb er im Ofenwinkel der Stube sitzen. So schwarz die Finsternis um ihn her lag, die Augen seines Herzens sahen alles weiß. Die Müdigkeit begann ihm die Lider schwer zu machen. Er nahm eine von den grauen Decken des Bettes, rollte sie zu einem Kissen zusammen und legte sich drüben in der leeren Kammer auf den Boden. So gut und fest schlief er, daß die Zenz am Morgen mit beiden Fäusten an die Haustür pumpern mußte, um den Mertl zu wecken. »Aber geh, warum hast denn net im Bett gschlafen?« »Na, na! Es muß net alles gleich verwargelt sein. Da wart ich schon.« Schweigend ging die Zenz zum Herd und schürte ein Feuer an, um für den Mertl die Morgensuppe zu kochen. »Wo is denn unser Bub?« »Der Vater hat ihn mitgnommen zum Bierführen. Ebbes will er auch haben, sagt er.« Während die Zenz kochte, rannte Mertl ins Dorf, um Schindeln und Handwerkszeug zu kaufen. Nach der Suppe begannen sie ein lustiges Schaffen. Die Zenz säuberte den Bodenraum, und Mertl besserte das Dach aus. Am Nachmittag machte sich der Moosjäger dran, den Gartenzaun, den die Schneelasten von sieben Wintern niedergedrückt hatten, wieder aufzurichten. Die Zenz grub die von Unkraut überwucherten Beete um. Da würde freilich bei der späten Sommerzeit gar viel nimmer wachsen. »Aber Schnittlauch und Endivi, Fisolen und a paar Blümln bringen wir schon noch auf bis über vier Wochen.« So emsig schafften sie, daß sie, als es auf den Abend zuging, das Geläut der Glocken nicht hörten. Erst als Mertl rund um den kleinen Zaun herum alle Staketen angenagelt hatte, bekam er Ohren. »Jesses, da läuten s' für'n Herrn Ehrenreich! Zenzle, da müssen wir ummi und a paar Vaterunser mittun.« Beim Roten Hirschen begegnete ihnen der Zug: voraus drei Ministranten mit umflortem Kreuz und zwei silbernen Laternen auf Stangen, dann der Pfarrer neben dem Mesner, und hinter dem schwarz verhangenen, mit einem Kranz aus Rosen, Levkojen und Reseden geschmückten Sarge, den der Bonifaz und die Knechte aus dem Scheidhof trugen, Mathild unter schwarzen Schleiern, zwischen Walter dem Bruder. Die Sägmüllerin fehlte. Auch das Fritzele und das Nannerl. Nur das Walperl, das zum Zeichen de Trauer ein schwarzes Halstuch um das Sonntagsmieder geschlungen hatte, zählte noch als Leidtragende des Hauses. Nun kam eine lange Reihe von Mannsleuten, mit halblauten Stimmen litaneiend, und ihnen voran ging der Bürgermeister mit dem bekümmerten Apostelgesicht, einen großperligen Rosenkranz um die Faust geschlungen, allen Ernst dieser Stunde in den schönen, treuen Augen. Dann folgte die Reihe der Weibsleute. Die beteten lauter als die Männer und schwatzten dazwischen. Die Zenz und der Moosjäger trennten sich. Er reihte sich als letzter hinter die Mannsleute. Die Zenz, um in den Zug eintreten zu können, mußte warten, bis die Jungfrauen und die ehelichen Bäuerinnen an ihr vorüber waren. Einsam blieb sie nicht. Hinter der letzten Bäuerin kamen noch viele andere. Die Sonne funkelte wie Gold über dem Sarg und den entblößten Köpfen. Überall in den Höfen, an denen der Zug vorüberkam, verstummte der Lärm des Lebens. Nur die Vögel schwiegen nicht. Sie zwitscherten in den Lindenkronen. Und nicht wie ein Lied der Trauer, sondern wie feierliche Jubelstimmen schwammen die Glockentöne in der leuchtenden Luft. Zwischen jungen Zypressen lag das offene Grab, von Sonne überflutet. Über den Hügel der frischen Schollen ragte ein Stein auf rotem Marmor, auf dem das Gold eines Namens glänzte: »Charlotte Ehrenreich.« Mathild zitterte unter den schwarzen Schleiern, und Bertl umklammerte ihre Hand, nicht um die Schwester zu stützen, sondern um Stütze für sich selber zu suchen und sich an der Kraft der Schwester aufzurichten. Sein blasses Gesicht war von Angst entstellt. In seinen Augen war ein irrender Blick, der nicht zu sehen schien, was um ihn her geschah. Neben den beiden stand Walter am Grab, verstört und bleich. Der Pfarrer sprach die kirchlichen Gebete und segnete das Grab. »Gelt, Leut«, sagte Bonifaz leis zu den Knechten, als er die Stricke faßte, »tuts Obacht geben, daß wir ihn stad hinablassen!« Nur ein mattes Knirschen hörte man, und ein paar Schollen fielen. Das Geläut der Glocken schwieg, die Knechte traten vom Grab zurück, und Stille war im Friedhof, den die sinkende Sonne überglänzte. Ein leiser, weher Laut unter Mathilds schwarzen Schleiern. Und Bertls Zähne knirschten unter dem stummen Zucken, das seinen Kopf und seine Schultern wie ein Krampf befallen hatte. Der Pfarrer schloß das kleine schwarze Buch. Es dauerte eine Weile, bis er sprechen konnte. »Da legen wir einen hinunter in die ewige Ruh, von den Besten einen, die das Leben geschmückt haben. Der hat Ehrenreich geheißen. Und ist gewesen, was sein Name von ihm sagt! Ihr alle habt ihn gekannt. Oder ihr hättet doch Augen gehabt um zu sehen, was er wert gewesen. Wie blind ist manchmal das Gesicht der Menschen! Aber nun ist nach Gottes Gerechtigkeit ein Stündl gekommen, da sollen die Blinden das Sehen lernen!« Dem Pfarrer zitterte die Stimme, er mußte Atem schöpfen. »Könntet ihr in die Herzen seiner Kinder schauen, könntet ihr sehen, wie das Bild dieses Toten lebendig in ihren Seelen glänzt, dann dürft ich schweigen und segnend das Kreuz machen. Aber heut in der Nacht, unter Gottes gerechten Sternen, ist etwas geschehen. Das muß ich euch sagen. Und daß ihr es ganz versteht, muß ich euch das Leben dieses Mannes zeigen, wie es euer Pfarrer gesehen hat mit Herz und Augen.« Dem Hochwürden liefen die Tränen über das Gesicht, und dennoch war's wie ein Klang der Freude in seinen Werten. »Ich bin einmal an einem schönen Morgen übers Feld gegangen. Da war jedes Lüftl ein Gotteshauch, Blumen und Ähren sind in Blüt gestanden, und die Lerchen sind mit Singen hinaufgestiegen in die reine Sonn. Wie dieser Morgen, so ist dieses Mannes Leben gewesen! – Ich hab mich einmal bei bösem Wetter verlaufen in einem Wald. und da hat mir ein Licht geschienen, hat mir den rechten Weg gewiesen und hat mich zu einer sicheren Stub geführt. Wie dieses warme, führende Licht, so ist dieses Mannes Freundschaft gewesen, sein gutes Denken für die Menschen! – Ich bin einmal in eine wundervolle Kirch gekommen. Durch die hohen Fenster hat die Sonn hereingelacht, daß mir die Andacht eine Freud gewesen ist. Altäre sind dagestanden, ich kann euch nicht sagen wie schön, jede große Säul und jeder kleinste Schnörkel vom allerbesten Künstler gemacht. Und auf dem Chor hat die Orgel gespielt, die besten Geiger und Flötisten haben musiziert, die schönsten Stimmen haben gesungen. Was meint ihr, Leut, wie fromm und dankbar eurem alten Pfarrer da zumut gewesen ist! Und schauet: wie die heilige Sonn und der reine Klang in dieser Kirch, so war jeder Lebenstag in dieses Mannes Haus, sein Herzensbund mit seiner unvergeßlichen Frau, die freudige Lieb zu seinen Kindern! – Ich bin an klarem Abend einmal hinausgegangen zum Hohen Schein. Der hat geleuchtet in seinem Gottesglanz, und sein schönes Brennen ist sanft hinübergeschlafen in die stille Nacht. So still und schön ist dieses Mannes christlicher Tod gewesen.« In dem Schweigen. mit dem die hundert Menschen das offene Grab umstanden, hörte man den Schlag einer Amsel. »So war der Mann, den wir da hinunterlegen in die stille Ruh. Und jetzt denket zurück über sieben Jahr! Und wer einmal von diesem Mann da anders gedacht hat, als euer Pfarrer von ihm denkt, soll jetzt mit einem guten Gedanken an seine Brust schlagen! Ihr wißt, was ich meine! Und die mich nicht verstehen? Denen will ich was erzählen. In seiner Sterbstund hat mich der Herr Ehrenreich mit seinen klaren Augen angeschaut. ›Pfarrerle‹, hat er gesagt, ›jetzt werd ich Gottes Gerechtigkeit schauen.‹ So hat er gesagt. Und heut in der Nacht ist was geschehen. Da hat mir einer am Pfarrhof ein Fenster eingeschlagen. Der liebe Herrgott soll die Faust segnen, die so viel Scherben hat klappern lassen! Und durch das Loch im Fenster hat mir einer einen gesiegelten Brief in die Stub geworfen. In dem Brief hat alles Geld gelegen, das vor sieben Jahr aus dem Forsthaus verschwunden ist. Und ein Blättl Papier ist in dem Brief gewesen. Da ist draufgestanden mit verstellter Schrift: Ein Schuldloser hat die Augen zugetan, in einem Schuldigen brennt die Reue.« Mit leisem Laut hatte Mathild die Hände nach ihres Vaters Grab gestreckt. Und Bertl, das entstellte Gesicht von Tränen überronnen, war auf die Knie gefallen und hatte betend die Fäuste ineinandergeklammert, als wäre das die Stunde, in der ein Schrei seines Herzens bei Gott Erhörung finden müßte. Die Leute, die das Grab umstanden, hatten die Worte des Pfarrers zuerst mit scheuem, andächtigem Staunen aufgenommen. Nun gab's ein Köpfedrehen und ein erregtes Geflüster. Einer guckte dem andern ins Gesicht. Stärker als ihre Freude, die Ehre eines Schuldlosen gereinigt zu sehen, war in ihnen die Neugier nach dem Schuldigen, in dem die verspätete Reue heiß geworden. Und unter den vielen war einer, aus dessen Gesicht eine ratlose, fast komisch wirkende Verblüffung redete: mit offenem Mund und verdutzten Augen starrte Sonnweber den Pfarrer an, als ginge das Wunder der ewigen Gerechtigkeit, das er da verkünden hörte, über die Klarheit seines gesunden Verstandes. »Den Zettel hab ich verbrannt. Wir wollen nicht fragen nach dem Schuldigen, wollen verzeihen, wie es der herzensgute Mann da getan hätt, dem die Sonn einen letzten Gruß hinunterleuchtet in die stille Ruh.« Der Pfarrer trat an das Grab, ließ die ersten Schollen gleiten und reichte die kleine Schaufel dem Sägmüller. »Nimm, Bertele! Laß dir's nicht weh tun, wenn du die geweihte Erd da drunt ein bisserl hart auffallen hörst! Heiliger Boden ist keine Last. Der ist unser aller Heimat und eine starke Mauer wider die Schmerzen des Lebens. Amen!« Während Bertl unter Schluchzen mit der Schaufel dreimal von den Schollen hinunterwarf, drückte der Pfarrer Mathilds Hand und streichelte ihr die Wange, die der schwarze Schleier bedeckte. Dann ging er zur Sakristei. Die Glocken fingen wieder zu läuten an. Aus Mathilds zitternden Händen kam die Schaufel an Walter. Sein Gesicht war müd und bleich. Er atmete schwer, als die Schollen fielen. Dann wollte das Walperl die Schaufel nehmen. Der Bürgermeister kam ihr zuvor. Als er in seiner würdevollen Art dem Toten die letzte Freundschaft erwiesen hatte, legte er die Hand auf Bertls Schulter und sagte mit herzlicher Wärme: »Jetzt müssen S' Ihnen trösten, Herr Ehrenreich! Durch Gottes Willen hat Enker Herr Vater sein' guten Namen wiederkriegt, und d' Ehr is mehr wie 's Leben. Aber gelten S', ich hab's allweil gsagt: der macht d' Augen net zu, eh daß ihm net Gerechtigkeit widerfahrt!« Bertl schien nicht zu hören. Seine Brust arbeitete wie unter einem drückenden Stein, und ziellos irrten seine verstörten Augen. Von der Straße klang der Lärm eines Wägelchens, das Eile zu haben schien. Und Bertl, unter heftigem Zittern, wandte sich plötzlich vom Grab seines Vaters, drängte sich durch die Leute, die um ihn her waren, und rannte der Straße zu. Die Bauern machten verwunderte Gesichter, und in Unmut zog der Bürgermeister die Brauen zusammen. »So sollt einer doch net davonlaufen, wann seim Vater die letzte Ehr derfahrt!« Er betete noch ein Vaterunser und warf, als er das Gesicht bekreuzte, einen seltsam forschenden Blick zu Walter hinüber. Dann schob er den Rosenkranz in die Tasche und verließ das Grab. »Nachbar«, sagte er zu einem Gemeinderat, der mit ihm zusammen auf dem Friedhof ging, »da haben wir an braven Menschen abiglegt.« »Was meinst denn? Was kunnt denn dös für einer gwesen sein, heut in der Nacht?« »Mein, Mensch, da is a harts Raten!« Der Bürgermeister nickte vor sich hin. »Der Herr Pfarr hat recht. Jetzt muß man's gut sein lassen, muß zfrieden sein mit der halbeten Reu und dö Sach versöhnlich anschauen. Ordnungsmaßiger wär's freilich gwesen, wann der Herr Pfarr den Zettel zur Amtshandlung an d' Schandarmerie überwiesen hätt. Aber d' Hauptsach is, daß der alte Herr sein' ehrlichen Nam wieder hat. 's ander muß dreingehn! Tat alles aufkommen im Leben, so dürft man den ganzen Tag nix wie köpfen und henken. Willst mit Gusto leben, so mußt allweil 's halbete Gschau offen haben und 's halbete zu. Erschrecken müßt einer, wann er wüßt bei jedem Schrittl, was für a Grausen ungschauter neben ihm hergeht. Und 's Schiechste vom Schiechen kann für an Kurzsichtigen ausschauen wie 's Beste und 's Allerschönste vom Leben. Is schon wahr, unser Herrgott hat's uns gut vermeint mit der irdischen Blindheit. Schau an Schafbuben an, der über alle Grat aussispringt, wann er seine Lampln sucht! Schaut er hin auf d' Löcher, so hat er 's Gnack schon brochen. Na, na! Der lacht auffi ins Licht, und derweil er jodelt, hupft er ummi über alle Gräben. So mußt leben, Mensch!« In scheuer Ehrfurcht guckte der andere an dem schönen, stattlichen Mann hinauf, um dessen Apostelkopf die Abendsonne ihre goldenen Lichter herglänzte. »Von Enk hört man halt allweil ebbes Guts. Jeds Schrittl mit Enk is a Profit für 's Leben.« Die Glocken schwiegen. Ein Widerhall, der von den Bergen kam, durchzitterte noch den leuchtenden Abend. Es wurde still um das frische Grab. Einer nach dem andern war gekommen, Mathilde Hand zu drücken. Dann hatten die Leute den Friedhof verlassen. Nur ein paar alte Frauen waren noch geblieben, um hier und dort vor einem Grab ein Vaterunser zu beten. Und der Moosjäger stand noch da. Immer zupfte ihn die Zenz am Ärmel, doch Mertl blickte in Sorge nach seinem Herrn und Heiland, der vor dem frischen Hügel schweigend an Mathilds Seite stand. Da brachten der Bonifaz und das Walperl eine mit Gartengerät und Blumenstöcken beladene Tragbahre. »Zenzle, da müssen wir helfen!« sagte der Moosjäger, packte die beiden Gießkannen und lief davon, um Wasser zu holen. Mathild streifte die schwarzen Schleier zurück und nahm den Hut herunter. Als Walter ihre Absicht merkte, faßte er sie erschrocken bei der Hand. »Fräulein –« Er konnte nicht weitersprechen. So weh tat ihm der Anblick ihres vergrämten Gesichtes, das er nicht mehr gesehen, seit sie nach ihres Vater Tod die Rosen aufgebunden hatte. »Mathild! Nein! Das dürfen Sie nicht tun. Nicht jetzt! Sie müssen sich ein paar Stunden Ruhe vergönnen.« Wortlos befreite sie ihre Hand und kniete neben dem frischen Hügel auf den Rasen nieder. »Bitte, Walperl, zuerst die Levkojen und Reseden!« Nun halfen sie alle zusammen, um den kleinen Berg der dunklen Schollen in einen blühenden Hügel zu verwandeln. Mertl brachte die vollen Gießkannen herbeigeschleppt. »Beim Schulmeister hab ich's gholt. Der hat 's beste Wasser im Brunn.« Als der Schatten des späten Abends um den Friedhof blaute, war die Arbeit getan. An den Blüten und Blättern, die sich schon aufzurichten begannen, hingen die Wasserperlen, schimmernd wie Morgentau. »So viel schön schaut's aus!« sagte Mamertus Troll. »Da möcht ich gleich selber drunterliegen.« Erschrocken faßte die Zenz den Mertl am Joppenzipfel. Er lachte ein bißchen. Und dieses Lachen war wie ein Segen des Lebens, der über das frische Grab gesprochen wurde. Bonifaz und Walperl luden das Gartengerät auf die Tragbahre, und Mathild hob ihren Hut vom Rasen auf. Schweigend stand sie noch vor dem Grab und sah die Blumen an und den roten Stein, auf dem auch im Schatten des Abends noch die goldenen Lettern glänzten. Dann reichte sie jedem die Hand, zuletzt dem jungen Scheidhofer. »Ich danke Ihnen!« Sie wollte gehen. »Wir halben doch alle den gleichen Weg?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich muß in die Sägmühle. Das Kind meines Bruders ist schwer erkrankt.« Mit den Schleiern band sie den Hut an ihren Arm und verließ den Friedhof. Walter eilte ihr nach. »Mathild?« Da blieb sie stehen und sah mit ihren verstörten Augen zu ihm auf. »Ich bitte Sie, mich allein zu lassen!« Sie wandte sich ab und ging die Straße hinaus. Er fühlte: das ist noch etwas anderes als nur ihre Trauer und Sorge. Das Herz und die Kehle von Angst umschnürt, stand er unbeweglich im Glanz des schönen Abends. Alles blaute und leuchtete. Und während die Schatten schon übers Tal und über die Wälder flossen, brannte fern auf dem Hohen Schein noch immer der helle, reine Tag. »Du«, flüsterte das Walperl ihrem Buben zu, »mit dö zwei, da hat's ebbes!« »Hab mir's seit gestern schon allweil denkt!« Bonifaz gab ihr einen Puff mit dem Ellbogen. »Geh, red a bißl gut mit ihm! Den müssen wir heimkutschieren.« Scheu ging das Walperl auf den Scheidhofer zu. »Kommen S', Herr Dokter! Zwei Tag und zwei Nacht kein Broserl Fried und kein' Schlaf! Wann S' Ihnen nur sehen kunnten, wie S' ausschauen! Jetzt kommen S' mit heim, Herr Dokter! Es wird sich schon alls wieder machen! Schauen S' den Abend an, wie fein als er is! Und was haben wir vor zwei Nacht für a Wetter ghabt!« Er ließ sich von dem Mädel fortziehen. Bonifaz ging an seiner anderen Seite und fing davon zu reden an, wie gut die Regengüsse und dann die warme Sonne drauf dem Haber und der Gerste getan hätten. »Trügt mich net alls, so kriegen wir heuer im Scheidhof die doppelte Frucht.« Beim Tor des Gottesackers stand der Moosjäger und guckte studierend seinem Heiland nach. »Zenzle, jetzt versteh ich bald d' Welt nimmer!« »Was sinnierst denn allweil so?« »Lassen wir's gut sein! Wann er's in der Gheim haben will, därf ich 's Tüchl net abireißen.« Sie kamen zum Roten Hirsch hinüber. Hier war es lebendig im Hof. Vor der Tür rauften sich die Leute, um noch rechtzeitig ins Haus und hinauf in den Saal zu kommen. Heut spielten die merkwürdigen Brüder und Schwestern wieder: die »Geschwister« und die Gretchenszenen aus dem »Faust«. Sie hatten doppelten Zulauf. Die Hundert, die das »griechische Gspiel« gesehen, hatten es unter die Leute gebracht, wie »viel schön« das wäre. Auch die Zenz erinnerte sich der Freude, die ihr da droben unter dem Dach ins Herz gefallen. Weil sie das dem Mertl gern vergönnt hätte, fragte sie: »Magst net eini ins Gspiel?« Der Moosjäger schüttelte den Kopf. »Schaffen wir lieber noch a Stündl! Komödi hat man gnug im Leben. Aber 's Glück is rar. Jetzt haben wir's, Zenzle, jetzt hackeln wir uns ein. Und weißt, d' Montur für morgen muß ich mir auch noch kaufen.« »Hast recht! Ich mach derweil a Sprüngl zum Vater eini.« Mit Stolz und Freude sah Mertl der lahmenden Häsin nach, die trotz des »Stöckerls im Schuh« ein bißchen knixte. Dann sprang er zum Krämer und kaufte eine Hose und Jacke aus braunem Leinen, dazu ein neues Hemd und ein rotes Halstüchl. Alles zusammen kostete vierzehn Mark. »Viel Geld!« seufzte er und hatte doch seine Freude, wenn er dran dachte, wie schmuck er morgen aussehen würde. Die Nagelschuhe wollte er »fest schmirben« und den Hut am Abend noch in heißem Wasser kochen. Dann war alles neu an ihm, innen und außen. Der Krämer erinnerte ihn an die Pfeife mit dem Ulmerköpfl, die dem Mertl beim Einkauf seines Plunders so gut gefallen hatte. »Na, Mensch! Heut hab ich mir schon gnug zahlt!« Der braune Anzug wurde in blaues Zuckerhutpapier gewickelt. Auf den vorgestreckten Händen trug Mamertus Troll seinen neuen Menschen heimwärts durch den schönen Abend. Die Zenz war schon da, und aus dem dämmerigen Flur leuchtete der Herdschein heraus. Als sie gegessen hatten, wurde Mertls Hut zum Auskochen zugesetzt. »A Stündl braucht er schon!« meinte der Moosjäger. »Jetzt schaffen wir derweil.« Im dunklen Garten stupften sie die Fisolenkerne in die umgegrabenen Beete und setzten die Salatpflänzchen ein. Für Blumensamen war auch schon gesorgt. An den Hut, der in der Küche seine Dampfkur durchmachte, dachten sie nimmer. Sie arbeiteten, bis die Sterne am Himmel funkelten. Wie laut die Grillen sangen! Die Mondsichel glänzte neben dem Hohen Schein heraus, warf ein dämmerndes Lichtband über das Tal und tauchte wieder hinter die Berge. Dann wurde es lebendig im Dorf. Das Theater war zu Ende. Wie »dürstig« die Gemüter an diesem Abend wieder geworden, merkte man an dem Jauchzen, das nach allen Richtungen hinauswanderte in die sternschöne Nacht. Auf der Kirchstraße machten die Buben beim Gasselgehen einen übermütigen Lärm. Eine alte Bäuerin fing zu brummen an und zog ihr Mädel auf einen dunklen Fußweg. »Springen wir lieber hinterm Pfarrhof ummi!« »Jesses na! Die Buben fressen ein' net.« »Jetzt gehst mit heim! Oder möchtest ebba wieder bis zwei in der Fruh auf der Gassen umanandstehn, wie 's letztmal nach der Komödi?« Das Mädel schwieg. In der Finsternis fing die Mutter nun selber vom Theater zu schwatzen an. Viel Gutes ließ sie nicht an der Tragödie des armen Gretchens. »Gfallen hat mir bloß der Tuifi. Gradso fein hat er's allweil gmacht wie der Nachbar, wann er ebbes will – allweil hinter die Ohrwascheln ummi, und gahlings macht er an Griff!« »Geh, laß mich aus mit'm Tuifi! Sind doch andere Sachen auch noch drin gwesen. Und was für schöne!« »Ja, recht schön!« murrte die Alte. »Da hast es sehen können, wie d' Verführung so a dalkets Lampl ins Unglück bringen kann! Schau dir an, was für a bravs Madl 's Margaretle gwesen is. Und was für grausliche Sachen hat s' hintnach angstellt! Den Brudern hat's derstechen lassen, und d' Mutter hat's vergiftet und ihr Kind hat's umbracht! Jesses, jesses, jesses!« »Auf dös arme Madl laß ich net schimpfen. Was kann's denn derfür? Wann alles so lieb und schön gwesen is, was ihr 's Herzl verdraht hat! Unsereim tat's auch net anders gehn.« »Waaas! Tatst ebba auch d' Mutter vergiften?« »Dös grad net! Aber –« Das Mädel verstummte. Hinter den Hecken fing einer mit hoher Stimme zu singen an: »Und 's Herzl verbrennt mir Im siedheißen Leib – Hölltuifi, wo bist denn? Komm her, ich verschreib! Mein Schatzl bann her und Die Alt zarr in d' Höll, Und mein Herzl, dös laß mir, Und nimm dir bloß d' Seel!« Die Bäuerin fing zu schimpfen an. Sie hatte den Sänger an der Stimme erkannt. Es war ein Sohn jenes Nachbars, der es immer so fein machte wie der Teufel im »Göthianerstuck«. »Der soll mir noch amal einispeanzeln ins Haus! Den staub ich davon mit'm Besen.« Da klang es lustig hinter der schwarzen Hecke: »Es schaut si nix aussi Beim höllischen Brand – Da wallfahrt i lieber Ins griechische Land!« Das Mädel schrie einen Jauchzer in die Nacht und ließ in geduldiger Ruh die Mutter schelten, den ganzen Heimweg. Die beiden wohnten weit draußen, wo der Mühlbach gegen das westliche Waldtal strömte, um seine Wasser durch eine tiefe Felsklamm zu werfen. Wie ein graues Band lag neben dem schwarzen Bach das schmale Sträßl, das zur Mühle führte. Ein Weibsbild, mit einem schweren Zuber auf dem Kopfe, rannte da hinaus. Am Wohnhaus der Mühle waren alle Fenster erleuchtet. »Burgele?« klang von der Haustür eine schrillende Stimme. »Hast es, Burgele?« Es war etwas so Fremdes und Wildes in dieser Stimme, daß die Magd nicht wußte, wer da schrie. In der Helle, die aus den Fenstern leuchtete, erkannte sie das Nannerl, das über den Hof gelaufen kam: »Gib her!« Das Nannerl riß der Magd den Zuber vom Kopf und schleppte keuchend die schwere Last zum Haus: »Jetzt hab ich's, Müllerin!« Bertl kam auf der Kammer gestürzt und half dem Nannerl den Eimer tragen. In der Kammer warfen sie das Eis in die kleine Badewanne, die mit Wasser gefüllt war. »Nur schnell das Tuch hinein!« sagte der Arzt, der vor dem Gitterbettchen saß. Frau Rosl wollte mit dem Leintuch zur Badewanne und wurde von einer Schwäche befallen, weil sie das Gesicht ihres Mannes angesehen hatte. Das Bild dieser stummen Verzweiflung zerbrach ihre letzte Kraft. Mathild nahm ihr das Leintuch aus den Händen und tauchte es in das gekühlte Wasser. Und das Nannerl klammerte den Arm um die Müllerin: »Der heiligen Mutter hab ich mein Glück verlobt! Und alls! Da kann dem Kindl nix gschehen!« Der Arzt hatte sich erhoben und schälte das Fritzele aus den nassen Tüchern heraus, in die es gewickelt war. Die Augen geschlossen, im Brand des Fiebers, bewußtlos, kämpfte das Kind gegen die Atemnot. »Schnell das kalte Tuch!« Mathild riß die dampfenden Linnenstücke aus dem Gitterbett und breitete das im Eiswasser gekühlte Leintuch aus. Dabei hielt der Doktor das Kind in der Luft. Bubis Köpfl war gegen das nackte Schulterchen gesunken, und über den Händen des Doktors standen die Ärmchen auseinander. Bertl taumelte aus der Kammer, das Gesicht mit den Händen bedeckend. In der Stube fiel er auf eine Bank. Wie man einen Schuldigen packt, so faßte er mit den Fäusten die eigene Brust. »Ich! Ich! Ich!« Das Nannerl kam aus der Stube gestürzt. »Alls is gut! Komm eini, Müller!« Da schlug die Kastenuhr. Dem Nannerl zuckte ein Schreck durch den Leib, als flöge ein Schwarm von Gespenstern an ihren aufgerissenen Augen vorüber. Mit beiden Händen umklammerte sie Bertls Arm: »Ich hab mich der heiligen Mutter verlobt! Dein Kindl muß gsunden!« Frau Rosl erschien in der Kammertür und sprang zu ihrem Mann. »Bertele!« Sie umschlang ihn. »Der Doktor hat aufgschnauft! 's Kindl, mein ich, is überm Berg! Komm! Tu wieder hoffen!« Er ließ sich führen. Wieder waren sie alle um das kleine Bett. In der harrenden Stille hörte man nur das Geflüster des Nannerl. Mit verklammerten Händen stand sie beim Ofen und betete. »Heilige Mutter, heilige Mutter, heilige Mutter –« Das Fritzele schien von aller Atemnot erlöst. In seinem heißen Gesichtl war's wie ein Ausdruck der Wohligkeit, die ihm von den kalten Tüchern in die fieberbrennenden Glieder quoll. Einmal machte es unter dem Wickel eine Bewegung, als möchte es das eingebundene Ärmchen rühren, und lispelte: »Dein Handerl, Papi! Wo ist dein Handerl?