Ludwig Ganghofer Waldrausch Erster Band 1 In ihrem ganzen Leben waren die zwei Kameraden noch nie so weit in die Welt hinausgekommen wie an diesem Morgen. Von ihrer Heimat war nur noch die Kirchturmspitze zu sehen, die nadelfein heraufragte über den blauträumenden, das ganze Tal durchquerenden Buchenwald. Die goldene Kugel auf dem grüngestengelten Kupferdach des Turmes blinkte in der Maisonne wie ein Stern, so fern, daß ihn keine Sehnsucht zu erreichen wagt. Dennoch wanderten die beiden Kameraden noch immer weiter hinaus in die fremde, wundersame Welt. Jede neue Bergzinne, die sich mit silbernen Schneefeldern heraushob über die steilen Wälder, war ihnen wie ein unerhörtes Ding, bei dessen Anblick man Herzklopfen bekommt. Sie standen und guckten. Und schritten weiter mit jenem Mute, der ein Nieerlebtes zu erleben hofft. Da tauchte hinter hohen Wälderwogen ein mächtiger Felskoloß heraus, schimmernd in der Sonne, so steil, daß kein Schnee mehr auf ihm haftete, und so kahl, daß man kaum noch eine bläuliche Schartenschrunde in der Steinwand zu erkennen vermochte. Tief atmend fragte der eine der beiden Knaben: »Tonele, wie heißt der Berg?« »Ich weiß nimmer. Der Vater selig hat mir's gsagt amal. Jetzt weiß ich's nimmer.« Sie spähten zu dem Berg hinauf, der wie eine steinerne Riesenfaust in das Blau des Himmels griff. Und der kleinere von den zweien, ein fünfjähriges Bürschl, sagte keck: »Da möcht ich hinauf einmal!« »Und tätst abifallen! Und tot sein.« »Du vielleicht! Ich tät hinaufkommen!« Dem siebenjährigen Tonele ging ein gutmütiges Lächeln um den weichen, roten Kindermund. Wie in freundlicher Barmherzigkeit sah er den kleinen Brosi an. Das war ein feines, zierliches Bübchen mit einem lichtblonden Ringelwust um das blühende Gesicht, in dem die blauen Augen sehnsüchtig strahlten. Die Füßchen und die runden Waden waren nackt, aber nicht so von der Sonne abgebrannt wie beim Tonele. Der trug außer dem kurzen, verwachsenen Lederhöschen nur ein Hemdl, das nimmer recht sauber war, während der kleine Brosi ein Gewand von städtischem Schnitt hatte, Pumphöschen und Bluse aus braunem Samt. Unter dem blonden Geringel war ein Matrosenkragen aus blau und weiß gestreiftem Leinen über die Schultern herausgelegt. Die Sonnenwärme lockerte das Blondhaar des Bübchens, so daß sich die wirren Ringeln immer leise bewegten. Die gespreizten Füße waren eingewühlt in den Staub der Straße. Immer spähte der kleine Kerl zu der steilen Felszinne hinauf. Dann entdeckte er in der Ferne des blühenden Wiesentales wieder ein geheimnisvolles Ding, das seinen Mut reizte. Dort schlossen die Berge das Tal, und mit sanften Wogen erhob sich ein Fichtenwald; schmale Sonnenbänder flossen über das Meer der Wipfel nieder; das war anzusehen, als wäre das Schattenblau von schimmerig gezahnten Goldborten durchzogen. Flüsternd sagte der kleine Brosi: »Tonele! Da geh ich hinein. In den tiefen, dunkeln Wald!« Auch dem Tonele brannte ein neugieriger Durst in den nußbraunen Augen. Sein schlankes, kräftiges Körperchen streckte sich, als wäre auch in ihm der Wille zu einer kühnen Tat erwacht. Gleich aber huschte ihm wieder jenes gutmütige Lächeln über das sonnverbrannte Gesicht. Halb mahnend, halb scherzend sagte er: »Brosle! Das sollst lieber bleiben lassen. In dem tiefen, finsteren Wald, da fressen dich die Füchs.« Brosi blickte nachdenklich gegen den Wald mit den goldleuchtenden Wipfeln hinaus. Trotziger Eigensinn erwachte in seinen großgeöffneten blauen Augen. »Wenn du dich fürchten tust, so geh halt heim! Ich geh in den finstern Wald hinein. Ich tu's!« Er schloß die Händchen zu Fäusten und wanderte mutig die sonnige Straße hin, dem gefährlichen Wald entgegen, der mit seinem samtdunkeln, glanzgebänderten Grün im Dufte des Vormittags lag, wie das Leben mit seinen geheimnisvollen Schatten und lockenden Helligkeiten vor dem Blicke aller Jugend liegt. Der Tonele besann sich ein bißchen, schob lächelnd die Hände in die Taschen seines Lederhöschens und ging gemütlich hinter dem Brosi her. Es war bis zu dem dunkeln, tiefen Wald kein allzu weiter Weg. Ein Mann mit gutem Schritt hätte den Forst in einem Viertelstündchen erreicht. Aber auf das Maß eines festen Männerschrittes kamen drei hurtige Zappelschrittlein des Brosi. Noch ehe der Weg zur Hälfte durchschritten war, mahnte der Tonele herzlich »Geh, sei gscheit! Wir sind schon endsweit von daheim. Da kommst nimmer recht zum Essen. Und dein Mutterl wird schelten.« Brosi schüttelte das blonde Köpfl. »Die hat noch nie gescholten.« Er zappelte in der Sonne weiter. Eine Strecke ging die Straße zwischen Bretterplanken hin, die so hoch waren, daß der Brosi den Wald nimmer sehen konnte. Irgendwo hinter diesen Planken mußte der Bach sein; man hörte sein schönes Rauschen. Dann bog von der Straße ein schmaler Wiesenpfad ab. Brosi zappelte vorüber. Der Tonele rief ihm nach: »Du! Bald eini willst ins Holz, nacher mußt da ummi!« »Wo?« Der Brosi guckte. »Da!« sagte der Tonele, die Hände in den Hosentaschen, und deutete mit dem nackten, verstaubten Fuß nach einem steilen, aus drei Brettchen aufgestaffelten Überstieg der Planke. Weiter sprach er kein Wort. Er lächelte nur wieder. Das nahm der Brosi für einen Zweifel an seinem Mut. »Meinst, ich trau mich so hoch nicht hinauf?« Er fing zu kraxeln an. Als er die Höhe der Planke erklommen hatte, setzte er sich rittlings auf die Schneide des obersten Brettes und spähte mit glänzenden Augen über die sonnige, bunt durchblühte Wiese hinüber zu dem dunkeln Walde. Da schwammen linde Glockentöne über das lange Tal einher. »Brosle! Hörst? Es tut elfe läuten.« »Mir ist alles eins!« Der blonde Held auf der Bretterplanke sprang in die Wiese hinunter. Nun stieg auch der Tonele über die Planke hinauf. »Geh, Brosle, kehr um!« Da sah er auf hohem Pfahl eine weiße Tafel mit schwarzer Inschrift. Weil der Tonele sich in der Dorfschule einen langen Winter schon mit dem Buchstabieren geplagt hatte, drum konnte er lesen, was da mit dicken Zeichen angeschrieben stand: ›Verbotener Weg!‹ Darunter standen noch drei Zeilen in kleinerer Schrift, daß der zur ›Großen Not‹ hinaufführende Jagdsteig für jeden öffentlichen Verkehr gesperrt wäre und daß Zuwiderhandelnde allerlei Unannehmlichkeiten in der Kanzlei der fürstlichen Jagdverwaltung zu gewärtigen hätten. Mit dieser klein geschriebenen Sache befaßte sich der Tonele nimmer. Es genügte ihm, die beiden groß gemalten Wörter entziffert zu haben: ›Verbotener Weg!‹ Er sprang in die Wiese hinunter und rannte, bis er den kühnen Brosi eingeholt hatte. »Geh nur zu, Brosle, ich tu schon aufpassen!« Jetzt schien die Tat, die sie unternahmen, dem Brosi erst die rechte Freude zu machen. Als der blonde Held vor den dunklen Schatten des Waldsaumes doch ein bißchen zögerte, nahm ihn der Tonele bei der Hand und sagte: »Komm! Ich laß dir nix tun!« Hand in Hand, die kindlichen Seelen durchzittert von jenem stolzen Rausch, mit dem ein Forscher ein Geheimnis der Ewigkeit entschleiert, schritten sie hinein in die träumende Mittagsstille des Waldes. Es war ein Wald, wie in den Bergen alle Wälder sind, ein Gemenge von Zerstörung und kraftvoller Schönheit, von faulendem Tod und sprossendem Leben. Man spürt da nicht die pflegende Hand, wie sie in den Wäldern der Ebene zu merken ist. Der Bergwald muß selber sorgen für die Dauer seines Lebens. Sieben Bäume schlägt der Mensch, zehn mal sieben wirft der Sturm, siebenhundert zerdrückt der Schnee und ersticken die Lawinen, und siebentausend wachsen, werden hundertjährig, altern und vermorschen, und es war ihr einziger Zweck, daß sie lebten und blühten, Samen streuten und starben. Blauduftiger Schatten wehte unter den Bäumen, und überall zwischen den hohen Wipfeln spiegelten die Sonnenlichter herein wie Grüße einer helleren Welt. Lautloses Träumen. Manchmal das leise Pispern der kleinen Vögel. Irgendwo in der Tiefe des Waldes scheitete ein Specht; wenn er sein Hämmern einstellte, klang ein langgezogener, melancholischer Ruf, als hätte der Wald in seiner grünen Freude auch einen Schrei des Schmerzes. Den hohen Bäumen zu Füßen blühte ein Wald im kleinen, der magere, hart um sein Leben ringende Urwuchs und das bunte Gewirr der winzigen Blumen – weiße Sterne, blaue Glocken, die violetten Ähren des Knabenkrautes mit den schwarz gefleckten Blättern, die zart gefärbten Katzenpfötchen und die rosigen Kelchblüten des Seidelbastes, dessen starker, herbsüßer Wohlgeruch die Waldluft würzte. Schweigend schlüpften die beiden Knaben durch die Stauden. Was sie gewahrten, das Nahe und das Ferne, wurde für sie zu einem gruseligen Erlebnis oder zu einer schönen Sache. Dann kam zu dem Märchen, das in ihren Seelen webte, auch das Geheimnis herangetreten. Sie hörten – erst leise, dann immer lauter und näher – scharfe, taktmäßige Klänge wie Hammerschläge auf hartem Gestein. Als sie der Richtung zublickten, aus der diese Töne klangen, entdeckten sie hinter dem Riesengitter der Baumstämme etwas Ungeheuerliches. Brosi meinte, das wäre eine dicke, lange, giftgelbe Schlange, die sich durch den Schatten des Waldes und durch grelle Sonnenflecke hinaufwand gegen die Höhe des Berges. Aber Tonele sagte mit klugem Lächeln: »Dös is doch bloß a Weg!« Die gelben Schleifen waren die Serpentinen des Reitweges. Brosi ließ sich durch diese Klarstellung aus seinem Waldtraum nicht ernüchtern. Er hatte schon wieder ein Geheimnis erspäht, etwas Goldrotes und Silberweißes, das sich bei jenen wunderlichen Hammerschlägen mit Geschimmer bewegte, immer wieder verschwand, immer wieder erschien. Was konnte das sein? Das Haupt der Schlange, der mit Gold und Silber gekrönte Kopf, den das kriechende Wunderwesen immer aufrichtete und wieder hinunterduckte zwischen die Stauden? Auch dem Tonele verging für eine Weile das kluge Lächeln. Dann sah er, daß der goldrote Schimmer da draußen ein von der Sonne beschienenes Pferd war, das mit seinen Hufen den harten Grund des Weges schlug und auf seinem Sattel eine Reiterin in weißem, faltig fließendem Kleid wiegte. Eine vom Gebüsch verhüllte Serpentine des Weges wand sich zu den beiden Knaben heran. Die Stauden verdeckten das Pferd. Nur Kopf und Schultern der Reiterin waren zu sehen. Unter dem Schatten der Hutkrempe leuchtete ein schönes und strenges Gesicht, dessen ruhige Augen über die zwei Knaben wegblickten, als wären der Brosi und der Tonele zwei unscheinbare Steinchen neben dem Wege. Jetzt verschwand die Reiterin. Der kleine Brosi tat einen beklommenen Atemzug. »Das ist die Fey gewesen!« »Du Narrle, du!« Der Tonele lächelte; nicht gutmütig. »Dös ist die Prinzessin gwesen, die im Fürstenschlößl hauset. Die tu ich nimmer grüßen. Die paßt net auf, ob einer 's Hütl zieht.« In Brosis blauen Augen war der Kummer eines Träumers, den der Morgen aufrüttelte aus wundersamen Bildern. Aber weil er träumen wollte, klammerten seine Gedanken sich an dieses Märchenwort: »Prinzessin!« Er sagte: »Du! Einmal, da hat mir die Mutter was erzählt. Von einer Prinzessin. Die ist anders gewesen. Die hat ein rotes Seidenkleidl angehabt und sieben weiße Röslein in der Hand. Die hat in einem schönen Garten gehauset, und um den Garten ist eine endsgroße Mauer gewesen, und vor dem Tor, da ist ein endsgroßer Ries' –« »Komm, Brosle!« Der Tonele faßte die Hand des Kameraden. »Jetzt müssen wir heim. Dei' Mutter tut schelten. Und mein Bruder haut mich wieder.« Erschrocken sah Brosi am Tonele hinauf, vergaß das Märchen von der roten Prinzessin mit den weißen Rosen und ließ sich führen, wohin der Tonele wollte. Ein paar Schritte hatten die Knaben gemacht, als dicht vor ihnen was Unsichtbares mit Geprassel aus einer Staude herausfuhr. Eine Auerhenne. Weil sie hinter der Staude über den Waldboden hinstrich, konnten die Knaben sie nicht sehen. Erschrocken standen sie und hörten, was ihren Schreck noch vermehrte, ein leises, dünnes Gekicher wie von einer Greisenstimme. Als sie nach der Stelle blickten, von der das Kichern herklang, sahen sie eine menschenhohe Säule aus Grün und Blüten; zwischen den grünen Ranken und den tausend weißen, rosig angehauchten Blümchen guckte ein lustiges Runzelgesicht mit weißen Bartstoppeln und grauen Haarzotten heraus. Jetzt lächelte der Tonele wieder und sagte zum Brosl: »Da mußt dich net fürchten! Dös ist der Waldrauscher. Der tut uns nix.« Den stummen Brosi an der Hand führend, ging er auf die grüne, blühende Säule zu. »Grüß Gott, Waldrauscher! Heut hast aber viel! Magst mich was tragen lassen? Ich hilf dir gern.« »Vergelt's Gott, Tonerl!« klang aus dem Gewirr der Blümchen und Ranken eine dünne Stimme. »Noch allweil hilf ich mir selber.« Der Waldrauscher lachte. »Ös Lauserln, wie kommt's denn ös zwei da eini ins Holz?« Verlegen schwiegen die Knaben. Und der Waldrauscher schien das Verlangen nach einem rastenden Viertelstündchen zu haben. Vorsichtig begann er die vielen, mit Stricken aneinandergekoppelten Rankenbündel abzulegen, die über seinen Kopf hinausragten und fast seine ganze Gestalt mit Grün und Blüten verhüllten. Was der alte Mann im Bergwald gesammelt hatte, war eine offizinelle Pflanze, die Bärentraube. Der gelehrte Botaniker nennt sie Arctostapylus uva ursi. Das Volk gab ihr den Namen ›Waldrausch‹. Wer mag den sinnvollen Namen gefunden und zum erstenmal ausgesprochen haben? Das muß ein Träumer gewesen sein, einer von jenen Törichten, welche Kinder bleiben ihr ganzes Leben lang und die Dinge immer anders sehen, als sie sind – und einer von jenen Klugen zugleich, die die Dinge des Lebens immer schöner schauen, als sie den Nüchternen erscheinen. Oder war's ein Berauschter, der diesen Namen fand? Berauscht von Freude, von Glück, von Liebe? Aus den Frühlingskräften solcher Trunkenheit sprießt in Fülle, was alle Härte des Lebens farbenduftig umschleiert und alle Not des Daseins mit blühendem Reichtum überschüttet. Ging solch ein Berauschter und Reichgewordener in seiner trunkenen Freude vor ungezählten Jahren einmal an einem Maimorgen durch den Bergwald? Fühlte er, daß auch im Frühlingsleben des Waldes ganz das gleiche war, was sein eigenes Herz erfüllte, wohliges Träumen im Glanz der Sonne, schöner Glaube an das ewig neu erwachende Leben, freudiges Umschleiern aller Not, ein Dürsten und Drängen nach den Tagen der Blüte, nach dem Rausch des Glückes? Und kam er zu einem Fels, den die Bärentraube mit ihrem dichten Rankengeweb umhüllte wie mit grünem Mantel? Rings um den Sockel des Steinblocks fröstelte noch ein letzter Schnee in Löchern, zu denen die Sonne keinen Weg gefunden. Doch um die rauhen Flanken des Felsens hatte die Schöpferkraft des Frühlingswaldes dieses blühende Grün gewoben. Stand jener Lachende, von seinem Glück Berauschte, vor diesem Maienwunder? Und empfand er da: Der Wald will blühen wie mein Herz, der Wald ist berauscht wie meine Seele? Und brach er von den blühenden Ranken eine? Betrachtete er die weißen, feinen Blüten mit den zarten Rosenmündchen? Blüten, die wie Kelche sind, aus denen die Elfen trinken? Sprach er da aus seinem träumenden Lächeln heraus zum erstenmal diesen Namen: »Waldrausch«? Und als er die blühende Ranke heimtrug in seinen Werkeltag, begegnete ihm ein zweiter und fragte: »Was trägst du auf deinem Hut?« Da sprach der Lachende wieder den neuen Namen: »Waldrausch«! Dem andern gefiel das Wort. Er trug es einem dritten zu. Und über Jahr und Tag sprachen hundert Menschen diesen Namen nach, das ganze Volk eines langen Tales zwischen hohen Bergen. »Waldrausch!« Diese Pflanze, in deren grünen Blättern, weißen Blumenkelchen und roten Beeren die Sonne ein Heilmittel wider mancherlei Leiden braut – diese Pflanze, die mit ihren Ranken überall hingreift, wo es dürren Schutt zu besiedeln gilt – diese Pflanze ist wie ein Frühlingsglaube des Bergwaldes, wie ein Schönheitsdogma der Natur. Ihre Blätter sind immergrün. Doch wie von allem Schönheitsglauben immer in harten Zeiten nur ein zähes, dauerndes Restlein in den Seelen der Menschen haftenbleibt, so tragen auch diese Waldranken nur immer das Grün des letzten Jahres über den rauhen Bergwinter hinüber. Wenn im Herbst die kalten Stürme den Wald bedrängen, wird das Grün dieser Ranken so schütter, daß überall durch das Netz der verarmenden Zweige das graue Geröll herauslugt – so grau und armselig, wie sich unter dem blühenden Rankenwerk das alte, dürftig gekleidete Männlein herausschälte, der Waldrauscher, der die geblümten Lasten zu Boden sinken ließ, die er an diesem Frühlingsmorgen im Bergwald gesammelt hatte. Seine Armut schien er nicht zu fürchten trotz seines dürftigen Aussehens in dem steingrauen, geflickten Kittel und in der verwaschenen Leinenhose, die vor Jahren einmal blau gewesen. Etwas Altväterisches, fast Mittelalterliches war an der braunen Lederkappe, die sich um die Haarzotten schloß und zwei spitze Lappen über die Ohren herunterhängen ließ. Zwischen den grauen Strähnen, die unter der Kappe herausquollen, zwinkerte ein schmales Faltengesicht, das von Leiden und Strapazen verwüstet war und dennoch heiter blickte. Dieses Frohe war in den klugen, glänzenden Schwarzaugen, die sich flink bewegten und alles zu sehen schienen. Das Gesicht, auch unter den grauen Bartstoppeln, war so braun wie die Lederkappe. Zwei weiße, struppige Brauendächlein wölbten sich über die flinken Augen. Und alle Zähne hatte der alte Waldrauscher noch. Wenn er lachte, blinkte zwischen seinen dünnen, welken Lippen ein gesundes Gebiß. Wie alt er war, das wußte niemand im Dorf. Die einen schätzten ihn auf siebzig Jahre, die andern auf achtzig. Es war unter den herangewachsenen Leuten eine gebräuchliche Redensart: »Wie ich noch a Kindl war, is der Waldrauscher schon a alts Manndl gwesen.« Niemand nannte ihn bei einem der beiden Namen, mit denen er irgendwo in einem Kirchenbuch eingeschrieben stand; jeder sagte »Waldrauscher« – weil es seit vierzig Jahren sein Brot und Leben war, Waldrausch im Bergwald zu sammeln, auch sonst noch allerlei Kräuter, die an den Apotheker zu verkaufen waren, und Beeren, Schwämme, wunderliches Gestein. Mit dem wenigen, das er dabei verdiente, lebte er einsam in einem abseits vom Dorfe gelegenen Häuschen, so klein, daß es die Leute den Starenkobel nannten. Das taten sie auch, weil der Waldrauscher gerne seine kleinen, merkwürdigen, selbsterfundenen Liedchen sang. Als der Alte sich niedergesetzt hatte, sah er die beiden Knaben lächelnd an, während er eine kleine Holzpfeife mit Tabak füllte, Feuer schlug und sparsam den Rauch vor sich hin blies. Der Brosi hatte sich ins Moos gekauert und blickte scheu an dem Alten hinauf, als müßte sich irgendwas Merkwürdiges ereignen. Neben ihm stand der Tonele und sagte: »Du, Waldrauscher, dös Liederl, dös du mir fürgsungen hast am Ostertag, dös kann ich noch allweil.« Der Alte lachte leise. Das schien der Tonele als einen Zweifel zu nehmen. »Gwiß wahr, ich kann's!« Mit feinem Stimmchen begann er zu singen: »Und 's Bacherl fallt abi, Und 's Wasser, dös ziagt, Und 's Newerl steigt auffi, Und 's Wölkerl, dös fliagt. Und auffi und abi, Rechts ummi, hint naus, 's bleibt allweil oa Weg Und geht alles gradaus.« Während der Tonele sang, wiegte der schmunzelnde Waldrauscher im Takte den Kopf, daß seine grauen Haarsträhnen ein bißchen schwankten. Als das Liedchen zu Ende war, wiederholte der Alte leise: »Gradaus!« Dann lachte er vor sich hin und tat einen kurzen Zug aus der kleinen Holzpfeife; den Kopf zurückneigend, blies er den Rauch in die Höhe und blickte dem blauen Wölklein nach, das davonschwamm und in nichts zerfloß. Ganz still war's um den Waldrauscher und um die beiden Knaben her. Nur tief im Gehölz, kaum noch vernehmbar, klagte wieder der schwermütige Ruf des Spechtes. Und wie ein leuchtendes Wunder war es zwischen allem Schatten des Waldes; die Sonne, die zur Mittagshöhe gestiegen war, glänzte steil durch das Gezweig herunter; durchflogen von den Myriaden der feinen Blütenstäubchen, die der Frühling aushauchte, erschienen diese Lichtstrahlen wie Goldbänder, die still herunterhingen durch das dunkle Grün der Fichten. Eins von diesen leuchtenden Bändern schmiegte sich um den Blondkopf des kleinen Brosi, der beklommen atmete. Da winkte der Alte dem Tonele mit der Holzpfeife. Hurtig sprang der Bub auf den Waldrauscher zu und setzte sich an seine rechte Seite. Nun winkte der Alte auch dem Brosl. Der kam, ein bißchen scheu. Doch als der Waldrauscher den Arm um das kleine Bürschl legte, schmiegte Brosi sich an den Schoß des Alten, wie er es daheim bei der Mutter zu tun pflegte, wenn sie ihm ein Märchen erzählte. »Jetzt, Tonerl, paß auf!« sagte der Waldrauscher. Mit der Holzpfeife taktierend, fing er leise zu singen an:       »Der Wald ist koa Wald net, Der Bach is koa Bach, Und d' Nacht is koa Nacht net, Und 's Sach ist koa Sach. Und 's Kalte is kalt net, Und 's Hoaße net hoaß, Und alles is anders, Als wia's oaner woaß.« Ratlos guckten die beiden Knaben drein. Und der Waldrauscher lachte, zog den kleinen Brosi noch enger an sich und sagte dem Tonele: »Dös mußt dir merken! Und alles is dir wie nix. Und jeden Brocken tragst wie a Stäuberl.« Mehr sprechend als singend fing er das gleiche Liedchen von vorne an, so oft, bis der Tonele die zwei Vierzeiler glatt hersagen konnte. Wieder lachend steckte der Waldrauscher die erloschene Holzpfeife in den steingrauen Kittel, zog auch den Tonele an sich heran und begann wieder zu singen:     »Und zwoa san an oanziges, Und tausend san zwoa, Und dö haben oan Schnaufer, Oan Lacher, oan Schroa. Drei Stoaner, drei Bleameln, Drei Mucken, drei Leut, Is alles oa Wehdam, Oa Leben, oa Freud!« Der Waldrauscher mit seinem heiteren Schmunzeln guckte bald dem Tonele und bald dem Brosi in die verwunderten Augen. Bei dieser Stille ließ sich in der Nähe der zärtliche Ton einer Ringdrossel vernehmen. Brosi fröstelte ein bißchen und schmiegte sich eng an den alten Mann. Der Tonele, mit einer Furche zwischen den Brauen, sah dem Alten ins Gesicht und sagte: »Waldrauscher, du bist narret!« Der Alte lachte vergnügt und spähte im Wald umher. Dieses Schauen war wie ein Lesen und Lauschen. Jedes funkelnde Licht und jeder blaue Schatten, jeder hundertjährige Baum und jedes junge Stäudl, jeder huschende Vogel und jede träumende Blume schien dem lächelnden Alten ein Geheimnis zuzuflüstern, das er hörte und verstand. Nun blieben seine glänzenden Augen an dem Wipfel haften, in dem die Ringdrossel flötete. Und der kleine Brosi bettelte: »Bitt schön, Waldrauscher, tu noch ein Liederl singen!« Da fing der Waldrauscher das gleiche Liedchen wieder an. Mit einer wunderlich verträumten Innigkeit sang er den letzten Vers: »Drei Stoaner, drei Bleameln, Drei Mucken, drei Leut, Is alles oa Wehdam, Oa Leben, oa Freud!« Dann sah er die beiden Knaben an und sagte ernst: »Nix Besseres weiß ich nimmer.« In dem Blondkopf des kleinen Brosi schien was Sonderbares vorzugehen. Nach einer stummen Weile fragte er plötzlich: »Waldrauscher? Wie heißt der große Berg da droben, auf den ich hinauf möcht einmal? Dem Tonele hat es sein Vater gesagt. Aber der Tonele weiß es nimmer. Wie heißt der Berg?« »Die Große Not.« Ein Leuchten ging über das Gesicht des Knaben. »So ist von der Großen Not die weiße Prinzessin gekommen. Die hab ich gesehen heut. Waldrauscher, das ist wahr! Und rotgoldene Flügel hat sie gehabt, die weiße Prinzessin.« »Mußt net lugen, Brosle!« sagte der Tonele hart. »Die Flügel tust dir bloß einbilden.« Der Brosi wollte zornig erwidern, doch erschrocken sah er den Waldrauscher an. Der hatte das Gesicht in die Hände gedrückt und saß vornübergekrümmt, daß ihm die grauen Haarsträhnen bis auf die Knie herunterhingen. Kein Zittern war an dem gebeugten Körper, unter den hüllenden Händen kein Laut. Dennoch erkannten die beiden Kinder den schweigsamen Schmerz, der wie schwere Last diesen Rücken krümmte. Dem Brosi wurden die Augen feucht, und der Tonele fragte herzlich: »Waldrauscher? Tust röhren?« Langsam hob der Alte das Gesicht und schüttelte den Kopf. Stumm richtete er sich auf; als er mit den geblümten Waldrauschbündeln seinen Rücken zu beladen anfing, lächelte er schon wieder, beugte sich plötzlich zu dem kleinen Brosi hinunter und sagte: »Büeble, du hast Herrgottsaugen. Was einer sieht mit söllene Augen, so ebbes is nie verlogen. Tu dir die rotgoldenen Flügerln net ausreden lassen! Du und ich, wir zwei haben s' gsehen! Gelt?« Dann belud sich der Alte schweigend mit dem Rest der grünen Bündel, bis man unter dem blühenden Rankenwerk nur noch das braune Faltengesicht mit den grauen Haarsträhnen und den leuchtenden Augensternen sah. Nun beugte er sich wieder zum Brosi hinunter und flüsterte in einer Sprache, die fast wie Hochdeutsch klang: »Daß von der Großen Not das weiße Prinzessel gekommen ist, das kann dir keiner besser sagen als ich. Und die Große Not hat eine Mutter. Die heißt man die Heiligste Freud.« Kein Schritt war zu hören, nur ein leichtes Geraschel, als der Waldrauscher durch das goldene Lichterspiel davonwanderte. Lange standen die beiden Knaben auf der gleichen Stelle, der Tonele verwundert, der kleine Brosi mit glänzendem Blick. Wieder jenes sanfte Läuten in weiter Ferne. »Komm!« sagte der Tonele. »Wir müssen heim. Sie tun schon zwölfe läuten.« Er nahm den Kameraden bei der Hand und führte ihn aus dem tiefen Wald hinaus auf die sonnige Wiese. Draußen unter dem lachenden Blau sagte Brosi: »Der Waldrauscher muß schon einmal im Himmel gewesen sein. Weil er so heilig schauen kann.« Das hörte der Tonele nicht; er spähte nach einem Wege. Weil ihm das blumige Gras hinaufreichte bis über die Hüften, sah er nicht weit. Aber ein leises Rauschen vernahm er hinter dichten Erlenstauden. »Sell drüben, wo der Bach geht, muß a Wegl sein.« Sie kamen zu einem schmalen Steige. Was sie sahen, war nicht schön. Ein wüstes, an die zweihundert Schritte breites Kiesbett, öd und weißgrau, war durch das blühende Land gerissen. Zwischen klotzigem Geröll suchte ein kleiner, in der Sonne gleißender Bach mit sanftem Rauschen seinen Weg. Dieses freundliche, harmlos scheinende Wasser konnte nach schweren Gewittergüssen ein tobender Flutenriese werden, dessen Lust und Freude die Zerstörung war. Dann stürzten die schäumenden Gießbäche von der Großen Not herunter, und so breit, wie das Kiesbett sich dehnte, rauschte ein gewaltiger, schlammgrauer Strom einher, dessen Tosen die an seinen Ufern hausenden Menschen zittern machte. Überall zwischen dem kahlen Geröll sah man die Spuren der Verwüstung, die das Wildwasser im verwichenen Herbst nach einem Wolkenbruch angerichtet hatte. Halbe Wiesen waren davongerissen, große Felder mit Schutt übergossen; von den Uferstellen hingen absterbende Bäume schief über den kahlen Bachlauf; in großen Kieslöchern waren zerrissene, mit trockenem Schlamm überkrustete Holzblöcke zusammengeschwemmt; zwischen Dachsparren glänzte rostrot eine zerquetschte Ofenröhre; ein zerdrückter Türstock war unter Felsklötzen eingeklemmt; und aus einem lichtgrünen Wassertümpel schimmerten gebleichte Tierknochen herauf, ein zerfallenes Gerippe. Von der Wirbelsäule starrten wie große Gabelzinken noch einige Rippen in die Höhe, und an diesem unheimlichen Rechen hatte sich allerlei Zeug gefangen, gelbliche Moosfladen, bunte Kleiderfetzen und welkes Rankenwerk. Wie ein schöner, leuchtender Spiegel lag die ruhige Wasserfläche darüber her. »Tonele«, sagte der kleine Brosi, »guck, da drunt im Wasser, da hockt das Totenmännle!« »Geh, du! Was du alles siehst!« Der Tonele zog die Brauen zusammen. »Dös is doch bloß von einer Kuh. Die is versunken, selbigsmal, wie das große Wasser meinem Bruder den Stadel vertragen hat und sieben Schaf.« Im blonden Köpfl des Brosi erwachte die Erinnerung an jenen bösen Wettertag im letzten Herbst. Die ganze Nacht hatte er nicht schlafen können. So wild hatte der zum Strom gewordene Bach gerauscht. Und am Morgen hatte der Knabe vom Fenster seines Stübchens nicht mehr wie sonst die Gärten und die grünen Wiesen gesehen, sondern ein graues Gewoge von Schlamm und Wasser, das fast die ganze Breite des Tales füllte. Von überall kam das Geschrei der Leute. Dann wurde der Vater von einem weinenden Menschen irgendwohin gerufen und kam erst spät am Abend wieder zurück, ernst und schweigsam. Vier Tage später, als sich das Wildwasser wieder verlaufen hatte, hörte der kleine Brosi den ganzen schönen Vormittag das Geläut der Glocken. Und der Kirchhof, bis zu dem er vom Fenster seines Stübchens hinübersehen konnte, war schwarz von Menschen. Sieben Särge, vier große und drei kleine, hatte man damals hinuntergesenkt in die kühle Ruhe. Ernst blickte Brosi auf den stillen, schimmernden Wassertümpel, unter dessen Spiegel das Gerippe lag. Dann sah er über das Tal hinaus gegen den Waldkessel unter der Großen Not, in deren Schluchten die Rinnsale des Wildbaches lagen. »Tonele! Wenn ich groß bin, tu ich eine Mauer machen, wo das böse Wasser kommt. Da kann das Wasser nimmer heraus. Und kann die Leut nimmer tot machen.« Der Tonele lächelte. »Geh, komm! Wir müssen heim.« »Wirst sehen, ich tu's! Und die Mauer tu ich so groß machen, daß sie größer ist als der größte Berg.« Mit den Fäusten in den Hosentaschen hatte sich Tonele in Trab gesetzt, und nach einer Weile zappelte Brosi atemlos hinter ihm her. Plötzlich blieben die Knaben stehen und lauschten. Zwischen Obstbäumen stand ein kleines Haus an der Straße. Von diesem Haus herüber klang das gellende Geschrei einer weiblichen Stimme. Erschrocken sahen sich die Knaben an. »Jesus, Maria!« stammelte Tonele. »Was ist denn dös?« Er fing zu rennen an, quer über die Wiese hinüber, dem Haus entgegen. Brosi, dem der Schreck das Gesichtl weiß gemacht hatte, lief dem Tonele nach. Als er das Gehöft erreichte, sah und hörte er, was er nicht verstand. Im Haus noch immer das gellende Geschrei. Doch neben der Tür, auf einer von der Sonne umfluteten Hausbank saß eine vierzigjährige, magere Frau, regungslos, mit den Fäusten auf den Knien, den grauen Kopf gebeugt, als hielte sie ein Schlummerstündchen. Immer wieder die martervollen Schreie in der Stube, deren Fenster offenstanden. Die Frau auf der Holzbank rührte sich nicht. Dann kam aus der Tür ein behäbiges Weib heraus, zwischen den Händen eine große irdene Schüssel; das Weib ließ die Schüssel am Brunnen mit Wasser vollaufen. Und der kleine Brosi fragte mit zerdrücktem Stimmchen: »Weible? Muß da drin im Haus eins sterben?« Das Weib schmunzelte. »Sterben? Was dir einfallt, Büberl! Lebig will eins werden.« Mit der triefenden Schüssel ging das Weib zur Tür und sagte ein paar leise Worte zu der Frau auf der Bank. Die schien nicht hören zu wollen, sondern drehte den Kopf auf die Seite. Da konnte der kleine Brosi sehen, daß ihr vergrämtes Gesicht von Tränen glitzerte. Ratlos guckte er den Tonele an. Der sagte mit der Ruhe eines reifen Menschen: »Dös is die Weiserin. Die is bei der Nachberin auch gwesen in der fürigen Woch, wie unser Nachberin das Kindl kriegt hat. Und die Nachberin hat grad so schreien müssen. Die Mutter hat gsagt, der Kindlesvogel tät beißen.« Mit Geknatter und vor einer goldig leuchtenden Staubwolke kam eine kleine Kutsche die Straße hergefahren und hielt vor dem Gehöft. Ein schlanker, blondbärtiger Mann in schwarzem Beinkleid und mit grauer Joppe sprang aus dem Wägelchen, das er selbst kutschiert hatte, und band die Zügel des schwitzenden Braunen an die Bretterplanke; dann schob er den gelben Strohhut zurück, warf eine wollene Decke über den Rücken des Pferdes, nahm eine schwarze Ledertasche aus dem Wagen heraus und ging auf das Haus zu. »Grüß Gott, Wildacherin!« sagte er zu der Frau auf der Bank. »Bin ich nötig?« Die Frau nickte. Und der Doktor trat ins Haus, aus dem die gellenden Schreie klangen. Beim Brunnen hatte sich der kleine Brosi, als er den Vater kommen sah, mit glühendem Gesichtl und schlechtem Gewissen hinter den Trog geduckt. Der Tonele fand gleich das Praktische an der Sache heraus. »Jetzt kannst heimfahren, Brosle! Da brauchst nimmer laufen.« »Du auch nimmer! Ich tu dich mitnehmen.« Brosi ging seinem Kameraden voran auf die Kutsche zu und kletterte zu dem schwarz glänzenden Ledersitz hinauf. – »Komm! Steig ein!« »Ich tu derweil auf den Bräunl aufpassen.« Tonele legte die eine Hand an die festgebundenen Zügel und begann mit der andern vom Straßenrain Gras zu rupfen, das er dem Braunen hinreichte. Ein schriller, Mark und Bein durchdringender Schrei. Dann war es still in dem kleinen Haus. Nach einer Weile sagte der Tonele nachdenklich: »Jetzt muß der Kindlesvogel fortgeflogen sein!« Brosi guckte träumend in die blaue, leuchtende Luft. Und flüsterte plötzlich: »Ich hab ihn fliegen sehen. Ganz weiß ist er gewesen. Und rote Flügel hat er gehabt.« Auch der Tonele spähte ins Blaue hinauf. Er sah nur die Schwalben fliegen. Und keine Ahnung seiner sieben Sommer sagte ihm, daß die blaue Sonnenstunde das Schicksal seines Lebens geboren hatte. Es dauerte länger als eine Stunde, bis Doktor Lutz wieder aus dem kleinen Hause trat. Hinter ihm kam die Weiserin und trocknete an ihrer Schürze die Hände. »Wildacherin!« sagte der Doktor zu der Frau, die auf der Hausbank saß. »Jetzt wär es an der Zeit, daß Ihr hineinschauen solltet in die Stub. Euer Mädel hat aufmerksame Pflege nötig. Und seht Euch das liebe Enkelkindl an, das Ihr bekommen habt. Dann wird Euch das Herz schon leichter werden.« »Ich sag's allweil!« fiel die Weiserin mit fetter Stimme ein. »Wegen so ebbes so an Spiktakel hermachen! D' Wildacherin tut, als ob so was in der Welt noch nie passiert wär. D' Eva im Paradeis is auch von keim Pfarr net kopuliert gwesen, wie sie 's erste Kindl kriegt hat. Dös hat ihr in die sechstausend Jahr schon oft eine nachgmacht.« Dieser Weisheit zum Trotze drehte die Wildacherin wieder das Gesicht auf die Seite, blickte gegen das Kiesbett des Baches hinüber, bekreuzte sich und murmelte: »Der hat's gut, jetzt!« Sie meinte ihren Mann, den im vergangenen Herbst jenes große Wasser aus dem Leben hinausriß, als er ein ertrinkendes Schaf hatte retten wollen. »Nur Mut, Frauerl!« sagte Doktor Lutz. »Das Leben ist halt so, daß es einmal wohltut und das andermal weh. Aber es versteht sich aufs Umkehren wie ein guter Fuhrmann. Euer Kummer von heut wird ein Weg zu Freuden sein! Wenn ich abends komm und find Euch nicht am Platz, an den Ihr als Mutter und Großmutter hingehört, dann werd ich saugrob. Verstanden?« Während der Doktor zur Straße ging, hielt er der Weiserin eine Predigt über Reinlichkeit und Wöchnerinnenpflege. Außer Hörweite der Wildacherin fragte er leise: »Wer ist denn der Vater?« »A Stadtischer, sagt 's Madl. Und weiß net amal, wie er gheißen hat. So Malersachen hat er bei ihm tragen, und die Große Not hat er abgmalen in der Mondscheinzeit, sagt 's Madl. Und da is er amal auf d' Nacht zu ihr in d' Almhütten kommen. A taubengraus Filzhütl hat er aufghabt, sagt 's Madl.« »Ach du lieber Himmel! – Mondschein! Mondschein!« Als Doktor Lutz zu seinem Wägelchen kam, fand er seinen Jungen auf dem Lederpolster. »Bürscherl? Wie kommst denn du daher?« Brosi hatte den guten Einfall, dem Vater die Ärmchen um den Hals zu legen. »Gelt, Papi, der Tonele darf mitfahren?« »Freilich! Steig nur auf, Tonerl! Aber so weit darfst du mir den Buben nicht mehr fortschleppen von daheim.« Der Tonele lächelte. Schweigend nahm er alle Schuld auf sich. In der Frühlingssonne fuhren sie durch das blühende Tal. Weil das Wägelchen schmal war, hatten sie zu dreien nebeneinander nicht Platz; Brosi mußte auf dem Schoß des Tonele sitzen, der seinen Schutzbefohlenen mit den Armen umschlossen hielt. Doktor Lutz, der sonst mit seinem Buben gern schwatzte, war wortkarg und blickte beim Kutschieren sinnend vor sich hin. Ganz unvermittelt sagte er aus diesem Schweigen heraus: »Ach ja, der Mondschein!« Verwundert guckten die zwei Jungen in die Luft. Und Brosi sagte: »Aber, Papi, da droben scheint doch die Sonn!« Jetzt lachte der Vater, sah seinen Buben zärtlich an und merkte, daß am Brosi etwas nicht in Ordnung war. »Bürscherl? Wo hast du denn schon wieder deine Strümpf und Schuh?« Dem Knaben flog es heiß über das Gesichtl. »Sei nicht bös, Papi! Ich weiß nimmer, wo ich sie ausgezogen hab.« »So? Und was wird da die gute Mutter wieder sagen?« »Ach, Papi, das Barfußlaufen ist so schön!« »Mein liebes Bürscherl! Schön ist viel im Leben. Aber das Schöne ist nicht immer vernünftig. Willst du im Leben nur immer tun, was schön ist, so wirst du bluten an Leib und Seel'.« Brosi sah den Vater mit großen Augen an. »Aber schön wird's sein!« Lächelnd guckte er auf seine Füßchen hinunter und fühlte in seiner Kinderseele was wunderbar Großes, als er die kleinen Blutflecken gewahrte, die in dem grauen Staub an seiner Zehe vertrocknet waren. Doktor Lutz, dem der Bräunl zu schaffen machte, hatte keine Ahnung von dem Eindruck, den sein pädagogisches Sprüchl im Herzen des Jungen hervorgerufen hatte. Auch der Tonele war mit seinen klugen Gedanken weit von allem, was in der Seele des kleinen Brosi träumte. Er schlang die Arme noch fester um seinen Schoßgesellen und flüsterte ihm ins Ohr: »Mußt dich net fürchten, Brosle! Ich hab deine Schuh und Strümpfln unter der Bachbrucken auf an Balken auffiglegt. Da findst es leicht.« Nachdenklich fügte er noch bei. »Brudern hast kein'! Und 's Mutterl schlagt net, weißt!« Brosi hörte nicht. Er hatte was zu schauen. Die Kutsche fuhr an einer langen Mauer hin, die mit roten Ziegeln gedeckt und durchsetzt war und von zierlichen Säulen, auf denen steinerne Kugeln in der Sonne schimmerten. Schlanke Wipfel und schöne Baumkronen lugten über die Mauer; das waren Bäume, wie sie sonst im Tal nicht wuchsen. Der frühlingsgrüne Park war wie ein kleines, fremdartiges Reich zwischen die Berge gestellt. Die Kutsche fuhr an einem großen, schmiedeeisernen Tor vorbei. Das war geschlossen. Hinter dem schwarzen Schnörkelwerk und den Gitterstäben des Tores sah Brosi, dem die blauen Augen leuchteten, was Schönes erscheinen und verschwinden: einen langen, goldglänzenden Weg, der zwischen hohen Bäumen wie nach der Schnur gezogen war; Blumen in brennenden Farben säumten diesen Weg; und in der blau glänzenden Tiefe des Parkes schimmerte zwischen den hohen Wasserpalmen zweier Fontänen ein silberweißes Schlößchen. Nun war dieses Schöne wieder versunken hinter der steinernen Mauer. Im kleinen Brosi wurde alles lebendig, was er an diesem Morgen gesehen hatte, die goldgelbe Schlange im dunkeln Wald, die schneeweiße Prinzessin mit den rosenroten Flügeln und der singende Waldrauscher. Das Hälschen streckend, blickte der Knabe zur Großen Not hinauf und sagte: »Papi, ich kann ein Lied.« »Soooo?« Der Vater lachte. »Pfeif los!« Mit suchendem Klang, der beim Gerüttel des Wagens immer ein bißchen trillerte, fing Brosi zu singen an:     »Der Wald ist kein Wald net, Der Bach ist kein Bach, Und d' Nacht is kei' Nacht net, Und 's Dach ist kein Dach –« Da unterbrach ihn der Tonele: »Net Dach heißt's. Es heißt Sach.« Brosi korrigierte: »Und 's Sach ist kein Sach. Und 's Kalte ist kalt net Und 's Heiße net heiß, Und alles ist anders, Als wie's einer weiß.« Der kleine Sänger stockte. »Du, Tonele, wie geht's weiter?« Mit klugspöttischem Lächeln sang Tonele:         »Und zwoa san an oanzigs Und tausend san zwoa, Und dö haben oan Schnaufer, Oan Lacher, oan Schroa. Drei Stoaner, drei Bleameln –« »Wart ein bisserl!« rief Brosi in Erregung. »Jetzt kann ich's wieder –   Drei Steiner, drei Blümerln, Drei Mucken, drei Leut, Ist alles ein Wehdam, Ein Leben, ei' Freud!« Mit glänzenden Augen sah der Bub zum Vater auf. Der Tonele runzelte die Stirn und sagte: »Gelten S', Herr Doktor, dös Liedl is doch ebbes Narrets?« Doktor Lutz gab dem Tonele keine Antwort. Eine Weile sah er nachdenklich das lachende Gesicht seines Buben an. Dann sagte er: »Das hast du wohl vom Waldrauscher gehört?« »Ja, Papi.« »Merk dir das Liedl! Wenn du um zwanzig Jahr älter bist, sollst du drüber nachdenken.« Der Tonele machte ein verwundertes Gesicht, streckte den Hals und guckte mit Sorge über die grünen Gärten nach einem roten Dach, das immer näher kam. Das war das neue Dach seines Elternhauses, des alten Lahneggerhofes, in dem die verwitibte Bäuerin seit vier Jahren mit ihren beiden Buben wirtschaftete, mit dem Tonele und dem fünfzehnjährigen Krispin. Zwei Töchter waren als Kinder verunglückt; auf der Wiese, die sich hinter dem Haus gegen den nahen Berghang hindehnte, hatten die zwei Kinder im ersten Frühling Himmelsschlüssel gepflückt, als die Lawine kam, die ›Lahn‹, von der seit alten Zeiten der Lahneggerhof seinen Hausnamen hatte. Im Kirchbuch standen die Lahneggerleute mit ihrem Familiennamen eingeschrieben: Annamaria, Krispinus und Anton Sagenbacher. Auch ein Name, der seine Geschichte hatte. Vor Zeiten, an die sich niemand mehr erinnerte, hatten die Vorfahren des Tonele an einem Bache gehaust, der eine Säge trieb. Als die Wildwässer der Großen Not dieses Haus mitsamt der Säge eines Tages mitgenommen hatten, waren die Sagenbacher hinübergesiedelt in den ausgestorbenen Lahneggerhof. Da waren sie sicher vor dem Wasser. An die Lawine, die in jedem Frühjahr übers Lahneck herunterfiel und immer nur bis in die halbe Wiese rollte, hatten sie sich gewöhnt. Heuer war die Lawine in den letzten Apriltagen gefallen. Trotz der warmen Maisonne sah man hinter den Obstbäumen des Gartens in den schattigen Schluchten des Berghanges noch massige Schneewälle liegen, so weiß, wie die Mauern des Hauses waren. Ein stattliches Gehöft. Wohnhaus, Ställe, Hof und Garten gut erhalten. Tonele war schon auf die Straße gesprungen, noch ehe der Wagen hielt. »Vergelt's Gott!« rief er zum Doktor hinauf. Und zum Brosi: »Gelt, deine Strümpf und Schuh, die liegen unter der Bachbruck.« Er huschte in den Hof und spähte. Im Gemüsegarten sah er die Mutter bei der Arbeit; ihr rotes Kopftuch leuchtete zwischen dem Heckengrün wie eine große, feuerfarbene Blume. Der Tonele wollte zu ihr hinüberspringen. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen, bleich bis an den Hals. Aus der Haustür kam der Krispin heraus und stapfte mager, lang und grobknochig auf den Tonele zu, ein Fünfzehnjähriger, der seit dem Tod des Vaters die Gewohnheit angenommen hatte, in Gang und Sprache den erwachsenen Mann zu spielen. »Du Lausbub, du gottverfluchter! Wo bist denn schon wieder blieben so lang?« Ein grober Schlag. Dem Tonele brannte die Wange. »An andersmal kommst heim, bal's Zeit zum Essen ist!« Der Krispin lenkte seinen Männerschritt nach den Ställen. In Zorn griff der Tonele zu Boden und faßte einen Stein. Er hob den Arm und wollte werfen. Da kam die Lahneggerin wie eine Irrsinnige aus dem Garten herausgefahren. Der Tonele, als er die Mutter sah, ließ den Stein zu Boden fallen. »Komm!« sagte die Mutter mit erwürgtem Ton, führte den Buben in die Stube, und als er auf der Bank saß, legte sie den Arm um seinen Hals, schob das rote Kopftuch in den Nacken zurück und schmiegte das früh gealterte Gesicht an das Haar ihres Jüngsten. Dabei wurde sie ruhiger. »Tu dich net kümmern! Der Liebere bist mir du.« Sie brachte ihm das Essen und blieb schweigend neben ihm sitzen, bis er den letzten Bissen hinuntergewürgt hatte. »So! Jetzt gehst auffi zum Herrn Pfarr! Und sagst es ihm.« Der Tonele schüttelte den Kopf. »Lieber mag ich der Mutter im Garten helfen.« Er wischte mit dem Arm den Mund ab und ging aus der Stube. Die Lahneggerin schien eine Weile nachdenken zu müssen, bis sie das Wort ihres Buben verstanden. In ihren müden Augen erwachte ein warmer Glanz. Der schwand, als sie draußen im Hof dem Krispin begegnete. Mit beiden Fäusten faßte sie den langen Menschen an der Brust. »Du! Ich sag dir's zum letzenmal! Dös tust mir gut sein lassen! Den Buben schlagst mir nimmer! Du!« Krispin streifte die Hände der Mutter von sich. »Soso?« sagte er mit der Ruhe eines reifen Mannes. Und trat ins Haus. 2 Sieben Jahre später. An einem brennenden Sommertage. Schon gegen Abend. Das Licht hatte noch klare Helle, noch keinen rötlichen Schimmer. Rein wölbte sich der Himmel über die grünen Berge, mit tiefem Blau, das am tiefsten leuchtete, wo die kahlen Felswände der Großen Not in die Höhe stiegen; sie waren nach der Trockenheit der letzten Tage silberweiß. Bläulicher Dunst lag um die sonnigen Wälder; über den Haferfeldern und über dem breiten Kiesbett der Wildach zitterte die Luft vor Hitze. Auf einzelnen Wiesen wurde schon das zweite Heu geerntet; das hauchte mit dem sanft spielenden Winde seinen Duft über das sonnenschwüle Tal hinaus. Ein Leiterwagen, hoch mit Grummet beladen, rollte unter Gerassel am kleinen Haus der Wildacherin vorüber und schwankte die Straße einher. Neben den dampfenden Pferden ging in Hemdärmeln ein lang aufgeschossener, derbknochiger Bursch. Der Krispin Sagenbacher vom Lahneggerhof. Ein Zweiundzwanzigjähriger. Etwas Unfreundliches war in dem glattrasierten, dunkelgebräunten Gesicht, in den flinken, hungrig blickenden Augen, die bei allem, was sie betrachteten, zu sagen schienen: Das möcht' ich haben! Zwischen den dicken Brauen war von der Stirn eine Zornfurche gegen den Nasenrücken hingeschnitten. Aber die gute Ernte dieses Tages und der Sommerglanz, der sich zu einem schönen Abend hinüberkühlen wollte, schien auch in Krispin Sagenbacher so etwas wie träumende Lebensfreude geweckt zu haben. Immer wieder ließ er die Peitsche knallen und sang mit gellender Stimme ein Liedchen in die Sonne hinaus, eins von den kleinen, wunderlichen Liedern, die das Dorf vom Waldrauscher gelernt hatte. Plötzlich stellte er das Singen ein, blieb auf der Straße stehen, und während die Pferde weiterzogen, drohte er mit der Peitsche über die Wiesen hinüber gegen den von Weiden umschleierten Lauf eines Altwassers und fing ein lästerliches Fluchen an. Unter allen unchristlichen Schwüren versprach er dem ›kotzmiserablen Tagdieb‹, der da drüben beim Wasser flink hinter die Stauden gesprungen war, zum Abend eine Tracht Prügel, so ausgiebig, daß dem Toni ›die Seel aus dem Faulpelz fahren‹ sollte. ›Bluathimisakra! Unsereins schindt sich von der Fruh bis auf d' Nacht. Und so a Muckenschnapper lackelt beim Wasser umanand und stiehlt unserm Herrgott den Tag und a lausigs Fischl ab. Bluathimisakra! Weil ihm d' Mutter vor unsinniger Affenlieb alles hingehn laßt! Aber wart nur, du! Heut kommst mir mit graden Knochen nimmer ins Bett!‹ Bei dieser brüderlichen Verheißung befiel den Krispin Sagenbacher ein heiliger Bauernschreck, weil die Pferde mit dem Heufuder unter einen großen, die Straße überschattenden Ahorn geraten waren, dessen Äste sich gegen die hohe Ladung spreizten. Jähzornig trommelte Krispin mit der Peitsche auf die beiden Tiere los. Unter Schnauben machten die Pferde eine gewaltsame Anstrengung, und während in der Ahornkrone die brechenden Äste krachten, ging von dem abgestreiften Heu ein dicker, blaugrüner Regen in den Straßengraben nieder und überschüttete ein siebenjähriges Kind und einen weißen Spitz. Der Sagenbacher fluchte. Er hätte gern das verlorene Heu wieder gesammelt. Aber der Wagen rasselte davon, und die halb scheu gewordenen Pferde rissen den sakramentierenden Burschen an den Leitsträngen mit sich fort. Bellend sprang der weiße Spitz unter dem Heu heraus, das ihn zugedeckt hatte. Und das flinke, schlanke Mädelchen, das weder über den wackelnden Lastwagen noch über den fluchenden Krispin erschrocken war, schüttelte lachend die grauen Heubüschel und das grüne Blätterzeug von sich ab und fing mit dem klaffenden Hund ein lustiges Hetzen und Jagen an. Gleich einer feinen Elfengestalt, die sich zu bäuerlicher Maskerade mit einem groben Leinenhemdchen und einem kurzen Röckl bekleidet hatte, flog das zierliche Figürchen mit dem tollenden Spitz um die Wette über die Straße hin und her. Glühende Röte brannte auf dem hageren Gesichtl, in dessen großen Braunaugen ein frohes Leben strahlte. Das offene, kupferdunkle Haar umwirbelte beim Lauf das dünne Hälschen, wirrte sich um die schmalen Schultern und hüllte mit seinem dichten Gezaus das Gesicht des vor Freude jauchzenden Kindes immer wieder in einen sonnig schimmernden Schleier. Die Jubelschreie der Kleinen und das Gebell des Hundes klangen über die blumige Wiese und über das Altwasser hinüber. Die beiden Knaben, die jenseits des Wassers hinter dem Erlengebüsch hervortraten, schienen des lustigen Spektakels, der von der Straße herüberscholl, nicht zu achten. Der jüngere von den zweien, ein zwölfjähriger schmuckes Bub mit gestutztem Blondhaar und in städtischer Kleidung blickte stumm an seinem Kameraden hinauf. Dieser Vierzehnjährige, der die Tracht des Dorfes trug, war fast schon ein Erwachsener, schlank aufgeschossen und sonnverbrannt, mit einem strengen, trotzigen Gesicht, in den Augen jene Schwermut, die aus widerwillig ertragenen Leiden wächst. An der linken Schläfe hatte er ein gelbliches Mal wie von einem Schlag, dessen Spur noch nicht völlig verschwunden ist. Der junge Rücken zeigte eine leichte Beugung. Dennoch schien in diesem Knabenkörper feste Kraft zu stecken. Die Arme, an denen die Hemdärmel aufgekrempelt waren, und die nackten Beine, die stramm aus den Schäften der kurzen Lederhose herauswuchsen, sahen sich an wie aus lichtbraunem Stein geformt. Etwas Männliches war in seinem ruhigen Schritt, als er an das Ufer des leuchtenden Wassers hintrat und zur Straße hinüberblickte, wo der rasselnde Heuwagen hinter einem Buchenwäldchen verschwunden war. »Tonele?« fragte der Jüngere. »Tust du dich fürchten vor ihm?« Der andere schüttelte den Kopf. »Eigentlich hat er recht. Es wär gscheiter, ich tät schaffen im Heu. Aber d' Mutter vertragt die grobe Kost nimmer. Am besten tut ihr allweil noch a Bröckl Fisch.« Er hob eine leere Gießkanne aus dem hohen, blumigen Gras. »Heut hab ich gmeint, sie beißen, weil sich der Abend so fein hermacht. Und hab mir denkt, ich könnt der Mutter ebbes heimbringen. Aber nix und wieder nix! Komm, Brosle! Schauen wir nach der letzten Angel!« In der Sonne, die schon lind und goldig wurde, gingen sie an dem stillen Altwasser hin, das an den Ufern seicht und in der Mitte mannstief seine brunnenklaren Fluten langsam talwärts drängte über einen bald mit blanken Steinen ausgelegten, bald mit wunderlichem Kraut bewachsenen Grund. Die Blätter und Ranken dort unten strebten mit ruhelosen Bewegungen dem fast unmerklichen Zug des Wassers nach, als hätten sie Sehnsucht nach einer fernen Heimat, zu der sie nimmer gelangen konnten, weil sie in der Fremde festgewurzelt waren. Wo die Erlenbüsche ihre dunklen Schatten über das Wasser warfen, war ein geheimnisvolles Dämmern in der Flut; unter freiem Himmel spiegelte der stille Bach das Bild des Ufers und der nahen Berge mit den goldsonnigen Wäldern und den silberblinkenden Steinzinnen. Ein Flug von zahllosen Mücken ging über das Wasser hin. Bald hier und bald dort stand unbeweglich eine Forelle in der Flut, um plötzlich mit weißem Blitz nach einer Fliege aufzuspringen. »Genug tät's geben!« meinte der blonde Brosi. »Warum nur keine gebissen hat?« »Die Fisch haben Fraß, soviel, wie s' mögen. Döß muß so sein. Im Winter müssen die Viecher viel leiden. Aber einmal im Jahr hat jedes Tierl gute Zeit. Bloß die Menschenleut haben kein' Fried bei Tag und Nacht. Sommer und Winter, alles is an einzigs Wehtun.« Der Toni klammerte die Faust um den Henkel der leeren Gießkanne; seine Stimme wurde tiefer und zitterte. »Ich laß mir's nimmer länger gfallen. Bal mir der Krispi kein' Fried net gibt – meiner Seel, ich weiß net, was ich tu!« Brosi schien plötzlich eine aufregende Sache zu erspähen. Ganz bleich wurde er, streckte den Hals und stammelte: »Da muß einer hängen. Schau nur, wie's Rütl zuckt!« Auch Toni hatte die schlagende Gerte gewahrt, die im Rasen des Ufers stak und über den Bach hinausragte. Die ganze Schnur war von der Weidengabel der Legangel abgehaspelt, spannte sich straff gegen das Wasser hin – und da drunten zerrte und zuckte was mit wilden Kräften an der ruhelos nach allen Seiten fahrenden Leine. Schreiend und vor Aufregung zitternd fingen die zwei Buben zu rennen an, der Toni kam mit langen Sprüngen voraus, und während er die Gießkanne in die Wiese schleuderte, kreischte er: »Mar' und Joseph! Brosle! Da hängt a Walfisch! Jesus, Jesus! So an Endstrumm Fisch! Den derlupfen wir zwei net aus'm Bach. Herr Jesus, Jesus! Und d' Mutter kunnt vierzehn Täg dran speisen. Brosle, was machen wir? Mar' und Joseph!« Auch Brosi sah im Wasser den großen, wütend umherschießenden Fisch. Ein Walfisch war es freilich nicht, sondern ein Huchen, der seine fünfzehn Pfund und darüber wiegen mochte und sich von irgendwoher in das stille Altwasser verirrt hatte. Es gehen sonst die Huchen zur Sommerszeit nicht an die Angel. Aber mit manchem Tier geht es nicht anders als manchmal mit einem Menschen, der sein klares, geregeltes Leben hat und jäh von einer folgenschweren Torheit befallen wird, so daß er gegen Art und Gewohnheit handelt, aus dunklem Trieb sein sicheres Leben zerstört und sein Herz an eine brennende Angel spießt, um sich in Qual zu verbluten. Ein paar Sekunden standen die zwei Buben ratlos, bis der Toni in Freude grillte: »Der kommt nimmer aus! Die ganze Angel hat er geschluckt. Und d' Schnur is fest. Die hab ich selber gflochten. Komm her, Brosle, packen wir's an!« Er spuckte in die Hände und haschte die fahrende Leine. »Jetzt muß er aussi! Und wann er an Zentner wiegt.« Brosi griff mutig zu, und der Toni nahm die Schnur über die Schulter und fing zu ziehen an. Der Huchen, als er den härteren Zug der Leine spürte, verdoppelte die Kraft seines Widerstandes, sprang auf und tauchte, surrte rasend umher und schlug, daß sich das stille, klare Wasser verwandelte in ein trübweißes Gewirbel. Ein paarmal gelang es dem Buben, den Fisch bis auf den seichten Sand des Ufers herzuzerren; sobald der Huchen den festen Widerhalt des Grundes fand, schlug er sich wieder zurück ins tiefere Wasser mit solcher Gewalt, daß die beiden Fischer taumelten und nachgeben mußten. »So geht's net!« schrie der Toni. »Halt fest, Brosle! Ich spring ins Wasser eini.« Kaum hatte er die Hände von der Schnur gelassen, als Brosi schon ins Gras gerissen wurde und ein paar Purzelbäume schlug; keinen Laut ließ er hören und ließ auch die Leine nicht fahren, obwohl sie ihm rote Striemen in die kleinen Fäuste schnürte. »Mar' und Joseph!« kreischte Toni, haschte die Schnur und schleppte den Huchen wieder her gegen den seichten Sand. Weil er merkte, daß der Widerstand des ermatteten Fisches zu erlahmen anfing, schrie er: »Ich allein derhalt ihn schon! Herrgott, wird d' Mutter lachen! Bloß nachlupfen müßt einer a bißl. Spring eini, Brosle, spring eini ins Wasser! Und bei die Keam mußt ihn packen! Bal ihm der Schnaufer ausgeht, laßt er sich leicht derlupfen.« In Hast und wortlos zerrte Brosi die Kleider vom Leib, patschte in den Bach und griff mit beiden Armen zu. Das seichte Wasser wurde schlammig, ein Gewirbel dicker Tropfen spritzte in die rot werdende Sonne, und Toni, während er die Leine gespannt hielt, konnte bei diesem pritschelnden Wasserkampfe nicht erkennen, ob der Huchen oder der Brosi unten lag. Das ging wirr durcheinander, dieses Weiße des ringenden Knabenkörpers und dieses Silbrige des kämpfenden Fisches. Plötzlich begann Brosi, der nur das kreidebleiche Gesichtl über Wasser hatte, zwischen Husten und Schlucken zu zetern: »Ich kann nimmer, ich muß auslassen.« »Mar' und Joseph!« stammelte Toni. »D' Mutter kriegt kein' Fisch, bald auslassen tust!« Da hörte er vom andern Ufer her ein vor Erregung gellendes Stimmchen: »Tu net auslassen! Pack ihn fest! Ich komm und hilf.« Unter Zerren und Ziehen guckte Toni flüchtig auf. Während ein Hund wie närrisch kläffte, glitt was Feines, Weißes und Zierliches vom grünen Ufer ins Wasser. Das kam mit flinkem Geplätscher immer weiter durch den Bach herüber, leuchtete rot in der Sonne, schimmerte silbergrün im Wasser, tauchte völlig unter, kam wieder in die Höhe, zappelte wie ein Pudel über die Tiefe weg, hob die vom triefenden Haar umhüllten Schulterchen, und während der weiße Spitz mit heiserem Gebell seiner kleinen, mutigen Herrin nachgeschwommen kam, watete das Mädchen unter Lachen durch das seicht werdende Wasser auf den Brosi zu. Jetzt lagen die zwei nackten Kinder in dem aufgewühlten Sand, hielten den Fisch umklammert und schrien um Beistand, obwohl sich der Huchen nicht mehr rührte. Toni erkannte, daß der Fisch nimmer schlug, ließ die Leine fahren, sprang ins Wasser, packte den Huchen mit beiden Fäusten am aufgespreiteten Kiemendeckel und zog die mächtige Beute mitsamt den beiden Kindern, die den Fisch noch immer umklammert hielten, auf die blumige Wiese. Nun befiel alle drei die lärmende Freude des Sieges. Unter aufgeregten Reden standen und kauerten sie, von Wasser triefend, um den Huchen her, dem ein heftiges Zittern über die silberne Haut und durch die Flossen rann, während er wie ein schimmernder Pfahl im Grase lag und mühsam mit den Kiemen arbeitete. Das Leiden des Fisches, die Qual der Angel in seinem Schlund und das martervolle Ersticken eines aus seinem Element gerissenen Geschöpfes – dieses Harte kam den Kindern mit keinem Gedanken zum Bewußtsein. Sie freuten sich des seltenen Fischzuges, waren vom Erfolg berauscht, und Brosi baute das ruhmvolle Erlebnis flink zu einem Wunder aus, von dem alle Menschen noch reden müßten nach undenkbaren Zeiten. Nur Toni blieb noch leidlich bei klarem Verstand und begann, das Gewicht und den Wert des Fisches abzuschätzen. Mit den zwanzig Pfund, die er schätzte, war Brosi nicht zufrieden. Der schwor auf einen Zentner. Den Brosi übertrumpfte noch die kleine Dirn, die sich gebärdete, als hätte sie verzauberten Wein geschlürft. Keinen Satz, den sie mit ihrem quirlenden Stimmchen anfing, redete sie zu Ende. Was sie sagen wollte, wurde ein Lachen und Jauchzen. Als könnte sie ihrer Freude mit Armen und Beinen besseren Ausdruck geben als mit ihrem Züngl, so fing sie ein Springen und Tanzen an, ein Drehen und Wirbeln, daß die feuchten, kupferdunkeln Haare gleich einem kreisenden Teller um ihr Köpfl waren. Auch der weiße Spitz begann unter hallendem Gebell ein Tollen und Rasen. Von dieser springenden Freude wurde Brosi angesteckt, hob jauchzend die Arme in die rote Sonne und rannte über die blumige Wiese hin, um bald den weißen Spitz und bald das fliegende Mädel zu haschen. Durch die ganze Wiese ging das froh Gewirbel bis hinüber zu dem öden Kiesbett der Wildach und wieder zurück durch das hohe Gras. Langsam hob sich Toni von den Knien auf. Während im Glutschein der niedergehenden Sonne die Wassertropfen von seinem durchnäßten Gewand wie schimmernde Blutperlen niederfielen, sah er lächelnd den jauchzenden Kindern nach, vergaß den Fisch, von dem er das Pfund auf dritthalb Mark geschätzt hatte, und schien beim Anblick des leuchtenden Bildes zu fühlen: Das ist schön! In seinen Augen war ein Glanz, den sie sonst nicht hatten. Purpurner Schimmer war über die Wiesen gegossen; alles Wasser brannte wie ein Geriesel funkelnder Rubine; die steigenden Wälder schienen verwandelt in glühende Rosenfelder; wie lodernde Flammen, durchzogen von tiefblauen Schatten, sahen sich alle Steinzinnen der Berge an, und zwischen den gezackten Felsen stieg die Große Not in den goldgleißenden Himmel als eine mächtige Glut. Ganz windstill war der brennende Abend. Man hörte gedämpfte Stimmen und Jodelrufe von überall. Vom fernen Unterdorfe klang das Geläut einer Glocke her, und mit dem sanften Getön vermischten sich die Jubelschreie der zwei tollenden Kinder, deren zierliche Körperchen unermüdlich hinflogen durch das purpurne Gras, leuchtend im Rotglanz der Sonne. Drüben auf der Straße blieb ein alter Bauer stehen. Weil ihn das schöne Gras erbarmte, das die lachenden Kinder niedertraten, fing er zu schelten an. Während er schimpfte, kam vor einer violett durchgluteten Staubwolke eine rotblitzende Equipage angefahren mit dem reichbetreßten Kutscher auf dem Bock. Eine schöne Frau mit strengem Gesicht ruhte im Fond des Wagens. An ihrer Seite saß ein sechsjähriges Mädchen in einem Duft von weißen Spitzen; ein Geringel dunkler Löckchen umrahmte das winzige Gesichtl, das nur aus zwei großen, blauen, staunenden Augen zu bestehen schien. Diese Augen fanden das schöne, leuchtende Kinderspiel auf der purpurnen Wiese drüben. In Freude begann die Kleine zu rufen und zu deuten. Da senkte die Gouvernante, die würdevoll auf dem Rücksitz der Kutsche thronte, den roten Sonnenschirm vor das Gesicht des Kindes. Die schöne Frau erwachte aus ihren müden Gedanken und fragte mit einem Blick. »Das soll die kleine Durchlaucht nicht sehen!« sagte die Gouvernante. Sie mußte deutsch sprechen. Französisch und Englisch hätte die kleine Durchlaucht verstanden. »Was nicht sehen?« »Badende Kinder. Das sollte verboten sein.« Schweigend lehnte sich die schöne Frau in die seidenen Polster zurück. Das war die weiße Prinzessin mit den rotgoldenen Flügeln, die der blonde Brosi vor sieben Jahren in der Waldrauschblüte unter der Großen Not gesehen hatte. Als die Kutsche vorüberflitzte, stellte der alte Bauer sein Schelten ein und zog in Ehrerbietung den mürben Filzhut. Kaum gab ihn die violette Staubwolke frei, da schimpfte er wieder und schrie ein paar häßliche Worte. Das hörte der Toni, der drüben in der purpurnen Wiese neben dem entseelten Huchen stand. Er lächelte nimmer. Ein erschrockenes Besinnen schien den Knaben überfallen zu haben. Und da kam das rotschimmernde Mädelchen auf ihn zugezogen, weil es sich vom Brosi nicht wollte haschen lassen. Zwischen den Brauen des Toni erschien die gleiche Falte, wie sie der Krispin auf der Stirn hatte. »Du! Schau, daß d' ummikommst übers Wasser! Und tu dich gwanden!« Das Mädelchen schien nicht zu verstehen und sah den strengen Toni wunderlich an. Der wurde zornig und stieß dem Kinde die Faust in die Schulter, daß es taumelte. »Gwanden sollst dich! Hörst net, was ich sag?« Dem Kind war alle Freude erloschen. Die Tränen schossen ihm in die Augen, dann schlug es schaudernd die nackten Ärmchen vor die Brust, rannte am Ufer hin, von dem lustig klaffenden Spitz verfolgt, watete durch eine seichte Stelle des Baches, raffte drüben das Röckl und das weiße Hemd aus den Blumen und verschwand hinter dichtem Erlengebüsch. Die Sonne tauchte hinunter. Noch immer glühte die Große Not. Graublauer Schatten schlich über das Ufer hin, wo Brosi erschrocken vor dem Toni stand, der eine Weidenrute geschnitten hatte. Die zog er dem toten Fisch durch Maul und Kieme. »Tonele? Warum bist du so grob gewesen?« Tonis Gesicht war bleich. »Die sollt sich schamen!« »Warum denn? Ich bin doch auch nacket.« »Ein Bub! Das ist was anders.« Dem Toni zitterten die Hände, während er die Weidenrute um den Kopf des Fisches zu einem Ringe flocht. »Das Mädl hat uns doch geholfen! Oder der Fisch hätt uns alle zwei ins Wasser gerissen. So stark ist er gewesen. Ohne das Mädl hätt ich auslassen müssen. Das Mädl hat sieben Arm gehabt.« »Geh, lug net wieder!« Toni zerrte am Weidenring den Huchen auf seinen Rücken, hob die Gießkanne aus dem Gras und ging geärgert davon. Nachdenklich, ein bißchen schauernd, schlüpfte Brosi in seine Kleider. »Tonele, Tonele!« Und rannte seinem Kameraden nach. Drüben am andern Ufer bellte der weiße Spitz. Nach einer Weile schob sich das kleine Mädel im Röckl aus den Stauden, spähte nach allen Seiten, jagte gegen die Wegplanke hinüber, huschelte sich atemlos in den Graben, drückte das Gesicht in die Ärmchen und fing zu weinen an. Diese traurige Sache wollte der weiße Spitz nicht mitmachen. Er ging auf Abenteuer aus und begann, energisch nach einer Maus zu graben. Als die rote Glut verdämmerte, kam der Waldrauscher die Straße hergegangen, beladen mit Steinpilzen, Bärenklauen und Reizkern. In sieben Jahren hatte sich das Bild des Alten nicht verändert. Nur sein Gewand sah ein bißchen mehr verwittert aus. Vor dem weinenden Kinde blieb er stehen und blickte mit seinen klaren, ruhigen Augen auf dieses kleine leidende Leben nieder. »Maidle? Warum mußt du weinen?« Ohne zu antworten, rannte das Kind davon, hinüber gegen das Haus der Wildacherin. Das gewahrte der weiße Spitz nicht, der knurrend seine Nase in das Mausloch bohrte. Der Waldrauscher ging seiner Wege. Halblaut sang er dieses kleine Lied: »A Graserl, a Mucken, A Mensch und a Baam, Da hat a jedwedes Sein' Wunsch und an Traam. Und dürsten toan s' alle, Und trinken därf koans, Und alls is a Leiden, Gottlob bloß a kloans.« Als er den Lahneggerhof erreichte, sah er aufgeregte Leute auf der Straße stehen und hörte die Neuigkeit: der Sagenbacher-Tonele, der einen sechzehn Pfund schweren Huchen gefangen hätte, wäre wegen des Fisches mit seinem älteren Bruder in Streit geraten und hätte ihm einen so groben Faustschlag ins Gesicht versetzt, daß dem Krispin das Nasenbein zerschmettert wäre. Dem Krispin gönnten die Leute den ›gesunden Hieb‹, aber dem kleinen Tonele vergönnten sie den großen Fisch nicht. Und am folgenden Sonntag predigte der Herr Kaplan gegen die feindseligen Brüder und gegen die Unanständigkeit des gemeinsamen Badens verschiedengeschlechtlicher Kinder; das wäre nicht nur ein schweres Ärgernis vor Gott; auch die fürstlichen Herrschaften im Schlosse, die so großen Verdienst in die arme Gegend brächten, hätten sich gegen die schandbare Unsitte mit höchstem Verdruß geäußert. 3 An diese vergangenen Dinge dachte fünfzehn Jahre später der Tiefbauingenieur Ambros Lutz, als er an einem leuchtenden Nachmittag zu Ende Mai auf der Großen Not war, um die Pläne zur Verbauung der Wildach zu revidieren. Es war ein ernster, von Arbeit umzäunter Weg gewesen, der den jungen Mann zu dieser Erfüllung eines Traumes seiner Kinderzeit geführt hatte. Weil seine Mutter die Trennung vom Sohn, als er die Lateinschule besuchen mußte, schwer ertrug, opferte Doktor Lutz seine Landpraxis und nahm die Physikusstelle in einer Provinzstadt an, wo Ambros das Gymnasium besuchen konnte. Ein halb Jahr später schloß der Vater die Augen. Er hatte sich bei einem seiner Patienten den Tod geholt. Auf seinen leergewordenen Sessel ließen sich zwei üble Geschwister nieder, Schmerz und Lebenssorge. Wohl war ein kleines Vermögen da, etwa dreißigtausend Mark; die Zinsen reichten nicht, um zwei Menschen zu ernähren und einen Jungen studieren zu lassen. Die kleine, tapfere Frau, die nichts anderes mehr verlangte, als dem Werden ihres Sohnes zu leben, machte kurze Rechnung. Sie kaufte mit ihrem Vermögen eine Leibrente auf fünfzehn Jahre und dachte: ›Bis dahin wird mein Brosi was geworden sein, wird sein sicheres Leben haben, und ich bin überflüssig.‹ In München nahm sie eine Vorstadtwohnung, die aus zwei Zimmern und Küche bestand. Verwandte boten ihr Hilfe an; Frau Lutz brachte das nicht über sich, ihrem Jungen was schenken zu lassen. Alle Worte ihres Mannes hatten einen Altar in ihrem Herzen, auch dieses eine: Das Brot der Verwandten ist hart wie Stein und bitter wie Galle. Unter dem Schatten ihrer Trauer führten Mutter und Sohn ein stilles Leben. Zwei Menschen, die an Herz und Gedanken eins waren! Ambros, früh gereift durch den Schmerz um den Vater, arbeitete ruhelos, zuerst nicht aus Ehrgeiz und Begierde, nur um der Mutter keinen Kummer zu machen. Bei der Stetigkeit des Schaffens begann sich das langsam in seiner Seele auszuwachsen: ›Du mußt etwas Großes werden!‹ Zu diesem Gedanken halfen noch die fliegenden Träume, die in der Kinderzeit sein blondes Köpfi durchgaukelt hatten und die auch in der dämmerigen Vorstadtwohnung nicht starben. Wenn er träumend wegsah über die lateinische Grammatik, baute er Luftschlösser, füllte den Schoß der Mutter mit den Schätzen aller Welt und legte ihr die Lorbeeren seines Ruhms zu Füßen. In die Träume von allem Kommenden webten sich die Bilder der Vergangenheit: das schmucke Haus der Eltern in dem freundlichen Garten, der tiefe, dunkle Wald, die Wildach mit dem Totenmännlein unter dem schillernden Wasser, die Große Not, das silberne Prinzeßlein mit den rotgoldenen Flügeln, der Waldrauscher mit seinen unverständlichen Liedchen, wildes Schreien an einem schönen Tag, der Kindlesvogel mit dem gefährlichen Schnabel, ein weißer Spitz, der immer bellte, ein leuchtender Abend mit rot schimmerndem Elfenspiegel, der geliebte Tonele mit seinen guten und seinen zornigen Augen, der glitzernde Silberleib des ›hundertpfündigen‹ Huchen und noch tausend andere, unvergeßlich schöne Dinge. Mit den Jahren fiel trüber Stadtstaub über dieses Herrliche von einst. Und Ambros wurde bei der Arbeit müde. Nur die Lieder des Waldrauschers blieben ihm. Immer wieder sann er nach über ihren wunderlichen Sinn, der sich dem Verstand des Knaben nicht erschließen wollte. In den letzten Gymnasialjahren verursachte ihm die Berufswahl ruhelose Nächte. Wie konnte er schnell emporkommen? Als Arzt? Zehn Semester und dann die Assistentenzeit in der Klinik? Nein, das konnte die Mutter nicht leisten. Ein halbes Jahr lang klammerte sich sein Herz an eine klingende Hoffnung. Musik! Er hatte Talent, spielte Klavier, daß die Leute auf der Straße lauschten, wenn er in seiner kleinen Stube mit Bach und Beethoven allein war. Kunst? Eine schöne, doch unsichere Sache! Auf diesen ungewissen Weg durfte er die Mutter nicht mit sich hinausziehen. Auch Gedichte machte er, nie am Tage, nur in schlaflosen Nächten. An dem Herbstmorgen, an dem er sich für ein technisches Fach am Polytechnikum inskribierte, verbrannte er alles, was er seit drei Jahren gereimt hatte. Verwandte, die vieles redeten, weil sie nichts zu geben brauchten, hatten ihn zu dieser Wahl gedrängt: Technik, Bauwesen, da kommt man am schnellsten zu Brot. Er wühlte sich bei rastloser Arbeit in ein Gefühl hinein, das sich ansah wie Freude an seinem Beruf. Auch träumte er wieder ein bißchen, dachte an kunstvolle Bergbahnen und kühn geschwungene Brücken, die sich den sieben Weltwundern zugesehen sollten. Ehe noch das zweite Semester zu Ende ging, wurden diese fliegenden Träume immer ängstlicher. Eine lähmende Erschöpfung begann ihn zu überfallen, eine fiebernde Unruh, die seine geistigen und körperlichen Kräfte zerrieb. Was ihm die Seele zermarterte, kam aus sehnsüchtigem Suchen nach einer klaren, auf alle Fragen antwortenden Weltanschauung. Ein persönlicher Gott, der das Schicksal der Menschen leitet mit liebevoller Hand? Hatte dieser Gott nie die rotgeränderten Augen der Frau Lutz gesehen? Wußte er nicht, was in dem stumm verschlossenen Herzen dieser Mutter ohne Ruhe zitterte? Und wenn er das sah und wußte, warum half er nicht? Weil er nicht konnte? Einer, der in Ohnmacht thront, ist das ein Gott? Oder weil er nicht helfen wollte? Dieser besten aller Mütter? Darf, wer Gott heißen möchte, grausam sein wie ein Raubtier? Und ein schuldloses Leben mit Schmerzen schlagen? Ein Gott, der mit Ruten schlägt, wen er lieb hat? Welch ein irrsinniges und gotteslästerliches Wort! Wenn aber nicht einer ist, bei dem die Liebe wohnt, einer, der alle Fäden des Lebens schlingt und löst? Einer, von dessen Fingerspitzen die leuchtenden Welten rollen wie von einer schenkenden Königshand? Wenn dieser Einzige und Herrliche nicht ist? Was dann? Das ewig Unbegreifliche? Sinnloses Leben, das keinen andern Zweck hat, als sich in Qual von der Wiege hinüberzuwälzen zur Stunde des Todes? Wozu dann Arbeit, Mühe, Streben, Reinheit und Pflicht? Solche Fragen waren in seiner Seele durch Tag und Nacht. Dieser Sohn wurde ein Leugner, weil er seine Mutter liebte und sie leiden sah. Dabei sah er nur ihre Trauer um den Gatten, ihr Bangen um den Bedarf jeden Tages, ihre wachsende Angst vor den kommenden Jahren. Für das Quälendste im Lebenskampfe dieser Frau, die in jungen Jahren Witwe geworden, dem verlorenen Manne treu blieb mit allen Kräften ihrer Seele und das Dürsten ihres Blutes schweigend niederrang – für diese bitterste Marter im Leben seiner Mutter hatte der Sohn kein Auge. Er erschrak nur manchmal, wenn er sich zu abendlicher Dämmerzeit nach einer in Schönheit klingenden Stunde vom Klavier erhob und wenn ihn die Mutter im Dunkel mit stummer, heißer Zärtlichkeit in die Arme schloß. Nicht vor der Mutter erschrak er; immer vor sich selbst. Das hing mit jenem anderen Kampf in ihm zusammen, mit dem Aufruhr in seinem Blut. Bei dem zurückgezogenen Leben, das er führte, hatte das länger in ihm geschlummert, als es in andern schläft, die von Jugend auf die Ellbogen reiben an aller lachenden Welt. Seit zwei Jahren beschränkte sich sein Verkehr auf einen jungen Geiger, mit dem er jede Woche ein paar Abende musizierte. Sonst hatte er, um der Mutter keine Kosten zu verursachen, auf alles verzichtet, was Vergnügen und Zerstreuung heißt. Drum kam dieses Natürliche so spät – als er die zwanzig Jahre schon überschritten hatte. Aber da kam es so wild, daß es ihm Geist und Körper zerrüttete. Die Musik, sonst seine Trösterin, warf ihm noch Feuer ins Blut. Das wurde so bedenklich, daß er Herzklopfen und Ohrensausen bekam, wenn auf dem Heimwege vom Kolleg ein schmuckes Fähnchen seinen Körper streifte. Seine Gesundheit zerfiel, er konnte nicht mehr arbeiten. Drum entschloß er sich nach dem zweiten Semester, seine Studien zu unterbrechen und das Soldatenjahr abzudienen. Das half. Mit seiner jungen Kraft ging es wieder aufwärts. Der strenge militärische Dienst verlangte den ganzen Körper; da blieb keine Zeit für schwüle Träume und dürstende Nächte. Man war am Abend hundemüde, legte sich aufs Ohr und war froh, sich strecken zu können, um am Morgen gut ausgeschlafen wieder anzutreten. Das war seit Jahren für Frau Lutz wieder die erste lachende Freude, wenn sie ihren Buben in der kleidsamen Uniform aus der Kaserne kommen sah mit dem kurzgeschnittenen Blondpelz über dem sonnverbrannten Jünglingsgesicht. Im zweiten Halbjahr, als der Dienst sich erleichterte, dachte Ambros schon wieder ans Schaffen, suchte an den Sonntagen das Reißbrett und die Kolleghefte hervor und verwandte die Abende zu Sprachstudien, um sich in Französisch, Italienisch und Englisch vorwärtszubringen. Als er den blauen Rock in den Kasten gehängt hatte, stand er wieder fest und verläßlich im Leben wie ein Stahlzahn im Triebrad einer Maschine. Die Arbeit und seine Mutter – sonst gab es nichts mehr für ihn. Nach dem achten Semester absolvierte er als Bester seines Jahrgangs. Trotz seiner glänzenden Zeugnisse wollte sich für ihn keine Stelle finden. Die Augen der Frau Lutz begannen wieder so angstvoll zu werden wie in den schwersten Stunden der vergangenen Zeit. Von den fünfzehn Jahren der Leibrente waren dreizehn schon verstrichen. Von dieser verschwiegenen Rechnung seiner Mutter wußte Ambros nichts. Er fühlte nur: Ich muß verdienen, um der Mutter das Leben leichter zu machen. Drum nahm er schließlich, um ein paar redlich erworbene Groschen heimzubringen, beim städtischen Flußbauamt eine mager dotierte Stelle als Hilfstechniker an. Das war eine Enttäuschung, die ihm das junge Leben fast zerbrach. Weil er sah, daß die Mutter aufatmete, fügte er sich in sein Los und begann sich in der kleinen Amtsstube heimisch zu fühlen. Wirkliche Freude fand er an seinem Beruf, als er nach dem ersten Stubenjahr hinauskam ins Freie und das Leben der Isar an schönen Tagen und in gefährlichen Hochwasserzeiten kennenlernte. Da sah er friedlichen Zauber, der sich verwandeln konnte in zerstörende Kräfte. Leidenschaftlich begann er den seiner Mitsorge anvertrauten Strom zu lieben, der mit klaren Fluten herströmt von den Bergen, blühende Gärten befruchtet, unermüdliche Arbeit leistet, allen Unrat einer großen Stadt verschlingt, in Licht und Sonne sich wieder reinigt und die Ausgestoßenen des Lebens, die ihre Qual durch einen Sprung in die Fluten stillten, barmherzig davonträgt, um sie fern von der Stadt ans Ufer zu legen oder im rinnenden Kies zu begraben. Das Rauschen des grünen Stromes weckte in dem Fünfundzwanzigjährigen wieder den träumerischen Hang des kleinen Brosi von einst, der mutig in den ›tiefen, dunklen Wald‹ geschritten war. Auch jetzt, wenn er sich vorwärtskämpfte durch alles Dämmerdunkle der Schöpfung, hatte er einen führenden Kameraden, sein reiches Wissen. Dieser Kamerad verstand sich besser auf das Wesen der Dinge als der Tonele vom Lahneggerhof. Und da fand Ambros ein Großes in allem Kleinsten, ließ sich von allem Wunder des Werdens und Vergehens erheben, wurde in seiner Neugier immer ruhiger, je reicher seine Erkenntnis sich weitete, und begann in allem Vielgestaltigen der Natur ein wenig Einheitliches zu ahnen, das sich den Menschen in jeder Stunde offenbart und sich dennoch ewig vor ihnen verschließt. So lösten sich für Ambros bei seinen hundert Dienstwegen an den Ufern der Isar die religiösen Kämpfe seiner Studienjahre zu einem Monismus von froher Inbrunst mit dem Gebot: ›Du sollst den Gott, in dem du bist und der in dir ist, nicht eitel mit Namen nennen! Alle Formulierung ist Irrtum, aller Name ist Maske vor dem Gesicht der Dinge.‹ Bei solchen Gedanken erinnerte sich Ambros jenes wunderlichen Liedchens, das der Waldrauscher unter der Großen Not gesungen hatte, von dem Walde, der kein Wald, von dem Bache, der kein Bach ist, und von der Nacht, die wir törichten Menschen so nennen als ein Dunkles. »Das Kalte ist kalt nicht, Das Heiße nicht heiß, Und alles ist anders, Als einer es weiß.« Wie nur der Waldrauscher zu diesen klugen Liedern kam? Jedenfalls wußte der seltsame Alte mehr von Gott und Leben als der Kaplan, der gegen das Baden predigte, weil drei einen Fisch gefangen hatten. Ob der Waldrauscher noch lebte? Ambros fühlte manchmal eine brennende Sehnsucht, wieder einmal da draußen im blühenden Bergwald zu rasten und den Alten singen zu hören. Solche Sehnsucht befiel ihn jedesmal, wenn ihm eine Häßlichkeit des Lebens begegnete, wenn er eine Ungerechtigkeit erfuhr oder ein Unrecht an anderen geschehen sah, die wehrlos waren. Dann geriet er in einen heißen Ingrimm wider das ›Scheusal Stadt‹. Frau Lutz hatte da ein geduldiges Wort: »Es wird wohl so sein müssen, wenn wir auch nicht begreifen, warum!« Nein, zu begreifen war das nicht. Die Notwendigkeit des Schmerzes ließ Ambros gelten; Schmerz gibt neue Kräfte, Schmerz adelt und läutert. Und der Tod ist nur ein Wandel der Form. Da hat der Mensch kein Recht zur Klage. Vergehen ist so schön und göttlich wie das Werden. Aber wenn Gott in allem ist, und alles ist Gott? Wie bekam das Böse, das Verbrechen und Laster in der Einheit der Schöpfung Raum und Lebensrecht? Entweder muß Gott einen Widersacher haben, gegen den er ohnmächtig ist – so dachten die Menschen schon vor ungezählten Jahrtausenden und erfanden den dummen Teufel –, oder alle Tücke und Niedertracht des Lebens muß ein Ausfluß und Wille Gottes sein, eine Eigenschaft des Großen und Einen selbst? Solcher Glaube wäre Sinnlosigkeit. Es blieb für Ambros nur der Schluß: ›Ein ewiges Rätsel!‹ Und es blieb ihm der Glaubenssatz: ›Das Unbegreifliche darf mir das klar Erkannte nicht verwirren. Fühl' ich, daß Gott in mir ist, so verpflichtet mich das, in mir das Göttliche zu wahren und so zu leben, daß ich würdig bin meines Gottes und meiner selbst.‹ Mit solcher Logik brachte er alles Revoltierende in seiner Seele wieder zu stillem Frieden. Blieb trotz allem ein Unstillbares in ihm, so setzte er sich in grauer Dämmerstunde ans Klavier, badete sich in einer Sturzflut schöner Klänge und ging durch ein sich still bescheidendes Leben, als Fünfundzwanzigjähriger noch immer das Kind seiner Mutter, mit reinem Leib und unerschlossenem Herzen. An einem schwülen Sommerabend blieb Ambros länger als sonst am Klavier sitzen, und eine stürmende Sehnsucht war in seinen Tönen. Als er im Zwielicht die Hände in den Schoß fallen ließ, trat die Mutter hinter seinen Stuhl, strich ihm übers Haar und fragte mit einem Lächeln, hinter dem sich ihre Angst verbarg: »Geh, sag mir's doch endlich! Gelt, du bist verliebt?« Er lachte lustig hinaus, als hätte die Mutter was furchtbar Komisches gesagt. Sie wurde verlegen, und ihre Stimme zitterte. »Du bist kein Kind mehr. Ein netter, tüchtiger und verläßlicher Mensch bist du doch auch. Da wär' es nur natürlich, daß sich einmal für dich was Liebes findet.« Dieses Wort schien ihn nachdenklich zu stimmen. Dann zog er die Mutter lachend an sich. »Die Liebste von allen bist mir du! Eine, die nur halbwegs wäre, wie du bist, find' ich nicht. Da mußt du mich schon behalten.« Weil die Mutter schwieg, stand er auf und schloß das Klavier. »Komm! Der Abend ist heute so schön. Ein Stündl im Freien wird dir guttun.« Unter einem gelb brennenden Himmel und an der rauschenden Isar wanderten sie Arm in Arm zu einem Kellergarten, plauderten wie sonst auf einem solchen Weg und kauften ihr billiges Abendbrot, das sie in den Wirtsgarten mitnahmen. Unter alten Kastanien saßen sie zwischen tausend fremden Menschen, tranken aus dem gleichen Kruge, verzehrten, was sie mitgebracht hatten, und schwiegen dazu, weil eine Regimentskapelle spielte. Da kam es so, daß Ambros die Mutter betrachten mußte. Er dachte in Freude: ›Wie gut und jung die Mutter heut aussieht!‹ Sie saß im hellen Schein einer Laterne. Unter dem schmalen Schattenkreis, den die Krempe des Strohhutes um Stirn und Schläfe zeichnete, schimmerte das reiche Blondhaar. Sie hatte erst ein paar Jahre über die Vierzig. Mit achtzehn hatte sie geheiratet und war im ersten Jahr ihrer Ehe Mutter geworden. Wohl hatte sie schon graue Fäden im Haar; aber die sah man nicht zwischen dem lichten Blond, das noch immer dauerte. Auch hatten Schmerz und Sorge manche Schattenlinie in das feine, blasse Gesicht gezeichnet. Dennoch hatte Ambros recht: Frau Lutz sah heute besser aus als sonst, und die blauen Augen, die beim Klang der Musik hinausträumten in die Sommernacht, hatten frohen Glanz, der dem schmalen Frauengesicht einen Schimmer von Jugend gab. Und das helle Waschkleid, ein Werk ihrer Hände, kleidete die schlanke Gestalt so gefällig, daß eine junge Frau, die mit Mann und Mutter neben den beiden am Tische saß, sich bei Frau Lutz nach der Adresse ihrer Schneiderin erkundigte. Ambros, stolz auf die geschickte Mutter, horchte eine Weile hin. Dann begann er, die letzten Bissen der Mahlzeit verzehrend, auf dem zerkrümmten Zeitungsblatte zu lesen, in dem er das kalte Nachtmahl mitgebracht hatte. Plötzlich schoß ihm eine heiße Blutwelle ins Gesicht, und seine Augen erweiterten sich zu einem seltsam verstörten und dennoch träumerisch frohen Schauen. Es war ein Wunder geschehen – eines von jenen Wundern des Alltags, die sich ereignen, man weiß nicht wie, und die von einer Minute zur nächsten über das Schicksal eines Menschen entscheiden. Dieses Wunder, aus dem für Ambros Lutz die seligste Freude und die große Not seines Lebens wachsen sollte, war ein fast lächerlicher Zufall, die Existenz dieses fettfleckigen Zeitungsblattes. Solche Blätter lagen zu Hunderten auf den mit schmatzenden Menschen besetzten Tischen umher. Für die vielen anderen waren diese Blätter nur Hülle, aus der sie Wurst, Schinken und Käse herausgewickelt hatten – für Ambros Lutz war das zerknüllte Blatt eine inhaltsschwere Verkündigung. Es war ein Zeitungsblatt der vergangenen Woche. Und da stand eine amtliche Kundmachung: die Regierung von Oberbayern hatte einen Wettbewerb zur Regulierung und Verbauung der Wildach ausgeschrieben; der Schlußtermin für Einlieferung der Pläne war auf den 15. Oktober angesetzt. Das hatte Ambros gelesen. Wie Feuer war es ihm in Kopf und Herz gefallen. Alles Verdämmerte und Erloschene stand plötzlich wieder lebendig vor seinen Augen. Als wären zwanzig Jahre nur ein Hauch gewesen, so deutlich erinnerte er sich jenes Frühlingsmorgens, an dem er mit dem Tonele den tiefen, dunklen Wald entdeckte, erinnerte sich der silberweißen, goldrot geflügelten Prinzessin, die von der Großen Not gekommen. Er sah den steilen Berg und erinnerte sich des eigenen Wortes: »Da möcht' ich hinauf! Einmal!« Er hörte das Wort des Tonele: »Da tätst du herunterfallen und tot sein!« Er sah das öde Kiesbett der Wildach und die Zerstörung an ihren Ufern, hörte viele Menschen in Verzweiflung schreien, sah ein grün schillerndes Wasser über einem Gerippe und hörte, was sein kindlicher Mut aus beklommenen Träumen heraus geredet hatte: »Wenn ich groß bin, bau ich eine feste Mauer, wo das wilde Wasser geht, und dann kann das Wasser nimmer kommen von der Großen Not!« Welch ein Lebenswerk! Vorgeahnt in einem Kindertraum! Warum sollte dieser Traum sich nicht erfüllen können? War der Wegweis dieses Abends wirklich nur ein Zufall? War das nicht lange schon für Ambros vorbereitet? Und was dem Tonele vor zwanzig Jahren so töricht erschien, daß er es keiner Antwort würdigte, das war für Ambros nun verwandelt in eine lockende Frucht seines Lebens. Zerstörende Gewalten der Natur in Fesseln legen, Fluren schützen und fruchtbares Land gewinnen, bedrohte Häuser wahren und die unter ihren Dächern wohnenden Menschen sichern in ihrem lachenden Glück! Kann das Leben einem Künstler, einem Gelehrten, einem Feldherrn schöneres Werk bescheren? Ein heftiges Zittern befiel seine Hände, auf seinem Gesicht war ein fieberhaftes Brennen. »Bub?« stammelte die Mutter. »Was hast du denn?« Er schüttelte stumm den Kopf, säuberte mit dem Taschentuch das fettfleckige Orakel, faltete das Zeitungsblatt zusammen und legte es in sein Notizbuch, so achtsam, als wäre es eine Hunderttausendmarknote. Dann grüßte er die verwundert dreinschauende Gesellschaft, die am Tische saß, und sagte: »Komm, Mutter! Ich möchte heim.« Sie tat, was er wollte, ohne Widerspruch, mit stummer Angst in den Augen. Draußen auf der stillen Straße klammerte sie sich an den Arm des Sohnes. »Sei doch barmherzig! Und sag mir, was dir ist!« »Mach dir keine Sorge! Mir ist nur eine Arbeit durch den Kopf gefahren. Eine schöne Arbeit, Mutter!« Sie atmete auf und sprach kein Wort mehr, um Ambros nicht in seinen Gedanken zu stören. Daheim, bevor er in seine Stube ging, preßte er die Mutter so stürmisch an sich, daß sie den Sohn erschrocken von sich fortschob. Die ganze Nacht saß er bei der Lampe vor dem Reißbrett und hielt mit flüchtigen Linien die ersten Pläne fest. Während der folgenden Tage versäumte er in den vom Dienst freien Stunden keine Minute. Er arbeitete in den Mittagsstunden, den ganzen Abend, die halben Nächte. Dieses Übermaß von Arbeit schien ihn nicht zu ermüden, eher zu erfrischen und zu kräftigen. Ein paar Tage schwieg die Mutter; dann fragte sie: »Darf ich denn nicht wissen, was du machst?« Er nahm sie um den Hals. »Das soll erst reifen. Dann bist du die erste, die es erfahren und sehen soll.« In der zweiten Woche begann ihm die Arbeit zu stocken. Die Landkarten, die er sich beschafft hatte, genügten ihm nur für den Planentwurf im großen, nicht für die Ausarbeitung der Einzelheiten. Er mußte hinaus ins Wildachtal, um alles an Ort und Stelle mit eigenen Augen zu sehen. Anfang September ließ er sich einen zehntägigen Urlaub geben. Als er zur Mutter von Übermüdung sprach, von einer ›kleinen Erholungstour in die Berge‹, erschrak sie, als wäre ein Unglück über sie hergefallen. Dann wachte sie die ganze Nacht, um alles, was Ambros für die Reise nötig hatte, hübsch zu richten und zu packen. Während der Bahnfahrt hatte er kein Auge für die Landschaft. Mit seinen Plänen beschäftigt, suchte er im Bild der Berge immer die Kuppe der Großen Not. Endlich unterschied er in der Gipfelkette die steile, kahle Zinne. Sie war von der Sonne voll bestrahlt und glänzte in der trockenen Herbstluft wie Silber. Diesem Schimmer gegenüber erwachte in Ambros plötzlich die Erinnerung an ein Wort des Waldrauschers: »Die Große Not hat eine Mutter, und das ist die Heiligste Freud!« Betrog ihn da nicht sein Erinnern an die Kinderzeit? Der schöne Glanz dort oben sagte das Gegenteil. Die rauschende Macht, die sich von den steinernen Brüsten der Großen Not in das Tal der Menschen niederstürzte, sollte für Ambros die stolze Freude seines Lebens gebären. An der Endstation seiner Fahrt nahm er sich kaum Zeit, einen Bissen zu genießen. Sein Gepäck übergab er dem Stellwagen und nahm, von der Landkarte geführt, den Überstieg über steile Waldkuppen, um an die Stätte seiner Arbeit zu gelangen. Als er von der Paßhöhe den Ausblick über das Wildachtal gewann, schoß ihm das Blut wie ein heißer Sturz zum Herzen. Die Wiege seines Lebens! Die Heimat! Der Himmel, der über dem Glück seiner Eltern geleuchtet hatte! Das schöne Land seiner Kinderzeit! Gleich kamen wieder die Gedanken an seine Arbeit. In seiner Mappe skizzierte er den Lauf der Wildach, so weit er das blinkende Kiesbett überblicken konnte, das sich vom Fuß der Großen Not fast in gerader Linie hintrieb, eine rücksichtslose Straße des Schreckens. Dann nahm er den Weg ins Tal so ungestüm, daß er in Schweiß gebadet bei den ersten Wiesen anlangte. Er kümmerte sich um kein Haus, um keinen Menschen, sondern wanderte rasch hinüber gegen den Ausfluß der Wildach aus dem tiefen, dunklen Walde. Es kam ihm nicht der Gedanke: ›Das ist der Pfad, den ich schon gegangen bin.‹ Er sah nicht den neubesandeten Reitsteig, sah nicht den verwitterten Pfahl mit der aufgefrischten Inschrift: ›Verbotener Weg.‹ Nichts anderes sah er als die weiße Flut des Gerölles, das die Wildach aus den Bergschluchten herausgetragen und über Wiesen und Felder geschüttet hatte. Wie übel mußte das Wasser in den vergangenen Jahren hier gehaust haben! Wieviel an fruchtbarem Boden lag von totem Gestein übergossen! Fast um das Doppelte war die Kiesstraße des Wildwassers in die Breite gewachsen. Die Stirn von Schweißperlen glitzernd, mit einem Blutschlag, der ihm herauftobte bis in den Hals, fing Ambros die Arbeit an. Den Lauf der Wildach talab verfolgend, zeichnete er und schrieb und hantierte mit dem Bandmaß. Diese Stunde des Schaffens bestätigte ihm, daß er mit dem ersten Gedanken das Richtige getroffen hatte. Hier im offenen Tal war nichts gegen die Gewalt des Wassers zu erzwingen. Wenn der wachsende Strom zu Hochwasserzeiten gebändigt seinen Weg zwischen Dämmen und Faschinenbauten nehmen sollte, mußte aller Schrecken der Wildflut schon gefesselt sein, noch ehe sie herausbrauste aus den Bergschluchten. Immer wieder blickte Ambros gegen den breit ansteigenden, von zahlreichen Bachrinnen durchrissenen Forst zurück. Dort oben, in den Klüften der Großen Not und in dem ›tiefen, dunklen Wald‹, hatte er das schwerste Stück seiner Arbeit zu leisten, die vielen Bachläufe zu regulieren, die Geröllfänge und Staffelungen anzulegen, die große Sperrmauer zu bauen und das riesige Stauwerk einzurichten, aus dem die angesammelten Wasser friedsam ihren Abzug nehmen sollten. Die Sonne war rot geworden, und violette Schatten flossen über die abgemähten Wiesen, als Ambros die Arbeit des ersten Tages einstellte. Wo sollte er wohnen? Ein Wirtshaus, der ›Oberwirt‹, war in der Nähe. Das wäre ihm für die Arbeit bequem gelegen. Es zog ihn zum Unterdorf. Er wollte, bevor er zur ersten Nacht in der Heimat die Augen schloß, das Haus noch sehen, in dem die Mutter ihn geboren, der Vater mit lachendem Leben zu ihm gesprochen hatte. Vom Kiesbett der Wildach wegschreitend über die Wiesen, kam Ambros zu einem Altwasser, das von der breiten Geröllstraße des Gießbaches nur noch durch einen schmalen, halb versumpften Wiesenstreif getrennt war. Drum erkannte Ambros nicht gleich, wo er sich befand, obwohl der stille Bachlauf mit den Weidenstauden und Erlenbüschen sein Bild in fünfzehn Jahren nur wenig verändert hatte. Am jenseitigen Ufer des Altwassers kniete ein junges, schlankes Mädel im Sand, um Wäsche zu spülen. Im Schein des Abends sahen die weißen Linnenstücke aus wie purpurne Tücher. Das niedergebeugte Gesicht des Mädels war nicht zu sehen. Gleich einer schweren Haube lag die Fülle des kupferdunklen Haares um den Kopf herum. Als sie über dem Wasser drüben den Schritt vernahm, blickte sie auf, ein hübsches Gesicht, ernst, von trotziger Strenge. Die entblößten Arme in den Sand stützend, sah sie gleichgültig über das Wasser zu dem fremden Menschen hinüber; dann grüßte sie stumm und nahm die plätschernde Arbeit wieder auf. Ambros sagte: »Guten Abend!« Er lüftete den Hut und ging an dem stillen Wasser hin, bis er eine Brücke fand. Erst in der Dämmerung des Buchenwäldchens, das er durchschreiten mußte, um zur Straße zu kommen, erwachte in ihm das Erinnern. ›War denn das nicht der Platz, wo wir den großen Huchen fingen? Der Tonele und –‹ Was Schönes und Frohes blühte aus der Vergangenheit herauf, umgossen von rotem Glutschein. Ambros sah das zornige Gesicht des Tonele, der sich ärgerte über die Frage: ›Warum bist du so grob gewesen?‹ Dieses Mädel am Wasser? Dieser Kupferglanz im Haar? Und drüben das kleine Haus, in dem vor einundzwanzig Jahren eine Stimme so grell geschrien hatte? Ob diese junge Wäscherin am Bache nicht die Beda war? Das Enkelkind der Wildacherin? Dieser sonderbare Name? Beda? Über diesen Namen hatte sich der grüblerische Brosi stets gewundert, schon damals vor Jahren. Niemand sagte dem Knaben, wie es zugegangen war, daß man ein Menschenkind auf solch einen wunderlichen Namen taufte – ein Mädel auf den Namen eines Mannes! Die junge Mutter hatte sich um den Namen ihres Kindes nicht sorgen können, weil sie bewußtlos im Fieber lag, und als man die Wildacherin fragte, hatte sie im Zorn gesagt: »Meintwegen tauft es Bankerlaus, mir is alles gleich!« So ließ die Weiserin dem Kind den Heiligennamen geben, der am Tauftag im Kalender stand. Während der folgenden Nacht verbrannte das Leben der Mutter in Fiebergluten. Und die Weiserin sagte mit ihrer fetten Stimme: »Jetzt hat dös arme Madl net amal erfahren, was ihr Kindl für an schönen Namen kriegt hat. No, der heilige Beda wird's ihr schon sagen im Himmel droben.« Da schrie die Wildacherin aus ihrem Gram heraus: »Sie kommt net auffi!« Dann brach sie zwischen dem Totenbett ihrer Tochter und der Wiegenkiste des Enkelkindes in Schluchzen aus. Diese heißen Tränen waren das Ende ihres Zornes und der Anfang ihrer Liebe. Von diesen Dingen wußte Ambros nichts. In seiner Erinnerung war nur jenes gellende Geschrei, die Freude jenes leuchtenden Abends, der glitzernde Huchen im Gras und die Grobheit des Tonele, der sonst so gut sein konnte. Während des lächelnden Rückschauens in die Vergangenheit schritt Ambros an einer frisch getünchten, mit braun verwitterten Ziegeln gedeckten Mauer hin, die von zierlichen, mit Steinkugeln gekrönten Säulen unterbrochen war. Feine Klänge weckten ihn aus seinen Gedanken. Eine Geige! Ambros stand vor einem schmiedeeisernen Gittertor, das geschlossen war. Zwischen Blumenrabatten und den grünen Wänden gestutzter Bäume zog sich in der sinkenden Dämmerung ein langer, besandeter Weg gegen ein weißes Gebäude hin, das verschleiert war vom Wasserregen zweier hochspringender Fontänen. In Ambros erwachte keine Erinnerung. Nichts an diesem Bild erschien ihm märchenhaft. Er dachte nur: ›Das Fürstenschlößl! Und die Herrschaften müssen noch hiersein!‹ Denn auf dem Dach der Villa flatterte eine rot und weiß geteilte Fahne. Er wollte weitergehen und blieb wieder stehen, um diesem Klang zu lauschen. ›Das muß eine gute, alte Geige sein! Sonst trüge der Ton nicht so weit!‹ Manchmal erlosch der Klang im Rauschen der Springbrunnen. Jetzt wieder. Nein, das Spiel war zu Ende. Etwas Schlankes und Weißes bewegte sich auf der Veranda und verschwand im Hause. Nur noch das leise Geriesel der Fontänen. Und an der Villa erleuchteten sich drei Fenster. Im kühl werdenden Abend wanderte Ambros die Straße hin und freute sich auf das Wiedersehen mit dem Tonele. Nun stand er vor dem Lahneggerhof. Der sah genauso aus wie vor fünfzehn Jahren. Nur die Obstbäume waren größer geworden, und der Gemüsegarten war nicht so gut gepflegt wie damals. Ambros trat in den Hof. Alles still. Der alte Knecht, der auf der Hausbank hockte, schien bei seiner Pfeife eingenickt. »Guten Abend! Ist der Toni daheim?« Der Knecht rückte die Pfeifenspitze aus dem linken Mundwinkel in den rechten. »Wer? Ah so, den Brudern vom Bauern meinen S'? Na! Da müssen S' weit marschieren. Der is seit drei Jahr in der Fremd.« »Der Toni? In der Fremde? Und die Lahneggerin?« »Die schlaft.« »So früh am Abend?« »Weil s' krank is. Kranke Leut schlafen allweil. Weil s' nix Besseres haben.« »Was fehlt der Bäuerin?« »Ich weiß net. Doktor hat s' kein'. Is halt an alts und an einschichtigs Leut. So viel müd allweil. Und verdrossen über jeden Tag.« Ambros kehrte auf die Straße zurück. Nach dem Krispin zu fragen, fiel ihm nicht ein. Und ein schmerzendes Gefühl hatte er. Als wäre ihm ein Stück seines Lebens aus dem Herzen herausgerissen. Er ging zwischen den Häusern hin, als hätte sich das alles für ihn verwandelt in eine fremde Welt. Weil der Tonele fehlte. Im ›Gasthaus zur Post‹ nahm er Quartier. Dann trieb es ihn, noch vor Nacht das Haus zu sehen, in dem er mit Vater und Mutter seine frohe Kindheit verlebt hatte. Er mußte weit durch das Dorf hinauswandern. Und es schnürte ihm das Herz zusammen, als im Dunkel das schwarze Dach vor ihm auftauchte. An dem versperrten Zauntürchen lehnte sich Ambros mit beiden Armen über die Stäbe. Sein Herz hämmerte. Der Hofraum leer und still. Am Haus zu ebener Erde alle Räume finster. Nur im oberen Stock zwei Fenster erleuchtet, von weißen Gardinen dicht verhüllt, durch die das rötliche Licht herausquoll. Ambros fühlte sich von einer Schwermut befallen, die er nicht überwinden konnte. An alles Vergangene dachte er, aber nichts wollte sich ihm froh beleben. Alles hatte einen Flor. Er wollte sein Erinnern zwingen, ihm den Vater zu zeigen, wie er daheim gewesen war, in der Stube, am Tisch, im Garten. Doch er sah den Vater immer nur in der kleinen Kutsche sitzen, mit ernstem Gesicht, immer bemüht, den galoppierenden Braunen zu zügeln. Und plötzlich hatte er die Vorstellung, als beugte sich die Mutter dort oben zu einem schwarzen Fenster heraus. Ganz dunkel war sie. Dennoch sah er die angstvollen Augen und den suchenden Blick. Es trieb ihn fort. ›Was hab' ich denn?‹ Er schob es auf die Luft, die ihm so schwül erschien, als käme ein Gewitter. Doch die Nacht war kühl. Und der klare Herbsthimmel, an dem die Sterne zitterten, begann sich zu erhellen. Noch ehe Ambros zu seiner Herberge kam, lag auf der Straße ein milchiger Schein um ihn her. Die Häuser waren weiß und schwarz. Wie Seidengespinst mit schwarzblauem Muster stiegen die östlichen Berge in den Himmel, über den der Vollmond zur Höhe schwamm. Während Ambros emporblickte, war ihm, als hätte er die lachende Stimme des Vaters vernommen: »Mondschein! Mondschein!« Etwas Glückliches durchzitterte das Herz des Sohnes bei diesem erträumten Lachen des Vaters. Alles Bedrückende war von ihm gelöst, alles Vergangene wurde wieder schön und froh. Im Wirtshaus setzte er sich in dem kühlen Fremdenstübchen vor die flackernde Kerze und schrieb an die Mutter. Dabei mußte er ein bißchen schwindeln, um den Zweck seiner Reise zu verschleiern. ›Einen lieben, schönen Gruß aus der Heimat. Gelt, Mutterle, da guckst Du?‹ Noch auf dem Bahnhof hätte er sich anders besonnen. Und statt ins Berchtesgadener Ländl zu reisen, hätte es ihn hierhergezogen: ›An die Stätte Deines Glückes, unter den Himmel meiner lachenden Kindheit, für die ich Dir und dem Vater dankbar bin mit zärtlichem Herzen.‹ Zwei Stunden schrieb er. Um der Mutter willen wurde ihm unter der Feder alles ein anderes, als er es in Wahrheit empfunden hatte. Jeder Satz, den er schrieb, war auf den frohen Traumklang der letzten Minute im Mondschein gestimmt. Von seiner Arbeit und seinen Plänen stand in dem Brief kein Wort. Diesen Apfel sollte die Mutter erst genießen, wenn er rotwangig und köstlich geworden. 4 Am anderen Morgen mietete Ambros einen Träger und bestieg die Große Not, um aus der Vogelperspektive sein großes Arbeitsfeld überschauen zu können. Er fiel von dem hohen Berg nicht herunter, wie ihm der Tonele prophezeit hatte, und war nicht tot. Im Gegenteil. Die Tour erfrischte ihn an Leib und Seele, machte ihn heiter, seinem Werke gegenüber gläubig und hauchte seinen Plänen wachsendes Leben ein. Nun war es ihm auch recht, daß der Tonele irgendwo in der Fremde saß. Unter den Leuten, denen Ambros bei der Arbeit und abends im Wirtshaus begegnete, erkannte niemand in ihm den kleinen Brosi von einst. Er selber sagte es keinem. Vorsicht war geraten, wenn er seinen Plänen nicht schaden wollte. Von der Regulierung der Wildach hörte er viel und mit aufgeregten Worten reden und erfuhr auch, daß schon drei Herren durch vierzehn Tage dagewesen wären und ›jedes Steinl‹ gemessen und abgezeichnet hätten. Ob er nicht auch so einer wäre, der wegen der Wildach käme? Nein. Er hätte eine neue Landkarte der Gegend aufzunehmen. An den Abenden im Wirtshaus stellte er nie eine Frage, die auf die Vermutung hätte bringen können: ›Der kennt das Dorf und die Leut!‹ Was er wissen wollte, erfuhr er bei seinen Arbeitswegen von dem Träger, daß im ›Lutzenhaus‹ ein alter Doktor wohne, ein unguter Junggesell mit einer zänkischen Wirtschafterin, daß der Sagenbachertoni vor drei Jahren auf und davon gegangen wäre, weil es mit den zwei feindlichen Brüdern nimmer gutgetan hätte; und die Lahneggerin wäre sterbensletz vor Kümmernis um den Toni und vor lauter Verdruß mit dem Krispi. »So a Ruech, wie der is! Der reißt jedem Hendl 's Bröserl vorm Schnabel weg. Und mag net heiraten, weil's ihm z'teuer is, daß er a Weib füttern müßt. Aber hintappen tut er überall, wo a bißl Holz zum Greifen is. Bloß geht's ihm net allweil aussi, wie er möcht. Jetzt, mein' ich, hat er sich amal ghörig verrechnet!« Der Träger lachte, als wäre die falsche Rechnung des Krispin Sagenbacher eine lustige Sache. Ambros fragte nicht weiter. Auf die zärtlichen Umwege des Erben im Lahneggerhofe war er nicht neugierig. Doch der Waldrauscher? Ob der noch am Leben wäre? Ei freilich! Dem hätte der Herrgott soviel Kraft gegeben wie einem Baum, der den ganzen Wald überleben müsse. Und seine ›narrischen Liedln‹ sänge er noch immer so her wie der alte Fink seinen jungen Schlag. Bei den Bauern käme er nicht weit mit seinem Gedudel, aber die fremden Herrschaften wären ganz versessen auf ihn, und die junge Frau Herzogin im Fürstenschlößl wüßte sich nichts Lieberes, als den Waldrauscher singen zu hören. Auch wäre der wunderliche Alte unter allen Mannsleuten im Dorf der einzige, der von der Wildacher Beda ein freundliches Wort zu hören bekäme. »Is a saubers Madl! Hätt oft schon heiraten können. Aber mögen tut s' kein'!« Dazu lachte der Träger wieder. »Mir scheint, die möcht auf ein' warten, der a taubengraus Filzhütl hat.« Als die Urlaubswoche vergangen war, kannte Ambros die ganze Chronik des Dorfes. Und in rastloser Arbeit hatte er alles gesammelt, was zur Ausführung seiner Pläne nötig war. Froh und zuversichtlich kehrte er heim nach München und wurde von der Mutter empfangen wie ein Sohn, der nach jahrelanger Trennung aus fernen Welten kommt. Aber schon am ersten Abend glaubte Ambros zu bemerken, daß im Wesen seiner Mutter etwas Verschleiertes war, eine Verstimmung, die sich verstecken wollte und die er dennoch fühlte. ›Sie ahnt, daß ich ihr was verberge, und das tut ihr weh.‹ Wohl erwachte in ihm der Gedanke: ›Es ist besser, ich sag' ihr alles!‹ Das verwarf er wieder. Aus Liebe zur Mutter. Sie sollte nicht monatelang um das Gelingen seiner Arbeit zittern müssen, sondern in der Stunde des Erfolges die Freude seines Sieges voll genießen. Daß er diesen Sieg erkämpfen würde, war für ihn so fest, wie die Sonne am Himmel steht. Seines Könnens war er sicher. Den landschaftlichen Charakter des Arbeitsfeldes kannte wohl kaum ein Bewerber besser als er. Und in keinem war diese treibende Freude, diese frohe Zuversicht des Sieges! Er wühlte sich in die Arbeit hinein mit einem Eifer, daß er für nichts anderes mehr Sinn und Augen hatte, auch nicht für den Sorgenblick, mit dem die Mutter ihn betrachtete, wenn er manchmal in sprunghafter Heiterkeit von fernliegenden Dingen schwatzte. Am 10. Oktober, fünf Tage vor dem Schlußtermin des Wettbewerbes, konnte Ambros die fertigen Pläne, die Kostenvoranschläge und die seine Arbeit erläuternde schriftliche Darlegung bei der Regierung einreichen. Und jetzt, da neben seiner eigenen Kraft auch andere Mächte noch mitzureden hatten, begann die Sorge in ihm zu erwachen. Seine schwüle Unruhe wuchs mit jedem Tag, und er konnte diese Qual vor der Mutter nicht mehr verheimlichen. Eines Abends schlang er den Arm um ihren Hals. »Gelt, ich bin jetzt gar nicht, wie ich sein sollte? Hab nur noch ein bißchen Geduld mit mir!« Ein Zittern kam in ihre Hände. Doch sie sagte ruhig: »Ja, lieber Bub! Ich will schon geduldig sein. Hab du nur auch Geduld! Mit mir.« In der Weihnachtswoche brachte die Post eines Morgens zu früher Stunde ein dickes Amtsschreiben. Ambros schlief noch, und die Mutter mußte ihn wecken. Zuerst erschrak er, daß kein Tropfen Blut mehr in seinen Wangen war. Während er mit bebenden Händen die Siegel des Schreibens aufbrach, stammelte er: »Mutter! Das ist mein Leben oder mein Tod!« Das Gesicht entstellt, stand Frau Lutz vor dem Bett ihres Sohnes. Wortlos hielt sie an den Händen die Daumen eingeklemmt – im Aberglauben des Weibes, das sich hilflos fühlt in aller verzehrenden Liebe und Sorge. Ambros, kaum er zu lesen angefangen, begann wie ein Betrunkener zu lachen. Dann schrie er einen Jauchzer vor sich hin gleich einem Hirten, der an leuchtendem Frühlingsmorgen auf hohem Berge steht und blendende Weiten sieht und allen Glanz des Lebens. Unter Lachen streckte er die Arme nach der Mutter, hielt sie umschlungen und sagte ihr alles. Über sieben Bewerber hatte er den Sieg erfochten, seine Arbeit war als die beste erkannt, und nun wurde ihm die Ausführung des Werkes übertragen. Zuerst erschrak Frau Lutz. Sie dachte an das letzte Rentenjahr, dachte, daß Ambros seine bescheidene, aber sichere Stellung aufgeben würde, um in eine ungewisse Sache hineinzuspringen; sie sah eine dunkle Sorge auf sich zuschreiten, spürte eine Faust an ihrer Kehle und hatte das Gefühl von etwas Drohendem und Gefährlichem. Dann belebte sich ihr stockendes Herz an der Freude des Sohnes. Der Stolz auf seinen Erfolg und sein Können glänzte in ihren Augen, und sie wurde so froh, daß Ambros jubelte: »Mutter! Du Liebe! Guck, du bist ja in deiner Freude noch kindischer als ich!« Er preßte sie an sich und küßte ihren Mund. »Aber flink! Jetzt muß ich aus den Federn. Die Arbeit geht an.« Da sprang sie lachend zur Tür, so hurtig und leicht, als hätte das stolze Glück ihres Sohnes sie verjüngt um zwanzig Jahre. Während Ambros sich ankleidete, zuckte ihm wohl ein Schreck durch das Herz, als er die Bedingung überdachte; daß er binnen vierzehn Tagen die Kaution von hunderttausend Mark zu stellen und den Nachweis über die zur Ausführung des Werkes nötigen Mittel zu liefern hatte, die im Kostenvoranschlage mit fünfhundertsechzigtausend Mark berechnet waren. Doch er hatte sich für den Fall des Zuschlages alle Wege schon ausgedacht, die er gehen wollte. Einer von den drei Unternehmern, an die er sich wenden wollte, würde wohl die richtigen Augen haben. Das sagte er der Mutter, als er ihr beim Frühstück gegenübersaß. »Wirst sehen, ich kriege das Geld für den Bau! Und wenn es mit der Kaution hapern sollte, mußt du in die Bresche springen! Du hast mich in deine Schatzkammer nie hineingucken lassen. Aber unser Verbrauch im Jahr hat doch immer an die dreitausend Mark betragen. Da mußt du ungefähr so viel haben, daß wir die Kaution zur Not erlegen können. Ein gutes Geschäft machst du dabei auch noch!« Er lachte. »Ich kann dir ohne Protektion eine Verzinsung von sechs Prozent versprechen.« Frau Lutz war bleich geworden. Sie brachte es nicht übers Herz, ihrem Sohn in dieser Stunde zu sagen, daß sie ihren ganzen Besitz geopfert hatte, um für Ambros einen Weg ins Leben zu bauen. »Da verlangst du, was ich nicht tun darf. Wir können unsere Existenz nicht völlig in die Luft setzen, obwohl ich an den Erfolg deiner Arbeit glaube. Was ich noch habe, würde auch gar nicht reichen. Du hast ein bißchen optimistisch gerechnet. Ich denke, wer dir das viele Geld für den Bau gibt, wird auch für die Kaution noch aufkommen. Versuche das zuerst!« Die Stimme brach ihr. Glühende Röte war ihm über die Stirn geflogen. Dann stand er vom Tisch auf. »Du hast recht, Mama! Was ich im ersten Dusel verlangte, war unbescheiden. Verzeihe mir! Ich hätte auch an dich denken sollen, nicht nur an meine Arbeit.« Er küßte die Mutter auf die Wange und verließ die Stube. Sie sah ihm nach. ›Mama?‹ Dieses fremde Wort hatte Ambros noch nie gebraucht. Ihr war, als müßte sie schreien: ›Kind! Ich gäbe es doch gerne! Wenn ich's nur hätte!‹ Aber lieber trug sie den größeren Schmerz, um ihrem Sohn den kleineren Schreck zu ersparen. Unter dem Arm die Ledermappe mit den Planskizzen und dem Schreiben der Regierung, trat Ambros auf die winterliche Straße. Es lag wie ein schwerer Stein auf seiner Brust. Das hatte ihm weh getan bis ins Blut, daß die Mutter mehr an die kleine Wirtschaft dachte als an sein großes Werk und daß ihr der warme Ofen wertvoller war als die steigende Sonne. Er verstand das nicht. Von dieser Mutter, deren Liebe und Opferfähigkeit er tausendmal erfahren hatte. Mit allen Gründen zwang er sich, den Entschluß der Mutter begreiflich, notwendig und natürlich zu finden. Es blieb eine nagende Bitterkeit zurück. Wenige Stunden später war's erloschen und vergessen. So glücklich der Tag für Ambros begonnen hatte, so glücklich ging er zu Ende. Gleich der erste Unternehmer, an den sich Ambros wandte, hatte den richtigen Blick, verpflichtete sich zur Beschaffung der Geldmittel und übernahm die Stellung der Kaution. Freilich sicherte er sich dafür auch den Löwenanteil am Gewinn. Ambros, der immer nur das Große seines Werkes im Aug' hatte, war bei diesen Verhandlungen entgegenkommender als klug und gab sich zufrieden damit, daß für ihn selbst an Verdienst so viel blieb, um sich nach Vollendung dieser Arbeit auf eigene Füße stellen und nach Neuem greifen zu können. Die Existenz der Mutter war gesichert durch das Vermögen, das sie besaß. Für sich selbst machte Ambros ans Leben nur bescheidene Ansprüche, und so war das Lachen eines glücklichen Menschen in seinen Augen, als er am Nachmittag nach siebenstündiger Verhandlung den Vertrag mit dem Geldgeber in einer Notariatskanzlei unterschrieb. Zur Beratung der Vertragsbestimmungen einen Juristen beizuziehen, hatte Ambros nicht für nötig gehalten. Der Mann, mit dem er zu tun hatte, machte durch seine biedere Art den Eindruck eines gutmütigen, ehrenhaften Menschen, so daß Ambros rasch die Überzeugung gewann: Mit diesem Herrn Friedrich Wohlverstand ist ohne Mühe in verständigem Frieden auszukommen. In seiner Mappe das kostbare Schriftstück, das unterzeichnet und gestempelt war, konnte Ambros vor dem Abend noch im Rathaus vorsprechen, um seinen Austritt aus dem städtischen Dienst zu erklären. Der Baurat sagte liebenswürdig: »Natürlich, das Bessere ist der Feind des Guten. Ich gratuliere Ihnen, Herr Lutz!« Aus dem Rathaustor trat Ambros in den Laternenschein des Abends hinaus und atmete auf, als müßte er in seiner Brust mehr Raum für das pochende Herz gewinnen. »Jetzt aber los mit sieben Atmosphären!« Er rannte heim. Frau Lutz schien die Freude ihres Sohnes zu teilen, als er allen Erfolg des Tages vor ihr auskramte. Doch während sie mit ihm lachte, hatte sie immer feuchte Augen. In den folgenden Wochen war sie viel allein. Die geschäftlichen Vorbereitungen, die erledigt werden mußten, damit der Bau im Frühjahr gleich nach der Schneeschmelze beginnen konnte, nahmen Ambros vom Morgen bis zum Abend in Anspruch. Im Laufe der fünf Sommermonate, noch ehe der Winter seinen weißen Mantel über die Berge niederfallen ließ, mußte das große Werk vollendet sein. Da mußte alles Nötige mit Genauigkeit vorausberechnet, alle Arbeit über Monate hinaus auf Kopf und Hand und Stunde mit Umsicht eingeteilt werden, damit das Vielfältige ohne Hemmung, gleich dem Räderwerk einer Maschine ineinandergriff. Ambros zeigte sich allem gewachsen und kam über jeden Widerstand hinüber. Herr Friedrich Wohlverstand, obwohl er sich bei allen Zahlungen zäh und sparsam zeigte, hielt guten Frieden und sagte eines Tages in seinem gemütlichen Münchner Dialekt zu Ambros: »Dunnerwetter, junger Mensch, Sö haben a Lokomotiv im Leib! Von Ihrene sechsazwanzg Jahrln müessen S' a jedweds doppelt ausgnutzt haben. So viel verstengen S' von Arbet und Gschäft! Respekt, Respekt!« Am 4. Februar hatten die beiden Kompagnons den Vertrag mit der Regierung unterzeichnet. Anfang Februar reisten sie mit einem Regierungsvertreter ins Wildachtal, um die von der Gemeinde vorbereiteten Grundablösungen für das gewaltige Staubecken zu erledigen, das in der Waldschlucht unter der Großen Not die zuströmenden Gießbäche in der Zeit der Schneeschmelze und nach schweren Gewitterregen aufnehmen sollte, bevor das Wasser ungefährlich durch die Schleusen der Talsperre abfloß. Nun war das im Dorf schon bekannt: Der ›Inschenier‹, der die böse Wildach zähmen will, ist der kleine blonde Brosi von einst, das kecke, lustige Büberl aus dem Doktorhaus. Ambros wurde von den Leuten herzlich begrüßt, und daß er ein Kind des Dorfes war, erleichterte ihm alles Geschäftliche. Herr Friedrich Wohlverstand schöpfte aus der günstigen Situation seinen Nutzen und zog die Schnur an seinem Geldbeutel um so straffer, je nachgiebiger sich die Bauern in den Verhandlungen mit Ambros zeigten, den sie Brosle nannten wie vor zwanzig Jahren. Ambros begann sich über den gemütlichen Herrn Wohlverstand zu ärgern, kam aber mit allen Bauern zu einem gemütlichen Ende, einen einzigen ausgenommen. Das war der Krispin Sagenbacher vom Lahneggerhof. Ein Glück, daß dieser scharfe Bruder erst spät am Abend als letzter Interessent vor der Kommission erschien. Sonst hätte er die anderen, die sich gutwillig zeigten, bockbeinig gemacht und zu höheren Forderungen gereizt. Für eine kleine Waldparzelle, die von den Hochwässern früherer Jahre fast völlig entwertet war, verlangte er einen irrsinnigen Preis, schrie und schimpfte und wurde nach jeder Maß Bier, die er auf Kommissionskosten verschluckte, nur immer eigensinniger. Zu Ambros sagte er ein dutzendmal das gleiche: »Du? Wer bist denn du? Am Buckel kannst mir auffisteigen! Du hast mich nie net mögen. Bist allweil dem Toni sein Spezi gwesen! Bluatsakra, Bluatsakra, und ich gib den Wald net billiger her und net ums Verrecken! Prozessieren tu ich! Und wann ich mein Recht net krieg, geh ich zum Landtag und laß an Interpellazioni machen.« Diese Drohung schien der Regierungsvertreter nicht gern zu hören. Um den Schreier zu beruhigen und den Beginn der Arbeit nicht ins Ungewisse zu rücken, mußte Herr Wohlverstand die Schnur des Geldbeutels lockern und dem Sagenbacher den Wert seines schlechten Waldes vierfach überzahlen. Nun ließ der Krispin lachend seinen Rausch auf eigene Kosten weiterwachsen und hänselte die andern Bauern um ihrer billigen Dummheit willen. »Ös Rammeln, ös dalkete! Hätt's es gmacht wie ich! Alle hätt's mehrer kriegt! Und zahlen hätt er müssen, daß er schwarz worden wär, meim Herrn Bruder sein nobliger Spezi!« Solches Gerede machte böses Blut unter den Bauern; sie dachten nicht mehr an den ruhelosen Schaden, gegen den ihre Häuser und Felder gesichert werden sollten; jeder ärgerte sich darüber, daß er weniger bekommen hatte als der gescheite Sagenbacher. So blieb hinter Ambros, als er, um die Nachtruhe zu suchen, die von Qualm und Lärm erfüllte Wirtsstube verließ, eine verdrossene Stimmung zurück. Herr Wohlverstand lachte dazu. Und Ambros verschlief seinen Verdruß, so daß er mit frohen Augen in den schönen Wintermorgen blicken konnte, als er im Schlitten über den funkelnden Schnee hinausfuhr gegen das Haus der Wildacherin. Er hatte nach einer Sommerwohnung Umfrage gehalten, und unter den Häusern, in denen Zimmer zu mieten waren, lag das Haus der Wildacherin für Ambros am bequemsten, weil es nah bei seinem Arbeitsfelde stand. Als Ambros in dem kleinen Haus die warme, gemütliche Wohnstube betrat, fand er in der Wildacherin eine weißhaarige, freundliche Greisin, der es nimmer anzumerken war, wie gallenzornig ihre Augen vor einundzwanzig Jahren ins schmerzende Leben geblickt hatten. Freilich, als der junge Mann nach den beiden Zimmern fragte, wurde die Wildacherin zurückhaltend und betrachtete mißtrauisch den Hut, den Ambros in der Hand hielt. Ein Filzhut war es auch, aber dunkelbraun, nicht taubengrau. Und daß der junge Mieter mit seiner Mutter kommen wollte, schien noch weiterhin beruhigend auf die Wildacherin zu wirken. Völlig zutraulich wurde sie erst, als Ambros sagte: »Mutter Wildacherin? Kennen Sie mich nimmer? Ich bin der Brosi Lutz.« Da nahm sie die Hände des jungen Mannes und schwatzte so lang, daß Ambros mahnen mußte: »Frauerl! Meine Zeit ist knapp. Und die zwei Stuben muß ich doch auch noch ansehen.« Über eine schmale Treppe stiegen sie zu der ›Sommerwohnung‹ hinauf, in der eine grimmige Kälte herrschte. Es waren zwei große, weiß getünchte Stuben, durch den verschalten Bodenraum voneinander getrennt und mehr als bescheiden möbliert. Da könnte man ja ein bißchen nachhelfen, meinte Ambros. Vor einigen Jahren hatte die Wildacherin diese zwei Stuben unter die Dachsparren eingebaut, um durch die Miete was zu verdienen. Eine Feldwirschaft hatte sie nicht, es standen nur ein paar Geißen im Stall, und so mußten die zwei Frauensleute von dieser Miete leben, von der kleinen Pension der Wildacherin und von dem Geld, das die Beda durch Handschuhnähen und Spitzensticken verdiente. Das reichte, wenn die zwei Stuben im Sommer gut vermietet wurden. Mit dem Preis – hundertfünfzig Mark für den ganzen Sommer – war Ambros hurtig einverstanden. Während die beiden noch sprachen, klang drunten im Flur ein leichter Schritt. »Grad kommt 's Madl!« Sie gingen hinunter und fanden Beda schon am Fenster bei der Handschuhnähmaschine. Auf den ersten Blick erkannte Ambros das Mädel wieder, das im Herbst am Altwasser die Wäsche gespült hatte. Er grüßte. Beda konnte das nicht hören, denn mit zornigem Gebell war ein weißer Spitz unter dem Ofen herausgefahren. Während der klaffende Hund um Ambros herumtollte, ließen seine Pfoten bei jedem Sprung vier kleine feuchte Flecke auf den sauber gescheuerten Dielen zurück. Das wurde schließlich ein dunkler Ring, so daß Ambros lachend dachte: ›Als wär' ich in einen Hexenkreis geraten!‹ Die Wildacherin brachte den Hund zur Ruh' und sagte: »Bedle! Die zwei Stuben droben soll ich hergeben. Der junge Herr da tät mit seiner Mutter kommen.« Ohne von der Arbeit aufzublicken, erwiderte das Mädel: »Mir kann's gleich sein, wer unterm Dach droben haust.« Dann hauchte sie in die Hände und nähte weiter. »Schau doch a bißl her! Der junge Herr is der Brosi vom Herrn Doktor selig.« Beda wandte zögernd das Gesicht. »So? Grüß Gott!« Und beugte sich wieder zur Arbeit. Da wurde die Wildacherin ein bißchen rot, entweder aus Ärger oder aus Verlegenheit. Und weil der Spitz wieder zu knurren anfing, begann sie mit ihm zu schelten. Lächelnd ging Ambros gegen das Fenster hin und sah dem Mädel bei der Arbeit zu. Die Maschine, vor welcher Beda saß, war keine komplizierte Sache – ein eisernes Gestell an dem zwei feingezahnte Stahlplatten durch einen Hebeltritt geöffnet und geschlossen wurden; die Platten faßten das Handschuhleder mit den Säumen zwischen die Zahnung, und dann machte die flink mit der Hand geführte Nadel zwischen den Zähnen eine schöne, gleichmäßige Naht ans Leder. Es war ein langer, weißer Ballhandschuh, an welchem Beda gerade nähte. Und Ambros sah in Gedanken das Bild eines großen Ballfestes in der Stadt; alle Damen trugen so lange, weiße Handschuhe, wie Beda einen nähte; wenigstens stellte sich Ambros das so vor; gesehen hatte er es nie; und der Gegensatz dieses Bildes – dort die laute Lust und hier die stille Arbeit, dort der lärmende Überfluß und hier die klaglose Dürftigkeit –, dieser Gegensatz weckte in ihm ein warmes Gefühl und ließ ihn mit herzlichem Blick das Bild betrachten, vor dem er stand. Dieses Bild war hübsch. Das weiße Schneelicht des Fensters spann einen hellen Glanz um Bedas Kopf und um die Fülle des kupferdunklen Haars; das strenge Gesicht glühte noch von der Winterkälte, durch die das Mädel gegangen war. Und diese schmucke Gestalt! Es war an ihr, so kräftig sie auch gebildet schien, nichts Derbes und Bäurisches. Wie der schlanke Nacken unter dem reichen Haar sich hinbog gegen den Rüschensaum des straff sitzenden Leibchens – das war eine feine Linie, ein Schönheitsgedanke der Natur. »Fräulein Beda?« sagte Ambros. »Wir kennen uns doch. Warum sind Sie gegen mich so fremd? Und so still?« »Weil beim Reden d' Nadel allweil ausrutscht.« Zum Beweis dieser Wahrheit trennte sie ein paar fehlgeratene Stiche wieder auf. »Aber zu mir kannst Beda sagen und du. Ohne Fräuln. So ebbes braucht's net.« Er lachte. »Na also, Beda, dann gib mir auch zu freundlichem Einstand deine Hand! Wir wollen im Sommer gute Kameraden sein.« »Kameraden?« Es schien, als wäre sie auf dieses Wort nicht gut zu sprechen. Ein merkwürdiges Lächeln huschte um ihren Mund. Dann reichte sie Ambros die Hand und sagte ruhig: »Vor mir brauchst kei' Angst net haben. Laß mir halt du auch mei' Ruh! Da kommen wir gut mitanand aus.« Sie sah ihn prüfend an und begann die Arbeit wieder. Die Wildacherin schien das für einen heiteren Friedensschluß zu nehmen, fing ein gemütliches Schwatzen an und schwatzte immerzu, bis Ambros draußen in seinem Schlitten saß. Ein Gefühl des Unbehagens war in ihm zurückgeblieben; er wußte selbst nicht recht, warum. Während er durch die in der Sonne schimmernde Schneelandschaft nach dem Unterdorfe zurückfuhr, tauchte sogar der Gedanke in ihm auf, die Sache mit den zwei Stuben wieder rückgängig zu machen, im Notfall die hundertfünfzig Mark zu bezahlen und eine andere Wohnung zu mieten. Doch er war zu sehr ans Sparen gewöhnt, um diesen Einfall ernst zu nehmen. Dann lenkte der Anblick des öden, glatt überschneiten Kiesbettes der Wildach seine Gedanken wieder auf die Arbeit, die nun bald beginnen sollte. Als er an jener langen, mit Säulen durchsetzten Mauer vorüberglitt, fragte er zerstreut: »Das Schlößl ist im Winter nicht bewohnt?« Der Knecht, der den Schlitten führte, begann ein flinkes Geplauder. In früheren Jahren wären die Herrschaften immer schon mit dem ersten Grün im Schlößl eingezogen. Seit die junge Prinzessin vor vier Jahren den ›auslandrischen‹ Herzog geheiratet hätte, wäre die Sache anders geworden. Der hätte wohl große Freude an der Jagd. Aber zwei Sommer wären die Herrschaften gar nicht im Tal gewesen, im letzten Herbst nur ein paar Wochen. Dadurch hätten die Leute im Dorfe manchen Verdienst verloren. Doch man trüge das den Herrschaften nicht nach. Der junge Herzog wäre ein leutseliger Herr, nur manchmal ein bißl grob. Aber Grobheit ist eine gesunde, ehrliche Sache. Und schrecklich verliebt wäre der Herzog in seine junge Frau, obwohl die beiden nebeneinander aussehen wie der Baum und ein Stäudl Klee. »So an Endstrumm Mannsbild! Und so a feins und kleinbeinlets Frauenzimmer! Recht gsund muß dös Frauerl auch net sein. Freilich, mit siebzehn Jahr heiraten und als a halbets Kindl in vier Jahr drei Kinderln haben – eins ist gstorben davon – mein, so ebbes reißt eim Weiberleut allweil a bißl was abi vom Leben. Aber sonst a liebs Gschöpferl! Daß d' meinst, es kommt a Blümerl auf ein' zugflogen. So viel gut kann s' dreinschauen mit ihre runden Vogelaugen. Und Geigen spielen kann s', viel feiner noch, als wann a Zeiserl singt.« »Geige?« fragte Ambros, in dem eine Erinnerung erwachte. »Ja, da bin ich oft schon stehnblieben bei der Mauer und hab aufglust. Jeden Tag hat man's hören können. Aber wann d' Frau Fürstin Mutter da is, hat's allweil an End mit der Musi. D' Leut sagen, sie täten sich net recht vertragen mitanand, die junge Herzogin und ihr Frau Fürstin Mutter. Freilich, die is allweil eine von der scharfen Seite gwesen. Aber was geht's denn mich an? Und ich will nix gsagt haben. Hüoh!« Der Gaul, der die Peitsche fürchtete, fiel in schärferen Trab. Und die kleinen Schellen rasselten in der kalt leuchtenden Stille des Wintermorgens. Im Unterdorfe stand Herr Wohlverstand wartend vor der Wirtshaustür, in seinen Fuchspelz eingesackt. »Lang hat's dauert!« sagte er lachend, reichte seinem jungen Kompagnon die Hand und stieg in den Schlitten. Der schwere Pelz und was dem Herrn Friedrich Wohlverstand sonst noch gehörte, nahm einen so breiten Raum ein, daß sich Ambros schmal machen mußte. 5 Es war Mai geworden. Ein milder Nachwinter und ein zeitig einsetzendes Frühjahr hatten den Beginn der Arbeit im Wildachtal begünstigt. Schon Mitte April waren die Talstraßen schneefrei geworden; die Zufuhr des Baumaterials, der Zementfässer und des vielen Handwerkszeuges hatte um vierzehn Tage früher beginnen können, als Ambros gerechnet hatte. In der ersten Maiwoche war er, begleitet von einem Zahlmeister und Aufsichtsbeamten des Herrn Wohlverstand, an der Stätte seiner Arbeit eingetroffen. Die Mutter sollte Ende Juni nachkommen, wenn das erste Gehetze vorüber und die Arbeit in geordnetem Gang wäre. Um die beiden Stuben ein bißchen freundlicher auszugestalten, hatte Ambros einige Möbelstücke, Gardinen und Decken aus München mitgebracht. Auch ein Pianino. Um diesen ›unsinnigen Kasten‹, wie die Wildacherin das Pianino taufte, in das Dachgeschoß hinaufzubringen, mußte man an der schmalen Treppe das Geländer wegnehmen. Dazu hatte der weiße Spitz ein fürchterliches Geheul angeschlagen. Die Beda war unsichtbar geblieben. Am Abend, als das Mädel in der kleinen Küche, in der es schon dämmerte, mit der Großmutter bei der Milchsuppe saß, fing Ambros droben zu spielen an, eine Waldszene von Schumann. Beda horchte auf, wie von einem Zauber berührt, und legte den Löffel fort. Die Wildacherin aß ruhig weiter und sagte: »Ah, da schau! Hätt mir net denkt, daß in dem unsinnigen Kasten so ebbes Heiligs drin sein kunnt.« Als sie Licht machte, sah sie verwundert das stille Mädel an. »Bedle? Was hast denn?« »So ebbes hab ich meiner Lebtag net ghört. Dös rührt alles auf in eim drin!« Sie trat in den kühlen Frühlingsabend hinaus und stand unter den aufblitzenden Sternen an einen noch unbelaubten Apfelbaum gelehnt, bis droben in der Dachstube die schönen Klänge verstummten. Wenn Beda in den folgenden Tagen dem jungen Mieter begegnete, grüßte sie freundlich. Manchmal sprach sie auch ein paar Worte mit ihm. Zu langen Plauderstunden hatte Ambros keine Zeit. Die wachsenden Geschäfte begannen ihn vom ersten Licht bis in die sinkende Nacht zu hetzen. Man hatte, während die verlaufenden Hochwasser noch rauschten, zu den ersten Vorarbeiten hundert Leute gestellt, die aus der Gegend angeworben waren. Das war gegen die Stimme des Herrn Wohlverstand geschehen, der nur italienische Arbeiter nehmen wollte. Die lustigen Gebirgler hielt er für teure und faule Schaffer. Doch Ambros hatte seinen Willen durchgesetzt; das Dorf sollte verdienen, und es mußte verhindert werden, daß die vom Krispin Sagenbacher aufgerührte Stimmung weitere Nahrung fände. Mehr Leute als diese hundert waren im Tal nicht zu bekommen. Dennoch gab's einen schreienden Auflauf, als in der letzten Maiwoche die vierhundert italienischen Arbeiter anrückten, die zur rechtzeitigen Vollendung des Werkes nötig waren. Die fremde Sprache und die dunklen Gesichter mit den Blitzaugen machten die Bauern mißtrauisch. Man prophezeite Diebstahl, Brandlegung und Totschlag, sorgte sich um die Ehre und Gesundheit der Weibsleute, räsonierte über die Bauherren und schimpfte auf die Regierung. Herr Friedrich Wohlverstand mußte sich in absentia eine Umtaufe seines Namens in ›Schlierich Unverstand‹ gefallen lassen. Als am Abend der Mariengruß geläutet wurde, sah man kein Kind und Mädel mehr auf der Straße. Sie hatten Angst vor den italienischen Fledermäusen. An den Häusern waren die Türen und Fensterläden geschlossen. Aber die Burschen zogen truppenweise bis spät in die Nacht auf den Straßen umher und sangen gepfefferte Schnaderhüpfeln auf die ›wällischen Kesselflicker und Katzelmacher‹. Inzwischen hatte sich die Einquartierung der fremden Arbeiter in dem Barackenlager vollzogen, das man am Waldsaum unter der Großen Not für sie erbaut hatte. Ambros, der mit den Leuten in ihrer Sprache reden konnte, begegnete gutem Willen, und die Verlesung der Führungsregeln wurde von den Arbeitern ohne Widerspruch angehört, obwohl ihnen das Bezirksamt an Sonn- und Feiertagen den Besuch der Dorfwirtshäuser verbot. Als Ambros in später Dämmerung das Barackenlager schon verlassen wollte, hörte er einen Lärm von vielen Stimmen, und drei Rottleute der Italiener kamen ihm nachgelaufen. Sie erklärten aufgeregt, daß die Arbeiter die hohen Preise, die in den beiden von Herrn Wohlverstand installierten Kantinen gefordert würden, ohne schwere Einbuße an ihrem Lohn nicht bezahlen könnten. Ambros ging mit den Leuten zu der Amtsstube des Zahlmeisters. Hier kam es zu einem scharfen Auftritt. Der Vertreter des Herrn Wohlverstand erklärte kurz und bündig, in diese Angelegenheit hätte der Herr Ingenieur nichts dreinzureden; das wäre ausschließlich Sache des Herrn Wohlverstand, wie es auch deutlich im Vertrag stünde. »Im Vertrag? Wieso? Davon weiß ich nichts.« Der Zahlmeister hatte eine Abschrift des friedfertigen Schriftstückes flink zur Hand. Als nun Ambros die Stelle durchlas, die ihm bezeichnet wurde, stieg ihm das Blut in die Stirn. Er las jetzt aus dieser Vertragsbestimmung einen Sinn heraus, den sie früher für ihn nicht gehabt hatte. Die fünfzig harmlos scheinenden Worte berechtigten Herrn Friedrich Wohlverstand zu allerlei profitablen Nebengeschäften. In Zorn schob Ambros das üble Papier von sich. »Vertrag hin oder her, ich dulde nicht, daß man die Arbeiter übervorteilt, und werde mit ihnen die Preise festsetzen, an die sie gewöhnt sind. Herrn Wohlverstand gegenüber werde ich jede Verantwortung übernehmen.« »Gut!« sagte der Zahlmeister. »Ich bitte nur, mir das schriftlich zu geben mit der Verantwortung.« Ambros warf ein paar Zeilen auf ein Blatt und unterschrieb. Dann setzte er sich mit den Rottleuten zusammen und einigte sich mit ihnen für alle Speisen und Getränke auf einen Preis, der dem Lohnsatz der Arbeiter entsprach und dem guten Kantinenvater Wohlverstand noch immer einen anständigen Nutzen sicherte. Der Zahlmeister nahm die Abschrift des Protokolls in Empfang, betrachtete das Blatt wie eine schwerbegreifliche Sache und nickte schweigend. Ambros, als er unter dem Schein der Sterne das Barackenlager verließ, hatte das Gefühl: Da hab' ich was Gutes gemacht. Was da geschehen war, hatte sich auch unter den Arbeitern schon verbreitet. Schwatzend standen die dunklen Gestalten beisammen, und als eine junge Stimme rief: »Evviva il buon padrone!«, fielen zahlreiche Stimmen ein. Darüber freute sich Ambros um seines Werkes willen. Es war ihm ein wohliges Ding, so heimzuwandern durch die Frühlingsnacht, während hinter ihm eine Ziehharmonika klang, das scharfe Zirpen zweier Mandolinen und dann ein halblauter, fremdartiger Gesang, ein dürstendes Lied der Sehnsucht. Er dachte an die Mutter. Wie sie sich freuen wird, wenn sie kommt und die schaffenden Menschen sieht, das Werden einer großen, dem Leben nützlichen Tat! Sein frohes Träumen wurde durch ein unmelodisches Johlen unterbrochen. Drei Burschen kamen über die Wiese her und grölten:       »Italiani Bloß Häutln und Bani, Aber endslange Händ, Dö haben koa End Berliggo, berlaggi, Haben s' alles im Sacki!« Ambros blieb in Zorn vor den dreien stehen. »Warum beschimpft ihr diese Leute? Die sind doch gekommen, um sich für euch zu plagen!« Die drei lachten dumm, einer besonders laut, ein baumlanger Kerl. Ambros betrachtete sie; im Dunkel sah er von den Gesichtern und den nackten Knien nur eine matte Helle. »Seid doch vernünftig!« Mit diesem Wort ging Ambros weiter. Dann sah er über die Schulter zurück. Ob der Längste von den dreien nicht der Krispin Sagenbacher war? Da fingen die drei hinter den Erlenstauden wieder zu singen an: »Italiani Polenta, Mariani –« Das weitere Kauderwelsch dieser Spottverse konnte Ambros nicht verstehen. »Da möcht' ich schon lieber den Waldrauscher singen hören!« Wie wunderlich, daß er dem Alten noch nie begegnet war. Auf den Gehängen der Großen Not und in den Schluchten der Wildach fingen schon die Ranken des Waldrausches zu blühen an! Ambros trat, um einen Bissen zu essen, noch in das Wirtshaus, das in der Nähe seiner Wohnung lag. Als er eine halbe Stunde später heimging, sah er vor dem Zauntor der Wildacherin einen Menschen stehen, unbeweglich. Das war nun wirklich der Krispin Sagenbacher. Bevor ihn Ambros ansprechen konnte, ging der lange Lümmel flink davon. »Was hat der zu suchen da?« Die Fenster an der ebenerdigen Stube waren noch erleuchtet. Während Ambros in den Flur trat, steckte die Wildacherin den Kopf zur Stubentür heraus. »Gott sei Lob und Dank, Herr Brosi! Weil S' nur daheim sind! Hab schon gmeint, es is Ihnen was passiert bei die Katzlmacher.« »Nein, Mutter Wildacherin! Da brauchen Sie keine Sorge zu haben. Gute Nacht! Und stört es Sie nicht, wenn ich noch ein bißchen musiziere?« »Gott bewahr! 's Madl liegt schon. Aber sie schlaft noch net. Da spieln S' ihr grad an schönen Traum in ihr Surrköpfl eini. Gut Nacht!« In der Küche knurrte der weiße Spitz, bis Ambros droben in seiner Stube war. Eine Fuge von Bach klang in die Frühlingsnacht, die von kommenden Blüten träumte. Vier Tage später waren die Rotten der Arbeitsleute über das ganze Regulierungsgebiet der Wildach verteilt. Nun begann das vielfältige Schaffen einem einheitlichen Willen zu gehorchen. Nach aller Hetze der vergangenen Wochen fühlte Ambros das Bedürfnis, sich einen aufatmenden Tag zu vergönnen. Auch die Erholung sollte noch Arbeit sein. Begleitet von seinem Träger, stieg er an einem klaren Morgen auf die Große Not. Er wollte, das Bild der Wildach zu seinen Füßen, noch ein letztes Mal alle Pläne überprüfen. Das war für ihn die Pflicht dieses Tages. Und seine aufatmende Freude sollte das werden: dort oben in schöner Sonne zu rasten und in der Tiefe das schaffende Leben zu schauen, das sein Geist beseelte. Der Aufstieg dauerte drei Stunden, durch steile Wälder, in denen das lichte Buchenlaub und das milchige Grün der Lärchen zu sprossen begann; durch enge Schluchten mit festgefrorenem Lawinenschnee; über Almflächen und durch klotziges Felsgewirr hinauf zu einem kleinen Plateau, das sich unter der steilen Zinnenwand der Großen Not hinausbaute ins freie Blau. Schon damals im Herbst war das wundervolle Bild der weitgebreiteten Landschaft mächtig auf ihn eingedrungen. Jetzt, nach aller Arbeit, die er geleistet, nach dem Siege, den er gewonnen, wirkte diese leuchtende Schönheit auf ihn noch tiefer und froher. Während der Träger davonging, um Latschenzweige für das Feuer zu sammeln, ließ Ambros sich auf seinen Mantel nieder. So lag er in der Mittagssonne. Unter lächelnden Träumen blickte er in die Ferne, in der die Kuppen von tausend Bergen gleich blauen, von weißem Schaum gekrönten Wellen mit dem reinen Himmel ineinanderflossen. Gegen Norden sah er etwas goldig Verschleiertes mit kleinen Schimmerflächen, das ebene Land mit seinen Flüssen und Seen. Wo ein bräunlicher Dunst das Bild in der Ferne schloß, da draußen mußte München liegen. Und in der großen Stadt das kleine Haus der Mutter! Dieser Gedanke war Freude und war durchzittert von einem leisen, wunderlichen, Bangen. Sein Blick suchte das Dorf, die Heimat seiner Kindertage, das Haus seiner Eltern. Die Dächer da drunten waren neben dem breiten Kiesbett der Wildach so klein um die Kirche zusammengehuschelt, daß man das einzelne nicht unterscheiden konnte. ›Wie winzig alles wird, aus der Höhe betrachtet!‹ dachte Ambros. ›Man sollte lernen von diesem Aneinanderschmiegen aller Gegensätze im Bilde der Natur! Sollte sich immer eine menschliche Höhe wahren, von der man alles Quälende des Lebens betrachtet! Dann würde sich das Harte lindern, das Grelle einen milderen Hauch gewinnen, alle Lebensnot geduldig zusammenfließen mit aller Daseinsfreude, so, wie dort unten jede Menschensorge klein und schweigsam sich auflöst im leuchtenden Frühlingsjubel der Natur.‹ Wie doch ein Blick aus der Höhe alle Wirklichkeit verschont! Zu hundert Malen war Ambros schon im Mai durch sprossendes Gras gegangen. Nie noch hatte er eine solche Farbe gesehen, solch ein kraftvolles Smaragdgrün, wie es dort unten über alle Wiesen gegossen war. ›Diese Farbe ist keine Lüge der Ferne, ist ein wirklicher Besitz der Erde. Man muß nur den rechten Standpunkt gewinnen, um sie zu sehen. Und eine Wiese und das Leben? Wo ist da ein Unterschied?‹ In der Tiefe klang ein dumpfes Krachen, das an allen Bergwänden ein donnerndes Echo weckte. Es war ein Sprengschuß, den die Arbeiter in der Waldschlucht gelöst hatten, wo der Grund für die große Sperrmauer ausgehoben wurde. Ambros lachte froh vor sich hin: »Wieder ein Brocken Not vom Leben abgelöst!« Es krachte der zweite Schuß. Dann war minutenlang ein Dröhnen und Böllern, so flink aufeinanderfolgend, daß immer das Echo des einen Schusses hinüberrollte zum Widerhall des anderen. In der Waldtiefe war das Staubgewirbel der Schüsse zu sehen, nur so winzig, als säße dort unten ein rauchender Hirte, der seine Tabakswölkchen vor sich hin paffte. Und wie feines Ameisengewimmel erschienen die Hunderte von Menschen, die am Lauf der Wildach bei der Arbeit waren, um einen rauschenden Lebensschreck in nützlichen Frieden zu verwandeln. Während Ambros in die Tiefe blickte, brachte der Träger ein Feuer in Brand und konstruierte aus Latschenzweigen eine sinnreiche Sache, um das Blechgeschirr mit der Konservenmahlzeit über die Flamme zu hängen. Er guckte ins Tal hinunter und schielte zu Ambros hinüber, als könnte er sich diesen Widerspruch nicht zusammenreimen, den rastlosen Arbeitswirbel dort unten und den jungen Willen, der ihn lenkte; das große Werk und die schmächtige Jünglingsgestalt, die wohlig in der Sonne rastete; allen Ernst dieser starken Tat und die blauen Träumeraugen in dem leicht gebräunten Gesicht, das, so schmal und so herb es war, doch etwas kindlich Weiches hatte und den linden Blondbart fast wie eine Maske trug, um sich würdevoller zu machen. Der Träger hätte gern ein bißchen geschwatzt. Ambros hörte nicht und war schweigsam. Plötzlich wurde er durch die Beobachtung eines kleinen, merkwürdigen Dinges geweckt: Drunten im Tal, wo eine weiße Mauerlinie sich starr um ein lindes Gewoge von Baumkronen herumschnürte, sah er über dem blauduftigen Grün eine kleine rote Flamme gaukeln. Eine Flamme? Nein! Eher glich das einer feuerfarbenen Libelle, die flatternd immer auf der gleichen Stelle schwebte. Die mußte in Wirklichkeit so groß sein wie der Märchenvogel Greif. Sonst hätte man sie in dieser stundenweiten Ferne nicht gewahren können! Als wäre Ambros noch der kleine Brosi von einst, so ließ er seine Phantasie mit dem roten Flatterwesen dort unten spielen, bis er zu dem Schlusse kam: Das muß eine rot und weiß gestreifte Flagge sein. »Ist denn das Fürstenschlößl bewohnt?« »Ich weiß net!« sagte der Träger. »Unser Essen is fertig, Herr Inschenier!« Als die beiden unter heiterem Geplauder geschmaust hatten, zog Ambros die Planrolle aus der Blechkapsel. Während er zu arbeiten anfing, wurde sein Gesicht ein anderes, ein strenges Mannsgesicht mit forschenden Augen. Nach vier Stunden sagte er. »So! Fertig! Hinunter! Ich will vor Abend noch sehen, was der Tag vorwärtsbrachte.« Bei dem Tempo, das die beiden anschlugen, brauchten sie wenig mehr als eine Stunde, um die Waldtiefe zu erreichen, in der die Wildach aus zahlreichen Gießbächen ihre bösen Kräfte sammelte. Überall sah man in ausgeschwemmten Steinrinnen die stürzenden Gewässer blitzen. Dieses Rauschen war wie ein großes Lied in der Waldstille. Doch der vorgeschrittene Frühling hatte die tobenden Wasserstürze schon in ungefährliche Bäche verwandelt. Noch wenige Sonnentage, und die Steinrinnen, in denen es noch rauschte und blitzte, waren ausgetrocknet. Ambros kam zu drei Rottschaften, die in steilen Wassergräben die Geröllfänge und Sohlenstaffelungen zu bauen begannen; er kam in das langgestreckte Waldtal, in dem ein Hall von hundert Äxten war und das Krachen stürzender Bäume; hier wurde der Waldgrund gerodet, über dem die Wassermengen, von der Sperrmauer angestaut, sich sammeln sollten zu einem langen See. Am Ausgang des Tales kam Ambros zu der Stelle, wo die riesige Mauer der Talsperre sich erheben sollte. Auch hier waren hundert Leute am Werk, um den Grund für das Fundament des Gemäuers auszuheben und hindernde Gesteinsmassen fortzusprengen. Der Arbeit, die da geschehen sollte, kam die Natur zu Hilfe, indem sie zwei hohe Felskämme von beiden Seiten gegen die Wildach heranschob. Vor Jahrtausenden hatte dieser Felsenring, noch zusammenhängend, das Waldtal geschlossen und einen großen natürlichen See gebildet. Damals mochte der steinerne Wall den Menschen, die das tiefere Tal bewohnten, als feste Burg wider eine drohende Not erschienen sein. Und da gaben sie wohl dem Felskamm, über den die überströmenden Wasser niederstürzten, den Namen ›Notburg‹! Die fallenden Wasser nagten jahrhundertelang an dem Gestein, bis es den Druck des angestauten Seewassers nicht mehr aushielt. Der Durchbruch erfolgte, und die Zerstörung nahm ihre rauschenden Wege über die Wohnstätten der Menschen. Das mußte sich in vorhistorischer Zeit ereignet haben. Im Volke hatte sich keine Erinnerung an jene Katastrophe erhalten. Nur dieser Name ›Notburg‹ war geblieben und führte in späteren christlichen Zeiten zu einem frommen Mißverständnis: Die böse Stelle, aus welcher die verheerenden Wassermengen herausbrachen, wurde dem Schutz der heiligen Notburg anvertraut. Man baute vor dem Felsentor eine Kapelle mit dem Standbild der Heiligen, und jährlich zu Beginn der Schneeschmelze wurde hier unter freiem Himmel eine Prozession und Bittmesse abgehalten. Wieviel hundert Menschen durch die Fluten der Wildach trotz dem guten Willen der heiligen Fürsprecherin schon bösen Schaden an Gut und Leben erlitten hatten, das konnte man an den zahllosen Votivtäfelchen sehen, mit denen alle Wände der Kapelle behängt waren. Auch an dem Steingebrüch des Felstores waren in ausgeschwemmten Löchern naive Weihgeschenke festgeklammert, drollige Modelle von Häusern und Heuschuppen, Menschen- und Tiergestalten, Heiligenbilder, eine Kreuzigung Christi und der beiden Schächer, ein heiliger Hubertus, der neben dem kreuztragenden Hirsch auf den Knien liegt und flehend die Hände faltet – alles mit kindlicher Kunst gebildet, manches schon hundertjährig und älter. In Ambros war das aufgetaucht als erster Gedanke: stark zu wiederholen, was die Natur vor Jahrtausenden an dieser Stelle zu schwächlich gebildet hatte, den Durchbruch des Felsentores mit einem Betonwall zu verschließen, in den die Schleusen und Abflußdohlen einzubauen waren, und diesen sperrenden Riegel gegen das künftige Seebecken hin durch eine mächtige Mauer zu verstärken, die allem Druck der anströmenden Gewässer zu widerstehen vermochte. So war nun die Stille dieses gefürchteten und darum geheiligten Ortes verwandelt in eine lärmvolle Stätte der Arbeit. Das Klingen der Steinhämmer, die Sprengschüsse, das Rollen des Gesteins, die schreienden Stimmen der Arbeiter, der klirrende Hufschlag der vielen Rosse, die das Baumaterial herbeischleppten und den Schutt und die gefällten Bäume wieder davonzogen, alles wirrte sich ineinander zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der das Rauschen der klein gewordenen Wildach übertönte und zu ihr hinunterschrie: Du wirst bezwungen, gebändigt! Ambros hatte ein Gefühl von stolzer Freude, als er inmitten des ruhelosen Schaffens stand und bald in deutscher, bald in italienischer Sprache ein Wort des Lobes sagte, einen Rat gab, einen Befehl erteilte. Auch störte ihn das nicht, daß er neben dem eigenen Werk noch fremde Arbeit sah. Auf dem linken Felsrücken, gegenüber dem Hausbau, in dem die beiden Schleusenwärter wohnen sollten, begann sich ein nüchterner Mauerkasten zu erheben, das Elektrizitätswerk, das die Kraft des abströmenden Schleusenwassers für die drei Dörfer des Wildachtales in Licht verwandeln sollte. Das war so eins von den Privatgeschäften, die sich der biedere Herr Wohlverstand durch unbedenklich scheinende Vertragsklauseln zu seinem persönlichen Vorteil gesichert hatte. Es ging schon auf Feierabend zu, als Ambros durch das Felsentor der Notburg hinaustrat in den Wald, in jenen ›tiefen, dunklen Wald‹ seiner Kindersehnsucht von einst. »Geh nur voraus und bring meine Sachen heim!« sagte er zu dem Träger. »Ich habe noch einen Weg.« Er wollte ein paar Stauden Waldrausch mit den Wurzeln aus dem Boden heben, um die Fenstergesimse im Stübchen der Mutter mit diesem freundlichen Geschling zu schmücken. Suchend ging er durch den Wald. Mit roten Feuerbändern glänzte die sinkende Frühlingssonne in die blaue Dämmerung hinein. Bei der Notburg verstummte der wirre Lärm. »Feierabend!« sagte Ambros vor sich hin. Dann hob er lauschend den Kopf. In der Waldstille, in der nur noch ein sachter Hall vom Rauschen der nahen Wildach war, klang eine singende Greisenstimme. »Der Waldrauscher!« In Freude ging Ambros der Richtung zu, aus der die Stimme klang. Als er eine Bodenrippe des Waldes übersteigen wollte, blieb er im Schatten einer alten Fichte betroffen stehen. Wie eine ruhige Flamme war im Sonnenglanz das rote, schön fließende Kleid des jungen Weibes anzusehen, das an den Stamm einer Buche gelehnt stand und vorgebeugten Gesichtes auf den Waldrauscher niederblickte. Eine zarte, feine, zierliche Gestalt. Wie ein junges Mädchen sah sie aus. Oder war das schon eine Frau? Etwas Lebensmüdes sprach aus ihrem schmalen, blumenhaften Gesicht, dem nur der abendliche Glanz diese heiße Farbe gab. Zwei dunkle Sicheln des Braunhaars legten sich schimmernd um die Schläfen und verschwanden unter dem ährengelben Florentinerhut, dessen breite rote Seidenbänder in Schlingen niederfielen und der so leicht war, daß sich die Krempe im leisen Abendwind bewegte; wenn ein Hauch sie niederdrückte, glitt ein schwarzer Schatten über die Hälfte des leuchtenden Gesichtes; bog sie sich wieder über die Stirn zurück, dann glänzten zwei blaudunkle, große Augen, scheu wie die Augen eines erschrockenen und dennoch neugierigen Kindes. So stand sie an die Buche gelehnt und sah auf den Waldrauscher nieder, wie man in den Zauber einer Sage aus versunkenen Zeiten oder in die geheimnisvolle Tiefe eines Brunnens blickt. Zwischen den Bündeln des blühenden Waldrausches saß der Alte zu den Füßen des jungen Weibes, die Arme um die Knie geschlungen, den Kopf zurückgeneigt, daß ihm unter der verwitterten Lederkappe die weißen Haarsträhnen über den Rücken fielen. Wie ein in Inbrunst Betender empordürstet zu einem Heiligenbilde, sang er mit seiner feinklingenden Greisenstimme:                 »Und der Wald, Der is alt Und is allweil no' grean! Und a Gwalt, Dö ihn halt, Macht 'n jung, macht 'n schean!« Leise fragte das junge Weib: »Gewalt? Das versteh' ich nicht.« Der Alte sang: »Und dö Gwalt, Dö ihn halt, Dö er spürt allezeit, Is a Liab, Hell und trüab, Is a wehsame Freid!« Die Lauschende schwieg, als müßte sie den Sinn des Liedchens überdenken. Dann sagte sie, während ein Zug des Leidens den schönen Mund umzitterte: »Die Liebe? Eine wehsame Freude? Waldrauscher, da hast du zuviel gesungen um ein Wort! Und der Wald soll lieben müssen? Nein. Der Wald ist still und schön, weil er die Liebe nicht kennt und diese Pein nicht fühlen muß. Fühlen kann nur, wer eine Seele hat. Wachsen und blühen ist nicht Leben. Der Wald ist totes Holz. Wenn die Menschen frieren, kommen sie mit der Axt und schlagen die Bäume nieder und stecken die Scheite in den Ofen.« Ohne sich zu regen, sang der Alte zu dem jungen Weibe hinauf:               »Und i leb, sagt der Wald, und Hab Fruahjahr und Hirbst! 's bleibt alleweil 's gleiche, Wia d' lebst oder stirbst! Und der Berg hat sein' Wald, Und der Wald, der hat mi, Und alls is an oanzigs Wia du und wiar i. Und durstet dein Hearzl, Und gwinnst d'r, was d' magst, Es sagt oaner: ›Gnuag is!‹ Und kummt mit der Axt. Und 's Scheitl im Ofen, Dös liebt noch und brennt – Gluat geben hoaßt leben, Und Aschen hoaßt 's End. – In die Stimme des jungen Weibes kam ein strenger Klang. »Waldrauscher, ich bin dir gut. Aber solche Lieder sollst du verschweigen vor mir. Manchmal singst du gütig und klug. Das sind Lieder, die mir Ruhe geben. Heute hast du einen von deinen verworrenen Tagen. Das ist kein freundlicher Willkomm. Sorge machst du mir auch. Du bist kein guter Christ. Gott hat dir diese schöne Gabe geschenkt. Warum bist du nicht dankbar? Warum singst du nie von Gott und seiner Barmherzigkeit? Was du heute gesungen hast, das hätte der Pfarrer nicht hören dürfen.« Ein leises, heiteres Lachen. Dann sang der Alte:         »Und der Pfarr Is a Narr Und sieht alles so guat, Wiar a Kind, Hat's 'n' Grind Unterm Ahnl seim Huat.« Das junge Weib trat gegen den Waldrauscher hin und stand wie eine schöne Flamme in der tiefen Sonne. Ihre Stimme zitterte. »Du sollst einen geweihten Priester nicht verhöhnen. Mag ein Priester auch als Mensch so schwach sein, wie wir alle sind, er bleibt als Priester ein Verkünder aller trostreichen Worte Gottes. Wider Gottes Wort sollst du nicht singen. Hätten wir Menschen nicht die Gewißheit, daß uns Gott nach allem irdischen Dulden belohnt durch seine reinen Freuden, wie könnten wir das Leben ertragen, das unrein und häßlich ist und das uns leiden und weinen macht? Bei Gott allein ist Liebe.« Das junge Weib verstummte und sah erschrocken nach der Stelle hin, wo Ambros stand. Aus ihrer Kehle rang sich ein matter Laut der Angst, hastig wandte sie sich ab, und ohne dem Waldrauscher noch ein Wort zu sagen, eilte sie wie eine Fliehende davon. Ambros – so wunderlich bewegt, als hätte sich etwas Unbegreifliches und Märchenhaftes vor ihm abgespielt – gewahrte, wie der Waldrauscher die Arme streckte, um heimlich an die rote Flamme des enthuschenden Kleides zu rühren. Dann krümmte sich der Greis zusammen und küßte die eigenen Hände, als hätten sie ein Heiliges berührt. Und Ambros sah, wie die Gestalt des jungen Weibes in einer Glutwoge der Sonne zu brennen schien, von dunklem Schatten verschlungen wurde, wieder aufleuchtete, den Schritt verhielt und gegen den Stamm einer Buche taumelte, wie befallen von einem quälenden Husten. Ambros machte eine Bewegung, als müßte er Hilfe bringen. Bevor er den Gedanken auszuführen vermochte, kam aus dem Wald eine städtisch gekleidete Person gesprungen. Wie eine Greisin sah sie aus, war klein, mager, häßlich und hatte eine schiefe Schulter. Sie legte in zärtlicher Sorge den Arm um das junge Weib, redete leise und hastig, zog die willenlos Gehorchende mit sich fort und verschwand mit ihr in der blendenden Helle, die den Saum des Waldes umloderte. Das Feuer der Sonne war so grell, daß Ambros geblendet die Lider schließen mußte. Auch mit geschlossenen Augen sah er noch ein farbiges Strahlenzucken. Als er die Lider öffnete, floß ihm Glanz und Schatten zusammen in ein violettes Dämmergewirr. Es dauerte eine Weile, bis seine Augen sich zu klarem Blick beruhigten. Und da sah er den Alten noch immer auf der gleichen Stelle kauern, zwischen Blütenbündeln, das Gesicht in die Hände vergraben. »Waldrauscher!« Der Greis fuhr auf wie in Schreck und Zorn. Beim Anblick des fremden jungen Menschen wurde er ruhig und begann sich mit den blühenden Bündeln zu beladen. Ambros brachte keinen Laut heraus. Ein wunderliches Empfinden befiel ihn vor diesem unbegreiflichen Bild des Lebens, das in seiner greisen Form wie dauernde Jugend erschien, an welcher fünfzehn und zwanzig Jahre ohne Merk und Spur vorübergegangen waren. Und was er gehört und gesehen hatte, wirkte so seltsam in ihm nach, daß er sein eigenes Empfinden nicht verstand. Ihm war zumut, als wäre das alles nicht Gegenwart, sondern längstvergangene Zeit, und als wäre er wieder der kleine Brosi von einst, geheimnisvolle Sehnsucht im Herzen, einen leuchtenden Traum in der Seele. Der Tonele war nicht da. Doch der Waldrauscher belud sich mit seiner Frühlingslast, bis nur das braune Gesicht mit dem weißen Stoppelbart noch hervorlugte aus dem blühenden Grün – genauso wie damals, als der Alte das Wort von der Großen Not und der Heiligsten Freude gesprochen hatte und still davongegangen war. So wollte der Greis auch jetzt davonschreiten. »Waldrauscher?« Ambros holte den Alten ein. »Wer war die junge Dame, für die du gesungen hast?« Langsam drehte der Greis das Gesicht. »Geht's dich was an? Wer bist?« »Kennst du mich nimmer? Vor vielen Jahren einmal, im Frühling, hast du mir im Wald ein kleines Lied gesungen: Drei Mücken, drei Blumen, Drei Steine, drei Leut, Ist alles ein Leben, Ein Schmerz, eine Freud.« Das Gesicht des Alten bekam einen freundlichen Blick. Während er lächelnd zu dem schlanken jungen Manne aufsah, fing er leise zu singen an: »Und auffi und nieder, Koa Weg hat a Gfahr, Und alles kommt wieder, 's bleibt alles, wie's war.« Dann sagte er, wie man zu Kindern redet: »So, Büeble, bist wieder daheim? Wo is der Tonele?« »Ich weiß nicht, wo. Viel ist anders geworden. Nur du bist der gleiche geblieben. Waldrauscher? Wie alt bist du jetzt?« »Net älter als du.« Lachend nickte der Greis vor sich hin. »Daß d' Leut allweil zählen müssen. Und jede Uhr geht falsch. Frag a Käferl beim dritten Flug! Dös Käferl sagt: ›Dreihundert Jahr bin ich alt.‹ Und der gscheite Schulmeister schaut auf'n Kirchturm auffi, glaubt an d' Uhr, weil er s' aufzieht alle Tag, und sagt: ›Drei Stund!‹ Recht hat er. Grad so recht, wie 's Käferl hat! Alt sein? Wer weiß, was alt sein heißt? Sag, Brosle: Hast schon amal an alten Wald gesehen, an alten Berg, an alten Stern?« »Dann muß ich fragen, wie jung du bist?« »Net jünger als du!« Wieder lachte der Waldrauscher. Dann nahm sein Gesicht einen Ausdruck sinnender Schwermut an. Während er hinausblickte gegen den Waldsaum, wo sich der grelle Glanz in sanftes Leuchten wandelte, sagte er langsam: »Derzeit ich gwesen bin, wie du heut bist, derzeit hab ich kein' Morgen und kein' Abend nimmer zählt. Alles, was Zeit heißt, is mir gwesen wie Nacht, die allweil dauert, und wie Tag, der nimmer aufhört.« Schweigend standen die beiden eine Weile in der Stille des Waldes, bis Ambros, nach der gleichen Richtung blickend wie der Alte, die Frage wiederholte: »Waldrauscher? Wer war die junge Dame in dem roten Kleid?« Der Greis lächelte. Nahe Stimmen klangen im Wald; ein Trupp junger italienischer Arbeiter, jeder mit einer Holzkugel in der Hand, kam unter Schwatzen aus der Richtung des Barackenlagers, um einen Platz für das Bocciaspiel zu suchen. Ambros schien den heiteren Lärm nicht zu hören; immer sah er den Waldrauscher an und fragte erregt: »Warum sagst du mir nicht, was ich wissen möchte?« Da schob der Greis den Kopf aus den blühenden Waldrauschbündeln und flüsterte: »Weil alles glogen wär, was ich sagen kunnt. Lug sag ich keine. Dir net. Und Leut kommen, schau! An andersmal, Brosle!« Er tat unter seiner grünen Frühlingslast einen tiefen Atemzug und, ging langsam davon, mit leiser Stimme singend: »Und a Fuier fliagt um Und was fragst mi denn drum? Dös Fuier, dös kennt Bloß oaner, der brennt. Geh hoam und sei gscheit Und verlang d'r koa Freid! Wer tagsüber lacht, Der woant über Nacht.« Der Klang des kleinen Liedes floß zusammen mit dem fröhlichen Lärm, den die jungen Arbeiter machten. Als sie Ambros gewahrten, ging einer auf ihn zu und fragte höflich, ob er nicht Lust hätte, sich an ihrem Spiel zu beteiligen. Ambros nickte stumm. Der junge Arbeiter reichte ihm die hölzerne Bocciakugel, und Ambros betrachtete das glattgedrehte Stück Holz, als wäre ihm ein schwer zu lösendes Rätsel in die Hand gegeben. 6 Der schöne Abend dämmerte. Im Tal ein zartes, farbiges Träumen, jede Farbe mit Blau getönt. Der Himmel hatte noch hellen, gelben Glanz. Langsamen Schrittes kam Ambros vom Waldsaum über die Wiesen her. Sein Weg führte an dem Pfahl vorbei, dessen Tafel die Inschrift trug: ›Verbotener Weg‹. Ambros überstieg die Bretterplanke und folgte der Straße. Jedesmal in den vergangenen Tagen, sooft er über diese verwitterte Planke gestiegen war, hatte er an den Tonele denken müssen. Heut zum erstenmal blieb diese Erinnerung aus. Immer glänzte noch vor seinen Augen das rote Bild, das schön war und brennend in der Sonne stand. Die Hände in den Taschen der Bluse vergraben, ging er mitten auf der Straße und hatte keinen Blick für den Abend, in dessen Stille die Wildach rauschte wie ein Lied von vielen fernen Stimmen. Da überholte ihn ein schlanker, langer Mensch in grauer Tuchhose und blauem Leinenkittel, ein paar Blumen auf dem Hut, ein braunes Bündel an dem Stecken, den er geschultert trug. Wie ein feiner Schleier hing die blaue Dämmerung um ihn her. Mit einer festen, klaren Stimme sagte der Fremde: »Guten Abend!« Und ging vorüber. Ambros hob das Gesicht, so erstaunt, als hätte er was Merkwürdiges gehört. Er sah einen Menschen, den er nicht kannte. »Guten Abend auch!« Und träumte wieder vor sich hin. Der Fremde war auf dem Fußpfad neben der Straße stehengeblieben, ließ Ambros an sich vorübergehen, sah ihm nach und streckte den Hals wie einer, der schärfer sehen will. Kaum hundert Schritte hatte Ambros noch zu gehen, um das Haus der Wildacherin zu erreichen. Als er in den Hof trat, kläffte der weiße Spitz. Eine leise Stimme wies den Hund zur Ruhe. Und Ambros sah das Mädel auf der Holzbank sitzen. »Guten Abend, Beda!« »Guten Abend! Der Träger hat schon alles auftragen in dein Stübl. Schafft der Herr noch ebbes?« »Nein, ich danke.« Ambros lachte. Es wirkte immer heiter auf ihn, wenn Beda ›Herr‹ zu ihm sagte und ihn dabei duzte wie in der Kinderzeit. Er trat ins Haus. Beda wollte ihm folgen. Da sauste der Hund auf die Straße hinaus und begann ein Gebell, daß es an der nahen Bergwand ein Echo gab. »Sully!« rief das Mädchen mit scharfer Stimme. Sully hörte nicht, blieb auf der Straße draußen und kläffte. Als Beda ein paar Schritte gegen das Zauntor machte, sah sie in der Dämmerung den langen, schlanken Menschen stehen. »Schon wieder amal!« sprach sie in Zorn vor sich hin. Sie ging auf die Straße zu und fing, noch ehe sie den langen Menschen erreichte, zu reden an: »Was willst denn schon wieder? So a Narretei! Bei der Nachtzeit allweil umanandstehn vor meim Haus! D' Nachbarsleut reden schon drüber. Ich will mein' Fried haben. Mach, daß d' weiterkommst!« »Ah, da schau!« sagte der Fremde. Seine Stimme klang nicht mehr so fest, wie sie geklungen hatte, als er Ambros guten Abend gewünscht hatte. »Mir scheint, du nimmst mich für an andern?« »Jesus!« stammelte Beda und fuhr zurück, als hätte sie einen Stoß vor die Brust bekommen. Nun standen die beiden wortlos im Grau. Auch der Spitz war still und schnupperte vorsichtig am Hosenschaft des Fremden. Ein paar Sterne flimmerten schon aus dem erlöschenden Himmel herab. Und plötzlich hörte man das Rauschen der Wildach nimmer, weil aus dem offenen Giebelfenster des kleinen Hauses eine leidenschaftliche Flut von Klängen in den dunklen Abend herausschwoll. Die beiden auf der Straße schienen von dieser klingenden Sehnsucht nicht viel zu merken. Schweigend sahen sie einander an. Beda, als hätte die Verwechslung auch was Lustiges für sie, fing plötzlich zu lachen an. »Da hab ich mich aber grob verschaut! An dich hab ich freilich net denken können.« »So? Gar net a bißl?« »Seit wann bist denn wieder heim?« »Heim muß ich erst noch kommen. Grad bin ich am Weg. Wie hat's dir denn allweil gangen, die Zeit her?« »Net schlecht! Und dir?« »Wie's halt gehn hat können! Is d' Wildacherin allweil wohlauf gewesen?« »Allweil. Komm, Sully!« Der Fremde sah den weißen Spitz an, der an Beda hinaufsprang. »Is dös noch allweil der gleiche?« Die harmlose Frage schien auf Beda zu wirken wie ein Schimpf. Sie antwortete in Zorn: »Geht's dich was an?« »Angehn tut's mich freilich nix. Aber was in der Heimat Brauch is, muß ich verlernt haben. Von der Fremd her bin ich's gewöhnt, daß ich an Antwort hör, wenn ich frag um ebbes.« »Hättst bloß a bißl denken brauchen, so hättst net fragen müssen. So a Hundl is net der Waldrauscher, der hundert Jahr alt wird. Den Sully hab ich seit zwei Jahr. No also, bist jetzt z'frieden?« Beda trat in den Hof und warf das Gattertürchen zu, daß es rasselte. Der Fremde lachte. Dann guckte er in die Luft, als hätte er plötzlich die stürmischen Klänge vernommen, die aus dem dunkeln Giebelfenster herausfluteten. »He! Du!« Beda, schon bei der Haustür, wandte das Gesicht. »Der da droben d' Orgelpfeifen so narret scheppern laßt, is dös ebba der städtische Mensch, der zu enk da einigangen is, a paar Minuten kann's her sein?« »Sonst haust keiner bei uns.« »Entweder hab ich mich grad so verschaut wie du, oder ich tät druf schwören: Dös is kein andrer gewesen als der Lutzenbrosi?« »Der Herr Lutz hat kein' Brudern. Da kannst dich net verschaut haben.« Der Fremde schwieg, als hätte ihm diese Antwort was zu denken gegeben. Und Beda trat ins Haus, lockte den Hund zu sich heran und drückte die Tür zu. Eine Weile stand sie im finsteren Flur, umwirbelt von den schönen Klängen, die das kleine Haus durchhallten. Das dauerte dem weißen Spitz zu lang; er wollte in die Stube und scharrte an der Schwelle. Die Wildacherin öffnete die Tür, und matte Lampenhelle fiel in den Flur. »Aber Madl! Warum kommst denn net eini in d' Stuben? Oder tust auf d' Musi lusen?« »A bißl, ja.« »In der Stuben hört man's grad so gut. Und an d' Arbeit mußt auch noch a bißl denken. Morgen is d' Wochen gar, und d' Schachtel mit der War muß fort.« Beda trat in die Stube und wollte zum Tisch. Auf halbem Wege blieb sie erschrocken stehen, weil sie zu hören glaubte, daß einer durch den Hof zur Haustür kam. »Jesses, Madl!« jammerte die Wildacherin. »Was hast denn? Bist ja mauerbleich übers ganze Gsicht! Hast dich verkühlt auf der Hausbank? Weil ich dir's allweil sag, du sollst dich im leichten Stubengewandl net so aussihocken in d' Nachtkühlen!« Der Spitz fing zu kläffen an, und draußen polterte einer mit schweren Schuhen über die Stiege hinauf. »Wer trampelt denn da draußt umanand?« Beda rückte die Handschuhnähmaschine in den Lichtkreis der Tischlampe. »Zum Herrn Inschenier is schon oft einer auffi.« Die Wildacherin guckte hinaus. »He? Was is denn?« »Geht's da auffi zum Herrn Lutz?« »Rechts ummi! Da bist gleich bei der Tür.« Droben im Bodenraum war es finster. Der Fremde brauchte nur den Klängen nachzugehen. Ambros saß in der dunklen Stube am Klavier, so ganz versunken in das Beethovensche Allegro, daß er das Pochen nicht vernahm. Er fühlte nur, als die Tür geöffnet wurde, den kühlen Lufthauch, der durch das offene Fenster hereinstrich. Ohne das Spiel zu unterbrechen, blickte er zum Fenster hinüber und sah in dem großen Rahmen zwei helle Sterne blitzen. Als hätte das rätselhafte Feuer, das aus Fernen zu ihm herstrahlte, eine Glut in seiner Seele entzündet, so rauschte das Allegro unter seinen Händen immer leidenschaftlicher. Nach allem Sturm der Töne ein verhauchender Klang. Dann begann das träumerische Andante zu singen, wie eine geheimnisvolle Stimme von Schönheit flüstert, die auf Erden niemals heimisch war und doch für alle Sehnsucht in verheißungsvoller Nähe wohnt. Die Stimme schwieg. Ambros ließ die Hände sinken, sah bei der Tür schwarz und regungslos einen Menschen stehen und hörte ein Aufatmen, so, wie einer atmet, dem eine unaussprechliche Freude oder eine unsagbare Trauer im Herzen ist. Ambros sprang auf. »Wer ist in meinem Zimmer?« »Bloß ich bin's, Brosle!« Auf der Straße hatte Ambros das Gesicht bei halber Helle nicht erkannt. Jetzt in der Finsternis erkannte er die Stimme. »Tonele? Bist du's?« »Ja, Brosle!« Lachend sprang Ambros auf den Toni zu, küßte ihn, wie Brüder sich küssen, und merkte nicht, daß ihn der Toni von sich wegdrängte, als hätte er ein Wiederstreben gegen Dinge, die man Zärtlichkeiten nennt. Ambros wirbelte einen Sturz von Worten heraus. »Aber wart, ich mache Licht! Ich muß mich doch freuen können an deinen Augen!« Lachend sprang er in die Finsternis irgendwohin, und dann klirrte etwas wie Glas. Toni sagte: »Gleich auf der Straßen is mir's gwesen: Dös muß der Brosle sein! Da hab ich dir nachgehn müssen. Gar net ghört hast mich, wie ich eini bin in d' Stuben. Lang bin ich gstanden und hab auflusen müssen.« Ein tiefer Atemzug. »Dös muß ich dir sagen, Mensch: Du kannst ebbes Schöns. Allweil is mir gwesen, als tät einer reden mit mir, wie der Waldrauscher singt. Und dös is gspaßig: Alle dummen Streich sind mir eingfallen, die ich trieben hab im Leben. Bei jedem Einfall hab ich mir denken müssen: Wär gscheiter gwesen, du hättst es anders gmacht! Da hätt mich d' Mutter net verlieren müssen und hätt ihr Freud an mir haben können.« Er lachte ein bißchen. »Dös hätt ich mir nie net einreden lassen, daß d' Musi frömmer sein kann als Predigt und Beicht.« Die kleine Lampenflamme zuckte auf. »Tonele! Über Wesen und Wirkung der Musik hab' ich einen Menschen noch selten so ein gutes Wort sagen hören.« »Was hab ich denn gsagt?« »Ein Wort, aus dem ich heraushörte, daß du noch immer der Tonele bist, den ich liebhaben mußte.« Ambros deckte den blauen Glassturz über die Lampe und trug sie zum Tisch. »Komm her und laß dich anschauen!« Er nahm den Toni bei der Hand und zog ihn zu einem Sessel. Eine milde Helle war in der kleinen, weißen, einfachen Stube, die außer dem Piano, der Bettstelle und dem großen, mit Planrollen bedeckten Tisch nicht viel enthielt. Schweigend saßen sich die beiden Jugendfreunde eine Weile gegenüber, und einer sah dem anderen suchend in die Augen. Lächelnd sagte Toni: »Sauber hast dich ausgwachsen, Brosle! Gut schaust aus.« »Und du so ernst! Viel älter als du bist.« »'s Leben hat mich a bißl druckt.« Das sagte der Toni, wie man zu sagen pflegt: Das Wetter ist ganz erträglich. Ambros schloß die Hände noch fester um die schweren Fäuste des Freundes und spähte mit einem Blick der Sorge in das hagere, glattrasierte Gesicht, das hart in allen Zügen war und dennoch gewinnend wirkte durch die eigenartige Mischung von fester Männlichkeit und herber, unverlorener Jugend. Das kurzgeschnittene Braunhaar legte sich glatt um den kräftigen Schädel. Keine Spur von Freude redete aus den strengen Zügen, sie glänzte nur in den klaren, braunen Augen. »Erzähl mir, Tonele! Sag mir alles von dir!« »Da is net viel zum Verzählen. Um d' Mutter is mir leid gwesen. Aber mit'm Bruder war kein Hausen nimmer. Hab ich halt denkt: Gibst nach und machst, daß d' weiterkommst. Heimzogen hat's mich allweil. So a müde, kleine, bucklete Landschaft haben s' da draust im Unterland. Aber der Platz is gut gwesen, den ich gfunden hab. In eim verwitibten Hof hab ich mich als Hausmeier eindingt. Und da is mir jeder Tag wie der ander gwesen, net schlecht, grad recht. Daß mich die Witib allweil heiraten hätt mögen, dös hat mich net scheniert. D' Ellbogen halt sich einer leicht frei von die Weiberleut, wann er Freud an der Arbeit hat.« Ambros lachte. »War sie alt? Die Witib?« »Gar net. A saubers Weibets. Ich hab halt net mögen. Der Wirtschaft z'lieb hätt ich allweil noch ausghalten. Mucken, die net stechen, plagen ein' net arg. Aber da hat mir d' Mutter gschrieben, es tät bei ihr nimmer gut ausschauen mit der Gsundheit. Natürlich, da hat's mich heimtrieben auf der Stell.« »Wie hast du die Mutter gefunden?« Ambros empfand es als eine Schuld, daß er sich um die kranke Lahneggerin nicht bekümmert hatte. »Geht es ihr besser?« »D' Mutter hab ich noch gar net gsehen. Weil ich grad am Heimweg bin.« Ambros sprang auf. »Da sollst du dich keine Minute mehr verhalten! Was das heißt, eine Mutter liebhaben, das weiß ich. Komm! Ich begleite dich heim. Da können wir schwatzen, und ich will dir von meiner schönen Arbeit erzählen.« Der Toni nickte und ging zur Tür; weil ihm Ambros mit der Lampe leuchten wollte, sagte er: »'s Licht kannst ausblasen. Ich stolper net in der Finstern.« Er war auch gleich bei der Treppe und stieg mit schwerem Schritt hinunter. Im schwarzen Flur holte Ambros ihn ein. Der Spitz in der Stube kläffte, und durch eine Ritze der Tür quoll Lichtschimmer heraus. »Die Hausleut sind noch auf«, sagte Ambros, »magst du nicht ein Grüß Gott hineinrufen?« Ohne zu antworten, zog Toni die Haustür auf und trat in die sternhelle Frühlingsnacht hinaus. Von der Hausbank nahm er den Stecken und das Bündel auf und war schon auf der Straße, als Ambros wieder zu ihm trat. »Warum bist du so flink davon? Die Beda hätte sich gewiß gefreut, zu sehen, daß du wieder in der Heimat bist.« »So? Meinst?« »Denkst du noch manchmal an den roten Abend, an dem wir den großen Huchen fingen? Wir drei?« Der Toni schwieg. »Hast du das vergessen?« »So ebbes bleibt!« sagte der Toni hart. »Was ich fragen will? Kommt mein Bruder öfters da her zur Wildacherin?« »Dein Bruder? Nein! Am Abend einmal, da hab' ich ihn gesehen, wie er vor dem Haus der Wildacherin auf der Straße stand.« »So? Und du? Bist viel mit der Beda beinand?« »Leider nein! Das Mädel ist schmuck, ist klug und selbständig. Die trotzige Art, die sie hat, gefällt mir. Ich möchte gern manchmal ein Stündl mit ihr verschwatzen. Aber ich hab' keine Zeit dazu. Am Morgen geh' ich früh aus dem Haus, am Abend komm' ich spät wieder heim, und den ganzen Tag bin ich bei meiner Arbeit.« »Arbeit hast? Ich hab mir denkt, du bist zur Sommerlust im Dorf da? Was für Arbeit hast denn?« »Was Großes und Schönes, Tonele!« Ambros schob seinen Arm unter den Arm des Toni und fing von seinem Werk zu reden an, während sie unter dem Glanz der Sterne auf der dunklen Straße hinschritten. Immer, wenn Ambros von der Bändigung der Wildach sprach, hatte seine Stimme einen frohen und warmen Klang. Heute war das noch wärmer und froher als sonst. Etwas heiter Trunkenes war in seinem Wort und Lachen. Alles Nüchterne der Arbeit wurde zu einer leuchtenden Sache, immer blitzte und funkelte die Wildach von roter Sonne, und in der Hoffnung, mit der er vom Gelingen seines Werkes sprach, war eine tiefe, heiße Sehnsucht. Der Toni unterbrach ihn mit keinem Wort; als sie an dem Altwasser vorübergingen, spähte er seitwärts in die stille Nacht und tat einen schweren Atemzug. Ambros sah nur die Bilder seiner Arbeit. Er hatte keinen Blick für die lange, weiße Mauer mit den kugelgeschmückten Säulen und sah nicht, daß in der Tiefe des Parkweges zwei erleuchtete Fenster des Schlößchens aus der Nacht herausbrannten wie große, glühende Untieraugen. Der Toni nickte manchmal, während er zuhörte. Wär' es nicht so finster gewesen, so hätte Ambros sehen müssen, daß der Toni auch manchmal lächelte, ganz so wie damals, als der kleine Brosi beim Anblick der Großen Not gesagt hatte: »Da steig ich hinauf einmal!« Dabei machte der Toni immer längere Schritte; man sah in der Nacht schon den dunklen Giebel und die schwarzen Baumkronen des Lahneggerhofes. »Bis zum Herbst, bevor der erste Schnee fällt, muß alles fertig sein! Die Heimat wird Nutzen von meiner Arbeit haben. Das zu denken ist Freude für mich.« Ambros preßte den Arm des Freundes an seine Brust. »Freust du dich nicht auch mit mir?« »Ja, Brosle! Da kannst ebbes Nobels füranand bringen.« Dem Toni, der schon an den Augenblick dachte, in dem er zu der kranken Mutter in die Kammer treten würde, zitterte die Stimme. »Aber Verdruß wirst haben bei der Arbeit, so viel, wie der Tag Minuten hat. Dös is allweil so, wann einer ebbes macht, was für d' Leut an Nutzen bringt.« »Gottbewahre! Alles geht wie am Schnürchen.« »Dös wär's erstemal.« Da sprang aus dem schwarzen Straßengraben ein Weibsbild heraus und stammelte: »Tonele? Bist es?« »Kathrin?« fuhr es dem Toni mit erwürgtem Laut aus der Kehle. »Geht's ebba der Mutter schlecht?« »Na, na, da brauchst kein Angst net haben!« Das Weib faßte den Toni am Arm, zog ihn gegen die Wiesenplanke und flüsterte: »D' Mutter laßt dir bloß sagen, du sollst es dem Krispi net verraten, daß d' Mutter gschrieben hat.« »So arg treibt's der Krispi mit der Mutter?« Die Frage klang wie ein zorniger Fluch. »Ah na, es is net so arg! Aber d' Mutter tut sich a bißl ängsten, weißt.« »Wie weiß denn d' Mutter, daß ich komm, grad heut?« »Seit drei Täg hab ich schon allweil passen müssen. Die Bäuerin wartet auf dich wie der Sünder aufs Heilige. Aber sag dem Krispi nix, daß ich schon gredt hab mit dir!« Das Weib sprang in den Straßengraben und war in der Nacht verschwunden. Toni nahm den Hut ab und fuhr sich mit dem Arm über die Stirn, als hätte er nach schwerer Arbeit den Schweiß von seinem Gesicht zu wischen. Dann ging er auf Ambros zu, der ihn fragte: »Tonele? Was war denn da?« »Nix! Pressieren tut's mir, daß ich heimkomm.« Sie machten rasche Schritte. Nun standen sie vor dem stillen Lahneggerhof. Ambros faßte die Hand des Freundes. »Von meinem vergangenen Leben ist mir heut ein liebes, verlorenes Stück wieder zurückgegeben mit dir. Ich kann dir nicht sagen, wie ich mich freue! Immer möcht' ich lachen und schreien. Gelt, du freust dich auch, daß wir uns wiederhaben?« »Ja, Brosle! Es kunnt mich freuen. Aber viel müßt anders sein. Gut Nacht! D' Mutter tut warten auf mich.« Der Toni befreite seine Hand, nahm das Bündel unter den Arm, schleuderte den Stecken fort, stieß das Zauntürchen vor sich auf und trat in den Hof. 7 Niemand kam, um den heimgekehrten Haussohn zu begrüßen. Der Lahneggerhof war wie ausgestorben. Nur in der Wohnstube flackerte ein Talglicht auf dem Tisch. Kein Hund bellte, als Toni die Haustür öffnete. Der Krispin Sagenbacher war gegen Feuer und Einbruch gut versichert und hatte es nicht nötig, einen Hund als Wächter zu füttern. Im finstern Flur blieb Toni eine Weile stehen. Der starke, große Mensch zitterte an allen Gliedern. Er mußte lang hin und her tappen, um die Türklinke zu finden, auf die er seit seiner Kindheit tausendmal die Hand gelegt hatte. Beim ersten Schritt in die Stube hörte er aus der anstoßenden Kammer den Flüsterlaut der Mutter: »Tonele?« Er warf das Bündel auf die Bank hinter dem großen Kachelofen. »Ja, Mutter, ich bin's!« Da wurde das Flüstern in der Kammer zu einem hysterischen Schreien: »Tonele! Bub! Mein Bub!« Immer wieder das gleiche Wort, bis Toni sich in der finstern Kammer über das Bett hinwarf. Zwei dürre Arme umklammerten seinen Nacken. Als die Lahneggerin wieder reden konnte, sagte sie: »Hock dich auf d' Bettstatt her! 's Kniegeln hast nie net gut vertragen.« Toni hob sich von den Knien auf, und die alte Bettlade krachte, als er sich auf die Kante setzte. In seinem Schoß hielt er die mageren Hände der Mutter fest. Ganz still war's in der dunklen Kammer. Nur die tiefen Atemzüge der beiden. Und in der Stube draußen der flinke Pendelschlag einer Wanduhr. Dann fragte der Toni: »Wie geht's dir denn, Mutter?« »Viel besser, weil ich dich hab.« Nun wurde die Stimme der Lahneggerin scheu: »Wie lang kannst bleiben?« »Solang mich haben magst. Ich bleib für ganz.« »Mar' und Joseph!« Schreck und Freude zitterten in diesem Wort. »Wie wirst denn da mit'm Krispi füranand kommen?« »Ganz gut, Mutter! Kost und Loschie zahl ich, und Arbeit such ich mir außer Haus. A bißl Verstand wird er wohl haben, der Krispi, wann er merkt, daß ich ihm net auf der Schüssel lieg.« Die Lahneggerin zog die Hand ihres Buben an die Wange. »Dreihundert Markln hab ich unterm Strohsack. Die kannst haben.« »Na, na, Mutter! Ich hab, was ich brauch.« Die alte Frau gab keine Ruhe; der Toni mußte unter die Kissen greifen und so tun, als hätte er den mit Geldstücken angepfropften Strumpf unter dem Strohsack hervorgezogen und in seine Joppentasche gesteckt. Dann begann gleich wieder eine neue Sorge in der Lahneggerin zu wühlen. »Tonele? Wann für ganz bei mir bleibst? Was tut denn nacher d' Witib draust im Unterland?« Er lachte leise. »Die muß halt an andern Meier suchen.« »Wird nacher da nix mehr draus?« »Was?« »No, was d' mir gschrieben hast. Von der Witib.« »Na, Mutter, da wird nix draus.« »Jesus, Maria! Mag s' ebba nimmer?« »Mögen tät s' no allweil. Aber ich mag net.« »Tonele! A schuldenfreier Hof! Und so a Sach!« »Sach? Was hat denn einer vom Sach? Jeder Garten muß a Blüml haben, jeder Mensch a bißl Freud. Sonst is die ganze Gschicht kein' Hundspfiff wert. Bloß für'n Fraß leben wie der Ochs im Stall? Da wär mir d' Müh drum z'viel!« Die Hände des Sohnes umklammernd, lag die Lahneggerin stumm in den Kissen, bis sie wie eine reuige Sünderin stammelte: »A Mutter is ebbes Schlechts. So viel freuen tut's mich, daß ich dich hab. Und kommst wegen meiner um an schuldenfreien Hof! Unser Herrgott soll mir's verzeihen!« »Der lacht dazu – wann's wahr is, daß er lachen kann.« Erschrocken fragte das kranke Weib: »Warum soll denn unser Herrgott net lachen können?« »Weil ich mir net fürstellen kann, daß er weinen muß. Weiß einer net, was weh tut, so bringt er auch kein' richtigen Lacher zamm. Ich mag schon gar nimmer drüber nachdenken. Es kommt mir so für, als müßt unser Herrgott an unlustigs Mannsbild sein, hart und gleichmütig wie der letzte Stein auf'm höchsten Berg, der ohne Augen abischaut auf die kleine Narretei im Tal und dem alles recht is, schwarz oder weiß, gut oder schlecht.« Die Lahneggerin bekreuzte sich in der Finsternis und nahm die Sünde des Sohnes mit einem heimlichen Stoßgebet auf das eigene Herz. Erschrocken griff sie nach seinem Arm, als er aufstehen wollte. »Bloß 's Kerzenlicht hol ich eini, daß ich dich a bißl anschauen kann.« »Na, Tonele, lieber net! 's Gsicht von der Mutter kann man sich leichter ausdenken als wie 's heilige Antlitz von unserm Herrgott. Geh, bleib da! Dös Stündl, wo der Krispi net daheim is, möcht ich ganz haben.« »Wo is denn der Bruder?« »Auf der Post wird er halt wieder hocken. Allweil handelt er mit die Ausschusser und schimpft auf d' Wasserbauerei.« »Sooo? Mankelt er ebbes gegen den Brosi?« »Der Brosle! Weißt es schon? Was sagst! Der Herr Lutz! Gar nie net is er einikommen zu mir.« »Er hat viel Arbeit. Da därfst ihm nix nachtragen! Aber weit hat er's bracht. Mein Brosle, mein kleiner!« Ein leises, zärtliches Lachen. »Da muß man Respekt haben.« »Geh, laß den andern! Tu mir lieber von dir verzählen! A bißl gschwind mußt mir alles sagen! Um elfe kommt der Krispi heim. Da is mir's lieber, du liegst schon im Bett. Schlafen tust in deinem alten Stüberl droben. Da hat alles so bleiben müssen, wie's gwesen is. Brauchst dich bloß einilegen! So! Und jetzt verzähl!« Der Toni fing ruhig zu reden an und erzählte vom Unterland, bis draußen in der Stube die Wanduhr die elfte Stunde schlug. Da sagte die Lahneggerin erschrocken: »Jetzt schau, daß d' aufkommst in dein Kammerl! Sonst hab ich kei' Ruh nimmer.« »Na also, daß dei' Ruh hast!« Toni stand auf. Er wollte der kranken Frau die Wange streicheln und fühlte unter seiner Hand dieses kleine, mager zusammengeschwundene Gesicht. Ein Schreck durchfuhr ihm das Herz. »Gut Nacht, Tonele!« Sie schob ihn vom Bett. »Und 's Licht nimm mit! Daß dich net anstößen tust auf der Stiegen!« »Ja, Mutter! Gut Nacht!« Die kranke Frau lauschte auf seinen Schritt. Als es in der Stube draußen finster geworden war, kam ihr ein Gedanke, der sie ganz aus dem Häuschen brachte. Seit drei Tagen hatte sie an jedem Abend heimlich einen Teller mit Rauchfleisch, Brot und Käse draußen im Küchenkasten für den Toni zurechtstellen lassen. Und jetzt hatte sie vergessen, ihm das zu sagen. »Jesus! Jesus!« Wie eine Verzweifelte war sie. »Jetzt muß er sich hungrig schlafen legen!« Sie sprang aus dem Bett. Weil sie seit Wochen nicht mehr auf den Füßen gestanden, schwand ihr bei der jähen Bewegung das bißchen Blut aus dem Gehirn. Das welke, eingeschrumpfte Körperchen machte keinen merklichen Lärm, als es neben der Bettlade auf die Dielen hinglitt. Der Toni konnte nichts hören. Er stand im Flur und leuchtete mit erhobener Kerze nach einem von Zeit und Rauch gebräunten Brett, das unter der Stiege an der Wand hing. Auf diesem Brett war mit glühendem Eisen die plump gezeichnete Gestalt eines mächtigen Fisches eingebrannt. Einem Huchen sah das Bild nicht ähnlich; es erinnerte an den grobköpfigen Wasserdrachen, den man im Biblischen Geschichtenbuch der Dorfschule bei der Legende vom Jonas abgebildet findet. Auch eine Inschrift war auf das Brett gebrannt: »67 Zenti lang, 16 Pfund alt Gewicht.« Noch immer das Brett betrachtend, schob Toni die schweren Schuhe von den Füßen. Dann ging er in den Strümpfen über die Treppe hinauf und betrat sein Stübchen. In dem übel zugerichteten Bett lag ein junger Mensch und schnarchte. Der wollte sich aus seinem bleiernen Schlaf kaum aufrütteln lassen und lallte: »Was is denn? Wer bist du denn?« »Dem Bauern sein Bruder bin ich. Und du?« »Ich bin der Jungknecht.« »Seit wann liegst denn du in der Kammer da?« »Seit allweil schon.« »So?« sagte Toni. Er verließ die Stube, ging die Treppe hinunter, vorsichtig, um keinen Lärm zu machen, löschte das Licht und trat in die Nacht hinaus. An die Mauer gelehnt, zog er die Schuhe wieder an. »Muß ich mich halt auffilegen auf'n Heuboden!« In der Dunkelheit hörte er einen auf der Straße draußen mit rauschiger Stimme schreien: »Aussi muß er zum Tal! Und aussi muß er! Mitsamt seim wällischen Gsindel. Und ehnder gib ich kei' Ruh net.« »No ja, is scho recht!« klang eine zweite Stimme. »Aber für heut möcht ich schlafen. Morgen reden wir weiter. Gut Nacht!« Nun war es still auf der Straße. Nach einer Weile kam der Krispin Sagenbacher auf sein Heimwesen zugegangen. Als er sah, daß ihm einer den Weg versperrte, schrie er: »Bluatsakra! Gehst auf d' Seiten, du!« »D' Straßen is breit!« sagte Toni ruhig. »Bal d' vorbei willst an mir, hast Platz grad gnug.« Der andere machte einen komischen Torkler. Dann stand er kerzengerade und schwieg. Während dieses Schweigens schien er nüchtern zu werden. »Ah, da legst dich nieder! Der Herr Bruder!« »Ja, jetzt bin ich wieder daheim.« Der Lahnegger fing zu lachen an, als wäre diese Begegnung in der Nacht eine lustige Sache. Auch der Toni lachte mit. »Wann's beim Lachen bleibt, können wir gut mitanand auskommen. Ich gib dir d' Hand drauf. Der Mutter z'lieb. Magst Fried halten, Krispi?« Der andere nahm die Hand nicht. »Was willst denn daheim? Der Bauer bin ich!« »Da brauchst kei' Sorg haben. Es wird sich schon ebbes finden für mich.« »So?« Der Krispin lachte wieder. »Willst ebba deim schmalzhaareten Schulkameraden bei der Wildach helfen?« »Da hast mir an guten Einfall geben.« »Ja, ja! Der Herr Inschenier hat noch lang net Gsindel gnug beinand.« »Du!« Das Wort klang wie ein Hammerschlag. Dann sagte der Toni ruhig: »Da drin liegt d' Mutter und schlaft. Du überleg dir an andersmal, was d' redst. Und jetzt sag mir, wo mein Platz is im Haus?« Der Lahnegger schlug mit den Fäusten ins Leere, als wäre sein Rausch wieder lebendig geworden. »Bluatsakra! Bluatsa! Ich hab' kein Platz im Haus. In deiner Stuben liegt der Knecht.« »Der wird aussi müssen.« »Und bleiben tut er, sag ich! Bluatsa, Bluatsakra! Jetzt soll's amal biegen oder brechen. Der Hof ghört mein. Was als der Jünger aussikriegst, dö vierazwanzghundert Mark, dö kann ich dir bar auszahlen.« »'s Geld kannst im Kasten liegenlassen. Aber mein Heimrecht will ich haben, solang d' Mutter lebt. Schaden sollst kein' haben. D' Verköstigung zahl ich.« Da war der Lahnegger wieder nüchtern. »Wieviel zahlst?« »A Markstückl für'n Tag.« »Du hast allweil an Hunger ghabt wie a Steinbrecher. A Markl und dreißig Pfennig! Billiger mag ich net!« »Meinetwegen!« Der Toni trat einen Schritt zurück und betrachtete den Bruder, der in der Dunkelheit wie ein schwarzer Pfahl auf der Straße stand. »Gspaßig, daß man uns zwei verwechseln hat können!« »Verwechseln? Was verwechseln?« »Für dich hat mich heut schon wer angschaut. Vorm Wildacherhäusl bin ich am Abend auf der Straßen gstanden. Und da hat mir wer den Platz verboten. Mir scheint, Krispi, da bist net gut angschrieben?« Wortlos, mit einem Torkler tappte der Krispin Sagenbacher auf das Zauntürchen zu und trat in seinen Hof. Erst bei der Haustür wurde ihm die gelähmte Zunge wieder locker. »Ah, narret! A, narret!« Lachend verschwand er im Haus. Der Toni stand noch immer auf der Straße. »Ich hätt's net sagen sollen! Wann der Brosle wieder Musi macht, fallt mir wieder a dummer Streich ein, der mich reuen muß.« Er trat in das Gehöft. Vor der Schwelle zog er die Schuhe herunter. Im Flur brannte er die Kerze an und überlegte, was er sagen sollte, wenn die Mutter noch wach wäre und fragen würde, warum er nicht in seiner Kammer schliefe; sie sollte sich nicht kränken müssen, weil etwas im Haus geschah, wovon sie nichts wußte und was ihr nicht recht war. Lautlos trat er in die Stube und fragte leise: »Mutter? Bist noch auf?« Keine Antwort kam. »Gott sei Lob und Dank!« Als er den Leinenkittel heruntergezogen hatte, um ihn mit dem Bündel als Kopfkissen auf die Ofenbank zu legen, hörte er aus der Kammer ein mattes Stöhnen. Erschrocken packte er das Licht, sprang in die Kammer und sah die Mutter mit blutigem Gesicht neben der Bettstatt auf dem Boden liegen. Er rannte zur Stubentür und schrie wie ein Irrsinniger in den schwarzen Flur hinaus: »Kathrin, Krispi! Kathrin! Krispi!« Dann sprang er in die Kammer, schlang die Arme um die in halber Ohnmacht duselnde Frau und hob sie auf das Bett. Jetzt, bei dem Kerzenschein, der in der Fensternische flackerte, konnte er das Gesicht der Mutter sehen. Das Blut erschreckte ihn nicht. Es kam nur von einer Schürfwunde an der Wange. Dennoch rann ihm ein schmerzendes Grauen ins Leben. Dieses zerfallene, gelbe Gesicht mit den hohlliegenden, bläulich geschlossenen Augen, umwirrt von den dünnen Strähnen des ergrauten Haars? Das war doch nicht das Gesicht seiner Mutter. Hielt er denn ein fremdes altes Weib in den Armen? Da schlug die Lahneggerin die Augen auf, und Toni trank diesen warmen Glanz der Liebe in sein erschrockenes Herz. »Mutter!« Die alte Frau lächelte, wollte was sagen, schloß die Augen wieder, fiel an die Brust des Sohnes hin und lag in neuer Ohnmacht. Draußen im Flur ein Gezeter von Stimmen. Krispin und Kathrin kamen in die Kammer gelaufen, halb angekleidet, erschrocken. Die Magd fing ein ratloses Jammern an. Und der Lahnegger stotterte: »Jetzt hab ich schon gmeint, es brennt.« Toni sagte zur Magd: »D' Mutter muß aufgstanden und gfallen sein. Wasser bring eini! Und a linds Tüchl! Daß ich der Mutter 's Gsicht waschen kann.« Als die Magd schon davonrannte, rief er: »Und spring zum Dokter auffi, daß er kommt!« »Dokter? Was?« fuhr Krispin auf. »Der schreibt fünf Markln auf in der Nacht, wann er aussizarrt wird aus'm Bett.« Toni drehte das bleiche Gesicht über die Schulter. »Du brauchst den Dokter net zahlen!« »Wann du 's Geld hast zum Aussischmeißen, meintwegen! Gut mußt dich gstellt haben bei deiner Witib draußt!« Die Kathrin brachte, was der Toni verlangt hatte, und lief zum Doktor. Gähnend stand der Lahnegger am Fußende der Bettlade und guckte zu, wie der Toni das Blut vom Gesicht der Mutter wusch. Manchmal gab der Alkohol dem Krispin einen Puff, daß er jäh einen Knicks nach vorn machte. Dann riß er die Augen auf, stand wieder fest auf den Füßen und guckte ruhig zu. Der Zustand der Mutter regte ihn nicht auf. »Ah mein, dös bißl tut ihr nix! D' Mutter is zaach. Da hätt's kein' Dokter net braucht.« Die Lahneggerin, die sich unter der Wirkung des kalten Wassers ermunterte, hörte den Krispin reden und klammerte in Angst den Arm um den Hals des Toni. »Na, na, Mutter!