« Dieses träumende Flüstern war das letzte Wort, das Bertl und Frau Rosl von ihrem Kinde hörten. Die beiden hofften noch immer. Und das Nannerl glaubte. Nur Mathild ahnte, was kommen würde. Sie ging dem Bruder nicht mehr von der Seite. Der Doktor hatte mit ihr kein Wort gesprochen; sie kannte ihn und verstand das aschfarbene Gesicht. Er war Junggeselle, immer im Herzen die Sehnsucht nach einem Glück, das er niemals fand. Diese Sehnsucht verkörperte sich in seiner Liebe zu den Kindern, die das Glück den anderen gab. Er konnte erwachsene Leute sterben sehen, ohne daß er seinen Gleichmut und die Fähigkeit verlor, auch in grauer Stunde noch ein heiteres Wort zu sagen. Aber Kinder sterben zu sehen, das hatte er noch nicht gelernt. Das machte ihn immer feige, bevor das Äußerste kam. Als das letzte Mittel seiner Kunst versagte, sprach er eine Lüge und verließ die Mühle, um nicht sehen zu müssen, wie dieses liebe Gesicht sich verwandeln würde in kaltes Wachs. Bis zur Haustür rannte das Nannerl dem Doktor nach und küßte seine Hand. Er hatte doch mitgeholfen bei dem Wunder, das die heilige Mutter wirkte! Und das Mädel zitterte vor Freude, als es wieder in der Kammer war und das Fritzele so ruhig schlafen sah. Weil Bubis Gesicht immer weißer und weißer wurde, fing die Müllerin zu zittern an. Und Mathild erkannte, daß das Letzte gekommen war. Sie hatte nicht das Herz, dem Bruder das zu sagen. Da preßte Frau Rosl den Arm um seinen Hals. Er sah zu ihr auf, schnellte vom Sessel in die Höhe, beugte sich über das kleine Bett und nahm die Wangen des Kindes zwischen die Hände. »Jesus!« Er schrie wie ein Tier, faßte den kleinen Leichnam und rüttelte ihn, als könnte er mit Gewalt dieses versunkene Leben wieder herausreißen in den Tag. Mathild warf sich zwischen ihn und das kleine Bett. »Denk an den Vater! An die Mutter! Was dir lieb ist, kann nicht sterben, das lebt in dir!« Frau Rosl klammerte sich an seine Brust. So tief wie ihr Schmerz um das Kind, so heiß war ihre Sorge um diesen gebrochenen Menschen. »Barmherziger Herrgott! Was is denn mit meinem Mann? So schauts ihn doch an!« Mit der Kraft ihrer Verzweiflung und Liebe hielt sie den Tobenden umschlungen. »Mein Alles bist mir! Nix hab ich nimmer wie dich!« Sie rang mit ihm und riß ihn hinaus in die Stube, damit er das Kind nimmer sehen könnte. Mathild stürzte vor dem kleinen Bett auf die Knie. »Mit dir möcht ich! Zum Vater!« Das Nannerl stand an den Ofen gelehnt, wie versteinert, Todesangst in den gläsernen Augen, den starren Blick auf das regungslose Körperchen gerichtet, das so weiß in den Kissen lag. Draußen in der Stube ein dumpfer Schlag, als wäre jemand zu Boden gefallen. Und eine keuchende Stimme: »Ich! Ich! Ich!« »Bertl! Bertl! Was soll ich denn tun? Mein Herz zerschneid ich, mein Leben werf ich ins Wasser, die Seel ins Feuer, alles für dich! So schau mich doch an! Was soll ich denn tun?« »Nimmer reden! Deine Lieb erschlagt mich! Ich kann's nicht hören! Mich hat der Herrgott gestraft. Ein Verfluchter bin ich, ein schlechter Mensch. Und nimmer leben mag ich!« »Mathild!« schrie die Müllerin mit gellender Stimme. In der Kammer stand das Nannerl an den Ofen gelehnt und drehte langsam das Gesicht zur Tür, als Mathild hinaussprang in die Stube. Dann fiel ihr ein Zittern in die Glieder, ihre Zähne schlugen zusammen, als stünde sie frierend im Schnee. Sie machte einen Sprung hinüber zu dem kleinen Bett, riß am Hals ihr Kleid entzwei und zerrte etwas heraus. Den Mut, das Fritzele anzuschauen, hatte sie nimmer. Mit abgewandtem Gesichte warf sie das kleine silberne Kreuz, das sie von ihrem Hals gerissen, auf die Brust des Kindes, stürzte auf das Fenster zu und ging den gleichen Weg wie in jener Nacht, in der ihr blaues Märchen zur Wahrheit geworden. So blindlings tat sie den Sprung, daß sie draußen niederstürzte. Sinnlos jagte sie durch den Garten, über dem die Sterne funkelten. Immer wieder kam sie zu einer Hecke und rannte kreuz und quer wie ein Reh, das über hohen Zaun in eine blühende Wiese gesprungen ist und nimmer den Ausweg findet, wenn die Hunde kommen. Ein paar Schritte neben dem offenen Türchen überkletterte Nannerl den Zaun. Ihr Kleid blieb hängen. Sie kreischte wie in Gespensterfurcht, sprang hinunter auf den steilen Hang und rannte schreiend in die Finsternis des Waldes. Beim Rauschen des Baches brannten im dunklen Blau die Lichter Gottes und erzählten mit ihrem Gefunkel ein goldenes Märchen der Ewigkeit. 20 Ein klarer Sonntagmorgen. Der Hohe Schein mit seinem blauen Wunder stand vor dem Strahlenglanz der Sonne, als Mamertus Troll und die Zenz zum Pfarrhof gingen. Das Maxerl war nicht bei ihnen. Mertl hatte wohl gemeint, der Bub müßte dabei sein, »wann 's Ruckerl gmacht wird, daß er an Vatern kriegt«. Aber der Peter war mit dem Buben schon auf und davon, hinüber in die Wirtsstube, wo er dem Maxerl zur Feier des wichtigen Tages eine Bratwurst spendierte. Die Zenz hatte sich so schmuck gemacht, als es die bescheidenen Schätze des Hasenstalls erlaubten. Und Mertl, in dem braunen Leinenstaat, war anzusehen wie aus der Schokolade herausgestiegen. Dabei roch er heftig nach einem Zuckerhut. Die Zenz sagte einmal: »So fein haben d' Wiesenblümln noch nie net gschmeckt wie heut in der Fruh.« Und wie gut ihr der Mertl gefiel! Das verriet der Glanz, der in ihren Augen war und ihr Gesicht verjüngte. Nur zu dem Hut, den der Bräutigam trug, schielte sie mit Sorge hinauf. In der langen Dampfkur hatte der mürbe Deckel völlig die Fasson verloren. Sauber war er freilich geworden. In der Form aber glich er einem großen Pilz, der eine Woche Regenwetter überstanden hatte. Das Nelkensträußl putzte ihn aber doch ein bißchen heraus. Die Sonne fiel in das Tal herein, als die beiden zum Pfarrhof kamen. Mertl faßte die Hand der Zenz. »Also Schatzl! Steigen wir halt eini ins Glück! Der Herrgott soll's uns geraten lassen!« Die Braut bekreuzte sich. Im Pfarrhof mußten sie warten. Trotz der frühen Stunde war der hochwürdige Herr nicht daheim. Als man zur Frühmesse läutete, kam er atemlos gelaufen. »Gott sei Lob und Dank, weil ich nur wieder ein Bröserl Glück zu sehen krieg! Denkt nur, Leut, dem jungen Ehrenreich, der gestern den Vater begraben hat, ist heut in der Nacht das Kindl gestorben.« Die Zenz erblaßte in abergläubischem Schreck; in de Stunde, in der man »einispringt ins Glück«, hört man lieber was Gutes. Und der Mertl dachte gleich mit Sorge an seinen Herrn und Heiland. »Der is so viel anhänglerisch zu die Ehrenreichischen! Was der für Zeiten durchmachen muß! Diemal kunnt unser Herrgott schon a bißl besser aufpassen auf seine Leut!« Und ob von den beiden keines das Nannerl gesehen hätte? Das arme Närrlein wäre in seiner Angst aus dem Haus gelaufen, niemand wüßte, wohin. »Och du lieber Himmel! Mein gutes Thildele! Und jetzt ist mir über Nacht auch mein Kaplan noch krank geworden. Da muß ich gleich hinüber in die Kirch und statt der Frühmeß eine Andacht halten.« Der hochwürdige Herr tat einen schweren Seufzer. In dieser Stimmung und bei den paar Minuten, die ihm noch verblieben, bekamen die Brautleute einen kurzen Zuspruch über die Pflichten des heiligen Ehestandes. »In Gottes Namen halt! Ich will schon bei der Verkündigung recht aus der Seel für euch beten. Aber das Beste müßt ihr selber tun. Jetzt steht euer Glück vor der Tür. Jetzt müßt ihr's auch festhalten mit redlichen Händen und mit treuen Herzen.« »Die richtigen Pratzln hab ich schon. Dö lassen nimmer aus!« sagte der Moosjäger. »Und mit der Treu wird's auch net fehlen! Gelt, Zenzle?« Sie sah zu ihm auf und nickte. Der Pfarrer legte ihnen die Hände auf die Köpfe. Dann gingen sie. Und weil Mertl durch die offene Tür der Schlafstube das Schreibpult sehen konnte, sagte er gerührt: »Schau, Bräutl, da drin is der gute Herr Pfarr im Hemmed gstanden, wie er mir unser Glück verbrieft hat!« Als sie hinauskamen in die schöne Sonne, liefen der junge Scheidhofer und das Walperl vorüber, in der Richtung nach der Sägmühle, das Mädel mit der Küchenschürze, Walter in Handschuhen und ohne Hut, mit einem Gesicht, daß der Moosjäger erschrak. »He, Scheidhofer!« Walter hörte nicht. Und Mertl umklammerte die Hand seiner Braut. »Zenzle! Mein' Herrn mußt anschauen! Jetzt is mir am heutigen Tag die ganze Freud verschustert!« Sie sagte kein Wort, legte nur scheu den Arm um den braunen Moosjäger. Das wurde ein stiller Spaziergang, den sie am Waldsaum machten, um die Zeit bis zum Hochamt abzuwarten. In der Kirche, als der Hochwürdige von der Kanzel verkündete: »Zum heiligen Stand der Ehe haben sich versprochen –«, und als sich alle Gesichter nach dem Betstuhl wendeten, in dem die »ledige Kreszenzia Schmiedramsl« kniete, schoß dem Mertl doch wieder die Freude ins Herz. Und wie stolz er nach dem Hochamt vor der Kirchtür wartete, bis die Zenz herauskam! Lachend schob er den gesottenen Hut übers Ohr. »Schatzl! Jetzt haben wir's!« An der Hand führte er sie an den gaffenden Leuten vorüber. Und drüben beim Roten Hirschen sprang er in den Hasenstall und brachte das Maxerl getragen. Die Zenz nahm die Hand ihres Buben. »Wo is denn der Vater?« »Furtfahren muß er. Dös is zwider. Grad is er ummi zum Einschirren. Die Komödileut muß er auf d' Mühlbacher Alm führen. Dö machen an Ausflug.« Da ging die Zenz in den Stall, in dem der Peterl den Schimmel anschirrte. »Grüß Gott, Vater! Jetzt bin ich verkündt.« Der Alte sah seinem Mädel mit dürstendem Blick in die Augen. »In drei Herrgotts Namen! Kriegst an braven Menschen! Aber verdienen muß er dich allweil erst.« Er faßte die Stränge, die vom Kummet auf das Stroh hinunterhingen, und warf sie dem Pferd über den Rücken. »Gelt, Vater, jetzt bist mir nimmer harb?« »Ah na!« Peterl zog am Schimmel eine Schnalle fest. »Geh halt, Kindl, und laß den Deinigen nit warten! So ebbes mögen s' net, d' Mannsbilder.« Die Zenz war schon bei der Tür. »Vater, ich tat dich gern um ebbes anbetteln!« »Druck's halt aussi!« »Gestern hab ich gfragt, warum er net raucht. Da hat er sich nausgredt, es tat ihm net gut auf'm Magen. Aber ich mein', er hat kein Pfeifl. Kunntst ihm net eins schenken von deine zwei?« Peterl griff in die Tasche. »Da hast mein Sonntagspfeifl! Gibst es ihm halt!« »Vater, jetzt weiß ich, daß d' ihn magst!« Lachend rannte die Zenz davon. Der Alte trat an das trübe Stallfenster und guckte seiner Häsin nach. Er sah die drei in der Sonne beisammenstehen und sah, wie Mertl die Pfeife betrachtete und prüfend durch das Röhrl blies, ob es Luft hätte. »Alls muß er haben! Der!« Peterl machte sich wieder an die Arbeit. »Paß auf, Schimmele, der frißt dir noch dein' Haber weg!« Während er dem Gaul die Trense ins Maul schob, murrte er: »Jetzt sag mir amal, für was einer lebt! Hundertweis schnaufen s' und müssen Hunger leiden an Leib und Seel. Findst ebbes und hast dein Bröserl Freud, so mußt es wieder hergeben. Hab ich net recht, Schimmele?« Seinen Unmut über das Leben wollte Peterl den weißen Liebling nicht entgelten lassen. Freundlich tätschelte er den Schimmel auf den Hinterbacken. »Heut kannst dir Zeit lassen, Alter! Für so narrische Gredln pressiert's net wie in der Nacht mit'm Doktor. Schnauf dich aus und laß den Rappen ziehen!« Bei sechs Fahrgästen auf dem Leiterwagen mußte der Peterl zweispännig fahren. Er schirrte einen hochbeinigen Rappen an, der neben dem Schimmel aussah wie die Trauer neben der Freude. An der Deichsel ist das auch nicht anders als im Leben – ein Paar, das schön zusammenpaßt im Zug, ist selten. Eine Fahrt wurde das, so lustig, daß auch der Peterl was zu lachen bekam. Auf zwei Brettern, die über die Länge des Leiterwagens gelegt waren, saßen die merkwürdigen Brüder und Schwestern einander gegenüber. Von den Strohhüten flatterten die roten Bänder, und die scharlachfarbenen Blusen leuchteten in der Sonne. Das Gerüttel des Wagens gab den heiteren Grundton für die Stimmung. Philinchen sang einen hohen, langgehaltenen Ton, der durch das Schütteln des Wagens zu einem Triller wurde. Das weckte die Singlust der anderen. »Weil wir so lustig sind«, meinte Schwester Aurelia, »müssen wir doch als gute Deutsche was Trauriges singen.« Philinchen kicherte: »Natürlich, als trauernde Witwe liegt dir das Elegische! Die Palme deiner heißen Seele wäre zu einer Reise nach Norden bereit gewesen? Was? Aber der Fichtenbaum scheint die Einsamkeit vorzuziehen.« Jarno proponierte: »Droben stehet die Kapelle« – ein Vorschlag, der auf Marianens zweifelhaften Humor nicht günstig zu wirken schien. Bruder Laertes, weil der Wagen am sonnblitzenden Mühlbach entlang fuhr, intonierte: »In einem kühülen Gruhunde, Da geht ein Mühlichenrad –« Jetzt lachte Willy Meister. Mit hohem Diskant, wie die Bauernburschen zu singen pflegen, begann er das Liedchen: »Muß ich denn, muß ich denn Zum Städtele naus, Städtele naus, Und du, mein Schatz, bleibst hier? Wenn ich komm, wenn ich komm, Wenn ich wiederum komm –« Die anderen fielen ein. Es wurde ein guter Klang. Nur Mariane sang nicht mit und blickte nachdenklich über die Dächer des verschwindenden Dorfes zurück, einen müden Zug in dem schönen Gesicht. Als der Wald begann, lenkte die Straße vom rauschenden Mühlbach fort und fing zu steigen an. Peterl ließ die Pferde in gemächlichem Schritt gehen. Weil an den Wegsäumen der blühende Sommer lachte, sprang die Gesellschaft vom Wagen, um ein unermüdliches Blumenrupfen zu beginnen. Die Hüte wurden mit Kränzen von blauem Enzian und roten Aurikeln umwunden, und die Mädchen schlangen sich noch blühende Ranken um Nacken und Hüften. Wo die Straße ihre Höhe erreichte, öffnete sich ein weiter Ausblick gegen Osten. Über das Meer der Fichtenwipfel sah man hinaus zum Dorf, und hinter den Baumkronen des Scheidhofes erhob sich der Hohe Schein im klaren Sonnenglanz, umduftet vom blauen Schimmer des schönen Tages. »Kinder, seht mal, wie fein das ist!« rief Jarno, der mit Aurelia vorausgegangen. Lange standen sie, festgehalten von diesem zaubervollen Bild. Willy Meister gähnte ein bißchen, die anderen kamen in gehobene Stimmung. Als sie weiterwanderten, sagte Jarno: »Jetzt singt aber mal was Rechtes!« Mit den großen Sträußen in den Armen, überschüttet von Blumen, gingen die drei Mädchen nebeneinander her und sangen das Engelterzett aus dem »Elias«. »Hebe deine Augen auf Zu den Sternen, Von denen dir Hilfe kommt.« Der stille Wald schien aufzuhorchen, als sich die drei Stimmen so rein und innig zu schönem Klang verschmolzen. Peterl hielt die Pferde an, um besser lauschen zu können. Und neben dem Klang der Stimmen war noch ein tiefer Ton, wie der Grundbaß einer Orgel: das Rauschen und dumpfe Donnern des Mühlbaches, der tief unter der Straße, im Wald verborgen, sein Wasser durch die Felsklamm schüttete. Noch ein zart verhauchender Dreiklang. Willy Meister applaudierte, die andern blieben still. Und Mariane hatte Tränen in den Augen. »Ach, Unsinn!« Das niedliche Philinchen lachte grell, zerriß ihren Strauß und warf die Blüten über Willy Meisters hübschen Kopf. Die Straße lief bergab über steinige Halden. Weil die Sonne ohne Schatten brannte, stiegen sie auf den Wagen. Da kam ihnen auch die übermütige Laune wieder. Nach einem halben Stündchen war die Mühlbacher Alm erreicht, eine smaragdene Wiesfläche mitten im Wald. Der Wagen hielt vor der Sennhütte, und der Proviantkorb wurde abgeladen, aus dem die Silberköpfe von einem Halbdutzend Sektflaschen herausguckten. Jarno nannte sie »die Ölkrüglein der Witwe« und steckte sie gleich in den kalten Brunnen, damit sie bis zum »dionysischen Gelage« nach der Bergpartie »schön kuhle« würden. Ein flinkes Frühstück. Dann warfen Philinchen und Aurelia ihre Blumen fort und schürzten die weißen Röcke. Mariane ließ sich vom Senn einen Krug geben und stellte im Schatten der Hütte ihren Strauß in frisches Wasser. Dann marschierten sie los, zur Kraxelpartie auf den Almkogel. Gegen drei Uhr kamen die kühnen Bergsteiger zurück. Schon von weitem hörte man sie lachen und jauchzen. Merkwürdig, daß die Städter immer so sinnlos schreien müssen, wenn sie von einem Berg herunterkommen. Natur in ihrer Größe zu sehen, das sollte still und nachdenklich machen. Philinchen hatte sich ganz heiser gejubelt. Brennrote Gesichter hatten sie alle, und die Hüte trugen sie wieder vollgesteckt mit Almrausch und Kohlröschen. Im Schatten des Waldsaumes wurde das »Gelage« inszeniert. Jarno hatte die Regie und arbeitete das Picknick zu einem hellenischen Symposion aus. »Nur die Tänzerinnen und Flöten fehlen. Aber die Stimmung ist echt.« Er ließ den ersten Pfropfen knallen. » Evoe  . . . Vor Freude schaudr' ich, Hoch in Wonne stieg ich auf. O Lust, o Lust! Pan, Pan, Pan, Pan, schreitend das Meer hindurch, Vom Felsenhaupte Kyllenes herab, Dem schneeumstürzten, erschein uns, Fürst, Anführer der Götterreigen, Tänze, nysische, knosische, Selbstersonnene, mir gesellt, zu schlingen! Heute gelüstet uns nach Reigen . . .« Die Kühe, die mit läutenden Glocken auf dem Almfeld weideten, hoben die Köpfe und glotzten, als sie den dithyrambischen Schall dieser mächtigen Stimme hörten. Philinchen, im Übermut der Stunde, schlang die Arme um Willy Meisters Hals und wirbelte ihn herum, daß ihm der Atem verging. Aurelia und Mariane lagen schon im Gras. Und Bruder Laertes, als er sich zwischen den beiden ausstreckte, erklärte: » Die Rolle liegt mir.« Der kühle Sekt machte ihnen die heißen Köpfe noch heißer. Sogar Mariane wurde munter; ihre verschleierte Stimmung schlug in wilde Heiterkeit um. Ihre Laune war es zumeist, die Jarno zu der Warnung veranlaßte: »Mädels, beschwipst euch nicht! Am Abend müssen wir spielen.« Wie sie da lachten! »Scherz beiseite! Die Kunst verpflichtet. Heute machen wir ein ausverkauftes Haus. Ich wette auf dreißig Mark.« »Und verzich Fenniche!« fiel Laertes ein. In solcher Stimmung trieben sie es weiter, bis die letzte Flasche geleert und zerschlagen war. Bei der Zigarette wurden sie ruhiger. Und Mariane war davongegangen. Nach einer duselnden Siesta kam ihnen der Schlaf. Nur Philinchen blieb aufrecht sitzen, und manchmal warf sie einen huschenden Blick auf Willy Meister, der an ihrer Seite schlummerte. Sie beugte sich über ihn und betrachtete seine Züge. So gut hatte ihr sein fein geschnittenes, liebenswürdiges Gesicht noch nie gefallen wie jetzt im Schlaf. Plötzlich neigte sie sich zu ihm und küßte in heißem Durst seine Lippen. Willy erwachte und sah das glühende Gesicht über sich, diese schwimmenden Augen. Er streckte die Arme. Da sprang sie mit leisem Kichern auf und jagte den Bäumen zu, gegen den rauschenden Bach hinunter. Lachend erhob er sich, sprang in den Wald und pfiff den Hornruf aus dem »Siegfried«. Von irgendwo antwortete ihm ein feines Lachen. Als er zu rennen begann, sah er immer wieder den weißen Rock und die scharlachfarbene Bluse leuchten. Das wurde ein tolles Hetzen. Philinchen wollte sich fangen lassen, aber es machte ihr Freude, das jagende Spiel zu verlängern. Einmal war sie ihm ganz verschwunden. »Hansi!« schrie er. »Du Katze! Was soll denn das?« Er rannte wieder. »Schatz? Wo bist du?« Das dumpfe Rauschen des Baches mußte seinen Ruf übertönt haben – er hörte keine Antwort. Da sah er auf einer lichten Höhe die rote Bluse. Er eilte die Böschung hinauf. Lachend stand sie vor ihm in der Sonne, das Haar gelöst, mit ausgebreiteten Armen. Sie rief ihm etwas zu. Das verstand er nicht. So laut war das Brausen des Baches in der Schlucht, die dort hinunterfiel. Er hatte die niedliche Sünderin fast erreicht und streckte schon die Hände. Wieder huschte sie davon. Eine Wendung der Schlucht versperrte ihr den Weg. Als sie zurück wollte in den Wald, holte er sie mit ein paar wilden Sätzen ein und riß sie in seine Arme. Einen Augenblick überließ sie sich seinen Küssen, rang sich lachend wieder los, jagte am Saum der Felsklamm entlang, und als sie zu einer Stelle kam, an der sich die Ränder der Schlucht einander näherten, schwang sie sich mit tollkühnem Sprung hinüber. Ihr Haar flatterte, die zierliche Gestalt war ganz von Sonne umleuchtet. »Wenn du mich lieb hast, komm!« Beim Aufsprung wich der Grund unter ihren Füßen. Sich vornüberwerfend, haschte sie eine Buchenstaude. Während sie sich flink über die Böschung hinaufzerrte, schrie sie erschrocken: »Spring nicht! Da ist der Boden nicht gut.« Bei dem dumpfen Rauschen des Baches verstand er das nicht. Philinchens Warnung war auch überflüssig. Als er den Rand der Felswand erreicht und einen Blick in das weiße Gesprudel der Tiefe geworfen hatte, war er aus eigener Klugheit auf den Gedanken gekommen, den wahnwitzigen Sprung zu unterlassen. Geärgert sah er zu Philinchen hinüber. Die stand am Waldsaum droben, von Sonne umgossen. Sie schrie ihm etwas zu, was er nicht verstehen konnte, und deutete mit dem Arm. Als er in die Richtung blickte, nach der sie wies, gewahrte er einen Steg, der die Bachschlucht überspannte. Er warf der niedlichen Sünderin eine Kußhand zu und lief am Rand der Felsklamm hin, die sich zu einem großen, sonnigen Kessel erweiterte. Schon wollte er den Steg betreten. Da lähmte ihm der Schreck alle Glieder. An die Stange des Geländers geklammert, das Gesicht von kalkiger Blässe überronnen, starrte er hinunter in die Klamm. Mit weißem Gewirbel stürzte sich der Bach, aus dunklen Klüften hervorrauschend, über eine hohe Felsstufe. Wo der schneeige Schaum des Falles zerfloß, war zwischen steilen Felsmauern ein großer Kolk. Durch das blaue Wasser glänzte die Sonne schräg hinunter bis auf den Grund, dessen Kieselsteine wie helle Türkisen leuchteten. War das ein Nixenbrunnen? Gibt es Märchen, die Wahrheit sind? Unter dem blauen Wasser, wie von der Strömung in eine Nische der Felsen gedrängt, stand aufrecht schwebend ein feines, schlankes Geschöpf, halb nackt, nur noch umhüllt von geschlängelten Lappen des zerfetzten Gewandes. Über der weißen Stirne stiegen die schwarzen Haare senkrecht in die Höh und schwammen mit ihren Spitzen aus dem Spiegel des Kolkes, im Spiel der Strömung. Die halb gehobenen Arme bewegten sich ein wenig, mit sanftem Wiegen, gleich den Armen einer Tänzerin, die ihren Reigen beginnen will. Manchmal neigte sich das Nixlein nach vorne, als möcht' es aus der Felsennische hervortreten. Dann schwankte der feine Körper wieder gegen die Steinwand zurück und zeigte deutlicher das schmale, weiße Gesicht mit den geschlossenen Augen und dem bleichen Mund, um den ein starres, wehes Lächeln zu liegen schien. Und von der Bläue des Wassers war um die schwebende Gestalt ein Schein, als trüge das Nixlein einen blauen Mantel, so durchsichtig gewoben, wie die Feenmäntel in den Märchen sind. Im Rauschen des Wassers eine klingende Stimme. Über den Steig, der drüben durch den Wald hinaufführte, kam Philinchen heruntergesprungen. Das Warten hatte ihr zu lang gedauert, jetzt wollte sie sich fangen lassen und machte verwunderte Augen, weil sie auf Weg und Steg keinen Menschen sah. Sie rief einen Namen, der im Brausen des Bachen unterging, eilte über den Steg, sah im Wasser das blaue Märchen und jagte mit gellendem Schrei davon. Im Wald verließen sie die Kräfte; sie klammerte sich an einen Baum und schrie jenen Namen wieder. Er hörte sie schreien. Ihre Stimme hielt ihn nicht. Gepeitscht von seinem Entsetzen, keuchte er durch den Wald hinauf, erreichte die Straße und rannte in der Richtung gegen das Dorf hinaus. Als ihm der Atem zu Ende ging, warf er sich am Wegsaum ins Gras. So lag er eine Weile, das Gesicht in die Hände gedrückt. Dann wurde ihm so übel, daß er sich erbrechen mußte. Mit der Hand schöpfte er Wasser von einer Quelle, die am Wegrand sickerte, und taumelte der Straße nach. Es ging schon auf den Abend zu, als er das Dorf erreichte. Die Leute, die schwatzend auf der Straße standen, sahen ihm mit großen Augen nach. »Dem muß ebbes passiert sein!« Und der Wirt vom Roten Hirschen empfing ihn mit der erschrockenen Frage: »Jesses, Herr Meister, was haben S' denn?« Er vermochte nicht gleich zu sprechen. »Kann ich einen Wagen bekommen? Ich bin krank geworden. Ich muß fort.« An die Krankheit glaubte der Wirt. Die redete mit fahler Blässe aus dem hübschen Gesicht. »Gottlob, daß der Doktor grad da is! Zum Kaplan haben s' ihn gholt. Soll ich ummischicken?« »Nein! Ich brauche keinen Doktor. Nur einen Wagen. Schaffen Sie mir den! Ich bezahle jeden Preis.« Willy Meister taumelte ins Haus. Unter den Gästen, die im Garten saßen, fand der Wirt einen Nachbarn, der einspannen wollte. Kaum war der Bauer davon, als Peterl mit seinem Gespann in den Hof gerasselt kam. Ehe die Pferde standen, schrie Philine dem Wirt die Frage zu: »Ist der Graf daheim?« »Unser Kollege, Herr Meister!« korrigierte Jarno. »Grad is er heimkommen. Ganz miserabel muß ihm sein.« Alle sprangen vom Wagen und liefen ins Haus. Und der Wirt faßte den Peterl ab: »Was is denn passiert mit dem Kienschtler da?« »An schiechen Schrecken muß er ghabt haben. 's Mühlbacher Nannerl hat er gfunden. Dö liegt bei der Alm draußen im Bach.« »Mar' und Josef!« Der Wirt bekreuzte sich. »Dö suchen s' heut schon den ganzen Tag. Spring nur gleich zum Bürgermeister ummi!« Droben im Haus, vor Willy Meisters Stube, stand Bruder Laertes mit den drei Mädchen bei der Tür. Philinchen rüttelte immer an der Klinke und flehte: »So laß mich doch hinein! Um Gottes willen! Was ist denn?