« sagte Toni ruhig. »Ich hab schon gredt mit ihm. Ganz gut hat er sich gestellt zu mir. Gelt, Krispi? Der Mutter z'lieb halten wir Fried mitanand?« Krispin lachte, wie gute, friedliche Menschen lachen, wenn sie ein freundliches Wort zu hören bekommen. Und die Lahneggerin atmete wohlig auf. »Aber komm, Mutter, liegst ja halb auf der Bettkanten, laß dich a bißl besser einirucken aufs Linde.« Als Toni die Kranke heben und legen wollte, fühlte er, wie hart ihr Lager war. »Krispi, da mußt a bißl aufbetten!« Er schlug eine Wolldecke um den mageren Leib der kranken Frau. »Komm, Mutter, laß dich aussilupfen!« Die Lahneggerin sträubte sich ein bißchen. »Jesus, Büeble, soviel Schererei muß ich dir verursachen!« Sie klammerte sich an seinen Hals und flüsterte mit zärtlichem Lachen: »So viel stark bist, Tonele!« Auch der Toni lachte ein bißchen. »Tust dich ja lupfen wie a Federl.« »Gelt, an mir is schier gar nix mehr dran!« Während Toni im Fensterwinkel saß und die kranke Frau auf seinem Schoße hielt, begann sich Krispi unter Brummen, Fluchen und Torkeln mit dieser ›Weiberleutsarbeit‹ zu befassen. Sein Ärger verwandelte sich plötzlich in schmunzelnde Zufriedenheit. Als er die Seegrasmatratze umdrehte, um sie aufzuschütteln, griff er unter dem Stroh etwas Hartes, den mit Silber gemästeten Strumpf. Der Krispin kannte sich gleich aus. Flink warf er einen Blick nach dem Fensterwinkel, tat einen schnellen Zuck mit der Hand, und der heimliche Schatz, den die Lahneggerin dem Toni zugedacht hatte, war im tiefen Hosensack des Krispin verschwunden. Dabei dachte der Krispin an keinen Paragraphen des Gesetzbuches; er hielt sich nur wieder einmal für klüger, als andere sind. Und nun richtete er, manchmal gestört durch einen Torkler, das Lager der Mutter so lind, daß es auch die Kathrin nicht besser hätte machen können. Dabei fing er ein so gemütliches Schwatzen an, daß die Lahneggerin, aus ihrer Sorge um den Streit der Brüder aufatmend, zufrieden hinhorchte. Hätte sie nicht den gefüllten Strumpf in der Tasche des Toni vermutet, so wäre wohl gleich ein Verdacht in ihr lebendig geworden. Toni dachte schon lang nicht mehr an den Schatz, der unter dem Strohsack auf ihn gewartet hatte. Und weil er den Bruder in so guter Laune sah, erwachte die Hoffnung in ihm – ›Vielleicht hat der Krispi ein Einsehen, vielleicht kommen bessere Zeiten zwischen dem Bruder und mir.‹ Über dieses Helle fiel ihm wieder ein schwerer Schatten. Er dachte an die ›Verwechslung‹, die er vor dem Haus der Wildacherin erlebt hatte. Immer sah er den Bruder an. Den Krispin und den Toni miteinander im Zwielicht zu verwechseln, das war wohl möglich. Beide hatten die gleiche hoch aufgeschossene Gestalt, der Toni fest gebaut und schlank, der Krispin grobknochig und hager. Auch die Köpfe und Gesichter waren ähnlich – die kleine Dulle, die der Toni vor fünfzehn Jahren dem Krispin ins Nasenbein geschlagen hatte, machte im Schnitt der Züge keinen großen Unterschied. Aber der Toni hatte die braunen Augen der Mutter, die freundlich glänzen konnten, während der Krispin mit den eisengrauen Augen des Vaters kalt, mißtrauisch und berechnend dreinguckte; diese Augen konnten manchmal auch, wie eben jetzt, zufrieden und lustig umherblinkern. Solches Schmunzeln verjüngte den Krispin. Obwohl er dem Toni um sieben Jahre voraus war, schienen die beiden doch fast im gleichen Alter zu stehen. Der Unfriede im Lahneggerhof, die Sorge um die kranke Mutter, die Trennung von ihr und noch etwas anderes, das verschlossen in seinem Herzen wühlte – diese Dinge hatten in Tonis Gesicht den strengen Zug gegraben, der ihn älter erscheinen ließ, als er war. Der Krispin aber hatte sich gut konserviert, weil ihm nichts an die Leber ging. Der Stolz auf seine Klugheit, die immer alles zu seinem Vorteil ausschlagen ließ; das ungestörte Hausen im Lahneggerhof, aus dem er den jüngeren Bruder hinausgeärgert hatte; das stete Wachstum seines Besitzes; die Kunst, an anderen zu sparen und sich selber alles zu vergönnen, und die schlaue Ungeniertheit, mit der er jedes Verlangen seines Blutes zu stillen wußte, ohne sich dabei eine lästige Verpflichtung aufzuhalsen – das waren die schönen Lebenskräfte, die den Krispin Sagenbacher so frisch erhalten hatten, daß er fünf Jährchen seines Erdenwallens hätte verleugnen können. Auch mit dieser letzten Stunde seines Lebens war der Krispin recht zufrieden. Jetzt hatte die Lahneggerin ihren Pfleger, und der Krispin brauchte sich um die Kranke nicht mehr zu kümmern. Wieder ein Vorteil. Und das dunkle Wort von der ›Verwechslung‹, das ihm auf der finsteren Straße einen bösen Stoß versetzt hatte, war für Krispin bereits eine ungefährliche Sache geworden. Die Wildacher Beda blieb schließlich mit ihrem Trotz doch auch nur eins von den Weibsbildern, die alle über den gleichen Leisten genäht sind und auf deren Behandlung sich der Sagenbacher gut verstand. Der Krispin mit Haus und Hof, mit seiner Schlauheit und mit dem schweren Strumpf in seinem Hosensack hoffte auch hier der Stärkere zu bleiben. »So!« sagte er und zwinkerte spöttisch zum Bruder hinüber. »Die Kaiserin kann auch kein linderes Bett net haben. Jetzt wird d' Mutter wohl z'frieden sein. Und der Dokter, scheint mir, tappt auch grad eini in Hof. Gut Nacht mitanand, ös Liebsleut, ös zwei!« Lachend schob er sich zur Tür hinaus. Als er die Treppe hinaufstieg, kam der Doktor mit der Kathrin. »Sie, gelten S', ich hab Ihnen net rufen lassen. Die fünf Markln müssen S' meim Bruder aufschreiben.« Der Doktor gab dem Krispin keine Antwort, sondern sagte zu Kathrin: »Bis in zehn Minuten muß die Suppe fertig sein! Ein Drittel vom Fleischextrakt, zwei Drittel Wasser. Und Salz, was zwischen drei Finger geht. Aber reines Wasser! Vom Brunnen! Nicht aus der Herdwanne! Und die Pfoten kannst du dir waschen, bevor du ins Salzfaß hineintappst! Wo liegt die Bäuerin?« Er trat in die Stube, die von der schwachen, aus der Kammer fallenden Helle nur dämmerig erleuchtet war. Seit dreizehn Jahren war der Doktor im Dorf. Diese Stube betrat er zum erstenmal. »Natürlich! Wieder eine Luft wie bei der Pest von Wien!« Er legte Hut und Stock auf den Tisch und riß zwei Fenster auf. Dann ging er in die Kammer. »Grüß Gott, Herr Dokter!« sagte Toni, der die Hand der Mutter in der seinen hielt. Mit einem Sorgenblick musterte er den Arzt; dieser struppige Bullenbeißerkopf mit den mißmutig dreinschauenden Augen flößte ihm kein Vertrauen ein; seufzend dachte der Toni an Brosis Vater, der so gütig hatte schauen können. Der Doktor schien plötzlich eine andere, freundlichere Stimme zu bekommen. »Also, Weiberl, wo fehlt's denn?« Die Lahneggerin fing in Schwäche zu wispern an: »Gut geht's mir. Gar nix fehlt mir. Tun S' nur net gleich schneiden! 's Messer tät ich nimmer vertragen.« »Natürlich wird geschnitten! Ein langes Küchenmesser her! Dann muß zuerst der dumme Kopf herunter.« Der Doktor fühlte den Puls der Kranken, schickte den Toni mit einem Wink aus der Kammer und brummte: »Die Tür zumachen!« In der finsteren Stube saß Toni auf der Ofenbank. Jede Minute war ihm wie eine Stunde. Sein Herz hämmerte, und die Sorge schnürte ihm die Kehle zusammen. Undeutlich hörte er das Betteln der Mutter, die sich in Scham gegen die Untersuchung sträubte. Ein grobes Wort des Doktors. Dann war es still in der Kammer. Mit einem dampfenden Schüsselchen kam die Kathrin, stellte den Küchenleuchter auf die Ofenbank und trug die Suppe in die Kammer. Als sie wieder herauskam, flüsterte sie dem Toni zu: »Der is gar net so schiech, als er ausschaut. Wie a Kindsmadl gießt er's der Mutter eini. Und jeds Löfferl blast er!« Auf den Zehenspitzen ging die Magd davon, nahm den Leuchter mit, und Toni saß wieder im Dunkel. »Soooo, Frauerl! Das hat geschmeckt, gelt?« klang es aus der Kammer. »Medizin braucht Ihr keine, geschnitten wird auch nicht, und wenn's gutgeht, springt Ihr bald wieder im Haus herum wie ein junges Mädel. Gute Nacht, Frauerl! Und fest geschlafen jetzt!« »Vergelt's Gott, Herr Doktor!« wisperte die matte Stimme der Lahneggerin. »Und was is denn d' Schuldigkeit?« »Der Besuch kostet nichts. Aber wenn sich der Bauer einmal an Knödeln überfrißt und speien muß, schreib' ich zehn Mark auf, wenn man mich holt in der Nacht.« Mit dem Kerzenlicht, das auf ein kleines Stümpchen heruntergebrannt war, kam der Doktor in die Stube. Er schob das Licht auf den Tisch, griff nach Stock und Hut, sah den Toni, den er für einen Mitschuldigen am Leiden dieses kranken Weibes hielt, mit unfreundlichen Augen an und brummte: »Ihr Bauernrammeln, ihr unverständigen! Euch sollte der Teufel den Verstand kreuzweis nähen. Das wäre die richtige Chirurgie für euch.« Der Toni war nicht beleidigt. Doch ein Schreck fuhr ihm ins Herz. Er fühlte, daß es mit der Mutter nicht so gut stand, als es der Doktor vor der Lahneggerin dargestellt hatte. »Mar' und Joseph! Was is denn?« »Nichts von Bedeutung.« Der Doktor sprach so laut, daß er in der Kammer gehört werden konnte. »Der Bäuerin fehlt nicht viel. Die wird sich schon wieder herausmachen. Nur halb verhungert ist sie.« »Jesus! Der Bruder wird doch der Mutter an der Kost nix fürenthalten haben? So ebbes tut doch der Bruder net.« »Das will ich nicht behaupten. Die Frau mit ihrem mißhandelten Magen hat eben die Kost, die bei euch auf den Tisch kommt, nicht vertragen. Weil sie das grobe Zeug nicht hinunterbrachte, hat sie hungern müssen. Die Frau muß leichte Kost bekommen. Ich will euch einen Küchenzettel für vierzehn Tage aufschreiben. Den könnt ihr morgen bei mir holen lassen.« »Gleich in der Fruh komm ich auffi!« stammelte Toni, der wieder Hoffnung schöpfte. »Wird die Frau richtig genährt, dann wird's bald wieder aufwärtsgehen.« Der Doktor ging zur Tür und winkte mit den Augen. Jetzt erschrak der Toni nicht. So fest und gläubig war die Hoffnung in seinem Herzen schon wieder geworden. Er ging dem Doktor nach. Durch die offene Stubentür fiel matter Lichtschimmer auf das Brett mit den schwarzen Linien des großen Fisches. Beim Anblick dieser Brandmalerei, die vor wenigen Stunden einen schwülen Sturm im Herzen des Toni aufgewühlt hatte, fiel ihm jetzt nichts anderes ein, als daß die Mutter schon vor fünfzehn Jahren die grobe Kost des Bauernhauses nicht gut vertragen hatte. »In aller Fruh fang ich für d' Mutter an Fisch.« Nun standen die beiden in der stillen, kühlen Frühlingsnacht, unter den funkelnden Sternen. Wie etwas Geheimnisvolles klang aus der Nachtferne das Rauschen der klein gewordenen Wildach. Der Doktor fragte: »Seid Ihr der Sohn im Haus?« »Der jüngere, ja. Den Hof hat der Bruder. Drei Jahr lang bin ich fortgwesen. Bin erst heut abend wieder heimkommen.« »So? Dann bist du wohl der Toni? Bub, es wird nötig sein, daß du daheim bleibst. Und du, so scheint mir, hängst an deiner Mutter? Da wird dir weh tun, was ich dir sage. Aber einer im Haus muß die Wahrheit wissen, der kranken Frau zuliebe, damit sie richtig gepflegt wird. Und damit es nicht heißt: Der Doktor ist ein Ochse, der versprochen hat, was er nicht halten konnte.« Wortlos stand der Toni in der Nacht. Nach aller auflebenden Hoffnung hatte ihn das getroffen, daß er keinen Laut aus der gewürgten Kehle brachte. »Deine Mutter hat eine Neubildung an der Rückwand des Magens. Ich kann dir das nicht näher erklären. Aber ich muß dir leider sagen, daß deine Mutter nicht mehr lange zu leben hat. Eine Operation würde nichts helfen. Wenn du deine Mutter liebhast, so behalte das für dich! Beweise ihr deine Liebe nicht durch zweckloses Jammern, sondern durch aufmerksame Pflege.« Der Doktor legte dem Toni die Hand auf die Schulter. Seine Stimme hatte einen gütigen Klang. »Sei tapfer, Bub!« Es dauerte lang, bis Toni die Frage herausbrachte: »Wird d' Mutter arg leiden müssen?« »Nein. Sie wird nur immer schwächer werden. Und eines Tages wird sie ruhig einschlafen.« »Und –« Dem Toni zerbrach die Stimme. »Und gar kein Mittel is da nimmer?« »Unser Herrgott müßte ein Wunder tun.« »Soso? Jetzt weiß ich, wie d' Mutter dran is!« Dann klang es wie in Zorn: »Aber mich hat d' Mutter noch allweil!« Der Doktor spähte in den grauen Fleck, der das Gesicht des Toni war. Dann schritt er, ohne ein Wort zu sagen, der Straße zu. Unbeweglich blieb der Toni stehen. Daß die Turmuhr die zweite Morgenstunde schlug, daß schien er nicht zu hören. Er merkte nur, daß hinter ihm etwas Helles plötzlich finster wurde. Als er das Gesicht drehte, sah er die Stubenfenster dunkel. Die Kerze, die da drinnen auf dem Tisch gebrannt hatte, war erloschen. Mit Schritten, wie alte Leute schlurfen, ging Toni ins Haus. Vor der Stubentür streckte er den Körper. Beim ersten Tritt in die Stube hörte er im Dunkeln von der Kammer her einen matten Laut: »Tonele?« »Ja, Mutter!« Er trat in die finstere Kammer. »Gelt, ich darf noch a bißl hockenbleiben bei dir?« »Was hast denn, Bub? Hast ebbes im Hals?« Der Toni räusperte sich. »Kunnt schon sein, daß mich a bißl ebbes ankühlt hat in der Nacht, weil ich strumpfsöcklet aussi bin.« »Warum hast denn keine Schuh net anzogen? Da schau, unterm Bett hab ich meine Filzpatschen. Da tust einischlupfen!« »Ja, Mutter! Vergelt's Gott! A bißl besser tust dich schon spüren, gelt?« »Ganz gut is mir. Und daß sich der Krispi so gut gstellt hat mit dir, dös macht mich gsund. Dös!« Die Lahneggerin lachte ein bißchen. »Jetzt kannst auch a wengerl hockenbleiben bei mir. Jetzt schimpft er nimmer, der Krispi. Und tust mir d' Hand lassen, gelt? Bis ich eingschlafen bin.« »Ja, Mutter! Bis d' eingschlafen bist!« Die Bettlade krachte, als sich der Toni niedersetzte und in der Finsternis die Hände der Mutter fand. 8 Noch ehe der Morgen graute, fiel Südwind ein. Bei Tagesanbruch begann jener schwere Regen zu fallen, von dem man in den Bergen zu sagen pflegt: »Mit Schaffeln schütten s' abi!« Ein wunderlicher Plural! Sie, die bösen Mächte, die dem Leben feindlich sind! Gewöhnlich lauern sie für den Aberglauben des Volkes ›dort unten‹. Aber wenn es aus den Wolken schüttet, die Frühlingssaat verhagelt und von den Obstbäumen die Blüten niederschlägt, dann hausen die bösen Mächte auch ›dort oben‹, wo bei lachendem Wetter nur gute Engel wohnen. Ambros, in triefenden Kleidern, rannte den ganzen Tag von einer Arbeitsstätte zur andern. Die stürzenden Wassermengen setzten alles unter Gefahr, was man an Geröllfängen, Staffelungen und Dämmungen bisher fertiggebracht hatte. Man wäre dieser Gefahr ohne Schaden Herr geworden, wenn alle Arbeiter fest bei der Stange ausgehalten hätten. Aber die aus dem Wildachtal machten Schwierigkeiten; was sich seit der Grundablösung an Verstimmung und dann an Ärger über den Zuzug der Italiener gesammelt hatte, begann sich zu äußern. Es war im Kern der Sache nur Schadenfreude, wenn die einheimischen Arbeiter den Wochenfeierabend nicht verlieren, sich für den Sonntag ausschlafen und den Kirchgang nicht versäumen wollten. Ambros fluchte nicht, wie es der Geschäftsführer des Herrn Friedrich Wohlverstand tat. Aber trotz aller Güte, bei der sich Ambros die Lunge halb aus dem Leibe redete, stellten mit Ausnahme von einem Dutzend williger Leute alle einheimischen Taglöhner nachmittags um fünf Uhr die Arbeit ein. Und Ambros bekam vom Geschäftsführer den Vorwurf zu hören, daß er aus unpraktischem Heimatsgefühl den Gang der Arbeit geschädigt hätte; wären nur italienische Arbeiter angeworben worden, so wäre die Störung nicht entstanden. »Für den Nachteil, der daraus erwächst, werden Sie aufkommen, Herr Inscheniör!« Ambros drehte dem scharfen Herrn den Rücken. Als er einem Trupp dieser Heimgänger begegnete, machte er noch einen letzten Versuch, ihnen Vernunft zu predigen. Sie meinten, wenn man den Wasserschaden der Wildach tausend Jahre lang ertragen hätte, käme es auf ein paar Stunden mehr oder weniger nicht mehr an. Ein Glück, daß die Italiener sich bereit erklärten, die ganze Nacht, und, wenn es nötig wäre, auch den ganzen Sonntag zu arbeiten. Ambros atmete auf, als am Abend die Pechfackeln brannten und die Arbeit an den bedrohten Stellen in sicherem Gange war. Bevor es noch völlig Nacht wurde, erschien ein Ausschußmitglied der Gemeinde in Begleitung des jungen Kaplans bei der Notburg: Morgen, am Sonntag, dürften ohne bischöflichen Dispens auch die Italiener nicht arbeiten; bei der gutchristlichen Bevölkerung des Tales würde das ein schweres Ärgernis verursachen; und da der Dispens bis Anbruch des Sonntags nicht mehr zu erwirken wäre, müsse die Arbeit um Mitternacht eingestellt werden. Gegen diesen Protest war nichts zu machen; die guten Christen des Gemeindeausschusses, in dem auch der Krispin Sagenbacher saß, hatten das Gesetzbuch für sich. Und als Ambros dem Kaplan die möglichen Folgen dieser Arbeitsbehinderung klarzulegen suchte, antwortete der junge Priester mit dem alten Spruch: »Gottes heilig Gebot Geht vor der Menschen Not!« Ambros verlor die Geduld. »So? Aber zum Heuen am Sonntag kann der Pfarrer Dispens geben?« »Das Heuen ist ein Lebensbedarf der Landbevölkerung.« Empört darüber, daß ihm der Ingenieur ins Gesicht lachte, ging der Kaplan unter seinem schwarzen Regenschirm davon. Ambros schüttelte die Nässe von sich ab, und ein gesunder Fluch fuhr ihm aus der Kehle. Dieser Stoßseufzer seines Zornes wurde in der Höhe, aus der jene dunkeln ›sie‹ mit Schaffeln heruntergossen, wohl nicht gehört. Aber die Natur hielt es gegen zehn Uhr nachts aus irgendwelchen Gründen für nötig, pfeifende Windstöße über die Wolkenmassen hinzuschleudern. Der Regen wurde dünner, versiegte ganz, und vor Mitternacht konnte Ambros die Arbeit einstellen lassen, weil Schaden nicht mehr zu befürchten war. Die Nacht wurde kalt. Ambros, der in den triefenden Kleidern zu schauern begann, mußte auf dem Heimweg einen Laufschritt anschlagen, um warm zu werden. Immer dachte er darüber nach, wie er für die Zukunft einer solchen Arbeitsbehinderung wirksam begegnen könnte. Vor allem wollte er wegen der Sonntagsarbeit, wenn sie durch Wetterstürze nötig würde, noch heute eine Eingabe an das Bezirksamt und an das bischöfliche Ordinariat machen. Als er das Haus der Wildacherin erreichte, sah er Licht in seiner Stube. Beda stand vor der Haustür und rief: »Herr Lutz? Um Christi willen, kommst endlich? So a Wetter! Mußt ja naß sein bis auf d' Haut. Schau nur, daß d' auffikommst! Jetzt koch ich dir gleich an heißen Trunk.« Sie sprang ins Haus. Droben fand Ambros die brennende Lampe und einen durchwärmten Raum. Das Stübchen hatte keinen Ofen. Drum hatte Beda, um warm zu machen, einen Würfel aus erhitzten Ziegelsteinen aufgeschichtet. In einem Krug war heißes Wasser. Und auf dem Bett war in netter Ordnung hingelegt, was Ambros nötig hatte, um sich umzukleiden. »Schau nur!« Er lachte froh. »Als wäre meine Mutter da!« Unfreundlich war die Beda nie gegen ihn gewesen. Aber es nahm ihn doch wunder, daß sie bei ihrer verschlossenen Art sich so herzlich zeigen konnte. Als sie heraufkam und den Glühwein brachte, mußte er sie immer ansehen. Auch in ihrer Stimme war etwas Neues, etwas Mildes und Innerliches. Das blieb auch, als sie über das Verhalten der einheimischen Arbeiter ein hartes Urteil aussprach. »Es ist kein guter Schlag net. Die muß man bloß in der Kirch anschauen. Da machen s' die gleichen Gsichter wie im Wirtshaus und im Stall. Der Herrgott, der Maßkrug und an Ochs, das is für d' Leut eins wie 's ander. Unser Tal is z' weit von die andern Dörfer weg. Da sind d' Leut um hundert Jahr z'ruckblieben. Und allweil heiraten s' unteranand. Da wachst sich so a Schlag aus. Unter die Burschen is selten einer, der grad und herzgsund is, a richtigs Mannsbild. Und d' Madln sind allweil schon alte Weiber mit fünfazwanzg Jahr.« Er griff nach dem rauchenden Glas. Doch er trank nicht, sondern sah die Beda an. Deutlicher als jemals fiel es ihm auf, wie eigenartig hübsch dieses Mädel war. Er lachte. »Du hast doch auch nimmer weit bis zum fünfundzwanzigsten Jahr? Aber daß du schon alterst, da merk' ich noch nichts.« »In mir is an anders Blut.« Sie nahm die nassen Kleidungsstücke vom Sessel. Ein leises Beben kam in den Klang ihrer Stimme. »Vielleicht wär's besser für mich, wann ich grad so wär, wie die andern sind.« »Nein, Beda!« Er stellte das Glas mit dem Glühwein auf den Tisch. »Anders sein, als die Minderwertigen sind, das ist ein Glück. Und hier unter den Mannsleuten weiß ich auch einen, der anders ist. Grad und herzgesund. Ich freue mich, daß ich ihn wiederhabe! Denk dir, Beda, der Toni ist wieder daheim.« Sie war zur Tür gegangen und hielt die Klinke in der Hand. »Ich weiß schon, ja! An guten Einstand muß er net ghabt haben. In der Nacht, sagen d' Leut, hat man den Doktor zur Lahneggerin holen müssen.« Ambros erschrak. »So viel derbarmen tut mich d' Sagenbacherin. Und ihm is d' Mutter allweil 's Beste gewesen. Hart wird's ihm zusetzen.« Sie ging aus der Stube. Ambros empfand den Kummer des Freundes wie eine Sorge, die ihn selbst bedrückte. Und ein Vorwurf stieg in ihm auf. Die ganze Woche, seit der Ankunft der italienischen Arbeiter, hatte er nicht mehr an die Mutter geschrieben. Gleich setzte er sich an den Tisch. Der Gedanke an den Kummer des Toni ließ ihn für die eigene Mutter zärtliche Worte finden. Die Sorge, die ihm sein Werk machte, verschwieg er. Wozu der Mutter einen Stein auf das Herz legen? Aber die Begegnung mit dem Waldrauscher wollte er schildern. Was er schrieb, war wieder ein Halbes. Wohl brannte im Wald die rote Sonne, aber Frau Lutz bekam nur den Waldrauscher zu sehen, nur das Bocciaspiel in der Dämmerung, den langen fremden Menschen auf der grauen Straße und den Toni in der schwarzen Stube. Bis der Morgen kam, hatte der Himmel seinen Unmut völlig überwunden. Ein farbiges Lichtgeflimmer glitt um die ziehenden Dünste, und Sonnenbänder flossen breit ins Tal herein. Wo sie hinfielen über die gebeugten Wiesenblumen und über das Heckenlaub, war ein buntes Gefunkel in den hängenden Tropfen, ein rotes und blaues Blitzen, als wäre diese Morgenstunde eine eitle Fürstin, die sich zu feierlichem Frühlingsfest mit ihren Steinen schmückt. Die Wildach rauschte, von überall klangen die Kuckucksrufe aus den Wäldern, drei Glocken läuteten, und auf allen Wegen wanderten die sonntäglich geschmückten Kirchgänger dem Unterdorfe zu. Als die Wege schon wieder einsam wurden, kam Beda gegen das Altwasser der Wildach gegangen, in der einen Hand das kleine Gebetbuch, in der andern Hand die große Holzschachtel, in der sie die fertige Arbeit in die Stadt zu schicken pflegte. Sie trug nicht das Mieder, die Silberketten und das seidene Halstuch wie die anderen Mädchen, sondern ein halb städtisch geschnittenes Kleid, das sie selbst genäht hatte, aus weißem, klein geblumtem Waschperkal. Über dem kupferdunklen Haar, das in streng geflochtenen Zöpfen auf dem Nacken lag, trug sie ein grünes Lodenhütl mit einer kirschroten Geraniumblüte. Die Beda hatte es eilig. Plötzlich stockte ihr Fuß. Am Ufer des Altwassers stak zwischen den Erlenstauden eine Angelgerte im Boden. Die Schnur hing ins Wasser hinunter. Daneben, auf einem Baumstock, saß ohne Hut und in blauem Leinenkittel ein Mensch. Gekrümmt wie ein alter Mann, hatte er die Ellbogen auf die Schenkel gestützt und hielt das Gesicht in die braunen Hände vergraben. Die Morgensonne beleuchtete schräg den regungslosen Fischer. Dieser grelle Lichtstreif neben dem dunklen Schatten war anzusehen, als wäre der Sagenbacher-Toni linksseitig vom Scheitel über die Schulter herunter mit einer funkelnden Silberspange beschlagen. Die Beda wollte rasch vorübergehen. Hatte ihr Kleid gerauscht? Der Toni ließ die Hände sinken und drehte den Kopf. In seinem strengen, blassen Gesicht veränderte sich kein Zug, als er das Mädel sah; nur seine Augen bekamen Glanz. Sie tat vom Weg einen Schritt in das feuchte Gras. »Guten Morgen, Toni!« In ihrer Stimme war wieder der warme und milde Klang, mit dem sie in der Nacht zu Ambros gesprochen hatte. Er sah sie verwundert an und deutete nach dem Saum ihres Kleides: »Tust dir ja dein nettes Röckl ganz naß machen!« »Dös trücknet schon wieder in der Sonn.« Sie machte einen Schritt gegen das Wasser hin und fragte scheu: »Deiner Mutter, sagen d' Leut, soll's gar net gutgehn?« Eine Furche grub sich zwischen Tonis Brauen. »Was wissen denn d' Leut? Ah na! D' Mutter macht sich bald wieder aussi.« Beda atmete auf. »Was Vater und Mutter heißt, dös hab ich nie net kosten dürfen. Aber nachspüren kann ich's. Es muß dir hart gwesen sein, wie dir beim ersten Schritt ins Heimathaus gleich d' Sorg um d' Mutter in d' Seel einigsprungen is!« Dem Toni wurden die Augen größer. Doch die Furche auf seiner Stirn wurde noch tiefer. »Beim ersten Schritt? Beim dritten erst. Dös wird mich reuen, wann der Brosi wieder Musi macht.« »Ich versteh net, was d' meinst?« Er gab keine Antwort, sah nur die Beda immer an. Und plötzlich ging ihm ein heißes Erglühen über das Gesicht. Er lächelte bitter und blickte gegen das Haus der Wildacherin. »Wo is denn dein Hundl?« Wieder verstand sie nicht, wie er's meinte. »Auf'm Kirchgang kann ich doch den Sully net brauchen.« »Freilich, ja! Und bis aufn Abend hat's noch lang.« Er sah nach dem Angelkork. »Gar nix will beißen heut.« Nun wandte er wieder das Gesicht und gewahrte den schweren Pack. »Ich tät dir d' Schachtel gern abitragen bis zur Post. Aber ich muß für d' Mutter an Fisch fangen.« Sie nickte. »Z'erst mußt allweil an d' Mutter denken. Dös bißl Schachtel kann ich schon tragen. Da brauchst mir net helfen.« »Hast mir doch auch schon amal gholfen, wie ich ebbes Gwichtigs hab lupfen müssen.« Das hatte keinen bösen Klang. Dennoch fuhr der Beda das Blut ins Gesicht. »Allweil mußt zustößen, du!« Sie wollte gehen. Da fiel ihr auf, wie bleich der Toni geworden war. Nur um etwas zu reden, fragte sie: »Gehst net in d' Kirchen, du?« »Unser Herrgot is nie daheim. Der Mutter hilft a Fisch weiter als a Vaterunser.« Sie sah ihn erschrocken an, wollte was sagen, blieb aber stumm, weil ein merkwürdiges Stimmengeräusch von der Straße herklang und immer näher kam. Ein langer Zug der italienischen Arbeiter bog in den Fußpfad ein. Alte und junge Männer; sonnverbrannte Gesichter unter dunklen Schöpfen und unter grauem Haar. Viele trugen den Hut in der Hand und schienen zu beten, als wäre für sie auch der Weg zur Kirche eine heilige Sache; andere schwatzten laut, guckten nach allen Seiten und lachten; von den älteren Männern waren die meisten in ihren Arbeitskleidern, weil sie anderes Gewand nicht besaßen oder weil sie sparen wollten für den Winter in der Heimat; die jungen waren gut gekleidet, manche auf stutzerhafte Art, mit karierten Hosen, zimtbraunen Jacken, feuerroten Schlipsen und mit breitkrempigen Filzhüten, die alle das Band in den italienischen Farben hatten. Diese Jungen erspähten die Wildacherbeda flink. Das gab ein Getuschel und Hälsestrecken, daß die Beda, obwohl sie die im Dorf grassierende Angst vor den italienischen Fledermäusen nicht teilte, doch eine unangenehme Minute befürchten mußte. »Besser, ich mach, daß ich weiterkomm!« Als sie schon aus dem Gras herausgetreten war, sagte sie: »Solltest doch net ganz vergessen, daß heut Sonntag is! Wann eins zum Herrgott kein Vertrauen hat, wird er auch net gleich mit der Butten voll Wohltat aussispringen aus die Wolken. Und deiner Mutter laß ich alles Gute wünschen, gelt!« Nun machte sie hurtige Schritte und sah sich nimmer um. Da konnte sie auch den düsteren Blick nicht gewahren, mit dem ihr der Sagenbachertoni nachsah. Den gleichen Weg wie die Beda marschierte das fremde Volk. Von den Wiesen in den Buchenwald. Dann kam der Zug zu der langen, weißen Parkmauer des Fürstenschlößchens. Ein junger Mensch, hemdärmelig und mit grüner Gärtnerschürze, öffnete eben das schmiedeeiserne Parktor. Über den besandeten Gartenweg, der von den Kronen der jungbegrünten Bäume halb überwölkt war, kam eine geschlossene, mit zwei schwermähnigen Rappen bespannte Kutsche in scharfem Trab einhergefahren. Weil der Zug der Italiener halb die Straße sperrte, mußte der Wagen langsam werden. Der vornehm adjustierte Kutscher, dessen glattrasiertes Fettgesicht halb an einen unfähigen Diplomaten und halb an einen ernsttuenden Komiker denken ließ, blickte von seiner Bockhöhe verdrossen auf die fremden Leute hinunter. Als die Straße frei wurde, ließ er unter leisem Zungenschlag die Zügel locker. In der Morgensonne blitzte der lackierte Wagen um die Ecke, und aus den grünen Buchenstauden streckte der Waldrauscher den weißen Kopf heraus. Hinter dem offenen Fenster der Kutsche konnte der spähende Greis etwas Weißes und Duftiges gewahren. Dann funkelte der Wagen gegen die Große Not hinaus. Der Waldrauscher stülpte die braune Lederkappe übers weiße Haar. Er kam durch den Buchenwald, kam zum Altwasser der Wildach und sah den Toni auf dem Baumstock sitzen, mit dem Gesicht in den Händen. »So? Bist wieder amal daheim?« Toni ließ die Hände fallen. »Grüß dich, Waldrauscher! Noch allweil bist da?« »Noch allweil, ja!« »Wohin denn heut?« »Der Mensch hat seine kleinen Weg.« Lächelnd wollte der Alte davongehen. Da streckte der Toni die Hand nach ihm. »Tut's dir denn gar so pressieren?« »Mir hat's noch nie pressiert. Dös is die größte Narretei von die Leut, daß s' allweil alles so gschwind haben möchten. Dös machen d' Uhren. Dö laufen. Und 's ander alles laßt sich Zeit.« Der Waldrauscher sah den Toni forschend an und legte sich ins Gras, das in der Sonne zu trocknen begann. »Tust fischen, Tonele?« »Ja.« »Aber beißen tut keiner?« »Na.« Toni betrachtete den auf dem Wasser schwimmenden Angelkork, schien aber an andere Dinge zu denken, nicht an den Fisch, den er fangen wollte. Die drei Kirchenglocken fingen wieder zu läuten an. Der mächtige Glockenhall brachte die stillen Morgenlüfte in Bewegung. Sonnbeglänzte Nebelstreifen, die wie schwimmende Gürtel um die Gehänge der Berge geschlungen waren, schwebten höher und höher, als wäre auch in diesen leblosen Gebilden ein frommer Sonntagsgedanke, der sie dem reinen Licht entgegentrieb. Schweigend sah der Waldrauscher diesem Schimmerspiel in den Lüften zu. Plötzlich erschien ein Ausdruck von Erregung in dem verwitterten, sonst so ruhigen Greisenantlitz. Halb sich aufrichtend, deutete er nach einem sonnseitigen, mit alten Fichten bestandenen Waldgehäng, dessen dunkelgrünes Wipfelgezack von einem feinen, rötlichen Hauch überflogen war. »Tonele! Den Wald schau an! Auf der Sonnleiten!« »Was soll denn sein mit'm Wald?« »Bist blind, du?« Toni sah schärfer hin und gewahrte nun auch den rötlichen Duft an den Wipfeln. »Bluhzeit wird halt einstehn im Wald.« »Bluhzeit im Wald is alle drei Jahr.« Die Stimme des Alten zitterte. »So, wie's heuer anfangt, hab ich's bloß an einzigsmal erlebt. Vor die sechzig Jahr. A zweitsmal möcht ich's nimmer leiden müssen. Net um die heiligste Freud! Tonele, nimm dein Leben in harte Fäust, der Wald wird rauschig.« Etwas Dunkles und Unheimliches war im Klang dieser Worte. Der Sagenbacher fand nur ein müdes Lächeln. »Geh, was du für ausgfallene Sprüchln hast! A Wald, der rauschig is? Meinst ebba, daß sich der Wald an Schnaps kauft?« »Der is bloß für die zweibeinigen Säu. Aber an Wein trinkt er, der Wald. An blutfarbigen! Den allersüßesten! Und buttenweis schluckt er ihn eini ins grüne Leben. Bis er brennt in seiner tiefsten Seel! Und bis er aus seiner heiligen Freud und aus seiner rauschigen Glut so viel an Kraft und Leben aussischreien muß, daß er's nimmer einbringt in eim Menschenalter und daß er fufzg Jahr drum leiden muß.« Verwundert sah Toni den Alten an. »Waldrauscher? Bist du rauschig? Oder träumst mit offene Augen?« Der Alte schüttelte den weißen Kopf. »Fufzg Jahr kann's her sein, daß ich kein Tröpfi Wein nimmer gschluckt hab. 's Brunnwasser macht kein' rauschig. Aber gwesen bin ich's amal. Der rauschige Wald is schuld dran gwesen. Tonele, schau zur Sonnleiten auffi! Da schluckt der Wald schon den süßen Wein. Zwei Wochen, und der Wald im ganzen Tal is rauschig. Tonele, laß dich net rauschig machen, wann 's Rauschfuier umfliegt! Fürs ganze Leben tätst elend sein. Ich hab's verspürt. Unser Herrgott soll jeden Menschen wahren, daß er rauschig wird wie der Wald.« Toni schwieg eine Weile. »Redst auch von unserm Herrgott, du?« Er hob die Angel. Der Wurm saß unversehrt am Haken. Seufzend ließ Toni die Angel zurücksinken in den Bach und stieß die Gerte wieder in den Boden. »Waldrauscher? Ich tät dich gern ebbes fragen.« Der Greis hielt die Arme um seine Knie geschlungen und spähte zu dem rötlich überhauchten Wald hinauf. »Viel tust wissen, Waldrauscher! Und so gscheit bist, daß man dich oft für narret halten möcht. Aber sag mir bloß an einzigs, und sag mir's so, daß ich's glauben kann!« »Was, Büeble?« »Gibt's an Herrgott?« Immer mit dem Blick in der Ferne, fing der Waldrauscher leise zu singen an:     »Schaug auffi in d' Sunn Und schaug abi in Bach, Und der Himmi und 's Wasser Und alls hat a Sprach! Und a Berg und a Mucken Und alls sagt: Herr, ja, Wann koaner mi gmacht hätt, So waar i net da!« Der Toni nickte. »Freilich, ja! Aber glaubst, daß unser Herrgott gut sein mag? Und daß er lachen kann?« Der Alte brach eine Steinnelke, in deren Kelch ein Wassertropfen funkelte, hielt die Blume vor den Toni hin und sang:       »Und a Bleaml am Roan, Und a farbschöner Stoan, Und a Vögerl, dös singt, Und a Soaten, dö klingt, Und a Juhschroa im Bluat. – – unser Herrgott war guat! Und a jungs, a liabs Gsicht Und a Sunn, dö net sticht, Und a Baam in der Bluah, Und a Glanz in der Fruah, Und a Stern in der Nacht, – – unser Herrgott hat glacht.« Wieder nickte der Toni. »Aber wo kommt alles Schieche und Schlechte her?« Da sang der Alte:     »I woaß d'r nix Schiachs, Und i woaß d'r nix Schlechts, Denn alls is a Richtigs Und alls ebbes Rechts. Und a Brünndl, dös fliaßt, Und i woaß net, warum, Bald trüab und bald hell, Bald grad und bald krumm. Und der oane mag's hell, Und der ander mag's trüab, Und der oane schreit: Haß, Und der ander singt: Liab!« Unwillig schüttelte Toni den Kopf. »Ich versteh nimmer, was d' meinst.« »Da bist gscheiter wie die andern. Die meinen allweil, sie müßten alls verstehn. Aufs Verstehn kommt's gar net an. Wer alls versteht, is der ärgste Esel. Unser Herrgott versteht auch net alles.« »Wann aber sagst, daß er gut is, müßt er doch an Kummer haben übers Elend auf der Welt. Und es müßt ihn d' Schlechtigkeit von die Menschenleut verdrießen!« »Na, Büeble! Da lacht er drüber.« »Was predigen s' nacher allweil vom Tuifi und von der Höll?« »Weil die dalketen Leut ebbes haben müssen zum Fürchten.« »Warum denn, Waldrauscher?« Der Alte sah dem Toni in die dürstenden Augen. »Sagen kunnt ich dir alls. Aber glauben tätst es net.« »Mußt mir's halt lernen!« »Du lernst es net. Weil z' jung bist, Büeble! An die hundert Jahr mußt alt sein. Und nimmer dürsten därf dich. Nacher brauchst kein' Schulmeister und kein' Pfarr nimmer. Alles weißt von selber. Und 's Gute is dir wie 's Schlechte, und 's Schlechte wie 's Gute.« »Hundert Jahr!« Der Toni tat einen schweren Seufzer. »Bis ich hundert Jahr bin, tut der Mutter kein Haarl nimmer weh.« Mit beiden Fäusten umklammerte Toni den Arm des Alten. »Waldrauscher! Warum müssen d' Leut sterben?« Der Greis lächelte. »So weit bin ich noch net, daß ich's weiß. Ich studier noch allweil drüber, warum d' Leut leben müssen.« Lang schwieg der Toni. Plötzlich warf er das Gesicht in den Schoß des Alten und schrie: »Mei' Mutter muß sterben.« Zärtlich streichelte der Greis dem Toni das Haar. »Net wahr is, Tonele! Mütter sterben schon allweil, wenn s' Kinder kriegen. Und Sterben is auch bloß a Wörtl. Wie Tag und Nacht. Und alls bleibt allweil 's gleiche. Der Tag geht der Nacht zu, und aus der Nacht wachst der Tag wieder aussi. Sei gut mit der Mutter, solang noch Zeit hast! Jeds gute Wörtl macht 's Leben länger um a Jahr. Lieb spüren heißt leben, Lieb geben heißt selig machen. Dös weiß ich, derzeit ich sechzg Jahr alt worden bin. Z' spät kommt einer allweil drauf. In sechstausend Jahr – und sechs is grad soviel wie tausend – ja, Büeble, in sechs mal hunderttausend Jahr hat's an Einzigen geben, der sich jung schon verstanden hat auf d' Liab. Den haben s' ans Kreuz gschlagen! – Narrenleut, Narrenleut! – Tät unser Herrgott net lachen zu allem, so hätt er am Tag nach der Kreuzigung die ganze Welt in Grund und Boden einifuiern müssen. Derzeit is er schon wieder neunzehnhundert Jahr lang geduldig gwesen, hat allweil zugschaut, wie d' Leut auf d' Welt kommen und wie s' d' Augen zumachen, und allweil hat er glacht. Weißt, was ich mir denk von ihm?« Toni hob das Gesicht. »Was, Waldrauscher?« Da schmunzelte der Alte. »Dir sag ich's net. Du tätst mir z'viel erschrecken! Aber sag, Büeble, hast schon amal an Berg gsehen, der allweil der nämliche blieben is? Fallen net allweil d' Steiner abi? Wachst net allweil a neus Wandl aussi? Und schau dir den ältesten Wald an! Meinst, daß er fertig is?« Lächelnd wiegte der Greis den weißen Kopf und sang: »Neunhundert Bäum fallen In jedweder Stund, Und tausend Bäum wachsen In jeder Sekund. Und 's irdische Leben Und 's himmlische Reich, Und alls is an einzigs Und alls bleibt si gleich. Und alls weard an anders, Und nia hat's an Ruah, Und alls draht si lusti So alleweil zua!« Toni nahm seinen Hut aus dem Gras. »Ich komm net drauf, was d' meinst.« »Weil bloß an d' Mutter denkst! Amal, da hab ich a Katzl und a Hundl ghabt. Wie die zwei anander's erstmal gsehen haben, sind s' aufanand losgfahren wie Hund und Katz. Acht Tag später sind s' die besten Freund gwesen. Weil s' gmerkt haben, daß s' alle zwei zu mir ghören. Grad so ghört alls zum Herrgott, alles, was Hund und Katz heißt auf der Welt, der Anfang und 's End, 's Licht und der Schatten, d' Freud und der Wehdam, und 's Sterben gradso wie 's Leben.« »Soso?« Der Toni stand auf. »Bildst dir ein, du hast mir an Trost gsagt?« Barmherzig sah der Waldrauscher zum Sagenbacher hinauf. »Wie alt bist denn, Büeble?« »Bald neunezwanzg Jahr.« »Nach der Uhrzeit oder nach'm Muckenkalender? Was? Neunezwanzg Jahr! Und möcht noch an Dutzel haben! Mannsbild! Brauch deine Augen, so brauchst kein' Trost!« »Ich kenn mich nimmer aus. In dir net, in mir net, in gar nix! Aber recht hast, selber muß man sich helfen, sonst hilft eim keiner. An andersmal, Waldrauscher! Jetzt muß ich für d' Mutter an Fisch fangen.« Der Blick des Alten hatte warmen Glanz. »In gar nix, sagst? In der Lieb, mein' ich, kennst dich doch a bißl aus?« Er sprang vom Boden auf, geschmeidig wie ein junger Mensch. »Komm, laß dir helfen.« »Ich fang mir schon selber mein' Fisch.« »Du kriegst kein'.« »So? Meinst?« »Weil keine Augen hast. Sonst tätst den Herrgott net suchen, wann er lacht in dir. Tätst net wurmfischen, wann d' Ferchen nach die Mucken springen. Gib her!« Der Waldrauscher nahm dem Toni die Gerte aus der Hand, schleuderte den Wurm vom Haken, haschte eine schillernde Mücke, spießte sie an die Angel und warf die Schnur. Mit Gezitter schleifte der Köder über das Wasser, ein silbernes Aufblitzen, und vor Tonis Füßen zappelte eine pfündige Forelle im Gras. Der lange Sagenbacher streckte keine Hand, um den Fisch zu greifen. Er sah den Waldrauscher an und fragte mit zerdrücktem Laut: »Der Herrgott, sagst, tät lachen in mir?« »Aus jedem Wörtl lacht er, dös gsagt hast über d' Mutter, dö an ewigs Leben hat in dir.« Langsam strich der Toni mit dem Arm über seine Stim. Dann bückte er sich wortlos, um die zappelnde Forelle zu fassen. In den Lüften ein schöner Klang. Die große Kirchenglocke läutete zur Wandlung. Toni hörte das nicht. Er schlug die Forelle gegen einen Stein und brach eine dünne Weidenrute, um sie dein toten Fisch durch die Kiemen zu stecken, genauso, wie er es vor fünfzehn Jahren mit dem großen Huchen gemacht hatte. Nun drehte er mit scharfem Ruck das Gesicht, weil drüben beim Haus der Wildacherin der weiße Spitz bellte. Da drüben war auch etwas Merkwürdiges zu sehen. Auf der Straße vor dem Wildacherhaus stand eine geschlossene Kutsche, deren Lack in der Sonne wie ein Spiegel blitzte. »Hat denn der Brosi Bekanntschaft mit die Fürstenleut?« War der Waldrauscher irrsinnig geworden? Er stieß ein schrilles Lachen vor sich hin. Und schrie: »Der Wald wird rauschig!« Mit langen Sprüngen rannte er gegen die Straße hinüber. Verwundert sah ihm der Toni nach. »Verstand und Narretei? Kann denn alles im gleichen Schachterl beinand sein? Wie Leben und Sterben in der gleichen Bettstatt?« Die große Glocke schwieg. Da konnte Toni vom Wildacherhaus den Klang des ›unsinnigen Kastens‹ hören, durch die Ferne so fein gedämpft, als wär's eine Spieluhr. »Musi tut er machen! Ob mich wohl heut ebbes reuen müßt?« Er schulterte die Angelgerte und trug in der Morgensonne seiner Mutter die Forelle heim. Daß er im herzoglichen Fischwasser gewildert hatte, das fiel dem Toni nicht ein. Wenn die kranke Mutter einen Fisch braucht, holt man einen und guckt nicht lange nach den Tafeln, die auf alten Pfählen stehen. 9 Ambros saß am Klavier, hemdärmelig, und spielte die Appassionata von Beethoven, den schönen Klang wie feierlichen Gottesdienst genießend. Während einer zarten Ritardandostelle des Andantesatzes hörte er ein Pochen an der Tür. »Herein!« Verblüfft erhob er sich und schlüpfte unter einem höflichen Wort der Entschuldigung in seine Bluse. Der weibliche Gast, der verlegen bei der Tür stehengeblieben war, schien sich in dieser Junggesellenstube nicht behaglich zu fühlen: eine kleine, magere Dame in grauem Seidenkleid mit braunem Hut. Sie war noch jung, kaum ein paar Jahre über die Zwanzig; aber das winzige, scharf geschnittene Gesicht hatte jene Fältchen und Alterszüge, wie man sie in den Gesichtern zwerghaft gebliebener Menschen findet; schön und jung waren nur die grauen Augen; sie hatten einen Blick, der ängstlich zu fragen und in Sehnsucht etwas zu erwarten schien: »Ich bitte die Störung zu verzeihen –« Das war eine Stimme, deren leiser Klang berührte, als wäre sie dafür geschult, eine Stille nicht merklich zu unterbrechen. »Womit kann ich dienen?« Ambros rückte einen Sessel in die Mitte der Stube. »Herr Ingenieur Lutz?« »Ja.« »Baroneß Zieblingen.« Die junge Dame ließ sich nieder. Das machte sie auf eine Art, daß man kaum eine Bewegung an ihr sah. »Ich bin Hofdame bei Ihrer Hoheit der Frau Herzogin.« Sie blickte ein bißchen verwundert zu Ambros auf, weil er so ruhig wartete, was da kommen sollte. »Ihre Hoheit spielen Geige, sehr gut natürlich, wie ja Hoheit in allem ein vollendetes Geschöpf sind. Und Hoheit musizieren ungemein gerne. Das Geigenspiel ist die liebste Beschäftigung Ihrer Hoheit in allen Mußestunden. Und da entbehrten es die Hoheit schmerzlich, daß während des Landaufenthaltes nie ein gleichwertiges Akkompagnement zu finden war. Im vergangenen Herbste wurde ein Versuch mit dem hiesigen Lehrer gemacht. Nein, das ging nicht.« »Spielt er so schlecht?« »Das nicht.« Der Baroneß fuhr das Blut in die Stirn, doch ihre Stimme blieb ruhig und zart. »Er scheint ein guter Musiker zu sein. Aber es war mit dem besten Willen nicht möglich, den braven Mann mit Ihrer Hoheit für längere Zeit im gleichen Raum zu haben. Ich selbst spiele wohl auch ein wenig Klavier und habe der Hoheit zuliebe den ganzen Winter geübt. Es reicht noch immer nicht.« In das leise Stimmchen kam ein schmerzliches Beben. »Ihre Hoheit sind namenlos geduldig, wenn ich spiele. Aber was Hoheit auf der Geige leisten, steht so hoch über meinem armen Können, daß ich selbst auf alle Freude gern verzichten möchte, wenn Hoheit würdigen Ersatz bekämen. Als wir eben auf der Straße vorüberfuhren, hörten wir das wundervolle Spiel. Ihre Hoheit ließen sofort den Wagen halten –« Ambros lachte. »Ich soll aushelfen und die Frau Herzogin zur Geige begleiten?« »Ach, wenn Sie das wollten!« Der kleinen Baroneß fuhr wieder das Blut in die Stirn. »Ich wäre selig, wenn Hoheit meinem etwas verwegenen Einfall eine Freude zu danken hätten.« Freundlich sah Ambros das häßliche Persönchen an. »Sie scheinen die Frau Herzogin sehr liebzuhaben?« »Man muß sie lieben. Sie ist eine Heilige.« Das klang so mädchenhaft schwärmerisch, daß es komisch wirkte. »Nun«, sagte Ambros lächelnd, »jedenfalls ist sie eine gute Geigerin. Ich habe sie im Herbst einmal gehört, am Abend, als ich an der Villa vorüberging. Der schöne Klang ist mir aufgefallen.« »Nicht wahr?« Die grauen Augen glänzten. »Ich stehe der Frau Herzogin gern zu Diensten, soweit es meine Zeit erlaubt. Unter der Woche hält mich tagsüber die Arbeit fest, am Abend komm' ich abgemüdet heim. Musik will einen frischen Menschen. Aber an Sonn- und Feiertagen – wenn Sie mich heute haben wollen, ich bin frei.« »Ach, wie herrlich! Ich danke Ihnen, Herr Lutz!« Der kleinen Baroneß brannte vor Freude das Gesicht, während sie vom Sessel aufstand; dabei wurde sie nur wenig größer. »Wenn es Ihnen passen würde, nach dem Diner vielleicht? Hoheit speisen hier ganz ländlich, um drei Uhr. Wenn es Ihnen also konveniert: um sechs Uhr zehn Minuten. Da haben Hoheit sich ausgeruht und werden frisch sein, um Musik zu machen. Wie herrlich das sein wird!« Vor Erregung versagte ihr das leise Stimmchen. »Und ganz einfach, ohne jedes Zeremoniell!« Mit den strahlenden Augen dankend, huschte das magere Persönchen, sich auf absonderliche Weise nach der Seite bewegend, vom Sessel zur Tür hinüber. Erst auf der Schwelle machte sie eine Wendung, und da konnte Ambros gewahren, daß Baroneß Zieblingen einen schiefgewachsenen Rücken hatte. Jähes Erinnern schoß ihm durch die Gedanken. Er sah eine rotbrennende Sonne und hörte den Waldrauscher singen. Erschrocken streckte er die Hände: »Fräulein! Fräulein!« Draußen ging schon ein leiser Hauch über die Treppe hinunter. Ehe Baroneß Zieblingen die Kutsche erreichte, in der etwas Weißes und Duftiges zu sehen war, begann sie schon ein erregtes Gewirbel französischer Worte. Sie schlüpfte flink in den Wagen. Die Pferde schossen mit wehenden Mähnen davon, und der Wagen blitzte am Waldrauscher vorüber, der mit brennenden Augen in einer Hecke verborgen stand. Die Fahrt ging nach dem Unterdorf, der Kirche entgegen. Baroneß Zieblingen streckte den Kopf aus dem Wagenfenster und rief dem Kutscher zu: »Kesselschmitt! Hoheit wünschen, daß an der Kirche nur im Schritt gefahren wird.« Der Würdevolle zügelte verdrossen den Gang des feurigen Gespanns. Es hätte der Pfarrer nicht wissen dürfen, was sich Herr Kesselschmitt in diesem Augenblick dachte. Die Straße lag tiefer als die Friedhofsmauer. Dort oben, auf geweihtem Boden, standen die zweihundert Italiener mit entblößtem Köpfen um das offene Portal und lauschten dem dörflich-melodischen Kirchenkonzert. In dieser stummen Andacht fingen ein paar von den Leuten zu kichern an; auch alte, fromme Männer begannen zu schmunzeln. Einer der Jungen sagte: »Vè Abbiamo teatro!« Alle guckten vergnügt nach der Friedhofsmauer. Weil draußen die Straße tiefer lag, konnten sie nichts von der Kutsche gewahren. Sie sahen nur die hoheitsvolle Büste des Herrn Kesselschmitt langsam an der Kante der Mauer entlanggleiten, gleich einer über die Brust geköpften Marionette, die an Drähten gezogen wird. Als die Puppe verschwunden war, fanden die erheiterten Leute ihre stille Andacht wieder. Geduldig hatte ihre Frömmigkeit die dreiviertelstündige Predigt überwunden. Für die zweihundert auf dem Friedhof war das deutsche Wort Gottes ein unverständlicher Klang. Vielleicht war das gut so. Denn heute hatte der Pfarrer über die Güte und Weisheit Gottes gepredigt, der nach bösem Wetter das Wunder dieses schönen Tages gewirkt hätte, um die guten Christen des Dorfes für ihre Sonntagsheiligung zu belohnen und irdischen Schaden von ihnen fernzuhalten. Von den Italienern sprach der Pfarrer nicht; er sprach nur von sündhaften Halbchristen, die fähig wären, um schnöden Mammon den heiligen Sonntag zu verkaufen, wie Judas den Heiland verriet um dreißig Silberlinge. Als nach der Predigt die Kirchenmusik begonnen hatte und der Pfarrer lateinisch sang, verstanden die Fremden manches Wort, das den Einheimischen unverständliche Sprache war. Für Italiener, wenn sie in Deutschland das Hochamt hören, hat das Kirchenlatein den Wert einer heimatlichen Reminiszenz, wenn auch antiquarisch angehaucht. Das Hochamt ging zu Ende, und man hörte den Pfarrer singen: »Ite missa est!« Der alte Vorarbeiter der Italiener zog den Hut übers graue Haar. Er war der Behörde gegenüber für den Frieden verantwortlich und wollte seine Herde wieder aus dem Dorf bringen, bevor die Bauernburschen aus der Kirche kämen. In Ordnung marschierte der Zug davon und war schon weit, als das bunte Gewimmel der einheimischen Kirchgänger aus dem Portal herausdrängte. Das war in der Sonne ein schönes Bild, wie der dichte Menschenstrom mit seinen hellen und dunklen Farben sich auflöste nach allen Richtungen. Die Weibsleute und Kinder traten den Heimweg an, die Mannsleute sammelten sich vor der Friedhofsmauer zur öffentlichen Gemeinde. Bei diesen Ratsversammlungen war sonst der Krispin Sagenbacher eine Hauptperson, weil er das meiste zu schreien hatte. Heute schob er seine Bürgerpflicht beiseite und kniff aus. Unter flinkem Marschieren streckte er den Hals. Immer wieder sah er ein helles Perkalkleid um einen grünen Busch verschwinden. »Sakra! Heut rennt s' wie narret!« Nach diesem ärgerlichen Stoßseufzer fing Krispin zu schmunzeln an. Er gewahrte, daß sich das Helle da vorne nach einem versteckten Seitenpfad zwischen Stauden und Hecken zu flüchten suchte. Da begann er mit seinen langen Beinen zu rennen, in grader Linie über hoch mit Gras bestandene Wiesen hinüber. Weil ihm eine seiner eigenen Wiesen in die Quere kam, machte er dem schönen Gras zulieb einen Umweg über die Wiese, die einem andern gehörte. Als er die Stelle erreichte, wo der Fußpfad neben der Schuttstraße der Wildach aus dem Staudenwäldchen herauskam, hatte er noch Zeit, seinen Anzug zu mustern und die klebenden Blumenblättchen aus der feucht gewordenen Wolle seiner weißen Wadenstrümpfe herauszuzupfen. Stattlich sah er aus, der sechsunddreißigjährige Jünglingsbauer vom Lahneggerhof. Er trug zwei teure Adlerflaumen auf dem Hut, und an der Uhrkette baumelte dick, was Krispin Sagenbacher an silbergefaßten Hirschgranen, Falkenklauen und Murmeltierzähnen gesammelt hatte. Der zufriedene Blick, mit dem er sich musterte, schien zu sagen: »Besser kann der Mensch nimmer ausschauen!« Hinter den Büschen trat hell in die Sonne heraus, was dem Lahnegger seit zwei Jahren das Blut und die Augen hungrig machte. Auch jetzt, beim ersten Blick auf dieses blühende Leben, fuhr ihm wieder das verteufelte Zittern in alle Sinne. Äußerlich blieb er Herr seiner selbst und konnte ruhig sagen: »Ah, Bedle, grüß dich Gott! Kommst von der Kirch?« Der Beda brannten von der raschen Flucht die Wangen. Nun blitzte ihr auch der Zorn in die Augen. Da fiel ihr ein: ›Seine Mutter leidet.‹ Und noch etwas anderes fiel ihr ein, daß es Menschen gibt, die Brüder sind. Drum nickte sie stumm. Krispin blieb an ihrer Seite. Harmlos begann er vom ›feinen‹ Wetter zu reden. Mit dem zweideutigen Geplänkel, das sonst seine zärtlichen Erfolge vorzubereiten pflegte, hatte er bei der Wildacherbeda üble Erfahrungen gemacht. Auch mit dem Wetterthema hatte er kein Glück. Beda sagte: »Daß d' Sonn scheint, merk ich schon selber. Dös brauchst mir net verzählen.« Nun knüpfte er seinen Hoffnungsfaden an die Predigt des geistlichen Herrn. In Unmut erwiderte Beda: »Der hätt auf der Kanzel was anders z' tun, als daß er gegen d' Inschenierleut predigt und ihnen d' Arbeit schwermacht, die fürs Tal a Nutzen und Segen is!« Krispin schlug mit seiner Meinung um. »Bist halt a verstandsams Frauenzimmer!« »Dös is kein Verdienst, a bißl gscheiter sein, als wie d' Rindviecher sind.« »Freilich, Hammeln sind s' alle mitanand! Da müssen halt die paar gscheiten Leut a bißl zammhalten.« »Du!« fuhr ihn Beda zornig an. »Tu dich net allweil so herdrucken! Der Weg is breit, da wirst wohl Platz haben.« »Jesses!« lachte Krispin gutmütig. »Gar net gmerkt hab ich, daß ich a bißl anstreif.« Wortlos schlug Beda einen flinkeren Schritt an. Und der Lahnegger merkte, so kam er nicht weiter. Freilich, wenn er Ernst machen möchte, wäre die Sache bald erledigt. Daß die Beda dem schönen Lahneggerhof nicht widerstehen würde, war für den Krispin eine bolzensteife Überzeugung. Aber heiraten? Davor bekreuzte er sich wie ein guter Christ vor dem Teufel. Doch es blieb nichts anderes übrig, er mußte schon das Hochzeitsfähnl ein bißchen wehen lassen. »Nobel steht 's Gras! Heuer wird's Heu geben, daß ich nimmer weiß, wo ich's unterbring. Da muß ich an neuen Stadel bauen. Mein Sach wird mir schon bald a bißl z' weitschichtig für mich allein. D' Mutter is schwach beinand. Da ghört a richtigs Weib her. Es wird nimmer anders gehen, ich muß mich bald umschauen.« Dabei sah er die Beda mit hungrigen Augen an. »Ja«, sagte sie ruhig, »such dir eine! Da haben endlich amal die andern ihr Ruh vor dir.« Krispin verfärbte sich. Eine seiner stolzesten Lebensüberzeugungen war in Scherben gegangen. Und weil er die Beda noch immer musterte, fielen ihm die gelblichen Flecken auf, die der Saum ihres Kleides bekommen hatte. »Heut mußt schon mit deinem netten Röckerl durchs nasse Gras gangen sein!« Beda schwieg. Das ließ den Lahnegger eine Gefahr wittern und brachte ihm die Ahnung bei, daß er den Nagel auf einen empfindlichen Kopf getroffen hatte. »Wo bist denn schon gwesen heut?« Nun riß der Beda die Geduld. »Geht's dich ebbes an? Wär gscheiter, du tätst nach der Mutter schauen und net dem Toni die ganze Sorg allein auf der Seel lassen!« Als der Krispin den Namen des Bruders hörte, der am Morgen durchs nasse Gras zum Altwasser gewandert war, ging ihm nicht nur ein Licht, sondern gleich ein Feuer auf. Die ›Verwechslung‹ fiel ihm ein. Und noch ein paar andere Erinnerungen fuhren dem Krispin schwül durch den aufgerüttelten Verstand. Der eigene Bruder. Der war die Gefahr, die dem Liebeshunger des Krispin den süßen Brotkorb in eine Höhe rückte, nach der es einen flinken und festen Sprung zu machen galt! Er spreizte die Nasenlöcher auseinander. »Soso? Weißt es schon, daß ich den Doktor hab holen lassen? Aber d' Mutter is schon wieder kruzfidel. Weil s' ihren Toni hat. Der is halt 's Mammiwuckerl! Schad, daß er net lang bleiben kann. Der wird sich tummeln, daß er bald wieder aussikommt zu seiner Witib.« Beda kannte den Lahnegger. Aber dieses Wort von der Witib riß ihr doch in Schreck das Gesicht herum. Gemütlich erzählte Krispin von dem schönen Hof im Unterland, von Wald und Feld, von sechs Rossen, vom Glück des Toni und von der musperen Witib, die noch Holz beim Ofen hätte. »Ganz narret soll sie's treiben mit'm Toni.« Er lachte. »Hat's d' Mutter halt doch vom Himmel abigrissen! Den ganzen Winter hat s' ihre Heiligen angrufen, daß ebbes füranand geht da draußt im Unterland. Meintwegen! Ich vergunn's dem Toni. Und ehrlich: Lieber is mir's auch, daß er mir weit von meiner Wirtschaft hockt.« Jetzt blinzelte Krispin nach der Seite hin. Was er gewahrte, machte ihn schmunzeln. Er hatte wieder Veranlassung zu denken: ›Der Gscheiter bleib allweil ich!‹ Aber das ist das dunkle Schicksal aller klugen Menschen, daß sie wenn sie am klügsten waren, immer in Gefahr sind, eine große Dummheit zu machen. Beda, die sonst so feinhörige Ohren wie ein Wiesel hatte, war plötzlich bei blassem Gesicht so taub geworden, daß sie, an der Parkmauer der herzoglichen Villa vorüberschreitend, hinter sich die Hufschläge und den Räderlärm nicht hörte, auch nicht den Warnungsruf des Herrn Kesselschmitt. Die Pferde hätten sie niedergestoßen, wenn nicht Krispin als Schutzengel hinzugesprungen wäre. Er riß das Mädel gegen die Mauer hin, umschlang es mit beiden Armen, und an dem Paar blitzte unter einem Zornwort des Herrn Kesselschmitt die geschlossene Kutsche vorüber, aus deren Fenster die Baroneß Zieblingen das ängstliche Runzelgesicht mit den treuen Augen herausstreckte. Der Wagen bog in das offene Parktor ein, und nun tat der kluge Lahnegger, was er bereuen mußte. Als er das junge Leben, nach dem er seit zwei Jahren hungerte, zwischen seinen Händen spürte, trug ihn alle Schlauheit seines Bauerngehirns nicht über die zitternde Dummheit seines Blutes hinüber. Erschrocken wehrte sich Beda. Und Krispin bettelte: »Geh, sei gscheit! Schau, so viel gern mag ich dich –« Er wollte schon ein unkluges Heiratsversprechen beschwören. Da schlug ihm die Wildacherbeda das Gebetbuch auf die Nase. Er taumelte, Beda wurde frei, und als sie zwischen den Buchenstauden den Waldrauscher stehen sah, rief sie ihm zu: »Geh, sei so gut, Mensch, und bleib bei mir! Der Saukerl laßt mir kei' Ruh net.« Krispin Sagenbacher machte die Wahrnehmung, daß die Welt sich drehen kann, auch wenn man nicht besoffen ist. Als er halbwegs wieder zu Verstand kam, war die erste Äußerung seines geklärten Bewußtseins ein grimmiger Fluch. Dann spürte er was Warmes im Gesicht. Als er hingriff, war es Blut. Erschrocken fühlte er nach der Dulle, die ihm der Toni vor fünfzehn Jahren ins Nasenbein geschlagen hatte. Dieser Schönheitsfehler erwies sich als unverschlimmert, aber das Blut tropfte ihm auf die neue Joppe herunter und auf die mit dem Bild einer Gemse verzierte Spange der gestickten Hosenträger. Dieses Kunstwerk der Nadel war das Geschenk eines Mädels, das sich mit der trügerischen Hoffnung getragen hatte, Lahneggerbäuerin zu werden. Mit langen Sprüngen rannte Krispin zum Bach, schnupfte Wasser auf und säuberte die rot betröpfelte Montur. Dann blieb er in der Sonne sitzen, um das Feuchte trocknen zu lassen. Wie die Hefe im Nudelteig, so gärte die Reue in seinem bedrückten Gemüt. »Himi Bluatsa! Jetzt hab ich alles verpatzt.« Er begann zu überlegen. Über die Gefahr, die mit dem Toni erschienen war, beruhigte sich Krispin schnell. Er pflegte die anderen, minderwertigen Menschen doch annähernd nach seinem eigenen Gewicht zu schätzen. Drum rechnete er – Der Toni wird die Beda haben wollen, aber heiraten wird er die Witib mit den sechs Rossen. Sechs Rosse läßt man nicht aus. Was so ein Tropf doch für ein Glück hat! Und da wird's wohl noch ein Mittel geben, um die Sorge im Toni zu wecken, daß er das sechsspännige Glück verlieren könnte. Wie wär's, wenn man der Witib im Unterland einen heimlichen Deut gäbe? Oder wenn man dem Toni ein bißchen Feuer unter den heimatlichen Boden legen würde? »Furt muß er! Himi Bluatsa!« Krispin bewegte die Ellbogen, als wäre er inmitten eines dichten Menschengewühls. »Ehnder gib ich kei' Ruh net!« Aber – wenn der Toni nun wirklich fort war – wer würde der Beda die verliebte Narretei aus dem hübschen Köpfl hinausblasen? Hier saß die Gefahr! »Himi Sakra! Soll einer d' Weibsbilder ausstudieren! Da hat sich unser Herrgott bei der Erschaffung net auszeichnet.« Es gibt auf der Welt einen Krispin Sagenbacher. Der ist der klügste unter allen Menschen. Ist der schönste, nur mit einer kleinen Dulle im Nasenbein. Und ist der Hofbauer vom Lahnegg! Und da denkt so eine Kuh von einem Weiberleut an einen andern. »Mar' und Joseph! Was tu ich denn da?« In seinem zärtlichen Gemüte nistete sich eine so verzweifelte Stimmung ein, daß sie ihm das Wasser aus den Augen trieb. In diesem Tränenglanz war der sechsunddreißigjährige Jünglingsbauer vom Lahneggerhof des tiefsten Erbarmens würdig. Ungestillte Sehnsucht, ob sie aus reinen oder trüben Quellen steigt, ist eine Macht und ein Schmerz. Dem Krispin fehlte alles, was den strahlenden Helden ausmacht; doch in dieser Stunde litt er nicht weniger, als Romeo leiden mußte: ›Hier ist der Himmel, Wo Julia lebt! Und jeder Hund, die Katze, Die kleinste Maus, das schlechteste Geschöpf Fühlt diesen Himmel, darf ihr Antlitz sehn! Doch Romeo darf nicht!‹ Weil seine Hosenträger wieder trocken waren, stand Krispin vom Bachufer auf. Aber was jetzt? Heimgehen? Und dem ›Sakramentskerl‹ begegnen, der das unbegreifliche Glück bei den Weibsbildern hatte? Um Gottes willen nicht! Der Krispin kannte sich zu gut, um nicht vorauszusehen, daß eine solche Begegnung in der ersten Hitze seines Zornes nicht ohne schwere Kränkung einiger Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuches ablaufen würde. Da bekäme er eine neue Dummheit zu bereuen. Nein, jetzt mußte er sich auf ›schmalzige Feinheit‹ verlegen. Aber wie? Im Bach sprang eine Forelle. Das weckte im Krispin die Hoffnung, daß man den Toni vielleicht beim Fischwildern erwischt hätte. Schade, daß die ganze herzogliche Jägerei vollzählig in der Kirche gewesen war. Aber kommt Zeit, kommt Rat, dachte Krispin – das heißt, er dachte: ›Jetzt geh ich ins Wirtshaus, kaufe mir als Universalmittel einen Rausch, und wenn ich wieder nüchtern werde, wird mir schon was einfallen.‹ Es fiel dem Krispin schon etwas ein, bevor er das Wirtshaus erreichte. 10 Beda, vor dem Haus ihrer Großmutter, sah dem Waldrauscher nach, der sie heimbegleitet hatte. Nun ging er seiner Wege, blieb immer wieder stehen, spähte zum Wald der Sonnleite hinauf und schwatzte mit sich selber. »Der muß ebbes haben!« So erregt und wirr hatte sie den sonst so ruhigen und heiteren Greis noch nie gesehen. Immer hatte er geredet, auf eine dunkle, wunderliche Art, hatte die Beda bei der Hand genommen und geflüstert: »Madl! Der Wald wird rauschig! Da mußt dich vorm Mondschein hüten!« Vor Jahren war es ein tägliches Wort der Wildacherin gewesen, die Beda vor dem Mondschein zu warnen. Seit die Großmutter merkte, wie grad und verläßlich das Mädel sich auswuchs, hielt sie das Warnen für überflüssig. Und da kam nun der Waldrauscher und warnte! »Mondschein?« Was wußte der Waldrauscher von der bestraften Torheit ihrer Mutter? Was von der Torheit, die sie selbst seit ihrer Kinderzeit in sich verschlossen trug? Hatte sie eine Warnung nötig? War für sie nicht schon das Schicksal der Mutter Warnung genug? Dieses Menschenglück einer Mondscheinnacht, ähnlich dem Glück einer Fliege, die eine Stunde lieben darf und dran sterben muß? So gut wie heut hatte Beda noch nie verstanden, daß es Wege gibt, bei denen kein Warnen hilft, keine Mutterangst, kein Lebensschreck, kein Kirchenwort und kein Gotteszorn. Es fiel ihr ein Liedchen ein, das sie einmal den Waldrauscher hatte singen hören. ›Und a Fluach und a Segen, Und a Sünd und a Buaß, Und nix is a Mögen, Und alls is a Muaß!‹ Schwer atmend sah Beda zum Himmel hinauf. »Gar kein' Mondschein tät's brauchen. Bloß a guts Wörtl von dem einzigen, den ich mag.« Und dieser einzige saust vielleicht schon morgen wieder ins Unterland. Weil eine Witib sechs Rosse hat! Aus dem Hause kam der weiße Spitz gesprungen und tollte zärtlich um die Beda herum. Heute vergaß sie, das Tier zu liebkosen. Als sie in die Stube kam, jammerte die Wildacherin: »Jesses, Madl, wie schaust denn aus? Was hast denn?« Beda legte das Gebetbuch auf den Tisch. »Kann sein, daß mir die Kirch a bißl z' lang worden is.« »Hat er schon wieder so an Endstrumm predigen müssen, bis die frömmsten Leut an schwachen Magen kriegen! Geh, komm her, ich gib dir a Glasl!« Geduldig schluckte Beda den Heidelbeerwein und dachte dabei: ›Der Toni und der Herr Ingenieur sind alte Freunde; wer an eine Witib mit sechs Rossen denkt, verschweigt doch so was nicht vor seinem besten Freund; der Krispin lügt schon, wenn er schnauft; aber wenn an der Witib was Wahres wäre, müßte Tonis bester Freund was wissen davon; und von einem Menschen, der was weiß, ist immer was zu erfahren.‹ Sie ging in den Garten, um unter dem großen Apfelbaum den Tisch für Ambros zu decken. Dann lief sie hinüber zum oberen Wirt und holte das Essen. Bis die Speisen über die Straße kamen, kühlten sie immer ein bißchen aus und mußten wieder gewärmt werden. Während die Wildacherin dieses Geschäft besorgte, setzte sich Beda mit einer Näharbeit zu ihr in die Küche. Ambros kam über die Stiege herunter, und die Wildacherin trug ihm die Suppe in den Garten. Als sie wieder in die Küche kam, sagte sie: »Heut is er soviel gspaßig, der Herr Inschenier! Allweil schaut er umanand, ich weiß net wie.« Beda stichelte mit flinker Hand. »Es wird ihm halt a bißl im Kopf umanandgehn, was er hören hat müssen von seim besten Freund.« »Wie? Was?« »Auf'm Kirchgang haben mir's d' Leut verzählt, daß der junge Sagenbacher aussiheiret ins Unterland.« »So?« »D' Leut sagen, zu einer Witib tät er einiheireten, die viel Sach hat.« »Meinetwegen. Was geht denn uns der Sagenbacher an!« »Schad is allweil, daß wieder a richtiger Mensch aussiheiret aus'm Dorf! Geh, frag den Herrn Lutz a bißl aus!« Die Wildacherin trug das Backhendl mit dem Kopfsalat in den Garten und blieb lange draußen. Als sie kam, fragte Beda gleich: »Weiß er ebbes?« »Glacht hat er. No, da wird's schon wahr sein. Aber was geht's denn uns an?« Beda ging in die Stube, fiel auf die Bank und lehnte mit geschlossenen Augen den Kopf gegen das Fenster, durch das die schöne Sonne hereinleuchtete. Sie war ein kluges Mädel. Aber doch auch ein richtiges Menschenkind. Und für uns Menschen kommen die bittersten Lebensängste immer von Gespenstern, die nicht existieren, oder von Dingen, die anders sind, als wir vermuten. Droben in der Giebelstube fing nach einer Weile der ›unsinnige Kasten‹ zu klingen an. Aufatmend dachte Beda: ›Gott sei Lob und Dank, daß ich grad jetzt ebbes Schöns zum Hören krieg!‹ Aber das wurde gar nicht schön. Er begann mit einem tiefen Ton, kletterte langsam hinauf bis zum höchsten Klang und wanderte wieder hinunter in die brummende Tiefe, ein paar dutzendmal hintereinander, immer schneller, bis es ein perlendes Gewirbel wurde. So ging's eine halbe Stunde immerzu – Fingerübungen in allen Tonarten – und das wurde für Beda eine Marter, daß sie die Näherei hinter den Tisch warf und verstört hinausrannte in den schönen Tag. Sie war schon weit vom Hause weg, drüben auf der Sonnleite, deren hundertjährige Fichten an allen Wipfeltrieben winzige, blutrote Knospen hatten, und noch immer hörte sie dieses monotone Klopfen: Tattera, tatata. Zwei Stunden klang es so weiter. Endlich schwieg die böse Musik, von der auch die Wildacherin meinte: ›Heut tut er, als ob er's erst lernen müßt!‹ Gegen vier Uhr nachmittags verließ Ambros in einem hellen Sommeranzug das Haus und schlug den Weg nach dem Unterdorf ein. Er kam an der herzoglichen Villa vorüber und blickte beim Parktor durch die Lücken des eisernen Geschnörkels. Schmale Grasrabatten säumten den besandeten Weg, in dessen Tiefe ein weißes Sonnenleuchten war, so blendend, daß Ambros die Villa hinter dem blitzenden Tropfenspiel der beiden Fontänen kaum unterscheiden konnte. Lange blieb er stehen. Dann ging er lächelnd weiter. Eine Erinnerung war in ihm aufgetaucht. Damals, als er mit dem Vater und dem Tonele hier vorübergefahren war, hatte eine leuchtende Blumenpracht diesen Weg gesäumt. Warum blühten hier keine Blumen mehr? Weil sich in den vergangenen Jahren die Kronen der Alleebäume so dicht geschlossen hatten, daß keine Sonne mehr hineinfiel in den dauernden Schatten? Und weil die Blumen ohne Sonne nicht blühen mögen? Und das schöne Märchen von damals? Wo war es jetzt? Verschwunden wie die Blumen? Ein dunkler Weg, ein grüner Garten, ein weißes Haus und drin eine junge Frau, die nach der Mahlzeit ruht und um sechs Uhr zehn Minuten zu musizieren geruht. Das alles ist doch Wirklichkeit! Oder kann auch das Wirkliche wie ein Märchen leuchten, das ein Sechsundzwanzigjähriger mit Herzklopfen zu erleben hofft und zu erleben fürchtet? Ambros lachte und war dabei ärgerlich über sich selbst. Er konnte sich die Unruhe, die er fühlte, nicht erklären. Hing das zusammen mit dem unerwarteten Erscheinen der Baroneß Zieblingen? Seltsam, diese junge Person, und damals bei der Notburg hatte er sie für eine Greisin gehalten, weil sie bucklig war! Wieder sah er das rote Märchenbild im Wald, hörte das scheue Kinderstimmchen, sah die schlanke, zarte Frau in halber Ohnmacht taumeln, hörte die schluchzenden Laute. Ein Menschenkind, durch Geburt auf die Höhe des Lebens gehoben, von der Natur gebildet wie eine Blume, begabt, erfüllt von der Freude an schöner Kunst und in zarter Jugend schon bedrückt vom Leben, gemieden vom Glück, an Körper und Seele leidend, hilflos angeklammert an einen pietistischen Trost, der nach aller Qual auf Erden den Lohn des Himmels erwarten läßt, ein reines Glück, das über den Sternen wohnt! Und nun verstand er auch: Was in ihm zitterte, war nichts anderes als tiefes menschliches Erbarmen. Er hatte den Lahneggerhof erreicht und öffnete das Zauntürchen. Aus dem Garten hörte er den Klang einer Schwegelpfeife, die heitere Melodie eines Ländlers, und dachte: ›Mit der Lahneggerin kann es nicht übel stehen, wenn der Toni so lustig pfeift!, Es war ein gemütliches Bild, das er fand. In dem von Sonnenlichtern durchwirkten Schatten eines Birnbaumes saß Mutter Sagenbacher in einem Lehnstuhl. Sie war gekleidet wie für den Kirchgang und trug das dunkelbraune, mit Rüschen besetzte Feiertagsgewand der verwitibten Bäuerinnen. Das war ihr so weit geworden, daß man mit den überflüssigen Tuchfalten noch eine zweite Lahneggerin hätte kleiden können. Hinter dem Rücken hatte sie ein kariertes Kissen, und ihre Beine waren in eine wollene Bettdecke gewickelt. Neben dem Sessel hockte der Toni im Gras, und während er auf der Schwegelpfeife einen munteren Tanz herunterpfiff, streichelte die Lahneggerin mit der mageren Hand ihrem Buben das Haar. Die tiefliegenden Augen des kranken Weibes träumten froh ins Blaue. Doch Ambros erschrak. Hätte er nicht gewußt, das wäre die Mutter des Toni – er hätte dieses zerstörte Gesicht nicht mehr erkannt. Die Bäuerin gewahrte ihn. »Tonele, da kommt a Herr, a fremder.« Toni sagte lachend: »Aber Mutter! Dös is ja der Brosi!« »Jesus!« Die Lahneggerin hatte das frohe Lächeln wieder. »Dös freut mich, daß sich der Herr Lutz so freundschaftlich zu meim Buben stellt.« Der Toni sprang auf. Immer lachte er. »Grüß Gott, Brosle! Und gelt, so viel gut schaut d' Mutter aus!« Dieses laute Lachen eines Menschen, der müde, schwermütige Augen hatte, wirkte auf Ambros, daß er kein Wort herausbrachte. »Ich hol dir an Sessel aussi, daß dich hersetzen kannst zur Mutter und lustig planschen mit ihr!« Toni rannte ins Haus, so flink, als wäre auf dem Dach ein Feuer, das er löschen müßte. Ambros reichte der kranken Frau die Hand. »Gelt«, sagte die Lahneggerin, »mein' Buben, den mögen S'?« »Ja, Mutter Sagenbacher! Der Toni hat sich prächtig ausgewachsen. Aber wie geht's denn Euch mit der Gesundheit?« »Allweil besser. Mein Bub muß aufs Doktern studiert haben, da draußt im Unterland. Jeds Stündl gibt er mir a lustigs Trankl ein. So viel gut tut's mir! Bloß a bißl schwach bin ich allweil.« Das hörte der Toni, als er den Sessel brachte. »Schwach?« Er lachte. »Seit drei Monaten is d' Mutter heut zum erstenmal aufgstanden. Und is marschiert wie a Soldat! Den halben Weg bis ins Gartl aussi hat s' allein gehn können.« »Ja, du Schlankl, weil mich halber tragen hast! Bloß a bißl hab ich den Boden allweil gspürt unter die Füß.« »Wann in der Freundschaft die nächste Hochzet is, tanzen wir an Schuhplattler mitanand, d' Mutter und ich!« Auch die Lahneggerin lachte. »Was dir net einfallt! Ich wär schon z'frieden, wann ich wieder a bißl ebbes arbeiten kunnt. A Mensch, der nimmer schafft, is nix mehr wert.« Der Toni hatte sich ins Gras gesetzt und fing wieder einen Ländler zu pfeifen an. Die Lahneggerin ließ sich durch den heiteren Klang nicht von dem ernsten Thema abbringen. »Gar nix derlupfen kann ich. 's Nähkörbl is mir wie a Zentner. Und gleich tut mir 's Kreuz allweil weh. Ja! Alles wär gut. Wann ich nur grad dös dumme Kreuz net hätt.« Der Toni sagte lustig: »Geh, sei froh, daß d' es hast, dein Kreuz! Sonst tätst dein magers Quartierl in der Schling tragen müssen.« Über diesen Spaß mußte die Sagenbacherin lachen, daß ihr die Tränen kamen. Und der Toni fing wieder zu pfeifen an. Dazwischen wurde geschwatzt. Dieses drollige Wortgeplänkel, das Lachen der Lahneggerin, das lustige Pfeifengedudel, das alles gab in der milden Sonne, die sich zum Abend wandte, eine so gemütliche Stimmung, daß auch Ambros seiner nachdenklichen Laune entrissen wurde und munter mitplauderte. Daß der Lahneggerin die Sonne so warm auf die mageren Hände schien, das tat ihr wohl; sie streckte sich behaglich und sagte froh: »'s Leben is halt doch ebbes Guts. Und soviel gfallen tut's mir wieder.« Der Toni bekam eine tiefe Furche auf der Stirn. Er setzte die Schwegelpfeife an den Mund und blies eine übermütig gaukelnde Weise. Da betrat den Garten ein jägerisch uniformierter Mann, dem der Feldwebel von einst aus dem Gesichte sprach. Es war der herzogliche Wildmeister. Mit dem Blick eines Untersuchungsrichters trat er auf den Toni zu: »Sie, Sagenbacher, stimmt das, daß Sie heut in der Früh aus unserem Wasser einen Fisch geholt haben?« Die Lahneggerin wurde dunkelrot über das abgezehrte Gesicht. Weil sie den Fisch verspeist hatte! Und der Toni sagte ein bißchen verwundert: »Ja, Herr Wildmeister, dös wird schon stimmen.« »So? Dann wird es auch stimmen, daß ich Sie anzeigen muß und daß Sie gestraft werden.« »Meintwegen! Aber vor der Mutter hätten Sie's grad net sagen brauchen.« Toni nahm die zitternde Hand der kranken Frau. »Geh, Mutter; deswegen brauchst dich net aufregen! Die zwölf oder fufzehn Markl Straf bringen mich net um. Und kasteln s' mich a paar Tag ein, dös wird auch net 's Ärgste sein. Von morgen an kauf ich dir jeden Tag an Fisch. Der Herzog muß Gschäften machen, weißt!« »Sie!« fuhr der Wildmeister auf. »Werden Sie nach Ihrer Gesetzesübertretung nicht auch noch unverschämt!« Er machte eine scharfe Schwenkung und verließ den Garten. Da kreischte die Lahneggerin wie von Sinnen: »Für mich hat er ihn gfangt! Für mich! Für mich!« Der Toni lachte wieder und haschte das bleiche Gesicht der Mutter zwischen seine Hände. »Den laß raunzen, wie er mag! Der Fisch is drunt. Den reißt dir kein Wildmeister nimmer aussi.« Auch Ambros lachte. »Nur ruhig, Mutter Sagenbacher! Über die Geschichte wird sich noch reden lassen.« Er sah nach der Uhr und erhob sich. »Es wird schon ein Mittel geben, den gestrengen Herrn zu beschwichtigen. Und ich glaube, daß ich eines weiß.« Die Lahneggerin nahm diese Verheißung als fertige Wahrheit. »Vergelt's Gott tausendmal, Herr Lutz!« Und Toni sagte: »Wirst schon aussifinden, gelt? Ich muß bei der Mutter bleiben.« Als Ambros davonging, hörte er wieder das heitere Getriller der Schwegelpfeife. Während des hurtigen Marsches sah er ein paarmal nach der Uhr. Wie energisch er auch ausschritt, es schlug schon viertel auf sieben, noch ehe die Parkmauer erreicht war. Seine Unpünktlichkeit schien bereits übel vermerkt zu sein, wenigstens von seiten des Herrn Kesselschmitt, der, aus einem Leibkutscher in einen schwarz adjustierten Haushofmeister verwandelt, vor dem Parktor auf der Straße stand und mißmutig Ausguck hielt. »Habe ich die Ehre, Herrn Lutz –?« »Zu dienen!« sagte Ambros. »Wir haben bereits sechs Uhr und siebzehn Minuten.« »Sogar schon achtzehn, nach meiner Uhr!« Herr Kesselschmitt machte eine eigentümliche Schnörkelbewegung mit dem schön frisierten Kopf. Er sprach kein Wort mehr. Würdevoll schritt er Ambros voran und kutschierte dieses für ihn minderwertige Exemplar der Menschheit durch den kühlen Schatten der Parkallee. Ambros fühlte sich durch den Hoheitsvollen so erheitert, daß er keinen Blick für den Park hatte, keinen Blick für das leuchtende Tropfenspiel der beiden Fontänen. Von allem Märchen, das diese Stätte umgaukelt hatte, war nur noch die komische Realität des Herrn Kesselschmitt übriggeblieben. Ein drolliges Rüsselkäferchen! Einer von den häufigen Dienern, die dem Werte schaden, den sie zu erhöhen glauben. Ambros konnte ein Lachen nicht unterdrücken, als der Würdevolle vor den Verandastufen mit spanischer Grandezza den grünbeschürzten Gärtnerburschen herbeiwinkte, der mit einer Bürste schon auf der Lauer stand, um die Schuhe des inferioren Erdenbürgers vom Staub der Straße zu säubern. Während dieser Prozedur stand Herr Kesselschmitt abseits und klopfte nervös mit dem Fuße. Er schien bemerkt zu haben, wie wenig geziemend seine vornehme Größe auf Ambros wirkte. Eine große, kühle Vorhalle; die helle Mauer mit Hunderten von Geweihen bedeckt, viele auf altertümlichen, in der Farbe vergilbten Schildchen oder auf Hirsch- und Gemsköpfen, die aus der Zeit eines naiven Kunsthandwerkes stammten; und der Boden mit so lindem Teppich belegt, daß der Schritt des grauköpfigen Dieners, der Ambros den Hut aus der Hand nahm, wie lautloses Schweben war. Herr Kesselschmitt öffnete eine Tür, ließ Ambros eintreten, zog die Tür geräuschlos wieder zu, machte mit dem Kopf jene absonderliche Schnörkelbewegung und sagte zu dem alten Diener: »Die Entschließungen Ihrer Hoheit sind manchmal schwer zu begreifen. Nun –« In dem kurzen Schweigen, das Herr Kesselschmitt anschnörkelte, lag etwas Versöhnliches. »Aber die Zieblingen sollte wissen, wozu sie da ist!« Der alte Diener verschwand, noch ehe Herr Kesselschmitt zu Ende gesprochen hatte. Ambros stand in einer kühlen, bläulichen Dämmerung. Die beiden Fenster waren mit schweren Vorhängen und dunkelblauen Seidenvitragen so dicht verhangen, daß der Goldschein des Abends nur mit schmalen Glanzlinien in den stillen Raum hereindrang. In diesem Zwielicht fand sich Ambros mit den Augen nicht gleich zurecht. Alles Gerät erschien wie mit Schleiern umwoben. Dabei blendeten die grellen Lichtstreifen an den Fenstern. Ambros mußte, um sehen zu können, den Rücken gegen die Fenster wenden. Ein kostbar eingerichteter Raum, der etwas Stilwirres hatte. Keines von den wertvollen Gerätstücken konnte sich als ein Geschwister des andern fühlen. Was hier stand mit müd gewordener Vergoldung, mit verbliebenen Brokaten oder mit neuem Glanz, erschien wie aus sieben Schlössern und aus drei Jahrhunderten zusammengetragen. Zopf, Rokoko, Empire und allerjüngstes Kunsthandwerk des Auslandes waren nebeneinander gekramt, eins mit dem anderen unverträglich. Den gleichen Eindruck machte der reiche Bilderschmuck der Wände. Altes und Junges hingen da, Bilder auf Holz oder Kupfer, Bilder auf Leinwand, Stiche und Schnitte, verblaßte und neue Photographien. Dem ersten Blick fiel ein großes Gemälde in altem Rahmen auf, das Bild eines jungen Jägers in Lebensgröße, zwischen Bäumen auf einem Steinblock ruhend. Ein gutes Porträt, die Malweise von emailartiger Glätte, wie man vor fünfzig oder sechzig Jahren gemalt hatte. Auch hielt der Jäger seinen altertümlichen Perkussionsstutzen quer über den Knien und trug die kurze, reichlich mit Grün ausgeschlagene Joppe, die lederne Bundhose und den hellgrün gebänderten Spitzhut – die Tracht der Gebirgsjäger aus der Zeit, in welcher König Max II. fröhliches Weidwerk in den Bergen gepflegt hatte. Ein gesundes, kräftig gebildetes Frohgesicht blickte hell aus der Leinwand heraus wie aus dem geheimnisvollen Schatten eines in Dämmerung versunkenen Waldes. Ambros fühlte sich von diesen klugen, leuchtenden Augen seltsam berührt. Er hatte die Empfindung: ›Diese Augen haben im Leben schon irgendwo einmal in die meinen geschaut.‹ Warum sollte das nicht möglich sein? Dieses Bild war freilich ein halbes Jahrhundert alt, vielleicht noch älter. Aber Menschenaugen sind wie Sterne; seit Hunderttausenden von Jahren kommen und glänzen sie immer wieder als die gleichen. Ambros wandte sich von dem Gemälde ab und wurde noch tiefer berührt durch den Anblick eines Bildes, das den gleichen Rahmen hatte und aus der gleichen Zeit zu stammen schien wie das Porträt des jungen Jägers. Oder war es trotz allem Anhauch des Alters nicht doch ein Werk der letzten Tage? Hatte das junge Weib – das mit dem roten Kleid wie eine schlanke Flamme in der Abendsonne gestanden, als der Waldrauscher bei der Notburg seine kleinen, unbegreiflichen Lieder sang – einem Künstler von gestern im Gewande einer vergangenen Zeit als Vorbild gedient? Ein sinnloser Gedanke. Das Gemälde war alt, so alt wie jenes andere. Aber ist das möglich, daß eine Form des Lebens nach einem halben Jahrhundert so Zug um Zug sich wiederholt? Können Mutter und Tochter – nein, Ahne und Enkelkind – einander so ähnlich sein, als wäre ihr getrenntes Leben nur ein einziger Pulsschlag der Natur? Mutter und Tochter? In Ambros erwachte die Erinnerung an jenen Maimorgen seiner Kinderzeit, an dem die ›silberweiße, rotgeflügelte Waldfey‹ von der Großen Not gekommen war und sich verwandelt hatte in eine vornehme Reiterin, die über die beiden Knaben wegsah wie über zwei Pilze am Waldsaum. Jenes strenge, kalte Gesicht – und das blumenhafte Frühlingsantlitz, zu dem der singende Waldrauscher emporgedürstet hatte? Mutter und Tochter? Zwei Gesichter, so gegensätzlich wie Frost und Wärme, wie Erstarrung und Leben! Ambros atmete schwer, als er näher hintrat zu dem Bilde. Das Scheue, Angstvolle und Leidende, das in jener glühenden Waldstunde aus den großen Kinderaugen des jungen Weibes zu ihm geredet hatte, war auf dem alten Gemälde verwandelt in blühende Frische, in lächelnden Reiz, in heitere Lebensfreude. Dennoch war es das gleiche Antlitz, Zug um Zug, die gleiche Gestalt, gertenschlank, in dem braunen Jagdkleide lebendig abgehoben vom leuchtenden Gewölk des Hintergrundes. Während die linke Hand wie bei frohem Aufatmen den schmalen Gürtel umfaßte, hielt die rechte, die ruhig niederhing, eine kleine Ranke von blühendem Waldrausch. Wie einer, der mit wachenden Augen träumt und alle Wirklichkeit als ein Fernes fühlt, gewahrte Ambros, daß die Tür des anstoßenden Raumes geöffnet wurde, daß eine matte Lampenhelle in die bläuliche Dämmerung herausfiel und daß die kleine Baroneß Zieblingen, in gelbe Seide gekleidet und sich schief bewegend, erregt auf ihn zutrat und mit ihrer verschleierten Stimme etwas sagte. Dann sah er sich auf der Schwelle eines saalartigen Raumes, dessen Fenster durch weiße Innenläden verschlossen waren. Eine große Hängelampe brannte, von einer grünseidenen Blende umzogen; die Lehnstühle und gepolsterten Bänke, die an den Wänden standen, und die Wände selbst waren von grünlichem Schatten umwoben; über die Mitte des Raumes und über den Flügel, auf dem eine Geige lag und auf dessen Pult schon die Notenblätter zurechtgestellt waren, fiel ein Kreis von weißem Licht. Ambros sah das alles wie etwas Unbestimmtes. Nur eines sah er nah und wirklich, diese zarte, von weißem Krepp umflossene Frauengestalt, die inmitten des kreisförmigen Lichtes stand und dem Gast einen Schritt entgegenkam. Für Ambros war das etwas Verwirrendes. An dieser kühlen Erscheinung, an dem unlebendigen Blick der müden Augen und an dem strengen, blassen Schmalgesicht wollte nichts mehr dem reizvollen Bilde gleichen, das da draußen in der bläulichen Dämmerung an der Mauer hing. Und nichts erinnerte an die rote Flamme, die Ambros im brennenden Wald gesehen, nichts an die Lebensangst, die heiß aus den erschrockenen Kinderaugen geredet hatte. Leise sagte die kleine Zieblingen ein paar Worte. Ambros glaubte seinen Namen zu hören. Dabei schien er irgend etwas zu unterlassen, was Baroneß Zieblingen für nötig halten mochte; sie wurde verlegen. Eine Pause trat ein. Dann sagte die Herzogin mit einer gleichmäßigen Stimme: »Das ist freundlich von Ihnen, Herr Lutz, daß Sie Ihre Zeit opfern, um meinem Wunsche nach Musik gefällig zu sein.« Ambros verbeugte sich. Die Stimme, die er da vernahm, hatte nichts mehr von dem ergreifenden Klang, den er gehört hatte, als der Waldrauscher sang. Wieder eine Pause. Die kleine Zieblingen fing leise zu reden an, um Ihre Hoheit daran zu erinnern, daß heute Sonntag wäre, so daß Herr Lutz keiner dienstlichen Verpflichtung entzogen würde. Die Herzogin betrachtete den stummen Gast. Ein unbequemes Erinnern schien dämmerig in ihr zu erwachen. Das Gesicht gegen den Flügel, fragte sie: »Herr Lutz sind bei der Regulierung der Wildach beschäftigt?« »Ja, Frau Herzogin.« Die Hofdame wurde glühend rot, während die Hoheit freundlich sagte: »Da wünsche ich gutes Gelingen. Was Sie leisten, ist ein gemeinnütziges Werk.« Nun wieder Schweigen. Plötzlich sagte die Herzogin sehr lebhaft: »Wollen wir also jetzt musizieren?« Sie ging auf den Flügel zu und griff nach der Geige. Baroneß Zieblingen – aufatmend, als wäre eine Herkulesaufgabe ihrer Lebensstellung glücklich gelöst – huschte zu einem Sessel an der Wand, ließ sich mit einer seitlich gleitenden Bewegung nieder und nahm eine mehr als erwartungsvolle Haltung ein. Sie schien bereits andächtig begeistert, noch ehe sie einen Ton vernommen hatte. In Ambros, der auf den Klaviersessel zutrat, tauchte wieder die Erinnerung an jene silberweiße Reiterin auf. Er hörte den Tonele sagen: »Die tu ich nimmer grüßen, die merkt es nicht, wenn einer das Hütl zieht.« Und weil der Tonele redete, sah Ambros die angstvollen Augen der kranken Lahneggerin. »Frau Herzogin? Dürfte ich, bevor wir zu musizieren beginnen, eine Bitte aussprechen?« Die kleine Zieblingen erschrak, als hätte die Zimmerdecke einen Ruck gemacht, um einzustürzen. Auch die Herzogin schien unangenehm berührt. Ambros sprach ruhig weiter: »Mein Schulfreund, der Toni Sagenbacher, hat eine schwerkranke Mutter. Die soll leichte Kost bekommen. Da ist der Toni an den Bach gegangen, um für seine Mutter einen Fisch zu fangen. Das hat der Wildmeister erfahren. Jetzt will er den Toni bei Gericht anzeigen. Und die kranke Lahneggerin sorgt sich das Herz aus dem Leib, weil sie fürchtet, ihr Bub wird eingesperrt.« Die Herzogin lächelte. Mit der Geige in der Hand sagte sie über die Schulter: »Bitte, liebe Zieblingen, wollen Sie das gleich in Ordnung bringen! Der Wildmeister soll die Sache gut sein lassen.« Während die Hofdame zur Tür huschte, wandte sich die Herzogin zu Ambros; ihr müder Blick war unverändert in warmem Glanz. »Der Toni Sagenbacher soll mit meiner Bewilligung das Recht haben, für seine Mutter, solange sie krank ist, jeden Tag Forellen zu fangen.« Dann kam in die zarte Stimme ein Klang von nervöser Hartnäckigkeit: »Aber wollen wir jetzt musizieren?« 11 Ambros ging zum Flügel, ließ den Blick über die aufgelegten Noten gleiten und schlug für die Stimmung der Geige einen Akkord an. Die Geige war schon gestimmt. Und die Herzogin sagte erregt: »Baroneß Zieblingen war so gütig, als erstes Stück die Romanze von Svendsen aufzuschlagen.« Das atemlose Stimmchen der Hofdame, die auf der Schwelle dem würdevollen Herrn Kesselschmitt ein paar Worte zugewispert hatte, klang von der Tür. »Hoheit spielen diese Romanze so wundervoll!« Lautlos tauchte die kleine Baroneß wieder in die Dämmerung, die außerhalb des hellen Lichtkreises um die Wände träumte. Die Herzogin trat neben den Flügel und fragte: »Die Romanze kennen Sie wohl, Herr Lutz?« »Nein.« Wie der Schreck eines Kindes redet, stammelte die Herzogin: »Werden Sie denn das so prima vista spielen können?« »Ich glaube schon.« Er ließ sich auf den Sessel nieder. »Sehr gefährlich sieht das nicht aus. Freilich, das Billige pflegt gerne mit Schwierigkeiten zu kokettieren. Alles Große in der Kunst, wenn es auf den ersten Blick auch unbezwingbar aussieht, hat immer etwas Einfaches und Selbstverständliches. Die kleinen Könner blasen ihre Technik auf. Aber das da? Nein, das ist eine harmlose Sache, da komm' ich schon durch.« Die Herzogin sah verwundert auf Ambros nieder. Was er sagte, schien Sprache für sie zu sein, die sie nicht verstand oder doch nie gehört hatte. Baroneß Zieblingen in ihrem Dämmerwinkel war bei dem Wörtchen ›billig‹ so blaß geworden, als hätte sie eine unverzeihliche Gotteslästerung vernommen. Flüchtig, mit nachlässigem Anschlag, bei dem nur die Hälfte der Töne laut wurde, überflog Ambros zur Probe ein Dutzend Takte. »Ach ja, das geht schon.« »Wollen wir also beginnen?« Die Herzogin, mit der Geige an der Wange, trat in den hellen Lichtkreis und hob den Bogen, wobei die schlanke Gestalt zu wachsen schien. Ambros sah diese Bewegung, und in seinen Augen erwachte ein Glanz, als hätte er empfunden: Das ist schön gewesen. Was er fühlte, übertrug sich auf sein Spiel. Wie suchendes Träumen, froh und dennoch beklommen, schwollen die ersten Akkorde durch den stillen Raum. Eine rosige Blutwelle färbte die schmalen Wangen der jungen Frau, und die Erwartung einer Freude sprach aus ihren Kinderaugen. In den ersten Tönen der Geige war etwas Schwächliches und Zaghaftes. Doch immer ruhiger wurde ihre Hand, immer lebendiger die Seele ihres Tones, je mehr sie erkannte, wie sicher das verläßliche Können des anderen sie trug und stützte. Ambros zwang der Geige auf, was er empfand, und hob ihren Ton mit drängenden Akkorden zu schwellender Kraft. Das zarte Gesicht der Geigerin begann zu glühen. Und die kleine Zieblingen horchte verwundert auf. Das etwas oberflächliche, aber geschickt gewobene Tonstück bekam einen Schimmer von Tiefe, einen Glanz von aller Sehnsucht der Jugend, eine heiße Seele. Als die schlanke Frau tiefatmend den Bogen sinken ließ, nickte ihr Ambros lächelnd zu. »Bravo, Frau Herzogin!« Er sagte das mit einem Wohlgefallen, das sich so ehrlich gab, wie er es empfand. »Sie haben das ganz famos gespielt! Und Sie können viel mehr, als sich bei so einem Ding herausbringen läßt.« Die kleine Zieblingen kam aus der Dämmerung herausgehuscht, war merkwürdig erregt und flüsterte was mit ihrem zirpenden Stimmchen. Das schien die Herzogin nicht zu hören. Sie sprach in kindlicher Freude vor sich hin: »Das war Musik!« Nun gewahrte sie erst die Baroneß. »Ja, gute Zieblingen, danke, nur jetzt nicht stören!« Sie wandte sich zu Ambros und begann mit nervösen Fingern die Geige zu stimmen. »Nun, spielen wir gleich das zweite? Ich bitte! Soviel Befriedigung hat mir Musik noch selten gewährt.« Mit einem kräftigen Strich des Bogens prüfte sie die Stimmung der Saiten. Ambros, während Baroneß Zieblingen in die Dämmerung zurückhuschte, musterte das Notenblatt. »Berceuse?« Ein Zögern war in seiner Stimme. Dann begann er zu spielen. Die Geige setzte ein, frischer und heller als zuvor. Der blumenhafte Frauenkörper streckte sich und kam in rhythmisches Wiegen, als wäre die Geigerin mit Leib und Seele verwandelt in einem mitschwingenden Teil der lieblich gaukelnden Töne, die aus den Saiten quollen. Die großen Augen schimmerten wie Kinderaugen vor dem Weihnachtswunder. Als der letzte Ton der Geige verklungen war, fing die Baroneß in ihrem Dämmerwinkel mit einem Temperament zu klatschen an, das man dieser Flüsterseele nicht zugetraut hätte. Und die Herzogin sagte mit glücklichem Lächeln: »Das ist noch besser gegangen als die Romanze. Ich glaube sogar, das war gut.« »Mehr als gut!« fiel Ambros ein. »Ja, Frau Herzogin! Da dürfen Sie schon klatschen lassen. Das ist ehrlich verdient. Sie sind musikalisch durch und durch. Wie Sie das jetzt gespielt haben! Da hat jeder Nerv in Ihnen mitgeklungen. So muß es auch immer sein bei aller rechten Musik.« Die kleine Zieblingen kam ängstlich herbeigetrippelt. Unter Schreck und Beklemmung spielte ihr greisenhaftes Mädchengesicht alle Farben. Doch die Herzogin schien an der Art, wie Ambros sprach, nichts Unstatthaftes zu finden. Sie hatte sich mit glühenden Wangen zu ihm gewendet und fragte in Freude: »Wirklich? War es so?« »Ja, Frau Herzogin! Sie sind eine Geigerin, die sich an das Wertvollste heranwagen darf. Ich verstehe nicht, daß Sie bei soviel Können noch Vergnügen an dem kleinen Zeug da finden. Das ist ja sehr liebenswürdig und melodiös. Aber es sagt nicht viel und weckt nichts Tiefes und Schönes auf. Wollen wir nicht lieber was von Mozart spielen? Oder eine Beethovensche Sonate? Ich meine etwas restlos Gutes?« Die Herzogin sah Ambros eine Weile schweigend an. »Beethoven?« In ihrem Blick war ein seltsames Fragen. »Ich habe noch keine Noten von ihm gespielt.« »Von Beethoven? Noch keine Note? Ist denn das menschenmöglich? Musikalisch soviel zu können und an dem Größten unserer Klassiker, an Beethoven, vorbeigegangen sein? Wie Blinde an einem Berg vorübergehen?« Die Baroneß, mit blassem Gesicht, machte einen Versuch, zu sprechen. Da sagte die Herzogin: »Diesen Großen nicht zu kennen, das scheint etwas Unverzeihliches zu sein?« Ein schmerzliches Lächeln. »Ich bin ohne Schuld. Ich habe nur immer gespielt, was mein Lehrer mir auf das Pult legte.« »Der hat Ihnen nie eine Note von Beethoven vorgelegt? Das muß ein merkwürdiger Musiklehrer gewesen sein. Ein Lehrer, der Ihnen das Beste und Schönste vorenthielt!« Heiße Erregung glitt über das schmale Gesicht. »Er war ein guter Lehrer. Ich hab' ihn liebgehabt, weil ich ihm in aller Stille meines Lebens viel schöne Freude verdanke.« Ein leises Zucken ging um den feinen Mund. »Wenn er mir, wie Sie sagen, das Schönste vorenthielt, so hatte er wohl seine zwingenden Gründe – wie auch meine anderen Lehrer, die sich an ihre Direktiven halten mußten – zu meinem Schaden.« Ihr Blick war ins Leere gerichtet. »Man hat mir in Kunst und Leben vieles vorenthalten, was man kennen müßte. Will man solch ein Versäumnis nachholen, so ist es zu spät. Es stehen wieder andere Mauern da. Andere Direktiven. Man bleibt so arm, wie die Blinden sind, und erschrickt, wenn man sehend wird für eine Stunde. Wie glücklich müssen Sie sein, Herr Lutz! Weil Sie lernen dürfen. Alles! Und etwas Nützliches arbeiten! Aber auch das ist Freude, zu wissen, daß es glückliche Menschen gibt.« Ambros schwieg erschrocken. Weil nun auch die Herzogin stumm blieb, wagte die kleine Zieblingen zu reden: »Ich befürchte, daß Hoheit sich über Maß erregen. Dazu ist keine Ursache vorhanden. Was Herr Lutz von Beethoven äußerte, war doch gewiß nur –« Sie konnte nicht weitersprechen, weil die Herzogin sie mit ernsten Augen ansah. Ein Erglühen ging über das Faltengesicht des buckligen Mädchens, und das Flehen einer opferwilligen Inbrunst bettelte in ihrem verstörten Blick. »Hoheit waren in jener Zeit des Lernens häufig in besorgniserregendem Grade leidend. Es geschah wohl nur auf ärztlichen Rat, wenn Hoheit auch auf dem Gebiete der Musik vor jeder nachteiligen Erregung behütet wurden. Alles Dunkle, Gewaltsame und Gefährliche in der Musik Beethovens –« »Nein, Fräulein!« Ambros konnte nicht schweigen. »Das wissen Sie nicht, wer und was Beethoven ist. An Beethoven ist gar nichts dunkel. Für den nüchternen Verstand vielleicht, der alles nach der Regel von zwei mal zwei beurteilt. Für ein empfängliches Gemüt ist alles an Beethoven klar und leuchtend. Nichts an ihm ist gewaltsam. Alles an ihm ist kraftvoll, groß und tief. So, wie die Natur ist. Höchste Kunst ist immer wie ein Brunnen der Natur. Ein Trunk aus solchem Brunnen ist nie gefährlich, immer nur hilfreich für uns Menschen, wenn wir leiden, immer befreiend und erlösend.« Eine Stille, daß das leise Nahrungsaugen der großen Lampenflamme hörbar wurde. Dann sagte die Herzogin mit wehem Lächeln: »Davor hat man mich behütet. Immer hat man mich behütet vor allem, was hilfreich ist, wenn wir leiden.« Jähes Erschrecken glitt über ihre Züge. Nun heftete sie die Augen auf Ambros. Fast etwas Feindseliges war in diesem Blick. »Aber es könnte auch sein, daß Sie sich irren, Herr Lutz, mit Ihrem hellen und schönen Glauben an diesen großen Befreier in der Musik.« »Frau Herzogin?« »Gott ist Gott. Es gibt auch Götzen. Und Menschen gibt es, die an Götzen glauben. Vielleicht ist Ihr großer Erlöser in Tönen solch ein Götze, der nur in Ihrem falschen Glauben lebt. Sie haben auch von Mozart gesprochen – bei diesem merkwürdigen Wort: ein restlos Gutes? Von Mozart kenn' ich manches. Immer hat mich das gelangweilt, diese inhaltslose Form, dieses leere Getändel.« »Frau Herzogin!« Er sah sie erschrocken an. »Mozart? Aller Frohsinn des Lebens und der Kunst? Alles schattenlose Lachen, das uns Menschen gegeben ist? Das nennen Sie eine inhaltslose Spielerei? Eine leere Form? Wenn das so ist für Sie, Frau Herzogin, dann sind Sie nie in Ihrem Leben wahrhaft froh gewesen.« Mit weitgeöffneten Augen betrachtete die Herzogin den jungen Menschen, der vor Erregung glühte. Sie atmete tief. »Ja, das ist wahr. Ich bin niemals froh gewesen. Man hat mich immer behütet davor. Und wenn ich zum Lachen gezwungen wurde, hat mir das immer weh getan.« Die kleine Baroneß schien noch kleiner zu werden, und die unebene Linie hinter ihren Schultern krümmte sich häßlich heraus. Jetzt vergaß sie, das zu verbergen. In scheuer Zärtlichkeit streckte sie die Hände, als müßte sie eine Sinkende stützen. Die Herzogin, diese Hände fühlend, zuckte zusammen. Wie eine Erwachende sah sie das stumm gebeugte Persönchen an und sagte mit Güte: »Ja, liebe Zieblingen! Ich weiß, wie gut Sie es mit mir meinen.« Ihre Stimme bekam wieder jenes hartnäckig Gereizte. »Jetzt wünsche ich zu musizieren. Wie das vorhin gewesen ist, das war reine Freude. Das will ich wieder haben. Niemand soll mich behüten davor. Ich bitte, Herr Lutz!« Schweigend ließ sich Ambros auf den Klavierstuhl nieder und wollte das Spiel beginnen. Die Herzogin trat auf ihn zu und nahm das aufgeschlagene Notenblatt vom Pulte weg. »Nein. Das ist auch so etwas Billiges, wie es Ihnen nicht gefällt. Am liebsten möchte ich eine Sonate von Mozart spielen, um zu sehen, wie froh Sie dabei werden können. Aber was ich von Mozart spielte, hab' ich seit Jahren nicht mehr geübt. Wenn ich jetzt spiele, will ich es gut machen. Wollen wir etwas von Schumann vornehmen? Das kann ich. Bitte, liebe Zieblingen, die Träumerei von Schumann!« Während die kleine Baroneß auf einen Notenschrank zujagte, wandte sich die Herzogin wieder zu Ambros: »Schumann, nicht wahr, das ist doch einer von den Großen, die Sie Klassiker nennen? Und restlos gut?« »Ja, Frau Herzogin!« Trotz seiner Erregung fand er ein Lächeln. »Die Träumerei ist wohl auch nicht original für die Geige geschrieben. Sie ist ein Klavierstück. Die Geiger lieben diese Weise, weil man großen und innigen Ton dabei zeigen kann. Und diese Melodie, das ist ja auch wirklich ein Sehnsuchtsklang mit einer Seele, die tragende Flügel hat.« »Das wollen wir spielen.« In der Stimme der Herzogin war etwas Fieberhaftes. »Rasch, liebe Zieblingen!« Die kleine Baroneß kam atemlos, legte ein Blatt auf das Notenpult und warf, bevor sie in ihren Schattenwinkel zurückkehrte, einen Blick voll Sorge auf die junge Frau. »Nun wollen wir das spielen, dieses restlos Gute!« Die Herzogin hob die Geige und ließ sie wieder sinken. »Noch eine Frage, Herr Lutz! Ich habe das schon oft gespielt. Es hat mir immer sehr gefallen. Aber wie Sie das nennen, einen Sehnsuchtsklang mit einer Seele, die uns auf ihren Flügeln tragen kann, so hab' ich das noch nie empfunden. Ich möchte das für mich gewinnen. Bitte, wollen Sie mich zuerst über das Tonstück informieren?« Ambros schien nicht zu hören, schien nur zu sehen, was in diesen dürstenden Augen glänzte. Die Herzogin mußte wiederholen: »Ich bitte! Wollen Sie mir den Sinn dieses Tonstückes erklären? Wollen Sie mir sagen, wie ich es aufzufassen und zu spielen habe?« »Erklären?« Ambros erwachte. »Frau Herzogin, Sie verlangen da eine schwierige Sache von mir! Wie soll man den Duft einer Blume erklären? Den Zauber eines Sonnenstrahls? Die Schönheit eines Schmerzes? Das Zittern einer tiefen Freude? Das alles ist so unerklärlich wie das wirkende Geheimnis dieser sehnsüchtigen Melodie. Worte kann man schließlich über alles machen. Und wenn mich jemand in irgendeiner Stunde gefragt hätte, was ich mir bei diesen traumhaft schwebenden Klängen denke, hätt' ich wohl was zu sagen gewußt. Aber jetzt? Vor Ihnen? Und da ich doch empfinde, was das Wort Ihnen gelten soll, das ich spreche? Jetzt weiß ich nicht, was ich sagen soll. Worte helfen nicht. Man muß das fühlen. Oder die Seele dieser Klänge wird nicht lebendig, und es wachsen ihr die Schwingen nicht, die uns tragen.« Bogen und Geige in den gesenkten Händen, war die Herzogin zum Flügel herangetreten. Ambros betrachtete die Noten, wendete das Blatt, und dabei zitterte seine Hand. »Ich habe mich schon oft gefragt, wie diese Melodie entstanden sein mag. Ich glaube, sie klang aus einem tiefen Schmerz heraus. Das Große, wahrhaft Schöne aller Kunst wird immer aus solchem Schmerz geboren – so glaub' ich – aus einem Schmerz, bei dem wir andern kleinen Menschen hilflos werden, stumm und verstört. Aber der da! Der diese dürstende Weise sang! Das war von den Begnadeten einer, denen ein Gott es gab, zu sagen, was sie leiden. Als sein gequältes Menschenherz im Schmerze hilflos war und stumm, begann seine Künstlerseele zu klingen und sang dieses träumende Lied. Und alle Qual seines Schmerzes verwandelte sich in lächelndes Dulden. Seine unstillbare Sehnsucht wurde zu einem klingenden Traum der Erfüllung, zu einem schönen, von Sonne umglänzten Traum, der ihn auf rauschenden Seelenschwingen über alle Pein des Lebens emportrug zu den lichten Höhen, in denen die schattenlose Freude wohnt.« Die Herzogin nickte. Während sie die Geige hob, beugte sich der zarte Körper dem Holz entgegen. Auf ihren Wangen brannten zwei heiße Flecken. »Ich glaube zu verstehen, wie Sie es meinen. Die klingende Seele dieses Liedes kann nur reden zu einem Menschen, wenn eine reine Sehnsucht in ihm brennt, die unstillbar ist und dennoch hofft.« Sie lächelte seltsam. »Jetzt will ich spielen!« Ruhig hob sie den Bogen. Ihr Lächeln war erloschen, und es zuckte leidend um den kleinen, strengen Mund. »Wir Menschen sind zum Leiden geboren. Aber weil Gott uns liebhat, geschehen auch fröhliche Wunder. Während ich spiele, wird meine Sehnsucht träumen, daß ich in einer reinen Stunde meines Lebens einmal so froh sein könnte, wie frohe und glückliche Menschen sind.« Da klang die Geige, ruhig und doch mit einem Ton des innerlichen Suchens, zart verschleiert und doch mit einer Kraft, die in diesem blütenhaften Frauenkörper wie ein Erwachendes war. Immer voller wuchs ihr Gesang, alle Schwermut der getragenen Weise wurde ein freies Aufatmen in beschwingten Tönen, und was gezittert hatte in Sehnsucht, stieg aus verschleierten Tiefen empor, wie eine Lerche in die Morgensonne steigt, und wurde zum gläubigen Trinken einer schönen Freude. Als die Geigerin den Bogen sinken ließ, war ein junges Lachen um ihren Mund. So glich sie völlig dem frühlingsschönen Frauenbild, das Ambros an der Wand gesehen hatte gegenüber dem Bild jenes jungen Jägers. Dieser Gedanke durchzuckte ihn, als er sich vom Flügel erhob, erfüllt von einem frohen Sturm. »Frau Herzogin! Das war Kunst! Und da müssen Sie doch empfunden haben, wie Kunst erlösen und beschenken kann. Hätten Sie das nicht empfunden, Sie hätten so nicht spielen können.« »Ja!« Sie sah ihn dankbar an. »So hab' ich das noch nie erlebt. Ich danke Ihnen, Herr Lutz!« Sie wollte Ambros die Hand reichen. Da stand die bucklige Baroneß zwischen den beiden, häßlich schief, klein zusammengekrümmt, mit Tränen auf dem erregten Hungergesicht, in dessen Zügen Angst und Begeisterung wunderlich durcheinander kämpften. Knicksend lispelte sie etwas Unverständliches und beugte sich, um mit fanatischer Zärtlichkeit die Hand der Hoheit zu küssen. »War es schön, liebe Johanna?« fragte die Herzogin und befreite wie in Unbehagen ihre Hand. »Ihre Begeisterung, gute Zieblingen, ist nicht mein Verdienst. Diese reiche Stunde hat Herr Lutz uns beiden gebracht.« Sie atmete tief. »Das war schön, das war rein und heilig.- Die zarte Stimme bekam wieder jenen nervös durchzitterten Klang. »Ich will das noch einmal haben. Ich habe so wenig. Dieses Reine und Schöne soll mir gehören. Wir wollen das wiederholen. Ich bitte, Herr Lutz –« Die kleine Zieblingen sah erschrocken zu diesen glühenden Wangen auf, zu diesen Augen mit dem fieberhaften Glanz, und stammelte in Sorge: »Ich bitte Hoheit um Vergebung, wenn ich unwillkommen mahnen muß –« Die Herzogin, die schon die Geige stimmte, wandte sich. Sie schien unwillig zu werden. Unter diesem Blick erzitterte die Baroneß. Erst hatte sie nur stumme Sprache, die zu sagen schien: ›Mein Leben für dich, du Heilige!‹ Dann sprach sie tapfer weiter: »Ich muß besorgt sein, daß Hoheit sich über Maß erregt haben. Da ist es meine Pflicht –« »Pflicht?« Die Herzogin lächelte bitter. »Warum gebrauchen Sie nicht das andere Wort, gute Zieblingen?« »Das andere?« lispelte verstört die kleine Baroneß. »Hoheit? Welches Wort?« »Direktive.« Die Herzogin legte Bogen und Geige auf den Flügel. Dann sah sie Ambros an. »Ich muß gehorchen.« Ein schwermütiges Lächeln. »Ich gehöre nicht mir allein. Die Ärzte sagen, daß ich leidend wäre und mich schonen müßte!« Ihr Lächeln wurde heller. »Ich habe mich schon lange nicht so gesund gefühlt wie heute. Aber vielleicht hat es doch sein Gutes, daß es für heute genug sein muß. Lassen wir also die Saiten schweigen, wie es die besorgte Pflicht meiner lieben, guten Zieblingen verlangt.« Das sagte sie freundlich, mit einem versöhnlichen Lächeln für die blasse Baroneß. Dann trat sie auf Ambros zu, als wollte sie den Gast verabschieden. »Hoheit, gnädigste Hoheit!« stotterte die kleine Hofdame in ihrem Kampf zwischen Pflicht und Zärtlichkeit. »Ich war nur der bescheidenen Meinung, daß Hoheit sich exekutiv nicht überanstrengen sollten. Wenn aber Hoheit den Wunsch fühlen, noch gute Musik zu hören – beim Hören können Hoheit ruhen –, und Herr Lutz wird gewiß die Güte haben, für Hoheit etwas Schönes zu spielen?« »Gerne!« sagte Ambros. Unschlüssig sah ihn die Herzogin an. Dann ließ sie sich von der kleinen Zieblingen zu einem Fauteuil führen, der an der Mauer im Schatten stand. Ambros hatte seinen Platz vor dem Flügel eingenommen. »Was soll ich spielen?« »Nun, so spielen Sie doch etwas von diesem Großen! Von Ihrem Beethoven!« Schüchtern äußerte Baroneß Zieblingen die Meinung, daß so schwere Musik nach allem Geleisteten kaum beruhigend auf Hoheit wirken möchte. »Vielleicht wäre etwas Leichtes und Heiteres angezeigter?« »Nein, gute Zieblingen! Kesselschmitt muß fahren, wie Weg und Gelegenheit es erfordern. Musik ist etwas anderes. Ich bitte Sie, Herr Lutz, zu spielen, was Ihnen lieb ist. Dann wird es ein restlos Gutes sein und wird mir Freude machen.« »Da wird sich Beethoven nicht umgehen lassen.« Ambros sagte das mit einem Anflug von Humor, der ihm gut zu Gesichte stand. »Was ich auswendig kann, ist fast alles von Beethoven. Mein Beruf läßt mir wenig Zeit, und da sucht man sich für seine Freude das Wertvollste heraus. Gerade in den letzten Tagen habe ich eine Sonate, die ich besonders liebe, viel gespielt. Ich glaube, daß ich auswendig durchkomme, wenn ich auch dem letzten Satz nicht gewachsen bin. Freilich, eine sehr beruhigende Sache ist gerade diese Sonate nicht. Sie hat Sonne, wie alles von Beethoven. Aber sie hat auch Sturm. Wenn Sie sich ermüdet fühlen, Frau Herzogin –« »Nein, Herr Lutz! Ich bitte zu spielen! Diese Sonate!« »Es ist die Sonate in f-Moll, ein Werk aus Beethovens reifster Zeit. Die berühmte Appassionata.« Die Hofdame erschrak. Dieser Titel genügte, um ihr schwere Besorgnis einzuflößen. Scheu, das kleine Runzelgesicht von glühender Röte überflogen, warf sie einen Blick auf die Herzogin, die den Namen der Sonate auch nicht mit Wohlgefallen vernommen zu haben schien. Die Hoheit sagte: »Appassionata? Ein Lied der Leidenschaft?« Sie lehnte den Kopf an die Mauer; etwas Müdes war in dieser Bewegung. »Muß das Große in der Kunst nicht die Eigenschaft haben, daß es auch rein ist?« Ambros vermochte nicht gleich zu antworten. »Rein?« Es war ihm aufgefallen, daß in allem, was die Herzogin sprach, dieses Wort immer wiederkehrte: Rein! Immer wieder diese wunderliche Silbe: Rein! Die Gedanken von sich abwehrend, die sich ihm aufdrängten, sagte er: »Gewiß, Frau Herzogin! Es gibt kein großes Kunstwerk, das nicht auch rein wäre. Freilich, alle Farben der Wirklichkeit sind auch Farben der Kunst, die sich keinem Wehschrei und Jubel des Lebens, keiner guten Tat wie keiner Schuld und Leidenschaft der Menschen verschließt. Aber was die Kunst zu sich emporhebt, wär' es auch aus den trübsten Tiefen der irdischen Qual, das macht sie zu einer reinen Sache. Leidenschaft? Im Leben mag, was mit diesem Wort bezeichnet wird, seine verschiedenen Werte haben, vom Übelsten bis zum Herrlichsten. In der Kunst hat auch das nur einen Wert. Der ist rein. Oder wäre das Lied von der Leidenschaft, an der die jubelnden Herzen Romeos und Julias verbluten mußten, nicht ein Lied der reinsten Schönheit? Ist die tragische Schuld, die das arme Gretchen zerstört, nicht heilige Reinheit?« »Herr Lutz?« Die kleine Zieblingen wagte den mahnenden Einwurf: »Darüber könnte man doch wohl verschiedener Ansicht sein?« »Nein, verehrtes Fräulein! Darüber gibt es nur eine Ansicht: diejenige, die reinlich ist. Ein Mensch, der rein empfindet, kann nie eine Handlung begehen, die unrein ist – mag sie für den gedankenlosen Mißverstand der anderen aussehen, wie sie will.« Ambros hatte seine Ruhe verloren und erschrak, als er es merkte. »Es ist mir leid, daß ich im Schuß den Zaum so verloren habe. Ich bitte um Vergebung, Frau Herzogin, wenn ich wider Willen etwas sagte, was unpassend erscheinen könnte.« »Das haben Sie nicht getan.« Die Herzogin erhob sich, und ihre Stimme, die vorhin so kühl geklungen hatte, bekam einen Hauch von Herzlichkeit. »Ich habe nicht immer ganz verstanden, wie Sie es meinten. Aber Sie haben kein Wort gesprochen, das mir mißfiel.« Ambros atmete erleichtert auf. »Ich weiß nicht, wie das gekommen ist. Das alles hat auch mit unserer Sonate nichts zu tun. Die hat mit dem, was man landläufig unter Leidenschaft versteht, nicht das geringste zu schaffen. Appassionata? Ich kann mir nicht denken, wie die Sonate zu diesem Namen gekommen ist. Von Beethoven selbst rührt dieser Name sicher nicht her. Ein nachgeborenes Mißverständnis muß dem großen Werk die kleinliche Etikette angeklebt haben, nur deshalb, weil rauschender Sturm in diesen Klängen ist. Von Leidenschaft im vulgären Sinn oder gar von musikalischer Sinnlichkeit ist hier keine Rede. Was hier klingt, ist tiefes Erbarmen mit allem Leben, ein titanenhaftes Ringen wider das ewig unbeugsame Schicksal, das alles Blühende zerstört, nur um es neu erschaffen zu können. Das heißt, ich kann mich auch täuschen. Auffassung, allem Großen in der Kunst gegenüber, bleibt immer ein Tasten und Ahnen. Aber sooft ich die Sonate spiele, sehe ich immer wieder das gleiche.« »Wollen Sie mir sagen, was Sie da sehen, wenn Sie spielen?« »Da hab' ich immer das Gefühl, als wäre dieses Tonwerk dem Meister aus einer wundersam leuchtenden, klar durchschauten Naturstimmung herausgewachsen. Hören Sie selbst, Frau Herzogin –« Ambros spielte ein Motiv aus der Einleitung des ersten Allegrosatzes. »Ist das nicht die träumende Waldstimmung eines Frühlingsmorgens? Die blaue Kühle! Jetzt eine Ahnung des nahenden Lichtes. Doch die Schatten der Nacht sind noch zu mächtig und summen ihre dunkles Lied. Nun leise Vogelstimmen, zart erwachende Lichtgesänge. Jetzt dieser kraftvolle Klang! Da scheinen sich alle Brüste des Lebens dem kommenden Tag zu erschließen. Jubelnde Stimmen. Klingen sie aus der Tiefe? Oder aus Höhen? Sie scheinen die tönende Seele aller Dinge zu sein. In dieser Freude zuckt ein Schreck durch das erwachende Frühlingsleben und zittert in seinen jungen Kräften. Hören Sie diese süße, schuldlos klagende Vogelstimme? Dazu das seufzende Flüstern des Waldes. Im sanften Windhauch eine Quelle, die leise und tröstend plaudert. Jetzt dieses Aufglänzen in den wärmsten Klängen! – Die Sonne kam.« Während Ambros sprach, begleitete er jedes Bild seiner Worte mit einem Motiv der Sonate. Immer waren es nur ein Paar Takte, oft nur ein einziger Akkord. Das gab seiner Darstellung einen fesselnden Reiz. Die Herzogin war näher gekommen. Es schien, als wollte sie zum Flügel treten, um nicht nur zu hören, auch zu sehen. Als sie den hellen Lichtkreis erreichte, wandte sie sich plötzlich, ging rasch auf die fernste, dunkle Ecke des Saales zu und schmiegte sich zwischen die Lehnen eines altertümlichen Sessels. »Die Sonne kam. Und da scheinen die innersten Tiefen der Natur zu tönen. Mit rätselvollen Klängen beginnt die Stimme des Werdens zu sprechen, der schöpferische Wille. Alle Bäche rauschen hell. Alles bewegt sich im Wald. Ein frohes Summen, Strömen, Weben und Wandern. Nun plötzlich ein Umschlag in tiefe Schwermut, das Vorgefühl der Vergänglichkeit dessen, was da geschaffen wurde. Die Seele des Lebens erbebt, sie klagt und fleht um Dauer und Schönheit. Dieses heiße Beten wird Empörung und Groll. Wie eine Offenbarung klingt es aus verschleierten Fernen dazwischen, wie eine Verheißung eines Todes, dem ein schöneres Blühen folgt. Aber das Leben hängt am Sonnenglanz der jungen Stunde, es will nicht sterben, möchte leben. Seine Seufzer werden übertönt von den Klängen der barmherzigen Kraft, die alles Leben erblühen läßt und alles Leben vernichtet.« Ein leiser Laut, in einer dunklen Ecke des Saales. Ambros, unter dessen Händen die strengen Akkorde klangen, konnte diesen matten Laut nicht hören. Die kleine Zieblingen vernahm ihn und machte eine Bewegung, wie um aufzuspringen, wagte das nicht, blieb sitzen, wurde noch kleiner, noch schiefer und krampfte im Schoß die zitternden Hände ineinander. »Da rauschen die dunklen Fluten hervor, und die Vernichtung beginnt ihre Wege. Noch einmal hält sie inne. Wie in Erbarmen betrachtet die Natur ihr Werk, das in Schönheit leuchtet und doch schon den Keim des Todes in seinem Leben trägt. Hier setzt das herrliche, glanzvolle Andante ein, das wie ein Aufatmen des schaffenden Künstlers wirkt, wie ein Selbstgespräch und eine träumende Rückschau des Meisters. Die Einleitung ist choralartig, mit feierlichen Glockenstimmen und andächtigen Hymnen, die durchschnitten werden von geheimnisvollen Bässen. Wie ein Preis der Schönheit klingt das, wie ein Ruhmlied des Friedens und der Liebe. Alle Widersprüche des Lebens fließen vor dem Blick des Meisters ineinander zu einer wundervollen Einheit. Doch immer deutlicher lösen sich aus diesem rauschenden Lied der Lebensschönheit wieder die Machtstimmen des unbegreiflichen Willens hervor, der die Natur beseelt, ihr Werden und Vergehen bestimmt. Ein letztes Sonnenfluten gaukelt über alle hoffende Schönheit hin. Noch ein letztes, frohes, seliges Aufatmen. Das ist wie ein Lächeln jeder Blüte, die sich der eigenen Farbe freut. Diese erhöhte Lebensfreude steigert sich zu Verzückung und Taumel, aus den Kelchen aller Blumen klingt es wie ein Lied voller wundersamer Süßigkeit, und der ganze Wald im Glanz der Sonne scheint vor Freude trunken, von blühendem Glück berauscht. Nun ein banges Erwachen aus diesem seligen Traum, die beklemmende Erkenntnis der nahen Gefahr – ein müdes Seufzen – ein schmerzvoller Aufschrei.« Der Nachhall des wehen, schneidenden Akkords schauerte durch den stillen Raum. »Mit dem unerbittlichen Schritt der Zerstörung beginnt das zweite Allegro. Ein sengender Hauch geht über das schöne Leben und wird zum Sturme. Blüten welken und sinken, Bäume stürzen, Fluten brechen über die Ufer, Schlünde der Erde öffnen sich, Flammen zucken auf, und eisiger Hauch weht hinter ihnen her. Feuertod und zitterndes Erfrieren. Da scheinen die vernichtenden Kräfte erschöpft. Zwischen ihr dunkles, sich dämpfendes Gewirbel schmiegt sich etwas Zartes, Lächelndes und Frühlingshaftes wie eine Vorfreude neu erstehender Schönheit. Schon atmet die lauschende Menschenseele auf in dem Gefühl: Das Leben wird siegen! Da webt der Meister im stürmischen Prestosatz alle Klänge des Werdens und Vergehens ineinander zu einer tönenden Symbolik des ewig Unbegreiflichen, des großen Rätsels in Natur und Leben. Doch mit Worten ist das nicht zu sagen. Und spielen kann ich es auch nicht. Das ist zu hoch und zu groß für meine schwache Kraft. Aber ich will es versuchen.« Ambros strich sich das feuchtgewordene Haar aus seiner Stirn, atmete tief auf und begann das Spiel. Lautlos huschte die kleine Zieblingen zu jener dunklen Ecke hinüber. Klare Schönheit tönte durch den kühlen Raum. Das Werk des Meisters wurde lebendig in wirkenden Klängen. Ambros schien alle Kräfte seiner Seele und seines Könnens zu sammeln. Was in seinem Herzen glühte und zitterte, in seinem Blut, in seiner Jugend, das bebte und brannte auch in seinem Spiel. Die kleine Baroneß entwand sich allen Direktiven ihres Amtes. Immer seltener spähte sie zu der von dunklen Schatten umwobenen Hoheit hinüber und lauschte in träumender Vergessenheit der mächtigen Sprache Beethovens. Plötzlich drehte sie erschrocken das Gesicht und sah die Herzogin wie in halber Ohnmacht zurückgesunken in den Lehnstuhl, geschüttelt von einem stummen Schluchzen. Ein zerdrücktes Flüsterwort, und Baroneß Zieblingen ließ sich niedergleiten, faßte die Hände der Herzogin, diese schneekalten kleinen Hände, und lispelte flehend: »Hoheit, um Gottes willen, ich bitte –« Wie eine in rauschenden Fluten Versinkende nach der Hilfe greift, so umklammerte die Herzogin das bucklige Mädchen und flüsterte: »Johanna! Wie schön das ist! Ohnegleichen schön! Aber grausam ist es. Was da klingt, Johanna, das bin ich! Das ist meine freudlose Kindheit, meine zertretene Jugend! Das ist mein leeres Herz, das nicht fühlen durfte als Kind, nicht fühlen soll als Mutter, nicht fühlen kann als Weib! Das ist mein Elend, meine Klage, meine Sehnsucht, mein Zweifel an Gott, der doch meine letzte Rettung ist. Und diese wehe Stimme! Hören Sie diese Stimme, Johanna? Die um Leben und reine Schönheit betet. Das ist meine Stimme! So bete ich in meinen fürchterlichen Nächten, weil ich leben möchte, fröhlich sein und reine Freude fühlen! Und die Antwort ist Ekel, Marter und junger Tod! Ersticken in häßlichen Gluten! Und zitterndes Erfrieren!« Aus den Saiten des Flügels gewitterten die Klänge der unerbittlichen Macht, die alles Leben gibt und alles Leben vernichtet. Unter den rauschenden Tonfluten umklammerte Baroneß Zieblingen die Herzogin und lispelte mit der Hast einer Irrsinnigen: »Gott, was tu ich nur! Ach, liebste Hoheit! So jung, so schön, so heilig und herzensgut! Begabt mit heiliger Kunst! Sind Hoheit nicht reicher als ungezählte Menschen? Wollen Hoheit nicht mich betrachten? Bin ich nicht tausendmal ärmer? Mich verkauft keine Mutter. Mich quält das Verlangen keines Mannes, weil ich häßlich bin. Mir können Jugend und Freude nicht vernichtet werden, weil ich Freude und Jugend nie besaß.« »Hanna? Warum lieben Sie mich so treu?« »Weil Hoheit aller Liebe wert sind! Wäre mir diese einzige Zärtlichkeit meines Lebens nicht geschenkt, so hätte ich nichts.« Aus dem Flügel quoll das Rauschen der stürzenden Fluten, die den Tod über alle Wege des Lebens zu schütten drohen. Ein Innehalten, ein Nachzittern des verstummten Klanges. Und wie ein Loblied auf allen Frühlingszauber begann das Andante mit seinen Engelschören, mit den friedlichen Glockenstimmen und seiner träumenden Andacht. »Wie schön!« Die Herzogin lehnte sich in den Sessel zurück. »Und das ist Reinheit. Um einer solchen Stunde willen verlohnt es sich zu leben.« Sie schwieg und lauschte. Um den kleinen, strengen Mund erwachte ein scheues Lächeln. Träumender Glanz war in den großen Augen, und immer ruhiger atmete die zarte Brust. Alle Sonne der jubelnden Klänge begann sich zu dämpfen, und nach beklommenen Akkorden gellte jener herbe, schmerzvolle Aufschrei aus den Saiten. Dann ein brausender Sturm von Tönen, ein Gewittergrollen und Flammenleuchten, Vernichtung in Gluten und kalter Tod. Erblassend lauschte die Herzogin dem machtvollen Wandel des Spiels. Aus ihren Zügen redete nicht mehr der Ausdruck von Qual und Marter, nur die Sprache einer tiefen Erschütterung, in der die Lauschende noch immer die Schönheit der klingenden Offenbarung fühlte. Und als nach allem dunklen Sturm der Töne dieses Zarte zu singen anfing, dieses Frühlingshafte und neu Erblühende, begannen ihr wohl die Hände zu zittern, und große Tropfen fielen von ihren Wimpern. Doch auch in diesem Schmerz empfand sie noch ein Sonnenhelles und Schönes, das sie halten, nicht mehr verlieren wollte. Während ihr die jagende Klangflut des Prestosatzes entgegenschwoll, dieses wogende Tonbild des Unbegreiflichen in Natur und Leben, streckte sie die Hände gegen Ambros hin, als hätte sie schreien mögen: »Zerstöre nicht mehr, was nach aller Vernichtung wieder so schön entstanden ist!« Das Lied des Ewigen brauste über ihre Seele hin. Der ganze Saal war wie verwandelt in flutenden Klang. Alles Tote der Mauern und des Raumes schien mitzuschwingen bei diesem Brausen und Rauschen. Nun die Stille. Die kleine Zieblingen fing wie von Sinnen zu applaudieren an. In einer Erregung, die ihre unschöne Gestalt noch häßlicher verkrümmte, überschüttete sie Ambros mit einem jagenden Wortgesprudel, von dem er keine Silbe zu verstehen schien. Seine Augen suchten. Da stand die Herzogin vor ihm und reichte ihm die Hand. Mit einer Stimme, die gegen Tränen kämpfte, sagte sie: »Ich danke Ihnen! Etwas so Schönes und Wertvolles hat mein Leben mir noch nie geschenkt. Dieses Große ist so mächtig über mich hergefallen –« Sie vermochte nicht weiterzusprechen. Jäh ihre Hand befreiend, wandte sie sich ab und verließ wie eine Fliehende den Saal. Verstört, unter leisem Gestammel, huschte die kleine Zieblingen der Herzogin nach. Die Tür, durch die ein matter, goldfarbener Lampenschein herausgeleuchtet hatte, wurde lautlos zugedrückt. Ambros stand allein in dem stillen Raum, mitten in dem hellen Lichtkreis. Er war bis ins Herz erschrocken. Dennoch konnte er lächeln – wie ein Träumender lächelt. Da hörte er ein wunderlich blasendes Geräusch. Als er das Gesicht drehte, tauchte Herr Kesselschmitt am Ufer des weißen Lichtweihers auf, hielt den Kopf zurückgelegt, atmete laut durch die Nase und sagte mit einem Ton, der sich anhörte wie Respekt: »Ihre Hoheit haben sich zurückgezogen. Da steht zu vermuten, daß der Herr Klavierspieler sich entfernen kann.« Ambros, von diesem gegensätzlichen Bild überwältigt, mußte lachen. Nach aller Weihe der vergangenen Stunden wirkte die Erscheinung des Herrn Kesselschmitt wie eine Parodie. Und noch immer konnte Ambros lachen, als er schon draußen stand in der dunklen Nacht, im kühlen Frühlingshauch und unter dem Geflimmer zahlloser Sterne. 12 Ambros wanderte durch die Ulmenallee, deren Schatten ihn schwarz umschlang. Beim Verlassen des Saales, geleitet von Herrn Kesselschmitt, war er wieder durch jenen Raum gekommen, den er zuerst betreten hatte. Nun hatten hier zwei Leuchter mit vielen Wachskerzen gebrannt. Hell und lebendig hatten die beiden Bilder ihn angesehen, der junge Jäger und dieses frohe, reizvolle Frauengesicht. Wie seltsam, daß er die Herzogin nicht anders sehen konnte, nur immer so, wie dieses Bild war, dem sie in ihrer Freude an dem Schumannschen Traumliede völlig geglichen hatte! – ›Sorge? Warum? War ihre Erschütterung nicht schönes Genießen? Die soll auch bei Mozart noch das Lachen lernen!‹ Etwas Frohes hämmerte unter seinen Rippen. Die Allee war zu Ende. Ein Diener wartete beim Tor, sperrte das schmiedeeiserne Gitter auf und ließ hinter dem Gast das Schloß wieder einklappen. Ambros wollte heim. Da fiel ihm der Toni ein. Er folgte der Straße gegen das Unterdorf. Nun war ihm, als spränge ein Mensch über den Weg. Er spähte in das Dunkel und rief: »Ist jemand da?« Keine Antwort kam. Am Lahneggerhofe war noch ein kleines Fenster erleuchtet. Ambros beugte sich über den Zaun, der dicht an der Giebelfront des Hauses hinlief, und mit einer Gerte, die er von einer Johannisbeerstaude abbrach, pochte er an das helle Fenster. In der Stube ein erschrockener Laut. Dann wurde das Fenster aufgerissen, und der Toni schob den Kopf heraus: »Seids ebba narrisch? Ans Fenster scheppern bei der Nachtzeit! Und a schlafbrauchets Weibl derschrecken!« »Ich bin es! Und bringe etwas Gutes.« Ambros hörte ein »Jesus, Maria!« der Lahneggerin. »Ich soll dir sagen, daß der Wildmeister wegen des Fisches keine Anzeige machen wird. Und die Frau Herzogin erlaubt dir, daß du jeden Tag für deine Mutter Forellen fangen darfst.« »Net wahr is 's!« zweifelte Toni. »Doch! Glaub es nur!« »Deiner Stimm muß ich glauben. Da is heut ebbes drin, wie wann einer singt in der Kirch.« »Gelt, ja! Nur ein einziges Wort hab' ich der Frau Herzogin sagen brauchen, und alles war in Ordnung. Das ist ein herzensgutes, entzückendes Geschöpf.« »Wart a bißl! Dös muß ich der Mutter sagen. Gott sei Lob und Dank! Jetzt wird's doch schlafen können.« Der Kopf des Toni verschwand, und das Fenster wurde zugeriegelt. Als Ambros sich umwandte, stand dunkel einer vor ihm, der ausgiebige Sohlen hatte und doch ein Übergewicht, das einer breiteren Basis bedurfte. Dieses nach Gleichgewicht ringende Leben grölte: »Du? Was treibst denn da?« »Oh, der Krispin!« »Jegerl, schau, der Herr Inschenöhr!« Erst lachte der Jünglingsbauer; dann schrie er in Zorn: »Tust ebba Botschaft tragen? Was? Z'erst hast mir mein' Wald abdruckt um a Spottgeld. Und als Vergelt's Gott hilfst zum andern?« »Krispin, Ihr habt einen Rausch.« »Hast ihn du ebba zahlen müssen? Den hab ich mir selber kauft.« Den weiteren Verlauf dieser feuchten Rechnung wartete Ambros nicht ab, sondern ging lachend seiner Wege. Schimpfend torkelte Krispin in die Hofreut. Als er eben vor der Haustür dem Toni begegnete, der barfüßig aus dem Flur gesprungen kam, schrie er: »So? Hupfst auch schon ummi ums Eck? Dös taugt mir grad. Mit dir muß ich was reden. Du! Mein Hof is noch allweil an Ehrenhaus gewesen. Dös tät ich mir ausbitten, daß mir einer d' Unehr einitragt in mein' unbefleckten Leichmund.« »Krispi! Bsinn dich a bißl!« »Wann's aber alle Leut schon ausschreien im Wirtshaus, daß man dich beim Fischwildern derwischt hat! Bluatsakra! Mein Bruder! Und 's Zuchthaus! Im Grab draht sich der Vater um.« »Laß den Vater in Ruh!« sagte der Toni ruhig. »Und daß dich der Ehrenpunkt net kitzelt – es is alls net wahr, und d' Frau Herzogin hat mir's erlaubt, daß ich für d' Mutter jeden Tag a paar Forellen fang. Dös hat mir der Brosi bei der Frau Herzogin ausgmacht. Jetzt schlaf dein' Rausch aus! Gut Nacht!« Der Toni sprang auf die Straße hinaus. In der ersten Verblüffung war Krispin sprachlos. Dann fing er grimmig zu fluchen an. Die Fäuste nach rückwärts streckend, torkelte er durch die Haustür hinein. »Himi Bluatsa! Jetzt muß d' Witib her! Mit ihr sechs Roß!« Auf der Straße schrie Toni in die sternschöne Nacht: »He! Brosle! Wo bist denn?« Ambros war schon um die nächste Waldecke herum und hörte die Stimme des Freundes nimmer, weil in der Nähe mit Rauschen eine Seitenrinne der Wildach floß. Er lenkte in einen Fußweg ein. Immer ging ein leises Klingen mit ihm, bald eine Note aus dem Schumannschen Traumlied, bald ein Motiv aus der Appassionata. Während er unter den Sternen hinwanderte, begann in seiner Seele eine Stimme zu tönen, die seit Jahren geschwiegen hatte. Die Gedanken wurden ihm zu schwebenden Bildern, jedes Gefühl verwandelte sich in suchenden Klang: »Es geht ein Rauschen durch die Nacht, Ein wundersames Grüßen. Ist ferne wo der Föhn erwacht? Sind's Bäche, die da fließen? Die Nacht ist klar, die Sterne glühn, Die funkelschönen Sterne, Wie schwarze Marmorwogen ziehn Die Berge in die Ferne. Und dieses Rauschen rauscht und rauscht Wie rätselhaftes Mahnen! Und meine Seele sinnt und lauscht Und will das Wunder ahnen. Ein Schönes ist in mir erwacht, Und alle Dinge klingen. Und was da rauschet in der Nacht, Sind meiner Sehnsucht Schwingen.« Das kleine Lied war vollendet, bevor Ambros darüber zum Bewußtsein kam, daß er Verse machte. Und da sah er drüben über dem Altwasser einen Menschen springen, der hinter den schwarzen Büschen verschwand, als möchte er nicht gesehen werden. Ambros erinnerte sich des Schrittes, den er beim Park vernommen hatte. Aber was sollte das mit dem Heimlichen zu schaffen haben, der sich da drüben versteckte? War nicht diese sternfunkelnde Frühlingsnacht dazu geschaffen, um manchen wach zu halten, den eine Hoffnung lockte? Dazu noch Sonntagnacht im Dorf, in dem sich alle zärtlichen Romane in Kapiteln mit siebentägigen Pausen abzuspielen pflegen! Während Ambros der Straße folgte, spürte er plötzlich einen starken, harzigen Duft, den der Nachtwind von den Waldgehängen der Sonnleite herunterwehte. Und draußen in den schwarzen Wiesen sang einer mit gellender Stimme: »'s Fuir weard brennat Und rauschi der Wald. Und 's Alte kommt wieder Und 's Nuie bleibt alt.« War das der Waldrauscher? Aber wenn der Alte zwitscherte, das klang nicht so erregt, so hoch und schrill! Als Ambros zur Haustür kam, erhob sich die Beda von der Bank. »Mädel? Du bist noch auf?« »A bißl Luft schöpfen. So viel Schwül macht's in der Stuben! Dein Nachtmahl hab ich dir auffigstellt und hab dir die Teemaschine anzunden.« Er dachte: ›Was hat sie denn nur? So klingt doch sonst ihre Stimme nicht?‹ Da fragte sie: »Hast nix ghört, Herr Lutz, wie's der Lahnegggerin geht?« »Doch! Heut hab' ich die Lahneggerin besucht.« Beda schwieg. »Sehr gut sieht die Frau nicht aus. Aber daß sie den Toni wieder hat, das macht sie schon halb gesund. Der wird sie auch richtig pflegen und wird für leichte Kost sorgen. Die Frau Herzogin hat ihm erlaubt, daß er für seine Mutter Forellen fangen darf.« »Viel wird er da nimmer derwischen.« »Warum denn nicht?« »Weil er bald wieder aussifahrt ins Unterland.« »Der Toni? Gott bewahre! Der bleibt daheim.« »Sechs Roß zarren an festen Menschen vom Fleck.« »Geh, Mädel, was redest du denn da für Unsinn?« Sie sagte heftig: »Wann's d' Leut schon umananderschreien im Dorf, daß er bald wieder aussisaust zu seiner verliebten Witib!« Ambros lachte und legte kameradschaftlich den Arm um das Mädel. »Aber! Bedle! Wie kannst du dir so einen dummen Klatsch aufbinden lassen? Du und ich, wir kennen doch den Toni. Da macht noch eher der blaue Himmel einen Schneefall als der Toni einen unsauberen Herzenshandel.« »Wann er d' Witib aber mögen tut?« »Mögen? Glaub doch so was nicht! Die Witib, natürlich, die möchte gern. Wer richtig weiß, was der Toni wert ist, kann es der verliebten Witib auch nicht verargen. Aber der Toni mag nicht. Das hat er mir selber gesagt. Der hat im Unterland draußen Schluß gemacht und bleibt bei seiner Mutter.« Ambros lachte wieder. »Wenn's ihm mit dem Fischfang nicht glücken will, müssen halt wir zwei wieder einmal helfen.« Er hörte einen tiefen, wohligen Atemzug, daß er Anlaß hatte zu sagen: »Gelt! Eine schöne Nacht! Und diese prachtvolle Frühlingsluft! Wie froh einem in solcher Luft das Atmen wird!« »Ja, Herr Lutz! Da schnauft man sich gleich wieder a bißl leichter.« Nun hatte die Beda wieder jenen milden Klang in der Stimme wie am vergangenen Abend. Und als sie zur Großmutter in die Stube kam, sagte sie: »Heut muß er an guten Hamur mit heimgebracht haben, der Herr Lutz! Wann er ebbes sagt, dös hört sich an, als hätt er a Musispiel einwendig in ihm drin.« Die alte Frau saß auf der Ofenbank und hatte den weißen Spitz auf ihrem Schoß. »Was habt's denn gredt mitanand?« »No, mein, von der Nacht, und wie leicht man sich schnaufen tut, wann's Bluhzeit wird! Ja, droben auf der Sonnleiten fangt der ganze Wald schon an. Der Waldrauscher hat auch schon gredt davon! Gspaßig, so a nüchterns Manndl allweil! Aber heut muß er a Glasl übern Durst erwischt haben. A Viertelstündl kann's her sein, da hat er draußt auf die Wiesen gsungen wie narrisch! Aber komm, Ahnl, suchen wir d' Ruh! Heut schlaf ich! Und gut! Und für morgen freu ich mich schon auf d' Arbeit.« Droben im weißen Giebelzimmer saß Ambros neben dem singenden Teekessel und schrieb mit hurtiger Feder: »Liebste Mutter! Ich muß Dir heut noch einen Gruß schicken. So voll ist mir das Herz von allem Zauber des blühenden Frühlingstages. Und als ich heimging durch den wundervollen Abend, hab' ich jenen Duft gespürt – erinnerst Du Dich noch? In unserer ›schönen Zeit‹, an einem Juniabend, saßen wir drei im Garten – Vater, Du und ich –, und da trug der Wind diesen Duft über den Garten her. Vater sagte. ›Das ist der Wald! Der fängt zu blühen an. Was für uns Menschen das Glück ist, das ist die Zeit der Blüte für den Wald. Da keimt in seinen rauhen Brüsten ein zärtliches Gefühl. Der ganze Wald wird wie ein lebendes Wesen, jeder harte Baum verwandelt sich in ein seelenvolles, vor Sehnsucht bebendes Geschöpf, das grüne Träume träumt, rot blühende Lieder singt und seine Freude in den Sonnenschein und in die Frühlingsnächte haucht.‹ – Ach, Mutter, es ist wohl möglich, daß der Vater es anders sagte damals! Heute ist es so in mir wie eine Erinnerung, auf deren Wahrheit ich schwören würde, daß mir der Vater das so sagte. Wirklichkeit hängt an allen Dingen, die uns umgeben, aber Wahrheit ist immer nur das, was wir besitzen in uns selbst. Vielleicht schüttelst Du den Kopf. Und lachst mich aus. Und denkst Dir, mit solchen Weisheiten reguliere man die Wildach nicht. Aber da will ich Dich durch die Tat widerlegen. Jetzt will ich erst recht was Tüchtiges schaffen. Alles Aufatmen ist neuer Anlauf, und in jeder Freude steckt ein zündender Funke von Ehrgeiz. Es mag wohl sein, daß ich heut ein bißl verdreht bin. Das würdest Du begreifen, wenn Du alle Schönheit dieses Tages gesehen hättest. Beim Gedanken an die Wildach seh' ich heute nicht die Wirklichkeit ihres tückischen Wassers, sondern höre nur die Wahrheit ihres schönen Rauschens. Das ist mir wie Musik in Ohr und Herz. Dazu hör' ich noch immer das Motiv des blühenden Waldes aus der Appassionata. Die hab' ich heute gespielt. Denk Dir, im Fürstenschlößchen! Die Frau Herzogin spielt Geige und ließ mich einladen, sie zu begleiten. Sie kann überraschend viel und ist begabter, als sie selbst vermutet. Magst Du so gut sein, Mutter, und mir expreß durch die Musikalienhandlung die zweite Sonate von Tartini, das D-Dur-Konzert von Mozart (Einrichtung für Klavierbegleitung) und die Frühlingssonate von Beethoven schicken zu lassen? Voraussichtlich musizieren wir nächsten Sonntag wieder zusammen, und da soll die Frau Herzogin noch Zeit haben, sich die Sachen ein bißchen anzusehen. Dann wird's schön werden am Sonntag, viel schöner noch, als es heute war. Ich erzähle Dir alles, wenn Du kommst. Nur noch vierzehn Tage! Da kommst Du gerade in die schönste Zeit hinein. Der ganze Wald wird blühen bis dahin. Für Dich zum Willkomm, Mutter! Und an der Wildach wirst Du schon ein schönes Stück Arbeit sehen. Dein Stüberl wollen wir auch recht gemütlich aufputzen, ich und die Beda. Das ist ein Mädel, das Dir gefallen wird. Ein grades, gesundes und klares Menschenkind! Es wird mir ganz warm und froh ums Herz, nur weil ich da schreibe von ihr. Ich glaube, mit der Beda wirst Du Dich anfreunden in der ersten Stunde. Doch über die Lahneggerin wirst Du erschrecken. Heute war ich bei ihr und bin in Sorge, daß es da nicht zum besten steht. Ach, Mutter, bleib mir nur Du gesund! Wie deutlich ich Dich sehe in diesem Augenblick! Und fest nehme ich Dich in meine Arme, fest, fest, und küsse Dir die Augen. Du Liebe! Und jetzt gute Nacht! Ach, Mutter, wie reich ist ein Menschentag, wie schön die Welt. Es ist eine Lust, zu leben! Das sagte einer vor vierhundert Jahren. Noch immer ist es wahr. Und wird Wahrheit bleiben, solang es unter blauem Himmel ein Blühen gibt. Auf Wiedersehen, Mutterle! Und noch einen Gruß – Dein treuer, froher, glücklicher Bub.« Als Ambros den Brief geschlossen hatte, öffnete er das Fenster. Mit einem Laut der Überraschung staunte er das traumhaft leuchtende Wunder an, das aus den Lüften zu ihm redete. Das Tal war finster und der Bergwald schwarz. Die Höhe hatte sich aufgehellt, und Mondlicht dämpfte den Glanz der Sterne. Die Scheibe des Mondes war nicht sichtbar. Irgendwo hinter dem dunklen Grat der östlichen Berge mußte sie schwimmen. Aber auf dem nach Süden sich wendenden Bergzuge bestrahlte das milchige Licht schon einzelne Spitzen. Das war anzusehen, als hätten schemenhafte Gestalten sich in weißen Mänteln auf den schwarzen Höhen zu einem geheimnisvollen Rat versammelt. In ihrer Mitte, wie ein Riesenfürst auf silbernem Thron, erhob sich ein ragender Felskoloß, schon völlig überflutet von den bleichen Wogen des Mondlichtes. Gleich einem Rätsel der Ewigkeit, schöner als jedes schöne Märchen, schimmerte das wundersam aus Glanz und Schatten gewobene Gebilde hoch über allen schwarzen Tiefen der Nacht und griff wie mit silbergeschienten Armen empor in das blasse Lichtgedämmer des Himmels. Es war die Große Not. 13 Gegen fünf Uhr morgens wurde Ambros durch eine böse Nachricht geweckt. Ein alter Rottmann der italienischen Arbeiter holte ihn zum Barackenlager. Dort wäre vor einer halben Stunde der Bürgermeister mit zwei Gendarmen und einem Mitglied des Gemeinderates erschienen, um nach einem jungen Italiener zu suchen, der in der Nacht einen einheimischen Bauernknecht durch einen Messerstich aufs Leben verwundet hätte. Die ganze Schar der Arbeiter wäre wie ein Mann dagegen aufgestanden, daß eine Amtshandlung vorgenommen würde, bevor Ambros im Lager wäre – il buon padrone –, von dem sie wüßten, daß sie auf sein Gerechtigkeitsgefühl vertrauen dürften. Blaß und schweigend ging Ambros im blühenden Morgen neben dem alten Manne her. Schon von weitem war aus dem Barackenlager der hundertstimmige Lärm zu hören, so laut, daß er das Rauschen der Wildach übertönte. Vor dem Brettertor des Lagers standen Bauernburschen, schüttelten die Fäuste und schimpften. Einer war unter ihnen, ein magerer, grobknochiger Mensch, das Gesicht so käsig, als hätte bei ihm der Sonntagsrausch zu einer üblen Revolte seiner Natur geführt. Der schrie am lautesten. Ambros meinte die schrillende Stimme schon einmal gehört zu haben. Ob das nicht einer von den dreien war, die am Abend nach der Ankunft der Italiener jene Spottverse gesungen hatten? »Italiani, Polenta, Marani –« Eine aufgeregte Menge von Arbeitern füllte den Platz inmitten des Barackenlagers. Die Erregung von vierhundert Menschen, ins Südländische übersetzt, macht immer den Lärm eines brausenden Sturmes. Junge Leute und alte Männer kamen schreiend durch die Lagergasse auf Ambros zugerannt. Vor der Hütte des Zahlmeisters stand neben den beiden Gendarmen der Bürgermeister, ein Mann mit klugen Augen, und das Mitglied des Gemeinderats, der Krispin Sagenbacher. Ein sechsstündiger Schlummer hatte genügt, um den sonntäglichen Alkohol aus seinem Organismus völlig wieder auszutreiben. Der Jünglingsbauer wackelte noch ein bißchen, gab sich aber Mühe, seine amtliche Würde zu bewahren, und begrüßte Ambros mit den Worten: »Da hast es jetzt! Mit deine wälfischen Freinderln! Den Verdienst haben s' uns eskamotiert, unsere Madln täten s' uns wegfischen und stechen mit die Messer zu, die braven Herren Italiani.« Der Schuldige hatte sich schon gemeldet. Es war ein junger, kaum zweiundzwanzigjähriger Mensch, den Ambros als einen der fleißigsten Arbeiter kannte. Schweigend stand der Bursch inmitten seiner schreienden Landsleute. Das hübsche, blasse Gesicht war von blauen Malen entstellt, und der schlanke Oberkörper, den er bis zum Gürtel entblößt hatte, war bedeckt mit blutigen Striemen. Einen Blick des Erbarmens in den Augen, trat Ambros auf ihn zu. » Poverino! Cos' hai fatto? « Der junge Mensch antwortete ruhig: »No, Signor! Non l'ho fatto io. L'ha fatto l'amore. E la bestia eterna!« Nein, Herr! Das hab' ich nicht getan. Das tat die Liebe. Und das ewige Tier. Ambros hob die Hand. Stille trat ein. Dann sprach er zu den Leuten. Sie sahen es ein, daß mit Gewalt da nicht zu helfen war. Auch der junge Mensch rief seinen Kameraden mit heller Stimme noch ein paar Worte zu, sie sollten ruhig an die Arbeit gehen, er müßte für seine Tat einstehen, da wäre nichts zu ändern; und wenn sie früher in die Heimat kämen als er, dann sollten sie seine Mutter von ihm grüßen. Drauf nahm er seine Bluse und das blutfleckige Hemd über den Arm und ging mit Ambros in die Hütte des Zahlmeisters. »D' Amtshandlung geht füranand!« sagte Krispin Sagenbacher zum Bürgermeister. »Unser Beistand hat's ausgmacht, daß die Sach ablauft in aller Ruh. Jetzt können wir heimmarschieren.« Der Gemeindevorstand zündete im Davonwandern sein Pfeifl an. »No ja, muß man der Sach halt ihren Lauf lassen. Aber was dö zwei Zeugen ausgsagt haben, der Sepp und der Lois, dös kommt mir a bißl mausig für.« »Was?« fuhr Krispin auf, als hätte man seine eigene Wahrheitsliebe in Zweifel gezogen. »Jedes Wörtl is wahr. Für'n Sepp und gar für'n Lois, da leg ich d' Hand ins Fuier.« »Ja, ja! Lassen wir's gut sein!« Der Bürgermeister ging seiner Wege. Vor dem Brettertor des Barackenlagers wurde Krispin von jenem langen, grobknochigen Burschen mit dem kalkweißen Gesicht abgefaßt: »Wie schaut's denn aus?« »Haben tun s' ihn.« Krispin zwinkerte mit dem linken Auge; das sollte heißen: ›Komm mit!‹ Eine Strecke gingen die beiden schweigend an der Bretterplanke hin. Dann sagte der Lahnegger: »Lois, jetzt hab ich mich auf d' Füß gstellt für enk. Jetzt mußt mir aber auch an Gfallen tun.« »Alles, was d' willst!« »In der halben Woch, auf 'n Abend amal, komm ich abi zu dir. Derweil kauf dir a Briefbögl! Und schau, daß beinand hast, was man braucht zum Schreiben.« Der Lois guckte den Lahnegger fragend an. Krispin gab keine Antwort, sondern lachte trotz allem Bohren seines Katzenjammers vor sich hin mit dem frohvergnügten Ausdruck eines Menschen, der sich einer guten und klugen Tat besann. Inzwischen wurde in der Zahlmeisterstube die Aussage des jungen Missetäters zu Protokoll genommen. Ambros diente als Dolmetsch. Der Verhaftete hieß Nino Palozzi und war in der Nähe von Mailand daheim. Sein Vater war vor drei Jahren in den Marmorbrüchen von Carrara verunglückt. Heuer hatte sich Nino zum erstenmal als Arbeiter ins Ausland verdingt, um für seine Mutter was heimbringen zu können. Als er das sagte, begannen ihm trotz seiner Ruhe die Hände zu zittern. Und wie er zu dieser Tat gekommen wäre? Er gab Antwort. Und Ambros übersetzte: »Schnell! So, wie sie immer kommen, die schönsten Freuden und die bösen Dinge.« Am verwichenen Abend war er für sich allein am Waldsaum spazierengegangen. Das war für seine Augen fremdartig und schön zu sehen, wie der deutsche Wald zu blühen begann, als sollten rote Rosen auf den schwarzen Bäumen wachsen. Während er saß und immer dieses deutsche Wunder anguckte, befiel ihn heißes Heimweh und eine solche Sehnsucht, daß er singen mußte. »Canto bene!« Er lächelte mit bleichen Lippen zu diesem Wort: Ich singe gut! Und während er sang, kam ein junges, schmuckes Mädel aus dem Wald. Lachend blieb sie vor ihm stehen. Wenn ein Lied zu Ende war, machte sie ihm ein Zeichen, daß er wieder singen sollte. Dann schwatzten sie eine Stunde, wobei keins ein Wort des anderen verstand. Das Mädel zeigte ihm freundliche Augen und ließ ihm ihre Hand, die er streichelte. Als es dämmerte, ging sie davon, guckte sich immer wieder um und verschwand im Garten eines Bauernhofes. Nino blieb am Waldsaum sitzen, bis es dunkel wurde. Die Sterne kamen. Ein wunderliches Rauschen war in der Nacht, die noch schöner sang, als Nino zu singen wußte. Und da fiel ihm etwas in Herz und Blut, wie ein Stern in den stillen Brunnen fällt. »Cuor o sangue? Sono sempre la stessa cosa.« Der protokollführende Gendarm lachte, als Ambros übersetzte: »Herz oder Blut? Das sind nur verschiedene Worte für das gleiche Ding.« Den Nino zog es in der singenden Nacht zu den dunklen Hecken hin, die das Haus umgaben. Ein Fenster wurde hell. Nino sah das Mädel in dem kleinen Stübchen. Als das Licht erloschen war, sprang er zum Haus hinüber, kletterte über das aufgeschichtete Holz und klopfte an das Fenster. Nichts rührte sich. Da sang er leise von den Liedern eines, die er am Waldsaum gesungen hatte. Das Fenster wurde geöffnet. Erst schalt das Mädel, aber noch leiser, als Nino gesungen hatte. Dann lachte sie, ließ ihm ihre Hand und duldete seinen Kuß. »Con quel bacio le ho dato la mia vita.« Ein schwermütiges Lächeln begleitete dieses Wort. Ambros übersetzte: »Mit diesem Kusse gab ich ihr mein Leben.« Und fügte bei: »Ich ersuche zu Protokoll zu nehmen, daß dieses Wort, das mir wesentlich erscheint, einen doppelten Sinn hat. Es bedeutet: Mit diesem Kusse fühlte ich mich für mein ganzes Leben an dieses Mädchen gebunden. Das Wort sagt aber auch: Dieser Kuß kostet mich mein Leben.« Der Gendarm warf geärgert die Feder aus der Hand. »Dös is ja koa Protokoll nimmer! Dös is a narrische Liebsgschicht.« »Die Wahrheit ist es.« »Ah was! Wir müssen uns an die Fakta halten.« »Ich bestehe darauf, daß protokolliert wird, wie ich übersetze.« »Meintwegen! Muß ich mich halt als Dichter aufspielen!« Der Gendarm schrieb weiter und brummte: »'s Madl hat anders ausgsagt.« »Dann hat sie gelogen.« »Herr Inschenier!« Der Gendarm wurde hochdeutsch. »Beleidigungen von Zeugen darf ich nicht dulden.« Nino Pallozzi hatte kein Wort dieser Debatte verstanden, schien aber zu fühlen, daß Ambros für ihn kämpfte. Er dankte seinem Anwalt mit heißem Blick. »Andiamo, Nino!« sagte Ambros herzlich. »Parla!« Viel hatte der Missetäter nicht mehr zu erzählen. Während er vor dem kleinen Fenster stand, seine Wange an den Arm des Mädels geschmiegt, faßten ihn grobe Hände von rückwärts und rissen ihn herunter. Er wurde zu Boden geworfen. Drei Menschen trommelten mit Fäusten, Holzscheiten und genagelten Schuhen auf ihn los. Weil ihm bang um sein Leben wurde, zog er das Messer und stieß zu. Einer fiel. Die zwei anderen rannten davon. Das Fenster wurde nicht mehr hell. Schreiend lief das Mädel aus der Kammer. Neben dem Menschen, der stumm und schwarz im Grase lag, blieb Nino wie versteinert auf den Knien, bis die Leute aus dem Haus gelaufen kamen. Sie wagten sich nicht heran, schrien und drohten nur. Am zornigsten schalt das Mädel gegen ihn. Um Ninos bleiche Lippen irrte wieder jenes wehe Lächeln, während er mit gutmütiger Entschuldigung zu Ambros sagte: »Aveva paura. La poverina! E bestemmiando piangeva.« Sie hatte Angst. Das arme Ding! Und während sie fluchte gegen mich, mußte sie weinen. So betrachtete Nino das Verhalten des Mädels jetzt vor den Gendarmen. In der Nacht war er wie ein Irrsinniger davongetaumelt. Daheim, im Barackenlager, vertraute er sich den Freunden an, die mit ihm die gleiche Hütte teilten. Die wollten ihn zur Flucht bewegen. Nino blieb. Als um die Morgendämmerung der Lärm mit den Gendarmen anfing, stellte er sich, um schlimmere Dinge zu verhüten. »Ecco la cosa!« So war es! Der Gendarm nickte, und um zu zeigen, daß ihm das Italienische keine ganz fremde Sache wäre, sagte er ernst: »Vedremo!« Ambros wollte frische Wäsche für Nino besorgen und die blutigen Striemen reinigen, die den jungen, schlanken Körper entstellten. Da bekundete der Protokollführer einen schönen Zug von Objektivität. Er sagte, das dürfe nicht geschehen; dem Gerichtsarzt müsse der primäre Befund vor Augen gestellt werden, und wenn dem Inkulpaten irgend etwas nützen könne, so wäre es diese rote Sprache auf seinem Leib. Schweigend schlüpfte Nino in das blutbefleckte Hemd und in die übel zugerichtete Bluse. Ambros legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte zu ihm in seiner Sprache: »Sei verständig, Nino! Du hast in Notwehr gehandelt. Was ich tun kann für dich, das wird geschehen. Jetzt mußt du der Stunde geben, was sie verlangt von dir.« Nino nickte, bot den Gendarmen die gekreuzten Fäuste hin und ließ sich die Kette um die Knöchel legen. Als sie ihn zur Tür hinausführten, sagte er über die Schulter zu Ambros. »Grazie, padron mio! Mi vuol bene. Lei! E pur ho trovato l'amore.« Ich danke, lieber Herr! Sie sind mir gut! Und da hab' ich nun doch gefunden, was Liebe heißt. Ambros fiel auf den Sessel vor seinem Plantisch nieder und preßte die Stirn in die Hände. Klare Morgensonne schien durch die großen Fenster herein und überleuchtete sein blondes Haar. Draußen im Lager war es still geworden. Doch in der Zahlstube wurde es lebendig. Der Geschäftsführer des Herrn Friedrich Wohlverstand erschien auf dem Boden seiner Pflicht. Er klapperte mit seinen Schlüsseln, pumperte mit seinen Kontobüchern und erging sich in dunklen Redensarten, bis Ambros aufsprang und mit zornbebender Stimme schrie: »Lassen Sie mich in Ruhe!« »Bitte, Herr Ingenieur!« Ambros stürmte ins Freie. Der zurückbleibende Zahlmeister sagte: »Der wird Augen machen bei der Abrechnung!« Dann schrieb er in ein Geheimbuch seiner Kontoführung den Lohnbetrag für eine versäumte Arbeitsstunde von dreihundertneunundneunzig Italienern zu Lasten des leitenden Ingenieurs. Und in die Arbeiterliste machte er zwei dicke, säuberlich mit dem Lineal geführte Striche durch den Namen Nino Pallozzi. Draußen in der Sonne konnte Ambros nicht an seine Arbeit denken. Immer sah er den armen Jungen, den das Ewigkeitslied einer schönen Nacht betört hatte, sah die stumme Trauer in den schwarzen Feueraugen, das Lächeln um den bleichen Mund. »Die singende Nacht? Das tat die Liebe? Das unsterbliche Tier?« Wie der arme Junge nur zu solchen Worten kam? Aber machen Schmerz und Liebe nicht einen Dichter aus jedem Menschen, der an ihnen leidet? Leidet? Auch an der Liebe leidet man? – Warum nur dieses Denken in ihm so quälend war? Aus Sorge um Nino Pallozzi? Der ging wohl bitteren Wochen entgegen. Doch er hatte einer Roheit gegenüber in Notwehr gehandelt. Allzu Schlimmes konnte ihm nicht geschehen. Vielleicht würden die Richter ihn freisprechen. Aber dann? Seine besudelte Jugend, sein zerstörter Traum, sein mißhandeltes Herz, sein Haß wider diese schöne, singende Nacht, die ihn verlockt, enttäuscht und betrogen hatte! Bei diesem Gedanken fühlte Ambros in seiner Brust ein ruheloses Hämmern. Und da blieb er plötzlich stehen. Was seine Augen sahen, war ein liebliches Wunder des Lebens und der Frühlingssonne. Aus dem Waldsaum, den Ambros erreicht hatte, schob sich eine dreißigjährige Fichtendickung spitz heraus, nach einer Stelle hin, die an jedem klaren Morgen vom Lichte zuerst umflutet wurde, wenn die Sonne emportauchte aus einer Scharte der Großen Not. Drum hatte dieser junge Waldspitz üppiges Grün und war allem anderen Wald voraus an blühenden Kräften. Hier trugen die Fichten auf den Gipfeltrieben auf der Spitze eines jeden Zweiges schon die kleinen ockergelben Blütenknospen und die blutrot sprossenden Fruchtzapfen. Wie Weihnachtsbäume waren sie anzusehen, die man mit gelben Sternchen und roten Kerzen besteckte. Zwei Tage, einer mit wogendem Regengrau und einer mit flutendem Lichte, hatten diesen Zauber gewirkt. Und der strenge Duft der blühenden Waldjugend hauchte durch die reine Morgensonne. Je länger Ambros das rot blühende Frühlingswunder im Grün betrachtete, desto freier wurde ihm die Seele. Schließlich blieb nichts anderes mehr in ihm als Freude an dieser Schönheit. Während er davonschritt, gegen die rauschende Wildach hin, gewahrte er auch im dunkleren Walde schon an vielen alten Bäumen die rosig hervorlugenden Blütenkeime. Das Rauschen der Wildach wurde wie Musik für ihn. Bei der Kapelle der heiligen Notburg dröhnte ein Sprengschuß. Die Berge donnerten, und Wald und Tal waren angefüllt von diesem rollenden Echo. Ambros blieb stehen und lauschte. Sein junger Körper streckte sich. Ein frohes und starkes Erwachen war in ihm, und raschen Ganges stieg er empor zur Stätte seiner Arbeit. Im leuchtenden Abend kehrte er heim, die Arme schwer beladen mit Pflanzenballen, die er ausgegraben hatte, mit großblättrigem Efeu und mit Waldrausch, dessen Blüten erst winzig und weiß aus den Hüllen spitzten. Er war von diesem Grün so wirr überhangen, daß ihn Beda unter dem Gekläff des weißen Sully mit dem lachenden Wort empfing: »Herr Lutz, du treibst es ja, als wärst dem Waldrauscher sein Lehrling!« Er stimmte in ihr Lachen ein. »Gelt, ja? Und den Waldrauscher hab' ich heut schon ein paarmal gesehen. Es war fast, als hätte er mich gesucht. Doch wenn ich ihn anrief, war der Alte weg wie ein Husch.« »Der hat allweil seine eigenen Sachen im Kopf. D' Ahnl sagt oft: Unser Herrgott und der Waldrauscher, da muß man studieren, wie sie's meinen.« Bis spät in die Nacht hinein arbeiteten die zwei jungen Menschen, um das Waldgrün in Töpfe und kleine Holzkisten zu pflanzen. Dabei redete die Beda immer von der kranken Lahneggerin. Das hatte zur Folge, daß Ambros viel vom Toni schwatzte. Auch von Nino Pallozzi sprachen sie. Erst schalt die Beda. Als Ambros ihr erzählte, wie das rote Elend entstanden war, sagte sie ernst: »Jetzt erbarmt mich dös junge Bürscherl. Ob so ebbes schnell kommt, ob's fufzehn Jahr lang heimlich wachst, es bleibt allweil 's gleiche. Der arme Kerl! Gut wird's ihm net gehn. Der Knecht, den er gstochen hat, is heut schon a bißl besser. Aber dö andern zwei, dö dabei waren, der Sepp und der Lois, zwei Freunderln vom Krispi – dös is a Schlag, den man kennt. Dö machen Zeugschaft, wie sie's ausgredt haben. Und schwören dem Teufel 's Ohrwaschel weg. No ja, und 's Madl – sie is sonst kein ungutes Frauenzimmer, d' Nannerl vom Waldreuterhof – aber jetzt wird sie's halt machen wie die anderen und wird jedem d' Schuld geben, bloß ihr selber net. Es is a Kreuz mit die Leut. Grausen kunnt eim oft! Und nachher kommt's wieder, daß man eim soviel gut sein muß.« Die eingesetzten Pflanzen blieben im Freien, damit sie sich unter dem Tau der milden Mondnacht erholen möchten. Früh um fünf Uhr stand Ambros auf und zimmerte zwei Blumengitter. Die wurden im Stübchen seiner Mutter vor die beiden Fenster genagelt und bekamen die kleinen Kisten mit dem Waldrausch zu tragen. Die Efeustöcke wurden neben den Gesimsen auf Etageren gestellt, und in hübschen Linien spannte Ambros die langen, grünen Ranken um die Fensternischen. Am Abend, wieder nach einem schönen Tag, brachte Ambros acht Blumenstöcke heimgeschleppt: Fuchsien, Nelken und Geranien. Er hatte die Stöcke von der Bäuerin im Waldreuterhof gekauft. Dabei hätte er gern ein Wörtchen mit dem Nannerl gesprochen. Das Mädel ließ sich nicht blicken. Obwohl der Versuch, für Nino Pallozzi einen mahnenden Appell zur Wahrheitsliebe an das Nannerl zu richten, mißlungen war, brachte Ambros doch eine gute Laune mit heim. Die Blumen, die er für die Mutter in die Stube stellte, machten ihm Freude. Während er da mit Beda ordnete und schaffte, neue Gardinen aufnagelte und die alten Möbel rückte, wurde er so übermütig, daß Beda sagte: »Herr Lutz, du bist, als tätst du ebbes Rauschigs im Blut haben.« »Das kommt von dem prachtvollen Duft da draußen im blühenden Wald.« Ein Weilchen später verstummte er in seinem sprudelnden Geplauder und blickte sinnend in die leuchtende Dämmerung. »Heut am Abend muß die Mutter meinen Brief bekommen haben. Und jetzt wird sie schreiben.« Die Sehnsucht sieht das Wirkliche nie. Daß Frau Lutz den Brief bekommen hatte, das stimmte. Aber sie schrieb nicht. Sie las nur immer, am Fenster ihrer kleinen Stadtstube mit den rußdunklen Mauern gegenüber, so lange, bis das Licht erlosch, und dann bei der Lampe wieder, mit zitternden Händen, in den Augen einen Sorgenblick. Jedes Wort des langen Briefes schien für sie ein Rätsel zu sein, das ihr das Herz bedrückte und nicht zu lösen war. Sie blieb vor dem Brief sitzen, bis es Mitternacht wurde. Dann löschte sie die Lampe. In der dunklen Schlafstube saß sie im Bett, das Gesicht in die Hände gedrückt. »Eine von den beiden hat er lieb! Die Beda, oder – nein, nein, nein, das ist doch Irrsinn!« Schluchzend warf sie sich zurück und wühlte das Gesicht in die Kissen. »Ob die Beda oder eine andere, jetzt wird es kommen, daß ich ihn verliere. Und nichts mehr habe. Nichts, nichts, nichts! Und eine andere nimmt ihn, lachend, und freut sich an allem, was gut und schön in seinem reinen Herzen ist.« Am andern Morgen sah sie aus, als wäre sie in dieser Nacht um Jahre gealtert. Dann war es ihr erster Weg, die Absendung der Noten zu besorgen. ›Expreß?‹ Sie rannte, daß ihr der Schweiß aus der Stirn trat. Und daheim, in der Stube ihres Sohnes, zog sie wieder den Brief aus der Tasche. Und las. Am Abend, bei der Lampe, wollte sie schreiben. Der Briefbogen lag vor ihr auf dem Tisch, sie hielt die Feder in der Hand, aber sie brachte keine Silbe auf das Blatt. Nur ihre Tränen fielen in das weiße Viereck. Dann warf sie die Feder fort und flüchtete sich in die Finsternis ihrer Schlafstube. Es war um die gleiche Stunde. Da wurde im Wildachtal ein Brief geschrieben. In der Knechtkammer des Lois. Der saß vor dem Fensterbrett, beim Flackerschein der Unschlittkerze, die im Hals einer verstaubten Enzianflasche stak. In einem Schüsselchen hatte Lois anstatt der Tinte ein bißchen Stiefelwichse mit Essig angerührt. Eben kratzte er mit dem Messer den Rost von der Feder. Und schnaufend sah er den schönen, fleckenlosen Briefbogen an, in dessen Ecke ein schnäbelndes Taubenpaar von einem blauen Vergißmeinnicht umschlossen war. Auf dem zerwühlten Bett saß der Jünglingsbauer vom Lahneggerhof und schmauchte an seiner Pfeife. Weil ihm das Rostkratzen zu lange dauerte, schimpfte er: »Bluatsa! Fang amal an!« »In Gotts Namen! Soll mir der Tuifi und sein Schulmeister helfen!« Der Lois fuhr mit der Feder in die Stiefelwichse. »Natürlich! Hab schon die erste Sau aufm Blattl!« Er leckte den braunen Fleck mit der Zunge fort. »Macht nix! Dö Bäuerin wird Säu gnug zum Futtern haben. Da kommt's auf eine mehr oder weniger net an.« »Also?« Weil sich der Krispin alles schon klug und vorsichtig überlegt hatte, konnte er mit schönem Fluß diktieren: »Liebe Bäurin! – Bäurin! Hast es? – Oft hat einer einen Freind, wo er nichts davon nicht weiß.« »Öha! Langsam!« »Auch Du hast einen – hast es? – einen Freind. Punktum. Und dieser ist Dein Schutzengel! Mit Ausruf! – Hast es?« Weil der Lois keine Antwort gab, sondern nur schnaufte und leckte, stand Krispin auf, guckte dem Federhelden über die Schulter und fand gerechten Anlaß, in die bekümmerte Klage auszubrechen: »Sakra, Bluatsa, dös schaut aber schiech aus!« Überall auf dem schönen Briefbögerl sah man die grauen Fingersiegel des Lois. An den naßgeleckten Stellen war die Schrift zerflossen, und weil die Stiefelwichse an der Feder nicht haften wollte, hatte sie jeden Haarstrich mit einem braunen Tropfen beschlossen und aus jedem Schattenstrich eine fürchterlich dicke Sache gemacht. Die zwei schnäbelnden Tauben schienen jetzt nicht mehr auf einem Blumenhügel zu sitzen, sondern auf einem Schweinestall. Der Lois aber sagte: »Mir gfallt's! Da wird's net viel Leut im Ort geben, dö besser schreiben als ich.« Weil er beim Schreiben nicht gedacht, nur gehorcht und gekritzelt hatte, drum stand in diesem Schutzengelbrief getreulich registriert, wie oft der Krispin beim Diktieren die Frage stellte: »Hast es?« »Du Ochsenschüppel, du dreidoppelter! Wann ich fragen tu, ob d' es hast, dös ghört doch net eini in 'n Brief!« Der Lois ließ sich belehren. »Ja, Mensch, da kannst recht haben!« Er wollte die drei ›Hast es?‹ ausstreichen. Krispin verhinderte das. »Laß gut sein! Sonst machst noch a paar Säu mehr eini. Soll's halt stehnbleiben! D' Witib wird sich schon ebbes denken dabei. A Weibsbild, wann's verliebt is, schaut jeden Stiefel für die ewig Seligkeit an.« Nachdem er dieses goldene Wort seiner Lebensweisheit geprägt hatte, tat er einen festen Zug aus der Pfeife. Und diktierte weiter. 14 Am folgenden Morgen gab es beim Anmarsch der Arbeiter vor der Kapelle der heiligen Notburga einen schreienden Auftritt. Ambros, als er gegen sechs Uhr früh zur Wildach kam, hörte schon von weitem die kreischenden Stimmen, die durcheinanderschrillten, daß sie das Rauschen des Wassers übertönten. Bei der Sorge, von welcher Ambros befallen wurde, machte doch der Anblick der zwei Menschenhaufen, die sich mit allen Derbheiten ihrer verschiedenen Sprachen bewarfen, einen fast komischen Eindruck. Die Szene erinnerte ihn an Homer, an die Griechen und Trojaner, die sich auch, bevor es Hiebe setzte, in wenig heldenhafter Weise zu beschimpfen pflegten. Der Augenblick, in dem es zwischen den Wildachtalern und den Italienern zum Geprügel kommen mußte, schien nicht mehr ferne. Die Hitze des Wortgefechtes kulminierte schon. Keine der beiden Parteien verstand, was die andere schrie und fluchte; nur den Zornklang ihrer Stimmen und den Wutblitz, der in ihren Augen war, begriffen sie. Gleich der Unterhaltung, die Nino Pallozzi und das Nannerl vom Waldreuterhof in verständlichen Blicken und unverstandenen Worten miteinander geführt hatten, schien auch diese Massenkonversation zwischen Deutsch und Italienisch zu einem Ende mit Schrecken führen zu wollen. Doch Ambros trat so energisch auf das Schlachtfeld, daß er einen Waffenstillstand erzwang. Den Anlaß des Streites konnte er nicht ergründen. Die Italiener erklärten: »Sie lachen über uns!« Und die Einheimischen behaupteten: »Ausspötteln tun s' uns allweil!« Ambros redete den Italienern so lange zu, bis sie sich bewegen ließen, den Weg zu ihren Arbeitsstätten anzutreten. Daß nun die Einheimischen noch eine Weile allein auf dem Platze verblieben, das flößte ihnen eine Art von Siegesgefühl in die aufgereizten Seelen. Einer brüllte gegen Ambros: »An dir merkt man schon lange nimmer, daß bei uns im Tal daheim bist. Allweil hilfst mehr zu die wällischen Katzelmacher als wie zu die unsrigen.« »Ich halte zu denen, die recht haben. Heute habt ihr alle beide unrecht. Ihr! Und die anderen. Jetzt geht an eure Arbeit! Und vergeßt nicht, daß das große Werk, das hier geschaffen wird, vor allem ein Nutzen für euch ist, für eure Häuser und Felder, für eure Kinder und Kindeskinder.« Das machte keinen sonderlichen Eindruck auf die Leute. In diesem Augenblick wog es ihnen höher, daß sie an den Sieg der Stunde glauben konnten. »Heut haben wir's ihnen zeigt. Heut haben s' weichen müssen, d' Wällischen.« Nach zwei verschiedenen Richtungen zogen die schreienden Stimmen der getrennten Heere durch den blühenden Wald davon. Dieser zwecklose Lärm wirkte wieder heiter auf Ambros. »Unsterblicher Homer! Unsterbliche Torheit der Menschen!« Hinter diesem Lachen bedrückte ihn das Bangen um sein Werk. Torheiten der Masse sind wie Pulverfässer, die über glühenden Kohlen stehen. Er sah voraus, daß die Erregung, die in den Leuten wühlte, den Gang der Arbeit noch schwer behindern würde. In der Mittagspause rief er die Rottenführer der Italiener zusammen, setzte sich mit ihnen hinter der Kantine in den Wald, verteilte Zigarren, und während die alten, sonngebräunten Männer gemütlich dampften und die grauen Garibaldibärte herausstreckten, stellte ihnen Ambros eindringlich vor, was auf dem Spiele stünde. Sie sahen das ein und gaben mit Handschlag das Versprechen, ihre Leute nach Möglichkeit zu beruhigen. Und das wäre wohl auch zu erreichen, wenn die Leute nicht immer an die roten Striemen dächten, die sie auf dem schlanken Leib des Nino Pallozzi gesehen hatten. Aber das Gras der Ruhe wächst über alles, auch über blutende Jugend, über Zorn und Erbarmen. Als Ambros mit den Rottenführern aus dem Wald heraustrat, war die Arbeit an der rauschenden Wildach schon wieder im Gang. Die stürzenden Bäume krachten, überall das Gerassel der Lastwagen, die hallenden Beilschläge und das Klirren der Steinhämmer, die dröhnenden Sprengschüsse, ihr rollendes Echo und das Gepolter des fallenden Gesteins. Hinter dem staubenden Wirrsal dieses Menschenwerkes hob sich der Bergwald grün und groß und schön in die Sonne, überhaucht vom Purpurschimmer seiner Blüten, die in verschwenderischer Menge aus allen Zweigen brachen. Tief atmend preßte Ambros die Fäuste auf seine Brust. Der lebendigen Kraft und Schönheit dieses Bildes gegenüber schwellte ihm wieder ein frohes, gläubiges Vertrauen die Seele. Wie er im Wald mit den Rottenführern der Italiener gesprochen hatte, so wollte er auch mit den Leuten im Dorfe sprechen. Zuerst mit dem Bürgermeister. Den kannte er als einen verständigen Menschen. Und der Toni? Der war doch auch noch da! Sein Wort galt etwas im Dorfe. Drei Stunden hetzte Ambros von einer Arbeitsstätte zur anderen. Dann trat er den Heimweg an. Als er die Kapelle der Notburg schon hinter sich hatte, sah er im Lichtgezitter des Waldes einen Menschen huschen. Ambros glaubte den wunderlichen Alten zu erkennen. »He! Waldrauscher!« Keine Antwort. »Sonderbar!« Eine Weile blieb er stehen und blickte sinnend in das Flimmerspiel von Licht und Schatten, das den Wald erfüllte. Wieder wehte ihm jener strenge Harzgeruch entgegen, der Duft der Fichtenblüte. Wo die Sonne solch einen purpurfarbenen Blütenkolben traf, da schien, wie Nino Pallozzi gesagt hatte, auf den schwarzen Bäumen eine rote Rose zu leuchten. Langsam folgte Ambros seinem Wege. Dabei huschte ihm jenes Lied durch den Kopf, das einer in der Sonntagnacht gesungen hatte: ›Ein Feuer wird brennend Und rauschig der Wald –‹ Das stammte doch sicher von dem seltsamen Alten? Zwei Bilder, wie er sie liebte! Und dieses Bild mußte er einmal ersonnen haben, als der Bergwald blühen wollte. Ein geheimnisvolles Feuer, das zündend hinfliegt durch den von Freude trunkenen Wald! Und der Wald wie ein Liebender, dem in süßer Glut alle Sinne taumeln! Wie bezeichnend dieses Bild für die wundersame Naturstimmung dieser Tage war, für das duftende Ewigkeitsrätsel, das aus dem stummen Leben des Waldes rot herausdrängte in den Sonnenschein! Doch der sonderbare Schluß des Liedes? ›Das Alte kommt wieder, Das Neue bleibt alt!‹ Was wollte da der Waldrauscher sagen? Daß aller Tod wieder Blüten bringt und alles Werden nur ein Anfang des Vergehens ist? Daß alle Dinge der Natur und des Lebens sich im Kreislauf wiederholen von Ewigkeit zu Ewigkeit? Wie kam der Waldrauscher zu solchen Vorstellungen? Wie konnte durch Herz und Gehirn eines alten Bauern – In Ambros erloschen die Gedanken. Mit heißer Welle war ihm das Blut zum Herzen geschossen, weil die kleine Zieblingen von der Wiese her gegangen kam. Allein! Weit und breit war sonst keine Menschenseele zu erspähen. Auch auf die Baroneß schien der Anblick des einsamen Wanderers irritierend zu wirken. Sie drehte nervös den weißen Sonnenschirm, den sie an der Schulter liegen hatte. Ambros zog den Hut. »Wohin denn, gnädiges Fräulein?« »Der herrliche Nachmittag hat mich herausgelockt. Und da bin ich immer so zugegangen.« »Bis in mein Gehege? So weit vom Schlößchen fort? Allein? Darf denn das eine Hofdame?« Sie hörte den Scherz nicht heraus und nahm die Frage ernst. »Oh, gewiß. Weil Hoheit seit einigen Tagen länger als sonst mit der Geige zu üben pflegen, konnte ich meinen Spaziergang ausdehnen. Aber nun ist es doch wohl Zeit, an die Umkehr zu denken.« Das leise Brünnlein ihrer Worte geriet in erregte Hurtigkeit. »Sie gehen vermutlich nach Hause, Herr Lutz? Da haben wir gemeinsamen Weg.« »Ja, Fräulein!« Ambros war von einer seltsamen Zerstreutheit befallen. Dabei geriet er in so raschen Schritt, daß Baroneß Zieblingen, um an seiner Seite zu bleiben, den Luftwiderstand vermindern und den Sonnenschirm zuklappen mußte. Sie war fast außer Atem. »Verzeihen Sie, Fräulein! Ich bin wohl zu schnell gegangen? Der weite Spaziergang muß Sie auch ermüdet haben.« »Ach nein! Ich wäre noch weitergegangen und hätte das große Arbeitstreiben, dem Sie vorstehen, gern einmal gesehen. Aber es ist doch besser, daß ich nicht bis in die Waldschlucht hinaufgehen mußte.« »Sie haben wohl Angst vor den fremden Leuten? Wegen der Geschichte mit dem Nino Pallozzi?« »Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen?« Ambros erzählte. Die kleine Baroneß empfand die Wärme nicht, mit der er von dem ›armen Jungen‹ sprach; sie hörte aus seiner Erzählung nur heraus, was der Gendarm als ›Fakta‹ bezeichnet hatte, und stammelte mit erblaßtem Gesicht: »Ach Gott, wie entsetzlich!« »Entsetzlich? Nein. Der Zauber und die Roheit des Lebens haben sich da wieder einmal die Hände gereicht, um eine Tragikomödie zu erzeugen. Aber wie ist das möglich, daß Sie von einem Vorfall, der das ganze Tal in Aufregung brachte, kein Wort gehört haben?« »Ihre Hoheit und ich, wir leben abgeschlossen von jedem Verkehr. Nur die beiden hochwürdigen Herren erscheinen abwechselnd, um eine Messe in der Schloßkapelle zu lesen und das Frühstück mit Ihrer Hoheit zu nehmen. Da wird nur über kirchliche Dinge gesprochen. Und die Dienerschaft hat ihre Direktiven. Von solchen Vorfällen darf in Gegenwart Ihrer Hoheit nicht geredet werden.« »Warum denn nicht?« »Es wäre doch peinlich, Ihrer Hoheit die Kenntnis von häßlichen Dingen zu vermitteln.« »Ach so! Häßlich? Wie man es ansieht. Ich habe in der Tragödie des Nino Pallozzi auch etwas Schönes gesehen. Der arme Junge hat eine so reine Seele, daß sie auch der Frau Herzogin gefallen hätte. Gerade ihr. Aber wenn sie von dem, was Leben heißt, mit seinen Tränen und mit seinem Lachen, nie etwas erfahren darf, dann begreif' ich, daß sie von Beethoven nichts wissen durfte und bei Mozart nicht froh werden kann.« Er verstummte. Dann brach es aus ihm heraus: »Sie erbarmt mich. Ein so feinfühliges, aller Verehrung wertes Geschöpf! Wahrhaftig, Baroneß, ich verstehe Ihre opferfreudige Zärtlichkeit! Aber das ist ›entsetzlich‹, immer so außerhalb des Lebens leben zu müssen!« Leise sagte die kleine Zieblingen: »Das nimmt Ihrer Hoheit manche Freude. Aber es erspart ihr doch auch vieles, was sie traurig machen würde.« »Freilich, es gibt Wahrheiten, die quälend wirken. Daß man ihr die erspart, dafür bin ich auch.« Er lachte gezwungen. »Da hab' ich wohl selber einen Moosbacher gemacht? Weil ich die Geschichte des armen Jungen erzählte? Sie werden doch das Hofdamenschnäbelchen halten können? Nicht? Ich möchte ums Leben nicht die Ursache sein, daß die Frau Herzogin traurig wird.« Sie sah aus ihrer schiefen Kleinheit mit freundlichem Lächeln zu ihm auf. »Das ist sonderbar. Sie gebrauchen manchmal so fremdartige Redewendungen. Aber Dinge und Worte, die von einem anderen verletzen würden, verwandeln sich bei Ihnen in etwas Selbstverständliches und Gefälliges. Ich glaube, das kommt, weil Sie so ehrlich sind.« Nun konnte er offen und herzlich lachen. »Das sieht aus wie ein Kompliment. Ehrlich sein ist doch die Pflicht eines jeden Menschen.« »Die Menschen verstehen es nur leider selten, dieser Pflicht zu genügen.« Die kleine Zieblingen sah kummervoll auf den Fußpfad nieder. Ihr winziges Hungergesicht schien um Jahre zu altern. »Freilich, man kann nicht immer ehrlich sein. Ich bin es auch nicht immer. Ich darf es nicht sein. Meine Stellung hat Pflichten, auf diese Stellung bin ich angewiesen, und daß ich sie behalte, hängt nicht von dem gütigen Wohlwollen ab, das Hoheit mir erweisen.« Sie versuchte zu lächeln. »Bei diesem steten Zwang, an den man sich gebunden sieht, wirkt es wohltuend, einem Menschen zu begegnen, der so ehrlich ist wie Sie. Diesen Eindruck hatte nicht nur ich allein. Auch Hoheit haben es nicht im geringsten übel vermerkt –« »Was?« »Daß – verzeihen Sie, Herr Lutz – daß Sie im Verkehr mit Ihrer Hoheit von den üblichen Formen in so auffälliger Weise Abstand nahmen und Ihrer Hoheit die geziemende Anrede hartnäckig versagten.« Ambros lachte: »Ach, gehen Sie doch, Fräulein! Ein innerlich so vornehmes Geschöpf wie die Frau Herzogin achtet doch auf so was gar nicht. Drum sollten auch Sie mir keine Lektion in höfischen Umgangsformen erteilen. Es sieht fast so aus, als hätten Sie mich eigens zu diesem Zweck bei der Wildach abgefaßt?« »Nein, nein, Herr Lutz, gewiß nicht!« »Das wäre auch zwecklos. Hoheit, Ihre und Eure und immer das Zeitwort so ungrammatikalisch im Plural? Nein, Fräulein, so was kann ich nicht mitmachen. Deswegen hab' ich doch in mir das richtige Ehrfurchtsgefühl, das dieses auserlesene Menschenkind verdient. Und was die Frau Herzogin traurig machen könnte, wird sie von mir nicht hören, wenn ich am Sonntag wieder musizieren komme.« In Pein und Verlegenheit hatte die kleine Baroneß alle Farben gespielt. Nun glänzte ein froher Strahl in ihren Augen auf. Wie ein Backfisch, dem ein sehnsüchtiger Wunsch erfüllt wurde, zappelte sie ihre Freude heraus: »Sie kommen, Herr Lutz? Am Sonntag? Ja? Um die gleiche Stunde?« »Selbstverständlich! Ich habe auch schon nach München um Noten geschrieben. Natürlich das Allerbeste: Tartini, Beethoven, Mozart! Das Paket muß heute gekommen sein. Dann geben Sie mal acht, liebes Fräulein, wie das klingen wird!« »Herrlich! Und so dankbar bin ich Ihnen! Es quälte mich schon die Sorge, daß Sie neulich mit einem Anhauch von Verstimmung fortgegangen wären.« »Ich?« »Weil eine Abrede für weiterhin nicht getroffen wurde. Und weil Ihre Hoheit – wie soll ich sagen? – mit so impulsiver Hast den Empfang beendet haben.« »Das war doch gar nicht so. Ein tiefe, nach reiner Schönheit dürstende Menschenseele! So eminent musikalisch! Mit der Sehnsucht nach dem Besten. Unbefriedigt durch den Halbwert, den sie immer geigen mußte. Und da steht nach allem Weg durch Wüsten die Palme vor ihr. Das mußte doch in ihrer Seele einen von jenen heiligen Stürmen aufrühren, die nur wieder zur Ruhe kommen, wenn man mit sich allein ist. Die Frau Herzogin hat mir in den zwei schönen Stunden am Sonntag nie so gut gefallen wie in dem Augenblick, als sie aus dem Zimmer flüchtete, überwältigt von dem Großen und Neuen, das Beethoven ihr gegeben hatte.« Baroneß Zieblingen atmete auf. »Wie richtig Sie das gesehen haben! Hier hab' ich auch ein Mißverständnis nicht befürchtet. Doch heute früh erfuhr ich, daß Kesselschmitt – der Lakai, der Sie beim Tor erwartete – mit Ihnen noch gesprochen hätte. Kesselschmitt ist verpflichtet, sich an die Direktiven zu halten, die ihm gegeben wurden. Er pflegt da manchmal eine Form zu wählen, die nicht zu billigen ist. Und ich muß befürchten –« »Ohne Sorge, liebes Fräulein. Herr Kesselschmitt war sehr nett und höflich. Ich freue mich, diesen liebenswürdigen Hausgeist am Sonntag wiederzusehen.« »Gott sei Dank! Und da wär' es gar nicht nötig gewesen, daß ich dieses bedenkliche Wagnis –« Erschrocken verstummte die Baroneß. Ambros, dem eine Blutwelle über die Stirn jagte, fuhr auf. »Mir scheint, jetzt haben Sie was Ehrliches gesagt. Nur halb. Das müssen Sie ganz sagen! Haben Sie mich gesucht? Hat die Frau Herzogin Sie zu mir geschickt?« »Nein, nein, nein! Um Gottes willen!« stammelte die kleine Baroneß, während Schreck, Verlegenheit und Erregung ihren Körper krümmten. »Wie kann nur ein solcher Gedanke in Ihnen erwachen! Die Schuldige bin ich. Um Ihre Hoheit nicht einer unzulässigen Vermutung auszusetzen, muß ich Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich Ihnen bei der Wildach zu begegnen hoffte.« »Warum?« »Ach, Herr Lutz, Sie ahnen nicht, wie schwer das zu sagen ist!« Eine Weile gingen die beiden stumm nebeneinander her, dem Berghang der Sonnleite entgegen, deren steile Fichtenwälder wie mit Millionen von winzigen, blutroten Käfern behangen schienen. Mit suchenden Worten fing die kleine Hofdame zu lispeln an. »Ein Gewitter, ein gewaltsamer Aufruhr, dann die Ruhe, ein neues Blühen, ein Duft, der nicht zu schildern ist. In der Natur hab' ich das schon oft gesehen. An einem Menschenkinde hab' ich dieses Wunder des Sturmes, der sich in Frieden verwandelt, jetzt zum erstenmal erlebt.« »An der Frau Herzogin?« Sie nickte. »Nachdem Ihre Hoheit sich am Sonntag so hilflos zurückgezogen, hatte ich Schweres durchzumachen. Angst und Sorge krampften mir das Herz zusammen. Hoheit waren durch mehrere Jahre leidend. Die Ärzte sagen, daß Hoheit zu jung in die Ehe kamen. Dazu eine angeborene Sensibilität der Atmungsorgane. Aber seit dem heutigen Frühjahr hatte sich, Gott sei Dank, eine erfreuliche Kräftigung eingestellt. Da mußte ich in doppelte Sorge geraten, als Hoheit von dieser tiefgehenden Erschütterung befallen wurden. Nicht nur unter der Wirkung der herrlichen Musik allein. Es sprach da vieles aus einer traurigen Vergangenheit mit. Auch aus dem gegenwärtigen, nicht fröhlichen Leben Ihrer Hoheit.« Ambros riß die Knöpfe seiner Bluse auf. »Ich wußte mir fast nicht mehr zu helfen. Bis spät in die Nacht bin ich an ihrem – bin ich bei Ihrer Hoheit gesessen. Als sie ruhiger wurde, fing sie von dem Schönen zu sprechen an, das sie gehört hatte, und freute sich auf den Fleiß, mit dem sie üben wollte. Nun hätte sie erst eingesehen, wieviel reinen Wert sie dem Leben noch abgewinnen könnte. So plauderten Hoheit noch lange mit mir, fast dürfte man sagen: heiter. Dann sind Ihre Hoheit eingeschlafen. In meinen Armen.« Ein zärtliches Leuchten war in den nassen Augen des buckligen Mädchens. »Und am Morgen war das blühende Wunder da. Seit drei Jahren bin ich als Hofdame bei Ihrer Hoheit. So zufrieden, glücklich und gleichmäßig wie in diesen vier Tagen habe ich Hoheit noch nie gesehen. Immer wieder greift sie nach der Geige, um zu üben, so fleißig, daß ich mahnen muß, es wäre genug.« »Da sollten Sie nicht mahnen!« »Manchmal muß ich es doch wohl tun. Sogar von ihren täglichen Andachten sparen Hoheit die Zeit sich ab, um zu musizieren. Gestern sagten Hoheit zu mir: ›Dieses reine Klingen, ist das nicht wie ein schöneres Beten?‹ Um bei der Geige bleiben zu können, haben Hoheit auch die Spazierritte in Kesselschmitts Begleitung ausgesetzt – was mir willkommen ist, da ich niemals mitreite. Ich mache zu Pferde eine unglückliche Figur. Nun bin ich von früh bis abends um ihre Hoheit und gewahre an ihr diese Freude, die sogar auf die Kräftigung ihrer Gesundheit in günstiger Weise einzuwirken scheint. Das zu sehen macht mich unsagbar glücklich. Und weil es mein Wunsch wäre, es möchte Ihrer Hoheit das so lange wie möglich erhalten bleiben, drum hab' ich diesen Gang zu Ihnen gewagt – weil ich besorgt sein mußte, daß durch einen Übereifer Kesselschmitts ein Mißverständnis –« »Nein!« »Wie froh bin ich, daß meine Befürchtung grundlos war! Für Hoheit ist etwas heiterer Lebensgewinn um so nötiger, da ihr bisheriges Leben an Freude nicht reich gewesen ist.« »Herrgott, Fräulein!« brach es in Qual aus Ambros heraus. »Wozu ist man denn hochgeboren, wenn man da droben genauso leidet wie da unten?« »Ach, Herr Lutz! Das Leben ist immer das gleiche, in der Höhe wie in der Tiefe. Weil wir doch alle die gleichen Menschen sind. Und da droben, wie Sie das nennen, gestaltet sich das Leben zuweilen noch etwas härter, kälter, beschränkter und einsamer. Ich glaube, daß ich Ihnen da manches sagen muß, damit Sie im Verkehr mit Ihrer Hoheit die wünschenswerte Sicherheit besitzen, die jedes unvorsichtige Wort vermeidet. Was ich Ihnen sage, müßte ich natürlich als im strengsten Vertrauen –« »Es soll in mir verschlossen sein wie ein Stein in einem Berg.« Baroneß Zieblingen blickte zu Ambros auf und sah ihm dankbar in die Augen. Wie ein Kind seine scheue Beichte spricht, so zaghaft lispelte die kleine Hofdame: »Ihre Hoheit hatten sich keiner glücklichen Kindheit zu erfreuen. Mit dem Vater bestand vollkommene Harmonie. Aber dieses gute, sonst so schmiegsame Kind vermochte sich das Wohlwollen der Fürstinmutter nicht zu erkämpfen. Es kam zu chronischen Konflikten. Ich will keinen Vorwurf aussprechen. Hier standen sich wohl zwei so grundverschiedene Naturen gegenüber, daß jedes Verständnis ausgeschlossen war.« »Eine Mutter? Und kein Verständnis für ihr Kind? Das begreif' ich nicht.« »Es sind in uns Menschen viele Dunkelheiten, die man nie durchschaut. So etwas Verschleiertes muß an der Wiege Ihrer Hoheit gestanden haben. Das zarte Geschöpf hatte bis in die Mädchenjahre schwer darunter zu leiden. Dann wurde die Prinzessin, halb noch ein Kind, dem ersten gegeben, der sich als Bewerber meldete. Diese Braut wider Willen sagte ja – vielleicht, weil sie hoffte, nun aufatmen zu können, Freiheit und Leben zu finden. Die Meinung der Gesellschaft bezeichnete diese Verbindung, obwohl mit ihr eine Rangerhöhung verbunden war, als nicht sehr günstig – auch um der äußerlichen Verhältnisse willen, die der hohen Stellung des jungen Paares nicht entsprachen und manche Beschränkung notwendig machten.« Diese konventionell erscheinenden Phrasen glitten so leise hin wie Glasperlen an einer Schnur. Doch in der lispelnden Sprache war ein schmerzliches Zittern. »Seine Hoheit der Herzog waren darauf angewiesen, als Chef seines Reiterregiments in einer kleinen Provinzstadt zu garnisonieren. Und – ach, Herr Lutz, das alles ist so schwer zu sagen! Nach außen hin sah die junge Menage sehr friedlich aus. Es steht mir nicht zu, hier tiefer zu blicken. Dazu die öde Leere der kleinen Stadt, in der es an jeder geistigen Anregung mangelte. Seine Hoheit der Herzog entbehrten das nicht und genügten sich am Besitze seiner jungen, schönen Gemahlin. An Ihrer Hoheit der Herzogin waren die Spuren einer quälenden Ermüdung bald zu bemerken. Die raschen Mutterschaften erschütterten ihre zarte Gesundheit. Hoheit fühlten sich andauernd leidend. Das war wieder die Ursache, daß die Erziehung der Kinder von ihr genommen und nach den Direktiven der Fürstinmutter geleitet wurde.« Verschüchtert schwieg die kleine Baroneß und musterte scheu ihren Begleiter. »Das ist hart zu hören.« »Hier lag wohl auch die Ursache, daß sich in Hoheit ein inbrünstiges Verlangen nach religiösem Trost entwickelte, eine Frömmigkeit, die des Guten immer mehr tat, als der liebe Gott von uns Menschen wünschen mag.« »Der liebe Gott? Wenn er so lieb ist, kann er von den Menschen nichts anderes wünschen, als sie froh und glücklich zu sehen, rein und frei. Ein Mensch, der dem lieben Gott diesen Wunsch erfüllt, betet und lebt am frömmsten.« Diesen erregten Einwurf überhörte Baroneß Zieblingen. »Das entstand wohl auch, weil Hoheit jeden erfrischenden Verkehr entbehren mußten, ausgenommen den Umgang mit der Geistlichkeit, der einzige, den seine Hoheit der Herzog gerne sah. Wenn ein freundlicher Zufall Hilfe bringen wollte, baute das Mißtrauen eine scheidende Mauer. Sogar die Geige, als ungern gesehene Ablenkung, mußte im Kasten bleiben, oft Wochen und Monate. Seine Hoheit der Herzog waren in jedem Sinne sehr exklusiv und beschränkten auch hochselbst seinen Verkehr mit ermüdender Ausschließlichkeit auf die Person seiner zarten Gemahlin.« Ambros schien aus dieser Wendung etwas Marterndes herauszuhören. Der kleinen Baroneß, als sie seinem verstörten Blick begegnete, schlug eine brennende Röte über die Wangen. »Fräulein? Warum fällt Ihnen denn jetzt Ihr Wort nicht ein?« »Welches Wort?« »Entsetzlich!« Alle Glut des schmalen Runzelgesichtes verwandelte sich in Blässe. Schweigend gingen die beiden bis zu der Hecke, die das Haus der Wildacherin umzog. Die kleine Baroneß blieb stehen und lispelte: »Vielleicht hab' ich zuviel gesagt? Ich hoffe, Sie werden das nicht mißdeuten, werden es meiner Sorge um Ihre Hoheit in Anrechnung bringen.« Ein Atemzug, der wie stummes Schluchzen war, erschütterte ihre dürftige Brust. »Im Frühjahr, als die Ärzte zur dringend nötigen Erholung Ihrer Hoheit eine zeitweilige Trennung fordern mußten, setzte ich große Hoffnung auf diese friedliche, aller Qual entrückte Einsamkeit. Eine körperliche Kräftigung war auch erfreulicherweise zu gewahren. Doch dieses klaglos Müde wollte sich nicht lindern. Nun plötzlich das glückliche Wunder dieses heiteren Auflebens! Dieses Nachblühen ihrer zerstörten Jugend, diese dankbare Hingabe an eine wertvolle Freude! Um Ihrer Hoheit das zu erhalten, dafür nähme ich noch härtere Dinge auf mich als nur die Gewissensbisse über einen nicht sehr schicklichen Weg. Herr Lutz? Nicht wahr, Sie werden mir helfen? Wir wollen Ihrer Hoheit diese Freude rein behüten, so lange wie möglich. Bis zum Beginn der Jagdsaison. Das ist Mitte Juli. Dann wird es freilich ein Ende haben mit aller Musik. Aber bis dahin ist nutzbare Zeit. Da soll dieses Schöne sein Genesungswunder noch wirken dürfen. Ohne Störung! Nicht wahr, Sie helfen mir?« Ambros hatte die Hand der Baroneß ergriffen und konnte nicht sprechen. Die kleine Zieblingen lispelte glücklich: »Ich verstehe, wie Sie es meinen.« Da fand er die Sprache. »Sie müssen sehr gut von mir denken. Sonst hätten Sie mir das nicht sagen dürfen, nicht sagen können! Sie liebes, herzensgutes Mädel! Sie wissen gar nicht, wie treu und schön Sie sind! Und ob ich Ihnen helfen will? Ob Feiertag oder Woche, ob Morgen, Mittag oder Abend, zu jeder Stunde, in der ich Atem habe, steh' ich der Frau Herzogin zu Diensten mit dem bißchen, was ich kann und bin. Und kommen Sie nur gleich! Jetzt springen wir hinauf in meine Stube. Das Paket mit den Noten muß schon droben liegen. Da nehmen Sie die Geigenstimme gleich mit.« »Nein, nein, Herr Lutz! Ihre Hoheit dürfen doch um Himmels willen nicht ahnen, was ich getan habe.« »Da haben Sie wieder recht! Also gut! Ich finde schon was Unverfängliches. Adieu, liebes Fräulein!« Er warf sich durch die Hecke und sprang zum Haus hinüber. Beda, die in der Stube über die Handschuhmaschine gebeugt saß, hob den Kopf. »Was hat er denn heut?« Ehe sie hinter dem kläffenden Spitz zur Tür kam, war Ambros schon droben in seiner weißen Dachstube. Auf dem Tisch lag das Expreßpaket mit den Noten, und durch das offene Fenster fiel die Abendsonne drüber hin. Winzige Stäubchen tanzten schimmernd durch diese Lichtwege. Mit den Fäusten riß Ambros am Paket die Schnur entzwei. »Na also! Der schöne Sonntag!« Hastig griff er nach einem Briefbogen und begann zu schreiben: ›Verehrtes gnädiges Fräulein! Ich habe da einige Noten herausgesucht: Tartini, die Frühlingssonate von Beethoven und das liebenswürdigste unter den Violinkonzerten von Mozart. Vielleicht haben Sie die Gewogenheit, Ihrer Hoheit dieses Programm vorzuschlagen. Wenn nicht eine Absage eintrifft, werde ich mich am Sonntag gegen sechs Uhr Ihrer Hoheit als Klavierspieler zur Verfügung stellen. In Verehrung – Ambros Lutz.‹ Als er den Brief überflog, zog er die glühende Stirn in Falten. »Guck mal! Da hab' ich mir aus dem Direktivenlexikon des Herrn Kesselschmitt ein Wort geborgt! Es kommt für jedes schlechte Wort eine Stunde, in der es gut ist.« Er schloß den Brief, machte aus den Noten eine Rolle, sprang zur Tür und schrie über die Treppe hinunter: »Beda! Beda! Beda!« Das Mädel kam atemlos gerannt. »Was ist denn?« Er legte den Arm um ihre Schultern. »Bedle! Schatzkind! Du mußt mir einen Gefallen erweisen! Schau, die Rolle da, die mußt du gleich hinübertragen ins Schlößl! Da mußt du nach der Baroneß Zieblingen fragen. Du brauchst nur eine Empfehlung von mir zu sagen. Tust du mir den Gefallen?« Während Ambros das heraussprudelte, sah ihn die Beda mit großen Augen an. Dann sagte sie: »Meintwegen halt!« »Ich dank' dir schön! Adieu!« Auf der Treppe betrachtete das Mädel nachdenklich die Notenrolle. ›O heilige Mutter! So a bucklets Krisperl wird ihm doch um Himmels Christi willen net gfallen!‹ Während Beda in Gedanken diesen Monolog hielt, stand Ambros in der goldenen Sonnenwoge, die durch seine Stube flutete, und hielt den Kopf zwischen den zitternden Händen. »Was jetzt? – Richtig! Üben muß ich!« Er riß die Bluse herunter. Dann rauschte das Allegro der Frühlingssonate in den brennenden Nachmittag hinaus. Zweiter Band 1 Bedas weißer Spitz, dem der Weg bis zum Fürstenschlößchen zu weit gewesen war, machte im Sonnengold des Abends eine Wiesenpromenade und vergnügte sich am Mäusefang. Diese sportliche Betätigung mußte er immer wieder unterbrechen, um einem ahnungslosen Wanderer an die Waden zu fahren. In große Aufregung wurde Sully durch einen langen, grüblerisch hinschreitenden Menschen versetzt, dessen Angelrute er augenscheinlich für eine Peitsche hielt. Die Aufregung war eine gegenseitige. Es sah wahrhaftig so aus, als hätte das lange Mannsbild Angst vor dem kleinen Spitz; mit heißen Augen spähte Toni nach allen Seiten und verbarg sich hinter den Erlenstauden des Altwassers. Sully heulte vor Freude über diesen Sieg wie ein Löwe, wälzte sich in den Frühlingsblumen der Wiese, rannte gegen die Sonnleite hinüber und begann ein drolliges Spiel. Meterhohe Sprünge machend, suchte er eins von den purpurroten Dingern zu erhaschen, die er wohl für Schmetterlinge hielt. Es waren die Blütenzapfen eines Fichtenbaumes. Sully sprang und sprang. Als er solch ein rotes Wesen erwischte, begann er wütend die Ohren zu schlenkern, weil er den klebrigen Harzknäuel nicht mehr aus den Zähnen brachte. Er mußte die Pfoten zu Hilfe nehmen. Mißmutig trollte er auf die Straße zurück und geriet wieder in vergnügte Laune, als er den Hausgenossen kommen sah. Ambros achtete nicht viel auf die Wiedersehensfreude des weißen Spitzes, der auf der Straße neben ihm hertollte. Im Lahneggerhof fragte Ambros nach dem Toni. Der wäre zum Bach hinübergegangen, um für die Mutter eine Forelle zu fangen. »Schad'! Ich hätte den Toni so notwendig gebraucht für einen Weg zum Bürgermeister.