« Die verriegelte Tür wurde nicht geöffnet. Dann hörten sie auf der Stube eine Stimme wie in Zorn. Das war die Stimme Jarnos. Und Laertes flüsterte: »Kinder, mir scheint, da stänkert's!« Mit bleichem Gesicht trat Jarno aus der Stube und sagte über die Schulter: »Nein, Herr Graf! Ich bedanke mich schön. Für die paar Groschen unseres Mißvergnügens kommen wir selber auf.« Er zog die Tür zu und drängte Philine zurück, die in die Stube wollte. »Drück dich, Hansi! Für den bist du zu gut! Schwapp ab, Mädel! Auch belieben der Herr Graf sich augenblicklich mit seiner Reisetoilette zu beschäftigen.« Philinchen stand erschrocken, während die anderen über Jarno herfielen: »Aber so rede doch! Was ist denn los?« »Eine Scheußlichkeit, mit der ich nichts zu schaffen haben will. Das arme Kind da draußen – das hat er auf dem Gewissen!« Alles Blut war aus Philinchens Gesicht gewichen. Sie faßte die Klinke. Die Tür war schon wieder verriegelt. »Mach auf!« Ihre Stimme schrillte. »Mach auf!« Sie preßte sich mit aller Kraft gegen die Bretter. Das Schloß gab nach. Die anderen wollten sie noch zurückhalten. Da stand sie schon vor Willy Meister, der mit zitternden Händen um den Kragen des seidenen Hemdes eine bunte Krawatte band. »Du?« Ihr Gesicht war weiß und entstellt. »Ist das wahr?« Sie las die Antwort in seinen ratlosen Augen. Nur ein einziges Wort sagte sie: »Edelmann!« Dann ging sie aus der Stube. Draußen brach sie in Schluchzen aus. Mariane legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie fort. »Kommt, Kinder! Zu mir auf die Bude!« sagte Jarno zu Laertes und Aurelia. »Jetzt müssen wir sehen, wie wir mit heiler Haut aus der Schweinerei herauskommen, die wir da angerichtet haben.« Aurelia hob den stolzen Kopf. »Wir?« »Ja, wir alle!« Ein paar Minuten später war Willy Meister reisefertig. Von den merkwürdigen Brüdern und Schwestern ließ sich niemand zum Abschied sehen. Nur die Kellnerin war da. Das Mädel hatte Tränen in den Augen. Der schöne Abend fing zu glühen an, als das Bernerwägelchen davonrasselte. Der Hirschenwirt atmete auf. Einen Kranken im Haus beherbergen zu müssen, das wär' ihm nicht angenehm gewesen. Er hatte das Leiden, das auf Willy Meisters Gesicht geschrieben stand, schwer eingeschätzt. »Da wachst sich a Nervenfieber auf. Oder sonst ebbes Gfahrlichs. Gottlob, daß er draußen is!« So äußerte sich der Wirt zu den Gästen, die im Garten saßen. Und da wurde von dem Schreck, den das »saubere junge Bürschl« davongetragen, viel mehr geschwatzt als von der Ursache dieses Schreckens. Der Tod gilt für den Bauern als eine Sache, über die nur wenig zu reden ist. Vermutlich wollte das Nannerl in der Nacht zum Pfarrhof laufen, damit für das Fritzele das Zügenglöckl geläutet würde. Auf dem finsteren Weg hat das arme Ding den bösen Fehltritt in den Mühlbach getan. Und das jagende Wasser hat sein Opfer durch die Felsklamm hinausgerissen bis zur Mühlbacher Alm. Ein Unglück halt! So was kommt, wie auf der schönsten Straß ein Heuwagen umfällt. Da muß man eben wieder aufladen und weiterfahren. Was an Heu dabei verdorben wurde, das läßt man liegen, und der Wind weht's über Nacht davon. An diesem Abend machte der Wirt zum Roten Hirschen ein gutes Geschäft. Von den hundert Leuten, die gekommen waren, um das »griechische Spiel« zu sehen, blieben die meisten im Wirtsgarten sitzen, als sie hörten, daß wegen Erkrankung eines Künstlers die Vorstellung nicht stattfinden könnte. Die gute Einnahme des Abends tröstete den Wirt über die Nachricht, daß die merkwürdigen Brüder und Schwestern beschlossen hätten, in der Nacht noch abzureisen. Er fragte nur die Kellnerin: »Is keiner von die Kienschtler ebbes schuldig blieben?« Das Mädel, noch immer mit nassen Augen, schüttelte den Kopf. »Alles haben s' zahlt. Und nobel!« Auf dem Dachboden wurde bei Laternenschein gearbeitet. Beim Abbrechen der Bühne waren ein paar Burschen behilflich. Sie ließen sich nicht bezahlen, sondern taten es aus Dankbarkeit für die »griechische Freud«, die ihnen ins Herz gefallen. Während sie mit Jarno dabei waren, die bemalte Leinwand über die Hölzer zu rollen, packten Bruder Laertes und Schwester Aurelia die Kostüme ein. In dem letzten Koffer, der geschlossen wurde, lag zuoberst ein blauer Mantel mit silbernen Fransen. Gegen elf Uhr war die Arbeit auf dem Dachboden zu Ende. Als im Hof die langen Leinwandrollen und die Koffer aufgeladen wurden, standen die Leute in Gruppen um den bunten Wagen her. »Schad is, daß s' furt müssen!« Einer sagte: »Da hätt mich kein Geld net greut. A jedsmal hätt ich einimüssen!« Und drüben, im schwarzen Schatten der Bäume, legte ein Bursch den Arm um den Hals seines Mädels: »Gelt, Schatzl, da denken wir unser Lebtag dran!« »Halt ja! Dö haben unser Glück gmacht, weißt! Ebbes Schöners kommt uns nimmer!« Das hörte Mariane, die aus dem Haus gekommen war und den Hof verließ. Sie atmete auf, als hätte sie mit diesem flüsternden Wort eine Wohltat empfangen. Den Mantel um die Schultern, in der Hand den Blumenbusch, den sie von der Mühlbacher Alm mit heimgebracht hatte, ging sie der Kirche zu. Vor dem Kaplanhaus, an dem die ebenerdigen Fenster erleuchtet waren, blieb sie stehen. Dann trat sie in den kleinen, verwilderten Garten. Eines der Fenster stand offen, mit einer weitmaschigen Spitzengardine verhangen. Mariane sah in einen kahlen, weiß getünchten Raum. Neben dem Fenster schlief in einem Lehnstuhl die alte Hauserin, von der das Nannerl die geweihte Kerze gekauft hatte. Und der hochwürdige Herr Christian Schnerfer, in einem schwarz gebundenen Büchl lesend, saß beim Schein der Lampe vor dem Bett, auf dessen Kissen Michael Innerebner wie in stillem Schlummer ruhte. »Milka!« schrie auf der Straße eine Stimme. »Milka!« Erschrocken, mit hastiger Bewegung, legte Mariane die Blumen auf das Gesims des Fensters und eilte davon. Als sie die Straße erreichte, floß ein matter Schimmer um sie her. Hinter dem Hohen Schein war die Mondsichel hervorgetaucht, größer und heller, als sie gestern gewesen. Jarno stand vor dem Wirtsgarten. »Mädel! Wo warst du denn?« Schweigend ging sie an ihm vorüber und stieg in den bunten Wagen, in dem sich's Aurelia bequem machte, während Philinchen klein zusammengekauert in einer Ecke saß. Auf dem Bock hielt Bruder Laertes die Zügel der beiden Pferde. Als Jarno einstieg, gab es um den bunten Wagen her ein erregtes Gedräng. Von den Burschen und Mädeln wollte jedes noch den Schauspielern zu dankbarem Abschied die Hand reichen. Während der Wagen schwerfällig hinausschwankte auf die Straße, begannen die Burschen ein Jodeln, wie man es in Langental nimmer gehört hatte, seit vor sieben Jahren der Bürgermeister Hochzeit gehalten. Eine Strecke lief das junge Volk noch im Mondschein neben und hinter dem bunten Wagen her, immer jauchzend. Einer sang mit gellender Stimme : »Pfüat enk, ös Göthinger, Z'gaach fahrts mer a'! Bals amal wiederkimmts, Bin i glei da!« Und ein anderer schleuderte mit klingendem Schrei den Hut in die Luft: »Berliggo, berloggo, Pfüa Gott mitanand, Mein Schatzl, dös bleibt mer, Und 's griechische Land!« Schwester Aurelia winkte mit weißem Tuch aus dem Fenster, während Mariane in der Ecke des Wagens das zitternde Philinchen umschlungen hielt. Jarno, dem der lärmende Jubel nicht in die Stimmung der Stunde paßte, steckte an der Vorderseite des Wagens den Kopf zu einem kleinen Schubfenster hinaus und rief: »Hau drein, Bruder, und laß die Gäule laufen!« Als der Wagen mit rasselnden Fenstern so flink dahinging, blieb von den jauchzenden Pärchen eines ums andere zurück. Und die Straße wurde dunkel, weil die Baumkronen des Scheidhofes den Mond verdeckten. Hinter dem Weiherwald überholten die trabenden Gäule einen einsamen Fußgänger: den Mamertus Troll, der zum Hohen Schein hinaufstieg. Behaglich wanderte er durch die schöne Nacht, auf der Schultern den Plunder, zwischen den Zähnen die Pfeife, die ihm das Zenzle geschenkt hatte. Seit einer Weile war die Pfeife schon ausgegangen, aber der Mertl schmauchte immerzu. Als er hinaufkam zu seinem Daxenhüttl, vergönnte er sich noch eine und setzte sich, um sie auszurauchen, in den stillen Wald. Stockfinster war es um ihn her. Der Moosjäger schaute mit den Augen seines Herzens in die Nacht und sah den lachenden Tag seines Glückes. In dieser Helle war für den Mertl nur ein einziger Schatten: das verstörte Gesicht, das er an seinem Herrn und Heiland gesehen hatte. Dran mußte er noch denken, als er schon aus der Pritsche lag. Bis in seine Träume ging es ihm nach. Er träumte : der Pfarrhof brennt, die Gendarmen verhaften den jungen Scheidhofer als Brandstifter, und da rennt der Mertl wie ein Narr hinter ihnen her und schreit immer, daß es ein anderer gewesen wäre, der in der Nacht vor Ausbruch des Brandes durch den Pfarrgarten gesprungen. Das könnte er beschwören. Drum wird auch der Mertl festgenommen und vor Gericht geführt. Er steht vor dem Staatsanwalt, der den Pfarrer einen »erbarmungswirdichen Abchebrannten« nennt, über den vulgo Scheidhofer ganz das gleiche sagt wie damals über den vulgo Moosjäger, und sonderbar spöttisch lächelt, als der blasse Mertl zum Eid berufen wird. Schon hebt der Moosjäger die Hand zum Schwur, der die Freiheit seines Herrn bedeutet. Aber das Wort will ihm nicht von der Zunge, vor Angst bricht ihm der Schweiß am ganzen Körper aus – Da erwachte er. Und war mit einem Sprung vor der Hütte. »Gott sei Lob und Dank!« Der Morgen war noch grau. Der Moosjäger kochte den röschen Schmarren, der aushält für den ganzen Tag, und ging an die Arbeit. Er schanzte, daß der neue Weg einen festen Sprung zur Höhe machte. Dann hatte er in der Nacht einen gesunden Schlaf, den ihm kein Staatsanwalt verbitterte. Am andern Vormittag hörte er drunten im Dorf die Glocken läuten. Die klangen zu dem Besuch, den das Fritzele den Großeltern machte. Mertl stand mit dem Hut vor der Brust und betete, bis die Glocken schwiegen. »Da muß er wieder a harts Stündl haben, mein Herr!« Das ging ihm nicht mehr aus dem Sinn den ganzen Tag. Ein Volkswort sagt: wenn du recht treu an eines denkst, so muß es kommen. Vor strenger Wissenschaft wird dieser Glaube nicht bestehen können. Sonst hätte das Zenzle vom Morgen bis zum Abend nichts anderes zu tun gehabt, als auf den Hohen Schein zu rennen. Aber ein bißchen was Wahres muß wohl dran sein. Als sich der Mertl in der roten Dämmerung den »luketen Schmarren« kochen wollte, der nicht drückt, und vor dem Hüttl den Teig anrührte, kam Walter über den neuen Weg herauf, einen langen Lodenmantel auf der Schulter, den Hut in der Hand. »Jesses, mein Herr!« Mamertus stellte die Holzschüssel ins Moos und rannte durch den Wald hinunter. »Ja, grüß Ihnen Gott, Herr Scheidhofer! Wie kommen S' denn auf d' Nacht da auffi?« »Schlafen will ich bei dir im Wald. Ich muß ein paar Stunden Ruhe haben. Drunten find ich sie nicht.« Walter strich das feuchte Haar aus dem erschöpften Gesicht. »Und morgen früh mußt du mit mir hinüber in die Schluchtleite, um das Bauholz anzusehen, das der Zimmermann geschlagen hat.« »Da hab ich schon a Sprüngl ummigmacht, weil ich gestern allweil hacken hab hören. D' Leut haben sauber gschafft. Kein' Baum haben s' gschlagen, der stehnbleiben hätt müssen, und keiner liegt, der net zum brauchen is. Und der Zimmermeister hat gsagt: Da muß er zfrieden sein, der Scheidhofer! Ja, Mensch, hab ich gsagt, dös hat dir unser Herrgott eingeben, daß dei' Arbeit in Ordnung is. Freilich, hat er gsagt, sonst tät's pfeifen, sakra!« Walter lächelte müd. Es war seit dem Handel um das Scheunendach nicht das erstemal, daß er solcher Sorge vor dem Donnerwetter seines Zorns begegnete. Drunten im Scheidhof sprangen die Dienstboten wie die Wiesel, wenn sie den Herrn sahen. Freilich, mit einem, vor dem sich ein Kerl wie der Bonifaz nicht zu mucksen getraut, ist nicht gut Kirschen essen. »Aber kommen S', Herr! Steigen wir auffi zum Hüttl!« »Hast du was zu essen, Mertl? Mich hungert.« Dem Moosjäger schoß vor Freude über die Ehre, die ihm da geschah, das Blut ins Gesicht. »Herrgott! Jetzt koch ich aber auf!« Droben bei der Hütte griff Mertl die Kocherei mit Eifer an. Die Arbeit machte ihm so heiß, daß er immer den Kopf auf die Seite beugen mußte, damit nicht ein Schweißtröpfl in die Pfanne fiele. Je schweigsamer Walter blieb, desto redseliger schwatzte Mertl drauflos. Unter den hundert Dingen, von denen er schwatzte, war kein Wort von den Ehrenreichischen, kein Wort vom Friedhof und der Sägmühle, kein Laut von Gottes Gerechtigkeit und kein Schnaufer von seinem eigenen Glück. Schließlich wurde auch der Mertl still. Und plötzlich sagte er: »Mar' und Josef! Herr! Ich bitt Ihnen ums Himmels willen! Reden S' doch a Bröserl! Ich weiß mir ja nimmer z'helfen mit Ihnen.« Walter hob das Gesicht. »Moosjäger? Glaubst du an Gott? Glaubst du an das Leben?« »Wie der Tag an d' Sunn! Dös habts mir predigt beim Weiher drunt. Jetzt glaub ich dran.« »Dann hilf mir auf mit deinem Glauben! Mich will er verlassen. Alles, was ich gefunden, ist mir in Stücke zerbrochen. Alles, was so schön war! Alles ist mir ins Bodenlose gefallen, wie dem armen Nannerl das liebe, junge Leben.« Mertl schwieg. Es wühlte und zuckte in seinem Gesicht. Und plötzlich riß er die Pfanne vom Feuer. »Sakra! Jetzt hätt ich schier gar den Schmarren anbrennen lassen!« Wütend stocherte er mit dem Scharrlöffel die Speise durcheinander. »Es hat bloß so an Rauchen gmacht. Schmecket is er noch net worden, der Schmarren!« Er legte ein rußiges Brettl auf die Bank, stellte die Pfanne drauf, brach von der nächsten Buche einen kleinen Zweig und begann mit dem Messer ein flinkes Geschnitzel. »Z'allererst essen S' mir jetzt a Bröckl! Ös müßte an damischen Hunger haben. Da kommen eim allweil söllene Gedanken, und alls schaut sich an wie der Ruß an der leeren Pfann!« Mertl schob seinem Herrn und Heiland ein sauber zugespitztes Hölzchen in die Hand. »Mein' schmierigen Löffel mag ich Enk net anbieten. Drum hab ich so a Stupferl gmacht. Da könnts die besten Schmarrenbröckln dermit auffistechen. Also! Packen wir's an!« Er setzte sich rittlings über das andere Ende der Bank und nahm, des guten Beispiels wegen, den Löffel so voll wie möglich. »Herrgott! Heut is er mir aber graten! Der hat an Gusto, als ob ihn 's Zenzle gmacht hätt.« Kein überlegtes Wort, auch nicht der wärmste Trost, hätte auf Walters wirre Seele so beruhigend wirken können wie diese simple Natürlichkeit, die bei allem Ernst, mit dem es der Mertl meinte, doch einen Zug von Humor hatte. Walter begann zu »stupfen«. Das ging immer flinker. Gierig stillte er an der derben, schmackhaften Speise seinen Hunger. In diesen letzten Tagen hatte er nur manchmal einen Bissen hinuntergewürgt, den ihm das Walperl aufgenötigt. Jetzt verlangte die Natur ihr Recht, so energisch, daß der Mertl dachte: »Da muß ich mich zruckhalten, sonst kriegt der Herr net gnug.« Der Hohe Schein warf seine letzte Glut wie einen rosigen Schleier über den dämmerstillen Wald, während Mamertus Troll unter der schönsten Buche für seinen Herrn das Mooslager richtete. So mollig schüttete er auf, daß Walter, als er sich ausstreckte, wie auf Daunen lag. »Gelt, da haben S' es gut! Und passen S' auf: so a feins Nachtl im Wald, dös is wie a Brünndl voller Frischen. Morgen hat Enker Sorg an anders Gsicht!« Mertl breitete den Wettermantel über den Ruhenden. »Und wissen S' nimmer, was S' mir predigt haben beim Weiher? Von die festen Bäumln, die sich allweil wieder aufrichten nach'm Schnee? Bei Enk is der Herzkern gsund. Da kann's net fehlen. ›Hab ich net recht?‹ sagt der Peterl zum Schimmel.« Schweigend reichte Walter dem Mertl die Hand. Da fing der Moosjäger von seiner Holzmeisterei zu schwatzen an, vom kommenden Tag, vom Bauholz aus der Schluchtleite, von den Überständigen, die man zu Brennholz niederschlagen mußte, und von dem Nachwuchs auf dem neuen Schlag. Bis in die späte Dunkelheit redeten die beiden nur noch von der Arbeit, die während des Winters in den Scheidhofer Wäldern zu leisten war. Dann wurden sie still. Und Walter, die Hände unter dem Nacken verschlungen, blickte zu einem Stern hinauf, der in der sinkenden Nacht mit hellem Feuer durch eine Lücke des Laubdaches schimmerte. Der Moosjäger saß gegen den Stamm einer Fichte gelehnt und schmauchte sein Pfeifl. Das hielt ihm lange die Nase warm. Als es endlich erloschen war, fragte Mertl flüsternd: »Herr Scheidhofer?« Und lachte leis. »Gott sei Lob und Dank! Jetzt hat's ihn ummigrissen in an gsunden Schlaf.« Nach diesem stärkenden Schlummer fühlte Walter sich so gekräftigt, daß ihm kein Weg zu mühsam wurde, den der Tag ihm brachte. Als sie das Bauholz auf der Schluchtleite besichtigt hatten, wanderten sie in den Scheidhofer Wäldern von einem Bestand zum anderen, um alle forstlichen Wirtschaftspläne an Ort und Stelle durchzureden. Dabei hatte Walter immer das Gefühl, als ginge Mathilds Vater neben ihm her. Jedes Wort, das der Scheidhofer zu seinem Holzmeister sagte, war ein Wort und ein Gedanke des alten Herrn. Dieses Erinnern gab ihm eine Ruhe, die ihn froh machte bei der Arbeit und in ihm die Freude an seinem schönen Besitz wieder erwachen ließ. Müd bis in die Knochen, und dennoch aufgerichtet, trat er gegen Abend den Heimweg an. Der Hunger zwang ihn, Einkehr in einem kleinen Wirtshaus zu halten. Er blieb im Freien sitzen. Durchs Fenster sah er in der Stube eine heitere Gesellschaft, die ihm auffiel. Es war die Schrottenbacher-Vev mit ihrem Vater, dabei ein alter Bauer und ein junger vierschrötiger Bursch. Walter erinnerte sich, diesen Burschen im Roten Hirschen gesehen zu haben, als die »Iphigenie« gespielt wurde. Welch einen Sturm von Erinnerungen das in ihm weckte! Die Sonne ging schon hinunter, als er den Rest des Weges heimwanderte. Wie ein hellender Blitz war es ihm durch Herz und Kopf gefahren – jenes Wort, mit dem sich Aurelia aus seinen Armen gewunden: »Man sucht Sie!« – und dann im Hof das Wort des Sägmüllers: »Aber Thilde, da ist er ja!« – und Mathilds verändertes Wesen seit jener unseligen Stunde! Jetzt verstand er's. Weil er zurückgeblieben, hatte sie ihn gesucht und hatte jene andere in seinen Armen gefunden. Er kam zum Weiher, als der Abend zu leuchten anfing. Wie schön das war: die rote Glut auf dem Wasser, das den brennenden Himmel spiegelte. Über dem glühenden Spiegel war's wie ein seiner Schleier von den tausend schwärmenden Mücken. Und die Forellen sprangen. Wie kleine, silberne Flammen zuckten die Schuppenleiber aus der Glut des Weihers. Walter sah das nicht. Vor dem Stein, um den die Blumen blühten, warf er sich auf die Bank. In seinem Herzen war keine Sorge um sein Glück, nur der quälende Gedanke, daß Mathild gelitten hatte, und daß ihr der Irrsinn seines jäh erwachten Blutes diese schweren Tage noch schwerer gemacht! Wie hätte der Glaube an ihr Glück sie trösten können in allem Schmerz! Das hatte seine Torheit ihr genommen. Wie Feuer war in seiner Seele der Zorn, den er über sich selbst und seine Narrheit empfand. Daß Mathild ihm gut war, seit jenem Abend schon, an dem sie das Trio von Haydn spielte – das wußte und fühlte er. Noch heute wollte er zu ihr in die Mühle! Und alles vor ihre lieben Füße hinschütten, was in seinem Herzen war, tief und heilig! Die heiße Stirn zwischen den Fäusten, sann er die Worte aus, mit denen er der Geliebten alles sagen wollte, und überhörte den leichten Schritt, der sich auf dem Kiesweg näherte. Von der Straße, die der Wald verdeckte, klang das Rollen eines leichten Wagens, vor dem die Gäule gemütlich zu gehen schienen. Immer sprangen die Forellen. Da wurde wohl den schwärmenden Mücken mit ihrer Nächstenliebe das Retten sauer. Verhüllt von den schwarzen Schleiern, die vom Hute niederflossen, kam Mathild den Fußweg vom Scheidhof hergegangen. Sie wollte die Stätte besuchen, die ihr heilig war durch die Erinnerung an die Mutter. Erschrocken verhielt sie den Schritt, als sie den Scheidhofer auf der Bank gewahrte. So stand sie lange, ohne sich zu regen. Dann wandte sie sich ab, trat vom Wege hinaus auf den grünen Boden und ging durch den Wald zur Straße hinüber. Immer tiefer färbte sich die Glut des Weihers. Über den Kronen der Bäume, die still um das Wasser standen, lag es wie der Widerschein eines großen Feuers. Auf der Straße verstummte das Geräusch des Wagens. Dann rasselten die Räder wieder, und die Hufe der Gäule klapperten in flinkem Takt. Walter blickte erwachend auf. Er nahm den Hut ab und strich mit der Hand über die Stirne. Wie ruhig war's in ihm geworden! Aufatmend trat er zu den Blumen hin und legte die Hand auf den grauen Stein. »Wie sehn' ich mich, Natur, nach dir, Dich treu und lieb zu fühlen! Ein lust'ger Springbrunn wirst du mir Aus tausend Röhren spielen! Wirst alle meine Kräfte mir In meinem Sinn erheitern Und dieses enge Dasein hier Zur Ewigkeit erweitern!« Sein Gefühl in diesem Augenblick war heiße Dankbarkeit für jene Stunde, die ihn zu diesem Stein geführt. Als er im leuchtenden Abend zur Villa kam, sah er das Walperl auf dem Brunnen sitzen, zusammengeduckt und mit verweintem Gesicht. Der Bonifaz war bei ihr und redete dem Mädel freundlich zu. Beim Anblick seines Herrn zog Venantius Gwack die Stirn in Falten und sagte: »Scheidhofer, heut hast wieder amal zwei linke Füß ghabt.« Verdrossen ging er davon. »Walperl? Was ist denn?« »Ja wissen S' denn nix, Herr Dokter?« »Was soll ich denn wissen?« »Unser Fräulen is furt! Den ganzen Tag is 's Fräulen dagwesen in der Villa und hat in die Stuben alles verhängt und hat ihre Sachen einpackt. Und vor eim halben Stündl is 's Fräulen davongfahren, in d' Stadt eini, zu eim Basl von ihrem Vater. Jetzt hocken wir da wie die einschichtigen Hehndln auf'm Mist.« So drollig das Walperl in seinem Schmerz das auch herausbrachte, auf Walter wirkte das Wort nicht heiter. Blässe war ihm über das Gesicht geronnen. Wie ein Verrückter sprang er ins Haus. Er wollte in die weiße Stube. Die Tür war verschlossen. Im Wohnzimmer waren alle Möbelstücke und das Piano mit grauer Leinwand bedeckt. Der Käfig mit dem Rotkehlchen war verschwunden. Und an Mathilds Zimmer wieder eine versperrte Tür. Er trat ins Freie und ging verstört aus das Mädel zu. Wütend wischte sie mit der Schürze über das verweinte Gesicht. Für Walters Schreck und Sorge schien sie nicht das geringste Erbarmen zu haben. »Natürlich! Wann sich einer net rührt! Hätten S' es gmacht wie der Bonifaz, und alls war gut!« Die dunkle Mystik dieses Wortes verstand er nicht. »Aber Walperl –« Das Mädel wurde immer wütender. »Walperl, Walperl, natürlich, jetzt können S' Walperl seufzen! Aber wie ich Ihnen gsagt hab, Sie sollen am Sonntag die Kirch net versäumen, da sind S' auf die Ohrwascheln gsessen und hinter Enkere narrischen Bücher! Haben denn Sö keine Augen net ghabt? Haben S' denn net gmerkt, daß sich 's Fräulen ihr Herzl aussidürstet um Enk? Und was für a guts Sterbstündl hätt er haben können, unser Herr, wann er 's liebe Glück in der Familli noch gsehen hätt! Was schauen S' denn so? Für alle sind die Göthianer dagwesen. Bloß für Enk net! Aber freilich, nimmst dir nix, so hast halt nix! Herrgott, es is schon wahr, was er sagt, mein Bub! Mit so eim philosophischen Lippl hast dein Kreuz hint und vorn!« Sie ließ ihn stehen und ging ins Haus, ohne zu ahnen, wie günstig ihre gereizte Predigt auf Walters verstörte Seele gewirkt hatte. Er konnte lächeln. An einem der Rosenbäumchen strich er zärtlich mit den Fingern über die weißen Bastfäden, als wäre die liebe Hand noch da, die in einer Stunde des Schmerzes diese Fäden gebunden hatte. Wie rotes Feuer war der Glanz des Abends um ihn her. Die Baumkronen des Scheidhofes verdeckten den Hohen Schein. Doch Walter sah ihn mit den Augen seiner Seele. Und wie ein leuchtendes Wunder stand der weisende Schein seines Glückes vor ihm, von der Sonne redend, die wiederkommen muß an schönem Morgen. »Dokterle!« Der hochwürdige Herr Christian Schnerfer kam aufgeregt über den Kiesweg hergezappelt. »Ja sagen S' mir nur, Dokterl, was ist denn mit unserm Thildele?« »Die macht eine Reise.« »Das können Sie so ruhig sagen?« Der Pfarrer atmete auf. »Wie das Kind heut bei mir war, um Adieu zu sagen, und wie ich von Ihnen geredet hab und die Tränen sind ihr übers Gesicht gefallen, da ist mir's wie ein kalter Schreck durchs Herz gefahren: es muß mit euch zwei was Ungutes geschehen sein?« »Nein, Hochwürden! Wir haben uns lieb.« »Gott sei Dank! Jetzt bin ich wieder leichter um eine Sorg. Und jetzt versteh ich's. Wie ich ihr gesagt hab, daß sie bleiben muß, ihrem Bruder und der armen Rosl zulieb, da hat sie mir zur Antwort gegeben: Das ist Schmerz, der mit sich allein sein will! – Das Thildele ist fort, damit sich die zwei armen Leutln in der Sägmühl draußen fester aneinanderhuscheln.« Walter schwieg. »Für mich ist's ein hartes Stückl!« Der Pfarrer trocknete mit dem blauen Taschentuch die glitzernde Stirn. »Unsere schöne Musik! Jetzt muß ich fasten!« Er seufzte. »Der Schullehrer spielt wohl ein bißl Klavier. Aber wie! Och du lieber Herrgott! Wie wird mir der meinen Bach und Beethoven zurichten!« »Hochwürden!« Walter faßte die Hand des Pfarrers. »Kommen Sie mit mir hinauf! Wir wollen den Abend zusammenbleiben.« »Vergeltsgott, Dokterl, ich muß wieder heim, ins Kaplanhaus zum Michele.« Verwundert sah Walter auf, als er den zärtlichen Klang diesem Namens hörte. »Wie geht es ihm?« »Gottlob, ein Bröserl besser! Heut hat der Doktor gemeint, daß wir über die Krisis hinüber sind.« Der Pfarrer faßte Walter an einem Joppenknopf und schmunzelte ein bißchen. »Dokterl, jetzt will ich Ihnen was zu raten geben.« »Was, Hochwürden?« »Raten S' einmal, von was der Michele im Fieber träumt? Aber das erraten S' net! Ich sag's Ihnen lieber gleich. Wissen S', von was er träumt? Vom schönen Griechenland!« Heiter vor sich hinlachend, ging der Pfarrer davon. Walter sah ihm betroffen nach. Er hatte das seltsame Wort im Zusammenhang mit der stillen Freude des hochwürdigen Herrn sowenig verstanden wie den dunklen Orakelspruch, mit dem sich das Walperl auf den Bonifaz berief. Dieses letztere Geheimnis sollte für ihn eine rasche Lösung finden. Kaum war er allein, kam das Walperl auf ihn zugegangen, an der Schürze nestelnd, ein kampflustiges Geflimmer in den sonst so gutmütigen Augen. »Scheidhofer«, sagte sie, »wie sich alls jetzt anschaut, müssen wir zwei mitanand auf gleich kommen. Daß ich Enk net im Stich laß, wo S' allein dahocken im Haus, dös versteht sich von selber. Aber an mich und mein' Buben muß ich auch denken.« »Dein Bub! Meinst du den Bonifaz?« »Wen denn sonst?« »So weit seid ihr miteinander?« »Ja! Kunnt sein, daß wir noch a bißl weiter sind. Kurz und gut, heiraten müssen wir halt. Wie gschwinder, wie besser!« Jetzt hatte er jenes mystische Wort verstanden. Heiß fuhr ihm das Blut ins Gesicht. Dazu lachte er. »Müssen?« »No ja, mögen tun wir schon auch.« Walter sah das Mädel eine Weile schweigend an. Dann sagte er: »Geh, Walperl, und hol den Bonifaz!« Sie machte einen Zuck, um davonzulaufen, blieb stehen und blickte dem Scheidhofer fest in die Augen. »Sie, dös sag ich Enk, schimpfen dürfen S' mein' Buben net! Dös tät ich net leiden.« »Ich werde nicht schimpfen. Geh nur und hol ihn!« Walter setzte sich auf den Brunnen. Rings um ihn her war dunkle Glut, und der reine Himmel brannte über ihm. Etwas so Heißes, Dürstendes war in seinem Herzen, daß er zitternd das Gesicht in die Hände drückte. Das Pärchen kam, Walperl ein bißchen verlegen, Bonifaz so ruhig, wie er immer war. Walter sah die beiden an und suchte einen leichten Klang des Vorwurfs in seine Stimme zu legen: »Aber! Bonifaz! Wie ist denn das jetzt mit den sechs Jährchen, die du noch warten wolltest?« »Waaas?« fuhr das Walperl erschrocken auf. Lachend nickte Bonifaz Venantius Gwack vor sich hin, guckte von der Seite das Walperl an und strich sich mit der Hand übers Haar. »Mein! 's Griechenland is mir halt übern Verstand einigrumpelt. Wann ebbes stärker is wie du, da mußt nachgeben. Schimpfen S' auf'n Göthinger! Ich kann nix dafür.« »Da geht nur morgen gleich zum Pfarrer, daß er eurem Heidentum den christlichen Segen gibt! Fürs andere sorg ich schon. Daß du bei mir bleibst, Bonifaz, das ist abgemacht. Verlange, was du für richtig hältst, und das geb ich dir. Das Walperl behält seinen Lohn wie bisher. Drüben im Scheidhof geb ich euch die zwei großen Stuben im Oberstock und laß euch eine Küche hineinbauen. Da könnt ihr gemütlich miteinander hausen. Seid ihr zufrieden?« So zufrieden waren sie, daß sie zu danken vergaßen. »Jesses! Bub! Jesses!« Walperl streckte die Arme an ihrem Griechen hinauf, und Bonifaz drückte das Mädel an sich, daß es stöhnte. »Gelt, Schatzl, jetzt kannst wieder schlafen?« Walter hatte sich abgewandt. In der sinkenden Dämmerung ging er auf die Wiese hinaus und ließ sich auf den Baumstock nieder, auf welchem Mathild an jenem Abend ruhte, als der alte Herr die beiden aus der weißen Stube geschickt hatte, damit sie die in Schönheit brennende Erde schauen möchten. So glanzvoll wie an jenem Abend war es heute nicht. Nach dem heißen Tag war in den Lüften ein feiner Dunst, der die leuchtenden Farben dämpfte und wie ein bläulicher Schleier über dem Tal und um die Berge hing. Nur draußen in der Ferne, auf dem Hohen Schein, waren die Wälder anzusehen wie ein welliges Rosenfeld, auf dem alles Grün versunken liegt unter purpurnen Blüten. Gleich einem gezackten Goldstreif blinkten im roten Wald die Linien des neuen Weges. Und über den taghellen Almen hob sich die reine, schöne Fackel des Berges in das tiefe Blau der kommenden Nacht. 21 Der Mond hatte einen Hof. Dann kam ein dunstiger Morgen ohne Blau, von milchigen Nebeln durchzogen, hinter denen die Sonne verwaschen glänzte. An diesem Morgen wanderte Sonnweber die Straße zum Scheidhof hinaus. Die Leute, die ihm begegneten, grüßten mit Respekt, und wenn sie vorüber waren, drehten sie noch das Gesicht nach dem stattlichen Menschen. Die Langentaler waren stolz auf ihren Bürgermeister und pflegten von ihm zu sagen: »Den hat unser Herrgott in der Lieb erschaffen.« Ein Mensch, gegen den das Leben zärtlich war! Und in diesen Tagen mußte dem Sonnweber noch eine neue Freude ins Haus gefallen sein. Er schien noch gewachsen um einen halben Kopf, seine grüßende Stimme klang noch wärmer, seine schönen Augen blickten noch heller und freundlicher als sonst. Bei einer großen Linde blieb er stehen und lächelte gutmütig, fast ein bißchen spöttisch vor sich hin, als er den jungen Scheidhofer kommen sah. »Grüß Gott, Herr Dokter! Grad will ich zu Enk.« »Hat man sie gefunden?« Sonnweber schien nicht gleich zu verstehen. »Ah so, 's Nannerl meinen S'? Na! 's Wasser muß dös arme Ding abigrissen haben in die untere Klamm. Da hilft kein Suchen nimmer. Muß man halt denken: 's Madl is in der ewigen Heimat, und unser Herrgott hat sein' blauen Mantel drüberdeckt. Aber deswegen hätt ich Enk net aufgsucht. I bring ebbes Bessers.« Der Scheidhofer, mit den Gedanken beim Nannerl, fragte zerstreut: »Was bringen Sie?« »Mich! Und Hilf und Rat, so viel als ich geben kann!« sagte der Bürgermeister mit Herzlichkeit. »Da hätt mich 's Fräulein net erst drum angehn müssen.« »Mathild?« Walter blickte auf. »Ja, gestern is 's Fräulen zum Abschied noch bei mir gwesen und hat mich drüber aufklärt, was mir der Herr Ehrenreich selig auf'm Sterbbett gern noch gsagt hätt: daß ich Enk a treuer Freund sein soll bei der Arbeit mit'm Scheidhof. Mich haben S', Herr Dokter! Mit Leib und Seel halt ich zu Enk. Und tu's mit doppelter Freud, weil ich unserm Herrn Ehrenreich noch an letzten Wunsch erfüllen kann!« Walter faßte die Hand des Bürgermeisters. »Ich danke Ihnen!« Die Freundschaft dieses redlichen Mannes war ihm wie ein schönes Geschenk des Lebens. Als Sonnweber hörte, daß Walter zur Sägmühle wollte, ging er mit ihm zurück ins Dorf. Dabei kramte er ein Dutzend guter Ratschläge aus. Und plötzlich fragte er: »Dö Sach mit der Stiftung? Haben ebba Sie dös dem Fräulen graten?« »Ich verstehe nicht. Was meinen Sie?« »'s Fräulen hat die viertausend Mark fürs Armenhaus gstiftet.« Leichte Röte glitt über Walters Gesicht. »Nein, das hab ich ihr nicht geraten. Aber ich begreife diesen Entschluß. Der ist so schön wie alles an ihr.« »Freilich, ja! Die Ehrenreichischen! Ah! Respekt!« Sonnweber schmunzelte. »Aber eigentlich kommt 's Armenhaus a bißl schlecht weg bei der Sach. Von Rechts wegen hätt der heimliche Lump auch für sieben Jahr die Zinsen zahlen müssen. Dös hätt an die zwölfhundert Mark ausgmacht, wann ich bloß vier Prozent sag. Die hat er gschluckt.« Er lachte. »A Schlaucherl muß er sein, der! Weil er sich gsagt hat: unser Herrgott is kein Wucherer und rechnet keine Zinsen.« Die schönen Augen des Bürgermeisters wurden klein, während er den Scheidhofer aufmerksam von der Seite betrachtete. »No ja, soll's sein, wie's mag! Man muß schon zfrieden sein mit der ewigen Grechtigkeit, weil s' den Namen Ehrenreich wieder aufpoliert hat auf'n Glanz. Jetzt is a Ruh. Und 's Gras kann drüberwachsen.« Walter, dem dieses Thema nicht zu behagen schien, atmete auf, als sie das Bürgermeisterhaus erreichten. Wie ein Vater den geliebten Sohn entläßt, so tätschelte Sonnweber dem jungen Scheidhofer zum Abschied die Hand, wünschte ihm von Herzen alles Gute und sah ihm noch eine Weile nach, wieder mit jenem Lächeln, das ein bißchen Spöttisches hatte. Hastig ging Walter davon. Erst als die letzten Häuser des Dorfes hinter ihm lagen, wurde sein Gang wieder ruhig. Und während er am Mühlbach hinwanderte, sah er immer in das gleitende Wasser. Frau Rosl und Bertl waren nicht im Wohnhaus, das alte Burgele wies den Scheidhofer hinüber in die Blockmühle. Als er über die schiefe Balkenbahn zum Säghans hinaufstieg, war ein ohrbetäubender Lärm um ihn her: das Rauschen des Wassers, die Brummstimme im Turbinenraum, das Zischen der Blocksägen und das dumpfe Gerassel der Zahnräder. Acht Gesellen waren auf dem Sägboden bei der Arbeit. Wenn einer dem andern was zu sagen hatte, mußte er schreien, um bei dem Lärm verstanden zu werden. Vor einem langen, eisernen Tisch, auf dem mit schrillem Ton eine Kreissäge lief, standen Bertl und seine junge Frau, an Brust und Schultern übersprüht von weißem Sägstaub. Frau Rosl ließ gerade ein Brett durch die Kreissäge laufen, und als der Strich geschnitten war, nahm Bertl die Latte auf, und Rosl mußte drübervisieren, um die Fehler des Schnittes zu sehen. Was die beiden sprachen, konnte Walter in dem Lärm nicht hören. Er sah nur, daß Bertl die Arbeit mit ruhigem Ernst erklärte und daß Frau Rosl mit so heißem Blick zu ihrem Mann aufschaute, als spräche er vom tiefsten Glücksgeheimnis ihres Lebens. Schon wollte Rosl das Brett zu einem neuen Versuch an die Säge stoßen. Da machte ein Gesell die beiden aufmerksam auf den Gast. Sie gingen auf Walter zu. Wie müd und vergrämt ihre Gesichter waren! Draußen im Freien sagte Frau Rosl: »Der Vater selig hat mich nie ins Mühlhaus nüber lassen. Rein gar nix hab ich verstanden vom Bertl seiner Arbeit. Und man möcht doch mit'm Mann über alles reden können, was ihn verinteressiert. Da tut mir's jetzt der Bertl z'lieb, daß er mich ein bißl einweist in d' Arbeit bei uns.« Bertl strich ihr die Sägspäne vom Haar. »Ich weiß doch, warum du's tust!« Walter war so ergriffen, daß er nicht sprechen konnte. Es war ihm an Bertls Stimme und an der Bewegung seiner Hand eine Ähnlichkeit mit dem Vater aufgefallen, die er früher nie gesehen hatte. Während sie auf dem neu und dicht vergitterten Brückl den Mühlbach überschritten, krampfte Rosl die Hand in Walters Arm, sah mit entstelltem Blick zu ihm auf und flüsterte: »Nix reden, gelt!« Er schüttelte den Kopf. Sie waren zum Haus gekommen. Vor der Schwelle blieb Bertl stehen. Ein Schauer rann ihm über den Nacken. Frau Rosl hatte schon den Arm um ihren Mann gelegt. »Bleiben wir lieber da heraußen sitzen. D' Sonn schaut schon ein bißl heraus.« Das stimmte nicht ganz. Wo die Sonne stand, sah man in dem weißen Dunst der Höhe kaum einen helleren Fleck. Als sie auf der Hausbank saßen, fing Walter vom geschäftlichen Verkehr zwischen der Sägmühle und dem Scheidhof zu reden an. Bertl schien nicht zu hören und sagte vor sich hin: »So bin ich dran! Daß ich mich schier nimmer ins Haus trau. Überall schauen s' mich an, die zwei! Und verbrennen muß ich bei lebendigem Leib.« Er umklammerte die Hand seiner Frau. »Gelt, jetzt hab ich dir wieder weh getan?« »Red nur, wie dir's ums Herz is!« Eine Weile blieb er still. Dann beantwortete er ruhig die Fragen des Scheidhofers. »Und weil wir schon vom Geschäft reden, wegen der Villa müssen wir auf gleich kommen. Vaters Mietvertrag –« »Davon brauchen wir nicht zu reden.« »Doch! Wir müssen das in Ordnung bringen. Die Schwester hat mir aufgetragen –« »Wie schnell das gekommen ist: mit Thildes Reise!« »Gelt, ja!« Bertl zog Frau Rosls Hand an seine Brust. »Heut versteh ich, warum sie fort ist.« Stumm lehnte Rosl die Wange an ihres Mannes Schulter. Da blinzelte nun wirklich die Sonne ein bißchen durch die trüben Schleier des Himmels. Und Walter fragte: »Wann wird sie wiederkommen?« »Zum Frühjahr, hat sie gemeint, über Ostern. Den Herbst und Winter bleibt sie bei der Bas in der Stadt. Sie will noch lernen. Und will sich in der Musik als Lehrerin eine Stellung machen.« »Herr Ehrenreich!« Walter lächelte. »Das wollen wir der Thilde ausreden.« In diesen Worten war ein Klang, so herzlich und warm, daß der Sägmüller aufschaute. »Ausreden? Ich selber hätt die Schwester am liebsten bei mir. Aber wenn die Schwester was für gut und recht hält, redet ihr's keiner nimmer aus.« Die alte Magd kam aus dem Flur. »Kunnt ich net d' Frau an Augenblick haben?« Eine Furche grub sich in Bertls Stirn. »Wenn's sein muß? Aber gelt, Roserl, du kommst bald wieder?« »Ich bin gleich wieder da.« Ehe Frau Rosl ins Haus trat, wars sie einen flehenden Blick auf Walter. Dann erledigte sie in der Küche die Hausfrauensorge, die es zu besprechen gab. Und wollte wieder zu ihrem Mann. Vor der Stubentür hielt es sie fest. Einen Augenblick stand sie, zitternd, und huschte lautlos durch die Stube in die kleine Kammer. Vor dem leeren Gitterbett brach sie auf die Knie und drückte, um ihr Schluchzen zu ersticken, das Gesicht in die weiß verhangenen Kissen. Die frisch gescheuerten Dielen waren noch feucht, und trotz des offenen Fensters spürte man noch den scharfen Geruch des verbrannten Wacholders. Auch das andere Bett war weiß überdeckt, an einem Zapfenbrette hingen noch ein paar Kleidungsstücke, die dem Nannerl gehört hatten, und auf dem Tische stand eine große Schachtel mit Spielzeug: Bleisoldaten und geschnitzte Tiere, Waldkulissen eines kleinen Theaters und papierene Figürchen mit Drähten, unter ihnen ein Märchenprinz, um dessen papierene Schultern mit Wachs ein winziges Mäntelchen aus himmelblauer Seide geklebt war. Kein Laut in dieser Stille. Dennoch fuhr Frau Rosl erschrocken auf, hauchte auf die Handballen, drückte sie über die brennenden Augen und huschte durch die Stube hinaus. »Jesus!« stammelte sie, als sie zur Hausbank kam und ihren Mann am Hals des jungen Scheidhofers hängen sah. – »Schau, Bertl!« sagte Walter. »Deine Rosl ist da!« Er reichte ihr die Hand. »Morgen komm ich wieder. Jetzt müssen Sie mit dem Bertl schaffen, in der Mühle drüben. Er hat mir's gesagt: das war ihm von allem Trost der liebste!« Dann ging er. Bevor er den Weg am Mühlbach erreichte, kam ihm der Sägmüller nachgelaufen. »Du! Das mußt du mir erlauben, daß ich's der Rosl sag! Die wird keinen Schnaufer tun, wenn sie an die Thilde schreibt. Gelt, ich darf ihr alles sagen? Es ist doch eine Freud. Die soll sie haben!« »Ja, Bertl! Sag ihr's!« Der Sägmüller klammerte den Arm um Walters Hals. »Die erste Freud wieder nach allem Elend! Wie gut mir das sein wird: heut an den Vater denken!« Er rannte zum Haus hinüber. »Rosl! Paß auf, ich bring dir was Liebes –« In der Höhe hatten sich die Schleier geteilt. Man sah einen blauen Streif am Himmel, und blendende Silberlinien zogen sich um die Säume der zerklüfteten Nebel. Als Walter das Dorf erreichte, lag schon die helle Sonne auf seinem Weg. Vor dem Kaplanhaus stand eine Kutsche, und der Doktor kam durch den Garten heraus. Walter trat auf ihn zu. »Wie geht es ihm?« »Endlich einer, der mir nicht stirbt!« »Darf man hinein?« »Gewiß. Der Pfarrer ist bei ihm.« Während Walter durch den kleinen, verwilderten Garten zur Haustür ging, stieg der Doktor in den Wagen und fuhr davon. Als er an Sonnwebers Haus vorüberkam, sah er den Bürgermeister mit seiner schmucken Frau und den beiden hübschen Kindern bei der Brotzeit gemütlich im Garten sitzen. Freundlich grüßte der Doktor. Diese vier Menschen zu sehen, war ihm immer eine Freude. Die hatten ihn noch nie gebraucht. Das war fester, kerngesunder Schlag! »Sonntagsarbeit unseres Herrgotts!« Die heitere Stimmung des Doktors dauerte nicht lang. Beim Scheidhof kam jene Magd, die dem alten Scheidhofer zur Bedienung »verbrieft« war, mit zeterndem Geschrei hinter dem Wägelchen hergelaufen. »Gottlob, daß ich Enk noch derwischt hab!« Der Doktor sprang mit der Ledertasche aus der Kutsche. »Wo fehlt's?« »So viel letz is der Bauer! Kreisten tut er wie a Wagen, der net gschmiert is, 's Kaasfarblete hat er schon im Gsicht, und den heiligen Ulrich laßt er gleich gar nimmer aus.« »Den heiligen Ulrich?« Diese akute Erscheinung paßte dem Doktor nicht in das Krankheitsbild. Seniler Marasmus pflegt die Natur nicht von innen heraus wie einen Handschuh umzudrehen. »Hat er sich vielleicht überfressen?« »Kunnt schon sein, ja! A bißl viel zutraut hat er sich die letzten Täg her, seit er verkauft hat. Sonst hat er vor Angst allweil gfuttert wie a Spatz. Aber weil ihm seit'm Verkauf die ganze Zehrung verbrieft is, hat er einigschoppt, was er verkraften hat können. Zwanzgmal im Tag hab ich laufen müssen um Schnaps und Bier und Wein, aufkochen hat er mich lassen von der Fruh bis auf d' Nacht, und heuwagenweis hat er's einigschluckt, Bachhehndln und bratene Enten, Dampfnudeln und 's Allerfeinste. Vierfach hat's der Bauer auffigfressen, 's verbriefte Recht!« Dem Doktor trieb der Zorn das Blut ins Gesicht. Dennoch mußte er lachen. Bauerngeiz! Der sich den Tod in den Bauch frißt! Nur weil die Schüssel umsonst gefüllt wird und das Recht gesiegelt ist. Die beiden hatten den Scheidhof erreicht und traten in die Stube. Man spürte die Atmosphäre des bitteren Heiligen, und der geheizte Ofen strömte eine Glut aus, daß die Fensterscheiben schwitzten. Während der Doktor ein paar Scheiben aufriß, klang aus der Kammer die wimmernde Stimme des Kranken: »Spann ein, sag ich! Jesses, jesses, is mir schlecht! Bub, spann ein und hol mir den Dokter!« »Der Herr is net daheim.« Den Bonifaz schien das Leiden des Bauern nicht aufzuregen. »Ohne Verlaubnis darf ich net fahren.« »Einspannst! Und die besten Rösser nimmst!« »Roß is dir keins verbrieft. Laß dir Dampfnudeln kochen! Da hast a Recht dazu.« »Einspannst! Ich sag's! Der Scheidhofer!« »Jetzt träumst aber! Der Scheidhofer is mein Herr. Ich bin der Gwack-Faz, und du bist der Rappen-Lenz.« »Kreuzteifi!« Die Stimme des Kranken schrillte laut. » Scheidhofer sagst mir!« »Rapp tust dich schreiben, und Lenzl haben s' dich tauft. Rappen-Lenz sag ich.« »Scheidhofer sagst!« Dazu ein Schimpfwort. Bonifaz trat unter die Tür und sprach mit Ruhe über die Schulter. »Halt dich zruck, Mannderl! Dein Knecht bin ich nimmer. Und mein' Herrn betrügst mir um kein' Roßsprung! So! Jetzt pfüet dich, Rappen-Lenz!« Er gewahrte den Arzt, der einen Krug Wasser in die Kohlenglut des Ofens schüttete, daß der Dampf mit Zischen aus dem Feuerloch herausfuhr. Lachend sagte Fazifanzerl: »Habts Enker Transchiermesser dabei? Von die Dampfnudeln is er derlöst. Die Bachhehndln spreizen sich ein, dö müßts ihm aussischneiden.« In der Kammer brütete die gleiche Hitze wie in der Stube. Der Doktor, bevor er an den Kranken ein Wort richtete, riß das Fenster auf. Wimmernd lag der Bauer in den Kissen, mit drei übereinandergetürmten Federbetten zugedeckt. Zwischen diesem Rot und Weiß und Blau sah der kleine, haarlose Kopf des Kranken aus wie ein runzlig gewordener Apfel. Auf Stirn und Nase standen ihm die Schweißperlen. »Herr Dokter, jetzt muß ich sterben! Allweil hab ich mir's fürgsagt, daß mich der Tuifi holt amal. Aber daß 's grad heut sein muß! Grad heut!« »Heut ist ein Tag wie jeder andere«, sagte der Doktor gemütlich, »der Teufel hat keinen Kalender mit Feiertagen.« Er fühlte den Puls des Kranken und merkte, daß die Sache für den Augenblick nicht gefährlich stand. Dem Bauer trieb das heiter gemeinte Wort die Augen aus den Höhlen. Feindselig betrachtete er den Doktor, der die Federbetten einen Purzelbaum auf die Dielen mache ließ. Das war kein lieblicher Anblick: dieser abgemagerte Greisenkörper mit dem aufgedunsenen Leib, dessen Haut gespannt war wie eine Trommel vor der Parade. Als der Doktor eine Weile an diesem Berg des verbrieften Rechtes herumgeklopft hatte, stemmte er die Fäuste in die Hüften. »Rappen-Lenz, Ihr seid doch ein unglaublicher Mensch!« Spöttisch lächelte der Bauer in seinem quälenden Unbehagen. »Und ein Schweinkerl seid Ihr! Mit Eurer zähen Natur könntet Ihr noch leben, wer weiß wie lang. Aber wenn Ihr Euch den Tod in den Magen freßt, dann soll der Doktor her und wieder helfen, gelt?« In diesem Ton ging die Standrede des Arztes weiter, während er eine Schachtel mit doppeltkohlensaurem Natron aus der Ledertasche nahm. Das weiße Pulver schien dem Rappen-Lenz nicht zu gefallen. Trotz seines wimmernden Sträubens mußte er einen tüchtigen Löffel voll hinunterschlucken. »So! Und jetzt wird drei Tage gefastet! In der Früh eine Tasse Tee, am Abend eine leere Fleischsuppe. Sonst nichts! Und wenn Ihr Euch wieder mal überfreßt, dann laßt den Viehdoktor holen! Adieu!« Draußen in der Küche hatte die Magd ihre Freude dran, als sie hörte, daß es mit den Backhehndln und Dampfnudeln ein Ende hätte. Vergnügt rieb sie die Hände zu der strengen Vorschrift, die ihr der Doktor gab. Dann ging sie in die Kammer, um reinliche Ordnung zu machen. Der Kranke hatte schon wieder die drei Federbetten vom Boden heraufgezogen und sich eingemummelt. Seine Augen funkelten, und die Nase war spitz geworden. Plötzlich befiel ihn ein Schauer, daß ihm die Zähne klapperten. Er wimmerte: »D' Fenster mach zu! Es tut mich frieren.« »Luft muß eini, hat der Dokter gsagt.« »Aber einheizen tust mir!« »Kühl mußt haben, hat der Dokter gsagt.« Der Bauer fuhr aus den Kissen auf und kreischte: »'s Holz hab ich verbrieft. Daß ich mir einheizen laß, dös is mein Recht.« Stöhnend fiel er zurück. »Jesus, so viel elend wird mir schon wieder! A Stamperl Schnaps tu her!« »Ja, Schmarren, hat der Dokter gsagt.« Dabei nahm die Magd das Wasserschaff von den Dielen auf und ging aus der Stube. Mit verzerrtem Gesicht, auf dem die Schweißperlen ihre glitzernden Wege gingen, lag der Bauer in den Kissen. »Ah so? Hungern soll ich? Und dürsten und frieren? Daß der Scheidhofer 's Geld derspart! Was nutzt mir denn da mein Recht?« Seine Augen blitzten, ein häßliches Grinsen verzerrte den welken Mund, der sich wie kauend bewegte, und in den käsigen Zügen war der Ausdruck einer ruhelosen Gedankenarbeit. Dabei wurde dem Rappen-Lenz immer übler zumut, mit jeder Minute mehrten sich die Qualen im Mittelbau seines Lebens. Die aus dem Natron frei werdende Kohlensäure begann in ihm zu kullern wie eine Wasserleitung, wenn sie Luft hat. Sonst sieht ein Bauer so was für ein Zeichen von Gesundheit an. Der mißtrauische Rappen-Lenz dachte an das weiße Pulver und an Rattengift. »Der hat mir vergeben! Auflupfen tut's mich wie an Luftballon! Jesus, Jesus, heut reißt's mich ummi, Jesusmaria, heut muß ich sterben!« Die Sorge um sein Leben war in ihm noch der geringere Kummer. Immer hingen seine Augen mit Angst an dem großen Kasten, der an der Mauer stand. Diese Angst schien noch zu wachsen, als in der Mittagsstunde die Dienstboten des Scheidhofers hinaufstiegen zum Oberstock, um ihre Mahlzeit einzunehmen; seit dem Verkaufe durften sie nimmer in der Bauernstube essen; die beiden Räume zu ebener Erde waren dem Rappen-Lenz verbrieft. Die schweren Schuhe machten über der Decke ein dumpfes Getrampel. Jeder Laut fuhr dem Kranken durch die Stirn wie ein Nadelstich. »Malefiz-Leut, verfluchte!« Denen da droben schien das Essen zu schmecken. Wie lustig sie waren! Immer lachten sie. »Über mich tun s' kudern! Und wann ich d' Augen zumach, fallen s' her über alls!« Der Rappen-Lenz begann unter den drei Federbetten am ganzen Körper zu glühen. Immer stöhnte er. Und starrte mit vorgequollenen Augen den Kasten an. Als die Leute über die Stiege herunterpolterten und das Haus verließen, atmete er auf, wie von der Hälfte seiner Angst erlöst. Wieder war ein spöttisch funkelnder Blick in seinen Augen. So lag er eine Weile ruhig und grübelte. Dann griff er mühsam nach dem Hammer, der auf dem Nachtkästl lag, und schlug an die Mauer. Die Magd kam gelaufen. Höhnisch blitzten die Augen des Bauern. »Was is denn mit die Leut?« »Zum Kartoffelhacken sind s' aussi und haben ihr Freud an der Arbeit. Unsereins muß dahocken und feiern.« »Tatst aussi mögen? Ich laß dich aussi. Mir is a wengl besser, ja.« Da rannte die Magd schon davon. Seit Jahren war das ihr Traum gewesen: wieder einmal auf dem Acker stehen, mit den anderen schaffen, in der Sonne, und lachen und schwatzen! Bolzensteif saß der Rappen-Lenz im Bett, das Gesicht verzerrt, mit Anstrengung lauschend. Es war um das Haus so still wie an hohem Feiertag. Stöhnend kroch der Bauer unter dem Berg der Federbetten hervor, zog den Schafpelz übers Hemd, sperrte in Hast den großen Kasten auf und kauerte sich auf den Boden nieder. Unter einem Wust von Kleidungsstücken grub er drei mit Stricken zugeschnürte Zigarrenkistchen heraus. In einer Lade lag noch ein viertes – da war unter dem Kreuz des Strickes ein Zettel draufgeklebt: »Disses is nach mein Dot den Her Pfarr zu ibergebben.« Er löste den Strick und guckte in das Kistchen, während ihm die Schweißtropfen von der Nasenspitze und von den weißen Ohrlappen fielen. Vier dralle Säcklein standen geordnet in dem Kistchen – sie enthielten, was der Rappen-Lenz an barem Gold und Silber besaß. Jedem Säckl war ein beschriebener Zettel angebunden: »Disses is vir mein Leich« – »Disses is für Dmusi beir Leich« – »Disses is viern Grabbsten«. Unter allen Säcklein das bauchigste enthielt die Stiftung einer ewigen Messe für den »seeligen Scheidhofer«, sein Weib und seine »liben Kiender, wo sich der Herrgott derbarmt ham wird«. Während der Rappen-Lenz den Strick wieder zuknüpfte, befiel ihn ein Würgen, als möchten die Backhehndln trotz der lärmvollen Beschwichtigungsversuche des doppeltkohlensauren Natrons noch einmal flügg werden. »Jesses, jesses, jetzt fahrt mir d' Seel aussi. Da muß ich mich tummeln.