« Und wie es der Lahneggerin ginge? Besser mit jedem Tage. »Gott sei Dank!« Als Ambros die Hofreut des Bürgermeisters erreichte, vernahm er wirren Stimmenlärm aus dem Hause. Ein Blick durch die Fenster zeigte ihm, daß die kleine Stube voll war von Menschen. Er dachte: ›Das trifft sich gut. Da ist gleich ein Dutzend beisammen, mit dem ich reden kann.‹ Der Lärm im Hause verstummte plötzlich. Und als Ambros ins Haus wollte, kam der Bürgermeister heraus. »Grüß Gott, Herr Inschenöhr! Möchten S' ebba zu mir?« »Ich hätte was zu reden. Wollen wir nicht hinein in die Stube?« Der Bauer mit den klugen Augen sagte ruhig: »Da können S' net eini. D' Ausschusser sind beinand.« »Das paßt mir. Ich möchte sprechen mit den Leuten.« »Tät's Ihnen net raten, Herr Inschenöhr! Dös mögen s' net, d' Ausschußmannder, wann s' einer bei der Amtspflicht irratiert. Kommen S'! Hint im Gartl reden S' Ihnen besser mit mir. Da hört uns keiner.« Die beiden betraten hinter dem Haus einen kleinen Garten. In der mit wildem Wein überwucherten Laube war eine muffige Luft. »Also? Mit was kann ich aufwarten?« Ambros begann zu sprechen, alle Sorge um sein Werk im Herzen und auf der Zunge. Der Bauer hörte aufmerksam zu und nickte. »Mit jedem Wörtl haben S' recht.« »Und wollen Sie mir helfen, die sinnlose Erregung unter den einheimischen Arbeitern zu beschwichtigen?« »Gleich red ich mit die Ausschußmannder.« »Gott sei gepriesen! Weil ich doch endlich einen finde, der Verstand hat!« Der Bürgermeister schmunzelte. »Soviel man braucht zum Lernen, hat man schon.« »Meinen Sie nicht, daß es gut wäre, wenn ich am Sonntag in der öffentlichen Gemeindeversammlung den Leuten vorstellen würde, was da für das ganze Tal auf dem Spiel steht?« »Herr Inschenöhr! Dös lassen S' gut sein! Machen S' kein' Krawall! In der Ruh geht alles leichter. Reden S' einschichtig mit die Leut, heut, morgen, und wie S' grad ein' erwischen. Der Einschichtige is allweil a Gschöpf Gottes mit Verstand und Herz. Aber is a Dutzend beinand, so macht a Schimmel elf Schecken. Im Haufen sind d' Menschen Viecher und Rösser.« »Das wäre eine traurige Wahrheit, wenn Sie recht hätten. Aber ich will Ihren Rat befolgen. Und Sie, Herr Bürgermeister? Wollen Sie mir beistehen?« »No ja! Probieren wir's halt! Vielleicht hilft's ebbes.« Der Bürgermeister trat aus der Laube. »Jetzt muß ich in d' Stuben eini. Sonst krawallen d' Ausschusser. Ich sag Ihnen, Herr Inschenöhr: Bürgermeister sein – a Stiefelwichser is a Fürst dagegen!« So schwatzte er weiter und ließ Ambros nicht mehr zu Wort kommen, bevor die Haustür nicht erreicht war. »No also, pfüe Gott für heut! An andersmal wieder, wann ich mit ebbes aufwarten kann.« Im Hausflur trat eine magere Frau auf ihn zu. »Sei gscheit!« flüsterte sie. »Laß dich in nix einihussen, was dir schaden kunnt!« »So? Hast wieder aussiglust zum Stallfenster?« Der Bürgermeister brauchte die Stimme nicht zu dämpfen; neben dem kreischenden Lärm, der in der Stube herrschte, konnte er ohne Sorge reden. »Der Herr Inschenöhr is einer, der's gut meint. Aber gradaus möcht er fahren. Und die andern ziehen hott und hist. Stell ich mich zwischen eini, so derdrucken s' mich.« Er trat in die Stube. Alle Mißgerüche des Dorfes waren in dem niederen Raum zu einer beklemmenden Atmosphäre vermengt. Dazu ein Lärm, der die Trommelfelle wie mit Hämmern erschütterte. Hinter einem mystischen Qualmschleier saßen die zwölf Wortführer der Gemeinde wie gepökelte Heringe um den Tisch herum. Trotz allem Spektakel schien die Beratung schon vorüber. Immer zweie, die Ellbogen an Ellbogen saßen, diskutierten von was anderem. »Also?« fragte der Bürgermeister. »Was habt's denn ausgredt mitanand?« »Daß die Gmeind an Protest ans Bezirksamt macht!« erwiderte der Jünglingsbauer vom Lahneggerhof mit einer Amtswürde, die was Kesselschmittisches hatte. »'s Bezirksamt muß anschaffen, daß die wällischen Katzelmacher übern Barackenzaun nimmer aussi därfen. Am Sonntag müssen s' den ansammlungsförmigen Kirchgang unterlassen. Der hat an aufreizerische Wirkung. Da kunnt's auf'm geweihten Kirchboden noch blutige Händel absetzen. Und wann kei' Ruh net wird, muß d' Regierung an andern Inschenier aufstellen. Der is schuld an allem! Wann d' Regierung net mag, muß unser Abgeordneter übern Minister einrucken und muß ihm d' Haar a bißl kampeln. Dös tät uns grad noch abgehn, daß unsereiner, der d' Steuern zahlen muß, allweil hintdran wär! Ah na! Jetzt machen wir an gesalzenen Protest ans Bezirksamt.« Der Bürgermeister nickte. »Probieren wir's halt! Vielleicht hilft's ebbes.« In der Sonne, die schon rote Glut bekam, stand Ambros mit dem Gefühl eines Mißerfolges auf der Straße und spähte nach Sully aus. Der hatte die Geduld verloren, war schon weit auf dem Heimweg und suchte mit gestreckter Nase gegen das Altwasser hin, um die Fährte seiner Herrin zu finden. Plötzlich fing er energisch zu bellen an. Er hatte zwischen den Erlenstauden seinen Feind entdeckt, den langen Menschen mit der Angelgerte, die Sully für eine Peitsche hielt. Just der Stelle gegenüber, an der die drei Kinder vor fünfzehn Jahren den großen Huchen fingen, saß der junge Sagenbacher zwischen den Büschen und angelte. Der Abend wollte wieder so rot und leuchtend werden wie damals. Und am Ufer kläffte der weiße Spitz. »Gspaßig, daß 's Hundl allweil allein is!« Toni legte die Angelrute ins Gras, schüttelte den Hut vom Kopf und sprach den aufbegehrenden Sully freundlich an: »Geh, du, komm her und sei gut!« Der weiße Spitz wich vor der Hand zurück, die sich ihm lockend entgegenstreckte. »So? Muß dös allweil so sein, daß man eins gern hat und daß ein 's ander net mag?« Toni beugte seine Stirn auf die verschränkten Arme. So saß er regungslos. Haben Hunde einen Sinn, um den Schmerz eines Menschen zu wittern? Ist stummer Schmerz ein Ding, das zu den Tieren redet? Der weiße Spitz stellte sein Kläffen ein, äugte den gebeugten Feind verwundert an und streckte windend die Schnauze. Der Himmel brannte. Warmer Rotschein leuchtete über die Wiesen hin. Das Altwasser war anzusehen wie ein Strom von Blut. Und von weit her klang das dumpfe Rauschen der Wildach wie die Stimme einer verhüllten Gefahr, die ferne ist, doch immer droht. Der weiße Sully ließ das kirschrote Zünglein lechzend über die scharfen Zähne hängen und betrachtete den stummen, mit roten Schimmerlinien gesäumten Menschen. Er schien zu denken: So kommen wir zwei nicht vorwärts miteinander! Drum tänzelte er forschend um den Toni herum. Der merkte das, hob das Gesicht, machte plötzlich einen flinken Griff, haschte den Spitz und drückte ihn herzend an die Brust. »Gelt, jetzt hab ich dich!« Der Hund wehrte sich mit rasendem Gezappel. »Sei doch gscheit und laß dich a bißl gern haben!« Sully hatte noch nie einen Menschen gebissen. Jetzt aber, weil er sich anders vor dieser mißverstandenen Zärtlichkeit nicht mehr zu retten wußte, schnappte er zu. Und tüchtig! »Sakra!« Der Gefangene war frei, begann ein schrillendes Gekläff, und über die leuchtenden Erlenbüsche klang eine Stimme: »Sully! Was is denn? Tut dir einer ebbes?« Denn Sully kläffte genauso, wie er es immer zu tun pflegte, wenn ihm der böse Nachbarsbub ein Holzscheit zwischen die Beine warf. »He! Sully! Herrrrein!« Das Zorngebell des Hundes wurde zu freudigem Gewinsel. Doch der Beda verging vor Schreck die Sprache, als sie zwischen den Erlenbüschen den Toni Sagenbacher stehen sah, der die linke Hand hinter dem Rücken versteckte. Erst schoß der Beda das Blut in die Wangen. Dann sagte sie feindselig: »Du? Was hast denn an dem unschuldigen Hund da verübt? Hast ebba wieder zustoßen müssen?« Toni konnte nur den Kopf schütteln. »Mußt ihm aber doch ebbes tan haben! Sonst tät 's Hundl net so aufbegehren.« Toni war noch immer sprachlos. Das reizte die Beda zu hartem Eigensinn. »So a Viecherl schlagen, dös sich net wehren kann!« »So?« stammelte Toni. »Gut kennst dich aus!« »Ja! Gut! Meinst ebba, ich merk's net, daß den Stecken hinterm Buckel versteckst?« Flink, wie ein Habicht den Kuckuck fängt, hatte Beda den Arm des Toni erwischt. Da wich ihr alle Farbe aus dem Gesicht, weil sie sah, daß dem Toni das Blut über die Finger rann. »Jesus, Maria! Tonele? Was is dir denn passiert?« »Grissen muß ich mich haben an der Angelruten.« »So halt doch stad a bißl! Und laß dir helfen!« Sie guckte genauer hin und sah die vier kleinen Male, aus denen die roten Fäden sickerten. »Du heilige Mutter! Hat dich mein Hundl bissen?« Jetzt konnte der Toni nicht mehr leugnen. Mit einem wunderlich irrenden Lächeln sagte er: »A bißl schöntun hätt ich ihm mögen, und dös hat er falsch verstanden, weißt!« Der weiße, vom Feuer des Abends rosig überschimmerte Spitz erlebte in diesem Augenblick die völlig neue Sache, daß die Beda wütend auf ihn werden konnte. »Malefizhund, miserabliger! Wie kannst mir denn mein' Buben beißen!« Sully wußte dieser unbegreiflichen Erfahrung gegenüber keinen anderen Rat, als den Schweif einzukneifen und davonzurennen. Aber noch ein anderer hatte da was Neues erlebt. Der Toni Sagenbacher. Fünfzehn graue Jahre hatten ihn betrogen. Nun hatte ihm eine rot brennende Minute die Wahrheit gesagt. Dieses Neue fiel über ihn her, daß er kein Wort herausbrachte. Er sah nur immer die Beda an. Stumm und willig ließ er alles geschehen, was sie tat. Sie hatte ihn zum Altwasser hingeschoben, zog ihn nieder ins Gras, riß das weiße Tüchelchen von ihrem Hals, wusch dem Toni das Blut von der Hand und preßte den feuchtkühlen Bausch auf die Bißwunde. Immer wieder sickerten unter dem Tuch die roten Fäden heraus. »Herr Jesus! Jesus! Gar net aufhören mag's!« Der Toni atmete tief. »Macht nix, Bedle! Weißt, ich bin so viel überblütig. 's kleinste Ritzerl, und 's Blut fahrt mir gleich aussi wie narret. Da kann dein Hundl nix dafür.« An diesen Worten war nichts Merkwürdiges. Dennoch schien der Beda ein Schauer durch das junge Leben zu rinnen. Dazu wusch und kühlte sie immer die gebissene Hand. Nach einer Weile sagte der Toni: »Wann sich der Sully amal so weit an mich gewöhnt hat, daß er lauft mit mir, nacher führ ich ihn auffi ins Wirtshaus und zahl ihm an Nierenbraten.« Das war eigentlich ein lustiges Wort. Doch es wirkte nicht heiter auf Beda. Sie hatte die Augen voll Tränen und mußte erst heimlich den nassen Schleier fortzwinkern, bevor sie die gebissene Hand wieder ansehen konnte. Als sie den kühlen Bausch vorsichtig lüftete, sah sie, daß das ungebärdig quellende ›Überblut‹ endlich gestillt war. »Gott sei Lob und Dank!« Hurtig wusch sie im Bach das rotfleckige Tüchl weiß, nahm es schmal zusammen, und während über den beiden der Himmel glühte, kniete die Beda vor den Toni hin und band ihm den feuchten Tuchstreif um die wunde Hand. Als sie den Knoten zuzog, fragte sie, ohne aufzublicken: »Gelt, a bißl fest hab ich's gmacht?« Er beugte den Kopf in dürstender Sehnsucht zu ihr hin: »Ja, Bedle, heut haben wir's fest gmacht!« Ganz gut verstand sie, wie das gemeint war. Dennoch fand sie den Ton einer geschäftsmäßigen Klugheit. »A bißl fest muß 's Tüchl allweil sitzen. Weißt, daß dir nix Unrechts net einikommt!« In Tonis Augen war ein glückliches Lachen. »Na, Bedle! Ebbes Unrechts kommt uns nimmer eini. Da kannst dich verlassen drauf!« Mit dem weißen Wickel um die braune Tatze faßte er Bedas Hand, die kalt vom Wasser war. »Jetzt hast mir's zweitemal gholfen. An so eim fuirigen Abend.« Beda zuckte. Das war noch immer in ihr, daß sie etwas Quälendes empfinden mußte, wenn sie an jenen glühenden Abend vor fünfzehn Jahren erinnert wurde. Dann sagte sie mit zerdrückter Stimme: »Net reden davon! Denken laßt sich alles leichter.« Sie sah über die leuchtenden Berge hin. »Es daucht mir, als wär der Abend heut viel schöner und fuiriger! Ob 's net d' Waldbluh ausmacht, daß die Berg gar so narrisch brennen?« Weil sie keine Antwort hörte, drehte sie das Gesicht. »Bub? Was hast denn?« Stumm, mit zitternden Händen griff er nach der Angelrute, warf die Schnur über das rote Wasser hinaus und bohrte die Gerte in den Rasen. Rasch sagte sie: »Heut müssen wir aushalten, bis wir ebbes Richtigs derwischen. An so eim Abend muß doch wieder einer beißen. Dei' Mutter muß ihren guten Fisch haben. Dös is d' Hauptsach jetzt!« Eine warme Zärtlichkeit war in ihrer Stimme. »Gelt, deiner Mutter geht's besser? Da denk ich deintwegen allweil dran, bei Tag und Nacht. Es muß ihr besser gehn!« Über den Toni fiel eine so schwere Erschütterung her, daß ihm die Zähne knirschten. »Ja! Recht hast, Bedle! Es muß ihr besser gehn! Es muß! Und es wär net's erstmals daß a Dokter an Esel is und daß alles anders kommt, als wie's so a Totenvogel profazeit. Es muß ihr besser gehn! Jetzt hab ich den Glauben drauf. Den hast mir geben, Bedle! Da kann's nimmer fehlen. Jetzt muß sich unser Herrgott derweisen, wann er gut sein will. Dös därf er net tun, daß er mir d' Mutter nimmt. Grad jetzt! Wo d' Mutter erst noch 's Beste derleben kunnt. Und so viel Freud anschauen! Und so viel Glück!« Als er den Arm um die Beda legen wollte, bog sich das Mädel erschrocken von ihm fort. Denn auf dem Wiesenpfad kam einer am Altwasser hergegangen, langsam, die Hände hinter dem Rücken, das Gesicht emporgehoben zum glühenden Himmel. Dabei bewegte er stumm die Lippen, als spräche die Seele in ihm. Der da gegangen kam, das war doch einer, dem die Beda und der Toni von Herzen gut waren. Aber in dieser roten Stunde guckten sie ihm so unfreundlich entgegen, als hätten sie ihn verwünschen mögen in das ferne Land, in dem der Pfeffer gedeiht. Ambros merkte nicht, wie ungelegen er kam. Als er die beiden am Ufer gewahrte, lachte die Freude in seinem Gesicht. »Wie nett! Genauso ein roter Abend wie damals! Und wir alle viere wieder schön beisammen!« Die Beda stammelte: »Was? Alle viere?« Sie blickte suchend umher und richtig, da kauerte der weiße Spitz hinter ihr in der Erlenstaude. Um sein schlechtes Gewissen zu dokumentieren, legte Sully sich auf den Rücken und säbelte mit den flinken Pfoten flehend in der Luft herum. Da mußte die Beda lachen. Und um bei Ambros kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, sagte sie: »Im Schlößl hab ich alles bsorgt. Und wie ich auf'm Heimweg daherkomm, hockt der Toni da mit der Angel.« Das bestätigte der Toni. »Ja, bloß a bißl fischen hat s' mir zugschaut.« Heimliches Glück macht auch die ehrlichsten Menschen zu Lügnern. »So? Da schau ich halt auch ein bisserl zu.« Ambros warf den Hut ins Gras, setzte sich dem Paar gegenüber, schlang die Arme um die Knie und guckte die beiden lachend an. Alle Mißlaune, die er aus dem Bürgermeisterhause davongetragen, war verschwunden. »Herrgott! Wie schön ist das heute wieder! Wenn die Natur so ihre großen Frühlingsfeuer anzündet, wird man als Mensch so klein und spürt doch in sich alles Ewige. Man möchte fliegen und hinausschwimmen ins Unendliche. Und möchte sich doch wieder festklammern an aller Schönheit der Erde, um sie nie zu verlassen.« Beda und Toni sahen einander lächelnd an. Sie verstanden nicht und verstanden doch. Die gleiche blühende Trunkenheit wie in dieser gläubigen Poetenseele flammte und fieberte auch in dem halb geborenen Glück der beiden anderen. »Ach, Kinder! Schaut doch nur da hinauf! Und überallhin! Ein rotes Wunder! Als wären die fünfzehn Jahre gar nicht gewesen! Wie es damals war, genauso ist es heute wieder. Noch schöner! Damals waren wir Kinder, die den Schönheitsrausch nicht verstanden, der ihnen wie Feuer in die kleinen Käferherzen gefallen war. Aber heut ist alles noch schöner, weil wir reife Menschen sind, reif zum Leben und zu allem Glück, und weil wir das Schöne doppelt schauen, mit den Augen und mit dem Herzen, mit allen wach gewordenen Sinnen des Leibes und der Seele. Guck nur, Tonele, da drüben, das ist die gleiche Stelle wie damals. Und wo wir sitzen, hier, da ist das kleine, gute Bedle für uns ins Wasser gesprungen.« Ein Wunder geschah. Die Beda wurde nicht bleich und wurde nicht zornig. Der Toni hatte heimlich ihre Hand gefaßt. Ambros lachte. »Bedle? Was meinst du? Würdest du das heute auch wieder tun?« Sie scherzte heiter: »Heut brauch ich nimmer ummischwimmen. Jetzt sind wir eh schon beinand.« »Da fehlte also nur noch der Fisch.« Nun lachte auch der Toni. »'s ander haben wir alles. Mit'm Fisch wird's auslassen. So an Endstrumm Huchen schwimmt net alle Tag umanand.« »Verruf's nicht, Tonele!« sagte Ambros. »Die schönen Dinge kommen immer wieder.« Nun schwiegen sie alle drei und spähten gläubig auf das in Farben gaukelnde Wasser hin. Das Rot der Wiesen wurde zu violettem Dunst, und vom Buchenwäldchen streckte sich schon ein schwarzer Schatten lang einher. Die blühenden Bergwälder hatten noch tiefen Rotschein, die hohen Zinnen noch helle Glut. Der Toni sagte leise: »Herrgott, dös is an Abend, daß man singen müßt! Aber für so an Abend ghöret ebbes Bsonders her. Da müßt ebba der Waldrauscher singen.« »Kinder!« Ambros blickte sinnend in das schattende Gras. »Ich will euch ein Lied sagen. Ein neues. Das ist mir vorhin eingefallen.« Er legte die verschlungenen Hände zwischen die Knie. Halb sprechend, halb singend begann er dieses Lied: »Es fiel ein Leuchten in die Welt, Ein feuerschönes Glänzen. Und sieh, der Wald, von Saft geschwellt, Will bräutlich sich bekränzen. Es liegt die blühende Natur In roten Traum versunken – Mein Herz, der Wald, die weite Flur Ist roter Schönheit trunken! Und dieser Rausch, so süß und tief, Macht alles Leben lachen, Und was im dunklen Brunnen schlief, Will hell zum Glück erwachen. Die Erde ward ein Freudensaal Voll roter Sonnenkerzen, Und überall ist Hochzeitsmahl Für alle reinen Herzen. Und mich und dich und Baum und Stein Berührt des Wunders Schwinge, Und: Ich bin dein, und du bist mein! So jubeln alle Dinge. Weil alles Leben Hochzeit hält Mit rosenroten Tänzen, Drum fiel vom Himmel in die Welt Dies feuerschöne Glänzen!« Als Ambros verstummte, hatte das Rot der Wälder sich gedämpft. Über die Wiesen begann eine dunstige Dämmerung hinzuschleichen, und nur die leise schaukelnden Wellen des Altwassers hatten noch farbigen Schein, weil sie die Glut des westlichen Himmels spiegelten. Der Beda glänzten die Augen; sie glaubte das neue Lied verstanden zu haben, weil ihr zwei Worte verständlich waren, das Wort Hochzeit, die gehalten wird, und das Jubelwort der blühenden Dinge: Ich bin dein, und du bist mein! Doch Toni schien sich mit schweren Gedanken zu plagen und sagte schwül: »Brosle, dös Lied mußt mir aufschreiben! Wann ich's öfter lesen kann, mein' ich doch, ich kunnt mir's langsam ausdeutschen.« Ambros wollte lachen. Da sprang die Beda mit grillendem Schrei vom Grasboden auf. »Jesus! Tonele! Der große Fisch hat bissen!« Den Toni riß es herum. Und wirklich, die Federspule der Angelschnur verschwand immer wieder im purpurnen Wasser. Heiße Erregung befiel die drei jungen Menschen, und Sully schlug einen Spektakel auf, als wäre er der gleiche weiße Spitz, der bei dem großen Fischzuge vor fünfzehn Jahren mitgewirkt hatte. Ambros schrie fast die gleichen Worte wie damals. Der Toni, sich vom Boden aufschnellend, griff nach der Angelrute, und die Beda sprang zu ihm hin und wollte helfen. Ehe das Mädel noch die Hände strecken konnte, hatte Toni schon einen kraftvollen Ruck mit der Gerte gemacht. Ein fingerlanges Forellchen flog in hohem Bogen durch die Luft, war von der Angel ledig, blitzte schön im letzten Glanz des Abends, fiel zurück in die violette Flut und war verschwunden. Erst standen die drei wie vor den Kopf geschlagen. Dann brachen sie in heiteres Lachen aus und lachten immerzu, bis der Toni bekümmert sagte: »Jetzt is d' Mutter z' kurz kommen.« Da konnten auch die beiden anderen nicht mehr lachen. In dieser Stille hörte man beim Wildacherhaus eine weibliche Stimme immer wieder einen Namen schreien. »Mar' und Joseph!« stammelte Beda. »D' Ahnl hat Angst um mich. Da muß ich heim.« »Und ich muß auch nach Hause!« fiel Ambros ein. »Und muß noch üben ein paar Stunden. Gute Nacht, Tonele! Heut hat's fehlgeschlagen.« Toni sah zur Beda hinüber. »Net ganz.« »Mußt halt morgen dein Glück wieder versuchen.« »Kunnt sein, daß ich's heut noch a bißl probier.« Der Beda fuhr es heiß über die Wangen. »Du«, sagte Ambros, »zu reden hätt' ich auch was, wegen meiner Arbeit.« »Mach ich halt morgen in der Fruh an Sprung zur Notburg auffi.« »Ja, Tonele! Ich dank' dir! Und gute Nacht!« »Gut Nacht, Brosle!« Als Ambros den Heimweg antrat, zögerte die Beda. Dann wandte sie sich wortlos ab und ging. Unter leisem Lachen haschte Toni den weißen Schürzenbändel. Die Schleife löste sich, und die Schürze wurde hurtig in den Schatten der Erlenstaude hereingeangelt. Die Beda merkte wohl gleich, daß ihr was fehlte. Doch ruhig ging sie neben Ambros her, dem die Geschichte des mißglückten Fischfanges heitere Worte gab. »Weißt du, Bedle, ich hätte mich rasend gefreut, wenn der Tonele heut an diesem neuen roten Abend wieder einen so schönen Fang gemacht hätte.« Beda schien zu erschrecken. »Jesses! Mein' Schurz hab ich verloren. Den laß ich net hint. D' Ahnl tät mich grausam schimpfen.« Da fing sie schon zu rennen an, und der Spitz machte kläffend seine Sprünge neben ihr her. Als Beda um die dunkle Erlenstaude herumsurrte, stand schon einer auf der Lauer, umfing sie mit starken Armen, preßte sie an seine Brust und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Das sah wie Grobheit aus. Wenigstens schien der treue Sully die Sache so zu verstehen. Mit dem schrillenden Gebell, das er anschlug, wollte er seiner Herrin augenscheinlich sagen: ›Gelt, ich hab' es geahnt, daß dir was Ähnliches passieren würde wie mir!‹ Dann sprang er dem groben Feind so tapfer gegen die Waden, daß Toni aus seinem zärtlichen Rausch erwachte. Unter glücklichem Gekicher haschte Beda ihre weiße Schürze aus dem dunklen Gras. »Gut Nacht, lieber Bub!« Sie sprang davon. Sully triumphierte über diesen Sieg. Und Toni lachte: »Jetzt kann ich der Mutter doch ebbes heimbringen! Und ebbes Besseres als an kalten Fisch!« Alle Wiesen lagen schon von grauen Schleiern übergossen, aus dem matt leuchtenden Altwasser begannen die Nebel aufzudampfen, und der blühende Bergwald wurde schwarz. Nur die Große Not war noch umglutet von einem letzten Gruß der verschwundenen Sonne und ragte wie ein riesenhafter Blutkristall in die grünlich getönten Lüfte. 2 An diesem Abend wurde der Lahneggerin in ihrem Bett das Warten lang. Immer wieder hauchte sie in die Finsternis der Kammer: »Jesus, wo bleibt er denn heut?« Endlich hörte sie ihn kommen. Sie merkte gleich an seinem Schritt, daß irgend etwas geschehen wäre. »Tonele?« rief sie in Angst. Der frohe Klang seiner Stimme erlöste sie von aller Sorge. »Mutter, heut bring ich ebbes!« Schwarz trat die lange Gestalt in die dunkle Kammer. »Hast an großen derwischt?« »Gar so groß wird er net sein!« Der Toni lachte. »So der richtige Mittelschlag. Und warms Blut hat er.« »Der Fisch?« »Na, Mutter! Mein Schatz.« »Mar' und Joseph!« War das Freude, oder war es Schreck? Da umklammerte der Toni schon die kranke Frau und preßte sein heißes Gesicht an ihre kalte Wange. »Jesus, Tonele, hast mir net ebba da an unfürsichtigen Streich gmacht?« »Kei' Sorg net, Mutter! Dös Endstrumm Fisch vor fufzehn Jahr, dös is a nixigs Schwanzl gegen mein' heutigen Fang.« Jetzt atmete die Lahneggerin auf. »Was wär's denn für eine?« »Die Wildacherbeda.« »Bub! Tonele! Mensch!« In der matten Stimme der kranken Frau erwachte die Kraft der Freude. »Die Allerbeste hast dir genommen! Jetzt is mir alles recht.« Sie erschrak. »Herr Jesus! Stader müssen wir reden, daß uns keiner net hört. Der Krispi tät dir neidisch sein. Und alles mußt festmachen, eh's der Krispi derfährt.« Zu dieser Sorge lachte der Toni. Die Hände der Mutter festhaltend, setzte er sich auf die Bettkante. Die Lahneggerin schwieg ein Weilchen, ehe sie wieder zu flüstern begann: »Haben tut's Madl freilich nix. Und du hast net viel. Aber so a Manko laßt sich allweil ausgwichten, wann die zwei richtigen Leut beinand sind. Und wann 's rechtschaffene Glück a bißl mithilft.« »Dös hilft mit, Mutter! Aber in d' Luft eini kann der Mensch net heireten. Drum hab ich mir gleich ebbes aussinniert. Der Bachbruckerhof in Unterach wird aufn Herbst verkauft. Soll a saubers Anwesen sein. Um neunzehntausend Mark, sagen d' Leut, kunnt man's haben. Vierazwanzghundert Mark krieg ich von daheim aussi, a bißl ebbes hab ich mir selber erspart, da kunnt ich viertausend Mark anzahlen. Zehntausend Mark tät ich Bankgeld kriegen, und fünftausend müßt ich auf'm Anwesen stehnlassen als zweite Hypothek. Daß ich net durchkomme da hab ich kein Angst net. Die Beda kriegen, dös macht an Doppelten aus mir. Und wann wieder gsund bist, Mutter, im Herbst, da halten wir Hochzet, gelt? Und da ziehst zum Bedle und zu mir.« »Tonele!« Ganz erloschen klang die Stimme der Kranken. »Ich? Und umziehen? So ebbes wird sich wohl nimmer machen lassen. Mein Herz geht allweil mit enk, so oder so. Aber in der Heimat, wo ich gheiret hab und hab meine Kinder kriegt – zwei hab ich aufzogen, zwei hab ich eingraben – und wo ich mich plagt hab und gschunden, da muß ich bleiben bis zur letzten Arbeit, dös von aller Plag die kleinste is. Und wann ich weiß, du hast dein Glück, so is mir alles recht. Du findst dir leicht a Heimatl, an dös dich wieder anhängst. D' Jugend im Glück geht allweil eini ins Leben. Aber 's Alte vertragt kein' Umzug nimmer. Und ich tät mich vor der Sünd fürchten, daß ich dir zum Anfang gleich so an Lastbinkel aufhalsen möcht, wie ich einer bin.« »No also! Jetzt kommt 's richtige Sorgenhakerl aussi. Ich laß dich beim Krispi net allein. Und fertig!« Die Lahneggerin seufzte. »Bub! Gleich soviel Schulden aufs Haus auffi! Den Angstschweiß treibt's mir aussi, wann ich dran denk.« »Na, Mutter! Wann der Boden gut is, ruck ich mich bald in d' Höh. Am Samstag auf'n Abend marschier ich abi nach Unterach. Am Sonntag schau ich mir 's Anwesen richtig an. Und mit der Beda red ich nix, eh ich net gwissenhaft sagen kann: jetzt haben wir's!« »Kannst dir doch auch bis zum Herbst noch ebbes verdienen. Ob der Brosle net ebbes haben tät für dich?« »Ja, Mutter, da kunnt ich allweil bis zum Herbst noch fünfhundert Mark füranand bringen. Wär gleich wieder um a halbs Tausend weniger.« »Elftausendfünfhundert bleiben's nacher allweil noch.« »Vierzehntausendfünfhundert!« korrigierte der Toni. »Bloß, daß wir net falsch rechnen.« Die Lahneggerin wiederholte hartnäckig: »Elftausendfünfhundert!« Sie umschlang in der Finsternis ihren Buben. »Jetzt sag ich dir's, Tonele! Dreitausend und vierzehn Mark hab ich heimlich auf der Sparkass' in der Stadt. Und dir ghört alles, Tonele! Alles!« Eine neue Staffel zu ruhigem Glück! Toni atmete auf. »Vergelt's Gott, Mutter! Aber da därf ich bloß auf d' Halbscheid Anspruch machen. Was Erbteil heißt, geht nach 'm Gsetz. Die andere Halbscheid muß der Krispi haben.« »Na! Na! Na! Und na!« Die Lahneggerin zitterte vor Erregung. »Was ich mir gspart hab, dös ghört dir! Dös hast dir verdient. Der Eiergewinn und 's Hennengeld ghört allweil der Bäurin allein. Da hab ich's in zweiazwanzg Jahr verspart davon. Und am selbigen Tag hab ich angfangt, wie dich der Krispi gschlagen hat – und wie ich gsagt hab, du sollst zum Pfarr auffi und sollst dich beschweren, und wie mir gsagt hast: Mutter, lieber bleib ich bei dir und hilf dir im Garten! Selbigsmal am Abend hab ich 's erste Markl für dich auf d' Seiten gschoben. Und jedsmal hab ich a Markl einiglegt, sooft zu deiner Mutter gut und freundlich warst. D' Schuldigkeit, wie der Sohn zur Mutter sein muß, hab ich net grechnet. Allweil bloß, was übern Maßstrich aussigangen is.« Sie klammerte die mageren Arme um den Hals des Sohnes. »Vergelt's Gott, Tonele! Dreitausend- und vierzehnmal bist übers Maß aussi gut zu deiner Mutter gwesen. 's Leben is hart. Du hast mir's leichter gmacht.« »Geh, Mutter!« Dem Toni wollte die Stimme nicht parieren. »A bißl viel reden tust mir heut. Dös kunnt dir ebba schaden.« »Wieder a Markl, Tonele!« Die Lahneggerin ließ sich in die Kissen zurücksinken und lachte ein bißchen. »Und schau, die dreihundert Markln hast auch noch! Hast es doch gut aufghoben?« »Was für dreihundert Mark?« »Hast ebba gar net zählt, was im Strumpf drin gwesen is?« »Geh du!« Der Toni lachte. »Meinst denn, daß ich dir's Letzte aus'm Strohsack aussilupf? Bloß daß d' an Fried gibst, hab ich mich so gstellt. Den Strumpf hast noch allweil.« Die Lahneggerin wußte, daß sie ihn nicht mehr hatte. Aus ihrer Erinnerung schoß das Bild herauf, wie lustig der Krispin damals aufbettete. Die Wahrheit zuckte ihr wie ein Blitzschein durch den erschrockenen Verstand. Sie wollte stammeln: »Jesus, Maria!« Der Laut erlosch in ihrer Kehle. Bei der Finsternis merkte der Toni nichts von dem Schreck, der die Lahneggerin befallen hatte. Er fühlte nur, wie kalt die Hände der Mutter wurden. »Komm, laß dich a bißl besser zudecken!« Dann sprach er davon, wie er im Bachbruckerhof die Wirtschaft anzupacken gedächte. »Vier gsunde Fäust, dö aus'm gleichen Herzblut aussiwachsen! Dö ziehen fester wie sechs unterlandrische Rösser. Geh, laß d' Freud a bißl aufkommen in dir! Von der Beda hast doch selber gmeint, sie wär die Allerbeste. Schau, und soviel Glück und Sunn hab ich in mir! Tust dich net a bißl freuen drüber?« »Ja, Tonele!« Er stutzte über den matten Klang dieses Wortes. »Gelt, ich hab dich müd gredt? Wann einer 's wache Glück in ihm hat, so fallt ihm net ein, daß an anders schlafen muß. Jetzt sollst dei' Ruh haben, weißt! Aber morgen, gelt, Mutter, da lachst mich an?« »Ja, Tonele!« »Gut Nacht!« Er ging auf den Fußspitzen aus der Stube, als schliefe die Lahneggerin schon. Kaum hatte Toni die Tür ins Schloß gezogen, da hob sich die Kranke aus den Kissen und krallte die mageren Fäuste in den Schoß, als wäre ihr mütterlicher Leib ein Schuldiger, den sie erwürgen müßte. »An Spitzbuben hast tragen!« Sie fiel zurück. Das begriff sie gleich, daß sie schweigen mußte. Sie kannte die schlaue Vorsicht des Krispin. Der würde den Rechtschaffenen auftrumpfen, eine Anzeige machen und die Koffer der Dienstboten durchsuchen lassen – auch den Koffer des Toni. Bleiche Helle glitt über die kleinen Fenster hin. Der Mond war gekommen und malte silberne Vierecke auf die getünchte Mauer. Erst gegen die Morgenfrühe fiel über die heißgebrannten Augen der Lahneggerin ein dumpfer Schlaf. Dieses festen Schlummers freute sich der Toni, als er das Gesicht zur Kammertür hineinstreckte. Weil er die Mutter in so guter Ruh' fand, verließ er leichteren Herzens das Haus. Ein Morgen war's, als hätte die Natur allem Leben sagen wollen: Ich will dir zeigen, wie reich und groß ich bin! Im Tal und auf den Bergen war ein Gewoge von Glanz und blauem Duft. An den steilen Fichtenwäldern der Sonnleite hatte sich über Nacht das Rot der Blüte so verstärkt, daß alles Gezack der Wipfel wie mit purpurnen Schleiern umwoben schien. Und die frische Luft des Morgens war angefüllt vom Wohlgeruch dieser trunkenen Blütenfreude des Waldes. Toni sah das alles nicht. Seine Gedanken waren bei der Beda, und während des ganzen Weges bis zur Notburg addierte er Grundsteuern, Versicherungsquoten, Dienstbotenlöhne und Hypothekenzinsen. Diese Ziffern machten ihm das Herz nicht schwer. Als er sich in dem rumorenden Arbeitslärm, der die Wildachschlucht erfüllte, mit dem Freunde zusammenfand, streckte ihm Ambros staunend die Hände hin: »Tonele? Hast du das große Los gewonnen? Du schaust ja drein wie die menschgewordene Freude!« »Nacher muß ich dreinschauen wie du!« sagte der Toni schmunzelnd. Weil er herumguckte, um Arbeit zu sehen, sah er auch den Blutrausch der Fichtenblüte. »Jesses! Schau nur den Wald an! Der hat Weihnächten in der Pfingstzeit. Gfallen tut er mir. Aber derbarmen tut er mich auch.« »Erbarmen?« »An so einer Überbluh wie heuer wird er viel Jahr lang leiden müssen. Die beste Kraft blast er in d' Luft aussi und bleibt im Wachstum zruck. Da is der Wald net anders wie der Mensch. Gut anschlagen tut eim bloß allweil 's richtige Maß. D' Freud is 's Allerschönste im Leben. Aber d' Überfreud geht allweil auf an Elend zu. Mensch, da mußt fürsichtig sein und dein' Kopf beinand halten!« Ambros war seltsam ernst geworden. »Das mag wahr sein. Aber was man in solcher Überfreude fühlt und gewinnt, ist Reichtum, der sich nicht sagen läßt. Und man besaß ihn. Mag dann das Leben wieder arm und kalt werden!« Er atmete auf. »Komm! Ich habe mit dir zu reden. Vielleicht kannst du mir helfen.« Sie sprachen, während sie an der rauschenden Wildach von einer Arbeitsstätte zur anderen gingen. Weil Tonis Wunsch der Sorge des Freundes entgegenkam, wurden sie rasch miteinander einig. Zu Beginn der nächsten Woche sollte der Sagenbacher als Rottmeister in Dienst treten, um die Oberaufsicht über die hundert einheimischen Arbeiter zu führen. »Wenn einer die Leute zu Vernunft und Ruhe bringt, dann bist du es, Tonele!« »Versprechen kann ich dir nix. Haben d' Leut an Span im Verstand, da sind s' wie Ochsen, wann's brennt: Lieber eini ins Fuier als der Hand folgen, dö den richtigen Weg zeigt. Ich mein', es wär gut, wann ich mich heut schon a bißl umschau und mit die Leut diskrier.« »Ja, Tonele, tu das! Ich muß jetzt wieder hinunter zur Notburg. Da wird um neun Uhr Feuer an eine große Mine gelegt. Ich will dabeisein, wenn die Felsmauer fällt.« Ambros sah nach der Uhr. »Da muß ich mich tummeln, wenn ich noch zurechtkommen will. Es ist die letzte Sprengung. Heut und morgen wird der Schutt fortgeräumt. Am Montag kann mit dem Bau der Talsperre begonnen werden.« Er lachte froh. »Die schönen Tage haben die Arbeit genauso vorwärtsgebracht wie den Wald in seiner Blüte. Jetzt hab' ich auch dich noch, da kann's nimmer fehlen.« Der Toni sah dem Freund in die Augen, als wäre da etwas zu schauen, was man im Leben nicht alle Tage sieht. »Mensch, dös is was Schöns, in Freud an ebbes glauben! Mich, Brosle, hast mit Leib und Seel!« »Ich danke dir!« Ambros wollte Tonis Hand fassen und gewahrte den Verband. »Was hast du denn da?« »Ah, nix, bloß a Ritzerl, so a kleins! Aber ich laß dös linde Tüchl gern um d' Hand ummi.« Ein Lächeln. »Daß mir nix Unrechts nimmer eini kommt.« Nun war es Ambros, der in den Augen des Freundes leuchten sah, was im Leben nicht alle Tage glänzte. »Du, Tonele?« »Heut mußt net fragen! Kunnt sein, daß ich dir am Montag ebbes verraten därf.« »Das muß ein Glück sein! Ein großes!« »Wie größer a Glück, um so fürsichtiger muß man's anfassen.« Der lange Sagenbacher ging davon. Ambros sah ihm nach und preßte die Fäuste auf die Brust. Wie merkwürdig das ist, daß man das Glück eines andern so heiß empfinden kann, als trüge man's im eigenen Leben. Dieses Frohe blieb in ihm, während er durch die Waldschlucht hinuntereilte, entlang der reißenden Wildach, vorüber an der weiten Rodung, die ein See werden sollte, und gegen die Notburg hin. Dort begannen sich schon die Arbeiter zu sammeln, um die Sprengstelle zu verlassen, ein Zeichen, daß an der Mine die Zündschnüre bereits gelegt waren. Ambros suchte nach einem Platz, von dem er das Bild der aufgehenden Mine frei überschauen könnte. Die beste Stelle war da drüben auf dem Gehäng des blühenden Waldes, aus dem die Serpentinen eines Reitweges herausleuchteten. Er schritt herüber zu den hellen Wegschlingen, und da erwachte in ihm die Erinnerung an jene abenteuerliche Waldreise, die er an einem Frühlingstag seiner Kinderzeit mit dem Tonele unternommen hatte. Er sah die gelbe, ungeheuerliche Schlange. Trotz des Rauschens der Wildach meinte er wieder jene scharfen, taktmäßigen Klänge zu vernehmen, die sich anhörten wie Hammerschläge auf hartem Gestein. Nun zeigte ihm die Erinnerung sogar den goldroten Schimmer, den seine Knabenphantasie gedeutet hatte als den gekrönten Schlangenkopf des kriechenden Wunderwesens. Und wieder war dieser ruhelos bewegte Goldglanz keine Schlangenkrone, sondern ein von der Sonne beschienenes Pferd, das auf seinem Sattel eine mädchenhafte Reiterin in muschelgrauem Kleide wiegte. Ein Schreck fiel über ihn her, der ihm das Herz zerdrückte. Ein keuchender Laut, er streckte die Arme gegen die Notburg hin und sah eine Schar von hundert Menschen gleich einer buntfarbenen Woge herfluten gegen den Waldsaum. Mit einer Stimme, wie noch niemand sie an ihm gehört hatte, schrie er: »Warten! Warten! Nicht Feuer legen!« Keiner von den springenden Menschen verstand ihn. Doch ein junger Arbeiter rief ihm warnend zu: » Attenzione, padron! Bruciano i fili! « Und andere von den Leuten, während sie den Bäumen zusprangen, wiesen schreiend gegen den Waldsaum; auch sie begriffen das: Ein Pferd mit einer Reiterin, und die donnernde Entladung einer Mine, das Gerassel des fallenden Gesteins, der wirbelnde Flug der Staubmassen – das war eine Gefahr, eine Lebensgefahr! Ambros sprang vor den lärmenden Männern her, alle Kraft seiner Jugend erschöpfend, um den Waldsaum noch vor dem Minenschusse zu erreichen. »Zurück! Und Ruhe!« schrie er den Arbeitern zu. Und rief gegen die Bäume hin: »Frau Herzogin! Aus dem Sattel! Eine Mine geht auf! Das Feuer zündet schon –« Was er weiter noch schreien wollte, erstickte in seinem Schreck. Es fuhr ein Stoß durch die Erde. Dann ein Gedonner, als bräche ein Berg in das Tal herunter. Ambros hatte den Reitweg erreicht. Wie durch einen blutroten Nebel sah er das steigende Pferd, das mit den Hufen ins Leere schlug, sah die wankende Reiterin, bleich, den Sprung aus dem Sattel versuchend, sah einen rasenden Gaul und einen taumelnden Menschen. Unter dem Dröhnen und Gerassel der fallenden Felsen erloschen alle Stimmen, erloschen auch die Worte, die Ambros schrie, als er mit ausgestreckten Armen hineinsprang in dieses Wirre. Er wußte nicht, was er tat. Alles geschah, wie die Dinge in jagenden Träumen geschehen. Als er halb erwachte, hielt er das junge Weib umklammert, das er vor dem tödlichen Sturz bewahrt hatte. Rings um die beiden war alles leer – oder Ambros sah es nur so. Und nach einem Schrei seiner Freude stammelte er: »Der Schutt wird fallen! Schnell, Frau Herzogin! Dorthin! Unter den dicken Baum!« Er führte sie nicht, er trug sie, während er atemlos taumelte. Und als die beiden unter dem dichten, rot glühenden Gezweig der alten Fichte waren, ging ein gelbgrauer Regen von Schutt und Staub aus den Lüften nieder. Dann wieder Glanz und schöner Morgen. Nur viele der blühenden Bäume standen wie von trüben Schleiern umhangen. Und Ambros sagte: »Frau Herzogin, alles ist gut!« Sie gab keine Antwort; ihre Hände zitterten, als sie das Reitkleid schürzte und unter den Zweigen hervortrat, die Ambros mit dem Arm in die Höhe drückte. Nun gewahrten die beiden erst, daß viele Männer umherstanden, die wirr durcheinander schrien und lachten und die Hüte zogen. Hinter diesen Leuten, im Licht- und Schattengewebe des steigenden Berghanges stand der Waldrauscher grau wie eine Steinsäule an den Stamm einer mit Staub berieselten Fichte gelehnt. Weder Ambros sah ihn noch die Herzogin, obwohl sie suchend umherblickte. Beklommen sagte sie: »Ich bin in Sorge um Kesselschmitt.« »Kesselschmitt?« Ambros mußte erst in seiner Erinnerung suchen. »War dieser Kesselschmitt bei Ihnen, Frau Herzogin?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fragte er die Arbeiter, ob sie nicht einen Reiter gesehen hätten, nicht wüßten, was mit ihm geschehen wäre? Zwanzig Stimmen erwiderten lachend, dieser Reiter hätte einen capitombolo gemacht, wäre aber gleich wieder im Sattel gesessen und dem anderen scheu gewordenen Pferde nachgeritten. Ob sie ihn suchen sollten? Er nickte. Und die jungen Italiener begannen ein flinkes Wettrennen. »Ich will suchen helfen!« stammelte Ambros. »Bitte zu bleiben!« Das schmale Gesicht unter dem Schatten des Herrenhutes war noch blaß. »Sie dürfen nicht gehen. Fühlen Sie nicht, wie heftig Sie zittern?« »Ich?« Die Stimme versagte ihm. Er mußte nach einer Stütze greifen. »Herr Lutz!« Aus dieser Frage klang es wie heiße Sorge. »Sie sind verletzt?« Ambros schüttelte den Kopf und mußte die Augen schließen. Erschrocken trat die Herzogin auf ihn zu – er atmete schon wieder auf –, und da neigte sich das junge Weib in scheuer Freude zu ihm hin, legte die Hand auf seinen Arm und sagte leise: »Um meinetwillen!« Dieses geflüsterte Wort schien Ambros nicht zu hören. »Verzeihen Sie, Frau Herzogin! Der Mensch ist wirklich ein armseliges Ding. Da steh' ich Tag für Tag bei der Arbeit, die viel von mir verlangt. Und so ein bißchen Schreck wirft mich um, als hätte ich einen Stoß ins Leben bekommen.« Nun konnte er lachen. Die Herzogin schwieg. Zarte Farbe stieg ihr in die blassen Wangen, so purpurschön, wie rings um die beiden her die Blüten des liebenden, von seinem Frühlingsglück berauschten Waldes keimten. Ambros betrachtete die schlanke Frau mit glänzenden Augen. »Wie froh bin ich! Aber hat denn Herr Kesselschmitt die Warnungstafel nicht gesehen, die wir draußen vor der Notburg immer quer über die Straße stellen, bevor man die Sprengschüsse losläßt?« »Wir kamen nicht von der Wildach, sondern von den Wiesen her.« »Von da draußen? Wo der alte Pfahl steht? Mit der Inschrift: Verbotener Weg?« Ambros lachte. »Allerdings, für Sie, Frau Herzogin, ist dieser Weg kein verbotener. Der Wildmeister wird doch Sie nicht bestrafen wollen!« Ein verlorenes Sinnen war in den Augen der Herzogin. »Verbotener Weg? Ich erinnere mich. Dieser Pfahl soll verschwinden. Der Weg ist schön. Warum soll man den Menschen einen Weg verbieten, der ihnen Freude macht?« Der Schatten in ihren Zügen verschwand, sie wurde heiter. »Daß mir auf diesem schönen Weg eine Gefahr begegnen könnte, daran hab' ich nicht gedacht! Sie haben mir wieder eine Freude bereitet. Da wollte ich nicht bis übermorgen warten, um Ihnen zu danken für –« Sie suchte nach einem Wort. Und lächelte. »Für das restlos Gute, das Sie mir gestern sandten.« Ambros, an dem keine Spur von Erschöpfung mehr zu sehen war, glühte über das ganze Gesicht. »Ja, Frau Herzogin? Hat Ihnen das Freude gemacht? Und restlos gut, sagen Sie? Das ist mehr! Was Sie von mir bekommen, muß immer das Beste sein an Klang und Wert. Haben Sie von den drei Sachen schon was angesehen?« »Ja. Noch gestern. Das von Beethoven.« »Die Frühlingssonate!« »Frühling? Ja! So klingt das. Wie schöner und reiner Frühling. Dieser strömende Jubel im Allegrosatz! Dann der tiefe, heilig träumende Ernst.« »Nun? Und Mozart?« Die Herzogin wurde von einer leichten Verwirrung befallen. »An diesen Mozart habe ich mich gestern nicht mehr herangewagt. Ich will das zuerst von Ihnen spielen hören, um recht zu verstehen, wie froh das klingen muß.« »Das spiel' ich Ihnen vor, Frau Herzogin! Und so gut muß das werden, wie ich noch nie in meinem Leben was gespielt habe. Wenn ich heimkommen üb' ich die halbe Nacht. Wie ein Kind freu' ich mich auf den Sonntag. Da sollen Sie bei Mozart lachen, Frau Herzogin! Nicht wie man zu lustigen Dingen lacht, sondern wie man innerlich froh ist in seinem Herzen, so froh und zufrieden, wie wir Menschen das nur in den besten und reinsten Stunden unseres Lebens sind.« Da kam von den jungen italienischen Arbeitern einer gelaufen und kreischte: » Viene coi cavalli! Viene! Viene! Eccolo! « Herr Kesselschmitt, in einen Stallmeister verwandelt, kam auf seinem Braunen englisch herangetrabt, den unruhig tänzelnden Goldfuchs seiner Herrin am Zügel führend. Er schien übler Laune zu sein. Als er aus dem Sattel gesprungen war, verbeugte er sich ehrfurchtsvoll. Freundlich sprach ihn die Herzogin an: »Ich hoffe, Sie haben nicht Schaden genommen?« »Nein, Hoheit!« »Das hör' ich gerne!« Die Herzogin reichte Ambros die schmale, in gelbes Leder gehüllte Hand. »Ich danke Ihnen, Herr Lutz! Nicht nur für Ihre Hilfe, die Sie mir brachten! Für vieles habe ich Ihnen zu danken. Und will fleißig üben, damit Sie nicht unzufrieden mit mir sind.« Sie wandte sich rasch von ihm ab und ging auf die Pferde zu. Kesselschmitt, die Zügel des eigenen Pferdes um den Arm gewickelt, formte aus beiden Händen einen Bügel, empfing darin den zarten Kinderfuß seiner Herrin und hob sie devot und sicher in den Sattel empor. »Reiten Sie voran, lieber Kesselschmitt!« sagte die Herzogin, Kleid und Bügel ordnend. »Mein Pferd scheint noch etwas nervös. Als zweites wird es ruhiger gehen.« Kesselschmitt, in prachtvoller Reiterhaltung, schwenkte voran in die Mitte des Weges. Die Herzogin folgte. Sie wandte das Gesicht nicht mehr. Als sie an einem Fichtenbaum vorüberkam, der seine blühenden Äste weit hereinschob über den Reitweg, streckte sie den Arm und brach einen kleinen Zweig, der mit blutroten Knospen dicht besät war. Ambros blieb so lange stehen, bis die Reiterin verschwunden war. Dann sprang er lachend auf die Rodung zu, um seinen verlorenen Hut zu suchen. In das Rauschen der Wildach klang die Stimme der Arbeit und aller Lärm des großen Werkes. Der spielende Sonnenwind zog durch den Wald und blies den Staub der Mine von den blühenden Bäumen. Nun löste sich der graue Waldrauscher von der Fichte los, an deren Stamm er gelehnt gestanden. Langsam stieg er über den Hang herunter, schob sich zwischen den Bäumen gegen den sonnigen Waldsaum hin, duckte sich nieder und blickte auf das lärmende Gewimmel. Immer folgten seine Augen einer frohen Stimme, die beim Rauschen des Baches bald in deutscher und bald in welscher Sprache Befehle rief. Und immer nickte der Waldrauscher. Sein halblautes Murmeln wurde zu leisem Gesang: »Und 's Alte kommt wieder, Und 's Nuie bleibt alt, 's is allweil der gleiche Loadselige Gwalt! Und zwoa haben gjagert, Und zwoa musaziert, 's hat alles a Hakerl, Und alles verführt! Auf zehntausend Straßen Oa Kraft, dö uns treibt! Was d' liabhast, muaßt lassen, Was weh tuat, dös bleibt!« 3 Die frommen Gemüter des Wildachtales fanden neue Ursache zu christlichem Aufruhr: Bei der Entladung der letzten Mine hatte der starke Stoß, der den Steingrund durchzitterte, ein Dutzend Votivtäfelchen von der Kapellenwand heruntergeworfen, ein paar wächserne Kälber in Splitter verwandelt und das holzgeschnitzte Bildnis der Sankta Notburga so sehr ins Wanken gebracht, daß es vornüberstürzte und gegen die eiserne Vergitterung der Kapelle schlug. Der Aberglaube deutete die Sache. Das wäre eine himmlische Fürsagung; die wällischen Katzelmacher brächten Unglück über das Tal; der Wasserbau wäre eine sündhafte Einmengung in Gottes Weisheit; der Herrgott wüßte selber am besten, wie die Bäche laufen müßten; und ein endsmächtiger See, wie ihn der verrückte Stadtherr hinter einem ›Spinnwebenhäutl‹ ansammeln möchte, wäre für das Tal mit seinen Häusern und Ställen eine noch größere Gefahr als die unregulierte Wildach. Die Schreier, die im Glanz des Abends vor der Kapelle der heiligen Notburga ihre Seelen erleichterten, zogen gegen das Barackenlager hin, pfiffen auf den Fingern und frischten die alten Spottlieder auf: »Italiani, Polenta, Marani, Kazzelimacco, Drecco im sacco.« Die Italiener verloren schließlich ihre Geduld. Als ein junger Bursch unter zornigem Fluch gegen die Schreier hinüberrannte, sprangen hundert andere hinter ihm her. Schnell erkannte der einheimische Sängertrupp die doppelte Übermacht und retirierte in den Wald. So kam es nur zu einem Ferngefecht zwischen den feindlichen Parteien. Wie mit allem Schimpf ihrer Sprache bewarfen sie sich über hundert Schritte mit Steinen und mit den purpurfarbenen Fruchtkolben der blühenden Bäume. Einige Beulen waren das Resultat. Die taten auf harten Köpfen nicht sonderlich weh. Viel schmerzlicher war für die Einheimischen das Gefühl der Beschämung. Während sie in der Dämmerung lärmend heimwanderten, kreischte ein halbwüchsiger Bursch: »Himi Sakra! Heut haben die andern 's Feld behauptet! Buben, dös müßt's auswetzen! Auswetzen! Auswetzen!« Dazu machte er Bewegungen, als hätte er einen Röhrenstiefel blank zu bürsten. Und vor dem Haus der Wildacherin brüllte ein Mißtrauensvotum gegen das erleuchtete Giebelfenster empor, aus welchem Mozarts klingender Frohsinn hinausjubelte in die sinkende Nacht. Das ganze kleine Haus war so erfüllt vom Gewirbel dieses frohen Klanges, daß weder Ambros am Klavier noch Beda und die Wildacherin in ihrer Stube einen Laut der Stimme vernahmen, die auf der Straße ein Stück Menschentorheit hinaufgrölte zu den blitzenden Sternen. Mutter Wildacherin schien auf die schönen Klänge des ›unsinnigen Kastens‹ nur halb zu hören. In Sorge guckte sie vom Ofen zum Tisch hinüber, wo Beda beim Schein der Lampe an einem langen, buttergelben Handschuh nähte. Da schlug die Schwarzwälder Uhr die zehnte Stunde. »Bedle? Meinst net, es wär Zeit zur Ruh?« »Laß dich net aufhalten, Ahnl! Ich mach noch a Paar Lange fertig. Wann ich jeden Schnaufer ausnutz, kann ich's Doppelte verdienen.« Etwas Eigentümliches war an diesen Worten. Ein Mädel sprach von Handschuhen und vom Geldverdienen, und das klang wie ein feines, geheimnisvolles Lied vom Glück des Lebens. So was schien die Wildacherin auch herauszuhören. »Madl! Seit gestern hast ebbes in dir!« »Seit gestern?« Beda hob lachend das heiße Gesicht. »Ich hab seit gestern nix anders, als was schon allweil in mir gwesen is.« »So viel sorgen muß ich mich. Kunnt sein, weil's grad eintrifft mit der Waldbluh und mit der Mondscheinzeit! Madl, ich sag dir: A jeds Mannsbild hat sein taubengraus Hütl!« Die Wildacherin wartete die Wirkung dieser symbolischen Warnung nicht ab, sondern trippelte in die dunkle Kammer hinaus. Die Tür ließ sie offenstehen. Zum erstenmal wurde Beda durch eine Erinnerung an das Schicksal der Mutter nicht schwermütig berührt. Hurtig nahm sie die Arbeit wieder auf, und in ihren Augen träumte ein froher Gedanke. Gegen elf Uhr verstummte droben das Klavier. Da machte auch die Beda Schluß mit der Arbeit. Sie hatte noch keine fünf Schritte gegen den Flur getan, da klang schon die Sorgenstimme der Wildacherin: »Bedle? Wohin denn?« »Den Sully laß ich noch a bißl aussispringen.« Gegen solche Vorsicht konnte die Großmutter was Ernstliches nicht einwenden. Sie murmelte nur mit leisem Seufzer: »Jiiija! Alls muß helfen!« Beda trat in die klare, von sanftem Rauschen erfüllte Nacht hinaus, huschte gegen den Zaun und lauschte, ob auf der Straße kein Schritt zu hören wäre. Noch lagen die Schatten der Nacht im Tal. Der Himmel und die Berge hatten schon den Glanz des Mondes. Sein Licht bedrängte die Sterne, daß sie schüchtern wurden. Alles Rauschen der Bäche war wie ein Rätsellied des Werdens. Und der nahe Bergwald duftete so stark, als stünden durch das Tal hin tausend Opferschalen mit brennender Ambra. Blühende Sehnsucht in den Brüsten der Natur? Brennende Liebe in den Herzen der Menschen? Wer scheidet und ermißt den Sinn dieser Bilder? Was ist ein Gleiches an ihnen? Was ein Verschiedenes? Ein Geheimnis der Ewigkeit war wach und wanderte als ein Schöpfer durch die zaubersame Nacht. Freude und Schönheit formten sich im Dunkel, um die Sonne zu erwarten. Myriaden von stummen Leben – sind sie stumm? Oder verstehen nur wir Menschen ihre fremde Sprache so schlecht wie die Wildachtaler das Italienische? – Myriaden von sprechenden Leben, berauscht, versunken in zärtliche Träume, bebten in dieser Nacht von süßer Lust. Myriaden von liebenden Leben sangen die duftenden Lieder des Glückes, nur weil die Stunde zu ihnen kam, in der sie Väter und Mütter werden mußten. Myriaden von neuen Leben drängten im Schöpferrätsel dieser Nacht empor aus dem Brunnen der Unendlichkeit, um rosige Kinder zu werden; um ahnungslos zu harren und scheu zu hoffen; um zu jauchzen und in roter Freude das Blütenglück der Väter und Mütter zu erneuern; um zu altern und zu sterben, wie Mutter und Vater müde wurden und in Asche fielen. In dieser Nacht der Wunder taumelte ein junges Mädel enttäuscht aus dem silbernen Mondschein in die kleine, dumpfe Menschenkammer, um sehnsüchtig zu liegen neben der schlaflosen Muttersorge eines alten Weibes. Als die Nacht sich lichtete zu einem in Schönheit und Blütenzauber lachenden Morgen, wanderte der Herr Kaplan mit Schmied und Zimmermann zum Kapellchen der Notburg, um das Unheil gutzumachen, das der explodierende Menschenfürwitz angerichtet hatte. Die von der Wand gefallenen Votivtäfelchen wurden wieder festgenagelt, die Wachsfragmente so pietätvoll zusammengepickt, daß die renovierten Kälbchen noch eine entfernte Ähnlichkeit mit vierfüßigen Tieren vermuten ließen, und die aus dem Gleichgewicht geratene Bildsäule wurde mit Eisenklammern auf dem Postament befestigt. Das Bildnis hatte keinen wesentlichen Schaden gelitten; nur ins Nasenbein war eine kleine Dulle gedrückt, so daß die heilige Notburga ein bißchen an den Krispin Sagenbacher erinnerte. Über das ganze Tal hin schwatzte man von der ›himmlischen Verwarnigung‹. Überall wurde das herumgetragen, daß die ›Unsrigen‹ einem heimtückischen Überfall der Wällischen nur mit Not entronnen wären. Die ›Ausschußmannder‹ gaben dem scharfen Protest, den sie an das Bezirksamt gerichtet hatten, noch einen schärferen Nachtrag. Und die jungen Burschen, die ans ›Auswetzen‹ dachten, machten ihre Messer scharf und steckten die Schlagringe an die Fäuste. Am Sonntag schickten die Italiener nicht wie sonst eine zweihundertköpfige Abteilung zur Kirche. Sie zogen in ungeteilter Schar zum Gottesdienst. Dreihundertneunundneunzig Köpfe. Nur Nino Pallozzi fehlte. Von der Kanzel konnte der hochwürdige Herr Pfarrer durch die Kirchenfenster dieses Gewimmel von braunen Gesichtern beobachten. Da war es kein Wunder, daß er über die christliche Nächstenliebe mit einiger Aufregung predigte und seinen geliebten Pfarrkindern den Rat erteilte, die Kirche nicht eher zu verlassen, ehe das fremde Volk den Friedhof nicht völlig geräumt hätte. Diese Ansprache erzielte nur die Wirkung, daß in dem Augenblick, als der Pfarrer nach Beendigung des Hochamtes dem Altar den Rücken drehte, der ganze Schwarm der ledigen Burschen sich wie ein wühlender Keil zum Kirchentor hinausschob. Die Rächer ihrer gekränkten Ehre kamen zu spät. Das Heer der Italiener hatte den Friedhof schon verlassen. Sehr friedlich ging es auch bei den Welschen nicht zu. Die Jungen trutzten gegen die Alten, die den vorzeitigen Heimweg erzwungen hatten. Es fehlte nicht viel, so wäre es unter den Italienern selbst zu einer Keilerei gekommen. Da stellte sich eine drollige Wendung ein. Der Zug war auf der Straße zu jener Stelle gekommen, an der seit vielen Jahrzehnten ein alter Pfahl die Warnungstafel getragen hatte: Verbotener Weg! Seit gestern waren Pfahl und Tafel verschwunden. Und da geschah nun etwas an dieser Stelle, was nicht verboten, aber doch eigentlich nicht erlaubt war. Während im Nachtrab des Zuges noch heiß gescholten wurde, klang von der Spitze der Kolonne lustiges Gelächter. Das galt einer mollig unterspickten Bäuerin, die aus wohlhabender Heimat zu kommen schien. Sie war feiertäglich aufgeputzt, mit schimmeriger Atlasschürze und befranstem Seidentuch, mit Silberketten, mit goldgeschnürtem Hut und saß in einer frisch lackierten Kutsche, die von zwei Rappen gezogen wurde. Ein alter Knecht mit schiefgebrannter Zigarre zwischen den Zähnen lenkte das Gespann. In der Kutsche hatte die Bäuerin neben sich eine Handtasche stehen, die in Wollstickerei ein sanftes Gemälde zeigte, einen Osterhasen, der sich zufrieden von seinem grünen, mit bunten Eiern vollgelegten Nest erhob. Minder zufrieden guckte die junge Bäuerin. Die Sorgeneier, die ihr Gemüt bedrückten, schienen noch ungelegt. In dem vollen Grübchengesicht duselte eine Schwermut, die mehr aus dem Herzen als aus Gedanken zu stammen schien. Beim Anblick der vielen blitzäugigen Mannsleute erschrak sie zuerst. Doch weil sie alle Gesichter heiter lachen sah, überwand sie den Schreck und lächelte mit, ein bisselchen dumm. Und als ein Bursch ihr schmatzende Kußhände zuwarf und ein anderer mit beiden Händen seine Brust wackeln machte, wie sentimentale Sänger das zu tun lieben, wurde die runde Evastochter aus dem Unterland von einer Regung weiblicher Eitelkeit befallen. Ein junger, schlanker Mensch, der an Nino Pallozzi erinnerte, trat auf die Kutsche zu und deklamierte theatralisch die Verse Petrarcas: »In tale stella duo begli occhi vidi Tutti pien d' onestate e di dolcezza.«    Ein Sternengesicht! Und drin zwei schöne Augen, Die voll von Tugend sind und süßem Glanz. »Was hat er gsagt?« fragte die Bäuerin den Knecht. Der wollte die Pferde treiben. Doch weil der Schwarm der Italiener die ganze Straße füllte, sahen die Rosse keinen Weg und blieben vernünftig stehen. Der Freund Petrarcas deklamierte in wachsender Leidenschaft:               »Di qual Sol nacque l' alma luce altera Di que' begli occhi ond'io ho guerra e pace, Che mi cuocono 'l cor in ghiaccia e 'n foco?« Von welcher Sonne kam das Morgenleuchten Des schönen Blicks, der Krieg und Frieden gibt Und der mein Herz in Eis und Feuer siedet? Als der Begeisterte diese Verse gedonnert hatte, sprang er auf den Tritt der Kutsche und drückte der molligen Donna Laura von Zipfertshausen einen feurigen Kuß auf die runde Nase. Sie wollte sich wehren. »Hörst net auf, du Lausbub, du unverschämter!« Das trug ihr drei weitere Küsse auf Mund und Augen ein. Brüllendes Gelächter war um die Kutsche her. Und weil gute Beispiele böse Sitten machen, bekam die brave Bäuerin fünf sündhafte Minuten zu überstehen. Von den jungen Burschen hüpfte einer nach dem anderen in die Kutsche und applizierte dem gutgepolsterten Fahrgast ein halb Dutzend Küsse. »Mar' und Joseph! Hansl! Schlag eini auf d' Roß! Laß laufen!« kreischte die Vielbeschäftigte, wobei sie zwischen zwei Worten immer wieder ein bißchen schweigen mußte. Als sie etwas Luft bekam, machte sie eine Kraftanstrengung, riß dem Knecht die Peitsche aus der Hand und drosch auf die Pferde los. Die Zipfertshausener Viertelsblüter fielen in Trab, und die bedrängte Bäuerin war gerettet. Hinter ihr ein brausendes Gelächter. Dreihundertneunundneunzig Kehlen begannen einen heiter schallenden Chorus: »'n tandarandi, 'n tandarandä!« Dann kam eine Stelle, die unter taktmäßigem Händeklatschen exekutiert wurde: »Che buona figliuola Carciofolaaaaa!« Wörtlich: Ach, das gute Töchterchen Artischocke! – mit dem Sinn: die gute, nette, runde Landpomeranze! Und alle Sänger sperrten bei diesem Aaaaa die Mäuler auf, so weit sie konnten. Die Bäuerin zeterte auf den Kutscher los: »Du Leimlackl, du kotzmiserabliger! Was hast denn net einigschlagen auf d' Roß?« »Natürlich!« brummte der Knecht. »A paar Leut überfahren, daß ich an Unfallverhandlung mit der Haftpflicht auf'n Hals krieg!« »Hast dich denn gar net a bißl gschamt?« »Warum denn? Mir hat keiner a Bußl geben.« Die Bäuerin wollte weiterschelten. Aber sie mußte lachen, ob sie wollte oder nicht. Wenn die Freveltaten in Masse geschehen, pflegt sich alle moralische Entrüstung in groteske Heiterkeit zu verwandeln. Und daß die mollige Bäuerin sich diesem Gesetze des Kontrastes unterwarf, das hätte fast beweisen können, daß sie viel weniger dumm war, als sie manchmal aussah. Der alte Knecht drehte schmunzelnd das Gesicht. »Dei' Brautfahrt laßt sich net schlecht an. Neun Stund weit bist um an einzigs Bußl hergfahren, und fünfhundert hast kriegt. Da kann's jetzt gehn, wie's mag. Umsonst bist allweil net gfahren.« Dieser Humor wirkte nicht günstig auf die runde Dame von Zipfertshausen. Während ihr ein paar dicke Tränen über die erhitzten Backen kugelten, faßte sie scheu den Knecht am Joppenärmel. »Hansele! Du! Ich schenk dir a Zwanzgmarkstückl. Aber 's Maul mußt halten! Wann dös aufkommt, wie schauderhaft dö wällischen Saubartln mich abbusselt haben, tät mich der Toni mit keim Fingerspitzel nimmer anrühren.« »Der rührt dich eh net an!« erwiderte der Knecht in grausamer Wahrheitsliebe. »Überleg dir's! Da wär grad a Platzl zum Umkehren.« »Na, na, na!« widersprach die unterspickte Witib mit dem Eigensinn einer festgewurzelten Leidenschaft. »Dös hat man schon oft derlebt, daß a Mannsbild z'erst net mögen hat, und jahlings hat sich sein Herz verwendt. Jetzt probier ich's amal. Weil ich an Schutzengel hab, der mir hilft. Und alls tu ich, was der Toni mag! Den ganzen Hof laß ich ihm verschreiben, und alls kann er haben von mir. Fahr zu!« »Meintwegen! Dominus vobiscum!« Der Knecht ließ die Pferde laufen. Weil nun die sehnsuchtsvolle Witib an alle Mittelchen dachte, mit denen das Weib den Mann gewinnt, drum fiel ihr auf, daß ihr Sonntagsstaat ein bißchen verunscheniert war. Aus der Osterhasentasche holte sie ein Spiegelchen hervor und bekam einen fürchterlichen Schreck. Die schimmerige Atlasschürze war zerknittert, das seidenbefranste Brusttuch übel zerknüllt, der goldgeschnürte Hut baumelte schief auf dem wirrgezausten Blondhaar, und das glühende ›Sterngesicht‹ war über und über mit so brandroten Flecken betupft, als möchten bei der Witib von Zipfertshausen die Pocken ausbrechen. Alle weiblichen Künste, die ihr bekannt waren, verbrauchte sie, um ihre äußere Erscheinung wieder in Glanz zu bringen. Dabei begegneten ihr schon die dörflichen Kirchgänger, die heimwärts strebten zu den sonntäglichen Fleischtöpfen. Die Kutsche rollte am Haus der Wildacherin vorüber, und die Witib von Zipfertshausen bekam was Schönes zu hören: das Adagio aus der Beethovenschen Frühlingssonate. »Lus, Hansele!« Ein tiefer Seufzer. »Grad so ebbes Schöns spür ich allweil einwendig in mir, sooft ich an mein' Toni denk.« »Dein Toni? Ob dir net ebba den Schnabel abwischen mußt? Nach die fünfhundert Busseln?« »Na! Jetzt hab ich an Glauben drauf!« beharrte sie obstinat. »Bloß vor seiner Mutter hab ich a bißl Angst. Kunnt aber sein, daß ihm d' Mutter schon gstorben is. Bei kranke Leut, da geht's oft gschwind. Und wann er net harmaniert mit'm Bruder, da kunnt ich leichter ebbes füranand bringen.« »Brav! An alts Weibl in Boden einiwünschen! Und da sagen d' Leut: Dös heißt man Lieb.« Der philosophische Verdruß des Knechtes schlug in einen Klang des Wohlgefallens um. »Herrgottsakra, kommt da a bildsaubers Madl daher! Bäurin, du hast Holz in der Butten und Fuier im Ofen. Aber wann im Wildachtal söllene Madln umanandlaufen, wirst ebba z' kurz kommen beim Sagenbacher.« Kein Gedanke enthüllte der Witib aus dem Unterland, welch ein ahnungsvoller Engel der Hansele war. Aber der erste Blick auf die Wildacherbeda genügte, um einen Funken des Mißtrauens in ihr anzublasen. Der unbenamste Schutzengel – in der Orthographie des Loisl hieß es: ›Schuhzängl‹ – hatte ihr doch geschrieben von der ›Ahlerschennzten im ganzen Tachl, wo aufn Toni spechtet‹! Und konnte im ganzen Tal eine Schönere sein als das junge, glückfrohe Mädel, das da gegangen kam und immer hinaufguckte zum roten Blütenrausch des grünen Waldes? »Hansl! D' Roß halt auf!« Die Kutsche stand. »Grüß Gott!« sagte die Witib in einem Ton, so spitz, daß er zu ihrer sonstigen Rundlichkeit in auffallendem Widerspruche stand. »Kannst mir net sagen, wo der Lahneggerhof is?« »Freilich, ja!« sagte die Beda froh. Es machte ihr Freude, vom Lahneggerhof reden zu dürfen. Und nur, weil sie hoffte, daß die fremde Kutsche was Freundliches für den Toni brächte, fragte sie: »Was habt's denn für a Gschäft im Lahneggerhof?« »Da such ich an guten Freund auf. Toni heißt er. Kennst ihn ebba?« Die Beda blieb ein Weilchen stumm und musterte die fremde Bäuerin. Sie erschrak nicht. Nur ihre Augen erweiterten sich ein bißchen, während sie fragte: »Kommen S' von weit her?« »Neun Stund bin ich gfahren.« »Da habt's fruh aufstehn müssen.« Von dieser Konstatierung machte die Beda einen rätselhaften Gedankensprung zu der Frage: »Seid's verheiret?« »Na!« »Seid's ebba noch ledig?« »Na!« »Soso?« Die Beda schmunzelte. »Neun Stund! Is a weiter Weg!« Sie ging davon und sah sich nimmer um. »Die hat nix mit'm Toni!« sagte die Witib überzeugt. Das erleichterte die schwülen Sorgen ihres Herzens nicht. Im Gegenteil! Wenn die ›Ahlerschennzte im ganzen Tachl, wo auf'n Toni spechtet‹, noch eine Schönere war als dieses schmucke Mädel, dann war's um die Sehnsuchtsaktion der molligen Julia von Zipfertshausen übel bestellt. »Fahr zu, Hans!« Beda hatte ihr Haus erreicht, blieb stehen und preßte den Arm an die Stirn. Es war kein Zweifel und kein Mißtrauen in ihr, keine Sorge, keine Spur von Angst. Dennoch wurde ihr ein bißchen wirblig. Weil der Toni nicht in der Kirche war. Und nicht am Altwasser. Und zwei lange Ewigkeitstage hatte er keinen Laut von sich hören lassen. Was war denn nur mit dem Toni? Sully tobte im Kreis um seine nachdenkliche Herrin her und erhob ein Freudengeheul, daß Ambros mitten im Rondo der Frühlingssonate merken mußte: Die Beda ist daheim. Hemdärmelig kam er aus seiner Stube zur Treppe gelaufen. »Bedle! Gutes Mädel! Hast du den Brief?« »Ja, Herr Lutz, an Brief hab ich.« »Gott sei Dank!« Er rumpelte über die steile Treppe herab und sah betroffen das amtliche Format an, das die Beda aus dem Gebetbuch zog. »Sonst nichts? Kein Brief aus München? Heute kein Brief, gestern keiner, vorgestern keiner! Die Mutter wird doch nicht krank sein?« Ambros öffnete das Schreiben. Sein Gesuch wegen der Sonntagsarbeit, wenn sie durch drohende Gefahren nötig würde, war vom bischöflichen Ordinariate günstig entschieden worden. »Schau, mit dem Bischof läßt sich leichter reden als mit einem Kaplan! Aber jetzt muß ich wieder hinauf. Und üben! Damit ich alles sicher habe, bis der Abend da ist.« Er sagte das mit einem Beben in der Stimme. Mit ähnlichem Klang erwiderte Beda: »Heut wird er schön, der Abend! Da kann meintwegen d' Narretei mit alle sechs Roß ins Tal einifahren, net bloß mit zwei.« Ambros sah ihr in die Augen. »Mädel? Was hast du denn?« »Ich? Nix! Aber du mußt ebbes haben!« »Etwas hab ich, ja! Freude!« Er schlang den Arm um die Beda und küßte ihre Wangen, wie ein Bruder im Wirbel eines Glückes die Schwester küßt. »Ach! Bedle! Wie himmelschön ist's auf der Welt!« »Ja, wahr is's!« Nun lachten sie alle beide. Dann stürmte Ambros die steile Treppe hinauf, und Beda trat in die Stube. Die Wildacherin, die in der Küche am Herd gestanden, ging dem Mädel nach. Während über der Stubendecke eine Flut von Tönen rauschte, murrte die alte Frau: »Dös muß ich dir sagen, so ebbes gfallt mir net! Daß dich im Hausgang von eim Mannsbild busseln lassen tust!« Beda schien sich erst besinnen zu müssen, was die Großmutter meinen konnte. Dann sagte sie: »Ahnl! Von dir laß ich mir gern ebbes gfallen. Aber so was sagst mir nimmer! Ebbes, was aufrichtig und sauber is, därf man net falsch verstehn. Sonst macht man aus jeder Herzenskirch an Saustall.« Obwohl die Wildacherin den Zusammenhang der Dinge nicht begriff, schien sie doch zu fühlen, daß aus der Beda etwas Schönes sprach, so widerborstig es auch anzuhören war. Mit einem Gesichtsausdruck, den der Volksmund als ›Schlapperpfandl‹ zu bezeichnen pflegt, kehrte die Wildacherin zu ihrer Herdpflicht zurück und blickte sorgenvoll durch die offene Haustür hinüber zum steilen Wald der Sonnleite, wo die roten Kerzen der Fichtenblüte in unzählbarer Menge auf allen grünen Zweigen und Wipfeln schimmerten. Ein märchenhaftes Bild, diese verschwenderische Überblüte, dieser bacchantische Jugendrausch eines hundertjährigen Waldes! Und überall ein feines Schneien von winzigen, lichtgelben Flocken, das Entflattern der abgewelkten Blütenhüllen. Sie hatten in diesem Mysterium der Natur ihre Pflicht erfüllt, hatten die sprossenden Liebeskeime wider den Frost der Hochlandsnächte behütet. Nun, da ihnen die Sonne alle weitere Mühe abnahm, ließen sie sich von jedem leisen Windhauch entführen, um irgendwo die Erde zu finden und vermodernd sich umzuformen in neue Lebensnahrung. Sonne, Sonne, lachende Sonne war über dem blühenden Taumel – Sonne, die erschuf, Sonne, die ermordete. Auf den vorspringenden Graten des blühenden Waldes, dort, wo die blutschöne Blütenmenge am dichtesten getrieben hatte, flog zuweilen ein kleines rostfarbenes Wölklein auf, um über eine Reihe von Wipfeln hinzustäuben. Voreilig gereifte Knospen in der männlichen Blüte ließen da ihren suchenden Staub in die Sonne wehen, noch ehe die weibliche Blüte in ihrem purpurnen Leben reif entwickelt und dürstend erschlossen war, um den befruchtenden Liebesodem zu empfangen. Verirrte Sehnsucht! Unfruchtbare Liebe! Vergeudete Leidenschaft! Was ist rätselvoller und unbegreiflicher? Eine gelungene Schöpfung, ein glücklich vollendetes Meisterwerk der Natur? Oder der spielerische, sich ewig wiederholende Irrtum, in den sie neben aller Meisterschaft immer wieder verfällt? Und die brutale Grausamkeit, mit der sie hoffende Lebenskeime und blühende Kräfte verschwendet? Im Blütenrausch des Waldes begannen millionenfältig die Trauerspiele der enterbten Sehnsucht, noch ehe das erste neue Leben aus dieser roten Liebe geschaffen wurde. Lachende Sonne glänzte über dem geheimnisvollen Schmerzensspiel. Drum war es schön für die Augen der Menschen, die es sahen. 4 Mit kummervollem Sterngesicht hatte die unterländische Witib im stillen Lahneggerhof erfahren, daß der gute Freund, den sie suchte, seit dem vergangenen Abend über Land wäre und vor Nacht nicht heimkäme. Als die Bäuerin im Gasthaus ›Zum goldenen Posthörndl‹ die von Qualm und Lärm erfüllte Wirtsstube betrat, zuckte ihr ein zärtlicher Schreck durch die mollige Gegend ihres verliebten Herzens. »Jesses«, stammelte sie, »da hockt er ja!« Freilich merkte sie gleich die Täuschung. Der Toni hatte keine Dulle im Nasenbein und pflegte auch nicht so fürchterlich zu schreien wie der andere da, den man bei trüber Beleuchtung immerhin für einen Moment mit dem Toni verwechseln konnte. Das war doch auch schon einer Klügeren passiert als der Witib von Zipfertshausen, die auf den Krispin zusegelte: »Du? Bist ebba der Bruder vom Sagenbacher-Toni?« Wie der Jünglingsbauer zuvor das Maul aufgerissen hatte, so riß er jetzt die Augen auf. »Sakra! Und du bist ebba d' Witib, was?« Mit diesem Staunen hatte im Geist des Krispin eine Reihe von Gedanken begonnen, die in den Brotneid ausklangen: »Himi Bluatsa! Hat der a Glück!« Noch wußte er nicht klar, wohin ihn die Welle des Augenblicks trieb. Für alle Fälle empfand er die Notwendigkeit, mit der hübschen Witib allein zu sein, draußen im versteckten Gartensalettl. »Da herinn hat's an schiechn Dampf. Der kunnt deim rosafarbigen Häutl ebba schaden.« Er bestellte ›ein Flaschl Süßen‹, einer Gewohnheit folgend, mit der er neue Abenteuer einzuleiten pflegte. Und weil er den Appetit zu taxieren wußte, den eine weite Reise erweckt, bestellte er ein Gansjung, einen Rindsbraten und eine Portion Schweinernes mit Kraut. Um den Toni aus dem Gesichtskreis der Beda hinauszudrücken, dafür konnte der Jünglingsbauer vom Lahneggerhofe was spendieren. Erst bestaunte er noch die hübsche Kutsche und machte den beiden Unterländer Pferden einen Besuch im Stall. »Teifi, a paar noble Roß!« »Meine vier andern täten dir grad so gfallen.« Um ihren Besitz herauszustreichen, machte sie einen grausamen Vergleich: »Dein Anwesen is klein beinand. Dös kunnt man zehnmal einistelln ins meinige. Und alles laß ich dem Toni verschreiben, wann er ja sagt. Da kann er sich Roß halten, soviel er mag. Und jagen kann er und auf die Scheibenschießen umanandfahren, und alles kann er sich vergunnen. Wann er bloß a bißl gut is mit mir!« Krispin blieb nachdenklich, während er den Weg zum einsamen Gartensalettl einschlug. In seiner befruchteten Phantasie begann sich ein Luftschloß zu formen. Er ließ sich den Hof im Unterland verschreiben, verkaufte das fremde Gut da draußen und ließ den Lahneggerhof neu aufbauen, zweistöckig, mit zwanzig Fenstern in der Front. An Wiesen und Äckern kaufte er dazu, was zu erkrapsen war, und dann ging er als der schwerste Mann des ganzen Tales zur Gemeindeversammlung, in der die kleinen Leute schweigen mußten, wenn der reiche Lahnegger anhub: »Jetzt ich denk mir –« Diese schönen Geschäfte ordnete der Jünglingsbauer in zehn stummen Sekunden. Dann dachte er an die Beda, und da fiel die ganze Herrlichkeit in Scherben. Nach dieser Katastrophe blieb dem Krispin nichts anderes als ein heimlicher Fluch und ein quälender Schauer in seinem Blut. Im Salettl hatte die Kellnerin den kleinen Tisch gedeckt; das Gansjung dampfte, und in den beiden Gläsern funkelte der Süße wie ein zweifelhafter Edelstein von bräunlicher Farbe. Die Witib stieß mit dem Krispin an und begann zu schmausen. »Wie tust denn heißen, Bäuerin?« »Barbara.« Dem Krispin kehrte die gute Laune zurück. »So mußt heißen! Du mußt an Namen haben mit lauter a! Zu dir tät a Namen mit lauter i net passen.« »Warum denn net? Ich kunnt grad so gut Zillifritzl heißen!« »So ebbes Spitzigs? Na!« Der Jünglingsbauer rückte näher. »Was dein ghört, muß alles schön rund sein.« Diese Meinung unterstützte er durch wohlwollendes Getätschel. Der Witib kam ein Gedanke. »Du? Is dös wahr, daß d' net gut harmanieren tust mit'm Toni?« Krispin machte die Augen klein. »Hat's ebba der Toni verzählt?« »Na! Von so ebbes redt der Toni net. Dös haben mir d' Leut verzählt, daß d' ihn allweil soviel plagen tust, mein' Toni.« »Barberl! D' Leut sind ebbes Grauslichs. Wo was Schöns is auf der Welt, machen s' allweil gleich ebbes Dreckets draus. Zwei Brüder wie der Toni und ich kann's nimmer geben! Soviel gern hab ich mein' Brudern! Und alles vergunn ich ihm. Dein' nobligen Hof, die sechs Roß und so ebbes Musprigs, wie du bist! Alles!« Was er unter ›allem‹ verstand, verrieten seine tätschelnden Hände noch deutlicher als seine schmalzfreundlichen Worte. Die Witib schien gar nicht zu merken, wie zärtlich sie behandelt wurde. Ihr molliges Herz schmolz in Vertrauen hin, weil sie gut von ihrem Toni reden hörte. Mit dem Gansjung war sie fertig. Während sie den Rindsbraten und die geschnittenen Nudeln verschluckte, strahlte ihr Gesicht noch vor Glückseligkeit. Doch je mehr der Krispin den Toni lobte, um so mehr verwandelte sich die Herzensfreude der linden Barbara von Zipfertshausen in beklommene Schwermut. Und plötzlich fing sie kummervoll zu heulen an: »Wann der Toni gar so an Ausbund von Mannsbild is, da hat ihn der Herrgott für mich so hoch in d' Höh gruckt, daß ich gar nimmer auffiglang!« Krispin legte tröstend den Arm um die Witib, wo sie am rundesten war. »Verzagen braucht der Mensch allweil net.« Barbaras Tränen kugelten reichlich. »Soviel hab ich ihm allweil zugsetzt. Aber nie hat er an anders Wörtl für mich ghabt, als: Laß mir mei' Ruh, du! Go, go, go« – der Bock des Schluchzens stieß dem guten Geschöpf aus dem Unterland fast die Seele ab – »go, gooor net a bißl mag er mich.« Hilflos gab sie dem Arm des Krispin nach, schmiegte sich an sein treues Bruderherz und weinte ihre dicken Tränen auf die gestickten Hosenträger. »Soviel plo, plo, ploogen tut's mich – d' Lieb!« Krispin studierte: »Wie gscheit kunnt der Mensch seine Sachen einrichten auf der Welt, wann ihm 's rauschige Blut net allweil an Prügel in 'n Verstand einischmeißt.« Als er diese tiefe Erkenntnis aussprach, fing in ihm das Bild der Beda zu verblassen an. Die großbäuerlichen Luftschlösser stiegen wieder auf. Und aus dem seidenen Brusttüchl der molligen Barbara duftete etwas animalisch Liebliches zu ihm empor. Freilich, ganz vertrieb der neue Appetit den alten Hunger nicht; aber sie flossen in eins zusammen, ohne in Krispins vielseitiger Persönlichkeit einen Konflikt zu verursachen. Im Seelenbilde großer Naturen vertragen sich die gegensätzlichsten Farben. Man ißt zu Mittag gezuckerte Suppe, saure Vorspeise, geräucherte Speckschwarten, duftende Dampfnudeln, und es bleibt doch immer nur eine Mahlzeit. So verstand der kluge Jünglingsbauer die Lockung des Augenblicks, als er der molligen Barbara zärtlich ins Ohr flüsterte: »Wann der Toni so a Rindviech is und mag dich net, nacher nimmst halt mich!« Langsam hob die Witib das von Zähren überglitzerte Gesicht, betrachtete den Krispin aufmerksam und sagte mit unbarmherziger Ehrlichkeit: »Dös wär wie Tag und Nacht. Wann's bloß a bißl mag, kann ich den Allerbesten haben. Da müßt ich narrisch sein, wann ich mich gnügen tät mit eim, der um d' Halbscheid minder is.« Ruhig nahm sie einen festen Schluck von dem süßen Wein, stach ein Stück Schweinernes aus dem Kraut heraus und begann zu essen, ohne einen Schimmer von Verständnis dafür zu haben, wie schwer sie den Krispin Sagenbacher in seiner jüngsten Lebenshoffnung betrogen, wie blutig sie ihn verwundet hatte in seiner Eitelkeit. Er machte ein Gesicht, wie es ein aus dem Rausch Erwachter im bittersten Katzenjammer sehen läßt. In seinen Augen funkelte etwas wie heißer Durst nach ausgleichender Rache. Doch er trumpfte den Gescheiten heraus, lobte Toni und versprach, dem Bruder haargenau zu erzählen, wie glänzend Barbara die Probe auf Treu und Liebe bestanden hätte. Erst blieb die Witib ein bißchen mißtrauisch, aber dann ließ sie sich doch wieder Feuer unter ihre verliebte Hoffnung legen und sich vom Krispin so gründlich einseifen, daß sie ihn, obwohl er mit dem Toni nicht zu vergleichen war, doch für einen Menschen hielt, der es ehrlich mit ihr meinte. Und als er fragte, wieso sie denn plötzlich ins Wildachtal hereingeschneit käme, griff sie vertrauensvoll in die Tasche. »Kann ich mich verlassen auf dich?« »Wie's Heiligste aufs Tabernakel!« Da reichte sie ihm einen Brief, an dessen Knitterbrüchen zu merken war, wie oft ihn die Witib von Zipfertshausen schon in die Tasche gesteckt und wieder herausgeholt hatte. Krispin feierte ein schmunzelndes Wiedersehen mit den Schweineflecken und der Stiefelwichse des Lois und mit dem schnäbelnden Taubenpärchen. Während er las, fragte er plötzlich: »Was soll denn dös allweil heißen: ›hastes, hastes, hastes‹?« Barbara errötete bis unter die Haarwurzeln. »Dös is a heimliche Glückswörtl. Dös hat den Ausschlag geben. Man muß sich rühren um sein Glück. Greif zu, so hast es!« Krispin wurde ernst. »Recht hast! Greif zu, wann 's richtige Stündl schlagt! Nacher hast es!« In schwerer Gedankenmühe zog er die Brauen so streng zusammen, daß er neben der Dulle auf dem Nasenbein zwei Falten bekam. Die Witib sagte: »Lies weiter! Jetzt kommt's gleich, mit der Allerschönsten im Tal. Heut bin ich einer begegnet. Dö, hab ich gmeint, kunnt's ebba sein. Aber da hab ich mich täuscht.« »Wie hat s' denn ausgschaut?« Barbara schilderte das Bild des schmucken Mädels so genau, daß Krispin die Beda flink erkannte. »Himi Kreuz Sakrament!« Er führte mit der Faust einen Streich durch die Luft. »Es is schon die Richtige. So a Malefizfrauenzimmer, so a gottverlassens! Muß sich grad auf'n Toni kaprazieren! Bei die schönsten Sachen kommt s' eim überzwerch, macht eim 's Blut rauschig und fügt eim den ärgsten Schaden zu.« Barbara guckte erschrocken drein. Weil sie der Meinung war, daß die ›Richtige‹ diese Freveltaten wider den Toni verbräche, geriet sie in heiße Empörung. »So eine! Und hat sich angstellt wie an unschuldigs Lampl. Wann ich gwußt hätt, wie ich dran bin – die hätt ebbes ghört von mir! Die tät mein' Toni in Ruh lassen!« Dieses ›mein‹ setzte sich in ihrer Sehnsucht so hartnäckig fest, daß sie dem Krispin einen verwandtschaftlichen Titel gab: »Lies weiter, Schwager! Und nacher sag mir, wer mein heimlicher Schutzengel ebba sein kunnt.« Der Jünglingsbauer bekam in den Augenlidern jenes Zucken, das sich immer einzustellen pflegte, wenn er einen besonders gescheiten Einfall hatte. »Aber Barberl! Den Brief hat doch der Toni selber geschrieben.« Glühheiß fuhr es über das Sterngesicht aus Zipfertshausen. Doch mit Händen und Füßen sträubte sich Barbaras kleiner Verstand gegen diese Hypothese. »Na! Na! Na! Geh weiter, so an Unsinn!« »Da leg ich a Jurament drauf ab.« »Dös is doch gar net sei' Schrift. So saubartlet tät der Toni net schreiben. Der macht allweil alls in der schönsten Ordnung.« »Da hat er sich halt verstellt.« »Der Toni verstellt sich net.« »Jjaaaa, Barberl! Da fehlt's weit bei dir! Der Toni is von die Schlauchesten einer.« »Da braucht er net schlau sein. Mich hat er gschwind. Da hätt er gradaus schreiben können: jetzt mag ich!« »Du bist schön dumm! Paß auf, jetzt muß ich dir ebbes sagen. Vier Tag kann's her sein, da bin ich zum Kramer auffi. Und da sagt der Kramer: ›Du, dein Bruder muß a Gspusi haben!‹ Ich frag: ›Warum?‹ Und der Kramer sagt: ›Weil er gestern a Liebschaftsbriefbögerl kauft hat, mit eim Taubenpaar drauf!‹ No also! Jetzt schau dein' Brief an!« Die Witib aus dem Unterlande kannte das verräterische Taubenpärchen ganz genau, hielt es aber doch für nötig, den Brief noch einmal anzugucken. »Da kenn ich mich nimmer aus.« »Verlaß dich auf mich, Barberl! Da kannst dich in vier Wochen mit'm Toni verkünden lassen. Ich weiß dir an Rat.« »Sag mir 'n!« bettelte die verliebte Seele. »Jesus, Maria! Sag mir 'n!« »Zeit lassen!« Krispin wußte selber noch nicht genau, wie die Sache zu drehen wäre. »Trink aus und laß einschenken, daß wir mit'm Flaschl fertig werden.« Gehorsam schluckte Barbara drei Gläser von dem ›Süßen‹. »So, jetzt machen wir an Promenadigang! 's letzte Glasl! Zum Wohlsein, Schwägerin!« Heiß vom Wein, selig brennend von aller Hoffnung ihres nahen Glückes, schritt die runde Witib auf dem schmalen Gartenwege vor dem Krispin her. Der musterte schmunzelnd die sanft geschweiften Linien. Seiner heiteren Ruhe war es anzumerken, daß alles Chaotische seiner Pläne sich zu formen begann. Im Hof sagte die Witib: »Ich muß bei der Kellnerin a Zimmer bstellen für d' Nacht.« Krispin nahm sie flink bei der Hand. »Laß gut sein! Heut schlafst bei uns daheim. Der Toni macht sich die größte Freud draus, wann in seiner Kammer schlafst.« Das Sterngesicht der Witib wurde noch röter, als es war. Als die beiden auf der Straße waren, sprang Krispin ins Wirtshaus zurück und sagte zur Kellnerin: »Was ich verzehrt hab heut und was ich ebba am Abend noch brauch, dös schreibst der Bäuerin auf d' Rechnung. Dö zahlt alls.« Habt ihr schon gesehen, wie eine große Spinne in einem Winkel ihres grau gewobenen Netzes auf der Lauer liegt? Und wie ein buntes, rundes Käferchen von irgendwo durch die Sonne hergeflogen kommt und sich aus Torheit oder Schicksal verirrt in diesen Schattenwinkel? Und wie die Spinne flink herausfährt aus ihrem Hinterhalt, den zappelnden Käfer hurtig um seine Achse dreht und dick mit grauem Gespinst umwickelt? Und wie das bunte Stück Leben sich verwandelt in eine kleine, regungslose, unentrinnbar eingesponnene Puppe, die sich wehrlos verspeisen läßt, wenn die Spinne denkt: Jetzt will ich Mahlzeit halten? So unentrinnbar war die gute Witib von den roten Hoffnungen ihres verliebten Herzens und von den grauen Plänen des Krispin eingewickelt, als sie bei klarem Abend an der Seite ihres lachenden ›Schwagers‹ den Lahneggerhof betrat. »Gelt, Barberl, jetzt nimm dich zamm! Daß d' Mutter nix spannt! Dö tät sich einspreizen dagegen.« Nach dieser Mahnung ging Krispin der Bäuerin voran in die Schlafstube seiner Mutter. Die Lahneggerin hob sich jäh aus den Kissen. Ihr zerfallenes Gesicht verfärbte sich. Seit drei Tagen wurde sie jedesmal von dieser kalkigen Blässe befallen, sooft sie den Krispin sah. Die schräge Sonne leuchtete goldhell durch die kleinen Fenster herein und umschimmerte den Jünglingsbauer. Genauso fidel wie heute war er damals bei jenem lustigen Aufbetten gewesen. Eine dunkle Angst umschnürte das Herz der kranken Frau. Sie zitterte um das junge Glück des Toni und fühlte die Nähe einer Gefahr. »Paß auf, Mutter! Dös tätst net derraten, wer da jetzt kommt!« Er griff zur Tür hinaus. »Geh, du, komm eini!« Lachend zog er die Witib über die Schwelle herein. Barbara kam in einen Strahl der Sonne zu stehen und erhielt um das blonde Vollmondköpfl einen Schein, als wäre sie eine Heilige. »Was sagst, Mutter?« Die Lahneggerin atmete auf. Denn sie glaubte: ›Jetzt kommt der andere zu mir mit seinem Glück!‹ Weil die Sonne blendete, konnte sie nicht deutlich sehen. Sie merkte nur, das ist ein festes Weibsbild! Da hoffte sie gleich: Vielleicht hat sie Haare auf den Zähnen und wird den Krispin kleinkriegen, wird noch einen guten Menschen aus ihm machen. Einen ehrlichen, der nimmer stiehlt! »Gelt, Mutter, da studierst! Aber dös derratst net. Schau dir's an! Dö muspere Bäuerin da! Dös is d' Witib von Zipfertshausen draußt. Wo der Toni sein Glück hätt machen können, wann er a bißl gscheiter gwesen wär. Aber a Narr schlagt allweil 's Beste in'n Wind.« Die Lahneggerin fiel in die Kissen zurück, um eine hoffende Freude bestohlen. Sie brachte kein Wort heraus. Doch in ihrem Herzen schrie die Sorge: ›Nur jetzt kein Wörtl net schnaufen vom Toni seim Glück! Jesus, hilf mir, daß ich mich net verrat!‹ Verwundert guckte der Jünglingsbauer drein. Und Barbara, von der Nachwirkung des süßen Weines glühend, trat an das Bett heran, betrachtete die kranke Frau und sagte mit gutmütigem Erbarmen: »Dö macht's nimmer lang. Dö hat schon 's Requieschkat in Paze auf'm Nasenspitzl. Akrat so hat mein seliger Alter dreingschaut, wie mir der Bader gsagt hat –« Barbara konnte diese medizinische Angelegenheit nicht zu Ende bringen. Die Lahneggerin sagte hart und rasch: »Ah na! So pressieren tut's mir net. Ich möcht schon noch ebbes erleben, was mich freut –« Weil Krispin die Mutter mißtrauisch ansah, verstummte die Lahneggerin und drehte das Gesicht auf die Seite. Barbara nickte. »Freilich, ja! Soviel schön is 's Leben, wann alles eintrifft, was man sich verhofft.« Ein Seufzer schwellte ihr die unterspickte Seele. »Und wann ebba der Toni –« Sie zuckte zusammen, weil Krispin sie mit dem Nagelschuh auf das Zeugstiefelchen getreten hatte. Nach dieser Mahnung besann sie sich der eingelernten Rolle, daß sie auf der Reise zu ihrer Schwester wäre und den kleinen Umweg durch das Wildachtal gemacht hätte, um dem Toni und seiner Mutter grüß Gott zu sagen. »Schad, daß ich net viel Zeit hab! Aber morgen in aller Fruh –« Wieder spürte sie was Schmerzendes auf ihren Zehen und korrigierte erschrocken: »Heut aufn Abend möcht ich noch fortfahren, aber eins von meine Roß –« Die Lahneggerin sah die Witib forschend an. Da konnte Barbara nimmer weiterlügen und guckte hilfesuchend zum Krispin hinüber. Der sagte schnell: »Eins von ihre Roß geht a bißl krumm. Dös macht nix, Bäurin, deswegen kommst heut allweil noch fort. Und wann's grad fehlen sollt, mußt dir halt in der ›Post‹ a Zimmer bstellen. Hoffentlich haben s' eins frei. Im Notfall –« »Do braucht's kein Notfall!« fiel die Lahneggerin ein. »In der ›Post‹ haben s' allweil Betten frei. Bei uns im Haus is kein Platz. Ich will mein' Fried haben. Ich bin a kranks Leut.« Mühsam streckte sie das von Erregung entstellte Gesicht gegen die Witib hin. »Fahr heim, du! Heut noch! Ich rat dir's im guten. Auf'n Toni brauchst net warten. Der mag net. Heut kommt er überhaupts nimmer heim. Zwei, drei Täg bleibt er aus.« »Jesus, Maria!« stammelte Barbara in Schreck und hatte gleich wieder den Nagelschuh des Krispin auf den Hühneraugen. Grob schimpfte der Jünglingsbauer gegen die Mutter: »Du! Was mußt denn jetzt lugen wie druckt? Daß der Mensch manierlich sein soll gegen an Gast, dös laßt sich eim net anhobeln, wann er's net hat. Aber bei der Wahrheit sollt man deswegen allweil bleiben! Wo der Toni umanandstreunt, weiß ich net. Aber daß er heut noch heimkommt, hat er gestern der Kathrin gsagt.« Er blinzelte der Witib zu. »Übrigens kann der Toni ausbleiben, solang er mag. D' Witib paßt auf'n Toni gar nimmer auf.« »Na, gar net a bißl!« fiel Barbara stotternd ein. Es wurde ihr schwer, die Sehnsucht ihres molligen Herzens so schlau zu verleugnen. »Net soviel, als ich Schwarz unterm Nagel hab!« Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich weiß mir schon lang an Bessern.« »Soso? An Bessern?« Die Lahneggerin lachte. »Da gratulier ich. Und der Toni wird aufschnaufen, weil er sei' Ruh hat. So! Pfüe Gott! Ich bin a kranks Leut. Jetzt möcht ich schlafen.« Sie drehte sich auf die Seite und schob die zitternden Hände unter das Federbett. Gekränkt sagte Krispin: »Mit der Mutter is nix z' machen. Komm, Barberl!« Er faßte die Hand der Witib und brauchte nicht fest zu ziehen. Barbara setzte sich flink in Bewegung, um aus der beklemmenden Nähe der Lahneggerin zu kommen. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, da hob die kranke Frau den Kopf und murmelte in Erregung: »Ebbes spinnt er – ebbes spinnt er –« Draußen in der schönen Sonne des Abends schlug der Jünglingsbauer mit den Fäusten kreuzweis in die Luft und fluchte: »Himl Bluatsa! Alles is schiefgangen. Wie kannst aber auch den dalketen Einfall haben, daß d' eini mußt zur Mutter?« »Wer? Ich? Du hast mich ja einigführt!« »Ich? Bist narret?« schrie der Krispin. Er selber schien sich in dem wirren Netz der grauen Fäden, die er gesponnen hatte, nicht mehr auszukennen. »A bißl gar z' schlau hab ich's gmacht. Weil ich auf alle Nummern gsetzt hab, statt bloß auf eine! Aber mein Rat is gut. Jetzt brauchen wir d' Mutter nimmer. Wann's Nacht wird, führ ich dich übern Heuboden auffi ins Kammerl.« Dieser dunkle Weg schien der runden Witib nicht zu gefallen. In der zähen Hoffnung ihrer Liebe wagte sie keinen Widerspruch und fragte beklommen: »Meinst, daß er kommt?« »Verlaß dich drauf! Genauso machen mußt es halt, wie ich dir's gsagt hab. Und fragen därfst nix. Mäuserstad mußt sein! Nacher blüht dein Glück wie der Wald. Und morgen, da hast es!« Das gute Wesen von Zipfertshausen tat einen seligschwülen Atemzug. Dieses mystische Glückswort ›hastes‹ beschwichtigte ihre Unruh'. »Und komm! Jetzt zeig ich dir 's Haus von deiner Glückswidersacherin, daß d' morgen in der Fruh gnau weißt, wo der Knecht den Wagen anhalten muß. Und nacher lassen wir uns in der ›Post‹ noch a Flaschl Süßen geben. Bloß, daß wir auf dein Glück mitanand anstößen können, du saubere Schwägerin, du!« Der lachende Jünglingsbauer rundete den Arm um Barbara, so zutraulich, als wäre die Verwandtschaft schon fix und fertig. Immer lustiger wurde er, je näher er mit der Witib dem Buchenwäldchen beim Altwasser kam. Doch plötzlich, neben einer langen weißen Mauer verwandelte sich alle Überblüte seiner Zutunlichkeit in bedächtige Ruhe. Eine unangenehme Erinnerung mahnte ihn zur Vorsicht. Barbara führte wohl kein Gebetbuch als Waffe; doch diese mollig unterspickten Hände schienen auch unbewaffnet die Kraft zu besitzen, um andauerndes Nasenbluten zu erzielen. Zwar hatte Krispin von dieser linden, fügsamen Seele eine Zorntat der Empörung nicht zu befürchten. Aber die schmerzliche Erfahrung, die er mit der Beda gemacht hatte, beredete ihn doch, den Erfolg seiner klug gesponnenen Pläne nicht zu gefährden. Dieser Wandel in Krispins Verhalten fiel der Witib nicht auf. Wie sie seine tappende Zärtlichkeit nicht empfunden hatte, so vermißte sie auch nichts bei seiner Zurückhaltung. Was er auch schwatzen mochte, sie hörte immer nur den Toni reden. Diese erträumten Liebesgespräche machten sie nur noch heißer glühen als der süße Wein. Sonst war der Natursinn in ihr nicht sonderlich entwickelt. Heute betrachtete sie jede Blume neben dem Straßengraben mit Wohlgefallen; jeder blühende Fichtenbaum zauberte über das Sterngesicht der hoffnungsvollen Barbara ein Grinsen ihrer Freude. Sie fühlte sich mit ihrem kleinen Schwips mit Leib und Seele angeschlossen an den blühenden Rausch, der die Natur befallen hatte. Und vor Rührung füllten sich ihre wasserblauen Guckeraugen, als sie das Gittertor des Parkes erreichte und ferne Musik vernahm. »Da hör ich ebbes Schöns!« Andächtig lauschte sie ein Weilchen. »Gnau nimm ich's net aus, ob's a Polka is oder a Landlerischer.« Es war der langsame Satz aus dem D-Dur-Konzert von Mozart. An den leuchtenden Büschen und Bäumen rührte sich kein Blatt. Wie tief auch die Villa im Park lag, man konnte auf der Straße deutlich das Spiel des Flügels hören, deutlich die Stimme der singenden Geige. Das klang so froh, daß die lauschende Witib von Zipfertshausen sagte: »Gleich tanzen möcht ich! Soviel lüftig is mir 's Herz! Komm, Schwager, probier's a bißl!« Schmunzelnd streckte Krispin die braunen Tatzen und schwenkte die mollige Barbara ein paarmal im Kreis, daß man ihre vier Unterröcke zählen konnte – es waren zwei weiße, ein roter und ein blauer. Doch der Tänzer stellte den Versuch gleich wieder ein. »Bei so einer städtischen Musi kannst kein' Schritt net halten.« »Aber gfallen tut mir's. Geh, hock dich her und lus a bißl!« Gegenüber dem schmiedeeisernen Torgitter ließen sich die beiden auf den Rain des Straßengrabens nieder, und der Jünglingsbauer legte mit brüderlicher Reserve den Arm um die Witib. Weder Barbara noch Krispin merkte, daß nicht weit von ihnen, im Schatten der Buchenstauden, noch ein Dritter saß. Den greisen Körper klein zusammengebückt, hielt er seine Stirn auf die Fäuste gepreßt. Unter der verwitterten Lederkappe fielen die weißen Haarsträhnen lang herunter und verhüllten das Gesicht. Als die Musik in der Villa verstummte und das verschwägerte Paar aus dem Straßengraben davonging, hob der Alte den Kopf, von den Worten des Krispin und der Barbara wie aus dumpfem Schlaf geweckt. Ein dünnes Gekicher. Halb glich es einer wunderlichen Tierstimme, halb dem Weinen eines Kindes. Dann raunte der Greis in seiner singenden Art: »Und 's Grade und 's Krumme, 's Goldsaubre und d' Schand, Und 's Gscheite und 's Dumme, 's ghört alls zuanand! 's paßt alls in sechs Breder, Wia's kummt, also geht's, Und sehgn tuat's jeder, Und koaner versteht's!