« So flink wie ein Mensch, der kein Bröselchen Zeit mehr zu verlieren hat, warf er das zugebundene Kistchen in die Lade zurück, raffte die drei anderen auf die Arme und tappelte wimmernd in die Stube. Neben dem Ofen lag ein Armvoll von dem Brennholz aufgeschichtet, das dem Rappen-Lenz verbrieft war. Der Ofen hatte noch Hitze in den Kacheln. Aber weil keine Späne da waren, brauchte der Bauer fast eine Stunde und verbrannte zwei Packerln Schwefelhölzchen, bis sich zwischen den nassen Kohlen das Feuer ermunterte. Dicker Rauch quoll ihm ins Gesicht, das würgte und hob ihn; der Rappen-Lenz ließ sich nicht unterkriegen, sondern schob ein Scheit ums andere in den Ofen, bis eine rote Flamme mit Rauschen das ganze Feuerloch füllte. Wie schön sein Gesicht beleuchtet war! Es strahlte wie das Gesicht eines Verklärten, dem alle Runzeln irdischen Schmerzes geglättet sind. »Jetzt bau ich mein Kirchl!« Das klang, als wäre diesem zerbrochenen Leben noch einmal die Kraft des Jauchzens gekommen. Weil der Rappen-Lenz meinte, daß die Zeit kostbar wäre, wollte er zuerst die ganzen Zigarrenkistchen ins Feuer stecken. Aber nein. »Tu dir kein' Abbruch an der letzten Freud! 's Gute muß einer zizzerlweis abischlücken.« Mit zitternden Händen zerrte er die Stricke auf, riß aus den drei Kistchen die dicken Banknotenbündel heraus und schob sie ins Feuer, eines ums andre. Wie flink und lustig sie brannten! Diese seinen kleinen Papierchen! Das war immer, als hätte die Flamme einen heißen Schnaufer getan. Ein Anblick war es, so lustig, daß der Rappen-Lenz zu lachen anfing und seiner Schmerzen vergaß. »Hab ich nix nimmer davon, soll keiner ebbes haben! Gar keiner! Und nacher beicht ich's. Und alls is gut.« Das letzte Banknotenbündel flog ins Feuer. Nur ein dickes Bündel Staatspapiere war noch übrig. »Alles muß eini!« Das war ein Pack, daß er das Ofenloch verstopfte. Mit der Faust half der Bauer nach. »Gehst eini oder net!« Diese Papiere waren von dauerhafter Güte. Sie wollten nicht so hurtig Feuer fangen wie die dünnen Banknoten. Obwohl sich die Flammen zärtlich herumschlängelten, fingen die Papiere nur an den Rändern zu kohlen an. Und da machte plötzlich der Geiz im Rappen-Lenz einen letzten Tigersprung. Nicht nur der Geiz! Auch die »verstandsame« Überlegung. Wär's denn nicht durch starkes Gebet und ein heiliges Wunder noch möglich, daß er wieder gesund würde? Was ist er dann? Nicht mehr der reiche Bauer, sondern ein armer Teufel! Keuchend griff er mit beiden Händen ins Ofenloch. Da wurden die guten Staatspapiere gerade mit dem Feuer handeleins, und schreiend zog der Rappen-Lenz die verbrannten Pfoten zurück. Ein paar Sekunden rührte er sich nicht. Dann streckte er die grau gewordenen Finger vor sich hin und taumelte zum Fenster. Wie ein Albanese sah er aus in dem kurzen Schafpelz und drunter das weiße Hemd mit den nackten Füßen. Zuerst spürte er keinen Schmerz, guckte nur bei der Fensterhelle die grauen Finger an. »Sakra, sakra, jetzt hab ich aber einiglangt!« Er wollte die graue Asche von den Händen reiben, riß die verbrannte Haut von den Fingern und sah das Blut über die Nägel tropfen. Ohne zu wissen, was er wollte, zappelte er zur Kammer. Da fingen die Brandwunden zu schmerzen an, und der Rappen-Lenz begann zu wimmern. »'s Öl, sagen s', is gut für so ebbes!« Er wollte die Flasche mit dem Salatöl suchen. Der Speisekasten war verschlossen, und in der Küche war alles zugesperrt – so ernst hatte die Magd den Auftrag des Doktors genommen. Die letzte Hoffnung des Rappen-Lenz war die Petroleumlampe, die in der Stube hing. Die Lampe herunterzunehmen und den Messingteil vom Glas zu schrauben, das war harte Arbeit. Er mußte seine paar letzten Zähne zu Hilfe nehmen. Dann warf er auf dem Tisch die Glaskugel um und badete die Hände in dem ausgeschütteten Petroleum. Das milderte den Schmerz nicht, sondern steigerte ihn. Jetzt dachte der Rappen-Lenz an nichts anderes mehr als nur an ein Pflaster für seinen Wehdam. Er fing zu schreien an. Niemand hörte ihn. Das Haus war leer. »Jesusmaria, was hilft mir denn?« Feuchte Erde? Freilich, die kühlt! Aber wie sollte er mit den verbrannten Händen ein Stück Rasen aus dem Boden bringen? Da kam dem Rappen-Lenz ein rettender Gedanke. Frischer Kuhmist! Mit diesem Mittel hatte sich im Scheidhof vor vielen Jahren einmal ein Knecht geheilt, der im Rausch mit beiden Händen auf die glühende Herdplatte gefallen war. Allerdings hatten skeptische Gemüter damals behauptet, daß der Rausch jenen Knecht auch in das Heilmittel geworfen hätte, das er also nicht aus Überlegung, sondern notgezwungen zur Anwendung brachte. Doch der Rappen-Lenz erinnerte sich nur an den Erfolg jener Kur, zappelte wimmernd in den Stall der Heimkühe hinaus und tauchte die Hände in das frische Hausmittel, das er in reichlichen Quantitäten vorfand. Wahrhaftig, dieses Pflaster kühlte! Zu der Erleichterung, die der Rappen-Lenz in seiner Qual verspürte, gesellte sich noch eine Regung von Schadenfreude, weil er Nutzen aus einem Gut des Scheidhofes gezogen hatte, das ihm nicht verbrieft war. Bis er sich entkräftet zurückschleppte in die Kammer, waren die Schmerzen völlig verschwunden. Wie ein Gesunder fühlte er sich, nur so müd, daß er sich kaum mehr aufrecht halten konnte. Mit allerlei Kunstgriffen wickelte er zwei blaue Taschentücher um die gesalbten Hände. Dabei kleckste er ein bißchen, aber die Sache gelang. Mitsamt dem Schafpelz kraxelte er in die Kissen und schob die blauen Pfoten vorsichtig unter das Federbett. So wohl war ihm, daß er sich behaglich streckte. Sich erlöst fühlen von allem Schmerz – in solcher Minute hat man noch was vom Leben! Doch mitten in dieser Möglichkeit überfiel ihn ein grauslicher Gedanke. Wenn er jetzt gesund würde? Und leben müßte? Der arme Rappen-Lenz! Er glotzte ratlos ins Leere. Und wieder brach ihm der Schweiß aus der Stirne. Die Schwäche seines Körpers hatte Mitleid mit ihm und hauchte schläfernd seine Augen an. Kaum lag er im Schlummer, da kam die Magd gelaufen. Während sie draußen war auf dem Acker, hatte sie Rauch aus dem Schornstein des Scheidhofes steigen sehen – »Jesses, der kocht sich ebbes auf!« – und war heimgerannt, um den Kranken vor einem Diätfehler zu behüten. Gleich beim Eintritt in die Stube hatte sie einen neuen Schreck, als sie das umgestürzte, leere Lampenglas auf dem Tische liegen sah. »Mar' und Josef! Weil er kein' Schnaps net kriegt hat, sauft er 's Petroli aus!« Sie sprang zur Kammertür und fand den Rappen-Lenz in friedlichem Schlaf. Rings um den Ofen sah sie die Dielen bestreut mit Asche und verkohlten Papierflocken. Da reimte sie sich die Sache mit dem Petroleum anders zusammen: der Kranke hat gefroren, wollte den Ofen heizen, und weil ihm die Späne fehlten, hat er mit Zeitungspapier und Petroleum nachgeholfen. Sie machte Ordnung in der Stube, wunderte sich über die unverständlichen Kuhfladenkleckse, die sie überall gewahrte, und ging doch beruhigt wieder hinaus auf den Acker. Am Abend, als sie die leere Suppe brachte, mußte sie den Kranken wecken. Er stierte an der Magd hinauf, als wüßte er nicht, wo er wäre. Schon drüben? Oder noch im Leben? Dann drehte er sich in den Kissen um. »Ich mag nix!« Lieber verhungern als in Armut leben, ein Gespött der anderen! Das war ein klarer Gedanke. Dennoch lag es dem Rappen-Lenz wie ein schwerer Dusel über dem Verstand. Er schlief wieder ein, noch ehe draußen der Tag verdämmerte. Nach Mitternacht wurde er munter, von sonderbaren Schmerzen geweckt. In der Stube war eine milchige Helle, mit pechschwarzen Schatten gemischt – vom Hohen Schein her leuchtete der Mond in die Fenster. Ächzend wollte der Bauer nach dem Hammer greifen. Er konnte die Arme nicht bewegen. Wie ein Ameisenlaufen ging es ihm durch die Ellbogen hinauf bis in die Schultern. Dieses Gekribbel wurde zu einem Schmerz, der in seinen Armen sonderbar hin und her hüpfte. Das kennen die Bauern. Sie nennen's den »schwarzen Brand« und wissen: der rote Brand, der an der Wunde »togetzt«, läßt sich heilen, aber der schwarze, der »'s Hupfete hat«, ist der sichere Tod. »Schau, jetzt muß mir ebbes Unrechts einigfahren sein ins Blut!« So dachte der Rappen-Lenz. »Da müssen die Küh mit'm Grünfutter a giftigs Blüml derwischt haben. Sunst wär er gut gwesen, der Mist!« Diese Erkenntnis hatte keinen Schreck für ihn. Im Gegenteil. Sie löste jede quälende Sorge von seinem Bauernstolz. Besser hätte er's gar nicht treffen können. Der schwarze Brand ist ein ruhiger Tod. Da schläft man gemütlich hinüber. Und schnell geht's, aber doch nicht allzu flink, so daß man gemütlich Zeit behält, um sein Bündel zu schnüren. Der Rappen-Lenz hatte doch auch die Arbeit schon zur Hälfte getan. Sein Irdisches war geordnet. Er hatte nur noch die Rechnung mit dem Drüben zu machen. Da wollte er sicher gehen. Gab es keinen Teufel, und hatte der junge Scheidhofer recht, dann brauchte man nichts zu fürchten. War aber der Kaplan mit seinem höllischen Feuer der Gescheitere, dann gab's noch einen Weg, aus dem eine kluge Seele um die heiße Ecke biegen kann. So oder so, der Rappen-Lenz bleibt immer der Schlaueste von allen. Bei diesem Gedanken sah er in der finstern Ecke was Schwarzes stehen. Sonst war's ein Kleiderstock. Heute sah das Ding verdächtig aus. Dem Kranken trat der Angstschweiß auf die Stirn. Weil er die Hände nicht rühren konnte, schlug er in Gedanken ein Kreuz und kicherte: »Mir kannst net an! So gscheit wie du bin ich auch noch!« Mit lauter Stimme begann er für sich, für seine Kinder und sein Weib den Rosenkranz zu beten. Und so geduldig er die wachsenden Schmerzen ertrug, so ungeduldig erwartete er den Morgen. Gegen vier Uhr fing es grau zu dämmern an. Doch der Rappen-Lenz setzte mit seiner lallenden Frömmigkeit nicht aus, solange noch ein dunkler Schatten in der Kammer war. Erst als mit dem wachsenden Tag die verdächtige Ecke hell wurde, vergönnte er seinem Christenzüngl ein bißchen Ruhe. Um das Fenster blinzelte schon ein rosiger Schein der kommenden Sonne. Da hörte der Kranke im Hof die Stimme des Bonifaz und des jungen Scheidhofers, die miteinander aufs Feld gingen. Dem Rappen-Lenz kam ein Gedanke, der bitter schmeckte: »Jetzt kommt er billig draus! Drei, vier Jahrln, wann ich noch leben hätt können, hätt er's teuer zahlen müssen, meine verbrieften Recht! Den hätt ich arm gfressen.« Walter war in die Küche getreten und fragte die Magd, wie es dem Kranken ginge. Sie kochte gerade den Tee. »Heut hat er a leichts Nachtl ghabt.« »Paß nur gut auf, daß nichts versäumt wird, was der Doktor vorgeschrieben. hat!« Als die Magd dem Kranken den Tee brachte, der mehr nach Langentaler Moosheu als nach Chinas Wohlgerüchen duftete, schüttelte der Rappen-Lenz den Kopf: »Heut muß ich nüchtern bleiben.« Er dachte an die heilige Kommunion. Die Magd aber glaubte, daß der Kranke zur Vernunft gekommen wäre und über die Vorschriften des Doktors noch ein übriges tun möchte. Auf die Frage, wie es ihm ginge, gab er die schmunzelnde Antwort: »Allweil besser!« Mit keiner Silbe verriet er was von dem Schmerz in den steif geschwollenen Armen und von dem glühenden Geprickel in den unter dem Federbett versteckten Händen, an denen er keinen Finger mehr bewegen konnte, weil das linde Pflaster durch die Fieberhitze zu einer steinharten Kruste gedörrt war. Die Magd mußte bei ihm sitzenbleiben. Während sie, um den Kranken zu erheitern, von lustigen Dingen schwatzte, überlegte der Rappen-Lenz, wann es Zeit wäre, den Pfarrer holen zu lassen. Um Gottes willen nicht zu spät! Aber auch um kein Stündl zu früh. Sonst könnte der Hochwürdige nach dem Doktor schicken. Das paßte dem Rappen-Lenz nicht in die letzte Rechnung. Es war am späten Nachmittag, als der Kranke einen Dusel spürte wie von schwerem Wein. »Jetzt därf ich aber schicken!« Er sagte: »Madl! Tummel dich und spring in Pfarrhof eini! Ich tät den Hochwürdigen schön bitten lassen, daß er kommt und 's Heilige bringt.« Die Magd nahm das nicht ernst; der Kranke sah besser aus als je; aber sie tat seiner frommen Seele den Gefallen und rannte davon. Während der Rappen-Lenz allein blieb, hatte er gegen schwere Schlafsucht zu kämpfen. Um sich wach zu erhalten, dachte er immer der Reihe nach an die drei Dinge, die ihm unter allen Sonnenblicken seines Lebens die meiste Freude machten: erstens, wie sein ältester Bub auf einer Kirchweih dreiundzwanzig Burschen aus dem Tanzboden hinausgefeuert hatte; zweitens, wie schlau er den Scheidhof losgeworden; und drittens, wie die Leute sich die Mäuler zerreißen würden um das viele Geld des Rappen-Lenz, das nirgends zu finden war. Ein feines Geklingel im Hof. Der Kranke streckte die Beine, wie ein Soldat sich richtet, wenn der inspizierende General erscheint. »Guten Abend!« sagte er ruhig, als der Pfarrer im weißen Chorhemd die Kammer betrat. »Und daß wir gleich füranand kommen – da drent in der Kastenlad, da liegt a Zigarrenkistl –« »Aber Scheidhofer! Jetzt wollen wir uns doch keine Zigarre anzünden.« Der Kranke blieb eigensinnig und wollte von der heiligen Handlung nichts wissen, ehe nicht der Pfarrer aus der Lade das zugeschnürte Zigarrenkistchen herausgenommen hatte, auf dem geschrieben stand: »Disses is nach mein Dot den Her Pfarr zu ibergebben«. Der Rappen-Lenz atmete auf. »Jetzt haben wir alls. Fangen wir an!« Er sah mit lauerndem Blick zum Pfarrer auf. »Glauben S', daß mir unser Herrgott verzeihen wird, wann ich Reu und Leid mach?« »Ja, Scheidhofer.« »Und daß ich im Himmel meine lieben Leut wieder zum Anschauen krieg?« »Bei Gott finden wir uns alle wieder.« »No also! Machen S' Enker Sach!« Der Pfarrer setzte sich ans Bett um die Beichte des Kranken zu hören. Mit seinen Sünden nahm es der Rappen-Lenz genau. Das wurde ein langes Register. Als er zum letzten Bröckl kam, das seine Seele draußen beim Ofen mit Schadenfreude geschluckt hatte, stammelte der Hochwürdige erschrocken: »Och du lieber Herrgott! Scheidhofer! So viel Geld! Mit dem man so viel Gutes hätt ausrichten können!« »Ja, ja!« Der Kranke schmunzelte mit geschlossenen Augen. »Jetzt kommt mir d' Einsicht.« Er sprach mit der lallenden Stimme eines Schlaftrunkenen. »Unser Herrgott soll mir's gütig verzeihen.« Der Pfarrer sah, wie schwer dem Bauern das Reden wurde, und mußte sich beeilen, um die heilige Handlung zu vollenden. Als alles getan war, sagte er: »Scheidhofer! Wegen des fehlenden Geldes soll kein Unschuldiger in Verdacht kommen. Man muß in der Gemeinde wissen, was Ihr getan habt. Drum müßt Ihr mich wegen dieser letzten Sünde des Beichtgeheimnisses entbinden.« »Na! Ich mag net. Und net ums Verrecken! Sollen halt suchen, d' Leut! Leicht finden s' noch ebbes.« Dem Hochwürdigen stieg das Blut ins Gesicht. »Wenn Ihr in Eurer Bosheit verharrt, ist die Absolution nicht gültig.« Der Rappen-Lenz riß die Augen auf. »Was ich hab, dös hab ich. Enker Sanktum Oli könnts mir nimmer abikratzen. Jetzt is mir der Himmel verbrieft.« »Scheidhofer!« Die Stimme des Pfarrers zitterte vor Zorn. Zum erstenmal in seinem Leben drohte er einem Sterbenden mit der Hölle – ein »Zugeständnis«, zu dem er sich niemals noch herbeigelassen hatte. Lang besann sich der Rappen-Lenz. Dann wimmerte er: »Meintwegen halt! Aber erst drei Täg, dernach ich begraben bin, dürfts reden! Sonst schimpfen d' Leut schon bei der Leich. Dös kunnt mich – verdrießen –« Er duselte und sprach kein Wort mehr. Als Walter bei sinkender Dämmerung von seinem Acker heimkehrte und in die Kammer trat, fand er den Rappen-Lenz in einem Schlummer, aus dem ihn keine Posaune des Lebens mehr hätte wecken können. Erst an dem Toten fanden sie die verbundenen Hände mit den brandigen Wunden und dem hart gedörrten Naturheilmittel. Der selige Lorenz Rapp, weiland Scheidhofer, war als gläubiger Christ gestorben. An dieser wiedergewonnenen Seele schien der hochwürdige Herr Christian Schnerfer keine rechte Freude zu haben. 22 Das Leben ist wie ein kluger Feldherr. Wenn es Lücken klaffen sieht in der Schar seiner Kämpfer, schiebt es gleich die Reserven nach. Am Samstag wurden für den weiland Scheidhofer die Glocken geläutet. Und am Sonntag hatte der Pfarrer drei Paare von der Kanzel zu verkünden: zum andernmal den Mertl und die Zenz, zum erstenmal den Bonifaz mit der ehr- und tugendsamen Walpurga Neuner – und irgendeinen andern mit der ehr- und tugendsamen Genoveva Schrottenbacher. Das Walperl und die Vev! Wie grundverschieden waren die beiden! Auf der Kanzel hatten sie die gleichen Eigenschaften. Darüber, und auch sonst noch über etwas, schien sich die Vev zu ärgern. Sie trug ein fuchsteufelswildes Gesicht aus der Kirche heraus und machte mit den feinen Zeugstiefeln flinke Schritte. Das Walperl strahlte vor Freude und ging an der Hand des Bonifazius Venantius Gwack mit einer Langsamkeit durch das Dorf, die sonst nicht zu ihren Eigenschaften zählte. In ihrem glücklichen Triumphgefühl vergaß das Walperl auch nicht der Dankbarkeit. Sie bedachte ihren Herrn vom Morgen bis zum Abend mit so viel Aufmerksamkeit, daß er sich in seiner Einsiedlerwirtschaft ganz behaglich fühlte. Wie schmuck sie seine Stuben und die ganze Villa hielt! Die graue Leinwand war von den Möbeln verschwunden, es gab keine versperrte Tür, und auch der Käfig mit dem Rotkehlchen war von der Sägmühle wieder in die Villa heimgekehrt. Es fehlte vom Inventar der Wohnung nur das kleine Bild, das in dem Kränzl von Immergrün gehangen. Und da konnte Walter, der nach schaffendem Tag den müden Abend am liebsten in dieser Stube verbrachte, stundenlang hinaufschauen zu dem leeren Fleck an der Wand. Nur einen Raum der Villa, das kleine Stübchen, in welchem Mathild gewohnt hatte, betrat er nie. Ein einziges Mal hatte er's getan, hatte vom Abend bis zum grauenden Morgen dringesessen und den »Faust« zu Ende gelesen. Das war seinem Frieden nicht gut bekommen. Ein paarmal die Woche verbrachte er den Abend in der Sägmühle. Am Sonntag nachmittag war immer Gesellschaft in der Villa. Bertl mit seiner Frau und der Pfarrer waren die Stammgäste. Manchmal kam auch der Bürgermeister, immer bereit, dem jungen Scheidhofer, wenn es Schwierigkeiten in seinem Besitztum gab, eine Gefälligkeit zu erweisen, amtlich und privatim. Ein prächtiger, herzensguter Mensch, dieser Sonnweber! Und Schwierigkeiten gab es für den Scheidhofer in Hülle und Fülle. Jeder Widerwärtigkeit begegnete er in der wachsenden Freude an seinem Besitz mit einer ausdauernden Ruhe, die ihn immer auf gute Wege brachte. Die Ruhe nach außen gelang ihm um so leichter, weil er im eigenen Hause keinen Ärger hatte. Die Scheidhofer Leute wären für ihren Herrn durchs Feuer gegangen. Er war gut mit ihnen und gerecht. Auch die Strenge begann er zu lernen. Wenn's grade nötig war und der Bonifaz noch ein bißchen in die Kohlen blies, konnte der Scheidhofer »aufrebellen wie ein Türk«. Und bei der Arbeit war er unermüdlich, einen Tag um den andern. Um alles zu lernen, was ein Landwirt wissen und können muß, schaffte er in der Schule des Bonifaz wie der beste Knecht. Schwere Hände bekam er und ein braunes Gesicht, um dessen Wangen der Bart, den er mager ins Tal gebracht, immer kräftiger zu sprossen begann. Der Lohn seiner Arbeit war die rastende Freude am Abend. Wie lieb ihm das war: in der roten Dämmerung so heimzuwandern mit dem Bonifaz, gemütlich zu schwatzen vom Gewinn des vergangenen Tages und von der Arbeit des kommenden – und dabei mit frohen Augen jeden Schimmer zu trinken, den die sinkende Sonne übers Tal und um die Berge goß. Auf allen Wegen, die ihn heimführten von seinen Äckern und Wäldern, kannte er genau die Stelle, wo er sich umwenden mußte, um für diesen Tag noch ein letztesmal den Hohen Schein zu sehen. Dann daheim das stille Träumen von allem, was seinem Herzen heilig war, das gläubige Sehnen nach seinem Glück, das er am liebsten in seine Arme gerissen hätte mit jeder nächsten Stunde. Manchmal wurde es ihm zu eng in der Stube. Dann saß er trotz der Müdigkeit, die ihm in allen Gliedern schwerte, bis spät in der Nacht auf der Veranda, lauschte dem heiteren Gekuder des Pärchens, das drüben beim Brunnen hockte, atmete den Duft der neuerschlossenen Rosen und horchte auf das Surren der Nachtschwärmer, die in der Dunkelheit ihren Honig suchten. Gegen Ende des Monats kamen zwei Fuhren mit großen Kisten und verpackten Möbelstücken. Das alles war für die weiße Stube bestimmt. Die blieb, wie sie war. Nur das Bett des alten Herrn wurde entfernt. Dafür kamen drei große Bücherregale an die Wand und quer in die Fensterecke ein Schreibtisch vom gleichen hellen Holz wie die Vertäfelung der Mauer. In den bleischweren Kisten waren die tausend Bücher, die Walter seit seinem Austritt auf dem Seminar gekauft hatte. Und neue dazu. Er hatte an seinen Buchhändler geschrieben: »Schicken Sie mir von deutscher Literatur alles, was Wert hat. Den Goethe in bester Ausgabe. Und das Gediegenste des Auslandes, Französisches und Englisches im Original, alles andere in guten Übersetzungen.« Der Buchhändler war augenscheinlich der Meinung, daß in der Weltliteratur sehr vieles von Wert ist. Die neuen Bücher füllten für sich allein fünf riesige Kisten. Zwei Tage brauchte Walter, ein Freitag und Samstag war es, um in der weißen Stube seine Bibliothek in Ordnung zu bringen. Das Walperl kam immer wieder und staunte: »Ui Jegerl! Bis dös alles einigeht in a Köpfl! Da muß einer an Schädel haben wie a Metzenschaffel.« Am Samstag abend, als Walter die mühsame Arbeit vollendet hatte, kam der Moosjäger. So tritt ein König in die Stube. »Scheidhofer, jetzt bin ich droben auf der Höh. Morgen könnts auffisteigen. Der neue Weg is fertig bis zur Alm.« Dem Mertl blitzten vor Stolz die Augen. Und Walter hatte eine Freude, daß er den Moosjäger am liebsten für den Abend bei sich behalten hätte. Doch Mamertus Troll, der am Montag seine Hochzeit halten wollte, hatte noch in seinem Häuschen zu schaffen. »Am Dienstag kann ich nacher anfangen mit der Holzmeisterei.« Die Wegeröffnung mußte gefeiert werden! Der Sonntag brachte einen herrlichen Morgen. Nach dem Hochamt fuhren sie auf einem Leiterwagen zum Hohen Schein hinauf, Walter mit dem ganzen Gesinde des Scheidhofes, das Walperl, der Moosjäger und die Zenz mit dem Maxerl. In der Sägemühle hatten sie nein gesagt; einen lustigen Tag wollten sie nicht mitmachen. Was wurde das für eine vergnügte Fahrt! Ein Liedl ums andre sangen sie. Von den Knechten einer spielte die Mundharmonika. Am Fuß des Hohen Scheins wurden die Pferde bei jenem Bauern eingestellt, der den Scheidhof als das beste Gut der Welt taxiert hatte. Den Korb mit der Zehrung und das Weinfäßchen lud man auf einen Handkarren. Dann ging's los, mit Lachen und Schwatzen, hinauf über den schönen glatten Weg. Wieviel Lobsprüche Mertl da zu hören bekam! Und droben, die Lies, die den heiteren Lärm hörte, fing zu jodeln an. Als sie vor der Sennhütte dem Scheidhofer die Hand reichte, fragte er lachend: »Wie geht's, Lies? Wird fleißig gekitzelt?« »A bißl, ja! Hab auch wieder ebbes aussibracht.« »Was denn?« »Daß man nix aussibringt.« Während das Walperl in der Hütte die Kocherei begann, stiegen der Scheidhofer und die Lies über das Almfeld, um die Herde zu mustern. Walter redete wenig. Immer ließ er die Augen umhergehen. Die weite Schönheit, die ihn umgab, war für ihn ein Acker, auf dem die Erinnerungen sproßten, so reich und gesund, wie da drunten auf seinem Feld die Halme standen. Die Kohlröschen hatten schon verblüht. Nur ein einziges fand er noch. Das steckte er nicht auf den Hut, sondern legte es achtsam in sein Notizbuch. Je stiller der Scheidhofer war, um so fleißiger schwatzte die Lies. Von jedem Rind und Kalb erzählte sie die Lebensgeschichte. Dabei duzte sie den Scheidhofer. Aber sie sprach nicht mehr von seinen zwei linken Füßen, sondern gab ihm gute Ratschläge. »Laß dir nix gfallen von die Nachbarn! Schlau mußt sein! Und d' Ehhalten mußt kurz anbinden. Aussizarren mußt aus die Leut, was ausgeht. Auf jeden Pfennig mußt drucken. Nacher bringst es zu ebbes!« »Ich glaube, daß es auch gehen wird, wenn ich redlich bin gegen alle, und wenn ich meine Leute als Menschen behandle.« Nach langem Besinnen sagte die Lies mit freundlichem Blick: »Probier's!« Er streckte ihr die Hand hin. »Ich bin dir gut, Lies! Willst du es mir auch sein?« »Ja.« Bis zum Abend blieben sie und warteten auf den Mondschein. Daß am Montag eine Hochzeit war, das merkte niemand im Dorf. Kein Böllerschuß, kein Juhschrei, keine Hochzeitsklarinette. Und doch ein Glück, das in seiner Stille noch höher jauchzte, als der Kirchturm stieg. Die Zenz trug statt des Kränzls ein blauseidenes Kopftuch, und Mamertus Troll hatte sich zu Ehren des Tages einen neuen Hut gekauft. Nach der Messe gingen sie mit dem Maxerl und dem alten Hasen heim in ihr Häuschen, und die Zenz begann das Hochzeitsmahl zu kochen, während die »Mannder« vor der Haustür saßen und ihre Pfeifen rauchten. Um zwölf Uhr kamen die Gäste: Walter und der hochwürdige Herr. Die Zenz, die zur Begrüßung aus der Küche lief, war kreidebleich vor Aufregung, ob ihr auch das Geselchte und die Knödel geraten wären? Jeder von den Gästen war mit einem großen Paket gekommen. Der Pfarrer stellte sich mit der versprochenen Ziehharmonika ein, und Walter brachte für die Zenz eine schöne »Tracht«, wie sie die verheirateten Frauen im Dorfe trugen, für den Mertl eine Holzmeisteruniform aus grauem Loden mit grünen Aufschlägen. Natürlich mußten sich die beiden gleich in den neuen Staat werfen. Prächtig sahen sie aus und brachten vor Stolz die Ellbogen nicht mehr an den Leib. Die Zenz drängte zum »Mahl«, denn das Geselchte, das fünfeinhalb Stunden kochte, drohte aus dem Leim zu gehen. Doch der Moosjäger bat sich das aus, daß man zuerst noch das »Haus« und den »Garten« betrachten müßte – heut sagte er nicht »Häusl« und »Gärtl«. Auf den Beeten, die man vor drei Wochen erst umgegraben hatte, stand fingerhoch ein grüner Wuchs. der sich wie Unkraut ansah. Nach der Aussage des Mertl waren das die »feinsten Gmüsner« und die »schönsten Blümeln«. Dann wanderte man durchs Haus. Die Kammer war noch leer; Vater Has sollte erst am kommenden Morgen einziehen. Aber die Küche! Und dann das »Hexenwerk« der Zenz: die Wohnstube. Jetzt war sie komplett; hinter dem weißen Ofen stand das kleine Bettstattl, das der Moosjäger fürs Maxerl gezimmert hatte. Den gedeckten Tisch zierte ein Waldblumenstrauß, so groß, daß von den Gästen, als sie saßen, keiner das Gesicht des andern sah. Walter und der Hochwürdige aßen wenig und lobten viel. Weil die beiden so »kleinweis« zugriffen, mußten Mertl und Vater Has im Schweiße ihres Angesichts arbeiten, um über das Geselchte Herr zu werden. Den Kaffee trank man in dem »Salettl«, das der Moosjäger im Schatten eines Apfelbaumes »konstrawiert« hatte. Und da trat nun die Ziehharmonika in Aktion. Sieben Jahre hatte Mamertus Troll keine »Harmoni« mehr zwischen den Fäusten gehabt. Seit damals waren ihm die Finger steif geworden. Nach einem Stündchen hatte er sich leidlich eingespielt und orgelte unverdrossen die »Wacht am Rhein«, den »Neubayrischen« und ein Dutzend Ländler herunter, von denen einer wie der andere klang. Die Zenz machte heilige Augen dazu, und während sie das Maxerl auf ihren Schoß hob, sagte sie leis: »So wie heut, so is mir's beim Göthinger gwesen.« Der hochwürdige Herr bekam bei dieser dudelnden Musik einen müden Zug im Gesicht. Und plötzlich legte er dem Moosjäger die Hand auf den Arm: »Paß einmal auf, Mertele! Schön kannst du's! Aber jetzt sing ich dir was vor. Das probier einmal nachzuspielen!« Die Hände ineinanderschlingend, beugte sich der Pfarrer über den Tisch und begann mit andächtigem Blick zu summen: »Diii jumm diiiöh, diii jumm diiiöh, dijnm dijum di jö hööö –« Mit ähnlichen Lauten ging es weiter. In Buchstaben sieht es nicht gut aus; aber wie es der hochwürdige Herr Christian Schnerfer vor sich hinsummte, war's eine feine, zärtliche Weise. Dabei probierte der Moosjäger unter aufmerksamem Lauschen die Griffe. Als er's ein paarmal mit korrigierender Hilfe des Pfarrers versucht hatte, brachte er die schöne Weise mit leidlicher Harmonie ganz nett heraus. »Zenzle! Da mußt auflusen! Herrgott, is dös ebbes Liebs!« »Gelt, ja! Und weißt du auch, Mertele, von wem das ist?« Mamertus spielte immer zu. »Der hat ebbes könnt! Sakra!« »Das ist vom Meister Beethoven. Das heilige Andante aus der Kreutzersonate. Ein Stückl von allem Schönsten, was je in Menschenherzen geklungen hat.« Der Moosjäger riß die glänzenden Augen auf. »Und so ebbes kann ich jetzt!« Wieder fing er zu spielen an. »Lus, Zenzle, lus!« Herr Christian Schnerfer stand auf. »Das spiel noch ein paarmal, gelt? Der Herr Doktor und ich, wir gehen ein Stückl zum Wald hinüber, daß wir's piano aus der Ferne hören können.« Als die beiden den Waldsaum erreichten, sagte der Pfarrer: »Ich mein', wir lassen die Leutln jetzt allein mit ihrer Freud.« Während sie am Wald entlang schritten, seufzte er ein ums andere Mal. »Dokterl! So viel muß ich auf Thildele denken!« Walter schwieg. »Meine liebe Musik! No ja, der Schulmeister! Er plagt sich. Aber aus meinem alten Klavierkasten bringt er halt nichts heraus. Da hat nur das Thildele die richtigen Händ gehabt. Gestern hat er mir die Beethovensche Frühlingssonat zugerichtet – och du lieber Herrgott! Mozart und Haydn könnt er zur Not noch prestieren. Aber mit'm Trio geht nix mehr zamm. An den Sägmüller trau ich mich gar nimmer an.« »Mit dem Bertl will ich reden. Dann könntet ihr am Mittwoch bei mir zusammenkommen. Und Haydn spielen. Ja?« Der Pfarrer faßte Walters Hände. »Vergeltsgott, Dokterle!« Piano klang es über die abgemähten Wiesen noch immer herüber: »Diii jumm diiiöh, diii jumm diiiöh –« Dem Mertl blieben schließlich die zwei Gäste doch zu lange aus. Er guckte aus dem Salettl und sah die beiden weit draußen am Waldsaum hingehen. »Jesses, die sind furt!« Das sagte er erschrocken. Dann wurde er still. Und dem Zenzle ging ein heißes Rot über die Wangen. Jetzt kam der Peterl zu seinem Hochzeitsrecht. So lang die Herrenleute da waren, hatte er kein Wörtl geschnauft. Aber jetzt! Jetzt waren der Peterl und sein Schimmel die Hauptpersonen. Und je mehr der Peterl vom roten Spezial trank, desto wundersamere Eigenschaften bekam der Schimmel. Als es beim Glanz des Hohen Scheins zu dämmern anfing, hatte der alte Has das letzte Tröpfl aus dem Krug geholt und kam auf den Einfall, dem Maxele den Garten zu zeigen. Beim Garten sagte er: »Maxele, heut därfst noch auf'm Schimmele reiten! Und nacher schlafst bei mir Gelt, ja?« »Warum darf ich denn heut net im neuen Bettstattl schlafen?« »Dös is noch net fertig. Dös hat luckere Füß. Da kunntst aussifallen.« Im Salettl saß das Hochzeitspaar. Beklommen sagte die Zenz: »Jetzt muß ich abspülen.« Sie wollte ins Haus. Der Mertl nahm sie fest bei der Hand. »Dös kannst dir für morgen lassen.« Diesen Mangel an Ordnungssinn entschuldigte er durch die Meinung: »Hochzet hat man net allweil. Hocken wir uns a bißl aussi ins Gras! Magst, Zenzle? Nacher spiel ich dir ebbes Schöns.« In der Glut des dämmernden Abends ruhten sie auf der Erde. Und Mertl spielte. »Diii iumm diiiöh –« Plötzlich legte er die Harmonika ins Gras und sah der Zenz in die Augen. »Gelt, Zenzle? Gelt, jetzt denkst nimmer an den andern?« Wortlos klammerte die Zenz ihre zitternden Arme um seinen Hals. Am andern Morgen merkte der Moosjäger, daß die Harmonika ein bißchen verstimmt war. Doch als er das vom Tau durchfeuchtete Instrument für ein Stündl in die Sonne legte, bekam es wieder seinen reinen Ton. Dann nahm Mamertus Troll die Axt und den Rucksack. »Pfüet dich, Weiberl! Bis auf d' Nacht bin ich wieder da.« Er wanderte zum Scheidhof hinaus. Zwei Tage hatte Walter mit seinem Holzmeister im Walde zu schaffen, um über den Arbeitsplan der nächsten Monate klarzuwerden. Als er am Mittwoch spätabends heimkam, war das Trio schon versammelt. Sie spielten das Zwölfte von Haydn, unter allen das leichteste, aus Rücksicht für den Schulmeister. »Bertele?« fragte der Pfarrer. »Hast du ein neues Cello?« Es war das alte Instrument. Nur klang es anders. Was Bertl an Lachen verloren, das hatten seine Saiten an Klang und Wärme gefunden. Während er spielte, stand Frau Rosl neben ihm und wendete das Notenblatt, sooft er mit Kopf einen Nicker machte. Bis nach Mitternacht musizierten sie. Es war trotz aller Musik ein stiller Abend. Den Scheidhofer litt es nicht daheim, als die andern gingen. Er begleitete den Sägmüller und die Rosl bis zur Mühle hinaus. Auf dem Heimweg sah er beim Schulmeister noch Licht und klopfte ans Fenster – eine etwas späte Stunde für einen Schüler, der einen Lehrer im Violinspiel sucht. Die Woche darauf wurde Hochzeit im Scheidhof gefeiert. Da ging es lebendiger zu als bei der Hochzeit des Mamertus Troll. Und ein merkwürdiger Vorfall ereignete sich. Als man in der großen, neumöblierten Stube des seligen Rappen-Lenz beim Hochzeitsmahle saß, sprang die Braut, der das Kränzl neckisch in den Haaren zitterte, plötzlich vom Sessel auf, packte den Hut des Bräutigams und sprang zur Tür hinaus. Bonifaz lachte, daß unter den zwei Mehlflecken seines Bärtchen die weißen Zähne blinkten. »Was macht s' denn schon wieder für an Unfürm, dö narrische Gredl?« Nach einer Weile erschien das Walperl, lustig kichernd, mit brennendem Gesicht. Im Hut des Bräutigams brachte sie etwas getragen, das sie mit der seidenen Schürze verdeckte. »Was hast denn da?« fragte Bonifaz. Da warf die Gwackin ihrem Mann mit Lachen den ganzen Hut voll reifer, saftiger Kirschen an den Kopf. Wie ein roter Regen fiel's über den Bonifaz her, und von den zerplatzenden Kirschen, die schon überreif geworden, bekam er rote Tupfen im Gesicht und auf dem silberblonden Haarschopf. Alles lachte. Doch niemand schien zu wissen, was dieses absonderliche Hochzeitsspiel bedeuten sollte. »Dös muß an alter Brauch sein!« meinte die Lies. Der Scheidhofer schmunzelte und drohte der Braut mit dem Finger. Dann speiste das Hochzeitspaar unter Lachen und Flüstern die roten Kirschen auf. Das Glück des Gwack und seiner Gwackin änderte nichts am Leben im Scheidhof. Nur daß das Walperl nimmer in der Villa schlief. Walter hatte eine neue Magd aufgenommen. Die war nur für das Gröbere; alle Sorge für den Scheidhofer blieb in Walperls Händen. Und da murrte der Bonifaz nie, wenn er abends von der Arbeit heimkam und seine Gwackin noch drüben in der Villa war. Nach Anbruch der Dunkelheit hatten die beiden noch immer Zeit, ein Stündl auf der Hausbank zu sitzen. Dabei hatten sie auch wieder ihre »Musi«. So schön wie vorzeiten klang das freilich nicht. Für den Bonifaz wurde es eine Gewohnheit, zu sagen: »Heut tut er aber wieder schiech auf seiner Geigen!« Immer entschuldigte das Walperl: »Mein, er lernt's halt erst!« Bei der Arbeit, meinte Bonifaz, käme der Scheidhofer flinker vorwärts. Das war ein verdientes Lob. Walter schulte sich so rasch in alle Wirtschaft des Hofes ein, daß Bonifaz das Gängelband, an dem er den Scheidhofer führte, immer lockerer nehmen konnte. Und je besser sich Walter in aller Arbeit zu Hause fühlte, um so heißer wuchs in ihm die Freude an seinem Besitz. Die Prophezeiung des Bonifaz von der »doppelten Frucht« erfüllte sich. So reiche Ernte hatten die Äcker des Scheidhofes noch selten getragen. Trotzdem konnte Walter bei der Führung seines Wirtschaftsbuches nur wenig ins Haben schreiben. Den ganzen Sommer wurde gebaut und gebessert, was der Rappen-Lenz seit Jahren hatte verschlampen lassen. Dazu die praktischen Neuerungen, die der Bonifaz dem Scheidhofer anriet. Das kostete! Bis es Winter wurde, waren die Tausende, die der Notar beim Kauf des Scheidhofes erspart hatte, so ziemlich draufgegangen. Aber der Scheidhof war eine Sehenswürdigkeit geworden, auch als Wirtschaft. Ein ganzes Dörfl neuer Dächer glänzte rings um das spitz gegiebelte Bauernhaus, das mit seinen weißen Mauern und grünen Läden ein verjüngtes Ansehen hatte. Der Stall für die Zuchtstuten, die im Frühjahr kommen sollten, war schon unter Dach, die Viehställe waren umgebaut und erweitert, und in der neuen Schweizerei, deren Führung die Lies nach dem Abtrieb vom Hohen Schein übernommen hatte, arbeitete Abend für Abend die Zentrifugalmaschine, um aus den Milchfluten, die von den Ställen gebracht wurden, den Rahm herauszuschwingen. In jeder Nacht jagte ein Wagen mit den Butterkisten und den plombierten Rahmkesseln nach Mitterwalchen zur Bahn. Als der erste Schnee fiel, ging die Arbeit in ruhigem Geleise. Von Monat zu Monat konnte Walter immer kleinere Posten ins Soll, immer größere ins Haben schreiben. Im Hof wurde die Arbeit mit dem Winter leicht. Schwer wurde sie jetzt im Wald. Mamertus Troll bekam ein mageres Gesicht, und die Holzknechte, die unter ihm arbeiteten, mußten schwitzen, trotz der grimmigen Kälte. An jedem Tag, den das Wetter leidlich machte, war Walter draußen, um die Bäume auszumessen und die Klaftern zu registrieren. Vom Morgen bis in die Dunkelheit pfiffen die Schlitten, um das Holz zur Bahn zu führen, das man zur Erneuerung der überständigen Waldteile schlagen mußte. Daheim fand Walter die warme Stube und den gedeckten Tisch. War der Tee getrunken, so pflegte der Scheidhofer noch drei, vier Stunden mit zähem Fleiß auf der Geige herunterzukratzen. Wenn das Wetter mit Stöbern und Winden zu toll wurde, blieb Walter nach einem Rundgang durch die Wirtschaftsräume den ganzen Tag in der weißen Stube. Bei seinen Büchern. Immer wieder drängten sich ihm bei der Arbeit Fragen auf, für die er keine Antwort wußte. Und da ließ er sich vom Buchhändler kommen, was er brauchte, und machte sich drüber, bis er beherrschte, was er wissen wollte. Wie anders war dieses spürende Lernen jetzt, als früher jenes nervenzerreibende Ringen nach Erkenntnis der letzten Dinge. Die Rätsel, die ihn jetzt beschäftigten, waren Rätsel, die eine Lösung hatten. Was er geistig zu erringen suchte, stand in lebendigem Zusammenhang mit seiner Arbeit, mit seinem Feld, mit seinem Wald. »Wissenschaft in ihrer nützlichen Beziehung auf das Leben«, hatte der alte Herr das genannt, »Wissen, das unser Leben reicher und reiner macht!« Wie war die Religion, die ihm der Forstmeister auf der Weiherwiese gepredigt hatte, Fleisch und Blut in ihm geworden beim Schaffen in der Sonne! »Woher wir kommen und wohin wir gehen, das werden wir nie erkennen. Der Fleck Erde, auf den uns Gott gestellt hat, ist so schön, daß wir zufrieden sein müssen. Wenn ich klar den Wert meines Lebens erkenne, hab ich ein Stück Welt erkannt. Und kann ich Ordnung und Schönheit in mein kleines Dasein bringen, so wird mir auch die Welt zu einem schönen Bild der Ordnung.« Das Buch, das für Walter von den Rätseln seines erstarkenden Lebens handelte, lag nicht in der Tiefe des Weihers. Mit offenen Blättern war es in jeder Stunde vor seinen Augen und redete zu seinem Herzen, sooft er vom Schreibtisch hinüberblickte zu der Stelle, an der das Bett des Forstmeisters gestanden. Er liebte das: eine Weile hinzusehen und dann die Augen zu schließen. Wie hell es da herauswuchs aus seinem Erinnern! Wie klar er die Geliebte sah, mit jenem Buch auf dem Schoß! Wie deutlich er Mathilds Stimme hörte! »Bin ich ein Gott? Mir wird so licht! Ich schau in diesen reinen Zügen Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen. Jetzt erst erkenn ich, was der Weise spricht: Die Geisterwelt ist nicht verschlossen; Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot! Auf, bade, Schüler, unverdrossen Die ird'sche Brust im Morgenrot!« Seit jenem brennenden Abend hatte er den »Faust« immer wieder gelesen. Das Brevier seines Lebens war dieses Buch geworden. Aber die Vorliebe für den Größten machte Walter nicht ungerecht für die Großen. Wieviel schöne Stunden verdankte er dem Reichtum, der da Band an Band in den hohen Kästen stand! Die Wirkung dieser Bücher auf Walter war eine doppelt tiefe. Er konnte die stürmische Begeisterung spüren, die sie in jungen Herzen entzünden, und erfaßte ihren ernsten Wert mit dem gereiften Verstand des Mannes. Das war eines von den köstlichen Geschenken seines Lebens: daß er diese Meisterwerke der Dichtung, die andere als halbe Kinder verschlingen und vergessen, auf der blühenden Höhe seiner Jahre dürstend aufnahm in Herz und Blut, in Geist und Seele. Wo er so reich gewann, da wollte er auch geben. Er machte es hier wie in der Wirtschaft: spürte man einen Ruck nach vorwärts, dann lohnte er die Leute für ihren Fleiß und gab von dem, was er selbst gewann. Und las er, was ihm Freude machte, dann legte er das für den Samstag zurück. Da wurde um fünf Uhr Feierabend gemacht, und alle Dienstboten des Scheidhofers waren bei Walter in seiner großen Stube droben zu Gast. Sie bekamen ein gutes Nachtmahl, ihren Trunk Bier und Wein dazu; dann las er ihnen was Schönes vor und erklärte das. Wie dankbar die Leute waren! Besonders die Lies! Die »pieperte« die ganze Woche auf den Samstag wie das Hühnchen auf die gehackten Eier. Wenn die Leute nach einem solchen Abend in der sternhellen Winternacht hinübergingen zu ihren Schlafstätten, war es an der Regel, daß die Lies zum Bonifaz sagte: »Mensch, heut hab ich wieder ebbes aussikitzelt! Und unser Bauer! Den soll uns der Herrgott derhalten! Tät's aufs Beten ankommen, für den kunnt ich Rosenkränz notteln den ganzen Tag.« Mit der gleichen Freude, mit der die Lies jedem Samstag entgegensah, wartete Walter auf jeden Mittwoch. Nach Weihnachten war er mit der Violine so weit, daß er bei leichten Quartetten die zweite Geige spielen konnte. Und da wurden zwei Stücke emsig probiert: ein Quartett von Mozart und eine Violinsonate von Haydn. Nach Lichtmeß verlor der Mittwoch eine dankbare Zuhörerin. Frau Rosl kam nicht mehr, weil sie jetzt, wie sich der Sägmüller ausdrückte, »ein bisserl Obacht geben« mußte. Dafür stellte sich ein neuer Gast jeden Mittwoch pünktlich ein: Michael Innerebner. Aus seinem Gesicht redete noch die überstandene Krankheit. Aber ein stiller, tiefer Glanz war in seinen Augen, sein ganzes Wesen war ein anderes geworden. Er sprach nicht viel. Am liebsten saß er, wenn musiziert wurde, in einer dämmerigen Ecke für sich allein. In der zweiten Märzwoche mußte der Mittwoch abgesagt werden; der Lehrer konnte nicht musizieren, weil ihn einer von den Schulbuben in den Finger gebissen hatte. Um den Abend nicht allein zu sein, ließ Walter seine Leute kommen, als wär's ein Samstag. Er las ihnen aus einem astronomischen Werk das Kapitel über die Sonne vor. Während er las, kam Innerebner, der nicht wußte, daß man das Trio abgesagt hatte, und setzte sich zwischen den Knechten an den Tisch. Als Walter mit dem Kapitel zu Ende war, begann er das Gelesene zu erklären. Seine Stimme hatte einen warmen, fesselnden Klang, als er die ewige Wiederkehr der Weltenbildung schilderte, das Werden und Vergehen der Sonnen, das Ausbrennen und Erkalten der Sterne, die schwindelnden Fernen zwischen diesen Lichtern Gottes und das eherne Gesetz, dem sie gehorchen in Glanz und Dunkelheit. Ans dem Feuerherzen der Mutter Sonne rauscht eine Flamme hinaus in das All. Jahrmyriaden kreist sie als brennender Ring und wird zum glühenden Ball. Jahrbillionen müssen vergehen, bis seine Rinde erkaltet, bis sich aus Feuerstürmen und flutenden Meeren die Täler und Berge der Erde formen. Das ist ein Wandel durch Millionen Jahre, bis die erste Pflanze ergrünt, das erste Leben keimt mit pochendem Herzen. Tausende und aber Tausende von Lebensformen entstehen und vergehen, ehe der Fuß des ersten Menschen über grüne Auen schreitet und seinen Weg sucht durch die Finsternis der Wälder. Als Walter geschlossen hatte, blieb es in der Stube still. Tief atmend faßte Bonifazius Gwack die Hand seiner runden Gwackin. Und die Lies sagte: »Da muß man 's Kitzeln gut sein lassen! Mensch, da kommst dir für wie der Floh auf der Bettstatt. Allweil hupft er. Aber auf d' Stubendecken kommt er halt net auffi.« Das Wort machte die Knechte lachen, doch die Magd, die dem Rappen-Lenz verbrieft gewesen, guckte scheu zum Kaplan hinüber. Schön war's freilich, was sie da gehört hatte, nur mit dem Kleinen Katechismus stimmte die Sache nicht ganz. Innerebner hatte auf dem Tisch die Hände ineinandergeschlungen. Andacht war in seinen Augen, als er sagte: »Wie herrlich ist Gottes Werk! Wie schön unser kleines Leben in der Mitte seiner großen Wunder!« Dann traten sie alle in die klare, blaue Winternacht hinaus, und Walter zeigte ihnen die Planeten, die man sehen konnte, und nannte ihnen die Namen der Sternbilder. Kein Lufthauch rührte sich. Beim Glanz der Sterne stand mit dunklem Stahlblau der Hohe Schein und sein Schneegehäng in der Nacht. »Wann's mich net trügt«, sagte Bonifaz, »steht morgen Föhnwetter ein, und 's Fruhjahr kommt.« Was war an diesem Wort, daß Walter keinen Laut mehr sprechen konnte? Seine Hand zitterte, als er sie zur guten Nacht seinen Leuten reichte. Dann begleitete er den Kaplan nach Hause. Michael ging mit Walter wieder heim bis zum Scheidhof, und Walter wieder mit ihm zurück ins Dorf. Sie wurden Freunde in dieser Nacht. Auch diesmal hatte Bonifaz richtig prophezeit. Am Morgen brauste der warme Föhn. Als bei klarem Himmel die Sonne kam, begannen die Lawinen zu donnern. Gegen Mittag fuhr über den Hohen Schein eine Lahn herunter und machte eine breite Gasse der Almen grün. Im Scheidhof zog man die Pflüge auf den Remisen und begann die Eisen zu schärfen. In der vorletzten Märzwoche kamen die vierzehn Pferde, die Walter zur Besetzung des Gestüts gekauft hatte. Und die Arbeit im Scheidhof verlangte flinke Arme. Wie waren die Tage, die jetzt kamen, in ihrer Frühlingsfrische so mild! Aber merkwürdig, diese linden Tage schlugen weder dem Scheidhofer noch dem Bonifaz gut an. Venantius Gwack, der Sichere, bekam was Fahriges. Sooft er sich für eine Minute von der Arbeit losmachen konnte, sprang er ins Haus. Und Walter sah manchmal aus wie ein Mensch, den das Wechselfieber befallen hat. Mit seiner frohen Ruhe bei der Arbeit war es vorbei. Wenn er mit den Knechten auf dem Acker war, oder im Wald bei seinem Holzmeister, der die Baumschule anlegte, rannte er oft plötzlich davon und heim. Und zankte mit dem Gärtner, der die Rosenbäumchen nicht richtig aufgebunden oder im Garten irgend was anders gemacht hatte, als es im vergangenen Jahr gewesen. Zum Verdruß des Bonifaz schraubte sich der Scheidhofer in den letzten Märztagen ganz von der Wirtschaft los und arbeitete nur noch im Garten. Am Morgen des ersten April, noch ehe die Sonne über den Hohen Schein herauftauchte, stand Walter bei der Veranda auf einer Leiter, um die Ranken des Pfeifenstrauches zu beschneiden. Da kam der Bonifaz gerannt und schrie: »He! Scheidhofer! Wie hat denn der Göthinger mit'm Fürnamen gheißen?« Verwundert guckte Walter über die Leiter hinunter. Er schien nicht zu wissen, wie er die akute Erscheinung dieses literarhistorischen Forschungstriebes aufnehmen sollte. »Warum fragst du mich das?« »Dös hat sein' Grund! Wie hat er denn gheißen?« »Johann Wolfgang Goethe.« »Was? Zwei Namen hat er ghabt?« Behaglich lachte Bonifaz vor sich hin. »Dös paßt mir! Da taufen wir den ein' auf Hansl und den anderen auf Wölferl – Johann Gwack und Wolfgang Gwack!« Jetzt kapierte der Scheidhofer. »Bonifaz!« »Grad hat 's Walperl Zwilling kriegt. Zwei Mordslackeln von Buben! Köpf haben s' wie Bischöf! Und da haben wir ausgmacht: den ersten taufen wir auf'n Göthinger, und den andern taufen wir nach Ihnen. Aber wenn der Göthinger zwei Namen hat! Scheidhofer, da wirst zruckstehn müssen.« Walter lachte. »Jetzt muß ich gleich zum Pfarr einisausen.« Bonifaz rannte davon. Als er in den Pfarrhof kam, empfing ihn der Hochwürdige, der sich in erregter Stimmung zu befinden schien, mit der sonderbaren Frage: »So? Kommst auch schon daher?« Herr Christian Schnerfer war gewiß kein Feind der priesterlichen Mühe. Aber in dieser ersten Aprilwoche häufte sich seine Arbeit als Seelsorger bedenklich. Innerhalb weniger Tage hatte er dreiundzwanzig Kinder zu taufen, von denen die Majorität nach der alten Mode Anspruch auf einen langen, ungewöhnlichen Namen gehabt hätten: Marzellinus, Karpasius, Athanaserl, Eleutheria oder Speriförgerl, welch letzterer Name im Kalender verzeichnet steht als Georgi Speerfeier. In diesen Tagen hörte man vom hochwürdigen Herrn sehr häufig ein mystisches Wort: »Die verflixte Komödie!« Als er nach der dreiundzwanzigsten Taufe aus der Kirche kam, begegnete er dem Kaplan. Zärtlich streichelte er ihm die Wange. »Gott sei Lob und Dank, Michele! Du hast wenigstens kein Kind net kriegt!« Während die beiden noch beisammenstanden, kam Mamertus Troll, der Holzmeister, der zum Scheidhof ging. »So, so? Schon wieder einer?« »Was?« fragte der Moosjäger verdutzt. »Wird bei dir auch schon tauft?« Mertl lachte. »In vier, fünf Wochen wird's nimmer weit fehlen.« »Gottlob!« Der Hochwürdige atmete auf. »Wenigstens einer, der ungoethisch gewartet hat, bis er verheiratet war! Da kann man doch wieder mit gutem Gewissen an die Moralität der Menschheit glauben.« Draußen im Scheidhof fand der Holzmeister seinen Herrn bei der Arbeit im Garten und wollte ihn abholen, um mit ihm hinaufzuwandern zur fertig umzäunten Baumschule. Walter schüttelte den Kopf. »Ein andermal, Mertl! Heut muß ich mit dem Garten in Ordnung kommen.« Bei sinkender Dämmerung, als Walter mit dem Gärtner noch immer schaffte, kam Bonifaz: »Scheidhofer, jetzt hilft nix mehr, morgen müssen S' mit aussi auf's Feld! Die ganzen Haberäcker haben wir schon angsät mit der Maschin. Den Acker bei der Weiherwiesen hab ich noch allweil aufgspart für Enk. D' Maschin macht die besser Arbeit, is schon wahr. Aber als Bauer müßts wissen, wie man 's Treid auswirft mit der Hand.« Das wurde ein klarer, windstiller Morgen. Die westlichen Berge hatten schon Sonnenglanz. Über den niederen Wäldern und im Tale lag noch das kühle Blau des Schattenkegels, den der Hohe Schein mit seiner beschneiten Zinne herwarf. Hinter den silbrig funkelnden Rändern der weißen Felspyramide zuckten goldene Strahlen ins Blau, während Bonifaz den Scheidhofer im Samenwurf unterwies. Dann band er ihm das weiße Sämannstuch um die Hüften und schüttete den gelben Hafer drein. Ein erster, matter Goldglanz huschte über den dampfenden Acker hin. »Fang an, Bauer! D' Sunn steigt auffi!