« Schwer atmend sprang er an der weißen Mauer entlang. Er kam zu einer mächtigen, wohl dreihundertjährigen Ulme, die gleich einem grünen Turm hinausragte über den jüngeren Wald. Mit den Bewegungen eines wilden Tieres klomm der Waldrauscher durch das Gezweig empor, schwang sich über die Mauer und ließ sich hinuntergleiten in eine blühende Fichtendickung des Parkes. Von der Villa tönte die Geige und der Klang des Flügels, ein heiter jagender Allegrosatz wie das Lachen froher Jugend, die im Spiel der Frühlingswinde nach fliegenden Rosenblättern hascht. 5 Im Musiksaal der Villa brannte heute die Lampe nicht. Weit standen die Fenster offen. Und die Sonne flutete mit dem Duft der Gartenblumen in den von Klanggewirbel erfüllten Raum. Ambros führte in drängendem Tempo den letzten Satz des Violinkonzertes. Gleich dem Geriesel einer Quelle strömte unter seinen Händen die klingende Flut hervor, auf der das graziöse Spiel der Geige heiter tanzte wie ein leichtes Schifflein. Und sooft der Geige eine perlende Passage froh gelang, wandte Ambros das Gesicht mit glänzenden Augen. »So ist's recht, Frau Herzogin! Das ist Mozart! Vorwärts! Immer heller! Das Ende muß ein glückliches Jauchzen sein!« Neben ihm stand die kleine Zieblingen. In ihrer Begeisterung taktierte sie mit Kopf und Hand und Fuß. Beglückt, in schwärmerischer Bewunderung staunte sie zur Herzogin hinüber, die zwischen zwei Sonnenbändern vor einem zierlichen Notenpult stand wie eine rhythmisch bewegte Flamme zwischen zwei ruhigen Feuern. Sie trug jenes rote, schönfließende Kleid, in dem Ambros sie zum erstenmal gesehen hatte. Wenn sie mit dem Ärmel der Bogenhand, mit der wiegenden Schulter oder mit einer Falte des Gewandes in den Sonnenstreif geriet, der an ihr vorüberleuchtete, schien das tiefe Rot des Kleides verwandelt in einen Tanz von kleinen, züngelnden Flammengebilden. Die Feuerbänder, die von der sinkenden Sonne hereinfielen durch die hohen Fenster, malten glühende Säulen an die gegenüberliegende Wand. Das war anzusehen, als würde die Decke des Raumes nicht von der Mauer getragen, sondern von diesen rot brennenden Pfeilern. Eine leuchtende Stimmung erfüllte auch die Herzogin, während sie mit Seele und Körper ganz dem heiteren Klange hingegeben war, der aus den Saiten flatterte. Auf ihren Wangen blühte ein Rosenhauch, als wäre sie in ihrer verjüngten Jugend durchgossen von einer Glut, so froh und schön, wie sie in ihrem Leben das noch nie empfunden hatte. In ihren Augen träumte ein schauender Glanz, als hätten sich vor ihrem Blick die schwarzen Notenzeichen verwandelt in einen Bilderzug aller Menschenfreude, die sich losgerungen von jeder Pein des Lebens. Die Sonnenbänder begannen zu erblassen, noch ehe der letzte jubelnde Ton verklang. Die Herzogin ließ die Hand mit dem Bogen sinken. Die Geige behielt sie noch an der brennenden Wange. So stand sie mit glücklichem Lächeln. Nun legte sie Bogen und Geige fort. Und Ambros fragte mit verschleierter Stimme: »Nun, Frau Herzogin? Ist Mozart eine tote Form?« Sie sah ihn an: »Diese Frage hab' ich verdient! Was ich da lernte, ist für mich wie neues Leben. Jetzt weiß ich, was Frohsinn ist. Das verdanke ich Ihnen! Ich werde mir das nicht mehr nehmen lassen. Es soll mich niemand mehr vor einem Gewinn behüten, der wertvoll ist.« Die kleine Baroneß, als möchte sie der glücklichen Stimmung ihrer Herrin neue Nahrung reichen, fragte erregt: »Jetzt gleich die Frühlingssonate, Hoheit?« In zappelnder Eile tauschte sie die Notenblätter. »Langsam, liebes Fräulein!« lachte Ambros. »Mozart ist keine Sache, die man mühelos aus dem Ärmel schüttelt. Wie an Herz und Seele, macht er auch Ansprüche an Hand und Arm. Da muß man sich schön ausruhen. Soll ich inzwischen etwas spielen, Frau Herzogin?« Schweigend nickte sie, mit dankbarer Freude in den Augen, und nahm die Violine vom Deckel des Klaviers, als hätte sie Sorge, daß ein Mitklirren des Geigenholzes den Klang des Flügels schädigen könnte. Diese paar Sekunden benützte die kleine Zieblingen, um in Sorge zu flüstern: »Ich bitte, Herr Lutz, nur jetzt keinen schweren, gefährlichen Beethoven!« Er schüttelte den Kopf, lachte ihr belustigt in das sorgenvolle Gesicht und ließ die Hände über die Tasten wirbeln zu einer stürmenden Kadenz, die von der Tonart des Mozartschen Konzertes überleitete in ein Thema des Stückes, das er spielen wollte. Doch er hielt wieder inne und sah die Herzogin an. »Ich bin nicht müde«, sagte sie lebhaft, »aber es ist doch gut, daß ich eine Pause mache. In mir beginnt sich eine gefährliche Eigenschaft zu regen.« Sie lachte. »Die Ungenügsamkeit.« »Im Genuß des Schönen? Das ist keine Eigenschaft, die man bekämpfen muß.« »Vielleicht doch!« In ihrer Freude überschattete ein wunderliches Sinnen den Glanz der Augen. Das ging vorüber wie ein huschender Wolkenschatten. Wieder lächelnd, sagte sie: »Ich werde doch auch belohnt. Sie werden uns wieder etwas restlos Gutes schenken. Dann müssen wir auch Ihnen Zeit vergönnen, um aufzuatmen nach der vielen Mühe, die Sie mir widmen. Darf ich dann bitten, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen – wenn es Ihre Zeit gestattet, daß Sie länger bleiben als das letztemal?« »Gerne!« sagte Ambros. »Meine Zeit kommt nicht in Frage. Nur Ihr Wunsch, Frau Herzogin.« Im Gesicht der kleinen Zieblingen spielten Schreck und Verlegenheit. »Eigentlich war das nicht vorgesehen. Aber wenn Hoheit befehlen, ich werde sofort –« Im Zustand einiger Verstörtheit huschte das schiefe Persönchen auf die Tür zu. Da rief die Herzogin: »Nicht im Zimmer, liebe Hanna! Ich fühle mich so wohl wie seit Jahren nicht. Der schöne Abend wird nicht kühl. Sie können den Teetisch ohne Sorge auf der Veranda decken lassen. Lange bleiben wir auch nicht draußen. Wir wollen noch musizieren.« Die Hofdame wagte keine Erwiderung und glitt zur Tür hinaus. Ambros, sich vorbeugend, preßte die Hand an seine Stirn, als müßte er seine Gedanken sammeln. Dann begann er. Wie verträumter Harfenklang fing eine lieblich verzierte Melodie zu singen an. Die Akkorde wuchsen und bewegten sich rascher. Das war wie Sonnengewoge, wie sachtes Wipfelrauschen, wie das Lichtgezitter auf einem See, dessen klare Fluten sich kräuseln im Spiel des Windes. Auf diesem Rauschen und Glänzen wiegte sich sorglos eine zärtliche Weise, das Lied eines frohen und reinen Glückes. »Wie schön!« sagte die Herzogin, als die Zieblingen wieder eintrat. »Und wieviel ich sehe! Jeder Klang verwandelt sich in ein Bild.« Die wogenden Klänge wuchsen in freudiger Kraft. Und Ambros fragte wie ein Träumender: »Was sehen Sie, Frau Herzogin?« »Eine Frühlingslandschaft. Und eine Stadt ist da. Die sieht wie eine Festung aus. Hohe, dicke Mauern. Wie ein Gefängnis. Diese Stunde erlöst die Gefangenen. Ein großes Tor ist da. Durchsichtig wie Glas. Ohne daß dieses Tor sich öffnet, kommen viele Menschen heraus. Alle in neuen Kleidern. Keiner hat einen Schmerz in den Augen. Alle sind glücklich. Da sind alte Leute, die wie Kinder lachen. Und junge Menschen binden Kränze. Sie singen. An den Füßen haben sie keine Schuhe. Sie brauchen keine. Ihr Gang ist wie ein Schweben gegen die blühenden Wälder hin. Alles blüht. Und die Menschen sind froh und fromm in dieser reinen Frühlingssonne.« Unter den heiter wogenden Klängen sagte Ambros: »Was Sie sehen, Frau Herzogin, ist wie der Ostertag.« Sie schien die Bedeutung dieses Wortes nicht zu erfassen. »Das kennen Sie doch! Dieses Herrliche und einzig Schöne:     ›Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück.‹« Heißes Erröten glitt über die Wangen der Herzogin. Hilfesuchend irrten ihre Augen. Die Hand der kleinen Hofdame umklammernd, flüsterte sie: »Von wem sind die schönen Verse?« Baroneß Zieblingen lispelte unsicher: »Ich vermute – von Schiller –« »Mit Bestimmtheit können Sie es auch nicht sagen?« »Nein, Hoheit!« »So erzieht man uns. Ich will das nachholen. Alles, wovor man mich behütete.« Die Klänge fluteten. Und Ambros sprach die faustischen Verse: »Kehre dich um, von diesen Höhen Nach der Stadt zurückzusehen. Aus dem hohlen, finsteren Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, Denn sie sind selber auferstanden, Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürd'ger Nacht Sind sie alle ans Licht gebracht.« Als er verstummte, wogte das fröhliche Tönen mit gesteigertem Jubel durch die den Saal umschleiernde Dämmerung. Während der letzte Akkord noch in den Saiten nachzitterte, segelte die kleine Hofdame unter einem Paroxismus von Applaus auf den Flügel zu. Halb kam das aus ehrlicher Begeisterung, halb aus dem Wunsche, zu verhindern, daß von dem Dichter der zitierten Verse gesprochen würde. Nach einem Gewirbel von lobenden Worten zwitscherte sie: »Ich glaube auch zu erraten, von wem das ist, was Sie da so wundervoll gespielt haben. Etwas so sieghaft Heiteres kann von keinem anderen sein als von Johann Strauß!« Ambros lachte. »Da haben Sie schön danebengegriffen! Was ich da gespielt habe, war auch von diesem schweren, gefährlichen Beethoven.« »Nein?« stammelte die schiefe Baroneß perplex, während ein feines Lachen aus einer Ecke klang. »Ja, Fräulein! Das waren Motive aus seiner zweiten Cellosonate, die ich rasend liebe.« Ambros schien mit der Verlegenheit der kleinen Hofdame Erbarmen zu fühlen. »So allgemein bekannt ist ja die Sonate nicht. Da darf man sich schon ein bißchen irren. Sie haben auch auf keinen Schlechten geraten. Strauß ist geradesogut ein Klassiker wie Beethoven und Mozart, einer, der aus der Eigenart seines künstlerischen Wesens heraus das restlos Gute schuf. Ja, passen Sie mal auf, liebes Fräulein, ob das nicht klassische Musik ist? Ein Gipfel aller Lebensfreude!« Mit hinreißender Kraft und blutvollem Temperament intonierte Ambros in der Baßstimme das Estamtam des wienerischen Walzertaktes. Schon dieses energische Tongedröhn der Begleitung elektrisierte die kleine Baroneß und verleitete sie zu äußerst unhofdämlichen Schaukelbewegungen. Dann setzte ein stürmisch jagendes Klingen ein, als begännen hundert frohe Quellen zu sprudeln und als wären hundert heiter tollende Geister ausgeflogen, um ihren Reigen durch die blaue Dämmerung des Saales zu schlingen. Ambros selbst wurde fortgerissen durch den überschäumenden Frohsinn dieser Musik. Was an suchenden Träumen, an Glück und Freude in ihm glänzte, schüttete er lachend hinein in diesen rauschenden Tanz, in dieses Meisterlied der Lebenslust. Die kleine Baroneß war wie behext und kicherte mit dem Ton eines beschwipsten Kindes: »Das ist ja –« Bei dem marionettenhaften Gezappel, von dem ihr Körperchen befallen war, mußte sie erst Atem schöpfen, um dieses Zauberwort herauszubringen: »Fledermaus! Fledermaus!« Da flog ihr aus der Dämmerung des Saales etwas entgegen wie eine rote, wehende Flamme. »Hanna! Da muß man tanzen!« Lachend umfaßte die Herzogin das schiefe Figürchen und begann es im Kreis zu drehen. Ein ungleiches Paar! Glückliche Freude, die fliegen möchte und sich behindert fühlt durch ein stolperndes Häuflein mühsam atmenden Lebens! Nach einer halben Runde gab die Herzogin das Experiment wieder auf. »Ach, Hannchen, Sie können aber auch gar nichts, was lustig ist! Nicht einmal ein bißchen tanzen!« Baroneß Zieblingen, aus ihren seligen Himmeln gestürzt und mit Tränen in den Augen, versuchte Luft zu kriegen. »Ich will es lernen, Hoheit zuliebe! Kesselschmitt soll ein guter Tänzer sein. Er muß mich unterrichten.« Ein silbernes Lachen. »So lange, bis Kesselschmitt Ihnen den Walzer beibrachte, kann ich nicht warten.« Die Arme auseinanderbreitend, begann das junge, zu frohem Leben erwachte Weib im Takt der berauschenden Klänge durch den Saal zu kreisen, von den schwingenden Falten des roten Kleides umflossen wie von einer schwebenden Glut. Durch die offenen Fenster quoll das freudige Rauschen hinaus in den mattleuchtenden Abend, so stark und leidenschaftlich, daß man das Geplätscher der beiden Fontänen nicht mehr hörte. Das Steigen und Fallen ihrer grauen Wasser schien den Rhythmen dieser jubelnden Musik zu folgen. Auch der alte, weißhaarige Lakai, der auf der Veranda den Teetisch gedeckt hatte und die Windlichter anzündete, wiegte sich in den Hüften. Herr Kesselschmitt aber, obwohl er bei der kleinen Zieblingen den Ruf eines hervorragenden Tänzers genoß, stand in der schwarzen Haushofmeistergala so unbeweglich, als hätte er einen eisernen Ladstock in die Seele geschluckt. Mit dem Ausdruck tiefster Empörung blähte er die Nasenflügel auf. Und als die Musik in dem ernsten Hause immer übermütiger jubelte: »Brüderlein, Brüderlein und Schwesterlein –« da drehte Herr Kesselschmitt das mißvergnügte Gesicht. »Franz? was sagen Sie?« Der alte Lakai machte schmunzelnd eine Bewegung, die stumm erwiderte: »Was soll man da sagen?« »Ich muß gestehen: Das ist stark! Hier ist die Grenze überschritten, wo meine Pflicht zu beginnen hat – wenn diese Zieblingen schon nicht mehr zu wissen scheint, in welchen Körperteil der liebe Gott ihr den Verstand pflanzte.« Mißtrauisch guckte der alte Lakai an dem erhabenen Herrn hinauf und sagte mit dem Dialekt des Franken: »Kesselschmittche! Spiele Se nur nich widder den hochferschtliche Wauwau! Vergenne Se dem kleine Frauche das bissele Vergnieche! Se kann's brauche.« Indigniert drehte Herr Kesselschmitt dieser gutmütigen Lebensweisheit den Rücken. Ein Laut, der von irgendwo gekommen war und wie spottendes Kichern geklungen hatte, machte ihn über die Schulter blicken. »Was gibt es hier zu lachen?« »Haw ich denn gelacht? Ach wo! Es isch mir doch im Traum nich eingefalle, daß ich lach! Awer gucke Se, Kesselschmittche, da drauße vorm Tor, da steht e Wägelche. Es scheint wer zu komme.« »Bei uns wird niemand erwartet. Doch es dürfte nicht mehr lange dauern, dann wird jemand kommen.« Dieses dunkle Orakel schien für den alten Lakaien eine klare Sache zu sein. »Kesselschmittche! Oh, oh, oh!« »Ich halte mich an meine Direktiven.« Mit diesem würdevollen Worte verschwand Herr Kesselschmitt im Hause. Nach einer Weile wurde die heiter stürmende Musik, die aus der Villa tönte, plötzlich abgebrochen. Und die verstaubte Landkutsche, die vor dem Parktor auf der Straße gehalten hatte, fuhr im Zwielicht des Abends davon, in der Richtung gegen die Große Not. Der kühle Bergwind erfüllte das Tal mit dem Harzduft der blühenden Fichtenwälder. Dieser Duft hatte nicht mehr das Herbe wie in den letzten Tagen. Es war etwas Süßes an ihm, etwas betäubend Schweres. Nun kam die Nacht. Ihre Sterne waren klein und klar – Sterne, die schön Wetter für lange Dauer verkündeten. Hier und dort ein winziges Licht im Tal, die Lampenhelle eines Fensters. Am Haus der Wildacherin waren alle Scheiben erleuchtet. Von beiden Giebelfenstern strahlte Licht in die Nacht hinaus. Und Sully, den man irgendwo eingesperrt hatte, bellte einen erbitterten Monolog. Manchmal verdunkelte sich der Flur. Da ging die Wildacherin geschäftig hin und her. Und Beda, die am Zauntor stand, beugte sich über die Staketen hinaus, um die finstere Straße entlang zu spähen. Endlich, als die Kirchturmuhr schon zehn geschlagen hatte, ließ sich auf der Straße ein Schritt vernehmen. »No, wenigstens einer amal!« Im Näherkommen trällerte Ambros die Walzerweise aus der ›Fledermaus‹: »Brüderlein, Brüderlein und Schwesterlein!« Beda sagte: »Gottlob, daß d' endlich heimkommst! Schau nur gleich auffi ins Stübl! Es is wer da für dich!« »Der Toni?« »Ah na! Der schaut a bißl anders aus.« »Wer soll denn dasein?« »Ich verrat's net, schau halt auffi!« »Jesus!« stammelte Ambros, von einer Ahnung befallen, und rannte gegen das Haus. Im Flur sah er die Wildacherin stehen, die ihm lachend zunickte. Und droben über der Stiege sah er die Helle einer offenen Tür, sah einen Schatten gleiten. »Mutter!« Er raste die Treppe hinauf. Lachend riß er die schlanke Frau an seine Brust und bedeckte ihr Haar mit Küssen. Zitternd, die Lider geschlossen, überließ sich Frau Lutz dieser stürmischen Zärtlichkeit. Sie fühlte: In dieser Zärtlichkeit ist Glut, die unbewußt einer anderen gehört. Welch einer anderen? Auch das wußte sie schon. In der Stunde, in der sie mit Beda allein geblieben, hatte sie mehr erfragt, als sie zu hören brauchte, um klarzusehen. Weil die Mutter so unbeweglich blieb, hob Ambros die leichte Last auf seine Arme, trat in die weiße, helle Stube, ließ sich auf einen Sessel fallen und nahm die Mutter auf den Schoß. »Du! Du! Grad heute, wo alles so schön war! Jetzt hab' ich alles. Wie kommst du denn so dahergeschneit, ohne Brief, ohne Nachricht?« Sie hielt das Gesicht an seine Schulter gepreßt. »Zum Schreiben war keine Zeit mehr. Ich hab' mich so rasch entschlossen. Die acht Tage hätt' ich nimmer ausgehalten! Und diese drückende Hitze in der Stadt –« Ambros hob den Kopf. »Mutter, verschweigst du mir was?« Da schlang sie die Arme um seinen Hals. »Es hat mich zu dir getrieben. Und ich danke dir. Wie nett und gemütlich hast du alles für mich gerichtet. Ein Glück, daß ich da bin! Jetzt ist alles leichter. Die Einsamkeit in der Stadt war grauenvoll.« Er wiegte sie an seinem Herzen. »Jetzt sollst du aufatmen in dieser Schönheit und Bergfrische! In der Heimat, weißt du! Und sollst dich behaglich fühlen, froh und glücklich sein. Gelt, ja?« Sie sah ihn angstvoll an. »Wenn du glücklich und froh bist, dann bin ich es auch.« Auf ihre Worte hörte er nicht – so erschrocken war er beim Anblick ihres gealterten, von Schmerz durchwühlten Gesichtes. »Mutter! Was ist denn mit dir? Bist du krank gewesen?« Sie schüttelte den Kopf und löste sich aus seinen Armen. »Oder hat dir das so schwer ins Herz gegriffen, diese Fahrt ins Tal herein? Der Blick auf unser Haus? Alles Erinnern?« Wieder schüttelte sie den Kopf. Dennoch hatte alles Vergangene hart an ihrer Seele gerissen. Aber stärker war die Pein der Gegenwart, die Sorge um den Sohn, die Furcht vor der Gefahr, von der sie ihn bedroht fühlte – eine Gefahr, die sie während der schlaflosen Nächte in der Stadt nicht so bang empfunden hatte wie in den paar Minuten, als ihr Wagen vor dem Parktor stand und jene jubelnden Klänge durch die Dämmerung hertönten bis zu ihrem zitternden Herzen. Weil sie noch immer schwieg, faßte Ambros ihre Hände. »So sag mir doch, was du hast!« »Angst um dich.« Erst blieb er stumm. Dann konnte er lachen. »Ach, geh, du Starke, du! Und plötzlich so ein Hasenfuß? Angst? Warum denn? Hat dir irgendein klatschfideler Schubbiack was Dummes und Unwahres über meine Arbeit zugetragen? Na ja, es gibt da kleine Verdrießlichkeiten. Aber man schlägt sich durch. Was Gutes und Rechtes leidet durch Torheit und Unverstand auf die Dauer keinen Schaden.« Statt die Mutter zu beruhigen, hatte er eine neue Sorge auf ihr Herz geladen. Sie stammelte mit zerdrückter Stimme: »Eine Gefahr? Auch für deine Arbeit?« »Nein, Mutter! Sieht man es ruhig an, so muß man lachen drüber. Nur so ein sinnloser Bauernzank, eine verrückte Lebenskirchweih mit Schnaderhüpfelgeplärr zwischen den Einheimischen und den Italienern.« Ein schwüler Atemzug. »Freilich, zwischen diese Narretei hat sich auch eine Tragödie hineingeschoben. Der arme Nino!« »Nino? Wer ist das?« »Frag nicht! Die Geschichte taugt nicht für die schöne Stunde, in der wir beide uns wiederhaben. Das hat auch mit meiner Arbeit nichts zu schaffen. Eine menschliche Sache! Waldrausch in einem Herzen, das so töricht war, über eine verständige Grenze hinaus zu blühen. Töricht? Nein! Vielleicht war das Herz des Nino Pallozzi klüger, als tausend andere sind mit nüchternem Blut und leerer Seele.« »Kind?« »Wirklich, Mutter, das hat nichts mit meiner Arbeit zu tun. Und das andere? Das wird sich schon wieder geben. Jetzt hab' ich doch auch den Toni als Vorarbeiter für die Einheimischen. Ein Mensch wie ein gesunder, starker Baum. Der hilft mir. Auch das schöne Wetter hat vorwärtsgeholfen. Wir sind schon so weit, wie wir nach meiner Rechnung erst Ende Juni sein sollten. Wenn das gute Wetter noch zwei Wochen anhält – ein paar kleine Gewitter schaden nicht viel –, dann sind wir mit der Sperrmauer in der Höhe und können die Schleusen einsetzen. Vierzehn Tage braucht der Betonguß, um zu trocknen. Dann wird die Klappe zugemacht, und dieser tausendjährigen Gefahr für das liebe, schöne Tal ist für immer ein Riegel vorgeschoben. Die Regulierung des offenen Kiesbettes ist eine leichte Arbeit von sechs Wochen. Und wir sind mit dem ganzen Werk um einen Monat früher fertig, als wir gerechnet haben. Mutterl, dann sollst du dir's wohlsein lassen!« Seine frohe Zuversicht blieb nicht ohne Wirkung auf die Mutter. Sie konnte aufatmen, wenigstens bei dem Gedanken an die äußere Zukunft, die ihrem Sohn gewonnen war. »Wenn ihr um einen Monat früher fertig seid, das ist doch auch eine große Ersparung? Nicht? Da mußt du doch auch deinen Anteil am Ersparten haben?« Er schien nicht sofort zu erfassen, was sie meinte. Dann lächelte er. »Ach, du kluges Sparhäfelchen! Ja! Gewiß! Ich selber hab' da noch gar nicht dran gedacht. Bürgerlicher Nutzen? Die Hauptsache bleibt die Arbeit. Die wird gelingen! So stark und froh wie heut ist die Zuversicht noch nie in mir gewesen. Barometer und Wetterprognose sind glänzend. Und diese Sterne heut! Guck doch mal zum Fenster hinaus, was für Sterne das sind! Während ich heimging durch die duftschwere Nacht, haben die festen Sterne immer das eine Wort zu mir heruntergeleuchtet: ›Schöne Zeit!‹ Und morgen, wenn du dich ausgeruht hast, dann mußt du zu mir hinauskommen. Dann zeig' ich dir alles. Das wird dir Freude machen. Dieses treibende, dröhnende Arbeitsleben mitten im feuerfarbenen Schönheitsrausche der Natur, das ist etwas Wundervolles. So wie heuer hast du diese rote Blütenfreude noch nie gesehen!« Sie nickte schweigend. »Der Toni meint, daß der Wald das mit jahrelangem Rückschlag büßen müßte. Ich kann's nicht glauben. Sonst müßte man erschrecken vor jeder machtvoll quellenden Freude in Natur und Leben. Nein! Alles Schöne ist immer nur Vorspiel zu noch höherer Schönheit. Das ist so wahr, wie daß die Sterne nicht erlöschen können in einer solchen Nacht des brennenden Erwartens!« Etwas Kaltbleiches und Wesenloses griff durch das offene Fenster herein und legte sich wie eine zwanzigfach gefingerte Hand über die blühenden Waldrauschzweige, über die Nelken- und Geranienstöcke. Der Mondschein. Er brachte Licht. Dennoch erloschen unter ihm die Farben. »Kind! Viel hast du mir erzählt. Das eine, auf das ich warte, verschweigst du. Warum?« Seine strahlenden Augen hielten den Blick der Mutter ruhig aus. »Ich weiß, was du meinst. Du hast recht, das hätte von allem, was zu erzählen war, das erste sein müssen. Wie merkwürdig das ist! Eine tiefe, schöne, reine Freude! Und da findet man kein Wort! Das war nicht absichtlich, Mutter! Dir hab' ich doch immer alles sagen können.« »Früher, ja.« Sinnend schwieg er eine Weile. »Weißt du, Mutter, es geht da mit wertvoller Musik noch etwas schön Menschliches Hand in Hand.« Seine Stimme wurde leise. »Ich glaube, daß ich hier auch ein gutes Werk geschaffen habe. Diese junge Frau war viele Jahre leidend und hatte eine traurige Kindheit, ein unfrohes Leben. Denk nur, Mutter, eine so hochgestellte Dame! Und leidet wie ein armes Teufelchen ganz da unten. Wir bürgerlichen Schafe glauben immer, da droben wäre alles Glanz und Glorie. Nicht tauschen! Die Glücklichen sind wir. In unserer Freiheit, auf unseren graden, offenen Wegen, mit allem Lebenswert, vor dem uns keine betreßte Direktive behütet. Ich sage dir, Mutter, das Schicksal dieser jungen, reinen Frau –« Die Stimme versagte ihm. »Ich habe da manches erfahren. Das darf ich dir nicht sagen. Und was ich dazu noch ahne! Das ist etwas Entsetzliches. Daran darf ich gar nicht denken. Sonst hat es mir nur immer so wunderlich weh getan. Heut schlägt es mich mit Fäusten ins Gesicht.« Den Kopf zwischen die Hände pressend, rannte er durch die kleine Stube, rings um den Tisch herum, auf dem die Lampe stand. Frau Lutz rührte sich nicht von der Stelle. Sie fragte zögernd, in schmerzlicher Unbehilflichkeit: »Ist diese Frau so schön?« Wie ein Erwachender sah er die Mutter an. »Schön? Eigentlich denk' ich doch an so was gar nicht. Aber ja, Mutter, sie ist schön. Ich glaube, daß ich noch nie eine schönere Frau gesehen habe. Wenn man ihr in die Augen sieht, könnte man für diese Frau alles tun, was menschenmöglich ist. Ich kann dir nicht sagen, wie schwermütig und unfroh diese Augen ins Leben schauten. Und wie diese Augen jetzt leuchten und lachen können! Weil ihrem Leben eine schöne und reine Freude erschlossen ist, das Verständnis für gute Musik.« Er nahm ihre Hand. »Jetzt setzen wir uns da zusammen. Und während ich deine Hand in der meinen halte, erzähl' ich dir alles.« Er wollte sie zu dem bäuerlichen Ledersofa neben dem Fenster ziehen. Frau Lutz befreite stumm ihre Hand, ging auf den Tisch zu und schraubte die Lampenflamme klein herunter. »Ich glaube, die Lampe riecht!« sagte sie mit umflorter Stimme. »Es ist in der Stube ein so schwerer Dunst.« »Das macht die Lampe nicht. Das kommt vom Wald herüber, der so schwer nach aller Reife seiner Blüte duftet.« Nun saßen sie nebeneinander, Ambros die Hand der Mutter umklammernd. Mit leisen, raschen Worten fing er zu erzählen an. Alles erzählte er, wie es war. Dennoch wurde alles ein anderes als die Wirklichkeit. Schon das Beben seiner Stimme gab jedem Laut den Schleier eines Geheimnisses. Und alle Farben des Frühlings redeten mit, das Rauschen der Wildach, das Dröhnen der großen Mine, die feuerschöne Trunkenheit des liebenden Waldes, alles Rätselweben der Natur, die wunderlichen Lieder des Waldrauschers und das Klingen hoher Kunst. »Und heut! Diese Stunde unter freiem Himmel beim letzten Licht des Abends, unter den aufblitzenden Sternen! Wie froh sie da war! Wie sie gar nicht satt wurde, von meinem Leben zu hören, von meiner Kindheit, vom Vater und von dir! Haben dir die Ohren nicht geklungen? Und während ich von dir erzählte, hatte sie Tränen in den Augen. Und fragte plötzlich: ›Gibt es denn solche Mütter?‹« Ein heißer Tropfen rollte ihm über die Hand, die auf dem Schoße seiner Mutter lag. Er fühlte das nicht. »Die gute Zieblingen gab mir gleich einen Wink, ich möchte da mit barmherziger Vorsicht drüber wegkommen. Und weil ich im ersten Moment nicht wußte, was sich sagen sollte und beim Suchen nach einem glücklichen Wort hinaufsah zu den Sternen, fing ich von den brennenden Wundern da droben zu sprechen an, von den Ewigkeitsgesetzen, von dem schöpferischen Frühlingswillen, der in jedem Stern wie in jeder mütterlichen Blüte wohnt, in jedem quellenden Gefühl, im roten Rausch des Waldes wie in aller Freude eines Menschenherzens.« Ambros lächelte vor sich hin. »Für die kleine Hofdame schien diese Wendung des Gesprächs die Traufe nach dem Regen zu sein. Auch die Frau Herzogin sah mich zuerst erschrocken an. Weißt du, ihre Weltkenntnis reicht nicht weit über den kleinen Katechismus ad usum Delphini hinaus. Das ist nicht ihre Schuld. In dem zarten Körper wohnt eine große Seele, die nur das Fliegen nicht lernen konnte, weil man sie von Kindheit auf mit dicken Mauern umkerkert hatte. Während ich sprach, regte dieses sehnsüchtige Herz nach dem ersten Erschrecken scheu die reinen Schwingen empor zu allem Glanz der Ewigkeit. Ach, Mutter, wie schön ist das gewesen! Da kam der kühle Bergwind. Die besorgte Zieblingen bestand darauf, daß die Frau Herzogin ins Zimmer müßte. Unter der Lampe spielten wir die Frühlingssonate. Und da erwachte in ihrer Geige ein Klang, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Das kleine Baronesserl war ganz verdreht vor Begeisterung. Aber die Herzogin, die in ihrem feuerschönen Kleid wie eine selige Erscheinung im Kreis des Lichtes stand, sagte in einem Ton, den ich nicht schildern kann: ›Nicht loben! Das war nicht Musik. Ich habe gebetet. Zu Gott. Der gütiger und schöner ist, als ich ihn jemals sehen durfte.‹ Dann reichte sie mir die Hand. Sie sprach kein Wort, als ich ging. Doch ihre Augen, diese frohen, glücklichen Augen waren bei mir auf dem ganzen Heimweg.« Ambros verstummte. In dem Schweigen klang fernher das Rauschen der Wildach. Der Mondschein war durch das Fenster hereingeschlichen und zeichnete die Schatten der Blumenstöcke als wunderliche Graugestalten auf das weißbedeckte Bett und auf die Wand. »Mutter? Warum weinst du?« »Weil ich fühle, daß du leiden wirst.« »Leiden?« Sie umklammerte seine Hände. »Wie soll das weitergehen?« »Weiter?« Er wollte lachen wie zu einen Scherz. Der Laut erstarb ihm in der Kehle. Jäh seine Hände befreiend, machte er eine Bewegung, wie um aufzuspringen. Die Mutter hielt ihn fest. Da beugte er sich weg von ihr und preßte seine Fäuste auf die Augen. Eine stumme Weile verging. »Laß dir raten von deiner Mutter! Diese Frau darfst du nicht mehr sehen.« »Das hieße aus meinem Leben hinausstoßen, was heilig und rein ist.« »Reinheit? Ach, Kind! Wenn Jugend liebt, ist Reinheit nur eine Blume auf dem Weg zum Glück, dem die Sinne entgegenrennen. Und wenn diese Frau deine Liebe erwidert –« »Nein, nein, nein!« »Sie liebt dich, Bros! Legt dir das nicht eine Verpflichtung auf? Gegen diese Frau? Denkst du nicht an ihre Stellung im Leben? An ihre Kinder? An ihren Mann?« »Mutter! Quäle mich nicht!« »Das muß ich dir sagen. Auf eine Mahnung, die dich an dein eigenes Leben denken heißt, würdest du jetzt nicht hören. Das kann ich dir nachfühlen, Bros! Tief und schön ist diese Liebe in dir. Drum spreche ich nur von dieser Frau, der deine Liebe nur Gutes wünschen muß. Ob sie ohne schweren Sturm noch überwinden kann, was in ihr aufglühte, das weiß ich nicht. Gibst du ihrem Gefühl noch Nahrung durch deine Nähe, dann bleiben dieser Frau nur zwei Wege, Bros: unglücklich zu werden oder schlecht.« Er sprang auf, wie von einem Peitschenhieb getroffen. Sein Gesicht war in Pein verzerrt. »Das hättest du nicht sagen dürfen!« Sie wollte erschrocken seine Hände fassen. »Laß mich! Wir können da nicht mehr weiterreden. Jetzt muß ich allein sein.« Er taumelte zur Tür hin. Wortlos machte Frau Lutz eine Bewegung, wie um ihn zurückzuhalten. Die Hände fielen ihr schlaff hinunter, die Kraft ihrer Glieder versagte, und so blieb sie zitternd stehen, während sich hinter Ambros die Tür schloß. 6 Der Mansardengang war finster. Ambros tastete mit den Händen und schien nicht zu wissen, wo seine Stube lag, wo sein Weg. Die Wildacherin hörte seinen Schritt und rief hinauf: »Herr Inschenier! Gelt, sagen S' der Frau Mutter, sie soll d' Fenster net gar z'lang auflassen. Heut in der Nacht schmeckt man d' Waldbluh schauderhaft. Ferm Kopfweh kunnt eins kriegen davon!« »Ja, Mutter Wildacherin! Der Wald – dieser Wald –« Die alte Frau horchte verwundert auf. »Was hat er denn: Wird denn alles narret?« Als wäre ein Zusammenhang zwischen dieser Frage und dem Mondschein, der draußen das Haus umleuchtete, trat die Wildacherin aufgeregt in die silbergraue Nacht hinaus und rief: »He! Bedle! Jetzt kunntst aber doch amal einigehn, daß man zur Ruh kommt!« Aus dem schwarzen Schatten der Obstbäume klang die Stimme der Beda: »Ich komm schon bald. D' Nacht is gar so fein. So ebbes muß man sich anschauen.« Ein Nachtwanderer, der hastig vom Altwasser über die Wiesen kam und die Stimme der Beda vernommen hatte, lachte leise und machte noch flinkere Sprünge. Nun erreichte er die Ecke des Gartens und sah die Beda hinter dem Staketengatter stehen. Sie hörte den Schritt im Grase nicht, fühlte nur plötzlich, daß zwei starke Arme sie umschlangen wie eine eiserne Klammer. »Jesus!« tuschelte sie in ihrem seligen Schreck. Es dauerte lang, bis sie flüstern konnte: »Seit neune wart ich schon allweil. Heut, hab ich mir denkt, heut mußt doch kommen!« »Ja, Bedle, heut hat's mich hertrieben! Gestern bin ich auf Unterach abi. Und grad komm ich her davon.« Es war im Klang dieser Worte etwas wie Kummer. Doch Beda atmete erleichtert auf, schmiegte sich an seine Brust und fing glückfroh zu kichern an. »Schatzl?« fragte er. »Was hast denn?« »Freuen tut mich ebbes!« Mehr sagte sie nicht. Sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, ehe sie von der Witib aus dem Unterland ein Wörtl geschnauft hätte. »Freuen? Gestern hab ich selber gmeint, ich kunnt dir heut a Freud machen und sagen: jetzt haben wir unser Heimatl, und alles is gut! In Unterach hab ich heut an Anwesen angschaut, dös am Verkauf is. Zahlen kunnt ich's grad, d' Mutter hilft mir. Dö is allweil soviel gut.« »Hast es ihr gsagt? Von uns?« »Freilich! D' Mutter wird sich's Herz aussiwarten, heut. Aber z'erst hab ich zu dir müssen!« »Vergelt's Gott!« »Z' Unterach, Schatzl, dös is nix für uns. 's Haus is verwahrlost, und die Gründ sind miserabel. Da täten wir uns schlecht einisetzen.« »Um Gottes willen net! Jetzt hab ich dich, jetzt kann ich warten.« Er küßte sie heiß. »Gelt, bis ich ebbes gfunden hab, halten wir unser Glück in der Gheim? Tät mich dein Ahnl fragen: ›Auf was willst denn heiraten?‹ und ich kunnt ihr kein richtiges Wörtl sagen, dös tät mich sekkieren bei Tag und Nacht.« »Ich sag ihr nix. Alles soll gschehen, wie's du haben willst.« »Na, na! 's Gute für mich muß allweil 's Besser für dich sein, weißt!« Sie dankte mit einem Kuß, der den Toni zittern machte und die Beda in eine Philosophin verwandelte. Beklommen stammelte sie: »Wie gschwind eins so ebbes lernt! Kein Vater und Mutter hat mir's zeigt, und jetzt kann ich's. Grad wie sich der Wald auf sein' bluhroten Rausch versteht.« Sie klammerte sich wieder an seinen Hals. »Ich tät dich gern noch a bißl bhalten. Aber jetzt mußt zur Mutter heim.« »Ja! jetzt spring ich wie a Narr.« »Wann kommst denn wieder?« Er lachte. »Morgen in der Fruh um fünfe hol ich den Brosi ab, bei dem ich von morgen an in der Arbeit bin.« »Gott sei Lob und Dank! Da hast ebbes Fests fürn ganzen Sommer. Und jeden Abend auf'm Heimweg mußt bei uns vorbei!« »Da muß ich allweil gleich heimschauen zur Mutter. Aber am Samstag auf d' Nacht, da hast mich wieder wie heut! Jetzt gib noch aber Bußl her, dös für die ganze Wochen ausreicht!« Halb im silbernen Mondschein und halb im schwarzen Schatten hielten sie einander umschlungen, Leib an Leib gewachsen. Sie schienen die Duftschwüle der blühenden Nacht zu fühlen und atmeten schwer. Toni löste plötzlich die Arme der Beda von seinem Hals. »Gscheit bleiben! Wir zwei durften net oft beinand sein.« Da umschlang sie ihn wieder. »Auf dich kann man sich verlassen, in dir is alles sauber.« »Net alles!« sagte er rauh, als hätte dieses Wort eine wunde Stelle in ihm berührt. Mit seinen eisernen Armen preßte er das Mädel an sich. »Bedle, ich muß dir ebbes eingstehn.« Der Schreck schauerte durch ihren Leib. Doch stammelnd wehrte sie: »Ebbes Schlechts kann's nie net sein von dir.« »Ebbes arg Schlechts! Ja! Und doch ebbes Schöns! In der Lieb, da kennt eins bald den Unterschied nimmer.« Er drückte seine Stirn an ihre Wange. »Seit fufzehn Jahr lang tu ich dich mögen. Derzeit uns selbigsmal der Abend so fuirig war. Bist noch a Kindl gwesen! Und ich hab dich mögen müssen. Hab dich gstößen und gschumpfen. Und hab dich gern ghabt. Und allweil is d' Lieb wie ebbes Schlechts in mir gwesen. Fufzehn Jahr lang hab ich dich nie net anders gsehen. Allweil so, wie d' selbigsmal am fuirigen Abend gwesen bist!« Das Blut schoß ihr ins Gesicht, und ein feines Lachen jagte ihr die Angst aus der Seele. »So bist gwachsen in mir. So hab ich dich gsehen beim Tag und in der Nacht, bei der Arbeit und in der Kirch. Und so bist fort mit mir aus'm Tal. Wann mich draußt in der Fremd die reifen Jahr oft plagt haben wie narrisch und wann ich gmeint hab, jetzt muß ich nach einer greifen – da hab ich dich allweil wieder gsehen, so, und hätte ums Sterben keiner andere net ans Miederband rühren können!« »Tonele!« Wie Trunkenheit war die Freude in ihr. »Nimm mich, wann d' magst! Bei der Hochzet, heut oder morgen! Ich brauch kein' Mondschein net. Und mein Glück is allweil größer als selbigsmal unser großer Fisch!« Stumm hielt er das zitternde Mädel in seinen Armen und küßte, küßte, daß ihr der Atem verging. »Tonele! Was is denn d' Lieb?« »Spüren tu ich's. Sagen kann ich's net. Du mußt den Waldrauscher fragen. Der kann einem sagen, was keiner weiß.« »Zehn Jahr lang Zwidernis und Zorn. Fünf Jahr lang Hunger und Durst! Und seit vier Tag die einzig Freud und 's Allerbeste! So is d' Lieb! Tonele, wie wird s' denn noch?« Er hielt sie an seiner Brust und streichelte ihr Haar. Da hörten sie vom Haus herüber einen Schritt und fuhren so erschrocken auseinander, als wären ihre lauteren Frühlingsherzen verwandelt in zwei schlechte Gewissen. Mit flinkem Satz war Toni über das Staket draußen. Und Beda hatte so hurtige Sprünge gemacht, daß sie ein paar Sekunden später vom Gemüsegarten um die Hausecke kommen konnte. Im Mondlicht stand eine schwarze Schattengestalt. »Grad, Ahnl, will ich mich schlafen legen.« Sie mußte lachen. Die dunkle Schildwache im Mondschein war nicht die Großmutter, sondern Ambros, der zum Himmel hinaufstarrte. Das Lachen der Beda schien ihn zu wecken. Er wandte sich: »Mädel! Sag du mir, wo sie sind.« Sie erschrak über den Klang seiner Worte. »Jesus! Wer denn?« »Die Sterne! Die Sterne der schönen Zeit! Von denen ich glaubte, daß sie nicht erlöschen könnten in dieser Nacht des blühenden Erwartens! Wo sind sie? Schau hinauf! Da droben ist alles kalt und bleich und leer.« »Mar' und Joseph! Herr Lutz! Hast ebba an Trunk übern Durst verschluckt?« Er lachte grell. Sie faßte seinen Arm. »Brosi? Was ist denn mit dir?« Unter einem Krampf, der ihn schüttelte, umschlang er die Schwester seiner Jugend. »Ich weiß nimmer, ob ich elend oder glücklich bin.« Dann hing er stumm an ihren Hals geklammert. »Gelt? Hast eine gern?« Sie versuchte ihn aufzurichten. »Und elend oder herzfroh, sündhaft oder schön, Sternglanz oder Mondschein, da weiß man nimmer, wie ebbes heißt!« Seine Arme fielen wie Blei herunter. »Sag meiner Mutter, sie soll sich nicht sorgen! Ich komme schon wieder. Leben muß man.« Er taumelte gegen die Straße. Sie wollte ihm nachspringen, wollte ihn zurückhalten. Die schwarzen Schatten, die zwischen der bleichen Helle lagen, verbargen ihn schon. Er wußte nicht, welchen Weg er ging. Willenlos einer Gewohnheit der vergangenen Wochen folgend, überstieg er die Straßenplanke. In aller Verstörtheit seines Herzens fiel ihm etwas auf. »Wo ist der Pfahl? Die Tafel? Verbotener Weg?« Er sah die Frau, die er liebte. Wie eine schlanke, rote Flamme stand sie im reinen Mondlicht. Sie lächelte und sagte leise: »Warum soll ein Weg verboten sein, der den Menschen Freude macht?« Im bleichen Schimmer das Rauschen der nahen Wildach. »Verbotener Weg!« Immer dieses Wort auf den Lippen, in der Faust den zerknüllten Hut, watete Ambros durch die perlfarbenen Wiesen, auf denen Blumen, Gras und Unkraut wie ein einziges waren, alles grau. Zwischen schwarzen Baumkronen tauchte der mondbeglänzte First eines bäuerlichen Gehöftes auf. Hier wohnte das junge Mädel, das ein Wohlgefallen an italienischen Liedern hatte. »Nino! Nino! Mir blühen alle Wälder. So rot wie dir!« Hohe, finstere Mauern. Über die gewellten Zinnen stieg ein schimmerndes Wunder empor, die Große Not im Mondschein. Durch zwanzig Jahre war in Ambros ein unverstandenes Wort lebendig geblieben: ›Die Große Not hat eine Mutter. Die heißt man die Heiligste Freude!‹ Jetzt verstand er's. ›Je heißer und schöner eine Menschenfreude, um so größer und tiefer der Schmerz, der als Frucht aus allem Rausch ihrer Blüte fällt. Ein grauenvolles Wort! Ein Fluchlied des Waldrauschers! Lied? Ist alles nur ein Lied? Unsere Pein und Seligkeit? Die fliegenden Träume und die plumpen Dinge? Alles nur kleine Lieder eines alten Sängers, der noch seltsamere Weisen, noch dunklere Verse findet als der Waldrauscher? Ein Lied auch diese Nacht? Ihre zärtliche Qual? Ihre brennende Sehnsucht?‹ Nicht aus der Verstörtheit seines Herzens kam diese letzte Frage. Sie tönte ihm von außen in die Seele hinein. Er hörte ein leidenschaftliches und dennoch schwermutvolles Lied, das mit der schattendunklen Silbernacht und ihrem Rauschen in eins verschmolz wie eine Seele und ihr Leib. Auf einem Hügel des Barackenlagers gloste matter Rotschein. Da saßen noch Männer und junge Burschen um ein erlöschendes Feuer. Sie sangen. Der eine im Bangen nach der fernen Heimat, im Denken an ein Mädel; der andere im Durst nach seinem Weib, das er entbehrte. Ambros wandte sich gegen die Wildach. Immer ging dieses Lied mit ihm. Dann in der Nacht eine wilde Stimme, das schmetternde Gewieher eines Pferdes, das irgendwo auf der Weide war. Und immer näher das Rauschen der Wildach. Ambros erreichte das verwüstete Kiesbett. Das zwang ihn, seinen Weg wieder gegen das Dorf zu nehmen. Das Bild der Schuttfelder war ein anderes als in vergangener Zeit. Die Stelle, wo der kleine Brosi unter blaugrünem Wasser das knöcherne ›Totenmännle‹ gesehen hatte, war längst von neuem Geröll überschüttet. Wie ein kalkweißer See mit fernen Ufern lag das verwüstete Gelände im Mondschein. Nur Schutt und Schutt. Kein Wasser. Die rauschende Wildach lag versteckt, tief eingegraben. Dennoch sahen die irrenden Augen des Einsamen das Bild einer tiefen, blaugrünen Flut, aus der ein knöchernes Gesicht zu ihm herauflächelte. »Die Erlösung! Die Ruhe nach aller Qual!« Er dachte an die Pflicht seines Lebens, dachte an sein Werk und jagte in Zorn diese Schwäche aus seiner Stirn hinaus. Als hätte er vor einer Gefahr zu fliehen, wandte er sich hastig gegen die Wiesen. Das Rauschen dämpfte sich. Deutlich tönte der Gesang der wachenden Italiener durch die Mondnacht. Ambros wurde ruhiger. In ihm erwachte ein träumender Klang seiner Liebe: Die Sehnsucht wandert in einem Scharlachkleid. Das öffnet sie immer, öffnet es weit. Doch wenn des Lebens schneidende Lüfte fließen, Friert sie und muß das Kleid wieder schließen. Die Sehnsucht reitet auf einem Märchenpferd, Das ferne immer ein Wiehern hört Und rennen möchte, rasen und schäumend jagen, Wär's nur nicht an den Pflock geschlagen. Die Sehnsucht friert. Drum bläst sie ein Feuer an Und wirft dazu ihren letzten Span Und haucht ihren letzten Atem in die Brände Und verbrennt sich das Herz und die zitternden Hände. Die Sehnsucht singt in Schmerzen ein wehes Lied, Das suchend zu dunklen Fernen zieht Und ruhelos schreit und schreit im rauschenden Winde: Glück! Rufe doch! Rufe, daß ich dich finde! Im schwarzen Schatten des Buchenwaldes leuchtete ein langes Band in silbernem Weiß. Ambros, aufgerüttelt, erschrak bis ins Herz. Er hatte diesen Weg nicht gewollt, nicht gesucht. Regungslos an einen Baum gelehnt, blickte er auf die weiße Parkmauer, die der Mond umflutete. Ein Geräusch in seiner Nähe. Die Straße war leer. Hatte sein Herz so laut geschlagen? War das Hämmern seiner Pulse in die Luft getreten? Langsam ging er auf das Parktor zu, klammerte die Hände in das Gitter und preßte seine Stirn an die kalten Eisenstäbe. Einen erwürgten Laut in der Kehle, richtete er sich auf. Ihm war, als hätte er den Atem eines Menschen gefühlt. Als er das Gesicht über die Schulter wandte, stand hinter ihm die Graugestalt eines gebeugten Greises. Der sagte unter leisem Lachen: »So, Büeble? Bist da? Hab mir schon allweil denkt, heut kommst!« »Waldrauscher!« »Rausch? Den Wald schau an in der Sonn! Und dir schau eini in d' Seel! Nacher weißt, was Rausch is. Aber wann einer nüchtern wird? Schau dir den Wald an in vier Wochen! Not und Elend. Sieben Jahr lang Müdigkeit. Und jeder Baum muß warten ohne Freud, fufzg Jahr lang, bis ihn der alte Bauer niederschlagt.« »Dein sinnloses Gerede versteh' ich nicht. Warum bist du immer in meiner Nähe? Was spionierst du auf meinen Wegen? Was willst du von mir?« »Ich? Von dir, Büeble? Nix! Bloß gmeint hab ich, du kunntst ebbes brauchen von mir!« Ein spottendes Kichern. »Soll ich dir ebba den Baum zeigen, von dem einer leicht über d' Mauer hupft? 's is an alter Baum, hat sich net viel verwachsen in siebnefufzg Jahr, macht allweil noch 's gleiche Leiterl! Oder weißt ebba 's richtige Fenster net? Soll ich dir sagen, wie einer beim Mondschein einikommt ins Schlößl, daß keiner ebbes merkt davon als bloß die einzig, die man sucht in Glut und Ängsten?« »Mensch!« Ambros faßte den Greis in Zorn an den Schultern. »Was wagst du mir da zu sagen?« Der Waldrauscher lachte. »Geh, tu dich net verstellen vor mir!« Er spähte die mondhelle Straße auf und nieder. »Heut hab ich enk zugschaut. Musi habt's gmacht, daß mir daucht hat, 's lichte Glück und die rote Freud, die singen mitanand. Lachen und reden hab ich dich hören. Wann einer den süßen Rausch in ihm drin hat, sieht er den Herrgott allweil schön und d' Stern noch glanziger, als wie s' eh schon sind. Fein hast predigt! Den Kaplan hast sauber abidruckt übern hofchristlichen Wagen.« Wieder ein kurzes Lachen, dann ein Klang voll schmerzlicher Zärtlichkeit. »'s Glauben aus der heiligen Freud aussi is ihr leichter worden in eim Viertelstündl, als wie 's müde Beten in der Angst von zwanzg verlorene Jahr. A Himmel is eingfallen, der wie a Kinderkripperl auf gläserne Füß gstanden is. Und an andrer is ihr gwachsen in der Seel, einer, wo der Wald blüht und d' Engerln ausschauen wie glückselige Menschenleut. Der neue Herrgott hat blonde Haar. Und der neue Himmel hat Sterndln wie deine Augen.« »Waldrauscher!« stammelte Ambros in einer Erregung, die seinen Körper schüttelte. »Bist du irrsinnig?« »Na, Büeble! Mir daucht ehnder, ich weiß a bißl z'viel. Dös schaut allweil so aus, als ob einer a Narr wär. Aber heut, bei enk zwei, hat's kein' bsundern Verstand net braucht. Zugschaut hab ich enk in Freud und Kümmernis. Allweil bin ich dabeigwesen, im Wald und im Schlößl. Oder hast meine Augen net kennt? Siebnefufzg Jahr in der Einschicht! So ebbes macht andere Gsichter. Aber d' Augen sind allweil 's gleiche. An Aug hat ebbes vom Herrgott, muß ebbes haben von der Ewigkeit. Hast meine Augen net kennt?« »Waldrauscher!« Ambros war vor dem Greise zurückgewichen. »Wer bist du? Mir wird unheimlich in deiner Nähe.« Er wandte sich und folgte der mondhellen Straße in der Richtung gegen das Kirchdorf hin. »Halt, Büeble! Den falschen Weg hast. Umkehren mußt, wann d' heim willst zur Wildacherin. Oder suchst dir an andern Weg?« Ambros, ohne ein Wort zu erwidern, ging die Straße zurück. Schweigend duldete er's eine Weile, daß der Waldrauscher an seiner Seite blieb. Im schwarzen Buchenwald schrie er: »Laß mich allein!« Ruhig sagte der Waldrauscher: »Menschen, die zuanandghören, sollten anand nie allein lassen. Von der einschichtigen Zeit kommt allweil 's Ärgste. Ich müßt mich in mir und in dir net auskennen, wann du dich heut net schon gfragt hättst, wo die Große Not am höchsten oder 's Wildwasser am tiefsten is.« Nicht die Wahrheit dieses Wortes, sondern die Ruhe, mit der das graue Männlein gesprochen hatte, wirkte erschütternd auf Ambros. »Ja. Geh mit mir! Einsamkeit ist eine Gefahr.« Sie traten aus dem schwarzen Waldschatten hinaus in das offene Mondland. Schimmer, wohin das Auge sah. Dieses Traumbild der im Blütenrausche schlafenden Erde war verschwenderisch reich an geheimnisvollem Reiz und webendem Silberglanz. Auch die Schatten waren Schönheit, die unter Schleiern ruhte. »Büeble, mach d' Augen auf! Wär's ebba net fein auf der Welt? Es is der Müh wert, daß einer lebt. Und d' Welt wird net minder, weil eim 's Herzl weh tut.« Der Alte schrie einen Jauchzer in die schöne Nacht und sang:       »A Freud und a Wehdam, A Frost und a Brand, A Glanz und a Schatten, 's gheart alls zuanand! Und d' Welt, dö hat Sachen, Bald liacht und bald trüab. Und 's Liachtest und 's Trüabste, Dös hoaßen mer: d' Liab! Und d' Liab is a Lachen, Der Sunnschein hat's bracht, Und d' Liab is an Elend, Sein Muatta hoaßt: Nacht! Und d' Liab is a Fuierl, Wo koaner net woaß: Wer's zündt und wia's brennt und Warum a so hoaß?« »Waldrauscher!« stammelte Ambros. »Hundert Jahr bist du alt –« »Sagen wir neunzg und a bißl drüber.« »Wer sollte das Leben kennen, wenn nicht du? Wie darf die Liebe einen Menschen auf Wege führen, die vor unübersteiglichen Mauern enden? Vor Klüften, über die keine Brücke geht?« Der Waldrauscher sang: »Bua, d' Liab is a blinde, A feldfremde Maus, A Wildtaub im Käfi, A Gast in deim Haus. Der tuat, was er will, und Der macht's, wie er mag, Und schreit d'r: Du Knechtl, Jetzt tua, was i sag! Und alles muaß ducken, Der Mensch und der Stoan, A Baam und der Bergwald Und 's Bleaml, dös kloan. Und alles muaß Knecht sein, Weard müad und verdirbt, Bloß d' Liab, dö is d' Herrin, Dö alleweil irbt. Ob hundertmal gmaschkert, Vertoalt und verstellt, Sie is bloß an Oanzigs Und älter als d' Welt, Und jünger als 's Jüngste Und alleweil neu, Und zwoa kann s' net zählen, Zählt alleweil: drei! Und d' Liab, dö is sparsam Und praßt und verschwendt, Versteht si' auf alls und Macht Experament. Und nix is so gscheit, als Wia d' Liab – und so dumm! Und so treibt s' ihre Unfürm, Ich woaß net, warum!« Ambros nickte, die Augen auf das Altwasser gerichtet, auf dem die Reflexe des Mondlichtes wie silberne Schmetterlinge spielten. »Ja, Waldrauscher! Du bist klug. Nur schade, daß ich von deiner Klugheit nichts lernen kann. Das Klügste sind deine grauen Jahre.« »A bißl hast recht. Net ganz.« Ambros verlor seine Ruhe. »Wäre in dir die brennende Sehnsucht meiner Jugend und Liebe, so wärst du minder klug. Alles, was im Leben nach Leben dürstet, liegt hinter dir.« »Kunnt sein, daß dich täuschen tust.« »Hundertjähriger! Einsamer! Welche Sehnsucht könnte in dir noch sein als nur die eine: von aller Mühsal eines erschöpften Lebens erlöst zu werden? Und nichts mehr zu wissen, nichts, nichts, nichts.« »Jungs Mannderl«, sagte der Alte ernst, »da redst, wie d' gestern noch net reden hättst mögen und wie d' morgen nimmer reden magst. Tausend Sachen kunnt ich dir sagen von allem Gusto, den 's Leben noch allweil hat für mich. Jeds Stündl im Wald heißt Schatzgraben und Goldfinden. So einischauen in alls, was an einzigs is! Tief einischauen, tiefer als andre! Und zittern vor lauter Freud, wann d' wieder amal so a Deckerl hast lupfen därfen. Und merken, daß tausend Gsichter allweil die gleichen Augen haben. Und wissen: Was glutet und schlagt in dir, is allweil gwesen und muß allweil bleiben. Und spüren: 's ander alles is grad so wie du, und du bist grad so wie 's ander alles. Und jeden Schreck verlieren und die alte, narrische Menschenangst! Und alles verstehn! Und doch nix wissen. Und dastehn müssen wie a Kindl und 's Kreuz schlagen vor lauter Andacht! Büeble? Kannst mir's net nachspüren, wieviel Freud meine grauen Jahre noch allweil haben?« »Waldrauscher!« Ambros fand in seinem Staunen nur dieses eine stammelnde Wort. »Aber Freud? Von jeder Freud kunnt ich lassen, heut wie morgen. D' Freud macht mich net leben. Ich kann net sterben, weil ich noch allweil auf ebbes hoffen muß. Und es kommt noch, es kommt, es kommt!« Die Stimme des Alten geriet in fiebernde Hast. »Die gottesmächtige Welt hat ihr Gsetz von Ewigkeit. Und jedes kleinste Leben hat sein' extrigen Gwalt, dem's folgen muß. Heißt er: Lieb? Oder: Blut? Oder: Glück? Oder: Elend? Oder ewige Narretei? Es is halt in mir! Und es laßt mich net sterben. Allweil wart ich noch drauf, daß ich a Wörtl hör und a Wörtl sagen därf, an einzigs Wörtl!« Den Kopf zurückbeugend, krampfte der Waldrauscher die dürren Fäuste in seine Brust. »Ich kunnt's aussischreien aus mir! Aber a Riegel liegt mir vor der Seel. Als wären sechzg Jahr net gwesen, so hat unser Herrgott a zweitsmal 's Allersüßeste denkt! Aber a zweitsmal wirfst kein' sündhaften Stein in so a heiligs Brünndl. Na, Büeble! Warten muß ich. Allweil warten. Und hüten. Und es kommt noch, es kommt, es kommt.« Ambros blickte in diese irrenden Augen. »Waldrauscher! Was du vorhin sprachst von den Freuden deines Alters, das weckte etwas Starkes in mir und gab mir einen Trost. Jetzt versteh' ich dich nimmer.« Wie ein Erwachender streckte sich der Greis und lachte. »So? Hab ich a paar rauschige Wörtln gredt? A bißl angsteckt hat's mich halt. Genius loci, genius horae! D' Narretei liegt in der Luft. Waldrausch! Waldrausch! Komm, Büeble, laß dich heimführen! Söllene Rauschnächt können ein' narrisch machen.« Durch die graue Wiese hinschreitend, fing er in schrillem Diskant zu singen an: »Und der Wald, der is rauschi, Der Wald is verliabt, Und sein Liab, dö weard fliaget Und fludert und stüabt! Und zehntausend Hearzl Hat jedweder Baam, Und jeds hat sein' Hunger, Sein' fuirigen Traam. Und morgen, da fliagen s' Und fragen ihr Gschick, Und da findt von eim Tausend An oanzigs a Glück. Dö ander, dö fallen Ins Mies und ins Gstoan Und leiden und hungern Und sterben alloan. Gottvater im Himmel, So spricht der Kaplan, Nimmt ahl seiner Künder Sich lübevohl an!« Nach dem grotesken Hochdeutsch dieser letzten Strophe begann der Waldrauscher ein Jodeln, das mit Gelächter endete. Bei diesem Lachen schien er seine Ruhe wiederzufinden. Ambros zitterte in einem Sturm von Erregung. In alle Pein seines eigenen Herzens wirrte sich ihm das rätselhafte Lebensgesicht dieses waldklugen und doch wie aberwitzig erscheinenden Greises. Welche Schmerzen sangen und lachten da herauf aus einer versunkenen Jugend? Welch ein Schweres war auf sein Leben gefallen, daß dieses Leben einsam verdorren mußte? Welche Hoffnung war in diesem Hundertjährigen noch wach geblieben und ließ ihn nicht sterben? Und welch ein unbegreiflicher Gegensatz, die äußerliche Lebensarmut dieses Greises und der geistige Reichtum unter dieser gerunzelten Stirn! Und lateinische Worte auf der Zunge des Waldrauschers? Und der sprudelnde Quell seiner kleinen, bald träumerischen, bald höhnenden Lieder? Und dieses wundersame Fühlen und Ahnen vor dem ewigen Rätselgesichte der Natur? Wie kam ein Kind des Volkes, ohne Bildung und Schule, zu solch einer freien, allen Horizont des Dorfes überragenden Naturerkenntnis und Weltanschauung? Oder war der Waldrauscher kein Kind des Dorfes? Hatte ihn ein schweres Schicksal von der Stadt in den Wald verschlagen, wie der Lebensschreck die Heiligen in die Wüste trieb? Und hatte unstillbare Sehnsucht aus einer hoffnungsfrohen, mit allen Gaben beschenkten Jugend das gemacht, was da grau und kleingebeugt durch den Mondschein wanderte? Ambros fühlte diesen Gedanken wie einen Schicksalsspruch, der über sein eigenes Leben gefällt war. Das Gesicht in die Hände pressend, blieb er stehen, erschüttert in allen Sinnen. »Komm, Büeble!« sagte der Alte ruhig. »Halb zwei hat's gschlagen. In drei Stunden kommt d' Sonn. Da mußt wieder frisch zur Arbeit aussi.« Ambros klammerte sich an den Greis. »Waldrauscher! Der du alles erlebtest an dir selbst! Ich fühle, das wird nie erlöschen in mir. Was soll ich beginnen mit meinem Leben?« »Net schlechter sollst es machen, als wie's gwesen is.« »Schlecht! Schlecht! Hätt' ich nur heute dieses Wort nicht gehört! Es hat sich festgesogen an mir. Nun ist es in meinem Blut.« Wie ein Wahnsinniger schrie Ambros in den Mondschein: »Was ist Reinheit, Waldrauscher? Ich weiß es nimmer.« Sie waren schon nahe bei der Hecke, die den Garten der Wildacherin umzog. Da krampfte Ambros seine Faust in die Schulter des Alten. »Die Liebe, sagst du, ist ein Ewiges. Ist stärker als alles atmende Leben. Sie allein ist die Herrin. Und befiehlt. Müssen wir nicht gehorchen? Ist Liebe dann nicht auch ein Recht? Hat Liebe nicht die Pflicht, zu gewinnen? Und zu blühen nach dem Willen der Natur?« Lange schwieg der Waldrauscher. Dann sagte er zögernd: »D' Natur, Büeble, is an unsichers Frauenzimmer. Wer weiß denn, wie sie's will? So wie du hat noch jeder gfragt, dem 's dürstige Fuier im Blut und in der Seel war. So viel Recht, als sich einer nimmt, hat einer allweil. Aber wie söllene Rechtlichkeiten halt ausfallen? Da kunnt ich dir viel drüber sagen. Aber jeder Rat wär Sünd an dir und net bloß an dir allein. Auf söllene Fragen müßt's enker Antwort selber finden, ös zwei. Aber dir, Büeble, sag ich heut noch ebbes. Komm! Dös sag ich dir am Gartenzaun. Da mag ich nacher kein Wörtl nimmer hören von dir.« Sie schritten stumm durch den Mondschein. Auf der Straße, vor dem Zaun der Wildacherin streckte sich der Greis an Ambros hinauf und schlang den Arm um seinen Hals. »Amal, da hab ich dir a Liedl gsungen. A kleines Mannderl bist noch gwesen. Bucken hab ich mich müssen bis abi zu dir. Heut muß ich mich strecken. Aber 's gleiche Wörtl sag ich dir heut: Büeble, du hast Herrgottsaugen! Laß dir nix einreden, laß dir nix ausreden! Was einer findt mit söllene Augen, is allweil 's Rechte. Was einer sieht mit söllene Augen, is allweil ebbes mit farbschöne Flügerln, die man im Rausch oder in der Nüchternheit net stutzen und rupfen därf.« Der Waldrauscher lachte leise. »Dös Liedl von selbigsmal hab ich schon lang vergessen. Da mach ich dir halt an anders, gelt! Es daucht mir, daß ich heut alt gnug wär fürs richtige Gsangl. Sechs Jahr noch bis hundert! Und viel hat mich gwundert und gmartert und gfreut. Neunzg Jahr lang is heut! Weißt, d' Jahr, die wo dumm san, gehn Straßerln, dö krumm san. Wann d' Irrnis ein plagt, wird 's Gute derfragt!« Das Geflüster des Alten verwandelte sich in ein feines, zärtliches Singen: »Und 's Beste vom Guten, Magst lachen, magst bluten, Is a Plag oder Freud, Dö d' Sunna net scheut; Is a Seel, dö koan Fleck hat, A Liab, dö koan Schreck hat, A Herz ohne Reu Und a blinksaubre Treu! Da kannst nacher sagen. Komm, Rausch, tua mi plagen, Treib's grad oder krumm, Du wirfst mi net um! Natur und was sunst is, Was Fluach oder Gunst is, Verlust oder Gwinn – I bleib, was i bin!« Noch ein Lachen, halb weh und halb spottend, ein paar klappernde Schritte im Mondschein, und der Alte war verschwunden. »Waldrauscher!« Von irgendwo klang es aus dem schwarzen Schatten: »Guten Morgen, Brosle!« Noch lange blieb Ambros auf der Straße stehen. Dann trat er in das Haus. Der Flur war hell, vom Mansardenstock kam Licht herunter. Und droben fragte eine von Angst umschnürte Stimme: »Kind? Bist du's?« »Ja, Mutter.« In der Mansarde wurde eine Tür geschlossen. Die Stiege blieb hell. Frau Lutz hatte einen Leuchter mit brennender Kerze auf die Diele gestellt. 7 Dem Toni Sagenbacher, als er in dieser duftschwülen Rauschnacht heimkam, wäre es fast geschehen, daß er sich eine schärfere Ähnlichkeit mit dem Krispin zugezogen und eine Dulle ins Nasenbein geschlagen hätte. Beim Eintritt in die dunkle Stube stolperte er über eine dicke Sache, die auf dem Fußboden lag. Er stürzte vornüber, fiel gegen den Ofen, und nur seine flinken, federnden Arme bewahrten ihn vor einer folgenschweren Auseinandersetzung mit einem der Dinge, die sich hart im Raume stoßen. »Sakra! Was liegt denn da?« Erschrocken klang es aus der Kammer: »Hast dich angschlagen?« »Na, na, Mutter! Aber was liegt denn da? Dös spürt sich, als wär's a Bett.« »Ja, dein Bett! Seit gestern hab ich dich nimmer ghabt. Morgen in aller Fruh mußt aussi zur Arbeit. Drum hab ich am Abend der Kathrin gsagt, daß sie 's Bettzeug abitragt aus deiner Stuben. Da hab ich dich in der Nacht net weit von mir.« »Wie näher bei dir, so lieber is mir's.« Toni trat in die Kammer, die von den kleinen Mondflecken ein kaum merkliches Licht erhielt. »Wie hat dir denn gangen seit gestern?« »Du bringst mir allweil a Bröserl Gsund. Lang bist ausblieben.« »In Unterach bin ich erst fort auf'n Abend. Und da hab ich noch gschwind a Sprüngl zur Beda gmacht. Gelt, dös tust mir net verübeln?« »'s junge Glück muß vor die alten Freuden allweil den Fürgang haben.« Am Klang ihrer Stimme merkte Toni, daß irgend etwas nicht richtig war. »Mutter? Tut dich ebbes aufregen?« Er setzte sich auf die Bettkante und nahm ihre Hände. »Na, Tonele! Jetzt hab ich dich. Jetzt laß ich dich nimmer aus die ganze Nacht. Ich weiß ja, was für einer als bist. Aber kein Mensch is a Heiliger. Weit von aller Versuchung heißt weit von aller Sünd.« Toni schien nicht gleich hinter den Sinn dieser wunderlichen Worte zu kommen. Dann lachte er. »Hast schon recht: Für mich kunnt ich net einstehn. Aber mein Bedle is ebbes Saubers durch und durch. Da brauchst kei' Sorg net haben, daß wir 's Türl einschnappen lassen, vors Haus fertig ist.« Jetzt lachte auch die Lahneggerin, seltsam lustig, fast schadenfroh. »'s fertige Haus?« Toni tat einen schweren Atemzug. »Freilich, da wird's noch a harts Warten kosten. Net gut schaut's aus in Unterach. Da täten wir uns schiech einisetzen.« »Soso?« Die Lahneggerin schien mit ihren Gedanken bei anderen Dingen zu sein. Immer schwieg sie, während der Toni von Unterach erzählte, von dem brüchigen Haus, von den verhungerten Feldern. »Mutter? Was tust denn allwei so auffilusen zur Stubendecken?« Sie nahm den Kopf zwischen die Hände. »Der Krispin halt! Soviel Sorge tut er mir machen, der Krispi!« Nun lauschte auch der Toni. »Wird halt wieder sein' Sonntagsrausch heimbracht haben und geistert umanand da droben.« »Mit heimbracht hat er ebbes, ja!« Die Lahneggerin lachte gallig. »Und allweil hin und her, da droben. Als tät er vier Füß haben, der Krispi, zwei schwere und zwei leichte.« »Im Rausch und in der Sauerei wird der Mensch allweil wieder vierfüßig.« »Jetzt hast es gsagt, 's richtige Wörd! Und so ebbes muß ich haben im Haus!« »Soll ich auffi, Mutter, und schauen?« »Jesus, Maria!« Die Lahneggerin umklammerte den Toni. »Net um d' Welt laß ich dich auffi.« »No, no, no, Mutter! Soviel Sorgen brauchst dir net machen um den Krispin. Mein, a Lackl is er halt. Derzeit ich bei dir bin und mein Glück hab, trag ich ihm nix mehr nach. Tät er sich zu dir a weng besser stellen, so kunnt ich ihm noch gut sein. Schau dir die andern an im Dorf! Da is der Krispi noch lang net der Schiechste.« »So? Meinst?« Hohn und doch ein Hauch von mütterlicher Hoffnung war in diesem Wort. Dann flüsterte sie vor sich hin, als wär's nicht für den Toni gesagt: »Es kunnt ja sein, daß ich mich täuscht hab. Und daß mir alles bloß aussigwachsen is aus der Angst vor seiner Spinnerei! Aber sicher is sicher!« Sie schmiegte die Wange an Tonis Brust. »Heut schlafst da herunt! Da kann's sein; wie's mag. Morgen bist in der Arbeit, und die krumpen Rösser laufen wieder aussi zum Tal. Und dein Glück hat sich kein' Ellbogen net angstößen. Und am Fuier, dös einer net kennt, hat sich noch keiner verbrennt.« Toni lachte. »Heut redst ja wie d' Wahrsagerin auf'm Jahrmarkt.« Die Lahneggerin lachte nicht mit. »Jetzt tu dich schlafen legen! Die Kathrin hat dir schon alles hinglegt, was d' morgen brauchst. Und gelt, die Tür in d' Stuben aussi tust offenlassen?« »Freilich, ja! Meinst net, ich kunnt allweil herunt schlafen? Oft hab ich d' Leut schon sagen hören, wann a Gsunder net weit von eim Kranken schlaft, dös tät arg gut sein. Da tät sich a Kranks viel leichter schnaufen. Heut nacht schnauf ich dir alles eini ins Kammerl, was mir gsund und froh in der Seel is!« Er streichelte die Hand des kranken Weibes und ging auf den Fußspitzen in die Stube hinaus. Die Lahneggerin fiel unter wohligem Seufzer in die Kissen zurück und begann dafür zu beten, daß sich der liebe Herrgott in dieser Nacht was ausdenken möchte für das Glück des Toni und der Beda. Gebete, die so heiß und gläubig sind, müssen erhört werden. Mancherlei Wunder geschehen im Leben. Die Menschen erkennen sie nur nicht immer, weil sich die ewige Schicksalsmacht, wenn sie Gutes wirkt, zuweilen der seltsamsten Werkzeuge bedient – zum Beispiel des Krispin Sagenbacher und seiner vierfüßigen Klugheit. Lautlos hatte sich der Stubengast entkleidet und unter die Decke des Dielenbettes geschoben. Er atmete so tief wie einer, der die gefrorenen Fensterscheiben anhaucht. Da fiel ein dünner Lichtschein durch eine Ritze der Stubentür, und Krispin, mit nackten Füßen, nur in Hemd und Hose, schob sich halb herein, in der Hand eine brennende Unschlittkerze. Ein paar Heufäden hingen an ihm, als hätte er die Hälfte dieser Rauschnacht nicht im Bett seiner Kammer, sondern in der Scheune verduselt. Perplex betrachtete er das Nachtlager auf dem Fußboden. Toni ermunterte sich. »Krispi? Was willst denn?« »Nix! Ich habe dich net auffigehn hören und hab mir denkt, es kunnt ebba der Mutter was sein.« »Na, d' Mutter is heut schon wieder besser.« »So? Freut mich, ja! Da hätt ich mir d' Unruh sparen können.« Unter einem etwas sonderbaren Lachen zog Krispin seinen Kopf und die brennende Kerze zurück. Und draußen konnte man einen, der jetzt Schuhe an den Füßen hatte, die Treppe hinaufgehen hören, sehr laut. Dazu pfiff er lustig eins von den Liedern, die der Toni gern sang. Aus der Kammer klang es: »Tonele?« »No schau, Mutter, der Krispi is tagnüchtern. Und gsorgt hat er sich um dich.« »Da hab ich ihm heut unrecht tan, 's erstemal!« Nun Stille. Das Gefühl, einem Menschen unrecht getan zu haben, kann süß schmecken. Das erfuhr die Lahneggerin in dieser Nacht. Als ihr ein wohltuender Schlaf die fieberheißen Augen schloß, träumte sie von einem guten Menschen, welcher Krispin Sagenbacher hieß. So fest war dieser Schlaf, daß der blinkende Morgen die Lahneggerin nicht weckte. Toni, als er aufstand, aß in der Küche die Morgensuppe, die ihm die Kathrin vorsetzte. »Wann der Tag schön wird, tragst den Lehnstuhl in'n Garten und tust d' Mutter aussiführen in d' Sonn!« Axt und Pickel auf der Schulter, im Rucksack den Wettermantel und das ›Mahlzeitpackerl‹, trat er in den Morgen hinaus, durch dessen graue Frische die rosig angesonnten Bergspitzen herunterglänzten. Während Toni die Straße hinwanderte, spähten ihm zwei Augen nach, die durch einen Spalt des halboffenen Scheunentores herausfunkelten. Krispin trat aus der Tenne, lauschte gegen die Stallfenster und sprang auf die Haustür zu. In der Küche sah er die Kathrin, die mit dem Wasserganter zum Brunnen wollte. Dem Krispin fuhr ein Fluch durch die Zähne. Dann sagte er freundlich: »So? Bist schon auf? Die zwei Knecht, scheint mir, verschlafen wieder? Schau gleich hinter und pumper an der Kammertür.« »Es hat erst dreiviertel gschlagen.« »Tu, was ich sag!« Krispin guckte zu, wie die Magd in einem dämmerigen Gang verschwand. Als da hinten das Gepumper anfing, sprang er hurtig zur Haustür hinaus. Lang mußte Kathrin trommeln, bis die beiden Knechte munter wurden. »D' Mannsbilder haben an Schlaf wie d' Ratzen am Tag.« Sie nahm den Wasserganter, ging zum Brunnen und meinte zwischen den Holunderstauden was Buntfarbiges gegen den Garten hin und um die Scheunenecke verschwinden zu sehen. »Soso? Wieder amal! Drum hab ich pumpern müssen!« Sie tat, als sähe sie den Jünglingsbauer nicht, der nach einer Weile mit vergnügtem Gesicht aus dem Garten kam. Trotz seiner guten Laune benahm er sich jetzt gegen die Kathrin minder freundlich als zuvor. »Siehst net, daß der Kübel schon überlauft? Was stehst denn noch allweil da?« Die alte Magd drückte die Augen zu und schmatzte auf eine sonderbare Art. Als sie zur Haustür hineinging, hielt sie dieses Selbstgespräch: »Ja, ja, 's wird schon amal überlaufen! Alles in der Welt hat sein Maß. Geht's drüber aussi, so verliert unser Herrgott d' Langmut. Da schlagt er zu.« Ferne von aller Ahnung der gerechten Prügel, die ihm aus blauen Höhen zugedacht waren, stand der schlaue Jünglingsbauer am Zaun, äugte die Straße hinunter und schmunzelte, als er aus einem Wiesenpfad etwas Rundes und Buntfarbenes herauswandern sah, das mit eitel geschwenkten Röcken auf das Gasthaus »Zum goldenen Posthörndl« zusteuerte. »Du Gans, du scheckete! Jetzt hast es!« Krispin lachte. Dann drehte er den Kopf und guckte kalkulierend nach der Richtung, die der Toni genommen hatte. Das war die Richtung, in der das Haus der Beda lag. So weit war Toni noch nicht gekommen. Es fehlten auch noch zehn Minuten bis fünf. Aber Beda stand schon auf der Lauer. Dem Toni blieb nur so viel Zeit, um ihr etwas klein Eingewickeltes über den Zaun hinüberzuwerfen. Denn Ambros trat schon auf die Straße. »Ich hab' dich kommen sehen. Und da bin ich gleich herunter.« »Nnno«, meinte der lange Sagenbacher, »gar so pressiert hätt's net. Aber in Gottes Namen, marschieren wir halt!« Er nahm es mit dem Geheimnis seines Glückes, dem noch das Hausdach fehlte, so genau, daß er sich nimmer umsah, war aber auch so gewissenhaft, daß er gleich zu Ambros sagte: »Neulich hab ich gmeint, ich kunnt dir heut ebbes anvertrauen. Da muß ich noch a Zeitl warten.« Ambros sah verloren auf und nickte. »Nur schön Geduld haben! Besonders, wenn sie das einzige ist, was einem Menschen bleibt.« Hinter den beiden stand unter den Zweigen der Obstbäume die Beda mit enttäuschten Augen. Einen Schnaufer lang hätte der Toni doch stehenbleiben können – nur um ihr zu sagen, daß zwei von den sechs Rossen die unterländische Witib wieder aus dem Wildachtal hinausgezogen hätten. Bei diesem Gedanken wickelte sie das Zeitungspapier von der kleinen Sache, die der Toni ihr zugeworfen hatte. Es war das Tüchelchen, mit dem sie die gebissene Hand verbunden hatte. Das war nun sauber gewaschen und fein gebügelt. Die Beda mußte lachen, drückte das Gesicht in das Tuch und sprang auf die Straße hinaus, um vom Toni noch einen Joppenzipfel zu erspähen. Weil sie ihren Buben nimmer sehen konnte, blickte sie träumend hinauf zu dem trunkenen, blühenden Wald, über den schon die ersten Sonnengrüße niederfluteten. Das gleiche tat der Toni, während er mit seinem schweigsamen Kameraden nach der Notburg wanderte. Immer hingen seine Augen an dem roten Rausch der grünen Wipfel. »Der Wald is reif in der Bluh. Heut fangt er zum Stäuben an.« »Das tat er schon in der Nacht.« »Na, Brosle! Da braucht er d' Sonn dazu. In der kühlen Nacht laßt d' Waldbluh kein Herzstäubl net ausfliegen.« »Dann muß ein Unterschied zwischen einer Baumseele und einem menschlichen Herzen sein. Das reißt in kalten Nächten seine Kammern auf und läßt ins Leere fliegen, was es an blühendem Reichtum besaß.« Das war ruhig gesagt. Dennoch drehte Toni das Gesicht. »Brosi? Gar net gut schaust aus. So viel übernächtig. Hast ebba net gschlafen?« »In dieser Nacht? – Gestern am Abend ist meine Mutter gekommen.« »D' Mutter haben, dös ghört zu die besten Sachen.« »Ja! Das hat mir den Schlaf genommen. Erst ums Tagwerden ist noch etwas über mich hergefallen, das mir die Augen schloß. Ich weiß nicht, ob das Schlaf gewesen ist. Ich glaube, das war ein Erwachen.« Ambros lächelte. Etwas Helles glomm in seinen müden, blau geränderten Augen. »Wir sehen die schönste Wahrheit unseres Lebens nie mit aufgerissenen Augen. Was wir in unseren Träumen schauen, das ist Wahrheit. Die hungrigen Augen müssen geschlossen sein. Nur das Herz darf wachen, schauen und glauben.« Toni schüttelte den Kopf. »Da redst mir jetzt a bißl z' stadtisch! Derschlagen durft mich einer, wann ich dös ausdeutschen sollt.« Stumm wanderten die beiden durch die Wiese. Dann fing Toni von der Arbeit zu sprechen an. Der neue Rottmeister hatte, um die Einheimischen zur Vernunft zu bringen, schon seinen festen Plan. Zuerst muß man's mit aller Torheit in Güte versuchen. Was sich nicht biegen will, muß brechen. Die ärgsten Schreier schickt man davon. Die anderen sammelt man an jedem Morgen und Abend zu gemeinschaftlichem Ausmarsch und Heimweg. Der geht fern vorüber am wällischen Barackenlager. Dann teilt man es so in der Arbeit ein, daß die Einheimischen möglichst weit von den Italienern zu schaffen haben. Im Lager baut man einen Feldaltar. Dann muß aus dem Gerichtsstädtl an jedem Sonntag ein Kaplan kommen und für die Italiener Messe lesen. So sprach der Toni in seiner festen Ruhe weiter. Ambros nickte immer. Er hörte alles. Doch wie mit schlafenden Sinnen. Ferne von diesen Sinnen wachte sein Herz und sang ein Lied: »Es ging ein Traum auf leisen Sohlen Vorüber mir in banger Nacht. In mir ein tiefes Atemholen – Ich lächle – und ich bin erwacht. Wie war mein Traum? Ich kann's nicht sagen, Ob auch die Seele sinnt und lauscht. Ich fühle nur ein Flügelschlagen, Das mich wie Frühling hold umrauscht. Ein Glänzen ist, mit weißem Scheine, Zutiefst in meines Lebens Kern, Als ging' ich durch geweihte Haine, Dem Staub der grauen Wege fern. Ich sehe Feld mit goldnen Halmen Und weit ein Meer in blauer Ruh Und drüben Land mit grünen Palmen – Und fühle, Lieb, mein Traum warst du!« Ganz nahe klang das Rauschen der Wildach. Mit diesem Rauschen mischte sich ein wirres, zeterndes Geschrei. Ambros und Toni blieben stehen, um zu lauschen. Dann fingen sie zu laufen an und verschwanden im rot blühenden Wald. Fern im Tal war schon die Sonne. Immer höher stieg sie. Und überall, wo sie leuchtete und wärmte, ging von den blütenreichen Wipfeln ein feines Gezüngel auf. Kleine, zarte, rostfarbene Wölkchen begannen zu fliegen, wehten über eine kurze Strecke des Gehänges hin, wurden durchsichtig und waren verschwunden. Fliegende Sehnsucht, die das dürstende Erwarten suchte! Hochzeit des von Liebe berauschten Waldes! In dieser reifen Freudenstunde der Bergwaldhöhe geschah es, daß die buntfarbene Witib von Zipfertshausen vor dem Gasthaus ›Zum goldenen Posthörndl‹ ihr nettes Wägelchen bestieg. Sie trug in der einen Hand den seidenen Regenschirm, der auf dieser Reise durch die Sonne höchst überflüssig erschien, und in der anderen Hand die Tasche mit dem Osterhasen, der zufrieden sein gelungenes Werk betrachtete. Genauso zufrieden sah die runde Barbara aus. Ihr Sternenantlitz strahlte von rosiger Frische. Und eine so prächtige Laune durchschimmerte ihr molliges Wesen, daß auch die bös gesalzene Rechnung keinen Schatten in dieses blütenfrohe Licht geworfen hatte. Ohne Widerspruch hatte Barbara geblecht. »A Gauner, mein Schwager! Aber 's Glück is ebbes wert.« Hansele guckte seine Bäuerin studierend an. Blinkend rollte das Wägelchen über die Straße hin. Von einem krummen Pferdefuß war nichts zu merken. Während die Fahrt durch das Dorf gegen die Wildach ging, drehte der Hansele ein paarmal das Gesicht. Immer wieder schüttelte er den grauen Kopf, wenn er seine Gebieterin so rosig in der Kutsche sitzen sah. Nun kam der Lahneggerhof. Der Hansele spähte aufmerksam. Haus und Hofreut lagen still in der Morgensonne. Im Garten waren zwei Weiberleute mit weißen Kopftüchern. Als das nette Wägelchen am Lahneggerhofe vorüber war, guckte sich der Hansele wieder um. Noch immer saß die Bäuerin lächelnd neben dem zufriedenen Osterhasen. »Frau! Sechzg Jahr bin ich alt und hab allweil gmeint, ich kenn mich aus mit die Menschenleut. Aber sie müssen doch a bißl anders sein, als ich gmeint hab.« »Warum denn?« »Z' wetten hätt ich mir traut, daß d' heut gallgiftig zum Tal aussifahrst.« Barbara lachte, wie nur das Glück zu lachen versteht. »Was bist denn so redgeizig?« inquirierte der Hansele. »Wie bist denn füranand kommen mit'm Toni?« »Gar net schlecht. Jetzt weiß er, wie er dran is. Jetzt braucht er keine fürsichtigen Brieferln nimmer schreiben. Heut kann er sagen: Herzl, jetzt hast es!« »Sooo?« »Ja. 's wird an der Zeit sein, daß er zu uns wieder aussikommt. Soviel sauber hat der Toni bei uns sein Kammerl allweil ghalten. Daheim hat er sich d' Ordnung völlig abgwöhnt. Schiech hat sein Stüberl ausgschaut. Aber ich bring ihm d' Ordnung schon wieder bei. Und 's Reden auch! Freilich, von dieselbigen, die viel ratschen, is er nie keiner gwesen. Jetzt redt er gleich gar nix nimmer. Ich denk mir halt, d' Sorg um d' Mutter macht ihn so verstockt. Aber da dauert's nimmer lang. Nacher wird er die richtigen Wörtln schon finden.« Sie blies über die seidenen Ärmel ihres Spenzers und schüttelte die Atlasschürze. »Ich weiß gar net, warum's heut in aller Fruh schon soviel stäuben tut.« »Ob's net ebba von der Waldbluh kommt? Da, schau auffi, wie alles fliegt da droben!« Auf dem Gehäng der Sonnleite war über weite Strecken alles Grün der Bäume unter safrangelben Schleiern verschwunden. In solcher Menge wehte der suchende Blütenstaub durcheinander. Immer wieder blies der Morgenwind einen verirrten Schwarm dieser reisenden Sehnsucht über das Tal hinüber. Dann ging aus den Lüften ein zartes Geriesel nieder, wie im Herbste, wenn wehende Dunstwolken sich verwandeln in feines Nebelreißen. Die runde Braut aus Zipfertshausen hatte immer zu blasen, zu klopfen und zu schütteln, um ihre bunte Seide sauberzuhalten. Stets aufs neue fiel mit erloschenem Rot dieses Gestäube aus der Luft herunter und überpulverte die glückliche Barbara mit verirrter Sehnsucht, mit tausend Opfern der enterbten Liebe. Schließlich nahm sie die Sache heiter. »Grad, als tät der Himmel sagen: Punktum, Streusand drauf!« Nach diesem vieldeutigen Worte wurde die mollige Witib von einer seltsamen Schweigsamkeit befallen. Sie spähte über den Weg voraus, und plötzlich nahm sie ihren schönen seidenen Regenschirm, warf ihn rückwärts über die Kutsche hinaus auf die Straße und drängte aufgeregt: »Fahr zu, Hansele! Fahr zu!« Als der Hansele weiterfuhr, sah er vor einem Zaungatter ein junges Mädel stehen, das immer rief und lockte, in Sorge um einen weißen Spitz, der mit einem großen Nachbarhund in Meinungsverschiedenheiten geriet. Schon wollte Beda losrennen, um den bedrohten Spitz zu retten. Der Hufschlag der beiden Rosse aus dem Unterland machte sie aufblicken. Als sie die Kutsche gewahrte, vergaß sie alle Gefahr, in der sich der weiße Spitz befand, und musterte schmunzelnd die angestaubte Reisende aus Zipfertshausen. »Mar' und Joseph!« kreischte Barbara in gut gespieltem Schreck. »Mein' Regenschirm hab ich verloren. Tu d' Roß aufhalten! Die Zügel gib her! Lauf, Hansele, lauf über d' Straßen z'ruck! Such mein' Regenschirm!« Flink war der Hansele vom Bock herunter. »Den haben wir gleich!« Erst machte er hurtige Sprünge; dann ließ er sich Zeit; ein Regenschirm hat keine Beine, um Reißaus zu nehmen. Die ›Paradachl‹ wartete auch schön geduldig, bis der Hansele kam. Der hob es auf und klappte das feine Seidendächl ein paarmal hin und her, um den Staub davon abzuschütteln. Aufmerksam betrachtete er den Griff, um sich zu überzeugen, ob an diesem Kunstwerk nichts passiert wäre. Es war ein Schlangenkopf mit zwei kleinen, gelben Glasaugen, die so tückisch funkelten, als hätte der Regenschirm eine böse, rachsüchtige Seele. Dem Hansele fiel das nicht auf. Doch als er zur netten Kutsche zurückmarschierte, machte er die Wahrnehmung, daß seine runde Bäuerin und das schlanke Mädel sich in einer temperamentvollen Unterhaltung befanden, deren Inhalt auf den zwei verschiedenen Gesichtern verschiedene Farbe erzeugte. Während Barbaras Sternenantlitz zinnoberdunkel glühte, war Beda so bleich, als wäre ein grausamer Lebensschreck über ihre blühende Herzensfreude gefallen. Hansele, der dem angestaubten Wägelchen näher kam, vernahm unter Staunen dieses Zwiegespräch, das von Barbara kreischend, von Beda mit unheimlicher Ruhe geführt wurde: »Sie! Frau! So ebbes laß ich net sagen auf'n Toni. Dös nehmen S' z'ruck! Auf der Stell!« »Na! Net um d' Welt!« »Verlogen is alles!« »Kannst ja den Toni selber fragen.« »Z'rucknehmen tust es, du!« Die Beda faßte energisch das sichere Glück aus dem Unterland am seidenen Spenzerärmel. »Den Toni laß ich net verschimpfen von dir. Nimm's z'ruck! Ich sag dir's zum letztenmal.« »Was wahr is, muß –« Die mollige Bürgerin von Zipfertshausen hatte noch sagen wollen: »muß wahr bleiben!« Das brachte sie nimmer heraus. Beda hatte ihr eine so kräftige Ohrfeige appliziert, daß Barbara sich sprachlos zurücklehnte in die Polsterecke der netten Kutsche. »O du heilige Mutter!« klagte der Hansele. »So a Landstrich, wie der da! Am Sonntag regnet's Busseln, und am Werktag regnet's Watschen!« Er war auf den Bock gesprungen, hatte der Bäuerin den Regenschirm mit den rachsüchtigen Schlangenaugen auf den Schoß geworfen und peitschte los, daß die Zipfertshausener Viertelsblüter ein rasendes Vollblutrennen begannen. Barbara fing zu zetern an: »He! Hansele! Sakrament noch amal! Dös laß ich mir net gfallen. Tu d' Roß aufhalten!« Die Pferde waren nimmer zu bändigen. Und der Hansele schimpfte: »Himi Sakra! Da kenn ich mich nimmer aus! Wann's Busserln gibt, da schreist: ›Hau eini auf d' Roß, fahr zu!‹ Und wann's Watschen setzt, da schreist mir: ›D' Roß tu aufhalten!‹ Willst denn noch mehrer kriegen? Ebba fünfhundert? Soviel wie wällische Busseln?« Die Pferde rannten. Erst als die Straße gegen den Bergpaß zu steigen begann, erinnerten sie sich ihrer angebotenen Gutmütigkeit und ließen ihre Sehnsucht nach der unterländischen Heimat zügeln. Barbara hatte die logische Erörterung des Hansele mit keinem Wort erwidert. Sie betrachtete ihr Gesicht in dem Spiegel, den sie aus der Osterhasentasche genommen. Jetzt sah sie nicht mehr zufrieden aus. Ihr Sternenantlitz schien abermals auf eine Krankheit hinzudeuten – nicht auf die Pocken, eher auf Brandblasen oder was Ähnliches. Die glühende Wange zeigte vier längliche, kalkweiße Flecken, die trotz allem Reiben nicht vergehen wollten. »Macht nix! Den Toni hab ich! 's ander is mir alles wurst.« Barbara vertraute das Spiegelchen wieder dem Osterhasen an. »Aber gfallen laß ich mir's net. Dös unverschämte Weibsbild verklag ich.« Hansele drehte das Gesicht. Er schien dunkle Zusammenhänge zu ahnen. »Gscheiter, du tätst die Sach gut sein lassen. Gib mir wieder zwanzg Markln, und ich halt den Schnabel.« »Na und na und na! Dö muß eingspirrt werden. An Advakaten nimm ich mir. Und wann's mich fünfhundert Markln kostet! Dö muß eingspirrt werden.« »No ja, meintwegen! Aber deim Schutzengel kannst a Vergelt's Gott sagen, daß bloß dös einzige Madl zugschlagen hat und daß die paar hundert Italiener bloß busselt haben. Wann's umgekehrt gwesen wär – o du heilige Mutter! Da hätt ich dich als Karminadl heimbracht nach Zipfertshausen.« Die nette Kutsche rollte in den hochzeitlichen Wald hinein, der überwirbelt war vom Fluge der safrangelben Sehnsucht. 8 Es gibt einen alten Spruch, der aus dem Geiste christlicher Nächstenliebe geboren wurde: ›Wer da schlägt, hat ärgre Pein Als die, wo geschlagen sein!‹ Die Wahrheit dieses Wortes schien in den verstörten Sinnen der Beda zu brennen, als sie nach der klatschenden Katastrophe wie versteinert vor dem Zaungatter stehenblieb. Sie war taub für das klägliche Gewinsel des weißen Spitzes, der in der Meinungsverschiedenheit mit dem Nachbarhund das Opfer seiner Überzeugung geworden war und mit eingezogener Schweifquaste zur Haustür flüchtete. Als wüßte sie nicht recht, was zuletzt geschehen wäre, so betrachtete sie ihre Hand, an der die gespreizten Finger von einer Lähmung befallen schienen. Ein Gefühl des Ekels schüttelte sie. Mit diesem würgenden Gefühl in Leib und Seele ging sie auf das Haus zu, trat in die Stube und schien die Heimat ihres jungen Lebens nicht mehr zu erkennen. Die Wildacherin fing ein erschrockenes Jammern an und bekam von dem Mädel, das blaß auf die Ofenbank hingefallen war, keinen Laut zur Antwort. Vielleicht hätte Beda der Großmutter alles gesagt. Aber sie konnte nicht sprechen. Solche Stöße bekam ihre Brust von innen heraus. »Mar' und Joseph!« Die Wildacherin sprang in den Flur und schrie: »Frau Dokter, um Gottes Christi willen, kommen S' abi a Sprüngl! Mit der Beda muß ebbes sein. Ferm dersticken tut 's Madl.« Sie lief in die Stube zurück und begann mit der Faust auf Bedas Rücken loszuschlagen, wie man es bei Menschen macht, denen eine Fischgräte im Halse steckt. Als Frau Lutz die Stube betrat, brauchte sie nimmer Hilfe zu bringen. Beda konnte schon wieder atmen. Aber jetzt, da sie hätte reden können, verschwieg sie, was geschehen war. Auf alle Fragen gab sie nur die Antwort: »Schlecht is mir. Grausen tut mir, daß sich einwendig alles umdreht.« Dann ließ sie willenlos alles mit sich geschehen, schluckte das Zuckerstückchen mit den Hoffmannschen Tropfen, ließ sich entkleiden, zu Bett bringen und flehte: »D' Ruh wär 's beste für mich. Allein möcht ich bleiben.« Frau Lutz machte an den Fenstern die Läden zu und zog die Wildacherin aus der Kammer. Flüsternd erörterten die beiden Frauen den Zustand der Beda, in dem Frau Lutz einen ›nervösen Krampf‹ zu erkennen glaubte. Die Alte schüttelte den Kopf. »'s Bedle hat noch nie keine nerviosen Sachen net ghabt.« Man hörte einen Schritt im Flur. »Was is denn?« Die Wildacherin lief aus der Stube und brachte einen zusammengedrehten Zettel. »Frau Doktor, dös ghört für Ihnen! Der Herr Inschenier hat's gschickt.« Erbleichend griff Frau Lutz nach dem kleinen Röllchen und ging aus der Stube. Die quälende Unruhe ließ sie nicht hinaufkommen bis in ihr Zimmer, schon auf der Stiege mußte sie lesen. Es waren nur ein paar Zeilen, mit Bleistift auf ein Blatt geworfen, das aus einem Notizbuch gerissen war: ›Ich bitte Dich, liebe Mutter, heute nicht zur Wildach zu kommen. Es hat Verdrießlichkeiten mit den Arbeitern gegeben, ich bin den ganzen Tag in Anspruch genommen und werde erst spät am Abend nach Hause kommen. Nimm mir das am ersten Tage Deiner Anwesenheit nicht übel! Pflicht ist ein Riese, der uns kleine Menschen nach seinem Willen zwingt. Mit herzlichem Gruß – Dein Bub.‹ Nun war's wie Freude in ihr. Das Eigenschaftswort des Grußes, die Absicht, ihr einen Weg und eine Enttäuschung zu ersparen, und die Ahnung, als hätte Ambros ihr mit dem Worte von der ›zwingenden Pflicht‹ etwas Beruhigendes sagen wollen, fielen wie ein Licht in den Schatten ihrer Sorge. Droben in ihrem weißen Stübchen, als sie wieder las und über jede Silbe grübelte, kam von neuem die verzehrende Angst. ›Er will mich nicht sehen. Weil ich gestern als Mutter meine Pflicht erfüllte, das hat eine Mauer zwischen uns gestellt. Ich hab' ihn verloren, noch bevor ihn mir die andere völlig nahm. Jetzt scheut er meine Nähe. Und sein Weg geht dorthin, wo aller Schmerz, alle Schuld und Enttäuschung des Lebens ihn erwarten. Was soll ich tun? Wie kann ich ihn retten?‹ Durch das offene Fenster schien etwas hereinzuwehen, was ihr den Atem quälte. Sie schloß mit zitternden Händen die Fenster. Dann saß sie wieder und ließ die Augen hinirren über die graue Schrift. Ein helfender Gedanke zuckte in ihr auf. Sie wehrte ihn erschrocken von sich ab. Nein, nein, das durfte sie nicht tun! Dennoch suchte sie schon nach den Worten, die sie sprechen müßte, wenn sie als Mutter vor jene Frau hintreten dürfte, um ihr zu sagen: ›Du bist das Verhängnis meines Sohnes. Sei barmherzig!‹ Das Licht der Stube wurde trüb. Die Fensterscheiben erblindeten unter einem safrangelben Beschlag. In dieser schwülen Dämmerung verbrachte Frau Lutz den ganzen Tag. Im Garten war kein Bleiben; immer bekam man den feinen Staub in die Augen, immer hatte man einen unbehaglichen Harzgeschmack auf den Lippen. Gegen Abend, als die Sonne ihre Kraft verlor, hörte über den Wäldern der Flug des Blütenstaubes auf. Die Luft blieb lange noch durchweht von Myriaden dieser winzigen Körnchen. Vor Sonnenuntergang brachte ein italienischer Arbeiter von Ambros einen Zettel mit hastiger Schrift: ›Ich kann nicht heimkommen. Wir müssen Reisighütten aufstellen, damit die einheimischen Arbeiter die Nächte hier oben verbringen können. Den Leuten paßt diese Notwendigkeit nicht recht. Da will ich ihnen zeigen, daß ich was Besseres auch für mich selbst nicht begehre. Schick mir durch den Boten nur ein bißchen Wäsche und Seife. Dieser Staub ist etwas Fürchterliches! Der Toni meint, das wird in den nächsten Tagen noch schlimmer kommen. Wir werden die ganze Woche bei Feuerschein in der Nacht arbeiten müssen, um uns in die Hütten zu verkriechen, sobald die Sonne kommt und der verrückte Wald seinen liebevollen Wahnwitz fliegen läßt. Aber hab keine Sorge, Mutter! Arbeit ist Arbeit. Daß sie mir jetzt eine Last auf Gehirn und Schultern legt, hat auch sein Gutes. Laß auch, bitte, der Lahneggerin sagen, daß der Toni nicht heimkommen kann. Sollte in der Besserung der kranken Frau ein Rückschlag eintreten, so schicke gleich eine Nachricht. Dann muß ich den Toni heimgehen lassen. Aber hoffentlich steht da alles so gut, wie es der Toni glaubt. Nochmals, keine Sorge! Und herzlichen Gruß – Dein Bub!‹ Noch ehe Frau Lutz diese Botschaft recht überdenken konnte, fing sie schon zu kramen an. Das wurde ein Pack, der dem Arbeiter schwer auf dem Rücken lag. Als der junge Mensch davonwanderte, nahm Frau Lutz den Kopf zwischen die Hände: ›Was jetzt? Zur Lahneggerin? Der Lahneggerin sagen, daß der Toni nicht heimkommt, vielleicht die ganze Woche nicht?‹ Der brennende Himmel glühte herunter in die abendlichen Schatten. Heute war der Glanz des versinkenden Tages nicht so rein wie sonst in Schönwetterzeiten. Alles Grün war trüb gedämpft, jeder Baum von schmutzigen Schleiern umhangen. In den Lüften waren schillernde Farben von einer Art, wie man sie sonst an leuchtenden Abenden nicht gewahrt. Erschöpft, mit erhitztem Gesicht erreichte Frau Lutz bei Einbruch der Dämmerung den Lahneggerhof. Die Kathrin führte den Gast in die Stube. »Heut geht's ihr gut, der Frau. Im Garten hat s' freilich net bleiben können. D' Waldnarretei fliegt umanand, daß man bald nimmer schnaufen kann.« Durch die vier kleinen Fenster fiel noch matte Helle in den niederen Stubenraum. Der Tisch war mit blauem Leinen gedeckt, und ein irdener Teller wartete auf einen verspäteten Kostgänger. Neben dem Tische saß die Lahneggerin in dem plumpen Lehnstuhl. Frau Lutz erschrak beim Anblick dieses zerstörten Gesichtes. Und die Sagenbacherin erkannte den Gast nicht. Doch als Frau Lutz ihren Namen nannte, streckte das kranke Weib in Freude die abgemagerten Hände. »Jesses, d' Frau Dokter!« Mit zwanzig Worten wurden fünfzehn Jahre erledigt, Leben und Tod, Gesundheit und Leiden. Als Frau Lutz der Bäuerin sagte, daß der Toni ein paar Nächte nicht heimkäme, antwortete die Lahneggerin ruhig: »Muß ich halt warten. D' Arbeit hat 's Fürrecht.« »Dem Toni darf ich doch sagen lassen, daß es Euch gutgeht?« »So gut wie heut is mir schon lang nimmer gwesen. Wann's anders wär, tät ich den Toni net veralterieren lassen. Sein Verdienst und Glück geht für, 's andere kommt hintnach.« »Ja, Lahneggerin! Das kommt einmal für jede Mutter, daß alles auslischt und daß in uns nur ein einziges noch bleibt, die Sorge um unser Kind.« »Es daucht mir, daß 's bei mir schon allweil so gwesen is, nie net anders.« »Ihr habt doch auch einmal Freuden gehabt, an denen Eure Kinder keinen Teil hatten.« »Ich?« Die Lahneggerin schüttelte den Kopf. »Als junge Frau doch. Als Braut. Als Mädchen.« »Ah ja, freilich! Aber die ledige Zeit liegt so lang hinter meiner, daß ich nimmer weiß, wie d' Welt selbigsmal ausgschaut hat.« »Ihr seid doch nicht viel älter als ich. Keine zehn Jahre.« Die Lahneggerin lachte ein bißchen. »Ös schaut's im Zwielicht aus wie an jungs Maderl. Und ich schau aus wie d' Mutter vom Krispi, gelt! Ös habt's bloß den einzigen. Der is gut graten. Da könnt's enker Freud dran haben wie ich am Toni. Zwei Kinder hab ich verlieren müssen.« Sie bekreuzte sich. »'s Verlieren is net 's Ärgste für d' Mütter. Aber als Mutter allweil fürchten müssen, es vermachst sich eins nach der schiechen Seiten –« Ein mühsamer Atemzug. Dann sagte die Kranke aufgeregt: »Da red ich bloß beispielmaßig. Der Krispi schafft fleißig und hat sein Anwesen gut beinand. Gestern hab ich ihm wieder amal unrecht tan. Dös freut mich heut schon den ganzen Tag. Drum red ich bloß beispielmaßig, wann ich sag, daß die zufriedenen Mütter bloß die halbeten Mütter sind. Mutter sein in der Freud, so ebbes is leicht. Aber anschaun müssen, wie a Kind sein Glück verpudelt und sein Leben versaut! Da spürt man's erst, was dös heißt: Mutter sein!« Bei der sinkenden Dämmerung waren die Gestalten der beiden Frauen so grau geworden wie der leblose Hausrat in der Stube. Stumm beugte sich Frau Lutz zu der kranken Lahneggerin hinüber und streichelte ihr die dürren Hände. Da stammelte die Bäuerin wie in Angst: »Na, na, Frau Dokter! Übern Krispi kann ich nix Unrechts sagen. Gwiß net. Da tät's kein Mitleid net brauchen. Na!« »So war's nicht gemeint, liebe Annamarie!« sagte Frau Lutz erschüttert. »Annamarie?« Die Lahneggerin streckte sich in ihrem Lehnstuhl. »Jetzt hab ich mich ferm drauf bsinnen müssen, daß ich dös bin. Arg lang is's her, daß einer zu mir so gsagt hat: Annamierl!« »Gelt, Lahneggerin! In jungen Jahren sein Glück begraben müssen! Da verliert man viel. Auch seinen Namen.« »Annamierl? Was da alles aufwacht! Lauter eingschlafene Sachen! Jetzt kapier ich erst, wie S' es vorhin gmeint haben, mit der Freud, die eim selber ghört. Freilich, als Madl, so in der heißen Bluhzeit, da bildt man sich leicht ebbes ein. Aber hat man 's Kranzl in'n Kasten einiglegt – – Soviel finster wird's! Soll ich net a Licht bringen lassen?« »Nein, Annamarie!« sagte Frau Lutz mit bebender Stimme. »Man redet sich leichter! – Habt Ihr denn Euren Mann nicht liebgehabt? Auch noch als Frau?« »Ah, freilich, ja! Ganz a richtiger Mensch is er gwesen. Aber so viel Sorgen hat er ghabt. Is er nüchtern gwesen, so hat er allweil ans Anwesen denkt. Und hat er diemal an Rausch heimbracht, da hat er sein können, daß ich oft zittern hab müssen. Aber in der Halbscheid, noch a bißl Verstand und a lachets Dampferl, a kleins, ah ja, da hat er oft lustig und lieb sein können.« »Und als er sterben mußte, so früh? Wir beide haben doch das gleiche Unglück erlebt –« Frau Lutz verstummte, als hätte ihr das Weh des Erinnerns die Kehle zugedrückt. »Sagt mir das, Annamarie, so aufrichtig, wie eine Schwester zur Schwester redet.« »Was?« Frau Lutz zog ihren Stuhl dicht neben den Lehnstuhl der Lahneggerin. »Habt Ihr als junge Frau den verlorenen Mann nicht schwer entbehrt? Nicht nur deshalb, weil Ihr ihn liebhattet. Ich meine – weil Ihr als Weib so allein bleiben mußtet?« »Ja, Frau Dokter! Zwei halbgewachsene Buben. Und so an Anwesen. Und ich als Weibsbild allein. Und von die Knecht allweil einer schlechter wie der ander. Mar' und Joseph! Da hab ich hundertmal in der Nacht zu unserm Herrgott auffigjammert: Hättst mir den Bauer net lassen können?« »Auch das war hart. Aber ich meine –« »Was denn?« »Ob Ihr als junge Frau nicht auch das andere schwer entbehren mußtet? Daß Euer Mann, wie Ihr vorhin sagtet, zu Euch als Weib so lustig und lieb sein konnte?