« Aus dem Weiherwald klang der Schlag einer Amsel, und vom Scheidhof kam ein weißer Taubenschwarm über die knospenden Buchen herübergezogen. Langsam, mit breitem Schritt, ging Walter über die linden Schollen hin und streute den Samen. Wie ein Regen feiner Goldkörner flog es von seiner schwingenden Hand. Bonifaz schritt hinter ihm her und warf noch füllend den Samen auf, wo dem Scheidhofer ein Wurf mißlungen war. Hinter den beiden führte der Jungknecht mit zwei Ochsen die Egge, an der die Zähne mit großen Dornreisern durchflochten waren, um den Samen mit Erde zu überkehren. Tat der Scheidhofer einen falschen Wurf, dann korrigierte Bonifaz: »D' Finger hast z'weit!« Oder: »Den Arm mußt besser ausschwingen!« Immer seltener hatte er was einzuwenden, und aus der zweiten Hälfte des Ackers ging er mit schmunzelnder Zufriedenheit hinter seinem Herrn her. Walters Augen brannten, und ein ruhiges Leuchten war in seinen Augen, während ihm in der Sonne die fliegenden Körner durch die Finger rieselten. Von aller Arbeit, mit der seine Hand vertraut geworden, hatte ihm noch keine eine so starke Freude gegeben als die Arbeit dieses Frühlingsmorgens. Wie Andacht war es in ihm. Lebenskeime auf fruchtbaren Boden streuen – das ist heiliges Werk. Ihm war zumut, als würfe er mit diesen Körnern den Samen aus für das reifende Glück seines Lebens. Schon tat er den letzten Gang über den Acker hin, als Bonifaz sagte: »Herr, da muß ebbes sein! Der Sägmüller kommt wie narret aussigsaust durch'n Wald!« Drüben bei der großen Buche tauchte Bertl am Ufer des Weihers auf. »Walter!« schrie er und schüttelte in der erhobenen Hand was Weißes. Der Scheidhofer hatte den Arm zum Wurf geschwungen. Er ließ ihn wieder sinken. Brennend schoß ihm das Blut ins Gesicht, und das Häufl Körner, das er noch hatte säen wollen, fiel ihm aus der zitternden Hand. Sein Herz erriet die Nachricht, welche Bertl brachte. In diesen Monaten war ihm nie ein Wort seiner dürstenden Sehnsucht über die Lippen gekommen, den langen Sommer und Winter hatte er in Geduld gewartet auf sein Glück. Diese letzte Minute, bis Bertl herüberkäme vom Weiher, konnte er nimmer überstehen. Mit zuckenden Händen riß er das Sämannstuch von der Hüfte, warf es auf den Acker hin und fing zu rennen an. Bonifaz guckte ihm nach und sah, wie die beiden eine Weile drüben beim Weiher standen und dann davongingen. »Mir scheint, mir scheint!« Venantius Gwack war ein scharfer Psycholog. »Bub«, sagte er zum Jungknecht, »schnufel a bißl auffi ins Lüftl! Heut schmeckt's wie nach reife Kerschen!« 23 Das wurde ein leuchtender Frühlingstag. Krokus und Himmelsschlüssel blühten schon auf den Wiesen, und unruhig, als hätten sie was zu versäumen, flogen die ersten Schmetterlinge über die Hecken. Der Hohe Schein mit seiner Schneekuppe und den gelbfleckigen Almen schimmerte am Nachmittag im Glanz der Sonne, als von Mitterwalchen das Wägelchen des Sägmüllers gefahren kam. Bertl kutschierte selbst. An seiner Seite saß die Schwester im schwarzen Kleid. Die Krempe eines flachen Hutes überschattete ihr Blondhaar und die blasse Stirn. Der Sägmüller, als er auf dem Bahnhof dieses Gesicht gesehen, hatte nicht gewußt, ob er erschrecken oder sich freuen sollte. Aus den schmalen Wangen, aus den tiefen, heißen Augen sprach der zehrende Schmerz einer Seele, die von der Zeit nach allem Verlust keinen Trost empfangen. Und doch war dieses Gesicht in Glück und Lachen nie so schön gewesen wie jetzt in diesem sinnenden Ernst, bei diesem erinnernden Schauen. Jeden Baum am Wege, jeden Acker und jede Wiese, jeden Streif der Wälder und jedes Haus, das mit weißen Mauern über die knospenden Hecken lugte, schienen Mathilds Augen und Gedanken zu grüßen wie die Erfüllung einer dürstenden Sehnsucht. Heiße Röte glitt ihr über die Wangen, als zwischen den Stämmen des Weiherwaldes der silberne Teichspiegel aufblitzte. »Ich bitte dich, Bertl, laß mich aussteigen!« »Das hab ich mir eh schon gedacht. Aber den Gaul kann ich nicht allein lassen. Ich fahr derweil hinüber, wo der Fußweg aus dem Scheidhof herauskommt.« Mathild erschrak. »Nein! Warte auf der Straße, ich komme zurück.« Sie ging den Fußpfad, in der Hand die Rosen, die sie aus der Stadt gebracht. Und Bertl sah ihr mit stillem Lächeln nach. »Schau nur, man kann sich auch fürchten vor dem Glück!« Je näher Mathild dem Weiher kam, desto langsamer wurde ihr Schritt. In scheuer Unruh spähte sie durch den Wald. Ein Laut der Freude quoll ihr aus dem Herzen, als sie den Stein erreichte, auf den das Goethesche Lied gemeißelt war. Was der Frühling schon an frühen Blumen gegeben hatte, blühte rings um den Stein: Krokus und Bergaurikeln, Veilchen und Erika. Mathild teilte den Rosenstrauß und legte die Hälfte vor den Stein. Bertl auf der Straße draußen mußte lange warten. Als Mathild kam, streckte sie dem Bruder die Hand hinauf. »Ich danke dir, Bertl, weil du Mutters Platz so schön gerichtet hast!« »Ich? Aber Thilde! Das ist doch Scheidhofer Grund! Wenn ich da einen Spatenstich machen tät, möcht der Scheidhofer schön aufbegehren. Der schaut als Bauer streng auf sein Recht.« Mathilds Augen erweiterten sich. Sie stieg in die Kutsche, ohne ein Wort zu sagen. Als das Wägelchen an der grünen Fichtenhecke des Scheidhofes hinfuhr, schimmerte was zwischen dem grünen Gezweig der Hecke: wie zwei Tautropfen war's, die nebeneinander hingen. Hätte einer näher hingeguckt, er würde in die glänzenden Augen eines Mannes geschaut haben, der zitternd hinter der Hecke verborgen stand. Mit keinem Blick sah Mathild zum Scheidhof hinauf, immer nach der anderen Seite der Straße, über die Wiesen hinaus. Bei der Biegung der Straße blickte sie seltsam erschrocken zu dem Gesicht des Bruders auf. »Wie froh du schauen kannst!« »Ja, Schwester. Mein Glück will sich wieder bauen. Mutters Lachen und Vaters guter Blick ist über uns.« Bei der Einfahrt in die Dorfstraße mußte Bertl fast vor jedem Haus halten. Aus allen Gehöften kamen die Leute gelaufen, um Mathilds Hand zu drücken. Jedes fragte: »Gelt, jetzt bleiben S' da?« Auch Sonnweber, der Schöne, kam in schneeweißen Hemdärmeln aus seinem Hof, hielt Mathilds Hände zärtlich zwischen seinen biederen Fäusten und redete zu ihr mit seiner warmen, herzlichen Stimme. »Wie prächtig Sie aussehen, Sonnweber! Der Winter hat Ihnen gut angeschlagen!« »Ja, Fräulen! Unser Herrgott hat mir's gut sein lassen. 's Weib is gsund, die Kinder sind brav, und 's Anwesen ruckt in d' Höh. Mir meint er's net schlecht, der gütige Himmel!« Dann hielt der Wagen vor dem Friedhof, und der Sägmüller bat einen Burschen, das Pferd zu halten. Die Geschwister traten in den Gottesacker. Statt der Gräber, die sie suchten, fanden sie einen breiten Hügel aus blühenden Veilchen. Mathild sagte dem Bruder jetzt kein dankendes Wort mehr. Diese blauen Kinder des Frühlings kannte sie. Das waren die großblättrigen Veilchen, die im ganzen Tal nur auf einem einzigen Platze wuchsen: auf dem Sonnenhang des Scheidhofes. Wieviel geduldige Mühe mußte das gekostet haben, Stäudl um Stäudl aus dem Grund zu stechen, bis sie ausreichten zu dem blühenden Hügel. Die Luft über den anderen Gräbern hatte teil an diesem hauchenden Wohlgeruch. Schweigend legte Mathild die andere Hälfte der Rosen in das Blau. Auch Bertl sprach kein Wort. Erst als sie gingen, sagte er leis: »Heut in der Früh hab ich ihm Vergeltsgott gesagt. Da ist er beim Weiher auf seinem Acker gewesen und hat gesät.« Mathilds Wangen brannten. Eine bestürzte Erregung war in ihr, als sie zum Wagen eilte, wie erfüllt und gemartert von dem Wunsch, daß die Räder sie forttragen möchten, nur fort! Die kleine Kutsche kam nicht besonders weit. Vor dem Pfarrhof mußte sie schon wieder halten. Im glanzfleckigen Talar und im Hauskäppl kam der hochwürdige Herr Christian Schnerfer gelaufen, mit ausgestreckten Armen. »Thildele! Mein Thildele! Kindl! Mein Mädele, mein liebs! Gott sei Lob und Dank! Weil du nur wieder da bist!« Die zitternde Stimme des greisen Pfarrers erschütterte Mathild, daß sie weinen mußte. »Och du lieber Herrgott!« stotterte Herr Christian Schnerfer, als er diese Tränen sah. »Bertl, fahr zu! Schau, daß das Mädele heimkommt! Die darf sich heut die Augen nicht so verweinen!« Über dieses Wort schien der Pfarrer zu erschrecken. Den gebeugten Greisenkörper an der Kutsche hinaufstreckend, umklammerte er Mathilds Hände. »Aber gelt, Thildele, heut am Abend, da kommt ihr noch auf ein Sprüngl zu mir! Ich hab ein bisserl was richten lassen. Nachher musizieren wir ein Stündl. Das tust du mir heut noch zulieb! Gelt, ja?« Ohne zu antworten, legte Mathild ihre Wange auf die Hände des Pfarrers, bis Herr Christian Schnerfer lächelte: »Schau, unser Michele will dir auch noch Grüßgott sagen!« Innerebner reichte ihr die Hand. Mathild nahm sie und sah ihn an wie einen Menschen, vor dem man raten muß: Wer bist du? Den Blick, mit dem der junge Priester zu ihr aufsah, diesen seltsam freudigen Blick verstand sie nicht. Als das Wägelchen davonrollte, der Mühle entgegen, fragte Mathild: »War das der Innerebner?« »Gelt, ja! Mit dem ist ein Wunder geschehen, das sich kein Mensch erklären kann. Und wenn du den erst predigen hörst!« Mathilds erregte Unruh steigerte sich noch, je näher sie der Mühle kam. Da stand die Sägmüllerin vor der Haustür und wollte dem Wagen entgegenlaufen. Bertl schrie: »Gib Obacht! Jesusmaria! Tu doch ein bisserl Obacht geben! Bleib doch bei der Hausbank, Schatz! D' Schwester kommt schon!« Geduldig blieb Frau Rosl bei der Haustür stehen. Wie hätte sie tun können, was für ihren Bertl eine Sorge war! Als Mathild aus dem Wagen sprang und die Schwägerin umarmte, mahnte Bertl in neuem Schreck: »Aber Mädel! Tu mir doch die Rosl net so drucken!« Da konnte die Müllerin lächeln. Und das Burgele kam mit einem dicken Strauß duftender Bergaurikeln. Bertl nahm die Blumen und gab sie der Schwester. »Schau, Thilde! Das ist von denen, die noch allweil da sind, aber nimmer reden können.« Schweigend traten sie ins Haus, über dessen Tür ein Kranz aus Fichtenzweigen um ein rotes Willkommen grünte. Brausendes Rauschen war um die Mühle her. Das tönte wie die Grundbässe einer Orgel. Der Mühlbach führte die Schneewässer, die Föhn und Frühlingssonne da droben losgeschmolzen hatten von den vereisten Felsen. Überall durch die steilen Wälder sah man das schäumende Silber herunterstürzen. Der Mühlbach vermocht die jagenden Fluten kaum zu fassen. Noch strömte das Wasser nicht über die Ufer. Doch wo der Bachlauf eine Biegung machte und die Wellen sich drängten, sprühte der Wasserschaum bis hinauf zu den knospenden Hecken. Ein Rauschen war's, daß die Geschwister, während sie in der roten Dämmerung mit der langsamen Sägmüllerin zum Pfarrhof wanderten, kaum ein Wort miteinander sprechen konnten. Es dämmerte schon, als sie in die Nähe der Kirche kamen. Am Pfarrhof waren alle Fenster erleuchtet, und man hörte den Klang einer Geige, die gestimmt wurde. »Da muß auch der Lehrer da sein!« meinte Mathild. »Freilich! Der wird da sein!« sagte Bertl ruhig. »Er hat im Winter immer mitgetan beim Trio.« Vor der Haustür empfing sie der hochwürdige Herr. »Grüß Gott, mein Thildele!« Seine Stimme hatte was froh Erregtes. »Jetzt komm nur gleich herein! Die Musikanten sind alle da! Heut spielen wir was Liebes.« Er streichelte ihre Hand und führte sie zur Tür, als wäre das Thildele noch ein Kind und die Pfarrstube das Zimmer mit dem Weihnachtsbaum. Wie hell die Stube war! Ein Dutzend Lampen und Leuchter! Dazu ein feiner Duft von Wachs, als hätte Herr Christian Schnerfer zur Erhöhung der festlichen Beleuchtung ein paar geweihte Kerzen zu Hilfe genommen. Wie rote Gesichter glänzten die mit Tirolerwein gefüllten Glasflaschen auf dem gedeckten Tisch, dessen weißes Damasttuch mit großblättrigen Veilchen überstreut war. Die alte Schwester des Pfarrers in ihrem nonnenhaften Häubchen hatte noch mit dem Tisch zu schaffen, während Innerebner, der Schullehrer und Sonnweber bei den Notenpulten saßen und plauderten. Walter stand bei ihnen. Er sprach kein Wort. Beim Klang der Stimme im Hausflur wurde er bleich und fing zu zittern an. Als die Tür aufging, hatte er's überwunden, war ruhig, und bei Mathilds Anblick glänzte die Freude in seinen Augen. Er wartete geduldig, während sie die anderen begrüßte. Wie lange sie mit dem Sonnweber sprach. Dann wandte sie sich plötzlich zu Walter und reichte ihm die Hand. »Grüß Gott, Herr Doktor! Wie geht es Ihnen?« In sinnenden Stunden hatte sich's Mathild ausgedacht, was sie ihm sagen wollte bei der ersten, gefürchteten Begegnung. Aber alles Ausgeklügelte war vergessen in diesem Augenblick. Nichts anderes fand sie in ihrer Verwirrung als dieses landläufige, leere Wort. Statt der Worte sprach das Beben ihrer Stimme, das Zucken um ihren Mund, der Schimmer in ihren Augen. Sie hätte ihm ein reicheres Wort nicht sagen können als diese leere Frage: »Wie geht es Ihnen?« Mit beiden Händen hatte er Mathilds Hand umschlossen, rasch und fest. Ein Gruß wie ein Nehmen! Und lächelnd sagte er: »Ich bin zufrieden.« Sie wollte ihre Hand befreien. Da sah sie an ihm hinauf und konnte ihre Freude nicht verbergen, als er so sicher und ruhig vor ihr stand, nicht mehr der »bucklige Philosoph«, wie das Walperl gesagt hatte – »Blast man ihn an, so fallt er um!« –, sondern ein festgefügter Mann, breitschultrig, aufrecht und gesund, den schimmernden Bart um die gebräunten Wangen, in den klaren Augen die Freude und das Glück. »Ich muß Ihnen danken!« sagte sie. »Heut auf der Heimfahrt bin ich beim Weiher gewesen. Die schönen Blumen –« Walter beugte sich zu ihr. »Die sind nur für so lange, bis die Zeit der Levkojen und Reseden kommt.« Da fiel es mit heißem Schreck in ihr Herz. Nicht das Wort war es, das so wirkte auf sie, sondern der Klang, mit dem es gesprochen war. Außer den beiden standen noch sieben Menschen in der Stube. Auch diese anderen waren still geworden. Sonnweber und der Schulmeister guckten mit verdutzten Augen drein. Die anderen standen mit frohen Gesichtern, als hätten sie teil an einer schönen, tiefen Freude. »Jetzt her da, Kinder!« brach der hochwürdige Herr das Schweigen. »Wir setzen uns gleich zu Tisch. Daß wir flinker zum Musizieren kommen!« Mathild hatte ihren Platz zwischen dem Hausherrn und dem Scheidhofer. Geschäftig ging der hochwürdige Herr um den Tisch und goß den Rotwein in die Gläser. Dann setzte er sich neben Mathild. »Also, Michele! Schieß los!« Innerebner erhob sich und faßte das Glas. Einfach und ruhig, mit warmem Herzklang in der Stimme, sprach er die Goetheschen Verse: »Zwischen dem Alten, Zwischen dem Neuen, Hier uns zu freuen Schenkt uns das Glück, Und das Vergangne Heißt mit Vertrauen Vorwärts zu schauen, Schauen zurück. Leiden und Freuden, Jener verschwundenen Sind die Verbundenen, Fröhlich gedenk. O des Geschickes Seltsamer Windung! Alte Verbindung, Neues Geschenk! Andere schauen Deckende Falten Über dem Alten Traurig und scheu; Aber uns leuchtet Freundliche Treue! Sehet, das Neue Findet uns neu!« Eine Weile war es still um den Tisch. Dann streckte Mathild dem Kaplan die Hand hinüber. Und Walter sprang auf: »Ich danke dir, Michael!« Die Gläser klangen zusammen. Bertl küßte seine Frau, der Pfarrer zappelte in quecksilbernem Vergnügen. Nur Sonnweber schaute drein, als hätte er fremde Sprache gehört und keinen Laut verstanden. Es wurde heiter um den hellen Tisch. Mathild blieb um so stiller, je froher der Scheidhofer plauderte und lachte. In wachsender Beklommenheit saß sie an Walters Seite. Der schien das Ende der kurzen Mahlzeit kaum erwarten zu können. Als der Bürgermeister, dem der gütige Himmel neben anderen schönen Gaben auch einen gesegneten Appetit verliehen hatte, noch ein drittes Mal seinen Teller ausgiebig füllte, trug Herr Christian Schnerfer schon die Kerzen zum Klavier und legte die Noten auf. Jetzt wurde auch der Scheidhofer schweigsam. Und aufgeregt! Immer fuhr er sich mit der Hand durch das kurz geschorene Braunhaar und machte mit den Fingern sonderbare Bewegungen. »Thildele?« fragte der Pfarrer. »Wie wär's denn jetzt mit einer Haydnsonat?« Sofort erhob sich Mathild. Als sie die Achte aufschlug, die des Pfarrers Liebling war, sagte der Hochwürdige: »Nein, Kindl, heut müssen wir eine leichtere packen. Meine Klapperln sind nicht ganz in Ordnung. Spielen wir die Zweite! Magst?« Mathild schlug im Heft die Sonate auf, während hinter ihr die Stühle gerückt wurden und die Gäste sich vom Tisch erhoben. Rasch überflog sie mit einem Blick die Noten. Ihr Gesicht brannte, ihre Hände zitterten. »Also, Thildele! Fang an!« Sie setzte mit dem verzierten Auftakt ein und erlebte was Merkwürdiges. Die Flöte des hochwürdigen Herrn klang heut wie eine ängstlich gespielte Violine. Verwundert blickte sie über die Schulter und sah bei dem Notenpult den Scheidhofer mit der Geige, auf der er gerade eine lange Note recht fein herunterzog. Neben ihm stand der Schulmeister und gab mit Hand und Fuß energisch das Tempo an, und die anderen drängten sich schmunzelnd um den neugebackenen Virtuosen. Für einen Augenblick hatte Mathild den Takt verloren. Während sie weiterspielte, war sie so wenig bei der Sache, daß Bertl lächelnd sagte: »Na hör, Thilde, da merkt man aber nicht viel von dem Schönen, was du in der Stadt gelernt haben willst!« Trotz dieser Mahnung wurde sie im Spiel nicht sicher. Freilich hatte sie auch eine schwierige Aufgabe. Bald mußte sie ein Krescendo leise nehmen, damit man die schwachatmige Geige noch ein bißchen hören möchte, bald wieder mußte sie eine Pianostelle zum Fortissimo steigern, um die wenig melodischen Kratztöne barmherzig zu verschleiern. Walter geigte drauflos, daß ihm das Gesicht glühte. In der Mitte des Allegrosatzes übersah er die Repetition. Der Schulmeister fuhr mit dem Finger auf die Stelle hin, bei der sich Walter wieder ins Gleichgewicht bringen konnte. Einmal, als er recht bös danebengriff, rief er erschrocken zu Mathild hinüber: »Das Adagio kann ich besser!« Da lachten die anderen, daß man die Geige gar nimmer hörte. Nur Walter blieb ernst. Noch ehe das Adagio begann, zog er die Stirn in Falten und streckte den Körper, als hätte er's dem Bonifaz nachzumachen und einen Baum zu lupfen, dessen Gewicht ihm über die Kräfte ging. Jetzt klang seine Geige nicht übel. Weil er die Verzierungen wegließ, hatte er nur lange Noten zu streichen, und da erwachte es manchmal wie tönendes Leben. Um ihn noch zu ermutigen, pustete ihm der Schulmeister alle paar Takte hinter die Ohren: »Bravo, Herr Doktor! Brav, brav, brav!« Wenn er manchmal eine ganze Note um ein Viertel zu kurz oder zu lange hielt, das schadete nichts. Mathild wußte immer eine klingende Brücke über den Riß zu schlagen und spielte, daß die anderen, den Schulmeister ausgenommen, nimmer auf die Geige hörten, nur noch auf das Klavier. Wie nur dieser alte Kasten plötzlich so klingen konnte! Als gäb' es auch für die Klaviere einen Frühling, der ihnen das alte Leben verjüngt! »Kindl! Kindl!« Der Pfarrer schlang den Arm um Mathilds Hals. »So hast du noch nie gespielt. Wie viel hast du gelernt!« Schweigend hatte der Scheidhofer die Geige fortgelegt. Da blickte Mathild zu ihm auf, mit jenem frohen, ruhigen Lächeln wie einst. »Herr Doktor? Wir haben noch den letzten Satz.« Walter schüttelte den Kopf. Diese Fahnenflucht des grünen Künstlers meinte der Schulmeister entschuldigen zu müssen: »Wissen S', Fräulein, die Synkopen im dritten Satz, die machen ihm verteufelte Schwierigkeiten. Und so viel hat er sich plagt! Aber mein, die Kunst halt! Da heißt's hart bergaufsteigen! Aber ein kleines Mozarterl haben wir einstudiert, eins von den Flötenquartetten, da spielt er d' Violinstimm tadellos. Kommen S', Herr Doktor! Das machen wir jetzt.« »Nein!« sagte Walter. »Ich spiele nicht mehr.« »Aber Herr Doktor!« Der Schulmeister, der als Musikprofessor mit Ehren abschneiden wollte, bekam einen roten Kopf. »Für was haben S' Ihnen nacher den ganzen Winter plagt? Haben S' doch a bißl Kurasch!« »Die hab ich. Drum spiel ich nimmer.« Auch die andern wollten ihm zureden. Und Sonnweber meinte lachend: »Riskieren S' es halt! Mehr wie krumm gehn kann's ja net. Dös is a Wahlspruch, mit dem einer allweil durchkommt. Und hintnach kann man lachen. Weil's gut ausgangen is.« Diese leuchtende Lebenserfahrung konnte den renitenten Künstler nicht umstimmen. »Nein! Ich spiele nicht mehr.« Er ging auf Mathild zu und faßte ihre Hand. »Daß ich mich den ganzen Winter geplagt habe, ist wahr. Um Ihnen und mir eine Freude zu machen. Aber wie ich dieses Schöne gehört habe, jetzt, und wie das so wundervoll geklungen hat unter Ihren lieben Händen, da hab ich's gefühlt – nein, Thilde, ich spiele nicht mehr. Was ich kann, ist zu schlecht für dich.« Erschrocken wollte Mathild sich erheben. Die Glieder versagten ihr. Mit geschlossenen Augen machte sie eine Bewegung, als möchte sie von sich abwehren, was ihr das Herz bestürmte. »Kinder, tuts mir net streiten!« sagte der hochwürdige Herr, während er flink auf dem Klavierpult die Noten wechselte. »Wenn ich ehrlich sein soll, muß ich gestehen, daß der Walter recht hat. So viel musikalische Einsicht muß belohnt werden. Jetzt spielen wir ihm das erste Trio von Haydn. Das von damals! Den letzten Satz, das glückselige Rondo, hat er noch allweil nicht gehört. Schon ein paarmal hätt ich's ihm gern mit dem Bertl und mit dem Schulmeister vorgespielt. Da hat er sich allweil eingesprissen wie die heimtückischen Sünder, die bloß beim nachsichtigen Kapuziner beichten wollen.« Die anderen lachten. Nur Sonnweber schien aus diesem Scherzwort etwas Unbehagliches herausgehört zu haben und machte sich verdrießlich mit seiner Pfeife zu schaffen. Herr Christian Schnerfer schmunzelte. »Weißt du, Thildele, das Rondo mit dem schönen Schlußpunkt möcht er von dir hören!« Er zwinkerte dem Scheidhofer zu. »Gelt, ich hab recht?« »Ja, Hochwürden! Das will ich heut von der Thilde hören.« Walter setzte sich in die Fensternische, während Bertl schon das Cello zu stimmen begann. Kein Tropfen Blut war in Mathilds Wangen. Ihre Hände lagen auf den Tasten, so weiß, daß sie sich nur durch den Schatten abhoben von dem bleichen Elfenbein. Frau Rosl trat neben den Sessel ihres Mannes, der mit ruhigem Strich die Saiten prüfte. Dabei sah er zu ihr hinauf. »Gelt, die Stimmung ist gut?« »Ja, Bertele! Ganz rein!« Atemschöpfend setzte der Pfarrer die Flöte an den Mund. »Also, Thildele!« Sie schien zu erwachen. Wie ein Klang aus weiter Ferne tönte der erste Akkord unter ihren Händen, und mit traumhaft schreitenden Harmonien flossen die klingenden Stimmen ineinander. Es war die gleiche Musik wie damals und doch ein anderer Klang. Im Ton der Stimmen waren die Worte verschoben. Mathild war an Können gewachsen; aller Kampf, den diese Stunde in ihr Herz geworfen, tönte und zitterte in ihren Klängen. Und Bertls Cello war nicht mehr das Instrument, das mittat, weil es als dritte Stimme notwendig war. In dem braunen Holz war eine Seele wach geworden. Freudig horchte der Pfarrer über das Pult hinüber. Diese Freude war auch ein Kummer für ihn. Er fühlte, daß er mit seiner Flöte in diesem Dreiklang auf die letzte Bank versetzt war. Walter saß im Schatten der Fensternische und sah nichts anderes als Mathilds Augen und den Schimmer, der in der Kerzenhelle um ihre blonden Flechten war. Was lebte bei diesen Tönen alles in ihm auf! Das gleiche wie damals und doch ein anderes. Die Schönheit dieses Klanges ergriff ihn wieder in tiefster Seele. Wieder waren die Bilder, die er sah, in jene Farben getaucht, zuerst in ein purpurnes Glänzen und dann, beim Sehnsuchtshauch der dürstenden Triolen, in das leuchtende Blau einer klaren Mondnacht. Wieder wanderte sein Leben an ihm vorüber. Es griff nicht mehr mit quälender Faust nach seinem Herzen. Die Toten kamen: sein Vater mit dem blutgetränkten Bart, die Mutter im rauschenden Seidenkleid, der alte Herr mit den grünen Fäustlingen, das liebe Kerlchen auf der Mühle und das Nannerl mit den träumenden Märchenaugen. Aber diese stumm gewordenen Schmerzen hatten ein stilles Lächeln um den Mund. Und Walters Augen blieben trocken. Ein seltsamer Gedanke befiel ihn. Er mußte das ruhige Schauen dieser Stunde vergleichen mit der Wirkung, die ihm damals an jenem Abend aus diesen Klängen in die Seele sprang. Jetzt war das gläubige, hoffende Glück in ihm, und alle Bilder seines Lebens glänzten. Aber jenes erdrückende Gefühl, jenes tief Erschütternde, der wehe Gram, der ihm damals die Tränen über das Gesicht geschüttet hatte? War das nicht auch ein Schönes? Hat die Träne nicht den gleichen Lebenswert wie das Lachen? Ist das Glück, wenn es mit verschwenderischen Händen schenkt, nicht zugleich ein Dieb, der dem Menschen ein Bestes nimmt? Ein perlendes Tongewirbel und jubelnde Klänge rissen ihn aus dem Schatten dieses Gedankens. Das Rondo hatte begonnen. Nicht das jagende, atemlos entgleisende Presto war es, wie sie es damals in der Stube gespielt hatten, als er einsam droben saß auf der schwarzen Altane. In diesem Jubel war's noch wie klare Ruhe, wie das Lied eines Glückes, das sich sicher fühlt, wie Freude, die in warmer Sonne steht und der kommenden Nacht gedenkt, doch ohne sie zu fürchten. Als der letzte fröhliche Klang verstummte, ging durch die Saiten des alten Klaviers noch ein leises Tönen wie das Geflüster einer Windharfe. Mathild legte die Hände in den Schoß. Die Sägmüllerin schmiegte die Wange an das Haar ihres Mannes und sagte: »So viel lieb hat der Herr Pfarr heut blasen!« »So, so, Rosele? Jetzt tust du mich loben?« Der Hochwürdige nahm die Flöte unter den Arm und zog das blaue Schnupftuch heraus, um sich den Schweiß von der Glatze zu trocknen. Rosl flüsterte ihrem Mann was ins Ohr. Der warf einen Blick zur Fensternische hinüber, streifte das Schutzleder über das Cello und sagte: »Roserl, spät ist's worden. Jetzt müssen wir heim.