« »Ah so? jetzt versteh ich erst. Freilich, ja, a Zeitl hat's mich schon plagt. Aber d' Muttersorg hat alles stad gmacht in mir.« »War das nie so schwer in Euch, daß Ihr krank wurdet? Und daß Euch irrsinnige und sündhafte Gedanken ins Blut und in die Seele fielen?« »Na! Nie net! So ebbes is gar net so wichtig, wie's die verruckten Leut machen. Freilich, es muß sein, wann d' Welt weiterlaufen soll. Unser Herrgott hat's amal so eingricht'. Aber es daucht mir, daß die rauschigen und schiefgewachsenen Menschenleut ebbes anders draus machen, als wie's unser Herrgott gmeint hat. Da sagt man allweil: 's dumme Vieh! Ah nah! Bei die wichtigen Sachen is 's Vieh allweil gscheiter und gnügsamer als wie der Mensch. A Stückl Vieh verspart sich für a paar Täg im Jahr, was sein muß zum Fortleben. Und da hat's die ander Zeit im Jahr sei' Ruh und kann sorgen für sein gsunds Aufwachsen. Bloß der Mensch zarrt die verliebte Narretei und d' Unsauberkeit übers ganze Jahr ausanand, tut sich an Schaden an Leib und Seel, tut sich an unfruchtbaren Abbruch an der besten Kraft und macht aus seim Leben ebbes Minders, als wie's hätt sein können. Und da schimpfen nacher d' Leut übers irdische Jammertal. Na, na, 's Leben is schon recht. Unser Herrgott hat nix Schiechs derschaffen. Alt werden, absterben und auslöschen, dös muß sein! Aber an die richtigen Schlechtigkeiten is unser Herrgott net schuld. Dö haben d' Menschen selber mit ihrer Narretei und mit die schlechtgratnen Kinder ins Leben einigsetzt. Dös sollt man abschaffen, daß man Hochzet macht mit Gäst und Musi, mit Fressen und Saufen. Da sollt a jungs Paarl sauber und nüchtern sein als wie beim Kumlizieren. So bin ich gwesen, wie ich mein' Toni kriegt hab. Und d' Mutterfreud zahlt mich aus dafür. Sooft ich mein' gsunden und graden Buben anschau, spür ich in meiner Mutterseel a Bröserl von der ewigen Gottsfreudigkeit.« »Annamarie! Ihr seid krank. Aber Euer Leben ist gesünder als das meine. Und Ihr seid das bessere Geschöpf als ich!« Verstummend beugte Frau Lutz das Gesicht gegen die Brust des verlorenen Weibes, dem der ungeduldige Tod schon die Schläfen berührt hatte. »Jesus, Frau Dokter!« stammelte die Lahneggerin erschrocken. »So a fürnehms Frauerl wie Sö! Und unsereins. So ebbes därf man doch gar net vergleichen. Und als Mutter können S' mehr als z'frieden sein.« »Ihr habt da vorhin gesagt, das Glück Eures Sohnes hätte den Vorrang vor allem anderen.« »Bei enk als Mutter wird's gradso sein.« »Was versteht Ihr unter diesem Wort: das Glück Eures Sohnes?« Im Dunkel konnte man's nimmer sehen, wie heiß der Lahneggerin das bißchen Blut, das sie noch hatte, in die abgezehrten Wangen fuhr. Sie wollte nicht lügen, mußte aber doch ›fürsichtig‹ sein. »Spüren tut man so was besser, als man's sagen kann. 's Glück von meim Toni? Ich mein' halt, da müßt ihm alles, was für mich im Leben schön war, noch viel schöner kommen. Und 's Harte linder. Den gsunden, graden Schlag soll er bhalten. A ruhsams Leben haben. An unbuckelten Weg. An eigens Dach. Jede Saat soll ihm wachsen und Frucht haben. A richtigs Weib soll er kriegen, dö gsund is und lachen und schaffen kann. Mit sauberem Blut soll er trinken aus'm Liebsbrünndl. Mit Freud soll er seine gradgwachsenen Kinder anschauen. Und wann's zum Auslöschen kommt, soll er sagen können: Vergelt's Gott, jede Plag war zum Derleiden, und mein Glück is sauber blieben.« In der tiefen Dämmerung eine bebende Stimme: »Annamarie, da hofft Ihr viel für Euren Sohn!« »Wann ich mein' Toni anschau, kann ich 's Kreuz machen und sagen: Es kommt so.« »Was tätet Ihr, Annamarie, wenn vor dem Lebensglück Eures Sohnes eine Gefahr stünde? Eine Versuchung?« »Da tät ich ihm 's Bettzeug abitragen lassen aus der Kammer.« Ein leises Lachen. »Jetzt weiß ich, daß ich der Kathrin d' Arbeit sparen hätt können. Aber fürsichtig sein, is allweil gut. Ob's es braucht oder net.« »Annamarie, das versteh' ich nicht.« »'s wird halt a bißl beispielmaßig gwesen sein.« »Sagt es mit Worten, die ich verstehen kann! Wenn Euer Sohn bedroht wäre von einer Gefahr, die sein Herz und Leben zerbrechen könnte, was würdet Ihr tun als Mutter?« »Da tät ich mir eiserne Spreißeln in d' Waden einitreiben, daß mich die kranken Füß noch a bißl tragen, und tät meim Buben die Gfahr aus'm Weg jagen!« »Und wenn Ihr tun müßtet, was ihn schmerzt?« »Wann ich mir sagen kunnt, es hilft meim Buben, so tät ich mich net lang bsinnen. Meintwegen kunnt er nacher grob sein. Wann's ihm nur gholfen hat.« Frau Lutz erhob sich. »Jetzt muß ich heim.« »Freilich, ja, es nachtelt schon a bißl.« In der Dunkelheit legte Frau Lutz den Arm um die kranke Frau. »Annamarie! Ich wünsch' Euch alles Gute! Und ich gehe leichter von Euch fort, als ich gekommen bin.« Dieses letzte Wort verstand die Lahneggerin anders, als es gemeint war. Sie lachte ein bißchen. »Ja, bei eim Krankenbsuch därf a gsunds Menschenleut allweil froh sein, wann's wieder draußen is zur Tür.« Die Nacht war schwül und windstill. Vom Mondschein, der erst gegen Mitternacht kommen mußte, war noch kein Schimmer zu sehen. Die Sterne flimmerten hofig, als wäre die Luft mit unsichtbaren Dünsten angefüllt. Fern in der Finsternis, auf den Gehängen der Großen Not brannten die Kienholzfeuer, die bei den Ursprüngen der Wildach zur nächtlichen Arbeit leuchteten. Sie brannten, bis der Morgen kam, der so blau und schön war wie in den vergangenen Tagen. Doch der Bergwald wollte seine grüne Frische und das wundersame Rot seiner Blüte nicht mehr finden. Seine Wipfel waren anzusehen, als hätte eine sengende Flamme über alle Kämme der Wälder hingeweht. Um die neunte Morgenstunde begann auf allen Berggehängen schon wieder der Flug dieser safrangelben Wolken, noch stärker als am verwichenen Tage. Zwei Stunden später wurde das Wehen des braunen Staubes auch im Tal so lästig, daß Frau Lutz, die zu einer Visite gekleidet war, einen geschlossenen Wagen kommen lassen mußte, um ihr altmodisches Seidenkleid ungefährdet durch das Staubgewirbel zu bringen. Der Wagen hielt vor dem Parktor der herzoglichen Villa. Das Tor war geschlossen, und der Kutscher zog die Schelle. Mit blassem Gesicht und hämmerndem Herzen wartete Frau Lutz im Wagen. Herr Kesselschmitt erschien in der Ulmenallee. Er ging bei Sonnenschein unter einem Regenschirm, weil er für seine Livree die gleiche Sorge betätigte wie Frau Lutz für ihr seidenes Kleid. »Gnädige wünschen?« Frau Lutz reichte ihm eine Visitenkarte. Noch ehe Herr Kesselschmitt die Karte eines Blickes würdigte, zog er die Brauen hoch: »Sind Gnädige von Ihrer Hoheit zur Aufwartung befohlen?« »Die Frau Herzogin wird mich nicht abweisen.« Jetzt hatte Herr Kesselschmitt den Namen auf der Karte gelesen. »Oh?!« Er machte mit dem glattrasierten Kopf eine eigentümliche Schnörkelbewegung und ging unter seinem Regenschirm davon. Frau Lutz saß in der Wagenecke, mit geschlossenen Lidern. Jede Minute des Wartens war wie die Qual einer Ewigkeit. Zitternd schrak sie zusammen, als sie die kühl gesprochenen Worte vernahm: »Ihre Hoheit die Frau Herzogin erwarten die Gnädige.« Herr Kesselschmitt öffnete den Wagenschlag, unter dem Parapluie schon ein bißchen angepulvert von der verflogenen Sehnsucht der Waldblüte. Als Frau Lutz aus dem Wagen stieg, gegen den wehenden Staub das Sonnenschirmchen aufspannte und dem Kutscher sagte, daß er heimfahren könne, wurde sie ruhig. Was sie zu tun und zu sprechen hatte, war als ein Unbeirrbares in ihrem Herzen. 9 Im Flur der Villa waren alle Fenster so dicht verhängt, daß Frau Lutz nach der grellen Sonne in tiefe Dämmerung zu treten glaubte. Als der alte Lakai die Tür des Empfangsraumes geräuschlos öffnete, strahlte ihr eine glänzende Helle entgegen. Auf dem Lüster und den Girandolen des Zimmers, in dem die alten Bilder hingen, brannten viele Wachskerzen. Wie der Schimmer eines Weihnachtsbaumes umfloß der weiße Glanz die junge Frau, die dem Gaste mit ausgestreckten Händen entgegenkam, in blaßgrünem Morgenkleid, das Haar über dem Nacken lose geknotet. Etwas Frohes leuchtete in den großen, blaudunklen Augen. »Ich danke Ihnen, Frau Lutz, daß Sie mir die Freude schenken, Sie kennenzulernen! Sie sind wohl erst gestern hier eingetroffen? Und da kommen Sie schon heute zu mir. Wie lieb das ist! Verzeihen Sie, daß ich Sie empfange, wie ich war. Ich wollte Sie nicht warten lassen, habe mich so sehr gefreut, als ich auf der Karte Ihren Namen las.« Frau Lutz wollte sprechen. Die Stimme versagte ihr. Während sie stumm dieses zarte Gesicht betrachtete, aus dessen Augen der Frühling einer köstlichen Menschenseele strahlte, verwandelte sich ihr kluger Mut in hilflose Verwirrung, die sie wie Schmerz empfand, in eine Hoffnung, die vor sich selbst erschrak. Wie man eine vertraute Freundin empfängt, führte die Herzogin ihren Gast zu einem kleinen, altertümlichen Sofa zwischen den verdunkelten Fenstern. »Nun wollen wir plaudern. Ich habe bestimmt, daß niemand mich abruft und daß wir allein bleiben. Wir beide.« Die zwei Frauen saßen Seite an Seite unter dem Glanz der Lichter. Auch die Herzogin wurde still. Während sie zwischen ihren Händen die Hand des Gastes umschloß, hing ihr glänzender Blick an dem Gesicht der stummen Frau. Dann sagte sie leise, als spräche sie von einem heiligen Geheimnis des Lebens: »Eine gute Mutter!« Erschrocken machte Frau Lutz eine Bewegung, um ihre Hand zu befreien. Sie hatte nicht die Kraft, zu tun, was sie wollte. Die Herzogin lächelte. »Sie dürfen sich mir gegenüber nicht so fremd fühlen. Ich war Ihnen gut, noch eh' ich Sie kennenlernte.« »Das hab' ich empfunden.« »Nicht nur gut. Auch dankbar. Ihnen, als der Mutter Ihres Sohnes. In seiner opferwilligen Freundlichkeit und mit seinem reichen Können brachte er so viel Wertvolles in mein entbehrendes Leben –« Befremdet verstummte die Herzogin. Nach bedrückender Stille beugte sie sich zu ihrem Gaste hin. »Frau Lutz? Was macht Sie so schweigsam?« »Verzeihen Sie, Frau Herzogin! Ich fühle selbst, wie hilflos ich mich benehme. Aber das Ungewohnte, diese Lichter, jetzt, am Tage –« »Das hat so befremdend auf Sie gewirkt?« Die Herzogin atmete auf. »Sie haben recht. Das kann einen wunderlichen Eindruck machen, daß die Kerzen brennen müssen am Tag.« Ein kindliches Lachen von bezwingendem Reiz. »Die Menschen, die mich umgeben, sind mir so gut. Man hatte Bedenken wegen des Staubes, der auch durch geschlossene Fenster noch in die Zimmer dringt. Drum wurden die Läden zugelegt.« Wieder lachte sie. »Aber so im Dunkel konnte ich den lieben Besuch nicht empfangen. Da wollte ich Helle haben.« »Dieser Staub – ja, Frau Herzogin! Im Tal wird alles braun von diesem Staub. Alles Grün verschwindet. Man atmet schwer, und ich fürchte, das wird für die Menschen hier noch eine schwere Sorge werden.« »Sorge?« Die Herzogin war ernst geworden. »Daran hab' ich noch gar nicht gedacht. Es ist mir nur leid gewesen um den roten Blütenglanz der Wälder, um die Schönheit, die sich so häßlich verschleiert.« Ein leises Beben ihrer Stimme. »Das ist schade! Ich meine, das hätte nicht so kommen dürfen.« »Es wird uns Menschen schwer, das zu begreifen. Vieles, was blüht und schön ist – viel schöner, als ich es gestern gesehen habe –, wird versinken müssen.« Mit umflorten Augen sah Frau Lutz zu den brennenden Kerzen hinauf. Dann haftete ihr Blick an dem alten Bilde der jungen Frau, die der Herzogin glich wie eine heitere Zwillingsschwester. »Es liegt auf mir eine drückende Sorge, wenn ich an meinen Sohn denke –« »Gefahr? Für Ihren Sohn? Für sein Werk? Für sein Leben?« Frau Lutz, deren Blick sich hilflos an das alte Gemälde klammerte, sah nicht den Schreck in den Augen der Herzogin. Nur die schwankende Stimme hörte sie und fühlte: Das alles war anders, als sie es gesehen hatte. Ein Neues stand vor ihren Augen, zärtlich und schön. Zum erstenmal empfand sie, daß sie den Sohn verlieren könnte, in Freude, um ihn hinzugeben an das Glück einer andern, an das harrende Glück seines eigenen Lebens. Mahnen? Warnen? Zwei Herzen trennen, die zueinandergehören? Und Staub hinschütten auf alles Blühende dieses jungen Menschenfrühlings? War denn solch ein irrsinniger Wille je in ihr gewesen? Gegen diesen Vorwurf wehrte sich alles, was Mutter in ihr hieß. Ihr Denken war verwandelt in ein Sinnen nach Rat und Hilfe. Nur dieses eine wollte sie noch, sich hinwerfen vor diese reine, in Liebe blühende Frau, ihre Hände küssen und hinaufschreien zu ihrem Herzen: ›Du schönes Glück meines Sohnes! Habe den Mut deiner Liebe! Mein Sohn ist des Glückes wert, das du geben kannst.‹ Doch während der Aberwitz solcher Gedanken in ihr stürmte, saß sie mit kleinbürgerlicher Steifheit neben der blassen Frau und lispelte langsame Worte, die allem widersprachen, was sie früher geredet hatte: »Gefahr? Für das Leben meines Sohnes? Ach, nein! Mein Sohn ist gesund und stark. Bei der Arbeit wird ihn dieses sinnlose Naturspiel freilich hindern. Man mußte schon gestern die Arbeit einstellen. In der Nacht haben die Feuer gebrannt, weil man nachholen mußte, was am Tag versäumt wurde. Das Werk meines Sohnes muß bis zu bestimmter Zeit vollendet sein. Da ist alles für die Stunde vorausberechnet. Wieviel schlaflose Nächte hat mein Sohn an seinem Arbeitstisch durchwacht, hat gesonnen, gezeichnet und gerechnet. Gegen sieben Mitbewerber hat er den Preis gewonnen. Etwas schaffen, was für die Menschen eine Gefahr besiegt, das ist ein schönes und stolzes Werk, Frau Herzogin! Wer könnte meinem Sohn das Gelingen heißer wünschen als ich, seine Mutter, die am besten weiß, wie treu und redlich er ist und wie reich er das verdient, was wir Menschen das Glück des Lebens nennen.« Auf der zitternden Hand, die Frau Lutz in ihrem Schoße liegen hatte, erschien an dem perlgrauen Glacéhandschuh ein kleiner, dunkler Fleck, als wäre ein Wassertropfen auf das Leder gefallen. »Es gibt alte Märchen, Frau Herzogin. Bei gefährlichen Bauten hat man ein schuldloses Menschenkind lebendig in den Turm oder in die Brücke eingemauert, um durch ein solches Opfer den Haß der bösen Mächte zu versöhnen. Das war ein törichter Aberglaube vergangener Zeiten. Aber wenn es dem Werk und Glück meines Sohnes nützen könnte, ließ' ich mich gern in die Talsperre unter der Großen Not da draußen einmauern. Seit er ein Kind war, hat er mir keine Stunde meines Lebens verbittert, nur jede verschönt. Alles an ihm, an Leib und Seele, ist wie ein Frühlingsmorgen –« Da verstummte sie, erschrocken über das beklommen atmende Schweigen an ihrer Seite. Ein feines, knisterndes Geräusch ging von den vielen brennenden Kerzen aus. Und durch die geschlossenen Fensterläden klang wie fernes Gesumm das Rauschen der Fontänen in den stillen, von weißem Glanz erfüllten Raum. Langsam das Gesicht wendend, warf Frau Lutz einen scheuen Blick auf die junge Frau, die wortlos an ihrer Seite saß. Blässe lag um den streng geschlossenen Mund der Herzogin. Doch was aus diesen weitgeöffneten Augen sprach, war das noch Schreck? Oder war es Freude? Frau Lutz wagte nicht weiterzusprechen. Dieses Schweigen umkrampfte ihr Herz. Sie mußte sprechen, irgend etwas. Und weil ihr Blick an dem alten Gemälde hing, stammelte sie: »Dieses schöne Bild! Ich muß es immer betrachten, weil es der Frau Herzogin so ähnlich ist. Eine frohe Zeit muß das gewesen sein, in der Frau Herzogin so heiter lachen konnten!« »Dieses Lachen ist nicht das meine.« War das die Stimme der Herzogin? Es klang, als hätte eine andere gesprochen. »Das Bild ist ein halbes Jahrhundert alt. Es ist ein Porträt meiner Urgroßmutter, der Fürstin Larenberg.« Frau Lutz wandte das Gesicht und erschrak vor dem Namenlosen, das stumm aus der erschütterten Seele des jungen Weibes redete. Diesen flehenden, fragenden Blick vermochte sie nicht zu ertragen. Sie suchte verstört nach einem ungefährlichen Wort. »Das andere Bild scheint aus der gleichen Zeit zu stammen? Es stellt wohl den Gemahl der Frau Fürstin dar? In Jägerkleidung?« »Nein. Ich weiß nicht, wer das ist. Niemand im Hause scheint es zu wissen. Das alte Bild hat immer hier gehangen. Meine Mutter mag dieses Bild nicht leiden. Sie sagt, es wäre wertlos. Aber hier hängt viel Unwert an den Wänden. Warum soll dieses Bild nicht bleiben? Mir ist es lieb. Seit meiner Kinderzeit. Seine Augen reden zu mir. Was sie sagen, versteh' ich nicht. Nur fühlen kann ich es. Und was ich fühle, ist traurig. Und dennoch schön. Heut, weil die Kerzen brennen, ist alles noch froher und schöner, als es jemals war. Und doch so traurig, wie es nie gewesen!« Verstummend lauschte die Herzogin und erhob sich wie ein erschrockenes Kind, das sich schuldig fühlt. »Da kommt jemand!« flüsterte sie tonlos. »Frau Herzogin?« Auch Frau Lutz erhob sich, so erregt, daß die Züge ihres Gesichtes sich veränderten. Da atmete die Herzogin auf, wie erlöst von diesem rätselhaften Schreck. Auf der Schwelle des Musikzimmers war die kleine Zieblingen erschienen, in einer Verfassung, wie man sich vor Gästen nicht zu zeigen pflegt. Etwas Grellblaues hing um das magere, mißgestaltete Körperchen her. War es ein Frisiermantel? Um das kleine Runzelgesicht wulstete sich eine unfertige Haartour, als wäre die Baroneß den Händen der Kammerjungfer bei der Morgentoilette entsprungen. An ihr vorüber sah man durch die geöffnete Tür in einen dämmergrauen Raum. Der Kerzenschein des Lüsters warf in diese Dunkelheit einen grellen Lichtstreif und zeichnete die schiefe Schattengestalt der Baroneß als koboldähnliche Figur auf das Parkett. Die kleine Dame zitterte an allen Gliedern, hielt eine offene Depesche in der Hand und hatte einen Verzweiflungsblick in den Augen, als käme sie, den Untergang einer schönen Welt zu verkünden. Die Herzogin schien nur die unzulässige Garderobe zu sehen. »Aber liebes, gutes Hannchen!« Von glühender Verlegenheit befallen, wandte sie sich zu Frau Lutz, wie um den Gast und die kleine Hofdame miteinander bekannt zu machen. Doch Baroneß Zieblingen huschte auf die Herzogin zu und begann in einer fremden Sprache zu reden; wieder war es jenes gleichmäßige Gelispel; nur hatten die sanft ineinandergleitenden Worte ein angstvoll jagendes Tempo. Nun verstummte die kleine Dame und reichte der Herzogin das Blatt auf eine Art, als wäre sie gezwungen, glühendes Eisen in die Hände der geliebten Herrin zu legen. Die Herzogin las. Erst schien sie nur verwundert. »Meine Mutter? Heute?« Sie warf einen Blick auf die Baroneß, einen Blick auf Frau Lutz. Und das schmale Antlitz, das noch eben in Verlegenheit geglüht hatte, wurde weiß wie Wachs. Scheu fragte Frau Lutz: »Ich hoffe, daß Hoheit keine böse Nachricht erhielten?« Die Herzogin ließ die Hand mit dem Blatte sinken. Das blasse Gesicht bekam einen steinernen Ausdruck. »Ein Kind müßte sagen: Das ist eine Freudenbotschaft. Meine Mutter wird heute kommen, mich zu besuchen.« Sie wandte sich wieder an die kleine Zieblingen. »Ich bitte, alles Nötige zu veranlassen. Kesselschmitt, wenn er zur Bahn fährt, wird den geschlossenen Wagen nehmen müssen. Man soll die drei nach Süden liegenden Zimmer in Ordnung bringen. Und –« Ihre Stimme erlosch. Sie sah die Depesche wieder an, als wäre da ein Rätsel zu lösen. Während sie das Blatt der kleinen Zieblingen hinreichte, fragte sie gepreßt: »Johanna? Verstehen Sie das?« Die Baroneß blieb stumm. Ihr schiefer Nacken schien von einem Krampf befallen. Trauernde Qual in den Augen, sah sie die Herzogin an; dann glitt ihr verstörter Blick hinüber zu Frau Lutz. »Hanna?« flüsterte die Herzogin tonlos. Brennende Glut ging über das schmale Gesicht und wurde marmorne Blässe. In den großen, blaudunklen Augen ein glückliches Aufleuchten, dann eine wehe Trauer. Es war wie die Klage eines leidenden Kindes, als die Herzogin leise sagte: »Nun ist das so. Und deshalb kommt diese Dame, zu der ich Mutter sage. Direktiven, liebes Hannchen! Das ist immer so gewesen. Immer, wenn ein kleines Lachen barmherzig in mein Leben treten wollte. Drum muß es auch so kommen, jetzt, wo eine große, schöne Freude den Weg zu meinem Herzen fand. Mehr als eine Freude! Ein Glück.« Um den blassen Mund ein fieberndes Zucken. »Der Gott, an den ich seit zwei Tagen glaube, nennt es Menschlichkeit. Und Blüte junger Seelen. Meine Mutter wird sagen: schwere Sünde! Ich werde wieder beten müssen. Und werde wieder –« Die flüsternde Stimme erlosch. Mit einem Blick des Grauens starrten die Augen nach der Tür. Dann tonlose Laute: »Nein! Dieses Fürchterliche nicht mehr! Niemals wieder in meinem Leben! Lieber sterben!« »Hoheit! Liebste, beste Hoheit!« hauchte die kleine Baroneß in bleichem Schreck. Sie umschlang die Herzogin und wollte sie aus dem Zimmer führen. »Hoheit befinden sich in besorgniserregendem Grade leidend. Hoheit scheinen nicht zu wissen –« »Was ich spreche? Doch, mein gutes Hannchen! Ich weiß es.« Die Herzogin befreite sich. »Ich weiß, was in mir ist. Weiß, was mich erwartet. Weiß, wie mein Leben war. Weiß, wie es hätte werden können. Und weiß, daß es Mütter gibt.« Sie streckte dem Gast die beiden Hände hin. Die kleinen Schritte, die sie machte, waren wie das Taumeln einer halb Ohnmächtigen. Frau Lutz stammelte hilflose Worte und wußte nicht, wie es geschah, daß sie einen schlanken, zitternden Frauenkörper in ihren Armen hielt und mit heißer Zärtlichkeit umschlang. Eine Kinderstimme lispelte in ihr Ohr: »Das hat mein Leben mir noch nie geschenkt, daß eine gute Mutter mich so an ihrem Herzen hielt. Jetzt weiß ich, wie das ist.« Zwei Arme krampften sich um ihren Hals. Wieder diese leise, bebende Stimme, dicht an ihrer Wange. »Ich habe ihn lieb. Mehr als mich selbst und mein Leben. Mehr als alles in der Welt.« Was diesen Worten folgte, das verzweifelte Gebaren der kreidebleichen Baroneß, ihr zärtliches Bemühen um die junge Frau, die wie entseelt schien und noch immer lächelte, der angstvolle Hilfeschrei der Hofdame und das Erscheinen des schwarz livrierten Herrn Kesselschmitt – das alles war in der Erinnerung der Frau Lutz ein versinkender Wirbel, als sie aus dem dämmerigen Korridor hinaustrat in die verschleierte Mittagssonne, in das dichte Gestöber des rostfarbenen Staubes. Wie in der Morgendämmerung alle kleinen Lichter des Himmels erlöschen und nur noch ein einziger großer Stern hinüberglänzt in das Erwachen des Tages, so blieb in dieser erschrockenen und doch beglückten Mutter von allem Erlebnis der vergangenen Stunde nur dieses eine Wort lebendig: »Ich hab' ihn lieb!« Ein Rausch von Freude war in ihr, wenn sie der Stunde dachte, in der sie die Sehnsucht des Sohnes stillen durfte mit dieser Verheißung seines Glückes. Plötzlich, wie von unsichtbaren Fäusten aufgerüttelt, blieb sie stehen. Im Gestöber des braunen Staubes und bei ihrem blinden Hinhasten hatte sie sich in abgelegene Wege des Parkes verirrt. Nach welcher Richtung sollte sie sich wenden? Nur den Sand vor ihren Füßen gewahrte sie, nur die nächsten Büsche und Bäume. Über ein Dutzend Schritte hinaus war alles umschleiert von dieser irrsinnig wehenden Waldblüte. In beklemmender Angst fing sie zu laufen an, wollte nach einem Menschen schreien und wagte es nicht. So irrte sie weiter, bis sie unter den rostfarbenen Dünsten einen grauen Schimmer gewahrte. Die Parkmauer! Aus Freude fing sie unter Tränen zu lachen an. Sie blieb immer dicht an der Mauer und schlüpfte unter den niederhängenden Ästen der Fichten hindurch. Wenn sie nur leicht an einen dieser Äste streifte, stob von dem blühenden Gezweig eine dicke, rötliche Wolke in die Luft und umwirbelte die hastende Frau, die das Taschentuch vor die Lippen pressen mußte, um noch atmen zu können. Ihre Augen begannen zu brennen und erblindeten fast. »Das Tor! Ach, Gott sei Dank!« Nun stand sie auf der Straße und sah ein paar Weibsleute vorüberlaufen, die ihre Röcke über die Köpfe gezogen hatten. Geschrei auf den Wiesen. Und irgendwo in der Nähe das Sakramentieren eines Fuhrknechtes, dem die Pferde scheu geworden. Während Frau Lutz auf der Straße stand, erwachte eine Erinnerung in ihr. Sie hatte sich das am Morgen vorgenommen: Wenn der Weg, zu dem sie sich entschlossen hatte, klug erledigt wäre, wollte sie das alte, liebe Haus besuchen, in dem vor zwanzig Jahren ihr frohes und stilles Glück gewohnt hatte. Aber solch ein Weg ins Dorf? In solcher Stunde? Kann denn ein Mensch das Sinnlose wagen? »Heim! Heim! Nur heim!« Mit dem Sonnenschirm vor den Augen, schlug sie den Weg nach dem Haus der Wildacherin ein. Sie hatte keine andere Heimat mehr als die kleine Dachstube, in der sie zitternd auf die Heimkehr des Sohnes warten durfte. Glück der Vergangenheit? Was konnte das ihrem Herzen noch gelten in dieser wirbelnden Stunde, in der sich das kommende Glück ihres Kindes entschieden hatte! »Glück? Ein Glück?« Etwas Schmerzendes umklammerte ihr die mühsam atmende Brust. »Ach Gott! Und Bros da droben! In diesem fliegenden Wahnsinn der Natur! Wie soll er schaffen, wie soll er leben da droben?« Mit taumelnden Schritten folgte Frau Lutz der Straße. Erschöpft, von quälendem Hustenreiz befallen, erreichte sie das Haus der Wildacherin, fühlte sich am Arm gefaßt und wurde in den dunklen Flur gezogen. »Frau Dokter! Jesus, Jesus!« Das war die Stimme der Beda. »Der Wald is verruckt, und d' Welt wird narrisch. Und d' Menschen –« Der Beda schlug die Stimme um. »Was ich von die Menschen denken muß, dös weiß ich nimmer.« Das Mädel zog die wortlose Frau über die Stiege hinauf. Die kleine Giebelstube war finster, weil auch hier die Läden geschlossen waren. Als Beda ein Kerzenlicht anzündete, warfen die Blumenstöcke und Waldrauschranken, die vom Fensterbrett auf den Tisch geräumt waren, einen so unförmlichen Schatten, als wär's der Schatten eines großen, wirren Gebüsches. Frau Lutz versuchte mit zitternden Händen die Bandschleife ihres Hutes zu lösen. Sie brachte das nicht fertig, machte ein paar unsichere Schritte, warf sich auf das Sofa hin und vergrub das Gesicht, von einem Weinkrampf befallen. Beda sprang zu ihr hin und nahm sie in die Arme. Die veilchenblaue Seide, in die Frau Lutz gekleidet war, schien zu rostbraunem Samt verwandelt. Und rings um die zuckende Kerzenflamme war ein Schimmerkreis von den winzigen Stäubchen, die in der Luft der kleinen Stube schwammen. Der trübe Schleier um die kleine Flamme schien immer dichter zu werden. Kam dieser Staub vom Kleide der Frau Lutz? Oder quoll er durch die Fugen der Tür herein, durch die Ritzen der verdunkelten Fenster? Manchmal hörte man kreischende Stimmen, dann wieder das Rädergerassel eines Wagens, der in Hast vorüberjagte. Als die Mittagsstunden vergangen waren, wurde die Straße still und öd. Auf den Wiesen und Feldern mußte alle Arbeit ruhen. Das Vieh wurde in die Ställe gesperrt, und die Menschen blieben hinter geschlossenen Läden in ihren Häusern. Holzknechte, die in den blühenden Wäldern bei der Arbeit waren, kamen mit entzündeten Augen von ihrem Tagwerk heimgelaufen. Andere, die aus den Wäldern zu den Hochalmen hinaufgestiegen waren, um diesem Staubflug zu entrinnen, konnten erst bei Anbruch der Nacht ins Dorf heruntersteigen. Sie erzählten, daß von der Höhe das ganze stundenlange Tal sich angesehen hätte wie vom Qualm einer grauenvollen Brandstätte überlagert; und am Abend, in der roten Sonne, wäre alle Tiefe wie ein See von kochendem Blut gewesen. So blieb es einen Tag um den andern, die ganze Woche hindurch. Die Liebesbrunnen der blühenden Fichten schienen unerschöpflich zu sein. Und der schöne Frühlingsrausch des Bergwaldes war verwandelt zu einer sinnlosen und widerlichen Orgie der Natur. 10 In den Nächten brannten droben in der Wildachschlucht und bei den Wasserläufen der Großen Not die mächtigen Feuer, die zur Arbeit leuchteten. Auch im Tal waren die Nächte nicht still. Überall Lärm und Stimmen. Überall die gaukelnden Laternen. Man mußte die Arbeit, die am Tage unmöglich wurde, zur Nachtzeit nachholen. Am lautesten wurde der Lärm gegen die Morgenstunden, wenn die mager gewordene Mondsichel über die Berge heraufstieg und der Tagesdämmerung ein mattes Zwielicht voranschickte. Die ganze Woche kam Ambros nicht von den Arbeitsstätten herunter. In jeder Nacht sandte er der Mutter ein paar beruhigende Zeilen. Als Antwort schickte ihm Frau Lutz ein Gestammel ihrer Sorge um seine Gesundheit, um das Gelingen seines Werkes. Von allem anderen wagte sie diesen fliegenden Zetteln keine Silbe anzuvertrauen. Wie sich das schöne Leuchten des berauschten Waldes verwandelt hatte in das Grauenvolle dieser Tage, so war in ihr die Hoffnung für das Glück des Sohnes verwandelt zu einer quälenden Furcht. Alles Klare jener Stunde, in der sie aus dem Kerzenglanz der Fürstenvilla heraustaumelte in den Wirbelflug des Blütenstaubes, war in ihren Gedanken ein Unentwirrbares geworden, und der Glaube, den sie als Mutter gewonnen hatte, zerfiel ihr wieder, weil sie als Mutter fühlte. »Die Kinder! Diese Frau hat Kinder!« Hier stand von den Mauern des Lebens eine, die niemals fallen darf. Keinem Rausch und keinem Glück zuliebe. Mutter und Kind! Das ist ewige Gemeinschaft. Ein Glück, das eine Mutter von ihren Kindern scheiden müßte, wäre Schuld und Verbrechen. So schloß die Rechnung, die Frau Lutz in ihrer finsteren Stube machte. Und was sie fühlte in dieser Finsternis, war Angst um ihren Sohn und Trauer um dieses holde, verlorene Geschöpf, das ihr lieb geworden. In der Nacht vor Sonnabend kam von Ambros keine Nachricht. Beda brachte es fertig, die verstörte Frau zu beschwichtigen; sie rechnete: Mit dem Sonnabend ist die Wochenarbeit zu Ende, am Tage können sie bei diesem Staubgewirbel nicht schaffen, und Ambros hat keine Nachricht mehr geschickt, weil er, statt am Abend, schon am Morgen heimkehren wird – er und der andere, der da droben aushalten mußte. Frau Lutz sah der Beda beim flackernden Kerzenschein in die schwermutsvollen Augen. »Mädel? Sagst du das nur aus Barmherzigkeit?« Beda schüttelte den Kopf. »In mir selber is ja's Warten, ich weiß net wie!« »Warum bist du dann so blaß?« »Wär's a Wunder, Frau Dokter? Die ganzen schauderhaften Täg her hab ich schier kein Bröckl nimmer abibracht. Alles schmeckt nach der Waldbluh. Und allweil grausen tut's mir wieder, als tät mir eins mit unterlandrische Roß durch'n Magen fahren.« Der Morgen kam. Stunde um Stunde verging, ohne daß Ambros heimkehrte. Und als die Sonne stieg, begann schon wieder das Qualmen der blühenden Wälder. Die Sonnleite, die dem Wildacherhause gegenüberlag, war anzusehen wie ein ungeheurer Kessel, aus dem es braun herausdampfte in dichten Wolken. Frau Lutz, als es auf den Abend zuging, rief in ihrer wachsenden Sorge nach der Beda. »Dieses Warten bringt mich um. Ich will ihm entgegengehen. Wenn ich ihn nicht auf dem Heimweg finde, will ich hinauf zur Wildach. Magst du mir helfen? Gehst du mit?« »Jesses, ja!« stammelte Beda in Freude. »Aber heimlich müssen wir's machen. D' Ahnlmutter hat noch allweil ihren Verstand beinander. Dö tät uns net fortlassen.« In Hast zerschnitt Frau Lutz einen Schleier in zwei Teile; die eine Hälfte band sie der Beda um das Gesicht, die andere nahm sie für sich selbst. In die Mäntel gewickelt, die Kapuzen über die Köpfe gezogen, huschten sie hinaus. Die Wildacherin kam zur Haustür gesprungen und kreischte: »Madl! Bist denn narrisch? Wo willst denn hin?« »D' Frau Dokter muß auffi zum Wirt. Wir kommen gleich wieder heim.« Im Gewoge des Staubes verfehlten Frau Lutz und Beda den Überstieg über die Bretterplanke – weil der Pfahl nicht mehr dastand, der die Tafel mit der Inschrift ›Verbotener Weg‹ getragen hatte. Auf den Wiesen gingen sie der Richtung zu, in der die Wildach rauschte, und liefen auf hundert Schritte an Ambros und Toni vorüber, die von der Arbeit heimkehrten. Auch diese beiden waren in ihre Mäntel gehüllt, mit den Kapuzen über den Hüten, die Taschentücher um den Mund gebunden. Auf der Schwelle des Wildacherhauses riß Ambros das Tuch von den Lippen und schrie mit heiseren Lauten über die Treppe hinauf: »Mutter! Ich bin daheim.« Er nahm den Mantel ab. Das machte eine Wolke von bräunlichem Staub. Kläffend kam der weiße Spitz aus der Stube gesprungen. Sullys Tenor hatte einen Schleier von Heiserkeit. Und die Wildacherin hustete, während sie sagte: »Gott sei Dank, weil S' endlich daheim sind! D' Frau Dokter hat grad a Sprüngl zum Wirt ummi gmacht mit der Beda.« Die alte Frau verstummte erschrocken, als sie beim Lichtschein, der aus der Stube herausfiel, dieses entstellte Gesicht gewahrte. Ambros klammerte sich an die Geländerstange der Treppe. Und Toni sagte langsam: »Mit der Beda? Soso.« Er nickte, wie zu einer Sache, die man sich gefallen lassen muß, weil sie nicht zu ändern ist. »Warten därf ich net. Jetzt muß ich zur Mutter heim.« Er wollte das Taschentuch wieder um den Mund binden. Da faßte Ambros die Hand des Freundes, und schwer atmend sagte er zu der alten Frau: »Ich bitte, Wildacherin, holen Sie mir nur gleich ein Schaff Wasser! Was Schönheit war, ist Dreck geworden. Ich muß mich waschen.« Die Frau rannte davon. Und Ambros sah dem Sagenbacher in die rot geränderten Augen. »Ich danke dir, Tonele! Ohne deine Hilfe wär' es mir schlechtgegangen.« »Geh, was redst denn da? Leut, die zuanand ghören, helfen halt zamm. Morgen schlafen wir uns aus. Der bsoffene Wald wird schon wieder sein' nüchternen Verstand finden.« Ambros stieg müde über die Treppe hinauf, als der weiße Spitz im Hausflur einen fürchterlichen Spektakel zu erheben begann. Sully schien den Toni für einen Dieb zu halten. Dieses Mißverständnis war dem Spitz nicht zu verübeln. Denn während die Wildacherin beim Brunnen war, sprang der lange Sagenbacher sehr verdächtig in die Stube, sprang auf die Handschuhmaschine zu und begann in der Lederschachtel zu kramen, die auf dem Fensterbrette stand. Unter dem schrillenden Gekläff des Spitzes war der Toni wieder bei der Haustür, als die Wildacherin mit der schweren Holzwanne vom Brunnen kam. »Geh, alts Mutterl, laß dir a bißl helfen!« sagte er, nahm das Schaff und trug es hinauf in die dunkle Giebelstube. »So, Brosle, da kannst dich saubermachen!« Ambros, der im Zwielicht am Tische saß, richtete sich wortlos auf. Da legte ihm der Toni den Arm um die Schultern und sagte leise: »Da draußt bei der Wildach hast fertigbracht, was menschenmöglich gwesen is. Ohne Hochmut därfst dir sagen, wieviel als d' wert bist. Dös därfst net sinken lassen, weil dir a Zentnergwicht aufs Herz gfallen is. 's Leben lauft seine krumpen Weg, aber der Mensch muß sich allweil an graden machen.« Im Dunkel antwortete die zerdrückte Stimme des anderen: »Ein gutes Wort! Aber dir wird alles kluge Reden leicht, weil Glück in deinem Herzen ist. Glück haben ist am Ende die einzige Weisheit des Lebens.« »Ah na! Gscheiter als wie 's blinde Glück is allweil a Mensch, der weiß, was recht is und was sein därf. Fürgestern, wie dich an mein' Hals ghängt hast und hast mir alles gsagt – Bub, da is mir an eiskalter Schreck vor allem, was Herzdurst heißt, in d' Seel einigfahren. Du! Der's Glück verdient! Und 's Elend haben muß! Da kennt sich einer nimmer aus. Wer hat a Recht aufs Glück? Wer keins? Wer schlagt auf uns eini, wer vergunnt uns a Bröserl Freud? So hab ich mich gfragt den ganzen Tag. In der Nacht, beim Fuier und bei der Arbeit, hab ich d' Ruh wiedergfunden. Und hab mir gsagt: Da stehst und tust dei' Pflicht und Schuldigkeit! So machst es ein' Tag um den andern bis zum letzten Schnaufer. Da kann dir kein Mensch und Herrgott an Fürwurf machen, und alles kann sein, wie's mag. Es kann so sein, wie der Pfarr sagt, oder es kann so sein, wie du sagst und wie's der Waldrauscher singt, daß alls zuanandghört und alls bloß an einzigs is, Herrgott und Welt, unser durstige Menschenseel und 's Herzel, dös in eim Vögerl schlagt, 's kleinste Blüml in der Bluh und an endsmächtiger Wald in seim narrischen Hochzeitsrausch. No ja! Aber Viech bleibt Viech. Und a Baum, wann er sich krumm verwachsen hat, kann sich nimmer gradrichten. Und a bsoffener Wald, wann er sein' schadhaften Rausch hinblast aufs Leben, hat kein' reumütigen Gedanken. Aber a Mensch hat seine Herzwörtln und sein Gewissen. Und hat sein' Verstand. Den muß er in der Höh halten, ob's ihm wohl is oder ob's ihm weh tut. Und bringt er's net fertig, so is er kein Mensch net, sondern ghört mit'm Viech zur ewigen Gmeinschaft.« Ambros hatte die Lampe angezündet. »Toni! Du bist gesund und stark. Das weiß ich seit zwanzig Jahren. Aber manchmal kommen Worte aus dir heraus, daß ich mich fragen muß, von wem du das lerntest.« »Kunnt sein, daß mir söllene Sachen vor acht Täg noch net eingfallen wären. Seit'm Sonntag hab ich an guten Schulmeister ghabt. Der bist du gwesen. Am Montag haben die unverständigen Rammeln anand die Köpf verschlagen. Du hast Fried gschafft! Der Wald in seiner Bluh is narret worden, von die Wildachtaler is ein Dutzend ums ander davongloffen, und a halbs Hundert von die Wällischen hat sich mit blindheiße Augen einiglegt in d' Schupfen. Allweil hast wieder an Rat gfunden und bist am Posten gwesen, Nacht für Nacht! Da hab ich mir gsagt: Jetzt weiß ich, was Mensch sein heißt! – So, jetzt schlupf aus'm Hemmed aussi! Und grad so sauber wie auf Brust und Buckel mußt es einwendig halten in dir. Gelt, ja? Komm her! Herrgott, Bub, hast du an nobligen Brustkasten! So! Fest fahr eini ins Wasser! Und nacher leg dich schlafen! D' Müdigkeit wird dir 's Herzl schon stad machen. Pfüe Gott derweil!« Während der lange Sagenbacher die Treppe hinuntertappte, grölte der weiße Spitz ohne Unterlaß sein feindseliges Mißtrauen aus der heiseren Kehle heraus. Toni schmunzelte. »Paß auf, Sullerl, wir zwei werden noch die besten Freund!« Dann band er das Taschentuch vor den Mund und zog die Mantelkapuze über die Augen. Eine Stunde später, in sinkender Nacht, kehrten Frau Lutz und Beda von ihrem nutzlosen Wege heim. Das Mädel, ohne auf das Gerede der Großmutter zu hören, ging wortlos in die Stube. Frau Lutz hastete über die Treppe hinauf, und als sie Mantel und Schleier heruntergerissen hatte, trat sie in das Zimmer ihres Sohnes. Die Lampe brannte. Ambros schlief in Erschöpfung. Die Augen waren mit einem nassen Leinenbausch bedeckt. Was Frau Lutz von dem abgezehrten Gesichte sehen konnte, das war ein Anblick, der sie zittern machte. Sie hob das Tuch von seiner Stirn und hauchte einen Kuß auf die rotgedunsenen Lider. Ambros erwachte nicht. Doch als ihm Frau Lutz das frischgekühlte Tuch wieder auf die Augen legte, schien er das zu fühlen. Er machte mit der Hand eine müde Bewegung und flüsterte: »Mutterl?« Und lag schon wieder in bleiernem Schlummer. Von drunten aus der Stube klang das ruhelose Umkramen der Beda herauf. Die Wildacherin, die sich schon niedergelegt hatte, rief in ihrer Kammer, deren Tür offenstand: »Was geisterst denn noch allweil umanand? Schau amal, daß zur Ruh kommst!« »Ich hab kein' Schlaf. Da bleib ich lieber bei der Arbeit sitzen.« Beda ging auf die Lederschachtel zu, um einen schwarzen Trauerhandschuh zwischen die Stahlklappen der Maschine zu nehmen. Die Wildacherin brummte etwas Unverständliches. Als ihr der Schlaf schon kommen wollte, hörte sie einen leisen Schrei und fuhr aus den Kissen. »Bedle! Was is denn?« Auch Sully, der auf der Ofenbank geschlummert hatte, hob den Kopf und knurrte. Er duckte die Schnauze wieder, weil er nur die Beda sah. Die stand am Fenster, hatte brandheiße Wangen und hielt an ihrer Brust einen Strauß blutschöner Almrosen umklammert. »Madl! So red doch, was hast denn?« »Nix! Ich hab mich bloß mit der Nadel a bißl ins Fingerspitzel einigstochen.« »Und da mußt an Schrei tun, als hätt dir einer den Herzfaden abgschnitten? Geh, du wehleidigs Frauenzimmer! Leg dich schlafen!« Ein wohliger Atemzug. »Hast recht! Jetzt, daucht mir, kann ich schlafen.« Beda blies die Lampe aus. In der schwarzen Kammer legte sie den Strauß neben das Kopfkissen ihres Bettes. »Draußt auf'm Stubenboden hab ich a paar Tapper gsehen. Wer is denn mit gnagelte Schuh in der Stuben gwesen?« »Kein Mensch net.« »Hast aber doch gsagt, daß einer mit'm Herrn Brosi heimkommen is.« »Der Sagenbacher, ja. Der is aber im Hausgang blieben.« »Soso? Gut Nacht, Ahnerl!« Die Beda huschelte sich unter die Decke und nahm den Rosenstrauß an die Wange. Trotz aller vertrauensvollen Freude fuhr ihr doch immer wieder eine unbegreifliche, mit zwei ›unterlandrischen Rossen‹ bespannte Sache durch die wirbelnden Gedanken. Sie war ein wertvolles Menschenkind; das haben alle Menschen von Wert als schlummerlose Eigenschaft an sich, daß sie das Unverständliche gerne begreifen und die Wahrheit scheiden möchten von der Lüge. Drum lag die Beda noch wach, als schon der sonntägliche Morgengruß geläutet wurde. Die Glocke tönte an diesem Morgen stärker, als sie sonst zu hören war. Wehte Westwind draußen? Droben in der Giebelstube erwachte der müde Schläfer und sah die Mutter am Bette sitzen. In ihrer Schwäche hatte der Schlaf sie überfallen. Doch kaum, daß sich Ambros ein bißchen regte, fuhr sie auf. Er umklammerte ihre Hände. »Ich danke dir! Aber jetzt mußt du verständig sein und dich ausruhen. Tu's mir zuliebe!« »Ja, Kind!« Sie ging und nahm die Lampe mit hinaus, die schon an den letzten Tropfen des Öles zehrte. Ein graues Zwielicht blieb. Ambros sah in der Dämmerung umher. Von einem schmerzenden Schauer befallen, verhüllte er das Gesicht. So lag er wie gelähmt. Doch seine Seele wanderte und sang: »Durch die Nacht, auf Sternenauen Zieht die Sehnsucht träumend aus, Geht zur schönsten aller Frauen, Und im schwülen Morgengrauen Steht sie, Lieb', vor deinem Haus. Brauner Staub umweht die Bäume Meine Sehnsucht schleicht ins Haus, Taumelt durch die fremden Räume, Stiehlt sich leis in deine Träume, Ruht an deinem Herzen aus.« Das graue Licht wurde ein bißchen heller. Drunten in der Stube der Wildacherin rief der Kuckuck an der Schwarzwälder Uhr die sechste Morgenstunde. Ambros richtete sich auf. Das war die Stunde, in der sie bei der Wildach nach schwerer Nachtarbeit die Feuer gelöscht hatten und in den Reisighütten unter die Pferdedecken gekrochen waren, um diesem Staube zu entrinnen, der mit dem ersten Schein der Sonne zu qualmen begann. Wo blieb die Sonne heut? Flog der braune Staub schon in solcher Menge, daß kein Sonnenleuchten mehr herunterdrang ins Tal? Oder wollte trübes Wetter kommen? Ambros, vorgebeugt im Bette sitzend, preßte die Fäuste an seine Stirn. Die Sorge um sein Werk riß ihn aus den wehen Träumen seines Herzens. Auch das Denken an die Arbeit war ihm eine Qual. Durfte er hoffen? Oder mußte er fürchten? Hoffen, daß ein Regen käme, um das Atmen und Schaffen am Tage wieder möglich zu machen? Oder fürchten, daß schwere Regengüsse eine neue Gefahr für die Arbeit brächten? Mehr als die Hälfte der einheimischen Arbeitsleute war davongelaufen, und von den Italienern lag ein halbes Hundert krank in den Baracken. Der Bau der Talsperre und der Schleusengänge stieg erst aus den Grundmauern, noch zu schwach, um mächtigen Wassermengen zu widerstehen. Da brauchte kein Wolkenbruch zu kommen, nur ein Regen, der sich einhängte durch vier, fünf Tage. Und bei dem Ausfall an Arbeitskräften geriet alles in Gefahr, was man seit Wochen mit fieberhaftem Fleiß geschaffen hatte. Woher nun Leute nehmen? Noch hundert Italiener anwerben? Bis sie eintreffen konnten, gingen Wochen verloren. Und die Hoffnung, daß sich den Einheimischen Vernunft predigen ließe, war in Ambros seit der blutigen Prügelei am Montag erloschen. Der rote Liebesfrühling des Nino Pallozzi hatte böse Saat getrieben. Es glich schon einem Wunder, daß es Ambros mit Tonis Hilfe gelungen war, an die vierzig von den Wildachtalern bei der Arbeit festzuhalten; von den sechzig anderen war nichts mehr zu wollen; ihre Eifersucht auf die ›Wällischen‹ und die Hetzereien des Krispin Sagenbacher, das waren Lebenskräfte, gegen die ein vernünftiges Wort nicht mehr aufkam. Wie nun Hilfe schaffen? Von heut auf morgen? Ambros war aus dem Bett gesprungen. In Hemd und Hose, bloßfüßig, riß er das Fenster auf und stieß die Läden hinaus. Ein kräftiger Windstoß fuhr in die Stube. Die schwimmenden Schleier in den Lüften schienen seit dem Abend dünner geworden. Dennoch ein dumpfes Grau da draußen. Der ganze Himmel mußte mit Wolken überzogen sein. Man sah durch die Staubdünste nicht hinauf in die Höhe. Doch Ambros wußte: jetzt wird die Erlösung von dem fliegenden Liebeswahnsinn der Wälder kommen. Aber auch das andere wird niederrauschen aus den verschleierten Lüften. Die Gefahr! Die Zerstörung! »Denken! Wenn ich nur ruhig denken könnte!« Hastige Schritte auf der Stiege draußen. Dann wurde im Stübchen der Frau Lutz geredet. »Ach, Herr, jetzt lärmen sie die Mutter aus dem Schlaf, den sie nötig hat!« Als er die Tür seines Zimmers aufgerissen hatte, stand er, als wäre in seinem Herzen kein Schlag mehr. Im trüben Zwielicht des Bodenraumes sah er eine kleine Dame gegen die weiße Mauer gelehnt, in einem lichtgrauen Mantel, den Kopf mit dunklem Schleier umwunden. In den Händen hielt sie etwas Weißes. Ambros erkannte das stumme, zitternde Geschöpf an der schiefen Schulter. Da kam die Beda aus dem Stübchen der Frau Lutz: »D' Frau Doktor liegt noch, aber sie laßt Ihnen bitten, Sie möchten trotzdem zu ihr einischauen.« Baroneß Zieblingen tastete gegen die offene Schwelle hin. Ein Kerzenflämmchen fing zu strahlen an, als die Baroneß in das Stübchen trat. Neben dem Tische blieb sie stehen, ohne den Schleier zu lösen. Schweigend blickte sie gegen das Bett, aus dem Frau Lutz die Hände streckte, alle Angst ihres Herzens in den Augen: »Bitte, kommen Sie doch zu mir, und –« »Soviel Zeit, um Platz zu nehmen, habe ich nicht. Verzeihen Sie die Störung, gnädige Frau, zu so unschicklicher Morgenstunde. Schwere Zeiten zwingen zu Freiheiten, die in ruhigen Tagen unmöglich wären.« »Ach Fräulein, ich bitte –« Frau Lutz zerrte einen Sessel zu sich heran. Die Baroneß blieb unbeweglich. »Wir haben Besuch in der Villa. Seit vier Tagen. Dies hatte zur Folge, daß Ihre Hoheit mich gestern beauftragten, einige Zeilen an Sie zu richten. Ich war ermächtigt, diesem Brief einen Strauß von Rosen beizufügen, deren Auswahl gestern von Ihrer Hoheit im Glashause getroffen wurde. Diese Rosen und meine Zeilen sollten Ihnen heute übersandt werden. Aber es fand sich Veranlassung für mich, persönlich zu kommen –« Baroneß Zieblingen legte das Weiße, das sie in den zitternden Händen gehalten, achtsam zwischen die Blumenstöcke, die auf dem Tische standen. »Gestern am Abend war der hochwürdige Herr Pfarrer von Ihrer Durchlaucht der Fürstinmutter zum Diner befohlen. Bei der Tafel wurde andauernd von dieser unbegreiflichen, allen vernunftgemäßen Naturgesetzen widersprechenden Erscheinung konversiert. Als der hochwürdige Herr erzählte, wieviel Schaden den Landleuten durch diesen Irrtum der Natur erwüchse und daß die Heuernte verdorben wäre und daß alle Arbeit schwere Behinderung fände, auch die Arbeit an der Wildach, da wurde Ihre Hoheit –« Baroneß Zieblingen mußte Atem schöpfen. »Ihre Hoheit gerieten über diese Nachricht in schwere Besorgnis.« »Fräulein?« Der wehe Laut dieses Wortes schien die kleine Hofdame aus ihrer mühsam bewahrten Ruhe zu bringen. »Ich habe nicht den Mut, noch deutlicher zu sprechen. Gnädige Frau werden verstehen, was ich nur anzudeuten wage. Heute nacht zogen Ihre Hoheit mich ins Vertrauen. Weil es mein sehnlichster Wunsch war, die Sorge Ihrer Hoheit zu beruhigen, hab' ich einen Besuch der Frühmesse vorgeschützt und kam zu Ihnen. Nun hab' ich auch Ihren Sohn gesehen. Da draußen. Nicht wahr, gnädige Frau, ich darf Ihre Hoheit mit gutem Gewissen beruhigen?« »Beruhigen? Ach Gott, ich sterbe doch fast vor Angst um den armen Buben! Gestern hab' ich böse Dinge erfahren müssen.« Auf ihrem nutzlosen Weg zur Notburg war Frau Lutz dem Zahlmeister des Herrn Wohlverstand begegnet. Der hatte kein Blatt vor den Mund genommen. Was sie da erfahren hatte, stammelte sie aus ihrem bedrückten Herzen heraus. Die kleine Zieblingen wurde immer kleiner und schiefer. Im Wehen des Windes ein hallendes Glockenläuten. Die Baroneß, von Schreck befallen, lispelte tonlos: »Die Frühmesse! Meine Zeit – ich darf nicht –« Verstört, ohne für Frau Lutz noch ein Wort zu finden, huschte sie zur Tür hinaus. Kaum war ihr Schritt auf der Stiege verklungen, als Ambros über die Schwelle trat. »Mutter? Was war das? Sprich! Das ist fürchterlich gewesen, da drüben in meiner Stube. Nicht hören dürfen. Und immer denken müssen, ich weiß nicht was!« »Das Fräulein ist zu mir gekommen, weil –« »Sag mir's! Ich weiß, daß es mich schmerzen wird.« »Nein, Kind! Es wird dich freuen.« »Mutter?« »Dort, zwischen den Blumenstöcken, auf dem Tische –« Frau Lutz deutete, wie entsetzte Menschen deuten, wenn sie in reißendem Gewässer einen Ertrinkenden schwimmen sehen. »Dort! Das ist für dich.« Er nahm die schönen Blumen, wollte sie wieder fortlegen und hielt sie doch umklammert. »Rosen! Wie man sie einem Menschen in die Hände legt, der tot sein muß.« »Nein, nein, nein.« Da sah er den Brief, riß ihn auf, versuchte zu lesen und streckte das Blatt von sich fort. »Mutter, das ist für dich!« Sie griff nach dem Brief und las mit erwürgter Stimme: »Hochverehrte gnädige Frau! Im Auftrage Ihrer Hoheit soll ich die Bitte an Sie richten, daß Sie Ihrem Herrn Sohn den wärmsten Dank Ihrer Hoheit für die wertvollen Stunden aussprechen möchten, die Ihre Hoheit der Kunst Ihres Herrn Sohnes zu verdanken hatten. Das kam wie Sonnenschein in das nicht sehr fröhliche Leben Ihrer Hoheit. Ich bin ermächtigt, diesem Dank als äußeres Zeichen die mitkommenden Rosen beizufügen. Hoheit werden es auf das schmerzlichste empfinden, daß diese schönen musikalischen Exerzitien aus zwingenden Gründen bis auf weiteres unterbleiben müssen –« Ambros hatte die Rosen auf das Bett der Mutter hingelegt. »Du brauchst nicht weiterzulesen. Ich habe verstanden. Das ist ein Abschied.« Er machte einen taumelnden Schritt. Die Mutter faßte erschrocken seinen Arm. »Du irrst dich! Diese Frau hat dich lieb. Sie hat es mir selbst gesagt. Mir, deiner Mutter.« Ein Zittern rann über seinen Körper. »So gefährliche Scherze solltest du mit meinem Leben nicht machen.« »Was ich dir sagte, ist wahr. Ach Kind! Steh nicht so steinern da! Komm! Lege deine Arme um meinen Hals! So hat diese Frau an meinem Halse gehangen und hat es mir gesagt, daß sie dich liebhat, mehr als sich selbst und ihr Leben!« Er schwieg noch immer. Dann brachen ihm die Knie. Von einem stummen Schluchzen geschüttelt, preßte er das Gesicht in den Schoß, der ihn geboren hatte. Draußen läutete noch immer die ferne Glocke. Das Wehen des Westwindes, der die hallende Stimme trug, war ein gleichmäßiges Rauschen geworden. Gegen diesen starken Strom der Lüfte kämpfend, eilte Baroneß Zieblingen über die Wiesen. Sie ging da wie auf einem linden Teppich. Das Gras, über das der Wald die sinnlose Menge seines Blütenstaubes hingeblasen hatte, war in eine dicke, elastische Masse verwandelt. Und den ganzen Lauf des Altwassers bedeckte ein brauner Schlamm, in dem sich Risse bildeten und wieder verschwanden, während er sich unter dem Zug des Wassers vorwärtsschob und wunderliche Schlacken an den Ufern ablagerte. In solchem Wasser fischen zu wollen? War das nicht verrückt? Und dennoch war seit jenem roten Abend, an dem der große Huchen gebissen hatte, dem Toni Sagenbacher noch kein Fischfang so glücklich geraten. Ein Dutzend schöner Forellen plätscherten in der Gießkanne. Freilich stand der Toni, im bestaubten Mantel und mit einem Tuch um den Mund herum, schon seit vier Uhr morgens am Bach. Die mit einem Bleikügelchen beschwerte Angel war durch die zähe Schlammkruste schwer hinunterzubringen ins Wasser. Kaum aber sank der Köder, da hing auch schon eine Forelle an der Angel. Die Fische hatten seit einer Woche den Mückenfraß entbehren müssen und waren hungrig. Als das dunstumwehte Figürchen der Baroneß vorüberhastete, schnellte Toni die dreizehnte Forelle durch den Blütenschlamm heraus. »So! Gnug is's!« Die schwere Gießkanne aufraffend, warf er einen sorgenvollen Blick zum unsichtbaren Himmel hinauf. Dieses trübe Dunkel da droben schien ihm nicht zu gefallen. »Sakra«, brummte er unter seinem wollenen Beißkorb, »da därf ich mich tummeln!« Daheim, in Schweiß gebadet und hustend, stellte er der Kathrin die Kanne mit den Forellen in die Küche. »Der Mutter kochst auf Mittag und Abend an Fisch! Die andern tust in Brunntrog eini!« Er sprang zur Lahneggerin in die Kammer hinein. Auch hier waren die Fensterscheiben geschlossen. Im Dunkel suchte Toni die Hände der kranken Frau. »Mutter! Dein schwaches Magerl is versorgt für acht Täg. Aber gleich muß ich wieder auf und davon. Grob Wetter steht ein. Der Brosle wird mich brauchen.« Die Lahneggerin sagte ruhig: »Freilich, da mußt auffi! Bald d' Leut so schlecht sind, müssen die paar Richtigen fest am Fleck sein.« Während Toni hinaustrat in die Stube, kam zur anderen Tür der Krispin herein in seiner Sonntagsgala, mit einem klobigen Regendach unter dem Arm. Der Jünglingsbauer schmunzelte spöttisch. Toni drückte die Kammertür ins Schloß, packte den Krispin an der Brust, schob ihn hinaus in den Flur und hielt ihn unter dem Brette fest, auf dem das walfischähnliche Konterfei des großen Huchen in Brandmalerei zu sehen war. »Mit dir muß ich a Wörtl reden.« Von dem Überfall verblüfft, maulte der Jünglingsbauer: »Öha! Narr, du! Langsam a bißl!« »Paß auf! An die sechzg Leut sind bei der Wildach von der Arbeit ausgstanden. Die hast du verhetzt.« Krispin fing zu lachen an. »Es wird dir 's Lachen schon noch vergehen. Wann's blechen heißt. Und d' Ausschusser hast du eim falschen Protest ans Bezirksamt verschmust! Für alles haben wir Zeugen, die schwören können. Wann der Bauleitung a Nachteil zuwachst, kriegst an Prozeß auf Schadenersatz. Dein' ganzen Hof kannst versilbern. So! Jetzt kannst dich bsinnen, solang's noch Zeit is.« Der Toni griff nach seinem Rucksack und sauste zur Tür hinaus. Erst besann sich Krispin ein paar Sekunden. Dann ruderte er mit den Ellbogen und brüllte hinter dem Bruder her: »Ah, narret! Glaubst ebba, ich kenn 's Gsetzbuch net? Was geht denn mich die ganze Sauerei bei der Wildach an? Du und dein schmalziger Inschenier mit seim wällischen Gsindel, ös könnt's mich kreuzweis im Arsch lecken. Ös Unchristen, ös gottverlassene! Mit Dynamit habt's die heilige Notburga vom gweichten Postamentl abipulvert. Weil enk die Heilige zur Straf an Schaden tut, soll ich dran schuld sein. Ah, da legst dich nieder!« Der Toni hörte nichts mehr von dieser tiefen Religiosität. Er setzte auch keine große Hoffnung auf die Wirkung seiner Worte, hatte nur getan, was ihm der Augenblick eingegeben. Aber der Krispin blieb eben der Krispin. Mit einem ähnlichen Aber in den Gedanken trat Toni beim Bürgermeister ein. Der saß mit seinem Weib und seinen vierzehn Kindern in der Küche bei der Morgensuppe. »A Wörtl z' reden hätt ich.« Der Bauer mit den klugen Augen legte den Löffel fort. »So a Burgermeister muß allweil zum Haben sein. Suppen oder Schlaf. Alls muß er dahint lassen.« Er ging mit dem Toni in die Stube. Hinter den beiden kam die Bürgermeisterin hereingehuscht und begann in einem Schubladenkasten nach einer Sache zu suchen, die nicht zu finden war. Während Toni von dem Ausstand der Arbeiter sprach und von der Gefahr, die bei der Wildach drohte, hörte der Bauer aufmerksam zu. »Ja, Bub! So ebbes Nutzbars wie d' Wildachverbauung! So sollten d' Leut verstandsamer sein.« »Warum hast denn net so zu die Ausschusser gredt, wie s' den verlogenen Protest ans Bezirksamt gemacht haben?« »Verlogen? Soso? Was weiß denn ich? Ich bin der Burgermeister. Der Haferlputzer. Und d' Ausschusser machen's halt, wie s' mögen.« Der Bauer schmunzelte klug. »Den Protest hab ich net unterschrieben. Selbigsmal hab ich an schwierigen Finger ghabt.« Beim Schubladenkasten fing die Bäuerin auf eine nicht ganz gewöhnliche Art zu husten an. »Mensch!« Der Toni faßte den Bürgermeister an den Schultern. »Ich bitt dich um Gottes willen! Du hast doch an Verstand. Du kannst dir doch sagen, wieviel auf'm Spiel steht! Oder meinst, ich soll an Sprung zum Pfarr auffi machen, daß er uns an Beistand tut?« Der Bürgermeister sagte ausweichend: »Ich tät dir's net raten. Der Herr Pfarr is schiech verschnupft. Z'erst hat ihm der Herr Inschenier net so viel Ehr geben, daß er an Bsuch im Pfarrhof gmacht hätt. Nacher hat man den Herrn Inschenier zwei Monat lang in keiner Kirch gsehen.« Weil die Bäuerin hustete, verstummte der Bauer. »Soso?« fuhr es dem Toni im Zorn heraus. »A nutzbars Werk muß Schaden leiden, weil man vor der Pfarrköchin kein Buckerl net macht! Respekt vor so eim Christentum!« »Da hast mich aber falsch verstanden!« brauste der Bürgermeister auf. »Ich will nix gsagt haben. Bloß Mutmaßungen hab ich gmacht.« »Ja«, fiel die Bäuerin hurtig ein, »dös kann ich bezeugen. Der Herr Pfarr tut auf Visiten net anstehn. Was den Herrn Pfarr so schiech verdrossen hat, is der Unglimpf gwesen, den die heilig Notburg leiden hat müssen. Drum hat unser Herrgott zur Straf söllene Täg hergmacht wie bei der ägyptischen Finsternis.« »Ja!« pflichtete der Bauer bei. »Und die Unschuldigen müssen mitleiden. 's ganze Heu is mir versaut.« »Michel, tu dich net unchristlich äußern!« mahnte das Weib. »Unser Herrgott wird schon d' Heiden von die Christen ausanandhalten.« Toni, dem die Fäuste zitterten, war einem Wutausbruch nahe. Da flog ein greller Schein über die Fenster, und ein dumpfes Rollen ging durch die Luft. »Mar' und Joseph! 's Wetter kommt!« Wie ein Narr sauste Toni der Straße zu. »Miserablige Bagasch überanand!« Noch fiel kein Regen. Doch immer wieder flackerte im trüben Morgen das helle Leuchten auf, und die Berge dröhnten vom Widerhall des Donners. Der sausende Wind fing in Wirbeln zu stürmen an, und eine Jagd von braunen Staubwolken fuhr über die Wiesen hin. 11 Der lange Sagenbacher war in seinem ganzen Leben noch nie so flink durch das Tal hinaufgekommen wie in dieser sorgenschweren Morgenstunde. Als er atemlos das Gehöft der Wildacherin erreichte, kam das Gewitter schon über den Talkessel hergezogen, und die ersten Tropfen begannen zu fallen, groß und schwer. Keuchend sprang der Toni ins Haus und fand die Beda mit der Großmutter in der Stube. Gleich erkannte Sully den Dieb, wieder und schlug ein Spektakel auf, daß Toni schreien mußte, um sich verständlich zu machen: »Wildacherin, sei so gut und renn zum Brosi auffi und sag ihm, daß ich da bin! Ich muß mich a bißl niederhocken.« Die alte Frau humpelte davon, während Beda wie ein steinernes Bild am Ofen stehenblieb. Kaum war die Wildacherin zur Tür draußen, da löste sich diese Lähmung in Bedas Gliedern, der Toni vergaß, daß er sich ›niederhocken‹ wollte, und die beiden flogen aufeinander zu und hingen Brust an Brust. »Vergelt's Gott, Bub! Heut in der Nacht, wie ich dein Sträußl gfunden hab, is mir gwesen, als wär mir a Stern ins Herz einigfallen.« »Herrgott! Anand wiederhaben! So ebbes Guts!« Sully tollte mit schrillendem Gekläff um die zwei glücklichen Menschen her. Draußen rauschte ein dumpfes Getrommel nieder. Blitz um Blitz. Und Donner und Echo wurden ein ununterbrochenes Gedröhn. »Schier hätt ich's nimmer ausghalten!« Mit geschlossenen Augen schmiegte sich Beda an die Brust ihres Buben. »Allweil hab ich dran denkt, was d' leiden mußt. Und hab gflucht auf den bsoffenen Narrenwald.« »Der Wald? Ah na! 's ander hat mich so plagt. Viel hättst mir ersparen können, wann bloß an einzigs Wörtl gschnauft hättst.« »A Wörtl? Von was denn?« »Vom Bsuch, der am fürigen Sonntag bei enk übernachten hat därfen.« »Bsuch? Bei uns is kein Bsuch net gwesen.« Erschrocken stammelte Beda unter einem rasselnden Donnerschlag: »So tu dich doch bsinnen, was d' redst! Ich glaub an dich wie 's Herz an sein Blut. Ich weiß doch, daß alles verlogen is. Da kannst mir doch d' Wahrheit sagen.« »Aber Bedle! Ich hab dir doch grad –« So weit hatte der Toni ganz ruhig gesprochen. Nun fuhr es ihm unter flackerndem Blitzschein mit Zorn aus der Seele: »Himmelsakrament noch amal!« Das galt aber nicht der Beda, sondern dem weißen Spitz, der dem Sagenbacher einen Triangel aus dem Hosenschaft gerissen hatte. Beda, deren klare Sinne sich umnebelten, fing bleich zu zittern an: »Tonele! Sei doch net so zu mir! Und tu mir keine Lugen net sagen.« »Lugen? Aber Bedle! Ich hab dir schon gsagt, daß bei uns am Sonntag kein Bsuch net war.« Jetzt wurde auch die Beda laut. »Kein Bsuch net? Dös kannst mir sagen? Wo ich 's Weibsbild selber gsehen hab! Und gspürt!« Bei diesem kummervoll betonten Worte streckte sie die Hand mit den gespreizten Fingern. »Weibsbild?« Auch dem Toni fing der Verstand zu wirbeln an. »Was für a Weibsbild? Ich weiß von keim Weibsbild nix.« »Jesus, Maria!« Weil die Beda den Toni nimmer ansehen konnte und im gleichen Augenblick einen Schritt auf der Treppe hörte, schlug sie den Arm vor die Augen und taumelte in die Kammer. Toni stand, als hätte ihn einer der Blitze gestreift, die draußen durch die Lüfte zuckten. »Bedle! Was is denn?« Als er dem Mädel nachgehen wollte, fuhr der weiße Spitz auf ihn los. »Du gottverlassenes Hundsviech! Z'erst hab ich gmeint, du hast uns zammbracht. Jetzt bringst uns ausanand!« Weil auch der Toni den Schritt im Hausflur hörte, machte er einen Sprung gegen die Tür, betrachtete verstört die Bißnarbe an seiner Hand und murmelte: »Jetzt is uns ebbes Unrechts einikommen.« Ambros erschien auf der Schwelle, im Wettermantel und mit dem Ölhut. »Ich hab gewußt, daß du kommen wirst.« »Brosle!« Dem Toni zitterte die Stimme. »Jetzt schaut's miserabel aus!« Er meinte nicht nur das Wetter. »Komm nur!« sagte Ambros ruhig, mit einem Leuchten in den Augen. »Schwere Tage wird's geben. Aber jetzt hab' ich den Glauben wieder. Und meine Kraft.« Die beiden gingen zur Haustür. Droben im Bodenflur klang die tröstende Stimme der Wildacherin: »Tun S' Ihnen net aufregen, Frau Lutz! Unser Herrgott wird schon alles wieder rechtmachen.« Der Toni, der das noch hörte, während er hinter Ambros hinaustrat in den prasselnden Regen, tat einen schweren Atemzug. »Unser Herrgott? Dem wird d' Weltregierung auch net gut nausgehn, wann er der Pfarrköchin kein' Bsuch net macht.« Bei dieser philosophischen Erwägung vergaß der Toni, daß er im Rucksack den gerollten Wettermantel trug. Ein paar Sekunden genügten, um den Sagenbacher einzuweichen bis auf die Haut. Diese Abkühlung schien klärend auf seinen umdüsterten Verstand zu wirken. Er schüttelte den Kopf, als hätte er Wasser in die Ohren bekommen. ›Na, na, na, na, na! 's Madl is ehrlich, und 's Madl mag mich! Weiß der Teufel, was uns da für a Mißverstand einikommen is in unser schöne Sach!‹ Hart schnaufend sprang er durch die Wasserlachen, um Ambros einzuholen. »Sakra, sakra! Heut tut's aber schiech!« Es gab Leute, die in dieser rauschenden Stunde anders dachten und denen dieses Schütten eine Freude war, weil es die Erlösung von der Pein dieser sieben Staubtage brachte. Überall hörte man schreiende Stimmen, die einen Klang von Heiterkeit hatten. Wo eine Stalltür war, wurden die Pferde, Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe in den Regen hinausgetrieben, damit sie sich von dem klebenden Staube reinigen sollten in des lieben Herrgotts großer Badestube. Die Blitze leuchteten seltener, aber der Regen fiel noch immer in schweren Strömen. Wo war nun der irrgeflogene Liebeswahnsinn der Wälder? Kein Stäubchen mehr in den Lüften, in denen nur fallendes Wasser war. Die rote Schönheit der Waldrauschzeit war schwimmender Schmutz auf tausend Pfützen geworden. In den Wäldern hatte von dieser verschwenderisch brennenden Liebe nur ein winziger Teil das Ziel, den harrenden Schoß der weiblichen Blüte, gefunden. Dennoch war dieses Winzige ein Ungeheures. Millionen von sprossenden Keimen waren befruchtet und zum Leben erweckt; die jungen Seelen von kommenden Wäldern, die wieder grünen, blühen und versinken werden. Die Kirchenglocken riefen zum sonntäglichen Hochamt, als Ambros und Toni sich der Notburg näherten. Wie ein Brüllen von dumpfen Stimmen empfing sie der Lärm des hochgestiegenen Wildbaches. Der Regen wurde schwächer, und um die grauen Wälder zogen sich kriechende Nebelmassen. »Brosle, dös gfallt mir net! 's Wetter hängt sich ein und wird a Landregen.« Ambros nickte stumm. Beim Kapellenhäuschen der heiligen Notburga, deren Antlitz trotz der Dulle im Nasenbein nicht feindselig durch das eiserne Gitter herausguckte, stand der Rottmeister der Italiener, von Nässe triefend wie die beiden, die da kamen. »Cattivo tempo, padrone!« Ambros fragte, wieviel Arbeiter zur Verfügung stünden. Mit Ausnahme von siebzehn Leuten, die ihre entzündeten Augen nicht öffnen konnten, waren die Italiener alle auf dem Posten. Von den einheimischen Taglöhnern hatte sich keiner sehen lassen. Nur ein alter Mann wäre gekommen, sagte der Rottmeister, und hätte nach Ambros gefragt. »Eccolo!« Er deutete auf ein graues Männlein, das nicht weit von der Kapelle im Regen stand und von Nässe glitzerte. »Tonele! Der Waldrauscher!« Und Ambros sprang auf den Alten zu. Der sah ihm in die Augen. »Büeble? Kannst mich brauchen?« »Ja, Waldrauscher! Ich danke dir, daß du gekommen bist! Du sollst dich nicht plagen müssen. Ich stelle dich als Wächter zum Pegel. Sooft das Wasser gestiegen ist um einen Strich, mußt du den Lärmschuß lösen. Sollte das Wasser sinken, so mußt du dreimal schießen, damit die Leute in ihrer Mühsal gleich erfahren, daß die Arbeit leichter wird. Komm, Waldrauscher!« Ambros umklammerte die Hand des Greises und zog ihn gegen das von Gedonner umschütterte Wassertor der Notburg hin. Die hochgebaute Straße, die neben der Felsklamm zur Baustatt der Talsperre führte, war von Schlammbächen übergossen. Neben ihr, in der mächtigen Steinschlucht, wirbelte ein Brausen vorüber, daß von den vier Männern keiner mehr verstand, was der andere sagte. Auf der Höhe des Wassertores, wo ein nüchterner Ziegelkasten, das ›Elektrizitätswerk Friedrich Wohlverstand‹, schon unter Dach war, sah man durch die Schleier des Regens über den halbvollendeten Bau der gewaltigen Sperrmauer hin; sah die vier grauen Flutströme, die aus den tiefgeschachteten, mit schwerem Balkenwerk verschalten Schleusengängen herausjagten; sah das Aufspritzen und Schäumen der Wassermengen, die sich durch die breite Waldschlucht unter der Großen Not heranwälzten und tobend gegen die aus Baumstämmen geschränkte Schutzwehr der Baustätte schlugen. Bei der bedrohten Mauer und überall am Rand des andrängenden Gewässers huschte unter dem Grau des Regens schattenhaft das Gewimmel der Menschen durcheinander, die sich mühten, den rauschenden Zorn der Natur zu bekämpfen. Ambros riß den triefenden Mantel herunter und schrie: »Du, Toni, hinauf zu den Stauwehren und Notverhauen! Führe den Waldrauscher zum Pegel hinüber! Mein Platz ist hier bei der Mauer.« Er sprang auf eines der Balkengerüste, die den Bau der Talsperre schützen sollten, aber schon zitterten unter dem Andrang des steigenden Wassers. Dieses Dröhnen und Rauschen verschlang jeden menschlichen Schrei, jeden Lärm der mühsamen Arbeit. Die vielen Menschen schienen stumm zu sein, an den Armen von einem wunderlichen Zucken befallen. Die Axthiebe, mit denen man auf dem Waldgehäng die Bäume umschlug, waren ohne Klang. Wenn die Bäume stürzten, krachten sie nicht, sondern legten sich still auf die Erde hin und wackelten hinter den stumm schleppenden Menschen auf das tosende Wasser zu, um in den grauen Wogen unterzutauchen als Hemmung für den Schub des Gerölls und als Halt für die Stauwehre, die den Druck des Wassers von der Baustatt ablenken sollten. Nur wenn beim Pegel ein Schuß gelöst wurde, übertönte der Haß des Böllers als einzige Stimme dieses Rauschen und Brausen. Immer wieder krachten die Warnungsschüsse, in immer kürzeren Pausen. Und immer ging der gleichmäßig strömende Regen nieder. Die schaffenden Menschen, die nicht essen und nicht rasten durften, begannen müd zu werden. Nur Ambros schien keine Erschöpfung zu fühlen. In seinen vor Nässe sprühenden Kleidern sprang er von einem bedrohten Posten zum anderen und war das hämmernde Herz und der feste Wille in diesem vielhundertfäustigen Körper. Die Sorge in seinen heißen Augen blickte immer ernster. Wenn er nur hundert Menschen noch hätte! Um die Müden ablösen zu können und mit der Arbeit durchzuhalten bis zum nächsten Tag. Dieser gleichmäßige Regen war keine unbesiegbare Gefahr. Alles konnte noch gut werden, wenn der Bau der Talsperre sich so lange schützen ließ, bis die groben, während des Gewitters niedergefallenen Wassermengen sich verlaufen hatten. Und da geschah gegen Abend etwas Unerwartetes, für Ambros Unerklärliches. Innerhalb einer Stunde erschienen vierundachtzig Wildachtaler bei der Notburg und boten sich zur Arbeit an. Kamen die Leute, weil sie verdienen mußten? Weil durch den Staubflug der blühenden Wälder das Heu verdorben war? Weil bei solchem Wetter keine Arbeit auf den Feldern geschehen konnte? Oder war die Vernunft in ihren verhetzten Köpfen wach geworden? Hatten sie die Warnungsschüsse gehört? Waren sie erschrocken vor den Schlammwogen, die das breite Kiesbett der Wildach füllten? Hatten sie Angst bekommen um ihre Häuser? Und kamen sie nun gelaufen, weil ihnen die drohende Gefahr an die eigenen Hälse griff? Ambros stellte keine Frage. Er drückte die Hand eines jeden, der kam, und stellte jeden an den Posten, wo er am besten zu brauchen war. Vor Beginn der Dämmerung brannten die großen Feuer auf, die in der Nacht zur Arbeit leuchten sollten. Die Müden, die man ablösen konnte, saßen um die mächtigen Flammen her, verschlangen ein paar Bissen, schliefen ein paar Stunden und ließen sich von der einen Seite anregnen, von der anderen Seite braten. Ums Tagwerden stellten sich wieder zweiundsechzig Wildachtaler zur Arbeit. Und gegen sieben Uhr morgens krachten beim Pegel, wo der Waldrauscher als Wächter stand, drei donnernde Böllerschüsse. Das Wasser sank! Ambros stieß einen Schrei aus, wie Menschen aufschreien in unerträglichem Schmerz. Dieses Wehe in ihm war die Kraft der Freude. Ein paar Sekunden konnte er sich nimmer regen, alle Glieder waren ihm wie gelähmt. Dann lachte er wie ein heiteres Kind und blieb noch vier Stunden bei der Arbeit. Um die Mittagszeit vergönnte er sich die erste Rast seit siebenundzwanzig Stunden. Er schickte eine erlösende Zeile an die Mutter. Dann wechselte er die Kleider, ließ sich aus der Kantine Polenta bringen, wie die Arbeiter sie aßen, und streckte sich in einer Reisighütte auf die Pferdedecke. Hier fand ihn Toni, der in seinem übel zugerichteten Gewand die starren Arme seitwärts hielt und schwerfällige Schritte machte. Sein Kittel und seine Hose hatten so viele Löcher, daß der Triangel, der auf Rechnung des weißen Spitzes ging, kein Aufsehen mehr erregte. »Brosle! Ich muß dir ebbes sagen.« Ambros hob das erschöpfte Gesicht. »Im Dorf is ebbes geschehen. Ebbes Guts! Weißt, warum sich die hundertvierzig Leut zur Arbeit gstellt haben? Der Bruder von eim Ausschusser hat mir's verraten.« »Was?« »Gestern nachmittag beim Rosenkranz hat der Herr Pfarr für d' Wasserarbeit predigt. Der Burgermeister hat im Ausschuß für uns auf'n Tisch ghaut. Und den Krispi haben s' aus der Sitzung aussigschmissen. Und weißt, warum? Weil d' Frau Herzogin gestern ans Pfarramt und an'n Burgermeister gschrieben hat, wann die Gmeind deiner nutzbaren Sach und dir kein' richtigen Beistand macht, so tät d' Frau Herzogin ihrer Lebtag nimmer ins Tal kommen und tät alle Stiftungen auflassen, die s' jeden Sommer für die Kirch und für'n Gmeinsäckel macht. Wann aber die Gmeind Verstand zeigen möcht, so tät d' Frau Herzogin alle Stiftungen verdoppeln. Sakra! Da haben s' ausrucken können, die gscheiten Mannsbilder!« Schweigend preßte Ambros das Gesicht in die zitternden Hände. »Gelt, Brosle, dös tut dir wohl?« Toni legte dem Freund die Hand auf die Schulter. »Daß ebbes Hilfbars kommt, da hätt ich drauf schwören können. Dein nutzbars Arbeitswerk hat ebbes Lebendigs in ihm. So ebbes kann net z'grund gehn! Jetzt schnauf a bißl auf! Und tu dir a paar Stündln Ruh vergunnen. Du brauchst es.« Während Toni mit steifen Knien davonging, fiel Ambros auf das grobe Lager hin und streckte wohlig den müden Leib. Beim dumpfen Brausen des Wassers begann er wachen Auges zu träumen. Diese Träume trugen ihn hinüber in den schweren Schlaf eines an allen körperlichen Kräften erschöpften Menschen. Der Abend dämmerte, als Ambros erwachte. Weil er im Zwielicht der Reisighütte einen Menschen sah, der neben dem Lager auf der Erde hockte, war es seine erste Frage: »Regnet es noch?« »Ja, Büeble!« antwortete der Waldrauscher. »Aber d' Wildach nimmt Verstand an. Gradso wie der rauschige Wald, der wieder nüchtern is.« Aus diesem letzten Wort des Hundertjährigen klang etwas zärtlich Heiteres. Ambros lauschte eine Weile dem schwächer gewordenen Brausen, in dem man die heiseren Stimmen der schaffenden Leute wieder hörte und das Krachen der stürzenden Bäume. Nun beugte er sich zu dem Alten hin und fragte: »Waldrauscher?« »Was, Büeble?« »Weißt du schon, was sie getan hat? Für mich?« Der Alte nickte. Und Ambros legte den Arm um die Schultern des Greises. »Von allem Schönen, das ich erleben durfte, ist dies das Schönste, daß ich die Hilfe für mein Werk der Frau verdanke, die ich liebe.« Lächelnd schlang der Hundertjährige die dürren Hände um die aufgezogenen Knie und flüsterte: »Was 's Leben oam schenkt, Was ma hat, was ma denkt, 's is allweil ebbs dron – Bloß auf d' Augen kommt's on! Wia's oaner betracht't, Hat's Liacht oder Nacht, Und a Ries weard a Zwerg, Und a Stoanl a Berg. Wer kalt is und gwinnt, Hat Glück, dös verschwindt, Wer blüaht und verliert, Hat 's Beste verspürt.« Ambros erhob sich, nahm den noch nassen Mantel um die Schultern und griff nach dem Ölhut. »Ich verstehe, wie du es meinst. Trost hab' ich nicht nötig. Sag mir lieber, wer das so austeilt unter die Menschen, Gewinn oder Verlust. Ist da ein Wille? Oder ist das Irrtum? Blinder Zufall?« Kichernd nickte der Greis. »Dös hab ich mich oft schon gfragt.« »Einmal – ich weiß nicht, war es vor einer Ewigkeit oder in einem blühenden Frühling, der seit sieben Tagen erloschen ist –«, Ambros legte den Arm über die Augen, »da hab' ich mit angehört, wie ein blasser, scheuer Mund dich fragte: ›Waldrauscher, warum singst du nie von Gott?‹« Diese Erinnerung schien den Alten zu erschüttern. Nach kurzem Schweigen sagte er ruhig: »So ebbes Mächtigs wie der Herrgott huschelt sich net gern eini in so a wunzigs Liedl.« Er schloß die Augen. »Vier Jahre kann's her sein, da hab ich sehen müssen, wie man a Menschenblüml, a jungs, um Bluh und Freud betrogen hat.« Die Stimme des Greises wurde nicht lauter und brannte doch von wühlendem Zorn. »A Blüml aus meim Herzgarten war's. Und da hab ich gfragt wie du: Versäumnis oder Irrtum, Zufall oder Mißverstand? Und hab so a Liedl singen müssen. So a Liedl von Gott! Ganz a wunzigs! Dem Tonele hab ich's net gsungen. Der wär derschrocken. Du verstehst mich, Brosle! Dir sing ich mein Liedl.« Der Waldrauscher sah mit flackerndem Blick zu Ambros auf, faßte ihn am Mantel, streckte den Hals und sang in das Rauschen des Abends: »Und 's Schware und 's Leichte Und alls is im Flug, Und alls is im Wachsen Und alls hat an Zug. Und oaner, an Alter, Is allweil noch jung, Verschaut si' und draht si' Und gibt si' an Schwung. Und allweil probiert er's Und baut an ein Haus, Is selm no net firti Und wachst si' erst aus.« Ein leises Kichern in der Dämmerung des niederen Reisigschuppens. Und draußen das brausende Lied der jagenden Gewässer. »Waldrauscher!« stammelte Ambros. »Nein! Das ist ein Uferloses. Das sind Tiefen, über die kein Weg und Steg mehr ist. Wie ich noch ein Kind war, hab' ich ein kluges Lied von dir gelernt. Jetzt geb' ich es dir als Antwort zurück: ›Das Kalte ist kalt nicht, das Heiße nicht heiß, und alles ist anders, als einer es weiß!‹ Aber das weiß ich: Da draußen ist wildes Wasser, das sich dämmen läßt. Und kahles Gestein, das wir zerbrechen können, um Raum zu schaffen fürs blühende Leben! Ich gehe zu meiner Arbeit. Kommst du mit?« »Na, Mannsbild!« Der Greis erhob sich. »Jetzt brauchst mich nimmer. Jetzt kann ich heimgehn.« Als Ambros aus der Reisighütte trat, brannten im Regengrau der Dämmerung die großen Feuer auf. Drei Nächte und drei Tage hielt der ruhig fallende Regen noch an. Am Donnerstag, als es auf den Abend zuging, begannen die Nebel zu steigen, und manchmal lugte ein Stück Blau durch das zerklüftete Gewölk herunter. In der Nacht verliefen sich die gröbsten Mengen des Wassers. Der Morgen brachte eine schüchterne Sonne. Alle Gefahr war überwunden. In dieser Morgenstunde trat der Toni Sagenbacher um die Zeit der Marende sonntäglich gekleidet in das Büro der Bauleitung. Er hatte ernste Augen, doch ein ruhiges Gesicht. Den Zahlmeister und Ambros fand er mit heißen Köpfen. Von den Wildachtalern waren an die zwanzig, weil die Sonne wieder schien, zu ihren Wiesen zurückgekehrt, um von der verwüsteten Heuernte noch ein paar Fuder Streu zu retten. Die anderen zwanzig, die über das vertragsmäßige Hundert der ›Einheimischen‹ hinausgingen, wollten bei der Wildach bleiben und verdienen. Der Zahlmeister hätte sie gerne fortgeschickt. Das duldete Ambros nicht. »Hier geschieht, was ich für richtig und anständig halte. Die Leute bleiben.« »Gut, Herr Inscheniör! Auf Ihre Verantwortung!« In diesem Augenblick trat Toni ins Büro, und Ambros kam mit seinem Ärger schnell ins Gleichgewicht. Weil ihm die guten Kleider auffielen, die der Sagenbacher trug, machte er einen Versuch, zu scherzen: »Willst du am Werkeltag in die Kirche gehen?« »Ah na! Ehnder zum Teufel seiner Brutstatt!« Der Toni warf einen Blick des Unbehagens auf den Zahlmeister. »A Wörtl z' reden hätt ich mit dir. Privat.« »Komm!« sagte Ambros. »Ich gehe mit dir hinaus in die reine Luft.« Ein Lächeln überhellte sein hager gewordenes Gesicht. »Oh, bitte«, fiel der Zahlmeister ein, »wenn ich hier unbequem sein sollte?« »Nicht im geringsten!« Ambros ging hinter dem Sagenbacher zur Tür hinaus. Und der Stellvertreter des Herrn Friedrich Wohlverstand nahm aus der eisernen Kasse das Geheimkonto heraus, um den Taglohn für dreiundzwanzig überzählige Arbeiter zu Lasten des leitenden Herrn Ingenieurs zu notieren. Draußen standen Ambros und Toni in der wässerigen Sonne. Von den Dächern der umliegenden Holzbaracken ging ein weißliches Dampfen in die Lüfte. Vier braungesichtige Burschen saßen mit verbundenen Augen vor einer Tür. »Gestern auf'n Abend hat mir der Amtsbot ebbes bracht«, sagte der Toni in aller Ruhe, »und da hab ich in der Nacht an Menschen heimgschickt, daß er mir die gute Montur holt. Jetzt mußt mir zwei Tag Urlaub geben.« »Gern, Tonele! Du hast das Aufschnaufen nötig. Aber was ist denn los?« »Frag net! In die beste Famillisach is mir ebbes Unrichtigs einikommen. So ebbes Narrets, daß der Waldrauscher a Liedl drüber singen kunnt. Da muß ich d' Luft wieder saubermachen, wie's der Platzregen mit der rauschigen Waldbluh gmacht hat. Und da geh ich net lang zum Schmiedl, sondern gleich zur Schmiedin aussi. Morgen bin ich draußt, und am Sonntag in der Fruh –« »Aber Toni! So sag mir doch –« »Na, na! Leut, die eim gut sind, soll man net plagen mit unsauberen Sachen. Ich mach schon wieder klar Wasser. Pfüe Gott derweil, Brosle!« Mit den längsten Schritten, die seine langen Beine fertigbrachten, ging der Sagenbacher durch die stille Barackengasse. Während er zwischen dem niedergeklatschten Wiesengras auf dem Wege wanderte, der einst verboten war, zog er schwül atmend einen Papierbogen in Amtsformat aus der Joppentasche und las mit gerunzelter Stirn. Was da geschrieben stand, das hatte er seit dem vergangenen Abend schon ein dutzendmal gelesen, aber noch immer nicht begriffen. Auf diesem geheimnisvollen Blatt wurde Anton Sagenbacher für den 2. Juli vor Gericht geladen, um Zeugnis abzulegen in Klagsachen der Barbara Gschwendtner aus Zipfertshausen gegen – –« »Himmelsakra! Allweil steht's wieder da!« Toni las nicht weiter, sondern steckte das Rätsel dieses Blattes wieder in die Joppentasche. »Gotts Blut und Leben! Was muß denn da geschehen sein? Mein Madl, mein bravs! Und verklagt wegen Ehrenbeleidigung und tätlicher Mißhandlung!« In der Ratlosigkeit dieser Stunde fand er den gleichen Gedanken, der in einem sorgenvollen Augenblick dem Jünglingsbauer gekommen war: ›Jetzt hilft nix anders nimmer. Da muß jetzt d' Witib her.‹ Der Toni diktierte keinen anonymen Brief. Er machte die gleiche Sache ganz anders. Breiter und heller fiel das Licht durch die ziehenden Nebel. Die steilen Wände der Großen Not bekamen Glanz, und über die Waldgehänge gingen langsam gleitende Sonnenlichter. Dennoch verschönte sich der Anblick der Wälder nicht. Etwas Trauerstilles blieb in ihrem Grün. Alle Wipfel und Zweigspitzen hatten ein schmutziges Braun und sahen aus wie abgestorben, wie verbrannt vom Flug eines ungeheuren Feuers. Und der Straßenboden, auf dem der Toni Sagenbacher dem Unterland zuwanderte, bot einen seltsamen Anblick. Die weiße Kalksteinfläche war dicht überzogen von phantastisch gewundenen, fast künstlerisch wirkenden Arabesken in schwarzbrauner Farbe. Diese krausen, an die Ornamentik der Zopfzeit erinnernden Zierleisten hatte der Regen ersonnen, als er die maßlos irrende Sehnsucht der liebestrunkenen Wälder aus den Lüften niederpeitschte, um sie anzuschlemmen an alles Harte der Erde. 12 Auch im Gehöft der Wildacherin bedeckten die schwarzbraunen Ornamente den ganzen Boden. Sie klebten an der weißen Hausmauer und füllten an den Fenstern jeden Winkel der Gesimse. Harte Arbeit war's, hier wieder blanke Sauberkeit zu schaffen. Seit drei Stunden plagte sich Beda mit dieser schwierigen Sache, schrubbte den langen Mauerpinsel über die Hauswand hin und her und bürstete die Fensterstöcke. Für gesunde Menschen ist Arbeit was Lustiges. Die Beda schien krank zu sein. Gar nicht gut sah sie aus. Alle paar Minuten tat sie einen mühsamen Schnaufer. Und als sie wieder einmal mit dem Zuber zum Brunnen ging, fuhr ein Stoßseufzer aus ihrer sorgenvollen Seele: »Sechs Tag noch bis zum zweiten Juli! Jesus, Jesus! Was tu ich denn?« Auch ihr hatte der Amtsbote solch ein großes Stück Papier gebracht – in Klagsachen der Barbara Gschwendtner aus Zipfertshausen gegen – und wegen – – Aber nicht ein dutzendmal wie der Toni, nur ein einziges Mal hatte die Beda das gelesen. Dann hatte sie schon genug gehabt. Ein paar Wochen sitzen zu müssen wegen Ehrenbeleidigung und tätlicher Mißhandlung? Die Schande vor den Leuten, das Gerede, das Gelächter? Das wäre noch nicht das Schlimmste. Aber das andere! Vor fremden Menschen, vor dem Richter, vor Mannsleuten über Dinge reden zu müssen, die in der reinlichen Beda schon bei jedem stummen Gedanken alles brennen ließen, was einem Menschen weh tun kann! Keiner von den grauenvollen Staubtagen war der Beda so unerträglich geworden wie dieser langsam sich klärende Morgen mit seiner vorsichtigen Sonne. Ist die Sonne ein kluges, lebendes Wesen? Hat sie Zartgefühl wie der Toni Sagenbacher? Sie wärmte so fein und bescheiden, als wäre sie des Glaubens, daß man einer verstörten Natur nach Tagen des Leidens nur in klug bemessenen Dosen wieder mit allem Guten kommen dürfte. Erst am späten Nachmittag schien sie zu denken: ›So! Jetzt glaubt das mißhandelte Leben wieder an alles Helle, jetzt kann ich weit die Schatzkammern meines Glanzes öffnen!‹ Das wurde ein Leuchten, so schön und herzerquickend, daß die verärgerten Menschen mit klingenden Stimmen jauchzen und singen mußten. Von dieser tröstenden Schönheit wollte nur die Beda keinen Funken empfinden, als sie einen Korb mit verstaubtem Leinenzeug durch den feuerschönen Glanz hinüberschleppte zum Altwasser. Beim Anblick der Erlenstauden – dort, wo drei Kinder einen großen Huchen gefangen hatten, dort, wo der weiße Spitz den Toni in die schmeichelnde Hand gebissen –, beim Anblick dieser heiligen Stätte des Glückes machte Beda zuerst den Versuch, sich gründlich auszuweinen. Während sie mit den Augen noch bei dieser feuchten Arbeit war, begann sie mit den Händen das noch nässere Werk und spülte das Leinenzeug in dem farbig glitzernden Wasser. Das machte ein Geplätscher, daß Beda den Schritt des Krispin Sagenbacher überhörte. Der Jünglingsbauer bekam, als er Beda gewahrte, gleich wieder die kugeligen Augen seines zärtlichen Hungers. Er glaubte die Stunde gekommen, in der sich der süße Segen seiner heimlich webenden Gescheitheit ernten ließe. Flink stellte er seine Sense beiseite und schlich auf die gebeugte Wäscherin zu, mit der festen Absicht, klug von nichts anderem zu reden als von dem ›feinen Wetter‹, das nun kommen wollte. Doch als er diesen lind gebeugten Mädchenkörper mit den geschmeidigen Bewegungen sah, mußte ihm wider Willen dieses Dumme abermals passieren, daß alles Dunkle in seinem Blut sich stärker zeigte als das Helle in seinem Verstand. Er streckte die klobige Hand und tuschelte ein schmalzmildes Wörtchen. Nur ein einziges. Bevor er das zweite herausbrachte, war die Beda blitzschnell aufgefahren. Das triefende Leintuch machte durch die schönen Abendlüfte einen Schwung, daß Krispin erschrocken zurücksprang. »Himisakra! Du Weibsbild, du unguts! Muß man denn allweil gleich zuschlagen?« Beda schwieg. Als Krispin Sagenbacher diese verweinten Augen sah, in denen Zorn und Verachtung brannten, fing er ein schwüles Schnaufen an. Weil er solchen Aufruhr menschlicher Anständigkeit nicht kapierte, begann sein fleckiges Gewissen verdächtig zu rechnen. Seine wachgerüttelte Gescheitheit fand noch das überlegene Lachen eines groß veranlagten Menschen, der den Unverstand der minderwertigen Naturen heiter nimmt. Dann ging er ohne Gruß davon und sakramentierte in Gedanken: ›Himibluatsa! Dö muß ebbes gmerkt haben! Wer weiß, was dö grupfte Gans aus'm Unterland alles gredt hat? Sakra, sakra! Da kommt ebbes Unkommods. Da zieht ebbes auf. Und einschlagen kunnt's.‹ Solche Wetterahnungen hatte der Krispin, obwohl der Abend in reinen Gluten leuchtete. Zärtlich umglänzte die Sonne das stumme, an Herz und Sinnen verstörte Mädel. In schöner Sonne wachsen helle Gedanken. Die Beda erriet wohl nicht den kleinsten Fadenschlag der dunkel gewobenen Zusammenhänge. Aber sie sah, daß der Krispin zu seiner Wiese ging, glaubte, daß der Toni bei der Arbeit wäre, und da fiel ihr dieser Gedanke in die gequälte Seele: ›D' Mutter Lahneggerin!‹ Sie zerrte den Korb mit der Wäsche hinter die Erlenstauden und sprang. Beim Anblick des Lahneggerhofes zuckte ihr etwas Wohles und Wehes durch das atemlose Leben. Vor der Schwelle blieb sie ratlos stehen. ›Was muß ich denn sagen? Wie mach ich's denn?‹ Noch ehe sie diesen Gedanken zu Ende brachte, stand sie im Hausflur vor dem alten Brett mit dem eingebrannten Walfisch und mit den steilen, an assyrische Keilschrift erinnernden Buchstaben: ›67 Zenti lang, 16 Pfund alt Gewicht.‹ Kathrin, die das aufgeregte Mädel ein bißchen mißtrauisch betrachtete, tat die Stubentür auf und wies die Beda zur Kammer. In dem kleinen Raum, durch dessen Fenster die Abendsonne hereinglutete, saß die Lahneggerin zwischen geblumten Kissen, hatte einen Holzteller auf dem Federbett stehen und speiste einen Fisch. Beim Anblick der Beda ging in den müden Augen der kranken Frau ein frohes Leuchten auf. Aber ihre Freude verwandelte sich gleich in Schreck. Auch der Beda fiel ein Zittern ins Herz, als sie dieses verstörte Gesicht gewahren mußte. Für einen Augenblick fühlte sie nur die Sorge um dieses leidende Weib, in dem der Toni seine Mutter liebte. Dann stammelte sie die Lüge: »D' Frau Lutz hat mich fragen gschickt, wie's der Lahneggerin geht.« Dazu sprach ihre ehrliche Sorge und Hoffnung: »Gelt gut? Gelt, ich darf sagen: recht gut?« Die Kranke schien nicht zu hören. Sie lauschte angstvoll nach der Tür und flüsterte: »Bedle! Was machst denn da für an Unsinn! Wann der Krispin einikommt und merkt ebbes!« »Der maht auf der Wildachwies.« In der Lahneggerin erwachte wieder was Frohes. »Wann er maht, der Krispi, kann ich mich freuen an dir.« Sie streckte die Arme. »Sonst bist allweil als a Fremds vorbeigangen an meim Fenster. Seit der Toni gsagt hat: Mein Bedle! – derzeit bist an Einzigs mit mir! Geh, Kindl, komm her zur Mutter!« Beda brachte zuerst keinen Laut heraus. Die warme Zärtlichkeit dieser matten Stimme erschütterte sie bis ins Innerste. Auf der Bettkante sitzend, schmiegte sie sich in die mageren Arme und stammelte: »A Mutter mag mich! Jesus, a Mutter mag mich!« »Halt ja! Und ich weiß, warum. Tu so bleiben, wie d' allweil gwesen bist. Und tu dich sauberhalten an Leib und Seel.« Da kam etwas über die Beda, als wäre sie von Sinnen. Sie sah der Lahneggerin verstört in die Augen. »Mutter! Ich bin von die Schlechten eine. Grundschlecht bin ich. Und die schiechsten Sachen muß ich denken.« Die Lahneggerin wollte erschrocken was sagen. Aber in einem Sturz von Worten schüttete Beda alle Pein der letzten Tage aus sich heraus. Die Bäuerin blieb stumm. Ihre Hände zitterten, ihr Gesicht wurde weiß, und eine ganz spitze Nase bekam sie. Als das Mädel nach aller Beichte schluchzend das Gesicht ins Federbett drückte, schwieg die Lahneggerin noch immer; sie legte nur der Beda die schwere Hand aufs Haar. »Tu mich schimpfen, Mutter! Ich weiß, daß ich unrecht hab. Aber völlig schwarz is mir's vor die Augen gwesen. Und gar nimmer auskennt hab ich mich.« »Freilich, ja! Wann a Weibsbild söllene unverschämte Lugen macht!« Die Lahneggerin redete zögernd, als hätte sie Ursache, jedes Wort genau zu überlegen. »Was wahr is, muß ich sagen. D' Witib hat mir am fürigen Sonntag an Bsuch gmacht. Z'mittelst im Tag. Und d' Witib wär im übrigen kein unguts Weiberleut. Is halt a bißl narret auf'n Toni. Bei der Nacht hätt ich s' net einilassen ins Haus. Ah na! Furt hat s' wieder müssen. Und der Toni hat bei mir da draußt in der Stuben gschlafen. Und is in der Fruh zur Arbeit aussi. Und hat von der Witib nix ghört und nix gsehen. Noch allweil weiß er nix. Weil ich kein Wörtl net gschnauft hab. Was einer net weiß, dös macht ihm net heiß.« Immer müder wurde die zittrige Stimme. »Sunst is gar nix dran. Mit'm Toni net!« »Wie därfen denn d' Leut so lügen?« Die Lahneggerin tat einen schweren Seufzer. »O mein, du gut's Madl! Unsereins hat auch schon oft glogen. Allweil geht's krumm aus. Und allweil lügt man wieder.« Beda blieb stumm. In diesem Schweigen steckte die neugierige Kathrin den Kopf zur Tür herein und log, daß sie den abgespeisten Teller holen möchte. Nun wurde die müde Lahneggerin plötzlich so grob, daß die Magd erschrocken davonsurrte und draußen in der Küche brummte: »Ich hab mir's aber denkt! Es muß ebbes sein mit dem verdrehten Madl da drin!« In dieser Vermutung wurde sie noch bestärkt, als Beda nach einer Weile wie verrückt aus der Stube gesprungen kam, draußen vor der Hausschwelle im purpurnen Abendschimmer stehenblieb und aufatmete wie zu einem stummen Jauchzer. Die Magd wollte ihr nachgucken. Da klang im Haus eine schrillende Stimme: »Kathrin!« »Mar' und Joseph!« kreischte die Magd und sprang in die Kammer. »Wo brennt's denn, Bäuerin?« An den Fenstern glänzte keine Sonne mehr. Und die Lahneggerin saß vorgebeugt im Bette. »Kathrin, tust dich noch bsinnen auf'n fürigen Sonntag?« Diese Frage schien das Mißtrauen der Magd zu wecken. »Warum denn?« »Hast selbigsmal gut gschlafen?« »Gsund is man allweil und hat sein' Schlaf.« »So?« Die Lahneggerin atmete schwer. »Hast ebba gar nix gmerkt in der Nacht?« »Na, gar nix.« »Und in der Fruh?« »Na, Bäuerin, gar nix.« Ein kurzes Schweigen. Trotz der Dämmerung hatte die Lahneggerin sehen können, daß die alte Kathrin rot geworden war bis unter die grauen Haare. »Gar nix? So? Gar nix?« Die Bäuerin fiel in die Kissen zurück, als hatte sie einen schweren Stoß vor die Brust bekommen. Draußen im Flur bekreuzte sich die Magd. »Wann ich a Wörtl schnaufen möcht, der Bauer tät mich derschlagen.« Sie trat vor die Haustür, spähte über die Straße hinaus und dachte: ›Die kann's doch net gwesen sein? Von der andern hat d' Halbscheid, die ich noch gsehen hab, schon an Zentner gwogen.‹ Es kam eine milde, stille Nacht mit feinblitzenden Sternen. Dann stieg die Sonntagsfrühe aus der Dämmerung herauf mit erquickender Frische. Das gleichmäßige Rauschen der klein gewordenen Wildach tönte wie ein frohes Morgenlied des erneuten Lebens. Und die Kirchenglocken klangen so lind, als stünde der rufende Turm in meilenweiter Ferne. Nach dem zweiten Läuten, als die letzten Kirchgänger die weiße Straße spärlich sprenkelten, kam von dem Bergpaß, der ins Unterland führte, ein nettes Wägelchen ins Tal heruntergerollt, mit zwei wohlgenährten Rossen bespannt. Auf dem Kutschbock nagte der alte Hansele an seiner kalt gewordenen Zigarre, und hinter dem Wägelchen war die Reisetasche mit dem zufriedenen Osterhasen aufgebunden, der seit der letzten Fahrt kein weiteres Ei mehr gelegt hatte. Seinen Platz im Wagen hatte er bei dieser neuen Reise an den Toni Sagenbacher abtreten müssen. Der saß mit fester Ruh auf dem schmalen Polsterfleck, den die mollige Barbara Gschwendtner aus Zipfertshausen noch übrigließ. Die runde Witib war so schweigsam wie der Toni und guckte immer nach der anderen Seite, schillernd in ihrer bunten Seide, die große Seele von den Silberkettchen und Schaumünzen umklunkert. Ihr Sternenantlitz brannte. Und gerötete Lider hatte sie, obwohl die Fichtenwälder im Unterland verständig und unberauscht geblüht hatten. Aus ihren tröpfelnden Augen redete eine Sorge, die immer unruhiger wurde, je näher die Kutsche einem kleinen Hause kam. Bei dem Lärm, den die Hufe und Räder machten, hörte man undeutlich das aufgeregte Gekläff eines Hundes, der hinter verschlossener Haustür bellte. »Sie wird ebba schon in der Kirch sein?« sagte der Toni, dem die Augen glänzten. »Aber schauen müssen wir allweil. Halt a bißl auf, Hansele!« Als Toni aus der Kutsche sprang, kam unter der schönen Sonne dieses Morgens die Beda flink von der Haustür gegen die Straße her, in ihrem frisch gestärkten Sonntagskleid, in der Hand die große Postschachtel mit der fertigen Wochenarbeit. Dem Toni lachte die Freude im Gesicht. »So, mein Madl, mein guts! Da kommst mir aber grad wie gwunschen.« Die Beda wurde rot und blaß. »Jesus! Tonele!« Er hatte ihr schon die Schachtel abgenommen, faßte sie bei der Hand und zog sie zur Kutsche hin. »So! Schau her, da hab ich d' Witib arretiert. Dö muß dir jetzt die schuldig Abbitt machen.« »Mir?« Die Beda sah ratlos ihre Hand und dann das trauervolle Sternenantlitz der Barbara an. »Natürlich! Wem denn sonst? Und nacher därf s' ihr Klag zruckziehn und därf die Kosten zahlen. Also, Gschwendtnerin, jetzt red!« In tränenfeuchter Scham fing die Barbara unter einem für ihre Erdenschwere erstaunlich flinken Gezappel zu betteln an: »Herr Jesus! Tut's mich doch net vor die Leut blamieren! Mar' und Joseph! Dös machen wir daheim. So tut's doch einsteigen!« »No also, meintwegen, steigen wir halt ein!« entschied der Toni. »Komm, Bedle!« Er stellte der Witib die Handschuhschachtel auf die seidene Schürze. »Gelt, tu mir aufpassen auf d' Schachtel! Da is der Meinigen ihr fleißige Arbeit drin.« Dann sprang er in die Kutsche. Weil die Beda in ihrer wortlosen Verwirrung mit dem Einsteigen zögerte, griff Toni hurtig zu und hob das Mädel auf seinen Schoß. »So! Jetzt sitzen wir ganz kommod. Hüo, Hansele!« Die braven Rosse aus dem Unterland, die an gewichtige Ladung gewöhnt waren, trabten munter los, ohne den Zuwachs an Last zu spüren. Wie die Kirchgänger guckten! Aber das merkte weder die Beda noch der Toni. Der hielt mit festen Armen sein Glück umschlossen. Und die Beda schaute nicht rechts und links, saß immer schön aufrecht und machte sich so leicht wie möglich. Einmal drehte sie aber doch das brennheiße Gesicht, sah dem Toni in die Augen, und weil sie vor der Witib nichts reden, dem Toni aber doch das Zärtlichste sagen wollte, flüsterte sie: »Deiner Mutter geht's fein gut!« »Gott sei Lob und Dank!« Barbara, die das schwere Postpaket mit den Armen krampfhaft umschlungen hielt, schien in ihrer gesunden Leiblichkeit ein Symptom zu empfinden, das man bei zarteren Naturen als Nervosität bezeichnet. Sie erklärte plötzlich sehr gereizt: »A bißl eng sitzen tut man jetzt!« Und zornig fügte sie bei: »Dös paßt mir auch net in meim Wagen, daß einer allweil a Frauenzimmer auf die Knie hat. Vor die Leut!« »Geh, Tonele, laß mich aussteigen!« sagte die Beda. »Na, na! Du mußt dabeisein, wann klar Wasser gmacht wird. Und du, Gschwendtnerin, überleg dir a bißl, was d' redst. Wärst allweil so gschamig gwesen! Nacher hättst heut in Zipfertshausen bleiben können. Und tätst net unkommod sitzen müssen.« Der Toni hatte sich erhoben. »Komm, Schatzl, setz dich her da!« Er drückte die Beda auf den Wagensitz. »Dös därfen wir net tun, daß wir der Gschwendtnerin an Moralischen verursachen.« Mit einem flinken Schwung seiner langen Beine war er beim Hansele auf dem Kutschbock droben. Jetzt bettelte die mollige Unschuld erschrocken: »Mar' und Joseph, Toni, so steig doch wieder eini! Ich hab's net so gmeint! Es is halt a bißl hart für mich –« Das Weitere verschluckte sie. Der Sagenbacher plauderte gemütlich mit dem Hansele von drei schönen Fohlen, die heuer im Gschwendtnerhof zu Zipfertshausen das Licht der Welt erblickt hatten. Dicke Tropfen kollerten über das kummervolle Sternenantlitz der Witib, deren rote Sehnsucht noch übler in die Irre geflogen war als das trunkene Liebesbegehren der blühenden Wälder. Beda sah diese Zähren fallen. Und alles Widerstreben, das sie an der Seite der ausgiebigen Reisegefährtin noch empfand, verwandelte sich in Erbarmen. »Kommen S', Gschwendtnerin«, sagte sie freundlich, »tun S' Ihnen net mit der schweren Schachtel da plagen.« Sie wollte zugreifen. Die Witib wehrte sich energisch um den Besitz dieser Kostbarkeit. »Na! Und na! Und d' Schachtel muß ich haben. Der Toni hat mir boten, daß ich drauf Obacht gib.« Sie schluckte an ihren Tränen. »Was der Toni haben will, muß gschehen.« Das nasse Sternenantlitz versank bis an die Nasenspitze in den Falten des schillernden Brusttuches. »Wann ich sunst nix zum Tragen hätt als wie dös bißl Schachtel da! Aber der ander –« Über Barbaras runde Schultern lief ein Schüttler, wie es manchmal einem Menschen passiert, wenn ihm eine große Spinne über die Finger läuft. Und da sah die Beda plötzlich einen Faden in dem dunklen Netze glitzern, das dieser ›andere‹ so schön heimlich und doppelfängig gesponnen hatte. Erschrocken legte sie die Hand auf den Arm der Witib: »Jesus, Frauerl!« »Jetzt muß ich's halt haben. Gschieht mir grad recht. Wann d' Seel oder 's Blut in eim Menschen übernarrisch wird, geht's allweil so!« Barbara hob die traurigen Augen. »Tust ihn denn gar so schauderhaft mögen, mein' Toni?« Beda konnte nicht antworten. Und Barbara in ihren Tränen kluckerte weiter: »Madl, da machst a Glück! Wie der Toni, so gibt's kein' zweiten nimmer. Mir därfst es glauben. Der ungstillte Hunger hat schärfere Augen als wie a gspeister Magen.« Zärtlich bewunderte sie den graden, festen Mannsrücken auf dem Kutschbock droben. »Und jetzt noch allweil, wo ich ihm sein saubers Glück schiech angstrichen hab, jetzt is er noch allweil der Beste zu mir. Gestern in Zipfertshausen draußt – an andrer hätt Spitakel gmacht, aber der Toni is so viel gut zu mir gwesen! Und heut beim Fahren hat er mich allweil auf der Nobelseiten sitzen lassen. Dös wär doch sein Platz gwesen.« Wieder hob sie die Augen zum Kutschbock. »Für'n Toni kunnt ich alls prestieren. Und ich hab mir ebbes ausdenkt, heut in der Nacht.« Wie zäher Eigensinn erwachte es in ihren Worten; nicht nur die Stimme, ihr ganzes Wesen verwandelte sich zu einer Schärfe, die man dieser unterspickten Seele gar nicht zugetraut hätte. »Was ich mir fürnimm, reiß ich durch. Der ander wird's haben müssen, wie's mir paßt für'n Toni. Wann er sich einspreißt und draht den Bockbeinigen aussi, schlag ich ihm 's Regendachl übern Grind. Und laß mein' Avakaten d' Anzeig machen.« Da hielt der Wagen vor dem Zauntor des Lahneggerhofes. »Frauerl«, stammelte Beda, »tun S' doch Ihr Gsicht a bißl trücknen!« Weil Barbara die Schachtel nicht loslassen wollte, zog Beda ihr eigenes Tüchl heraus und trocknete die Tränen von diesen krebsroten Apfelbacken. Dankbar sah die Witib zu dem jungen Mädel hinauf. »Vergelt's Gott, Schwägerin!« Toni war vom Bock gesprungen. »So, Gschwendtnerin, jetzt haben wir's!« Er nahm der Witib das Postpaket vom Schoß, half ihr beim Aussteigen, und während der Hansele den Osterhasen vom Kofferbrett herunterschnallte, sagte der Toni eindringlich: »Jetzt sei halt a bißl gscheit! Tu dir 's Ruckgrat aufrichten! Aber laß dich net hinreißen! Im Zorn schafft man nix Guts. Und denk halt allweil dran, was dös heißt – Mutter werden und Mutter sein! Dös muß dir d' Hauptsach bleiben. Der Krispi hat auch seine verträglichen Seiten. Mußt ihn halt fest ans Schnürl nehmen. Da kunnt er sich noch ganz verstandsam aussidrahn.« Die Witib bekam einen säuerlichen Zug um das mollige Göscherl. »Jetzt is's halt amal net anders!« sagte der Toni. »Und zur Mutter gehst net eini, eh net alles sauber in der Ordnung is. Mein Bedle und ich unterhalten d' Mutter derweil. Und kommst mit'm Krispi füranand, so mach's bei der Mutter kurz und tu mir dös kranke Weibl net aufregen. So, jetzt komm halt, in Gotts Namen! Ich führ dich ins Gartenhäusl eini. Da mußt halt warten, wenn ebba der Krispi schon furt is auf'n Kirchgang.« , Barbara schwieg. Mit schwermütiger Zärtlichkeit sah sie dem Toni in die Augen. Das war ihr Abschied von allen Hoffnungen auf die bessere Hälfte der beiden Sagenbacher. Schluckend wandte sie sich ab, nahm in die linke Hand den Osterhasen, in die rechte den seidenen Regenschirm und trat, den zwei anderen voran, mit festem Schritt in das stille Gehöft. Der Hansele kutschierte den leeren Wagen nach dem Gasthaus ›Zum goldenen Posthörndl‹. Dabei trabten die schönen Unterländer an vielen Kirchgängern vorüber, auch am Krispin Sagenbacher. Der riß beim Anblick des wohlbekannten Gespanns die Augen auf wie ein Hirschkalb, wenn es nach vergnügtem Sommer das erste ungemütliche Schneegestöber um die Luser wirbeln sieht. »Himi Bluatsa! Jetzt schlagt's aber ein!« Er wurde seiner Christenpflicht untreu und steuerte im Laufschritt nach Hause, um Unheil zu verhüten und aus der gefährlichen Nuß dieser Schicksalsstunde einen genießbaren Kern herauszuklopfen. Da er alle Dinge, die ihn selbst berührten, als eingefleischter Optimist betrachtete, hatte er flink wieder jenes wohlschmeckende Plänchen bei der Hand: Zipfertshausen verschachern, den Lahneggerhof nobel aufbauen mit zwanzig Fenstern in der Front und dann als oppositionsgefeiter Großbauer den ›Ausschußrammeln‹, die ihn aus der letzten Sitzung hinausgeworfen hatten, die widerhaarigen Köpfe zu zwiebeln, bis sie Glatzen bekamen! Aber neben dieser sicheren Schönheit, die der Jünglingsbauer aus seinem Spinnennetz herauszubeißen hoffte, war in seinem Gemüt doch auch was dunkel Ahnungsvolles, das ihn immer flinkere Schritte machen ließ. Er fand den Hof in friedlicher Sonnenstille, guckte in die Stube und fand sie leer. Er spähte in die Kammer und sah nur die Mutter. Beim Anblick des Sohnes schien die Lahneggerin von einer galligen Pein befallen zu werden. Ihre Stimme schrillte: »Krispi –« Der Jünglingsbauer hatte die Tür schon wieder zugeworfen. Er rumpelte hinauf zu seiner mitschuldigen Kammer, sprang wieder die Treppe hinunter und guckte in die Scheune, die für die Witib aus dem Unterland ein bekannter Durchgang war. »Ja, Himisakra! Dö is doch kein so wunzigs Bröckl net, daß man's gleich gar nimmer finden kunnt!« Da spitzte er die Ohren. Irgendwo im Garten klang eine gereizte Weiberstimme. Krispin sah in dem von wilden Reben freundlich umsponnenen Gartenhäuschen was Rotes, Blaues, Grünes und Gelbes schimmern. Jene energische Stimme schwieg. Hinter den Rebenblättern waren nur noch Laute zu hören wie von einem verschnupften Menschenkind, das niesen möchte und diese Erlösung nicht fertigbringt. ›Mit wem kann s' denn gredt haben?‹ dachte der Jünglingsbauer. ›Hat s' ebba gleich an Avakaten mitbracht?‹ Ein paar Schritte noch. Dann wurde er so blau im Gesicht, als wäre in seinem gescheiten Hirnkasten eine jähe Blutstockung eingetreten. Auf das sanftgeschwungene Bild der Witib von Zipfertshausen war er vorbereitet. Aber die Beda und der Toni dabei! Das war für den Krispin, was man eine unvorhergesehene Katastrophe nennt. Er ermunterte sich flink und sagte mit einer schmalzfreundlichen Miene: »Ös drei seid's aber schön gmütlich beinand!« War an dieser objektiven Konstatierung etwas Zornschürendes? Barbara, die kreidebleich geworden, vergaß die guten Ratschläge des Toni, ließ sich ›hinreißen‹, packte ihren seidenen Regenschirm und drosch so fürchterlich auf den erschrockenen Krispin los, daß die klappernde Waffe einen Knacks machte und der halb aufgespannte Schirm gleich dem Modell eines mißlungenen Drachenfliegers zu Boden sauste, während der Schlangenkopf mit den gelben Augen in der Faust der Witib blieb. Den warf sie dem Jünglingsbauer noch an den Kopf. »So! Jetzt hast es! Du!« Krispin belastete das harte Dach seiner Klugheit. Zum erstenmal im Leben sprach er ehrlich seine Meinung aus: »Ich hab mir's aber denkt, es wird einschlagen.« »Komm, Bedle!« sagte der Toni und faßte die Hand seines Mädels. »Jetzt hast gnug gsehen. 's ander kannst dir sparen. Schauen wir zur Mutter eini! Dö zwei haben Privatsachen mitanand.« Barbara schien zu fürchten, daß der Jünglingsbauer dieses ›Enfin seul!‹ zu einem Fluchtversuch benutzen könnte. Mit beiden Fäusten faßte sie ihn bei den Joppenflügeln. »Du bleibst mir! Und ins Gsicht kunnt ich dir speien, dir! Wann ich net –« Zähren erstickten den Zornklang ihrer Stimme, »wann ich net meim zukünftigen Kindl z'lieb a bißl Respekt haben müßt.« Weit öffnete der Krispin die gescheiten Augen, schien Oberwasser zu spüren und fing zu schimpfen an: »Ah so! Und muß man da gleich zuschlagen? Was hast denn jetzt davon? A neues Regendachl kannst dir kaufen, für unser Geld!« Er wollte die molligen und dennoch zähen Fäuste von seiner Joppe lösen. Aber Barbara hielt fest und wiederholte das doppelsinnige Schicksalswort: »Du bleibst mir!« Sie schob den Krispin hinter den Tisch. Als er unentrinnbar im Winkel saß, trocknete sie ihre Tränen, sah die schlechtere Hälfte der beiden Sagenbacher prüfend an, wie Bauern beim Ochsenkauf zu gucken pflegen, deutete auf die Schriften, die neben dem mager eingeknickten Osterhasen den Tisch bedeckten, und erklärte: »Da hab ich dir den Kataster von meim Anwesen herglegt. Und 's Inventari. Und alle Papierschaften. Da kannst jetzt aussilesen, was ich wert bin. Und wann kein' anständigen Menschen net aussidrahst, wird heut noch d' Anzeig gmacht. Mit'm Avakaten hab ich gestern schon gredt. Fünf Reate können aussikommen, hat er gsagt. Und a paar Jahr kannst kriegen.« »Ah, woher denn!« sagte Krispin mit scheinbarer Seelenruhe. »Wann einer a Weibsbild so narret gern hat, und er mankelt a bißl, da lachen d' Richter dazu.« Scharf beobachtete er die Wirkung der beiden Wörtchen ›narret gern‹; dann schwieg er und begann mit Ernst den Katasterplan des Gschwendtnerhofes von Zipfertshausen zu studieren. Die Kirchturmglocken läuteten mit schönem Hall zur Wandlung. Barbara, nachdem sie sich fromm bekreuzt hatte, zog aus den inneren Tiefen des Osterhasen das kleine Spiegelchen heraus, um sich wieder in schöne Ordnung zu bringen. Dann legte sie erwartungsvoll die Hände in den Schoß, und während sie den Krispin aufmerksam betrachtete, begann sie an ihm alle versöhnlichen Ähnlichkeiten aufzusuchen, die an den Toni erinnern konnten. Allzuviel dieser schöneren Züge fand sie nicht. Aber seit der Mahlzeit im Salettl des ›Goldenen Posthörndl‹ waren ihre Ansprüche bescheidener geworden. Jetzt gefiel ihr sogar die Dulle in Krispins Nasenbein. Weil das ein Werk des Toni war. Durch das Rebendach des Gartenhäuschens fielen der Barbara Gschwendtner ein paar warme Sonnenlichter in den Schoß. Dieser beschauliche Friede im Grünen dauerte nicht lang. Als das Hochamt zu Ende war und die guten Wildachtaler Christen am Lahneggerhof vorüberwanderten, konnten sie die zornbrüllende Stimme des Krispin Sagenbacher vom Garten bis zur Straße hören. Dann sahen sieden Jünglingsbauer wie einen Verrückten durch den Obstgarten rasen. Nun erschien ein rundliches, buntschillerndes Frauenzimmer mit einer Reisetasche am Arm und wollte durch das Gehöft davongehen; der Krispin kam mit langen Beinen gesprungen, faßte das fremde Weiberleut unter deutlich erkennbaren Beschwichtigungsversuchen an den Rockfalten und zog es wieder hinter die grüne Rebenwand. In der Stille des Vormittags kräuselte sich aus allen Schornsteinen der zartblaue Rauch empor in die reinen Sommerlüfte. Es ging auf die elfte Stunde zu, als Krispin allein aus dem Garten kam. Er schwitzte vor Zorn und Aufregung. »Himisakra! Kruzitürken und Krawall! Die hat mich nobel eingfangen! Und ja muß ich sagen und der Siemanndl sein, oder sie laßt mich einsperren wegen Hinterlist und Ehrenbeschädigung! Kruzitürken, Krawall und Himisakra!« Die Fäuste in die Joppentaschen bohrend, trat er auf die Straße, um den Weg zum ›Goldenen Posthörndl‹ einzuschlagen. Eine Weile später verließ auch Barbara die Stätte ihres vollkommenen Sieges. Hochmütig sah sie nicht aus, nur relativ zufrieden. Gemächlich, mit wiegenden Hüften, ging sie dem Hau se zu, am Arm den vollgepackten Osterhasen. An den Henkel der Reisetasche hatte ihr der sparsame Krispin die Stücke des Regenschirmes angebunden, der sich vielleicht noch reparieren ließ. Vor der Haustür begegnete Barbara der aufgeregten Kathrin, die fragen kam, ob die Bäuerin zum Mittagessen bliebe; dann müßte man noch ein Dutzend Knödel mehr einlegen. »Vergelt's Gott, na! Wir machen kein' Umstand ins Haus. Ich und der Meinig fahren jetzt gleich davon. Grad is er ins Wirtshaus auffi, der Meinig, und holt unsern Wagen.« Die Kathrin guckte mit runden Augen, als sie die seidenen Farben sah, die ihr ein bißchen bekannt erschienen – wenigstens ›zur Halbscheid‹. »Mar' und –«, stotterte sie. Den ›Joseph‹ brachte sie nicht mehr heraus, sondern surrte ins Haus hinein. Barbara konnte beim Eintritt in die Stube hören, wie Kathrin in der Kammer haspelte: »Gleich fahren s' davon, sie und der Ihrig, sagt s'! Er tät schon den Wagen holen, der Ihrig, sagt s'!« Die Magd erschien, machte wieder die kreisrunden Augen – in der Kammer blieb es still –, und als die frisch aufgebügelte Braut aus Zipfertshausen zögernd eintrat, sah sie die Beda zur Linken und den Toni zur Rechten des Bettes sitzen; zwischen den beiden lag die Lahneggerin gegen die geblumten Kissen gelehnt – Sorge, Zorn und Hoffnung in den Augen –, mit zitternden Händen den Arm des Toni und den Arm der Beda umklammernd, wie ein von Schwindel Befallener auf unsicherem Steg sich festhält am doppelten Geländer. Der guten Barbara, als sie den Toni ansah, kamen gleich wieder die Tränen. Sie mußte erst schlucken, bevor sie das herausbrachte: »Grüß Gott, Lahneggerin! Dös heißt, no ja, jetzt wird's wohl über vier Wochen so kommen, daß ich Mutter sagen därf zu Enk.« »O Jesu mein!« Die Lahneggerin verstummte wieder. Toni stand auf. »Also, Gschwendtnerin, da sag ich halt als erster mein' rechtschaffenen Gutwunsch.« Barbara drehte das Gesicht gegen die Wand und klagte: »Sei stad! Viel reden därfst net. Sonst bring ich net aussi, was ich sagen muß.« »Tonele!« stammelte die Lahneggerin. »Tu 's Weibsbild net ausanandbringen.« Eine Weile hörte man in dem weißen Raum nichts anderes als das Schnuffeln und Zähnebeißen der glücklichen Braut. Endlich war sie so weit beruhigt, daß sie reden konnte. »Jetzt haben wir's ausgmacht, daß der Meinig aussiheiret zu mir auf Zipfertshausen. Und der ander –« Langsam hob sie die tröpfelnden Augen zum Toni auf, der jetzt der ›andere‹ geworden war. »Der soll sein Mutterhaus bhalten. So hab ich's beim Meinigen durchdruckt. Daß er mir ebba doch a freundschäftlichs Andenken lassen tut – der ander.« Die Lahneggerin machte stumm eine seltsame Bewegung mit dem Kopf. Und der Beda brannte die Freude heiß im Gesicht. Aber der ›andere‹ wurde blaß und sagte heftig: »Da hab ich nix z' tun damit. Über so ebbes hab ich kein Wörtl net gredt.« »Na, kein Wörtl net!« fiel die Witib ein, in der die Energie wieder zu erwachen begann. »Da bin ich ganz allein draufkommen. Mir wird auch amal ebbes Gscheits einfallen därfen. Den Preis für d' Übergab kann er selber machen – der ander.« »Und net um d' Welt!« wehrte der Toni. »Da müssen gwissenhafte Schätzleut her und müssen –« Die Lahneggerin zog den Toni am Ärmel. »So sei doch stad! Dös Weibsbild tut soviel vernünftig reden.« »Gelt, Mutter, ja!« fiel Barbara ein und machte mit der Osterhasentasche an ihrem Arm einen Schubs, als hätte diese Zustimmung alle Kraft in ihr gefestigt. »Wir in der Familli brauchen keine fremden Leut. Wie der ander 's Muttergütl haben will, so kriegt er's. Mit'm ganzen Inventari. Was er net auszahlen kann, dös laß ich ihm mit drei Perzent draufstehn als unkündbare Hypothek, solang er mag. Da hat mir der Meinige nix dreiz'reden. 's Geld hab ich! Und den Gschwendtnerhof laß ich dem Meinigen net verschreiben. So a Rindviech bin ich net. Dem Toni hätt ich alls verschrieben. Aber dem andern – will sagen: dem Meinigen? Ah na! Solang ich 's Heft net aus der Hand gib, muß er parieren. Is er gut und freundlich zu mir, so soll er als mein Bauer jeden Respekt gnießen. Ich mach's notarisch, daß ihm alles ghört, wann er dem Toni a bißl nachgraten will und wann ich sagen kann, daß ich z'frieden bin mit ihm. Dös kann er leicht pressieren, wann er mag. Von der Bauernschaft versteht er ebbes, der Meinig, und gnau und sparsam is er auch. Dös hab ich schon gmerkt.« »Gelt, ja? Gelt, ja?« stammelte die Lahneggerin. »Ja, Mutter! Und ganz freundlich kann er sich beweisen, wann er muß. Z'letzt, im Gartenhäusl, hat er recht verstandsam gredt. Wann ich d'Augen zugmacht hab, da hab ich oft gmeint, ich hör mein' – no ja, den andern halt!« Barbara schnaufte schwer. »Z'erst, freilich, da hat er wild spitakelt. Und weil ich gforchten hab, es kunnt ihm daherinn' der Gachzorn wieder aussifahren und er kunnt uns d' Mutter schadhaft aufregen, drum hab ich gmeint, es is am besten, wann er den Wagen holt und gleich mit aussifahrt auf Zipfertshausen. Sei' bißl Sach müßt's ihm halt nachschicken. Ich laß ihn nimmer aus, den Meinigen. Hat er mein' Hof amal gsehen, so bleibt er schon bei der Stang und tut sich sauber abbürsten, daß er mir gfallen kann. Da müßt er net soviel Eigenschäften vom andern haben, schier zum Verwechseln. Sonst hätte er mich in der falschen Kammer droben net so gschwind übern Löffel –« Sie sprach dieses Gleichnis aus der Baderstube nicht zu Ende, sondern verstummte erschrocken, sah in Scham die Lahneggerin an, hob scheu die schwimmenden Augen zum Toni auf und steuerte mit fluchtartiger Eile der Tür zu. »Aber Gschwendtnerin!« rief der Toni. Seine Stimme, die doch ein bißchen anders klang als die des Krispin, machte das Unglück fertig. Barbara begann zu heulen. »Hast ja doch selber gsagt, ich soll's kurz machen! Und den Wagen hör ich. Und – der Meinige kommt.« Da war sie zur Tür draußen. »Jesus, Tonele!« fing Beda aufgeregt zu betteln an. »So tu doch dös arme Weiberleut z'ruckhalten! Oder gib ihr doch a paar gute Wörtln auf'n harten Heimweg mit!« »Freilich, ja!« Der Toni wollte zur Tür. Bevor er um das Bett herumkam, blieb er stehen und sah in Sorge die Mutter an, die mühsam nach Atem rang. »Mutter! Was hast denn?« Er sprang zu ihr hin und schob ihr den Arm unter den Rücken, während Beda zitternd ein Glas mit Wasser füllte. Da lachte die Lahneggerin ein bißchen. Und fing mit kämpfenden Lauten zu reden an: »Soviel gut is mir! D' Freud steckt mir im Hals, daß ich schier dersticken muß!« Sie wollte das Gesicht bekreuzen; die schwache Hand fiel wieder auf das Federbett. »Vergelt's Gott tausendmal! Daß ich so ebbes noch erleben därf. Mein Krispi! Mein Krisperle, mein guts! Und hat sein Leben unter Dach! Und so an Hof und soviel Zuig. Und kriegt a Weib, dö sich drauf versteht, daß er 's Gute aussidraht und als Mensch und Bauer sein' Rispekt gnießen soll. Jesus, Jesus! Und allweil is mir d' Angst wie a Bügeleisen über d' Seel gangen. Und gestern und heut noch! Schier draufgangen bin ich vor lauter Sorg, er kunnt ebbes Strafbars verübt haben. Und schau, jetzt hat er sich einigsündigt ins Glück und in d' Lebensruh!« Ihr Reden war ein immerwährendes Lachen geworden. »Tonele, gelt, die dreihundert Markln im Strumpf, dö tust ihm schenken, daß er a Recht drauf hat.« »Aber, Mutter, geh, den Strumpf, den hast ja noch allweil.« »Freilich, ja, den hab ich noch allweil. Schau, ich weiß schier nimmer, was ich red!« Die Lahneggerin brachte vor Lachen kein Wort mehr heraus. Sie lachte wie eine Berauschte, lachte immerzu, bis sie plötzlich stumm wurde und erbleichend die Hände auf den Magen drückte. Schwer fiel sie in die Kissen zurück. »Jesus!« schrie die Beda. Da lächelte die Lahneggerin schon wieder. »Ganz leicht is mir! Wirst sehen, Tonele, jetzt geht's auffi mit'm Gsund.« »Hoffen wir's, Mutter, ja!« Vor den Fenstern fuhr die nette Kutsche vorüber und hielt beim Zauntor des Gehöftes. Der Toni konnte durch die Fensterscheibe sehen, wie Barbara das leichte Wägelchen schwer machte und wie der Krispin ihr freundlich beim Einsteigen half. Hufschlag und Räderlärm. Und wieder die stille Straße. Mühsam fragte die Lahneggerin: »Hat er noch a bißl einigwunken?« Toni, dem die Stirn brannte, sagte ruhig: »Ja, Mutter! Fest! Und grufen hat er noch, daß er d' Mutter schön grüßen laßt. Dös mußt doch ghört haben, gelt?« »Ja, Tonele, gnau hab ich's ghört.« Die Lahneggerin streckte sich wohlig. »So gut is mir's im ganzen Leben noch nie net gwesen.« Der Toni streichelte die Hand der Mutter. Und Beda, die noch immer das Glas mit dem Wasser hielt, preßte die Zähne übereinander. Ein Glockenhall. Man läutete die elfte Stunde. Und draußen in der Stube klapperte die Kathrin mit den Tellern. 13 Tag um Tag in strahlender Sonne, mit kräftig wehendem Ostwind. Im Nachwuchs der Wiesen begannen schon wieder Blumen zu sprossen. Und über dem Wipfelgezack der Wälder verbleichte das häßliche Braun. Die grün gewordenen Zweigspitzen erschienen wie mit unzählbaren, weißgrünen Strichen schraffiert. Erst standen die Striche senkrecht, dann wurden sie schief, und je mehr sie wuchsen, desto tiefer krümmten sie sich nach abwärts. Das waren die Kleinkinderwiegen der tausend und aber tausend Waldmütter, die samenhütenden Fruchtkolben, die sich zu Tannenzapfen auswuchsen. Die Äste begannen sich unter dem ziehenden Gewicht zu beugen, und viele Wipfel krümmten sich, wenn sie zu schwer mit Früchten behangen waren. In die sonst so ruhigen Linien des Waldbildes kam etwas Wirres und Regelwidriges. Und seine Farbe behielt dieses Dunkle und Müde. Nur die jüngeren Bäume, die nicht geblüht hatten und keine Früchte trugen, ließen die frischen Jahrestriebe kräftig sprossen und wiegten die zierlichen Wipfel lebensfroh im spielenden Sonnenwinde. Während dieser schönen Tage verwandelte sich die böse Wildach in einen freundlich rauschenden Bach. Täglich gegen die Mittagsstunde kam Frau Lutz in die Wildachschlucht, aß mit Ambros die grobe Kost der Kantine, saß dann mit dem Arbeitstäschchen am Waldsaum, gegenüber den schimmernden Wänden der Großen Not, und wartete geduldig, bis Ambros vor Einbruch der Dämmerung zu ihr trat: »Komm, Mutter! Feierabend!« Seine Gestalt war gekräftigt, doch sein hageres Gesicht, obwohl von der Sonne gebräunt, glich dem Gesicht eines Menschen, der ein schweres Leiden noch nicht völlig überwunden hat. Im letzten Leuchten des Abends pflegten die beiden über die Wiesen heimzuwandern. Manchmal gingen sie zwischen einem Trupp der Einheimischen, die um die gleiche Stunde von der Arbeit kamen. Und da wurde oft heiter geschwatzt. Die Leute zeigten sich verträglich, seit der Krispin seine Hetzfeuerchen nicht mehr anzündete. Abgesehen von kleinen Privatkeilereien, wurde der Friede nimmer gestört. Drum konnte Ambros den Toni leichter entbehren, der jetzt Bauer im Lahneggerhof sein mußte und die kranke Mutter nicht mehr verließ. Es schien mit der Lahneggerin nicht schlechter zu gehen. Sie war immer guter Laune. Nur ihre Beine wurden immer schwächer, und auch die zarten Forellen vertrug sie nicht mehr. Ein anderer Mensch wäre bei solchem Zustand in wenigen Tagen zerfallen. Die Lahneggerin behielt ihren Atem. Und der Toni, der sonst die Dinge des Lebens so ansah, wie sie waren, fand bei der Mutter immer wieder ein Zeichen von Besserung. Ganz besonders gut schien es der Lahneggerin zu gehen, wenn Toni und Beda mit ihr vom Glück des Krispin plauderten, der eine begeisterte Postkarte aus Zipfertshausen geschrieben hatte und dann nichts mehr von sich hören ließ. Ein paarmal in der Woche kamen Frau Lutz und Ambros im Lahneggerhofe für ein Abendstündchen zu Gast. Sully, der im Wildacherhause ganz freundlich mit den beiden stand, schien sie hier als fremde Leute zu betrachten und machte, wenn sie kamen, einen fürchterlichen Spektakel. Da half nur ein Machtwort des Toni, dem der weiße Spitz seit einem Friedenschlusse bei Bratwürsten und Nierenbraten auf Wink und Pfiff gehorchte. Nach solch einem abendlichen Heimgart, als Toni die beiden und seine Beda zum Wildacherhaus begleitete, blieb der Lahnegger, während Frau Lutz und Beda vorausgingen, im Gespräch mit Ambros immer wieder auf der Straße stehen. Solch ein Trödeln war sonst nicht seine Art. Und plötzlich fragte Ambros: »Hast du mir was mitzuteilen? Es sieht so aus, als hieltest du mich mit Absicht hinter der Mutter zurück.« Toni legte dem Freunde den Arm um die Schulter. »Ja. Ich muß dir ebbes sagen. Erfahrst es jahlings von eim andern, so kunnt's dich a bißl veralterieren.« »Was?« »Auf der Post hab ich davon reden hören, daß über die nächsten Tag der Herr Herzog kommt.« Ambros stand eine Weile stumm in der Nacht. Dann sagte er rauh: »Die Jagdsaison beginnt.« Sie sprachen bis zum Wildacherhause kein Wort mehr. Vor der Schwelle reichte Ambros dem Toni die Hand. »Ich danke dir.« Als er in seiner Stube war, schob er den Riegel vor. Lange blieb er unbeweglich im Dunkel stehen. Dann brannte er die Lampe an, setzte sich an den Tisch und versuchte zu arbeiten. Eine Stunde verging, eine zweite und dritte. Die Arbeit schien ihn zu beruhigen. Plötzlich stieß er mit den Fäusten alles von sich weg, was vor ihm lag. Er wandte das bleiche Gesicht und lauschte. Aus der Tischlade nahm er eine verschlossene Mappe heraus und öffnete sie mit dem kleinen Schlüssel, der an seiner Uhrkette hing. Die Mappe enthielt wichtige Geschäftspapiere, den Vertrag mit Herrn Friedrich Wohlverstand und viele kleine, eng beschriebene Blätter. Von diesen Blättern nahm er eines. Nun lachte er kurz und trocken. »Ist das nicht Torheit? Wie kann solche Lüge in einem Menschen lebendig werden? Und klingen?« Auf dem Blatte stand ein Lied. An einem jener grauenvollen Staubtage, als er hustend in der Reisighütte unter der Pferdedecke lag, um seine Augen vor dem fliegenden Gift zu schützen, hatte sein Herz gesungen: ›Linde, goldne Sonnenwellen Fluten durch das Tal herauf Und im Bach, im silberhellen, Springen blitzend die Forellen Aus den kühlen Tiefen auf. Wundersame Morgenträume Flüstern durch den Fichtenhag, Und die rot bekränzten Bäume Und die sehnsuchtsvollen Keime Fühlen froh den schönen Tag. Lichtumflutet, glanzumwoben Naht mir, liebste Frau, dein Bild, Reiner, wärmer, als dort oben In das klare Blau gehoben, Alles Licht der Sonne quillt. Hauch und Seele, Herz und Hände Sind verschlungen, sind vereint! Frohes Schreiten ohne Ende! Unser Weg geht in Gelände, Wo die Sonne ewig scheint.‹ Er legte das Blatt beiseite. Und nahm ein anderes. Was hier geschrieben stand, das hatte er in einer brausenden Regennacht gesungen, als er, an allen Kräften erschöpft, unter einem triefenden Baume rasten mußte beim Flackerschein der großen Feuer, beim Gedonner des Wildwassers und beim Lärm der kämpfenden Arbeit:       ›Du bist bei mir in stiller Nacht, Wenn alles Leben schlummert, Und du und ich, wir sind erwacht, Noch eh' die Frühe schummert. Du leitest mich mit frohem Schritt Durch morgendunkle Wälder, Steig' ich zu Berge, steigst du mit Durch steilbesteinte Felder. Blick' ich aus Höhen in das Tal, Stehst du an meiner Seite. Und harr' ich auf den ersten Strahl, Träumst du mit mir ins Weite. Und klimm' ich nieder durch die Wand Und werden Steine rege, Dann schützt mich deine linde Hand Und baut mir gute Wege. Du reichst mir jede Blume hin, Daß sie mir näher blühe. Du führst mich zu gelindem Grün, Wenn ich ermüdet glühe, Trägst mir den letzten Schimmer zu, Wenn's dunkelt zwischen Bäumen – Und kehr' ich heim und such' die Ruh, Ruhst du in meinen Träumen.‹ So nahm er Blatt um Blatt. Als er das letzte gewendet hatte, stand er auf und löschte die Lampe. Draußen blühte der weiße Schein des wachsenden Mondes. Wie ein breites Band aus vergilbter Seide fiel die schräge Helle über den Tisch. Am feucht behauchten Fenster funkelte eine Stelle in tiefem Blau. Das glich dem Kelch einer Genziane. Ambros stand im Dunkel. Immer hing sein Blick an diesem blauen Gefunkel, bis es erlosch. Nun zündete er die Lampe wieder an, nahm das letzte der kleinen Blätter und schrieb auf die Rückseite:    ›Ein Sommerwehen, fein und lau, Geht um die schöne Hochlandsau. Zwei Stare singen süß im Hag, Und tief im Wald ein Amselschlag. Und neben meinem schmalen Steg Blüht eine Blume blau am Weg. In mir ein Zittern tief und heiß, Ein Sehnen, das nicht Hilfe weiß. Kann eine Blume, stumm und klein, In mir erwecken solche Pein? Das hold erblühte Sommerkind Ist blau – wie deine Augen sind.‹ Dann schrieb er in jagender Hast diesen Brief: ›Verehrtes Fräulein! Die Frau Herzogin hat meinem Werk an der Wildach einen rettenden Dienst geleistet. Ich habe bis zur Stunde nicht den Mut gefunden, nicht das rechte Wort, um der Frau Herzogin zu danken. Ich weiß auch, daß ich sie nicht mehr sehen darf. Niemals wieder. Nun bitte ich Sie, der Frau Herzogin meinen Dank zu sagen. Dank? Das ist ein kurzer Laut. Doch er sagt das gleiche wie der Inhalt meines ganzen Lebens. Die Blätter, die ich beifüge, gebe ich in Ihre Hand. Was Sie damit machen wollen, stelle ich ganz Ihrem Willen und Ihrer Pflicht anheim. Ich habe hier niedergeschrieben, was einen Wert nur für mich selbst besitzt. Für kalte Augen mag es so töricht und nutzlos erscheinen wie die irrgeflogene Sehnsucht der berauschten Wälder. Natur? Ihr leuchtendes Erschaffen und ihr dunkles Zerstören? Wer unter uns Menschen versteht das? Diese Blätter schicke ich Ihnen, damit Sie jenes Wort verstehen möchten: von meinem Danke, der das gleiche ist wie mein ganzes Leben. Auch Ihnen danke ich, verehrtes Fräulein! Und küsse zum Abschied Ihre treue Hand. Um dieser Treue willen werden Sie für mich immer bleiben, was die reinste Zärtlichkeit eines Menschen mit dem Namen Schwester nennt. – Ihr Ambros Lutz.‹ Er verschloß den Brief, der die kleinen Blätter enthielt, und schrieb die Adresse. Als er die Feder fortlegte, wurde sein entstelltes Gesicht von einem krampfhaften Zucken befallen. Jäh warf er sich mit den Armen über den Tisch und verbarg die Augen. Ein graues Dämmern ging über die Fenster hin. Das war nicht mehr der Mondschein. Es war der neue Tag. An der Tür ein Pochen. Und eine bange Stimme: »Kind, es wird gleich fünf Uhr schlagen.« Ambros hob den Kopf: »Ja, Mutter, ich bin schon wach.« Das war ein Samstag; der letzte Tag in der zweiten Juliwoche. Um drei Uhr nachmittags wurden auf dem vollendeten Bau der Talsperre die zwei Fichtenbäumchen mit den bunten Seidenbändern aufgerichtet. Bei der kleinen Feier stand Frau Lutz an der Seite ihres Sohnes. Fünfhundert Menschen drängten sich in zermürbten Arbeitskitteln und mit entblößtem Köpfen auf den Gerüsten, auf dem Balkenbord der gewaltigen Mauer und am Ufer der kleinen, friedlich rauschenden Wildach. In der Sonne, die über diesem Bilde funkelte, sprach Ambros mit fester Stimme: »Wir dürfen heute Richtfeier halten. Von allem, was wir leisten müssen, haben wir heute das Schwerste fertiggebracht. Jeder von euch hat getan, was in seinen Kräften stand. Und wir haben ein nützliches Werk geschaffen. Ich danke allen, die mir geholfen haben.« Die gleichen Worte wiederholte er in italienischer Sprache. Nun die vielen jubelnden Stimmen. Man hörte für eine halbe Minute das Rauschen der kleinen Wildach nimmer. Ambros bewirtete die Arbeiter in dem schattigen Walde neben der Kantine. Während da gelacht, getrunken und bei Ziehharmonika und Mandoline deutsch und italienisch gesungen wurde, ließ sich aus dem Wipfelgrün der Bäume manchmal ein leises Krachen hören. Da droben brach immer wieder ein Ast, der mit der Übermenge der lichtgrünen Zapfen zu schwer belastet war. Als die Heiterkeit der Leute ein bißchen weinheiß und übermütig wurde, trat Ambros mit seiner Mutter den Heimweg an. Auf dein Straße sagte Ambros: »Einen Augenblick, Mutter, ich muß einen Brief in den Kasten werfen.« Seit dem Morgen, bei aller Arbeit und aller Feier dieses Tages, hatte Ambros den Brief an seiner Brust umhergetragen. Es gab einen dumpfen Klang im Kasten. Und Ambros, dem die Hand heruntersank, als wäre sie Blei geworden, blieb unbeweglich. Da kam mit klingendem Hufschlag und lärmlosen Rädern eine offene Jagdkalesche in schneller Fahrt vorüber. Kesselschmitt regierte das Gespann. In seinem würdevollen Antlitz bewegte sich keine Wimper. So hoheitsvoll und steinern müßte jener Herrgott dreinschauen, den sich der Toni Sagenbacher einmal in schwerer Stunde vorgestellt hatte als ein unlustiges Mannsbild ohne Schmerz und ohne Freude. Der andere, der behaglich im Fond der Kalesche saß und eine Zigarette rauchte, sah mit einem seltsam gleichmäßigen Lächeln in den glühenden Abend hinaus und schien des Menschlichen sehr viel an sich zu haben. Ein Dreißigjähriger in englischem Reisekostüm, eine überkräftig gebaute Mannsgestalt. Das breite Gesicht mit dem dunklen Schläfenbärtchen, mit den schwarzen, etwas vortretenden Glanzaugen, mit den starken Lippen und den derben Backenknochen war von der Sonne dunkel gebräunt. Dieser Kupferton endete hoch oben am Hals mit einer scharfen Kreislinie, bis zu der das Weiß des umgelegten Leinenkragens nicht mehr hinaufreichte. Immer lachte dieses braune, von Gesundheit strotzende Mannsgesicht. Als die Kalesche am Überstieg der Bretterplanke vorüberglitt, schien der kräftige Passagier des Wagens irgend etwas im Bilde der Landschaft zu vermissen. Er rief dem Kutscher eine Frage zu. Kesselschmitt deutete mit der Peitsche nach der Stelle, wo einst der alte Pfahl mit der Tafel gestanden hatte, und gab Antwort über die Schulter. Unwillig zog sein Herr die starken Brauen zusammen; dabei lachte dieses Gesicht noch immer in der gleichen Art wie früher. Der Wagen, der trotz schneller Fahrt keinen Lärm machte, huschte an Frau Lutz vorüber. Ihr Gesicht verlor alle Farbe. Und ihre Augen waren weit geöffnet, als sie durch das leichte Staubgewirbel, das hinter der Kalesche zurückgeblieben war, den Sohn vom Briefkasten herüberkommen sah. Ambros hielt das Gesicht abgewandt und sah durch das rote Leuchten des Abend zur Notburg hinaus. Über die Wiesen kam ein Trupp von singenden Menschen her, die ein bißchen angeheitert waren. Und Ambros sagte: »So, Mutter, komm! Nun ist alles erledigt.« Wäre statt des brennenden Abends eine finstere Nacht um die beiden her gewesen, so hätte Frau Lutz ihren Sohn an dieser Stimme nicht erkannt. Sie kamen heim. Ambros reichte der Mutter die Hand. »Ich kann nicht essen heute. So müde bin ich.« Am andern Morgen, als Frau Lutz ihrem Sohn das Frühstück bringen wollte, fand sie seine Stube leer. Auf dem Tisch lag ein beschriebener Zettel. Sie erschrak, daß sie fast ohnmächtig wurde. Doch auf dem Zettel standen ruhige Worte: ›In der Nacht ist ein Bedenken über den Regulierungsplan für den offenen Bachlauf in mir aufgestiegen. Da will ich heute auf die Große Not hinauf, um alles von einer weiten Höhe klar und ein letztes Mal überschauen zu können.‹ In der Abenddämmerung kam er heim. Trotz der anstrengenden Bergtour schien sein Aussehen gebessert. Er aß mit der Mutter im Garten und blieb bei ihr, bis die Sterne kamen und das Mondlicht auf den Zinnen der Großen Not zu flimmern begann. Da sagte er plötzlich nach langem Schweigen: »Sieh nur, wie hell das reine Licht den finsteren Berg macht!« »Ja, Kind!« Er lächelte. »Kind? Auch der gewaltige Berg ist nur ein Kind.« Sie schwieg zu diesem Unverständlichen. »Nun, weil die Große Not doch eine Mutter hatte.« »Meinst du die Kraft der Schöpfung?« »Nein. Ich meine die Heiligste Freude. Das hat mir der Waldrauscher einmal gesagt. Seit heute versteh' ich es ganz. Vor sechzig Jahren – oder ist es noch länger her? – da hat der Wald auch so verschwenderisch geblüht wie heuer. Der Waldrauscher hat das erlebt. An Leib und Seele.« Ambros erhob sich. »Nein. Ich will nicht werden, wie der Waldrauscher wurde. Komm, Mutter, wir wollen zur Ruhe gehen, weil ich morgen wieder schaffen muß.« Als in seiner Stube die Lampe brannte, schrieb er, was sein Herz beim Niederstieg von der Großen Not gesungen, während er an einem Seitenwasser der Wildach gerastet hatte: ›Du milde Stunde stiller Ruhe In meines Bergwalds grünem Haus! Wie eingesargt in tiefer Truhe Liegt meine Qual und ruht sich aus. Ein wohlig tröstendes Ermatten Ist mir in Herz und Blut gesenkt, So kühlend, wie im Waldesschatten Der Bach des Ufers Blumen tränkt. Als läg' ich träumend, schweben Bilder Aus Schleierfernen zu mir her, Und alles Harte fühl' ich milder, Und alles Wehe schmerzt nicht mehr. Und alles Schöne, das ich schaue, Kommt wie ein leiser Gruß zu mir, Und alles Leuchtende und Blaue Ist wie ein Augenwink von dir.‹ Er konnte schlafen in dieser Nacht und erwachte nicht, wie oft auch draußen im Bodenflur die Diele knarrte, wenn die Mutter herüberschlich und an seiner Tür lauschte. Nur einmal, als die Nacht schon zum Morgen wurde, zerriß ein kurzes, wunderliches Aufschrecken seinen Schlummer. Und da hörte er von der Straße einen klingenden Hufschlag – wie von zwei Pferden, die auf der Weide scheu geworden waren, die Hürde übersprungen hatten und durchbrannten – oder wie von Pferden, die vor einem Wagen mit lärmlosen Rädern liefen. Am Morgen, als die Mutter ihn zum Weg nach der Notburg weckte, meinte er das gleiche im Augenblick des Erwachens wieder zu hören. »Ein Traum! Was sonst?« Der Himmel war trüb geworden. Am Vormittag fiel ein leichter Regen, der die Arbeit an der Wildach nicht behinderte. Für das Auftrocknen der Sperrmauer war dieser Regen sogar günstig. Beton erhärtet besser in der Feuchtigkeit. Als die Arbeiter Marende hielten, stand auch Ambros unter dem Vordach der Kantine und verzehrte einen Bissen. Da sah er auf dem gelben Reitweg, bis zu dessen Saum hin alle Bäume niedergeschlagen waren, einen gebeugten Menschen bergwärts steigen. War das nicht der Waldrauscher? Ambros eilte gegen den Berghang hin und schrie. Der Greis – auf dem Rücken eine Lattenkraxe mit kleinen Körbchen für die Schwämme, die er suchen ging – blieb im feinen Grau des Regens stehen, drehte das Gesicht über die Schulter, schien schwer zu atmen und folgte wieder seinem Wege. Ambros sprang hinauf zum Reitsteig. »Waldrauscher! So warte doch!« An der Stelle, wo Ambros die Herzogin bei ihrem Sturz von dem scheuenden Pferde aufgefangen hatte, holte er den Hundertjährigen ein und erschrak beim Anblick des entstellten, fast unkenntlich gewordenen Greisengesichtes. »Waldrauscher? Was ist dir geschehen?« Dieser Blick in den Augen des Alten! War das Zorn? Oder war es Erbarmen? Sein Mund blieb stumm. Mit der hageren Knochenhand machte er eine heftig abwehrende Bewegung, schritt gebeugt davon und verschwand um eine Biegung des Weges. Von quälendem Bangen befallen, versuchte Ambros dem Greise zu folgen und sah ihn nimmer. Er schrie. Keine Antwort kam. Diese dunkle Unruh' wollte nicht mehr von ihm lassen. Auch bei der Arbeit nicht. Immer wieder erwachte in ihm die Erinnerung an seinen Traum. Immer wieder hörte er die klingenden Hufschläge vor einem lärmlosen Wagen. Und als er am Nachmittag auf dem Baugerüst der Talsperre war, in die man die stählernen Schleusenzüge einzusetzen begann, sah er den Toni Sagenbacher von der Kapelle heraufkommen. Ambros wußte gleich: Der kommt zu mir und hat mir ein Schweres zu sagen! Er machte vom Gerüst einen so sinnlosen Sprung in die Tiefe, daß die in der Nähe stehenden Arbeiter erschrocken die Arme nach ihm streckten. »Ma Padrone! Siete pazzo?« Seine Glieder waren heil. Er rannte dem Toni entgegen und zog ihn von der belebten Straße, auf der die Fuhrwerke knatterten, seitwärts unter die dunstumwobenen Bäume. »Was bringst du?« Das kam nicht allzu schnell heraus. Bei der Pflege seiner kranken Mutter hatte der Toni es gelernt, wie man löffelweise die Suppe reichen muß, die ein leidendes Leben nicht verträgt. Da kam zuerst ein scheltendes Wort über das Regenwetter. Und ob das keine Gefahr für den Bau brächte? Und ob nicht wieder Mangel an Leuten wäre? In solchem Falle könnte der Toni mit seinen Knechten schon ein paar Tage zur Arbeit kommen, obwohl die Mutter in der letzten Zeit ›nicht recht passabel‹ wäre. Aber der Doktor hätte heute doch ein zufriedenes Gesicht gemacht. Und da wäre man auf allerlei zu schwatzen gekommen, auch auf das traurige Gerede, das seit dem Morgen umging, daß die Frau Herzogin krank geworden und daß man sie heute in der Nacht mit dem Wagen hätte fortfahren müssen, in die Stadt hinein. Ambros stand gegen einen Baum gelehnt gleich einem Erschlagenen. Dann faßte er mit den Fäusten die eigene Brust wie ein Verbrecher in brennender Reue. »Toni! Das hab' ich gehört. Ich habe die Pferde gehört. Vor diesem stillen Wagen! Und habe wieder schlafen können. Ich!« »Vielleicht is dö Sach viel ungfährlicher, als wie's ausschaut.« »Deine ruhigen Worte lügen. Ich sehe es dir an den Augen an, daß du mir etwas Fürchterliches sagen mußt. So sag es mir! Das Wissen ist besser als die dunkle Qual.« »Auf Ehr und Seligkeit, es is nix anders, als was ich dir gsagt hab. So a bißl krankhafte Veralteration halt, weißt – wegen dem andern, denk ich mir. Es muß in der Nacht vom Samstag auf'n Sonntag ebbes geben haben. Der Gärtnerbursch hat's ausgredt. Und es kommt mir für, als wär d' Frau Herzogin in der Nacht noch a bißl spazierengangen im Garten. Oder es kunnt auch sein, sie wär in ihrer Herzensangst aus der Schlafstub aussigsprungen. Da haben sie 's Frauerl nacher gfunden im Park. Und da wird sich halt dös bluhzarte Gschöpfi a bißl ebbes tan haben.« Ambros griff mit den Fäusten in die Luft und schrie wie ein Irrsinniger: »Dieser Mensch! Dieses Tier!« Er taumelte. Toni umschlang ihn. »Komm, Brosle, hock dich a bißl her da! Da hast a Platzl zum Aufschnaufen.« Er führte ihn zu einem gestürzten Baum, den der Sturm vor einem halben Jahrhundert aus der Erde gerissen und niedergeworfen hatte und dessen mächtige Wurzelstorren noch unvermodert in die Höhe ragten wie das Sparrenwerk eines zerstörten Hauses. »So, da hast a guts Bleiben. Der Regen macht dir 's Köpfl kühl. Und gelt, von mir hast es leichter ghört als von eim andern? Drum hab ich mir denkt, ich muß auffi zu dir.« Ambros umklammerte stumm den langen Sagenbacher und preßte die Augen an den braunen, festen Bauernhals. Der Regen schleierte sich um die beiden Männer her. Im Grün der Fichten war immer wieder dieses leise Krachen zu hören, wenn einer von den übermäßig beschwerten Wipfeln die Last der Früchte nicht länger tragen konnte. Vier Tage dauerte das feine, stille Geriesel aus träg um die Berge schleichenden Nebelzügen. Es kam ein Morgen, an dem die Sonne stach. Dann wechselte die schwüle Julihitze mit rasch vorübergrollenden Gewittern, die dem Bau an der Wildach keinen Schaden mehr brachten und für die Bauern ein Segen Gottes wurden. Das Grummet begann so reich zu sprossen, daß man den Verlust des Frühheues verschmerzen konnte. Und der Hafer schoß so üppig in die Ähren wie noch selten in einem Jahr. »Schau«, sagte der Toni zu seinem Altknecht, »jetzt is der Wald mit seiner rauschigen Überbluh a Fabriksbetrieb für billigen Kunstdünger worden. Gspaßig! Es muß am End doch alls sein' Sinn haben. Aus der ärgsten Narretei wächst allweil wieder ebbes Nutzbars aussi. D' Welt, daucht mir, is wie a gschickts Hausmutterl, dö an verhunzten Wecken in d' Milli legt und gute Knödl draus macht.« Im Lahneggerhof waren die Maurer und Zimmerleute bei der Arbeit, um zwischen den Kammern des Krispin und des Toni die Wand niederzureißen und aus den zwei Gelassen eine große, schöne Stube zu machen. Die Beda, wenn sie da war, lief gern über die Stiege hinauf und guckte mit glänzenden Augen ein Weilchen zu. Einmal sagte sie zum Toni: »Weißt, was wir in unserer Stub ans schönste Platzl hängen?« »Was denn?« Der Toni schmunzelte. »'s Bildbrettl mit unserm Fisch.« »Ja, du! Und da schauen wir allweil mitanand drauf hin! Gelt, ja?« Auch sonst bekamen die Zimmerleute und Maurer im Lahneggerhof mancherlei zu richten und zu putzen. Das mußte vorsichtig gemacht werden, ohne Spektakel. Sonst kam der Toni gleich gelaufen und schalt mit einer so unlauten Stimme, als trüge er noch das Tuch aus den Waldrauschtagen um den Mund herum. Das hörte die Lahneggerin einmal und sagte in ihrer lächelnden Schwäche: »Geh, Bub, laß d' Leut arbeiten, wie s' müssen! Dös Pumpern und Klopfen hör ich gern. Und so viel fein tut d' Ölfarb schmecken. Es kommt mir für, als tät Fruhjahr sein, wo alles aufgfrischt wird und wieder a lustigs Leben kriegt.« In der letzten Juliwoche übersiedelte Beda für drei Tage in den Lahneggerhof, weil Toni hinunter mußte ins Unterland zur Hochzeit des mageren Krispin und der gepolsterten Barbara. Die Lahneggerin gab dem Toni für den Hochzeiter ein Brieferl mit, in dem mit zittrigen Buchstaben und schief gerutschten Zeilen geschrieben stand: ›Mein lüber Grischbi mein gutter Pub! Irz wo dein Glick hahst Godsei Lohb, jäz mußt eß hald auch verdünen und nim dich zam Mein guter, un dann gez schohn, sist ales bein Menschen blos der Wilen wens der richtig is mein Lüber Bu. Und God würd son helfen mein gutter Pub, un mein segen hasd auch. Un die dreihunter March außen Strunf sohlen dir Geschänkt sein in Eren, das dir kein Vürwurf nich machen braust nicht mein gutr Bub. Un denk ahn dein Vattr und wert auch ein gutr Fadter mein Lüber Pueb. Dis wünsch in Glick und Freid dein Libe Mutr Annamaria Sagenbacher mid Haußnam Laneggrin.‹ In Zipfertshausen krachten die Böller und auch die Tische. Da war ›Große Hochzeit‹ mit achtundfünfzig Mahlgästen und mit ›alten Bräuchen‹. So viele Trompeten wurden geblasen, daß die Honoratioren, die empfindliche Trommelfelle hatten, immer wieder mit dem kleinen Finger in den Ohrmuscheln wackeln mußten. Bei dieser schmetternden Hochzeit wurde oft von der verblüffenden Ähnlichkeit der langen Brüder gesprochen. Es war erstaunlich, wie die beiden einander glichen, besonders, als es auf dem Tanzboden ein bißchen rauchig wurde. In den drei vergangenen Wochen hatte Barbara dem Ihrigen alle äußerlichen Eigenschaften des Toni erfolgreich andressiert: wie er sich kleidete, wie er die Pfeife hielt, wie er die Haare trug, wie er aß und trank. Der Gschwendtner redivivus von Zipfertshausen hatte alles angenommen wie ein Pudel, der gelehrig ist, wenn er auf die Fütterung warten muß. Auch die Hochzeit wurde noch ein Schultag dieser Ähnlichkeit. Immer wieder bekam der Bräutigam die flüsternde Mahnung zu hören: »Schau ummi, wie's der Toni macht! Siehst net, wie der Toni zugreift? Paß auf, wie der Toni tanzt!« Kein Wunder, wenn die Ähnlichkeit eine so täuschende wurde, daß sogar Barbara sich irrte und beim Tanz den Toni für den Krispin nahm. Der Hochzeiter wurde eifersüchtig und begann sich in Redensarten zu ergehen, die der Ähnlichkeit einige Dullen ins Nasenbein schlugen. Gegen das Ende der Hochzeit kam noch weiterhin eine wesentliche Verschiedenheit der beiden Brüder zum Durchbruch. Der Toni trat nüchtern die Heimreise an, und der Krispin hatte einen so fürchterlichen Rausch, daß die runde Barbara aus Zorn und Elend vor allen Hochzeitsgästen heulte. Am anderen Abend, daheim im Lahneggerhof, erzählte Toni der Mutter so viel Schönes von dieser Hochzeit, daß die Lahneggerin über dem Federbett die Hände ineinanderfaltete und mit frommer Dankbarkeit zur weißen Kammerdecke hinaufsah. Anderthalb Wochen später war Hochzeit im Lahneggerhof. Fünf Gäste waren geladen. Es kamen nur drei, die Wildacherin, Frau Lutz und Ambros. Der Geschwendtner von Zipfertshausen hatte zur Absag' für sich und seine Bäuerin einen klotzgroben Brief geschrieben. Den bekam die Lahneggerin nicht zu sehen; sie begriff, daß ein Unterländer Großbauer in der Roggenernte keine Vergnügungsreise machen kann. »Ich hätt ihn schon gern gsehen, mein' Krispi, als an richtigen Menschen. Aber freuen tut's mich auch, daß er so verlaßbar an seim Acker hängt.« Kein Böller. Keine Trompete. Aber Mann und Weib, zwei junge, gesunde, reinliche Menschen, denen die Freude an ihrem festen Glück in Blut und Seele zitterte. Sie waren auch nicht abergläubisch. Daß es an ihrem Hochzeitstag in Strömen goß, das nahm ihrem lachenden Glück keinen Funken von Sonne. In der Frühmesse wurden sie still getraut, unter den Regenschirmen gingen sie mit ihren drei Gästen heim, und dann hielten sie ein kleines Mahl neben dem Bett der Lahneggerin, die von dem Gläschen Wein, das sie lachend hinunterzwang, ein bißchen verduselt und schläfrig wurde. Ambros, den bei diesem Wetter die Arbeit rief, erhob sich bald. »Tonele! Das wird so weiterregnen die ganze Woche. Wir haben schlechten Barometerstand. Aber es soll kein Wasserschaden mehr durch dieses Tal rauschen. Ich lasse morgen die Schleusentore fallen, wenn die Glocken Mittag läuten. Kommst du hinauf?« »Ja, Mensch! Da muß ich dabeisein. Daß ich stolz sein kann auf dich!« Draußen bei der Haustür rüttelte der Lahnegger zärtlich den hageren Körper des anderen. Und mahnte leise. »Geh, Brosle! Tu dich strecken!« »Ja, Toni! Ich danke dir. Glück sehen ist auch eine Freude, die ans Leben glauben läßt.« Ambros schritt in den Regen hinaus. Der Lahnegger betrachtete ernst diesen vorgebeugten Kopf, an dem etwas Ungewöhnliches zu sehen war. Ein Siebenundzwanzigjähriger! Und sein dichtes Blondhaar hatte an jeder Schläfe einen silbergrauen Fleck. In der Mittagsstunde des folgenden Tages, als die Glocken läuteten, konnten die Menschen im Wildachtal ein Ding erleben, das einem Wunder glich. Nach dem schweren Regen war das breite Kiesbett des Wildwassers übergossen von einem grauen, dumpfbrausenden Wassergewoge, das schon die Ufer zu überfluten und gutes Feld zu fressen drohte. Doch während die Glocken läuteten, schien dieses Rauschen wie unter einem unsichtbar wirkenden Zauber immer schwächer zu werden. Das quirlende Wasser begann von den steinigen Ufern zurückzuweichen. Überall tauchten lange Kiesbänke und wunderlich geformte Steininseln aus der breiten, immer ruhiger ziehenden Wasserfläche heraus. Und als das Geläut der Mittagsglocken verstummte, war der tückische Riese des Wildwassers verwandelt in einen zahmen Bach, der kein Haus, kein Feld, kein Leben mehr bedrohte und nur noch so viel Wasser führte, als die Müller und Sägwerker nötig hatten zum Antrieb ihrer fleißigen Räder. Lachend und schreiend standen die Dorfleute im Regen und sahen diesem Wunder zu. Während die Kinder mit grillendem Vergnügen durch die im Kiesbett stehengebliebenen Tümpel wateten und ein paar verirrte Fische zu haschen suchten, eilten die Erwachsenen truppweise zur Notburg hinauf. Als die ersten zur Hochstraße neben der Kapelle kamen, fanden sie in der Felsklamm der Wildach kein Gedonner und Gewirbel mehr, sondern sahen nur am Fuß der mächtigen Sperrmauer vier blitzweiße Wasserstrahlen scharf aus den Betonschächten herausfahren. Und droben, auf der Plattform des Sperrwerkes, zwischen den Eisensäulen und Triebrädern der Schleusenzüge gewahrten sie eine ruhige, schlanke Mannsgestalt, vom Regen grau umschleiert. Dieser starke, schaffensfreudige Mensch da droben, das war der feine, blondköpfige Doktorsbub von einst, der im dunklen, tiefen Walde die rotgeflügelte Fee und in einem Tümpel der Wildach das Totenmännle gesehen hatte. Den entblößtem Kopf in den Regen beugend, stand Ambros gegen die Große Not gewendet und blickte über die Mauer hinunter in den langsam sich anstauenden See, der schon ein breites Stück der gerodeten Schlucht erfüllte und das Rauschen des von allen Ursprüngen einherschießenden Wildwassers immer weiter zurückdrängte von den steinernen Brüsten der Mauer. Neben Ambros saß der Lahnegger im grauen Wettermantel auf einer Quader. Seine Augen hatten an diesem trüben Tag den Glanz einer köstlichen Trunkenheit. Jetzt erhob er sich. »Schau, Brosle, da rennen d' Leut über d' Straßen auffi! Ich kann mir denken, wen d' Leut suchen. Da freut's mich, daß ich der erste bin bei dir. Tu mir d' Hand hergeben! Ich bin a Bauer aus'm Wildachtal. Ich sag dir Vergelt's Gott. Jetzt kann ich in aller Ruh mein Gras wachsen lassen und mein Traid bauen.« Als die vielen Leute kamen, ging der Toni davon und warf noch einen Blick über den wachsenden See hinaus, einen Blick hinüber zu der dunkel eingemantelten Frau, die unter einem Bretterdache saß und mit weißem Gesicht herüberblickte zur Mauer. In jedem flinken Schritt des Toni war eine federnde Kraft. Wißt ihr, wie ein glücklicher Mensch durch schöne Sonne geht? So ging der Toni Sagenbacher durch den Regen. Vor der Schwelle seines blank aufgefrischten Hauses schlüpfte er lachend aus dem triefenden Wettermantel. Die Beda kam. So ruhig sie schien, der Toni merkte gleich an ihrem Gesicht, daß etwas nicht in Ordnung war. Die junge Lahneggerin legte den Arm um ihren Mann, als hätte der lange, feste Mensch jetzt eine Stütze nötig. »Seit dem Glockenläuten tut d' Mutter so gspaßig duseln, als hätt s' noch allweil ihr kleins Räuscherl von unserm gestrigen Freudentag.« Als die beiden in die Kammer traten, fanden sie die Mutter still in den Kissen ruhend. Manchmal lächelte sie ein bißchen, manchmal bewegte sie leise die Fingerspitzen. Toni atmete auf. »Geh, du Angsthasl! Schau nur, wie lind als d' Mutter schlaft!« Das war ein Irrtum. Dennoch hatte der Toni das rechte Wort gesagt. Ein lindes Entschlummern! Halb noch das lächelnde Leben, halb schon der kühle Tod. Und diese Mutter mußte sterben am ersten Tag, an dem ihre zerriebene Kraft von keiner zähen Sorge mehr am Leben erhalten wurde. Im Abenddunkel machte sie noch einmal die Augen auf, sah in das brennende Kerzenlicht und redete ruhig ein paar Worte. Den Toni hielt sie für den Krispin, und zur Beda sagte sie: »Mein Barbele, mein bravs!« Dann fielen ihr die Lider zu. Schlummernd murmelte die Annamarie Sagenbacher den letzten Klang ihres Lebens: »Schau, jetzt hat er sein' ganzen Roggen daheim! Und so viel schön!« Ein wohliger Atemzug. In der Nacht das stille, schmerzlose Hinüberschwinden. Auf dem Fenstergesims brannte noch immer die Kerze, als der regentrübe Morgen durch die kleinen Scheiben guckte. War die Lahneggerin schon tot? Oder lag sie noch immer in dem lächelnden Räuschl, das sie von den zwanzig mühsam verschluckten Tropfen des Hochzeitsweines bekommen hatte? Toni war mauerbleich von der Stirn bis in den Hals. Keine Träne kam in seine Augen. Zum Abschied legte er seine Wange auf die dürren, kalt gewordenen Hände hin. Als er sich aufrichtete, sagte er: »Bedle, schau d' Mutter an! Und da sagt man allweil, 's Sterben wär ebbes Harts. Freilich, sein Leben muß man halt dernach einrichten. Wie's d' Mutter gmacht hat. Nacher zählt eim 's Sterben grad so wie a Stündl Ruh. Und vor drei Monat hab ich noch gmeint, ich kunnt's net überleben, und es müßt mir 's Herz abdrucken.« Damals vor drei Monaten war das warme, atmende Glück nicht an der Seite des Toni gestanden und hatte ihm nicht die Arme um den Hals geschlungen. 14 Es blieb noch immer Regenzeit, als man die Annamarie zur verläßlichen Ruhe trug. Der Krispin Sagenbacher, mit dem Hausnamen Gschwendtner, fehlte auch diesmal unter den Gästen. Jetzt hielt ihn wirklich die Bauernsorge um seinen verregneten Roggen in Zipfertshausen fest. Neben der Straße, die der dunkle Zug zu gehen hatte, waren die für das Privatgeschäft des Herrn Wohlverstand schanzenden Arbeiter daran, die hohen Masten der elektrischen Leitung aufzurichten. Jeder dieser geschälten Bäume hatte in weißer Farbe einen Ring, auf den die rote Zickzacklinie eines Blitzes mit Widerhaken gemalt war. An jeden zehnten Mast ließ Herr Wohlverstand eine Tafel mit der Inschrift nageln: »Vorsicht! Hochspannung! Beschädigung der Leitungsdrähte ist lebensgefährlich! Jede Haftpflicht wird abgelehnt!« Zweihundert solcher Tafeln hatte Herr Wohlverstand malen lassen. Als die Stromleitung vollendet war, standen im Wildachtal der Warnungstafeln zweihundertundeine. Die überzählige war keine neue, nur eine renovierte: ›Verbotener Weg!‹ Lärm und Leben war in den folgenden Wochen durch das ganze Tal hin. Die fünfhundert Arbeiter, die ihr Werk zu Füßen der Großen Not vollendet hatten, waren ins Tal herausgezogen, um das weite Kiesbett der Wildach zu regulieren. Das war leichte Arbeit. In der milden, fast frühlingshaften Sonne des September wurde sie auch eine heitere. Vom Morgen bis zum Abend klangen die fremden Lieder und dazwischen die Jauchzer und das Lachen der Einheimischen. Herr Friedrich Wohlverstand, der sich seit den Grundablösungen aus irgendwelchen Gründen im Wildachtal nimmer hatte blicken lassen, traf am 4. Oktober im Gasthaus ›Zum goldenen Posthörndl‹ ein, um der Übergabe des vollendeten Werkes an den Regierungsvertreter beizuwohnen und die Vorbereitungen für die auf Sonntag, den 8. Oktober, angesetzte Feierlichkeit in seine geübte Hand zu nehmen. Gegen Ambros zeigte er gemütliches Wohlwollen und eine wortreiche Anerkennung. Hundertmal wiederholte er sein Lieblingswort: »Respekt, Herr Kollega! Respekt!« Am 5. Oktober machte er der Frau Lutz einen Besuch, mit einem großen Strauß der herbstlichen Dorfblumen bewaffnet. Am 6. Oktober, bei der geschäftlichen Abrechnung mit Ambros, schob er den Zahlmeister vor und zog sich in den Hintergrund zurück. In seinem biederen Dialekt entschuldigte er das mit den Worten: »Wissen S', Herr Kollega, Sö san a studierter Herr. Aber unseroans is bloß a Praktikus, wissen S', mit a bißl Menschenverstand und Gschäftsgoascht. Von die papierenen Sachen, von Soll und Haben, da versteh i halt nix. Da muß i mein' Biamten wursteln lassen. Is a verläßlicher Mensch, mein Herr Zahlmeister! Der geht streng nach Gsetz und Vertrag.« Als Ambros von der Abrechnung, die der Zahlmeister mit ihm gehalten, am Abend heimkehrte, sah Frau Lutz an ihrem Sohne das erste Lächeln wieder seit langer Zeit. Vor Freude schoß ihr das Blut in die schmalen, von feinen Falten durchschnittenen Wangen. »So gut ist alles abgelaufen?« »Nein, Mutter! Sagen wir lieber: so heiter! Wenn du dabeigewesen wärst, du hättest lachen müssen, gerade so wie ich. Es wären ›laut Vertrag‹ auf meinen Anteil zweiundzwanzigtausend Mark gekommen. Aber man hat mir ›laut Vertrag‹ so viel auf den Buckel geschrieben – ›zu Lasten‹, wie sie das nennen –, daß ich nur noch neuntausend Mark herausbekomme.« Frau Lutz entfärbte sich. »Bros, das darfst du dir nicht gefallen lassen! Du, der alle Arbeit leistete! Du, der bei dieser ruhelosen Plage seine Gesundheit opferte!« »Ich? Nein, Mutter! Da übertreibst du ein bisserl. Ich bin gesünder als je.« »Ja, Gott sei Dank. Aber das da? Nein. Das ist ein Unrecht. Da mußt du einen Prozeß machen.« »Den ich verlieren würde. Die Leute sind nach dem Wortlaut des Vertrages in ihrem Recht. Der Schuldige bin ich selber, weil ich diesen Mausfallenvertrag vertrauensselig unterzeichnet habe. Das soll mir eine Lehre sein. Aber hier ist nichts mehr zu machen. Auch hab' ich die Abrechnung schon signiert. – Ambros lachte. »Und habe druntergeschrieben: Respekt, Herr Kollega, Respekt!« Frau Lutz wurde nicht heiter. Weil sie ihrer sorgenvollen Verstörtheit keinen anderen Ausdruck zu geben wußte, packte sie das Bukett der herbstlichen Dorfblumen, das auf dem Tische stand, und warf es zum Fenster hinaus – ohne das Fenster vorher zu öffnen. Die Scherben fielen. Das Bukett lag drunten vor dem Geißstall der Wildacherin. »Aber! Mutter! Die schönen Blumen hat doch der Herr Friedrich Wohlverstand nicht gemacht, sondern ein alter Praktikus, der bei allen Irrtümern in Wald und Leben doch sehr ehrlich ist.« Ein Weinkrampf war die Antwort. Bei diesem Schluchzen fuhr der gequälten Frau das lang gehütete Geheimnis aus der Seele heraus von dem Erbteil, das sie geopfert hatte, und von der Rente, die schon im letzten Jahre stand. Ambros faßte die Hände der Mutter und zog sie an seine Brust. Die Erregung zerdrückte ihm fast die Stimme: »Damals, als du mir die Kaution nicht geben wolltest, ist in mir ein mißmutiger Gedanke gegen dich aufgestiegen. Verzeih mir das! Und jetzt schau mich an! Ich lache. Daß du mich liebhast, hab' ich immer gewußt. Aber so erfahren zu dürfen, daß du das Letzte für mich opfern konntest – Mutter, das ist doch mit dem dreckigen Geld da draußen in der Baracke noch viel zu billig bezahlt.« Nun sprach er ruhig und frei. »Wir beide miteinander, wir kommen schon durch. Was diese zwei Respektspersonen mir noch lassen von meinem Verdienst, das hilft über die beiden nächsten Jahre hinüber. Inzwischen kann ich mich umsehen. Meine Arbeit wird für mich reden. Ich mache meinen Weg. Nach vorwärts. Da sei ohne Sorge! Aber jetzt mußt du mir was zu Gefallen tun!« »Alles, Kind!« Ihre nassen Augen glänzten. »Übermorgen, diese Feier? Die mag ich nicht mitmachen. Ich bestelle den Wagen für uns. Das schwere Gepäck soll uns der Toni nachschicken. Morgen sag' ich meinen Arbeitern adieu und schau' mir nochmal an, was ich gemacht habe. Übermorgen in der stillen Frühe fahren wir fort. Gelt, ja? Und jetzt gehen wir hinunter. Der Toni und die Beda sind schon drunten. Da wollen wir mit diesen zwei glücklichen Menschen zum Abschied einen herzlichen Abend verbringen. Komm, Mutter!« Das wurde in der Stube der Wildacherin ein so langer Abend, daß seine letzten Stunden schon als Morgen zu nehmen waren. Nach kurzer Ruhe, früh um halb sechs, verließ Ambros in der herbstlich kühlen Dämmerung das kleine Haus, wie er seit dem Frühling Tag für Tag zur Arbeit gegangen war. Über den kahlen Wiesen lag ein silbergrauer Hauch, der leichte Reif, der sich in den Morgenstunden gebildet hatte. Der Himmel brannte in grellem Gelb. Und während sich die Große Not mit purpurgetöntem Blau in diesen Schimmer hob, erwachte auf den Zinnen der Sonnleite schon ein erstes Glühen des Tages. Zwischen dem Dunkel der stellen Fichtenwälder begannen die welken Ahornkronen im wachsenden Lichte rot zu glänzen wie stille Feuer. Von einer Niederalpe klang das Röhren eines brünstigen Hirsches. Und durch das ruhige Tal hin summte gleich einem gedankenvollen Lied das milde Rauschen der gezähmten Wildach. Ambros wanderte auf der weißen Straße. Er wandte das Gesicht und sah in der Mansarde noch eine Lampe brennen, sah, wie der Schatten einer Frauengestalt durch den rötlichen Schimmer glitt, den der Schein des jungen Tages schon fast erstickte. Frau Lutz hatte zu packen begonnen. Vier Stunden. Dann war in den zwei kleinen, weißen Kammern das letzte getan. In dem veilchenblauen Seidenkleid, aus dessen Nähten sich der Staub der Waldrauschtage nicht völlig hatte herausbürsten lassen, trat Frau Lutz gegen die Mittagszeit auf die sonnige Straße. Sie wollte zum Doktorhause, wollte um ein paar von den Blumen bitten, die da im Garten noch blühten – in dem Garten, den vor erloschenen Jahren ihre eigenen Hände bei Glück und Lachen behütet hatten. Es war eine bedrückende Stunde, der sie entgegenging. Dennoch konnte sie lächeln; etwas froh Erregtes war in ihren Augen. Gleich einer Genesenden nach schwerem Leiden, so empfand sie den herbstlichen Tag, seine milde Sonne, das träumerische Leuchten seiner Farben. Da wurde sie auf der Straße angesprochen. Der Postbote, der zum Wildacherhaus hatte kommen wollen, gab ihr einen Brief, dessen Empfang sie bestätigen mußte. Sie wollte ins Haus zurück. Der Mann hatte einen Tintenstift, und die Sache war auf der Straße zu erledigen. Frau Lutz schrieb mit unsicherer Hand ihren Namen auf den kleinen Zettel. Ihre Augen waren in Angst erweitert. Die Hülle des Briefes, der dick war wie ein kleines Buch, trug ein gepreßtes Monogramm mit einer Krone darüber. Als der Postbote davonging, wurde Frau Lutz von einem heftigen Zittern befallen. Ihr Blick irrte verstört ins Leere. Hätte jetzt zu ihren Füßen ein Feuer gebrannt, sie hätte den Brief in die Flamme geworfen, ohne ihn zu öffnen. Die schwer erkämpfte Ruhe ihres Sohnes! Die sollte nun wieder erschüttert, zerrissen und zerschlagen werden? »An mich? Warum denn an mich?« Es stand ihr Name da, in einer steilen und großzügigen Schrift, die an den Federstiel eines Riesen denken ließ. Wie viele Blätter auch der schwere Brief enthalten mochte – wenn sie mit der gleichen Schrift beschrieben waren, konnten sie allzuviel nicht sagen. Ruhiger geworden, schnitt sie mit einer Nadel den Umschlag auf. Ein kleiner Bogen von etwas manieriertem Format und dabei ein zweiter, dicker Brief in unverschlossenem Kuvert. Sie las, in der Sonne stehend: ›Reichenhall, den 5. Oktober. – Verehrte gnädige Frau! – Von Ihrer Güte darf ich hoffen, daß die anliegenden Zeilen in die Hände Ihres Herrn Sohnes gelangen. Ich hielt es für richtig, das Anliegende unverschlossen zu lassen, weil es nichts enthält, was Sie, verehrte gnädige Frau, nicht wissen sollten, und weil ich jeden Anschein einer sekreten Korrespondenz zu vermeiden wünsche. Ich habe keinen Auftrag. Aber ich glaube Ihnen versichern zu können, daß eine Dame, zu der wir beide in Liebe und Verehrung aufblicken durften, Ihnen ein dankbares Gedenken bewahren wird, solange ein Menschenherz sich noch mit irdischen Dingen zu befassen vermag. Genehmigen Sie, gnädige Frau, den Ausdruck der wärmsten Verehrung, mit der ich verbleibe – Ihre ergebene Johanna von Zieblingen.‹ Was konnte an diesen Zeilen, die wenig sagten, auf Frau Lutz so erschütternd wirken? Sie wühlte das Blatt und den dicken, unverschlossenen Brief mit zitternden Händen wieder in den Umschlag hinein, machte jagende Schritte und eilte über die Wiesen zum regulierten Kiesbett der Wildach hinüber, weil sie da drüben einen Trupp von Arbeitsleuten sah. Der andere Brief, den zu lesen sie nicht mehr den Mut gefunden, lautete: ›Reichenhall, den 4. Oktober. – Sehr geehrter Herr Lutz! Seit gestern bin ich meines Dienstes bei der Frau Herzogin enthoben. Ihre Hoheit traten gestern in Begleitung eines ärztlichen Trains die Reise nach dem Süden an, um den Winter zur letzten Fristung einer bis zum äußersten erschütterten Gesundheit in Ägypten zu verbringen. Neuerliche Blutungen der zarten Atmungsorgane, wie sie schon in früheren Jahren lebensbedrohend aufgetreten waren, haben jede Hoffnung auf Erhaltung dieses kostbaren Lebens ausgelöscht. Ihre Hoheit werden die Heimat mit beseelten Augen nicht wiedersehen. – Seit gestern jeder behindernden Direktive entzogen, halte ich es für meine Pflicht, Ihnen die schmerzliche Wahrheit ohne Rückhalt mitzuteilen. Sie wird Ihr Herz bedrücken, doch nicht belasten. Wie ich selbst mein Gewissen frei weiß von jeder Inkorrektheit, so dürfen auch Sie Beruhigung und Trost in dem Bewußtsein finden, daß Sie nur reines Glück und heiligen Wert in ein freudloses Leben brachten, das schon ein verlorenes war, als die Sonne dieses blühenden Frühlings scheinen wollte. – Ich könnte Ihnen erzählen von einer Nacht, in der zwei süße, zarte Arme um meinen Hals geklammert lagen, während eine beglückte und gequälte Seele zu mir sprach: ›Ich hätte Mut, Hanna! Aber das Glück ist nur für gesunde Menschen. Und ich bin krank!‹ – Wie willensfest dieses edle Frauenherz sich zeigen konnte, als es galt, Ihrem bedrohten Werke zu nützen, das haben Sie ja selbst erfahren. Als ich empfing, was Ihr Dank mir anvertraute, war in der vorausgegangenen Nacht dieses Unselige schon geschehen. Eine Stunde –‹ Nach diesen Worten waren drei Zeilen des Briefes durch dicke Federstriche unleserlich gemacht. ›– was sich jeder Aussprache entziehen muß. Auch steht es mir nicht zu, die Meinung des Arztes zu korrigieren, der diesen jähen Rückfall des alten Leidens als einen von äußerlichen Ursachen unabhängigen Krankheitsverlauf betrachtete. Was hat auch dieses Dunkle und Tötende mit der schuldlosen Schönheit zu tun, die wir beide blühen sahen und klingen hörten. – Was nun kommen wird, noch ehe der Frühling wieder blüht, das scheinen Ihre Hoheit mit gottergebener Ruhe zu erwarten, fast zu hoffen. Vor Wochen, an einem besseren Tage, als ich Ihrer Hoheit die geliebte Geige reichen wollte, wiesen Hochselbe das Instrument zurück und sagten: ›Nein, Hanna! Nicht mehr. Ich höre Musik, die schöner ist als aller Klang, den meine Hände noch erwecken könnten.‹ – Als ich vorgestern Abschied nehmen durfte, sahen Ihre Hoheit dankbar zu mir auf, mit diesen Worten: ›Selig sind, die reinen Herzens bleiben! Ich vergebe allen, die mir weh getan. Und danke jenen, die mich liebten.‹ – Dann überwiesen Hoheit meiner Fürsorge, was nach meinem Abschied nicht von kalten Augen gefunden werden sollte. Ich lege das mir anvertraute Gut hiemit in die Hände zurück, aus denen es kam. Das wird für Sie nun ein doppelt Kostbares sein. Ein Heiliges! Durch Tage und Nächte ruhten die kleinen Blätter als ein zärtlich geliebtes Eigentum an einem treuen und reinen Herzen. Ach, Herr Lutz, ich fürchte, Sie werden gar nicht lesen können, was mir da in schmutzigen Flecken so häßlich auseinanderfließt. Man sollte sich beherrschen können. Man kann es nicht, wenn man untergehen sieht, was eine schuldlose Blüte des Lebens war. – Ich kann nicht weiterschreiben. Solang ich noch Atem habe, werde ich in meinem Schmerz Ihre treue Schwester bleiben. – Hanna Zieblingen. – – Das muß ich Ihnen noch sagen: Sie dürften an der Stätte Ihrer Wirksamkeit schon in den nächsten Tagen erfahren, auf wie hochherzige Weise Ihre Hoheit das Versprechen einlösen, das Hochselbe der Wildachtaler Gemeinde gab zum Dank der Hilfe, die Ihrem bedrohten Werke geboten wurde. Ach, Herr Lutz! Sie hätten das frohe, glückliche Träumen in den schönen Augen sehen sollen, als ich Ihrer Hoheit melden konnte, daß alle Gefahr vorüber und die Vollendung Ihres Werkes gesichert wäre. Hoheit sagten – und dies Wort soll mein letztes bleiben –, Hoheit sagten: ›Da hat er ein restlos Gutes geschaffen!‹‹ An der Wildach eilte Frau Lutz von einer Arbeiterkolonne zur anderen. Überall, wohin sie kam, war Ambros schon gewesen. Auch bei der Notburg holte sie ihn nicht ein. Als er zur Talsperre gekommen war und die grünen, mit Papierrosen geschmückten Girlanden gesehen hatte, die Flaggenmasten und Wimpelstangen, hatte er keine Sehnsucht mehr empfunden, die Stätte seiner Arbeit noch ein letztes Mal zu überschauen. Bei der Kapelle der heiligen Notburga war er in den von Sonne umwobenen Wald hineingeschritten. Um die Mittagsstunde ruhte er einsam an jener Stelle, an der im knospenden Frühling der Waldrauscher gesungen hatte, als ein junges Weib wie eine schöne rote Flamme vor ihm stand. Er blickte zu dem reinen Blau hinauf, das zwischen den sonnigen Wipfeln strahlte. Ein Blau, so mild, so schimmerig wie ein Maienhimmel. Und der alte, stille, von Schmerzen schwere Wald? War wieder ein Neues in ihm erwacht? Wurde eine verjüngende Kraft in ihm lebendig? Wollte er jetzt, da alles sommerliche Leben der Natur schon bald erlöschen mußte, wieder rote Frühlingslieder träumen, in Rausch verfallen und wieder blühen? Überall in seinem Grün war so schön und kräftig ein rostfarbenes Brennen, ein unzählbares Aufblitzen von kleinen Herrlichkeiten in Gold und Scharlach. Die Farbe der Zerstörung! die Farbe neuen Lebens! Dieses Rostrote im dunklen Grün? Das waren die vielen gebrochenen Äste, deren welk gewordene Nadeln im hellen Mittagslichte feurig leuchteten. Und dieses Glänzen in Scharlach und Gold, das sich um alle gesunden, aufrecht gebliebenen Wipfel drängte? Das war die Tausendzahl der reif gewordenen Tannenzapfen, deren lichtes Braun von der Sonne metallenen Schimmer bekam. Viele von den reif gewordenen Früchten des Waldes waren in ihrem Glanz mit feinem, sichelförmigem Schatten gezeichnet – wie lachende Gesichter mit hundert geöffneten Lippen. Sprachen die erschlossenen Lippen von einem Wipfel hinüber zum andern? Wurde jedes Wort, das sie sprachen, zu einem kleinen, lebendigen Ding? Das von den lautlos redenden Lippen entfloh und mit feinem Silberschimmer durch die Lüfte ruderte, um jählings zu verschwinden – wie alles Lebende eine Weile in der Sonne flattert und dann niedersinkt in den gleichen kühlen Schatten? Ambros, den es in der einsamen Ruhe nicht duldete, stieg ziellos durch den herbstlichen Wald empor. Die Sonne glänzte noch warm, als Ambros gegen Abend zu einer grasigen Kuppe kam, von der ein steiles Gewänd nach Süden niederfiel. Es war eine von den Mauem der Großen Not, deren Gipfel versteckt lag hinter Wäldern. Einen Weg suchend, beugte sich Ambros über den Absturz der Felsen hinaus. Da sah er in Turmtiefe ein seltsames Bild, das er nicht zu deuten wußte. Auf schrägen, blinkweißen Felsplatten leuchteten da drunten in der Sonne sieben große, blutrote Flecken, die einen rund, die anderen wie unregelmäßige Gevierte. Das konnten keine Blumen sein, keine Flechten oder Moose. Was war dies Unerklärliche? Während Ambros spähte, schien es ihm, als hätte sich dort unten im Schatten des Waldsaumes etwas bewegt. Ein Mensch. Der sah in der Tiefe so grau und winzig aus wie ein Kobold in den Bergmärchen. ›Der Waldrauscher!‹ Um da hinunterzugelangen und die Felsmauer zu umgehen, wandte sich Ambros in den Wald zurück. Seit jener wortlosen Begegnung auf dem Reitweg hatte er den Hundertjährigen nicht mehr gesehen. Der Alte, den alle sahen, bald hier und bald dort, blieb für Ambros seit zwei Monaten wie verschwunden und verschollen. Zu Füßen der steilen Mauer trat Ambros aus dem Wald auf das steinerne, von der Sonne angestrahlte Plattich heraus. Da sah er gleich, was dieses Rote auf dem flachen Felsen war: Beeren, die in der Sonne trocknen sollten – kleine, rote, den Johannisbeeren ähnliche Früchte –, die Beeren jener immergrünen Rankenpflanze, der das Volk den Namen Waldrausch gab. Im Schatten einer Fichte, die in Menge die reifen braunen Zapfen trug, saß der Waldrauscher klein zusammengebeugt und warf mit schnappender Hand einen Kiesel, sooft sich kleine Vögel zum Schmaus bei den lockenden Beeren niederlassen wollten. Ein Bergfink ließ sich nicht vertreiben. Er flatterte nur ein bißchen in die Höhe, wenn das Steinchen geflogen kam, dann pickte er weiter. Nun richtete sich der Waldrauscher mit scheuchenden Augen auf: »He, du, waldaus und -ein hast Speis! Tu mir mein bißl Brot vergunnen!« Im gleichen Augenblick gewahrte der Greis den jungen Mann. Wieder war in seinem Blick jener seltsame Gegensatz: Zorn, der ein tiefes Erbarmen zu verdrängen sucht, und Erbarmen, das den Zorn bekämpft. »Waldrauscher?« fragte Ambros ernst. »Warum gehst du mir aus dem Wege?« »Dir?« Der Hundertjährige lächelte; seine sonst so ruhigen und steinfesten Züge hatten etwas Müdes und Schlaffes; ganz silberweiß war sein Haar und das stark sprossende Bartgestoppel. »Dir? Ah na, Büeble! Es gibt bloß an einzigen Menschen, dem ich gern aus'm Weg gehn möcht. Der bin ich selber.« Er nahm eine leichte, schmale Holzschaufel mit langem Stiel vom Boden auf. »Was willst, Büeble? Ebba fragen, warum einer hundert Jahr alt wird? Da müßt ich mich erst noch bsinnen drauf. Recht weiß ich's nimmer.« Er ging auf die roten Flächen der Waldrauschbeeren zu und begann die dörrenden Früchte mit der Schaufel zu wenden und durcheinanderzuschütteln. Die niedergehende Sonne traf noch das steinerne Plattich und die steile Felsmauer mit goldrotem Feuer, ließ die Beeren leuchten wie Granatkügelchen und warf den Schatten des Waldrauschers als ein langes, schwarzmageres Riesenbild über den Felsgrund hin. Ein stärkerer Windhauch machte die braunen, mit Früchten behangenen Wipfel schaukeln. Das feine, fliegende Silberblitzen in den Lüften wurde ein zartes Goldgefunkel, und fern im dunkelnden Walde fingen die Hirsche zu schreien an. Das klang fast wie die geheimnisvollen Bässe im langsamen Satz der Appassionata. »Waldrauscher? Warum trocknest du deine Beerenernte so hoch heroben in der Einöd?« fragte Ambros; seine Stimme bebte, als wären andere, bedrückende Gedanken in ihm. »Damals, in meiner Kinderzeit, da tatest du das immer im Gehöft deines kleinen, einsamen Hauses.« »Ei wohl!« Der Alte schaufelte in den Beeren. »Aber vor dreizehn Jahren amal, wie ich d' Waldrauschbeer hab dörren lassen sell drunt, da sind mir zwei Nachbarskinder drüberkommen. Die haben a bißl unsinnig zugriffen. Mein, wie s' halt sind, die kleinen und die großen Kinder! 's Büberl haben s' durchbracht mit knapper Müh. Da hab ich noch helfen können, ja. Aber 's Maderl hat sterben müssen.« Ambros, schwer erschüttert von diesen ruhigen Worten, ging mit raschem Schritt zu dem Alten hinüber. »Waldrauscher! Sieh mir in die Augen!« Langsam hob der Hundertjährige das graue Gesicht, während ihm die Sonne, noch herstrahlend durch eine Lücke des Waldkammes, einen Glutstreif über die Schulter und auf die lederne Kappe warf. »Waldrauscher! Deine Runzeln zeigen mir die Zeit nicht mehr, in der deine Wange glatt und deine Stirn jung waren. Aber deine Augen erzählen noch heute von jener Zeit.« »So, Büeble? Meinst?« »Die Augen in deinem alten Gesicht sind die Augen des jungen Jägers, dessen Bild an einer Mauer der Fürstenvilla hängt.« Ein leises Lachen. »Büeble, da tust jetzt wieder a bißl traumhaft reden.« Der Alte wandte sich und rüttelte mit der Holzschaufel die Beeren durcheinander. »Aber wissen tu ich schon ebbes vom selbigen Bild. Ah ja! Es daucht mir schier, den Jäger hab ich kennt. Wann ich mich richtig bsinn, so is er a Forstmeister gwesen bei die Larenbergischen Fürstenleut.« Der Alte lachte wieder und schwieg. »Waldrauscher! Was ist geworden aus ihm?« »Wird halt verdorben und verstorben sein. D' Menschenleut dauern net lang. Diemal einer wird älter als die andern. Z'letzt beißt jeder ins Gras.« Ambros fragte mit gepreßter Stimme: »Denkst du an deinen nahen Tod?« »Ah na!« Wieder das leise, dünne Lachen. »Ich tu noch allweil a bißl warten. Aufs Meinige. Kommt's heut net, kommt's morgen. Kommt's huier nimmer, kommt's übers Jahr. Sachen, die kommen müssen, bleiben net aus.« Der Alte, der die Beeren schüttelte, entfernte sich immer weiter von der Stelle, wo Ambros stand. »Waldrauscher? Wie kam das Bild des jungen Jägers hinauf an jene Wand?« Die hölzerne Schaufel machte auf den Felsplatten ein mattes Geklapper. Nun war der Alte schon droben bei dem letzten Beerengeviert an der steilen Mauer. Während vor seinen Füßen die dörrenden Waldrauschfrüchte wie erstarrte Blutstropfen durcheinanderrieselten, fing der Alte in seiner wunderlichen Weise zu singen an: »Oft kommt oaner auffi Und findt si' koa Ziel, Oft kommt oaner abi, Denn Wegln gibt's viel. Bald krumme, bald grade, Oft hoaß und oft kalt – Schaug eini ins Leben, Schaug eini in Wald! Und alls hat sein Reden, 's hat alles a Sprach Und schreit d'r a Wörtl A sunnahells nach. Bloß 's Tiafste und 's Höchste Bleibt alleweil trüab – Und woaßt d'r koan Weg net, So geh mit der Liab! Denn alles wann stad is – D' Liab singt no und lacht Und kon di no füahrn Aa z'tiafst in der Nacht.« Am Fuß der Felsmauer schob der Waldrauscher die hölzerne Schaufel in eine Steinschrunde. »So, Büeble! Feierabend! Morgen kann ich a guts Körbl voll abitragen in d' Apotheken.« Über ein schmales Grasband der Mauer begann der Hundertjährige langsam emporzusteigen, als wäre dort oben im kahlen Felsgeklüft seine Ruhstatt für die Nacht. Nun verschwand er hinter einer scharfen und hohen Steinkante, die noch schimmerig umleuchtet war von einem letzten Schein des Abendglanzes. Ambros hob die Arme und schrie: »Waldrauscher! Leb wohl!« Keine Antwort mehr. Nur ein Echo an der Felswand. Die dörrenden Beeren, die in der Sonne so feurig geleuchtet hatten, bekamen im Schatten ein rostiges Braun. Das silberne Glitzern und Fliegen in den Lüften hatte aufgehört. Doch das Röhren der brünstigen Hirsche hallte häufiger und stärker, je mehr es dämmerte – schreiende Leidenschaft, die sich wohl fühlt in allem Dunkel und brutal sich sättigt in finsteren Nächten. Beim Niederstieg durch den abendlichen Bergwald erreichte Ambros eine gerodete Fläche. Hier sah er weit hinaus bis in das fernste Tal, sah noch sonnbeglänzte Gipfel auf allen Zügen des Gebirges und sah in der Tiefe zwischen rotem Laub und dunklen Fichten ein langes, silberweißes, streng gezogenes Band: das regulierte Kiesbett der Wildach. Aufatmend preßte Ambros die Fäuste gegen seine Brust. Da schärfte sich sein erschrockener Blick. War das ein Irrspiel der Gedanken? Eine Erinnerung an den Frühling, der vergangen war? Oder Wirklichkeit? Unmögliche Wahrheit? Klein und kaum erkennbar, wie eine im Schatten tanzende Libelle, flatterte auf dem Dach der Fürstenvilla über dunklem Fichtengrün eine rot und weiß gestreifte Flagge. Ambros eilte in jagender Hast über die Rodung hin, blieb zitternd stehen und preßte das Gesicht in die Hände. ›Nein! Da ist kein Wiederkommen mehr. Ich weiß es.‹ Diese Flagge? Vielleicht galt sie dem Feste, das morgen gefeiert werden sollte? Oder galt sie den schreienden Hirschen? ›Jagdsaison!‹ Ein wehes Lachen. Und Ambros stieg über die Rodung hinunter in den dämmernden Wald. Als er bei sinkender Dunkelheit die Wiesen erreichte, brannten schon die ersten Sterne am bleich gewordenen Himmel. Eine Glocke begann zu läuten. Ihre letzten Schläge waren noch nicht verhallt, da krachte bei der Notburg ein Böllerschuß. Ambros, der schon nah bei der Straße war, blieb stehen, blickte gegen die Stätte seiner Arbeit zurück und sprach in die Dunkelheit: »Jetzt wird der Herr Friedrich Wohlverstand der Welt das Licht bringen.« Ein zweiter Schuß, ein dritter, und während das donnernde Echo über die Berge rollte, glühten viele schöne Lichter auf, über die ganze Straße hin. Bei der Haustür des oberen Wirtes war eine so starke Helle, daß sie hinüberglänzte bis zu dem neu errichteten Pfahl mit der alten Warnungstafel. Und draußen bei der Notburg hingen zwei brennende Bogenlampen im Abenddunkel gleich einem Paar verläßlich strahlender Sonnen. Frau Lutz, die wartend am Zauntor stand, vernahm und erkannte den Schritt ihres Sohnes. Dennoch fragte sie: »Kind, bist du's?« »Ja, Mutter.« Ambros erschien im Lichtkreis einer Straßenlampe. Und Frau Lutz ging rasch in das Gehöft zurück, als hätte sie ihrem Sohn in dieser schönen Helle nicht begegnen mögen. Bei der Haustür war es dunkel. Unter dem Schleier dieser barmherzigen Finsternis vermochte Frau Lutz mit halber Ruhe zu sagen: »Komm, Bros, ich habe schon Licht in deiner Stube gemacht. – Sie mußte Atem schöpfen. »Droben hab ich dir etwas auf den Tisch gelegt.« »Mutter? Was ist in deiner Stimme?« Ohne zu antworten, trat Frau Lutz in den schwarzen Flur. Und Ambros, die Hände streckend, stammelte erschrocken: »Mutter?« Hinter den beiden fiel die Tür zu. Eine Weile war nur das leise Rauschen der fernen Wildach und das Geplätscher des Brunnens in der stillen Nacht, vor deren neuen Sternen die alten kaum noch zu sehen waren. Dann klangen heiter schwatzende Stimmen auf der Straße. Ein Trupp von Burschen und Mädchen kam gegangen, um die elektrische Beleuchtung des Wildachtales anzugucken. Von Stunde zu Stunde wurde die Straße immer belebter. In Zügen von dreißig und vierzig Männern wanderten die italienischen Arbeiter zwischen den Einheimischen auf und nieder. Überall lachender Friede in der aufgehellten Nacht. Ein Schwarm der Italiener, die am kommenden Morgen nach der Festlichkeit das Tal verlassen sollten, blieb vor dem Haus der Wildacherin stehen. Heimliches Geflüster. Dann, von kräftigen Stimmen gesungen, eines jener schwermütigen und leidenschaftlichen Lieder des Südens. Die Mansarde war noch hell. Doch niemand zeigte sich am Fenster. Das Lied verklang. Die jungen Männer schrien: »Addio, buon padrone! Addio! Addio!« Als sie auf der Straße hinwanderten, begannen sie ein heiteres Ritornell. Sie schlugen den Weg ein, der wieder verboten war. Noch von weit her durch die kühle Herbstnacht waren ihre Lieder zu hören. Gegen zehn Uhr gab es auf der Straße einen lustigen Rummel mit Kreischen und Gelächter. Die schönen Glühlichter waren plötzlich erloschen. Hatte es in der Leitung einen Kurzschluß abgesetzt? Oder sparte Herr Wohlverstand den Gratisstrom der ersten Probenacht? Da wurde nun die Straße wieder still und leer. Nur das leise, freundliche Rauschen noch in der Nacht. Und die ewigen Lichter funkelten ruhig im Stahlblau des endlosen Raumes. Gegen Mitternacht ein strenges, heiliges Klingen. Aus dem schwarzen Fenster einer Mansarde schwoll es mit wachsender Kraft heraus in die Schlummerstille des Lebens, klar und schön, und dennoch durchzittert vom Atem eines brennenden Schmerzes, der nach Frieden rang. Das dunkle Schweigen wieder. Die Sterne wanderten. Über die Zinnen der Großen Not und ihrer Nachbarberge stiegen die sieben Flammen des Orion herauf. Dann kam der Morgenstern gleich einer wunderbaren Himmelsfackel, so groß und hell, daß der Tau an den Gräsern funkelte. Ein mattes Erbleichen des Himmels im Osten. Und im Westen wurden die schwarzen Berge grau. Von den Höhen wehte ein kalter Frühwind in das Tal herab; der Tau erstarrte zu silbernem Reif; und im Dunkel der Wälder begannen jene dröhnenden Stimmen wieder ihr dumpfes, wildes, leidenschaftliches Lied. Auf der Straße ein lärmender Menschenzug. An der Spitze ein Reiter. Im Sattel eines Pferdes saß eine hohe, kraftvolle Mannsgestalt. Diesem Reiter wurde höflich und achtsam eine Laterne vorangetragen. Dann die Jäger, mit der Büchse auf dem Rücken, mit dem Schweißhund an der Leine. Und an die zwanzig Treiber und Träger. Der Zug wandte sich gegen den Wald der Sonnleite. Als er verschwunden war, blieb die Straße nicht lange still. Es kam ein Leiterwagen mit Biergebinden und Weinfässern, die man hinausführte zur Notburg. Im ersten Erglühen des klaren, mit herbstlichen Farben prunkenden Morgens begann auch schon der Zustrom der festlich gekleideten Menschen. Noch während der Schattenkühle wurde in der Kapelle beim Wassertor die stille Weihmesse gelesen. Im ersten Glanz der Sonne war zu beiden Seiten der Talsperre ein Gedräng von tausend bunten Menschen. Lärmend musterten sie das gewaltige Mauerwerk und guckten mit erstaunten Augen über den langen, blaugrünen, ruhigen See hinaus, der das Menschengewimmel, die Waldgehänge und das im Morgenfeuer strahlende Bild der Großen Not auf seinen klaren Wassern spiegelte. Als in den sonnigen Lüften das feine silberne Flimmern und Fliegen erwachte, begann auf einer schön gezierten Tribüne der Herr Bezirksamtmann in Uniform seine lange Festrede. Sooft er von der ›zielbewußten Bauleitung‹ sprach, verbeugten sich Herr Wohlverstand und sein Zahlmeister. Ein Hoch von tausend Stimmen. Ein Tusch der Veteranenkapelle. Der erste Böller krachte – im fernen Kirchdorf fingen alle Glocken mit Hall und Klang zu läuten an – und das Pulver, das Herr Wohlverstand eigens für diesen Tag erfunden hätte, wenn es nicht schon vorrätig in der Welt gewesen wäre, wurde in endloser Folge zu mächtigen Rauchwolken verböllert. Wie der Donner eines schweren Gewitters rollte das Echo der Schüsse über die sonnglänzenden Berge hin. Dieses schwere Dröhnen und Grollen zitterte auch hinauf in die schmale Waldschlucht des Bergpasses, zu dem in der leuchtenden Frühe ein offenes Wägelchen von gemütlichen Pferden schrittweise hinaufgezogen wurde. Der Kutscher ging pfeifend neben dem Gespann her, schien froh zu sein im schönen Morgen und guckte manchmal über die Schulter zurück, als wäre etwas Wunderliches an den beiden schweigsamen Passagieren, an dieser feinen alten Dame, die blaß und erregt war, und an diesem ruhig scheinenden jungen Manne, der leidende Augen hatte – Augen von jener Art, wie man sie in den Staubtagen der Waldrauschzeit an vielen Menschen hatte sehen können. Der Wald stand dicht bis an die Straße heran. Auf beiden Seiten das gleiche Bild der Bäume, mit dem Rostbraun der gebrochenen Äste im dunklen Grün, mit der Überfülle der reifen Zapfen an allen gesund gebliebenen Zweigen und Wipfeln. Dennoch ein Verschiedenes zu beiden Seiten des Weges. Die eine Mauer des Waldes war ernst und trauerte müd, weil sie im Schatten lag. Die andere schien nach allen Schmerzen heiter aufzuleben, weil die Sonne sie umschmeichelte. Über diesem Hellen und Dunklen wölbte sich das klare, lachende Blau. Und hundertfältig ging von der Sonnenseite des Waldes der feine silbrige Zitterflug in die Lüfte hinaus und zur Erde nieder. Endlich verstummte das rollende Echo der Böllerschüsse und das ferne Glockengeläut. Frau Lutz, die erleichtert aufatmete, machte eine Bewegung, als wollte sie die Hand ihres Sohnes fassen. Sie tat es nicht. Und sprechen wollte sie. Doch sie hatte nicht den Mut dazu. Auch dieses Schweigen konnte sie nicht ertragen. Und weil sie überall das winzige Glitzern und Schweben sah, drum fragte sie: »Was sind das für kleine Tierchen, die da fliegen und so schillern?« »Tierchen? Ja, Mutter, du hast recht! Das ist ein Lebendiges. Kleine, junge Seelen sind es, die ihre Sonnenreise ins Leben beginnen. Die Seelen kommender Wälder. Was da schwebt und funkelt, ist der reife Waldsamen, der jetzt ausfliegt aus den Fichtenzapfen – früher als sonst, weil der September heuer so schöne, milde Tage brachte. Auch reichlicher als sonst. Nach dem verschwenderischen Rausch der Blüte.« Ambros hob die Hand. Es gelang ihm leicht, von den fliegenden Seelchen eins zu fangen. »Sieh, Mutter! Ein winziges Flügelchen. Und ein kleines, braunes Körnchen dran. Das ist Leben. Hat Herz und Blut und Sehnsucht. Geht auf die Reise nach einem Flecklein nährender Erde. Und will ein Baum werden, will grünen, blühen, sich freuen und Früchte tragen. Wenn Glück und Sonne ihm das vergönnen.« Er wollte das erwartungsvolle Seelchen fortblasen. Da schloß er die Hand, sprang aus dem Wagen, ging hinüber zum Waldsaum, und wo ein Stück der schwarzen Erde aufgerissen war, ließ er das Körnchen fallen. Als er wieder zum Wagen kam und neben der Mutter herging, sagte sie leise und hoffend: »Ein so schweres Jahr hat heuer der Wald gehabt. Aber sieh nur, wie reich und froh das fliegt! Alles drängt doch immer wieder dem Leben zu.« »Ja, Mutter!« Die beiden schwiegen. Während Ambros in der schönen Frühe auf steilem Wege neben dem Wagen herging, ließ er seine Hand zwischen den Händen der Mutter ruhen. Je stärker die Sonne wurde, um so reichlicher ging der fliegende Schimmer durch die Lüfte. Als der Wind ein bißchen kräftiger war und zwischen den Mauern des Waldes seine leichten Wirbel drehte, schwangen sich die reisenden Kinderseelchen des Waldes in glitzerndem Reigen durch die Sonne. Sie waren stumm. Dennoch sangen sie ein kleines, an Wunder und Geheimnis reiches Lied auf ihrem Fluge: »Neues Leben!... Neues Leben!«