« Er holte gleich den Mantel und das Tuch für seine Frau und machte kurzen Abschied. Und merkwürdig, der hochwürdige Herr redete seinen Gästen mit keinem Wörtl zu, noch ein Weilchen zu bleiben. Nur dem Kaplan flüsterte er ins Ohr: »Gelt, Michele, wir schwatzen noch ein bißl?« Mathild verabschiedete sich von allen. Der hochwürdige Herr strich ihr mit der Hand übers Haar. Zuletzt wollte sie auch dem Scheidhofer die Hand reichen. Der sagte: »Ich gehe mit.« Vor der Haustür lobte Bertl: »Pünktlich ist er gewesen, der Knecht. 's Wagerl steht schon da.« Es war eine kühle Nacht, mit ruhig funkelnden Sternen. Achtsam half der Sägmüller seinem schwerfälligen Frauchen in den Wagen. Dann nahm er dem Knecht die Zügel aus der Hand, setzte sich neben die Rosl und wollte fahren. »Aber Bertl!« stammelte Mathild. »Ja so?« Der Sägmüller lachte ein bißchen. »Mädel, mit dem Platz im Wagen wird's ein Hakerl haben. Die Rosl muß kommod sitzen, und ich muß kutschieren. Gibst halt dem Scheidhofer ein liebes Wörtl, daß er dich heimführt. Gelt, Walter, du bist schon so gut?« »Aber freilich! Die Thilde führ ich heim.« Das Wägelchen rollte davon. Man hörte den Sägmüller heiter schwatzen, und die Müllerin winkte lachend mit der Hand zurück: »Gute Nacht, Thildele!« Mathild schien die Sprache verloren zu haben. Drum mußte der Scheidhofer antworten: »Gute Nacht, liebe Rosl!« Erschrocken tat er mit der Hand einen Griff, weil Mathild eine Bewegung gemacht hatte, als möchte sie dem Wagen des Bruders nachlaufen oder ziellos hinausjagen in die Nacht. Da kam ein »Träupl« junger Burschen mit brennenden Pfeifen die Straße her. Trotz der Dunkelheit erkannten sie das Paar und grüßten: »Guten Abend, Fräuln Ehrenreich, guten Abend, Scheidhofer!« Und einer sagte: »Heut habts a feins Nachtl zum Heimweg! D' Stern glanzen als wie im Griechenland!« Walter antwortete: »Ja, Bub! Dank dir schön für das liebe Wort!« Mathild, die sonst jeden Gruß der Leute freundlich erwidert hatte, fand keinen Laut. Ihr Schritt war ruhig geworden. Den Hut hatte sie abgenommen und mit dem Band an den Arm gehängt, als ginge sie in schwüler Sommernacht. Immer sah sie die schon dunklen oder noch rot beleuchteten Fenster der Häuser an, während Walter vom Scheidhof redete, von aller Arbeit, die seit dem Sommer geschehen war. Dabei hatte seine Stimme einen heißen Klang. So erzählt man nicht von Halm und Ernte, von Acker und Wald; mit solcher Stimme pflegt man von einem frohen Wunder zu erzählen, dessen Zeuge man gewesen. Das hörte Mathild an, ohne ein Wort zu sprechen. Bei den letzten Häusern des Dorfes wurde auch Walter still. Der Weg zur Mühle bog von der Straße fort und lenkte ans Ufer des rauschenden Baches. Während die beiden zwischen dem Wasser und der schwarzen Hecke hingingen, spürten sie manchmal auf den Gesichtern etwas wie feinen Regen: den Wasserstaub, den der hoch gestiegene Bach über das Ufer sprühte. wenn seine jagenden Wellen gegen die Steine rannten. Eine Weile waren sie stumm durch dieses Rauschen gegangen. Da blieb der Scheidhofer stehen. »Thilde! Ich habe die ganze Zeit her darüber nachgedacht, wie ich dir etwas sagen soll, was ich dir sagen muß. Und da fällt mir ein Wort aus dem »Werther« ein: daß der natürlichste Trieb des Menschen das Zugreifen ist. Dieses Buch hast du mir gegeben. Da mußt du dir's auch gefallen lassen, wenn ich von deinem Goethe was gelernt habe.« Er schlang die Arme um Mathild und zog sie an seine Brust. Erschrocken wollte sie sich befreien und kämpfte gegen die Kraft seiner Arme, bis er lachend sagte: »Wenn du dich auf dem schmalen Weg nicht ruhig hältst, wirst du in den Mühlbach fallen. Dann muß ich dich retten, und du bist aus Dankbarkeit verpflichtet, mich zu nehmen. Da machen wir's doch lieber ohne das kalte Bad ab! Was meinst du?« Dieses heitere Wort war stärker als der Wille ihres Widerstandes. Walter hielt sie an seiner Brust umschlungen. »Daß du mich lieb hast, weiß ich doch! Und ich, du Liebe, habe kein anderes Denken als dich, kein anderes Leben als mit dir! Immer ist das in mir gewesen seit jenem Morgen auf dem Hohen Schein, als du schlafend in den Blumen lagst. Da hat mein Glück begonnen, mein Leben in der Sonne. Das Lied deiner Mutter, du, dein Vater, ihr habt einen Menschen aus mir gemacht, der dem Schöpfer dankbar ist für jeden Herzschlag. Darf ich dir das vergelten, Thilde? Durch ein Leben in Treu und Liebe? Da mußt du nicht zittern, weil ich von Treue spreche. Wenn eine Stunde kam, die mich irr machte? Glaube mir, Thilde, das war keine Schuld meines Herzens.« Sie wollte ihm mit der Hand den Mund verschließen und preßte das glühende Gesicht an seinen Hals. »Nein! Du sollst nicht barmherzig sein! Dich kann es nicht schmerzen, und ich kann lachen drüber.« Die Wange an ihr Haar schmiegend, preßte er sie noch enger an sich. »Dich hab ich geliebt. Nur dich! Und merkte nicht, was in meinem Herzen war! In solchen Dingen hat mich die Eigenart meines vergangenen Lebens dumm erhalten. Aber wie könnte in einem Mann die Liebe sein, ohne daß sein Blut erwacht? Und du – die ich liebte, ohne es zu wissen –, du standest so rein vor meinen Augen, so hoch über allem, was menschlich in mir erwachte! Hab ich da nicht irren müssen? Weil ich dich liebte? Und denke zurück an jenen Abend! Wie schön ist alles gewesen, was diesen Rausch in meine Sinne warf und meinem Blut zwei linke Füße gab! Nur eine einzige Nacht war dieser Irrtum in mir. Am Bett deines Vaters, da hab ich mich wiedergefunden. Und als wir draußen standen in der brennenden Schönheit, Thilde, da hab ich's gewußt, daß ich dich liebe! Nur dich! Und dein Vater starb im frohen Glauben an unser Glück. Diesen Glauben kann doch eine verrückte Stunde nicht auslöschen! Gelt, nein?« Mathild umklammerte seinen Hals. Er küßte ihre Wange, ihre Schulter. »Wie hart hab ich es bezahlen müssen! Eine irrsinnige Minute. Und dafür hab ich einen langen Winter in Sehnsucht brennen müssen! Gott sei Dank, daß du gekommen bist! Länger hätt ich nimmer warten können!« Er hob ihr Gesicht. »Sag mir's, Thilde! Gelt, wir gehören zusammen?« Sie drängte sich an ihn: »Ach, du!« Aus allem Glück dieses stammelnden Lautes hörte er noch das Zucken eines kaum gestillten Schmerzes. »So weh hab ich dir getan? Und du? Die Gute, die Kluge? Du hast mir das nicht verzeihen können?« Sie schüttelte an seiner Brust den Kopf. »Warum nicht?« »Weil –« »Sag mir's, Thilde!« Zitternd preßte sie sich an ihn. »Warum sollst denn du dich irren dürfen? Ich habe mich doch nicht geirrt! Ich hab mich nur immer nach dir gesehnt.« Da schlug er die Arme um die Geliebte und hob sie mit ersticktem Lachen an seine Brust. Der jubelnden Freude, die ihm glühend aus Herz und Blut durchs Leben zuckte, waren zwei ernüchternde Grenzen gezogen: rechts die schwarze Weißdornhecke und links der rauschende Mühlbach. »Walter!« stammelte Mathild erschrocken. Als sie wieder auf den Sohlen stand, war der Scheidhofer richtig schon mit dem linken Fuß in den Bach getappt. Hätte ihn Mathild nicht zurückgerissen auf den festen Boden, so wäre der hellenische Impuls dieses Augenblicks für Walter ohne verschnupfendes Bad nicht abgelaufen. Jetzt konnten sie lachen. Und gingen schön ruhig das gerade sichere Sträßl. An der Mühle waren schon alle Fenster dunkel. Die Haustür stand noch offen. Der Abschied, den die beiden voneinander nahmen, dauerte lang. Dann setzten sie sich neben der offenen Tür auf die Bank. Hand in Hand erzählten sie und plauderten und schwiegen, und fühlten nicht, wie kühl es in der Frühlingsnacht von den Bergen wehte. Im Dorf schlug immer wieder die große Glocke, in Bertls Stube immer wieder die Kastenuhr. Das hörten sie nicht. Vielleicht weil der Mühlbach so rauschte? Dieser Orgelklang der flutenden Wasser hätte die beiden doch nicht am Sehen gehindert? Sie merkten auch nicht, wie grau es langsam um die Mühle wurde und wie die Sterne am erblassenden Himmel immer feiner blinkten. Als auf dem Hohen Schein, der weit in der dämmernden Ferne lag, die roten Glutlinien heraufzüngelten über die Säume der stahlgrauen Schneekuppe, erhob sich Mathild und stammelte: »Walter! Ach Gott! Der Tag!« »Unser Tag! Guten Morgen, liebe Geiß!« Sie umschlang ihn und küßte seinen Mund. Und sprang ins Haus. An der schweren Tür klirrte der Riegel. Bei der Brücke, die über den Mühlbach führte, blieb Walter stehen. Als im Oberstock des Hauses ein Fenster hell wurde und auf den roten Scheiben sich ein fein gezeichneter Schatten zeigte, schrie er mit gellendem Laut allen Jubel seines Glückes in die Dämmerung. Das klang, daß es an den Bonifaz und seine »griechische Freud« erinnerte. Der vulgo Scheidhofer, der einst im Rucksack ein dickes Buch getragen, hatte in dieser Frühlingsnacht das Jauchzen gelernt. Ein Nachwort: Ich widme dieses Lebenslied dem Andenken meiner Mutter Charlotte. Aus Zeiten, die vergangen sind, bleiben uns viele Bilder. Auch verschiedene Bilder von den gleichen Dingen und Menschen. Unter diesen verschiedenen Bildern ist eines immer das stärkste. Das drängt sich, wenn wir uns erinnern, immer zuerst an das Herz heran. So ist mir auch aus den mannigfachen Lebensphasen meiner Mutter besonders ein Bild geblieben, das sich immer, wenn ich an die Mutter denke, zuerst vor meine Seele stellt. Da seh ich das kleine, mit schlichtem Gerät aus Eichenholz bestellte Wohnstübchen im Forsthaus zu Welden. Und es ist im Herbste, spät am Nachmittag. Der Vater ist draußen im Wald, die Mutter hat alle Arbeit des Tages in Haus und Garten erledigt und hat sich mit dem Spinnrad ans offene Fenster gesetzt. Ich bin in den Ferien daheim und sitze der Mutter gegenüber. Durch das Fenster, das von den Zweigen eines Spalierbaumes halb umschleiert ist, fällt die sinkende Sonne des Septemberabends mild und goldrot herein, in den Schoß der Mutter und auf ihre spinnenden Hände. Bei dem täglichen Schaffen im Garten hat die Sonne diese schlanken Hände ganz braun gebrannt; und vom Übermaß der Arbeit sind sie an den Gelenken und gegen die Finger hin mit Reihen von kleinen Nervenknoten bedeckt – die Mutter pflegte sie scherzend »meine Perleschnürle« zu nennen. Das Kleid seh ich nicht, nur die blaßblaue Latzschürze, die um die Mutter wie eine Glocke herum ist, und deren Schoßfalten sich beim Spinnen mit kleinen Flachsteilchen behängen, die fein in der Sonne glimmern. Der Kopf – der immer ein bißchen nickt, während der Fuß das Spinnrad treibt –, das schmale, heitere Gesicht mit den zarten Fältchen und das aschblonde, glattgescheitelte Haar ist von warmen Schatten umwoben. So spinnt die Mutter. Und erzählt dabei. Wenn von den kleinen, munteren Geschichten eine zu Ende ist, schweigt die Mutter ein Weilchen und sieht zum Fenster hinaus, einen träumenden Blick in den ruhigen, blauen Augen, mit einem Lächeln, dessen stillen Reiz ich nicht zu schildern vermag. Und plötzlich sagt sie ein kleines, warmes, kluges Wort, das einen Gedankenpunkt hinter die erzählte Geschichte macht und einen Wink fürs Leben gibt. Lächelnd taucht sie die Finger in das Wasserkesselchen des Spinnrades, dreht den Faden flinker und fängt wieder zu erzählen an: von ihrer Kinderzeit im Odenwald, vom Urgroßvater und seinen tollen Streichen, vom Forsthaus zu Erbach, in dem sich zur Ferienzeit an die dreißig Kinder, Enkel und Urenkel, um den »Alten im Walde« zu versammeln pflegten, von ihren Mädchenjahren in Aschaffenburg; von König Ludwig I. und seinem vergnügten Hofstaat; vom Pompejanum, in dem ein Künstler sie als fliegende Genie verewigte; und von der Zeit, in der sie ihren »Gustl« kennenlernte, meinen Vater. Als Mädchen hatte meine Mutter so silberblondes Haar, daß man sie in Aschaffenburg nur das »Schimmelche« nannte. Die ganze Stadt kannte das »Lottche Louis« und sein helles Lachen, und wenn sie über die Straße ging, sangen die Kinder: »Charlottche, Charlottche, Geh mit mir ins Gras, Da pfeifen die Vögel, Da männlet der Has!« Wie dieses Vergangene wirklich und lebendig wurde, wenn die Mutter erzählte! Wie sie beim Erzählen alles formte, allem Toten wieder Blut gab und Seele einhauchte – das war bei ihr eine angeborene Kunst. Eine große Gesellschaft konnte sie lange Stunden so unterhalten; alles schwieg und lauschte, nur die Mutter plauderte. In späteren Jahren einmal, am Königssee, als sie schon Großmutter geworden war und an einer schweren, unheilbaren Krankheit litt – da kamen Wiener Freunde zu mir auf Besuch, Vincenz Chiavacci, Karlweis, Wilhelm Goldbaum und Ludwig Hevesi; und da begann die Mutter einmal beim Essen so zu erzählen – und um den gleichen Tisch, an dem wir das Mittagsmahl eingenommen hatten, blieben wir lauschend sitzen, bis es Mitternacht wurde; als wir lachend zur Ruhe gingen, sagte Hevesi: »Wie schade, daß man das nicht wörtlich nachstenographierte! Das wäre ein Buch geworden, an dem Tausende ihre Freude hätten!« Wenn die Mutter erzählte, bekam alles, auch das Ernste, einen Glanz von Heiterkeit. Immer mußte man lachen, auch wenn es Tränen setzte. Hinter einem ernsten Klang rührte sich gleich wieder der schalkhafte, schlagfertige Witz, der manchmal auch vor einer gesunden Derbheit nicht zurückschreckte. Das erzählende Wort unterstützte sie durch eine lebhafte, charakteristische Mimik. Immer hatte sie das Gesicht des Menschen, den sie gerade reden ließ. Die beste Schauspielerin hätte von ihr noch lernen können. Und wenn die Mutter noch ein bißchen Maskerade zu Hilfe nahm, konnte sie sich völlig unkenntlich machen, sogar für ihren Mann. An einem Fasching, in Welden, maskierte sie sich als Fuhrmann mit blauem Kittel und Zipfelhaube, kam zum Vater in die Kanzlei, beschwerte sich über einen schlechten Waldweg und wurde dabei so grob, daß mein Vater dem Forstgehilfen die Weisung gab, den unverschämten Lümmel aus der Kanzlei hinauszuwerfen. Ein helles, wohlbekanntes Lachen öffnete dem Vater noch die Augen, bevor es zu Tätlichkeiten kam. Ein andermal sah sie, wie die alte Mutter unseres Nachbars, des Wagnermeisters, zum Dorf hinauswanderte, um Einkäufe in der Stadt zu machen; der junge Meister lief der alten Wagnerin auf der Straße nach, weil er eine Bestellung vergessen hatte. Diese paar Minuten benutzte meine Mutter, huschte ins Nachbarhaus hinüber und machte sich hinter den Kleiderschrank der alten Wagnerin. Als der Meister in sein Haus zurückkam, sah er seine alte Mutter, mit der er noch eben auf der Straße draußen geredet hatte, in der Stube hinter dem Ofen sitzen. In dem abergläubischen Schreck, den er bekam, verspritzte er alles Weihwasser, das zur Hand war, und rannte, als der Spuk nicht verschwinden wollte, schreiend zum Pfarrhof. Die Sache hätte beinah für den Verstand des Wagnermeisters böse Folgen gehabt. Der Aufklärung, die ihm meine Mutter gab, wollte der verdrehte Mensch nicht mehr glauben. Er beruhigte sich erst, als ihm meine Mutter zwei Tage später in Gegenwart der heimgekehrten Wagnerin die ganze Komödie ein zweites Mal vorspielte. Niemand im Dorf, auch nicht der Pfarrer und seine dicke Köchin, war sicher vor solchen lustigen Streichen meiner Mutter. Aber wer im Dorf einen Helfer nötig hatte oder schwer krank lag, durfte ebenso sicher auf die Hilfe und Pflege meiner Mutter rechnen. Diese Güte und Barmherzigkeit, die sich nie mit einer halben Tat begnügte, sondern über ihre Kräfte leistete und über ihr Vermögen gab, entsprang bei meiner Mutter nicht einem leicht zu rührenden Herzen, sondern einer liebevollen Wertung des Menschen, einem Gefühl der Zusammengehörigkeit alles dessen, was Leben heißt. Wie sie barmherzig und nachsichtig gegen jedes Tier und Tierchen war, so konnte sie an einem Manschen alles begreifen, alles verzeihen. Einem moralisch oder physisch leidenden Menschen gegenüber konnte sie, wenn es zu helfen galt, allen Ekel überwinden, alle Häßlichkeit übersehen. »Ach Gottele, er bleibt doch allweil noch ein Mensch!« So lautete eines von ihren Lieblingsworten. An ihr selbst aber war alles rein klar und schön, an ihrem eigenen Wesen war kein Zug, der einer Entschuldigung bedurft hätte. Nur einen kleinen Blutfehler hatte sie. Der äußerte sich manchmal in aufbrausendem Jähzorn, den eine Kleinigkeit entfesseln konnte. Aber dieser Sturm – bei dem wir alle, der Vater und wir Kinder, geduldig die Köpfe duckten – war immer nach ein paar Minuten wieder verflogen. Dann konnte sie vor Reue weinen, und in der Nervenqual dieser Erregung wurden ihre Beine häufig von einem so andauernden Zittern befallen, daß ihre Schuhe viertelstundenlang mit rasender Schnelligkeit auf den Fußboden trommelten. Darüber machte sie ihre drastischen Scherze. Und dieses hurtige Getrommel hörte sich so drollig an, daß wir Kinder nach allem Schreck wieder lachen mußten. In diesem Zustand liebte es meine Mutter, allerlei physiologische Experimente zu machen. Die schwersten Bauern, die zum Vater in die Kanzlei kamen, mußten sich, wenn die Mutter dieses Nachzittern des Jähzorns hatte, auf ihre hüpfenden Knie setzen. Einmal ließ sie so den Pfarrer und seine Köchin reiten, die zusammen an die sechs Zentner wogen, ohne daß dieses ansehnliche Gewicht die trommelnden Beine meiner Mutter beschwichtigen konnte. Je erschrockener die beiden dreinguckten, um so lustiger lachte meine Mutter, während sie weiterzitterte und schelmisch sagte: »Sehe Se, Herr Pfarr, alles im Mensche kann die Religion halt doch nit beruhige!« Sinnender Ernst und übermütiger Humor, gesunde, frisch zugreifende Kraft und nervöse Reizbarkeit, diese Gegensätze, unentwirrbar durcheinandergeflochten, gaben den Grundton ihres Lebensbildes. In aller weiblichen Arbeit war sie sehr geschickt und flink, war eine kluge, sparsame Hausfrau, die das Wenige eines Beamtengehaltes knapp zusammenhielt und doch eine Wirtschaft hatte, in der alles im Überfluß vorhanden schien. Und für alles Wertvolle hatte sie Verständnis und Liebe. Ein schöner Klang – oft nur eine ferne Jodelstimme im Sonnenschein oder ein Glockenton in der leuchtenden Abendstille – konnte sie zu Tränen bewegen. Gute Musik erschütterte sie in allen Fibern ihres Wesens. Und was sie für Goethe hatte – ihren ausgesprochenen Liebling, neben dem ihr alle anderen klein erschienen –, das war mehr als Verehrung, das war ihr Gottesdienst. Was er für die Bühne geschrieben, las sie lieber, als daß sie es gespielt sah. Das Theater mochte sie nicht gern, weil sie immer alles, was da gegeben wurde, anders sah und fühlte, als es die Darsteller meinten. Vor der Premiere des »Herrgottschnitzers« mußte ich ihr lange zureden, um sie zum Besuch der Aufführung zu bewegen. Es wurde an jenem Abend viel geklatscht und gerufen. Aber meine Mutter war auf dem Heimweg merkwürdig still – bis ich fragte: »Mutter, warum sagst du mir denn gar nichts? Hat's dir nicht gefallen?« Da nahm sie meinen Arm und drückte ihn fest an ihre Brust: »Bub, ich glaub, da hast du was ganz Ordentliches gemacht. Jetzt nimm dich nur recht zusamme, daß du ein bisserl weiterkommst!« Ein paar Jahre später, als mein Name schon ein wenig bekannt war, wurde es ein Lieblingsscherz meiner Mutter, die Frau Rat zu kopieren. Im Menuettstil zog sie das Kleid auseinander und knickste: »Ich bin die Mutter Ganghofers!« Das war parodistisch gemeint, aber es verbarg sich hinter diesem Scherz wohl auch ein Teilchen Zärtlichkeit und Stolz. Als mein erster Roman erschienen war, der »Jäger von Fall« – in dem eine Naturstimmung geschildert ist, die ich aus einer Gebirgstour mit meiner Mutter zusammen gesehen hatte – guckte die Mutter beim Lesen plötzlich auf und sah mich über die Brille an: »Du! Das war aber doch viel schöner!« Dann begann sie jenes Naturbild zu schildern, bis in die zarteste Farbe, bis in den feinsten Klang. Natur zu sehen und in ihrem innersten Leben zu erfassen, das verstand sie wie wenige. Eine zauberhafte Lichtstimmung, ein Gewitterbild, der Farbenduft eines fernen Waldes, der Anblick einer Blume, in deren Kelch ein Wassertropfen funkelte, ein Amselschlag in der Morgenstille – das konnte sie in eine trunkene Ekstase versetzen. Und in jedem Frühjahr arbeitete sie Tag für Tag vom Morgen bis zum Abend wie eine Taglöhnerin im Garten, um endlich mit glückseligem Augenleuchten sagen zu können: »Jetzt blüht mir aber alles!« Natur, Natur, Natur – das war für sie das Um und Auf, das Höchste und Herrlichste. Als uns die Karriere des Vaters vom Dorf entführt hatte, konnte sich die Mutter an den Aufenthalt in der Stadt nur schwer gewöhnen. Immer fehlte ihr was. »Die nicht draußen leben, wissen gar nicht, was leben heißt!« pflegte sie zu sagen. Und während der zehn Jahre in München klagte sie wohl tausendmal: »Ach, mein Gärtle, mein Haus, mein Wald, mein Himmel!« Wie sie in ruhiger, von keinem Zweifel gequälter Frömmigkeit ihrem Gott gegenüberstand, diesem Gott der unerschöpflichen Liebe, und wie sie als Braut war, als Frau, als Mutter, das hab ich im »Hohen Schein« zu schildern versucht. Aber ich könnte Bücher und Bücher schreiben, ohne die letzte Farbe im Lebensbild meiner Mutter zu erschöpfen. Vielleicht wird man die Art ihres Lebens am klarsten sehen, wenn ich erzähle, wie sie starb. Eine gewaltsame und sinnlose Operation, die ein Zahnarzt an ihr vorgenommen, hatte ihren schon geschwächten Organismus so sehr erschüttert, daß sich als Folge eine schwere, unheilbare Krankheit entwickelte. Strenge Diät und eine jährlich wiederholte Badekur hätte ihr Leben noch jahrelang fristen können. Aber meine Mutter – und reisen, ein Bad besuchen, und ihrem »Gustl« Kosten verursachen? Nicht um die Welt! Da konnten wir mahnen und bitten, wie wir wollten. Sie lachte dazu. Und sagte: »Ach was! Auf so ein Schnipsele Zeit kommt's nimmer an! Ich hab was gehabt vom Leben, ihr braucht mich nimmer, da kann der liebe Gott mich rufen, wann er mag!« Auch mit der Diät nahm sie es mehr als leichtsinnig und ließ sich die zwei Schöppchen Bier nicht verbieten, die sie am Abend zu trinken pflegte. Bei der zunehmenden Schwäche ihres Körpers stieg ihr dieses »Schlummertöppche« immer zu Kopf, und beim zweiten Schoppen hatte sie ihren niedlichen Schwips und wurde so ausgelassen heiter, daß wir allabendlich, trotz unserer Sorge um die Mutter, ein fideles Theater hatten und Tränen lachen mußten. Und am Tage, unter dem Martyrium ihres Körpers, nähte und stickte sie unermüdlich an der Wiegenwäsche für ihr erstes Enkelkind. Je mehr es mit der Mutter dem Ende zuging, um so fröhlicher wurde sie. Ihren letzten Sommer verbrachten wir alle, Eltern, Kinder und Enkel, am Tegernsee. Die Mutter war schon abgemagert zum Skelett. Aber an jedem Abend, wenn wir still daheim bleiben wollten, kam die Mutter und machte lachend eine drollig aufmischende Handbewegung: »No? Was ist denn? Heut gar nichts los? Ihr seid aber Leimsieder!« Da taten wir, wie sie wollte, trommelten eine Gesellschaft zusammen, man trieb Unsinn, musizierte und tanzte, und die Mutter war die Vergnügteste unter allen, war unermüdlich im Erzählen, unerschöpflich im Erfinden lustiger Gesellschaftsspiele. Als wir zurückfuhren in die Stadt, wußten wir, daß die Mutter keinen Frühling mehr sehen würde. Auf der Heimreise sah sie immerfort zum Fenster hinaus, geriet in Entzücken über jeden schönen Blick und amüsierte alle Insassen des Wagens. Ein alter Bauer sagte zu ihr: »Frauerl, Sö san wia die Jüngste!« Und dann zu Hause ein rascher Zerfall mit schweren Ohnmachtsanfällen. Eines Morgens, als sie bewußtlos war, erschien der Pfarrer. Er tat, was sein Amt ihm vorschrieb. Dann blieb er am Bette sitzen und wartete. Die Mutter wachte aus der Ohnmacht auf. »So, so?« sagte sie. »Sooo steht's mit mir? Aber da braucht's keine langen Geschichten, Herr Pfarrer! Ich bin mit meinem Herrgott immer gut ausgekommen. Da wird's drüben auch keine Händel absetzen.« Dann begann sie vom Wetter zu reden – und der Hochwürdige entfernte sich. Kaum war hinter ihm die Tür geschlossen, als die Mutter sich in den Kissen aufsetzte, mit der Hand auf den Schenkel klatschte und lachend rief: »Jetzt aber geschwind noch ein Schöpple Bier! Droben krieg ich keins mehr!« Bevor man das »Schlummertöppche« bringen konnte, war sie schon wieder bewußtlos. Noch einmal, bei Anbruch des Abends, flüsterte sie den Namen ihres Enkelkindes. Ihr letztes Wort! Und am Morgen war sie drüben. Viele Jahre früher, beim Heimgang meines Großvaters, sagte sie: »Was man liebgehabt hat, das verliert man nie. Der Tod, das ist nur so ein Wörtle!« Dieser Trost meiner Mutter ist Glaube in mir geworden. Nie seh ich meine Mutter als tote Frau. Für mich atmet sie noch immer, wirkt in meinem Leben, lächelt in meinem Schaffen. Und fast immer seh ich die Mutter so, wie sie da draußen war, in ihrer schönsten und frohesten Zeit, im Forsthaus. Dort, in ihrem »Gärtle«, hat sie einmal ein Wort gesprochen, das ein Erzieher meines Lebens wurde. Es war am Abend, und wir saßen auf der Hausbank, umhaucht vom Duft der vielen Blumen in Mutters Garten. Während im Wiesental bei beginnender Dämmerung schon die Nebel zogen, fing plötzlich eine hohe Waldkuppe wunderbar zu leuchten an. Lange blickte meine Mutter schweigend in diesen Glanz, mit den müden Händen im Schoß. Dann sagte sie: »So was Helles und Schönes muß man allweil in seinem Leben haben, auch wenn es noch so dunkel wird!«